
        
                                 Karl Immermann
                                  Münchhausen
                          Eine Geschichte in Arabesken
                                   Erster Teil
                                   Erstes Buch
                               Münchhausens Debüt
                                 Eilftes Kapitel
    Worin der Freiherr seinen Abscheu vor dem Laster des Lügens nicht allein
                       ausspricht, sondern auch betätigt.
»Was für ein schändliches Laster ist das Lügen! Denn erstens kommt es leicht
heraus, wenn einer zu arg flunkert, und zweitens kann jemand, der sich's
angewöhnt hat, auch einmal die Wahrheit sprechen, und keiner glaubt sie ihm
dann.
    Dass mein Ahnherr, der Freiherr von Münchhausen auf Bodenwerder einmal in
seinem Leben die Wahrheit sagte, und niemand ihm glauben wollte, das hat bei
dreihundert Menschen das Leben gekostet.«
    »Wie?« riefen der Baron und seine Tochter aus einem Munde.
    »Geschätzte Freunde und liebe Wirte, mässiget euer Erstaunen«, versetzte der
Gast, indem er, wie ein Kaninchen, die Nasenflügel zitternd bewegte, und mit den
doppelfarbigen Augen zwinkerte. »Nichts natürlicher, als das. Hört nur zu. Der
besagte Ahnherr war leider Gottes, wie ihr wisst, ein ungemeiner und
erschrecklicher Lügensack. Wer erinnert sich nicht der zwölf Enten, die er mit
einem Stücke Schinkenspeck fing, nicht seines halbierten Rosses, welches in
diesem Zustande der Halbheit dennoch eine Nachkommenschaft zu erzielen vermögend
war, nicht des tollgewordnen Jagdpelzes, nicht der im Postorn eingefrornen
Töne, und - und - oh! oh! oh! - -«
    Das blaue Auge des Enkels weinte, sein braunes blitzte von tugendhaftem
Zorne, er konnte nicht weiterreden. Dem alten Baron und seiner Tochter gelang es
endlich, ihn zu beruhigen. Der edle Redner schluchzte noch ein weniges, dann
fuhr er so fort: »Es ist meiner Treu recht schlecht von mir, dass ich von meinem
in Gott ruhenden Ahnherrn Übles rede, aber ehrlich währt am längsten. Dieser
Mensch und Lügner hat die historische Wahrheit auf Jahrhunderte hin vergiftete,
und die nachgebornen Geschlechter gewissermassen unter die Botmässigkeit jedes
Irrwahns gegeben, der seitdem in der Welt auftrat. Ja, um mich eines
Gleichnisses aus einer seiner abgeschmackten Fabeln zu bedienen, es erging der
Menschheit nachmals mit jedem falschen Propheten wie dem Bären, den der Ahnherr
an die honigbeschmierte Wagenstange lockte, und der sich durch und durch auf
selbige hinaufleckte. Denn es mochte den Leuten etwas noch so Unglaubliches
vorgeschwätzt werden, sie riefen immer: Das muss wahr sein; Münchhausen hat ganz
andre Sachen erfahren! So leckten sich die Leute vor fünfzig bis sechzig Jahren
auf den Eiszapfen der Aufklärung hinauf, und als sie mit Mühe und Not von diesem
wieder heruntergeschroben waren, und die grimmige Erkältung noch in ihren
Eingeweiden rasselte, da kamen die Franzosen und hielten ihnen den Freiheitsbaum
vor, mit einer Mischung von Sirup und Kognak bestrichen, und die Narren leckten
wieder so tapfer darauf los, dass sie bald alle mit Schmerzen an dem stachlichten
Stamme festsassen, und Napoleon mit leichter Mühe sie daran hinter sich herziehen
konnte. Nun, diese Begeisterung nahm denn endlich auch ein Ende mit Schrecken
und gegenwärtig ...«
    »Gegenwärtig?« fragte der Baron erwartungsvoll. »Gegenwärtig«, versetzte der
Freiherr bedächtig, »werden so viele und verschiedenartige Stangen, Bäume und
Zapfen, worunter sich auch einige Eisenschienen befinden, mit Honig bestrichen,
dass sich noch nicht entscheiden lässt, welches dieser Fangmittel die meisten zu
fesseln imstande sein werde.«
    »Aber das Wort der Wahrheit durch welches Ihr Ahnherr an die dreihundert
Menschen tötete!« rief das Fräulein Emerentia sanft und dringend.
    »Recht so, meine Gnädige«, erwiderte der Freiherr. »Allegorie und
Phantasiespiele sind aus der Mode, gehören der Ramlerschen Zeit an; Stoff!
Stoff! Stoff! ruft die nach Realitäten hungrige Welt. Hier ist der meinige.
Münchhausen, der Ahnher, war trotz seines greulichen Lasters eine selten begabte
Natur. Er hatte mit Cagliostro in Verbindung gestanden, zu seiner Zeit Gold
gemacht, von der Sorte, die man Knallgold nennt, man versicherte, er höre, nicht
im figürlichen, sondern im buchstäblichen Sinne, das Gras wachsen, kurz, er
hatte tiefe Blicke in so manches Naturgeheimnis getan. Besonders war an ihm ein
scharfes Ahnungsvermögen für eigne Körperzustände ausgebildet worden, und alles,
was nachmals in diesem Betreff von nervösen oder somnambülen Personen erzählt
worden ist, war Kleinigkeit gegen das, was glaubwürdige Gewährsmänner mir von
ihm berichtet haben. Er wusste an sich selbst jede Befindensveränderung, wie die
Homöopaten die Krankheiten nennen, vorauszuspüren, und trug, sozusagen, seine
ganze somatische Zukunft, im Geruch vorgebildet, mit sich umher. Dass einer
merkt, wenn ein Schnupfen bei ihm im Anzug ist, will nicht viel bedeuten; aber
durch den Schnupfen hindurch die späteren Übel, die ihn noch betreffen sollen,
zu merken, ist allerdings nicht jedem gegeben. Teophilus, sagte der Ahnherr
eines Tages zu dem Manne, der mein Vater vor der Welt heisst, Teophilus, ich
kriege morgen einen rechtschaffenen Schnupfen, wenn der vorüber ist, gibt's ein
kaltes Fieberchen, und darnach wird der Rest der bösen Schärfe als Podagra in
den rechten Fuss fahren. Und richtig, so kam es. Er hatte durch den Schnupfen
hindurch das kalte Fieber, durch dieses hindurch das Podagra an sich
abgewittert.
    Sie haben gewiss von jenem südamerikanischen Indianerstamme im Gebiete
Apapurincasiquinitschchiquisaqua gehört?«
    »A ... pa ... pu ... rin ...«, buchstabierte der alte Baron. »Jawohl, jawohl
haben wir von diesem Stamme gehört«, fuhr er nach einigem Besinnen fort. »Wer
sollte auch davon nicht gehört haben!«
    »Apapurincasiquinitschchiquisaqua«, flüsterte das Fräulein schwärmerisch vor
sich hin.
    »Dieser Indianerstamm«, sagte der Freiherr, »wohnt dreiundsechzigdreiviertel
Meilen südlich vom Äquator auf einem Bergplateau zweitausendfünfhundert Fuss über
der Meeresfläche. Von den schneeichten Piks der Cordilleras rings geschützt,
leben jene Menschen ein einfaches Ur- und Naturleben hin. Nie suchte die
Habsucht und Grausamkeit der Konquistadoren sie hinter ihren beschirmenden
Felsenwällen heim. Bäume gibt es nicht auf Apapurincasiquinitschchiquisaqua
wegen seiner hohen Lage, aber unendliche Flächen dehnen sich an den
sonnebeschienenen Abhängen der Piks aus, smaragdgrün von einer Grasart, in deren
breiten, fächerartigen Blättern der Westwind, welcher da beständig weht, ein
melodisches Säuseln zu erwecken nicht müde wird. Zahlreiche Herden von
pfirsichblütenen Kühen und Stieren (so lieblich scherzt dort die Natur in
Farben), weiden in den grünen Grasweiden; die feurigen Kälber sind goldgelb,
erst nach und nach nehmen sie jenen kälteren Farbenton an. Dieses Rindvieh ist
der einzige Reichtum der unschuldigen Apapurincasiquinitschchisaquaner. Sie
leben fast nur von der sauren oder sogenannten Schlippermilch, welche ihre
schönen Jungfrauen, vom Antlitz bis zu den Fussknöcheln tätowiert, mit den
feinen, rot- und gelbbemalten Fingern den strotzenden Eutern der Kühe entziehn.«
    »Ihr himmlischen Mächte, wie reizend!« sagte das Fräulein, in Gefühl
schwelgend.
    »Das heisst«, erinnerte der Baron, und rieb sich die Stirn, »aus den Eutern
gewinnen sie süsse Milch, und nachher machen sie den sauren Schlipper daraus.«
    »Nein!« antwortete der Freiherr. »Der saure Schlipper kommt auf jenem
glücklichen Bergplateau von der Kuh, und nur, wenn er lange gestanden hat, und
dem Zustande der Verdernis sich nähert, dann geht er in Süssigkeit über.«
    »Hm! Hm! Hm! Ja ... aber - -« murmelte der Alte und schüttelte den Kopf.
    »Erstaunen Sie nicht, hören Sie mich ruhig aus. Ist nicht alles
Ursprüngliche sauer? Wie schmeckt die wilde und unverbildete Kastanie? Kannst du
in den jugendgrünen Apfel beissen, ohne das Gesicht verzerren zu müssen, oder in
die kindliche harte Pflaume? Geben Trauben, die der buhlerische Strahl der Sonne
noch nicht um ihre Unschuld betrog, etwas anderes, als Essig? Pindar singt: Das
Fürnehmste ist Wasser; ich aber sage: Das Ursprüngliche ist sauer.«
    »Oh, das Ursprüngliche!« seufzte Emerentia.
    »Sauer ist daher die Milch jener Naturkühe. Alle Haustiere verlieren
bekanntlich durch den Umgang mit Menschen viel von ihrer ursprünglichen
Ausstattung; Hund und Katze, die in der Wildnis zottige, energische Bestien
sind, werden in unsern Stuben kleine glatte Schmeichler, und so gibt denn auch
unser Hornvieh, weil es in alle Widersprüche abschwächender Kultur mit einging,
einen Saft, von welchem wir zwar glauben, er sei das Ergebnis unverstimmter
Kräfte, welcher aber gleichwohl in seiner süssen Schlaffheit nur die
herabgekommne Konstitution der zahmen oder Kunstkuh anzeigt. Erst wenn diese
sogenannte süsse, eigentlich aber entnervte Milch eine Zeitlang gestanden hat,
besinnt sie sich wieder auf ihre verscherzte Ursprünglichkeit, fährt in Reue und
Scham zu den klaren Molken und dem gehaltvollen Schlipper auseinander, den die
Leute in Niedersachsen auch wohl Waddicke nennen, und nun, in diesem biedern
Zustande, wird sie von allen reinen Seelen in der holden Einsamkeit eines
bäuerlichen Düngerhofes mit Wollust verschlürft. Aber Reue ist keine Unschuld,
und unsre Schlippermilch nicht die, welche auf den Höhen von
Apapurincasiquinitschchiquisaqua warm von der Kuh gezogen wird. - O tränke
wieder jeder deutsche Mann saure Milch ...«
    »Und rauchte dazu seine Pfeife Tobak ...« fiel der alte Baron mit Wärme ein.
    » ... ginge dann zwischen Gemüsebeeten auf und nieder spazieren! ...« rief
der Freiherr.
    »Und hörte nichts, als: Alle neun! oder Sandhase! von der benachbarten
Kegelbahn« - seufzte der alte Baron.
    »Dann wäre Germanien wahrhaft restauriert!« schloss der Gast mit Emphase.
    »Aber um der Götter willen«, rief ein hagrer Mann, welcher während dieser
Gespräche eingetreten war, »wir erfahren ja noch immer das Wort der Wahrheit
nicht, wodurch Ihr Ahnherr dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte!«
    Der Freiherr sah auf seine Uhr, und sagte mit dem Tone geistiger
Überlegenheit, welcher ihm eigen war: »Es möchte dazu heute zu spät sein. Auf
morgen also, wenn Sie vergönnen.« Er stand auf, nahm eine Kerze, und verliess,
allen eine gute Nacht wünschend, das Zimmer.
    »Warum fielt Ihr ihm in die Rede, Schulmeister?« sagte der alte Baron
verdriesslich zu dem Hagern. »Einen solchen Mann, mit einem so weltumfassenden
Gesichtskreise muss man nie im Flusse der Worte stören, es kommt immer dabei
etwas zum Vorschein, was unterhält und belehrt, und am Ende wären wir doch wohl
noch zu dem Worte der Wahrheit seines Ahnherrn gediehen, wenn Ihr ihn nicht
unterbrochen hättet.«
    »Schelten Sie mich nicht, mein Gönner, um diesen Freiherrn von Münchhausen,
der uns da so unversehens in das Schloss geworfen ist«; erwiderte der Hagre. »Er
kann den an Kürze und Lakonismus Gewöhnten schon ungeduldig machen, dieser
endlose Redner und Erzähler, denn er verfällt immer aus dem Hundertsten in das
Tausendste. Kürze aber, die körnige Kürze der Sparter, ist wie ein Köcher, darin
gar viele Pfeile stecken; indem erstens ...«
    »Es ist schon gut, Schulmeister«, fiel ihm der Alte in die Rede, indem er
ihn mit einem zweideutigen Blicke mass. »Warum kommt Ihr heute so spät? Wir haben
alles aufgespeist.«
    Der Schulmeister Agesilaus liess seine Augen in die Ecke des Zimmers dringen,
worin ein kleiner Tisch stand, ärmlich gedeckt. Die Knochen eines verzehrten
Huhns lagen auf den Tellern verstreut. »Es wollte sich in der Eile nicht des
Schilfes genug für mein Nachtlager schneiden lassen«, versetzte er. »So bin ich
denn hier nach dem Mahle erschienen, und werde mich zu Hause mit schwarzer Suppe
verköstigen müssen.« Er zündete seine Blendlaterne an, schlug den groben,
zerrissnen Mantelkragen, den er statt des Rockes trug, fester um sich, und
entfernte sich nach höflicher Verbeugung gegen den Baron und das Fräulein.
    Der Alte sah sich um und murrte: »Kein zweiter Leuchter mehr hier?« Er nahm
aus dem Wandschranke ein Lichtstümpfchen, steckte es in den Hals einer Flasche,
und ging mit dieser Vorrichtung aus dem Stegreife davon, in tiefen Gedanken über
die Erzählungen des Gastes, ohne der Tochter weiter zu achten.
    Diese hatte von allen seiterigen Verhandlungen nichts bemerkt, weil sich
nach der Schilderung jenes glückseligen Bergplateaus die romantische Träumerei
ihrer bemächtigt hatte, in die sie nicht selten versinken konnte. Jetzt fuhr sie
aus diesen Entzückungen der Abwesenheit empor, und rief: »Grosses, ungeheures
Naturbild! Das Smaragdgrün der Wiesen am Abhange der Piks, vermischt mit dem
Pfirsichrot der Kühe und dem Goldgelb der Kälber, sich abhebend von dem
Schneeweiss der Cordillerasgipfel im Hintergrunde! O wäre ich auf Apapur ... auf
Apapur ... auf der Bergebene mit dem unaussprechlichen Namen!«
    Ein Windstoss warf das Fenster auf, dessen einer Flügel, nur noch morsch in
seinen Nägeln hangend, zu Boden fiel, und klirrend zertrümmerte. Das Fräulein
aber achtete dieses Umstandes nicht sonderlich, sondern hob eine Tischplatte ab,
stellte sie gegen die Lücke, und begab sich dann, gleich den übrigen Personen,
zur Ruhe, um von der Bergeb'ne, mit deren langem Namen ich meine Zuhörer schon
so oft habe behelligen müssen, weiter zu träumen.
 
                                Zwölftes Kapitel
 Der Freiherr bringt zwar die angefangne Geschichte nicht zu Ende, handelt aber
                      von andern ausserordentlichen Dingen.
Münchhausen hob am folgenden Abende ohne Vorrede also an: »Der südamerikanische
Indianerstamm, welcher uns gestern beschäftigte, bringt es bei seiner sauren
Milchnahrung meistens zu einem sehr hohen Alter. Es ist unter ihnen gar nicht
selten, dass Männer und Frauen das hunderste Jahr zurücklegen. Weil ihre Sinne
und Säfte nun immer in der unmittelbarsten Gemeinschaft mit der Natur
verblieben, so wissen sie auch durch ein richtiges Gefühl, wenn die Natur sich
ihr Ziel gesetzt hat. Ein solcher Sterbegreis sagt daher ganz genau Stunde,
Minute und Augenblick seines Todes voraus, flicht sich die Strohflasche, worin
er sich zu bestatten gedenkt ...«
    »Die Strohflasche?« fragte der Schulmeister Agesilaus. »Die Strohflasche«,
erwiderte der Freiherr kaltblütig. »Wenn man mir von Anfang an zugehört hätte,
so würde manche Frage zu sparen sein. Holz haben sie nicht, das sagte ich schon
gestern, Särge können sie folglich nicht zimmern, sie müssen sich mit
getrocknetem Grase oder Stroh helfen, um ihre Leichenfutterale zu fertigen. Ein
solches Futteral hat die Form desjenigen Geflechts, worin der Maraschino von
Triest verschickt wird, länglicht-viereckicht, oben mit einem kurzen, etwas
engeren Halse. Dahinein kriecht nun der Sterbegreis, nachdem er von seinen
Angehörigen Abschied genommen hat, und endet pünktlich in dem vorhergesagten
Augenblicke. Sobald er verschieden ist, binden sie eine Blase über die Mündung,
und dann setzt sich die ganze Familie im Kreise um das Sterbefutteral her und
isst zum Gedächtnis des Verewigten saure Milch. Hierauf tragen sie die
Strohflasche nach der Felsenbank Pipirilipi, dem allgemeinen Begräbnisorte des
Volks. Dort wird sie zu den übrigen gestellt. Ich habe jene Ruhestatt selbst
gesehen; sie gewährt einen schönen Anblick. Wie auf Rayolen in einem
wohlversehenen Keller stehen dort auf der Felsenbank viele tausend Flaschen
nebeneinander, die Vorzeit des Volks ist sozusagen auf Stroh abgezogen.«
    »Sie waren auch auf dem smaragdgrünen Plateau?« fragte das Fräulein
einigermassen befremdet.
    »Liebe Seele, wo wäre ich nicht gewesen!« antwortete lächelnd der Freiherr.
»Ich war vor einigen Jahren europamüde, warum? weiss ich selbst nicht, denn es
hatte mir niemand etwas zuleide getan, aber ich war europamüde, wie man gegen
eilf Uhr abends schlafmüde wird. Beschloss also, zu reisen, so weit weg, wie
möglich. Weil aber heutzutage jeder Mensch, der in Betrachtung kommen will,
absonderlich unterweges, interessant sein und den Spleen haben muss, reiste ich
erst nach Berlin und liess mich dort im Interessantsein unterrichten; dafür
zahlte ich zwei Friedrichsdor Honorar. Dann ging ich nach London, und lernte
dort bei einem Master den Spleen; der Tausendsassa war aber teuer, ich musste
ihm, Sie mögen es mir glauben, oder nicht, zwanzig Guineen entrichten, und
ausserdem schwören, das Geheimnis nicht verraten zu wollen.
    Nachdem ich so das Interessante und den Spleen weghatte, glückte es mir
überall recht sehr. Ich trug mich bald als Engländer, bald als Neugrieche,
zuweilen lag ich als Dame auf dem Sofa und hatte Migräne; dabei redete ich ein
Kauderwelsch von Französisch und Deutsch, wie es zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts während der grossen Sprachverderbnis Mode war. In jenen wechselnden
Kostümen, und in diesem Deutsch, gorge-de-pigeon, bestand das Interessante; was
aber den Spleen angeht, so führte ich immer Kampfer bei mir, um das Geheimnis
frisch zu erhalten. Davon bekommt man nämlich eine blasse Couleur; ich sah bald
aus, als hätte ich schon zehn Jahre im Grabe gelegen. Als ich mich eines Tages
in meinem Toilettenspiegel, deren ich damals, wo ich der Eitelkeit frönte, stets
mehrere besass, zu Gesichte bekam, und meine bleiche Farbe erblickte, ging mir
ein lichter Gedanke im Kopfe auf. Sehe ich nicht wie eine Leiche aus? sagte ich
zu mir selber. Ich will mich den Verstorbenen nennen. Gesagt, getan! Dieser
Einfall hat Wunder gewirkt. Einen Verstorbenen hatten die Deutschen noch nicht
gehabt. Und nun gar ein Verstorbener, der so traulich mit ihnen zu plaudern
wusste, und ihnen tausend Geschichtchen erzählte, die ein Lebender allenfalls
auch in jedem Klatschzimmer der Sozietät hätte auftreiben können! Jung und alt,
Männer und Weiber, Gelehrte und Idioten drängten sich zu den Leichenspuren des
Verstorbenen; die alte Fabel wurde wieder neu, welche das Volk hinter einem
geschmückten Verwesten jubelnd herwandern lässt. Geheime Künste haben es aus der
Gruft emporbeschworen, die Menge zu locken. Die Jünglinge drängen sich
begehrlich heran, mit der buntgeschminkten Frau Venus zu tanzen; immer weiter
lockt die pestdampfende Schönheit, welche ihnen wie Zibet und Ambra riecht, die
Lüsternen; endlich auf einem Kirchhofe fallen die Gewänder von den klappernden
Gebeinen ab, und ein scheussliches Skelett faucht ihnen den Spruch zu: Sic
transit gloria mundi. Aber mit mir kam es nicht so weit, vielmehr blieb ich,
obgleich ein duftender Verstorbener, recht inmitten der Gloria Mundi. Nachdem
ich so berühmt geworden war, strich ich durch die ganze Welt, kam auch im
Vorbeigehen durch Afrika; in Algier wurde ich arabisch mit allen Formalitäten,
hatte dann gutes Logis bei Vizekönigs von Ägypten. Er wurde mein Duzbruder, und
ich musste ihm tausend Sachen erzählen, die er mir alle geglaubt hat. Weiter
oberhalb nach Nubien zu, unfern der grossen Katarakte, stiess mir ein hübsches
Abenteuer mit einem Nilpferde auf. Ich sitze am Strom im Schilf, in naturalibus,
wie mich der Herr geschaffen hat, denn anders bin ich in Afrika nie gegangen;
esse mein Mittagsbrot in guter Ruhe, siehe da, schiesst eine Bestie von
Hippopotamos auf mich zu, und hat mich im Rachen, ehe ich noch rufen kann: Qui
vive! Ich indessen nehme in der Geschwindigkeit mein bisschen Geistesgegenwart
zusammen, schreie in dem Rachen, als das Vieh mich eben verschlucken will:
Monsieur! Monsieur! avec permission, je suis son Altesse telle et telle! Was
geschieht? Sie mögen es mir glauben oder nicht: Die gute Seele von Nilpferd
spuckt mich auf der Stelle aus, wischt sich die Tränen aus den Augen ...«
    »Womit? Womit?« rief der Baron.
    » ... mit einem Palmblatte, welches die ehrliche Haut in die rechte
Vorderpfote nimmt; errötet, und rennt beschämt davon. So weit haben es
Vizekönigs schon in Ägypten gebracht, dass selbst die Hippopotamoi vor
literarischen Sommitäten Respekt bezeigen.«
    »Ich meine, das Nilpferd nähre sich nur von Vegetabilien, nicht von
Fleisch«, wandte das Fräulein bescheiden ein.
    »Es ist vermutlich kurzsichtig gewesen, und hat mich für eine Pflanze
angesehen«, antwortete der Freiherr. »Ich weiss, was ich weiss; ich habe im Rachen
drin gesteckt. Wahrheit muss Wahrheit bleiben, und ehrlich währt am längsten. Wo
blieb ich stehen? Ja, in Afrika. Warum soll ich Sie aber mit solchen
Kleinigkeiten aufhalten? Ich war bald afrikamüde, wie ich europamüde gewesen
war, beschloss daher nach Amerika zu reisen, vorher aber einen Abstecher nach
Deutschland und England zu machen, wohin mich verschiedne Gründe zuvor riefen.
    Erstens hatte ich das Interessante und den Spleen etwas verlernt, und wollte
daher wieder in Berlin und in London meinen Kursus machen. In Afrika sind die
Leute gar nicht interessant, der Koran begünstigt diese Richtung nicht, eine
arabische Schnauze ist wie die andre, und was den Spleen betrifft, so vertreibt
den der Vizekönig von Ägypten durch die Bastonade; es gibt kein efficaceres
Mittel gegen Schwermut, als sie. Einmal hatte ich mich mit ihm etwas
brouilliert, wie das unter Freunden wohl kommen kann; da dachte ich an die
möglichen Folgen für die Fusssohlen, und von dem Gedanken schon war aller Spleen
weg, selbst bis auf die Erinnerung. Es kam zum Glücke nicht zu jenen Folgen, wir
versöhnten uns und assen noch denselben Mittag Sauerkraut mit Schweineohren
zusammen, denn er ist ein aufgeklärter Türke, und will nächstens in einer
Schrift beweisen, dass Mahomet ein Produkt der Gläubigen sei. Wo blieb ich
stehen? Ja so; bei dem Spleen. Nun, das Interessante hatte ich aus Mangel an
Anschauungen in meiner Umgebung ebenfalls wieder eingebüsst. Ich musste also schon
deshalb nach Deutschland und England.
    Diesmal war ich genötigt, in Berlin für den Unterricht im Interessanten eine
Bonne zu nehmen, die Mère Oye, der es im Rückblick auf Personen und Zustände
nicht gegangen war wie Lots Weibe bei einer ähnlichen Gelegenheit. Denn, anstatt
zur Salzsäule zu erstarren, war sie nur immer gesprächiger und merkurialischer
geworden. Viele Leute wollten der guten Mère und Commère etwas am Zeuge flicken;
sie sagten, all ihr Geistreicheln und Interessantisieren sei doch purer
Waschschaum, aber ich muss die Mère Oye verteidigen. Auf hohe Ziele hat sie es
überhaupt nicht abgesehen; sie gedenkt nur ihrer Ahnmütter, die urlängst durch
Schnattern das Kapitol retteten. Und da übt sie nun mittlerweile ihr Organ, um
bei Stimme zu sein, wenn dermaleinst das Kapitol des plattierten Liberalismus in
Deutschland gefährdet werden sollte.«
    »Warum gingen Sie aber nicht zu Ihrem alten Lehrer?« fragte der Baron.
    »Der sass in Paris dazumal und las altfranzösische Manuskripte. Ich reiste
von Algier über Toulon und jene Hauptstadt, und traf ihn auf der Bibliotek. Da
sah ich nun ein wahres Wunder jetziger Bücherschnellfabrikation oder
Schnellbücherfabrikation. Denn es ist gewiss; Sie mögen mir es glauben, oder
nicht, mit der linken Hand schlug er die Blätter des pergamentenen Folianten um,
der vor ihm lag, und mit der rechten schrieb er gleichzeitig ein Buch darüber
oder daraus, so dass, wenn er links in Folio fertig gelesen hatte, ihm rechts ein
Oktavband abgegangen war. Dazwischen diktierte er noch ein spirituelles Billett
an eine Komödiantin und unterhielt sich mit einem Arrondissementscommissair
gründlich über das Pariser Grisettenwesen. Er blieb folglich nur drei Stadien
hinter Cäsars Vielseitigkeit zurück Was aber der zweite Grund meines Abstechers
nach Deutschland war, ich wollte mir dort wieder einen guten Bedienten mieten.
Meinen bisherigen hatte ich abschaffen müssen; er wollte auch interessant sein,
und hielt deshalb beständig Maulaffen feil. Als Interessanter von Distinktion
glaubte ich Einspruch tun zu dürfen, aber da die Gewerbefreiheit überall
herrschte, so war in der Sache nichts zu machen; jeder Lump durfte interessant
sein.
    Nur aus Deutschland wollte ich mir den Ersatzbedienten holen, denn jedes
Land hat seine eigentümlichen Produkte, die man nirgends anders so gut bekommt.
Spanien hat seine Weine, Italien den Gesang, England die Konstitution, Russland
den festesten Juchten, Frankreich die Revolution, und in Deutschland geraten die
Bedienten am besten.«
 
                              Dreizehntes Kapitel
      Der Freiherr beginnt eine historische Novelle von sechs verbundenen
 kurhessischen Zöpfen zu erzählen, wird aber von dem Ausbruche der Verzweiflung
    bei dem Schulmeister Agesilaus unterbrochen, und verspricht geordnetere
                                  Mitteilungen
»Da, wo die buschichten Anhöhen des Habichtwaldes gegen Abend, die Hügelketten
des Reinhartwaldes gegen Mitternacht, der felsichte Sörewald gegen Mittag zu
einem weiten Tale auseinandertreten, durch welches die Fulda in mannigfachen
Krümmungen von Mittag nach Mitternacht ihre Fluten wälzt, gegen Morgen aber eine
lachende Ebne sich auftut, über welcher in weiter Ferne der majestätische
Meissner sein blaues Haupt erhebt, liegt Kassel ...«
    »O ihr heiligen und gerechten Götter, wohin soll denn nun das wieder
führen?« stöhnte der Schulmeister Agesilaus, den die Erzählungen des Freiherrn
in einen Zustand versetzt hatten, welcher sich schwer beschreiben lässt.
    » ... liegt Kassel, die Hauptstadt des Kurfürstentums Hessen. Reinliche,
breite Strassen durchschneiden die obere oder Neustadt, deren Gebäude fast alle
von regelmässiger Bauart sind, während die untere oder Altstadt mehr dem Schmutze
und der Krümme anheimgefallen ist. Mehrere schöne öffentliche Plätze verschönern
jenen schöneren Teil der Stadt, unter allen jedoch ist der Friedrichsplatz der
schönste, an welchem sich das prachtvolle Schloss mit seinen langen
Fensterfluchten erhebt.
    Es war um die Zeit, als nach der glücklichen Herstellung der alten
Verhältnisse Kurfürst Wilhelm in die Hallen seiner Väter zurückgekehrt war, und
unter mehreren früheren bewährten Einrichtungen auch jene Verlängerung des
Haarwuchses wieder eingeführt hatte, welche man im Deutschen mit dem Namen Zopf
zu belegen pflegt. Auch diese Zeit ist längst vorüber, die Kunde von ihr klingt
fast wie die Mär von dem versunkenen Eilande Atlantis; der historischen Dichtung
aber ziemt es, nichts in der Geschichte verlorengehen zu lassen, nicht einmal
den ehemaligen kurhessischen Zopf.
    Es war spät abends und Kassels Bewohner schliefen schon, oder legten sich zu
Bett. Auf dem Schloss aber war es im Kabinett des Fürsten noch hell. Die Soirée
war zwar geendigt, jedoch hielt der alte würdige Herrscher noch einige seiner
Auserwählten um sich versammelt. Man hatte sich auf die gewohnte Weise von der
Zwischenregierung und von dem wunderbaren Umschwunge der Dinge unterhalten. Der
Kurfürst, welcher seine Gardeuniform, Klappenweste und steife Stiefeln trug,
stand fest auf das spanische Rohr mit goldnem Knopfe gestützt, und sagte: Es
bleibet dabei, Ich agnosziere nichts von dem, was Mein Verwalter Jérôme
inzwischen angeordnet hat. Wer darunter leidet, mag sich an Meinen Verwalter
halten, dem Wir nicht die Macht gegeben hatten, auf seinen Kopf neue Sachen
einzuführen, und der mitin bei derartigen Tatandlungen Mandatum exzedieret
hat. Wir wissen wohl, dass Wir dieserwegen der Zensur etlicher unruhiger Köpfe
unterliegen, aber das lässt Uns völlig unangefochten in Unserem Gewissen, und Wir
vertrauen hierinnen gänzlich der göttlichen Providenz, die Uns nach kurzer
Überwältigung in Unsre Erbstaaten zurückgeführet, und deutsche Treue und
Redlichkeit auch auf Unsrem Territorio retablieret hat. Habt Ihr das Edikt
verfasset, wodurch den Domänenankäufern alle und jegliche Hoffnung, sich in
ihrem unrechtfertigen Besitze zu maintenieren, entzogen wird?
    Das liess ich meine eiligste Sorge sein, versetzte der Angeredete, der
Geheime Rat Vellejus Paterculus. Es war in der Tat hohe Zeit, dass deutsche Treue
und Redlichkeit bei uns retabliert wurde.
    Man kennet Mich noch nicht gehörig, fuhr der alte kräftige Fürst mit
erhobener Stimme fort. Ich habe schon einmal die Gassenkehrer zur Korrektion der
Weichlinge und Schwelger in neumodischen französischen Kleidern die Strassen
fegen lassen, und es dürfte passieren, dass sich gleiches oder ähnliches
abermalen ereignete, wenn man Uns zuviel Ärgernis gibt. Dieses Kassel war unter
der Wirtschaft Meines Verwalters ein liederlicher Ort geworden, und alle Zucht
und Sitte hatte Abschied genommen.
    Eine Dame näherte sich dem Fürsten und sagte mit schmeichelndem Tone:
Ereifre dich nicht, Väterchen, du hast ja beides, Zucht und Sitte, hier wieder
eingeführt.
    Sie und der Geheime Rat Vellejus Paterculus wurden hierauf entlassen. Nur
der Baron von Rotschild verblieb noch bei dem Fürsten. Er war nach Kassel
gekommen, um mit seinem erlauchten Geschäftsfreunde Abrechnung zu halten, und
hatte jetzt zu vernehmen, dass der Kurfürst die in des Barons Händen beruhenden
Fonds ihm nicht länger zu sieben Prozent lassen könne, sondern auf dem achten
fortan bestehen müsse.
    Der Baron von Rotschild war durch diese Nachricht und Eröffnung im tiefsten
erschüttert. Er schwor bei dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, dass ihn eine
solche Massregel in das Verderben stürze, da aber sein hoher Gläubiger fest
darauf bestand, und ihn für den Fall des Weigerns mit der Kündigung bedrohte, so
gab der Baron endlich mit blutendem Herzen nach und erwog zu seinem Troste im
stillen, dass in seiner Bank das Pfund mit zwanzig Prozent wuchre, ihm sonach
allerdings zwölf noch übrig verblieben.
    Der Fürst hatte bei der ganzen Verhandlung seine Haltung unerschütterlich
bewahrt. Jetzt stiess er das Fenster auf, sah in die sternenklare Nacht und
sagte: Wenn Ich consideriere, dass Ich wieder hier im Palais bin, und welche
Interessen Mir die englischen Gelder, die Ich dazumal für das amerikanische
Corps erhielt, in Seinen Händen getragen haben, Rotschild, so muss Ich sprechen:
Der alte Gott lebet noch und lässet nicht zuschanden werden.
    Der Baron erwiderte etwas verstimmt: Warum soll nicht leben der alte Gott,
da noch leben Eur' Hoheit? Wie kann man werden zuschanden mit acht Prozent?
    Während sich diese Begebenheiten im Innern des Schlosses zutrugen, erzählten
unten in der Wachtstube die sechs Gebrüder Piepmeier ihren Kameraden
Gespenstergeschichten. Die sechs Gebrüder Piepmeier waren die sechs Söhne des
Kastellans Piepmeier auf der Löwenburg. Dieser Mann hatte, wie es bei solchen
Aufsehern herrschaftlicher Schlösser der Fall zu sein pflegt, die loyalsten
Gesinnungen, und in denselben auch seine Söhne erzogen. Man konnte daher von
dieser Familie behaupten, dass in sieben Individuen nur ein und dasselbe
hessische Herz schlage. Vater Piepmeier war derjenige gewesen, welcher sich bei
dem Einzuge des Kurfürsten auf einen Eckstein gestellt, jubelnd seinen durch
alle Verführungen der Fremdherrschaft hindurch geretteten Zopf geschwungen und
gerufen hatte: Durchlaucht! Durchlaucht! meiner sitzt noch! was dem alten Herrn
die erste wahre Regentenfreude in seinen Staaten bereitet haben soll. Sobald nun
die sechs Söhne Piepmeier, welche zwei Paar Drillinge waren, die Mutter
Piepmeier in zwei nacheinanderfolgenden Jahren ihrem Gatten geschenkt hatte, in
das Soldatenalter traten, liess Vater Piepmeier alle sechs an einem und demselben
Tage in die kurfürstliche Zopf- und Stiefelettengarde eintreten. Sie hatten alle
sechs dasselbe Mass, nämlich sechs Fuss, drei Striche; hielten auf die völlige
Identität ihrer Stiefeletten und Zöpfe, und sahen einander überhaupt zum
Verwechseln gleich, so dass der Kommandeur sie mit verschiedenfarbigen Strichen
über der Nase bezeichnen lassen musste, um sie im Dienst unterscheiden zu können.
Karl Piepmeier bekam einen gelben, Heinrich Piepmeier einen blauen, Ferdinand
Piepmeier einen roten, Guido Piepmeier einen orangefarbnen, Christian Piepmeier
einen grünen, Romeo Piepmeier einen silbergrauen und Peter Piepmeier einen
schwarzen Strich über der Nase. Aber ausser dem Dienste, wo sie sich als Menschen
fühlten, wischten sie die Striche ab.
    Diese sechs Brüder von der Löwenburg erzählten den andern hessischen
Wachtmannschaften folgende Geschichte: Ihr mögt es nun glauben oder nicht, aber
so ist der alte Herr alle Jahre, während er in der Fremde war, an seinem
Geburtstage jedesmal droben auf der Burg gewesen. An diesem Tage war es von
frühmorgens an schon immer unruhig droben, es tat sich ein Schwirren in den
seidnen Gardinen hervor, die Gardinenbetten knackten, die Harnische in der
Rüstkammer rasselten, der Wetterhahn auf dem Turme hat unaufhörlich mit den
Flügeln geschlagen. Schon als Knaben bemerkten wir alles dieses und noch
mehreres, aber wir achteten dessen nicht, bis uns der Vater, nachdem wir
fünfzehn Jahre alt und konfirmiert worden waren, beiseite nahm und uns das
Burggeheimnis entdeckte, welches in nichts anderem bestand, als dass der
Kurfürst, wiewohl weit entfernt im böhmischen Lande, dennoch auf seiner Burg
seinen Geburtstag feire. Er komme nämlich um sechs Uhr abends gerade zur Stunde,
wo vorzeiten an der Ständetafel die Gesundheit ausgebracht worden sei, und man
die Kanonen vor der Aue gelöst habe, in das gelbe Kommodenzimmer, worin der alte
Fritz als kleiner Junge abgemalt hängt, gegangen, und verlustiere sich dort eine
halbe Stunde lang.
    Das nächste Jahr gab uns der Vater die Sache zu schauen. Nämlich, wir
steckten uns mit ihm sacht hinter den grünen Vorhang im gelben Kommodenzimmer.
Was geschieht? Wie die Glocke auf dem Schlossturm sechs schlägt, hören wir auf
dem langen Rittergange, der zum Zimmer führt, Türe nach Türe aufklappen, endlich
springt auch die vom gelben Kommodenzimmer auf, und herein tritt der Herr, wie
er leibt und lebt, steife Stiefeln, gekollerte Hosen, Montierung, dreieckichter
Hut, Klebelocken, kurz alles und jedes. Setzt sich an das Fenster, was nach dem
Garten sieht, macht sich eine Pfeife Tabak an, raucht, dass der Dampf davongeht,
kuckt unterweilen in den Garten, klopft, wie die Pfeife zu Ende geraucht ist,
dieselbige aus, dass wir nachmals noch die Asche auf dem Getäfel gefunden haben,
erhebt sich dann, geht still aus dem gelben Kommodenzimmer und so weiter, wo wir
denn die Türen im langen Rittergange nacheinander wieder zuklappen hören. Das
ganze gelbe Kommodenzimmer war voll Rauch, Varinas linker Hand oben, wir haben
alle sieben, wir sechs Brüder und unser Vater, deutlich die Sorte gerochen.
    Als die Gebrüder Piepmeier diese Geschichte ihren Kameraden erzählt hatten,
erhob sich in der Wachtstube ein hitziger Streit; denn ...«
    Aber der Freiherr konnte seine Geschichte nicht weiterführen, denn es erhob
sich auch in dem Zimmer, worin die Gesellschaft versammelt war, ein heftiger
Lärmen. Bei dem Schulmeister Agesilaus brach nämlich in diesem Augenblicke die
Verzweiflung, in welche ihn die Erzählungen des Freiherrn versetzt hatten, auf
die gewaltsamste Weise aus. Er warf seinen groben und zerrissenen Mantelkragen
ab, und rannte in der kurzen wollnen Jacke, die er unter demselben trug, mit den
Gebärden eines Verlornen im Zimmer auf und nieder. »Nein, was zuviel ist, ist
zuviel, und der menschlichen Geduld sind ihre Grenzen gesteckt!« rief er
schluchzend aus. »Meine hochverehrten Gönner, ich bitte zehntausendmal wegen
dieser meiner Unhöflichkeit um Vergebung, aber ich kann mir nicht helfen, ich
muss mir Luft machen, sonst bin ich ruiniert mit Kind und Kindeskind!
Münchhausens Lügen, Homöopatie, kurhessische Zöpfe, saure Milch,
Apapurincasiquinitschchiquisaqua, Mama Gans, Rhinozerosse, Verstorbne,
Vizekönigs von Ägypten, altfranzösische Manuskripte, Grisetten, Juchten,
Rotschild, Varinas linker Hand oben - - wer dabei den Verstand behalten will,
der muss einen weniger geordneten Kopf haben, als ich leider besitze. Herr von
Münchhausen beginnen zu erzählen, dann fangen wieder andere Personen an, in
diesen Erzählungen zu erzählen; wenn man nicht schleunig Einhalt tut, so geraten
wir wahrhaftig in eine wahre Untiefe des Erzählens hinein, worin unser Verstand
notwendig Schiffbruch leiden muss. Bei den Frauen, die mit Schachteln handeln,
stecken oft vierundzwanzig ineinander, so kann es fürwahr auch hier mit den
Geschichten gehen, denn wer schützt uns davor, dass alle sechs Gebrüder Piepmeier
sich wieder von sechs Wachtkameraden sechs Geschichten vorplaudern lassen, und
dass solchergestalt sich die historische Perspektive in das Unendliche
verlängert? Herr von Münchhausen wollten uns das Wort der Wahrheit vertrauen,
wodurch Ihr Ahnherr an dreihundert Menschen tötete; statt dessen werden wir auf
die Cordilleras und von da nach Afrika gehetzt, und jetzt sind wir wieder in
Hessen-Kassel, und wissen nicht, warum wir da sind. Herr von Münchhausen, ich
halte Sie für einen grossen, wunderbar begabten Mann, aber ich bitte Sie um die
einzige Gnade, erzählen Sie etwas geordneter und schlichter. Sie wollen, wie ich
vernehme, unsrem Herrn Baron länger die Ehre Ihres Besuchs schenken; es muss
Ihnen daher selbst daran liegen, uns nicht schon in den ersten Tagen ausser
Fassung zu setzen und geistig zu vernichten.«
    Nach dieser Rede entstand eine bedeutende Pause. Der Wirt sah verlegen, der
Gast gross vor sich hin, das Fräulein warf einen Blick des Zorns auf den
Schulmeister, einen Blick der begeistertsten Hingebung auf den Freiherrn. Der
Schulmeister stand atmend in einer Ecke, und schien sehr angegriffen zu sein.
    Zuerst redete der Freiherr wieder und sagte: »Dass ich so brüsk unterbrochen
worden bin, tut mir leid. Ich kann versichern, dass ich meinen Stoff beherrsche,
und dass in meinen Geschichten, wie in meinem Geiste, alles zusammenhängt. Ich
würde Sie aus der hessischen Wachtstube wieder zu den Indianern auf der
smaragdgrünen Bergebne ...«
    »O die smaragdgrüne Bergebne!« rief das Fräulein entusiastisch.
    » ... auf der smaragdgrünen Bergebne zurückzuführen imstande gewesen sein,
und Sie würden bald eingesehen haben, in welcher Verbindung die sechs
verbundenen kurhessischen Zöpfe mit dem Worte der Wahrheit stehen, durch welches
mein Ahnherr an die dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte. Freilich
für manche sind manche Kombinationen zu hoch.«
    »Jawohl!« rief das Fräulein scharf und bitter. »Kaviar ist nicht für das
Volk. Anders als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesem Kopf die Welt.«
    Da sich keine behagliche Unterhaltung wieder machen wollte, sagte endlich
der alte Baron, der dem Schulmeister eigentlich im stillen beistimmte: »Das
Schlimmste wäre nun, wenn wir Ihrer ferneren, so sehr interessanten Mitteilungen
verlustig gingen, lieber Münchhausen.«
    »Mein Geist hat die Eigenheit«, erwiderte dieser, »dass er, wie ein Räderwerk
sofort stillesteht, wenn auch nur ein Zahn, nur ein Federchen gebrochen wird.
Alles, was den Vorfällen in der Wachtstube zu Kassel folgte, die ganze
Ideenverbindung zwischen diesen Ereignissen und meines Ahnherrn Worte der
Wahrheit, von welchem ich ausging, ist nun für immer verloren und bleibt Ihnen
auf ewig verhüllt; das einzige, was ich zusagen kann, besteht darin, dass ich die
Geschichte von den sechs verbundenen Zöpfen zu Ende erzähle. Dann muss ich, wenn
Sie mich noch weiter hören mögen, auf andre Materien übergehen.«
    Der alte Baron rückte ihm freundlich näher, und flüsterte ihm schmeichelnd
ins Ohr: »Und bei diesen Materien haltet Ihr Euch mehr an der Stange, nicht
wahr, trautestes Münchhausenchen? Ich bitte Euch nicht der Sache halber darum,
die ist gewiss so am besten versorgt, wie Ihr sie gegriffen habt; es ist nur
wegen unsrer schwachen Fähigkeiten, zu denen Ihr Euch herablassen müsst, wenn wir
durch Euch aufgeklärt werden sollen.«
    »Ich will alles Fernere herunterzählen, trocken wie die Zeitung«, erwiderte
der Freiherr. »Übrigens kann ich versichern, dass ich mich nach den besten
jetztlebenden Mustern gebildet habe, und meine Darstellung so einrichtete, wie
die Autoren, welche das Zeitalter und die Nation gegenwärtig entflammen und
hinreissen, es mich gelehrt haben.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
 Die angefangene historische Novelle kommt glücklich, wenn auch auf unerwartete
                                 Weise zu Ende
»Nach der Erzählung der sechs Gebrüder Piepmeier entstand, wie ich sagte, in der
Wachtstube zu Kassel ein grosser Streit. Einige Hessen wollten die Wahrheit
derselben bezweifeln, und meinten, dass niemand bei lebendigem Leibe umgehn
könne. Ein Skeptiker aus Witzenhausen sagte, kein Geist rauche Tabak, und noch
viel weniger bleibe von seiner Pfeife Asche nach, das Ganze sei daher eine
Einbildungskraft der Gebrüder Piepmeier, wie er sich ausdrückte.
    Dagegen sagten vier Gardisten aus Schaumburg, mit Potentaten verhielte es
sich anders, als wie mit Partikuliers, die hätten etwas voraus, sie könnten
überall und doch nirgends sein. Zwei Ziegenhainer riefen: Wenn er da war und
sich verlustieren wollte, so tat er rauchen, und wenn er rauchen tat, so tat
Rauch und Asche darnach kommen. Einer aus Hofgeismar drehte diese Sätze um, und
folgerte also: Weil Piepmeiers Asche finden taten, so hat er rauchen getan, und
weil er rauchen getan hat, so hat er auf der Löwenburg sein getan.
    Es nahmen immer mehrere Wachtmannschaften an diesen Debatten teil, und der
Lärmen wuchs von Minute zu Minute. Da rief der kommandierende Fähnrich, ein
junger Herr von Zinzerling, aus einer der ersten Familien des Landes, mit seiner
hohen Diskantstimme in das Getöse hinein: Ihr Sakramenter, in dreier Teufel
Namen, räsoniert nicht weiter! - Jede Untersuchung hörte demnächst auf, und alle
Wachtmannschaften entielten sich aus Subordination selbst der stillen Gedanken
über den Gegenstand.
    Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben,
welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten.
Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande
eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf
des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe,
satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine
wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.
    Was Piepmeiers betrifft, so hatten sie ihre Postenstunden abgestanden, sie
durften sich nun einem kurzen Schlafe überlassen. Ruhig lagen sie nebeneinander
auf der Pritsche und schnarchten. Hinter der Pritsche hingen ihre sechs Zöpfe
einträchtig herunter, damit der Wachtfriseur dieselben auch während ihres
Schlummers neu einflechten könne.
    Um diese Zeit ereignete sich folgende wunderwürdige Begebenheit. Nämlich der
Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel trat in die Wachstube.«
    »Darin sehe ich denn eben kein grosses Wunder!« fuhr der alte Baron
unwillkürlich heraus.
    »Alles in der Natur und in der Geschichte hängt zusammen«, sagte der
Freiherr mit Würde. »Man höre mich ohne Unterbrechung an, das Wunder folgt dem
kurhessischen Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel auf der Ferse.«
    »Dieser Isidor ist doch nicht ...« sagte das Fräulein schüchtern.
    »Der nämliche Hirsewenzel, welcher seiter die deutsche Bühne mit einer so
unermesslichen Anzahl von Stücken bedacht hat«, versetzte der Freiherr. »Unser
Mann und Held, aus einem guten aber herabgekommenen Geschlechte in Olgendorf,
einem Flecken in der Nähe der Lüneburger Heide entsprossen, hat einen
sonderbaren Lebenslauf gehabt. Dramatiker wurde er erst spät; von der Natur war
er durchaus zum Lederhändler bestimmt. Der erste Laut, den sein kindlicher Mund
von sich gab, klang wie: Leder! Kein Spielzeug von Holz oder Blech vergnügte den
heranwachsenden Knaben, die muntre braun- und gelbbemalte Erbsenflinte war ihm
ein Greuel, mit Abscheu stiess er das gefällig konstruierte grüne Nürnberger
Wägelchen, das schuldlose Weihnachtsschaf mit den sinnigen roten Lackaugen
zurück, dagegen begannen seine Blicke zu leuchten, wenn er der Peitsche
ansichtig wurde, und der fünfgeflochtenen Schnur, wenn er das lederüberzogene
Hottpferd besteigen durfte, wenn man ihm die kleine Scherzpatrontasche umhing.
Später war er oft halbe Tage lang aus der väterlichen Wohnung verschwunden, und
wo fand man ihn wieder? In irgendeiner der Gerbereien, welche dem Städtchen die
Hauptnahrung gaben. Ja, einmal war er, kecken Jugendmutes voll, selbst in eine
Lohgrube gesprungen, um zu versuchen, ob er nicht noch lebend seine Haut in den
so heiss verehrten Zustand bringen möchte; leider zog man ihn zu früh heraus, als
die Ledrifikation erst halb vor sich gegangen war. Unentwickelt blieb demnach
der höhere Zustand seiner Bedeckungen, indessen wollten die Kundigen versichern,
er habe nach jenem Versuche denn doch immerdar ein dickes Fell behalten.
    O ihr Väter und Erzieher, die ihr die heilige Aufgabe habt, die Keime der
euch anvertrauten Pflanzen in die Blüte zu fördern, hieher tretet, und lernt an
einem furchtbaren Beispiele vor den Folgen schaudern, wenn ihr die Stimme der
Natur missachtet, und die Gerte, welche rechts hinaus wachsen will, links hinüber
zwingt. Nicht allein macht ihr den Baum zum brandigen Krüppel, nein! er wird
auch seine Nebenstämme anstecken, das Ungeziefer, welches die krankende Krone
ausbrütet, wird die Verwüstung viel weiter tragen, als ihr ahnen und berechnen
könnt!
    Isidor Hirsewenzel von Olgendorf hätte für Deutschland ein Lederhändler
werden können, wie wir ihn noch nicht besessen haben. Möglich, dass in der Tiefe
seiner Seele Gedanken schlummerten, wodurch der Dampf vom Trone des neunzehnten
Jahrhunderts gestossen, und die gegerbte Haut zur Weltbeherrscherin erhoben
worden wäre! Aber der Vater verstand den Sohn nicht. Er verstand nicht die
zukunftschwangern Regungen des Geistes, der über Bälgen, über Alaun und
Lohbereitung, über Sämisch- und Kalkgerberei erfindungengebärend brütete. Du
bist ein Narr, Dorus, sagte der harte Vater zu ihm, Leder kann aus der Mode
kommen, die Menschenliebe ist so hoch gestiegen, dass sie sich unversehens auf
das Vieh werfen kann; woher aber soll Leder kommen, wenn jeder Hund und Ochs
unser Bruder, jedes Schaf unsre Schwester wird und wir des verwandtschaftlichen
Lebens schonen? Du also wirst das werden, mein Sohn, wozu ich dich bestimmt
habe.
    Isidor weinte, verzweifelte, aber seine Tränen und Seufzer verfingen gegen
den eisenfesten Vater nichts; Isidor musste Perückenmacher werden. Das heisst: Vor
der Welt wurde er simpler Friseur, in der Stille aber errichtete er zu seiner
Tröstung, um seinem Triebe zum Kompakten zu folgen, um sich durch das zerstreute
Haar, durch die charakterschwache Pomade, durch den gesinnungslosen Puder dem
Zähen, Ledernen wenigstens anzunähern, jene wunderbaren Haargebilde, welche die
Welt längst über Schwedenkopf und Naturscheitel vergessen zu haben schien.
    Ich will kurz sein. Sowie der alte Hessenfürst zurückgekehrt war, entstand
über seinen Wunsch, oder vielmehr Befehl, die grösste Verlegenheit. Die Novella
I. de capillis pudrandis zopfificandisque war erlassen, aber es ging mit dieser,
wie mit so mancher Institution, sie hatte ihr Dasein vorläufig nur auf dem
Papiere, und das war die Hauptfrage: Konnte der Zopf eine Wahrheit werden? Denn
man wusste niemand, der jene Haarformationen der Urwelt noch zu bereiten
verstand. Der alte Herr besass zwar seinen in diesen Dingen ergrauten Künstler,
allein es widersprach der Rangordnung und Etikette durchaus, dass dieselbe Hand,
welche um die Majestät beschäftigt war, sich gemeinen Köpfen widmen solle.
    In dieser Not und Bedrängnis sprang unser Meister aus seinem Puderdunste,
wie Äneas aus der Wolke. Er verstand zu frisieren, Toupets einzusalben und
aufzusteifen, Zöpfe von allen Längen- und Dickenmassen zu flechten. Er wurde
präsentiert, tentiert, approbiert, placiert. Der Staat konnte hiemit für
organisiert erachtet werden.«
    »Nun also, dieser Mann betrat die Wachtstube ...« sagte das Fräulein, welche
bei aller Begeisterung für den Erzähler sich doch nach einem rascheren
Fortschritte der Geschichte sehnte.
    »Noch nicht, meine Gnädige«, versetzte Münchhausen kalt, »so weit sind wir
noch nicht. Die historische Darstellung erheischt langsame Entfaltung; auf den
Landstrassen sind Eilwagen eingeführt, aber, Sie wissen es ja selbst, unsre
Romanciers fahren in ihren Geschichten noch mit der sächsischen gelben Kutsche,
welche sich ehemals zwischen Leipzig und Dresden bewegte, und zur Vollendung
dieser Reise drei Tage gebrauchte, vorausgesetzt nämlich, dass der Weg gut war.
    In unsrem Isidor war während seiner Lehrjahre eine grosse psychische
Revolution vorgegangen. Man sah ihn einsam durch die Wälder streifen, er floh
der Brüder wilde Reihn, aber ach! das Schönste suchte er nicht auf den Fluren,
womit er seine Liebe schmückt'! Die Liebe erstarb in diesem Busen, eine sinistre
Falte des Unmuts lagerte sich auf der denkenden Stirn, Entschlüsse reiften in
ihm, die zum Schrecken des Geschlechts finstre Taten wurden. Haarscherer durch
Bestimmung, dem inneren Berufe nach Lederhändler, Perückenmacher aus
Resignation, wurde er Tragiker aus Menschenhass, dem leider die Reue bis jetzt
nicht gefolgt ist. Ja, meine Freunde, alle jene Trauerspiele, worin entweder der
Held die Stiefeln seines Bruders zu putzen hat, die Geliebte aber ihn auf jene
Welt vertröstet, in welcher er nicht mehr nach Wichse riechen wird, oder worin
der Landrat Friedrich Barbarossa seine Dienstleiden erzählt, der Steuerexekutor
Heinrich der Sechste sich mit Beitreibung der Gefällereste plagt, oder der
biedre, aufgeklärte Pastor Friedrich der Zweite aus Gielsdorf wegen
Rationalismus verdammte Scherereien mit dem Lyoner Konsistorium hat, die
stuhlsetzenden Kämmerlinge jedoch, also die Abräumer, eigentlich die einzigen
handelnden Personen sind, ja, meine Freunde, alles das, und o Gott! wie
unendlich viel mehr hat nur die Misantropie Hirsewenzels geboren. Wir wären
damit verschont geblieben, wenn er seinem wahren Berufe hätte folgen dürfen.«
    »Könnte man denn nicht noch jetzt dem Fortschritte des Unheils Einhalt tun?«
fragte das Fräulein, sonderbar verlegen.
    »O, meine Gnädige!« rief Münchhausen begeistert; »es bleibt doch ewig wahr,
das Wort unsres Schiller: Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in
Einfalt ein kindlich Gemüt! Sie haben da in Ihrer Einfalt einen grossen Gedanken
gefunden. Ja, wir wollen, da gegenwärtig auf so vieles subskribiert wird, eine
Subskription durch ganz Deutschland eröffnen, zu dem Ende, mit vereinten
Nationalkräften für Hirsewenzel eine Gerberei in Schlesien unter den
Wasserpolacken anzupachten, ihm so einen heitern Abend des Lebens zu schaffen,
die Bühne aber von ihm zu befrein. Ich bin überzeugt, selbst unsre Fürsten,
denen ja Poesie und Literatur so sehr am Herzen liegen, geben etwas dazu, einen
Gulden oder einen Taler, je nachdem sie über Gulden- oder Talerland herrschen.
Doch für jetzt nur weiter in meinem Texte.
    Als in Isidor der Gedanke an sein verfehltes Dasein einmal recht zum
Durchbruch gekommen war, da rief er aus: Weil ihr mich im Leben nicht habt zum
Leder kommen lassen, so will ich euch, da ich euch leider nicht ans Leben selbst
kommen kann, wenigstens das Bild des Lebens, die Bühne ruinieren.
... Die Welt
Ist noch auf einen Abend mein. Ich will
Ihn nützen, diesen Abend, dass nach mir
Kein Pflanzer mehr in zehen Menschenaltern
Auf dieser Brandstatt ernten soll.
Meine Vorgänger im Geschäft, Iffland und Kotzebue, machten die Misere zu Helden;
ich will die Sache umkehren, und Helden zu miserabeln Personen machen. Müllner
wirkte durch Schuld und Blut, Houwald durch alte Camillen und Bilder, die an den
Galgen gehören, ich will durch Langeweile wirken. Ich will die Langeweile zur
dramatischen Dynamis erheben, der Sandmann in den Augen der Helden soll meine
Katastrophen bewirken. Meine Helden sollen lieber sterben, oder sonst ein
Unglück erleben, als dass sie noch länger meine Redensarten abhaspeln. Ich will
euch ein Stück schreiben, namens König Enzian, ein Stück, dessen Perspektive
nicht der Stern der Hoffnung über dem Grabe, nicht die Nacht des Tartarus unter
den Füssen des hinsinkenden Frevlers, nicht die reinliche Entsagung der Wüste
oder des Klosters sein soll, sondern eine Chambre garnie im Felsen bei
Zwielicht, oben mit einem Deckel versehen, worin der gähnende Mietsmann mit
seiner gähnenden Geliebten bei hinlänglichem Essen und Trinken nichts zu tun
hat, als Kinder zeugen, die bei der Geburt, anstatt zu schrein, auch schon
gähnen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es wird eine Krankheit über unsern
Weltteil heraufziehn, geheissen die Cholera. Hin und her werden die Ärzte raten,
woher das Miasma gekommen, welches die Seuche fortleitete, und man soll nicht
erraten, dass es aus der Grube aufstieg, in welche ich den König Enzian
verspündete. Wehe über dich Sand-Jerusalem, die du die Juden begünstigest, und
kreuzigest immerdar die Propheten; du sollst zweimal die Cholera kriegen, weil
du meinen Enzian so oft wirst haben spielen lassen! Ich will einundzwanzig
Millionen dreihunderttausend und einen halben Vers, folglich einen halben Vers
mehr machen als Lope de Vega; alle sollen parallel nebeneinanderherlaufen, wie
die lombardischen Pappeln zu beiden Seiten der Chausee von Halle nach Magdeburg,
und dieses Wunder soll nur von dem Wunder der Kühnheit übertroffen werden, womit
ich versichern will, dass ich nie einen unschönen Vers verfertigtet habe. Nicht
durch Fehler und Ausschweifungen will ich die Bretter reizen; nein, ich will das
Teater nivellieren, entnerven und abmergeln. Es soll aus meiner Feder nichts
kommen, was selbst der Zensur von China verdächtig werden könnte, ich will ein
völlig etatsmässiger Poet werden, gleichwohl aber will ich von mir behaupten, ich
sei durch grosse Geschichtsepochen, die von keinem Etat etwas wussten, zu Tränen
der Rührung hingerissen worden, denn Klingeln gehört zum Handwerk. Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch, es wird die Zeit kommen, da die Schauspieler meine
Rollen im Schlaf abspielen, das Auditorium schläft, und der Kritiker Gottsched
am folgenden Tage während seines Nachmittagsschläfchens eine Rezension in die
velinpapiernen Blätter stiftet, worin er sagt, das neuste geniale Werk aus
meiner unermüdlichen Feder habe das Publikum zum Entusiasmus hingerissen. Mit
einem Worte: Ich will Ich sein, und nur mir selber gleich!
    Wie Isidor Wort gehalten hat, das wissen die blasierten Hofräte, Justizräte,
Geheimen Sekretarien und Papierjuden von Sand-Jerusalem, aus welchen gegenwärtig
das dortige Teaterpublikum allein noch besteht. Kein Mädchen schleicht sich mit
einem Bande seiner dramatischen Werke, ernster oder komischer Gattung' (ich weiss
nicht, warum er den bezeichnenden Ausdruck: Sorte, verschmäht hat?) frühmorgens
oder gegen Abend in die duftende Fliederlaube hinten im Garten, wo das gelbe
Nasturtium blüht, und der Convolvulus auf seinen Ranken den Falter wiegt und den
goldgrün glänzenden Käfer, und liest sich an seinen Sachen heimlich-glühend in
die Bekanntschaft mit ihrem pochenden Herzchen hinein; kein Student, der droben
auf dem Weinberge am Flusse von seinem Jugendbruder Abschied nimmt, und mit ihm
das Stammbuchblatt wechselt, schreibt einen Vers von Isidor hinein, keinen
Künstler haben seine sogenannten Gestalten zu einem Bilde entzündet. Wer um
sechs Uhr abends noch eine Spur von Stimmung in seiner Seele fühlt, ja, wer auch
nur die Aussicht auf einen Robber Whist hat, der meidet das Haus, worin Isidor
seine dramatische Suppenanstalt für Arme errichtet hat, und den Gottsched
befriedigt, und die Blasierten von Jerusalem abfüttert. Es ist ihm gelungen,
seine dämonische Drohung in Erfüllung zu setzen. Ja, sie dreschen nunmehr das
dreimal gedroschne leere Stroh und worfeln die Spreu, die nicht einmal der
Gastwirt Angely seinen vierfüssigen Gästen vorgesetzt hätte. Die Bühne kam nach
dem etwas derben Ausdrucke der Jugend durch Isidor auf den Hund. Er, er hat es
verstanden, wie man die Deutschen behandeln soll. Denn nicht durch Blitze des
Genius ist diese sogenannte Nation zu entzünden - wie kann man nasse Wolle in
Brand stecken? - sondern man muss immerfort dasselbe tun, es mag ausfallen, wie
es will; dann sagen sie: Der muss es doch verstehn. Es ist ihnen überhaupt nur
daran gelegen, dass das Inventarium in allen literarischen Wirtschaftsrubriken
vollständig sei; denn sie sind gute Haushälter. Sie würden, wenn Hirsewenzel
sich nicht gefunden hätte, auch einen zweiten Kronegk, oder Gellert oder Weisse
wieder aufgenommen haben. Isidor, hundertmal abends kritisch totgeschlagen,
feierte am andern Morgen seine Auferstehung mit drei neuen mittelmässigen
Stücken, die wie ein Echo die ihm vorgerückten Albernheiten wiederholten. Die
Leute aber sagten: Der versteht es, so muss man es machen. Selbst der Heroismus
erlahmte endlich an dieser Beharrlichkeit der Industrie; man liess die Fabrik
zuletzt spulen und schnurren, ohne ferner Eingriffe in ihre tranduftigen Räder
zu versuchen. - Aber in die Walhalla kommt er doch nicht, wenn sie fertig wird
und ihre Bestimmung behält, und nicht mit der Zeit vielleicht in ein Bräuhaus
verwandelt wird. Der Graf von Platen kommt hinein, und der gehört auch hinein,
trotz aller seiner Torheiten und Missgriffe, aber Hirsewenzel kommt nicht hinein
und schriebe er auch noch einundzwanzig Millionen Verse mehr. Doch ist es
freilich noch ungewiss, ob er überhaupt sterben, und ob nicht vielmehr der Tod
jedesmal einnicken wird, so oft er ihn sieht.
    Nun, Gott bessere das deutsche Teater!
    Melpomene sitzt, von der Szene verscheucht, unten im Keller, da wo die
Arbeitsleute an den Versenkungen und Verwandlungen hantieren, der Dolch ist
ihrer entkräfteten Hand entfallen und rostet im Moder, im Moder liegt die Maske,
welche die gemeinen menschlichen Züge verschönernd bedecken soll; Schimmel
überzieht dieselbe, und einer der Teaterarbeiter hat ihr die Nase platt
getreten. Droben aber über ihrem Haupte, auf dem Podium, scharrwerkt der
lärmende Emporkömmling mit seinen breitgerührten und doch hölzern gebliebenen
Jamben. Ach, die Arme! Nicht einmal weinen kann sie mehr. Isidor hat sie mit dem
Stockschnupfen angesteckt, und verlangt nun grausam spottend von ihr, sie solle
Makuba schnupfen lernen, dadurch helfe er sich in allen Nöten.
    Das alles ist weltbekannt. Nicht so bekannt ist aber der Umstand, dass der
Tragöde alle die Stücke, die seitdem wie ein nie versiegender Spülicht zwischen
den Kulissen hervorgebrodelt sind, bereits während seiner Beschäftigung mit
Zöpfen und Frisuren in müssigen Nebenstunden verfertigte. Ja, meine Freunde, er
hat sie sämtlich auf den Vorrat gearbeitet; die Manuskripte lagen in seinem
Haaratelier geordnet zwischen den übrigen Fabrikaten und Sachen, ungefähr so:
ein Zopf, Die Erdennacht, eine Perücke; Genoveva, Pomade; Rafaele, der
Puderbeutel; Die Schule des Lebens, und so weiter. Daher es ihm leicht war,
hernachmals den Markt von Sand-Jerusalem mit seiner Ware zu überführen.
    Doch meine Farben reichen bei diesem Bilde nicht aus und mein Pinsel ist zu
stumpf; ich fühle das wohl. Solche tiefsinnige ästetisch-poetische
Seelenentwickelungsgemälde abzuwickeln, dass sie jedem so klar werden, wie
baumwollnes Garn, müsste ich Hoto sein, der in den Vorstudien des Lebens und der
Kunst an seiner eignen Geschichte aufgewiesen hat, dass man den Don Ramiro
schreiben, an den ästetischen Artikeln der Jahrbücher für wissenschaftliche
Kritik, herausgegeben von der Sozietät für wissenschaftliche Kritik,
mitarbeiten, und dennoch sich wichtig vorkommen kann.
    Man sang vorzeiten, als Don Ramiro zur Welt gebracht wurde:
Don Ramiro, Don Ramiro!
Langes Leben spinn' dir Kloto!
Rühmen werden dich die Weisen,
Und dich lesen wird Herr Hoto.
Ich ahme diesem Volksliede nach und singe:
Don Ramiro, Grand zu Hoto,
Du allein, du könntest schildern
Hirsewenzels trag'sches Werden
Dir gemäss mit Hegels Bildern.
Isidor näherte sich den sechs Gebrüdern Piepmeier mit Kamm und Nadel bewaffnet.
Er kniete nieder, lösete die Bänder, welche die sechs Haarwüchse fesselten, so
dass sie in sechs Fluten von sechs Nacken herniederwallten, und nachdem er mit
seinem Geräte in diesem Sechsgelock Ordnung gestiftet hatte, ging er daran, zu
strählen und zu flechten.
    In diesem Augenblicke empfing er in seiner melancholischhumoristischen
Weltanschauung die Gestalt des Till.
    Sie erinnern sich gewiss dieser wundersamen Figur, mit welcher unser
damaliger Wachtfriseur, nunmehriger Dichter, so vielen genialen Spass
auszurichten sich bemüht hat. Meistens hat der Till es mit einem Barbierer,
namens Schelle, er verschmäht aber auch Rätinnen und Polizeidirektoren nicht,
nein! es ist zum Totlachen, was für Spässe der Till angibt, der durchtriebne
Vogel, der Till ... und wenn ich an den Till denke, und an Till und Schelle, und
Schelle und Till ... und an Teil und Schille ... und an alle die Spässe von dem
Till, so - - so - -«
    Der Freiherr brach bei der lebhaften Erinnerung an Tills Spässe in ein
konvulsivisches Lachen aus, welches so klang, als wenn hölzerne Klötzchen in
einer Büchse von Blech hin und her geschüttelt werden. Der alte Baron klopfte
ihm den Nacken, Münchhausen erholte sich wieder und fuhr fort:
    » ... so kann ich nur bedauern, dass die Meerrettiche, die der Dichter auch
in sechs Paar Trilogien auf seinem Krautfelde ziehen wollte, nicht fertig
geworden sind. Doch vielleicht kommen sie noch nach, denn bei Hirsewenzel ist
nichts unmöglich. Bis nun der Meerrettich zum Rindfleisch abgesotten sein wird,
müssen wir uns mit dem Till behelfen, dem ich wohl eine Petersilie wünschen
möchte, das gäbe eine Mariage von Küchenkräutern, worüber jeder Köchin das Herz
im Leibe poppern würde.
    Ich habe immer, wenn ich die Tille sah, an einen Menschen denken müssen, den
ich einmal in einem Dorfe zwischen Jüterbog und Treuenbrietzen, mich dünkt, es
hiess Knippelsdorf, oder so ungefähr, kennenlernte. Die Gegend um Knippelsdorf
ist etwas unfruchtbar, nur bei grossen Überschwemmungen werden die Felder grün,
dann gibt es grosse Festlichkeiten, wobei sich die Leute in Grütze satt essen.
Aber hübsche Kiefern haben sie da, und Windhafer, soviel ihr Herz begehrt. Die
Achse war mir am Wagen gebrochen; ich musste ein paar Stunden im Kruge sitzen,
bis der Stellmacher sie, nämlich die Achse, repariert hatte. Dieser Aufentalt
zeigte mir Knippelsdorfer Zustände. Es war neun Uhr morgens und ein schöner
heisser Julius, indessen schien der Tag durch die runden Fenster der Krugstube
nicht absonderlich hell, sie waren gar zu verschmaucht. In der Stube gingen die
Hühner spazieren, uneigennützig, denn zu essen gab es da nichts, wie ich erfuhr,
als ich nachfragte. Zu trinken konnte ich bekommen, wenn ich bis zum folgenden
Tage bleiben wollte, da würden sie Dünnbier von Zahne holen, sagten sie. Es roch
abscheulich in der Stube, aber auf Reinlichkeit hielten sie doch, denn eine Magd
im Negligé mit fliegendem Haar wischte gehörig den langen Tisch ab, und nachher
mit demselben Tuche die irdenen Teller. Eine Anzahl von Fliegen summte in der
Stube, und die schlug ein höhnischer, blasser, verdrossen-schläfriger Mensch
tot, derselbe eben, an den ich mich nachmals immer bei den Tillen erinnerte. Er
trug eine Nachtmütze schief überm Ohr, den tönernen Stummel hatte er im Munde,
in herabgetretenen Pantoffeln schlorrte er auf und nieder. So oft er eine Fliege
mit der Klatsche erlegt hatte, verzog er die schlaffen Lippen zu einem
unangenehmen Lächeln und machte einen Spass über die tote Fliege. Man konnte sich
darauf verlassen, auf jede tote Fliege kam ein Spass; ich habe sie aber sämtlich
vergessen. Die Magd lachte nicht darüber, ich konnte auch nicht darüber lachen.
Sie sagte mir, als ich mich nach ihm erkundigte, er sei der jüngere Bruder des
Krugwirtes und habe nicht gut tun wollen, deshalb müsse er jetzt das Gnadenbrot
essen. Seine einzige Beschäftigung sei, sich über die Fliegen aufzuhalten, die
er totgeschlagen habe.
    Der Till also ging dem Hirsewenzel, wie gesagt, auf, als er die sechs Zöpfe
der Gebrüder Piepmeier einflechten wollte. Halt, dachte er, hier kannst du
sofort für diesen komischen Heros die Studien nach dem Leben machen. Lass uns
eine Verwickelung bilden, die an grenzenloser Lustigkeit und kühner Laune alles
hinter sich lässt, was Shakespeare, Holberg und Molière ersonnen haben. Ich werde
die Zöpfe der Piepmeiers unentwirrbar zusammenflechten, und wenn sie dann
aufstehn, und nicht voneinander können, und bei dem Ziehen und Zerren unter
Schmerzen Gesichter schneiden, o welche Fülle von komischen Anschauungen werde
ich dann haben, ich sehe schon ganze Dutzende von Tilliaden fertig. Gesagt,
getan; er flocht Peter mit Romeo, Romeo mit Christian, Christian mit Guido,
Guido mit Ferdinand, Ferdinand mit Heinrich, Heinrich mit Karl zusammen, so dass
vier Piepmeiers, ein jeder doppelseitig, linker und rechter Flügel aber
einseitig gefesselt waren. Als Isidor sein Werk vollbracht hatte, steckte er
sich hinter den Wachtofen, um die Wirkung dieser Intrige zu beobachten.
    Ruhig schliefen die Opfer Hirsewenzelscher Komik, träumten von Brot und
Fleisch und doppeltem Traktament und hatten kein Arg. Als nun der Tag höher zu
steigen begann, und die Strahlen der Sonne den Ordensstern an der Bildsäule
Landgraf Friedrichs des Zweiten auf dem Platze vor dem Schloss vergoldeten, mit
einem Worte, als es sechs geschlagen hatte, trat der Feldwebel zu der
Piepmeierschen Pritschabteilung, um die Farbenstriche über den Nasen der Brüder
aus seinem Vorrate zu erneuen, denn die ganze Strenge des Dienstes sollte nun
bald wieder beginnen. Als er indessen einen Blick über die Pritsche hinaus in
ihr Jenseits tat, und die seltsame Verflechtung der brüderlichen
Hinterhauptaare wahrnahm, da entsank ihm vor Erstaunen der aufgehobene
Malerpinsel und er starrte die Erscheinung einige Sekunden lang lautlos an. In
der Tat war diese auch verwunderlich genug anzuschaun; Piepmeiers sahen von
hinten aus wie ein kurhessischer Garderattenkönig.
    Indessen kommt ein Feldwebel immer bald wieder zu sich selber. Auch der
unsrige gewann nach kurzer Ratlosigkeit seine ganze Fassung sich zurück, und
fuhr die Verbündeten mit den wackern Worten an: Kerls! Euch soll ja ein
Kreuzsternschockmilliondonnerwetter sechstausend Klafter tief unter den
Winterkasten in die Erde schlagen!
    Von diesem biedern Zurufe des tüchtigen Manns fuhren Piepmeiers gleichzeitig
aus dem Schlummer auf, und wollten sich gleichzeitig erheben. Da ihnen aber dies
Schmerzen verursachte, so sanken sie zurück, tasteten gleichzeitig nach ihren
Zöpfen, entdeckten die Ursache der Schmerzen und sagten gleichzeitig wie aus
einem Munde, kalten Blutes: Herr Feldwebel, es muss sich, derweil wir schliefen,
ein dummer Junge in die Wacht geschlichen und einen Jux mit uns verübt haben. -
Auf Ehre, so ist es, sprach der Fähnrich von Zinzerling, der herzugetreten war.
Feldwebel, machen Sie den einen Mann los, und der kann wieder seinen Brüdern
helfen. Wo bleibt der Schelm, der Hirsewenzel? -
    Der Feldwebel löste Karl Piepmeier von Heinrich Piepmeier ab, Karl trennte
demnächst Heinrich von Ferdinand, Heinrich schied Ferdinand von Guido, Ferdinand
dismembrierte Guido und Christian, Guido setzte Christian mit Romeo auseinander,
Christian endlich stellte den Dualismus zwischen Romeo und Peter her. Nachdem
die sechs Brüder solchergestalt wieder in das Fürsichsein getreten waren,
vollendeten sie ihre reale Existenz durch wechselseitige Herstellung von sechs
schlechtin gesonderten Zopfindividualitäten. Hiemit hatte das Ereignis seinen
Kreis absolut mit Inhalt erfüllt, war der Begriff des Vorfalls zum
Von-Sich-Wissen gekommen, oder deutlicher zu reden, das Ding hatte nun ein Ende.
Denn dem Feldwebel, welcher sich an den Fähnrich mit der Frage, ob der Vorfall
gemeldet werden solle? wendete, erwiderte von Zinzerling gedankenvoll: Nein! Wir
leben in bewegten Zeiten, und wollen die Gärung nicht fortleiten. Der dient den
Königen nicht, der ihrem Argwohn dient. Die Sache bleibt ungemeldet, und ich
nehme die Verantwortung auf mich.
    Wie Hirsewenzel unbemerkt hinter dem Ofen entkommen, ist Wachtgeheimnis
geblieben.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
 Zwei Zuhörer sind in ihren Erwartungen so getäuscht, wie die Leser, der dritte
Zuhörer fühlt sich dagegen höchst befriedigt. Der Freiherr teilt einige dürftige
                            Familiennachrichten mit
Der Schulmeister Agesilaus hatte schon während des letzten Teils dieser
Erzählung deutliche Zeichen hergestellter Zufriedenheit von sich gegeben.
Vergnügt hatte er seine Hände gerieben, sich auf dem Stuhle hin und her gewiegt,
ein Hm! Hm! Ja! Ja! So! So! Ei! Ei! dazwischengeworfen, und den Freiherrn mit
einer Schalkhaftigkeit angesehen, welche eine Schattierung von Tiefsinn
durchschimmern liess. Nachdem nun Münchhausen zu Ende gekommen war, sprang der
Schulmeister auf, lief zu dem Erzähler, schüttelte ihm die Hand, und rief:
»Verzeihung, mein hochzuverehrender Gönner, dass ich die Standesunterschiede
nicht achte, und Ihnen so geradezu mich nähere, aber wie Not kein Gebot hat, so
achtet die Begeisterung keiner Schranke. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen,
wie mich Ihre diesmalige Diatribe, in die Form einer historischen Novelle
gegossen, erquickt hat. So fahren Sie fort, dann sind Sie des Dankes aller Edeln
gewiss. Endlich doch einmal Nahrung für Geist und Herz!«
    »Ich verstehe Sie nicht«, versetzte ernstaft der Freiherr.
    »Oh! Oh! Oh! aber ich verstehe Sie, mein Hochgeschätzter«, rief der
Schulmeister. »Ja, ja, Erleuchteter, das kommt bei den Übertreibungen heraus!
Das haben wir davon, dass wir alles auf die Spitze stellen, von allem und
jeglichem das Höchste, Überschwenglichste begehren! Nicht wahr, mein
Verehrtester, Sie wollten mit Ihrer anscheinlichen Ironie gegen jenen so oft
verkannten und angefeindeten Mann sagen: Seht, zu solchen masslosen Extravaganzen
gelangt man, so überspringt der Spott sich selbst, so fallen die stärksten
Hiebe, wenn Leidenschaft sie führt, immer über den zu Hauenden hinaus in das
Leere, und darum lernt euch begnügen, ihr Leute, mit dem Vorhandenen, geht
zwischen Hass und Entusiasmus die Mittelstrasse, die von den Weisen aller Zeiten
immer die goldne genannt wurde! Diese und ähnliche Lehren wollten Sie durch
Ihren ausschweifenden Angriff einschärfen, wenn ich sonst, nicht oberflächlich
an der Oberfläche Ihrer Reden haftend, deren inneren Sinn richtig aufgefasst
habe.«
    Auf diese Anrede erwartete der Schulmeister etwas Schmeichelhaftes. Der
Freiherr sah ihn jedoch nur mit weitgeöffneten Augen starr an, und sagte nach
einem langen Schweigen nichts, als: »Herr Professor, Sie sollten uns doch auch
noch einen Kommentar über den Faust schreiben.« - Dann wandte er ihm den Rücken
und suchte die Blicke des Fräuleins auf, die ihn aber mieden.
    Diese liebte eigentlich im stillen den Helden der Novelle, weshalb ihr auch
der Vorschlag, seiner unerschrocknen Wirksamkeit ein Ziel zu setzen, nicht vom
Herzen gekommen war. Sie pflegte sich in ihren erregtesten Stunden seine
lombardischen Chausseepappelverse zu ihrer Aufrichtung laut vorzusagen. Nun
hatte sie jedoch auch, wie alle Damen, eine unglaubliche Furcht vor dem
Lächerlichen, und da sie denn doch während Münchhausens Erzählung sich mit ihrem
Lieblinge in dieser Beleuchtung zu einer Gruppe vereinigt sah, so fühlte sie
sich in ihrem Bewusstsein völlig vernichtet, und rang vergebens nach einem Anker
für ihre ratlose Seele. Zugleich aber ängstigte sie das Schweigen, welches nach
den Verhandlungen zwischen dem Freiherrn und dem Schulmeister in der
Gesellschaft entstanden war, und nicht weichen wollte. Denn ihr Vater schnitzte,
wie er zu tun pflegte, wenn er gänzlich verstimmt war, mit seinem Federmesser
Einkerbungen in den schlechten hölzernen Tisch, um welchen alle sassen, und
murrte nur halblaut vor sich hin: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Es
war ja die pure, blanke Gottessatire auf den Hirseschwenzel, oder
Schmirsehenzel, oder wie der Mensch sonst heissen mag! Denn Dichterei und
Romanenwesen ist meine Sache nicht, sondern Natur-und Völkerkunde.«
    Der Schulmeister aber sass schweigend und zornrot da. Er hatte zwar
Münchhausens Antwort nicht eben ganz verstanden, fühlte jedoch, dass darin ein
Stich liegen müsse. In diesem Punkte war nun nicht mit ihm zu scherzen, denn
seine Eitelkeit war nur seiner unbegrenzten Vorliebe für die Sitten der alten
Sparter gleich.
    Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft
erfahren? Die gesamte Sozietät sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem
unbewegten Meeresspiegel nicht zu rühren vermag. Schlaff hangen die Segel herab,
verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches
Lüftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der
Schöpfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in
Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch
verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer
Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts
will über die Lippen, nichts hörbaren Laut gewinnen. Der Mytus sagt, in solchen
Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der Länge derartiger Pausen
zu urteilen, müssen zuweilen auch Engel diese Flugübungen anstellen, deren
Gefieder aus der Übung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer für das
Gemeinwesen darzubringen, er fährt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und
damit ist der Zauber gelöset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder
klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst,
Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumständen, Religion und
Karnevalsbällen.
    Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist,
etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in
die heisse Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, übergegangen waren,
sagte das Fräulein zu Münchhausen plötzlich, wie von einem guten Geiste
erleuchtet: »Es pflegt doch immer im Sommer schöneres Wetter zu sein, als im
Winter.«
    Nach dieser Explosion atmeten alle frei auf und fühlten sich von dem Zauber
erlöset, der über ihnen gelastet zu haben schien, nachdem von unsrem
Nationaltragöden so viel die Rede gewesen war. Münchhausen aber küsste dem
Fräulein die Hand und versetzte: »Sie haben da eine tiefsinnige Wahrheit
ausgesprochen, meine Gnädigste, und ich kenne ausser Ihnen nur noch eine Dame,
welche diese grossartige Naturbetrachtung fest im schönen Gemüte ergriffen hat,
und sie einem Dichter zu äussern pflegt, jederzeit, wo er das Glück hat, ihr zu
nahn. Vergebens, dass der Dichter manches ausgehen liess, was der Welt nicht
unbekannt blieb, dass man überhaupt mit ihm von allem und jedem sprechen kann,
weil er so ziemlich für alles und jedes sich interessiert, und über die Dinge,
von denen er nichts versteht, gern Belehrung empfängt - vergebens alles dieses,
sage ich - die Dame äussert, so oft er das Glück hat, ihr zu nahen, nur ihre
Überzeugung, dass im Sommer das Wetter schöner zu sein pflege, als im Winter.«
    »Unmöglich!« rief der alte Baron.
    »Vielleicht unmöglich, aber gewiss wahr«, versetzte Münchhausen. »Der Dichter
ist mein Freund und hat mir die Tatsache bei seinem Ehrenworte beteuert« -
Münchhausen fuhr heiter fort: »Ich wollte Ihnen einige kurze Nachrichten über
meine Familie geben; hier sind sie. Der sogenannte Lügenmünchhausen ist mein
Grossvater, wenn unser Stammbaum in Bodenwerder recht hat. Adolf Schrödter in
Düsseldorf hat ihn jüngst gemalt, wie er unter Jägern und Pachtern sein
Pfeifchen schmaucht, und diesen Leuten seine Geschichten erzählt. Ein dicker
Mann sitzt ihm gegenüber und hat den Rock ausgezogen, um besser zuhören zu
können, in seinem Gesichte spricht sich die gläubigste Hingebung aus, und sein
grosser Hund, der neben ihm liegt, sieht im sehr ähnlich.
    Adolf Schrödter hat meinen Grossvater getroffen, wie kein anderer vor ihm.
Das ist aber auch kein Wunder, denn mein Grossvater ist ihm im Traume erschienen,
er hat eine Vision von ihm gehabt. Die frommen Maler haben nicht allein
Visionen, nein! die andern haben die ihrigen auch. Es malt keiner ein paar
Kinder, die von zwei schlechten Kerlen totgemacht werden sollen, oder eine
Kegelbahn, oder auch nur ein Porträt, ohne dass er eine Vision von diesen Dingen
gehabt hätte. Und das ist der Vorteil dieser weltlichen Gesichte: Man kann immer
da die Vergleichung anstellen, und urteilen, ob die Erscheinungen richtig
gewesen sind, denn überall gibt es unschuldige Kinder und schlechte Kerle und
Kegelbahnen, und Leute, die sich porträtieren lassen; aber bei den frommen
Visionen kann man das nie, und man weiss daher auch nicht, ob die lieben Engelein
und Heiligen und die Mütter Gottes so ausgesehen haben, wie die Leute behaupten,
dass sie ihnen vorgekommen seien.
    Dass Adolf Schrödter eine richtige Vision gehabt, bestätigte noch letztin
ein alter eisgrauer Jäger von Bodenwerder, der jetzt mit Ratten- und Mäusepulver
handeln geht, und der denn endlich auch an den Rhein gewandert war. Er kam auf
die Kunstausstellung, weil er glaubte, dort Geschäfte machen zu können und rief,
als er das Bildchen sah: Das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte, wenn er
von den zwölf Enten erzählte! - Das Bildchen soll jetzt, Figuren über
Lebensgrösse, al fresco für ******** ausgeführt werden.
    Meinem Vater tat die Abstammung von diesem Manne Zeit seines Lebens den
grössten Schaden. Wenn er Geld erborgen wollte und auf Kavalierparole die
Rückzahlung versprach, sobald sie sich tun lasse, sagten die Wucherer, mit denen
er unterhandelte: Wir bedauern sehr, aber wir können nicht dienen, denn Sie sind
der Herr von Münchhausen. Er trat in Kriegsdienste und machte als
Stabsrittmeister einst einen allerdings unwahrscheinlich lautenden Rapport; der
General glaubte ihm nicht, und davon war die Folge, dass eine grosse Schlacht
verloren ging. Kabale über Kabale wurde gegen ihn gespielt; man drehte die Sache
ganz herum, er erhielt in Ungnaden seinen Abschied. Nun widmete er sich dem
Finanzfache, da entdeckte er ein geheimes Mittel, die edeln Metalle zu
vervielfältigen, wollte es dem Staate verkaufen, aber der Staat wies ihn zurück
und sagte, es sei schon gut, man wisse, dass er Münchhausen heisse. Auch aus dem
Finanzfache wurde er ungnädig dimittiert, weil er ein Schwindler sei, wie es in
dem Entlassungsreskripte hiess. Was hat der Staat von seiner Zurückweisung
gehabt? Papiergeld musste er machen.
    Mein Vater aber hatte von seinem Geheimmittel auch nichts; er konnte es für
sich nicht in Anwendung bringen, die Kosten der ersten Auslagen waren für einen
Privatmann zu bedeutend. Bei zwölf Fräuleins hielt er nacheinander um ihre Hand
an, aber
    Die erste sagte scheu,
    Die zweit' - ein Leu -
    Die dritte spitzig,
    Die vierte witzig,
    Die fünfte hitzig,
    Die sechste zornwinkend,
    Die siebente borntrinkend,
    Die achte stickeiferig sehr,
    Die neunte blickschweiferig mehr,
    Die zehnte rücksteiferig-hehr,
    Die eilft', ein Bärbchen, schnipp'sch, zwar weichend, doch gütig,
    Die zwölft', ein Körbchen hübsch darreichend, hochmütig: Herr von
Münchhausen, wir danken für die uns zugedachte Ehre; Sie führen uns doch nur an.
    So schlugen alle meine zwölf projektierten Mütter dem armen Manne sein
Begehr ab, bloss wegen seines Namens und wegen der Erinnerung an den Grossvater.
Ich wäre ohne Mutter geblieben, wenn er nicht zuletzt noch bei einer dreizehnten
Gehör gefunden hätte, bei einer Denkerin, die in des Grossvaters Lügenbuche einen
geheimen Sinn ahnete, und alles allegorisch und teosophisch auslegte. Sie gab
meinem Vater ihr Jawort, nicht aus Liebe zu ihm, wie sie ihm bei der Verlobung
offen sagte, sondern aus Achtung für den Grossvater.
    Über diese Ehe darf ich mich nicht ausprechen. Sie birgt Geheimnisse, die
wieder tief in andre Geheimnisse meines tiefsten Seins verflochten sind, und
welche mit mir zu Grabe gehen werden. Nur so viel mag ich Ihnen vertrauen: Eine
Ehe aus Achtung für den Vater des Gatten ist für diesen die unglückseligste
unter den unglückseligen Ehen. Die unglückliche Ehe aus Delikatesse von Schröder
bedeutet gar nichts dagegen, und Die Heirat durch ein Wochenblatt gründet ein
Paradies, mit der Achtungsehe verglichen.
    Teophilus, Freiherr von Münchhausen (so heisst der Mann, welcher vor der
Welt mein Vater heisst), ergab sich ganz den ernstesten Studien, nachdem es ihm
im Leben und in der Ehe so äusserst schlecht gegangen war. Er wurde ein grosser
Wassertrinker, und ich habe ihn, während ich in Bodenwerder verweilte, nur
dreimal lächeln sehen.
    Meine früheste Jugend verlebte ich durch eine seltsame Verkettung von
Zufall, Schickung und Leidenschaft unter dem Vieh, und zwar bei einer
Ziegenherde am Öta. Was ich da erfahren, will ich Ihnen späterhin erzählen, für
jetzt nur so viel, dass ich meine Knabenjahre, abermals durch eine seltsame
Verkettung von Zufall, Schickung und Leidenschaft im väterlichen Hause zubringen
durfte. Da trieb ich denn nun alles und jedes mit dem Manne, dem ich, die
Geheimnisse mögen nun sein, welche sie wollen, doch immer meine Tage verdanke.
    Vormitags: Philologie, Geographie, Alchimie, Technologie, Spezialhistorie,
Generalhistorie, Physik, Matematik, Statik, Hydrostatik, Aerostatik;
    nachmittags: Literatur, Poesie, Musik, Plastik, Drastik, Phelloplastik,
gemeinnützige Kenntnisse;
    abends: Gymnastik, Hippiatrik, Medizin, insonderheit Anatomie, Physiologie,
Patologie, Semiotik, Biotik, Materia medica;
    nachts repetierten, experimentierten, disputierten wir.
    Bei diesem Lehrplane konnte ich allerdings manches aufschnappen.«
    »Und wann schliefen Sie?« fragte das Fräulein.
    »Hin und wieder eine Viertelstunde bei den leichteren Doktrinen«, versetzte
der Freiherr. »Ich war Schnellschläfer, wie man Schnelläufer hat. In wenigen
Minuten konnte ich den Gehalt von Schlafstunden gewöhnlicher Menschen
zusammendrängen. Von Schlaf kann überhaupt für jemand, der sich auf der Höhe des
Jahrhunderts halten will, nach der grossen Ausdehnung, welche die Wissenschaft
gewonnen hat, heutzutage wohl nicht mehr viel die Rede sein. - Neben dieser
intellektuellen Bildung, die ich auf Bodenwerder erhielt, wurde mein Charakter,
mein Gemüt nicht verabsäumt. Ganz besonders brachte mir mein sogenannter Vater
den heftigsten moralischen Widerwillen gegen das Lügen bei, weil der Grossvater
durch dieses Laster das ganze Familienglück zerstört hatte. Er folgte in manchen
Dingen seinen eigenen Grundsätzen, mein sogenannter Vater, und hielt erstaunlich
viel auf die Gewalt der ersten sinnlichen Eindrücke in der Jugend. Ich bekam
daher alle Sonn- und Feiertage eine allegorische Figur der Wahrheit, aus
Honigkuchenteig gebacken, zu verzehren, nämlich, eine unbekleidete Person, die
Augen zwei Rosinen, die Nase eine Bamberger Pflaume, auf der Brust eine Sonne
von Mandelkernen. Hatte ich nun diese Allegorie mit Wollust verspeiset, so wurde
mir dabei unaufhörlich wiederholt: Süss, wie der Honigkuchen, ist die Wahrheit.
Wenn ich mir aber den Magen verdorben hatte, und Rhabarber einnehmen musste, so
hiess es im einschärfendsten Tone: Das ist der bittre Trank der Lüge.
    Die Richtigkeit der Metode bewährte sich an mir. Ich bekam wirklich einen
unbesieglichen Abscheu gegen das Lügen und kann wohl sagen, dass aus meinem Munde
nie ein unwahres Wort gegangen ist, mit einer einzigen Ausnahme, die aber sofort
sich bitter an mir rächte. Lange Zeit konnte ich der Wahrheit oder gewisser
Wahrheiten nicht denken, ohne dass mir Honigkuchen, Rosinen und Mandelkerne und
Bamberger Pflaumen einfielen, endlich erhob ich mich freilich zu gereinigteren
Vorstellungen.
    Was aber die einzige Lüge meines Lebens, und ihre Folgen betrifft, so ging
es damit folgendermassen zu. Ich sitze eines Tages in meinem Zimmer am
Schreibepult, und habe eine sehr notwendige Arbeit vor. Der Bediente meldet mir
einen Besuch. Geh hinaus, sage ich, ich wäre nicht zu Hause. Der Herr wäre nicht
zu Hause, sagt er draussen. Sowie der Mensch seine Botschaft ausgerichtet hat,
und ich höre, dass mein Besuch abzieht, spüre ich eine Unruhe, die mich am Pult
nicht weilen lässt; ich muss aufspringen, es wird mir heiss, es wird mir kalt,
jetzt wird mir so, dann wird mir so; der Rhabarber fällt mir ein aus meinen
Jugendjahren und dessen allegorische Deutung, die Phantasie tritt in ihre
ungeheuren Rechte, die geheimen Bezüge zwischen Seele und Leib fangen an zu
ziehen, immer wesenhafter, kreatürlicher wächst die Idee des Rhabarbers in mir,
bald bin ich vom Kopf bis zur Fusszehe jeder Zoll Rhabarber, die Natur folgt der
Vorstellung, das Übel bricht aus - - Sie erraten das übrige! -
    Die Folgen meiner Lüge, durch Rhabarber-Allegorie-Erinnerung bedingt, treten
mit einer Stärke auf, vor welcher die Wissenschaft scheu zurückweicht.
Vierundzwanzig Ärzte gab es in der Stadt; alle kommen nach und nach zu der
leidenden Kreatur. Vierundzwanzig Ansichten werden laut, Vierundzwanzig
verschiedene und entgegengesetzte Mittel werden verordnet. Der erste hält die
Krankheit für eine Schwäche, der zweite für Hyperstenie, der dritte für eine
neue Form der Schwindsucht. Der vierte verschreibt Sinapismen, der fünfte
Kataplasmen, der sechste Blähungen; der siebente Adstringentia, der achte
Mitigantia, der neunte Corroborantia; Ipekakuanha! ruft der zehnte, nein,
Hyoscyamus! schreit der eilfte; keines von beiden, sondern Meerzwiebel, sagt
ruhig der zwölfte; dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechszehn, siebenzehn
operieren, skarifizieren, amputieren, evakuieren, trepanieren; Nummer achtzehn
hat in der Diagnose recht, Nummer neunzehn findet die Prognose schlecht; der
zwanzigste gibt Borax, der einundzwanzigste Storax, der zweiundzwanzigste findet
des Übels Sitz im Torax; der dreiundzwanzigste mir Frankenwein bot, der
vierundzwanzigste macht mich Kranken scheintot.
    Aus diesem Zustande erweckt mich ein Homöopat mit 1/6000000 Gran Arsenik.
Herr Medizinalrat, flüstre ich ihm, entkräftet von vierundzwanzigfacher
allopatischer Behandlung zu, Herr Medizinalrat, ich hab's vom Lügen! - Vom
Lügen? versetzt er. Nichts Leichteres dann als die Heilung. Similia similibus.
Sie müssen verleumden d.h. lügen mit feindseliger Absicht, dann gibt sich die
Krankheit sofort.
    Ein Blitz fährt durch meine Seele. Nach Schwaben! rufe ich; nach Stuttgart!
Doktor Nachtwächter ist ein Menschenfreund, er wird mir die Liebe erzeigen, und
mich zu meiner Herstellung einige Zeit lang am Literaturblatte mitarbeiten
lassen. - Ich werde in Betten eingepackt, in den Wagen gesetzt, erreiche
Stuttgart halbsterbend. Der Herausgeber des Literaturblattes kommt eben aus der
Ständekammer, worin er von dem Drucke, unter dem die Kirche schmachte, redete,
bei der Beratung der Kammer über das Moststeuergesetz. Edler Mann, sage ich,
Sie, aus dessen Antlitz Güte und Redlichkeit leuchten, Nachtwächter Sie
Germaniens, der immer abtutet, wie hoch es an der Zeit sei, wenn die Stunde
vorüber ist, so und so geht mir's. Ich erzähle ihm den Kasus und trage ihm mein
Anliegen vor. Gern gewährt, versetzt Nachtwächter, was schiert mich die
Literatur? Er erteilt mir seine Instruktionen für einen Artikel des Blattes, ich
fange danach an zu schreiben. Bei der ersten Seite verspüre ich schon Linderung,
bei der zweiten Minderung, bei der dritten sammle ich Kräfte, bei der vierten
bessern sich meine Säfte, mit der fünften kommt den abgemagerten Gliedern die
vorige Rundheit, und die sechste schenkt mir die vollkommene Gesundheit, so dass
ich nicht nötig hatte, von Autoren und Büchern, denen etwas versetzt werden
sollte, weiter zu schreiben, und Nachtwächtern die Vollendung des Artikels
überliess.
    So half mir das Stuttgarter Literaturblatt homöopatisch von den
durchschlagenden Wirkungen der Lüge. Nachtwächter muss in seiner Jugend keinen
Rhabarber eingenommen haben, oder keine Imagination besitzen, sonst wäre er an
seinem Blatte längst verschieden. Ich aber werde mich wohl hüten, zum zweiten
Male gegen das Gesetz der Wahrhaftigkeit zu sündigen, denn Nachtwächter hilft
mir nicht wieder, das weiss ich. Er schreit über Undank; ich hätte an seinem
Herde gesessen, er hätte mich aufgenommen, gastfrei, wie der Capitain Rolando
den Gil Blas in seiner Spelunke aufnahm, und doch wäre ich so pflichtvergessen
gewesen, nicht weiter für ihn lügen zu wollen, als ich mich auskuriert hätte.
    Auf diese und ähnliche Anklagen führt nun freilich ein alter Vers die
Verteidigung, welche also lautet:
Die Wahrheit nur verknüpft, die Lüge hält nicht Stich;
Betrügest du die Welt, betrügt der Lügner dich.«
 
           Eine Korrespondenz des Herausgebers mit seinem Buchbinder
                      I. Der Herausgeber an den Buchbinder
Aber, lieber Herr Buchbinder, was für Streiche machen Sie in jüngster Zeit!
Neulich schicke ich Ihnen: »Zur Philosophie der Geschichte. Von Karl Gutzkow«.
Sie aber setzen hinten auf den Titel: »Zur Philosophie der Geschichte von Karl
Gutzkow«, so, als ob dieses Buch eine innere Geschichte des Autors entalte,
ungeachtet er doch darin von den toten Kräften und den natürlichen
Voraussetzungen in der Geschichte, vom abstrakten und konkreten Menschen, von
Mann und Weib, von der Leidenschaft, vom Staat, von Krieg und Frieden, von den
Obergangszeiten, von Revolutionen, und endlich vom Gott in der Geschichte
handelt; mitin das ganze Gebiet des historischen Nachdenkens in seinem Werke
durchwandert. Heute aber bekomme ich von Ihnen das erste Buch meiner
Münchhausenschen Denkwürdigkeiten zurück, und da sehe ich, dass Sie die zehn
ersten Kapitel gänzlich verheftet, sie hinter die Kapitel eilf bis fünfzehn
gebracht haben. Ich ersuche Sie unter Rückgabe des Buches eine Umheftung
vorzunehmen.
    Der ich übrigens mit Achtung usw.
                     II. Der Buchbinder an den Herausgeber
Ew. Wohlgeboren haben mir schmerzliche Vorwürfe gemacht, die ich so nicht auf
mir sitzen lassen kann. Ich bin lange genug im Geschäft, und weiss, was es damit
auf sich hat. Heutzutage muss, wenn der Autor sich verpudelt hat, ein
ordentlicher Buchbinder ein bisschen auf das Verständnis wirken, durch Winke auf
den Rückentiteln, oder, wo sie sonst sich anbringen lassen.
    Die Schriftsteller sind etwas konfuse geworden. Die jungen Leute lesen und
lernen zu wenig, aber unsereins, dem sozusagen, die ganze Literatur unter das
Beschneidemesser kommt, und der alle die Nachrichten »für den Buchbinder«
durchstudieren muss, deshalb aber genötigt ist, noch rechts und links von den
Nachrichten sich umzuschauen, o der gewinnt ganz andre Übersichten. Da muss man
denn helfen, so gut man kann, und oft lässt sich der rechte Gesichtspunkt für ein
Buch feststellen, bloss dadurch, dass man einen Punkt oder ein Komma weglässt, oder
zusetzt, wie denn gerade die Sachen sich verhalten.
    Bei dem Buche von Karl Gutzkow tat es die Weglassung des Punktes hinter
»Geschichte«. Ew. Wohlgeboren! Ich habe Spittler eingebunden und Schlözer, und
Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« sind mir
wenigstens hundertmal unterm Falzbein gewesen, und jetzt binde ich Ranke viel
ein - ich sage Ihnen, die Männer schrieben so schöne dicke Bücher, und so viele
Noten und Zitate stehen in den Büchern, dass man sieht, wie die Verfasser sich's
haben sauer werden lassen mit der Philosophie und der Geschichte - ich sage
Ihnen, es ist rein unmöglich, dass man auf 305 Seiten, wie Karl Gutzkow getan,
den Gott, und die Revolutionen und den Teufel und seine Grossmutter in der
Geschichte abhandeln kann. Aber das ist auch gar nicht seine Absicht gewesen,
wie sich aus dem Vorworte ergibt, welches ich lesen musste, weil ich einen Karton
einzulegen hatte. Denn darin sagt der Autor, er habe keine andere Quellen zur
»Philosophie der Geschichte« benutzen können, als höchstens einige an die Wand
gekritzelte Verwünschungen der Langenweile, oder einige in die Fensterscheiben
geschnittne Wahlsprüche zahlloser unbekannter Namensinschriften. Wenn er nun das
Buch, was er vermutlich auch nur schrieb, um sich die Langeweile zu vertreiben,
dennoch herausgab, so konnte das nur in der einzigen Absicht geschehen, Memoiren
über seine schlechten und mangelhaftigen Studien zu liefern, und der Titel, wie
ich ihn mit goldenen Lettern setzte, ist ganz richtig, nämlich: »Zur Philosophie
der Geschichte von Karl Gutzkow«.
    Warum ich aber die letzten Kapitel Ihres Buches zu den ersten machte, das
sollen Sie auch gleich vernehmen. Sie hatten die Münchhausenschen Geschichten
wieder so schlicht angefangen, wie Ihre Manier ist: »In der deutschen
Landschaft, worin ehemals das mächtige Fürstentum Hechelkram lag, erhebt sich
eine Hochebene« usw., hatten dann von dem Schloss und seinen Bewohnern
berichtet, und waren endlich nach und nach auf den Helden dieser Erzählungen
gekommen.
    Ew. Wohlgeboren, dieser Stylus mochte zu Cervantes' Zeiten gut und
erspriesslich sein, wo die Leser so sacht und gelind in eine Erzählung
hineinkommen wollten, wie in eine Zaubergrotte, von der die Märlein singen, dass
eine schöne Elfe davor sitzt, und den Ritter mit wunderleisen Klängen in die
karfunkelleuchtenden Klüfte lockt. Sie stösst auch nicht in die Trompete, oder
bläst die Bassposaune, oder macht Pizzicato, sondern sie hat eine kleine goldne
Laute im Arm; aus deren Saiten quellen unschuldige, naive Töne, wie harmlose
Kinder, die um den Ritter Blumenfesseln schlingen, und eh' er sich's versieht,
ist er umsponnen und durch den Grotteneingang gezogen, und steht mitten in dem
Reiche der Wunder, bevor er nur gemerkt hat, dass er aus der Welt da draussen
hinweggegangen ist.
    Aber heutzutage passt die Magie eines solchen süssfesselnden Stils gar nicht
mehr.
    Ew. Wohlgeboren, heutzutage müssen Sie noch mehr tun, als die Bassposaune
blasen. Sie müssen den Tam-Tam schlagen, und die Ratschen in Bewegung setzen,
womit man in den Schlachtmusiken das Kleingewehrfeuer macht, oder falsche
Quinten greifen, oder vor die Dissonanz die Konsonanz schieben, wenn Sie die
Leute »packen« wollen, wie es genannt wird.
    Ew. Wohlgeboren, die ordentliche Schreibart ist aus der Mode. Ein jeder
Autor, der etwas vor sich bringen will, muss sich auf die unordentliche verlegen,
dann entsteht die Spannung, die den Leser nicht zu Atem kommen lässt, und ihn par
force bis zur letzten Seite jagt. Also nur alles wild durcheinander gestopft und
geschoben, wie die Schollen beim Eisgange, Himmel und Erde weggeleugnet,
Charaktere im Ofen gebacken, die nicht zu den Begebenheiten stimmen, und
Begebenheiten ausgeheckt, die ohne Charaktere umherlaufen, wie Hunde, die den
Herren verloren haben! Mit einem Worte: Konfusion! Konfusion! - Ew. Wohlgeboren,
glauben Sie mir, ohne Konfusion richten Sie heutzutage nichts mehr aus.
    Ich habe, soweit ich vermochte, in diesem Stücke bei den Münchhausianis für
Sie gesorgt, und ein bisschen Konfusion gestiftet, soviel es sich tun liess, damit
die benötigte Spannung entstehe. Sehen Sie, so wie jetzt das Heft gebunden ist,
kann kein Mensch bisher erraten, woran er ist, wer der alte Baron ist, und das
Fräulein und der Schulmeister, und wo sich die Sache zuträgt? Hat sich aber ein
tüchtiger Leser erst durch einige Kapitel hindurchgewürgt, dann würgt er sich
auch weiter, denn es geht den Leseleuten so, wie manchem Zuschauer in der
Komödie. Er ärgert sich über das schlechte Stück, er gähnt, er möchte vor
Ungeduld aus der Haut fahren, aber dennoch bleibt er sitzen, weil er einmal sein
Entréegeld gegeben hat, und dafür auch seine drei Stunden absitzen will.
    Also, Ew. Wohlgeboren, ich dächte. Sie ständen von dem Verlangen nach
Umheftung ab. Der ich übrigens usw.
                     III. Der Herausgeber an den Buchbinder
Lieber Herr Buchbinder, Sie haben mich überzeugt. Ach, ich lasse mir jetzt von
jedermann raten in meinem Metier, selbst von Ihrem Jungen, wenn er mir etwa
Vorschläge über das neue Buch machen kann. Es hat mir schon so mancher Junge
Zurechtweisungen erteilt, und ich habe sie nicht befolgt und schwer darob büssen
müssen.
    Es soll also bei der Verheftung bleiben, und wenn Sie oder Ihr Junge in der
Folge merken, dass ich wieder gegen die Spannung, oder die unordentliche
Schreibart gesündigt habe, dann heften Sie nur nach Gutdünken die Kapitel
durcheinander, und verbessern auf solche Weise das Buch. Ich glaube sogar, dass
ich nicht der erste in solchem Verfahren bin; Herr Steffens hat gewiss bei seinen
Novellen von Walset und Leit und den vier Norwegern und Malcolm dem Buchbinder
eine gleiche Vergünstigung eingeräumt.
    Vor ein sieben, acht Jahren hätte mir noch keiner so etwas bieten dürfen,
aber ich bin - -
    - - müde geworden, hatte ich geschrieben, lieber Herr Buchbinder, und recht
im Vertrauen auseinandergesetzt, warum man in der Welt jetzt so müde werden
kann.
    Zwei Damen aber, denen ich den Brief vorlas, sagten, das dürfe durchaus
nicht stehen bleiben; der müde und weinerliche Ton zieme sich platterdings nicht
für mich.
    Sie haben recht. Mag die Welt uns alles versagen, die Geschichte und die
Natur kann sie uns nicht versperren. Ich will die Buben heulen und greinen
lassen über das Elend, welches sie doch eben hauptsächlich machen helfen.
    Nein, Herr Buchbinder, unsere Augen sollen wacker bleiben, und die Wunden
sollen uns schön stehen.
    Aber was halten Sie von dem »Münchhausen«, und was meinen Sie, das aus ihm
werden wird?
                     IV. Der Buchbinder an den Herausgeber
Ew. Wohlgeboren, aus dem »Münchhausen« wird nichts; da Sie denn doch meine
Meinung wissen wollen. Dieses tut indessen nichts. Ein Buch, aus dem nichts
wird, mehr oder weniger in der Welt, verschlägt nichts. Und dann können wir den
einzelnen Abschnitten doch noch in etwa nachhelfen. Für diesen ersten habe ich
schon so ein Hausmittelchen in Gedanken. Der ich übrigens usw.
                      V. Der Herausgeber an den Buchbinder
Welches Hausmittelchen, lieber Herr Buchbinder? Ich bin äusserst gespannt auf
Ihre ferneren Mitteilungen. Mit Achtung usw.
                     VI. Der Buchbinder an den Herausgeber
Ew. Wohlgeboren, Briefwechsel sind jetzt beliebt, wenn sie auch nur Nachrichten
von Schnupfen- und Hustenanfällen der Korrespondenten entalten. Lassen Sie
unsern Briefwechsel im ersten Buche mit abdrucken; der hilft ihm auf.
                     VII. Der Herausgeber an den Buchbinder
Auch unsre letzten Zettel?
                    VIII. Der Buchbinder an den Herausgeber
Jawohl.
                     IX. Der Herausgeber an den Buchbinder
Wohl!
                      X. Der Buchbinder an den Herausgeber
(Kuvert um die Briefe des Herausgebers)
 
                                 Erstes Kapitel
         Von dem Schloss Schnick-Schnack-Schnurr und seinen Bewohnern
In der deutschen Landschaft, in welcher ehemals das mächtige Fürstentum
Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebne, von braunem Heidekraute überwachsen.
Hin und wieder sticht aus dieser dunkeln Fläche ein spitziges Gestein hervor,
mit weissstämmigen Birken oder dunkeln Tannen umsäumt. Nach Mitternacht rücken
die Steinlager so nahe aneinander, dass sie für eine kleine Gebirgskette gelten
können. Verschiedne Fusspfade laufen durch die Ebne, vereinigen sich aber in der
Nähe der beiden höchsten Felsen zu einem breiteren Wege, der zwischen diesen
Felsen sacht bergan führt. Nach einigen Windungen fällt derselbe in eine Strasse,
welche ehemals bepflastert gewesen sein mag, nun aber durch ausgerissene Steine
und grundlose Geleise mehr das Ansehen eines gefährlichen Klippenweges erhalten
hat. Nichtsdestoweniger ist diesem holprichten und halsbrechenden Wege bis auf
die neuesten Zeiten der Name der Schlossstrasse verblieben. Denn man sieht oder
sah, kurz nachdem man sie betreten, das Schloss, welches die Überschrift dieses
Kapitels nennt, auf einem ziemlich kahlen Hügel liegen.
    Je näher man demselben kommt, oder kam, denn am heutigen Tage ist davon nur
noch ein Trümmerhaufen übrig, desto deutlicher springt, oder sprang die
ungemeine Baufälligkeit des Schlosses in das Auge. Was zuvörderst die Pforte
betrifft, oder betraf, so standen zwar deren beide steinerne Pfeiler noch, und
auf dem rechten hatte sich sogar der statuarische Löwe als Wappenhalter zu
behaupten gewusst, während sein Partner von dem linken Pfeiler hinab in das hohe
Gras gesunken war, allein das eiserne Pfortengegitter selbst war längst
weggebrochen und zu andern Zwecken verwendet worden. Die Gefahr, welche hieraus
für das Gebäude von räuberischen Überfällen zu besorgen stand, war aber nur bei
trocknem Wetter vorhanden. Wenn es regnete (und es pflegt oft in jener Gegend zu
regnen), so verwandelte sich bald der Burghof in einen undurchwatbaren Sumpf,
auf welchem, wenn die Geschichte nicht Lügen berichtet, zuweilen selbst
Schnepfen sich hatten betreten lassen.
    Völlig entsprechend diesem Zugange war das Äussere und Innere des
Schlossgebäudes selbst. Die Wände hatten ihre Tünche, ja zum Teil ihren Bewurf
verloren. Nach einer Seite hin war die Giebelwand bedeutend ausgewichen und
durch einen Balken gestützt worden, der aber am unteren Ende auch schon zu
morschen begann, und daher nur eine geringe Zuversicht gewährte. Liess man sich
nun durch diesen Anblick nicht abschrecken, in das Gebäude eintreten zu wollen,
so bot die Türe immer noch ein grosses Hindernis dar. Denn die Feder war in dem
alten verrosteten Schloss längst untätig geworden, und die Klinke gab nur
wiederholtem und gewaltsamem Drücken nach, bei welchem sie aber nicht selten aus
ihrer Mutter fuhr und dem Klinkenden in der Hand sitzen blieb. Die Bewohner
pflegten sich daher auch mehr eines nach und nach sehr erweiterten Loches in der
Wand zum Ein- und Ausgange zu bedienen, und dieses nur für die Nachtzeit durch
vorgesetzt Tonnen und Kasten zu versperren.
    Wenn man die Fenster die Augen eines Hauses nennen darf, so konnte man
dieses sogenannte Schloss mit gutem Rechte zum Teil erblindet heissen. Denn nur
vor wenigen und den notwendigsten Zimmern waren jene Augen noch ersichtlich,
viele andere Gelasse waren für immer durch die zugemachten Läden in Dunkelheit
versetzt worden, weil sich die Scheiben nach und nach aus den Rahmen verloren
hatten.
    Zwischen so morsch gewordnen vier Pfählen und in kahlen, vernutzten Zimmern
Lauste noch vor wenigen Jahren ein bejahrter Edelmann, den sie in der ganzen
Gegend nur den alten Baron nannten, mit seiner gleichfalls verblühten nachgerade
vierzigjährigen Tochter Emerentia. Er gehörte zu dem weitläuftigen Geschlechte
derer von Schnuck, welches weit umher in diesen Landschaften seine Besitzungen
hatte, und sich in folgende Linien, Zweige, Äste und Nebenäste spaltete, nämlich
in die
I. Ältere, oder graumelierte Linie - Linie Schnuck- Muckelig; gestiftet von
    Paridam, Herrn auf und zu Schnuck-Muckelig.
    1. Älterer oder aschgraumelierter Zweig - Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel.
    2. Jüngerer oder silbergraumelierter Zweig - Zweig Schnuck-Muckelig-Pimpel.
II. Jüngere oder violette Linie - Linie Schnuck- Puckelig, gestiftet von Geiser,
    Burgmannen auf und zu Schnuck-Puckelig.
    1. Älterer oder violetter Zweig mit Schüttgelb. Zweig
        Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf.
        a. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf-Mottenfrass.
        b. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf, genannt aus der Rumpelkammer.
            (NB. Stand nur auf vier Augen.)
    2. Jüngerer oder violetter Zweig, genannt im Grützfelde. Zweig
        Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher.
        a. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher von Donnerton.
        b. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage. Davon der
            Nebenast: Schnuck- Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum
            Warzentrost.
Von diesem Nebenaste war unser alter Baron entsprossen.
    Die vielfältige Teilung des Geschlechts derer von Schnuck hatte eine
bedeutende Teilung des Stammerbes zur Folge gehabt, und namentlich in der
jüngeren Linie, welche von jeher durch grosse Fruchtbarkeit ausgezeichnet war,
die Güter in eines jeden Erbherrn Händen merklich gemindert. Man war daher zu
der Erfindung überzugehen genötigt gewesen, dass denen von Schnuck alle
Kirchenpfründen und alle Kriegsämter im Fürstentume von Rechts wegen gehören;
eine Erfindung, die um so eher bei den Fürsten von Hechelkram Glauben fand, als
die Schnucks, wie gesagt, über das ganze Land verbreitet waren, und Vetter Boto
sagte, es sei so, Vetter Günter behauptete, es sei so am besten, Vetter Achaz
einfliessen liess, die Schnucks und ihr Anhang bildeten die eherne Mauer um den
Tron, Vetter Bartolomäus folgerte, weil es notwendig sei, dass die Schnucks
existierten, so müssten sie auch die Mittel zu ihrer Existenz, d.h. Pfründen und
Ämter, haben, sechsunddreissig andre Schnucks aber noch sechsunddreissig andre
Gründe für die Richtigkeit der Erfindung zum Vorschein brachten. Die Fürsten,
welche nur von Schnucks umgeben waren, und von diesen nichts anderes hörten, als
vorgedachte Reden, mussten wohl endlich an die Richtigkeit der Erfindung glauben.
Bedeutend wirkte auch auf die Stärkung dieses Glaubens der Umstand ein, dass nach
der Verfassung von Hechelkram der jedesmalige Fürst seine jedesmalige Geliebte
aus dem Geschlechte derer von Schnuck zu beziehen hatte. Diese Damen waren aber,
wie sich von selbst versteht, im agnatischen Interesse tätig.
    Die Erfindung war daher bald fest begründet, und gelangte als Anhang in den
Landeskatechismus. Nun konnten die von Schnuck unbesorgt hinleben und ihren
Samen mehren, wie Sand am Meere. Wenn sie das Ihrige verzehrt hatten, so zehrten
sie als Generale auf Regimentsunkosten weiter, und die Söhne, ausser einem,
liessen sie Prälaten oder Geheime Räte im höchsten Kollegio werden. Denn ich habe
die Erfindung nicht ganz vollständig vorgetragen: Nach derselben war jeder
Schnuck, wenn er den Zivildienst wählte, geborner Geheimer Rat im höchsten
Kollegio. - -
    »Sie stocken ... Sie seufzen ... Herr Herausgeber?«
    »Ach, meine Gnädige, ist es nicht ein Unglück für einen armen Erzähler, dass
er immerfort die alten Geschichten wieder aufwärmen muss? Die Sachen, die ich da
berichte, schienen schon vor fünfzig Jahren durch die Romanenschreiber jener
Zeiten so verbraucht zu sein! Und ich muss den längstgekochten Kohl doch wieder
zum Feuer rücken!«
    »Sie erzählen ja von der Vergangenheit, Herr Herausgeber, und dahinein
gehören allerdings solche alte Geschichten.«
    »Ich danke Ihnen tausendmal für diese Erinnerung, meine Gnädige. Jawohl, ich
erzähle von der Vergangenheit, von Dingen, die ab und tot sind, wie die weiland
in der Schmiede gewesene Adelskette. Meine Phantasie riss mich nur hin, dass ich
mir die Erfindung derer von Schnuck als der Gegenwart oder nächsten Zukunft
angehörig vorstellen musste. Nein, sie wird nicht wieder aufkommen, diese
Erfindung; gegen sie spricht wirklich eine ungeheure Majorität, die Majorität
aller rechtlichen Leute, die es sich haben sauer werden lassen in der Welt. Also
nur ohne Stocken und Seufzen weiter in diesen Sagen der Vorzeit!«
    Unser alter Baron hatte in seinen jungen Tagen von dem Herrn Vater nur das
Schloss Schnick-Schnack-Schnurr ererbt, welches früherhin ein Pachtof gewesen,
und erst späterhin zu seinem Ehrentitel gediehen war. Es warf jährlich etwa
zweitausend Gulden ab, oder höchstens zweitausendfünfhundert. Der selige Vater
hatte das Wohnhaus wohl in Fach und unter Dach erhalten, die Wappenlöwen standen
recht majestätisch auf den beiden Pfeilern, zwischen denen sich eine eiserne
Pforte befand, wie sie nur sein musste, der Hof war damals auch noch gepflastert,
und in den Zimmern hingen schöne bunte Familienbilder, standen rötlich lackierte
Stühle und Kommoden mit goldnen Leisten. Hinter dem Schloss aber hatte der
Vater einen Garten in streng-französischem Geschmack anlegen und Schäfer und
Liebesgötter von Sandstein hineinsetzen lassen.
    Zweitausend oder zweitausendfünfhundert Gulden jährlich sind zwar nur ein
schmales Einkommen für einen Edelmann, allein unser alter Baron hätte sich damit
in seiner ländlichen Abgeschiedenheit doch wohl aufrechtzuerhalten vermocht,
wenn er nur nicht mit dem Gedanken aufgewachsen wäre, er sei geborner Geheimer
Rat im höchsten Kollegio. Aber seit seinem vierzehnten Jahre legte er sich mit
dieser Vorstellung nieder, und stand mit derselben morgens wieder auf; sie gab
ihm eine Sicherheit des Bewusstseins, welche nichts zu erschüttern vermochte.
Gelernt hatte er, die Wahrheit zu sagen, wenig oder nichts, sein Herr Vater war
dagegen, und der Meinung gewesen, viel wissen sei für einen Kavalier
unanständig.
    Er hatte eine freie, sorglose und gutmütige Sinnesart; es vergnügte ihn,
andern mitzuteilen, und sein eignes Vergnügen liebte er nicht minder. Er gab
gern Gastereien, ging gern mit einem Dutzend guter Freunde auf die Rehjagd, und
hielt nach dieser Anstrengung ein, womöglich hohes Spielchen mit seinen
Weidgenossen für die beste Erholung. Auch wenn er allein war, speiste er nicht
gern unter sechs Schüsseln, wozu, wie sich von selbst versteht, alter Rheinwein
vom besten gehörte. In Kleidern hielt er sich sauber, Diener unterhielt er nicht
übermässig viele, etwa fünf oder sechs für sich und seine Gemahlin, die aus der
älteren, oder graumelierten Linie, aus der Linie Schnuck-Muckelig-Pumpel
entsprossen war; nebst einer Kammerjungfer und einer Garderobiere für diese
seine Gemahlin. Letztere hatte nun wieder ihr hauptsächliches Vergnügen an
Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen, und ihr Gemahl versagte ihr in Beziehung
auf solche Gegenstände keinen ihrer Wünsche; denn, sagte er, wenn das Zeug auch
viel kostet, so gehört es einmal zu unserm Stande, und was standesmässig ist,
kostet nie zu viel.
    Ermüdete unsern alten Baron die häusliche Einförmigkeit, so machte er mit
Gemahlin, Kammerjungfer, Garderobiere, mit den fünf oder sechs Dienern und
diesem oder jenem Hausfreunde, welcher auch der Erholung bedürftig war, und ihn
um Mitnahme ansprach, interessante Reisen in die benachbarten fremden Länder,
von denen er dann neugestärkt zu seinen Gastereien, Jagden und Spielen
zurückkehrte. Diese stillen Familienfreuden mundeten ihm nach solchen Ausflügen
immer doppelt wohl.
    Der Himmel hatte seine Ehe mit einer einzigen Tochter gesegnet, welche in
der heiligen Taufe den Namen: Emerentia erhielt. Dieses Kind war von jeher
ausnehmend schwärmerischer Art, es verdrehte schon als Säugling die Augen auf
eine wunderbare Weise. Als die kleine Emerentia grösser wurde, hörte sie ihre
Mutter fast von nichts andrem erzählen, als von den Damen der Linien
Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig, welche die Geliebten der Fürsten von
Hechelkram gewesen waren. Die Mutter zeigte auch dem Kinde diese Damen unter den
Familienbildnissen; lauter schöne Frauenzimmer mit hohen Frisuren, gelben,
grünen oder roten Adriennen, grossen Blumensträussen und entblössten Schultern! Da
sie nun immerfort von den Geliebten hörte, und die Frauenzimmerbildnisse ihr gar
zu wohl gefielen, so setzte sie sich in den Kopf, dass sie ebenfalls zu einem
solchen Berufe ausersehen sei, ein Gedanke, der noch mehr befestigt wurde, als
der Fürst Xaverius Nicodemus der Zweiundzwanzigste von Hechelkram das Schloss
besuchte. Er nahm die damals dreizehnjährige Emerentia auf den Schoss, liebkoste
ihr zärtlich, und fragte sie: »Willst du mein Bräutchen werden?« Sie bedachte
sich nicht lange, sondern versetzte rasch: »Ja, wie alle die Damen, die da
hangen.« Der Fürst hob die Kleine vom Schosse und sagte lächelnd zu ihrer Mutter:
»Ah, la petite ingénue!«
    Die Zeit verwischte zwar den Fürsten Xaverius Nicodemus den
Zweiundzwanzigsten, da sie ihn nicht wiedersah, allgemach aus ihrem Herzen,
dagegen setzte sich in ihr die Standesvorstellung, die Vorstellung an sich, dass
sie bestimmt sei, mit einem Hechelkramischen Fürsten in zärtliche Verhältnisse
zu treten, immer fester in ihr, wobei sie sich durchaus nichts Arges dachte,
woran sie aber mit solcher Innigkeit hing, wie ihr Vater an seinen
Geheimenratsgedanken. Weil nun das Herz nicht in das Leere seinen Drang
versenden mag, sondern gern an liebevoll-gediegner Wirklichkeit ausruht, so
hatte ihre schwärmende Phantasie nach einigem Umherschweifen im leeren Raume
auch bald den sichtbaren Gegenstand gefunden, der ihr den künftigen Liebhaber
unter den Fürsten von Hechelkram vorbilden musste. In der Tat war dieser
Gegenstand ganz geeignet, die Einbildungskraft eines fühlenden Mädchens knacken,
der Mund wollte zwar seines Berufes wegen für die Gesetze reiner Verhältnisse
etwas zu gross erscheinen, aber ein schwarzer Schnurrbart von wunderbarer Fülle,
welcher über den Lippen hing, machte diesen Übelstand wieder gut. Die grossen,
grellen, himmelblauen Augen blickten sanft und grade vor sich hin, und liessen
auf eine Seele vermuten, in welcher die Milde bei der Stärke wohnte.
    Bekleidet war dieser idealisch-schöne Nussknacker mit einer rotlackierten
Uniform und weissem Unterzeuge; auf dem Haupte aber trug er einen imponierenden
Federhut. Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen. Sobald sie
seiner ansichtig wurde, erzitterte sie, erseufzte sie, errötete sie. Niemand
verstand ihre Regung. Sie aber trug den Nussknacker auf ihr einsames Zimmer,
stellte ihn auf den Kamin, blickte ihn lange glühend und weinend an, und rief
endlich: »Ja, so muss der Mann aussehen, dem sich dieses volle Herz zu eigen
ergeben soll!« Von der Zeit an war der Nussknacker ihr vorläufiger Geliebter. Sie
hielt mit ihm die zärtlichsten Zwiegespräche, sie küsste seinen schwarzen
Schnurrbart, sie hatte dem ganzen Verhältnisse eine so tiefe Beseelung gegeben,
dass sie jederzeit des Abends, wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte,
schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhüllte.
Nussknacker liess sich das alles gefallen, stand zuversichtlich auf seinen Füssen,
und blickte mit den grossen, blaugemalten Augen mildkräftig vor sich hin.
    Emerentien hatte diese schöne Liebe rasch gereift. Von der Natur war sie,
wenn auch nicht mit Reizen, doch mit blühenden Gesichtsfarben und runden Armen
ausgestattet worden; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten
Landjunkern nicht fehlen. Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und
sagte, sie folge ihrem Ideal und gehöre der Zukunft an. Unter dem Ideal verstand
sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Fürsten.
    Ihre Eltern liessen ihr ganz freie Hand. Sie sagten, in den Linien
Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefühle seit Jahrhunderten der
heraldisch-richtigen Bahn gefolgt. Es lasse sich also nichts daran ändern und
modeln, was ihre Tochter empfinde.
    Um die Zeit der vielfältigsten und heissesten Bewerbungen machte ihr Vater
mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Stärkung auf die
Beschwerden der Jagd und des Spiels. Der Ausflug war diesmal in die Bäder von
Nizza gerichtet. Die Familie reiste unter fremdem Namen, denn sechs feurige
Landjunker hatten geschworen, dem Fräulein nachzueilen bis an das Ende der Welt,
und sie wollte allein sein, allein mit ihrem Nussknacker, dem heiligen Meer und
den ewigen Alpen gegenüber.
    Die Familie hiess in Nizza die von Schnurrenburg-Mixpickelsche. Eines Tages
gehen Schnurrenburg-Mixpickels am Strande spazieren; das Fräulein geht etwas
voran, den Freund im Ridicüle. Plötzlich sehen die Eltern sie wanken; der Vater
springt zu, und empfängt die Tochter in seinen Armen. Bleich ist ihr Antlitz,
aber von Entzücken strahlen ihre Augen, sie liegt wie eine Selige am Busen des
Vaters. Ihre Blicke dringen schüchtern in die Ferne, und kehren dann wie mit
goldnen Schätzen der Wonne beladen, in sich zurück. Auch die Eltern erstaunen,
als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen. Denn von der andern Seite
des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen, Nussknacker zu entzünden. Von
schöner, gedrungner, proportionierlicher Gestalt, sprach sich in allen seinen
Gliedern männliche Kraft aus, aus seinem glänzenden, hellroten Gesichte mit
breiten, festen Kinnbacken leuchtete der Entschluss, auch die härteste, vom
Geschick ihm vorgelegte Nuss zu im grossen, weisse Unterkleider, rote Uniform,
Federhut, grellblaue, und doch milde Augen, hellrot-glänzendes Gesicht, wie
lackiert, breiter Mund, verborgen von der wunderbaren Fülle des schwarzen
Schnurrbarts, eine schöne gedrungne Gestalt, Kraft in allen Gliedern, kurz
Nussknacker in jeder Miene, Form, Falte.
    Besorgt tritt er hinzu und fragt, was der Dame fehle? Der Vater fragt ihn
seinerseits: mit wem er die Ehre habe ...? »Ich bin«, versetzt der Fremde, indem
er die Nasenflügel zitternd bewegt, und mit den Augen zwinkert, »Signor
Rucciopuccio, von Geburt ein Senese, in Kriegsdiensten Seiner Majestät, des
Kaisers aller Birmanen, bei den Truppen auf europäische Art, Kommandeur der
sechsten Elefantenkompanie.«
    »Ei der tausend, da sind Sie wohl verteufelt weit her?« fragte der alte
Baron. »Es geht noch«, erwiderte der Fremde, indem er sich in den Hüften
zurechtrückte, dass die Gelenke knackten.
    Der Alte fragte ihn über die Birmanen aus, die Mutter musterte die Stickerei
an seinem Kragen, Emerentia flüsterte, in einen Abgrund von Glück verloren,
nichts als: »O Rucciopuccio!.. « So kamen sie in das Hotel der Familie, wo sich
der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte, seine Besuche
wiederholen zu dürfen, und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf
Emerentia geworfen hatte.
    Lasst mich von ihr schweigen! Der Traum ist Wahrheit geworden, das Herz hat
sich seinen Wunsch verkörpert, und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen! Am andern
Tage lässt sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder
anmelden. Wo das Schicksal gesprochen hat, sind die Menschen über Worte
hinweggehoben. Er tritt in die eine Türe, sie tritt in die andre; er zupft am
Schnurrbart, sie zupft am Schnupftuch; heut wird er blass, und sie wird rot, er
breitet die Arme aus, sie breitet die Arme aus, er neigt sich zu ihr, sie neigt
sich zu ihm, und: »Füreinander geschaffen!« ist der erste Laut, den ihre
glühenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden. »Füreinander
geschaffen!« wiederholt Rucciopuccio beteuernd, indem er abermals mit den Augen
zwinkert und die Nasenflügel zitternd bewegt.
    Aber diesem rascherblühten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm,
der alle Rosen jählings zu knicken drohte. In Emerentien erwachte nämlich die
ganze Dialektik feinfühlender weiblicher Herzen, wenn sie nicht wissen, was sie
wollen. Die Arme fühlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefühle
zerspalten. Der Nussknacker war ihr Ideal, ein Fürst von Hechelkram ihre Zukunft,
der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit. Sollte sie
dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit? Sollte
sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine
alte Jungfer werden? Böse Wahl, schreckliche Kämpfe, die alle Götter und Dämonen
ihres Busens aus dem Schlummer weckten! Eine weibliche Feder wird in einem
Anhange zu den gegenwärtigen Erzählungen diesen Teil von Emerentias Geschichte
ausmalen. Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der
geheimen Fasern und Zasern, welche das Gewebe solcher Nöte bilden.
    Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit über Zukunft und Ideal. Das
Schicksal räumte nämlich zuvörderst das Ideal hinweg, indem es die Hand der
Mutter leitete. Diese ergriff, als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt
wusste, den Nussknacker, und liess ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen.
Dahin gehörte er auch, nachdem er seine Mission erfüllt, und die Idee, deren
hölzerner Träger er gewesen war, volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio
gewonnen hatte. Rucciopuccio aber schwor, als er bei seiner Geliebten auf den
Grund des Kummers gedrungen war, ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann:
er sei eigentlich ein Hechelkramischer Fürst, ein vertauschter Knabe, durch
teuflische Kabale nach Siena gebracht, und von dort zu den Birmanen verschlagen.
Bald werde er nach Hechelkram zurückkehren, sein väterliches Reich unter
Vorlegung autentischer Urkunden in Anspruch zu nehmen.
 
                                Zweites Kapitel
Emerentias Liebe glaubte, was Rucciopuccios Liebe beschworen hatte, besonders da
der Eid auf den Affen Hannemann abgelegt worden war, der in Hindostan eines noch
grösseren Ansehens geniesst, als je einem Affen in Europa, wo sie doch auch viel
gelten, zuteil geworden ist. Alles hatte sich nun in den schönsten Einklang
gesetzt; die Bestimmung der Töchter aus dem Gesamtause Schnuck, das
Nussknacker-Ideal und der Fürst von Hechelkram unter der Hülle des kaiserlich
birmanischen Kriegsbeamten aus Siena. Man konnte in diesem Falle sagen, die
Erfüllung habe die Erwartung überflügelt.
    War Emerentia in das tiefste Geheimnis ihres Rucciopuccio eingedrungen, so
konnte sie sich dagegen nicht entschliessen, ihm ihren wahren Namen zu entdecken.
Der Geliebte war arglos und schwatzhaft; das merkte sie nach kurzer
Bekanntschaft. Wie leicht war es möglich, dass er das Geheimnis ausplauderte, dass
es über die Alpen zu den sechs feurigen Landjunkern drang, dass diese ihr Wort
lösten, und nachgesprengt kamen, und dann - ade, du stilles Himmelsglück in
Nizza! Für Rucciopuccio blieb Emerentia daher die Freiin von
Schnurrenburg-Mixpickel, und hiess Marcebille, weil ihr dieser Taufname besonders
süss und romantisch klang.
    Es waren nun für beide Liebende die herrlichen Tage angebrochen, in welchen
die Leute einander beständig beim Kopfe haben, Lippen auf Lippen pressen, in
welchen, wenn die Geliebte nieset, der Liebende Äolsharfen und Engelsgesang zu
vernehmen meint, und wenn der Geliebte ein Gähnen verbirgt, die Liebende einen
neuen himmlischen Ausdruck in seinen teuren Zügen entdeckt, in welchen,
lustwandeln sie miteinander, Sonne, Mond und Sterne beschworen werden, auf ihr
Glück herabzuschauen, wenn sie sonst nichts zu sprechen wissen. Rucciopuccio und
Emerentia machten alle diese Krisen der Liebe gründlich durch; besonders gingen
sie viel miteinander spazieren. Er führte sie an das Meer, er führte sie auf die
Alpen, er führte sie in Gärten, er führte sie in Olivenwäldchen, er führte sie
bei Tage, er führte sie bei Nacht, und zärtlich rief sie oft, noch nie sei sie
so anmutig geführt worden.
    Ein leichtes Wölkchen am Horizonte ihrer Freuden war es, dass der Prätendent
von Hechelkram nie Geld hatte. Er versicherte sie, er habe soundso viel tausend
Lak Rupien vom Birmanenkaiser an rückständigem Solde zu beziehen, die jeden
Posttag eintreffen könnten; indessen bis zum Eingange dieser Zahlung musste sie
ihm freilich mit ihrer Sparbüchse aushelfen. Als diese erschöpft war, sagte er,
es müsse nun durchaus ein Wechsel des Schicksals vor der Tür stehen, und um
diesem gleichsam symbolisch vorzuarbeiten, wolle er kleine Papierstreifen
beschreiben, die in der Welt auch Wechsel genannt würden, weil sie die
wunderlichsten Abwechselungen von Freiheit und Notwendigkeit hervorzubringen
pflegten.
    So flossen abermals einige Wochen in Liebesglück und Wechselverfertigung
hin. Eines Abends gingen sie wieder in einer paradiesischen Gegend spazieren,
angeweht von jenen Lüften dort, welche in die Brust des Kranken wie Balsam
dringen, und der Wange des Gesunden gleich seidnen Händchen schmeicheln. Sie
hatten sich ganz in hohe Ahnungen über Gott und Unsterblichkeit verloren, sie
sprachen, dass es gleich in den »Stunden der Andacht« hätte abgedruckt werden
können, da standen plötzlich acht Juden und sechzehn Häscher, denn jeder Jude
hatte sich zwei Häscher auf den Leib gemietet, vor dem seligen Paare. Die Juden
hielten Rucciopuccio ganze Hände voll symbolischer Papierstreifen unter die
Augen, und die Häscher riefen auf italienisch: »Marsch!« indem sie ihre Spiesse
wie wegweisend ausstreckten.
    »Um alle Heiligen, Geliebter!« rief Emerentia, »was ist dieses?« - »Nichts,
meine Teuergeschätzte, als eine höllische Kabale, Wechselarrest geheissen«,
versetzte Rucciopuccio, der keinen Augenblick seine Fassung verlor. »Der Kaiser
aller Birmanen ist ein Tyrann. Ein Tyrann, sage ich; ein schmählicher Tyrann! Er
kann mich nicht entbehren, er reklamiert mich; ich soll ihm auch die siebente,
achte und neunte Elefantenkompanie, die er inzwischen gebildet hat, organisieren
helfen. Auf gradem Wege setzt er es nicht durch, da spielt er denn mit den
ruppigen Juden unter einer Decke (o wie klein für einen Kaiser!), die müssen
mich hier in Wechselarrest setzen, und von da komme ich auf den Schub von
Gefängnis zu Gefängnis, bis nach Hinterindien; ich sehe es voraus. O
Fürstendienst! Fürstendienst! **********
    Verlasset euch nicht **** auf die Kinder der Menschen, weil bei ihnen kein
Heil zu hoffen ist!«
    Rucciopuccio hob bei diesen Worten die Augen gen Himmel und legte die Hand
auf sein Herz, wie der Graf von Strafford, als man ihm ankündigte, dass Karl
Stuart es sich gefallen lassen wolle, dass er, Strafford, sich für den König
köpfen lassen wolle.
    Emerentia aber näherte sich ihm zitternd, und rief: »Du verlässet mich, da -
-« Sie flüsterte ihm etwas in das Ohr. Über das hellrotglänzende Antlitz
Rucciopuccios legte sich eine Totenblässe, worauf ein Farbenspiel in demselben
sichtbar ward, welches von allen sonst in menschlichen Gesichtern vorkommenden
Färbungen so sehr abwich, dass selbst die Juden und Häscher erstaunt
zurücktraten, und Emerentia ausser sich hätte geraten müssen, wäre sie nicht mit
sich und ihrem Geschick zu sehr beschäftigt gewesen.
    Rucciopuccio erholte sich aber bald wieder, und sagte zu Emerentien mit
ruhiger Freundlichkeit: »Dieses sind natürliche Folgen natürlicher Ursachen, die
kein weiser Mann bestaunt. Verlasse dich auf mich, Marcebille, ich sprenge die
Ketten des Tyrannen, ich komme wieder als Hechelkramischer Fürst, und hole dich
ab von dem Schloss deiner Väter zu Schnurrenburg. Der Geist legt mir ein
Trostlied auf die Lippen, bewahre es im tiefsten Schrein des Herzens als
heiliges Gemütsgeheimnis; daran wollen wir uns einst wiedererkennen:
Einst liebtest du den Nussknacker,
Nach dem Nussknacker liebtest du mich;
Nun holet das Schicksal, der Racker,
Erst den Nussknacker, dann holt es mich!
Der Nussknacker sank auf den Kehrich,
Und mich rauben die wilden Birmanen;
Nussknacker kehrt nicht, aber kehr' ich,
Hol' ich ab dich vom Schloss deiner Ahnen!«
Die Häscher verhinderten die Fortsetzung dieser Ode, indem sie ihn abführten.
Emerentia sank in Ohnmacht. Zwei Juden brachten sie ihren bestürzten Eltern.
 
                                Drittes Kapitel
         Weitere Nachrichten von dem alten Baron und seinen Angehörigen
Als die Eltern nach einer ziemlich trübseligen Reise mit Emerentien wieder auf
dem Schloss Schnick-Schnack-Schnurr angekommen waren, wollten die feurigen
Landjunker ihre unterbrochnen Werbungen erneuern, aber das verstimmte Fräulein
wies sie jetzt noch entschiedner zurück, als früherhin. Ihre Gesundheit hatte
offenbar durch den Kummer gelitten, die Züge des Gesichtes nahmen oft einen
seltsamen Ausdruck an, die Speisen machten ihr Widerwillen, sie befand sich hin
und wieder sehr übel. Der alte Baron liess einen Arzt kommen; der Arzt sprach mit
dem Fräulein unter vier Augen, kam mit einem länglichten Gesichte aus dem Zimmer
und sagte zu den Eltern: »Die Luft von Nizza ist ihr zu nahrhaft gewesen, das
ist eine Luft für Schwindsüchtige, aber nicht für Vollblütige, es entstand eine
Überfüllung von Säften in ihr, sie muss in eine zehrende Luft, in ein anderes
Bad, da kommt alles wieder in das Gleichgewicht. Auch allein muss sie reisen,
damit sie Trübsal hat und Sehnsucht, dann zehrt sie um so eher ab.« Die Eltern
glaubten dem guten verständigen Arzte, und liessen Emerentien in ein anderes Bad,
worin eine zehrende und abmagernde Luft wehte, reisen, ganz allein liessen sie
sie reisen, weil der Arzt es so haben wollte.
    Die Kur musste sehr gründlich und nachhaltig vorgenommen werden, wenn sie
anschlagen sollte; das Fräulein blieb deshalb viele Monate lang im Bade. Dann
kam sie zurück, gesünder und wohler, als sie je zuvor gewesen war. Auch ihre
Stimmung hatte sich ganz wieder erheitert; sie lebte in dem festen Vertrauen,
dass Signor Rucciopuccio als glücklicher Prätendent von Hechelkram eines Tages
ankommen werde, sie aus dem Schloss abzuholen. Die Mutter sagte: »Wenn das ist,
so steht alles wohl, dann hast du in Nizza nur deine Bestimmung erfüllt.«
    Viele Jahre verflossen seitdem. Der alte Baron war nun wirklich ein alter
Baron, Fräulein Emerentia eine alte Jungfer geworden, die alte Baronesse aber
inzwischen an einem erblichen Familienübel des Zweiges Schnuck-Muckelig-Pumpel
gestorben. Die Jahre hatten das Alter gemehrt und die Gelder gemindert, woraus
sich aber der Baron wenig machte. Sagte ihm sein Rentmeister: »Herr Baron, die
Pächte und die Zinsen reichen nicht zu«, so war die Erwiderung: »Tut nichts,
wenn alles aufgezehrt ist, gehe ich in das höchste Kollegium, und lebe von
meiner Besoldung; ich bin geborner Geheimer Rat. Geld muss ich haben, also
verkauft nur einige liegende Gründe, lieber Rentmeister.«
    
    Der Rentmeister achtete sich nach diesen Worten, und verzettelte nach und
nach alle liegenden Gründe, die zum Schloss gehörten, Felder, Wiesen, Triften,
Holzungen. Als er das letzte Stück losgeschlagen hatte, trat er wieder zu dem
alten Baron in das Zimmer und sagte: »Ew. Gnaden, mit den liegenden Gründen
wären wir nun fertig; ich begehre meinen Abschied, denn wo keine Renten sind, da
ist kein Rentmeister mehr vonnöten.«
    »Sehr wahr!« versetzte der alte Baron, »so wahr, als wie, dass zweimal zwei
vier tun; ich will Euch ein Attest schreiben über wohlgeführte Administration;
was mich betrifft, so gehe ich jetzt in das höchste Kollegium und werde Geheimer
Rat.«
    Ach! aber als er nach dem höchsten Kollegio fragte, so war ein solches nicht
mehr vorhanden, und als er nach den Fürsten von Hechelkram fragte, so sagte man
ihm, die hätten längst aufgehört zu regieren, und als er sich bei dem Reichstage
erkundigen wollte, wie er seine wohlhergebrachten Ansprüche durchzusetzen habe,
so hörte er, das Deutsche Reich wäre schon vor soundso vielen Jahren einmal
unversehens dem Kaiser unter den Händen weggekommen. »Sonderbar!« rief der alte
Baron, »wie ist das nur zugegangen?« Er versank in tiefes Nachdenken, und dachte
mehrere Jahre lang darüber nach, wie nur das Deutsche Reich habe wegkommen, der
Hechelkramische Fürstenstamm aufhören können, zu regieren, und wie es möglich
sein sollte, dass er nicht mehr geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio sei?
Für die beiden ersten Probleme fand er zuletzt noch eine Lösung, aber das
letzte, das Geheimeratsproblem blieb ihm unlösbar, und deshalb kam er endlich
auf den Gedanken, die gegenwärtigen Verhältnisse seien nur ein kurzer Übergang,
die alte, gute Zeit stehe schon wieder vor der Türe, und werde bald anklopfen.
Mit diesem Gedanken erhielt er seine ganze Heiterkeit zurück. Er nahm sich vor,
in der daraus entspringenden Überzeugung zu leben und zu sterben.
    Inzwischen waren die Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen der seligen
gnädigen Frau vertrödelt worden, dann wurde das eiserne Gitterwerk von der
Pforte abgebrochen und, benebst den Pflastersteinen des Hofplatzes, samt allen
entbehrlichen Hausmobilien, nach und nach in Geld umgesetzt. Derweilen biss auch
der Wappenlöwe in das Gras, darauf bröckelte der Bewurf von den Wänden, und dann
wich die Giebelmauer gefährlich aus ihrer lotrechten Stellung, ohne dass eine
Reparatur versucht werden konnte, weil die rohen Handwerksleute nur, wenn sie
Geld sehen, Hand und Fuss regen.
 
                                Viertes Kapitel
                               Die blonde Lisbet
In dem nach und nach sotanerweise herabgekommenen sogenannten Schloss
Schnick-Schnack-Schnurr musste sich der alte Baron mit seiner Tochter Emerentia,
die seit dem Eintritte in die stehenden Jahre so sehr an Fülle zunahm, wie die
Mittel abnahmen, kümmerlich und einsam behelfen. Die Jagd hatte natürlich
aufgehört, weil die Waldgründe verschwunden waren, in denen dieses Vergnügen
sich betreiben lässt, und an Spiel war auch nicht mehr zu denken; man hätte um
Rechenpfennige die Stiche machen müssen. Allmählich waren daher auch die Freunde
seltener geworden, zuletzt blieben sie ganz aus, waren auch wohl zum Teil
gestorben. Vater und Tochter hätten sich am Ende den Kaffee und die spärlichen
Mahlzeiten selbst bereiten müssen, denn auch die Bedienten und Mägde schlichen
sich allgemach aus Mangel der Bezahlung weg, wäre diesem dürftigen und
zusammensinkenden Haushalte nicht eine Stütze in der blonden Lisbet erwachsen,
welche, sobald sie die Hände zu Dienstleistungen zu regen imstande war, dem
alten Baron und dem Fräulein wie die geringste Magd aufwartete, kochte, wusch,
säuberte, dabei aber immer hold und freundlich aussah, und wenn sie das
Schwerste verrichtet hatte, so tat, als habe sie nichts getan.
    Die blonde Lisbet war ein Findelkind. Ein altes Weib hatte einst vor Jahren
eine grosse Schachtel, mit kleinen Löchern versehen, auf das Schloss gebracht, sie
einem Bedienten übergeben, und ihm gesagt, darin sei ein Geschenk für den Herrn,
welches ein guter Freund schicke. Indem nun der Bediente die Schachtel zu dem
gnädigen Herrn hineintrug, fing das Geschenk darin an, sich zu regen, und ein
feines Geschrei zu erheben. Der Mensch hätte es bald vor Schreck zu Boden fallen
lassen, besann sich indessen doch, und setzte die Schachtel vorsichtig auf einen
Tisch in des gnädigen Herrn Zimmer. Der alte Baron öffnete den Deckel, und ein
kleines Mägdlein von höchstens sechs Wochen streckte ihm aus den Lümpchen, womit
der arme Wurm kümmerlich bekleidet war, wie hülfeflehend die Ärmchen entgegen,
indem die kleine Kehle sich wacker in den ersten Lauten übte, welche die
Menschheit von sich gibt.
    Übrigens lag das Kindlein weich in Baumwolle gebettet. Sonst aber fanden
sich durchaus keine Amulette, Kleinodien, Kreuze, versiegelte Papiere, welche
auf den Ursprung des kleinen Wesens hindeuteten, und ohne welche ein
wohlkonditionierter Romanenfindling sich eigentlich gar nicht sehen lassen darf.
Kein Mal unter der linken Brust, kein eingebranntes, oder eingeätztes Zeichen am
rechten Arme, von welchem sich dermaleinst im Schlafe das Gewand verschieben
konnte, dass jemand, der zufällig die Schlafende sieht, Soupçon bekommt, und
weiter nachfragt, wie? oder wann? und so fort - kurz nichts, gar nichts, so dass
mir selbst um die Wiedererkennung bange wird.
    Nur ein graues Blatt Papier lag in der Schachtel, mit der Nachricht
beschrieben, dass das kleine Mädchen christlich getauft sei und Elisabet heisse.
Die Worte waren kaum leserlich; der Schreiber hatte offenbar seine Hand
verstellt. Ringsumher in den Ecken des Blattes wimmelte es von Buchstaben,
Krähen-und Krackelfüssen, die aber trotz aller Bemühungen, sie zusammenzustellen,
sich denselben ebensowenig fügten, als die Charaktere, welche auf dem
Papiergelde sich zerstreut vorzufinden pflegen. Dieses Blatt war um einen
Zylinder geschlungen, welcher zwei optische Gläser einfasste. Der alte Baron nahm
den Zylinder, blickte durch das Okularglas, richtete das Perspektiv gegen das
Freie, um sich die Erläuterung des Fundes aus der Luft zu holen, aber soviel er
auch richtete und durchblickte, er bekam nichts, als blaue Luft und
verworren-schwimmende Gegenstände zu sehen.
    Über diesen vergeblichen Anstrengungen, die Krackelfüsse zusammenzustellen,
und durch das optische Glas die Wahrheit zu entdecken, war wohl eine halbe
Stunde vergangen, während welcher der Baron noch gar nicht dazu gekommen war,
sich nach dem Geber der vor ihm liegenden Gottesgabe zu erkundigen. Auch der
Bediente, der mit aufgesperrtem Munde bald das Kind, bald die Anstrengungen
seines Gebieters betrachtete, hatte bisher verabsäumt von dem alten Weibe zu
reden. Endlich verfiel der alte Baron auf die unter den obwaltenden Umständen so
natürliche Frage, der Bediente gab die Auskunft, die er erteilen konnte, wurde
der Spitzbübin nachgesandt, rannte einen halben Tag lang in allen Richtungen
umher, kam aber unverrichteter Sache zurück, denn er hatte weder das alte Weib
gesehen, noch jemand getroffen, der sie gesehen hätte.
    Inzwischen waren die Frauen, die alte Baronesse, welche damals noch lebte,
und Fräulein Emerentia, in das Zimmer getreten, und der alte Baron, der mit
seiner eigenen Verwunderung noch zu schaffen hatte, musste jetzt dem Sturme von
Ausrufungen und Fragen Rede stehn, welcher über die Lippen der Gemahlin und
Tochter strich. Eine Dienerin war gefolgt und sorgte, während die Herrschaften
über die Exegese des Ereignisses verhandelten, für die notdürftige Fütterung und
Stillung des noch immer schreienden Kindes.
    Als dieses still, lächelnd und schlummernd wieder in seiner Schachtel lag,
setzte sich die Familie um den Tisch, worauf letztere stand, zu einer Beratung
nieder, was mit dem Findlinge zu beginnen sei. Der Haus-und Schlossherr, dessen
Torheiten nur von seiner unverwüstlichen Gutmütigkeit übertroffen wurden, war
sofort der Meinung, dass das Kind zu behalten, und wie ein eignes aufzuziehen
sei. Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand, bequemte sich indessen doch
bald zum milderen Entschlusse, da ihr einfiel, dass der ältere Zweig der
graumelierten Linie, der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mütterlicherseits
von einem Findlinge abstamme, in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt
habe. Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden. Das Fräulein
war nach ihrer zweiten Badereise so überaus tugendsam, zartsinnig und verschämt
geworden, dass auch die entfernteste Beziehung auf die Verhältnisse, durch welche
wir entstehen und werden, sie tief verletzen konnte. Sie mochte die Blumen nicht
mehr leiden, seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der
Staubfäden auseinander gesetzt hatte, sie war vom Tische aufgestanden, als man
erzählte, dass die braune Diane sechs Junge geworfen habe, und hatte vor ihrem
Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen, um
die Schnäbeleien nicht mit ansehen zu dürfen, womit diese Tiere nach der
Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind.
    In dem Findlinge ahnete sie nun, wie sie sagte (und die Ahnung der Frauen
ist stets sicher und wahr), eine Frucht verbotener Liebe. Worte, die sie vor
Scham kaum hervorzubringen vermochte! Sie erklärte, dass sie eine solche nur mit
Abscheu anzusehen vermöge, dass ihr das Verbleiben der Kreatur unerträglich sein
werde. Sie beschwor ihren Vater, das Kind einer öffentlichen Anstalt zu
übergeben. Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze, und da die
Mutter, wie schon berichtet worden ist, auch auf seine Seite getreten war, so
musste sich Emerentia endlich, wiewohl mit grossem Widerwillen, fügen.
    Diesen liess sie aber in der Folge auf jede Weise an dem Kinde aus, und
selbst, als die blonde Elisabet, oder Lisbet, wie sie im Schloss genannt
wurde, heranwuchs, und das beste, zutätigste Wesen wurde, mochte sie sich selten
dazu verstehen, ihr einen gütigen Blick zu gönnen. Lisbet dagegen war durch
nichts in den sonderbaren Neigungen, die ihr die Natur vorgezeichnet zu haben
schien, irrezumachen. An dem Fräulein, die ihr so übel begegnete, hing sie mit
einer unglaublichen Zärtlichkeit, sie verrichtete freudig das Schwerste für sie,
liess sich von ihr schelten, und lächelte danach noch eins so freundlich, wogegen
sie dem alten Baron, der doch eigentlich ihr alleiniger Beschützer und Wohltäter
war, nur eine Empfindung widmete, welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht
überschritt.
 
                                Fünftes Kapitel
             Der alte Baron wird Mitglied eines Journal-Lesezirkels
In ihm war, als Jagd, Spiel und Gastereien für ihn aufgehört hatten, und nur die
Schwalben oder Fledermäuse, welche durch die Mauerlücken schlüpften, in den
unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten, allenfalls noch für
Besuche gelten konnten, eine grosse Langeweile entstanden, die anfangs auf keine
Weise sich beschwichtigen lassen wollte. Zwar malte er sich zur Unterhaltung
seine Erwartung bestens aus, wie er bald als Geheimer Rat im höchsten Kollegio
sitzen werde, neben sich den Herrn von Soundso und den Herrn von Daundda auf der
Adelsbank, er stellte sich den Präsidenten lebhaft vor, und alle Besonderheiten
des altertümlichen Konferenzsaals, er entwarf das Bild des Sessionstisches mit
den grossen Haufen von Schriften und Papieren darauf, die er mit seinen Herrn
Nachbarn nicht zu lesen habe, sondern welche von gelehrten und bürgerlichen
Beisitzern durchzustudieren seien; aber als dieses Gemälde von ihm zum
hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehörigen beschrieben
worden war, wurde es ihm doch zu eintönig, und er sehnte sich nach anderer
Beschäftigung. Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewähren,
indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann, wie Fürst Hechelkram,
pseudonym Rucciopuccio geheissen, plötzlich eines Tages in einem rotlackierten
Wagen mit sechs Isabellen bespannt, ankommen, einen schottischkarierten Läufer
mit Blumenhut und seidenem goldbefranstem Schurz hereinschicken und anfragen
lassen werde, ob Marcebille oder Emerentia, nach der er so lange das ganze
Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurchgefragt habe, bis er
endlich zufällig erfahren, sie sei eine geborne Schnuck-Puckelig - ob sie,
Emerentia, noch an die Stunde denke, die Stunde der Andacht in Nizza? Wie sie
sich für diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht, also lautend: »Gnädigster
Herr! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare
unserer Herzen! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der
Altar blieb stehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer
entzünden, für welches ich ewig, Ihnen gegenüber, Vorrat besitzen werde!« - Wie
sie dann, mit dem grossen goldenen Stiftskreuze begnadiget, ein Schloss in der
Nähe seiner Residenz beziehen, nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne
sein, ihn nie anders als vor Zeugen sprechen, ihn mit seiner Gemahlin versöhnen,
überhaupt der segnende Genius des Fürstenhauses und des Landes werden wolle.
    Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht; er hielt sie
für ein »Carmen« wie er sich ausdrückte, und womit er Gedicht sagen wollte. Von
Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen. Endlich fiel er
auf den Gedanken, zu lesen, da er gehört hatte, dass damit so viele Menschen ihre
Zeit hinbrächten. Indessen wollten auch die Bücher, deren eine kleine Sammlung
von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand, und unter denen er auf gut
Glück jetzt wählte, wenig Trost gewähren. Die Sachen wurden ihm darin alle zu
lang und ausgesponnen abgehandelt; der Autor sagte oft erst auf der
vierundzwanzigsten Seite, was er mit der ersten gemeint hatte, pflegte überhaupt
die Forderung an den Leser zu stellen, dass er seine Gedanken zusammenhalten
solle, und dazu konnte sich der alte Baron in seinen vorgerückten Jahren nicht
mehr bequemen. Er wollte Abwechselung, Zerstreuung, mancherlei, wie vorlängst in
seinen grünen und lustigen Tagen.
    Alles dieses fand er auf einmal, da ihm der gute Einfall wurde, in einen
Journalzirkel einzutreten, der alle Wissbegierige auf dem Flächenraume der
umliegenden vier Quadratmeilen mit Geistesnahrung versorgte, und dessen
Reichhaltigkeit ihm schon lange gepriesen worden war. Der Unternehmer hatte, um
die Nebenbuhler in der erwähnten weiten Ausdehnung unrettbar daniederzuschlagen,
nicht weniger als sämtliche Zeitschriften des deutschen Vaterlandes in seinen
Mappen versammelt. Es fanden sich sonach darin nicht nur die Morgen- die Abend-
die Nachmittags-und Mitternachtblätter, sondern auch die Boten für West, Ost,
Süd, Nord, Nordwest und Südsüdost; der Gesellschafter und der Eremit; die groben
und die eleganten Journale; die Lesefrüchte und die Extrakte aus den
Lesefrüchten; die liberalen, die servilen, die rationalistischen,
feudalistischen, supranaturalistischen, konstitutionellen, superstitionellen,
dogmatischen, kritischen Organe; die Fabelwesen: Phönix, Minerva, Hesperus,
Isis; das Ausland, das Inland; Europa, Asien, Afrika, Amerika und die Stimmen
aus Hinterpommern; der Komet, der Planet, das Weltall - kurz, im ganzen
vierundachtzig Hefte, so dass jeder Teilnehmer am Zirkel die Woche hindurch in
jeder der zwölf Tagesstunden ein Journal zu lesen bekam.
    Diese Unterhaltung war ganz nach dem Sinne des alten Barons. »Endlich«, rief
er fröhlich aus, als er sich mit dem Umfange der ihm neueröffneten
Vorratskammern bekannt gemacht hatte, »endlich doch Gedrucktes, welches einen
belehrt, ohne zu beschweren!« In der Tat gewannen seine Vorstellungen durch das
Lesen der Journale bald eine ausserordentliche Bereicherung. Hatte ihm das eine
Blatt eine kurze Notiz von dem grossen Giftbaume in Indien gegeben, der die
Atmosphäre auf tausend Schritte hin ansteckt, so lehrte ihn das folgende, wie
die Kartoffeln im Winter vor Frost zu bewahren seien; in dieser Minute las er
von Friedrich dem Grossen, in der nächsten von der Gräfenberger Wasserkur, aber
nicht lange, denn gleich darnach erzählte einer die Geschichte der neuen
Entdeckungen im Monde. Eine Viertelstunde war er in Europa, dann spazierte er
wieder, wie von Fausts Mantel entrückt, unter Palmen; bald hatte er einen
historischen Christus, bald einen mytischen, bald gar keinen; vormittags fiel
er mit der äussersten Linken die Minister an, nachmittags war er absolutistisch
gesinnt, abends wusste er nicht, wo ihm der Kopf stand, und ging als Juste-Milieu
zu Bette, um nachts vom Taschenspieler Janchen von Amsterdam zu träumen.
    Er hätte nie geglaubt, noch so glücklich werden zu können. Dass seine
Umstände indessen immer mehr sich verschlimmerten, und dass er endlich nur auf
einen kleinen Lehnsstamm, der ihn eben vor dem äussersten Mangel schützte und
unangreifbar war, beschränkt ward, kümmerte ihn wenig. Sagte ihm die blonde
Lisbet, das Haus bekomme nach der Giebelwand zu Risse, und könne über Nacht
einmal einstürzen, so pflegte er zu erwidern: »Lass mich zufrieden. Ich habe noch
sechs Hefte durchzustudieren.« Wurde sie dringender, so rief er ärgerlich: »Ehe
das Schloss einstürzt, bin ich Geheimer Rat!« und sie musste unverrichteter Sache
weichen.
    Freilich entstand durch das unendliche Material, welches er täglich zu
verarbeiten hatte, in seinem Kopfe eine grosse Verwirrung der Vorstellungen, und
er musste zuweilen das Haupt in beide Hände nehmen, um sich zu besinnen, ob er
noch in unserem, oder in einem fremden Weltteile, oder ob er überhaupt nur noch
auf der Erde und nicht schon längst im Sirius sei? Auch begann er von jetzt an,
alles zu glauben, was er hörte, und wenn man ihm gesagt hätte, die Vögel sängen
nach Noten. Denn, pflegte er oft gegen die Seinigen zu äussern, es kann
heutzutage nichts Dümmeres geben, als den Kopfschüttler und Zweifelmütigen zu
machen; man muss nur Mitglied unsres Journal-Lesezirkels geworden sein, um zu
erfahren, dass nichts so wunderbar ist, was nicht jetzo vorfällt; die Menschen
und die Sachen und die Erfindungen sind in einem erschrecklichen Fortschritte,
und wenn er noch zunimmt, so erleben wir, dass das Wasser Balken bekommt, und dass
man mit Extrapost von hier direkt nach Londen fährt.
    Konnte etwas seine Stimmung trüben, so war es der Mangel eines Freundes, dem
er sich hätte erschliessen, mit dem er seine Ideen hätte austauschen mögen. Die
Sehnsucht nach einem Gleichgestimmten, nach einem fördernden Umgange wurde oft
sehr gross in ihm. Seine Tochter konnte diesem Verlangen nicht genügen, sie hing
nur ihren empfindsamen, ideellen Richtungen nach, und hegte für Realkenntnisse
wenig Sinn; Lisbet aber hatte ein für allemal, da er mit ihr von den Dingen,
die ihn so mannigfach beschäftigten, reden wollen, ablehnend erwidert: sie wolle
sich nichts in den Kopf setzen lassen.
 
                                Sechstes Kapitel
   Wie der Dorfschulmeister Agesel durch eine deutsche Sprachlehre um seinen
           Verstand gebracht wurde, und sich seitdem Agesilaus nannte
Einigermassen, wenn auch nicht genügend, wurde die Sehnsucht des alten Barons
befriedigt, sie erhielt sozusagen, wie das Sprichwort lautet, eine Birne für den
Durst, als der Schulmeister Agesilaus in seine Nähe kam. Dieser Mann, welcher
früher Agesel geheissen hatte, und ein alter Bekannter des Barons war, bekleidete
bis zu dem Umschwunge in seinem Schicksale das Amt, die Jugend eines
benachbarten Dörfchens im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Er wohnte in
einer Hütte von Lehmwänden, die ausser der Schulstube nur sein Schlafkämmerchen
fasste, hatte dreissig Gulden jährlichen Gehalt, ausserdem das Schulgeld: zwölf
Kreuzer für den Knaben und sechs für das Mädchen, einen Grasfleck für ein Rind
und das Recht, zwei Gänse in die Gemeindeweide mit einzutreiben. Er versah
seinen Dienst ohne Tadel, lehrte die Jugend nach der alten Manier, so wie sie im
Dorfe seit hundert und mehreren Jahren gebräuchlich war, buchstabieren: G-e-,
Ge, s-u-n-d, sund, h-e-i-t, heit; Gesundheit - B-e-t, Bet, t-e-l, tel, Bettel,
s-a-c-k, sack; Bettelsack usw. und brachte die fähigsten Köpfe nicht selten so
weit, dass sie Gedrucktes ohne sonderliche Anstrengung lesen lernten. Was das
Schreiben anlangte, so ging auch aus seinen Händen dieser und jener hervor, der
den eignen Namen zustande zu bringen wusste, wenn man ihn nicht übereilte,
sondern ihm die nötige Zeit liess.
    In diesem Systeme war unser Schulmeister fünfzig Jahre alt geworden. Da
ereignete es sich, dass die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen
neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend
durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen
Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und
philosophisch begründen wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige
rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvörderst aus dem Buche zu
unterrichten, und dann danach die veränderte Belehrung der Jugend anzufangen.
    Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es
von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wusste nicht, was er
gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von
Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute trüben und verdünnen lernen,
er sollte durch Säuseln, Zischen, Pressen, durch Näseln und Gurgeln die Laute
hervorbringen, er vernahm, dass die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er
erfuhr endlich daraus, dass das I der reine Urlaut sei, und dass dessen Erzeugung
durch starkes Zusammendrücken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
    Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte
zurück von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der
Brille auf der Nase, um schärfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch
ohne Gläser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten
Augen die furchtbaren Rätsel des Daseins, die Sause-Zisch- Press- Nasen- und
Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, fütterte seine Gänse und gab
einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht
zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschluss für die
Teorie zu gewinnen. Umsonst. Er ass eine Knackwurst, sich körperlich zu stärken.
Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehört hatte, dieses Gewürz
schärfe den Verstand. Eitles Bemühen!
    Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider
fühlte er am anderen Morgen, dass weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm
in den Kopf gedrungen waren. Gern hätte er das Buch, wie Johannes jenes vom
Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin,
verschlungen, wäre er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche
Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen?
    Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikäfer, oder jagten die Enten in
den Teich. Die Alten aber schüttelten den Kopf und sagten: »Mit dem Schulmeister
hat es seine Richtigkeit nicht.« Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen
verzweiflungsvollen Bemühungen um den Sinn der Dünnung und Trübung abgearbeitet
hatte, rief er: »Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke
beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das übrige von selbst!« - Er nahm sich
vor, zuvörderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.
    Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort,
unbekümmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in
die Seite, drückte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stiess nun die
Töne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren
höchst sonderbar, und so auffallend, dass selbst das Rind vom Grase emporblickte
und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall
herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her.
»Gevattern!« rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus,
»passt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?« Darauf gab er sich wieder an
die Kehlkopf-Gaumendrückung. »Gott behüte!« riefen die Bauern, und gingen nach
Hause, »der Schulmeister ist übergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel.«
    Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze, über welche die
Bauern ihn bereits gesprungen glaubten. Die Frist war abgelaufen, welche man ihm
zum Selbstunterrichte gesetzt hatte, er sollte jetzt nach dem Buche lesen lernen
lassen, eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Tomasius nahte
heran, die Verzweiflung trat ihm zum Herzen, und seine Gedanken begannen zu
schwärmen. Andre sind durch das Brüten über der unbefleckten Empfängnis der
Jungfrau Maria, oder über dem Geheimnisse der Trinität, oder von dem Gedanken an
die Ewigkeit verrückt geworden; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht
durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren können? Genug, ich erzähle
es, und wer mir nicht glauben will, frage im Dorfe Hackelpfiffelsberg nach. Da
hat sich die Geschichte zugetragen, und jedes Kind weiss dort davon.
    Ein reisender Student kam in jenen Tagen durch Hackelpfiffelsberg, der
kehrte in der Schenke ein, und vernahm von dem närrischgewordenen, oder
närrischwerdenden Schulmeister. Es war ein feiner, denkender Kopf, der sich
besonders auf Psychologie verlegt hatte, und der daher eine grosse Begierde
verspürte, den Kranken kennenzulernen. Er fand ihn in leinenen Ärmeln sitzen,
die behaarte Brust offen, eine grosse weisse Nachtmütze auf dem Kopfe. »Wie geht
es, Meister?« fragte der Student. »So, so, Fremdling«, versetzte der
Schulmeister. »Nicht wahr, die alten Spartaner waren Kerle? Keine müssige
Gelehrsamkeit, keine Quälerei mit Umlauten, Inlauten, Brustlauten! Alles auf
Tatkraft, auf das wirkliche Leben berechnet, den Körper abgehärtet, den Sinn
zugespitzt zu Apophtegmen! Mich soll der Henker holen, wenn ich mir nicht alles
in Zukunft lakedämonisch einrichte! Meine wackern Vorfahren! Denn was ist
Agesel? Agesel ist nichts, verstümmelt, verdorben aus Agesilaus, dem tapfern
Könige von Sparta. Die Türken vertrieben die Griechen, darunter waren natürlich
die Nachkommen des Königs Agesilaus auch, und die haben sich allmählich bis
hieher verzettelt, die Endsilbe ist aber unterweges verlorengegangen. O, man
müsste nicht von den Wurzeln und den Ableitungen die Zeit her die Kränk' gekriegt
haben, wenn man so etwas unglaublich finden wollte!«
    »Hoho«, dachte der Student, »steht es dermassen hier? Aber ein anziehender
Fall! Ich muss ihn beobachten.« Er blieb den ganzen Tag über bei dem
Schulmeister, und merkte durch viele Fragen aus seinen krausen Antworten endlich
sich so viel ab, dass der Kranke in früheren Jahren eine alte Schwarte über die
Sitten und Gebräuche jenes griechischen Freistaates gelesen hatte, schon damals
von denselben höchlich entzückt gewesen war, dass nun gegenwärtig die gleichsam
in Schlummer gelegenen Vorstellungen erwachten und ein fieberhaftes Leben in ihm
gewannen. Abends trug der Student folgendes Notizenschema in seinem Tagebuche
ein: »Paralysierung des Denkvermögens in einem beschränkten Geiste durch
unverdaulichen Denkstoff.
    Allmähliches Denk-Nichts.
    Eintreten einer prägnanten antiken Idee im Vacuo.
    Die Atome des aufgelösten Denkvermögens schiessen an dieser Idee an.
    Zustand des Rappelns.
    Konsolidation des Rappelns
    Fixe Idee.
    Ausserdem vernünftiger Mensch.
    NB. Nach der Ferienreise weiter auszuführen.«
Es mochte ohngefähr ein Vierteljahr nach diesen Vorfällen verstrichen sein, als
der Schulmeister, nur bekleidet mit einem braunen, groben Mantel, in der Hand
eine junge Tanne, vor den alten Baron trat, der in seinem verwilderten
französischen Garten hinter dem Schloss die freie Luft genoss. Der Baron wusste
im allgemeinen schon von den Dingen, die seinem Bekannten widerfahren sein
sollten, und trat daher drei Schritte vor ihm zurück, besonders da er ihn mit
dem nicht gerade dünn zu nennenden Tannenstamme gerüstet sah. Aber der
Schulmeister lächelte, und legte, als ob er die Gedanken des andern erriete, die
junge Tanne ab. Dann machte er dem Baron eine höfliche Verbeugung, und sprach
die üblichen Begrüssungsworte, ohne dass in Ton oder Wendung etwas Exzentrisches
hervorgesprungen wäre. Der Baron fasste daher Mut, ging auf den Schulmeister zu,
ergriff seine Hand und sagte: »Nun, wie geht's Euch, alter närrischer Teufel?
Was für Streiche habt Ihr denn angefangen, Agesel?«
    »Agesilaus, wenn ich bitten darf, gnädiger Herr«, erwiderte der Schulmeister
sanft und höflich. »Ich habe diesen meinen guten, ehrlichen Stammnamen wieder
angenommen.«
    Der Baron entfernte sich nun doch wieder etwas von seinem Besuche, und sah
ihn mit scheuen Blicken von der Seite an. Der Schulmeister aber fuhr gesetzten
Wesens fort: »Ich weiss, was Sie von mir denken, mein Gönner. Sie halten mich für
verrückt. Sie irren sich, Herr Baron; ich bin nicht verrückt. Es sollte mir leid
tun, wenn ich mich in diesem Zustande befände, denn dann könnten Sie mir mit
Recht dasjenige versagen, um welches ich Sie dringend ansprechen muss. Ich habe
meine fünf Sinne vollkommen beisammen, und weiss, dass ich ein Nachkomme des alten
Königs Agesilaus bin, dass ich folglich die Verpflichtung habe, spartanisches
Leben und Wesen in mir darzustellen, welches wohl überhaupt ein herrliches
Korrekti-vum für diese weichliche, abgeschwächte, übergelahrte und sophistische
Zeit sein möchte.«
    Der Baron fragte, um nur etwas zu sagen: »Ist es denn wahr, was ich gehört
habe, dass Ihr abgesetzt seid, Herr ... Herr ... Agesilaus ... nicht? so nennt
Ihr Euch?«
    »Abgesetzt allerdings, fortgejagt, wenn Sie so wollen, durch den Schulrat
Tomasius«, erwiderte Agesilaus ruhig. »Nachdem ich das grammatische Fieber, in
welches ich durch jene Höllen-Lautlehre gestürzt worden war, überwunden hatte,
hielt ich es für meine Schuldigkeit, die mir anvertraute Dorfjugend
lakedämonisch zu bilden. Ich wies sie daher an, zu stehlen und sich nur nicht
betreffen zu lassen, um ihre List und Kühnheit zu üben, ich erregte Streit und
Schlägerei unter ihnen, um ihre Herzhaftigkeit zu prüfen, und ich prügelte sie
allwöchentlich dreimal ohne Grund ab nach dem Muster der Geisselung am Altare der
Diana. Herrlich schlug auch meine Metode an. Die Jungen fanden, dass noch nie so
lustig Schule gehalten worden sei, rauften sich, dass es eine Art war, ohne zu
mucksen, stahlen ihren Eltern die Äpfel vor der Nase weg, und liessen sich nicht
erwischen, verschmerzten selbst die grundlosen Prügel wegen der sonstigen
Ergötzlichkeiten, die sie jetzt ungestraft hatten. Aber die dummen Bauern
konnten meinen Plan nicht fassen. Sie schrien, dass ich ihre Brut von Grund aus
verderbe, und verklagten mich. Da hat mich nun der Schulrat - nun, er ist auch
keiner von den hellsten Köpfen - von dannen getrieben, und also ereilte mich das
Fatum.«
    »Ich wundre mich nur«, sagte der Baron, der sich noch immer von seinem
Erstaunen nicht erholen konnte, »über alle die gelehrten Anspielungen, die Euch
da so vom Munde stäuben, wie Federn vom Kissen, wenn das Bett gemacht wird.
Woher habt Ihr das Fatum und die sophistische Zeit, und was Ihr sonst noch
vorbrachtet?«
    »Es kommt mir alles dieses und mehreres dergleichen, wenn ich es gebrauche,
wie durch innere Eingebung und Erleuchtung«, antwortete der Schulmeister. »Seit
die Urerinnerung an meine tapferen und unvergleichlichen Vorfahren in mir
aufgewacht ist, stehen meinem Geiste Dinge zu Gebote, welche freilich vordem in
meinem Dorfleben mir nicht geläufig waren.«
    Er trug nun dem Baron sein Anliegen vor, welches darin bestand, ihm Obdach
und notdürftige Leibesnahrung zu gewähren, da er nach seiner Absetzung von allem
entblösst sei und nichts besitze, als was er um und an sich trage. Der Baron nahm
Anstand, einen tollen Menschen (denn dafür hielt er den Schulmeister), im
Schloss zu beherbergen, gleichwohl litt es sein gutes Herz nicht, einen
Dürftigen hungern und frieren zu lassen. Er wies ihm daher ein kleines,
verfallenes Gartenhäuschen, welches in der entferntesten Ecke des französischen
Gartens auf einem Schneckenberge stand, und ehemals grün angestrichen gewesen
war, zum Quartier an. Damit war sein Schutzbefohlner vollkommen zufrieden. Er
zog ein, nannte den Schneckenberg das Gebirge Taygetus, und taufte ein kleines
Wässerchen, welches ziemlich träge unter sogenanntem Entenflott in der Nähe
dahinschlich, zum Eurotas um. Einmal des Tages kam er auf das Schloss, mit den
Bewohnern ihre kärgliche Mahlzeit zu teilen; die zweite hielt er in seiner
Behausung ab. Sie pflegte in der Regel aus einer Art von Mehlbrei zu bestehen,
den er auf dem Schneckenberge an Reisigfeuer zurichtete, und seine schwarze
Suppe nannte. Ausser seinem Mantel hatte er keine Kleidungsstücke; sein Getränk
schöpfte er vom Brunnen mit einem alten irdenen Topfe, der ihm den spartanischen
Becher oder Koton bedeuten musste, und von welchem er rühmte, dass er, wie jenes
antike Schöpfgefäss, wegen seines eingebognen Randes jegliches Trübe und Unreine
vom Munde abhalte; alle Woche aber holte er vom Schloss sich frisches Stroh zur
Lagerstatt, und hiess dies, sich Schilf im Eurotas schneiden.
    Nach einiger Zeit hatte der Baron alle Furcht vor seinem Gaste verloren.
Denn er bemerkte, dass dieser über jeden Gegenstand so verständig dachte und
redete, wie der gesetzteste Alltagsmensch, und dass auch seine spartanischen
Vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen Schrolle, oder zu dem, was
man den Wurm bei einem Menschen nennt, gemildert hatten. In der Tat musste er
gestehen, dass unter den Gesetzen Schmalhansens, des Küchenmeisters, die über
Schloss und Gartenhäuschen herrschten, die lakedämonische Einfachheit vollkommen
gerechtfertigt war, und dass ihrem Anhänger daher die Zugabe von der Ahnenschaft
des Königs Agesilaus wohl mit durchgehen konnte. Seine Gesellschaft wurde ihm
nun sehr lieb; er hatte doch jemand, mit dem er in den langen Herbst- und
Winterabenden plaudern konnte; er durfte nicht mehr befürchten, an dem
Ideenreichtume, den die Journale in ihm hervorbrachten, zu ersticken.
    Freilich war, wie wir im Anfange dieses Kapitels sagten, der Schulmeister
nur eine Birne für den Durst. Über Geschichten und Anekdoten konnte sein Gönner
mit ihm verhandeln, und des lebhaftesten Gespräches sicher sein, wenn er
wichtige Punkte der Historie zur Sprache brachte, wie zum Beispiel: Ob Brutus
recht gehabt habe, Cäsarn zu erstechen, was aus der Welt geworden sein möchte,
wenn die Franzosen die Revolution nicht zustande gebracht hätten, oder wenn
Friedrich der Grosse und Napoleon Zeitgenossen gewesen wären, und was dergleichen
mehr war. Dagegen fehlte dem vermeintlichen Abkömmlinge des Königs von Lakedämon
aller Sinn für die Kuriositäten aus der Länder- und Völkerkunde, und aus dem
Gebiete der Erfindungen, Handels- und Gewerbsverhältnisse, denen der Baron
gerade am leidenschaftlichsten sich zuneigte.
    Mit dem Fräulein hatte der Schulmeister manchen Streit und sie duldete ihn
eigentlich nur ihres Vaters wegen. Er war ihr besonders durch eine feurige Rede
verhasst geworden, in welcher er die Sitte der Spartaner, auch die Jungfrauen bei
den Festen der Götter nackt tanzen zu lassen, höchlich herausstrich. Ein
Nervenanfall hatte sie nach dieser Rede ergriffen und mehrere Wochen lang
unpässlich gemacht. Er nahm sich daher auch späterhin eine grössere Vorsicht in
seinen Lieblingsreden zur Richtschnur, um den Boden, auf dem er seine Freistatt
gefunden hatte, nicht zu unterwühlen. Andernteils wurde es nach und nach der
allgemeine Grundsatz der drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr, eine zarte
Schonung der gegenseitigen Schossneigungen walten zu lassen.
    In diesen Verhältnissen lebten der alte Baron, das Fräulein und der
Schulmeister ihre seltsam-abgeschiedenen Tage hin. Eines Abends sagte der
Schlossherr zu seinem Schützlinge: »Ihr seid jetzt weit ruhiger und
gleichmütiger, Herr Agesilaus, als vor Zeiten, wo es Euch doch im Grunde besser
ging, als jetzunder. Damals konntet Ihr streckenlang sehr mürrisch und
verdriesslich sein.«
    »Mürrisch und verdriesslich nun wohl nicht, mein Gönner«, versetzte der
Schulmeister, »aber tiefsinnig und melancholisch. Wenn ich so meine schmutzigen
Jungen in einem fort buchstabieren liess, eine Woche nach der andern, einen Monat
nach dem andern, und sich das ohne Resultate fortsetzte, diejenigen, welche
lesen gelernt hatten, die Schule verliessen, und frische Rangen, die noch nichts
wussten, wieder hineinkamen, und immer, immerdar wieder von vorn dasselbe
angefangen werden musste, da konnte mir das ganze Leben zuletzt völlig dünn und
unzusammenhangend vorkommen, und es gab Nächte, worin mir träumte, das
menschliche Dasein sei nur ein langes, leeres ABC, von dem die Buchstaben XYZ in
der Ewigkeit ständen, und aus welchem nie ein verständiger Satz, ja nur ein
sinnvolles Wort würde. Wollte ich mir dann zu meinem Troste sagen, ich sei eben
nur ein armer Dorfschulmeister, die Trübe dieser Meinung entspringe aus meiner
gedrückten Lage, und glücklichere Menschen, wie hohe Obrigkeiten oder gar
durchlauchtige Potentaten seien wohl in dem Falle, ihrer Existenz einen
Zusammenhang zu geben, so war die Beschwichtigung doch nicht lange stichhaltend.
Denn ich musste erwägen, dass das Regieren über Land und Leute doch auch nur so
ein ödes, langwieriges Buchstabieren sei, und dass, wenn man es an irgend einem
Zipfel zum Lesenlernen gebracht habe, dieser verschwinde, und an der andern
Seite ein neues Fibelschützenwesen zu stammeln beginne. Aber seit ich meine
Ahnen kenne, seit ich weiss, welche herrliche Erinnerungen in mir sich
fortsetzen, und durch mich lebendig zu erhalten sind, ist alles in mir Ruhe und
Freudigkeit, haben sich die Bestandteile des Lebens im Kreise um mich her
gestellt, kurz, bin ich zur Klarheit und zum Bewusstsein durchgedrungen.«
    »Sonderbar!« rief der alte Baron vor sich hin, als der Schulmeister nach
dieser Äusserung fortgegangen war. »Wie es scheint, muss der Mensch immer einen
Sparren haben, um recht zusammenzuhalten. Die Vernunft ist wie reines Gold, zu
weich, um Façon anzunehmen; es muss ein tüchtig Stück Kupfer, so eine Portion
Verrückteit darunter getan werden, dann ist dem Menschen erst wohl, dann macht
er Figur und steht seinen Mann. Was für ein Gimpel war der Schulmeister sonst,
und wie gescheit spricht er jetzt, seitdem es bei ihm rappelt. Das Leben ist
doch ein kurioses Ding, und wäre ich nicht geborner Geheimer Rat im höchsten
Kollegio, so könnte mir auch vor mir bange werden. Aber da ich der bin, so muss
ich natürlich meinen vollen Verstand besitzen.«
 
                               Siebentes Kapitel
Der Freiherr von Münchhausen wird auf den Boden dieser Geschichten geschleudert
Die blonde Lisbet war in das Gebirge gegangen, Zinsenrückstände von den Bauern
einzutreiben. Sie hatte dieselben zufällig in einem alten vergessenen
Rentenregister, welches unter anderem Gerüll in einer Polterkammer lag,
verzeichnet gefunden. Ihr Pflegevater war ängstlich gewesen, das Kind so allein
in das Gebirge ziehen zu lassen, sie aber hatte mutig geantwortet: »Wer wird mir
etwas tun? Ich schaff' das Geld!« hatte sich an des Schulmeisters Eurotas einen
Weidenstecken geschnitten, ein Reisetäschchen voll der nötigsten Wäsche
umgehängt, Schnürstiefelchen angezogen, einen Strohhut verwegen auf das kecke
Häuptlein gesetzt, und war so fürbass gewandert.
    Während ihrer Abwesenheit gingen die drei Zurückgelassenen, der Baron, das
Fräulein und der Schulmeister eines Nachmittags in dem verwilderten
französischen Garten spazieren. Sie verkehrten aber nicht miteinander, wie dies
meistens bei solchen Gartenwanderungen zu geschehen pflegte, sondern hingen in
verschiedenen Wegen und Stegen ihren eigenen Gedanken nach. Die Pfade um das
Schloss her waren fast überall von Dornen versperrt, oder durch sumpfiges
Erdreich feucht, der trockne Sand, welcher die Gartenstege noch immer
einigermassen bedeckte, verdiente daher ohne Zweifel den Vorzug, wenn man
lustwandeln wollte.
    Damit aber diese gemeinsame Erholung einem jeden seine völlige Freiheit
lasse, und der Stoff der Gespräche nicht zu verschwenderisch eingezehrt werde,
hatte der alte Baron für die Gartenerholung Aufhebung des geselligen Verkehrs
als Regel festgesetzt. Sollte eine Ausnahme eintreten, und Gespräch herrschen,
so war von ihm ein untrüglich andeutendes Zeichen erfunden worden. Er schrieb
nämlich an solchen Tagen einem Genius von Sandstein, der, den Finger auf dem
Munde, vor einer kleinen düsteren Laube stand, und zu den noch am besten
erhaltenen Kunstwerken des Gartens gehörte, mit Kreide das Wort: »Colloquium«
auf die Brust; eines von den wenigen lateinischen Wörtern, deren er sich noch
aus seinem Jugendunterrichte erinnerte. Sowie daher jemand von der täglichen
Gesellschaft in den Garten trat, sah er nur nach der Brust des Genius, und
schwieg oder redete, je nachdem die Meinung des Schlossherrn lautete, denn, in so
grosser Armut er sich befand, alle seine Umgebungen waren gewohnt, sich pünktlich
nach seinen Wünschen zu richten.
    Heute stand kein »Colloquium« auf der Brust des Genius angekreidet. Der alte
Baron war schon seit einigen Wochen in einer trüben, sehnsüchtigen Stimmung,
welche, gerade heute zu besonderer Verdüsterung erwachsen, ähnlichen Launen bei
dem Schulmeister und Emerentien begegnete, so dass beide mit der ihnen
auferlegten Trappistenregel an diesem Tage besonders zufrieden waren. Wie es
wohl zu gehen pflegt; lange Zeit bleiben die eigentlichen Grundempfindungen
eines Kreises von Tagestäuschungen überhüllt; endlich aber drängen sie sich doch
wie Springfluten unwiderstehlich an die Oberfläche hervor.
    Die Gefühle der drei lustwandelnden Personen brachen, da letztere weit genug
voneinander gingen, um sich für unbelauschbar halten zu können, in
Selbstgespräche aus. Der alte Baron schritt zwischen zwei Taxuswänden auf und
nieder, welche ehemals auf ihrer oberen Fläche die zierlichste Abwechselung von
Kreuzen, Pfeilern und Urnen dargeboten hatten, nun aber längst aus aller Schur
gewichen waren, und nur noch unförmliche, missgestaltete Klumpen grüner Blätter
und Äste zeigten. Sein Schritt war heftig, sein Blick schwer. »Ja«, rief er aus,
»wenn ich einen Mann hätte, der mich verstände, mit dem ich laut denken könnte,
der Sinn für einen weiten Gesichtskreis besässe, dann liesse sich herrlich und in
Freuden leben! Immer Neues, Wunderbares muss ich haben, die Journale genügen mir
schon nicht mehr, sie fangen an, mir schal vorzukommen; Hypotesen, Hypotesen
begehre ich, eine gewaltiger als die andre, denn nur Hypotesen löschen den
Wissensdurst, wenn er einmal entflammt worden ist. Was hilft es mir, dass ich
heute von den Ungeheuern gelesen habe, die in jedem Wassertröpfchen leben, mit
Kugelleibern, oder tausend Füssen, oder Rüsseln oder Sägezähnen? Bin ich danach
klüger, als zuvor? Nein. Dümmer im Gegenteil. Wie entstehen sie? Was treiben
sie? Was fressen sie? Wie begatten sie sich? Sind es Säugetiere, die lebendige
Junge zur Welt bringen, oder eierlegende Fische? - O fände ich doch nur einen
Mann, mit dem ich alles so recht durchsprechen könnte, der eine Erklärung auch
für das Dunkelste gäbe, gleichviel welche! Der Schulmeister ist ein ehrlicher
Kauz, aber doch im Grunde ein dummer Teufel mit seinen alten Spartanerflausen.
Ich habe mir einen verrückten Menschen unterhaltender gedacht; der Agesel
beginnt, mich zu langweilen.« -
    Er trat verstimmt zu einem steinernen Schäfer, der an dem einen Ende der
Taxuswände stand, und vorzeiten Flöte geblasen hatte, nun aber nur noch
vergeblich den Mund spitzte und die Arme in der gezwungenen musikalischen
Haltung leer vor sich hinstreckte, weil die Flöte ihnen längst von der Zeit
entführt worden war. Der alte Mann lehnte sich düster an den verstümmelten
Schäfer; vor seinem geistigen Gesichte wälzten sich, schossen und kugelten
riesige Infusionstiere umher, bis ihm die Gedanken in das Formlose zergingen.
    Inzwischen umkreisete Fräulein Emerentia ein mit Muscheln eingefasstes
Becken, welches freilich schon seit geraumen Jahren so trocken lag, wie das Rote
Meer, als die Israeliten hindurchgingen. Ein Delphin streckte in der Mitte
dieses Beckens seine aufgestülpte Nase empor. Er hatte von Glück zu sagen, dass
er aus Kupferblech bestand; ohne diese Konstitution hätte er in solcher Trocknis
rettungslos verschmachten müssen. Auch ein Unbeschäftigter! Woher sollte der
Wasserstrahl ihm zufliessen, den er sonst aus den Nüstern in die Höhe gesendet
hatte? - Das Fräulein umschritt, wie gesagt, das Becken, und sah bald auf dessen
Grund, bald auf den Delphin, bald auf die bunten Kiesel, welche, in Sternen,
Rauten und Blumen eingelegt, den Platz um das Becken zierten, ohne dass sie von
einem dieser Gegenstände Trost für ihre wehmütigen Empfindungen zugesprochen
bekommen hätte. »Hartes Los«, flüsterte sie schwermutsvoll vor sich hin, »mit
einem reichen Herzen, mit einem zarten Gemüte unter kalten, abstossenden Naturen
leben zu müssen! Wer versteht hier die heilige Sehnsucht, die mich so ganz nach
Rucciopuccio erfüllt, dem Fürsten von Hechelkram im Geheimen? Ich weiss, das
Schicksal, welches unser Leben wendet, will still erwartet sein, und darum
greift kein ungestümes Verlangen im Busen der Entwickelung der Tage vor, nein,
geduldig harrt der gläubige Sinn des liebenden Weibes auf den seligen
Augenblick, da der goldlackierte Wagen vor dem Schloss halten und der Läufer
mit Blumenhut und Schurz in die Türe springen wird, fragend nach Emerentien, die
in den Stunden der Andacht zu Nizza Marcebille hiess. Aber eine feinfühlende
zweite Seele, ein sympatetisches Gemüt wünschest du dir, und darfst du dir
wünschen, arme Emerentia, die Qual des Harrens zu lindern! Nun, wie steht es um
die Befriedigung dieses Verlangens hier? Welche Personen umgeben dich? Wirst du
in deinen Seufzern von irgend jemandem, mit dem dich dein Los verbunden hat,
begriffen? Der gute Vater ist gut, sehr gut, aber lacht er nicht, wenn du ihm
die Geheimnisse deiner Brust leise und schamhaft entüllst? O wie verderblich
ist die einseitige Verstandeskultur, welche der Mensch von Journalen empfängt!
Wie höhlt sie das Herz aus! Und jener spartanische Pöbelnarr - - nein, denke ihn
nicht zu Ende, diesen Narren, dessen zynische Reden schon in der Erinnerung
meine keusche Seele aus tausend Wunden bluten machen. O komm, Mensch, fühlender
Mitmensch, den ich nicht kenne, aber gestaltet vor den Augen meines Geistes
sehe, der du mich verstehen wirst ohne Wort, wie der heilige Mond, wenn ich zu
ihm aufblicke, dem das Unaussprechliche in mir klar sein wird, wie ein Spruch
der Einfalt, komm, Tröster, Paraklet, mir meine süssen Ahnungen auszudeuten, und
mich in dem zu begreifen, worin ich mich selbst nicht fasse!« - Nach dieser
Rede, die Emerentien gewiss jeder Leserin von Gemüt teuer macht, setzte sie sich
dem Delphin gegenüber auf einen unförmlichen Rasenhügel, der ehemals eine
Bergère gewesen war, und fuhr fort, herzbrechende Seufzer auszustossen.
    Auch der Schulmeister war nicht glücklich. Er kauerte auf seinem Gebirge
Taygetus, oder Schneckenberge, vor einem Feuer, welches der Wind hin und her
wehte, und kochte schwarze Suppe. Denn es hatte zum Mittagsessen auf dem
Schloss Spinat gegeben, das einzige Gericht, welches er, sonst nicht auf
Leckerei gestellt, zu geniessen unvermögend war, weil er behauptete, es schmecke
nach Rauchtabak. Während seiner Beschäftigung polterte und brummte er folgende
Reden heraus: »Schlimm! Schlimm, beim Kuckuck, wenn man mit Ignoranten zu tun
hat! Das Fräulein ist eine Mondscheinprinzessin, und der alte Baron, dem
übrigens Gott seine Güte an mir vergelten mag, ein Konfusionarius! Ich kriege es
nicht heraus! Bis nach Böhmen kann ich die Spuren meiner Vorfahren verfolgen,
als sie sich vor den Türken flüchteten, aber weiter geht's nicht, von da bis
hieher Nacht, Finsternis, unwegsame Wüste! Mein Eltervater war aus Buxtehude,
also haben die Spartaner einen Haken bis zur Nordsee geschlagen. Wie reim' ich
nun diesen Haken mit der Niederlassung der übrigen Ageselschen oder vielmehr
Agesilausschen Familie in hiesigen Landen zusammen? Und doch, da die Sache ihre
Richtigkeit hat, so muss sie sich auch beweisen lassen. O, ein Gelahrter, ein
Forscher, der mir hülfe, die Vermutungen zusammenstellte, und selbst Vermutungen
hätte, wo mir alle Vermutungen ausgehn; o, ein solcher Mann fehlt mir nur
allzusehr!« - Er rührte heftig in der schwarzen Suppe und seine Reden gingen in
einzelne abgebrochne Ausrufungen über, die von dem Verdrusse seiner Seele
zeugten.
    Nach einigen Minuten erseufzte das Fräulein am trocknen Wasserbecken so
laut, dass selbst ihr Vater am Flötenbläser ohne Flöte und der Schulmeister auf
dem Taygetus es vernahmen. Aus Sypatie stimmten sie ihrerseits ein, so stark
sie nur vermochten, und es stieg daher ein dreifacher, gewaltiger Seufzer der
Sehnsucht im Garten des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr empor. Kaum war er
verklungen, so ertönte aus einer Ecke des Gartens, zunächst der einfassenden
Hecke, ein lautes Geräusch, wie wenn jemand von einer nicht unbedeutenden Höhe
herabfalle, ein Hufschlag, wie von einem davoneilenden Pferde, und das Gespräch
zweier Menschen, von denen der eine fragte: »Wie ist es, mein gnädiger Herr?
Haben Sie sich wehe getan?« der andre aber antwortete: »Durchaus nicht, durchaus
nicht, du weisst ja, dass mir kein Sturz etwas tut, auch liegt hier, wie du
siehst, ein weicher Haufen Unkraut und Gras zusammengetrieben, auf den bin ich
gesunken, als ich aus den Lüften herniederschwebte.« - »Soll ich dem Pferde
nachrennen?« fragte die eine Stimme. »Nein«, versetzte die andre, »wir sind am
Ziel, welches das Schicksal uns wies. Lass die Kreatur auch ihrem Ziele
nachlaufen, welches ohne Zweifel in dem Stalle des Verleihers sein wird, aus dem
ich den Klepper im Städtchen entnahm.«
    Der alte Baron, das Fräulein und der Schulmeister näherten sich jetzt dem
Orte, wo der Fall und dieses Gespräch erschollen war, und sahen zwei Männer,
welche sie in nicht geringes Erstaunen versetzten. Der eine war eine stämmige
Figur, deren Eigentümer seine vierzig und mehreren Jahre zählen mochte, mit
einem durchaus blassen, aber kräftig muskulösen Gesichte, aus dem zwei grosse
lebhafte Augen hervorstrahlten. An seiner Kleidung zeichnete sich sonst nichts
aus, dagegen konnte ein übermässig grosser Strohhut mit fussbreiten Krempen
auffallend erscheinen, welcher einige Schritte von dem Fremden im Sande lag.
Dieser Strohhut war eigentlich kein Strohhut; seine Form schwankte zwischen
Mütze und Kaskett. In Zukunft soll er, wo er noch vorkommt, der Strohhelm
heissen.
    Der andere war noch untersetzter und gedrungener, als der erste, schien mit
ihm in gleichen Jahren zu sein, hatte aber die gewöhnliche Gesichtsfarbe eines
gesunden Menschen. Seine Augen waren womöglich noch greller, als die des Herrn,
denn in diesem Verhältnis musste wohl der erste zu dem zweiten stehen, da
letzterer in einer eiergelben Livree stak, einen lackierten Bedientenhut auf dem
Kopfe trug und sich um den ersten mit einer Kleiderbürste bemühte, allerhand
Erd- und Grasspuren von dem lichtgrauen Überrocke desselben zu tilgen.
    Indem die Gesellschaft vom Schloss sich den Fremden näherte, blickten diese
auf, der erste sagte dem zweiten etwas in das Ohr, worauf der Diener den
Strohhelm von der Erde erhob und seinem Herrn darreichte. Letzterer trat den
dreien entgegen und sagte mit wunderbaren Muskelbewegungen im Antlitz zum alten
Baron einige höfliche Worte der Entschuldigung, dass er so unangemeldet in seinen
Garten gefallen sei. Der Baron versetzte, das habe gar nichts zu bedeuten, und
der Schulmeister machte dazu eine tiefe Verbeugung. Beide musterten erstaunt die
Zubehörungen des Fremdlings, wie man die Papierhefte, Rollen und Streifen wohl
nennen durfte, welche aus den Seiten- Rücken- und Brusttaschen seines Rocks, ja
sogar aus den Öffnungen eines ledernen Ranzens hervorsahn, den er an einem
Querriemen über die Schultern geworfen trug.
    Die Aufmerksamkeit des Fräuleins war dagegen in diesen ersten Augenblicken
weit mehr von dem Bedienten gefesselt worden. In der Tat zeigte der Aufzug
dieses Menschen auch so manches von einer gewöhnlichen Livree Abweichende. Denn
um von dem Strausse wilder Feldblumen zu schweigen, der an seinem Hute duftete,
so musste gewiss jedem sonderbar vorkommen, dass er einen grossen bunten Tuch wie
einen Schurz sich um die Hüften geknüpft hatte.
    Der Herr war indessen in die Mitte zwischen den Baron und den Schulmeister
getreten, durch diese Bewegung war auch das Fräulein veranlasst worden, ihn
achtsamer zu betrachten, und sich zu nähern; so bildeten die drei eine Gruppe
von Hörern um den Fremden, welche wie von selbst entstanden war. »Lassen Sie
uns, geschätzte drei Unbekannte, nicht zu lange in einem leeren Erstaunen
einander gegenüberstehen«, hob er mit einer gewissen Feierlichkeit an, welche
jedoch die Wiederholung jener Muskelbewegungen im Antlitz, auf die wir schon
hingedeutet haben, nicht verhinderte. »Ich fühle etwas in mir, welches mir sagen
will, dass unser Zusammentreffen in diesem verwilderten französischen Garten
Folge einer siderischen Konjunktion ist, welcher die Signatur unserer vier
Mikrokosmen entspricht. Ist dem also, so würde alles gehaltlose Verwundern, und
der eitle Apparat nichtssagender Komplimente, welcher die Vorhalle unbedeutender
Bekanntschaften auszieren muss, nur eine Verschwendung köstlicher Minuten sein.
Hasche nach Minuten, denn auf ihren Fittichen ruht die Ewigkeit! sagt uns ein
weiser Dichter. Die tiefste Ahnung meiner Seele ruft mit vernehmlicher Stimme:
Es war vorbestimmt; die Zeit war dazu reif, dass mein Pferd an jener Hecke
bocken, sich bäumen und mich zuerst auf jenen Unkrautaufen schleudern,
demzufolge aber in Ihren freundlichen und empfänglichen Kreis befördern musste.«
    »Sind Sie vom Pferde gestürzt?« fragte der alte Baron. »Jawohl«, versetzte
der Fremde; »doch eigentlicher zu reden, ich flog mehr und beschrieb in der Luft
eine Kurve, deren Berechnung wohl die Elemente der Ellipse ergeben möchte. Ich
bin auf einer gelehrten Fusswanderung begriffen, deren Zweck es ist, das Mineral
zu entdecken, wodurch man Luft - - - doch still vorderhand noch von diesen
Dingen! Weil ich mich aber ermüdet fühlte, nahm ich in der Stadt, vier Meilen
von hier, ein Mietpferd zu dem Abstecher in diese Gegend. Hieher wiesen mich
geheime Andeutungen in manchen Schriften, welche die Menge nicht beachtet, die
aber Körner gediegenen Goldes entalten. Auch eigne Kombinationen machten es mir
wahrscheinlich, dass hier ein Stock des Min - - doch, wie gesagt, still davon!
Ich hing auf meinem Pferde verschiednen Untersuchungen nach, wie es denn meine
ziemlich ausgebreiteten Studien mit sich bringen, dass das Verschiedenartigste
mir gleichzeitig durch den Kopf zu laufen pflegt. Ich fand, dass die
Infusionstiere, deren Ökonomie mich unter andrem kürzlich beschäftigt hat,
eigentlich unentwickelte Karpfen sind, und Gedächtnis besitzen ...«
    »Können Sie mir mehr von den Infusionstieren sagen?« unterbrach der alte
Baron mit einem schwärmerischen Eifer den Redner.
    »Soviel Sie begehren; mit diesen Geschöpfen habe ich in dem vertrautesten
Umgange gestanden«, erwiderte jener.
    »Dazwischen sann ich meinen Hypotesen über die Vertreibung und Verpflanzung
der alten Nationen durch die Völkerwanderung nach, bewies mir, dass viel
griechisches Blut unter uns rollt, worauf auch schon in der Sprache so manches
hinweiset, wie z.B. Kater, abstammend von katairo, reinigen, säubern, weil jenes
Tier die Häuser von Mäusen reiniget; Katze, von der Präposition kata, herab,
gegen, darauf hin, drüber hin, durch hin, entlang; denn sind nicht die Katzen in
ihrer geschmeidigen und stürmischen Beweglichkeit gewissermassen die lebendig
gewordene Präposition Katá? Springen sie nicht unaufhörlich von Dächern und
Bäumen herab? Nicht gegen Mauern? Nicht, wenn ein Vogel im Laube spielt, drauf
hin? Nicht, scheint der Mond auf den Söller, drüber hin? Nicht durch dick und
dünn hin? Nicht Kornfelder entlang? Also, griechische Rudera, wohin wir in
Deutschland treten ...«
    »Spartanische doch insbesondere auch?« fragte der Schulmeister mit
funkelnden Augen.
    »Die werden sich natürlich ebenfalls sehr leicht entdecken lassen«,
erwiderte der Fremde.
    Der Schulmeister drückte dem alten Baron hinter dem Rücken des Fremden
feurig die Hand, und der Schlossherr, der an die Infusionstiere dachte, und alle
Standesunterschiede vergessen hatte, erwiderte dieses Zeichen der Begeisterung
mit Wärme. Der Fremde fuhr fort: »Diesen und vielen andern Gedanken hing ich auf
dem Rücken meines Tieres mit Bequemlichkeit nach, denn es gehörte zu denen,
welche aufgehört haben, Freunde von Leibesbewegung zu sein, und konnte nur durch
die Gerte meines nachwandelnden Dieners, womit derselbe die Schenkel des
Lässigen bestrich, im notdürftigsten Gange erhalten werden. Ich erzähle diese
Umstände so ausführlich, weil sie dem nachfolgenden Vorfalle erst seine volle
Bedeutung geben. Nämlich, als ich in den Weg einbiege, der sich dort entlängst
Ihrer Gartenhecke hinzieht, und mein Mietross im gesetztesten Schritte
einherschleicht, ich aber an nichts weniger denke, als mit dem Schloss und
seinen Bewohnern anzuknüpfen, scheut das Pferd, als sähe es, gleich Bileams
Eselin eine Erscheinung, wirft den Kopf in die Höhe, hebt sich auf die
Vorderfüsse, bockt mit einer unglaublichen Schnellkraft, schlägt sofort auch
hinten aus, springt mit einem Seitensatze in das Dornengebüsche; ich aber,
bügellos geworden, schwebe in der von mir schon beschriebenen Kurve, gemäss dem
Parallelogramm der zusammenwirkenden Kräfte des Bockens, des Ausschlagens und
des Seitensatzes über die Gartenhecke auf den Krautaufen. Während des Schwebens
aber und bei dem Niederprallen entsteht in mir blitzartig eine intellektuelle
Anschauung, die mit sinnlicher Stärke vom Kreuze aufwärts durch das Rückenmark
in die Gehirnnerven steigt, und in Worte übersetzt, lautet: Dies ist ein grosser
historischer Moment, ein Ausgangspunkt wichtiger Entwickelungen. Damit Sie aber
erfahren, wer so unvermutet in die Mitte aller Ihrer Beziehungen geschleudert
wurde, so vernehmen Sie meinen Namen, Stand und Charakter. Ich bin der Freiherr
von Münchhausen, Mitglied fast aller gelehrten Gesellschaften, in die Akademie
der Arkadier zu Rom mit der Bezeichnung: Der nie Verwelkende, aufgenommen.«
 
                                 Achtes Kapitel
    Handelt von dem Bedienten Karl Buttervogel und von der freundlichen und
     ehrenvollen Aufnahme, welche der Freiherr von Münchhausen im Schloss
                          Schnick-Schnack-Schnurr fand
»Und ich«, sagte der Diener, dreist zu den Herrschaften herantretend, »bin der
Bediente Karl Buttervogel, bürste meinem Herrn die Kleider aus, und putze seine
Stiefeln. Die gnädige Dame da sehen verwundert meinen Blumenstrauss am Hute, und
dieses Tuch an, welches beinahe wie ein Lauferschurz lässt; ja, ich wäre so ein
Laufer, den jede Schnecke einholen würde; ich habe zu schwer hier an meinem
Tornister zu schleppen, worin die Instrumente des gnädigen Herrn stecken. Nein,
ich pflückte mir die Blumen aus Langerweile, während mein Herr die Luft
untersuchte, und was den Schurz betrifft, so habe ich mir den umgeknüpft, meine
Unterkleider vor den verdammten Dornen in acht zu nehmen, durch die der gnädige
Herr sich absolut hindurcharbeiten wollte. Ich glaube nicht, dass die Schindmähre
vor einem historischen Momente gescheut ist, wie Sie sagen, sondern die Dornen
rissen sie, und davon wurde das Vieh fuchstoll.«
    Der alte Baron und der Schulmeister hörten mit Verwunderung diesen
überkecken Reden eines Dieners zu. Münchhausen suchte mit einem gewichtigen
Blicke den Vorlauten in seine Schranken zurückzuweisen, da aber jener den Blick
ertrug, ohne sich niederschlagen zu lassen, so senkte der Herr die Augen, und
die Züge seines Gesichtes begannen, ein geheimes geistiges Leiden auszusprechen.
In dem Fräulein aber war die heftigste Gemütsbewegung entstanden. Ihre Wangen
hatten sich bei den Reden Karl Buttervogels in Purpurglut gefärbt, ihre
fliegenden Blicke schweiften von dem Herrn zum Diener, und von diesem zu jenem,
während die Lippen leise Fragen an das Schicksal vor sich hin flüsterten, welche
wie: »Lauferschurz? Blumenhut?« lauteten.
    Der alte Baron lud den Freiherrn von Münchhausen auf das freundlichste ein,
bei ihm so lange vorlieb zu nehmen, als es ihm gefiele, was Münchhausen dankbar
annahm. Alle begaben sich hierauf aus dem Garten in das Haus, nachdem der
Schlossherr seinem Gaste, der das zerstörte Gebäude einigermassen stutzig
anblickte, zuvor eröffnet hatte, die Wirtschaft sei in diesem Augenblicke durch
allerhand Zufälligkeiten etwas in Unordnung geraten, auch solle gebaut werden.
Auf der Treppe, die vom Hausflure zu dem Wohnzimmer führte, hätte der Freiherr
beinahe wieder ein Unglück gehabt. Denn eine von den morschgewordnen Stufen
knackte, als er sie betrat, und brach. Hierauf verlor er das Gleichgewicht,
wollte sich an dem Geländer halten, fasste aber nur in die dünne Luft, weil das
Geländer vorlängst zu Brennholz verwendet worden war. Er wäre gefallen, wenn ihn
nicht der alte Baron am Rockzipfel gehalten hätte. So aber kam er doch wieder
glücklich auf seinen Füssen zu stehen, und wurde vorläufig in das Wohnzimmer
geführt, bis seine Appartements instand gesetzt waren. Diese Einrichtung
besorgte der Schulmeister, da mit dem Fräulein nichts anzufangen war. Sie sass
verklärten Blicks in einer Ecke des Zimmers, sah vor sich hin, und ihre Gedanken
schienen abwesend zu sein. Als der Vater zu ihr sagte: »Renzel (so nannte er
sie, wenn er besonders guter Laune war), wo kriegen wir den Nachttisch her für
den Fremden?« versetzte sie: »O Vater, es wird Tag!« und als er sie bat, die
Bettung des Gastes zu besorgen, blickte sie ihm starr in das Antlitz und
verstand ihn nicht. Der Schulmeister, welcher unter sotanen Umständen sich zum
Haushofmeister anerbot, bewies dagegen eine nicht geringe Anstelligkeit. Er war
während seines Dienstes zu Hackelpfiffelsberg sich Knecht und Magd gewesen, und
hatte dadurch die genauste Kenntnis aller kleinen häuslichen Geschäfte erworben.
- Flink räumte er von der Vorratskammer, die der Schlossherr zum Gastzimmer
bestimmt hatte, weil sie das einzige Gelass war, welches noch Fenstern hatte, die
getrockneten Äpfel, die Bohnen und Erbsen hinweg, welche für den Winterbedarf
dort aufgeschüttet lagen, sorgte für das Haupt des Fremden, indem er die lose
Gipsbekleidung der Decke mit einer Stange abstiess, fegte den Estrich rein,
verjagte die Spinnen aus ihren luftigen Schlössern, nahm aus den Betten der
Schlossbewohner die noch einigermassen entbehrlichen Stücke, stellte verschiedene
Holzfragmente mittelst Säge, Hammer und Nägel zu einer Art von Sponde zusammen,
und wusste selbst noch einen erträglichen Tisch und Stuhl für den Freiherrn
aufzutreiben.
    Nach vollbrachtem Werke ging er hinunter und fand den alten Baron um zehn
Jahre verjüngt. Münchhausen hatte ihm die Wirtschaft der Infusionstiere mit so
reizenden Farben geschildert, dass sein Zuhörer in Entzückung geraten war, er
hatte ihm ganze Idyllen, Epen und Tragödien vorgetragen, die sich in jedem
Wassertropfen seiner Versicherung nach ereigneten. Als der Schulmeister nun
einige Augenblicke mit Münchhausen allein gelassen wurde, gab ihm dieser auf
Verlangen sein Wort, dass er unfern von Buxtehude in einem Bauerndorfe die
deutlichsten Spuren spartanischer Sitte und Abkunft angetroffen habe, indem die
Leute dort nichts von den Wissenschaften hielten und von Schmutz starrten. Der
Schulmeister ging höchst befriedigt von dannen, um seine schwarze Suppe zu
verzehren, und überliess Emerentien den Freiherrn.
    Nach einer Pause, die so feierlich war, als diejenige zu sein pflegt, welche
die Komödianten vor der grossen Szene machen, in welcher die Liebe dadurch über
die Kabale siegt, dass Ferdinand seiner Luise Rattenpulver in Limonade eingibt,
nach einer Pause, lang und lastend, wie die vorstehende Periode, sagte das
Fräulein schüchtern zum Freiherrn: »Herr von Münchhausen, Sie treten wie ein
mytisches Produkt unsrer Zustände mit innerer Notwendigkeit in die Burg meiner
Väter. Schon haben Sie sich selbst in Ihrer Gartenrede als einen durch
beziehungsvolle Beziehungen mit unsern Wünschen und Aussichten Verknüpften
empfunden. Verargen Sie es daher der schüchternen Jungfrau nicht, wenn sie, die
Gesetze der Zurückhaltung, welche sonst meinem Geschlechte eignen, brechend, Sie
herzlich und dringend fragt: Gibt es noch Laufer?«
    »Ja, meine Gnädige«, erwiderte der Freiherr mit ernster Rührung; »es gibt
allerdings noch Laufer.«
    »Pflegen sich wohl Fürsten dergleichen Laufer zu halten?« fragte das
Fräulein, indem sie eine Träne im rechten Auge zerdrückte.
    »Nur ein Fürst ist dessen fähig!« rief Münchhausen, und führte das
Taschentuch an sein linkes weinendes Auge.
    »Und nun die letzte Frage an Ihr schönes Herz, edler Mann, eine Frage, in
der Sie meine Seele empfangen: Trägt ein Laufer, wo er erscheint, Blumenhut und
Schurz?«
    »Blumenhut und Schurz bleiben die Zeichen eines Laufers bis an das Ende der
Tage«, sprach der Freiherr erhaben, und streckte, wie schwörend, den Daumen und
die beiden ersten Finger der rechten Hand empor.
    »Ich danke Ihnen für diese Stunde«, sagte das Fräulein. »Mein Leben beginnt
wieder seine Schwingen zu regen. Das Schicksal gibt mir ein Zeichen; auf die
Lippen der Unschuld, auf die Lippen Ihres Karl legte es sein bedeutendes Wort,
wundersamen Tönen meines Tiefinnersten entsprechend, Schätzen des Busens, die
sich eben leuchtend dem Dunkel entrungen hatten. Sie aber, hoher Meister, legten
zart und weise die süsse Fabel als schlichte, treue Wahrheit aus. O ich wusste
wohl, dass ich hier verstanden werden würde!«
    »Durchaus verstanden!« rief Münchhausen.
    In diesem Augenblicke trat der alte Baron, der inzwischen die Einrichtung
der Gaststube besichtigt hatte, wieder in das Zimmer, und lud Münchhausen ein,
ihm dahin zu folgen, damit er es sich vorderhand etwas bequem machen könne.
    Emerentia sagte, als sie allein war: »Er ist erschienen, der mich ohne Wort
versteht; der Himmel hält uns die Verheissungen, die er uns in der Sehnsucht
gibt! Bald, bald wird nun auch Rucciopuccio kommen, der Fürst von Hechelkram,
seine Freundin im reinsten Sinne des Worts abzuholen.«
 
                                Neuntes Kapitel
     Verständnisse und Missverständnisse, Sehnsucht, Orden, Gesinnungen und
Ehrenstellen; Görres und Strauss; die Pucelle d'Orleans, Zeichen, Wunder und neue
                                  Geheimnisse
In den nächsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwärmende
Entzücken der Schlossbewohner über den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um
so festeren Glauben über, dass in ihm der vom Verhängnis bestimmte Heiland ihrer
Wünsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an
welchem er Münchhausens Unterhaltung genoss, dass mit den Kenntnissen,
Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypotesen seines Gastes niemand
zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermöge. Er war, seinen Erzählungen
zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen,
hatte sämtliche Künste und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das
Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Küchenjunge,
Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in
aussermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er liess nach den
ersten Stunden der Bekanntschaft merken, dass er einen Teil seiner Tage unter dem
Vieh zugebracht habe.
    Der alte Baron hatte hauptsächlich die Abendstunden, in welchen die
Gesellschaft sich im Wohnzimmer zu versammeln pflegte, und bei dem Scheine einer
Kerze auf den hölzernen Schemeln um den kiefernen Tisch sass, sich zu
Mitteilungen erbeten. Für die Gartenpromenaden war von ihm ein noch strengeres
Silentium festgesetzt worden, als früherhin, »denn«, sagte er, »man muss den Tag
zum Nachdenken frei behalten, darüber, was Münchhausen am Abend erzählt; des
Stoffes wird sonst zuviel, und wir werden alle drehend, wie die Schafe, von der
Weisheit dieses Mannes.« - Aus dem Journalzirkel trat er nun wieder aus; in
seinem Gaste besass er jetzt mehr, als ihm eine Zeitschrift bieten konnte, der
Geist aller Journale erschien in Münchhausen verkörpert. Immer ging der
wunderbare Mann bei seinen Erzählungen von etwas Bekanntem und Verbürgtem aus,
erhob sich aber von dieser Grundfläche zu den kühnsten und abenteuerlichsten
Schwüngen, so dass man wohl sagen konnte, er stelle recht eigentlich in seiner
Person den gewaltigen Fortschritt unserer Zeit dar.
    Freilich blieb die Empfindung des Schlossherrn nicht ganz ohne eine hin und
wieder hervortretende entgegengesetzte Beimischung. Münchhausen redete auch viel
von Literatur und Poesie, und konnte bei solchen Gesprächen leicht satirisch
werden. Der alte Baron hatte aber an diesen Gegenständen kein Interesse, und
hasste die Satire; weshalb er denn auch derartigen Konversationen sich nur mit
einem gewissen Unbehagen hingab. Wirklich verletzt aber fühlte er sich, wenn
Münchhausen, wie er nicht selten tat, seine Meinung äusserte, alle Menschen seien
gleich geboren, und nur der Wahn, der aber für immer ab und tot sei, habe den
einen durch seine Geburt zu Vorzügen bestimmt ausgeben können, die nicht auch
das Eigentum aller seiner Mitbrüder gewesen seien.
    Mit dem Fräulein gestaltete sich das Verhältnis des Gastes bald gründlich
und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und
hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflüsterte, ein
unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, dass er sie vollkommen
begreife; und konnte sie für den Drang ihrer Empfindungen nur Vordersätze ohne
Nachsätze finden, so liess er sie ahnen, dass letztere in seiner verschwiegenen
Seele ausgesprochen ruhten. Daneben erquickten sie die glänzenden Schilderungen,
welche er von fremden Gegenden gab, im Grunde ihres Herzens, und bis zur
Schwärmerei stieg ihre Regung, wenn er die vierundzwanzigsilbigen Namen, welche
in Mexiko, Peru oder Indien gebräuchlich sind, aussprach.
    Zwar fühlte auch sie sich jezuweilen durch ihn verwundet. In dem Glauben
nämlich, ihr dadurch nur noch um so mehr zu gefallen, sprach er einige Male
seine Meinung aus, dass nur das Weib ihren Empfindungen treu bleibe, bei dem
Manne aber der Spruch gelte: »Aus den Augen, aus dem Sinne!« weshalb denn auf
kein von diesen unbeständigen Wesen gegebnes Versprechen jemals zu rechnen sei.
Er konnte freilich nicht wissen, wie ungestüm solche Aussprüche ihren
Erwartungen entgegentraten. Sie pflegte darauf zu versetzen: »Herr von
Münchhausen, Karls und Ihre Erscheinung widerlegt mir im Sinne höherer Ahnung
zum voraus diesen Satz.« Wenn sie nun das sagte, verstand er sie wirklich nicht,
und war auch nicht so dreist, es ihr zu versichern.
    Indessen gingen diese einzelnen Missstimmungen immer bald in dem Gefühle der
Hingebung und Begeisterung unter, welches Vater und Tochter ihm widmeten; ja sie
dienten durch den Kontrast dazu, diesem Gefühle nur noch grössere
Leidenschaftlichkeit zu geben. Dagegen war der Schulmeister dem Freiherrn
gegenüber in einer eignen Stimmung, die sich nur mit den Scherzbildern
vergleichen liess, welche von der einen Seite angesehen, ein lächelndes Gesicht,
von der andern betrachtet, eine verdriessliche Fratze zeigen. Die Persönlichkeit
Münchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen können, auch auf den
Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten für
die Bestätigung seiner teuersten Überzeugungen auch er an diesen Mann des
Schicksals knüpfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der
Darstellungsweise Münchhausens überall einverstanden erklären. Er war von seinem
Elementarunterrichte her an Einfachheit gewöhnt; er hatte den Knaben und Mädchen
die Erschaffung der Welt, den Sündenfall, die Opferung Isaaks, und die
Geschichte des keuschen Joseph, ohne Episoden einzumischen, immer schlicht
heraberzählt. Der Freiherr aber, überwältigt von seinen Erinnerungen, überfüllt
mit Bezügen, Rückblicken und Seitenblicken, schachtelte dermassen
Nebengeschichten in seine Hauptgeschichten ein, und verstieg sich oft in ein
solches Labyrint dabei, dass dem armen Schulmeister, welcher notgedrungen den
Teseus in jenen Irrgängen spielen musste, der Faden der Ariadne häufig aus den
Händen schlüpfte. Ausserdem hatte er zu bemerken, dass Münchhausen, der ihn für
einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm
keinesweges mit der gefälligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und
dem Fräulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen liess, die Wanderung der
vertriebenen Spartaner nach dem Fürstentume Hechelkram urkundlich für ihn
auseinanderzusetzen.
    Er war daher abwechselnd böse auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm. So
wahr ist es, dass jeder Prophet schon in seiner ersten Gemeine den Tomas findet,
welcher ihm heute folgt, und ihn morgen verleugnet.
    An einem der Erzählabende sagte der alte Baron zu seinem Gaste: »Weiss Gott,
dass ich nicht gern an Wunder glaube, und im Grunde auch der Meinung bin, die
Natur sei ein Haus, worin man noch immer jeden Tag neue Zimmer und Kammern
entdeckt, aber wenn ich bedenke, wie Ihr, liebster Münchhausen, uns
dahergeschleudert wurdet, just, als wir, wie ich nun von Emerentien und dem
Schulmeister herausgebracht habe, gleichzeitig nach einem Manne, wie Ihr seid,
das allerlebhafteste Verlangen empfanden, und auf einen Schuss den dicken
Sehnsuchtsseufzer hervorstiessen - so weiss ich wahrhaftig nicht, ob dergleichen
mit rechten Dingen zugehen kann.«
    »Und was wäre denn daran so wunderbar, wenn Sie, meine Freunde, mich
herangeseufzt hätten?« rief Münchhausen. »Darüber sind wir denn doch nun wohl
aufgeklärt, dass dem menschlichen Geiste, wenn er sich recht in einem Punkte
konzentriert, ein gesteigertes Vermögen beiwohnt, wie denn z.B. Görres in einem
überaus glaubwürdigen Buche, in seiner Christlichen Mystik, erzählt, die heilige
Katarina habe einmal wegen leichter Indisposition nicht kommunizieren können,
und deshalb während der Altarhandlung in einer entfernten Ecke der Kirche
gekniet; das habe aber gar nichts zu sagen gehabt, denn die Hostie sei über das
ganze Schiff der Kirche hinweg ihr in den Mund geflogen.
    Nun sage ich immer: Was dem einen recht ist, muss dem andern billig sein.
Können die Frommen sich das Venerabile von hundert und mehreren Schritten
herbeibeten, so haben die Weltlichen, wenn sie nur ihr Verlangen auch energisch
auf einen Punkt richten, gewiss ebenfalls die Macht, diesen Punkt, bestehe er nun
in Geld, Frauen, Ehre, herbeizuziehn; und jede Partei kriegt auf solche Weise,
was sie wünscht, die Frommen empfangen das eine, was not tut, die Weltlichen das
andre, was hilft. Ich bin also überzeugt, dass Ihre drei Sehnsuchten meinem
Mietpferde magische Schlingen um die Füsse legten, die es in den Dornenweg
entlängst der Gartenhecke zogen, und dass es dann vor der mystischen Gewalt Ihrer
Seufzer scheute, solchergestalt aber durch die nachfolgenden Zwischenursachen
hindurch mich zu Ihnen beförderte.«
    »Ja, Münchhausen«, rief der alte Baron, »Ihr seid gleichsam aus der Luft wie
ein Donnerkeil unter uns geschlagen!«
    Münchhausen fuhr fort: »Wie käme es denn, wenn eine solche Macht des
menschlichen Willens nicht bestände, dass so manches gute, schöne Mädchen sich
mit dem hässlichsten, einfältigsten Tropfe vermählt? Der Tropf hat es sich einmal
in den Kopf gesetzt, eine schöne Frau zu bekommen; er richtet sein ganzes
Verlangen auf eine solche, und sie gibt ihm richtig ihre Hand, ohne selbst zu
wissen, wie es zugegangen ist. Wieder ein andrer hat mehr Liebhaberei an
Ehrenstellen und hohen Posten; er weiss nichts, gar nichts, er kann eigentlich
keinem Schreiberdienste vorstehen, aber er ist ein Mann von Gesinnung d.h. nach
der Auslegung, die wir Eingeweihten unter uns dem Worte geben: er besitzt die
stärkste Intensivität des Sinns, sich und seinen Herrn Vettern alles mögliche
Gute und noch etwas mehr zu verschaffen, überzeugt, dass, wenn es nur ihm und den
Herrn Vettern wohl gehe, es auch mit dem Glücke des Landes wohl bestellt sei.
    Louis quatorze sagte: l'État, c'est moi. Wir haben nun gegenwärtig keinen
Louis quatorze, aber eine Clique haben wir, eine schöne, vollständig
organisierte Clique, mit Ober- und Untercliquiers von dauerhafter Gesinnung und
die Clique sagt:
    l'État, c'est la clique.
    Mais, pour revenir à mes moutons: Ein Gesinnungsmann ohne Kenntnisse und
Verstand wünscht sich in der Stille, solange mit solcher Inbrunst zum
Stattalter oder Minister, bis er eines Tages, also brevetiert, aufsteht. Die
Welt schreit von kleinen Intrigen, die gespielt worden seien; ach, Possen! sie
sollte dafür sich einen Blick in grosse Naturgeheimnisse anzueignen suchen. Die
mystische Kraft der Sehnsucht hat gewirkt, dass dem Gesinnungsmanne die
Stattalterei in den Mund flog, wie ...«
    »Eine gebratene Taube!« fiel der alte Baron ein.
    »Die Hostie der heiligen Katarina, nach Görres«; sagte Münchhausen. »Ich
habe mir im Herzogtume Dünkelblasenheim einmal den Landesorden ersehnt; d.h. ich
habe nicht sehnsuchtsvoll, wiewohl vergebens, danach geseufzt, sondern ihn
realiter an meinen Rock herbeigesehnt. Der Herzog ist ein guter alter Mann,
seine Bildung datiert noch von Gellerts Fabeln, darüber ist er nicht
hinausgekommen, und in heiterer Rückerinnerung an dieses kindliche Lehrmittel
hat er den Orden vom grünen Esel gestiftet, mit Komturen, Grosskreuzen und
Kleinkreuzen. Der Esel frisst in einer Umkränzung von Sternen Disteln, und die
Ordensdevise lautet: L'appétit vient en mangeant. Nun, nach diesem grünen
Eselorden verlangte ich heftig, denn man war in Dünkelblasenheim kaum noch beim
Wege angesehen, wenn man nicht zu den Eseln gehörte; so wurden die Ritter nach
einer abkürzenden Redefigur benannt. Eines Morgens kommt mein damaliger
Stiefelputzer Kalinsky vor mein Bette, hält mir den Frack, der in der Stube
gehangen hatte, ausgespreitet unter die Augen und ruft: Herr von Münchhausen,
Sie sind über Nacht auch ein Esel geworden. Ich sehe hin und erstaune denn doch
ein wenig, denn richtig sitzt im dritten Knopfloch das changeante Band, und
daran hängt das Kreuz mit dem Distelfreunde und der Devise. Ich springe aus dem
Bette, erkundige mich im Hause, ob jemand sich habe einschleichen und den Spass
verüben können? Aber die Türe war die ganze Nacht über fest verschlossen
gewesen, Kalinsky war der erste, der von aussen kam.
    Der Orden ist da, wo aber stecken deine Verdienste? frage ich mich selbst.
Hast du irgend Verdienste um Dünkelblasenheim? Ich prüfte auf das ernsteste mein
Gewissen; ich löste die letztgedachte Hauptfrage in sechs Unterfragen auf:
                                  * * * * * *
Aber auf alle Fragen und Unterfragen musste ich mir mit Nein! antworten. Ich
hatte kein Verdienst, gar kein Verdienst, nicht das geringste Verdienst um jenen
Staat. Um andere Staaten habe ich mir Verdienste erworben, aber nicht um
Dünkelblasenheim. Ich lüge Ihnen nichts vor, mein Wahlspruch ist: La vérité,
toute la vérité, rien que la vérité.
    Und der Orden war doch da. Also abermals eine Erfahrung von der mystischen
Kraft der reinen Sehnsucht. Das Wunderbare bei der Sache, und was ich mir noch
nicht habe erklären können, war, dass nicht allein das Kreuz von meinem Wunsche
herbeigezogen worden war, sondern dass es auch seinerseits auf das changeante
Band eingewirkt hatte, so dass dieses sich von selbst in das Knopfloch knüpfte.
Ich versuchte, den Knoten zu lösen, aber er war so fest geschlungen, dass mir
dieses nur mit der grössten Mühe gelang. Auch nachher blieb das Band untrennbar
haften, wie Johanna Rodriguez nach Görres' Christlicher Mystik, Band 2 pagina
569 fest am Kreuze haften blieb, auf welches sie sich locker gelegt hatte.«
    »O wäre ich Johanna Rodriguez!« flötete das Fräulein.
    »Dummes Zeug!« brummte der Schulmeister.
    »In diesem Buche von Görres müssen ja erstaunliche Dinge stehen«, sagte der
alte Baron.
    »O«, rief Münchhausen, »ganz andere Dinge stehen noch darin! Dem heiligen
Filippo Neri schwoll, nach Görres, das Herz vom Beten so an, dass es ihm zwei
falsche Rippen zerbrach, nämlich die vierte und fünfte; der heilige Petrus von
Alcantara brannte so in Liebesflammen, dass der Schnee um ihn schmolz, und dass er
einmal bei Winterszeit, um sich abzulöschen, in einen gefrornen Teich springen
musste, worauf das Eis um ihn zischte und kochte, wie in einem Gefässe über grossem
Feuer ...«
    »Hört auf, hört auf!« rief der alte Baron. »Mir schwindelt.«
    Feurig fuhr Münchhausen fort: »Görres sagt auch: die Heiligen röchen sehr
schön, besonders wenn sie den Aussatz hätten. Was aber das Lieblichste ist: sie
geben Öl von sich. Die heilige Lutgardis drückte sich das Öl aus den Fingern,
Christina mirabilis hatte es in den Brüsten, und von der Äbtissin Agnes von
Monte Pulciano füllten die Klosterschwestern ganze Krüge ab. Görres hat auch
diesen Ölbildungsprozess sehr richtig an den Körper verteilt, wie er denn
überhaupt nichts so roh und unzugerichtet hinschreibt, sondern alle die Sachen,
welche sich an den Heiligen ereignen, aus der höheren Physiologie ableitet. In
den unteren, beschatteten Regionen des Leibes bilde sich das milde oder fette
Öl, sagt Görres ...«
    »Verstehe, verstehe, eine Art von Baumöl, Salatöl«, rief der alte Baron
dazwischen und schwenkte seine Mütze; »wo aber rechte Heiligkeit herrscht,
grünliches Provenceröl ...«
    »O gäbe ich auch Öl von mir!« schmachtete das Fräulein.
    » ... Oben jedoch, in den höheren Regionen, also etwa vom Zwerchfelle
aufwärts, komme es mehr zur Produktion eines flüchtigen Öls, Aromas, sagt
Görres. Zuweilen nun, wenn gerade in der Luft eine besondere Beschaffenheit
obwaltet, schlägt sich dieses Aroma als Manna in Form eines Kreuzes nieder, was
dann die Gläubigen vom Heiligen abkratzen und aufessen. So hat es sich nach
Görres bei der schon erwähnten Äbtissin Agnes von Monte Pulciano zugetragen.«
    »Münchhausen! Münchhausen!« rief der alte Baron, blies die Backen auf, und
stiess einen Strom Luft aus denselben hervor, wie er zu tun pflegte, wenn ihm ein
Gedanke zu mächtig wurde - »wir leben in einer grossen Zeit. Überall, durch das
ganze Reich des Wissens hin, stiftet sich Licht und Zusammenhang. Was dem
Filippo Neri mit seinem Herzen begegnete, ist ja in einem höheren Gebiete nur
dasselbe, was sich tagtäglich in einer niederen, animalischen Sphäre ereignet.
    Wenn doch die Zeiten der Görresschen Wunder ganz wiederkehrten, so könnte
man ja fast alle Haushaltungsbedürfnisse mit einem seiner Heiligen bestreiten,
und ersparte hundert Auslagen, die das Leben jetzt so sehr verteuern! Ein
Görresscher Heiliger heizte uns das Zimmer durch, gäbe Öl, unten fettes, oben
flüchtiges, ein paarmal im Jahre auch eine Schüssel Manna ...«
    »Guter, schuldloser Vater!« sagte Emerentia und blickt ihren Vater mitleidig
an. - »Ob es je dahin wieder kommen wird, weiss ich nicht«, sagte Münchhausen,
»aber mit dem Görresschen Buche habe ich selbst mein dreifarbiges Wunder
erlebt.«
    Der Schulmeister war hinausgegangen. Ihm machten diese Erzählungen grosse
Beschwerlichkeit, denn er war entschiedner Rationalist. Der Baron und seine
Tochter forderten den Freiherrn dringend auf, das dreifarbige Wunder zu
berichten, und Münchhausen hob wieder an:
    »Geschätzte Freunde und Zuhörer, wissen Sie hiemit, dass ich das vielbelobte
christlich-mystische Buch auf meinem Bücherbrette neben dem Leben Jesu von
Strauss stehen hatte. Doctis pauca sufficiunt; Gelehrten ist gut predigen, ich
brauche Ihnen, mein würdiger Altvater und Schlossherr, nicht des breiteren den
Inhalt der letzteren Schrift auseinanderzusetzen, denn es ist Ihnen aus Ihrer
Journallektüre bekannt, dass, wie der christliche Mystiker noch bis auf die
neueste Zeit die Nägelmale sich hat reproduzieren lassen, der andere dagegen dem
Heilande nicht einmal sein Dasein in den Evangelien gönnt, sondern behauptet,
die apostolische Kirche sei eine Art von Aktiengesellschaft gewesen, die sich
den Erlöser auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft habe, weil sie ihn bedurft.
- Es war unvorsichtig von mir, dass ich zwei so widerhaarige Bücher
zusammengestellt hatte; ich musste voraussehen, dass sie sich nicht vertragen
würden. Und so kam es auch. Eines Nachts wache ich von einem sonderbaren
Geräusch auf, welches aus meiner Bibliotek tönt. Ich nehme die Kerze, leuchte
hin, und habe einen seltsamen Anblick. Strauss und Görres sind in wütendem Kampfe
begriffen, nämlich so, dass die beiden einander zugekehrten Buchdeckel
aufeinander zuschlagen, wie die Flügel erboster Trutähne. Der Kirchenrat
Paulus, Steudel, Marheineke, selbst Toluck, die rechts und links von diesen
beiden Werken gestanden hatten, waren scheu zur Seite gewichen, so dass die
Gegner vollen Raum zur Entfaltung ihrer Polemik in den Buchdeckeln gefunden
hatten. dabei gaben sie sonderbare Töne zu vernehmen. Im Leben Jesu liess sich
ein feines, nagendes Knispern, wie von fressenden Mäusen hören, dagegen grunzte
und grölzte die dicke Mystik in einer Art von Strohbass. Ich nahm meinen armen
Görres, der auch schon ganz warm geworden war, wenngleich nicht glühend, wie der
heilige Petrus von Alcantara, vom Brette, streichelte ihn, redete ihm mit guten
Worten zu, und brachte es denn endlich auch dahin, dass sich das Buch von seiner
entsetzlichen inneren Aufregung beruhigte; während das Leben Jesu noch immer mit
dem einen Deckel in die leere Luft hineinfocht, gegen einen Wunderglauben, der
ihm gar nicht mehr gegenüberstand.
    Wie ich nun aber den Einband von Görres untersuchte, um zu sehen, ob er in
diesem Strausse mit Strauss nicht Schaden gelitten habe, da erschien mir das
dreifarbige Wunder. Ich hatte nämlich den Görres in Purpur binden lassen, und,
was sagen Sie dazu, meine Freunde? Der Autor hatte vor Alteration zwischen dem
Purpur blaue und weisse Streifen bekommen. In der Tat, meine Wertesten, die
Christliche Mystik hatte das alte, wohlbekannte, revolutionäre Koblenzer Blau,
Rot und Weiss von Anno 1793 angelegt. Ein Farbenkundiger sagte mir nachmals,
diese Trikolore sei die eigentliche Grundfarbe des Autors und trete bei jeder
Erregung, auch bei der mystischen, aus allen anderen Überpinselungen immer
wieder siegreich an ihm hervor.
    Nun, dem sei, wie ihm wolle. Ich stellte meinen Görres auf ein andres Brett,
hatte ihm jedoch in der Nachtmüdigkeit abermals einen unschicklichen Platz
gegeben, wie ich am folgenden Morgen sah. Nämlich, neben Voltaires Pucelle hatte
ich ihn gestellt. Aber diesem verschollnen Spotte gegenüber hat sich die
christliche Mystik sehr mächtig und überwältigend erwiesen. Denken Sie sich, die
Pucelle war in der Nacht von dem frommen Buche bekehrt worden, wahrscheinlich
durch die sich in demselben entwickelnde fette und aromatische Ölbildung. Sie
mögen es glauben, oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr. Das
frivole Gedicht war in sich geschlagen, der Text verschwunden, und ich hielt,
als ich einen Blick hineintat, ein in Halbfranz gebundnes Buch voll
unschuldigweisser Papierblätter in Händen, statt der gotteslästerlichen Spässe von
Charles sept, Agnes Sorel, Dunois, Jeanne und ihrem Esel. Ja, was noch mehr
sagen will, das Papier schämt sich seiner früheren Sünden, es liegt ein leiser
roter Schimmer darüber, dem Satze zum Trotz; litterae non erubescunt. Ich will
es doch gleich herbeiholen, Sie durch den Augenschein zu überzeugen.«
    Münchhausen lief rasch, wie eine Bachstelze hinaus. Der alte Baron ging, mit
den Händen in der Luft fechtend, seine Mütze in die Höhe werfend, und sie, wie
einen Ball wieder auffangend, im Zimmer auf und nieder und rief: »Ein
Teufelskerl, der Münchhausen! Man muss ihm nach, man mag wollen oder nicht! Im
Anfang stemme ich mich jederzeit gegen seine Geschichten, aber ehe ich mich
dessen versehe, haben sie mir die Schlinge über den Kopf geworfen und nehmen
mich mit fort. Was sagst du dazu, Renzel?«
    Emerentia versetzte: »Ich hoffe, die besondere Luftbeschaffenheit auch noch
zu erleben, und aus meinem Aroma Manna zu erzeugen.«
    »Eine Närrin bist du«, polterte der alte Schlossherr, »die immer nur an sich
denkt, und nie ihren Gesichtskreis erweitern mag! Wenn ich nun ebenso wäre, und
nichts von heute abend mir zur Ausbeute gewänne, als den selbstsüchtigen Wunsch,
mir den grünen Esel in das Knopfloch zu sehnen? Denkst du, dass dein alter Vatery
nicht auch noch gern in seinen letzten Tagen einen Orden trüge, ohne irgendeins
der sechs Verdienste um Dünkelblasenheim? Aber ich bin nicht so enggesinnt; mir
liegt meine Ausbildung am Herzen, und noch heute abend frage ich Münchhausen
über seine zweifarbigen Augen und sein Ergrünen aus, denn wir stecken einmal
mitten in den sonderbaren und ausserordentlichen Dingen, zudem stört uns auch der
Schulmeister nicht mit seiner einfältigen höhnischen Miene.«
 
                                Zehntes Kapitel
   Das kürzeste Kapitel dieses Buches nebst einer Anmerkung des Herausgebers
Die letzteren Reden zu verstehen, muss gesagt werden, bevor Münchhausen wieder
das Zimmer betritt, dass unter den vielen wunderwürdigen Dingen, die den
Schlossbewohnern an dem Gaste auffielen, zwei im vorzüglichsten Grade ihr
Erstaunen erregten. Er hatte nämlich ein blaues und ein braunes Auge, welcher
Umstand seinem Antlitze einen ungemein charakteristischen Ausdruck gab, um so
charakteristischer, als, wenn seine Seele voll gemischter Empfindungen war, die
verschiedenen Elemente solcher Stimmungen gesondert in den beiden Augen
hervortraten. Fühlte er z.B. eine freudige Wehmut, so leuchtete die Freude aus
dem braunen Auge, die Wehmut dahingegen zitterte im blauen. Denn diesem blieben
die zarten, dem braunen die starken Gefühle zugewiesen.
    Sein Gesicht war, wie ich es schon beschrieben habe, nämlich bleich, mit
einem gelblichen Anfluge, etwa von der Farbe des pentelischen Marmors, oder
eines in Wachs gesottnen Meerschaumpfeifenkopfes, der seinen Raucher noch nicht
gefunden hat. Stiegen in ihm Affekte auf, welche bei uns andern ein Erröten
hervorzubringen pflegen, so lief über seine Gesichtsfläche ein grüner Farbenton.
Daher hatte der alte Baron auch sehr richtig den Ausdruck: Ergrünen, gebraucht,
und wir werden uns desselben ebenfalls bedienen müssen, wenn Münchhausen im
Verlaufe dieser Geschichten in Affekt geraten und die Farben wechseln sollte.
    Anfangs hatten die Schlossbewohner diese Phänomene mit einem geheimen
Schrecken betrachtet. Bald indessen tilgten die grossen Eigenschaften des Mannes
und seine hinreissenden Darstellungen den Schrecken, und es blieb nur eine starke
Neugier nach, was es mit jenem Farbenspiele für eine Bewandtnis haben möge?
Diese Neugier war begreiflicherweise in dem alten Baron am stärksten.
    Aber sie sollte auch an diesem Abende noch nicht gestillt werden. Denn
nachdem er mit seiner Tochter eine geraume Zeit auf die Rückkunft Münchhausens
gewartet hatte, trat statt seiner der Bediente Karl Buttervogel in das Zimmer
und sagte: »Mein Herr lässt sich entschuldigen; er kann das Buch nicht finden.
Auch muss er« - setzte der Mensch geheimnisvoll und halbleise hinzu - »seine
chemischen Mittel brauchen.«
    »Mittel? Chemische Mittel?« fragte der alte Baron besorgt. »Ist Sein Herr
krank geworden?«
    »Das nicht«, versetzte Karl Buttervogel, »aber der Lebenspurzess kam in
Abnahme und die Gassen müssen angewendet werden.«
    »Er will wohl sagen: Lebensprozess, und: Gase?« sprach der alte Baron nach
einigem Besinnen. »Aber was soll denn das bedeuten?«
    »Ich weiss nicht«, erwiderte der Bediente mit einer wichtigen Miene. »Es ist
noch nicht aller Tage Abend und mit meinem Herrn steht es so so. Ein gescheiter
Herr, ein gelahrter Herr, aber, aber, ich lobe mir Vater und Mutter!«
    Der Schlossherr drang vergebens in den Menschen, sich näher zu erklären. Das
neue Geheimnis hatte indessen nicht Zeit, in den Seelen der Schlossbewohner
Wurzeln zu schlagen, denn Münchhausens Reden waren gerade in den Tagen, welche
diesem Abende folgten, besonders gehaltreich, so dass der alte Baron selbst die
Frage nach den Ursachen des Farbenspiels im Antlitze seines Gastes eine Zeitlang
vergass.
    Wir werden im folgenden einige dieser Reden und Erzählungen zur Kunde der
Lesewelt bringen.
                                   Anmerkung
Hier schliessen sich die Kapitel eilf bis fünfzehn an, welche der wohlwollende
Buchbinder der Spannung halber vorgeheftet hat. Ich habe über die Ratschläge
nachgedacht, welche mir von diesem Manne heimlicherweise erteilt worden sind,
werde sie befolgen, und kann dem günstigen Leser in den folgenden Büchern die
allerherrlichsten und kostbarsten Dinge versprechen. Der »Münchhausen« wird ein
Buch, bei dem man nicht begreift, wie Gott der Herr, ohne es gelesen zu haben,
mit der Schöpfung fertig geworden ist.
    Die deutsche Literatur hebt erst von meinem »Münchhausen« an. Der günstige
Leser glaube diesen Verheissungen! Ich hätte mir zu denselben wohl eigentlich
einen von den jungen Leuten in Hamburg, Berlin oder Leipzig mieten müssen, aber
ich dachte zuletzt, eigne oder fremde Fabrik gelte gegenwärtig in diesem Artikel
gleich viel, und darum ersparte ich mir den Heuerlohn und die Komplimente.
 
                              Sechzehntes Kapitel
  Warum der Freiherr von Münchhausen grün anlief, wenn er sich schämte oder in
                                  Zorn geriet
Nach so manchen interessanten Abenden fiel dem alten Baron wieder seine Frage
ein, welche er vorlängst hatte tun wollen. Es war eine schöne Stunde des
Vertrauens; Münchhausen hatte seit mehreren Tagen nur Dinge vorgetragen, die den
Schlossherrn und seine Tochter auf das angenehmste berühren mussten; selbst der
Schulmeister schien von seiner Verstimmung wieder etwas zurückgekommen zu sein.
    Der Wirt rückte daher dem Gaste, nachdem das spärliche Abendessen, bestehend
aus Salat und Eiern, verzehrt worden war, freundlich näher, und sagte: »Ihr wärt
recht gefällig, lieber Münchhausen, wenn Ihr uns heute eine stichhaltende
Hypotese über Eure zweifarbigen Augen und Euer Ergrünen zum besten gäbet.
Unmöglich können Euch diese Naturwunder entgangen sein; nun seid Ihr aber ein
Mann, der über alles nachdenkt, also habt Ihr gewiss auch darüber eine Hypotese
fertig.«
    »Keine Hypotese habe ich darüber fertig, sondern ich weiss, wie es damit
sicherlich zusammenhängt«, versetzte Münchhausen und zog die Augenbraunen in die
Höhe, dass das blaue und das braune Auge noch gewaltiger hervortrat, als
gewöhnlich. - »Was die Zwiefarbigkeit meiner Sehorgane betrifft, so leiten sich
diese aus Geheimnissen meiner Erzeugung ab - werden Sie nicht rot, meine
Gnädige, ich berühre diesen Punkt nicht weiter - die leider über ganze Regionen
meines Daseins einen schwarzen Schatten werfen. Wie oft habe ich den Tagelöhner
beneidet, der im sauren Schweisse seines Antlitzes, bei dem harten Stücke
Schwarzbrot, welches seine Kinnladen zermalmen, doch den süssen Trost nimmer
entbehrt: Du bist, wie jeder andre Mensch entstanden, und fährest dahin, wo
deine Väter ruhn. Aber ich ... oh! - - Doch den Schleier über diese Abgründe!
Sie sind tief und schrecklich, armer Münchhausen!
    Meine Freunde, ich kann Ihnen über mein blaues und braunes Auge nur
folgendes sagen: Die Säfte, oder Substanzen, oder Materien, oder Spezies - -
Himmel, wie soll ich es anfangen, Ihnen die Sache deutlich zu machen, ohne
meinen sogenannten Vater blosszustellen? - -
    Oder die Ingredienzien, oder die Simpla - -
    Meine Teuren, kennen Sie Mischungen?«
    »Lieber Meister, mühen Sie sich nicht ferner ab«, sagte das Fräulein weich
und herzlich; »ich verstehe Sie ganz.«
    »O Gott, welches Glück, einander immer ohne Wort zu verstehen!« rief
Münchhausen und küsste dem Fräulein, wie gewöhnlich, die Hand. »Ich brauche also
von diesem Gegenstande nicht weiter zu reden, und wende mich gleich zu der
Erklärung des Grünwerdens, um -«
    »Ja, dabei verlieren wir aber!« riefen der alte Baron und der Schulmeister
wie aus einem Munde; »denn wir haben Sie durchaus nicht verstanden.«
    Münchhausen räusperte sich, antwortete und sprach:
   »Römische I. 0,208 Glyzerin + 0,558 Wasser + 1,010 Kohlensäure bei 110°
  getrocknet = Blau.
   Römische II. 0,035 kohlensaures Natron + 0,312 Chlorwasserstoffsäure + 0,695
  Glyzerin bei 108° getrocknet = Blau, zum Nachdunkeln geneigt.
Verstanden?«
    »Ja, das lässt sich eher hören!« riefen der Baron und der Schulmeister.
»dabei kann man doch etwas denken.«
    »Nun also genug von dem blauen und braunen Auge«, sagte Münchhausen. »Was
mein Grünwerden betrifft, wenn andere Leute erröten, so habe ich das von einem
furchtbar-tragischen Schicksale in der Liebe wegbekommen. Wenn es Sie nicht
ermüdet, so will ich Ihnen einen kurzen Abriss meiner Liebesschicksale liefern.«
    »Münchhausen, Sie in der Liebe, es muss etwas Grosses gewesen sein!« rief das
Fräulein mit leuchtenden Augen.
    »Ja, mein Fräulein, es war ein ausserordentliches Schauspiel«, erwiderte
Münchhausen. »Und besonders deshalb war es ausserordentlich, weil ich die Liebe
nicht so auf das Geratewohl, wie andere junge Leute, sondern nach einem gewissen
Plane trieb. Ich bin, solange ich denken kann, immer klares Bewusstsein gewesen;
alle Seelenkräfte lagen gesondert in mir, wie die Spezies in den Büchsen einer
Apoteke, ich habe Tage erlebt, an welchen ich zugleich mit dem Verstande
Schlussfolgerungen machte, mir von der Phantasie goldene Luftschlösser vormalen
liess, und in unbestimmten Gefühlen schwelgte. So gelang es mir denn auch, den
mächtigsten Affekt, der den Menschen sonst überfällt, wie ein Feuer bei Nacht,
aus seinen Bestandteilen in mir aufzuerbauen, und mich auf die eigentliche
Hauptleidenschaft meines Lebens förmlich vorzubereiten. Ich war in die
Entwickelungsjahre getreten, und hatte mir klar gemacht, dass die Liebe aus
Sinnlichkeit, Geist, Empfindung und Phantasie, Selbstsucht und Hingebung
bestehe. Also sechs Elemente, die ich nach und nach in mir durchzuarbeiten
versuchen musste.
    Ich hielt mich damals, in diesem Teile meiner wunderlich umhergeworfenen
Jugend im Palaste eines fränkischen Prälaten auf, der bei der gewaltsamen
Umkehrung der dortigen Verhältnisse die Prälatur verloren, die Einkünfte
derselben jedoch zum grösseren Teile behalten hatte, und daher noch immer seine
Tage in Wohlleben hinbringen konnte. Hauptsächlich hielt der alte Herr auf eine
leckere Tafel, und diesen Genuss ihm vorbereiten zu helfen war auch ich bestimmt.
Ich entzündete das Feuer des Herdes, ich nahm die herkömmlichen Abwaschungen der
dem Dienste geweihten Gefässe vor, ich setzte die Maschine in Gang, mit welcher
der Spiess zusammenhing, des Bratens Halter; kurz, denn wozu Umschreibungen? ich
war Küchenjunge bei dem Prälaten, aber ich war ein denkender Küchenjunge.
    Der Prälat ging von dem Grundsatze aus, dass eine jede Köchin nur die sechs
ersten Monate ihres Dienstes hindurch gut koche, nachher aber sich zu
vernachlässigen pflege. Er schaffte daher auch alle Semester eine neue Kochmagd
an, und ich erkannte bald, dass, wenn ich bei ihm nur drei Jahre lang aushielte,
ich alle sechs Elementarstudien der Liebe mit den Köchinnen der sechs Semester
werde durchmachen können. Denn es war in dieser Küche hergebracht, dass die
Köchin den Küchenjungen lieben musste. Die Sache hatte also keine Schwierigkeit.
    Das erste Vorstudium musste, wie sich von selbst versteht, die Sinnlichkeit
sein.«
    Das Fräulein wollte sich erheben. Münchhausen hielt sie zurück und sagte:
»Fürchten Sie auch jetzt nichts, meine Verehrte, von der Sinnlichkeit, ich habe
von diesem Zeitabschnitte nur zu berichten, was selbst in einer Mädchenpension
mit angehört werden könnte. Es diente damals in der Küche die alte Wally; wie
man sagte, eine natürliche Tochter von Lucinde Schlegel. Sie hiess bei dem
Gesinde die Zweiflerin, weil sie in ihrer Hässlichkeit und Welkheit daran
verzweifelte, noch einen Mann zu bekommen.
    Wenn man sie reden hörte, so hätte man freilich glauben sollen, dass sie ein
ziemlich freies Leben geführt habe, denn ihre Äusserungen klangen frech und
unanständig genug. Aber der Kutscher, der auf seine Weise ein Spötter war,
behauptete, er habe sie von jeher gekannt; sie sei alle ihre Lebtage über eine
garstige Person gewesen und schon deshalb von Sünde frei geblieben. Ihre Zoten
seien nur wie die Krankheit der Hühner, wenn sie anfangen, zu krähen, ohne
gleichwohl durch solche Stimmübungen jemals die rechte Hahnenhaftigkeit zu
erringen.
    Wir hatten bloss ein Titularverhältnis der Küchenordnung gemäss zusammen; ich
glaube, dass wir uns kaum einmal die Hand gegeben haben. Dennoch lernte ich von
ihr, was Sinnlichkeit sei, nämlich der gerade Gegensatz von allem, was die alte
Zweiflerin von sich sehen und hören liess. Nachher hat sie freilich in der Welt
ausgebreitet, wir wären sehr zärtlich gewesen; ich hätte, da mein Taufname zu
prosaisch geklungen, ihr Cäsar geheissen, und was dergleichen Schnurren noch mehr
sind, woran kein wahres Wort ist.
    Die Sinnlichkeit hatte ich also nun teoretisch kennengelernt, die Wally kam
fort, und Seraphine wurde Köchin. Sie schimpfte gewaltig auf ihre Vorgängerin
und sagte, in ihr erscheine das wahre echte weibliche Wesen, wovon Wally nur ein
Zerrbild gewesen sei. Sie trug einen graugelben Umschlagetuch und befand sich
leider auch im ehernen Zeitalter, obgleich sie aus Jung-Deutschland stammte. Es
war ein sonderbares echt weibliches Wesen, dieser Seraph Seraphine! Ich schlug
aber mit ihr, oder mit einer Klappe zwei Fliegen, kriegte nämlich bei ihr
zugleich den Geist und die Empfindung in der Liebe weg, hatte sonach grossen
Profit von ihr, denn ich sparte durch sie ein Semester. Unser Bündnis kam
folgendermassen zustande. Ich spickte just einen Hasen auf der einen Seite, und
sie tat es auf der andern Seite. Da sah sie verschämt auf, warf mir einen
seelenvollen Blick zu, dass sich mir das Herz im Leibe umdrehte, und fragte: Will
Er mich, mit Erlaubnis zu sagen, lieben, Musje? Ich versetzte: Ja, wenn Sie so
befehlen, Jungfer Seraphine. Darauf gaben wir uns über dem Hasen einen Schmatz
und spickten den Hasen, trunken von Entzücken, fertig. Wie ich sie beschrieben,
so war die Form der Bundschliessung in der Prälatenküche. Die Köchin musste
observanzmässig anfangen, der Küchenjunge durfte es beileibe nicht, er hätte,
wenn er sich unterstanden, zuerst den Liebesantrag zu machen, von der Geliebten
die schönsten Ohrfeigen gekriegt.
    Die Seraphine war auf zwei Tage mit ihren Gaben eingerichtet. Den einen Tag
war sie nämlich voll Geist, und den andern voll Empfindung und so immer
regelmässig einen um den andern Tag abwechselnd. Ich bekam also von ihr den Geist
und die Empfindung in der Liebe. Damit war es aber folgendermassen bestellt. Sie
liebte eine Herzstärkung in der Stille zu nehmen, konnte jedoch nicht viel
vertragen und wurde leicht duselig. In diesem Zustande hatte sie Geist, das
heisst, sie sprach Zeug, was kein Mensch verstand. Den andern Tag hatte sie den
Katzenjammer, da war sie voll Empfindung. Ich machte ihr nun alles dieses nach,
um das Verhältnis im Schwunge zu erhalten. Aber unglücklicherweise war es gleich
in der Anlage versehen worden. Ich hatte nämlich an dem Tage, wo sie den
Katzenjammer ausstand, der Flasche zugesprochen, und war geistvoll geworden. Den
folgenden Tag, wo sie wieder Geist bekam, befand ich mich im Katzenjammer und in
der Empfindung, und so ging nun das Verfehlen immer fort, wir passten nie
aufeinander, mein Katzenjammer traf auf ihren Geist, und mein Geist auf ihre
Empfindung. Daraus entstanden natürlich heftige Zänkereien, unter denen die
Küchenangelegenheiten litten, so dass auch der Prälat sich genötigt sah, sie noch
vor Ablauf ihres Semesters fortzuschicken. Es war ein Glück. Ich bin nie der
stärkste gewesen, und kann wohl sagen, dass ich auf dieser Liebesstation
jämmerlich heruntergekommen war.
    Die folgende Köchin hiess das Kind, weil sie sich selbst so nannte. Warum?
weiss ich nicht, denn ich glaube schwerlich, dass sie zu denen gehörte, von denen
gesagt worden ist: So ihr nicht werdet, wie diese usw. Die konnte einem was zu
raten aufgeben. Zuweilen war sie stundenlang verschwunden, und wenn wir sie
suchen gingen, fanden wir sie auf dem Dache sitzen, oder sie kam auch wohl
schäkernd auf einem Besen den Rauchfang herabgefahren. Es kann kein Menschenwitz
erfinden, was für Zeug das Kind zusammenzuflunkern verstand. Ihr Hauptkunststück
aber war - Ach, gnädiges Fräulein, wenn ich nicht irre, wurden Sie draussen
gerufen.«
    Das Fräulein verstand diesen zarten Wink und ging hinaus, mit dem
dankbarsten Blicke auf Münchhausen. Er fuhr fort: »Das Kind konnte nämlich
radschlagen, oder Purzelbäume schiessen, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen.
Wie sie es möglich gemacht, weiss ich nicht, aber die Sache ist richtig; sie
kehrte ihr Unterstes zuoberst, und alle Kenner und Stimmführer, die zusahn,
versicherten einstimmig, sie habe die weibliche Schamhaftigkeit dadurch nicht
verletzt, vielmehr seien ihre Purzelbäume eine wahre Bereicherung der höheren
Gemütswelt.
    Bei ihr studierte ich die Phantasie der Liebe. Unsre Liebe war nämlich pure,
klare Phantasie, wir konnten einander leiden wie Hund und Katze; aber die
hochtrabendsten Sachen schrieb sie darüber, wahre Hymnen; und hinterher wusste
sie mir doch immer so einen recht tüchtigen Kniff abzugeben, dass ich hätte
aufschreien mögen. Die gemeine Sage bleibt wahr, die von den *s, wozu sie
gehörte, behauptet, diese fingen in der Schalkheit da an, wo andere Schälke
aufhörten. Es ist ein Buch über das Kind verfasst worden, worin es das
personifizierte Mittelalter genannt wird. Nun, es hatte denn freilich auch schon
ein mittleres Alter erreicht, und die Schönheit drückte es ebenfalls nicht
sonderlich mehr, als es sich auf kindische Weise der Phantasie in der Liebe
ergab. Ich war recht vergnügt, als ich des Kindes quitt war, denn Sie glauben
nicht, wie sehr solche Einzelstudien der Liebe angreifen.
    Die folgenden beiden Köchinnen, Jule und Jette, waren die besten von allen,
sie waren reine Köchinnen, ohne Geist, Empfindung, Phantasie. Bei diesen lernte
ich die Selbstsucht und die Hingebung der Liebe. Nämlich Julen, die den Herrn
betrog, wo sie konnte, übrigens aber das rechtschaffenste, guterzigste Ding von
der Welt war, nahm ich alle ihre Schwänzelpfennige, die sie sich bei den
Markteinkäufen machte, ab. Sie schnellte bloss für mich; wahrhaftig, so tat sie.
Ich aber brauchte Geld, ich wollte mir gern einen neuen Rock kaufen und Rumohrs
Geist der Kochkunst, um mich in meinem Fache auszubilden. Ich sagte immer zu
ihr: Gebe Sie nur her, Geliebte; Geben ist seliger als Nehmen; ich gönne Ihr die
Seligkeit, und bin mit dem Geringeren, mit dem Gelde zufrieden. Was hatte ich
davon? Meine fünfte Probegeliebte, die Jette, ein durchtriebener Vogel, hat mir
die ganze Summe wieder gemaust, als wir unter Schwüren der Zärtlichkeit
schieden. Nun, Hingebung muss auch sein; ich habe es ihr nicht nachgetragen.«
    Münchhausen machte eine Pause, um sich zu erholen. Das Fräulein war wieder
eingetreten. Nach einigem Schweigen, währenddessen er einen Blick, in dem die
ganze Schwärmerei der Jugend leuchtete, zum Himmel emporgeschickt hatte, fuhr er
also fort:
    »O, was ist die gewöhnliche, unbewusste, roh-zutäppische Liebe gegen die
bewusste Liebe, gegen die Liebe, die nach Prinzipien liebt? Jahre waren
verflossen, die Küche lag weit hinter mir. Das Spiel des Lebens sah mich heiter
an vom grünen Tisch, wenn stark pointiert wurde, und die Kugel für die Bank
sprang. Münchhausen war ein Mann geworden, ein Mann im vollen Sinne des Worts.
Dennoch trafen auch ihn die Zweideutigkeiten des Glücks. Ich hatte eine kleine
Verdriesslichkeit gehabt, die mich zwang, inkognito zu leben, weit, weit von
hier.
    Nun muss ich Sie, meine Freunde, mit einer Eigenschaft bekanntmachen, die mit
den Geheimnissen meiner Erzeugung zusammenhängt. Je reifer ich wurde, desto mehr
entwickelten sich in mir gewisse mineralische, oder genauer zu reden,
metallische Bezüge, so dass ich von Geld nicht reden hören konnte, ohne in ein
Zittern der Ekstase zu geraten. Da sah ich in meinem Inkognito, welches so
streng war, dass ich nur verstohlen ausgehen durfte, die, welche alle sechs
Bestandteile der Liebe zu einem grossen Ganzen in mir kombinierte. Sie war nicht
schön, sie hatte wenig Verstand und keine Eigenschaften, dennoch - - aber mein
gnädiges Fräulein, mich dünkt, Sie werden schon wieder draussen gerufen.«
    Emerentia stand abermals auf, warf von neuem einen dankenden Blick auf den
Erzähler, und sagte: »Münchhausen, ich habe Sie immer verehrt, aber von heute
bete ich Sie an.« Darauf ging sie wieder hinaus.
    »Zum Geier!« rief der alte Baron, »warum schickt Ihr denn heute meine
Tochter immer fort?«
    »Ihr Zartgefühl zu schonen«, versetzte der Freiherr. »O könnten wir so alle
Frauen zur Literatur hinausschicken, die getauften und die ägyptischen
Marquisen, dann sollten Sie einmal sehen, wie bald alles kräftig wieder in Witz,
Laune und Ironie aufblühen würde!
    Meine Geliebte war also nicht schön, nicht klug, nicht angenehm, aber sie
sagte mir, dass sie eine ausserordentlich reiche Erbin sei. Und sowie dieses Wort
erklungen war, regten sich in mir die metallischen Bezüge, und, Sie mögen es
glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr; es tat in mir
einen Ruck, dass mir die Rippen krachten, wie dem Filippo Neri, als ihm das Herz
schwoll, und auf einen Schuss, wie sechs Rosen von Damaskus an einem Stengel,
brachen in mir auf
    1. die Sinnlichkeit |
    2. der Geist |
    3. die Empfindung |
    4. die Phantasie  in der Liebe.
    5. die Selbstsucht |
    6. die Hingebung |
    Mich soll der Teufel holen - denn ich werde allemal lyrisch, wenn die selige
Rückerinnerung an diese Tage über mich kommt - habe ich meine angebliche reiche
Erbin nicht geliebt, wie noch nie eine Frauensperson geliebt worden ist! Ich war
sinnlich, aber nie ohne Empfindung, denn ich weinte immerfort, so dass ich mir
eine Tränenfistel zuzog. Geist spendierte ich, dass es nur so eine Art hatte; wie
oft rief ich: Arm in Arm mit dir fühle ich eine Armee in meiner Faust! Ich habe
Heroenmut, den alten Sauerteig des Jahrhunderts wegzufegen, und die Käuzlein aus
den Höhlen zu treiben, worin sie noch immer blinzelnd über ihren verlegnen
faulen Eiern brüten, denen nie eine lebendige Wirklichkeit entkriechen wird!«
    »Münchhausen!« fuhr der Schlossherr auf; »die Geschichte nimmt eine
unangenehme Wendung. Das Alte ist gut, und man muss wohlerworbene Rechte achten.«
Auch er ging hinaus.
    »Meine Geschichte muss zu Ende, und da niemand sonst mehr hier ist, so will
ich sie Ihnen auserzählen, Herr Schulmeister«, sagte der Gast des Schlosses
Schnick-Schnack-Schnurr. »Hingebung und Selbstsucht fluteten wie zwei Ströme
durch unser Verhältnis. Ich gab ihr mein Herz, mehr wert, als eine Million, und
bekam von ihr manchen Louisdor. Schöne, freundliche Taille des Lebens, in
welcher beide einsetzten, gewinnend zu verlieren! Dass die Phantasie nicht leer
ausginge, ersann ich ein freundlich Märchen, ich stamme von Fürstenblut ab,
sagte ich ihr, sagte es ihr so oft, dass ich es endlich selbst glaubte.«
    Der Schulmeister warf das Haupt in den Nacken, als habe er einen Schlag vor
die Stirne bekommen. Seine Lippen krempelten sich zu einer Art von Wulst
zusammen; er sah sehr verdriesslich aus.
    Münchhausen aber achtete in seinem Feuer dieses Umstandes nicht. »Herrlicher
Traum! warum musste ich aus dir erwachen?« rief er. »Ich hätte ja alles gern
dulden wollen, das Erkalten der Geliebten, die Entdeckung, dass sie schon andre
vor mir geliebt, und was sonst noch Widerwärtiges an und von ihr? Warum aber
musstest du mich so hart prüfen, Schicksal? Warum berührtest du die Stelle, wo
ich sterblich war, da du doch meine inneren metallischen Bezüge kanntest?
    Es kam der Tag -
o lasst von ihm
Sich Höllengeister nächtlich unterreden!
- es kam der Tag, an welchem unheimliche Gestalten in mein Leben traten,
bedrohliche Gewalten mich umspannen mit geisterhaftem Netz und die grause
Trennung befahlen. In den Schaudern jenes Augenblicks sagte sie mir unter andern
Kleinigkeiten, zu denen unser Verhältnis geführt hatte, das entsetzliche Wort:
mit der reichen Erbschaft werde es kläglich genug ausfallen, denn sie habe
erfahren, dass ihr Vater arm, wie eine Kirchenmaus sei. - Das traf! Ich fühlte
meine Säfte gerinnen, ich fühlte, dass sie sich nach neuen chemischen Gesetzen
mischten und entmischten. Meine Gebeine schlotterten, und obschon ich bald meine
äussere Fassung wiedergewann, so merkte ich doch, dass über meine Wangen ein
fremdes Etwas lief, als ich erröten wollte. Die Elemente in mir waren in
Aufruhr, und aus diesem Chaos haben sich denn ganz neue Humoralgruppen in mir
gestaltet.
    Seit jenem Tage sah ich immer bleich aus, und wenn mir nachmals Zorn,
Schreck, Freude, Scham das Blut in das Gesicht trieb, so lief ich grün an.
Dieses Ergrünen kam daher, dass ich durch die furchtbare Entdeckung meiner
sechsten oder Hauptgeliebten alle Verwandtschaft mit edlen Metallen einbüsste,
und dass daher eines der unedlen, nämlich cuprum oder Kupfer, mir in das Blut
trat. Kupfer steckt in jedem menschlichen Körper nach den neuesten
Untersuchungen; bei meiner Entstehung aber war etwas zuviel davon verwendet
worden, und der Überschuss ging mir ins Blut. Wenn ich mir zur Ader lasse, kriegt
der Cruor eine ganz grüne Haut. Alle mögliche Mittel habe ich gebraucht, um die
Sache wieder in das Geschick zu bringen, jedoch vergebens. Es ist immer
angenehmer, rot zu werden, als grün. Ich bin durch die Kuprosität meines Blutes
in so manchen unschuldigen Freuden gehemmt. So darf ich nichts Saures geniessen,
keine Gabelspitze Salat, denn, habe ich mich einmal in dieser Beziehung
vergessen, gleich schlägt der Grünspan mir an allen Gliedern aus, wie das Manna
an der Äbtissin Agnes von Monte Pulciano. Es ist sehr lästig. Berzelius in
Stockholm, der mich vielfach analysiert hat, warnte mich vor Zinn- und
Zinkgruben, weil Zinn und Kupfer Glockenspeise, Zink aber damit vermischt,
Tombach gibt, und die Ausdünstungen in jenen Gruben mir leicht eine abermalige
metallische Komposition zuziehen könnten. Sie ermessen, wie unangenehm mir bei
meiner Wissbegierde und Reiselust solche Beschränkungen vorkommen mussten, und
noch dazu, da ich gerade den Rammelsberg bei Goslar, wo sie auf Zink bauen,
besuchen, und von da nach den Zinnbergwerken von Cornwall reisen wollte. Ich
schlug nachher die Warnung in den Wind und befuhr dennoch die Zinkgrube am
Rammelsberge bei Goslar. Es waren böse Wetter darin, mir wurde heiss und schwül.
Als ich mit meinem Steiger wieder an das Tageslicht gekommen war, sah er mich
verwundert an, und sagte; Mein Herr, Sie müssen an Mennige gekommen sein, denn
Sie sind orangegelb im Gesicht geworden. Er wollte mich abwischen; mir aber fiel
die Warnung ein, ich liess mir einen kleinen Handspiegel reichen, und siehe da!
ich war wirklich im Antlitz hochgelb, wie eine reife Pomeranze. Mein Blut war in
der Zinkgrube tombachen geworden. Ich schämte mich vor dem Steiger, sagte ihm,
ich wisse nicht, was es sei, aber abwischen helfe nichts. Recht beschämt ging
ich von dem Grubenhäuschen fort, aus dem mir der Steiger mit allen alten und
jungen Burschen, Zimmerhäuern und Pochjungen, die gerade zu Tage waren,
verwundert und lächelnd nachsah.
    Das bisschen Zink wurde ich zwar glücklicherweise wieder los durch eine
Schmelzkur, aber die Reise nach Cornwall musste ich zu meinem grössten Leidwesen
aufgeben. Was wäre daraus geworden, wenn mich die Zinndämpfe noch gar in
Glockenspeise umgesetzt, und wenn ich angefangen hätte, ohne Privilegium zu
läuten?
    Solche metallische Naturspiele im Menschen bleiben also immer höchst
verdriesslich. Kupfer im Blute ist so schlimm, als Kupfergeld in der Tasche.
Nicht leicht ward ein Sterblicher gleich mir in der Liebe gezüchtigt. Ich habe
aber auch durch dieses Schicksal einen solchen Widerwillen gegen die
Leidenschaft bekommen, dass ich mich nachher nie wieder dazu verstehen wollte,
obgleich ich Gräfinnen, Fürstinnen und Prinzessinnen die Hülle und die Fülle
haben konnte. Vornehme Damen haben häufig den seltsamsten Geschmack in der
Liebe. Daher mochte es rühren, dass die ganze vornehme weibliche Welt hinter mir
her war, wo ich erschien. Sie wandten den schönsten Adonissen in Dolman,
Ulanencollet und Legationsfrack den Rücken, wenn ich, der schlichte Partikulier,
der unscheinbare Privatgelehrte, dahertrat mit dem pentelischen Marmorkolorit
und grün anlief. Was für Erklärungen habe ich anhören, was für Winke überhören
müssen, welches Unheil habe ich gestiftet! In Dünkelblasenheim machte ich grüne
Schminke Mode, weil die regierende Herzogin gesagt hatte, in mir sei der
ewiggrüne Gott der Jugend erschienen, und die ganze höhere Welt die Andeutung
verstand. Sie waren eben einmal wieder ganz aschgrau geworden in
Dünkelblasenheim; nun strichen sie sich grün an und meinten, sie hätten die
Jugend damit. - An einem andern Orte fiel mir die Prinzessin von Mezzo Cammino
da Napoli di Romania zu Füssen und bat mich um Gottes willen, ihr nur wenigstens
eine Exspektanz auf mein Herz zu geben. Sie tat mir in der Seele weh - sie war
eine schöne Person - aber gebrannte Kinder scheuen das Feuer! Ich hob sie
höflich auf, führte sie zum Sofa und sagte: Durchlaucht, es geht nicht. Ich habe
einmal Unglück in der Liebe und wer weiss, was durch Sie bei mir in Konfusion
gebracht würde. Sie dauern mich, liebe Durchlaucht, aber jeder Mensch ist sich
selbst der Nächste.
    Den höchsten Abscheu empfinde ich vor meiner ehemaligen sechsten oder
Hauptgeliebten. Ich habe mir tausendmal gesagt: Sie konnte ja nichts dafür, dass
sie keine reiche Erbin war, aber - die Natur lässt sich nicht zwingen. Immer und
immer durch Grünspan an die Enttäuschung über seine schönsten Hoffnungen
erinnert zu werden, ist am Ende auch keine Kleinigkeit! Der Mensch bleibt
Mensch. Ich glaube, dass, wenn ich die Hauptgeliebte wiedersähe, ich mich nicht
würde fassen können, ich, der ich doch sonst so ziemlich mich zu beherrschen
weiss.«
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Die drei Schlossbewohner erteilen dem Freiherrn von Münchhausen vernünftigen Rat;
  er aber bleibt auch für den Bedienten Karl Buttervogel teilweise ein Rätsel
Nachdem Münchhausen seine Erzählung vollendet hatte, fragte er den Schulmeister,
warum der alte Baron fortgegangen sei, und noch immer nicht wiederkomme?
    »Herr von Münchhausen«, versetzte Agesilaus, »Sie haben zwar auf eine eben
nicht freundliche Weise in Ihrer Liebesgeschichte meiner teuersten Überzeugungen
gespottet, indessen ist meine Sinnesart nicht so beschaffen, andern etwas
nachzutragen, und ich kann ganz gerne Unrecht leiden, ohne mich dafür zu rächen.
Ich will Ihnen, trotz Ihrer satirischen Anspielungen auf mich, in betreff unsres
alten Herrn einen wohlgemeinten Rat erteilen.«
    »Welche satirische Anspielungen auf Sie, Herr Schulmeister?«
    »Sie beliebten zu sagen, dass Sie jenem Frauenzimmer eine fürstliche
Abstammung vorgelogen hätten. Ich aber erlaube mir, Ihnen zu versichern, dass,
wenn ich eine ähnliche Abstammung von mir aussage, damit keinesweges Lügen
vorbringe, welche ich überhaupt herzlich verabscheue.«
    »Ich beteuere, Herr Schulmeister, dass meine Seele nicht an Sie gedacht hat.
Grosser Gott, kann denn ein Erzähler nicht einmal in dieser Einöde den Deutungen
entgehen?«
    »Wohl, diese Angelegenheit bleibe, wie manches andere, vorderhand auf sich
beruhen«, sagte der Schulmeister. »Der Rat, den ich Ihnen erteilen wollte, ist
folgender. Unser alter Herr hat sich die Rückkehr früherer Verhältnisse, und die
Hoffnung auf das Amt, welches er sein angebornes nennt, steif und fest in den
Kopf gesetzt. In dieser Beziehung ist er toll, und schon lange quält mich die
Besorgnis, dass aus der Geheimeratsidee, wenn wir sie nicht so sehr schonten,
einmal plötzlich der völlig ausgewachsene Wahnsinn hervorspringen wird. Sie aber
rühren unvorsichtig - verzeihen Sie meine Freimütigkeit, Herr von Münchhausen -
nur zu oft daran, wie es denn heute abend auch noch geschehen ist. Und es wäre
doch schlimm, wenn der sonst so vortreffliche und geistesgesunde Mann
mutwilligerweise von uns andern Vernünftigen um seine Besinnung gebracht würde.
    Die menschliche Seele hat, wie der Körper, nur ein bestimmtes Mass von
Kräften des Wachstums«, fuhr der Schulmeister fort. »Ward dieses erschöpft, so
bleibt der Mensch geistig stehen, wie er nach dem zwanzigsten Jahre nicht mehr
leiblich wächst. Deshalb begreift das Alter die Jugend nicht, und ungewöhnliche
Ereignisse finden darum immer nur bei denen Anklang, die noch im geistigen
Wachstum stehen. Kann sich nun der Mensch mit allen seinen Seelenkräften
vollständig in die von der Natur ihm bestimmte Länge und Breite legen, so wird
er nicht verrückt, sondern er bleibt an einem Ziele stehen, andernfalls aber
geht es ihm wie einem, der in der Entwickelungszeit eine starke Hemmung erleiden
muss; der Überschuss von Kräften schlägt ihm als Krankheit nach innen und er
bekommt einen Stich. Unser alter Herr war durchaus bestimmt, Geheimer Rat auf
der Adelsbank zu werden, da wäre er stehen, oder vielmehr sitzen geblieben, und
als völlig vernünftiger Mann zu seinen Vätern versammelt worden. Weil er aber
bis dahin nicht vordringen konnte, so setzte sich ihm der Geheime Rat
gewissermassen als Knoten in die Seele, der, nicht gereizt, vielleicht ein
ruhiges Lebensende herankommen lässt, gerieben und entzündet aber, einen
unheilbaren Brand auch über die noch gesunden Teile des Geistes verbreiten
möchte.«
    Der Freiherr wunderte sich über die Weisheit des Schulmeisters und gelobte,
seinem Rate Folge zu leisten. Darauf zündete Agesilaus seine Handlaterne an und
ging nach dem Gebirge Taygetus, überzeugt, ein gutes Werk getan zu haben.
    Münchhausen suchte den alten Baron auf und fand ihn draussen im Mondschein
hinter dem Schloss wandeln. Er wollte ihn um Entschuldigung bitten, der andere
fiel ihm aber in die Rede und sagte: »Lasst doch die Narrenpossen; ich habe Euch
den Hieb lange vergeben, da ich weiss, dass Ihr mich nicht absichtlich beleidigen
wolltet. Zudem könnt ihr andern auch gar nicht fassen, was es bedeutet, durch
die Geburt zu einer Ehre, oder einem Vorzuge, oder einem Amte, wie der
Geheimeratsposten ist, bestimmt zu sein. Ihr redet also über solche Sachen, wie
der Blinde von der Farbe, und man muss euch euer Geschwätz darüber nicht so
übelnehmen. Nein, ich blieb nur hier draussen, weil ich, aufrichtig gesagt, an
Liebessachen keinen sonderlichen Anteil nehme und dachte, Ihr würdet wohl so
gütig sein, mir einmal unter vier Augen ohne Umschweif das Ergrünen zu erklären.
Überhaupt wünschte ich, bester Münchhausen, meiner Tochter wegen, Ihr sprächet
von Romanenangelegenheiten wenig oder gar nicht mehr.
    Meine Tochter hat in diesem Punkte einen Sparren«, fuhr der Alte mit
leiserer Stimme fort, indem er dicht zu Münchhausen trat. »Es ist immer schlimm,
wenn die Frauenzimmer nicht heiraten, oder keine Kinder bekommen, denn auf
Zärtlichkeit sind denn doch nun einmal die armen Dinger durchaus gestellt, und
die versetzt sich ihnen dann leicht, dass sie entweder langweilige, empfindsame
Bücher schreiben, oder mit Papageien und Schosshunden quengeln, unerträglich für
andere. Meine Tochter hält sich nun weder Schosshund noch Papagei, dagegen einen
Gedanken-und Erinnerungsliebhaber, mit dem sie verkehrt, wie mit einer
lebendigen Mannsperson. Besonders im Mondschein, wie jetzo, ist sie immer sehr
aufgeregt, und deshalb hütet Euch, Freund, diesen Zustand zu steigern; bedenkt,
was für ein Elend für mich alten Mann es wäre, wenn ihre Krankheit aus diesem
stillen und sonst unschädlichen Faseln in einen lauten Raptus überginge!«
    Münchhausen fehlte die Zeit, dem Vater beruhigende Versicherungen zu geben,
denn in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens entstand ein Geräusch
und hervor trat Fräulein Emerentia, die in der Laube der ganzen Rede zugehört
hatte. »Zum Henker«, rief der alte Baron, »das habe ich sauber gemacht!« Er
entfernte sich eilig in das Schloss.
    Emerentia näherte sich Münchhausen und sprach mit sanfter Stimme: »Es ist
eine zu alte Erfahrung, dass die höherstehende Natur von ihren Umgebungen für
wahnwitzig gehalten wird, als dass mich die Worte des Vaters verletzen könnten.
Vergebung daher ihm, und ferne sei es von mir, das Recht der Wiedervergeltung zu
üben und Sie auf seine Einbildungen aufmerksam zu machen.
    Aber Dank bin ich Ihnen schuldig, teurer Meister, für die unvergleichliche
Zarteit, mit welcher Sie mich heute zweimal aus dem Zimmer sendeten. Eine so
rücksichtsvolle Behandlung tut unendlich wohl. Ich muss Ihnen meinen Dank durch
eine Warnung betätigen. Hüten Sie sich vor dem Schulmeister, reizen Sie seine
Ihnen bekannte Verrückteit nicht durch hingeworfene Äusserungen, welche er auf
sich und seine fixe Idee beziehen kann. Ich habe Ursache, zu glauben, dass die
Krankheit dieses Mannes im Steigen ist; denn er kocht schon die sogenannte
schwarze Suppe, ohne ihrer benötigt zu sein und schläft zuweilen im Freien auf
dem lächerlichen Gebirge Taygetus - Zeichen gewiss einer innerlichen Gärung.
Welches Unglück, wenn er plötzlich wütend würde, den Vater, wie leicht möglich,
ansteckte, und beide die Riesenkraft der Raserei entfalteten! Wir Vernünftigen
wären schwerlich imstande, sie zu bewältigen, ja nur uns vor ihnen zu retten.«
    Das Fräulein fuhr fort: »In den Stunden, in welchen ich der Empfindung nicht
nachhing, habe ich viel über den Wahnsinn nachgedacht und bin auf folgendes
Resultat gekommen. Aller Wahnsinn ist eigentlich eine krankhafte Richtung der
Natur, das Individuum in das Masslose zu erweitern, und über die Schranken
hinaus, welche die Selbstverleugnung und eine edle Ergebung in die Beschlüsse
des Schicksals ihm setzt, ihm Güter, Gefühle und Genüsse anzueignen. Deshalb ist
die geistige Krankheit auch verhältnismässig häufiger bei Personen aus den
geringen Ständen, die so vieles entbehren müssen, und schafft bei ihnen die
Einbildung, dass sie Könige, Kaiser, ja Gott seien, oder dass sie grosse Schätze
besitzen. Auch die Furcht vor Feinden und Verfolgern, welche nicht selten als
Äusserung des Wahnsinns auftritt, und auf den ersten Anblick meiner Erklärung zu
widersprechen scheint, bestätigt sie doch nur. Solche arme und unangesehene
Leute haben nicht selten das geheime, nagende Gefühl ihrer Unbedeutendheit; nun
kann nur ein Zufall, ein Missgeschick ihre Seele erschüttern, so fangen sie an,
eine erträumte Wichtigkeit in der Menge von geheimen Feinden, welche ihnen die
schwärmende Phantasie vorgaukelt, zu geniessen. Daher kommt es denn auch im
Gegenteil, dass Fürsten und vornehme Personen, wenn sie ihren Verstand verlieren,
in Stumpfsinn und Hinbrüten zu verfallen, oder sich ganz alberne Ideen
einzubilden pflegen, wie z.B. dass sie von Glas seien, einen Sperling im Kopfe
tragen und was dergleichen mehr ist. Natürlich; sie haben schon alles, was das
menschliche Herz begehrt, deshalb muss die kranke Seele entweder über dem
Ungestalteten brüten, oder sich mit den abenteuerlichsten, von Wunsch und
Begehren ganz fernen Vorstellungen nähren.
    Die Anwendung dieser allgemeinen Bemerkungen auf den Schulmeister zu machen,
ist sehr leicht. Die Natur hatte ihm eine Beimischung von Selbstgefühl gegeben,
welche mit seinem geringen Amtsberufe nicht in Einklang stand, und diesen
Einklang hat er sich nun durch seine stolze Träumerei von der spartanischen
Abkunft luftschlossartig gestiftet und erbaut.«
    Münchhausen erstaunte noch mehr über diese Rede, als über die der andern
Personen, welche er heute abend hatte sprechen hören. Er ging auf sein Zimmer,
roch in die Luft hinaus, wie er oft zu tun pflegte, um die Beschaffenheit
derselben für seine Zwecke zu erkunden, setzte sich auf sein Bett, und liess sich
vom Bedienten Karl Buttervogel, welcher inzwischen mit dem Waschwasser
hereingekommen war und seinem Herrn die Nachtmütze aufgesetzt hatte, die
Stiefeln ausziehen.
    »Karl«, sagte Münchhausen, »wir sind hier in einem Tollhause. Der alte
Baron, das Fräulein, der Schulmeister sind sämtlich verrückt. Jeder von ihnen
hat merkwürdigerweise einen klaren Blick in den Zustand des andern, und was noch
merkwürdiger ist, sie reflektieren äusserst gescheit über den Wahnsinn. Aber nimm
dich doch in acht; denn solche Zustände können durch die geringste Veranlassung
gesteigert werden.«
    »Ich werd' schon«, versetzte Karl Buttervogel, indem er seinem Herrn die
Beinkleider abstreifte. »Dem Fräulein hab' ich lang' was angesehen, sie schiesst
zuweilen so verzwickte Blicke auf mich. Aber gnädiger Herr, warum sind wir denn
so fortgegangen, wo uns die drei Herren so reichlich in allem unterhielten, und
Sie nichts zu tun hatten, als sich ein paar Stunden von ihnen studieren zu
lassen? Und warum kriechen wir hieher in dieses verwunschene Schloss, wo sich
wahrhaftig keine Maus satt fressen kann? Ich liege in einem dunkeln Loche, weder
von Sonne noch Mond beschienen, und will ein Halunke sein, wenn ich seit drei
Tagen Fleisch gerochen habe! Dazu sind die Wanzen in meiner Spelunk', jeden
Morgen bin ich zerbissen, als hätte ich mich mit sechs Jagdhunden herumgebalgt!
Lassen Sie uns je eher, je lieber fort, gnädiger Herr, denn so gern ich Ihnen
diene, hier halte ich es nicht lange aus.«
    »Hier bleibe ich, solange die Ursache dauert, welche mich hergeführt hat«;
erwiderte der Freiherr mit Ansehn.
    »Die Ursache, welche hergeführt hat«, sagte Karl Buttervogel, »ist doch nur,
dass Sie vom Pferde fielen, und diese hat aufgehört.«
    »O du Tor und Kurzsichtiger«, rief Münchhausen zornig, »der du immer nur den
Sturz vom Pferde erkennst und nicht wahrnimmst - -«
    »Was, mein gnädiger Herr?«
    »Nichts!« versetzte Münchhausen barsch, warf sich auf sein Bette, dass die
Not- und Hülfssponde, welche der Schulmeister roh zusammengefügt, knackte, und
schlief sogleich ein.
    Karl Buttervogel stand mitten im Zimmer, die Kleidungsstücke seines Herrn
auf dem Arme, und sagte, als er ihn schnarchen hörte: »Es ist wahrhaftig recht
schlecht von meinem Herrn, dass er mir nicht sagen will, warum wir hier in dem
vermaledeiten Neste bleiben? Keinen Lohn kriegt man von ihm, sondern wird ewig
vertröstet auf die Zeit, wo er die Luft wird festmachen können, wie sie's in
Paris tun, und dennoch kein ganzes Zutrauen! Ich weiss doch, dass er nicht mit
rechten Dingen in die Welt gekommen ist, warum sagt er mir denn nicht, was er
hier vorhat?«
 
                                  Zweites Buch
                                Der Wilde Jäger
                                  Erstes Kapitel
                                 Der Hofschulze
Im Hofe zwischen den Scheuren und Wirtschaftsgebäuden stand mit aufgekrempten
Hemdärmeln der alte Hofschulze und schaute achtsam in ein Feuer, welches
zwischen Steinen und Kloben am Boden entzündet, lustig flackerte. Er rückte
einen kleinen Amboss, der danebenstand, zurecht, legte sich Hammer und Zange zum
Griffe bereit, prüfte die Spitzen einiger grossen Radnägel, die er aus dem
Bruststücke des vorgebundenen Schurzfells zog, legte die Nägel auf das
Bodenbrett des Leiterwagens, dessen Rad er ausbessern wollte, und drehte die
Stelle des Rades, von welcher ein Stück Schiene abgebrochen war, achtsam nach
oben, worauf er durch untergeschobene Steine das Rad in seiner Stellung
festigte.
    Nachdem er wieder ein paar Augenblicke in das Feuer gesehen hatte, ohne dass
seine hellen und scharfen Augen davon zu blinzeln begannen, fuhr er rasch mit
der Zange hinein, hob das rotglühende Stück Eisen heraus, legte es auf den
Amboss, schwang den Hammer darüber, dass die Funken sprühten, schlug das noch
immer glutrötliche um das Rad, da wo die Schiene fehlte, schlug und schweisste es
mit zwei gewaltigen Schlägen fest, und trieb dann die Nägel, welche es in seiner
weichen Dehnbarkeit noch immer leicht hindurchliess, an ihre Plätze.
    Einige der stärksten und heftigsten Schläge gaben dem eingefügten Stücke das
letzte Geschick. Der Schulze stiess mit dem Fusse die vor das Rad gelegten Steine
hinweg, fasste den Wagen bei der Stange, um das geflickte Rad zu prüfen, und zog
ihn ungeachtet seiner Schwere ohne Anstrengung quer über den Hof, so dass die
Hühner, Gänse und Enten, welche sich ruhig gesonnt hatten, mit grossem Geschrei
vor dem rasselnden Wagen entflohen, und ein paar Schweine aus ihrem eingewühlten
Lager grunzend auffuhren.
    Zwei Männer, von denen der eine ein Pferdehändler, der andre ein Rendant
oder Rezeptor war, hatten, unter der grossen Linde am Tische vor dem Wohnhause
sitzend und ihren Trunk verzehrend, der Arbeit des alten, rüstigen Mannes
zugesehen. »Das muss wahr sein«, rief jetzt der eine, der Pferdehändler, »Ihr
hättet einen tüchtigen Schmidt abgegeben, Hofschulze!«
    Der Hofschulze wusch in einem Stalleimer voll Wasser, welcher neben dem
kleinen Ambosse stand, sich Hände und Gesicht, goss dann das Feuer aus, und
sagte: »Ein Narr, der dem Schmidt gibt, was er selbst verdienen kann.« Er nahm
den Amboss, als sei er eine Feder, auf, und trug ihn nebst Hammer und Zange unter
einen kleinen Schoppen zwischen Wohnhaus und Scheure, in welchem Hobelbank,
Säge, Stemmeisen, und was sonst zu Zimmer- und Schreinergewerk gehört, bei Holz
und Brettern mancher Art stand, lag oder hing.
    Indem der Alte sich unter dem Schoppen noch zu schaffen machte, sagte der
Pferdehändler zu dem Rezeptor: »Wollen Sie glauben, dass der auch alle Pfosten,
Türen und Schwellen, die Kisten und Kasten im Hause mit eigner Hand flickt,
oder, wenn das Glück gut ist, auch neu zuschneidet? Ich meine, wenn er wollte,
könnte er auch einen Kunstschreiner vorstellen und würde einen richtigen Schrank
zuwege bringen.«
    »Da seid Ihr im Irrtum«, sprach der Hofschulze, der das letzte gehört hatte
und, das Schurzfell jetzt abgetan, im weissleinenen Kittel aus dem Schoppen trat.
Er setzte sich zu den beiden Männern an den Tisch, eine Magd brachte ihm auch
ein Glas, er tat seinen Gästen Bescheid und fuhr dann fort: »Zu einem Pfosten,
zu einer Türe und Schwelle gehören nur ein Paar gesunde Augen und eine firme
Faust, aber ein Schreiner braucht mehr. Ich habe mich einmal vom Hochmut
verleiten lassen, und wollte, wie Ihr es nennt, einen richtigen Schrank zuwege
bringen, weil mir Hobel und Meissel und Reissschiene auch bei dem Zimmerwerk durch
die Hände gegangen waren. Ich mass und zeichnete und schnitt die Hölzer zu, auf
Fuss und Zoll hatte ich alles abgepasst; ja, als es nun an das Zusammenfügen und
Leimen gehen sollte, war alles verkehrt. Die Wände standen windschief und
klafften, die Klappe vorne war zu gross, und die Kasten für die Öffnungen zu
klein. Ihr könnt das Gemächt noch sehen, ich habe es auf dem Sill stehen lassen,
mich vor Versuchung künftig zu wahren, denn es tut dem Menschen immer gut, wenn
er eine Erinnerung an seine Schwachheit vor Augen hat.«
    In diesem Augenblicke liess sich ein lustiges Wiehern aus dem Pferdestalle
gegenüber vernehmen. Der Pferdehändler räusperte sich, spuckte aus, schlug sich
Feuer an, blies dem Rezeptor eine starke Dampfwolke in das Gesicht, sah
sehnsüchtig nach dem Stalle und dann gedankenvoll vor sich nieder. Hierauf
spuckte er nochmals aus, nahm den lackierten Hut vom Kopfe, strich mit dem Arme
über die Stirn und sagte: »Noch immer eine schwüle Witterung.« - Dann schnallte
er seine lederne Geldkatze vom Leibe, warf sie mit Getöse auf den Tisch, dass der
Inhalt klang und klirrte, lösete die Riemen und zählte zwanzig blanke Goldstücke
hin, bei deren Anblicke die Augen des Rezeptors zu funkeln anfingen, und nach
denen der alte Hofschulze gar nicht hinsah. »Hier ist das Geld!« rief der
Pferdehändler, die Faust geballt auf den Tisch stemmend, »krieg' ich die braune
Stute dafür? Sie ist, weiss Gott, nicht einen Heller mehr wert.«
    »Dann behaltet Euer Geld, damit Ihr nicht zu Schaden kommt«, versetzte der
Hofschulze kaltblütig. »Sechsundzwanzig, wie ich gesagt habe, und keinen Stüber
darunter. Ihr kennt mich nun die Jahre her, Herr Marx, und solltet daher wissen,
dass das Dringen und Feilschen bei mir nicht verschlägt, weil ich nie von meiner
Sprache abgehe. Ich begehre, was mir eine Sache wert ist und tue niemalen
vorschlagen, und so könnte ein Posaunenengel vom Himmel dahergefahren kommen, er
kriegte die Braune nicht unter sechsundzwanzig.«
    »Aber Gott's Sackerlot«, schrie der Pferdehändler erbost, »aus Fordern und
Bieten besteht doch der Handel, und meinen eignen Bruder überfrage ich, und wenn
kein Vorschlagen mehr in der Welt ist, so hört alles Geschäft auf!«
    »Im Gegenteil«, erwiderte der Hofschulze, »das Geschäft kostet dann weit
weniger Zeit und ist schon um deshalb profitlicher, aber auch ausserdem haben
beide Teile von einem Handel ohne Vorschlagen vielen Nutzen. Ich habe es immer
erlebt, dass, wenn vorgeschlagen wird, sich die Natur erhitzt, und zuletzt
niemand mehr recht weiss, was er redet oder tut. Da lässt denn der Verkäufer, um
nur dem Gehader ein Ende zu machen, die Ware oft unter dem Preise, den er im
stillen bei sich festsetzte, und der Käufer seinerseits in der Begierde und
Brunst des Bietens vertut sich ebenso oftmals. Ist aber gar keine Rede von
Ablassen, dann bleiben beide schön ruhig, und wahren sich vor Schaden.«
    »Da Ihr so vernünftig redet, so werdet Ihr meinen Antrag jetzt besser
erwogen haben«, hob der Rezeptor an. »Wie gesagt, die Regierung will alle
Korngefälle der Höfe in hiesiger Gegend in Geld umwandeln. Sie hat allein den
Schaden davon, denn Korn bleibt Korn, aber Geld ist heute so viel und morgen so
viel wert, indessen ist es nun einmal ihr Wille, um der Last des Aufspeicherns
quitt zu werden. Ihr tut mir also den Gefallen, und unterschreibt diese neue,
auf Geld lautende Urkunde, die ich da zu diesem Behufe schon mitgebracht habe.«
    »Durchaus nicht«, antwortete der Hofschulze eifrig. »Es ist ein alter Glaube
hierzulande, dass wer seinem Hofe eine Last auflegt, dafür zur Strafe nach seinem
Tode auf dem Hofe umgehen muss. Ich weiss nicht, wie es damit beschaffen ist, aber
das weiss ich: Vom Oberhofe sind seit vielen hundert Jahren nur Körner an die
Gotteszelle gegeben worden, und damit wolle sich also das Rentamt begnügen, wie
das Stift sich damit begnügt hat. Wächst Geld auf meinem Acker? Nein. Korn
wächst darauf. Woher wollen sie also das Geld nehmen?«
    »Ihr sollt ja nicht übervorteilt werden!« rief der Rezeptor.
    »Es muss alles beim alten bleiben«, sagte der Hofschulze feierlich. »Das war
noch eine gute Zeit, als die Tafeln mit den Verzeichnissen der Lasten und
Abgaben der Bauerschaft in der Kirche hingen. Dazumalen stand alles fest, und
kein Gezänk hat sich nimmer darüber begeben, wie neuerdings nur gar zu oft.
Hernacher hiess es, die Tafeln mit den Hühnern und Eiern und Maltern und Sümmern
schadeten der Andacht, und sie wurden hinweggetan. Im Gegenteil, sie hatten
immer zu Predigt und Gesang gehört, wie Amen und Segen; ich für mein Teil, wenn
ich sie ansah, besonders beim dritten Teile oder der Nutzanwendung, hatte die
erbaulichsten Gedanken bekommen, zum Exempel: Überhebe dich nicht, denn da steht
geschrieben, wieviel Zinsroggen und Schlosshafer du geben musst, oder auch so:
Wenn du draussen Lasten zu tragen hast, hier im Gotteshause bist du frei, und was
dergleichen mehr war. Nun aber, als man auf die leeren Stellen sah, gingen die
Gedanken immer wandern und suchen nach den Tafeln, und es dauerte geraume Zeit,
ehe und bevor die Menschheit wieder recht nach dem Pastor hinhörte.«
    Er ging in sein Haus. - »Das ist ein alter Racker!« rief der Pferdehändler,
als er seinen Handelsfreund nicht mehr sah, indem er den lackierten Hut
verdriesslich wieder auf den Kopf stülpte. »Wenn der nicht will, so bringt ihn
der Teufel nicht herum. Das Schlimmste ist, dass der Kerl die besten Pferde in
der Gegend zieht, und sie im Grunde sozusagen billig genug losschlägt.«
    »Ein starres, widerhaariges Volk hierzulande«, sagte der Rezeptor. »Ich bin
erst vor kurzem aus Sachsen herversetzt, und merke den Abstand. Dort wohnen die
Leute beisammen und deshalb müssen sie schon höflich und nachgiebig und betulich
miteinander sein. Aber hier sitzt ein jeder auf seinem Kampe, hat sein Holz,
sein Feld, seinen Wiesewachs um sich, als gäbe es sonst nichts in der Welt.
Darum halten sie auch auf ihre alten Schnurren und Faxen so steif, die
anderwärts überall abgekommen sind. Was für Mühe habe ich schon mit den andern
Bauern wegen der dummen Umschreibereien gehabt, aber dieser hier ist doch der
schlimmste.«
    »Das kommt daher, Herr Rezeptor, weil er so reich ist«, bemerkte der
Pferdehändler. »Mich wundert, dass Sie es mit den andern in der Bauerschaft ohne
ihn durchgesetzt haben, denn der hier ist ihr General und Advokat und alles, sie
richten sich in jeglicher Sache nach ihm. Er bückt sich vor keinem. Vorm Jahre
kam ein Prinz hier durch; wie er den Hut vor dem abnahm, war es wahrhaftig, als
wollte er sagen: Du bist der und ich bin der. Der Mistfink! Für die Stute
sechsundzwanzig Pistolen haben zu wollen! Aber das ist das Unglück, wenn der
Bauer zu viel Vermögen kriegt. Wenn Sie dort durch das Eichholz hindurch sind,
gehen Sie eine geschlagene halbe Glockenstunde durch seine Felder. Und alles
bestellt, dass es nur so eine Art hat. Ich bin mit meiner Koppel vorgestern durch
den Roggen und Weizen geritten, und Gott strafe mich, wenn was anderes als die
Köpfe von den Pferden über die Ähren hinübersahn. Ich dachte, ich würde
ersaufen.«
    »Woher hat er's denn?« fragte der Rezeptor.
    »Oh!« rief der Pferdehändler, »da liegen hier mehrere solcher Höfe herum,
man heisst sie Oberhöfe; wenn die nicht manchen Edelmann ausstechen, so will ich
nicht Marx heissen. Das Erdreich ist von uralter Zeit zusammengeblieben. Und
sparsam und fleissig ist der Nichtsnutz von jeher gewesen, das muss man ihm
lassen. Sie sahen ja, wie er sich abäscherte, nur um dem Schmidt die paar
Groschen Verdienst zu nehmen. Jetzt freit seine Tochter einen andern jungen
Geldschlingel; die kriegt mit! Ich bin an der Leinwandkammer durchgegangen, der
Flachs und das Garn, das Gebild, die Wäsche und alle mögliche Kramerei ist bis
unter die Decke gestopft. Und dazu gibt ihr der alte Schabhals noch bare
sechstausend Taler mit. Blicken Sie nur um sich; ist es nicht hier, als ob man
bei einem Grafen wäre?«
    Während der letzten Reden hatte der verdriessliche Pferdehändler sacht in die
Geldkatze gegriffen und den zwanzig Goldstücken, gleichsam gleichgültig tuend,
noch sechs hinzugefügt. Der Hofschulze trat wieder in die Türe, und der andre
sagte brummend, ohne ihn anzusehen: »Da liegen die sechsundzwanzig, weil es
einmal nicht anders sein soll.«
    Der alte Bauer lächelte schalkhaft und sprach: »Ich wusste wohl, dass Ihr das
Pferd kaufen würdet, Herr Marx, denn Ihr sucht für den Rittmeister in Unna eins
zu dreissig Pistolen, und mein Bräunchen passt Euch dazu, wie bestellt. Ich ging
auch nur in das Haus, um die Goldwaage zu holen, und konnte vorhersehen, dass Ihr
Euch unterdessen besonnen haben würdet.«
    Der Alte, welcher in seinen Bewegungen bald etwas ungemein Rasches, bald
wieder die grösste Bedächtigkeit zeigte, je nachdem das Geschäft war, was er
trieb, setzte sich an den Tisch, wischte langsam und sorgfältig seine Brille ab,
spannte sie über die Nase und fing nun an, die Goldstücke genau zu wägen. Zwei
oder drei musterte er als zu leicht aus, worüber der Pferdehändler ein heftiges
Gezeter erhob, welchem der Hofschulze schweigend und kaltblütig, die Waage in
der Hand behaltend, zuhörte, bis der andre statt der verworfenen vollwichtige
hervorholte. Endlich war die Sache beendigt, der Verkäufer packte bedächtig das
Geld in ein Papier und ging mit dem Pferdehändler nach dem Stalle, um ihm das
Pferd zu überliefern.
    Der Rezeptor wartete die Rückkunft der beiden nicht ab. »Mit solchem Klotz
ist nichts anzufangen«, sagte er, »aber wenn du uns nur nicht so ordentlich auf
die Termine bezahltest, wir wollten dich -« Er fühlte nach seinen urkundlichen
Papieren in der Tasche, merkte an ihrem Knittern, dass sie noch darin seien, und
schlich vom Hofe.
    Aus dem Stalle traten der Rosskamm, der Schulze und ein Knecht, welcher zwei
Pferde, das des Rosskammes und die erkaufte braune Stute hinter sich herführte.
Der alte Schulze sagte, indem er die letztere zum Abschiede streichelte: »Es tut
einem immer leid, wenn man eine Kreatur, die man aufzog, losschlägt, aber wer
kann dawider? - Nun, halte dich brav, Bräunchen!« rief er und gab dem Tiere
einen herzhaften Schlag auf die runden, glänzenden Schenkel.
    Der Pferdehändler war indessen aufgestiegen und sah mit seiner langen Figur
und der kurzen Schossjacke unter dem breitkrempigen lackierten Hute, mit seinen
erbsengelben Hosen über den dürren Lenden und den hochhinaufreichenden ledernen
Kamaschen, mit seinen Pfundspornen und mit seiner Peitsche wie ein Wegelagerer
aus. Er ritt, ohne Lebewohl zu sagen, fluchend und wetternd davon, die Braune am
Leitzaum nachziehend. Keinen Blick wandte er nach dem Gehöfte zurück, die Braune
dahingegen drehte mehrere Male den Hals um und wieherte wehmütig, als wollte sie
klagen, dass ihre gute Zeit nun vorüber sei. Der Hofschulze blieb, die Arme in
die Seite gestemmt, mit dem Knechte stehen, bis der Zug durch den Baumgarten
verschwunden war. Dann sagte der Knecht: »Das Vieh grämt sich.« - »Warum sollte
es nicht?« erwiderte der Hofschulze, »grämen wir uns doch auch. Komm auf den
Futterboden, wir wollen Hafer messen.«
 
                                Zweites Kapitel
                                 Rat und Anteil
Indem er sich mit dem Knechte dem Hause zuwandte, sah er, dass der Platz unter
den Linden schon wieder von neuen Gästen eingenommen war. Diese hatten aber ein
sehr verschiedenartiges Ansehen. Denn es sassen da drei bis vier Bauern, seine
nächsten Nachbarn, und neben ihnen sass ein bildschönes Mädchen. Dieses
bildschöne Mädchen war die blonde Lisbet, welche im Oberhofe genächtiget hatte.
    Ich werde mich nicht vermessen, ihre Schönheit zu beschreiben; es käme dabei
doch nur auf rote Wangen und blaue Augen hinaus, und diese allerliebsten Dinge,
so frisch sie sich in der Wirklichkeit halten, sind schwarz auf weiss etwas
abgestanden. Es denke sich daher jeder Leser seine jetzige oder ehemalige
Geliebte, und jede Leserin blicke in den Spiegel, oder erinnere sich, wie sie an
ihrem Brauttage ausgesehen hat, so wird die Lisbet vor allen Leuten dastehen,
wie sie leibt und lebt.
    Der Hofschulze ging, ohne sich vorläufig um die langhaarigen, bekittelten
Nachbarn zu kümmern, auf seinen blühenden Gast zu und sagte: »Nun? Gut
geschlafen, Mamsellchen?«
    »Prächtig«, versetzte Lisbet.
    »Was haben Sie denn am Finger? Sie tragen ihn ja verbunden?« fragte der
Alte.
    »Nichts«, antwortete das junge Mädchen und errötete. Sie wollte eine andere
Unterredung anfangen. Der Hofschulze liess sich aber nicht irren, ergriff ihre
Hand, an welcher sie den Finger verbunden trug und rief: »Es ist doch nicht
schlimm?«
    »Nicht der Rede wert«, versetzte Lisbet. »Als ich Eurer Tochter gestern
abend nähen half, fuhr mir die Nadel in den Finger, und da hat er geblutet, das
ist alles.«
    »Ei! Ei!« sagte der Hofschulze schmunzelnd, »und wie ich sehe, ist es sogar
der Ringfinger; das bedeutet was Gutes. Wissen Sie wohl, dass wenn eine Jungfer
einer Braut hilft am Brautlinnen nähen und verwundet sich am Ringfinger, sie
noch im nämlichen Jahre auch Braut wird? Nun, ich gratulier' schönstens zum
schmucken Freiersmann.«
    Die Bauern lachten; die blonde Lisbet liess sich nicht aus der Fassung
bringen, sondern rief fröhlich: »Und wisst Ihr auch meinen Spruch, den ich von
der Spröden gelernt habe? Er lautet:
Soweit der Herr die Lilien kleidet,
Und auch die jungen Raben weidet,
Geht mein Hab und Gut;
Drum, wer nach mir fragen tut,
Der soll tun nach mir fragen
Mit vier Pferden vorm Wagen!«
»Und -« fiel der Hofschulze ein -
»Er soll mich fangen, wie die Maus
Und angeln, wie einen Fisch,
Und schiessen, wie ein Reh -«
Ein Schuss fiel in der Nähe. »Sehen Sie, Mamsellchen, das trifft zu«, rief der
Alte.
    »Lasst jetzt Eure losen Reden, Hofschulze«, sagte das junge Mädchen. »Ich bin
darum bei Euch eingekehrt, um von Euch Rat wegen der Gülten zu bekommen, und den
gebt mir also nun auch ohne Scherz und Possen.«
    Der Hofschulze setzte sich, um zu hören und zu reden, in Positur, die
Lisbet zog ein Schreibtäflein heraus und las die Namen der Bauern ab, bei
welchen sie in den Tagen zuvor umhergewandert war, um die Rückstände der Zinsen
für ihren Pflegevater einzutreiben. Sie erzählte dabei dem Hofschulzen, dass und
unter welchen Vorwänden sie sich geweigert hätten, ihre Schuld abzustossen. Der
eine wollte längst bezahlt haben, der andere hatte gesagt, er sei neu auf dem
Hofe, der dritte wusste von gar nichts, der vierte hatte getan, als höre er nicht
gut, und so fort, so dass das arme Mädchen, wie ein Vöglein, das bei Winterszeit
nach Futter fliegt und kein Körnlein aufzupicken findet, von Tür zu Tür leer
abgewiesen worden war. Wer aber glaubt, dass diese vergebliche Mühe sie in
Kümmernis gestürzt habe, der irrt; ihr konnte nichts etwas anhaben, sie erzählte
ihre beschwerlichen Wanderungen mit heitrem Munde.
    Der Hofschulze schrieb mehrere der ihm genannten Namen mit Kreide auf den
Tisch und sagte, als sie ihre Liste geschlossen hatte: »Was die andern betrifft,
so wohnen die nicht bei uns, über die habe ich keine Macht, und wenn sie so
schlecht sind, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu verleugnen, so streichen Sie die
Schelme nur aus, denn mit Prozessen kriegt man nichts vom Bauer. Aber die in
unserer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu
haben wir noch Mittel.«
    »Oho!« sagte einer der Bauern halblaut zu ihm; »tut Ihr doch, Schulte, als
hättet Ihr immer das Strop1 im Rockärmel bei Euch. Wann soll die Heimlichkeit
vor sich gehen?«
    »Schweigt, Baumschulte, denn solche spöttliche Worte möchten Euch zu Schaden
werden«, versetzte der Alte mit Ernst.
    Der Angeredete wurde betreten, schlug die Augen nieder und erwiderte kein
Wort. Lisbet dankte dem Alten für die zugesagte Hülfe und fragte nach den Wegen
und Stegen zu den andern, die sie noch in der Schreibtafel hatte. Der Hofschulze
bezeichnete ihr den Pfad zu dem nächsten Hofe über die Pfaffenwiese, an den drei
Mühlen vorbei, durch die Hollenberge. Als sie ihren Strohhut aufgesetzt, ihren
Stecken genommen, für gute Bewirtung gedankt, und sich solchergestalt zum Gehen
gerüstet hatte, bat er sie, bei der Wiederkehr sich so einzurichten, dass sie die
Hochzeit über und bis zum zweiten Tage nach derselben im Hofe bleibe, dann hoffe
er ihr die Versicherung über die Zinsen oder diese sogar vielleicht selbst
zugleich nach Hause mitgeben zu können.
    Als die schlanke und edle Gestalt des jungen Mädchens hinter den letzten
Walnussbäumen des Baumgartens verschwunden war, sagte einer der Bauern: »Wenn der
alte Herr Baron die früher zur Schaffnerin gehabt hätte, so wäre er nicht so
heruntergekommen und hätte nicht zu besorgen, dass ihm das Haus einmal über dem
Kopfe zusammenstürzt. - Übrigens ist es unrecht, dass sie das Kind allein im
Lande herumlaufen lassen.«
    »Daran sehe ich eben kein Unrecht«, erwiderte der Hofschulze. »Ich habe noch
nicht erlebt, dass einem ordentlichen Mädchen Schlechtigkeiten widerfahren wären.
Eine reine Jungfer kann unter Räuber und Mörder gehen, unter Gesindel und
Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das
Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange über
Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie
angetastet worden; sie hatten sie, weil sie müde geworden war, ganz sauber auf
einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am Hofe richtig
abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von Hause aus
angreifische Ware zu sein.«
    Die Bauern sprachen jetzt von dem Gegenstande, welcher sie zu dem
Hofschulzen geführt hatte. Eine neue Strassenanlage, die mit der grossen Chaussee
Verbindung stiften sollte, bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen
Wiesenstücke, über welche der Weg notwendig zu legen war, wenn er zustande
kommen sollte. Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun, obgleich die Anlage
zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte, auf jede Weise zu
schützen, und wie er abzuwenden sein möchte, darüber wollten sie sich bei dem
Besitzer des Oberhofes Rats erholen. Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in
dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die
Hand, wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstäblicher
Vorschriften der Gesetze entgehen, oder doch wenigstens das Nachgeben hinzögern
könnten. Sie möchten nur sagen, die Stücke seien ihnen ganz notwendig, wenn sie
nicht zugrundegehen sollten, möchten einen übermässigen Preis auf sie setzen, den
und den angehen, welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher, wenn sie
ihn recht zu behandeln wüssten, schon ein Zeugnis ausstellen werde, dass die
Strasse auch anders gelegt werden könne, und was dergleichen mehr war, welches
freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen schien, als die wir
schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben.
    Indessen wurde aus seinem Gespräche mit den Nachbarn klar, dass diese Bauern
sich den Heischungen des Staats zum öffentlichen Nutzen gegenüber im Zustande
des Krieges glaubten, welcher bekanntlich alle Mittel, die zum Zweck führen,
guteisst. »Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte führen können,
wie bisher, ohne grosse Strassen nötig zu haben, und was geht uns alles übrige
an?« sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung. »Mögen sie bauen und
graben, was sie wollen, sie sollen uns aber ungeschoren lassen. Wenn es nach
denen ginge, so wären wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens, wie es
heissen würde«, fügte er hinzu.
    »Guten Tag, wie geht's?« rief eine hier wohlbekannte Stimme. Ein
Fusswanderer, ein Mann in anständiger Kleidung, aber von den grauen Kamaschen bis
zur grünen Schirmkappe bestaubt, war durch den Torweg eingetreten und hatte sich
dem Tische genähert, ohne von den Redenden anfänglich bemerkt zu werden. »Ei,
Herr Schmitz, sieht man Sie auch einmal wieder?« sagte der alte Bauer sehr
freundlich und liess für den Ermüdeten durch den Knecht das Beste, was sich im
Keller befand, herbeiholen.
    Die Bauern rückten vor dem neuen Ankömmlinge höflich zusammen. Er wurde zum
Sitzen genötigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer
Vorsichtigkeit, um nicht, was er bei sich trug, zu zerbrechen. In der Tat war
ein solches Verhalten auch notwendig, denn der Mann war bepackt wie ein
Lastwagen, und die Umrisse seiner Gestalt glichen einem Konglomerate
zusammengeschnürter Ballen. Nicht allein, dass die Rocktaschen, mit manchem
Runden, Viereckten, Länglichten befrachtet, in sonderbarer Bauschung weit vom
Leibe abstanden, auch Brust- und Seitenbehälter, zu gleichen Zwecken verwendet,
bildeten mannigfach geformte Wülste und Erhöhungen, die um so schärfer
hervortraten, als der Sammler, um nichts von seinen Schätzen zu verlieren, den
Rock, ungeachtet der herrschenden Sommerwärme, fest zugeknöpft trug. Selbst das
Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstände dienen müssen und
erhielt von diesem Inhalte ein kürbisartiges Ansehen. Er schlürfte den ihm
vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen, das ältliche, von Wandern und
Hitze aufgedunsene und gerötete Antlitz gewann allmählich seine ihm natürliche
Farbe und Form wieder. »Gute Geschäfte gemacht, Herr Schmitz?« fragte der
Hofschulze lächelnd. »Dem Anscheine nach sollte man es glauben.«
    »Es geht noch«, versetzte der Sammler. »In der lieben Erde steckt ein
rechter Segen. Nicht allein Korn und Gewächse bringt sie immerdar hervor und
wird nicht müde; auch Altertümer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr
fortwährend ab, soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist. Ich
habe denn einmal wieder so mein Gängelchen durch das Land gehalten, kam dieses
Mal bis an die Grenze vom Siegenschen. Nun bin ich auf dem Rückmarsch, will
heute noch zur Stadt, musste aber unterweges bei Euch, Schulze, mich etwas
ausruhen, denn müde ward ich freilich.«
    »Was bringen Sie denn mit?« fragte der Hofschulze.
    Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhöhungen und Wülste
seiner verschiedenen Taschen und sagte: »Ei nun, Liebes und Gutes, allerhand
Siebensachen. Eine Streitaxt, ein paar Donnerkeile, Kattenringe, prächtig mit
grünem Rost überzogen, Aschenkrüglein, Tränenflaschen, drei Götzen und ein paar
kostbare Lampen.« Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und
fuhr fort: »Und ein ganz komplett erhaltenes Stück korintischen Erzes habe ich
mir hier, weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte, hier im Rücken unter
dem Rocke festgebunden. Nun, es wird sich denn wohl leidlich machen, wenn es
alles erst gesäubert ist und in Reihe und Glied steht.«
    Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen; der alte Schmitz
erklärte sich aber unfähig, dieselbe zu befriedigen, weil die Altertümer so
sorgfältig verpackt und mit so ausgeklügelter Benutzung jedes Räumchens
eingesenkt seien, dass es schwerhalte, die ganze Befrachtung, wenn sie gelöset
worden, wieder zustande zu bringen. Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in
das Ohr; dieser ging in das Haus. Inzwischen erzählte der Sammler ausführlich
von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen, rückte dann seinem Gastfreunde
näher und sagte vertraulich: »Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser
Reise ist; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden, wo Hermann den
Varus schlug.«
    »Ei, ei, ei«, versetzte der Hofschulze und schob seine Mütze hin und her.
    »Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen, Clostermeier, Schmid, und wie
sie heissen mögen, die darüber geschrieben haben!« rief der Sammler feurig.
»Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso, wovon doch auch noch
kein Mensch ausgeforscht hat, wo es eigentlich gelegen - genug aber
mitternachtwärts - sich zurückziehen lassen, und demnach sollte die Schlacht
zwischen den Quellen der Lippe und Ems, bei Detmold, Lippspringe, Paderborn und
Gott weiss wo noch? vorgefallen sein -«
    Der Hofschulze sagte: »Ich glaube, der Varus musste aus allen Kräften suchen,
nach dem Rhein zu kommen, und das konnte er nur, wenn er ins offene Land
gelangte. Drei Tage soll die Bataille gedauert haben, darin lässt sich schon ein
Stück marschieren, und so bin ich vielmehr der Meinung, dass die Attacke in den
Bergen, die unsre Börde einschliessen, also gar nicht weit von hier vorgefallen
ist.«
    »Falsch! Falsch, Hofschulze!« rief der Sammler. »Hier unterwärts war alles
besetzt und verstopft von Cheruskern, Katten und Sikambrern. Nein, weit mehr
nach Mittag ist die Schlacht gewesen, der Ruhrgegend nahe, nicht weit von
Arnsberg. Varus musste sich durch das Gebirg hindurchworgen, er hatte nirgends
einen Ausweg, und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein, wohin der Weg quer
durch das Sauerland geht. So dachte ich es mir immer, so, und jetzt habe ich die
untrüglichsten Bestätigungszeichen entdeckt. Dicht an der Ruhr fand ich das
korintische Erz und kaufte die drei Götzen, und da sagte mir ein Mann aus dem
Dorfe, dass kaum eine Stunde davon im Walde zwischen den Bergen eine Stelle
liege, wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet
seien. Hui! rief ich, es wird Tag. Ging mit einigen Bauern hinaus, liess
nachgraben, und siehe da, wir fanden Knochen, wie ich sie nur wünschte. Das ist
also der Platz, wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die
Überreste der römischen Legionen bestatten liess, als er seine letzten Züge wider
Hermann machte, und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt.«
    »An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten«,
sagte der Schulze und bewegte zweifelmütig das Haupt.
    »Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort«, sprach der Sammler
zorneifrig. »Ich muss Euch nur den Glauben in die Hand geben, da ist einer, den
ich mitgebracht habe.«
    Er zog einen grossen Knochen aus dem Busen und hielt denselben seinem
Widerpart unter die Augen. »He, was ist das?« fragte er triumphierend.
    Die Bauern starrten den Knochen verdutzt an. Der Hofschulze antwortete,
nachdem er ihn prüfend betrachtet hatte: »Ein Kuhknochen, Herr Schmitz. Sie sind
auf einen Schindanger gestossen und nicht auf das Teutoburger Schlachtfeld.«
    Grimmig steckte der Sammler das bescholtene Altertum wieder an seinen Platz
und stiess einige heftige Reden aus, denen der alte Bauer in derselben Weise zu
begegnen wusste. Es sah daher nach einem Zanke zwischen beiden Männern aus;
indessen hatte es damit nicht viel zu bedeuten. Denn es war schon hergebracht,
dass sie über solche und ähnliche Dinge aneinander gerieten, wenn sie
zusammenkamen. Immer aber blieben sie trotz dieser Streitigkeiten gute Freunde.
Der Sammler, der sich das Brot am Munde absparte, um seine Liebhaberei zu
befriedigen, pflegte sich das Jahr hindurch wochenlang bei den gefüllten
Fleischtöpfen des Oberhofes auszufüttern und half wieder seinerseits dem
Gastfreunde mit allerhand Schreibereien in dessen Geschäften; denn er war seines
Zeichens ein ehemaliger kaiserlicher geschworner und immatrikulierter Notarius.
    Endlich sagte der Hofschulze nach vielem nutzlosen Hinund Herreden von
beiden Seiten: »Ich will mit Ihnen über den Walplatz nicht streiten, obgleich
ich dabei verbleibe, dass Hermann den Varus hier herum geschlagen hat. Es liegt
mir aber überhaupt nicht viel daran, die Sache ist mehr für die Herrn Gelehrten,
denn wenn der andere römische General sechs Jahre darauf, wie Sie mir oftmalen
erzählt haben, schon wieder mit einer Armee in hiesigen Gegenden stand, so hat
die ganze Bataille wenig zu bedeuten gehabt.«
    »Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze!« fuhr der Sammler auf. »Auf der
Hermannsschlacht beruht das gesamte deutsche Wesen. Wenn Hermann der Befreier
nicht gewesen wäre, so sässet Ihr nicht so breit hier zwischen Euren Hecken und
Pfählen. Aber ihr Leute lebt nur von einem Tage zum andern und Geschichte und
Altertümer sind euch nichts nütze.«
    »Oho, Herr Schmitz, da tun Sie mir doch gross Unrecht!« versetzte der alte
Bauer stolz. »Weiss Gott, was für Pläsier es mir macht, bei Winterszeit die
Chroniken und Historienbücher zu lesen, und Sie selbst wissen, dass ich mit dem
Schwerte von Carolus Magnus (der Alte sprach die zweite Silbe lang aus), welches
nun seit tausend und mehreren Jahren im Oberhofe aufbewahrt wird, umgehe, wie
mit meinem Augapfel, folglich ...«
    »Das Schwert Karls des Grossen!« sagte der Sammler höhnisch. »Freund, ist es
denn nicht möglich, Euch diese Grillen aus dem Kopfe zu bringen? Hört doch nur
-«
    »Und ich sage und behaupte, dass es das echte und aufrichtige Schwert Caroli
Magni ist, womit er hier auf dem Oberhofe den Freistuhl gesetzet und
eingerichtet hat. Und das Schwert wirket und vollbringet noch heutzutage sein
Amt, obgleich davon nicht weiter geredet werden darf.« Der Alte sprach diese
Worte mit einem Ausdrucke in den Mienen und mit einer Gebärde, die etwas
Erhabenes hatten.
    »Und ich sage und behaupte, dass das eitel Torheiten sind«, eiferte der
Sammler. »Ich habe den alten Flederwisch an die hundert Male untersucht, er hat
kein halb Jahrtausend erlebt und rührt vielleicht aus der Soester Fehde her, wo
ihn ein Reisiger des Erzbischofs, der sich hier in den Büschen verkrochen, mag
haben stehen lassen.«
    »Dass dich!« rief der Hofschulze und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann
murmelte er vor sich hin: »Nun warte! Dafür sollst du heute deine Strafe
kriegen.«
    Der Knecht trat aus der Türe. Er trug ein Gefäss aus gebrannter Erde, von
bedeutendem Umfange und fremdartigem Ansehen, es steif und achtsam mit beiden
Händen an den Henkeln gefasst.
    »Ei Gott!« rief der Sammler, als es ihm näher zu Gesichte kam, »das ist ja
eine prächtige grosse Amphora! Woher stammt denn die?«
    »Ich habe«, versetzte der Hofschulze gleichgültig, »den alten Topf vor acht
Tagen in meiner Kiesgrube gefunden, als Grand ausgestochen wurde. Es stand noch
mehr des Zeuges umher, was aber die Leute mit den Grabscheiten zerschlagen
haben. Der Topf allein ist erhalten worden. Ich wollte doch, dass Sie ihn sähen,
da Sie einmal hier sind.«
    Mit feuchten Blicken betrachtete der Sammler das grosse, wohlerhaltene Gefäss.
Endlich stammelte er: »Ist darüber kein Handel zu machen?«
    »Nein«, versetzte der alte Bauer kalt, »ich will den Topf mir selber
aufheben.« Er gab dem Knechte einen Wink, dieser wollte die Amphora in das Haus
zurücktragen, wurde aber daran von dem Sammler gehindert, welcher, die Augen
nicht von dem Gefässe wendend, den Eigentümer mit den mannigfaltigsten und
beweglichsten Wendungen anging, ihm den ersehnten Weinkrug abzustehen. Es war
indessen alles vergebens; der Hofschulze verblieb den eindringlichsten
Bittworten gegenüber in unerschütterlicher Seelenruhe und machte auf diese Weise
den unbewegten Mittelpunkt der Gruppe, um welchen die Bauern, die dem Handel mit
aufgesperrten Mäulern zuhorchten, der Knecht, der das Gefäss an den Henkeln
gefasst, dem Hause zustrebte, und der Altertümler, welcher dasselbe am untern
Ende festielt, die aufgeregten Seiten- und Nebenfiguren bildeten. Zuletzt sagte
der Hofschulze, dass er in Willens gewesen sei, seinem Gaste den Topf, wie so
manches früher aufgefundene Stück zu schenken, weil er selbst seine Freude daran
habe, die alten Sachen auf den Brettern der Sammlung an den Wänden ringsherum in
Ordnung gestellt, zu sehen, dass ihm aber die beständigen Angriffe auf das
Schwert Caroli Magni verdriesslich seien, und dass er deshalb auch mit dem Topfe
seinen Willen behalten wolle.
    Kleinlauten Tons versetzte hierauf der Sammler nach einer Pause, dass Irren
menschlich wäre, dass die Waffen des Mittelalters sich nach den Zeitaltern oft
nicht genau unterscheiden liessen, dass er auf diese Überbleibsel sich weniger,
als auf Römersachen verstände, und dass allerdings manches an dem Schwerte auf
ein höheres, über die Soester Fehde hinausreichendes Alter zu deuten schiene.
Vorauf der Hofschultze entgegnete, dass ihm dergleichen allgemeine Redensarten
nichts frommen könnten, dass er den Zwist und den Zweifel an seinem Schwerte ein
für allemal abgetan wissen wollte, und dass es nur ein Mittel gäbe, in den Besitz
des alten Topfes zu kommen, nämlich, wenn der Herr Schmitz auf der Stelle eine
Schrift von sich gäbe, worin das im Oberhofe, aufbewahrte Schwert förmlich für
das wahre Schwert Caroli Magni anerkannt würde.
    Nach dieser Eröffnung hatte der Altertümler freilich einen harten Kampf
zwischen seinem antiquarischen Gewissen und seiner antiquarischen Begierde zu
kämpfen. Er warf die Lippe auf und trommelte mit den Fingern auf der Stelle
umher, wo er den Knochen vom Teutoburger Schlachtfelde stecken hatte. Sichtlich
war sein Bestreben, über die Anmahnungen des ihn zur Unwahrheit verlockenden
Gelustes Herr zu werden. Endlich aber erhielt dennoch die Leidenschaft, wie
dieses immer zu geschehen pflegt, die Oberhand. Hastig forderte er Feder und
Papier und stellte mit fliegender Eile, zuweilen seitwärts nach der Amphora
schielend, ein unumwundenes Bekenntnis aus, dass er nach oftmaliger Besichtigung
des Schwertes im Oberhofe solches für das des Kaisers Karls des Grossen erkannt
und befunden habe.
    Diese Urkunde liess der Hofschulze von den beiden Bauern als Zeugen mit
unterschreiben, und steckte dann das Papier, mehrmals zusammengeschlagen, zu
sich. Der alte Schmitz aber fasste heftig nach der auf Kosten seines besseren
Bewusstseins erkauften Amphora. Der Hofschulze sagte, er wolle ihm den Topf
andern Tages nach der Stadt schicken; wie hätte aber ein Sammler wohl jemals
auch nur einen Augenblick lang die körperliche Innehabung eines teuer erworbenen
Besitzstückes entbehrt? Entschieden lehnte der unsrige jeden Verzug ab, liess
sich eine Schnur geben, zog diese durch die Henkel, und hing sich daran das
grosse Weingefäss über die Schulter. Sie schieden demnächst im besten
Einvernehmen, nachdem der Sammler noch zur Hochzeit gebeten worden war. Er
gewährte mit seinen Winkeln, mit den bauschig abstehenden Rockschössen und der
hin und her wackelnden Amphora an der linken Seite einen abenteuerlichen
Anblick, als er von dannen zog.
    Die Bauern boten ihrem Ratgeber die Zeit, versprachen, sich seinen Rat
merken zu wollen und gingen dann, ein jeder zu seinem Gehöfte. Der Hofschulze,
dem im Laufe einer Stunde mit allen Menschen, die sich bei ihm zusammengefunden
hatten, jegliches Vornehmen geglückt war, trug erst die erwonnene
Anerkennungsurkunde auf die Kammer, worin er das Schwert Caroli Magni verwahrte,
dann ging er mit dem Knechte auf den Futterboden, um den Hafer für die Pferde
ihm zuzumessen.
 
                                Drittes Kapitel
                                  Der Oberhof
»Westfalen bestund aus einzelnen Höfen, deren jeder seinen eigentümlichen und
freien Besitzer hatte. Mehrere solcher Höfe machten eine Bauerschaft aus, die
gewöhnlich den Namen des ältesten und vornehmsten Hofes führte. Es gründet sich
in der ersten Anlage der Bauerschaften, dass der älteste Hof auch der erste im
Range bleiben und der vornehmere werden musste, wo von Zeit zu Zeit die davon
ausgegangenen Kinder, Enkel, Hausgenossen zusammenkamen und einige Tage feierten
und zechten. Der Anfang, oder das Ende des Sommers war die gewöhnliche Zeit
dazu, wo jeder Hofbesitzer etwas von seinen gezogenen Früchten und auch wohl ein
junges Stück Vieh zum Bauermahl mitbrachte. Man besprach sich über mannigfaltige
Gegenstände und nahm Rücksprache, Heiraten wurden da geschlossen, Todesfälle
angezeigt, und der Sohn als eingetretenes Haupt seines väterlichen Erbes
erschien dann gewiss mit volleren Händen und ausgesuchterem Viehe bei seinem
ersten Eintritt in die Versammlung. An Zwisten konnte es bei solchen
Freudentagen nicht fehlen, dann trat der Vater als Haupt des ältesten Hofes in
die Mitte und legte mit Einstimmung der übrigen den Zank bei. Wurden einige
Hofbesitzer während der andern Jahrszeit irgendeiner Ursache halber uneins, so
brachten beide bei der nächsten Versammlung ihre Beschwerde vor, und beide waren
damit zufrieden, was ihre Mitgenossen für gut oder recht fanden. War alles
aufgezehrt, der zur Feier bestimmte Baum ausgebrannt, so hatte das Fest, die
Versammlung ein Ende. Jeder kehrte dann zurücke, erzählte seinen zu Hause schon
wartenden Hausgenossen die Begebenheiten des Festes und ward mit ihnen lebendige
und stets fortdauernde Urkunde aller Vorfälle ihrer Bauerschaft.
    Dergleichen Zusammenkünfte hiessen Sprachen, Bauersprachen, weil sämtliche
Hofbesitzer einer Bauerschaft, um sich zu besprechen, zusammenkamen, und
Bauergerichte, weil hier die Irrungen der schon stillschweigend in einen Verein
getretenen Männer beigelegt oder zurückgewiesen wurden. Da die Bauersprachen und
Bauergerichte beim ältesten oder vornehmsten Hofe gehalten wurden, so hiess
solcher Hof auch Richtof, und die Bauergerichte und Bauersprachen auch
Hofsprachen und Hofgerichte, welche bis auf heutigen Tag noch nicht ganz
verschwunden sind. Der älteste Hof, der Richtof ward nun im vorzüglicheren
Sinne Hof genannt, womit man den Hauptof oder Oberhof in der Bauerschaft und
dessen Besitzer als das Haupt oder den Hauptmann der übrigen bezeichnete.
    
    So hätten wir ungefähr die Entstehung von dem ersten Vereine und den ersten
Gerichtsanstalten der westfälischen Höfe oder Bauerschaften. Sie kann uns um
desto weniger befremden, wenn man bedenket, dass Westfalens ehemalige Gestalt nur
eine langsame Bevölkerung und allmählichen Anbau verstattete, und dieses
allmähliche Fortschreiten gerade so zu den simplen und einförmigen
Einrichtungen, als zu der gleichen Bildung, Sitte und Gewohnheit führte, die wir
bei Westfalens alten Bewohnern antreffen.«
    Diese Stelle aus Kindlingers »Münsterischen Beiträgen« führt uns auf den
Schauplatz der Handlung. Sie verdeutlicht uns den Helden der letzteren, den
Hofschulzen. Er war der Besitzer eines der grössten und reichsten Haupt- oder
Oberhöfe, welche in den dortigen Gegenden, freilich jetzt bis zu geringer Anzahl
zusammengeschmolzen, liegen.
    Über diese uralten Wehren freier Männer ist der Atem der Zeiten
markenverrückend und rechtetilgend hingefahren. Die anfängliche germanische
Genossenschaft, in welche jeder nur eintrat, Leibes und Lebens sicher zu werden,
nicht, Leib und Leben zu verlieren, ist längst zerstört; der Vasallendienst hat
an der Freiheit gerüttelt, die Ministerialität hat daran gerüttelt, und endlich
sind die Trümmer eigenartiger Selbständigkeit in den grossen Not- und Bergehafen
des modernen Staats getrieben worden. In diesem schwimmen sie (um dem
Gleichnisse treu zu bleiben), stossen und prallen aneinander an, oder sind auch
wohl seitwärts auf das Trockne geworfen. Dort verwittern sie, mit Tang, Flechten
und Schneckenhäusern besetzt, nach und nach, während jener Überzug den Schein
eines neuen Gebildes fortsetzt.
    Aber es ist etwas Merkwürdiges um die ersten Stammerinnerungen, und die
Völker haben ein so langes Gedächtnis, wie die einzelnen Menschen, denen ja auch
die Eindrücke der frühesten Kinderzeit bis in das höchste Alter hinauf getreu zu
bleiben pflegen. Erwägt man nun, dass eines Menschen Leben neunzig währen kann
und darüber, dass der Völker Jahre aber Jahrhunderte sind, so ist es weiter nicht
zu verwundern, dass in den Gegenden, in welche sich unsere Geschichte nunmehr
begeben hat, manches noch hin und wieder aufstösst, welches nach der Zeit
zurückweist, in welcher der grosse Frankenkaiser die eigensinnigen Sassen mit
Feuer und Schwert zu bekehren wusste.
    Weckt also die Natur da, wo sonst der oberste Richter und Erbe der Gegend
wohnte, wieder einmal besondere Eigenschaften in einem Menschen auf, so kann an
den jahrtausendalten Erinnerungen und zwischen den Grenzen und Gräben, die doch
noch erkennbar sind, eine Gestalt erwachsen, wie unser Hofschulze, eine Gestalt,
deren Geltung zwar von den Mächten der Gegenwart nicht anerkannt wird, welche
aber für sich selbst und bei ihresgleichen einen längst verschwundenen Zustand
auf einige Zeit wiederherstellt.
    Doch das klingt für diese Arabeskengeschichte zu ernstaft. Sehen wir uns
lieber im Oberhofe selbst um! Wenn das Lob der Freunde immer ein sehr
zweideutiges bleibt, so darf man dagegen dem Neide der Feinde vertrauen, und am
glaubwürdigsten ist ein Pferdehändler, der die guten Umstände eines Bauern
herausstreicht, mit welchem er nicht des Handels einig werden konnte. Zwar liess
sich von dem Hofe nicht, wie der Rosskamm Marx sagte, behaupten, es sei darin,
als ob man sich bei einem Grafen befinde, dagegen nahm man, wohin man blickte,
bäurischen Wohlstand und einen Segen wahr, welcher dem hungrigsten Menschen
zurufen musste: hier kannst du dich mit satt essen, die Schüssel ist immerdar
voll.
    Der Hof lag ganz allein an der Grenze der fruchtbaren Börde, da wo sie in
das Hügel- und Waldland übergeht. Die letzten Felder des Hofschulzen stiegen
schon sacht die Anhöhen hinauf, und eine Meile von dort war Gebirg. Der nächste
Nachbar der Bauerschaft wohnte eine Viertelstunde vom Hofe. Um diesen breitete
sich alles Besitztum, welches eine grosse ländliche Wirtschaft nötig hat, aus;
Feld, Wald, Wiese, unzerstückelt, in geschlossenem Zusammenhange.
    
    Von der Anhöhe herab liefen die Felder durch die Ebene, bestens bestellt. Es
war aber um die Zeit der Roggenblüte; der Rauch ging von den Ähren und wallte in
den warmen Sommerlüften, ein Opfer der Scholle. Einzelne Reihen hochstämmiger
Eschen oder knorrichter Rüstern, zu beiden Seiten der alten Grenzgräbern
gepflanzt, fassten einen Teil der Kornfelder ein und bezeichneten, von weitem her
kenntlich, die Marken des Erbes, bestimmter als Steine und Pfähle vermögen. Ein
tiefer Weg zwischen aufgeworfenen Erdwällen führte quer durch die Felder,
mündete rechts und links an verschiedenen Orten in Seitenpfade aus und führte,
wo das Getreide aufhörte, in ein kräftig bestandenes Eichenwäldchen, unter
welchem sich erdgelagerte Säue gütlich taten, dessen Schatten aber auch für den
Menschen erquicklich waren. Dieser Kamp, welcher dem Schulzen sein Holz
lieferte, drang bis wenige Schritte vom Gehöfte vor, umfasste es von beiden
Seiten und gab so zugleich gegen die Ost- und Nordwinde Schutz.
    Nur mit Stroh war das Wohnhaus, welches sich in seinen weiss und gelb
angestrichenen Wänden von Fachwerk zweistöckig erhob, gedeckt, aber da diese
Bedeckung immer sehr wohl instand erhalten ward, so hatte sie nichts Dürftiges,
verstärkte im Gegenteil den behaglichen Eindruck, den das Gehöft machte. Das
Innere lernen wir schon bei Gelegenheit kennen; jetzt sei nur gesagt, dass auf
der andern Seite des Hauses um einen geräumigen Hof Ställe und Scheunen liefen,
an denen auch das schärfste Auge keine schadhafte Stelle an Mauer und Bewurf
erspähen konnte. Grosse Linden standen vor der Hoftüre, und dort, nicht nach der
Waldseite zu waren auch, wie wir schon erfahren haben, die Ruhesitze angebracht.
Denn der Hofschulze wollte, selbst wenn er rastete, seine Wirtschaft im Auge
behalten.
    Gerade dem Wohnhause gegenüber sah man durch ein Gittertor in den
Baumgarten. Dort breiteten starke und gesunde Obststämme ihre belaubten Zweige
über frischem Graswuchs, Gemüse- und Salatstücken aus; hier und da ernährte ein
schmales Beet dazwischen rote Rosen und gelbe Feuerlilien.
    Doch waren solcher Beete nur wenige. In einer echten Bauerwirtschaft bleibt
der Boden dem Bedürfnisse gewidmet, selbst wenn dem Eigentümer seine Umstände
Luxus mit der Natur verstatten. Deshalb haben wir in solchen Höfen eine
Empfindung froher Ruhe aller Sinne, wie sie Prachtgärten, Parks und Villen nicht
zu erregen vermögen. Denn das ästetische Landschaftsgefühl ist schon ein
Produkt der Überfeinerung, weshalb es denn auch nie in eigentlich robusten
Zeiten auftritt. Diese halten vielmehr die Stimmung zur Mutter Erde, als zu der
Allernährerin fest, wollen und verlangen nichts von ihr, als die Gabe des
Feldes, der Viehweide, des Fischteiches, des Wildforstes.
    So weit das Auge über den Baumgarten hinausblickte, sah es auch nur Grün.
Denn jenseits des Gartens lagen die grossen Wiesen des Oberhofes, auf welchen der
Schulze Raum und Futter für seine Pferde besass. Ihre Zucht, mit Fleiss betrieben,
gehörte zu den einträglichsten Nahrungsquellen des Erbes. Auch diese grünen
Grasflächen waren von Hecken und Gräben umschlossen; eine derselben fasste einen
Weiher ein, in welchem ausgefütterte Karpfen zugweise umherschwammen.
    Auf diesem reichen Hofe zwischen vollen Scheuern, vollen Böden und Ställen
hantierte der alte, weit und breit angesehene Hofschulze. Bestieg man aber den
höchsten Hügel, zu dem sich seine Felder hinauf erstreckten, so erblickte man
von dort die Türme dreier der ältesten Städte Westfalens.
    Es ging zu der Zeit, von welcher ich rede, auf eilf Uhr vormittags, und der
ganze weitläufige Hof war so still, dass sich fast nur das Rauschen der Lüfte in
den Baumwipfeln des Kamps vernehmen liess. Der Schulze mass dem Knechte Hafer zu,
womit dieser, den Sack über der Schulter, langsamen Schrittes nach dem
Pferdestalle ging, die Tochter zählte in der Linnen-und Garnkammer ihre
Ausstattung nach, eine Magd besorgte die Küche. Was sonst von Menschen im Hofe
lebte, lag und schlief, denn es ging gegen die Ernte, in welcher Zeit es bei den
Bauern am wenigsten zu tun gibt, und die Arbeiter jede Minute zu benutzen
pflegen, um gewissermassen auf Rechnung der herannahenden schweiss- und mühevollen
Tage in voraus zu schlafen. Überhaupt können die Landleute, wie die Hunde, zu
allen Stunden bei Tage und bei Nacht schlafen, wann sie wollen.
 
                                Viertes Kapitel
  Worin der Jäger einem Menschen, namens Schrimbs oder Peppel seinen Begleiter
                  nachsendet, und selbst auf den Oberhof kommt
Aus den Hügeln, welche die Felder des Hofschulzen begrenzten, traten zwei Männer
von verschiedenem Ansehen und Alter. Der eine, im grünen Jagdcollet, die kleine
Mütze über das lockige Haupt geworfen, die leichte Lütticher Flinte im Arme, war
ein blühend schöner Jüngling, der andere, in stillere Farben gekleidet, ein
ältlicher Mann von treuherziger Miene. Der Jüngere schritt rasch wie ein
Edelhirsch dem Älteren voran, der seines Orts mehr den langsamen Gang eines
ausgedienten, aber dem Herrn noch stets anhänglich nachschleichenden Jagdhundes
hatte. Als sie auf einen freien Platz vor den Hügeln getreten waren, setzten sie
sich auf einen grossen Stein, der dort nebst mehreren andern lag, im Schatten
einer mächtigen Linde. Der Jüngere gab dem Alten Geld und Schriften, deutete ihm
die Richtung an, in welcher er nun seinen Weg fortsetzen müsse, und sagte zu
ihm: »Jetzt Jochem, geh und sei gescheit, dass wir des vermaledeiten Schrimbs
oder Peppel habhaft werden, der solche abscheuliche Lügen ausgedacht hat. Und
sobald du ihn entdeckt hast, gib mir Nachricht.«
    »Ich werd' g'scheit sein«, erwiderte der alte Jochem. »Ich frage immer so
sacht und unter der Hand in den Flecken und Städten nach einem, der sich
Schrimbs oder Peppel schreibt, und es müsste mit dem Henker zugehen, wenn ich den
Gauch nicht ausfindig machen wollte. Sie halten sich derweile
inkognito-verborgen, bis Sie von mir ein Weiteres vernehmen.«
    »Wohl«, sagte der junge Mann, »und nur immer äusserst vorsichtig und
bedachtsam gehandelt, Jochem, denn wir sind nicht mehr im lieben Schwabenland,
sondern da haussen unter Sachsen und Franken.«
    »Die wüsten Kerl'!« versetzte der alte Jochem. »Sie haben halt lang von
Schwabenstreichen gesprochen, sie sollen verspüren, dass der Schwab auch ein
feiner Vogel sein kann, wann's nottut.«
    »Immer rechts dich gehalten, mein Jochem, denn dahin weisen die letzten
Spuren von dem Schrimbs oder Peppel«, sagte der junge Mann, indem er aufstand,
und dem Alten zum Abschiede herzlich die Hand schüttelte. »Immer rechts,
versteht sich«, erwiderte dieser, gab dem andern die vollgestopfte Weidtasche,
die er bis jetzt getragen hatte, lupfte den Hut, und ging dann zwischen den
Kornfeldern einen Seitenpfad rechts nach der Gegend zu hinab, wo man in der
Ferne eine der im vorigen Kapitel angedeuteten Turmspitzen ragen sah.
    Der junge Mann mit der Jagdflinte ging dagegen gerade gegen den Oberhof
hinunter. Er mochte etwa hundert Schritte weit gegangen sein, als er etwas
keuchend hinter sich herkommen hörte und sich umdrehend sah, dass sein alter
Begleiter ihm folgte. »Ich wollte Sie noch um eins gebeten und ersucht haben«,
rief dieser, »tun Sie, da Sie nun allein und sich selbst überlassen sind, dass
Schiessgewehr von sich, denn Sie treffen doch nichts und richten, weiss Gott, noch
einmal ein Unglück an, wie neulich schon beinahe geschehen wäre, da Sie nach dem
Hasen zielten und beinahe das Kind niedergeschossen hätten.«
    »Ja, es ist verwünscht, immer zu zielen und nimmer zu treffen!« rief der
junge Mann. »Ich will mich auch wahrhaftig überwinden, so schwer es mir fallen
wird, denn du weisst ja, dass es mir von meiner seligen Mutter her anklebt, allein
ich will mich, wie gesagt, überwinden, und es soll kein Schrotkorn aus diesen
Läufen fliegen, solange ich von dir entfernt bin«.
    Der Alte bat ihn um das Gewehr. Dem aber weigerte sich der junge Mann, indem
er sagte, dass es ohne Gewehr ja gar keine Überwindung koste, das Schiessen zu
lassen, und seine Handlungsweise dann alles Verdienst einbüsse. »Das ist auch
wahr«, erwiderte der Alte und ging nun getrost, ohne einen zweiten Abschied zu
nehmen, da der erste noch vorhielt, seine ihm angewiesene Strasse zurück. Der
junge Mann blieb stehen, setzte das Gewehr auf den Boden, stiess den Ladestock in
den Lauf und sagte: »Es wird hart halten, den Schuss herauszubringen, und er darf
doch nicht darin bleiben.« Dann warf er es wieder über die Schulter und schritt
auf den Eichenkamp des Hofschulzen zu.
    Dicht vor demselben von einem schmalen Raine ging eine Kette Feldhühner mit
schmetterndem Flügelschlage und Geschrei auf. Jauchzend riss der junge Mann das
Gewehr von der Schulter, rief: »Da werde ich ja gleich der Schüsse quitt!«
schlug an, es knallte zweimal aus dem Doppelgewehre, die Vögel flogen unversehrt
davon, der Jäger sah betroffen ihnen nach, sagte: »Diesmal, meinte ich, müsste
ich was getroffen haben, nun will ich mich aber auch gewiss überwinden«; und
setzte seinen Weg durch das Eichenwäldchen nach dem Hofe fort.
    Als er zur Türe eintrat, sah er in einem geräumigen, hohen Flure, welcher
den ganzen mittleren Teil des Hauses einnahm, den Hofschulzen mit Tochter,
Knechten und Mägden bei dem Mittagsessen sitzen. Er bot mit seiner sonoren,
wohlklingenden Stimme freundlichen Gruss; der Hofschulze sah ihn achtsam, die
Tochter verwundert an, was die Knechte und Mägde betrifft, so sahen ihn diese
gar nicht an, sondern assen, ohne seiner zu achten, weiter. Der Jäger trat zu dem
Hofwirte und erkundigte sich nach der Entfernung der nächsten Stadt und dem Wege
dahin. Anfangs verstand der Schulze diese ihm fremdklingende Sprache nicht, die
Tochter aber, welche kein Auge von dem schönen Jäger verwandte, half ihm den
Sinn entdecken, und er gab darauf richtigen Bescheid. Diesen verstand wieder der
Jäger seinerseits erst nach dreimaligem Fragen, brachte aber endlich doch
heraus, dass die Stadt auf dem schwer zu findenden Fusswege unter zwei starken
Stunden nicht zu erreichen sei.
    Die Mittagshitze, der Anblick des vor ihm stehenden reinlichen Mahls und
sein eigner Hunger riefen in dem Jäger die Frage auf: ob er nicht hier für Geld
und gute Worte Essen und Trinken und bis zur Abendkühle Obdach erhalten könne? -
    »Für Geld nicht«, versetzte der Hofschulze, »für ein gutes Wort aber
Mittagsessen und Abendbrot dazu und Rast, solange es dem Herrn beliebt«; liess
einen spiegelblanken zinnernen Teller, Messer, Gabel und Löffel, ebenso blank
wie der Teller, aufsetzen und nötigte den Gast zum Sitzen. Dieser sprach dem
kräftigen gekochten Schinken, den grossen Bohnen, den Eiern und Würsten, woraus
die Mahlzeit bestand, mit allem Appetite der Jugend zu, und fand, dass die weit
und breit als böotisch verschrieene Landeskost gar so übel nicht sei.
    Geredet wurde von den Wirten wenig, denn der Bauer spricht während des
Essens nicht gern, doch erfuhr der Jäger von dem Hofschulzen auf Befragen, dass
hier herum in der ganzen Gegend kein Mensch, namens Schrimbs oder Peppel,
bekannt geworden sei. Die Knechte und Mägde, welche gesondert von den
Herrenplätzen am andern Ende der langen Tafel sassen, waren ganz stumm und
blickten nur auf die Schüssel, aus welcher sie mit ihren Löffeln die Speise zum
Munde führten.
    Nachdem sie aber abgegessen und sich die Mäuler gewischt hatten, trat eines
nach dem andern vor den Herrn und sagte: »Baas2, meinen Spruch.« - Der
Hofschulze teilte hierauf jedem eine sprichwörtliche Redensart oder eine
Bibelstelle mit. So sagte er zum ersten Knechte, einem rotaarigen Kerl: »Jach
sein zum Hader, zündet Feuer an, und jach sein zu zanken, vergisst Blut«; zum
zweiten, einem dicken, langsamen Menschen: »Gehe hin zur Ameise, du Fauler, sieh
ihre Weise an und lerne«; zum dritten, einem kleinen schwarzäugichten verwegen
blickenden Gesellen: »Besser ein Sperling in der Hand, als ein Reiher auf dem
Dache.« - Die erste Magd empfing den Spruch: »Hast du Vieh, so warte sein, und
trägt dir's Nutzen, so behalte es«; und zur zweiten sagte er: »Es ist nichts so
fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen.«
    Nachdem jeder auf solche Weise bedacht worden war, gingen alle zu ihren
Arbeiten, der eine gleichgültig, der andere betroffen aussehend. Die zweite Magd
war von ihrem Spruche blutrot geworden. Der Jäger, welcher allgemach den
ortsüblichen Dialekt verstehen lernte, hatte diesem Unterrichte mit Erstaunen
zugehört und fragte nach dessen Beendigung, was er bezwecke?
    »Dass sie darüber nachdenken«, sagte der Hofschulze. »Wenn sie heute abend
hier wieder zusammenkommen, so sagen sie mir, was sie sich bei den Sprüchen
gedacht haben. Die meiste Arbeit auf dem Lande ist derart, dass die Leute
nebenbei noch allerhand Gedanken haben können, und da fallen ihnen denn alle die
schlechten Sachen ein, die hernachmals in Liederlichkeit, Lug und Trug
ausbrechen. Beim Pferdefüttern denken sie, wie sie Hafer auf die Seite bringen
können, und wenn die Magd die Kuh melkt, so steht ihr immer der Liebste vor
Augen. Kriegt aber der Mensch so einen Spruch auf zu raten, so ruht er nicht
ehender, als bis er die Moral davon heraus hat, und derweile ist die Zeit
vergangen, ohne dass ihm etwas Übles in den Sinn kam.«
    »Ihr seid ja ein wahrer Weltweiser und Priester!« rief der Jäger, dessen
Verwunderung hier mit jedem Augenblicke zunahm.
    »Es lässt sich viel mit dem Menschen ausrichten, wenn man ihm die Moral
beibringt«, sagte der Hofschulze bedächtig. »Die Moral steckt aber in kurzen
Sprüchen besser, als in langen Reden und Predigten. Meine Leute halten sich viel
länger, seitdem ich auf die Moral verfallen bin. Freilich das ganze Jahr
hindurch geht es mit den Sprüchen nicht; während der Bestellzeit und in der
Ernte hört alles Nachdenken auf. Dann tut es aber auch nicht not, denn sie haben
zu Schlechtigkeiten keine Zeit.«
    »Ihr macht also förmliche Abschnitte in Eurem Unterrichte?« fragte der
Jäger.
    »Bei Winterszeit gehen die Sprüche gemeiniglich nach dem Dreschen an und
dauern bis zum Säen«, versetzte der Hofschulze. »Im Sommer aber werden sie von
Walpurgis bis gegen die Hundstage zugeteilt. Das sind die Zeiten, wo es bei dem
Bauer am wenigsten zu verrichten gibt.«
    Der Jäger erkundigte sich, was für ein Bewandtnis es mit dem Rotwerden des
einen Mädchens gehabt habe, und erhielt darauf folgende Antwort: »Die hat etwas
auf dem Gewissen, und in solchen Fällen ist es meine Manier, einen Spruch
anzubringen, woraus das räudige Schaf sieht, dass ich um den Fehler weiss. Wir
wollen abwarten, ob er bis heute abend gewirkt haben wird.«
    Er liess den jungen Mann allein, und dieser sah sich in Haus, Hof, Baumgarten
und Wiesen um. Mehrere Stunden brachte er in dieser Beschauung zu, da jedes
einzelne ihn anzog. Die ländliche Stille, das Wiesengrün, die Wohlhabenheit, die
aus dem ganzen Hofe ihm entgegenstrotzte, machte den angenehmsten Eindruck auf
ihn und regte in ihm den Wunsch an, lieber in so weiter Naturfreiheit, als in
den engen Gassen einer kleinen Stadt die acht oder vierzehn Tage zuzubringen,
welche bis zum Empfange der Nachrichten vom alten Jochem verstreichen konnten.
Da er sein Herz auf der Zunge trug, so ging er auf der Stelle zu dem
Hofschulzen, der im Eichenkampe ein paar Bäume zum Fällen anschlug, und sprach
sein Begehr aus. Er erbot sich dagegen zu allem, worin er seinem Wirte nützlich
werden könne.
    Die Schönheit ist eine gar gute Mitgift. Sie ist ein Schlüssel, der wie
jener kleine goldne, sieben Schlösser, von denen keins dem andern ähnlich sah,
zauberisch öffnet. Ein Pass ist sie, auf den der Träger, ohne dass in den
Nachtquartieren Visas genommen zu werden brauchen, frei durch alle Welt geht; in
Romanen und Novellen spannt sich die Schönheit über alle Klüfte und Abgründe der
Unwahrscheinlichkeit hinweg, wie die siebenfarbige Brücke der Iris.
    Wäre der Jäger nicht so schön gewesen, was für weitläuftige Motive hätte ich
ersinnen und erspinnen müssen, um den Hofschulzen zur Gewährung des Quartiers an
ihn willig zu machen! So jedoch brauche ich nur zu sagen, dass der Alte die
schlanke und doch kräftige Gestalt, das ehrliche und dabei vornehm-prächtige
Antlitz des Jünglings eine Zeitlang betrachtete, erst zwar nachhaltig den Kopf
schüttelte, dann aber freundlich werdend nickte und zuletzt ihm seine Bitte
erfüllte. Er wies dem Jäger ein Eckstübchen im obern Stocke des Hauses an, von
wo man nach der einen Seite über den Eichenkamp nach den Hügeln und Bergen, nach
der andern über weite Wiesenflächen und Kornfelder sah.
    Freilich musste der Gast anstatt des Mietzinses die Erfüllung einer
sonderbaren Bedingung versprechen. Denn der Hofschulze liess auch der Schönheit
nicht gern etwas ganz unentgeltlich zufliessen.
 
                                Fünftes Kapitel
 Der Jäger verdingt sich zum Wildschützen, und des Abends erzählen Knechte und
      Mägde die Ergebnisse ihres Nachdenkens über die moralischen Sprüche
Er fragte nämlich den jungen Mann, ehe und bevor er ihm Quartier zusagte, ob er,
wie sein grüner Anzug, das Gewehr und die Weidtasche zu lehren scheine, ein
Liebhaber von der Jagd sei? Jener erwiderte darauf, dass, solange er denken
könne, er mit Leidenschaft, ja mit einer wahren Raserei gepirscht habe, wobei er
denn freilich verschwieg, dass durch sein Pulver und Blei ausser einem Sperlinge,
einer Krähe und einer Katze noch kein Gottesgeschöpf vom Leben zum Tode gebracht
worden war. Wirklich verhielt es sich so. Er konnte nicht leben, ohne nicht des
Tages einige Male geknallt zu haben, schoss aber regelmässig vorbei und hatte nur
in seinem achtzehnten Jahre einen Sperling, in seinem zwanzigsten eine Krähe, in
seinem vierundzwanzigsten eine Katze erlegt; das war alles. Ein sonderbares
Ereignis vor seiner Geburt mochte ihm die bei so wenigen Erfolgen sonst
unbegreifliche Neigung, wie ein Mal, aufgedrückt haben. Wenigstens hielt er
selbst dafür, dass aus dieser Signatur der Hang abzuleiten sei, über den er in
besonnenen Stunden höchst verdriesslich werden konnte.
    Nachdem der Hofschulze die bejahende Antwort des Gastes empfangen hatte,
rückte er mit seinem Antrage hervor, welcher dahin ging, dass der Jäger täglich
ein paar Stunden gegen das Wild im Felde liegen solle, welches seinen
Kornbreiten, besonders den die Hügel hinansteigenden manchen Schaden zufüge.
»Dort in den Bergen«, sagte der alte Bauer, »sind die grossen Jagden der
Edelleute; die Kreaturen haben mir schon in den vergangenen Jahren Saat genug
abgeatzt und daniedergewälzt, aber in diesem ist es erst recht schlimm geworden,
denn der junge Graf drüben ist auch ein scharfer Jäger und hat seinen Wildstand
vermehrt, so dass die Hirsche und Rehe wie die Schafe aus dem Walde treten und
mein' Mühe und Schweiss verruinieren. Ich verstehe mich nicht auf die Sache und
den Knechten mag ich es nicht gerne erlauben, weil sie unter dem Vorwande, sich
auf den Anstand zu stellen, mir leicht unordentlich werden können, darum haben
die Bestien mitunter gewirtschaftet, dass sich einem das Herz im Leibe umwenden
musste. Nun kommen Sie mir gerade zupass, und wenn Sie mir diese vierzehn Tage bis
zur Ernte die Höllenteufel aus dem Korne halten, so sollen Sie damit Ihr
Quartier bezahlt haben.«
    »Was? Ich ein Wildschütz? Ich ein Wilddieb?« rief der junge Mann und lachte
so herzlich und schallend auf, dass er den Hofschulzen ansteckte. Noch lachend
strich dieser über das feine Tuch, aus welchem die Kleidung seines Gastes
gemacht war, und sagte: »Eben darum, weil es bei Ihnen wohl keine sonderliche
Gefahr haben wird, wenn Sie auch attrappiert werden. Sie werden sich schon eher
loszumachen wissen, als so ein armer Knecht. Die Fliegen fangen sich in den
Spinnweben, die Wespen schlüpfen durch. Doch was ist das überhaupt ein
Verbrechen, sein Eigentum gegen die Ungetüme, die es fressen und zugrunde
richten, zu verdefendieren!« rief er, indem plötzlich der lachende Ausdruck
seines Gesichts in den des loderndsten Zornes überging. Die Stirnadern schwollen
ihm an, das Blut trat dunkelrot in seine Wangen, die Augäpfel verloren ihr
Weisses und wurden rötlich; man hätte vor dem Alten erschrecken können.
    »Ihr habt recht, Vater, es gibt nichts Unvernünftigeres, als die sogenannten
Jagdgerechtsame«, sagte der Jäger, um ihn zu beruhigen. »Deshalb will ich die
Sünde über mich nehmen, zum Frommen Eures Gutes am Wildbann der hiesigen
Edelleute zu freveln, obgleich ich eigentlich dadurch - -«
    Er wollte etwas hinzusetzen, brach aber schnell ab und ging auf andere
gleichgültige Gegenstände über.
    Wer aber glaubt, dass die Unterhaltung dieses westfälischen Hofschulzen und
schwäbischen Jägers so flüssig vonstatten gegangen sei, wie meine Autorfeder sie
niedergeschrieben hat, der irrt sich. Vielmehr waren noch oft mehrmalige
Wiederholungen nötig, ehe und bevor ein notdürftiges Verständnis zwischen ihnen
eintrat. Hin und wieder musste selbst die Finger-und Zeichensprache zu Hülfe
genommen werden. Denn der Hofschulze hatte in seinem Leben nichts von einem: ch
hinter dem: s gehört, auch brachte er alle Töne hinten aus der Gurgel, oder wenn
man will, aus dem Rachen hervor. Dagegen war dem Jäger das göttliche Geschenk,
welches uns von den Tieren unterscheidet, ganz zwischen die Lippen und
Vorderzähne gelegt worden, von wo denn die Laute mit wundersamer
schwerträchtiger Fülle und sausendem Zischen ausbrachen. Aber durch diese
fremden Schalen hindurch hatten der alte und der junge Mann bald aneinander
Behagen gefunden. Da sie beide vom echtesten Schrot und gewichtigsten Korn
waren, so mussten sie wohl einer des andern Kern erkennen.
    Auf seiner Eckstube hatte jedoch der Jäger auch Schalen entdeckt, die ihn
nach ihrem Kerne verlangen machten. Er sah nämlich, als er seine leichten
Habseligkeiten und schweren Goldrollen aus der Jagdtasche nahm, um sich häuslich
einzurichten, in der Ecke des Zimmers ein Nachtäubchen, ein Tüchlein und ein
Röckchen sauber über die Lehne eines Stuhles gehängt. Alle diese Stücke waren,
wie der Augenschein lehrte, getragen, dennoch leuchteten sie von Schneeweisse.
»Ei!« rief der Jäger, »hat hier vor mir ein hübsches Maidel gehaust? Da werde
ich schon Glück haben.« Er wollte in einer Laune, die ihn plötzlich anstiess,
sich das Nachtäubchen aufsetzen, es war aber viel zu klein für sein Haupt. Er
mass an der Zerknitterung der Bänder das Oval des Gesichtes ab und fand dieses
ohne Tadel. Das Röckchen deutete auf den zierlichsten Leib und das Tüchlein liess
nach den Falten und nach der Beugung, die es behalten, vermuten, dass unter ihm
ein junger, runder Busen geschlagen habe. Plötzlich aber errötete er unter
diesen Spielereien bis hoch hinauf zu den Schläfen, er schämte sich ihrer, die
ihn freventlich bedünken wollten, er stellte den Stuhl mit den Kleidungsstücken
hinter einen Schirm, um sie nicht ferner zu sehen, und setzte sich zum Schreiben
nieder, die schweifenden Gedanken in Ordnung zu bringen.
    Als er abends in den Flur hinunter zum Essen gerufen wurde, fand er die
Knechte und Mägde, die ihr Abendbrot schon früher genossen hatten, im vollen
Erzählen um den Hofschulzen.
    Dieser hatte auch bereits seinen Salat verzehrt, hörte zu, und bestätigte
oder bestritt, was seine Moralschüler vorbrachten. Der rotaarige Knecht,
welcher die Warnung vor dem Zanken erhalten hatte, sagte: »Das ist ein rechtes
Glück, Baas, dass Ihr mir gerade heute die Lehre gegeben habt, denn ich
begegnete, wie ich die Pferde in die Nachtweide trieb, dem Pitter vom
Bandkotten, auf den ich schon längst fuchsfalsch bin, und da habe ich ihm die
Nase braun und blau geschlagen.«
    »Dieses ging ja aber schnurstracks gegen die Vermahnung!« rief der
Hofschulze.
    »Behüte Gott«, versetzte der Rotaarige. »Als zum Beispiel, so führte ich
einen Zaunpfahl bei mir, um damit die Pferde einzutreiben, und wie ich nun den
Pitter ansichtig wurde und ihn niedergeschmissen hatte, so dachte ich, du willst
dem Hund mit dem Pfahl eins versetzen, dass er auf Lebenszeit genug hat, weil er
nämlich an allen Mädchen herumkaressiert, so dass man gar nicht mehr ankommen
kann. Aber da dachte ich auch, dass ich so viel darüber nachgedacht hatte: Jach
sein zum Hader, zündet Feuer an, und jach sein zum Zanken, vergisst Blut, und
gab ihm bloss einen Puff auf die Nase und damit gut, und dann noch einen Tritt
ins Kreuz und liess ihn laufen.«
    »Nun insofern mag es gut sein, aber künftig kannst du auch das Puffen und
Treten unterlassen, wenn du über den Spruch nachgedacht hast«, erwiderte der
Hofschulze.
    Der kleine Schwarzäugige, Verwegne sagte: »Meiner Treu', es ist und bleibt
wahr, dass ein Sperling in der Hand besser ist, als ein Reiher auf dem Dache.
Darum habe ich die Gedanken auf die Gertrud drüben eingestellt, weil sie gar zu
hoffärtig ist, und auf Michael einen Verspruch mit dem Wicht3 von Hölschers
getan, die ich kriegen konnte.«
    »Magst du sie denn leiden?« fragte der Hofschulze.
    »Ne«, erwiderte der Kleine, »es wird aber doch schon gehen.«
    Der dicke Langsame, welcher zur Ameise geschickt worden war, ihre Weise
anzusehen, erklärte, dabei nichts gelernt zu haben, »denn«, sagte er, »ich bin
auf keine Ameise gestossen«. Dagegen sagte die erste Magd: »Euer Spruch, Baas,
trifft nicht zu. Hast du Vieh, so warte sein, und trägt dir's Nutzen, so behalte
es. Denn ich habe die Kühe zu Abend gehörig gemelkt und abgewartet, und Nutzen
würden sie mir auch tragen, aber behalten darf ich sie darum doch nicht.«
    »Der Spruch geht auf eine eigene Wirtschaft, und wenn du eine bekommst, so
wird er eintreffen«, antwortete der Hofschulze. »Ja so«, sagte das Mädchen. -
»Aber Ihr habt eine eigene Wirtschaft, Baas, und das Vieh trägt Euch Nutzen und
Ihr behaltet es, und doch wartet Ihr nicht sein.«
    »Es ist ein Spruch für Frauenzimmer, nicht für Mannsleute«, antwortete der
Hofschulze etwas barsch. »Und nun lass dein Fragen und schliess die Milchkammer
zu.«
    Das Mädchen, welches am Mittage von dem Spruche: »Es ist nichts so fein
gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen«, rot geworden war, hatte bisher
seitwärts und in sich gekehrt gesessen, an ihrer Schürze gezupft und scheu vor
sich nieder geblickt.
    Als nun die übrigen Knechte und Mägde gegangen waren, schlich sie sich zu
ihrem Herrn, zupfte ihn verstohlen am Rock und ging mit ihm vor die Türe ins
Freie. Nach einiger Zeit kam der Hofschulze allein zurück und sagte zu seiner
Tochter: »Es ist richtig, die Gitta4 hat mir's eben gestanden, sie hat sich mit
dem Matties vergangen. Sprich du weiter mit ihr und sag ihr, wenn sie sich
sonst ordentlich halte, wolle ich sorgen, dass der Matties an ihr seine
Schuldigkeit tue.«
    »Ich habe mir's gleich gedacht«, antwortete die Tochter, ohne über die
Entdeckung und den ihr erteilten Auftrag verlegen zu werden.
    Nach ihrer Entfernung sprach der Jäger seine Verwunderung über die Gewalt
aus, welche er seinen Wirt in diesem Falle hatte üben sehen. »Das ist ganz
leicht«, versetzte der Hofschulze. »Ein jeder weiss, dass er nicht bei mir in
Dienst bleibt, wenn ich auf ihn einen Argwohn habe, und er nicht bekennt und zu
Kreuz kriecht. Tut er das aber, so vergebe ich ihm oder nehme mich seiner an. Da
es mir meine Umstände zulassen, bei allem Lohn einen Taler mehr zu geben, als
meine Nachbaren, so mag keiner vom Oberhof herunter. Kriege ich nun von etwas
Wind, so ziele ich darauf mit einem Spruche hin, und gemeiniglich wird dann
gebeichtet, weil nämlich der Sünder weiss, dass ausserdem ihm der Dienst aufgesagt
ist.«
    Sie wünschten einander gute Nacht, und der Jäger ging auf sein Zimmer. Er
entkleidete sich, schlug die Decke des Bettes zurück und sah an kleinen Fältchen
der übrigens blendend weissen Leintücher, dass die Leute nicht für nötig gefunden
hatten, dieselben nach dem letzten Besuche, welcher auf dieser Stube geherbergt,
zu wechseln. Eine wunderbare Empfindung durchrieselte ihn; er hatte das Mädchen,
welches hier geruht, schon ganz vergessen gehabt, nun fiel ihm das Nachtäubchen
wieder ein, er nahm es vom Stuhl, mass abermals an der Zerknitterung das Oval des
Gesichtes ab, drückte es an seine Wange, wie um sie zu kühlen, und brach
plötzlich in heftige Tränen aus. Denn in dieser jungen, saftschwangern Natur
lagen noch alle Widersprüche des Ernsten und Närrischen, welche das Leben später
bis zur Gleichgültigkeit abdämpft, chaotisch nebeneinander.
    Seine Unruhe, als er sich zwischen den Decken ausgestreckt hatte, wurde
vermehrt, als er sich auf einmal erinnerte, dass er bei dem Abschiede von dem
alten Jochem diesem ja gar nicht gesagt habe, wo er während dessen Spürfahrt
verweilen wolle.
 
                                Sechstes Kapitel
           Der Jäger schreibt an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde
Mentor, mein Mentor, dem leider der verständige Jüngling Telemachos fehlt, was
wirst Du sagen, wenn Du meine Hand und Überschrift des Briefs zu schauen
bekommst? Du, unter Deinen Tannen und Uhrmachern, wirst mich nach Reisen und
Fahrten aller Art endlich weich und still auf meiner Alm im Schloss meiner in
Gott ruhenden Väter wissen und ausrufen, nachdem Du Gegenwärtiges gelesen:
»Unser Wissen ist eitel Stückwerk!« Du wirst Dir einbilden und wohlgefällig (Du
Treuer!) Dir sagen, wenn Du abends in der Schreibtafel die Agenda
durchstreichst, weil sie Nummer für Nummer Akta geworden sind: »Endlich wird er
nun sich zur Decke gestreckt haben, des Feldbaus warten, oder eine nützliche
Anlage, etwa eine Papiermühle, machen, und das heisse Blut höchstens an den Sauen
und Hirschen seines Wildbanns auslassen«, und ist von allem dem nicht ein
Tüttelchen wahr, obgleich ich auch hier, Gott sei es geklagt, auf die Jagd gehe,
aber im Dienste eines westfälischen Bauern als Wilddieb gegen meine Herrn
Standesgenossen.
    Ich bitte Dich, verliere die Geduld nicht; denn wenn seltsame Dinge von der
Seele heruntergebeichtet werden sollen, so darf der Sünder schon etwas stocken
und zaudern, und der Beichtvater muss es sich gefallen lassen, das Tüchel lange
vor dem Antlitz zu halten. In der Ohrenbeicht' aber fühle ich mich trotz meines
guten Tübinger Protestantismus immer Dir gegenüber, wenn ich etwas habe
auslaufen lassen, was nicht innerhalb der Schnur war. Die Sünde kann ich nicht
verschwören, aber, ist sie begangen, so verspüre ich wie ein Glaubiger der
allgemeinen Kirche ein wahres Reinigungsbedürfnis in der Seele, und mein
moralischer Reiniger bist Du. Du hast mich in hundert Nöten der Art schon
losgesprochen - - ach nein! das hast Du nicht, Du hast immer bitter gezankt und
gescholten, aber es ist nun einmal mein Schicksal; ich kann die Last nicht bei
mir verschliessen, ich lege sie an der Schwelle des Tempels der Atene, heisst des
wohlbekannten Oberamtmannshauses unfern der Hölle (bei Donaueschingen) nieder,
und habe dann neue Kraft und frischen Mut zu Gutem und Bösem. - Also: Iterum
confiteor ohne aufs Absolvo zu rechnen.
    Confiteor ... aber was?
    Seit vierzehn Tagen aus Schwaben, liege ich seit acht hier in einem
sogenannten Oberhofe unweit - -
Ich musste gestern abbrechen, denn nachdem ich geschrieben, wo ich sei, fehlte
mir auf einmal die Brücke zu der Eröffnung, warum und weswegen ich hergekommen?
Ich muss also die Sache auf eine andere Weise einleiten. Trotz der bunten
Schreibart, die vielleicht noch mit unterlaufen wird, bin ich ernst, klar und in
mir gefasst. Daher sollen Dir Dinge entdeckt werden, die Du wenigstens in dieser
bestimmten Gestalt noch nicht von mir vernommen hast.
    Die Geschichtschreiber pflegen an die Spitze ihrer Werke zuweilen allgemeine
Sätze zu stellen, in denen sich der innerste Sinn der Begebenheiten, welche sie
schildern wollen, ausprägen soll. Einige solcher Betrachtungen werde ich jetzt
meiner Geschichtserzählung voranschicken, weil sie Dir dadurch vielleicht
fasslicher wird.
    Nach der scharfsinnigen und fruchtbaren Hypotese eines tiefblickenden
Naturlehrers entspringen die Instinkte der Tiere aus traumartigen Vorstellungen
von den Dingen, welche der Instinkt erstrebt. Der Zugvogel träumt von den fernen
Gegenden, in welche er wandert, in traumartigen Umrissen sieht die sibirische
Waldschnepfe die deutschen Sumpfstrecken, die Schwalbe den Küstensaum Afrikas.
Traumartig schweben der Spinne die Umrisse und Radien ihres Netzes, der Biene
die Sechsecke ihres Stockes vor. Es ist eine Hypotese, aber ich nannte sie
sinnreich und fruchtbar, weil sie die Kreatur gerade in dem, was ihre
bedeutendste Tätigkeit ist, aus der Region des Maschinenmässigen in ein
gottdurchleuchteteres Gebiet hebt.
    Wir armen bewussten Menschen scheinen nun von dieser göttlichen Sicherheit
des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblösst zu sein. Aber es ist nur
scheinbar. Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt. Nenne mir den
Künstler, den Dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden
wäre! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns, indessen
sind fast jedem Menschen - vielleicht jedem - auch ganz feste Richtungen,
unverrückbare Punkte eingeboren, welche aussen oft als Launen, Grillen,
Seltsamkeiten, Liebhabereien erscheinen, dennoch aber vielleicht auf das
allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten. Es sind dieses nicht die sogenannten
Grundsätze, Maximen, Lebensweisen, Gewöhnungen - das alles kann angebildet und
angelernt werden - nein, was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber freilich
schwer zu beschreiben.
    Diese Lichter des innern Menschen sind Halbträume des Instinkts. Von dem
nüchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht, von der wühlenden Hand der
Selbstbeschauung zerschlagen, wirken sie nicht so siegreich, wie bei dem
Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Muss, glücklich ist aber
derjenige, der die Stimme jener Träume hört und ihr folgt.
    Das Genie wird geboren, sagt man, und darüber ist jeder einverstanden. Ich
füge hinzu: Nicht alle werden als Genies, aber dazu wird jeder geboren, sich
sein Schicksal zu machen. Selbst die willkürlich scheinenden Grillen sind
zuweilen feste Wegweiser zum Glück. Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelöhners
in Ludwigsburg, welcher, sonst verständig und fleissig, sich steif und fest
einbildete, im Park lägen Granaten, und der zu jeder Freistunde in den Alleen
danach suchte, Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete? Die Leute hielten ihn
für verrückt, und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gänge, eifrigst
auf Granaten erpicht, eine vollgespickte Brieftasche, die er ehrlich genug war,
dem Verlierer einzuhändigen. Dieser belohnte ihn mit einem Geschenke, welches
seine Umstände auf Lebenszeit verbesserte. Das Sonderbarste war, dass, sobald
jener Fund getan war, sein Suchetrieb in ihm versiegte.
    Ich habe nun auch in mir ganz bestimmte Instinkte, denn ich will sie nur
geradezu so bei mir nennen. Meine Jagdlust mag ich nicht anführen, denn es
bleibt mit der abenteuerlichen Seite der Region, welche ich Dir bezeichnete,
allerdings immer etwas Missliches, obgleich ich nicht berge, dass ich des
Gedankens nicht Meister werden kann, mein beständiges Schiessen und Fehlen müsse
doch irgendeinen, mir freilich nicht begreiflichen Zweck haben. Aber lassen wir
diesen weidmännischen Instinkt, der mir den Spitznamen: »der wilde Jäger«, bei
Euch zugezogen hat, vorderhand auf sich beruhen!
    Aber ein Zweites in mir ist etwas Ernsteres, und doch kein Vorsatz, keine
Überzeugung, keine Leidenschaft - sondern ein wahrer Instinkt. Es ist ein
unbeschreibliches Gefühl für die Frauen. Solange ich denken kann, wohnt es mir
bei. Ich kann es Dir eigentlich nicht schildern. Mich durchsäuselt die Ahnung
einer unendlich milden Lösung aller Schmerzen, das Vorempfinden des
überschwenglichsten Erfüllens und Ergänzens, sehe ich eine Frau. Und nicht bloss
Jugend und Schönheit, Reiz und Anmut bewegen meine Seele in einem Bade so
erquickender Fluten, sondern in der Unscheinbarsten gewahre ich etwas
Göttliches, wenn sie mir begegnet. Oft hat mich ein solches zufälliges und
gleichgültiges Treffen von trüben leidenschaftlichen Aufregungen wie mit einem
Zauberschlage geheilt; oft habe ich mich auch scheu vor allen weiblichen Zirkeln
zurückgehalten, weil in mir etwas vorgegangen war, was ich unter Frauen zu
bringen für unerlaubt hielt. Seit einiger Zeit habe ich angefangen, meine Blicke
auf die Verwickelungen der Welt und Zeit zu richten. Da muss ich Dir nun
gestehen, dass unter allen den Dingen, nach deren Rückkehr die Menschen seufzen,
mir die Herstellung des wahren und beseligenden Verhältnisses zwischen den
beiden Geschlechtern als das sehnenswerteste erschienen ist. Aber freilich mag
dieser Friede wohl der Lohn sein, welcher andern, erst in den übrigen Punkten
zum Frieden gelangten Zeiten aufbewahrt wird.
    Dich werden diese Bekenntnisse überraschen, denn Du hast mich nicht gar zu
selten rauh und tölpisch im Umgange mit Frauen gesehen, auch war ich noch nie
verliebt. Vielleicht werd' ich es auch nie. Das schlimmste Unrecht tätest Du
mir, wenn Du glaubtest, dass aus mir noch gar ein Süssling werden könnte. Nein,
dazu passen wir überhaupt bei uns zulande nicht. Nimm meine Worte, wie sie
geschrieben sind - sie stammeln von einem Naturgeheimnis.
Nun genug der Reflexion und jetzt eine schlichte Historie. Als ich eben nach den
Gütern zurückgekehrt war, lernte ich in der Nachbarschaft meine Verwandte,
Baronesse Clelia kennen, die sich früher in Wien aufgehalten hatte. Ich benahm
mich gegen sie, wie es einem schwäbischen Vetter geziemte, sie desgleichen, wie
meinem Mühmchen zukam. Keines von beiden dachte an eine Verbindung, wohl aber
mochte der Verwandtschaft eine solche gar passlich vorgekommen sein, denn aus
freundlichen Blicken, geselligen Aufmerksamkeiten und zwei oder drei
Händedrücken, wie sie ein unbefangenes Wohlwollen gibt und nimmt, war bald für
uns ein Netz zusammengestrickt worden, aus welchem wir schlechterdings als Braut
und Bräutigam hervorgucken sollten; und der alte Oheim fragte mich eines Tages
ganz naiv, wann denn die öffentliche Erklärung vor sich gehen werde.
    Wir waren gewaltig betroffen, und wie zwei Leute sonst alles mögliche
anwenden, um einander habhaft zu werden, so liessen wir nichts unversucht, in der
Meinung der Sippschaft voneinanderzukommen, was in der freundlichsten Einigkeit
von beiden Seiten geschah. Mühmchen Clelia hatte bei diesen
Lockerungsbestrebungen ein noch grösseres Interesse, als ich, denn es liess sich
bald vermerken, dass ihr Herz ihr nach Schwaben nur an einem Faden gefolgt war,
den ein schöner Kavalier in den österreichischen Erblanden hielt.
    Bei den Anstrengungen, die wir solcherweise machten, fielen die
lächerlichsten Szenen vor, insbesondere von meiner Seite, der ich für diese
spitzfindigen Kombinationen der Verhältnisse gar nicht zugerichtet bin. Ich
wollte alle Schuld, dass ein Schein von Neigung entstanden war, auf mich nehmen,
verwickelte mich darüber in die unsinnigsten Erklärungen, bekannte mich endlich
für schon anderweit im Auslande verlobt, widerrief diese Lüge im nächsten
Augenblicke - kurz, ich stellte bei der ganzen Sache den Helden einer ziemlich
lustigen Novelle dar.
    Indessen würde diese nur im Kreise der nächsten Bekanntschaft angeklungen
und verklungen sein, wenn sich nicht ein fremder Störenfried herbeigemacht und
sie zur Befriedigung seines schlechten Witzes gemissbraucht hätte.
    Es hielt sich nämlich damals seit einiger Zeit bei uns ein Mensch auf,
namens Schrimbs, oder Peppel, wie er andererorten geheissen hat. Der Himmel weiss,
wieviel Namen er überhaupt in der Welt geführt haben mag und noch führt! Schon
das Äussere dieses Menschen war höchst auffallend, er sah im Gesichte ganz
verwittert aus, und dennoch konnte man kein rechtes Alter an ihm abnehmen, denn
trotz der Runzeln auf Wangen und Stirn war unter seinen Haaren kein weisses zu
entdecken, und seine Haltung ungebeugt, sein Muskelfleisch straff, sein Benehmen
jugendlich-petulant. Ich weiss nicht, wie ich Dir diesen Schrimbs oder Peppel
beschreiben soll; er war alles und jedes. Wie der Aal entschlüpfte sein Geist
jeglichem Bemühen, ihn in einer bestimmten Lage festzuhalten, wie Quecksilber
zerrann dieses kalte, schwere, und doch unendlich flüchtige und trennbare Wesen
unter der leisesten Berührung in lauter perlende Kügelchen, die denn doch immer
wieder zu einer grösseren koagulierten. Du musst von ihm gehört haben, denn er war
nach und nach in vielen Städten unter den verschiedensten Gestalten. Vielleicht
ist er sogar in Deine Nähe gekommen. In Tübingen machte er den Magister und
focht sich teologisch herum, in Stuttgart abwechselnd den Politiker und
lyrischen Dichter, in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister
sehen, als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt.
    Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren, wie ich
sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe. Er besass einen aristophanischen
Witz, eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschöpfliche Laune, vor allem
aber eine Lust und Freude am Lügen, die wirklich auch genial war. Keiner achtete
ihn und doch war er überall eingeführt; unsre geschlossenen Gesellschaften taten
ihre Türen vor ihm auf, unsre Familien- Wein- und sonstigen Kränzchen flochten
ihn sich als Blume ein, denn Du weisst wohl, dass, so schwerfällig und abgesondert
wir uns halten, es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns
durchgesetzt haben. Man hielt ihn für nichts Besseres, als für ein Stück
honetten Gauners und doch blickte man sehnsüchtig nach ihm aus, liess er einmal
auf sich warten. Obgleich ich überzeugt bin, dass er eigentlich schlechte
Streiche nirgends begangen hat, denn sonst würde er leiser, versteckter,
künstlicher aufgetreten sein. Eine gewisse teoretische Unwahrhaftigkeit war in
ihm zur andern Natur geworden; gegen die Gesetze wird er sich nicht verfehlt
haben.
    Du fragst: Wodurch fesselte er euch denn? Ja, wodurch? Durch tolle Märchen,
die er uns erzählte, durch Sarkasmen, Luftsprünge. In seinen Märchen griff er
mit unerhörter Dreistigkeit das Nächste auf, oder eine öffentliche Person, und
drehte und wendete und drillte sie so lange, bis sie unter seinen Händen ein
phantastischer Popanz wurde, der dann, wenn man ihm näher in das Gesicht sah, in
Blasen auseinanderplatzte. Mir war oft bei seinen Geschichten zumute, als sehe
ich eine Wasserhose entstehen, wandeln, sich auflösen. Eine schwache Wolke
schwebt über dem Meere, diese fasst mit einem langen, feinen Finger in den
unendlichen Ozean, aufwärts kocht, wirbelt und tanzt das emporgestörte Wasser,
es pfeift und zischt; Nebel und Schaum rings umher, und Blitz ohne Donner! so
rückt das Phantom, welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist, sprungweise vor,
bis es plätschernd zerbricht.
    Ich sagte zuweilen für mich: In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr
einmal alle Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie,
die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand einfangen wollen, um sie,
wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für seine Welt stille gemacht zu
haben. Dieser Schrimbs oder Peppel, dieser geistreiche Satirikus, Lügenhans und
humoristisch-komplizierte Allerweltshaselant ist der Zeitgeist in persona; nicht
der Geist der Zeit, oder richtiger gesagt: der Ewigkeit, der in stillen Klüften
tief unten sein geheimes Werk treibt, sondern der bunte Pickelhäring, den der
schlaue Alte unter die unruhige Menge emporgeschickt hat, auf dass sie, abgezogen
durch Fastnachtspossen und Sykophantendeklamation von ihm und seiner
unergründlichen Arbeit, nicht die Geburt der Zukunft durch ihr dummdreistes
Zugucken und Zupatschen störe. Denn zweierlei war das Merkwürdigste an dem
Vagabunden: Erstens, er trug nicht reine Märchenpoesie vor, sondern die
grotesken Erfindungen und Gestalten wurden von ihm mit solcher Ruhe, Überzeugung
und Ernstaftigkeit hingestellt, sie sassen ihm so in Fell und Fleisch fest, dass
man in währender Erzählung zu keinem dichterischen Behagen gelangte, man musste
ihn entweder für verrückt halten, oder an seinen Sachen, wie unsinnig sich das
ausnahm, auf eine Stunde glauben. Zweitens, wenn er auch meistens in seinen
milesischen Fabeln die Toren und Schächer der Zeit durchnahm, so fühlte man bald
- wenigstens ich hatte die Empfindung nach kurzer Bekanntschaft - dass der Hohn
nicht aus einer tugendhaft-erzürnten Seele quoll, sondern aus einem Sinne, dem
eigentlich das Verkehrte lieb, notwendig, Bedürfnis und Stoff des Daseins war.
Und darin kennst Du nun meine Grundsätze. Ich halt' mich ans Positive.
Begeisterung und Liebe ist die einzig würdige Speise edler Seelen. Einen Schwank
mag ich wohl leiden. Aber das Spötteln, Nergeln und Grinseln um den Kehricht
her, dem schon viel zuviel Ehre geschieht, wenn er nur genannt wird, ist mir im
innersten Mute zuwider.
    Als ich zurückkam, fand ich ihn in unserm ganzen Kreise eingebürgert. Die
alten Öhme und Vettern wollten sich ausschütten über seine Einfälle oder
sperrten den Mund so weit auf, als die Muskeln es vertragen wollten, wenn er
ihnen ihre eigenen hausbackenen Personen, in wunderbaren Capriccios diese
zurückspiegelnd, zeigte. Ich hörte mit zu, war wechselsweise von seinen Reden
berauscht und unangenehm ernüchtert. Es kann selbst sein, dass ich mich Clelien
nicht so genähert haben würde, hätte ich nicht bei den verzwickten Schnurren ein
doppeltes Bedürfnis nach einer einfachen, wahren Geselligkeit empfunden. - Zu
den Abenteuerlichkeiten des Schrimbs oder Peppel gehörte auch, dass er sich
regelmässig des Tages drei Stunden über mit drei jungen Leuten einschloss, die
kurz nach ihm eingelaufen waren und die Unbefriedigten hiessen. Sie sprachen
nämlich nie ein anderes Wort, als: sie fühlten sich unbefriedigt, und sahen
immer starr und sonderbar vor sich hin. Woher die gekommen waren, wusste auch
niemand, da sie aber still und nüchtern lebten, so konnten sie nicht verdächtig
erscheinen. Mit den drei Unbefriedigten schloss sich also Schrimbs, wie gesagt,
täglich drei Stunden lang ein. Was sie zusammen trieben, erfuhr keiner. Aber
weder ein Geschäft, noch eine Einladung, noch ein Spaziergang mit andächtigen
Zuhörern, noch sonst etwas, konnte ihn abhalten, wenn die Stunde des
Einschliessens kam, alles aufzugeben, und in das Haus zu gehen, worin die
geheimnisvollen Zusammenkünfte stattfanden. Wollte man ihn darüber ausforschen,
so pflegte er mit seiner abscheulichen Ruhe und Würde zu sagen, die
Unbefriedigten studierten ihn; wollte man den Sinn dieses rätselhaften Ausdrucks
kennenlernen, so versetzte er gemeiniglich, es sei ihrer Studien wegen, dass sie
ihn studierten, und fragte man ihn, was für Studien diese seien, so war die
Auskunft: diejenigen, weswegen ihn die Unbefriedigten studierten.
    Nun zum Schluss der Geschichte. Unsere ganze Nicht-Liebesnovelle, Clelias und
meine, hatte er mit durchgelebt, schien indessen nicht sehr darauf geachtet zu
haben. Als die Sache aber allmählich wieder in das Gleiche kam, bringt mir, wie
ich mich zum Besuch in der Stadt aufhalte, Freund Pfleiderer bestürzt ein
litographiertes Blatt, worauf unser ganzes Verhältnis, alle unsere Wendungen
und Schritte, um ohne Aufsehen in eine gleichgültige Ferne auseinanderzurücken,
zur wildesten Bambocciade verstellt zu lesen sind. Sie hiess: »Geschichte von
Gänserich und Gänschen, die sich in ihren Herzen irrten«.
    Er sagte mir, dass das Ding vom Abenteurer herrühre, was auch nach den ersten
Sätzen zu erkennen war. Der habe es in einer Gesellschaft erzählt, es sei
allerliebst befunden worden, ein schnellfassender und schreibender Kopf habe es
aufgezeichnet und auf allgemeines Begehren der lieben Schadenfreude zum Frommen
für die Mitglieder der Gesellschaft litographieren lassen. Jeder teile es im
Vertrauen seinen nächsten Bekannten mit, und so mache es schon die Runde durch
die halbe Stadt.
    Ich las und las, und was mich darin betraf, hätte ich verschmerzen können,
ja ich gestehe, dass ich über manches lachen musste. Aber auch Clelia war
natürlich nicht darin verschont.
    Und das versetzte mich in einen Zorn, der mich taub und blind und rasend
machte. Ich schwor dem Schelme die schrecklichste Rache. Nun hätte ich, um diese
zu kühlen, mich in seiner Wohnung auf Lauer legen sollen. Aber da siehst Du den
dummen Streich, der sich immer meinem Handeln beizumischen pflegt! Einsiegelte
ich das litographierte Blatt und schrieb dem Urheber, ich werde dann und dann
mich bei ihm melden und Genugtuung fordern, kurz, eine förmliche
Kriegserklärung. Als ich zur bestimmten Stunde nach seiner Wohnung ging, fand
ich das leere Nest; Hals über Kopf war er abgereist. Ich hielt es für eine
Finte, stürzte nach dem Hause, worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte gefeiert
wurden, weil ich ihn dort vermutete, aber da sassen die drei Unbefriedigten und
jammerten, dass ihnen der Meister, wie sie den Gauch nannten, entschwunden sei.
Vielfältige Nachfragen zeigten mir endlich eine Spur des Flüchtigen. Sie wies
hieher, nach Norden, nach Niederland. In den Wagen gesetzt, mit dem alten
Jochem, der noch verwirrter ist, als ich, und von Stadt zu Stadt nachgesprengt,
bis ich denn hier vorläufig vor Anker gegangen bin. Ich habe nämlich den Jochem
allein weiterspüren lassen, denn vor allen Dingen ist Inkognito nötig, wenn wir
ihn entdecken wollen, und mich erkannten die Leute überall für das, was ich war.
Weiss Gott, wie es zuging, da ich mir doch alle Mühe gab, mich zu verstellen. Des
Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden. Von da
fuhren wir per Post, oder gingen auch streckenweise.
Ich freue mich, wie ein Kind, dass ich die Geschichte vom Herzen
heruntergebeichtet habe, denn nun darf ich von Dingen schreiben, die angenehmer
sind. Nicht sagen kann ich Dir, wie wohl mir hier zumute geworden ist in der
Einsamkeit der westfälischen Hügelebene, wo ich bei Menschen und Vieh seit acht
Tagen einquartiert bin. Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh, denn
die Kühe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des grossen Flurs, was aber gar
nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat, vielmehr den Eindruck
patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft. Vor meinem Fenster rauschen
Eichenwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange, lange Wiesen und wallende
Kornfelder, zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem
einzelnen Gehöfte erhebt. Denn hier geht es noch zu, wie zu Tacitus' Zeiten.
»Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit.« Darum ist
denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat für sich, rund abgeschlossen,
und der Herr darin König, so gut als der König auf dem Trone.
    Mein Wirt ist ein alter prächtiger Kerl. Er heisst Hofschulze, obgleich er
gewiss noch einen andern Namen führt, denn jener bezieht sich ja nur auf den
Besitz seines Eigentums. Ich höre aber, dass dies überall hier so gehalten wird.
Nur der Hof hat meistenteils einen Namen, der Name des Besitzers geht in dem der
Scholle unter. Daher das Erdgeborne, Erdzähe und Dauerbare des hiesigen
Geschlechtes. Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein,
doch trägt er den starken grossen knochichten Körper noch ganz ungebeugt. In dem
rotgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der fünfzig Ernten, die er gemacht hat,
abgelagert, die grosse Nase steht wie ein Turm in diesem Gesichte, und über den
blitzenden blauen Augen hangen ihm weisse struppige Brauen, wie ein Strohdach. Er
gemahnt mich, wie ein Erzvater, der dem Gotte seiner Väter von unbehauenen
Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf giesst und Öl, und seine Füllen
erzieht, sein Korn schneidet, und dabei über die Seinigen unumschränkt herrscht
und richtet. Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwürdigem und
Verschmjetztem, von Vernunft und Eigensinn vorgekommen. Er ist ein rechter
uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts; ich glaube, dass man diese Art
Menschen nur noch hier finden kann, wo eben das zerstreute Wohnen und die
altsassische Hartnäckigkeit, nebst dem Mangel grosser Städte den primitiven
Charakter Germanias aufrechterhalten hat. Alle Regierungen und Gewalten sind
darüber hingestrichen, haben wohl die Spitzen des Gewächses abbrechen, aber die
Wurzeln nicht ausrotten können, denen dann immer wieder frische Schösslinge
entsprossen, wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln
zusammenschliessen dürfen.
    Die Gegend ist durchaus nicht, was man eine schöne nennt, denn sie besteht
lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs, und das Gebirge
sieht man nur in der Ferne; 's ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne, als
eine schönliniierte Kette. Aber eben ihre Anspruchslosigkeit, dass sie sich nicht
aufgeputzt einem gegenüberstellt, fragend: »Wie gefall' ich dir?« sondern bis in
die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche Hände
dient, macht sie mir doch sehr wert, und ich habe gute Stunden auf meinen
einsamen Streifereien genossen. Vielleicht tut der Umstand auch das Seinige, dass
mein Herz einmal wieder ganz ungestört seine Pendelschwingungen ausschwingen
darf, ohne dass vernünftige Leute am Uhrwerke rücken und drehen.
    Poetisch bin ich sogar geworden, was sagst Du dazu, mein alter Ernst? Hab'
etwas hingeworfen, wozu mich ein göttlichschöner Sonnentag, den ich vor Zeiten
in den Waldgründen des Spessart verlebte, zuerst anspornte. Ich glaube, es wird
Dir gefallen. Es heisst: »Die Wunder im Spessart«.
    Am liebsten sitze ich droben auf dem Hügel an einem stillen Platze zwischen
den Kornfeldern des Hofschulzen, die dort zu Ende gehen. Man hat eine geräumige
mit Kraut und Brombeergebüsch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich; rings
im Kreise um sie her liegen grosse Steine, einer, gerade dem Felde gegenüber, ist
der grösste, über dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus. Dahinter rauscht
der Wald. Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich,
besonders jetzt, wo man im Rücken das mannshohe Korn hat. Da droben bin ich
viel. Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung, es ist auch mein
gewöhnlicher abendlicher Anstandsort, von wo ich dem Schulzen die Reh' und
Hirsch' aus dem Korn schiesse.
    Sie nennen den Platz den Freistuhl. Vermutlich hat also dort vor alters das
Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrütet. Als ich meinem
Schulzen ihn lobte, ging eine Freundlichkeit über sein Gesicht. Er versetzte
nichts, nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine Kammer
im obern Stock des Hauses, öffnete dort einen eisenbeschlagenen Koffer und
zeigte mir in demselben ein altes rostiges Schwert liegend. Mit Feierlichkeit
sagte er: »Das ist eine grosse Rarität; es ist das Schwert Caroli Magni, seit
tausend und mehreren Jahren beim Oberhofe aufbewahrt, und noch in voller Kraft
und Gewalt.« Ohne weitere Erklärungen hinzuzufügen, klappte er den Deckel wieder
zu. Ich hätte um alles seinen Glauben an dieses Heiligtum nicht zerstören mögen,
obgleich mich mein flüchtiger Blick lehrte, dass der Flamberg kaum ein paar
hundert Jahre als sein könne. Er zeigte mir aber ein förmliches Attest über die
Echteit der Waffe, von einem gefälligen Provinzialgelehrten ihm ausgestellt.
    Hier will ich denn nun unter den Bauern bleiben, bis mir der alte Jochem
Nachricht von dem Schrimbs oder Peppel gibt. Es ist zwar die achtzig Meilen her
kühler in mir geworden, denn gar viel tut's, wenn vierzehn Tage zwischen dem
Vorsatz und der Ausführung liegen, auch steht nun die Frage, welche Rache ich
eigentlich an ihm nehmen soll? aber das wird sich schon alles finden.
    Dieser Brief, wie ich ihn überlese, kommt mir ganz possierlich vor. Vorn
stehen recht hübsche Bemerkungen, hinten dergleichen, ich brauche mich ihrer gar
nicht zu schämen, und in der Mitte ist's, als ob ein dummer Bub' seine
Eulenspiegelei erzählt.
    Nun, ich werd' ja endlich auch klug werden. - Wenn einen die Leut' nur
verständen in der Fremde! Alles muss man drei- mal sagen, bevor's gefasst wird.
Und wenn man nicht gar ein Stockschwab ist, sondern im Gegenteil in der Welt
umhergekommen, und andere vielfältig hat reden hören, so kann man sich selbst
durch unser Zischen und Prasseln hin und wieder beschwert fühlen. Wir haben doch
Geist, soviel wie die übrigen, warum können wir denn das Wort nicht gelind,
sanft und zart von uns geben, sondern sprechen immer: »Keescht?« Aber ich denke,
aus: »Keescht« kann allezeit durch Abschwächen und Filtrieren: »Geist« werden,
nicht aber umgekehrt aus »Geist«, »Keescht«. Und so wird's der Herr in diesem
Punkt wie in allen andern wohl mit uns brav gemeint haben.
    Mentor, hoffentlich hörst Du bald mehr von
                                                           Deinem Nicht-Telemach
    Schilt ihn aber tüchtig aus, darum bitt' ich Dich.
 
                               Siebentes Kapitel
 Worin der Jäger dem Hofschulzen eine alte Geschichte von seinen Eltern erzählt
Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einförmige Weise
hin. Der alte Jochem liess noch immer weder von sich noch von dem entwichenen
Abenteurer hören, und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille
Unruhe beschleichen. Denn so umspinnt uns alle die jetzige geregelte Zeit, dass
niemand, und sei er noch so ungebunden, lange ausdauern kann ohne den Rücken an
ein Geschäft, oder an ein Verhältnis zu lehnen.
    Mit dem Hofschulzen verkehrte er zwar, sooft er konnte, und die originelle
Eigentümlichkeit des Mannes behielt für ihn ihre ganze Anziehungskraft, welche
sie am ersten Tage der Bekanntschaft über ihn ausgeübt hatte, aber teils war der
Alte meistens in seiner Wirtschaft sehr beschäftigt, teils hatte er viel mit
andern abzureden, da täglich Menschen im Hofe einsprachen, die ihn um Rat oder
Hülfe angingen. Bei diesen Gelegenheiten bemerkte der Jäger, dass der Hofschulze
im eigentlichen Sinne des Worts nie etwas umsonst tat. Er war gegen Nachbarn,
Gevattern und Freunde zu allem bereit, aber sie mussten ihm immer etwas dagegen
leisten, und wäre es nur die unentgeltliche Ausrichtung eines Auftrags nach
einer in der Nähe belegenen Bauerschaft, oder eines andern kleinen Dienstes
dieser Art gewesen.
    Täglich wurde geknallt, freilich immer vorbei, so dass der Alte, der stets
ins Schwarze traf, er mochte zielen, worauf er wollte, über diese fruchtlosen
Bemühungen verwunderte Augen zu machen begann.
    Es war ein Glück für unsern Jäger, dass gerade um jene Zeit der
zunächstwohnende Gutsbesitzer sich mit seiner Familie und Dienerschaft auf einer
Reise befand, sonst würden ihn wahrscheinlich doch einmal die zünftigen Schützen
oben am Freistuhl ertappt haben.
    Gern wäre der junge Schwabe in manches eingedrungen, was ihm verhüllt blieb.
Der erste Knecht fragte den Schulzen eines Tages, ob das Korn droben am Stuhl
nicht angeschnitten werden solle, da es vollkommen reif sei? erhielt aber von
seinem Herrn den Bescheid, dass es bis nach der Hochzeit stehen bleiben müsse.
Diese Worte würden dem Jäger nicht weiter aufgefallen sein, wenn er damit nicht
unwillkürlich den Inhalt eines Gesprächs in Verbindung gesetzt hätte, dessen
unbemerkter Ohrenzeuge er kurz zuvor geworden war.
    Zwei benachbarte Hofbesitzer, welche seinen Wirt besuchten, hatten ihn
nämlich, so dass der Jäger es hörte, befragt: Wann das Geding sein solle? und zur
Antwort erhalten: Am zweiten Tage nach der Hochzeit, mit dem Hinzufügen, dass
dann zugleich der Schwiegersohn die Losung empfangen werde. Der junge Mann
brachte diese Reden mit der Schonung des reifen Korns am Freistuhl in
Zusammenhang, ohne gleichwohl die eigentliche Bedeutung sich klarmachen zu
können.
    Seinerseits sagte der Hofschulze einmal zum Jäger, als dieser wieder mit
leerem Pulverhorn und leerer Weidtasche in den Hof zurückkehrte: »Wie ist das,
junger Herr? Sie treffen ja niemalen was?«
    Der Jäger war gerade in einer verdriesslichen Stimmung, die zuweilen am
offensten macht. Er versetzte daher kurzweg: »Dass ich nichts treffe, ist nicht
meine Schuld, und dass ich dennoch immerdar schiessen muss, liegt auch nicht an
mir, das hängt mir von Mutterleib an.«
    »Wie? Von Mutterleib?« fragte der Hofschulze.
    »Ich kann es nicht anders nennen«, erwiderte der Jäger. »Ihr seid ein so
verständiger Mann, dass ich keinen Grund habe, Euch eine Geschichte
vorzuentalten, welche Euch meine Jägerei, über die Ihr, wie ich sehe, schon
seit einiger Zeit den Kopf schüttelt, einigermassen erklärlich machen wird. Man
hat Muttermäler in Form von Sternen, Kreuzen, Kronen, Schwertern, weil die Frau,
welche den Menschen trug, sich an einem grossen Orden, an einem Kirchenzuge, an
einer Krönung versah, oder unter Kriegsgetümmel ihre Schwangerschaft abhielt;
warum sollte einer nicht Jäger von Mutterleib aus sein können?«
    Der Hofschulze nötigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor
der Türe, liess eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen, und der Jäger begann
hierauf folgendergestalt seine Erzählung.
    »Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und
tränenvollen Brautstande verbinden dürfen. Die Verwandten und viele Umstände
waren gegen die Heirat gewesen, indessen hatte die Liebe, welche beide
zueinander trugen, doch endlich obzusiegen gewusst, und die Ringe durften
gewechselt werden. Die Folge jenes langen Hinderns und Zurückhaltens war nicht,
wie es oft zu geschehen pflegt, ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze,
sondern eine äusserst zärtliche Ehe gewesen, so dass also in diesem Falle der
Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies. Noch in jetzigen Tagen erzählen
bejahrte Leute, welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt
haben, von dem schönen Paare, das immerfort wie Liebhaber und Geliebte
miteinander umgegangen sei. Die Zärtlichkeit meiner Mutter äusserte sich nun auch
in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters, welche freilich oft
in das Übertriebene ging. Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in
der Nachbarschaft einige Minuten über die bestimmte Zeit aus, so schickte sie
ängstlich nach ihm; war seine Farbe nicht ganz so munter, wie gewöhnlich, gleich
fürchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen, um
alles hätte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen, und wo er ging oder stand,
musste er sich vor Zugluft in acht nehmen. Während sie für ihre eigene Person
hart, unbekümmert und mutig blieb, sah sie in jeglichem, was meinen Vater
umgabe, Schreck und Gefährde.«
    »Ja, ja«, murmelte der Hofschulze vor sich hin, »die vornehmen Leute haben
zu dergleichen Zeit. Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an.«
    »Am inständigsten flehte ihn meine Mutter an, sich der Jagd zu entalten.
Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum, von dem sie
sich beim Erwachen nur einer schönen grünen Uniform, worin sie meinen Vater
gesehen, und dass ihn in derselben ein Unglück betroffen, zu erinnern wusste. Nun
fielen ihr alle die Geschicke, die sich auf Jagden ereignen können:
scheugewordene Pferde, unvermutet losgegangene Schüsse, Eber, die den Schützen
anrennen, und was dergleichen mehr war, ein, und sie liess sich daher von meinem
Vater das Wort geben, nie diesem verhängnisvollen Genusse wieder frönen zu
wollen. Er willfahrte ihr gern, denn er sah ihre Liebe zu ihm, und war überhaupt
dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben, obschon er es, wie ihm sonst nach
seinen Verhältnissen zukam, getrieben hatte.
    Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos. Endlich fühlte meine Mutter ihren
Schoss gesegnet. Sonst pflegt, wie man mir gesagt hat, in diesem Zustande die
Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen, und sich der verborgen reifenden
Frucht zuzuwenden, meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme. Ihre
Liebe zu dem Vater wuchs noch, wenn sie eines Wachstums fähig war. Zugleich
stellte sich die Erinnerung an den früher gehabten und seitdem fast vergessenen
Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein, dessen eigentliche Bilder ihr jedoch
nicht deutlich werden wollten, obgleich sie stundenlang sich damit abmühte, sie
hervorzurufen. Nochmals musste mein Vater sein früheres Gelübde in ihre Hand
wiederholen.
    Inzwischen rückte der Sankt Hubertus-Tag heran, an welchem der Fürst, mit
dem mein Vater eng zusammenhing, die jährliche grosse Jagd zu veranstalten
pflegte. Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwätzt
worden, warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwänden von
den Jagden zurückgehalten habe, endlich hatte man den wahren Grund aufgespürt,
und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich über den
gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben. Der Fürst, derb und zufahrend, wie er
war, nahm sich vor, den Gehorsam zu Falle zu bringen. Es war so Sitte, dass schon
an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben
wurde. Der Saal, in welchem es stattfand, war an den Wänden mit Hirschgeweihen,
Armbrüsten und alten Jagdspiessen ausgeziert. Da wurde denn, wie man bei uns zu
sagen pflegt, tapfer gebürstet, d.h. gezecht, und wer an dem Bankette teilnahm,
konnte sich natürlich von der Hubertusjagd nicht lossagen.
    Mein Vater würde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben
haben, wenn ihn nicht der Fürst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen
gewusst hätte. Er liess ihn nämlich unter dem Vorwande eines Geschäfts berufen und
hielt ihn in langen Gesprächen hin, bis der Lakai meldete, dass serviert sei. Da
wollte mein Vater fortreiten, aber ein zweiter Lakai brachte, ausgesandt, die
Nachricht, der Reitknecht habe verstanden, der Herr bleibe zur Tafel, und sei
bis auf den Abend mit den Pferden nach Hause geritten. Nun, da es so ist, lass
dir's gefallen und nimm hier vorlieb, sagte der Fürst. Du kannst doch nicht die
zwei Stunden zu Fuss nach Hause gehen. - Was sollte mein Vater beginnen? So
unlieb es ihm war, er musste bleiben. Bei Tafel, als es ziemlich lärmend zu
werden anfing, warf einer die Frage hin, ob er morgen mit zur Jagd komme?
    Ohne seine Antwort abzuwarten, rief ein anderer: Nein, er darf nicht, seine
Frau hat es ihm streng verboten. - Ist es wahr, fragte der Fürst laut über die
ganze Tafel hin, dass dir deine Frau befohlen hat, kein Gewehr mehr abzudrücken?
Wenn dem so ist, und du gehorchst, so bist du ja ein wahrer Mustermann für Stadt
und Land. Ein schallendes Gelächter folgte diesen Worten, obgleich darin nicht
viel Lachenswertes steckte.
    Mein Vater ärgerte sich, nahm sich aber zusammen und versetzte, dass dem
nicht so sei; wie man denken könne, dass seine Frau ihm so etwas befehlen werde?
und dergleichen mehr, was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden
Gesellschaft entgegnet haben würde. - Topp! rief der Fürst, das ist recht, so
hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen - und als mein Vater
sich mit einer Reise, mit Besuch, mit Unpässlichkeit entschuldigen wollte - Oho!
die Frau Gemahlin steckt doch dahinter! Nun, der Sache müssen wir auf den Grund
kommen! Erinnert mich das nächste Mal, wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe,
dass ich ernstlich danach bei ihr anfrage.
    In diesem Augenblicke fasste mein Vater seinen Entschluss. Er hielt es für
nötig, der Mutter einen ärgerlichen Auftritt, wie er von des Fürsten Derbheit
immer zu besorgen stand, zu ersparen, und sagte daher: Damit jedermänniglich
sehe, dass an all dem Argwohn nichts sei, so werde ich die Jagd morgen mitmachen.
Ein Beifallsklatschen erscholl, unter Getöse wurde die Tafel aufgehoben; der
Fürst rief mit etwas schwerer Zunge: Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am
Versammlungsplatze, so holen wir alle dich in corpore aus den Federn. - Mein
Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub, fuhr den lügnerischen Lakaien, der
draussen im Vorgemache ihn verschmitzt lächelnd befragte, ob er nun die Pferde
befehle? barsch an, und ging die Treppe hinunter über den Hof selbst nach dem
Stalle, wo er den Reitknecht mit den Pferden fand, der sich keinen Augenblick
vom Jagdschlosse entfernt hatte.
    Hieraus ersah nun mein Vater, dass das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei.
Beim Heimreiten überlegte er den seinigen. Sich von dem gegebenen Worte
zurückzuziehen, war unmöglich, denn dann hätte er wirklich am nächsten Morgen
den ganzen Schwarm vor dem Hause gehabt zu Ängsten und Schrecken der Mutter. Er
beschloss daher die Jagd wirklich mitzumachen, jedoch sobald als nur möglich sich
zu entfernen, und um sein Absein eine Zeitlang vor den übrigen zu verbergen,
seinen guten Freund, den Oberjägermeister, dessen finsteres Gesicht Missbilligung
der getriebenen Scherze ausgedrückt hatte, zu ersuchen, dass ihm der entfernteste
Stand angewiesen werde, von dem er bei günstiger Gelegenheit entkommen zu können
hoffte. Um aber für die Zukunft dem Fürsten und der ganzen Gesellschaft Respekt
einzuflössen, sollten tags darauf schriftliche Erklärungen an die ärgsten
Schreier des Jagdschlosses abgehen, welche diese entweder einstecken, oder
worauf sie zu Pistolen greifen mussten.
    Zu Hause zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen, liess
die prächtige Jagduniform, in welcher jeder Kavalier bei den grossen Hofjagden
erscheinen musste, heimlich aus dem Schranke nehmen, und verspürte, wie er selbst
lange Jahre nachher, wenn diese Geschichte wieder auf das Tapet kam, zu erzählen
pflegte, trotz seines Missmuts ein geheimes Behagen, als er das grüne,
schimmernde Collet mit den blitzenden Knöpfen, der goldenen, reichen Stickerei,
den Achselschnüren, den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier, und
das prächtige Couteau mit glänzenden Steinen am Griff aus dem Futteral
hervorkommen sah, nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstände entbehrt
hatte. Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgültigen Grund, weswegen er den
folgenden Tag über von Hause entfernt sein werde. Es gelang ihm, sie zu
täuschen; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen.
    In der Nacht aber hatte sie den früheren ängstlichen Traum, auf dessen
Einzelheiten sie sich seiter im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte. Sie
sah meinen Vater sich vom Lager erheben, einen Blick der Bekümmernis auf sie,
die Schlafende, werfen, leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen. Der Traum
führte sie hierauf nach der Garderobe. Dort legte mein Vater Stück vor Stück die
prächtige grüne Uniform an. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er kam ihr
gar zu schön vor, und doch beschwor sie ihn inständigst und mit der äussersten
Herzensangst, von seinem Vorhaben abzustehen. Er liess sich aber nicht hindern,
schnallte das Couteau um, und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd. Nun
zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht, und mit Entsetzen sah sie
meinen Vater blutigen Hauptes unten im Hofe auf dem Pflaster liegen. Ehe sie
noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte, wieherte das Pferd, welches sie
wunderbarerweise nicht sah, zum zweiten Male, und - sie erwachte, wie es ihr
vorkam, von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes
geweckt. Schlaftrunken tastete sie umher, um des Vaters Wange sich zur
Beruhigung zu streicheln, aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten
Erinnerung, denn das Bett neben ihr war verlassen, die Decke zurückgeschlagen.
Sie schellte dem Mädchen, fragte, wo der Herr sei? Diese, welche ihn im Gange
verstohlen an sich hatte vorüberschlüpfen sehen, antwortete zögernd: In der
Garderobe. Nun war sie nicht länger zu halten, eiligst warf sie ein Nachtgewand
über und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe. Dort die Türe
geöffnet, hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu
Boden sinken zu müssen. Der Vater stand, wie ihn die Mutter geträumt hatte,
prächtig geschmückt, in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne
umspielt, und schnallte eben das Couteau an. Es folgte ein heftiges Fragen und
Erklären, die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen, bis er auf die
eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte, dass für dieses Mal schlechterdings an
dem Vorhaben nichts zu ändern sei. Indem sie noch miteinander stritten, wieherte
des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male.
Sie stürzte an das Fenster, sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich
heben, das böse Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen, sie beschwor meinen
Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen, wenigstens nicht zu reiten, da sie
die bestimmte Ahnung habe, dass ihm heute damit ein Unglück begegnen werde, sich
vielmehr des leichten Wagens zu bedienen. Höchst verstimmt rief er dem Bedienten
zu: So lass anspannen! drückte die Mutter sanft nach der Türe zu und bat sie um
Gotteswillen, sich doch nur wieder niederzulegen, da sie ja in ihrem leichten
Gewande von der Morgenkälte schwer krank werden könne, und sprang dann, als er
sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte, rasch die Haupttreppe
hinunter, um nur zu Ross und an diesem vermaledeiten Tage vom Hofe zu kommen.
    Aber meine Mutter, einmal argwöhnisch gemacht, schlüpfte eine kleine
Seitentreppe hinab, die ebenfalls auf den Hof führte, um sich zu versichern, ob
auch der Wagen genommen werde. Indem sie nun unten anlangte, sah sie, dass mein
Vater schon zu Pferde sass, und mit dem Tiere, welches er in seinem Verdrusse
heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte, kaum zurechtkommen konnte.
Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die Türe auf den Hof; das Pferd, von
der plötzlich erscheinenden weissen Gestalt bis zur Wut gesteigert, drehte sich
wie toll auf den Hinterfüssen um, geriet auf eine schlüpfrig-abschüssige Stelle,
ruschte aus und stürzte. Nun lag mein Vater wirklich mit blutendem Kopfe auf dem
Pflaster, meine Mutter aber konnte ihm nicht helfen, denn auch sie sank
ohnmächtig an der Türe zusammen.«
    Der Jäger hielt atmend inne, bewegt von seiner eigenen Erzählung, deren
Einzelheiten, wie er nach einer Pause sagte, ihm so lebhaft vorschwebten, weil
der Vorfall mit den kleinsten Zügen von den Dabeigewesenen ihm mehr als
hundertmal berichtet worden sei. - Er sei die Haus- und Familiengeschichte
geworden. Sein Zuhörer strich sich die Haare bedächtig auf der Stirn und sagte
nach einer Weile: »Dass die Sache keine schlimmen Folgen gehabt hat, stellt sich
dar, denn Sie sitzen da ganz frisch und gesund, junger Herr.«
    »Glücklicherweise war der Schreck das Ärgste dabei gewesen«, erwiderte der
Jäger. »Mein Vater hatte sich schnell bügellos zu machen gewusst, sein Epaulett
war ihm, von der heftigen Bewegung gelöst, unter den Kopf gefahren und schützte
vor einem zu harten Aufschlagen; er kam mit einer leichten Wunde davon. Auch
meiner Mutter, für welche das Schlimmste zu befürchten stand, half ihre überaus
kräftige Natur. Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus, obgleich die
Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verliessen.«
    »Und daher, meinen Sie, rühre Ihre Jagdlust?« fragte der Hofschulze.
    »Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem
Herzen in der Form eines Hirschfängers. Sobald ich zum Buben erwachsen war,
hielt mich keine Vermahnung und Züchtigung ab, mit den Jägern umherzulaufen. Und
so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag, ohne dass ich, wie Ihr ja
leider nun auch gemerkt habt, zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg
irgendeine Anreizung empfinge.«
    »Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen
hat, so müsste sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben«, sagte
der Hofschulze.
    »Nein!« rief der junge Jäger, und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu
leuchten, wie immer der Fall war, wenn sich die Rede auf solche Gegenstände
wandte. »Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze. Kann ein menschliches Wesen
unwillkürlich auf ein andres durch Blut, Seele und Sympatie wirken, so fällt
diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor, darin die Kräfte nach ihren
eigenen Rechten hin- und herfahren, sausen und weben, und Gebild schaffen,
dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefasst ist.
Abscheu kann Lust, Furcht kann Mut, Sehnsucht Ekel erzeugen, und ist niemand,
der den Stammbaum dieser und ähnlicher Zeugungen aufzurichten vermöchte.«
    »Davon verstehe ich wirklich nichts, und geht mich auch nichts an«, sagte
der Hofschulze. »Aber aus der Geschichte, welche Sie da so pläsierlich erzählt
haben, ziehe ich eine dreifache Moral.«
    »Ihr haltet sehr viel auf Moral.«
    »Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh«, versetzte der Hofschulze
feierlich. »Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur, es
findet den Weg sicherer, es hat sein ihm gewiesenes Futter und lüstert nicht
nach anderem, es trägt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe, es fürchtet
sich nicht vor dem Tode, es treibt keine unnütze Wollust, aber Moral hat das
Vieh nicht; Moral hat nur der Mensch.«
    »Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen?«
    »Drei. Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorentalten, junger Herr Jäger.«
 
                                 Achtes Kapitel
 Worin der Hofschulze eine dreifache Moral aus der Geschichte des Jägers zieht
»Erstens«, sagte der Hofschulze, »lehret die Geschichte, dass, wenn Ihre Passion
wirklich von Ihrer Frau Mutter sich herschreibt, der Herr noch jetzunder seinen
Spruch wahr macht, welcher lautet: Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an
den Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Denn an und vor sich ist die
Jägerei eine erlaubte und lustige Sache. Nun aber sündiget der Mensch jederzeit,
wenn er sich wider etwas setzt, was Herkommens ist bei seinesgleichen, dadurch
kriegt die Gleichgültigkeit ein Gewicht und hat Folgen, wie Pestilenz darnach
kam, als David sein Volk zählen liess, weil das nicht Herkommens bei den Juden
war. Ihre Frau Mutter nun verfiel in Sünde, weil sie den Herrn Vater nicht auf
die Jagd gehen lassen wollte, da das zu seinem Stande gehörte, und darum ist an
Ihnen eine Torheit gesetzt, das Schiessen ohne Treffen. Sie sollten aber suchen,
mit der Gewalt davon loszukommen, weil solche Neigungen nicht aus den Wirkungen
in der dunkeln Kammer, nicht aus den Kräften und den eigenen Rechten, wie Sie es
nannten, herrühren, sondern einzig und allein aus der Torheit, durch welche Sie
gross Unglück anrichten können. Auch die Mädchen haben mitunter das Gelüst, Feuer
anzulegen, sie lassen es aber wohl bleiben, wenn sie scharf zusammengenommen
werden. Es kann und soll aber der Mensch, über den kein anderer gesetzt worden,
an ihm selber der Herr und Zuchtmeister sein.
    Zweitens tut die Geschichte lehren, dass im Ehestande gar zu viel Liebe
schädlich ist. Denn Ihr Herr Vater würde mit dem Pferde nicht gestürzt sein,
wenn Ihre Frau Mutter nicht so besorgt aus der Türe gesprungen wäre. Sie wollte
ihn vor Gefahr hüten und brachte ihn eben recht in Gefahr. Wie leicht konnte ihn
einer von den Herrn niederschiessen, an die er nach der Jagd Briefe schreiben
wollte! Im Ehestande muss alles moderiert sein, auch die Liebe, weil die Sache
für die Hitze und den Eifer zu lange währt. Vorher kann der Mensch tun, was er
will, danach kommt nichts, aber der Ehestand macht einen Abschnitt und gibt ein
Exempel, da muss der Mensch sich zusammennehmen, denn auf Eheleute sieht ein
jeder, und Ärgernis, welches durch sie kommt, ist doppelt Ärgernis. Mit einem
losledigen Menschen haben wenige Verkehr, aber auf den Haus- und Ehestand
verlässt sich aller Handel und Wandel, Nachbarhülfe und Ansprache, Christentum,
Kirchen- und Schulzucht, Haus und Hof, Rind und Kind, und wie sollen nun alle
diese Sachen in gehöriger Ordnung und Verfassung bleiben, wenn die Eheleute
selbst sich wie die Gecken betragen? Bei uns Bauern kommt der Fehler weniger
vor, aber bei den Stadtleuten, mit denen ich vielfältig hier und da haussen
verkehre, und deren Gebräuche ich daher kenne, will mir in dem Punkte manches
schlimm gefallen. Wenn ein Mann sein Weib schlägt, oder angrunzt ohne Not, so
gibt er Ärgernis, denn der Apostel schreibt, dass die Männer ihre Weiber lieben
sollen, wie der Herr Christus seine Gemeine liebt, aber wenn ein Weib ihren Mann
so unterkriegt mit Karessen und süssen Reden, dass er zwischen guten Freunden vor
Angst nicht mehr zu bleiben weiss, wenn die Stunde schlägt, da er hat nach Hause
kommen sollen, oder dass er sich von allem zurückhalten muss, was ihm das Herze
fröhlich macht, so gibt sie auch Ärgernis, denn der Apostel Paulus schreibt
nicht minder, das Weib solle den Mann fürchten. Die Furcht aber besteht mit
solchem Verhalten nicht, vielmehr treibet sie dahin, dass dem Manne sein freier
Wille gelassen werde, denn der Ehestand soll den Mann erbauen, nicht aber ihn
daniederreissen, weil abermals der nämliche Apostel Paulus an die Korinter
schreibt: Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib ist vom Manne.
    Ich habe hier jezuweilen bei guter Witterung grosse Gesellschaft von
Stadtleuten, die für Pläsier den Tag im Freien zubringen, und gegen Abend wieder
heimfahren. Da sehe ich nun mitunter, dass die Neugeheirateten, die etwa erst im
zweiten Jahre Mann und Frau sind, denn späterhin hört dieses Wesen gemeiniglich
auf, miteinander ein Anblicken und Anblinzeln, Löffeln und Schlecken treiben,
als seien sie mutterseelenallein und niemand ausser ihnen um sie und neben ihnen.
Darin stecken nun wieder drei Ärgernisse.«
    »Schade«, unterbrach ihn der Jäger lachend, »dass Euch kein Philosoph von
Profession anhört, Hofschulze. Er würde die architektonische Symmetrie Eures
Gedankenbaus loben. Drei Ärgernisse, entsprechend drei Moralen!«
    Der Schulze fuhr, ohne sich stören zu lassen, fort: »Erstens sind immer in
der Gesellschaft Leute, die gerne freien möchten und nicht können, und in denen
stiftet so ein öffentliches Liebeswesen geheimen Neid und stille Abgunst, wovor
der Mensch seinen Nächsten bewahren soll. Dieses ist das erste Ärgernis.
Zweitens lässt, wenn sie sich vor so vielen Leuten nicht scheuen, das zu tun, was
in die Verborgenheit gehört, vermuten, dass sie daheim eine Brinneiferigkeit
haben, welche die Gesundheit ruiniert, und drittens denkt dieser und jener in
der Gesellschaft: Was dem einen recht, ist dem andern billig, geniert ihr euch
nicht, genier' ich mich auch nicht, dürft ihr schmatzen, darf ich kratzen; lässt
nun alle geheimen Würmer und Otterngezüchte, welche er im Herzen trägt und sonst
bei sich behielte, los, die schlechten, spöttischen Reden, die Schraubereien und
Verleumdungen, welche denn wieder von andern aufgefangen und erwidert werden, so
dass das ganze Pläsier zugrunde geht. Auf diese Weise habe ich es erlebt, dass
durch so ein öffentlich löffelndes Ehepaar lauter Zank und Hader in eine
Gesellschaft kam, der immer mehr stieg, je mehr die Eheleute miteinander
karessierten.
    Dagegen ist es eine wahre Freude, bisweilen vernünftige junge Leute zu
sehen, die bescheiden und anständig sich betragen; das Frauchen sitzt da, und
der Mann da, jedes diskuriert höflich mit seinen Nachbarn, keines scheint auf
das andere zu achten, von Handgeben und Küssen ist nun gar nicht die Rede, und
doch sieht man den roten, muntern Gesichtern an, dass sie zu Hause Glück und
Segen miteinander haben; gleichsam zwei Äpfel sind sie an einem Zweige, die auch
nicht nacheinander umgucken und doch zusammen wachsen, gedeihen und reifen. Der
Ehestand ist ein Segensstand, aber er will mit Vernunft und Geschick und
Manierlichkeit angegriffen sein, sonst macht er, wie der Wein im Übermass,
trunken, dumm und ungesund. Er ist wie der grüne Zweig am Apfelbaum; was darauf
zum Gedeihen kommen soll, muss hübsch still und ruhig sich daran halten bei
Sonnenschein und Regen.«
    »Eure Moralien klingen zwar ziemlich hausbacken, aber es liegt doch etwas
Wahres darin«, sagte der Jäger. »Der gesunde Menschenverstand behält immer
recht, obschon er selbst nicht das letzte Recht ist. Was meine Eltern betrifft,
so spricht deren nachheriges Verhältnis auch gewissermassen für Eure Sätze.
    Meine Mutter ist nach dem entsetzlichen Schreck wie umgewandelt gewesen, er
hatte auf sie wie ein Sturzbad gewirkt, der Vater hat späterhin gehen, kommen,
sich kleiden dürfen, wie, vornehmen können, was er gewollt, und von der Zeit an,
wo ich selbst zum Bewusstsein gelangte, erinnere ich mich der Ehe meiner Eltern,
als einer zwar liebevollen, aber freien und ruhigen.«
    »Ja, ja«, sprach der Hofschulze, »so musste es sich wenden. Allzuscharf macht
schartig, der Bogen, welcher zu sehr gespannt wird, bricht, und hinter heissem
Wetter kommt kühles. Aber Ihnen will ich doch eine gute Lehre geben, junger
Herr. Wenn Sie inkognito bleiben, und wie Sie sich mir verkündiget haben, für
den Sohn von Bürgersleuten gelten wollen, so müssen Sie mir keine Geschichte
erzählen von Jagdschlössern und fürstlichen Banketten und goldenen Uniformen und
Bedienten und Reitknechten.«
    »Ach, die Lehre kommt zu spät!« rief der junge Jäger lustig. »Das Verstellen
hilft mir nichts, ich sehe es wohl ein, und wenn ich auch wie der Vogel Strauss
den Kopf wegstecke, man erblickt mich dennoch. Verratet mich aber nicht; ich
habe meine Gründe zu der Bitte, die Ihr mit gutem Gewissen erfüllen könnt, denn
ein Verbrechen habe ich nicht begangen.«
    »Nein, das soll wohl sein, Sie sehen nicht danach aus«, sagte der Hofschulze
lächelnd.
    »Jetzt nehmt von meiner Seite eine Lehre an. Ihr seid ein alter, gesetzter
Mann, dem mehr daran liegen muss, seine Absichten für sich zu behalten, als mir.
Wenn Ihr Eure Geheimnisse, welche Ihr zweifelsohne habt, vor mir und meinem
Nachspüren bewahren wollt, so müsst Ihr meine Aufmerksamkeit nicht selbst rege
machen, müsst mir nicht das Schwert Karls des Grossen mit so feierlicher dunkler
Rede zeigen.«
    Der Hofschulze richtete sich in die Höhe. Seine grosse Gestalt schien noch zu
wachsen, und der Mond, welcher inzwischen aufgegangen war, warf seinen Schatten
lang in den Hof. Er sagte mit tiefem Tone und mit einem Nachdruck, der dem
andern durch Mark und Bein ging: »Wehe dem, welcher die Geheimnisse des
Schwertes Caroli Magni sieht oder hört, wenn es dergleichen gibt!« - Darauf
setzte er sich nieder, schenkte seinem Gaste das letzte Glas ein, und tat, als
ob nichts vorgefallen sei.
    Dieser schwieg verlegen. Er merkte, dass mit dem Alten in manchen Dingen
nicht zu scherzen sei. Um wieder ein Gespräch in Gang zu bringen, sagte er
endlich: »Ihr verspracht drei Moralen aus meiner Geschichte, habt aber bis jetzt
mir nur zwei mitgeteilt.«
    »Die dritte«, versetzte der Hofschulze, »ist keine Rede, sondern eine
Handlung und Verrichtung.« Mit diesen Worten deren Sinn er nicht weiter
aufklärte, ging er in das Haus.
 
                                Neuntes Kapitel
                   Der Jäger erneuert eine alte Bekanntschaft
Am folgenden Tage zur Mittagsstunde hörte der Jäger unter seinem Fenster ein
Geräusch, sah hinaus und bemerkte, dass viele Menschen vor dem Hause standen. Der
Hofschulze trat in sonntäglichem Putze soeben aus der Türe, gegenüber aber hielt
am Eichenkampe ein zweispänniger Karren, auf welchem ein Mann in schwarzen
Kleidern, anscheinend ein Geistlicher, zwischen mehreren Körben sass. In einigen
derselben schien Federvieh zu flattern. Etwas hinterwärts sass eine Frauensperson
in der Tracht des Bürgerstandes, welche steif vor sich hin auf dem Schosse
ebenfalls einen Korb hielt. Vorn bei den Pferden stand ein Bauer mit der
Peitsche, den Arm über den Hals des einen Tiers gelegt. Neben ihm hielt sich
eine Magd, auch einen Korb, mit schneeweisser Serviette überlegt, unter dem Arme.
    Ein Mann in weitem, braunem Oberrocke, dessen bedächtiger Gang und
feierliches Antlitz ohne Widerspruch den Küster erkennen liess, schritt mit Würde
von dem Wagen dem Hause zu, stellte sich vor den Hofschulzen hin, lupfte den Hut
und gab folgenden Reimspruch von sich:
Wir sind allhier vor Eurem Tor,
Der Küster und der Herr Pastor,
Des Küsters Frau, die Magd daneben,
Die Gift und Gabe zu erheben,
So auf dem Oberhofe ruht;
Die Hühner, Ei'r, die Käse gut.
So sagt uns an, ob alles bereit,
Was fällig wird zur Sommerszeit.
Der Hofschulze hatte bei Anhörung dieses Spruchs den Hut tief abgenommen. Nach
demselben ging er zum Wagen, verbeugte sich vor dem Geistlichen, half ihm in
ehrerbietiger Stellung herunter und blieb dann mit ihm seitwärts stehen,
mancherlei Reden wechselnd, welche der Jäger nicht hören konnte, während die
Frau mit dem Korbe auch abstieg und sich nebst dem Küster, dem Bauer und der
Magd wie zu einem Zuge hinter jenen beiden Hauptpersonen aufstellte. Der Jäger
ging, um den Zusammenhang dieses Auftritts zu erfahren, hinunter, sah im Flur
weissen Sand gestreut, und die daranstossende beste Stube mit grünen Zweigen
geschmückt. Die Tochter sass darin, ebenfalls sonntäglich geputzt, und spann, als
wolle sie noch heute ein ganzes Stück Garn liefern. Sie sah hochrot aus und
blickte von ihrem Faden nicht auf. Er ging in das Zimmer und wollte eben bei ihr
Erkundigung einziehen, als schon der Zug der Fremden mit dem Hofschulzen die
Schwelle vom Flure aus betrat. Voran ging der Geistliche, hinter ihm der Küster,
dann der Bauer, dann die Küsterfrau, dann die Magd, zuletzt der Hofschulze; alle
einzeln und ungepaart. Der Geistliche trat auf die spinnende Tochter, welche
noch immer nicht emporsah, zu, bot ihr freundlichen Gruss und sagte: »So recht,
Jungfer Hofschulze, wenn die Braut noch so fleissig ihr Rädchen dreht, da kann
sich der Liebste volle Kisten und Kasten erwarten und verhoffen. Wann soll denn
die Hochzeit sein?« - »Auf Donnerstag über acht Tage, Herr Diakonus, wenn es
erlaubt ist«, versetzte die Braut, wurde womöglich noch röter, als zuvor, küsste
dem Geistlichen, welcher noch ein jüngerer Mann war, demütig die Hand, nahm ihm
Hut und Stock ab und reichte ihm zum Willkomm einen Erfrischungstrunk. Die
andern, nachdem sie Reihe herum die Braut ebenfalls mit Handschlag und
Glückwunsch bedacht hatten und durch einen Trunk erquickt worden waren,
verliessen die Stube und gingen auf den Flur, der Geistliche aber unterhielt sich
mit dem Hofschulzen, der beständig seinen Hut in der Hand, in ehrerbietiger
Stellung vor ihm stand, über Gemeindeangelegenheiten.
    Gern hätte der junge Jäger, welcher, von den übrigen unbeachtet, aus einer
Ecke der Stube den Auftritt mitangesehen hatte, schon früher den Geistlichen
begrüsst, wenn es ihm nicht unbescheiden vorgekommen wäre, die Anreden und
Antworten der Fremden und Hofesgenossen, welche trotz der bäuerlichen Szene
etwas Diplomatisches hatten, zu stören. Denn in dem Diakonus war von ihm mit
Erstaunen und Freude ein ehemaliger akademischer Bekannter wiedergefunden
worden. Jetzt verliess der Hofschulze auf einen Augenblick das Zimmer und nun
ging der Jäger zum Diakonus, ihn bei seinem Namen begrüssend. Der Geistliche
stutzte, fuhr mit der Hand über die Augen, erkannte jedoch auch den andern
sogleich wieder und freute sich nicht weniger, ihn zu sehen. »Aber« - fügte er
den ersten Grussworten hinzu - »jetzt und hier ist keine Zeit zur Unterhaltung,
kommen Sie nachher mit, wenn ich vom Hofe abfahre, dann wollen wir zusammen
plaudern; hier bin ich ein öffentlicher Charakter und stehe unter dem Banne des
gebietendsten Zeremoniells. Wir dürfen voneinander keine Notiz nehmen, fügen
auch Sie sich passiv dem Ritual; vor allen Dingen, lachen Sie über nichts, was
Sie sehen, das würde die guten Leute auf das höchste beleidigen. Und diese
alten, festen Sitten, so seltsam sie aussehen mögen, haben doch auch immer ihr
Ehrwürdiges.« - »Sorgen Sie nicht«, versetzte der Jäger, »aber ich möchte doch
wissen ...« - »Alles nachher!« flüsterte der Geistliche, nach der Türe blickend,
durch welche soeben der Hofschulze wieder hereinkam. Er trat vor dem Jäger, wie
vor einem Fremden, zurück.
    Der Hofschulze und seine Tochter trugen die Speisen auf dem Tische, welcher
in dieser Stube gedeckt stand, selbst auf. Da kam eine Hühnersuppe, eine
Schüssel grüner Bohnen mit einer langen Mettwurst, Schweinsbraten mit Pflaumen,
Butter, Brot und Käse, wozu eine Flasche Wein gestellt wurde. Alles dies wurde
zu gleicher Zeit auf den Tisch gestellt. Der Bauer war von den Pferden ebenfalls
hereingekommen. Als alles stand und dampfte, lud der Hofschulze den Diakonus
höflich ein, es sich gefallen zu lassen.
    Es war nur für zwei Personen dort gedeckt; der Geistliche, nachdem er ein
Tischgebet gesprochen, setzte sich und etwas von ihm entfernt der Bauer. »Esse
ich hier nicht mit?« fragte der Jäger. »Ei behüte«, antwortete der Hofschulze,
und die Braut sah ihn verwundert von der Seite an. - »Hier isst bloss der Herr
Diakonus und der Kolonus, Sie setzen sich draussen bei dem Küster zu Tische.« Der
Jäger ging in ein anderes, gegenüberliegendes Zimmer, nachdem er noch zu seiner
Verwunderung bemerkt hatte, dass der Hofschulze und seine Tochter auch die
Bedienung jenes ersten und vornehmsten Tisches selbst übernahmen.
    In dem andern Zimmer traf er den Küster, die Küsterin und die Magd um den
dort gedeckten Tisch stehen, und, wie es schien, mit Ungeduld ihres vierten
Genossen warten. Auch auf diesem Tische dampfte dieselbe Speise, wie auf der
Pastorstafel nur fehlte Butter und Käse, auch zeigte sich dort statt des Weines
Bier. Mit Würde trat der Küster an den Oberplatz und liess, die Augen in den
Schüsseln, abermals folgenden Spruch vernehmen:
Alles, was da fleucht und kreucht auf der Erden,
Liess Gott der Herr für den Menschen erschaffen werden;
Hühnersuppe, Bohnen, Wurst, Schweinsbraten, Pflaumen sind allerwegen
Gottesgaben, gib, o Herr, dazu uns deinen Segen!
Worauf die Gesellschaft Platz nahm, der Küster obenan. Dieser wurde von seiner
Gravität nicht verlassen, wie die Küsterin nicht von ihrem Korbe, den sie dicht
neben sich hinstellte. Dagegen hatte die Pastorsmagd den ihrigen anspruchslos
beiseite gesetzt.
    Bei dem Mahle, welches aus wahren Bergen auf den Schüsseln bestand, wurde
kein Wort gesprochen; der Küster verschlang in ernster Haltung ungeheuer zu
nennende Portionen, und die Frau blieb wenig hinter dem Manne zurück; am
bescheidensten zeigte sich in diesem Punkte auch wieder die Magd. Was den Jäger
betrifft, so beschränkte er sich fast nur auf das Zusehen; das heutige
Zeremonialessen war nicht nach seinem Geschmack.
    Nach beendigtem Mahle sagte der Küster zu den beiden Mägden, welche diesen
Tisch bedient hatten, feierlich schmunzelnd: »Jetzt wollen wir denn, geliebt es
Gott, die allhier erfallende Gebühr und den guten Willen in Empfang nehmen.« Die
Mägde hatten vorher schon den Tisch abgeräumt und gingen jetzt hinaus, der
Küster aber setzte sich auf einen Stuhl mitten in der Stube, die beiden
Frauenspersonen, die Küsterin und die Magd, setzten sich ihm rechts und links
zur Seite, vor sich die neugeöffneten Körbe. Nachdem die Erwartung, welche diese
drei ausdrückten, einige Minuten gedauert hatte, traten die beiden Mägde,
begleitet von ihrem Herrn, dem Hofschulzen, wieder ein. Die erste trug einen
Korb mit weitläuftigem Flechtwerk oben, in welchem Hühner ängstlich gackerten
und mit den Flügeln plusterten. Sie stellte ihn vor den Küster hin und dieser
sagte, hineinschauend und nachzählend: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs; es
ist ganz richtig.« Darauf zählte die zweite Magd aus einem grossen Tuche ein
Schock Eier in den Korb der Pastorsmagd, und sechs Stück runder Käse, nicht ohne
genaues Nachzählen des Küsters. Dieser sagte, als es geschehen war; »So,
nunmehro hätten der Herr Diakonus das Ihrige; jetzunder käme der Küster.« - Ihm
wurden in den Korb seiner Ehehälfte dreizehn Eier und ein Käse zugeteilt. Sie
prüfte jedes Ei durch Schütteln und Geruch, ob es auch frisch sei, und merzte
zwei aus. Nach diesen Verhandlungen erhob sich der Küster und sprach zum
Hofschulzen: »Wie ist es, Herr Hofschulze, von wegen des zweiten Käses, welchen
Küsterei annoch vom Hofe zu gewärtigen hat?« - »Ihr wisst selbst, Küster, dass der
zweite Käse vom Oberhofe nimmer anerkannt worden ist«, versetzte der Hofschulze.
»Dieser angebliche zweite Käse ruhte auf dem Baumannserbe, welches vor hundert
und mehreren Jahren mit dem Oberhofe in einer Hand vereinigt war. Hernachmalen
ist die Trennung wieder eingetreten, und es haftet demnach hier auf dem Hofe nur
ein Käse.«
    Über des Küsters rotbräunliches Gesicht hatten sich die stärksten Falten
gelagert, welche dasselbe nur aufzutreiben vermögend gewesen war, und zerlegten
es in mehrere bedenkliche Abschnitte von viereckter, rundlichter, winklichter
Gestalt. Er sprach: »Wo ist das Baumannserbe? Zersplittert und zerspellt wurde
es in den unruhigen Zeitläuften. Soll Küsterei darunter leiden? Dem sei nicht
so. Jedennoch, unter ausdrücklichem Vorbehalt aller und jeder
Rechtszuständigkeiten wegen des seit hundert und mehreren Jahren strittigen, vom
Oberhofe erfallenden zweiten Käses, empfange ich und nehme ich hiemit an auch
den einen Käse. Sonach wäre die Zinsgebühr an Pastor und Küster abgestattet, und
es käme nunmehr der gute Wille.«
    Dieser bestand in frischgebackenen Rollkuchen, wovon sechs in den
Pastorskorb und zwei in den des Küsters gelegt wurden. Hiemit war das ganze
Empfangsgeschäft beendigt. Der Küster trat dem Hofschulzen näher und sagte
folgenden dritten Spruch her:
Die Hühner waren alle sechs richtig,
Und die Käse alle vollwichtig;
Die Eier sind befunden worden frisch,
Und was sich gebührte, stand auf dem Tisch.
Deshalb der Herr Euren Hof bewahr'
Vor Hungersnot und Feuersgefahr!
Bei Gott und Menschen ist beliebt,
Wer Gift und Gaben richtig gibt.
Der Schulze machte darauf eine dankende Verbeugung. Die Küsterin und die Magd
trugen die Körbe hinaus und packten sie auf den Wagen. Zu gleicher Zeit sah der
Jäger, dass die eine Hofesmagd aus dem Zimmer, worin der Geistliche gespeist
hatte, Schüsseln und Teller auf den Flur trug, und sie, indem jener auf die
Schwelle des Zimmers trat, vor seinen Augen wusch. Nachdem sie diese Reinigung
verrichtet, näherte sie sich dem Geistlichen, er holte aus einem Papiere eine
kleine Münze und gab sie ihr.
    Der Küster liess sich indessen den Kaffee schmecken, und da auch für den
Jäger eine Tasse hingestellt worden war, so setzte sich dieser zu ihm. »Ich bin
hier fremd«, sagte der junge Mann, »und verstehe zum Teil die Gebräuche nicht,
welche ich heute gesehen habe; wollen Sie mir dieselben nicht erklären, Herr
Küster? Ist es eine Verpflichtung, dass die Bauern den Herrn Diakonus in
Naturalien unterhalten müssen?«
    »Verpflichtung in betreff der Hühner, Eier und Käse, nicht der Rollkuchen,
welche der gute Wille sind, jedoch auch jederzeit unverweigerlich abgestattet
werden«, erwiderte der Küster höchst ernstaft. »Zum Diakonat oder zur
Oberpfarre in der Stadt sind drei Bauerschaften als Filiale eingepfarrt, und ein
Teil der Pfarr- und Küstereieinkünfte bestehet in der Zinsgebühr, welche von den
einzelnen Hofesstellen alljährlich erfället. Diese nun, wie sie überall seit
undenklichen Zeiten feststeht, einzusammeln, halten wir per Jahr zwei Gänge,
oder Fahrten, nämlich die gegenwärtige Sommer- oder kleine Fahrt, und dann die
Winter- oder grosse Fahrt, kurz nach Advent. Bei der Sommerfahrt erfallen die
Zinshühner, die Zinseier und Zinskäse, an dem einen Hofe so viel, an dem andern
so viel; erstere Rubrik, nämlich die der Hühner, erfället jedoch nur pro
Diaconatu, Küsterei hat sich mit Eiern und Käsen zu begnügen. - Im Winter
erfallen die Kornzinsen an Gerste, Hafer und Roggen; da kommen wir mit zwei
Karren, weil eine die Säcke nicht zu fassen vermöglich wäre. So halten wir denn
zweimal per Jahr die Rundfahrt durch die drei Bauerschaften.«
    »Und wohin geht die Reise von hier?« fragte der Jäger.
    »Directe nach Hause«, versetzte der Küster, knöpfte seinen Oberrock los und
zog ein Federkissen hervor, welches er, ungeachtet der warmen Witterung zum
Schutze seines Magens aufgelegt hatte. Nunmehr aber, nach der starken Mahlzeit
mochte ihm dasselbe doch beschwerlich fallen. - »Gegenwärtige Bauerschaft ist
die letzte, und gegenwärtiger Oberhof der letzte Hof in selbiger, auf welchem
denn auch das herkömmliche Zinsessen vor sich geht«, sagte er.
    Der Jäger bemerkte, dass, wie es ihm vorgekommen, in der Mahlzeit, bei den
Begrüssungen, bei der Empfangnahme der Lebensmittel, ja sogar bei dem Waschen der
Teller und Schüsseln eine vorherbestimmte Ordnung geherrscht habe, worauf sich
der würdige Küster, wie folgt, weiter vernehmen liess: »Allerdings; in jeglichem
bei diesen Zinsfahrten ist eine Observanz und ein striktes Recht, von welchem
nicht abgewichen werden darf. Morgens um sechs Uhr rücken wir aus der Stadt aus,
der Herr Diakonus, ich, meine Frau und die Pastorsmagd. Vom Reimannskotten wird,
jedoch auf höfliches Suchen und Erbitten, die Karre gestellt, welche das liebe
Gut lädt, und der Kolonus geht mit und verlässt den Herrn Diakonus nun und
nimmer, setzt sich auch, wie Sie gesehen haben, einzig und allein mit ihm zu
Tisch. Den ersten Hühnerkorb nahmen wir aus der Stadt mit, da dieser aber bei
dem ersten Hofe schon voll wird, so leihet nunmehr letzterer einen neuen für den
zweiten, und so fort bis hieher. Der Kolonus füttert hier seine Pferde mit einem
Scheffel Hafer, der vom Balstrup erhoben und mitgenommen worden ist, und die
Magd, welche die Teller und Schüsseln vor den Augen des Herrn Diakonus wieder
rein waschen muss, erhält dafür ihre drei und einen halben Stüber, gleichfalls
heute zu diesem Zweck und Ende erfallen und empfangen auf dem kleinen Beek,
Bauerschaft Branstedde.«
    »Und die Sprüche, die Sie so laut und vernehmlich vortrugen, Herr Küster,
rühren diese auch von alters her?« fragte der Jäger.
    »Ja freilich«, versetzte der Küster. »Indessen«, fuhr er wohlgefällig fort,
»habe ich einiges, was darin an die finstern Zeiten erinnerte, weggelassen oder
verbessert, wie es sich für die Gegenwart schicken will. So lautet der Text in
der Danksagungsrede eigentlich zum Schluss:
Wenn ihr aber uns verkürzen wollen,
So soll euch alle der Teufel holen,
Und fehlt am Käs' ein einzig Lot,
So kriegt ihr gar die Schwerenot!
Diese unschicklichen Reime habe ich nach und nach eingehen lassen, indem ich
Jahr für Jahr einen nach dem andern bei mir behielt, oder so tat, als ob ich den
Husten dabei kriegte, und was dergleichen Anschläge mehr waren, denn mit den
Bauern muss man freilich bei allen Neuerungen langsam zu Werke gehen. Es hat doch
Widerspruch abgesetzt, und einige von den Dorfmicheln wollen durchaus diese
Grobheiten nicht fahren lassen, weil sie sagen, dass selbige einmal dazugehören.
Sie entrichten die Zinsgebühr nicht, wenn ich ihnen den Teufel und die
Schwerenot nicht anwünsche; der Hofschulze ist darin vernünftiger.«
    Der Küster wurde abgerufen, denn die Karre war angespannt, und der
Geistliche nahm von dem Hofschulzen und seiner Tochter, die jetzt ebenso
ehrerbietig und freundlich vor ihm standen, wie bei allen übrigen Verhandlungen
dieses Tages, mit herzlichen Händedrücken und Worten Abschied. Nun schwankte der
Zug einen andern Weg, als den er gekommen war, zwischen Kornfeldern und hohen
Wallhecken fort. Der Kolonus mit der Peitsche vor seinen Pferden, die Karre
langsam hinterdrein bewegt, auf ihr jetzt ausser den beiden Frauenspersonen der
Küster sitzend zwischen den Körben, und der Fürsorge wegen wieder das
Federkissen vor die Magengegend gestopft.
    Der Jäger hatte sich bei der Abfahrt bescheidentlich zurückgehalten, war
aber, als die Zinskarre sich eine Strecke weit entfernt hatte, mit raschen
Sprüngen nachgeeilt, und fand den Diakonus, welcher ebenfalls hinter seinem
eingesammelten Gute zurückgeblieben war, auf einem anmutigen Baumplatze schon
seiner harren. Hier, frei vom Zeremoniell des Oberhofes, umarmten sie einander,
und der Diakonus rief lachend: »Das hätten Sie wohl nicht gedacht, in Ihrem
ehemaligen Bekannten, der in jener grossen Stadt seinen jungen schwäbischen
Grafen so säuberlich auf dem schlüpfrigen Boden der Wissenschaft und des
eleganten Lebens umherführte, eine Figur wiederzufinden, welche Sie an Ehr'n
Lopez in dem Spanischen Pfarrer von Fletcher erinnern muss?«
    »Ihr Küster ist, wenn auch kein lustiger Diego, doch ein ganzer Mann«,
versetzte der Jäger. »Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der
Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt, und sich bei dem Empfangen, Verwahren
und Spruchsprechen mit solcher Würde und Klugheit benommen, dass ich ihn jedem
bevollmächtigten Minister, welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes
zu schlichten hat, als Muster empfehlen möchte.«
    »Ja«, sagte der Geistliche, »das ist heute sein Ehrentag, auf den er sich
schon sechs Wochen vorher freut. Überhaupt gibt es unter den Küstern noch viele
komische Figuren, welche sonst so sehr jetzt abnehmen. Das beständige Anhören
hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei, das
Läuten, das Ansagen der Geburten und Sterbfälle gibt ihrem Wesen einen
wundersamen Schwung, mit welchem nun wieder ihr glücklicher Appetit, oder besser
zu sagen, ihre masslose Fressgier seltsam kontrastiert. Denn da sie zu Hause nicht
viel zu beissen und zu brechen haben, so versorgen sie sich auf Kindtaufen,
Hochzeiten und Leichenschmäusen für ganze Wochen, und verschlingen die
ausserordentlichsten Portionen, aber immer mit einem Anstriche von Salbung, und
nicht selten die hellen Tränen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen. Der
meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter
der Feigheit; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen
nächtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen
erlebt.
    Doch lassen wir den Küster und seine Narrheiten. Was die Prozedur betrifft,
welcher Sie heute beiwohnten, so ist es unumgänglich notwendig, dass ich mich ihr
in Person unterziehe; mein ganzes Verhältnis zu den Leuten wäre gebrochen, wenn
ich zu ekel wäre, die alte Sitte mitzumachen. Mein Vorgänger im Amte, der nicht
aus hiesiger Gegend war, schämte sich der terminierenden Fahrten, und wollte
schlechterdings nichts damit zu tun haben. Was war die Folge davon? Er geriet in
die übelsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen, welche selbst auf den
Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einfluss hatten. Zuletzt musste er gar
um seine Versetzung einkommen und ich nahm mir gleich vor, als ich die Pfarre
erhielt, in allen Dingen mich nach Ortsgebrauch zu verhalten. Hiebei habe ich
mich denn bisher sehr wohl befunden, und weit gefehlt, dass der Schein der
Abhängigkeit, welchen mir diese Fahrten geben, meinem Ansehen schaden sollte; es
wird vielmehr dadurch erhöht und befestiget.«
    »Wie sollte es auch anders sein!« rief der Jäger. »Ich muss Ihnen gestehen,
dass bei dem ganzen Einhergange, ungeachtet alles Komischen, was Ihr Küster
darüber auszubreiten wusste, mich ein Gefühl der Rührung nicht verliess. Ich sah
in diesem Empfangen der einfachsten leiblichen Gaben einerseits, und in der
Ehrfurcht, womit sie anderseits dargeboten wurden, gewissermassen das frömmste,
schlichteste Bild der Kirche, welche zu ihrem Bestande des täglichen Brotes
nötig hat, und das Bild der Glaubigen, welche ihr das irdische Bedürfnis in der
demütigen Überzeugung, dass sie damit sich ein Höchstes und Ewiges erhalten,
darreichen, so dass weder auf der einen noch auf der andern Seite eine
Knechtschaft, vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten
Wechselbezuges entsteht.«
    »Es freut mich«, rief der Diakonus, und drückte dem Jäger die Hand, »dass Sie
die Sache so ansehen, über welche vielleicht ein anderer gespöttelt haben würde,
daher es mir, wie ich Ihnen nun gestehen darf, im ersten Augenblicke auch gar
nicht recht war, in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden.«
    »Gott bewahre mich, dass ich über etwas, was ich in diesem Lande gesehen,
spöttelte!« versetzte der Jäger. »Ich freue mich jetzt, dass mich ein toller
Streich zwischen diese Wälder und Felder geschleudert hat, denn sonst würde ich
die Gegend wohl nicht kennengelernt haben, da sie auswärts wenig in Ruf steht,
und in der Tat auch nichts Anziehendes für abgespannte und überreizte Touristen
haben kann. Aber mich hat hier die Empfindung stärker, als selbst in meiner
Heimat angefasst: Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein
unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im
Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich
möchte ich sagen, entgegen.«
    Es ergaben sich aus dieser Äusserung Reden zwischen dem Diakonus und dem
Jäger, welche beide führten, indem sie der Karre langsam folgten.
 
                                Zehntes Kapitel
                   Von dem Volke und von den höheren Ständen
»Das unsterbliche Volk!« rief der Diakonus. »Ja, dieser Ausdruck besagt das
Richtige. Ich versichere Ihnen, mir wird allemal gross zumute, wenn ich der
unabschwächbaren Erinnerungskraft, der nicht zu verwüstenden Gutmütigkeit und
des geburtenreichen Vermögens denke, wodurch unser Volk sich von jeher erhalten
und hergestellt hat. Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung, so meine
ich damit die besten unter den freien Bürgern und den ehrwürdigen, tätigen,
wissenden, arbeitsamen Mittelstand. Diese also meine ich, und niemand anders
vorderhand. Aus ihnen aber, und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der
Duft der aufgerissnen schwarzen Ackerscholle im Frühling an, und ich empfinde die
Hoffnung ewigen Keimens, Wachsens, Gedeihens aus dem dunkeln, segenbrütenden
Schosse. In ihm gebiert sich immer neu der wahre Ruhm, die Macht und die
Herrlichkeit der Nation, die es ja nur ist durch ihre Sitte, durch den Hort
ihres Gedankens und ihrer Kunst, und dann durch den sprungweise hervortretenden
Heldenmut, wenn die Dinge einmal wieder an den abschüssigen Rand des Verderbens
getrieben worden sind. Dieses Volk findet, wie ein Wunderkind, beständig Perlen
und Edelsteine, aber es achtet ihrer nicht, sondern verbleibt bei seiner
genügsamen Armut, dieses Volk ist ein Riese, welcher an dem seidenen Fädchen
eines guten Wortes sich leiten lässt, es ist tiefsinnig, unschuldig, treu,
tapfer, und hat alle diese Tugenden sich bewahrt unter Umständen, welche andere
Völker oberflächlich, frech, treulos, feige gemacht haben.
    Ich werde nicht, wie Levaillant die Tugenden der Hottentotten auf Kosten der
europäischen Zivilisation herausstrich, den Lobredner idyllischer Rustizität und
kleinbürgerlicher Enge machen, ich fühle sehr wohl, dass uns allen durch den
Umschwung der Zeiten die Neigung zu glänzenden, geschmackvollen Dingen, zu einer
Art von Aristokratie des Daseins mitangeboren ist, welche ausserhalb der
Mittelverhältnisse liegt, und von der wir uns, ohne an der Natürlichkeit unseres
Wesens Einbusse zu leiden, nicht losmachen können, aber ich muss doch folgendes
aus meiner eigenen Geschichte hier anführen. Ich war, da ich jenen jungen
Vornehmen zu führen hatte, während ich noch selbst der Führung gar sehr
bedürftig war, unter allen den geistreichen, eleganten, schillernden und
schimmernden Gestalten der Kreise, die mir durch mein damaliges Amt zugewiesen
waren, ebenso geistreich, halbiert, kritisch und ironisch geworden, wie viele;
genial in meinen Ansprüchen, wenn auch nicht in dem, was ich leistete,
unbefriedigt von irgend etwas Vorkommendem, und immer in eine blaue Weite
strebend; kurz ich war dem schlimmeren Teile meines Wesens zufolge, ein Neuer,
hatte Weltschmerz, wünschte eine andere Bibel, ein anderes Christentum, einen
andern Staat, eine andere Familie, und mich selbst anders mit Haut und Haar. Mit
einem Worte, ich war auf dem Wege zum Tollhaus, oder zur insipidesten
Philisterei; denn diese beiden Ziele liegen meistens vor den Füssen der modernen
Wanderer. Und da bin ich denn doch erst hier zwischen den wunderlichen aber
achtbaren Originalen meiner Mittelstadt und unter diesen ländlichen Wehrfestern
wieder zu mir selbst gekommen, habe Posto gefasst, den Schaum der Zeit von mir
weichen sehen und Mut bekommen, mir ein liebes häusliches Verhältnis zu gründen.
Denn in dem Volke sind die Grundbezüge der Menschheit noch wach, da ist das
richtige Verhältnis der Geschlechter noch fest ausgeprägt, da gilt das Geschwätz
noch nichts, sondern das Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der
Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe, da ist von den Vergnügungen das Vergnügen
noch nicht verbannt. Hören Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei
sonntäglichen Tänzen, bei Hochzeiten und Scheibenschiessen, und urteilen Sie, ob
der Spass so bald in der Welt aussterben wird, wie die grämlichen Jünglinge der
Gegenwart meinen? Es gibt Müssiggänger, schlechte Ehen und böse Weiber auch hier
in Stadt und Land, aber sie heissen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen
Namen. Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich, wie sie mir
einst ein Freund treffend nannte, aus denen in den sublimierten Kreisen der
Gesellschaft manches Perverse hervorgeht, und aus deren einer derselbe Freund
auch die blutige Tat der armen, schönen, bejammernswerten Frau ableitete, deren
Unglück darin bestand, einen mittelmässigen Dichter und grossen Selbstling
geheiratet zu haben, liegen dem Volke ganz fern. Das ganze potenzierte und
destillierte Genre, der Hermaphroditismus des Geistes und Gemütes, welchen die
Musse eines langen Friedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stock und Stamm der
Gemeinschaft immer fremd bleiben.
    In dieser ortopädischen Anstalt gerader und normaler Verhältnisse legten
sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht. Freilich muss man
in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Strömungen der Gegenwart
auf sich wachen, denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe, indessen noch
hange ich durch stille aber feste Fäden mit dem Weltganzen zusammen, nur mit dem
Unterschiede, dass sie sich jetzt bloss um die Gegenstände schlingen, zu denen
mich ein geistiges Bedürfnis hinweist, während ich mir früher manches geistige
Bedürfnis, wie es so manche unserer Zeitgenossen machen, einzubilden wusste.«
    Der Jäger ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem
Haupte neben ihm her. »Was ist Ihnen?« fragte sein Bekannter nach einer Pause.
    »Ach«, sagte jener, »Ihr Bild vom deutschen Volke ist wahr, und es macht
mich nur traurig, dass teilweise über dieser Grundfläche ein so wenig
entsprechender Gipfel steht. Dieses tüchtige Volk würde bei weitem mehr
ausrichten, es würde weit entschiedener Front machen, wenn in den höheren
Ständen eine gleiche Tüchtigkeit lebte! Schlimm, dass ich, ich selbst sagen muss:
Dem ist nicht so.«
    »Leider«, erwiderte der Diakonus, »sind unsre höheren Stände hinter dem
Volke zurückgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Dass es viele
höchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie
befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die
Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des
gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeiführte, getaucht. Statt
dass vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und
Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Grosse das Talent für ihren
natürlichen Feind, oder doch für lästig und unbequem, gewiss aber für
entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem
Adel, ein Buch zu lesen, noch immer für standeswidrig gilt, und er statt dessen
lärmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener Bürgerschen
Parforcejagd-Ballade. Das Aufallendste hiebei ist, dass selbst nach der
ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten, diese
noch nicht eingesehen haben, es sei mit dem leeren Scheine nunmehr für immer
vorbei, und der erste Stand müsse notwendig sich in sich selber gründlich fassen
und restaurieren. Es war seine erste Obliegenheit, dies zu begreifen, es war die
Lebensfrage für ihn, ob er sich mit dem Heiligtum deutscher Gesinnung und
Gesittung nunmehr inniglich verbünden, allem wahrhaftquellenden geistigen Leben
der Gegenwart Schirm und Schutz geben möchte, damit das Zauberbad dieses Lebens
seine altersstarren Glieder verjünge. Er hat seine Stellung und diese Frage
nicht verstanden, hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkräftigung
gesucht, und ist darüber obsolet geworden. Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand
anders als durch Ideen existiert. Auch den ersten haben Ideen geschaffen und
erhalten, anfänglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue, demnächst die der
besondern Ehre. Gegenwärtig ist durch die Errettung des Vaterlandes, welche von
allen Ständen ausging, die höchste Ehre ein Gemeingut geworden; weshalb denn die
oberen Stände das Protektorat des Geistes hätten übernehmen müssen, wenn sie
wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten.«
    »Ich habe«, sagte der Jäger kleinlaut, »in einer hohen und vornehmen
Familie, die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte, die
zwanzigjährigen Töchter auf gut schwäbisch mit der Iphigenie bekannt machen
müssen, welche sie noch nie gelesen hatten, weil die Eltern Goete für einen
jugendverführerischen Schriftsteller hielten.«
    »Und wer weiss, ob das Haupt dieser Familie, welche ich übrigens nicht kenne,
nicht eine von den Figuren ist oder sein wird, welcher man Bahnen der Kultur
anvertraut?« sagte der Diakonus. »Der unbefangene Beobachter hat in dieser
Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen. Nun müssen Sie
einräumen, dass ein französischer Marquis oder Duc, von dem eine gleiche Barbarei
gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete, in der Pariser Sozietät für
Lebenszeit verloren wäre.«
    »Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf«, sagte
der Jäger. »Wie kommt es nur, dass sich dort ganz natürlich gemacht hat, was bei
uns nie zustande kommen will, nämlich: ein beständiger Kontakt der Grossen mit
den Geistern und mit dem Geiste der Nation, eine zarte Achtung vor dem geistigen
Ruhme der Nation, und eine unbedingte Anerkennung der Literatur, als der
eigentlichen Habe der Nation?«
    »Die französische Nation, ihr Geist und ihre Literatur haben und sind
Esprit«, versetzte der Diakonus. »Der Esprit ist ein Fluidum, welches die Natur
unter den zu seiner Erzeugung günstigen Voraussetzungen an ganze Länder und
Völker austeilen kann. Es ist also dort in Frankreich eine natürliche Brücke von
dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen
geschlagen, letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen
Gleichartige. Wir haben keinen Esprit. Unsere Literatur ist ein Produkt der
Spekulation, der freiwaltenden Phantasie, der Vernunft, des mystischen Punkts im
Menschen. Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich
anzueignen sind eben nur wieder Geister, welche die Arbeit stählte, vermögend.
Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen. Die Vornehmen arbeiten
aber nicht gern, sie ziehen es bekanntlich vor, zu ernten, wo sie nicht gesäet
haben. Deshalb ist es wieder natürlich - wenn auch das Verwerfungsurteil über
die Barbarei des ersten Standes bei Kräften stehenbleibt - dass er locker mit
deutschem Geiste zusammenhängt; zu einem näheren Bündnisse hätte er sich über
Gebühr anstrengen müssen.«
    
    »Zu leugnen ist doch auch nicht, dass gerade durch die Absonderung des
deutschen Geistes von dem Atem der hohen Sozietät ihm manche Tugenden erhalten
worden sind«, sagte der Jäger; »seine Frische, seine eigensinnige herbe
Jungfräulichkeit, sein rücksichtsloses Um- und Vorgreifen. Denn jede Erfindung
der schaffenden Seele, welche vor Augen haben muss, mit gewissen Forderungen der
Gesellschaft zusammenzutreffen, wird notwendigerweise mechanisiert. Unsere
Wissenschaft, unsere Philosophie, unsere Literatur sind Töchter Gottes und der
Natur; mit welchen andern möchten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen?«
    Hier wurden diese Gespräche von einem heftigen Schreien, ja Brüllen
unterbrochen, welches sich an der Zinskarre erhob. Hinzueilend sahen sie den
Küster in entsetzter Stellung, die Arme wie Wegweiser ausgebreitet, das Gesicht
braun und weiss gesprenkelt, den Mund wie Laokoon aufgesperrt. Um ihn her standen
die Frauenspersonen und der Kolonus, der seine Karre zum Stehen gebracht hatte.
Die Küsterin klopfte dem Küster den Rücken, die Magd hatte ihm den Rock halb
aufgeknöpft, aus welchem das Federkissen gefährlich hervorhing. Der Diakonus
forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd (denn der
Küster war noch immer sprachlos), dass der Küster von der Karre abgestiegen sei,
um, wie er gesagt, der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen, da sei ein grosser
schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer über den Weg hinübergeschossen, der
Küster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrüll erhoben, so dass beinahe die
Pferde scheu geworden seien.
    In diesem Augenblicke gab die Küsterin ihrem Manne, bei dem das Klopfen
nicht verfangen wollte, mit den Worten: »Wenn alles bei der Maulsperre vergebens
ist, so hilft das!« aus Leibeskräften eine Ohrfeige. Alsobald flogen die
Kinnbacken des entsetzten Mannes zusammen wie Torflügel, er wischte sich die
Tränen aus den Augen und sagte zu seiner Frau: »Ich danke dir, Gertrud, für
diese Backpfeife, durch welche du mich von schweren Leiden kuriert hast.« Und
zum Diakonus sich wendend: »Ja, Herr Diakonus, ein wütender, ein toller Hund!
Schweif eingeklemmt, rote und dabei triefende Augen, Schaum vor der Schnauze,
blaue Zunge, heraushängend, taumelnder Gang, kurz alle Kennzeichen der
wasserscheuen Wut!«
    »Um Gottes willen, wo hat er Euch gebissen?« rief der Diakonus erblassend.
    »Nirgend, mein Herr Diakonus«, versetzte der Küster feierlich, »nirgend; dem
Allmächtigen sei Dank dafür. Aber wie leichtlich hätte er mich beissen können.
Ich habe das Ungeheuer, wie andere einen grimmen Wolf durch Geigenspiel in die
Flucht schlugen, durch den Ton meiner Stimme, die mir Gott gegeben, verscheuchet
und verjaget, als es eben im Anspringen auf mich begriffen war. Er stutzete und
schwang sich seitswärts die Wallhecke hinauf. Mir aber blieben von der
übermenschlichen Anstrengung jenes heilsamen Angstrufes die Kinnbacken in der
Maulsperre verfangen und verfestiget, bis meine gute Ehefrau, wie Sie gesehen,
mir die wirksame Backpfeife verordnete. Das ist ein Zinstag, an welchen ich
gedenken werde!«
    Der Diakonus und der Jäger hatten Mühe, ein Lachen zu verbeissen. Die Magd
sagte, sie glaube nicht, dass der Hund toll gewesen sei, er möge wohl nur seinen
Herrn verloren gehabt haben, in welchem Falle die Kreaturen sich immer sehr
ungebärdig anstellten. Wirklich sah man den Hund in einiger Entfernung auf einem
Feldwege ruhig und schweifwedelnd hinter einem Packenträger hergehen. Der
Küster, dem diese Bemerkung mitgeteilt wurde, liess sich nicht aus der Fassung
bringen, sondern sprach ernstaft: »Wie leichtlich hätte der Hund toll sein
können!«
    Der Diakonus liess ihn und sein Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzen und
trennte sich an dieser Stelle von dem Jäger, da, wie er sagte, ihr Gespräch doch
gestört sei, und der Kolonus es ihm verdenken werde, wenn er dessen Gesellschaft
auf dem ganzen Heimwege meide. Bei dem Abschiede musste der junge Schwabe seinem
Bekannten das Versprechen geben, ihn auf einige Tage in der Stadt zu besuchen.
Darauf gingen sie nach verschiedenen Richtungen auseinander.
 
                                Eilftes Kapitel
       Die fremde Blume und das schöne Mädchen. Die Gelehrte Gesellschaft
Die Sonne stand noch hoch am Himmel, und dem Jäger war es nicht gelegen, so früh
in den Oberhof zurückzukehren. Er trat auf eine der höchsten Wallhecken, sah
sich in der Gegend um und meinte, dass er eine Hügelgruppe, welche in geringer
Entfernung ihre buschichten Häupter erhob, wohl noch durchstreifen und doch vor
spät abends wieder in seinem Quartiere sein könne. Das Wiederfinden des Diakonus
und sein Gespräch hatte manche Erinnerungen der früheren Zeiten in ihm
aufgeweckt; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden, die
er noch nicht betreten, nach Bergen und Bäumen, an deren Anblick er sich noch
nicht gewöhnt hatte. Tief, tief seine heisse Seele in das kühle Waldesdunkel, in
den feuchten Dunst bemooster Felsen, in den begeisteten Schaum springender
Quellen zu tauchen, danach lechzte er; danach schmachtete er aus der brütenden
Wärme der Kornfelder.
    Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht; ihre erste
Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes, in welcher die
Jugend ihre ersten überschwellenden Kräfte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen.
Jener, älter, und wie erwähnt worden, schon Führer eines jungen vornehmen
Schweden, hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu
den Studenten gehalten, und manche Stunde der Mitternacht war dem Jäger mit ihm
in eifrigem Kämpfen und Ringen vergangen. - »Ja«, rief er, indem er immer fürbass
den Hügeln zuschritt, »du, mein deutsches Vaterland, bleibst doch der ewig
geweihte Herd, die Geburtsstätte des heiligen Feuers! Überall, auf jedem
Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert, und der Deutsche
ist ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerwege, wo er auch nur die
Nacht über gerastet hat.« - Er gedachte der Reden seines Bekannten und der
Situation, in welcher sie vorgefallen waren. - »Das wird auch anderwärts nicht
vorkommen, dass ein armer Pastor, hinter seiner Hühnerkarre herschreitend, sich
an der unsterblichen Idee der Nation begeistert«, sagte er. »Lächerlich und
erhaben! Lächerlich, weil das Erhabene auch durch das Ärmlichste und Kleinste
bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht! Wie reich
bist du, mein Vaterland!«
    Sein Fuss betrat frisches, feuchtes Wiesengrün, besäumt von Büschen, unter
denen ein klares Wasser rann. Dieser vollen, gesunden, jungen Seele taten noch
symbolische Handlungen not, sich und ihrem Drange zu genügen. In kurzer
Entfernung zeigten sich kleine Felsen, über die ein schmales, schlüpfriges
Pfädchen lief. Er ging hinüber, klomm zwischen den Klippen nieder, streifte den
Ärmel auf, ritzte das Fleisch seines Armes und liess das Blut in das Wasser
rinnen, indem er ein stilles, frommes Gelübde ohne Worte sprach. Er legte den
Arm in das Wasser, die Flut kühlte ihm mit anmutigem Schauder das heisse Blut ab.
So, halb knieend, halb sitzend an dem feuchten, dunkeln, umklippten Orte blickte
er seitwärts in das Offene; da wurden seine Augen von einer prachtvollen
Erscheinung gefangengenommen. Zwischen den Gräsern waren alte Baumtrümme
verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grün. Einer derselben
war ganz ausgehöhlt, in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde
niedergeschlagen, und aus dieser und aus dem Trumm, wie aus einem Krater, blühte
die herrlichste Blume empor. Über dem Kranze sanfter runder Blätter erwuchs ein
schlanker Stengel, der grosse Kelche von unnennbar schöner Röte trug. Tief in den
Kelchen stand ein geflammtes zartes Weiss, welches in leichten grünen Äderchen
nach dem Rande zu auslief. Es war offenbar keine hiesige, es war eine fremde
Blume, deren Samenkorn, wer weiss, welcher? Zufall in den durch die
Verwesungskräfte der Natur bereiteten Gartenboden getragen, und eine günstige
Sommersonne auch hier zum Wachsen und Blühen gebracht hatte.
    Der Jäger erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke, der ihn
belohnte, als er das Gelübde getan hatte, mit Leib und Seele dem Vaterlande
angehören und zeitlebens keine Götter haben zu wollen, als die heimischen.
Trunken von der Magie der Natur lehnte er sich zurück und schloss in süssen
Träumereien die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte sich die Szene
verändert.
    Ein schönes Mädchen in einfachem Gewande, den Strohhut über den Arm gehängt,
kniete vor der Blume, hielt deren Stengel zärtlich, wie den Hals des Geliebten
umschlungen, und blickte, die holdeste Freude der Überraschung in den Augen,
tief in einen der roten Kelche. Sie musste, während der Jäger zurückgebeugt lag,
leise herbeigekommen sein. Ihn sah sie nicht; die Klippen verdeckten ihn, und er
hütete sich wohl, eine Bewegung zu machen, welche ihm die Erscheinung
verscheuchen konnte. Aber, als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche
emporschaute, fiel ihr Blick seitwärts in das Wasser, und sie gewahrte den
Schatten eines Mannes. Nun sah er sie sich verfärben, die Blume aus ihren Händen
entlassen, übrigens aber regungslos auf den Knieen bleiben. Er erhob sich mit
halbem Leibe zwischen den Klippen, und vier junge, unschuldige Augen trafen
einander mit feurigen Strahlen. Nur einen Augenblick! denn alsobald stand das
Mädchen, Glut im Antlitz, auf, warf den Strohhut über das Haupt und war mit drei
raschen Schritten hinter den Büschen verschwunden.
    Er kam nun auch aus den Klippen hervor und streckte den blutigen Arm nach
den Büschen aus. War der Geist der Blume lebendig geworden? Er sah diese wieder
an, sie wollte ihm nicht mehr so schön bedünken, wie wenige Augenblicke zuvor.
»Eine Amaryllis«, sagte er kalt, »ich erkenne sie jetzt, ich habe sie im
Gewächshause.« Sollte er dem Mädchen nachfolgen? Er wollte es, eine geheime
Scheu fesselte aber seinen Fuss. Er fasste an seine Stirne; geträumt hatte er
nicht, das wusste er, »und das Ereignis«, rief er endlich mit einer Art von
Anstrengung, »ist auch so absonderlich nicht, dass es geträumt werden müsste! Ein
hübsches Mädchen, die des Weges daherkommt und sich auch an einer hübschen Blume
erfreut, das ist das Ganze!«
    Er strich zwischen unbekannten Bergen, Tälern, Geländen umher, solange ihn
die Füsse tragen wollten. Endlich musste er an den Rückweg denken. Spät, im
Dunkeln, und nur mit Hülfe eines zufällig gefundenen Führers erreichte er den
Oberhof.
    In diesem brummten die Kühe, der Hofschulze sass auf dem Flure mit Tochter,
Knechten und Mägden zu Tische und wollte moralische Gespräche beginnen. Aber dem
Jäger war es unmöglich, darauf einzugehen, es kam ihm alles verwandelt, roh und
ungefüge vor. Er suchte rasch seine Stube, nicht wissend, wie er noch länger in
das Ungewisse hin hier werde verweilen können. Ein Brief, den er oben von seinem
Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand, vermehrte noch sein Missbehagen.
    In dieser Stimmung, welche einen Teil der Nacht dem Schlummer raubte und die
sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte, war es ihm sehr
erwünscht, dass ihm der Diakonus ein kleines Wägelchen schickte, ihn nach der
Stadt abzuholen.
    Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, dass der Ort,
einst ein mächtiges Glied im Bunde der Hansa, seine grosse, wehrhafte Zeit gehabt
habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und
Küchengärten verwendet. - Sein Fuhrwerk bewegte sich, nachdem das dunkle,
gotische Tor durchfahren war, etwas mühsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster
und hielt endlich vor einer freundlichen Wohnung, an deren Schwelle ihn schon
der Diakonus empfing. Er trat in einen heitern, behaglichen Haushalt ein, belebt
von einer munteren, hübschen Frau, und einem Paar lebhafter Knaben, die sie
ihrem Eheherren geboren hatte.
    Nach dem Frühstück machten sie einen Gang durch die Stadt. Die Strassen waren
ziemlich menschenleer. Zwischen alten Schwibbögen, Türmchen, Kragsteinen,
Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen, Baumplätze,
Grasflecke. Um ein altes Gebäude, mit vier zierlichen Spitzsäulen an den Ecken
und einer Kränzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges
Wässerchen; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks
eingenistet. Ringsumher die tiefste Einsamkeit. »Ist es nicht, als ob man den
Geist der Geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht?« sagte der Jäger an
dieser oder einer anderen ihr ähnlichen Stelle. »Ja«, versetzte der Diakonus,
»man wird hier, wie von selbst, zum Altertume hingeführt, und eine erinnernde
Stimmung bemächtigt sich der Seele. Dazu kommt, dass auch ein Teil der
Bevölkerung aus menschlichen Ruinen besteht.«
    »Wieso?« fragte der Jäger.
    »Weil es hier sehr wohlfeil leben ist, ferner wegen der Stille des Orts und
vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter ähnlichen Physiognomie
ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschäft zurück, ihre
letzten Tage unter diesem verwitternden Gemäuer zuzubringen«, sagte der
Diakonus. »Greiser Beamten und Offiziere, welche hier ihre Pensionen verzehren,
betagter Rentner, welche das Comptoir jüngeren Händen überlassen haben, gibt es
hier eine Menge. Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte
Tröpfe sind, so stösst man doch auch auf manchen, der sich umgetan hat, einen
reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und von dem man Dinge zu hören bekommt, die
nicht so allgemein bekannt sind. So erzählen gewissermassen die steinernen
Trümmer Geschichte und die Menschentrümmer, welche darunter umherwanken,
Memoiren. Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen, einen alten
Hauptmann; nur bitte ich Sie, widersprechen Sie ihm in nichts, denn Widerspruch
kann er nicht ertragen.«
    Er klingelte an der Türe eines ziemlich gut aussehenden Hauses, welches
hinter Kastanien beschattet lag, ein Diener öffnete und führte mit steifer
militärischer Haltung den Besuch in ein Zimmer, welches von Sauberkeit glänzte.
Dann ging er den Herrn zu rufen, welcher, wie er sagte, die Hühner füttere. Der
Diakonus blickte sich flüchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jäger: »Der
Hauptmann ist heute französisch, also um Gottes willen keine patriotische
deutsche Aufwallung, er mag vorbringen, was er will!« Der Jäger hatte sich
gleichfalls im Zimmer umgesehen. Alles atmete darin das Andenken an die Taten
des Empire. Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke, die Arme
gekreuzt, auf dem Schreibschranke, ausserdem war er mehrmals in Büsten und
Medaillons vorhanden. Da hing Murat in dem bekannten Teaterkostüme zu Ross,
Eugen, Nei, Rapp. Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu
Jaffa, der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den
Garden zu Fontainebleau. Viele, diesen gemässe Darstellungen reihten sich ihnen
an. In einer Ecke des Zimmers sah der Jäger ein Bücherbrett mit den Werken von
Ségur, Gourgaud, Fain, Las Cases und andern, welche zu dieser Autorenreihe
gehörten.
    Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und
wollte ihn eben um nähere Erläuterung bitten, als der Hauptmann das Zimmer
betrat. Es war ein ältlicher Herr in blauem Oberrock, das rote Band im
Knopfloch. Durch das hagere Gesicht zogen sich unzählige Runzeln und auch einige
Schmarren. Er begrüsste seine Gäste mit trockener Höflichkeit, lud sie zum Sitzen
und liess sich den Namen des Jägers nennen, den der Diakonus ohne Arg aussprach,
ehe sein Träger es verhindern konnte. »Ich habe«, sagte der Hauptmann, indem er
nachsann, »einen dieses Namens bei den Württembergern in Russland gekannt. Der
Zufall führte uns mehrmals zusammen, bei Smolensk gerieten wir beide in
Gefangenschaft, halfen uns aber bald wieder heraus.«
    »Das war mein Oheim«, erwiderte der Jäger. - Diese Entdeckung gab ihm
sogleich einen näheren Bezug zu dem Hauptmann, dessen ganzes Gesicht sich
erheiterte. Er drückte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und liess sich
nun in seinen Kriegserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen.
Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten, sozusagen, hinter einem
Schlagbaume, über den sie nicht hinwegsprangen. Am Schlusse seiner Erzählungen
sagte er: »Es ist um einen grossen Mann eine eigene Sache, und die Menschheit
schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor, mag das Unglück diesen noch so hoch
über ihm aufgetürmt haben. Was haben alle die Siege, die zweimal nach Paris
führten, den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen? Nichts. Es sind
Tatsachen geblieben, die alle Welt kalt anhört und weitererzählt, aber der
Kaiser, der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage. Er hat die Menschen
gequält, und dennoch vergöttern sie ihn, ei, ein wenig Qual ist dem
Menschengeschlechte nützer als allzu schlaffes Wohlleben! Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: An den gusseisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendächern
werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Engländern
aufschliessen, aber nur an der Vendômesäule werden jeden fünften Mai frische
Immortellen liegen.«
    Der Diakonus erhob sich; der Hauptmann fragte, ob er den Fremden nicht noch
anderweit zu sehen bekomme, was der Diakonus bejahte, da, wie er hinzufügte,
sein junger Freund ihm das Vergnügen machen werde, an der Gelehrten Gesellschaft
teilzunehmen. »In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie, liebster Hauptmann«,
sagte er. - »Ich werde euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen
Beitrag liefern, welcher euch zeigen soll, welche Jüngelchen den grossen Kaiser
geschlagen haben wollen«, versetzte der Hauptmann ironisch.
    »Das ist ja ein wütender Bonapartist«, sagte der Jäger draussen zum Diakonus.
»Tageweise«, versetzte dieser. »Johann, können Sie uns nicht das preussische
Zimmer zeigen?« mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener. Der
Mensch sah sich ängstlich um, nach einigem Schweigen antwortete er: »Der Herr
wird wohl gleich ausgehen; treten Sie nur sacht hinein, ich will hier auf Posten
bleiben.« - Der Diakonus ging mit seinem Gaste über den Flur nach der andern
Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf, vor dessen Fenstern Weinranken
einen grünen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf
blühende Gartenbeete hatte. Das erste, was dem Jäger auffiel, weil es der Türe
gerade gegenüberstand, war ein Tropäon auf hohem Postamente, zusammengefügt aus
Kanonen, Waffen, Fahnen, Kriegesgerät. An dem Postamente glänzten in goldenen
Ziffern die Jahreszahlen 1813, 1814, 1815 und über dem Tropäon an der Wand
prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der
Befreiungsschlachten auf weissem Grunde. Die Wände dieses Zimmers waren von den
Büsten der verbündeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmückt. Da sah man den
Abschied der Freiwilligen, Blücher und Gneisenau in ihren Regenmänteln nach der
Schlacht an der Katzbach über die Heide reitend, den Einzug in Paris, die Plane
von Leipzig und Belle-Alliance. Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem
französischen Zimmer zu vollenden, so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von
Kriegsbüchern nicht, von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben.
    »Nun sagen Sie mir, was bedeutet das?« fragte der Jäger, welcher die
Gegenstände umher mit Verwunderung betrachtete. »Ist Ihr Hauptmann ein
Amphibium?« - »Ein Stück davon«, erwiderte der Diakonus. »Ich höre eben die Türe
klinken, er hat das Haus verlassen, ich kann Ihnen mit Musse die Kontraste
auslegen, über welche Sie erstaunen.«
    Er nötigte seinen Gast auf ein Canapé, dann fuhr er so fort: »Unser
Hauptmann ist ein rechtwinklichter, schroffer und unvermischter Charakter.
Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei matematische Figuren
auseinandergelegt. Er diente bei den Franzosen mit grosser Auszeichnung; Sie
haben gesehen, dass ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist.
Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps aufgelöst, er war als Deutscher
sich selbst und den vaterländischen Verhältnissen zurückgegeben. Indem nun das
Kriegsgetümmel weiter raste, und alle Welt gen Frankreich zog, wäre es
unnatürlich gewesen, wenn der alte Degen hätte zurückbleiben sollen; er nahm
daher preussische Dienste, und kämpfte mit so vielen andern Tausenden nun auf
derselben Seite, welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt
hatte. Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt, namentlich soll er
späterhin in den mörderischen niederländischen Schlachten wie ein Löwe
gestritten haben. Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das Eiserne, jenem so
feindlich gewordene.
    Nach dem Frieden blieb er nur noch kurze Zeit im Heere; seine Strapazen und
Wunden hatten ihn mürbe gemacht. Hieher zog er sich mit seiner Pension zurück,
welche ihm ein anständiges Auskommen gewährte. Indem nun jedermann um ihn her in
den wiedererworbenen westlichen Teilen des Vaterlandes sich mit seinen Gefühlen
einzurichten wusste, die Sympatien des gestürzten Reichs und der neuen
Deutschheit amalgamierte, oder wenigstens zusammenschweisste und lötete, wollte
es unserem armen störrigen Hauptmann nicht so wohl gelingen. Den Degen in der
Faust hatte er ohne Reflexion darauf losgeschlagen, für oder wider; aber in der
Musse und im Nachdenken des Friedens überfiel ihn eine Spaltung und Verwirrung,
welche ihn fast toll machte. Er konnte es nicht in sich beherbergen, dass er
binnen Jahresfrist ein tapferer Franzose und ein tapferer Preusse gewesen sein
sollte, dass er bis zum Oktober la perfidie du cabinet de Berlin habe züchtigen
und nach dem Oktober das Vaterland retten helfen. Mit seltsamen Blicken
betrachtete er die beiden Orden, die streitbaren Löwen, welche wie friedliche
Lämmer nebeneinander auf seiner Brust ruhten. Er stiess Reden aus und verübte
Handlungen, die seinen Bekannten bange um ihn machten.
    Ich weiss von diesen Dingen nur durch andere, denn ich war damals noch nicht
hier. Möglich, dass der Zustand durch die Nachwirkung seiner Kopfwunden und des
russischen Eises befördert worden ist, doch bin ich überzeugt, dass die Ursache
desselben im Geistigen, in dem Leisten- und Fachartigen seines ehrenwerten
Sinnes gelegen hat. Endlich nahm sich ein Fieber seiner an, machte ihm Leib und
Seele frei. Unmittelbar nach der Herstellung richtete er die sonderbare
Lebensweise sich ein, deren Zeichen und Spuren Ihnen aufgefallen sind, und in
dieser habe auch ich ihn erst kennengelernt.
    Er stiftete nämlich militärische Ordnung in seinen Erinnerungen und teilte
sie, sozusagen, in zwei abgesonderte Corps ein, die für sich agieren. Eine
Zeitlang ist er Franzose und ganz versenkt in die Herrlichkeit der
Napoleonischen Zeit, dann wird er wieder eine Zeitlang ebenso entschiedener
Preusse und Lobredner des Aufschwungs jener grossen Epoche der Volksbewegung.
Diese Phasen treten abwechselnd ein, je nachdem ihn eine Vorstellung, die dem
einen oder andern Kreise angehört, in Beschlag nimmt, und sie dauern so lange,
bis der Stoff der Vorstellung sich abgesponnen hat. Es versteht sich, dass er
auch immer nur einen Orden, entweder den preussischen, oder den französischen
trägt. Diesem Turnus gemäss hat er denn auch die beiden abgesonderten Wohngelasse
sich ausgerüstet, und neben jedem ein besonderes Schlafgemach. Drüben unter den
Marschällen bringt er zu, wenn er Franzose ist, und hier bei dem Tropäon
verweilt er, wenn er die preussischen Tage hat. Nicht wahr, wir besitzen
hierzulande gute Originale?«
    »In der Tat«, versetzte der Jäger, »man fühlt sich bei Ihnen wie in der Welt
des Tristram Shandy. Übrigens kann ich nicht sagen, dass mir die Manier des guten
Hauptmanns, so barock sie auch aussieht, gerade unvernünftig vorkäme. Mancher
Deutsche, welcher eine geraume Zeit lang selbst nicht gewusst hat, was er
eigentlich war, Franzose oder Deutscher, würde durch sie seinen Charakter reiner
und einfacher erhalten haben. - Wie das Gemüt ihm unbewusst einen Streich
spielte! Zu dem vaterländischen Zimmer erwählte er das bestgelegene mit grüner
lieblicher Aussicht, während das französische unerquicklich an der kahlen, öden
Strasse liegt.«
    »In einem Punkte ist der Hauptmann höchst achtbar«, sagte der Diakonus, »in
dem, dass, wenn auch seine Phantasie tage- und wochenweise an den fremden
Erinnerungen haftet, dennoch nie der leiseste Wunsch nach der Zeit des
allgemeinen Elends in ihm aufkeimt. Für unsere Gelehrte Gesellschaft ist er vom
grössten Nutzen, denn er besitzt einen wahren Schatz an einem Hefte persönlicher
Denkwürdigkeiten eines verstorbenen, ihm innigst verbunden gewesenen Freundes,
eines Offiziers.
    Man lernt aus denselben das Kleinleben des Krieges kennen, was die
eigentlichen Geschichtsbücher, Schlachtbeschreibungen und militärischen Berichte
gar nicht entalten, und weil ein Mensch von hinreissendem Gefühl und treuer
Beobachtungsgabe jene unbefangenen Notizen aufgeschrieben hat, so ist mir nicht
selten bei einzelnen Partien zumute geworden, als rolle sich vor mir eine neue
Ilias und Odyssee ab. Wenigstens leidet und handelt darin der Einzelne trotz des
passiven Gehorsams und der mechanischen Kriegsführung unserer Tage, wie ein
homerischer Held. Von diesen Denkwürdigkeiten liest nun zuweilen der Hauptmann
in unserer Gesellschaft Abschnitte vor.«
    Der Jäger erkundigte sich nach der Gelehrten Gesellschaft, deren Dasein er
in dieser Stadt nicht vermutet hatte, und der Diakonus erzählte ihm, indem er
ihn aus dem Hause des Hauptmanns weiter durch die Stadt führte, lächelnd und
heiter von ihrer eigentümlichen Gestalt, ihren Gesetzen und ihren produktivsten
Mitgliedern, unter denen ausser einem Dichter ein Sammler und ein Reisender von
Profession vorkamen. Er sagte ihm, dass er ihm schon deshalb heute den Wagen
geschickt habe, damit er einer Sitzung beiwohnen könne, die auf den Abend
bestimmt worden sei und ihm vielleicht einige angenehme Stunden bereite.
    Unter diesen Gesprächen waren sie zu einem geräumigen Wiesenplatze gekommen,
welcher aber gleichwohl noch innerhalb der Ringmauern der Stadt lag. Auf
demselben erhob sich eine alte gotische Kirche, grün wie die Wiese. Der Jäger
konnte an ihrem Anblicke sein Auge nicht ersättigen. Teils war schon die Farbe
des Sandsteins, wie sie bezeichnet worden, äusserst eigen; teils aber hatte die
Natur auch ihr willkürlichstes Spiel mit dem lockeren und mürben Material
getrieben, und in dem reichen Pfeiler- und Schnitzwerk, an den Kanten und Ecken
durch Regenschlag und Nässe ganz neue Figurationen hervorgebracht, so dass das
Gebäude wenigstens stellenweise aussah, als sei es nicht aus des Menschen,
sondern aus ihrer Hand hervorgegangen. - »Wie sonderbare Symbole werden oft um
uns her gestellt!« rief der Jäger. »Hier steht die Kirche, an welcher,
mindestens an deren Ornamenten sich nicht unterscheiden lässt, was davon der
Baumeister gewollt, und was Zeit und Wetter hinzugefügt haben, und gestern
erschien mir an einer Blume im Walde ein schönes Mädchen.«
    Der Diakonus fragte näher nach, und der Jäger erzählte ihm mit glänzenden
Augen und bewegter Stimme sein Waldabenteuer. »Nach Ihrer Beschreibung zu
urteilen, sind Sie mit der blonden Lisbet zusammengetroffen«, sagte jener. »Das
liebe Kind streift im Lande umher, ihrem alten faselnden Pflegevater Geld zu
verschaffen; sie war auch bei mir vor einigen Tagen, wollte sich aber nicht
verweilen. Wenn sie es war, so hat Ihnen die Natur wirklich ein Symbol gezeigt,
denn auch das Mädchen ist in Moder und Verfall aufgeblüht, wie Ihre Wunderblume
aus dem alten Baumtrumm. Über ihr halten schirmende Geister die Hände, sie ist
das liebenswürdigste Aschenbrödel und ich wünsche ihr nur den Prinzen, der sich
in ihren kleinen Schuh verliebt.«
    Auf dem Rückwege sollten der Sammler und der Reisende besucht werden, beide
waren aber nicht zu Hause. In der Wohnung des Diakonus hatten sich dagegen bei
der Frau mehrere Freundinnen eingefunden, anscheinend zufällig, eigentlich
jedoch wohl in der Absicht, den jungen hübschen Fremden in Augenschein zu
nehmen. Sein munteres trauliches Wesen brachte ihn bald mit allen den
Frauenzimmern, unter denen keine einzige Hässliche war, in naive Berührung, und
es schadete ihm bei ihnen nicht, dass sie hin und wieder über seine Zischlaute
heimlich lächeln mussten.
    Er hatte sich bei Tische seiner Verschwiegenheit gerühmt. Als man
aufgestanden war, zog ihn die Wirtin rasch beiseite und flüsterte ihm zu: »Sagen
Sie den beiden« - sie zeigte auf zwei ihrer Freundinnen, welche zum Essen
geblieben waren - »nichts vom heutigen Abende, es soll daraus eine Überraschung
für sie gesponnen werden.« - »Sie meinen«, versetzte er, »die Gelehrte
Gesellschaft des heutigen Abends.« - »Dieselbe«, erwiderte die Frau schalkhaft,
»und verschweigen Sie, wenn Sie sich auch sonst verschnappen sollten, wenigstens
den Ort der Zusammenkunft, wie heisst er doch nur gleich?«
    Er nannte ihr harmlos den Ort, den er zufällig auch bereits vom Diakonus
erfahren hatte. »Richtig!« rief die Frau, eilte zu ihren Freundinnen, und alle
drei verliessen flüsternd und lachend das Zimmer.
 
                                Zwölftes Kapitel
                               Brief und Antwort
                       Der Oberamtmann Ernst an den Jäger
Wenn Du mich Mentor nennst, so steckt Pallas Atene in mir, und wenn ich dann
trotz meiner Göttlichkeit immer noch an dem unfolgsamen Telemach hange, so muss
wohl das unerbittliche Schicksal daran schuld sein, dem Götter und Menschen sich
beugen.
    Sage mir, was bist Du? Wo fängt bei Dir die Vernunft an, und wo hört die
Torheit auf - Mischwesen? Willst Du ewig ein Kind bleiben? Kommt es denn immer
in Dir nur zu Blüten und setzen sich nie Früchte ab? Ich dächte, man würde alles
müde, absonderlich dummer Streiche, und Du hättest den Reiz der Neuheit in
dieser Materie allgemach überwunden.
    Allerdings glaube ich, dass der Mensch von dunkeln Instinkten manches zu
erdulden hat, und insonderheit mag Deinem Blute durch die schwärmende und
übertriebene Zärtlichkeit Deiner Eltern, welcher Du Deine Entstehung verdankst,
der Kitzel eingeimpft worden sein, von Abenteuern zu Abenteuern fortzustrudeln.
Wenn Du aber meinst, dass aus solchen instinktelierenden Anstössen irgend etwas
Grosses, ja dass nur etwas Gutes und Gescheites daraus hervorgehen könne, so bist
Du gewaltig im Irrtum, ich habe immer die Handlungen der Menschen erst anfangen
sehen, wo diese Region dämmriger Willkürlichkeiten hinter ihren Füssen lag. Von
der Geschichte Deines Ludwigsburger Granatensuchers hast Du das Ende vergessen.
Der Mensch gewöhnte sich nach dem kleinen Glücke, welches ihm sein Raptus
gebracht, das Trinken an, ging oder taumelte einmal bei später Abendzeit in der
Gegend umher und fiel in den Neckar, aus dem man am andern Morgen seine Leiche
zog. Ihr Ritter der Nachtseite der Natur greift aber immer aus den Tatsachen nur
das heraus, was in euren Kram passt, und woran ihr kapuzinerhaft euren Spruch
demonstrieren könnt.
    Dein Umherschweifen hat Dir manche schöne Stunde und viele tausend Gulden
unnütz geraubt, mit Deinem verwünschten Schiessen wirst Du einmal übel ankommen;
was Deine Verehrung der Frauenzimmer betrifft, so ist diese Andacht für mich
eine neue Bekanntschaft, ich hatte bis jetzt in der Hinsicht nichts
Absonderliches an Dir verspüren können. - Beinahe krank bin ich aber von Deinem
Briefe geworden, denn es gibt nichts Verhängnisvolleres, als wenn ein Mensch in
Deinen Jahren und Verhältnissen noch Streiche macht, die man kaum einem
heimatlosen Studenten verzeiht. Die Leute glauben nicht an die Torheit, sie
suchen und finden in solchen Eulenspiegeleien Gründe und Absichten. Was die
Deinige zur Folge gehabt hat, will ich Dir kurz und praktisch vorhalten. Man
steht bei Deinem einmal hingeworfenen Worte fest, Du seist schon im Auslande
versprochen, man setzt Deine Reise mit diesem Geschwätz in Verbindung, sagt, Du
habest nur einen Vorwand ergriffen, um zu entrinnen, und werdest unversehens mit
einem aufgelesenen alten akademischen Liebchen wiederkehren. Fräulein Clelia ist
durch Deine Ritterschaft aufs äusserste blossgestellt und ganz trostlos. So
erzählte mir Pfleiderer, der von Stuttgart hier durchreiste. Ausserdem hat die
Sache verblümt schon im »Merkur« gestanden, und was der »Merkur« weiss, dass weiss
bekanntlich ganz Schwaben.
    Ich habe mich nun kurz resolviert. Deiner seligen Mutter versprach ich
einst, für Dich Sorge tragen zu wollen bei allen Exzessen, zu denen Dich Dein
stürmisches Temperament verleiten möchte; und als guter Geschäftsmann will ich
mein Wort halten. Die Sommerferien stehen vor der Tür, eine Bewegung tut mir auf
die ewige Schreiberei auch not, der Ärger, wenn ich Dich treffe, wird die Motion
verstärken - kurz, in acht Tagen schliess' ich mein Oberamt zu, reise den Rhein
hinab, biege nach Deiner Tacitischen Germania, wo Du unter Bohnen, Schweinen und
Bauern so genussreiche Tage verlebst, hinüber, fasse Dich, wo ich Dich finde, und
will dann sehen, ob Du mich wirst allein zurückreisen lassen.
    Übrigens bin ich, wie immer
                                                               Dein Freund Ernst
                                       *
                       Der Jäger an den Oberamtmann Ernst
Ich sende Dir diese Zeilen nach Stuttgart entgegen, wo sie in Wilhelms Händen
für Dich beruhen bleiben, denn Du wirst als ein wahrer Glaubiger gewiss erst in
unserer National-Kaaba Dein Gebet verrichten, bevor Du hinausziehst in die
Fährlichkeiten des falschen Auslandes.
    Nun ist mir erst wohl. Du hast mir die Lektion gegeben, und so steht alles
in gehöriger Ordnung. Dass Du mir nachrennst, entzückt mich, denn ich sehe
daraus, dass Torheit ansteckt und mächtiger ist, denn Vernunft. Wenn Du kommst,
will ich mit Dir, geduldig wie ein Lamm heimreisen, sofern sich nicht inzwischen
der Schrimbs oder Peppel noch findet, wozu freilich wenig Anschein. Könnte ich
nur des alten Jochem erst wieder habhaft werden! Wer weiss, wo der arme Kerl
umherrennt? Ich habe schon in verschiedenen öffentlichen Blättern nach ihm
Erkundigung getan, jedoch bis jetzt vergebens.
    Hier in dieser altertümlichen Stadt verweile ich seit mehreren Tagen bei
einem guten Bekannten, den ich unversehens wiedergefunden habe. Eine gar hübsche
Häuslichkeit und ein angenehmer Kreis umgibt ihn. Auch hier habe ich närrische
Sonderlinge kennengelernt, welche doch dabei gute, schätzbare, unterrichtete
Menschen sind, so dass man über sie lächeln und ihnen zugleich von Herzen zugetan
sein kann. Welche Masse von Bildung, Wissen und Eigenartigkeit ist bei uns
überallhin verbreitet! Wenn diese Reise auch weiter keinen Nutzen hat, so wird
sie mir schon dadurch, dass sie mir jene Überzeugung recht in die Hand gab,
heilsam sein.
    Der Gipfel unserer Geselligkeit war der vorgestrige Abend, wo ihre Gelehrte
Gesellschaft (lache nicht!) eine Sitzung hielt. Sie haben eine Akademie zusammen
gestiftet, in welcher die verschiedenartigsten Aufsätze vorgelesen werden. Diese
sind aber statutenmässig bis auf weiteres aller Veröffentlichung durch den Druck
streng entzogen. Jeder muss Strafe zahlen, der sich zur Unterstützung einer
vorgetragenen Meinung auf eine Flugschrift oder ein Zeitblatt beruft, und von
den Zusammenkünften bleiben die Frauen ausgeschlossen. In dieser Gesellschaft
brachte ich einen wahrhaft platonischen Abend zu, denn wenn wir alle auch lange
nicht so schön redeten, wie die Griechen, so kam doch so viel Urteil,
Beobachtung, Scherz und Laune zum Vorschein, dass Du Dich verwundern wirst. Ich
schreibe nämlich in den Morgenstunden die Geschichte dieses Abends unter dem
Titel: »Ein Gastmahl«, für Dich nieder. Eine unvermutete Wendung hatte ich der
Sache zubereitet, indem ich in meiner Unschuld gegen die Frauen zum Verräter der
Zusammenkunft geworden war, und diese dem Abende einen phantasievoll
humoristischen Abschluss gaben.
    Ach, Lieber! es ist mir zumute, als stehe mir die Poesie des Lebens so nahe,
dass ich sie hinter jedem Busche jetzt und jetzt werde mit Händen greifen, aus
jedem Blumenkelche in mich hineinsaugen können! Da, dort, überall guckt die Elfe
hervor und sieht mich mit Liebesaugen an. Ward denn jegliches Dasein bestimmt,
wie eine der verwickelten algebraischen Gleichungen nur annäherungsweise ein
Analogon von Auflösung darzubieten, oder gibt es nicht auch schlichte, plane
Existenzen, die aus Sehnsucht und Erfüllung ein reines Fazit ziehen? - Und was
denkst Du Dir bei diesen geschraubten Worten, die da unwillkürlich meiner Feder
entflossen sind?
    Ich bin so wenig ein Dichter, als Du ein Schwarzwälder Uhrmacher bist, aber
bisweilen bricht die Poesie aus jedem, wie die Träne aus der Rebe im Lenz. Das
sind dann schicksalsschwangere Momente, Momente, in denen unsere Sterne sich
rühren, und dadurch die Kräfte unsres kleinen Selbstes rühren und regen. Ich
schrieb Dir von dem Spessarter Märchen, welches ich da hingeworfen, und nun
ist's sonderbar, dass sich einzelne Elemente dieser Erfindung, z.B. das
unvermutete Treffen eines Freundes, ein kurioses Waldabenteuer, körperlich
hinstellen, freilich ganz verschieden von meinem Poem, aber im innersten Sinne
doch verwandt, so dass es ist, als wollten mich meine Spessarter Zauberfiguren
mit Wirklichkeit necken.
    Hiebei musst Du Dir gar nichts Besonderes vorstellen; es gibt nur so
wunderbare Stimmungen, in denen man mehr seine Gedanken, als sein Leben lebt. So
will mir das Waldgefühl nicht aus dem Sinn, es flutet grün und kühl mit frischem
Borkengeruch durch meine Seele, und gelbe Funken kreuzen den stillen,
tröstlichen Schein.
    In Leben und Tod, mein alter Ernst,
                                                                       Dein Narr
N.S. Die arme Clelia dauert mich herzlich. Wie schlecht, dass ich ihrer erst
jetzt gedenke! Was mich betrifft, so mögen sie von mir schwätzen, was sie
wollen.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                          Der Jäger schiesst und trifft
Immer wurde unser junger Schwabe von seinen schwärmerischen Empfindungen wieder
durch einen äusseren Eindruck abgezogen, der ihm etwas Neues zuführte. So
besuchte er den Sammler, den wir auf dem Oberhofe kennengelernt haben, einige
Tage, nachdem er den Brief an seinen Freund geschrieben hatte. Der alte Schmitz
hatte ihm schon hin und wieder ein saures Gesicht gemacht, dass seine Schätze
noch nicht früher in Augenschein genommen worden waren, indessen erheiterte sich
dieses jetzt bald, als der Jäger, angelegentlich fragend, in der kleinen, engen
und dunkeln Wohnung mit ihm durch die aufgestapelten alten Klosterbilder,
Pergamentaufen, Waffen, Urnen und Gefässe hindurchwanderte, und den gelegentlich
erfolgenden Auseinandersetzungen: Wo Hermann den Varus geschlagen? ein
aufmerksames Ohr lieh. - Der Jäger sah manches ihm Neue und würde von der ganzen
Beschauung noch mehr Nutzen gehabt haben, wenn ihm sein Führer Musse gelassen
hätte, die einzelnen Stücke genauer zu betrachten. Allein, sobald er einige
Sekunden lang bei einem verweilt hatte, riss ihn der Ungeduldige mit schreienden
Worten zu einem andern hin, in der Besorgnis, dass irgend etwas übersehen bleiben
möchte.
    Er lebte, nach Sammlermanier, ganz einsam und nur seinen Seltenheiten
hingegeben. Ein grosser, schwarzer Kater, welcher ihm treu anhing, machte seine
ganze Hausgenossenschaft aus. Dieser ging denn auch heute, wie es seine
Gewohnheit war, ernstaft durch die Zimmer hinter den beiden menschlichen
Beobachtern, wie ein dritter Altertumsfreund einher.
    Der Alte war eigentlich infolge einer unglücklichen Liebe Sammler geworden.
In seiner Jugend hatte er einem schönen Mädchen sein Herz zugewandt, welche, zu
früh elternlos, unter der Obhut oder vielmehr Nichtobhut eines schwachen,
nachlässigen Vormundes stand und bei ihrem Leichtsinn zu unabhängig war, um
verständig bleiben zu können. Nachdem sie den treuen Verehrer vielfältig durch
Grillen und Zweideutigkeiten gekränkt hatte, setzte sie ihrem Benehmen durch
offenbare Untreue die Krone auf. Der Himmel strafte sie aber doppelt dafür; er
liess sie ihr Herz an einen Unwürdigen hängen und bald hernach in eine schwere
Krankheit verfallen, von welcher sie nicht wieder erstand. Auf dem Totenbette
trat die Reue ihren wankelmütigen Busen an, sie schickte nach dem Verlassenen,
es erfolgte eine Aussöhnung, und sie setzte ihn zum Erben ihres Nachlasses ein.
Unter diesem befand sich eine Menge goldener, silberner, emaillierter, seidner
Kleinigkeiten, die das lebhafte Ding zusammengekauft, erbettelt, erstoppelt
hatte, da ihr Auge, wie das der Elstern, an allen glänzenden Dingen hing, und
ihre Hand besitzen musste, was ihrem Auge gefiel. Der Hinterbliebene stellte nun
daraus ein kleines Kabinett sehr ordentlich zusammen, aber bald wollte ihm das
Vorhandene nicht mehr genügen, die Medaillen, die Figürchen, die gemalten
Portefeuilles und Mappen forderten Gesellschaft, und er gab sie ihnen durch
Münzen, Metallsachen, Siegelkapseln, schön geschriebene Pergamenturkunden.
Dergleichen greift aber immer weiter um sich, es zieht gewissermassen magnetisch
das Gleichartige an, und ehe er es sich versah, hatte daher seine Umgebung und
sein Leben die nachherige Gestalt bekommen. Da nun die Liebhaberei bei ihm
gefühlvollen Urspungs war, so gab sie ihm auch nicht das Trockene und Leblose,
wodurch die Sammler in der Regel der Abdruck ihrer Sachen werden; er behielt
vielmehr eine freundliche und milde Sinnesart.
    Der Jäger hatte neben einigem Guten viel Geringes besichtigen müssen. Jetzt
fiel sein Blick in eine Ecke, worin die uns bekannte Amphora mehr versteckt als
gewiesen stand. - »Wie? Und dieses herrliche Gefäss zeigen Sie mir nicht? Das ist
ja leicht das schönste Ihrer ganzen Sammlung!« rief er erstaunt.
    Eine Traurigkeit beschattete das Antlitz des Sammlers, seine geläufige Zunge
stockte, er ging in die Ecke, streichelte die Amphora, wie ein Vater sein
krankes Kind streichelt, und erzählte dem Jäger zutraulich die Geschichte ihrer
Erwerbung. - »Seit der Zeit nun«, fuhr er fort, »dass ich gegen mein Gewissen dem
Hofschulzen ein Attest über sein falsches Karls-des-Grossen-Schwert ausstellte
und mir durch diese Unwahrheit die Amphora zueignete, macht mir oft die ganze
Sammlung keine rechte Freude mehr. Denn bei Altertümern beruht alles auf der
Wahrheit, und wer für ein fremdes gelogen hat, der kann auch leicht den Glauben
an seine eigenen verlieren. Es geht mir schon hin und wieder so; ich sehe die
Donnerkeile zweifelnd an, ich habe bereits geträumt, meine so schönen Brakteaten
seien nachgemachte Scharteken. Das Ende vom Liede wird wohl sein, dass ich die
Amphora zurückgebe und mir mein falsches Attest wieder aushändigen lasse, wenn
ich gleich nicht weiss, wie ich den Verlust des prächtigen Gefässes werde
überstehen können.«
    Der Jäger musste ungeachtet des kummervollen Gesichtes, welches der alte Mann
machte, lächeln, und sagte: »Mit Ihrer Gewissenhaftigkeit wäre nie ein Museum
zustande gebracht worden. - Aber sagen Sie mir, was für eine Bewandtnis hat es
eigentlich mit dem Schwerte, auf welches der Hofschulze einen so
ausserordentlichen Wert legt?«
    Hierauf gab der Sammler dem Jäger folgende wundersame Auskunft. »Dass hier
auf unserer roten Erde der geweihte Boden der Freigerichte, welche man nur sehr
uneigentlich Femgerichte genannt hat, war, wissen Sie«, sagte er. »Freigerichte
waren sie, und Freigerichte blieben sie trotz aller späteren Entstellungen und
Missbräuche, nämlich die Gerichte der ursprünglich freien Markengenossen, die so
unbeschränkt auf ihrer Wehr sassen, als der König in seiner Pfalz. Das aber
werden Sie nicht wissen, dass in mehreren Distrikten und so auch nahe hiebei
manche Höfe, welche das Freischöffenrecht hatten, immer noch die Tradition
dieses Besitzes erhalten, und dass dieselbe vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf
den Enkel fortgepflanzt wird. Natürlich ist jetzt die Sache zu einer blossen
Spielerei herabgesunken. Aber Wissende gibt es wirklich noch immer, die von Zeit
zu Zeit sich bei den alten Freistühlen versammeln, und durch Mitteilung der
geheimen Erkennungszeichen und des Rituals neue Wissende machen. Anfangs nahmen
einige Behörden von dem Hokuspokus Notiz, wollten in die Mysterien eindringen,
aber das gelang ihnen nicht, die Bauern trieben ihr Wesen nur um so vorsichtiger
und blieben gegen alle Anmutungen, den Sinn der Losung zu verraten, standhaft.
Seitdem bekümmert man sich nicht mehr darum.
    Der Oberhof gehört nun recht eigentlich zu den alten Freischöffengütern.
Nach dem Bauernglauben war es Karl der Grosse, der die Gerichte einsetzte, und
das Gewaffen, was in dem Hofe aufbewahrt wird, gilt für das Richtschwert,
welches der Kaiser zum Zeichen der Investitur dem ersten Besitzer gegeben habe.
Der Hofschulze, der ein gar schlauer Vogel ist, hat, sein Ansehen zu steigern,
sich diesen Glauben zunutze gemacht, und spielt nun eine Art von Freigrafen. Er
soll nicht selten mit den Schöffen der umliegenden grossen Höfe am Freistuhl
zusammenkommen. Ja man spricht, dass durch ihn in die leeren Possen wieder ein
Gehalt gebracht worden sei, dass sie über manche Sachen wirklich ihre geheimen
Urteile fällen. So viel ist wenigstens gewiss, dass die Gerichte sich selbst über
die wenigen Streitigkeiten wundern, die aus jener Gegend vor sie gebracht
werden, obgleich unser Land sonst die Heimat der Prozesskrämer ist.«
    »Aber wie ist das möglich, da ihnen ja jede Macht der Ausführung fehlt?«
fragte der Jäger, den diese seltsame Entdeckung ganz träumerisch bewegte.
    »Nun«, sagte der Sammler, »sie können freilich keinen Widerspenstigen mehr
am Baume aufknüpfen, aber wenn sie ihm nun Hülfe, Beistand, Vorschub versagten,
es durch ihren Einfluss, da sie die Reichsten in der Gegend sind, dahin brächten,
dass ihn auch die andern mieden, keiner mit ihm im Kruge tränke, Knecht und Magd
nicht bei ihm aushielte; wie dann? Wäre das nicht auch ein Zwang, zwingend
genug? Was vermag nicht die Meinung von Standesgenossen über den Menschen? Es
werden mitunter dort umher einzelne in auffallender Art freunde- und
genossenlos, das dauert eine Weile, dann nähert sich ihnen wieder alles. Man
spricht, diese seien Verfemte, und nur ihre Nachgiebigkeit hebe den Bann wieder
von ihrem Hause.«
    Der Jäger reimte nunmehr sich manches zusammen, was ihm bisher
unverständlich geblieben war. Er teilte seine Vermutung, dass binnen kurzem am
Freistuhl etwas vorgehen werde, dem Sammler mit, und fragte ihn eifrig, ob es
nicht möglich zu machen sei, einem solchen heimlichen Gerichte aus der
Verborgenheit zuzuschauen? Damit wollte indessen der Sammler als mit einer
gefährlichen Sache nichts zu tun haben.
    Der Fuhrmann trat ein, welcher den Jäger nach dem Oberhofe befördern sollte
und sagte, dass der Wagen vor der Türe stehe. Der Jäger hatte nämlich mit dem
Diakonus die Absprache genommen, sich in der Stadt einquartieren zu wollen,
hielt es jedoch für ziemlich, seinem alten Wirte in Person Dank und Lebewohl zu
sagen. Einen Teil des Weges über hatte er weder auf diesen, noch auf das
Fuhrwerk acht, da seine Gedanken um den Freistuhl und die Geheimnisse des
Femgerichtes schwebten, die noch immer schattenartig in der Gegenwart
fortlebten. »Sonderbares Land«, rief er für sich, »in welchem alles ewig zu sein
scheint! Wie kommt es, dass aus dir noch kein grosser Dichter hervorgegangen ist?
Diese Erinnerungen, welche von dem Boden nicht weichen wollen, diese alten
Sitten und Gebräuche mussten doch wohl imstande sein, eine Einbildungskraft zu
entzünden!« Er übersah, dass das Talent keine Feldfrucht ist, sondern wie das
Manna in der Wüste vom Himmel fällt.
    Als er auf die Aussendinge wieder zu merken begann, nahm er wahr, dass sein
Wäglein sich schneckenartig fortbewegte, weil das eine Pferd stark lahmte. Er
entschloss sich kurz, liess das Fuhrwerk heimgehen und machte den übrigen Weg zu
Fuss. Freilich konnte er nun nicht, wie er gewollt, am nämlichen Tage zur Stadt
zurückkehren, musste sich vielmehr bequemen, die Nacht auf dem Lande zuzubringen.
    Er fand den Hofschulzen an einem Scheurentore zimmern. Als dieser von seiner
Arbeit die blitzenden Augen unter den weissen Brauen gegen ihn emporhob, kam er
ihm nach den erhaltenen Aufschlüssen wie der Alte vom Berge vor. Der Jäger
meldete ihm seinen bevorstehenden Abzug. Jener erwiderte: »Das ist mir lieb, das
Frauenzimmerchen, welches vor Ihnen die Stube hatte, liess mir sagen, sie würde
heute oder morgen zurückkommen; der müssten Sie doch weichen, und ich könnte Sie
nur unbequem logieren.«
    Der ganze Hof schwamm in dem beginnenden roten Abendlichte. Eine reine
Sommerwärme durchdrang die von keinem Dunste beschwerten Lüfte. Es war ganz
einsam zwischen den Gebäuden; alle Knechte und Mägde mussten wohl noch auf dem
Felde zu tun haben. Auch im Hause sah er niemand, als er nach seinem Zimmer
ging. Dort ordnete er, was er an diesem Orte zuweilen aufgeschrieben hatte,
packte seine wenigen Sachen zusammen und sah sich dann nach dem Gewehre um.
    Dieses war jedoch verschwunden. Er begriff nicht, wer es ihm fortgenommen
haben könne, und ging, bei dem Hofschulzen Erkundigung einzuziehen, über den
Gang nach der Treppe zu. In einem Gelasse seitwärts glaubte er ein Geräusch zu
vernehmen - »vielleicht ist eine Magd darin, die dir es auch nachweisen kann« -
dachte er und klinkte die Tür auf. Er war aber in die Schlafkammer der Tochter
geraten und sah erschreckt eine unzweideutige Gruppe. Herzklopfend schritt er
rasch nach seinem Zimmer zurück; der Bräutigam, ein junger starker Bauer, folgte
ihm dahin nach. »Das müssen Sie nicht für übel nehmen«, sagte dieser. »Denn das
zweite Aufgebot ist gewesen, und nächsten Donnerstag ist die Hochzeit, und wenn
es soweit ist, so hat sich keiner um so etwas zu bekümmern, und der Pastor und
der eigene Vater fragt nichts darnach. Es wird diese Nacht bei uns im Hofe Korn
gesackt, deshalb musste ich meine Braut heut zu Nachmittage besuchen.«
    »Mich geht das nichts an«, antwortete der Jäger verwirrt, »wenn ich nur
wüsste, wo mein Gewehr ist.« - »Dieses will ich Ihnen sagen«, antwortete der
junge Bauer, »der Schwiegervater hat es heimlich weggenommen und dort hinter dem
grossen Schranke versteckt, denn er sagte, der dritte Choral aus Ihrer Geschichte
wäre -«
    »Was? Choral? Ihr wollt wohl Moral sagen?«
    »Jawohl. Also der dritte Choral aus Ihrer Geschichte wäre, dass man einem
Fehlschützen von Mutterleib aus kein Schiessgewehr unter Händen lassen müsse. Ein
gewöhnlicher Fehlschütz wäre wenig zu ästimieren, aber ein Fehlschütz von
Mutterleib könnte grossen Schaden anrichten.«
    Der Jäger hörte nicht länger auf diese Reden hin, warf vielmehr seine
Weidtasche um, eilte nach dem Schranke, zog hinter demselben das Gewehr hervor,
lud, und war mit zwei Schritten aus dem Hofe nach dem Freistuhl, sich die
unruhig wogenden Bilder aus der Seele zu schiessen. Schon im duftigen goldenen
Dämmer des Eichenkamps hatte er seine Lebensgeister wieder beisammen. - »Nun das
muss wahr sein«, rief er, »die Idyllenschreiber haben uns die Bauernwelt arg
verzeichnet! Sowohl die schäferlich-zarten, als die knolligen Kartoffelpoeten.
    Sie ist eine Sphäre, so mit derber Natur, wie mit Sitte und Zeremonie
ausgefüllt, und gar nicht ohne Anmut und Zierlichkeit, nur liegt letztere
woanders, als wo sie in der Regel gesucht wird. Ist der Bursch aus
Unentaltsamkeit vor der Zeit in sein Recht getreten? Gewiss nicht. Es ist so
Herkommen, lieblicher, lustiger Brauch, und sein Mädchen würde sich vielleicht
für verachtet halten, wenn er ihn nicht mitmachte.«
    Droben auf dem Hügel am Freistuhl ward ihm sehr wohl. Das Korn wiegte
säuselnd die Ähren, schwer von Segen, des Vollmondes grosse glührote Scheibe
stieg am Ostrande des Himmels auf und noch wirkte der Widerschein der in Westen
abgeschiedenen Sonne. Die Atmosphäre war so rein, dass dieser Widerschein
gelbgrün glänzte. - Er empfand seine Jugend, seine Gesundheit, seine Hoffnungen.
Hinter einen grossen Baum am Waldrande stellte er sich; »heute will ich doch
erproben«, sagte er, »ob das Geschick nicht zu beugen ist. Ich schiesse nur, wenn
mir etwas bis auf drei Schritte vor dem Rohre nahekommt, und da müsste es ja mit
Zauberei zugehen, wenn ich fehlen sollte.«
    Im Rücken hatte er den Forst, vor sich die Senkung mit den grossen Steinen
und Bäumen des Freistuhls, gegenüber umschlossen die gelben Kornfelder den
einsamen Ort. In den Wipfeln über ihm gurrten noch einzelne verlorne Töne der
Turteltaube, durch die Äste der Bäume am Freistuhle fingen die wilden
Lindenschwärmer an mit den grünroten Flügeln zu schwirren. Allgemach begann es
auch im Walde am Boden sich zu rühren. Ein Igel kroch schläfrig durch das Laub;
ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter,
als der Kiel einer Feder, hervor. Buschhäslein sprangen mit vorsichtigen Sätzen,
zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die Löffel legend, ins Freie, bis
sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, tänzelten,
miteinander spielten, und die Vorderläufe zu scherzenden Schlägen brauchten.
    Der Jäger hütete sich wohl, dieses Hasenvolk zu stören. Endlich trat ein
schlankes Reh aus dem Walde. Klug die Nase in den Wind streckend, links und
rechts aus den grossen, braunen Augen umherschauend, schritt das Tier auf den
feinen Füssen mit leichter Grazie einher. Jetzt war das Zarte, Wilde, Flüchtige
dem Geschosse des Versteckten gegenüber angelangt, es war so nahe, dass es fast
nicht gefehlt werden konnte, er wollte abdrücken, da schreckte das Reh zusammen,
tat einen Sprung in veränderter Richtung gerade auf den Baum zu, hinter welchem
der Jäger stand, sein Schuss ging los, das Wild setzte in gewaltigen Sprüngen
unverwundet waldein, zwischen dem Korne aber war ein Schrei erschollen, und
wenige Augenblicke nachher kam eine weibliche Gestalt auf einem schmale Pfade,
der in der Linie des Schusses lag, aus den Feldern hervorgewankt.
    Der Jäger warf die Flinte weg, stürzte auf die Gestalt zu und meinte
vergehen zu müssen, als er sie erkannte. Es war das schöne Mädchen von der Blume
im Walde. Sie hatte er statt des Rehes getroffen. Sie hielt die eine Hand auf
der Gegend zwischen Schulter und linker Brust, dort quoll unter dem Tuche
reichlich das Blut hervor. Ihr Antlitz war bleich und etwas von Schmerz
verzogen, doch nicht entstellt. Sie holte dreimal tief Atem und sagte dann mit
sanfter und matter Stimme: »Gottlob, es muss nichts gefährlich verletzt sein,
denn ich kann Atem holen, wenn es mir auch Schmerzen macht. - Ich will
versuchen«, fuhr sie fort, »den Oberhof zu erreichen, zu dem ich auf diesem
Richtwege gelangen wollte, wo mich nun das Unglück treffen musste. Geben Sie mir
Ihren Arm.« - Er führte sie einige Schritte hügelabwärts, da zuckte sie zusammen
und sagte: »Es geht doch nicht, die Schmerzen sind zu heftig, ich könnte
unterweges ohnmächtig werden. Wir müssen schon an diesem Orte aushalten, bis
Leute herbeikommen und eine Tragbahre verschaffen können.«
    Trotz ihrer Wundschmerzen hielt sie ein Päckchen fest in der linken Hand,
dieses reichte sie ihm jetzt und sagte: »Verwahren Sie es mir, es ist das Geld,
welches ich für den Herrn Baron eingesammelt habe, ich möchte es verlieren. -
Wir müssen auf längeres Bleiben uns gefasst machen«, fügte sie hinzu. »Wenn es
Ihnen möglich wäre, mir ein Lager zu bereiten und etwas Wärmendes zu geben, dass
die Kälte nicht zur Wunde schlägt!«
    So hatte sie die Besonnenheit für sich und ihn. Er stand sprachlos, bleich
und starr, wie eine Bildsäule; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen und liess
kein lautes Wort über die Lippen. Jetzt gab ihm ihre Aufforderung Bewegung, er
eilte nach dem Baume, hinter dem er seine Weidtasche abgelegt hatte. Dort sah er
auch das unglückliche Gewehr liegen. Wütend ergriff er es und schlug es mit
solcher Kraft gegen einen Stein, dass der schafft zersplitterte, die Läufe sich
bogen, und die Schlösser von ihren Schrauben lossprangen. Er verwünschte den
Tag, sich, seine Hand. Zu dem Mädchen zurückgestürzt, welches sich auf einen
Stein des Freistuhls gesetzt hatte, fiel er ihr zu Füssen und flehte, den Saum
ihres Kleides küssend, unter heftigen Tränen, die nun aus seinen Augen mit
Gewalt brachen, sie um ihre Vergebung an. Sie bat ihn, doch nur aufzustehen, er
habe ja nicht dafür gekonnt, die Wunde sei gewiss nicht bedeutend, er möge ihr
nur jetzt helfen. Er richtete ihr nun einen Sitz auf dem Steine zu, indem er die
Weidtasche auf denselben legte. Um ihren Hals band er sein Tuch, um ihre
Schultern legte er locker und lose seinen Rock. Sie setzte sich auf den Stein,
er nahm neben ihr Platz und bat sie, zu ihrer Erleichterung ihr Haupt an seine
Brust zu neigen. Sie tat es.
    Der Mond war in völliger Klarheit über einen Teil des Himmels gedrungen und
beschien fast taghell die beiden durch einen rohen Zufall einander so
Nahegerückten. In der vertraulichsten Nähe sass der Fremde mit der Fremden, sie
stiess leise Schmerzenstöne an seiner Brust aus, und von seinen Wangen flossen
unaufhaltsame Tränen. Rings aber um sie her verbreitete sich nach und nach das
Schweigen und die Einsamkeit der Nacht.
    Endlich wollte es das Glück, dass ein später Wanderer durch die Kornfelder
ging. Der Ruf des Jägers erreichte sein Ohr, er eilte herzu und wurde nach dem
Oberhofe geschickt. Bald darauf liessen sich Fusstritte hügelan Kommender
vernehmen; es waren die Knechte, welche einen Tragsessel mit Kissen brachten.
Der Jäger hob die Verwundete sanft hinein und so gelangte sie spät in der Nacht
unter das Obdach ihres alten Gastfreundes, der sich freilich sehr verwunderte,
die Erwartete in diesem Zustande ankommen zu sehen.
 
                                  Zweiter Teil
                                   Drittes Buch
                         Acta Schnickschnackschnurriana
                                  Erstes Kapitel
                            Gegenseitige Offenheiten
»Diese Ziegen am Helikon -«
    »Öta wollt Ihr sagen -«
    »Nein, Helikon will ich sagen, ich habe mich früher versprochen. - Diese
Ziegen am Helikon, unter welche ich als Knäblein geriet, hatten ehedem einen
Bund zur Verfeinerung ihrer Wolle gestiftet«; äusserte Münchhausen.
    »Es freut mich«, rief der alte Baron, »dass wir jetzt unter das Vieh kommen!
Auf diesen Punkt in Euren Historien war ich immer noch einigermassen gespannt,
denn das andere, was Ihr seiter vortrugt, wollte mir nicht mehr recht
unterhaltend scheinen - nehmt mir's nicht übel, Mann, aber Offenheit muss unter
Freunden sein.«
    »Versteht sich am Rande«, sprach Münchhausen feierlich. »Die Ziegen also
...«
    »Guter Meister, kannst du mir zusichern, dass in der Geschichte nichts
vorkommt, was mein Zartgefühl beleidiget?« fiel das Fräulein ein. Sie nannte
Münchhausen seit einer erhebenden Szene, die sich zwischen ihnen vor einigen
Tagen zugetragen hatte, du.
    »Nicht das geringste, Diotima-Emerentia«, antwortete der Freiherr. »Zu jener
Viehart gehören zwar der Ordnung der Natur gemäss Böcke, auch kommen diese in
meiner Geschichte vor, ich werde aber delikat sein und sie die Gatten der Ziegen
nennen. Ferner tritt ein Mistkäfer auf, der soll das Ross des Trygäos heissen;
eine Schmeissfliege flicht sich ein - du wirst mich fassen, wenn ich von der
blauen Schwärmerin spreche.«
    »Ich werde dich ganz fassen, mein Meister«, antwortete das Fräulein mit
einem ihrer unbeschreiblichen Blicke. - »Ja«, sagte Münchhausen, »darin bist du
du, und deinen Schwestern gleich. Wenn nur der Bock der Gatte der Ziegen heisst,
so können sie alles anhören.«
    »Hört, Kinder«, rief der alte Baron halb scherzend, halb ärgerlich, »dieses
du und du, und du du klingt ein wenig, als wenn der Kuhhirt dutet. Ich dächte,
ihr bliebet beim Sie, es ist ein feinerer, spitzerer Laut. Ich liebe dich,
Renzel, und ich schätze Euch, Münchhausen, deshalb will ich für euch beide klug
sein. Eine Mariage wäre nichts mehr in euren Jahren.«
    »Mariage!« rief das Fräulein und errötete. »O, wie verstehen Sie, mein
Vater, mich einmal wieder recht gründlich miss!« Sie ging aus dem Zimmer.
    »Mariage!« rief der Freiherr und ergrünte. »Nein, mein würdiger Altvater,
befürchten Sie keine Mariage. Ich könnte Ihre unschätzbare Tochter tausend Jahre
lang du nennen und dächte nicht an Mariage. Zur Mariage gehört Amour; ich spüre
keinerlei Amour für meine Diotima-Emerentia. Es ist der Ort und ist die Stunde,
Ihnen eine wichtige Entdeckung zu machen. Ich fühle eine Achtung für jenes reine
weibliche Wesen, die in das Unermessliche geht, sie lässt sich nur mit der
Begeisterung Kühnes für Teodor Mundt vergleichen. Wenn Emerentia nieset, so ist
das für mich ein Gedicht; aber meine Empfindungen stehen zu derselben Zeit
abgesondert, gleichsam geronnen, für sich, sie haben keinen Verkehr mit der
Achtung, sie führen ihren eigenen Haushalt; kurz, denn Offenheit muss ja, wie Sie
selbst herzlich und bieder aussprachen, unter Freunden sein - Ihre göttliche
Tochter ist mir trotz aller Wertschätzung, die ich für sie empfinde, durchaus
zuwider.«
    »Eigentlich sollte ich das übelnehmen, ich als Vater«, sagte der alte Baron.
»Aber mir liegt hauptsächlich nur daran, dass zwischen euch keine Mariage
zustande kommt, und deshalb ist es mir lieb, dass Ihr Renzeln nicht leiden könnt.
Nennt sie denn also in Gottes Namen du. Unter uns, heisst das, nicht vor dem
Schulmeister. Anfangs wärt Ihr mir als Schwiegersohn wie eine erwünschte Stütze
meines Alters vorgekommen, aber seit Ihr so manches Naturspiel an Euch
entfaltet, hat sich die Sache geändert. Zwar erschrecke ich vor nichts mehr an
Euch. Wenn Ihr nach Euren geheimen Experimenten oft verteufelt mineralisch
riecht, wie Nenndorf, Pouhon und Aachen durcheinander, pflege ich zu sprechen:
Tut nichts, grosse Männer haben ihre Eigenheiten, und nehme eine stärkere Prise
Doppelmops. Ich halte Euch wirklich für einen grossen Mann, aber - zum dritten
Male sei es gesagt: Unter Freunden muss Offenheit sein - obschon ich Eure
Qualitäten wahrhaft anerkenne - Ihr seid nachgerade für mich ein Kerl geworden,
vor dem ich eine stille Aversion verspüre.«
    Münchhausens Wangen nahmen die Farbe des Smaragds an, die doppelfarbigen
Augen zwinkerten zum Teil, zum Teil leuchteten sie von Tränen. Er griff in hoher
Bewegung nach der Hand seines Wirtes, führte sie an sein Herz und rief: »Wie
danke ich Ihnen für dieses rückhaltslose Geständnis! Ist das nicht eine andere
und männlichere Gesinnung, frei heraus zu sagen, was einer auf dem Herzen hat,
als jene altbackene Empfindsamkeit und höfliche Scheu, die Schlangen im Busen
nährt und auf die Lippen Nachtigallen schickt?«
    »Kann denn nicht der deutsche Mann zum deutschen Manne sagen: Du bist ein
Schafskopf - und dennoch mit ihm in Ruhe und Frieden leben?« rief der alte Baron
eifrig.
    »Kann ich Sie denn nicht für einen alten Einfaltspinsel halten, und
nichtsdestoweniger Sie herzlich lieben?« schrie Münchhausen.
    »Bruder!« schluchzte der alte Baron und fiel seinem Gaste um den Hals, »Gott
soll mich verdammen, wenn deine Gesellschaft mir nicht von Herzen abschmeckend
zu werden anfängt. Ich meinte, du würdest mir die Journale ersetzen, aber du
kommst mir nach und nach alberner vor als irgendein Journal.«
    »Glaubst du denn, Bruder«, versetzte der Freiherr und gab seinem Wirte einen
Kuss, »dass ich eine Stunde länger bei dir und bei deiner schrumpflichten Tochter
vergähnen würde, wenn ich nur irgendwo anders Obdach und etwas zu beissen und zu
brechen hätte?«
    Die bewegten beiden Männer lagen einander lange sprachlos in den Armen.
Zuerst erhielt der Wirt notdürftig seine Fassung wieder und stammelte: »Mein
Bruder also?«
    »Dein Bruder!« flüsterte der Gast -
    »Und in des Worts verwegenster Bedeutung!«
    Der Schulmeister trat ein. Die neuen Freunde wischten ihre Augen, der
Schulmeister aber sagte: »Das gnädige Fräulein lässt anfragen, ob, wenn sie
wiederkomme, keine Anspielungen, die ihr unangenehm wären, weiter vorfallen
würden?« Ihr Vater sandte den Boten mit der beruhigendsten Erklärung hinaus,
welcher die Nachricht hinzugefügt wurde, dass nichts als die grösste gegenseitige
Offenheit im Zimmer herrsche.
    Als das Fräulein, noch eine leichte Röte auf den Wangen, erschien, ging ihr
Münchhausen entgegen, küsste, wie er pflegte, ihr die Hand und sagte ernst:
»Keine Mariage, meine Diotima-Emerentia!«
    »Keine Mariage, mein Meister«, erwiderte das Fräulein in würdiger Haltung.
    So standen die beiden jungen Leute ohne Liebes-und Heiratsgedanken einander
gegenüber; ihre Hände blieben verbunden. Der Vater trat zwischen sie, legte
seine Rechte, wie segnend auf die verbundenen Hände, blickte gen Himmel und
rief: »Nie in diesem Leben eine Mariage!«
    Die Rührung des Abends war gross. Der Ziegen am Helikon wurde nicht weiter
gedacht. Keine der drei Personen, welche auf dem Wege der Offenheit einander so
nahegerückt waren, mochte einen Bissen in den Mund nehmen. Der Schulmeister,
welcher nichts von dem ganzen Hergange begriff, ass alles auf.
    Von den tiefsinnigen Bemerkungen, welche Münchhausen an diesem Abende
mitteilte, hat die Geschichte folgende bewahrt.
    »Die Zeit verlangt Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Es
muss noch dahin kommen, dass keiner dem andern eine Ohrfeige übelnehmen darf,
wofern letztere nur aus einer teuren Überzeugung entsprang. Kein Briefgeheimnis,
kein Hausgeheimnis! Alle diese obsoleten Begriffe müssen fallen! Alles muss
öffentlich sein! Die Spalten der Zeitungen dürfen sich selbst den Beobachtungen
über die Vorgänge des Orts, wohin niemand schicken zu können Kaiser Karl der
Fünfte bedauerte, nicht verschliessen.«
    »Was für ein Ort ist dieser, mein Meister?« fragte das Fräulein.
    »Er heisset auf Ebräisch Gehenna«, versetzte der Freiherr. »Ah so«, sagte das
Fräulein und tat, als ob sie Münchhausen verstehe.
    Dieser fuhr fort: »Alles muss öffentlich sein für das neue priesterliche
Geschlecht der Wahrheit! Gott der Herr hat zwar Herz und Hirn unter Hüllen von
Knochen, Häuten und Fleisch gesetzt, und deshalb meinte die Menschheit lange
Zeit, sie dürfe manches, was Herz und Hirn ihr beschäftige, unter Hüllen
verwahren, aber sie hat im Irrtum gestanden, es ist ein Versehen bei der
Schöpfung vorgefallen. Brust und Kopf sollten eigentlich mit Glasschiebern
erschaffen werden, was nur damals im Drange der Geschäfte übersehen worden ist.
Ich weiss dieses von Nostradamus, den ich kürzlich sprach, und der es von Gott
unmittelbar hat.«
    »Wer ist Nostradamus?« fragte der alte Baron.
    »Ein emeritierter Professor der Naturgeschichte zur Leiden«, antwortete der
Freiherr, nahm ein Licht und empfahl sich.
    Nach Münchhausens Abgange sagte das Fräulein zu ihrem Vater: »Damit nie
wieder eine Anspielung der Art, wodurch ich heute aus dem Zimmer gescheucht
ward, verlaute, bin ich im Begriff, Ihnen, mein Vater, sobald der Herr
Schulmeister sich entfernt haben wird, eine grosse Eröffnung zu tun.« Der
Schulmeister ging und murmelte: »Ich werde heute meinen Entschluss fassen.« Der
alte Baron, welcher eigenen Gedanken nachhing, hörte auf seine Tochter nicht
hin, sondern verliess mit den Worten: »Es ist eine Scheidewand gefallen und ich
werde mir nun Licht schaffen«; das Zimmer.
    Emerentia hatte sich - wie sie sagte, aus weiblicher Schamhaftigkeit, und um
den Blick des Vaters zu meiden - mit dem Antlitze der Wand zugekehrt, als sie
sich anschickte, die grosse Eröffnung zu tun. Sie bemerkte daher den Abgang ihres
Vaters nicht und sprach eine geraume Zeit die tiefsten Herzensangelegenheiten
der tauben Wand gegenüber aus, bis sie, hingerissen von ihrem Feuer, sich
plötzlich umwendete und sah, dass es ihr an einem Hörer fehle und, wie sie nun
vermuten musste, immer gefehlt habe. Da blieb ihr das Wort zwischen den Lippen
haften und der Rest ihrer Eröffnung im Herzen stocken; stumm und verdriesslich
suchte sie ihr Lager auf.
 
                                Zweites Kapitel
                  Der Autor gibt einige notwendige Erklärungen
Die Geheimnisse des Schlosses, welches ich auch wohl fernerhin
Schnick-Schnack-Schnurr nennen muss, weil ich ihm, wie vielem, was in dieser
Geschichte vorkommt, leider nicht den rechten Namen geben darf - die Geheimnisse
des besagten Schlosses, sage ich, nicht über die Gebühr undurchdringlich zu
machen, muss hier teilweise berichtet werden, was die drei handelnden Personen
mit ihren Reden gemeint hatten.
    Münchhausen war nicht sobald auf der Stammburg derer von
Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost warm geworden,
als seine Anwesenheit in dem Gemüte des Barons, seiner Tochter und des
Schulmeisters grosse und verschiedenartige Bewegungen hervorbrachte, wie denn ein
bedeutender Mensch niemals in einen Kreis tritt, ohne dass von ihm in den
Verhältnissen des Kreises Umwandelungen ausgehen. Der Kreis unseres Schlosses
hatte sich bis zu Münchhausens Ankunft von seinen leidenschaftslosen
Einbildungen still ernährt, es fehlte aber viel, dass dieser idyllische Zustand
seitdem noch fortdauerte, vielmehr wurden die drei Akademiker von
Schnick-Schnack-Schnurr in entzücktem Herzklopfen, brennender Neugier und
ernster Selbstbetrachtung umgetrieben.
    Emerentien war das entzückte Herzklopfen zugefallen.
    Sie hatte Rucciopuccion, den Birmanen aus Siena, der eigentlich der
Prätendent von Hechelkram war, durch alle niederen Hüllen hindurch, welche Laune
oder tiefberechnete Absicht ihn anzulegen getrieben, erkannt. Das Herz der
Frauen ist in solchen Dingen ein sicherer Wegweiser; Damayanti sah dem
Wagenlenker des Königs Rituparna sofort an, dass in ihm ihr Gatte Nala die
Peitsche schwinge, Teodolinde von Bayern merkte gar bald, als sie dem
angeblichen Freiwerber den Becher kredenzte, dass er ihr bestimmter Bräutigam
Autarit, König von Lombardien sei, und es währte nicht lange, so wusste
Emerentia, woran sie mit - dem Bedienten Karl Buttervogel war.
    Erschreckt nicht, meine Teuren! Die Sache hatte sich ganz natürlich
zugetragen, nämlich folgendermassen. Anfangs war die Gestalt des so sehnlich
zurückerwarteten Geliebten wie ein Traumbild vor ihr auf und nieder gewallt,
nach und nach hatte das Traumbild bestimmte Züge angenommen, endlich wich jeder
Zweifel und machte der gewissesten Gewissheit Raum.
    Denkt an Emerentiens Bewegung, als die beiden Fremdlinge die Burg ihrer
Väter betraten, als aus dem Munde des Dieners die verhängnisvollen Worte:
»Blumenhut« und »Lauferschurz«, erklangen, als der Diener selbst mit dem
improvisierten Blumenhute und Lauferschurze vor ihr stand! War ihrem Geiste
nicht seit so vielen Jahren der Laufer als Vorläufer des Fürsten von Hechelkram
erschienen? Da stand nun ein Laufer vor ihr, das bunte Taschentuch als Schurz um
die Hüfte gewunden, den Strauss von Feldblumen am Hute, kein gewöhnlicher
gemachter Laufer, nein, ein unwillkürlich zusammengefügter, ein
Schicksalslaufer!
    Es durchzuckte ihr Herz. Wenn sie in diesem Augenblicke den Wink der
himmlischen Mächte nicht begriffen hätte, so würde sie sich selbst haben
verachten müssen. »Aber vorsichtig, Emerentia«, flüsterte sie dem pochenden
Herzen zu, »vorsichtig, dass die letzte Täuschung nicht die schlimmste werde!«
    Sie richtete jene tiefsinnig prüfenden Fragen an Münchhausen, welche er so
wenig verstand, als die unglücklichen Leser des ersten Teils dieser Geschichten
sie werden verstanden haben. Münchhausen aber gab ihr darauf die
befriedigendsten Antworten. Jetzt war sie versichert, dass ihr durch Blumenhut
und Schurz die Erscheinung des Fürsten von Hechelkram angekündiget worden sei.
»Aber wo, wo weilest du?« fragte ihre sehnsüchtige Seele.
    Münchhausen begann zu erzählen, ein Tag nach dem andern verstrich,
Rucciopuccio blieb unsichtbar. Ihr Gemüt litt unter der unruhigen Erwartung.
Endlich fasste sie sich ein Herz (was wagt nicht ein liebendes Weib?) und
schüchtern sagte sie zu dem Diener Karl Buttervogel eines Tages, gerade als sie
ihn den Rock Münchhausens ausklopfend fand: »Karl, sein Sie wahr gegen mich! Wo
weilt der Grössere, in dessen Dienste Sie eigentlich stehen?«
    Karl Buttervogel liess den Klopfstock sinken, riss die Augen auf, spuckte, wie
gemeine Leute bei Verlegenheiten zu tun pflegen, aus, und sagte: »Mich soll der
Teufel holen, wenn mein Herr grösser ist, als ich, und ich kenne keinen Grösseren,
und mit meinem Dienen hat es zum längsten gewährt.«
    »Wie?« fragte das Fräulein in höchster Spannung.
    »Denn diese Kondition gefällt mir nicht, und ich werde mich bald auf meine
eigene Hand setzen«, fuhr Karl Buttervogel fort.
    »Was?« rief das Fräulein, von einem überwältigenden Gedanken erschreckt. Sie
wankte und war einer Ohnmacht nahe. Münchhausen, dem der Diener mit dem Rocke zu
lange machte, kam in Hemdärmeln die Treppe heruntergestolpert und fing die
Freundin auf. »Schlingel, was trödelst du wieder? Lauf jetzt und hole Essig für
das gnädige Fräulein!« rief er Karln zu. Dieser versetzte trotzig: »Ich bin kein
Schlingel, denn Sie geben mir keinen Lohn, aber Essig tue ich holen aus
Barmherzigkeit.« - »Münchhausen«, flüsterte Emerentia in den Armen des
Freiherrn, »Sie sehen mich in meinem Schmerz und zeigen mir ein menschlich Herz.
Schmerz nenne ich diese Stimmung, denn auch das Übermass der Freude kann wehe
tun. Ich bin in einer unaussprechlichen Verfassung und beschwöre Sie, mir zu
sagen: Sind Sie und Ihr Karl die Vorläufer jemandes, oder sind Sie ...«
Münchhausen fuhr seltsam zusammen, zitterte mit den Nasenflügeln, sah sich scheu
um, liess Emerentien nicht ausreden, sondern stotterte hastig: »Was Vorläufer?
Lassen Sie sich doch nichts in den Kopf setzen, meine Diotima. Gott verdamme
mich, wenn uns jemand nachgelaufen kommt. Wir sind da, ich und mein Taugenichts
von Bedienten, und man muss uns nehmen, wie wir sind, und nicht wähnen, dass noch
ein anderer uns folge und hier auf dem Schloss ankommen könne.«
    »Also ist es klar und entschieden, mein Glück!« rief das Fräulein. Der
Bediente Karl Buttervogel kam mit Essig. Emerentia spreche sich und ihr Glück
jetzt selbst aus.
 
                                Drittes Kapitel
                        Blätter aus Emerentias Tagebuche
»Was Vorläufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen« - und: »Ich kenne keinen
Grösseren, diese Kondition gefällt mir nicht, ich setze mich auf meine eigene
Hand.« - So hat denn also des Schicksals Zeichen recht. Blumenhut und
Lauferschurz deuten nicht in die ungewisse Ferne, nein, in der nächsten Nähe
hält sich, den meine Seele ewig lieben wird, mein Fürst, mein Freund, der
Birmane von Nizza! Nach langen Prüfungsjahren schlägt die Stunde der
Wiedervereinigung, die Augen meines Freundes suchen mich unter den Töchtern von
Zion, und Sulamit schläft nicht, die Taube. Niemanden sendet er voraus, »gleich
kommt er selbst, er ist im Schloss, denn es läuft ihm ja niemand nach« - er ist
da, denn »er kennt ja keinen Grösseren«. - Glückliche Emerentia!
                                       *
Aber welcher von beiden ist's? - Ist's der Freiherr, oder bis du es, Karl? Hier
prüfe, hier sei bedachtsam, hier zeige deinen ganzen Scharfsinn, Herz! -
                                       *
Ach, das Herz ist stumm. Münchhausen und Karl sind mir beide gleichgültig. Das
ist nun herrlich für die ferneren Beschlüsse des Geschicks, da ich dem Fürsten
nur Freundin im reinsten Sinne des Worts sein will, aber übel für den
Augenblick.
                                       *
Denn ich erkenne den Plan des Prätendenten von Hechelkram. Unter der Verkleidung
will er seine Emerentia erforschen, und wie herrlich würde sie ihre Aufgabe
lösen, wenn sie plötzlich vor den Wahren träte und spräche: »Fürst, Sie sind
erkannt; Liebe sieht mit Adlersblicken, Treue hält, was sie gefasst, teuren
Hauptes leisestes Nicken kündet den ersehnten Gast!«
                                       *
Dass mir beide so gleichgültig sind! - Eigenartige Qual, seltsame Verwirrung,
festgeschürzter Knoten!
                                       *
Ich glaube, der Freiherr ist's. Wir standen heute am Entenpfuhl, friedlich
fischte das Gefieder nach dem grünen Flott zu unsern Füssen, ein erquickender
Landregen fiel sanft vom grauen Himmel, der Freiherr erzählte mir eine seiner
sinnigen Geschichten, wie er vorlängst durch ein Senfpflaster, auf das Haupt
gelegt, und dessen Ziehkraft sich ein ausgefallenes Bein wieder eingerenkt habe
- mein Busen wurde so weit, mir wurde so wohl und so weh, so - so -
    Dumme Störung! Da werde ich gerufen, um Speck auszugeben. Wo die Lisbet nur
bleibt, die Landstreicherin, das unnütze Geschöpf? Kommt sie wieder, soll sie es
entgelten.
                                       *
Nein! Nein! Nein! Das Geheimnis ward offenbar, Karl ist Rucciopuccio! Da sitze
ich in der tiefen Stille der Mitternacht auf meiner einsamen Kammer und vertraue
euch stummen Blättern die wundersame Post. Ja, wundersam muss ich wohl diese
Fügung nennen, welche zum zweiten Male den Nussknacker entscheidend in mein Leben
blicken lässt.
    Ich stand heute in der Frühe schon mit einer Fülle von Ahnungen von meinem
Lager auf. Die Strümpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein
stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches
herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt,
dass nichts gewöhnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das
Spielwerk dunkler, hoher Mächte gewesen!
    Mein Haupt war wirr und wüst! Ich stiess das Fenster auf, die glühende Wange
im Morgenwinde zu kühlen. Von Nizza hatte ich in der Nacht geträumt, vom Meer,
von den Alpen. Die beiden Juden hatte ich auf dem höchsten Gipfel gesehen, die
mich nach der schrecklichen Katastrophe den Eltern brachten. Sie standen in
einer Glorie von Sonnenstrahlen, hatten Schmerz in den Zügen, und ich hörte den
einen zum andern sagen: »Dass man uns gemacht hat zu guten Staatsbürgern, das ist
die Trauer von unsren Leuten in der Gegenwart, woraus sie malen Bilder und
schreiben Verse. Die alte Zeit, die alte Zeit war besser, Jakob, wo wir
rumliefen, wie unsre Väter in der Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und
Sinai.«
    Ein bedeutender Traum, ein prophetischer Traum! Was weiss ich von der Wüste
Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai? Im Traume lernte ich diese
ebräischen Namen; die höhere Hand wollte mir einen Wink geben: »Siehe, ich bin
da und werde wirken ein Wunder in deiner Nähe.«
    Ich sah zum Fenster hinaus.
    Karl trat unten in den Hof. »Himmeltausend Sakrament!« rief er, »kriege ich
heute wieder nichts zu fressen?« - Entsetzliche Ausdrücke für das Tagebuch eines
zarten Mädchens! aber ich muss ja alles treu mit den kleinsten Zügen berichten.
    Der Laut jener Worte brachte mir alte Erinnerungen zugetragen. Wie aus
weiter Ferne drang es, gleich der Stimme, die mir einst lieb war, in das Ohr!
Diese sonderbare Ähnlichkeit der Töne, das Fluchen - der Fürst pflegte auch
bisweilen zu fluchen, doch bediente er sich mehr der sogenannten schweren Angst
- mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wüste Sin, die Zeichen am
Nachtlicht, das Pantoffelwesen, die bedeutenden Strümpfe - - -
    Karl setzte sich auf einen Stein im Hofe, sagte: »Ich muss mal in den Taschen
suchen« - suchte in der linken Jackentasche, rief: »Na, wenigstens noch ein paar
alter, überjähriger Nüsse gegen das Verhungern« - griff in die andere Tasche,
zog daraus hervor - - -
    Ich hielt mein Herz mit bebender Hand, ging in die Speisekammer und schnitt
für Karin ein Butterbrot - -
    Ich kann nicht weiter schreiben - die Erinnerung überwältigt mich - meine
Pulse fliegen - -
                                       *
Ich bin ruhiger. Gestern schwamm der Segen, der mir geworden, ein
buntverwirrender Farbenschimmer vor meinen Augen, heute hat er sich zum
entzückenden Landschaftsbilde auseinandergesetzt, in welchem jeder Baum spricht:
»Mein Schatten gehört dir«, und die gemalte Quelle flüstert: »Schwester, ruhe an
meinem Borde!«
    Ich trat mit dem Butterbrote leise hinter Karl Buttervogel. Zum letzten Male
stehe der Name in den Blättern! Er hatte mich nicht kommen hören und knackte
ruhig mit dem Instrumente, welches er aus der rechten Jackentasche gezogen
hatte, seine Nüsse auf.
    Ich sah ihm über die Schulter. Aber ach! da wankten meine Kniee, ich liess
das Butterbrot fallen, Karl liess den Nussknacker fallen, ich hob den Nussknacker
auf und Karl hob das Butterbrot auf! Ich drückte den Nussknacker an meine Lippen.
Er war es, er war es! - Der alte, treue Knacker, die erste, auf Rucciopuccio
hindeutende Liebe! O ihn, ihn hatte ich gleich erkannt. Und hätte ich ihn denn
auch verkennen können? Des Menschen Antlitz und Gestalt wandelt sich leider mit
den Jahren, ein Nussknacker bleibt, was er war.
    Ach, bitter-schmerzlich war dennoch dieses Wiedersehen! Das teure Heiligtum
meiner Jugend sah mich an, wie eine Ruine. Von dem Rot der Uniform war der
brennende Glanz gewichen, die Farbe der Unterkleider liess sich kaum noch
erkennen, erloschen waren die schönen, grellblauen Augen, der Mund hatte durch
das beständige Knacken seine beste Kraft verloren, einen Hut trug er kaum noch,
nur den Schnurrbart hatte die Missgunst der Zeiten verschont; er hing schwarz und
voll wie in jenen goldenen Tagen über den alt und müde gewordenen Lippen.
    Ein Strom von Tränen befreite die Brust. Dann fasste ich mich und dachte an
mich und mein Geschick. Karl hatte das Butterbrot verzehrt und sah mich gross an.
»Gelt«, rief er (ich muss ja seine eigenen Worte brauchen) »das ist ein
närrischer Kerl? - Ich habe den Schurken einmal vor vielen Jahren in einem
italienischen Badenest auf'm Kehricht hinterm Hause gefunden. Ich steckte ihn zu
mir und brauche ihn seitdem fortwährend, und der Racker« (ich erliege fast der
Qual solche Worte zu schreiben) »ist immer noch ganz. Dazumal diente ich bei
vierzehn Berliner Edelleuten, die das Bad brauchten und sich zusammen einen
Bedienten hielten.«
    »Fürst«, sagte ich ernst und gehalten, »verstellen Sie sich nicht länger.
Weder Ihre Bedientenjacke noch die scheusslichen Ausdrücke, zu denen Sie Ihre
edeln Lippen zwingen, um unerkannt zu bleiben, täuschen mich ferner. - Was
Vorläufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen, und: Ich kenne keinen Grösseren,
die bedeutenden Strümpfe, das Pantoffelwesen, die Zeichen an der Schnuppe des
Nachtlichts, mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wüste Sin, die da
lieget zwischen Elim und Sinai, das waren schon Symbole, welche nicht trügen
konnten. Nun die Melodie Ihrer Stimme, Ihr Fluch, jetzt gar der geliebte
Nussknacker in Ihrer Hand, und endlich, dass Sie von dem Kehricht wissen und von
der finstern Tat meiner verklärten Mutter, welche Nussknackern in jenes Elend
verstiess - - alles das - - mein Gott, leugnen Sie doch nicht weiter, häufen Sie
nicht unnütze Qual auf ein armes Mädchen, die immer Ihrer wert geblieben ist!
Sein Sie gut und liebevoll, lassen Sie die Maske fallen und sprechen Sie:
Emerentia, ja, ich bin es.«
    »Was soll ich denn sein?« rief er. »Ich bin kein Es. Ich bin, was ich bin -
Donnerwetter!«
    Seine rauhe Festigkeit machte mich doch einen Augenblick wieder zweifelhaft.
»Wenn Sie es nicht sind«, sagte ich entschlossen, »so ist es Ihr Herr, denn
einer von Ihnen beiden muss es sein.«
    Ich wollte gehn. Karl hielt mich aber am Kleide zurück. Mein Mittel hatte
gewirkt. »Ich sehe wohl«, sagte er, »dass es Ihnen ein Ernst ist, wenn ich es
bin. Also wollte ich Sie nur fragen, was daraus wird, wenn ich es bin?«
    »Wenn Sie es sind«, versetzte ich, »so bin ich Ihre Freundin im reinsten
Sinne des Worts. Mein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung auf diesen
grossen Moment. Gnädigster Herr! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der
Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Für dieses Opfer ist uns der
Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb bestehen; lassen Sie uns auf
demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden, für welches ich ewig, Ihnen
gegenüber Vorrat besitzen werde.«
    Karl kratzte sich im Kopfe (der Ungeheure! so tat er) und sagte: »Ich denke
nur immer noch, Sie haben mich bloss zum besten. Indessen aber will ich's
versuchen, und wer mich anführt, den soll der Teufel holen. Das heisst also, Sie
sind meine Freundin, heisst nämlich, wenn Sie meine Freundin sind, so müssen Sie
auch dafür sorgen, dass ich mehr zu essen und zu trinken kriege. Wenn Sie auf
diese Manier meine Freundin sind, so will ich's sein. Dann sehen Sie nur gleich
heute zu, dass ich einmal ein rechtschaffen Stück Fleisch kriege.«
    Er spielte fürchterlich mit mir. Dass er seinen wilden Humor selbst in diesem
grossen Momente nicht ablegte! O Männer, Männer, wie geht ihr mit uns um! - Eine
Lustigkeit der Verzweiflung ergriff mich, und in den Bahnen seiner
ausschweifenden Laune ihm folgend, rief ich: »Sie sollen heute zwei Pfund
Rindfleisch haben!«
    Das erschütterte ihn. Er sah mein Leiden, welches durch den Scherz
schauerte. Tränen traten in sein Auge, er sagte: »Sie sind doch sehr gut, und
ich bin's denn also.« Er ging, übermannt von edler, menschlicher Rührung.
    In seinen Tränen fand ihn mein Gefühl, wie mein Verstand ihn schon früher
erkannt hatte. Seiner Rolle blieb er sonst treu. Mittags meldete er sich um die
zwei Pfund Rindfleisch. Ich gab sie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen,
den Vater täuschend mit der Nachricht, die Katze habe das Fleisch gefressen. Er
hat es rein aufgegessen; seine Verstellung muss ihm doch schwergefallen sein.
    Wo die alberne Lisbet nur bleiben mag, der Aschenbrödel? Mit dieser Welt im
Busen muss ich nun jetzt am Feuerherde stehen! Auch war der Pfannkuchen versalzen
und ungeniessbar.
                                       *
Heute ist es zu einer vollständigen Erklärung zwischen uns gekommen. Ich
erinnerte ihn an unsere Spaziergänge bei Nizza, so an die Wechselverfertigung,
an die sechste Elefantenkompanie und an die Kabale des Kaisers aller Birmanen.
Ich erinnerte ihn an Hechelkram und an seine Rechte darauf. Ich nannte ihm den
süssen Namen jener Zeit: Rucciopuccio. Ich fragte ihn, ob er wohl an alles das
noch denke? Er sagte zu allem ja.
    Auch in dieser vertrauten hingebungsvollen Stunde blieb er Bedienter in
Wort, Gebärde, Haltung. Ich bat ihn herzlich, er möge doch mir gegenüber diese
hässliche Hülle aufgeben und der Fürst sein. Er versetzte, es gehe nicht an, ich
möchte ihn um Gottes willen zufriedenlassen. - Ich will nicht weiter in ihn
dringen, er fürchtet vermutlich, dass, wenn er sich vor mir demaskiert, er sich
auch sonst vergessen könne, denn welche unendliche Mühe muss den Hohen dieses
angelegte niedere Wesen kosten!
    Sein Inkognito hat vermutlich einen Doppelzweck. Mich wollte er unerkannt
prüfen, und dann will er auch im Verborgenen abwarten, welchen Erfolg seine
Verwendungen an einige Mächtige des Hofes um Hechelkram haben werden. Ich sagte
ihm diese meine Vermutungen in das Antlitz, und er antwortete: Es sei alles so,
wie ich meine.
    Wie es ihm nur möglich gewesen ist, mich zu finden, da ich in Nizza
Marcebille von Schnurrenburg-Mixpickel hiess? Darüber werde ich ihn doch
nächstens befragen.
    Die Entwickelung unserer Angelegenheit muss in Geduld abgewartet werden.
Erfolgt seine Anerkennung als Fürst, so wird sich auch für mich das Stift
finden. Ich erfülle mein Schicksal und bin ruhig.
    Eins geht mir aber im Kopfe umher. Er hat keine Gemahlin. Das wird meiner
Stellung eine ihrer Blüten abstreifen. Ich wollte ja der segnende Schutzgeist
seines Hauses sein, die Gatten miteinander versöhnen. Das fällt nun weg. So hält
uns das Leben doch nie ganz Wort.
                                       *
Dass er so gar nicht Rucciopuccion ähnlich sieht! - Vergebens mühe ich mich ab,
einen Zug der Vorzeit in seinem Gesichte zu erspähen. Aber freilich ist es denn
auch einige Jahre her, dass wir auseinanderkamen -
    - Die dumme Lisbet hat mir vor ihrem Abzuge mein Schreibzeug verkramt, ich
muss mich mit Federn behelfen, die alle bequemen schriftlichen Ergiessungen
unmöglich machen. Sie ist ein abscheuliches Geschöpf -
    - und dann hat er viel auszustehen gehabt. Er bekam selbst hin und wieder
von seinen Herrn Schläge. Natürlich! Die indischen Fürsten sind Barbaren.
    Auch Münchhausen ist mir nun entziffert. Dieser hohe Geist, dieser neue
Prophet der Natur und Geschichte wird der Kammerherr des Fürsten sein, oder sein
Adjutant, oder sein Hofstaatssekretär, oder eine andre dieser reinen, idealen
Gestalten.
    Auch ihm wird seine Rolle schwer, ich sehe es wohl. Sein schmerzliches
Zucken, wenn er den Gebieter zum Scheine anfahren muss! Neulich tat er so, als ob
er den Stock gegen ihn brauche, und der Fürst tat, als schreie er.
                                       *
Münchhausens Geschichten werden mir jetzt klar. Der Vater nimmt sie wörtlich und
glaubt daran zum Teil. Ich ahnete gleich eine geheime Bedeutung - und habe mich
nicht getäuscht. Die smaragdgrüne Bergebene Apapurin ... usw. ist unsere Jugend,
goldgelbe Kälber der Empfindung grasen auf ihr, die Gedanken der Jungfrau sind
pfirsichrot und alle Äusserungen ihres Wesens herb und keusch, wie
Schlippermilch. Nachher spaltet sich die Welt ihres Inneren, diese Spaltungen
und Unterspaltungen werden durch die sechs Gebrüder Piepmeier angedeutet,
einander zum Verwechseln ähnlich, wie unsere Spaltungen, dann kommt die Prosa
des Lebens unter dem Bilde des Wachtfriseurs Hirsewenzel und flicht den grossen
Knoten widerstrebender Verhältnisse, den Rattenkönig gemischter Empfindungen.
    Manches einzelne bleibt mir freilich in jener Symbolik noch dunkel. Welcher
Moment des weiblichen Lebens wird z.B. durch die Folgen der einzigen Lüge
Münchhausens dargestellt?
                                       *
Ein köstlicher Genuss ist es, zu sehen, wie das Hohe, das Göttliche unter der
Knechtsgestalt, in welcher es hin und wieder erscheinen muss, siegreich für den
Kundigen hervorbljetzt. Wiewohl mein erlauchter Freund den Bedienten zum
Erschrecken natürlich spielt, so lässt sich Fürstenblut dennoch nicht verleugnen,
und davon wurde mir heute die Erfahrung.
    Der Prätendent von Hechelkram putzte die Stiefeln seines sogenannten Herrn.
Ich habe nun wohl sonst bemerkt, wenn ich die Diener dieses Geschäft verrichten
sah, dass sie es in unedler gebückter Stellung, mit widerlich kurzen, schnellen,
heftigen Bewegungen ausführten - ein unerfreulicher Anblick!
    Ganz anders, was ich heute sah.
    Karl sass. Er hielt sich vornehm nachlässig zurückgebeugt, er sah kaum den
Stiefel an, langsam fuhr seine Hand mit der Bürste über diesen, der so tief
unter seiner Würde war, hin und her - und berührte das gemeine Leder obenhin,
nur zum Schein.
    Freilich wurde der Stiefel nicht ganz blank, und Münchhausen schalt Karln,
sich verstellend, Faulpelz. - Das ist eine der schwersten Prüfungen, welche mir
dieses Verhältnis auflegt, dass ich, um es in seiner ganzen Wahrheit zu zeichnen,
so viele gemeine Fluch- und Schimpfwörter, euch, o ihr meine reinen Blätter,
aufdrängen muss!
    Der Fürst hat einen unglaublichen Appetit. Heute verzehrte er wieder eine
ganze Bratwurst, und sie gehörte zu den grösseren im Kreise ihrer Schwestern! Das
indische Klima wird so an ihm gezehrt haben. Wenn sie ihm nur bekömmt!
                                       *
Vor meinen Ohren summt ein altes Lied:
Einst liebtest du den Nussknacker,
Nach dem Nussknacker liebtest du mich ...
So weit kann ich's, aber die folgenden Verse wollen mir nicht beifallen, wie oft
ich's auch für mich hin singe. dabei uns zu erkennen war in der fürchterlichen
Stunde, wo uns die Juden schieden, das heilige Gelöbnis. Ich habe den Fürsten
daran erinnert, aber auch er kann die folgenden Verse nicht finden.
    Mir ist es unmöglich geworden, dem wilden Humor, der in dem Namen: Karl
Buttervogel flattert, mich ferner zu fügen. - Bin ich denn nicht ein Weib, d.h.
ein Wesen ohne allen Sinn für Ironie; tiefem, schlichtem Ernste einzig
hingegeben? Um mich nicht aus dem Bilderkreise, den der Fürst gewählt, zu
entfernen, nenne ich ihn vor den andern Karlos den Schmetterling. Der Vater
lachte, als er diese Bezeichnung zum ersten Male von mir hörte. Er versteht mich
nie. Münchhausen begriff mich wieder ganz, begriff mich, ohne dass ein Wort der
Erklärung zwischen uns gewechselt wurde.
    Er sagte: »Wenn der Esel« (o Gott, wie leide ich!) »nur dadurch nicht stolz
wird!« Ja freilich wird, wenn so nach und nach über ihm das Licht verklärender
Beziehungen und Bezeichnungen aufgeht, der angestammte Stolz sich herrlich
zeigen!
    O Münchhausen, Münchhausen, grosser Herzenskündiger!
 
                                Viertes Kapitel
                   Blätter aus dem Tagebuche eines Bedienten
Auch Karl Buttervogel führte ein Tagebuch. Da er sich viel in der Welt
umhergetrieben und bei hundert Herrschaften gedient hatte, so war es ihm zur
Gewohnheit geworden, kleine kurze Notizen in seine Brieftasche einzutragen, die
sich denn dort vermischt mit Anzeichnungen seiner Auslagen fanden. Die
Brieftasche hatte Decken von ehemals rotem Schafsleder. Denn ihre Farbe war
durch die rauhe Faust der Zeit allgemach ausgetilgt worden; sie sahen jetzt fast
aschgräulich aus. Vier Blätter gelben, oftbenutzten Pergamentes, auf welchem der
Bleistift kaum noch eine Spur nach sich lassen wollte, waren eingeheftet; die
Seitentasche entielt eine gemalte Blume, mit einem Reime darunter, einen
kleinen immerwährenden Kalender und einen Kamm.
    Dieses ehrwürdige Altertum schloss folgende Herzensergiessungen Karlos' des
Schmetterlings in sich:
                                  Erstes Blatt
Den sechzehnten Juni: Ausgerissen von Stuttgart.
    Hab' mein Putzzeug im Wirtshaus stehenlassen.
    Von der Rieke keinen Abschied nicht genommen. Ging zu rasch.
                                       *
Den zweiundzwanzigsten Juni: Angekommen auf'm Schloss durch Pferdsturz.
    Sehr viel Hunger und Durst gelitten. Flöh', Wanzen und sonstiges Ungemach.
    Gefallt mir hier gar nicht.
                                       *
Vor Wachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Stüber
Vor blauen Zwirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Stüber
Vor Sachen aus der Apoteke . . . . . . . . 18 Stüber
Vor einen Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Stüber
Vor waschen zu lassen . . . . . . . . . . . . . . . 8 Stüber
Vor meinem Herrn vor eine
 gemeinnützliche Kollekte . . . . . . . . . 3 Heller
was mir alles mein Herr noch zahlen muss.
Seit Lichtmess keinen Lohn nicht gekriegt. Tut drei Gulden sechs Kreuzer per
Monat, zusammen zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
                                       *
Den sechsundzwanzigsten Juni: Seit drei Tagen nichts zu fressen gehabt. An mein'
Rieken kontinuierlich immerwährend gedacht. Ist kaum noch auszustehen. Sichtlich
mager geworden.
                                       *
O Rieke, dein Getreuer
Aus Schwaben oder Bayern,
Dem ist es nicht gegonnen,
Wenn abends sinkt die Sonnen,
Dass er an deiner Brust
Dich kusst nach Herzenslust.
Vorstehenden Spruch gemacht gestern nacht als den achtundzwanzigsten Juni, da
ich nicht schlafen konnt' von wegen Hunger und Flöh'.
 
                                 Zweites Blatt
Den fünften Juli: Lange nichts eingeschrieben in die Brieftafel. War zu
beschäftigt die Zeit her. Ausserordentlich mich verbessert in meiner ganzen Lag'
und Kondition. Fräulein verliebt in mich.
    Durchaus nicht gewisst und erfahren, wie sich's zugetragen. Gefragt und
getribeliert und endlich auf den Kopf mir zugeschworen, ich sei's.
    Nicht ausweichen gekonnt und endlich zugesichert, ich wollt's sein, wenn und
wofern ich meine gehörige Verköstigung erlange.
    Meinen alten Nusskracher mir fortgenommen und dazu geweint. Glaub', sie ist
verrückt.
    Sogleich am nämlichen Tag zwei Pfund Rindfleisch gegessen. Sehr schönes
Gefühl danach gehabt. Zum erstenmal wieder in Ruh' an mei' Rieken gedacht.
                                       *
Den siebenten Juli: Über alles und jedes befragt, als zum Exempel von Fürst und
Hechelkram und seligen Spaziergängen in Nitze und von Rutscheputsche. Kein Wort
verstanden, indessen aber mir alles gefallen gelassen und immerdar ja gesagt.
                                       *
Den achten Juli: Grosse Gewissensbisse gehabt um mei' Rieken. Bratwurst gessen,
wornach sich die Beängstigung gemindert.
    Nicht dafür gekonnt, dass ich in dies Malheur verfallen.
 
                                 Drittes Blatt
Den neunten Juli: Schönes Gefühl empfunden durch die neue Lieb. Sehr
geschmeichelt gefühlt von der Lieb vornehmer Person. Gar nicht mehr den
Bedienten gefühlt in der neuen Lieb. Stiefeln in diesem Gefühl geputzt.
Angeschnauzt von meinem Herrn und abgeschwartet5 in der Still', weil Stiefeln
nicht blank gewest. Alles verschmerzt im Gefühl der Lieb.
    Abends zwölf harte Eier gessen. Äusserst selig zu Bette gangen.
                                       *
Vor Flecke aus dem Tuch zu bringen nimmt man Toback, kocht ihn ab und schmiert's
Tuch mit ein. Dann gebürstet und am Sonnenschein getrocknet, ist alles 'raus.
 
                                 Viertes Blatt
Den zwölften Juli: Heut meinen Entschluss gefasst nach langem Kampf. Mich
risalfiert, Rieken ewig zu lieben und das Fräulein zu heiraten, wofern mir mei'
fernere gute Verköstigung zugesagt wird.
    Alle Andenken verbrannt von Rieken, um nicht wieder Kampf zu leiden.
    Dennoch äusserst viel Furcht gehabt vor dem alten Baron, von wegen zum
Hausnausschmeissens, wenn's 'rauskommt.
    Vier Stüber vom Fräulein geschenkt gekriegt, um mir ein' Erholung zu machen.
                                       *
Angespielt heute von ferne auf fernerweite gute Verköstigung, wofern geheiratet
werden soll. Missverstanden geworden. Mich entschlossen, nächstes Mal mich
deutlicher zu machen.
                                       *
Den vierzehnten Juli: Künftigem Schwiegervatern heute vor Pläsier die Stiefeln
ausgezogen. Ihn dabei bedeutsam angeblickt, um die Entdeckung vorzuspielen. Auch
nicht verstanden worden. Nachgerade bänglicht.
    Gar keine Lust mehr zum Dienen bei Münchhausen. Gar zu viel gewisst von
seinen Geheimnissen und seit jeher keinen rechten Respekt nicht vor einem
chemisch-präparierten Menschen gehabt. Durch die neue Lieb' vollends ganz stolz
geworden. Mich erniedrigt gefühlt durch die einförmigen Rockausklopfereien und
sonstigen Amtsverrichtungen. Will Fürst von Hechelkram werden, wann's nicht
anders ist und das Fräulein darauf besteht. Soll mir sagen, wo's Fürstentum
liegt, damit ich drum einkommen kann.
                                       *
Am selbigen Tag, nachts: Mein Herr von Münchhausen heute abermals seine
Schmierereien vorgenommen und mir dadurch ganz widerwärtig geworden. Mir
vorgenommen, bei erster Gelegenheit grob zu werden, um auf eine feine Manier aus
dieser Sklaverei zu kommen.
    Gefällt mir jetzt recht wohl hier. Übrigens doch eigne Lag', und weiss der
Schinder, was draus werden soll.
In ein so wunderbares Verhältnis war Fräulein Emerentia mit ihren Gedanken,
Träumen und Empfindungen geraten. Man kann sich daher vorstellen, wie es ihr
Bewusstsein verletzen musste, als der Vater die Besorgnis vor einer Mariage
zwischen ihr und Münchhausen äusserte.
    Übrigens wusste sie kaum noch, ob sie auf der Erde wandelte. Sie dachte und
sah nur den Prätendenten von Hechelkram, den Altar der Freundschaft und das ihr
winkende Stiftskreuz. Der kleine Haushalt litt freilich sehr unter dieser
glücklichen Entwirrung schwieriger Verhältnisse. Auf die Suppe musste nach und
nach ganz verzichtet werden, da sie niemals zu geniessen stand, oder der
Schulmeister hatte mit seiner schwarzen auszuhelfen. Alles Fleisch aber stahl
regelmässig die Katze, weil der maskierte Fürst unersättlich war. Der alte Baron
wünschte sich hundertmal des Tages über verdriesslich seine Lisbet zurück. Wo er
die Katze, die vermeintliche Räuberin der Speisen sah, schlug er nach ihr; ach,
er wusste nicht, dass Karlos der Schmetterling die Schlange war, die er am Busen
nährte. Nannte nun gar seine Tochter diesen Namen (und sie nannte seit der
grossen Entdeckung Buttervogeln nie anders) so wollte er, nachdem er einige Male
über den blühenden Tropus gelacht hatte, schier verzweifeln, denn er begann zu
fürchten, dass sein armes Kind sich mit starken Schritten einer unglückseligen
Verwandlung nahe.
 
                                Fünftes Kapitel
              Der Autor fährt fort notwendige Erklärungen zu geben
Aber der alte Mann hatte noch andern Verdruss. Es ist eine bewährte Erfahrung,
dass der Mensch Leckerbissen, wie Kaviar und Gansleberpasteten schleunig müde
wird und nur die einfachste Speise, das Brot, immer essen mag. So geht es auch
mit den Nerven des geistigen Gaumens. Sie stumpfen sich rasch gegen den
wollüstigsten Kitzel ab; Erschütterung und Staunen werden ihnen bald trivial.
Wer Märchen hörte, sehnt sich doch wieder bei Gelegenheit nach der trockensten
Zeitung; woraus abzunehmen, dass alle, welche mit Wundern auf die Menschen wirken
wollen, mit Wundern sparsam sein müssen.
    Wie gross war dem alten Schlossherrn sein Gast im Anfang vorgekommen, wie
hatte seine Seele sich in dessen Erzählungen so ganz befriedigt gefühlt, und wie
bald erlosch dieser Genuss! Es liefen nicht vierzehn Tage ins Land, so fühlte
sich der Baron von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum
Warzentrost unmustern, wie damals, als er seiner Erwartungen müde zu den
Journalen griff, und damals, als er der Journale müde, sich nach einem
gleichgestimmten Freunde sehnte, und damals, als er des gleichgestimmten
Freundes, nämlich des Schulmeisters müde, heftig nach, er wusste selbst nicht
wem? verlangte. Zuerst glaubte er, es liege ihm im Unterleibe und nahm ein
Brechmittel ein. Das Mittel wirkte, sein Zustand blieb aber derselbe. Allgemach
erkannte er die wahre Ursache - Münchhausen war ihm langweilig geworden, wie
seine Erwartungen, die Journale, der Schulmeister.
    Seine Geschichten klangen ihm jetzt lange nicht seltsam genug, die
ausschweifendsten Abenteuer kamen ihm schal vor. Er pflegte nunmehr, wenn
Münchhausen einen Bericht vollendet hatte, zu versetzen: »Ist noch gar nichts,
Liebster, Bester, mir ist einmal ganz etwas anderes widerfahren.« Worauf er
seinerseits sich bemühte, Überbietendes vorzutragen, freilich selten über den
ersten Anlauf hinausgelangte.
    Der Freiherr hatte nach der Novelle von seinen sechs Geliebten viel und
mancherlei hören lassen, was leider durch das Sieb der Geschichte gefallen ist.
Einiges ist indessen aufbehalten geblieben.
    Münchhausen erzählte von dem Fürstentume Sprenkel, worin er einstmals, da
man nach Ständen verlangend gewesen, Stände aus Blätterteig verfertiget habe.
Diese Repräsentanten von Blätterteig hätten allen verfassungsmässigen Nutzen
gebracht, bis der Nachfolger gekommen wäre und sie aufgegessen hätte, weil er
willens sei, neue von Spritzkuchenteig backen zu lassen.
    Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts, Blätterteig könne ein jeder
essen. Er habe einmal gesehen - - -
    Münchhausen erzählte von dem Kaisertume Kleinchina, rechts von Grosschina im
Stillen Weltmeere über Formosa hinaus belegen, worin der Patriotismus im Frieden
so stark geworden sei, dass alle Jahre am Geburtstage des grossen Goldfisches (so
heisse nach orientalischer Sprechsitte der Kaiser von Kleinchina) die Mandarinen
der ersten drei Rangklassen in den Tronfarben anliefen, nämlich braun und blau.
    Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts; die Färbung der Haut möge wohl
von einem Ausschlage, von einer Art Nesselsucht herrühren; dergleichen pflege
sich rasch wieder zu verlieren. Er habe einmal gesehen- - -
    Münchhausen erzählte vom tiefsinnigen polnischen Starosten, der ein
tiefsinniges Buch über die Kunst der Gegenwart geschrieben, und selber aus
Kunstentusiasmus in Tiefsinn verfallen sei, worin er sich für einen Pinsel
gehalten habe und zwar für den Pinsel seines Lieblingsmalers. Die Geschichte war
wirklich anmutig und lieblich anzuhören, denn sie lehrte weiter, dass der
tiefsinnige Pole oder polnische Tiefsinn als Pinsel gerade so sich benommen und
ausgedrückt habe, wie früherhin, so dass zwischen dem ehemaligen Starosten und
nachmaligen Pinsel durchaus kein Unterschied bemerkbar gewesen sei. Er folge,
sagte Münchhausen, in diesen Angaben nur dem Kammerdiener des Polacken, dem
grimmen Hagen aus Nibelungenland, welcher für eine Zulage von sechs polnischen
Gulden zum Jahresliedlohn das tiefsinnige Buch seines Broterrn den Deutschen
zugänglich gemacht habe.
    Der alte Baron versetzte: Es sei gar nichts, dass ein Mensch sich für einen
Pinsel halte, da so viele Pinsel überzeugt seien, Menschen zu bedeuten. Er habe
einmal gesehen - - -
    Münchhausen sagte, wenn ihm diese Geschichte keine Verwunderung abzwinge, so
werde ihn doch ein Beweis seines eigenen Genies in Erstaunen setzen. Er habe
nämlich bei dem jetzigen Aufschwunge künstlerischer Begabung auch in sich das
plastische Element gefühlt und sei deshalb Diszipel einer berühmten Akademie
geworden. Die Metode und Influenz habe sich zum Erstaunen an ihm bewährt, denn
er sei in der ersten Woche schon Leonardo da Vinci, in der zweiten Michelangelo,
in der dritten Raffael gewesen - öffentlichen gedruckten Nachrichten zufolge. In
der vierten sei aus ihm eine Komplikation von Vinci-Angelo-Raffael geworden.
Späterhin habe er sich auf das Niederländische geworfen und nach vierundzwanzig
Stunden der kleine Rembrandt geheissen.
    »Mich ennuyierte aber die Malerei«, fuhr Münchhausen fort, »beschloss
Bildhauer zu werden und zwar fürs erste Phidias. Natürlich auch durch höhere
Richtung, Vorsatz und Erleuchtung von oben. Ich schlief eines Abends mit diesem
Gedanken in einem Butterkeller ein. Wie ich hinein gekommen, gehört nicht zur
Sache; genug, ich schlief im Butterkeller. In der Nacht hatte ich Träume von
Götter- und Heldengeschichten, merkte wohl, dass ich mit den Fäusten
umherhantierte, wusste aber doch nicht, was ich eigentlich machte, weil ich immer
halb im Schlaf blieb. Am andern Morgen kam der Butterhändler in den Keller, mit
der Lampe, leuchtete umher und schrie: Herrjemine, was ist aus der Butter
geworden! - Ich wachte nun auf, sah mich um und erstaunt' ein wenig, denn siehe
da, ich hatte im Schlaf, bloss mit der Hand die Gruppe der Zentauren und Lapiten
gebildet aus Butter, im ersten, strengen, erhabenen Stil. Die Töpfe waren alle
leer, so hatte ich in der Butter gewirtschaftet. Mein Butterhändler wollt'
anfangs keifen, nachher beruhigte er sich, weil er merkte, dass mit dem Werke ein
gut Stück Geld zu verdienen sei. Wir trugen die Buttergruppe vorsichtig die
Treppe hinauf und setzten sie in die Sonne, um ihr die rechte Beleuchtung zu
geben. Das war aber nicht wohl bedacht, denn in der Sonne schmolzen die Figuren,
erst die Lapiten und dann die Zentauren. War das nicht wundersam?«
    »Was? Dass Sie Zentauren und Lapiten aus Butter machten, oder dass dieses
Gebilde, als Sie ihm die rechte Beleuchtung gaben, schmolz?« fragte der alte
Baron. - »Letzteres«, erwiderte Münchhausen. »Um ein solches Kunstwerk hätte der
Himmel schon einmal den Gang der Naturgesetze unterbrechen können. Dass die
Butter in der Sonne zerging, dass kein Wunder geschah, finde ich wundersam.«
    Der alte Baron versetzte: »Das ist vollends nichts, denn es lautet zu
subtil.«
    So wollte keine Erzählung vor dem Sinne des Schlossherrn mehr Stich halten.
Münchhausens Genie hatte sich in der Meinung seines Wirtes rascher abgebraucht,
als ein Ministerium des Julitrons verwittert. »Kann er mir denn nicht echte
Merkwürdigkeiten erzählen?« rief der alte Mann oft bitterböse, wenn ihn sein
Gast verlassen hatte, »so etwas - so etwas - - was sich gar nicht erzählen
lässt?«
    Nur zwei Abenteuer waren es, auf welche die Wissbegierde des alten Barons
sich noch einigermassen gespannt hielt: Münchhausens Fata unter dem Vieh,
insbesondere unter einer Ziegenherde am Helikon, und dann, wie er unlängst in
Schwaben Poltergeister und Dämonen kennengelernt. Auf beide hatte der Freiherr
zu öfterem im voraus hingewiesen, immer aber war die Erzählung durch zufällige
Ereignisse verschoben worden, wie denn noch jüngst das erste Kapitel dieses
Buches nicht halten konnte, was seine ersten Worte versprachen.
    In seiner gelangweilten Stimmung warf der alte Baron ein Auge forschender
Verdriesslichkeit, oder verdriesslichen Forschens auf die Person des Freiherrn,
und da wurde ihm nun so manches Gegenstand der Verwunderung. Die ergrünenden
Wangen und die doppelfarbigen Augen mussten freilich durch die Erläuterungen
Münchhausens für vorläufig beiseitegestellt gelten, dagegen hatten sich an dem
ausserordentlichen Manne neue geheimnisvolle Phänomene in Menge aufgetan. Schon
dass der Freiherr stets traurig und dunkel sprach, wenn er im allgemeinen der
Umstände bei seiner Erzeugung gedachte, war ein seltsames Ding, hiezu kam aber
noch das ungewöhnliche Verhältnis zwischen Herrn und Diener, welches sich bald
im Schloss bemerklich machte.
    Es ist eine weitverbreitete Klage der Zeit, dass ihre Fortschritte auch den
Übermut der Dienstboten gesteigert haben. Unter den vielen schlechten Bedienten
aber, welche die Gegenwart gebiert, war Karl Buttervogel (denn für uns behält er
diesen Namen) sicherlich einer der schlechtesten. Wenn ihm sein Herr etwas
befahl, so tat er es auf das erste Geheiss gar nicht, auf das zweite auch noch
nicht, und auf das dritte tat er es zwar, aber so, als tue er es um Gottes
willen. Den Rock klopfte er dem Gebieter aus, wenn er Lust hatte, und alles
übrige, was zu seinem Dienste gehörte, verrichtete er, insofern er dazu Belieben
trug. Fuhr ihn aber sein Herr an, oder drohte er, ihn zu schlagen, so warf der
Bursche mit so spitzigen, frechen und sonderbaren Reden um sich, dass auch der
Argloseste darüber erstaunen musste.
    Einstmals sagte der alte Baron, als er Zeuge eines derartigen Auftritts
geworden war, bei welchem Karl Buttervogel ausgerufen hatte, Münchhausen solle
sich hüten, er wisse ja wohl, dass - - zum Freiherrn: »An Eurer Stelle, Freund,
jagte ich den Unverschämten fort.« - »Ich darf nicht«, versetzte Münchhausen,
schmerzlich gen Himmel blickend, »weil - -«
    »Dass? - - Weil? - - Was für ein Dass? Was für ein Weil?« murmelte der alte
Baron.
    An einem andern Tage hatte Münchhausen im Zorn wirklich den Rücken des
Widerspenstigen bestrichen. Karl Buttervogel lief fort, schimpfte wie ein
Rohrsperling und wiederholte unaufhörlich: »Mich prügeln? So ein Munkel?«
    »Munkel?« fragte der alte Baron. »Was ist ein Munkel?« - Es lag am Tage,
dieser Bediente wusste etwas von seinem Herrn, was nicht für jedermanns Ohr
taugte.
    Die Geheimnisse Münchhausens fanden ihren Gipfel in seinen heimlichen
Experimenten. Er schickte nämlich wöchentlich Karln in die Apoteke der nächsten
Stadt, darauf nahm er ihm die Spezies ab, verschloss sich in seiner Stube,
verhing die Fenster, und dort hinter Schloss und Riegel und nesseltuchnen
Vorhängen tat er Dinge, welche nur das Auge Gottes sah. Es verbreitete sich,
wenn er so experimentierte, durch das Schlüsselloch ein feiner mineralischer
Dunst im Hause; dass Münchhausen selbst hernach wie eine starke Schwefelquelle
duftete, haben wir schon aus dem Munde des alten Barons gehört. Einst hatten die
Bewohner des Schlosses während eines solchen geheimen Experiments einen grossen
Schrecken. Es geschah nämlich in der Stube ein starker Knall, Münchhausen stiess
heftig die Türe auf, Dampf quoll heraus, Dampf erfüllte die Stube, im Dampfe
aber stand Münchhausen bleich und entsetzt. Allerhand Flaschen- und sonstiges
Geräte, mit seltsam schillernden Feuchtigkeiten erfüllt, stand auf dem Tische
umher. Münchhausen räumte es eilig und verstört hinweg, als er nach einigen
Augenblicken sich wieder zu sammeln wusste.
    Dieser Auftritt vollendete die Spannung des alten Barons. Alles Interesse,
welches er früher an den Erzählungen seines Gastes gehabt hatte, übertrug sich
nun auf dessen Person. Und so gewann der Held durch die Grobheit seines
Bedienten, durch mineralischen Geruch, durch Dampf und Knall den Anteil, welchen
er auf dem einen Felde eingebüsst hatte, auf dem andern sich zurück. »Ein
langweiliger Erzähler, aber eine merkwürdige historische Person, vielleicht das
einzige Exemplar seiner Gattung!« sagte der alte Schlossherr.
    Leider blieb seine brennende Neugier ohne Befriedigung, denn niemand konnte
ihm ein Licht über den Mann anzünden, der unter den Menschen kaum seinesgleichen
zu haben schien. Münchhausen wich mit siegreicher Gewandteit allen Versuchen,
ihn bis über einen gewissen Punkt hin zu erforschen, aus. Den Bedienten aber
über den Herrn zu verhören - diesen Gedanken hatte er, als er flüchtig in ihm
einstmals emporgestiegen war, weit von sich hinweggewiesen. Trotz aller seiner
Narrheiten war der Baron von Schnuck ein Mann von altdeutscher Sitte und
Höflichkeit. Noch niemals hatte er vergessen, was er seinem Gaste schuldig war.
So, zwischen Verlangen und Unmöglichkeit, den Schleier zu heben, umgetrieben,
wurde sein Herz bis zum Rande voll von Unruhe und Verdriesslichkeit.
    Der Schulmeister endlich war in den Zustand ernster Selbstbetrachtung
hineingeraten. Er begann sich noch mehr, als früher, von den Zusammenkünften der
Schlossbewohner fernzuhalten, und sass tagelang einsam auf dem Gebirge Taygetus,
wie ein indischer Büsser seine Nasenspitze betrachtend.
    Kam er dann doch wieder einmal zu den übrigen, so zog er sich immer bald
wieder zurück, denn niemand achtete seiner, Münchhausen nicht, weil er den
Abkömmling des Königs Agesilaus nicht bedurfte, das Fräulein nicht, weil sie,
wie wir wissen, allem Irdischen überhaupt bereits entrückt war, der alte Baron
nicht, weil er über den Munkel nachsann.
    Was Münchhausen betrifft, so erhielt sich dieser wunderbare Charakter zwar
äusserlich die Fassung, in welcher er so stark war; durch seinen Busen aber
stürmten auch manche Sorgen. Dass er den alten Schlossherrn mit seinen Erzählungen
langweile, hatte er schon seit geraumer Zeit bemerkt, dass sich ein gefährliches
Grübeln an seine Person zu heften beginne, musste er nun gewahr werden. Dieses
war ihm unangenehm. Ihm lag daran, noch eine Zeitlang als ruhiger, wenn auch
höchst geistreicher und vielerfahrener Privatmann das Obdach und die Speise des
Schlosses zu geniessen. - Er nahm sich daher vor, einen wahren Heroismus im
Erzählen zu entfalten und den Baron dadurch womöglich abzulenken, solchergestalt
aber dem Schicksal die freie und männliche Stirn zu weisen, welche von keinem
Schlage bisher zu zerschmettern gewesen war.
    Während auf diese Weise die Bewohner des Schlosses sich entscheidenden
Begebenheiten näherten und ihre Charaktere zu reifen begannen, war Karl
Buttervogel der einzige Glückliche. Er ass Rindfleisch, Bratwurst und Eier,
soviel ihm das Fräulein von diesen Nahrungsmitteln zustecken konnte, bediente
seinen Herrn mit der Überzeugung, dass es nur von ihm abhange, denselben zu
stürzen, und empfand alle Zauber einer geheimen, hohen Liebe.
 
                                Sechstes Kapitel
                  Die Ereignisse eines Abends und einer Nacht
An jenem Abende, an welchem Münchhausen und der Schlossherr gegenseitig offen
geworden waren, liess sich Karl Buttervogel fünfmal rufen, bevor er zu seinem
Herrn kam, der sich entkleiden wollte. Als er endlich erschien, holte der Herr
mit den Worten: »Du Gauch! Du Bestie!« nach ihm aus, der Diener aber ergriff
einen Stuhl, hielt ihn zu seiner Verteidigung vor sich hin und schrie, als ob er
am Spiess stäke. Auf dieses Geschrei eilte der alte Baron im Nachtkleide die
Treppe hinauf, Emerentia aber, tief in ihre Welt versunken, hörte davon nichts,
sondern fuhr in ihren Eröffnungen gegen die Wand fort, in welchen sie noch
begriffen war. Der alte Baron, das Nachtlicht in der Hand, fragte: »Was gibt es
denn hier schon wieder?« Münchhausen versetzte: »Mit diesem Racker ist nichts
mehr anzufangen, jeden Tag wird er fauler, ich weiss nicht, was dem Ungeheuer im
Kopfe steckt!« - »Liebe steckt dem Ungeheuer im Kopfe!« schrie der Mensch
erbost; »Liebe von einer ganz vornehmen Person, und es gibt Schwiegerväter, die
noch von nichts wissen und sich sehr verwundern werden, wofern fernerweite gute
Verköstigung ausgemacht wird.«
    »Ist der Kerl verrückt?« sagte der alte Baron.
    »Und am Dienst habe ich keinen Geschmack mehr, und am allerwenigsten mag ich
so einem Munkel noch ferner dienen, der mich noch überdem prügeln will!« rief
Karl Buttervogel. »Und ich begehr' meinen Lohn, zwölf Gulden, vierundzwanzig
Kreuzer seit vier Monaten, und was ich ausgelegt habe, tut auch zweiundvierzig
Stüber, drei Heller, und das begehre ich und fordre ich, und dann gehe ich
gleich fort, denn ich kriege doch ausserdem mein gutes Essen und Trinken durch
meine Konnexionen, und wenn mir noch ein Wort zu nahe gesagt wird, so gebe ich
alles an bei meinem Schwiegervater von der unnatürlichen Erzeugung und den
chemischen Schmierereien -«
    Münchhausen setzte sich erschöpft auf sein Bett. Er zitterte, wie
gewöhnlich, mit den Nasenflügeln, seine Miene war äusserst leidend.
»Schreckliches Verhängnis, welches mich in die Hand eines Buben gibt!« stöhnte
er. »O warum schwieg ich nicht auch gegen dich, Unmensch, wie ich gegen jeden
sonst geschwiegen habe? Ich öffnete dir mein Herz, ich bedurfte einer Seele, die
ich in die Apoteke schicken konnte, und du wirst hingehen und mich verraten.«
    »Alteriere dich nicht, Bruder«, sagte der Schlossherr. »Dieses Individuum
bleibt ewig ein Bedienter; über solches Pack müssen sich Männer unserer
Extraktion nicht ärgern. Freilich, was die unnatürliche Erzeugung und das
Chemische angeht, da wäre ich äusserst verlangend -«
    Münchhausens Gebärde wurde gross. »Verlange nicht danach«, sagte er erhaben.
»Ich kenne dich, du bist schwach, Baron Schnuck, du kannst Offenheit ertragen,
du kannst ertragen, dass der deutsche Mann zum deutschen Manne sagt: Schafskopf!
aber das würdest du nicht ertragen. Du hängst an Ideen, die du mit der
Ammenmilch eingesogen hast, du willst den Menschen menschlich gezeugt. Die
Entdeckung, welcher dein unseliger Fürwitz zusteuert, würde dich deinen Freund
kosten!« Er warf mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Kleidungsstücke ab und
sah im Hemde zum Fenster hinaus, den Anwesenden den Rücken kehrend.
    Karl Buttervogel rief, ohne sich stören zu lassen, in dieses Konzert: »Und
es ist schändlich von so einem Herrn, wenn so ein Herr immer lügen tut. Das
Lügen ist für uns geringe Leute, wir können oft nicht darüber hin, und der liebe
Gott vergibt es uns, weil wir sonst unser Brot nicht haben, und wenn ich erst
meinen gnädigen Schwiegervater besitze und auf meine fernerweite gehörige
Beköstigung rechnen darf, so will ich's auch lassen, und von so einem Herrn, wie
von meinem Herrn von Münchhausen ist es sehr unrecht, und allen Leuten lügt er
etwas vor, und allerorten hat er gelogen, und sie sind so dumm und glauben ihm
auch immer, obgleich kein wahres Wort aus seinem Munde geht.«
    »Es ist gut, Karl, bringe das andere draussen an«, sagte Münchhausen, sich
umwendend. Der Ton seiner Stimme war sanft aber fest geworden. Er band einen
rot- und gelbseidnen Tuch mützenartig um den Kopf, so, dass die Zipfel an seinen
Ohren herunterfielen. »Gute Nacht, Bruder Schnuck, du hast recht, man muss sich
über dergleichen Leute nicht ärgern. Ich werde mich ohne Diener zu behelfen
wissen. Du kannst gehen, Karl, ich brauche dich nicht weiter, deine zwölf Gulden
vierundzwanzig Kreuzer sollst du morgen ausgezahlt erhalten. Geh, Karl, folge
deinen höheren Sternen, du kannst nun gut und gern deinen Anteil an der
Luftverdichtungsaktienkompanie, den ich dir zugedacht hatte, entbehren.«
    Karl Buttervogel machte ein langes Gesicht, liess den Stuhl, den er bis jetzt
noch immer vor sich hin gehalten hatte, sinken, und sagte, so kleinlaut, als er
vorher trotzig gesprochen hatte: »Wie, mein Herr von Münchhausen?«
    »Luftverdichtungsaktienkompanie?« fragte der alte Baron.
    »Ja«, antwortete Münchhausen und streifte den Strumpf vom linken Beine, »in
Paris haben sie ein Mittel gefunden, die neueren Chemiker, Luft körperlich zu
machen, sie in fester Gestalt darzustellen.«
    »Körperlich? In fester Gestalt?«
    »In einer Masse zwischen Schnee und Eis, ungefähr wie steifer Brei. Als ich
von der Sache hörte, liess ich mich näher in sie ein und überzeugte mich sehr
bald, dass die also körperlich und fest gemachte Luft, vermöge Präzipitierens,
Kalzinierens, Oxydierens und gewisser anderer Mittel, die vorderhand mein
Geheimnis bleiben, in eine solche Dichtigkeit, Härte und Schwere zu treiben sei,
dass sie sich vom Steine nicht unterscheide.«
    »Vom Steine nicht unterscheide?«
    »Nein. Warum erstaunst du, Schnuck? Was Brei ist, kann doch auch Stein
werden. Willst du die Probe? Karl, erzeige mir die Freundschaft, denn befehlen
darf ich dir nichts mehr, und bringe aus der Reisetasche mir die grüne Kapsel
Nummer vierzehn.«
    Karl Buttervogel, dessen ganzes Benehmen sich, seitdem von der
Luftverdichtungsaktienkompanie die Rede war, in die fügsamste Demut verwandelt
hatte, lief beflissentlich nach der Reisetasche und holte die grüne Kapsel
Nummer vierzehn, aus welcher Münchhausen einen faustgrossen Stein nahm. Er zeigte
dem alten Baron den Stein und fragte ihn, was er wohl glaube zu sehen?
    Der alte Baron versetzte, indem er den Stein gegen das Nachtlicht hielt und
ihn blinzelnd beschaute: »Meines Erachtens ist das ein Feldquarz.«
    »Fest gemachte, präzipitierte, kalzinierte, oxydierte und durch gewisse
andere geheime Mittel versteinerte Luft ist es«, sagte Münchhausen gähnend und
tat den Stein wieder an seinen Ort. Er streifte den Strumpf auch vom rechten
Beine und fuhr fort: »Du siehst nun mit deinen Augen; haue mit Stahl dagegen, so
gibt der Luftstein Feuer, solche Festigkeit hat derselbe.«
    »Das ist ja eine ganz ungeheure, unermessliche, unberechenbare Erfindung!«
rief der alte Baron.
    »Ziemlich wichtig ist sie allerdings«, sagte Münchhausen kalt. »Gebaut wird
allentalben jetzo zu Friedenszeiten, Häuser, Brücken, Strassen, Paläste,
Narrenhäuser, Monumente. Das Material ist nur in manchen Gegenden zu teuer. Das
will ich denn für solche steinarme Landstriche liefern, nämlich versteinerte
Luft. Luft ist überall zu haben. Die Bereitungskosten sind so gar gross eben
nicht, es kommt hauptsächlich bei dem ganzen Prozesse auf die Beschaffenheit der
Luft selbst an, und der rechten Steinluft glaube ich hier auf der Spur zu sein.
Deshalb rieche ich und schnüffle ich so viel im Winde umher. Hier wollte ich die
Fabrik anlegen; die Mutterfabrik, von der dann gelegenen Orts die
Tochterfabriken ausgehen sollen, quantum satis. Das Unternehmen wird auf Aktien
gegründet, die Bestätigung des Statuts habe ich in der Tasche. Es muss, wenn das
Geschäft einigermassen schwunghaft getrieben wird, schon nach einem Jahre,
schlecht gerechnet, eine Dividende von einhundertsechsunddreissig drei achtel
Prozent geben. Dieses ist denn die Luftverdichtungsaktienkompanie, nach welcher
du fragtest. Zwei Direktoren werden angestellt mit offenem Kredit, zwölf
besoldete Verwaltungsräte; die Zahl der Sekretäre und der übrigen Unterbeamten
ist vorläufig auf einige und vierzig bestimmt. Karln da, meinen ehemaligen
Diener, wollte ich zum technischen Mitdirektor machen - nun, das geht denn nun
jetzt nicht mehr an, und ich muss mich nach einem andern umsehen.«
    Hier stiess Karl Buttervogel einen solchen Seufzer aus, dass die Stube
widerhallte. Der alte Baron aber blies die Backen auf, warf seine Nachtmütze
gegen die Decke und tat einen Schritt, den man einen Satz nennen konnte, so dass
seine Kerze wild aufflackerte. »Hast du noch Aktien?« fragte er Münchhausen, der
sich gleichgültig zu Bette legte.
    »Alle untergebracht«, versetzte dieser, die Decke über sich ziehend, »stehen
schon höher als pari. Ich will dir aber doch deine Gastfreundschaft vergelten,
Schnuck. Dein Schloss ist etwas baufällig; sobald meine Fabrik und die
Aktienkompanie ins Leben getreten ist, baue ich dir ein neues aus meinem
Material.«
    Der alte Schlossherr setzte heftig sein Licht weg, schoss auf den im Bette zu,
nahm ihn mit beiden Händen beim Kopfe und rief: »So werde ich ja künftighin
gleichsam in einem Luftschlosse wohnen, du Mordkerl!«
    »Meinetwegen kannst du es so nennen, alter Junge«, antwortete Münchhausen.
»Reisse mir nur die Ohren nicht ab. Siehst du, das ist ja eben das Grosse in der
Gegenwart, dass so vieles, was lange nur als uraltes Märchen, Bild oder Gleichnis
galt, aufgebracht durch die Kinderphantasie der Anfangszeiten, nunmehr durch die
Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realität ausweiset. Und so
kommt denn auch das verjährte Sprichwort von Luftschlössern durch meine
Aktienkompanie zur Würde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr
phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld
hineinstecken. Aber geh zu Bette, Schatz, ich bin müde und will schlafen.«
    Münchhausen wendete sich um und schlief ein. Der alte Baron murmelte: »Das
gewinnt denn freilich jetzt eine andere Gestalt, wir kommen ins Praktische. Er
muss - er muss - -« der Alte ging in so tiefen Gedanken fort, dass er selbst sein
Nachtlicht mitzunehmen vergass.
    Von dem Scheine dieser Kerze düster beleuchtet, blieb Karl Buttervogel neben
dem Bette stehen. Sein Gesicht war von Bestürzung ganz aufgelaufen, bisweilen
schlich eine dicke Träne die Nase entlang, regungslos stand er da, wie eine
Bildsäule, und liess die Tränen, ohne sie abzuwischen, still fliessen. Der Urheber
der Betrübnis schnarchte dazu. Nachdem der traurige Diener über eine Stunde also
gestanden, gab er sich daran, die Kleidungsstücke des Freiherrn, welche am Boden
und auf den Stühlen zerstreut umherlagen, sacht zu erheben. Er legte sie
sorgfältig geordnet an die ihnen bestimmte Stelle, nahte sich auf den Zehen dem
Bette, zupfte den Freiherrn am Hemde und flüsterte: »Gnädiger Herr!«
    Münchhausen fuhr auf, rieb sich die Augen und sagte: »Warum weckst du mich,
Impertinenter?«
    »Ich wollte Sie nicht wecken«, erwiderte Karl Buttervogel schüchtern,
»sondern nur fragen, wann Sie morgen früh befehlen, geweckt zu werden?«
    »So!« rief Münchhausen. »Willst wieder bei mir im Dienst bleiben, du Vieh?
Nein, mein Sohn, halte fest an deinem Entschlusse, geh, geh von dem Lügner, sei
nicht so dumm, ihm zu glauben, ihm, dem kein wahres Wort aus dem Munde kommt,
mit einem Worte: pack dich, du Schuft!«
    Karl Buttervogel sank am Bette auf seine Kniee, ergriff die Hand des
Freiherrn, küsste sie, heulte und schluchzte, dass es einen Stein hätte erbarmen
mögen, selbst einen aus Luft, und rief: »Gnädiger Herr, ich weiss ja, dass ich ein
Schuft gewesen bin. Aber ich will es in meinem ganzen Leben nicht mehr tun. Ach,
vergeben Sie mir doch nur dieses eine Mal, damit ich technischer Mitdirektor
bleibe, ich habe schon so sehr auf diesen Posten und auf dieses gute Brot
gerechnet, und wäre ein geschlagener Mann, wenn mir's entginge, denn mit dem
Herrn Schwiegervater kann es noch im weiten Felde stehen, und wer weiss auch, ob
mir die fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, wofür ich's allein tue,
und ich will nimmer wieder von der unnatürlichen Erzeugung plappern und vom
Munkel und von den chemischen Schmierereien, weil ich sehe, dass es Sie kränkt,
und von Lohn, und was ich ausgelegt, soll gar keine Rede mehr sein, nein, alles
gratis, Aus- und Anziehen und Wasserholen und sonst, und ich wollte doch so gern
Ihr Bedienter bleiben.«
    »Dein scheusslicher Eigennutz lässt dich so eifrig diese Bitte aussprechen«,
sagte Münchhausen ernst. »Die technische Mitdirektorschaft ist es allein, welche
dir im Sinne liegt. Aber tröste dich, mein Freund, du wirst nichts verscherzen,
wenn du von mir gehst. Wie sollte ein Lügner jemals Wahrheit sagen? Auch die
Luftverdichtungsaktienkompanie habe ich nur vorgespiegelt.«
    »O nein, nein, nein!« rief Karl Buttervogel laut und begeistert. »Ich lass'
mich nicht irremachen. Nein, wenn der gnädige Herr auch sonst jezuweilen aus
Liebhaberei 'n bissel flunkern, damit hat es seine volle Richtigkeit. Ach, ich
sehe wohl, der gnädige Herr prüfen mich nur noch und spassen schon; und ich
bleibe bei Ihnen.«
    »Nun denn«, sagte Münchhausen, »für dieses Mal will ich dir verzeihen; es
ist aber das letzte Mal. Ob du indessen technischer Mitdirektor wirst, hängt
lediglich von deiner ferneren Aufführung ab. Und nun hole mir den Stock da her,
du Spitzbube, denn der neue Kontrakt, welchen wir beide abschliessen, will seine
Bekräftigung und Draufgabe haben.«
    Karl Buttervogel brachte den Stock, welcher in der Nähe des Bettes stand,
getragen, sein Herr zog ihm damit einige sogenannte Jagdhiebe über den Buckel;
der Diener ächzte zwar unter der Last dieser Streiche, schüttelte sich aber
nachher und sagte getröstet: »Es wird einem doch gleich wieder so wohl, wenn man
wieder seine feste Anstellung hat.«
    Nach seinem Abgange blieb der Freiherr im Bette emporgerichtet sitzen und
sprach: »Erstaunlich, was für eine Gewalt ich über meine Umgebungen ausübe!« Er
warf sich auf sein Kissen nieder, wandte sich um und schlief abermals ein.
Indessen sollte ihm noch keine dauernde Nachtruhe gegönnt sein. Denn nachdem er
etwa eine halbe Stunde geschlummert haben mochte, erwachte er wieder von einem
Geräusche am Fenster. Im ersten Augenblicke meinte er, dass Diebe sich zum
Einsteigen rüsteten; halb schlaftrunken fuhr er aus den Federn und an das
Fenster, sah aber, nun durch den kühlen Nachtwind völlig geweckt, unten im Hofe
eine dunkle Gestalt, mit einer überlangen Stange in der Hand. »Wer ist da? Und
was soll das?« rief Münchhausen die Gestalt an.
    Dieser erwiderte: »Ich bin es, der Schulmeister, auch Agesilaus geheissen,
und diese aus mehreren Bohnenstiefeln zusammengefügte grosse Stange klopfte an
Ihr Fenster, um Ihre Aufmerksamkeit mir zuzuwenden, Herr von Münchhausen, da
mein leises und bescheidenes Rufen Ihres werten Namens nicht verfangen wollte.
Noch Licht in Ihrem Zimmer sehend, hielt ich es nicht für unhöflich, eine
Zwiesprach mit Ihnen zu begehren, welche ich denn hiemit begehrt haben will.
Mich verlangt sehnlichst nach einer Unterredung über einen mir hochwichtigen
Gegenstand. Wollen Sie mir wohl leise, auf dass die Hausbewohner nicht erwachen,
die Türe öffnen und den Zutritt in Ihr Gemach verstatten?«
    »Zum Teufel, Herr, das werde ich bleibenlassen!« rief Münchhausen ärgerlich.
»Wer erlaubt Ihnen, die Leute aus dem Schlafe zu stören? Was Sie mir zu sagen
haben, können Sie mir von da unten sagen.«
    »Auch dieses«, versetzte ruhig der unten mit der Stange. »Die Unterredung
aber muss vor sich gehen, damit ich heute noch meinen Entschluss fassen kann.
Kürze, die körnige Kürze der Sparter sei mein Muster, denn es zieht hier etwas
stark an der Ecke. - Herr von Münchhausen, der Mensch, welcher überhaupt diesen
Namen verdient, hat Gedanken. Diese Gedanken haben einen Inhalt und dieser
Inhalt kann wahr oder falsch sein. Falsch ist er, wenn er der Wirklichkeit
wider-, wahr, wenn er ihr entspricht. Was nun die Wirklichkeit sei, ist zwar
schwer zu sagen, indessen, bis dieses grosse Geheimnis entdeckt wird, müssen wir
mit dem, was andere Menschen über unsere Gedanken denken, uns behelfen. Deshalb
ist es so überaus wichtig, letzteres zu erfahren, weil wir dadurch zwar noch
nicht die Wirklichkeit selbst, aber doch gleichsam eine Anweisung auf sie in die
Hände bekommen. Eine solche Anweisung wünschte ich gegenwärtig von Ihnen zu
empfangen, Herrn von Münchhausen.«
    »Herr, kommen Sie zur Sache! Nennen Sie diese Umschweife Kürze?« rief
Münchhausen zornig, denn es fror ihn am Fenster.
    »Zur Sache denn! Ich begehre Ihre Gedanken über meine Gedanken. Ich denke
mir noch immer, dass ich meine Abkunft von den Lakedämoniern und insonderheit von
jenem ihrem grossen Könige herleiten darf. Was aber denken Sie über diese meine
Gedanken?«
    Münchhausen riss die Geduld. »Ich denke, dass Sie ein Narr sind!« rief er und
wollte das Fenster zuschlagen.
    »Einen Augenblick erbitte ich mir noch Gehör. Ihre Äusserung macht mir klar,
dass Sie meine mir bis jetzt teuerste Überzeugung für unrichtig halten. Wären Sie
wohl so gefällig, mir den Beweis der Unrichtigkeit zu führen, mir
auseinanderzusetzen, warum die Agesels nicht von jenem griechischen Volke
abstammen können?«
    »Nein. Sein Sie, was Sie wollen, Atener oder Spartaner, mir gilt es
gleich!« - Münchhausen schlug das Fenster zu, murrte: »Das ist ja heute eine
verhenkerte Nacht!« sprang wieder in sein Bette, wandte sich zum dritten Male um
und schlief zum dritten Male ein.
    Jetzt aber liess ihn der Geist, welcher heute spuken ging, kaum eine
Viertelstunde rasten. Er war kaum wieder eingeschlummert, als er sich derb am
Arme gerüttelt fühlte. Auffahrend mit den Worten: »Sackerlot, was gibt es nun
schon wieder?« sah er zu seinem grossen Erstaunen bei dem Schimmer der Nachtkerze
den alten Baron abermals vor dem Bette stehen, noch gekleidet, wie früher,
nämlich an den Füssen gelbe Pantoffeln und den Leib in einen roten kattunenen
Schlafrock mit grünen Weinblättern eingehüllt. - »Bruder Münchhausen«, sagte der
Schlossherr und setzte sich auf den Stuhl vor dem Bette, »nimm es nicht übel, dass
ich dich störe, aber ich kann kein Auge schliessen. Du hast mir mit deiner
Luftentreprise eine Unruhe in das Blut geworfen, dass ich in meiner Kammer nicht
zu bleiben vermag. Sieh mir einmal recht steif ins Gesicht, und sage mir dann,
Kavalier gegen Kavalier: Hast du mir nichts vorgelogen?«
    »Schnuck ...«
    »Ich bitte dich, habe mir nichts vorgelogen! Ich glaube dir gern; es wäre
schrecklich, wenn du gelogen hättest, denn meine ganze Seele ist schon bei dem
Unternehmen, die Freude meines Alters wäre dahin, wenn nichts aus der Sache
würde. Und an und für sich ist sie auch nicht unglaublich, da so viele andere
staunenswerte Erfindungen neuerdings gemacht worden sind, als zum Beispiel:
Licht aus Unrat zu ziehen, und Essig aus Holz, Zitronensäure aus Kartoffeln und
Zucker aus Urin. Warum sollen sie also nicht Steine aus Luft machen können?
Fällt sie uns doch oft schwer genug auf die Brust! Dein Wort wird mir daher
genügen, dein Manneswort: Hast du mir nichts vorgelogen?«
    Der im Hemde mit dem Zipfeltuche um das Haupt sah seinen Wirt starr an und
sagte feierlich: »So wahr du geborener Geheimer Rat im höchsten Gericht wirst,
so wahr tritt die Luftverdichtungsaktienkompanie ins Leben.«
    »Wohl«, versetzte der im roten kattunenen Schlafrock mit den grünen
Weinblättern, »nun bin ich beruhigt.«
    Der Freiherr bat seinen Wirt um Gottes willen, ihn denn auch ruhen zu
lassen, der Alte aber war ausser aller Fassung und blieb unter erhitzen Reden
auf dem Stuhle sitzen. »Du musst mir einen Gefallen tun, Münchhausen«, rief er.
»Abweisen lasse ich mich nicht von deiner Kompanie, denn die Zeiten sind schmal
und einhundertsechsundreissig drei achtel Prozent nach dem ersten Jahre stehen
nicht zu verachten. Wenn mir Lisbet die Zinsen bringt, kriege ich eine runde
Summe, eine Aktie zu bezahlen - ich will und will und will eine haben.«
    »Verfluchter Aktienschwindel!« rief der Freiherr. »Ich habe dir ja gesagt,
dass keine mehr zu kaufen ist. Geh doch um aller Heiligen willen zu Bette!«
    »Und zu Bette gehe ich nicht!« kreischte der aufgeregte Alte. »Versagst du
mir die Luftaktie, so lass ich dich morgen zum Hause 'nauswerfen!«
    »Das ist ja eine schöne Erfahrung, die ich an dir mache!« sagte Münchhausen
und lehnte sich matt zurück. »Seit wir einander du nennen, kommen nichts als
Grobheiten zwischen uns zum Vorschein. Es bleibt also doch wahr, dass manche
Freundschaften durchaus nur auf: Sie eingerichtet sind und diesen Terminus ohne
Gefährde nicht verlassen dürfen.«
    Der alte Baron, der von seiner Aufregung zurückgekommen war, bat seinen Gast
um Verzeihung, und es sei nicht so übel gemeint gewesen, sagte er. Dann ersuchte
er ihn, ihm wenigstens eine besoldete Anstellung bei der Kompanie zu geben,
damit er doch einigen Vorteil von der Unternehmung ziehe. - »Ja, was soll ich
aus dir machen?« fragte Münchhausen. »Das Direktorium ist besetzt, der
Verwaltungsrat vollzählig, Sekretariats- und Botengeschäfte passen nicht für
dich; das einzige Syndikat, das Richteramt für die Streitigkeiten unter den
Luftaktionären, ist noch offen - willst du das haben?«
    »Ei!« rief der alte Baron, »dieses würde mich ganz trefflich kleiden. Es
wäre eine Zwischenbeschäftigung, eine gute Vorübung auf die Zeit, da die alten
Verhältnisse wiederhergestellt werden, und ich meinen geborenen
Geheimerratsposten im höchsten Gericht antrete. Ja, das nehme ich mit Freuden
an.«
    »Topp!« rief Münchhausen. »Du sollst Richter unter den Luftverdichtern
werden und einen Gehalt von sechsmalhunderttausend Pfund Luftsteinen jährlich
beziehen. Denn wir haben, wie man in China mit Reis, als dem gangbarsten
Produkte der Landeskultur bezahlt, die Verfügung getroffen, nur in unserem
Produkte, nämlich in versteinerter Luft alle Besoldungen zu entrichten.«
    »Sehr vernünftig«, versetzte der alte Baron. »So spart ihr bar Geld. Ich bin
damit zufrieden. Nur bitte ich mir probemässige Luftsteine aus und verwahre mich
gegen allen Müll und Abfall.«
    Münchhausen musste hierauf dem neuen Syndikus noch ein Langes und Breites von
der Bereitung der Luft erzählen, wobei er sich freilich die eigentlichen
Fabrikgeheimnisse vorbehielt.
    Damit aber war sein Zuhörer noch nicht zufrieden, sondern er forschte auch
gründlich nach der Verfassung der Kompanie, nach den stimmfähigen und stimmlosen
Mitgliedern, nach dem Gesellschaftskapital, nach der Geschäftsführung, nach den
Universal-, General-, Partikular- und Spezialversammlungen, damit er, wie er
sagte, beizeiten alles erfahre, was zu seinem Amte ihm zu wissen not tue.
    Münchhausen gab ihm über jeden dieser Punkte, obgleich er lieber geschlafen
hätte, notgedrungen die bündigste Auskunft, so dass er sich ganz heiser sprechen
musste. Endlich ging der Alte.
    Die Nacht war über diesen Vorfällen und Gesprächen verstrichen. Phöbus mit
dem goldenen Haar sah in das Fenster. Erschöpft legte sich Münchhausen abermals
zurück, um wenigstens noch eine Stunde Morgenruhe zu geniessen. »Es ist doch
übel, wenn man bei den Leuten allzuviel Ideen anregt«, sagte er vor dem
Einschlafen.
    Aber bald erhob sich unter seinem Fenster das Getöse einer eifrig
arbeitenden Säge; der Ton, welcher vom erschrecklichsten Schrillen in einem
unausgebildeten Sopran zum schauderhaftesten Schnurren in einem verdorbenen Alt
regelmässig sich senkend, bekanntlich auch den Taubsten erwecken kann.
Münchhausen sagte anfangs zu sich selbst: »Es ist nur Täuschung«, und stopfte
sich tief in die Kissen hinein; dann sagte er: »Es ist zwar keine Täuschung,
aber ich will diesen sinnlichen Eindruck durch Abstraktion überwinden.« - Er
begann daher von dem Schrillen und Schnurren seine Gedanken mit Macht seitwärts
zu führen, und würde vielleicht bei der grossen geistigen Kraft, die ihm
beiwohnte, des Sinneneindrucks Meister geworden sein, wenn sich nicht plötzlich
mit dem Sägegeräusche ein heftiges Rumoren über seinem Haupte verbündet hätte.
Es liess sich nämlich ein Gepolter über seiner Stube vernehmen, als ob der ganze
Söller umgekehrt würde. Zwischen Sägegeräusch und Söllergepolter eingeklemmt,
konnte er es nicht länger aushalten. Er rief: »So ist es und bleibt es demnach
unmöglich, heute zu einem leidlichen Schlafe zu gelangen!« und sprang mit beiden
Füssen aus dem ruhelosen Bette. Er schellte und liess sich von seinem technischen
Mitdirektor, der zugleich Prätendent von Hechelkram und Karlos der Schmetterling
war, ankleiden.
    Von der durchwachten Nacht sah er sehr gelbgrünlich aus, und die Augen
standen ihm wüst im Kopfe. Das Sägen aber rührte vom Schulmeister und das
Rumoren vom alten Baron her.
                               Siebentes Kapitel
         Warum der Schulmeister sägte und warum der alte Baron rumorte
Der Schulmeister war, nachdem der Freiherr das Fenster zugeworfen hatte, mit
einem Seufzer und dem Ausrufe: »Nicht einmal eine Widerlegung!« in seine Wohnung
auf dem Taygetus gegangen. Dort blieb er, kopfschüttelnd und sinnend, die kleine
Blendlaterne vor sich auf den Tisch gestellt, einige Stunden lang sitzen. Er
blickte unverwandt in das Licht der Laterne und hatte seine beiden Arme auf die
Kniee gestemmt. Nachdem er so längere Zeit gesessen, erhob er sich, strich mit
der Hand langsam über sein Kinn und sagte: »Ja, es ist so, ich bin darüber nun
im klaren und habe meinen Entschluss gefasst.« - Er ging in die Ecke, worin sein
Lager aufgeschüttet war, und sprach, es mit untergeschlagenen Armen betrachtend:
»Dieses ist Stroh, und zwar krummes, keinesweges aber Schilf.« - Er nahm die
Laterne, begab sich mit ihr hinaus, leuchtete auf dem Platze vor dem
Gartenhäuschen umher und sprach: »Ein gewöhnlicher Schneckenberg, und was da
unten murmelt, ist ein Wässerlein ohne Namen.« - Er holte den Becher oder
Koton, das heisst, den alten irdenen Topf aus dem Gartenhäuschen und
zerschmetterte ihn mit den Worten: »Du sollst mich nicht mehr verführen!« durch
einen heftigen Wurf. Dann sank er auf sein Strohlager zu einem festen und
erquicklichen Schlummer nieder. Nach wenigen Stunden, als das Frühlicht
angeglommen war (denn er brauchte wenig Schlaf), erhob er sich wieder, rückte
ein altes Schreibzeug zurecht, fand glücklicherweise einen Bogen Papier und
schrieb an den Schulrat Tomasius.
    Mit diesem Briefe in der Hand trat er hinaus in das Morgenrot. Er freute
sich der aufsteigenden Sonne und rief: »Es ist denn doch ein anderes Ding, die
liebe Gottessonne, als der längst begrabene Heidengötze Helios.« - »Guten
Morgen, Agesel!« rief eine Stimme von unten ihm zu. »O glückliche Vorbedeutung!«
sagte der Schulmeister, »ich werde wieder bei meinem Taufnamen genannt, ja, den
Agesilaus hätten wir wohl hinter uns.« Hinabblickend sah er den Kreisboten,
welcher, seinen braunen Stecken in der Hand und die schwarzlederne
Skripturentasche über den Rücken gehängt, längst des Gartens durch die Dornen
seinen Dienstweg schritt. »Halt!« rief der Schulmeister und warf den Brief
hinunter, »nehmt das an den Herrn Schulrat mit, Rittersporn, aus Gefälligkeit.«
    Er ging nach dem Schloss, wo er das Fräulein, welche auch wenig geschlafen
hatte, schon munter fand. »Könnte ich nicht eine nützliche Beschäftigung
erhalten?« fragte er sie. »O ja«, war die Antwort, »es ist Holz zu sägen und
kleinzumachen.« - Fröhlich ging der Schulmeister nach dem Holzstall, stellte den
Sägebock unter dem Fenster des Freiherrn auf und begann nun jene geräuschvolle
Arbeit, von welcher im vorigen Kapitel die Rede gewesen ist, emsig und
unverdrossen, sich schon freuend auf das Hacken, wenn das Sägen vorbei sein
möchte.
    Letzteres wäre sonach erklärt, mit dem Rumoren aber hatte es folgende
Bewandtnis. In den alten Baron war durch die industriellen Entwürfe der Nacht
ein unauslöschliches Feuer gedrungen. Vor seinen Augen erhoben sich Brücken,
Kunststrassen, Paläste, ja ganze Städte aus versteinerter Luft. Er hatte sich
zwar, nachdem er Münchhausen verlassen, abermals niedergelegt, konnte jedoch
jetzt ebensowenig schlafen, als vorher, sondern wälzte sich, die Luftbauten vor
den brennenden Augen, schlaflos von einer Seite zur andern. Nicht lange währte
es, so wurde er bei seiner Lebhaftigkeit des unangenehmen Bettes müde, sprang
auf und ging, einen närrischen aber festen Plan im Busen, auf den Söller.
    Es war ihm nämlich eingefallen, dass die Streitigkeiten unter den
Luftaktionären häklicht und spitzig ausfallen könnten, und dass es daher, um das
Syndikat mit Auszeichnung zu verwalten, rätlich sein dürfte, im voraus den
Scharfsinn auf gerechte Urteilsfällungen einzuüben. Er beschloss daher, sich eine
vorläufige Gerichtsstube einzurichten, und zwar fern von störendem Geräusche,
oben auf dem Söller in der sogenannten Polterkammer, in welcher Lisbet die
Notizen über die Zinsrückstände gefunden hatte. Münchhausen sollte, das war sein
Entwurf, ihm erdichtete Rechtsfälle, wie sie die jungen Studenten im Praktiko
nach den Pandekten ausklauben, vorlegen, und er wollte sie dann nach der ratio
nunquam scripta des Luftrechtes entscheiden.
    Er schloss die Polterkammer im ersten Dämmer auf. An der schrägen
Dachwandung, wo gebrochene Lichter sich zwischen den Ritzen der Ziegeln und
Schindeln hindurchstahlen, stand ein ehemaliger L'hombretisch mit eingelegten
Holzfiguren auf drei Beinen, den ernannte er zur Gerichtstafel. Er musste, um zu
ihm zu gelangen, einige Reihen leerer Champagnerflaschen, drei alte zerbrochene
japanische Vasen, ein messingnes Papageienbauer und ein verbogenes Jagdhorn
wegräumen; Zeugen und Denkmäler einstiger glücklicher Tage. Hierauf liess sich
der Tisch bequem in die Mitte der Polterkammer bringen und mit Hülfe eines
Guéridons von vergilbtem Alabaster, der sich dort auch irgendwo fand, auf einen
sicheren vierten Fuss stellen. In einer andern Ecke stand ein orangeplüschener
Grossvaterstuhl, den schob er als Richterstuhl hinter die Gerichtstafel. Nun
fehlten nur noch die Akten, die Bücher und das Richterkostüm, um dem Ganzen das
gehörige ehrwürdige Ansehen zu geben. Akten und Bücher fanden sich leicht, denn
es lagen da ganze Bündel alter Papiere und Haufen schweinslederner Bände auf dem
Boden umher. Er nahm verschiedene Konvolute unbeantwortet gebliebener Mahnbriefe
auf und bedeckte damit die Gerichtstafel. An deren Rändern ringsherum stellte er
den »Abbé de la Pluche«, »Schelmuffskys Reisen«, das »Curieuse Weltteater« und
die »Asiatische Banise« samt dem »Leben der weltberüchtigten Frau Neuberin« als
richterliche Hand- und Hülfsbibliotek auf. Das Kostüm liess sich schwerer
entdecken, doch war er auch in dieser Beziehung zuletzt glücklich. Denn als er
von der der Dachwand entgegengesetzten einen Bettschirm mit Schäfern aus Gessners
»Idyllen« hinweggetan hatte, sah er eine Reihe alter Kleidungsstücke an den
Nägeln hangen. Unter diesen erblickte er einen schwarzen Domino, von dem er sich
erinnerte, ihn auf der Vermählungsredoute des letzten Fürsten von Hechelkram
getragen zu haben, eine Sammettoque, in der seine Gemahlin einst einen
englischen Herzog bezaubert hatte, und eine abgelegte Spitzenfraise, deren
Geschichte ihm entfallen war. Er nahm diese drei Stücke, welche ihm
Richtermantel, Barett und Kragen bedeuten mussten, und hing sie an einem Pflocke
der Gerichtstafel gegenüber auf.
    Nachdem der Schlossherr, also rumorend, die Gerichtsstube eingerichtet hatte,
setzte er sich in den orangeplüschenen Grossvaterstuhl, legte die Hände auf die
Gerichtstafel und freute sich über sein zustandegebrachtes Werk.
    »Das hat mir gefehlt!« rief er. »Eine feste praktische Beschäftigung
mangelte mir! Darum fühlte ich ungeachtet aller Studien bisher eine so
peinigende Leere. Denn wie gefüllte Blumen zwar die schöneren zu sein scheinen,
eigentlich aber kränkeln und früher absterben, als die einfachen, so ist ein
unbeschäftigter Mensch, wenn er seinen Geist auch noch so herrlich schmückt, im
besten Falle doch nur einer gefüllten Blume gleich. Die Kräfte seiner Seele
vergeuden sich in eitler Blätterfülle und abgesehen davon, dass nach ihm keine
Frucht bleibt, so erstickt er auch selbst bald an dem Übermasse missgewandter
Säfte. Dagegen leitet ein tätiger Beruf die Geister, welche das Leben nähren, in
die rechten Röhren und Kanäle, von denen sie dann in gesunden und gottgefälligen
Bildungen als schlanke Stengel, frische Blätter, duftige Blüten ausgehen. Alle
müssigen Menschen, und seien sie die bestgearteten, haben oder bekommen eine
Neigung, andern wehe zu tun, nur um doch mit etwas ihre Tage auszufüllen,
während der Fleiss, der durch Geschick oder durch Vorsatz auferlegte, auch
geringere Seelen zu veredeln pflegt. Nicht mit Unrecht kann man sagen, dass er
wie ein Magnet durch fortgesetztes Tragen unglaublicher Lasten mächtig wird,
während die Trägheit ein Stahl in der Scheide ist, den zuletzt doch der Rost
zernagt. Auch ist ferner zu sagen, dass die emsigen Bienen, obzwar ihnen die
Natur einen scharfen Giftstachel gegeben hat, nur gereizt stechen, und den
Nichtbeleidiger unbeleidigt durch ihren Schwarm hindurchgehen lassen, wogegen
die nicht sammelnden Wespen jeden, auch den Ruhigsten mutwillig anzufallen
pflegen. Weshalb der Fleiss ein Freund seiner selbst und anderer genannt werden
darf, die Faulheit aber als Feindin an sich und jedermann handelt. Und darum ist
es mir so lieb, dass meine letzten Tage nunmehr aus dem müssigen Schwärmen,
welches mich ganz aushöhlte und vernichtigte, in eine rühmliche Tätigkeit sich
retten, bei welcher ich mit gutem Gewissen und starkem Bewusstsein geduldig die
Rückkehr der alten Verhältnisse und meinen Eintritt in das höchste Gericht
erwarten kann. Auch dass der Wohlstand sich wieder hebt, ist keinesweges gering
zu schätzen. Sechsmalhunderttausend Luftsteine sind ein schönes Einkommen, denn
wenn ich das Tausend Steine auch nur auf zehn Taler anschlage, so gibt das eine
jährliche Revenue von sechstausend Talern. Von diesen will ich viertausend
verzehren, und den Rest zurücklegen, halb für meine Tochter und halb für mein
Pflegekind Lisbet zu einer Aussteuer.«
 
                                 Achtes Kapitel
                      Rechtsfälle und Auseinandersetzungen
Als der Syndikus und Luftverdichter diese Rede vollendet hatte, hörte er jemand
auf den Söller kommen, rief ihn an und sah, dass es Karl Buttervogel war, der,
wie er seinen Namen rufen hörte, ein Stück Wurst, welches ihm zum Frühstück
dienen sollte, schnell in die Jackentasche steckte. Der begünstigte Diener
pflegte nämlich auf dem Söller seine heimlichen Mahlzeiten zu halten, weil ihm
das Fräulein dieses ausdrücklich vorgeschrieben hatte, solange sein verlarvter
Zustand dauern würde.
    »Sieh, sieh, mein Freund!« rief der alte Baron, der für Esswaren ein scharfes
Auge bekommen hatte, seitdem er sich so überaus mager behelfen musste, »was hat
Er da? Schmecken Ihm so früh schon die fetten Bissen?« - »Ja«, versetzte
Buttervogel, »ich hab' die Wurst der Katz' abgejagt, die damit aus der Küche
sprang.« - »Nun, dann sei Ihm dieselbe gegönnt«, antwortete der alte Baron, »es
ist mir lieb, dass das Ungeheuer auch einmal merkt, wie es tut, wenn einem der
Brocken vor dem Munde weggeschnappt wird.«
    Karln war es gar nicht recht, dass der Söller seine Einsamkeit verlieren
sollte. Er stand, kratzte sich im Kopfe, seufzte und sagte endlich: »Werden der
gnädige Herr von nun an hier öfters sitzen?« Auf die bejahende Antwort des Alten
seufzte der bisher wohlverköstigte Prätendent noch lauter, so dass der Schlossherr
neugierig wurde die Ursache dieses Grams zu erfahren, jedoch aus dem Bedienten
nur eine Rede von stiller Beschäftigung, gegenseitiger Störung, gutem Brote,
vornehmer Liebe und Heiratserbieten, wenn fernerweite Verköstigung zugesagt
werde, bringen konnte - ein Gemengsel, in welchem er sich nicht zurechtzufinden
wusste. - »Was will Er eigentlich und warum sieht Er mich immer so sonderbar an?«
fragte er Karln, der keinen Blick von ihm verwandte.
    »Gnädiger Herr«, sagte der Schmetterling mit der Wurst in der Tasche, »es
geht nun und nimmer mit zwei Verrichtungen an einem Orte! Wo ein Webstuhl steht,
kann keine Hobelbank stehen. Wofern Sie hier sitzen bleiben, ist's aus mit all
meiner Freude auf Schnick-Schnack-Schnurr, und Schwiegerväter haben sonst auf
Schwiegersöhne einige Rücksicht genommen und ihnen nicht ihr Brot verdorben,
besonders wenn Schwiegersöhne mit dem gehörigen Respekt sich betragen, und ich
kann sagen, dass noch kein unrechter Gedanke gegen Sie in dieses mein Herz
gekommen ist, und neulich verstanden Sie mich nicht, als ich Ihnen die Stiefeln
auszog und Sie bedeutsam anblickte, und heute wird's auch wohl noch dunkel
bleiben zwischen uns, das tut aber nichts, wenn das Herz nur was taugt, und Gott
sieht nicht den Rock an, sondern den Mann, und ich wollte Sie so gern schon
einmal vorläufig kindlich verehren, und deshalb bitte ich, reichen Sie mir Ihre
Hand zum Kusse und dann tun Sie mir den Gefallen, vom Söller zu gehen!«
    »Von allem Seinem Gewäsche verstehe ich bloss, dass Er mich so gern von hier
fort haben will, von welchem Verlangen ich nun aber wieder den Grund nicht
einsehe«, sagte der Baron. »Hier hat Er indessen meine Hand. Er scheint mir
dennoch ein guter Kerl zu sein, und spricht vermutlich so dummes Zeug, weil Er
auch nicht geschlafen hat, denn die Nacht war unruhig.« Der Alte reichte dem
Bedienten die Hand zum Kuss, dieser ergriff sie seufzend und drückte mit den
halblauten Worten: »Was hilft mir die Hand, wenn ich den Söller nicht behalte?«
einen Kuss darauf, worüber der Schlossherr gerührt wurde und einige Tränen vergoss.
Er befahl hierauf seinem Verehrer, den Herrn zu ihm zu rufen, da er notwendig
mit diesem sprechen müsse, und er solle auch wieder mitkommen. Karl Buttervogel
ging die Söllertreppe hinab und murrte: »Das weiss ich schon, auf all mein Glück
legt der Teufel seinen Schwanz; wo soll ich nun in Zukunft meine stillen
Mahlzeiten halten?«
    Er suchte seinen Herrn in der Stube, im Hofe; endlich fand er ihn im Garten
in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens. Dort hatte Münchhausen, um
dem unermüdlichen Sägen des Schulmeisters zu entrinnen, seinen Kaffee getrunken,
und war dann auf der Moosbank etwas eingenickt. Abermals erweckt, machte er ein
erbarmenswürdiges Gesicht und hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Diener
auszuschelten. Denn er konnte keine Nachtwachen vertragen; der Schlaf war sein
einziges Bedürfnis, ausser diesem hatte er fast keins. Als er die Bestellung
gehört, rief er: »Ist denn der Alte ganz des Teufels?« und machte sich mit dem
verdriesslichen Bedienten verdriesslich auf den Weg zu seinem Wirte. Unterweges
gingen sie an dem Sägebocke des Schulmeisters vorbei, an welchem dieser im
Schweisse seines Antlitzes hantierte. Er warf dem Freiherrn einen gerührten Blick
zu, hielt einen Augenblick mit seiner Arbeit inne und sagte: »Obgleich Sie mich
nicht lieben, Herr von Münchhausen, so haben Sie mir doch die grösste Wohltat
heut zu Nacht erwiesen. Ich verdanke Ihnen mein Leben!« - »Dass ich nicht wüsste«,
antwortete Münchhausen betroffen. Im Hausflur schnitt das Fräulein Bohnen. Sie
liess das Messer ruhn und sagte zu Münchhausen:
    »Verstehst du mich in diesem Augenblicke, Meister?« - »Nein!« fuhr
Münchhausen unwillkürlich heraus. - »Wie!?« rief Emerentia überlaut und liess vor
Schreck die Bohnenschüssel auf den Boden fallen, dass das Geschirr zerbrach.
    Auf dem Absatze der Söllertreppe lehnte sich der Freiherr erschöpft an
seinen Bedienten und sagte: »Karl, ich fürchte eine Katastrophe. Der eine
verdankt mir sein Leben, dem ich über Nacht gesagt habe, er sei ein Narr; die
andere hat es nun weg, dass ich sie nicht immer verstehe, und in den dritten ist
der Teufel der Industrie gefahren. Die Fäden beginnen mir aus der Hand zu
schlüpfen.«
    »Sie sind etwas herunter, mein Herr von Münchhausen«, erwiderte Karl
Buttervogel, »Sie haben sich lange nicht chemisch geschmiert, ich muss bald in
die Apoteke gehen. Übrigens ist mir alles gleich, wenn ich nur technischer
Mitdirektor werde.«
    »Niedergesetzt, Münchhausen, mir gegenüber, und gleich einige Rechtsfälle
aus der Luftmaterie mir vorgelegt, und Er, Buttervogel, kann als Aktuarius das
Protokoll führen!« rief der alte Baron den Eintretenden entgegen. Der Freiherr
sah mit Verwunderung die Anstalten in der Polterkammer und nunmehrigen
Gerichtsstube. Er wollte sich ein Ansehen geben und sagte ernstaft zu seinem
Wirte, derartiges Stürmen liebe er nicht, Fabrikanlagen seien mit der grössten
Besonnenheit zu gründen, Hast und Leidenschaft stürze dabei in dasjenige
Verderben, welches Defizit heisse. Karl Buttervogel aber, der endlich gern seines
Stückes Wurst froh geworden wäre, wandte bescheidentlich ein, er verstehe nicht
so flüssig zu schreiben, um dem von ihm erforderten Dienste gewachsen zu sein.
    Der alte Baron liess sich aber nicht abweisen. »Was!« rief er in seinem
Fieber; »erlahmst du Grünspecht eher als ich Graukopf? Schäme dich! Allons!
Munter geblieben, die Augen aufgehalten! Und was Ihn betrifft, Buttervogel, so
tue Er bloss so, als schreibe Er, wenn Er mit der Feder nicht rasch fertigwerden
kann. Er sitzt nur der Vollständigkeit wegen mit da.«
    Münchhausen musste sich fügen und an der andern Seite der Gerichtstafel dem
alten Baron gegenüber auf einem hölzernen Schemel Platz nehmen. Der Bediente
setzte sich mit einer Feder in der Hand zur schmalen Seite der Tafel.
Münchhausen schüttelte den Rest seiner Geisteskräfte zusammen und legte dem
alten Baron folgende Rechtsfälle vor:
    »Die Luftverdichtungsaktienkompanie kommt wegen widriger Umstände nicht
zustande. Frage: Was geschieht mit den gezahlten Einschüssen?«
                            Urteil des alten Barons
In Betracht; dass widrige Umstände widrige Umstände sind, wofür niemand kann:
In Betracht; dass vor allen Dingen gehabte Mühe und Anstrengung zu belohnen ist,
damit niemand den Mut verliere, abermalen gemeinnützige Plane zu entwerfen:
behalten Direktoren, Verwaltungsräte und Syndikus die Einschüsse und teilen sich
darin ratierlich. Syndikus mit doppelter Portion.
                                                                          V.R.W.
»Vortrefflich!« rief Münchausen, »du dringst zum Erstaunen schnell in die
Geheimnisse der Praxis ein. Es bleibt eine ewige Wahrheit, Amt gibt Verstand.«
    »Mit diesem Bescheide bin ich als technischer Mitdirektor ebenfalls
zufrieden«, sagte Karl Buttervogel.
    »Nun ein zweiter etwas verwickelterer Fall«, sprach Münchhausen.
    »Her damit!« rief der alte Baron. »Mir wird keine Nuss zu hart sein.«
    »Trebaz soll Mäven ein Haus bauen. Auf Steine lautet der Pakt. Trebaz baut
ein regelrechtes Haus aus Steinen, im Bruche gehauen. Mäv weigert Bezahlung,
weil er Luftsteine gemeint. Frage: Wer hat recht?«
                            Urteil des alten Barons
Mäv. Der Ausdruck: »Steine« ist zweifelhaft. In dubiis res ad minimum redigenda
est. Minimum ist Luft. Darum soll in Zukunft bei Baukontrakten allezeit die
Vermutung pro interpretatione aeriori, für die luftigere Auslegung streiten, und
wer das bisher bräuchlich gewesene sogenannte solide Material genommen, den
Schaden haben. Trebaz unterliegt, bekommt kein Geld und zahlt Kosten.
                                                                          V.R.W.
»Deine Weisheit setzt mich in Erstaunen, Bruder Schnuck«, sagte Münchhausen.
»Jetzt aber nimm dich zusammen, denn der dritte Fall spielt einigermassen in das
Gesellschafts- und Strafrecht.
    Zwei Luftaktionäre bekommen miteinander Streit und der eine schilt den
andern: Windbeutel. Frage: Ist darin eine Injurie entalten?«
                            Urteil des alten Barons
Da Wind Luft ist, nur Luft in Bewegung;
    Da Luft, mitin auch Wind, recht eigentlich den Stoff darstellt, welcher zum
Metier der Aktienkompanie gehört;
    Da niemand durch etwas, was zu seinem Metier gehört, beschimpft werden kann,
der Ausdruck: »Beutel« aber ganz unverfänglich ist;
    ergehet Sentenz, dass die Aktionäre einander »Windbeutel« nennen dürfen, ohne
dafür Genugtuung begehren zu können.
                                                                          V.R.W.
»Das finde ich ungerecht«, sagte Karl Buttervogel, »und wer mich als technischer
Mitdirektor so nennt, dem gebe ich eine Ohrfeige.«
    »Der Aktuarius macht sich zu laut«, sagte der alte Baron. »Gehe Er hinaus,
Buttervogel, ich habe überdies an Seinen Herrn eine Frage zu richten, bei
welcher ich Seine Anwesenheit nicht wünsche.« Karl entfernte sich eiligst.
    Der Schlossherr holte aus einem Winkel drei alte bestäubte Familienbildnisse
hervor, nämlich einen Mann im Harnisch mit Tressenhut und Kommandostab, einen im
schwarzen Mantel und weissen Halskragen und einen im lichtblauen Hofkleide;
stellte sie vor Münchhausen auf und sagte: »Diese sind meine Ahnen: Atelstan,
Florestan und Nerestan von Schnuck-Puckelig. Atelstan war Generalfeldmarschall,
Florestan Kanzler, Nerestan Oberzeremonienmeister. Kann ich es nun vor ihnen
verantworten, dass ich, als Edelmann von alter Familie mich tätig bei einer
Unternehmung bezeige, welche denn doch am Lichte besehen, keinen andern Zweck
hat als Handel und Wandel und Geldprofit, und an welcher allerhand Leute
geringer Herkunft teilnehmen werden, ja, der sogar ein Bedienter als technischer
Mitdirektor vorstehen soll? Leiden die Standesbegriffe nicht dabei, welche sonst
erheischten, dass der Adel keine Handelschaft und kein Gewerbe treibe? Sieh, der
Zweifel ist mir in währender Verhandlung aufgestossen.«
    Münchhausen versetzte, dass in gedachter Beziehung der Adel mit der Zeit
fortgeschritten sei, es marchandiere heutzutage jedermann, Graf, Freiherr und
Fürst, wie die geringste Krämerseele, unbeschadet der Standesbegriffe. Der Stand
sei wie der geweihte Charakter der Priesterschaft ein unauslöschlicher, ein Graf
dürfe an der Börse wuchern und den Juden das Brot vor dem Munde wegnehmen und
bleibe nichtsdestoweniger ein so unversehrter christlicher Graf, wie einer, und
wenn etwa noch ein Kreuzzug nach Jerusalem zustandekommen sollte, werde ihn
keiner der Seinigen von der Entreprise zurückweisen. - »Indessen«, setzte er
hinzu, »wenn du darin zu delikat bist, so folge diesem schönen Gefühle, denn wir
haben freilich bei unserem Luftverdichtungsgeschäfte mit unterschiedlichem Pack
zu tun, und zarter ist immer zarter.«
    »Nein«, rief der alte Baron, »was andere sich erlauben, das ist mir
unverboten! Ich habe in solchen Dingen gar kein Privat- sondern nur ein
Standesgewissen. So wäre denn alles in Ordnung; nun wollen wir aber auch auf
nichts denken und sinnen, als wie wir dem Geschäfte den schwunghaftesten Betrieb
geben.« - Er nahm die drei Familienbildnisse und trug sie wieder in ihren
Winkel. Diesen Augenblick, als der alte Aktienschwärmer den Rücken wendete,
benutzte Münchhausen und entwischte. Er eilte die Treppe hinunter in sein
Zimmer, stülpte hastig den Strohhelm auf das überwachte, glühende Haupt, lief
über den Flur zur Türe, über den Hof zwischen den beiden Wappenlöwen, dem
stehenden und dem liegenden hindurch in das Freie, und suchte irgendeine einsame
Bauerhütte, oder auch nur einen abgelegenen Platz in Wald oder Feld, um endlich
Ruhe zu finden fern von dem Schloss, in welchem er unvorsichtigerweise die
industrielle Begeisterung entzündet hatte.
 
                                Neuntes Kapitel
 Der Freiherr von Münchhausen beginnt einen Heroismus im Erzählen zu entfalten
Einige Zeit wartete der Schlossherr auf die Rückkunft seines Freundes, da diese
aber nicht erfolgte, so begab er sich in sein Zimmer, legte die Nachtkleidung ab
und seine gewöhnlichen Tageskleider an, welche in einem kurzen polnischen
Schnürrocke von grünem Sommerzeuge, in strohfarbenen kurzen Hosen und schwarzen
Kamaschen bestanden. Er setzte dazu seine gelb und schwarz gefleckte
Seehundsmütze auf, und ging, ein spanisches Rohr mit porzellanenem Knopf in der
Hand, da ihn die Unruhe daheim nicht leiden wollte, in das Freie, um allerhand
Fabrikanlagen vorläufig an Ort und Stelle zu überdenken.
    Draussen roch ihm die Luft natürlich ganz anders, als früherhin, wo er über
ihre steinernen Bestandteile noch nicht aufgeklärt gewesen war. Ihr Geruch, den
er durch vielfaches Riechen und Schnüffeln ausprüfte, kam ihm so kalkicht und
gipsern vor; er wusste nicht, wo er früher seine Nase gehabt hatte, solches nicht
zu merken. Ein Bauer, der am Schlosshofe vorüberging und den alten Baron bei dem
einen Wappenlöwen stehen sah, die Nase spürend gegen die Wolken erhoben, grüsste
ihn höflich und sagte: »Es stinkt verflucht.« - »Merkt Ihr auch etwas?« fragte
der alte Baron freudig. - »Wer sollte das nicht merken?« rief der Bauer; »sie
brennen drüben Kalk in der Grube, der Stank zieht im Winde weit umher.«
    Der Syndikus der Luftverdichtungsaktienkompanie verachtete herzlich die
dürftige Auslegung dieses armseligen Bauern und ging quer durch die Dornen über
Gras und Anger nach einem freien Platze, der ihm zur Anlegung der Fabrik
besonders tauglich zu sein schien, weil dort weit und breit umher die frischeste
Luft wehte. Er mass den Platz in der Länge und in der Quere durch Schreiten ab,
notierte die Raummasse in seiner Brieftasche, erwog, wo das Laboratorium stehen
sollte, wo das Magazin für die Luftsteine und wo das Comptoir. Hierauf brachte
er eine flüchtige Handzeichnung mit Bleistift zu Papiere, die ihm sehr wohl
auszusehen deuchte, und worin das Magazin die Form einer Null hatte. Er war
recht zufrieden mit diesen Vorarbeiten und ärgerte sich nur darüber, dass ihn
Münchhausen bei denselben im Stiche liess. Indem er zufällig nach der Abdachung
des Platzes, welche von einigen wilden Kastanien und Zwergeichen bestanden war,
hinuntersah, bemerkte er, dass ein Mensch von seiner Raststätte unter einem der
Bäume aufsprang und dann fortlief. Dieser Flüchtling kam ihm, obgleich er ihn
nur von hinten sah, wie Münchhausen vor. Er rief ihm nach; der Läufer hörte aber
nicht, sondern rannte querfeldein.
    Wirklich war es Münchhausen, dem auch dort das erzürnte Geschick noch keinen
Frieden gönnen wollte. Ich verspreche aber den Lesern, ihn nun ruhig
irgendwoanders ausschlafen und ihn vor Abend nicht wieder erscheinen zu lassen.
    Der alte Baron hatte noch viel an jenem Tage zu tun und lief im Freien hin
und her. Am meisten machte ihm die Ermittelung eines Weges zu schaffen, auf dem
die Luftsteine zur nächsten grossen Handelsstrasse geschafft werden könnten, denn
das Land war ringsumher überaus uneben und höckricht. Nachdem er die Pfade, die
der grossen Strasse zuliefen, gründlich an mehreren Stellen untersucht hatte,
entschied er sich kurzweg für Anlegung einer Eisenbahn mit etwa zwölf Tunnels
und fünfzehn gewölbten Brücken. »Denn«, sagte er, »wer gewinnen will, muss sich
vor den ersten Auslagen nicht scheuen.« Er überschlug, dass der Personentransport
die Kosten mit einbringen helfen werde, »denn natürlich kommen«, sagte er,
»jahraus jahrein viele tausend Reisende, um diese so sehr merkwürdige Fabrik zu
besuchen, die Sehenswürdigkeiten meines Schlosses gar nicht einmal in Anschlag
gebracht.«
    Nichts war ihm verdriesslicher, als dass die Fabrik nicht bereits stand. Erst
gegen Abend kam er in die Burg seiner Väter zurück, ermüdet, schweisstriefend,
aber im Herzen fröhlich. Den ganzen Tag über hatte er an Speise und Trank nicht
gedacht, und nun musste er mit einem ziemlich oberflächlich behandelten Rührei
nebst einem versottenen halben Grashechte fürliebnehmen. - »Wer mich zwischen
diesen kahlen Wänden, an dem schlechten kiefernen Tische, dem ausgekochten
Fischlein und der brenzlichten Eierspeise gegenüber sitzen sähe, müsste mich für
einen verlorenen Mann und Hungerleider halten«, schmunzelte er. »Wo ist da,
menschlichem Gedenken nach die Hoffnung irgendeiniges Glückes ersichtlich? Und
doch steht das Glück nahe, ganz nahe, denn sechsmalhunderttausend Luftsteine hat
noch nie ein Schnuck zu beziehen gehabt. Wahrlich, es ist ein eigenes Ding um
das Geschick des Menschen. Der Mensch kann durch Unmut zur Verzweiflung
gebracht, in seinem Zimmer die Pistole laden, sich zu erschiessen, während unten
an der Türe schon der Postbote klopft, ihm den Brief mit der Nachricht von der
reichen Erbschaft des unbekannten Vetters aus Surinam zu bringen. In
gegenwärtiger Zeit ist nun der erfindende Geist des Menschen, der in einem
Augenblicke Leid in Freude, Klage in Jauchzen verwandeln kann, der reiche Vetter
aus Surinam; unterdessen freilich schmeckt dieser Grashecht sehr zähe und fast
wie Leder.«
    Etwas später kehrte Münchhausen heim, ausgeschlafen, neugestärkt, mit
hellen, grellen Augen. Er fühlte in sich Kraft und Mut, dem Alten die Spitze zu
bieten, und war entschlossen, ihn heute abend nicht zu Worte kommen zu lassen,
sondern ihn, sozusagen, daniederzuerzählen. Es freute ihn, als er hörte, das
Fräulein sei unpass und werde deshalb nicht von der Gesellschaft sein; so durfte
er sich auch vor ihren Fragen und Bemerkungen sicher halten. Weil aber ein
Vorleser den Faden ununterbrochener in seiner Hand zu behalten vermag, als ein
Erzähler, stopfte er auf seinem Zimmer sich einige geschriebene Hefte voll der
ungereimtesten Erzählungen in die Brusttasche seines Rocks, und trat so gerüstet
zu seinem Wirte ein, der eben von Karl Buttervogel den halben Grashecht abräumen
liess, von dem er nur ein Weniges hatte geniessen können.
    »Aha«, rief der Alte Münchhausen entgegen, »kommt der Ausreisser endlich? Ich
habe mit Ihm noch ein Hühnchen zu pflücken. Lässt da Seinen Vertrauten und
Kompagnon in der Sonnenhitze allein die Arbeit tun! Wenn Ruhe zu dergleichen
Unternehmungen gehört, so können sie doch auch ohne Betriebsamkeit nimmer
geraten. Vergönne mir, dich daran zu erinnern. Und nun setze dich her, sieh hier
den Grundriss, den ich entworfen, und lass uns darüber in eine umständliche
Beratung treten, damit der Bau begonnen werden kann.«
    Längst hatte Münchhausen ein Heft aus seinem Busen gerissen, es entfaltet,
und auf seinen Augenblick gewartet. Jetzt, als der alte Baron eine Pause machte,
um Atem zu schöpfen, setzte er rund und rasch ein und las mit unhemmbarer
Schnelligkeit, wie folgt.
                                      Ich
                       Fragment einer Bildungsgeschichte
Mein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich die
unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu meiner
angeblichen Mutter: »Desdemona, es muss geschieden sein. Ich habe es geduldet,
dass du mir täglich einige und dreissigmal sagtest, du seist meine Gattin nicht
aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung für meinen seligen Vater, den Lügner,
geworden; geduldet sechzehn Jahre und neun Monate lang, aber dass du diesen armen
Wurm, den ich mir habe sauer genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn
siehst, verletzt mein Gefühl allzusehr. Lebe wohl, Desdemona, wir wollen
einander nicht fluchen, wir wollen aneinander schreiben, aber miteinander leben
können wir nicht länger.«
    Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch
nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger war als
mancher Dreissiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab, während die
verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das Fortepiano setzte und:
»Nach so viel Leiden« usw. sang.
    Mein Vater stürzte die Dorfstrasse hindurch, er stürzte auf die Strasse nach
Braunschweig. Ich bat ihn langsamer zu gehen, die heftige Bewegung mache mir
Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe die Nase an seinem Beine,
gegen welches die linke Rocktasche flog. Er aber hörte nicht auf mich, sondern
stürzte immer heftiger fort, unter Tränen rufend: »Du solltest ein Opfer jenes
bösen Weibes werden, du sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das
Produkt meiner tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz!«-
Ich litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit und bei
den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der Rocktasche. Damals
schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, dass die Menschen, wenn ihre
Liebe recht heiss ist, dem Gegenstande derselben hundsübel machen können.
    Zum Glück kam ein Postillion halben Weges mit einer leeren Extrachaise von
Braunschweig retour gefahren; den bestach mein sogenannter Vater, der Schwager
verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm uns auf, kehrte um
und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete mein Vater einen Hauderer, der
uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die Walachei hindurch nach Tessalonich fuhr.
In Scheppenstedt sollte gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie
errichtet werden, in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klösse in dem Jahre
nicht geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei
Tessalonich kommt man schon in das Türkische.
    Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich hatte
den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter Beobachtung,
und musste da immer zwischen Schinken und Semmel und Sauerbraten verächtlich
zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein Frühstück in die linke Rocktasche
zu senken, und ich durfte nur so eben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu
meinem Vater in jedem Nachtquartiere: »Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an,
lassen Sie mich neben Ihnen sitzen.« Er aber gab mir dann jederzeit einen
väterlichen Kuss und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie er sagte, ausser
der Tasche verlorengehen könne. Mein jugendlicher Frohsinn schwand in der
Tasche, ich fühlte, dass ich mich selbst mündig sprechen müsse, und wartete auf
die erste günstige Gelegenheit, diesen Entschluss auszuführen.
    In Tessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der Hauderer
erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen Russen mit seinen
vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen. Bei Tessalonich geht wie
gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater wollte dort ein Mittel gegen die
Emanzipation der Frauen ausfindig machen, und ich sollte Kadett bei den
Janitscharen werden, sobald ich gehen und stehen könne. Wir hatten
Empfehlungsbriefe nach der Türkei von Hannover mitgenommen. Indessen wendete das
Schicksal alles gar anders.
    Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: »Sogenannt«, hinzufügen,
versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren, hauptsächlich um
meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung für die schöne Natur
beizubringen, überlegte nur nicht, dass ich in der linken Rocktasche von der
schönen Natur wenig zu sehen bekam und ihm daher in meiner Finsternis auf das
Wort glauben musste, wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen
durchguckend, in welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht,
von der göttlichen Aussicht, von der blauen duftigen Ferne und dem goldenen
Morgen-oder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung! Ich bat
ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner Stiefeln stecken,
wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führen - er trug weite Schlappstiefeln
mit seidenen Troddeln vorn - jedoch vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete
er mich zu verlieren. Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft
die linke Rocktasche ganz nass.
    Eines Tages sass mein Vater mit dem Rücken gegen einen Ölbaum gelehnt, sah
die Sonne untergehen und war ausser sich über ihren purpurnen Widerschein im
Meerbusen von Tessalonich. Sonst pflegte er bei allem Entusiasmus die Hände in
der Tasche zu halten, so dass kein Entrinnen gedenkbar war. Dieses Mal übermannte
ihn aber seine Begeisterung, er schlug unter Interjektionen die Hände über dem
Kopfe zusammen, und ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlüpfen.
Da sah ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft. Ich
kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken wollte, während mein
Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte. Ich war eben in der Furcht vor
Schlägen auf dem Rückwege nach der Tasche - denn mein Vater züchtigte mich
ungeachtet aller Liebe sehr oft in der empfindlichsten Art - als das Verhängnis
mit mir die wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir
die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten.
    Plötzlich fühle ich mich nämlich von einem grossen, dunkeln Etwas
überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt, fühle ein
rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe, sehe mich pfeilschnell
erfasst, in die Lüfte geführt, wolkenhoch emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne
ich mein Los, und rufe mir zu: »Du bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du
armer, deinem Vater so sauer gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verliessest
du die Tasche?« - Die Lage des Kindes war schaudervoll! Über mir der goldgelbe
Bauch und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und
Wolken oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches dem Geier
seine Beute missgönnt, tief, schwindlicht tief unten Land und Meer wechselnd als
dunkele und blanke Streifen! - Der Geier fliegt und fliegt; er ist ein Geier,
der auf Reisen geht und sich seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das
Ungeheuer schreit beständig: »Pfy! Pfy!« - Da rufe ich mit dem Witze der
Verzweiflung: »O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich
Pfy! aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als
unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen
ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich nicht das
gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst Kinder, Barbar? Jammert
dich der Vater nicht, der drunten mit dem Rücken gegen den Ölbaum gelehnt sitzt,
vermutlich noch immer die Sonne sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche
glaubt?«
    Ich war, man sieht es hieraus, über meine Jahre gereift. Der Geier kehrte
sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.
    Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermesslicher Höhe stürze ich hinab; mir
vergeht Hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung erwache, liege ich weich
gebettet, und ohne dass mich eines meiner Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf
dieser Lagerstätte um; sie ist ein Carbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt
zwischen zwei Tamarisken. Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die
abgeschossene Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt
einige Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und
schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein Reitpferd.
    »I killed the vulture«, sagte der grossmütige Brite nachdenklich, hob mich
vom Carbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse hin und fuhr
gleichgültig fort: »You shall stand indebted for it all your life, Sir. Adieu.«
    Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Carbonaro malerisch um die Schultern,
bestieg den Klepper und ritt fort. »Um Gottes willen, Mylord, habt Ihr mich
darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem Durst, den wilden
Tieren preiszugeben?« rief ich. »Bei der Gnade des Himmels! nehmt mich auf der
Kruppe Eures Pferdes mit.« - »You would deprive me of my comfort«, versetzte der
grossmütige Engländer kalt und ritt wirklich fort, so dass ich ihn bald aus dem
Gesichte verloren hatte. - »Elender«, sagte ich dumpf, »ist dieses die Grossmut
Albions? Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind
gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als du
schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt! Bewaffne dich
mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher Knabe, verwerfe dich!«
    Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt. Ich
empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier schuldig war,
der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm und sagte: »Ein anderes
Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich haben, Federvieh! Die Naturgeschichte
erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf Hirtenknaben zu stossen, nicht aber auf
gebildete Kinder gebildeter Eltern.« - Der Geier drehte seinen borstigen
Schnabel matt nach mir um und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger
Reue in den Augen.
    Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine über der
andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen! Flechten, Moose und Heiden
bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten Kronen, wilder Lorbeer,
Tamarisken, Johannisbrotstauden standen in leichten, dünnen, malerischen Gruppen
umher. Ich war auf einer bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl,
allem Vermuten nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier
war mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in der
peinigendsten Ungewissheit über diesen Punkt, weil ich einsah, dass es vor allen
Dingen nötig sei, mich örtlich zurechtzufinden, um den richtigen Weg nach
Tessalonich und der linken Rocktasche einzuschlagen, die mir bei den schweren
Erfahrungen, welche ich in so kurzer Zeit über Geier und Engländer gemacht
hatte, schon jetzt wie ein verlorenes Paradies vorkam.
    Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, dass kein
Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken liess. Ich wollte anfangs das
Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob ich auf dem Öta,
Parnass, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf aber dieses Auskunftsmittel
als zu kindisch und meiner nicht würdig.
    Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger und Durst
begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer allein da droben, ich und
der tote Geier die einzigen lebenden Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner
leichten türkischen Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte
machen lassen! Sie bestand in weissen Pumphöschen, in einem auf europäische Art
zugeschnittenen roten Collet mit gelben Litzen und in dem Turban, der damals
noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel klirrte an meiner Seite
und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig einen mit Kohle gezeichneten.
    Um wenigstens meinen Durst zu löschen - denn gegen den Hunger gab es da
freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen - kroch ich zu einer
Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an diesem ihrem
Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeern überstanden war. Ich ahnete, dass es
mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben müsse, denn Gewalt und Klarheit
wohnten in ihm so nahe beieinander, dass es kein gewöhnlicher Spring sein konnte.
Zischend und schäumend drang der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine
an das Licht, als koche er, und einen Schritt weiter floss schon das klarste
beryllgrünste Nass ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.
    Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde mir da!
In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein Wallen, in meinen
Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein Klopfen, in meinem Haupte ein
Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen mir vor den Sinnen
umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform kam mir vor wie das rote
Meer, meine weissen Pumphöschen leuchteten mir wie der Schnee der Alpen und mein
kleiner blecherner Säbel gemahnte mich wie das Schwert des Alexander. Ich
öffnete die Lippen, und sie sprachen unwillkürlich:
Gesperret lange Zeit in eine Tasche,
Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,
Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
Dem Albions Grossmut drauf den Hals gebrochen,
Und als dir nun gesunken die Courage,
Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen
Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne
Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!
Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am
Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten unwillkürlich:
Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,
Für die Kadettenanstalt des grössesten Sultans
Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,
Streife das rote Collet und die weissen batistnen
Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner
Klassischer Nackteit!
Wirklich warf ich Säbel, Collet, Turban, Pumphöschen, kurz alles und jedes ab,
wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von dem Musenwasser
getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf
meine Lippen gedrängt; ich sang:
Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
Trala!
Du findest mich ganz sicherlich
Sasa!
Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
Ein Liedchen für den Almanach!
Feinsliebchen, weisst du, was das ist?
Trala!
Ein Büchlein voll von Jesu Christ
Sasa!
Und Blümelein und O! und Ach!
Das ist der Musenalmanach!
Ich hatte rasch den Entschluss gefasst, einen Musenalmanach zu schreiben, ganz
allein ich selbst; um mir mein Brot zu verdienen, »denn« - rief ich -
Warum denn andre brauchen und deren Instrumente?
Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.
Er bläst mit seinem Munde, dem Finger fünfe dienen,
Das lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente,
Und streichet mit dem Bogen, geknüpft am Ellenbogen,
Das saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,
Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stösset
Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente,
Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung rühren
Das kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente,
Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt
Das Rossschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente.
So mit Gebläs' und Streichen, mit Stossen, Rühren, Bimmeln
Sah ich, als sein der Meister fünf da der Instrumente,
'Nen einz'gen jüngst noch spielen am Markt das mannigfalte
Flöt- Geige- Becken- Pauken- und Halbmondinstrumente.
Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse, Weisen und
Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen, Dezimen, Kanzonen,
Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches, Afrikanisches,
Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und Sendeblätter, Runenstäbe,
Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und Blüten, Schutt - alles dieses und
noch unendlich viel mehr entquoll meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen,
so dass ich glaube, ich armes nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an
jenem Abende in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen
meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiss nicht, ob ich mich nicht
totgeschrieen haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre, hätte nicht das
Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des Geiers rettete, nunmehr mich
auch von den Folgen jenes hippokrenischen Sauerbrunnens befreit.
    Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste
eines entaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von allen Seiten
angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt, bestossen, betrampelt. Zu
Boden geworfen, sah ich nichts über mir und um mich als gelbe Augen, dürre
Beine, rauche bärtige Gesichter. Eine Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein
zum Orte gekommen und übte an mir diese etwas stürmische Bewillkommung aus. Mein
anfänglicher Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr
bald, dass ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur durch ihre
Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über den Fund des
kleinen Lyrikers zu äussern. Das waren keine blutdürstige Lämmergeier, es waren
sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie riefen alle im Chore: »Ach, der
arme Kleine! der Verlassene! Da liegen seine Häute, er muss eine fürchterliche
Krankheit gehabt haben, wovon sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie
geschunden aus. Lasst uns seine Wunden lecken! der Jammervolle!« Ich musste im
stillen über diese unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine
Janitscharen-kadettenuniform für einen abgestreiften Balg und meine heile, weisse
Haut für geschunden ansahen, beschloss indessen Achtung vor dieser Volksmeinung
zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit bei den
Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt, Einspruch zu tun, denn
alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht so eifrig an mir umher, dass ich
es vor Kitzel nicht länger aushalten konnte. Ich ergriff daher das rechte
Vorderbein derjenigen Ziege, welche mir die älteste und verständigste zu sein
schien, mit meinen kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte:
»Ehrwürdige Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der
Natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht zufolge
wunden und geschundenen Haut!« - Wirklich liessen die gutmütigen Ziegen, sobald
sie meinen Wunsch vernommen hatten, von ihrer Leckkur ab.
    Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit possierlichen
Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich jetzt, entsetzt seitwärts
blickend, den Müttern so innig an, wie die jüngste der Niobiden dem Schosse, der
sie doch nicht vor den schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie
schrieen meckernd: »Der Geier! der böse Geier!« und zitterten und bebten, als ob
jener tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die Mütter
bei seinem Anblicke zusammen, indessen fassten sie sich bald und beruhigten die
Zicklein mit verständigem Meckern. »O«, rief eine der Ziegen, »wie vielen Dank
sind wir diesem armen kleinen Findlinge schuldig! Ohne ihn würden wir
wahrscheinlich den Verlust eines von euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben!
Der Lämmergeier sah aber ihn und nahm ihn an eurer Statt in die Lüfte!« - Hier
erwachte mein ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke
auf der Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: »Meine
Damen, Sie sind im Irrtum. Dass jener Räuber mich für einen Hirtenknaben hielt,
den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen darf, war schon
unverzeihlich von ihm, dass er mich aber gar für ein Ziegenlamm hätte halten
sollen, dazu traue ich ihm denn doch zuviel Verstand zu.« - »Das Wundfieber
phantasiert aus ihm«, riefen alle
    Ziegen, »er weiss nicht, was er spricht.« - »Meine Schwestern«, hob die
älteste der Ziegen an; »uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen
erfordert unsere Ziegenpflicht; um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer
Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und späterhin
wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann!«
    Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein folgend.
Die Mütter stiessen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte und schrie, dass
ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder anziehen wolle, denn die
klassische Nackteit beginne mir frostig zu werden, davon aber wollten die
Ziegen nichts wissen, sondern hielten es für eine neue Fieberphantasie, dass ich
in jene kranken Hüllen kriechen wolle. Ich musste mich daher fügen, klammerte
mich zwischen zweien der Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an,
und konnte so notdürftig mit der Herde mich fortbewegen.
    An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische
Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer grossen Felsenhöhle, dem von der
Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich und wohnlich war die
Höhle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen Wölbung meinem frierenden Körper
wohltuend entgegen, der Boden und die Seitenwände waren mit weichem Moose
ausgepolstert, das ertastete ich, als wir hineingingen. Der süsse, aromatische
Duft des Tymians, welcher auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle,
kurz, dieser Aufentaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man
einmal von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.
    Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr
Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter, und sogen,
aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen in diesem
Kreise? Traurig sass ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen, hungerte und
durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige Milchnahrung, wenn die
Kinder des Hauses gesättigt sein möchten. »Glaubst du denn«, rief die älteste
der Ziegen, welche die andern Sisi nannten, »dass wir dich nicht längst auch zu
unsern Nahrungsquellen herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüssten, dass
dein Wundfieber jede Überladung des Magens tödlich machen kann?« - Ich bat sie
bei den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich
verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte
Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens in meinem
Zustande ergab, welche in den Beschluss auslief, dass mir ein weniges an Milch
wohl verstattet werden möge. Froh über diese Entscheidung kroch ich zur
barmherzigen Sisi und sog die ersehnte, heilsame Nahrung in mich. Als ich aber
im besten Saugen war, wurde ich schon wieder abgestossen, weil ein mehreres, wie
die um mich besorgten Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde.
Ich war daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr
geschützt.
    Über meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche ein
Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so liebevoll gesinnt,
dass jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine mich der andern gönnen wollte.
Ich musste voraussehen bei diesem Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu
bleiben, rief daher: »Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren
kleinen Lyriker, lasst ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen!« - Dieser
Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre Pfoten, dann die
Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi, dann die Lili, dann die
Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki,
endlich und zuletzt morgens gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser
meckernden Grazien. Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf
Ziegen, aus denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gespräche zufällig
erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn ich hatte
fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder aufzustehen, indessen
erfror ich doch nicht.
    Wundert ihr euch, dass ich das Gemecker der Ziegen so bald verstehen lernte?
Ihr hättet euch eher darüber verwundern sollen, dass ich den Engländer verstehen
konnte.
    Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen
Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch hätte
verstatten mögen. »So bist du denn«, dachte ich, »indem du deine Selbständigkeit
erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und darauf nach kurzem
lyrischem Taumel unter das Vieh geraten, von welchem du nicht einmal für voll
angesehen wirst.«
»Erlaube mir«, rief hier der alte Baron, da Münchhausen einen Augenblick
innehielt, »diese hirnlosen Geschichten zu unterbrechen und mit dir von unserer
Fabrik« -
    »Sogleich«, versetzte Münchhausen, »meine Erzählung geht zu Ende.«
In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und ihren
Zicklein die Weide. Ich muss ihnen das Zeugnis erteilen, dass sich die
Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und dass auch ihre
Kinder nicht allzuarg mit mir umgingen, obschon diese freilich, mutwillig, wie
die Jugend einmal ist, allerhand neckende Possen trieben, welche auf mich Bezug
hatten, z.B. sich gegen mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir
stiessen, und was dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes
Kind gebildeter Eltern nur verachten konnte. »Du bist unter Ziegen«, sagte ich
zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, »vergiss das nie, kleiner
Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters.« Ich fühlte, dass ich mich
dem Zustande, in den mich nun einmal die Fänge des Geiers und die Kugel des
grossmütigen Engländers geworfen hatten, anbequemen müsse, versuchte also
zuvörderst auf allen vieren zu laufen, da ich ohnehin auf meinen beiden kleinen
menschlichen Füssen noch nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich
ausserdem, auf jene bäumenden, springenden, stossenden Scherze einzugehen,
freilich nicht ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte.
    Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht von vorgefassten
Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es war meinen Bitten unmöglich, sie zu
bewegen, dass sie mir meine Janitscharenkadettenuniform zukommen liessen; sie
blieben steif und fest dabei, dass dieses Collet, diese Hosen, dieser Turban
Überbleibsel krankhafter Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb
ich, so dass mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich
fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den
erkältenden Einfluss der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch bekam ich
immer nur halbe Portionen aus Sorge um mein angebliches Wundfieber. Oft knurrten
meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem war ich der Liebling der ganzen Herde
und sämtliche zwölf Ziegen auf i nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich
hatte meine Verwunderung darüber, so viel Menschliches unter dem Volke zu
finden, welches doch, wie ich aus allen Reden und Äusserungen, die ich hörte,
abnahm, in einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf
diesen helikonischen Höhen erwachsen war, und gegen die Menschen, von denen es
nur durch Hörensagen wusste, eine so tiefe Verachtung hegte, wie die tugendhaften
Houyhnhnms des Dechanten Jonatan Swift gegen die sündlichen Yahoos.
    Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel Schönes.
Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht kennt, in unsere
Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor denen nach dem Tage zu leichte
Geflechte wilden Weines und bunter Winden hingen. Rote Lichter und farbige
Schatten umspielten die Herde, die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag
und schlummerte, bald aber sich erhob und die Glieder dehnend in den Morgenwind
hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie herrlich
glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zacken und Klippen vor
uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den würzigen Kräutern, die ihn
bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn diese Kost genossen war, emporstrebend
die aromatische Rinde der Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher
Speise die süsse Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und
labend über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet
und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten in weiter
Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste ihres Wesens; zu
diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses nicht und nicht der
Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem Gestein, umsprosst von wilden Rosen
und Feigen, der melodische Schall der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und
Tymusbüschen der goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner,
unschuldiger in der Nähe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriss,
denn alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche, Bäume,
welche das schäumende und doch so ruhige Nass benetzte, oder auch nur mit seinem
feinen Dufte erreichte, standen stolzer und vornehmer da, als die Gewächse der
Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die
Stengel und Zweige schöne, dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war
jegliches da droben verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart;
Scheltworte, zu denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergass, adelten
die Winde des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot,
die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des Pindus,
Parnassus und Kitäron.
    Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann kamen die
Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. Sie bewohnten eine
andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite des Berges und führten eine
abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen beiden Geschlechtern bestanden hier die
edelsten und keuschesten Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der
Jugend, welchen nur in dem niedern Zustande gemeiner zahmer Ziegen die
herabwürdigende Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen
Spielen feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings im
Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten, ehrwürdigen,
bebarteten Väter der herrlichen überquellenden Lust und dachten ihrer einstigen
Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger unter dem Zwerchfell, der nie die
Schuld einzufordern vergisst, d.h. wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas
fressen, so schied man mit herzlichem Grusse und dem frohen, getrosten Worte:
»Auf Wiedersehen!« Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen, und nun
wurde noch ein leichtes Vesperfutter abgerupft. Wenn aber die dämmernde Eos mit
Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den klassischen Boden zu netzen begann,
schritten wir lieblich meckernd heimwärts, erreichten vor der völligen
Finsternis die bergende Höhle und streckten uns saugend oder wiederkäuend in
ihrer behaglichen Wärme auf dem sammetnen Moose aus. Bald goss ein leichter,
träumeloser Schlummer seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und
Wiederkäuen ein Ende.
    Ich sage: »Wir«, ich sage: »Uns«, ich sage: »Unserem«. Mit mir war nämlich
eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu Tage flinker auf
allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen Spielen der Jugend, bei welchen
ich mich anfangs höchst ungeschickt betragen hatte, allgemach immer dreister
teil und rannte eines Tages erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem
Böcklein, welches mich zu diesem Stosskampfe herausgefordert hatte, so tapfer
zusammen, dass das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen
und ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte, da mir
die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern und Knabbern von
Baumrinde gegeben, zuerst den heftigsten Widerwillen gegen diese Speise
verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und gefunden, oder zu finden
gewähnt, dass Gras wie grüner Kohl und Rinde wie Krautsalat schmecke - alles das
war in mir vorgegangen, aber ich hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht
über mich nachdachte. Ein unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir
die Fackel der Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand
verstehen.
    Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die Zicklein
sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter käuen wieder und
unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich schlafe noch nicht. Es geht
mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu nennen weiss, es ist ein formloses
Etwas, was sich nach und nach durch die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt
und dort ein losgebundenes Leben für sich anfängt. Meine Kinnbacken beginnen
sich kreuz und quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten
ohne Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die unteren
Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich für immer abgetan
glaubte, steigen in mir auf, ich weiss nicht, was das bedeuten soll, ich
befürchte, einen gefährlichen Magenkrampf zu haben, ich ächze, ich stöhne.
Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und fragt, was mir fehle? So gut ich unter
dem unaufhaltsamen Schieben und Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich
ihr den Zustand; und wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui,
Tränen vergiessend und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: »Heil dir und
Segen, herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder!« - »Ihr
Götter!« rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mytologisch) »was ist
aus mir geworden?« Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen fortzusetzen,
denn alle eilf andern Ziegen, welche den Freudenschrei der Quiqui vernommen
haben, drängen sich um mich, und sind wie ausser sich, die Lili leckt mich, die
Pipi neckt mich, die Riri schmiegt sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi
will mich küssen, die Wiwi hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki
scherzen, Mimi, Nini herzen; von dem Jubel erwachen die Zicklein und Böcklein,
hören halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun erbrauset erst der rechte
bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stösst, rennt um mich her, das
schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt, dass keine Phantasie,
und wäre sie die kühnste und leichtfertigste, diese tolle Szene, beleuchtet von
einem zweifelhaften Mondschein, sich vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige
Sisi behielt einigermassen ihre Fassung, legte, als sie durch das Gewirre zu mir
dringen konnte, ihre mütterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: »Mögen
dich Pan und alle Faunen beschützen, du junger Geretteter!«
    Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer. Ich
aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Köpfen, Bäuchen, die mir
Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich das meiste gewesen, denn
keines der gutmütigen Tiere hatte mir wehe getan, sie hatten sich vor jeglicher
Roheit zu hüten gewusst. Nur das Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte
nicht wieder geläufig in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die
Heftigkeit der Neigungen, die ich erdulden müssen, gehemmt worden, ich empfand
einige Störungen im Verdauungsgeschäfte.
    Aber wie wenig bedeuteten diese Unbequemlichkeiten gegen den Seelenschmerz
und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht durchzudulden hatte! »Ist es
möglich, dass du unter Ziegen aufgehört haben solltest, ein Mensch zu sein?«
sprach ich zu mir selber. - »Warum hast du dich gehenlassen, warum deine
angeborene Würde nicht im Auge behalten, nicht treu und fest im Auge behalten
die schreckliche Gefahr herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit?«
Noch zitterte in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, dass alles nur Täuschung
sein möge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewissheit bringen
musste, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten Schimmer der
Morgenröte schlüpfte ich, während die Herde noch ruhte, aus der Höhle, rief:
»Bedenke, dass du Mensch bist!« und wollte aufrecht einherschreiten, aber, o ihr
Himmlischen, es ging damit nicht; ich war genötigt, auf allen vieren zu laufen,
auf allen vieren zur Quelle Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.
    Über ihren klaren und göttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, dass alle
schwarzen Ahnungen recht hatten, dass das Entsetzliche geschehen war. Ich sah aus
ihrer Flut einen mit zottigem Vlies bedeckten Leib mir abschreckend
entgegenstarren, dünn und knöchern gewordene Gliedmassen, die, als ob sie Scham
empfänden, sich in Fell hüllten, ich sah spitz-und steifgewordene Ohren und ach!
jene von meinem Umgange mit der Herde mir so bekannte Physiognomie, in welcher
der Mund sich zum breiten Maule verzogen, die Nase die lächerliche Streckung
nach vorn angenommen hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen,
nach den Seitenbeinen des Schädels auseinandergewichen waren; mit einem Worte,
denn wozu so viele? Im Spiegel der Poesie sah ich mich als jungen, wenigstens
werdenden Bock.
    »Dahin also ist es gekommen!« rief ich, und suchte zu verzweifeln. »Bist du
darum deinem Vater so sauer geworden, darum aus seiner Tasche gekrochen, um als
Gehörnter und Beschweifter zu enden?« - Denn die Musenquelle hatte mir ausser
allem, was ich beschrieben, auch an Stirn und Rückgrat Keime gewiesen, welche
mit den Jahren, wenn das Wetter günstig war, zu Horn und Schweif erblühen
konnten.
    Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Stärkung, oder tat es die
Nüchternheit des Morgens? genug, ich musste fressen, und schälte einen der
Lorbeerbäume über der Hippokrene ab. Die bitterlich-herbe Rinde bekam mir wohl.
Ich suchte jetzt abermals zu verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte,
mindestens mein Los zu bejammern. Auch das glückte nur zum Teil. »Wie verstehe
ich das?« fragte ich mich. »Du hast deine Menschheit zum grösseren Teile
eingebüsst und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tüchtigen
Jammer zuwege bringen?«
    Da machte ich eine Entdeckung in meinem Inneren, die noch schlimmer war, als
die äusseren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben hatte. Ich merkte
nämlich, als ich mich scharf prüfte, dass ich den Verlust meiner Humanität
eigentlich nur der Form wegen und ehrenhalber betrauere, im Grunde aber mit dem
Fell an Leib und Gliedern, mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten
Nase, den seitwärts abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rückgrat
wohl zufrieden sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der
Verbockung begriffen. - O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache
ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch zum
Vorschein, wenn ihr nicht unablässig auf euch achtet.
    Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als die
Ankunft der Herde mich in denselben störte. Die guten Ziegen waren schon besorgt
um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der Hippokrene denkend und grasend
fanden, die unverstellteste Freude, so dass nicht viel an einer Wiederholung der
nächtlichen Auftritte gefehlt haben würde, wenn ich nicht Rührung und
Erschütterung über mein neues Glück vorgeschützt und sie ersucht hätte, meine
durch das Wiederkäuen etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. »Ja, er bedarf
der Ruhe«, riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mäuler von
mir. Der Platz an der Hippokrene wurde für heute zur Weidestelle ersehen, und
ich hörte sie lange, während sie frassen, in erhöhter Stimmung und in einem
sogenannten schönen Stile mein Glück preisen, dass ich endlich vernünftig und
einer der Ihrigen geworden sei.
    »So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von
welchem ich glaubte, dass er nur meinen ehemaligen Kameraden, den Menschen,
angehöre!« dachte ich bei diesen Gesprächen. - »Erst wenn sie jemand zu sich
heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart vernichtet haben, glauben sie,
dass er vernünftig geworden sei, und einer der ihrigen zu heissen verdiene. So
zerklopft der Wegewärter an der Chaussee die grossen Steine und pflastert dann
mit den kleinen Bröckelchen die gemeine Heerstrasse des täglichen Verkehrs zu
Fuss, zu Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel.«
»Erlaube mir«, rief der alte Baron hier abermals dazwischen, »diese hirnlosen
Geschichten nunmehr zu unterbrechen, und lass uns von unserer Fabrik« -
    »Sogleich«, versetzte Münchhausen. »Meine Erzählung dauert kaum noch eine
Viertelstunde.«
Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edlen Ziegen am Helikon.
Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder; natürlich, ich war ja das
Kind ihrer Wahl und hatte für sie ausserdem das besondere Interesse, dass noch
einige Reste der Menschheit in mir staken, welche ihre fernere Erziehung
ebenfalls auszutilgen berufen schien und hoffen durfte. Sie bildeten und
besserten unaufhörlich an mir, d.h. sie leckten und putzten mich beständig, um
den vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu -putzen, und jedes Fünkchen
widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich musste mir das gefallen lassen,
obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen Mensch zu bleiben, der
möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites Metier von grossem Nutzen sein
kann. Auch meine Sprache war ihnen noch nicht akademisch genug; sie meinten, es
sei nicht das reine toskanische Meckern. Ich muss hier einschalten, dass ich mich
deshalb so rasch mit meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine
erste Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war, und
ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur bekannte Töne
im Gespräch mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen, wie gesagt, mein
Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es mochte wohl noch in etwa den
Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege Pipi gab sich daher an das Werk und
unterwies mich im Meckern nach den Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und
fand, dass das Ziegenidiom einen grossen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für
unklare Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein dürfte,
um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln.
    Tage kamen und Tage gingen, daraus wurden Wochen und aus den Wochen stellten
sich Monate zusammen, ohne dass unser idyllisches Leben auf dem Helikon
irgendeine bedeutende Störung erlitten hätte, ausser dass wir Zicklein mitunter
von den Müttern zu sehr allein gelassen wurden und in einer dieser
Verlassenheiten zwei junge Böcke einbüssten, welche, den ersten ein Steinadler,
den andern ein Goldadler auffrass. Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten
schmerzlich berührt, obschon die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche
Entbindungen für den Ersatz sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein
und die Einbusse der beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir
nachdenken. Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein
gutes Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füsse
verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen waren, wo
denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, dass sie ihre Sitzungen hielten.
Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende diese Sitzungen
stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen, es seien die Sitzungen des
Wohltätigkeitsvereins. Freilich blieb ich durch solche Antworten so klug als
vorher; ich schärfte indessen das Auge der Beobachtung und kam auch binnen
kurzem der Sache auf den Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse
Schattenseiten an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der
helikonischen Ziegenherde.
    Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen Verein »zur
Linderung des Elendes leidender Naturwesen« gestiftet. Dieser Verein war aus den
Trümmern eines früheren, untergegangenen entstanden, welcher auf die
Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte. Ein reisender Waldesel war nämlich
einstmals über den Helikon gekommen, hatte aus der Hippokrene gesoffen und
darauf von dem wundervollen Gespinste der Tübetziege phantasiert, aus welchem in
Kaschmir die herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende
Esel hatte weder Tübetziegen noch Kaschmirschals selbst gesehen, sondern im
Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar mit den Schals
bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein genommen hatte, sondern nur
von seinem verstorbenen Bruder gehört haben wollte, es gebe dergleichen. Die
Phantasie des Esels entzündete aber die Phantasie der Mütter und befruchtete
ihren Geist mit dem Ideale einer tübetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe
Bild brachte in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten
ihnen seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im
höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis zu
Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was schönen Seelen
ihr Gemüt ist.
    Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das Werk
gerichtet werden, dass sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten abbrachen und die
Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten nun die ganze Herde mit dem
Untergange, und als die Seufzer der Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen
die Gefahr einleuchtend gemacht hatten, so mussten sich die hochherzigen Ziegen
entschliessen, dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn
wie es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder darbten,
ihr Pelz schon merklich feiner geworden.
    Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der »Verein zur Linderung des
Elendes leidender Naturwesen« hervorgegangen, weil das höhere Selbst der
helikonischen Ziegen Befriedigung wollte und für die Einbusse Ersatz heischte.
Der neue Verein bekümmerte sich um jedes Unglück und half allen Insekten, Vögeln
und kleinen Säugetieren, die in Not staken. Er hielt wöchentlich seine
regelmässigen Sitzungen; ich habe mehreren derselben beigewohnt, da man mich als
Böcklein von guten Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige
Tatandlungen kennenzulernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle
des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige
tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte des Kreises
ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während des Wiederkäuens
wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in barmherzige Erwägung
gezogen, als z.B. wie einer Hummel zu helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in
das Wasser fallen sehen? ob man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine
Art Hackbrettlein aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die
Ausübung ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermassen möglich zu machen?
oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für sich und ihre
Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen wussten, dass sie ohne
Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten war, und was dergleichen
wohltätige Massnahmen mehr waren, welche den helikonischen Ziegen und ihrem
Vereine einen fast göttlichen Namen bei allem notleidenden Geschmeisse zuwege
gebracht hatten. Ich sage: Bei dem Geschmeisse, denn was die edleren Geschöpfe
betrifft, so wollten diese von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die
Steindrossel hörte auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches
ratzuschlagen begannen, eine weisse Hinde, welche zuweilen besucheshalber auf den
Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den
Wohltätigkeitsverein zu treten, statt aller Antwort nur den stolzen Rücken, und
die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich gingen, habe ich oft die
Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die Reden der Ziegen im tönendsten
Schwunge und ergiebigsten Flusse waren. Ja, einer jener geweihten Bäume musste
die Nähe der barmherzigen Ziegen selbst körperlich nicht vertragen können. Er
bekam ein krankes Ansehen und ging endlich ganz aus.
    Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften Zwecke.
Es war streng verboten, dass von irgendeiner Ziege privatim, ohne Aufsehen, aus
dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert werden durfte; nein, alle
Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung des Vereins im Geschäftswege verwaltet
werden, und die Einzelziege war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches
sie traf, vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten. Auf
diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine, instinktartige Milde
ausrotten und an deren Statt die höhere, selbstbewusste, die administrierende
Milde pflanzen. Da es nun aber immer mit einiger Weitläuftigkeit verknüpft war,
eine Sitzung zustande zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste
bei der ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wiedermeckernd
gleichsam ausser ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so kam oft
alle Hülfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle zugeworfenes Blatt
das Leben gerettet hätte, war während der Reden über die Pflicht, sie zu retten,
untergegangen, und die Maus, der die vorübergehende Einzelziege ein paar Körner
hätte zuscharren können, bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben.
    Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging. So konnte
fast keine der lahmen Grillen mit den Kunstackbrettchen fertig werden. Am
schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe, die langen und weitläuftigen
Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins für uns Zicklein und Böcklein. Wenn
wir während derselben ohne Weg und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn
Gefahren und Raubtiere uns Ausserachtgelassenen drohten, da konnten wir armen
Schluckerchen nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergiessen, dass die
Mütter an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und uns
vergassen. Indessen waren solche Tränen und jene Missglückungen im ganzen
unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in ihrer
Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend begeistern, und
darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an.
    Ich habe lange nicht gewusst, auf was Art diese Stimmung, welche die eigene
Familie um Geschmeiss hin und wieder vernachlässigen lehrte, und eine schlichte
und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden Geschäfte aufzublasen
antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war. Endlich konnte ich mir das
Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff nämlich, wie wir wissen, aus der
Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei allen, welche sie trinken, die
gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den durch das Schicksal dazu Vorbestimmten
jenen reizenden Wahnsinn, den wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das
Wasser und schafft entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der
Fall war, so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzen und geschwollenen
Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens nennen
könnte.
    Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden
Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu unnötigen
Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war blühende Prosa.
Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her.
    Wie oft musste ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und ihre
geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um das Erbärmliche
kennenlernte, still für mich ausrufen: »Versetzte Hippokrene!« - Wo diese mit
der blühenden Prosa in ihrem Gefolge auftritt, da stirbt das melodische Getön
der Steindrossel, da weiset die stolze weisse Hinde vornehm den Rücken, da
schüttelt der Lorbeer zornig die Krone, oder geht aus.
    Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene und
wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben. Sie gehörten ebenfalls nicht
in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten, was mir gewiss jeder, der
einmal einen solchen Gatten gesehen hat, auf mein Wort glaubt. Da nun die
Gattinnen ihnen schon das Elend des Geschmeisses weggenommen hatten, so waren sie
auf dessen Laster beschränkt und stifteten unter sich einen Verein »zur Rettung
sittlich verwahrloseter Naturwesen«. Der Zweck desselben war, durch moralische
Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum Guten alle
die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beissen, kratzen, stehlen, oder
sich von schmutzigen Dingen nähren, zu einem unschädlicheren und reineren Leben
anzuführen. Nach der Absicht der Stifter sollte, wenn der Verein wirklich
durchgriffe, die Mücke ihrem Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen
lernen, die Elster auf den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat
und Aas sich entwöhnen.
    Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen, wie
weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als ich auf den
Helikon kam. Ich weiss nur, dass allerhand Geziefer auch auf diesem heiligen Berge
stach, biss, kratzte, stahl und Unaussprechbares frass, weiss aber nicht, ob es
gebessertes oder ungebessertes war. Einer einzigen Versittlichungsgeschichte
Augen- und Ohrenzeuge bin ich geworden, von ihr will ich berichten, muss ich
sogar berichten, da sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren
Schicksalen Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte.
    Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der
wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an den Ort
gekommen, wo der grossmütige Engländer sein Pferd hatte grasen lassen und der
tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie einen Käfer mit
schwarz-glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche bei Aristophanes die
Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus auffüttern, und die Deutschen
Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers aber bemerkten sie die stahlblaue
Fliege, Schmeissfliege geheissen. - »Ich will, Bruder Schnuck, ungeachtet deine
göttliche Tochter nicht zugegen ist, dennoch den Käfer aus Rücksicht auf deine
Delikatesse nur das Ross des Trygäos und die Fliege die blaue Schwärmerin
nennen«, sagte Münchhausen, vom Manuskripte aufsehend.
    »Erlaube« - rief der alte Baron fast wütend.
    »Erlaube mir«, sagte Münchhausen, »dir die Geschichte von dem Käfer und der
Fliege vorzutragen.« -
    »Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um«, rief einer der Gatten,
»zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, lasst uns hier helfend
einschreiten, lasst uns diesen Gefallenen die rettende Klaue reichen, entwöhnen
wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die Fliege von der Leidenschaft,
selbst die ungeborene Zukunft ihres Stammes einem verdorbenen Elemente
einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege zu anständigen Leuten, die in der
guten Gesellschaft fortkommen können!«
    Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloss man, das Ross des
Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und anständig werden, sie
möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte der Redner, der Ziegengatte Solon
(sie hatten sich lauter Namen von weisen und erhabenen Männern des Altertums
beigelegt), den Käfer von seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in
eine Felsritze, die sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache
erschaffen wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn
ehe ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen und
Halsrecken. Schlauer musste man mit der Fliege zu Werke gehen, der
wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato, einem
Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die zu Bessernde zu
beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und zwischen denselben nach
dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen, worin sie durch einen vorgestopften
Pflock verspündet wurde. Man teilte das freudige Ereignis bei der nächsten
Zusammenkunft den Gattinnen mit, welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des
Vereins den lebendigsten Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der
Sache Kunde. Wir Zicklein und Böcklein mussten nun den Ort, wo das Pferd des
grossmütigen Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte
aber den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den beiden
eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum Laster zu
entfernen.
    In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt jezuweilen
von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und Ermahnungen an das
Trygäosross und die blaue Schwärmerin. Solon lag vor der Felsritze und hielt
seine Schnauze an ein federspulenkleines Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt
liess; Plato stellte sich an dem Feigenbaume auf die Hinterfüsse, hielt sich mit
den Vorderfüssen am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um
sich verständlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die beiden
Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht frassen, der eine die Feigen des
Baumes, der andere das junge Laubgespross, welches an der Felsritze gerade in der
wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs.
    »Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu
sättigen?« sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes ausruhte.
- »Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, dass uns alle, Ziegen, Käfer und
Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden Mutter aussäte, die Speise
aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus der Pforte, die da stets nur auslässt
und nimmer ein, zu empfangen? Schreckliche, unbegreifliche Verirrung, das, was
Trift und Gefilde heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu
verachten, und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestossen, dem
gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört! Liebst du
des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer? Gelüstet dich nach dem
Spross des Grases, weshalb beissest du nicht in Gras? Was reizt, was verführt
dich, das alles erst umgestimmt, entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses
freudige Knirschen und Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem
saftigen, fetten Portulak, in der wilden bittern Kresse, in dem erfrischenden
Sauerklee schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir
brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter dich
erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und Barbar, zu harren, ob
dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde? Oder sagst du: Ich bin Käfer, du
bist ein Ziegengatte? Nun so blicke auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine
rote zirpende Schelm das süssduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit
kupferbraunen Flügeln und grünem Schilde im Schosse der Rose schwelgt! Denen
folge, denen schliesse dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friss Lilien, wenn du
nicht Hafer, friss Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und Sauerklee fressen
willst!«
    Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite
versehen und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt. Plato,
wenn er vom Feigenfrass rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des nämlichen Inhalts
an seine Schülerin. Auch er riet der Fliege auf das eindringlichste, verdorbenes
Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu
legen. Er suchte besonders auf das Muttergefühl zu wirken und in glänzenden
Bildern ihr vorzustellen, welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden
würde, wenn sie statt in Dust und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem,
lüftegewiegtem Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder
Feigen, solange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die Zweige ab,
so dass der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen anfing.
    Das Ross des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen Ermahnungen
in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren beide schlichte, rohe
Naturwesen ohne alle Teorie, praktischen Trieben ergeben. Anfangs rasten sie
wie wahnwitzig brummend und schnurrend in den Kerkern umher, da ihnen dieses
aber nichts half, so wurden sie still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu.
Von denen verstanden sie nun aber nicht das mindeste, als, dass der Käfer Lilien
und Rosen fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle - Zumutungen, die Ross
und Schwärmerin ausser sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste dünkten,
was ihnen nur gesagt werden konnte. »Seelenverkäufer! Seelenverkäufer!« brummte
der Käfer. - »Warum soll denn unsereins nicht fressen, was unsereinem schmeckt?«
- »Ich such', such', such' Geruch!« summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die
beiden Kandidaten der Sittlichkeit, dass sie ihre Besserer draussen behaglich in
Laub und Feigen knarpen hörten, und dass denen die tugendhaften ermahnenden Reden
gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine Bewegung zu
machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr ernste Gestalt an, denn
sie bekamen natürlich nicht das allergeringste zu essen und fielen daher während
ihrer Bearbeitung zu einem reineren Leben jämmerlich ab. Das Trygäosross wurde so
matt, dass es kaum noch auf den Füssen stehen konnte; die blaue Schwärmerin liess
kraftlos die Flügel hängen.
    In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte
schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor zu heucheln, und gaben
klägliche und melancholische Töne von sich. »Höre!« rief Solon dem Plato zu
(denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); »das Laster schlägt in
sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren.« - »Meine arme Gefallene
ächzt auch schon über ihr Unheil«, versetzte Plato. Nach einiger Zeit prüften
die beiden ehrwürdigen Ziegengatten den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein
Stückchen Feige, welches noch am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch
schob, Solon aber ein Lilien- und Rosenblättchen unter den Kiesel in die
Felsritze zu bringen wusste.
    Ross und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung abscheulicher
Anträge, wie sie ihnen vorkommen mussten. Die Schwärmerin wich entsetzt vor dem
Feigenstücklein in die letzte Ecke des Astloches zurück, das Ross stiess die
Blätter, deren Geruch ihm den Atem raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu
verpesten schien, mit den kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. -
»Niederträchtiger Gestank!« brummte es. - »Sollte man's glauben, dass es Narren
gibt, die an dem greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine
Ambrosia!« - »Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp!« tosete die
Schwärmerin.
    Aber ihre Lage war zum Äussersten gediehen. Die Besserer draussen, das
begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter Nahrung mit
ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in die Länge zog. Hunger tut
weh, Verstellung tat not, die draussen zu täuschen. Der Käfer überwand sich und
frass unter Verwünschungen und Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber
alsobald wieder von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere
Lebensgenuss! Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der
Feige einigermassen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen der Tugend
gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an dem Geräusche, welches
drinnen entstanden, abgenommen, dass etwas Entscheidendes vorgefallen sein müsse.
Öffnend jetzt die beiden Verliesse, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das
Feigenstücklein beschmeisst, Ross und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem
Rücken liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und
riefen: »Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen dieser
sittlich Verwahrloseten gewichen, sie werden nie wieder in ihre schimpflichen
Angewöhnungen zurückfallen!«
    Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer
Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in den kühnsten
Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein und Böcklein zog das Getöse
herbei. Die Mütter wurden mit wenigen freudigmeckernden Worten von dem Gelingen
der Versittlichung in Kenntnis gesetzt, sahen Ross und Schwärmerin die Füsse von
sich strecken und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit
blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in den
helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden Wirkens auf. - »Lasst
uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar machen!« riefen die
Ziegen begeistert. »Verheiraten wir sie miteinander, und als Aussteuer geben wir
ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen, als sie am Helikon finden können!«
    Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage. Zwar wollte
der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges Ehebündnis wohl
fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion erst die Neigungen von Braut
und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten Bedenken fanden keinen Anklang,
vielmehr rief der Chorus der übrigen einhellig: »Wo die Tugend zusammenführt,
kommt es auf Neigung und Fruchtbarkeit nicht an!«
    Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit schreiten.
Plato und Solon nahmen das Trygäosross und die blaue Schwärmerin auf ihren
Rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen Gatten folgten ihnen paarweise,
denen folgten die rechtschaffenen und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern
sprangen wir Zicklein und Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze
an der Hippokrene in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.
    Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Ross zwischen ihre
Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie trugen
demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die beiden jungen Leute,
welche von der freien Luft erfrischt, wieder stehen konnten und überhaupt mit
jedem Augenblicke munterer zu werden schienen, auf den Stein nebeneinander, und
darauf schlossen wir alle, jung und alt einen weiten Kreis um das Paar. Das in
der Eile entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge
derselben an: Strophe; Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe; Zeremonie,
Schlussgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.
    Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem
Kunstackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden können, war
zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich gebildet hatte,
schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des Wohltätigkeitsvereins zur
heiligen Quelle, netzte darin ihre Fresszangen ein weniges, verdrehte darauf die
goldgelben Äugelein im Kopfe, erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig
einer Tamariske, nach vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den
niedrigsten unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die
Fresszangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein schlagend,
begeistert folgende:
                                    Strophe
Der Käfer ist ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Die Fliege hat sechs Beinichen,
Summ! Summ!
Die Fliege hat den Käfer lieb,
Der Käfer ist ein Herzensdieb;
Summ! Summ! Brumm! Brumm! Brumm! Brumm!
»Herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl!« meckerten die Ziegen. -
»Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch!« murmelten die
Böcke. - Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar und redeten
nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die Schändlichkeit seines
früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus, dass die Göttin der Tugend eine
gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen bereit, dann kamen sie auf Lilien und
Rosen, Feigen, Felsritzen und Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das
Brautpaar herunter, im zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wussten sie
selbst nicht mehr, was sie wollten - ihre Sermone hätten gleich als Muster von
Kasualreden abgedruckt werden können.
    Ich glaubte zu bemerken, dass das Brautpaar auf die Reden nicht achte,
sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung meinen
Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt, meiner Worte
nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende
                                  Gegenstrophe
Und ist er denn ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Und hat sie denn sechs Beinichen,
Summ! Summ!
So reicht einander jetzt die Füss'
Und sei der Ehestand euch süss;
Brumm! Brumm! Summ! Summ! Summ! Summ!
Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte, und die Ziegen Sisi und Quiqui
das Paar ersuchten einander die Füsse zu geben, nahm die Feierlichkeit eine
plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung. Denn zur Rechten wurde in der
Entfernung der Hufschlag eines Pferdes hörbar, und zur Linken kroch unten durch
einen Bergspalt ein Fuchs, oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiss
nicht, was dem Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der
äussersten Linie des Kreises stand, dass das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen
trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine
konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von weitem
verführerische Botschaft zu, Ross und Schwärmerin sammelten ihre letzten von der
Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten die Flügel aus, und mit
dem Gebrumm: »Mist! Mist! Mist!« und mit dem Gesumm: »Luder! Luder! Luder!« flog
der Bräutigam rechts, die Braut links davon, ungerührt von Besserungsversuchen,
Reden, Rührungen, Strophen und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu
beginnen.
    Die entsetzte Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus
Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden Pfeile vor
sich hingoss, kann nicht grösser gewesen sein, als der Schreck der Mütter und
ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher ebenfalls sozusagen die Hoheit der
Natur aus Lumpen hervorscheinen machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr,
regungslos, gleichsam ein grosses Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der
haltungsloseste Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls
auseinander, entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen
wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich ungeheurer
Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und Böcklein folgten, so dass die
den Gipfel hinan und hinunter rennenden, springenden, stolpernden, stürzenden
Tiere demselben ein Ansehen gaben, wodurch er mehr der Kuppe eines tessalischen
Zauberberges, als der heiteren musischen Höhe glich.
    Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum sollte
ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eigenes Schicksal machte mich bange.
Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.
    Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt, dass, um
auch die letzten Reste der verhassten Menschlichkeit in mir auszutilgen, ich
nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und den Händen der Gatten
übergeben werden solle. Dagegen sträubten sich nun aber jene Reste mit aller
Macht und vielleicht ebenso heftig, wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen
Lilien und Rosen. Denn mir blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten
beiwohnen, so sehr ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere
hatten gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und ich
empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer Atmosphäre so
nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge in den Sternen
geschrieben.
    Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher, dicker
Mann, dem ein dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich stand. Der Mann
trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe Hose und eine gelbe Weste,
sah sehr blass und aufgedunsen und äusserst verdriesslich aus. Schon sein Ansehen
und der völlig gleichgültige Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde
mich gelehrt haben, von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch
nicht sobald hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte
ihn zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, liess ihn
niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen Knopf unter
sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die Statue eines gefühllosen
Naturbeschauers zu. Der Herr liess nämlich alles phlegmatisch mit sich vornehmen
und antwortete nur spärlich auf die Reden des Dieners, welcher ziemlich
gesprächig war.
    Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, dass der gelbe Dicke ein reicher, vom
Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam und eine
Stunde von Haarlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich die Anfälle des
Podagras bei ihm mehrten und gewisse Vorboten der Wassersucht erschienen, so war
ihm von seinem Arzte eine Reise in die südlichen Länder verordnet worden. Dazu
wollte sich denn auch Mynheer van Streef verstehen und erklärte seine
Bereitwilligkeit, bis in den Reichswald bei Kleve zu reisen. Der Arzt erklärte
aber dagegen, er sei missverstanden worden und nannte ihm die ungeheure
Meilenzahl, welche er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber
anfangs, soweit sein Naturell dies zuliess, in einige Verzweiflung geraten,
jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger Altniederländer
war, und seinem Patienten mit grösster Fassung Todestag, ja Todesstunde
vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, genötigt gewesen, sich zu fügen,
und an die Reise zu denken, die er in südöstlicher Richtung vornehmen musste, da
er südlich auf der Karte die verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
    Um dies zu verstehen, muss gesagt werden, was ich aus den Gesprächen
heraushörte, dass nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen in gerader
Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu erfüllen, verreisen
wollte. Denn da ihm die Reise äusserst zuwider war, so hasste er alles, was ihr
den Schein einer Wanderung zum Vergnügen hätte geben können. Er zog deshalb auf
seiner Karte von Europa nach dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam
nach Südosten, mass daran die Meilen, fand, dass ihre Zahl sich genau auf dem
Gipfel des Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend,
und weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg
gekommen.
    Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in einzelnen
Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den Gedanken an die
Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz aufzurichten, mit dem
Ausrufe:
    »Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen geht es nach unserem schönen
Welgelegen zurück.«
    »Gottlob«, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein Landhaus
ein wenig erheitert fühlte, »und ich will, wenn wir nach Hause gekommen sind,
ein Lustaus anbauen und das soll heissen: Vreugde en Rust. Und aus der Ruhe will
ich nicht wieder gehen, möchte auch meine Wassersucht so überhandnehmen, dass
alle Deiche von Seeland bedroht wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als
diese griechischen Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern
kommt, wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die
unnatürliche blaue Farbe nicht los wird.«
    »Es kann nicht überall Altniederland sein«, versetzte der Diener und stopfte
sich eine kleine tönerne Pfeife; »es muss auch solche nichtsnutzige Striche
Landes geben.«
    »Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte«, fuhr Mynheer van Streef
fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so verdriesslich
blieb, wie früher, »was für eine andere Gegend ist das! Nebenan liegt Mynheer de
Jonghes Schoone Zieht und auf der andern Seite Mynheer van Tolls Vrouw
Elizabet, und mitteninne liegt Welgelegen. Ich will nun gar nicht reden von
meinen innerlichen Schönheiten und bequemen Dingen, von der Menagerie, von
meinem mit bunten Steinen gepflasterten Hofe, vom Muschelhäuschen, von der
Voliere, von den Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinten, die hier elend
wild wachsen - aber Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den Kanal,
über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten von den
Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese dahinter, in der dann
doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so gross wie ein Maulwurfshügel ist,
und den Hintergrund von zwölf Windmühlen im Gange! Und dann sieht man das nicht
alle Tage, nein, einen um den andern Tag nebelt oder regnet es, so dass die
Entbehrung das Glück, um sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt
immer, auch wenn es helles Wetter ist, bescheiden, mässig und grau. Wie wird dir
denn Sebulon, wenn du an alles das denkst?«
    »Abscheulich wird mir zumute«, rief Sebulon und warf zornig seine Pfeife an
den Boden, dass sie zerbrach. »Hole der böse Feind diese verdammten griechischen
Wüsten!«
    »Ereifre dich nicht, Sebulon«, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem
Mundhängen. »Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt wenigstens
jemanden dabei, auf dass der Eifer einen Nutzen habe. Mache mir jetzt Tee, das
Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu sein, wie es in diesem
vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich, Wasser von Utrecht ist es nicht.
Ich will unterdessen in der Elektra unseres grossen Vondel lesen.« Er nahm ein
Buch aus der Tasche, schlug es auf, und las halblaut mit sonderbarem Patos die
Anfangsverse der Vondelschen »Elektra«:
O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,
In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,
Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte.
Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte.
Dit's't woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier.
Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier,
En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde,
Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde ...
»Ja, ja«, unterbrach sich Mynheer van Streef, »das ist denn freilich etwas
griechischer, als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft.« Er summte sacht in
seinem Vondel weiter.
    Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr überall mit
hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer angezündet, Wasser aus der
Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen Tee aufgeschüttet. Als das
unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte er seinem Herrn eine Tasse.
    Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er in
allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, die
schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er bedächtig den
Inhalt der Tasse hinunter, und sagte; »Sebulon noch eine.« - Sebulon sah seinen
Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die zweite Tasse trank Mynheer van
Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen bekamen während des Trinkens eine Art
von Glanz und er sagte: »Sebulon noch eine.« - Sebulon reichte ihm zitternd und
eine grosse Unruhe in seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van
Streef beinahe hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.
    »Ach, Mynheer!« rief der Diener besorgt, »was ist Euch widerfahren? Sonst
braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht es wie mit
Extrapost in den Magen.«
    Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach langem
Schweigen: »Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser als der auf meinem
Landhause Welgelegen eine Stunde von Amsterdam.«
    Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: »O wehe mir, wehe!
Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll geworden; sein Tee
schmeckt ihm dahaussen besser als daheim; er lobt die Fremde auf Kosten von
Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven und Altniederland.«
    »Sebulon erhitze dich nicht«, sagte der Herr gleichmütig und freundlich.
»Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weisst du, was Schwärmerei bedeutet? Es
ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von Franzosen, und der Bull von
Engländer oft befindet, und der deutsche Muff fast immer, Altniederland aber
niemals. Die Sache sollte aber zur Probe auch einmal an uns kommen, denn bei
Gott ist kein Ding unmöglich. Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das
ist das Ganze. In dem Tee muss etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer
geworden, denn ich muss es noch einmal sagen; er schmeckt wahrhaftig besser, als
der auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.«
    Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener zu
beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, dass aller Wahrscheinlichkeit
nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise seines Übels sei, dass die
Wassersucht durch die Schwärmerei eine Stopfung erhalten habe. Der alte
Schwärmer stand auf und schickte sich zum Rückwege an, Sebulon packte das
Teegerät zusammen. Mynheer van Streef sah sich um und sagte: »Ich möchte wohl
ein Angedenken an diesen ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde,
in welcher mir der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an
die hiesige Schwärmerei.« - »Was sollen wir mitnehmen?« versetzte Sebulon noch
immer ziemlich kleinlaut, »wir können doch nicht die Boompges (er meinte die
Lorbeeren) oder die grossen Klinker (er meinte die Klippen) einpacken.« - In
diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem Felsen den schwärmerischen
Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor und rief: »Was für eine Kreatur ist
das?« Der schwärmerische Holländer besah mich, und sagte dann langsam: »Wirf dem
Vieh einen Strick um den Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an
diese schöne Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer
de Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf Java
vorkommt.«
    Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muss ich
bekennen, dass die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber empfanden,
wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime düstere Ahnung mir
zuflüsterte, dass die Schwärmerei des Holländers mir drückend werden könne. - Ich
liess mir das Fangseil geduldig um den Hals schlingen und verliess mit meinem
neuen Herrn, der sacht voranritt, und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich
her führte, den Berg, auf welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem
Abmarsche hatte Sebulon die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen,
mit Wasser der Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem
Landhause Welgelegen.
    Am Fusse des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso verdriesslich,
wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der ganzen Reise. Wir
setzten dieselbe, nachdem wir in ebnere Gegenden gekommen waren, zu Wagen fort,
d.h. Herr und Diener sassen im Wagen, und ich lief nebenher - ihr mögt mir es
glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber wahr muss wahr bleiben - ich
habe die paar hundert Meilen zu Fuss zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke
des Adriatischen Meers, die wir auf einer sklawonischen Schebecke
durchschnitten. Ja, neben holländischen Schwärmern lässt sich schon zu Fuss
fortkommen!
    Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die Herrschaft
von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich wurde behandelt wie eine
Kolonie, für mein Futter musste ich selbst sorgen, auf der sklawonischen
Schebecke bekam ich, Gott verdamme mich, nichts zu geniessen als den Duft von
Hyazintenzwiebeln, die Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben
meinem Verschlage lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem
Bleistiftstrich! Denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die
meisten Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So z.B.
habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude nicht zu sehen bekommen, weil unser
Strich durch die Judengasse ging.
    Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen in
Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein. Bei dem
Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwölf Windmühlen, endlich bei dem
Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen Fenstervorhängen, mit dem
buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere aus vergoldetem Draht und mit dem
grünen, eingezäunten Flecke, auf welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem
Getier spazierengingen, vergoss Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu
Sebulon: »O Welgelegen!« weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich vor
dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte: »Welgelegen ist
Welgelegen, Mynheer van Streef.« In der Pforte standen sechs nordholländische
Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle weiss und rund und sauber
gekleidet, dass sie glänzten. Sie machten einen Knicks, küssten ihrem Herrn die
Hand und sagten: »Viel Glück und Heil zur Rückkunft, Mynheer.« Ihren Kreis
trennte ein kleiner Mann, roten Antlitzes, aber ganz weiss und ehrwürdig
eingepudert, schüttelte dem Heimkehrenden die Hand und sprach: »Ich habe davon
erfahren, dass Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur
angeschlagen habe.« - »Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach wurde mir
besser, und ich bin völlig hergestellt«, versetzte der Patient. Der Doktor hatte
ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte kaltblütig: »Nein, Mynheer van
Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als da Ihr abreistet, Ihr müsst deshalb von
neuem auf Reisen gehen, sonst sterbt Ihr dann und dann.« Er nannte den Todestag.
    Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei
kennengelernt hatte, was holländische Wut heissen wolle. Denn das Gesicht von
Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern schwollen an, dass sie
Baumwurzeln glichen, und er goss über den Doktor eine solche Flut von Scheltreden
aus, dass ich über den Reichtum der Landessprache in derartigen Wendungen
erstaunen musste. Der Doktor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische
Begeisterung erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den
Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, dass er sich in den
Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, dass sie auf Sebulon
schimpfe, die dritte auf die zweite, dass sie auf die erste schimpfe, die vierte
auf die dritte, dass sie auf die zweite schimpfe, die fünfte auf Sebulon, die
erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, die sechste schimpfte auf niemand
insbesondere, sondern im allgemeinen. Es erinnerte mich dieses verwickelte
Schimpfgemälde durchaus an den gegenwärtigen Zustand der deutschen
Tagesliteratur.
    Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen
Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die
Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere schrieen
in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiss, ob nicht noch
Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich in der
Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom Pferde gezogen,
das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre. Bei diesem Anblicke ebneten
sich die zornigen Wellen, aller Antlitz begann friedlich und freundlich zu
leuchten, und wie aus einem Munde riefen Doktor, Patient, Sebulon und sechs
Nordholländerinnen: »Die fünfte Schuite!« - »Kommt aber heute zwei Minuten zu
spät«, setzte Mynheer van Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. - Er ging
freundlich in sein Landhaus; der Doktor bestieg besänftiget die Schuite nach
Amsterdam.
    So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Haarlem diese
niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem Herrn bis
auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich unsanft von den
Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, wo ich gestanden hatte,
obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muss, dass ich mich sehr anständig auf
dem Flure von Welgelegen benommen habe. Sebulon sperrte mich auf einem der
grünen Plätze zu den Gold- und Silberfasanen ein, d.h. ich kam nicht zu diesem
Gefieder unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie denn
auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders abgesteckten und
eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer van Streef selbst bei den
Tieren holländische Neigungen voraussetzte. Ich fand ziemlich gute Weide, wenn
auch nicht so aromatische Kräuter, wie am Helikon, frass mich endlich einmal in
Musse wieder satt und verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus
übergrosser Ermüdung von dem langen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam
ich sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich
nachzudenken.
    Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines
holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat, gründlich
kennenlernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart unter den Fenstern des
Lustäuschens, welches durch den Hof von dem Hauptause getrennt, dem Herrn des
Landhauses zu seinem täglichen Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein
oder Nebel, Sturm oder Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern
etwa vier Fuss hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen
kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem Lustäuschen
vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen wurde, da die Fenster, wenn
das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach der Menagerieseite zu, offen zu
stehen pflegten. Nach der Kanalseite aber waren sie stets geschlossen und auch
verhängt bis auf eine kleine, zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige
Öffnung.
    Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmässig in sein Lustaus
gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem Kamelott und eine rote
Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem Teegeräte folgte ihm die erste
Magd, denn zu Hause liess er sich nur von den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war
nur auf der Reise zum Diener erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er
seine Stellung als Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van
Streef trank nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich,
wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er langsam den
Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten Zeitabschnitten
wechselweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und nach uns, seiner Menagerie,
aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit nichts vor, denn er war der Meinung,
dass jedes Geschäft für sich betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte
schickte er sich zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbilletts, die er
in der roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke
bekanntlich gleich lauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte sich dazu die
Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten die zwölfte Tagesstunde
heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus dem Landhause Schoone Zicht und
einer aus der Vrouw Elizabet, brachte einen höflichen Gruss von Mynheer de
Jonghe und Mynheer van Toll und die Anfrage ihrer Herrn: Wie Mynheer van Streef
geschlafen habe und sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer
Überlegung jeden Tag dasselbe; dass die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das
Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten abgefertigt
waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zieht und der Vrouw
Elizabet entsendet mit höflichem Grusse von Mynheer van Streef an Mynheer de
Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger Anfrage, wie diese beiden Herren
geschlafen hätten und sich befänden?
    Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften
Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des zurückkehrenden
Sebulon entgegengenommen. Darauf ging Mynheer van Streef in das Hauptaus, kam
angekleidet zurück in den Hof, stellte sich vor die Voliere und demnächst vor
jeden Abschlag der Menagerie, sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes
von uns eine geraume Zeit lang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser
Stationen das Haupt und sagte, sooft er schüttelte: »Unvernünftige Tiere!« -
Dieses tat er jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur
während dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.
    Waren die Allokutionen an die Voliere und Menagerie geendiget, so ging er
wieder in das Hauptaus und speiste, es mochte dann etwa vier Uhr nachmittags
sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und kehrte, abermals eine Mappe
unter dem Arme, jetzt aber eine grüne, sechs Uhr abends in das Lustaus zurück.
Er trank nunmehr seinen dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht,
abermals dazu und las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen
Mappe verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef klappte
gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verliess hierauf das
Lustaus und zog sich in das Hauptaus zurück. Sobald es völlig dunkel war,
schloss Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in den Fenstern des Hauses eine
kurze Zeit lang leuchteten, erloschen allgemach - ein Zeichen, dass Herr und
Dienerschaft in ihren Betten von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das
tiefste Schweigen und die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.
    Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen, dass
Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs Schuiten, welche
täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren, auf einer schwarzen Tafel,
welche im Lustäuschen hing, zu notieren pflegte, und aus den Unterschieden
wöchentlich eine mittlere Zeit herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es
sei sein grösster Kummer, dass diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn
er sie auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und dass daher die rechte mittlere
Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre.
    So ging ein Tag wie der andere hin.
    »O Herr!« seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und Rast
oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr der
Mytologie) »was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur eine Stufe über
dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem stolz-empfindlichen Rosse,
dem rührigen Hunde, obschon er Kansbilletts und Amsterdamer Stadtobligationen
liest? Und doch dünkt er sich was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu
besitzen, und doch behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit
Verachtung!« - Es war natürlich, dass sich auf solchem Wege kein Verhältnis der
Zuneigung zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht
geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rücken zu, wenn
er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen Langeweile von
Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen Nachbarn in der Menagerie
Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche Leute zu Nachbarn, links einen
Goldfasan und rechts einen Silberfasan, hinter mir ein paar Schildkröten in
einem grossen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen Schwanz in Wasser hing.
Es wäre mir interessant gewesen, mit so Vögeln, Amphibien und amphibienartigen
Geschöpfen auch einmal meine Ideen auszutauschen, aber dazu wollte sich hier
keine Gelegenheit finden. Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der
über Welgelegen lastete, so gebeugt, dass alle meine Versuche, ihnen
näherzutreten, mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung
keinen Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel
gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie sich an
ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zurück, der Biber hatte für
nichts Sinn als für das kalte Wasser um seinen Schweif.
    Meine Pein zu schärfen diente die berufene holländische Reinlichkeit. Es
wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten, welche bei ihrem
Mitgesinde Dreck-Griete hiess, weil ihr anbefohlen war, die äusserste Sauberkeit
unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen. Sie brachte den Tag über in einer Art
von Portierhäuschen am Eingange des Hauptauses zu und lugte beständig auf die
Menagerie hinaus. Liess nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas
vor, was nicht zu vermeiden stand - lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! -
alsobald schoss diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson, bewaffnet
mit einem langen Borstbesen hervor, riss den betreffenden Verschlag auf und
säuberte vermöge des Besens die Stelle. Meine Kollegen waren zu sehr Vieh, um
sich hieraus etwas zu machen, aber in mir hatte der Mensch teil an dergleichen
Verkommenheiten, in mir schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung
seiner eigensten und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der grössten
Verlegenheit zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und
der Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen
greifenden Dreck-Griete!
    Die Langeweile - die Isolierung - die ewig drohende Kehrmagd - meine Lage
wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war damals unglücklich, ganz
unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart angefasst, ich war ein Opfer kalter
Schwärmerei geworden; das ist das Schrecklichste, was es zwischen Himmel und
Erde gibt.
    Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf
Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise entalten,
wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer unterschlagen - lange
- für immer! - - Denn ich fühlte, dass, mit Heldenmut den Entschluss durchgeführt,
der Organismus untergehen müsse. Diese Weise, zu enden, dünkte mich die
erhabenste, reinste, sie kam mir neu und unnachahmlich vor.
    Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloss meines
Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich spähend. Ich dachte:
»Schleich du; ich sterbe!«
    Am dritten Tage liess Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte sie,
was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da? Griete berichtete
dem Herrn, was sie wusste. - »So muss man abwarten, ob es sich bis morgen mit ihm
bessert«, sprach mein fühlloser Gebieter, »und wenn das nicht geschieht, so gebt
ihm --« Er verordnete das schnelle und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in
solchen Fällen selbst der Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde.
    »Nein, es ist zu viel!« meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem
ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heisse Stirn wider diese Klinker
stiess. »Nicht leben können, und nicht sterben dürfen!« - Ich sah schon im Geiste
den Augenblick, der meinen Entschluss gewaltsam brechen würde, und das furchtbare
Instrument in Grietens Hand, ich sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in
die alten Konflikte zurückgeworfen, denen meine freie Seele sich entronnen
wähnte.
    Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen! Wie
schwach steht es um die sogenannten grossen Vorsätze! Bittere und demütigende
Erfahrung, die ich an mir selber machte!
    Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen Nachbarn
de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser Welgelegen, Schoone
Zicht und Vrouw Elizabet pflegten einander nur einmal im Jahre gegenseitig zu
besuchen. Die Tage waren ein für allemal festgestellt, und sonst sahen einander
die drei Holländer nicht, obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte
voneinander entfernt waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen
Gästen den Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van
Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf eine
Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie am meisten.
    Nachdem die drei Freunde im Lustäuschen Tee getrunken hatten, führte mein
Gebieter seinen Besuch zu unsern Verschlägen und fragte de Jonghen, der, wie wir
wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine Tiersorte, wie die meinige, auf
Java kennengelernt habe. Schon bei dem ersten flüchtigen Überblicke, den mir der
Naturaliensammler widmete, fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen
Wangen wurden von einer leichten Röte überflogen. Ich musste mich erheben,
Mynheer de Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch
nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte mein
Vlies, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel.
    Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines
glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten war Mynheer de
Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: »Nein, diese Tiersorte kommt nicht auf
Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der kleine gefleckte Hirsch, moose-deer,
welchen man auf Ceilon findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser
Annahme. Der Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Leib gehört in das
Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine neue
Spezies ernennen. Dieses Geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef, eine gar grosse
Seltenheit besitzt, muss der Bockaffe, capra simiae proxima, heissen.«
    »Ich fand ihn«, versetzte Mynheer van Streef, »auf einem griechischen
Platze, in einer unvergesslichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, dass wir
heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den dritten Tee
trinken wollen, wofern es sich frischgehalten hat. Ich möchte sehen, wie es auf
Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt.«
    Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinten, welche die zweite Stelle in
seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei dem
Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein sah, sagte
er: »Dass Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir ablässt, ist nicht zu
denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen sein, folglich muss ich dich
stehlen lassen.«
    Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem zweiten
Freunde von den Hyazinten zurück. - »Wie ich Euch sagte, Mynheer van Streef«
sprach Mynheer van Toll »es hält sich auf Vrouw Elizabet seit einigen Tagen ein
fremder Maler und Chemikus auf, der eine besondere Mischung der Farben entdeckt
hat, wodurch auch auf dem Porzellan das vollkommene Helldunkel von Rembrandt
sich erzielen lässt. Ich wollte durch ihn eine grosse Vase in dieser Manier malen
lassen, und alle Anstalten des Glühens und Einbrennens sind auch schon gemacht,
nur war ich über den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz neuen für die
neue Manier zu haben wünschte. Gar gerne möchte ich nun den sogenannten
Bockaffen in Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil den gewiss noch niemand hat,
und ich bitte Euch daher, dass Ihr mir die nachbarliche Gefälligkeit erzeigen
wollet, meinem Chemikus diese Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er
soll an dem Tiere bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser
Beleuchtung eine Farbenskizze von ihm entwerfen.«
    »Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an«, versetzte der Hausherr. »Die
nächtliche Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestört werden. Ihr
könnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in Helldunkel abzeichnen
lassen.« - Gertruid ging mit dem Teegeräte nach dem Lustäuschen. - »Kommt
hinein«, fuhr Mynheer van Streef fort, »ich will Euch, meine Freunde und
Nachbarn eine neue Sorte Tee zu kosten geben.«
    »Wieder also sollst du gestohlen werden!« dachte ich für mich. »Bist du denn
so kostbar?« - Inzwischen war es im Lustäuschen sehr lustig geworden, freilich
nur auf niederländische Weise. Offenbar hatte das Wasser der Hippokrene durch
die Reise seine Kraft nicht verloren. Die drei Freunde waren nach der ersten
Tasse vom Teetische aufgestanden und gingen, phantastisch erregt, ohne sich
umeinander zu bekümmern, im Stübchen auf und nieder. De Jonghe versuchte,
während er ging, einen Pas aus der »Menuet à la Reine« zu bewerkstelligen, van
Toll sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den
Vorhang des Kanalfensters auf, öffnete letzteres selbst und vergass, die eben
vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.
    Statt eines drei holländische Schwärmer! Wunderbares Wasser! Selbst eine
Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee verkocht! - Bald sollte
die Schwärmerei wieder mich in ihre Kreise reissen, mich, den
schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten Bildungsgeschichte, welche
jemals die Erde sah. Van Toll trat an das Menageriefenster des Lustäuschens und
flüsterte hinunter: »Nach Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem
Nachschlüssel her, dich abzureissen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase in
Rembrandtschem Helldunkel!« - Er trat zurück, de Jonghe näherte sich hierauf dem
Fenster und rief, mit einem sehnsüchtigen Blicke auf mich, halblaut hinaus:
    »Stehlen lass' ich dich noch vor Mitternacht und dann auf der Stelle
ausstopfen!«
    »Ausstopfen!? - - Nein, nein, das geht in das Ungeheure! Du sublime au
ridicule - -« Meine Sinne schwanden.
    Als ich wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein vor meinem
Verschlage und Sebulon neben ihm. - »Sebulon«, sagte mein Gebieter, »der Besuch
ist nun fort, und da kann also etwas geschehen, was sich vor Fremden nicht
ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder in die helikonische Stimmung
gekommen. Ich möchte der ganzen Welt helfen und rasch! Sage der Griete, sie
könne auf der Stelle mit dem fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem
früheren Befehle erst morgen vorgenommen werden sollte.«
    »Wird wohl nicht mehr nötig tun«, versetzte Sebulon trocken. »Es scheint
wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprünge es macht.«
    Ach nein, es war nicht mehr nötig! - Die grässliche Perspektive, ausgestopft
zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmörderischen Gedanken in mir
vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wiedergegeben und die gewaltigste
Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie unsinnig im Verschlage umher, das
nannte jener holländische Hausknecht Lustigkeit, ich stiess entsetzliche Töne
aus, mich verständlich zu machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten
anzukündigen, darüber lachten die Blinden!
    Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloss die Pforte. »Unglücklicher, lege
auf die Mauer, über welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte steigen lassen
wird, Selbstschüsse und Fussangeln! Durch die Pforte kommt höchstens der
unschuldige Chemikus, euren armen kleinen Bockaffen im Helldunkel seiner
harmlosen Laterne abzureissen!« schluchzte ich. »Wie wird er sich betrüben, der
Getäuschte, wenn er statt seines Studienobjektes nur die leere Stätte findet!
Jammer über dich Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir
gestohlen siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabet, deine Vase bleibt unbemalt!
    Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die Bande de
Jonghes nach Mitternacht? So würde der Chemikus noch bei Laternenlicht zeichnen,
wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen, und diese Nacht wäre wenigstens
gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener Würfelspieler! Tolles Rätsel des
Daseins, grimmiger Wust chaotischer Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo
eilest du? Eile herbei, deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten,
Schrecklichsten zu erretten! Du bist wissbegierig und reisest viel, mein guter
Vater, vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de Jonghe,
und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen unglücklichen Sohn
vielleicht zwischen einer Fischotter und einem sibirischen Eichhorn siehst! -
Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich rede irre - du wirst mich nicht erkennen!
    Ausgestopft zu werden! - Gedanke, der das Hirn sieden macht, und alle Sehnen
krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen dumm und starr zu
schauen, und ewig den Draht in Rücken und Beinen zu fühlen, als einzigen
haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu haben, und diese ganze trockene
Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer und Spieköl gegründet!«
    In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener merkwürdigsten
Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, dass die äusserste Beängstigung in
meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn ich konnte, da ich im Verlauf meines
Kummers als Mensch mir vor die Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit
meinen Vorderbeinen bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die
Haare fielen ab, sowie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze
ein förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor sich
zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles dieses hatte
ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem Ausstopfen.
    Gegen Mittemacht Geräusch draussen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen einer
Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber und
Schildkröte vorsichtig hindurch - - Ich sitze (denn ich vermochte auch schon
wieder zu sitzen) stumm da, und raufe mir vollends alles Fell ab; seine rauhe
Tatze ergreift mich - hui und davon mit mir über die Mauer! Ich hange
schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in seinen Armen. - »Was, zum Teufel,
habe ich denn da gefasst? Das ist ja kein -« murrt er, während er einige Schritte
längst des Kanals nach dem Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende
gesprochen, stürzt ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst
gebildeten Stimme heftig: »Steh du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen!«
und haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb - Sünde gibt keinen Mut - lässt
mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener unbezahlbare Retter
springt, immer den Degen in der Faust, mir nach, holt mich heraus, ruft: »Wie,
ein nacktes Kind?« und trägt mich, dem von diesen jähen Abwechselungen das Haupt
schwindelt, zu einer Laterne hin, die etwa hundert Schritte von der Stelle am
Kanale brannte. Bei dem Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in
das Antlitz, und - wer fasst's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? - Es
ist - - mein Vater, mein sogenannter Vater!
    Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es. Ich
finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber doch
verständlich, ist: »Vater! Vater! Dein Kind!« mein erstes Wort. Mit heissen
Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich ihn erkannt, und -
doch schweige, Lippe! falle, Vorhang über diese unbeschreibliche Szene!
    Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke
Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen mir in
jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich versuche, es zu
essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst essen! Ich bin ein Mensch
wieder, das gebildete Kind gebildeter Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater
trägt mich in das Lustaus Vrouw Elisabet. Er ist's ja, er ist der gute
Chemikus, der sich dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen,
mich nach Mitternacht bei Laternenlicht abreissen wollte, aber von einer
unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch geklopft
hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich steckte, weil das
Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal Zeuge des Diebstahls wurde.
    Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren Geschichte empfangen, ich
weiss es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche hinunter,
worin ich sass, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns durch Naturlaute. - »Aber
warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater, als du den Dieb über die Mauer
steigen sahest?« fragte ich in einem ruhigen Augenblicke. - - »O Sohn«, versetzte
er, »um einen Menschen zu retten, haben sich wohl schon grössere
Unwahrscheinlichkeiten begeben müssen, als dass man einen Dieb erst einsteigen
und dann wieder herauskommen lässt. - Du konntest nur gerettet werden, wenn diese
Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so erwachte das
Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst mir unsichtbar und in
den Händen von Mynheer van Streef.« - Diese Antwort stellte mich vollkommen
zufrieden.
    Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabet
angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier, der ihm
sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen und
Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei voller Musse.
»Vater, wie sehe ich aus?« war meine erste Frage.
    »Abscheulich, mein Sohn«, versetzte er. »Deine Züge sind in einer
wunderbaren Unordnung, es ist, als wären Nase, Mund und Augen bei dir berauscht
gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht gehören. Die Ohren müssen
wir vor allen Dingen stutzen, sie haben sich etwas zu üppig gen Himmel erhoben,
an den Extremitäten sind dir überflüssige Haarbüschel gewachsen, auch deine
Sprache schmettert sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du
kommst mir vor wie eine durcheinandergeworfene Bibliotek oder Garderobe, die
einzelnen Bestandteile deiner Totalität sind richtig vorhanden, aber es fehlt
die Harmonie.«
    »Alles nichts, mein Vater«, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel getreten
war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. - Er brannte, meine
Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in grossen Umrissen. Er glaubte, ich
habe geträumt. »Sieh mich an«, versetzte ich, »und sage dann noch einmal, dass
dies Träume gewesen seien. Das letzte Wunder«, so schloss ich meinen Bericht,
»war das grösste. Hat man auch nur noch ein Fünkchen Humanität in sich, und soll
man ausgestopft werden, so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fünkchen
zusammen und man restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst,
Grauen, Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweiten Male
geboren und die Tierhülle durch Seelenkämpfe abgestreift.«
    »Streife jetzt nur auch eine anständige Hülle über!« rief mein Vater, ging
zu einer Kommode und holte daraus die weissen Pumphöschen, das rote Collet, den
kleinen blechernen Säbel und den Turban hervor. Grosser Gott! die
Janitscharenkadettenuniform war auch da! »Wo fandest du sie?« fragte ich ihn.
»Im griechischen Gebirge, welches ich nach dir verzweiflungsvoll, wie Ceres
Proserpinen suchte, durchrannte«, antwortete er. »Ich fand die Stücke auf einem
Felsenabhange und glaubte, dass dich ein Raubtier gefressen habe.« - »Aber mein
Vater«, sagte ich, indem ich die Hosen anzog, »an den Kleidungsstücken war ja
kein Blut, woher also dieser Glaube?« »Konnte dich das Raubtier nicht rein
herausgefressen haben?« erwiderte er, etwas verstimmt über meine kritischen
Zweifel. - Er musste mir nun auch seine Geschichte erzählen. Sie war einfach. Aus
Schmerz über meinen Verlust hatte er, nachdem er jede Hoffnung aufgegeben, mich
wiederzufinden, sich noch eifriger den chemischen und physikalischen Studien
ergeben, wie früherhin, und unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis
entdeckt, welches ihn dem Holländer van Toll so wert machte. In der Heimat litt
ihn der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als düsterer,
zerrissener Porzellanmaler. Unterweges traf er mehrere Kollegen. Durch die
allerseltsamste Fügung brachte uns das Schicksal wieder zusammen. Er ging bei
Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.
    Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabet fort, denn mein
Vater fühlte wohl, dass, da er dem Eigentümer das fremde Tier nicht auf die Vase
liefern könne, seine Rolle im Landhause ausgespielt sei. Wir benutzten die erste
Schuite nach Amsterdam, und dort die erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir
im Wagen sassen, ich wie in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke
an Frau von Münchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich
teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: »Wird so es uns nicht gehen, wie
Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum zweiten Male auf
Reisen geschickt werden sollte?«
    »Nein, mein Sohn«, erwiderte er, »die vortreffliche Frau ist bereits vor
sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlänglich beweint worden.« - Ich
zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachträgliche Zähren.
    Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner
Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte erhellt,
schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch meinem Wissen an
Zusammenhang, der jetzt erzielt werden musste. Einen Augenblick dachten wir daran
- denn ich gab zu meinem Bildungswerke auch jederzeit meine Stimme - mich nach
Lorinsers Ideen ohne Griechisch und Lateinisch bloss durch Haus- und
Wirtschaftskenntnisse zum Manne zu machen, allein es entstand die Besorgnis, dass
ich bei dieser Metode leicht wieder in meinen früheren Zustand versinken
könnte, und es dann vielleicht nicht einmal bis zum Bock, sondern nur bis zum
Schöps brächte. Wir liessen also Lorinser Lorinser sein und mein Unterricht wurde
in der Art geregelt, welche ich in einer meiner früheren Erzählungen zu
schildern versucht habe.
    Noch oft unterredeten wir uns über die Einzelheiten meiner ausserordentlichen
Geschichte. - »Sage mir nur, mein Sohn«, sprach mein Vater eines Tages, »welche
historische Lehre ziehst du aus allen diesen unglaublichen Vorfällen?« -
»Vater«, versetzte Münchhausen das Kind, »die Geschichte ist erhaben über alle
Lehren. Willst du aber aus der meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es
die einfache Wahrheit, welche jeder Student fühlt - dass die Söhne auf die
Taschen ihrer Väter angewiesen sind.«
Hier machte der alte Baron noch einen letzten Versuch, den Strom Münchhausens zu
hemmen, denn seine Kräfte waren schon halb gebrochen. Der Freiherr hatte aber
auch jetzt Rat und Stärke, ihm zu begegnen, denn ehe der Schlossherr seinen
Spruch vorbringen konnte, war bereits das zweite Manuskript entfaltet und die
Geschichte »von den Poltergeistern in und um Weinsberg« angefangen.
    Als der Freiherr auch diese zu Ende gelesen hatte, schlief der alte Baron,
erschöpft von den Anstrengungen der letzten vierundzwanzig Stunden und den
ausgezeichnet albernen Erzählungen seines Gastes einen festen und gesunden
Schlummer. Der Freiherr stellte sich triumphierend neben den Sessel des
Schlafenden und rief mit gedämpfter Stimme: »Habe ich dich endlich unter mir, du
alter Nachtschwärmer und Ruhestörer?
    Übrigens ist meine Lage auf diesem Schloss bedenklich geworden«, fuhr er
ernstaft fort. - »Teoretisch darf man den Leuten so viele Dinge, welche der
Pöbel Lügen nennt, vorsagen, als man will, aber wehe dem, der ihnen etwas in den
Kopf setzt, woran sich ihr Eigennutz heften kann! Sie glauben's, sie glauben's,
und die Schüler treiben den Meister in die Enge. Ich fürchte, dass ich einen
Fehler begangen habe, als ich die Luftverdichtungsaktienkompanie hier zur
Sprache brachte, und der würde schlimmer sein, als ein Verbrechen.«
 
                                Zehntes Kapitel
    Die Gesellschaft des Schlosses beginnt sich in ihre Elemente aufzulösen
Während des ganzen Tages, an welchem der alte Baron ruhelos umhergetrieben, und
das Fräulein unpass geworden war, hatte der Schulmeister Holz gesägt und darauf
gespalten. Am folgenden Morgen empfing er durch den Kreisboten, welcher ihn in
aller Frühe auf seinem Strohlager weckte, eine Antwort von dem Schulrate
Tomasius, die ihn sehr froh machte. Er warf sogleich seinen braunen
Mantelkragen um, säuberte das Gemach des Gartenhäuschens von allen Spuren der
Bewohnung, stellte den schlechten Tisch und den hölzernen Schemel, welche Stücke
die einzigen Meubles dieses Gelasses waren, in Ordnung, den Tisch nämlich an die
Wand und den Schemel mit dem Sitze unter den Tisch, und schrieb darauf mit
Bleistift nicht ohne Mühe und Nachdenken folgende Zeilen an die Wand:
    »Allhier habe ich, Christoph Agesel, weiland Schulmeister auf und zu
Hackelpfiffelsberg neun Monate lang in schwerer Krankheit zugebracht, welche mir
durch eine unverständliche Sprachlehre angetan worden war. Nachdem der
grundgütige Gott mir meine Gesundheit wieder verliehen, scheide ich von diesem
Orte, an welchem ich manche schöne Stunde verlebte, mit Dank für die
Vergangenheit und mit Hoffnungen für die Zukunft.
Wie reizend ist doch die Empfindung
Ganz wieder bei Verstand zu sein,
Er bleibt die herrlichste Erfindung,
Schützt uns vor leeren Träumerein;
Man wird damit auf Erden fast
Bereits zu einem Himmelsgast.«
Nach dieser Schäferstunde seiner Muse schritt der Schulmeister hinaus in den
Garten, wo über allen Verwilderungen und Trümmern der wolkenlose blaue Himmel
leuchtete, warf einen dankenden und abschiednehmenden Blick den ausgewachsenen
Taxusfiguren, dem Genius des Schweigens, dem Flötenbläser ohne Flöte und dem
Delphin ohne Wasserstrahl zu, und ging dann in das Schloss, um dem Herrn
desselben seine veränderten Entschlüsse kundzutun.
    Dem alten Baron schmerzte noch von den phantastischen Erzählungen
Münchhausens das Haupt. Um von diesen wesenlosen Dingen seine Vorstellungen zu
befreien, war er, ohne vorher den gewohnten Frühgang durch den Garten zu machen,
sogleich nach dem Verlassen des Bettes zur Gerichtsstube hinaufgestiegen. Dort
sich an die Tafel setzend, gelang es ihm auch, seine Gedanken zu sammeln.
    Er stützte den Arm auf die Tafel, legte das Haupt in die Hand und sagte:
»Ich merke recht wohl, wo dieses hinaus will. Es reut ihn, sein
Luftverdichtungsgeheimnis in einem unvorsichtigen Augenblicke dahingegeben zu
haben, darum sucht er mir durch die unsinnigsten Faxen zu entschlüpfen. Nein,
mein kluger Freund, das soll dir nicht gelingen. Zum Glück kennen wir deine
schwache Seite, und gegen diese habe ich bereits meinen Operationsplan
entworfen. Unter Freunden soll Offenheit herrschen, nach diesem Grundsatze werde
ich verfahren und hinter deine Heimlichkeiten zu kommen suchen, du
unaufhaltsamer Schnurrenerzähler! Unbegreiflich, woher der Mensch alles das Zeug
nimmt! Er muss ein sonderbares Leben geführt haben; mitunter ist es mir, als habe
ich ihn schon irgendwo gesehen, ich weiss nur nicht, wo?«
    Der Schulmeister betrat den Söller, bot seinem bisherigen Beschützer einen
ehrerbietigen guten Morgen und ersuchte ihn dann ohne weitere Vorrede um einen
seiner alten, abgelegten Röcke. Auf die verwunderte Frage des alten Barons, wie
er gerade jetzt auf dieses Verlangen falle, da er sich so lange mit dem braunen
Mantelkragen beholfen habe, erwiderte der andere, dass letztere Bekleidung ihm
als Menschen in seiner Zurückgezogenheit wohl erlaubt gewesen sei, sich aber
nicht mehr ziemen wolle, wenn er, wie jetzt der Fall, in das öffentliche Leben
wieder einzutreten gedenke. In diesem werde nur der Rock anerkannt. »Ich habe«,
fuhr er fort, indem er einen Brief hervorzog, »gestern an meinen verehrten
Vorgesetzten, den Herrn Schulrat Tomasius unter unumwundener Darlegung meiner
früheren und jetzigen Gemütsverfassung geschrieben und ihn ersucht, mir einen
Lehrposten von neuem anzuvertrauen, da ich mich vollkommen fähig fühle,
denselben zu bekleiden, nur nicht auf einem Dorfe, wo jene furchtbare
Sprachlehre eingeführt sei, sondern etwa weit hinten im Gebirge, wohin diese
Geissel Gottes noch nicht Zugang gefunden habe. Darauf antwortet mir nun der
würdige Mann mit dem rückgehenden Boten, dass ich, wenn er bei einer persönlichen
Zusammenkunft sich von der Wahrheit meiner Behauptungen überzeuge, sogleich nach
Hackelpfiffelsberg heimkehren könne, indem mein Nachfahr im Amte mit
vorberührter Sprachlehre auszukommen gleichfalls unvermögend, vor kurzem habe
abgesetzt werden müssen, weil er aus Kummer und Unruhe, zwar nicht wie ich in
Einbildungen, jedoch in Trunk und unduldbare Ausschweifungen versunken sei.
Unvonnöten sei es aber, mich vor der Sprachlehre selbst noch zu fürchten, da sie
neuerdings bei einer abermaligen Umgestaltung des Schulplanes auch schon wieder
abgeschafft worden sei. So bin ich denn also hier, mein gütiger Gönner und
Schirmherr, Ihnen für alle mir erwiesene Grossmut den empfundensten Dank zu
sagen. Sie um die von mir erwähnte letzte Gabe anzusprechen, und mich Ihnen
hierauf, jedoch hoffentlich nicht für ewig, gehorsamst zu empfehlen.«
    Der alte Baron war vom Kopf bis zu den Füssen Erstaunen und sagte: »Seid Ihr
denn, Herr Agesilaus -«
    »Völlig bei mir, allerdings«, fiel der geheilte Schulmeister ein. - »Ich
bitte Sie aber inständigst, mich fortan Agesel zu nennen, denn ein Agesel war
ich, ein Agesel bin ich, und ein Agesel werde ich sein, und gewesen sein, dahier
und in jener Ewigkeit.«
    »Nein, das ist aber nicht auszuhalten!« rief der alte Baron und schlug
zornig auf die Gerichtstafel. »Gestern lügt mir Münchhausen vor, er sei ein Bock
gewesen und aus Verzweiflung wieder Mensch geworden, und heute wird in Wahrheit
und vor meinen sichtlichen Augen ein Verrückter vernünftig. So darf man denn auf
niemand sich verlassen und könnte über solche Streiche selbst närrisch werden,
hätte man nicht so viele Geschäfte im Kopf.«
    »Es schmerzt mich, dass ich meinem Gönner Kummer bereite«, sagte der
Schulmeister sanft. »Das in Ihren Augen unangenehme Ereignis ist auf ganz
natürlichem Wege herbeigeführt worden, und alle hochschätzbaren Bewohner dieses
Schlosses haben daran ihren Teil.«
    - »Wie? Natürlich? - Es ist unrecht von Euch, Schulmeister, wiederhole ich.
Konntet Ihr nicht bleiben, was Ihr wart? Warum wollt Ihr nun fortlaufen? Wir
lebten hier so einträchtiglich zusammen, man hatte sich aneinander gewöhnt,
eines lehnte sich an das andere; nun kommt ein Riss in den schönen Kreis.«
    »Wenn etwas meine Freude über mich und mein hergestelltes Selbst zu trüben
vermag, so ist es das Gefühl, Sie verlassen zu müssen«, antwortete der
Schulmeister. - »Gnädiger Herr, ich kann nicht dafür, dass ich meinen Verstand
wiederbekommen habe. Mangel an Anerkennung ist daran schuld. Ich bin nie unter
Ihnen anerkannt worden. Gleich zu Anfang, als ich die Ehre hatte, bei Ihnen zu
sein, fand ich für meine Idee von spartanischer Abstammung und Lebensweise weder
bei Ihnen noch bei dem gnädigen Fräulein Anklang oder Widerspruch, sondern man
liess mich und meinen Wurm gehen, als völlig unschädlich und keiner Beachtung
würdig. Diese Kälte steigerte sich aber zur verletzendsten Gleichgültigkeit, als
der Freiherr von Münchhausen, welchen Gott Ihnen gesegnen möge, Gast des
Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr wurde. Während er der Empfindsamkeit des
Fräuleins schmeichelte, Ihren Geheimenratsbegriff abwechselnd hochstellte oder
reizte, und während Sie beide fortfuhren, von Ihren ungewöhnlichen Gedanken
gegenseitig aufmerkende Kunde zu nehmen, bekümmerten weder Sie noch der Freiherr
sich um die Vorstellungen eines armen Dorfschulmeisters -«
    »Ihr werdet ausfallend, Schulmeister!« rief der alte Baron. »Nach Eurer
Folgerung wäre ich also selbst -«
    »Mein Gönner verstehe mich«, unterbrach ihn der andere. »Die Sprache führt
in ihrem Eigensinne derartige verfängliche Wendungen herbei, welche der
Sprechende keinesweges beabsichtigte. Ich folgere nicht; meine einzige Absicht
ist, mich Ihnen aufzuschliessen. - Weder durch eingehendes Lob gehoben, noch
durch Widerspruch gekräftigt, entbehrte sonach die Pflanze meines Wahnwitzes (um
bildlich zu reden) des befruchtenden Regens sowohl, als des Sturmes, der ihre
Wurzeln im Boden befestiget hätte. Sie musste also nach und nach in solcher Dürre
vertrocknen, welken und absterben. Dies schlich lange in mir umher; Sie würden,
wenn Sie mich näher zu beobachten nicht unter Ihrer Würde gehalten hätten,
gesehen haben, dass ich schon seit geraumer Zeit still und nachdenklich
einherging. Ich fühlte die spartanische Idee in mir von Tage zu Tage bleicher
und farbloser werden. Durch eine unumwundene Erklärung des Freiherrn von
Münchhausen in vorgestriger Nacht wurde ihr völliges Verscheiden hervorgebracht,
und seitdem bin ich der Dorfschulmeister Agesel von niederer deutscher Herkunft.
    Anerkennung, mein Gönner, braucht jedermann. Der grösste Held und der höchste
Dichter bleiben ohne sie - und zeigte sie sich auch nur durch wütende
Feindseligkeit - gewiss nicht Held und Dichter. Es ist töricht, wenn kalte
Menschen einen in dieser Beziehung Darbenden auf sein eigenes Bewusstsein
verweisen, weil gerade die besten und tüchtigsten Seelen immerdar an sich
zweifeln, und von andern eine so grosse Meinung haben, dass sie in deren Schätzung
ihr Gericht finden. Alle Eigenschaften können durch tote Gleichgültigkeit der
Umgebungen zugrunde gerichtet werden.
    Anerkennung, Herr Baron, braucht auch der Narr, wenn er Narr bleiben soll.
Er will entweder gebunden und in die Zwangsjacke gesteckt, oder in seiner
eigentümlichen närrischen Vorstellungsart angesprochen sein. Lässt man ihn aber
laufen, so wird er bald vernünftig, er mag wollen oder nicht.«
    »Schulmeister«, rief der alte Baron, »Ihr sprecht da grosse Dinge aus.
Demnach wäre alle Unvernunft -«
    » ... sehr bald zu heilen, ja vielleicht schon ganz in der Welt ausgegangen,
wenn nicht darauf geachtet würde«, sagte der Schulmeister. - »Ein Satz, der
nicht nur im Privatleben ernstlich erwogen, sondern auch Fürsten und
Gewaltabern zum Nachdenken anempfohlen zu werden verdient. - Der Lärmen und das
Geschrei um widersinnige Vorstellungen und Handlungen rührt auch meistenteils
nicht aus einem Widerwillen gegen sie, sondern daher, dass jeder Mensch in sich
den Narren fühlt, und ihn liebt und zu erhalten wünscht. Er macht daher über den
Narren seines Nächsten so grosses Aufheben, oder richtiger zu reden: er widmet
ihm Anerkennung, weil er bei sich denkt: Was du willst, dass dir die Leute tun
sollen, das tue ihnen zuerst.«
    Der alte Baron verwunderte sich jetzt wie schon früher einmal über die
Weisheit des Schulmeisters, die ihm geblieben war, obgleich er wieder den Sinn
eines gewöhnlichen Menschen angelegt hatte. Als er etwas der Art aussprach,
meinte der Schulmeister, dieser Tiefsinn, der ihm allerdings nicht recht eigne,
möge ihm wohl noch als Nachübel seines Zustandes anhaften, indessen hoffe er
auch davon bald befreit und gewöhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des
Wortes zu werden.
    Da der Schlossherr sah, dass es seinem Gaste voller Ernst war, zu scheiden, so
erlaubte er ihm, von mehreren abgelegten Röcken, welche an den Pflöcken in der
Gerichtsstube umherhingen, sich einen auszuwählen. Der Schulmeister war lange
unschlüssig, ob er einen leberfarbenen Frack oder eine veilchenblaue Pekesche
mit Sammetvorstössen nehmen sollte, entschied sich aber endlich doch für die
Pekesche, weil sie den Regen besser abhielt, als der Frack.
    Als er sie eben vom Pflocke nahm, trat Karl Buttervogel mit einer
ängstlichen Miene in die Gerichtsstube. »Gnädiger Herr«, sagte er, »wie ich
jetzt unten durch die Stube linker Hand, worin Sie Ihre Familienurkunden
aufbewahren, ging, sah ich, dass die Wand gegenüber der Giebelwand einen grossen
Spalt und Riss bekommen hat, woraus ich abnehme, dass die Giebelwand noch weiter
ausgewichen ist, als früher, und wahrscheinlich anfängt, das Dach mitzunehmen.«
    »Ganz wohl«, versetzte der alte Baron. »Ich wollte nur, ein Teil des Hauses
stürzte ein, ohne dass eine merkliche Gefahr für uns andere daraus entstände,
denn dann wäre dein Herr gezwungen, Ernst zu machen, und vorläufig für die
hiesigen notwendigsten Reparaturen zu sorgen.«
    »Ja, aber bis dass die Sache zustande kommt, möchte ich wohl ausziehen«,
sprach der Bediente. »Und ich wollte den gnädigen Herrn gebeten haben, mir das
Logis auf dem Schneckenberge zu geben, da der Herr Schulmeister es nun geleert
hat, und es wäre doch schade, wenn die angenehme Sommerwohnung nicht benutzt
würde, und mein bisheriges Loch liegt dicht neben der Wand mit dem Sprunge, und
ausserdem liebe ich die freie Luft und eine Aussicht ins Grüne, und mag gerne
mitunter vor mich sein, und auch das gnädige Fräulein kann mich dort ungestörter
sprechen, und wenn man seine Wurst nicht mehr in Ruhe essen darf, so ist alles
häusliche Vergnügen zum Henker, und hier oben haben nun der gnädige Herr Ihr
Gerichtsregiment und -«
    »Schweige, schweige!« rief der alte Baron. »Bei dir wachsen wirklich, wie
ich in einer englischen Komödie las, die Gründe gemein wie die Brombeeren; die
Hälfte von dem, was du sagtest, genügt. Du bist ein Poltron, und denkst nur, wie
ihr geringen Leute alle zu tun pflegt, an dein teures Leben. Schlafe ich nicht
auch in der Nähe jener geborstenen Wand? Aber ziehe nur auf den Schneckenberg,
es ist mir selbst lieb, wenn jemand dort wohnen bleibt, der doch wenigstens halb
und halb zu uns gehört. Du sollst mir ein Trost für den Schulmeister sein«.
    Dieser bereitete sich zum Abgehen. Der alte Schlossherr reichte ihm nicht
ohne Rührung die Hand, welche der Schulmeister mit dankbaren Tränen küsste. »Gott
lohne Ihnen alles Gute, was Sie mir erzeigt haben!« rief er. »Er segne Ihre Tage
und schenke Gedeihen allem, was Sie vornehmen!«
    »Schulmeister«, sagte der Alte und legte ihm feierlich die Hand auf die
Schulter; »wenn ich mir es reiflich überlege, so geht Ihr im rechten
Augenblicke. Grosse Umgestaltungen der Lebensverhältnisse sind immer
zerstörerisch für den bisherigen Umgang. Das Schloss wird der Schauplatz
wichtiger Unternehmungen werden, in denen Ihr keine Stelle fändet und angesichts
derer Ihr Euch unbehaglich fühlen würdet.
    Unter uns - behaltet es aber bei Euch: An dem Geheimeratsposten liegt mir so
viel nicht mehr. Wisst Ihr, was Luft ist? - Wenn Euer Schulhaus baufällig werden
sollte, so eröffnet mir die Sache vertrauensvoll, es soll Rat geschafft werden
für Material zum selbstkostenden Preise. Unglaublich ist, was wir hier vorhaben,
und dennoch ist es wahr, denn ein Kavalier hat es dem andern zugesichert, und
aus Unrat machen sie jetzt Licht und aus dem, was man sonst weggoss, Zucker. -
Noch eins; Euer Weg führt Euch nahe am Oberhofe vorbei, erkundigt Euch doch
dort, ob sie etwas von der Lisbet wissen, sie wollte bei dem Hofschulzen
vorsprechen. Mich verlangt von Herzen nach dem Kinde, besonders jetzt, wo ich
ihr die Freude machen kann, ihr eine gesicherte Zukunft zu versprechen.«
 
                                  Viertes Buch
                       Poltergeister in und um Weinsberg
                                        I.
                  Das Juliusspital und die beiden alten Weiber
In Würzburg angekommen, war mein erster Gang nach dem Juliusspitale. Das
prächtige Gebäude, die Reinlichkeit und Stille der grossen Höfe, Gänge und Säle,
das zufriedene Aussehen der Alten und Rekonvaleszenten welche im freundlichen
Garten ihren Sonnenschein genossen - alles das machte einen wohltuenden Eindruck
auf mich. Ich liess mich in die Kellerei führen, pries die werktätige
Menschenliebe Julius Echters von Messelbaum und leerte auf sein Andenken eine
Flasche Leisten, eigenes Wachstum des Spitals. Ich wurde gesprächig, der
Kellermeister, welcher mir trinken helfen musste, wurde es auch, ein Wort gab das
andere, und im Laufe dieser Gespräche sagte ich zu ihm: »Es ist hier bei Ihnen
so anmutig, dass man wünschen könnte, zu Ihren Alten und Siechen zu gehören.«
    »Ja, es lässt sich schon im Juliusspital leben«, versetzte der Kellermeister
behaglich und strich seinen Bauch. - »Wir haben die schönsten Lagen und davon
erhält jeder, der zu seiner Gesundheit schweren, feurigen Weines bedarf
ohnentgeltlich, die Flasche mag fünf oder sechs Gulden kosten. Auch für
gewöhnlich bekommt Mann und Weib sein Mass Landwein täglich und Brot, Fleisch und
Zugemüse, soviel bewältiget werden mag. Die Leute werden daher auch, sobald sie
die Pfründnerschaft hier erlangt haben, gesund, still und fröhlich, wenn sie
vorher noch so kränklich und verdrossen gewesen sind. Zank und Hader fällt kaum
unter uns vor, und dass gar einer aus dem Juliusspital sich wieder in die Welt
gesehnt hätte, ist unerhört geblieben, bis auf einen Fall, von dem aber auch
noch immer gesprochen wird, obgleich seitdem manches Jahr verstrichen ist.«
    Ich erkundigte mich näher nach diesem unerhörten Falle und erfuhr »a simple
story«, dass vor längerer Zeit ein Paar alter Weiber, die immer zusammengehockt
und ein Zischeln und Plaudern miteinander gehabt hätten, aus dem Spitale
fortgelaufen und nicht wieder entdeckt worden wären. Man habe weder im Main noch
weiterhin in der Tauber oder im Kocher damals Leichname aufgefunden, die alten
Weiber seien auch nicht in ihrer Heimat gesehen und alle Nachforschungen
vergeblich gewesen, so dass es ihnen allen gedeucht, die Erde müsse sie
verschluckt haben. Ich fragte, ob an diesen beiden alten Weibern irgend etwas
merkwürdig gewesen sei? worauf mir der Kellermeister verneinend antwortete und
hinzufügte, es seien eben nur zwei gewöhnliche alte Weiber gewesen.
    Nichtsdestoweniger war das Ereignis in diesem Kreise von solcher Schwere und
Bedeutung, dass sich ein Gehülfe und ein Aufseher, welche während unserer
Unterredung die Kellerei betraten, sobald sie den Gegenstand, worüber wir
sprachen, vernahmen, auch in ihrer Weise darüber äusserten. Ich hörte also noch
zweimal die Geschichte von den zwei weggelaufenen alten Weibern mit
verschiedenen Nebenumständen, die der Gehülfe und der Aufseher wussten. So
erzählte der Aufseher, das Zischeln und Plaudern der Mutter Ursel und Mutter
Bet' habe sich um lauter Rockenstubengeschichten gedreht, in denen sie
unerschöpflich gewesen seien.
    In der Zerstreuung schlug ich ein Buch auf, welches auf dem Tische lag und
fand die berühmte »Seherin von Prevorst«. Mein Erstaunen war nicht gering. Denn
dasselbe Werk hatte ich schon in zwei andern Gelassen des Spitals liegen sehen.
»Ei«, sagte ich zum Gehülfen, »beschäftigen Sie sich hier auch mit diesen
Dingen? Das wäre mir lieb; da könnten wir heute abend, wenn Ihre Geschäfte
vorbei sind, und Sie mir die Ehre erzeigen wollten, im Wirtshause mein Gast zu
sein, ein Stündchen in Handwerksgesprächen verplaudern. Ich bin halber Doktor;
da es aber (weiss der Himmel, wie es zuging?) mit meinen Rezepten nicht recht
klecken wollte, verfiel ich auf die geheimen, heiligen und mystischen
Behandlungen, um es womöglich bis zur Produktion einer in die unsere
hereinragenden höheren Welt zu bringen. Ein paar Lichtschimmer, hie und da ein
Stückchen sphärischer Musik, oder ein unmotivierter Knall gelang mir auch
glücklich unterweilen, der kleinen Lappalien von Brieflesen mit dem Nabel und
Gucken durch dicke Bretter natürlich zu geschweigen. Aber die recht grossen
Sachen, die eigentlich zusammenhangenden Darstellungen aus dem Mittelreiche habe
ich noch nicht zustande bringen können, und deshalb wollte ich denn jetzt vor
die rechte Schmiede gehen, nämlich nach Weinsberg, um die Sache aus dem Grunde
zu erlernen. Wie würde es mich freuen, wenn ich schon unterweges in Würzburg
einen Mann gefunden hätte, von dem ich Licht und Belehrung in dieser schwierigen
Materie mir erhoffen dürfte!«
    »Sie irren sich in mir, mein Herr«, versetzte der Gehülfe. »Ich beschäftige
mich nicht mit Geister- und Sehersachen. Wenn man den ganzen Tag akute und
chronische Übel unter Händen hat; greifliche Leiden, wie Gicht, Hektik und
Kachektik, so will sich keine Zeit für die höhere Welt und das Mittelreich
finden, auch muss ich gestehen, dass erstere noch nie in unsere Krankenstationen
hereingeragt hat, und dass wir mit Chinin, isländischem Moos, Merkur, und was
dieser Potenzenreihe anhängig ist, ausreichen. Die mehreren Exemplare des
Prevorstischen Werkes, über welche Sie vielleicht bei Ihrem Gange durch unsere
Anstalt sich verwundert haben, rühren von einer auffallenden Zusendung her. Es
wurde nämlich unbegehrt auf einmal wohl ein Dutzend ohne Begleitungsschreiben in
das Juliusspital geschickt, und wir haben durchaus nicht ermitteln können, wer
uns dieses sonderbare Geschenk (denn niemals hat jemand dafür Bezahlung
verlangt) gemacht hat. Ein Unbekannter hatte das Paket dem Türwärter in die Hand
geschoben und war dann verschwunden.«
    Ohne mir etwas dabei zu denken, fuhr mir die alberne Frage zwischen die
Lippen: »Waren die beiden Ihnen so teuren alten Weiber damals noch im Spital,
als dieses Werk Ihnen von anonymer Hand zuging?«
    Der Kellermeister, der Gehülfe und der Aufseher sannen nach und versetzten
dann einhellig: »Nein, es war weit später; die alten Weiber waren schon mehrere
Jahre zuvor entsprungen.«
 
                                      II.
                     Erste Ankündigungen einer höheren Welt
Am andern Tage fuhr ich über Mergenteim, Künzelsau, Öhringen nach Heilbronn. Es
war bereits etwas dunkel, als ich ankam. »Wie weit ist Weinsberg von hier?«
fragte ich einen Fuhrmann, der auf der Strasse seine Karre trieb. »Zwei Stunden«,
war die Antwort. »Oho«, dachte ich, »da wäre es wundersam, wenn mir nicht hier
schon etwas begegnen sollte. Die letzten schwächsten Wirkungen des Weinsberger
Pandämoniums müssen mindestens bis hieher sich erstrecken. Also pass auf,
Münchhausen.« - Münchhausen war damals kein gebildetes Kind gebildeter Eltern
mehr, er war Jüngling, schwärmerischer Jüngling voll Ahnung und Sehnsucht nach
dem Jenseits.
    Ich passte auf und - erlebte etwas. Neben der Kilianskirche fliesst in einer
Vertiefung der Brunnen, von welchem Heilbronn den Namen erhalten hat, weil durch
sein Wasser einst ein alter Schwabenherzog geheilt worden sein soll. Ich stieg
zwischen der steinernen Umfassung die Stufen hinunter, und setzte mich den
Röhren, aus welchen die Quelle sprudelt, gegenüber auf einen Stein. Bald fühlte
ich in den unteren Teilen meines Körpers eine Kälte und auch oben wehte es mich
kühl an. »Nun, da haben wir es!« sagte ich zu mir. »Seid ihr schon da, ihr
anhauchenden Geister?« Ich blieb noch eine Weile sitzen und merkte, dass Kälte
und Wehen immer stärker wurde. Sie machten zuletzt einen förmlichen Wind. Als
ich den Stein befühlte, auf dem ich gesessen, fand ich ihn feucht, woraus zu
entnehmen ist, dass die abgeschiedenen Seelen sich auch durch Nässe ankündigen. -
Ich ging ins Wirtshaus, wo schon die Lichter angezündet waren. Unterweges hatte
das Wehen und Blasen und das Nasse noch stets zugenommen, und ein in der Türe
seines Ladens stehender, in den Schranken des Zerebralsystems befangener
Heilbronner Speditionshändler sagte: »'s ist a wüst Wetter.« -
    Du armer Blinder!
    Im Wirtshause ass ich Feldhuhn und Krautsalat. Die Feldhühner tragen sie dort
allerliebst auf mit dem unberupften Kopfe und um den Hals ein papiernes
Krägelchen. Den Oberkellner, der mir ein sinniger Mensch zu sein schien,
forschte ich nach Weinsberg aus, und erfuhr zu meiner Freude, dass es jetzt recht
lebhaft dort sei, und das Zwischenreich sich im vollen Gange befinde.
    »Haben Sie nicht hier im Gastofe ein Zimmer, worin etwas erscheint?« fragte
ich ihn im Vertrauen. Der Oberkellner versetzte, er habe seinem Herrn schon
längst geraten, sich für die immer stärker werdende Nachfrage von Liebhabern
unter den Reisenden ein Geisterzimmer einzurichten, allein der wolle sich nicht
darauf einlassen, weil er die Sache für eine vorübergehende Mode halte und sage,
sein Haus könne durch eine Stube mit Zwischenreich in Verruf kommen.
    »Ich halte mir aber für meine eigene Rechnung ein Gemach, worin es bei Nacht
wenigstens etwas poltert oder schnurrt, und wenn Sie einen Gulden auf die
Rechnung zulegen, steht es Ihnen zu Dienst«; flüsterte er mir zu. Mit Freuden
schlug ich ein, musste ihm aber das Geheimnis über die Sache versprechen, »denn«,
sagte er, »wenn sie auskommt, so bin ich um meinen Posten, oder muss von der
Geisterstube Abgaben entrichten, welche sie nicht einbringt. Sonst trieb ich
einen kleinen Handel mit Seifenkugeln, Zahnbürsten, wohlriechenden Wassern und
Patentrasiermessern, wie das in Wirtshäusern so gebräuchlich ist, aber die
Steuern waren zu schwer, und deshalb liess ich das Geschäft eingehen und
etablierte als stillen Nebenverdienst die Stube mit Geistergepolter.«
    Wir gingen vorsichtig zum Hinterhause hinaus und durch einen finstern Gang,
worin allerhand Gerätschaften und Weintonnen standen, nach einem kleinen
Seitengebäude, welches vermutlich das Waschgelass in sich fasste, denn es roch
nach Seife aus dessen offenstehenden Fenstern. Darin schloss mir der Oberkellner
eine Kammer auf, in der eine herrlich verdorbene Luft brütete. Er wollte diese
Atmosphäre entschuldigen, ich aber unterbrach ihn und fragte, ob er sich nicht
besser auf das Metier verstehe? Gerade ein solcher müffiger Dunst und Schwaden
sei der rechte Geisterbrodem.
    Es war ganz darin, wie es da sein muss, wo das Kernbeisser-Eschenmichelsche
Wunderwesen sein Quartier aufschlagen soll; die Wände sahen wie verwitterte
Dämonen aus, und von der Decke hatten die Poltergeister den Kalk abgetrampelt.
Ich liess den Oberkellner gehen, hing meine Kleidungsstücke an den Nagel, merkte,
dass nach der guten Abendmahlzeit, die ich eingenommen hatte, die heilige
Tätigkeit meiner Unterleibsnerven beginne, war sonach reif zum höheren Schauen,
blies deshalb die Kerze aus und rannte im Dunkel auch gleich gegen einen recht
groben Geist an, der sich wie eine Tischecke anfühlte. Darnach legte ich mich zu
Bette, und es blieb eine Zeitlang still. Nur war mir's sonderbar, dass mein Kopf
immer tiefer sank und meine Füsse immer höher zu liegen kamen. »Aha«, dachte ich,
»ihr zieht die Federn weg, wohin sie gehören, und stopft sie dorten hin, wo sie
nicht am Platze sind, ihr unruhiges, sündhaftes Gesindel!« Ich konnte über diese
Tätigkeit der Dämonen nicht lange nachdenken, denn mit einem Male verbreitete
sich durch eine Ritze in der Türe ein Lichtschimmer im Gemache, es war, als ob
jemand draussen gehe, die Stiege neben meiner Kammer emporwandle, und sich über
mir zur Ruhe begebe. Ich rief mit lauter Stimme: »Wenn das da draussen kein
Weinsberger Geist, sondern ein Hausknecht ist, so antworte es!« Es antwortete
aber niemand, und bald darauf hörte ich den Geist fürchterlich schnarchen. Nun
trat wieder ein Schweigen von wohl einer Stunde ein, während welcher Zeit ich
die Augen und Ohren offenhielt, wie ein Hase. Da auf einmal hörte ich ein
bröckelndes Geräusch an der Wand, wo ich meine Kleider aufgehängt hatte, und ein
Fallen. Zugleich spürte ich das Aufsteigen von Staub. »Jetzt seid still,
Dämonen!« rief ich, »ich habe nun genug neue Erfahrungen eingesammelt. Ihr könnt
euch wie Regentropfen ankündigen, ihr zieht einem die Federn unterm Kopfe weg,
ihr trampt wie ein Hausknecht und rührt Staub auf - ich bitte mir nun Ruhe aus,
Kerls, denn ich will schlafen.«
    Wirklich schlief ich, nachdem die Geister auf diese Anrede muckmausestill
geworden waren, ein. Allein noch vor Tagwerden erwachte ich wieder von
unendlichen Beklemmungen, welche der dämonische Brodem in der Kammer und dann
auch meine unnatürliche Lage mit dem Kopfe unten, mit den Füssen oben, mir
verursachte. Das Blut war mir so zu Kopfe gestiegen, dass ich zu ersticken
meinte, ich hielt mich aber ganz still und dachte: »Stickst du, so stickst du
als Opfer für die Ausbreitung höherer Erkenntnis.« - Endlich wurde es denn doch
Tag, ohne dass ich erstickt wäre, und da sah ich ein noch viel grösseres Wunder,
als dasjenige gewesen wäre, wenn die Geister mir die Federn unterm Kopfe
weggezogen hätten. Ganz umgekehrt hatten sie mich; vermutlich während des
Schlafes. Ich lag mit dem Kopfe drunten am Fussende, und die Beine ruhten droben
auf dem Kopfkissen; ein in den Schranken des Zerebralsystems Befangener würde
gesagt haben, dass ich am Abend zuvor mich verkehrt niedergelegt habe. Ich stand
auf und sah, dass das fallende Geräusch von meinen Kleidungsstücken entstanden
war, welche die Geister mit dem Nagel von der Wand herabgeworfen hatten. Dessen
Ausziehen konnte ihnen freilich keine grosse Mühe verursacht haben von wegen der
bröcklichten Umstände, worin sich, wie schon angeführt worden ist, die Wand
befand.
    Ich trank meinen Kaffee, dann zum zweiten Frühstück eine Flasche
Affentaler, fühlte meine Glaubenskraft hierauf in der gehörigen Verfassung, gab
dem Oberkellner seinen Gulden, erklärte mich mit seiner Bedienung vollkommen
zufrieden, versprach die Kammer neben dem Waschgelasse allen
Höhererweltereinragungsmännern meiner Bekanntschaft bestens zu empfehlen, und
rollte dann den blauen Bergen zu, zwischen denen Weinsberg liegt.
 
                                      III.
                             Der magische Schneider
Nicht weit vom Orte in einem engen Talwege, von wo ich bereits deutlich die
Weibertreue ragen sah, bemerkte ich, dass ein spindeldürrer Mensch vor meinem
Wagen auf der Landstrasse hin und her wankte, der nach gemeinen Begriffen für
betrunken gelten konnte, denn er taumelte in der Tat ausserordentlich und fiel
nach einigen Versuchen, Grund und Boden dennoch fest unter den Füssen zu halten,
nebenan in den Graben. Seine Lage da unten zwischen Wegerich, Nesseln und
Vogelkraut war nicht die eines gewöhnlichen Menschen, denn ganz symmetrisch war
er gefallen, mit dem Rücken und Kopfe genau in die Mitte des Strassengrabens, die
Arme und Füsse aber rechts und links auf die Ränder des Grabens gestreckt, so dass
der Meridian gerade durch sein Zentrum ging. Dieses ausserordentliche Schauspiel
regte meine besondere Teilnahme an, ich stieg vom Wagen, hob mit Hülfe meines
Fuhrmannes den Sinnlosen hinauf, und dachte, in Weinsberg werde sich wohl ein
Ort finden, wo er ausschlafen könne.
    Endlich waren wir angelangt, und Doktor Kernbeisser, dem ich schon empfohlen
worden war, empfing mich recht freundlich. - »'s ist gut«, sagte er, »dass Sie
kommen. Für zwei Mann wird der Sache zuviel, wir brauchen junge Kräfte, um die
Geisterwelt gehörig bestreiten zu können, 's ist heute einmal wieder ein tolles
Getreibe hier und das Zwischenreich ganz des Henkers. Das ist ein Gerutsche,
Gebrumme, Gepoltre, Gedusele, Gedudele, Geschreite, Gewinsele und ein Gerumore
durcheinander, dass man nicht weiss, wo man zuerst anfassen soll. Ich helf'
herzlich gern meinen Nebenmenschen in der unsichtbaren Welt, aber es kann einem
auch zuviel werden. Der eine will erlöst sein, der andere hat'n Schatz
vergraben, der ein Geheimbuch über die Seite gebracht, dazwischen fallen die
Sonnenkreise ab, wie reife Maulbeeren, dem soll man was vorbeten, dem auf'm
Klavier was vorspielen, wir wissen beide nicht, ich und mein Freund
Eschenmichel, wo uns der Kopf steht.«
    Ich bat ihn, sich zu beruhigen, was an mir sei, werde geschehen, ihnen
Aushülfe zu geben. - Wir gingen in das Haus, welches mit seinem freundlichen
Garten an die Stadtmauer stiess. Drinnen rief uns Eschenmichel, der eben eine
Somnambüle bestrich und vor Eifer mich gar nicht begrüsste, an: »Kommt der Dürr?«
- »Nein«, versetzte Kernbeisser, »vorderhand bring' ich nur den Münchhausen.« -
»Wer ist der Dürr?« fragte ich. - »Der magische Schneider«, versetzte
Kernbeisser, »den wir uns zum Sukkurs verschrieben haben. Ein Satan von Kerl! (O
Gott, verzeihe mir meine Sünde und dieses Fluchwort!) Er hat mehr Gewalt über
die Dämonen, als wir beide zusammengenommen, er schnauzt sie an, dass es nur so
eine Art hat und bringt sie zur Räson. Er sollte uns beistehen und hatte auch
sagen lassen, dass er heute kommen wolle. Gott hat ihm den Sinn wunderbarlich
aufgeschlossen und mit herrlichen Kräften gerüstet; er steht im Zentro der Dinge
und sieht von da die Radien ausstrahlen in die Peripherie, wo sie die Schale und
die Kruste und die Figur der sogenannten äusseren Welt bilden, über welcher dann
die himmlischen Wolken wie suchende und liebende Mütter schweben. Diese streben
mildregnend bis zum Zentro einzudringen, dass Himmel und Kreatur eins werde in
ewiger Lösung und Bindung, und -«
    »Schwätz nit so viel, Kernbeisser!« rief hier Eschenmichel dazwischen; »ich
kann vor deinem Getös' die Strunz hier nicht vernehmen, welche soeben beginnt
mit der inneren Sprach' mir das Geheimnis des Jüngsten Tages
auseinanderzusetzen.«
    »Ich muss doch dem Münchhausen den Dürr beschreiben!« rief Kernbeisser
zugleich zornig und ermattet. - »Immer störst du mich im Aufschwung. Nun ist
meine Anschauung zerbrochen, meine Kraft dahin, und ich bin für den Rest des
Tages nur noch ein Lump. - Haben Sie den Dürr nicht unterweges erschaut?«
    
    Ich wollte eben verneinend antworten, als der Fuhrmann eintrat und fragte,
was denn mit dem toten Menschen auf dem Wagen werden solle. Ich bat Kernbeissern
um einen Aufbewahrungsort für meinen Schützling. Er sagte ihn gern zu, ging mit
hinaus, um den Menschen vom Wagen heben zu lassen, schlug aber wie ausser sich
die Hände über dem Kopfe zusammen, als er ihn, der wirklich wie tot auf dem
Grunde des Fahrzeuges lag, ansichtig wurde, und rief: »Das ist ja der Dürr! das
ist ja der Dürr! das ist ja der magische Schneider! O Himmel, muss ich dich
wieder in diesem Zustande sehen, Dürr? - Schauen Sie«, sagte er zu mir, »dieses
ist die einzige Schwäche des ausserordentlichen Menschen; er besäuft sich einen
um den andern Tag, woran aber freilich sein reizbares Nervensystem schuld ist.
In dieser Verfassung kann er nun von allen seinen schönen magischen Gaben keinen
Gebrauch machen, und so geht die Hälfte seines Lebens für die höhere Welt
verloren. O Dürr! Dürr! Dürr! - Aber, was kann's helfen? Nehmt ihn säuberlich
herunter und legt ihn auf Stroh, dass er ausschlafe.«
    Der magische Schneider, den ich so unwissend aus dem Strassengraben in das
Hauptquartier des Geisterreiches befördert hatte, wurde in einen Stall getan,
ich aber zog nunmehr bei den Taumaturgen ein. Bald nachher setzten wir uns ohne
vorgängiges Wunder zu Tisch.
 
                                      IV.
           Der Gergesener - Die innere Sprache - Das Examen Rigorosum
An dieser ersten Mittagstafel nahm ausser den Hausgenossen ein Mensch mit wilden
Blicken teil, von dem ich schon gehört hatte, dass er seines Zeichens ein
Besessener sei und hin und wieder grunze. Dieses war natürlich, denn es sass in
ihm der Teufel einer, welche einstmals in die Gergesener Säue gefahren waren.
Auf dem kurzen Wege, welchen er in einer solchen Behausung bis zum Teiche
machte, wo hinein sich die Herde damals stürzte, hatte er das schweinische Leben
so lieb gewonnen, dass er noch immer von Zeit zu Zeit jene Töne hören liess.
Überdies verlangte er mitunter nach Schweinefutter, insbesondere nach
Gerstenschrot. »Wir geben's ihm aber nicht, er muss Hausmannskost essen, wobei er
oft jämmerlich brüllt und zuckt«, sagte Kernbeisser. - »Ich habe von ihm die
wunderbarsten Aufschlüsse erhalten«, sprach Eschenmichel im Seherton. »Die Zeit
ist aber für solche Mitteilungen noch nicht reif.«
    »Wie steht's heut, Pochhammer?« fragte er den Besessenen. - »Bis jetzt noch
so ziemlich, Herr Doktor«, versetzte dieser sehr höflich und in der Sprache
eines gewöhnlichen Menschen, »aber es wird leider nicht lange dauern, er kullert
schon etwas unterm Zwerchfell, es ist ihm wieder eine Ratz' durch den Kopf
gelaufen, o weh - da steigt er auf - da sitzt er in der Kehle schon - da - da -
oih! oih! oih!« - So fing er an zu grunzen, und dazwischen schrie er
unaufhörlich mit rauher Stimme: »Kleien! Schrot! Kleien! Schrot!« Eschenmichel
betete, Kernbeisser sagte tolle Knittelreime auf den Gergesener her, und die
übrigen Tischgenossen assen ruhig fort, denn dergleichen gehörte hier zu den
alltäglichen Dingen, aus welchen niemand mehr ein Aufhebens machte.
    Währenddem trat der Knecht, den ich im Hofe gesehen hatte, ein, und sagte:
»Der Dürr ist erwacht und begehrt zu trinken.« - »Ei, was hat der Schliffel ein
Gefäll«, rief Kernbeisser. »Er soll sich hereinscheren und hier erst seine Arbeit
verrichten, und dann wollen wir weiter sehen.« - »Ja, schicke den Magischen zu
uns, sage ihm, der Gergesener grunze heute ausnehmend«; fügte Eschenmichel
hinzu. - O ihr himmlischen Kräfte, welche Finsternis muss doch da drunten in der
Hölle sein! Gott bewahre uns alle vor dem Abgrunde, darin Astarot heult, und
Beelzebub einen feurigen Reif schlägt!
    Der magische Schneider trat ein, noch unsicheren Ganges, mit roten Augen,
die Zunge zwischen den trockenen Lippen hin und her bewegend. Kernbeisser und
Eschenmichel gaben ihm zum Willkomm die Hand und forderten ihn auf, den
Gergesener zu beschwören. »Den wollen wir bald zahm kriegen«, sagte der
Schneider, und trank ein grosses Glas Neuen aus. Er krempelte die Rockärmel auf,
reckte seine spindeldürren Glieder, vor den Besessenen tretend, aus, hielt ihm
die geballte Faust vor den grunzenden Mund und rief: »Bist gleich ruhig! Ich,
der Dürr, befehl's dir, kraft meiner magischen Gewalt. Was für Sitten sind das,
du Schweinteufel? Kannst du nicht sprechen, wie die andern, oder hast auf dem
Weg nach dem Wasser deinen teuflischen Dialekt vergessen? Ich an deiner Stelle
würde mich doch schämen, den Schweinen nachzuahmen. Bist gleich ruhig, ich
befehl's dir! Hast du keine Dankbarkeit nicht, dass dir einstmals vergönnt ward,
dein Logis nach deinem Gefallen zu wählen? Kreuch 'nunter auf der Stell', oder
ich haue den Pochhammer so lang', bis dass du's fühlen sollst.«
    Auf diese Anrede und besonders auf die letzte Drohung wurde der Gergesener
Teufel stiller, das Grunzen ging in ein Gequiek, wie das eines Ferkels über, und
verlor sich hierauf nebst dem Geschrei um Kleien und Schrot allmählich ganz.
Pochhammer wischte sich den Schweiss von der Stirne, gab dem magischen Schneider
die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen gehorsamst, Herr Dürr, er sitzt nun ganz
verzagt unten und schluchzt, wie ein Kind.« - »So sind sie all'«, sprach der
Magische, »hochmütig und obenaus, aber wenn man sie brav kuranzt, fallen sie
zusammen, wie eine aufgestochene Fischblas'. Gebt mir zu trinken.«
    Pochhammer verlangte nachträglich vom Braten, der während der dämonischen
Szene ihm vorübergegangen war, und ass wacker. - »Bekommt nun davon der
Gergesener etwas ab?« fragte ich. - »Behüte«, versetzte Eschenmichel, »die
Teufel nehmen keine irdische Speise zu sich, ich zweifle selbst, dass dieses
Geschrei um Kleien und Schrot anders als symbolisch gemeint ist, wenigstens
würde, wenn Pochhammer dergleichen hinunterwürgte, nur der Geist, sozusagen, des
Schweinfutters an den Dämon in ihm gelangen.«
    Inzwischen hatte Kernbeisser dem magischen Schneider zärtliche Vorwürfe
gemacht. »O Dürr«, sagte er, »was für ein wüster Kerl bist du ausserordentlicher
Mensch! In welche Tiefe warst du wieder heute verfallen!« - »Ich weiss nicht, ob
es ein Graben, oder eine Lehmgrube war, worein ich verfallen gewesen«, rief der
Magische. - »Ein Graben, verehrtester Meister«, sagte ich. »Ich freue mich
ausserordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, und dass ich so glücklich gewesen
bin, Ihnen gleich eine kleine Gefälligkeit haben erweisen zu dürfen.«
    »Ihr Narren denkt immer, unsereiner könne halt stets nüchtern und leer sein,
und dabei doch die grossen Ding' verrichten«, sprach der magische Schneider. »Das
geht so nicht. Die Teufelsbannungen und Beschwörereien ziehen einem greulich den
Nervengeist ab, und wenn man nicht nachgiesst, würde man bald fertig sein. Ich
hatt' im Dorf überm Wald heut eine Dienstmagd zu besprechen, in der ein
mordbrennerischer Schwed' aus dem Dreissigjährigen Krieg sitzt; der Gauch wollt'
durchaus wissen, ob in dem von ihm angezündeten Hause, was er mir selbst nicht
nennen konnte, seine lederne Feldflasch' mit verbrannt sei, die er seitdem
vermisse; eher könne er nicht zur Ruhe kommen. Das Geschäft hatte mich stark
angegriffen, denn der Schwed' liess sich erst gar nicht bedeuten. Hernach musste
ich mich stärken, und von der Stärk' geriet ich darauf in einige Schwachheit.«
    Nach Tische besah ich mit Kernbeisser das ganze Etablissement. In den Stuben
umher sassen und schliefen sechs bis sieben Hellseherinnen, ich wurde mit ihnen
in Rapport gesetzt und erhielt die wichtigsten Aufklärungen über die geheimsten
Dinge, als zum Beispiel, wann ich die erste Uhr geschenkt bekommen habe, welchen
Namen mein grosser Hund führe, den ich zu Hause gelassen, wieviel ich dem Wirt in
Ulm schuldig verblieben sei? - Bei einigen rutschte, klöpfelte, täppelte,
klaschte, polterte es in den Stuben, dazu war ein Regen an den Fenstervorhängen
und hin und wieder ein bisschen Lichtschimmer, auch das Geräusch, wie wenn man
Papier oder Kalk an die Erde wirft. Im ganzen waren damals drei Geister und zwei
Geistinnen auf den Beinen, doch ich irre mich; ein Kind gehörte auch noch dazu,
welches einmal im Leben sein Butterbrot hatte fallen lassen, und sich darüber in
jener Ewigkeit nicht zufriedengeben konnte. Der eine Geist trug einen schwarzen
Rock, der andere eine Art von Schanzlooper, der dritte hatte Stiefeln an; von
dem kam das Poltern. Wie die Geistinnen gingen, ist mir entfallen, das Kind aber
hatte das Zeichen im Gesicht, ungeachtet welches Werter vorzeiten Lottens
jüngsten Pflegebefohlenen küsste. So natürlich geht es im Zwischenreiche zu. Wer
hienieden Stiefeln trug, zieht jenseits keine Schuhe an, und so weiter. Taten
uns übrigens alle nichts, die Geister, nur die Hellseherinnen litten von ihnen,
denn die sollten ihnen helfen. Das ging bis zu dem Kinde hinab, welches sein
hienieden fallengelassenes Butterbrot jämmerlich schreiend verlangte.
    Als wir in den Hof kamen, hörte ich den Knecht zur Magd sagen: »Schnuckli
buckli koramsi quitsch, dendrosto perialta bump, firdeisinu mimfeistragon und
hauk lauk schnapropäp?« - Die Magd versetzte: »Fressaunidum schlinglausibeest,
pimple, timple, simple, feriauke, meriaukemau.«
    Ich hatte Ziegen und Engländer verstanden, aber diese Mundart war mir
dunkel. Auf Befragen erfuhr ich, dass es die innere Sprache der Seherin von
Prevorst sei, die Ursprache der Menschheit, die sie in ihren Verzückungen
gefunden. »Wir bedienen uns ihrer seitdem, wenn wir innig werden über
Angelegenheiten, die uns besonders zu Herzen gehen.« - »Und was sagte der Knecht
zur Magd?« - »Er fragte sie: Hast mir Knödel aufgehoben? und sie versetzte: Ja.«
    Ich sollte mein Gutachten über diese Sprache abgeben, und erklärte, sie
komme mir in manchen Wurzeln verwandt mit derjenigen vor, worin Asmus seine
Audienz bei dem Kaiser von Japan gehabt habe. Übrigens scheine sie mir ein wenig
weitschweifig zu sein. - »Ja, sie könnt' halt kürzer sein«, erwiderte
Kernbeisser. »Dafür ist aber die innere Schrift, oder die Urschrift der
Menschheit, welche die Seherin auch gefunden hat, desto präziser. Kennen Sie
dieselbe?« - »Ich kenne sie, sie ist ja mit abgedruckt«, versetzte ich. »Ich
schreibe gegenwärtig an einem Aufsatze, worin ich sie gegen den Einwurf der
Spötter, dass sie aussehe, als hätten die Hühner auf dem Papiere gekratzt,
verteidige, und die feinen, jedoch kenntlichen Unterschiede zwischen dem
Sanskrit von Prevorst und den Hühnercharakteren an den Tag bringe.«
    Kernbeisser umarmte mich und sagte: »An Ihnen haben wir einen wahren Freund
und Bruder gewonnen.« Eschenmichel aber, der uns nachgeschlichen war, zog ihn
beiseite, und ich hörte ihn die halblauten Worte zu jenem sprechen: »Du bist
immer zu rasch, wir wollen ihn erst prüfen, bevor wir ihn in unserer
Gemeinschaft aufnehmen.« - Kernbeisser schüttelte den Kopf über Eschenmichels
Zweifelsucht, doch musste er sich fügen, und die beiden Doktoren nahmen mich nun
nach dem Garten mit. Dort setzten wir uns in die Laube, und das Examen rigorosum
nahm seinen Anfang.
    Vor dieser Prüfung hatte ich einige Scheu getragen, denn ich traute mir die
rechten Kenntnisse in der Geisterlehre noch nicht zu. Indessen lief sie
glimpflich genug ab. Zwar auf Eschenmichels Fragen, wie hoch der Himmel und wie
tief die Hölle sei, wieviele Himmel und wieviele Quartiere in der Hölle es gebe,
welches die verschiedenen Klassen der Dämonen seien, und wie eine jede aussehe,
konnte ich nur notdürftige Antworten geben, weil ich alle die Dinge erst hier
lernen wollte. Desto besser bestand ich bei Kernbeisser. Denn dieser fragte mich,
woher jegliches Böse, die schlechten Leidenschaften, der Hochmut, die falschen
Begriffe und die oberflächlichen Kenntnisse unter den Menschen rührten? Darauf
antwortete ich herzhaft: »Aus dem Kopfe.« - Weitere Frage: »Wodurch dringen wir
in das Sein und Wesen der Dinge ein, erfahren, was im Himmel und auf Erden
vorgeht, und heiligen uns zu Gefässen Gottes?« Antwort: »Durch den Unterleib.«
    Die Examinatoren erklärten hierauf, es seien zwar in meinen Kenntnissen noch
Lücken bemerklich geworden, aber den Glauben habe ich, und der sei die
Hauptsache. Ich wurde sonach auf das Gangliensystem in Eid und Pflicht genommen
und dann zum Mitgliede des Weinsberger Geisterbundes ernannt. Eschenmichel
sagte, man habe eine wichtige Unternehmung vor, wovon ich den nächsten Tag mehr
hören solle. In der Freude meines Herzens erzählte ich, da das Geisterwesen
etwas still geworden zu sein schien, von allerhand profanen Dingen, die mir
während der Reise begegnet waren, kam dann auch auf Würzburg, das Juliusspital
und die beiden entlaufenen alten Weiber. Davon aber wollten meine Meister nichts
wissen, sie unterbrachen mich heftig und riefen, über Würzburg solle ich nun und
immerdar schweigen, der Ort sei ihnen unangenehm und rege ihnen widrige
Erinnerungen auf.
 
                                       V.
      Himmel und Hölle zögern anfangs zu Weinsberg in Konflikt zu geraten
In den nächsten Tagen lernte ich nun die Sinnesart der beiden Doktoren genauer
kennen. Kernbeisser war ein gemütlicher alter Knabe, der sich hin und wieder
selbst über die Dämonen lustig machte, einem fleissig vom Alten und Neuen
einschenkte und dabei komische Schnurren erzählte, wie sich das Geisterpack
mitunter so hundstoll betrage. Darüber konnte er lachen, dass ihm der Atem
verging. Er gefiel mir sehr wohl - in der höheren Welt muss alles vorrätig sein,
auch ein Schwänklein und Spässlein.
    Eschenmichel dagegen hielt sich mehr zurück und hatte etwas Lauerndes in
seinem Wesen, er sah nicht geradeaus, sondern seitwärts, oder schielte von unten
empor. Er war immer in Ekstase, ich habe ihn den Bissen nicht in das Salz
tauchen sehen, ohne dass ihm die Augen verzückt im Kopfe umherrollten. Wäre er
kein Prophet gewesen, man hätte ihn leicht für einen Schelm halten können, da er
aber ein Prophet war, so konnte er, wie sich von selbst versteht, kein Schelm
sein.
    Bald teilte er mir den Plan mit, auf welchen er früher hingewiesen hatte,
und dieser bestand in nichts Geringerem, als darin, einen Poltergeist zu
bekehren. »Das ist noch grösser«, rief ich, »als ein Trygäosross und eine blaue
Schwärmerin versittlichen zu wollen!«
    »Es hat jede Kenntnis und Beschäftigung ihre Stufen«, versetzte er. »Für den
Anfang war das blosse Geistersehen, und dass man erfuhr, wie es im Zwischenreiche
zugeht, hinreichend. Nach diesem trat der Magische mit seinen gewaltigen Kräften
in unser Werk ein, der hat nun schon Macht über den Spuk, beschwört ihn und
bringt ihn zur Ruhe, aber dabei darf die Sache auch nicht stehenbleiben. Wir
müssen, wie gesagt, eine der Kreaturen, die um uns her schwärmen, wie die Mücken
ums Licht, fromm machen; auf diese Weise setzen wir Fuss in Bügel, und können
darauf in diesem dritten Stadio der Taumaturgie weiterkommen.«
    »Nämlich«, rief ich, hingerissen von dem Gedanken aus, »wenn wir die
Poltergeister in den Himmel gebracht haben, so machen wir uns sacht an die
lässlichsten Verdammten, zu denen vom Zwischenreiche aus doch wohl auch eine
Hintertüre sich entdecken lassen wird, beginnen bei denen unsere
Missionsgeschäfte, und so immer weiter und weiter hinunter, hinunter!«
    »Wir werden es nicht erleben«, sprach Eschenmichel mit verdrehten Augen,
»aber unseren Nachkommen ist es vorbehalten, selbst den Teufel zum Christen zu
machen.«
    Kernbeisser lachte, dass er sich nicht zufriedengeben konnte und rief: »'s ist
schad', dass du dann nicht mehr auf Erden weilest, Bruder Eschenmichel, denn wenn
der Teufel erst von Gottes Gnaden sein wird, so würdest du gewiss Leibarzt von
des Teufels Gnade werden.« - Er hatte überhaupt mancherlei gegen diesen
Fortschritt der Taumaturgie einzuwenden, meinte, es möchte nicht gut sein, so
tief die Hände in das Geisterreich zu stecken, man wisse nicht, was man
aufwühle, Poltergeister seien Poltergeister - bis ihn Eschenmichel anfuhr und
gewaltig bedräute.
    »So bist du immer«, erwiderte Kernbeisser schmollend, »wenn es nach dir
ginge, würde jedermann, der sich einen Einwurf gegen dich erlaubte, gehängt oder
gerädert!« - »Du irrst dich gänzlich in mir«, sprach Eschenmichel, »ich bin die
Sanftmut selbst.« - »Ja, im Geist der Inquisition«, flüsterte Kernbeisser.
    Indessen fügte er sich, wie immer, wenn sein Kollege den Kopf aufsetzte. Er
war überhaupt so sanft, gutmütig und inkonsequent, als der andere den Eifer, die
Härte und Folgerichtigkeit besass, welche zum Seher- und Feuergeiste gehören.
    Es wurde also nun von uns dreien der Plan des Bekehrungsgeschäftes
festgestellt. Die erste Sorge musste sein, das Objekt herbeizuschaffen, nämlich
den zu bekehrenden Geist. Leider war unter dem Vorrate des Etablissements nichts
Taugliches. Mit dem Gergesener, als einem eigentlichen dickhäutigen Teufel zu
beginnen, erschien misslich, die Sache konnte durch den ersten Versuch, wenn er
nicht gelang, zu sehr blossgestellt werden. Die anderen aber, die drei Geister,
zwei Geistinnen und das Kind liessen sich auch schwerlich verwenden, denn erstens
standen sie nur auf einem höflichen Besuchsfusse mit den Hellseherinnen, hatten
sich bei ihnen nicht eigentlich einquartiert, und zweitens war nichts
Schlimm-Dämonenhaftes in ihnen; sie hatten nur Dinge von dem Belang der
schwedischen Feldflasche oder der Butterbemme im Kopfe.
    Wir dachten hin und her, wie wir Rat schaffen und eines handfesten, vom
Höllenfeuer mindestens aus einiger Entfernung angesengten Bengels habhaft werden
sollten. Unendlich bedauerten Eschenmichel und ich, dass wir des magischen
Schneiders und seiner Hülfe in solcher Not entbehren mussten. Aber dieser grosse
Mensch lag fast immer im Stalle auf Stroh wegen des einzigen Fehlers, womit die
Natur ihn belastet hatte. Was Kernbeisser angeht, so hatte er sein Vergnügen an
ihm, tröstete uns auch, wenn wir klagten und sagte: »Lasst's gut sein. Der Dürr
gehört, wie der Tell, nicht in den Rat, er ist der Mann der Tat. Haben wir den
Heiden von Dämon erst, so wird keiner kräftig sein im Werke, gleich der
nimmersatten Gurgel.«
    Ich dachte im stillen: »Diese schwäbischen Kindsköpfe sind gut zum Erfinden,
aber dann die Sache gehörig einzurichten, ihr eine Regel, Ordnung und Form zu
geben, dazu bedarf es eines norddeutschen Verstandes. Ist's genug, dass in und um
Weinsberg die Geister wild wachsen wie Wegerich? Hätte man sie nicht in Kultur
legen können? Das Terrain in Schläge verteilen? Nach den Regeln von der
Spargelzucht sie in Beeten ziehen, dass wenn man einen braucht, man ihn stäche? -
Gott segne mir doch meine heimatlichen Gefilde an der Elbe, Oder und Weser!
Diese Süddeutschen werden nie klug werden.
    Du musst hier die Ehre Norddeutschlands retten und das Ding zum Ende führen«,
dachte ich. Klebte und pappte mir also aus den »Prevorstischen Blättern«, der
»Seherin von Grossglattbach« und anderen Sachen dieses Schlages eine Art von
Geisterfalle zusammen, in Form einer gewöhnlichen Mausefalle und ging damit an
alle entlegene Orte der Gegend, auf Kirchhöfe, hinter alte Mauern, in verfallene
Keller, ja selbst in heimliche Gemächer, stellte meine Falle auf und murmelte
dazu folgenden Spruch in der inneren oder Ursprache:
»Rummeldebummeldefimmeldepippeldehusseldebusseldekimmeldelümmelde - schwips!«
was sich auf deutsch nicht genau wiedergeben lässt, aber in der Umschreibung
ungefähr soviel bedeutet, wie: »Ist's gefällig?« Ich sass stundenlang bei der
Falle, es wollte sich aber nichts fangen.
    Weil alle Bestrebungen der Vorsteher auf diesen einen Punkt gerichtet waren,
so begann das Etablissement zu verfallen. Das Grunzen des Gegeseners wurde
seltener, mehrere der Hellseherinnen schlichen sich im stillen weg, da sie keine
regelmässige Behandlung mehr fanden, mit ihnen verloren sich die drei Geister,
die zwei Geistinnen und die Hälfte vom Kinde, denn im Zwischenreiche kann auch
ein halber Geist für sich bestehen. Das Geräusch, Poltern und Schlurfen
verklang, und nur die dem Hause treugebliebene andere Hälfte des Kindsgeistes
wimmerte noch ein wenig; es liess sich aber der Tag vorhersehen, wo auch dieser
Laut ersterben und das Weinsberger Etablissement ohne allen Geist sein würde.
    Während dieser Verlegenheit hörte ich eines Tages aus Kernbeissers Munde
sonderbare Worte. Ich sass, versteckt von einem Holunderbaume hinter einem
Vorsprunge der Stadtmauer lauernd bei meiner Geisterfalle. Kernbeisser kam in den
Garten, sah mich nicht, ging heftig auf und nieder und rief endich: »Ich sag's
und hab' es stets gesagt, sie stürzt uns ins Verderben. Sie stellt die Ding'
allzusehr auf die Spitz'.« Hier wurde er meiner ansichtig, erschrak heftig und
fragte mich, ob ich seine Worte verstanden habe. Als ich verneinte, schöpfte er
Atem und erklärte sie für die Reminiszenz aus einem Schwanke.
 
                                      VI.
                            Die engbrüstige Nähterin
Wenn ich, die Geisterfalle in der Tasche, durch die Strasse nach dem Tore zu
wanderte, war mir vor einem kleinen Häuschen hinter Rebstöcken eine
Frauensperson aufgefallen, welche regelmässig, sofern das Wetter nur einigermassen
hell war, draussen neben der Türe sass und im Freien nähte. Sie sah sehr blass aus,
und hielt sich zusammengekrümmt, auch wenn sie von ihrer Arbeit emporblickte.
Ihre Augen strahlten von einer eigenen Bläue, und in ihrem ganzen Wesen bleichte
etwas, was an die Blumen erinnerte, welche eigentlich für Sonnenschein bestimmt,
zufällig im Schatten aufbrechen mussten. Ich hatte mich mit ihr in das Gespräch
gelassen und von ihr erfahren, dass sie eine arme Nähterin sei, von Jugend auf an
Krämpfen gelitten habe, und schon seit längerer Zeit von fortwährender
Engbrüstigkeit geplagt werde, weshalb sie denn auch, sooft es nur angehe, ihr
Tagwerk im Freien verrichte, weil die Stubenluft sie bedrücke.
    In den Antworten dieser Person zitterte hin und wieder eine Ängstlichkeit,
zu welcher kein äusserer Grund vorhanden war. Als ich einst in sie drang, mir zu
sagen, warum sie so häufig ohne Veranlassung seufze und in gewöhnliche Worte
einen schmerzlichen Ton lege, wollte sie anfangs mit der Sprache nicht heraus,
entdeckte mir aber endlich, dass sie, seitdem in dem Kernbeisserschen Hause das
Wesen so mächtig geworden sei, gar keine Ruhe mehr habe. Durch alle die Dinge,
welche sie von Freunden und Gevattern über die dortigen Ereignisse vernommen,
sei sie in die grösste Furcht gesetzt worden, dass sie, wie sie sich ausdruckte,
auch einmal so werden könne, was sie nach ihrer Sinnesart für das schrecklichste
Unglück halten müsse. Der Gedanke daran lasse ihr Tag und Nacht keinen Frieden,
und sie bete unablässig, dass der Herr sie damit verschonen wolle. - »Haben Sie
denn irgend schon Anwandlungen in sich gespürt?« fragte ich sie. - »Ach nein«,
versetzte sie, »es ist bei mir bis auf meine kränklichen Umstände alles wohl in
Ordnung, ich weiss, wohin der Hohlsaum gehört und wohin die Doppelnaht. Aber es
wird so viel von den Sachen gesprochen, und sie sollen hier überall in der Luft
umherschweben, und wie leicht ist es da möglich, dass sich auch einmal etwas auf
eine arme Nähterin setzt, besonders wenn sie viel sich draussen aufhalten muss. Es
kann einen anfliegen, man weiss selbst nicht wie, besonders wenn man einen Vater
gehabt hat, der nicht viel auf Gottes Wort hielt. Ich tue daher auch, wenn ich
irgend Musse habe, in der Bibel lesen, um mich zu bewahren. Hätte ich nur Geld
und an einem andern Orte Arbeit zu gewärtigen, da reist' ich nach Reutlingen zu
meiner Bas' und zöge ganz weg aus der hiesigen Gegend.«
    Um die Zeit, da die Engbrüstige mir dieses Vertrauen schenkte, kam ich eines
Tages zum magischen Schneider in seinen Stall. Er war gerade nüchtern und sass
auf dem Stroh emporgerichtet. »Meister«, sagte ich zu ihm, »wäre es Euch
wirklich so gar unmöglich, einmal mehrere Tage hindurch in der leeren Verfassung
zu bleiben?« - »Das heisst ohne Strich?« fragte er. - »Ihr trefft meine Meinung«,
versetzte ich. - »Wenn es um das Himmelreich ginge, wollte ich versuchen, mich
zu zwingen, vorausgesetzt, dass ich dann geraume Zeit lang gänzlich
zufriedengelassen würde«, sagte er.
    Ich stellte ihm die Not vor, worin wir uns befänden, und dass er allein uns
helfen könne.
    Sein Ehrgeiz war erregt. Er stand auf, konnte sich so ziemlich auf den Füssen
halten, reckte mit heftiger Gebärde die Faust aus und rief: »Das müsst' ja mit
dem Henker zugehen, wenn ich nicht so einen Kujon auftriebe! Ich will's Zechen
verschwören, bis wir einen haben und wissen, wo die Bekehrung anzugreifen steht.
Für das Himmelreich kann ich alles, nur beding' ich mir aus, so viel unterweilen
zu kriegen, als nötig tut, die Kräft' zusammenzuhalten und in die Säft' keine
Stockung zu bringen. Gebt mir ein Nössel Alten, Herr von Münchhausen.«
    Ich lief in das Haus, sagte Kernbeissern und Eschenmicheln, dass uns ein Stern
der Hoffnung zu leuchten beginne, man solle mich nun aber ganz allein mit dem
Magischen schaffen lassen. Dann brachte ich letzterem das begehrte Nössel,
welches er auf einen Zug leerte.
    Nach diesem war er seiner Kräfte mächtig worden. »Folge mir nun keiner!«
rief er; »vorderhand werde ich Weinsperg absuchen, und sehen, ob sich hier noch
ein unbekannter Dämon verkrochen hat.« - Kernbeisser und Eschenmichel traten in
den Stall. - »Gebt mir Zechgeld mit«, rief der magische Schneider. Kernbeisser
gab ihm einen Gulden und sprach: »O Dürr, du ausserordentlicher Mensch, besauf
dich aber nicht, und verabsaume darüber das grosse Werk, da es denn einmal nach
meines Freundes Willen zustand kommen soll!« - »Was denkt Ihr von mir?« schrie
der Magische ergrimmt. »Ich schwör', um das Himmelreich an mich zu halten. Ihr
seht mich entweder gar nicht, oder mit einem Dämon wiederkommen.« Er wollte
gehen. Eschenmichel schickte sich an, ihm einen Segen voll Salbung zu erteilen.
»Lasst's Geschwätz weg!« rief der magische Schneider. »Hier braucht's Fäust', und
keiner Redensarten.«
    Nach seiner Entfernung blieben wir drei im Stalle zu innigem Gebete
vereiniget für den glücklichen Erfolg dieser Sendung. Ich betete in der
Ursprache, Eschenmichel mischte in sein Gebet einige Verwünschungen der Gegner,
Kernbeisser sagte zum Schluss des seinigen: »'s ist 'ne verwünschte G'schicht',
dass die ganze Hoffnung der höheren Welt gegenwärtig auf einem Schneider beruht!«
- »Dein Humor, dein unheiliger Humor wird uns zugrund richten«, fuhr ihn
Eschenmichel an. - »Was uns zugrund richten wird, lehrt die Folge«, versetzte
Kernbeisser. »Ich sag's und bleib' dabei, man muss nichts übertreiben. Das
Zwischenreich war in gehöriger Ordnung und Verwaltung, nun soll es über die
Gebühr angestrengt werden; wir wollen sehen, was dabei herauskommt und wer
zuletzt das Bad bezahlt.«
    »Schweig!« rief Eschenmichel. »Ich schweig' schon«, versetzte Kernbeisser.
 
                                      VII.
     Grobschmidt oder Meister? - Eine Frage an euch, ihr himmlischen Mächte
Drei Tage vergingen, ohne dass wir vom Magischen etwas anderes hörten, als was
uns Leute zubrachten, die hin und wieder von ungefähr in das Etablissement
kamen. Sie erzählten uns, dass er in alle Löcher und Spelunken krieche, nach
kurzem Verweilen aber daraus wieder hervorkomme und zuweilen murre: »Es sitzt
nichts drin.«
    Am vierten Tage war er aus Weinsberg verschwunden und zufolge der Aussage
eines Ehinger Spitzenkrämers, der durch die Stadt hausieren ging, nach dem
Gebirg wandernd gesehen worden. Wir mussten nun dem Himmel das Weitere
anheimstellen, und ich schlenderte häufig durch die Gassen des Städtleins, da
ich bei erloschenem Geisterwesen sonst dort nichts zu beginnen wusste.
    Auf einem dieser Gänge fiel es mir auf, dass die engbrüstige Nähterin nicht
mehr vor ihrem Hause sass. »Ist die Jungfer Schnotterbaum krank?« fragte ich
einen Nachbar. »O nein«, versetzte der Mann, »aber sie muss Betrübnis haben, denn
wir hören sie den ganzen Tag über in ihrer Stube seufzen und mit sich selbst
reden.« - »Ei«, sagte ich, »da will ich zu ihr gehen und sie trösten.« - »'s
geht nicht«, erwiderte der Nachbar, »sie hält sich eingeschlossen und hat sogar
das Schlüsselloch verstopft.«
    In diesem Augenblicke fuhr die Nähterin von innen an ihr Fenster, sah nach
uns mit unheimlichen Augen und schoss dann wieder in die hinterste Ecke ihres
Zimmers. - »Der Person fehlt etwas«, sagte ich, »man muss doch suchen, ihr zu
helfen.« - Ich ging ins Haus. - »Jungfer Schnotterbaum, tun Sie auf«, sagte ich,
nachdem ich vergebens an der Türe geklinkt hatte. »Nein!« rief sie, »er kommt
sonst mit und setzt sich auf mich.« - »Wer denn?« fragte ich. - »Mein Vater, der
Magister«, versetzte sie. »Jetzt kann er nicht hereindringen, denn Fenster und
Türen sind verschlossen, und im Schlüsselloche stickt ein Pfropfen. Aber sobald
ich nur ein weniges öffne, kreucht er ein.« - »Haben Sie ihn denn gesehen?«
fragte ich. - »Nein«, rief sie, »aber der Dürr hat ihn gesehen. Der garstige
Balg tat, sooft er dieser Tage hier vorbeikam, nach mir ein greulich Blicken,
dass es mir durch die Seele fuhr, und gestern brüllt' er mich an: Dir steht's
nah! Wahr' dich! - Das, und meine Angst zuvor - es ist gewiss, er geht um und
wird sich auf mich setzen, und dann können die Geheimnisse an den Tag kommen,
die mich zeitlebens unglücklich machen werden! O du arme Anna Katarina
Schnotterbaum, womit hast du das verschuldet?«
    Da alle meine Versuche, Einlass zu bekommen, umsonst waren, wandte ich mich
zu dem Nachbarn zurück, und bat ihn um Aufklärung über diese dunklen Reden. Er
versetzte, er wisse nicht, was der Schneider mit der Nähterin vorgenommen habe,
übrigens könne der magische Kerl, wie er ihn nannte, den Menschen anschauen, dass
ihm Hören und Sehen vergehe. »Es ist ein Unglück«, fuhr dieser Mann fort, »dass
der Polterkram sich hier etabliert hat. Man ist gar nicht mehr sicher, dass man
nicht auch einen Geist in der Familie besitzt, der bei Gelegenheit Sachen
ausschwätzt, die nicht vors Publikum gehören. Ist man einmal begraben, so muss
die Sach' für hienieden vorbei sein, wenn aber darnach alte Geschichten
herfürgeplappert werden, so gibt's nichts als Prozess' und Unruh' und
Verfeindungen. Als zum Beispiel, ich bin Spezereihändler, habe in meinem
Geschäft den erlaubten kaufmännischen Vorteil genommen. Nun fahren mir aber da
drüben Skrupel in den Sinn, weil man jenseits nichts zu tun hat, fange an, zu
rumoren im Gewölb' und im Laden, werfe die Kästen durcheinander, stosse die Läden
am Magazin auf, dass das Salz vom Einregnen feucht wird, errege meinen Erben
Beschwer und Gewissenszweifel - was kommt dabei heraus? Ich wünschte wahrhaftig,
dass die Regierung ein Einsehen täte, und dass durch Höchste Entschliessung das
gesamte Zwischenreich Landes verwiesen würde.«
    Mir waren diese aus der einseitigen Tätigkeit des Zerebralsystems
entspringenden Plaudereien sehr langweilig, ich drang daher in den Nachbar, mehr
von der Schnotterbaum, ihrem Vater und ihren Geheimnissen mir zu sagen, auf
welche sie auch schon bei früheren Gesprächen mit mir angespielt hatte. - »Ihr
Vater«, sagte er, »war ein Magister, der noch seine fuchsrote Perücke trug, sie
ist, dass ich es Ihnen nur entdecke, ein Jungfernkind; der Alte hatte sich mit
der Aufwärterin eingelassen, da er Präzeptor im Stift war. Ein verwetterter,
leichtfertiger Kamerad, der seine Schraubereien über alles hatte und selbst
Gotteswort nicht verschonte, weshalb ihn die Leute für einen Ateisten hielten
und ihn mieden. Er wurde auch seiner Präzeptorschaft entsetzt wegen des
Ärgernisses mit der Aufwärterin und wegen der gottlosen Reden. Nach dem strich
er viel umher, hatte die Nas' hier und andererorten in jedem Kohl und suchte
sich von seinen Schreibereien kümmerlich zu ernähren. An der Anna Katarina hat
er aber doch rechtschaffen gehandelt, er nahm sie auf seine alten Tage zu sich,
dass sie ihm wasche und koche. Da sie aber von Jugend auf sehr fromm gewesen, so
mögen ihr die lästerlichen Reden, die der Alt' auch noch in seinen letzten
Jahren nicht lassen konnte, eine grosse Trübsal erschaffen haben, und dazu kommt,
dass er einige Zeit vor seinem Ende in eine grosse Unruhe verfallen ist, wie diese
sich immer bei den bösen Christen zu begeben pflegt, wenn der Tod anfängt, die
Sens' zu schleifen. Er ist ohne Nachtmahl verstorben. Das alles hat sich die
Anna Katarina, seine Tochter, zu Gemüt geführt, und meinte sie gleich nach
seinem Abscheiden, er könne nicht selig geworden sein. Überdies hat er sie mit
einem Geheimnis belastet, und das ist's, worauf die Schnotterbaum zielt. Was es
ist, weiss niemand aus ihr herauszuholen, sie sagt nur, es sei derart, dass kein
Mensch sich dessen versehe, und ganz Schwabenland erstaunen werde, wenn es an
den Tag komme. Ihr Vater habe den einen Teil seiner Entdeckung auf einer seiner
Streifereien, den andern aber hier zu Weinsperg im Kernbeisserschen Etablissement
gemacht. Das Geheimnis sei auch von ihm niedergeschrieben worden in einer
versiegelten Schrift, die er sein Testament genannt, und die hinterlegt worden,
wo? will sie oder kann sie nicht sagen. Gegen uns war sie überhaupt in der
letzteren Zeit schweigsam geworden, vermutlich weil sie die vielen Fragen
ängstigen.«
    Hier wurden unsere Unterredungen von einem dritten Manne unterbrochen, der
vom Tore herkam und uns eifrig zurief: »Wisst's was Neues? Wisst's was Neues? Ja,
wann die Ehinger nicht wären, ihr erführt euer Lebtage hier nichts Neues. Der
Dürr ist droben in der Teufelsschmied' und hämmert, als sollten heut noch zwölf
Paar Hufeisen fertig werden. Und dazwischen fährt er grimmig auf den Geist ein,
den er auf dem Ambosse hat.« - »Was ist das, und was bedeutet die
Teufelsschmiede?« fragte ich. - »Eine alte verfallene Schmiedewerkstatt«,
versetzte der Nachbar, »die schon seit hundert Jahren wüst lag, weil niemand
drin arbeiten mochte. Sie sagen, diese Werkstatt habe einem Grobschmidt
zugehört, der in Untaten hingefahren sei. Der letzte, welcher sich an die
Gespräche nicht kehren wollte und das Gemäuer bezog, soll einen solchen
Schrecken darin bekommen haben, dass er selbst sein Schmiedewerkzeug im Stich und
darin liess.«
    »Nun, dem Himmel sei Dank«, rief ich, »jetzt wird der Magische wohl Rat
geschafft haben! Wollt ihr mich, meine Freunde, hinauf in die Teufelsschmiede
begleiten?« - Der Ehinger schützte Verhinderung in Spitzengeschäften vor, der
Nachbar aber erklärte sich zum Mitgehen bereit. So machten wir uns auf die
Wanderung. Unterweges schlossen sich, als sie hörten, wovon die Rede war, noch
sechs bis sieben Strassenjungen uns an.
    Wir stiegen bergauf, kamen, nachdem die Rebhügel in unserem Rücken lagen, in
eine wilde, einsame Gegend, wo sich nach einem beschwerlichen Klimmen über Fels
und Steingeröll ein Trupp ärmlicher Hütten zeigte, der ein Dorf hiess. Etwas
abseitig wies mir mein Begleiter einen Kamp von Schwarztannen und sagte,
darunter liege die Teufelsschmiede. Unter den Bäumen war es sehr finster, ein
dunkler Tümpel stehenden Wassers, der in der Mitte des Platzes zwischen
hochaufgewehten Haufen gelber Tannennadeln stockte, spiegelte nichts zurück,
hinter demselben sah ich die vier Brandmauern eines Gebäudes ragen, aus welchen
der Hals des Schlotes wie ein Zeigefinger emporwies; denn das Dach war
eingestürzt. In diesen Trümmern hörten wir heftige Schläge auf den Amboss.
    Wir traten hinein und sahen den Magischen in voller Arbeit. Er hatte den
Rock abgeworfen, die Hemdärmel zurückgestreift und schlug mit einem rostigen
Hammer unaufhörlich auf den Amboss. Sein Gesicht war von Russ, der sich hier herum
noch stellenweise an den Wänden erhalten hatte, geschwärzt, aus dieser
Finsternis brannten seine roten Augen, die weit aufgerissen, ihm wild im Kopfe
rollten, die dürren Glieder flogen während des Hämmerns wie die Teile des
Kinderspielzeuges, welches Hampelmann genannt wird. Unsere Begleiter, die
Jungen, lachten, als sie ihn sahen, der Nachbar nannte den Anblick scheusslich,
ich fand ihn erhaben.
    Zwischen dem Hämmern rief er jezuweilen: »Bist endlich mürb, du Mordgeist?«
- Anfangs sah er uns, in seine Arbeit vertieft, gar nicht, als er uns aber
erblickte, liess er den Hammer sinken und sagte: »Nun hastu genug, nun bistu
zahm! Wie sehr im Irrtum waret Ihr, Herr von Münchhausen, mir von meiner
gewohnten Lebensweise abzuraten! In jener elendigen Nüchternheit konnten meine
abgeschwächten Kräfte durchaus keinen Geist entdecken, sobald ich mich aber, wie
gestern abend geschah, einmal wieder tapfer anfüllte, war auch meine Begabung in
ihrem vollen Flor wieder beisammen. Ich weiss nicht, wie ich in diese wüste
Gegend, und zwischen diese Trümmer geraten bin, ausser, dass es mir wahrscheinlich
ist, durch übernatürliche Führung hineinbefördert zu sein. Heute in der Frühe
nun, sobald ich die Augen aufschlug, stand er vor mir dort an der Esse, russig,
das Schurzfell vorgebunden, wollte grob sein, fragte, was ich in seiner Schmiede
tät', ich sollte mich 'naus scheren -«
    »Wer?« fragten wir alle.
    »Wer? Wer sonst, als der Grobschmidt, der hier umgehen tut? - Aber ich nahm
ihn wacker zusammen, sagt', ob er nicht wiss', dass ich der Dürr sei, schmiss ihn
auf seinen eigenen Amboss, und arbeitet' ihm mit dem Hammer so lange auf die
luftigen Knochen los, bis er klein beigab, zu winseln begann, mir seine
verborgene Missetat bekannte und auch schon einige Lust, erlöset zu werden,
spüren lässt. Nur sei hier der rechte Ort nicht, den Heilsweg zu betreten, es sei
hier oben zu einsam, er müsse mehr unter Menschen, sagte er.«
    »Wo ist er?« fragten die Strassenjungen. »Ich will ihn euch zeigen«, rief der
Magische, packte den grössten Jungen bei den Haaren, stiess ihn mit der Nase auf
den Amboss und rief:
    »Siehst ihn nun?«
    »Ja, ja«, schrie der Knabe, dem das Blut aus der Nase drang, »ich sehe ihn.«
Die andern Jungen versicherten zitternd, sie sähen ihn ebenfalls, ich hatte ihn
von Anfang an gesehen, sobald der Magische ihn nur genannt hatte, ob der Nachbar
ihn gesehen, weiss ich nicht. - »Mit der Nas' muss man diese ahitophelschen,
antichristischen Zeiten auf die Geister stossen, sonst sind sie blind bei
sehenden Augen!« rief der Magische.
    Er horchte nach dem Ambosse hin, rief dann: »Willst wandern und dir Quartier
suchen? Wohl, voran! Sa sa, nur voran! Immer voran! Darin muss man euch freie
Hand lassen.« - Er schritt, die Glieder ekstatisch reckend und schüttelnd, zur
Trümmerschmiede hinaus, mit starren Blicken dem Grobschmidt folgend, der durch
die Lüfte voranflog. Es war so dunkel geworden, dass man keine Hand vor Augen
sehen konnte, dennoch erblickte ich ihn ganz deutlich, als ich mit der Stirn
gegen einen Baum fuhr, denn da sprühten die hellen Schmiedefunken mir vor dem
Gesicht umher.
    Es ging immer bergunter nach Weinsberg zu, die Jungen waren vorangesprungen,
die ersten der Glaubigen. Wegen der Finsternis waren zum Glück nicht viele Leute
mehr auf den Strassen, sonst hätte es gewiss einen Auflauf gegeben. Unweit des
Hauses der Nähterin rief der magische Schneider überlaut: »Aha! Schlupfst da
hinein?« sprang in das Haus, sprengte mit einem heftigen Fusstritte die Türe und
war schon in Zeichen und Wundern mitten inne, als ich etwas später die Stube
betrat. Der Nachbar hatte sich voll Furcht und Zittern entfernt.
    Die Schnotterbaum lag an der Erde, verdrehte ihren Körper, ächzte und
stöhnte. Der Magische kniete über ihr, hielt ihr die Faust geballt vor den Mund
und polterte: »Hab' ich's Euch nicht angesagt? Ist er nicht eben in Euch
hineingefahren?« - »Ach wohl«, winselte die Nähterin, »es musste ja so kommen!
Als Ihr die Türe sprengtet, fuhr er mir wie ein kuhler Wind in den offenen Mund.
Tut mir die Gnade, und befreit mich von ihm, er stösst mir fast das Herz ab.«
    »Das werde ich wohl bleiben lassen«, versetzte der Magische, »es ist mir
sauer genug geworden, den Hund für die beiden Herren zu erwischen, nun soll er
sich erst in Euch zum Glauben bekehren.«
    »Das tue ich mein Tage nicht«, rief der Dämon aus der Schnotterbaum, »ich
bin ein gottloser Magister, und ein solcher will ich leben und sterben!«
    Diese Antwort setzte mich in das grösste Erstaunen. »Meister«, sagte ich zum
Schneider, »ist uns denn etwa der Grobschmidt unterweges abhänden gekommen?
Diese Jungfer Schnotterbaum scheint anstatt seiner ihren verstorbenen Herrn
Vater zur Einquartierung empfangen zu haben.«
    »Nichts als Winkelzüg'!« rief der Magische. »Solche Höllenbrut wechselt in
einem Augenblicke sechzigmal die Farb', um nur ein Schnippchen zu schlagen. Ein
Grobschmidt und kein Magister sitzet und wohnet in der Schnotterbaum, und zwar'n
der Grobschmidt oben aus der Teufelsschmiede, der seinen Knecht mit dem Hammer
erschlagen und dann in den grundlosen Tümpel gestürzt hat, allwo seine Knochen
noch tief unter Schlamm und Moder liegen.«
    Weinend und schluchzend sagte die Nähterin: »O Gott, muss ich einen so
furchtbarlichen Geist in mir beherbergen? Ich glaubte zum wenigsten, mit meinem
seligen Herrn Vater davonzukommen.« - »Ja, Jungfer«, sprach der Schneider und
half ihr vom Boden auf, »dawider hilft nun nichts. Wem ein Dämon beschieden ist,
der bekommt ihn. Übrigens werdet Ihr wohl einsehen, dass fortan Eure Stelle nur
in dem Etablissement der Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sein kann.«
    Traurig und erschöpft antwortete die Schnotterbaum: »Dem ist so. Die
Schickungen müssen nun ihren Gang gehen.« - Sie packte ein Bündelchen Wäsche
zusammen und gab ihrem Hänfling Futter auf acht Tage. Dann legte sie ihre
Nähsachen in sauber gefaltete Pakete, reichte diese einem Jungen und hiess ihm,
sie den Leuten zurückzubringen, mit der Bestellung, sie könne nicht mehr
arbeiten, denn sie habe einen Dämon im Leibe.
    Während dieser kleinen Beschäftigungen kamen Kernbeisser und Eschenmichel,
denen schon etwas angesagt worden war. Dürr, welcher, als die beiden Doktoren
eintraten, mitten in der Stube stand, sagte gross und ruhig, wie Falstaff, als er
den Percy bringt: »Da habt ihr den Dämon!«
    Wir führten die Schnotterbaum im Triumph nach dem Etablissement und gaben
ihr ein kleines Familienfest aus dem Stegereif. Dürr ging oder taumelte vielmehr
bald nach seinem Stalle, worin er ein für allemal seine Wohnung aufgeschlagen
hatte, der ausserordentliche Mensch. Kernbeisser liess zur Ehre der Magie den Stall
mit bunten Lampen erleuchten.
    Sehr glücklich sanken wir alle auf unser Lager. Wir glaubten über alle Berge
zu sein. Eschenmichel stand nur in Zweifel, ob er den Dämon katolisch oder
evangelisch machen solle. Die Schnotterbaum lag die Nacht durch in wütenden
Krämpfen, was uns weiter nichts anging, denn wir hatten es nicht mit ihr,
sondern mit ihrem Mietsmanne.
    Die folgenden Tage und Wochen waren freilich stürmisch, und wir sahen, dass
wir noch nicht einmal die Vorhügel des Berges, geschweige den Berg erstiegen
hatten. Der magische Schneider blieb dabei, dass der Grobschmidt aus der
Teufelsschmiede in die Schnotterbaum gefahren sei, und kämpfte wie ein Held für
diese Wahrheit, die er, sooft er nüchtern war, dem Dämon unter fürchterlichen
Bedräuungen in das Antlitz sagte, oder vielmehr in den Mund der Besessenen
hinein. Dagegen versicherte der Dämon, er sei kein Grobschmidt, sondern ein
Magister, habe keinen Knecht mit dem Hammer erschlagen, sondern nur über dies
und das frei gedacht.
    Es war wohl das erstemal, dass das Zwischenreich so mit sich selbst in
Konflikt geriet. Denn einer von beiden konnte doch nur recht haben, der Seher
Dürr, oder der Dämon. Die Schnotterbaum verhielt sich dabei leidend. Sie pflegte
zu sagen: »Ich bin dermassen herunter, dass mir's gleich ist, wen ich in mir
trage, den Grobschmidt oder den Magister, meinen Vater. Ist's der letztere, dann
haben sich die Herren eine Rute gebunden, als sie mich ins Haus nahmen, denn der
Magister wird eine Bosheit auslaufen lassen, von welcher ihnen nichts träumet.«
 
                                     VIII.
       Der Geist eines Grobschmidts mit den Erinnerungen eines Magisters
Endlich nach unablässiger Bedräuung, vielem und oftmaligem Anschreien,
Beschwören in dem Idiome der inneren oder Ursprache, schrecklichem Gebärden und
Einwirken durch Augenrollen brachte es der magische Schneider dahin, dass der
Dämon in sich schlug und anfing der Wahrheit, wenn auch noch nicht Gotte die
Ehre zu geben.
    Eschenmichel hatte dazu durch fleissige Vorhaltungen in seiner
logisch-scharfen Manier wacker mitgeholfen. So zum Beispiel sagte er eines Tages
zum Dämon: »Wenn wir sehen, dass du ein Grobschmidt bist, so kannst du doch kein
Magister sein, begreifst du das nicht, Verworfener?« - Dämon wurde dazumal ganz
still und schämte sich vermutlich seiner Dummheit.
    Am vierzehnten September abends sieben Uhr erfolgte die erste offene
Beichte. Das Leibliche der Jungfer Schnotterbaum lag damals, von den
unaufhörlichen Krämpfen und Anspannungen bestürmt, fast im Zustande der
Auflösung. Der Dämon aber sprach aus ihr, zwar mit schwacher jedoch mit
vernehmlicher Stimme, ja, er wolle es nur gestehen, er sei der Grobschmidt
Bumpfinger aus der Teufelsschmiede und nicht der Magister Schnotterbaum, von
Hall bürtig. Gestand hierauf auch alles ein, was wir bereits von ihm wussten.
    Die folgenden Tage wurden nun verwendet, den Dämon in seiner wahren Gestalt
recht fest werden zu lassen. »Denn«, sagte Dürr, »schlägt er wieder in den
Magister zurück, so geht die Arbeit von vorn an.« Er musste deshalb wohl
zwanzigmal seine Grobschmidtsgeschichte vom ermordeten Knecht wiederholen,
dergestalt, dass die Schnotterbaum von diesen Anstrengungen ungeduldig wurde und
einstmals ausrief: »Liebe Herren, lasst es nun gut sein, er hat es ja schon so
oft dargelegt, und im übrigen wird er doch nicht mehr sagen, als ihm mein Vater
eingibt.«
    Diese Rede klang dunkel, wir sollten aber bald die Aufklärung empfangen.
Denn nächsten Tages wurde auf Eschenmichels Antreiben ein scharfes Verhör mit
dem Dämon erhoben, dessen Zweck dahin ging, allerhand nähere Auskünfte über
höllische Dinge und über Eigentümlichkeiten des Zwischenreichs zu erlangen. Ich
will die Hauptfragen und die darauf gegebenen Antworten hieher verzeichnen.
ESCHENMICHEL: Wie bist du in das Zwischenreich gelangt?
DÄMON: Wie man vom Fleck kommt. Guckt' erst ein wenig in die Höll', konnten mich
aber da nicht brauchen, weil ich nicht an sie glaubt', die Höll' überhaupt
dummes Zeug ist.
ESCHENMICHEL: Dummes Zeug?
DÄMON: Ja, dummes Zeug.
MAGISCHER SCHNEIDER: Wie sieht die Höll' aus?
DÄMON: Sie sieht gar nicht aus.
MAGISCHER SCHNEIDER: Gar nicht aus?
DÄMON: Nein, gar nicht aus.
    Hier machte das Verhör eine Pause. Wir sahen einander voll Erstaunen an.
    Kernbeisser rief: »All mein Lebtage macht ihr diesen Dämon nicht zu einem
  regelmässigen und aufrichtigen Grobschmidt! Kein Grobschmidt wird sagen, die
  Hölle sei dummes Zeug und sehe gar nicht aus. Für solche Zweifel hantiert er
   selbst zuviel im Feuer.« - »Nur still«, sagte Eschenmichel, »man muss nicht
          verzagen.« - Das Verhör nahm folgendermassen seinen Fortgang.
MAGISCHER SCHNEIDER: Hastu was vom Teufel erfahren?
DÄMON: O ja, die ganze Wahrheit.
ESCHENMICHEL: Wie sieht der Teufel aus?
DÄMON: Er hat auch kein Aussehen nit.
KERNBEISSER: Wie denn so?
DÄMON: Er ist auch nix. Er ist auch dummes Zeug.
MAGISCHER SCHNEIDER mit fürchterlicher Gebärde: Bistu denn kein Grobschmidt nit?
DÄMON zitternd: Ach wohl bin ich der, aber von Höll' und Teufel denk' ich just
wie der Magister Schnotterbaum.
»'s ist klar! 's ist klar!« rief Kernbeisser, »der Grobschmidt kann sich von den
Erinnerungen, Gedanken und Zweifeln des Magisters noch nicht losreissen!« - Dürr
fluchte und wetterte, dass man die Nücken des Zwischenreiches nie auslerne. -
»Das ist ja eben das Erhabene und Göttliche«, sprach Eschenmichel mit Salbung,
»dass in diesem Gebiete sich immer tiefere Tiefen austiefen, und unter dem
Abgrunde der Abgrund gründet. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind zu gleicher
Zeit zwei Geister in die Schnotterbaum gefahren, der Grobschmidt und der
Magister; diese haben sich nun in ihr unauflöslich miteinander verwickelt und
verschlungen und verknotiget, so dass man nicht mehr weiss, wo der Schmidt anfängt
und der Magister aufhört. Demnach tritt denn der grossen und merkwürdigen
Erfahrung, die wir an dem halben Kindsgeiste haben, diejenige nicht kleinere und
unmerkwürdigere Tatsache symmetrisch entgegen, welche wir hier erleben, nämlich,
dass im Zwischenreiche auch eine völlige Konfusion der Geister möglich ist.«
    Nach dieser tiefsinnigen Bemerkung bat ich um die Erlaubnis, allein mit der
Schnotterbaum reden zu dürfen, welche mir auch gegeben wurde, da niemand Lust
bezeigte, das Verhör jetzt fortzusetzen, und der Dämon daher, seines Zwanges
entledigt, aus dem Halse wieder in die Magengegend hinabsank, wie unsere Kranke
sagte. Als die andern das Zimmer verlassen hatten, befragte ich sie, ob sie mir
nicht den wunderbaren Vorgang erklären könne. »Ach«, versetzte sie weinend, »ich
lebe in grosser Qual. Ich werde von Tag zu Tag schwächer, und sehne mich
inbrünstig nach meiner Nähstub', und nach meinem sonnigen Platz unter den
Rebstöcken, da meine ich, würde mir gleich wieder wohl werden bei Hohlsaum und
Doppelnaht. Nun weiss ich freilich wohl, denn die Herren und der Dürr sagen es
mir ja täglich, dass dieses schwache und sündliche Gedanken sind. Wer einmal ein
Gefäss der Wunder ist, muss aushalten, und so will ich denn auch, ich armer,
elendiger Mensch.
    Ich denk' den ganzen Tag über an die Gottlosigkeiten (der Himmel verzeihe
mir, dass ich so sprechen muss!) meines seligen Herren Vaters, und da ich ein sehr
gutes Gedächtnis von jeher gehabt, und daher nichts vergessen habe, was mir von
demselben zu Ohren gekommen ist an lästerlich-leichtfertigen Sachen über Bibel
und Christentum, so drängt sich das alles nun jetzt zuhauf in mir empor, und die
Sachen werden laut in mir, die ich so sehr verabscheue. Und da der Grobschmidt,
den ich bei mir führen soll, von nichts weiter in mir hört, als von diesen
Magistersünden, so mag es wohl daher kommen, dass in den schrecklichen
Abendstunden, wo der Dürr und die beiden Herren ihr schweres Werk mit mir
beginnen, wo ich zwischen Beten, Singen, Ausfragen, Faustdrohen, Anschnarchen
und Anbrällen nicht weiss, wo mir der Kopf steht, wo es mir grün und gelb vor den
Augen wird, meine Sinne sich verwirren und ich wie im hitzigen Fieber rede -«
    »Wie? Jungfer Schnotterbaum?«
    »Ach, ich bitte Sie, mir das unbedachte Wort nicht übelzunehmen und es ja
nicht den andern Herren zu verraten. Nein, ich wollte vielmehr sagen, wo,
während ich im hitzigen Fieber liege, das Ding in mir zu reden anfängt, dass
dann, sage ich, der Grobschmidt auch nur Magistersachen zu sagen weiss, und der
Affe des Magisters ist. Eine Erklärung kann ich Ihnen nicht geben.« - Was war
damit erklärt? Die Auslegung erschien doch gar zu dürftig. Und so blieb dieses
grosse Rätsel der Geisterwelt ungelöst.
    Wurde sogar mit jedem Tage dunkler. Befragten wir nämlich den
Grobschmidtsdämon, ob er sich der Vorfälle aus seinem Erdenleben wohl noch
erinnere, so antwortete er: O ja, er wisse die Stunde noch ganz genau, da er im
Stift zum ersten Male lateinische Stunde gegeben. Erkundigte man sich, was ihm
in gegenwärtiger Zurückgezogenheit am leidesten tue, versetzte er, dass er seinen
Juvenal nicht bei sich habe.
 
                                      IX.
    Tatsache: die Erlösung eines Dämons hängt von tausend Zufälligkeiten ab
Obiger Satz ist aus Eschenmichels Diario abgeschrieben, der gleich mir seit dem
ersten Tage dieser magischen Behandlung genau Buch führte. Wir hatten uns in die
Schriftverfassung geteilt. Ich brachte die historischen Tatumstände zu Papier,
und er zog aus denselben die übernatürlichen Folgerungen. Nun merket das neue
Wunder! Ohne dass wir vor dem Schreiben uns besprachen, passte jederzeit seine
Folgerung auf mein Faktisches wie ein Handschuh auf den andern. Daraus ist zu
schliessen, dass diejenigen, welche von der höheren Welt berichten, unter dem
Flügelschlage der Inspiration schreiben, erhaben über alle Kritik.
    Eschenmichel sagte am dreissigsten Oktober: »Lasst uns, da mit diesem
halbschlächtigen Geiste sonst nichts zu beginnen ist, jetzunder an seine
Bekehrung gehen.« Kernbeisser entgegnete: »Wolltest du, Bruder, mich nicht lieber
die Schnotterbaum kurieren lassen? die Person verfällt sichtlich.« - »Nein«,
rief Eschenmichel, »auf den Dämon kommt es an, nicht auf die Schnotterbaum!«
    Am folgenden Tage, den ersten November spuckte der magische Schneider in
seine Hände, wie er zu tun pflegte, wenn er Schwieriges vorhatte, und nachdem er
durch kräftige Formeln den Dämon von der Magengegend in den Hals hinaufgebracht,
redete er ihm ins Gewissen, sagte ihm, er solle sich schämen, ob ihm nicht das
lausige, lumpichte Zwischenreich zum Verdruss sei? schilderte ihm die himmlischen
Freuden, malte diese mit Pastoralklugheit etwas doppelfarbig, so dass sie den
Grobschmidt wie den Magister anziehen konnten, sagte unter anderem, da droben
bleibe das Eisen immer warm, was geschmiedet werden solle, und für jede
lateinische Stunde gebe es drei Kreuzer mehr, als auf Erden, sprach endlich
geradezu davon, dass hier nicht gefackelt werden dürfe, sondern der Dämon sich
erlösen lassen müsse.
    Auf diese Busspredigt war Dämon anfangs sehr grob. Sagte, wir sollten uns
alle packen, wir besässen nicht soviel Verstand im ganzen Leibe, wie er im
kleinen Finger. Was uns sein Heil angehe? Er sei mit dem Quartier in der
Schnotterbaum zufrieden. »Glaubt ihr auch in den Himmel zu kommen?« fragte er. -
»Ja«, riefen wir einhellig. - »Nun, dann ist das schon ein hinreichender Grund
für mich, haussen zu bleiben«, versetzte er. »Denn solche Tröpfe, wie ihr seid,
würden mir die ewige Seligkeit verleiden. Bekümmert euch um eure Siebensachen,
lasst mich ungeschoren, ich will platterdings nicht erlöst sein.«
    Er fügte noch allerhand Spöttereien hinzu, die ich nicht nachschreiben mag.
Aber sie waren wirklich, cerebraliter genommen, das Gescheiteste, was hier seit
Monaten sich laut gemacht hatte. Eschenmichel, Kernbeisser und ich konnten
dagegen nichts aufbringen, hüllten uns folglich schweigend in unser höheres
Bewusstsein. Aber der Schneider war der Mann nicht, sich von einem tückischen
Geiste einschüchtern zu lassen. Zeigte sich der Dämon grob, so wurde der
Schneider gröber, auf ein Schimpfwort hatte dieser zehn stärkere, und mit
Gründen, die der Dämon hinterlistigerweise brauchen wollte, liess er sich gar
nicht ein; er sagte nur, wenn solche Sophismen sich in die Unterredung
einschleichen wollten, mit donnerndem Ton: »Halt's Maul!«
    Nachdem Schneider und Dämon einander wohl eine Stunde lang wie die
Rohrsperlinge ausgeschimpft hatten, wurde der Dämon wirklich kleinlaut und
brummte: »Der Vernünftigste gibt nach. Mit solchem verwetterten Bügeleisen ist
ja gar nicht auszukommen. Gut, ich will mich erlösen lassen, aber wie soll ich's
anfangen? Ich hab' ja keine Händ' und Füss', etwas Gutes zu schaffen.« - »Du
dummer Dämon!« rief der Magische, »was braucht's da Händ' und Füss'? Du wirst
erlöst, damit gut.« - »Nur nicht immer so ungeschliffen!« erwiderte der Dämon.
»Ihr könnt doch mit Geistern manierlich umgehen, besonders wenn man in einer
Frauensperson sitzt.«
    »Siehstu deinen guten Engel neben dir stehen?« fuhr ihn der Schneider an, da
ein Lichtstrahl durch das dunkle Zimmer schoss. Nachher hörten wir, der Knecht
sei zur nämlichen Zeit unten mit der Stallaterne über den Hof gegangen. Wie
wunderbar, dass der himmlische Bote gerade diesen natürlichen Vorfall wählte,
seine Erscheinung eindringlicher zu machen! - »Ich seh' alles, was ihr seht; ihr
habt mich schon fast ebenso verstutzt und verdutzt gemacht, wie die
Schnotterbaum«, antwortete der Dämon auf die Frage des Schneiders.
    Letzterer fragte den Dämon, wie der Engel aussehe? und erhielt zum
Bescheide: »So, wie ein Engel sich trägt; ein Habit, weiss, von Nessel, blaue
Flügel mit Gold verbrämt.« - Dämon gab diese und mehrere dergleichen Nachrichten
mit murrender, unwilliger Stimme; offenbar belästigte ihn der himmlische
Geschäftsträger. Im Verlaufe der desfalls gepflogenen Unterredungen sagte er
einmal: »'s ist doch grausam, dass ich nun noch gar einen Engel auf den Pelz
krieg', da ich nimmer an Engel geglaubt habe!« - Hier aber brachte ihm
Kernbeisser, der sich sonst in der ganzen Sache als handelnde Person zweiten
Ranges darstellte, einen Kernschuss bei. Er warf ihm nämlich rasch ein, dass Dämon
seiner Denkungsart zufolge ja auch nicht an ein Leben nach dem Tode geglaubt
haben könne, und nun stecke er doch selbst mit Haut und Haar mitten drin. -
Dieser Grund traf den Dämon, machte ihn zahm, und von jetzt an liess er den Engel
über sich ergehen.
    Letzterer wurde nun beauftragt, sich gehörigen Orts zu erkundigen, wann die
Erlösung des Grobschmidt-Magisters zu gewärtigen stehe? Er versprach, gleich
dieserhalb abzureisen, und, da die Wege noch so ziemlich seien, nach dreien
Tagen abends sieben Uhr wieder einzutreffen mit hoffentlich günstiger
Resolution.
    Die drei Tage gingen in stiller Erwartung hin. Der Engel bildete, das
begriff jeder, eine neue Katastrophe in diesem Wunderdrama. Eschenmichel schlug
alles nach, was er in der Kabbala, bei den Gnostikern und bei Emanuel von
Swedenborg über Engel finden konnte, Kernbeisser sah mit tränenden Blicken in die
Wolken und dichtete schöne Lieder, in deren einem er den seelenvollen Ausdruck
eines Kalbsauges pries. Die Schnotterbaum, welche kaum noch vom Lager
aufzustehen vermochte, zupfte still an der Bettdecke, schaute seltsam vor sich
hin, und ich hörte sie zuweilen wie unwillkürlich sagen: »Was der Dämon
verschwieg, der Engel bringt's an Tag.«
    Wer aber am dritten Tage abends sieben Uhr ausblieb, war der Engel. Dämon
kam, wie gewöhnlich, folgsam aus der Magengegend heraufgestiegen, wusste auf
Befragen nicht das mindeste über den Ausgebliebenen zu vermelden, hielt sich
etwas kurz und fast spöttisch in seinen Antworten und äusserte, da sehe man, dass
auf solche Leute kein Verlass sei. - Der Magische ergoss hierauf einen Regen von
Fluch-, Beschwörungs- und Schimpfworten über den Nichterscheinenden, in der
Meinung, ihn dadurch herbeizuzwingen. Es war aber alles vergebens. Bis nach
Mitternacht wurde jegliche taumaturgische Kunst fruchtlos angewendet; der
nichtsnutzige Dämon lachte und schrie unaufhörlich: »Ich bleib' unerlöst! Ich
bleib' unerlöst! Juchheirassasa! Juchheirassasa!« - Endlich wurde die
Schnotterbaum von diesen Dingen schwach und drohte, für tot liegenzubleiben. Da
fing Kernbeisser des Magischen aufgehobenen Arm, welcher schon wieder eine
Himmelszwangsgebärde ausführen wollte und rief: »Du bist zu heftig, du
ausserordentlicher Mensch; deine Gaben und Kräfte sind für die verworfenen
Geister eingerichtet, aber diese süssen, seligen, rosigen Flügelknaben wollen mit
Zarteit behandelt sein. Deshalb ist mein Vorschlag: Du behältst den Dämon, und
überlässest mir und meinem Bruder Eschenmichel, der mich mit seinen Kenntnissen
unterstützen wird, den Engel.«
    Diese Geschäftseinteilung fand den Beifall des Magischen und wurde auch
sogleich ausgeführt. Kernbeisser setzte sich vor die Besessene hin und sang mit
sanfter Stimme:
Du lichtes, leichtes Wesen,
Wo säuseln deine Schwingen?
Wir dürsten, zu genesen
An deines Fluges Ringen.
Bist du denn nicht ein Träumen
Aus unsern ersten Tagen?
Wie lange willst du säumen,
Von ihnen uns zu sagen?
Von unsern Kinderreden,
Und kindlichem Gelüste?
Du führtest uns durch Eden,
Führ' uns auch durch die Wüste!
Darin nur eine Quelle
Den Schmachtenden erquicket:
Die fromme, heil'ge Welle,
Die unter Wimpern blicket!
Die Kranke schluchzte, und der Engel war sogleich da. Er entschuldigte sein
spätes Erscheinen und sagte, sein allzugrosser Eifer trage Schuld. Er sei
nämlich, wie eine in unaufhaltsamem Fluge begriffene Kugel über das Ziel, den
himmlischen Raum, hinausgeschossen immer weiter und weiter in das sogenannte
grosse Nichts, habe freilich, sobald er des Irrtums innegeworden sei, kehrt
gemacht, indessen doch durch seinen übermässigen Schuss Zeit und Weg verloren. Was
die Erlösung betreffe, so werde diese am dreizehnten Dezember Schlag acht Uhr
erfolgen. - Engel empfahl sich darauf. Dämon lachte und sagte: »Wenn ich am
dreizehnten Dezember erlöset werde, so will ich Hans heissen. Ich habe noch etwas
auf dem Herzen und ehe das nicht herunter ist, kein Gedanke an Erlösung.«
    »Was hast du auf dem Herzen?« fragte Kernbeisser. »Herr, fraget nicht
danach«, antwortete der Dämon, »es ist ein verfängliches Ding, keinem nütz,
zweien zu grossem Schaden!« Eschenmichel wurde verlegen und bat Kernbeissern, von
weiterem Eindringen abzustehen, man müsse auch gegen Dämonen diskret sein.
»Nein«, sagte Kernbeisser, »wenn er etwas auf dem Herzen hat, da wird nicht eher
Ruhe, als bis es herunter ist«.
    Ach, der Dämon hatte wohl recht gehabt! Am dreizehnten Dezember abends acht
Uhr keine Erlösung! Er kam bis auf die Lippen, da fiel ihm auf einmal wieder ein
blasphemischer Gedanke ein, und alsobald rutschte er auch wieder hinunter, so
dass ein jeder von uns das Geräusch hörte. Es war, wie wenn ein Sack auf den
Fussboden fiel. Der magische Schneider rief: »Sein guter Engel muss es doch aber
wissen, muss auch den blasphemischen Gedanken vorhersehen, wie darf er denn die
Leut' so anführen?« Der Engel, durch Kernbeissers sanften Gesang berufen, kam,
bat um Vergebung, er müsse sich im Datum geirrt haben, es sei droben gar zu viel
zu tun, und er setzte nun den Termin für die Erlösung auf den fünften Januar,
dann, als auch dieser fruchtlos verstrich, auf den dritten Februar, und so, bei
immer wiederkehrenden Fehlschlagungen der Erlösung nacheinander auf sechs
verschiedene Tage in den Monaten März, April, Mai.
    Der Dämon blieb fest in der Schnotterbaum sitzen, die nun schon Anfälle von
Bewusstlosigkeiten hatte. »Ja, was ist das?« sagte Eschenmichel, »wir müssen denn
doch den Engel darüber ernstaft zur Rede stellen.« - »Wie kannstu uns so oft
täuschen?« fragte Kernbeisser sanft und freundlich den Engel. - Dieser erwiderte
mit holder, süsser Stimme aus der Schnotterbaum auf englisch, d.h. in der
Engelssprache nichts weiter als:
    »Pöpöbelö«.
    Es war das erstemal, dass er sich dieses Idioms bediente; vorher hatte er
immer Deutsch mit uns gesprochen. Kernbeisser und Eschenmichel mühten sich
vergebens um den Sinn jenes Wortes ab. Da überkam mich plötzlich die Inspiration
und ich verdeutschte ihnen »Pöpöbelö« folgendermassen: »Meine Herren, ich kann
fürwahr nicht dafür, dass so viel Irrtum in dieser Geschichte vorgeht. Die
Erlösung eines Dämons hängt von tausend Zufälligkeiten ab, die sich nicht
berechnen lassen. Seit Sie das Zwischenreich so sehr in Erregung gebracht haben,
und allerorten und -enden die höhere Welt in die niedere hereinragt, kann man
sich auf nichts mehr verlassen, und alle Naturgesetze sind durchlöchert. Die
ganze Atmosphäre ist voll von Wirkungen in die Ferne und Blicken in die Weite,
Luft und Licht wissen nicht mehr, wo aus oder ein? Die Schwere hat sich auf den
Fuss der Leichtigkeit gesetzt und die Materie ist unter die Husaren gegangen.
Zentripetal- und Zentrifugalkraft spielen miteinander Kämmerchenvermieten, die
Farben klingen und die Töne leuchten, der Nervengeist aber fliesst wie eine grosse
Brühe überall umher. In einer so durcheinandergeworfenen Natur hält kein Element
mehr Stich. Der Dämon besitzt also gar kein sicheres Transportmittel mehr zu
seiner Beförderung, dazu rappelt es, rutscht es, quietscht es ihm beständig vor
seinen Augen von andern Poltergeistern, so gerät er denn in Ärger, wird in
seinem Ärger wieder gottlos, und die Vorsehung selbst kann an ihm ihr Exempel
nicht lösen.«
    Nach dieser meiner Rede in gutem Deutsch blieben die beiden Taumaturgen
lange stumm, ernsten Betrachtungen hingegeben. Engel hatte sich gleich nach dem
»Pöpöbelö« entfernt. Endlich sagte Eschenmichel: »So könnte es also dahin
kommen, dass die Magie sich selbst aufhöbe. - Tun wir nicht besser, innezuhalten
und die Sache bei dem Bisherigen bewenden zu lassen?«
    »Nein vorwärts!« rief der Schneider. »Vorwärts!« wiederholte Kernbeisser, der
mit Eschenmichel die Rolle getauscht zu haben schien und seit dem Eingreifen des
Engels ebenso kühn und leidenschaftlich sich bezeigte, als er früher bedenklich
gewesen war.
    »Vorwärts!« sprach zu unserer aller Erstaunen auch der Dämon aus der
Schnotterbaum mit dumpfer Stimme. »Ich werd' der Sach' ein End' machen und mich
selbst erlösen, Nächstkünftigen Mittwoch soll's geschehen.«
 
                                       X.
      Tatsache: in Gegenwart der Polizei erscheint weder Dämon noch Engel
Ein Zwischenfall, der sich an einem der folgenden Tage ereignete, wandte auf
einen Augenblick unsre gespannten Erwartungen von dem nächstkünftigen Mittwoch
ab. Mit dem wachsenden Flor der Schnotterbaumschen Wunder hatte sich nämlich das
Etablissement nach und nach wieder zu bevölkern angefangen. Zuerst war der
Gergesener aufs neue grunzend geworden, dann kehrten mit den Hellseherinnen die
drei Geister und zwei Geistinnen zurück, nur die zweite Hälfte des Kindsgeistes
musste sich verirrt haben, denn sie blieb aus. Unser Lager war demnach wieder
vollständig assortiert, und wir taten uns nicht wenig auf unsern Reichtum
zugute.
    Aber nicht bloss bei uns herrschten die besten dämonischen Umstände, auch
über das ganze Städtchen hatte sich der Segen ergossen. Es gab in ganz Weinsberg
fast kein Haus mehr, worin es nicht spükte; ein Poltergeist begann, sozusagen,
zur Einrichtung einer ordentlichen Wirtschaft zu gehören. Darüber kamen nun
freilich manche Geschäfte in Stockung, denn zur Dämmerungsstunde wollte niemand
mehr gern allein wohin gehen, weil trotz des Gewöhnlichen, welches die Sache
erhielt, die Furcht noch immer den Sinn der Menschen befing. Ausserordentliche
Dinge erzählte man sich; so sollte zum Beispiel in der Teufelsschmiede den
glaubwürdigsten Nachrichten zufolge der Hammer, womit der Schneider den Dämon
zuerst auf dem Ambosse bearbeitet hatte, noch immer im Hämmern begriffen sein
ohne Arm, der ihn regierte, recht wie der Hegelsche Gott in der Geschichte.
    Wie nun das Heilige stets, bevor es selbst zu weltlicher Macht gelangt, dem
Arme der weltlichen Obrigkeit verfällt, so geschah es auch hier. Die Behörden
nannten in ihrer rohen Weise das Hereinragen der höheren Welt in die Gassen von
Weinsberg einen lästerlichen Unfug, und ihre Hand begann drückend über dem
Wirken und Weben der zarten Sphäre zu lasten. Bei zehn Gulden Strafe wurde
verboten, einen Geist zu sehen, geringere Leute, die sich dessen unterfingen,
sollten mit bürgerlichem Arrest gebüsst werden. Hart lag der Druck über
Dschinnistan; der Hammer hämmerte nur noch bei Nacht, wo niemand ihn hörte.
    Auch dem Etablissement war ein Besuch der Polizei angekündigt worden und
nicht lange dauerte es, so erschien der Beamte. Der Schneider hatte uns allen
aber Mut eingesprochen chen, wir erwarteten daher gefasst jenen Boten der Gewalt.
Auch war dessen Persönlichkeit ganz geeignet unsere Zuversicht zu steigern. Wir
sahen in ihm einen noch nicht bejahrten Mann von gefälligem Äusseren erscheinen,
der sein Kommen sozusagen entschuldigte und um Verzeihung bat, dass er den Befehl
der Oberen ausführen müsse. »Glauben Sie mir, meine Herren, dass ich den Kreis
Ihrer verehrungswürdigen Bestrebungen aus eigenem Antriebe nie stören würde«,
sagte der höfliche Beamte. »Die Polizei darf keine Feindin der Wunder sein, sie
muss selbst jezuweilen Wunder tun, muss Dinge sehen, die niemand sonst sieht, zum
Beispiel Verschwörungen gegen Tron und Altar und was dergleichen mehr ist. Also
nur ein weniges Übernatürliches, meine Herren, während ich anwesend bin, und ich
will zufrieden sein und weit mehr glauben.«
    Die Schnotterbaum lag entkräftet auf dem Bette, warf dem Beamten aus ihren
matten Augen einen sonderbar lächelnden Blick zu und sagte: »Ich kenne Sie recht
wohl.« - »Und ich Sie auch, Jungfer Schnotterbaum«, versetzte der Beamte. »Ich
habe mich hin und wieder mit Ihrem seligen Herrn Vater sehr angenehm
unterhalten, obgleich seine Grundsätze nicht in allewege die meinigen sein
durften. Wenn ich nicht irre, so beruht auch noch in unserem Archive -«
    Hier unterbrach ihn der Magische, welcher die Zeit kaum erwarten konnte,
eine Probe seiner Gaben abzulegen, rief: »Jetzt wollen wir einmal dem Herrn den
Glauben in die Hand geben!« tat das, was ich von ihm schon mehrere Male
berichtet habe, sich mit Kraft zu salben, und begann das taumaturgische Werk.
Aber die Schnotterbaum blieb ruhig liegen, sagte mit ihrer natürlichen, nicht
mit der dämonischen Stimme hin und wieder: »Was für Seitenstiche, die ich
verspür', sie sind mein Letztes«; weiter aber nichts. Der Dämon kam nicht. Der
Schneider, auf dem der Beamte sein Auge still und höflich ruhen liess, griff sich
noch stärker an, warf die grässlichsten Blicke, deren er mächtig werden konnte,
umher, und gebärdete sich wie ein schaumbedeckter Schamane. Aber die
Schnotterbaum blieb ruhig liegen und kein Dämon erschien. Plötzlich schnappte
der Magische in einer ungeheuren Formel, die er unvollendet liess, kurz ab, rief,
den Beamten zornig anblickend: »Wenn ich immer beguckt werde, dann weichen die
beiden Geister der Stärk', welche mir helfen!« und rannte aus der Stube.
    Der Beamte sprach jetzt noch höflicher als zuvor: »O meine Herren, ich sehe
wohl, dass Sie mich für meine Zudringlichkeit bestrafen wollen. Dürfte ich
nichtsdestoweniger Sie Herr Doktor Eschenmichel wohl ersuchen, mir gefälligst
den Dämon vorzustellen, der hier so oft seine Aufwartung gemacht hat?« -
Eschenmichel zog die Achseln in die Höhe, ging gleichwohl zur Schnotterbaum und
sprach mit dem Dämon auf kabbalistisch und swedenborgisch. Aber die
Schnotterbaum blieb ruhig liegen und der Dämon kam nicht. Eschenmichel folgte
darauf dem Schneider, indem er sagte, dass Geschäfte ihn abriefen. »Ich bin
untröstlich«, sagte der Beamte, »dass ich diese Störungen in Ihren
Geschäftsbetrieb bringe. Wäre es nicht zu vermessen, so würde ich mich
gleichwohl ermüssiget sehen, auch Sie Herr Doktor Kernbeisser zu bitten -«
    »Doch nicht, dass ich den Dämon herbeischaffe?« rief Kernbeisser, der durch
alle Verlegenheit hindurch ein Lächeln hatte blicken lassen. Sein Humor verliess
ihn auch in dieser drangvollen Lage nicht. Er fuhr fort: »Der muss nunmehr in
contumaciam zum Tode verurteilt werden. Aber«, sprach er weinend (denn die
Übergänge von Lachen zu Tränen waren bei ihm unglaublich rasch); »das liebe
Englein wird kommen, der zarte Bub', er tut mir schon den Gefallen, er lässt
seinen alten Kernbeisser nicht im Stich.«
    Er setzte sich zum Bette, nahm die Hand der Kranken in die seinige und sang
mit sanfter Stimme:
Ich weiss, dass du vorhanden
Im ew'gen Lichte webest,
Weiss auch, dass du zu Banden
Des Ird'schen niederschwebest!
Ich müsste ganz zerbrechen,
Zerbräche mir mein Schauen!
So hart könnt ihr nicht rächen
Ein gläubiges Vertrauen.
Es blieb aber alles still in der Schnotterbaum. Nach einer Pause sagte sie,
nämlich die irdische Person Schnotterbaum: »Gebt Euch keine Mühe, lieber Herr,
auch er kommt heute nicht.«
    Kernbeisser stand auf und sah sehr verwirrt aus. »Vielleicht ein anderes Mal,
Herr Doktor, wird es besser gelingen«, sagte der Beamte in der mildesten,
tröstendsten Art. »Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen. Aber Ihr
Herr Kollege wird nach Ihnen verlangen.« - Kernbeisser ging.
    »Sollten Sie vielleicht ein Mittel besitzen, Herr von Münchhausen?« fragte
mich jener humane Offiziant. - »Nein, mein Herr«, erwiderte ich, »ich bin hier
nur Lehrling und Handlanger.« - »Nun dann ...« Es war deutlich, er wollte mit
der Schnotterbaum allein sein. Ich fügte mich seinem Winke.
    Der Beamte blieb über eine Stunde bei der Kranken. Ich kam, weil ich nicht
annehmen konnte, dass er noch bei ihr sei, und weil ich mich nach ihrem Befinden
erkundigen wollte, unversehens zu der Unterredung, von welcher ich noch die
letzten Worte hörte. Die Schnotterbaum fragte den Beamten:
    »Ist es auch keine Sünde?« und er erwiderte: »Nein, gewiss nicht; Sie tun
vielmehr ein gutes Werk damit.«
    »Herr von Münchhausen« (mit diesen Worten wandte er sich an mich) »Sie sind
hier Zeuge einer merkwürdigen Tatsache auf dem Gebiete der höheren Welt
geworden.« - »Jawohl«, versetzte ich, »es ist die Tatsache:
           In Gegenwart der Polizei erscheint weder Dämon noch Engel.
Ich werde nicht ermangeln, dem Herrn Doktor Eschenmichel sie bemerkbar zu
machen.«
    Wirklich schrieb Eschenmichel, als ich davon zu ihm redete, sie in seinem
Diario nieder. Er hatte schon wieder Mut gefasst.
 
                                      XI.
                         Bekenntnisse einer Sterbenden
Kernbeisser war zerbrochen und vernichtet. Dürr schlief. Ich war stark im Glauben
und hoffte auf den nächstkünftigen Mittwoch.
    Aber die Entscheidung sollte noch rascher heranrücken. Gegen zehn Uhr abends
liess uns die Schnotterbaum rufen. Wir fanden sie völlig entkräftet und kaum noch
fähig zu reden. Die Magd wurde herbeigeholt, unterstützte sie mit ihren Armen,
und so halb emporgerichtet, gab sie uns, oft unterbrochen von ihrer Schwäche,
folgendes zu vernehmen:
    »Ihr Herren, es geht mit mir zu Ende. Die Geistersachen haben mich zu sehr
mitgenommen. Vielleicht hätt' einige irdische Arznei meinen schwachen und
gebrechlichen Leib länger hingehalten; indessen sei es fern' von mir, an den
Pforten der Ewigkeit jemand anzuklagen.
    Ich werd' den nächstkünftigen Mittwoch schwerlich erleben. Ob der
Grobschmidt oder der Magister, mein seliger Herr Vater, in mir gesessen, ich
weiss es nit, nehm' auch keinen Anteil mehr daran. Ich muss ohne sie oder einen
von beiden vor Gott. Der Magister hat mir etwas anvertraut, worüber er auf einer
seiner Wanderungen Licht erhalten, und welches derart ist, dass kein Mensch sich
dergleichen denken kann. Es hat mich überaus sehr gequält, ist aber nicht über
meine Lippen gekommen. Ich hielt's auch meistenteils für eine Schnurr', darin
der Magister von jeher stark war. Weiss auch noch nit, ob etwas Wahres daran ist.
    Nun aber höret und vernehmet, Ihr Herrn. Der Magister hat mir auch erzählt,
dass er diese verborgene Sache zu Papier gebracht, und das verschlossene Papier
sein Testament benamset habe. Bisher wusste ich nun dessen Aufbewahrungsort
nicht. Vor kurzen jedoch ist mir offenbart worden, dass es im hiesigen
Polizeiarchive und zwar in dem Gefach S unter verschiedenen nicht mehr
brauchbaren und staubigen Papieren hinterlegt worden sei, und dorten allerdings
noch beruhe.
    Nun aber Ihr Herren tut mit meiner Entdeckung und in betreff des bisher
unbekannt gebliebenen Testamentes, was Euch gut dünkt. Mich lasst mit mir allein
und schickt mir, wenn ich bitten darf, geistlichen Beistand.«
    Die Magd musste sie zurücklegen, und ihre Brust begann zu röcheln. Wir
verliessen das Zimmer und sandten nach dem Geistlichen. Keiner von uns legte sich
nieder. Gegen Mitternacht kam die Magd und sagte, dass sie verschieden sei. Kurz
vor ihrem Ende habe sie geäussert: »Es steht kein Engel bei mir, aber ich bin
dennoch getrost. Das Unheil ist ohne meinen Willen über mich gekommen; es wird
mir vergeben werden.«
    »Also wieder eine, die in die Stricke des Zerebralsystems zurückfiel!« rief
Eschenmichel. »Dieser Umstand, meine Herren, bleibt vorderhand unter uns.«
    Alle unsere Gedanken wendeten sich mit Macht gegen das Testament des
Magisters Schnotterbaum. Nach kurzer Verfinsterung durch den dunkeln Körper der
Polizei schien die Sonne der höheren Welt nur um so sieghafter leuchten zu
sollen. Denn Eschenmichel schrieb auf der Stelle an den Beamten, teilte ihm die
Entdeckung mit, und bat ihn um die Erlaubnis für die Etablissementsgenossen, an
dem bezeichneten Orte nach dem Testamente suchen zu dürfen. »An dem Rande des
Grabes«, so schloss der Brief, »in dem Augenblicke, wo der scheinbare Tag weicht
und die heiligen Finsternisse ihre Lichter anzünden, trat die Welt der Geister
wieder in ihre unzerstörlichen, urewigen Rechte ein. Aus ihr erscholl die
Stimme, welche einen Moment lang zum Schweigen gebracht worden war, um den
Glauben am Zweifel zu prüfen. Hat sie Wahrheit gesprochen, so müssen alle
Staubwirbel, welche die Geschäftigkeit des modernen Unglaubens aufwühlt, sich
zerstreuen und verschwinden.«
    »Eigentlich ist's nicht ganz richtig«, sagte Kernbeisser, als er den Brief
überlesen hatte. »Denn der Magister hatte ihr bei Lebzeiten vom Testament
gesagt, soweit ich die gute Schnotterbaum verstanden habe.« - »Schweig!« rief
Eschenmichel, und siegelte den Brief.
    Zwischen der Leiche im Hause und dem verhängnisschwangern Polizeiarchiv
eingeklemmt verbrachten wir den Rest der Nacht in einer wild-unruhigen,
verworrenen Stimmung. Wir wollten dieses sagen, und unsere Lippen sprachen
jenes. Wir wollten jubelnde und triumphierende Reden über den Sieg der
Taumaturgie halten, und ehe wir uns dessen versahn, schlugen sie in
Klagelieder um. Wir wollten lachen und mussten heisse, schmerzhafte Tränen von den
Wangen wischen. Ein Geist, vielleicht mächtiger, als alle bisherigen
Poltergeister in und um Weinsberg ging durch das Etablissement.
    Frühmorgens sandte Eschenmichel seinen Brief an den Beamten. Sehr bald kam
eine Antwort von diesem, worin er auf die allerverbindlichste Weise seine Freude
über die hergestelte Tätigkeit der Wunder ausdruckte und meldete, dass er, um
allen Unterschleif zu vermeiden, sofort das Polizeiarchiv habe unter Siegel
legen lassen. Er bestimmte die Stunde der Nachsuchung und schloss damit, dass er,
um dem ganzen Einhergange die grösstmögliche Offenkundigkeit und feierlichste
Würde zu geben, mehrere Honoratioren des Städtchens und einige Fremde von
Auszeichnung dazu einladen lassen werde.
    Eschenmichel mühte seinen Geist in Vermutungen ab, was das mystische
Testament entalten werde. »Vielleicht die Entdeckung, wo er die Kleider des
erschlagenen Knechts gelassen«, sagte er unter anderem. - »Du vergissest«,
erwiderte Kernbeisser, »dass es ja nicht der Grobschmidt, sondern der Magister
geschrieben hat.« - »Mir ist hoch zumut!« rief Eschenmichel. - »Mir angst«,
sagte Kernbeisser.
    Dürr schlief noch immer. Ich packte im stillen meinen Koffer. Warum? weiss
ich nicht. Mir war, als müsse ich packen. Gewiss auch noch ein dämonischer
Einfluss zu guter Letzt.
 
                                      XII.
                   Das Testament des Magisters Schnotterbaum
Als die Stunde gekommen war, gingen wir nach dem Ratause. Vor demselben hatte
sich eine grosse Menge Volks versammelt, welches sich ehrerbietigst verneigte und
uns Platz machte, als wir uns näherten. Auf dem Vorsaale erwartete uns der
Beamte, welcher zur Feier des Tages sich in seine Staatsuniform geworfen hatte,
mit mehreren Honoratioren, unter denen ich den Spezereihändler bemerkte. Von
ausgezeichneten Fremden sah ich freilich niemand als den Ehinger Spitzenkrämer.
Es mochten wohl an fünfzig Menschen aller Art oben versammelt sein, in deren
Gesichtern Neugier, Befremden, Spannung sich auf die mannigfaltigste Weise
kundgaben. So weit wie heute hatte sich die Taumaturgie noch nicht in die
Kreise des profanen Lebens gewagt; schon das musste alle Erwartungen entfesseln,
dazu aber kam noch der Tod der Jungfer Schnotterbaum. Dieser setzte selbst die
Leidenschaften in Bewegung.
    Der Beamte empfing die beiden Geschäftsträger der höheren Welt mit einer
Artigkeit, die fast an Demut grenzte, und sagte zu einem seiner Dienenden leise:
»Achten Sie auf Dürr.« - »Irgendeine Auszeichnung, wahrscheinlich das
Ehrenbürgerrecht der Stadt, wird wohl die Folge der Sache sein«, dachte ich.
»Vielleicht bekommst du auch etwas ab.«
    Über dem Schlüselloche der Archivstube lagen Papierstreifen mit Siegeln,
diese wurden für unverletzt erkannt und sodann hinweggenommen. Der Beamte liess
die Stube öffnen; wir nahmen den staubigen Schränken und Repositorien gegenüber
Platz. Für Kernbeisser und Eschenmichel waren auf einer Erhöhung in der Mitte des
Gemachs zwei eilig herbeigeschafte Ehrensessel hingestellt worden. So sassen sie
denn, allen Blicken sichtbar, über uns andere erhöht, da.
    Indem ich mich zufällig während dieser vorbereitenden Handlungen umwandte,
sah ich jemand in unserem Rücken durch die offene Türe herein und hinter eine
spanische Wand schlüpfen, welche zunächst der Türe stand. Da ich etwas neugierig
bin, benutzte ich einen Augenblick, in welchem ich mich für unbeachtet halten
durfte, um mich auch hinter der spanischen Wand umzusehen. Zu meinem
allergrössten Erstaunen aber fand ich hinter derselben einen Bekannten, den ich
auf der Stelle mir erinnerlich zu machen wusste, nämlich - den Gehülfen aus dem
Würzburger Juliusspital, mit dem ich mich über die »Seherin von Prevorst« und
die beiden entlaufenen alten Weiber unterhalten hatte. Ich wollte meiner
Verwunderung durch einen Ausruf Luft machen, der Gehülfe hielt mir aber den Mund
zu und sagte: »Erregen Sie kein Aufsehen, die vorseiende heilige Handlung darf
nicht gestört werden, ein Zufall führt mich auf dieser meiner Reise durch
Weinsperg, und es war wohl natürlich, dass ich ein Zeuge des merkwürdigen
Ereignisses zu werden wünschte, von welchem ich, sobald ich im Wirtshause
abgetreten war, zu hören bekam. Was den Umstand betrifft, dass ich hier hinter
der spanischen Wand zuzusehen, oder vielmehr zuzuhören wünsche, so ist dieses
letztere eine Liebhaberei von mir, die sonder Zweifel zu den völlig unschuldigen
gehört.«
    Ich weiss nicht, welcher abermalige geheime Einfluss mich trieb, nach dieser
Entdeckung türwärts zu schleichen, um in das Freie zu entgleiten. Der Mensch ist
dunkeln, unerklärlichen Anstössen so häufig unterworfen. Aber zwei Türsteher
wiesen mich zurück und sagten: »Niemand darf das Gemach verlassen, bis die
Handlung vorbei ist.« - »Ei! Ei!« dachte ich, »werden die Geistersachen nun mit
solcher polizeilichen Strenge behandelt?«
    Der Beamte hatte inzwischen der Versammlung ihren Anlass in einer bündigen
Rede auseinandergesetzt, und forderte eben, als ich zu dem erhöhten Sitze der
beiden Doktoren der Geisterwelt zurückkehrte, diese auf, das Fach zu bezeichnen,
worin das Testament des seligen Magisters Schnotterbaum nach dessen Angabe
liegen solle. Eschenmichel gab mit herzhafter Stimme das Fach an. »Nun merket
wohl auf, meine Mitbürger«, sprach der Beamte. »Liegt das Testament des
verstorbenen Magisters, so wie behauptet wird, in dem Fache S unter
verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren, so habt ihr ein
Wunder, mit Händen zu greifen. Denn selbst seine Tochter, die tugendsame, durch
die beiden Herren so zweckmässig behandelte und nun in der Ewigkeit versierende
Jungfer Anna Katarina Schnotterbaum wusste von dem Aufbewahrungsorte nichts,
weil ihr seliger Vater ihr denselben keinesweges entdeckt hatte. Er war vielmehr
nur zweien Menschen auf Erden bekannt, dem Testator und mir, dem der alte
Schäker einstmals in einer Weinlaune das versiegelte Papier eingehändiget hatte,
ohne gleichwohl dessen Inhalt mir zu offenbaren. Es sind also nur zwei Fälle
möglich. Entweder muss ich mit den beiden Herren unter der Decke gespielt, und
ihnen den Ort verraten haben, oder er ist durch den Geist des Magisters aus
jener Welt heraus kundgetan. Der dritte Fall lässt sich nicht gedenken -«
    »Wenn ich reden dürfte -« sagte ich, von neuem durch geheimen Anstoss
hingerissen.
    »Nein, Herr von Münchhausen«, sprach der Beamte mit Ansehen, »Sie dürfen
hier nicht reden. Sie sind ein Ausländer und haben bei uns keine Stimme.« Er
warf einen so bezeichnenden Blick auf sein Dienstpersonal, dass der innere
Impuls, weiter zu sprechen, plötzlich in mir verschwand. »Wissen Sie einen
dritten Fall, meine Herrn?« fragte er Kernbeisser und Eschenmichel. »Ich bin
überzeugt, dass es Ihnen nur um Wahrheit zu tun ist.«
    »Nein«, versetzte Eschenmichel mutig. »Nein«, erwiderte Kernbeisser
schüchtern.
    »Wisst ihr einen dritten Fall, versammelte Schwaben?« rief der Beamte in das
Publikum hinein. - »Nein!« war die einstimmige Antwort der Menge. - »Glaubt ihr,
dass ich den beiden Herrn Doktoren die Sache gesteckt habe, dass die Polizei ein
falsches Wunder hier verfertigen hilft?« - Abermaliges stürmisches Nein.
    »So wäre also der Tatbestand mit völliger Gewissheit hergestellt, und nur der
Geist des Magisters kann den beiden erleuchteten Männern die Notiz haben
zufliessen lassen«, sagte der Beamte. »Wir werden aber unter solchen Umständen,
und da noch im Jenseits, in dem Lande, wo alle Täuschung schwindet, von dem
Testamente Rede gewesen ist, seinem Inhalte die allerernsteste Beachtung zu
widmen haben. Gewiss erlebt die Taumaturgie heute einen hohen Triumph. Wie
beklage ich, dass ich für ihre würdigsten Priester die Ehrensessel bei dieser
erhabenen Feier nur auf dasjenige Gerüst stellen lassen konnte, von welchem
herab wir leider mitunter auf dem Markte andere Personen dem Volke zeigen
müssen. Der Herr Doktor Eschenmichel brachte uns aber die Dämonophanie zu rasch
über das Haupt, und so mussten wir in der Hast zu jener allerdings
standeswidrigen Vorrichtung greifen, weil keine andere im Augenblick zu
ermitteln war.«
    Er gab einem Schreiber den Befehl, im Fache S nachzusuchen. Aller Herzen
pochten vor Unruhe. Der Schreiber ging, suchte, warf erst einige gebräunte Hefte
aus dem Fache, dass eine Wolke Staubes aufstieg, zog dann ein vergilbtes Kuvert
hervor, und las mit vernehmlicher Stimme dessen Aufschrift ab, welche also
lautete:
»Hierin ist entalten der letzte Wille Jodoci Zebedäi Schnotterbaums, lebzeitig
Magisters der Freien Künste, aus Hall in Schwaben bürtig.
    Dem ernannten Exekutor, dem Zufall, wird die Publikation übertragen.«
    Ein allgemeines: »Ah!« der befriedigten Erwartung wurde hörbar. Eschenmichel
sass wie ein Triumphator auf seiner Bühne, Kernbeisser wurde immer bleicher, je
deutlicher sich der Sieg auf die Seite des Wunders neigte.
    Ein grosser schwarzer Rabe kam in diesen Augenblicke in das Archiv gehüpft
und auf den Tisch, an welchem der Beamte sass. Er setzte sich zutraulich vor ihn
hin und blickte wie ein Eingeweihter nach den Taumaturgen. »Sieh! Sieh! mein
alter Claus, du Unglücksvogel, was willst du hier?« sagte der Beamte und
streichelte den Rücken des zahmen Tieres, welches seinem Herrn überallhin
folgte.
    Die Siegel des Testaments wurden gleichfalls als unverletzt anerkannt, der
Schreiber brach sie auf Befehl und hob, deutlich, dass niemandem ein Laut
entging, folgendermassen zu lesen an:
                       Zwischenbetrachtung des Erzählers
- O Menschenschicksal! Menschenschicksal! An welchen jähen Abgründen taumelst du
wie ein Nachtwandler hin! Durch das goldene Tor von Byzanz träumst du, zu
schreiten, dem Pfauentrone des Moguls in Delhi wähnst du, dich zu nähern, da
tönt der weckende Ruf, und du liegst zerschmettert unten, herabgestürzt von der
Firste des Dachs, über welche du bewusstlos klettertest! Wie hatte Kernbeissers
Blässe recht, wie hatte der schwarze Rabe recht, wie hatte ich recht, als ich
von der Möglichkeit eines dritten Falls reden wollte!
    Das Testament des Magisters Schnotterbaum entielt folgende Bestimmungen und
Aufschlüsse.
    »Da der Tod eine gewisse, Zeit und Stunde desselben aber eine ungewisse
Sache ist, so habe ich mich entschlossen, bei allbereits merklicher Abnahme
meiner Kräfte, jedoch völlig gesundem Verstande meinen letzten Willen
aufzurichten. Ich habe immer zu den Leuten gehört, welche auf Erden ihren Willen
nicht haben sollten, aber meinen letzten will ich haben und durchsetzen.
    Blutarm bin ich in die Welt gekommen, blutarm bin ich auf derselben gewallt
und blutarm werde ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach verlassen. Aber ein
Testament darf auch der Ärmste machen, und daran kann ihn kein Tyrann
verhindern. Ich hoffe nicht missverstanden zu werden, wenn ich daran erinnere,
dass des Menschen Sohn, welcher nicht hatte, da er sein Haupt hinlegen sollte,
ein Testament errichtete, aus welchem die Geschlechter zweier Jahrtausende
Erbgenahmen worden sind. Diesen Menschensohn, genannt Jesus der Christ, habe ich
zeitlebens liebgehabt, aber ganz in der Stille; nicht wie Regan und Goneril
ihren Vater liebten, sondern gleichsam à la Cordelia, oder da ich generis
masculini bin, à la Cordelius. Ich wurde deshalb für einen bösen Christen und
Ateisten gehalten, welches ich mir wohl gefallen lassen konnte, da ich die
Liebe der Regans, Gonerils, der Edmunde und Cornwalls an ihren Früchten
erkannte.
    Ich besitze an zeitlichen Gütern drei Stücke, nämlich meinen sterblichen
Leichnam, eine natürliche Tochter und einen alten von mir durchaus zerlesenen
Juvenal, Göttinger Ausgabe von Vandenhoeck vom Jahre 1742. Über meinen Leichnam
eröffne ich die Sukzession der Aszendenten, vermache ihn nämlich der Mutter
Erde, und mag er zusehen, wie er darin zu seiner Auferstehung kommen will;
vorderhand wünsche ich, zu schlummern. Meine natürliche Tochter vermache ich
ihrer Nähterei, welche ich sie habe mit allen Feinheiten dieser Kunst erlernen
lassen. Um meinen Juvenal sollen die Hauptstädte der Welt würfeln, und welche
die niedrigsten Augen wirft, ihn haben und behalten als immerwährendes
Fideikommiss.
    An ewigen und unzeitlichen Gütern besitze ich eine grosse Wahrheit und deren
Bestätigung durch ein eminentes Exempel, welches wieder mit einem unglaublichen
Geheimnisse zusammenhängt. Diesen Zusammenhang von Wahrheit, Exempel und
Geheimnis verlasse und vermache ich allen Leuten von gesunder Vernunft. Da die
genaue Bezeichnung des Erben zu den Hauptstücken eines gültigen Testaments
gehört, so merke ich hier an, dass unter den titulo honorifico Bedachten nicht
gemeint sind:
1. die sogenannten grossen Köpfe
2. die edeln Charaktere
3. die bedeutenden Menschen
4. die gefühlvollen Seelen
5. diejenigen, welche man
    a. die Hochverdienten, oder
    b. die Allverehrten und Allgeliebten nennt;
sondern meine Erben sollen sein die Leute von gesunder Vernunft, eine leider
neuerdings nur zu sehr herabgekommene und unscheinbar gewordene Sekte.
    Denn die Vernunft, welche ich meine, bietet ihren Anhängern nur Armut und
Nichtachtung, sie selber geht auch nicht in Sammet und Seide, sondern in einem
schlichten weissen Gewande. Puffen, Bänder und Schmelz fehlen ihrem Anzuge ganz,
auf den Wangen brennt ihr nicht die bei den meisten beliebte hektische Röte,
sondern die reine Farbe der Gesundheit steht auf denselben, die für den
verwöhnten Geschmack zu derb und frisch ist; kurz, sie hat nichts, was reizen
und verführen kann.
    Die grosse Wahrheit, welche ich besitze, ist: dass es keine Tollheit, keinen
noch so verrückten Sparren und keine Einfaltspinselei gibt, welche jemals
wirklich stürbe unter den Menschen. Vielmehr ist das Abtun der allergreulichsten
Irrtümer immer nur eine Scheintötung und sie leben zu gehöriger Zeit stets
wieder auf, nicht etwa mit gewechselter Garderobe, o nein! in solche Unkosten
setzt sich ihr König und Oberfeldherr nicht, sondern, wie sie waren, erstehen
sie wieder und in der alten, elendigen, bettelhaften Gestalt. Wenn ein Reich
durch die Dummen und Memmen gestürzt und durch die Klugen und Tapfern gerettet
worden, so beginnt einige Tage nach der Rettungsstunde ganz sicherlich die
Herrschaft der Dummen und Memmen wieder. Wenn es Millionen Male vorkam, dass die
Sklaven ihre Herren beraubten und ermordeten und nur die Treue des Freien
fromm-schützend die Hand über Gut und Haupt des Gebieters hielt, so stellt sich
die alte Liebhaberei für Sklaven jederzeit wieder ein, und wenn der menschliche
Geist endlich auf den Punkt gediehen zu sein schien, die Geisterwelt im Geist zu
erfassen, so ragt unversehens das verjährte, jämmerliche, krüpplichte Zeichen-,
Wunder- und Gespensterwesen, der müffigste mystische Trödel in die nur scheinbar
befreit gewesene Welt herein.
    Empfanget in der Erläuterung dieser letzten Worte, meine teuren Erben, die
Bestätigung durch das eminente Exempel. Wir haben die Reformation gehabt und
demnächst eine grosse Philosophie und Literatur. Wir glaubten, endlich dahin
gekommen zu sein, Fetische, Amulette, Poltergeister und andern Polterkram für
abgeschafft erachten zu dürfen. Endlich meinten wir, dahin wenigstens gekommen
zu sein, das Empyreum sowohl als den Hades nur in der adäquaten Sphäre des
aufgeschlossenen menschlichen Bewusstseins wirkend zu erblicken und in dessen
äusserem Leibe, in der Geschichte. Aber mitnichten. Im neunzehnten Jahrhundert
rühret sich plötzlich wieder das erstunkene, erlogene, sichtbar-unsichtbare
Gelichter; die gespenstischen Weinschrötter, Kellerasseln und Grabwürmer
kriechen aus ihren Löchern, der heilige Name Gottes und des Menschensohns wird
in diesen ekelhaften Stank und Dampf hineingerufen, die Mysten und Epopten, den
Narren oder den Schalk im Busen, verdrehen die Augen und entblöden sich nicht,
Worte des ewigen Lebens ihren Faseleien an die zerrüttete Stirn zu setzen. Der
Bauch der Vetteln soll plötzlich mehr wissen, als das Haupt und das Herz der
Weisen, und alles dieses Zeug, dieser Wasch und Klatsch, wofür man ebensowohl
Prätorii Wünschelrute, Erasmi Francisci Höllischen Proteus und den Vielförmigen
Hinzelmann als Gewährsleute anführen könnte, wird von einem nicht unzahlreichen
Pöbel aller Stände geglaubt und sanftselig weiter verbreitet.
    Ei, werdet ihr, meine Erben, sagen, was für ein schlechtes Legat
hinterlässest du uns? So stehen ja die Hexenprozesse vor der Türe. Geduld, ihr
Teuren! Es ist allerdings sehr möglich, dass unsere Enkel abermals Hexenprozesse
erleben, indessen ganz nahe stehen sie doch noch nicht bevor, und zwar von wegen
des unglaublichen Geheimnisses, welches mit dem eminenten Exempel verbunden ist.
Ihr wisst, liebe Erbgenahmen, dass die Herren Doktoren Eschenmichel und
Kernbeisser, welche hauptsächlich den Geistertrödel in schwunghaften Betrieb
gebracht haben, von der Welt für gelehrte und würdige Männer gehalten werden,
und für Männer haltet auch ihr sie wahrscheinlich. Wenn es nun aber an den Tag
kommt, was mir bekannt ist, dass dem nicht so sei, so kann es kaum fehlen, dass
die dämonischen Geschäfte in einigen Verruf geraten, die Sache, bildlich zu
reden, eine Posse wird, und unsere Nachkommen vielleicht doch in den nächsten
dreissig Jahren noch vor der Rückkehr der Hexenprozesse bewahrt bleiben.
    Meine teuren Erben, die Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sind
nicht männlichen Geschlechts.
    Auf einer meiner Streifereien, die ich unternahm, um mir mein Bettelbrot zu
verschaffen, kam ich durch eine Stadt, worin sich ein weltberühmtes Spital für
Alte und Sieche befindet. Es ist eine geraume Reihe von Jahren her. Ich liess mir
die Anstalt zeigen und durchwanderte die langen Reihen der alten Männer und
Frauen, welche ihre letzten Tage da zubrachten. Wie es nun wohl zufällig kommen
kann, dass sich unserem Geiste die Gestalt eines Baumes, Felsens, Hauses
untilgbar einprägt, so wollte es der Zufall (denn es sei ferne von mir, diese
Geschichte irgend romantisch aufzuschmücken), dass mir zwei alte Frauen, welche
von den ändern sich gesondert hielten und sehr eifrig miteinander verkehrten,
besonders auffielen. Es war weiter gar nichts Merkwürdiges an den beiden Alten.
Gewöhnliche alte Weiber, wie es deren Tausende gibt, aber ihre Statur und
Physiognomie machte dennoch einen unauslöschlichen Eindruck auf mich, so dass mir
gleich damals klar wurde, ich würde sie wiedererkennen, wo und wann ich sie
jemals sähe.
    Nach einigen Jahren und mehreren Schicksalen gelangte ich in dieses unser
Städtlein, entschlossen, hier nunmehr für Lebenszeit zu rasten. Ich hörte
sogleich von der Anlage und von dem Fortgange des Kernbeisserschen Etablissements
und erbat mir natürlich unverweilt Zutritt zu dieser grössten Sehenswürdigkeit
des Ortes. Allein wie wurde mir, geliebte Erben, als mir der Herr der Anlage mit
seinem Freunde entgegentrat! Ich meinte, der Boden schwanke unter meinen Füssen
und das Haus tanze mir vor den Augen, denn man mag auf alles gefasst sein, wenn
man zu frommen Wundertätern geht (sie haben uns an vieles gewöhnt); allein
darauf ist man nicht gefasst, in zwei Männern der höheren Welt zwei alte Weiber
wiederzuerkennen.
    Ja, meine Erben, es ist ausgesprochen, das grosse Wort des Rätsels. Wenn die
Natur nicht das nur von Komödienschreibern erfundene Spiel der Menächmen
nachahmt, wenn sie, die unerschöpflich erfindende Göttin jedem Exemplare,
welches sie aus der Form wirft, einen Zug besonderer Ausstattung mitgibt, so
habe ich mich nicht irren können, lebe vielmehr und will sterben in der
Überzeugung: Die Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sind zwei alte
Weiber, die ich vor längerer Zeit im Juliusspitale zu Würzburg gesehen habe.
    Wie und wann sie aus demselben entkommen, auf welche Weise ihnen der Gedanke
an das unter ihren Händen erblühte Etablissement geworden, das habe ich nicht
erfahren können. Nur so viel lässt sich einsehen, dass sie, wenn sie ihre
Rockenstubengeschichten für Wahrheiten verkaufen wollten, genötigt waren,
Mannskleider anzulegen, ihren Diskant zum Bass zu verstellen, und überhaupt das
zu scheinen, was sie nie waren.
    Das Geheimnis wäre sonach gegenwärtig hier deponiert, und damit hätte das
ganze Legat seine vollständige Stiftung erhalten. Die frommen und süssen Seelen
werden es ein lästerliches nennen; in meinem Sinne jedoch ist es recht
eigentlich eins zu frommen Zwecken.
    Den Zufall aber ernenne ich zum Testamentsvollstrecker, und soll es von ihm
abhangen, ob und wann dieser letzte Wille eröffnet und die Erbfolge nach
demselben angetreten wird. Ich halte sehr viel vom Zufall, seit ich gesehen,
welche erbärmliche Fratze die Menschen aus der Vorsehung machen. Es bestimmt
mich auch noch ein anderer Grund. Ich weiss, dass im Rachen des Löwen Erbarmen
wohnen kann und aus den Krallen des Tigers Rettung gefunden werden mag, dass aber
keine Gnade ist bei den Propheten. Bei meinem Leben kommt es daher nicht heraus.
Aber, wie ich meiner Nachwelt die Wissenschaft nicht unterschlagen darf, so will
ich doch auch die Kunde nicht beschleunigen. Der Zufall verwalte alles und gebe
das Zeichen, wann es an der Zeit ist. Denn die Propheten werden auch meinen
toten Staub nicht ungerührt lassen, wenn sie erfahren, dass ich ihr Geschlecht
entdeckt habe. Von einem derselben weiss ich es wenigstens gewiss.
    Die grössten Verfolgungen, geliebte Erben, sind von jeher über diejenigen
ergangen, welche im Lehrstuhl, auf der Kanzel, im Staatsrat und im Heerbefehl
die alten Weiber ausfindig machten!
    Ich bete dich an, Vernunft, Tochter Gottes, Schirmherrin der Männer, Atem
der Seele! Ich bete dich an im Geist und in der Wahrheit. Du erschütterst mir
Herz und Nieren; führe mich, bleibe bei mir bis an das Ende meiner Tage! - Ein
schlichtes, farbloses Gebet, ein Gebet in Knechtsgestalt! Ich will damit
auszukommen suchen.
    Vorstehendes ist mein letzter Wille ohne Ort und Datum, denn ich wünschte,
dass er allerorten und zu jeder Zeit gälte.
                        Jodocus Zebedäus Schnotterbaum
                                   A.A.L.L.M.
                        Requiscat anima mea in pace!«
                                  Nachschrift
                             (Mehrere Jahre später)
Ich erlebte das Ende der Szene nicht. Als bei den bezüglichen Worten des
Testaments zuerst ein atemloses Schweigen des Todes im Archive eintrat, dann
aber Jubel, Hohn, Schreck, Unwille, Entsetzen, Spott, Schimpf, kurz jeglicher
Affekt sich in Blick, Miene, Schrei Luft machte, und die Doktoren, wie von einem
Kernschusse vernichtet, in die Sessel zurücksanken, benutzte ich diesen Moment
und entwischte. Mit drei Sprüngen war ich im Etablissement, empfahl dem Knechte
mein gepacktes Köfferchen zur Nachsendung, die er auch redlich bewerkstelligt
hat, und lief spornstreichs zum Tore hinaus, denn die Sache, das fühlte ich
wohl, war hier aus, rein aus. - Auf der Strasse rannte ich an dem Magischen
vorbei, den eine finstere Macht fortbewegte. Der gemeine Mann nennt sie den
Schub. Er wusste aber noch von seinen Sinnen nichts und hat daher nachmals mit
Recht behaupten können, er sei aufgehoben und von dannen geführt worden in der
Entzückung.
    Später erfuhr ich den weiteren Verlauf der Dinge. Freilich gingen mir
darüber zwei ganz verschiedene Berichte zu. Der eine lautete folgendermassen:
Sobald nämlich der Magister Schnotterbaum von jenseits zu Ende gesprochen, sei
der Gehülfe hinter der spanischen Wand hervorgetreten und dem Testamente mit den
Worten: »Ei Mutter Ursel und Bet', sieht man euch so unerwartet hier wieder?«
ein gewichtiger Bestätiger geworden. Der Beamte habe hierauf mit seiner
immerfort noch steigenden teuflischen Sanftmut und Höflichkeit zu den Propheten
gesagt, er für seine Person halte das Schnotterbaumsche Testament für einen
sarkastischen Scherz des alten bösen Magisters und glaube, dass der fremde Herr
Doktor, getäuscht von einer flüchtigen Ähnlichkeit sich irre, indessen gebiete
ihm freilich in der Sache allein seine Pflicht, da er zugemessene Befehle habe,
das Ereignis in jeder Richtung festzustellen. Es liege auf der Hand, dass selbst
in betreff der Wunder viel darauf ankomme, ob sie ein Mann, oder ob sie ein
altes Weib erzähle, und da zufälligerweise gerade ein Sachverständiger anwesend
sei, so müsse er - zwar mit blutendem Herzen und die beiden Herren inniglich
verehrend - sie den-noch ersuchen, sich mit dem fremden Doktor behufs weiterer
Veranlassung gefälligst hinter die spanische Wand zu begeben.
    Der Beamte habe alles wütenden Widerstandes ungeachtet seinen Willen
durchzusetzen gewusst und nach einer Viertelstunde sei von dem Gehülfen aus
Würzburg auf dessen Ehre und Gewissen das Gutachten abgestattet worden, dass der
Magister Schnotterbaum mit keiner Lüge belastet das Zeitliche gesegnet habe.
    Nach dem zweiten Berichte war alles mit der Publikation des Testaments
vorbei. Die aufgeregten Affekte gingen in ein schallendes Gelächter über; der
Gehülfe trat lachend hervor und konnte vor Lachen kein bestimmtes Wort über die
Anerkennung oder Nichtanerkennung der Helden dieses Tages aussprechen. Das
Gelächter war so ansteckend, dass der alte drollige Kernbeisser endlich selbst mit
einstimmte und rief: »'s ist der ausbündigste Schwank, der zu erdenken gewesen,
beweist aber nichts gegen das Zwischenreich.« - Diese allgemeine Heiterkeit des
Ausgangs soll um so anmutiger gewesen sein, als, wie versichert wird, der Beamte
auch in diesen Momenten seinen wahren oder angelegten unzerstörlichen Ernst
beibehalten hat. Von Untersuchung hinter der spanischen Wand keine Rede.
    Indessen verfehlte das Testament des Magisters nicht, seine Wirkung
nachhaltig zu äussern. Denn wohin ich seitdem kam, überall hatte sich die
Volksmeinung gebildet, dass der alte Schnotterbaum das Geschlecht der Koryphäen
des Geisterglaubens wirklich entdeckt habe.
    Dadurch aber hatte in der Tat, wie sich deutlich spüren liess, die höhere
Welt, nämlich die Kernbeisser-Eschenmichelsche, einen Stoss erlitten. Die Erben
des Magisters aber traten die Erbschaft nach seinem Testamente ohne Vorbehalt
an.
 
                                  Dritter Teil
                                   Fünftes Buch
                          Hochzeit und Liebesgeschick
                                  Erstes Kapitel
 Worin der Hofschulze dem einäugigen Spielmann auseinandersetzt, warum er keine
                       seiner neun Jacken einbüssen wolle
An einem klaren Augustmorgen brannten im Oberhofe so viele Kochfeuer, als ob die
Bevölkerung sämtlicher Ortschaften in der Runde zum Mittagsmahle erwartet werde.
Über der Herdflamme, durch grosse Klötze und Scheiter zu ungewöhnlicher Grösse
entzündet, schwebte an dem eingezahnten eisernen Haken der mächtigste Kessel,
welchen die Wirtschaft bewahrte. Sechs oder sieben eiserne Töpfe umstanden mit
ihrem siedenden und brodelnden Inhalte diese Gluten. Auf dem Platze vor dem
Hause nach dem Eichenkampe zu prasselten, wenn die Geschichte die Wahrheit sagt,
neun Feuer, und ebenso viele, oder höchstens eines weniger auf dem Hofe in der
Nähe der Linden. Über allen diesen Kochstätten waren Böcke oder Roste errichtet,
auf welchen Bratpfannen standen, oder an welchen Kessel von nicht geringer Grösse
hingen, obschon keiner derselben sich mit dem Umfange dessen, der über dem Herde
seine Pflicht leistete, vergleichen durfte. Die Gluten verbreiteten in dem Hause
und um dasselbe eine starke Hitze, rote Funken sprühten allentalben empor und
flogen auch wohl unter das Strohdach, erloschen aber unschädlich inmitten des
gefährlich Brennbaren, gleichsam, als wollte das Element dem arglosen Zutrauen,
welches die Hofesbewohner in seine Treue setzten, dankbar entsprechen.
    Die Mägde des Oberhofes gingen mit Schaumlöffeln oder Gabeln zwischen den
Kochstätten geschäftig hin und her. Es durfte, sollte die Speise den Gästen
munden, nicht gefeiert werden mit Abschäumen und Umwenden, denn in dem grossen
Kessel über dem Herde gaben acht Hühner die Kraft zur Suppe her, und in den
übrigen dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Töpfen, Kesseln oder Pfannen sotten
oder brieten sechs Schinken, drei Trutähne, fünf Schweinsbraten, nebst der
entsprechenden Anzahl von Hühnern.
    Diesem Geflügel war nämlich das bevorstehende Fest am verhängnisvollsten
geworden. Der Hahn, welcher die gelichteten Reihen seiner Teuren über die
Nährplätze des Hofes führte, sah sich unterweilen wehmütig um, oder blickte
zornig nach den Feuern, die sein Liebstes für fremde Freuden zurichteten, und in
einer entfernten Ecke des Hofes bewegte der Morgenwind einen grossen Haufen
brauner, gelber und weisser Federn, hin und wieder eine derselben bis in die Nähe
der Feuer wirbelnd.
    Während die Mägde in den Bratpfannen nachgossen, die Schinken anstachen,
unter den Trutähnen die Glut erfrischten, von den Hühnern und der Suppe den
Schaum hinwegnahmen, waren auch die Knechte fleissig an ihrem Werke. Der
schwarzäugige Verwegene richtete im Baumgarten mit Böcken, Blöcken und Brettern
eine gewaltige lange Tafel zwischen den Blumenbeeten und unter den Fruchtstämmen
zu, nachdem ihm ein ähnliches Gerüst bereits im Flure gelungen war. Der dicke
Langsame bekleidete die Pforten des Hauses, die Wände des Flures und die Türen
der beiden Zimmer, in denen wir den Diakonus und seinen Küster einstmals haben
speisen sehen, mit grünen Birkenstämmen. Er seufzte nachdrücklich über diese
grüne und lustige Arbeit, auch fiel ihm, wie es schien, die Glut beschwerlich.
Dennoch war ihm ein nachgiebigeres Geschäft zugefallen, als seinem Mitknechte,
dem zornigen Rotaarigen. Denn er hatte doch nur mit schmiegsamen Maien zu tun,
jenem aber lag ob, das Vieh festlich zu zieren. Den Kühen nämlich und Rindern,
welche an der einen Seite des Flurs hinter ihren Krippen standen, vergoldete der
Rotaarige mit Schaumgold die Hörner, oder band ihnen bunte Schleifen und
Quasten um dieselben. In der Tat war dieses eine verdriessliche Arbeit besonders
für einen jähzornigen Menschen. Denn manche Kuh und dieses und jenes Rind wollte
schlechterdings nichts von dem Feste wissen, schüttelte mit dem Kopfe oder
schwang die Hörner seitwärts, sooft ihm der Rotaarige mit dem Leimpinsel und
den Schaumgoldblättern nahte. Er bezwang lange seine Natur und gab nur zuweilen
ein dumpfes Murren von sich, wenn ihm ein Horn den Pinsel oder die Blätter aus
der Hand schlug. Laute, welche die allgemeine Stille, womit alle Beschäftigte
ihre Arbeit verrichteten, kaum unterbrachen.
    Als aber die Zierde des Stalles, eine grosse Weissgefleckte, mit welcher er
sich wohl schon eine Viertelstunde lang umsonst abgemüht hatte, endlich sogar
heimtückisch ward und ihm einen gefährlichen Stoss versetzen wollte, da riss dem
Rotaarigen die Geduld. Er sprang zur Seite, ergriff jenen Zaunpfahl, mit dem er
einst den Pitter vom Bandkotten verschont hatte, und der sich zufällig in der
Nähe befand, und gab dem widerspenstigen Tiere mit dem dicksten Ende des Pfahls
einen so gewaltigen Schlag in die Weichen, dass die Kuh aufstöhnte. Ihre Seiten
begannen zu fliegen und ihre Nüstern zu schnauben.
    Der Langsame liess die Maie, welche er in der Hand hielt, sinken, die erste
Magd sah vom Kessel auf, und beide riefen wie aus einem Munde: »Gott behüt' uns!
Was tust du?«
    »Wenn so ein Aas keine Räson annehmen will, und will sich nicht mit Manier
vergolden lassen, so soll ihm das Donnerwetter die Knochen zerschmeissen!« rief
der Rotaarige. Er riss der Kuh das Haupt herum und schmückte sie nun schöner als
alle ihre Gefährtinnen. Denn das Tier, in seinen Schmerzen sanftmütiger
geworden, stand jetzt ganz still und liess mit sich vornehmen, was der rauhe
Künstler wollte.
    »Das kann Euch eine teure Hochzeit werden«, sagte die erste Magd. »Denn die
Blässe ist melk, und wenn sie verkalbt, so seid Ihr vom Hof.«
    »Und wenn Ihr noch ein einziges Mal Euren Rachen aufreisst, so kriegt Ihr
auch den Zaunpfahl an den Hirnkasten!« rief der Zornige. - »Denn der Baas hat
mir lange keinen Spruch mitgeteilt und jach sein zum Hader tut auch mitunter
gut, und an so einem Ehrentage muss man keinen Menschen kujonieren.« - Er gab der
geschmückten Blässe einen Schlag auf die Hüften und sagte: »Nun stehe gerade und
halte die Hörner steif, damit du nach etwas aussiehst, wenn die Herrschaften
hier speisen.«
    Während auf diese nachdrückliche Weise unten die Hochzeitsanstalten
betrieben wurden, legte der Hofschulze oben in der Kammer, worin er das Schwert
Karls des Grossen verwahrte, seinen Staat an. Das hauptsächlichste Stück des
Feierputzes, welches die Bauern der dortigen Gegend tragen, ist die Menge der
Jacken, welche sie unter dem Rocke anziehen. Je reicher der Bauer ist, um so
mehrere Jacken zieht er bei ausserordentlichen Gelegenheiten an. Der Hofschulze
besass deren neun, und alle waren von ihm bestimmt, sich am heutigen Tage auf
seinem Leibe zu versammeln. Er hatte sie hinter einem Saatlaken, welches wie ein
Vorhang den einen Teil der Kammer von dem andern schied, der Reihe nach an
Pflöcken nebeneinander aufgehängt, erst die unteren von wollenem geblümtem
Damast, silbergrauem oder rotem, dann die oberen von braunem, gelbem, grünem
Tuche. Diese waren mit schweren silbernen Knöpfen geziert. Hinter dem Saatlaken
besorgte der Hofschulze seinen Anzug.
    Er hatte sein weisses Haar sauber gekämmt, und das gelbe, frischgewaschene
Antlitz leuchtete darunter hervor wie ein Rübsenfeld, über welchem im Mai Schnee
gefallen ist. Der Ausdruck natürlicher Würde, welcher diesen Zügen eigen war,
hatte sich heute noch um ein grosses vermehrt; er war Brautvater und fühlte das.
Seine Bewegungen waren noch langsamer und gemessener als damals, wo er mit dem
Rosskamm feilschte. Sorgfältig prüfend beschaute er jede Jacke, bevor er sie von
ihrem Pflocke nahm, und legte sie darauf bedachtsam eine nach der andern an,
ohne sich bei dem Zuknöpfen irgend zu übereilen.
    Eben war er mit den damastenen fertig geworden und wollte zu denen von Tuch
übergehen, als draussen vor der Türe der Kammer ein Leierkasten erklang, und
folgendes Lied aus einer von Trunk und Heiserkeit verwüsteten Kehle zu tönen
begann:
Fordre niemand mein Schicksal zu hören,
Dem das Leben noch wonnevoll winkt;
Ja wohl könnte ich Geister beschwören -
Weiter liess der Hofschulze den Schwanengesang Kosciuszkos nicht kommen, sondern
rasch hinter dem Saatlaken hervortretend, ging er zur Türe und rief ärgerlich
hinaus: »Was soll das? Was soll das Geplärr im stillen Hochzeitshaus?«
    »Ich wollt' mich nur anmelden«, erwiderte die heisere Stimme, indem die
Pfeife des Leierkastens, welche bei dem letzten Worte des Liedes in Tätigkeit
gewesen war, auspfiff. Herein trat, oder vielmehr drängte sich eine
missgewachsene, kahlköpfige Gestalt, in eine kurze, grobe Jacke und zerrissene
Hosen gekleidet, mit Holzschuhen an den Füssen. Es war der einäugige Spielmann,
der bei den Bauern in der Gegend der Patriotenkaspar hiess, weil er in den
Unruhen von 1787 als fünfzehnjähriger Knabe zu den holländischen Patrioten
gelaufen war. Er wusste viel von Schoonhoven, Gorkum und Nieuwpoort zu erzählen;
jener Feldzug war die grosse Zeit seines Lebens gewesen. Übrigens galt er für
einen schlechten Menschen, dem man nicht gern begegnete, schützte sich vor dem
Hungertode durch den Pfennigerwerb seines Leierkastens, und lag oft wochenlang
unter freiem Himmel, oder in einsamen Schoppen und Ställen, denn ein eigenes
Obdach besass er nicht, obgleich er in seiner Jugend ein artiges Erb angetreten
hatte, welches ihm aber in sonderbarer Weise verlorengegangen war. Neben seinem
Singen schöner neuer Lieder, »gedruckt in diesem Jahr«, trieb er auch einen
kleinen Handel mit Schriften, wie: »Des Herzogs von Luxemburg Verbündnis mit dem
Satan« oder »Die schöne Caroline als Husarenoberst«, welche auf dem Leierkasten
zur Anreizung der Wissbegierigen ausgebreitet lagen, wenn er sang und spielte.
    Der Hofschulze war, verdriesslich über die Unverschämteit des
Patriotenkaspars, zurückgetreten, stemmte die Arme in die Seiten und rief: »Wer
ruft Euch? Schert Euch vom Hofe! Hier wird Euch nichts gereicht.«
    »Nein«, versetzte der einäugige Spielmann, indem er das unversehrt
gebliebene Auge tückisch unter den dünnen Brauen zusammenkniff, »hier wird mir
nichts gereicht, das weiss ich wohl, Hofschulze. Ihr lasst mich durch den Hund vom
Hofe herunterhetzen, wenn ich hier anstimmen will: Auf! Auf, ihr Brüder, und
seid stark! oder das Mantellied, oder: Das Kanapee ist mein Vergnügen. Ja, so
tut Ihr, und wenn es nach Euch ginge, wäre ich längst vor Hunger
zusammengeschnurrt, wie eine Backpflaume. Dieses verrichtet Ihr an mir, obgleich
Ihr wohl wisst, dass Ihr derjenige seid, welcher einstmals mir Haus und Hof
abfeimte und mich zu diesem Leierkasten darniedergebracht hat.«
    Der Hofschulze warf einen Blick auf den eisenbeschlagenen Koffer, worin sein
Richtschwert lag, dann trat er dem einäugigen Spielmann einen Schritt näher, sah
ihn lange gross und gelassen an, und fragte ihn darauf: »Wer ist schuld, dass der
Oberhof nach meinem Tode in die fremde Freundschaft übergeht und nicht bei
meinem Samen bleibt?«
    »Ich«, antwortete der Spielmann, und drehte am Leierkasten, dass dieser
einige Misstöne von sich gab. »Ich habe Euch dazumal Euren Jungen und Erben
totgeschlagen. Ihr wisst aber wohl, was der Junge wider mich ersonnen hatte, und
wie ich um mein linkes Auge gekommen bin. Und deshalb hättet Ihr nicht so mit
mir verfahren dürfen, wie Ihr verfahren seid, denn man darf den Menschen wohl
abtun, aber ihn nicht elend machen.«
    »Seid Ihr anders als gehörig geheischen und geladen worden?« fragte der
Hofschulze kalt. »Habe ich Euch nicht nach richtigem Freistuhlsrecht und
Königsbann vermaledeiet und Euch gewiesen echtlos, rechtlos, friedelos, ehrlos,
sicherlos, misstätig? - He?«
    »Nein«, versetzte der Spielmann und lachte höhnisch. »Mein Fleisch und Blut
und Gebein ist, wie es sich gebühret, gewiesen und zugeteilt den Krähen und
Raben und den Vögeln und andern Tieren in der Luft, meine Seele aber dem lieben
Herrgott, wenn sie derselbe zu sich nehmen will.«
    »Amen«, sprach der Hofschulze. »Warum rührt Ihr diese Dinge auf?«
    »Es sind alte Geschichten, sie mögen schlafen«, sagte der Spielmann,
ingrimmig eine seiner fliegenden Schriften zerreissend, welche auf dem Deckel des
Leierkastens lag und das höllische Verbündnis des Herzogs von Luxemburg
entielt. »Ich komme wegen Hungers zu Euch. Mich hungert. Ich hab' seit drei
Tagen nichts gefressen. Die Leute wollen mir nichts mehr geben, weil sie der
Lieder überdrüssig sind. Hochzeitshaus ist offen Haus. Deshalb habe ich das
Recht auf die Befugnis, auf den Oberhof zu kommen. Ich wollte Euch gebeten
haben, dass Ihr mich zum Spassmacher für heute nachmittag annehmet und mir dafür,
wie Recht, Speise und Trank reichen lasset.«
    Der Hofschulze besah den unglücklichen Spassmacher von oben bis unten und
sagte dann langsam: »Ihr habt nicht die Statur und Manier, dass die Leute über
Euch lachen können. Auch ist Steinhausen bereits genommen worden und mit zwei
Spassmachern gibt es Zank.«
    »Steinhausen«, rief der Spielmann zornig, »weiss nicht halb die Spässe, wie
ich! Ich habe die besten und neuesten, von denen sich Steinhausen nichts träumen
lässt.«
    »Dennoch bleibt es bei Steinhausen«, erwiderte der Hofschulze, ohne die
Miene zu verziehen, denn er hatte im Laufe des Gesprächs seine gewöhnliche Ruhe
bald wiedergewonnen. Er fügte aber dem abweisenden Bescheide hinzu, dass der
andere sich fern von den Gästen in den Eichenkamp setzen dürfe und dort der
Stillung seines Hungers gewärtig sein könne.
    Aber in diesem sonderbaren Volke lebt selbst bei den Geächteten und
Ausgestossenen ein gewisser Stolz fort. Der Spielmann warf auf das letzte
Anerbieten seines rauhen Feindes trotzig den Nacken empor und rief: »Umsonst
habe ich noch nie Brot gegessen, und wenn Ihr mir nicht vergönnen wollt, für
Euch zu arbeiten, so will ich fortfahren zu hungern.«
    Er wandte sich und ging der Türe zu. Der Hofschulze wartete seine völlige
Entfernung nicht ab, um hinter das Saatlaken zurückzutreten. Der Spielmann blieb
aber in der Türe stehen, und als er sah, dass sein Widersacher ihn nicht bemerken
konnte, setzte er leise seinen Leierkasten ab, schlich auf den Zehen unhörbar
wieder in die Kammer, blickte sich spähend um, flüsterte: »Hier muss es irgendwo
herum stecken! Wo steckt es?«
    Der Koffer erregte seine Aufmerksamkeit, er schlug sacht den Deckel zurück
und hätte beinahe seine Freude durch einen Schrei verraten, als er das rostige
Gewaffen darin liegen sah. »Nun ist es gut, nun will ich dir schon einen Tort
antun, den du zeitlebens nicht verwinden sollst«, murmelte er. Ohne Geräusch zu
machen, klappte er den Deckel zu, bewegte sich leise nach der Türe, zog den
Schlüssel von derselben, warf den Leierkasten an dem Tragriemen über die
Schulter, trat jetzt, als kehre er noch einmal zurück, hart auf und rief mit
lauter Stimme: »Hofschulze, noch ein Wort!«
    Der Hofschulze, der gerade mit seinem Hochzeitsputze fertig geworden war,
schritt in diesem Augenblicke hinter dem Saatlaken hervor. Sein Ansehen war
höchst stattlich. Ein lichtblauer offenhängender Tuchrock mit weiten, geräumigen
Ärmeln gab der grossen, markigen Gestalt Umfang und Fülle, darunter sassen die
neun Jacken, die er nur so weit zugeknöpft hatte, dass alle, eine unter der
andern, sichtbar blieben. Auf das Haupt hatte er sich den dreieckichten Hut mit
breitem Rande, an der Seite in die Höhe gekrempt, gedrückt, an den Füssen trug er
leinene Kamaschen, glänzend von Weisse, und ein grosser Stock bewehrte die braune,
runzlichte Faust. Erstaunt über die vermeintliche Wiederkehr des Spielmanns
blieb er einige Augenblicke schweigend stehen, der Spielmann schwieg ebenfalls,
weil er sich an dem Anblicke seines Feindes, dem er einen tödlichen Verdruss
bereiten zu können sich bewusst war, wie an dem eines aufgeschmückten Opfers, im
stillen weiden mochte. So standen einander der Reiche und der Bettler des
Standes schweigend gegenüber; der Reiche voll Verachtung, der Bettler mit dem
Gefühle, dass auch ihm eine Macht über den Reichen geworden sei.
    Endlich fragte der Hofschulze: »Was wollt Ihr noch?«
    »Hofschulze«, versetzte der Spielmann mit erheuchelter Demut, »Hunger tut
doch gar zu weh und Standhaftigkeit hält nicht vor gegen knurrende Eingeweide.
Ich wollte Euch nur noch sagen, dass ich im Eichenkampe heute nachmittag sitzen
und auf die Brocken warten werde, die von Eurem Tische fallen.«
    »Ich dacht's wohl«, sagte der Glückliche stolz. »Hochzeit macht alle satt,
ist ein Sprichwort, es soll bei Euch auch zutreffen.« - Er wollte gehen. Der
Spielmann vertrat ihm den Weg. »Erlaubt«, sagte er, »dass ich Euch noch einen
Augenblick betrachte. Ihr seid trefflich gekleidet. Der Rock kostet seine Mandel
Taler. Aber eine Sitte will mir nicht gefallen, die mit den neun Jacken. Wenn
man herumgekommen ist in der Welt, wenn man dabei war,wie die alte Orange
dazumal in Schoonhoven vermolestiert wurde6, und bei der Übergabe von Gorkum und
hernach auch noch allerhand Dieses und Jenes in der Fremde gesehen hat, so lobt
man nicht jegliches, was die Leute daheim tun. Neun Jacken, eine unter der
andern - darin könnt Ihr Euch ja gar nicht rühren, und werdet müssen, besonders
beim Essen, eine Hitze ausstehen, nicht zu ertragen.«
    »Für Pläsier wird dergleichen überhaupt nicht angezogen«, antwortete der
Hofschulze feierlich. »Sondern weil ich neun Jacken bezahlen kann, so trage ich
neun Jacken, und weil es so hergebracht ist seit hundert und mehreren Jahren,
und die gute Sitte es erfordert, und mein Vater und mein Grossvater immer neun
Jacken trugen auf allen Hochzeiten und Kindelbieren. Wie viele sollte ich denn
nach Eurem Rate anziehen, Kaspar?«
    Der Patriotenkaspar dachte nach und sagte dann: »Etwa sechs.«
    »Gut. Also die siebente, achte und neunte lege ich ab, wenn ich Eurer
Meinung folge. Nun kommt aber einer, dem die sechste Jacke nicht gefällt, und
ein anderer, dem die fünfte missbehagt, und wieder einer, dem die vierte anstössig
ist. Dieses geht nun so fort. Es werden sich, wenn ich erst bis zur dritten
Jacke herunterprozessiert bin, stets Leute finden, die mir diese, und Freunde,
die mir die zweite widerraten. Kein vernünftiger Grund ist aber vorhanden, warum
ich diesen Leuten abschlagen soll, was ich Euch gewährte. Jetzt trage ich also
noch eine Jacke und meinen Rock darüber. Weil ich jedoch einmal in das Ausziehen
gekommen bin, und weil mir in der Sommerwärme überhaupt alles und jegliches Zeug
auf dem Leibe Beschwernis macht, ei, so bleibe ich vielmehr in der Übung, werfe
erst den Rock ab und dann die letzte Jacke, und wofern die Hitze einigermassen
stark ist, auch noch endlich das Hemde, gehe dann also splitterfaselnackt umher,
wie ein gerupfter Sperling, was eine Schande ist und nicht gut lässt.
    In allen Sachen muss man daran halten, wie sie eine Ordnung und ihren Bestand
haben und des Herkommens sind. Wäret Ihr nicht zu den holländischen Patrioten
und noch sonst allerwärts herumgelaufen, sondern hübsch im Kolonate sitzen
geblieben, so wären Euch die dummen Dinge und Hoffärtigkeiten aus dem Kopfe
geblieben. Weil Ihr aber die alte Orange draussen mit hattet vermolestieren
helfen, so dachtet Ihr, Ihr dürftet uns hier auch Molesten machen, die Welt
gehöre Euer und ausserdem noch etwas. Ihr erhobet Eure Augen zu meiner Tochter,
was Ihr als Kolon nicht durftet, und daraus entsprang Sünde und Schande,
Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Ich musste an Euch Recht nehmen, Ihr seid bis
zum Leierkasten heruntergekommen, und ich trage noch meine neun Jacken. Wer dazu
die Macht und Gewalt hat, der soll sich auch die neunte nicht abdisputieren
lassen, denn er weiss wohl, womit er anfängt, aber nicht, wo er aufhört, und
dieses ist die Moral von der Sache.«
 
                                Zweites Kapitel
               Ein Topf läuft über und eine Braut wird geschmückt
Der Hofschulze war nach seiner Rede langsam aus der Kammer und die Treppe
hinuntergegangen, gefolgt von dem Spielmann, der auf die Schlussfolgerungen des
Alten nichts zu erwidern wusste und sich unten aus dem Hofe schlich. Im Flur
überschaute der Hofschulze die getroffenen Anstalten; die Feuer, die Kessel, die
Töpfe, die grünen Maien, die bebänderten und vergoldeten Hörner seines
Rindviehs. Er schien mit allem zufrieden zu sein, denn er nickte mehrere Male
wohlgefällig mit dem Kopfe. Er schritt durch den Flur hofwärts und dann nach der
Seite des Eichenkamps, sah die dortigen Feuer lodern und gab gleiche Zeichen des
Beifalls, jedoch immer mit einer gewissen Hoheit. Wenn der weisse Sand, womit der
ganze Flur und der Platz vor dem Hause dick bestreut war, unter seinen Füssen so
recht lebhaft rauschte und knackte, schien ihm dies ein besonderes Vergnügen zu
machen.
    Jetzt war er von seinem beaufsichtigenden Gange in die Nähe des Herdes
zurückgelangt. Ein Topf, welchen die Mägde zu tief in die Gluten geschoben, war
im Überkochen begriffen und drohte, seinen Inhalt zu verschütten. Schon war ein
Teil des letzteren in das Feuer gewallt, welches sich zischend gegen diesen
Feind wehrte. Von den Mägden und Knechten war eben zufällig niemand im Flur, da
sie im Baumgarten sich mit der Tafel beschäftigten. Der Hofschulze hätte nun
allerdings dem Fortschritte des Unheils durch Abrücken mit eigener Hand Einhalt
tun können, aber er war weit entfernt, so die Haltung des Brautvaters, welche
ihm verbot, irgend etwas an diesem Tage selbst anzufassen, zu verlieren.
Vielmehr stand er ruhig neben dem überkochenden Topfe, ruhig wie jener spanische
König, welcher die glühende Kohle lieber seinen Fuss versengen liess, als dass er
sie etikettewidrig selbst weggenommen hätte. Er begnügte sich damit: »Gitta!« zu
rufen, auch nicht hastig und leidenschaftlich, sondern langsam und ruhig. Es
dauerte daher einige Zeit, bevor die Magd Gitta herbeikam, und als sie endlich
gekommen war, erschien die Hülfe zu spät, denn der Topf hatte nichts mehr zu
verschütten.
    Der Hofschulze liess sich diesen Verlust nicht kümmern, die Magd musste ihm
einen Stuhl vor das Haus setzen, er nahm dort, dem Eichenkampe gegenüber, Platz,
und erwartete, die Schenkel gerade vor sich hingestreckt, Hut und Stock in der
Hand, von der goldenen Sonne prächtig beleuchtet, still und wacker den weiteren
Fortgang der Dinge.
    Inzwischen schmückten zwei Brautjungfern die Braut auf ihrer Kammer. Rings
um sie her standen bunt mit Blumen bemalte Laden und Packen in Leinwand, welche
die Ausstattung an Gebild, Betten, Garn, Wäsche und Flachs entielten. Selbst in
der Türe und bis weit auf den Gang hinaus war alles besetzt. Inmitten dieser
Reichtümer sass die Braut vor einem kleinen Spiegel, hochrot und ernstaft. Die
erste Brautjungfer legte ihr die blauen Strümpfe mit roten Zwickeln an, die
zweite warf ihr den Rock von schwarzem, feinem Tuche über, und liess diesem
Stücke die Jacke gleichen Stoffes und gleicher Farbe folgen. Darauf
beschäftigten sich beide mit dem Haare, welches zurückgestrichen und hinten in
einer Art von Rad zusammengeflochten wurde.
    Während dieser Zurüstungen sagte die Braut kein Wort. Desto gesprächiger
waren ihre Freundinnen. Sie lobten den Putz, priesen die aufgestapelten Schätze,
und hin und wieder liess ein verstohlener Seufzer ahnen, dass sie lieber
Geschmückte als Schmückende gewesen wären. Unerschöpflich waren sie in
Hochzeitsgeschichten, welche jedoch sämtlich darauf hinausliefen, dass die und
die dasselbe angezogen habe, was nun auch die Tochter vom Oberhofe der
Landessitte gemäss zu tragen hatte. Als diese Erzählungen endlich doch
versiegten, kam das Ausbleiben der dritten Brautjungfer an die Reihe. Sie hatte
sich unpass melden, jedoch zugleich sagen lassen, sie werde wohl noch imstande
sein, zu kommen, wenn auch später als die andern. Nun war es aber schon zehn Uhr
vormittags, in einer halben Stunde musste die Glocke anfangen zur Trauung zu
läuten, es war die höchste Zeit, dass die dritte erschien, ohne welche die Braut
für nicht gehörig begleitet gelten konnte. »Sie kommt gewiss«, sagte die zweite
Brautjungfer, »an so einem Tage macht sich ja kein Mensch etwas daraus, wenn ihm
auch etwas schlimm ist.« - »Und was wollt ihr mit mir wetten«, rief die erste,
»dass sie nicht kommt? Ich weiss, was ich weiss, weiss, mit den Schmerzen ist es so
weit nicht her, aber der Verdruss ist zu gross, und sie kann sich nicht zwingen;
das hat ihr von jeher gefehlt.«
    »Ei Gott«, sagte die Braut, welche hier zum ersten Male ihre Sprache fand,
ängstlich, »das wäre ja ein erschreckliches Unglück, und wenn sie ausbliebe, so
würde aus der ganzen Hochzeit nichts.« - Sie würde lieber den Bräutigam gemisst,
als die dritte Brautjungfer entbehrt haben.
    »Wenn du mir folgen willst, Kordelchen, so lass uns auf den Notfall denken«,
sprach die zweite Brautjungfer, ein flinkes, anstelliges Mädchen. »Ich pack'
deinen zweiten Feiertagsanzug aus, wir warten noch ein Stückchen, und wenn die
Sibyll' dann nicht da ist, so kleid' ich die Stellvertreterin für sie ein.«
    Ohne die Antwort der Braut abzuwarten, hatte das Mädchen eine der Laden
aufgetan und aus derselben den saubern neuen Staat mit allem Zubehör an Bändern
und Krausen genommen. Ihre Gefährtin stiess währenddessen durch das Radgeflecht
der Haare einen silbernen Pfeil, und dann brachten beide Mädchen mit feierlichen
Mienen der Braut die Krone zugetragen. Denn die Mädchen der dortigen Gegend
tragen an ihrem Ehrentage keinen Kranz, sondern eine Krone von goldenen und
silbernen Flittern. Der Kaufmann, welcher ihren Putz liefert, leiht die Krone
nur dar und nimmt sie nach dem Hochzeitstage zurück. So wandert sie von einem
bräutlichen Haupte zum andern. Es liegt etwas Schönes und Wahres in diesem
Gebrauche und ich müsste mich sehr irren, wenn er nicht aus dem göttlichen
Instinkte des Volkes entsprungen wäre, der freilich darin, wie in allem, worin
er schöpferisch hervortritt, nur unbewusst gewaltet hat. Das Höchste, Einzige,
was nur einmal das Leben zieren kann, soll nie als Eigentum in Besitz genommen
werden, soll stets nur leihweise die Stirn des Glücklichen berühren. So darf der
Lorbeerkranz um die Scheitel des Helden und Dichters, so darf das Blatt, welches
sich, wann Vater und Mutter weinend segnen, durch die Locke der Jungfrau
schlingt, nur Gunst und Zeichen eines Augenblicks sein. O es wäre zu wünschen,
dass mancher unserer städtischen Damen versagt wäre, mit anspruchsvollem Stolze
die welke Myrte zu betrachten, die sie im geschmückten Kästchen unter dem grossen
Spiegel verwahren, dass sie sich vielmehr hätten gewöhnen müssen, gleich den
westfälischen Bäuerinnen die Krone morgen auf einem andern Haupte zu erblicken,
welche sie heute trugen, und welche gestern ebenfalls eine andere getragen hat!
 
                                Drittes Kapitel
   Worin der Autor fortfährt, die Vorbereitungen zur Hochzeit zu beschreiben
Die Braut senkte ihr Haupt ein wenig, als die Freundinnen ihr die Krone
aufsetzten, und ihr Antlitz wurde, als sie die leichte Last auf ihrem Haare
fühlte, womöglich noch röter als früher. Es ist schön im Menschenleben, dass
jeder einen Augenblick erlebt, worin alle königliche Macht und Majestät vor ihm
zunichte wird. Diesen Augenblick erlebt nicht nur der Feldherr, der durch einen
Sieg die Hauptstadt rettet, oder der Kanzler, der mit einem Federzuge die
Grenzen des Reichs um das Doppelte zu mehren weiss; es erlebt ihn jeder einmal,
er müsse sich auch sonst Tag für Tag durch ein gedrücktes Dasein hindurch beugen
und winden. Der Tagelöhner hat ihn, der sein neugeborenes erstes Kind auf den
Arm nimmt und selbst der todkranke Bettler empfindet ihn, wenn ihm ein
pflichtgetreuer und gewissenhafter Priester die heilige Kommunion reicht.
    Auch unsere Braut, von der sonst nicht viel zu sagen ist, fühlte diesen
Augenblick, als sie die Krone auf ihrem Haupte empfing. In dem dunkelschwarzen
Haare, welches sie ausnahmsweise mitten unter dem blonden Volke besass, funkelten
die goldenen und silbernen Flitter gar lustig. Sie richtete sich, angefasst von
ihren Freundinnen auf, und die beiden breiten golddurchwirkten Streifen, welche
zur Krone gehören, fielen ihr lang auf den Rücken hinunter. Die Knechte standen
schon vor der Türe, um die Ausstattung in den Flur hinabzuschaffen, die
Brautjungfern nahmen ihre Freundin bei der Hand, eine erhob das Spinnrad,
welches bei den nachfolgenden Zeremonien ebenfalls seine Bestimmung hatte, und
so gingen die drei langsam die Treppe hinunter zum Brautvater, während die
Knechte die Laden und Packen ergriffen und sie in den Flur zu tragen begannen.
    Inzwischen hatte der Hofschulze unten vor der Türe Gelegenheit gehabt, seine
Fassung zu beweisen. Denn kaum war er draussen einige Minuten lang gewesen, als
ein junger Bursche, der Hochzeitbitter, langsam durch den Eichenkamp gegen das
Haus zu geschritten kam, dessen verlegene Miene mit seinem Putze und mit dem
lustigen Busche von gewiss fünfzig farbigen Bändern am Hute wenig übereinstimmte.
    »Nun, was ist das?« fragte ihn der Hofschulze. »Was soll das traurige
Gesicht? Passierte ein Unglück?«
    »Ach«, versetzte der junge Hochzeitbitter, »werdet mir nicht böse,
Hofschulze. Hölscher will nicht kommen.«
    Der Alte liess vor Schreck seinen Hut fallen und seine Züge verwandelten
sich. - »Wie?« rief er nach einigem Schweigen. »Hölscher will nicht kommen? Mein
nächster Nachbar? Ei, das wäre ja dem ganzen Pläsier und Feste ein grosser
Schimpf. Und warum will er nicht kommen? Du bist gewiss in deiner Rede
steckengeblieben.«
    »Nein, das nicht«, versetzte der Hochzeitbitter. »Ihr wisst, an Maulwerk
fehlt mir's nimmer, und ich bringe auch alles immer heraus, gehörig geschrieen,
wie es sein muss. Ich kann die Rede aufs Schnürchen, wie ich sie allerorten
hersagte, und so auch bei Hölscher:
Ihr lieben, guten Hochzeitsleute,
Kommt morgen auf den Hof, nicht heute;
Der Bräutigam und auch die Braut,
Die werden vom Herrn Pastor getraut,
Und wenn getraut ist, geht's zu Tisch,
Darauf wird sein viel Fleisch, kein Fisch,
Es wird da sein auch ein Stück Wurst,
Ist gut für den Hunger und weckt den Durst.
Auch findet ihr einen oder mehrere Schinken,
Auf welche sich sehr gut lässt trinken,
Ein Mostertstück wird nicht vergessen,
Das sollt ihr dann mit Mostert essen,
In der Suppe sind Hühner, die nicht krähn,
Das Beste sind vier Puterhähn',
Die lagen fünfzig Jahr' an der Kett'
Davon sind sie geworden fett,
Kommt ihr zum Oberhofe nicht,
So seid ihr alle schlechte Wicht' -«
Der junge Bursche würde noch lange in diesen Versen, die er laut schreiend mit
eintönigem Fall der Stimme vortrug, fortgefahren haben, wenn ihn nicht der
Hofschulze ungeduldig unterbrochen und zu ihm gesagt hätte: »Ich brauche deinen
Spruch nicht. Warum bleibt Hölscher aus?«
    »Weil ich ihn statt gestern, erst heute früh eingeladen habe«, erwiderte
kleinlaut der Hochzeitbitter. »Sie hatten mir gestern überall so viel
eingeschenkt, dass ich gegen Abend duselig geworden war und einschlief und
Hölscher ganz verschlief, wo ich denn nun heute früh nachholen wollte, aber ...«
    »Hölscher liess das nicht gelten und sagte, es schicke sich nicht, erst am
Hochzeitmorgen gebeten zu werden, es gehöre sich spätestens den Tag zuvor, nicht
wahr?« fiel der Hofschulze ein.
    »Jawohl«, antwortete der Bursche, »und er sagte auch, es heisse in dem
Spruch:
    Kommt morgen auf den Hof, nicht heute-
    wenn er aber morgen komme, so habe er das leere Nachsehen.«
    Der Hofschulze bohrte seinen Stock tief in die Erde. Das Blut war ihm
dermassen in das Antlitz getreten, dass seine Stirnadern geschwollen starrten. Er
sah den Hochzeitbitter mit einem furchtbaren Blicke an, vor dem dieser den Hut
abnahm und drei Schritte zurücktrat. Dann sagte er: »Wenn ich mich nicht
menagieren müsste, absonderlich heute, so kriegtest du diesen Stock hinter die
Ohren, dass du das Aufstehen vergessen solltest. Hölscher kommt nicht, das weiss
ich, ich kenne ihn darin, er ist einer, der sich nicht vernegligieren lässt. Und
wenn ich selbst zu ihm ginge, was sich aber auch durchaus nicht schickt, er
würde es abschlagen. Jedermann wird nun nach Hölscher fragen, das wird ein
Kujonieren geben, ei! ei! ei! - Was für einen Schaden hast du mir an der
Hochzeit gestiftet! Könnt ihr denn das verruchte Zechen nicht lassen? Denkt ihr
immer, ohne das gediehet ihr nicht? Sieh mich an, ich werde zu Martini
neunundsechzig und fasse alles noch stramm mit an, und doch soll der noch
auftreten, der mir nachsagen kann, er habe mich anders wie gewöhnlich gesehen.«
    »Ihr seid auch was Apartes, mit Euch kann sich niemand in Vergleichung
stellen«, sagte der junge Bursche schüchtern.
    »Ei was!« fuhr der Hofschulze auf. »So wie ich bin, hat der liebe Herrgott
alle Menschen haben wollen, und es ist nur Eure Schlemmerei und Liederlichkeit,
die Euch nicht so werden lässt.«
    Während dieses rauhen Auftrittes hatten die Knechte mit den Packen und Laden
auf der Treppe und im Flur ein grosses Geräusch gemacht, und es war sonach die
frühere Stille des Oberhofes sehr unterbrochen worden. Jetzt trat die Braut,
geführt von den beiden Brautjungfern, in die Türe, das Haupt fest und steif
unter der zitternden Goldkrone haltend, als ob sie fürchte, den Ehrenschmuck zu
verlieren. Sie reichte dem Vater die Hand und bot ihm, ohne aufzusehen, den
guten Morgen, worauf der Alte ohne alle Rührung »Schön Dank« versetzte und seine
frühere Positur wieder annahm. Die Braut setzte sich an die andere Seite der
Türe, nahm ihr Spinnrad vor sich und begann eifrig zu spinnen, in welcher Arbeit
sie observanzmässig bis zu dem Augenblicke, wo der Bräutigam sie zum Brautwagen
führte, fortfahren musste.
    Der nachlässige Hochzeitbitter hatte sich unterdessen verstohlen entfernt.
Die zweite Brautjungfer unterrichtete den Hofschulzen von dem Ausbleiben der
Sibylle, woran, wie sie hinzufügte, keine Unpässlichkeit, sondern das boshafte
Wesen schuld sei, weil sie nämlich selbst ein Auge auf den Wilhelm, den
Bräutigam, gehabt habe. Die Glocke begann eben zum ersten Male zu läuten, und es
war nun durchaus keine Zeit zu verlieren. Der Hofschulze, der seit einer
Viertelstunde aus einer Verdriesslichkeit in die andere gestürzt wurde, murmelte
tiefsinnig vor sich hin: »Wenn nur alles klug geht bei dieser Hochzeit! - Alle
die Scherereien - hm! hm! ei! ei! - Indessen muss der Mensch seine Kontenance
behalten.« - Er gab, wiewohl sehr ungern die Erlaubnis, anstatt der boshaften
Eifersüchtigen Lisbet als dritte Brautjungfer einzukleiden, mit welchem
Bescheide sich die zweite entfernte, um den Putz zu Lisbet zu tragen. Auch die
erste ging, im Baumgarten den Strauss für den Bräutigam zu pflücken.
    In der Ferne liessen sich schon einzelne Töne der Musik hören, welche das
Herannahen des Brautwagens verkündigten. Aber auch dieses Zeichen, dass der
entscheidende Augenblick bevorstehe, der ein Kind vom Hause der Eltern löset und
den Vater bei dem Kinde in den Hintergrund der Anhänglichkeit schiebt, brachte
keine Regungen in den Personen hervor, welche wie Musterbilder alter Bräuche an
den beiden Seiten der Hoftüre sassen. Die Tochter spann, hochrot aber
gleichgültig aussehend, unverdrossen fort, der Vater sah gerade vor sich hin,
und beide. Braut und Brautvater, wechselten miteinander kein Wort.
    Die Brautjungfer suchte unterdessen im Baumgarten den Strauss für den
Bräutigam zusammen. Sie wählte spätblühende Rosen, Feuerlilien, orangegelbe
Sternblumen, Blumen, welche sie dort Jelängerjelieber, an andern Orten
Jesublümlein nennen, und Salbei. Gross, dass man drei Hochzeiter höherer Stände
damit hätte ausstatten können, geriet dieser Strauss, denn bei den Bauern muss
alles in das Gewicht fallen. Auch nicht ganz lieblich duftete er, denn die
Salbei verbreitete einen starken, die Sternblume sogar einen übeln Geruch;
indessen durfte beides, insbesondere die Salbei, nicht fehlen, sollte der Strauss
herkömmliche Vollständigkeit besitzen. Als sie ihn fertig hatte, hielt ihn das
Mädchen mit stolzer Freude vor sich hin, und verknüpfte ihn dann mit einer
breiten dunkelroten Schleife. Darauf ging sie ihren Posten bei der Braut
einzunehmen.
 
                                Viertes Kapitel
                            Der Jäger und sein Wild
Während das Zeremoniell so durch den ganzen Oberhof waltete, waren auf dem
Zimmer, welches der wilde Jäger früher bewohnt hatte, zwei junge Leute ohne
alles Zeremoniell beisammen. Vier warme Wangen hielten keine bestimmte Farbe,
sondern spielten bald in Purpur, bald in Rosenröte, bald in einem fliegenden
Bleich; vier blaue Augen suchten einander, und wenn sie sich gefunden, zogen
sie, wie erschrocken über ihr Wagnis, den Vorhang der Wimpern vor sich nieder;
zwei Lippenpaare hätten gern gemeinsame Beschäftigung vorgenommen; da diese
ihnen aber noch versagt war, so zuckten sie für sich in wundersamer, unruhiger
Tätigkeit, die des eigentlichen Ziels entbehrte.
    Das junge Mädchen sass am Fenstertischchen und säumte ein schönes Tüchlein,
welches der Jüngling für sie in der Stadt gekauft und ihr zum Festputz verehrt
hatte. Sie stach sich heute noch öfter in die Finger als an dem Abende, da sie
der Braut am Linnen nähen half, denn wenn die Augen die Nadel nicht überwachen,
so geht diese ihre eigenen boshaften Wege.
    Der Jüngling stand vor ihr und hatte eine Arbeit für sie unter Händen. Er
schnitt ihr nämlich eine Feder. Denn endlich, hatte das Mädchen gesagt, müsse
sie doch Nachricht geben, wo sie geblieben sei und um Erlaubnis bitten, noch
einige Tage im Oberhofe verweilen zu dürfen. Er stand an der andern Seite des
Tischchens, und zwischen ihm und dem Mädchen duftete eine weisse Lilie und eine
Rose, frisch abgeschnitten, im Glase. Mit der Arbeit übereilte er sich nicht, er
fragte, bevor er das Messer anlegte, das Mädchen vielfältig, ob sie lieber mit
weicher oder mit harter Spitze schreibe, fein oder stumpf, ob er die Fahne
stutzen oder lang lassen solle? und richtete noch mehrere dergleichen Fragen an
sie, so gründlich, als solle ein Schreibmeister mit der Feder ein
kalligraphisches Kunstwerk liefern. Auf diese umständlichen Fragen gab das
Mädchen mit halber Stimme viele und unbestimmte Antworten, bald sollte die Feder
so und bald sollte sie so geschnitten werden, und dann sah sie ihn zuweilen an
und seufzte jedesmal, wenn sie das tat. Der Jüngling seufzte noch öfter, ich
weiss nicht ob über die unbestimmten Antworten, oder über sonst etwas. Einmal gab
er ihr die Feder in die Hand, damit sie an der zeigen sollte, wie lang sie die
Spalte wünsche. Sie tat es, und als sie ihm die Feder zurückreichte, empfing er
noch etwas mehr, nämlich ihre Hand. Diese wurde von der seinigen so ergriffen,
dass die Feder darüber zu Boden fiel und eine Zeitlang ihnen aus dem Gedächtnisse
kam, weil alles Bewusstsein in die beiden Hände gefahren war, die einander sanft
streichelten oder drückten - darüber lauten meine Quellen verschieden.
    Ich will euch ein grosses Geheimnis verraten. Der Jüngling und das Mädchen
waren der Jäger und die schöne blonde Lisbet. Und wenn ihr einmal recht
freundlich gegen mich sein, mich nicht immer so bezweifeln und bemäkeln wollt,
wodurch ihr manches Gute in mir, und euch manche Freude zerstört habt, so tue
ich euch jetzt den Gefallen, und erzähle euch, wie es den beiden jungen Leuten
im Oberhofe ergangen war, nachdem der Jäger die Lisbet statt des Rehes
geschossen hatte.
    Die Verwundete war in jener Nacht auf ihr Zimmer getragen worden und der
Hofschulze, der ganz verstört, was ihm selten begegnete, aus seiner Kammer
hervorkam, hatte sogleich nach dem nächsten Chirurgus geschickt. Dieser Mann
wohnte aber andertalb Stunden vom Oberhofe, er schlief fest und ging ungern bei
Nacht aus. Der Morgen war daher schon angebrochen, als er endlich mit seinen
notdürftigen Instrumenten anlangte. Er nahm das Tuch von den Schultern,
betrachtete die Wunde und machte ein äusserst schwieriges Gesicht. Indessen
müssen selbst die Bedenklichkeit eines Dorfchirurgen vor der offenbaren
Geringfügigkeit eines Falls weichen. Der Schuss des jungen Schwaben hatte Lisbet
glücklicherweise bloss gestreift, nur zwei Schrotkörner waren in das reine,
jungfräuliche Fleisch gedrungen, aber auch nicht tief. Der Chirurgus zog sie
heraus, legte einen Verband auf, empfahl Ruhe und kaltes Wasser und ging mit dem
stolzen Gefühle nach Haus, dass, wenn er nicht so schleunig herbeigerufen worden
wäre und nicht so unverdrossen bei Nacht seine Pflicht getan hätte, unfehlbar
der kalte Brand zu der Wunde hätte treten müssen.
    Lisbet war während des Harrens auf die Hülfe gefasst gewesen, und hatte kaum
geklagt, obgleich ihr totenblasses Gesicht verriet, dass sie Schmerzen litt. Auch
die Operation, welche durch die schwere Hand des Chirurgen peinigender wurde,
als nötig, hatte sie mutig ausgehalten. Sie liess sich die Schrotkörner geben und
schenkte sie dem Jäger mit einem Scherze. Es seien Treffkörner, sagte sie zu
ihm, er solle sie aufheben, er werde damit glücklich sein.
    Der Jäger nahm die Treffkörner, wickelte sie in Papier und liess das Haupt
seines schönen Wildes, weil es schlummern wollte, aus den sanft umfangenden
Armen. In denen hatte Lisbet seit dem Eintritte in die Stube des Oberhofes mit
ihren Schmerzen geruht, wie droben am Freistuhl. Unverwandt hatte er mit
kummervollem Auge in ihr Antlitz geschaut und war zuweilen einem freundlichen
Blicke begegnet, welchen sie, wie um ihn zu beruhigen, zu ihm emporschickte.
    Er ging in das Freie. Unmöglich konnte er jetzt den Oberhof verlassen, er
musste, so sagte er, doch die Heilung der armen Verletzten abwarten, das
erforderte die Menschlichkeit, fügte er hinzu. Im Baumgarten fand er den
Hofschulzen, der, da er erfahren, dass keine Gefahr vorhanden sei, seinen
Geschäften nachging, als habe sich nichts ereignet. Er bat den Alten, ihm noch
länger Quartier zu geben. Der Hofschulze sann nach und wusste kein Gelass für den
Jäger. »Und wenn es auch nur ein Verschlag auf dem Speicher wäre!« rief der
Jäger, der auf die Entschliessung seines alten Wirtes mit einer Ängstlichkeit
harrte, als hange davon sein Schicksal ab.
    Nach langem Besinnen fiel diesem endlich ein solcher Verschlag auf dem
Speicher ein, worin er Frucht bewahrte, wenn die Ernte für die gewöhnlichen
Räume zu ergiebig ausgefallen war. Jetzt war er leer und diesen wies nun der
Alte seinem jungen Gaste an, setzte aber hinzu, dass es ihm da droben wohl nicht
gefallen werde. Der Jäger ging hinauf, und obgleich der kahle und verdriessliche
Raum nur von einer Dachluke sein geringes Licht empfing, und zum Sitzen sich da
nichts vorfand, als ein Brett und ein Kasten, so gefiel es dem Jäger doch dort
oben wohl. »Denn«, sagte er, »alles ist mir einerlei, wenn ich hier nur bleiben
darf, bis ich darüber sicher bin, dass ich mit meinem verwünschten Schiessen
keinen Schaden angerichtet habe. Es ist schönes Wetter, und ich werde nicht viel
oben zu sein brauchen.«
    Er war auch wirklich nicht viel oben in seinem Verschlage, sondern mehr
unten bei Lisbet. Er bat sie so oft wegen des Schusses um Verzeihung, dass sie
ungeduldig wurde und ihm mit einem Stirnfältchen des Verdrusses, welches ihr
allerliebst stand, sagte, er solle das nun sein lassen. Nach fünf Tagen war sie
vollkommen geheilt, der Verband konnte abgelegt werden und nur leichte rötliche
Pünktchen an der weissen Schulter deuteten noch die Stellen der Verwundung an.
    Sie blieb im Oberhofe, denn sie war vom Hofschulzen, wie wir wissen, schon
früher zur Hochzeit gebeten worden. Diese verspätete sich um einiges, weil die
Ausstattung zum bestimmten Tage nicht fertig werden wollte. Der junge Jäger
blieb auch, obgleich ihn der Hofschulze nicht einlud. Er lud sich aber selbst
zur Hochzeit, indem er eines Tages dem Alten sagte, die Landesgebräuche seien
ihm so merkwürdig, dass er sie auch auf einer Hochzeit kennenzulernen wünsche. Er
sagte dies, nachdem er schon vielfältig unten bei Lisbet gewesen war. Und als
er es vorbrachte, flammte sein Gesicht und er konnte das Verlangen nach
Erweiterung der Kenntnisse nicht so recht ohne zu stocken kundtun.
    Bald hatte der Jäger zwei Tageszeiten, eine unglückliche und eine
glückliche. Die unglückliche war, wenn Lisbet, und sie tat es alle Tage, am
Brautlinnen half. Der Jäger wusste dann gar nicht, was er mit seiner Zeit
beginnen sollte. Nun sahen ihn die Bäume des Gartens und die Eichen des Kamps
erst recht wie sein Waldmärchen an. Zuweilen blickte er gen Himmel, aber noch
öfter zur grünen, schwellenden Erde nieder, die er hin und wieder hätte küssen
mögen, so lieb war ihm der Boden geworden, auf dem er gar manches erlebt hatte.
Wenn seine Gedanken Worte wurden, so lauteten sie: »Das schöne Mädchen an der
schönen Blume - und dann ihr liebes Blut droben am Freistuhl - und nun - und nun
- -«
    Aber das alles füllte ihm die Seele nicht aus. Er bedurfte einer
Gesellschaft, freilich war ihm nicht jede recht, denn dem Hofschulzen wich er
eher aus, wenn er ihm begegnete. Aber nach der Linnenkammer war er oft
unterweges, worin er die Mädchen plaudern hörte und worin Lisbet still half.
Hatte er aber die Klinke in der Hand um aufzudrücken, dann überzog sein Antlitz
dunkle Glut, er wandte sich stolz und ging trotzig, wie ein Löwe, die Treppe
hinunter, zum Hofe hinaus, weit, weit in das Feld, ohne sich umzusehen.
    Die glückselige Zeit begann, wenn Lisbet von ihrer Arbeit ruhte und frische
Luft schöpfte. Dann war es gewiss, dass beide zusammentrafen, der Jäger und sie.
Und wäre er noch so weit hinten im Gebüsch gewesen, es kam ihm dann vor, als
sagte ihm jemand: »Jetzt ist Lisbet im Freien.« Dann flog er hin, wo er sie
vermutete, und siehe, seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht, denn schon von
weitem erblickte er die schlanke Gestalt und das liebliche Antlitz. Sie pflegte
sich dann wohl seitwärts nach einer Blume zu bücken, als achte sie seiner nicht.
Vorher hatte sie freilich nach der Gegend gesehen, woher er kam.
    Nun gingen sie zusammen durch Feld und Aue, denn er bat sie darum herzlich,
dass es ihr wie eine Sünde vorkam, ihm die kleine Bitte abzuschlagen. Und je
weiter sie sich vom Hofe in die wallenden Felder, in die grünen Wiesen verloren,
desto freier und fröhlicher wurde ihnen zumute. Und wenn die rote sinkende Sonne
alles ringsumher und ihre jugendlichen Gestalten mit verklärte, dann meinten
sie, es könne ihnen keine Angst und Pein mehr im Leben kommen.
    Der Jäger tat der Lisbet auf diesen Gängen alles zu Gefallen, was er ihr
nur an den Augen absehen konnte. Wenn sie zufällig nach einem Busche wilder
Feldblumen sah, die entfernt vom Wege auf einer hohen Hecke blühten, so hatte er
sich auf die Hecke geschwungen, ehe noch der Wunsch nach den Blumen in ihre
Seele gekommen war. Und wo der Weg sich etwas abschüssig senkte, oder ein Stein
im Wege lag, oder wo es ein geringes Wässerlein zu überschreiten gab, da
streckte sich sein Arm ihr stützend und führend entgegen und sie lachte über die
unnötige Dienstfertigkeit, und - nahm den Arm dennoch, und liess ihren noch eine
Zeitlang in dem seinigen, auch wo der Weg wieder eben geworden war.
    Auf diesen stillen und anmutigen Gängen hatten die jungen Seelen einander
viel mitzuteilen. Er erzählte ihr von den schwäbischen Bergen, von dem grünen
Neckar, von der Alb, vom Murgtale und von dem Berge Hohenstaufen, auf dem das
grosse Kaisergeschlecht entsprossen sei, dessen Taten er ihr auch erzählte. Dann
sprach er von der grossen Stadt, worin er studiert habe, und von den vielen
klugen Leuten, die ihm dort bekannt geworden seien. Und endlich erzählte er ihr
von seiner Mutter, wie er diese so zärtlich lieb gehabt habe, und wie es daher
wohl kommen möge, dass ihm nachher jede Frau teuer und wert erschienen sei, weil
er bei jeder an seine selige Mutter gedacht habe.
    Die Lisbet musste dagegen von ihrem einfachen Leben erzählen. Darin kamen
keine grossen Städte und keine klugen Leute vor und - auch keine Mutter! - Und
dennoch meinte er, nie etwas Schöneres gehört zu haben. Denn jede niedere
Pflicht, die sie geleistet, hatte sie durch Liebe geadelt, und von dem Fräulein
und dem alten Herrn Baron wusste sie tausend rührende Züge anzugeben, auf allen
Plätzen im Schlossgarten und hinter demselben waren ihr Geschichten begegnet, und
aus den Büchern, die sie sich verstohlen vom Söller geholt, hatte sie
erstaunliche Dinge über fremde Völker und Länder herausgelesen, und sonderbare
Vorgänge zu Wasser und zu Lande, und alles hatte sie behalten.
    Wohl hatte der Diakonus recht gehabt, als er die Lisbet mit der Blume
verglich, die in Dust und Moder erblüht war. Die Natur hatte an diesem blonden
Mädchen ihre Allmacht bewähren wollen. Sie hatte sich in einem Maienrausche
vorgesetzt, durch die Tat zu sprechen: »Sehet da mein Werk! Eure Erziehung ist
Stückerei und Flickerei.« - In der Seele dieses Mädchens war alles neu, ganz,
frisch, jungfräulich. Dieses Mädchen war verständig, wie ein Rechenmeister, und
hatte mit den Bauern um den letzten Zinsgroschen sich gestritten, den sie ihrem
Pflegevater verschaffen wollte, und dieses Mädchen war doch auch ganz lyrisch,
ganz hingerissen, ganz quellendes und wiedergebärendes Empfangen. Über ihr
Antlitz zogen die Geister der Dinge, die sie sah und hörte, ein sichtbarer
Reigen. Wenn der Jäger ihr von den klugen Gesprächen der Weisen erzählte, so lag
ein feines Verstehen um die Lippen, wenn er ihr sagte, dass Karl von Anjou mit
finsterem unbeweglichem Gesichte zugesehen, als er den jungen unschuldigen
Konradin hinrichten lassen, so faltete sich die reine Stirn und Tränen flossen
unter diesen lieben zornigen Falten; aber eine süsse Trunkenheit, ein seliger
Sonnenschein durchleuchtete das Antlitz, wenn er ihr das grüne, wilde Murgtal
schilderte und dazu mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme das Lied sang:
Süsser, goldner Frühlingstag!
Inniges Entzücken!
Wenn mir je ein Lied gelang,
Sollt' es heut nicht glücken?
Alles, was er in diese unberührte Brust säte, das keimte, sprosste, wurzelte
darin, blühte und trug Frucht. Der Jäger ward nicht müde, ihr aus seinem Vorrate
zu geben, denn er empfing wieder das hundertste Korn; seine Welt kam ihm
verklärt, gelichtet, vergöttlicht zurück aus dem Lächeln Lisbets und von ihren
frischen Lippen. So wogte es zwischen ihnen hin und wider, ein Seliges,
Unausgesprochenes, Unaussprechliches und war der Wonne kein Ende. Jegliches
gefiel ihm an ihr. Wenn er ihr an einer schlimmen Stelle des Weges die Hand
reichte und wohl fühlte, dass der leise Druck leiser erwidert wurde, so
durchschauerte ihn die Freude, und wenn er ihr dann gleich wieder die Hand
drückte und die ihrige nun regungslos in der seinigen blieb, gleich als wollte
sie sagen: »Verschwenden wir das Beste nicht!« so gefiel ihm das auch. Ebenso
war es mit den Blicken. Ihr Auge ruhte einmal oder zweimal des Tages hingegeben
an ihm und dann nicht wieder, er mochte es mit dem seinigen auffordern, wie
dringend er wollte. Dass sie in allem Mass hielt, gefiel ihm so sehr. Ja, es
gefiel ihm sogar, dass ihre Oberlippe ein klein wenig zu kurz war, und die
weissesten Zähne zum Vorschein kamen, wenn sie lachte oder lebhaft sprach. Denn
dieser Mangel gab in seinen Augen ihrem Gesichte etwas reizend Kindliches,
lieblich Unfertiges, was wie alles in ihr auf die letzte, süsseste Vollendung
durch den Hauch der Zärtlichkeit harrte.
    So gingen ihnen die Tage hin, einer nach dem andern im Oberhofe. Der
Hofschulze sah freilich mit andern Augen drein, musste zwar geschehen lassen, was
er nicht hindern konnte, aber er schüttelte häufig den Kopf, wenn er seine
jungen Gäste so viel miteinander gehen und verkehren sah. Dann pflegte er für
sich zu sagen: »Es ist unrecht von so einem Junker.« - Seine rauhen Gedanken
flogen wie ein widriger Sturm um diese reine Knospe, die zur Blüte aufbrechen
wollte. Er nahm sich vor Lisbet bei erster günstiger Gelegenheit zu warnen.
    Wovor? - Zwischen ihr und ihrem Freunde war alles Unschuld, Demut, der
keuscheste Traum eines guten Geistes. Noch war das Wort Liebe nicht über ihre
Lippen gekommen und geküsst hatten sie einander auch noch nicht. Wenn er zu Nacht
in dem elenden Verschlage auf sein Strohlager sank, so hatte er vorher die Luke
aufgestossen und die Sterne schienen ihm wie Lisbets Augen tief in das Herz
hinein, bis er entschlummerte. Wenn sie ihr Bettchen unten im Stüblein suchte,
so kniete sie am Stuhle vor dem Bettchen nieder, und faltete die Hände und
meinte, ein schönes Gebet zu sprechen, obgleich ihre Lippen kein Wort sagten. Er
rief oben leise für sich hin, wenn seine Wimpern sich schlossen: »Der ganzen
Welt möchte ich vertrauen, wie sie mir so wohl gefällt.« - Sie flüsterte, indem
sie sanft ihre Wange an das Kissen drückte: »Er ist der beste Mensch, den ich
noch gesehen habe« - und dann schliefen sie beide ein und die harmlosen Gedanken
besuchten einander in den webenden Schatten der Nacht.
    Das waren die Tage, von welchen geschrieben steht: Sie blühen einmal und
nicht wieder!
 
                                Fünftes Kapitel
                Die Störung. Was sich in einer Dorfkirche zutrug
Endlich hatte der Jäger die Feder geschnitten. Er schob Lisbet ein Blatt Papier
hin und bat sie, zu versuchen, ob sie schreibe. Sie tat es, konnte aber damit
nicht zurechtkommen, sie habe Zähne, sagte sie. Er sah, was sie geschrieben, es
war ihr eigener Name in den klarsten, ebensten Zügen. Die feinen Buchstaben
entzückten ihn. »Ich glaube, an der Feder liegt es nicht«, stammelte er, »ich
wollte wohl, ohne sie zu kappen, ein ganzes Gedicht damit niederschreiben.« -
»Tun Sie es«, versetzte Lisbet und schlug die Augen nieder, »Sie sagten mir ja
überdies, dass Sie mir das Tuch mit einem Scherze haben schenken wollen.«
    »Oh - der Scherz wird wohl ausbleiben -« rief der Jäger, nahm Feder und
Papier, setzte zu dem Worte: »Lisbet« das Wörtlein: »An«, und schrieb einige
Reimzeilen nieder.
    Lacht nicht über sie! - Der Jäger konnte seinen guten, runden schwäbischen
Vers machen, und hätte bessere zustande gebracht, wäre er freieren Herzens
gewesen.
Ich wollte dir mit leichten Scherzen
Die arme kleine Gabe reichen;
Da trat mir ein Gefühl zum Herzen,
Das jene Scherze machte weichen.
Es war die fromme sanfte Rührung,
Wenn man durch guter Genien Führung
Die lieblichste Natur erblüht,
Und aus sich selbst entfaltet sieht.
In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehörst du dir nach holdem Rechte;
Was deine frischen Lippen sprachen,
Es ist das Deine, drum das Echte:
Wo solche Zauber im Gemüte,
Folgt das Geschick, wie Frucht der Blüte,
So lebe, lebe immerzu
Dein Los, dir eigen, hold wie du!
Er hatte diese Verse mit fliegender Feder geschrieben, denn die Glocke läutete
schon, und Lisbet, die im Hochzeitszuge nicht fehlen durfte, schien unruhig zu
werden. Jetzt reichte er das Blatt mit abgewandtem Gesichte ihr hin und trat von
ihr hinweg an das andere Fenster. Nach einigen Sekunden hörte er hinter sich
tief atmen und dann leise schluchzen. Rasch wandte er sich und hatte den
rührendsten Anblick. Lisbet stand, etwas gebeugt, als drücke sie die Verehrung,
welche sie empfangen, und hielt das Blatt in der reizendsten Unbehülflichkeit
mit beiden Händen vor sich hin, wie ein Kind, das die glänzende
Weihnachtbescherung sich noch gar nicht anzueignen wagt. Die hellen Tränen
flossen ihr unter den Wimpern, dabei lächelte sie, und sah den Jäger mit dem
gläubigsten Vertrauen an, als wollte sie sagen: »Wenn du einen armen Findling so
hübsch besingen kannst, so musst du es wohl recht herzlich mit ihm meinen.« -
Endlich fand ihre Empfindung ein lautes Wort und sie lispelte: »Sie machen
zuviel aus mir und ich werde noch ganz eitel durch Sie werden.«
    Er trat, fest seinen flammenden und doch so sanften Blick auf sie heftend,
ihr entgegen und wollte ihre Hand küssen. Sie war küssenswert, diese Hand. Es
ist, als ob manchem nichts schaden könne. Trotz aller Arbeit war die Hand weich
und zart geblieben. Lisbet entzog sie seinem Munde und bot ihm, die Augen
schliessend, die Lippen dar. Jauchzend wollte er mit den seinigen sie rühren, da
öffnete sich die Türe und die Brautjungfer trat mit dem Putze und ihrem Anliegen
ein. Die Gestörten traten erschreckt auseinander, Lisbet zu ihrem Tüchlein, der
Jäger, ohne sie anzusehen, an das Fenster, von wo er dann mit niedergeschlagenem
Blicke aus dem Zimmer schlich. Denn das Gefühl ist auch darin nur sich selbst
gleich, dass es mit dem Bewusstsein der reinsten Tugend die Furcht des
lichtscheusten Verbrechens paart. - Du denkst an das geliebte Mädchen zugleich
mit deinen Gedanken an Gott, du sagst, wie der Jäger in deinen einsamen
Entzückungen: »Könnte ich diese Liebe, wie meine beste Tat, von den Dächern
rufen!« und dann verleugnest du sie wie Petrus den Herrn der ersten Basenfrage,
und rufst, ob man von dir glaube, dass du so töricht seist? -
    Draussen war unter dem Glockengeläute die Musik immer näher gekommen, und
jetzt wurde der Brautwagen, gezogen von zwei starken Pferden am andern Ende des
Weges, der durch den Eichenkamp leitete, sichtbar. Die erste Brautjungfer stand
mit ihrem dicken, zum Teil übelriechenden Strausse ehrbar neben der Braut, die
Knechte standen bei den Packen und Laden im Flur, zum letzten Anfassen bereit;
der Hofschulze schaute unruhig nach der zweiten und nach der improvisierten
dritten Brautjungfer sich um; denn wenn diese nicht vor der Erscheinung des
Bräutigams den Platz, den ihnen der Tag anwies, nahmen, so war es nach seinem
Gefühle um die ganze Feierlichkeit geschehen. Doch da kamen die beiden
Erwarteten eben noch zur rechten Zeit die Treppe herunter und stellten sich zu
der ersten, als der Wagen gerade auf den freien Platz vor dem Hause
hinauslenkte.
    Gleichmütig im Gesicht, wie alle Hauptpersonen dieses Festes, stieg der
Bräutigam vom Wagen. Junge Leute, seine nächsten Freunde, folgten ihm bebändert
und bestrausst. Er schritt langsam auf die Braut zu, die auch jetzt noch nicht
emporsah, sondern immerfort nur spann und spann. Nun befestigte ihm die erste
Brautjungfer den grossen Strauss, worin Sternblume und Salbei dufteten, vorn auf
der Brust an dem hochzeitlichen Kleide. Der Bräutigam empfing diesen Schmuck,
ohne zu danken, denn der Dank gehörte nicht zum Herkommen. Er reichte seinem
Schwiegervater stillschweigend die Hand, dann sie ebenso stillschweigend der
Braut, die sich darauf erhob und zu den Brautjungfern stellte, zwischen die
erste und zweite und vor die dritte.
    Währenddessen hatten die Knechte die Ausstattung auf den Wagen geschafft.
Die Szene bekam etwas Wildes, denn indem die Menschen mit dem Gepäck zwischen
den Kochfeuern hindurchliefen, wurde mancher brennende Klotz von seinem Orte
hinweggestossen, knisterte und sprühte in dem Wege, den das Brautpaar zu gehen
hatte. Nach dem Linnen, dem Flachs, den Betten, den Kleidungsstücken nahm die
Braut mit ihren drei Jungfern und dem Spinnrade, welches sie selbst trug, auf
dem Wagen Platz. Der Bräutigam setzte sich abgesondert von ihr in den hintersten
Teil des Fahrzeuges, und die jungen Bursche mussten diesem zu Fusse folgen, da die
Ausstattung zu viel Raum einnahm, um ihnen noch Sitze zu gestatten. Hierüber
machte der eine hergebrachte Spässe gegen den Hofschulzen, auf welche dieser
schmunzelnd antwortete. Er ging hinter den jungen Burschen her, und zu ihm
gesellte sich der Jäger. So gingen zwei zusammen, welche an diesem Tage die
entgegengesetztesten Empfindungen hegten. Denn der Hofschulze dachte an nichts,
als an die Hochzeit, und der Jäger an nichts weniger, als an sie, obgleich seine
Gedanken um den Brautwagen flogen.
    Fahre dieser nun langsam nach dem Hofe des Bräutigams, wo schon die ganze
Hochzeitsgesellschaft, Männer, Frauen, Mädchen, junge Bursche aus allen
umliegenden Wehren, und überdies die Freunde aus der Stadt, der Hauptmann und
der Sammler seiner warten. Dort wird abgeladen; wir gehen inzwischen voran zur
Kirche, die in der Mitte der ganzen Bauerschaft auf einem grünen Hügel,
beschattet von Walnussbäumen und wilden Kastanien liegt. - In der Sakristei
beschäftigte sich der Diakonus still mit seinem Texte. Er gehörte zu den
glücklichen Geistlichen, deren innerste Glaubenskraft vom Zweifel, welchen die
neuere Wissenschaft erst recht gründlich ausgeschaffen hat, nicht berührt wird.
Die verflüchtigenden Vorstellungen, welche in das Christentum eingedrungen sind,
waren ihm nicht fremd geblieben, und sein Geist musste zu sich sagen, dass darin
mehr Wahrheit sei, als in dem Buchstaben des Ortodoxen. Aber es ging ihm mit
der heiligen Geschichte, wie es uns mit unsern Eltern geht. Wir erkennen ihre
Schwächen und sind doch, wo es auf etwas ankommt, immer ihre Kinder. Denn er
wurde gleich ein anderer, wenn er das Heiligtum betrat; zwischen dessen Wänden
verschwand ihm die Kälte, er empfand das Evangelium in allen seinen
Ausstrahlungen, Wundern und Widersprüchen als eine ewige Tatsache, und als eine
wirkliche, nicht als eine gemachte. So war er denn nie in der Kirche
Lippengläubiger, sondern erbaut, um andere zu erbauen.
    Auch heute war er in den Gegenstand seiner Predigt fromm vertieft. Indessen
störte ihn einigermassen der Küster, welcher, ohne noch dort ein Geschäft zu
haben, auch in der Sakristei verweilte, seinen Oberen mit verlegenen Blicken
anschaute und dazu unablässig seufzte. Der Diakonus sah sich endlich genötigt,
ihn zu fragen, was dies zu bedeuten habe?
    »Beklemmung, Beängstigung, ein ungemeines Blutwallen und Zudringen der Säfte
nach dem Kopfe hat es zu bedeuten, Herr Diakonus«, versetzte der seufzende
Küster.
    »Es ist nicht zu verwundern, dass Ihr beklommen seid«, antwortete lächelnd
der Diakonus. »Dieses Kopfkissen, welches Ihr jahraus, jahrein, sobald wir die
Stadt verlassen, eingeknöpft auf dem Unterleibe tragt, die Witterung mag so
schön sein, wie sie will, muss Euch das Blut wallen machen und die Säfte zu Kopfe
treiben.«
    »Es ist nicht dieses, mein Herr Diakonus«, erwiderte der Küster, indem er
seinen ausgestopften Unterleib streichelte, welcher sich in sonderbaren
Wellenlinien, Wülsten und Knoten darwies, weil der Inhaber die Federn des
Kissens nicht ganz gleich verteilt und verstrichen hatte. »Es ist nicht dieses.
Besser bewahrt, wie beklagt, ich weiss ja, was eine hartnäckige Verkältung auf
sich hat. Das Kissen ist gleichsam ein Teil von mir geworden und ruht mir ohne
die mindeste Beschwer auf dem Herzen. Aber weshalb ich beklommen bin, das ist
die Furcht vor einer Herabsetzung meines Ansehens und vor einer Schändung
sozusagen des ganzen Küsterstandes, welche mir auf dieser unglückseligen
Hochzeit bevorsteht.«
    »Wie denn so?«
    »Der Herr Diakonus wissen, dass der Schulmeister loci vor nunmehr beinahe
acht Tagen verstorben ist, und seine Stelle noch keine Besetzung gefunden hat.
So fehlet also dieser Hochzeit der zweite observanzmässige Aufwärter7, und da hat
nun der Hofschulze, dieser alte eigensinnige Mann sich nicht entblödet, mir
gestern an- und zumuten zu lassen, ich solle statt des fehlenden Schulmeisters
aufwarten, weil Küster und Schulmeister miteinander die meiste Ähnlichkeit und
Verwandtschaft hätten, worüber ich denn die ganze Nacht hindurch kein Auge
zugetan habe. Annoch kann ich vor Herzklopfen mich nicht zufriedengeben.«
    »Freilich würde bei der Aufwartung die eigene Leibesnahrung nicht so wohl
gedeihen«, sagte der Diakonus.
    »Dieses nebenbei«, sprach der Küster sehr ernst. »Nötigenfalls würde durch
Bündelschnüren und Serviettenverpackung dafür gesorgt werden, dass Küsterei in
ihren Gerechtsamen keinen Schaden erlitte. Aber dass die Würde eine
Beeinträchtigung dulden müsste und die Freiheit der Stelle von allen und jeden
Aufwartediensten eine Verletzung erführe; dieses ist die Hauptsache. Und ehe ich
ein solches Präjudiz aufkommen lasse, wodurch mittelst fernerer Nachlässigkeit
der Amtsnachfolger Küsterei einer immerwährenden Last unterzogen werden könnte,
sterbe ich lieber, obschon ich einsehe, dass meine Weigernis einen
furchtbarlichen Lärmen hervorbringen kann, denn der Hofschulze ist in allem
fest, was er sich vorsetzte. Daher entspriesset denn wohl nicht ohne Grund
einiger Kummer.«
    Der Diakonus, der durch das Geschwätz des närrischen Küsters sich in seinen
Gedanken unangenehm geirrt fühlte, beschwichtigte ihn mit der Versicherung, dass
er seinen Einfluss verwenden werde, um den Hofschulzen von dem rechtswidrigen
Verlangen abzubringen. Der Küster ging, etwas erleichtert, da es Zeit war, und
die Menschen sich schon in der Kirche versammelt hatten, hinaus und begann auf
der Orgel die hergebrachte »Schlacht von Prag« zu spielen. Er kannte nämlich nur
ein Präludium, und dieses war jene verschollene Schlachtmusik, an welche sich
vielleicht noch einige ältere Leute erinnern, wenn ich ihnen in das Gedächtnis
zurückrufe, dass das Tongemälde mit dem Aufmarsche der Zietenschen Husaren
anfängt. Von diesem Aufmarsche wusste der Küster dann immer mit freilich nicht
selten kühnen Gängen sich in die gangbaren Kirchenmelodien hinüberzuschwingen.
    Während des Liedes betrat der Diakonus die Kanzel, und als er die Augen
zufällig auf die Versammlung warf, hatte er einen unerwarteten Anblick. Ein
vornehmer Herr vom Hofe stand nämlich mitten unter den Bauern, deren
Aufmerksamkeit er zerstreute, weil sie von ihrem Gesangbuche immer empor- und
nach seinem Sterne schielten. Der vornehme Herr wollte mit irgendeinem Bauern in
das Gesangbuch sehen, um in das Lied einzustimmen, da aber jeder, sowie der Herr
vom Hofe sich ihm näherte, ehrerbietig auswich, so gelangte er nicht zum Zwecke
und erregte nur eine fast allgemeine Unruhe. Denn wenn er in eine Kirchenbank
sich setzte, so rutschten auf der Stelle sämtliche darin sesshafte Bauern bis in
die äusserste entgegengesetzte Ecke, und entflohen der Bank gänzlich, wenn der
Vornehme ihnen nachrutschte. Dieses Rutschen und Entrutschen wiederholte sich in
drei bis vier Bänken, so dass der Herr vom Hofe, der in der besten Absicht diesen
Dorfgottesdienst besuchte, es endlich aufgeben musste, zu einer tätigen Teilnahme
an demselben zu gelangen. Er hatte Geschäfte in der Gegend und wollte die
Gelegenheit nicht verabsäumen, durch Herablassung die Herzen dieser Landleute
für den Tron zu gewinnen, dem er sich so nahe wusste. Deshalb war in ihm, sobald
er von der Bauernhochzeit hörte, der Vorsatz entstanden, ihr leutselig von
Anfang bis zu Ende beizuwohnen.
    Den Diakonus berührte der Anblick des Vornehmen, den er aus den glänzenden
Zirkeln der Hauptstadt kannte, nicht wohltuend. Er wusste, welche sonderbare
Sitte der Predigt folgen werde, und fürchtete den Spott des Vornehmen. Seine
Gedanken verloren daher von ihrer gewöhnlichen Klarheit, seine Gefühle waren
etwas bedeckt und er kam, je weiter er redete, um desto weiter aus der Sache.
Seine Zerstreuung wuchs, da er bemerkte, dass der Vornehme ihm verstehende Blicke
zuwarf und bei einigen Stellen beifällig mit dem Haupte nickte; meistenteils da,
wo der Redner mit sich am unzufriedensten gewesen war. Er beschnitt daher die
einzelnen Teile der Traurede, und eilte sich, zur Zeremonie zu gelangen.
    Das Brautpaar kniete nieder und die verhängnisvollen Fragen ergingen an
dasselbe. Da trug sich etwas zu, was den vornehmen Fremden in den äussersten
Schreck versetzte. Denn er sah links und rechts, vor sich und hinter sich,
Männer und Frauen, Mädchen und junge Bursche dicke Knittel, aus Sacktüchern
gewunden, hervorziehen. Alles war aufgestanden, zischelte untereinander und sah
sich, wie es ihm vorkam, mit wilden und heimtückischen Blicken um. Da es ihm nun
unmöglich war, den richtigen Sinn dieser Vorbereitungen zu erraten, so verliess
ihn alle Fassung, und weil die Knittel doch unwidersprechlich auf jemand
deuteten, der Schläge empfangen sollte, so kam ihm der Gedanke, dass er der
Gegenstand einer allgemeinen Misshandlung sein werde. Er erinnerte sich, wie
scheu man ihm ausgewichen war, und er bedachte, wie roh der Charakter des
Landvolkes ist, und wie die Bauern vielleicht, weil ihnen seine herablassende
Gesinnung nicht bekannt sei, sich vorgenommen hätten, den ihnen unbequemen
Eindringling zu entfernen. Alles dieses ging blitzschnell durch seine Seele und
er wusste nicht, wie er Würde und Person vor dem entsetzlichen Angriffe wahren
sollte.
    Als er noch ratlos nach Entschlüssen rang, schloss der Diakonus die
Feierlichkeit, und es entstand augenblicklich der wildeste Tumult. Sämtliche
Knittelträger und Knittelträgerinnen stürzten schreiend und tobend und ihre
Waffen schwingend nach vorwärts, der Herr vom Hofe aber war über mehrere Bänke
mit drei Sätzen seitwärts nach der Kanzel zu gesprungen, erstieg dieselbe im Nu
und rief von diesem erhöhten Standpunkte mit lauter Stimme in die tobende Menge
hinunter: »Ich rate euch, mich nicht anzutasten! Ich hege die besten und
herablassendsten Gesinnungen gegen euch, aber jede mir zugefügte Beleidigung
wird der Monarch ahnden, wie eine ihm selbst widerfahrene.«
    Die Bauern aber hörten nach dieser Rede nicht hin, von ihrem Vorhaben
begeistert. Sie rannten dem Altar zu, und unterweges bekam schon dieser und
jener unabsichtliche Prügel, bevor das eigentliche Ziel derselben erreicht war.
Dieses war der Bräutigam. Die Hände über den Kopf schlagend, bahnte er sich mit
aller Anstrengung eine Gasse durch die Menge, welche ihre Knittel auf seinem
Rücken, seinen Schultern und überhaupt allerorten, wo Platz war, tanzen liess. Er
lief, sich gewaltsam Raum schaffend, nach der Kirchtüre zu, hatte aber, bevor er
dieselbe erreichte, gewiss über hundert Schläge empfangen, und kam so, wacker
zerbläut an seinem Ehrentage aus dem Heiligtum. Alles lief ihm nach; der
Brautvater, die Braut folgten, der Küster schloss unmittelbar hinter dem letzten
die Türe ab und verfügte sich in die Sakristei, welche einen besonderen Ausgang
in das Freie hatte. In wenigen Sekunden war die Kirche leer geworden.
    Noch stand indessen der vornehme Herr auf der Kanzel. Der Diakonus aber
stand vor dem Altare, sich gegen den Vornehmen mit freundlichem Lächeln
verbeugend. Dieser hatte, als er auf seinem Felsen Ararat sah, dass die Prügel
nicht ihm zugedacht waren, beruhigt die Arme sinken lassen, und fragte, als
jetzt Stille eingetreten war, den Diakonus: »Sagen Sie mir um des Himmels
willen, Herr Prediger, was bedeutete dieser wütende Auftritt und was hatte der
arme Mensch seinen Angreifern getan?«
    »Nichts, Ew. Exzellenz«, versetzte der Diakonus, der ungeachtet der Würde
des Orts Mühe hatte, ein Lachen über den Höfling auf der Kanzel zu verbeissen.
»Dieses Abklopfen des Bräutigams nach der Trauung ist ein uralter Gebrauch, den
sich die Leute nicht nehmen lassen. Sie sagen, er solle bedeuten, dass der
Bräutigam fühle, wie weh Schläge tun, damit er sein künftiges hausherrliches
Recht wider die Frau nicht missbrauche.«
    »Ja, das sind denn doch aber wunderbare Sitten ...« murmelte die Exzellenz
und stieg von der Kanzel. Unten empfing sie der Diakonus sehr höflich und wurde
von ihr mit drei Küssen auf der flachen Wange beehrt. Dann führte der Geistliche
seinen vornehmen Bekannten in die Sakristei, um ihn von dort in das Freie zu
entlassen. Der noch immer Erschrockene sagte, er müsse erst überlegen, ob er an
dem ferneren Verlaufe der Festlichkeit teilnehmen könne. Der Geistliche
bedauerte dagegen auf dem Wege nach der Sakristei unendlich, dass er nicht früher
von dem Vorhaben Seiner Exzellenz Kunde erhalten habe, weil er dann imstande
gewesen sei, Nachricht von der Prügelsitte zu erteilen und so Furcht und Schreck
abzuwenden.
    Nachdem beide sich entfernt hatten, war Stille und Schweigen in der Kirche.
Es war ein artiges Kirchlein, reinlich und nicht zu bunt; ein reicher Wohltäter
hatte manches dafür getan. Die Decke war blau gemalt mit goldenen Sternen, an
der Kanzel zeigte sich künstliches Schnitzwerk und unter den Leichentafeln der
alten Pfarrer, welche den Fussboden bedeckten, befanden sich sogar zwei oder drei
von Messing. Reinlich und sauber wurden die Bänke gehalten, auch darauf hatte
der Hofschulze mit seinem grossen Einflusse hingewirkt. Eine schöne Decke zierte
den Altar, über dem sich ein geschlungenes marmoriert angestrichenes Säulenwerk
erhob.
    Hell fiel das Licht zu dem Kirchlein ein, die Bäume säuselten draussen und
zuweilen bewegte ein gelindes Lüftchen, das durch eine zerbrochene Scheibe
drang, die weisse Schärpe, womit der Engel über dem Taufbecken bekleidet war,
oder die Flitter der Kronen, welche, von den Särgen der Jungfrauen genommen, die
Pfeiler umher schmückten.
    Braut und Bräutigam waren fort, der Brautzug war fort, und doch war es nicht
ganz einsam in dem stillen Kirchlein. Zwei junge Leute waren darin
zurückgeblieben und wussten nicht voneinander und das war so zugegangen. Der
Jäger hatte sich, als die Hochzeitleute die Kirche betraten, von ihnen
abgesondert und war still eine Treppe zu einer oberen Prieche hinaufgegangen.
Dort setzte er sich auf einen Schemel ungesehen von den andern, abgewendet von
ihnen und von dem Altar, ganz für sich und allein. Er schlug sein Gesicht in
seine Hand, aber das konnte er nicht lange ertragen, die Wange und Stirn glühte
ihm zu stark. Das Kirchenlied drunten fiel mit seinen ernstgezogenen Tönen wie
ein kühlender Tau in seine Glut, er dankte Gott, dass endlich, endlich ihm das
grösste Glück beschieden sei, und in die frommen Worte da unten sang er
unaufhörlich seine weltlichen Verse hinein:
In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehörst du dir nach holdem Rechte! ...
Ein kleines Kind, welches sich neugierig heraufgeschlichen hatte, nahm er sanft
bei der Hand und streichelte diese. Dann wollte er ihm Geld geben, aber er liess
es sein, drückte es an sich und küsste ihm die Stirn. Und als das Kind, ängstlich
von den heissen Liebkosungen, die Treppe hinuntergehen wollte, führte er es sacht
hinab, dass es nicht falle. Dann kehrte er zu seinem Sitze zurück und hörte
nichts von der Rede und nichts von dem Lärmen, der ihr folgte, in tiefe, selige
Träume versunken, die ihm seine schöne Mutter zeigten und sein weisses Schloss auf
grünem Berge und ihn und noch jemand in dem Schloss.
    Lisbet war in ihrem fremdartigen Anzuge verlegen und scheu hinter der Braut
hergegangen. »Ach«, dachte sie, »in dem Augenblicke, wo der gute Mensch von mir
sagt, ich wäre immer natürlich, muss ich geborgte Kleider tragen.« Sie sehnte
sich in die ihrigen zurück. Die Bauern, die Leute aus der Stadt hörte sie hinter
sich zischelnd ihren Namen nennen, der vornehme Herr, welcher vor der Kirche dem
Zuge entgegentrat, besah sie lange prüfend durch seine Lorgnette. Das alles
musste sie erleiden, als sie eben so schön besungen worden war, als ihr Herz von
Freude und Entzücken überflutete. Sie trat halbbetäubt in die Kirche ein und
nahm sich vor, bei dem Rückwege von dem Zuge zu bleiben, damit sie auf keine
Weise wieder der Gegenstand des Gesprächs oder gar der Scherze werde, über
welche sie sich seit einer Viertelstunde weit hinaus fühlte. Auch sie hörte von
der Rede wenig, so sehr sie sich zwang, dem Vortrage ihres verehrten geistlichen
Freundes zu folgen. Und als die Ringe gewechselt wurden, da erregten ihr die
gleichgültigen Gesichter des Brautpaares eine sonderbare Empfindung, gemischt
aus Wehmut, Neid und dem stillen Unwillen, dass ein so himmlischer Augenblick an
stumpfen Seelen vorübergehe.
    Nun entstand der Tumult und da entfloh sie unwillkürlich hinter den Altar.
Als es wieder still geworden war, holte sie tief Atem, zupfte an ihrer Schürze,
strich sich eine Locke, die ihr auf die Stirn gefallen war, sacht zurück und
fasste sich ein Herz. Sie wollte sehen, wie sie unbemerkt auf Nebenwegen zum
Oberhofe zurückgelangen und der leidigen Kleider quitt werden möchte. Mit
kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen ging sie durch einen Seitengang
nach der Türe zu.
    Aus seinen Träumen endlich erwacht, kam der Jäger die Treppe hinunter. Auch
er wollte die Kirche verlassen, wusste aber freilich nicht, wohin dann? Sein Herz
bebte, als er Lisbet sah; sie schlug die Augen auf und blieb schüchtern und
fromm stehen. Dann gingen sie, ohne einander anzuschauen, stumm der Türe zu, auf
deren Drücker er seine Hand legte, sie zu öffnen. »Sie ist verschlossen!« rief
er mit einem Laut des Entzückens, als sei ihm das höchste Glück widerfahren.
»Wir sind in der Kirche eingeschlossen!«
    »Eingeschlossen?« fragte sie voll süssem Schreck. - »Warum macht Sie das
bestürzt? Wo kann man besser aufgehoben sein als in einer Kirche?« sagte er
seelenvoll. Er schlug sanft seine Arme um ihren Leib, mit der andern Hand fasste
er ihre Hand, so führte er sie nach einer Bank, nötigte sie darauf nieder und
setzte sich neben sie. Sie sah in ihren Schoss und liess die Bänder an dem
buntfarbigen Jäckchen, welches sie trug, durch die Finger gleiten. Er hatte
seinen Kopf auf dem Betbrette aufgestützt, sah sie von der Seite an und berührte
das Häubchen, welches sie trug, wie um den Stoff zu prüfen. Er hörte ihr Herz
klopfen und sah ihren Hals gerötet. - »Nicht wahr, es ist ein abscheulicher
Anzug?« fragte sie nach langem Schweigen kaum hörbar. - »Oh!« rief er und
knöpfte seine Weste auf, »ich sah nicht nach dem Anzuge!« - Er fasste ihre beiden
Hände, drückte sie stürmisch gegen seine Brust und zog sie dann von der Bank.
    »Ich ertrag's nicht so still zu sitzen! Lassen Sie uns die Kirche besehen!«
rief er. - »Hier ist wohl nicht viel Sehenswürdiges«, versetzte sie zitternd. Er
ging mit ihr zu dem Taufsteine, auf dessen Grunde noch etwas von dem heiligen
Nass stand, denn es war vor der Hochzeit schon eine Taufe in der Kirche gewesen.
Sie musste mit ihm auf den Grund und in das Wasser hinabsehen. Dann tauchte er
den Finger hinein und netzte erst ihre und dann seine Stirn.
    »Um Gottes willen, was machen Sie?« rief sie ängstlich und wischte rasch die
ihr frevelhaft dünkende Befeuchtung ab. - »Wiedertäuferei treibe ich«, sagte er
wunderbar lächelnd. - »Dieses Wasser weiht die Geburt zum Leben, und dann geht
das Leben so fort - lange, lange, heisst Leben und ist keins - und dann bricht
das wahre Leben auf, und man sollte dann von neuem taufen.« - Sie wurde
ängstlich in seiner Nähe und stammelte: »Kommen Sie, ein Ausgang wird durch die
Sakristei zu finden sein.« - »Nein«, rief er, »erst die Totenkronen wollen wir
besehen; zwischen Geburt und Grab erlebt unser Leben sein Leuchtendes, sein
Schönes!« - Er führte sie zu der stattlichsten Totenkrone am gegenüberstehenden
Pfeiler und murmelte auf dem Wege mit trunken-irren Blicken die Stelle von Gray,
welche mit seinen übrigen Gedanken nicht zusammenhing, und auf welche ihn nur
der Ort bringen konnte: »Viel Tropfen reinsten Glanzes bergen des Meeres dunkele
unermessene Tiefe, viel Blumen brachen auf, um ungesehen zu blühen und ihre Süsse
an die öde Luft zu verschwenden!«
    Dachte er an das Mädchen, von dessen Sarge die strahlende Totenkrone war? -
Ich weiss es nicht. - Flittern und glänzende Ringe hingen an dünnem Zindel
herunter. Er riss zwei Ringe ab und flüsterte: »Ihr seid nur schlechte Reifen,
aber zu köstlichem Gold will ich euch weihen und heiligen!« - Er steckte, ehe
die Lisbet es verwehren konnte, ihr den einen und den andern darauf sich an.
dabei sah er zornig aus, seine Lippen schürzte ein erhabener Unmut, er legte
seine geballte Faust dem Mädchen auf den Nacken, als wollte er sie züchtigen,
dass sie seine Seele ihm entwendet habe. In diesem starken jungen Gemüte riss die
Liebe, wie ein Waldstrom im Gebirge, tiefe Schluchten und Spalten.
    »Oswald!« rief sie und trat vor ihm zurück. Es war das erstemal, dass sie
seinen Vornamen nannte. - »Wir können das ebensogut tun, wie die dummen Bauern«,
sagte er, »und sind keine anderen Ringe zur Hand, so nehmen wir sie vom
Sargschmuck, denn das Leben ist stärker als der Tod.« - »Nun gehe ich«, seufzte
sie atmend und wankte. Ihr Busen flog, dass das Mieder wild bewegt wurde.
    Aber schon hatten seine starken Arme sie umstrickt und aufgehoben und vor
den Altar getragen. Dort liess er sie nieder, die halb ohnmächtig an seiner Brust
lag, und stammelte schluchzend vor Liebesweh und Liebeszorn: »Lisbet! Liebe!
Einzige! Entsetzliche! Feindin! Räuberin! Vergib mir! Willst du mein Du sein?
Mein ewiges, süsses Du?«
    Sie antwortete nicht. Ihr Herz schlug an seinem, sie schmiegte sich ihm an,
als wollte sie mit ihm verwachsen. Ihre Tränen flossen auf seine Brust. Nun hob
er ihr Haupt empor, und die Lippen fanden sich. In diesem Kusse standen sie
lange, lange.
    Dann zog er sie sanft neben sich auf die Kniee nieder, und beide erhoben vor
dem Altare betend die Hände. Sie konnten aber nichts vorbringen als: »Vater!
lieber Vater im Himmel!« Und das wurden sie nicht müde, mit wonnezitternder
Stimme zu rufen. Sie riefen es so zutraulich, als ob der Vater, den sie meinten,
ihnen die Hand reiche.
    Endlich verstummte dieses Rufen und sie legten das Gesicht schweigend an das
Altartuch. Mit dem Arme aber umschlang eines des andern Nacken, die Wangen
glühten, eine an der andern, und die Finger spielten sanft in den Locken. Es war
keine Unruhe mehr in den Herzen; sie schlugen still und gleichmässig.
    So knieten die beiden eine Zeitlang vereinigt lautlos im Heiligtum.
Plötzlich fühlten sie ihre Häupter leise angerührt und sahen empor. Der Diakonus
stand zwischen ihnen mit leuchtendem Antlitz und hielt seine Hände segnend auf
ihren Scheiteln. Er war zufällig aus der Sakristei noch einmal in die Kirche
getreten und hatte mit gerührtem Erstaunen die Verlobung gesehen, die hier
abseitig der Hochzeit und im Angesichte Gottes zustande gekommen war. Auch er
redete nicht, aber seine Augen sprachen. Er zog den Jüngling und das Mädchen an
seine Brust und drückte seine Lieblinge herzlich an sich.
    Dann ging er mit dem Paare, es führend, in die Sakristei, um es von dort zu
entlassen. So gingen die drei aus der kleinen, stillen, hellen Dorfkirche.
 
                                Sechstes Kapitel
                  Die ferneren Ereignisse eines Hochzeittages
Unterdessen hatte sich das Hochzeitgefolge mit den Musikanten und dem Brautpaare
wieder im Oberhofe eingefunden, und alles stand und sass im Flur, Hof und Garten
umher. Noch immer loderten die Feuer und waren die Mägde geschäftig. Die
farbigen Jacken der Mädchen, die sonderbar geformten Schneppenhauben der Frauen
und die lichtblauen Röcke der Männer gaben der Szene ein buntes und fremdartiges
Ansehen. Der Oberhof hatte sich ganz mit Menschen erfüllt, denn es waren wohl an
die hundert Personen versammelt, welche der Brautvater hatte einladen lassen.
Steinhausen, der Spassmacher, war auch schon unter ihnen, verhielt sich aber noch
still, denn seine Stunde sollte erst nachmittags kommen. Um das Brautpaar
bekümmerte sich niemand sonderlich. Der Bräutigam half den Tisch im Flure
decken. Die Braut sass mit den beiden ihr treugebliebenen Brautjungfern für sich
und in einiger Entfernung von den übrigen Frauen unter den Linden im Hofe.
Zuweilen und insoweit sie sich von ihrem Getränke abmüssigen konnten, spielten
die Musikanten, denen ein besonderer Tisch im Baumgarten angewiesen worden war,
kurze Stücklein, ohne jedoch eine eigentliche Aufmerksamkeit zu erregen, denn
die meisten hielten ihren Sinn nur auf die weissbedeckten Tafeln geheftet, auf
welchen nun die Mägde allgemach anzurichten begannen.
    Der Brautvater hatte unterdessen von neuem Gelegenheit gehabt, seine Fassung
zu erweisen. Zwar, dass ihm der Diakonus, als er in den Hof kam, verkündigte, die
fremde Exzellenz, welche er soeben im Kruge bekomplimentiert, sei von ihm
ungeachtet des Schrecks in der Kirche dennoch veranlasst worden, die Hochzeit zu
besuchen, konnte seinem Stolze nur behaglich sein. Aber sonst ging so manches
bei dem Pläsier, wie er für sich hinmurmelte, nicht in der gehörigen Manier.
Schon dass seine Voraussagung eintraf und dass ihn bei der Rückkehr in den Oberhof
ein jeder befragte, warum Hölscher nicht komme? war ihm sehr verdriesslich
gewesen. Dann verdross es ihn, dass die dritte Brautjungfer Lisbet
zurückgeblieben war und nicht, wie sich gebührte, bei seiner Tochter sass. Der
Hauptmann, der heute seinen preussischen Tag hatte und das Eiserne Kreuz trug,
steigerte den Ärger. Nach uralter Sitte war nämlich für die vornehmen und
städtischen Gäste im Flure gedeckt worden, und für die geringeren Leute im
Baumgarten. Denn der Bauer, welcher nicht zum Vergnügen, sondern in Last und
Plage viel draussen sein muss, hält das Obdach des Hauses für den besten Segen und
glaubt den zu ehren, dem er dieses anbietet. Der Hauptmann aber, der rasch
einsah, dass der Aufentalt in der heissen und dumpfen Enge unangenehm sein werde,
ordnete an und kommandierte, dass er mit der Braut, dem Pastor, dem Brautvater
und dem Sammler im Baumgarten speisen wolle, liess auch sofort die Gabeln, welche
die vornehmen Gäste ausnahmsweise bekamen, nach der Tafel im Freien tragen. Es
war dies schon geschehen, als der Hofschulze hinzukam und mit grossem Unmute die
abermalige Abweichung vom Hergebrachten gewahrte. Er stiess einen tiefen Seufzer
aus, welches bei ihm ein Zeichen verhaltenen Zornes war, bezwang sich indessen
und äusserte gegen den Hauptmann, der ihn militärisch kurz fragte, ob er des
Henkers gewesen sei, dass er seine Freunde aus der Stadt habe am Herde rösten
wollen? mit gehaltener Höflichkeit: Wie die Herrschaften es sich am liebsten
einrichteten, so sei es ihm auch recht und angenehm.
    Aber dem Diakonus, der ihn darauf beiseite nahm, um eine Angelegenheit von
Wichtigkeit mit ihm zu ordnen, hielt er desto hartnäckiger Stich. Der Diakonus
wollte nämlich seinen unglücklichen Küster von dem Aufwartedienste frei haben,
weil er wirklich befürchtete, dass das Ehr- und Rechtsgefühl dieses Mannes es auf
den äussersten Widerstand ankommen lassen und vielleicht die völlige Störung des
ganzen Hochzeitfestes herbeiführen werde. Bei diesem Punkte fühlte sich jedoch
der Hofschulze zu fest in seinen begründeten Ansprüchen und verblieb
unweigerlich dabei, dass der Küster die Gäste bedienen müsse, da der alte
Schulmeister gestorben und ein neuer noch nicht angekommen sei. Aus seinen Reden
ging hervor, dass er einen Küster nur für die Spielart eines Schulmeisters hielt,
wie denn in der Tat auch an vielen Orten beide Posten in einer Person vereinigt
zu sein pflegen. Der Geistliche suchte mit aller Gelassenheit ihn durch
verschiedene Gründe auf andere Gedanken zu bringen, und schlug endlich vor, den
Spassmacher Steinhausen zum zweiten Aufwärter zu ernennen. Dieser Vorschlag
verletzte aber recht eigentlich den Hofschulzen, er erklärte dem Diakonus, dass
er nur deshalb, weil der Herr noch nicht lange in der Gegend sei und darum die
Manieren nicht innehaben könne, ihm die Rede hingehen lasse. Denn erstlich sei
nicht die mindeste Ähnlichkeit zwischen einem Schulmeister und dem Spassmacher,
und zweitens werde es ja für seinen Eidam im höchsten Grade despektierlich sein,
einen solchen Kompagnon zu haben.
    Die Debatte dauerte zwischen beiden Männern unentschieden fort. Sie wurde
mit Anstand und Ruhe geführt, aber ein Ende und Ziel liess sich nicht
voraussehen. Dies war um so beklagenswerter, als bereits die meisten Suppenkübel
und Schüsseln auf den Tafeln dampften, und alles nach der Mahlzeit verlangte,
die doch ohne die gehörige Aufwartung nicht zustande kommen konnte.
    Der Küster hatte sich, da er seine Sache in guten Händen sah, aus Politik,
um nicht persönlich überrumpelt zu werden, auf einige Zeit vom Oberhofe
entfernt. Er ging zwischen den Wallhecken spazieren, und mit ihm ging einer der
fremden Hochzeitgäste, ein alter Schirrmeister, der im nächsten Postorte gerade
seine zehn Ruhestunden genoss, und die Gelegenheit nicht hatte vorbeigehen lassen
wollen, vom Hochzeitbraten zu kosten - ein weitläuftiger Anverwandter des
Hofschulzen. Er gehörte zu den ausgedienten Kriegsknechten, die nach vielen
Mühen und Strapazen einen sogenannten Ruheposten bekommen. Der Ruheposten
unseres Schirrmeisters gestattete ihm viermal im Monat sein Bette aufzusuchen,
sonst lag er bei Nacht und bei Tage auf der Landstrasse. Er hatte so viel Kupfer
auf der Nase, als ein rechtschaffener Schirrmeister haben muss, war ein
Fünfziger, d.h. hoch in den Fünfzigen, rüstig und wacker, und litt nur von
seinen Feldzügen her an der Gicht, die ihn zuweilen ganz kontrakt machte.
    Der Küster und der Schirrmeister unterhielten sich in dieser Zwischenzeit
vor Tische vom menschlichen Leben und vom höchsten Gute. - »Wenn man so wie ich
auf vielen Hochzeiten gewesen ist«, sagte der Küster, »wenn man sieht, wie die
jungen Leute einander heiraten, nach neun Monaten ein Kind kriegen, und dann
immer so fort, jedes Jahr ein frisches Kind - nun stirbt dieses und jenes Kind,
und die, welche leben bleiben, heiraten nach mehreren Jahren auch, und zuletzt
stirbt alles miteinander, und hat das, wenn man seine sechzig Jahre auf den
Schultern trägt, wie gesagt, einige Male mit durchmachen müssen, so kommt einem
das menschliche Leben ganz einerlei vor und wie eine Kugel, die sich immer
umdreht.«
    »Das menschliche Leben kommt mir mehr gleichsam als wie eine Reise vor«,
sagte der Schirrmeister.
    Der Küster sah seinen Gefährten lange erstaunt an und sprach darauf: »Dieser
Gedanke ist ganz neu, denn ich fand ihn noch nirgends in den vielen Büchern, die
ich doch gelesen habe.«
    Der Schirrmeister fühlte sich geschmeichelt und versetzte: »Unterweges fällt
unsereinem allerhand ein. Es soll mir ganz recht sein, wenn dieser Gedanke noch
nirgendwo geschrieben steht, denn Bücher zu lesen habe ich freilich keine Zeit.«
    Der Küster fuhr in seinen Betrachtungen folgendermassen fort: »In dieser
vernünftigen Fassung über das menschliche Leben sänftigen sich auch die
menschlichen Wünsche. Ich war zu meiner Zeit in der Jugend sehr obenaus und
wollte platterdings Teologie studieren. Frühprediger musste ich wenigstens
werden; das stand fest. Es war aber dazumal mit dem Unterrichte eine verkehrte
Sache, und die Lehrer hatten nicht die Manier, dass man etwas begreifen konnte.
Ich begriff nichts und wurde so nach und nach Küster, wozu man freilich auch
nicht ohne Gaben sein darf. Gegenwärtig habe ich eigentlich nur noch drei
Wünsche auf dieser Welt.«
    »Und die sind?« fragte der Schirrmeister.
    »Erstlich wünsche ich, dass jemand einmal ein ordentliches und ausführliches
Buch von Küstersachen schriebe und darin auseinandersetzte, worin das Amt und
die Würde eines Küsters besteht, was man ihm mit Fug zumuten darf und was nicht.
Denn alles will uns jetzt zu Leibe, und es gibt keinen angefochteneren Stand,
weshalb es dann ein wahres Bedürfnis der Zeit wäre, dass in den Vorstellungen
über Küster und Küstereien einmal wieder bessere Ordnung gestiftet würde.«
    »Was ich mir wünsche, ist geringer«, sagte der kupfernasige Schirrmeister.
»Ich bin mit meinem Posten ganz zufrieden, man lernt auf jeder Station andere
Menschen kennen, es gibt immer etwas Neues, und die fremden Gegenden auf dem
Kurs verschaffen einem auch beständig Abwechselung. Hat man einmal Langeweile,
nun, so liest man zur Unterhaltung seinen Personenzettel, kurz, ich möchte
diesen Beruf mit keinem anderen vertauschen und wäre ganz glücklich, wenn ich
nur ein einziges Mal tüchtig schwitzen könnte.«
    »Tut Ihnen das so not und kommen Sie nie dazu?« fragte der Küster.
    »Not sehr, denn das Reissen in den Gliedern von meinen Strapazen her nimmt
von Jahr zu Jahr zu. Das ist auch ganz regulär, denn dergleichen Übel mehren
sich immer, wenn man bei jedem Wind und Wetter hinaus muss. Könnte ich aber
einmal so recht von Grund der Seele schwitzen, ich hätte wohl auf einige Zeit
Ruhe. Dazu gelange ich indessen nie, weil ich nur viermal im Monate zu Hause
schlafe.«
    »Dann könnten Sie ja doch schwitzen«, sagte der Küster.
    »Keine Möglichkeit. Habe es versucht, aber die Gedanken lassen den Schweiss
nicht vorbrechen«, versetzte der Schirrmeister. »Nämlich, wenn ich eben ein paar
Stunden im Bette gelegen habe und der Fliedertee nun seine Wirkung tun will, so
fange ich an zu denken: jetzt füttern die Pferde, die du vorgelegt kriegst,
jetzt wird schon der Wagen geschmiert, nun stehen der Herr Sekretär auf, nun
sehe ich sie in ihrem Warschauer Schlafpelz sitzen und die Charten und Papiere
fertig machen, alleweile ist der Briefzettel geschrieben, und alleweile die
Personenkarte - da schlägt es sechs, und ich muss aufstehen, trocken, wie ich
mich hinlegte, denn wenn man seine völlige Ruhe nicht hat und an andere Dinge
denken muss, so löst sich die Natur nicht, und wenn man den Fliedertee eimerweis
tränke. Dieses fehlt also an meiner völligen Zufriedenheit, und so ist das
menschliche Glück nie vollkommen.«
    »Ja«, sagte der Küster, »es mangelt immerdar etwas, welches auch heilsam
sein mag, denn sonst verlangten wir nicht nach dem Himmel. - Mein zweiter Wunsch
wäre, dass doch endlich ein Einsehen getan würde und alle Hunde abkämen, oder
wenigstens mit Knüppeln vor den Beinen umherlaufen müssten, wegen der möglichen
Tollheit. Hier an dieser Stelle, Schirrmeister, war es, wo ich durch eine solche
Kanaille, die von jener Wallhecke herabsprang, am letzten Zinstage einen
Todesschreck hatte. Man sollte überhaupt seinen Nebenmenschen vor Alterationen
mehr behüten und bewahren. Tolle Menschen lässt man auch viel zu frei umhergehen.
So habe ich zu meinem Erstaunen gehört, dass der übergeschnappte Schulmeister von
Hackelpfiffelsberg, welcher eine Zeitlang bei dem alten Herrn Baron eingesperrt
war, seit gestern frank in der Gegend gesehen worden ist. Wenn einem nun
unversehens dieser Wütige begegnete -«
    Aber der Küster konnte seinen Satz nicht enden, denn es ereignete sich
etwas, was selten vorzukommen pflegt, nämlich: der Wolf in der Fabel erschien.
Um die Ecke herum trat nämlich plötzlich mit einer Flinte bewaffnet der
Schulmeister Agesilaus oder vielmehr Agesel in der veilchenblauen Pekesche mit
Sammetvorstössen. Er ging munteren und beherzten Schrittes auf die beiden Männer
zu, denn er war auf dem Wege nach dem Oberhofe. Aber ihn sehen, einen Laut des
Schreckens ausstossen, sich blitzschnell umkehren und mit gewaltiger
Schnelligkeit entfliehen, war bei dem Küster eins.
    Er lief, die Hände vorgestreckt, spornstreichs nach dem Hochzeitause und
stürzte mit dem Geschrei: »Rettet euch!« unter die Gäste, die alsobald
aufgestört, teils den Küster in bewegten Gruppen umwogten, teils zum Flüchten
Anstalt machten. Der Hofschulze, welcher von der allgemeinen Unruhe nicht
angesteckt wurde, trat fragend zum Küster und erhielt von ihm den Bescheid, dass
einer oder mehrere Tolle, ja vermutlich das ganze Irrenhaus in der Nähe
ausgebrochen sei, und die verrückte Gesellschaft, furchtbar mit Flinten und
Keulen bewaffnet, sich nahe.
    Die Weiber erhoben ein Geschrei, der Hofschulze, welcher von sich auf andere
schloss und nicht annehmen konnte, dass die Furcht in dem Masse übertreibe, wie
hier der Fall war, machte zum ersten Male in seinem Leben ein verlegenes
Gesicht, und alles war in Bestürzung - als der Schirrmeister mit dem
vermeintlichen Tollen in den Hof trat.
    »Agesel!« riefen alle, die ihn kannten, und deren waren nicht wenige. »Ist
dieses das ganze entsprungene Irrenhaus?« fragte der Hauptmann. »Ihr seid und
bleibt ein Poltron, Küster!« - »Man kann noch nicht wissen -« stammelte der
zitternde Küster, der seinen Versteck hinter der Exzellenz vom Hofe, die
indessen auch unter den Gästen eingetroffen war, genommen hatte, vermutlich weil
er im Schutz des Vornehmsten am sichersten zu sein glaubte. Die Exzellenz sah
verwundert umher und wusste abermals nicht, woran sie war.
    Agesel warf einen wehmütigen Blick auf die Versammlung, einen schmerzlichen
gen Himmel und sagte dann seufzend:
    »Ich ahne recht wohl, was dieser Vorgang zu bedeuten hat. Ja, wer einmal
einem gewissen Unglück unterworfen gewesen ist, vor dessen Schritten fleucht
immerdar die Furcht her und ruft:
    Geht aus dem Wege! - Meine Herren aus der Stadt! Ich kann Sie versichern,
dass ich gewöhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes bin. Euch
Bauern, die ihr dies vielleicht nicht verstehen würdet, sage ich, dass es bei mir
keinesweges rappelt, sondern dass ich auf den Oberhof komme, um mich nach der
Pflegetochter vom Schloss zu erkundigen. Wer mir das glauben will, der tut wohl
daran, und wer es nicht glauben will, der kann es bleiben lassen. Die Flinte,
welche den Küster vielleicht erschreckt hat, habe ich droben am Freistuhl, bei
dem ich vorbeikam, im Walde gefunden. schafft und Rohr lagen gesondert und zum
Teil beschädigt an verschiedenen Stellen, mich jammerte das gute Eisen und Holz,
ich band es notdürftig mit Bast und Bindfaden zusammen, und stellte so den
Anschein einer Flinte dar, welcher aber, wie der Augenschein lehrt, durchaus
unschädlich ist.«
    Er zeigte das zusammengeflickte Schiessgewehr vor, welches, wie man leicht
errät, das des Jägers war. Wer es zu sehen bekam, überzeugte sich mit einem
Blicke, dass es keine Gefahr bringen könne. Die gesetzten Reden des Schulmeisters
brachten ein allgemeines Zutrauen in seinen hergestellten Verstand zuwege. Dem
Diakonus kam plötzlich ein Gedanke, durch den so unvermutet in die Hochzeit
eintretenden Agesel den ganzen Streit über das Aufwarten beizulegen. Er sagte
dem Hofschulzen seine Meinung, dieser billigte sie, und beide richteten an den
Schulmeister das Ersuchen, als zweiter Aufwärter bei der Mahlzeit zu dienen.
Nichts konnte dem Manne erwünschter sein. Er versetzte, dass sein ganzes
Bestreben jetzt dahin gehe, nützlich zu wirken, dass er daher mit Freuden die
Gelegenheit, die ihm heute dazu durch das Bedienen der Gäste gewährt werde,
ergreife, und in diesem anscheinend zufälligen Ereignisse eine wahre Fügung des
Himmels erkenne, indem er nicht verschweigen könne, dass der Herr Schulrat
Tomasius ihm gewisse Aussicht auf die Schulmeisterstelle der Bauerschaft
gegeben habe, daher das vorläufige Aufwarten gleichsam schon den Anfang des ihm
zugesagten Dienstes darstelle. Nach dieser Rede band er sich hurtig eine weisse
Schürze vor, holte mit Geschicklichkeit einen gekochten Schinken vom Feuer und
setzte ihn anstandsvoll auf die Tafel im Baumgarten.
    Sonach waren alle Hindernisse beseitiget, und die ganze Hochzeitgesellschaft
nahm auf eine gereimte Einladung des Burschen, der Hölscher zu bitten vergessen
hatte, Platz. Die Braut, die Brautjungfern, der Diakonus, der Brautvater, die
städtischen Freunde, die Exzellenz, der Schirrmeister und die grössten
Hofesbesitzer mit ihren Frauen stellten sich um die Tafel unter den Bäumen im
Garten, die geringeren Leute und die jungen Bursche und Mädchen unter Anführung
des Küsters um die im Flur. Der Diakonus sprach an seinem Tische ein Gebet, der
Küster eins an dem seinigen. Hierauf wurde an beiden Tischen ein geistliches
Lied angestimmt.
    Für Lisbet war zwischen den Brautjungfern ein Platz offengelassen worden.
Der Hofschulze sah sich unruhig nach ihr um. Sie kam nicht. Dagegen kam während
des Gesanges der Jäger, überblickte die Tafel, fand für sich keinen Platz offen,
weil die zwei unerwarteten Gäste, die Exzellenz und der Schirrmeister, schon
allen Raum hinweggenommen hatten, Lisbets Platz aber unbesetzt. Freudeglänzend
wurde sein Antlitz, er schlich sich sacht seitwärts nach dem Hause, um sein
Mädchen aufzusuchen. Sie trat ihm bei den Linden entgegen, umgekleidet, in ihrem
gewöhnlichen Anzuge, den Strohhut auf dem Haupte. - »Nun ist mir wohl, nun bin
ich wieder wie ich sein muss!« rief sie freundlich. - »Ich weiss«, sagte er, »du
magst dich nicht verstellen, du wolltest neulich nicht einmal leiden, dass ich
dir an deinem Haare zeigen durfte, was für Zöpfe die schwäbischen Mädchen
tragen.«
    »Nein«, sagte sie, »niemals was vorstellen, was man nicht ist.«
    Sie wollte nach dem Tische im Baumgarten gehen, der Jäger hielt sie aber
zurück und rief: »Wie? In dem leichten städtischen Kleidchen willst du dich als
Brautjungfer an den Tisch setzen! Da erwarte nur, dass dich der Hofschulze, der
streng auf Ordnung und Kostüm hält, fortweiset!« - »Ja, was soll ich beginnen?«
fragte sie verlegen; »das hässliche steife Zeug lege ich nimmermehr wieder an.«
    »O meine Geliebte«, sagte der Jäger zärtlich, »wollen wir denn unser Glück
unter die Bauern tragen? Dasitzen und rohe Spässe anhören und langweilige Bräuche
mit anschauen? Ist's denn nicht der Tag unserer Tage? Gehört er nicht ganz uns
unter Gottes liebem Himmel und auf Gottes grüner Erde? Müssen wir zwei nicht
allein beieinander bleiben, fern, fern von den anderen Menschen? Ich wollte dich
bitten, mit mir zu gehen, den Hügeln zu, den Platz suchen, wo ich dich zum
ersten Male fand bei der schönen Blume!«
    »Wie darf ich das? Was würden sie von mir im Oberhofe sagen«, versetzte sie
scheu. Sie entfernte sich von ihm.
    »Wohl! Wohl!« rief er halbzornig. »So setze dich denn nieder bei deinen
Kameradinnen; für mich ist aber nicht gedeckt, ich gehe zu Wald!« - Er ging
trotzig einer Seitenpforte zu, die in das Freie führte. Ein stechender Schmerz
sass ihm im Herzen. Um nichts, wenn ihr wollt. Das ist die Liebe. - Aber er hatte
noch nicht die Pforte erreicht, als er seine Schulter leise angerührt fühlte. Er
wandte sich um; Lisbet war ihm nachgefolgt. - »Wenn sie dir nichts zu essen
geben wollen, da mag ich auch nichts, und wo du bleibst, bleibe ich auch«; sagte
sie herzlich und zog ihn, bevor er etwas erwidern konnte, nun selbst durch die
Pforte in das Freie. Er umfasste sie und beide sprangen durch Wiese und Feld.
 
                               Siebentes Kapitel
Der vornehme Herr vom Hofe macht vergebliche Anstrengungen, sich herabzulassen.
             Der Spassmacher Steinhausen wird jedermann verständlich
Die Braut sass quer vor dem Tische und rührte keinen Bissen an. Der Brautvater,
welcher dem Auftritte zwischen dem Jäger und Lisbet aus der Entfernung
zugeschaut hatte und infolge desselben den Platz der dritten Jungfer leer
bleiben sehen musste, flüsterte gekränkt und ingrimmig: »Dieser Untugend werde
ich noch vor Abend mit der Manier ein Ende machen.« - Auch er ass wenig. Desto
angelegener liessen die Bauern sich dieses sein, hatten ihre Messern, ein jeder
das seinige aus der Tasche hervorgezogen, womit sie ohne Gabeln fertig zu werden
wussten, und sprachen den Hühnern tapfer zu, ohne darüber ihre mutigen Vorsätze
auf Schinken, Mostertstücke und Braten daranzugeben. Eine unendliche Last von
Essbarem dampfte auf den Tafeln, fast schien es selbst diesen Appetiten
gegenüber, unmöglich, alles zu bewältigen, wenn nicht dennoch die Schnelligkeit,
womit die ersten Gänge vom Angesichte der Welt verschwanden, dazu die Aussicht
gegeben hätte. Alles schrotete, käute, schluckte, und es ist nicht erlogen -
denn ich bin ja nicht Münchhausen, oder wenigstens nur zur Hälfte er -, wenn ich
sage, dass mancher Bauer binnen wenigen Minuten ein ganzes Huhn überwunden hatte,
und dass ein Schinken für sechs Mann nur so eben zureichte. Auch die Städter
liessen sich die reinliche, derbe Kost trefflich munden, der Schirrmeister aber
ass für zwei Bauern und trank für drei. Was das Getränk betrifft, so muss ich
leider, wie undichterisch dies klingen mag, von Bier berichten. Jeder hatte
seinen irdenen Deckelkrug gefüllt vor sich stehen, und wenn derselbe geleert
war, so klappte der Inhaber auf eine eigene landesübliche Weise mit dem
zinnernen Deckel, worauf frische Füllung erfolgte. Selbige besorgte der erste
Aufwärter, der Bräutigam, aus einer mächtigen Schleifkanne eingiessend, mit
welcher er, eine weisse Serviette vorgesteckt, die Tafeln umkreiste. Dieser König
des Festes hatte von seinem Ehrentage nichts als Prügel vorhin und Mühe anjetzt,
denn die Deckel klappten unaufhörlich, bald hier, bald da. - Nur der Diakonus
und die städtischen Gäste erhielten Wein vorgesetzt. Der Schulmeister lag der
Aufwartung in betreff des Festen ob, flink und gewandt, recht heiter in diesem
Geschäfte.
    Es gab unter den Gästen nur zwei, welche die allgemeine Befriedigung nicht
ganz teilten, der eine aus Verlegenheit, der andere aus Furcht. In Furcht befand
sich nämlich der Küster und in Verlegenheit der vornehme Herr vom Hofe. Dem
Küster hätte der grösste Irrenarzt von Europa ein schriftliches Zeugnis
einhändigen können, dass der Schulmeister bei Sinnen sei, es würde ihm doch nicht
wohl geworden sein in der Nähe dieses Menschen, der mit so gefährlichen
Werkzeugen, wie Schüsseln, Tellern, Messern, unbewacht um ihn her hantierte. Er
dachte im stillen an alle die Fälle, worin ein Verrückter, lange Zeit scheinbar
hergestellt, plötzlich wieder wütend geworden ist, und nun mit dem, was er
gerade in der Hand hat, dem nächsten, besten die Hirnschale zerschmettert.
Diesem Schicksale wenigstens einigermassen vorzubeugen, setzte er unter dem
Vorwande, dass es in dem von Hitze glühenden Flure kühl ziehe, seinen Hut auf,
obgleich dies allgemein auffiel. Wirklich war der arme Küster in einer traurigen
Lage. Seine Esslust überstieg womöglich noch die des Schirrmeisters, der heutige
Tag war ein solcher, an dem er hatte zeigen wollen, was Kinnbacken zu leisten
vermögen, und nun ging ihm dieser schöne Traum so hässlich aus. Denn nichts
hindert den Menschen mehr am Schlucken als Furcht und Angst. Der Küster fühlte
sich unglaublich gehemmt. Hatte er eben auch in einem selbstvergessenen
Augenblicke einen starken Bissen zum Munde geführt, etwa eine Hühnerkeule oder
einen Streifen Rindfleisch von der Mächtigkeit einer halben Hand, siehe! so flog
hinter ihm der aufwartende Schulmeister, vielleicht eine Kelle in der Faust,
vorbei, und Hühnerkeule oder Rindfleischstreifen sassen ihm auf der Stelle fest,
verzaubert, wie Schiffe auf dem Lebermeere, zwischen den Zähnen. - Umsonst
suchte er durch häufiges Trinken die hinabführenden Wege geschmeidiger zu
machen; der Schreck erhielt seine Kehle in Trocknis trotz alles Giessens. So,
zwischen Entsetzen und Appetit, glich er, wenn dieses Gleichnis nicht zu niedrig
klingt, dem Hunde, der vor einer erwischten Bratwurst sitzt, vor Wollust
zittert, sie zu verschlingen, und dabei scheu nach dem Herrn sieht, der aus der
Entfernung bereits mit der Peitsche herbeieilt.
    Der vornehme Herr vom Hofe machte unterdessen vergebliche Versuche, sich
herabzulassen, und geriet darüber in Verlegenheit. Er sass zwischen dem
Hofschulzen und dem Diakonus und hatte gegenüber zwei Bauerfrauen, die bei ihren
Männern sassen. Als das gewaltige Essen begann, fühlte er wohl, dass er in diese
Tätigkeit nicht einzugreifen vermöge, auch erregten ihm die Speisen keinen
Hunger und er begnügte sich, nur zum Schein etwas auf den Teller zu nehmen. Dort
aber blieb es unberührt liegen, ungeachtet der Hofschulze, der seine Kost nicht
gern verschmäht sah, ihn mit einiger Empfindlichkeit nötigte, auch zu essen. Das
konnte er nicht, jedoch bestrebte er sich, leutselig zu sein, denn zu diesem
Ende und um das Volk, soviel an ihm war, durch hinreissende Manieren für den
Tron gewinnen zu helfen, war er ja nur wieder unter die Bauern gekommen.
    Um in diese Manieren einen gewissen Fortschritt vom Geringeren zum Grösseren
zu bringen, sah er die gegenübersitzenden Bauern mit einer süssen Freundlichkeit
an und winkte dazu gnädig mit dem Haupte, als wollte er sagen: »Nun, schmeckt's,
ihr ehrlichen Landleute?« - Darüber lachten aber die Bauern, und einer stiess
seinen Nachbar an mit den Worten: »Ist der Kerl verrückt?« - Der vornehme Herr
vom Hofe glaubte, als er des Lachens inneward, seine Huld nicht deutlich genug
von sich gegeben zu haben, er beschloss daher, zuvörderst das andere Geschlecht
zu gewinnen, liess sich zwei Teller geben, stellte sie vor sich hin, schnitt zwei
gute Stücke von dem vor ihm stehenden Trutahne ab, legte sie auf die Teller und
reichte diese Leckerbisslein den beiden Bauerweibern, die noch ziemlich rund und
hübsch waren. Die Weiber, zugleich mit einer artigen Redensart, welche ihnen
unverständlich blieb, angesprochen, guckten verlegen, rot und stumm auf die
Teller, ohne die Gaben der Courtoisie anzurühren. Ihre Männer aber sahen mit
sonderbaren Blicken nach dem Geber hinüber; der eine nahm seiner Frau den Teller
mit den Worten: »Du brauchst nicht von anderer Leute Tellern zu essen, du hast
deinen eigenen«; weg und reichte ihn dem soeben geschäftig vorbeifliegenden
Schulmeister. Der andere warf ihn sogar ärgerlich mit der Befrachtung unter den
Tisch, indem er halblaut rief: »Was zu grob ist, ist zu grob!« - Der vornehme
Herr vom Hofe begriff durchaus diese Einhergänge nicht, er suchte sich rechts
und links, gerade und schräge hinüber so liebenswürdig als möglich zu machen,
aber alles war vergebens, weil er immer mit holder Ungezwungenheit, die zwischen
die festgestellte Ordnung der Tafel trat, dartun wollte, dass es ihn gar nicht
beenge, unter so geringen Leuten zu sitzen. Aber das erschien den bäuerlichen
Tischgenossen eben wie die grösste Unart, und bis zum Schweinsbraten hatte sich
flüsternd so ziemlich die Meinung festgestellt, dass man vornehme Leute für
höflicher gehalten habe. Der umsonst sich Herablassende, welcher äusserlich die
Fassung des Hofes behielt, obgleich ihm innerlich immer übler zumute ward, sagte
endlich zum Hofschulzen: »Ihr habt hier recht eigentümliche Sitten, Alterchen.«
    Auf diese huldreiche Anrede mass der Hofschulze seinen vornehmen Gast mit den
Augen und versetzte dann stolz und bedächtig: »Ich weiss nicht, Herr, ob die
Sitten hier anders sind, als anderer Orten, denn ich bin nie über Börde und
Haarstrang hinausgekommen, habe auch niemalen Lust dazu gehabt. Richtig ist es,
dass hier alles mit der Manier zugeht, alles und jedes seine Ordnung, Zeit und
den gewiesenen Platz hat, jedermann die ihm gebührende Reverenz geniesst, so dass
ich den Halbhüfner, den Kötter, und wer es sonst sein mag, jeden bei seiner
Gebühr nennen muss, freilich aber auch prätendiere, dass mich niemand anders als
Hofschulze nennt, das heisst, versteht sich, von meinesgleichen, denn, Herr,
hinter den Bergen mögen wohl andere Sitten und Gebräuche herrschen.«
    Es war gut, dass in diesem Augenblicke das letzte Gericht der Mahlzeit, der
Rollkuchen, verzehrt war, und von weiterer Herablassung seitens des vornehmen
Herren nicht mehr die Rede sein konnte, denn man kann nicht wissen, bis zu
welchen unangenehmen Auftritten dieselbe noch geführt haben würde. Der Diakonus
sprach das Gratias, abermals ertönte ein geistliches Lied, und darauf ging alles
von den Tischen, die gleich einem Schlachtfelde nur noch Knochen, Gerippe und
Schwarten zeigten. Die Weiber tranken Kaffee, die Männer setzten ihr Biertrinken
fort, die Musikanten stimmten allgemach ihre Instrumente. Steinhausen, der
Spassmacher, begann sein Amt, indem er von einer Gruppe zur andern ging, hier das
Rätsel aufgab: wann der Hase über die meisten Löcher laufe? dort einen Rotkopf
warnte, er solle nicht so nahe an die Scheune gehen, um nicht Feuer anzulegen,
einem dritten Haufen die Geschichte vom Prinzen Pralle erzählte, der gefallen
sei vom Stalle, hätte weinen wollen, aber keine Augen gehabt, und was
dergleichen mehr war an Rätseln, Schwänklein und Pösslein, die er auf jeder
Hochzeit anbrachte und die nie ihre Wirkung verfehlten. Die Bauern lachten, dass
die Hofesmauern hätten Risse bekommen mögen; wen er recht entzückte, der gab ihm
einen Puff, nicht eben allzu sanft, worauf Steinhausen einen Klaps zurückgab,
oder mit den Füssen ausschlug, wie ein Pferd, ohne dass diese Tätlichkeiten
irgendeine Störung des guten Vernehmens und des allervollkommensten
Verständnisses hervorbrachten, welches zwischen dem Spassmacher und seinen
Zuhörern herrschte.
    Während man so dort einander durchaus begriff, dauerten in einer andern Ecke
des Hofes die Missverständnisse fort. Der vornehme Herr hatte sich nämlich mit
dem alten Hauptmann in ein Gespräch eingelassen, welches eine patriotische
Färbung erhielt. Der Alte war sehr gesprächig über die Affären, denen er auf der
vaterländischen Seite beigewohnt, und erging sich mit Behagen in diesen
Kriegesgeschichten. Jener Kavalier war vorzeiten dem Hauptquartiere attachiert
gewesen, und konnte also so ziemlich folgen. Im Verlaufe dieser Unterredungen
rief er plötzlich mit einem feucht verklärten Blicke: »Diese grosse Zeit, die der
Herr segnete! Was für herrliche Früchte hat sie aber auch gebracht!« - Er
faltete die Hände dabei.
    Das Gesicht des alten Hauptmanns wurde so trocken, wie ein Sandfeld, welches
seit sechs Wochen keinen Regen gesehen, und er versetzte: »Früchte? Ei!«
    »Ein Vaterland!« rief der Hofmann mit Patos.
    Der alte Hauptmann hatte etwas zuviel Wein getrunken. Er schüttelte sich,
als ob er, mit Erlaubnis zu reden, an Ungeziefer litte und polterte dann
rücksichtslos: »Vaterland! - Schwere Angst! Und alles vergessen oben, was
geschehen, mit Schlauchspritzen die Feuer ausgesprjetzt, und wenn wir künftiges
Jahr das Jubiläum feiern, vermutlich damit wegkriechen müssen beiseite, nur
damit so geduldet werden, keine Anerkennung, keine Unterstützung von - -
Donnerwetter! Verzeihen Exzellenz, dass ich Sie stehen lassen, aber ich kann die
Pfeife nicht entbehren und will sie mir dort bei den Bauern anstecken.«
    Er ging und liess den Kavalier stehen, dessen Beziehungen im Oberhofe
anfingen mytisch zu werden. Im Grunde war es ihm lieb, dass der alte Offizier
sich so brüsk von ihm entfernte, denn er erwog, dass der angeregte Gegenstand zu
zarter Natur sei, um ihm, in seiner Stellung so nahe dem Trone, ein ferneres
Gespräch zu verstatten.
    Ein Unwille hatte sich seiner Seele bemeistert, er nahm sich vor, geeigneten
Ortes ein Wort über den in diesen Gegenden herrschenden schlechten Geist fallen
zu lassen, vorderhand aber seine Rolle rein auszuspielen. - - »Wenn diese
Bestien die feineren Andeutungen von Güte und Huld nicht verstehen, so will ich
mich gleichsam encanaillieren«, sagte er für sich. Er trat zu einer Gruppe von
Bauern, welche Steinhausen eben verlassen hatte, fasste zwei bei der Hand (denn
er konnte sich dazu verstehen, weil er Handschuhe trug) und rief im biedersten
Hoftone, dessen er mächtig werden konnte: »Wie freut man sich, wenn man immer in
Zwangsverhältnissen leben muss, darf man einmal unter euch gemütliche, von jeder
Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten!«
    Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldäisch, und sie begannen sich nun vor
ihrem Gönner zu fürchten, denn sie meinten, er habe ihnen eine neue Steuer
ankündigen wollen. Sie wichen daher, wie in der Kirche, scheu vor ihm zurück,
und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die Hände in die Rocktaschen. -
Der Diakonus, welcher die ganze Zeit über den Mühwaltungen seiner vornehmen
Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war, trat zu dem unglücklichen Herablassenden
und sagte: »Exzellenz, die Leute sind zu dumm, um Sie zu fassen. Übrigens bin
ich der untertänigen Meinung, dass Sie, wofern Sie länger unter ihnen verweilten,
bald von Ihrem Glauben zurückkommen würden.«
    »Wieso?«
    »Gemütlich sind die Bauern gar nicht. Exzellenz, die Leute haben keine Zeit
zum Gemüt. Gemüt kann man nur haben, wenn man wenig zu tun hat, der Bauer aber
muss sich zuviel placken und schinden, um sich auf das Gemüt legen zu können. Er
ist durch und durch gerader Verstand, Ernst, Eigensinn und erlaubter Eigennutz.
Weil diese Mischung nun aber wie für die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint, so
hat sie etwas Ehrwürdiges, etwas so Ehrwürdiges wie der Granit, der auch, hart
und schwer, die Erde hält. Der Bauernstand ist der Granit der bürgerlichen
Gemeinschaft.«
    »Sie müssen sie besser kennen. - Wenigstens aber hatte ich darin recht, dass
ich sie von den Fesseln der Konvenienz gelöste Naturmenschen nannte.«
    »Im Gegenteil - Exzellenz verzeihen - der Bauer ist zwar viel im Freien,
aber nichts weniger als ein Naturmensch. Er hängt so sehr von Konvenienz,
Herkommen, Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab, wie nur die höchste
Klasse der Gesellschaft. Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des
Individuums, in diesem Stande fliesst einzig der Strom der Selbstbestimmung nach
Charakter, Talent, Laune und Willkür. Der Bauer denkt, handelt, empfindet
standesmässig und hergebrachterweise. Die Abstufungen werden in den Dörfern
wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlössern und Palästen. Ich
unterstehe mich, Ihnen zu versichern, dass dieser Hofschulze auf den Kolonen mit
demselben Stolze hinuntersieht, wie nur der reichste Majoratsherr auf den
Briefadel von gestern blicken kann. Ich wollte es keinem Burschen aus einem
kleinen Hofe raten, um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien. Dieselben
Verwickelungen würden entstehen, als in dem Falle, wenn ein Kaufmannsdiener zu
einer Erbgräfin emporblickt. Gerade hier - vom Oberhofe - geht eine alte
halbverklungene Sage umher, die den schauderhaften Ausgang einer solchen
missgewandten Neigung meldet. Durch meinen nahen Verkehr mit diesen Leuten hat
sich die Ansicht bei mir festgestellt, dass der Bauernstand nur einen zweiten ihm
ähnlichen hat, den sogenannten alten oder hohen Adel, wo ein solcher nämlich
noch wahrhaft besteht. Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene
Schicht. Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin überein, dass ersterer
sowohl als letzterer weniger sich, als ihrer Gattung angehören, zuvörderst Bauer
sind und Aristokrat und erst nachher Mensch.«
    Der mytische Kavalier, welcher diese unerwartete Parallele zu hören bekam,
schwieg einige Zeit tiefsinnig. Dann versetzte er: »Sie haben, Herr Prediger,
dieses mehr aus Büchern. Ich versichere Sie, dass wir mit der Zeit
fortgeschritten sind. Wir heiraten sogar Jüdinnen.«
    »Exzellenz«, fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen
Gelehrten heraus, »der Adel, den Sie meinen, ist ein reines Garnichts und kommt
mir höchstens vor wie der Schwamm im Hause.«
    Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen, welches erhaben aussehen
sollte; es liess sich jedoch nur vornehm an. In diesem Augenblicke kam sein
Privatsekretär und meldete, dass der Wagen, zur Weiterreise fertig, vor dem Hofe
halte. Er ging hierauf, sehr höflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus
geleitet, zur Pforte, wo er beide entliess. Gedanken hatte er nicht über das
Vorgefallene, sondern nur die Absicht, auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei
Gelegenheit zu denunzieren.
    Dieser ging mit dem Hofschulzen still lächelnd zurück, sagte aber nichts. Im
Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann. Der Bräutigam,
welcher nun endlich auch zu einem Vergnügen gelangte, führte zuerst die Braut
auf, dann brachte er sie den nächsten Anverwandten, einem nach dem andern zu, um
auch ein Gängelchen mit ihr zu machen. Erst tanzten sie Menuett, einen Munteren
darauf, und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprüngen.
Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden
wie eine Tenne. Die Köpfe hatten sich erhitzt, die Männer jauchzten, die Mädchen
kreischten und es war viel Lärmens, Springens und Jubilierens im Oberhofe.
 
                                 Achtes Kapitel
                         Eine Idylle in Feld und Busch
Indessen liefen der Jäger und sein Wild durch den Eichenkamp nach den
Kornfeldern, Triften und Hügeln. Das Wild floh nicht vor dem Schützen, es liess
sich küssen und streicheln; es war ein sehr zahmes Wild geworden. Der Jäger
trieb tausend Possen mit dem Wilde, er ringelte die gelben Locken sich um die
Finger, und dann küsste er sie, er drückte, wenn die weissen Zähne seines Mädchens
zwischen den Lippen zu sehr hervorschienen, die Lippen sanft zusammen und sagte,
das Gesichtchen sei nicht fertig geworden und er müsse es vollenden. Er fasste
das feine Ohrläppchen, und kniff es etwas, doch nicht allzusehr. Dann zupfte er
sie auch wohl am Kleide und wendete sich um und tat, als habe er es nicht getan.
Solche kindische Possen trieb der erwachsene Mensch. - Lisbet ging still mit
freudeschwimmendem Gesicht für sich hin und ihre Hände falteten sich oft
unwillkürlich wie zum Gebet. Zuweilen flüsterte sie: »O du!« Aber weiter sagte
sie nichts. Trieb der Jäger seine Possen zu arg, so drohte sie ihm mit dem
Finger, dann sah er sie aus seinen dunkelblauen tiefen Augen so ernst an, als
zögen Gedanken der Ewigkeit durch seine Seele. Dann lachte sie und rief: »Ich
fürchte mich vor dir«, und er schmeichelte: »So flüchte dich in Sicherheit!« und
breitete die Arme aus. Das tat sie denn auch. Sie stürzte mit heftiger
Zärtlichkeit wider seine Brust, dass die Locken schütterten und manche sich
lösete, und dann ruhten sie lange umschlingend umschlungen, er in ihr und sie in
ihm, der einige, ganze, vollkommene Mensch.
    Er nannte sie sein Herz, sein Mädchen, sein Reh. Sie nannte ihn nur Oswald,
aber immer mit einem anderen Ausdrucke, und alle Töne auf der Laute der Liebe,
vom schwärmerischen Entzücken bis zum scherzenden Schmeichelgeflüster klangen
und zitterten in dem einen Worte. Sie hatte keine eigentlich schöne Stimme, es
lag darin etwas Bedecktes, Rauhes, aber seit heute quoll etwas unendlich Süsses
aus dieser Umhüllung hervor. Es war, als ob auch die Psyche ihrer Töne erwacht
sei und die Flügel nach Entfaltung rängen.
    Jeder dieser Scherze, alle diese Possen und die kleinsten Kleinigkeiten
hatten einen Engel, der nahm sie und legte sie am Trone Gottes nieder. Denn es
war die erste Liebe, die echte, die einzige, die in diesen beiden jungen,
unschuldigen Herzen brannte und klopfte! In der Fülle ihrer Vorahnungen, von
gesunder, treibender Hoffnung schwanger, hatten sie einander gefunden, kein
Entsagen, keine Täuschung hatte sie noch um einen Tropfen warmen Blutes
gebracht, vollendet, wie Aphrodite aus dem Schaume des Meeres, erstand ihnen das
Glück. Das ist die Liebe, die wie jene Wunderpflanze aus Osten, vor unseren
sichtlichen Augen wächst.
    Diese Liebe kümmert sich nicht um die Landesstege und -wege. Der Jäger und
sein Wild hatten nach der schönen Blume gehen wollen, vergassen aber diesen
Vorsatz, ehe sie noch fünfhundert Schritte vom Hofe waren. Sie gingen, liefen,
schwankten umher, sie wussten nicht, wo? War der Himmel nicht überall blau, war
die Erde nicht allerorten grün? - Es gingen Leute vorüber, die sahen sie nicht;
zuweilen hatten sie gar keinen Weg unter den Füssen, des achteten sie nicht.
Zufällig kamen sie so Hand in Hand auf die Höhe am Freistuhl. »Ei!« rief der
Jäger, »das ist schön, wie fromme Pilgrime sollen wir alle Stationen besuchen.«
- Er führte sie zu dem Steine, darauf sie in jener Schmerzensnacht zusammen
gesessen hatten.
    Das überreife Korn, welches der Hofschulze noch immer nicht hatte schneiden
lassen, knickte fast unter der Bürde seiner Ähren, die Sonne schwamm wie ein
zerflossenes Gold in diesem Segen, und doch war die Stelle kühl und frisch, denn
aus dem Forste wehte ein gelinder Wind. Die Kronen der Linden über ihnen
schauerten leise. Da sassen sie nun wieder, glücklich vereinigt und schauten über
die helle freundliche Gegend hin und freuten sich, dass sie auf der Welt waren. -
»Ich will deine Wunden um Verzeihung bitten«, sagte der Jäger, nahm ihr das Tuch
ab und küsste die feinen roten Pünktchen zwischem dem Busen und der glänzenden
Schulter. Sie duldete es ohne Sträuben, sie hatte die kleinen Hände kreuzweise
auf ihren Schoss gelegt, so sass sie da, ein ergebenes Opfer der Liebe, aber sie
sah ihn schamhaft bittend an. Den Blick ertrug er nicht, Tränen stürzten ihm aus
den Augen, wie damals, als er mit ihrem Häubchen sein Spiel trieb, er legte ihr
hastig das Tuch um Busen und Schulter, fiel ihr zu Füssen, drückte ihre Kniee
wider sein Herz und lief dann eine Strecke von ihr weg auf den Rain, um seiner
Bewegung Meister zu werden.
    Als er zurückkam, fand er sie nicht mehr auf dem Steine. Bestürzt blickte er
umher. Da erscholl ein leises Kichern aus einer der alten Linden. Er sah
erstaunt nach dem Baume und machte eine Entdeckung, die er früher übersehen
hatte. Der Baum war hohl und bot in seinem Inneren geräumigen Platz für ein
Versteckens dar. Er zog sein Mädchen scherzend und schäkernd heraus.
    Nun stand sie vor ihm, und er mass ihre Grösse an der seinen. Sie reichte ihm
gerade bis zur Brust, hatte also das rechte Mass, denn der Kopf des Weibes soll
nur bis zum Herzen des Mannes reichen, dann gibt es den echten Bund, den rechten
Bund. Er fasste sie bei beiden Händen, sah ihr liebevoll in die klugen, treuen
Augen, und fragte sie; »Sag mir an, meine Lisbet, wie ist es nur zugegangen,
dass du so geworden bist, so eigen, tief und sonderbar?«
    »Wie bin ich denn?« fragte sie unschuldig. »Ich bin, wie ich bin, wie soll
man anders sein? Ich tat, was mir oblag, viel verdanke ich auch dem Fräulein und
dem alten Herrn Baron, die beide so klug und gebildet sind. Was in den Büchern
stand, die ich für mich las, behielt ich, und dann hatte ich jederzeit schon als
Kind über alles meine Gedanken, von denen ich gar nicht wusste, woher sie kamen.«
    »Die werden wohl das Beste an dir getan haben, meine Lisbet. Wollen wir nun
zur schönen Blume gehen? Mich dünkt, sie blüht nahebei.«
    Sie nahm seinen Arm, bat ihn aber, nun vernünftig zu sein. Sie gingen durch
den Forst, kleine grüne Stege hinab. Sein Herz, ihr Herz war ruhiger geworden,
sie genossen sich und ihre Seligkeit gesänftigter; eine Sabbatstille hatte sich
in ihre Busen gesenkt. Von gleichgültigen Dingen sprachen sie, dazwischen von
ihrer Zukunft, die wie ein rosenroter Traum vor ihnen schwebte. Sie sagte ihm,
er möge nur alles so einrichten, wie ihn gut dünke, wenn er wolle, sei sie die
Seinige; an der Einwilligung ihrer Pfleger zweifle sie nicht.
    »Ich auch nicht!« rief er mit unwillkürlichem stolzem Jauchzen. Sie sah ihn
fragend und erstaunt an. Er erschrak und suchte sich mit einer übel erfundenen
Ausrede zu helfen, die nur ein liebendes Mädchen glauben konnte. Von seinen
Verhältnissen wusste sie nichts, sie hatte auch eigentlich nie so recht danach
gefragt. War nicht sein Blick treu, seine Rede ehrlich und verständig, der Druck
seiner Hand sanft und bieder? Hiess er nicht Oswald Waldburg? Was brauchte sie
mehr zu wissen? - Er aber hatte sich einen Streich heute ausersonnen, einen
Streich - bei dem Gedanken an das Gelingen dieses Streiches schwindelte ihm der
Kopf vor Freude. Er wollte die Wonne geniessen, sein Liebstes mit einer Fülle von
Glück zu überraschen.
    An der Senkung des Forstes, da wo er in die Wiesen auslief, begegnete ihnen
eine Frau mit einem Korbe voll früher Äpfel. Er kaufte ihr einige ab, »denn«,
sagte er, »wir müssen doch an unsere Wirtschaft denken. Wenn wir noch ein
Stückchen Brot dazu hätten, so könnten wir eine Herrenmahlzeit halten.« - »Damit
will ich Ihnen dienen«, sagte die Frau, »ich habe Weissbrot aus der Stadt
mitgenommen, um es in den Kotten umher zu verkaufen, wenn Sie mir aber etwas
abnehmen, brauche ich es nicht weiter zu tragen.« Sie öffnete ein weisses Tuch,
welches sie nebst dem Korbe trug und er nahm zwei Brötchen heraus.
    Nun gingen sie quer durch die Wiesen und nicht lange, so sahen sie ihren
lieben Platz, den sie seit dem ersten Zusammentreffen noch nicht wieder besucht
hatten. Als sie die Büsche erblickten, die kleinen Felsen und die schwarzen
Baumtrümmer, freuten sie sich wie die Kinder. Ihr erster Gang war nach der
Blume. Die war aber inzwischen verwelkt und die roten Kelche hingen blass und
erschöpft vom Stengel herunter. Lisbet seufzte, er aber sagte: »Die Blume
starb, die Liebe lebte auf, geben wir der Blume ein Grab im Heiligtum der
Liebe!« Er streifte die Kelche vom Stengel, pflückte das Blatt einer wilden
Lilie, bereitete daraus ein Röllchen, steckte das Verwelkte hinein und reichte
Lisbet den kleinen grünen Sarg. Sie sah ihn, eine Träne im Auge, an, dann schob
sie ihn unter ihr Tuch und bestattet ihn an ihrem Busen.
    Es war zwischen Nachmittag und Abend und das Wasser unter den kleinen Felsen
schickte berauschenden Duft empor. »Nun wollen wir speisen wie die Könige!« rief
er fröhlich. »Bist du hungrig?« - »Ei ja«, versetzte sie lachend, »es ist nicht
wahr, dass die Liebe von der Luft lebt.« - »Höre, mein Herz«, sagte er, »da hast
du eine kühne Wahrheit ausgesprochen, wirst es aber mit allen Romanschreibern zu
tun bekommen. Im Vertrauen: Mich hungert auch!« - »Es ist doch ein Unterschied«,
sagte sie lächelnd. Sie nahm jetzt seinen Ohrzipfel, wie er früher ihren, legte
die Lippen an sein Ohr und flüsterte: »Man hungert wohl, aber der Hunger tut
nicht so weh.«
    Sie wollte sich auf einen Baumtrumm ihm gegenüber setzen, er zog sie auf
seinen Schoss. Sie ass aus seiner Hand, und er ass aus ihrer, und so vollbrachten
sie ihr kleines Mahl von Brot und Äpfeln. Dann setzten sie sich unter einen
Haselstrauch am Bache und sahen den klaren Wellchen zu und den Fischlein, die
darin hin und her scherzten. »Du könntest mir jetzt einen Gefallen tun und mir
dein Waldmärchen erzählen, wovon du mir schon öfter sprachest«, sagte sie.
»Ach!« rief er, »haben wir nichts Besseres zu tun, als erzählen und vorlesen?«
Er wollte sie umarmen, sie entzog sich ihm aber, legte einen Zweig von der
Haselstaude zwischen ihn und sie und sagte: »Da bleib jenseits sitzen und
erzähle, zum Küssen haben wir immer noch Zeit genug.«
    Er zog die Blätter und Blättchen, auf welche er das Märchen geschrieben
hatte, und die er zufällig bei sich trug, aus der Tasche, las und erzählte frei,
wechselsweise. Wenn er ein Blatt zu Ende gelesen hatte, so warf er es in den
Bach, da trugen es die Wellen davon. - »Was tust du?« fragte Lisbet. - »Es hat
seine Bestimmung erfüllt, wenn du es gehört hast«, versetzte er. - Die Wellen
liessen es aber nicht verlorengehen, sie trugen es zu mir; ihr sollt es nachher
hören.
    Anfangs hörte sie achtsam zu und liess sich manches erklären, was sie nicht
verstand. Späterhin schien sie zerstreut zu werden. Sie flocht ein Krönchen von
Blumen und Gras, wie um durch diese Arbeit ihre Gedanken zusammenzuhalten. Auch
er eilte zum Ende, seine Fabel gefiel ihm nicht mehr. Dieser Wirklichkeit
gegenüber schien ihm sein Ersonnenes matt und schal.
    Als er auserzählt hatte und sie nichts sagte, fragte er sie, wie es ihr
gefallen habe. - »Ja sieh«, erwiderte sie schüchtern, »es ging mir eigen mit
deinen Wundern im Spessart. Ich glaube, ich hätte sie in der Stube hören müssen,
da würde ich mir den Wald hinzugedacht haben, aber hier unter den grünen
Blättern, bei den wehenden Winden und dem fliessenden Wasser kam mir alles so
unnatürlich vor, und ich konnte nicht recht daran glauben.«
    Die Antwort machte ihn froh, als habe er das begeistertste Lob vernommen. -
»Aber deinen Lohn sollst du dennoch erhalten, denn manches hat mir sehr darin
gefallen. Ich hab' dir ein Krönlein geflochten, damit will ich dich krönen als
meinen König und Herrn«, sagte sie liebreich.
    Er sank vor ihr nieder, drückte sein Gesicht an ihren Leib und empfing die
Blumenkrone von ihr auf seinem Haupte. Zu ihr aufschauend mit verklärten Blicken
rief er: »Weihe meine Lippen, dass sie immer Reines reden! Lege deine Finger auf
sie!« - Ihre Hände hatten die Eigenheit, dass sie oft plötzlich erkalteten, was
freilich auf ein warmes Herz deutete. So war es auch jetzt. Er fühlte die reine
Kühle an seinen heissen Lippen, er sog sie ein; sie schauerte ihm wie
Tempelschauer bis in das tiefste Herz. Lieblich fühlte sie dagegen ihre Finger
von seiner Lippenglut erwärmt.
    Das Abendrot glänzte durch die Klippen und Büsche. Trunken gingen sie längs
des Baches auf und nieder. Ein Lied fiel ihm ein, er sang:
Meine Liebe, meine Lieb' ist ein Segelschiff,
Auf hohem Meer zwischen Bank und Riff;
Der Kiel so stark und der Wind so gut,
Und das Schiff fährt weiter und weiter voll Mut.
Meine Liebe, meine Lieb' o du Segelschiff,
Und fürchtest dich nicht vor Bank und Riff? -
»Ich fürchte mich nicht vor Riff und Bank,
Mich treibet hindurch guten Windes Drang.«
Meine Liebe, meine Liebe, und weisst du denn,
Wohin die kühnliche Fahrt soll gehn? -
»Weiss nicht, wohin mich führet der Wind,
Weiss nur, dass die Segel blähet der Wind.«
Der Pilot, der schlief am Steuer ein,
Träumt von Wundergestaden, vom Palmenhain,
Statt seiner fasste das Steuer ein Gott,
Nach Wundern und Palmen der beste Pilot!
Sie hatte dem Liede fast ängstlich zugehört. - »Ei, wie bist du darauf
gekommen?« fragte sie. »Das passt nicht auf unsere Liebe, unsere Liebe ist ein
Nachen, der auf dem Spiegel eines klaren Weihers schaukelt.« - »Es ist auch
nicht auf unsere Liebe gemacht«, versetzte er, »es ist das Lied eines Freundes,
meines besten Freundes, an dessen gefährliche Liebe ich in meinem Glücke denken
muss. Sein Liebesschiff fährt dahin durchs wüste Meer, und möge ein Gott an
seinem Steuer stehen, wie er gesungen hat!«
    »Ach, das muss wohl eine verwegene frevelhafte Liebe sein, die Liebe deines
Freundes, deren Schiff so dahinfährt!«
    »O nein, Lisbet, eine fromme Liebe, eine heilige Liebe, und dennoch starren
die Widersprüche ringsum sie her, wie Klippen!«
    »Kann denn auch die fromme Liebe ein solches Schicksal haben?« fragte sie. -
»O Kind! Kind!« rief er, von einem seltsamen Schauer gefasst, »lass uns nicht
weiter davon sprechen! Gebe der Himmel, dass unsere Liebe nicht - Ich will dir
etwas sagen. Ich gehe gleich nach dem Schloss zu deinen Pflegern und bringe
unsere Sache in Ordnung. Noch vor völliger Nacht erreiche ich wohl den Ort auf
der Hälfte des Weges, da schlafe ich, und bin morgen in der Frühe am Ziel und am
Abend wieder bei dir.«
    Er wollte sie erst nach dem Oberhofe zurückgeleiten. »Nein«, sagte sie, »lass
uns hier auseinandergehen, hier wo wir so froh waren!« - Er gab ihr eine Rolle
Gold, die er jetzt immer bei sich tragen musste, weil er keinen Verschluss dafür
hatte, und bat sie, ihm sie zu verwahren.
    Sie schieden. Als sie eine Strecke auseinandergegangen waren, sahen sie sich
um, eilten noch einmal zurück, umschlangen sich inniglich, ohne zu reden, und
gingen dann stumm ihre verschiedenen Wege, der Jäger über die Klippen der Gegend
zu, wo das Schloss lag, Lisbet durch die Wiese nach dem Oberhofe.
 
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                                  Jäher Sturz
Nur das Weib weiss, was Liebe ist, in Wonne und Verzweiflung. Bei dem Manne
bleibt sie zum Teil Phantasie, Stolz, Habsucht; das Weib wird durch den Kuss ganz
Herz vom Scheitel bis zur Fusssohle. Da ist keine Fiber, kein Nerv, der nicht
jubelte, oder - jammervoll zuckte!
    Lisbet kam nach dem Oberhofe, ohne zu wissen, wie. Ihr Busen klopfte, ihre
Wangen waren heiss, sie drückte die Rolle Gold zärtlich an ihr Herz, denn er
hatte sie ihr ja gegeben. Unaufhörlich flüsterte sie: »Er ist gar zu gut«; und
wusste weiter nichts zu sagen. Ach, das Wörterbuch eines liebenden Mädchens
entält nur diese fünf Worte und dann das Wörtlein: du! aber was ist der
Reichtum aller Sprachen gegen die selige Armut dieses Wörterbuches?
    Im Oberhofe tosete das Tanzgelag. Alles hatte sich nun nach dem Baumgarten
gezogen, wo man Lichter und Laternen angezündet hatte, weil die Dämmerung
bereits eingebrochen war. Die Gäste, welche nicht tanzten, sassen und standen
umher. Lisbet wurde durch den Lärmen zuerst aus ihren Träumen geweckt, sie
schlüpfte von der Seitenpforte, durch welche sie wieder in den Hof eintrat,
rasch in das Haus, um nicht bemerkt und dann wohl gar zum Tanze aufgefordert zu
werden.
    Sie ging nach ihrem Stüblein und zündete arglos das Lämpchen an, obgleich
sie sich hätte sagen können, dass der Schein durch das Fenster ihre Anwesenheit
verraten müsse. Aber sie hatte zu diesem und allem Ähnlichen keine Überlegung.
Ihre Seele wallte, flutete, es war ihr zumute, als stehe sie auf einem hohen
Berge, rote Wolken zu ihren Füssen, rote Wolken, so weit sie blickte, und in der
Ferne ragten goldene Kuppeln aus den roten Wolken hervor. Nun wusste sie, was
Glück ist, sie konnte es aber nicht aussprechen.
    Sie setzte sich an das Tischchen im Fenster, sah die Blumen an, die dort im
Glase blühten, dann hob sie ein Blatt der Lilie auf, welches abgefallen war und
vereinigte es wieder sanft mit dem Kelche, dann warf sie durch das Fenster einen
Kuss ihrem Wanderer nach und bat die Lüfte, den Kuss ihm zuzubringen.
    Sie stand auf und ging hin und her, denn ihr Gemüt war zu sehnsuchtsvoll und
unruhig. Sie wollte das grüne Särglein aus ihrem Busen nehmen, da rührte sie mit
ihrer Hand an die junge Brust, und es überflog sie bei dieser Berührung ein
Schauer der Ehrfurcht vor ihr selbst. Ihr Leib kam ihr geheiligt vor, denn sie
war geliebt.
    Aber nicht lange blieb sie in dieser erhabenen Stimmung. Scherzender Jubel
ergriff sie. Sie fasste ihre Schürze mit beiden Händen und machte zu dem Schrei
der Musik da draussen für sich ein Tänzchen rund um das Zimmer. Dann fiel ihr die
Goldrolle wieder ein, welche sie auf das Tischchen gelegt hatte. - »Was sein
ist, ist mein, ich muss doch sehen, wieviel er geerbt hat!« rief sie. Er hatte
ihr gesagt, er sei ein Förster aus Schwaben, der nach der hiesigen Gegend
gereist sei, um eine Erbschaft zu heben. Als sie die Rolle öffnete, sah das Gold
sie mit blitzenden Augen an. Sie zählte und zählte, das wollte für sie kein Ende
nehmen. Nimmermehr hätte sie geglaubt, dass so viel Gold auf Erden sei. - »Ach,
ist er so reich?« rief sie fröhlich in die Hände klopfend, als sie die hundert
und etlichen Doppelpistolen auf den Tisch gezählt hatte.
    »Da bauen wir uns ein eigenes Haus mit Milchkämmerchen und einem Brünnlein,
klar und kalt!« jauchzte sie. »Jetzt aber lass sehen, wie sich das Gold in eine
Reihe gezählt ausnimmt, so auf dem Haufen sieht man gar nicht, wieviel man hat.
Ich will es am Boden in einer langen Reihe aufzählen, und die Lampe stelle ich
dazu, so geht mir nichts verloren.«
    So badete der arme schöne Findling oben in den Wellen der seligsten Lust.
Der Hofschulze aber sagte zum alten Schmitz, dem Sammler, der auch, wie er, den
ganzen Tag über verdriesslich gewesen war und ihm jetzt eröffnete, dass er ihn
notwendig über die Amphora und das Schwert Karls des Grossen zu sprechen habe:
»Nach diesem, Herr Schmitz, jetzt habe ich eine notwendige Verrichtung.« - Er
hatte den Schein des Lämpchens in Lisbets Stube wahrgenommen und sich sogleich
vorgesetzt, zu ihr zu gehen, um, wie er für sich sagte, Ordnung in dem Handel
zwischen ihr und dem Jäger zu stiften. »Ich werde dem Kinde sagen« - sprach er,
indem er seinen Hut auf dem Haupte und den Stab in der Hand, langsam und
bedächtig durch den Flur schritt. Bei seinem Vieh stand er einen Augenblick
stille, denn die prächtig geschmückte Blesse stöhnte ungeachtet ihres Putzes an
Stirn und Hörnern erbärmlich, und als er hinleuchtete, stand das arme Tier ganz
krumm zusammengezogen. »Was ist denn das nun wieder?« rief der Hofschulze. -
»Was wird es sein?« versetzte der Rotaarige, der aus einer dunkeln Ecke des
Stalles hervorkam, trotzig, »das Vieh hat seinen Eigensinn, davon ist es krank,
ich habe ihm aber schon was eingegeben.« - Der Hofschulze beschaute mit zornigem
Schmerz die Leiden seines besten Stücks; aber auch dieser Anblick entlockte ihm
kein Fluch- oder Scheltwort, sondern er stiess nur sein gewöhnliches »Ei! Ei!
Ei!« aus und setzte dann dumpf hinzu: »Diese Hochzeit, auf welche ich gespart
und gehofft habe, nimmt ein übles Ende.«
    Er stieg die Treppe empor und trat so hart auf, dass die Stufen dröhnten.
Dann öffnete er die Türe von Lisbets Stube fest und rauh. Sie hatte die Lampe
in der Hand und in dem Schürzchen die Goldstücke, mit denen sie ihr kindliches
Spiel treiben wollte. Bei seinem plötzlichen Eintritte erschrak sie, fasste sich
jedoch und blieb ruhig am Tischchen stehen.
    Etwa eine Viertelstunde mochte er mit ihr in einem Gespräche gewesen sein,
welches sie anfangs gar nicht verstand, als jemand, der unter dem offenen
Fenster vorbeiging, einen Schrei, ein Klingen wie von fallendem Gelde und ein
Geräusch hörte, wie wenn einer zu Boden stürzt und dabei ein Gerät hart berührt.
Zugleich erlosch der Schein. Der Mann blieb stehen und gleich darauf kam der
Hofschulze aus dem Hause. - »Was gab es da droben?« fragte ihn jener. - »Eben
nichts«, versetzte der Alte. »Junge Frauenzimmer sind schreckhaft, wenn man
ihnen die Sache in aller Manier bei dem rechten Namen nennt. Besser Leid tragen,
als Schmach tragen.« Er ging in den Baumgarten und gab der ersten Brautjungfer
den Auftrag, hinaufzugehen.
    Das Mädchen verstand ihn in dem Getöse nicht recht und meinte, sie solle
Lisbet zum Tanze herunterholen. Sie sprang rasch hinauf und rief, um sich nicht
zu lange von ihrem Vergnügen abzumüssigen, in die dunkele Stube hinein: »Sind Sie
hier? Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen!« erschrak aber heftig, als ihr
aus der Ecke des Zimmers ein inniges Schluchzen antwortete. Bestürzt rannte sie
hinab, fand unten ihre Gefährtin, und beide Mädchen kehrten darauf mit einem
Lichte zurück.
    Nun hatten sie einen Anblick, der selbst diese rohen Geschöpfe erschütterte.
Denn an der Stelle, wo noch vor einer Viertelstunde eine Jubelnde und
Frohlockende gestanden, lag nun eine Zerbrochene. Lisbet war an dem Tische
niedergesunken in ihre Kniee, ihre Arme hingen schlaff herab, schlaff ruhte der
Leib in den Hüften, die blonden Locken hatten sich gelöst und umflossen das
gebeugte und weinende Gesicht. Das Gold war ihrer Schürze entfallen und hatte
sich, eine blanke Saat, um sie ausgestreut, nicht weit von ihr lag die
ausgelöschte Lampe.
    Die Mädchen standen eine Weile verlegen und stumm. Sie wussten mit diesem
Bilde des tiefsten Schmerzes nichts anzufangen. Eine erhob die Lampe, zündete
sie wieder an, und stellte sie auf den Tisch, die zweite wiederholte schüchtern
die Worte: »Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen.«
    Hierauf hob Lisbet ihr Antlitz gegen sie empor, und nun zogen sich die
Mädchen voll Grauen aus der Stube zurück. Denn die Wangen waren leichenweiss
geworden und die Augen in ihren Höhlen zurückgetreten und so voll Tränen, dass
sie strömenden Quellen glichen. Die Brautjungfern gingen hinunter zum Tanze,
tanzten, hatten den Vorfall bald vergessen, und Lisbet blieb allein. Denn
niemand sprach unten von ihr, sonst wäre der Diakonus wohl zu ihr gegangen, da
er sie sehr lieb hatte.
    Als sie allein war, begann sie ein Werk, so ernst und traurig, als ihre
Spiele von vorhin fröhlich und ausgelassen gewesen waren. Mit einem Blicke des
Ekels und Abscheus sah sie das Gold am Boden an, dann überwand sie sich dennoch,
raffte mit zitternden Fingern die Stücke auf, die nun nur noch ihre Schande
widerspiegeln sollten, und rollte sie wieder ein, indem ein erhabener Hohn ihren
Mund umzuckte. Dann warf sie die Rolle verächtlich in einen Kasten, und
verächtlich warf sie das grüne Särglein dazu, und deckte dann ein Tuch über das
Hingeworfene. Sie fand das Blatt mit den Versen Oswalds an sie; da brachen noch
einmal heftige Tränenfluten aus ihren Augen; es waren die letzten Zähren, welche
sie heute abend weinte. Dann hielt sie das Papier an die Flamme der Lampe, und
sah kalt es verlodern. Das Tuch, welches der Jäger ihr geschenkt, zerschnitt sie
und liess die Stücke zu Boden fallen, da, wo die Asche von dem Papiere lag. Nun
nahm sie an sich entsühnende Handlungen vor. Sie wusch ihre Finger, die sie auf
seinen Mund hatte legen müssen. Dann wusch sie die Lippen, welche seine Küsse
geduldet und wiedergegeben hatten.
    Alle diese Handlungen verrichtete sie schweigend, nicht einmal einen Seufzer
stiess sie aus. Ihr Schmerz war so gross, dass er auch nicht durch ein
Selbstgespräch sich erleichtern mochte. - In den Kelch der Rose, den der süsseste
Hauch soeben aufgeschmeichelt, war ein ätzendes Gift getropft worden - fühlt
ihr, wie die Rose in ihren keuschesten Tiefen zucken musste? - Fragt ihr mich, ob
sie dem glauben konnte, was der alte Bauer ihr gesagt, so antworte ich, dass ich
es nicht weiss. Denn alles weiss der Dichter zwischen Himmel und Erden, aber eines
weiss er nicht: das Innerste, Feinste, Heimlichste eines liebenden Mädchens.
    Das kann ich sagen: Sie musste ihre Seele schänden lassen, als diese nackt
dalag vor Gott und Oswald, weil sie nichts von ihrer Seele für sich behalten,
sondern alles an Gott und den Geliebten ergeben hatte. Nur in Gott und in ihrem
Geliebten wollte sie ihre Seele noch besitzen, da hörte sie, dass dieser Wille
eine Sünde gewesen sei und eine Torheit.
    Sie weinte nicht mehr, ihre Augen waren heiss und trocken geworden. Ihre
Gestalt hatte sich gestreckt, sie hielt sich gerader als sonst, ihre Bewegungen
waren langsamer geworden, sie sah vornehm aus. Ruhig ordnete sie ihr Haar unter
dem Mützchen, welches sie aufsetzte, dann verhing sie das Fenster und
entkleidete sich still und züchtig. Sie löschte die Lampe und bestieg ihr Lager,
auf dem sie sich gerade ausstreckte, die Hände über der Brust gefaltet. In
dieser Lage, worin sie kein Schlummer besuchte, obgleich sie die Wimpern
geschlossen hielt, liess sie, ohne dass ein Laut von ihr hörbar wurde, wie eine
schöne Leiche, die Kräfte in sich wühlen, welche ein neues Leben der
Auferstehung in ihr entzünden wollten.
Während die Geliebte so traurige Abend- und Nachtstunden zubrachte, stürmte der
Liebende durch das Dunkel fröhlich der Gegend zu, die er am andern Morgen
erreichen wollte. Er hatte noch immer sein Blumenkrönchen auf dem Haupte und
noch immer sang er das Schifflied seines Freundes, freilich in lyrischer
Unordnung, oft die letzte Strophe zuerst, und die erste zuletzt, auch wohl Verse
der einen Strophe in die andere hinein. Nun wusste er, warum die Frauen ihm stets
eine so wonnevolle Ahnung erweckt hatten, sie waren ihm die Traube gewesen aus
dem Kanaan der Liebe, darin Milch und Honig fliesst. »An meine Mutter werde ich
freilich nun weniger denken!« rief er - »oder noch öfter als sonst« - setzte er
gleich darauf hinzu. Sein Dasein war ihm voll, ganz, geründet worden.
    Er freute sich seines Streichs, seines Schwabenstreichs. »Es ist im Grunde
sehr gleichgültig, dass sie Gräfin Waldburg-Bergheim wird«, sagte er, »aber eine
Lust wird es doch sein, wenn ich sie aus dem Wagen hebe in die Fähre über den
Neckar und sie nun drüben auf der grünen Höhe das Schloss mit den beiden
Seitenflügeln sieht und mich fragt: Ei, Oswald, wem gehört das prächtige Schloss?
- Ich werde dann sprechen: Meine liebe Lisbet, dem reichsten Kavalier der
Gegend, und ich wollte dir eine unverhoffte Freude machen, ich bin sein Förster,
wir wohnen auch auf der schönen Höhe, dort, sieh, in der kleinen Dienstwohnung,
die du neben dem Schiefertürmchen schaust. Vorläufig bring' ich dich aber ehrbar
zu meiner Frau Base, die bei der Herrschaft Ausgeberin ist. - Nun steigen wir
aus und gehen den Weg durch den Park sacht den Schlossberg hinan. Die Leute, die
uns begegnen, grüssen gar ehrerbietig, da fragt die Lisbet: Du musst hier gute
Freunde haben, Oswald? - O ja, versetze ich, die Leute halten etwas von mir,
haben aber auch gar manches durch mich. - Nun sind wir am Schloss, gehen durch
eine Hintertüre ein, dass kein Aufsehen entsteht. Ich bring' sie ins purpurne
Damastzimmer, da wird sie wohl etwas staunen über die Teppiche und die
Vergoldungen und meinen, sie dürfe in dem prächtigen Raume nicht bleiben. -
Bleibe immerhin und mache dir's bequem, Lisbet, sage ich, der gnädige Herr ist
gut und dir schon gewogen, ich habe ihm von wegen deiner geschrieben, werde mir
nur nicht untreu um seinetwillen. - Jetzt habe ich eigentlich vor, dass ich aus
dem Zimmer gehen und nach einiger Zeit wiederkehren will, aber ich glaube, dass
ich mich nicht werde halten können, sondern ich werde mich unter der Türe
umwenden und sprechen: Hör' Lisbet, noch ein Wort. Nimm mir's nicht übel, ich
hab' dich doch betrogen. Ich bin leider nicht der Förster, sondern nur der Graf
Soundso. Willst du die Frau Försterin daran geben und seine gnädige Frau Gräfin
werden? - Da bin ich denn begierig, was für ein Gesicht sie machen wird. Und
meine Hauptfreude ist, dass ich mir denke: sie wird nach dem ersten Schreck eben
gar kein verlegenes oder absonders freudiges machen, sondern sanft und liebevoll
antworten: Du sollst mir so lieb sein, wie der Förster. - Es ist, wie gesagt, an
allem dem wenig gelegen, aber es freuet einen doch, wenn man sein Lieb in Sammet
und Seide kleiden kann, und ihm Perlen um den Hals hängen, und Brillanten in das
Haar stecken und den Fuss der Trauten auf Teppiche von Brüssel setzen darf.«
    So schwärmte und scherzte sich der Jüngling die Bilder der lachendsten
Zukunft zusammen. Es war hoch Mitternacht geworden und sein Körper denn doch der
Ruhe bedürftig. Auf der Höhe des Gebirges fand er einen einsamen Schoppen. Er
ging hinein und fühlte, dass der Raum voll Heu war. Abgehärtet durch seine Reisen
und in den letzten Wochen nicht verwöhnt, stellte ihn dieses einfache Lager
vollkommen zufrieden. Er beschloss die Nacht in dem Schoppen zuzubringen. Als er
die Augen schloss, sagte er: »Jetzt wird sie träumen und dich auch im Traume mit
lieben Namen nennen!«
    Das sagte er vielleicht in dem Augenblicke, als Lisbet in ihrem Bette von
den wütenden Schmerzen überwältigt, sich krampfhaft krümmte und endlich doch in
ein leises und jammervolles Stöhnen ausbrach.
                             Die Wunder im Spessart
                                  Waldmärchen
»Bist du wohl schon, Lisbet, an einem klaren Sonnenmorgen durch einen schönen
Wald gegangen, zu dem der blaue Himmel durch die grünen Kronen einblickte, wo
dich der Otem der Bäume wie ein Hauch Gottes anwehte und dein Fuss von den
Spitzen der Gräser tausend blitzende Perlen streifte?«
    »Wohl bin ich das, Oswald, erst noch neulich, als ich durch das Gebirg nach
den Zinsen und Gülten ging. Es ist gar herrlich im grünen, frischen Wald; ich
könnte tagelang hindurchwandern, ohne einem Menschen zu begegnen, und fürchtete
mich nicht. Der Rasen ist der Mantel Gottes, man ist von tausend Englein
beschirmt, man stehe oder sitze darauf. Jetzt ein Hügel und dann eine Ecke; ich
lief und lief, weil ich immer dachte, dahinter schwebe der Wundervogel mit
blauen und roten Schwingen und dem Goldkrönchen auf dem Haupte. Ich lief mich
heiss und rot, und nicht müd'; man wird nicht müde im Walde!«
    »Und sahest du hinter Hügel und Hecke den Wundervogel nicht schweben, so
standest du atmend still und hörtest weit, weit aus dem Eichental herauf den
Schall der Axt, die Uhr des Forstes, die da ansagt, dass auch in solcher lieben
Einöde dem Menschen seine Stunde rinne.«
    »Oder weiterhin, Oswald, die freie Sicht den Hang hinauf zwischen dunkeln,
runden Buchen und oben doch wieder der Kamm der Halde von hohen Stämmen
beschlossen! Da weideten rote Kühe und schwangen die Glöcklein, der Tau im Grase
gab der Senkung im Sonnenlicht einen silbergrauen Schein, und die Schatten der
Kühe und der Bäume spielten darauf Versteckens miteinander.«
    An einem solchen sonnenklaren Morgen begegneten vor vielen hundert Jahren
zwei Jünglinge einander im Walde. Es war in dem grossen Waldgebirge, der Spessart
genannt, welches die Markscheide zwischen den lustigen rheinischen Gauen und dem
gesegneten Frankenlande macht. Das ist dir ein Wald, liebe Lisbet, der zehn
Stunden in der Breite und zwanzig in der Länge, Ebenen und Berge, Täler und
Klüfte bedeckt.
    Auf der grossen Heerstrasse, die querdurch vom Rheinlande nach Würzburg und
Bamberg läuft, begegneten einander die Jünglinge. Der eine kam von Abend, der
andere von Morgen. Ihre Tiere waren so verschieden als ihre Wege. Der vom Morgen
sass auf einem gelben fröhlich tanzenden Rösslein und stolzierte gar stattlich im
bunten Wappenrock unter rotem Sammetbarett, von welchem die Reiherfedern
herabwallten; der vom Abend trug eine schwarze Kappe ohne Abzeichen, einen
langen Schülermantel gleicher Farbe, und ritt auf einem bescheidenen Maultiere.
    Als der junge Ritter dem fahrenden Schüler sich auf Rosseslänge genähert
hatte, hielt er seinen Gelben an, bot dem andern freundlich die Zeit und sagte:
»Guter Gesell, ich wollte soeben absteigen und meinen Morgenimbiss halten. Da nun
aber zur Minne, zum Spiele und zum Mahl zwei gehören, wenn diese drei lustigen
Dinge gehörig vonstatten gehen sollen, so wollte ich Euch fragen, ob Ihr nicht
auch absteigen und mein Partner sein wollt? Eurem Grauen würde ein Maulvoll Gras
nicht minder schmecken, als meinem Gelben. Der Tag wird heiss werden, und den
Tieren ist einige Rast vonnöten.«
    Der fahrende Schüler war mit dem Vorschlage zufrieden. Beide stiegen ab und
setzten sich an der Strasse auf dem wilden Tymian und Lavendel nieder, von
welchem, wie sie sich setzten, eine ganze Wolke Wohlgeruchs emporstieg und
hundert Bienchen, die in ihrer Arbeit gestört wurden, sich summend erhoben. Ein
Knapp', der mit einem schwerbeladenen Gaule dem jungen Ritter gefolgt war, nahm
die beiden Tiere in Empfang, reichte seinem Herrn aus dem Schnappsack Flasche
und Becher nebst Brot und Fleisch, kandarte die Tiere ab und liess sie seitwärts
vom Heerwege grasen.
    Der fahrende Schüler fasste in die Seitentasche des Mantels, zog die Hand
verdriesslich zurück und rief: »O über meine ewige Zerstreuung! Hatte ich mir
doch heute morgen in der Herberge das Frühstück so sauber zurechtgelegt und
eingewickelt, da muss mir etwas anderes eingefallen sein, und über diesen
Gedanken habe ich meine Kost vergessen.«
    »Wenn es weiter nichts ist«, rief der junge Ritter, »hier ist genug für Euch
und mich!« Er teilte Brot und Fleisch, schenkte den Becher voll und reichte
Festes und Flüssiges dem andern hin. Hiebei fasste er ihn schärfer ins Auge, und
so tat der andere auch, und da entfuhr ihnen beiden ein Ausruf des Erstaunens.
»Seid Ihr nicht ...« - »Bist du nicht ...« riefen sie. »Freilich bin ich der
Konrad von Aufsess!« rief der junge Ritter. »Und ich Petrus von Stetten!« der
andere. Sie umarmten einander und konnten sich vor Freude über dieses
unvermutete Wiedersehen kaum fassen.
    Es waren Spielkameraden, die sich zufällig im grünen Spessart trafen. Die
Väter hatten auch Freundschaft miteinander gehabt, die Söhne hatten zusammen
Ball geschlagen, sich hundertmal des Tages gezankt und ebenso oft versöhnt. Der
junge Petrus war aber von jeher stiller und nachdenklicher gewesen als sein
Gefährte, dem nichts im Kopfe sitzen blieb, als die Namen der Waffenstücke und
des Reitzeugs. Endlich hatte Petrus dem Vater erklärt, er wolle gelahrt werden,
und war gen Köln gezogen, zu den Füssen des berühmten Albertus Magnus zu sitzen,
der aller bekannten Wissenschaften Meister war, und von dem das Gerücht sagte,
er sei auch in geheime Künste tief eingeweiht.
    Eine geraume Zeit verfloss seitdem, in welcher keiner etwas von dem anderen
hörte. Nachdem der erste Sturm der Freude sich jetzt gelegt hatte, und das
Frühstück beseitigt worden war, fragte der Ritter den Schüler, wie es ihm denn
gegangen sei?
    »Darauf, mein Freund, kann ich dir eine sehr kurze und müsste ich dir eine
sehr lange Antwort geben«, versetzte der Schüler. »Eine kurze, wenn ich dir bloss
die äussere Figur und Schale meines zeiterigen Lebens vorzeichnen soll; eine
lange, o eine unendlich lange, begehrst du, den inneren Kern aus dieser Schale
zu kosten!«
    »Ei, Närrchen«, rief der Ritter, »was für schwere Reden führst du da! Gib
mir die Schale und ein Stückchen vom Kern, wenn die ganze Nuss zu gross für eine
Mahlzeit ist.«
    »So wisse«, erwiderte der andere, »dass mein sichtbares Leben zwischen engen
Ufern rann. Ich wohnte in einem kleinen düsteren Gässchen bei stillen Leuten, im
Hinterhause. Mein Fenster ging auf den Garten hinaus, dessen Bäume und Stauden
ihren ernsten Hintergrund von den Mauern des Tempelhauses erhielten. Ich hielt
mich sehr einsam und für mich, knüpfte weder mit den Bürgern, noch mit den
Schülern Umgang an. So ist es gekommen, dass ich von der grossen Stadt nichts
kennengelernt habe, als die Strasse von meinem Häuschen nach den Dominikanern, wo
mein grosser Meister lehrte.
    Wenn ich nun in meine Klause zurückgekehrt war und die Mitternacht bei der
Studierlampe herangewacht hatte, so blickte ich wohl aus dem Fenster, um die
erhitzen Augen an dem dunkeln Sternenhimmel abzukühlen. Dann sah ich nicht
selten in dem gegenüberliegenden Tempelhause Licht; bei dem Scheine roter
Fackeln zogen die Ritter in ihren weissen Ordensmänteln wie Geister durch die
Galerien, verschwanden hinter den Pfeilern und kamen dann wieder zum Vorschein;
im äussersten Eck des Flügels wurden vor den Fenstern Vorhänge niedergelassen,
durch deren dünne Stellen aber ein wundersamer Schein drang, und hinter welchen
sich Weisen vernehmen liessen, welche süss und schaurig wie verbotenes Gelüste
durch die Nacht drangen.
    So gingen meine Tage hin, unscheinbar von aussen, innen aber ein glänzendes
Fest aller Wunder. Albertus zeichnete mich bald vor den übrigen Schülern aus;
nicht lange, so merkte ich, dass er gewisse Worte, die den andern unbeachtet
vorüberschlüpften, gegen mich mit einer besonderen Betonung zu wiederholen
pflegte; Worte, die auf den geheimnisvollen Zusammenhang alles menschlichen
Wissens und auf eine tief unten in dunkler Verschwiegenheit treibende gemeinsame
Wurzel des grossen Baumes hinwiesen, welcher da droben am Lichte seine gewaltigen
Zweige als Grammatik, Dialektik, Redekunst, Zahlenlehre, Geometrie, Astronomie
und Musik auseinanderlegte. - Sein Auge ruhte bei solchen Worten durchdringend
auf mir, und meine Blicke liessen ihn erkennen, dass er eine tiefe Sehnsucht nach
den letzten und grössten Schätzen seines Geistes in mir entzündet hatte.
    So kam es denn allgemach, dass ich der Vertraute seiner heimlichen Werkstatt
und der Lehrling wurde, auf den er einen Teil seines Pfundes als kostbares
Vermächtnis vererben wollte. - Es gibt nur ein Mark der Dinge, welches hier im
Metall lastet und wieget, dort in der schwankenden Pflanze, im leichtsinnigen
Vogel vom Urkern sich abzulösen ringt. Alles wandelt und verwandelt sich; Gott
wirkt zwar in der Natur, aber die Natur wirkt auch für sich, und wer der rechten
Kräfte Meister ist, der kann ihr eigenes und selbständiges Leben hervorrufen,
dass ihre sonst in Gott gebundenen Glieder sich zu ganz neuen Regungen entfalten.
- Mein hoher Meister führte mich an sicherer Hand dem Brunnen zu, wo jenes Mark
der Dinge quillt. Ich tauchte meinen Finger hinein, da wurden alle meine Sinne
voll übermenschlichen Schauens. In der russigen Schmelzküche sassen wir seitdem
oft zusammen und schauten in die Gluten des Ofens; er vorn auf niedrigem
Schemel, ich hinter ihm kauernd, mich fest an ihn drückend und ihm die Kohlen
oder die Erze darreichend, die er mit der Linken in den Tiegel warf, denn mit
der Rechten hielt er mich liebreich gefasst. Da wehrten sich die Metalle, die
Salze und die Säuren prasselten, wie in einer festen Burg wollte sich der hohe
König, der alle Welt regiert, inmitten scharfwinklichter Kristalle verteidigen,
zornig entbrannten die roten, blauen und grünen Vasallen und streckten uns die
glühenden Speere abwehrend entgegen, aber wir brachen die Werke und kämpften die
Mannen danieder, und über Schlackentrümmer hinüber lieferte sich uns demütig der
glänzende Fürst aus. Das Gold an sich ist nichts für den, der sein Herz nicht an
Irdisches hängt, aber diese teuerste und köstlichste Gabe der Natur in allem und
jedem, auch in dem Geringfügigsten und Unscheinbarsten zu erkennen, das gilt dem
Weisen viel. Zu andern Stunden wiesen uns die Sterne ihre Kreise, die als
Geschichte sich ablösten und zur Erde sanken, oder die innigen Verwandtschaften
der Töne und der Zahlen wurden wach, und zeigten uns die Bündnisse, welche zu
schildern kein Wort genügt, die sich vielmehr nur wieder in Zahl und Ton
offenbaren. In allem diesem geheimen Wesen und Weben aber schwebte, dass es nicht
wieder zu kalter klebriger Gestaltung gerinne, ewig verbindend und ewig lösend,
sich in dem Hader nie verwelkender Jugendkraft in sich und an den Dingen
entzweiend, das Grosse, Unergründliche; der dialektische Gedanke.
    O selige, genügliche Zeit des erschlossenen Verstehens, des Wandelns durch
die inneren Säle des Palastes, an dessen metallener Pforte die andern vergeblich
anklopften! Endlich - -«
    Der fahrende Schüler, dessen Lippen bei der Erzählung sich in einem dunkeln
Rote immer glühender gefärbt hatten, und dessen Augen von einem seltsamen Feuer
blitzten, hielt hier, wie aus seiner Begeisterung plötzlich ernüchtert, inne.
Der Ritter wartete vergeblich auf die Vollendung der Rede, dann sagte er zu
seinem Freunde: »Nun? Endlich -«
    »Endlich«, versetzte der Schüler mit einem gezwungen- gleichgültigen Tone,
»mussten wir uns doch trennen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Mein hoher Meister
schickt mich jetzt nach Regensburg, aus der Sakristei des Domes gewisse
Schriften zu erbitten, die er als Bischof dort zurückgelassen hat. Ich bringe
sie ihm und werde dann freilich meine Tage, wenn es angeht, bei ihm verleben.«
    Der junge Ritter tröpfelte den Rest des Weins in den Becher, sah hinein und
trank den Wein bedächtiger als er früher getan hatte. »Du hast mir da wunderbare
Sachen vertraut«, hob er nach einigem Schweigen an, »Sachen, in die ich mich
nicht wohl zu finden weiss. Gottes Welt scheint mir so schön geputzt zu sein, dass
es mir kein Vergnügen machen würde, diese lieblichen Schleier abzustreifen, und,
wie du sagst, in das Innere der Kreatur zu schauen. Der Himmel blaut, die Sterne
leuchten, der Wald rauscht, die Kräuterlein duften, und ist dieses Blauen,
Leuchten, Rauschen und Duften nicht das Allerschönste, hinter welchem es kein
Schöneres mehr gibt? Verzeihe mir; aber ich bin nicht neidisch auf deine geheime
Wissenschaft. - Du Armer! Rot macht sie nicht, diese Wissenschaft. Deine Wangen
sind ganz bleich und eingefallen.«
    »Einem jeden werden seine Pfade gewiesen, dem einen dieser, dem andern
jener«, versetzte der Schüler. »Nicht der Sprung des Blutes macht das Leben aus;
weiss ist der Marmor, und Marmorwände pflegen die Räume einzuschliessen, in
welchen Götterbilder aufgerichtet stehen. - Doch genug davon, und nun zu dir.
Was hast du denn getrieben, seit wir uns nicht sahen?«
    »Ach davon«, rief der junge Ritter Konrad mit seiner ganzen Lustigkeit, »ist
wenig zu vermelden! Ich stieg zu Ross und stieg wieder herunter, fuhr an manchen
guten Fürstenhöfen umher, verstach manchen Speer, gewann manchen Dank, misste
manchen Dank, schaute in manches minniglichen Weibes Auge. Meinen Namen kann ich
schreiben, meinen Degenknopf drücke ich daneben in Wachs ab, ein Lied kann ich
reimen, wenn auch nicht so gut, wie Meister Gottfried von Strassburg.
Schwertleite und Waffenwacht brachte ich hinter mich und empfing den
Ritterschlag zu Forchheim, jetzt reite ich gen Mainz, wo der Kaiser das Turnier
halten will, mich bass zu tummeln und des Lebens zu freuen.«
    Der Schüler sah nach dem Stande der Sonne und sagte: »Es ist traurig, dass
wir nach diesem herzlichen Treffen uns so bald wieder trennen sollen. Aber doch
wird es, wenn wir unser Ziel heute zu erreichen wünschen, notwendig sein.«
    »Komm mit gen Mainz!« rief der andere, indem er aufsprang und den Schüler in
einer sonderbar gerührten Stimmung, die gleichwohl ein Lachen zuliess, ansah.
»Lass das finstere Regensburg und den Dom und die Sakristei; erheitere dein
Antlitz unter fröhlichen Gesellen am runden Tisch in der Weinlaube und vor den
Blumenfenstern lieblicher Mädchen, lass deine Ohren durch Flöten- und
Schalmeienklang reinbaden von den schauerlichen Vigilien der Tempelherren, die
ja in der ganzen Christenheit für arge Ketzer und Baffometuspriester gelten.
Komm mit gen Mainz, mein Petrus!«
    Die letzten Worte sprach er schon im Sattel. Er streckte dabei wie flehend
seine Hand nach dem Freunde aus. Dieser wandte sich seitwärts ab und zog seinen
Arm verweigernd zurück. »Was fällt dir ein?« rief er unwillig lächelnd. »Ach,
mein Konrad, hätte ich nicht vorher gesagt, dass jedem seine Strasse gewiesen sei,
so würde ich dir zurufen: Kehre du um, du Leichtsinn, du Fahrlässiger! Die
Jugend vergeht, der Scherz verklingt, das Lachen will eines Tages plötzlich
nicht mehr gelingen, weil das Antlitz zu starr geworden ist, oder grinset
widerwärtig aus welken Runzeln! Wehe dem, wessen Scheuren dann nicht voll,
wessen Kammern nicht gerüstet sind! Ach! es muss etwas Trübes um so ein kahles,
verarmtes Alter sein, und das Sprichwort hat wohl recht, welches sagt: Zu lustig
am Morgen, schafft abends Kummer und Sorgen. Wenn ich dich so ansehe, mein
Jugendbruder, kann mir recht bange um dich werden, o wer weiss, wie verwandelt
ich dich wiedertreffe!«
    Der Ritter schüttelte dem ernsten Schüler herzlich die Hand und rief:
»Vielleicht bist du verwandelt, stossen wir wieder aufeinander, prunkst in Sammet
und Seide, und tust's uns allen zuvor!« - Er sprengte davon, und aus der Ferne
hörte der Schüler ihn noch ein Lied singen, welches damals von Mund zu Munde
ging und ungefähr so lautete:
Die schönste Rose, die da blüht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Sie tut sich erst als Knospe kund,
In sich geschlossen, und bemüht,
So recht für sich zu bleiben!
Der Mai küsst alle Rosen wach,
Auf rosenfarbnen Mund der Kuss:
Die Lippe kommt zum Blühen;
Drum keine Lippe ohne Kuss,
Und jedem Kuss an seinem Tag
Der schönsten Lippen Glühen!
Ein Schmetterling flog vor dem Schüler auf. »Ist das Leben der meisten Menschen
nicht dem Flattern dieses Falters zu vergleichen?« sagte er. »Bunt und leicht
prunkt er dahin und doch sind seine Freuden so kurz und öde. Mit gewaltigen,
grossen Augen blickt er umher, aber die matten Spiegel empfinden nur eine leere
Abwechselung von Licht und Schatten, nicht die volle Gestalt, die feste Farbe.«
- Der Wald sah ihn aus seinen grünen Tiefen mit unwiderstehlichem Blick an. »Was
tut's«, rief er, »wenn mein geduldig Tier auf diesem Rasen eine Weile allein
zurückbleibt! Es läuft mir nicht davon, ich spüre so eine innige Sehnsucht, ein
Stündchen da hineinzuwandern, wie labend muss es da tief drinnen sein!«
    Er schritt seitab von der Landstrasse auf einem engen Pfade, der sich nach
kurzem Gehen zwischen den hohen Stämmen zu Tale senkte, in den Wald und war bald
in einer völligen Einsamkeit, in der es um ihn her rauschte, flüsterte,
schwirrte, und nur einzelne Sonnenlichter, grünlich gebrochen, wie Irrlichter
ihn umspielten. Zuweilen war es ihm, als ob sein Name hinter ihm aus der Ferne
gerufen werde, er wusste selbst nicht, der Ruf kam ihm widerwärtig und
hassenswürdig vor, dann hielt er den Ton auch wohl wieder für eine Täuschung,
aber er mochte dies oder das denken, fürbass schritt er nur immer tiefer in den
dunkeln Forst. Grosse knorrige Baumwurzeln lagen wie Schlangen quer über den Weg
hin gespannt, dass der Schüler beinahe über sie gestolpert wäre, Hirschkäfer
standen wie Edelwild im Moose. Aus kleinen Felsgrotten leuchtete der
Psittichglanz des Goldmooses. Der Schweiss stand ihm vor der Stirne, wie er so
immer hastiger sich in das Dickicht hineinarbeitete und vor der lichten
Sonnenwelt da draussen floh. Aber es war nicht bloss der Gang, der ihm heiss
machte, auch sein Gemüt arbeitete unter der Last schwerer Erinnerungen. -
Endlich kam er, nachdem ihm der Pfad längst unter den Füssen geschwunden war, auf
einen schönen, glatten, dunkeln Platz unter mächtigen Eichen. Noch immer hörte
er aus der Ferne seinen Namen rufen. »Hier wird mich der rohe Laut von da
draussen nicht mehr erreichen«, sagte er, »hier werde ich still geborgen sein.«
Er sank an einem grossen moosbedeckten Steine nieder, seine Brust wogte, er
kämpfte mit einem gewaltigen Gelüste. »Vergib mir, hoher Meister, meinen
Fürwitz«, rief er; »aber es gibt ein Wissen, dem die Tat folgen muss, sonst
erdrückt es den Sterblichen! Hier, näher dem Herzen der grossen Mutter, wo unter
dem Spriessen und Wachsen schon vernehmlicher ihre Pulse klopfen, hier muss ich es
aussprechen, dass Zauberwort, welches ich von deinen schlafenden Lippen
ablauschte, als du es im Traume sprachest; das Wort, auf dessen Ertönen die
Kreatur den Schleier hinwegwirft, die Kräfte sichtbar werden, die unter Rinde
und Haut und im Kerne des Felsens arbeiten, und die Sprache des Vogels dem Ohre
verständlich klingt.«
    Seine Lippen zuckten, das Wort zu sprechen, aber noch hielt er inne, denn
vor sein Auge trat der kummervolle Blick, mit dem ihn sein grosser Meister
Albertus gebeten hatte, nach seinem Beispiel von der zufällig erlangten Kunde
keinen Gebrauch zu machen, da schwere Dinge dem Menschen bevorständen, der mit
Absicht das Zauberwort spräche.
    Plötzlich jedoch rief er es, wie von dem Verbote und von der Furcht nur um
so gewaltiger vorwärts gestossen, laut in den Wald, indem er seine Rechte
ausreckte.
    Alsobald tat es in ihm einen Schlag und einen Ruck, dass er meinte, der
Blitzstrahl habe ihn getroffen. Seine Augen erblindeten, und es wahr ihm, als ob
ihn ein reissender Wirbelwind im Kreise durch den unermesslichen Raum schleudere.
Als er entsetzt und schwindlicht mit den Händen umhergriff, fühlte er zwar den
moosigen Stein, an dem er gestanden, und kam dadurch in seinem Innern wieder zur
Erde zurück, aber nun geschah an ihm ein neues unheimliches Zeichen. Denn wie er
vorher gleich einem Sandkorn durch das All geschleudert worden war, so kam es
ihm nun vor, als ob sich sein Leib in das Unendliche ausdehne. Unter furchtbaren
Schmerzen trieb die neue in ihm aufgewachte Kraft seine Gliedmassen zu ungeheurer
Grösse, dass er meinte, er müsse an den Himmel rühren. Die Wände seines Hauptes
und seiner Brust wurden tempelweit, in sein Ohr fielen Töne, fremd, zerreissend,
himmlisch, und er sagte zu sich: »Das ist der Gesang der Sterne in ihren
goldenen Bahnen.« Endlich machten die Schmerzen einer prickelnden Wollust Raum,
in welcher er seinen Körper wieder zu gewöhnlichem Masse zusammenschrumpfen
fühlte, während die Riesengestalt wie eine äussere Schale oder eine Art von
Atmosphäre in luftigen Umrissen um ihn stehen blieb. Die Finsternisse wichen von
seinen Augen, indem sich grosse, gelbglänzende Lichtflächen, wie bei dem Gefühle
der Blendung, von den Äpfeln ablösten und in die Augenwinkel zogen, wo sie
allmählich verschwanden.
    Während er so wieder sehend wurde, sang ein feiner, süssstimmiger Chor um ihn
her - er wusste nicht, waren es die Vögel allein, oder gaben auch Zweige, Stauden
und Gräser ihren Beitrag? - ganz vernehmlich:
Wir dürfen's ihm sagen,
Er muss es ertragen;
Gehört uns nun eigen,
Wird balde
Im Walde
Erkalten und schweigen.
In dem moosigen Felsblock murrte es leise aber hörbar, es war, als ob der Stein
sich regen wollte und könnte es nicht, wie ein Scheintoter. Der Schüler blickte
auf die Fläche des Steins, ach! da liefen die grünen und roten Adern zu einem
uralten Antlitz zusammen, welches ihn aus müden Augen so wehmütig und
hülfeflehend anschaute, dass er sich erschüttert abwandte und bei den Bäumen,
Pflanzen und Vögeln Trost suchte.
    Unter denen war auch alles verwandelt. Wenn er auf das kleine braune Moos
trat, so ächzte es und schrie über den unsanften Druck, und er sah, wie es die
behaarten Händchen rang und die gelben oder grünen Häuptlein schüttelte. Die
Stengel der Pflanzen und die Stämme der Bäume befanden sich in einer
immerwährenden schraubenförmigen Bewegung, und zugleich liess ihn die Rinde oder
die äussere Haut in das Innere blicken, worin feine Geisterlein zartglänzende
Tröpfchen in die Röhren schütteten. Dann stieg das klare Nass von Röhre zu Röhre,
indem sich unaufhörlich Klappen öffneten und zuschlossen, bis es oben in den
Haarröhrchen der Blätter zu einem grünen Dufte wurde. Leichte Verpuffungen und
Feuer entzündeten sich nun in dem Geäder der Blätter; ein Äterisches,
Flammendes spieen unaufhörlich ihre feingeschnittenen Lippen aus, während ebenso
unaufhörlich der schwerere Teil jener feurigen Erscheinungen in weichen
Dampfwellen durch die Blätter hin und her schlich. In den blauen Glockenblumen,
die auf dem feuchten Waldgrunde standen, war ein Klingen und Singen; sie
trösteten mit einem schönen Liede das arme alte Antlitz im Stein und sagten,
wenn sie nur vom Boden los könnten, so würden sie ihm herzlich gern die Erlösung
bringen. Aus den Lüften blickten den Schüler sonderbare grüne, gelbe und rote
Zeichen an, die immer sich zum Bilde fügen wollten und dann wieder
auseinanderbrachen, von allen Seiten kroch und schritt das Gewürm und Gekäfer an
ihn heran und trug ihm verworrene Anliegen vor; der eine wollte dies sein, der
andere das, der eine begehrte eine neue Flügeldecke, der andere hatte sich den
Rüssel abgebrochen; was in den Lüften zu schweben pflegte, bettelte um
Sonnenschein, das Kriechende dagegen um die Feuchtigkeit. Dieses ganze Gesindel
nannte ihn seinen Herrgott, so dass ihm fast wieder die Sinne zu schwanken
begannen.
    Auch bei den Vögeln war des Zwitscherns, Plapperns und Erzählens kein Ende.
Ein Buntspecht kletterte an der Borke einer grossen Eiche auf und nieder, hackte
und pickte nach den Würmern und ward nicht müd' zu schreien: »Ich bin der
Förster; ich muss für den Wald sorgen!« - Der Zaunkönig sagte zum Finken: »Es ist
gar keine Freundschaft mehr unter uns; der Pfau will nicht leiden, dass auch ich
ein Rad schlage, er meint, er habe allein das Recht dazu, und hat mich verklagt
beim höchsten Gericht, und ich kann doch ein so schönes Rädlein schlagen mit
meinem braunen Schwänzlein.« - Der Fink versetzte: »Lass mich zufrieden. Ich
fress' mein Korn und kümmere mich sonst um nichts; ich hab' ganz andere Sorgen,
zu meinem Waldschlag lern' ich die eigentlichen kunstmässigen Weisen nur hinzu,
wenn sie mich blenden; es ist aber schrecklich, dass aus einem erst was Rechtes
wird, wenn man so hart verstümmelt worden ist.« - Von Diebstählen plauderten die
andern und von Mordtaten, die niemand gesehen, als die Vögel:
Sie fliegen wohl über den Kreuzweg hin,
Schaut keiner nach ihnen hin!
Dann setzten sie sich auf den Zweigen straff zurecht, kuckten den Schüler
spöttisch an und zwei freche Kohlmeisen riefen: »Da steht der Zauberer und hört
uns zu und weiss nicht, was mit ihm geschieht; nun, der wird Augen machen!« -
»Der wird Augen machen!« schrie der ganze Haufen und flog mit einem Gezwitscher
davon, welches wie ein halbes Lachen klang.
    Indem bekam der Schüler einen Wurf in das Gesicht, er blickte empor, da sah
er ein ungeschliffenes Eichhorn, das hatte ihm die hohle Nuss auf die Stirne
geworfen, lag platt auf seinem Aste auf dem Bauche, stierte ihm ins Gesicht, und
rief: »Die hohle für dich, die volle für mich!« - »Ihr ungezogenes Gesindel,
lasst den fremden Herrn doch zufrieden!« rief eine schwarz und weisse Elster, die
wackelnd durch das Gras herzugeschritten kam. Sie setzte sich dem Schüler auf
die Schulter und sagte ihm ins Ohr: »Ihr müsst nicht uns alle nach jenen
unhöflichen Bestien beurteilen, gelahrter Herr, es gibt auch unter uns
wohlgezogene Leute. Da seht einmal durch die Öffnung hindurch jenen weisen Mann,
das Wildschwein, wie es ruhig steht und seine Eicheln verzehrt und dabei im
stillen seine Gedanken hat. Herzlich gern will ich Euch Gesellschaft leisten und
Euch erzählen, was ich nur weiss, das Reden ist mein Vergnügen, besonders mit
alten Leuten.«
    »Wenn das ist, so wirst du bei mir deine Rechnung nicht finden, ich bin noch
jung«, versetzte der Schüler.
    »Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!« rief die Elster und sah
ganz gedankenvoll vor sich hin.
    Indem war es dem Schüler, als höre er aus noch grösserer Tiefe des Waldes ein
Seufzen, dessen Ton ihm durch das Herz drang. Er fragte seine schwarz und weiss
gesprenkelte Gesellschafterin nach der Ursache, die sagte ihm aber, sie wolle
zwei Eidechsen darum ausforschen, die dort ihr Morgenbrot ässen. Er ging nun mit
der Elster auf der Schulter nach dem Orte, wo diese Tierchen sich befinden
sollten. Da hatte er eine wunderhübsche Schau. Die beiden Eidechschen waren
gewiss vornehme Fräulein, denn sie sassen unter einem grossen Pilze, der wie ein
prachtvolles Schirmzelt sein goldgelbes Dach über ihnen ausspannte. Dort sassen
sie und schlürften mit den braunen Züngelchen den Tau vom Grase, dann wischten
sie sich die Mäulchen an einem Hälmlein ab und gingen miteinander im anstossenden
Lustain von Farrenkräutern spazieren, welcher vermutlich der einen zugehörte,
die ihre Freundin bei sich zum Besuch hatte. »Schack! Schack!« rief die Elster;
»der Herr möchte gern wissen, wer geseufzt hat?« Die Eidechschen hoben die
Köpfchen empor, wedelten mit den Schwänzchen und riefen:
Prinzessin in der Laub' am Bronnen,
Der Kanker hat sie eingesponnen. -
»Hm! Hm!« sagte die Elster und wackelte mit dem Kopfe, »dass man so vergesslich
sein kann! Ja freilich, in der nahen Hainbuchenlaube schläft die schöne
Prinzessin Doralice, die der böse König Kanker eingesponnen hat. O möchtet Ihr
sie erretten, gelahrter Herr!« - Den Schüler trieb das Herz, er fragte die
Elster, wo die Laube sei? Der Vogel flog voran von Zweig zu Zweig, den Weg zu
zeigen; so kamen sie an eine stille Wiese, rings eingeschlossen, durch welche
ein Bächlein, aus einer Felsenspalte springend, floss, wo gar artige Läublein von
Hainbuchen standen. Die Bäumchen hatten ihre Zweige zur Erde geschlagen, so dass
sie den Boden wie ein Dach überwölbten, durch diese Dächer aber stachen die
Fächerblätter des Farrenkrauts und schufen den Laubhäuslein die Lucken und
Giebel. Die Elster sprang auf eins der Laubhäuslein, schaute durch eine Lucke
und flüsterte geheimnisvoll: »Hier schläft die Prinzessin.« - Mit klopfendem
Herzen trat der Schüler hinzu, kniete vor der Öffnung der Laube nieder und
blickte hinein - ach! da wurde ihm ein Anblick, der ihm Sinn und Seele in noch
gewaltigeren Aufruhr jagte, als da er das Zauberwort aussprach. Auf dem Moose,
welches wie ein Pfühl die schöne Last umquoll, ruhte die reizendste Jungfrau und
schlummerte. Ihr Haupt lag etwas erhöht, den einen Arm hatte sie unter den
Nacken geschoben, die weissen Finger leuchteten aus dem Goldbraun der Locken,
welche in langen weichen Fluten sich zärtlich um Hals und Busen schmiegten. Mit
unsäglicher Wonne und Wehmut schaute der Schüler in das herrliche Antlitz, auf
den Purpur der Lippen, auf die Blüte der Glieder, von denen ein verklärender
Widerschein auf das dunkele Mooslager fiel. Dass die Schläferin, wie von einem
geheimen Drucke belastet, in süsser Angst zu atmen schien, machte sie in seinen
Augen nur noch verlockender, er fühlte, dass sein Herz auf immerdar
gefangengenommen sei, und nur an diesem Munde sein Lechzen stillen könne. »Ist
es nicht schade«, sagte die Elster, die durch die Lucke in die Laube gehüpft
war, und sich der Schläferin auf den Arm setzte, »dass eine so schöne Prinzessin
sich hat müssen einspinnen lassen?« - »Wie? Einspinnen?« fragte der Schüler;
»sie ruht ja, in ihren weissen Schleier gehüllt.« - »O Torheit!« rief die Elster,
»ich sage, es sind Spinnweben und der König Kanker hat sie eingesponnen.« - »Wer
ist der König Kanker?«
    »Im menschlichen Zustande war er ein reicher Garnspinnerherr«, versetzte die
Elster, indem sie wohlgefällig mit dem Schwanze wippte. »Er hatte seine
Garnspinnerei nicht weit von hier, ausser dem Walde, am Flüsschen, und an die
hundert Arbeiter spannen unter ihm. Das Garn wuschen sie im Flüsschen. Darin
wohnt aber der Nix, und der war ihnen schon lange bitterböse, weil sie mit der
ekelhaften Wäsche seine klaren Fluten trübten, und weil alle seine Kinder, die
Schmerlen und die Forellen, von der Beize abstanden. Er wirrte das Garn
untereinander, die Wellen mussten es über den Rand des Ufers schleudern, er trieb
es abwärts in die Strudel, um den Spinnerherrn zu warnen, aber alles war
vergeblich. Endlich, am Johannistage, an welchem die Flussgeister Macht haben, zu
schrecken und zu schaden, spritzte er der ganzen Garnwäscherzunft und ihrem
Haupte, da sie eben wieder ihre Wäscherei recht frech und gewissenlos trieben,
Feienwasser in das Antlitz, und, wie wilde und blutdürstige Menschen Werwölfe
und Werkater werden können, so sind die Garner und ihr Haupt Werkanker geworden.
Sie liefen alle vom Flüsschen zum Walde und hangen mit ihren Geweben überall an
Bäumen und Sträuchen umher. Die Spinner sind gewöhnliche kleine Kanker geworden,
fangen Fliegen und Mücken; ihr Herr aber hat fast seine frühere Grösse behalten
und heisst der Kankerkönig. Er stellt den schönen Mädchen nach, umspinnt sie,
betäubt sie mit seinem giftigen Dunste und saugt ihnen dann das Blut vom Herzen.
Zuletzt hat er diese Prinzessin überwältigt, welche von ihrem Gefolge im Walde
abgekommen war. Sieh dort - dort - dort regt er sich zwischen den Büschen.«
    Wirklich war es dem Schüler, als sehe er durch die Zweige gegenüber einen
riesigen Spinnenleib schimmern, zwei haarige Füsse, dick wie Menschenarme
arbeiteten sich durch das Laub; eine entsetzliche Angst um die schöne Schläferin
ergriff ihn, er wollte dem Ungeheuer entgegenstürzen. »Umsonst!« rief die Elster
und schlug mit den Flügeln; »alle verzauberte Menschen haben furchtbare Kräfte,
das Ungetüm würde dich in der Umknotung ersticken, aber streue deiner Schönen
Farrensamen auf die Brust, der macht sie unsichtbar vor dem Kankerkönig, und
solange nur ein Stäubchen davon liegt, dauert der Segen aus.« Eiligst streifte
der Schüler den braunen Staub von der unteren Fläche eines Farrenblattes ab und
tat, wie ihm der Vogel gesagt hatte. Indem er sich hiebei über die Schläferin
beugte, rührte ihr Otem seine Wange. Verzückt rief er: »Gibt es kein Mittel,
dieses geliebte Bild zu befreien?« - »Oh!« schrie der Vogel und schoss wie toll
in Zickzackflügen um den Schüler, »wenn Ihr mich um so ein Mittel befragt, das
gibt es wohl. Unser weiser Alter in der Kluft hat den Eibenbaum in Verwahr, wenn
Ihr davon einen Zweig bekommt und mit demselben die Stirne der Schönen dreimal
berührt, so weicht alle Fesselung von ihr,
Denn vor den Eiben
Die Zauber nicht bleiben;
sie wird in Eure Arme sinken und Euch, als ihrem Retter, angehören.« In diesem
Augenblicke war es, als ob die Schlafende die Reden des Vogels vernähme. Ihr
schönes Gesicht wurde von einer zarten Röte überzogen, ihre Züge nahmen den
Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht an. »Führe mich zum weisen Alten!« rief der
Schüler halb von Sinnen.
    Der Vogel sprang in die Büsche, der Schüler eilte ihm nach. Die Elster
flatterte einen engen Felsenweg empor, der bald nur noch über Morast und wild
umhergeworfene Steinblöcke gefährlich hinanleitete. Von Block zu Block musste der
Schüler klimmen, wollte er nicht im Sumpfe versinken. Seine Kniee zitterten,
seine Brust keuchte, seine Schläfe bedeckte kalter Schweiss. Er rupfte in der
Eile Blumen und Blätter ab und streute sie auf die Steine, damit er den Weg
wiederfinden möchte. Endlich stand er auf bedeutender Höhe vor einem geräumigen
Felsenportal, aus dessen dunkelem Schlunde ihm eine Eisluft entgegenstrich. Die
Natur schien hier noch in der uralten Gärung zu sein, so fürchterlich und
zerrissen starrte das Gestein über, neben, vor der Höhle.
    »Hier wohnt unser Weiser!« rief die Elster, indem sich ihre Federn vom Kopf
bis zum Schweife sträubten und krausten, so dass sie ein unheimliches und
widerwärtiges Ansehen bekam. »Ich will dich bei ihm anmelden und fragen, wie er
über deinen Wunsch gesonnen ist?« mit diesen Worten schlüpfte sie in die Kluft.
Sie kam aber gleich wieder herausgesprungen und rief: »Der Alte ist mürrisch und
eigensinnig, er will nicht anders dir den Eibenzweig geben, als wenn du ihm alle
Ritzen der Höhle verstopfest, denn er sagt, die Zugluft sei ihm empfindlich.
Aber ehe du damit fertig wirst, kann manches Jahr vergehen.« - Der Schüler
raffte des Mooses und Krautes zusammen, soviel er fassen konnte, und ging nicht
ohne Schauder in die Höhle. Drinnen sahen ihn von den Wänden Tropfsteinfratzen
an, er wusste nicht, wohin er sein Auge vor den abscheulichen Gestalten retten
sollte. Er wollte tiefer in den Felsging dringen, da schnarchte es ihm aus der
hintersten Ecke entgegen: »Zurück! Störe mich nicht in meinen Forschungen,
treibe da vorne dein Wesen!« Er wollte entdecken, wer da spreche, sah aber
nichts als ein Paar glühroter Augen, die aus dem Dunkel leuchteten. Nun gab er
sich an seine Arbeit, stopfte überall Moos und Kraut ein, wo er eine Spalte sah,
durch welche ein Schimmer des Tageslichtes drang, aber das war ein schwieriges
und, wie es schien, unendliches Werk. Denn, glaubte er mit einer Spalte fertig
zu sein und sich zu einer anderen wenden zu können, so fiel das Eingestopfte
wieder heraus und er musste von vorn beginnen. Dazu schnarrte das Schnarchende im
Hintergrund der Höhle Töne und Laute ohne Sinn ab und liess nur bisweilen
verständliche Worte ausgehen, die so klangen, als ob es sich seiner tiefen
Forschungen berühme.
    Die Zeit schien dem Schüler im reissenden Fluge unter seiner
verzweiflungsvollen Arbeit vorüberzueilen. Tage, Wochen, Monate, Jahre kamen, so
dünkte ihm, und schwanden, und dennoch spürte er weder Hunger noch Durst. Er
glaubte sich dem Wahnwitze nahe und wiederholte sich still mit einer Art von
rasender Leidenschaft die Jahreszahl und dass er am Tage Peter und Paul zu Walde
gegangen sei, um nicht gar aus aller Zeit zu treten. Wie aus weiter Ferne sah
ihn das Bild seiner geliebten Schlummernden an, er weinte vor Sehnsucht und
Trauer und doch fühlte er keine Träne über die Wangen rinnen. Auf einmal war es
ihm, als sehe er eine bekannte Gestalt sich der Schläferin nähern, entzückt sie
betrachten und sich dann wie zum Kusse über sie beugen. In diesem Augenblicke
übermannten ihn Schmerz und Eifersucht, alles um sich her vergessend stürzte er
gegen den dunkeln Hintergrund der Höhle. »Den Eibenzweig!« rief er heftig. »Da
wächst er!« antwortete das Glühende, Schnarchende, und zugleich fühlte er die
Zweige eines Baumes in der Hand, der aus einer finsteren Spalte der Grotte
emporstand. Er brach an einem Zweige, da tat es ein Winseln um ihn her, das
Glühende schnarchte stärker als jemals, die Höhle schwankte, schütterte, stürzte
zusammen, Nacht wurde es vor den Augen des Schülers, und unwillkürlich rief es
aus ihm hervor:
Vor den Eiben
Kein Zauber tut bleiben.
Als seine Augen wieder helle wurden, sah er sich um. Ein dürrer, sonderbar
missfarbiger Stecken lag in seiner Hand. Er stand zwischen Gestein, welches sich
zu einer Kluft wölbte, die aber nicht eben mächtig war. In der Tiefe klangen
schrillende, pfeifende Töne, wie sie die grossen Eulen von sich zu geben pflegen.
Die Gegend umher war wie verwandelt. Es war eine mässige Anhöhe, kahl und
ärmlich, mit unbedeutenden Steinen übersäet, zwischen denen auf der einen Seite
nach der Tiefe zu durch feuchtes Erdreich der Weg hinableitete, den er
heraufgekommen war. Von den grossen Felsblöcken war keiner mehr zu erschauen. Ihn
fror, obgleich die Sonne hoch am Himmel schien. Es bedünkte ihn, als habe sie
denselben Stand, wie damals, als er ausgegangen war, den Zweig zu holen, der nun
zum dürren Stecken in seiner Hand geworden war. Er ging den Pfad über die Steine
hinab, das Wandern fiel ihm beschwerlich, er musste sich auf den Stecken stützen,
das Haupt hing auf die Brust hinab, er hörte seinen Otem, der mühsam aus ihr
hervordrang. An einer schlüpfrichten Stelle des Pfades glitt er aus und musste
sich am Gebüsch halten. dabei kam ihm seine Hand dicht vor das Auge, die sah
grau und runzlicht aus. »Herr Gott!« rief er, von einem Schauder gepackt, »bin
ich denn so lange - -?« Er wagte seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen.
»Nein«, sagte er, sich gewaltsam beruhigend, »es tut die kühle Waldluft, dass
mich so friert, matt bin ich von der Anstrengung geworden, und das gebrochene
fahlgrüne Licht, welches durch die Büsche fällt, gibt den Händen die seltsame
Farbe.« Er schritt weiter und sah auf den Steinen die wilden Blumen und Blätter
liegen, welche er bei dem Hinaufklimmen dahin gestreut hatte, den Weg zu merken.
Sie waren frisch, als seien sie eben hingelegt worden. Damit war ihm ein neues
Rätsel gesetzt. Ein Köhler hockte seitwärts vom Wege im Gehölz und schnitt Äste
ab, den fragte er nach dem Tage.
    »Ei Vater«, versetzte der Köhler, »seid Ihr ein so böser Christ, dass Ihr
Apostelntag nicht kennt? Wir haben Peter und Paul, wo der Hirsch aus dem Wald
ins Korn tritt. Ich will meinem Jungen da aus dem Maserast ein Spielwerk
schneiden, sonst arbeit' ich nicht an dem Tag, aber das ist zur Lust und
Ergötzlichkeit, und die ist erlaubt, sagt der Kaplan.«
    »Ich bitte dich, Gesell«, rief der Schüler, den das Grauen immer stärker
durchrieselte, »sag' mir an, welche Jahrzahl schreibt ihr in der Christenheit?«
Der Köhler, von dem auch die Feiertagswäsche den Russ nicht hatte bringen mögen,
hob sich mit seinen mächtigen Gliedern schwarz zwischen den grünen Büschen
empor, und sprach nach einigem Besinnen die Jahreszahl aus. - »O du mein
Heiland!« schrie der Schüler und stürzte, von seinem Stecken nicht gehalten, auf
den Steinen zusammen. Dann schleuderte er den Stecken hinweg und kroch zitternd
den Steinpfad hinab.
    Verwundert trat der schwarze Köhler, den Maserast in der Hand, aus den
Sträuchen auf die Steine, sah den Stecken liegen, bekreuzte sich und sprach:
»Der ist von der Eibe, die da droben wächst im Eulenstein, wo der Schuhu
horstet. Sie sagen, sie schaffe den Zauber, und löse geschaffenen Zauber. Gott
behüte uns! der Alte hatte böse Dinge auslaufen lassen.« - Dann ging er in die
Büsche zurück, seiner Hütte zu, um das Spielwerk für seinen Knaben zu schnitzen.
Unten auf der lustigen Waldwiese neben der Hainbuchenlaube, am klaren
Wässerlein, welches dort seine Ränder zu einem breiten Becken auseinandergespült
hatte, sassen der junge Ritter Konrad und die Schöne, welche er ohne magische
Künste aus dem Schlummer geweckt hatte. Lieblich drängten sich rote, blaue und
gelbe Kelche aus den Gräsern um sie her, und das Paar blühte in Jugend und
Schönheit, der Ritter in seinem bunten Schmuck, die Jungfrau in ihren
silberglänzenden Schleiern, als die herrlichste Blume aus diesem Schmelz empor.
Er hatte seinen Arm sanft um ihren Leib gelegt und sagte, ihr treu und zärtlich
in das Auge sehend: »Bei der Asche meiner lieben Mutter, und bei dem heiligen
Zeichen auf dem Griffe dieses Schwerts, ich bin, der ich mich dir genannt habe,
Herr meiner Schlösser und meiner Tage, und beschwöre dich nun, du holdseliges
Wunder dieses Forstes, dass deine Lippen das Wort sprechen, welches mich auf ewig
dir in den Besitz geben wird, den der Priester vor dem Altare weihen und segnen
soll.« -
    »Was für ein Wort begehrst du noch?« sagte die Schöne leise, indem sie
züchtig die Wimpern senkte. »Hat nicht mein Auge, meine Wange, mein klopfender
Busen alles gesprochen? Minne ist eine gewaltige Königin; sie fährt daher
unversehens und ergreift, den sie mag, ohne Widerstand zu dulden. Bringe mich,
bevor der Tag sinkt, nach dem Kloster am Odenwald zur frommen Äbtissin, sie wird
mich unter Schirm nehmen, dort will ich zwischen stillen Mauern harren, ob du
kommen und mich heimführen willst.« Sie wollte aufstehen, der junge Ritter hielt
sie aber sanft zurück und sagte: »Lass uns an diesem Platze, wo meine Seligkeit
wie ein goldenes Märchen emporsprosste, noch einige Augenblicke verweilen.
Fürchte ich doch noch immer, dass du mir, gleich einer reizenden Waldnymphe
verschwindest! Hilf mir, dass ich an dich glaube und an deine holde
Sterblichkeit. Wie bist du hergekommen? Was war mit dir?«
    »Ich war«, versetzte die Schöne, »heute morgen zu Walde geflohen vor meinem
Vormunde, dem Grafen Archimbald, dessen Absichten plötzlich, ich weiss nicht, ob
auf mich, oder auf meine Güter, bös und erschreckend hervorgetreten waren. Was
hilft der Jugend und dem Weibe reiches Erbe? Es ist immerdar schutzlos und
verlassen. Ich wollte mich zur Äbtissin flüchten, ich wollte den Kaiser in Mainz
antreten, kaum
    wusste ich selbst, was ich wollte. So kam ich in diese grünen Baumhallen.
Mein Herz war nicht auf den Helfer gerichtet, meine Gedanken haderten mit dem
Himmel.
    Auf einmal, wie ich diese Wiese schon vor mir liegen sah, war mir, als würde
da drüben in den Büschen etwas gesprochen, worauf ich mich und alles um mich her
verwandelt fühlte. Ich kann dir das Wort, oder den Laut nicht beschreiben, mein
Geliebter! Der Gesang der Nachtigall klingt heiser gegen seine Süssigkeit und das
Rollen des Donners ist, mit ihm verglichen, nur ein schwaches Flüstern. Es war
gewiss das Geheimste und Zwingendste, was es zwischen Himmel und Erde geben kann.
Auch auf mich übte es eine unwiderstehliche Gewalt, da es in meinen
fassungslosen Geist, in das Getümmel meiner Sinne fiel und kein Gedanke des
Heils ihm in mir entgegentrat. Meine Augen schlossen sich und doch sah ich den
Weg vor meinen Füssen, den die Füsse, wie von unsichtbaren, weichen Händen
gelenkt, wandeln mussten. Ich schlief und schlief doch nicht, es war ein
unbeschreiblicher Zustand, in dem ich endlich unter jener Laube auf weichem
Moose niedersank. Es sprach und sang alles um mich her, in mir fühlte ich den
Wogenschlag der jubelndsten Wonne, jeder Tropfen Blutes leuchtete und tanzte
durch die Adern und doch sass mir im tiefsten Herzen das alleräusserste Grauen vor
dieser Verfassung und die heisseste Bitte um Erweckung aus meinem Schlafe. Aber
ich spürte, dass von dem Grauen nichts in mein Antlitz trat, wunderbarerweise
konnte ich mich selbst schauen und sah, dass meine Wangen von der Wonne
lächelten, als würden mir himmlische Freudenlieder zugesungen. Immer weiter
griff die Wonne in mein Herz, immer weiter drängte sie das Grauen zurück, eine
furchtbare Angst befiel mich, dass dieses Pünktchen ganz aus mir getilgt und ich
eitel Wonne werden würde.
    In dieser Not, und dem Verschwinden alles Bewusstseins nahe, gelobte ich mich
dem, der mich erwecken und befreien werde, zu eigen. Ich sah nun durch meine
geschlossenen Augenlider eine dunkele Gestalt sich über mich beugen. Das Antlitz
war edel und gross, und doch fühlte ich einen tiefen Widerwillen gegen diesen und
es flog wie ein Schatten durch meine Empfindung, dass er es gewesen sein möchte,
der das verdammliche Wort gesprochen habe. Aber immer rief ich stumm in mir und
doch laut für mich: Wenn er dich weckt und befreit, so musst du ihm für diese
überschwengliche Wohltat angehören, denn du hast es gelobt. - Er hat mich nicht
geweckt!«
    »Ich, ich habe dich geweckt, mein teures Lieb, und nicht mit Zauberspruch
und Segen, nein, mit heissem Kuss auf deine roten Lippen!« rief der junge Ritter
entzückt und hielt die schöne Emma fest umschlungen. - »Das sind wohl rechte
Wunder im Spessart gewesen, die uns zusammengeführt haben. Ich hatte mich
draussen am Heerweg von meinem geliebten Freunde Petrus getrennt nach seltsamen
verfänglichen Gesprächen. Als ich einige hundert Schritte geritten war, überfiel
mich noch einmal eine grosse Sorge um ihn, ich sass ab und wollte wiederholt ihm
ans Herz legen, seine dunkelen Wege zu lassen und mit mir gen Mainz zu ziehen.
Als ich mich wandte, sah ich ihn in den Wald schlüpfen. Ich rief seinen Namen,
er aber hörte mich nicht. Die Sporen verhinderten mich am raschen Gehen; ich
konnte ihm nur von weitem folgen, doch liess ich nicht ab, hinter ihm her zu
rufen, was aber vergeblich blieb. Endlich verschwand mir sein schwarzer Mantel
zwischen den Bäumen. Auch ich sah die schöne grüne Wiese schimmern und wollte
mir den lichten Blumenschein besehen. So kam ich her, nachdem ich noch die Kreuz
und Quer nach meinem Freunde gesucht hatte. Auch mich umgab es hier im Walde aus
den Lüften wie ein Wühlen und Schwingen, das Gewürm war in einer Bewegung, die
Vögel verführten ein so eigenes Flattern und Zirpen. - Weil ich aber an die
helle gute Strasse dachte, auf die ich den Petrus gern bringen wollte, so hat mir
vermutlich das Wesen nichts anhaben können. Als ich dich schlummernd fand, drang
mir mit der Gewalt der süssesten Liebe ein ungeheures Mitleid um dich in das
Herz, ich frohlockte und weinte doch Tränen, die heissesten, die je aus meinen
munteren Augen gekommen. Ich glaube, dass mir vergönnt war, in den Winkel zu
schauen, wo dir das Grauen wohnte. Schluchzend und lachend rief ich:
Die schönste Rose, die da blüht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Am Kuss des Mai'n die Ros' erglüht,
Es soll der schönste Rosenmund
Nicht ungeküsset bleiben!
und da boten meine Lippen in Gottes Namen den deinen ihren Gruss ...«
    »Und die Fesseln fielen ab von mir, ich erwachte, und mein erster Blick traf
in dein treues weinendes Auge«, rief die schöne Emma. »Ich dankte Gott, auf
dessen Namen ich mich jetzt wieder besann, dass ich erlöset sei, und dann dankte
ich ihm, dass du es gewesen, der mich befreit habe, und nicht jener Dunkle.«
    Der junge Ritter war nachdenklich geworden. »Ich fürchte«, sagte er, »alle
diese geheimnisvollen Waldwunder stehen mit Petrus in Zusammenhang. Ich fürchte,
dass ich an dem Tage, wo ich meine Liebe gewann, meinen Freund verloren habe. Wo
mag er nur geblieben sein?«
    Das Paar fuhr erschreckt auseinander; denn sie sahen in dem Wasser zu ihren
Füssen zwischen ihren blühenden Häuptern ein eisgraues, greises abgespiegelt.
»Hier ist er«, sagte ein zitternder, gebeugter, schneeweisser Alter, der hinter
ihnen stand. Er trug den neuen, schwarzen Mantel des Schülers.
    »Ja«, sagte der Alte mit schwacher, erloschener Stimme; »ich bin dein Freund
Petrus von Stetten. Ich stand schon lange hinter euch und hörte eure Reden, und
die Geschicke sind klar geworden. Es ist noch der Peter- und Paulstag, an dem
wir uns trafen und trennten draussen auf dem Heerwege, der kaum tausend Schritte
weit von hier läuft und seit wir voneinander gegangen sind, mag eine Stunde
verstrichen sein, denn der Schatten, den der Strauch da auf den Rasen wirft, ist
nur um ein Geringes gewachsen. Wir waren vierundzwanzig Jahre alt vor dieser
Stunde, du bist darin um sechzig Minuten, ich aber bin derweile um sechzig Jahre
älter geworden. Ich habe vierundachtzig. - So sehen wir uns wieder; ich habe es
freilich nicht gedacht.«
    Konrad und Emma waren aufgestanden. Sie schmiegte sich scheu an den
Geliebten und sagte leise: »Es ist ein armer Irrsinniger.« - »Nein, du schöne
Emma«, sagte der Alte, »ich bin nicht irre. Dich habe ich geliebt, mein Zauber
fiel auf dich, und ich hätte dich haben können, wäre es mir vergönnt gewesen, in
Gottes Namen dir den roten Mund zu küssen, was der einzige Segen ist, womit
schöne Minne erweckt wird. Statt dessen musste ich nach dem Eibenzweige gehen und
dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen. Nun, wie es
gekommen ist, so musste es kommen. Er hat die Braut, und ich habe den Tod
davongetragen.«
    Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen, um durch die
Runzeln und Falten hindurch ein früheres Lineament des Jugendfreundes zu
entdecken. Endlich stammelte er: »Ich beschwöre dich, Mensch, uns zu verkünden,
wie diese Verwandlung hat zugehen können, damit uns nicht ein Schwindel fasst und
zu schrecklichen Dingen treibt!«
    »Wer Gott versucht und die Natur, über den stürzen Gesichte, an denen er
rasch verwittert«, antwortete der Alte. »dabei bleibt der Mensch, wenn er auch
die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vögel verstehen lernt, so einfältig
wie zuvor, lässt sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom
Kankerkönige aufbinden, und sieht Frauenschleier für Spinnweben an. Die Natur
ist Hülle, kein Zauberwort streift sie von ihr ab, dich macht es nur zur grauen
Fabel.«
    Er schlich langsam in die Waldgründe. Konrad wagte nicht, ihm zu folgen. Er
leitete seine Emma aus dem Schatten der Bäume nach der heiteren Strasse, wo das
Licht in allen Farben um die Kronen der Stämme spielte.
    Noch einige Zeit lang hörten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und
dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohen und geisterhaften Stimme Reime
sprechen, die dem einen wie Unsinn, dem anderen wie tiefe Weisheit klangen.
Gingen sie dem Schalle nach, so fanden sie den Alten, der noch so wenige Jahre
zählte, wie er, erloschenen Auges, die Hände auf die Kniee gestützt, starr in
die Weite blickte und die Sprüche vor sich hinsagte, deren keiner aufbehalten
geblieben ist. Nicht lange aber, so wurden sie nicht mehr gehört, und auch den
Leichnam des Alten fand man nicht.
    Konrad freite seine Emma; sie gebar ihm schöne Kinder und er lebte bis zu
späten Jahren mit ihr in grosser Freude und Lust.
 
                                 Sechstes Buch
                            Walpurgisnacht bei Tage
                                  Erstes Kapitel
                                  Wache Träume
Als der Jäger am Morgen nach seinem schönsten Tage im Heu erwachte, schmerzte
ihn heftig sein Kopf. Denn man sei so verliebt, als man will, der Duft von
frischem Heu nimmt den Kopf ein, und er hätte den Tod von der unvorsichtig
gewählten Lagerstatt haben können. Anfangs zwar hatten die lieblichsten Träume
von Lisbet sein Hirn umgaukelt. Ihm träumte, ein Bauer trete mit einem
verschlossenen Korbe zu ihm und sage, darin sei ein Geschenk, der Herr wisse
wohl, von wem? Nun öffnete er den Korb, und ein weisses Täubchen war darin mit
purpurroten Füsschen und purpurrotem Schnabel. Er erstaunte über die Weisse und
Schönheit des Tierchens und hatte seine grosse Freude daran. Wie wurde ihm aber,
als das Tierchen sein rotes Schnäblein öffnete und zu ihm sprach:
    »Lisbet schickt mich zu dir und lässt dir sagen -« die Taube redete aber
nicht aus; sie wurde ängstlich, flatterte scheu fort, und er bekümmerte sich im
Traume darüber, dass er nicht zu erfahren bekam, was sein Mädchen ihm durch den
zarten Boten hatte sagen lassen wollen.
    Nach diesem hatte er verworrene Gesichter und gegen Morgen eins, was ihm
kaum noch wie ein Traum vorkam, es schien ihm Wirklichkeit zu sein, die in seine
vom Heuduft umwölkten Sinne fiel. Es war ihm, als ob - oder vielmehr, es war in
der Tat so. In einer anderen Ecke des Schoppens begann es sich zu rühren, und
der Jäger sah, wie eine dunkele Gestalt sich reckte, er hörte, wie sie gähnte
und darauf sprach: »Mein' Treu, ich glaub', 's ist halber sieb'n.« Die Stimme
war eine ihm ganz bekannte. Die Gestalt erhob sich, tastete umher und kam an den
Ort, wo der Jäger lag, befangen von dem Dunste des Schoppens und unfähig, ein
Glied zu bewegen, ängstlich starr unter der Last des Alps, der ihn drückte. -
»Ei, was a wüster G'sell« rief die Gestalt. »Hast nit heime finden können? Bist
ins Heu gekrochen? Nun, schlaf aus, ich verstör' dich nit weiter.«
    Mit diesen Worten entfernte sich die Gestalt. Der Jäger wollte: »Jochem!«
rufen, konnte aber keinen Laut aus der zusammengeschnürten Kehle bringen. So lag
er noch eine Zeitlang. Endlich setzte sich das stockende Blut doch wieder
gewaltsam in Bewegung, er konnte seine Arme und Füsse regen. Hastig sprang er von
dem gefährlichen Lager auf und eilte in das Freie, um Gottes reine Luft
einzuatmen.
    Draussen pfiff ihm ein rauher Nordostwind entgegen. Ein brenzlichter Geruch
schwebte in der Luft, und ein Bauer, der vorbeiging, sagte: »Es gibt heut
Haarrauch.« Er fragte den Mann nach dem nächsten Wirtshause, welches ihm in
einiger Entfernung auf einer Höhe gezeigt wurde. Sein Weg lief über ein hohes,
braunes Heideland, in geringer Entfernung in der Tiefe sah er aber grüne Wiesen,
durch welche sich der Fluss, der sie speiste, in zwanzig Windungen schlängelte.
Scharen von Landleuten waren mit dem zweiten Hiebe auf den Wiesen beschäftigt.
Auf manchen Wiesen wurde die Grummet auch schon gewendet.
    Im Wirtshause heilte sich der Jäger von seinen Kopfschmerzen durch das kalte
Wasser, in welches er sein brennendes Antlitz eintauchte. Aber er blieb
nichtsdestoweniger unwohl. In der Brust fühlte er ein eigenes Drücken und
Wühlen, was ihn zwar nicht ängstlich machte, aber ihn doch an den Blutsturz
erinnerte, den er als Achtzehnjähriger gehabt hatte und dem ähnliche
Empfindungen vorhergegangen waren. Sein Arzt auf der Universität hatte ihn
damals nach der Herstellung gewarnt und ihm gesagt, er müsse sich vor
unordentlichem Leben und Gemütsbewegungen in acht nehmen, denn so vollsaftigen
Konstitutionen, wie der seinigen, droheten beständig Rückfälle des Übels, wenn
es einmal sich Bahn gebrochen habe. Nun war seine Lebensweise in den letzten
Wochen freilich nicht die ordentlichste, seine Stimmung aber nur eine
Gemütsbewegung gewesen.
    Er nahm Speise und Trank um dadurch die erregten Lebensgeister zu beruhigen.
Wirklich fühlte er sich auch danach besser. Er fragte nach dem Schloss, wo es
liege? Da hörte er nun seltsame Dinge. - »Sie müssen bald fertig sein da droben,
der alte Herr Baron und das gnädige Fräulein und der fremde Herr«, sagte der
Wirt. »Denn man sieht sie kaum noch ausser dem Hause. Das sieht auch ganz
gefährlich aus, und der Landbaumeister, der gestern hier vorsprach, sagte, wenn
nicht bald repariert werde, so müsse die Obrigkeit Einsehen haben und auf
Abtragung des Dinges dringen, welches jeden Tag einstürzen könne.«
    Der Jäger verwunderte sich über diese Reden, die mit Lisbets Beschreibungen
in so grossem Widerspruch standen. Die Anwesenheit eines Fremden in dem
sogenannten Schloss kam ihm störend vor; er fragte den Wirt: was für ein
Fremder das sei?
    »Oh«, versetzte der Mann, »diesen Menschen kann keine Menschenseele
beschreiben; ich glaube aber, dass er Gold macht.«
    Der Jäger schüttelte den Kopf über die närrischen Nachrichten, die er hier
empfing und machte sich rasch auf den Weg, denn ihn drängte es, das Geschäft,
was seiner Liebe beigesellt war, zu Ende zu bringen. An diese dachte er mit
aller Freude des Herzens und dennoch - schlich ein tragischer Hauch über die
reinen Wellen, welche in seinem Busen wallten. Denn so ist es mit der Liebe. Am
Tage nach der süssesten Erklärung wirst du, all dein Glück inniglich
durchfühlend, verlegen sein, ausser Fassung, in Zwiespalt mit dir und der Welt.
Du wirst es nicht sagen, weder laut noch leise, aber einen Gedanken wirst du
haben und zürnen, dass du ihn nicht unterdrücken kannst - den Gedanken: Wäre es
noch vorgestern! - Das ist keine Reue, das ist kein Wankelmut, aber du fühlst,
vorbei sei das alte Leben, ein neues beginne. Und was dieses dir bringen werde,
wissen nur die Spinnerinnen, deren Gesang du hörst, deren Werk aber erst in
deiner Todesstunde offenbar wird.
    In so unruhiger Bewegung machte der Jäger seinen Weg. Er glaubte einen
Nachtraum seines Traumes zu erleben, als er auf einmal nicht weit von der Strasse
drei junge Leute unter einem Baume sitzen sah, in welchen er, wenn nicht alle
Ähnlichkeiten trogen, die drei Unbefriedigten wiedererkannte, von welchen in dem
Briefe an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde die Rede gewesen ist. Sie trugen
noch, wie damals in Stuttgart, grüne Sammetröcke, grüne Sammetosen und grosse
grüne Sammetschirmkappen, und ihre Gesichter waren im Gegensatz zu dieser
hoffnungsfarbigen Tracht auch noch so bleich und leidend wie damals. Der Jäger
stand einen Augenblick still und hörte den einen zu den andern sagen: »Mut,
Brüder, wir sind am Ziele, oder alle Zeichen, die wir eingesammelt haben und die
auf unseres Meisters Nähe deuten, trogen.« - Der Jäger wollte sich ihnen nahen,
denn er hatte hin und wieder mit diesen Unbefriedigten sich in Stuttgart
unterhalten. Er wollte sie fragen, was sie so unvermutet in diese Gegend führe?
Aber da standen sie alle drei auf und schlugen einen anderen Weg ein. Ihnen
nachzugehen hatte er aber keine Lust. Vielmehr verfolgte er seine Strasse.
    Er war jedoch nicht lange gegangen, so sah er einen neuen Bekannten, oder
wenigstens einen Landsmann, wie das erste Grusswort ihm den Wanderer als solchen
zu erkennen gab. Ein untersetzter Mann, der einen Packen auf dem Rücken trug,
kam ihm derben Schrittes entgegen. Da er sich schwäbisch angesprochen hörte, so
blieb der Jäger bei dem Landsmanne stehen und fragte ihn nach Herkunft und
Gewerbe. »Ei«, versetzte der Packenträger, »ich bin ja der Ehinger Spitzenmann.
Ja, die Ehinger wandern überall umher, musst' einmal auch diese Gegend besuchen.
Zudem hab' ich noch ein apartes Geschäft hier, wann ich meine Spitzen bei
einigen Bauern herum ausgeboten hab'. Ich such' was oder wen in dem Schloss
nah'zu, darf nicht davon reden, denn die Sach' betrifft eine Ehinger
Heimlichkeit, aber wie ich mein', ist die Spur nach dem Schloss richtig.«
    Der Ehinger Spitzenkrämer trennte sich darauf von dem Jäger. Letzterer hatte
abenteuerliche Gedanken über den Fremden im Schloss, der ein Goldmacher sein
sollte und den sein Landsmann suchte, konnte jedoch denselben nicht lange
nachhangen, denn bald fesselte ein Anblick der unerwartetsten Art seine
Aufmerksamkeit. Der Weg kreuzte die grosse Heerstrasse, welche den Osten
Deutschlands mit dem Westen verbindet, und auf dieser sah er ein wundersames
Fahrzeug sich langsam heranbewegen. Gezogen wurde es von zwei Ochsen mit Bügeln,
woran Schellen klingelten, den Wagen selbst aber hätte man von weitem für einen
sogenannten überdeckten Wurstwagen halten können. Er war dieses aber nicht,
sondern ebenfalls ein östliches oder wenigstens ostartiges Gefähr. Auf Stützen
ruhte ein Dach von rotem Tuch mit gelben Troddeln über einem weitläuftigen
Kasten, den schmale Borde umschlossen. In diesem Kasten lagen orientalische
Polster, und auf den Polstern sass mit gekreuzten Beinen ein Türke und hielt den
Bernsteinknopf seiner Pfeife am Munde. Nicht allein war dieser Türke in dem
Kasten, sondern verschiedenes anderes Getier teilte denselben mit ihm; ein Paar
Affen in Käfichen und drei oder vier Papageien. Neben den Ochsen ging ein junger
Neger in weissen Hosen und roter Jacke, lenkte sie, wo es nötig war, trieb sie
jedoch nicht sonderlich an, so dass das Fuhrwerk sich nur langsam fortschob.
    Der Jäger begriff nicht, wie der Orient plötzlich hieher komme, sein
Erstaunen wuchs aber, als der Türke, dessen blasses und geistreiches Gesicht
etwas ungemein Gelangweiltes offenbarte, ihn in reinem Deutsch nach der
Entfernung des Schlosses fragte, dem der junge Liebende ebenfalls zustrebte. Als
er den Fremden bei der Antwort näher ansah, schoss ihm plötzlich eine Erinnerung
durch den Kopf. Ein sehr ähnlicher Kupferstich, den er kurz vor seiner Abreise
aus Schwaben gesehen hatte, fiel ihm ein, und es wurde ihm klar, dass er so
glücklich sei, zwischen den Affen und Papageien den berühmtesten Reisenden der
Gegenwart zu erblicken, den Liebling aller modernen Damen und Herren.
    Als der Jäger bescheiden seine Vermutung aussprach, wurde ihm die
Bestätigung aus dem Munde des deutschen Türken und Semilasso gab sich sogleich
mit dem jungen Grafen in ein geistreiches Gespräch. Er erzählte ihm, dass er aus
dem Morgenlande zurückkehre, um den Abend jetzt mit seinen gewonnenen
Erfahrungen aufzuklären. - »Die Journale haben verbreitet«, sagte er, »dass ich
noch eine Zeitlang in Smyrna verweilen werde; ich pronierte auch dieses Gerücht
und reiste in der Stille ab, teils um den Okzident zu überraschen, teils um
einen Streit unter den Gelehrten anzufachen über die Frage, wo ich nun
eigentlich sei, ob in Ost oder in West? Die einen werden sich auf Augenzeugen
berufen, die mich in Smyrna gesehen, die anderen werden meine Karte abdrucken
lassen, die ich ihnen sandte. Es kann«, sagte Semilasso mit feierlicher
Leichtigkeit und anmutigem Gähnen, »eine interessante Debatte werden, welche das
Publikum ein paar Monate lang beschäftigt, denn das will immer angeregt und
gekitzelt sein.« -
    Der Jäger befragte ihn über seine Reiseroute, worauf Semilasso versetzte:
»Ich bestieg in Smyrna ein österreichisches Schiff, fuhr quer durch das
Mittelländische Meer an den Säulen des Herkules vorbei, um Portugal herum durch
die Biskayische See, lenkte in den Kanal ein und debarkierte in Havre. Die
gerade Linie ist so langweilig; es lebe die krumme! Mein Dromedar und der Hengst
von Dongola folgen mir um einen Tagemarsch. Mein Kammerdiener geht, armenisch
gekleidet, als Furier voraus, und so haben die Leute an jedem Orte, den die
Reise berührt, drei Tage lang von mir zu reden, einen, wo der Furier ankommt,
einen, wo ich ankomme, und einen, wo der Dromedar und Hengst ankommen.«
    Der Jäger sah verwundert das Ochsengefähr an. Semilasso erriet seine
Gedanken, lachte und sagte: »Meine Ochsen sind Ihnen auffallend. Ich kaufte sie
in der Normandie; im Orient fährt man fast nur mit diesen Tieren, sie passten in
meine jetzige Liebhaberei und in mein System. Denn seit alle Welt sich
blitzschnell fortbewegt, ist es bei mir Prinzip geworden, nur Schritt zu fahren,
habe daher, um mich nicht von der plebejischen Eile verführen zu lassen, diese
Ochsen vorgespannt und mache so täglich höchstens vier Meilen. Von Havre bin ich
drei Wochen unterwegs. Teodor Mundt wird - if possible - an dieses
Schrittfahren tiefsinnige Untersuchungen über Weltfragen und wichtige Probleme
der Zivilisation knüpfen. In diesem Teodor erlebe ich überhaupt mein
eigentliches Reflexions- und spekulatives Leben. Ich kann sagen, dass ich manches
aus Laune und in unbewussten Anstössen getan habe. Aber Teodor rückt alles
weltistorisch und bedeutend zurecht - im kleinen auf seinem Studierstübchen.
Teodor und ich stellen eine umgekehrte telegraphische Anstalt dar. Ich mache da
droben im Freien wunderbar arbeitende Bewegungen, welche die Hand Teodors, des
Telegraphisten, regieren, so dass sie unten im Turmgemache ein niedlich Figürchen
meiner Winkel und Charaktere nachzeichnet. Er hat mich sogar zu einem Stilmuster
gemacht. Darüber habe ich doch lachen müssen. Denn an meinen Stil glaube ich
nicht. Ich will eher glauben, dass Teodor eine Komödie machen könne, als dass ich
glaube, ich schreibe einen Stil. Wie käme ich zu Stil? Gehöre ich denn zur
Rotüre? Meine Wappenvögel fliegen über allen Stil hinaus. - Aber, passons là
dessus, Teodor sagt, ich habe Stil, es mag also drum sein. - Wenn er mich nur
nicht kopierte! Ich habe ihm ausdrücklich gesagt, als ich ihn bei der ersten
Bekanntschaft zum Handkuss zuliess, dass er sich nicht unterstehen solle, nun auch
offiziell reisen zu wollen. Dennoch hat er sein Wort gebrochen und ist auch ein
Spaziergänger und Weltfahrer geworden. Nichts lassen diese Leute einem über. Was
will so ein Ding erspaziergängern und erweltfahrern? C'est un singe, qui a fait
ses études.«
    Der Halbtürke Semilasso hatte sich in einen solchen Ärger über seinen
getreuesten Anhänger hineingeredet, dass ihm die Pfeife ausgegangen war. Er fasste
sich jedoch bald wieder und sprach von dem Zwecke seiner heutigen Reise.
Abermals vernahm der Jäger mit Erstaunen von einem, der mit ihm dasselbe Ziel
hatte. Auch Semilasso wollte auf dem Schloss seinen Besuch abstatten.
    Als der junge Jäger fragte, wen Semilasso dort kenne oder zu finden hoffe?
glitt der berühmte Reisende darüber hin und sprang, wie es schien, von einer
plötzlichen Erinnerung überwältigt, zu Betrachtungen allgemeiner Art ab, die mit
seinen vorigen Äusserungen keinen erkennbaren Zusammenhang hatten. - »Ich habe
immer«, rief er angenehm lebhaft, »im stillen lachen müssen, wenn man sich, wie
es jetzt Mode ist, den Kopf darüber zerbricht, durch welche styptische Mittel
der allgemeinen Erschlaffung des Menschengeschlechtes entgegenzutreten sei. Das
Abnüchtern und Versanden der Jetztlebenden ist ein ziemlich konstatiertes
Faktum. Das will man nun mit Religion, Patriotismus, Philosophie,
Naturbetrachtung, mit, was weiss ich noch? hemmen. Es hilft nichts, da liegt der
Trost nicht, er steckt ganz woanders, ist mit Händen zu greifen, und niemand hat
ihn gefasst, es geht damit wie mit dem Ei des Kolumbus.
    Wie entstehen die Menschen? Wie entstehen sie denn, mein Bester? Der
Schwächling heiratet die kräftige Jungfrau, der kräftige Mann die
Bleichsüchtige, häufig kommen auch Hektik und Hektik zusammen. Was für Kinder
muss das geben? Auf das Physische wird gar nicht mehr gesehen, es ist, als ob wir
nichts als Geist, Rücksicht, Verhältnis, Geld wären. Daher rührt denn das matte,
aschgraue, totlebendige Geschlecht.
    Sehen wir uns dagegen unter den Tieren um! Gehen wir in die
Stammschäfereien, in die Gestüte, ja, besuchen wir nur einen tüchtigen Ökonomen,
der auf sein reines friesisches Vieh hält. Wie macht man es denn da? Man hält
auf Vollblut. Und eine edle Rasse folgt der andern. Da sitzt es. Tere's the
rub. Will man wieder ein munteres, geistreiches, poetisches, lebensfrisches
Menschengeschlecht haben, so muss man vor allen Dingen für Vollblut sorgen, man
muss Rasse stiften. Reine Kreuzungen, reine Kreuzungen, junger Freund, darauf
kommt es an! Dass aber diese nicht möglich sind, wenn wir gewisse veraltete
Meinungen und Formalitäten festalten, leuchtet ein.
    Lange mit diesen Ideen beschäftigt, fand ich in Ägypten das Genie, welches
sie befruchtete. Ich sage nichts, qui a compagnon, a maître, aber unter uns:
Haben mich hier meine Vermutungen nicht getrogen, so werden Sie binnen
Jahresfrist von einem Institute unter den Kassuben auf meiner Herrschaft hören,
gegründet nach dem Muster von Trakehnen. Suffit! Ich kann sagen, ich schwärme
dafür, mein Dromedar ist mir nicht so lieb wie dieser Gedanke, von dessen
Ausführung ich mir ungeheure Resultate verspreche.«
    Semilasso, der diese Gedanken mit grossem Feuer vortrug, liess unerörtert, ob
er auch bei seinen Standesgenossen Vollblut zu schaffen für möglich halte,
Vollblut, nicht im aristokratischen, sondern im physischen Sinne. Aber mit
graziösem Lächeln setzte er hinzu: »Ich bedaure nur eins, dass ich nicht mehr in
den Jahren bin, um selbst praktisch die Sache angreifen zu können, ich werde
mich leider auf die Verwaltung beschränken müssen, auf die trockene Verwaltung.«
 
                                Zweites Kapitel
                         Eine Überraschung eigener Art
Den jungen Jäger widerten diese Auseinandersetzungen an. Sobald es die
Höflichkeit erlaubte, machte er Semilasson eine Verbeugung und eilte, dem
langsamen türkischen Fahrzeuge voranzukommen, was auch seinen raschen Füssen
gelang. Der Deutschtürke blieb im Schritte, so dass der Jäger ihn bald weit
zurückgelassen hatte. Dieser sah nach einer Stunde das sogenannte Schloss auf
seinem kahlen Hügel liegen. Schon die Strasse mit den ausgerissenen Steinen und
den grundlos gewordenen Geleisen hatte ihn sonderbar überrascht, noch mehr aber
setzte ihn das Ansehen des Gebäudes in Erstaunen. Er zweifelte einen Augenblick,
ob er auch an der rechten Stelle sei. Als er aber die beiden Wappenlöwen sah,
den stehenden und den liegenden, so musste er sich davon überzeugen. Nun schritt
er über den Schlosshof auf das Haus zu. Es war ganz still in demselben und um
dasselbe her; nur die Bachstelzchen liefen an der Pfütze im Hofe auf und nieder.
Er klinkte an der Türe; sie war zwar nicht verschlossen, aber von innen
verrammelt, und Lärmen wollte er doch nicht gleich zur Eröffnung der
Bekanntschaft machen. Er liess also von weiteren Versuchen gegen diesen Eingang
ab. Das Loch neben der Türe war ebenfalls mit Tonnen und Kisten verstellt; auch
hier hätte er nur polternd und ungestüm eindringen können; er glaubte das
gleichfalls unterlassen zu müssen. Selbst die Fenster des Hauses, nämlich die
praktikabeln, nicht die mit Brettern oder Läden geblendeten Fensterhöhlen waren
sämtlich verschlossen, nur eins stand offen, und er hörte in dem Zimmer, zu dem
es gehörte, heftig schnarchen, ein Beweis, dass ein Lebendiger in dem Zimmer war.
Eine Leiter stand in der Nähe, so dass die Möglichkeit vorhanden war, sich mit
diesem Lebendigen in Verbindung zu setzen. Indessen konnte ihm auch dies nicht
recht anständig vorkommen. Er beschloss daher, geduldig in einem Hofe der
Nachbarschaft zu warten, bis das verwünschte einsame Kastell zugänglich werden
würde. Vorläufig aber setzte er sich auf einem Stein, der im Hofe lag, zur
kurzen Rast nieder, denn der Weg seit früh morgens - und jetzt ging es schon auf
Mittag - hatte ihn ermüdet. Von diesem Steine überblickte er den Schauplatz. Er
sah den verwilderten unordentlichen Platz voll Nesseln, Disteln und Wegerich,
die zerstörte Pforte, das elende, klüftige, verfallene Haus mit dem
durchlöcherten Dache. Alles das sah in dem nun schon heranwehenden grauen
Haarrauche noch unheimlicher und jammervoller aus, als gewöhnlich.
    Und dennoch ergriff unseren jungen Jäger bei dem Anblicke dieses
bettelhaften Elendes eine fromme Rührung, welche die zwiespältigen Empfindungen
in seiner Brust verwischte, die von den sonderbaren Begegnissen des Morgens
hervorgerufen worden waren. Denn er erinnerte sich an die anmutigen
Beschreibungen, die ihm Lisbet von dieser Zerstörung gemacht hatte, die er nun
vor Augen sah. - »So gibt es denn Gemüter, für welche das Hässliche nicht da ist,
weil sie in allem nur das Schöne erblicken!« rief er freudig aus. »So blüht eine
Unschuld des Geistes, welche rosengleich auch den ödesten Schutt überwächst und
zudeckt. - Ich las einmal in einem Aufsatze von Ranke, der alte, ehrwürdige Pius
sei ein Charakter gewesen, der in allem nur das Tröstliche gesehen habe. Ich las
das damals, wie man manches liest, ohne mir dabei eben viel zu denken. Nun aber
habe ich etwas Ähnliches erlebt und nicht an einem alten Manne, sondern an einem
jungen Mädchen, und was das Süsseste bei der Sache ist, an meinem Mädchen.«
 
                                Drittes Kapitel
            Die drei Unbefriedigten treten mehr in die Handlung ein
Kaum hatte der Jäger einige Minuten den Hof verlassen, als derselbe von neuen
Wanderern betreten ward. Die drei Jünglinge in grünem Sammet kamen nämlich aus
den Dornen neben dem Garten und krochen durch eine Öffnung der Hofmauer, weil
sie ihre Brillen nicht aufgesetzt hatten und wegen Kurzsichtigkeit die offene
Pforte nicht sahen. Das Haus erblickten sie indessen notdürftig, sie näherten
sich demselben, versuchten zu öffnen, aber auch ihnen wollte das nicht gelingen.
Sie seufzten und klagten, dass vielleicht nur wenige Schritte sie von ihrem
ersehnten Meister trennten, und eine verrammelte Türe ihrem Drange ein Ziel
setzte. Traurig gingen sie vor dem Schloss auf und nieder.
    Die Geschichte dieser drei unbefriedigten Jünglinge in grünem Sammet war
einfach aber lehrreich. Sie waren Brüder, Söhne eines reichen Bankiers in
Hamburg und hiessen Karl Emanuel, Karl Natanael und Karl Gabriel. Ihr Vater
hatte ihnen die sorgfältigste Erziehung geben lassen, weil er wünschte, drei
ausgezeichnete Männer erzeugt zu haben. Sie wuchsen in geistreicher Gesellschaft
heran, denn in dem Hause des alten Bankiers versammelte sich alles, was auf den
Namen eines klugen Mannes Anspruch machen konnte.
    Die Fähigkeiten der drei Knaben entwickelten sich auch früh in der
entschiedensten Weise. Karl Gabriel lief jeden Abend in die Komödie, hatte in
seinem vierzehnten Jahre einen kleinen Roman mit der Tänzerin Rosamira, stand in
den Zwischenakten am Büffet, ass Eis oder trank Punsch und gab danach Kritik von
sich. - Karl Natanael ging dagegen auf das Kaffeehaus, las Zeitungen und
spekulierte, als er den Cornelius Nepos exponierte, in den Fonds, Karl Emanuel
war ein stiller Junge, der am liebsten zu Hause sass, gern Bratäpfel ass und bei
allen Dingen nach dem: Warum? fragte. - Der alte Bankier beobachtete diese
Erscheinung, liess eines Tages, als er seine Tasse Morgenschokolade trank, die
Söhne vor sich treten und sagte zu Karl Emanuel: »In dir steckt ein Philosoph«;
zu Karl Natanael: »Aus dir wird ein Staatsmann«; zu Karl Gabriel: »Du bist zum
Dichter geboren«. Dieser Beruf war ihm nicht ganz erwünscht. Er hätte lieber
einen grossen Maler in der Familie gehabt, weil die Maler jetzt besser bezahlt
werden als die Dichter. Indessen liess er sich, da es nun einmal nicht anders
sein sollte, auch den Dichter gefallen. Die drei Brüder aber hielten sich nach
jenem Tage für das, wozu sie der Vater bestimmt hatte, und wurden in ihrer
Meinung von einigen Schauspielern, Doktoren der Philosophie und von einem
dimittierten Legationssekretär unterstützt, welche Personen bei ihrem Vater
offenes Couvert hatten.
    Karl Gabriel studierte in Berlin, um durch keinen Natureindruck von der
Poesie abgezogen zu werden, Karl Natanael in München, der tiefen politischen
Weisheit wegen, welche er da immer vor Augen haben konnte, Karl Emanuel in
Göttingen, weil er glaubte, dass Mettwurst die Spekulation stärke. - Als sie in
die Jahre gekommen waren, worin der Mensch seine Taten zu vollbringen anfängt,
schrieb ihr Vater an sie drei gleichlautende Billette des Inhalts, er erwarte
jetzt von ihnen Grosses. Karl Emanuel setzte sich darauf hin, um ein neues System
zu erfinden, Karl Natanael griff zur Feder, um eine nie erhörte politische
Wahrheit zu offenbaren, Karl Gabriel ging im Tiergarten spazieren, um ein
Trauerspiel zu ersinnen, welches die Reformation der Bühne bewirken sollte. Sie
gaben sich die grösste Mühe jeder in seinem Fache, aber sie war umsonst. Nicht
einmal den Titel zu einem Trauerspiele fand Karl Gabriel trotz seiner vielen
Spaziergänge im Tiergarten, er begriff nicht, wie einen geborenen Dichter die
Musen so im Stich lassen konnten. Karl Natanael brachte nach langem Sinnen den
Satz heraus: »Die Staaten teilen sich in Monarchien, Aristokratien und
Demokratien.« Aber ein kundiger Freund, dem er davon sprach, riet ihm, mit
dieser politischen Wahrheit nicht hervorzutreten, weil sie kaum ganz neu zu
nennen sei. Karl Emanuel machte es, wie Karl Gabriel, nämlich, er machte nichts.
    Als sie die Vergeblichkeit ihrer Bestrebungen einsahn, zerfielen sie mit
dem Leben. Gabriel nannte die Quelle der Dichtung überhaupt versiegt und knüpfte
in diesem Unmute ein kurzes verdriessliches Verhältnis mit Gervinus an, bis sie
sich auch wieder trennten, weil ein Malcontenter dem anderen bald unausstehlich
wird; Emanuel hatte einen Augenblick Lust, fromm zu werden, konnte aber dazu
nicht recht gelangen, weil sein Gedächtnis schwach war und die Frommen viele
Redensarten auswendig behalten müssen. Am glücklichsten war noch verhältnismässig
Natanael, er resignierte und legte sich in seinem zweiundzwanzigsten Jahre auf
den reinen Papierwucher. Freilich klagte auch er, wie seine Brüder, dass der
Himmel dumm und die Erde abgeschmackt sei, indessen machte er doch guten Profit.
    Die drei Brüder hatten sich, als ihre Hoffnungen scheiterten, zusammengetan.
Sie klagten einander vor, wenn ihr Gähnen es zuliess. Auch darin waren sie
unglücklich, dass niemand sonst ihr Weh mitempfand. Emanuel pflegte zu sagen:
»Nichtiges Dasein«; Natanael: »Nüchterne Zustände«; Gabriel: »Kahles,
vernutztes Leben«. - Viele Leute hielten sie für Narren. Ich aber sage: Es ist
ein grosses Missgeschick, wenn ein Jüngling kein reformatorisches Trauerspiel
machen, kein neues philosophisches System erfinden, keinen Umschwung in den
politischen Ideen des Zeitalters hervorbringen kann.
    Als sie am tiefsten herunter waren, stand ihnen jedoch die Hülfe am
nächsten. Sie lernten nämlich einen Mann kennen, einen wunderbaren Mann, einen
Mann, der mehr zu sein schien als ein Mensch. Nach wenigen Unterredungen, die in
geheimnisvollen Worten geführt wurden, hörten sie, dass dieser übermenschliche
Mann das Mittel besitze, ein klassisches Trauerspiel zu verfertigen, dem
Philosophen aber und dem Politiker auch zu helfen.
    Die Existenz dieses Mannes war ein Geheimnis und ein Wunder. Sie erfuhren in
einer Stunde der Weihe von ihm, was sie vor Erstaunen beinahe starr machte. -
Der Umgang mit dem Meister übte auf die drei Unbefriedigten den wohltätigsten
Einfluss. Damals war es, wo sie grünen Sammet anlegten, das Kleid der Zukunft und
der Erwartung. Karl Gabriel fand sogar den Titel und die Begeisterung zu einem
Trauerspiele, welches »Das Trauerspiel« heissen und das Tragische an und für sich
ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ereignis behandeln sollte.
    Aber die Hülfe blieb nicht nahe, sondern verschwand in die Ferne. Seit
diesem Trauertage liefen die drei Unbefriedigten umher wie Frauen mit falschen
Wehen. Die falschen Wehen leiteten indessen nach einiger Zeit auf die wahre
Spur, die wahre Spur jedoch leider nur bis zu einer verrammelten Türe
vorderhand. Über dieses symbolische Ereignis ergingen sich die drei grünen
Sammetröcke in Betrachtungen. Karl Gabriel sagte, er wolle den Helden seines
Trauerspiels: »Das Trauerspiel«, auf eine erschütternde Weise an einer
verrammelten Türe niederstechen lassen, in welche er hineingewollt, aber nicht
hineingekonnt; Karl Emanuel behauptete, alle Philosophie bestehe eigentlich
darin, zugemachte Türen nicht aufzumachen, wogegen Karl Natanael versicherte,
die höchste Maxime der Staatsweisheit sei, alte Tonnen und Kasten von innen
vorzuschieben, wenn Schloss und Riegel nicht mehr halten wollten.
    Als sie, ich weiss nicht zum wievielsten Male vor dem Schloss und vor der
Fronte seiner Baufälligkeit auf und nieder gegangen waren, stiess der Dichter mit
seiner Nase an die gegengelehnte Leiter und entdeckte dadurch dieses Motiv. Der
Philosoph setzte die Brille auf und sah das oben offenstehende Fenster, der
Staatsmann aber, der von dieser doppelten Entdeckung hörte, schlug vor, auf der
Leiter emporzuklimmen und zum Fenster einzublicken. Denn auch sie hörten oben
schnarchen und zogen daraus den Schluss, dass dort jemand sein müsse, der
schnarche. Vielleicht liess er sich erwecken und möglich, dass man dann mit ihm
über die Eröffnung des Schlosses unterhandeln konnte.
    Diese Idee war wohl eine glückliche zu nennen und sie wurde sogleich
ausgeführt. Karl Gabriel stieg zuerst die Leiter hinauf, die andern Brüder
folgten und alle drei reckten sich oben so hoch empor, dass sie in das Zimmer
sehen konnten. Als dieser Moment gekommen war, liess sich ein dreifaches »Ach!«
des Entzückens von ihnen hören. Mit sanfter Stimme riefen sie nun einen grossen
Namen vergebens, darnach riefen sie lauter, jedoch umsonst; endlich schrieen
sie, es war indessen fruchtlos. Dieser Schlaf schien ein Totenschlaf zu sein.
    Karl Gabriel, der kühne Dichter, schlug darauf vor, den Schlummernden mit
einigem Kalk zu bewerfen, wogegen sich aber Karl Emanuel und Karl Natanael
erklärten, indem sie sagten, dass man einen solchen Mann nicht mit Kalk werfen
dürfe. - »Bisweilen kommt es mir vor«, sagte Gabriel, »als blinzle er.« -
»Optische Täuschung, mein Bruder«, versetzte Natanael, »warum sollte er sich
gegen uns, seine treuesten Anhänger, verstellen?«
    Als Natanael das gesagt hatte, knackte es unter ihnen. Die alte Leiter,
welche über die Jahre hinaus war, das Gewicht von drei Unbefriedigten tragen zu
können, bekam einen gefährlichen Sprung und eiligst stiegen sie und erschrocken
hinab, nicht gewillt von der Höhe ihres Standpunktes zu stürzen. Sie gingen in
den verwilderten französischen Garten, um dort das Weitere zu erharren.
 
                                Viertes Kapitel
     Ein chronischer Schläfer und ein seltenes Beispiel von Bediententreue
Während dieser Begebenheiten sass der alte Baron, unwissend noch über die
Verrammelung des Schlosses, etwa eine Viertelstunde von diesem in einem krausen
und durcheinandergewirrten Busche von Hagdornen, Eschen und Birken, der auf
einem kleinen Hügel wuchs. Er hatte den Ort in seinen wohlhabenden Tagen zum
Vogelherde benutzt; es stand aber von der früheren Vorrichtung nichts mehr als
der Pfahl für den Lockvogel nebst den vier Pfosten, zwischen welchen die Hütte
erbaut gewesen war. Das Dach und Bretterwerk war längst verfault oder von armen
Leuten gestohlen. An diesem stillen und wüsten Platze sass der Schlossherr und
lauerte auf einen gleichsam Vogel, aber nicht auf einen Finken, Hänfling oder
Kreuzschnabel, sondern auf den Bedienten Karl Buttervogel.
    Die Strasse nach der Stadt zog sich nämlich unter dem Hügel durch. Karln
hatte er vor kurzem auf ihr fortwandern sehen, und sogleich war von ihm
beschlossen worden, dem Bedienten bei der Heimkehr, die mittags zu erwarten
stand, den Weg zu verlegen, ihn auf den Vogelherd zu rufen, mit ihm dort,
begünstigt von der Einsamkeit des Ortes, ein scharfes Verhör anzustellen und
dadurch womöglich hinter die Geheimnisse Münchhausens zu kommen.
    Der alte Herr hatte lange über diesen Entschluss mit seinem Zartsinne
gefochten, endlich aber war er doch zu dem Resultate gediehen, dass er ihn
unbeschadet seines Gewissens ausführen dürfe, weil ein so dankvergessener Gast,
wie der Freiherr von Münchhausen, durchaus keine Rücksicht verdiene.
    Die Verhältnisse im Innern des Schlosses hatten sich nämlich folgendermassen
gestellt:
    Durch den Abzug des Schulmeisters waren die Akademiker von
Schnick-Schnack-Schnurr desjenigen Individuums quitt geworden, welches einer
jeden menschlichen Gemeinschaft not tut, nämlich des Sündenbockes. Irgendeiner
muss in jedem Hause vorhanden sein, an welchem die übeln Launen, die
Zornmütigkeiten und die verdriesslichen Stimmungen ausgelassen werden dürfen.
Ohne einen solchen Abzugskanal lässt sich ein dauerhafter häuslicher Friede gar
nicht denken. Ich habe ein Hauswesen gekannt, in welchem so lange zwischen der
Herrschaft und den übrigen Hauptpersonen eine vortreffliche Einigkeit bestand,
als ein dummes und ungeschicktes Mädchen, eine entfernte Verwandte, tagtäglich
auszuschmälen war. Herr und Frau begingen aber den Torenstreich, dieses Mädchen
fortzuschicken aus dem Grunde, weil der Ärger und Lärmen mit ihr im Hause zu
gross sei. Und von Stund an hörte alle Verträglichkeit auf; es war, als ob in der
Dummen und Ungeschickten der Schutzgeist des Herdes verscheucht worden sei, der
Mann zankte mit der Frau, die Frau schmollte mit dem Manne, der erwachsene Sohn
und die mannbare Tochter hatten ein beständiges Schrauben und unangenehmes
Reiben miteinander; selbst die Hausfreunde bekamen Augen für die Schwächen ihrer
Wirte und erkalteten, kein Gesinde wollte mehr bleiben, weil es die erschwerte
Last der übeln Behandlung nicht zu tragen vermochte - kurz, es war eben mit
allem Komfort zwischen jenen vier Pfählen vorbei, als man rechten Komfort darin
stiften wollte. So können sich die Menschen über ihre nächsten Verhältnisse und
Umgebungen täuschen. Und in der grossen Weltistorie geht es mitunter nicht
anders zu. Einem Volke tut ein tüchtiger Feind not, nur solange es ihn besitzt,
ist es in Flor. Solange Rom sich mit Kartago herumbiss, setzte es alles böse
Wesen draussen ab, als aber die Nebenbuhlerin in Trümmern rauchte, ging die
innerliche böse Wirtschaft an; von Napoleon hat nicht einer bloss gesagt, er sei
für uns viel zu früh gefallen.
    Doch um von Rom und Kartago und Napoleon und uns zum Schloss
Schnick-Schnack-Schnurr zurückzugelangen - solange der Schulmeister auf dem
Gebirge Taygetus sass, wussten der alte Baron und seine Tochter, wohin mit ihren
verdriesslichen Stimmungen, und als er abzog, wurde es buchstäblich wahr, was der
Schlossherr gesagt hatte: Es kam eine Lücke in den schönen Kreis. Das Glück war
bekanntlich nicht die Göttin des dortigen Herdes, es gab also viel Anlass zu
Verstimmungen, an wem sollten sie nun ausgelassen werden? Hätte das Fräulein
Lisbet gehabt, so wäre wenigstens ihr geholfen gewesen, so aber wie die Sachen
standen, gab es durchaus keinen Rat. Vater und Tochter waren zu sehr aneinander
gewöhnt um miteinander hadern zu können. Der Bediente Karl Buttervogel war für
Emerentien Karlos, der geliebte und verehrte Schmetterling, für den alten Baron
ein zu geringfügiges Individuum. In dieser Not und Verlegenheit sank der
Freiherr von Münchhausen von einem langweiligen Erzähler, der er für den alten
Baron bereits geworden war, zum Sündenbock herab.
    Ja, es ist richtig, wenn auch betrübt; dieser grosse und wunderbare Charakter
war bald dahin gediehen, wo der verachtete Schulmeister Agesel gestanden hatte;
er wurde wechselweise von dem alten Baron und seiner Tochter über die Achsel
angeschaut. Das war nämlich so zugegangen.
    Der Baron Schnuck-Muckelig in der Boccage zum Warzentrost verbracht einige
unmutige Tage nach dem Abzuge des Schulmeisters und suchte sich durch
wiederholtes Besichtigen des freien Platzes, wo die Luftverdichtungsfabrik zu
stehen kommen sollte, leidlich hinzuhalten. Er dachte, Münchhausen werde
rücksichtsvoll genug sein, auch ohne Erinnerung ihm das Geheimnis der Bereitung
kundzutun. Münchhausen schwieg. Hiernächst spielte er von ferne auf Pflichten
der Gastfreundschaft an, welche nicht verabsäumt werden dürften. Münchhausen
schwieg. Darauf gab er die Sache näher und sagte, es sei nicht gleichviel,
jemandem etwas in den Kopf zu setzen, man müsse auch Wort halten können.
Münchhausen schwieg. Endlich wurde er klar und rief: »Wenn du mir nicht die
Luftfabrik machst, so bist du kein ehrlicher Mann!« Münchhausen seufzte und
schwieg.
    Emerentien war die Zeit ebenso lang geworden, wie ihrem Vater. Der
Prätendent von Hechelkram ass Wurst, Eier und Rindfleisch, soviel ihm von diesen
Dingen die Hand der Liebe reichte, blieb aber nach wie vor Bedienter, die
Gemeinheit seiner Maske täuschend in Worten und Werken festaltend. Unglaublich
war es, bis zu welchem Grade sich dieser maskierte Fürst verstellen konnte,
besonders seitdem er fern von den vornehmeren Personen dieser Geschichte in dem
Gartenhause auf dem Taygetus wohnte und bis auf die zu leistenden Dienste sein
eigener Herr geworden war. Emerentia begann zu zittern, wenn sie, die Wurst
unter der Schürze, das Stiftskreuz im Herzen, nach dem verfallenen
Schneckenberge ging, und war eines Tages bei einem unbeschreiblichen Anblicke
genötigt gewesen, zu Karln zu sagen: »Fürst, spielen Sie nicht zu natürlich.« -
Bei dieser Gelegenheit hatte Karl Buttervogel erwidert: »Immer und ewig sich
genieren müssen, tut keinem Menschen gut. Wofür bin ich hieher in des
Schulmeisters seine alte Kabache gezogen, wenn ich meine Freiheit nicht haben
soll? Ich verlange und bestehe darauf, dass wofern ich es platterdings sein soll,
mir meine fernerweite Verköstigung draussen hingesetzt wird, stillschweigend,
ohne Ansprache und Bekümmernis um mich.«
    Emerentia wurde hochrot vor Zorn, denn diese Antwort war zu grob, um sie
selbst einem Fürsten hingehen zu lassen. Sie rief: »Und ich bestehe darauf, dass
Ew. Durchlaucht nunmehr bald aus Ihrem Inkognito hervortreten, denn meine Lage
wird Ihnen gegenüber von Tage zu Tage zärter und peinlicher. - Gnädiger Herr,
erwacht denn nicht Ihr Mitleid mit einem armen Mädchen, dessen Lebenshoffnung
Sie sind?« setzte sie weicher werdend hinzu, und einige Tränen liefen über ihre
Wangen. Karl ass schon die Wurst, die ihm Emerentia gebracht hatte, und da sein
Herz der Rührung immer am offensten war, wenn er Wurst ass, so tat ihm die
Weinende leid, er trat daher, das letzte Stück in der Hand, zu ihr und sagte:
»Ich bin ja, weiss Gott, kein schlechter Kerl, und Frauenspersonen muss man alles
zu Gefallen tun, was nur menschenmöglich ist. Wenn ich also nur wüsst', wie ich's
anfangen sollte, so geschäh's ja alsobald. Wofern aber mit meinem Herrn
Rücksprach' genommen würde, so könnt' es sein, dass ich's würde, denn er weiss für
alles Rat und hat mehr Grütz im kleinen Finger als wir beide im ganzen Leib,
sonst wär' er nicht vermöglich, so schreckbar zu lügen, wie er lügen tut.« -
»Ich verstehe Ihren Wink«, versetzte das Fräulein, wischte sich die Tränen ab
und ging getröstet vom Taygetus.
    Dieser Vorfall ereignete sich an dem Tage, an welchem der alte Baron gegen
den Freiherrn klar geworden war. Emerentia hatte sich seit der Stunde, wo sie
Münchhausen zum ersten Male nicht verstanden, in einer stillen Entfernung von
ihm gehalten, welche jedoch die Fortdauer achtungsvoller Empfindungen noch nicht
ganz ausschloss. Jetzt war es ihr sogar lieb, eine Gelegenheit zu finden, mit ihm
wieder anknüpfen zu dürfen. Sie setzte sich daher nieder und schrieb folgenden
Brief an ihn:
Münchhausen!
    Ich nenne Sie nicht mehr du, denn schmerzlich habe ich einsehen lernen, dass
wir einander doch nicht ganz so nahe standen, als schöne Träume mir sagen
wollten. Denken Sie an den Augenblick, da ich die Bohnenschüssel fallen liess,
weil Sie mich nicht begriffen. Indessen ist mir ein hohes Gefühl von Ihnen
geblieben, und das Schicksal lehrt uns wohl, uns begnügen, wo uns die volle
Befriedigung versagt wird.
    Münchhausen, Karl hofft auf Sie. Sie haben, wenn Sie wollen, alles in der
Hand; einem Manne, gleich Ihnen, ist nichts unmöglich. Erinnern Sie sich Ihrer
Verpflichtungen gegen ihn, helfen Sie ihm zu dem Seinigen. Ich sage nichts
weiter.
                                                                       Emerentia
Münchhausen rieb sich die Augen, als er diesen Brief überlesen hatte. Er las ihn
zweimal, bevor er einen Sinn finden konnte, endlich glaubte er doch einen
solchen gefunden zu haben und rief: »Die Bestie hat mich also endlich auch noch
bei meiner Anbeterin wegen des rückständigen Lohnes verklagt. Schlimm, schlimm,
schlimm! Aber man muss schon in den sauren Apfel beissen, denn es gibt nichts
Gefährlicheres für die weibliche Verehrung, als wenn der Verehrte seinem
Bedienten etwas schuldig bleibt.«
    Er hatte eben eine kleine dünne Einnahme von fernher empfangen. Traurig riss
er das Kuvert mit den fünf Siegeln auf, zählte, was er notdürftig entbehren
konnte, wehmütig ab, rief den Schmetterling und gab ihm das Geld mit einer Flut
harter Reden. Karl hörte nicht auf die Beschimpfungen hin. Wenn er Geld bekam,
so war er gegen alles andere gleichgültig, er dankte dem Himmel, der ihm
abermals so unerwartet half. Freudetrunken lief er in den verwilderten
französischen Garten und zählte sein Geld auf dem Postamente des Schäfers ohne
Flöte über.
    Münchhausen schrieb an Emerentien:
Diotima!
    Denn das bleibst Du mir. Nenne Dich Emerentia, mir bleibst Du Diotima. Karl
ist bezahlt. Ich war ihm allerdings seit Lichtmess Lohn schuldig. Vielfache
Gedanken und unter diesen hauptsächlich die tiefe Seelenbewegung, in welche mich
Dein Umgang und Geist versetzt hatten, bewirkten, dass mir die Kleinigkeit aus
dem Sinne gekommen war.
    Dank für Deine Erinnerung. Wie ich nie, oder nur ein einziges Mal in meinem
Leben log, so bezahlte ich auch stets meine Schulden; denn Ausnahmen von dieser
Regel befestigten sie eben. Deine Wünsche sind Befehle
                                                              Deinem Münchhausen
Emerentia wurde starr, als sie diesen Brief empfing. Sie hatte darauf gerechnet,
dass der Freiherr durch seine grossen diplomatischen Verbindungen die Restauration
des Fürstentums Hechelkram bewirken solle, und - er gab dem Prätendenten Lohn! -
Zerstört ging sie in den Garten. Karl sprang ihr vom Schäfer entgegen,
schüttelte in einem ledernen Beutelchen den klingenden Inhalt und rief
jauchzend: »Ich hab' mei' Geld, ich hab' mei' Geld! O was für ein glückseliger
Tausendsassa bin ich! Ich möcht' den ganzen Markt von Cannstatt auskaufen.« -
Emerentia versetzte nichts; sie stand bleich und entsetzt da. - »So ist es denn
also wahr«, sagte sie, nachdem Karl fort und auf seinen Schneckenberg gesprungen
war, »dass ein fortwährendes Rollespielen mit der Rolle identifiziert. Dieser
Fürst wird mir noch innerlich zum Bedienten, wenn ich nicht bald die
Entscheidung herbeiführe. Fürs erste aber soll das gekränkte Weib zu jenem
Verderblichen reden, über den ich mich so hart enttäuscht sehe.«
    Sie ging nach ihrem Zimmer und schrieb an Münchhausen:
Mein Herr!
    Ich bin fortan für Sie weder Diotima noch Emerentia, sondern das Fräulein
von Schnuck. Die Linie, der ich angehöre, ist die Linie Muckelig. Verstehen Sie
mich? Nein, Sie verstehen mich nicht. Ich aber durchschaue Sie. Sie wollen mich
erniedrigen. Sie wollen, dass mir der Bediente Bedienter bleibt. Armer Spötter!
In dem vollen Gefühle meiner Würde, erhaben über Ihre Possen
                                          Emerentia, Freiin von Schnuck-Muckelig
                                                                                
                                                  in der Boccage zum Warzentrost
Münchhausen verwünschte sein Los, als er diesen Zettel erhielt. »Das Geld an den
Schlingel weggeworfen und nun das noch!« rief er. »Was will denn dieses
verrückte Fräulein, die mir wahrhaftig so unleidlich zu werden anfängt als -
Pst! Still, Münchhausen - Der Alte lässt mir keine Ruhe, ich weiss mir nicht Rat
gegen seine verdammten Luftgedanken, und nun büsse ich auch diesen letzten
Stützpunkt ein. - O Münchhausen, Münchhausen, könntest du doch nur - -«
    Er wollte sagen: »Von deinen Renten leben« - vollendete aber nicht, sondern
schrieb gleich ein zweites Billet, welches nichts als das Wort entielt:
                                   Diotima?!
Aber er fand es nach einiger Zeit uneröffnet vor seiner Türe wieder.
    Der alte Baron und Emerentia begegneten einander draussen in der Gegend
zwischen dem Schloss und dem Platze, wo die Luftsteinfabrik stehen sollte. Der
Vater sah verdriesslich und zerstört, die Tochter kalt und stolz aus. - »Ich
fürchte, Renzel«, sagte der Alte, »wir haben einen Phantasten im Quartier. Noch
hängt meine Hoffnung an einem dünnen Faden, Gott gebe, dass der nicht reisst!« -
»Meine Hoffnung ist bei den Toten«, versetzte das Fräulein erhaben. »Edle Seelen
werden leicht betrogen, ich schäme mich nicht, dass mich ein dürftiger Witzling
täuschen konnte. Die Schuppen fallen mir von den Augen, nur Gemeines sehe ich
noch, wo ich sonst gutmütig bewunderte.« - »Ich verachte ihn auch bereits recht
herzlich«, sagte der alte Baron, »es ist nur der Punkt hier in Erwägung zu
ziehen, dass auch solche Haselanten im Besitze wichtiger Fabrikgeheimnisse sein
können, und wenn denn das doch der Fall wäre und man hätte ihn, ohne die Sache
zu erfahren, aus dem Hause getrieben, so wäre es ausserordentlich schlimm.
    Wir wollen ihm daher unsere Gesinnungen fühlbar machen, Renzel, aber so, dass
ihm noch eine Hintertüre offenbleibt, damit womöglich seine Ambition erweckt
wird, und mir das Syndikat nicht entgeht. Nur wenn alle Aussicht verschwindet,
wollen wir ihm sagen, dass er sich packen könne.«
    Nach diesem Tage gaben der alte Baron und das Fräulein dem Freiherrn ihre
Gesinnungen zu erkennen, d.h. sie behandelten ihn schlecht. Münchhausen, welcher
fühlte, wie sehr er durch seine politischen Fehler sich die Stellung im Schloss
Schnick-Schnack-Schnurr verdorben habe, machte verzweifelte Anstrengungen sie
herzustellen und liess das glänzendste Brillantfeuer seines Witzes in tausend
Einfällen, wunderbaren Capriccios und Mären spielen. Das Fräulein aber zeigte
sich um so gelangweilter, je brillanter Münchhausen wurde. Sie wandte ihm bei
den Colloquiis im Garten den Rücken, fiel ihm häufig mit einer Bemerkung über
schlechtes Wetter in die Rede, oder sagte, wenn sie ihn hatte aussprechen
lassen, weiter nichts, als: »Spasse für den Volkskalender.« - Ihr Verhalten
drückte unbedingte Geringschätzung aus. Der Schlossherr knüpfte dagegen die
seinige noch an Bedingungen. Die Summe seiner Reden ging dahin, dass er an den
Erzählungen des Gastes, ehe und bevor die Fabrikangelegenheit in Ordnung
gebracht sei, wenig Geschmack zu finden vermöge. Zuweilen hörten beide
Schlossbewohner gar nicht zu, sondern sprachen miteinander von
Wirtschaftsangelegenheiten, während der Freiherr die buntesten Wunder vortrug.
    So gingen mehrere Tage hin. Die Situation war für den Helden immer
peinlicher geworden. Doch die Kräfte seines Geistes waren unerschöpflich und
gerade in Verlegenheiten entfaltete sich erst deren ganzer Reichtum. Eines
Abends, wo das Fräulein auf ihrem Zimmer an ihrem Tagebuche schrieb, der alte
Baron und er aber stumm lange Zeit nebeneinander im Versammlungsgemache auf und
nieder gegangen waren; brauchte er die Rührung als grosses, heroisches Mittel. Er
fing nämlich plötzlich an heftig zu schluchzen, und da der alte Baron sich
erstaunt umwandte, so stellte er sich mit den strömenden doppelfarbigen Augen
vor seinen Wirt, nahm dessen beide Hände, sah ihm bewegt in das Antlitz und rief
mit einer von Weinen gehemmten Stimme: »Könnt ihr es über das Herz bringen, du
und deine göttliche Tochter, euren Freund so zu misshandeln, wie ihr tut? Nennen
wir uns nicht du? Bin ich nicht dein Bruder in des Worts verwegenster
Bedeutung?«
    »Eben darum, weil wir uns du nennen, muss Offenheit herrschen«, versetzte
trocken und ungerührt der alte Schlossherr. »Ich merke schon, was diese
Krokodilstränen bezwecken sollen. Du bist ein Krokodil - ein Chamäleon will ich
sagen. Ich lasse mich nicht länger foppen, nicht länger lasse ich mich an der
Nase herumführen. Von deinen Ziegen und deinen Holländern und deinen
Poltergeistern habe ich den Pfifferling gehabt. Darum ein Wort für tausend:
Kannst du Luft versteinern?«
    »Bruder, sei nicht so hart - -«
    »Hart bin ich, hart will ich sein, steinhart wie Luftstein. Wisch dir die
Tränen von der Nase, sie erweichen mich nicht. Du hast mir den Geheimen Rat
verleidet und die tröstlichen Gedanken an das höchste Gericht durch dein
Luftprojekt, du Luftspringer! Die Ruhe meines Alters hast du vergiftet. Nun sind
zwei Fälle möglich. Entweder kannst du Luft versteinern oder du hast mir's
vorgelogen. Im ersten Falle soll dir alles vergeben sein, ich werde Syndikus,
kriege für sechstausend Taler Fabrikat jährlich und damit basta. Hast du mir's
aber vorgelogen, so wollte ich dich ersuchen, dich an deine vielfachen
anderweitigen Verbindungen in der Welt zu erinnern, die sich gewiss schon lange
nach dir sehnen und dir es übelnehmen würden, wenn du länger dein Pfund in
diesem abgelegenen Schloss vergraben wolltest. - Hierüber sehe ich morgen
deiner bestimmten Erklärung ohne alle Einkleidungen, Geschichten und Carmina
entgegen.«
    Mit diesen unzweideutigen Worten trennte sich der Wirt von seinem Gaste.
Letzterer blieb im Zimmer stehen, legte die Hand an seine Stirn und sagte nach
tiefem Besinnen: »Behaupten muss ich mich noch eine Zeitlang hier, es geht nicht
ohne dieses. Ich muss ihn erwarten hier, ihn, meinen Freund, meinen Kurator. Kann
ich mich nicht durch Worte und Tränen halten, so muss ich es durch den Zustand
des Epimenides versuchen.« - Er ging auf sein Zimmer und legte sich
augenblicklich nieder.
    Am folgenden Vormittage um eilf Uhr fragte der alte Baron Karl Buttervogeln,
der von des Freiherrn Gemache herabkam: »Ist Sein Herr noch nicht aufgestanden?«
- »Nein«, versetzte Karl, »er schnarcht, dass es nur so eine Art hat, wenn das so
fortgeht, kann es lange dauern.« - Der Schlossherr stellte sich vor das Zimmer
seines Gastes und hörte wirklich ein ungemein kräftiges Schnarrwerk da drinnen.
    Um ein Uhr bei Tische, wo sich nur Vater und Tochter zusammenfanden, warf
Emerentia nachlässig die Worte hin: »Dieser Mensch scheint uns heute zu
verschmähen.« - Karl wurde berufen, hinaufgesandt und brachte den Bescheid, der
gnädige Herr habe sich eben so weit ermuntert, um allenfalls etwas Suppe und
Gemüse zu sich nehmen zu können, wenn man die Güte haben wollte, ihm davon zu
senden. - Emerentia gab dem Bedienten das Verlangte, der alte Baron liess
hinaufbestellen, er bitte, dass der Freiherr aufstehe. Nach einiger Zeit kam Karl
mit den leeren Tellern zurück und sagte: »Mit dem letzten Bissen im Munde wieder
auf die linke Seite gefallen und weiter geschnarcht.« - »Zum Henker, was
bedeutet das?« rief der Schlossherr. - Um vier Uhr nachmittags ging er, da kein
Münchhausen sichtbar wurde, selbst hinauf. Münchhausen schlief. Der alte Baron
rief ihn an, rüttelte ihn, schüttelte ihn, Münchhausen richtete sich etwas auf,
sah ihn schlaftrunken an, lallte mit schwerer Zunge: »Warum weckst du mich?« und
fiel auf den Rücken. Um sechs Uhr, um acht Uhr abends hatten gleiche
Weckversuche die gleichen Erfolge, oder vielmehr Nichterfolge. Münchhausen
schlief.
    Der erste Tag war sonach verschlafen. Am andern nahm der alte Baron
allerhand lärmende Geschäfte vor, er brachte z.B. schweres Gerät und Möbelwerk
von der Gerichtsstube herab und hatte dessen kein sonderlich Arg, wenn ein Stück
donnernd gegen Münchhausens Stubentüre flog. »Denn«, brummte er ingrimmig, »ich
will diesen verruchten Kerl denn doch wohl wachkriegen!« Alles vergebens.
Münchhausen schlief auch den zweiten Tag hindurch mit Ausnahme kurzer Esspausen.
Karl Buttervogel berichtete, sein Herr sei zwar aufgestanden und habe sich
angekleidet, aber immer mit halbgeschlossenen Augen und mit Gähnen. Sobald er
das letzte Stück angezogen gehabt, sei er wieder in einen Stuhl gesunken und
sitzend eingeschlafen.
    Am dritten Tage schnarchte Münchhausen stärker, als je zuvor. Der alte
Baron, der die ganze Nacht schlummerlos zugebracht hatte, sass bekümmert auf der
Gerichtsstube. Emerentia sang unten im Hause auf Befehl ihres Vaters. Denn
dieser meinte, was sein Rütteln und Rumoren nicht zuwege gebracht, werde der
helle und durchdringende Gesang der Tochter bewirken. Als sie ihre besten Gänge
und Kadenzen von sich gegeben hatte und eine Pause entstand, stellte sich der
Schlossherr an die Söllertreppe und rief hinunter: »Karl!« - Karl Buttervogel
trat aus des Freiherrn Dormitorium. »Ist er wach?« fragte der alte Baron. - »Ich
hab' mir die Ohren zugehalten, denn ich bin kitzlig gegen Musik«, versetzte der
Bediente, »mein gnädiger Herr aber legten sich auf die andere Seite und
lächelten im Schlaf wie ein Engel. Jetzt eben verlangen sie mit zugemachten
Augen Waschwasser, werden also wohl aufstehen wollen, um sich dann zum Schlummer
niederzusetzen. Glauben mir der Herr Baron, Sie treiben es mit meinem Herrn
nicht durch, was der sich vornimmt, das führt er aus, wachend oder schlafend.«
    Zornig lief der alte Baron in die Gerichtsstube zurück, rannte mit grossen
Schritten auf ihr hin und her, stiess an den Tisch, dass ein Teil der
aufgestellten juristischen Handbibliotek herabfiel und polterte: »Da habe ich
mir einen schönen Störenfried und eine wackere Rute Gottes in das Haus geladen!
Das ist nun der Gipfel des Unglücks! Ich sehe es kommen! Ich sehe es kommen!
Dieser Mensch schläft uns allen Schlaf weg in und um Schnick-Schnack-Schnurr!
Wie ein starker Fresser eine ganze Wirtschaft auszehren kann, so wird uns der
Schnarcher an Schlummer bankerott machen. Schon tue ich die Nacht kein Auge zu.
- Der Henker hole die Stunde, in welcher der Sünder in unsere Mitte geschleudert
wurde!«
    Er stieg die Treppe hinab und fand unten auf dem Vorsaale Emerentien, welche
wieder beginnen wollte zu singen. - »Lass nur das Geplärr!« fuhr sie der Vater
an, »Sankt Ursel mit den eilftausend Jungfrauen sänge den nicht auf.« -
»Verachten wir ihn, mein Vater«, erwiderte Emerentia, »und lassen wir ihn sich
der Vergessenheit entgegenschlummern!« - »Ich kann doch den Schlummerbalg nicht
immer im Hause behalten und ihn unnütz füttern!« fuhr der alte Baron auf.
    »Wenn er nur wenigstens die Essstunden auch verschlummerte! Aber zum
Frühstück, Mittags- und Nachtmahl ist er regelmässig wach! Folglich darf ich ihn
nicht verachten. Verachten kann man nur den, der einen nicht inkommodiert. Und
Münchhausen ist mir jetzt zur grössten Beschwer und ich würde den für meinen
besten Freund halten, der mir diesen Gast vom Halse schaffte.«
    Er ging in das Zimmer des Freiherrn. Dieser sass auf seinem Stuhle und das
Haupt hing ihm auf die Brust hinab. Er schlief fest und tief. Der alte Baron
nahm eine Feder, setzte sich vor ihn, kitzelte ihn mit der Feder um den Mund und
rief;
    »Münchhausen, wach auf!«
    Einer kitzelnden Feder musste selbst der beharrliche Schlummer des Freiherrn
weichen. Er kratzte sich an der gekitzelten Stelle, riss die Augen weit auf, sah
seinen Wirt wüst an und fragte dann matt und verdrossen: »Was willst du,
Schnuck? Warum lässest du mich nicht in Ruhe?«
    »Ich wünschte von dir zu erfahren, wie lange du hier noch zu schlafen
gedenkst?« sagte der alte Baron sehr ernst.
    »Ich wünschte, dass du mich lieber fragtest, woher dieser chronische
Schlummer rührt?« versetzte in gedehntem Tone der Freiherr.
    »Ich wünschte allerdings, dass du auch darüber mir eine Aufklärung geben
möchtest«, sprach der alte Baron.
    »Ich wünschte, dass du dich an meine Jugendbildungsgeschichte erinnertest,
die ich dir einst vortrug«, versetzte der Freiherr, schon wieder lallend und nur
noch das braune Auge offenhaltend; denn das blaue war ihm bereits von neuem
zugefallen. - »Habe ich dir nicht erzählt, dass mein sogenannter Vater mich in so
vielen Sprachen und Wissenschaften unterrichtete, dass an gewöhnlichen,
ausreichenden Schlummer damals nicht zu denken war? Es blieb also in meiner
Jugend aller Schlaf, welchen andere Menschen zu der Zeit abmachen und
entwickeln, in mir unabgemacht und unentwickelt stecken. Dieser versetzte und
zurückgehaltene Schlaf bricht nun jetzt in meinen Mannesjahren aus, er entfaltet
sich unaufhaltsam und wird nicht eher zu Ende sein, als bis ich nachgeholt habe,
was ich in der Jugend versäumte. Dieses ist die natürliche Erklärung meines
gegenwärtigen Zustandes, über den mich ein Traum inspirierte.«
    »Wohl. Wer mit dir verkehrt, muss sich immer auf Wunderdinge gefasst halten.
Kalt will ich also bei dieser inspirierten Ankündigung bleiben, ganz kalt, und
dich nur in aller Seelenruhe fragen: Wie lange dauerte jener anstrengende
Jugendunterricht, und wieviel weniger als andere Menschen schliefest du während
desselben?«
    »Drei Jahre. Mässig angeschlagen, büsste ich Nacht für Nacht sechs Stunden
Schlummer ein«, erwiderte der Freiherr kaum hörbar und träumerisch das Haupt hin
und her wiegend.
    Der alte Baron schob seinen Stuhl an den Tisch, nahm ein Stück Kreide,
welches dort lag, und rechnete auf dem Tische. Nachdem er den Strich unter den
Zahlen gezogen hatte, sagte er: »Vorausgesetzt, dass unter jenen drei Jahren kein
Schaltjahr war, so hast du während derselben sechstausendfünfhundertundsiebenzig
Stunden Schlafdefizit gehabt und würdest folglich neun Monate, drei Tage und
achtzehn Stunden jetzt bei mir nachschlummern müssen. Wie?«
    Er wendete sich um, da er keine Antwort bekam und sah, dass der chronische
Zustand seines Gastes schon wieder eingetreten war. - Stolz erhob er sich und
rief: »Keine Rücksicht der Gastfreundschaft und Höflichkeit kann mich
verpflichten, einen Menschen neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden bei mir
schlafen zu lassen. Ich habe an dir gehandelt, wie ein Kavalier sich gegen den
anderen benehmen soll, die Geduld ist aber nun erschöpft, und - höre es oder
höre es nicht - ich kündige dir hiemit Krieg und Fehde an. Darunter verstehe
ich, dass ich dich aus dem Schloss zu bringen wissen werde, in dem du nichts als
Unheil und Verwirrung gestiftet hast.«
    Nach dem Abgange des Schlossherrn öffnete Münchhausen die Augen und sagte zu
Karl Buttervogel, der ein stummer Zeuge dieser Szene gewesen war: »Karl, willst
du mir treu bleiben?« - »O mein gnädiger Herr«, rief Karl Buttervogel, »wie
könnte ich es wohl über das Herz bringen, Ihnen untreu zu werden, da Sie mir
soeben noch vor kurzem meinen vollen Lohn gegeben haben, zwölf Gulden
vierundzwanzig Kreuzer. Nein, wenn der Mensch Geld kriegt, so muss er treu sein,
wie ein Hund, und Häuser muss man auf ihn bauen können, und so lange wie der
letzte Kreuzer vorhält, muss er an seinem Herrn halten, denn dafür ist er
Bedienter, und ein Bedienter, der seinen Herrn verrät, der ihn ordentlich
bezahlt, ist kein Bedienter nicht, sondern ein Schuft.«
    »Schweige!« rief Münchhausen. »Rede nicht, sondern handle, Buttervogel. Es
liegt mir jetzt alles daran, allein im Schloss zu sein, aus dem mich der Alte
forttreiben will. Locke daher das Fräulein ins Freie -«
    »Das wird nicht nötig sein«, fiel Karl Buttervogel ein, »denn sie hat sich
selber schon, ganz blümerant aufgetakelt, ins Freie gelockt, ich habe sie eben
mit einem grossen Dinge unter der Schürze nach meinem Schneckenberge gehen
sehen.«
    »Gut, das halbe Werk ist sonach getan. Locke denn also noch den Alten ins
Freie.«
    »Ich will so tun, als ginge ich nach der Stadt in die Apoteke für Sie, um
wieder Spezies zu holen fürs chemische Schmieren, und wenn ich an ihm im Hause
vorbeigehe, so will ich munkeln: Ja, wenn ich sprechen dürfte - so wird er mir
nachgegangen kommen, um mich auszufragen.«
    »Tue das, Karl, mache mir das Schloss rein von allem lästigen Personal, ich
will daraus eine Festung für mich schaffen«, sprach der Freiherr von Münchhausen
mit seiner ganzen ihm so eigentümlichen Würde.
Auf dem Vogelherde sass also, verlockt von dem scheinbaren Stadtgange des
Bedienten, der alte Baron, während Emerentia dieses nämlichen Bedienten, der für
sie kein Bedienter war, mit einem leckeren Gerichte am Schneckenberge harrte.
Der Schlossherr hatte seinen Plan entworfen. So geradezu jemand aus dem Schloss
zu bringen, der sich darauf versteift zu haben schien, bei ihm neun Monate, drei
Tage und achtzehn Stunden mit den Wachpausen für Essen und Trinken abzuschlafen,
konnte misslich erscheinen. Der alte Baron wünschte daher nichts mehr, als
irgendeinen Umstand zu erkunden, welcher ihn allenfalls berechtigte, die
öffentliche Macht gegen den Propheten anzurufen, der ihm nun wie ein Tagedieb
vorkam. Einen solchen Umstand hoffte er von dem Bedienten Karl Buttervogel
herauszubringen, denn das Wort »Munkel« und die beständige Erwähnung von
ungeheuren Geheimnissen, welche um die Persönlichkeit des Freiherrn nebelten,
deutete nach seiner Meinung offenbar auf Verschuldungen oder wenigstens auf
Verwickelungen hin, die ihm den Arm der Polizei, so hoffte er, wider den
chronischen Schläfer willfährig machen sollten.
    Er hatte sich mit diesen Gedanken unter eine Vogelbeerstaude gesetzt und
überlegte die Mittel, mit denen er Karl Buttervogeln plaudern machen wollte. Der
Mensch hatte ihn immer so freundlich und gerührt, wir wissen weshalb? seiter
angesehen, dass er hoffte, auf sein Gefühl wirken und seinen Mund durch Liebe und
Dankbarkeit aufschliessen zu können. Er nahm sich daher vor, ihn auf bewegliche
Weise zu bewegen.
    Karl sass indessen, um seinen Stadtgang glaublich zu machen, eine halbe
Stunde vom Vogelherde in einem Kruge und vertrank einen Teil des Lohnes, den ihm
die diplomatischen Missverständnisse zwischen dem Fräulein und seinem Herrn
gespendet hatten. Dem alten Baron wurde darüber die Zeit lang und da er an
seiner Kriegslist nichts mehr zu denken fand, so nahmen seine Vorstellungen eine
andere Richtung, welche folgendes Selbstgespräch offenbarte.
    »Ich habe mich resigniert«, sagte er. »Der heutige Tag zeigt mir meine Lage
im wahren Lichte. Münchhausen erscheint mir als das, was er ist, als ein grosser
Frevler. Vielleicht ist er der Vater von Kaspar Hauser. Möglich auch, dass er ein
berüchtigter Giftmischer ist wegen der beständigen chemischen Experimente. Auf
jeden Fall ein Mann, dem zu vertrauen bedenklich sein muss. Ein unnatürlicher
Charakter, abnorm in jeder Beziehung. Welcher Mensch ausser ihm, sammelt Schlaf
von seiner Jugendzeit auf für neun Monate, drei Tage, achtzehn Stunden. Es ist
zwar eine Klage manches Schulmanns, wie ich gelesen habe, dass auch die jetzt gar
zu sehr angestrengte Jugend nachher schläfrig werde, aber dann schlafen sie mit
offenen Augen, die Jungens werden rein dumm vom vielen Lernen, natürlichen
Nachschlaf kriegen sie aber deshalb nicht. Dieser Nachschlaf ist folglich wieder
ganz eine Veranstaltung à la Münchhausen.
    Ich traue ihm nicht mehr. Seit heute verlasse ich mich auf meine gesunden
Sinne und nicht auf Flirren und Flausen. Luft ist Luft und wird mein Tage nicht
Stein. Das ganze Projekt ist Windbeutelei und die Luftverdichtungsaktienkompanie
nicht so viel wert.«
    Der alte Baron blies bei den letzten Worten über seine flache Hand hin,
senkte dann tiefsinnig das Haupt und sprach nach einer Pause: »Wunderbar! - Wie
demjenigen, der eine grosse Wahrheit entdeckt, zugleich viele andere Wahrheiten
mit einem Schlage aufzugehen pflegen, so zerstört die Zerstörung eines grossen
Irrtums auch seine Nachbarn. Seit ich nicht mehr an versteinerte Luft glaube,
bin ich auch misstrauisch geworden über die Rückkehr der alten Verhältnisse und
meinen Eintritt in das höchste Gericht als geborener Geheimer Rat. Es ist zuviel
Gras darüberhin gewachsen, meine Tage sind gezählt; ich erlebe es nicht mehr,
das fühle ich wohl.
    Und so wäre ich denn ein armer, alter, zerbrochener, abgebrauchter Mann? -
Nein! Mitnichten. Schon regen sich neue Gedanken in mir, die jugendliche Kräfte
aufwecken. Das ist eben der wunderbare Segen der Gegenwart, dass niemand
untergehen kann, der sich mit rüstigem Arm und beherzter Brust in ihre Fluten
wirft. Erlischt hier ein Licht, so flammt es da wieder auf, die unendliche
Mannigfaltigkeit der Mittel, Gedanken und Anregungen macht jede welkende
Hoffnung zu einem Phönix, der sich zwar bestattet, aber aus dem Feuergrabe immer
wieder auflebt.
    Ich habe schon wieder Aussicht, Mut, eine Zukunft. Ich glaube nicht mehr an
den geborenen Geheimen Rat, ich glaube nicht mehr an die
Luftverdichtungskompanie; ade Syndikat! Ade ihr sechsmalhunderttausend
Luftsteine, mit denen ich salariiert werden sollte - - Fahret wohl, ihr
nichtigen Träume und Schäume und macht einem soliden Geschäfte Platz. - Das
religiöse Bedürfnis ist mächtig erwacht in der Zeit und schmachtet nach der
Herstellung der Hierarchie. Diesem Bedürfnisse zu genügen, muss ein grossartiges
Institut in das Leben gerufen werden. Ich werde Jesuiten auf Aktien kommen
lassen. Schon morgen reise ich, um die nötige Protektion und Förderung mir zu
verschaffen, wenn ich inzwischen Münchhausen loswerden kann, nach -«
    Der alte Baron gab nicht an, wohin er reisen wollte, denn es unterbrach ihn
ein Geräusch unten auf der Strasse. Er sah den Bedienten kommen und rief ihn an.
Karl Buttervogel murmelte für sich, indem er dem Rufe auf den Vogelherd folgte:
»Treu bin ich meinem Herrn bis fünf Taler, wenn er aber mehr geben will, da kann
der Mensch nicht widerstehen.«
    So kamen beide auf dem Vogelherde zusammen; der Bediente mit der Absicht,
sich um mehr als fünf Taler bestechen zu lassen, der Schlossherr in der Meinung,
ihn durch Güte zu rühren, denn ausser Güte hatte er nichts bei sich.
    »Er hat wohl auch von dem Wege viel Mühe gehabt bei der Wärme, mein Freund?
Setze Er sich mir da gegenüber unter die Rüster« - sagte der Schlossherr im
gütigsten Tone. - »Ich kann schon stehen«, versetzte der Bediente, »ich würde
unter der Rüster sitzen wie auf Kohlen und mir, mit Respekt zu melden, das Gesäss
verbrennen, wenn ich in Gegenwart von einem so gnädigen Herren sitzen tun
sollte. Jeder an seinem Platze und an seinem Orte, das ist so das beste, der
Herr Baron sitzend und ich hier stehend in alle Ewigkeit.«
    »Es kommt mir so vor, als halte Er etwas auf mich«, sagte der alte Baron
nach einer Pause, während welcher er vergeblich nach einem schicklichen
Anknüpfungspunkte suchte.
    »O gnädiger Herr«, rief Karl Buttervogel erregt, beugte sich zu dem
Schlossherrn nieder und küsste dessen Rock, »wie ich Sie liebe, das kann keine
Menschenzunge aussprechen. Denn warum sollte ich Sie denn auch nicht lieben, da
Wurst und Eier bis jetzt nicht gemangelt haben, und da ich gewiss fernerweit gute
Verköstigung kriege, und der gnädige Herr so ein ehrwürdiges Ansehen haben und
die ganze Positur so etwas Martialisches und da die nähere Verbindung
bevorsteht, und Schwiegersöhne Schwiegerväter schon aus Pflicht lieben müssen,
und da-«
    »Nun wohl, Buttervogel«, rief der alte Baron, »lass' Er die vielen Gründe,
die mir auch zum Teil dunkel sind, denn ich weiss nicht, was Er mit der Wurst und
mit den Eiern und den Verbindungen und den Schwiegervätern und Schwiegersöhnen
sagen will. Wenn Er wirklich auf mich etwas hält, so kann Er mir einen Gefallen
tun, und ich ersuche Ihn darum.«
    »Tausend Gefallen für einen, gnädiger Herr!« rief Karl Buttervogel. »Soll
ich Ihnen den grünen Rock ausbürsten, oder an dem Schlafrock mit den Weinranken
das Loch im Ärmel zunähen, oder -«
    »Nichts von allem dem. Sondern mich interessiert Sein Herr bis in die
kleinsten Umstände seines Lebens und über manches möchte ich Aufschluss haben.
Erinnere Er sich nun, wie gut ich an Euch gehandelt habe, sei Er dankbar für so
viele Gastfreundschaft, erwäge Er, was Er mir für meine Güte schuldig ist, und
wenn dadurch in Ihm ein richtiges Gefühl entstand, so sage Er mir, warum Sein
Herr Seine Grobheiten vermischt mit geheimen Anspielungen duldet? denn dahinter
muss notwendig etwas stecken.«
    »Dahinter steckt auch etwas«, sagte Karl Buttervogel ernstaft. »Und ich
wollte mich wohl verführen lassen aus Liebe und Erkenntlichkeit zu dem gnädigen
Herrn Baron und zum Delinquenten an meinem Herrn von Münchhausen werden, wenn
nur ...« Er sah starr nach der Hosentasche des alten Barons.
    »Was, Karl? Spreche Er Sich deutlich aus, mein Sohn.«
    Karl Buttervogel machte eine krumme Hand und sah den Schlossherrn dabei
gerührt an. »Sie haben als Vater an uns gehandelt, und wer so ist, wie Sie, der
macht mich weichherzig und da kenne ich gar keine Pflichten und lass' meinen
eigenen Bruder im Stich. Aber insofern ...«
    »Aber insofern? - Stocke Er doch nicht so oft. Heraus mit der Sprache! Was
versteht Er unter dem Munkel, wie Er Seinen Herrn nennt, und unter den
Geheimnissen der Erzeugung?«
    Karl Buttervogel spuckte vor sich nieder, sah dann wieder nach der
Hosentasche des alten Barons, machte den Gestus des Geldzählens und fuhr darauf
plötzlich, als der Schlossherr diesen Gebärden stumm und verwundert und ohne auf
den Sinn ihrer Forderung einzugehen, zusah, mit der Frage heraus:
    »Haben Sie wohl über fünf Taler bei sich?«
    »Nein«, versetzte der alte Baron etwas verlegen. »Ich trage kein Geld bei
mir.«
    »So bleibt auch das Geheimnis bei mir«, sagte Karl Buttervogel.
    Der alte Baron rief entrüstet: »Also aus Liebe zu mir will Er mir nichts
sagen, aber für Geld würde Er Seinen Herrn verraten!«
    »Ja«, rief der Bediente, »für Geld kann man alles kriegen, denn die Zeiten
sind teuer und ohne Nebenverdienst geht es einmal nicht in der Welt, und weil es
in der Freundschaft bliebe, so wäre es auch kein Verrat, und die Liebe zu Ihnen
ist zu gross, und Sie könnten es mir gewissermassen befehlen von wegen der
kindlichen Ehrfurcht, die ich gegen Sie haben tun muss, und warum fängt mein Herr
solche Sachen an und ich würde es auch nicht für ein paar Groschen tun, denn das
wäre schimpflich, aber fünf Taler machen einen Unterschied, und das Hemde ist
mir näher als der Rock, und Bestechung ist nur ein Vorurteil, aber ohne Geld und
Gaben bin ich meinem Herrn so treu wie Gold, und keine Menschenmacht soll mich
von meiner Schuldigkeit abwendig machen, und das können Sie mir auch gar nicht
verdenken, denn Sie würden sich auch so einen ehrlichen Kerl zum Bedienten
wünschen, der alles mit sich in die Sterbegrube nähme, wenn Sie sich chemisch
schmieren müssten, weil nämlich -«
    »Schweige Er!« rief der alte Baron, welcher befürchtete, dass Karl
Buttervogel sich in ein neues Meer von Gründen stürzen würde. Verdriesslich riss
er Blätter von den Stauden, zwischen denen er sass, und zerpflückte sie. Karl
Buttervogel entfernte sich gleichfalls verstimmt über die unverletzte Treue, die
er seinen Grundsätzen gemäss dem Herrn bewahrt hatte, von dem Vogelherde.
 
                                Fünftes Kapitel
 Wofür Semilasso von dem Ehinger Spitzenkrämer angesehen wird. - Der alte Baron
rennt nach einem Bürgermeister und a public character im braunen Oberrock tritt
           auf, dessen Erscheinung die wenigsten Leser vermuten mögen
Das türkische Fahrzeug war langsam bis an den Fuss des Schlossberges oder -hügels
gediehen, konnte jedoch dort nicht weiter auf der holprichten Strasse vordringen.
Semilasso sah sich daher genötigt, abzusteigen und zu Fuss bergan zu gehen. Der
Ehinger Spitzenkrämer holte ihn ein und gab sich mit ihm in ein vertrauliches
Gespräch, weil er ihn wegen der fremdartigen Kleidung, worin der berühmte
Reisende sich zeigte, für seinesgleichen oder vielmehr für etwas noch
Geringeres, als er selbst war, hielt, nämlich für einen Kunstreiter oder für den
Inhaber einer Tierbude. Denn zwischen diesen beiden Vermutungen schwankte der
Ehinger in seinen Gedanken.
    Semilasso hielt es bei seinem freien Weltblicke nicht unter sich, mit den
verschiedenartigsten Leuten ohne Zwang zu verkehren. Er gab daher der Ansprache
des Ehingers leichte und natürliche Erwiderung, redete mit ihm über die
Spitzenklöppeleien in dem Distrikte, woher der Ehinger gebürtig war und die er
auf seinen Reisen besucht hatte. Den Standesunterschied bewahrte er nur
insofern, dass er nicht auf der Seite des Weges gehen mochte, den die Füsse des
Spitzenkrämers traten. Vielmehr wollte er gern die ganze Breite der Strasse
zwischen sich und dem Ehinger sehen. Kam daher dieser zu ihm hinüber, so kreuzte
Semilasso die Strasse nach der anderen Seite zu. Da aber der Ehinger die geheime
Absicht dieser ausweichenden Bewegungen nicht kannte und am liebsten dicht neben
seinen Reisebegleitern gehen mochte, so folgte er dem vornehmen Türken
überallhin und beide waren daher die Schlossstrasse hinauf in einer beständigen
Zickzack- und Schlängelwanderung begriffen.
    Oben stand Semilasso still und wischte sich mit einem Taschentuche von
feinem Batist den Schweiss von der Stirn. Der Ehinger zog eine Branntweinflasche
aus dem Ränzel, nahm einen derben Schluck und bot seinem Genossen, dessen
Eigenschaften ihm so unbekannt waren, die Flasche gleichfalls dar. Semilasso
wies aber mit einem Zuge des innigsten Widerwillens in dem feinen blassen
Gesichte den Schnaps zurück und schien überhaupt nachgerade den Ehinger lästig
zu finden. Seine Neigung zu dem Manne stieg nicht, als dieser mit der Frage sich
an ihn wandte: »Sagt mir, Landsmann, wo Ihr Eure Bude stehen habt?« und als er
durch verwunderungsvolle Erkundigung von ihm herausbrachte, wofür er angesehen
wurde. »Voilà ce qui est bien drôle!« sagte er mit einer süsssäuerlichen Mischung
im Tone der Stimme und suchte dem Ehinger zu entkommen, der ihn aber mit
wiederholentlichen Fragen nach der Bude bis vor die Türe des Schlosses
verfolgte. Denn er hatte viel Geld gelöst und wollte sich nun auch in der Tier-
oder Bereiterbude ein Vergnügen machen.
    An der Schlosstüre nahm jedoch die Verrammelung derselben die Aufmerksamkeit
beider Wanderer statt alles anderen in Anspruch. Sie riefen, sie pochten, sie
rüttelten, aber im Innern des vereinsamten Schlosses antwortete niemand, niemand
kam von innen an die Türe, sondern es schnarchte da drinnen nur taub und
gefühllos weiter. Zuletzt mussten sie sich wie die übrigen an der Türe Gewesenen
auch von der Notwendigkeit des Wartens überzeugen. Zufällig hatten sie einander
von dem Zwecke ihrer Wanderung nichts mitgeteilt, sie gingen auch jetzt ohne
nähere Erklärung nach verschiedenen Seiten ab. Semilasso schlug, da der Ehinger
mit ihm wieder die Schlossstrasse hinunterwandern wollte, einen Nebenweg in das
Gebüsch ein, um nur von diesem Plebejer sich loszumachen. Er brauchte dabei
einen wahrscheinlichen Vorwand; die Geschichte hat ihn aber vergessen oder Scheu
getragen, ihn aufzuzeichnen. Der Ehinger stellte sich dagegen unten am Fusse des
Hügels zu dem türkischen Fahrzeuge und suchte sich die Zeit, so gut es gehen
wollte, mit den Affen und Papageien zu vertreiben. Auch mit dem jungen Neger
sprach er. Dieser redete gebrochen Deutsch und antwortete auf die Frage, wo sein
Herr die Bude stehen habe? nachdem er ihren Sinn gefasst hatte: »Kein Herr mein
Bud' halten - wollt' sagen - Mein Herr kein Bud' halten - Furst sein - heissen -
nicht aussprechen kann den Namen schwierig.«
    Über diese Auskunft wollte sich der Ehinger des Todes verwundern, lachte aus
vollem Halse und rief: »O, was für ein Ansehen sich so ein Volk geben kann! Der
Junge lügt wahrhaftig schon wie gedruckt und wenn ich den Herrn nach seinem
Stand' frag', ist er ein König wenigstens.«
    In diesem Augenblicke ging der alte Baron rasch an dem Gefähr vorüber. Er
war so verdriesslich, dass ihm selbst der fremdartige Anblick des Fahrzeuges
keinen Blick abnötigte, er stieg vielmehr, ohne sich umzusehen, die Schlossstrasse
empor. - »Landsmann«, rief der Ehinger, der alle Völker der Erde für seine
Kompatrioten hielt, dem Alten nach, »Euer Laufen hilft Euch nit, Ihr kommt oben
nit ein, die Zugäng' sind verbollwerkt.« - Der Baron wandte sich um, fragte, was
das bedeuten sollte? und erfuhr zu seinem grössten Ärger, was wir schon wissen.
    »Nein!« rief der alte Baron knirschend vor Zorn, »was zu arg ist, ist zu
arg! Ich füttere den Hasenfuss, er verrückt uns allen die Köpfe und zum Beschluss
und zur Krönung der Schandtaten treibt er die rechtmässigen Eigentümer aus dem
Hause und setzt sich darin fest. Das ist offenbare Gewalt, Friedensbruch und
Beschädigung mit gemeiner Gefahr, und auf der Stelle laufe ich zum
Bürgermeister, denn jetzt, jetzt tut Polizeihülfe not.« - Mit einer
Schnelligkeit, die man seinem Alter nicht hätte zutrauen sollen, lief der
Schlossherr zurück und bog in den Weg, der nach dem Dorfe führte, worin der
Bürgermeister wohnte.
    Als er aber rasch um eine Hecke schwenkte und nichts im Sinn und Auge hatte,
als den ihm nun so verhasst gewordenen Duzbruder, rannte er heftig mit einem
andern zusammen. Dieser andere war ein Mann, der in entgegengesetzter Richtung
dahergeschritten kam und wegen seiner Kurzsichtigkeit oder aus Zerstreuung auf
den alten Baron nicht geachtet hatte. Da er auch sehr rasch ging, so war das
Zusammenprallen, wie gesagt, ein heftiges, der Schlossherr verlor seine
Seehundskappe vom Haupte, der Mann im braunen Oberrock (denn einen solchen trug
der zweite) den Strohhut. Nachdem beide ihre Kopfbedeckungen aufgerafft hatten,
machten sie einander gegenseitige Entschuldigungen, denen der im braunen
Oberrock die ironische Bemerkung hinzufügte, dass diese Art Bekanntschaften zu
knüpfen die glücklichste sei, weil sie mit dem Gefühle beginne, dass einer dem
anderen etwas nachzusehen habe, der erste Moment derselben daher sich von aller
Überspannung in den Erwartungen fernhalte.
    »Mit wem habe ich die Ehre ...?« fragte der alte Baron.
    »Ach«, versetzte der im braunen Oberrock, »lassen wir meinen Namen
unausgesprochen! - Durch eine seltsame Laune des Schicksals, deren es mehrere an
mir übte, ist mir auch ein Name zuteil geworden, der mehr versprach, als meine
geringe Persönlichkeit zu halten imstande gewesen ist. Aber vergönnen Sie mir
dagegen eine Frage: Wissen Sie nicht, ob sich ein gewisser Freiherr von
Münchhausen hier herum in der Nähe aufhält?«
    Der alte Baron sah den Fremden gross an. »Haben Sie auch durch ihn gelitten?
Können Sie mir irgendeinen haltbaren Verdacht wider ihn liefern, mittelst
welches ich ihn vor die Gerichte bringe?« fragte er darauf mit Eifer.
    »Mein Herr«, versetzte der andere, »was denken Sie von mir? Ich habe mit
diesem Freiherrn von Münchhausen ganz eigene und zarte Beziehungen, die mir die
Lippen über ihn versiegeln würden, selbst wenn ich etwas Schlechtes von ihm
wüsste. - Sonach kann ich nur meine Frage wiederholen: Hält sich dieser Mann hier
in der Nähe auf?«
    »In meinem Schloss sitzt der Spitzbube und hat sich verbarrikadiert!« rief
der alte Baron. »Dort geht die Strasse hinauf, und ich bin in diesem Augenblicke
auf dem Wege, die Polizei wider ihn zu Hülfe zu rufen.« - Er lief eilig seine
Strasse nach dem Dorfe weiter.
    »Halten Sie an!« rief der Fremde mit starker Stimme dem Davoneilenden nach.
»Der Freiherr ist zwar ein grosser Schalk, gehört aber doch nicht in die
Kategorie der Spitzbuben und ist über die Angriffe der Polizei erhaben.« - Der
alte Baron hörte aber nicht auf ihn, sondern rannte spornstreichs seinen Weg. -
»O der Unselige, in welche Verwickelungen hat er sich gebracht!« sagte der
Fremde. - »Ich muss sehen, wie ich ihn rette«, setzte er murmelnd hinzu und lief
die Schlossstrasse hinauf.
    Denn auch er lief mehr als er ging, was einen ziemlichen Kontrast mit seiner
Figur abgab, die man schon zu den korpulenten zählen konnte. Es war ein
breitschulteriger untersetzter Mann, dieser Fremde im braunen Oberrock, der
seinen Wanderstock bei jedem Schritte mit Energie auf die Erde stiess. Er besass
eine grosse Nase, eine markierte Stirn, deren Protuberanzen jedoch mehr Charakter
als Talent anzeigten und einen feingespaltenen Mund, um den sich ironische
Falten wie junge spielende Schlangen gelagert hatten, die jedoch nicht zu den
giftigen gehörten. Seine Augen wurden in den Reisepässen gewöhnlich als graue
bezeichnet. Sie lagen auch wirklich wie hellgraue Perlhühner in ihren Höhlen
unter Brauen eingewühlt, die trockenem gelbbräunlichem Reisig glichen. Mehrere
Damen seiner Bekanntschaft aber, die ihm wohlwollten, behaupteten, diese Augen
hätten einen angenehmen blauen Ausdruck, und seit der Zeit glaubte er selbst an
ihre Bläue. Nicht allein in dem Antlitze dieses Mannes, der nach seinem Habitus
ein Vierziger zu sein schien, sondern überhaupt in seinem gesamten Wesen war
eine eigene Mischung von Stärke, selbst Schroffheit, mit Weichheit, die hin und
wieder in das Weichliche überging, sichtbar.
    »Es wäre ja traurig, wenn dieser merkwürdige Charakter in einem elenden
Abenteuer umkäme, man muss sehen, man muss sehen ...« flüsterte der braune
korpulente Laufende, als er die beiden Wappenlöwen erreicht hatte.
Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nicht sein kann, den Leser
beizeiten über jenen Fremden zu unterrichten ...
                    Brief des Herausgebers an den Buchbinder
Hiebei, lieber Herr Buchbinder, Manuskript des »Münchhausen«, soweit ich
geschrieben habe. Nicht wahr, hier wäre wieder so ein Ort, über den Braunen eine
ungemeine Spannung zu stiften? Geheimnisvoll ... dunkel ... Andeutungen usw. Sie
verstehen mich. Ich wollte doch aber nicht ohne Ihren Rat verfahren. Der ich mit
aller Achtung usw.
 
                            Antwort des Buchbinders
Ew. Wohlgeboren!
    Beileibe jetzt keine Spannung mehr. Spannung genug durch Semilasso, den
Jäger, die drei Unbefriedigten, den Ehinger Spitzenmann und den alten Herrn
Baron, der zum Bürgermeister läuft. Zuviel Spannung überspannt; die Leser
möchten Ihnen am Ende gar abgespannt werden. Nein, jetzt durch eine tüchtige
Entdeckung Effekt gemacht, je unerwarteter, desto besser. Mit besonderer
Hochachtung usw.
                           Fortsetzung der Erzählung
Da die Absicht der gegenwärtigen Geschichten nur sein kann, den Leser beizeiten
über jenen Fremden zu unterrichten, indem die Folter längst abgeschafft ist und
nur noch in englischen Romanen durch dreibändelange Spannung
missbräuchlicherweise angewendet wird, so ist hier zu sagen, dass der korpulente
Mann im braunen Oberrock niemand anders als der bekannte Schriftsteller
Immermann war.
    Er befand sich auf einer seiner jährlichen Ferienreisen, während welcher die
eine Hälfte seiner Düsseldorfer Freunde ihn da, die andere dort versorgt. Er
kommt aber immer wieder nach Düsseldorf zurück, weil - - - -
    So kommt er denn immer wieder von diesen Kreuz-und Querzügen durch
Deutschland zurück, nachdem er durch Berge, Täler, Höhlen und Klüfte, Hütten,
Paläste, Kirchen und Gräber geschweift ist, ein weltdurstiger und weltfroher
Odysseus, den keine Kalypso zurückzuhalten für gut fand.
    Gegenwärtig befand er sich auf einer Wanderung nach den Extersteinen, die er
noch nicht gesehen hatte. In der Nähe der Stadt, worin der Diakonus wohnt, bog
er jedoch von der geraden Strasse ab, um den Helden dieser Geschichten
aufzusuchen, mit welchem er wirklich Beziehungen der eigensten Art hatte, und
dem er wichtige Mitteilungen machen wollte, entscheidende Mitteilungen für
seines Schützlinges Geschick. Denn in diesem Verhältnisse stand Münchhausen zu
Immermann. Immermann übte eine Art von Kuratel über den Freiherrn aus.
 
                                Sechstes Kapitel
Der bekannte Schriftsteller Immermann führt eine sehr ernste Unterredung mit dem
 Freiherrn von Münchhausen. Karlos der Schmetterling entschliesst sich, bewogen
   durch den Anblick eines Sauerbratens und die Zuredungen seiner Geliebten,
                          endlich die Maske abzuwerfen
Der Schriftsteller lief, als er den Schlosshof erreicht hatte, gerade auf das
Haus zu, indem er fortwährend für sich murmelte: »Hätte ich ihn nur erst aus
dieser Klemme! Sich so zu verfahren und zu versteigen, gerade in dem
Augenblicke, wo ich ihm ein anständiges und sicheres Brot verschaffen kann! Wenn
sie mein Wort nur gelten lassen!« - Er drückte an der Klinke der Türe. Da sie
sich aber so nicht öffnen lassen wollte, so stemmte er sich mit der ganzen
Gewalt seiner Schultern gegen sie, und da ihn die Natur mit einer ziemlichen
Leibeskraft ausgestattet hatte, gelang ihm, was Semilasson und den drei
Unbefriedigten so wenig, als dem Jäger möglich gewesen war. Die morsche Türe
wich nämlich aus den Angeln, einige innen vorgesetzte Tonnen und Kisten fielen
um, die Türe fiel auf sie und in das Innere des Flurs, der Schriftsteller fiel
auf die Türe, wenigstens halb, und solchergestalt, fast mit der Türe in das Haus
fallend, eröffnete er gewaltsam den Zugang zu dem Schloss
Schnick-Schnack-Schnurr, dessen Inneres ohne seine Dazwischenkunft vielleicht
lange unzugänglich geblieben wäre. Einen Augenblick sich erholend und im Flure
stehenbleibend hörte er oben das heftige Schnarchen. - »Der Schäker! Was hat er
nun da vor!« rief der Schriftsteller lachend und eilte die Treppe hinauf. In
Münchhausens Zimmer standen mehrere Fläschchen und Gläserchen mit den
seltsamschillernden Feuchtigkeiten, deren schon einmal Erwähnung geschehen ist,
gefüllt, auf dem Tische. Der Inhalt war hin und wieder verschüttet und ein
scharfer mineralischer Dunst würzte die Luft. Nahe bei dem Tische schlief aber
der Freiherr auf einem Stuhle, das Haupt zur Seite hängend, den festesten und
gesundesten Schlaf, obgleich der Apparat auf dem Tische anzudeuten schien, dass
er noch wenige Minuten zuvor gewacht haben müsse. Ganz überaus schnarchte er und
lächelte wirklich, wie Karl Buttervogel gesagt hatte, gleich einem Engel in
seinem Schlummer. Der Schriftsteller überblickte einige Augenblicke schweigend
und ironisch schmunzelnd den Schläfer und die chemischen Zurüstungen, dann
setzte er seine Brille auf, wie er immer vor wichtigen Momenten zu tun pflegt,
schlich sich auf den Zehen zu dem Freiherrn, schlug ihm auf die Schulter und
flüsterte ihm in das Ohr: »Keine Verstellung gegen mich, alter Freund!«
    Das hangende Haupt des Freiherrn fuhr rasch empor, so dass er gegen die Nase
des Schriftstellers anstiess und die Brille aus ihrer richtigen Stellung brachte,
die Augen Münchhausens öffneten sich weit, starrten mit dem Ausdrucke eines
unglaublich freudigen Erstaunens den Besuch an und schienen zu sagen: Nun, das
muss wahr sein, wenn die Not am höchsten, ist die Hülfe am nächsten. Er blieb
aber sprachlos.
    Der Schriftsteller nahm die Brille ab, wischte die Gläser mit seinem
Taschentuche rein und rief dann mit der Brille in der Hand lebhaft
gestikulierend, dem Freiherrn zu: »Nun sagt mir, Erzkauz und Herzog der
Phantasterei, Marquis von Traumland und König aller modernen Zigeuner und
Bettelstudenten -« » ... gefürsteter Abt in qualitate qua, Herr zu Irrlicht,
Nebeltau und Wildfeuer, Baron des unheiligen Reichs der Motten, Ziegenmelker und
Karpfenschwänze8, Grand aller böhmischen Dörfer, Erbbelehnter in sämtlichen
künftigen neuen Entdeckungen, Grosspensionär von Lirum Larum etc. etc. etc.« fiel
der Freiherr seinem Kurator in die Rede. »Ihr seid im Zuge mit Euren
gewöhnlichen unaufhaltsamen Bezeichnungen, und ich will Euch darin helfen«,
setzte er hinzu.
    »Nein, Herr von Münchhausen«, erwiderte der Schriftsteller, der plötzlich
ernst geworden war, kalt. »Vergeuden wir die edle Zeit nicht mit müssigen Spielen
des Witzes! Ich bin mit Ihnen sehr unzufrieden. Immer noch sah ich Sie auf der
Höhe der Wogen, jetzt aber scheinen Sie gänzlich unter der Flut zu sein. Was
soll dieses Schlafen? Was soll das Verrammeln in einem Hause, welches nicht
Ihnen gehört? Fühlen Sie denn nicht, dass Sie durch solche Eulenspiegeleien sich
fallenlassen?«
    »Herr Immermann, Sie irren«, versetzte Münchhausen. »Ich schlief ein, als
ich mir gegen den alten Narren, meinen Wirt, durchaus nicht anders mehr zu
helfen wusste. Darin ahmte ich nur das Stratagem erfinderischer Köpfe nach. Ich
versichere Sie, man wird vielleicht bald von dem chronischen Schlummer mehrerer
Projektenmacher hören, wenn ihr Latein erschöpft ist.«
    »Und das Türverrammeln?«
    »Konnte ich denn wissen, dass Ihre gewichtige Kraft mir so nahe sei? Ich
wollte Zeit gewinnen, eine halbe Stunde entscheidet oft alles, in einer halben
Stunde kann der Himmel einfallen und dann sind wir durch jegliche Erdennot
hindurch. Und wirklich habe ich recht gehabt. Sie sind da, der alte Baron nicht,
der sonst vielleicht schon hier wäre und alle ruhige Besprechung unmöglich
machte.«
    »Mein Herr, lassen Sie diese possenhafte Betrachtung einer intrikaten Lage!«
fuhr der Schriftsteller seinen Klienten barsch an. »Der alte Baron läuft nach
dem Bürgermeister, um Polizeihülfe herbeizuschaffen! Begreifen Sie nun Ihre
Position? Sorge ich darum väterlich für Sie, schicke ich deshalb gewissenhaft
die Fläschchen der von Ihnen bereiteten Tinktur an den Oberkammerherrn, schreibe
ich mir, um Ihnen endlich ein sicheres Brot bei dem geistreichen Erbprinzen von
Dünkelblasenheim zu verschaffen, beinahe die Finger lahm, damit Sie nun
schmachvoll in dem Protokolle irgendeines obskuren Polizeibeamten endigen? Nein,
Münchhausen, ich kann Sie fast nicht mehr achten, Sie sind doch ein gar zu
verlogener Schelm.«
    Der Freiherr hatte während dieser harten Anrede sacht unter seinen
Kleidungsstücken gewühlt. Jetzt zog er daraus einen schwarzen Frack hervor und
einen kleinen zusammengelegten Klapphut. »Was sehen Sie?« fragte er seinen
rauhen Beschützer in einem ruhigen, man möchte sagen, überlegenen Tone.
    »Einen Frack und einen Klack!« rief der Schriftsteller noch immer zornig,
obgleich diese harmlosen Gegenstände keine Entrüstung verdienten.
    Münchhausen zog an dem kleinen Klapphute, da wurde er grösser, er griff
dehnend in die Öffnung, da wurde er dreieckicht, er nahm aus den Seitenwänden
einen weissen Federbusch und steckte ihn auf, da war es ein Offizierhut, wie er
nur sein musste. Dann krämpelte er den Frack um, häkelte das seidene Unterfutter
los, da kam überall rotes Tuch zum Vorschein und am Kragen und an den
Aufschlägen weisses mit Goldstickerei. Er warf seinen Rock ab, zog diese
phantasievolle Uniform an, setzte den Hut auf und ein Offizier in fremden
Diensten stand vor dem Schriftsteller.
    Dieser betrachtete die neue Gestalt, welche sich wie durch Zauberei vor ihm
gebildet hatte, mit Erstaunen. »So sind Sie denn also wirklich - was ich noch
immer nicht glauben wollte - Sie sind ...« »St! mein Lieber -«, rief der
Freiherr plötzlich ängstlich werdend. »Sprechen Sie ein gewisses Wort nicht aus;
es ist das einzige, was mir Schrecken erregt! Ich wollte Ihnen nur zeigen, dass
meine Mittel nicht erschöpft sind. Aus jenen Westen, Jacken und Tüchern, die Sie
da liegen sehen, kann ich auf Verlangen Neugriechen, Matrosen, Jockeis
herstellen mittels Knöpfens, Wendens, Steckens - ein ziemlich gewandter Proteus.
Und so möge der alte Baron und ein Bürgermeister, der Teufel und seine
Grossmutter gegen dieses Schloss heranrücken, mir soll das Herz nicht abwärts
sinken. - Sie haben mich in Ihrer rauhen Manier angefahren, Sie haben einen
hohen Ton gegen mich angestimmt, als seien Sie wunder wie weit über mir und ich
nur eine mediokre Figur. Ich bin gegen solche Beleidigungen empfindlich. Deshalb
frage ich Sie jetzt, womit habe ich sie verdient? Wissen Sie einen einzigen
schlechten Streich von mir, mein Herr?«
    Der Schriftsteller versetzte nach einigem Besinnen: »Nein. Wahrheit muss
Wahrheit bleiben. Einen eigentlich schlechten Streich weiss ich allerdings nicht
von Ihnen. Wie hätte ich mich auch mit einem Escroc so weit einlassen mögen?«
    »Nun denn!« rief Münchhausen, und seine Gestalt, von der roten Uniform
gehoben, nahm eine Art komischer Erhabenheit an. »Ich habe phantasiert, ja! Ich
habe tolle Streiche ausgehen lassen, ja! Ich habe es mit der Wahrheit ziemlich
oder vielmehr unziemlich leicht genommen, ja! Ich war überall und nirgends, mein
Name war mir stets so gleichgültig wie der Rock, den ich gerade zufällig trug -
aber mein Ehrenwort hatte ich mir darauf gegeben, alles dieses Schwärmen,
Phantasieren, Fabulieren, Vagabondieren uneigennützig zu treiben, und obgleich
ich der Freiherr von Münchhausen heisse, dieses Ehrenwort habe ich gehalten. Die
Kasse manches Narren stand mir zu Gebote und blieb unberührt von mir; höchstens
erlog ich mir hin und wieder Obdach und freie Beköstigung, wenn ich sonst nicht
wusste, wohin mein Haupt legen und was beissen oder brechen?«
    »Waren Sie stets so uneigennützig?« fragte der Schriftsteller mit scharfem
Akzent.
    »Nein«, rief Münchhausen plötzlich wieder kleinlaut, »ich will mich gegen
Sie nicht besser machen, als ich bin. Einmal habe ich einer einfältigen Gans
Liebe vorgelogen, um zu ihres Vaters Geld und Gut zu gelangen und da musste ich
zuletzt erfahren, dass kein Geld und Gut vorhanden sei. Diese eigennützige Lüge
ohne Erfolg brachte nun eine ganz greuliche und ekelhafte Nachwirkung in mir
hervor. Denn es gibt kein abscheulicheres Gefühl für einen Charakter, wie ich
bin, als Witz und Phantasie umsonst ausgespendet zu haben. Und da gab ich mir
eben das Ehrenwort, fortan in der reinen unselbstischen Erfindung zu schwelgen.«
    »Doch im Grunde eine traurige Schwelgerei!« sagte der Schriftsteller.
    »Die lieblichste und üppigste!« rief der Freiherr begeistert. Seine Züge
nahmen ein Gepräge an, wie es noch niemals in ihnen gesehen worden war. Seine
Augen leuchteten wunderlich und schrecklich, durch die Irrgänge seiner
Lineamente schlichen Schelmerei, Spott, trunkenes Behagen, wie schöne Mädchen,
die in einem vernachlässigten Park spazierengehen. Mit den Fingern griff er in
die Lüfte, als wollte er da tausend lustige Erinnerungen sich greifen, er sah
wie der Geist Capriccio aus. - »Was ist das süsse Feuer, welches die Traube in
unsere Adern giesst, was sind die veratmenden Ohnmachten des höchsten
Liebesrausches gegen das selige Behagen, mit allen stolzen Torheiten der Zeit zu
tändeln, zu scherzen, zu spielen und des Witzes urkräftige Blitze in alle
Spelunken hinableuchten zu lassen! Man fühlt sich wahrhaft als Schöpfer;
    eine neue Welt ersteht, durch welche man als König und Wohltäter hinzieht,
denn hinter den Rädern des Siegeswagens blühen in den Geleisen phantastische
Blumen auf, welche dem Gefolge lieblicher duften als Rosen und Jasminen. Ich
habe viele Narren glücklich gemacht und da die Welt aus Narren besteht, so habe
ich die Welt beglückt, so weit mein streifender Fuss sie betrat.
    Was soll ein gescheiter Kerl jetzt anders tun als lügen, die Prahlhänse zum
besten haben, umherlaufen, sich wandeln und verwandeln? In Kriegsdienste gehen?
- Napoleon hat das Heldentum ausgebeutet, wie er selbst ungefähr mit den
nämlichen Worten auf Sankt Helena sagte, für fünfzig und mehrere Jahre, es ist
heutzutage als sähe man bleierne Soldaten aufgestellt, darunter ist auch immer
noch einer als General und mehrere sind als Hauptleute lackiert, aber bleierne
Soldaten sind sie alle. In der Staatskunst sich versuchen? Auch da verlangt man
nach einem Chef, der's ist, der nicht bloss so heisst. Zeigt mir einen Richelieu,
oder nur einen schlauen, geschminkten Mazarin und ich werde Legationsrat. In
Papier spekulieren? Pfui! Ich bin ja kein Jude. Den Tiefdenker machen, das
Original, den Sonderling, den Unglücklichen? Abgebraucht. Was bleibt übrig?
Lügen, Flirren, Flausen produzieren. Ein Lügner war ich, ein Lügner bin ich, ein
Lügner will ich sein! Ich habe auf Tollheiten spekuliert, das ist das höchste
und nobelste Hasardspiel, was es gibt. Lucian ist mein Evangelium und Ebu Seid
von Serug mein Herr und Meister!
    Und da ich ein solcher bin, wie können Sie, mein Herr, sich herausnehmen,
mir so unhöflich zu begegnen?«
    »Was!« rief der Schriftsteller Immermann, »du empörst dich, Geschöpf, wider
deinen Schöpfer?«
    »Alter Freund«, versetzte der Freiherr mit ruhiger Hoheit, »Ihr seid nicht
der Mann, einen Mann wie mich zu schaffen. Ihr habt einige meiner Abenteuer
aufgeschrieben und demnach ein Stück meiner Biographie geliefert, das ist das
Ganze, und wer weiss noch, ob mir und meinem Rufe damit sehr gedient gewesen ist,
denn Ihr habt wenig Kredit in der Literatur. Ihr besorgt mir die Flaschen mit
der Hühneraugenessenz an den Oberkammerherrn, und wollt mir durch dieses und
andere Mittel mein sicheres Brot bei dem Erbprinzen von Dünkelblasenheim
verschaffen. Ob ich Euch dafür zu danken habe, weiss ich erstlich noch gar nicht,
denn vielleicht sagt mir die gebundene Lage nicht zu. Wäre das aber auch, so
sind jene Dienste kleine Gefälligkeiten, die ich Euch dadurch reichlich vergütet
habe, dass ich Euch erlaubte, aus mir ein Buch zu machen.«
    »Sie behaupten also im vollen Ernste, ein selbständiger Charakter zu sein?«
fragte der Schriftsteller befremdet.
    »Freilich. Ich weiss gar nicht, wie Sie mir vorkommen. Nehmen Sie sich nur in
acht, dass Sie nicht ganz gegen mich verschwinden, dass Sie nicht für eine
Erfindung von mir gelten. Was hätten Sie mir geben oder leihen können? - Sie
sind kein Genie -«
    »Nein«, versetzte der andere ohne alle Ironie oder Empfindlichkeit.
    »Sie sind höchstens ein Talent, doch sind Sie auch das nicht, sondern nur
ein Nachahmer. Sie ahmten immer nach, erst Shakespeare, dann Schiller, zuletzt
Goete. In Ihren Arbeiten ist mehr Witz, Phantasie, Reichtum als in denen der
andern, die Ideen strömen Ihnen aus ergiebigeren Quellen zu als den andern, aber
Sie sind ein mittelmässiger Kopf und ein seichter Geist. Adel und Hoheit der
Weltanschauung kann man Ihnen nicht absprechen, wenn Sie nur nicht so trivial
wären. Sie haben einige Figuren in vollendeter Wahrheit geschaffen, könnten Sie
sich an eine Erscheinung hingeben, so wäre Ihnen vielleicht geholfen. Sie waren
stets ein Dichter von Gesinnung, leider aber ohne alles Gefühl und ohne Liebe.«
    Der Schriftsteller schüttelte dem Freiherrn die Hand, lachte und sagte: »Ich
hatte schon gemeint, dass Ihr ernstaft mit mir anbinden wolltet, nun sehe ich
aber, dass Ihr Spass macht, alter Spötter. Ihr habt den Ton meiner öffentlichen
Beurteiler ziemlich lustig kopiert. Jetzt bestehen allerhand Leute hauptsächlich
darauf, dass ich mehr Liebe haben solle. Sie fordern es aber so entsetzlich grob,
dass die Liebe, welche ein scheues, feines Kind ist, sich weinend versteckt, oder
schleicht, sie ahnen nicht, wohin?«
    In diesem Augenblicke sah er durch das Fenster und erschrak. Denn er
erblickte den alten Baron in der Ferne, der mit dem Bürgermeister herbeikam.
»Wir schwatzen hier Allotria!« rief er hastig, »und da naht schon das Corps
Ihrer Angreifer! Rasch einen Plan der Verteidigung und des Ruckzuges aus diesem
Kastelle ersonnen. Wie wäre es -«
    »Wenn wir improvisierten!« fiel Münchhausen ein und warf die rote Uniform ab
benebst dem Hute. - »So gelingt alles am besten. Das ganze Leben ist ein
Impromptu.« Er verwandelte das militärische Kleid in den Frack und den
dreieckichten Hut in den Klack zurück, forderte auch, dass sein Biograph sich
entferne, denn er wolle, sagte er, allein seinen Mann stehen. Dieser aber
schwor, dass er seinen Helden nicht verlassen werde und so musste er sich die
Waffenbrüderschaft gefallen lassen, wohl die ungewöhnlichste, die seit langer
Zeit vorgekommen ist. Freilich aber hatte der Schriftsteller noch ausser seinem
zärtlichen auch ein grosses egoistisches Interesse dabei, dass der Freiherr von
Münchhausen in diesem Kampfe nicht umkam. Denn um von tausend Gründen nur einen
anzuführen: Er hatte Herrn Schaub in Düsseldorf die Fortsetzung der
Münchhausenschen Abenteuer versprochen, und wo blieben die Abenteuer, wenn
Münchhausen unterging?
    Schriftsteller und Held verabredeten in der Eile doch einige allgemeine
Massregeln. Wir aber überlassen vorderhand die Ereignisse im Schloss ihrer
Entwickelung und verfügen uns nach dem Schneckenberge. Auf diesem Gebirge
Taygetus sass das Fräulein mit feierlicher Miene und im ungewöhnlichsten Putze,
der aus einem ehemals rosenfarbenen Seidenkleide, einem weissen Flortuche, einer
Schärpe, worauf der Tempel der Liebe gestickt war, und grünen Atlasschuhen
bestand. In der Hand hielt sie einen elfenbeinernen Fächer mit der Geschichte
Amors und Psychens, und ihr Haar zierte ein Paradiesvogel, dem nur vor Alter die
Schwungfedern ausgefallen waren. Einen Ridicule von sogenannten
Freundschaftsläppchen zusammengefügt, trug sie an einem Arme und eine
Tändelschürze von schwarzem Taffent mit Phantasieblumen eingefasst, hatte sie
vorgebunden.
    In diesem Aufzuge stellte sie die verschollene Freiin von
Schnurrenburg-Mixpickel aus den Bädern zu Nizza dar. So kostümiert war sie dort
mit Rucciopuccio gelustwandelt und den Juden in die Arme gefallen, als die
verhängnisvolle Stunde der Trennung schlug. In frommer Erinnerung an die süsseste
und schwerste Zeit ihres Lebens hatte sie den ganzen Staat aufbewahrt und er war
durch alle Stürme der Zeiten, durch das ganze Elend der Verarmung hindurch
gerettet worden. Heute hatte sie ihn mit erhabenem Lächeln aus dem Koffer
hervorgeholt, und ihn, nachdem sie ihr Werk in der Küche besorgt, angelegt, denn
ihre Seele brütete einen grossen Entschluss und sie wollte mit starken Mitteln auf
den maskierten Fürsten wirken. Sie sass vor einem kleinen Tischchen, welches der
Schulmeister aus einem alten Brette und mehreren abgestumpften Zaunstacken da
droben zusammengefügt hatte, um, wenn das Wetter schön war, seine schwarze Suppe
im Freien geniessen zu können. Auf dieses Tischchen hatte sie einen Korb
gestellt, der mit einer weissen Serviette zugedeckt war. Gänzlich in die Welt
ihrer Träume verloren, achtete sie der drei unbefriedigten Jünglinge nicht,
welche nach ihr in den Garten gekommen waren. Diese achteten ihrerseits wieder
nicht auf Emerentien, und so nahm keiner von dem anderen Notiz, was bei
idealistischen Naturen öfter vorzukommen pflegt, auch wenn sie im engsten Raume
zusammen sind. Die Unbefriedigten sassen alle drei um das trockene Wasserbecken
und sahen den kupfernen Delphin ohne Strahl tiefsinnig an. Emerentia dagegen
wiegte sinnend ihr Haupt, dass der nicht recht fest eingesteckte Paradiesvogel
zuweilen nach der Wange zu eine trunkene Bewegung machte, und faltete spielend
den elfenbeinernen Fächer auf und zu.
    In diesem Sinnen, Wiegen und Spielen hatte ihre Seele die reizendsten und
glänzendsten Bilder der Vergangenheit hervorgezaubert, als sie plötzlich durch
den Ruf: »Alle Donnerwetter!« aus ihren Phantasien erweckt wurde. Karl
Buttervogel stand vor ihr. Er war auf seinem Rückwege vom Vogelherde durch ein
Loch in der Hecke unter dem Schneckenberge gekrochen, denn er ging, wie alle
Bedienten nicht gern auf dem geraden Wege nach Hause, sondern pflegte sich, wo
es nur möglich war, einen heimlichen Katzensteig zu bahnen.
    Nichts in der Welt hätte ihn mehr überraschen können, als was er jetzt vor
seiner Wohnung zu sehen bekam. Er stand, eine starre Bildsäule vor Emerentien,
musterte mit rollenden Augen ihre Gestalt und ihren bunten Putz, der Mund lief
ihm voll Wasser und: »Alle Donnerwetter!« waren die einzigen Worte, die er von
Zeit zu Zeit hervorbringen konnte.
    Emerentia sah, wie sie auf den Prätendenten von Hechelkram wirkte. Ihre
Brust schwoll von dem süssen Triumphe, den sie erlebte. Nach einer Pause, während
welcher sie sich an seinem Entzücken geweidet hatte, lispelte sie, ihr Antlitz
hinter dem Fächer verbergend: »Nun? O Nizza!«
    »Nitze! Nitze!« schrie Karl Buttervogel berauscht. »O meine vierzehn
Berliner Herrn! Was würden meine vierzehn Berliner Herrn sagen, wenn sie mich
jetzt sähen, mich glückseligen Esel und Kerl.«
    Karl Buttervogel war nicht gefühllos. Rieke in Stuttgart hatte wirklich sein
ganzes Herz besessen, und wenn er ihr auch um die bessere Verköstigung im
Schloss untreu geworden war, so wissen wir aus seinem Tagebuche, welche Kämpfe
ihn dieser Wandel gekostet hatte. Emerentiens Neigung war nun, die Wahrheit zu
sagen, bisher mehr seiner Eitelkeit und seines Appetites Schmeichlerin gewesen,
erwidert hatte er sie bis heute nicht. Aber als er das Fräulein so wunderbar
geschmückt sah, ging in seinem Busen eine Umwälzung vor. Ganz richtig hatte sie
ihn geschätzt; es bedurfte starker Reize, um diesen Schmetterling zu vermögen,
seine Flügel zum Fluge der Liebe zu entfalten. Das rote Kleid, die grünen
Schuhe, die gelbe Schärpe, der Paradiesvogel, der ganze bunte Putz - - alles das
machte ihn wirblicht und er schwor bei der Asche seiner Väter, dass er noch nie
eine so prachtvolle Person, wie sein stummes Wort über sie lautete, gesehen
habe. Nach langem Staunen, Mustern und Seufzen schleuderte er seinen lackierten
Hut weit hinter sich, wischte sich das Maul und tat einen Schritt gegen
Emerentien, unfehlbar in der Absicht, ihr den Handschuh zu küssen, denn bis zu
ihren Lippen verstiegen sich seine kühnsten Gedanken nicht.
    Emerentia streckte den Fächer streng und zurückweisend ihm entgegen. Er
blieb bestürzt stehen, sah sie verlegen an und wusste nicht, was diese
Sprödigkeit bedeuten sollte. Auch sie schwieg, denn sie hatte beschlossen, die
Grösse dieses Momentes nicht durch rohe Worte herabzuziehen, sie wollte nur durch
Zeichen mit ihrem Verehrer reden. - »Gnädiges Fräulein«, rief Karl Buttervogel
endlich mit klagender Stimme, »dieses ist sehr unrecht, und heisst einen armen
Schuft auf den Geruch von einem Braten einladen. - Doch wie ist mir denn? Alle
Donnerwetter! Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt der Kujon! Auch ein
Braten muss hier in der Nähe sein, denn meine Nase trügt mich nicht und es steigt
ein Düftlein auf und in dem Korbe - hol' mich dieser und jener -«
    Emerentia gab mit dem Fächer ein Zeichen, welches Karln berechtigte, die
Serviette von dem Korbe zu erheben. Er tat es und nun ereignete sich etwas, was
erfunden in einem Gedichte zu den grössten Fehlern gezählt werden würde; zwei
Motive wurden nämlich für die Handlung gleichzeitig in Bewegung gesetzt. -
»Sauerbraten!« rief Karl Buttervogel und liess die Serviette fallen. -
»Sauerbraten!« wiederholte er jubelnd. In der Tat lag ein lecker zubereiteter
Sauerbraten, Karls Lieblingsessen, auf der Schüssel in dem Korbe. Seine Augen
gingen wie trunkene Wanderer zwischen dem Fräulein und dem Sauerbraten hin und
her, seine Seele spaltete sich in zwei Hälften und in jeder schlug sein Herz,
endlich überwog die eine Hälfte, er riss ein Messer aus der Tasche und wollte
damit dem Sauerbraten eins versetzen. Da schlug ihm aber Emerentia mit dem
Fächer auf die Hand und zwar nicht sanft, sondern empfindlich, ihm zugleich mit
dem Zeigefinger der andern Hand drohend.
    Der zurückgeschreckte Prätendent geriet in eine Art von Wut. »Alle Hagel!«
schrie er, erbost mit dem Messer nach dem Braten stechend, »was soll das
bedeuten? Denn sich so aufzudonnern, dass es einem rot und grün und gelb vor den
Augen wird, und man gar nicht weiss, wo man vor Angst und Herzeleid bleiben soll,
und einem Sauerbraten dazu aufzusetzen und noch dazu mit Zwiebeln, und dann das
Zurückweisen und Fächergeschlage ist nicht auszuhalten. Denn entweder, oder.
Alle Geschichten und Siebensachen in der Welt haben ihren Grund, oder sie haben
ihren Grund nicht. Und also entweder soll ich den Sauerbraten fressen oder ich
soll ihn nicht fressen. Und entweder wollen das gnädige Fräulein nunmehr recht
liebreich gegen mich sein, oder Sie wollen es bleiben lassen. Und für die
Langeweile stehe ich hier nicht mit meinem Herzeleid und mit dem erbärmlichen
Hunger im Leibe, sondern wissen muss der Mensch, woran er ist, und was er tun
soll, und das will ich auch tun, wie ein rechtschaffener Kerl, wenn ich nur erst
weiss, was.«
    Emerentia warf auf die Maske dieser Gemeinheit einen ihrer leidendsten und
zugleich verächtlichsten Blicke. Dann beschrieb sie mit dem Fächer eine stolze
schwungvolle Linie in der Luft, hierauf deutete sie mit demselben nach dem
Schloss und endlich gab sie das Zeichen, womit eine Dame andeutet, dass jemand
sich entfernen könne.
    Karl Buttervogel folgte mit gespannter Aufmerksamkeit allen diesen Zeichen.
Seine Seelenkräfte waren durch die Ekstase des Augenblicks geschärft; er
verstand den Sinn seiner Herrin. - »Ich hab's! Ich hab's!« rief er und drehte
sich auf den Absätzen um. »Denn dass ich mich immer so gemein gemacht habe und so
niederträchtig, das gefällt gnädigem Fräulein nicht, und ich soll's jetzo sein,
Fürst und Hechelkram und so weiter, wofern fernerweite gute Verköstigung
ausgemacht wird, und nach dem Schloss soll ich gehen und es dem gnädigen Herrn
Baron ansagen, denn der muss es doch vor allen Dingen wissen und die Heimlichkeit
und das Gepuschele unter der Hand gefällt gnädigem Fräulein nicht mehr, und wenn
ich das getan habe, dann machen wir uns frei öffentlich über den Sauerbraten
her, und gnädiges Fräulein lässt mich die Hand küssen und die ganze Sache wird,
wie gnädiges Fräulein wollen und befehlen, mit mir nichtsnutzigem
Tausend-sappermenter in Ordnung gebracht.«
    »Karlos!« rief Emerentia, vor Freuden, sich so ohne Worte verstanden zu
sehen, ihr Gelübde brechend, »endlich lassen Sie also die Maske fallen! Also
fühlen Sie doch nun selbst, dass dieses geheime Verhältnis, welches zwischen uns
bestand, für ein zartes Mädchen länger nicht tragbar war, dass wenigstens der
Vater Sie kennen und in der Sache klar sehen muss! Ja, Sie haben begriffen, was
ich meinte. Gehen Sie, Fürst, zu meinem Vater, entdecken Sie sich ihm; ich will
Ihrer hier mit der Speise warten, welche Sie so lieben und die ich Ihnen lieber
als uns gönnen mochte.«
    »Den Augenblick gehe ich zu ihm, und wenn er mit Güte nicht will, so werde
ich sackgrob sein, denn ich bin in einer ausnehmenden Rage, denn wenn man sich
so rausstaffiert, wie gnädiges Fräulein, und den fremden Kuckuck da ins Haar
steckt, so muss das einen Menschen ganz toll machen und die Natur in Unordnung
bringen und der Braten tut freilich auch das Seinige dazu!« rief Karl
Buttervogel. - »Bleiben gnädiges Fräulein nur hier oben bei dem Braten, damit
ihn die Katze nicht holt und ich will mich unten am Schmerlenbach ein wenig
renovieren, damit alles mit der Sauberkeit geschieht, und der gnädige Herr Baron
gleich sehen, wenn ich auftrete, dass mit mir nicht zu spassen ist. Das Gesicht
wasch' ich mir unten am Schmerlenbach, und mit meinem Kamm, den ich bei mir
hab', kämm' ich mir das Haar glatt, und den Rock stäub' ich aus, und - -«
    »Genug, Fürst!« rief Emerentia. »Ich brauche Ihre Toilette nicht näher
kennenzulernen. Gehen Sie, Ruhe meinen Tagen und Schlummer meinen Nächten
zurückzubringen!«
    Der Prätendent und Schmetterling raffte seinen lackierten Hut auf, sprang
den Schneckenberg hinunter und kroch wieder unten durch die Hecke in das Freie.
Emerentia lächelte wohlgefällig und flüsterte: »Erste Liebe, einzige Liebe!«
Dann deckte sie den Korb mit der Serviette zu, denn die Fliegen waren, weil man
August schrieb, etwas zahlreich und zudringlich. Hierauf wiegte sie wieder
sinnend das Haupt und spielte abermals mit dem Fächer, ihn auf und zu faltend.
Sie begleitete diese Gebärden mit der Abschiedsode von Nizza, nämlich mit den
ersten beiden Zeilen derselben, denn die folgenden hatte sie vergessen. Anfangs
summte sie dieselben leise, nach und nach fing sie an, lauter zu singen.
 
                               Siebentes Kapitel
  Der Mann im braunen Oberrock beginnt sein allgemeines Vermittelungsgeschäft
»So wollen wir also die Sache angreifen!« mit diesen Worten schloss die eilige
Unterredung zwischen dem Freiherrn von Münchhausen und dem Schriftsteller
Immermann.
    »Und Sie haben mein Patent in der Tasche?« fragte Münchhausen.
    »Den eigenhändigen Brief des Erbprinzen«, versetzte der Schriftsteller. »Tun
Sie mir jetzt den Gefallen und schlafen Sie wieder ein, derweile ich für Sie
wirke.« - Münchhausen wollte Einwendungen machen. - »Lieber, keine Worte
weiter!« rief sein Bundesgenoss. »Die Garde wird aufgespart für die Höhe und den
Gipfel des Gefechtes, zu früh die Kerntruppen verbrauchen, heisst die Niederlage
mutwillig herbeiführen. Mich also lassen Sie ja die ersten Schwärmfeuer, Chocs
und Chargen für Sie machen, es kommt vielleicht der Augenblick auch, wo Sie ins
Feuer müssen.« - Er ging eilig die Treppe hinunter und Münchhausen warf sich
halb unwillig in seinen Kleidern auf das Bette.
    Rasch, um Terrain zu gewinnen, machte der Schriftsteller unten eine Bewegung
über den Hof und trat dem alten Baron und dem Bürgermeister schon in der Nähe
der Wappenlöwen entgegen. Dem Bürgermeister folgte ein Polizeisoldat von
ziemlich grimmigem Ansehen. Der Schlossherr erstaunte über den fremden Mann in
seinem Hofe, noch mehr aber über die Bresche, welche in den Umschliessungen der
Burg entstanden war. Er wollte auf den Schriftsteller zürnen, als dieser sich zu
der gewaltsamen Eröffnung bekannte, wurde aber durch dessen Auseinandersetzung
besänftiget, dass manche Hindernisse nicht zart zu behandeln seien und man hin
und wieder, um nur vorwärts zu kommen, die Türe einrennen müsse.
    Indessen winkte er dem Bürgermeister, ihm in das Schloss zu folgen. Der
Bürgermeister winkte seinerseits dem Polizeisoldaten, der bloss ein Bandelier
aber keinen Säbel trug, denn diesen hatte er während der letzten Prügelei unter
den Bauern, wobei er einhauen müssen, verloren. Der Polizeisoldat griff
ingrimmig nach der Stelle, wo der Säbel sitzen sollte, zog aber nichts hervor
und empor als seine eigene leere jedoch zusammengeballte Faust, die er dräuend
nach vorwärts in die Luft schlenkerte. Hierauf rückte die feindliche Kolonne
gegen das Schloss vor und der Beschützer Münchhausens wich, Schritt vor Schritt
ihr Raum gebend, gegen die Bresche zurück.
    Während dieses Rückzuges suchte er alle Mittel hervor, die entschlossenen
Gegner von ihrem Vorhaben abzubringen. - »Was wollen Sie eigentlich?« rief er
den alten Baron an. - »Den schlummerköpfigen Haselanten, den Hanswurst von
Türenverrammler einstecken lassen!« versetzte der Schlossherr. - »Einstecken
lassen«, wiederholte der Bürgermeister. - »Lassen«, sagte der Polizeisoldat und
schob seine Dienstmütze verwegen auf das linke Ohr. Der Bürgermeister wendete
sich mit Ansehen zu seinem Untergebenen um und sagte: »Es ist wohl gut,
Marzeters, dass Ihr die Worte Eures Vorgesetzten aufhebt, aber immer hübsch mit
Umsicht verfahren! Ihr lasst ihn nicht einstecken, sondern Ihr steckt ihn ein.« -
»Ein. Ganz wohl, Herr Bürgermeister«, sagte Marzeters.
    Schlossherr und Behörden drangen weiter vor. Münchhausen schnarchte oben, dass
die Luft unten zitterte. - »Schnarch du nur!« rief der alte Baron hinauf zum
Fenster. »Lebendig oder tot, wachend oder schlafend musst du fort. Könnt Ihr wohl
einen schlafenden Menschen tragen, Marzeters?« - Marzeters sagte:
    »Wenn er nicht gar zu fest schläft, denn dann wird die Kreatur so schwer wie
ein Bleiklumpen, so trage ich ihn hinweg und wäre er drei Mann hoch da.« - Der
Schriftsteller befand sich in der höchsten Verlegenheit. Gerade in diesem
Augenblicke, wo seinem Kuranden ein glänzendes Glück bevorstand, musste ihm alles
daran liegen, dass dessen Name von keinem öffentlichen Skandal unangenehm berührt
werde. Er hatte in der Tasche, was die Feinde, wenn sie es erblickten,
augenblicklich zurückschrecken musste, und dennoch wagte er nicht, davon Gebrauch
zu machen, weil ja die neue Stellung Münchhausens keinen ostensiblen Charakter
haben sollte. Wahrlich diplomatische Verwickelungen der eigensten Art! - Er war
unter denselben bis an die eingebrochene Türe zurückgewichen. - »Können Sie es
denn vor Ihrem Gefühle verantworten«, so redete er in dieser letzten Not den
Schlossherrn an, »einen Mann, der, wie ich vernommen, von Ihnen so hochgeschätzt
worden ist, in dieser harten Manier zu behandeln?« - »Eben darum, weil ich ihn
ganz überaus verehrt habe, soll er nun sitzen«, erwiderte der alte Baron. Der
Schriftsteller fand diese Entschliessung natürlich, nur nicht trostreich. -
»Kennen Sie mich, Herr Bürgermeister?« fragte er den Beamten. »O ja, Herr -«,
versetzte dieser und gab ihm seinen vollen Titel und Namen. »Wir waren ja noch
kürzlich in - dings - da - zusammen.« - »Nun denn, ich verbürge mich für den
Freiherrn von Münchhausen und verspreche, Ihnen denselben in jeder anständigen
Art zu gestellen; lassen Sie nur jetzt von ihm ab!«
    »Ihre Bürgschaft in Ehren für jeden sicheren Mann, von dem man weiss, woher?
und wohin?« erwiderte der Bürgermeister, »aber der Münchhausen da hat, wie ich
höre, weder Pass noch sonstiges Legitimationspapier, deshalb kann ich Sie nicht
für ihn gut sprechen lassen, denn er ist Vagabonde im rechtlichen Sinne des
Worts.« - »Worts«, sagte der Polizeisoldat Marzeters.
    »Nun denn!« rief der Schriftsteller, der bereits in die Türöffnung selbst
zurückgedrängt war und in diesem Extreme seine ganze Entschlossenheit wiederfand
- »alle menschlichen Mittel sind erschöpft - treibt mich nicht zum Äussersten!
Ehe ich den Freiherrn verhaften und beschimpfen lasse, mit dem ich es mir habe
so sauer werden lassen, ehe breche das Verderben über uns alle herein! Ihr seht,
unbarmherzige Verfolger meines Schützlings, ich habe ziemlich starke Arme, zwar
bin ich kein Simson, aber dieses Schloss ist auch nicht das philistervolle Haus
zu Gasa; sondern geborsten, zerspalten und kaum noch in seinen Wänden stehend.
Ich fasse diese Pfosten an und neige mich vorwärts, wenn ihr beharret, und die
Sprünge und Wandrisse hier herum müssten mich sehr täuschen, oder es gelingt mir,
einen Teil des Mauerwerks auf mich und euch zu stürzen, und möge Münchhausen
dann mit herabfallen, immerhin! Denn es ist besser, dass er ehrlich von Freundes
Hand sterbe, als dass er schmählich in die Fesseln der Polizei gerate!«
    Er fasste die Türpfeiler an. Der Bürgermeister rief ängstlich:
    »Um Gottes willen, Herr Baron, zurück! Er macht Ernst; man kennt ihn darin.
Er pflegt zu seinen Bekannten zu sagen, dass er bis auf einen gewissen Punkt
Geduld habe wie ein Lamm, aber über den Punkt hinaus sei es mit dem Lamme für
ewige Zeiten vorbei.«
    »Was wollen Sie denn?« fragte der alte Baron zitternd vor ohnmächtigem
Grimme. Marzeters war über die mutmassliche Fallweite des Schlosses
zurückgesprungen, und wiederholte zum ersten Male in seinem Leben
entsetzenshalber nicht das letzte Wort des Vorgesetzten. Der Schriftsteller
begehrte kalt einen Waffenstillstand von einer Stunde, während welcher ihm, wie
er sagte, hoffentlich etwas einfallen werde, wodurch sich alle Teile
zufriedenstellen lassen möchten. Widrigenfalls sollten die Feindseligkeiten dann
aufs neue beginnen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Dem Schlossherrn
gestattete der Verteidiger, zu der Burg seiner Väter einzugehen, doch musste er
sich auf Ehrenwort verpflichten, innerhalb seiner vier Wände nichts Feindliches
wider den Freiherrn vorzunehmen und mit Ablauf des Waffenstillstandes sich
wieder hinauszubegeben. Dem Bürgermeister und dem Polizeisoldaten wurde ihr
Standquartier auf dem Hofe angewiesen.
    Der Schriftsteller ging stirnreibend in das Schloss. Das war ein grosser
Fehler. Er büsste damit den besten strategischen Vorteil ein. Vor dem Schloss
beherrschte er den Kampf, nun aber wurden Ereignisse möglich, welche dem ganzen
Gange der Operationen eine von seinem Willen unabhängige Wendung gaben.
    Immer heftiger war der Wind geworden. Er hatte den unheimlichen Nebel
herangeweht, Haarrauch geheissen. Man konnte nicht vierzig Schritte weit sehen.
Unter dem Schutze dieses Dunstes rückten, als kaum der tapfere Kommandant von
Schnick-Schnack-Schnurr das Zimmer seines Kuranden betreten hatte, von allen
Seiten, geführt durch den blinden Zufall, Massen gegen das Schloss vor, welche
den Waffenstillstand nicht mit abgeschlossen hatten und folglich den Burgfrieden
keinesweges zu achten brauchten.
 
                                 Achtes Kapitel
                         Entdeckungen über Entdeckungen
Es war ein Uhr mittags. Der alte Baron hatte heute noch nicht einen Bissen
genossen. Ihn hungerte trotz alles Ärgers. Er suchte Emerentien, sie war aber
freilich weder im Wohnzimmer noch in ihrem Schlafgemache zu finden. In der Küche
sah er ein verglimmendes Feuer. »Mich dünkt, wir sollten heute Sauerbraten
bekommen«, sagte er, »vielleicht ist er gar und ich kann mir immer schon ein
Stückchen abschneiden für den ersten Angriff.« - Es roch recht lieblich und
nahrhaft da zwischen den Brandmauern, aber ach, die Töpfe und Schüsseln auf dem
Herde waren leer. Auf dem Schemel lag die Hauskatze, eine von den schwarz- und
gelbgestreiften, ruhig und harmlos, mit zugekniffenen Augen spinnend. Der alte
Baron sah grimmig von den leeren Schüsseln nach der Katze, von dieser nach
jenen. Er hielt sich nicht länger und mit dem Rufe:
    »Ich will dir Bestie denn doch endlich das Fressen wohl verleiden!« gab er
der armen Unschuldigen einen so heftigen Schlag, dass das treue Haustier
schreiend aufsprang und winselnd fortinkte, denn eine Pfote war ihm von dem
Stockschlage gelähmt worden.
    Der Blick des zornigen Hausherrn fiel auf ein Buch, welches neben dem Herde
lag. Er erkannte Emerentias Handschrift, wurde neugierig und begann darin zu
lesen, nur die letzten Blätter, so dass er nicht den ganzen Zusammenhang von
seiner Tochter Gedanken und Gefühlen daraus entnehmen konnte, aber leider erfuhr
er schon durch das, was er las, ein neues, nur zu grosses Unheil.
    Es war Emerentias Tagebuch. Sie pflegte, was sie am Abend geschrieben, am
Morgen darauf in der Küche zu ihrer Erholung sich vorzulesen. Nun hatte sie in
den letzten Wochen, da sich der Schatz ihrer anderweitigen Vorstellungen und
Erinnerungen ausgeleert haben mochte, nur eingezeichnet, was sie an
Lebensmitteln dem maskierten Fürsten zugesteckt hatte, den sie aus einer
zärtlichen Grille gerade auf diesen Blättern nur Karlos nannte, also mit dem
Namen, der ihrem Vater entzifferbar war. Zu seinem Entsetzen las er demnach, dass
der Bediente Karl Buttervogel die Katze gewesen war, welche das Schloss in
Hungersnot versetzt, dass sein eigenes Fleisch und Blut dieses häusliche Elend
gestiftet hatte.
    Ohne ein Wort zu sagen, liess er das Tagebuch fallen. Heimlich murmelnd ging
er die Treppe nach dem Söller hinauf in seine Gerichtsstube, als müsse ihm da
irgendein Gedanke kommen, der ihm Luft in die Brust schaffen könne. Münchhausen
hatte er fast vergessen. Karlos, den Schmetterling oder die Katze, wie man ihn
nun nennen will, abzustrafen, nicht mit Worten, sondern mit Werken, dahin
zielten alle seine Gedanken. Oben musterte er irren Blickes die abgelegte
Garderobe seiner Gemahlin, die an den Pflöcken umherhing. Man hätte sehen
können, dass seine Vorstellungen nicht bei diesen Roben, Spenzern und
Taffentmänteln waren, die Augen suchten nur mechanisch Gegenstände, um sich
anzuheften. Er riss, ohne zu wissen, was er tat, ein altes Kleid vom Pflocke,
dahinter wurde ihm ein Paar Pistolen an Nägeln aufgehängt, sichtbar, und neben
den Pistolen hing ein Pulverhorn. Die Pistolen von den Nägeln nehmend, versuchte
er ihre Schlösser. Sie waren gut eingeölt gewesen, die Hähne knackten und die
Steine gaben lustig Feuer. Er schüttelte das Pulverhorn, es war nicht leer. Er
lud die eine Pistole, und würde zum Verhängnis vielleicht auch noch eine Kugel
gefunden haben, wenn er nicht in seinem gefährlichen Werke von jemand
unterbrochen worden wäre, und zwar von dem, den er in seinem erbitterten Sinne
trug.
    Karl Buttervogel betrat nämlich, gerade als der alte Baron die Pistole mit
Pulver geladen hatte, ohne vorher anzupochen, die Gerichtsstube, um die Gebote
seiner Dame auszuführen. Er betrat die Stube mit den Empfindungen eines Fürsten,
eines Liebenden und eines Esslustigen. Hechelkram schwebte zwar seiner Seele
immer nur noch in unbestimmten Umrissen vor, desto fester zeichneten sich die
Gefühle des Liebenden und Esslustigen in ihm. Stolz und keck trug er sich, hatte
Stiefeln und Rock rein abgebürstet, den lackierten Hut in der Hand, und das rot
und weiss geblümte Halstuch von Zitz vorn in einer übermässig grossen Schleife
zusammengebunden. Zum Zierat war von ihm in dem Knopfloche ein Tannenreis und
eine gelbe Malve befestigt worden.
    So trat er höchst mutvoll und sicher, denn ihn stärkte die Erinnerung an
Emerentias rotes Kleid, zu dem Manne ein, dessen Schwiegersohn zu heissen jetzt
sein heissestes Verlangen war.
    Die Züge des alten Barons nahmen bei Karls Erscheinen den Ausdruck einer
giftigen Süssigkeit an. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl, legte die Pistolen
vor sich auf den Tisch, holte tief Atem und sagte dann: »Er kommt mir gerade
recht, mein Sohn.«
    »Allerdings Sohn, nichts als Sohn und so weiter Sohn«, versetzte Karl sich
räuspernd.
    »Trete Er doch etwas näher hieher zu mir«, sagte der alte Baron, indem die
Finger seiner rechten Hand unruhig auf dem Tische spielten.
    »Niemals vor jetzt«, erwiderte Karl Buttervogel und setzte seinen lackierten
Hut auf, denn er glaubte als Fürst und glücklich Liebender sich diese Rücksicht
schuldig zu sein. - »Sondern hier stehenbleiben und der Tisch zwischen uns,
während die Anhaltung geschieht und Maske fallen gelassen wird. Denn alles muss
seine Ordnung haben, und wenn keine Ordnung mehr in der Welt ist in Fürsten- und
Heiratssachen, so wäre der Mensch ein Dummerjahn und ein rechter Flegel. Also
hier stehenbleiben aus der Entfernung, in dieser Distanz und Augenmass von zehn
Fuss wird Rede gehalten und nachher noch Zeit genug zum Hingehen und Niederfallen
und Handküssen, wenn Rührung ausbricht, geschluchzt wird und Schwiegervater
Schwiegersohn umarmt, insofern nämlich nichts weiter als dieses ausser allem dem
Sonstigen platterdings unmöglich wenngleich schwierig und wirklich effektiv.«
    Der alte Baron sah den Bedienten, der in diesen fremden Zungen redete,
sprachlos an.
    »Da man nämlich Fürst ist -«
    Der Schlossherr fasste seinen Kopf mit beiden Händen. Karl fuhr, ohne sich
stören zu lassen, die Hände in die Hosentaschen steckend (denn er hielt dies für
vornehm), und sich auf den Füssen hin und her wiegend (das kam ihm nämlich
erhaben vor), fort: »Da man nämlich Fürst ist, so wird Hechelkram sich finden,
wenn auch verborgen vor jetzt und in Zukunft. Maske wäre hiemit fallen gelassen,
hier oben wie unten im Garten. Nach diesem Schwiegersohnsangelegenheit sehr
nötig und fast schon zu spät. Nichtsdestoweniger, weil nämlich überhaupt und
dennoch gnädiges Fräulein sehr von mir angegriffen gewesen, und durchaus
gewollt, ich soll's sein, zugesagt darauf, immer Wurst und Eier und Rindfleisch
gegeben, und jetzt sich meisterhaft angezogen, Sauerbraten gekocht, so wird
Widerstand unmöglich und wofern fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird,
muss sich Rieke in Stuttgart das Maul wischen und obgleich keine Bestechung
erfolgt ist, was schmerzlich war und unrecht, einen Bedienten für nichts und
wieder nichts verführen zu wollen, so wird hiemit um die Hand gebeten und
gänzlich entschlossen ist man, Fräulein unten im Garten zu heiraten.«
    »Er will sich mit meiner Tochter verbinden?« stammelte der alte Baron.
    »Dieses wäre die Absicht und Contentement, wofern Heirat zur Verbindung
gehört«, sagte Karl.
    »Komme Er jetzt wenigstens, mein Söhnchen«, schmeichelte der Schlossherr in
einem keuchenden Tone. »Komme Er jetzt wenigstens zu mir.«
    »Ganz wohl«, versetzte Karl Buttervogel. - »Man sieht, dass Rührung im Gang
ist und Tränen nicht ohne sein werden.« -
    Er ging zu seinem Schwiegervater, der die Zeit kaum erwarten zu können
schien, um sich an dem Schwiegersohne zu letzen. Den Hut auf dem Kopfe
behaltend, kniete er vor dem alten Baron nieder und sagte: »Folglich bäte man
hiedurch um Ihren Segen!«
    »Da hast du den Segen, du Racker, du Spitzbube!« schrie der Alte und reichte
dem Liebenden eine der schwersten, klatschendsten und schmerzhaftesten
Ohrfeigen, welche wohl jemals in Deutschland geschlagen worden sind. Der Hut
fiel dem Geohrfeigten vom Kopfe, er sprang heulend auf, hielt die blutige
feuernde Wange mit beiden Händen und stürzte nach der Türe. Der grimmig-gereizte
alte Mann aber stürzte ihm, die eine Pistole ergreifend nach zur Treppe,
überlaut rufend: »Tot schiess' ich den Halunken! den Hund! die Katze, die ganz
Schnick-Schnack-Schnurr kahlgefressen hat!«
    Der Bediente voran auf der Treppe, der alte Baron hinterher - -
    Hier verrichtet unsere Erzählung das Mirakel, welches einst jenem
Wundertäter, dessen Name mir entfallen ist, gelang. Er war in ein Sterbehaus
berufen, um einen Toten aufzuerwecken, unterweges sah er einen Schneider aus dem
Fenster stürzen, den hiess er, weil er keine Zeit für ihn übrig hatte, so lange
in der Luft schweben, bis er vom Toten zurück wäre, tat hierauf im Sterbehause
was seines Amtes war, kehrte darnach zu dem schwebenden Schneider zurück und
liess ihn sänftlich zur Erde nieder kommen.
    Unsere Erzählung hat dringende Geschäfte in Münchhausens Zimmer, sie fixiert
daher den Bedienten Karl Buttervogel und den alten Baron Schnuck im Herabstürzen
von der Treppe und läuft zum Freiherrn, wo sie in dem engen Stübchen vor den
vielen Menschen, die es inzwischen erfüllt haben, kaum noch ein Unterkommen
finden kann. Denn unter dem Mantel des Haarrauches waren die drei
Unbefriedigten, der Ehinger Spitzenkrämer und Semilasso in das Schloss
eingedrungen. Froh über die Öffnung, die nach ihrem Abzuge entstanden war,
hatten sie nicht aufeinander geachtet, waren, vom Instinkt geleitet, die Treppe
hinauf und in das Zimmer gegangen, worin sich nun grosse und merkwürdige
Entdeckungen zutragen sollten. »Ja, er ist es!« riefen die drei Unbefriedigten.
    »C'est lui«, sagte Semilasso.
    »'s ist der nämliche«, sprach der Ehinger Spitzenkrämer.
    Diese Personen umstanden in verschiedener Stellung das Bette des Freiherrn.
Der Ehinger klopfte nämlich mit seinem Stocke den Schläfer sanft unter den
Fusssohlen, um ihn zu erwecken, Semilasso sah ihn mehr von weitem durch seine
Gläser an, die drei Unbefriedigten hatten die Hände des Schlafenden inbrünstig
gefasst und Karl Gabriel der Dichter war neben dem Bette auf die Kniee gesunken.
Münchhausen liess sich von dem klopfenden Stocke des Ehingers nicht erwecken,
sondern behielt sein Engelslächeln bei. Der Schriftsteller, welcher sich so
hatte überrumpeln lassen, sass mit einem verlegenen Gesichte hinter dem Tische
und zeichnete mit der Feder allerhand seltsame und inkorrekte Arabesken auf
einen Bogen Papier, welcher vor ihm lag. Die Fremden aber ergingen sich in
freudigen Ausrufungen über das Glück, ihre Vermutungen bestätigt zu finden, Karl
Gabriel sprach von der poetischen Divination, die ihm Schnick-Schnack-Schnurr
als das leuchtende Grab gezeigt habe, worin dieser Merlin des neunzehnten
Jahrhunderts ruhe und Orakel spende, Karl Emanuel sagte, er habe sich, als der
Meister ihnen in Schwaben jammervoll abhanden gekommen sei, a priori
konstruiert, dass er in Westfalen sein müsse, Karl Natanael sprach von einem
glücklichen politischen aperçu, welches ihm den Weg gewiesen, der Ehinger
schwatzte von seinem Vetter Bestelmeier, der hausierend hier durchgekommen und
ihm in Aschaffenburg auf der Schlossterrasse erzählt habe, so ein grüngelber
Teufelskerl, wie damals einer bei ihnen zu Ehingen gewesen, sei ihm allhier zu
Pferd sichtbar geworden, der vornehme Deutschtürke wollte durch Korrespondenten
in Bonn die Nachricht erhalten haben, welche ihn gleichzeitig mit den anderen
nach diesem Schloss gezogen hatte.
    Nach so freudigen Reden schien aber die Szene ernster werden zu wollen. Denn
der Ehinger, welcher die drei Unbefriedigten wie die Kletten an dem Freiherrn
hangen sah und ihn mit seinem Stocke nicht erwecken konnte, meinte vermutlich,
dies durch ein herzhaftes Schütteln bei den Händen sicherer bewerkstelligen zu
können, rief ihnen daher zu: »Marsch, ihr Grünröck'! Was tut ihr so nahe bei
meinem Captain, lasst mich hinzu, denn das Hemd ist ihm näher als der Rock!« und
wollte Karl Gabriel wegziehen. Karl Gabriel stiess aber mit der anderen
verwandten Hand den Ehinger zurück, der Ehinger wollte Gewalt brauchen, Karl
Natanael und Karl Emanuel schützten den Bruder, der Ehinger tobte und
schimpfte, die drei Brüder riefen: »Was will der Mensch bei unserem Meister?«
und alles schien sich zu einer Zänkerei oder gar Schlägerei anzulassen.
Semilasso litt während dieser lauten Vorgänge sehr. Auch er hatte die
schmerzliche Sehnsucht nach dem Freiherrn und wusste ja, dass er nur ihm angehöre.
Dennoch verbot ihm ungeachtet seiner Genialität das angestammte Wappengefühl
sich zwischen so niedere Persönlichkeiten zu drängen, von denen er leicht einen
Stoss oder Schlag erhalten konnte. Er sah sich daher ängstlich nach dem
Schriftsteller um und sagte zu diesem, während die anderen um den Freiherrn, wie
um den Leichnam des Patroklus sich stritten: »Mein Herr, Sie scheinen hier der
einzige Unparteiische zu sein, ich ersuche Sie, das Richteramt zu übernehmen und
jene Franken und Ungläubigen dort von meinem Doktor durch die Kraft vernünftiger
Zuredungen zu entfernen, denn mein ist er und mir gehört er an!«
    »Meine Herren!« rief hier der Schriftsteller, froh, wieder zu der Leitung
der Angelegenheiten berufen zu werden, mit seiner Stentorstimme. Die Streitenden
liessen ab und horchten auf. »Meine Herren, dieser wundersame Mann, der trotz des
Lär-mens, welchen Sie zu erregen so gefällig sind, seinen Schlummer fortsetzt,
scheint eine alte Bekanntschaft von Ihnen zu sein.« - »Nun freilich!« versetzten
alle.
    »Gleichwohl will es mir vorkommen, als walteten noch etliche und zwar nicht
geringe Missverständnisse in betreff der Persönlichkeit ob«, fuhr der
Schriftsteller fort.
    »Kein Missverständnis nit, nit das mindeste Missverständnis, kein Gedank' von
einem Missverständnis«, eiferte der Ehinger Spitzenmann. »Er ist kein
Missverständnis nit, sondern der Captain Gooseberry, wie er sich selbst genannt
hat, in Diensten der Königin der Koralleninseln im Stillen Weltmeer, welcher
letztin bei uns auf der Schwäbisschen Alb war, und uns das grosse, profitliche
Auswanderungsprojekt vorlegte, mir und meinen fünfzig Freunden zu Ehingen.«
    »Je proteste hautement contre toute atteinte, qu'on voudroit porter à mes
droits«, lispelte Semilasso. »Der Mann täuscht sich auf eine eklatante Weise.
Ich versichere bei meiner Ehre, dass ich das Vergnügen habe, in diesem Schläfer
den Doktor Reifenschläger wiederzuerkennen, den grossen produktiven Kopf, dessen
Bekanntschaft ich vor kaum einem Jahre in Ägypten machte. Er war es, der meine
Ideen von Rasseveredelung unter den Menschen durch reine Kreuzungen gesunder
Exemplare ohne weitere Formalitäten, ausbildete und in vierundzwanzig Stunden
den Plan zu einem Vollblutsinstitute - vorläufig unter den Kassuben - entwarf.
Ich verlor ihn zufällig bei der Pyramide des Cheops aus den Augen und nachmals
hörte ich, er habe sich in Alexandrien eingeschifft, von wo mir denn aber
späterhin eine Zeitlang alle Spuren ausgingen.«
    »Grenzenlose Irrtümer!« riefen die drei Unbefriedigten. - »Lasst mich reden,
Brüder«, sagte Karl Emanuel, »denn als Philosoph werde ich die Fassung behalten,
welche hier not tut. - Schlummernder vergib, dass ich vor solchen Ohren es
entweihe! Nein, Packenmann Ihr und Morgenländer Ihr, der Mann da, der mehr als
Mensch ist, dieser heilig Ruhende ist weder ein elender Captain Gooseberry von
den Korallenriffen, noch der Vollblutsdoktor Reifenschläger bei der Pyramide des
Cheops, sondern kein anderer, als - -« Er hielt atmend inne.
    »Wer?« fragten alle voll der höchsten Spannung.
    » ... der grösste Mann der Zeit, kein Mann eigentlich mehr, sondern der
Begriff des Mannes, oder der männliche Begriff, vielleicht noch zu konkret ist
dieses gefasst, abstrakter gegriffen muss es von ihm heissen, der Begriff ...«
    Münchhausen niesete im Schlummer. - »Zur Gesundheit!« riefen die Anwesenden.
    » ... griff, riff, iff, ff«, fuhr Karl Emanuel fort. »O, könnte ich ihn doch
nur abstrakt genug nennen! Der reine Begriff, riff, iff, ff; scheinbar nur
gestorben am vierzehnten November 1831 an den Folgen der Cholera, scheinbar
begraben auf dem Kirchhofe draussen vor dem Tore, wo in dem Sarge statt seiner
das Nichts liegt, welches wieder das Etwas ist, in der Tat fortlebend, Tabak
schnupfend und Whist spielend, also nicht bloss mit dem subjektiven Fühlen,
Meinen und Wähnen gefasst, sondern wirklich und folglich vernünftig - mit einem
Worte: Der grosse, unsterbliche, ewige Hegel, welcher ist der Paraklet, das heisst
der Geist, zur Vollendung der Zeiten versprochen, mit dem anhebt das
Tausendjährige Reich, in welchem herrschen sollen die Hegelianer.«
    »Erlauben Sie«, sagte der Schriftsteller, »dieses wird mir selbst etwas zu
transzendental. Wie verstehen Sie das eigentlich, mein Allerwertester?«
    »Rede du in Bildern, Gabriel, zu der Menge«, sprach Karl Emanuel. »Die
Ausdrücke des Systems klingen unbeschnittenen Ohren dunkel.«
    Karl Gabriel, der Dichter, sagte: »Der grosse Mann fühlte nämlich, dass sein
Werk vollendet sei auf Erden für den grossen Haufen. Er fühlte, dass es Zeit sei,
sich in die heilige Unsichtbarkeit zurückzuziehen und in dieser für wenige
Eingeweihte durch die letzten und höchsten Wunder des Geistes zu wirken. Er tat
daher mit Hülfe einer grandiosen Intrige, welche die Redner am Grabe spielten,
so, als sterbe er und werde begraben, wurde aber aufgehoben von seinen Jüngern,
nahm bei Nacht Extrapost nach Zehlendorf und weiter, und geht nun umher in der
Verborgenheit, sich einzelnen Erwählten offenbarend und diesen die innersten
Arkana der Weisheit entüllend.
    Uns drei Brüdern manifestierte er sich auf einem Spaziergange bei Stuttgart,
stillte alle unsere Schmerzen, befriedigte unser Sehnen und spielte mit uns
Whist. Dann verschwand er uns, und endlich nach Jammer und Leid sehen wir ihn
hier wieder, zwar schlafend, aber auch im Schlafe als Gott.«
 
                                Neuntes Kapitel
 Der Schriftsteller Immermann eröffnet das Protokoll über die Frage Münchhausen
Die Eröffnungen Karl Emanuels und Karl Gabriels würden bei nur einigermassen
ruhigen Menschen die grösste Sensation hervorgebracht haben. Aber in dem erregten
Kreise, welcher sich um das Bette des schlafenden Freiherrn gebildet hatte,
verhallten sie fast wirkungslos. Alle drängten auf den Schriftsteller ein und
verlangten, ein jeder an seinem Teile, er solle die anderen aus dem Zimmer
entfernen, wobei jedoch, wie sich von selbst versteht, die drei Unbefriedigten
nur für einen Mann standen. Keiner kannte den erwählten Schiedsrichter; das tat
aber nichts; denn es kam ihnen nur auf einen Richterspruch an. So geschah hier,
was allentalben unter ähnlichen Umständen geschieht. Wenn ein paar Menschen
sich tüchtig zanken, so rufen sie einen zufällig Vorübergehenden zur
Entscheidung auf, weil jeder meint, dass diese unmöglich wider ihn ausfallen
könne.
    Der Schriftsteller sah auf seine Uhr und erschrak, weil nur noch fünfzehn
Minuten vom Waffenstillstande übrig waren. Er sagte den Interessenten an
Münchhausen in fliegender Hast, der Gegenstand ihrer Liebe und Verehrung liege
gewissermassen da wie Polen vor der ersten Teilung oder heutzutage Luxemburg und
Limburg9. Er wolle daher über die allseitigen Behauptungen, Ansprüche und
Befugnisse Protokoll eröffnen, bitte aber, sie deutlich und vor allen Dingen
kurz zu fassen.
    Damit waren alle einverstanden. Semilasso bat nur mit einem feinen Lächeln,
einige Arrièrepensées haben zu dürfen. - Immermann faltete den Bogen, auf den er
die Arabesken gekritzelt hatte, schrieb an den Kopf des Bogens: »Actum dann und
dann«, und verzeichnete zwischen den Schnörkeln, Ranken, Vogelköpfen und
Fratzen, womit das Papier bedeckt war, folgende Erklärungen der Anwesenden10.
    Semilasso gibt historisch zu erkennen, dass Schlummernder, welcher kein
anderer sei, als der Doktor Reifenschläger von der Pyramide des Cheops, ihm
versprochen habe, das Vollbluts- und Menschenveredelungsinstitut auf seinen
Gütern in der Lausitz einzurichten. Verlangt daher, dass Schlummerer, sobald er
erwache, mit ihm in Schritt ab- und nach der Lausitz fahre, wo die Fonds für das
Institut schon bereitgestellt seien.
    Ehinger Spitzenkrämer: Captain Gooseberry, der da schläft, hat ihm und
seinen fünfzig Ehinger Freunden im Auftrage der Königin der Koralleninseln Land
auf dem Stillen Weltmeere zugesagt. Wer dreissig Morgen nimmt, bekommt vierzig
Gulden Belohnung. Geld braucht keiner mitzubringen, denn es ist alles an Ort und
Stelle umsonst zu haben. Man lebt dort meistens von Pasteten, die der grosse
Pastetenbaum trägt, die Landespflanze. Er kommt wild fort, trägt dann aber warme
Pasteten, die geringere Frucht. Wird einige Kultur an den Baum gewandt, so trägt
er die wohlschmeckenderen kalten Pasteten und, je nachdem der Dünger ist, mit
Rebhühner- oder Hasengefüllsel. Die Königin der Koralleninseln wird die
Kolonisten Reihe herum heiraten; nach der Hochzeitnacht erhält der jedesmalige
Gatte ein Paar baumwollener Strümpfe, eine schwarzseidene Nachtmütze, einen Rock
von Zwillich und heisst Prinz von Geblüt. Die Kolonistinnen kriegen Minister und
heissen dann bürgerliche Madamen. Verlangt, dass Captain Gooseberry sich baldigst
nach Bremen begebe, ihm und seinen fünfzig Ehinger Freunden das Schiff anzeige,
mit welchem sie absegeln können, ihnen zugleich Reisegeld und Landscheine
überschicke.
    Die drei Unbefriedigten durch den Mund Karl Gabriels: Bitten wörtlich ihre
Erklärungen zu Protokoll zu nehmen. »Wir waren bodenlos unglücklich, das Leben
sah uns dürr an wie die Wüste Sahara und trieb uns Staubwirbel in die Augen. Wir
lechzten wie trockene Eimer in der Sonnenglut, denn ich Karl Gabriel konnte kein
Trauerspiel machen, Karl Natanael keine nie erhörte politische Wahrheit, Karl
Emanuel kein neues System. Da erschien uns jener schlummernde Gottmensch,
vernahm unsere Nöte, entdeckte sich uns und die Geschichte seiner wunderbaren
Entrückung in die Unsichtbarkeit, erlöste uns von der Pein der
Nichtbefriedigung. Er offenbarte uns nämlich, dass seine Philosophie da draussen
in der Welt nur die Hülle einiger geheim abgezogener Formeln sei, mit Hülfe
welcher man alles zustande bringen könne, selbst Butter und Käse. Mir, dem
Dichter, gelobte er die Formel für das reine und abstrakte Trauerspiel, welches
ich Das Trauerspiel nennen solle, dem Staatsmann verhiess er die Formel für die
nie erhörte politische Wahrheit, dem Philosophen machte er kund, dass zwar über
sein eigenes System hinaus, wie für sich klar sei, nichts liege, dass er ihm aber
die Formel geben wolle, wonach es verständlich werde. Wir beiden anderen spürten
einen stillen Neid auf Karl Emanuel, denn offenbar war diesem das grösste
Geschenk verheissen worden.
    Inmitten der vorbereitenden Weihen verschwand er, entschwand er, schwand. -
Wir verlangen, dass man uns allein lasse bei ihm, zu küssen seine leuchtenden
Füsse, zu fassen den Zipfel seines Mantels, zu harren, bis er aufwacht und uns
die drei abstrakten Formeln mitteilt.«
    Es waren nur noch zehn Minuten vom Waffenstillstande übrig. Der
Schriftsteller befand sich in der sichtlichsten Verlegenheit, denn sämtliche
Interessenten an Münchhausen riefen ihn jetzt zur Entscheidung auf, die, das sah
er vorher, sie mochte ausfallen, wie sie wollte, ihm die Interessenten nicht vom
Halse schaffen, sondern sie ihm erst recht auf den Hals bringen würde. Immer
dichter zog sich der Knäuel der Anwesenden um ihn zusammen, da rief er in einem
Anstosse von Verzweiflung: »Ich setze hiemit ein Provisorium fest, denn nur die
Zeit kann die Schlichtung so verschiedenartiger Forderungen bringen. Jener grosse
Mann und angebliche Reifenschläger-Gooseberry-Hegel bleibt auf gemeinschaftliche
Kosten liegen, sämtliche Herren, welche ihn für sich reklamieren, ziehen sich
vor das Schloss zurück und auch ich halte mir Protokoll offen für die Ansprüche
des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe. Dieser
wunderbare Schläfer ist nämlich weder der Doktor Reifenschläger, noch der
Captain Gooseberry, noch der in die Unsichtbarkeit aufgehobene unsterbliche
Hegel, sondern - -«
 
                                Zehntes Kapitel
                            Ein Munkel! Ein Munkel!
»Ein Munkel, ein Munkel!« schrie Karl Buttervogel, entsetzt hereinstürzend und
den Kopf mit beiden Händen haltend. Ein Schuss fiel dicht vor der Türe, alle
Anwesende erschraken und zogen sich in eine Fensterecke zurück, der alte Baron
aber trat wütend mit der abgeschossenen Pistole in der Hand zur Türe herein.
    Karl Buttervogel war auf den Schuss gegen den Tisch gestürzt, hatte diesen
umgerannt, die Gläser zerbrochen, die chemischen Flüssigkeiten rauchten am Boden
umher oder ätzten Löcher in das Arabeskenprotokoll - bei dem Eintritte seines
Verfolgers aber taumelte er aufheulend hinter das Bette des Freiherrn, kauerte
sich dort nieder und ergoss sich in einer unhemmbaren Flut von Gründen, Bitten
und Geständnissen, denn die Todesfurcht hatte seine Zunge zu wundersamer
Geläufigkeit entbunden, und er schwatzte unaufhaltsam vermutlich deshalb, weil
er glaubte, so lange als er rede, noch nicht totgeschossen zu sein.
    Der Schriftsteller, der in diesem Dunst, Dampf, Knall, Getümmel kaum sich
selbst vor dem Umgeranntwerden zu bewahren vermocht hatte, trat über den
umgestürzten Tisch, das teilweise durchlöcherte Konferenzprotokoll und die
rauchenden Flüssigkeiten hinweg heftig auf den alten Baron zu und rief, die Uhr
ihm vor die Augen haltend: »Diesen gröblichen Bruch der Verträge möge Ihnen das
Völkerrecht verzeihen, Herr Baron, ich kann es nicht. Sie haben die
Feindseligkeiten dreissig Sekunden vor Ablauf des Waffenstillstandes begonnen.«
    »Mein Herr«, polterte der alte Baron, »der Sie sich hier einmischen, ohne
dass ich begreife, mit welchem Rechte, ich habe es nicht mit Ihrem albernen
Waffenstillstande, noch mit jenem verruchten Nachschläfer von neun Monaten, drei
Tagen und achtzehn Stunden zu tun, sondern ich verfolge mein Recht wider den
Kerl von Bedienten, der mich noch gröblicher beleidigt hat, als der Herr, der
Türenverrammler! Erst mich abgefressen, und kahlgefressen; die Katze, das
unschuldige Tier, in schändlichen Verdacht und Prügel gebracht, und dann zu
guter Letzt mich und meine Tochter noch durch freche Reden beschimpft - der
Gaudieb - -«
    » ... in Rührung gewesen, ganz aufgelöst fast vor Tränen, nichts als
Schwiegersohn vom Kopf zum Fuss, hingekrochen wie ein Hund zum gnädigen Herrn, um
den Segen gebeten, und dann statt des Segens Ohrfeigen gekriegt, oh, oh, oh, das
schmerzt, das tut weh ...« wimmerte Karl Buttervogel dazwischen.
    »Also hinweg, mein Herr, und hindern Sie mich nicht in meinem Hausrechte!«
rief der alte Baron. »Diese Pistole war nur blind geladen und ich schoss ab, weil
Donner und Knall das Herz des Mannes erfrischt, aber den Schuft da will ich
hinter dem Bette seines Schelms von Gebieter hervorholen und ihm mit dem Kolben
der Pistole so lange den Rücken dreschen, bis er genug hat, und das soll kein
leerer Lärmen sein.«
    »Nun dann in Gottes Namen!« rief der Schriftsteller. »Ich sehe, die
Gegenwart ist zu einer planmässigen Behandlung grosser Angelegenheiten nicht
geeignet. Vergebens, dass man über eine Frage der Zeit den Bogen zum Protokolle
bricht und alles in den schönsten Gang bringt - in der Nachbarschaft fangen ein
Paar Narren miteinander Spektakel an, blind wird geknallt, der eine Narr
flüchtet sich auf neutrales Gebiet, der andere hinterdrein und umgeschmissen ist
Protokoll, Konferenz, Tisch, und die Sache steht auf dem Kopfe, die eben noch
auf den Füssen stand. So walte denn du weiter, Macht der Umstände! Ich ergebe
mich in deine Fügungen.« - Er trat zur Seite, einen wehmütigen Blick auf den
Schlummernden werfend.
    Der alte Baron näherte sich mit starken Schritten dem Bette und rief Karl
Buttervogel mit donnernder Stimme zu: »Will Er wohl gleich dahinter
hervorkommen?«
    
    »Nein, niemals dahinter hervor!« rief Karl, der inzwischen unaufhörlich
fortgesprochen hatte, ohne dass auf ihn gehört worden war, zitternd. - »Niemals
dahinter hervor, denn so ein Pistolenkolben sieht nicht, wohin er schlägt, aber
alles andere dem gnädigen Herrn zu Gefallen tun, wie gerne! Denn durch so eine
Ohrfeige wird das Menschenkind schon klug gemacht und alle schlechten Gedanken
gehen ihm aus dem Kopfe von Fürst und Hechelkram und vornehmer Lieb' und es sein
wollen, wenn fernerweite gute Verköstigung zugesagt wird, und Riek' in Stuttgart
ist vor mich gut genug und keine andere, und auf diesen Herrn da, der schläft,
ganz und gar keine Rücksicht zu nehmen nötig, denn wer so seinen Bedienten in
der Not verlässt und einschlummert, wenn man blind geladen totgeschossen worden
ist, der ist gar kein Herr nicht, sondern nur ein schlechter Munkel.«
    »Was? Der Doktor Reifenschläger? Der Captain Gooseberry? Der unsterbliche
Hegel?« riefen die Interessenten an Münchhausen dazwischen.
    »Munkel! Munkel! Munkel! Nichts als Munkel, so hat er sich selbst genannt,
wenn er mir von seiner Erzeugung die verfluchten und ganz unmenschlichen
Geschichten erzählte!« schrie Karl Buttervogel lauter.
    »Der Mensch will vermutlich Homunkulus sagen«, sprach der Schriftsteller.
    »Und ich weiss doch, was der gnädige Herr Baron da mit der Pistole bedeuten
wollen und wornach Ihr Sinn steht, und Not bricht Eisen und für nichts und
wieder nichts verrate ich meinen Herrn nicht, aber für fünf Taler hätte ich's
schon heut morgen getan und sein Leben muss der Mensch retten und wenn einem das
Wasser bis an den Kragen geht, so schreit die Kreatur, und niederträchtig ist es
dabei hergegangen, wie mein Herr entstanden ist, und wenn der Mensch nicht mehr
von Vater und Mutter abstammt, so hört aller Verlass auf; denn bloss so
zusammengekocht zu werden, wie mein Herr, das ist nichts und kann ein jeder. Und
weil meines gnädigen Herrn sein gnädiger Herr Vater mit seiner gnädigen Frau
Gemahlin keine Kinder zuwege bringen konnte, weil die gnädige Frau den gnädigen
Herrn nur aus Achtung für den alten Lügen-münchhausen, den gnädigen Herrn
Grossvater von meinem gnädigen Herrn geheiratet hatte, was eine trockene Ehe
gibt, und der gnädige Herr Vater doch so gern einen Herrn Sohn gehabt hätten
ganz vor sich und apart und ohne schönen Dank an die gnädige Frau und so viel
verstanden haben von Apotekerwissenschaften und unnatürlichen Schnurralien, so
haben sie da meinen Herrn einstmals aus verschiedenem Jux und Siebensachen,
Gassen, Kochsalz, Salpeter und was weiss ich sonst noch alles von Teufelskram
zusammengebraten, geschmort, gekocht, geschmolzen, geröstet, abfiltriert,
worüber sie eine überaus ausnehmende Freude gehabt, aber in schrecklichen
Verdruss mit der gnädigen Frau gekommen, die den sogenannten Herrn Sohn aus dem
Schmelztiegel und der Bratpfanne gar nicht vor Augen haben leiden mögen, denn
das können die Weibsleute nicht vertragen, so etwas, und alles muss seinen
regulären Gang gehen bei ihnen, und deshalb auch immer nachmals mein gnädiger
Herr sich chemisch geschmiert, mit den Sachen, die ich aus der Apoteke geholt,
um sich wieder aufzufüllen und herzustellen, und mir alles dieses vor Jahren
schon entdeckt aus Bedürfnis nach einem liebenden Freunde, weil sie auch sehr
betrübt gewesen sind über diese Geheimnisse und nur mit Schmerzen an ihren Herrn
Vater gedacht, und da fliesst sie ja noch heute am Boden umher die chemische
Schmierung und also ist es nun heraus und am Tage, was mein gnädiger Herr
eigentlich sind, und weil ich doch nun meinem ehemaligen Herrn Schwiegervater
ganz umsonst einen so schönen Gefallen getan habe, so bitte ich gehorsamst, dass
Sie die Absicht aufgeben mit dem Pistolenkolben, denn ich bin unglücklich genug,
und von Wurst und Eiern und Rindfleisch wird wohl nichts weiter gebrummt werden,
weshalb mir noch der technische Mitdirektor bleibt und das ist gewiss und
wahrhaftig, dass er kein natürlich entstandener Menschenchrist ist, wie wir alle,
sondern ein von seinem chemischen Säurenvater, wie er ihn auch unterweilen
nannte, zusammenpräparierter Munkel, dieser Herr von Münchhausen.«
    »Münchhausen?« riefen die Interessenten erstaunt.
    »Münchhausen heisst der Mann, der Ihnen das Menschenrasseveredelungsinstitut
organisieren, Ihnen Land auf den Koralleninseln verschaffen, Ihnen die drei
magischen abstrakten Formeln mitteilen wollte«, sagte der Schriftsteller. - »Es
dürften noch mehrere Plane und Projekte von ihm an das Tageslicht kommen, die er
unter verschiedenen Gestalten zum Wohle der Menschheit ersonnen, wenn einmal
sein Leben vollständig beschrieben werden wird.« »Aber wer ist er denn
eigentlich?« fragten alle. »Sein eigener Vater und Grossvater, der nie gestorbene
nimmer verwelkte ehemalige Jagd- und Pferdegeschichtenerzähler Freiherr von
Münchhausen auf und zu Bodenwerder«, sagte der Freiherr, der sich hier zum
Erstaunen der Versammlung starr und steif von seinem Bette emporrichtete, mit
hohlem Ton und weitgeöffneten gläsernen Augen. - »Im Besitz eines Lebens- und
Verjüngungselexiers; dadurch erhalten, restauriert und nach Massgabe der Zeiten
metamorphosiert schon seit nunmehro zwei Menschenaltern, was jener Tropf von
Bedienten missverständlich aufgefasst hat, wie denn überhaupt der Freiherr von
Münchhausen oft so unglücklich gewesen ist, missverstanden zu werden.«
    Nach dieser neuen Erklärung schloss
Reifenschläger-Gooseberry-Hegel-Homunkulus-Münchhausen die Augen und fiel
abermals zu dem Schlummer des Gerechten nieder. Unter den Anwesenden aber
zeigten sich Symptome, dass ihr Verstand solchen Vorfällen nicht gewachsen sei.
    Der alte Baron stand abseitig und stiess mit der Fussspitze an die Scherben
der Gläser, als wollte er deren Inhalt untersuchen. Er hatte, sobald Karl
Buttervogel seiner wundersamen Entdeckungen quitt geworden war, die Pistole
sinken lassen und seine Augen nahmen allgemach einen seltsam-irren Ausdruck an.
Zuweilen warf er dem Schläfer einen scheuen Blick von der Seite zu und murmelte
dabei: »Nicht einmal ein Mensch, nur ein Munkel, o pfui, und ihn du genannt -
pfui - pfui!« - Die Interessenten rieben mit sonderbaren Gebärden die Stirnen,
Semilasso rezitierte französische Verse, der Ehinger hieb mit dem Stocke auf den
Boden, die drei Unbefriedigten kehrten ihre Sammetkappen um, so dass die Schirme
hinten zu sitzen kamen. Draussen pfiff der Wind, das alte Schloss bewegte sich in
seinen Grundfesten und die Sonne sah durch den weissen Dunst, in ihrem
Strahlenlichte geschwächt und entstellt, wie ein riesiger gelber Eidotter zum
Fenster herein. Alle fühlten, dass ihre Vernunft im Schwanken war, und nur Karl
Buttervogel war mit seinem Lose zufrieden. Er sass hinter dem Bette und dankte
Gott, dass er durch einen Verrat zur rechten Zeit dem drohenden Pistolenkolben
entgangen war.
    In dieser allgemeinen Not und Bedrängnis erschien der Schriftsteller wieder
als der einzige noch übrige Halt; und alle wiederholten ihre Frage an ihn: »Wer
ist er denn eigentlich?«
    »Meine Herren«, versetzte der Schriftsteller, »ich weiss es nicht.«
    »Wie?«
    »Mir ist vielleicht mehr von seinen Lebensumständen bekannt als Ihnen«,
sagte Immermann, »wer er aber eigentlich ist, das weiss ich so wenig, als Sie.«
 
                                Eilftes Kapitel
          Der Brief eines Erbprinzen rettet den Helden vor der Polizei
»Wenn er nur erst sitzt, so wollen wir es bald herauskriegen« - mit diesen
Worten betrat der Bürgermeister, den kein Waffenstillstand mehr hemmte, gefolgt
von seinem Untergebenen, die Stube. - »Denn solche Angaben, wie ich zum Teil
unten vor dem Fenster gehört habe, streiten gegen alle Wahrscheinlichkeit und
dadurch lasse ich mich nicht irremachen«, setzte der entschlossene Mann hinzu
und gab dem Polizeisoldaten Marzeters den Befehl, Münchhausen, wenn er nicht
erwachen wollte, aufzuheben und fortzutragen. Marzeters näherte sich dem Bette.
In diesem Augenblicke aber erwachte der ganze Entusiasmus der Anhänger. Ohne an
ihre Spaltungen zu denken, die unheimlichen Entdeckungen über des Freiherrn
Persönlichkeit vergessend, scharten sich die Unbefriedigten und der Ehinger um
das Lager, entschlossen zum äussersten Widerstande gegen die öffentliche Macht,
welche ihnen den Helden ihrer Hoffnungen und Aussichten rauben wollte. Selbst
Semilasso vergass seinen Stand und stellte sich als Kamerad dicht neben den
Ehinger, denn er dachte nur an sein Institut nach dem Muster von Trakehnen und
an weiter nichts sonst. Vergebens war es, dass der Bürgermeister Gehorsam dem
Gesetze forderte, die Interessenten riefen, dieser Mann sei über dem Gesetze.
Der Bürgermeister aber, der in seinem Amte nicht mit sich scherzen liess, sagte
zu Marzeters: »Der Kerls sind zu viele und wir stehen gegen die Übermacht, also
lauft und holt Bauernhülfe, Landsturm aus der nächsten Nachbarschaft! Haben
müssen wir ihn!« - »Ihn«, wiederholte Marzeters und lief fort. Auch die Drohung
schreckte indessen die Anhänger nicht, ihre Mienen wurden nur noch
entschlossener. Die Unbefriedigten krempelten ihre Rockärmel auf, der Ehinger
schwang seinen schweren Prügel, Semilasso zog sogar einen türkischen Dolch, von
dem er behauptete, er sei an der Spitze vergiftet. Alles redete durcheinander
und die Szene schien sich zu einem Blutvergiessen anzulassen, wenn die
aufgebotene Hülfe wirklich herbeikam. In diesem Gewirre hatte sich der
Schriftsteller dem Kopfende des Bettes genähert und der Freiherr flüsterte ihm
aus seinem Schlummer unhörbar für die anderen zu: »Es hilft nicht, das letzte
Mittel muss gebraucht werden, brauchen Sie es!« - Als nun das Getöse am
heftigsten tobte und der Bürgermeister schon rief: »Da kommen ja die Bauern!«
zog der Schriftsteller rasch einen Brief mit grossem Siegel aus der Tasche und
sprach mit lauter Stimme: »Im Namen des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich
zu stehen die Ehre habe, bitte ich um Ruhe und Gehör.«
    Der Lärmen verstummte, das Siegel wurde besehen, von Semilasso und von dem
Bürgermeister in seiner bedeutenden Eigenschaft anerkannt, von den anderen nicht
bezweifelt. Der Bürgermeister rief den Bauern, die inzwischen vor dem Schloss
angekommen waren, zu, sie sollten unten warten, der Schriftsteller aber
eröffnete der ganzen Versammlung, dass dieser Mann, an den sich so viele
Forderungen und Erwartungen knüpften, fernerhin nicht mehr dem Privatleben
angehören könne, am allerwenigsten ein Gegenstand polizeilicher Verfolgung sei,
sondern zu hohen Dingen, zu einer öffentlichen Stellung berufen, nunmehr in eine
ganz andere Spähre übergehe. Der geistreiche Erbprinz von Dünkelblasenheim wähle
ihn nämlich zu seinem Gesellschafter und Vertrauten.
    Obgleich nun das Gebiet, auf dem sich unsere Geschichte ereignete, nicht zu
Dünkelblasenheim gehörte, und obgleich die Anwesenden, ausser Semilasso, kaum
früher von dem Lande Dünkelblasenheim gehört hatten, so wirkte doch die blosse
Erwähnung eines Hofes mit magischer Kraft auf die Loyalität sämtlicher
Versammelten. Kein Wort wurde laut, in den Mienen sprach sich Hingebung und
Unterwürfigkeit unter die Beschlüsse irgendwelches Erbprinzen aus; der
Bürgermeister nahm seine Mütze ab.
    Der Schriftsteller erbrach den Brief und las folgendes Berufungsschreiben
vor:
    »Ich erwarte Sie mit Ungeduld. Nie habe ich mich auf jemand so gefreut, wie
auf Sie. Seitdem ich Sie im Bade zu * sah, nahmen Sie mir Kopf und Herz, wie
eine Geliebte ein. Sie kennen die schwierigen Verhältnisse, unter denen Sie hier
vorderhand auftreten müssen, der Oberkammerherr wird aber Ihre Schritte leiten,
er beherrscht das Terrain und Sie dürfen ihm vertrauen. Ich mag nicht gern
versprechen, hoffe aber, dass Sie mit mir zufrieden sein sollen, wenn die Toten
ihre Toten begraben haben werden und das Leben an das Tageslicht kommt.
    Münchhausen, hören Sie das Wort eines Mannes, dessen Hände leider noch
gebunden sind: Ihnen wird er die Zukunft des Landes anbefehlen. - Inzwischen
wollen wir über den alten Sauerteig lachen, schöne Plane bilden, einander von
Tage zu Tage mehr werden. Sehen Sie in mir nicht den Herrn; ich bin stolz
darauf, den geistreichsten und liebenswürdigsten Mann unserer Zeit meinen Freund
nennen zu dürfen. Unser Unterhändler hat sich die Bürgerkrone damit verdient,
dass er Sie hieher zu bringen wusste.«
    Empfindungen verschiedener Art erregte dieses Schreiben. Erstaunen,
Verehrung und Schmerz machten sich durch halbe Reden, Ausrufungen, Seufzer Luft.
Am kürzesten fasste sich der Bürgermeister, denn nachdem er noch einmal das
Siegel angesehen hatte, machte er vor dem Schläfer eine tiefe Verbeugung, bat
den Schriftsteller, er möge, wenn der Freund des ihm unbekannten Erbprinzen
aufwache, ein gutes Wort für ihn einlegen und ihm sagen, wie zart er sich
benommen habe, denn Gunst am Hofe, liege dieser, wo er wolle, könne nicht und
niemals schaden. Dann ging er hinunter, sagte zu den Bauern und zu Marzeters,
sie möchten nach Hause gehen, es sei ein Irrtum vorgefallen, der Fremde sei kein
Vagabonde, sondern ein angesehener Mann und eine grosse Kreatur, und begab sich
dann selbst nach Hause.
    Aber die drei Unbefriedigten und der Ehinger Spitzenkrämer wehklagten, dass
ihre Freude so kurz gedauert habe. Sie fragten auch mit niedergeschlagenen
Blicken, ob denn alle Hoffnung verschwunden sei, dass der Wiedergefundene nicht
dennoch der Captain Gooseberry von den Koralleninseln, oder der unsterbliche
Hegel sein könne, und der Name Münchhausen nur eine Larve sei? worauf der
Schriftsteller ihnen erwiderte, dass ihm zwar jene Charaktere problematisch zu
sein schienen, dass aber dadurch der wunderbare Gehalt des ausserordentlichen
Mannes durchaus nicht geschmälert werde, dass man vielmehr fest glauben müsse, er
werde halten, was er versprochen. Der Schriftsteller fügte tröstend hinzu, sie
möchten demnach nur mit Vertrauen der Anweisungen auf Land in den
Koralleninseln, wo die warmen und kalten Pastetenbäume wüchsen, sowie der
abstrakten drei Formeln harren, er werde bei seinem grossen Freunde die Sache in
Anregung bringen, sobald dieser die ersten Wochen am Hofe überwunden habe.
Münchhausen werde nach wie vor der Heiland der nach dem Unerhörten verlangenden
Menschheit bleiben.
    Damit mussten sich die abgewiesenen Interessenten nun freilich
zufriedengeben, aber das Scheiden tat ihnen doch weh. Die drei Unbefriedigten
waren noch bleicher geworden, als sie gewöhnlich aussahen; sie küssten dem
schlummernden Meister die Hände. Karl Gabriel hauchte einen leisen Kuss auf seine
Lippen und flüsterte: »O sei dennoch Hegel und gib uns die drei Formeln!« und
dann gingen sie aus der Stube und hätten gern geweint, wenn sie vor Trockenheit
dazu vermögend gewesen wären. Der Ehinger schlug mit seinem Stocke abermals
sanft gegen die Fusssohlen des Freiherrn und sagte: »Adieu! - Ei, was werden die
fünfzig Ehinger Freunde sagen!« und ging dann auch.
    Semilasso war zurückgeblieben. - »Reifenschläger oder Nichtreifenschläger«,
sagte er; »das Institut richtet er mir ein, das weiss ich, denn mag er den
anderen Leuten etwas vorgeflunkert haben, mit mir meinte er es wahr, die Idee
von der Veredelung der Menschenrasse hatte ihn wahrhaft ergriffen.«
    He took a french leave d.h. er wollte abziehen, wie Katz' vom Taubenschlag,
doch unter der Türe wandte er sich um. Er näherte sich dem Schriftsteller und
sagte: »Apropos, die Anstellung an dem Hofe, in dessen geheimen Diensten Sie zu
stehen die Ehre haben, hat noch ein dessous des cartes, bekennen Sie das nur.
Mir sind die Verhältnisse jenes Hofes so ziemlich klar, ich weiss, wie abhängig
der Erbprinz ist, niemals hätte er gewagt sich selbständig einen Gesellschafter
anzuschaffen, also muss der alte Herr seinen Konsens gegeben haben; wie aber passt
unser Held für den?«
    »Nun freilich«, versetzte der Schriftsteller, »die Sache hat allerdings noch
ihren Haken. Mit Ew. Gnaden kann man schon frei reden, Sie verstehen sich auf
solche Feinheiten. Vor den geringen Leuten mochte ich nicht davon sprechen.
Münchhausen wird nur anonymer Gesellschafter des Erbprinzen, eigentlich Geheimer
Hühneraugenessenzbereiter bei dem alten regierenden Herrn ohne offiziellen
Charakter wegen der Rücksichten, die auf den Obersanitätsrat zu nehmen sind.«
 
                                Zwölftes Kapitel
                    Eine wundersam verwickelte Hofgeschichte
»Geheimer Hühneraugenessenzbereiter?« fragte Semilasso mit einem feinen Lächeln.
    »Geheimer Hühneraugenessenzbereiter«, sagte der Schriftsteller. »Wenn Sie
die Verhältnisse des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre
habe, kennen, so werden Sie wissen, dass der alte Herzog in dem Spleen seiner
vorgerückten Jahre nur noch ein Interesse an seinen Hühneraugen nimmt, die ihn
in der Tat auch arg plagen. Ohne diese Pein aber würde dennoch die ganze
Existenz des alten Herrn zusammenbrechen, denn der Verdruss gehört ihm zum Leben
notwendig hinzu; er ist einer von den Charakteren, die aus Liebhaberei
verdriesslich sind. Diese maussade Laune erleichtert übrigens die
Staatsverwaltung ausserordentlich. Die Regierungsgeschäfte werden in
Dünkelblasenheim auf eine höchst einfache Art getrieben; nämlich wenn den alten
Herrn die Hühneraugen zu heftig schmerzen, so schlägt er etwas ab, und wenn es
leidlich damit steht, so genehmigt er, auf solche Weise motivieren sich die
unerwartetsten Entschliessungen ganz natürlich. Das Schneiden der Hühneraugen war
daher auch von jeher eines der wichtigsten Geschäfte am Hofe; der
Obersanitätsrat war damit begnadiget, nun ist der Mann auch alt geworden, hat
blöde Augen bekommen und in den letzten Jahren den Herzog mehrmals in das
Fleisch geschnitten, woraus denn strenge Regierungsmassregeln entsprangen. Der
alte Herr verlangte daher schon seit einiger Zeit nach einer Abhülfe dieses
Übelstandes.«
    Semilasso lächelte noch feiner, und der Erzähler fuhr fort:
    »Dem Vater gegenüber steht nun der Erbe, ein von jenem durchaus
verschiedener Charakter, witzig, phantasievoll, ein geistreicher Herr, gleichsam
ein Genie, oder - kurz - ja - hm ...«
    Semilasso lächelte immer feiner, und der Erzähler fuhr fort:
    »Er langweilt sich auch, denn er möchte gern regieren. Seine gewöhnliche
Gesellschaft war ihm etwas abschmeckend geworden und es mochte dies ungefähr zu
derselben Zeit sich ereignet haben, als der Obersanitätsrat den Vater am
häufigsten in das Fleisch geschnitten hatte. Er begann daher sich nach einem
anregenden Umgange zu sehnen, nach einem Universalkopfe, der ihn beständig
beschäftige, gerade als der Vater nach einer sanfteren Behandlung seiner
Hühneraugen verlangte.«
    Semilasso lächelte nun so fein, dass keine Feder die Feinheit dieses Lächelns
mehr beschreiben kann. Der Erzähler kam dadurch beinahe aus der Fassung, die
jedem Erzähler not tut, fuhr indessen doch fort:
    »Der Oberkammerherr hatte die Wünsche des regierenden und zukünftigen Herrn,
welche ihm Befehle sein mussten, zu vernehmen. Der Oberkammerherr hat eine sehr
zarte Stellung zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Oberkammerherr hatte mit den
grössten Schwierigkeiten nach allen Seiten hin zu kämpfen. Die offenbarste war,
dem Erben zu genügen. Niemals, wie Sie sehr richtig ahneten, würde der
regierende Herr zugelassen haben, dass der Erbe sich ein Genie zum
Ideenaustausche halte, denn von Ideen und Genie mag er überhaupt nichts wissen.
    In dieser Verlegenheit konnte ich dem Oberkammerherrn helfen. Dass
Münchhausen der Mann für den Erbprinzen sei, darüber waren wir bald einig, es
wäre aber hiemit noch nichts gewonnen gewesen, wenn dieser seltene Charakter,
der nichts unter seiner Würde hält, nicht zufällig einer neuen Hühneraugenessenz
auf der Spur gewesen wäre und sie wirklich endlich entdeckt hätte, ein probates
Mittel, welches das Übel zwar nicht zu heben vermag, da es überhaupt unheilbar
ist, aber es doch bedeutend lindert, so dass der alte Herr, der schon mehrere
Flaschen derselben verbraucht hat, sich seitdem nur in dem Zustande einer
fortwährenden Semi-Verdriesslichkeit befindet. Durch diesen glücklichen Zufall
war der Ausweg gebahnt. Münchhausen geht nämlich an den Hof von Dünkelblasenheim
und der alte Herr weiss nicht anders, als dass er bloss seiner Hühneraugen wegen
komme. Nur unterderhand wird er das Gesellschaftsgenie des jungen Herrn, der an
ihm, wie an einer verbotenen Frucht naschen will. Man fühlt aber wohl, dass eben
wegen dieser Heimlichkeit sein Einfluss unberechenbar werden muss, und dass er
recht eigentlich dazu bestimmt ist, künftig eine grosse Rolle im Herzogtume zu
spielen. Ich habe mir daher auch schon ein Heft weissen Papieres einbinden lassen
und den Titel darauf gesetzt: Münchhausen am Hofe; denn meine Feder soll seinen
Schritten auch in dieser hohen Sphäre mit der Zeit folgen.«
    »Sie sagten aber, wenn ich nicht irre, dass auch seine Anstellung bei dem
regierenden Herrn keinen offiziellen Charakter haben werde?«
    »Ja, das ist eben das Schönste. Der Umstand, den ich nun zu berichten habe,
bot die zweite interessante Schwierigkeit dar. Der alte Herr hängt nämlich an
dem Obersanitätsrat, nicht aus Liebe, sondern aus Gewohnheit, wie an einem alten
Stück Meuble, weil der Mann denn doch seine vierundzwanzig Jahre hindurch das
Amt versehen hat. Er befahl daher ausdrücklich, dass der Obersanitätsrat von dem
Substituten und dessen Mittel nichts erfahren dürfe. Dieses Geheiss war nun in
der Tat schwer auszuführen. Endlich fanden wir dennoch Rat, der Oberkammerherr
und ich. Der Obersanitätsrat bekommt nämlich alle Sonnabende, welche von jeher
die gewöhnlichen Schneidetage waren, ein stumpfes Messer in die Hand geschoben,
womit der dem Herzoge weder helfen noch schaden kann und damit bildet er sich
denn ein sein Amt zu verrichten. Wir hatten für diese List Antezedentien, denn
es gibt ihrer mehrere in Dünkelblasenheim, welche sich die Illusion machen, mit
stumpfen Messern ihre Pflicht zu tun.
    Der alte Herr ist aber ganz glücklich darüber, dass er zum ersten Male in
seinem Leben ein Geheimnis vor Hof und Staat hat, da bisher Hof und Staat nur
Geheimnisse vor ihm hatten. So ist diese Intrige in mehreren Gängen und
Stockwerken, einem über dem anderen, gleich den Stollen in dem Salzbergwerke von
Wieliczka oder den Totenkammern in den Katakomben ausgehöhlt und ausgetieft, und
man wird immer recht den Kopf zusammennehmen müssen, um die Beziehungen, in
welchen Münchhausen nur Geheimer Hühneraugenessenzbereiter und in welchen er
geheimster Gesellschafter des Erbprinzen ist, klar auseinanderzuhalten.«
    »Aber irgendeinen öffentlichen und anerkannten Charakter muss er doch haben,
um Figur in Dünkelblasenheim machen zu können«, sagte Semilasso. »Car sans titre
vous n'y êtes rien du tout.«
    »Der Herzog hat ihm den Schatz übertragen«, versetzte der Schriftsteller. -
»So hat er Ehre und kann doch keinen Schaden tun, denn im Schatze von
Dünkelblasenheim ist nie etwas. Ew. Gnaden sehen nun zugleich«, fuhr der
Schriftsteller fort, indem er einen bedeutenden Blick auf die Glasscherben und
auf die Flecke, welche die inzwischen verdampften chemischen Flüssigkeiten in
das Arabeskenprotokoll eingefressen hatten, warf, »wie für uns Eingeweihte das
Homunkuluswunder, welches dieser seltene Schwärmer seinen nächsten Umgebungen
vorgeredet hatte, oder seine Umgebungen sich hatte einbilden lassen, natürlich
ausgeht. - Hühneraugenessenzbereitungsversuche! Nichts als
Hühneraugenessenzbereitungsversuche!«
    »Schade!« rief Semilasso und seufzte. »Ich hatte mir schon gedacht ...« Er
vollendete nicht, sondern ging nach einem zweiten Seufzer und einem Blicke auf
Münchhausen, in dem sich eine gemischte Empfindung spiegelte, von dannen. - In
seiner Seele war durch den Wunderbericht Karl Buttervogels eine grosse Bewegung
entstanden; er war der einzige in dem Kreise der Interessenten gewesen, der ihm
eine gewisse Sympatie, wenigstens eine Hinneigung zur Sympatie gewidmet und
schon im stillen erwogen hatte, ob nicht statt des
Menschenrasseveredelungsinstitutes eine chemische Menschenfabrik zu gründen sein
möchte. Denn Semilasso hielt so wenig als irgendein Kavalier auf die Wunder des
Evangeliums, um desto mehr aber auf die modernen Wunder. Nun an der Quelle
unterrichtet, dass Münchhausen kein sich mit Gas und Säuren auffüllender
Homunkulus, sondern nur ein Wirklicher Geheimer Hühneraugenessenzbereiter war,
fühlte er sich etwas enttäuscht, ging in dieser Stimmung die Schlossstrasse
hinunter, setzte sich verstimmt zu seinen Affen und Papageien in die türkische
Ochsenkarre, fuhr im Schritt durch Sturm und Nebel davon, fror und hätte heute
gern im Dampfwagen auf der Eisenbahn oder auch nur in der Schnellpost gesessen,
denn er begriff, dass es Lagen des Lebens gibt, in welchen man am liebsten warm
sitzt und wie andere gewöhnliche Menschen rasch vom Flecke kommt.
 
                              Dreizehntes Kapitel
      Der einzige praktische Charakter dieses Buches erreicht seinen Zweck
Die letzten Verhandlungen zwischen dem Schriftsteller und Semilasso waren ohne
einen anderen Zeugen als den schlafenden Helden, um dessen Ruhestatt die
Ereignisse sich in so stürmischem Wirbel drehten, vor sich gegangen. Der alte
Baron war nämlich noch vor dem Scheiden der Interessenten stillschwärmend aus
der Stube gewankt, mit den Fingern vor sich hin gestikulierend, die Söllertreppe
hinauf. Sein altes Gehirn stand dem vereinten Angriffe so vieler Abenteuer nicht
länger, es wich und gab der Zerstörung nach. Oben auf der Gerichtsstube begann
er ein gefährliches Werk, unbemerkt, denn in dem Schloss achtete jetzt keiner
auf den anderen.
    Karl Buttervogel hatte sich dagegen, als die Interessenten an Münchhausen
und der Bürgermeister sich zum Kampfe rüsteten, in dieser Aufregung und
Verwirrung leise hinter dem Bette empor und in das Fenster geschwungen, wo die
Leiter von den drei Unbefriedigten her noch angelehnt stand. Katzengeschwinde
setzte er seine Füsse auf dieses erwünschte Fluchtmittel und klomm darauf mit
ungemeiner Schnelligkeit draussen hinunter, festen Willens, das Schloss, in
welchem er so trübe Erfahrungen gemacht hatte, nie wieder zu betreten. Auch in
ihm war während der vorangegangenen drangvollen Momente eine grosse Veränderung
geschehen. Die Ohrfeige, welche er zum Segen empfangen, und dann der angedrohte
Pistolenkolben hatten ihn gänzlich hergestellt und in die ihm gewiesenen
Schranken zurückgeführt. Karl Buttervogel war ein durchaus praktischer
Charakter; die Täuschungen des Gefühls und der Einbildungskraft konnten ihn auch
wohl eine Zeitlang mitnehmen, aber die Wirklichkeit blieb seine Lehrerin und
Freundin.
    Sein Streben ging jetzt nach dem Gartenhause auf dem Schneckenberge, aber
die grösste Furcht hatte er, dem Fräulein zu begegnen. Denn alle Gedanken an eine
Verbindung mit ihr, an seine Fürstenwürde und an Hechelkram waren aus ihm
herausgeohrfeigt worden und selbst auf fernerweite gute Verköstigung wollte er
lieber verzichten, als immer einem Manne gegenüberstehen, der auf eine so
schmerzliche Art sich weigerte, ihm Vater zu werden.
    Der Himmel hilft dem, der mit Ernst sich vorsetzt, ein neues Leben zu
beginnen. - Als er von der Seite in den Garten lugte, sah er den Schneckenberg
von seiner Geliebten unbesetzt. Sie war in ihrer ungeduldigen Erwartung auf die
Entscheidungen aus dem Schloss aufgestanden, hatte den Berg verlassen und ging
unten im Garten zwischen den ausgewachsenen Taxuswänden mit grossen Schritten hin
und her, immerdar die ersten beiden Verse ihres Schicksalsliedes singend.
    Karl Buttervogel schlich, um ganz sicher zu verfahren, entlängst der Hecke
aussen durch die Dornen, kroch abermals durch das Loch in der Hecke, rutschte, um
nicht gesehen zu werden, auf dem Bauche den Schneckenberg hinan, fand zu seiner
grössten Freude oben den Sauerbraten unversehrt, nahm ihn eiligst und schlüpfte
damit schleunigst in sein Gartenhäuslein. Dort geborgen dankte er zuvörderst
Gott, dass ihm in dem Schiffbruche seiner Hoffnungen wenigstens dieser Tröster
geblieben sei. Dann aber fasste er den Entschluss, der ihm wie durch eine
Erleuchtung von oben kam. Er beschloss nämlich, die Verbindung mit dem Freiherrn,
die zu seinem Naturell und Wesen ihm immer unpassender zu werden schien, zu
lösen, mit anderen Worten, unverweilt und auf der Stelle ganz und gar
fortzulaufen. Es gibt Orte, an welchen die Leute, wie in der Höhle des
Trophonius, erhabenen Wahnsinn zu sprechen anfangen, wenn sie dieselben
betreten; dieses Gartenhaus schien dagegen bestimmt zu sein, die Insassen zur
gesunden Vernunft zurückzubringen. Der Schulmeister Agesel hatte darin einst
sich und seinen Verstand gefunden, Karl war der zweite, dem zwischen diesen
Wänden ein Licht über seine eigentliche Lage aufging.
    Er entsagte der Aussicht auf die technische Mitdirektorschaft und fühlte
bloss, dass er ein Bedienter sei, dem sein Herr vor wenigen Tagen den Lohn voll
ausbezahlt habe, und der ein Paar Stiefeln von jenem in Verwahrung führe, die
ihm für das seitdem Verfallene Bezahlung seien. Rasch seine Siebensachen
zusammenpackend, den Tornister auf den Rücken hängend, die Stiefeln Münchhausens
darüber geschnallt, den Sauerbraten nicht vergessend, sondern ihn in die
Serviette stürzend, erspähte er den Augenblick, wo Emerentia zwischen den
Taxuswänden dem Gebirge Taygetus den Rücken wendete. Jetzt sprang er mit
Tornister, Stiefeln und Sauerbraten zum Gartenhause hinaus, das Gebirge
hinunter, kroch wiederum, nun aber zum letzten Male durch das Heckenloch, fühlte
sich im Freien und frei, hielt sich aber nicht auf, sondern lief was er laufen
konnte durch Dornen, Disteln und Gesträuch, bis er atmend eine freie Anhöhe
erreichte, auf der er stillstehend sich umblickte. Er sah niemand in der Nähe
und beschloss daher die Wanderung nun gemütlicher fortzusetzen, vorher aber sich
durch eine Mahlzeit zu stärken.
    Es war die Anhöhe, auf welcher die weiland Luftfabrik zu stehen kommen
sollte. Jetzt setzte sich Karl Buttervogel darauf nieder und ass dort seinen
Sauerbraten, der keine Luftgestalt war. So hatte dieser praktische Mensch einen
wahren und reellen Vorteil aus dem Schloss Schnick-Schnack-Schnurr
davongetragen, an dem Tage, an welchem den übrigen, die mit grossen Erwartungen
in dasselbe einzogen, dort nur Verfehlung, Enttäuschung, Schmerz über den grossen
Mann, der vor ihren Augen zwar nicht zum Himmel aber doch zu Hofe emporgehoben
wurde, aufging. - Nachdem er den Sauerbraten verzehrt hatte, dankte er abermals
Gott und ging dann, sich der ersten Herrschaft, die er auf seinem Wege finden
möchte, als einen treuen und geschickten Menschen, der auch mit Pferden
umzugehen wisse, anzubieten. Unterweges trug er sich nach seiner Manier wohl an
die hundert Gründe vor, warum er weglaufe; genügend erschien schon der einzige,
dass er sich vor ferneren Prügeln im Schloss fürchtete.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                      Eine furchtbare Laune des Geschicks
»Triumph!« rief der Schriftsteller, als Münchhausens Zimmer rein geworden war.
    »Triumph!« rief der Freiherr und sprang vom Lager auf. »Das war eine
Schlacht, wie die an der Moskwa, und schlafend habe ich sie gewonnen, bloss durch
meinen General habe ich gesiegt.«
    »Lassen wir die sinistern Erinnerungen ruhen!« versetzte der Schriftsteller.
»Sie wollten Euch zerreissen, wie die Bacchantinnen den Orpheus und jeder wollte
sich seinen Teil zueignen, aber ich habe Euch ganz, unzerteilt, unzerstückelt
erhalten. Reifenschläger, Gooseberry usw. usw.«
    » ... Professor Pips, Lord Drum, Mr. Raquette, Legationsrat von Sachtleben,
Duca di ... di ...«
    » ... usw. usw. Vertieft Euch nicht in die Vergangenheit. Fort aus dem
verwünschten Schloss! Wenn noch jemand käme -«
    Münchhausen schrak etwas zusammen, dann aber fasste er sich und sagte:
»Dieser Jemand wird nicht kommen. Es wäre ja die albernste Laune, eine Laune,
die ich selbst dem Schicksale nicht zutraue, wenn ein junger, plumper,
unerfahrener Mensch mich ausfindig machte; zudem ist das Schloss in diesem
verruchten Nebel auf zwanzig Schritte Entfernung nicht zu sehen.«
    Ein Hacken wie mit einem Beile liess sich über ihren Köpfen vernehmen,
zugleich sang Emerentia unten lauter, ohne dass die Worte verständlich waren. Der
Wind schnob, pfiff, die Wände schütterten. Der Schriftsteller machte ein
ängstliches Gesicht. Er verlangte, dass Münchhausen augenblicklich mit ihm das
Schloss verlassen solle. - »Nein!« rief der Freiherr, »dort im Schlafe ist mir
ein allerliebstes spirituelles Billett an den Erbprinzen eingefallen, worin ich
ihm den Plan unserer künftigen geheimen genialen Lebensweise vorzeichnen will,
und zugleich ein submisses Danksagungsschreiben an den regierenden Herrn für
meine semioffizielle Anstellung in den angemessensten Ausdrücken; solche Ideen,
Penséen, Attrappen und Calembourgs müssen aber improvisiert und nicht
destilliert werden, nur aus dem Stegreif geraten sie.«
    »Toller Mensch!« rief der Schriftsteller und bezeichnete ihm den Ort, wo er
seiner mit den Wechseln zur Reise nach Dünkelblasenheim warten wollte. Es war
ein Dorf ganz in der Nähe, wo sich eine für Altertumsfreunde merkwürdige Kirche
mit einer sonderbar geformten Krypte befand. - »Bestellt ein gutes Abendessen,
sprengt einen Burschen für doppeltes Trinkgeld nach der Stadt, um uns Champagner
zu verschaffen; wir wollen einen lustigen Abend haben und uns des Lebens freuen,
das wie Champagner zu brausen beginnt!« rief der Freiherr seinem Kurator nach.
    Er ging trällernd ein paarmal in der Stube auf und nieder, richtete den
umgestürzten Tisch auf, legte sich zwei Bogen Postpapier zurecht, und schrieb
nun, während das Schloss schütterte, der Wind heulte und das Lied Emerentias
unten wie das Lied der Parzen immer schrillender klang, gleichzeitig die beiden
Briefe, den spirituellen und den submissen, erst eine Zeile Geist an den
Erbprinzen und dann eine Zeile Angemessenes an den regierenden Herrn.
    Dazwischen schnitt er lustige Grimassen, pfiff die Anfänge von Opernarien,
oder deklamierte grosse Rauscheworte aus Tragödien. Sein buntes, abenteuerliches,
wildes Leben war ihm während des Schlafes in der Schlacht vor der Seele
vorübergegangen, er fühlte sich von sich begeistert, er war in einer komischen
Ekstase. Das Leben bei Hofe, seine wunderbare Doppelstellung zwischen den
Hühneraugen des alten und dem geistigen Bedürfnisse des jungen Herrn sah ihn
aristophanisch schillernd an, er blickte in eine ganze Welt von Schnurren und
diplomatischen Faxen hinein.
    In diesem Rausche vernahm er nicht, dass jemand mit entschiedenem Schritte
die Treppe heraufkam, die Türe öffnete und sich hinter ihn stellte. Er sass, das
Haupt tief auf die Briefbogen gebückt, so dass ihm der Fremde nicht in das
Gesicht sehen konnte. Nachdem dieser einige Augenblicke so stillschweigend
gestanden hatte, während Münchhausen immer emsig fortschrieb, sagte der Fremde:
»Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich suche den Herrn Baron -«
    Münchhausen fuhr empor, unwillkürlich fiel sein Blick in den
gegenüberhangenden Spiegel; er sah das Antlitz des Fremden darin, die Feder
entsank seiner Hand, sein gelbes Gesicht wurde nicht grünlich, sondern weissgrau,
seine Züge, die eben sich sarkastisch geformt hatten, blieben wie gefroren in
diesem Ausdrucke stehen, sein Mund öffnete sich; er glich einer komischen Maske
aus Stein. Der Fremde seinerseits stand gleichfalls vor Überraschung regungs-
und sprachlos. So bildeten die beiden, welche sich hier so wunderbar fanden,
einige Sekunden lang die seltsamste Gruppe.
    »Was!?« rief endlich Münchhausen, als er die Sprache wiederfand.
    »Was!?« rief der Fremde.
    »Habe ich so unerwartet die Ehre, den Herrn Grafen von Waldburg« - stammelte
Münchhausen.
    »Zu dienen, Herr Schrimbs oder Peppel«, versetzte der Jäger.
    »Ei, das ist ja heute ein an plötzlichen Rencontres überaus gesegneter Tag«,
sagte der Freiherr, dessen Züge jetzt wieder flüssig wurden, um in ein
unverhehlbares Beben überzugehen. - »Der Teufel hole den Teufel!« fügte er
ingrimmig murmelnd hinzu. »Er hat mich mit den Possenspielen des Morgens und mit
dem Lockgesange des Erbprinzen eingelullt, um mich nun unter die Fäuste dieses
Schwaben zu werfen.«
    »In der Tat, ich erwartete Sie nicht hier«, sagte der Jäger. »Da es sich
indessen wider alles Vermuten so fügt -«
    »So will ich den Herrn vom Hause rufen, nach dem Sie, wenn ich nicht irre,
verlangten«, rief Münchhausen, sprang auf und wollte zur Türe hinausrennen. -
Der Jäger vertrat ihm aber den Weg, sah auf die Pistole, die am Boden lag, und
sagte kalt: »Ich danke Ihnen, Herr Schrimbs oder Peppel. Den Herrn Baron will
ich mir schon selbst aufsuchen zu seiner Zeit, erst aber mit Ihnen ein altes
Geschäft in Ordnung bringen.«
    »Wenn ich Sie nur verstände!« versetzte Münchhausen.
    Der Jäger erhob die Pistole vom Boden und sagte: »Ich werde mich gleich ganz
deutlich machen, Herr Schrimbs oder Peppel.«
    »Freiherr von Münchhausen, wenn ich bitten darf«, rief der Held, sich selbst
vergessend.
    »Desto besser. So sind Sie also von Adel und ich kann Sie bei dieser
Qualität für mein Vorhaben um so fester halten.«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
 Wie der Freiherr von Münchhausen plötzlich Mut bekommt und überhaupt ein ganz
                 anderer Mann ist, als mancher sich denken mag
Münchhausen machte Schritte nach dem Fenster zu. Der Jäger aber, welcher allen
seinen Bewegungen mit dem Scharfblicke eines Falken folgte, sprang ihm vor und
warf die von aussen angelehnte Leiter in den Hof. - »Sie scheinen mich verhindern
zu wollen, frische Luft zu schöpfen«, sagte Münchhausen, gezwungen lächelnd.
    »Mein Herr«, fuhr der Jäger mit seiner tiefen Stimme, die in diesem Raume
wie ein Donner klang, auf, »ich will im Gegenteile mit Ihnen einen Gang in die
freie Luft machen. Zu dieser Pistole wird sich eine zweite hier irgendwo herum
finden, denn ein Paar gehört immer zusammen, und sonach ersuche ich Sie, mir
anzuzeigen, wo diese zweite liegt und etwas Pulver und Blei, denn so wahr ich
der bin, dessen Namen Sie genannt haben, heute werden Sie mir nicht
verschwinden, sondern mir für das anmutige Märlein vom Gänserich und Gänschen
Rede stehen. Obgleich ich Sie beinahe vergessen hatte, in ganz andere
Empfindungen verloren, so lebt doch bei Ihrem Anblicke in mir das Gedächtnis an
das auf, was ich mir und hauptsächlich meiner Anverwandten schuldig bin.«
    »Wenn ich mich über den Sinn Ihrer Reden nicht täusche, so wollen Sie sich
mit mir schiessen?« sagte der Freiherr, mit den Nasenflügeln zitternd. - Sein
Gegner machte eine unruhige Bewegung. - »Nur noch eine Frage: War das Märchen
von Gänserich und Gänschen witzig?« - Der Jäger schlug die Augen nieder. - »Nun
denn - Ihr Schweigen ist auch eine Antwort - was beweiset dann Ihr Pistolenschuss
gegen den Witz? Sie schiessen das sterbliche Individuum Münchhausen nieder, der
Witz bleibt von Ihrer Kugel ungetroffen und lebt unsterblich fort.«
    »Es ist noch sehr die Frage, ob ich Sie treffe; Sie können ebensowohl mich
erschiessen!« rief der Jäger.
    »Nein«, sagte Münchhausen auf einmal ganz ruhig, indem er den Jäger von oben
bis unten mit seinen Blicken musterte, »Sie werden mich totschiessen, wenn ich
mich Ihrem Pistolenlaufe gegenüberstelle. Ich weiss das sicherlich. Der verrückte
Zufall, der die Verspätung meiner Person an diesem Orte zuliess, der Sie nicht
einige Minuten später kommen machte, wo Sie in das leere Nest getreten wären,
beweiset mir, dass das Schicksal gegenwärtig betrunken ist und hin und her
torkelt. Mich ergreift, mich ergreift die heisse, dicke, blinde Faust! Gerade so
ein junger Herr und Graf, der ein junger Herr und Graf ist, wird berufen, einem
Manne, wie ich bin, das Lebenslicht auszublasen. Ich weiss, dass Sie noch nie
etwas getroffen haben, mich würden Sie treffen, wenn ich so toll wäre, Ihnen zur
Scheibe zu dienen. Um also Ihnen ein grosses Verbrechen an den Erwartungen der
Welt und der Welt einen grossen Verlust zu ersparen -«
    »Refüsieren Sie das Duell?« fragte der Jäger zornfunkelnd.
    »Ja«, versetzte der Freiherr ruhig. - »Das Duell ist für Narren und junge
Landjunker, die weiter nichts als Blut in sich haben. Wissen Sie, was in mir
steckt? Geist! Geist! Geist! Wenn ich sterbe, stirbt ein ganzes Göttergeschlecht
von Einfällen, Phantasien, unvergleichlichen Sprüngen der Laune und Erfindung.
Können Sie meinen über das ganze Erdenrund verbreiteten Anhängern Ersatz
schaffen? Nein. Sind Sie imstande, den Erbprinzen über mich zu trösten? Nein.
Und also sage ich Ihnen, wie Mirabeau seinen Herausforderern, die ihn mit dem
Munde nicht widerlegen konnten, sagte: Wartet, bis die Konstitution fertig sein
wird - warten Sie, bis ich alle meine Erzählungen, die dieses Rund wie
ungeborene Embryonen bevölkern, vorgetragen haben werde.« - Er schlug bei den
letzten Worten an seinen Kopf.
    Des Jägers Züge begannen, die äusserste Verachtung auszudrücken. Seine
Gestalt erhob sich stolz, er stand wie ein Löwe da, der, seine Beute zu
verschlingen eben im Begriff, plötzlich von ihrem Zittern zu einer
geringschätzigen Grossmut hingerissen, die aufgehobene Tatze sinken lässt.
    Münchhausens Glieder flogen, er fasste irr mit der Hand in sein Haar, welches
sich gesträubt hatte. Es war ein erbarmenswürdiger Anblick. - »Ja«, rief er
dumpf und keuchend, indem er die Worte mühsam hervorstiess, »ich fürchte mich vor
dem Tode! Der gedankenloseste Narr, der sich nicht vor ihm fürchtet! Da wird
mein Leib liegen, und da herum versprjetzt mein Gehirn, die Werkstatt prächtiger
Gebilde. Um den Mund noch ein Spott, der nicht sterben kann, und den die
bleichen Lippen doch verschweigen müssen. Und dann die erstickende Erde über
einem - eingepackt wie ein Hering, nur leider nicht eingesalzen - dieses
allgemeine Burken der Menschengeschlechter - und endlich gar die Würmer - o
pfui! pfui! Aus - aus mit dem letzten Atemzuge!
    Woher kommen wir als aus dem Nichts? - Wohin werden wir gehen anders als ins
Nichts? Wir entstehen, also werden wir auch vergehen. Leugnet die Konsequenz,
wenn ihr's wagt! Ich sagte es mir oft, wenn ich um Mitternacht bei meiner Kerze
eingeschlafen war, dann auffuhr in Gedanken der Vernichtung und mein entsetztes
Gesicht gegenüber im Spiegel sah ...
    Aber das Leben ist auch nur ein Fieber, ein Fieber des Nichts, mitin ein
krankes Nichts! - schüttelt's ab, ihr meine Nerven, lasst euch nicht
unterkriegen, ihr meine tapferen Muskeln und Sehnen - die Knochen bleiben ja
doch eine Zeitlang nachher übrig - nichts in der Welt geht über ein schönes,
reinliches Skelett - so - so - so - ah! ah! Luft! Wärme! Immer besser! besser!
Dieu merci, es ist überstanden -«
    Der Jäger hatte während dieser verworrenen Reden dem Freiherrn den Rücken
gewendet und das Pistol an einen Nagel gehängt. Jetzt wollte er, ohne dem von
ihm verachteten Feinde einen Blick zu gönnen, aus der Türe gehen. Münchhausen
aber rief ihm mit fester Stimme zu: »Herr Graf, ich ersuche Sie, zu bleiben!« -
Der Jäger drehte sich um und sah erstaunt einen verwandelten Menschen.
Münchhausens Glieder hatten Ruhe gewonnen, er stand, wie ein Mann stehen muss,
sein Gesicht sah gleichmütig und zuversichtlich aus.
    Im gesetztesten Tone sprach er: »Wenn Sie sich zu dem alten Herrn Baron
hinaufbemühen wollen, der sich da oben mit Holzhacken ein Vergnügen zu machen
scheint, so werden Sie vermutlich von ihm eine zweite Pistole nebst Pulver und
Kugeln erhalten können. Ich nehme diese da an der Wand und bin bereit, mit Ihnen
draussen die begehrte Schiessübung anzustellen.«
    Die Reihe, in Verwirrung zu geraten, war jetzt an dem Jäger, der sich in
diese plötzliche Umwandelung einer Memme nicht zu finden wusste. - »Gehen Sie,
mein Herr«, sagte Münchhausen, »warum, staunen Sie? Der Mut ist ein Paroxysmus,
die Feigheit ist auch ein Paroxysmus. Ich habe diesen Paroxysmus, an dem manche
Menschen zeitlebens leiden, in einem akuten Anfalle überstanden. Fortan werde
ich sein, was freilich bis jetzt zu dem vollen Blütenkranze meiner Eigenschaften
noch mangelte, ein todverachtender Held.«
    Der junge Jäger, der sich diesem urplötzlich entstandenen Heroismus
gegenüber mit Worten nicht zu helfen wusste, fuhr in seiner Unbehülflichkeit
heraus: »Ich fürchte, Sie sind auch darin nur wieder ein Lügner.«
    »Lügner!« rief Münchhausen stolz. - »Jetzt haben Sie mich beleidigt,
stärker, als ich Sie beleidigt hatte. Ich könnte jetzt den ersten Schuss
verlangen; der Lügner verzichtet aber auf dieses Recht. - Lügner!« wiederholte
er mit Hoheit. »Es kann sein, dass mir der Mund über dieses Kapitel bald
versiegelt werden wird. Deshalb fühle ich mich veranlasst, Ihnen in aller Kürze
ein Kollegium von Lüge und Wahrheit zu lesen.
    Herr Graf, alle Menschen sind Lügner, nur mehr oder weniger entwickelte. Die
sogenannten tugendhaften und edeln Charaktere haben nur nicht den Verstand zur
echten und vollkommenen Lüge; ihre Lüge bleibt ihnen im Blute, zwischen dem
massigen Fleische oder den dicken Stirnhäuten stecken, sie bringen es höchstens
zur Halblüge, zu der egoistischen Lüge. Lügen Sie nicht, Herr Graf, wenn Sie
sich so zornig, so nach meinem Blute lüstern darstellen, oder tun, als liege
Ihnen die Ehre Ihrer Muhme Clelia am Herzen? Das Duell mit mir ist Ihnen im
Grunde ganz gleichgültig, aber Sie haben Ihren schwäbischen Vettern gesagt: Wo
ich den Schelm treffe, da geht es ihm übel, und nun halten Sie Ihr Wort, wie
wenn Sie gesagt hätten: Heute nachmittag wollen wir zusammen spazierengehen. -
Hinz lügt, wenn er zu Kunzen sagt: Ich freue mich, Sie wohl zu sehen, denn er
weiss gar nicht, ob Kunzen wohl ist und von Freude ist sein Herz weit entfernt;
Kunz lügt, wenn er an Hinzen schreibt:
    Der Ihrige, denn er gehörte niemals Hinzen. Der Familienvater lügt, wenn er
von Pflichten gegen Frau und Kinder redet; nein, sein Haus ist seine
Bequemlichkeit, und die muss er sich natürlich seinerseits auch zu erhalten
wissen; der Offizier, der seine Leute mit einer Rede vom Vaterlande in das Feuer
führt, lügt; denn an das Vaterland denkt er nicht, sondern ans Avancement, wenn
die Bursche ihm mutig folgen; der Prediger auf der Kanzel lügt, der Richter im
Richterstuhle lügt, der Fürst auf dem Trone lügt - sie lügen alle, alle, nur
haben sie nicht die Virtuosität darin, sie bringen ungeschickte, phantasielose,
entkräftete Lügen hervor, und ihr schweres Blut, ihr massiges Fleisch, ihre
dicken Stirnhäute nennen die Halblügner Tugend.
    Wie anders bei uns begünstigten Sonntagskindern, deren es freilich immer nur
wenige gibt, ich aber bin ihr Chef! Gleich schönen, nackten, schlafenden Mädchen
liegen die Dinge um uns her, der Empfängnis gewärtig; wir heiraten sie nicht in
plumper Ehe, wir zeugen nicht mit ihnen schläfrig-legitime Kinder, nein, Don
Juans der Erfindung, gehen wir zwischen diesen wollüstig geöffneten Lippen,
zwischen diesen Busen und Hüften auf und nieder und scherzen hier und küssen
dort, und erwacht fühlen sie sich Mütter, worüber die alten Vettern und Basen
sich des Todes verwundern wollen; den gesegneten Schossen aber entspringen kleine
mutige Kobolde, tolle Kinder der Liebe, an denen freilich kein gutes Haar und
kein wahres Wort ist. - Sie sind ein durchaus rechtschaffener Mann, Herr Graf,
und unfähig solches Leichtsinnes, danken Sie Gott für Ihre Tugend, aber richten
Sie nicht über unsereinen. Ich bin der Cäsar der Lügen; ich kann von mir sagen,
wie der krummnasige Kerl von Rom: Ich kam, sah und - log!« »Jetzt hole ich das
Pistol!« rief der Jäger. »Das wäre nun eine Antwort! - Aber halt, noch einen
Augenblick!« sagte Münchhausen, zog aus seinem Busen eine goldene Kapsel von
ziemlicher Grösse, drückte am Scharnier, dass sie aufsprang und liess den Jäger
hineinsehen. Es lag ein Päckchen Staatspapiere, fest zusammengefaltet, darin,
und am inneren Rande waren Namen eingraviert, die der Jäger auf das Geheiss
seines wunderlichen Feindes lesen musste. - »Was soll das?« fragte er.
    »Ein Vermächtnis an Ihre Ehre, wenn ich bleiben sollte«, sagte Münchhausen.
»In Fällen, wie der unsrige, wo man sich ohne Sekundanten schiesst, ist der
Überlebende zu solchen Ritterdiensten verpflichtet. Ich habe eine Tochter -«
    »Sie?«
    »Ich; hab' sie, weil sie mein ist, könnte ich mit Polonius sagen, wollte ich
scherzen, ich will aber über diese Tochter nicht scherzen. - Mein Herr, ich
werde Ihnen jetzt nichts vorseufzen, mein Herr, ich werde Ihnen nichts
vorweinen, überhaupt, mein Herr, nicht den Sentimentalen vor Ihnen spielen; ich
werde Ihnen nur sagen, dass, auch wenn man viel gelogen und manches Abenteuer
gehabt hat, es immer ein eigenes Gefühl bleibt, eine Tochter zu besitzen, von
der man nicht weiss, wo sie ist. Ich zeugte sie vor nunmehr zwanzig Jahren fern
von hier mit einer einfältigen aber ziemlich hübschen Gans. Sie lasen die Namen
der Mutter, des Orts, auch wie ich damals hiess. Wenige Wochen nach ihrer Geburt
sah ich sie zufällig bei einem alten Weibe, der sie übergeben worden war, und -
da nahm ich mir einen Augenblick vor, zu werden, was man einen ordentlichen,
gesetzten Mann nennt. Ich gab der Alten meine Barschaft für das Kind, weil es
aber nicht viel war, so suchte ich ihren Eigennutz durch Hoffnungen zu ködern,
imaginierte eine höchst seltsame Vorrichtung von Instrument, welches, wenn es
richtig gebraucht wurde, die Herkunft des Kindes offenbarte, und bildete der
Vettel ein, dadurch werde einmal ein hoher Stand ihres Pfleglings an das
Tageslicht kommen. - So glaubte ich vorläufig für mein Fleisch und Blut gesorgt
zu haben. Aber ich täuschte mich, denn als ich nach einiger Zeit in besseren
Umständen mich wieder nach dem Kinde erkundigte, war das alte Weib
durchgegangen, hatte vermutlich mein Geld sich zunutze gemacht und den Säugling
vor eine fremde Pforte gelegt.«
    »Wenn man Ihnen nur glauben dürfte -«
    Hier aber geriet der Freiherr in einen erhabenen Zorn, dass er selbst seinem
jungen Feinde imponierte. Er ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen, rollte
die Augen, stampfte mit den Füssen und rannte wie rasend einige Male auf und
nieder. - »Bei Himmel und Hölle!« rief er, »wenn man ein Genie ist, muss man
darum ein Gaudieb sein? - Bin ich ein zusammengeronnener Homunkulus, wie der
Spitzbube Karl mir nachplauderte, oder bin ich nicht ein Fabrikat, in derselben
Retorte ausgebacken, worin ihr anderen alle ausgebacken wurdet? - Sackerlot!
Wenn ich von dem Kinde rede, so meine ich's ernstaft, obgleich durchaus nicht
empfindelnd - ich bitte mir Glauben für diese Versicherung aus. - Aber ich denke
sie mir so reizend, so schön, so gut - so - so ... ich kann's nicht aussprechen,
wie ich sie mir denke. An etwas muss der Mensch seine Gedanken hängen, wenn er
auch kein Herz hat.«
    Er schlug wütend an seine Brust und schrie fast: »Nein! Nein! Hier ist kein
Herz drinnen, ich weiss es! Alles leer, nüchtern, dumpf - oh! hu! 's ist, als
wenn man an einen hohlen Topf schlägt. - Was kann ich dafür? Warum hat er mir
keins hineingeschaffen? Anderen gibt er keinen Verstand, die werden von
jedermann entschuldigt; mir gab er kein Herz, und die Entschuldigung soll nicht
gelten? - Aber Gedanken habe ich und die hangen an der Tochter. Immer suchte ich
sie, nimmer fand ich sie. Indessen habe ich einen Freund bei Ihnen in Stuttgart,
der hat mir vor kurzem Hoffnung gemacht, es sei vielleicht möglich, dem Dasein
des Kindes noch auf die Spur zu kommen. Ich schreibe seine Adresse auf, derweil
Sie hinaufgehen. Schiessen Sie mich tot, so besorgen Sie die Kapsel an die
Adresse. Der Inhalt gehört dem Kinde, wenn es entdeckt wird, es ist von
Geschenken erspart, die ich hin und wieder bekam, und ich habe lieber gehungert,
als berührt, was ich einmal in der Kapsel zurückgelegt hatte. Jetzt gehen Sie
und holen Sie die zweite Pistole!«
 
                              Sechzehntes Kapitel
                            Walpurgisnacht bei Tage
Der junge Jäger, welchem in diesem tollen Schloss so unerwartete Dinge begegnen
sollten, ging wie träumend die Söllertreppe hinauf, dem Schalle der Beilschläge
nach, welche mit kurzen Zwischenpausen immer von neuem zu tönen begannen. Er
öffnete die Türe der Bodenkammer, welche die Gerichtsstube des Schlossherrn
bedeuten musste, aber da hatte er einen Anblick, der ihm Grauen und Schreck
erregte. Der alte Baron wirtschaftete nämlich in dem verwirrtesten Aufzuge dort
umher. Er hatte sich eine Pferdedecke wie einen Mantel um die Schultern
geworfen, auf den Kopf einen alten Damenhut mit verblichenen Blumen gesetzt,
einen Strick wie eine Kette sich um den Hals geknüpft. Die weissen Haare sahen
struppicht unter dem Hute in einzelnen Flocken hervor, die Augen starrten wild
und gläsern - so trieb er, ein komischer Lear, die Werke des Wahnsinns, welchen
Nachtwachen, Erwartungen, Grübeln, Zorn und zuletzt die aberwitzigsten
Phantastereien in ihm ausgebrütet hatten. Er fuhr mit grossen Schritten auf der
Bodenkammer hin und her, ein Beil in der Hand; der Tisch war zur Seite
geschleudert, der alte Lehnstuhl lag in Trümmern, um diese Trümmer hatte er
Kleidungsstücke, Flaschen, Gerüll und Gerümpel allerart, welches die Bodenkammer
verwahrte, aufgehäuft. Jetzt lief er mit dem Beile an das Giebelfenster, bog
sich hinaus, hackte an der Stütze, welche gegen die Giebelwand gelehnt war, dann
kehrte er zu dem Gerümpel zurück, nahm was er fassen konnte und warf Kleider,
Flaschen, zerbrochenes Gerät zum Fenster hinaus. So wechselte er in seinen
verrückten Beschäftigungen von Sekunde zu Sekunde ab und trieb dieselben mit
solcher Anstrengung, dass ihm der Schweiss vom Haupte floss. Dazwischen rief er mit
voller und tönender Stimme unverständliche Worte wie: »Fort mit euch! Fort mit
euch Eindringlingen, erkennt euren Herrn, der in Frankfurt gekrönt wurde, dem
ihr Treue auf die Wahlkapitulation gesprochen habt!«
    Der Jäger hatte sich bei seinem Eintreten in eine Ecke gedrückt und sah dem
unheimlichen Schauspiele einige Minuten lang entsetzt zu. Dann fasste er sich ein
Herz, schritt mutig vor, ging zu dem Wahnwitzigen, der eben wieder am Hacken war
und sagte festen Tones: »Herr Baron, was treiben Sie?«
    Der Alte fuhr hastig herum, sah den Jäger mit seinen starren Augen gross an,
schwang das Beil und rief: »Sie müssen sehr unwissend sein, dass Sie mich so
fragen. Kennen Sie den letzten deutschen Kaiser nicht? Mein Bruder ist geborener
Geheimer Rat im höchsten Gericht. Ich ward in Frankfurt gesalbt und gekrönt.« -
Nun legte er die Hand an seine Stirn, wie wenn er nachsänne und sprach dann
leiser, wie ein Mensch, der im Schlaf redet: »Ich war lange abwesend - lange -
lange - gefangengenommen vom Reichsfeinde, von Münchhausen - o pfui! nannte mich
Du mit einem Munkel - Luftversteinerung - Aktien auf Jesuiten - und dann - dann
-«
    »Aber« - hier richtete er sich majestätisch auf und seine Stimme donnerte -
»das heilige Römische Reich ist ewig, die alten Verhältnisse kehren immer wieder
und der Kaiser stirbt nicht. - Ich komme zurück, jedoch da ist alles in
Unordnung, da hat sich Genist allerorten eingehängt, da muss ich Ordnung stiften
und reine Bahn machen.«
    Er warf die Trümmer des Lehnstuhls hinaus und ein paar leerer Flaschen. -
»Das sind die Fürsten!« rief er. »Wie haben sie sich mausig gemacht! Aber ich
leide keine Hoheit neben meiner, denn ich bin der Kaiser.« - Er hackte draussen
vor dem Giebelfenster. - »Den Bundestag habe ich bald durchgehackt, diese Stütze
ist ohnehin sehr morsch!« rief er erhaben lachend.
    Bei diesen grauenvoll lächerlichen Dingen fasste sich der Jäger in den
gesunden Tiefen seines schwäbischen Herzens und sprach zu sich: »Der
unglückliche Alte hat den Verstand verloren und du kannst ihn in diesem Zustande
nicht um die Lisbet bitten. Sie ist dein, das Mädchen, du wirst ihr den
traurigen Zustand mit Schonung beibringen und ihr dann für den armen Pflegevater
sorgen helfen. Jetzt hast du weiter nichts hier zu tun, als dich mit dem
verruchten Schrimbs oder Peppel oder Freiherrn von Münchhausen zu schiessen.« -
Er konnte nicht wissen, in welche Gefahr der Alte sich und ihn durch das Hacken
setzte, sonst würde er ihm mit Gewalt das Beil entwunden haben.
    »Walpurgisnacht bei Tage!« setzte er, sich dennoch schüttelnd vor Grauen,
seinen Worten hinzu. Er sah die zweite Pistole auf dem Tische liegen, die nahm
er und das Pulverhorn dazu; beides steckte er zu sich. Sein scharfes Auge spähte
nach Kugeln; es entdeckte sich ihm ein lederner Beutel, der von einem Brette
herabhing, welches der Alte durch das Hinwegräumen des Gerülls von seiner
Verhüllung entblösst hatte. Er ging nach dem Brette, seine Vermutung täuschte ihn
nicht, es war ein Kugelbeutel, der da herabhing.
    Er nahm ihn, da rollte etwas nach, was auch auf dem Brette vergessen gelegen
hatte, es fiel auf den Boden. Mechanisch hob er es auf; es war ein Zylinder mit
dickem Staube überzogen, viele Jahre mochte der dort gelegen haben. Ein Papier
war um den Zylinder gewunden.
    Der alte Baron schoss wie ein Pfeil herbei und fasste beide Arme des jungen
Mannes. »Halt Räuber!« rief er, »du darfst die Mitgift der kaiserlichen
Prinzessin nicht entwenden. - Ja! Ja! -« sagte er, den Zylinder tiefsinnig
betrachtend und das Papier von demselben loswickelnd; »das ist die Mitgift der
kaiserlichen Prinzessin, meiner lieben Tochter.« - Der Jäger mochte mit diesem
neuen Ausbruche des Unsinns nichts weiter zu schaffen haben, er liess daher dem
Alten, was diesem so wichtig zu sein schien, und wollte gehen. Der Alte hatte
das Papier, auf welchem, wie dem Jäger ein flüchtiger Blick gezeigt hatte, in
den Ecken allerhand Buchstaben und Charaktere standen, glatt und grade
gestrichen, die Gläser des Zylinders abgewischt und hindurchgesehen. - »Ach
Lisbet! Lisbet!« seufzte er.
    Dieses Zauberwort fesselte den Jäger an die Stätte. Zu seiner Verwunderung
sah er, dass der Alte sich platt auf den Boden setzte und bitterlich zu weinen
anfing wie ein Kind. »Ach«, sagte er und sah wieder durch den Zylinder in die
leere Luft, indem er dabei das Blatt Papier steif in der anderen Hand hielt,
»ich sehe mein Kind Lisbet noch immer nicht dadurch. O wie gern legte ich
meinen Kopf auf ihren Schoss und liesse ihn streicheln von ihren sanften Händen,
denn die Regierungssorgen machen müde und ein Kaiser bleibt auch ein Mensch!«
    Vergebens bemühte sich der Jäger, Aufschlüsse von dem Alten zu erlangen.
Dieser faselte nur durcheinander von Lisbet und von der kaiserlichen
Prinzessin, welche einst die Mitgift in das Haus gebracht habe, aber durch die
Gläser nicht zu entdecken sei.
    »Hm!« rief der Jäger, der vor Ungeduld brannte, irgendetwas zu entdecken,
was die unsichtbaren Keime der Dinge, die um ihn her zu sprossen schienen, an
das Tageslicht bringen möchte; »das Ding da muss doch eine Beziehung auf die
Lisbet haben. Was ist es denn eigentlich?« - Er nahm es dem Alten aus der Hand,
der nun ganz weich und nachgiebig geworden war, seine Tränen abgetrocknet hatte
und selig lächelte, weil dem zerstörten Geiste die Gestalt der lieblichen
Pflegetochter vorschwebte. Es bedurfte keiner langen Untersuchung um ihn ins
klare zu setzen. Der Zylinder war eine jener optischen Spielereien mit einem
Okularglase und einem konzentrierenden Objektivglase, welches verschiedene
Figuren oder einzelne Buchstaben, die auf einer Fläche umher zerstreut sind, zum
Bilde oder zum lesbaren Satze versammelt. Man fertigt zu diesen Gläsern Blätter,
die in der Mitte, wenn der Scherz vollkommen sein soll, ein kleines Bild oder
ein Wort tragen, in den Ecken und Winkeln umher aber nur ein sinnloses Gemisch
zeigen. Sieht man nun auf ein solches Blatt durch das Glas, so verschwindet, was
in der Mitte steht und es fügt sich aus den Ecken und Winkeln eine andere
Gestaltung zusammen.
    Der Jäger nahm auch das Blatt dem Alten aus der Hand. In der Mitte stand das
Wort: Nizza und kein Komma oder Punktum dahinter. Er stellte sich an den Tisch,
legte das Blatt zurecht und richtete das Glas darauf, um zu sehen, was ihm
dasselbe aus den Ecken und Winkeln zusammenführen würde.
    Das Auge des Dichters gleicht einem solchen Glase. Es versammelt zum Bilde,
was weit umher zerstreut ist und keine Gestalt annehmen zu können scheint, und
oft verschwindet ihm das, was ihm zunächst vorschwebt.
Münchhausen schrieb unten hastig seinen Kreuz- und Querbrief an den Erbprinzen
und dessen Vater zu Ende, siegelte beide, setzte die Adresse an den Freund in
Stuttgart auf, tat sie in die goldene Kapsel und sagte: »Es ist nicht wahr, dass
ich mich nicht vor dem Tode fürchte, aber ich habe Ehre zwischen mich und meine
Feigheit geschoben, getrieben, gekeilt; Ehre steckt wie ein Pflock vor der
Feigheit und lässt sie nicht zum Herzen dringen, Ehre ist etwas Grosses und mehr
wert als Tugend, denn zur Ehre gehört kein Herz, ohne welches Tugend sich nicht
zu behelfen weiss.«
    »Brav will ich sterben, wie ein Bräutigam!« rief er. - »Als Offizier sieht
man selbst noch im Tode besser aus, darum rasch meine Uniform angelegt, meine
rote Phantasieuniform und hinweg ihr unangenehmen Erinnerungen, die ihr euch an
den Rock hängt! Sie ist tot! tot! tot! die Gans, oder eingesperrt, oder
verheiratet. O du meines Lebens einzige Lüge, deren ich mich schäme und die mir
selbst diese Abschiedsstunde vergiften will, hinweg!«
    Er legte die rote Uniform an, setzte den Offizierhut auf, der aus dem
kleinen Klack entstanden war, sah sich mit einer Art von schmerzlichem
Wohlgefallen im Spiegel und philosophierte, vermutlich um den Pflock vor seinem
Herzen festzuhalten, so weiter: »Ein Edelmann zu sein, unermesslicher Vorteil,
unschätzbares Glück, selbst wenn man, wie ich, nicht die Ehre hat der Freiherr
von Münchhausen zu sein, sondern nur der - doch still! Selbst die Lüfte sollen
nicht erfahren, wer ich bin. - Karl! - Als Schrimbs, Peppel, Reifenschläger
liefe ich jetzt fort, wahrhaftig, so täte ich, als Freiherr von Münchhausen
halte ich Stich. Karl! - Wo bleibt der Schlingel? Ich will ihn noch abstrafen
vor meinem Ende, das soll meine letzte gute Handlung auf Erden sein. - Tut der
Name schon so viel, wieviel mehr erst die Sache. Ja, der Adel ist eine Magie,
Bourgeoisie und Philosophie mögen sagen, was sie wollen. Adel ist eine Schrift
mit sympatetischer Dinte; tausendmal verschwunden kommt sie immer wieder zum
Vorschein. Selbst, wenn man sich in eigener Person zum Ritter schlägt, kriegt
man Ehre, und Ehre ist wieder eine Magie, ein Bann, eine Zauberformel. Hätten
die Hasen Ehre, sie ständen wie die Löwen. Wohl hatte Heine recht, wenn er
sagte, Mirabeau würde den Tron zu erschüttern nicht den Mut gehabt haben, wäre
er nicht Graf gewesen, und ich sage, der Artillerieleutnant Bonaparte wäre nicht
Kaiser der Franzosen geworden, hätten seine Vorfahren nicht im goldenen Buche
von Bologna gestanden. Hundert bürgerliche Stimmen in mir rufen: Reiss aus, denn
du kannst es, reiss aus vor diesem mörderischen Schwaben! Aber Münchhausen steht,
Münchhausen steht wie ein Held, Münchhausen wird als Held zu fallen wissen.
Karl! Karl! Ich muss den Esel mir selbst herbeiholen.«
    Münchhausen schoss in seiner roten Uniform gleich einer Feuerflamme des Herrn
durch den Vorsaal, die Treppe hinunter, aus dem Hause nach dem Garten, um den
Schneckenberg zu erklimmen, in dessen Häuslein er den Diener vermutete.
In diesem Augenblicke kam der junge Jäger vom Söller. Seine Schritte waren
schwankend, er hielt sich, was er wohl noch nie getan hatte, am Treppengeländer
fest, wie ein Siecher. Es musste ihm etwas ganz Unerhörtes begegnet sein, denn
man würde umsonst versuchen, den Ausdruck seines Antlitzes zu schildern. Ein
halbes Lächeln wurde von Zügen des äussersten Schmerzes und einer zornigen
Verachtung durchschnitten, Überraschung, Spott, herber Unwille, dieser
vielleicht nicht auf einen einzelnen Menschen, sondern auf ein unbarmherzig
neckendes Geschick, kämpften auf diesen reinen Wangen, auf dieser edeln Stirn,
wie Sonnenblitze, Regenschauer, fahle Lichter und tückische Wolkenschatten an
manchem Tage kämpfen, den die Natur ausersehen zu haben scheint, geheime
Prozesse unter den Lamien, Empusen und Lemuren zur Entscheidung zu führen.
    Seine Pistole brachte er nicht mit. An dem Zimmer Münchhausens schlich er
vorbei, scheu wie ein Verbrecher. Er hielt die Hand den Augen vor, als fürchte
er jemand zu begegnen. Es war ein Knarren und Knacken in dem alten wurmfrässigen
Schloss, als wolle der Baugeist, der es zusammengefügt, ausziehen.
    In dem Nebel draussen standen die Gegenstände unheimlich zu Schemen
verschattet. Er wollte eben den Weg nach der Schlossstrasse einschlagen, als ein
wilder Lärmen im Garten seine Schritte einen Augenblick lang hemmte. Auf den
Gesang des Fräuleins, welchen er schon früher von weitem gehört hatte, war seine
Aufmerksamkeit nicht gerichtet gewesen; plötzlich aber ward Münchhausens Stimme
vernehmbar, welcher überlaut rief: »Was! Hölle, Teufel und alle Furien und
Parzen -
    Jetzt holet das Schicksal, der Racker -«
    Das Fräulein kreischte:
    »Erst den Nussknacker, dann holt es mich!
    Gütiger Himmel, diese kaiserlich birmanische Uniform -«
    »Dieser Anzug, - das rote Kleid, der Paradiesvogel - o Tod und Elend!« -
    Das Gartentor rasselte. Eine Gestalt kam herbeigesprungen. Es war
Münchhausen. Er hatte den Hut verloren. Sein Haar flatterte im Winde. Als er den
Jäger erblickte, rief er keuchend:
    »Bei meiner Ehre, ich wollte nicht ausreissen, aber -«
    »Ich - kann mich nicht mit Ihnen schiessen!« rief der Jäger und lachte
zerstört.
    » ... der böse Feind ist hinter mir ... Sassa! Adieu!« - Er sprang fort und
über die Mauer.
    Das Fräulein kam gelaufen, auch flatternden Haares. »Rucciopuccio! Wo hatte
ich meine Augen?« rief sie und verschwand nach wenigen Schritten im Nebel.
    »Walpurgisnacht bei Tage!« murmelte der Jäger abermals. - Als er den
Talgrund erreicht hatte, hörte er hinter sich oben ein Krachen und dann ein
donnerartiges Getöse, wie wenn ein Gebäude zusammenstürzt.
 
                             Siebenzehntes Kapitel
                            Gedanken in einer Krypte
Der Schriftsteller, welcher seinen Namen zu dieser Arabeskengeschichte
hergegeben hat, weil eben kein anderer zu finden war, sah sich achtsam in der
Krypte um. Dergleichen Krypten oder Klüfte finden sich unter vielen katolischen
Kirchen.
    Die Kirche, von welcher hier die Rede ist, gehörte sonst zu einer alten,
reichen, nachmals aufgehobenen und endlich bis auf die Fundamente abgebrochenen
Abtei. Sie ist daher alt, reichverziert, nur etwas in Verfall geraten. Neben dem
Hochaltare und zu beiden Seiten desselben führen die unter einem Überbau
befindlichen Stufen in die unterirdische Kirche. Durch Geräumigkeit und
überallhin verteilte Zieraten entspricht sie dem oberen Tempel. Eine vierfache
Reihe von kurzen, dicken Säulen trägt das Gewölbe, an den Kapitälern der Säulen
sind bizarre Vogel-, Schlangen-und Menschenköpfe angebracht; hinter dem Altare,
der sich in der Austiefung nach Morgen befindet, erhebt sich das Kreuz und der
Gekreuzigte hängt daran, Maria und Johannes stehen unten am Stamme des Kreuzes
und diese ganze Gruppe ist von derber Faust mit grellen Zügen der Trauer und des
Schmerzes in Sandstein ausgehauen, den man, in der Absicht zu verschönern, mit
glänzend weisser Ölfarbe überstrichen hat. Ringsumher sind Seitennischen, in
welchen die Passionsgeschichte in kleineren Darstellungen aus Holz oder Stein
erscheint, untermischt mit Grabmonumenten der Äbte, deren einige diesen
unterirdischen Ort zu ihrer Bestattung wählten. Die Steine, welche von einem
Teile weggebrochenen Mauerwerks herrühren, liegen in einigen unordentlichen
Haufen in dem düstersten Teile der Krypte umher, dazwischen liegen auch Pfeiler,
welche schadhaft geworden waren und deshalb hölzernen Stützbäumen haben Platz
machen müssen, und einer ist schief gegen die Wand gelehnt.
    Auch hier verbreitete die ewige Lampe ein dämmerndes Licht, welches mit dem
durch die kleinen Fensteröffnungen von aussen einfallenden Tagesscheine
verbunden, die wunderbarsten Schattenspiele um die Gruppe am Kreuz, um die
Kriegsknechte, die den Heiland begleiten, um Simon von Cyrene, an den Gräbern,
an den Pfeilern und ihren Kapitälern umher schuf, und selbst zwischen den
Schuttaufen und den umgewandten Pfeilern dunkle geisterhafte Winkel errichtete.
Die Züge des Schmerzes sahen in diesem Lichte noch schärfer und entsetzlicher
aus, ein fürchterlicher Hohn schien von den Fratzen an den Kapitälern in sie
hineinzuschreien; Schutt und Trümmer erschienen grösser als sie waren.
    Solche Krypten wurden als Grabeskirchen um die Gebeine der Märtyrer
ausgetieft, über welchen sich die Kirchen der alten Zeit erhoben. Denn wie das
Heidentum die Erfindungen des Lebens verewigte und die Stätten festlich
bezeichnete, wo das Ross entsprang und der erste Ölbaum gepflanzt wurde, so hat
das Christentum mit seiner Erfindung Besitz von der Erde genommen, mit dem
Grabe. Erst das Christentum hat das Grab erfunden und seine süssen Zauber. Die
morschen Knochen der Entaupteten, Gepfählten und Gesteinigten machten, wo sie
lagen, das Land in der Runde umher zinsbar und über dem Erdreiche, welches das
Blut der Zeugen gedüngt hatte, blühten die Riesenblumen, die Dome, auf, in
welchen Andacht, Askese, Pracht des Kultus und die Magie der Künste wie ein
berauschender Duft wallte und wehte. -
    Geadelt wurden die Grabeskirchen durch den Gedanken an die Katakomben und
Höhlen, in welchen die ersten Geschlechter der Bekenner den Auferstandenen
feierten, durch den Gedanken an das Grab der Gräber, welches den Auferstandenen
zu fesseln unvermögend gewesen war.
    Der Wanderer erlebte an diesem einsamen Orte, wo alles Gespenstische,
Schattenartige, Sonnenabgewandte der Religion sich zu einer Leichenorgie
zusammengefunden hatte, eine jener Stunden, die er seine mystischen nennt, von
denen er aber nachmals nur stammelnd Rechenschaft zu geben weiss. In diesen
Stunden malt ihm seine Phantasie keine glänzenden Bilder vor, noch erlegt ihm
der Verstand, der scharfe Schütz, einen haltbaren Satz, noch treibt ihm das
Gefühl Tränen in das Auge, sondern er ist in den Dingen und sie sind in ihm. Ihr
wesenhaftes Leben ist der Pulsschlag seines Blutes. - Indem er auf einem der
umgestürzten Pfeiler sass, den Kopf auf den Arm gestützt, umspielt von den
Schatten und Lichtern dieser Grabeskluft, war er in den frühen, buntgemischten
Ursprungszeiten des Christentums und sah die Götter im Streite mit dem Lamme.
Lamm und Olymp kämpften um die Seelen der gottverworrenen Menschen, die mit der
einen Hand sich an dem geheiligten Zeichen der äussersten Schmach, mit der andern
an den Hörnern des Altars anklammern. Sie essen das Fleisch und trinken das Blut
des Gottes, um den neuen Bund in sich zu stärken; bis in die Grüfte der Toten
wird der verwandelte Wein gespendet, um die Abgeschiedenen von Hades und
Tartarus fernzuhalten und im Himmelreiche zu konsignieren, aber das hilft alles
nichts, die Götter sind schlau und schleichen sich unter mancherlei
Verkleidungen in das feindliche Lager, dort neckenden Missverstand, Irren und
Wirren anzurichten. Der Vogel der Juno spreizt sein Rad an den Wänden der
Katakomben aus und schreit von Unsterblichkeit, Bacchus der Gott schickt seine
Tiger, schleudert den Wurfspiess in den Weinberg des Herrn, Apoll erinnert sich,
wie er bei Admeten die Schafe gehütet, und maskiert sich als guter Hirte, frech
zeigt sich sogar der Phallus in der Welt, welche Entsagung buchstabierend
einlernt, das allerschwerste Wort, das Wort, immer wieder von der armen
Menschenlippe vergessen.
    Eigentümliches Kampfgewimmel, schwärmendes Larvenspiel der Vorstellungen!
Wunder auf Wunder müssen geschehen, um die Macht des drängenden Paganismus
abzuwehren; diese Zeiten, die man zu den einfachsten, geistigsten des
Christentums hat umprägen wollen, sind die sinnlichsten, materiellsten; man will
es mit Händen greifen, das Heilige, der Glaube hat sich in seinen eigenen Tiefen
anstatt der Wolken, die Zeus versammelt, und der Furche, in welche Demeter das
Korn sät, einen neuen Stoff erzeugt. Dieser Stoff ist die Träne, das Leiden, das
Geheimnis, die Entzückung. Er schwelgt an dem Stoffe, er geniesst ihn.
    Und nun? - Wer mag die Strömung nennen, in welcher das Schiff unserer Tage
fährt. Wer das Wort des Rätsels aussprechen, an dem die Geschlechter der Erde
nagen? So viel ist richtig: der Tod und der Himmel sind zurückgewichen in den
Hintergrund der Gedanken, und auf der Erde will der Mensch wieder menschlich
heimisch werden. Heisst das: Er will das Fleisch bei Champagner und Austern
emanzipieren? Nein. Heisst's: Die Erde soll ihm nur das Mistbeet sein, in dem er
sich sein Gemüse zieht? Nein. - Sondern mit den Blitzen seines Geistes will er
die Erde durchdringen, dass sie geistschwanger werde, er will sich an ihr eine
Freundin seiner besten Stunden, eine ernste und doch heitere Gefährtin seiner
reifsten und männlichsten Jahre gewinnen.
    Und da wird wieder die Religion in das Mittel treten müssen. Denn die
Weltgeschichte ist immer nur das Gewand der Gottesgeschichte. Aber wie? Der Atem
der Zeit sauset, und wen er berührt, der weiss nicht, wie er gestern dachte, noch
wie er morgen denken wird. Abgetan liegt das Mittelalter hinter uns mit seinen
zwei Entdeckungen, der Hierarchie und der christlichen Kunst. Die Kunst büsst, wo
sie sich jetzt gegen den Himmel wenden will, ihre Naivetät ein und mit der
Naivetät hat eine Kunst ihre Jungfrauschaft verloren und mit ihrer
Jungfrauschaft alles. Denn die Kunst wird nie ehrbare Hausfrau und Mutter; sie
ist entweder Jungfrau oder Metze. - Rom kann noch donnern und blitzen, es kann
von mancher säuerlichen Stimmung ausgebeutet werden, es kann sogar noch grossen
Nutzen stiften durch Verbindung mit tüchtigen Welfen allzu tölpelhaften
Ghibellinen gegenüber, aber sein Regiment ist vorbei, seitdem selbst mancher
Bauer weiss, dass man der Sonne nicht gebieten dürfe, um die Erde zu laufen.
    Also eine neue Entdeckung tut der Religion not, wenn das dritte Weltalter
anbrechen soll. Wie, wenn es abermals etwas von einem heiteren Paganismus
annähme? - Wenn das Formeln- und Dogmenwesen aufhörte, und die Satzungen des
Tridentinischen Konzils und die Sätze der Symbolischen Bücher sich völlig und
ehrlich antiquierten, anstatt die gegenwärtige fiktive Herrschaft noch so
fortzuschleppen? Wenn die Sprüche des Evangeliums nicht mehr gebraucht würden,
die Menschen und die Verhältnisse zu verwirren? Wenn jeder sich rechtschaffen
überzeugte, das Christentum sei eine von Ewigkeit beschlossene und in Ewigkeit
fortzeugende Tatsache, erhaben über die kleinliche Diplomatie, die sich in der
Folgerung offenbart: das darf nicht zugegeben werden; denn sonst fällt auch das
und das über den Haufen?
    Der Geist der Geschichte muss allgemeiner die Geister durchdringen, als
bisher geschehen ist. Die Kirchengeschichte muss die Menschen mehr belehren als
der Katechismus und das Credo und das Symbolum. Sich inniglich und haltbedürftig
als eines der letzten Glieder der grossen Kette zu empfinden, die aus unzähligen
Ringen besteht, unter denen auch die Sekten, die Ketzereien, der Krieg gegen die
Waldenser und die Weihnacht zu Canossa so wenig fehlen dürfen als die Konzilien,
die Gedanken der Kirchenväter und die Glaubenstaten der Reformatoren - das wird
das neue Christentum sein, welches mit der Krippe zu Betlehem im Busen des
Gläubigen beginnt und in dessen letzten andächtigen Minuten die jüngste
Offenbarung feiert. Die Erleber dieser neuen Konfession (denn Lippen werden
nicht oft sie zu bekennen vermögend sein, weil dieses Dogma über das Wort
hinausgeht) werden zugleich Katoliken sein und Protestanten und Quäker und
Ketzer. Anfangs wird die Gemeine klein sein und verachtet oder des
abscheulichsten Indifferentismus bezüchtiget, nach und nach wird sie sich
ausbreiten und zuletzt die allgemeine Kirche werden.
    Die Stiftung dieser Kirche wird nicht von dem Willen der einzelnen abhangen.
Unbewusst, durch schwere, vielleicht furchtbare Ereignisse wird der Geist Gottes
sein unwiderstehliches Nötigungsrecht ausüben. - Aber so ausgeweitet, in diesem
erschlossenen Bewusstsein wird der Mensch erst würdig sein, von der Erde auf neue
Weise Besitz zu nehmen. Dann wird sie ihm Kränze bieten, deren Duft und Glanz
noch niemand ahnet. In dem Sinne werden der Enkel Enkel wieder Heiden werden,
dass sie es für Gewinn achten, wenn sie einen Gott mehr bekommen.
 
                                   Intermezzo
Während der Schriftsteller sich in der Krypte seinen zur Zeit noch verbotenen
Gedanken ergab, trug sich in der nahen Schenke eine derbe Szene des Lebens zu.
In der Stube nämlich fuhr durch einen Kreis gaffender Bauern eine Gestalt, deren
auffallender Anzug durch die Eile, womit sie ihr Ziel verfolgt hatte, in
Unordnung geraten war. Sie hatte eine Erkundigung angestellt, welche ihr von den
Bauern nicht hatte gegeben werden können, und war darauf rasch zur Türe hinaus
wieder dem Ziele ihrer Verfolgung nachgeeilt. Obgleich diese Gestalt die
wunderlichste und lächerrlichste Figur bildete, so lachten die Bauern dennoch
nicht, sondern standen in stummen, nachdenklichen und zum Teil verlegenen
Gruppen umher. Einige strichen sich das Haar glatt, andere sagten: »Hm!« und
zwei legten den Finger an die Nase. In der Mitte aber stand ein Mann, dessen
Anzug eine etwas höhere Beschäftigung anzeigte, denn er trug einen abgeschabten
grauen Frack und eine gelbe Nankingmütze mit einer Troddel. Dieser hatte eine
besonders nachdenkliche Miene angelegt, er öffnete endlich seinen Mund und
sprach: »Hab' ich's euch nicht hundertmal gesagt, Leute, die Natur steckt voller
Wunder, hab' ich's nicht? Schock, Gegenschock, das ist ein grosses Geheimnis.«
    Die Bauern gaben ihm teils mit Worten, teils durch Gebärden recht, denn er
erfreute sich unter ihnen einer grossen Autorität. Er war der Chirurgus, welcher
Lisbet verbunden hatte und erklärte alle Übel, welche den Menschen treffen
können, aus dem Schock und Gegenschock, wie er sich in seiner Terminologie
ausdrückte.
    »Zum Beispiel«, fuhr der Chirurgus fort, indem er ein Glas
Wacholderbranntwein gegen den bösen Nebel trank; »die Natur draussen wird im
Herbst oder so gegen das Frühjahr rheumatisch, das tut ein Geschnaube von Winden
hin und her, in diesem Augenblicke warm, im nächstfolgenden kalt, Regnen und
Graupeln vom Himmel, Feuchtigkeit - mit einem Worte:
    Katarrh draussen - Schock. - Gleich die Natur inwendig auch zu schnauben
angefangen - Hitze, Kälte, Augen tränend und fliessend - Katarrh inwendig -
Gegenschock! Verstanden, Leute?«
    Die Bauern bejahten und gaben dem Chirurgus vollkommen recht, denn sie
hatten seine Teorie an Feier- und Werkeltagen oftmals vortragen hören, und sie
mit ihrem Spruche: »Wie du mir, so ich dir«, vollkommen übereinstimmend
gefunden. Aber wie die Anwendung derselben auf die Person zu machen sei, welche
soeben das Zimmer verlassen hatte, darüber waren sie weniger im klaren. Sie
erwogen in ihren Gesprächen, wie das Fräulein, worüber sie immer, wo sie sich
gezeigt, wegen ihren »gecken« Reden gelacht, nun auf einmal so gefasst und ganz
bei sich unter sie getreten sei, sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in roter
Uniform vorbeikommen gesehen, wie das Fräulein sie beschworen habe, ihr die
Wahrheit zu sagen und zu glauben, dass sie wohl wisse, was sie tue, denn sie habe
zwar früher viel an einen Fürsten gedacht und an ein Stiftskreuz, aber es könne
sein, dass dergleichen nur Lüge von einem anderen oder eine Einbildung von ihr
gewesen sei, den Mann jedoch habe sie plötzlich an seiner roten Uniform und an
einem Liede wirklich und wahrhaftig wiedererkannt, und diesen Mann müsse sie
ausforschen, denn er habe ihr einst grosses Unrecht zugefügt, und dafür müsse er
ihr Genugtuung leisten, sollte sie ihn auch bis an das Ende der Welt verfolgen.
- »Sie brachte das alles so erbärmlich und anzüglich und so recht adrett heraus,
dass man ihr glauben musste, und dass wir ihr gern den Roten entdeckt hätten, wäre
er uns nur bekannt gewesen«, sagte der alte Bauer, der sich am gesprächigsten in
jenen Erläuterungen gezeigt hatte. - »Aber wo liegt hier der Schock?« setzte er
fragend hinzu.
    »Ja, und absonderlich der Gegenschock?« fragte ein jüngerer Bauer.
    Der Chirurgus liess sich noch ein Glas Wacholderbranntwein geben, um seine
Darstellungskräfte zu schärfen, so taten auch die Bauern um ihre Fassungsgaben
zu stärken. Nachdem die Gläser geleert und dem Wirte zurückgegeben worden waren,
erhob der Chirurgus wieder seine Stimme und sprach: »Das wisst ihr doch alle,
Leute, dass es sich bei den Frauenspersonen lediglich und ganz allein um den
Punkt dreht, ob sie einen Mann kriegen oder ob sie keinen Mann kriegen?«
    »Versteht sich!« riefen die Bauern ohne den mindesten Zweifel.
    »Nun also. Ein Frauenzimmer, wie à propos das Fräulein, hat keinen Mann,
aber vor alters einen Liebhaber gehabt. Der Liebhaber ist weg - Einsamkeit -
lauter Einbildungen, Geckereien - pure Verrückteit - Fürst - Stiftskreuz. -
Plötzlich von draussen der alte Liebhaber wieder da - Schock -«
    Freudig riefen die Bauern: »Aha, inwendig im Frauenzimmer auch nichts als
der simple Liebhaber - schlechtweg - Frauenzimmer wieder klug - Gegenschock!«
    Der Chirurgus sah mit grosser Genugtuung umher und empfand ein
ausserordentliches Behagen, dass seine Lehren in diesem Kreise schon so tiefe
Wurzeln geschlagen hatten und dass die Bauern mit einer leichten Nachhülfe von
seiner Seite fertig zu argumentieren wussten. Das Gespräch zwischen ihm und den
Bauern setzte sich nun über denselben Gegenstand, nämlich über die Verwandlung
des Fräuleins, fort, und mancher Wunsch wurde laut, dass es ihr gelingen möge,
ihren roten Liebhaber einzuholen, obgleich es, wie einige bemerkten,
verwunderlich sei, dass eine so alte Person hinter einem Manne her durch die Welt
laufe. - »Sie sah aber auch heute im Gesicht ganz anders und jünger aus«,
bemerkte einer. »Das kam von der kalten Luft«, versetzte ein anderer. »Nein, vom
Gegenschock«, sprach der Chirurgus mit Ansehen und schloss durch dieses Wort die
Debatte.
    Während der Gespräche, deren Inhalt soeben notdürftig angeführt worden ist,
fütterten vier Pferde vor dem Eingange zur Schenke aus Krippen, die ihnen
untergestellt worden waren und in welche der Postillion Brot einschnitt, in der
Wirtsstube aber sass ein ernster Mann hinter dem Tische in der Ecke. Die Pferde
gehörten zu einer glänzenden Reiseequipage, welche an den Schlägen ein adeliches
Wappen zeigte, unten und oben Magazine und hinten einen Sitz hatte, in welchem
eine schlafende Kammerjungfer sass, während der Kammerdiener, der mit ihr sonst
den Sitz teilte, neben dem Schlage stand und in dieser vom Dienst freien Pause
eine Zigarre rauchte. Denn die Herrschaft war ungeachtet des dichten Nebels nach
einer nahen romantisch gelegenen Klippe gehüpft, um so viel zu sehen, als eben
zu sehen war. Gehüpft - muss es heissen, denn sie gingen nicht, sondern sie
hüpften, wann sie aus dem Wagen stiegen. Es waren junge vornehme Gatten, die
unmittelbar nach der Vermählung ihr frisches Glück durch die Welt
spazierenführten.
    Der Mann in der Stube sass dagegen sehr ernstaft hinter einem Buche und las.
Er war ein alter Bekannter, sogar ein Stück von einem ehemaligen Nebenvormunde
der jungen Dame. Zufällig hatte sie ihn einen Tag nach ihrer Vermählung mit dem
Kavalier aus den österreichischen Erblanden getroffen, von ihm erfahren, dass
auch er eine Rheinreise anzustellen im Begriff stehe und ihm sogleich einen
Platz in ihrem Wagen angeboten. Der junge Ehemann machte zwar über diesen Zeugen
seiner Flitterwochen ein etwas verdriessliches Gesicht, die junge Dame spürte
einen Augenblick später aus gleichem Grunde eine leichte Reue, aber
Verdriesslichkeit und Reue kamen zu spät, denn der ernste Mann hatte das
liebenswürdige Erbieten schon angenommen. Man musste sich also zusammen auf den
Weg begeben und ineinander zu schicken suchen, wie es gehen wollte. Nicht wenig
lachte die junge Dame, als sie erfuhr, welches der eigentliche Reisezweck ihres
Begleiters sei. Sie meinte, es sei wunderseltsam, dass die Vernunft hinter der
Torheit herjage, das Einholen sei zweifelhaft, denn die Vernunft habe
Elefantenfüsse und die Torheit federnde Sohlen. Und als er über diese leichten
Reden ein verstimmtes Gesicht machen wollte, so hatte sie mutwillig gerufen:
»Was gilt die Wette, dass Sie der einzige von uns allen sind, welcher auf dieser
Reise Schwabenstreiche begeht?«
    Nie war eine verschiedenartigere Gesellschaft zusammen auf Reisen gewesen.
Die jungen Gatten wollten immer weiter, immer weiter, in Mainz sprachen sie von
Rotterdam, in Koblenz von Amsterdam, in Köln sprach der junge Kavalier von
England, was besucht werden solle, seine Dame rief: »Nein, Schottland muss ich
wenigstens sehen!« - Der ernste Begleiter sehnte sich dagegen schon nach den
ersten zwanzig Meilen in seine Amtsstube zurück. Den jungen Gatten war kein Turm
zu hoch und kein Felsen zu steil, sie mussten ihn erklimmen; er blieb dagegen
meistenteils unten, und suchte sich so leidlich als möglich im Tale auf seine
eigene Hand zu unterhalten. Wenn die Dame nun davon hörte, so kannte ihre
Munterkeit keine Schranken. Doch waren ihr und dem Gemahle die besonderen
Neigungen, denen ihr Gefährte unterweges nachging, nicht gerade unlieb, denn er
störte sie deshalb weniger, als sie anfangs befürchtet hatten.
    Dieser Mann besass ein sehr ehrliches, wohlgebildetes, aber etwas
aschgräuliches Gesicht, und zwischen Nase, Wangen und Kinn die Runzel, welche
man die Aktenrunzel nennen kann. Er mochte in der Mitte der Dreissig stehen, sah
jedoch viel älter aus. Er gehörte zu einer Klasse von Reisenden, die Yorick
nicht in der »Vorrede im Désobligeant« aufzählt, und die immer mehr ausstirbt;
er war der Geschäftsmann auf Reisen.
    Der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde - denn so wird er wohl heissen-hatte
unterwegs nur Gedanken an sein Amt, an seinen alten Aktuarius und an die gelb
angestrichenen Schränke seines Archives. Ihn verliess der Ärger darüber nicht,
dass er es bei seiner Oberbehörde nicht hatte durchsetzen können, die Formulare
zu den gewöhnlichen Expeditionen litographieren lassen zu dürfen, wodurch nach
seiner innigsten und pflichtmässigsten Überzeugung nicht allein Zeit, sondern
selbst Aufwand an Kosten erspart werde; ein Punkt, der ihm beinahe das Herz
abstiess, denn, pflegte er für sich zu sagen, wenn der Unverstand zu breit
regiert, so wird er dem ruhigsten Staatsbürger unerträglich. - Gern wäre er
schon bei Frankfurt wieder umgekehrt, und nur die Vorstellung, dass diese Reise
ein Geschäft sei, hielt ihn bei ihr fest. Ihr Ende wünschte er jedoch mit
Sehnsucht heran.
    Indessen sollte sein Beharren doch auch einen Lohn empfangen, der ihn
einigermassen schadlos hielt für die Felsen, Burgen, Kirchen, Sammlungen, die er,
wie er vielleicht nicht ganz unrichtig bemerkte, daheim schon ebensogut gesehen
hatte. In der Nähe des Rheins und den Strom entlängst begannen nämlich die Reste
der französischen Verwaltung und die öffentliche Gerichtspflege, welche ihm neu
war, seine Aufmerksamkeit zu fesseln und nahmen bald sein ganzes Interesse in
Anspruch. Nun gab es kein Regierungs- und kein Justizhaus, was er nicht
besuchte, ja seine Wissbegierde erstreckte sich bis zu den Friedensrichtern und
Polizeibüros hinunter. Er stellte sich überall selbst als den Oberamtmann Ernst
vom Schwarzwalde vor und in diesem dienstlichen Charakter gelang es ihm, mit
Geschäftsleuten mannigfaltige Verbindungen anzuknüpfen, die ihm bisweilen auf
Spaziergängen am Strome unter Klippen und Trümmern, oder byzantinischen Portalen
und Weinhügeln vorbei zu schönen Aufschlüssen über Stempelsachen verhalfen, oder
ihn mit dem Mechanismus der Sicherheitspolizei bekannt machten. Dann und wann
hatte er selbst den Trost, seinen Gram über die nicht zu erlangen gewesene
Litographierung der Formulare in den vertrauten Busen eines Friedensrichters
auszuschütten, der ähnliche Gebresten über die Kurzsichtigkeit seiner
Vorgesetzten ihm verstohlen entdeckt und ihm dadurch eine Zuversicht aufgeregt
hatte. So konnte er denn eher die Beschwerden dieser Reise ertragen. Er liess das
junge Ehepaar, wie er sich ausdruckte, umherrasen nach Belieben, und fing an,
sich in der Fremde mehr zu Hause zu fühlen. War er auf sein eigenes Selbst
angewiesen, so las er in dem Buche, welches er mitgenommen hatte, nämlich im
württembergischen Gesetzbuche. Er war, nachdem er sich so eingerichtet hatte,
jetzt zuweilen recht munter. Nur darüber empfand er Kummer, dass in keiner der
Rheinstädte, welche die Reise berührte, gerade Assisen gehalten wurden. Denn
einer solchen Verhandlung beizuwohnen wäre seine höchste Freude gewesen, weil er
nicht zu begreifen vermochte, wie man einen armen Sünder bloss so mündlich und
ohne wenigstens hundert Protokolle zum Schafott befördern könne. Von Köln war
er, wie er dem Jäger früher angekündigt hatte, rechts abgegangen nach Westfalen.
Gern wäre er allein gereiset, aber die junge Dame Clelia bekam plötzlich die
Laune, ihren Vetter, den sie sehr lieb hatte, auch sehen zu wollen, und so musste
er sich mit einem sauersüssen Gesichte unendlich glücklich schätzen, noch länger
die Ehre des Zusammenseins mit ihr zu haben.
    Nach der Klippe, die in der Nähe dieser Schenke über einem rauschenden
Waldbache hing, mitzugehen, hatte er natürlich auf das entschiedenste und
höflichste abgelehnt, sich vielmehr während des Aufentalts zu seiner Lektüre
niedergesetzt. Diese brachte in ihm stets eine Art von Rausch hervor. Er fühlte
sich immer, solange er in dem württembergischen Gesetzbuche las, oder
unmittelbar nach der Lesung der Gegenwart und Umgebung entrückt. Dadurch hätte
er heute fast eine unangenehme Szene haben können.
    Die Erscheinung des Fräuleins zog ihn nämlich eine Zeitlang von dem Buche
ab. Er betrachtete ihren Anzug, er hörte ihre Reden und seine Meinung hatte sich
bald festgestellt. Nachher vernahm er von den Gesprächen der Bauern und des
Chirurgen wenig oder nichts, denn er wünschte die Materie zu Ende zu lesen, bei
deren Erwägung ihn jener sonderbare Auftritt gestört hatte. Als dieses geschehen
war, stand er auf, ging zu dem Haufen und fragte mit Würde, indem sein Auge den
Chirurgen als einen Nichtlandmann herausgefunden hatte: »Ist hier niemand unter
euch, der eine Art von Amt bekleidet?«
    Die Bauern, die bisher nicht auf ihn geachtet hatten, betrachteten ihn jetzt
aufmerksam und neugierig. Schon seine Bekleidung musste ihre Verwunderung
erregen, denn eine dergleichen war in dieser Gegend noch nicht gesehen worden.
Er trug nämlich gegen Regen und Staub einen sogenannten Mackintosh, welcher
offenstehend, dem Manne das Ansehen einer Vogelscheuche, zugeknöpft aber die
Gestalt einer Wurst gibt. Der Oberamtmann hatte ihn zugeknöpft und sah daher aus
wie eine Wurst. Dieser Rock und die plötzliche Frage machten die Bauern stutzen;
sie stiessen einander an, flüsterten, aber niemand gab eine Antwort.
    »Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?« wiederholte
der Oberamtmann, schärfer betonend.
    Der Chirurgus trat vor, denn seine Ehre erlaubte ihm nicht, auf eine so
bestimmte Frage anonym zu bleiben. Er war sich zwar bewusst, keinerlei
Staatsexamen gemacht zu haben und mitunter in Notfällen auch zu rasieren; das
schadete aber dem Gefühle seiner Würde nicht und trotzig, das Chemisett aus der
Weste zerrend, sagte er: »Allerdings habe ich ein Amt in dieser Gemeine, nicht
eine Art von Amt, sondern ein Amt.«
    »So geht, Freund, jener Person nach und bringt sie zum Vorsteher, damit sie
nach ihren Papieren befragt werde, denn ihr Anzug und ihr ganzes Betragen war
höchst auffallend, und das Passreglement schreibt vor, auf solche
verdachterregende Inividuen überall Augenmerk zu haben.«
    »Freundschaft«, versetzte der Chirurgus mit dem landüblichen Ausdrucke, »ich
verstehe Euch nicht.«
    Der Oberamtmann, welcher sich weit aus Westfalen entrückt wähnte, rief
zornig: »Ich sage Euch, Ihr sollt mit jener Person zum Gemeinevorsteher gehen.«
    »Freundschaft«, erwiderte der Chirurgus, »wenn Ihr etwas beim Vorsteher zu
suchen habt, so geht selbst zu ihm.« - Die Bauern murrten und drängten sich halb
lachend und halb ergrimmt näher.
    Der Oberamtmann, der vom Schwarzwalde her die Mittel kannte, widerspenstige
Eingesessene zum Gehorsam zu bringen, warf rollende Blicke im Kreise umher und
rief mit starker Stimme: »Wisst ihr, wer ich bin?«
    »Ihr seid nicht recht klug, Freundschaft«, fuhr der Chirurgus heraus, der in
so starker Gesellschaft einen ausnehmenden Mut besass. - Sich vergessend, trat
der Oberamtmann auf ihn zu, die Hand erhoben, die Bauern aber drängten sich
tumultuarisch zwischen beide, der Chirurgus sah in solcher Verschanzung sehr
giftig und tollkühn aus, ein Bauer fing die aufgehobene Hand des Oberamtmannes,
zwei andere zerrten hinten an dem Mackintosh, so dass die Figur des Oberamtmanns
dem Schmetterlinge zu gleichen begann, welcher der Trauermantel heisst, die
anderen liessen bedrohliche Gebärden sehen, und die wildeste Unbill stand bevor,
wenn nicht in diesem verhängnisvollen Augenblicke das junge Paar die Stube
betreten hätte.
    Clelia hatte auf einen Augenblick ihre Laune eingebüsst und sich schüchtern
hinter den Gemahl gestellt. Dieser rief den Bauern einige freundlich begütigende
Worte zu, und da sie schon wussten, dass er ein Vornehmer war, so liessen sich die
Leute auch sogleich beschwichtigen. Die Hand des Oberamtmannes wurde ihrer Haft
entlassen. Der Mackintosh bekam ebenfalls seine Freiheit wieder, die Bauern
setzten sich still in eine Ecke. Nur der Chirurgus drohte noch einige Male von
fern mit der Faust.
    Clelia sass bei dem Buche und sah lächelnd nach dem Oberamtmanne, der
verlegen und verdriesslich im Zimmer auf und nieder ging. »Um des Himmels willen,
was hatten Sie denn hier vor?« fragte ihn der junge Kavalier leise.
    »Diese Schelme versagten mir den Gehorsam, als ich einen zu dem
Gemeinevorsteher schicken wollte«, polterte der Oberamtmann.
    »Aber, mein Gott, Freund, wir sind ja nicht im Schwarzwalde«, sagte sein
Reisegefährte lächelnd.
    Hier schien der eifrige Beamte erst wieder ganz zu sich selbst zu kommen. Er
warf einen bestürzten Blick auf sein Buch, wurde etwas rot und stotterte: »Man
kann sich wohl einmal vergessen, wenn man sich in eine Materie vertieft hat.« -
Er wollte das Buch nehmen, der Kavalier kam ihm aber zuvor, las den Titel und
rief verwundert: »Wie? Sie studieren gar auf der Reise in Ihrem Gesetzbuche?« -
»Ich habe es allerdings mitgenommen«, versetzte der Oberamtmann, »um in müssigen
Stunden, deren es auf Reisen manche gibt, einige schwierige Punkte darin
reiflicher zu überdenken, als dieses bei der Geschäftslast zu Hause möglich
ist.«
    Clelia summte halb singend zwischen den Lippen:
Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen süss
Als der grosse Don Quixote,
Da er das Kastell verliess.
Ihr Gemahl biss sich auf die Lippen und alles sah dem Ausbruche eines Gelächters
über den armen Oberamtmann ähnlich, als dieser sich mit grossem Ernste zu der
jungen mutwilligen Dame wandte und sagte: »Gnädigste Frau, wenn Sie mich für
eine Art von Akten - Don Quixote halten, dem das württembergische Landrecht
überall seinen Oberamtsbezirk phantasmagorisch zeigt, so erlaube ich mir, Ihnen
zu erwidern, dass der Ritter von La Mancha in seinem Wahne von einer Zeit der
Grossmut, Tapferkeit und Courtoisie in einer nüchternen Gegenwart durchaus nicht
geringzuschätzen war, und dass daher, wer jetzt in dieser zerfahrenen, reisenden,
umherrennenden Zeit nur in einem Dinge, und sei es auch nur das württembergische
Landrecht und ein Oberamtsbezirk, zu Hause sein mag, keinesweges zu den
schlechtesten Staatsbürgern gehören dürfte.«
    Auf diese komisch-feierliche Anrede streifte die junge Dame den Handschuh
von ihrer weissen Hand, hielt diese zum Kusse dem Geschäftsmanne hin und sagte:
»Ich vergebe Ihnen, denn eigentlich blutet Ihnen doch das Herz, Ernst, wenn Sie
sich so rauh gegen mich anstellen, was Sie freilich meines Gemahles wegen tun
müssen, um ihn nicht eifersüchtig zu machen, da man ja weiss, dass ich immer Ihre
stille Liebe war.«
    Solchen plötzlichen Wendungen war er nicht gewachsen und wusste ihnen um so
weniger zu stehen, als es ihm immer besonders wohl tat, wenn man ihn für eine
zärtliche Natur hielt. Er beugte sich daher auf Clelias Hand, küsste sie nicht
ohne Ausdruck, sah ihr gedankenvoll in das schöne, blühende Antlitz, seufzte und
lachte dann plötzlich, wie in tiefer Zerstreuung, auf. In dieses Lachen waren
nunmehr die jungen Gatten einzustimmen berechtigt und so endete der ganze
Einhergang lustig.
    Der Kammerdiener meldete, dass der Oberhof nur wenige Stunden entfernt sei.
Clelia aber, die noch bis vor kurzem ihr Vergnügen geäussert hatte, den Vetter
mitten aus den Bauern herauszuholen, änderte jetzt plötzlich, was ihr täglich zu
öfterem begegnete, ihre Meinung, hielt es für schicklich, nach der Stadt zu
fahren und Oswald dahin bestellen zu lassen. Wie hätte der junge Gemahl, der
nichts als Glut und Zärtlichkeit war, wie hätte der geheime zärtliche alte
Anbeter widerstehen können? So schwebte denn die kleine volle Gestalt, die ein
braunseidener Überrock knapp umschloss, am Arme des Gemahls graziös zur Türe
hinaus und zeigte, als die Männer ihr die Hand zum Einsteigen boten, das
zierlichste Bein über dem feinen Fusse. Der Oberamtmann erklärte, als er
einsteigen sollte, dass er nach der Stadt gehen wolle, weil er um diese Stunde
daheim sich seine Motion zu machen pflege. Der junge Kavalier konnte kaum einen
Ausruf des Entzückens bei dieser Nachricht, die ihm den Wagen ungeteilt mit
seiner Dame versprach, unterdrücken. Sie sah errötend mit halbgeöffneten Lippen
vor sich hin, er stieg zu ihr ein, legte ihr aufmerksam die Boa, welche
heruntergefallen war, um Schulter und Leib, und die beiden Glücklichen, deren
ganzes Wesen in süsser, süddeutscher Sinnlichkeit schwamm, rollten davon.
    Auch der Oberamtmann kehrte in erhöhter Stimmung nach der Schenkstube
zurück, um sein Buch zu holen. Er pfiff sogar für sich ein Stückchen aus der
»Zauberflöte«, worüber er jedoch erschrak, als er es hörte. Inzwischen war der
Mann im braunen Oberrock aus der Krypte wieder nach der Schenke gekommen und
erkundigte sich in der Stube ungeduldig bei dem Wirte, ob noch kein Freiherr von
Münchhausen dagewesen sei und nach ihm gefragt habe. Auf die verneinende Antwort
des Wirtes, der sehr einfältig zu sein schien, gab ihm der Schriftsteller, der
nicht gern in der Schenke warten, sondern sich durch einen abermaligen Gang die
Zeit vertreiben wollte, seine Karte, damit kein Missverständnis und keine
Namenverwechselung vorfallen möge. Der einfältige Wirt, der nicht lesen gelernt
hatte und vermutlich glaubte, dass ein dritter unparteiischer Zeuge in dieser
dunkelen Angelegenheit das beste Licht verbreiten könne, reichte die Karte dem
Oberamtmanne mit der Bitte, sie ihm zu entziffern. Dieser las was darauf
gedruckt stand, und musterte dann den Fremden, zu dem ihn schon bei dem ersten
Sehen eine gewisse Sympatie hingezogen, mit glänzenden Blicken. Der Blitz von
Galanterie, der bei dem Kusse auf Clelias Hand sich in seinem Herzen entbunden
hatte, fachte die geschäftliche Begeisterung nur noch mehr bei ihm an. Er fragte
den anderen rasch und leidenschaftlich: »Wissen Sie vielleicht, ob in einem der
Orte weiter abwärts von Köln gegenwärtig Assisen gehalten werden?«
    Der Gefragte stutzte, besann sich und versetzte: »Assisen? Gegenwärtig?
Weiter abwärts? Ich weiss nicht - doch ja - wenn mir recht ist - ich erinnere
mich - in Elberfeld können sie bald im Gang sein.«
    »Elberfeld? Wie weit von hier?«
    »Acht bis neun Meilen.«
    Der Oberamtmann schnippte wie ein Knabe der erfährt, dass keine Schule heute
sei, mit den Fingern und rief fröhlich: »So kann ich ja wahrhaftig doch noch so
glücklich sein, einer Assise beizuwohnen.«
    Der im braunen Oberrock setzte jetzt abermals seine Brille auf, legte die
Hände auf den Rücken, trat dem Oberamtmanne dicht unter die Augen, zog seine
Brauen zusammen, sah ihn scharf an und sagte darauf: »Glückselig, mein Herr? -
Sonderbarer Schwärmer!« - Er ging.
    Der Oberamtmann blickte ihn nach. - »Wäre doch kein Mann für mich«, sagte er
nach einer Pause. Auch er ging, sein Buch in der Tasche, die Galanterie für
Clelia und die Elberfelder Assise im Herzen.
    Auch die Bauern erhoben sich und wollten gehen, desgleichen der Chirurgus.
Da kam aber der Ehinger Spitzenkrämer in das Zimmer gestürzt und rief überlaut:
»Wisst's was Neues? Wisst's was Neues? Ja, wann die Ehinger nit wären, ihr erführt
euer Lebtag' nichts Neues.«
    »Was ist denn vorgefallen?« fragten die Bauern.
    »Vorgefallen? Nichts vorgefallen, eingefallen ist was. Das alte Schloss da
droben eine halbe Stund' von hier ist eingefallen in eurem wüsten Wind und
Wetter hierzuland'. Ein Mann, der am Dorf vorbeilief, sagt' es mir soeben! O
wenn mein Captain Gooseberry nur nicht noch darin verweilt hat!«
    »Zum Henker!« riefen die Bauern, »das ist ja ein vertrackter Streich. Wenn
nur der alte Herr Baron nicht darunter zu Schaden gekommen ist! Kommt alle hin!«
- Sie brachen stürmisch auf, die einen, um zu helfen, die anderen aus Neugier.
    Der Chirurgus war tiefsinnig in der Mitte der Stube stehengeblieben, den
Finger an die Nase gelegt. - »Wollt Ihr nicht mit?« fragte der Ehinger, der noch
einmal zurückkam. »Ihr könnt vielleicht Hülf' schaffen.«
    »Allerdings«, versetzte der Chirurgus, und brachte den noch von früherer
Zeit heraushangenden Busenstreifen in Ordnung. »Trepanieren oder zum wenigsten
sezieren. - Aber, Freundschaft, lasst uns langsam nachgehen, denn der Schutt muss
doch erst hinweggeräumt werden, bevor die Lebendigen oder zum wenigsten die
Toten herauskommen. - Übrigens kann dieses anscheinliche grosse Unglück eine sehr
nützliche allgemeine Hauptveränderung bei dem alten Herrn Baron hervorbringen.«
    »Wie das?« fragte der Ehinger.
    »Freundschaft, passt auf. Sturz - Fall auf einen harten Körper - Schock! Pia
Mater - Revolution im Cerebellululo - Lebensgeister in Aufruhr - Befreiung -
Gegenschock! - Ich sage nichts weiter.«
Womit soll ich dich vergleichen, alte närrische Erde? Bist du ein Käse, auf dem
Milben umherkrabbeln? Bist du ein Schachbrett, auf welches eine unsichtbare Hand
die Figuren nach einer gewissen Ordnung und Regel stellt, und wo dann der grosse
Spieler sie planvoll Zug und Gegenzug machen lässt, weil er mit sich selber die
geheimnisvolle Partie spielt? Oder bist du ein Mittelding von beiden, ein
schönes, getäfeltes, blankgebohntes Parkett, auf dem bei dem Schalle der Flöten
und Geigen reizende Mädchen und hübsche Jünglinge den Cotillon tanzen, den
reichen, tourenunerschöpflichen Tanz, und alte Herren umherstehen, und zärtliche
verwelkte Mütter umhersitzen? Niemand weiss, ob ihn nicht eine Schöne in einer
artigen Kaprice, wie das launenvolle Glück, holt, auf dass er mit dem
holdatmenden Glücke noch eine unerwartete Runde durch den Saal mache; und
andere, welche meinen, ihnen könne es nicht entgehen, bleiben ungeholt. -
Plötzlich zerstört ein ungeschickter und übersehener Stuhl die künstlichsten
Reigen und manche zärtliche Mutter wird unversehens auf den Fuss getreten, und
die alten Herren wissen nicht, wohin sie sich vor einer improvisierten wilden
Promenade der Jugend retten sollen. Mänadisch raset der Schwarm bis in die
fernsten Seitenzimmer, und die Whisttische werden umkreiset; einen Augenblick
sehen runzlichte Gesichter aus Galakleidern von der gemalten Coeurdame auf nach
den lustklopfenden Busen der tanzenden Mädchen und zwei Tiefdenker, die Punsch
trinken und philosophieren über schwerbewegliche Dinge, sind gestört und
versenken sich in die Betrachtung leichtgeschwungener Glieder - einen Augenblick
nur - die Jugend promeniert nach dem Saale zurück und Robber und Philosopheme
nehmen wieder ihren Fortgang.
    Ja, alte närrische Erde, du bist kein milbentragender Käse, du bist auch
kein quadriertes Brett für streng berechnete Züge. Du bist das Parkett, auf dem
wir im Cotillon geholt werden, oder stehen bleiben nach Damenlaune, auf dem die
alten Herren ins Gedränge kommen und die zärtlichen Mütter vor Schmerz über ihre
gemisshandelten Füsse zuweilen aufschreien möchten, auf dem hölzerne Stühle den
schönsten Reigen zerbrechen können, auf dem der Übermut der Jugend zwischen die
Karten und Argumente der Gala und Philosophie fährt, auf dem plötzlich alles
auseinanderläuft und sich ebenso plötzlich alles wieder zusammenfindet! -
»Ist es möglich? bin ich verzaubert heute? oder bist du es wirklich?« rief der
junge Graf Oswald, der jetzt den Kamm des Gebirges wieder erreicht hatte einen
Menschen in blauem Kittel und Holzschuhen an, der ihm entgegenkam, ein grosses
Bund Heu auf dem Rücken.
    Der alte Mensch sah auf, liess zwar das Bund Heu sinken, gab aber sonst kein
Zeichen lebhafter Verwunderung von sich, sondern sagte bloss: »Ei, da sind Sie
ja! Ich dacht' wohl, dass Sie mich nicht sitzenlassen würden.« - Darauf küsste er
seinem jungen Gebieter freundlich die Hand.
    »Jochem, bist du's, oder bist du's nicht?«
    »Ja freilich bin ich's, mein Herr Graf.«
    »Aber um des Himmels willen, wie kommst du denn hieher, und was treibst du
hier? Und warum suchtest du mich denn nicht auf?« - Er legte seine Hand auf den
Kittel des Alten, gleichsam um sich durch das körperliche Gefühl zu überzeugen,
dass ein wirklicher Mensch vor ihm stehe.
    Der Alte liess sich ruhig befühlen, ehe er antwortete. Denn er gehörte zu den
Leuten, die nur sehr selten aus der Fassung kommen. Er schob seinem jungen
Gebieter das Bund Heu hin, dieser musste sich darauf setzen, Jochem stellte sich
vor ihn und erzählte nun folgendermassen.
    »Will Ihnen alles vermelden, mein Herr Graf«, sagte er, »aber eins nach dem
anderen. Wie ich hieher komm'? Zurück von der grossen Reis', die ich auf Ihren
Befehl machte. Hab' mich immer rechts gehalten, wie meine Kommission lautete,
kam erst nach Kassel, wüste Kerl' dort, sonst nichts zu sehen, dann nach
Magdeburg, auch wüste Kerl' dort, sonst auch nichts zu sehen, dann nach Berlin,
ebenfalls wüste Kerl' dort, ebenfalls sonst nichts zu sehen; und so retour
wieder hieher über Magdeburg und Kassel, da's Geld gerad' zur Hälft' ausgeben
war zu Berlin, und ich überdies meine Kommission schön ausgerichtet hatte
alldort. - Was ich hier treib'? - Sitz' schon seit acht Tagen beim Bauer im Heu,
helf' ihm Heu machen, um mir mein Tagebrot zu verdienen, denn der letzte Kreuzer
war ausgeben, als ich diese wüste Gegend wieder erreicht hatt'. - Warum ich Sie
nicht aufgesucht? - Hatten damals beim Abschied keine recht deutliche Sprach'
miteinander geführt, wo ich meinen Herrn Grafen wiederfinden sollt'. Dacht'
also, das Sicherste wär', wenn ich sitzen blieb', wo ich eben war, denn das
wusst' ich, dass mein Herr Graf mich ausspüren würden und abholen, und säss' ich im
Mittelpunkt der Erd'. Blieb deshalb auch ganz ruhig und macht' in Zufriedenheit
mein Heu, obgleich es eine Lebensart ist, die sich nicht ganz für meinen
sonstigen Stand schickt. Dacht' aber immer: Heut kommt der Herr Graf und holt
dich ab, und kommt er heut nicht, so kommt er morgen, und so hat sich's nun auch
zugetragen.«
    Unserem Oswald tat es nach den fratzenhaften Ereignissen des Tages wehmütig
wohl, mit seinem Alten zusammenzutreffen. Eine Träne trat in sein Auge. Er
drückte dem Alten die Hand und sagte: »Du hattest ganz recht, Jochem, als du
glaubtest, ich werde nach dir forschen, und sässest du im Mittelpunkte der Erde.«
- Jochem blieb hierbei trocken, wie immer und versetzte: »Sie haben auch
schwäbisch Blut im Leib, mein Herr Graf, und das verlässt einander nicht« -
Oswald sah sich um und erblickte verwundert einen Heuschoppen in der Nähe, der
ihm so vorkam, wie der, in welchem er die Nacht zugebracht hatte. »Wo hast du in
voriger Nacht geschlafen?« fragte er.
    »Dort im Schoppen«, versetzte der Alte, »wie alle Nacht mein Amt ist, um dem
Bauer sein Heu zu bewachen.«
    Sein Gebieter erzählte ihm nun, dass sie diesem Umstande zufolge schon in der
Nacht unwissend zusammen gewesen seien, worüber Jochem anfangs erstaunte und
äusserte, unter dem wüsten Volk wisse man gar nicht, was einem alles begegnen
könne, es sei erstaunlich, dass zwei Landsleut' zusammen im Heu lägen und
einander nicht erkannten. »Ich wollt' anfangs den Menschen, der sich da ins Heu
eingedrungen, bei Nacht hinaustreiben«, fügte er hinzu, »liess es aber doch sein,
weil ich dacht', er möchte sich draussen erkälten. So ist Menschenfreundlichkeit
doch immer etwas Gutes und zu vielen Dingen nutz.«
    »Jochem«, sagte der Graf, »hättest du mich hinausgetrieben, so würdest du
mich früher erkannt haben.«
    Dieser Einwurf machte den Alten verwirrt. Er sah stutzig vor sich nieder,
dann ballte er die Faust und murmelte ingrimmig: »Nun sag' ich's doch! In der
Fremd', unter dem wüsten Volk steht alles windschief. Man weiss bei den Sachsen
und Polacken nicht, ob man menschenfreundlich oder menschenfeindlich sein soll.«
    Er besann sich und fuhr fort: »Von meiner Kommission habe ich noch gar nicht
geredet. Den Schrimbs oder Peppel -«
    »Lass ihn«, unterbrach ihn sein Gebieter bestürzt.
    »Nein, seine Kommission muss man gehörig ausrichten!« rief Jochem eifrig.
»Den Schrimbs oder Peppel hab' ich richtig gefunden. Ich hab' ihn auf der
Schlossbrucken zu Berlin stehen sehen, er kuckt' ins Wasser und ich sah ihn von
hinten und da ging er fort und ich konnt' ihn nicht einholen, aber ich hab' mich
nicht getäuscht und wenn wir nun uns beide dahin auf den Weg machen, so werden
wir ihn gar nicht verfehlen.«
    Wie nach Homer der Mensch, er mag noch so unglücklich sein, immer Hunger
behält, so gibt es auch Dinge, die den Betrübtesten zu lachen machen können. Der
junge Graf Oswald war sehr betrübt, aber die Entdeckung Jochems, dass Schrimbs
oder Peppel auf der Schlossbrücke zu Berlin gestanden habe, bewirkte, dass er
lachen musste. Jochem, der seine Sachen sehr gut gemacht zu haben glaubte, fühlte
sich dadurch etwas beleidigt. Nach einer Pause fragte er: »Was hätten mir denn
nun der Herr Graf zu befehlen?«
    Oswald war von seiner kurzen Lustigkeit schon wieder zurückgekommen. Er
stand auf, ging heftig hin und her, ballte seine Hand, drückte sie wider die
Stirn, sein schönes Antlitz zuckte vor Schmerz, er riss an seinen braunen Locken,
er nagte an seiner Lippe. Der Alte, der sich in seinen jungen Herrn nicht zu
finden wusste, stellte sich, die Kniee nach vorn gebogen, die Hände und Arme auf
seine Schenkel gestemmt, hin und sah ihm traurig zu. »Mit Ihnen ist etwas
vorgegangen, mein Herr Graf«, sagte er ehrlich und sanft.
    Da trat Oswald rasch zu ihm. Er drückte den Kopf des Alten heftig gegen
seine Brust und rief im herzzerreissendsten Tone: »Ja! Ja! mit mir ist etwas
vorgegangen!« Leise weinend sagte er ihm ins Ohr: »Ich habe eine Braut, Jochem!«
-
    Aber hier brachen die Gefühle des alten trockenen Menschen mit einem
Ungestüm aus, der nicht zu beschreiben ist. Jubelnd und schreiend stiess er
seinen jungen Herrn wie einen niederen Knaben von sich zurück, sprang in dem
Nebel auf dem braunen Heideplatze schwerfällig und ungeschickt wie ein alter
treuer Hund, der den Herrn wiedersieht, umher, klatschte in die Hände und rief:
»Juchhe! Juchhe! Ach, das Glück, das ausbündige Glück! Ach, so sollen meine
alten Augen denn noch den Tag erleben, wo ich meinem Herrn Grafen und seiner
schönen, lieben gnädigen Braut zur Hochzeit aufwarten darf! O über den klugen
Einfall von meinem Herrn Grafen! Ach wo ist sie, wo ist das liebe gute gnädige
Fräulein, dass ich ihr die Füsse küsse und den Saum des Rocks?« - Seine
abgenutzten Kräfte reichten aber nicht weiter. Er musste stillstehen, hielt sich
die Seiten, keuchte und war ausser Atem.
    Der junge Graf Oswald hatte sich auf die Erde geworfen, das Gesicht in das
Heu gedrückt. Seine Arme waren ausgestreckt darüber hingebreitet; er schluchzte
bitterlich. - »Alles, alles kann die Liebe ertragen!« jammerte er. - »Not
erträgt sie und Elend verkittet sie und selbst die Untreue weiss sie zu
überdauern und in die Bahn der Treue hold zurückzuführen! Aber eines erträgt
Liebe nicht: Das Lächerliche! Das Scheusslich-Lächerliche! Musst du lachen, wenn
du dein Lieb im Arme hältst und denkst, woher sie rührt, so ist es aus mit der
Liebe, aus! Liebe stirbt vom grellen Lachen! O mein süsser, einziger Tag - o du
Tag meiner Tage! so rasch gingst du unter, herrliche Sonne? Ach, meine Brust,
wie tut sie weh! Die Fratzen haben sie zerschnitten mit dem grellen Lachen und
sie wird bluten, sehr bluten!«
    Er richtete sich empor und schüttelte sich wie vor Fieberfrost in dem
hässlichen kalten Dunst da droben auf der Bergeshalde. Seine dunkelen Locken
hingen ihm tief wie Wolken in das Gesicht. Dumpf sagte er: »Nimm dieses Geld,
Jochem, bezahle damit, was du etwa schuldig bist und deine Zehrung. Erwarte mich
in der Stadt bei dem Diakonus. Morgen, oder vielleicht noch heute abend komme
ich hin. Jetzt gehe ich nach dem Oberhofe, um dem Mädchen Adieu zu sagen.«
    »Adieu?« fragte der Alte, der aus dem Himmel seiner Freude gestürzt war.
    »Ich werde das Mädchen, mit welchem ich mich verlobte, nicht heiraten«,
sagte Oswald, bemüht, seiner Stimme Festigkeit zu geben. Sie ging aber bei den
letzten Worten in ein gebrochenes Zittern über. Er schritt schnell über den
Abhang des Berges nach der Börde hinunter.
    Der alte Jochem sah ihm nach. Er beschaute das Geld, welches ihm der Graf
gegeben hatte, dann sah er die Stelle an, wo die Klagen seines Herrn erschollen
waren, dann nahm er seinen Hut in die Hand und drehte ihn, Kopf und Krempe
achtsam betrachtend, hin und her. Er setzte den Hut wieder auf und sprach
sodann: »Wenn dieser mein Herr Graf sich mit dem Mädchen verlobt hat, so wird er
ihr nicht Adieu sagen, sondern sie heiraten.«
    Hierauf ging er nach dem Gehöfte seines Bauern, um mit diesem alles in
Richtigkeit zu stellen, seinen eigentlichen Rock wieder anzuziehen und sodann zu
tun, was ihm der Graf befohlen hatte.
Der Schriftsteller ging zum zweiten Male nach der Krypte. - »Sollte er mich
missverstanden haben? Sollte er mich dort erwarten? Gesprochen habe ich freilich
davon ...« sagte er für sich. Münchhausens Ausbleiben machte ihn unruhig. Er
ging nicht ohne einen leichten Schauder durch die Kirche nach den Stufen, die in
die Kluft hinunter führten. Seine sonderbaren Gedanken hatten ihm den düsteren
Ort mystisch bevölkert.
    Die Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Indem er zu den Schatten und trüben
Lichtern der Kluft eintrat, hörte er ein Geräusch in der Nähe des Altars. Er
fasste sich ein Herz, ging zu der Stelle und fand wirklich den, auf den er so
lange gewartet hatte. Hinter der Gruppe am Kreuz sass Münchhausen auf einem alten
Opferstocke, den man, weil er unbrauchbar geworden sein mochte, dort hingestellt
hatte. Als der Schriftsteller seinen Kuranden näher betrachtete, soweit dieses
die Dunkelheit des Ortes zuliess, erschrak er, denn der Abenteurer sah ganz
anders aus, wie am Morgen. Sein Gesicht schien völlig eingefallen zu sein, die
Backenknochen schienen weit hervorzustehen. Auch der Anzug war in Unordnung.
Keinen Hut hatte er auf dem Kopfe, die Uniform klaffte vorn weit auseinander,
die Weste war aufgerissen, die nackte Brust zeigte sich. Er sprach kein Wort.
Der Schriftsteller fasste seine Hand an, sie war grabeskalt.
    Dieser nahm sich zusammen und sagte fest: »Was soll das? Warum sitzt Ihr
hier? Folgt mir nach der Schenke!«
    »Kommt sie?« flüsterte Münchhausen leise mit hohler Stimme.
    »Wer?«
    »Sie! Der böse Feind. Hu! - An den Röcken kennt man sich wieder, wenn die
Gesichter unkenntlich geworden sind. Warum zog ich meinen roten Rock an, warum
ging das Rosakleid nicht verloren und der grüne Schuh und der Paradiesvogel? -
Abscheuliche Erinnerung!«
    »Welche Erinnerung?«
    »Die! - Erinnert Euch an heute morgen! Einen Punkt gibt es im Leben jedes
Menschen, an den darf man nicht rühren, sonst wird der Mensch toll. Eine Gestalt
gibt es, wenn die kommt und sich an den Pfeiler Laran gegenüber stellt, und
nichts weiter sagt als: Er ist's! so kann Lara sich nicht mehr zufriedengeben.
Eine Gans zu belügen und zu verführen, um Geld zu kriegen und dann hören zu
müssen, die Gans sei kahl, gerupft! Puh! Einzige Sünde meines Lebens! Abbüssen
wollte ich sie durch tausend bussfertige uneigennützige Lügen! - Umsonst! Die
Gans erscheint wieder. Armer Münchhausen! Wie herrlich standest du da noch vor
drei Stunden! Münchhausen war gross, Münchhausen war ein Held, denn Münchhausen
hatte selbst die Feigheit überwunden und wollte sich schiessen. Und so
zertrümmern zu müssen!« -
    »Man wird Euch ja wohl vor Angriffen und Zudringlichkeiten schützen können«,
sagte der Schriftsteller, der nun allgemach den Zusammenhang begriff.
    »Wer? Schützen? Nein!« antwortete der Freiherr todesmatt. »Du kannst dich
vor dem Lichte verbergen, du kannst eine Höhle finden vor dem Orkan, wenn er
dahersauset, und bückst du dich beizeiten, so fährt die Kanonenkugel über dich
hin, aber du kannst dich nicht verstecken vor einem tollen Weibe, das dir
nachläuft. Sie hat mich ausgewittert, sie wird mich finden allerorten. Es gibt
Vorurteile in der Welt. Man soll heiraten, wen man ... Sie heiraten!
Schrecklicher Gedanke!«
    Der Schriftsteller dachte: »Ich hoffe, der Ehrgeiz soll auf ihn wirken.« Er
sagte daher: »Münchhausen, der Erbprinz erwartet Euch.« - Aber mit einer
vielsagenden Gebärde nahm der Freiherr aus der Tasche seiner Uniform den Brief
jener hohen Person und zerriss ihn. Der Schriftsteller, den diese symbolische
Handlung äusserst betroffen machte, fragte ihn, was er denn nun eigentlich
vorhabe, was er beginnen wolle?
    »Verdampfen! Verduften! Verschwinden!« sagte der Freiherr. - »Ihr seht mich
nie wieder, Ihr hört nichts mehr von mir. Lebt wohl! Mein Tagwerk ist getan.
Lasst uns wie Männer scheiden! Keine Träne bei diesem Abschiede! - Sie werden mir
nachzupfuschen suchen, aber Ihr werdet, das weiss ich, ewig Euren Freund
vermissen.«
    Sein Kurator suchte alle Gründe hervor, womit ein Mann, der sich in heiler
Haut weiss, den Leidenden überzeugen zu können glaubt, dass es die Pflicht des
Leidenden sei, nicht zu leiden. Er erinnerte ihn an die Aufgabe, die das Leben
jedem zu lösen gebe, nämlich sich zusammenzunehmen und unter allen Umständen
gefasst zu bleiben. Er sprach von Cato, Sokrates und von anderen grossen Männern
des Altertums, er sagte ihm zuletzt, eine feuchte und kalte Krypte sei
wenigstens auf keinen Fall der Ort, um lange darin ohne Schnupfen und Husten zu
verweilen.
    »Nun denn!« rief Münchhausen, dessen Lebensgeister noch einmal wild
aufzuspringen schienen, »so will ich eine neue Religion stiften und Ihr sollt
Ali sein, der erste der Gläubigen. Bringt Wein her, feurigen Wein, schäumenden
Wein, wir wollen den Manen des Toten da am Kreuz eins zutrinken!«
    Der Schriftsteller trat drei Schritte zurück. - »Nein, das wollen wir hübsch
bleiben lassen!« rief er so tönend, dass es durch das Gewölbe hallte. »Alles muss
seine Grenzen haben.«
    »Wofern Ihr das nicht wollt, so verschafft mir wenigstens einen Mantel und
einen Hut, damit ich mich anständig sehen lassen kann«, sagte der Freiherr.
    Der andere wandte sich, stieg aus der Krypte empor, um das Begehrte
herbeizuschaffen. Er war jedoch kaum oben angelangt, als er ein heftiges Getöse
unten vernahm. Es war, als ob Steine von ihrem Orte gebrochen würden und dann
schollernd niederfielen. Sogleich eilte er, schlimmer Ahnung voll, in die Kluft
zurück. Münchhausen war von seinem Sitze verschwunden. Der andere sah sich um;
nirgends war er zu erblicken. Er rief; es erfolgt aber keine Antwort. Er suchte
hinter den Pfeilern, in den Seitennischen hinter den Grabmälern, bei den
Steinhaufen; vergebens! Der Freiherr hatte sich nirgends versteckt.
    Nach der Schenke zurückgekehrt, bewog er einige Bauern, ihm mit Laternen und
Windlichtern zu folgen. Bei deren Scheine wurde nun eine zweite sorgfältige
Nachsuchung vorgenommen. Umsonst! man forschte nach einem geheimen Gange aus der
Krypte, aber diese zeigte sich, wohin man leuchtete, umschlossen, auch wollten
die Bauern von einem solchen nie etwas gehört haben. Man prüfte endlich mit
Stöcken und Hacken das Pflaster und Gemäuer, ob es nicht irgendwo losgebrochen
und nur notdürftig wieder zugesetzt sei. Pflaster und Gemäuer waren überall
fest. Diese vergebliche Arbeit dauerte über eine Stunde. Endlich musste man von
ihr abstehen. Münchhausen war und blieb auf unbegreifliche Weise verschwunden.
 
                                  Vierter Teil
                                 An Ludwig Tieck
Sie schrieben mir vor einigen Monaten und sprachen mir Ihre Freude über den
ersten Teil des »Münchhausen« aus, den Sie damals gelesen hatten. Dieser Brief
kam ganz frei aus Ihrer Seele, denn ich hatte es unterlassen, Ihnen ein Exemplar
meines Buches zu senden. Er war mir unverhofft und eine freudige Überraschung.
Doppelt aber erfreute er mich. Denn einmal musste es mir wohl sehr lieb sein, dass
Sie sich so an den Anfängen meines Werkes ergötzt hatten, dann aber zeugte die
liebenswürdige Lebhaftigkeit Ihrer Worte von der fortblühenden Jugend, welche
wie ein Kranz schöner Rosen Ihre ehrwürdigen Schläfen umschmückt.
    Ich nahm mir gleich vor, Ihnen zu antworten und zu danken. Nachher aber
überlegte ich, dass der beste Dank die Tat ist und schwieg daher bis zur
Vollendung des ganzen Werkes. Nun ist es fertig und ich widme Ihnen seinen
Abenteurer und seine guten Menschen, seine Possen und seinen Ernst mit diesem
letzten Teile. Darüber reden kann ich nicht; es wirke auf Sie, wie es eben die
Kraft und Fähigkeit in sich besitzt. Aber einen offenen Brief schreibe ich Ihnen
dazu vor dem Angesichte auch anderer Leser, denn manches wollte ich Ihnen sagen,
was sich in einem solchen doch noch besser ausnimmt, als unter einem Siegel,
welches nur Ihre Hand erbräche.
    Immer habe ich mich am glücklichsten gefühlt, wenn mein freies Gemüt sich
zum Schuldner für empfangene Wohltat bekennen durfte. Dieses reine Glück
empfinde ich auch jetzt, indem ich an Sie schreibe. - Man hat mich oft einen
Nachahmer genannt, und der Tadel, der in dieser Bezeichnung liegt, mag meine
frühesten Versuche nicht ohne Grund getroffen haben, obgleich mich nie ein
äffischer Trieb kitzelte, sondern stets ein innerer Drang bewegte. Später, als
mich Leben und Bildung gereift hatten, meine ich jederzeit ein Eigenes gebracht
zu haben, wenn ich mich fremden Mustern anlehnte. Ich vermied keine
Reminiszenzen, weil ich wusste, dass diese doch immer ein nur mir gehöriges Leben
in mir aufgeweckt hatten. So möchte ich denn eher den Namen eines Schülers für
mich in Anspruch nehmen. Und in einer Zeit, worin so viele Meister, wie sie
behaupten, vom Himmel fallen, dürfte ein guter Schüler der Abwechselung halber
kein ganz verächtlicher Gast am Parnass sein.
    Auch zu Ihrem Schüler bekenne ich mich gern, freudig und öffentlich. Sie
haben unter uns Deutschen einen ganz neuen Scherz erfunden, Sie haben der Natur
für manchen ihrer geheimsten magischen Töne die Zunge gelöset, viele
Beobachtungen und Erfahrungen haben Sie mitgeteilt, die vor Ihnen niemand
gemacht hatte. Alles nun, was in mich von Ironie, Spott, Laune gelegt worden
war, ein tiefes Bedürfnis, welches mich von meiner Kindheit her oft froh machte,
oft auch ängstigte, die Signatur der stummen Dinge zu erkennen, endlich mein
Verlangen, mich über das eigenste Wesen der Dichter und der Bühne aufzuklären -
alles das fand, wie häufig! bei Ihnen Lehre, Beispiel, Führung. Ich verehre Sie
als einen meiner Meister und in meinen guten Stunden wage ich mir zu sagen, dass
Ihnen der Schüler gerade keine Schande mache.
    Aber eine elegische Empfindung kann ich nicht bewältigen, wenn ich an Sie
denke. Sie stehen gefeiert, würdig, nachwirkend da, das ist wahr. Um eine
Entfaltung jedoch hat das Missgeschick der Umstände Sie und uns gebracht. Sie
hätten der Vater des deutschen Lustspiels werden können, wenn die Bühne Ihrer
frischesten Zeit entgegengekommen wäre, und dieses Lustspiel würde das grösste
der modernen Zeiten geworden sein. Denn nicht auf das Einzelgeschick eines
Liebespaares, oder auf die Schilderung einer närrischen Sitte, oder eines in der
Verborgenheit sein Wesen treibenden Toren kam es Ihnen an, sondern Ihre komische
Muse lächelte über die ganze Breite der Welt und der Zeit, sie schmückte mit
bunten Blumen, die sich dann wieder zauberisch in Schellen verwandelten, die
öffentlichen Charaktere, sie führte mit reizender Schalkheit, die wie Ehrfurcht
aussah, komische Könige und Helden im Triumphe auf. Wenn ich an die Kraft und
Gewalt Ihrer Figuren mich erinnere, an den tiefsinnigen, freien, grossen,
unerschrockenen Humor in »Oktavian«, »Zerbino«, »Kater«, »Däumchen«, »Blaubart«,
»Fortunat« und in der »Verkehrten Welt«, so weiss ich nur ein Gegenbild zu diesem
Lustspiele in der ganzen Geschichte der Poesie zu finden; es ist das des
Aristophanes. - Ich habe oft Ihre Gedichte vorgetragen, und wenn es mir gelang,
dem Dichter nachzukommen, so kann ich wohl sagen, dass empfängliche Zuhörer in
einen bacchischen Taumel der Lust gerieten.
    Aber keine attische Bühne empfing Sie und brachte auf den Brettern Ihre
Produktion zu der Fülle und Vollreife, die nun einmal der Dramatiker nur
gewinnen kann, wenn er seine Geschöpfe da droben auf dem Gerüste in Fleisch und
Blut umherwandeln sieht. Man sagte, diese Sachen seien sehr schön, sehr witzig
und liessen sich überaus wohl anhören, aber aufzuführen seien sie nicht. Das war
aber eine Unwahrheit. Denn ich habe hier den »Blaubart« zweimal darstellen
lassen. Ich hatte weniger Mühe von ihm, als zum Beispiel vom »Glöckner von Notre
Dame«, die Schauspieler fanden sich bald hinein und spielten mit Lust und Liebe
darin, was aber den Erfolg betrifft, so war dieser bei der ersten Darstellung
ein entschiedener und bei der zweiten der allerglänzendste. Wenig hatte das
Stück gekostet, und viel brachte es ein. - Ich wollte nicht dabei stehenbleiben,
sondern ich dachte schon an »Fortunat«, selbst an »Däumchen« und an das
schnurrende Tier in Stiefeln. Aber die Düsseldorfer Bühne ging wegen Mangels an
Gunst, Schutz und Geld unter, und so blieben denn jene Gedanken Träume.
    Warum ich diese Saite hier berührt habe? Weil mir Ihr ganzes Bild
vorschwebte und zu einem vollen Menschenleben die Entwickelungen und die
Vereitelungen gehören. Wenn ich mit Ihnen Mund gegen Mund reden durfte, so
hatten unsere Gespräche immer einen Gehalt; eine gewöhnliche Dedikations-Epistel
konnte ich Ihnen daher nicht schreiben. Nehmen Sie meine Worte auf, wie ich sie
gemeint habe, und vor allen Dingen - leben Sie noch lange, leben Sie munter und
kräftig fort, sich und uns zum Segen!
    Düsseldorf, den 20. April 1839,
(an dem Tage, wo die letzten Seiten des »Münchhausen« zu Ende geschrieben
wurden).
                                                                       Immermann
 
                                 Siebentes Buch
                          Das Schwert Karls des Grossen
                                  Erstes Kapitel
                        Der Lendemain in einem Oberhofe
Während des Hochzeitschmauses und des Tages, der darauf folgte, hatte der
einäugige Spielmann im Eichenkampe nicht weit vom Oberhofe gesessen. Man brachte
ihm Speise und Trank dortin, er rührte aber nur wenig an und genoss auch dieses
wenige mit Widerstreben, etwa so viel, als hinreichte, seinen wütenden Hunger zu
stillen. Die Stelle, wo sich dieser Mensch aufhielt, lag kaum fünf Schritte von
der Strasse ab, die durch den Kamp führte, sie war von den dicksten und höchsten
Stämmen überstanden, deren einer mit seinen gewaltigen Wurzelknorren eine
natürliche Brustwehr vor dem Erdreich bildete, welches hinter ihm in eine
Vertiefung ablief, auf deren Rande man bequem sitzen konnte.
    Dort sass denn auch der Spielmann und sah beharrlich lauernd nach dem Hause
hinüber. Zuweilen erhob er sich mit halbem Leibe, um aufzustehen, und dies
geschah, wenn sich eben niemand in der Türe und im Flure des Oberhofes blicken
liess, aber bei dem Ab-und Zulaufen der Menschen dauerte das immer nur einen
Augenblick. Sobald wieder Menschen sichtbar wurden, setzte er sich immer wieder
unwillig hin. Auch drehte er zuweilen heftig an seinem Leierkasten, worauf
dieser widerwärtige Töne von sich gab, die pfeifend und heulend ausklangen.
Darüber machten die Leute, die eben vorbeigingen (und es gingen viele an jenem
Tage durch den Eichenkamp), ihre groben Spässe, und einer oder der andere sagte,
der Patriotenkaspar pfeife aus dem letzten Loche. Doch äusserte sich so meistens
nur das junge Volk, dessen Erinnerung den Spielmann bloss als eine lächerliche
Gestalt kannte; die Alten bekümmerten sich hier so wenig um ihn als
andererorten, wenn sie ihm zufällig begegneten. Die Spässe der jungen Leute liess
der Patriotenkaspar ruhig und ohne Erwiderung an sich vorübergleiten, oder
höchstens zwinkerte er dazu mit seinem unversehrt gebliebenen Auge. Ging aber
ein Alter vorbei, der gar nicht tat, als ob er, der Patriotenkaspar, der die
alte Orange in Schoonhoven mit hatte vermolestieren helfen, da sitze, so ballte
er grimmig in dessen Rücken die Faust und murmelte: »Ihr Schubjacken! Aber ich
werde euren Obersten schon ...«
    Was ihm am Tage misslungen war, nämlich in das Haus einzudringen, das meinte
er, werde ihm in der Dunkelheit des Abends glücken. Aber er hatte sich
getäuscht. Denn als es finster wurde, begannen ein paar Mägde vor dem Hause ein
Topfwaschen und Kesselscheuern, welches bis spät dauerte und ihn verhinderte,
unbemerkt hineinzuschlüpfen. Als diese mit dem letzten Kessel fertig waren,
hatten inzwischen zwei Betrunkene sich in die Türe gestellt, wovon der eine dem
anderen seinen Prozess klarmachen wollte, den er seit mehreren Jahren über eine
Durchgangsgerechtigkeit führte. Der andere sagte nach jedem Satze seines
Nachbarn: »Verstanden«, und fragte darauf: »Wie war es aber eigentlich?« Der
Prozessführende wiederholte dann seinen Satz, der andere noch einige Male sein
verstehendes und fragendes Wort; so rückte die Geschichte äusserst langsam vor,
und es war kein Ende derselben abzusehen. dabei hatten die beiden noch gerade so
viel Besinnung, um jeden, der zwischen ihnen durch in die Türe gehen wollte, mit
heftigen Gebärden zurückzuweisen, weil sie, in die Prozessgeschichte vertieft,
behaupteten, hier sei keine Durchgangsgerechtigkeit. Weshalb denn auch mehrere,
die sich mit jener Absicht ihnen näherten, um Streit zu vermeiden, zurück und
neben dem Hause vorbei nach der Hoftüre gingen, der Spielmann aber die
Ausführung des Vorsatzes, der ihn an seine Stelle fesselte, aufgeben musste,
solange die Betrunkenen da standen. Endlich, es war schon Mitternacht, kam ein
Dritter vom Flure nach der Türe gegangen, fasste, ohne ein Wort zu sagen, die
beiden von hinten am Kragen, zog sie zurück und in den Flur, schlug aber darauf
sogleich die Türe zu und verriegelte sie von inwendig. Sie wurde nachmals nicht
wieder aufgetan.
    Die Hochzeitgesellschaft verlor sich gegen ein Uhr nachts und der Oberhof
lag nun in dunkelen Schatten still und lautlos da. Jetzt erhob sich der
Spielmann von seinem Sitze und umschlich das Gehöft tückisch spähend wie eine
Katze, um irgendwo eine offenstehende Lucke oder sonst eine vergessene Öffnung
zu finden, durch welche er eindringen könnte. Aber es wollte sich nichts
dergleichen finden, und als er an der niedrigsten Stelle der Hofesmauer sich
bereitete, überzusteigen, erhoben die Hunde im Hofe ein solches Gebell, dass er
befürchten musste, es möge jemand im Gehöfte wach werden. Er wich daher auf den
Zehen und die Zähne zusammenbeissend zurück und ging wieder, seine Flüche
verschlingend, nach der Sitzstelle im Eichenkampe, wo er nun ebenso hartnäckig
in der Nacht ausharrte, wie bei Tage.
    So sass dieser Mensch einen ganzen Nachmittag, einen Abend und mehrere
Stunden der Nacht hindurch, erpicht auf sein Vorhaben. Und gleichwohl war dieses
nicht auf ein grosses Verbrechen oder einen reichlichen Vorteil gerichtet; er
wollte dem Hofschulzen weder seine Geldsäcke rauben, noch ihm das Haus über dem
Kopfe anzünden, sondern nur ihm einen Schabernack anzutun übte der Feind des
Reichen eine solche zähe Beharrlichkeit.
    Gegen vier Uhr morgens endlich, als die Gegend noch im halben Dämmer lag,
wurde die Türe aufgestossen, ein Knecht kam herausgegangen um Wasser zu holen und
diesen Augenblick benutzte der Lauerer, um in das Haus zu schlüpfen. Er lief
über den Flur und die Treppe hinauf, sich vorläufig zu verbergen und während des
Tages, wann, wie er vorher wusste, der Oberhof von allen Bewohnern verlassen
werden würde, mit seiner Beute zu entkommen.
    Nachdem es heller Morgen geworden war, ging der Hofschulze, zwei grosse
Geldsäcke tragend von dem oberen Teile des Hauses nach der Stube unten neben dem
Flure und hinter ihm drein ging der Schwiegersohn. Dort setzten sich beide
schweigend, wie gestern bei allen wesentlichen Stücken der Hochzeit, an einen
grossen Tisch. Jeder von ihnen öffnete einen Sack und zählte aus demselben
dreitausend Taler in harten runden Talern auf. Es störte den Hofschulzen nicht,
dass mehrere Hausgenossen und auch einige Nachbarn, welche sich schon im Hofe
eingefunden hatten, vom Flure aus, oder in der Türe der Stube stehend, diesem
Aufzählen zusahn. Vielmehr schien es ihm lieb zu sein, Zeugen bei dieser
Handlung zu haben, die seinen Reichtum dartat, wie ein hin und wieder zur Seite
geworfener stolzer und schmunzelnder Blick andeutete. Das ganze Geschäft nahm
wie es begonnen worden, seinen Fortgang und erreichte auch so seine Endschaft;
nämlich beide Hauptpersonen redeten kein Wort miteinander während des
Geldzählens. Als sechstausend blanke Taler auf dem Tische lagen und von dem
Schwiegersohne sorgfältig nachgesehen worden waren, schrieb dieser stumm die
Quittung über die empfangene Mitgift und reichte seinem Schwiegervater den
Schein, ohne Dank zu sagen, hin, strich sodann das Geld wieder in die beiden
Säcke ein und setzte sie zur vorläufigen Verwahrung in einen Wandschrank, der
sich in der Stube befand und von welchem er die Schlüssel zu sich steckte.
    Der alte Schmitz hatte das Geschäft unterbrechen wollen und war mit der
Äusserung, dass er nach der Stadt zurück wolle, vorher aber seine Sache mit dem
Hofschulzen in Ordnung bringen müsse, zu diesem in die Stube getreten. Der
Hofschulze verweigerte jedoch heute wie gestern, ohne von seinen Talern
aufzusehen, jede Einlassung, bis das ganze Pläsier, wie er sich ausdruckte, zu
Ende sein werde, worauf er gern über alles und jedes zu Dienst stehen wolle.
Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben, war nicht sein Ehrgeiz, er brachte
immer erst eine vollständig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er eine andere
angriff, und mit diesem Grundsatze war er zu den guten Umständen gelangt, in
denen wir ihn kennengelernt haben. - Der alte Sammler entfernte sich
verdriesslich und ging nach einem Stalle, worin er etwas hatte niedersetzen
lassen, dessen Besitz jetzt seine Seele drückte. Er sah es unter wehmütigen
Gedanken an und wünschte sehnlich das Ende des Pläsiers herbei, welches für ihn
kein Pläsier war, weil es die Qual der Unentschiedenheit für ihn verlängerte.
    Von der Regel, nur ein Geschäft zu derselben Zeit zu treiben, machte
indessen der Hofschulze in betreff der kranken Blesse eine Ausnahme. Er begab
sich ungeachtet der noch bevorstehenden Hochzeitvergnügungen zu dem Tiere, sah
nach, ob ihm auch die Hausmittel gereicht würden, die er verordnet hatte,
schaute es mitleidig an, schüttelte den Kopf, streichelte ihm sanft die Weichen
und behandelte es überhaupt viel zärtlicher, als seine Tochter oder seinen
Schwiegersohn. Leider schien diese Sorgfalt wenig zu verschlagen, da der
Zaunpfahl die Kuh zu hart berührt hatte. Sie stöhnte noch erbärmlicher als
gestern. Über den rotaarigen Knecht fühlte er den heftigsten Verdruss, denn er
hatte dessen Gewaltsamkeit noch spät in der Nacht vor dem Schlafengehen
erfahren. Sogleich hatte er dem Menschen den Dienst aufgesagt. Als er ihn daher
jetzt ansichtig wurde, rief er heftig: »Was treibst du dich hier noch umher?«
    »Ich wollte Euch nur fragen, Baas, ob es Euch ein Ernst gewesen ist mit dem
Aufsagen?« versetzte der Rotaarige.
    »Wenn ich aufsage, so heisst das Aufsagen und wenn ich nicht lache, so ist
das kein Spass«, erwiderte der Hofschulze.
    »Es ist aber unrecht, dass wenn man den besten Willen hat zur Lustbarkeit und
dafür sorgen will, dass alles recht schön wird, man aufgesagt kriegt«, antwortete
der Rotaarige.
    »Wenn ich einer Kreatur, die in ihrer Unvernunft keinen Begriff davon hat,
dass Hochzeit ist, die Rippen im Leibe kaputt schlage, so hilft das nicht
absonderlich zur Lustbarkeit«, versetzte der Hofschulze kaltblütig. - »Genug, du
bist aus dem Dienste und kannst froh sein, dass ich dir nicht den Schaden vom
Lohne abziehe, wie Rechtens wäre.«
    Der Rotaarige bat hierauf seinen gewesenen Herrn nur um die Vergünstigung,
wenigstens noch ein paar Tage im Hofe bleiben zu dürfen, da es ihm gar zu
despektierlich sei, gerade auf einer Hochzeit fortgejagt worden zu sein. Diese
Erlaubnis gab ihm der Hofschulze, jedoch unter der Bedingung, dass er sich nicht
in den heutigen Zug mische, denn er wolle ihn, sagte er, bei dem Pläsier nicht
vor Augen haben. Der Rotaarige setzte sich mit einem giftigen Blicke auf einen
Schemel im Flur, nicht weit von der kranken Blässe, deren Qualen ihm durchaus
keine Gewissensbisse aufzuregen schienen. Er greinte und sagte halblaut für
sich: »Könnte ich dem alten Hunde noch zu guter Letzt einen rechten Possen
spielen, so würde mir das eine wahre Herzerquickung sein.« - Der Hofschulze ging
mit den Worten: »Es muss alles mit Manier behandelt werden, selbst ein Vieh« - zu
seinen Gästen, die sich schon wieder in bedeutender Anzahl zu versammeln
angefangen hatten, und den Platz vor dem Hause nach dem Eichenkampe zu trinkend
und rauchend erfüllten.
    Denn heute war der Tag, an welchem die Neuverheiratete mit uralt
hergebrachter Feierlichkeit in ihr künftiges Wohnhaus eingerührt werden musste.
Zu dieser Feierlichkeit gehörte eine Fahne, viel Schiessgewehr, abermals ein
Schmaus, jedoch diesesmal im Gehöfte des jungen Ehemannes und wieder das
Spinnrad, welches bei der Hochzeit seine Dienste geleistet hatte.
    Der Hochzeitbitter befestigte an einer Stange, von welcher bunte Bänder
herabflatterten, ein grosses weisses Leintuch und richtete so die Fahne zu. Gegen
dreissig junge Burschen hatten Flinten bei sich, diese luden sie mit grobem
Schrot oder auch mit Kugeln, sich in lauter und geräuschiger Art vermessend, dass
sie der Fahne tüchtig eins versetzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte das
Spinnrad getragen und endlich erschien die Braut in ihrem gestrigen Putze, gar
sehr verschämt, nichtsdestoweniger aber immer noch mit der Brautkrone
geschmückt, obgleich sie von den Anwesenden unter derben Scherzreden als
Jungefrau begrüsst wurde. Nun ordnete sich der Zug und setzte sich nach dem
Gehöfte des Schwiegersohnes in Bewegung. Der Bursche mit der Fahne marschierte
an der Spitze, sodann folgte das Ehepaar, diesem schlossen sich die mit den
Flinten an, und darauf schritt der Brautvater einher, den übrigen Hochzeitgästen
zuvor.
    Von den städtischen Gästen erschien nur der alte Schmitz im Zuge. Denn die
übrigen, der Diakonus, der Hauptmann und der Küster waren nach der Stadt
zurückgekehrt. Der Küster war kein Freund vom Schiessen, am wenigsten machte ihm
eine solche Ergötzlichkeit Freude, wenn scharf geladen war. Er pflegte daher an
dem zweiten Tage der bäuerlichen Hochzeiten jederzeit eilige und unaufschiebbare
Geschäfte vorzuschützen, um sich mit Anstand entfernen zu dürfen. Am dritten
Tage kehrte er dann mit seiner Magd in das Hochzeitaus zur Abholung des ihm
gebührenden Bündels zurück. Heute hatte er noch einen besonderen Grund gehabt,
sich schleunigst fortzubegeben. Denn von Agesel, der sich auch heiter und rüstig
anfangs unter den Festgenossen auf dem Platze befunden hatte, war ihm mit einem
der unheimlichsten Blicke, wie ihn wenigstens bedünkte, das verhängnisvolle Wort
zugeraunt worden: »Ich muss Sie durchaus im Vertrauen sprechen, Herr Amtsbruder!«
- Grund genug, seine Schritte stadtwärts zu beflügeln.
    Was den Diakonus betrifft, so hatte er vor seiner Abreise das junge Paar,
welches er so unerwartet vor dem Altare gefunden, sprechen wollen, um mit ihnen
über ihre Zukunft zu beraten, die ihm freilich, nachdem er von der Überraschung
jenes Augenblicks zum Bedenken zurückgekommen war, sehr zweifelhaft aussah. Er
erstaunte, als er hörte, dass der Jäger abwesend und Lisbet unpass sei. Indessen
hatte er wirkliche Geschäfte in der Stadt, wie der Küster erdichtete, und
deshalb konnte er nicht länger ausserhalb verweilen. Er verliess sich darauf, dass
die jungen Leute zu ihm kommen würden, und dass dann das Nötige überlegt werden
könnte. Manche Sorge machte ihm das liebliche Verhältnis; er sah, da er den
Stand des Jägers kannte, nicht ein, wie aus jener Liebe sich ein Bund für das
Leben gestalten sollte.
    Agesel trennte sich, sobald der Zug den Platz vor dem Hause verliess, von den
anderen, denn auch ihn riefen nähere Interessen ab. Er ging nach dem Schulhause,
welches zu beziehen er gegründete Aussicht hatte, besichtigte das Gebäude oder
vielmehr das Baufällige, welches ein Haus vorstellen wollte, mass den Weidefleck
ab und verglich dessen Flächeninhalt mit dem Hackelpfiffelsberger. Diese
Untersuchung lieferte ein günstiges Ergebnis. Er hatte hier drei Quadratruten
mehr als dort, worauf sich immer noch eine Gans mit sattfressen konnte. Während
des Abmessens hing er seinem Plane nach, den er in den Worten zu dem Küster
angedeutet hatte.
    Als der Zug über die nächsten Umgebungen des Oberhofes hinaus war, wurde es
in diesem ganz still, so dass man die Fliege an der Wand gehen hören konnte, denn
auch die Knechte und Mägde waren nach der Snaat11 des Schwiegersohnes gelaufen.
Nur der rotaarige Knecht sass grollend unten im Flur bei den Kühen. Er war ein
wilder tückischer Kerl und seine Gedanken gingen in dieser Einsamkeit von einem
Frevel zum anderen. Er blickte das Feuer auf dem Kochherde an und sagte: »Wenn
ein Brand davon in das Stroh des Stalles geschleudert würde, so flöge der rote
Hahn dem Alten auf das Dach, und es würde dennoch immerhin heissen, ein Funken
sei zufällig, da kein Mensch auf das Feuer achtgehabt, in das Stroh gesprungen.«
- Nach dem Wandschranke, worin die Mitgift stand, sah er und murmelte: »Ein
tüchtiger Beilschlag, und der Deckel spränge auf, und unsereins hätte
sechstausend Taler, womit sich weit ausser Landes kommen lässt. Da fragt kein
Kuckuck nach einem.« - Ihn überlief es heiss, er streckte zuweilen seine Hand
nach dem Feuer aus und zuweilen erhob er sich dann wieder vom Schemel, als
wollte er nach der Stube gehen, worin sich der Wandschrank befand.
    In diesen gefährlichen Gedanken horchte er plötzlich auf, denn oben an der
Treppe hörte er Geräusche, als ob jemand sacht über den Gang schleiche nach der
Treppe zu. Er stand auf und schlich ebenfalls sacht nach dem Treppenfusse, um zu
sehen, wer denn da oben so verstohlen zu gehen genötiget sei. Man konnte nämlich
von unten den Raum des Ganges zunächst der Treppe überblicken. Nicht lange
währte es, so blickten zwei überraschte Gesichter einander an, von denen eins
blitzschnell den Ausdruck des grössten Schrecks und Entsetzens annahm. Der Knecht
sah nämlich zu dem Spielmann auf, der einen langen mit einem Tuche umwickelten
Gegenstand unter dem Arme vorsichtig nach der Treppe geschlichen kam und schon
den einen Fuss auf deren erste Stufe gesetzt hatte, als er den Blick
hinunterwerfend, den unten ansichtig ward, den er freilich weit vom Hofe bei dem
Schiessen um die Snaat vermutend gewesen war. Einige Augenblicke standen die
beiden, die einander unwillkommene Zeugen wurden, der eine des ausgeführten, der
andere des vorgesetzten Frevels, glotzend einander gegenüber, der eine oben, der
andere unten. Dann aber sprang der Spielmann zurück, und der Knecht hörte ihn
die Treppe nach dem Söller hinauflaufen. - »Der Kerl hat stehlen wollen!« rief
der Knecht und stürzte die Treppe hinauf.
    In jenem vielversprechenden Fragmente des »Faust«, welches Lessing
hinterlassen hat, erklärt der Magus, den Geist der Hölle für den schnellsten
unter allen, welcher von sich rühmt, dass er so schnell sei, als der Übergang vom
Guten zum Bösen. Aber auch einen Engel gibt es, der diesem Teufel die Spitze
bietet, er wirkt die Übergänge vom Bösen zum Guten, oder wenigstens zum minder
Schlimmen, und diese sind in der Menschenbrust, selbst in der rohsten, oft nicht
langsamer als die Werke jenes Teufels.
    Der rotaarige tückische Knecht, welcher noch soeben selbst an Mordbrennerei
und Raub gedacht und sich in dem Augenblicke, wo er den Spielmann erblickte, nur
geärgert hatte, dass sein Vorhaben durch einen Lauscher vereitelt werde, hegte
schon in der zweiten Hälfte des nämlichen Augenblicks keinen anderen Gedanken,
als dass der Spitzbube von Spielmann seinen Herrn bestehlen wolle, und dass er,
der Knecht, das nicht leiden dürfe, sondern den Dieb festnehmen und dem
Hofschulzen überliefern müsse. Er stürzte also die Treppe hinauf, fiel vor
übergrosser Eile über einen Kasten, der oben auf dem Gange stand, so, dass er sich
vor Schmerz nur langsam aufrichten konnte, liess aber dennoch von seinem Vorsatze
nicht ab,
    sondern setzte die Verfolgung fort, wenn auch langsamer, als er sie
angefangen hatte.
    Oben auf dem Söller kam ihm der Spielmann aus der Ecke, worin sich der
Verschlag des Jägers befand, entgegen. Der Knecht, dessen Arme von dem Falle
nicht gelitten hatten, packte ihn bei der Schulter, dergestalt, dass der
Spielmann wie eine Jacke ohne körperlichen Inhalt hin und her flog, und rief:
»Halunke, was hast du gestohlen?«
    »Nichts«, versetzte der Spielmann, der ungeachtet aller Angst vor dem
baumstarken Knechte den Trotz beibehielt, der solchen Leuten in solchen Lagen
eigen zu sein pflegt; »seht Ihr etwas bei mir?« - Wirklich trug der Spielmann
nichts mehr unter dem Arme. Der Knecht untersuchte seine Kleidungsstücke, aber
auch in denen war nichts zu entdecken. Ausser der alten grauen Jacke, den
zerrissenen und geflickten Hosen und seinem eigenen armseligen Leibe führte er
nichts an und bei sich. Der Knecht liess die Hände sinken und sah aus wie einer,
der nicht weiss, was er tun oder denken soll.
    Der Spielmann, dessen Zuversicht wuchs, je unschlüssiger er den Knecht
werden sah, sagte keck: »Nun, habe ich gestohlen?« - »Ich weiss nicht«, versetzte
der Rotaarige, »wohin du es abgeworfen hast, aber ich will dich prügeln, dass
dir die Seele aus dem Leibe geht, damit du mir die Stelle anzeigst.«
    »Gut«, rief der Spielmann, der sich nicht einschüchtern liess, »prügelt mich
nur ab, prügelt einen unschuldigen Menschen nur ab, Eurem Herrn zu Gefallen, der
Euch aus dem Dienste jagte!« - Er hatte von seinem Versteck das Gespräch
zwischen dem Hofschulzen und dem Rotaarigen gehört.
    Diese Erinnerung warf den Knecht auf die andere Seite hinüber. »Nein!« rief
er mit einem Fluche, »stehlen soll zwar keiner bei ihm, solange ich noch im Hofe
bin, denn dafür bin ich sein Knecht, aber zu Gefallen tue ich ihm auch nichts,
denn dazu hat er mich zu schlecht behandelt.« - »Nun denn, so lasst mich laufen«,
sagte der Spielmann.
    »Sprich, was du begangen hast, Kerl, und du sollst laufen«, versetzte der
Knecht.
    Der Spielmann sah sich um, als fürchte er selbst hier einen Lauscher, dann
murmelte er dem Knechte ins Ohr: »Einen Schabernack habe ich dem Hofschulzen
antun wollen, und, wie ich hoffe, auch angetan. Sonst habe ich nichts wider ihn
vorgenommen, noch vornehmen wollen.«
    Der Knecht dachte nach. - »Vor Schabernack brauche ich den Alten nicht zu
bewahren, sondern nur vor Stehlen, Brennen und Viehschaden; das ist meine
Obliegenheit.« - Dann gab er dem Spielmann einen Streich mit der Hand und rief:
»Lauf, du Hund!« - Der Spielmann folgte dieser Weisung und sprang behende die
Söllertreppe hinunter. - Der Rotaarige hinkte ihm langsam nach. Unten im Flure
sagte er: »Wenn der Baas ein Stück Schabernack hat, so kann es mir ganz recht
sein, wofern er nur nicht an Geld oder Gut beschädiget wird. Denn hilf dir zuvor
selber, ehe du andere arzeneiest. Diesen Spruch hat er mir letzte Martini
mitgeteilt und danach halte ich mich nun. Ich helfe mir zuallererst selber und
meiner Bosheit auf ihn durch den Schabernack, den ihm der blinde Halunke angetan
hat.« - Hierauf setzte er sich wieder, wo er gesessen hatte, als ob nichts
vorgefallen wäre; entschlossen, um keinen Preis etwas von dem geheimen Besuche
des Patriotenkaspars im Oberhofe zu verlautbaren.
 
                                Zweites Kapitel
          Wie der Sammler und der Hofschulze sich abermals entzweiten
Der Hochzeitzug umging indessen die Snaat des Schwiegersohnes. Die Menschen
schrien und jauchzten, von häufig genossenen geistigen Getränken erregt,
dazwischen knallten die Gewehre, womit die jungen Burschen nach dem Tuche der
Fahne zielten, und sooft ein Schuss traf, erhob sich ein noch lauterer Jubel,
denn es ist ein Ehrenpunkt bei diesem Brauche, dass die Fahne ganz zerschossen in
das Haus der jungen Eheleute gelangt, weil der Umstand für ein günstiges
Vorzeichen gilt. Alles war heute wilder und stürmischer als gestern, denn die
Bauern lieben es, die letzten Augenblicke einer Festesfreude besonders gierig
auszukosten.
    Das Firmament spielte bei dieser heftigen und lärmenden Szene mit. Der Zug
um das weitläuftige Gelände dauerte, da er nur im langsamen Schritt vorrückte,
mehrere Stunden, und schon hatte sich der Haarrauch herbeigemacht, der bald
alles in seine Nebel hüllte. Die Bauern waren über den alten Bekannten durchaus
nicht verdriesslich, vielmehr steigerte der Schwaden, Qualm und Geruch ihre Lust.
Wie nun so die Gestalten grau durch den Nebel zogen, das Jauchzen aus dem
Schwaden hervorbrach und die Blitze von den Schüssen gelbrötlich in dem Qualme
zuckten, bekam das Ganze etwas Schattenhaftes, und es war, als ob Götze Krodo
mit seinem Koboldsgefolge emporgestiegen sei und unter Knall und Geprassel von
seiner alten Domäne Besitz nehme.
    Auf diese Weise wurde der jungen Frau ihr Eigentum gezeigt. Die Fahne kam,
kaum noch aus Fetzen bestehend, in das Haus des Schwiegersohnes und alles hatte
sonach einen guten Anschein. Es war über dem Zuge zwei Uhr nachmittags geworden
und die ganze Hochzeitgenossenschaft setzte sich nun im Hause der neuen Gatten
abermals zu einem derben Schmause nieder, man kann denken, mit welcher Esslust.
Diesmal wurde das Essen durch keine vornehmen und sonstigen fremdartigen
Einwirkungen gestört; die Bauern waren rein unter sich und taten nichts als
essen und trinken.
    Nach dem Schlusse des Mahles erfolgte die letzte Handlung in diesem
Festdrama. Die junge Frau hatte nämlich jetzt noch die Gaben einzunehmen. Sie
erhob sich mit feierlicher Miene von der Speisetafel, setzte sich an einen Tisch
zur Seite, liess Spinnrad und Haspel neben sich stellen, schlug zwei ihrer Röcke,
deren sie mehrere trug, über den Schoss zurück und erwartete so, die Augen
niedergeschlagen, die Spenden der Gäste. Diese standen einer nach dem anderen
ebenso feierlich auf, gingen zu ihr, und legten ein jeder schweigend einige
Groschen ihr unter die zurückgeschlagenen Röcke. Einige legten auch Naturalien
auf den Tisch vor ihr; ein Huhn, einen Kuchen, ein Mandel Eier oder sonst
dergleichen. Nachdem jeder seine Gabe dargebracht hatte, ging die Beschenkte
Reihe herum bei den Gästen und dankte einem jeden derselben mit den nämlichen
Worten. Nun war sie erst wirkliche Hausfrau im Jürgenserbe (so hiess der Hof des
Schwiegersohnes) geworden. Sie legte ihre Brautkrone ab und tanzte als Frau in
dem Reigen mit, der nun zum Schlusse der Hochzeit im Baumgarten begann.
    Während des Tanzes sprach der Hofschulze leise und eifrig mit einigen
Bauern. Es waren die Besitzer der reichsten Nachbarhöfe. Sie nickten und sagten:
»Es bleibt dabei, wir kommen alle.« - Hierauf nahm er den Schwiegersohn beiseite
und flüsterte ihm zu: »Vergiss nicht ... zu morgen ... die Losung ...« - »Ich
werde es wahrhaftig nicht vergessen, denn ich trage das grösste Begehren danach;
der Haarrauch kommt wie gerufen, so bleibt alles in der Heimlichkeit«, versetzte
der Schwiegersohn.
    Der alte Schmitz hatte ungeduldig in der Nähe gewartet. Sobald der
Hofschulze von seinem Eidam zurücktrat, ging der Sammler auf ihn zu und sagte
ihm mit einer zugleich mürrischen und verlegenen Miene, dass es nun wohl endlich
an der Zeit sei, ihr Geschäft abzumachen.
    »Allerdings kann nun das Geschäft vor sich gehen, denn der Tanz ist nur noch
ein Pläsier für die jungen Leute«, erwiderte der Hofschulze. »Was ist es denn,
Herr Schmitz?«
    »Nicht hier«, versetzte der Sammler. »Zwar möchte ich gern von hier abgehen,
denn ich muss doch wieder durch, wenn ich nach der Stadt will und deshalb hätte
ich gewünscht, heute morgen auf dem Oberhofe die Sache richtig zu machen. - Dort
aber muss sie vorgenommen werden, weil ich das Meinige gleich mit mir nehmen
will.« - Er sagte die letzten Worten mit sichtlicher Überwindung.
    »Auch dieses«, antwortete der Hofschulze. - Die beiden alten Leute gingen
nebeneinander nach dem Oberhofe. Der Sammler sprach fast gar nicht und der
Hofschulze nur weniges. - Dazu gehörte, dass er sagte, er sei von Herzen froh,
dass das Pläsier seine Endschaft erreicht habe, denn nach den ersten Konfusionen
und Tumulten, die sich zugetragen, habe ihm immer ein Druck am Herzen gesessen,
als müsse ein grosses Malheur bevorstehen.
    »Es ist bekannt, dass Ihr an Ahnungen glaubt, Hofschulze«, sagte der alte
Schmitz.
    »Von Ahnungen weiss ich nichts Sonderliches«, erwiderte der Hofschulze kalt.
- »Aber Vorgeschichten gibt es«, fuhr er sehr ernstaft fort. - »So habe ich
damals Anno zwölf die ganze russische Armee über den Hellweg ziehen sehen, als
ich auswärts gewesen war und nach Hause ging.«
    »Es war wohl um die Mitternachtsstunde, Hofschulze?«
    »Nein, nachmittags um vier Uhr bei trübem Wetter im September, mich dünkt,
gerade um die Zeit, als der Franzose in Moskau einzog; Herr Schmitz.«
    »Dergleichen ist nun purer Aberglaube!« rief der alte Schmitz, welchem ein
Streit mit dem Hofschulzen vielleicht angenehm gewesen wäre, um sich für das,
was bevorstand, in Feuer zu jagen.
    Der Hofschulze blieb aber ganz freundlich und erwiderte gelassen: »Nein,
eine Gabe Gottes, Herr Schmitz.«
    Unter diesen Reden waren sie nach dem Oberhofe gekommen. Der Alte stutzte
einigermassen, als sein Gast ihn bat, mit ihm zu den Ställen zu gehen, und noch
mehr befremdete es ihn, da er wahrnahm, dass dieser kaum ein Zittern verbergen
konnte. Wie wuchs aber sein Erstaunen, als der Sammler die Türe des Hühnerstalls
aufriss, heftig mit der Hand hineindeutete und erstickten Tones rief: »Da steht
Eure Amphora und ich bitte mir dagegen meinen Schein aus!« Wirklich sah der
Hofschulze im Stalle den Weinkrug stehen, der schon einmal der Gegenstand eines
so heftigen Streites gewesen war, und den der Sammler in der Dunkelheit des
vorigen Abends hatte dahin bringen lassen. - Er trat drei Schritte zurück und
fragte, indem er den alten Schmitz gross ansah: »Was soll das, und was bedeutet
dieses?«
    Der alte Sammler, dem die Sache das Herz durchschnitt, sprudelte wie eine
Flasche, von welcher der Pfropfen abgeflogen ist: »Es bedeutet, dass Ihr Eure
Amphora wiederbekommt, um welche ich mein Gewissen, welches in einer schwachen
Stunde eingeschlafen war, nicht belasten will, und welche mir zwar, das weiss
Gott, noch das allergrösste Vergnügen macht, jedoch ein unrechtes und verbotenes!
Durch solche Schandtaten, und indem immer ein Schelm dem anderen seinen Plunder
als echtes Altertum attestierte, sind die Sammlungen mit Narrenpossen und
Quisquilien angefüllt worden. Ich aber will dazu nicht die Hand bieten, dass Euer
Lerchenspiess noch einmal künftig von einem grossen Herrn, der in solchen Sachen
die liebe Einfalt und Dummheit ist, für schweres Geld angekauft wird, sondern
ich begehre meinen Schein zurück, worauf das sogenannte Karls-des-Grossen-Schwert
wieder wird, was es war und ist und bleiben soll, nämlich ein Bratenspiess
frühestens aus der Soester Fehde, den ein Reisiger des Erzbischofs hier mag in
den Büschen haben stehenlassen.«
    »Demnach wollen Sie also die alten Zweifel an dem Schwerte von Carolus
Magnus wieder regen und rühren?« fragte der Hofschulze, der sich zwar gegen den
anderen scheinbar ruhig ausnahm, jedoch auch mit einiger Mühe nach Atem rang.
    »Es sind keine Zweifel, es ist die klarste Gewissheit; meinen Schein, meinen
Schein her!« stammelte der Sammler, der die schleunigste Beendigung des
Geschäfts wünschte, weil er fühlte, wie der Mut der Wahrheit im Angesichte der
Amphora bei ihm sank.
    »Sie behalten den alten Topf, und ich behalte den Schein, Herr Schmitz«,
sagte der Hofschulze und bohrte seinen Stock wieder wie gestern bei dem Vorfalle
mit dem Hochzeitbitter, tief in die Erde. - Der Sammler fragte ihn heftig, ob
das sein letztes Wort sei? welche Frage der Hofschulze bejahte, mit dem
Hinzufügen: »Handel ist Handel.«
    »Dann kommt die ganze Sache in den Anzeiger!« rief der alte Schmitz zornig
und machte sich, ohne von seinem Wirte Abschied zu nehmen, auf den Weg. Der
Hofschulze stand noch einige Augenblicke voll nachdenklichen Verdrusses vor dem
Stalle. Er war so böse auf die Amphora, dass er sie hätte zerschlagen können,
wäre sie nicht eines anderen Eigentum gewesen. Die Erwähnung des
»Rheinisch-Westfälischen Anzeigers« war ihm schwer auf das Herz gefallen. Denn
er wusste, dass dieses Blatt, welches durch alle Ortschaften, Weiler und Gehöfte
des Landes seine Wanderung macht, dem Kredit des Schwertes sehr schaden könne,
wenn darin stehen werde, letzteres sei ein Bratenspiess frühestens aus der
Soester Fehde.
    »Ei! Ei! Ei!« sagte er missmutig, »muss mir das doch noch heute begegnen,
nachdem ich glaubte, allen Ärger überstanden zu haben! Es ist also doch wahr,
dass man von dem, was einem das Liebste ist, zu keinem Menschen reden soll; sie
fechten es einem nur an. Hätte ich dem Herrn Schmitz nicht einstmalen in der
Vertraulichkeit die Sache mit dem Schwerte entdeckt, nimmer wäre mir darüber die
Streiterei und Zweifelsucht und Mäkelung entstanden, die mich seitdem jahraus
jahrein verfolgt hat.« - Er ging in das Haus, fragte den rotaarigen Knecht, ob
jemand dagewesen sei? welches dieser grinsend verneinte, und stieg dann zu der
Kammer empor, in welcher er die Waffe verwahrte, um an ihrem Anblicke seinen Mut
zu erfrischen. Auch wollte er sie für die morgende heimliche Weihe, bei welcher
sie eine Hauptrolle spielen sollte, vom Staube säubern. Denn das Schwert war
lange nicht gebraucht worden.
 
                                Drittes Kapitel
                        Die Geschichte eines Geächteten
Der Patriotenkaspar hatte sich, nachdem er vom Rotaarigen verabschiedet worden
war, noch immer in der Nähe des Oberhofes umhergetrieben, um mit dem alten
Schmitz zu sprechen. Denn zu diesem hatte der gemiedene und geringgeschätzte
Mensch eine Art von Verhältnis. Der Sammler hatte ihm manchen Groschen geschenkt
und sah ihn nicht ungern. Weil der Patriotenkaspar überall umherstrich und
-kroch, so war es ihm möglich gewesen, dem alten Raritätenfreunde hin und wieder
eine nützliche Nachweisung zu erteilen, oder ihm auch wohl selbst irgendein
seltsam geformtes Schnitzwerk zuzubringen. Der alte Sammler war daher auch der
einzige, bei dessen Anblick in die arme und elende Brust dieses jämmerlichen
Bettlers ein Gefühl drang, dass er doch nicht ganz und gar auf dieser Gotteswelt
ein Ausgestossener sei. Für den alten Schmitz wäre er durchs Feuer gegangen, er,
der sonst am vergnügtesten lachte, wenn anderen etwas recht Übles begegnet war.
    Jetzt lauschte er hinter einer Wallhecke an einem Felde des Oberhofes, ob er
seinen alten Gönner nicht allein ansichtig werden möchte. Als er ihn vorher in
der Gesellschaft des Hofschulzen vorbeiwandern gesehen, hatte er nicht gewagt,
ihn anzureden. Entdecken wollte er ihm etwas vorlängst Geschehenes, und ihn um
eine sonderbare Hülfe ersuchen. Nach langem Harren war ihm endlich die rechte
Stunde dazu gekommen. - »Nun ich meine Lust gebüsst habe an dem alten Blutunde
und er den Tort hoffentlich nicht verwindet, den ich ihm angetan - denn es liegt
wohl versteckt, tief versteckt, und das Dach wird er darnach nicht abdecken
lassen - nun will ich auch mein Recht erleiden, wie recht ist«, sagte er hinter
seiner Wallhecke.
    Der alte Schmitz kam vom Oberhofe zurück und ging vorüber. Der
Patriotenkaspar begrüsste ihn und sagte: »Herr Schmitz, ich habe hier auf Sie
gewartet, weil ich Ihnen etwas offenbaren wollte.«
    So verdriesslich der Sammler war; diese Anrede, in welcher er nur die
Ankündigung eines Fundes für sein Kabinett zu hören glaubte, machte ihn
aufmerksam. Er stand still und fragte: »Was ist es denn, Kaspar?« - »Nein«,
versetzte der Spielmann, indem er seinen Leierkasten über den Rücken warf, »hier
kann es nicht geschehen, sondern an Ort und Stelle muss es veroffenbart werden.«
    Er ging dem Sammler auf dem Wege, der nach dem Hofe des Schwiegersohnes
führte, voran, bog jedoch einige hundert Schritte von diesem Hofe in einen
Seitenpfad ein, der zwischen Erdwänden vertieft unter hohen Rüstern dunkel
fortlief. Nicht weit hinein kreuzte den ersten Pfad ein zweiter. Er war noch
dunkler, weil ihn noch höhere Bäume überschatteten.
    An diesem Kreuzwege, der einsam und schauerlich zwischen den Erdwällen,
Rüstern, zwischen Brombeergebüsch, Nachtschatten und Schierling lag, setzte der
Spielmann seinen Leierkasten ab, bog einen Brombeerbusch zurück, so dass ein
grosser Stein entblösst wurde, kniete vor dem Steine nieder und sagte dann, halb
rückwärts nach dem Sammler gewendet: »Hier war's.«
    Der Sammler, welcher glaubte, der Patriotenkaspar werde dort etwas für ihn
aus der Erde scharren, trat dicht zu ihm hin, senkte seinen Kopf, so dass er fast
die Schulter des Knienden berührte und fragte eifrig: »Was? Was?«
    Der Patriotenkaspar sah ihm, mit dem Auge unstet zwinkernd in das Gesicht
und sagte heiser und gedämpft: »Hier habe ich einstmals des Hofschulzen seinen
Sohn, den Fritze, totgeschlagen.«
    Ein Knabe, der von einem Strauche eben eine leckere Beere pflücken will und
dem Unversehens unter dem Strauche eine Natter mit funkelnden Augen
entgegenzischt, kann nicht erschreckter zurückfahren, als der alte Schmitz bei
dieser Eröffnung vor dem Patriotenkaspar zurückfuhr. Den Blick starr auf ihn
heftend und rückwärts vor ihm weichend, als fürchte er, einem geständigen Mörder
seinen Rücken preiszugeben, entfernte er sich bis in die entgegengesetzte Ecke
des Kreuzweges. Dort blieb er stehen, den Patriotenkaspar immer in das Auge
gefasst, unschlüssig, ob er nun sich wenden, so fortgehen und dadurch den
gefährlichen Menschen aus seinem beobachtenden Blicke verlieren sollte.
    Der Patriotenkaspar seinerseits richtete sich an dem Steine empor. Als er
bemerkte, welchen Eindruck seine Worte auf den einzigen Gönner machten, den er
besass, nahm sein Auge einen wehmütigen Glanz an, und in der verwüsteten Stimme
zitterte etwas wie Trauer, als er so sprach: »Ach, mein lieber Herr Schmitz,
warum fürchten Sie sich doch vor mir? Ich bin ja ein armer, zerlumpter, von
Hunger entkräfteter Mensch. Sehen Sie, da kehre ich meine Taschen um, und es ist
nichts darin, weder Messer, noch Hammer noch sonst etwas, womit ich Sie
erstechen oder erschlagen könnte. Wenn Sie sich aber vor meinen Fäusten
fürchten, so will ich da mit meinem Halstuche sie binden, so dass Sie ganz sicher
sein können, dass Ihnen kein Leid von mir widerfährt. Ich wollte Ihnen bloss die
alte Geschichte erzählen und Sie um eine Güte und Gefälligkeit bitten.«
    Der Sammler, der sich noch immer nicht zu fassen wusste, sagte: »Ich glaube.
Ihr seid betrunken, Kaspar.«
    
    »Nein, Herr Schmitz, wüsste nicht, woher das kommen sollte, indem ich wenig
genossen habe«, versetzte der Patriotenkaspar. »Ich wiederhole Ihnen in der
Nüchternheit: Hier habe ich des Hofschulzen seinen Fritze totgeschlagen. Es ist
aber lange her und Gras ist darüber gewachsen. Indessen will ich mein Recht über
diese Tat haben, denn nunmehr ist die Stunde dazu gekommen, nachdem ich meinem
Feinde und Überwältiger den Tort getan habe, den er verdiente, und dazu suche
ich Ihren Rat und Beistand, weil Sie ein Schriftgelehrter sind und mir mitunter
eine Gütigkeit erwiesen haben.«
    Der klagende und sanfte Ton, womit der Patriotenkaspar dieses vorbrachte,
flösste dem alten Schmitz Mut ein. Neugierig, wie er von Natur war, empfand er
ein Verlangen nach den Dingen, die einen Menschen bewegen konnten, über einen
verschollenen Frevel zum Ankläger wider sich zu werden. Der Patriotenkaspar
schwieg aber, senkte seinen Blick und schien eine Aufmunterung erwarten zu
wollen. Endlich sagte der Sammler: »Ich habe wohl vor Jahren davon gehört, dass
ein Sohn des Hofschulzen plötzlich zu Tode gekommen sei; es hiess aber damals, er
sei mit der Stirn auf einen Stein geschlagen.«
    »Ja, so hiess es damals«, versetzte der Patriotenkaspar. »Mit der Stirn
schlug er allerdings auf einen Stein, und zwar auf diesen da, neben welchem ich
stehe, allein nicht von selbst, sondern von einem anderen mit der Faust gegen
den Stein gestossen, und wer ihn so lange mit der Faust gegen den Stein stiess,
bis die Hirnschale zerbarst, das war ich.«
    »Also hatte doch jenes zweite alte Gerücht, was auch im stillen hie und da
umherlief, recht!« sagte der Sammler. »Aber wie kam es, dass die Geschichte nicht
angezeigt und den Gerichten überwiesen wurde?«
    »Das hängt mit diesem meinem ausgeschlagenen Auge, mit des Hofschulzen
seinem Hochmut und mit dem Freistuhl da droben an jenem Berge zusammen«, sagte
der Spielmann.
    Der Sammler versetzte: »Bringt Eure Geschichte ordentlich und im
Zusammenhange vor, Kaspar. Denn aus diesen zerstückelten Reden kann sich niemand
vernehmen.«
    Der Patriotenkaspar erzählte hierauf an dem Mordsteine stehend, dem alten
Schmitz, welcher ihm gegenüber an der anderen Seite des Kreuzweges stehenblieb,
folgendes:
    »Herr Schmitz, in den Geschichten, die ich da auf meinem Leierkasten
feilhabe, kommen mitunter auch Sachen vor von Leuten, die ihresgleichen ächteten
und von sich ausstiessen. Als zum Beispiel: einen trieben sie vor diesem aus,
weil er gar zu gerecht war, und ein General wurde zu alten Zeiten verbannt, weil
sie ihm nachsagten, er mache den armen Leuten das Brot teuer, und dann gab es
auch wieder einmal einen Herzog, der geächtet wurde, weil er seinen Freund nicht
hatte verlassen wollen. Diese armen elendigen Verbannten führten ein
jämmerliches Leben. Meistenteils ist zwar dergleichen nur bei grossen Herren und
vornehmen Standespersonen vorgekommen, aber auch unter dem Bauerstande kann sich
die Sache zutragen, und mit mir hat sie sich begeben.
    Herr Schmitz, ich war zu meiner Zeit ein flinker, anstelliger Kerl und hatte
mehr Witz als aller der Bauerpöbel hier herum zusammengenommen. Sah auch recht
gut aus -«
    »Ei«, fiel der Sammler ein, »Ihr habt ja stets eine hohe Schulter gehabt,
Kaspar.«
    »Das tut nichts«, erwiderte der Patriotenkaspar, »demohnerachtet kann man
doch schön aussehen. - Sah also recht gut aus, ehe ich das eine Auge verlor und
in die Hungersnot versank, hatte was erlebt draussen als junger Mensch. Denn, wie
Sie wissen, war ich dabei, als die alte Orange in Schoonhoven vermolestiert
wurde und kam auch nach Gorkum und Nieuwpoort mit den Patrioten dazumal. Ich
schor mich den Teufel um den Krimskrams hier unter den Bauerkerls, sagt' ihnen
oft die Wahrheit über ihre Einfalt und es setzte schon gleich zu Anfang viel
Streit und Wortwechselung mit ihnen. Es gab nie keinen Vertrag mit ihnen recht,
denn sie konnten es mir nicht verzeihen, dass ich klüger war als sie und
gewjetzter. Also gut; wie ich meine vollen Jahre erreicht hatte, trat ich das
Kolonat an, denn Sie müssen wissen, dass der Windkotten uns gehörte, mir und
meiner Familie; ein recht hübsches Erb mit Feld, Baumgarten und Wiesenwachs, was
nachgehends freilich parzelliert worden ist, und das Haus hat der Jude abbrechen
lassen, der das Ganze zuletzt kaufte, so dass ich selbst kaum noch weiss, wo die
Stätte gelegen hat.
    Wie ich nun so Kolon und Hofesbesitzer war, da ging der rechte Verdruss erst
an, Herr Schmitz. Denn ich konnte es gar nicht vertragen, dass die Grossen besser
sein wollten, als wir Kleinen, und dass so ein Hofschulze es wie eine Gnade
ansah, wenn er mit einem Kötter trank. Denn ich dachte: Ich baue so gut mein
Feld, wie ihr, was habt ihr denn also voraus? Ich setzte mich also dreist zu
ihnen, wenn ich im Kruge mit ihnen zusammentraf, ich sprach bei ihnen
ungefordert ein. Wenn ich an einem der Grossen vorüberging, tat ich so als müsse
er mich zuerst grüssen, und meinte, es wohl mit ihnen durchsetzen zu können.
Aber, Herr Schmitz, man setzt dergleichen mit den Menschen nicht durch, denn man
ist immer nur einer und sie sind viele, und das hält zusammen wie Pech und
Schwefel. Grob behandelten sie mich, wenn ich sie besuchte, im Kruge rückten sie
von mir weg, und wollte ich von ihnen auf Landstrasse und Nachbarweg zuerst
gegrüsst sein, so lachten sie mir unter die Nase und keiner lupfte den Hut. Von
allen aber war der Hofschulze im Oberhofe der Gröbste und Stolzeste und
Schlimmste; denn er ist immer unmenschlich reich gewesen und hat grosses Ansehen
von jeher gehabt.
    Also, Herr Schmitz, den Hofschulzen nahm ich mir apart aufs Korn und dachte:
Du sollst mir daran glauben. - Er hatte aber eine Tochter aus erster Ehe, denn
drei Frauen hat der alte Kerl begraben lassen und zum letztenmal, woraus nun die
ist, die gestern Hochzeit machte, freite er, wie er schon ziemlich in den Jahren
war. Die Tochter sah recht gut aus, und ich war ihr auch recht gut, aber die
Hauptsache, dass ich mich an sie machte, war doch der Stolz, und weil ich mir
einbildete, ich könne alles durchsetzen, was ich wolle, und werde das Mädchen
schon 'rumkriegen, wenn ich es nur recht anzufangen wisse. Ich hatte schon
gemerkt, dass sie auf Tänzen und Kindelbieren nach mir hinhörte, wenn ich so
erzählte von meinen Fahrten, und darauf baute ich meinen Ratschlag und sah sie
unaufhörlich starr an, wenn ich ihr nahe kam, so dass sie nicht wusste, wo sie die
Augen lassen sollte. Fing auch an, mich über mein Vermögen schön zu kleiden, das
beste lichtblaue Tuch musste ich zum Rocke haben und liess mir an die Jacken
silberne Knöpfe setzen, die kein anderer von den Kolonen hatte, wodurch ich in
Schulden geriet. Eines Sonntages geht die Magdalis an mir vorüber, wie ich
besonders herausgeputzt war und sagt: Ihr zieht Euch doch an, wie keiner sonst,
Kaspar. - Das geschieht ganz allein um Euch, Magdalis, antwortete ich, und wenn
ich all mein Hab und Gut zusetzte, so wollte ich mich noch schöner kleiden,
wofern es Euch nur gefiele. - Sie wurde rot und damit hatte ich sie weg. Denn
wenn man den Mädchen sagt, dass man um ihretwillen einen neuen Rock angezogen
hat, so sind sie kaputt.
    Also die Sache kam in Gang und ich will Sie damit nicht aufhalten, Herr
Schmitz. Genug, die Magdalis gab zu, dass ich an ihr karessieren durft', und war
alles bald zwischen uns in Richtigkeit, wie es die Ordnung ist unter
Liebesleuten. Auch die Magdalis dacht' in ihrer Dummheit, dass der Vater, weil es
einmal so weit gekommen, werd' ein Auge zudrücken müssen. Deshalb nahmen wir
beiden Gimpel die Absprache zusammen, dass ich um sie anhalten solle. - Aber - da
kam ich schön an, Herr Schmitz, wie ich die Sache vortrug bei dem Alten. Denn
selbst musste ich sie vortragen; ein Freiwerber wollte sich dazu nicht verstehen.
In meinem Leben ist mir kein grimmigerer Mensch vorgekommen, als der Hofschulze,
wie er sich benahm, da ich meinen Spruch herausgesagt hatte. Ich wurde mit einem
solchen Zorn und Hohn angelassen, dass mir die Knochen bebten vor Ärgernis. Es
fehlte nur, dass er mich fortpeitschen liess, und noch heut am Tage weiss ich
nicht, wie ich vom Hofe gekommen bin.
    Gut, dachte ich, willst du sie mir nicht zur Frau geben, so soll sie - - Der
Alte hielt sie eingesperrt und sein Sohn, der Fritze, auch aus der ersten Ehe,
passte mir auf. Aber man kann die Leute schon belauern, wenn man nur will. Was
nicht bei Tage geht, das geht bei Nacht, und darf man nicht zur Tür 'rein, so
steigt man über die Mauer. Ich war denn also alle Nächte, die Gott werden liess,
bei der Magdalis, zu der ich durch das Fenster gelangte. - Doch sie kamen
dahinter, Herr Schmitz, der Alte und sein Sohn. Und nun machten sie zusammen
einen Plan auf mich, mir aufzulauern und mir das Leben zu nehmen.«
    »Das ist nicht wahr«, unterbrach hier eifrig der alte Schmitz die Erzählung.
»Der Hofschulze ist ein eigensinniger Mann, aber Schlechtigkeiten hat er nie
getrieben.«
    »Nun dann hat es der Junge, der Fritze, auf seine eigene Hand getan«, sagte
der Patriotenkaspar. »Genug, ich weiss, was ich weg gekriegt habe bei der
Gelegenheit. Also, Herr Schmitz, eines Abends, wo es ganz dunkel war und ein
schweres Unwetter heraufzog, komme ich auch von meinem Erb da herüber meinen
gewöhnlichen Weg geschritten. So höre ich da, wo Sie jetzt stehen, Herr Schmitz,
etwas rascheln in der Dunkelheit, und ehe ich noch meine Gedanken zusammennehmen
kann, springt das, ohne einen Laut von sich zu geben, auf mich zu, und ich habe
einen Schlag mit einem Knüppel über den Kopf und einen Stoss in das linke Auge
weg, dass mir beinahe Hören und Sehen vergeht. Im Auge ist's mir, als ob ein
Dutzend Messer darin umgedreht würden, Nasses läuft mir über die Backe - ich
aber denke, hier geht's noch um Haut und Haar, ist's Auge schon weg - und kriege
meinen Kujon zu packen, und reisse ihm den Knüppel weg, denn, Herr Schmitz, ein
Mensch, dem sie das Auge ausschlagen, hat fürchterliche Kräfte - und gebe ihm
die Erwiderung auf seinen Schädel, dass er aufgrölzt und ich an der Stimme den
Fritze erkenne. Er bettelt um Gnade, aber ich schreie: Meine Gnade sollst du
gleich spüren! reisse ihn in die Höhe; du verfluchtiger Augenmörder! rufe ich,
und stosse so lange den Bengel mit dem Kopf gegen den Stein hier, bis er stumm
wird. Einen Ohrring hatte ich ihm bei der Balgerei abgerissen (denn er trug
welche) den hielt ich in der Hand, wusste nicht, was damit anfangen, konnte ihn
freilich nur wegwerfen, aber der Mensch ist bei solcher Gelegenheit wie von
sich; unter dem Stein habe ich den Ring verscharrt, soll mich wundern, ob er
noch da liegt?«
    Der Patriotenkaspar, welcher den letzten Teil der Erzählung mit so
lebendigen Gebärden vorgebracht hatte, dass seinem alten Zuhörer ein Schauder
über die Haut rieselte, wälzte trotz seiner anscheinenden Kraftlosigkeit den
Stein hinweg, kratzte etwas in der Erde darunter und zog mit einem gellenden
Freudenschrei, als habe er den köstlichsten Schatz entdeckt, einen Ohrring
hervor, der nicht verrostet war, weil er stark vergoldet gewesen sein mochte.
»Ei, wie so ein Ding übrigbleibt, wenn der Mensch längst verrottet ist!« rief
er, und gab den Ring dem alten Schmitz, der ihn nur zagend annahm.
    »Als ich nun dem Fritze das Seinige gereicht hatte, liess ich ihn liegen und
ging nach Hause, Herr Schmitz«, fuhr der Patriotenkaspar fort. - »Es war nun
starkes Unwetter geworden und bei dem Donnern und Blitzen unterweges wurde mir
graulich zumute. Ich dachte: Die Magdalis erwartet dich in ihrer Kammer, und ihr
Bruder liegt da tot am Kreuzweg, und der Hofschulze schläft und lässt sich nichts
träumen, und du gehst über das Stoppelfeld. - Zu Hause nahm freilich der
greuliche Schmerz im Auge alle meine Besinnung weg, und nur unterweilen konnte
ich mir vorstellen, dass sie mir nun vielleicht den Kopf abschlagen würden. Es
kam aber alles ganz anders, Herr Schmitz.
    Den anderen Tag liess ich den Feldscherer holen, und der sagte mir, dass das
Auge heidi sei, denn mit uns Bauersleuten machen die Doktors nicht viele
Umstände. Na, das Auge lief auch wirklich aus, Herr Schmitz, und schrumpfte weg,
und ich erwartete alle Tage die Gerichte im Erb, die mich abholen würden, denn
fliehen mochte ich nicht. Aber keine Gerichte kamen.
    Dagegen kam ein Kerl, der der Fronbot hiess, von wegen des Dings droben unter
den drei Linden, und sagte, ich sei geheischen und geladen zum Stuhl, sie
wollten's unter sich abmachen, und ich sollt' Rede und Antwort stehen. Ich rief:
Er sollte sich zum Teufel scheren, sie könnten mir dies und das tun, dem Amtmann
sei ich Rede und Antwort schuldig.
    Wie ich nun zum ersten Male den Kopf wieder aus dem Loch hervorstrecke, höre
ich kuriose Geschichten. Der Alte hat seinen Sohn gleich nachdem die Leiche
gefunden worden, begraben lassen und überall gesagt, der Junge sei spät nach
Hause gegangen und habe einen bösen Fall getan. Keine Anzeige hat er gemacht und
alles bleibt still von der Sache, und kein Amtmann und kein Kriminal bekümmert
sich um mich. Ja, was soll das bedeuten? denke ich.
    Ich konnte es aber bald spüren, Herr Schmitz. Es war mir schon auffällig
gewesen, dass während meiner Wehtage nicht eine Menschenseele nach mir fragte,
denn wenn ich auch nicht viele Freunde hatte, so besuchte mich doch je zuweilen
sonst einer oder der andere. Aber da sass ich ganz allein und verlassen, und
zuweilen tat mich nicht nur meine wunde Augenhöhle schmerzen, sondern ich heulte
auch mit dem gesunden Auge meine bitteren Tränen. Als ich nun wieder 'naus ging,
so wollte ich, weil ich nicht verfolgt wurde, bei einem Nachbar vorsprechen,
aber der schob zur Hintertüre hinaus, als ich in die Vordertüre trat. Im Kruge
rückten sie zischelnd zusammen, als ich kam und riefen den Wirt beiseite und
sprachen sacht mit ihm und der kam dann zu mir und sagte: Kaspar, Ihr könnt
nicht verlangen, dass ich um Euretwillen meine Nahrung einbüsse. Sie wollen nicht
mehr bei mir sitzen, wenn ich Euch zapfe. - Nicht mehr bei Euch sitzen? fragte
ich wild. - Still! rief er. Ich will's Euch heute abend offenbaren, Ihr habt mir
manchen Taler zu verdienen gegeben, und darum kann ich Euch den Gefallen wohl
tun. Kommt heute abend, wenn alles zur Ruhe ist, her, da sag' ich's Euch.
    So ging ich denn den Abend, wie Polizeistunde geboten war, und niemand mehr
in der Stube sass, zu ihm. Und da erzählte er mir, dass der Hofschulze über den
Tod seines Jungen mit den anderen zusammengewesen sei droben am Freistuhl, und
habe gesagt, er wolle keine Anzeige wider mich machen, und keiner solle es tun,
aber er habe mich mit seinem Schwert von Carolus Magnus verfeimt und geächtet,
und die Sache sei schon durch die Bauerschaft und weil die Grossen drin einig
seien, so seien die Kleinen auch nicht dawider und sei ich also nun aus dem
Frieden und aus der Freundschaft gesetzt bei allen.
    Ich lachte und rief: Was scher' ich mich um euren Frieden und um eure
Freundschaft! - Aber ich hatte übel gelacht, Herr Schmitz. Keine Anzeige kam
wider mich bei den Gerichten ein, was damals leicht möglich war, denn der grosse
Krieg war eben im Gange, und alles lief bunt über Eck, und als es wieder ruhig
worden, war die Sache schon alt; jedoch ein Verfeimter war ich und ein
Verfeimter blieb ich, und das war böser als Verhör und Urteil. Herr Schmitz, das
Menschenkind kann alles ausstehen, Not und Krankheit und Feuersbrunst und
Gewaltzwang, aber von seinesgleichen verstossen sein, das kann das Menschenkind
nicht ausstehen. Denn der Vogel fliegt mit seinesgleichen, und der Hirsch geht
in Rudeln und der Fisch im Wasser schwimmt selbzwanzig dahin und dortin, selbst
der Wolken wandern immer mehrere zusammen, wie sollte das Menschenkind es allein
bestehen können? - Sie hielten 's, was sie oben am Freistuhl ausgemacht. Und die
Kleinen mussten's ihnen nachtun. Wenn ich mir Stroh und Korn borgen wollte, wie
der Fall sein kann in jeder Wirtschaft, kriegte ich nichts; einmal brannte meine
Scheune, die liessen sie brennen und kamen mit der Spritze, als nur noch die
Trümmer rauchten, und wenn sie an meinem Erb' vorbeigingen, so greinten sie
höhnisch und spuckten aus, und wenn ich selbst zu ihnen trat, so wiesen sie mir
den Rücken. - Das frass mir ins Herz hinein und ich sagte: Ich will's euch allen
zuvor tun, dass ihr Seelenverkäufer die Kränke vor Ärger kriegt und will mir
Gesellschaft und Kameraden aus der Stadt halten. Zechte also brav auf meine
eigene Faust, liess mich mit Menschen in der Stadt ein, Schreibergehülfen und
Ladenburschen und so dergleichen, gab denen grosse Traktamente auf dem Erb. Aber
es wollte mir dergestalt nicht schmecken, Herr Schmitz, und wenn ich noch so
viele lustige Schreibergehülfen und Ladenburschen bei mir hatte, so würgte es
mir in der Kehle, weil ich immer dachte: Sie sind doch nicht deinesgleichen.
Natürlich geriet ich auch durch die Lebensart tief in die Schulden hinein; auf
einmal kam mir nun der Jude, der mir vorgeschossen hatte, über den Hals und liess
mir das Erb anschlagen. Ich wurde herunter gepfändet und hatte dann die Erde zum
Lager und den Himmel zum Dach. Und so bin ich denn nach und nach, Herr Schmitz,
zu dem Leierkasten, in diese Lumpen, in den Hunger und in die Kälte geraten, und
so ein räudiger Bettelhund geworden, wie Sie mich da sehen.«
    Der arme und jämmerliche Mensch sah nach dieser Erzählung mit dem Blicke
eines so kalten und bodenlosen Elendes vor sich hin, dass es den alten Schmitz,
der von Natur weichherzig war, erbarmte. Er begriff nun wohl, dass er von dem
unglücklichen Mörder nichts zu befürchten habe, trat ihm daher näher und sagte:
»Ich fasse noch nicht recht den Grund, weshalb der Hofschulze Euch den Gerichten
entzog, denn, wenn ich auch sonst wohl einsehen kann, warum er mit seinem
Freigerichte hantiert, so hätte ihm in diesem Falle Eure öffentliche
Verurteilung doch eine grössere Genugtuung gegeben.«
    »Oh«, rief der Patriotenkaspar, »das ist eben die ausbündige Bosheit des
alten Blutsaugers!« - Er raufte seine buschichten Augenbraunen. - »Denn wie ich
nachgehends gehört habe, so sind Zeugen gewesen, zu denen der Bengel, der
Fritze, sich berühmend gesagt hatte, er wolle mir an dem Abende auflauern. Nun
war der dicke Knüppel neben dem Toten gefunden worden und mein Auge war doch
auch weg, also folglich konnte ich mich auf Notwehr berufen, und den Kopf hätten
sie mir nicht 'runter gehauen, sondern ich wäre vermutlich mit etwas Gefängnis
davongekommen. Das sah der alte Satan voraus und deshalb wollte er mich auf
seine eigene Hand für zeitlebens unglücklich machen. Ich habe aber auch eine Wut
auf ihn gehabt die Jahre her bei meinem Leierkasten, Herr Schmitz, ich kann
Ihnen nicht sagen, was für eine Wut. Und lange konnte ich ihm nicht beikommen,
aber nun - -«
    »Pfui«, sagte der alte Schmitz. »Schämt Euch, Kaspar, wer wollte so
rachgierig sein!«
    Der Patriotenkaspar stürzte seinem Gönner zu Füssen, umschlang die Kniee des
alten Mannes mit seinen hageren und haarichten Fäusten, als wollte er ihn um
Verzeihung für seine Sinnesart bitten und rief mit hohlem zerreissendem Tone: »O
Herr Schmitz! Rachgierig muss der Mensch sein, wenn sie ihm alles genommen haben,
sonst verkommt er gar. Ich wäre längst verhungert, aber ich frass meine Rache,
und so blieb ich leben. Es steht wohl geschrieben: Segnet, die euch fluchen,
aber es gibt keinen, keinen auf Erden, für den es geschrieben steht, zum
wenigsten keinen Unglücklichen.«
    »Nun, und was soll ich mit dieser ganzen sonderbaren Geschichte anfangen?
Was treibt Euch, sie gerade mir und jetzt zu erzählen?« fragte der Sammler.
    Der Patriotenkaspar erhob sich und sagte: »Herr Schmitz, ich will nun mein
Recht haben. Ich habe mein Herze befriedigt und nun will ich mein Recht
desgleichen haben. Ich will nicht länger unter dem Banne von meinesgleichen
leben, sondern mein Urteil haben vor den Gerichten des Königs. Ihnen habe ich
die Sache erzählt, weil Sie sich doch auch auf Amtssachen verstehen, damit Sie
ein hübsches und richtiges Protokoll aufnehmen, worin alles gehörig steht von
Notwehr und von den Zeugen, denen der Fritze gesagt hat, er wolle mir auflauern
(denn es leben ihrer noch einige), damit mir nicht der Kopf abgehauen wird. Dazu
habe ich keine Lust, aber sitzen will ich ein paar Jahre recht gerne. Im
Gefängnis betrage ich mich ordentlich, mache mir Überverdienst, komme mit einem
guten Attestat vom Direktor zurück, lege von meiner Sparsumme einen
Winkelkramladen an, und dann soll das Donnerwetter dem in die Eingeweide fahren,
der mich noch ferner hoch necken oder verachten will!
    Also, Herr Schmitz, tun Sie mir die Gefälligkeit, das Protokoll zu
schreiben, ich will dann drei Kreuze darunter setzen und es selbst in die
Gerichte tragen.«
    Der Sammler liess sich das Jahr, worin die Mordtat vorgefallen war, nennen.
Er dachte nach und sagte dann: »Kaspar, das Protokoll würde keinen Erfolg haben.
Die Sache ist verjährt.«
    »Was heisst das: Verjährt?«
    »Das heisst: Ihr mögt über die Sache angegeben werden, oder Euch selbst
angeben, ja, Ihr mögt, wie Ihr tut, die Strafe begehren, so wird dem keine Statt
gegeben, denn nach dem Ablaufe von dreissig Jahren ist eine Untat ab und tot vor
dem Richter. Ihr müsst also Euer Geschick schon so nehmen, wie es einmal liegt
und es bis an Euer Lebensende tragen.«
    Er ging an dem Totschläger vorüber, gab ihm den silbernen Ring, da dieser
bei näherer Betrachtung ihm nichts Merkwürdiges gezeigt hatte, zurück und
entfernte sich. Der Geächtete stand betroffen, sann über die Verjährung und
konnte darin durchaus keinen Sinn finden. »Also«, sagte er endlich, »meine
Gedanken an die Missetat muss ich behalten und bis in jene Ewigkeit mit
hinüberschleppen; aber wenn ich mit meinem Fell die Sache büssen will, so geht
das nicht mehr an, weil dreissig Jahre vorüber sind!« -
    Ein Lärmen, der ganz in der Nähe entstand, unterbrach sein Nachsinnen und
machte ihn aufmerksam. Kaum zwanzig Schritte vom Kreuzwege kamen auf dem Wege
vom Oberhofe Menschen gelaufen und andere begegneten ihnen, die vom Hofe des
Eidams gegangen kamen. - »Wisst ihr's schon?« fragten die vom Oberhofe überlaut.
- »Was denn?« versetzten die anderen. Ihren Weg eiligst nach dem Jürgenserbe
fortsetzend, riefen die vom Oberhofe: »Der Hofschulze hat eine Überfahrung12!«
    »Das wäre der Henker!« riefen die ersten und liefen nach dem Oberhofe zu.
    Der Patriotenkaspar fletschte die Zähne, sprang wie unsinnig auf dem
Mordplatze umher und schrie: »Heisa! Heisa! So ist's recht. Die Tochter machte
ich dir zur Hur', den Jungen zu Brei, und dich macht' ich nun zunicht'! Ihr
sollt erfahren, was es heisst, geringere Leute verachten! Könnt' ich jetzt mein
Protokoll aufgenommen kriegen, wäre ich ganz zufrieden!«
 
                                Viertes Kapitel
    Der Hofschulze kommt wieder zu sich und Lisbet schreibt an den Diakonus
Auf der Kammer, worin er das Schwert Karls des Grossen verwahrte, sass oder lag
der Hofschulze blass und halb betäubt neben der eisenbeschlagenen Kiste. In
diesem Zustande war er von einer Magd, die vor der Kammer vorbeiging, gefunden
worden, kurz nachdem er sich die Treppe hinaufbegeben hatte. Sie war erschreckt
hinuntergesprungen und hatte von dem Vorfalle Lärmen gemacht, den einige
Vorübergehende weitertrugen.
    Die Magd kehrte mit Essig zurück und bestrich ihres Broterrn Schläfe. Das
einfache Mittel brachte ihn auch bald wieder zu sich selbst, denn der Schlagfluss
war eine Vergrösserung des Unfalls, der den alten Bauer betroffen hatte. Er war
nur von einem Schwindel und von jener Betäubung befallen worden, wie sie die
Folgen eines plötzlichen grossen Schrecks zu sein pflegen, besonders bei alten
Leuten. Als er von dem scharfen Geruche des Essigs wieder erwachte, hob er sich,
ohne dass ihn das Mädchen zu unterstützen brauchte, sogleich strack auf seine
Füsse, fuhr mit der Hand über die Stirn und warf seinen ersten Blick in die
Kiste, deren Deckel aufgeklappt war. Mit einer Mischung von Entsetzen und Kummer
kehrte aber der Blick des alten Mannes in sich zurück; er klappte hastig den
Deckel zu, als wollte er den Verlust seines Teuersten jedem Auge verbergen und
trieb die Magd an, ihn zu verlassen. Diese fragte zwar, was dem Baas zugestossen
sei, erhielt jedoch keine andere Antwort von ihm, als dass ihn eine plötzliche
Schwäche, vielleicht von dem vielen Pläsier, welches gestern und heute gewesen,
angewandelt habe.
    Als er auf der Kammer allein war, stand der Hofschulze erst eine geraume
Zeit mit übereinandergeschlagenen Händen ohne sich zu regen, da. Dann setzte er
sich auf die Kiste und nahm seinen Kopf in beide Hände, um alle Winkel des
Gedächtnisses zu durchforschen. Darauf erhob er sich, öffnete abermals die
Kiste, wie wenn er es nicht für möglich halte, dass das Schwert daraus habe
verschwinden können, liess aber augenblicklich den Deckel zufallen, da er wohl
sah, dass er nur in die Leere blicke, und stöhnte wie ein verwundeter Stier.
    Nach diesem begann der Alte ein stummes eifriges Suchen in der Kammer. Er
kehrte jedes Gerät um, er durchspürte jeden Winkel, er leerte alle Kisten und
Kasten aus, welche dort vor und hinter dem Saatlaken umher standen. Kein Platz
blieb undurchforscht, aber alle diese Mühe war vergebens, denn das Schwert
zeigte sich nirgends. Indem hörte er unten die Stimme seines Eidams und seiner
Tochter, sowie der Freunde und Nachbarn, welche von der Tanzgesellschaft herbei
gekommen waren, um nach ihm zu sehen. Rasch verliess er die Kammer, um nicht in
seinen Anstrengungen betroffen zu werden und ging hinunter, scheinbar gefasst.
Dort stellte sich alles mit Fragen nach seinem Befinden um ihn, worauf er
dieselbe Antwort gab, welche schon die Magd empfangen hatte und hinzufügte, dass
ihm wieder ganz wohl sei. Er bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht
stören zu lassen und wieder zum Tanze zurückzukehren; eine Aufforderung, welcher
mehrere folgten, andere aber auch nicht. Diese blieben vielmehr im Hofe, weil
sie an dem Tanze kein Vergnügen hatten, es kamen noch fortwährend Leute vom
Jürgenserbe und so war ein beständiges Ab- und Zugehen von Menschen.
    Als nun der Hofschulze sah, dass er der Zeugen nicht quitt werde, beschloss er
alles Fernere auf die Nacht zu versparen. Er setzte sich still in seine Stube
und sagte dem Eidam, er möge die Mitgift nach Hause tragen, was dieser auch mit
einem Gehülfen tat. Mehrere Nachbarn stellten sich zu ihm und mit diesen sprach
er nun so ordentlich und vernünftig, wie immer seine Sitte war. Niemand merkte
ihm etwas an, und nur wer gewusst hätte, was vorgefallen war, würde aus seinen
geschwollenen Stirnadern, aus den Augen, die zuweilen hervorquollen, und aus den
Griffen, die der Alte hin und wieder nach seiner Brust tat, auf das, was in ihm
vorging, haben schliessen können.
    Während ein ungeheurer Verdruss und Schreck unten sich so heimlich hielt,
hatte auch oben im Hause ein leidendes Kind seine Entschlüsse reif gedacht.
Lisbet war in schweren Körperschmerzen den ganzen Vormittag über auf ihrem
Lager geblieben und hatte sich erst um die Zeit, als ihr alter Gastfreund seine
trostlose Entdeckung machte, erhoben und angekleidet. Sie war so ernst, bleich
und still, wie am Abend zuvor, da ihre Tränen versiegten. Aber diese hatten den
Augen des Mädchens nicht geschadet; sie leuchteten von einem fast überirdischen
Glanze. Der hohe Berg, auf dessen Gipfel sie im Jubel ihrer Wonne zu stehen
gemeint hatte, war unter ihr eingesunken, und die roten Wolken hatten sich
verzogen, aber dennoch kam es ihr vor, als schritte sie ebenso hoch und noch
höher einher, und es war ihr, als trügen Lüfte ohne Wolken, äterreine und
äterklare ihre Füsse.
    Sie setzte sich an ihren Tisch und sagte mit einer himmlischen Zuversicht im
Ton: »Ein Findling ist Gottes Kind. Und wen Vater und Mutter in der Irre
stehengelassen haben, den wird Gott bei der Hand nehmen und nach Hause führen.«
- Die Schmerzen hatten eine wunderbare Verwandelung in ihr gewirkt. Zu ihren
sogenannten Pflegern wollte sie nimmer zurückkehren. Denn als sie, von Leiden,
wie von zuckenden Blitzen durchwühlt, während der Nacht auch einen Blick auf
ihre Vergangenheit warf, so sah sie schaudernd und wie von einem strengen Seher
erbarmungslos unterrichtet, in welchen jämmerlichen und lachensdürren Umgebungen
sie gelebt hatte. Sie blickte in die traurigen und unreinlichen Trümmer hinein,
zwischen denen sie so mutfroh und rein geblieben war, und sie hätte weinen
mögen, wenn ihr noch eine Träne übrig gewesen wäre, als sie nun erkannte, dass
ein faselnder alter Mann und eine halbverwirrte Törin denn doch die einzigen
gewesen waren, die sich ihrer angenommen hatten. In einen Augenblick des
äussersten Entsetzens drängte sich eine Ewigkeit von quälenden und widerwärtigen
Vorstellungen zusammen - zerrissen und gepeinigt wandte sie den Blick von diesen
unheimlichen Gesichten ab und in die Zukunft, worin freilich die Augen Oswalds
erloschen waren und nur noch das Auge Gottes durch die Finsternisse strahlte. -
So hatte das Unglück die süsse Bewusstlosigkeit, worin das Kind Jungfrau geworden
war, zerstört, und das Wachen der Wahrheit in der wunden Brust geschaffen.
    Sie schrieb einen Brief an den Diakonus. Zu diesem hatte sie grosses
Vertrauen, und den wollte sie zu ihrem Führer wählen. Nach dem Eingange, in dem
sie sagte, dass eine schmerzliche Aufregung sie über ihr Geschick erleuchtet
habe, lautete der Brief folgendermassen:
    »Sie hätten wohl nicht gedacht, lieber Herr Prediger, als Sie gestern die
Hand auf mein Haupt legten, dass Sie von mir heute so traurige Worte hören
würden. Wenn ich es Ihnen nur recht deutlich machen kann, wie mir eigentlich
zumute ist! Denn wenn Sie das nicht einsehen, so können Sie mir auch nicht
helfen. Es ist aber gewiss recht schwer, sich deutlich zu machen mit verwirrtem
Kopfe und klopfendem Herzen und bebender Hand. Sie sind jedoch ein so guter und
kluger Mann, dass Sie sich auch vielleicht aus dem Stammeln eines armen Mädchens
vernehmen können.
    Ach, lieber Herr Diakonus, es ist mir ausserordentlich übel gegangen seit
gestern. Es hatte wohl gestern den Anschein, als könne ich eine Braut sein, und
das will bei einem so armen und verlassenen Mädchen, wie ich bin, noch mehr
sagen, als bei anderen, die wissen, woher sie stammen. Heute aber bin ich keine
Braut mehr, nein gewiss nicht. Warum ich keine mehr bin, das kann ich Ihnen nicht
sagen; ich schäme mich zu sehr. Ihrer lieben Frau werde ich es anvertrauen, wenn
ich erst ruhiger geworden bin, ganz in der Stille.
    Ein Mädchen, welches kein Kind mehr ist, denkt wohl zuweilen an das Heiraten
und so habe ich denn auch hin und wieder daran gedacht, obgleich ich wenig
Aussicht dazu hatte. Wenn mir aber die Vorstellungen davon kamen und von der
Liebe, so war immer das erste Gefühl, dass die Liebe die ganze Wahrheit und
nichts als Wahrheit sei und zwar die Wahrheit in der Brust, und eine solche
Offenheit, dass man dem anderen auch nicht das Kleinste verschweigt. Hätte ich
eine Sünde begangen, wovor mich freilich Gott geschützt hat, so würde ich meinem
Freunde die Sünde haben beichten müssen, ehe ich ihm noch meine Liebe gestand.
Denn wenn zwei Menschen, wie es ja lautet, ein Leib und eine Seele werden
sollen, so darf doch auch nicht ein Stäubchen zwischen ihnen sein von
Verschweigen, Hinterhalt, Verstellung und Künstelei. Ja, noch offener soll man
gegen den Liebsten sein, als gegen Gott, denn dieser sieht selbst scharf genug,
aber der arme Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch
ebenso genau kennen, wie Gott, weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns,
sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen muss. Wer mir also, wenn
er sagt, dass er mich liebe, dennoch einen Schein vorweben kann, von dem muss ich
glauben, was sie mir wider ihn vorbringen, und möchte es auch das
Allerschlimmste sein. Wer mir sagt, Herr Diakonus, er sei ein armer Förster und
ist ein grosser Graf, der kann auch noch anderen Lug und Trug wider mich
vorhaben. - - Ach Gott! Ach Gott! Zuweilen denke ich: Es ist gar nicht möglich,
dass ein Mensch, der so gut aussieht, so schlimm sein kann! - -
    Ich bin eigentlich ganz elend worden, und wäre in den Schmerzen dieser Nacht
wohl gestorben, hätte mir nicht mein Stolz geholfen. Weil ich aber tief
gedemütigt werden sollte, so hat mich das sehr stolz gemacht, ganz überaus
stolz. Nun ist dieser Stolz freilich wohl nur Hülfe in der äussersten ersten Not,
und deshalb flüchte ich mich zu Ihnen. Ich bitte Sie, gönnen Sie mir eine
Freistatt in Ihrem Hause, Kosten mache ich Ihnen ja nicht viel und Ihrer lieben
Frau kann ich doch immer etwas helfen. Sie sind immer sehr gut und freundlich
gegen mich gewesen und werden mich gewiss nicht verlassen. Nach dem Schloss gehe
ich auf keinen Fall zurück, mich schaudert davor. Das war wohl bisher gut so
weit, aber nun geht es nicht mehr; nein, nein. Ich bin also wie eine Staude, die
vom Boden abgeschnitten ist und weiss noch kein Erdreich, worin ich wieder
wachsen kann.
    Dass Sie sich aber über mich nicht irren, so muss ich Ihnen sagen, dass ich gar
kein Verlangen nach der Kirche habe, oder nach der Religion, wenigstens nicht
mehr als sonst. Ich habe mir schon Vorwürfe darüber machen wollen, denn man sagt
ja immer, dass der Mensch im Unglück hauptsächlich viel beten müsse, aber das muss
denn wohl ein anderes Unglück sein, als meines. Ich fühle mich als ein so
ordentliches, unschuldiges Mädchen, dass ich nicht begreife, warum ich Gott
gerade jetzt besonders bitten sollte, nur beizustehen. Sondern es ist über mich
verhängt worden, und nun trage ich es, und er lässt mich gehen in meiner Weise.
Auch kann der Gott, von dem gepredigt wird, einem Herzen nicht helfen, welches
sich weggegeben hatte und sich nun wieder zurücknehmen muss. Dem hilft sicherlich
auch ein Gott, aber er steht in keinem Liede, sondern ganz tief im Herzen selbst
ist er verborgen, stumm, und ich glaube, der grosse Stolz, den ich empfinde, ist
sein Kleid.
    Haben Sie nur rechte Geduld mit mir, mein lieber, lieber Herr Diakonus, Sie
und Ihre Frau; Sie sollen sehen, die Lisbet hilft sich schon heraus, denn von
einem Tage zum anderen kann man doch nicht verloren sein, wenn es gleich den
Anschein davon hat. Es ist aber erstaunlich, was für Schmerzen der Mensch
aushalten kann. Wäre ich nur katolisch, so ginge ich zu den Barmherzigen
Schwestern; es muss eine recht angenehme Beschäftigung sein, zeitlebens die armen
Kranken zu pflegen. Und nehmen Sie mir das schlechte Schreiben nicht übel; es
wollte aber nicht besser gehen. Durch den Überbringer bitte ich um Antwort.«
    Die Entschuldigung wegen der Handschrift wäre nicht nötig gewesen; denn die
Züge waren so eben und klar, wie sonst. Keine Träne war auf das Blatt gefallen.
Sie sah sogar gleichmütig aus und alle ihre Züge leuchteten wirklich von einem
wunderbaren Stolze. Sie rief einen Knaben herbei und schickte ihn mit dem Briefe
nach der Stadt.
 
                                Fünftes Kapitel
                               Lisbet und Oswald
Aber ihre ganze Fassung war hin, als sie gedankenvoll durch das Fenster nach den
Hügeln blickend, durch die Nebel einen Mann herankommen sah, eine bekannte
Gestalt. Heftig bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und noch einmal brach
ein Strom der bittersten Tränen aus den schon erschöpft gewesenen Augen. Ihre
Wangen wurden eiskalt und ihre Hände starben ab - »Ach! Ach! Ach!« war alles,
was die Brust, die sich so grimmig beraubt wähnte, zu ächzen vermochte. Was
sollte sie tun? Ihre Seele wurde von der Verzweiflung in zwei Hälften gespalten.
Ach, das war er ja immer noch, der da so langsam herbeigeschritten kam, »gewiss«,
dachte sie blitzschnell, »geht er so langsam, weil ihn die Schuld drückt; wie
würde er sonst fliegen! Das ist seine Kleidung, das ist sein Gang, das ist sein
Antlitz, und nur er ist es nicht, nur er nicht!«
    Sie strich über ihre Schläfe, die ein kalter Schweiss bedeckte. - Dann sah
sie sich im Zimmer um, wo noch manches vom vorigen Abend die Verwirrung ihrer
Sinne bezeugte. Auch in dieser gramvollen Not schämte sie sich, dass er etwas
unordentlich bei ihr finden könnte. Sorgfältig verbarg sie ihre Nachtkleider
unter der Decke des Bettes und sah nach, ob auch dieses recht in Ordnung und
überall von der Decke überhüllt wäre, denn gemacht hatte sie es freilich gleich,
nachdem sie aufgestanden war. Sie rückte den Tisch am Fenster gerade und stellte
die Stühle an ihre Plätze, auch den Zunder von dem verbrannten Gedichte kehrte
sie sauber beiseite, und die Stücke des zerschnittenen Tuches, welche auch noch
am Boden lagen, erhob sie und legte sie auf den Tisch. Sie tat das alles so
emsig, wie wenn das glücklichste Mädchen den Bräutigam erwartet, und doch
stockte ihr der Tod im Herzen.
    Ach, er kam immer näher! - Was - was sollte sie tun? Wie gern wäre sie in
seine Arme gestürzt und hätte sich in diesen süss-giftigen Schlingen mit ihren
Schmerzen ersticken lassen! Und doch musste sie vor ihm fliehen, unerreichbar
weg, denn trat er in das Zimmer und heftete er seinen Blick auf sie, so war es
um sie geschehen, das fühlte sie wohl. Kaum den Boden unter ihren Füssen sehend,
schwankte sie aus dem Zimmer und wählte den Versteck, der sich ihren irren
Sinnen zunächst darbot. Kein Gedanke, keine Überlegung, dass er ja nicht zu ihren
Pflegern gegangen sein würde, wenn er es übel mit ihr meinte, kam in die
gestörte Seele.
    Denn die Liebe ist, ungerüttelt, göttlicher Scharfsinn. Die Blitze ihrer
Ahnung sehen das Verborgenste, sie gleicht dem Wunderrosse, welches Mahomet
zwischen dem Umstürzen und Auslaufen eines Wasserkruges durch alle sieben Himmel
trug und ihm die Herrlichkeiten eines jeden zeigte - verstört, in falsche Bahnen
gelenkt, ist sie Wahnsinn, der bei Domen vorübergeht, ohne sie wahrzunehmen, und
Maulwurfshügel für Alpengipfel ansieht.
    Oswald betrat unten das Haus. Er hätte nie gedacht, dass er über eine
Schwelle so scheu wie ein Sünder würde schreiten müssen. Ein grimmiger Verdruss
über die ekelhaften Schlangenknäuel des Lebens, über den plumpen Spass des
Daseins, welcher oft Spülicht und die Blume des Weines zusammen mischt, sass ihm
am Herzen. Immer kränker fühlte sich dieses Herz. Noch hingen die Locken des
Jünglings verwirrt vor seinem Antlitz, um welches zuweilen eine fliegende Röte
ergossen war, und seine Augen sprangen unstet zwischen den Gegenständen hin und
her, ohne einen derselben mit ihren Blicken zu treffen. Er schritt an den Leuten
vorüber, die im Flur waren und an dem Hofschulzen, ohne jemand zu grüssen.
    Sein Herz war voll von Gram aber auch voll von Entschluss. Zu Lisbet ging
er, zu der Lisbet, welche ihn gestern mit dem Wiesenkrönchen als ihren König
und Herrn gekrönt hatte, und die er nun der süssen Dienstbarkeit entlassen
wollte. Denn ihr Bild war ihm besudelt worden; freilich ohne Schuld der
Unschuldigsten. Aber ist das Liebesgefühl, stark wie der Tod, nicht auch
verletzlich, gleich den Hörnern der Schnecke? - »Es muss mir das nicht bei ihr
einfallen«, hatte Oswald unaufhörlich auf dem Wege zu sich gesagt. - »Sie wird
zwar unglücklich, aber werde ich's nicht auch? Nicht tief, tief unglücklich? -
Ach, wie wollte ich an ihrer Seite daheim werden in meinem Herzen, daheim und
selig zu Hause sein bei mir, und jedes Winkelchen kennenlernen, darin lieblich
Geräte steht und Krüge würzig duften voll sanften Weines und Öles, und muss nun
doch wieder mich selber draussen suchen gehen! Aber die Braut des Grafen Waldburg
darf nicht -«
    Er tat die Türe des Zimmers mit dem gewaltigsten Herzpochen auf. »Sie«
wollte er sie nennen und zu ihr sagen, dass er komme, um von ihr Abschied zu
nehmen, sie solle ihn aber nicht fragen, was sich so plötzlich zwischen sie
beide gedrängt habe. Mit diesen Gedanken trat er in das Stübchen, vernichtet
fast von dem bevorstehenden Augenblicke und als er sie nicht fand, da - rief er:
»Sie ist nicht hier!« mit eben dem Entzücken, mit welchem er gestern die
verschlossene Türe der Dorfkirche begrüsst hatte. Denn nun hatte er sie ja noch,
vielleicht zwei, vielleicht gar drei Minuten, bis sie wieder in das Zimmer trat.
    Er setzte sich am Bette nieder und streichelte die Decke, als streichle er
ihre Hand. Dann schob er die Hand unter die Decke am Fussende, wo er ihre
Nachtkleider vermutete, und da geriet ihm ihr Mützchen zwischen die Finger. Er
drückte das Mützchen mit seinen Fingern, denn er wollte Abschied nehmen von
allem, was sie berührt hatte.
    Dann legte er die Hände in den Schoss und sah vor sich hin und um sich her,
lange. Ach, alles war reinlich und sauber umher und der Hauch ihrer Nähe webte
noch in dem kleinen Zimmer. Es kam ihm vor, als sei es darin golden helle, als
scheine die Sonne draussen und doch dunstete der graue, hässliche Nebel auch um
dieses Haus. - Nach einem langen Schweigen sagte er beklommen: »Ich hätte nicht
hierher kommen, ich hätte ihr schreiben sollen; so schwere Dinge soll man
schriftlich abmachen.«
    Sie blieb immer aus. Er begann, sich nach ihrer Erscheinung zu sehnen, stand
auf und ging unruhig hin und her. »Was?« rief er, indem er sich plötzlich über
dieser Sehnsucht ertappte, »du verlangst danach, von ihr Abschied zu nehmen?« -
Sein Blick fiel in den kleinen Spiegel an der Wand, er sah seine Locken in
greulicher Verwirrung, schämte sich dieses Anblickes, strich sie in Ordnung, und
ein Gesicht sah dahinter hervor, welches zwar bleich war, aber sich doch nicht
so übel ausnahm, wie er noch vor wenigen Augenblicken gemeint hatte, dass es sich
ausnehmen müsse.
    Denn eine sanfte Wärme hatte sein ganzes Inneres durchdrungen, welches seit
einigen Stunden wie erfroren gewesen war. Es hob sich eine Last von seinem
Herzen, es trat wie ein schwerer Fluch von seiner Seele zurück. Mit jedem
Augenblicke wurde ihm freier und freier; ihm ward zumute, wie dem begnadigten
Sünder, wie dem verlorenen Sohne, da der Vater ihm ein köstliches Mahl anrichten
liess. Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung, die aus
hülfreichem Mitleid und schöpferischer Zärtlichkeit gemischt war; ein herzliches
Wollen, ein tiefes Entschliessen und eine göttliche Geburtswehe des Gemütes.
Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres
sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr
gesehen.
    Ja, er hatte sie wieder, die zufällig Gefundene, rasch Geliebte, für die
Ewigkeit Erkannte! - Er hatte sein Reh wieder, sein Mädchen, sein Herz, und was
gestern noch Glück war, das war heute eine schwere, süsse Eroberung durch die
Tapferkeit seiner wärmsten Blutstropfen geworden. Er rieb sich vor Vergnügen die
Hände; jauchzend rief er: »Bin ich nicht frei, bin ich nicht zu meinem
allergrössten Glücke ganz frei?« - Und dann setzte er sich auf den Stuhl am
Fenster, auf dem sie zu sitzen pflegte, nahm die Feder, mit der sie eben den
traurigen Brief an den Geistlichen geschrieben hatte und focht damit in der Luft
hin und her, fröhlich wie ein Junker, der seinen ersten Degen erhalten hat. Er
schrieb nicht mit der Feder auf dem Papiere, nein in den Lüften zog er einen
schönen Schnörkel aus L und O geschlungen und freute sich über die gefällige
Form dieser Buchstaben und um dieselben zog er ein lateinisches W. Ihm dünkte
das ein trefflicher Namenszug zu sein. Mutig rief er; »Und wäre sie von Räubern
und Mördern entsprossen, und wäre sie unter dem Hochgerichte geboren, sie bliebe
doch die Lisbet, und doch würde sie mein!« -
    Wer von der Geliebten Abschied nehmen will, gehe nicht in ihr Zimmer,
sondern schreibe an sie, obgleich auch dann wohl manches Billett zerrissen
werden und statt des Billetts der Liebende sich auf den Weg machen möchte.
 
                                Sechstes Kapitel
                            Suchen und nicht Finden
Er sagte: »Aber erfahren darf sie es nie, nie darf sie nach ihrem Ursprunge
forschen. Auf mich allein und in meine Brust muss sie gepflanzt sein.« - Da war
nun das Erdreich, in welchem die arme abgeschnittene Staude wieder wachsen
sollte, und sie wusste es nicht. Sie war so nahe, dass sie fast seine Stimme hören
konnte und doch wusste sie es nicht. - Nichtige Nöte! Ihr gehört zur Liebe, wie
Schwindel zum Rausche.
    Sie kam aber immer nicht. Er wurde unruhig, ging hinunter und fragte nach
ihr. Die eine Magd wollte sie den ganzen Tag über nicht gesehen haben, die
andere meinte, sie sei aus dem Hofe gegangen. Er durchstrich die nächsten
Umgebungen des Oberhofes, aber da war nichts von Lisbet zu erblicken. Es fing
schon an, düster zu werden.
    Sein Herz wurde ihm nach kurzer Freude noch schwerer als früher. Ihr
Verschwinden war ihm unerklärbar. Er ging wieder auf ihr Zimmer, worin er wegen
der Dunkelheit die Gegenstände nicht mehr unterscheiden konnte. Nach kurzem
Verweilen trieb es ihn abermals hinunter, er traf nun den Hofschulzen an und
erkundigte sich bei dem, wo sie sei? - »Die wird nach Ihnen nicht viel mehr
fragen, junger Herr«, versetzte der Alte. »Sie ist gewitziget.« - »Was!« rief
Oswald in äusserster Bestürzung und wollte von dem Hofschulzen nähere Auskunft
haben. Diese versagte aber der Alte, denn er hatte zwar seine Pflicht, wie er
meinte, gegen das Mädchen üben müssen, aber mit dem jungen verliebten Hitzkopfe
mochte er nichts zu tun haben. Liebessachen gehörten überhaupt nicht zu den
Gegenständen, die für ihn von Wichtigkeit waren, und worin er Treue und Glauben
als Pflichten anerkannte. Um sich des Jünglings durch irgendeinen Vorwand, wahr
oder falsch, zu entledigen, setzte er hinzu: »Junge Frauenzimmer sind
wetterwendisch; es mag ihr wohl so ernst nicht gewesen sein, nun schämt sie sich
und will sich nicht vor Ihnen sehen lassen.«
    Ein Weiteres war von dem Alten nicht herauszubringen. Ausser sich stürzte
Oswald zum dritten Male nach Lisbets Zimmer, als müsse sie dort sein, wenn er
sie suche. Er hatte ein Licht mitgenommen. Lisbet fand er nicht, wohl aber bei
dem Scheine des Lichtes und mit dem Scharfsinn, den der Kummer gibt, die
traurigen Zeichen der zerstörten Liebeshuld. Er nahm, was auf dem Kasten lag,
hinweg, da sah er drinnen seine Goldrolle und das grüne Särglein liegen, von
Lisbets Busen verstossen, hinweg geworfen! - Die Stücke des zerschnittenen
Tüchleins sah er; der Schnitt ihrer Schere hatte eigentlich dem Bande zwischen
ihnen gegolten! - Auch ein halbverbranntes Stückchen Papier erhob er vom Boden,
denn alles war ihm wichtig, was sein Elend ihm erleuchten konnte. Noch stand
darauf:
In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehörst du dir -
Weiter war nichts zu lesen. - »Ja«, rief er, »du gehörst nur dir und keinem
anderen, aber das Lachen wird dir wohl eigener sein, als der Ernst!« - Er war
böse auf sie, er zürnte ihr ingrimmig, denn auch er glaubte, was der Hofschulze
ihm gesagt hatte, und meinte, das Mädchen habe nur in einem Anstoss, der rasch
verflogen sei, sich in seinen Arm gelegt. Es war das Unglaublichste, was es nur
geben konnte, aber er hätte nicht geliebt, wenn er gezweifelt hätte. - Liebe ist
so feige, dass sie vor ihrem eigenen Schatten erschrickt; Liebe ist blind in der
Wahl, noch blinder in der Qual.
    Er stellte sich an die Türe des Zimmers und rief mit sanfter Stimme über den
Gang: »Lisbet!« - Sie hörte ihn wohl, aber sie antwortete ihm nicht, denn sie
war entschlossen, lieber zu verhungern und zu verdursten, als sich zu zeigen, so
lange er im Oberhofe sei. Fest hielt sie ihre Hand auf die Lippen gedrückt und
wimmerte leise wie ein blutendes Kind, dass sie nicht hinaus und an seine Brust
fliegen dürfe. - Er suchte in mehreren Gemächern nach ihr, aber das übersah er,
worin sie sich befand. Nun ging er nach dem Zimmer und sah die Goldrolle und das
grüne Särglein abermals an, und wollte das Särglein zu sich stecken, denn was
ging ihn das Gold an? aber er nahm die Rolle und liess das Särglein liegen, so
verwirrt waren seine Gedanken. Die Blumen riss er aus dem Glase und warf sie
heftig zu Boden, aber dann tat ihm dieser Zorn doch leid, und er hob sie wieder
auf, wenigstens die Lilie, weil er wusste, dass diese der Lisbet besonders
gefallen hatte.
    Fast wahnsinnig vor Leid machte er einen neuen Gang in die Dunkelheit und
als auch der vergebens war, blieb er erschöpft vor dem Hofe stehen und jeder
Windstoss, jeder ferne Ruf musste ihm Lisbets Gang oder Stimme bedeuten. Aber sie
kam nicht. - Zornig trat er in das Haus zurück und fragte jeden wild, ob er noch
nicht Lisbet gesehen habe? und dann vertauschte er wieder das Haus mit dem
Platze vor dem Hofe, dort immer von neuem horchend.
    So trieb es Liebesmühe umsonst bis spät abends. Mit der verzweiflungsvollen
Unruhe des Jünglings bildete die unzerstörliche äussere Fassung des Hofschulzen
einen merkwürdigen Gegensatz. Während der junge Graf wie ein verwundeter Löwe
umhertosete, sass der alte Bauer gleich einem Bilde aus Stein an seinem Tische,
die entsetzlichste Aufregung zurückhaltend im verschwiegenen Herzen.
 
                               Siebentes Kapitel
                          Ein Trauerspiel im Oberhofe
Melpomene hat zwei Dolche. Der eine ist blank, haarscharf geschliffen, schneidet
schnell und gräbt glatte, rein ausblutende Wunden. Der andere rostig, voll
Scharten, reisst in das Fleisch unselige Zerstörung. Mit dem einen tritt sie
Könige und Helden an, mit dem anderen pflegt sie sich öfter bei Bauern und
Bürgern einzuschleichen. Der eine trifft um grosse, unleugbare Güter, um Krone,
Reich, Leben, der andere quält um Nichtigkeiten, um einen Schall, um des
Schalles Widerhall. Denn die Menschen werden nicht von den Dingen, sondern von
den Meinungen über die Dinge gepeiniget.
    Der Palast ist nicht der einzige Schauplatz der Tragödie. - Wer jetzt bei
den Schatten der Nacht unter das Dach des Oberhofes hätte blicken können, würde
haben zugestehen müssen, dass dort die leidenschaftlichste Tragödie im Gange sei.
    Es war so spät geworden, dass die Nachbarn sich zurückgezogen, die Knechte
und Mägde sich schlafen gelegt hatten und das Feuer auf dem Herde erloschen war.
Der Hofschulze verschloss darnach alle Türen des Hauses und bereitete sich zu
seinem Werke, welches er für die Nacht verspart hatte. Für ganz einsam hielt er
sich, aber er war belauscht. Als die Türen abgeschlossen wurden, schlich sich
eine dunkele Gestalt zu der Spähestelle im Eichenkamp und setzte sich dort
nieder, das Gesicht nach dem Oberhofe gewendet. Es war der einäugige Spielmann,
welcher inzwischen gehört hatte, dass sein Feind nicht am Schlage gestorben sei
und nun sehen wollte, ob ihm nicht wenigstens die Qual aufliege, welche der
Rachsüchtige ihm in heissem Grimme anwünschte. Nicht lange durfte er auf die
Freude dieses Anblicks warten. Denn bald leuchtete in dem dunkelgewordenen
Oberhofe ein Licht auf. - »Aha«, sagte der Spielmann, »jetzt gibt er sich ans
Suchen.« - Das Licht begann eine Wanderung, jetzt erschien es hier, dann zeigte
es sich da. - »Nun sucht er in den Stuben«, sagte der Spielmann. Zuweilen
verschwand es. - »Hinten hinaus liegt auch nichts!« frohlockte der Spielmann.
Plötzlich kam es wieder rasch zum Vorschein. - »Da bist du ja schon gewesen!«
murmelte der Feind voll ingrimmiger Lust. So begleitete er jeden Schritt des
verräterischen Lichtes mit seinem Hohne. Wie das Licht nicht müde ward zu
wandern und der Reiche in seiner verzweiflungsvollen Anstrengung mit ihm, so
ward der Bettler draussen im Dunkel nicht müde, das Licht und den Reichen zu
verspotten. Endlich als es auf Mitternacht ging, und der Schein noch immer da
und dort flammte, konnte er sich nicht mässigen, sondern er feierte seinen
nächtlichen Triumph durch ein Lied, welches er auf dem Leierkasten tönen liess.
Es war eins der sanften, stillen Lieder, welche das Volk auf den Gassen zu hören
bekommt, er aber riss an dem Griff, dass die Walze, heftig umgeschwungen, die
langsame Weise in das wildeste Allegro trieb.
    Damals um diese Mitternachtstunde sass auf dem Flure im Oberhofe der alte
Bauer und ruhte eine kurze Zeitlang von seinem Suchen aus. Das Licht stand neben
ihm und in dessen mattem Scheine glichen die gefurchten Züge des Antlitzes
tiefen Gräben, die sich durch ein graues Feld ziehen, denn seine Gesichtsfarbe
war von Schmerz und Gram um den ihm unbegreiflichen Verlust aschfahl. Die Augen
waren fast aus ihren Höhlen getreten und er sah starr mit ihnen auf den Boden.
Alles hatte er unten durchsucht, selbst das Stroh in dem Stalle umgewendet und
nichts gefunden.
    Jetzt erhob er sich, um in dem ersten Stock des Hauses nachzusehen. Das
Licht vor sich hinhaltend, ging er zitternd und gebeugt langsam die Treppe
hinauf und hielt sich am Geländer. Oben stand er still und überschlug, wo er
seine Forschungen anstellen müsse. Denn auch in dieser verzweiflungsvollen
Seelenstimmung verliess ihn seine Bedächtigkeit nicht. Er erinnerte sich, dass er
in der Kammer, worin die Kiste stand, schon gleich nach dem Wahrnehmen des
Raubes nichts undurchstöbert gelassen hatte; dort also wäre jede erneute Mühe
umsonst gewesen. Aber alle anderen Gemächer, Gelasse, Ecken und Winkel
durchspähte er. Er rückte die Schränke ab, wo dergleichen standen, und blickte
hinter jede Kiste. Er öffnete die Schränke und Kisten, bückte sich über sie und
leuchtete hinein. Jedes Gerät, welches einen Gegenstand verbergen konnte, nahm
er auch hier von seinem Platze und sah nach, ob das Schwert nicht dahinter
liege. Über diesem stillen und vergeblichen Suchen gingen wieder mehrere Stunden
hin. Der Morgen begann schon zu dämmern.
    Wie der alte Mann so, unaufhörlich gehend, sich bückend, spähend, nie
übereilt in seinen Bewegungen, aber auch nimmer rastend, umherwanderte, gewährte
diese unablässige, stumme, stete, gleichmässige Mühe einen peinlichen und fast
schauerlichen Anblick. Wäre er rascher in seinen Bewegungen gewesen, so würde
man ihn haben einem Raubtiere vergleichen können, welches nach seinen Jungen
sucht; so aber, wie er sich verhielt, glich er einer ewigen, toten,
stillwühlenden Naturkraft.
    Das letzte Gemach, welches er durchforschte, war Lisbets Zimmer. Er dachte
nicht daran, dass er ein entkleidetes und schlafendes Mädchen dort hätte finden
können. Er verwunderte sich auch nicht, dass er Lisbet nicht darin fand, dass ein
anderer es und in solcher Art, wie er sah, innehatte, denn er hätte sich über
nichts verwundert, seine Seele war gleichgültig gegen alles, ausser gegen den
einen Gegenstand, der sie erfüllte. - Nun hatte sich die Sache gewendet. Der
Alte war in Bewegung und der junge Mann ruhte, oder regte sich wenigstens nicht,
erschöpft von Anstrengung und Leiden. Er hatte sich, nachdem er der Hoffnung
leer geworden war, Lisbet heute wiederzusehen, über ihr Bette geworfen, um
etwas zu berühren, was ihr Körper berührt hatte. So lag er, die Arme über das
Kissen gebreitet und dieses an seine Wangen drückend. Leise stöhnte er und rief
zuweilen schluchzend den schwäbischen Schmerzenswunsch: »Ich wollt', ich wär'
bei meiner Mutter!« - Die Mutter, nach der er hinverlangte, lag aber im Grabe,
und die Geliebte, um die er bekümmert war, sass wenige Türen von ihm, in der
Nachtkälte frierend, ein erstarrtes Vöglein, welches tages zuvor so lieblich
gesungen hatte.
    Der Hofschulze bekümmerte sich nicht um Oswald, und der Jüngling hörte
nicht, dass der Hofschulze in das Zimmer getreten war. Auch hier tat und
vollbrachte nun der Alte sein mühevoll vergebliches Werk. Der Schweiss troff ihm
von der Stirne. Er seufzte tief und machte sich jetzt auf den Weg nach dem
Söller, dem letzten noch undurchforschten Raume des Hauses. Als er in die Nähe
der Söllertreppe kam, stand er jedoch plötzlich still und ein Schauder
schüttelte seine Glieder. Nachdem dieser Schauder vorüber war, hatten seine Züge
ein verändertes Ansehen gewonnen. Die Muskeln des Antlitzes spannten sich straff
an, die Augenhöhlen wurden weiter, in seine Augen trat ein seherischer Glanz,
sie blickten unbeweglich mit geisterhaftem Blicke vor sich hin, als schaue er
etwas, ein Ding oder einen Ort, und plötzlich griff er mit der Hand nach der
Luftgestalt, die ihm der auf der Höhe seiner Anstrengungen gewordene ekstatische
Zustand vorspiegelte. Jene Handbewegung brachte ihn zu sich selbst zurück. Er
blickte nun mit seiner gewöhnlichen Art um sich her, strich sich über die
Stirne, die Anspannung der Muskeln liess nach, die Brauen sanken herunter, die
Augenhöhlen nahmen ihre gewöhnliche Grösse an, er sah aus, wie zuvor. Der ganze
Paroxysmus hatte nur wenige Sekunden gedauert. Aber ohne Zweifel war während
desselben etwas Ausserordentliches in ihm vorgegangen. - »Also da liegt es!«
murmelte er froh und beruhigt, und stieg raschen Schrittes die Söllertreppe
hinauf.
    Oben achtete er dessen nicht, dass er mit dem brennenden Lichte neben Stroh
und Heu vorbeiging; eine Unvorsichtigkeit, wofür jeder Knecht ohnfehlbar den
Dienst bei ihm verwirkt haben würde. Geraden Schritten ging er auf den Verschlag
zu, worin Oswald so unbequeme und doch so glückselige Nachtstunden zugebracht
hatte. Mit der Sicherheit eines, der weiss, dass ihn seine Vermutung nicht
täuscht, machte er die Türe auf und sah sich im Verschlage um.
    Aber als er nun das Lagerstroh umgekehrt und die wenigen Sachen, welche der
enge, kahle Raum entielt, hinweggetan hatte, brach er gewaltsam zusammen. Denn
zwischen diesen vier leeren Bretterwänden war das Schwert Karls des Grossen auch
nicht zu finden. Das brennende Licht entsank seiner Hand, er setzte sich oder
fiel vielmehr auf einen dort stehenden Kasten und stiess einen furchtbaren Schrei
aus, einen von den Lauten, die sich nicht beschreiben lassen, weil die Natur in
ihnen ihre eigensten, nur sich selbst vorbehaltenen Rechte übt.
    Das Licht schwelte mit seiner Flamme auf dem Fussboden in der Nähe des
umherzerstreuten Strohes. Der Hofschulze aber hatte kein Auge für diese
Feuersgefahr. Er blieb auf dem Kasten sitzen. Die Kniee hatte er zum Haupte
emporgezogen, die Arme auf die Kniee gestemmt und mit seinem Munde nagte er an
den Händen. So blieb er, ohne dass er sein Lager aufgesucht hätte, oben, bis es
heller Tag geworden war.
 
                                 Achtes Kapitel
Wie der einäugige Spielmann seine Absicht bei einem leidenschaftlichen Juristen
                                    erreicht
Am folgenden Morgen zwischen zehn und elf Uhr hielt ungefähr eine halbe Stunde
vom Oberhofe ein kleiner leichter Wagen vor einem einzeln stehenden Hause. Den
Schlag des Wagens öffnete der alte Jochem, welcher auch das Pferd - denn der
Wagen war ein Einspänner - gelenkt hatte, und half dem darin sitzenden Manne
heraus. Dieser war der Mann im graubraunen Mackintosh, der Oberamtmann Ernst.
    »Ihr bleibt nun hier, Jochem«, sagte der Oberamtmann, »ich aber will das
Geschäft in der Bauerkate, in dem sogenannten Oberhofe besorgen.«
    »Warum fahren Sie nicht vor, Herr Oberamtmann«, fragte der alte Jochem.
    »Weil ich alles Aufsehen vermeiden will«, versetzte der Geschäftsmann. »Wie
Ihr mir Euren Herrn beschreibt, Jochem, ist er in einer etwas erhöhten Stimmung.
Unterhandlungen aber mit Leuten in solcher Stimmung wollen ganz besonders
vorsichtig angefasst sein, sonst misslingen sie leicht. Ich würde mit dem Wagen
die Leute im Hofe aufmerksam machen, der Graf könnte vielleicht durch die
Anwesenheit von Zeugen gereizt werden, und was dergleichen mehr sein dürfte.
Deshalb ziehe ich es vor, allein, gleichsam schleichend, nach der Kate zu gehen,
ihn so zu überraschen und sacht mit fortzunehmen. - Eine Liebschaft, Jochem,
sagt Ihr?«
    »So sagt' ich, Herr Oberamtmann«, versetzte der alte Jochem. »Aber er wollt'
nichts mehr damit zu tun haben und weinte dabei erbärmlich.«
    »Kenne das, Jochem«, sagte der Oberamtmann. »Rixae amantium usw.« - Er
schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, dass der Mackintosh wie das Segel eines
Hamburger Evers flog und rauschte und rief: »Grosser Gott, so behielte ja der
Merkur recht mit der Reise nach dem aufgelesenen Schätzchen!«
    »Herr Oberamtmann«, sagte der alte Jochem, »wenn ich Ihnen raten soll, so
schicken Sie mich nach dem Hofe, denn ich weiss doch allein meinen Herrn zu
behandeln.« - Der Oberamtmann mass den Alten mit einem geringschätzigen Blicke
und schüttelte das Haupt. Der Alte, den dieser Blick etwas verdross, und der die
Eigenheit hatte, dass er zuweilen laut dachte, murmelte, dass jeder es verstehen
konnte: »Wenn der ihn mit seiner Unterhandlung aus dem Oberhofe fortbringt, so
will ich nicht Jochem heissen.«
    Nicht weit von dem Platze, auf welchem dieses Gespräch vorfiel, torkelte
unter den Tannen ein Mensch umher, dessen Gebärden einen Betrunkenen verrieten.
Was diesen Betrunkenen vor anderen seines Zustandes auszeichnete, war, dass er
nicht fiel, obgleich ein Leierkasten, den er auf dem Rücken trug, hin und her
rutschend das Gewicht auf der Seite vermehrte, auf welche er sich gerade neigte.
So aber mit dem bald links, bald rechts fliegenden Leierkasten gewährte der
Patriotenkaspar - denn dieser war der Betrunkene - das Schauspiel eines auf
hohen Wellen treibenden Schiffes, welches gleichwohl nicht untergeht. Er hatte
sich von dem Erlöse des Silberringes, den er an einen Hausierer verkauft, auf
das Rachegefühl der Nacht in dem kalten Morgennebel gütlich getan, und war so in
diese Verfassung geraten, welche ihn jedoch nicht hinderte, zwar heftige aber
doch völlig zusammenhängende Reden zu führen, die er unaufhörlich
hervorsprudelte.
    Der Weg nach dem Oberhofe lief durch die Tannen. - »Das Pferd bleibt wohl
ruhig hier stehen«, sagte der Oberamtmann. »Geht doch etwas voran, Jochem, und
haltet mir den Menschen da seitab; Ihr wisst, dass ich mit Betrunkenen nicht gern
zu schaffen habe.«
    Jochem ging voran und der Oberamtmann folgte in gemessener Entfernung. Er
sah, dass der Alte mit dem Betrunkenen sich in ein Gespräch gab, und rief, was da
vor sei? Jochem kam zurück und meinte, das sei der kurioseste Fuselichte, der
ihm jemals vorgekommen. »Bloss die Beine sind benebelt«, sagte er; »im übrigen
ist der wüste Kerl vernünftig und spricht verständlich wie ein nüchterner Mensch
von Protokoll und Mord und Totschlag.«
    Als der Oberamtmann diese Worte hörte, horchte er hoch auf. »Was gibt es
denn damit?« fragte er sehr gespannt. Sein Widerwille gegen den Betrunkenen war
viel kleiner als seine Neugier nach dem Protokolle und nach dem Mord und
Totschlag. Er ging daher zu dem Patriotenkaspar, der wirklich einen eigenen
Rausch hatte, von dem sozusagen nur die Extremitäten angegangen waren, das
Gehirn aber unversehrt geblieben war. Ein nicht seltener Fall bei erschöpften
Körpern. Der betrunkene Spielmann rief dem Oberamtmanne gleich entgegen: »Könnt
Ihr mir ein Protokoll machen, he?«
    »Mein Freund, das könnte ich allerdings wohl«, versetzte der Oberamtmann mit
einem juristischen Lächeln.
    »Nun denn, so kommt Ihr mir ja wie ein wahrer Retter in der Not entgegen«,
rief der Spielmann und wollte den Oberamtmann umarmen. Dieser wich zurück,
darüber verlor Kaspar das Gleichgewicht und fiel mit der Nase auf die Erde. Er
raffte sich aber gleich wieder empor, liess den Fall sich nicht anfechten und
fuhr fort: »Macht mir ein Protokoll, und ich will Euch zeitlebens dankbar sein.«
    »Aber was soll denn in dem Protokolle stehen?« fragte der Oberamtmann. -
»Herr«, sagte der alte Jochem, »wollen Sie nicht weiter nach dem Oberhofe?« -
»Ich bitte Euch, Jochem, lasst mich doch; man muss jeden Menschen anhören«,
versetzte ungeduldig der Oberamtmann, dessen Teilnahme an diesem nach einem
Protokolle durstigen Trunkenen sichtlich wuchs.
    »Mord und Totschlag soll darin stehen!« rief der Patriotenkaspar. - »Ich
habe einen Menschen totgeschlagen und keiner will mir ein Protokoll darüber
machen, auf dass ich mein Recht und meine Strafe empfange, wie sich gebührt.«
    Die Gestalt des Oberamtmanns verwandelte sich bei dieser unerwarteten
Nachricht zu der hölzernen Säule, an welcher er seine Inkulpaten züchtigen liess.
Ein solcher Fall war ihm nie vorgekommen. Auch der alte Diener zeigte sich
erstaunt und rief: »Ich sag's ja immer, wenn man aus Schwabenland heraus ist
unter die Franken und Sachsen und Polacken gekommen, hört Recht und
Gerechtigkeit auf. 's ist a wüst Volk haussen.«
    »Ihr habt einen totgeschlagen und sie wollen kein Protokoll darüber
aufnehmen?« fragte der Oberamtmann einigermassen entsetzt.
    »Richtig einen totgeschlagen und keine Möglichkeit, mein Protokoll darüber
gemacht zu kriegen!« erwiderte der Spielmann.
    Der Oberamtmann bedachte sich, senkte das Haupt, spannte in dieser denkenden
Stellung den Mackintosh wie einen Wandschirm aus, und sagte dann: »Dieser Mensch
ist entweder verrückt, denn der Trunk hat ihn, wie augenscheinlich, nicht um
seinen Verstand gebracht, oder es herrscht eine Nachlässigkeit der Behörden
hier, die ohne Beispiel sein dürfte.« - Er hielt dem Patriotenkaspar die fünf
Finger seiner rechten Hand vor die Augen und fragte: »Was seht Ihr da?«
    »Fünf Finger«, versetzte der Spielmann.
    »Guckt einmal da oben hinauf. Was seht Ihr über Euch?«
    »Den Himmel. Es ist aber noch Haarrauch, deshalb sieht man nicht viel vom
Himmel.«
    »Sagt mir die Wochentage her.« - Der Spielmann nannte alle Tage vom Sonntag
bis zum Samstag in ihrer gehörigen Reihenfolge.
    »Welches sind die zehn Gebote?« - Der Spielmann hob von dem »nicht andere
Götter haben neben mir« an und liess keins aus.
    Nach dieser Geisteserforschung sprach der Oberamtmann: »Dieser Mensch ist so
wenig irr als ich oder Ihr, Jochem. Folglich ein geständiger Totschläger, der
von Reue und Gewissensbissen zerfleischt, sich angibt, dennoch nicht eingezogen,
ja nicht einmal zur Anzeige gelassen wird. Schöne Wirtschaft! Was für ein Staat!
- Kommt mit hinein in jenes Haus«, sagte er zum Patriotenkaspar, »es wird ja
wohl ein Bogen Papier nebst Feder und Dinte darin zu haben sein. Ich will etwas
kurzes Schriftliches von Euch aufnehmen und mir währenddessen überlegen, was
weiter in der Sache zu tun ist.«
    »Aber Herr Oberamtmann, der Oberhof -« sagte der alte Jochem.
    »Der Oberhof läuft uns ja nicht fort«, versetzte der Jurist, »und Euren
Herrn werde ich eine Stunde später auch noch finden. Diese Sache geht vor, man
soll von mir nicht sagen, dass ich von einem Kapitalverbrechen gehört habe und
meiner Wege dabei vorübergegangen sei. Bleibt Ihr bei dem Pferde, Jochem, und
Ihr, Mensch, folgt mir.«
    Man sieht, dass der Oberamtmann kurz vor der Fahrt im württembergischen
Landrechte gelesen hatte. Er ging voran in das einsam liegende Haus; der
Patriotenkaspar torkelte nach, sehr vergnügt, ein Protokoll gemacht zu bekommen,
und der alte Jochem blieb kopfschüttelnd bei dem Pferde stehen, welches eine Art
von Krippenbeisser war, denn es stiess beständig mit dem Kopfe nach vorn hinunter.
 
                                Neuntes Kapitel
                     Das Freigericht und was diesem folgte
Oswald trat in einer seltsamen Stimmung aus der Türe des Oberhofes. Ihm wäre
wohler gewesen, so bedünkte es ihn, wenn er Lisbet im Sarge vor sich gesehen
hätte, dann wäre er jammernd über den Sarg gestürzt, hätte auf den erstarrten
Lippen mit seinen Küssen einen kurzen Schein der Lebenswärme hervorgerufen,
hätte sich das Herz in Tränen totgeweint. Aber ein Albernes, eine Grille, etwas
unbegreiflich Dummes schied ihn von ihr, oder etwas noch Schlimmeres, eine
plötzliche Reue über den rasch geschlossenen Bund; so musste er auch glauben. Der
Zorn, der Schmerz über diesen unsichtbaren Feind, über einen dumpfen und
stumpfen Zauber, den er nicht lösen, ja nicht einmal anfassen konnte, frass ihm
tief in die Brust hinein. - »Ein leichtes, veränderliches Mädchen, die heute
sich hingibt und morgen sich spröde versagt!« murrte er ingrimmig und empfand es
wie ein scharfes Messer in seinen Eingeweiden, dass er solche Worte sprach. Es
fiel ihm nicht ein, dass er ein grosser Graf und Lisbet ein armer Findling sei,
dass dieses verlassene Mädchen auch ihr reichstes äusserliches Glück in der Ehe
mit ihm finden müsse; in seinen schwärmerischen und wütenden Gedanken sah er sie
hoch über sich. Er war der niedere Schäfer, sie die Prinzessin, die ihn nach
Willkür an sich gezogen hatte, nach Willkür ihn nun verstiess. In so furchtbarer
Gemütsverfassung, in so bitterer Pein fand er das grosse Gesetz der Liebe,
welches dem Liebenden ewig seine Stelle zu den Füssen der Geliebten anweiset, und
wäre diese eine aus dem Staube hervorgegangene Bäuerin. Habe du die Schätze des
Moguls, grüne der Lorbeerkranz des Ruhmes um deine Schläfe, führe du Salomos
geisterbeherrschenden Ring, kröne dich der Reif der Hoheit, die Geliebte wird,
und nicht im abgeschmackten Gleichnis, sondern in der Wahrheit und Wirklichkeit
deine Königin sein, demütig wirst du den zaubergewaltigen Ring in ihren Schoss
legen, der Kranz wird dich drücken in ihrer Nähe, ein Bettler wirst du immerdar
bleiben vor ihr, und auch als König ein Sklav'.
    In solchen ausgeweinten, ausgeleerten, ausgenüchterten Stunden ergreift den
Menschen eine wilde Gleichgültigkeit und zugleich schärft sich in ihm eine Art
von gedankenlosem Merken auf die unbedeutendsten Dinge. An der Stelle, wo du
verzweifeltest, sahest du, ob ein Grashalm so oder so gebogen war, du wusstest,
dass an dem Busche, der da stand, zwanzig Knospen aufgebrochen waren, genau so
viele, nicht mehr und nicht minder, du könntest den Hirten, der gerade seine
Herde dem Platze vorbei trieb, lange nachher aus der Erinnerung malen, so genau
beobachtetest du seinen Rock, den messingenen Kamm im Haar und seine
nichtsbedeutenden Gesichtszüge. Du verwünschest dein Geschick, und erkennst
während deiner schäumendsten Flüche, dass der Vogel, der dort in weiter
Entfernung auf einem dürren Aste sitzt, eine Krähe ist und nicht eine Dohle.
    Oswald war gleichgültig über alles geworden und wäre mit seinem juristischen
Freunde abgereiset, hätte sich dieser jetzt am Oberhofe eingefunden. Aber er sah
auch mit den verwachten und geröteten Augen alles, er hörte alles, was um ihn
vorging. - Vor dem Hause stand der Hofschulze mit einem anderen Bauern im
Gespräch. Sie standen mit dem Rücken gegen die Türe, so dass sie den jungen
Grafen nicht bemerkten. - »Hofschulze«, sagte der Bauer, »es kann doch nun
einmal nichts helfen, kommt also nur immerhin zum Stuhl, denn das Gericht muss
gehegt werden auch ohne dieses.« - Der Hofschulze antwortete auf das anfangs mit
einem tiefen Seufzer, dann sagte er so hohl, als steige die Stimme aus dem Grabe
empor: »Ich will kommen, aber ich weiss nicht, ob es ohne das Schwert gelingen
wird.« - Der Bauer ging seitwärts ab, der Hofschulze wandte sich um und Oswald
sah, dass das Antlitz seines alten Wirtes ganz verfallen war. So blickte auch der
Hofschulze in das zerstörte Antlitz seines jungen Gastes; sie warfen einander
finstere und doch nichtssagende Blicke zu, und dann ging jeder seiner Wege; der
junge Graf durch die Felder, der alte Bauer in das Haus. Auf seinem Wege sagte
Oswald zerstört lachend: »Sie werden heute ihren Hokuspokus am Freistuhl machen;
ich will mich verstecken und zusehen, was kann der Mensch Besseres tun, als
etwas Neues beobachten?«
Nicht lange nach diesem Auftritte wanderten zehn bis zwölf Bauern von
verschiedenen Seiten die Pfade den Hügel hinauf nach dem Freistuhle. Es waren
die reichsten Hofesbesitzer der Umgegend. Die Gesichter dieser Leute waren
ernstaft und feierlich. Ihre Schritte übereilten sie nicht, und wo auch zwei
zusammen gingen, wurde dennoch kein Wort gewechselt. Diese alten Freibankbauern
trugen auch heute noch ihren Feierputz, und die grossen breitkrempigen Hüte gaben
ihnen ein schweres und würdiges Ansehen. Der Nebel, der noch immer fortdauerte,
umhüllte die heimlichen und schweigenden Wanderer.
    Als sie oben am Freistuhle angekommen waren, einer nach dem anderen, setzten
sie sich schweigend und einander nicht begrüssend auf die Steine umher, die in
der Einsenkung zwischen den Brombeergebüschen lagen, der grösste aber unter den
drei alten Linden blieb leer und für den Freigrafen aufbehalten. Sie sassen wohl
eine Viertelstunde lang, ohne einander anzusehen, geschweige dass sie zusammen
geredet hätten. Jeder blickte starr und fest vor sich hin. Zuletzt kam der alte
Bauer, welcher mit dem Hofschulzen gesprochen hatte, der Fronbote; nächst dem
Besitzer des Oberhofes der kundigste in den Sitten und Gebräuchen der Väter.
Dieser stellte sich ausserhalb des Kreises der Steine hin, auf seinen Knotenstock
gestützt und nach der Gegend des Oberhofes hinuntersehend.
    Von dieser Gegend kam nach einer Viertelstunde der Hofschulze
heraufgegangen, der Freigraf. Neben ihm ging sein Eidam. Feiermässig war auch
sein Anzug, aber gebückt und kummervoll sein Gang. Den Eidam liess er an einer
über hundert Schritte vom Freistuhl entfernten Stelle zurückbleiben, das Gesicht
von diesem abgekehrt. Der Fronbote ging dem Hofschulzen entgegen, führte ihn bis
an den Kreis und sagte:
Herr Graf, mit Urlaub und mit Behagen
Tue ich Euch fragen;
Soll ich; Euer Knecht,
Euch den Königsstuhl setzen, wie Recht?
Der Hofschulze erwiderte:
Alldieweil die Sonne mit Rechte
Bescheinet Herren und Knechte
Und alle unsere Werke,
Spreche ich, das Recht zu stärken,
Den Stuhl zu setzen eben,
Und rechte Mass zu geben.
Der Fronbote ging hierauf durch den Kreis zu dem grossen Steine unter den drei
alten Linden, legte die Hand an denselben, als setzte er ihn wie einen Stuhl
zurecht, stellte ein kleines Kornmass, welches er unter dem Rocke hervorzog, vor
den Stein, blieb selbst daneben stehen und rief dem Hofschulzen, der sich noch
immer ausserhalb des Kreises befand, folgenden Spruch zu:
Herr Grafe, lieber Herre;
Ich vermahne Euch bei Eurer Ehre,
Ich bin Euer Knecht,
Darum sagt mir für Recht,
Ob diese Mass ist gleich
Für arm und reich,
Zu messen Land und Sand
Bei Eurer Seelen Pfand?
Der Hofschulze antwortete:
Ich erlaube Recht und verbiete Unrecht
Bei Peen der alten erkannten Recht.
Er ging nun auch in den Kreis, schritt, ohne von seinen Genossen begrüsst zu
werden, oder sie zu begrüssen, auf den Stein unter den Linden, den Königsstuhl,
zu, setzte sich, stellte seine Füsse auf das Kornmass und entblösste das Haupt,
welchem Beispiele die Bauern folgten. Dann zog er eine Flechte von Weidenzweigen
aus dem Rockärmel und gab sie dem Fronboten, der sie auf einen tischartigen
Stein vor dem Stuhle legte.
    Die Bauern murmelten und einer fragte: »Die Wyd sehen wir; wo ist das
Schwert?«
    Der alte Freigraf zuckte zusammen und der Fronbote antwortete statt seiner:
»Es hat nicht gleich auf der Stelle gefunden werden können.«
    »Nachbarn«, sagte der Hofschulze zitternden Lautes, »es ist ein Malheur mit
dem Schwerte von Carolus Magnus geschehen, und wenn ihr so wollt, stehen wir auf
und gehen heim.«
    »Nein!« riefen die Bauern; »aber dass das Schwert mangelt, ist schlimm, denn
es bedeutet das Kreuz, woran der Herr Christus gelitten hat.«
    Sie blieben in nachdenklichen Stellungen. Auch ihr alter Vorstand hatte
Mühe, seine Fassung zu behalten. Er erhob indessen die Stimme und sprach zum
Fronboten:
Ich biete, zu sagen mir:
Sind Notschöffen allhier?
Oder Mann, die nicht wissen?
Das sage mir beflissen.
Der Fronbote sah sich im Kreise um und versetzte dann mit lautem Tone:
Alle Mann sind wissend und gerecht,
Weder Notschöffen, weder Juden, weder Knecht.
Jetzt redete der Hofschulze die Versammlung mit folgenden Worten an: »Ist es die
rechte Stätte und die rechte Stunde, Ding und Gericht zu halten nach
Freistuhlsrecht unter echtem Römischen Königsbann?« - Die Bauern antworteten
einstimmig: »Ja, sie ist es«; und der Hofschulze fuhr fort: »So warne ich euch
vor Unlust, Keif, Scheltwort. Niemand soll sprechen, denn mit Fürsprach, niemand
scheiden vom Gericht, denn mit Urlaub. - Dieweil -« setzte er hinzu -
Dieweil an diesem Tage
Mit eurer aller Behagen
Unter dem hellen Himmel klar,
Ein frei Feldgericht offenbar
Wo Notschöffen keine
Gehegt beim lichten Sonnenscheine,
Nicht in Schlüften
Nicht in Klüften
Zwischen sieben Uhr frühe
Und ein Uhr mittags; siehe!
Alle Mann auch nüchtern kommen sind,
Königsstuhl und Mass man recht befind't,
So sprecht das Recht ohne Witz und Wonne,
Weil scheint die Sonne.
Die Bauern sprachen: »Wir wollen's.«
    Der Hofschulze fragte abermals: »Was gibt dem Freischöffen Fug und Recht?«
    Die Bauern murmelten dumpf: »Hebende Hand, blickender Schein, gichtiger
Mund.« -
    Darauf sagt der Fronbote: »Herr Grafe, es steht draussen ein Mann, der Begehr
am Ding und Gericht hat.«
    Der Hofschulze wandte sich wieder an die Versammlung und sprach: »Ist es
euch genehm und zum Behagen, dass mein Eidam vom Jürgenserb, frei, keinem
eigenbehörig, ohne Schimpf noch Schande, unverleumd't im Lande, wissend gemacht
werde auf roter offener Erde, fahe Losung und Heimlichkeit, wie Kaiser Carolus
gesetzt zu seiner Zeit?«
    Die Freischöffen erwiderten: »Es geschehe.« - Der Hofschulze gab nun dem
Fronboten einen Wink, dieser ging zu dem Eidam und führte ihn herbei. Der junge
Bauer sah sehr stolz und freudig aus, als er in den Kreis trat, in welchem er
die höchste Ehre von seinesgleichen empfangen sollte.
    Der Fronbote gab ihm Anweisung, darauf entblösste der junge Bauer sein
rechtes Knie, kniete bedeckten Hauptes vor seinem Schwiegervater nieder, legte
die linke Hand auf die Weide, die ihm der Fronbote vorhielt, und empfing in
dieser Stellung vom Hofschulzen die Vermahnung vor Eidbruch, die ihm unter
schweren Verwünschungen erteilt wurde. Bei der Weide solle er denken an den
Strick um den Hals, hiess es darin, und bei der Linde, die er sehe, an den Baum,
der den Verräter trage. Vermaledeit sei dessen Fleisch und Blut, der Wind solle
ihn verwehen, die Krähen, Raben und Tiere in der Luft sollen ihn verführen und
verzehren.
    Noch schrecklichere Drohungen entielt dieses Verwarnen. Der Eidam verzog
aber keine Miene dabei. Hierauf nahm ihm der Fronbote den Eid ab, den der neue
Schöffe nachsprach. Er schwor, die Feme zu hüten:
Vor Mann, vor Weib,
Vor Dorf, vor Traid,
Vor Stock, vor Stein,
Vor gross, vor klein,
Auch vor Quick
Und vor allerhand Gottesgeschick,
Ohne vor dem Mann,
Der die heilige Feme hegen und hüten kann,
Und nicht zu lassen davon
Um Lieb noch um Leid,
Um Pfand oder Kleid,
Noch um Silber, noch um Gold,
Noch um keinerlei Schuld.
Als der Eidam den Eid geleistet hatte, wollte er aufstehen, der Fronbote hielt
ihn aber in seiner knienden Stellung fest und sagte, sich vergessend, und aus
der feierlichen Redeweise in seine Bauersprache fallend: »Wollt Ihr denn wie das
liebe Vieh Schöffe sein? Ihr kriegt ja erst die Losung.«
    »Auch gut!« rief der junge Bauer, dem die fürchterliche Verwarnung und der
Eid ein Behagen erregt zu haben schien. »Her mit der Losung!«
    Der Hofschulze setzte den Hut auf, der Eidam musste ihn abnehmen und nun
sagte jener: »Die Losung und das Notzeichen, das ich dich lehre, lautet: Stock,
Stein, Gras, Grain.«
    »Gut«, versetzte der Eingeweihte. »Stock, Stein, Gras, Grain, das ist wohl
zu behalten. Aber was bedeutet: Stock, Stein, Gras, Grain?«
    »Neige dein Ohr zu meinem Munde«, versetzte der Freigraf, »du sollst den
heimlichen Sinn erfahren, den ausser dir nicht einmal die Lüfte hören dürfen.«
    Indem der Eidam sich zu den Lippen des Schwiegervaters hinüberbeugte, rief
aber der alte Fronbote überlaut: »Halt! Das Ding ist geschändet, wir haben einen
Lauscher in der Nähe, ich hörte ein Geräusch ganz deutlich.«
    »Nun ja«, sagte Oswald, der hinter der alten Linde hervortrat, gezwungen
lachend, »ich habe euch belauscht. Ich stand in dem hohlen Baume da. Das
Horchen, welches ich noch nie getan, wollte mir aber so schlecht behagen, dass
ich mich rührte, um fortzugehen, womöglich da in den Forst, euch unbemerkt.
Nehmt mir 's nicht übel, ich werde nichts von euren Sachen verraten, es ist, als
ob ich sie nicht gehört hätte.« - Er trat in den Forst zurück und verlor sich
unter den Bäumen.
    Wie wenn bei einem fröhlichen Mahle plötzlich ein fremder Eindringling durch
eine ungeheure Beleidigung der ganzen Gesellschaft den Fehdehandschuh hinwirft -
anfangs ist alles lautlos und gleichsam versteinert, mit einem Male aber springt
jeder auf und lässt das verletzte Gefühl in Blick, Gebärde, Drohung, Zornes- und
Racheworten ausschäumen, so wirkte hier die unerwartete Erscheinung des fremden
Zeugen anfangs nur ein atemloses Staunen und die Bauern sahen ihm, ohne ein Wort
zu sagen, nach, bis er im Forste verschwunden war. Dann aber sprangen sie wütend
auf, ballten die Fäuste und ergossen sich in einem Strome von wilden Reden,
Drohungen, Verwünschungen. Einige riefen: »Soll das geschehen dürfen wider uns?«
Andere antworteten: »Nimmermehr; tot sollte man ihn schlagen!« - »Tot!« riefen
alle und bekräftigten dieses finstere Wort durch ein lautes Murren, welches
schauerlich von der nebelumgebenen Höhe klang. - An eine Fortsetzung des
Freigerichts wurde nicht gedacht.
    Der Hofschulze war während des Getöses stumm geblieben, sein Antlitz sah
aber kreideweiss aus. Als jetzt nach jenem Murren eine augenblickliche Stille
eintrat, erhob er sich und sagte: »Nachbarn, wollt ihr mir überlassen, die Sache
in aller Manier zu schlichten?«
    Die Bauern versetzten: »Tut das, Hofschulze. Nur dass nichts auskommt von der
Heimlichkeit.«
    »Ich hoffe, es soll nichts auskommen«, versetzte der Hofschulze, mit einem
seltsamen Lächeln.
    »Wie wollt Ihr es anfangen?« fragten seine Nachbarn.
    »Ich will euch nur veroffenbaren«, sagte der Hofschulze und sein Lächeln
wurde immer sonderbarer, »dass ich eine Sache von meinem Vater seliger ererbt
habe, die, wenn man sie gehörig braucht, jemandem den Mund schliesst über
jegliches Ding, worüber man will.«
    »Ja«, sagte einer, »so etwas müsst Ihr wohl innehaben, denn vom Oberhofe ist
niemals was herunter geschwatzt worden« - Sie schüttelten ihm die Hand und
liefen nach allen Richtungen hügelabwärts auseinander, unterweges ihr Murren,
Schelten und Verwünschen fortsetzend.
    Als die beiden Alten oben auf der Höhe allein waren, wechselten sie
miteinander die allerverwunderlichsten Blicke. Der Fronbote hatte seit dem
Abgange des jungen Grafen wie ein Falke nach jedem Gesichtszuge seines
Freigrafen gespäht.
    Er verstand ihn und der Freigraf verstand den Fronboten; es bedurfte aber
dazu keines Wortes unter ihnen.
    Nach langem Schweigen erhob zuerst der Fronbote seine Stimme und sagte:
»Wollt Ihr mir eine Nachbargefälligkeit tun, Hofschulze?«
    »Ja, wenn ich kann«, versetzte der Hofschulze.
    »Ihr könnt schon«, sagte der alte Fronbote. »Es fehlt mir im Nussholz an
Fällern und auf der Pfaffenwiese an Grummetwenderinnen. Darf ich Eure Knechte
und Mägde dazu vom Oberhofe mitnehmen, die Knechte nach dem Nussholze schicken
und die Mägde nach der Pfaffenwiese? Ihr kriegt sie aber vor spät abend nicht
zurück, denn es ist viel zu tun.«
    »Nehmt sie nur alle mit, Knechte und Mägde, und behaltet sie bis zum späten
Abend draussen«; antwortete der Hofschulze.
    »Ich tue Euch auch einen Gefallen dagegen«, sagte der Fronbote. »Ihr spracht
neulich, dass Ihr den alten Brunnen hinter der Scheure wieder aufnehmen wolltet;
er ist aber ganz versperrt; das Geströhde vor dem Zugange will ich Euch daher
immer schon etwas wegräumen, wenn ich hinunterkomme.«
    »Es soll mir lieb sein«, erwiderte der Hofschulze. »Wohin geht Ihr von hier
aus?« fragte der Fronbote.
    »In die Hollenberge, um nach den Mandeln zu sehen«, antwortete der
Hofschulze, und schlug, ohne sich weiter zu verweilen, einen Pfad zwischen den
Kornfeldern ein. Der Fronbote sah ihm nach und sagte dann: »Wenn man nun
einstmals unvermutet um Sachen befragt werden sollte, so kann man schwören, dass
er weder in den Oberhof noch in den Forst da gegangen ist, dem Menschen nach.«
Hierauf schritt er den Weg zum Oberhofe hinunter.
    Der Hofschulze kehrte, als er einige hundert Schritte gegangen war, um und
ging in den Forst, bebend, bleich, ausser sich.
 
                                Zehntes Kapitel
   Wie der Hofschulze und der Graf Oswald aneinander und auseinander gerieten
Unten im Oberhofe befahl der Fronbote den Knechten zum Holzfällen nach dem
Nussholze, den Mägden zum Grummetwenden nach der Pfaffenwiese zu gehen, der Baas
habe sie ihm für den Tag verstattet. Sie sollten sich Brot mitnehmen und am
Abend werde er Ihnen das eingebüsste Mittagsessen wohl ersetzen, fügte er hinzu.
    Die Knechte und Mägde gehorchten ihm, denn der alte Fronbote war des
Hofschulzen genauester Freund und galt wie der Herr selbst im Hofe, wenn jener
entfernt war.
    Nachdem sich alle Menschen, wie er glaubte, aus dem Hofe entfernt hatten,
blieb er noch einige Minuten in dem stillen Hause stehen und sagte dann
wohlgefällig: »Jetzt kann hier geschehen, was recht ist.« Darauf ging er über
den Hof nach den Ställen. Zwischen der Scheure und dem Pferdestalle war ein
schmaler Gang, der noch dazu durch Rasen und Reisig etwas versperrt war. Diese
Hindernisse räumte der Fronbote hinweg, legte sie jedoch so, dass sie mit
leichter Mühe wieder an ihren Platz getan werden konnten. Von dem Gange gelangte
er auf ein kleines dunkeles Plätzchen hinter der Scheure, welches kaum acht Fuss
im Gevierte hielt. Nur ihm und dem Hofschulzen war das Dasein dieses Plätzchens
kund, auf welchem der alte Brunnen des Oberhofes stand, der, welcher gebraucht
worden war, ehe durch den Bau der neuen Scheure vor dreissig Jahren das Plätzchen
verbaut wurde, welches durch einen Winkel der hinter der Scheure durchziehenden
Hofesmauer entstand.
    Ein grosser Holunderbaum, welcher an dieser Mauer grünte, überschattete das
Plätzchen und machte es feucht. Nesseln und Unkrautspflanzen wucherten dort in
wilder Fülle. Der Fronbote schlug einige der höchsten Nesseln zurück, und seine
rauhen Fäuste empfanden nichts von ihrem Brennen. Er stiess mit dem Fusse die
Kröten fort, die auf den feuchten Steinen in Menge sassen, nahm ein Paar morscher
Bretter, womit der Brunnen überdeckt war, hinweg, beugte sich über die niedrige
Brunnenmauer, liess einen Stein hinunterfallen und freute sich, als das
Plätschern unten anzeigte, dass noch Wasser in dem Brunnen war. Er legte einige
grosse Steine neben den Brunnen und einen Strick, den er aus der Tasche zog,
legte er dazu. Dann schwang er sich ungeachtet seines Alters rüstig an dem
Holunderbaume über die Mauer, nachdem er noch ein Blatt von dem Baume
abgebrochen hatte. Auf dem Blatte pfiff er eine Melodie, während er draussen
durch Wiesen und Felder nach seinen Besitzungen ging. Zuerst wollte er das
Nussholz und dann die Pfaffenwiese besuchen.
    Als das Haus des Oberhofes ganz still geworden war, tat es oben an der Türe
der Kammer, worin das Schwert Karls des Grossen gelegen hatte, ein leises
Klinken, so leise, als fürchte der Klinkende, dass auch nur das geringste
Geräusch von ihm vernommen werden möchte. Darauf schlich es ebenso leise über
den Gang nach dem Zimmer Lisbets, und dann wurde es wieder eine Zeitlang ganz
still, als werde an der Türe gehorcht, ob jemand in dem Zimmer sei. Darauf
klinkte die Türe des Zimmers schon etwas lauter und als nun letztere geöffnet
worden war, ging es oben und tat ein Kramen wie von jemand, der nicht mehr
darauf achtete, ungehört zu bleiben.
    Aber plötzlich ertönte unter dem Kramen ein Schrei, es kam aus dem Zimmer
gesprungen, die Türe desselben wurde rasch zugeworfen, es rannte über den Gang,
huschte in die Kammer und auch deren Türe flog mit Geräusch zu.
    Kurz nach diesem Vorgange betrat der Hofschulze mit dem jungen Grafen Oswald
das Haus. Das war ungefähr um die Zeit, als der Fronbote sein Geschäft am
Brunnen getan hatte. - »Welche Versicherung begehrt Ihr von mir, dass ich Eure
Heimlichkeit nicht ausbringe?« fragte Oswald seinen alten Gastfreund. »Ich bin
willfährig mit Euch gegangen, als Ihr mich oben im Forste darum ersuchtet, aber
nun beeilt Euch und sagt mir an, was Ihr wollt.« - Mit einem schweren Seufzer
setzte er hinzu: »Es gefällt mir nicht mehr bei Euch, und ich muss fort.«
    »Ich werde Ihnen da droben meine Meinung veroffenbaren, da droben in der
Kammer am Gange«, sagte der Hofschulze so mühsam und stockend, dass jedes Wort
sich wie von Klammern in seiner Brust loszuringen schien. Er liess den Gast
vorangehen und folgte ihm mit schweren und dröhnenden Schritten.
    Als sie oben in die Kammer eingetreten waren, schob der Hofschulze den
Riegel vor das Schloss und warf seinen lichtblauen Feiertagsrock ab. Dann reckte
er seine Glieder und die ganze Gestalt wuchs wieder wie damals, als er im
Mondschein den Jäger warnte, an die Geheimnisse des Schwertes zu rühren. Er
wiegte die Arme und Fäuste, gleichsam um ihre Kraft zu prüfen, hin und her.
    Oswald, durch dessen Seele eine finstere Ahnung flog, sagte nicht ohne
Schauder: »Was soll das?«
    Der Alte zog die buschichten Brauen in die Höhe und versetzte kalt: »Einer
von uns beiden verlässt diese Kammer nicht lebend.«
    »Was!« rief Oswald entsetzt. »Ihr wollt mich ermorden? Zum Meuchelmörder
wollt Ihr an Eurem Gaste werden?«
    »Keinesweges«, sagte der Hofschulze ruhig wie in guten Tagen, »sondern es
soll alles mit der Manier zugehen. Jetzt höret mich an, junger Herr Graf oder
Fürst, oder wer Ihr sonst sein möget, denn es kann sich treffen, dass ich auf
dieser Kammer liegen bleibe, und drum ist mir sehr vonnöten, dass Ihr eine gute
Meinung von mir heget und behaltet. Das Gemüte des Menschen kann ein vieles
ertragen, aber vom Übermass wird es in die Desperation getan. Ich bin desperat,
Herre, und kann dafür nichts. Meine Seele ist voll Nöte und Pein und schreit wie
ein Hirsch nach der Wasserquelle. Es ist zuviel Kreuz und Herzeleid über mich
gekommen in diesen paar Tagen und das letzte war das schlimmste. Mein Schwert
ist mir gestohlen, mein Schwert! mein Schwert! Das Schwert von Carolus Magnus!
Ich bin wie Asche und Scherben, wenn ich daran gedenke. Nun behorchen Sie auch
noch die Heimlichkeit, meine Heimlichkeit! Ei, Herre, war das recht? Nachdem ich
Ihnen Logement gegeben manchen Tag und mich ganz in der Ordnung mit Ihnen
betragen? Sie werden es ausbringen und haben uns eine Schande angetan, eine
Schande, dass mir zumute ist, als wäre meiner Tochter durch Sie Gewalt geschehen
-«
    Oswald rief: »Ich schwöre, nichts ...«
    » ... zu verraten, das wollen Sie schwören«, fiel der Hofschulze ein. - »Sie
schwören es heute und brechen es morgen, ich verstehe mich auf solche Schwüre.
Wer dergleichen absonderliche Heimlichkeit erfuhr, der verrät sie auch an seinen
Freund, oder an seine Liebste, oder an ein Blatt Papier, oder an die Lüfte und
die Sache kommt unter das Schwabenvolk draussen im Reich. Nein, nur der Tod
stopft den Mund über diese Dinge, auch sagen die alten Rechte ganz genau, wer
Freigerichtes Heimlichkeit sieht, ohne wissend zu sein, der ist des Lebens los.
Ich habe einen Hass auf Sie, wie auf keinen Menschen sonst in der Welt, denn -
sagen muss ich Ihnen auch nur: In der Nacht zeigte mir das Gesicht mein Schwert
in Ihrem Verschlage, darunter stecken Sie also auch mit, und nun tun Sie das -
das - das -«
    Er hielt, von innerer Wut zusammengeschnürt, einige Augenblicke inne. Dann
fuhr er patetisch fort: »So dachte ich da droben auf der Höhe am Stuhl: Herr,
Herr, wie soll das werden? Die Heimlichkeit darf nicht von der roten Erde, wie
aber magst du es gleichwohl schlichten? Du kannst nicht drei hinter ihm hergehen
lassen, die ihn fassen am Kreuzweg und aufhenken und ihm lassen Geld und Gold
und ihr Messer neben ihn stecken in die Borke des Baumes nach Königsrecht! - Und
darfst du ihn locken in dein Gehöfte und abmeucheln und sollst noch so etwas
Schandhaftiges auf dich laden in deinen urältesten Tagen, o pfui, o pfui! - Auf
einmal aber tat es in mir einen Blitzschlag und eine innerliche Erleuchtung und
ich wusste, wie ich mich zu fassen und zu verhalten habe. Denn ich bin zwar noch
stark bei Kräften, aber Sie sind jung und auch nicht schwach, und so sind wir
einander gleich. Deshalb wollen wir nun kämpfen um unser Leben, Mann gegen Mann,
Auge in Auge blickend. Schlage ich Sie darnieder, so ist Ihr Grab im alten
Brunnen bereitet und die Heimlichkeit bleibt auf der roten Erde, tun Sie es mir
an, so hat es Gott also gewollt; auf jegliche Weise aber ist dieses ein wahres
und aufrichtiges Gottesgericht. Also frisch ans Werk, denn ich weiss mir sonst
nicht zu helfen!«
    Er erhob eine Axt, die neben ihm stand, und sah, indem er sie leicht wie
eine Feder emporschwang, furchtbar aus, gleich einem von den Streitern
Wittekinds in den Schlachten bei Detmold und an der Hase.
    »Seid Ihr bei Sinnen, Hofschulze?« rief Oswald. »Ich fürchte mich vor keinem
Feinde, aber womit soll ich mich verteidigen gegen Euch alten, rasenden Mann?«
    »Dort steht eine zweite Axt«, sagte der Hofschulze. »Nehmt sie, Herre;
jegliches Gerät kann zu einer Waffe werden in des Mannes Faust, und wie
geschrieben steht, so sind sie vor alten Zeiten auch solcherweise mit
Streitäxten aufeinander losgegangen.«
    »Ich nehme die Axt nicht und haue mich nicht mit Euch herum wie ein
Schlächter und Stierfäller«, versetzte stolz und fest der junge Graf. »Ihr seid,
scheint es, in der Berserkerwut, dem uralten Wahnsinne Eures Stammes. Ihr werdet
aber zu Euch selbst kommen und Euch dann schämen mit mir so verfahren zu sein um
Possen ...«
    »Possen!« schrie der alte Bauer mit einer entsetzlichen Stimme. »Possen!«
wiederholte er ebenso laut und stiess den Stiel der Axt so heftig auf den Boden,
dass ein Teil des Kalks von der Decke fiel. - »Herr! Herr! In den Possen bin ich
alt und grau geworden, und mit den Possen habe ich mir Recht genommen an einem
Schalk und Sohnesmörder, und mit den Possen folgen mir meine Landsleute, wohin
ich sie haben will, wie eine Lämmerherde, und um die Possen verstehen sie mich,
ohne dass wir ein Wort miteinander zu reden brauchen, also mögen es wohl für euch
da draussen in Schwabenland Possen sein, aber für mich und meinesgleichen sind es
keine Possen nicht. - Und Herr, ich will jetzo mein Recht haben und meine Rache
an Euch und die Sicherheit von wegen der Heimlichkeit. So wahr der Herr lebt,
ich suche das alles nicht wie ein schlechter und boshafter Mensch, sondern in
grausamer Herzensangst und Unruhe - wisst Ihr ein ander Mittel, sagt es an - aber
werden muss mir es, mein Recht und die Sicherheit, und werden soll mir es, so
wahr uns hier niemand hört als Gott und die vier weissen Wände, denn der Fronbote
hat die Menschen hinweggeschaft vom Hofe und nur das blöde Vieh brüllt da
drunten in seinem Stalle.«
    Das Saatlaken bewegte sich und eine bleiche, jungfräuliche Gestalt trat
dahinter hervor. »Ihr irrt Euch, Hofschulze«, sagte Lisbet zitternd am ganzen
Körper, aber mit fester Stimme. - »Aus meinem Verstecke treibt es mich hervor.
Euch vor Torheit zu retten. Nicht Gott allein hörte Euch und die stumme Wand,
sondern auch ich hörte Euch und er setzte mich zu einer Zeugin Eurer wilden
Gedanken. So hat Euch also Gott mit Eurem Vermessen in mir zuschanden werden
lassen, deshalb steht von den Werken blinden Grimmes ab.«
    Die Gewalt dieser plötzlichen Erscheinung war zu gross, als dass der
Hofschulze nicht vor ihr mit seiner doch nur fieberhaften Aufregung hätte
zusammenbrechen müssen. Er liess die Axt fallen, seine Gestalt schrumpfte
gleichsam vor dem zitternden Mädchen, welches doch so fest sprechen konnte, ein,
stumm und gebeugt verliess er die Kammer.
    Oswald war überrascht, freudig und kummervoll vor Lisbet in die Kniee
gesunken. Ach, sie war wieder da, aber wie sah sie aus, und wie streng und kalt
hatte sie ihn einen Augenblick angesehen, um dann beharrlich von ihm
wegzublicken! - »Kommst du endlich wieder zum Vorschein, Lisbet?« stammelte er.
»O was hattest du vor? - Du hast mir mein Leben gerettet, denn ich glaube, die
Kraft würde mir ausgegangen sein dem wütenden Alten gegenüber.«
    »Sie haben mir dafür nicht zu danken, Herr Graf oder Fürst, um zu sprechen
wie der Hofschulze sprach«, versetzte Lisbet. »Was ich hier tat, würde ich
jedem Fremden erwiesen haben.« Sie wollte das in einem kalten Tone sagen, aber
die Stimme bebte so heftig, dass es wie Zorn klang.
    Die Liebe hört in solchen Fällen nur auf die Worte und deren Klang. Zornig
und bestürzt sprang er auf, trat weit von ihr zurück und sagte schneidend: »Also
ist es wahr? Also doch verabschiedet nach vierundzwanzig Stunden?«
    »Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden«, erwiderte Lisbet kaum hörbar.
»Ich bitte Sie, mich ruhig meiner Wege gehen zu lassen. Ich wollte nach der
Stadt zu dem Herrn Diakonus, von dem ich vorhin einige Zeilen auf meinem Zimmer
gefunden habe, dass er mich aufnehmen will.«
    »Nach der Stadt wollte ich auch«, sagte er kalt lächelnd. »Wie aber die
Sachen zwischen uns stehen, so werden Sie wohl meine Begleitung ablehnen.«
    »Ich fürchte mich nicht und bin gewohnt, allein zu wandern«, antwortete
Lisbet. - »Übrigens darf ich Ihnen ja die offene Strasse nicht verbieten, die
Ihnen wie mir gehört.« - Sie verliess die Kammer und wäre er ihr nachgefolgt, so
hätte er ein Schluchzen wahrnehmen können, welches das ganze Wesen des armen
Kindes aufzulösen drohte.
    Er hätte sie nur fragen dürfen: »Was hast du gegen mich Lisbet? Sage mir
's! Selbst wenn du meinst, dass ich geraubt und gemordet habe, so musst du mir
mein Verbrechen doch nennen.« - Dann hätte sie gesprochen und er hätte
gesprochen und aus dem Sprechen wäre wahrscheinlich ein Lachen über die unnützen
Kümmernisse geworden. Aber er dachte nicht daran sie zu fragen. Denn Liebe ist
alles; auch ungerecht und hochmütig ist Liebe, sie sieht in manchen Fällen die
Geliebte lieber treulos oder veränderlich, als unter der Wucht eines
Missverständnisses erliegend.
    Ingrimmig knirrte er mit den Zähnen, als er allein war. »Es ist
unglaublich!« rief er, »freilich aber doch wahr.« Er stiess seine Stirn wider die
Wand, um nur einen recht heftigen körperlichen Schmerz zu empfinden. Dann rief
er in seine Brust hinein, in welcher es eben wieder unheimlich zu wühlen begann:
»Herauf ihr kleinen roten Schlangen! Herauf ans Tageslicht!« - Die Axt nahm er,
die der alte wilde Bauer ihm hatte aufnötigen wollen und warf sie mit solcher
Gewalt nach einem Kasten, dass die Schärfe des Beils tief in das Holz fuhr und
darin stecken blieb.
    Ein Geräusch draussen verriet ihm, dass Lisbet fortgehe. Obgleich sie ihm
nicht mehr gehörte, so war ihm doch, als sei noch Leben im Oberhofe, solange
Lisbet darin verweilte. Nun aber kam es ihm vor, als öffne sich das Grab. -
»Fort aus dem Grabe!« rief er und sprang Lisbet nach. Sie stand, ihr Bündelchen
unter dem Arme, unten einen Augenblick still und zuckte zusammen, als sie Oswald
kommen sah. Er wollte ihr das Bündel abnehmen, sie versagte es mit stummer
Gebärde. Sie ging und er schlug, mehrere Schritte zwischen sich und ihr Raum
lassend, denselben Weg ein. So geschieden und sich scheidend verliessen sie den
Oberhof, in welchem ihnen viel begegnet war, beides, Freude und Schmerz.
 
                                Eilftes Kapitel
                              Eine Art von Feldzug
In keinem Trauerhause fehlt es an jemand, der auf eine so lächerliche Weise zu
weinen weiss, dass er die Wehklage der anderen fast in Unordnung bringt und nahe
dem Umschlagen in eine geheime Heiterkeit. - Der würdigste Vater mag sich bei
der wohlgemeintesten und wohlgesprochensten Ermahnung an seine mannbare Tochter
ja davor in acht nehmen, dass irgendein sonderbar mitandelnder Zipfel ihm ein
durchaus komisches Ansehen leihe. - Ernste Männer vom grössten Verdienst haben
nicht selten das Unglück gehabt, dass ihre feierlichsten Handlungen durch den
ungeschickten Eifer eines Anhängers fast wie Schnurren ausliefen. - Mir ist, um
auf das Trauerhaus noch einmal zurückzukommen, der Fall bekannt, dass eine ganze
Familie am Begräbnistage einer teuren Verwandten in das tiefste Leid eingetaucht
um einen Tisch her versammelt sass, plötzlich aber zu einem ärgerlichen und
unwiderstehlichen Lachen fortgerissen wurde, weil einer, und gerade der
Schluchzendste, sacht eine baumwollene Nachtmütze hervorholte, diese sich auf
den Kopf setzte und unter derselben fortfuhr zu schluchzen. An und für sich war
diese Handlung höchst vernünftig, weil er das Herannahen eines Rheumatismus im
Kopfe fühlte und demselben mit der wärmenden Hülle begegnen wollte. Gleichwohl
wirkte sie in so anstössig erheiternder Weise! Denn eine baumwollene Nachtmütze
gehört nun einmal zu den Dingen, die unwiderstehlich jeden feierlichen Ernst
zerstören.
    Der neckende Geist, welcher bei allen trüben oder erhabenen Angelegenheiten
des Lebens sein Spiel zu treiben scheint, hatte auch den Küster wieder in die
Nähe des Oberhofes geführt. Dieser Mann war nämlich gekommen, sein Deputat an
Lebensmitteln von der Hochzeit einzufordern. Rasch hatte sich das Geschäft
gemacht, weil schon alles für ihn bereit stand. Jetzt wandelte er mit seiner
korbtragenden Magd den Weg voran, den auch unser leidendes Liebespaar zu gehen
hatte. Der Nebel war endlich verweht, die Sonne sah wieder golden vom Himmel, es
war ein angenehmer, klarer Tag, wenn auch etwas kühl. In der Heiterkeit der
Lüfte war dem Küster der Gedanke zugeweht, nach so manchen Ängsten ein frohes
und genügliches Mahl im Freien zu halten, da er sich auf der Hochzeit selbst,
wie wir wissen, nicht zum vierten Teile satt gegessen hatte. Er bezweckte dabei
zugleich, wie wir nachmals hören werden, die Erfüllung seines dritten
Lebenswunsches, des Wunsches, der in dem Gespräche mit dem kupfernasigen
Schirrmeister unausgesprochen blieb, weil das Gespräch damals leider nicht zum
ruhigen Abschlusse gedieh.
    In solchen Gedanken schritt er denn also mit seiner Magd fürbass. Die Magd
konnte wegen des schweren Korbes nicht rasch gehen, er bestellte sie daher nach
dem sogenannten alten Spritzenhäuschen, welches auf der Hälfte des Weges lag,
und ging eilig voran, weil er unterweges in einem einzelnen Hause noch eine
Verrichtung hatte.
    Zu der langsam nachwandelnden Magd gesellte sich aber, als ihr Herr ihrem
Gesichte entschwunden war, ein zweiter Wanderer, der Schulmeister Agesel. Die
Magd hatte wohl von den Einbildungen des Schulmeisters vernommen, da sie aber zu
den mutvollen Personen ihres Geschlechts gehörte, so fürchtete sie sich nicht
vor ihrem Begleiter, vielmehr war es ihr lieb, Gesellschaft zu finden. Der
Schulmeister seinerseits war erfreut, die Magd zu finden, denn er wollte an
ihren Herrn, nicht ihm ein Leid zuzufügen, sondern den Leugner von seinen
gesunden Verstandeskräften zu überzeugen. Nachdem er im allgemeinen über diesen
Punkt mit der Magd gesprochen hatte, sagte er zu ihr: »Es ist ja mein offenbarer
Schaden und eine Sache, die mir mein ganzes Brot und den Kredit in der
Bauerschaft verderben kann, wenn der Küster, der noch dazu ein halber Amtsbruder
von mir ist, überall umherläuft und mich bei den Leuten anschwärzt. Deshalb muss
ich ihn notwendig davon überzeugen, dass ich meine fünf Sinne beisammen habe.«
    »Natürlich«, versetzte die Magd. »Wenn mich einer eine Diebin schilt, so muss
er auch hören können, warum ich keine Diebin bin.«
    »Nun also!« fuhr der Schulmeister eifrig fort, »und heute muss es geschehen,
denn die Gelegenheit kommt mir nie so günstig wieder.«
    »Wie das?« fragte die Magd.
    »Wenn ich ihn in der Stadt aufsuche oder im Freien ansprenge, so reisst er
aus, wie er mich nur erblickt. Hält er aber, wie Ihr mir sagt, im alten
Spritzenhäuschen seine Mahlzeit ab, und ich trete mit meiner Rede unversehens in
den Eingang, so muss er wohl Stich halten und alle meine Gründe anhören, denn es
ist wider die Natur der Furcht, dass er gegen mich stürzen, mich überrennen und
so das Freie gewinnen sollte.«
    Die Magd dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Da ist nur eines zu
befürchten.«
    »Was?« fragte der Schulmeister.
    »Dass er ein Fach an der anderen Seite ausschlägt und so durchbricht. Denn
das Spritzenhäuschen ist sehr alt und verfallen und die Lehmwände haben überall
grosse Löcher, zu denen der Tag einscheint, und wenn mein Herr in der Angst und
Furcht gegen so ein Loch stürzt, so stehe ich nicht dafür, dass er die ganze Wand
einrennt, denn, kriegt er die Manschetten, da ist mit ihm nicht zu spassen.«
    »Deshalb müsst Ihr mir einen Gefallen tun, Mädchen«, sagte der Schulmeister.
    »Und welchen?« fragte die Küstermagd.
    »Tretet vor das grösste Loch auf der anderen Seite, und lehnt Euch gegen die
Wand, damit wenigstens die Hauptgefahr des Entrinnens abgewehrt wird, denn dass
er auch Euch umrennen sollte, ist nicht wahrscheinlich, weil Ihr eine robuste
Person seid.«
    »Ich will das recht gerne tun«, versetzte die Magd, »denn seinem
Nebenmenschen muss man helfen, wo man kann.«
    Nachdem dieses sinnreiche Gespräch zwischen dem Schulmeister und der Magd
soweit gediehen war, wurde auch noch verabredet, zu welcher Zeit der Anschlag
gegen den Küster ausgeführt werden sollte. Der Schulmeister sagte der Magd, dass
er sie in der Nähe des Spritzenhäuschens vorangehen lassen und sich verstecken
wolle, bis sie ihm ein Zeichen gebe, dass es für ihn Zeit sei, hervorzubrechen
und mit seinem Amtsbruder ein Wort der Verständigung zu reden.
    Nach diesen Verabredungen gingen die beiden Personen ihres Weges weiter.
Einige Zeit lang blieb nun die Strasse ganz still und einsam. Dann aber erhob
sich ein auffallender Lärmen die Felder hindurch, welche sie zu beiden Seiten
begrenzten. Die jungen Bursche, welche das Hochzeitgefolge gemacht hatten, waren
nämlich noch in irgendeinem Kruge versammelt gewesen, um einen Nachtrunk zu
halten, denn der Bauer kann eine Lustbarkeit, wenn sie auch mit allen Anhängen
vorüber ist, immer noch nicht schliessen. Im Kruge war nun unter sie eine Kunde
gedrungen, dass der junge Fremde etwas Unrechtes habe ausgehen lassen. Was es
gewesen sei, darüber lauteten die Nachrichten verworren oder schwiegen auch wohl
ganz. Nach einigen Berichterstattern sollte er das Schwert weggenommen haben,
nach anderen ausfallend gegen den Hofschulzen gewesen sein, ein dritter kam der
Wahrheit näher, indem er erzählte, der Fremde habe die Heimlichkeit droben am
Freistuhle in Unordnung gebracht. Es genügte ihnen aber überhaupt nur zu hören,
dass ein Fremder irgendein Unrecht begangen habe, um ihre schon erhitzen Köpfe
noch mehr zu entflammen. Die meisten hatten ihre Gewehre noch bei sich, in
mehreren der Läufe staken sogar noch Schüsse. An Pulver fehlte es auch nicht und
in seiner Aufregung begann nun der Haufen, nachdem er viel getrunken hatte,
durch die Gegend zu schwärmen, ohne eine eigentlich feindselige Absicht, aber
doch gefährlich in seiner planlosen Leidenschaft, wenn dieselbe durch den
geringsten Anreiz zum Ausbruche gebracht wurde.
    Sie schossen ihre Gewehre ab, luden wieder, lärmten und schrien. Zwischen
diesen Trupps von drei, vier, fünf Menschen, die näher oder ferner die Strasse
umschweiften, kam nun unser verdüstertes Paar einhergegangen. Lisbet ging auf
der linken Seite der Strasse, Oswald auf der rechten und zwischen ihnen war die
ganze Breite des Weges. Um nichts auch verminderten sie dieselbe, wenn ein
lärmender Trupp mit drohender Gebärde links oder rechts an ihnen
vorüberstreifte, oder ein Schuss fiel, der, wie man am Pfeifen der Kugel merkte,
durch einen schlimmen Zufall leicht das Verderben hätte bringen können.
Schweigend, bleich, ohne sich irren zu lassen, ging das einander entfernte Paar
seinen Weg durch diese Bedrohungen und Schrecknisse hindurch und nur, wenn an
Lisbets Seite sich ein lärmender Trupp zeigte, oder ein Schuss fiel, sah sich
Oswald besorgt nach ihr um, warf aber, wenn er bemerkte, wie sie ohne seines
Beistandes in diesen Gefahren sich bedürftig zu zeigen, fürder schritt, einen
Blick des schmerzlichsten Zornes dann nach der anderen Seite der Felder.
    Ungefähr eine halbe Stunde mochten sie in diesem Lärmen und Schiessen
gegangen sein und wirklich musste der Himmel über ihren Häuptern wachen, denn
sonst hätte gewiss die Hand irgendeines der berauschten Schützen den Lauf des
Gewehres in verhängnisvoller Richtung angeschlagen. Da sah Oswald in einiger
Entfernung auf einem freien Platze unter Bäumen vor sich einen Haufen von wohl
zwanzig Bauern, die sämtlich mit Gewehren bewaffnet waren. Augenscheinlich
lauerten die wilden Menschen, deren Reden und Schwadronieren schon von weitem
sich hören liess, ihm auf. Er erschrak. An sich dachte er nicht, nur an Lisbet,
wie er sie ungefährdet dem rohen Haufen vorüberbringen möchte. Es kam ihm in
dieser Not ein Gedanke und da ihm nichts Besseres einfallen wollte, so beschloss
er sein Heil mit dem zu versuchen, was ihm eben eingefallen war.
    Rasch ging er voran und mutig auf den Haufen zu. Zuvorderst stand ein langer
junger Kerl in blauem Kittel, der sein Gewehr drohend durch die Luft schwang und
ihm wie der Anführer der übrigen vorkam. An diesen beschloss er sich mit seiner
Kriegslist zu wenden, die auf dem uralten Grundsatze des Herrschens durch
Teilung beruhte.
    Er begrüsste daher den Menschen so freundlich, als seine Stimmung es ihm
gestatten wollte und bat ihn, mit ihm zur Seite zu treten, da er ihm notwendig
etwas im geheimen zu sagen habe. Der Mensch sah seine Kameraden fragend an,
folgte aber doch dem Ersuchen. - »Ihr scheint mich hier nicht durchlassen zu
wollen«, sagte Oswald zu ihm, so dass es die übrigen nicht hören konnten.
Wirklich versperrten sie die ganze Strasse. - »Nein«, sagte der Mensch, »denn Sie
haben was begangen.« - »Ja, das habe ich auch«,erwiderte Oswald, »und es tut mir
herzlich leid, aber es lässt sich doch noch ein Wort darüber reden, und zu Euch
muss ich das sprechen, denn Ihr seid der einzige Nüchterne und Verständige von
der ganzen Kompanie da.« - »Ja, der bin ich«, erwiderte der lange Bauer und
taumelte. - »Also nur her das Wort, denn ein Wort muss der Mensch mit sich reden
lassen, absonderlich, wenn er vernünftig angesprochen wird.«
    »Ihr seht doch da das Frauenzimmer?« sagte Oswald. - »Die sehe ich«,
versetzte der Bauer. - »Nun, diesem jungen Frauenzimmer habe ich versprochen,
sie eine Strecke zu geleiten, und dagegen könnt Ihr nichts haben.« - »Nein,
dagegen kann man nichts haben«, sagte der Bauer. »So lasst mich sie also
begleiten, bis wohin ich es ihr versprochen habe und dann kehre ich hieher zu
Euch zurück, und bringe mit Euch meine Sache an diesem Platze in Ordnung«, fuhr
Oswald fort.- »Das müsst Ihr nun den anderen verdeutschen, denn Ihr seid der
einzige Nüchterne und Verständige von der ganzen Kompanie da.«
    Der lange Bauer, der gerade noch so viel Verstand besass, um gegen den Reiz
der Eitelkeit empfindlich zu sein, wandte sich stolz zu seinen Genossen um und
rief in einem hochfahrenden Tone: »Macht Platz da dem Herrn!« - »Was!« versetzte
der Haufen; »bist du geck?« - »Macht Platz da, ihr betrunkene Bagage«, rief der
einzige Nüchterne und Verständige noch lauter. - »Selbst Bagage!« schrien die
anderen und einer rief:»Ich glaube, der hat Tollbeeren gefressen!« - »Ich will
dir die Tollbeeren an den Hirnkasten geben!« erwiderte der Lange und schoss sein
Gewehr ab, zwar nur in die Luft, indessen gab dieser Knall das Zeichen zu einer
allgemeinen Schlägerei. Denn einige stürzten auf den Schiessenden zu und rannten
dabei andere über, die, hiedurch beleidiget, sich zu rächen entbrannten, der
Verwirrung ihrer Sinne aber nicht die Überrennenden angriffen, sondern dritte
Unschuldige, welche sich am fernsten von dem Streit gehalten hatten. So war bald
jeder, ohne dass er wusste wie? mit einem Gegner versehen; alles balgte sich
herum, Ohrfeigen, Püffe, Stösse regnete es, wenn auch nicht vom Himmel;
dazwischen platzten die Gewehre ab, die aber zum Glück hier alle nur mit Pulver
geladen waren, und es gab eine wilde Kampf- und Blutszene (denn schon manche
Wange und Nase war aufgeschlagen), welche sich von der Strasse nach dem
angrenzenden Kornfelde wälzte, weil die Schwächeren zufällig an dieser Seite
gestanden hatten und sich dortin zurückzogen, um wenigstens auf Garben und
Mandeln zu einer weicheren Niederlage zu gelangen.
    Als Oswald seine List selbst über die Erwartung hinaus gelungen und den
Platz frei sah, winkte er Lisbet, die in einiger Entfernung ängstlich
stillgestanden hatte. Scheu ging sie über den Platz, ohne sich nach der
Schlägerei umzusehen, und als sie einige hundert Schritte von dort ausser dem
Bereiche dieser Roheiten war, erwartete sie ihren Beschützer. - »Ich habe Ihnen
Dank zu sagen für Ihren Beistand«, sprach sie, als Oswald sich ihr genähert
hatte. - »Nicht den geringsten«, versetzte er. »Ich würde mich jedes
Frauenzimmers angenommen haben, mit welchem ich desselben Weges gegangen wäre.«
- Sie wandte sich von ihm ab und er von ihr und beide gingen in der früheren
Weise weiter.
    Eine halbe Stunde von dort lag das alte Spritzenhäuschen. Dieses kleine
Gebäude war unter den Streitigkeiten zweier Bauerschaften darüber, welche
dasselbe zu erhalten habe? verfallen und darauf hatten sich die beiden
Bauerschaften neue Spritzenhäuser erbauen müssen. Die Wolken des Himmels
schauten durch die Öffnungen im Dache und die Lüfte des Feldes fuhren zur
Türöffnung hinein und zu den Löchern in dem lehmernen Fachwerke wieder hinaus. -
In diesem luftigen Lustäuschen hatte der Küster sein Mittagsquartier
aufgeschlagen, um eine recht vergnügliche Mahlzeit zu halten, nach welcher sein
Sinn mit einem besonderen Verlangen stand. Er sass auf altem Holzwerk, welches
sich dort noch hatte vorfinden lassen; vor ihm war eine Serviette ausgebreitet,
auf welche die Magd nun Brot und Fleisch legte, auch eine Flasche Wein stellte,
die man ihm auf besonderes Wünschen vom Oberhofe hatte mitgeben müssen, weil er
seiner Versicherung nach am Hochzeittage der Furcht vor dem Schulmeister wegen
zu keinem ordentlichen Schlucke gekommen war. Die ganze Zurüstung dieses
ländlichen Mahles liess der Küster mit einem feierlichen Schmunzeln geschehen. Er
weidete sich wie es schien an den grossen Augen der Magd, welche nicht begriff,
warum ihr Herr, der, wenn er sonst im Freien etwas verzehrte, ein Stück Brot
ohne viele Umstände aus der Tasche ass, zu dieser Mahlzeit so schwerfällige
Vorbereitungen machen liess.
    Nachdem alles Essbare aufgesetzt worden war, und die Magd ein Glas Wein
eingeschenkt hatte (denn auch ein Glas war vom Oberhofe leihweise mitgegeben
worden), teilte der Küster seiner Dienerin ein Stück Brot und Fleisch zu und
fragte sie dann, bevor er selbst anbiss, was sie wohl davon denke, dass er sich
hier so häuslich niederlasse und sein Mittagsessen im Freien halte?
    »Ja, was soll ich davon denken?« erwiderte die Magd. - »Ich denke, es gibt
hin und wieder kuriose Einfälle, die dem Menschen anwehen, wie der Wind.«
    »Du denkst das vermutlich nur, Gudel, weil wir uns hier im Winde befinden,
der allerdings einigermassen stark durch das Spritzenhäuschen hindurchzieht.
Nicht ein blosser kurioser Einfall ist es von mir, im Freien hier mir gehörig
decken zu lassen, sondern lange hatte ich mir vorgenommen und nur immer nicht
der Gelegenheit dazu habhaft werden können, einmal Hochzeitfreude ohne den
lästigen Zwang, den mir mein Stand auferlegt, zu geniessen. Es war dieses mein
dritter und grösster Lebenswunsch. Denn wohl mag mancher, der draussen
umherschleicht, den Küster beneiden, dass er sich an der Hochzeittafel so
vollstopfen kann, wie jener denkt, weil er nahe der Schüssel sitzt, und ihm
unter den ersten stets präsentiert wird. Aber die Bürde des Amtes beachtet der
oberflächliche Urteiler nicht! Keinen beschäftigteren Mann gibt es wohl auf
einer Hochzeit als den Küster. Denn erst muss er singen und dann muss er beten und
über Tische die Augen allerorten haben, seinen zierlichen Spass anbringen zur
rechten Zeit und in rechten Einschnitten, und abtrumpfen, wer sich zu mausig
macht und ermuntern, wer wie ein Tuckmäuser dasitzt. Während dieser
Amtshandlungen isst und trinkt nun zwar ein Küster, was er kann, aber auch nur
gleichsam pflichtmässig schlingt er alles hinunter, ohne rechtes Gefühl von
Speise und Trank. Weshalb ich sagen darf, dass mir von den mehreren hundert
Hochzeiten, denen ich beigewohnt habe, wenig Erinnerung verblieben ist. Nun aber
muss es nach meiner Überzeugung eine der schönsten Empfindungen sein, in voller
Seelenruhe und in dankbarer Erhebung zu Gott, dem Geber alles Guten, zugleich
der Festesspeise und Tränkung froh zu werden, zu geniessen und dabei der
feierlichen Gelegenheit zu denken, bei welcher man geniesst, des Tages, an
welchem ein von Gott selbst gestifteter Stand sich begründet. Diese aus Erbauung
und Wohlgeschmack zusammengesetzte Empfindung hätte ich gern schon lange einmal
gehabt, konnte aber wie gesagt auf den Hochzeitschmäusen selbst nie dazu
gelangen. Als ich nun im Oberhofe vorgestern durch gerechte Furcht vor einem
Rasenden um alle Hungersstillung gebracht wurde, erkannte ich plötzlich den
Finger Gottes und entschloss mich sogleich zu diesem meinem heutigen
Hochzeitnachschmause, den ich denn auch bei noch frischer Erinnerung an Predigt,
Lied, Orgelspiel, abgelegt die Last meines Amtes, abgestreift die Fessel des
Ranges, hier unter Gottes freiem Himmel (denn das Dach des Spritzenhäuschens
will wenig sagen) in der schönen gemischten Empfindung zu halten denke, welche,
wie ich deutlich verspüre, währenden Redens bereits in mir aufgestiegen ist. -
Wolltest du mich aber fragen, Gudel, warum ich nicht zu Hause nachspeise so wäre
dieses eine unnütze Frage. Denn abgesehen von der Kurrende, welche heute zu mir
gelaufen kommt, um die Büchse zu überreichen, und welche mir alle Gedanken
vertreiben würde, so fehlt mir überhaupt zwischen meinen vier Pfählen bei dem
Reden meiner Ehefrau jegliche Einbildungskraft, und sie würde nur gemeines Essen
sein, diese Hochzeitspeise, welche ich dort zu mir nähme.«
    Die Magd hatte von der langen Rede ihres Broterrn wenig oder nichts
verstanden. Sie dachte nur an den Schulmeister, von dem ihm eine Überraschung
bevorstand und fragte den Küster: »Mögt Ihr jemand lieber vor Tische sprechen,
oder nach Tische, Herr?«
    »Ich weiss nicht, wie du auf diese Frage kommst, Gudel«, versetzte der
arglose Küster. »Indessen, da du einmal fragst, so antworte ich: nach Tische
spreche ich niemand gern, wie du weisst, sondern liebe zu schlummern.«
    »Wohl, so will ich draussen auch mein Stück Brot und Fleisch verzehren«,
erwiderte die Magd ohne allen logischen Zusammenhang. Sie ging aus dem
Spritzenhäuschen, stellte sich an die durchlöcherte Wand und winkte dem
Schulmeister, der sich in der Nähe schon versteckt aufgestellt hatte.
    Leise schleichend näherte sich der Schulmeister dem Spritzenhäuschen. Auch
er hatte eine Rede vorbereitet, fast so lang als die des Küsters gewesen war.
Sie begann so: »Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjährten Irrtümern zu
entsagen. Der Mann soll den Mann erkennen, wie er ist, das ist Mannespflicht.
Schämen soll der Mann sich nicht, erkannten Irrtümern zu entsagen. Blicken Sie
in das Herz eines Mannes, welcher Ihrer Freundschaft nicht unwürdig ist, stossen
Sie einen Mann nicht von ihrer Brust zurück, welcher an derselben zu ruhen recht
herzlich sich sehnt!« - Nach diesem Erregung des Gefühls bezweckenden Eingange
wollte er durch eine klare Auseinandersetzung auf den Verstand des
Verstandesleugners wirken.
    Jenen Eingang still für sich wiederholend schlich er zum Spritzenhäuschen,
worin der andere eben, auch durch seine Rede zu einer Art von erbaulichem
Seelentaumel gesteigert, das erste Stück Rindfleisch in die Hand genommen hatte.
In diesem Augenblicke hörte der Küster hinter der Wand neben der Türöffnung mit
sanfter Stimme sagen (denn der Schulmeister wollte seine Erscheinung stufenweise
vorbereiten): »Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjährten Irrtümern zu
entsagen ...« Er kannte die Stimme - »geronnen fast zu Gallert durch die Furcht«
sass er da, das Stück Rindfleisch starr erhoben haltend vor dem geöffneten und
doch nicht zufassenden Munde, ein mitleidswürdiges Bild! Aber eine schwache
Hoffnung im letzten Winkel seines Herzens flüsterte ihm zu:»Nein, es ist nicht
möglich, es muss eine Täuschung sein, so hart kann dich der Herr nicht strafen.«
- Doch da erschien in der Türöffnung das Entsetzliche, die Harpyie, die nun
abermals auch diese Nachmahlzeit besudeln wollte, das Haupt der Gorgone wurde
sichtbar, wirklich stand der tolle Kerl, der Agesilaus, in der Türe, diesmal
sogar mit einem Knotenstocke bewaffnet! Aufsprang der Küster, schleuderte dem
Feinde, was er in der Hand hatte, in das Antlitz, nämlich das Rindfleisch, und
stürzte schreiend nach dem hinteren Teile des Häuschens, sich gegen die lehmerne
Wand drückend und mit Augen, die fast aus ihren Kreisen schossen, nach seinem
Gegner starrend. Der Schulmeister, von dieser Unvernunft erzürnt und von dem
Wurfe mit dem Rindfleische auf das empfindlichste beleidigt, verlor nun alle
Geduld. Mit den Worten: »Wenn du verfluchter Kerl nicht hören willst, so sollst
du fühlen!« sprang er, den dicken Knotenstock schwingend, in das Häuschen auf
den Küster zu. Unfehlbar würde er diesen jetzt für seine Meinung, er sei rasend,
wie ein Rasender abgestraft haben, wenn nicht die Verzweiflung den Küster
gerettet hätte. Hatte derselbe vorher geschrieen, so brüllte er nunmehr.
Brüllend griff er mit der Faust durch ein Loch der Lehmwand hinter sich und
fasste die Magd, welche aussen wacker gegengestemmt stand, in den Schopf. Die
Magd, welche sich so schmerzlich berührt fühlte, vergass nun auch ihre Aufgabe,
die Wand zu halten; sie zerrte sich vielmehr mit aller Kraft ihres starken
Leibes von der Wand ab, um der Faust aus dem Schopfe quitt zu werden. Dadurch
wurde der Küster, der sich an diesem letzten Strohhalme in seiner äussersten Not,
an einem menschlichen, mitfühlenden Wesen, krampfhaft festielt, gegen die
Lehmwand heftiger gepresst. Die Lehmwand leistete unter solchem Drucke keinen
längeren Widerstand, sondern brach zusammen und der Lehm überschüttete den
Küster scheusslich gelb von oben bis unten, so dass er aussah, wie ein König der
gelben Erbsen; indessen wurde er von der Magd, an deren Schopfe er gleichsam wie
ein Geschleifter hing, in das Freie gerissen und erhielt nur einen Schlag über
die Nase vom Schulmeister. Der genotängsteten Magd glückte es endlich, den
Broterrn mit Zurücklassung eines Haarbüschels in seiner Hand abzuschütteln und
der Küster stürzte draussen immer brüllend zu Boden. Die Magd sprang von dannen,
der belehmte und nasenblutende Küster raffte sich nun auf und sprang ihr nach,
und der Schulmeister, dem sein wohlgemeinter Verständigungsversuch so übel
geraten war, rasete in seiner blinden Wut, wie Ajax in die Herde, in das
schuldlose Mahl des Entsprungenen. Er zerriss die Serviette, trat die Fetzen mit
den Füssen, schleuderte die Weinflasche gegen einen Stein und warf Brot, Fleisch,
Hühner, Eier, Salz, Kuchen nach allen vier Winden, kurz, er benahm sich ganz so,
als sei er der, wofür er irrtümlich gehalten wurde.
    Eine so traurige Wendung erbaulicher Essgedanken bereitete dem Küster seine
ausnehmende Feigheit.
 
                                Zwölftes Kapitel
                               Aus dem Tode Leben
Aber dieser abgeschmackte Vorfall brachte an einer anderen Stelle eine tragische
Wirkung hervor.
    Lisbet war auf ihrem Wege gerade dem Spritzenhäuschen gegenüber angekommen,
als das Gebrüll des Küsters in demselben erscholl. Was nun die erhitzen Bauern
mit ihrem gefährlichen Schiessen nicht über sie vermocht hatten, das bewirkte das
Geschrei der Feigheit; sie entsetzte sich, floh vor dem Orte, wo jener
furchtbare Ton dröhnte, und stürzte, wie von einem dunkelen Triebe geleitet,
bewusstlos in die Arme Oswalds, die sich ihr entgegenbreiteten. Er fühlte die
Geliebte abermals an sich ruhen, wenn auch nur aus Angst, aber dieser neue
plötzliche Übergang von einem zum anderen entfesselte die Dämonen in ihm, die
schon seit zwei Tagen an ihrem Gefängnisse gerüttelt hatten. - Das alte Übel,
welches Schmerz, Angst, Zorn, körperliche Anstrengungen, selbst das Übermass der
Freude an seinem Liebestage, in ihm emporgewühlt, brach kläglich aus.
    Mit einem Schrei fasste er an seine Brust. Mit einem zweiten Schrei stiess er
Lisbet fast zurück. »Ich hab's gedacht, mein Blut, da ist es!« ächzte er und
ein dunkler Purpurstrom quoll aus seinem Munde. Er taumelte und sank auf eine
Rasenerhöhung. »O mir! Ich ersticke -« waren seine letzten Worte, denn es folgte
ein zweiter Anfall des grimmigen Übels. Sein Gesicht war wie eines Toten
Antlitz.
    Im ersten Augenblicke war Lisbet über das Zurückstossen erschrocken gewesen.
Aber was wollte dieser Schreck gegen das Entsetzen bedeuten, als sie das Blut
ihres Lieblings sah? - Ja, ihres Lieblings! Sein Ächzen, sein Blut, sein
Totenantlitz gab ihr augenblicklich den Liebling zurück. Vergessen war der
Lügner, nur der sterbende Geliebte lag vor ihr. Mit einem Rufe, in dem sich
Zärtlichkeit, Jammer und die alleräusserste Besorgnis zum herzzerreissendsten Tone
mischten, stürzte sie zu ihm nieder und sah ihm mit dem Blicke der innigsten
Verzweiflung in die müden und erloschenen Augen. Weinend und wimmernd legte sie
ihre unschuldigen Finger auf seine Lippen, als könne sie damit den furchtbaren
Blutstrom hemmen. Noch immer sandte die in ihren Tiefen versehrte Brust einzelne
Tropfen nach, obgleich die Gewalt des Übels bereits gebrochen zu sein schien.
Keiner Befleckung an Händen und Kleid achtete sie, sie, die Reine, Reinliche.
Sie rief heftig und mit lauter Stimme: »Gott! Gott! Gott!« als müsse Gott ihr
helfen, denn auf Erden wusste sich das unglückliche Mädchen keinen Rat.
Unwillkürlich war sie in die Kniee gesunken. So entstand dem Kranken eine
Ruhestätte für sein Haupt auf ihrem Schosse, denn sie hatte sich mit dem Leibe
rückwärts gebeugt, um ihm die Lage bequem zu machen. Er lag auf dem Rücken,
seine Augen waren geschlossen, seine Wangen völlig farblos. Matt und kalt hingen
die Arme in das Gras hinunter; in welchem liebliche Vergissmeinnicht blühten,
gleichsam ein Blumenspott über den Jammer der Menschen. Sie aber hatte ihm um
Haupt und Brust ihre Arme gebreitet in der allerzärtlichsten und sanftesten
Weise. Traurig schaute sie in sein Gesicht, soviel sie vermochte. So ruhte er
ganz von ihr umfangen und an sie gelehnt im Heiligtum jungfräulicher Liebe und
Bekümmernis! Sie wusste nicht, was sie tun sollte, ihm seinen Schmerz zu
erleichtern, sie hätte zur Qelle werden mögen, zum umspülenden Bade, wenn das
ihm Linderung zu verschaffen vermocht hätte. Schluchzend fragte sie ihn, ob er
auch so bequem ruhe? und bat ihn dann inständigst nicht zu antworten, weil ihm
das Sprechen schaden könne.
    In der Tiefe dieser Not empfand sie den heissesten Drang sich mit ihm zu
verständigen. »Ach«, schluchzte sie, »mein Oswald, vergib mir doch nur und
fühle, dass du nicht sterben darfst! O mein Gott, du musst ja nicht sterben,
musst's nicht, denn was sollte dann aus mir werden, wenn du stürbest?
    Nicht wahr, Oswald, du stirbst nicht, du tust mir das nicht zuleide? Ach,
kannst du es mir denn so übelnehmen, dass ich ein ordentliches Mädchen bleiben
will? Siehst du, mein Oswald, deine Frau musste ich werden, deine ehrliche Frau
und sonst nichts weiter! Denn wäre ich auf deine Schlechtigkeit eingegangen,
Oswald, da hätte ich mich auch an dir versündigt und hätte dich mit zum
Bösewicht werden lassen, und das darf die Geliebte nicht; nicht einen Flecken
darf sie auf ihren Freund kommen lassen. Denn das ist eine schlechte Liebe, die
nur den anderen herzen und küssen will, wie es auch sei, nein, dass das Leben des
Liebsten rein bleibe und unbefleckt und unverworren, das ist die wahre Liebe,
und die habe und hege ich im Herzen zu dir, mein Oswald, wie sie nur ein Mädchen
haben und hegen kann, ja gewiss, so ist es. Und habe sie gehabt und gehegt
immerdar, wie ich nun wohl fühle, obgleich ich mich vor dir versteckte. Stürbest
du hier auf der Stelle, Oswald, und ich könnte dich retten durch Unrecht, doch
täte ich es nicht, das sage ich dir frei heraus. Denn meine Schande könnte ich
noch allenfalls überstehen, Oswald, aber nicht deine; nein, wahrhaftig nicht.
Deine Ehre sitzt mir tiefer im Herzen, als meine. Und so musst du mir auch von
Herzen vergeben, Oswald, dass ich nicht dein Liebchen, wie du wolltest, werden
mochte, und ich weiss auch gar nicht, wie der böse Gedanke in dein gutes Herz
gekommen ist. Ich hätt' es auch nimmer geglaubt, aber du hattest gelogen,
Oswald, und die Lüge ist aller Laster Siegel. Wer unter der Heimlichkeit
einhergeht, der hat, was er verbergen muss, und wer seinem Mädchen etwas vorlügen
kann, der will sie auch nicht in Wahrheit zu seiner Frau nehmen. Deshalb glaubte
ich dem alten Bauer, was er mir von dir sagte, und wäre beinahe gestorben an dem
Glauben. Es soll dir nun alles vergeben sein, alles, von meiner Seite ganz von
Herzensgrunde, und wir wollen einander recht, recht freundlich Adieu sagen, wenn
du wieder gesund bist, und wenn du stirbst, so will ich dir einen Busch Goldlack
auf das Grab setzen und mich totweinen darauf. Ach, wie hast du mich so betrüben
können? wenn ich dich ansehe, ist es mir noch immer unbegreiflich. Aber ich
zürne dir nicht, zürne du mir nun aber auch nicht! Wie gerne wäre ich deine
Gräfin geworden, und dann hättest du mich ja am dritten Tage nach der Hochzeit
verstossen können, so hätte ich doch an deinem Herzen geruht, und hätte in Ehren
dran geruhet, Oswald!«
    Die innerste Seele des Mädchens schwatzte in diesem Geplauder, welches
zuweilen von schweren Seufzern und heftigem Schluchzen und Erkundigungen nach
seinem Befinden unterbrochen wurde.
    Aber wie stand es um Oswald? Glücklich. Er horchte auf, er ahnete, er schloss
den Zusammenhang; durch alle Schmerzen seiner wunden Brust ging ein himmlisches
Erkennen. Er wusste nun, dass er nur verleumdet worden war, dass die keuscheste und
ehrenzarteste Liebe nicht einen Augenblick aufgehört hatte, ihm anzugehören. Um
seine Wangen begann ein seliges Lächeln zu spielen, die Augen öffneten sich und
helle Zähren der Wonne blinkten darin. Lisbets liebliches Antlitz schwamm vor
diesen schwimmenden Blicken, sie kam ihm leuchtend, wie eine Heilige kam sie ihm
vor. Er konnte nicht sprechen, aber ein Zeichen musste er ihr geben. Er hob
seinen rechten Arm auf, zeigte Lisbet mit einer freundlich-schmerzlichen Miene
den Ring, den er noch an einem Finger der rechten Hand trug von der Dorfkirche
her, legte sie auf sein Herz, führte dann den Ring zum Munde und streckte die
Hand gen Himmel, dann liess er sie wieder auf seine Brust sinken und zog dann
ihre Hand herbei, sie in die seinige zu legen und sie mit ihr vereinigt auf
seiner Brust ruhen zu lassen. Dazu sah er sie mit einem Blicke an, dass, wenn
zwölf Zeugen von ihm vor dem Richter ausgesagt hätten: »Diesen haben wir morden
sehen«, und er mit einem solchen Blicke seine Unschuld versichert hätte, der
Richter ihm und nicht den zwölf Zeugen geglaubt haben würde.
    Ein zärtliches Mädchen ist ein gläubiger Richter in solchen Dingen. -
Lisbet folgte seinen Gebärden mit der Aufmerksamkeit bräutlicher Liebe und als
sie den Sinn gefasst hatte, da sagte sie weiter nichts als: »Ah!« - Aber in
diesem Laute war alle Wonne, die seit dem Anfang der Zeiten in menschlichen
Herzen gewallt hatte. Es war ihr, als sei sie auf dem Hochgerichte, wo man sie
unschuldig hinrichten wollen, begnadiget worden, bei lebendigem Leibe war sie in
den Himmel erhoben worden; in den Himmel seiner unbefleckt gebliebenen Liebe. -
»O mein Gott!« sagte sie und konnte sonst nichts vorbringen. Ein Zittern der
Entzückung durchflog ihren Körper, sie meinte zu sinken und den geliebten Freund
aus ihren Armen zu verlieren. Da nahm sie sich zusammen, um nicht durch ihre
Unruhe ihm zu schaden. Nun wusste sie, dass sie seine Frau Gräfin werde, wenn er
nicht sterbe, und Oswald hatte recht gehabt, sie machte sich nicht sonderlich
viel aus der Frau Gräfin, sie wollte es ebenso gern sein, wie sie Frau Försterin
geworden wäre.
    So fanden Lisbet und Oswald einander wieder. Stumm ruhte ihr Auge an seinem
und seines an ihrem und die herzlichsten Tränen flossen von den Wimpern. Die
Hände blieben auf seiner Brust vereinigt, sanft streichelte sie seine Finger,
zumal den, an welchem er den Ring trug, den Dolmetsch des hergestellten süssesten
Einverständnisses. - Ein Jüngling lag, vom heftigsten Blutsturze erschöpft, dem
Tode nahe und sein Mädchen war bei ihm und wusste das, und Jüngling und Mädchen
waren dennoch beide glückselig.
    
 
                                  Achtes Buch
                             Weltdame und Jungfrau
                                  Erstes Kapitel
         Worin der Diakonus vom Zufall und von der wahren Liebe spricht
Mehrere Wochen nach jenem glücklichen Unglück ging die junge Dame Clelia mit dem
Diakonus in seinem Garten auf und nieder. Der Oberamtmann Ernst, der die
dunkleren Stellen des württembergischen Gesetzbuches doch endlich ergründet
hatte und daran vorderhand nichts weiter zu studieren fand, sass gelangweilt in
einer Jelängerjelieber-Laube, und ihr Gemahl schoss mit einer Windbüchse, die er
irgendwo aufgetrieben, hinter dem Garten unter Bäumen nach Sperlingen. Es war
ganz still in dem Predigerhause. Die Fenster eines Zimmers, welche nach dem Hofe
hinausgingen, waren grün verhangen und unter diesen Fenstern sass Lisbet mit
einer weiblichen Arbeit beschäftigt.
    Die junge Dame Clelia, welche ein leichtes Gähnen nicht verbergen konnte,
sprach zum Diakonus: »Lieber Herr Prediger, sagen Sie mir, was dünkt Ihnen vom
menschlichen Leben? Denn ich habe Lust mit Ihnen etwas zu philosophieren.«
    »Das tut mir sehr leid, gnädige Frau«, versetzte der Diakonus. »Es beweiset,
wie ermüdend Ihnen der Aufentalt in meinem Hause sein muss. Wenn so schöne
Lippen sich zur Philosophie bequemen, so müssen wirklich alle Ressourcen der
Unterhaltung versiegt sein.«
    Clelia lachte und sagte: »Zu galant für einen Kanzelredner und für einen
Lehrer der Moral viel zu bösartig.« - In ihrer raschen Weise fasste sie die Hand
des Geistlichen und rief:
    »Wie wir Ihnen alle dankbar sein müssen für das Übermass von
Gastfreundlichkeit, womit Sie uns aus der abscheulichen Kneipe erlösten und bei
sich in Ihrem beschränkten Häuslein aufnahmen, mich samt Jungfer und Gemahl (sie
bediente sich dieser Reihenfolge ganz naiv), und jenem meinem Geschäftsanbeter
dort in der Laube, das fühlen Sie wohl ohne Versicherung von meiner Seite, und
Sie müssen mir, wenn wir scheiden, unter Ihrem Amtseide versichern, uns
künftiges Jahr in Wien Revanche zu geben. Dass man aber, wenn man gern mit seinem
jungen Manne ins Weite möchte, ungern zu lange bei einem kranken Vetter bleibt,
der sein Tage nicht vernünftig werden wird -«
    »Er leidet noch sehr«, sagte der Diakonus ernst.
    »Bin ich denn gefühllos für sein Leiden?« warf Clelia kurz ein. »Hätte ich
noch Vergnügen in Holland und England, wenn ich sein krankes Bild mit mir nähme?
Bin ich ihm nicht herzlich gut? Sehne ich mich nicht, ihm zwanzig Küsse auf die
dummen Lippen zu geben, zwischen denen sein Blut hervorstürzte? Aber ist deshalb
ein solcher Wachtposten bei einem Siechenbette, zu dem einen der Arzt nicht
einmal hinzulässt, etwas Angenehmes? - Und sein Sie nur ganz aufrichtig, lieber
Herr Pastor, Ihre kleine Frau sähe auch nicht ungern einen gewissen Reisewagen
anspannen.«
    »Wie können Sie nur so etwas denken, meine Gnädige!« rief der Diakonus etwas
verlegen, denn er erinnerte sich an den Text einiger Gardinenpredigten.
    Schelmisch fuhr Clelia fort: »Ich müsste mich auf hochrote Wangen und auf
einen gewissen Glanz in den Augen der Hausfrauen nicht verstehen! Es ist auch
gar keine Kleinigkeit, fünf Menschen mehr im Hause zu haben, die man eigentlich
nicht kennt, und die einem allen Platz wegnehmen. Der Herr Gemahl laden in
liebenswürdiger männlicher Unbekümmerteit ein und die arme Frau hat nachher die
Sorge. Aber lassen Sie das nur gut sein. Trotz der roten Wangen und der
glänzenden Augen bleibt sie eine liebe, charmante Frau und soll in Wien
willkommen sei. Dort ist Raum im Hause und der Haushofmeister sorgt für alles.«
    Der Diakonus, der sein Zartgefühl durch dieses Gespräch unangenehm berührt
fand, sagte, um es zu unterbrechen: »Sie wollten mit mir über das menschliche
Leben philosophieren, gnädige Frau.«
    »Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob das menschliche Leben nicht ein
Ding ohne Sinn und Verstand sei?« sagte Clelia. »Ein junger Mann läuft aus
Schwaben weg, um mich an einem Menschen zu rächen, der seine Persiflage über
mich getrieben; er rächt mich aber nicht, sondern schiesst ein junges Mädchen und
verliebt sich in sie. Dann quälen die beiden Leutchen (wie wir nun nach und nach
herausgebracht haben, Ihre Frau und ich) einander bis auf den Tod um nichts, und
das Ende dieser höchst lächerlichen Geschichte ist ein furchtbarer Blutsturz,
der leicht einen Toten in die Komödie hätte liefern können. - Wo ist da
vernünftiger Zusammenhang?«
    »Sie lassen etwas aus in der Geschichte«, sagte der Diakonus.
    »Nun ja. Ich schrieb, als ich überall hören musste, ich sei bescholten, an
meinen Bräutigam nach Wien und erklärte ihm höchst edel, eine Bescholtene dürfe
nicht seine Gemahlin werden; er sei frei und des gegebenen Wortes ledig. Dieser
affektvolle Brief wirkte denn dermassen auf ihn, dass er sich in kürzester Frist
zum Herrn aller Schwierigkeiten machte, die unserer Verbindung entgegengestanden
hatten und, so rasch die Pferde Tag und Nacht laufen wollten, nach Stuttgart
eilte.«
    »Und aus solchen offenbaren Zeichen erkennen Sie den Gott nicht, der in
Ihrem und Ihres Vetters Schicksale waltete?« fragte der Diakonus mit komischem
Ernst.
    »Welcher Gott?«
    »Der Zufall!« rief der Diakonus feierlich.
    »Das ist ein schöner Gott«, versetzte Clelia und lachte.
    »Gnädige Frau«, sagte der Diakonus, »glauben Sie mir sicherlich, die Welt
wird erst wieder anfangen zu leben, wenn die Menschen sich erst wieder vom
Zufall hin und her stossen lassen, wenn man z.B. ausgeht, um Rache zu nehmen, und
sich nicht darüber verwundert, findet man statt der Rache eine Braut, wenn man
(Sie verzeihen meine Freimütigkeit) in einer zufälligen allerliebsten Aufwallung
entsagende Briefe nach Wien schreibt, und ebenso zufällig von der Entsagung zum
Häubchen abfällt. Unsere Zeit ist so mit Planen, Tendenzen, Bewussteiten
überdeckt, dass das Leben gleichsam wie in einem zugesetzten Meiler nur verkohlt
und nie an der freien Luft zur lustigen Flamme aufschlagen kann. Die
Lebensweisheit der wenigen Vernünftigen heutzutage besteht folglich darin, sich
von der Stund und von dem Ungefähr führen zu lassen, nach Launen und Anstössen
des Augenblicks zu handeln.«
    »Bravo!« rief Clelia. »Sie sind ein wahrer Priester für uns Weltkinder. Und
das sagt er alles so ernstaft, als sei es ihm damit bitterer Ernst.«
    »Ich predige ja nur über ein christliches Gebot«, sprach der Diakonus
lächelnd.
    »Wie lautet dieses sogenannte christliche Gebot?«
    »Sorge nicht um den anderen Tag«, versetzte der Diakonus. Die junge Dame
begehrte jetzt auch seine Exegese über die leeren Nöte des Liebespaares. Er
bedachte sich etwas und sagte dann: »Ich muss hier schwerfälliger werden als bei
dem anderen Tema. Zuvörderst sei Ihnen gesagt, dass diese Liebe mich rührt, die
Liebe meines Freundes und des guten Mädchens, welches er auf so ungewöhnliche
Weise kennengelernt hat. Ich meine, in ihnen ein vom Schicksal bezeichnetes Paar
zu sehen und ein völliges Aufgehen zweier Seelen ineinander. Die Liebe ist nun
Leid, wie alle Dichter singen, sie ist der Herzen selige Not und ein rührender
Gram. Wer von der Liebe Tränen scheidet, der scheidet sie von ihrem Lebensquell;
eine lachende Liebe ist keine.
    Wahrlich, die echte Liebe ist ein Ungeheures!« fuhr er mit Wärme fort.
»Nicht in tauber Redeblume, sondern wesentlich, wirklich und wahrhaftig gibt der
Liebende seine Seele weg! Diese also weggegebene und der Hut berechnenden
Verstandes entlassene Seele ist aus den Fugen, unbeschützt liegt sie da und ohne
Verteidigung durch irgendeine Selbstsucht, welche unsere nüchternen Tage
schirmt. In dieser ihrer göttlichen Schwäche ist sie nun eine Beute für jedes
Raubtier von grimmigem Zweifel, fürchterlichem Argwohn, zerfleischendem
Verdacht. Aber im Kampf mit diesen Raubtieren erstarkt sie. Aus ihren tiefsten
und noch nie bis dahin entdeckten Abgründen holt sie neue Waffen und eine
ungebrauchte Rüstung hervor; sie lernt sich in ihren verborgenen Reichtümern
begreifen, sie vollzieht eine Art von herrlicher Wiedergeburt und feiert nun auf
dieser Stufe die wahre, die himmlische Hochzeit, von welcher die andere nur das
vergröberte irdische Abbild ist. Unverwelklich ist der Kranz, der auf jenem
Siegesfeste der liebenden Seele getragen wird, und er verschwindet nicht in den
Schatten der Brautnacht.
    Darum zwingt eine ewige Notwendigkeit die wahre Liebe, sich Not zu schaffen,
wenn sie keine Not hat. Denn nicht träge geniessen will sie, sondern kämpfen und
siegen. Trübsal ist ihr Orden und Jammer ihr geheimes Zeichen. Traun, ein Kind
kann über die Leiden Oswalds und Lisbets lachen, die nicht kindischer erfunden
werden mochten! Aber ohne diese kindischen Leiden wären zwei Seelen von solcher
Tiefe, Schwere, Süsse und Feurigkeit wohl wieder voneinander gekommen, statt dass
sie in den Qualen der Einbildung sich das rechte Wort und den wahren Gruss
gegeben haben, an dem sie einander über alle Zeit hinaus erkennen werden.«
    Die junge Dame Clelia war durch diese Rede des Diakonus in ein Gebiet
geführt worden, in welchem ihr nicht heimisch zumute sein konnte. Anfangs meinte
sie für sich, sie müsse sich etwas schämen, denn mit ihrem Kavalier aus den
österreichischen Erblanden hatte sie freilich während des Brautstandes mehr
gelacht als geweint. Nachher meinte sie, die Gelehrten sprächen zuweilen nur, um
etwas zu sagen; und endlich verstand sie den Geistlichen gar nicht mehr. - Als
er mit seiner Auseinandersetzung zu Ende war, rief sie: »Schade, dass die beiden
lieben Leute einander nicht heiraten können!«
    »Wie?« rief der Diakonus voll äussersten Erstaunens. Denn auf diese Wendung
war er bei der jungen, gutmütigen Frau nicht im Traume gefasst gewesen, zumal
nach solchem Gespräche.
 
                                Zweites Kapitel
 Worin ein humoristischer Arzt nützliche Wahrheiten über die behandlung kranker
                               Personen vorträgt
Das Nahen des Arztes, welcher von dem Krankenzimmer herunter in den Garten kam,
schnitt weitere Erörterungen vorläufig ab. - Der Doktor war ein überaus dicker
Mann, der voll guter Einfälle steckte und diese mit der grössten Trockenheit
herauszubringen wusste. Clelia, die mit solchen Leuten eine natürliche
Wahlverwandschaft hatte, pflegte in seiner Gegenwart zu sprechen, als sei er
nicht zugegen. Und so sagte sie auch jetzt, als der Arzt langsam über den Hof
gewatschelt kam, ganz laut: »Da kommt der Doktor und wird uns nun sagen, dass es
mit Oswald anfange, besser zu gehen. Das heisst, vierzehn Tage lang mag er
allenfalls einen oder den anderen von uns eine Viertelstunde annehmen, vierzehn
Tage darauf können die Besuche länger werden, und nach sechs Wochen werden wir
hoffentlich so weit sein, dass der Rekonvaleszent in der Mittagssonne eine halbe
Stunde spazieren gehen darf. Dies nennen die Ärzte Herstellung.«
    Wirklich hatte der Arzt noch bis gestern den Zustand des Kranken als
bedenklich und der höchsten Schonung bedürftig dargestellt. Streng war jeder
Verkehr zwischen ihm und der Aussenwelt untersagt gewesen; niemand, weder die
Frauen, noch selbst der Diakonus und sein neuer Vetter aus Österreich hatten ihn
besuchen dürfen. Nur dem alten Jochem war er zur Obhut und Pflege von dem
unnachsichtigen Arzte anvertraut worden, die jener denn auch in aller Treue
ausgeübt hatte.
    Ängstliche Sorge und Spannung, die in dem kleinen mit Gästen plötzlich so
angefüllten Hause alle, besonders in den ersten Tagen der Krankheit, bewegte,
konnte sich daher nur durch eifriges Fragen und Nachfragen und durch jede
Liebesgefälligkeit, die von draussen nach dem Krankenzimmer hinein zu leisten
war, geltend machen. Am unruhigsten war Clelia gewesen, welche ihren Vetter
wahrhaft lieb hatte. Auch der Oberamtmann, der in seinem Wagen den Leidenden
nach der Stadt befördert hatte, zeigte eine grosse Anhänglichkeit. Tief betroffen
waren der Diakonus und seine Frau gewesen. Lisbet hatte anfangs viel geweint.
Dann fiel es den anderen auf, dass sie plötzlich die Gefassteste, und wie es
schien, Gleichgültigste von allen wurde. Diese Verwandelung geschah nach einer
Unterredung, die sie mit dem Arzte gehabt hatte. - Sie wurde der Frau des
Diakonus bei deren vermehrten Haussorgen sehr nützlich, und ein Geschäft hatte
sie seit ihrem Eintritte in das Haus ausschliesslich für sich in Anspruch
genommen, die Bereitung alles dessen, was Oswald bedurfte. Ein zarter und
stiller Verkehr waltete zwischen beiden, ungeachtet dass Lisbet, wie sich von
selbst versteht, unter dem strengsten Banne des ärztlichen Verbotes befangen
war. Sie sandte ihm mit dem leichten und kühlenden Tranke, welchen er geniessen
durfte, jederzeit die schönsten Blumen, die sie im Garten fand. Er hielt diese
sanften Boten in seiner Hand des Tages, und bei Nacht ruhten sie an seinem
Herzen und von dieser Ruhestätte empfing Lisbet sie am anderen Morgen wieder. -
Wenn die Hausfrau sie nicht beschäftigte, pflegte sie im Hofe unter den Fenstern
des Krankenzimmers zu sitzen. Dort verweilte sie, bis es völlig dunkel geworden
war, ihre stille Mädchenarbeit verrichtend. Sie war gegen jedermann sanft und
freundlich, liess sich aber mit niemand ein, sondern blieb sehr für sich. Ein
Vorfall hatte sich während jener Tage ereignet, der die Gäste etwas wider sie
einnahm, den Oberamtmann sogar in Zorn versetzte.
Auf heute hatte der Arzt den Eintritt einer entscheidenden Krisis
vorherverkündiget. Der Diakonus, Clelia und der Oberamtmann gingen ihm daher
gespannt entgegen, während Lisbet ruhig unter dem Fenster sitzen blieb. Der
Arzt hatte die Worte Clelias gehört, wandte sich daher an diese, und
sagte:»Gnädige Frau, ich darf Ihnen etwas kürzere Fristen versprechen. Unser
Patient ist hergestellt, und wenn allerseits verehrte Anwesende heute und etwa
morgen und etwannest übermorgen noch einige Rücksicht auf seinen Zustand nehmen,
so wird er wohl überübermorgen ausgehen dürfen, als ein zwar noch etwas blasser
aber doch durchaus geheilter Mann.«
    »Wie?« riefen alle wie aus einem Munde. »Und Sie erklärten ihn noch gestern
für nicht ausser Gefahr?«
    Der Arzt zog sein breites und fettes Gesicht in solche Falten, dass er wie
ein Silen aussah und sagte: »Eine Notlüge, gnädige Frau und liebe Herren, eine
Notlüge, ohne welche der rechtschaffenste Mann, absonderlich aber der Arzt,
nicht durch dieses Jammertal kommt. Denn wollte der Arzt immer die Wahrheit
sagen, so würfen sie ihn zum Hause hinaus.«
    »O Sie Schelm! Gewiss haben Sie wieder einen Ihrer Streiche auslaufen
lassen!« sagte der Diakonus lächelnd. Clelia drang in den Arzt, um den
Zusammenhang zu erfahren, und er fuhr folgendermassen fort. »Wenn man«, sagte er,
»wie ich, eine Reihe von Jahren doktert, wenn man seine von vielen Rezepten
nicht mehr abhangende Praxis hat, so beginnt man ohne Scheu einzugestehen, dass
die Natur doch zuletzt der Geheime Medizinalrat oder Obermedizinalrat ist. Wir
Ärzte sind nur schärfere Zeugen der Natur, hören feiner, was sie flüstert und
wispert, als andere Menschen, sonst aber sind wir keine Hexenmeister. Der Natur,
wenn sie leise sagt: Bitte! bitte! die Bitte zu gewähren, alles fernzuhalten,
was sie in ihrem Gange stört, das ist unsere ganze Kunst. Die Krankheiten werden
meistensteils nur gefährlich durch Gelegenheitsursachen, welche das Walten der
Natur stören. Auch dieser Blutsturz wäre bei der vortrefflichen Konstitution des
Herrn Grafen wahrscheinlich ganz von selbst geheilt, das Blutgefäss, welches sich
ergossen hatte, hätte sich mit Ruhe und höchstens etwas zusammenziehend
Säuerlichem von Natur geschlossen. - Meine Weisheit hat nur darin bestanden, dass
ich die der Natur feindliche Gelegenheitsursache entfernt zu halten wusste.«
    »Ich sehe einmal wieder nicht, wohin dieses Kauffahrteischiff steuert«,
sagte Clelia. »Welche Gelegenheitsursache meinen Sie?«
    »Ihre und der übrigen verehrten Anwesenden Liebe, Freundlichkeit, Besorgnis
und Teilnahme an meinem Patienten«, versetzte der Arzt trocken. »O meine
geschätzten Freunde, Sie glauben nicht, wie viele Kranke dem Arzte durch Liebe
und Teilnahme der Angehörigen zugrunde gerichtet werden! Zwar in den ersten
Tagen lässt man den Leidenden wohl ruhig liegen und behandelt ihn vernünftig,
aber späterhin, wenn es nun heisst, er bessere sich, oder er sei Rekonvaleszent,
da beginnt ein wahrer Kultus des Krankenzimmers, in den Augen des gewissenhaften
Arztes der schlimmste Teufelsdienst. Vergebens rufen die müden und zitternden
Nerven: Lasst uns in Frieden! Umsonst sehnt sich das in Unordnung gebrachte Blut
nach Stille, fruchtlos ist es, dass die letzten Kohlen der Entzündung in sich
verglimmen möchten - es hilft alles nichts, besucht wird, gefragt wird nach dem
Befinden, unterhalten wird, vorgelesen wird, sogenannte kleine Freuden werden
bereitet und voll Verzweiflung sieht man das Schlachtopfer der Liebe, was man
gestern voll guter Hoffnung verliess, heute elend wieder. Deshalb sterben auch in
Privatäusern verhältnismässig mehr Menschen als in wohlbeaufsichtigten
Lazaretten. Und darum pflege ich auf Kranke mit Umgebungen voll Liebe und
Teilnahme, die ich nicht abhalten kann, von vorneherein doppelt so viel Zeit zu
rechnen, als auf Kranke ohne liebevolle Umgebungen. Hier nun -«
    »Es ist doch abscheulich, über die edelsten Empfindungen so zu spotten!«
rief Clelia heftig.
    » ... sah ich einen ganzen Herd von Liebe und Teilnahme, als ich zum Grafen
berufen wurde«, fuhr der Arzt, ohne sich erregen zu lassen, fort. - »Edle
Empfindungen, über die mir nicht einfällt zu spotten, welche mir aber als Arzt
nur als ebenso viele widrige Gelegenheitsursachen und Indikationen erscheinen
mussten, dass der Patient, befragt, besprochen, unterhalten, durch Vorlesungen
aufgeregt und durch kleine Freuden im entzündlichen Stadio verzögert, leicht
seine paar Monate abliegen könne. Deshalb griff ich zu der Notlüge, dass er in
grosser Gefahr sei, dann folgte die einfache Gefahr, dann der bedenkliche
Zustand, dann die langsame Hebung der Kräfte, und auf heute endlich wurde die
Wirkung einer entscheidenden Krise versprochen. Er war aber nie, verehrte
Anwesende, in grosser Gefahr und kehrte nach den ersten zehn Tagen schon mächtig
zu. Einem Kranken tut niemand not, als einer, der ihm zu den bestimmten Stunden
die Arzenei reicht und allenfalls ein verschobenes Kissen zurechtlegt; und dann
Langeweile, o du nicht genug zu preisende Göttin des Siechenbettes! Man sollte
Hygieen gähnend darstellen; denn es ist nicht auszusagen, welche Riesenschritte
die Besserung macht, wenn der Leidende weiter gar nichts zu tun hat als zu
gähnen. Darum setzte ich unseren Grafen auf die wenig aufregende
    Gesellschaft seines alten Dieners und dann auf Langeweile und habe ihn durch
diese beiden Potenzen in kurzer Zeit wieder auf die Füsse gebracht und wenn ich
ihn noch ferner besuche, so besuche ich ihn jetzt mehr als Freund denn als
Arzt.«
    »Schade«, rief Clelia nach dieser Erörterung spitz, »dass Sie sich nicht
selbst als niederschlagendes Pulver verschreiben können. - So dürfen wir ihn
denn also heute sehen?«
    Der Arzt schaute rund im Kreise um und warf dabei auch seinen Blick in den
Hof, wo Lisbet noch immer sass. »Ich unterscheide«, sagte er nach einer Pause
bedächtig. »Sie, gnädige Frau, und der Herr Oberamtmann und der Pastor dürfen
ihn ohne Schaden schon heute besuchen, mein Kind Lisbet dort muss aber bis
morgen warten.«
    Er empfahl sich. Clelias muntere Seele war durch die letzte Rede des alten
Silen doch etwas empfindlich gemacht; sie stand einige Augenblicke schweigend,
nagte an ihrer schönen Lippe und rief dann: »Fancy!«
    Fancy, die Kammerjungfer, liess sich hören und wurde gleich darauf sichtbar.
»Fancy, bringe mir meine Crespine und setz' deinen Hut auf, wir wollen noch
etwas spazierengehen«, sagte ihre junge Gebieterin.
    »Dürfen wir Sie nicht zu unserem Freunde begleiten?« fragten der Diakonus
und der Oberamtmann.
    »Nein«, versetzte die schöne Empfindliche mit kurzem Ton, »zu den ganz
unschädlichen Besuchern mag ich mich denn doch nicht gern zählen lassen.«
    Sie verschwand mit Fancy. Die Männer gingen nach dem Krankenzimmer. Als der
Diakonus bei Lisbet vorbeiging, sagte er erstaunt und halb leise zu ihr: »Sie
scheinen sich über des Doktors Nachricht wenig gefreut zu haben.«
    »Ich wusste schon lange die Wahrheit«, versetzte Lisbet mit
niedergeschlagenen Augen. »Der Arzt hatte meine Angst gesehen und mir entdeckt,
wie die Sache stand.«
    »Und Sie konnten sich überwinden, Oswald nicht zu besuchen?«
    »Warum nicht? Wenn er nur gesund wird! Kam ich und meine Sehnsucht da in
Betracht?«
 
                                Drittes Kapitel
                          Speisesaal und Krankenzimmer
Das Wiedersehen war sehr freundlich und herzlich gewesen. - Als die beiden
Männer das Krankenzimmer verlassen hatten, gingen sie nach dem allgemeinen
Versammlungssälchen und dort sagte der Oberamtmann: »Ich habe eigentlich nie ein
schöneres Gefühl für einen Freund, als wenn ich ihm wider seinen Willen einen
Dienst für das Leben leisten kann. Denn bei Gefälligkeiten, die man den Wünschen
des anderen erweiset, ist man nie sicher, dass sich nicht Eitelkeit, weichliches
und selbstliebiges Wesen mit einmischt. Wenn man aber gegen die Schossneigungen
des Freundes an ihm seine Schuldigkeit tut, dann hat man die reine Empfindung
treu erfüllter Pflicht; wohl die schönste im Leben.«
    »Soll das denn auf unseren Freund eine Anwendung finden?« fragte der
Diakonus etwas befangen.
    »Allerdings«, erwiderte der Oberamtmann, »und Ihren Beistand erbitte ich mir
auch, Herr Diakonus, zu dem, was ich vorhabe. Nachdem der Graf nun
wiederhergestellt ist, oder wenigstens in ganz kurzer Zeit sein wird, kann ich
an mein Geschäft mit ihm oder vielmehr für ihn denken. Meine erste Obsorge muss
nämlich jetzt sein, diese unangemessene und fast verrückte Liebschaft zu
zerstören.«
    Der Diakonus brauste hier, seine geistliche Fassung etwas vergessend, auf
und rief in den bestimmtesten Ausdrücken, dass er zur Zerstörung einer solchen
Liebe, welche keine Liebschaft sei, nicht die Hand biete, vielmehr sie, solange
sie das Gastrecht seiner Schwelle geniesse, zu schützen wissen werde. Man wurde
hierauf, obgleich man sich in gewissen Grenzen zu halten wusste, gegenseitig sehr
warm und erschöpfte alles, was an heftigen und starken Versicherungen und
Gegenversicherungen gesagt werden konnte. Endlich fiel dem Diakonus die Frage
ein, welche bei dergleichen Gelegenheiten die erste sein müsste, meistenteils
aber die letzte zu sein pflegt. Er erkundigte sich nämlich nach den Gründen
einer so starken Abneigung gegen diese Verbindung.
    »Ihre Frage kann mir auffallend erscheinen, Herr Diakonus, indessen will ich
sie beantworten«, erwiderte der Oberamtmann. »Mein Freund ist, wie Sie wissen,
aus der ersten Familie des Königreiches, seine Herrschaft gleicht an Umfang
manchem Fürstentume; geborener Reichsstand ist er und das Blut unserer Könige
hat sich mit seinem Geschlechte mehrere Male vermischt. Wenn er nun den
aufgelesenen Findling heiratet, so fallen seine Kinder, wie Bastarde, von der
Bank und sind sukzessionsunfähig, darüber verliert er die Freude an seiner
Herrschaft, weil er nämlich weiss, dass er sie für die fremde Linie aufhebt. Mit
den Anverwandten verhetzt er sich, in seinen Verhältnissen zerrüttet er sich,
bei Hofe kehren sie ihm den Rücken, der Gemahlin muss er sich schämen, in der
Kammer wird er aus übler Laune ein hohler widersprecherischer Schreier, kurz, er
wird auf alle Weise ein elender und verkümmerter Mann. Weil er aber dazu gar
keine Anlage hat, sondern vielmehr ungeachtet mancher Torheit bestimmt ist, sich
zu einem ganz herrlichen und prächtigen Charakter herauszuarbeiten, zu einer
Freude und Zier des Landes, deshalb Herr Diakonus, und deshalb, weil ich seiner
sterbenden Mutter mein Wort auf ihn gegeben habe, ist es meine Pflicht, dieses
Verhältnis, welches für mich eine Liebschaft bleibt, zu zerstören.«
    Die Streitenden gingen mit grossen Schritten auf und nieder.
    Der Diakonus pries die Unschuld und den Schwung der Neigung, welche so
entgegengesetzte Gefühle aufregte. Allein der hartnäckige Geschäftsmann liess
sich dadurch nicht rühren, sondern sagte: »Ich will ihn auch gar nicht daran
hindern, das Mädchen geliebt zu haben. Er feire sie in seiner Erinnerung, er
mache Gedichte der Wehmut an sie, Sonette und Terzinen soviel er will, er trage
ihre Locke oder ihren Schattenriss, was er nun von ihr besitzt, auf dem Herzen,
immerhin! Liebe ist Liebe, aber Ehe ist Ehe. Die Ehe ist ein Geschäft, ein
höchst wichtiges Geschäft. Nicht umsonst handelt ein Abschnitt in allen
Landrechten von der Ehe und vom Eingebrachten und von der Gütergemeinschaft. Die
Ehe soll dem Menschen einen Boden unter die Füsse geben, nicht den Boden unter
den Füssen wegziehen. Ein Geschäft muss ein Objekt haben, Liebe ist aber kein
Objekt. Liebe gehört zur Ehe wie der fröhliche Trunk zum Abschluss eines guten
Kaufes; aber über das Glas Wein schliesst man den Handel nicht. Er braucht noch
gar nicht zu heiraten, denn er ist noch sehr jung, will er es aber tun, so gibt
es unter unseren Gräfinnen und Fürstinnen und unter denen nebenan in Baden und
Bayern auch schöne, blühende, gute Mädchen; darunter soll er sich auslesen, die
Bettlerin aber soll er lassen.
    Ich weiss wohl, dass jedes missgefügte Liebespaar von seiner Torheit einen
neuen Himmel und eine neue Erde datiert und die erste probehaltige Ausnahme.
Wenn man aber nach wenigen Jahren die sogenannten Ausnahmen wiedersieht mit
hangenden Flügeln, den Schmetterlingsstaub jämmerlich von den Schwingen
gerieben, vernützt, abgeblasst, so wendet sich einem das Herz im Leibe bei dem
Anblicke von so trübseligen Bestätigungen der allgemeinen Regel um.«
    Der Diakonus, dessen Verstand unwillig manches zugeben musste, was der andere
vorbrachte, bediente sich jetzt der Wendung, welche bei einem Streite so
ziemlich klar die Niederlage anzeigt. Er sagte nämlich, dass diese Drohungen wohl
nicht ganz der Ernst des Oberamtmannes sein möchten, dass er gewiss Bedenken
tragen werde, sie in ihrem vollen Umfange auszuführen.
    Darauf versetzte der Amtmann sehr kalt und fest: »Sie würden im Irrtume
sein, wenn Sie diese Meinung wirklich hegten. Ich bemerke wohl, dass die Scherze,
welche die junge Baronesse in ihrer liebenswürdigen Laune zuweilen über mich
macht, Sie zum Lachen über mich anreizen, und es mag auch wahr sein, dass ich
eine ziemlich sonderbare und graue Aktenfigur bin. - Ich habe neulich den
sogenannten Patriotenkaspar verhört, darüber den Grafen vergessen, kam zu spät
auf den Oberhof und fand meinen Freund, der vielleicht gesund mit mir gefahren
wäre, erst wieder, als er blutend am Wege lag. Das war ein Schwabenstreich. -
Indessen kann man solche begehen und doch bei manchem Punkte unbesieglich sein.
- Glauben Sie mir, dass, wo ich mich in meinem Amte und Rechte fühle, alles von
mir abgleitet, wie von einem Felsen und dass ich dann fest zu stehen weiss, wie
ein Fels. Meinen liebsten Freund aber vor einem unsäglichen Elende zu bewahren,
wie ich es nun einmal ansehe, das ist recht eigentlich meine Amtspflicht und
mein Recht. Ich werde demnach, was ich angekündiget habe, durchzuführen wissen.«
    »Aber was wollen Sie denn mit ihm beginnen? Er ist doch mündig!« rief der
Diakonus ereifert.
    »Leider!« versetzte der Oberamtmann. »Es gibt Leute, die wenigstens bis zum
dreissigsten Jahre unter Kuratel stehen sollten. Indessen ist auch ein Mündiger
anzufassen. Was ich beginnen will? Ihm jeden nur möglichen Grund vortragen, die
Verbindung ihm unleidlich machen; Urlaub mir verlängern lassen, mit ihm auf sein
Schloss reisen, Oheime, Vettern und Basen in Bewegung setzen, die Sache vor den
König bringen, seine Standesgenossen aufregen, es darauf ankommen lassen, dass er
mir die Türe weiset, dann doch nicht gehen, immerfort einsprechen, den Einspruch
noch zwischen die Verlobung werfen, ja selbst am Altare, wenn es notwendig ist,
einen Skandal bereiten. O ein Mann und Freund kann viel, wenn er nur beharrlich
will. So wahr ich der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde bin, mit meiner
Zustimmung wird sie nicht Gräfin Waldburg-Bergheim.«
    »Und mit meiner auch nicht«, sprach hier eine dritte Stimme. Die schöne
Clelia war, von ihrem Spaziergange zurückgekehrt, in den Saal getreten und hatte
unbemerkt von den Männern, gehört, wovon die Rede war. »Nein, Herr Diakonus«,
sagte sie, »Sie sehen die Sache doch etwas zu sehr von Ihrem Standpunkte an. Ich
bin gewiss gut und freundlich gegen jeden und wünsche allen ein solches
Lebensglück, wie ich es erlangt habe, aber auch meine Erfahrung hat mich
gelehrt, dass Missbündnisse nie zum Heile führen, und da es sich hier um das Los
meines teuersten Anverwandten handelt, so stelle ich mich ganz auf die Seite des
Oberamtmannes.«
    Die schöne junge Frau sagte dies so feierlich, als hätte sie in ihrem
zwanzigjährigen Leben schon wenigstens hundert üble Erfahrungen von
Missbündnissen vor Augen gehabt. Der Oberamtmann küsste ihr dankbar und gerührt
die Hand und der Diakonus schwieg.
    Es war inzwischen im Nebenzimmer gedeckt worden und man setzte sich zu
Tische. Auch der junge Gemahl hatte sich nach seiner Sperlingsjagd, die nicht
sehr ergiebig gewesen war, zur Gesellschaft gefunden und nur Lisbet fehlte. Der
Diakonus suchte, so gut es ihm gelingen wollte, der vorhergegangenen Szenen
ungeachtet den beredten Wirt zu machen. Es glückte ihm aber nicht ganz, denn
seine Seele war abwesend und in Bekümmernis bei dem Paare, über dessen Häupter
sich nach manchem Leiden noch zuletzt so schwere Wolken anhäuften.
    Die ganze Gesellschaft war eigentlich verstimmt und redete wenig. Der
Oberamtmann fühlte die Schwierigkeit seiner Aufgabe, zwei Herzen zu trennen, die
einen geistlichen Beistand hatten, und dachte über die Mittel nach, diesem
Einflusse entgegenzuarbeiten. Zwischen dem jungen Ehepaare aber hatte sich der
erste Streit erhoben und zwar auch über das Liebespaar. Der Gemahl war nämlich
nach seiner Rückkehr von dem Windbüchsenvergnügen unterrichtet worden, dass der
Vetter hergestellt sei, und hatte, als er seine Gemahlin von dem Spaziergange
heimkommend gesprochen, ihr in aller Freundlichkeit aber mit bestimmtem Tone den
Entschluss eröffnet, nunmehr abreisen zu wollen, da sie unmöglich jetzt noch eine
Sorge um Oswald mit auf die Reise nehmen könne. Schon dass er so bestimmt sprach,
regte ihren Widerspruch auf und sie fühlte wohl, dass wenn sie den Anfängen
solcher Emanzipation nicht entgegentrete, es leicht um die ganze Zukunft ihres
Regiments geschehen sein dürfte. Sie erklärte daher ebenso bestimmt, dass sie
noch bleiben und so lange bleiben werde, bis sie ihren geliebtesten Anverwandten
von einem schlimmeren Übel befreit sehe, als dem Blutsturze, nämlich von seinem
verkehrten Heiratsvorsatze. Der Oberamtmann fasse alles zu rauh an, sie als Frau
wisse allein in solcher Verwickelung das Richtige zu treffen und den Knäuel mit
Feinheit zu entwirren. - »Du kennst meine Festigkeit, Edmund«, sagte sie
zuletzt; »ich bin ganz fest in dieser Sache, zu deren Behandlung mich der Himmel
selbst offenbar hieher hat kommen lassen, also stehe ab von dem Vorsatze, mich
nach deinen Wünschen bewegen zu wollen.« Er erwiderte ihr darauf höflich, dass er
an ihrer Festigkeit nie gezweifelt habe, dass sie ihm aber unter solchen
Umständen verzeihen möge, wenn er, solange ihr Geschäft hier daure, einen Besuch
bei seinem Oheim im Osnabrückschen abstatte, denn an diesem elenden Orte könne
er es nicht länger aushalten.
    So endete demnach der süsse Friede der Flitterwochen und es war noch keine
Versöhnung erfolgt, als man sich zu Tische setzte. Gemahl und Gemahlin sprachen
daher auch nicht, sondern sahen stumm auf ihre Teller. Was endlich die Hausfrau
betrifft, so hatte diese wirklich das hochrote Antlitz und die glänzenden Augen,
von welchen Clelia gesprochen hatte, und welche unwiderleglich anzeigen, dass
eine Wirtin sich sehnt, wieder ungestört in ihrer stillen Häuslichkeit zu leben.
Sie war die gastfreiste Frau von der Welt, aber die Einladungen des Diakonus,
die von ihm ohne Rücksicht auf Raum und Grenzen des kleinen Hauswesens
ausgegangen waren, hatten ihr eine Last aufgebürdet, unter welcher sich selbst
der Sinn einer Baucis geheimen Missgefühls nicht würde haben entalten können.
    Man stand auf und wünschte einander gute Nacht. Vor dem Fortgehen sagte aber
der Oberamtmann zum Diakonus: »Unbegreiflich ist es mir, wie Sie, Herr Pastor,
die Partei eines Mädchens nehmen können, welches, nach allen Anzeigen zu
schliessen, eine sehr gefühllose Seele hat.«
    »Gefühllose Seele?«
    »Ist sie, als sie von dem Unfalle ihres alten Pflegevaters hörte, zu ihm
geeilt, wie es einem dankbaren Kinde eignete? Hat sie sich nicht begnügt, zu
fragen, ob er wohl aufgehoben sei? und als sie erfuhr, dass gute Leute sich
seiner angenommen hätten, tat sie da etwas anderes, als ihm das Geld schicken,
welches sie für ihn verwahrte?«
    »Herr Oberamtmann«, versetzte der Diakonus, »die Lisbet hat den Spruch im
Herzen empfangen und ausgetragen: Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem
Manne anhangen. Es tut wohl, endlich einmal auch auf eine Natur zu stossen, wenn
man so viele Puppen gesehen hat. Ich habe da die Unterscheidungen und
Bezeichnungen aufgestellt, welche, wie wir vernehmen, unser grosser Dichter von
weiblichen Wesen zu gebrauchen pflegte. Mir will es so vorkommen als ob Goete,
wenn er noch lebte und die Lisbet sähe, sie eine Natur nennen würde.«
An diesem Abende ereignete sich, was hin und wieder in Liebesschicksalen
vorkommt. Die Umherstehenden streiten gewaltig miteinander und regen eine wahre
Ilias auf über die Frage, ob zwei Menschen verbunden bleiben sollen oder nicht!
und die Liebe ruht während des Kampfes seitwärts unter Rosenbüschen in holder
Eintracht. Lisbet und Oswald wussten nicht, welche Schlachten um ihr Geschick
ausgefochten wurden oder sich vorbereiteten. Lisbet hatte eine heimliche
liebliche Freude sich zugedacht. Sie pflückte die schönsten Astern im Garten und
wand sie zum Kranze. Mit dem Kranze schlich sie, als es dunkelte, leise an die
Türe des Krankenzimmers, horchte dort klopfenden Herzens und pochte, als sie im
Zimmer nicht reden hörte, so sacht an, dass nur ein feines Gehör, wie es der alte
Jochem besass, den fast unhörbaren Schall vernehmen konnte. Auch er kam in seinen
Socken an die Türe geschlichen und öffnete sie ohne Geräusch.
    »Wacht der Graf?« flüsterte Lisbet.
    »Nein«, versetzte ebenso leise der Alte. »Er schlummert im Lehnsessel, das
Gespräch mit den beiden Herren hat ihn etwas matt gemacht. Kommen's nur herein!«
    Kaum den Boden mit ihren Fusssohlen berührend schritt Lisbet durch das
Krankenzimmer. Im Lehnstuhle sass Oswald und schlief. Sein Antlitz war so weiss
wie Marmor, er sah vornehmer und prächtiger aus als je. Die schöne Stirn zeigte
noch klarer als sonst die lichten, innigen Gedanken, welche hinter ihrer Wölbung
wohnten. Leicht gerötet waren die vollen, gutmütigen Lippen, und um sie und um
die reinen Wangen schwebte das friedlichste Lächeln. Er träumte vielleicht, und
mochte wohl von seiner Liebe träumen. So sass er da, ein reizendes, hohes
Jünglingsbild; eine Mischung von siegfreudigem Apoll und schwärmendem
gefühlstrunkenem Bacchus, noch nie so klar in dieser seiner Grundform
ausgeprägt, als heute, wo die geschlossenen Wimpern allen Zügen etwas Festes und
Ewiges gaben.
    Lisbet näherte sich dem Schlafenden und beugte sich über sein Haupt. Aber
sie rührte ihn nicht an und liess kaum ihren Atem um seine Wangen spielen, um ihn
nicht aufzuwecken. Dann legte sie leicht und leise wie eine beschenkende
Himmelsgestalt ihren schönen Kranz von roten, gelben und blauen Astern in seinen
Schoss. Und dann setzte sie sich ihm gegenüber in einen Sessel und sah ihn, die
Hände über der Brust gekreuzt, lange an.
    Nachdem sie so lange stumm gesessen, wendete sie ihr Antlitz. Der Alte stand
ihr zur Seite und empfing ihren ersten Blick. Von diesem Blicke erschüttert,
sank er leise auf das Knie und küsste ihre Hand.
    Die Gnostiker erzählen, dass die Engel einst eine unaussprechlich schöne
Gestalt flüchtig an sich vorüberschweben sahen, die sie nachmals nie wieder
erblickten, obgleich sie äonenlang mit heisser Sehnsucht einer zweiten
Erscheinung harrten. Sie schufen dann endlich, sagen die Gnostiker, in
Nacherinnerung an die Geschaute, ein schwaches Abbild jenes himmlischen
Urbildes. Dieses Abbild war der Mensch. Es kann sein, dass in Lisbets Zügen
etwas von dem Ausdrucke der den Engeln einst erschienenen Schönheit schimmerte.
Der Alte stammelte flüsternd: »O liebe, liebe, junge gnädige Gräfin.«
    Lisbet errötete. »Warum nennst du mich immer schon so?« fragte sie leise.
    »Weil ich mir Sie gar nicht als Liebste oder Braut denken kann, sondern Frau
sind Sie, liebe Frau von meinem jungen Herrn, gar kein' Sehnsucht nicht und kein
Verlangen, sondern schon ganz eins mit ihm und herzenseinig.«
    »Nun sage mir, wie geht es ihm und wovon hat er heute gesprochen?« fragte
Lisbet.
    »Ach«, sagte der Alte, »Kranke haben so ihre wehmütigen und zaghaften
Stunden. Mein Herr sagte heut', das Glück, was er mit Ihnen haben würd', käm'
ihm gar zu schön und herrlich vor, er könnt' nicht aussprechen, wie unsäglich
lieb er Sie haben tät', und deshalb fürchtete er, die wüste Welt würd' sich
drein legen zwischen ihn und sein Glück, und der Damon würde drauf treten -«
    »Dämon sagte er wohl«, sprach Lisbet.
    »Dämon oder Damon, 's kommt alles auf eins heraus, er meinte aber gewiss den
Teufel«; fuhr Jochem fort. - »Er sagte diese trübseligen Sachen viel schöner und
besser, als ich sie hervorbringen kann, indessen hatt' ich rechte Müh', ihm
Trost einzusprechen.«
    Lisbet nahm die Hand des Alten und lispelte: »Wenn er erwacht, so sage ihm,
ich sei hier gewesen und habe mich an ihm gefreut. Sage ihm dann auch, er solle
mir nicht übelnehmen, besuche ich ihn morgen und auch vielleicht noch übermorgen
nicht, denn ganz gesund müsse er erst sein, wenn er mich sehen solle, und ich
sei ohnedies doch immer und ewig bei ihm.« - Tief atmend, aber so leise, dass der
Alte sein Ohr ihren Lippen nähern musste, setzte sie hinzu: »Und weiter sollst du
ihm sagen, er müsse sich nicht vor der Welt und dem Dämon fürchten, denn er sei
mein Oswald und ich sei seine Lisbet, und die Welt und der Dämon hätten keine
Macht über zwei Menschen, die einander von Grund des Herzens gut seien. Er solle
nur ganz getrost an mich denken, denn ich sei Er, und er sei Ich, und wir seien
Eins, und zwischen uns könne nichts kommen.«
    »Werd' alles genau ausrichten und bestellen«, antwortete der Alte. »Und 's
ist gut, dass mein Herr es nicht von Ihnen hört, denn mit Ihrer Stimm' und dem
ganzen Ton vorgetragen, möcht's ihn doch unruhig machen und der Brust noch
schaden. Aber wenn ich's ihm in meiner groben Manier erst zuricht' und
hinterbring', so überwindet er's schon eher.«
    Lisbet erhob sich und ging. Bald nachher erwachte Oswald und hörte vom
Alten, welche liebliche Zuversicht seinem Schlummer nahe gewesen sei.
 
                                Viertes Kapitel
                       Die Leiden einer jungen Strohwitwe
Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der
Aussenwelt bösen Geschicken entgegenzugehen. Denn der Oberamtmann wiederholte am
folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren Gespräche dem Diakonus seine
unerschütterlichen Vorsätze. Die schöne Clelia, welche bei der höchsten
Gutmütigkeit doch alle Meinungen einer vornehm erzogenen Dame hegte, sprach
während einer Morgenunterhaltung ihm ebenfalls wieder ihre Überzeugung gegen ein
Ehebündnis aus.
    Seine Seele war bekümmert und erschüttert. Auf der Seite der Gegner stand
die Vernunft mit hundert Gründen in Reihe und Glied, und er war selbst ein zu
ruhiger und besonnener Mann, als dass er nicht insgeheim mancher Stimme im
feindlichen Lager beigefallen wäre. Das zerschnitt ihm aber das Herz, welches
den beiden Liebenden mit Innigkeit zugetan war und sich schon an der Aussicht
geweidet hatte, durch sie die Anschauung eines seltenen Glückes zu gewinnen.
Indessen hatte er nur noch wenig Hoffnung darauf, denn er meinte auch wie jeder
dritte Zeuge eines Verhältnisses, dass keine Leidenschaft den Angriffen des
Verstandes auf die Länge gewachsen sei. So befürchtete er denn von der
Herstellung Oswalds nichts als Einbusse, tiefes Leid und Zerstörung.
    Die schöne Clelia hatte übrigens beim Erwachen eine unerwartete Nachricht
empfangen. Als sie nämlich in das Morgengewand geschlüpft war und sich nach
ihrem Gemahle erkundigte, brachte ihr Fancy ein Billett von ihm, aus dem sie
sah, dass er wirklich in der Nacht Extrapost genommen hatte und zum Besuche bei
dem Oheim im Osnabrückschen abgereiset war. Das Billett sagte ihr das
zärtlichste Lebewohl, sagte ihr, dass er ihren Morgenschlummer nicht habe stören
wollen und sprach den empfundensten Wunsch aus, dass eine baldige Schlichtung der
Verwirrung, wie sie sich dieselbe vorgenommen, die Dauer dieser ersten ihm so
schmerzlichen Trennung abkürzen möge. Selbst eine Locke von seinem Haare hatte
er beigelegt, Nachschrift über Nachschrift hinzugefügt und eine Stelle im Briefe
bezeichnet, welcher von ihm ein Kuss aufgedrückt worden sei, wie er sagte.
    Nachdem die schöne Verlassene diesen Brief gelesen hatte, schwieg sie eine
Zeitlang und sah das feine rosenrote Papier so an, als ob es die Absage einer
Soirée bei dem Fürsten, wie er nun heissen mochte, entalte, auf welche sich die
ganze feine Welt Wiens schon seit vierzehn Tagen gefreut hatte. Fancy musste sie
erinnern, dass die Schokolade kalt werde; sie versetzte, dass sie keinen Appetit
habe und befahl dem Mädchen, die Tasse wegzutragen. Fancy gehorchte.
    Sie sass hierauf etwa eine Viertelstunde im Sofa und stützte das Haupt
gedankenvoll auf den schönen Arm. Dann ging sie eine halbe Stunde im Zimmer auf
und nieder und dann klingelte sie. Fancy kam. Ihre Gebieterin stand mitten im
Zimmer und sagte zu der Jungfer, die zugleich Schatzmeisterin und Vertraute war:
»Fancy, es freut mich, dass mein Mann so fest ist. Ich bin fest, er ist fest,
dieses gegenseitige Festsein verbürgt mir eine geordnete Zukunft. Nichts
Unangenehmeres als zwei Gatten, die einander mit weichen Nachgiebigkeiten
quälen. Jeder muss seinen Willen haben und den durchzuführen wissen, dann findet
man sich gegenseitig zurecht und es entsteht ein heiterer geregelter Lebensgang.
Es freut mich, dass mein Mann abgereist ist.«
    »Warum sollten Sie sich auch darüber nicht freuen, gnädige Frau?« erwiderte
Fancy, die der Gebieterin nie widersprach.
    »Ich werde ungestörter, in grösserer Ruhe meine Aufgabe hier lösen, die ich
mir gestellt habe, so allein und für mich«, sagte Clelia.
    Fancy erwiderte hierauf nichts, sondern nickte nur zuversichtlich
beistimmend mit dem Kopfe. - »Aber dennoch bleibt es auffallend«, fing die
Baronesse nach einer Pause an, »dass mein Mann abreisen konnte.«
    
    »Auffallend bleibt es allerdings«, sagte Fancy. - »Unterhalte mich«, sprach
Clelia. Fancy unterhielt hierauf die Gebieterin so gut sie konnte und erzählte
ihr von allen Bekanntschaften, die sie rasch nach Art der Kammerjungfern im
Städtchen gemacht hatte; von der Frau des Steuereinnehmers, von der Tochter
eines Assistenten und auch vom Küster, der ihr mit seiner barocken Weise
aufgefallen war, und über den sie bei der und der Gelegenheit herzlich hatte
lachen müssen, so komisch war sein Betragen gewesen.
    Der Stoff dieser Mitteilungen hatte sich noch lange nicht erschöpft, als die
Dame sie unterbrach und sie um Gottes willen bat aufzuhören mit dem albernen
Zeuge von Steuereinnehmerfrauen und Assistententöchtern und Küstern, denn sie
habe entsetzliches Kopfweh. Fancy verstummte auf der Stelle, holte Kölnisches
Wasser und rieb ihrer leidenden Herrin die Schläfe damit ein. - »Du bist ein
gutes Mädchen, Fancy«, sagte Clelia sanft während dieser Mühwaltung zu der
Dienerin, »aber sehr langweilig kannst du mitunter sein.«
    »Gnädige Frau«, antwortete Fancy schüchtern und doch mit einem gewissen
Patos, »all mein Verdienst ist, Ihnen treu zu sein und Ihnen zu gehorchen wie
eine Sklavin. Unterhaltung kann freilich ein so beschränktes Mädchen, wie ich
bin, nicht haben.«
    Clelia liess sich darauf bei ihrem Vetter anmelden. Die Begrüssung beider
Verwandten war sehr liebevoll, denn sie waren einander gut wie Bruder und
Schwester. Dennoch empfand Clelia nach den ersten Reden einen gewissen Zwang,
denn sie war sich ja geheimer Absichten gegen seine Wünsche bewusst. Sie kürzte
daher den Besuch unter dem Vorwande, dass viel Sprechen ihm noch schädlich sein
möchte, ab. Dann hatte sie die Unterredung mit dem Diakonus. Darauf wollte sie
die Hausfrau sprechen, aber diese hatte in ihrer Wirtschaft die Hände voll zu
tun. Sie verlangte daher nach dem Oberamtmanne. Der war jedoch auf dem Gerichte
und sprach mit einem Beamten über Dienstsachen. Nun begehrte sie wieder den
Diakonus zu sprechen, welcher sich indessen zu einer Synode hinbegeben hatte.
    Die Toilettenstunde war hierüber herangekommen, und diese gab nun einige
Zerstreuung. Während Fancy das Haar ihrer Dame ordnete, erfuhr sie das Projekt,
welches diese beschäftigte. Sie fasste ihre eigenen verschwiegenen Gedanken.
Diese halten wir uns nicht für berechtigt zu offenbaren, denn auch gegen
Kammerjungfern soll man diskret sein. Nur so viel: Wie alle ihre Schwestern war
Fancy eine geschworene Freundin von Mesalliancen. Zwar hätte sie auf Lisbet
neidisch sein dürfen, dagegen aber stritt ihr Gemüt. Bei aller Schlauheit hatte
das Mädchen ein dankbares Herz. Der junge Graf Oswald hatte einst ihrem alten
invaliden Vater eine Versorgung als Kastellan ausgemacht, ihn dadurch vom
Hungertode gerettet. - »Man muss hübsch erkenntlich sein«, dachte Fancy und
entwarf ihren Soubrettenplan.
    Sie legte etwas boshaft das schöne, noch nie getragene blaue
Mousseline-de-Laine-Kleid heraus und kleidete überhaupt ihre Herrin heute mit
besonderer Sorgfalt. Als Clelia sich im Spiegel so schön geschmückt sah, seufzte
sie und sagte: »Schade, dass man das für die Tauben und Sperlinge im Hofe
angezogen hat.«
    »Recht schade!« versetzte Fancy. »Der Herr hatten sich so sehr darauf
gefreut die gnädige Frau in dem neuen Kleide zu sehen.«
    »Nun, es wird ja hier keine Ewigkeit währen«, warf die schöne Frau leicht
hin.
    »Die Ewigkeit ist lang«, versetzte die gefällige und nachgiebige Fancy.
»Nein, eine Ewigkeit wird es wohl nicht währen.«
    Nach Tische (sie speiste nur mit der Hausfrau, denn die Männer hatten
absagen lassen, und das Mahl war deshalb etwas einsilbig, wie alle Diners zweier
Damen und von sehr kurzer Dauer) liess die junge Baronesse ihre Uhr repetieren
und sagte: »Halb drei. Das wird ein langer Nachmittag werden.« - Sie las etwas,
aber das Buch zog sie nicht an, dann sang sie etwas zur Gitarre, aber sie hörte
bald auf, denn sie behauptete, heiser zu sein. - »Fancy, meine Crespine!« rief
sie. Fancy brachte die schwarzseidene Crespine. Clelia ging etwas in den Garten,
aber die Mücken schwärmten ihr dort zu wild, und deshalb kehrte sie bald wieder
in ihr Zimmer zurück.
    »Wenn mein Vetter erfährt, welcher Langenweile ich mich um sein wahres Heil
ausgesetzt habe, so müsste er der undankbarste Mensch sein, sagte er mir nicht
zeitlebens Dank«, sprach sie zu Fancy, die ihr die Crespine abgenommen hatte und
in den verknitterten Spitzen um den vollen Nacken Ordnung stiftete.
    »Er müsste der undankbarste Mensch sein«, erwiderte Fancy.
    Sie nahm Stramin zur Hand und fing etwas an zu sticken. Inzwischen war der
Oberamtmann zurückgekommen und liess anfragen, ob er aufwarten dürfe. In der
Dürre dieses Tages erschien ihr der Geschäftsmann wie ein Retter aus der Not;
gern wurde er angenommen. Als er seine verehrte Schöne in dem neuen, reizenden
Anzuge sah, begannen seine Augen wacker zu werden, er sah ganz verklärt aus. -
Das Sticken aus freier Hand schien ihr einige Beschwerde zu verursachen. Er
fragte sie lebhaft, ob er ihr den Stramin halten dürfe. Sie bejahte im
schmeichelndsten Tone. Mit leuchtenden Blicken setzte sich nun der Oberamtmann
zum Dienste der Galanterie auf ein Fussbänkchen zu den Füssen der jungen Dame
nieder, nahm den Stramin fest in seine beiden Hände und sah so ernstaft auf die
Rosen, die unter Clelias Nadel entstanden, als habe er ein Todesurteil vor
Augen. Auch Clelia stickte eifrig, als arbeite sie um das tägliche Brot, und
Fancy sass im Fenster, mit einer Beeiferung ohnegleichen nähend.
    Die Spannung der nächsten Augenblicke war nicht gering. Endlich fragte
Clelia ihren grauen Verehrer, wie er die Sache mit dem Vetter anzugreifen
gedenke? worauf er ihr ungefähr die nämliche Auskunft gab wie dem Diakonus.
Clelia fuhr aber heftig auf und erklärte, dass sie ein solches Verfahren durchaus
nicht zugeben werde, dass das ein rauhes und unmenschliches Verfahren sei,
welches ohnehin nicht einmal einen günstigen Erfolg zusichere, weil die Liebe
durch so unmittelbaren Widerspruch nur wachse, und was dergleichen mehr war,
geeignet, den ganzen Plan des Oberamtmanns umzuwerfen. Sie hatte den Stramin aus
ihren Händen entlassen und der Oberamtmann hielt ihn sonach bestürzt und
gedankenlos allein in den seinigen.
    »Aber mein Gott«, sagte er traurig, »was wollen Sie denn, dass geschehen
soll?«
    »Darüber habe ich meinen Entschluss gefasst«, erwiderte Clelia ernst. - »Er
ist auf die Kenntnis des weiblichen Herzens gegründet. Kurz, wenn ich irgend
etwas auf Sie vermag, wenn Sie wirklich mir in dem Masse vertrauen, wie es den
Anschein hat, so überlassen Sie mir die Leitung der Sache, denn von solchen
Dingen begreift ihr Männer überhaupt nichts.«
    Der Geschäftsmann wollte Widerspruch erheben, aber sie sah ihn so bestimmt
an, er fürchtete so sehr von ihr verabschiedet zu werden, sie kam ihn heute in
dem blauen Mousseline-de-Laine-Kleide reizender als je vor, er hatte sich so
glücklich gefühlt, als er ihr den Stramin gehalten - genug, er gab wehmütig und
kleinlaut nach. Unter der Türe aber wendete er sich nochmals um, ging zu ihr,
fasste ihre beiden Hände, drückte sie gegen seine Brust, seufzte und sagte: »Das
ganze Geschick unseres Freundes steht auf dem Spiele. Nur Kälte und Konsequenz
kann ihn retten. Wird Ihnen Ihre weibliche Gutmütigkeit nicht einen Streich
spielen? Wenn sich nun Stöhnen und Wehklagen erhebt, werden Sie dann
standhalten?«
    »Darüber sein Sie ganz ruhig«, versetzte Clelia. »Fancy, du kennst meine
Festigkeit.«
    »Ich kenne die Festigkeit der gnädigen Frau«, sagte Fancy.
    Nach der Entfernung des Oberamtmanns fragte die Baronesse ihre Zofe: ob sie
wohl ihren Plan errate? Die Zofe versetzte, dass sie ein zu dummes Mädchen sei,
um so kluge Plane erraten zu können. »Ich werde«, sagte darauf die Baronesse,
indem sie sich von Fancy die seidenen Schuhe, welche sie etwas drückten,
ausziehen liess und ihre kleinen Füsse in rote goldgestickte Pantöffelchen
steckte, »ich werde auf weibliche Art die Sache ordnen, Fancy.«
    Sie nahm eine gefällige Lage auf dem Sofa an. Fancy setzte sich auf das
Bänkchen des Oberamtmanns zu ihren Füssen, sah ihr demütig in das Gesicht und
erwiderte: »Gnädige Frau, Sie können gar nichts anderes sein, als das edelste
weibliche Wesen.«
    »Meinst du?« versetzte die Gebieterin lächelnd und streichelte ihrer
ergebenen Jungfer die Wange. - »Nun höre meinen Plan. Nach allem, was ich von
der Lisbet höre, ist sie ein gutes und braves Mädchen. Solche Gemüter leben nur
im Glücke ihres Freundes und entsagen dem eigenen, wenn man ihnen klarmacht, dass
sie das Unglück des zweiten werden können. Ich will auf das Gemüt des Mädchens
mit allen Gründen wirken und bringe es ohne Zweifel dahin, dass sie in meine
Hände ihre Liebe und meines Vetters Wort zurückgibt. Entsagen soll sie, entsagen
wird sie, dann werde ich sie weit weg zu entfernen wissen. Tot muss sie für
Oswald sein, ich aber sorge, wie sich von selbst versteht, zeitlebens als Mutter
für sie. - Nur die schlechte, unwahre Liebe will um jeden Preis den Besitz des
Geliebten; die reine, wahre weiss sich selbst freudig zu opfern«, setzte Clelia
begeistert hinzu, indem sie sich von Fancy einen Handspiegel vorhalten liess,
weil sie fühlte, dass eine Locke heruntergefallen war, die wieder aufgesteckt
werden musste.
    Fancy ergoss sich in Versicherungen, dass diejenige ein elendes Mädchen sein
müsse, welche nicht willig auf den Geliebten verzichte, sobald seine Lebensruhe
davon abhange, und Clelia fuhr fort: »Sehen aber darf ich sie nicht vor der
entscheidenden Unterredung, denn meine ganze Festigkeit muss ich allerdings für
diesen Hauptschlag zusammenhalten und keinem unzeitigen Mitleid mich aussetzen.«
    »Nein!« rief Fancy eifrig, »nein, sehen dürfen Sie sie durchaus nicht. Denn
dann könnten Sie weich werden, Ihre Gründe würden sich vielleicht, sozusagen,
zerbröckeln, und das Mädchen möchte Sie gewinnen und alles wäre verloren. Wenn
Sie aber plötzlich mit aller Ihrer Klugheit bewaffnet, sie kommen lassen,
gnädige Frau, dann wollte ich doch wohl einmal diejenige sehen, die Ihnen
widerstehen könnte. So wie Sie sich die Sache ausgedacht haben, muss sie gelingen
und mich dauert nur die arme Lisbet, die um den schönen Grafen kommt, denn ich,
gnädige Frau, bin freilich nicht so fest wie Sie, sondern nur ein einfältiges,
weichherziges Mädchen.«
    Nach diesen Vorfällen verging der Abend der jungen Dame in einer gewissen
stillen Erhebung. Die Nacht war jedoch unruhig, und die Bewohner des Hauses
wurden durch mehrmaliges Schellen in dem Zimmer der Baronesse aus ihrem besten
Schlummer geweckt. Clelia schellte nach ihrer Jungfer deshalb so oft, weil sie
durchaus nicht schlafen konnte. Sie gab ihrem Lager die Schuld, welches Fancy
ganz abscheulich gemacht habe, liess von ihr die Kissen anders legen, da das
nicht helfen wollte, die Decken besser ordnen, und als auch die besser
geordneten Decken keinen Schlaf bringen wollten, die Matratze wenden.
    So wurde Fancy geschellt, entlassen, wieder geschellt, wieder entlassen.
Fancy, der ihr Gewissen in betreff des Lagers nicht das mindeste vorwarf, ertrug
gleichwohl schweigend die Verweise der Herrin, oder schalt sich auch selbst
einmal wegen ihrer Nachlässigkeit, und legte, ordnete, wendete mit der Geduld
einer Heiligen die Bestandteile des so ungerecht verklagten Lagers. Aber es half
alles nichts und gegen Morgen bekam Clelia einen Anfall von Krämpfen. Fancy
pflegte die arme Kranke mit Essigäter und Orangenblütentee, den sie sogleich
rasch und still zu bereiten wusste, treulichst. Das Übel lösete sich auch, und
unter Tränen, welche die beklommene Brust erleichterten, machte Clelia am Busen
ihrer Vertrauten dem verhaltenen Schmerze Luft. Sie weinte sehr und klagte über
ihren Gemahl, der sie so herzlos habe verlassen können, sie fürchte, sagte sie,
dass er sie doch nicht so liebe, wie sie gedacht, sie nannte sich endlich
schluchzend eine arme, aufgegebene schutzlose Frau. - Fancy nötigte ihr so viel
Orangenblütentee ein, wie nur möglich, und schalt dabei auf das ganze männliche
Geschlecht, von dem sie behauptete, dass es im allgemeinen nichts tauge und nur
zum Verderben der Frauen erschaffen sei. Der gnädige Herr mache denn leider auch
keine Ausnahme, sagte sie und das Übelste sei, dass sich, wenn er fest dabei
verbleibe, seinen Oheim im Osnabrückschen so lange zu besuchen, als die gnädige
Frau hier Geschäfte habe, gar kein Ende des verzweiflungsvollen Zustandes
absehen lasse.
    Am anderen Tage war Clelia sehr leidend und medizinierte. Ihr Befinden
besserte sich nicht, als sie vernahm, dass Lisbet in der Frühe auf eine halbe
Woche zu ihrem alten Pfleger verreiset sei, den sie nun, da sie über Oswald ganz
ruhig geworden war, wiederzusehen verlangte. Sie hatte sich ausserdem zu dieser
Reise deshalb bestimmt, weil sie jede Versuchung meiden wollte, den Geliebten
durch ihre Gegenwart jetzt, wo er sanft und allmählich in das Leben zurückkehren
sollte, aufzuregen.
 
                                Fünftes Kapitel
Worin der Hofschulze seine letzte Rede über allerhand wichtige Gegenstände hält
An einem der nächsten Tage ging der Diakonus auf das Gerichtshaus, wo er als
Zeuge vernommen werden sollte. Mehrere Menschen, die gleich ihm hinbeschieden
worden waren, standen unten vor der Türe, und andere sprachen mit ihnen über den
Gegenstand, der vor einigen Wochen die grösste Verwunderung im Städtchen erregt
hatte, dann den Leuten aus dem Sinne gekommen war und nun, als das Gericht die
Sache wieder aufnahm, von neuem zu reden gab.
    Die Zeugen sollten über den Patriotenkaspar und den Oberhof verhört werden.
Der Oberamtmann war nämlich an jenem Tage, wo er den Einäugigen traf, über den
Fall ins klare und mit einer protokollarischen Darstellung desselben zustande
gekommen. Auch er überzeugte sich zwar, dass die Sache verjährt sei, gleichwohl
meinte er, sie habe eine solche Gestalt, dass wenigstens das Tatsächliche in
aller Form Rechtens festgestellt werden müsse. Der Amtseifer des Geschäftsmannes
wurde selbst durch den traurigen Zwischenfall mit seinem jungen Freunde nicht
von dieser Bahn abgeleitet. Er trug daher, was er geschrieben, zu dem Vorstande
des Gerichts, gab die nötigen Erläuterungen dazu und das Gericht ging ebenfalls
in die Ansicht ein, dass ein geständiger Mörder wenn auch von noch so alter Zeit
her, wenigstens vorderhand nicht auf freien Füssen stehen und unverhört bleiben
dürfe.
    Man schritt daher gegen den Patriotenkaspar zur Verhaftung. Dieser hielt von
dem Leiterwagen herunter, auf dem man ihn einbrachte, Reden an das Volk,
verfluchte die Gerichte von seinesgleichen und pries die Gerichte des Königs,
vor denen er nunmehr seine alte Schuld abbüssen wolle. Zugleich berühmte er sich
des Torts, den er seinem Todfeinde angetan. Das Gericht wollte sich indessen
auch nicht so ohne weiteres mit einer vielleicht nachher getadelten Arbeit
belasten, fragte daher höheren Ortes an, von da geschah eine Rückfrage noch
weiter hinauf und die Bescheidung erfolgte erst nach mehreren Wochen. Sie ging
dahin, dass allerdings, um die Sache aufzuklären, die nötigen Vernehmungen
geschehen sollten.
    Gerade kurz vor den Tagen, von welchen hier die Rede ist, war jene
Bescheidung eingetroffen.
    Besichtigungen wurden daher vorgenommen, Zeugen abgehört und diese Dinge
brachten die Angelegenheit wieder in das Gedächtnis der Menschen zurück. Die
sonderbare Art von Macht, welche der Hofschulze ausgeübt, kam zur Sprache, der
einäugige Frevler hatte kein Hehl, dass er seinem Feinde das Schwert an einen
verborgenen Ort weggetan habe und obgleich dieser Tatumstand kaum ein
Verbrechen, sondern mehr nur einen Mutwillen darstellte, so war er es doch
gerade, und was mit ihm zusammenhing, wodurch die Leute am meisten beschäftigt
wurden. Man verwunderte sich, dass ein Uraltes, längst Verschollenes sich wie
eine unabhängige Macht im Staate hatte hinstellen können.
    Auch der Name des Diakonus geriet auf die Zeugenliste. Die Untersuchung
ruhte in den Händen eines Richters, der sich viel mit historischen Studien
beschäftigte, und diese fanden hier reichliche Nahrung. Er machte daher die
Sache wohl weitläuftiger, als sie streng genommen zu werden brauchte, und hörte
jeden ab, der einigen Aufschluss über das Wesen des Oberhofes und das Treiben
seines Besitzers zu geben vermochte. Deshalb hatte er denn den Diakonus
gleichfalls vorladen lassen, weil dieser, wie bekannt war, viel mit dem
Hofschulzen verkehrte, obgleich er von dem eigentlichen Gegenstande der
Nachforschungen nicht das mindeste wusste.
    Man liess den Diakonus seines Standes wegen nicht im Zeugenzimmer warten,
sondern berief ihn sofort in die Verhörstube. Dort wohnte er einem sonderbaren
Auftritte bei. An den Schranken stand der einäugige Mörder und in einer Ecke sass
der Hofschulze, über dessen verfallenes Aussehen der Diakonus erschrak. Der
Mörder stand ganz strack da und sein reicher Feind sass in zusammengekrümmter
Haltung. - »Noch einmal fordere ich Euch auf«, sagte der Richter zum
Patriotenkaspar, »mir zu entdecken, wohin Ihr das Schwert getan habt; bedenkt,
dass Ihr durch hartnäckiges Verleugnen Euer Schicksal erschwert. - Hofschulze,
sagt ihm ins Gesicht, dass Ihr Euer ganzes Haus danach vergeblich durchsucht
habt, dass es also nicht im Oberhofe liegen könne.«
    »Wenn der Mensch keine Hexenmeisterkünste ausgeübt und es in einen Balken
inwendig hineingehext hat, so liegt es draussen irgendwo und der Bösewicht muss
wissen, wo es liegt«, sagte der Hofschulze, indem er einen Blick des grimmigsten
Zornes auf den Entwender warf.
    Der Einäugige, der mehr seinen Feind im Auge behielt, als den Richter,
versetzte: »Und dennoch liegt es im Oberhofe, Hofschulze, aber finden werdet Ihr
es schwerlich, wenn Ihr nicht das ganze Haus von Grund aus umreisst. Und das ist
eben meine Freude, dass Ihr das wissen sollt, und daran vergehen, dass es Euch so
nahe ist und dennoch verborgen bleibt. Mein Schicksal weiss ich. Daumenschrauben
und Leiter gelten nicht mehr; Ihr könnt mich also höchstens länger sitzen
lassen, Herr Richter, und das mögt Ihr tun, denn ich schweige und werde
schweigen, müsste ich auch hundert Jahre absitzen. Wo das Schwert liegt, diese
Sache geht mit mir in die Grube.«
    Der Richter, welcher gar zu gern das alte Schwert gesehen hätte, fuhr den
hartnäckigen Verleugner heftig an, der Hofschulze aber richtete sich auf,
unterbrach ihn und sagte mit plötzlicher Hoheit: »Lasset es gut sein, Herr
Richter, wenn meine Bitte etwas gilt, denn ich habe mich besonnen und dieser
Bösewicht wird nichts verraten. Ich werde mich ohne das Schwert zu behelfen
wissen.«
    Der Richter liess den Patriotenkaspar abführen. »Seid nun so gut«, sagte der
Hofschulze, »die Sachen von mir aufzunehmen, die mit den anderen Dingen stimmen,
welche bereits von mir geschrieben stehen.«
    Der Richter schien etwas in Verlegenheit zu geraten und erwiderte: »Das
gehört ja nicht zur Sache und ich muss überhaupt erst den Herrn Diakonus
vernehmen.« - Dessen Verhör war kurz, es drehte sich eigentlich um nichts. Der
Hofschulze wartete ruhig die Beendigung ab; dann wiederholte er seine frühere
Bitte. - »Soweit ich Euch im allgemeinen verstanden habe«, sagte der Richter,
»wollt Ihr Sachen aufgeschrieben wissen, die sich nicht ziemen.«
    »Nicht ziemen!« rief der Hofschulze mit erhöhter Stimme. »Ich habe Euch auf
alle Fragen nach der Heimlichkeit und wie ich sie verwaltet, Rede gestanden, und
nun verlange ich auch mit der Manier, dass meine Auskünfte und Zusätze gehörig
dazugetan werden, und soweit mir die Rechte bekannt sind, dürft Ihr mir die
Zunge nicht stumm machen.«
    »Nun denn«, rief der Richter halb ängstlich halb ärgerlich seinem Schreiber
zu, »zeichnen Sie auf, was der Alte sagt.«
    »Ja, alt bin ich, und alt ward ich in Ehren«, versetzte der Hofschulze
gelassen. Der Diakonus wollte gehen. - »Nein, bleiben Sie, Herr Diakonus«, sagte
der Hofschulze, »es ist mir gar sehr lieb, dass Sie zufällig hier sind, denn ich
ästimiere Sie als einen frommen und gelehrten Mann von Herzen, und es kann mir
nicht schaden, wenn auch Sie meiner Art und Manier Zeugenschaft geben. - Herr
Skribent«, sagte er zu dem Schreiber so gebietend, als habe er an Gerichtsstelle
zu befehlen, »schreibet genau auf, was ich zu wissen tue.
    Herr Richter, ich mag mit meinem Schwerte und mit der Heimlichkeit am Stuhl
wohl wie ein Narr da in den Schriften stehen, und Possen, wenn mir recht ist,
nannte der junge vornehme Herr, an dem ich mich in meiner Angst vergreifen
wollte, die Sachen, woran mein Herz gehangen hat. Ich will aber jetzt
explizieren, was vor eine Bewandtnis es mit diesen Possen gehabt hat. -
Allerhand habe ich erlebt in der Bauerschaft, Friedenszeiten und Kriegesläufte
und Hagelschlag, Überschwemmung, gute Ernte und Misswachs und Viehsterben. Nun
sah ich denn, seitdem ich in die Jahre getreten war, wo das Menschenkind anfängt
nachzudenken, dass hin und her die Herren kamen, die sich auf die Schreiberei
verstehen und auf das Besserwissen als die Leute, welche die Sache angeht, und
die kuckten nach, wenn alles geschehen war, das Korn niedergetreten und das Vieh
in den letzten Zügen lag und die Wässer wieder im Ablaufen sich befanden. Hatte
aber gar der Feind geplündert und ravagiert, da kamen sie vollends erst lange
darnach und notierten sich's auf, denn während der Gefahr war meistens keiner
der Herren zu finden.
    Die Herren taten dann ordinieren, wie alles wieder in Richtigkeit zu bringen
sei, mehrestenteils aber sagten sie Sachen des Sinnes und Verstandes, dass wenn
der Hagel nicht gefallen wäre, so hätte sich das Korn nicht umgelegt und ohne
die Lungenfäule müssten die Kühe noch am Leben sein. Unterweilen wurde auch wohl
einiges Geld geschickt, es kam aber selten an den Rechten, und im ganzen
rappelten diejenigen sich am besten wieder heraus, welche nicht auf die Hülfe
der Herren da draussen warteten, sondern sich selber halfen, wohingegen ich
manche Menschen habe ganz herunterkommen sehen, die immerdar bei jedem Unfall
meinten, es müsse nun von da draussen ihnen das Malheur gutgemacht werden.
    Erstaunend absonderlich aber war eine Sache. Mitunter machte ein Herr von
der Schreiberei unter uns Bauern Dinge, worüber wir lachen mussten und dann traf
es sich wohl, dass ein solcher Herr ein paar Jahre darauf von weiter mit vier
Pferden durch die Bauerschaft gefahren kam und hatte eine Miene, als habe er bei
Erschaffung der Welt mitgeholfen und allerhand bunte Bänder vorne am Rocke.
    Dieses alles nun in meinen einfältigen Gedanken betrachtend, vermeinte ich
letztlich, dass die Herren von der Schreiberei da draussen uns Bauern eigentlich
wenig hülfen, und das auch eigentlich nicht wollten, sondern nur schreiben und
sich nach und nach in die Wägen mit vier Pferden hineinschreiben. Und Gott
verzeihe mir die schwere Sünde, einstmalen, als ich bei einem Rübsenfelde
vorbeiging, worinnen die Pfeifer waren, so fielen mir die Herren ein und wusste
nicht, wie das geschah. - Nun auf der anderen Seite hatte ich meine Reflexion,
wie das Wesen in der Welt so eigentlich bestellt sei. Da dachte ich (denn ich
habe immer in meinem Leben Nachgedanken gehabt) dass ein ordentlicher Mensche
schon durchkommt, der auf Wind und Wetter achtet, und auf seine Füsse schaut und
in seine Hände und sich mit seinen Nachbarn getreulich zusammenhält.
    Sehet, ihr Herren, darauf kommt es mehrestenteils nur an. Und nach diesem
gewöhnte ich mir selbst zuerst die Gedanken nach Hülfe von draussen ab, zahlte
meine Steuern und trug meine Lasten, im übrigen aber hielt ich mich vor mich und
liess es mir lieber, wenn ein Malheur passierte, etwas saurer werden, als dass ich
die Herren da draussen um Beistand angesprochen hätte. Hernacher gewöhnte ich es
auch den Leuten um mich herum ab. Sie nahmen an mir ein Exempel, und so taten
wir Nachbarn uns allmählich zusammen, sprangen einander bei, ordinierten unser
Wesen für uns, und kam von vielen Sachen, um die sie andererorten ein grosses
Hallo erheben, nichts über die Gemarkung hinaus. Und als der Mordhund da, der
mir nun mein Schwert gestohlen hat, an meinem Sohne zum Missetäter geworden war
und zufälligerweise auch ungefähr um die nämliche Zeit einer am Stuhle droben
nach unserer alten Regel und wie der hergebrachte Orden ist, wissend gemacht
werden sollte, kam es mir ein, diese alte heimliche Sache zu brauchen wider den
Totschläger und es glückte und ich setzte ihn aus dem Frieden, feimte ihn ins
Elend hinein und machte ihn zum Zeichen vor Grossen und Kleinen, dass keiner
unrecht tun dürfe. Als aber die Sache erst einmal im Gang war, gelang sie immer
besser; wenige Prozesse wurden in das Amt getragen, und die meisten Frevel gar
nicht angezeigt, sondern machten die Scherereien unter uns ab. Denn über Mein
und Dein und wem die Mauer gehört und jener Wiesenstreifen, kann man schon
selbst mit seinem Bauerverstande fertig werden. Wenn aber wo eingebrochen ist,
so kennt fast immerdar das Dorf den Dieb, was freilich oft nicht strenge zu
beweisen steht, wornach denn ein solcher angezeigter Spitzbube frech und zum
Skandal ganz schandhaft umhergeht und sich seiner Beute wohl noch gar erfreut,
die der Bestohlene nicht wiederkriegt. Handhabten also selber Recht und
Gerechtigkeit in allem Frieden und konnte uns niemand darum anfassen, denn wir
taten keinem was zuleide, sondern gingen nur nicht mit dem Ungerechten und
Frevelhaften um, wenn wir ihn in die Feime gesetzt hatten; es entstand aber weit
grössere Furcht dieserhalb unter den Leuten als vor Urtel und Gefängnis.«
    Die Rede des alten Bauern rauschte in ihren rohen und strudelnden Ausdrücken
wie ein Waldbach daher, der über Wurzeln, Knoten und Kiesel strömt. Er sprach
ohne zu stocken. Der Richter wollte ihn unterbrechen, der Hofschulze aber sagte:
»Ich bitte und ersuche Euch, Herr Richter, mich gänzlich aussprechen zu lassen,
denn noch manches habe ich zu veroffenbaren. - Herr Richter und Herr Diakonus,
wenn wir so unser Wesen für uns allein in Geschick brachten, so waren wir darum
keine Unruhestifter und Tumultuanten. Denn hatten wir auch die Herren von der
Schreiberei nicht ganz sonderlich in der Ästimation, so schlug uns doch
jederzeit das Herz, wenn wir an den König dachten. Ja, ja, gegenwärtig schlägt
mir mein Herze in meinem Leibe, da ich seinen Namen ausspreche. Denn der König,
der König muss sein, und nicht ein Buchstabe darf abgenommen werden von seiner
Macht und von seinem Ansehen und von seiner Majestät. Weil er nämlich ist der
oberste General und der allerhöchste Richter und der gemeine Vormund. Denn es
arrivieren freilich mitunter Sachen, darin man sich nicht selbst helfen kann und
nicht zu raten weiss mit seinen Nachbarn. Da ist es dann Zeit, dass man den König
anruft in der Not. Aber, wie ein ordentlicher Mensche dem lieben Gott nicht um
jede Bagatelle Molesten macht, als zum Beispiel, wenn einem der kleine Finger
wehe tut an der linken Hand: sondern wo die Kreatur nicht mehr aus noch ein
weiss, da schreit sie zu ihm, also soll der König nicht angeschrieen werden um
jeden Groschen, der mangelt, sondern in der rechten echten Not allein, und zu
allen übrigen Tagen soll man nur sein Herze erfreuen und erquicken an dem
Könige; denn er ist das Abbild Gottes auf Erden. Zum Pläsier ist uns
hauptsächlich der König gesetzet und nicht zum Hans in allen Ecken. Aber wo nun
der Geängstete und Bedrängte seinem Leibe keinen Rat mehr weiss, da tut er sich
aufmachen und steckt Brot und sonstigen Mundproviant zu sich und tut viele Tage
gehen. Und endlich stellt er sich an Ort und Stelle vor das Schloss und hebt sein
Papier in die Höhe und dieses sieht der König und schickt einen Lakaien oder
Heiducken, oder was für Kramerei und Package er sonst um sich hat zu seiner
Aufwartung, herunter, und lässt sich das Papier bringen und lieset es, und hilft,
wenn er kann. Wenn er aber nicht hilft, so steht nicht zu helfen, und das weiss
dann der arme Mensche, geht stille nach Hause und leidet seine Not wie
Schwindsucht und Abnehmungskrankheit.
    Sie sagen, er mache sich nichts aus den Leuten; dieses ist aber eine grobe
Lüge, denn er hat die Untertanen sehr gerne und behält es nur bei sich, und ein
recht gutes Herz hat er, wie es ein deutscher Potentate haben muss, und ein sehr
prächtiges. Es ist erstaunlich und eine Verwunderung kommt einen an, wenn man
die Männer, die davon wissen, hat erzählen hören, wie er sich in der grausamen
Not, als der Franzose im Lande hausete, sozusagen das Brot vor dem Munde
abgebrochen hat, und hat seinen Prinzen und Prinzessinnen zu Geburtstägen und
Weihnachten nur ganz erbärmliche Präsente gemacht, bloss, damit er den armen
Untertanen, die ganz ausgesogen waren, nicht viel koste. Dieses segnet ihm nun
der liebe Gott an seinen alten Tagen in Fülle, und er ist wieder recht in guten
Umständen und ganz wohlauf, und Gott erhalte ihn lange dabei! Und noch neulich
hat er einem armen Menschen in unserer Nachbarschaft, den einer wegen Zinsen und
Lasten mitten im Winter hatte vom Hofe herunter subhastieren lassen wollen, das
Geld aus seiner Tasche gegeben, und wenn er kann, soll ihm der es wiedergeben,
und wenn er nicht kann, so tut es auch nichts, hat der König gesagt.
    Deshalb haben wir immer, mochten wir auch von vielen Geschichten um uns
herum nichts wissen, wenn wir anstiessen, gerufen: Der König soll leben!
    Jetzt komme ich auf meine letzte Sprache, Herr Diakonus und Herr Richter.
Wenn der Mensche bei sich fertig ist, so gehen seine Gedanken wandern mit den
Wolken, die da ziehen, und mit den Lastwagen, die vorbeifahren über den Hellweg.
Und so gingen die meinigen auch mitunter über Börde und Haarstrang hinaus und
ich dachte, wenn nun da draussen sich auch jedermann so lernte auf sich verlassen
und stellte sich zusammen mit seinesgleichen, der Bürger mit dem Bürger, der
Kaufmann mit dem Kaufmann, der Gelahrte mit dem Gelahrten und auch der Edelmann
mit dem Edelmanne, und machten ihre Sachen mehrenteils untereinander ab ohne die
Herren von der Schreiberei draussen, so wären die Pfeifer aus der Rübsaat getan
und es müsste eine ganz herrliche und kostbare Wirtschaft geben. Denn die
Menschen wären dann nicht wie die dummen Kinder, die immer schreien: Vater!
Mutter! wenn sie einen Augenblick alleine sind, sondern gleichsam ein Fürst wäre
jeder bei sich zu Hause und mit seinesgleichen. Dann wäre auch erst der König
ein recht grosser Potentate und ein Herre sondergleichen, denn er wäre der König
über vielmalhunderttausend Fürsten.
    Dieses ist nun die Moral von der Heimlichkeit am Stuhle und von dem Schwerte
von Carolus Magnus und von den sogenannten Possen, die ich getrieben. Schreibet
alles recht genau auf, Herr Skribent, was ich gesagt habe, denn ich will nicht
wie ein einfältiger Mann in Euren Schriften stehen, und es soll mir ganz lieb
sein, wenn meine Meinung noch andere zu lesen bekommen und es reflektiert mich
nicht, wenn sie selbst bis zu dem Könige getragen wird. Von diesem habe ich nie
etwas zu bitten bedurft, und ich gebrauche ihn nicht zu meines Leibes Notdurft.
- Aber voll Freuden bin ich immer gewesen, sein Untertan zu sein wie ein
geborener Fürst und mein Herz habe ich an ihm erfrischet all mein Lebtage.«
    Leuchtend waren die hellblauen Augen des Hofschulzen während des letzten
Teils dieser Rede geworden, seine weissen Haare hatten sich wie Flammen
emporgerichtet, die Gestalt stand wieder gross und gerade da. Der Richter sah vor
sich nieder, der Diakonus dem Alten in das Antlitz; er gemahnte ihn wie ein
Prophet des alten Bundes. Mit höflicher Verbeugung und stillem Gruss entfernte
sich der alte Bauer.
    Der Diakonus folgte ihm tiefbewegt. Draussen holte er ihn ein, legte ihm die
Hand auf die Schulter, schüttelte seine Rechte und sagte ergriffen und gerührt:
»Ihr habt mich erbaut, Hofschulze. Jetzt aber will ich als Euer Seelsorger und
Priester Euch erbauen.«
    Der Alte war im Vorsaale schon wieder der schlichte Bauer geworden, der
krank und angegriffen aussah. »Tuen Sie das«, sagte er, »Herr Diakonus, denn
Zusprache ist mir not. Ich habe gar zu viel Verdruss gehabt letztin. Ich kann es
nicht überkriegen, dass die Scham geblösst ist von den heimlichen und scheuen
Dingen, und sie nun umhergetragen werden in den Schriften und von dem jungen
Herrn ins Reich geschleppt. Nach dem Schwerte will ich nicht weiter trachten,
denn es hilft mir doch nichts, aber der Kummer darum wird mein Herz zernagen.
Der Stuhl wird nun wohl eingehen.«
    »Lasst den Freistuhl verfallen, das Schwert aus dem Auge des Tages
geschwunden sein, lasst sie die Heimlichkeit von den Dächern schreien!« rief der
Diakonus mit geröteter Wange. »Habt Ihr nicht in Euch und mit Euren Freunden das
Wort der Selbständigkeit gefunden? Das ist die heimliche Losung, an der Ihr Euch
erkennt und die Euch nicht genommen werden kann. Gepflanzt habt Ihr den Sinn,
dass der Mensch von seinen Nächsten abhange, schlicht, gerade, einfach; nicht von
Fremden, die nur das Werk ihrer Künstlichkeit mit ihm herauskünsteln,
zusammengesetzt, erschroben, verschroben; und dieser Sinn braucht nicht der
Steine unter den alten Linden, um gutes Recht zu schöpfen. Eure Freiheit, Eure
Männlichkeit, Eure eisenfeste Natur, Ihr alter, grosser, gewaltiger Mensch, das
ist das wahre Schwert Karls des Grossen, für des Diebes Hand unantastbar!«
    »Herr Diakonus, Sie machen mir viel zu viele Komplimente«, erwiderte der
Hofschulze bescheiden. »Indessen werde ich Ihre Worte im Herzen bewegen und
sehen, was ich damit anfangen kann.«
    Sie gingen bis auf die Strasse zusammen. Dann trennten sie sich. Der Diakonus
war in einer Erschütterung, wie er sie lange nicht empfunden hatte.
 
                                Sechstes Kapitel
  Ernste und feierliche Erklärungen zwischen der Baronesse und dem Oberamtmann
Die junge Dame Clelia hatte inzwischen die ermüdendsten Tage verlebt. Das
Medizinieren unterhielt sie wohl anfangs, indessen war doch der Reiz der grossen
Arzeneiflasche, welche der alte Silen gefällig verschrieben hatte, bald
abgebraucht. Sie fand, dass die Mixtur nach gar nichts schmecke und liess sie,
nachdem sie einige Esslöffel voll zum Teil eingenommen hatte, ärgerlich zum
Fenster hinauswerfen. Sie sagte, sie wolle die Naturkräfte walten lassen, die
ganze ärztliche Kunst sei Scharlatanerie.
    Es fiel ihr ein, dass sie einige Briefschulden abzutragen habe; Fancy musste
daher das mit gepresstem braunem englischem Leder überzogene und mit Goldstäben
gezierte Reiseschreibzeug auf den Tisch setzen, öffnen, die feinen roten, gelben
und blauen Briefblättchen, die Stahlfedern mit silbernem Griff, die Oblaten von
Mundlack mit Devisen und den bronzenen Briefbeschwerer herausnehmen. Als dieser
geschmackvolle Apparat bereitgestellt war, erklärte Clelia, dass sie nicht wisse,
was sie aus dem elenden Orte schreiben solle. Fancy packte still den bronzenen
Briefbeschwerer, die farbigen Blättchen, die Oblaten und die Stahlfedern ein,
schloss das Schreibzeug zu und stellte es wieder weg.
    Gern wäre Clelia mit ihrem Vetter öfter zusammengekommen, aber es blieb bei
kurzen, formellen Besuchen, denn ihre Gutmütigkeit konnte im Bewusstsein dessen,
was geschehen sollte, eine befangene Stimmung nicht überwinden. Auch Oswald war
einsilbig; er sehnte sich nach Lisbet und entbehrte sie schmerzlich. Diese
blieb mehrere Tage lang aus, und die Qual des Harrens gab der jungen Baronesse
die übelste Laune, die sich plötzlich gegen das arme Kind wendete.
    »Fancy«, sagte sie am dritten Tage, »wenn das Mädchen morgen nicht kommt,
wenn ich noch länger hier herumgeführt werde, so fürchte ich bei der Unterredung
von meiner Heftigkeit.«
    »Es wäre nicht zu verwundern, wenn die gnädige Frau heftig würden, denn so
lange auf sich warten zu lassen, ist unerlaubt«, erwiderte Francy.
    Die junge Dame bedachte sich und sagte: »Aber wenn mir recht ist, so habe
ich ihr ja gar nicht ankündigen lassen, dass ich mit ihr reden wollte.«
    »Nein, sie weiss nichts davon«, sagte Fancy.
    »Nun, so darf ich ihr ja auch deshalb nicht zürnen!« rief Clelia zornig.
    »Wenn Sie sonst nicht wollen, gnädige Frau, nein.«
    Der Stramin, dieser Zeitvertreiber, wurde abermals zur Hand genommen. Clelia
nähte eine halbe Dreifaltigkeitsblume, seufzte aber plötzlich, liess den Stramin
in den Schoss sinken und sagte gepresst und schwer: »Edmund kann es nie
verantworten, was er an mir getan hat.«
    Fancy seufzte auch und sprach: »Ich hätte das nimmermehr von dem Herrn
gedacht.«
    »Jungfer«, sagte ihre Gebieterin mit einem strengen Tone, »ich verbitte mir
alle Bemerkungen über meinen Gemahl.«
    »O mein Gott!« rief Fancy und weinte, »nun sehen die gnädige Frau, was es
zur Folge hat, wenn Herrschaften ihre Untergebenen durch zu grosse Güte
verziehen. Ich erlaube mir schon Bemerkungen über den gnädigen Herrn.«
    Sie schluchzte und konnte sich über ihren Fehler gar nicht zufriedengeben.
    »Lass es doch nur gut sein, das Schluchzen!« rief Clelia ärgerlich. - »Ich
habe mich jetzt ganz kurz entschlossen. Meine Gesundheit kann ich hier nicht
zusetzen. Ich werde die Sache doch dem Oberamtmann überlassen.«
    Fancy war die Beredsamkeit selbst, diesen Entschluss zu loben. »Ja«, sagte
sie nach einer preisenden Rede über die doch stets so richtigen Gedanken der
Herrin, »ja, der Herr Oberamtmann mag nur die Leutchen, die nicht
zusammengehören, auseinanderbringen. Für die gnädige Frau passt das auch nicht,
Sie haben zu so etwas Feinem und Verwickeltem keine Anlage, nicht ein Kind
könnten Sie, wenn es eine dumme Unart auslassen will, davon abhalten, aber der
Herr Oberamtmann ist darauf gewitzigt, o der hört das Gras wachsen und macht
einen mit der feinen List nach seiner Pfeife tanzen, wie er will. Ich wette
darauf; womit Sie sich in Gedanken schon drei Tage lang ängstigen, das hat er
morgen in einem Viertelstündchen fertig; die Mamsell reist sacht ab, weint ein
paar Tränen, trocknet sie auf der nächsten Station, den jungen Herrn Grafen wird
er auch bald herum haben, denn er besitzt einen ganz ausserordentlichen Verstand
in dergleichen Sachen, und so klug Sie sind, gnädige Frau, darin stehen Sie ihm
nach. - Nein, Ihre Gesundheit dürfen Sie nicht zusetzen und noch dazu umsonst,
denn es würde Ihnen schwerlich glücken, aber der Herr Oberamtmann ist der Mann
dazu. Gleich hole ich ihn her, damit Sie ihm Ihre veränderte Meinung sagen
können.«
    Die Baronesse hätte gern den unaufhaltsamen Fluss dieser Reden gehemmt, es
war ihr aber nicht möglich, Fancys Zunge zum Schweigen zu bringen. Jetzt endlich
konnte sie zum Worte kommen. Hochrot und mit den kleinen Füssen stampfend, rief
sie: »Nein! Nein! Nein! du sollst den Oberamtmann nicht holen, ich bin ebenso
klug als er, Fancy bleib hier! Fancy! Fancy!« - Aber Fancy hörte nicht, sondern
sprang fort. - »Gott!« rief Clelia, fast weinend vor Verdruss, »es ist doch zu
arg mit einer solchen Gans von Mädchen, die immer das Echo von einem macht, da
bringt sie wahrhaftig den Aktenmenschen schon herauf; der Himmel sei ihm gnädig,
wenn er sich über mich mokiert! Aber was sage ich ihm? denn nicht um die Welt
lasse ich ihn sich einmischen.«
    Der Oberamtmann betrat mit Fancy das Zimmer. Fancy hatte ihm wirklich
gesagt, die gnädige Frau wisse sich durchaus keinen Rat, die Mesalliance zu
hindern, und der erfahrene Geschäftsmann konnte seinen Triumph darüber nicht
verbergen. Es wäre möglich gewesen, dass Clelia ihm dennoch die ganze
Angelegenheit in seine Hände zurückgegeben hätte, aber dann musste er sich
respektvoll, ernst und zurückhaltend nehmen. Er kam jedoch schmunzelnd, mit
einer gewissen Überlegenheit in Blick und Haltung, er nahm sich vor, einen
Scherz aus der Sache zu machen, sie nicht zu wichtig zu nehmen. Es war der erste
Scherz, den der arme Oberamtmann auf der Reise ausgehen liess und Ort und Stunde
konnten dazu nicht unglücklicher gewählt sein.
    Sobald Clelia das Schmunzeln ihres Geschäftsfreundes und ehemaligen
Nebenvormundes sah, sobald sie bemerkte, dass er ihr leichtin imponieren wolle,
und gar, als sie mit weiblicher Ahnungsgabe seine Absicht, scherzen zu wollen,
spürte, kehrte sie in den Besitz ihrer ganzen Festigkeit zurück, die wir an ihr
zu bewundern schon mehrmals Gelegenheit gehabt haben.
    Er trat ihr nahe und sagte lächelnd: »Nun, liebes Kind, muss der Ritter von
der traurigen Gestalt dennoch vorrücken?« - Er wollte ihre Hand ergreifen.
Clelia zog sie zurück und entfernte sich von ihm. Seine früheren Beziehungen zu
ihr hatten ihm das Recht vertraulicher Anreden gegeben, und wie oft war von ihm
dieses Recht geübt worden! Aber heute wollte Clelia nicht sein liebes Kind sein,
heute verlangte sie die volle Courtoisie und Titulatur von ihm.
    Er folgte ihr nach. - »Clelchen«, sagte er noch schmunzelnder, »es ist mir
lieb, dass Sie einsehen, für dergleichen nicht zu passen. Nun, schämen Sie sich
nur nicht; Don Quixote tritt vor den Riss.« - Abermals trachtete er nach ihrer
Hand, die er zärtlich küssen wollte, denn Geschäftsmänner sind nie galanter, als
wenn sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit in Verlegenheit sehen. Clelia riss
jedoch beinahe ihre Hand zurück und rief mit scharfem Akzent: »Herr Oberamtmann,
ich weiss durchaus nicht, was Sie bei mir und von mir wollen!«
    Der Oberamtmann machte ein Gesicht, ähnlich dem, was er zu machen pflegte,
wenn einer seiner Inkulpaten, von dem er behaglich das unumwundenste Geständnis
erwartete, plötzlich sich auf ein entschiedenes Leugnen verlegte. - Er sah
Clelia starr an, dann ging er im Zimmer auf und nieder. Hierauf nahm er den
Stramin in die Hand, als ob dieser ihm einen Faden in dem Labyrinte darleihen
könne, dann öffnete er das Schreibzeug und blickte tiefsinnig das farbige
Postpapier an, endlich stellte er seine Uhr, obgleich sie richtig ging. Nach
diesen vorbereitenden Handlungen trat er vor Clelia und sagte mit dem tiefsten
Ernste: »Gnädige Frau, ich bin kein Narr.«
    Clelia versetzte nicht minder ernstaft: »Und ich bin nicht Ihr liebes Kind
und nicht Ihr Clelchen, Herr Oberamtmann.«
    Die Feierlichkeit dieser gegenseitigen Äusserungen war so gross, dass Fancy ein
Lachen verbeissen musste. Es trat wieder ein langes Schweigen ein. Endlich
unterbrach es der Oberamtmann und sagte: »Ich muss Sie ersuchen, bis morgen abend
die Einwilligung der sogenannten Braut, welche wie ich höre, heute abend
zurückkommen wird, herbeizuschaffen. Wofern Umstände dies verhindern sollten, so
werden Sie entschuldigen, wenn ich das Versprechen Ihrer Mühwaltung in der Sache
als von Ihnen widerrufen betrachte und mich derselben unterziehe.« - Nach diesen
Worten, die er gemessen und kalt vorgebracht hatte, empfahl er sich mit einer
steifen Verbeugung.
    Clelia kam an diesem Abende nicht zu Tische. Fancy suchte sie durch eine
Vorlesung zu zerstreuen. Sie las ihr nämlich ein vierzehn Tage altes rheinisches
Zeitungsblatt vor, welches auf dem Zimmer lag. Sie las es von Anfang bis zu
Ende, erst las sie von den Verwickelungen im Orient, dann von den Kreuz- und
Querzügen der Christinos und Karlisten, dann, wie liebenswürdig sich der und der
da und da benommen, dann von der soundsovielsten grossen ministeriellen Krisis in
Frankreich, endlich von einigen deutschen Händeln. Hierauf ging sie zu den
Anzeigen über, an deren Spitze die Verkündigung von Assisen in Elberfeld stand.
Es folgten zu vermietende Wohnungen, brave Mädchen sagten, dass sie gut nähen und
bügeln könnten und ein Anstreicher suchte einen gesitteten Jüngling für sein
Geschäft. Später sehnte sich jemand nach einem entflogenen Kanarienvogel, einem
anderen war dagegen ein brauner Dachshund zugelaufen. Dazwischen fuhren die
Dampfschiffe regelmässig alle Morgen, auch waren reingehaltene Bleicharte zu
haben, wobei aber ein zweifelsüchtiger Leser ein grosses Fragezeichen mit
Rotstift gesetzt hatte. Zuletzt wurde Harmoniemusik an verschiedenen Orten
gemacht, und dazu der Saison angemessene Speise dargeboten.
    Clelia widmete dieser ganzen Vorlesung wenig Aufmerksamkeit. Nur als sie von
den Assisen hörte, mochten ihre Gedanken, welche sich noch immer ärgerlich bei
dem Oberamtmann aufhielten, angeregt werden, weil sie ihn so oft sehnsüchtig
davon hatte reden hören. Sie rief: »Nun dahin könnte man ihn ja gleich schicken,
wenn er sich hier lästig machen will!«
    Spät hörte man einen Wagen vorfahren. Lisbet kehrte zurück.
    Clelia befahl ihrer Jungfer, das Mädchen gegen die Mittagsstunde des
folgendes Tages zu ihr zu rufen, »denn«, sagte sie, »wenn man jemand wider
seinen Willen zu etwas bestimmen will, so darf man ihn nicht im Negligé
empfangen.« Sie ging mit vieler Würde zu Bett und dachte in dieser Nacht, wenn
sie erwachte, nicht einmal an ihren pflichtvergessenen Gemahl, sondern nur an
die Aufgabe des folgenden Tages.
 
                               Siebentes Kapitel
 Was Lisbet auf die Ermahnungen zu einer uneigennützigen und entsagenden Liebe
                                   antwortete
Fancy nahm im ersten Morgenstrahl von dem Blumenbrette vor ihrem Fenster, wo der
Diakonus einige seiner schönsten Exemplare aufbewahrte, ein prächtiges
Myrtenbäumchen herein, musterte die längsten und frischesten Zweige, an denen
sich zugleich Knöspchen und runde frische Blüten befanden, wehte mit einem
leichten bunten Federwedel etwas Staub, der sich auf die Blätter gesetzt hatte,
ab, summte dazu, aber so leise, dass ihre Gebieterin nebenan es nicht hören
konnte, die alte »veilchenblaue Seide« aus dem »Freischützen«, lächelte, seufzte
dann, legte die Hand auf die Brust und liess das Myrtenbäumchen im Zimmer stehen,
um es gleich zu haben, wie sie für sich sagte. Hierauf ging sie zu Lisbet, und
richtete ihre Bestellung aus. Lisbet war ernst und wehmütig, denn sie hatte bei
dem alten Pfleger eine trübe Probe zu bestehen gehabt. Fancy wollte ihr etwas
sagen, aber diesem ernsten Antlitze gegenüber erstarb ihr schlaues Wort auf der
Lippe.
    Die junge Dame, der im wahren Interesse ihres nächsten Verwandten ein so
schwieriges Geschäft oblag, erhob sich und sagte nach dem Frühstück: »Fancy, was
ziehe ich denn wohl heute an?« - »Gnädige Frau«, erwiderte Fancy, »Sie müssen
ganze Toilette machen.« - »Nun, nur nicht zu übertrieben«, sagte die Baronesse.
»Nein, nicht zu übertrieben«, versetzte Fancy.
    Sie kramte hierauf in den Koffern und Kartons und nahm den gewähltesten Putz
heraus. Zum Anzuge bestimmte sie das noch nicht getragene prächtige
Kaschmirkleid von violetter Farbe mit einer Schnippentaille, und fügte dem
Kleide einen weissen Mousseline-de-Soie-Schal hinzu. Unter den Strümpfen suchte
sie die feinsten à jour gewebten aus und unter den Schuhen ein Paar von
schwarzem Atlas. Kurze weisse Handschuhe mit Spitzen garniert nahm sie aus einem
Karton. Als es nun an die Musterung des Schmuckes ging, so schien ihr eine
schwere Chatelaine mit goldenen und silbernen Gliedern, gotischem Schloss und
Medaillon schicklich zu sein. Drei Armbänder dünkten ihr nicht zuviel, eins mit
Steinen, deren Anfangsbuchstaben den Namen: Clelia zusammensetzten, ein
prächtiges Geschenk des abwesenden Herrn und zwei einfachere, das eine ein
schlichter Goldreifen, das andere mit Türquoisen besetzt. Für die Haarflechten
legte sie eine goldene Kette zurecht; ein blitzendes Diadem wollte sie
nachfolgen lassen, bedachte sich aber noch zur rechten Zeit, dass man im Guten
zuviel tun könne und stellte es wieder beiseite. Es versteht sich, dass ein
gesticktes Taschentuch vom feinsten Batist nicht vergessen wurde.
    Während dieser ernsten und gründlichen Vorbereitung rüstete sich Clelia
ebenfalls und zwar in höherer Weise zu der Unterredung mit Lisbet. Sie las
einen Roman und erwog dabei, was sie dem Mädchen sagen wollte. In der Tat war
Oswalds Abenteuer so sehr gegen alle Voraussetzungen seiner Verhältnisse, dass
ihr die stärksten Gründe, hergenommen aus dem Wesen uneigennütziger Liebe,
echten Schicklichkeitsgefühls und frommer Ergebung in reicher Fülle zuströmen
mussten; Gründe, die nach ihrer Meinung eine schlagende Wirkung auf ein edles
weibliches Gemüt nicht verfehlen konnten. Sie erging sich mit Wohlgefallen in
den Reden, welche diese Gründe näher entwickeln sollten, und las dazwischen
immer einige Seiten des Romans. Da er zu denen gehörte, welche bei uns zweite
Auflagen erleben, so leitete er ihre Gedanken von dem Gegenstande, der ihre
Seele beschäftigte, nicht ab. Sie war so sehr in ihr Vorhaben vertieft, dass sie
auf Fancys Tun und Treiben nicht achtete und des Fluges der Stunden ebenfalls
nicht inneward, die unter solchen Übungen innerer Beredsamkeit rasch zu
verfliessen pflegen.
    Fancy musste sie erinnern, dass die Zeit gekommen sei, sich kleiden zu lassen.
Noch immer in ihre Gedanken und Gründe verloren widmete sie dem Anzuge keine
Aufmerksamkeit. Sie liess die einfachen Strümpfe von den zierlichen weissen Füssen
streifen und diese mit den spinnwebenfeinen durchbrochenen bekleiden, es fiel
ihr nicht auf, als Fancy, nachdem sie die Flechten gemacht, dieselben mit der
goldenen Kette umwand, sie schlüpfte in das prächtige Kaschmirkleid, empfing die
schwere Chatelaine um die schöne Taille und liess sich den Schal von Mousseline
de Soie um Hals und Schultern legen, ohne bei einem dieser Stücke eine
Erinnerung zu machen. Nur als ihr Fancy die weissen garnierten Handschuhe mit
blassroten Bandschleifen brachte, stutzte sie und sagte: »Fancy, das sind ja
Ballhandschuhe.«
    »Gnädige Frau«, versetzte Fancy ernst, »sie gehören zur vollen Parüre.«
    Clelia musterte sich, trat vor den Spiegel und rief: »Mein Gott, der Anzug
ist ja viel zu recherchiert! Du hast mich geputzt, als führen wir zu
Liechtensteins in die Soirée. Den Augenblick ein anderes Kleid her, die
Chatelaine fort, die Goldkette aus den Flechten!«
    »O Himmel, was habe ich wieder gemacht!« jammerte Fancy. »Ich dummes
Mädchen!« - Es klopfte. - »Ach! Ach! da ist die Lisbet schon!«
    »Hinaus, sag ihr -«
    » ... dass die gnädige Frau zu recherchierte Toilette gemacht hätten, sich
einfacher anziehen müssten ...« Fancy wollte fort.
    »Bleib!« rief Clelia ausser sich. »Du wärest albern genug, auch so etwas zu
sagen. Ich glaube, du hast in dem Neste deinen Verstand verloren. - Es klopft
schon wieder ... Sie hat uns reden hören, es fällt mir kein Vorwand ein - ach,
du Imbecille, in welche Verlegenheit setzest du mich! Handschuhe!«
    »Hier«, sagte Fancy.
    »Weg damit! Soll ich wie eine Opernprinzessin dasitzen, welche sehen lassen
will, wie freigebig ihre Liebhaber sind?
    Willst du mir nicht auch noch gar einen Fächer in die Hand geben? -
Schwarze, bescheidene!«
    »Schwarze, bescheidene!« rief Fancy und brachte die verlangten.
    »Armband!«
    Fancy knüpfte mit unerhörter Schnelligkeit die drei Armbänder um, während
Clelia nach der Türe sah.
    »Fertig?«
    »Ja.«
    »Herein! - Himmel, du hast mir ja drei Armb-« aber sie vollendete das Wort
nicht und der Überfluss des Armschmuckes war nicht mehr zu beseitigen. Denn schon
trat Lisbet herein. Es war ein grosser Gegensatz, diese schlanke, vornehme junge
Gestalt im einfachen Gewande der etwas zu kleinen und vollen Baronesse im
höchsten Putz gegenüber. Sie trat bescheiden aber sicher auf, Clelia wollte sich
anfangs Airs geben, dieses Bestreben zerbrach indessen sogleich an ihrem
grundguten Wesen. Sie reichte verlegen-freundlich Lisbet die Hand, setzte sich
ins Sofa, liess einen Sessel stellen und flüsterte Fancy zu, sie solle sich in
ihrem Zimmer nebenan aufhalten. Als ob es zufällig geschähe, breitete sie ihr
Taschentuch aus und entzog dadurch wenigsten die Pracht der Chatelaine und der
Armbänder (denn sie wusste auch die linke Hand mit dem Tuche zu bedecken) den
Blicken Lisbets. Wieviel würde sie darum gegeben haben, wenn sie statt des
Kaschmirkleides das von Mousseline de Laine angehabt hätte! Der volle Putz
raubte ihr die Hälfte ihrer Festigkeit. Sie suchte eine Zeitlang vergebens nach
einem schicklichen Anknüpfungspunkte des Gesprächs und so sassen beide, als Fancy
sie allein gelassen hatte, eine Zeitlang schweigend einander gegenüber. Lisbet
sah vor sich hin und hatte keine Ahnung von dem, was folgen sollte, denn Clelia
war ihr immer gütig begegnet.
    Endlich sammelte sich diese so weit, um die Unterredung beginnen zu können.
Sie sagte ihrem Besuche, dass bis jetzt der Gedanke an Oswalds Krankheit alle
anderen Vorstellungen in den Hintergrund gedrängt habe, dass aber nun mit seiner
Herstellung die Verhältnisse des Lebens in ihr Recht wieder einzutreten
begännen, und dass sie daher wünsche über die Gestaltung der Zukunft mit ihr ein
ebenso ernstes als vertrauliches Wort zu reden. - Da sie diesen Eingang zwar mit
aller ihr zu Gebote stehenden Würde aber doch höchst liebreich vorgebracht
hatte, so konnte Lisbet denselben nur für eine Vorrede zu freundlichen
Erklärungen ansehen. Schüchtern versetzte sie, dass die Baronesse ihr mit solchen
Worten eine grosse Freude mache, und fasste nach Clelias Hand, um sie zu küssen.
Indem sie aber ihre Lippen der Hand näherte, fiel ihr ein, wer sie durch Oswalds
Liebe sei, sie richtete sich daher sanft auf und liess die Hand Clelias fallen,
welche ein Erstaunen über diesen Hergang nicht verbergen konnte.
    »Nun also, mein Kind, wie soll denn das nun werden?« sagte Clelia, etwas
verlegen mit dem Schal spielend.
    Lisbet errötete, senkte ihr Haupt wieder und versetzte: »Von der Zeit
unserer Verbindung ist zwischen uns noch nicht die Rede gewesen, zwischen dem
Grafen und mir.«
    »Verbindung!« rief Clelia lebhaft. »Ei! Ei! mein liebes Kind, Sie sprechen
ja von der Verbindung mit meinem Vetter, als sei diese eine ausgemachte und sich
von selbst verstehende Sache.«
    Lisbet hob langsam ihr Antlitz empor, sah Clelien mit grossen Augen an und
fragte: »Wovon wollten Sie denn mit mir reden, gnädige Frau?«
    Die Wirkung einer einfachen aber zur rechten Zeit angebrachten Frage ist oft
gross. Clelia hatte sich auf eine begeisterte Versicherung, auf flammende Reden
gefasst gemacht und würde diesen Gluten mit gleichem Feuer begegnet sein. Nun
aber sollte sie schlichtweg sagen, was sie wolle? und diese Zumutung setzt in
vielen Lagen des Lebens in eine nicht geringe Verlegenheit. An ihr war jetzt die
Reihe, die Augen niederzuschlagen; sie sprach, dass man es hätte Stottern nennen
können: »Sie scheinen gar nicht erwogen zu haben, Lisbet - denken Sie nur
nicht, mein liebes Mädchen, dass ich Sie kränken will - nein gewiss nicht - und
wären Sie nur - so wäre ich ja voll Freude - indessen gibt es doch Dinge in der
Welt - unwiderleglich vorhandene Dinge - Dinge, Lisbet - mein Gott, Sie müssen
mich ja wohl verstehen ...«
    »Ja, gnädige Frau, ich verstehe Sie nun«, sagte Lisbet mit einem Tone, als
unterdrücke sie ein stilles Weinen.
    »Auf denn also, Lisbet, Mut!« rief Clelia, Atem schöpfend. - »Nur zeigen
darf man einem so reinen Gemüte das Richtige, und es ergreift es. Die wahre
Liebe liebt das Glück des Geliebten. Und das Glück? Ist es ein trunkener
Augenblick, ist es die Aufwallung der Flitterwochen? Ach nein. Das wahre Glück
besteht doch zuletzt nur in der Harmonie mit allen Verhältnissen des Lebens; in
dem Gefühle von dieser Harmonie. Sie dem Gegenstande der Neigung unverstimmt zu
lassen, das ist Liebe, das ist tugendhafte Liebe. Sie fühlen ja nun selbst,
teure Lisbet, was ich gern unausgesprochen lasse. - Es geht nicht, es geht
wahrhaftig nicht. Mein Gott, wären Sie doch nur - aber- Sie empfinden es, wenn
Sie meinen Vetter aufrichtig lieben, so dürfen Sie ihn nicht heiraten. Und nun
kommen Sie, mein armes Kind, kommen Sie an meine Brust, und weinen Sie sich aus,
denn wahrhaftig, ich weiss mit Ihnen zu empfinden.«
    Sie breitete ihre Arme gegen Lisbet aus. Diese lehnte aber mit einer
demütigen Bewegung das Liebeszeichen ab und sagte: »Gnädige Frau, entschuldigen
Sie, wenn ich an dieser Stätte noch nicht zu ruhen wage. - O mein Gott, wie weit
sind wir auseinander, wie hätte ich das mir denken können, und wie soll ich es
nun anfangen, alles, was mir im Herzen wogt, Ihnen auszusprechen und dennoch die
Bescheidenheit gegen Sie nicht zu verletzen? - Sie wüssten mit mir zu empfinden?
Gnädige Frau, ich wenigsten weiss mit Ihnen nicht zu empfinden.«
    »Wie? Sie fühlen keine Verpflichtung, ihm zu entsagen?« fuhr Clelia auf.
    »O nein! nein! nein!« rief Lisbet mutig. »Diese Verpflichtung fühle ich
durchaus nicht, Frau Baronesse. Entsagen soll ich ihm, das ist Ihre Meinung. Und
warum? Dass der Findling nicht in das Haus der Grafen Waldburg eindringe, dass der
Graf Oswald eine Gräfin heiraten könne oder eine Fürstin, dass er in Harmonie
bleibe, wie Sie es nennen, mit den Verhältnissen des Lebens. Ja, ich weiss, so
steht es geschrieben oft in den Liebesgeschichten, die ich gelesen. Das Mädchen
hält eine schöne Rede von Entsagung und von Pflicht und dann verhüllt sie sich
und geht weg und der Liebste sieht sie nie wieder. Gnädige Frau, wenn die Leute,
die solche Geschichten aufschreiben, das nicht aus ihrem Kopfe erfinden, so sind
solche Mädchen ungereimte Mädchen, abscheuliche Mädchen, Verräterinnen an ihren
Liebsten! - Glück? - Ich kenne nur ein Glück und nur ein Elend! Und mein Glück
ist, wenn ich mit Oswald zusammenbleibe und sein ehrlich Weib werde und das
Elend des Gegenteils kann ich gar nicht ausdenken, denn es ist unsäglich. So
also steht es mit mir. Und von ihm sollte ich geringer denken, als von mir? Von
ihm, der mich sein Leben, seine Zuversicht genannt hat? Worte sollten das
gewesen sein, Worte eines, der nicht weiss, was er spricht? Nein, ein treuer
Mensch sagte sie, ein wahrer, ein aufrichtiger Mensch. Die Entsagung, welche Sie
von mir verlangen, wäre ja also das schwerste Verbrechen, das ich nur an Oswald
begehen könnte. Ich würde sündig an seiner unsterblichen Seele, zugäbe ich, dass
ihm ein Name, ein Wappen werter sei, als das Heiligtum seiner Empfindungen! Zur
Schelmin würde ich an dem Herzblute meines Bräutigams, welches seine Lippen
verschütteten, weil er einen Tag lang sich nicht in Lisbet zu finden wusste. Zu
Tode wollte er sich bluten, weil ich in meiner dummen Torheit die Breite eines
Landweges zwischen uns gesetzt hatte! Und er sollte leben bleiben, wenn ich die
Welt und das Schweigen und die Finsternis zwischen uns würfe! Nein! Ich entsage
ihm nicht, nicht entsage ich ihn in das Elend und in die Leere hinein!«
    »Gott wird Sie aufklären!« eiferte Clelia. »Gott wird diese Trugschlüsse der
Leidenschaft zunichte machen! Das ist eben deren Entsetzliches, dass nichts für
sie vorhanden ist als sie, nicht Erde nicht Himmel, und dass sie sich so in die
greuliche Öde hineinstürmt, daraus nachher kein Entrinnen! - Aber Gott wird
Ihnen beistehen, wird Sie schirmen vor dem geistigen Tode. Sie sind fromm, ich
sehe Sie in die Kirche gehen, Sie im Gesangbuche lesen. Gott wird ein Licht in
Ihrer Seele anzünden.«
    »Gott ist bei mir in dieser Stunde, er legt mir die Worte auf meine
einfältigen Lippen«, erwiderte Lisbet. - »Ich weiss nicht, ob ich fromm bin,
kümmerlich bin ich herangewachsen, aber zur Kirche habe ich mich freilich immer
gehalten und an den Allmächtigen glaube ich. Jedoch, seit ich Oswald liebe, habe
ich nur ein Gebet und das lautet: Vater sei mit ihm und mir! - Ich bete nicht
für ihn allein und nicht für mich allein, sondern für uns beide bete ich, und
das, meine ich, ist das Licht, welches Gott mir in der Seele entzündet hat. Die
Erde sehe ich unter mir, den Himmel über mir, und wo wehet der Sturm, der mich
fortstürmt?«
    Leidenschaftlich rief Clelia: »Bedenken Sie doch nur seine Verhältnisse,
bedenken Sie seine Verwandten, von denen die meisten so stolz sind, bedenken Sie
unseren König, bedenken Sie endlich Oswalds eigenes Herz, das von äusseren
Umständen, von Widerspruch mit den Forderungen der Welt so leicht in
Verlegenheit gesetzte Herz eines Mannes, sehen Sie doch um des Himmels willen
die Dinge, wie sie sind!«
    »Ja, gnädige Frau, ich sehe die Dinge, wie sie sind, nicht wie sie scheinen.
Hätte er noch Eltern, so wäre es etwas anderes. Der Eltern Macht ist von Gott,
das weiss ich, obgleich ich Arme keine hatte. Entsagen würde ich ihm zwar immer
nicht, wenn er auch noch Vater und Mutter besässe, aber geduldig harren und zu
ihm sprechen: Oswald, harre auch du in Geduld, bis Gott deiner Eltern Sinn
wendet! Jedoch so! Verhältnisse und immer Verhältnisse! Ei, ist es nicht auch
ein Verhältnis, wenn ich seine Frau bin? Also Verhältnis gegen Verhältnis, und
wir wollen erwarten, welches das mächtigere und bessere sei! - Nehmen seine
stolzen Oheime und Tanten ihn in ihre Arme, dass er darin ruhe und lächle und
wachse und gedeihe? Nein. Aber ich werde es tun. Baut ihm Ihr König sein Haus
auf? Nein. Aber ich werde es tun mit des Himmels Hülfe. Und wenn er einmal so
schwach sein sollte, verlegen auszusehen über mich, denn es ist möglich, dass Sie
darin recht behalten - nun, der Schwäche wird eben die Stärke beigesellt! Ich
werde seine Stärke sein, ich werde ihn fragen: Oswald schämst du dich meiner?
Und wahrlich, gnädige Frau, auf die Frage wird er ja sagen, aber er wird sich
ermannen und für alle Zeiten den unwürdigen Kleinmut ablegen.«
    Clelia wurde immer erbitterter. »Ich würde mich tief gedemütigt fühlen durch
einen Gatten so hoch über meinem Stande«, sagte sie herb und schneidend.
    »Das kann wohl sein«, versetzte Lisbet. »Darin hat jeder seinen eigenen
Sinn. Ich fühle mich gar nicht gedemütigt dadurch, dass er ein grosser Graf ist
und ich ein geringes Mädchen ohne Herkommen bin. Er könnte noch zehnmal grösser
sein und ich würde dennoch keine Demütigung empfinden. Ja, ich weiss, es hat auch
Mädchen gegeben in meiner Lage, die winselnd sprachen: O wärst du ein armer
Hirt, mein hoher Liebster! - Ich aber, ich wünsche mir ihn gar nicht zum Hirten
herunter; nicht soll er seine Grösse ablegen um meine Kleinheit! Sondern das ist
eine neue Seligkeit für mich, dass er so vornehm ist, und mich emporhebt aus
meiner Niedrigkeit und mich zur Gräfin macht und auf sein hohes Schloss führt.
Ach, ich will ja nichts mehr von mir oder durch mich, sondern alles nur von ihm,
alles, alles, neben seinem Gefühle auch Ruhm, Ansehen, Reichtum! Je mehr er mir
gibt, desto beglückter fühle ich mich. Denn seine Liebe ist überströmendes Geben
und meine durstiges, lechzendes Empfangen. Ich bin sein Geschöpf, er ist mein
irdischer Schöpfer; Gott schafft mich durch ihn zum zweiten Male. Unter den
Flügeln der Liebe will ich schlummern und träumen, auf der Höhe, wohin mich
diese Schwingen tragen, erwachen, und sie mit frohem Lerchengesange als die
Wohnstätte begrüssen, die mir mein Schicksal anwies.«
    Noch schneidender sagte Clelia, vielleicht um eine entgegengesetzte Regung,
die sich anmelden mochte, zu verbergen: »Es ist allerdings höchst wohlfeil und
bequem, auf solche Art eine schrankenlose Zärtlichkeit zu beweisen.«
    Aber Lisbet blieb ganz ruhig und antwortete im mildesten Tone: »Gnädige
Frau, das kam nicht aus Ihrem Herzen. Sie sagten es nur, weil Sie sich so in den
Eifer gegen mich hineingesprochen haben. - Wir sind hier zwei Frauen allein,
kein Mann hört uns und deshalb darf ich wohl dreister reden, als sich sonst für
mich ziemte. Ich weiss nicht, wie mir wird, mein Auge schwimmt, und meine Lippe
fühl' ich zittern, zum Äussersten haben Sie mich gebracht, hören Sie denn das
Äusserste, was ein Mädchen sprechen kann. Bin ich's noch selbst? Wie kommen mir
solche Gedanken? Aber Sie sollen sie hören. - Sie sind Frau, und Sie waren
Mädchen. Bebten und erröteten Sie nicht, wenn Sie nur dachten, dass eine andere
Hand als die Ihrige Ihre Schulter berühre? Und nun haben Sie Ihrem Gemahle Seele
und Leib ergeben, Ihre Person haben Sie ihm hingegeben und Ihre jungfräuliche
Ehre! Sind wir darin nicht gleich? Hat die Braut eines Kaisers etwas Höheres als
die Majestät ihrer jungfräulichen Ehre? Ich bin eine Jungfrau, meine gnädige
Baronesse. In der Ehre der Jungfrau fühle ich mich geadelt und der Braut des
Kaisers gleich. Demütig nehme ich alles an von Oswald, aber nicht gedemütigt,
mit freudigem Stolze kann auch ich Mitgift nennen und Eingebrachtes, denn was
Ihr Vetter mir geben mag, ich gebe ihm stets doch mehr, als er zu geben jemals
imstande sein wird.«
    Sie schwieg. Die Glut der süssesten Scham flammte ihr auf Wangen, Hals und
Nacken. Ihr Blick ruhte durchdringend auf Clelien. Diese fühlte ihre Mittel
erschöpft. Sie winkte, dass Lisbet sich entfernen möge. Lisbet ging nach der
Türe.
    Sobald aber Clelia die unwiderstehlichen Augen des Mädchens nicht mehr sah,
kam ihr noch einmal der den Weltkindern eigentümliche Übermut zurück. Sie rief
der Abgehenden leichtin nach: »Ihr seid beide törichte und unsinnige Kinder!
Für jetzt weiss ich nichts mit dir anzufangen, aber ich wette, in wenigen Tagen
sprichst du ganz anders und gibst mir recht, denn das verfliegt, wie es
angeflogen ist.«
    Die Jungfrau wandte sich um und näherte sich mit dem Ansehen einer
Priesterin der Weltdame. Erhaben leuchteten ihre Augen, mit voller, tönender und
gehaltener Stimme sprach sie: »Wie täuschen Sie sich! Lassen Sie ab von der
Täuschung, welche Sie um eine heilige Erscheinung bringt! Ich bitte Sie, lassen
Sie ab von dem Wahne, hier mit einer Grille, mit einer Laune des Augenblicks zu
tun zu haben. Sie würden in diesem Wahne uns noch bittere Schmerzen und sich
fruchtlose Mühe machen.
    Kennen Sie das Wort: Ewig, Frau Baronesse? Ich hatte es, glaube ich, früher
nie gesprochen, denn ich pflegte überhaupt nichts zu sagen, wobei ich mir nichts
zu denken wusste. Aber als er mich in der Kirche aufhob und mich vor den Altar
niederwarf, ein Weihegeschenk der Liebe für Gott den Allmächtigen, da durchtönte
plötzlich das Wort wie mit tausend Zungen mein Innerstes und seit der Stunde
singt es durch alle meine Gedanken und Empfindungen immer und immer wie ein
himmlisches Halleluja: Ewig! Denn wer die wahre Liebe empfängt, der empfängt die
Ewigkeit in seinem Herzen. An der Ewigkeit aber ist kein Vergang und so rühren
Sie denn auch nicht weiter das ewige Wort meines Herzens an, gnädige Baronesse!
- Die Frau unseres Wirtes hier, die sich hin und wieder mit mir beschäftiget hat
und der Meinung ist, ein Mädchen brauche aus Büchern nicht viel zu lernen, aber
durch den Anblick schöner Menschen lerne ein Mädchen etwas, gab mir in den
letzten Wochen Briefe von einer Freundin zu lesen. Die Freundin hat mit ihrem
Manne in einer kurzen, himmlischen Ehe gestanden, und der Mann hatte immer
gesagt, das Glück sei zu schön, als dass es lange dauern könne. So war denn auch
sein Tod wirklich bald erfolgt. Von den letzten Tagen schrieb nun die Freundin
unter anderem auch. Er hatte eine fürchterliche Krankheit, die den Hals
zusammenschnürte, so dass der Mensch ersticken muss. Den letzten Tag nun hatte der
Kranke kaum noch sprechen können, aber immerdar hatte er auf seinen Trauring
gesehen und auf denselben gewiesen und dazu mit der grössten Anstrengung
hervorgestossen das Wort: Ewig! Er wand sich in seiner Todesqual, aber das Wort
keuchte er, solange ein Laut aus seinem armen Munde kommen konnte. Und so starb
er in der Ewigkeit der Liebe.
    Also wird es nun auch mit mir sein und Oswald. Es ist möglich, dass wir nicht
lange beieinander sind, denn auch uns steht ja ein grosses und unbeschreibliches
Glück bevor. Aber wer nun zuerst sterben möchte, der wird dem andern, solange
die Lippe lallen kann, zustammeln: Ewig! als ein Wort des Trostes, dass die Erde
des Grabes die Liebe nicht überschütte! - Was aber das Grab nicht vermögen wird,
davon werden Sie, gnädige Frau, gewiss abstehen, denn in Ihnen ist ein liebliches
und freundliches Leben. - Vergeben Sie mir, dass ich so ohne Rückhalt sprach, ich
würde alles Ihrem Vetter überlassen haben, denn er ist mein Herr, wäre er schon
ganz hergestellt. Da er aber noch nachleidet, so musste ich reden, weil ich zu
reden aufgefordert wurde, und musste ihn und mich verteidigen gegen die Welt und
den Dämon, wovon er vor einigen Tagen vorahnend gesprochen hat!«
 
                                Letztes Kapitel
                                Fröhliche Siege
Clelia lag erschüttert und aufgelöst im Sofa. Durch alle Torheiten der
lieblichen Törin hatte sich die Natur gewaltig Bahn gebrochen. Sie achtete nicht
mehr darauf, die Chatelaine zu verbergen, ihr Taschentuch hatte sie erhoben und
vor das Gesicht gedrückt.
    Fancy trat in die Türe des Seitenkabinetts. »Kommen Sie einen Augenblick
herein, lassen Sie ihr Zeit«, flüsterte sie. Lisbet ging etwas bestürzt in das
Cabinet. Fancy nötigte sie auf einen Sessel und mass mit einem seidenen Faden den
Umkreis ihres Haargeflechtes und dann legte sie das Mass an einige Zweige des
Myrtenbäumchens. Sie schnitt die Zweige ab und verband sie zum Kranze.
    Auch das Mädchen hatte eine Träne im Auge. Sie sagte während Ihrer Arbeit:
»Wenn ich sie so weinen sehe, schäme ich mich meiner Listen, und doch waren sie
notwendig. Denn hätte ich sie nicht durch meine Unterwürfigkeit konfus gemacht
und sie nicht in die Verlegenheit hineingeputzt, so hätten Sie, junge gnädige
Gräfin, mit ihr einen härteren Stand bekommen, oder der Herr Oberamtmann packte
die Sache wieder an und dann würden Sie es nicht durchgesetzt haben. - Die Fancy
ist aber dankbar. Seien Sie so gütig, dem Herrn Gemahl zu sagen, die
Kastellanstochter habe sich für den alten Vater revanchiert.«
    Lisbet verstand nicht, was das Mädchen wollte. Sie hatte auch nicht Zeit,
danach zu fragen, denn in Clelias Zimmer hörte sie laut schluchzen und dann
ebenso laut lachen und darauf wieder schluchzen und so wechselte es immer ab
zwischen Lachen und Schluchzen. Endlich rief es leise und innig ihren Namen. Als
Sie in das Zimmer trat, kam ihr Clelia entgegen, schloss sie in ihre Arme, nannte
sie Kusine und sagte: »Du sollst ihn haben.«
    Die junge liebliche Törin gehörte zu den glücklichen Naturen, die, wenn sie
närrische Streiche gemacht zu haben einsehen, ohne viele Weiterungen durch Wort
und Tat bekennen: Wir haben närrische Streiche gemacht. - Kein Schmollen, kein
Hinzögern, kein falscher Widerstand hauchte über den Spiegel dieser komisch
anmutigen Seele. Lisbet hatte sie überwunden, und sie schämte sich nun der
Niederlage nicht. Sie drückte sie an sich, sie streichelte ihre Wangen, sie gab
ihr die zärtlichsten Namen, nannte sie ihr kaiserlich Kind und eine geborene
Prinzessin der Ehre. Lisbet war von dem plötzlichen Wechsel wie betäubt und
ruhte freudetrunken an der Brust der ihr noch vor wenigen Minuten so feindlich
gewesenen neuen Freundin. Clelia schlug ihren Arm um den Nacken des bräutlichen
Kindes und ging mit ihr halbtanzend auf und nieder; dann stellte si'e sich mit
ihr vor den Spiegel, stemmte die Hände in die Seite und sagte, drollige
Vergleichungen anstellend: »Cendrillon und daneben alle drei Fräulein Schwestern
in einer Person.« Sie drohte ihrem Spiegelbilde, schnitt ihm neckische Gesichter
und rief: »Wie kann man sich so aufdonnern?«
    Sie war in einem Taumel der Lust und trieb darin Rührendes und Possenhaftes
durcheinander. Plötzlich kam aber Fancy gesprungen und rief: »Gnädige Frau, der
Oberamtmann!«
    »O mein Himmel!« rief Clelia. »Der muss weg, gleich weg, unter jeder
Bedingung weg! Wie kriegen wir ihn weg? Fancy, gib einen guten Rat!« Sie lief
hin und her, ihr Taschentuch windend.
    »Wenn wir nur einen Prozess oder ein Aktenstück ihm in der Ferne zeigen
könnten!« rief Fancy, die nun fast ebenso ängstlich sich zeigte, als ihre
Gebieterin. »Mit Speck fängt man Mäuse - Hm! Wie? Ja - was - richtig - ich hab's
- Viktoria!«
    »Was?«
    »Wo ist die Assise?«
    »Die Assise?«
    Fancy lief auf das gestern abend gelesene Zeitungsblatt zu. »Hier!« sagte
sie und zeigte mit dem Finger auf eine der Anzeigen.
    Clelia lachte. - »Nun, albernes Mädchen?«
    »Hinein, gnädige Frau mit der jungen Dame in mein Kabinett!« rief sie, »Sie
möchten sich nicht genug verstellen können. Ich schaff den Oberamtmann fort.«
    Clelia eilte mit Lisbet in das Kabinett. Der Oberamtmann trat in das
Zimmer. - »Ich hörte hier laut sprechen«, sagte er. »Die Stimme der Baronesse
unterschied ich und die des Mädchens. Wo ist Ihre gnädige Frau? Wie steht es?«
    »Ganz vortrefflich«, versetzte Fancy mit Emphase. - »Die sogenannte Braut
ist beseitigt, abgemacht, hinüber. Noch heute abend reist sie nach Hamburg und
wird dort Erzieherin in einer Pension, mit sechsundfünfzig Talern Gehalt. Aber
wie haben auch die gnädige Frau gesprochen! Göttlich, sage ich Ihnen, Herr
Oberamtmann, von Tugend, Entsagung und uneigennütziger Liebe; Sie würden Ihr
blaues Wunder gehört haben, ich wurde recht erbaut und fasste gute Vorsätze für
mein ganzes Leben, wenn ich auch einmal sollte das Unglück haben, dass mich ein
junger vornehmer Herr heiraten wollte. Die Lisbet bat die Baronesse zuletzt
kniefällig um Verzeihung, dass sie nur im Ernst an den Grafen gedacht habe. Jetzt
ist sie mit dem Kinde spazieren gegangen, um in der freien Natur sie zu trösten
und sie noch recht in der Vernunft zu befestigen. Wenn sie aber nach Hamburg
abgereist ist, dann will sie auch den Herrn Vetter auf eine gute Art zu
behandeln anfangen.«
    Kein treuer Staatsdiener, dem von seiner vorgesetzten Behörde ein glänzendes
Lob zugeht, kann frohere Augen machen, als der Oberamtmann machte. Er schlug in
die Hände, dass es schallte, zog einen ganzen Schoppen Luft in sich und rief:
»Nun, Gott sei Dank! So wäre denn also dieses schwierige Geschäft glücklich
beendigt. Ach, Sie glauben nicht, Fancy, was für eine Angst ich ausgestanden
habe. Aber meinen Kopf hätte ich daran gesetzt, es durchzutreiben.«
    »Sie können lachen«, sagte Fancy. »Wir haben die Not gehabt, und Sie hatten
das Zusehen. - Und was halte ich hier in der Hand, Herr Oberamtmann?« - Sie hob
das Zeitungsblatt empor.
    »Was denn, liebe Fancy?« - Er las. - »Zeitung vom - vom - ei, die habe ich
nicht zu sehen bekommen! - Hm! Was steht denn da? - - Assisen in Elberfeld!«
rief der Geschäftsmann mit einem Freudenschrei.
    »Das hat die gnädige Frau heute gefunden, und feurige Kohlen sammelt sie auf
Ihrem Haupte, vergibt Ihnen die Szene von gestern abend und trug mir auf, Ihnen
das Blatt da zu zeigen, damit Sie Ihren Wunsch erfüllen können. Der Ort soll
nicht gar zu weit von hier sein. Wenn Sie gleich Post nähmen, so kämen Sie noch
spät abends dort an. Und unterdessen, dass Sie fort sind, machen wir hier alles
mit dem jungen Herrn fertig.«
    »Also wirklich soll ich doch noch das öffentliche Verfahren kennenlernen!«
sprach der Oberamtmann gerührt. - »Grosser Gott, wenn sie nur nicht schon vorüber
sind! Sie gingen nach der Anzeige da vor vierzehn Tagen an. Ich hoffe indessen
noch zwei oder drei Tage zu erhaschen, denn wie ich am Rheine vernahm, so
pflegen sie in die dritte Woche ihrer Dauer überzugreifen.« - Er wischte sich
die Augen. - »Deine Baronesse ist doch eine herrliche Frau«, sagte er. »Empfiehl
mich ihr auf das angelegentlichste und sage ihr, in drei Tagen sei ich wieder
da, wenn nicht etwa gar zu interessante Sachen vorkämen, denn dann bliebe ich
wohl noch etwas länger aus. Adieu, liebe Fancy.«
    »Sie fahren?«
    »Sogleich. Ich gehe auf der Stelle selbst zum Postalter.«
    Er eilte fort.
    Fancy sprang ausgelassen im Zimmer umher. Clelia trat mit Lisbet aus dem
Kabinette. Lisbet trug den Myrtenkranz, den ihr Clelia drinnen aufgesetzt
hatte. »Lauf, Fancy, lauf!« rief sie. »Schaff mir den Diakonus, lebendig oder
tot«, setzte sie in ihrer sprudelnden Laune hinzu. Fancy lief hinunter.
    »Was haben Sie denn mit mir vor, gnädige-«
    »Clelia sollst du mich nennen, werde ich nicht deine Kusine?« versetzte die
Baronesse und gab ihr einen leichten Schlag mit dem Zeigefinger über die Wange.
- »Was ich mit dir vorhabe? Trauen will ich euch lassen, im Augenblick!«
    »Mein Gott, welche Übereilung!« rief Lisbet froh und bestürzt.
    »Keine Widerrede«, sagte Clelia. »Soll es geschehen, so kann es nur in der
Übereilung geschehen. Drei Tage bleibt der Oger weg, das Aktenungeheuer; nicht
drei Viertelstunden will ich verlieren. Euer Bund ist ausser aller Ordnung und
Regel, in der Ordnung und Regel kriegen wir's nimmer fertig. Hurli burli muss es
gehen. Himmlisch kannst du sprechen. Herzkind, und einer jungen Strohwitwe, die
noch dazu das Unglück hat, selbst in ihren Landläufer von Gemahl verliebt zu
sein, den Kopf schon verdrehen; aber kennst du die Welt, das taube, hartmäulige
Tier? Brautleute sind zu trennen, eine Verlobung ist rückgängig zu machen, da
muss man also einen Riegel vorschieben, einen von denen, die nicht weichen und
wanken. O die Ehe, der gute, feste, unweichsame Riegel! Immer gleich sieht er
aus, man mag ihn von der oder der Seite beschauen. Seid ihr getraut, so mögen
sie schimpfen, skandalieren, schikanieren, ihr sitzt geborgen hinterm Riegel. Da
hat selbst der Kaiser seine Macht verloren. Ihr seid Mann und Frau und sie
müssen sehen, wie sie sich drein finden. - Jetzt aber komm her, mein Bräutlein,
dass ich dich schmücke.«
    Sie stellte ihren Juwelenkasten neben sich, setzte sich in einen Lehnstuhl
und Lisbet musste vor ihr auf dem Fussschemel knien. - »Ein anderes Kleid können
wir dir nicht anziehen, denn meine sind dir zu weit, du schlankes Reh, aber die
besten Brillanten schenke ich dir«; sagte sie. Ein reiches Collier, die Brosche
und die dazugehörigen Ohrgehänge nahm sie aus dem Kasten. Sie legte der Knienden
die prächtigen Steine an und um und wie gern liess sich die glückliche,
halbbetäubte Lisbet zieren! - »Sieht sie in ihrem weissen Cambrickleidchen und
mit den Diamanten vom reinsten Wasser nicht aus wie ein Märchen, einfach,
strahlend, ärmlich, feenreich?« rief sie, als sie ihr Werk vollendet hatte. Sie
erhob die Geschmückte und drehte sie nach allen Seiten, um die Wirkung der
Brillanten zu prüfen.
    Der Diakonus kam. Fancy hatte ihn von der Strasse hereingeholt. Er kehrte
eben aus dem Gerichtshause zurück, den Auftritt mit dem Hofschulzen noch in
Haupt und Herzen. Seine Frau, die auch schon etwas von der Revolution in ihrem
Hause gehört hatte, folgte. Fancy schloss den Zug. Die Wirte sahen mit Erstaunen
auf Lisbet, die wirklich dastand, ein armes, reiches, weisses, buntes Wunder. -
»Kleine Frau«, rief Clelia ihre Wirtin an, »Sie bekommen heute freies Haus.
Sobald wir hier unsere Pflicht getan haben, reise ich ab; denn den Oberamtmann
überlasse ich euch, ihr Guten, und der wird denn auch bald zornschnaubend seiner
Wege gehen.«
    »Herr Pastor«, sagte sie gravitätisch zum Diakonus, »Sie werden ersucht,
Ihren Mantel anzulegen, die Bäffchen vorzustecken und sofort Ihr heiliges Amt zu
verrichten.«
    »Wie?« versetzte der Diakonus äusserst befremdet. »Ohne Aufgebot, ohne
Formalitäten ...«
    »Einspruch erfolgt nicht, auf Kavalierparole«, sagte Clelia noch
feierlicher. - »Und was die Formalitäten betrifft, so steht hier eine bekränzte
Braut, drüben im Zimmer sitzt ein harrender Bräutigam, ich habe mich als
ehestiftende Juno aus dem Stegreife in Staat geworfen, zwei ehrliche Leute als
Zeugen werden zu haben sein, weitere Formalitäten sind wohl überall zu einer
Hochzeit nicht erforderlich.«
    Er versagte auf das bestimmteste die Bitte. Clelia wurde aber dringender und
fand an der Frau des Geistlichen eine Bundesgenossin. »Ich dächte, liebes Kind,
du gäbest nach«, sprach sie mit einem verlegenen vielsagenden Blicke.
    Mit der ganzen Offenheit, welche seine Äusserung über den modernen Adel gegen
die Exzellenz auf dem Oberhofe geziert hatte, rief der Diakonus, sich
vergessend: »Nein, mein Schatz, weil du etwas länger Last in der Küche behältst,
deshalb kann sich dein Mann nicht scharfen Verweisen oder gar Strafen
aussetzen.«
    »Darüber will ich Sie beruhigen!« rief Clelia. »Ich kenne Ihren *, er ist in
Karlsbad ganz überaus freundlich gegen mich gewesen, denn er erwartet von mir
eine Gefälligkeit bei uns daheim. Eine Hand wäscht die andere, ich verbürge mich
dafür, dass Sie mit einer leichten Zurechtweisung, die Ihnen nur des Scheins
halber erteilt werden wird, entschlüpfen sollen, zumal da in der Sache selbst
nichts Unrechtes geschieht.« - Fancy schlich fort; sie wusste, wo der Ornat hing.
    »Gnädige Frau«, versetzte der Diakonus emst, »die Formen sind einmal in der
Welt und die Formen sind heilsam. Entschuldigen Sie, wenn ich mich innerhalb der
mir gewiesenen Schranken halte.«
    Aber auch Clelia konnte ernstaft werden. So fest und gehalten, dass es alle
Anwesende überraschte, sagte sie: »Meine Eitelkeit erlebt wenigstens einen
kleinen Triumph darüber, dass Sie mir so bald und so vollständig Genugtuung
geben. Sie grollten mit mir gar sehr in Ihrem Herzen, dass ich die Bettlerin, das
Findelkind - denn ich darf sie so nennen, sie weiss, wie lieb ich sie gewonnen
habe - nicht in der ältesten Familie des Reichs haben wollte, und nun weigern
Sie sich, ja Sie, zwei Lieblinge Ihres Herzens allen Nöten zu enteben. Und
weshalb weigern Sie sich? Einer Form, einer armseligen Form wegen, deren
Verletzung Ihnen möglicherweise eine kleine Unannehmlichkeit im Amte machen
könnte. O ihr anderen, wann werdet ihr doch ablassen, euch über uns aufzuhalten?
Ich bin doch besser als Sie. Denn ich ward wenigstens von dem königlichen Gemüte
dieses Kindes, welches ich nun mit Freuden für meine Verwandte, Gräfin Waldburg,
erkenne, rasch bekehrt. Sie aber scheinen der Bitte einer Frau unnahbar zu sein,
die nur begehrt, was der Augenblick gebietet, den Sie mir ja auch als Lehrer der
Menschen angepriesen haben. - Wohl, ich dringe nicht weiter in Sie. Aber die
Zukunft der beiden schiebe ich Ihnen in Ihr Gewissen. Für alle Quälereien,
Hemmungen, Verdriesslichkeiten oder gar Missgeschicke, welche Oswald und Lisbet
noch haben können, bin ich für meine Person nicht ferner verantwortlich.«
    Der Diakonus stand betreten. Von Anfang an hatte ja eine Stimme in seinem
Innern für die Bitte der Baronesse gesprochen. Diese Stimme redete um so lauter,
als er kurz zuvor so tief bewegt worden war. Das Grosse, Echte, Menschliche war
ihm in der Gerichtshalle so nahegetreten; er fühlte, dass es Dinge und
Verwickelungen gebe, in denen der Mensch sich vergessen und nur an das Wesen,
und an das Los anderer denken soll.
    Nach einigem Schweigen erwiderte er Clelien: »Sie haben mich auf eine Probe
gestellt. Selten wird es vorgekommen sein, dass ein Geistlicher sich scharf
tadeln lassen muss vor einer heiligen Handlung, die man von ihm begehrt. Folgte
ich einer kleinlichen Empfindlichkeit, so würde ich bei meinem Versagen
beharren. Ich bin aber nicht empfindlich, sondern erkläre Ihnen ganz einfach:
Sie haben recht. Ich bin bereit, dem Bunde, welcher uns alle, wie es scheint,
durch seine liebliche Kraft über das Gewöhnliche erhebt, Weihe und Unlösbarkeit
zu geben.«
    Fancy hatte sich schon während der letzten Worte mit dem Ornate in der Türe
gezeigt. Der Diakonus ging hinaus und kam nach einigen Augenblicken im
priesterlichen Kleide zurück. - »Wollen wir ihn nicht vorbereiten lassen?«
fragte Clelia. - »Wozu?« versetzte der Diakonus. - »Das Göttliche regt nicht
auf; es beruhigt. Still treten wir bei ihm ein und ich sage ihm dann in kurzen
Worten sanft, was wir wollen; das ist wohl die beste Vorbereitung.«
    Er nahm Lisbet bei der Hand, die Frauen folgten. Schweigend und gefasst
gingen diese guten Menschen nach dem Zimmer, in welchem sich auf den
Glücklichen, der noch nichts ahnete, sogleich ein Segen herniederlassen sollte,
rein, gross, himmlisch.
                                      Ende
 
                                  Zwei Briefe
                                       I
Sie wollen mir, lieber Herr Buchbinder, wie ein Londoner Publikum, das Nachspiel
zu der Tragödie, die einen heiteren Ausgang gewann, nicht erlassen. Sie fragen
mich nach unterschiedlichen Dingen und Personen, und da Sie mir während der
Arbeit rechtschaffen beigestanden haben, teils durch Heften des Manuskripts,
teils durch guten Rat, so will ich Ihnen auch darin gern, inwieweit ich kann,
gefällig sein.
    Vor allen Dingen wünschen Sie zu wissen, was der Arzt zu der Vermählung
gesagt habe. Herr Buchbinder, Sie sind ein schlauer Vogel. Der Doktor kam
ungefähr eine Stunde nach der Trauung in das Haus und fand noch alles in
Entzücken und Tränen. Er war aber gar nicht entzückt und vergoss auch keine
Träne. Sondern bitterböse war er und rief: »Verdammt, dass der Humor immer
wörtlich genommen wird! Allerdings war der Graf in grosser Gefahr, und noch jetzt
ist ein Rückfall zu besorgen, wenn man ihn nicht vor Gemütsbewegungen in acht
nimmt.« Er hatte hierauf mit der Baronesse ein Gespräch unter vier Augen.
Infolge desselben wusste die junge Dame die neue Gräfin zu bestimmen, dass sie
noch an ihrem Hochzeittage mit ihr abreiste, und so trennte sich das Paar wenige
Stunden nach seiner ewigen Vereinigung unter heissen Tränen, aber mit freiem und
würdigem Entschlusse. Nachdem Clelia ihren entronnenen Gemahl aus dem
Osnabrückschen sich wiedergeholt hatte, reisten sie zusammen durch Holland,
Belgien, Frankreich, England bis nach Schottland. Die junge Frau oder Braut sah
vieles, merkte auf alles und wechselte mit ihrem Gemahle oder Bräutigam die
schönsten Briefe. Man sah ihr nirgend an, dass sie nur ein Findling war, sondern
sie betrug sich wie eine geborene Gräfin. In England wurde sie der Königin
vorgestellt, diese küsste sie auf die Wange und die Frau von Lehtzen nannte sie
»my dear Eliza«.
    Endlich nach sechs oder sieben Monaten schlug die Stunde der Heimkehr. Der
Graf, nun ganz wiederhergestellt, kam den Reisenden bis Rotterdam entgegen und
führte sein bräutliches Weib in grosser Wonne auf das hohe Schloss am Neckar.
    Der alte Baron, über welchen sich bei dem Einsturze des Schlosses schützend
ein Stück Dach gespreitet hatte, wurde dadurch vor dem Zerquetschen bewahrt. Er
schlug nur mit der Stirn auf einen harten Körper, einen Stein oder Balken, auf
und trug eine grosse Brausche davon. Einige Tage lag er betäubt, als er aber
wieder zukehrte, war er von allen und jeglichen Einbildungen geheilt. Entweder
muss daher an ihm das Dogma des Dorfchirurgen vom Schock und Gegenschock sich
bewährt haben, oder die fixen Ideen sind ihm früher von einem Knoten im Hirne
entstanden, den ihm die Erschütterung des Falles gesprengt hat. Genug, er war
auf den Kopf gefallen und dadurch zu Verstande gekommen.
    Einen grossen Schmerz hatte der alte Mann über die Gefühllosigkeit seiner
Pflegetochter, wie er ihr Benehmen nannte. Er wollte sie auch deshalb gar nicht
sehen, als sie ihn endlich besuchte, und sie musste, nachdem sie drei Tage
inständig bittend verweilt hatte, unverrichteter Sache abreisen. Jede Einladung
nach dem Schloss am Neckar hat er beharrlich abgelehnt. Die jungen Gatten
sorgen aber dennoch für ihn durch einen seiner alten Freunde, der von ihnen ins
Vertrauen gezogen worden ist. Dieser zahlt ihm nämlich reichliche Summen aus
unter dem Vorwande, es seien Rückstände von Zinsen, die sein ehemaliger
Rentmeister nachlässigerweise uneingefordert gelassen habe. Der alte Baron wohnt
bei diesem Freunde zur Miete, hat sich wieder Jagdgewehr angeschafft, schiesst
Rehe, so viele er treffen kann, trinkt Rheinwein nach Bedürfnis und lebt ganz
der Gegenwart.
    Der Schulmeister Agesel liess in den »Rheinisch-Westfälischen Anzeiger«
einrücken, er erkläre jeden, der ihn nicht für einen gewöhnlichen Menschen im
vollen Sinne des Worts halte, für einen Schurken, worauf der Küster aus Furcht,
insultiert zu werden, seine andere Furcht nach und nach bemeistern gelernt hat.
    In Dünkelblasenheim steht alles beim alten. Nationallied ist noch immer der
Gesang der Fische aus Wielands Märchen:
Hätten's gern besser
Statt immer schlimmer;
Und raten immer,
Und treffen's nie.
Münchhausen wird in den höchsten Kreisen der Gesellschaft ganz ausserordentlich
vermisst.
    Von dem Verschwinden dieses wunderbaren Mannes ist der Schleier nie gelüftet
worden. Natürlich muss die Krypte einen geheimen Ausgang gehabt haben, wer nur
wüsste, wo? - Eine ganz sonderbare Nachricht verbreitete sich unlängst. Ein
Reisender wollte nämlich in einem kleinen Gebirgsstädtchen im
Hohenzollern-Hechingenschen einen Mann, genau aussehend wie unser Held, mit
einer ältlichen Dame lustwandeln gesehen haben. Auf Befragen hatte man dem
Reisenden
    gesagt, jener Mann heisse Münch, genannt Hausen, lebe vom Ackerbau, sei ein
nützlicher Staatsbürger, guter Gatte und würde ohne Zweifel ein ebenso guter
Vater werden, wenn seine Frau noch Kinder bekommen könnte.
    Wäre dieser unschädliche Acker- und Staatsbürger wirklich Freiherr von
Münchhausen, so hätte sich in unserer lehrreichen Geschichte gerade das
Gegenteil von dem ereignet, was in anderen Geschichten vorzukommen pflegt. Denn
in denen werden meistens alle Vernünftigen toll, in der unsrigen aber wären
durch tüchtige Eingriffe des Lebens, sei es mittelst
    Nichtachtens auf die Schrolle, sei es mittelst Fallens auf den Kopf, oder
mittelst Wiedererscheinens einer alten Geliebten, alle Tollen oder Halbtollen
vernünftig geworden. Gewiss ein tröstlicher Ausgang!
    Mit Wehmut wende ich mich zu Ihrer Frage nach Karl Buttervogel. Dieser
praktische Charakter ist leider an seiner einzigen Schwäche untergegangen, er
starb nämlich am Übermass von Gründen. Das ging so zu. Bald nach dem Verlassen
des Münchhausenschen Dienstes fand er eine neue Herrschaft, bei welcher er auch
mit Pferden umgehen musste, d.h. er wurde zugleich Kutscher. Einstmals fuhr er
nun in einem holprichten Wege so schlecht, dass ihn sein Herr heftig anliess und
ihn fragte, warum er nicht im Geleise bleibe? Karl hätte hierauf einfach
antworten sollen, dass er gen Himmel, statt auf die Strasse gesehen habe. Er
wandte aber den Kopf rückwärts und trug dem Herrn unaufhaltsam eine Fülle von
Gründen vor. Da schlug der Wagen in ein tiefes Loch, Karl stürzte vom Bock, fiel
vor das Rad, dieses ging über ihn weg und jämmerlich kam er um. An seinem Grabe
weint Rieke aus Stuttgart, die er geheiratet hatte, mit zwei unmündigen Kindern.
Ich weiss, dass auch Sie seinem Andenken eine Träne zollen werden.
    Was das optische Glas zu lesen gegeben, kann ich Ihnen nicht sagen. Es liegt
unter den Trümmern des Schlosses, die nicht hinweggeräumt worden sind.
    Habe ich Sie nun zufriedengestellt, lieber Herr Buchbinder? Der ich mit
aller Achtung usw.
N.S.
Beinahe hätte ich den Oberamtmann vergessen. Eine Geschichte mit so vielen
Personen ist wie ein Wirtshaus voll Gäste. Bei der pünktlichsten Aufmerksamkeit
wird doch immer der und jener sitzengelassen. Er kam aus dem gewerbfleissigen
Wuppertale zurück, schon sehr verstimmt, denn von der Assise hatte er nichts zu
sehen bekommen. Den ersten Tag seines Dortseins konnte er nämlich wegen
Überfüllung des Saales mit Menschen nicht hinein, am zweiten Tage wurde eine
Sache bei verschlossenen Türen verhandelt und am dritten eine ausgesetzt, weil
der Hauptzeuge fehlte; womit die damalige Quartalsitzung schloss.
    Als er nun gar seinen Freund, den er brautlos erwartete, vermählt
wiederfinden musste, kannte sein Zorn keine Grenzen. Aber die Ehe sass wirklich
wie ein guter Riegel fest und spottete jeglicher Bemühungen, sie
hinwegzuschieben. Er reiste auf der Stelle ab, hat sich in den Schwarzwald
vergraben und nichts mehr von sich hören lassen. Sein Glaube an die Menschheit
soll sehr gesunken sein und Clelien nennt er, wie man sagt, nur Armiden, die
listige Verführerin. Oswald hofft indessen doch noch ihn auszusöhnen.
 
                                       II
Du fragst mich nicht nach den komischen Leuten, obgleich Du, lustig wie ein
Knabe, an ihnen Dein Ergötzen hattest und Dich selbst nicht scheutest, über »den
gemeinsten aller gemeinnen Bedienten« wie Du ihn nanntest, zu lachen. Du fragst
mich nach Oswald und Lisbet. Ihre Geschichte sei ja noch nicht aus, sagst du.
    Nein, ihre Geschichte ist auch nicht aus, sie hat erst begonnen. Ich hätte
nicht solchen Anteil beiden gewidmet, wenn sie zu denen gehörten, deren Blüte
das Läuten der Hochzeitglocken zu Grabe läutet. Die Geschichte ihres Herzens und
innersten Geistes nahm von dem Segen des Priesters den Ausgang.
    Ein zu frühes Beieinandersein der Liebenden hat etwas Ungeschicktes. Das
Leben ist nun einmal roh, es trennt mehr, als dass es verbinde. Der Tag wirft
viel Schaum und trübe Flut zwischen zwei Herzen, die noch nicht gelernt hatten
und auch unter solchen Umständen nicht lernen können, miteinander vertraut zu
sein - denn auch das echte Vertrauen will gelernt werden. Daher kommt es denn,
dass die meisten einander zu fremd und doch zu nahe in den Ehestand treten. Und
so entsteht die trübe und unreine Gestalt vieler Ehen. In manchem Zufälligen
hatten die Verbundenen das Wesenhafte zu finden gewähnt, das nimmt Abschied, und
nun klagen sie über bittere Enttäuschungen, wo sie im Gegenteil sich vielleicht
der Entfaltung eines Wesenhaftesten zu erfreuen hätten.
    Unser Paar wurde durch anscheinendes Missgeschick über diese gefährliche
Sandbank des Lebens hinübergespült. Draussen, in Wald und Feld, ausser dem Pferch
der Zivilisation hatten sie einander gefunden, hatten einander vor aller
Bekanntschaft geliebt, der Blitz der Ahnung hatte dem einen des andern ewiges
Sein und Werden erleuchtet. Aber nun galt es, den kostbaren Gewinn für die Erde
zu festigen. An dem Tage ihres Bundes wurden sie getrennt! Trauriges Los,
glückseliges Los! In Sehnsucht und Wehmut, in zartem Harren und Darben lernte
nun eines des andern Tiefstes aus; das Feinste und Wahrste der Seelen, der
Blütenstaub des inneren Menschen wehte hinüber und herüber. Die Leidenschaft
konnte nicht aufkommen, denn die Hoffnung, festgeankert auf dem Grunde des
Sakraments, hielt sie mit sanfter Hand nieder, die Ferne zeigte jedem die zweite
teure Gestalt in verklärten Umrissen.
    Daher kannten sie einander, als er ihr bei Rotterdam aus dem Boote half,
aber sie kannten einander in der edelsten und köstlichsten Weise. Den ewigen
Menschen hatte eines in dem andern erschauen gelernt, nicht den zufälligen. Die
Begeisterung des ersten Liebesrausches hatte die süsseste und zugleich die
ernsteste hohe Schule durchgemacht. In allen Tiefen des Bewusstseins hatte sich
das Aufjauchzen des Gefühls als hohe Vernunft wiedergefunden.
    Und nun haben sie einen Glauben, den nichts erschüttern kann. Wenn der Tag
seinen Schaum heranspült und das Bild des Liebsten verunreinigt; wenn die Laune
kommt und das Sonderbare, Dumpfe, so sprechen sie: Das ist nicht Oswald, das ist
nicht Lisbet, das ist der Zufall. Eines ist für das andere nur da in der
schönen Figur jener akademischen Zeit ihrer Liebe.
    Nach allen Seiten hin erbaut sie die Ehe, die den Namen einer heiligen
verdient. Denn sie haben einander einen Doppelschwur geleistet ohne Worte. Eins
wollen sie sein und bleiben, aber eins im Leben und in der Welt, nicht sich
versteckend vor Leben und Welt. Mit Liebe wollen sie den stumpfen Widerstand der
Materie überwinden. Der ist gross. Denn ihr Schritt hat freilich in alle
Verhältnisse den tiefsten Riss gemacht. Man lässt Lisbets Liebenswürdigkeit zwar
gelten, aber das Findelkind bleibt ihnen doch ein Findelkind. Die Bekannten
haben gestutzt, die Freunde getrauert, die Familie ist ausser sich gewesen,
habsüchtige Vettern schielten froh nach der Zukunft. Zwischen diesen dürren
Klippen, in solcher Wildnis ist ihnen die Aufgabe gesetzt, den Garten eines
schönen, fruchttragenden Lebens auszusäen. Daher hat denn ihre Geschichte nur
erst begonnen. Überallhin müssen sie sich aufstellen, jeden Schatz aus sich
zutage fördern, sie müssen sich vollenden für die Welt und für die Zwecke der
Welt, um das Recht des Herzens darzulegen.
    »Eine Liebesgeschichte und nichts weiter!« werden manche sagen. Wenn es
nichts weiter wurde, so ist daran meine geringe Fähigkeit, nicht mein Sinn
schuld. Mein Sinn stand darauf, eine Geschichte der Liebe nachzuerzählen, der
Liebe zu folgen bis zu dem Punkte, wo sie den Menschen für Haus und Land, für
Zeit und Mitwelt reif, mündig, wirksam zu machen beginnt.
    Deine Seele hat manchen Gedanken von mir in sich empfangen, Du hast ihn
gepflegt und mir schöner zurückgegeben. Von Dir vernahm ich zuweilen erst, was
ich eigentlich gedacht hatte. Höre denn auch jetzt, was meine rauhe und
ungestüme Lippe Dir zustammelt; pflege es in einem feinen, guten Gemüte.
    Unsere Zeit ist gross, der Wunder voll, fruchtbar und guter Hoffnung. Aber
irr und wirr taumelt sie noch oft hin und her, weiss die Stege nicht und plaudert
wie im Traume. Das rührt daher, weil das Herz der Menschheit noch nicht wieder
recht aufgewacht ist. Denn nicht abhanden kam der Menschheit das Herz, es ward
nur müde und schlief etwas ein. Im Herzen müssen sich die Menschen erst wieder
fühlen lernen, um den neuen Weg zu erkennen, den die Geschlechter der Erde
wandeln sollen, denn vom Herzen ist alles Grösste auf Erden ausgeschritten. Moses
sah an das Elend seines Volkes und führete es hinweg; Christus wollte sein
göttliches Licht nicht für sich behalten, sondern in überströmender Liebe gab er
es seinen Brüdern; nach dem heiligen Grabe lechzete die durstige Brust der
Kreuzfahrer, Luter tat mit seinem Herzen die tiefe Frage nach der ewigen
Seligkeit, vor welche sich schmauchende Kirchenkerzen gestellt hatten, die von
Messgewändern und Weihrauchwolken verhüllt war.
    Wenn ich aber das viel gemissbrauchte und deshalb übel berufene Wort brauche,
so weisst Du, dass ich damit nicht den schlaffen, von der Empfindelei getauften
Muskel meine, der in einer Flut matter Tränen schwimmt. Das volle, starke Herz
meine ich, vom Atem Gottes und göttlicher Notwendigkeiten durchweht und
begeistet. Ich meine das Herz, welches das schöne Weib des Kopfes ist. Von ihm
wird es befruchtet und gibt die Kraft seines Mannes und Herrn wieder als
göttliches Kind mit tiefen welterlösenden Augen. Dieses Herz erscheint den
Schwachen nicht selten kalt und roh, und doch ist es das Wärmste, was es gibt,
denn es entzündet mit seinem Brande die Völker. Und das Zärteste ist es auch,
denn nicht irdische Stümper rühren es, sondern die Himmlischen spielen darauf,
wie auf einer Äolsharfe, und es tönet seine ewigen Akkorde unter den Fingern der
Elohim.
    Unsere Zeit ist ein Kolumbus. Sie sieht wie der Genueser mit den Blicken des
Geistes das ferne Land hinter der Wüste des Ozeans. Desselbengleichen erlebt sie
die Geschicke des Kolumbus. Auch ihr laufen die Kinder nach, halten sie für
wahnwitzig und zeigen an den Kopf. Auch sie steht vor manchem Rate von Salamanca
und soll sich aus Kirchenvätern widerlegen lassen. Auch heuer gibt es diesen und
jenen heuchlerischen Johann von Portugal, der ihr das Geheimnis abgekauft zu
haben wähnt und die Karavelle aussendet von den Inseln des Grünen Vorgebirges,
aber nach vierzehn Tagen den schlechten Bootsmann entmutigt wiederkehren sieht.
- Sie hat die Anker gelichtet und steuert und steuert.
    Aber der Genueser hatte die Bussole am Bord und nach der richtete er sein
Schiff und liess sich nicht irremachen, als die Nadel unter entlegenen Graden
abzuweichen begann. Die Nadel zeigte ihm den Pfad.
    In das Schiff der Zeit muss die Bussole getan werden, das Herz. Und keine
Abweichung muss den Seefahrer irren, wenn die Reise immer weiter und weiter
vordringt. Dann wird nach verzweiflungsvollem Hoffen und Harren plötzlich in
einer Nacht vom Schiffe: »Land!« gerufen werden, und die Insel San Salvador wird
nächsten Morgens entdeckt daliegen, wild, üppig, mit grossen und schönen Wäldern,
mit unbekannten Blumen und Früchten, von reinen, lieblichen Lüften überhaucht
und umspült von einem kristallklaren Meere. - Und es kann sein, dass auch die
Zeit nach Ophir und nach des Tartarkhanes Gebiete entsteuert zu sein wähnet, und
in diesem Wahne, ein erhaben phantasierender Kolumbus, abstirbt, und dass erst
spätere Jahre erfahren, Amerika sei an jenem Morgen entdeckt worden.
 
                                    Fussnoten
1 So heisst in manchen Gegenden ein Strick.
2 Ausdruck für Broterr.
3 Provinzialismus für: Mädchen.
4 Abgekürzt für: Brigitta.
5 Soll wohl heissen: geschlagen.
6 Er meint vermutlich den Vorfall, den die Erbstattalterin in den holländischen
Unruhen auf ihrer Reise nach dem Haag erlebte.
7 Bei den Hochzeitmahlzeiten der Bauern in dortiger Gegend warten der Bräutigam
und der Schulmeister auf; sonst niemand.
8 Vermutlich sind hier die rastlos schwirrenden grauen Nachtfalter mit dem
fischschweifartigen Hinterleibe genannt.
9 Ist nun auch schon veraltet. - Doch wer weiss?
10 Unbegreifliches Verfahren! Warum setzte er die Interessenten nicht von der
ihrem Meister und Freunde drohenden Gefahr in Kenntnis? Sie würden sich mit ihm
gegen die Feinde verbündet haben und nachher hätten sich die allseitigen
Ansprüche ordnen lassen. Statt dessen verliert er die Zeit mit unnützem
Protokollieren! Es ist offenbar, dass sein erster Fehlschritt ihm das klare
Bewusstsein von der Lage der Sache getrübt hatte.
11 Die Umgrenzung des zu einem Hof gehörigen Feld-, Wiesen- und Baumgrundes.
12 Anfall von Schlagfluss.
 
    