
        
                              Johanna Schopenhauer
                                  Richard Wood
                                     Roman
  Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram,
 Dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!
                                                                         Hamlet.
 
                                  Erster Teil
Der Winter war, gegen Ende des Märzmonats, nach kurzem Scheiden, mit
verdoppeltem Inngrimm wiedergekehrt; gewaltige Eiszapfen schwebten von allen
Dächern herab, und flimmerten im klaren kalten Mondenlicht, kristallnen
Girandolen vergleichbar. Der alles überkleidende Schnee blitzte, wie mit
Diamanten übersäet, unter dem knisternden Fusstritt einzelner Wanderer, die,
Pelz, Bart und Haar mit Reif bepudert, ihrer Wohnung zueilten. Öde und
vereinsamt lagen Moskaus sonst so lebensreiche Strassen wie ausgestorben da, denn
Menschen und Tiere drängten, von grimmiger Kälte getrieben, im Innern der
Gebäude, zwischen den wärmenden vier Wänden sich zusammen, die Keiner verliess,
den Notwendigkeit nicht hinaustrieb.
    In der Vorhalle der grossen, aus der Asche wieder aufgestiegenen Kaserne,
welche zur Militairschule gehört, standen indessen dennoch zwei junge Männer,
ohne die grosse Kälte anscheinend zu bemerken, in eifrigem Gespräch lange bei
einander. Der eine derselben, vom Kopfe bis zum Fuss in reiche Pelze gehüllt,
vermochte zwar wohl der rauhen Winterluft Trotz zu bieten, doch nicht so der
Andere, eine jugendlich zarte schlanke Gestalt, in der leichten Uniform der
Lanzenreiter vom Bug; und doch war es gerade dieser, der, als ob er die Kälte
gar nicht empfände, seinen wohl bepelzten Freund festielt, und immer wieder -
und immer fester an die Brust drückte.
    Nun, so gehe denn, weil es nicht anders sein kann! sprach er endlich, indem
er sich nicht ohne Anstrengung zusammennahm: mein Freund, mein Bruder, mein
Eugen! gehe zurück zu den Deinen, zurück zum Palast Deines Vaters! gehe, aber
verlass mich nicht ganz. Reiche mir zuweilen die Freundeshand über die Kluft hin,
welche der heutige Abend zwischen uns öffnet, - damit ich nicht ganz verstossen
mich fühle! setzte er, unwillkürlich sehr weich werdend, hinzu; und wandte
unmutig sich ab, vielleicht um eine aufsteigende Träne in seinem Auge zu
verbergen.
    Eugen trat ein Paar Schritte zurück und sah ernst und forschend ihm ins
Gesicht. Du bist krank! rief er, gewiss Richard, Du bist wieder krank, denn mit
gesunden fünf Sinnen kannst Du auf solche ganz absurde Gedanken nicht verfallen.
Nun, so steige nur gleich in den Schlitten, und fahre mit mir wieder nach Hause;
ich will es bei Deinem Rittmeister schon verantworten.
    Mein Gemüt, meine Seele sind voll trüber Gedanken und Trennungsweh', doch
körperlich krank bin ich nicht: erwiederte Richard, wehmütig lächelnd.
    Ob Du wunderlich bist! rief Eugen; warum geberdest Du Dich denn so? spricht
der Mensch nicht von Kluft! von Verlassensein! von lauter Jammer und Not, als
ob Gott weiss was für ein grosses Unheil über ihn hereingebrochen wäre! Kannst Du
denn wirklich befürchten, weil Du in der Kaserne jetzt wohnst und nicht mehr bei
uns, würde Dir es an irgend etwas mangeln? recht wie ein Muttersöhnchen, das von
Mama weg auf die Hochschule soll, und nun meint es wäre aus mit allem irdischen
Glück.
    Für solch ein Jammerbild wirst Du mich doch nicht halten, rief Richard
bitter lächelnd.
    Freilich nicht, erwiederte ebenfalls lachend Eugen, aber, nimm's nicht übel,
seit einer Stunde ist dieses das erste vernünftige Wort, das ich von Dir höre.
Soll ich Dich abermals daran erinnern, dass Keiner dieser Prüfungszeit, die Du
jetzt antrittst, beim Anfange seiner militairischen Carrière sich entziehen
kann? und auch dass es Mittel gibt, sie in gewissen Fällen sehr abzukürzen? Du
kennst meinen Vater, an seiner herzlichen Liebe zu Dir kannst Du nicht zweifeln,
also - fasse Mut, sei vernünftig und hoffe das Beste.
    Ein schwerer Seufzer, der hörbar den tiefsten Tiefen seiner Brust sich
entwand, war Richards Antwort. Eugen sah zweifelnd ihn an, und blieb still und
gedankenvoll vor ihm stehen.
    Richard, sprach er nach kurzem Schweigen sehr sanft, beinahe verlegen, es
muss heraus, was ich auf dem Herzen habe; bereuest Du gerade diese Bahn zu Deinem
ferneren Fortkommen Dir erwählt zu haben? Ist dem so, wie eine leise Ahnung in
meiner Seele behaupten will? Warum solltest Du Dich scheuen, es Deinem Freunde
schnell und offen zu gestehen. Es war Deine eigne Wahl, Niemand hat versucht sie
leiten zu wollen. Aber in der Ferne sehen die Dinge anders aus als in der Nähe,
und man missversteht oft sich selbst und das eigne Herz.
    Nein, nein, und Tausendmal nein! rief Richard mit grosser Heftigkeit; ich bin
kein wankelmütiger Knabe, kein schwankendes Rohr. Ich habe alles wohl
durchdacht, geprüft, überlegt, als ich den einzigen Weg einschlug, der mir, dem
Namenlosen, dem Armen, eine entfernte Möglichkeit bot, ihn dem hohen
Fürstenhause einigermassen zu nähern, dem Du, dem die Deinen angehören, zu dem
auch ich einst durch meine seltsame Stellung verleitet - -. Ach! lass jene
qualvollen Tage mich vergessen! Lass mich hoffen, Zeit und Glück werden mir
günstig sein. Und wahrlich, fuhr er, sich plötzlich hochaufrichtend, mit warmer
Begeisterung fort: wahrlich, stellt sich mir die Gelegenheit, stellt sie sich
mir, in welcher Gestalt es sei, ich werde nicht schwachmütig sie mir
entschlüpfen lassen. Bei der Stirnlocke will ich die Flüchtige schon zu fassen
und zu halten wissen. Ich erreiche das Ziel, das ich mir gesetzt, oder gehe
unter im Streben danach.
    Bravo! bravo! so ist es Recht, so gefällst Du mir; erwiederte Eugen und
schüttelte ihm kräftig die Hand. In kurzen flüchtigen Worten ermahnte er ihn
nochmals, so guten Mutes zu beharren; erinnerte, dass er Morgen zur Mittagstafel
erwartet werde, um selbst zu berichten wie seine neue Wohnung ihm gefalle, und
dass Helene fest darauf rechne, noch vorher die gewohnte musikalische
Übungsstunde mit ihm zu halten. Dann warf Eugen sich in den schon längst seiner
harrenden Schlitten, und jagte wie auf Sturmesflügeln davon.
    Richard starrte in die kalte schweigsame Mondnacht hinein, bis seinem Auge
die flüchtige Freundesgestalt entschwunden, und auch der letzte Ton des
silbernen Schellengeläutes verhallt war. Dann wandte er sich, und stieg langsam
die zu seinem Zimmer führende Treppe hinan.
    Auf alles, was in demselben zu seiner Bequemlichkeit beitragen konnte, war
mit liebender Sorgfalt Rücksicht genommen. Zwischen Schlaf und Wachen harrte im
Vorsaal der alte Paul seiner Befehle, ein treuer Diener, der schon seiner
Kindheit gepflegt hatte, und ihm jetzt zur Bedienung zugegeben worden war. Vom
grossen Ofen ging eine überall gleichverbreitete wohltätige Wärme aus,
wohlverwahrte Doppelfenster hielten das Eindringen der rauhen Winterluft ab, und
ein dicker Teppich deckte den Fussboden. Auch fehlte es weder an einem mit seinen
Lieblingsschriftstellern wohl besetzten Bücherschranke, noch an einem bequemen
Schreibtische.
    Richard wollte der tätigen Teilnahme sich freuen, mit der hier für ihn,
den dunkeln Fremdling, gesorgt worden war; aber das sonst so warme, jedem frohen
Gefühl offne Herz lag für jetzt wie todt und erstarrt ihm in der Brust. Mit
einer gewissen Ängstlichkeit suchte er nach irgend etwas, das ihn lebhaft genug
anregen könne, um die innere Trostlosigkeit zu bekämpfen, die immer mächtiger
werdend, sich seiner ganz zu bemeistern drohte; da fiel in einer etwas dunkeln
Ecke des Zimmers eine schön gearbeitete Schatulle ihm auf, die er bis dahin
übersehen, und zugleich erinnerte er sich eines Schlüssels, den Eugen, ehe er
von ihm ging, ihm übergeben und zu sichrer Aufbewahrung anempfohlen hatte.
    Unbeschreiblich freudig überrascht, erkannte er in dem zierlichen Behältnis
ein sonst hochgehaltenes Eigentum der Fürstin Eudoxia, der Mutter Eugens. Es
war das Meisterstück eines jungen Ebenisten, der unter dem Schutze ihres Gemahls
sich kürzlich in Moskau niedergelassen hatte; ein Kästchen von Ebenholz, mit
einem gleich Diamanten blitzenden stählernen Netze überzogen. Aus jedem der
hellpolirten Stahlplättchen leuchtete, wie aus so vielen freundlichen Augen, ein
Strahl jener sonnenhellen Tage seiner Jugendzeit ihm entgegen, die er in banger
Vorahnung mit dem heutigen geschlossen gewähnt, und eine Träne der reinsten
gefühltesten Freude umdunkelte sein Auge, als er vor dem Inhalte des Kästchens
stand, beinahe laut aufjauchzend, wie ein glückliches Kind vor der unerwartet
reichen Weihnachtsbescheerung.
    Im kleinen Raum lag hier seine ganze glückliche Knaben- und Jünglingszeit
ausgebreitet vor ihm; von den mit mühseliger Künstlichkeit aus Renntierknochen
geschnitzten Figürchen der Lappländer an, die er einst als vortreffliche
Meisterstücke bewundert hatte, bis zu den glänzenden Terzerolen des Fürsten
Alexis, Eugens älterem Bruder, zu denen er oft in kindischer Sehnsucht seufzend
hinaufgeblickt, und dem prächtigen, mit Rubinen und Smaragden besetzten
Türkendolch, sonst Eugens liebstes Eigentum, das ohne seine Erlaubnis Niemand
zu berühren, kaum anzublicken wagte. Dicht daneben kauerten auch die kleinen
glattköpfigen Chinesen von Speckstein in einer Ecke beisammen, die viele Jahre
lang auf einem Ecktischchen im Zimmer der Fürstin Eudoxia ihren Platz gehabt
hatten, und wurden von ihm als kleine stumme Gesellen seiner glücklichsten
Stunden mit einer Art von Rührung begrüsst. Denn nur wenn er ganz ausgezeichnet
folgsam und fleissig gewesen war, wurde es ihm erlaubt, zu den Füssen seiner hohen
Pflegemutter damit zu spielen.
    Nichts von Allem fehlte, was in früher Jugend ihm besonders wert oder
bedeutend erschienen. Da war die eigne Uhr des väterlichen Beschützers seiner
Kindheit, des Fürsten Andreas; wie oft hatte dieser sie geöffnet, um dem auf
seinem Knie sich schaukelnden Knaben das feine innere Räderwerk derselben
bewundern zu lassen! Auch das einfache Taschenbuch, das er täglich in dessen
Händen gesehen; Richard war in diesem Augenblicke zu bewegt, um den reichen
Inhalt desselben zu bemerken. Da war auch noch eine kunstreiche Stickerei von
den eignen Händen der Fürstin Eudoxia, eine von der Fürstin Natalie, der
ältesten Tochter jenes edlen Paares, gezeichnete Landschaft, ein silberner
Becher vom Fürsten Konstantin, ihrem verlobten Bräutigam; Richard hatte einst
bei diesem den Becher gesehen, und die schöne getriebene Arbeit daran bewundert.
    Sogar keines der entfernteren Mitglieder der Familie hatte sich davon
ausgeschlossen, ihn, der so lange in ihrer Mitte gelebt hatte, durch ein
Andenken an vergangne Tage zu erfreuen. Der Tisch war bald mit einer Menge jener
eben so zierlichen, als grösstenteils unbrauchbaren kleinen Gerätschaften aus
Bronze und Vermeille bedeckt; glänzendes Spielzeug für grosse Kinder, das die
Mode überall, besonders aber in Russland eingeführt hat. Denn ungeachtet der
unglaublichen Fortschritte, die dieses, die erste Grenze höherer Kultur erst vor
kurzem überschritten habende Volk während des Laufes der letzten hundert Jahre
gemacht hat, neigt sein Geschmack sich noch immer mit einer Art kindlicher
Naivität dem zu, was die alten Griechen barbarisch zu nennen pflegten.
    So suchen nur Eltern ihren Sohn, Geschwister ihren Bruder, über eine
notwendig gewordene Entfernung aus dem väterlichen Hause zu trösten und
zugleich ihr Andenken in ihm lebendig zu erhalten: rief es laut in seinem
Herzen. Seit über seine wahre Lage ihm die Augen aufgegangen waren, konnte er es
sich leider nicht mehr verhehlen, dass er ein Fremdling unter Fremden
aufgewachsen sei; doch diese traurige Wahrheit drückte ihn nicht mehr zu Boden;
er hatte die Überzeugung gewonnen, geliebt zu sein, und diese erhob ihn wieder;
sie tröstete ihn über Alles, was er früher entbehrt hatte, ohne es zu empfinden.
    Ungeachtet der vor ihm ausgebreiteten Reichtümer schien Richard aber doch
noch etwas zu vermissen; er suchte und suchte mit steigender Ängstlichkeit, bis
er endlich auf dem Grunde der Schatulle ein ziemlich zerlesenes Büchelchen fand,
eine englische Taschenausgabe des Vicar of Wakefield, und in demselben als
Buchzeichen ein Stückchen blaues Silberband. Alles übrige war nun vor seinen
Augen verschwunden; die auf dem Tische ausgebreiteten Herrlichkeiten mochten
liegen bleiben wie sie lagen, er warf mit seinem Funde sich in den nächsten
Sessel, und schien eifrig die unscheinbaren Blätter zu studiren. Ob er wirklich
darin las? wer mag das sagen.
    Nun, Bruderherz, spielst Du auch hier noch immer den Gelehrten? rief eine
tiefe sonore Stimme neben ihm, und ein leichter Schlag auf die Achsel begleitete
die Frage. Richard blickte auf; Iwan Yakuchin, Unteroffizier des Regiments, zu
welchem auch er von heute an gehörte, stand vor ihm, ein ihm sehr lieber, wenn
gleich nicht alter Bekannter; denn Iwan war erst seit wenigen Monaten aus dem
südlichern Russland nach Moskau gekommen.
    Er war an Leib und Seele ein roher Diamant, dieser Iwan; ein treues,
tapfres, redliches Gemüt, dessen seltnen Wert Richard auf den ersten Blick
erkannt hatte; obgleich er weit davon entfernt war, ihn seinem weit höher
gebildeten Freunde Eugen gleichzustellen, dessen ganzes Wesen durch die
zartesten, innigsten Bande dem Seinigen auf das unzertrennlichste verzweigt war.
Iwan aber hatte mit seinem heissen, liebebedürfenden, durch die erste Trennung
vom väterlichen Heerde schmerzlich verletzten Herzen, sich an die Brust des
Jünglings geworfen, dessen milde edle Erscheinung ihn unwiderstehlich anzog; er
war nicht gewohnt, das was in seinem Gemüte vorging, bis auf gelegenere Zeit
weltklug zu verbergen, und Richard war eben so wenig dazu geeignet, eine ihm
entgegenstrebende Neigung hart und kalt von sich abzuweisen.
    Nicht nur als Kamerad, auch als Nachbar komme ich in dieser späten Stunde
Dich zu begrüssen; denn wenn gleich weite Hallen, lange Korridors und einige Höfe
zwischen uns liegen, so wohnen wir doch eigentlich unter einem Dach, sprach Iwan
und schüttelte treuherzig dem Freunde die Hand. Was bin ich froh, Dich der
parfümirten, vornehmen Atmosphäre endlich entronnen zu sehen, in welcher ein
geheimes Etwas unser Einem, mir wenigstens, immer den Atem versetzt! fuhr er
fort. Jetzt erst, Herzensbrüderchen, wirst Du recht aufleben, wenn Du fühlst und
einsiehst, was es sagen will, sich selbst angehören, sich nach eigner Willkür
regen und bewegen, frei von den tausend Banden, mit welchen jene Kneesen,
Fürsten, oder wie man sie nennen will ...
    Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, sind, die Du meinst, mir gewesen;
sie sind es mir noch, und werden es bleiben, und ich will auf keine Weise sie
schelten hören: fiel Richard heftig mit zornblitzenden Augen ihm ein. Und wenn
ich sie nie wiedersähe, und wenn sie ihre Hand ganz von mir abzögen, sie bleiben
das Kleinod meines Herzens, an dem ich hänge, fester als am eigenen Leben. Habe
ich nicht, ausser diesem, ihnen alles zu verdanken? und ich will sie nicht
verunglimpfen hören, nicht durch den Schatten eines sie herabsetzenden
Gedankens.
    Nun nun! nun nun! erwiederte Iwan sehr gutmütig, ereifre Dich nicht, ich
meine es ja nicht böse. Ich will mich ja gern fügen, wenn man mir nur das
Verständnis öffnet. Ich kenne ja nichts, bin hier noch nagelneu, weiss noch von
gar nichts; nicht einmal wer Du eigentlich bist. Als ich auf der Reitbahn zum
erstenmale Dich sah, hätte ich Dich beinahe auch für so ein Fürstenkind
gehalten. Und vielleicht bist Du es auch, denn hier sieht es doch gewaltig
fürstlich aus! rief er plötzlich, indem er jetzt erst den mit glänzenden
Geschenken bedeckten Tisch gewahr wurde. Was für Reichtümer! Hilf Gott,
dergleichen kommt mir nicht einmal im Traume vor.
    Richard, in der noch nicht verklungenen Freude seines Herzens, und zugleich
froh dem Gespräch dadurch eine andre Wendung geben zu können, beeiferte sich
seinem Freunde mit der grössten Gefälligkeit jedes Stück einzeln zu zeigen, und
ihm den Gebrauch von manchem derselben zu erklären. Denn der gute Iwan war ein
ebenso grosser Neuling in Hinsicht dessen, was die elegante Welt unentbehrlich
nennt, als des Lebens in und mit ihr. Zugleich nannte Richard bei jedem der
Geschenke ihm den Namen des Gebers, und suchte bei einigen derselben ihm
begreiflich zu machen, durch welche Nebenbedeutung diese einen unschätzbaren
Wert für ihn erhielten. Iwan sah und hörte alles mit der grössten Aufmerksamkeit
an: Brave Leute, gute Leute, vornehm aber gut, murmelte er dabei in abgebrochnen
Sätzen vor sich hin; ja wohl Eltern und Brüder für Dich, musst sie ehren und
lieben, Du kannst nicht anders. Nachdem Iwan alles sattsam betrachtet und
bewundert hatte, ausgenommen den Vicar of Wakefield, der ihm nicht gezeigt
worden war, und dem er auch wohl kein Interesse abgewonnen hätte, setzten beide
Freunde in immer traulicher werdendem Gespräch sich zu einander hin. Iwan
erzählte von seinen früheren Verhältnissen; von seinem alten Vater, einem
wackern Landmanne am Fusse des Kaukasus, von seiner fleissigen, noch im höheren
Alter im Haushalte rührigen Mutter; von seinen vielen Schwestern und Brüdern,
sogar von seinen vielen Hunden, die er alle hatte daheim lassen müssen, und nur
einen mitnehmen dürfen. Er war so jung, so einfach auferzogen, hatte so weniges
erlebt, dass ihm alles bedeutend erschien. Auch Richarden ging, in der Stille der
Nacht, das ohnehin sehr bewegte Herz auf; auch er ergoss sich in offnem Vertrauen
gegen seinen Freund; und als Iwan zu später Nachtzeit ihn verliess, konnte er
nicht mehr darüber klagen, dass er nicht wisse, wer Richard eigentlich sei.
Sally! mach' endlich Feierabend: setz' Dich zu mir, und lass' uns unser
Butterbrod und unsern Krug Porter gemütlich mit einander verzehren, ich habe
viel Neues Dir mitzuteilen, und mich über mancherlei mit Dir zu beraten.
    So ungefähr hatte zwölf oder dreizehn Jahre vor jenem Abende in dem kleinen
englischen Fabrikstädtchen Nottingham, Master Wood, ein guter ehrlicher
Strumpf-Fabrikant, seiner noch in ihrem Haushalt beschäftigten Ehefrau
zugerufen.
    Ohne diesen letzten Zusatz hätte Misstress Wood ihren lieben Herrn und
Gebieter wohl noch ein halbes Stündchen warten lassen. Zwar waren die Kinder
schon zu Bette gebracht, die Taubenpastete für den morgenden Sabbat, dieses
grösste Festtagsgericht der englischen Kleinbürger, war bis zum Abbacken fertig,
die Rhabarber-Torte ebenfalls, die Keine so trefflich zu bereiten wusste als sie:
es war jedoch Sonnabend, am folgenden Tage wurden einige Gäste aus der
Nachbarschaft erwartet, und die ordnungsliebende Hausfrau hätte gar zu gern vor
Schlafengehen noch dieses und jenes besorgt.
    Aber Master Wood hatte ihr Neues zu erzählen, und verlangte obendrein ihren
Rat, ein Fall der sich nicht oft ereignete; was in aller Welt konnte das
bedeuten! dieser Gedanke besiegte jede ihrer Bedenklichkeiten. In aller
Geschwindigkeit warf sie noch eine Hand voll Cayenne-Pfeffer in die Pastete,
band ihre Küchenschürze ab, rückte vor dem Spiegel ihre Haube zurecht, und sass
nach zwei Minuten mit dem allerfreundlichsten erwartungsvollsten Gesicht neben
ihrem Mann, an dem bereits gedeckten Abendtisch.
    Beide befanden sich in jener heitern zufriednen Stimmung, wie sie der in
England dem stillen Genusse häuslichen Wohlbefindens besonders geweihte
Samstagabend erfordert, dieser freundliche Vorläufer des ernsteren, halb dem
Gottesdienst, halb der Langenweile gewidmeten Sonntags. Master Wood hatte, wie
der pünktliche Geschäftsmann an diesem Tage immer tat, seinen Arbeitern ihren
Lohn ausgezahlt, seine Wochenrechnungen abgeschlossen, und war mit dem Ertrage
derselben zufrieden. Misstress Wood freute sich auf die einer arbeitsvollen Woche
folgende Sonntagsruhe, auf den morgen zu erwartenden Besuch ihrer Verwandten,
auf das neue Bonnet, mit welchem sie in der Kirche zu erscheinen gedachte. Mann
und Frau waren gute, redliche, fleissige Leute, denen es, bei ziemlich
beschränkten Mitteln, nicht leicht wurde, sich und ihre vierzehn Kinder
anständig und ehrlich durch die Welt zu bringen, von denen das älteste achtzehn,
das jüngste andertalb Jahre alt war.
    Solche zahlreiche Familien sind indessen in Grossbritannien, besonders beim
Mittelstande, nichts Ungewöhnliches; und das Ehepaar war mit seiner Lage ganz
zufrieden. Der Hausvater hätte freilich gern, durch einige Vermehrung seines
Kapitals, seinem Geschäft eine grössere Ausdehnung gegeben; war aber doch
herzlich froh, wenn bei möglichstem Fleiss von seiner, bei möglichster
Sparsamkeit von seiner Frau Seite, es am Ende des Jahres ihm gelang, beide Enden
zusammenzubringen, wie er es nannte; das heisst, wenn seine Ausgaben seine
Einnahme nicht überstiegen. War er aber vollends so glücklich gewesen eine
kleine Summe erübrigt zu haben, die er zu seinem Kapital schlagen konnte, so
hätte er in dem Augenblicke gewiss nicht mit dem Lord Mayor von London getauscht.
    Nach Beendigung des frugalen Mahles zog Master Wood, mit einiger
Umständlichkeit, einen dicken Brief hervor, und machte Anstalt ihn seiner Frau
vorzulesen; denn kein Engländer wird während der Mahlzeit von Geschäften
sprechen; auch hatte Misstress Wood äusserlich ganz gelassen, wenn gleich vor
innerer Ungeduld brennend, diesen Zeitpunkt abgewartet. Das Schreiben war von
einem bedeutenden Correspondenten ihres Mannes, dem reichen und angesehenen
Strumpfhändler Smit in London und der Anfang desselben kam der guten Frau zwar
ganz angenehm, aber keinesweges besonders merkwürdig oder interessant vor. Es
entielt einige Bestellungen im Fache ihres Gatten, deren Ausführung freilich
einen ziemlich bedeutenden Vorteil abzuwerfen versprach.
    Jetzt, Sally, gieb Acht, nun kommt das Beste, rief Master Wood, indem er das
Blatt umschlug, und zugleich seine Frau bemerken liess, wie bis dahin der Brief
von dem Handlungsdiener seines geehrten Gönners und Freundes, der nun folgende
Zusatz aber von ihm selbst eigenhändig geschrieben sei; dann las er:
    »Seit unsrer ersten kommerziellen Verbindung, werter Sir, besonders aber
seit ich Sie und Ihre Familie persönlich kennen lernte und von Ihnen eingeladen
wurde, bei einem Ihrer Söhne Patenstelle zu vertreten, habe ich mir immer
gewünscht, durch mehr als blosse Worte mein aufrichtiges Wohlwollen und meine
Teilnahme Ihnen zu beweisen, und die Gelegenheit dazu hat sich gestern ganz
unerwartet gefunden.
    Sir John Murray, mein sehr ehrenwerter Freund, dessen grosses Übergewicht an
der Londoner Börse Ihnen gewiss nicht unbekannt ist, und mit dem ich zuweilen von
Ihnen und der zahlreichen Familie gesprochen, mit welcher es dem Herrn gefallen
Sie zu segnen, hat mir, in Hinsicht auf Sie, einen Vorschlag getan, der mir zu
annehmbar scheint, als dass man vernünftiger Weise nicht darauf eingehen dürfe.
    Ein sehr vornehmer russischer Grosser, ungefähr das, was man in unserm Lande
einen Lord und Pair des Reiches nennen würde, hat durch den berühmten Banquier
Gross in St. Petersburg an unsern Sir John den Auftrag ergehen lassen, ihm einen
acht bis zehnjährigen englischen Knaben, von guter ehrbarer Familie,
herüberzuschicken, den er mit seinen eigenen, ungefähr im nämlichen Alter
stehenden Kindern erziehen lassen will, damit diese, gleichsam spielend, auf
leichte Weise von ihm englisch reden lernen. Denn Sie müssen wissen, werter
Sir, unsre Sprache wird auf dem Kontinente, besonders aber in Russland, mit jedem
Jahre beliebter, und es ist dort in grossen Häusern gebräuchlich, junge
Ausländer, besonders englische oder deutsche Knaben, zu dem nämlichen Zwecke in
ihren Familien aufzunehmen.
    Sir John, dem meine Vorliebe für Sie und die Ihrigen nicht unbekannt ist,
kam gleich nachdem er diesen Auftrag erhalten zu mir, um sich zu erkundigen, ob
einer Ihrer Söhne sich vielleicht zur Erfüllung desselben eignen möchte, fügte
aber hinzu, dass kein langes Bedenken hier statt finden könne, sondern im
Gegenteil der Entschluss gleich auf der Stelle gefasst werden müsse. Die schon
weit vorgerückte Jahreszeit möchte einer so bedeutenden Seereise nicht lange
mehr günstig genug bleiben, um sie mit vollkommner Ruhe und Sicherheit
unternehmen zu können; überdem liegt das nach Petersburg bestimmte gute Schiff,
der Delphin, in diesem Augenblicke segelfertig auf der Temse, dessen Kapitain,
der mir und Sir John wohlbekannte Simon Hill, ganz der Mann dazu ist, das Kind
unterwegs wohl zu verpflegen, und ungefährdet an Ort und Stelle zu bringen.
    Vor Allem bitte ich Sie, werter Freund, bei diesem Vorschlage, auch nicht
auf die allerentfernteste Weise, an entehrende Dienstbarkeit zu denken. Ihr Sohn
wird gewiss nicht den jungen russischen Lords zur Aufwartung beigegeben; er soll
weder ihr Tiger, wie unsre Dandys das nennen, noch ihr Jokei werden, sondern, in
allen Stücken ihnen gleich gehalten, alle Vorteile einer liberalen Erziehung
mit ihnen zugleich geniessen, wie nur sehr reiche und vornehme Eltern sie ihren
Kindern zu gewähren vermögen. Hat er dereinst das dazu gehörige Alter erreicht,
so kann er fest darauf rechnen, im dortigen Lande durch die edle Familie, in
welcher er aufgewachsen, eine anständige, seinen Wünschen und Talenten
angemessene Versorgung zu erhalten, oder für seine Zukunft wohl ausgestattet, in
sein Vaterland zurück gesandt zu werden wenn er, als ächter Britte, dieses
vorziehen sollte.
    Die einleuchtend grossen Vorteile dieses Anerbietens können Ihrem guten
soliden Verstande unmöglich entgehen. Nicht nur dass Sie dadurch den mit jedem
Jahre zunehmenden Ausgaben für die Erziehung eines ihrer Söhne überhoben werden;
was bei einer so zahlreichen Familie keinesweges unbedeutend ist; ihr Sohn
gewinnt dadurch auch eine Aussicht für sein ferneres Fortkommen in der Welt, wie
Sie ihm solche, auf dem gewöhnlichen Wege, schwerlich gewähren könnten.
    Daher schmeichle ich mir mit der Hoffnung in Ihrem Sinne gehandelt zu haben,
indem ich auf das Anerbieten Sir Johns, der auf augenblickliche Entscheidung
drang, in Ihrem Namen eingegangen bin, und alles Weitere mit ihm verabredet und
festgestellt habe.
    Da mir wohlbekannt ist, wie sehr jede Entfernung von Hause durch Ihre
Geschäfte Ihnen erschwert wird, so soll mein Ihnen wohlbekannter
Handlungsdiener, James Cox, nächste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen
eintreffen, um meinen Paten Richard abzuholen, und zu mir nach London zu
bringen. Er steht gerade in dem gewünschten Alter von circa acht Jahren, und
möchte vermöge seiner hübschen Gestalt, seines aufgeweckten Wesens, und seiner
übrigen guten Anlagen, für unsern Plan am besten sich eignen. Für die Garderobe
des kleinen Reisenden werde ich Sorge tragen; ich werde mit allem, was er für
die Reise nötig haben wird, ihn versehen. Ist er einmal am Orte seiner
Bestimmung angelangt, so muss er ohnehin nach dortigem Landesgebrauche gekleidet
werden.
    Ungeachtet der in die Augen springenden grossen Vorteile, welche die Annahme
meines Vorschlags Ihnen gewähren muss, versichre ich Sie dennoch, werter Freund,
dass ich dieselbe als einen, mir persönlich gewährten Beweis Ihres Vertrauens und
Ihrer Achtung ansehen und zu schätzen wissen werde. Zum Zeichen dieser meiner
guten Gesinnung erbiete ich mich jetzt aus eignem Antriebe, Ihnen einen Kredit
auf die volle Summe auszustellen, deren Sie, wie Sie bei unsrer letzten
Zusammenkunft äusserten, bedürfen würden, um Ihrem Geschäft eine grössere
Ausdehnung zu geben, und durch Erwerbung eines bedeutenden Vermögens zu Ehren
und Ansehen gelangend, es binnen kurzem Ihrem hochmütigen Nachbar Bird
wenigstens gleich zu tun. Auch Sir John beauftraget mich Ihnen zu melden, dass
er von nun an sich gern bereitwillig zeigen werde, Ihnen bei vorkommenden
Gelegenheiten nützlich und hülfreich zu sein.
    Das Nähere hierüber mögen Sie vorläufig mit unserm James Cox besprechen, der
nicht ermangeln wird, sich nächste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen
einzustellen. Sollten Sie aber, freilich ganz gegen mein Erwarten, für gut
finden, meine für Sie getanen Schritte zu missbilligen, und mein und Sir Johns
Anerbieten von sich abzuweisen, so ist es notwendig, dass Sie in der nämlichen
Stunde, in welcher Sie dieses Schreiben erhalten, eine Staffette mit Ihrer
abschlägigen Antwort an mich abfertigen; der nächste Tag wäre dazu schon zu
spät. Auch kann ich nicht umhin Ihnen offen zu gestehen, dass von Ihrer Seite ein
solches Verkennen meines guten Willens mir höchst empfindlich und unangenehm
wäre, und obendrein mich, von Seiten Sir Johns, mancherlei Verdriesslichkeiten
aussetzen würde.«
    Das freundliche Gesicht, mit welchem Misstress Wood anfangs zuhörte, wurde
immer länger und länger, je weiter Herr Wood las; die arme Frau wurde feuerrot,
dann blass, dann todtenbleich, und sass zuletzt an allen Gliedern zitternd,
unfähig ein Wort aufzubringen, wie versteinert da.
    Nun, Sally, Liebste, was sagst Du dazu? fragte Master Wood, als er mit dem
Briefe fertig war. Sally erwiederte keine Sylbe. Nun? fragte er nochmals und
bückte sich, um in das abgewendete Gesicht ihr zu sehen. Sally sprang auf,
trocknete mit konvulsivischer Hast die in Tränen schwimmenden Augen, und sah
nach der Uhr.
    Noch nicht eilf Uhr, Gottlob! sprach sie mit seltsam bedrücktem Ton: im
Postause sind sie noch wach, auch Jemmy kann noch nicht zu Bette sein; ich rufe
ihn während Du schreibst, und wäre er schon eingeschlafen, so laufe ich selbst
mit unsrer Magd die Paar Schritte hinüber. Schreib nur geschwind, guter Mann; um
Nein zu sagen, brauchts nicht vieler Worte. Damit wollte sie zur Türe hinaus.
    Misstress Wood! Sally! wo willst Du hin? rief der erschrockne Gatte.
    Ich sagte es ja schon, war die entschlossene Antwort: zur Post will ich, das
Pferd, die Stafette bestellen; es ist die höchste Zeit, wir haben keinen
Augenblick zu verlieren, die Stafette muss gleich fort, mit Sonnenaufgang wäre es
schon zu spät; so steht es ja in dem unglücklichen Briefe.
    Aber Misstress Wood, aber Sally, aber teures Weib, aber so überlege, so
bedenke doch nur! stotterte Master Wood in grosser Angst, hielt aber doch die
sich heftig sträubende Frau von der Türe entfernt.
    Bedenken? rief sie: gibt es da noch etwas zu bedenken? Ihre weit geöffneten
Augen wurden vor Schrecken starr, wie die einer Leiche, indem sie ihm jetzt ins
Gesicht sah; heftig schlug sie die Hände über ihrem Haupte zusammen. Wood! Mann!
Vater! rief sie völlig ausser sich: wie! wäre es möglich? Du wolltest? Du
könntest über das Herz es bringen? meinen Richard! meinen süssen Liebling, meinen
armen Knaben, weit weg von Alt-England, zu Kannibalen, in das wilde Kosakenland,
zu Heiden, zu Mohamedanern oder gar zu Papisten! Nein, nein, nein; nicht nur ich
die Mutter, nein, auch Dein eignes Gewissen kann nimmermehr eine solche Tat
zugeben. Aber es ist nicht Dein Ernst, Du scherzest, aber das solltest Du so
nicht mit mir, Du weisst wie schwach und furchtsam ich bin, setzte sie mit
erzwungener Gelassenheit hinzu, und ein ängstliches Lächeln glitt über ihre
verstörten Züge.
    Wood war indessen doch zu einiger Fassung gelangt. Schmeichelnd, bittend,
sie liebkosend, zog er die arme Mutter aufs Sopha und hielt sie dort fest, indem
er durch Zureden und Vernunftgründe sie zu beschwichtigen suchte. Fürs erste
bemühte er sich, ihr Vorurteil gegen Russland und dessen Bewohner zu bekämpfen,
dann setzte er alle Vorteile des an sie beide ergangenen Vorschlages auf das
weitläuftigste ihr auseinander. Er wollte mit Hülfe ihres wirklich sehr gesunden
Verstandes ihr Mutterherz übertäuben; es gelang ihm nicht; in allem was er
vorbrachte, hörte und verstand sie nur, dass er Willens sei ihr Kind aus ihren
Armen zu reissen, um es nach einem fernen wilden Lande, zu fremden Leuten zu
schicken.
    Angst und Schmerz überwältigten endlich ihre physische Kraft. Fürchterlich
aufkreischend glitt sie, ehe ihr Mann sich dessen versah, aus seinen Armen auf
den Fussboden hin; dort lag sie zu seinen Füssen, konvulsivisch schluchzend,
grässlich lachend, das Gesicht bis zum unkenntlichen durch fürchterliche
Zuckungen entstellt, in einem jener hysterischen Anfälle, denen bei heftigen
Gemütsbewegungen die Engländerinnen weit mehr und häufiger, als andre Frauen
unterworfen sind.
    Dem ehrlichen Wood geschähe himmelschreiendes Unrecht, wenn man ihn hier
teilnahmloser Gleichgültigkeit beschuldigen wollte. Im Gegenteil versuchte er
alles Erdenkliche, um den traurigen Zustand seiner Frau zu mildern, und als
keines der sonst in solchen Fällen gewöhnlichen Hausmittel anschlagen wollte,
lief er selbst den Apoteker aus dem Bette zu holen, der überall beim
Mittelstande in England die Stelle eines Arztes vertritt.
    Aber auch die stärksten Mittel, welche der Stiefsohn Äskulaps anwandte,
versagten diesmal ihre Wirkung. Die nächtlichen Stunden vergingen, ohne dass die
Leidende zu völligem Bewusstsein gelangte. Und als endlich der Tag darüber
anbrach, während der Apoteker den besorgten Ehemann fortwährend durch
Versicherungen des völlig gefahrlosen Zustandes seiner Frau zu beruhigen suchte,
da, es lässt sich nicht abläugnen, da überkam den guten Master Wood doch eine Art
innerer Zufriedenheit darüber, jedes weiteren Kampfes mit seiner Sally durch
diesen Zufall überhoben zu sein.
    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Misstress Wood aus todtenähnlichem
Schlummer erwachte. Das Geläute der nahen Kirche rief die Gemeine zum
Gottesdienst, und tanzende Sonnenstäubchen spielten in dem, durch eine Öffnung
der Gardinen, auf ihr Bette schräg hinfallenden Sonnenstrahle; es war eilf Uhr.
    Zu spät, zu spät! rief die arme Frau, und ein Strom von Tränen machte ihrem
verzweifelnden Gefühle Luft, indem er sie wahrscheinlich zugleich vor einem
neuen Anfalle von Krämpfen bewahrte.
    Das Ende von diesem Allen ist leicht abzusehen. Ungeachtet des tapfersten,
bis zu der verhängnisvollen Mittwoche fortgesetzten Widerstandes, musste Misstress
Wood sich doch dem Willen ihres Herrn und Gebieters endlich ergeben. Freilich
hatte auch er mit dem eignen Vaterherzen einigen Kampf zu bestehen; der hübsche
muntre Richard war sein und des ganzen Hauses Liebling; doch mit Eigennutz
verknüpfte Rücksichten bilden eine Kette, deren Glieder alle auf das engste
ineinander greifen, und die in allen Ständen das gesellige Leben in allen seinen
Nüancen durchzieht und umschlingt.
    Eines entsteht aus dem Andern; dem Petersburger Banquier Gross lag alles
daran, sich in der Gunst eines der mächtigsten Fürsten des Reichs dadurch immer
fester zu stellen, dass er jeden Auftrag desselben auf das pünktlichste und
schnellste ausführte.
    Der englische Banquier, Sir John Murray, war nicht weniger dabei
interessirt, die Wünsche eines so bedeutenden Handelsfreundes, wie Herr Gross ihm
war, zu erfüllen, und die zwischen ihnen beiden bestehende Connexion dadurch
immer fester zu knüpfen. Dass er sein grosses Übergewicht über den zwar ebenfalls
reichen, aber doch, als Ladenhändler in der City, tief unter dem zum Ritter
erhobenen Wechsler stehenden Strumpfhändler dabei in Anwendung brachte, kann man
ihm schwerlich verargen; und dass Master Smit, abgesehen von andern noch
solidern Gründen zur Gefälligkeit, durch die herablassende Freundlichkeit eines
so vornehmen Mannes zu geschmeichelt sich fühlte, um nicht seinen demütigen
Gevatter und Freund, den kleinen geldarmen aber kinderreichen
Strumpf-Fabrikanten durch die lockendsten Verheissungen zu seinem Willen zu
bringen, liegt nun einmal in der menschlichen Natur.
    Leid, sehr leid tut es uns, dass wir die gute Sally, mit ihrem warmen
Mutterherzen, noch gewissermassen dem Ende dieser Kette anhängen müssen; aber
abläugnen lässt es sich nicht, dass nur einer von allen Trostgründen, mit denen
ihr Ehegemahl sie überschüttete, des gewünschten Eindrucks nicht ganz verfehlte.
    Und wenn wir nun, vielleicht noch ehe Jahr und Tag verstreichen, mit Hülfe
des von Sir John Murray und Smit & Compagnie uns verheissnen Credits, es dem
stolzen Narren Bird und seinem aufgeblasenen Weibe gleich tun können? fragte
er, ihr listig lächelnd ins Gesicht schauend; oder wenn, denn man kann nicht
immer wissen wie alles kommt, wenn nun gar Misstress Wood, in ihrem eleganten
neuen Landauer voll geputzter Kinder, an dem magern Einspänner der Misstress Bird
vorüberrollend, mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken sie begrüsst? Sally! Du
kleine Hexe, was sagst Du dazu? He?
    Sally sagte kein Wort. Sie weinte immer hin, aber sie lächelte doch ein
klein, klein wenig, ganz heimlich und verschämt, mitten in ihren Tränen.
    Wolle doch Keiner den ehrlichen Wood zu hart verdammen, oder wohl gar des
Kinderhandels ihn beschuldigen, ohne vorher die grosse Gewalt eines von Jugend
auf gesehenen Beispiels zu bedenken. In England, dem Markte der Welt, wie
Schiller es sehr treffend nennt, ist vieles auf eine, uns Bewohnern des festen
Landes unbegreifliche, ja empörende Weise verkäuflich. Offiziersstellen bei der
Armee haben, bis zu einem gewissen Grade, ihren Preis, um den jeder sie
erhandeln, und wenn er sie aufzugeben geneigt ist, auch wieder verkaufen darf.
Wie viel Gold und Goldeswert ein Sitz im Parlamente kostet, ist allbekannt. Der
Glückliche, der, wenn er auch nur ganz oberflächlich Teologie studirt hätte,
durch Familienverbindungen oder Protection, einer bedeutenden Stelle im Dienste
der englischen Kirche sich erfreut, darf frei und öffentlich um geringen Sold
einen ärmeren Geistlichen sich erkaufen, der alle Pflichten und Arbeiten seines
Standes für ihn übernimmt, während der sehr ehrwürdige Herr, ganz mühelos, eines
Einkommens von mehreren Tausenden sich erfreut.
    Um die für ihn unerschwinglichen Kosten einer Klage auf Ehescheidung zu
ersparen, bindet der englische Tagelöhner, durch einen uralten Gebrauch dazu
berechtiget, seinem untreuen Weibe einen Strick um den Hals, und verkauft es an
seinen begünstigten Nebenbuhler um wenige Schillinge auf öffentlichem Markte.
    Der feine honorable Gentleman aber trägt in ähnlichem Falle die Schande
seines Namens, seines Hauses, seiner Kinder vor Gericht, breitet sie dort vor
den Augen der Richter auf die widerwärtigste Weise weitläuftig aus, duldet es
gelassen, wenn freche Zeitungsschreiber die scandalöse Geschichte zu einem
pikanten Artikel in ihren Blättern benutzen, und klagt nicht auf Ehescheidung,
sondern auf Schadenersatz durch Geld für den erlittenen Verlust; der denn auch
von den Richtern gehörig gewürdigt und taxirt wird, ehe man die gebührende Summe
ihm zuerkennt, die er auch ohne Erröten sich richtig auszahlen lässt.
    Möge denn auch der vom täglichen Beispiele verleitete Wood für seine
Speculation einige Entschuldigung hier finden, von der sich doch nicht
voraussagen liess, ob sie nicht für den dabei am meisten beteiligten Richard am
vorteilhaftesten ausfallen möchte.
Unter Tränen, Klagen und häuslichem Jammer aller Art, kam die verhängnisvolle
Mittwoche heran. Wenn die Mutter in der Zwischenzeit von Trennung sprach, so
weinte Richard mit ihr, und versicherte schluchzend, dass er lieber sterben
wolle, als sie verlassen; wenn aber der Vater von der Kutsche und dem prächtigen
Schiffe erzählte, auf welchem Richard fahren sollte, so geriet der kaum
achtjährige Knabe in eine ganz andre Stimmung, und schien den Tag der Abreise
kaum erwarten zu können. Richard war eben ein Kind, wie alle an Leib und Seele
gesunde Kinder sind, der Gegenwart lebend, und immer das Allererwünschteste von
der Zukunft erwartend.
    Als er das Vaterhaus verlassen sollte, hing er unter lautem Geschrei am
Halse der trostlos jammernden Mutter; als man von ihr ihn gewaltsam entfernte,
klammerte er sich an den Fuss eines nahe an der Haustüre stehenden Tisches an.
Aber der Anblick der vier stattlichen Pferde vor der ihn erwartenden Kutsche
milderte, sobald er auf der Strasse war, seinen Schmerz. Die ihm neue Freude des
Fahrens, nebst einer Schachtel voll Confect, mit welcher James Cox sich in
London zu diesem Zwecke versehen, trockneten völlig seine Tränen. Er langte
ganz wohlgemut bei seinem Paten an, liess all' die guten Dinge, die ihn dort
erwarteten, sich wohlgefallen, weinte ein wenig, als er beim Zubettegehen die
Mutter vermisste, schlief aber, reisemüde, bald ein. Er jauchzte vor Freuden, als
er auf das bunt bewimpelte Schiff gebracht wurde, legte die Seereise gesund und
munter zurück, und als er landete, war über die vielen neuen fremden
Gegenstände, die sich ihm entgegen drängten, die Heimat so gut als vergessen.
Fürst Andreas, in dessen glänzenden Palast der kleine Fremdling sich, wie durch
einen Zauberschlag, aus der engen Häuslichkeit versetzt sah, in welcher er bis
dahin vegetirt hatte, war ein stattlicher, vornehm aussehender Mann, in den
sogenannten besten Jahren, das heisst zwischen vierzig und funfzig. Die stolze
Haltung, der ernste Blick, bezeichneten in ihm das mächtige Oberhaupt einer, in
vielfachen Verzweigungen durch das ganze russische Reich verbreiteten, und
sowohl am Hofe als im Volke in hohem Ansehen stehenden Familie. Es lag in seiner
Persönlichkeit ein gewisses Etwas, das sich ganz dazu eignete, denen, die zum
erstenmal in seine Nähe kamen, ehrerbietige, oder auch, je nachdem die Leute
waren, furchtsam-ängstliche Scheu einzuflössen; doch das wahrhaft
menschenfreundliche milde Betragen des Fürsten, wandelte diese gar bald in
Vertrauen um, das aber nie in Vertraulichkeit ausarten durfte.
    Den hohen Rang, die vielen, über Tausende ihn erhebenden Vorzüge, zu welchen
sein Geschick ihn geboren werden liess, wusste Niemand mit mehr Würde und Anstand
zu tragen, als Er. In seinem ganzen Wesen zeigte sich keine Spur jener, fast wie
Ironie aussehenden, populär sein wollenden Höflichkeit gegen Geringere, die
diese nur in ängstigende Verlegenheit setzt, weil sie, aus ihrer Sphäre gehoben,
den Massstab verlieren, nach welchem sie, ohne beklemmende Besorgnis, zu viel
oder zu wenig zu tun, ihr eignes Betragen einrichten könnten. Jede
Ehrenbezeugung, die seinem hohen Stande gebührte, liess er gelassen und ohne
einen besondern Wert darauf zu legen, sich gefallen. Dadurch erleichterte er
Jedem, auch dem Geringsten, den Umgang mit sich, ohne jemals sich selbst etwas
zu vergeben.
    In seiner Jugend hatte Fürst Andreas mehrere Jahre im Auslande zugebracht,
hatte England, Frankreich, Italien und einen grossen Teil von Deutschland mit
Nutzen bereiset, und mit dem seinem Volke eignen Talente die verschiedenen
Sprachen dieser Nationen sich angeeignet, und war dann mit bereichertem Geiste
und erweiterten Weltansichten in seine Heimat zurückgekehrt.
    Glühende Vaterlandsliebe war der Grundton seines Wesens, und das Bestreben,
die Kenntnisse, die er im Auslande sich erworben, zur höheren Kultur seines
Volkes zu verwenden, um es mit der Zeit den gebildetesten Völkern Europas
gleichzustellen, ward zum Hauptzweck seines Lebens. Dieser innigste Wunsch
steigerte mit zunehmenden Jahren sich bis zur Leidenschaft, und verleitete ihn
bisweilen zu manchem bedeutenden Missgriffe; denn er verlor oft, über seine
allzugrosse Vorliebe für alles Ausländische, die von der Existenz seiner
Landsleute unzertrennlichen, durchaus charakteristischen Eigenheiten derselben
aus den Augen, und verletzte beim besten Willen, wo er ganz das Gegenteil
beabsichtigte.
    Seine, an Alter ihm fast gleiche Gemahlin, Eudoxia, war das mildeste Gemüt
von der Welt, das Mann und Kinder wie sich selbst liebte, und gleich einer
segenspendenden Gotteit, und auch so verehrt, über allen den viel tausend
Seelen schwebte, deren grosse Zahl, nach russischem Gebrauche, den
überschwänglichen Reichtum des fürstlichen Hauses bezeichnete. Sie half jeder
Not ab, deren Kenntnis bis zu ihr gelangte; einem menschlichen Wesen wehe zu
tun, oder auch nur es leiden zu sehen, wenn man helfen konnte, dünkte ihr
unmöglich. Sie hörte es sehr gern, wenn ihre Leibeignen, nach dem naiven
Gebrauche des russischen Volkes, sie Mütterchen nannten; was übrigens in jenem
Lande ein Ehrenname im Munde desselben ist, dem ein geneigtes Ohr zu leihen,
selbst die Kaiserin aller Reussen nicht verschmäht.
    Die Fürstin Eudoxia hatte übrigens alle Ansichten ihres Gemahls sich
dermassen angeeignet, dass man wohl von ihr sagen konnte, sie sah nur mit seinen
Augen, und dachte nur seine Gedanken. Dass auch er menschlich irren könne, kam
ihr eben so wenig in den Sinn, als dass jemals ein ihr nicht gleich Geborner die
zwischen ihrer Hoheit und seiner Niedrigkeit bestehenden Schranken übersteigen
wollen könne. Aufgewachsen in allen verjährten Vorurteilen ihres hohen Standes,
kannte sie nur Adlige und Leibeigne, und war, mit ächt orientalischer Ruhe, von
dem in der Natur gegründeten Unterschiede dieser beiden Menschenracen fest
überzeugt, ohne weiter darüber nachzudenken. Doch gerade deshalb trieb die ihr
angeborne Güte des Gemütes sie zum innigsten Mitleide mit den Unglücklichen,
denen von der Natur alle innern und äussern Vorzüge schon bei ihrem Eintritte in
das Leben versagt worden waren, welche die ihr Ebengebornen gleich einer Glorie
umstrahlten.
    Um für das ihnen angeborne Elend sie gleichsam zu entschädigen, und es ihnen
dadurch minder fühlbar zu machen, entsagte Eudoxia im gewöhnlichen Leben, aus
ächter Barmherzigkeit, den ihrer Geburt gebührenden Ehrenbezeugungen. Sie
forderte nichts, was Ihrem Gefühl nach jene Armen noch tiefer beugen konnte;
aber wehe dem unter ihnen, der tactlos genug gewesen wäre, diese
Äusserlichkeiten zu vergessen, ohne von der Fürstin ausdrücklich und besonders
dazu aufgefordert und berechtigt worden zu sein. Es gibt keine Worte, um ihr
Erstaunen über eine solche, die Möglichkeit überschreitende, an Sakrilegium
gränzende Untat, gehörig zu schildern. Glücklicherweise hatte sie bis jetzt nur
selten eine solche Erfahrung gemacht, denn sie ward allgemein, von Hohen und
Niedern, geliebt und verehrt.
    Auch war Fürstin Eudoxia wirklich eine gute Dame, mit der es sich ganz
leicht leben liess; denn auch sie liebte die Menschen, auch die niedriggebornen,
aber freilich ungefähr so, wie wir Andern unsre Lieblingspferde oder Hunde
lieben. Wer unter uns hat nicht schon mit mitleidigem Erbarmen auf seinen Hund
niedergeblickt, wenn das treue Tier mit klugen Augen uns ansieht, und durch
leises Winseln andeutet, dass es gern antworten möchte, wenn die arme stumme
Kreatur nur reden könnte.
    Isidor, der älteste Sohn des fürstlichen Paares, war bei Richards Ankunft
schon funfzehn Jahre alt, und einem deutschen Hofmeister übergeben, unter dessen
Leitung er für die diplomatische Carrière sich vorbereitete, für welche er
bestimmt war. Alexis, sein um zwei Jahre jüngerer Bruder, wurde für den
Militairdienst erzogen, und Eugen, der jüngste der drei Söhne, hatte so eben das
siebente Jahr erst erreicht.
    Von den beiden Töchtern des Hauses war Natalie, die älteste, ein sehr
niedliches sechsjähriges Prinzesschen, das unter den Händen der, übrigens sehr
vorzüglichen Gouvernante, Mademoiselle Duprés, schon eine ziemlich französische
Tournüre erhalten hatte, und für ein Muster von Artigkeit galt. Die kleine
Helena aber, ein ächtes Kind der Natur, hübsch wie ein Engelsköpfchen, frisch
und blühend wie ein Mairöschen, stand noch unter der Aufsicht ihrer Amme, und
war die Lust und Freude der Eltern, wie des ganzen Hauses.
    Mitten in diesen Familienkreis, zu welchem noch eine bedeutende Anzahl dem
fürstlichen Hause anverwandter Kinder gehörte, der auch noch täglich durch
demütigere Gespielen, Söhne und Töchter der vornehmern Dienerschaft erweitert
wurde, sah der kleine Insulaner, wie ein fremdes Wundertier, sehr unvorbereitet
sich hingestellt. Befangen, blöde, daneben etwas verblüfft, sah er nach der
Reihe alle die fremden Leute sich an, und das Weinen mochte ihm näher sein als
das Lachen.
    Doch als Fürst Andreas, in recht verständlichem, wenn gleich etwas
fremdartig ausgesprochnem Englisch ihn freundlich anredete, Herr Müller, Isidors
Hofmeister, ebenfalls in seiner Muttersprache, ihn aufforderte guten Mutes zu
sein, weil es in diesem Hause ihm nicht anders als wohl ergehen könne, und
endlich sogar der sonst ziemlich zurückhaltende Isidor die paar englischen
Worte, die er von Herrn Müller erlernt hatte, zusammensuchte, um den kleinen
Fremdling willkommen zu heissen, da wurde diesem schon leichter um das Herz.
    Das Beste dazu aber tat Eugen, der kein Wort englisch wusste. Er nahm den
neuen Gespielen, der seiner Meinung nach eigens für ihn verschrieben worden war,
beim Kopf, fuhr mit linder loser Hand ihm liebkosend durch die lichtblonden
Locken, sah ihm lächelnd in die grossen blauen Augen, streichelte ihm die
feuerrot glühenden Wangen, fasste ihn dann mit beiden Armen an, und sprang mit
ihm ein paar Mal durch das Zimmer, dass der Fussboden dröhnte, und die kleine
Helena, die sich in das Spiel mischen wollte, von ihrem Bruder beinah umgerannt
wurde. Doch Richard nahm noch im rechten Augenblicke sie gewandt auf, und
brachte sie zu ihrer Amme; denn er war an Aufmerksamkeiten dieser Art noch von
zu Hause her bei seinen kleinen Geschwistern gewöhnt.
    Die Nacht musste Richard, auf Eugens ausdrückliches Verlangen, in der
nächsten Nähe seines kleinen Beschützers schlafen; am folgenden Tage wurde der
Insulaner mit seinen Umgebungen schon bekannter, und fing an, sich ein Herz zu
fassen; nach vier Wochen waren sämmtliche Kinder im Stande, halb in russischer
halb in englischer, und wo diese nicht ausreichten, durch Zeichen und Geberden
sich unter einander recht leidlich zu verständigen. Es ging freilich ein wenig
wie beim babylonischen Turmbau dabei her, aber die Lust war deshalb nur um so
grösser, und des Lachens und Jauchzens kein Ende.
Richard wurde wirklich im Hause des Fürsten Andreas den Kindern desselben in
jeder Hinsicht völlig gleich gestellt; gekleidet und bedient wie sie, teilte er
Unterricht und Vergnügen mit ihnen. Ein alter freundlicher Diener war ihm, mehr
zur Aufsicht als zur Bedienung beigegeben, der bei seinen kindischen Einfällen
und Spielen ihm redlich half; Eugen, zu welchem Richard der Gleichheit ihres
Alters wegen sich vorzugsweise hielt, bekam ein kleines Pferd zum Reiten, und am
nämlichen Tage wurde auch Richard mit einem nicht minder hübschen beschenkt;
lauter Dinge, an die nur zu denken, ihm daheim auch nicht im Traume eingefallen
wäre.
    Alle im Hause gaben sich gern und freundlich mit ihm ab, jeder Tag brachte
ihm etwas Neues, das ihn erfreute, und so war es denn nicht zu verwundern, wenn
die Sehnsucht nach Eltern, Geschwistern, und der fernen Heimat, wo es ihm lange
nicht so gut ergangen war als hier, gar bald aus seinem Gemüte völlig schwand.
Richard war kaum acht Jahre alt, ein lebhaftes glückliches Kind; möge dieses zu
seiner Entschuldigung dienen, wenn er nach einem kurzen Jahre sich der vorigen
Zeit kaum noch erinnerte und ihm bedünkte, wirklich zu sein, was er doch
eigentlich nur zu sein schien. An was gewöhnte der Mensch sich leichter als an
Wohlleben und Pracht! und was entschwindet schneller und spurloser aus der
Seele, als Erinnerung an frühere Armut und Niedrigkeit.
    Aber auch von Seiten der Eltern geschah leider wenig, um ihr Andenken im
Gemüte ihres Kindes lebendig und warm zu erhalten. Gleich nach seiner Ankunft
in Petersburg hatte Richard an Vater und Mutter geschrieben, baldige Antwort war
darauf erfolgt, doch auf einen zweiten Brief blieb diese mehrere Monate aus, und
endlich erhielt er gar keine mehr. Richard gab nun ebenfalls das Schreiben auf,
und die Folge davon war, dass er weder an Eltern noch Vaterland weiter dachte,
und sich da, wo es ihm so wohl erging, so ganz daheim fühlte, dass ihm zu Mute
war, als sei es immer so gewesen.
    Master Wood war aber auch wirklich in Nottingham vom Morgen bis zum Abend
dermassen mit Arbeit belastet, dass er kaum zu sich selbst kommen konnte. Seine
Londoner Freunde hatten ihm ihr Versprechen gehalten; mit ihrer Hülfe war es ihm
gelungen, sein Fabrikgeschäft um mehr als das doppelte zu erweitern, und den mit
ihm rivalisirenden Nachbar Bird völlig zu überflügeln; aber nun gab es auch
doppelt zu tun. Es gab so viele Geschäftsbriefe zu schreiben, dass für andre,
die ihm ohnehin nie sonderlich aus der Feder fliessen wollten, weder Zeit noch
Lust übrig blieb.
    Zeit, Gewöhnung, häusliche Leiden und Freuden, hatten auch die Tränen der
Mutter früher getrocknet, als sie selbst es gedacht, und über die Trennung von
ihrem Lieblinge sie getröstet. Freilich hätte sie anfangs ihm gern geschrieben,
wäre sie nur in Behandlung der Feder etwas geübter gewesen; als nun aber, mit
dem steigenden Wohlstande ihres Hauses, auch ihr Haushalt sich bedeutend
vergrösserte, und späterhin sogar ein neuer kleiner Ankömmling die Lücke wieder
ausfüllte, welche Richards Entfernung in die Reihe ihrer Kinder gebracht, so dass
sie deren wieder vierzehn um sich sah, da begnügte die gute Frau sich ganz
gelassen mit den Nachrichten von ihrem abwesenden Sohne, die sie zuweilen durch
Vermittelung der Londoner Geschäftsfreunde ihres Mannes aus der dritten Hand
erhielt. Sie waren bis jetzt noch immer erfreulich ausgefallen; Master Wood
versäumte nie, den Richard betreffenden Punkt aus Sir Johns oder Master Smit's
Briefen ihr vorzulesen. Ist es nicht vernünftig, für etwas das man ohne Mühe und
Kosten erlangen kann, sich unnütze Schreibereien, und obendrein das teure
Postgeld zu ersparen? pflegte er gewöhnlich nach einer solchen Vorlesung zu
seiner Frau zu sprechen; und Sally nickte ihm beifällig zu, und wiegte ihr
Neugebornes.
Früher noch als man es gehofft stieg Moskau, gleich dem Vogel Phönix verjüngt
und verschönert, aus der Asche jenes weltgeschichtlichen Brandes wieder auf,
dessen unabsehbare Folgen kommenden Beschreibern unsrer merkwürdigen Zeit noch
nach Jahrhunderten Stoff zu Hypotesen liefern werden. Die reichen und vornehmen
Bewohner der uralten Stadt, welche, um den Schrecken jener furchtbaren
Katastrophe zu entgehen, sich bei Zeiten aus derselben entfernt hatten, kehrten
nach und nach in ihre wieder hergestellten Paläste zurück, und auch Fürst
Andreas beeilte sich, Petersburg, wohin er damals mit den Seinen sich geflüchtet
hatte, wieder zu verlassen, um bei der Vollendung seines prachtvollen Baues in
Moskau selbst gegenwärtig zu sein, und die innre Einrichtung und Ausschmückung
desselben, nach seinem im Auslande geläutertem Geschmacke, unter seinen eignen
Augen besorgen zu lassen.
    Sobald alles zu ihrem Empfange eingerichtet war, folgte die Fürstin ihrem
Gemahl. Nur ihre beiden Töchter und der jetzt neunjährige Eugen nebst seinem von
ihm unzertrennlichen Gefährten Richard begleiteten sie. Der älteste ihrer Söhne,
Prinz Isidor, blieb mit seinem Hofmeister zurück, um seine Vorbereitung zur
Universität Dorpat, die er im nächsten Jahre beziehen sollte, zu vollenden.
Alexis, der zweite Sohn, wurde einer der kaiserlichen Anstalten für die Bildung
zur Marine übergeben; denn diesen beschwerlichen Dienst hatte er aus freiem
Antriebe sich erwählt.
    Das ewig heitre, mitunter wilde Treiben der beiden Knaben, die sie einen wie
den andern ihre Söhne nannte, belustigte die Fürstin ungemein. Die von einem so
bedeutenden Umzuge unzertrennliche Unruhe, das Hin- und Herlaufen der
Arbeitsleute und Bedienten, das Packen und Hämmern, das Rufen und Lärmen vor der
Abreise, und endlich die Reise selbst, beschäftigte die Kinder so angenehm und
anhaltend, dass sie gar nicht dazu gelangen konnten, sich über den Abschied von
ihren Petersburger Spielkameraden gehörig zu betrüben. Während der Reise,
vorzüglich aber in Moskau selbst, gefiel ihnen alles ganz unendlich, denn alles
war ihnen neu; der mildere Himmel, die schönere Natur rings um Moskau,
verfehlten späterhin nicht, diesen Eindruck bleibend zu machen.
    Prinzesschen Natalie war schon zu wohlgezogen, um mit den beiden wilden
Knaben sich viel abzugeben, die sie zwar recht lieb hatte, deren lärmende Spiele
ihr aber oft Unlust und Missvergnügen erregten. Die kleine Helena hingegen, die
indessen jetzt fest genug auf ihren Füsschen stand, um sich nicht so leicht
umrennen zu lassen, war und blieb ihre treue Spielgefährtin, lief, kletterte,
sprang mit ihren beiden Brüdern, wie sie sie nannte, um die Wette. Zwar war auch
sie einer Gouvernante, und zwar einer Deutschen jetzt übergeben, doch ihre Amme
Elisabet war, von der Fürstin Eudoxia dazu berechtigt, dennoch in Rang und
Würden bei ihr geblieben. Sobald es nicht dem eigentlichen Unterrichte galt, den
sie freilich ihr nicht erteilen konnte, hatte Elisabet die specielle Aufsicht
über das Kind ihres Herzens sich nicht nehmen lassen.
    Nach alter, ächt orientalischer Sitte, spielen überhaupt in den Familien der
russischen Grossen die Ammen eine sehr bedeutende Rolle. Frauen aus den höchsten
Ständen hängen lebenslänglich mit unverbrüchlicher Liebe an der treuen Pflegerin
ihrer hülflosen Kindheit; sie bleibt ihre Ratgeberin, die Vertraute ihrer
Leiden und Freuden, und behält bei jeder grossen oder kleinen Angelegenheit ihres
Lebens eine oft entscheidende, nie unbeachtete Stimme.
Alle vier Kinder wuchsen im geselligsten Familienleben mit einander heran. Mit
der Zeit wurden der Spielstunden weniger, der Stunden des Unterrichts hingegen
mehr, und manche der letzteren wurden ihnen allen gemeinschaftlich erteilt. In
freien Stunden suchte die kleine Helena, soviel dieses anging, den beiden Knaben
fortwährend zur Seite zu bleiben, und das immer frohe, freundliche Kind wurde
auch von ihnen als ein lieber willkommner Spielkamerad betrachtet, dem sie, weil
er jünger und schwächer war, manches nachsahen und alles zu Gefallen taten.
Richard, als der älteste und stärkste, bestrebte sich besonders, Helenen überall
zu vertreten und sie ritterlich in seinen Schutz zu nehmen, wenn Gefahr oder
Unbill ihr drohten.
    Lebte der gute August Lafontaine noch, und wären seine, fast in der Wiege
aufflammenden, jetzt schon halb vergessenen Kinderlieben noch Mode, welchen Stoff
zu den rührendsten und naivesten Liebesscenen hätten die kleine russische
Prinzessin und der englische Strumpfwebersbube ihm geboten! Was könnte
romantischer erdacht werden, um ihn zum Ausspinnen einer höchst zart empfundenen
Novelle zu verleiten. Doch Richard und Helene waren, die Wahrheit zu gestehen,
zu gesunde, zu unverschrobene, zu wahrhaft kindliche, mitunter auch, selbst als
sie schon ziemlich herangewachsen waren, zu kindische Kinder, als dass so etwas
bei ihnen nur denkbar gewesen wäre; sie nannten einander Bruder und Schwester,
und liebten sich als solche recht ehrlich und offenbar.
    So vergingen mehrere Jahre; Richard blieb, was er vom ersten Tage seines
Eintritts in dieses Haus gewesen, der Liebling Aller, vom fürstlichen Ehepaar an
bis zum Ofenheizer herab; vor allem aber Eugens innigster unzertrennlichster
Freund. Wer beide, ohne sie genauer zu kennen, zusammen sah, musste für Brüder
sie halten; sie selbst hatten gänzlich vergessen, dass nur Wahlverwandtschaft,
nicht Bande des Blutes sie verbänden. Alles hatten sie mit einander gemein, die
Liebe der Eltern, die Vorteile welche Reichtum, Stand und Geburt, den Söhnen
des Glückes gewähren; jeden Unterricht, nicht nur im Gebiete der Kunst und
Wissenschaft, auch in ritterlichen Übungen, und in Allem was Jünglinge aus den
höhern Ständen bedürfen können, um sowohl in den bedeutendsten Stellungen des
öffentlichen Lebens, als auf dem glatten Parkette der Salons, mit Anstand und
Sicherheit aufzutreten.
    Dass der arme Richard durch alles dieses viel zu hoch über die bescheidne
Sphäre erhoben werde, welche sein Geschick beim Eintritt in das Leben ihm
angewiesen hatte, daran dachte Keiner, am wenigsten er selbst; sogar das
Fürstenpaar schien die zwischen dem in Dunkelheit gebornen Fremdling, und den
Sprösslingen seines erlauchten Hauses bestehende Scheidelinie, ganz aus den Augen
verloren zu haben.
    Die Fürstin wünschte ihre Kinder, besonders ihre Töchter, das ächte
Frühlingsleben der Jugend so lange als möglich geniessen zu lassen; sie führte
sie daher später, als sonst wohl geschieht, in die Gesellschaft der grossen Welt
ein; versagte ihnen aber, als sie heranwuchsen, keine ihrem Alter angemessne
Freude. Sogenannte Kinderbälle, musikalische Übungen, Spazierfahrten im Sommer,
Schlittenpartieen an leidlichen Wintertagen, gewährten ihnen Abwechselung und
Vergnügen im Überfluss; sogar ein kleines Teater wurde ihnen im Palast
errichtet, auf welchem, anfangs an Geburtstagen und bei ähnlichen festlichen
Gelegenheiten, kleine dramatische Vorstellungen von ihnen gegeben wurden, die
sich zuletzt zu einem förmlichen Liebhaberteater gestalteten.
    Alles dieses bot Gelegenheit zu mannigfaltigen Verbindungen mit andern
jungen Leuten ihres Standes und Alters. Ganz unbefangen nahm Richard an allen
Festen und Vergnügungen tätigen Anteil, und spielte dabei, durch seine
persönlichen Vorzüge dazu berechtigt, keinesweges eine untergeordnete, sondern
vielmehr eine sehr ausgezeichnete Rolle. Eltern und Heimat wurden über das
alles völlig vergessen; darf man ihn deshalb verdammen? Doch mitten in diesem
Freudentaumel wurde er ganz unerwartet an beide erinnert, und zwar, sonderbarer
Weise, von der Fürstin Eudoxia selbst.
Die Fürstin liebte es, in müssigen Stunden sich von ihrem Pflegesohne die
neuesten Erzeugnisse der französischen Literatur in ihrem Kabinette vorlesen zu
lassen, welche aber damals, gegen den romantisch wilden Schwung, den sie in
unsern Tagen gewonnen haben, noch ziemlich nüchtern sich ausnahmen. Das neueste
Werk des damals noch sehr bewunderten Herrn von Arlincourt war, zu Richards
grosser Freude, eines Tages beendet, und er, innerlich noch gähnend, eben im
Begriff das Buch an seinen Platz zu bringen, als die heute besonders gütig
gestimmte Fürstin plötzlich auf den, ihr nie zuvor gekommenen Einfall geriet,
nach seiner Familie sich zu erkundigen. Sie fragte ihn, wie alt seine Mutter
sei, wollte die Anzahl seiner Geschwister, Namen und Alter eines jeden derselben
von ihm erfahren, lauter Fragen, die Richard nicht zu beantworten im Stande war,
und die ihn beängstigten und verwirrten, weil er, nach langem Besinnen, doch
nichts fand, was er darauf erwiedern könne. Durch eine schnell ersonnene Antwort
rasch aus der Verlegenheit sich zu ziehen, war seinem redlichen Sinne nicht
möglich, und doch war ihm nicht unbekannt, mit welcher Innigkeit alle Russen,
vom Höchsten bis zum Geringsten, an den Ihrigen hangen, und mit welcher
religiösen Pietät sie besonders ihre Eltern und das Andenken derselben
ehrfurchtsvoll hochhalten. In diesem Augenblicke erschien das gänzliche
Vergessen der Seinigen ihm beinahe wie ein Verbrechen.
    Ich wurde so jung von den Meinigen getrennt - ich erhalte so selten
Nachricht von ihnen, stotterte er endlich, erglühend im ganzen Gesicht; Tränen
traten ihm in die Augen, als er bemerkte, dass der Fürstin seine Verlegenheit
nicht entging. Doch sie mochte dieselbe anders sich deuten, als er in seiner
tiefen Beschämung es fürchtete; vermutlich weil der wahre Grund derselben ihr
undenkbar war; denn sie sah mitleidig lächelnd ihn an.
    Guter Sohn, sprach sie, freilich liegen mehr als zehn lange Jahre, und Meere
und Länder zwischen Dir und den Deinen. Aber was Du dort verlorest, hast Du hier
wiedergefunden, und sollst es nie wieder verlieren.
    Tief bewegt küsste Richard die ihm gebotene schöne Hand. Ich bin Willens Dir
und den Deinen eine kleine Freude zu bereiten, fuhr die gütige Frau fort, Du
sollst Deine Mutter und auch Deine Schwestern beschenken. Ein armenischer
Kaufmann war heute Morgen bei mir, unter dessen Waarenvorrate ich allerlei
Kleinigkeiten auswählte, die einer englischen Lady vielleicht gefallen können,
weil sie in ihrem Lande etwas Seltenes sind.
    Schwer beladen mit wirklich fürstlichen Geschenken mannigfaltiger Art, eilte
Richard von der Fürstin in sein Zimmer. Seine Freude war gränzenlos; wer ihm in
den Weg kam, wurde um Rat und Hülfe angegangen, wie das alles auf das sicherste
und sorgfältigste einzupacken wäre. Er gönnte weder sich noch andern Ruhe, bis
er seine Kostbarkeiten zur weitern Beförderung auf dem Wege nach Petersburg
wusste, und sah hernach täglich nach der Windfahne, bis er Nachricht von der
glücklichen Ankunft seiner Sendung aus England erhielt.
Seit Nottingham steht, hat wohl kein ausserpolitisches Ereignis in dem Städtchen
mehr Lärm gemacht, grösseres Aufsehen erregt, als die Ankunft von Richards
Sendung. Alle Bekannten, ja die halbe Stadt strömte herbei, Misstress Wood zu
besuchen, und die nordischen Schätze zu bewundern, deren Gleichen dort nie
gesehen worden waren. Die Dose von ächtem sibirischen Malachit, deren Wert
Master Wood fast unermesslich taxirte, die in Gold gefassten türkischen Pastillen
und mit wunderlichen Schriftzügen bedeckten Amulette, die blinkenden Fläschchen
mit Rosenöl, die reichen Stoffe, die trefflich gearbeiteten Erzeugnisse
russischer Fabriken in Stahl, Krystall und vor allem in Saffian, erregten die
höchste, mit etwas Neid untermischte Bewunderung; der zu mannigfaltigem Schmucke
gefassten farbigen Edelsteine nicht einmal zu gedenken; und wenn Misstress Wood in
ihren ächt türkischen Kaschmir-Shawl gewickelt durch die Strassen stolzierte,
füllten sich alle Fenster mit ihr nachschauenden Gesichtern. Sogar die
Strassenbuben liessen Ball- und Reifenspiel im Stich, und zogen bewundernd ihr
nach.
Richard hatte abermals von England und seinen Eltern seit längerer Zeit keine
Nachricht erhalten; der dortin abgesandten Geschenke wurde nicht weiter
gedacht, und er fing eben wieder an, sich in Hinsicht auf seine Familie seiner
gewohnten Gleichgültigkeit hinzugeben, als ein von dorter an ihn abgesandtes
Kästchen, nebst dem Auftrage, im Namen seines Vaters, als schwachen Beweis von
dessen Dankbarkeit, es der Fürstin zu überreichen, ihn sehr angenehm
überraschte. Freudig eilte er es ihr selbst hinzutragen; es fand freundliche
Aufnahme, und wurde sogleich geöffnet, um den Inhalt desselben zu untersuchen.
    Strümpfe kamen zum Vorschein, nichts als baumwollne Strümpfe, viele, viele
Dutzende, für die Fürstin selbst, und für die Prinzessinnen; aber was für
Strümpfe! Strümpfe wie die Welt sie nie gesehen. Wie aus Sommerfäden, von
Elfenhänden gewoben, durchsichtigklar, wie der feinste Spitzengrund, an Muster
und Gewebe den kostbarsten Brabanter Kanten zu vergleichen.
    Eigne Maschinerien hatten zu ihrer Verfertigung erfunden werden müssen; mit
unendlichen Weitläufigkeiten und grossem Aufwande hatte Master Wood die
geschicktesten Arbeiter in diesem Fache aus ganz England herbeigezogen, um mit
ihrer Hülfe ein Meisterwerk hervorzubringen, dessen Ausführung in den Annalen
des englischen Manufakturwesens seinen Namen verewigen wird.
    Das Erstaunen, welches diese Sendung im fürstlichen Palaste zu Moskau
erregte, war dem, in welches die gute Stadt Nottingham über die russischen
Geschenke geraten war, zu vergleichen. Die Prinzessinnen, ihre Gouvernanten,
die Amme Elisabet, sogar die Kammerfrauen, wurden auf der Fürstin Geheiss herbei
gerufen, um bewundern zu helfen. Des Lobens, des Aussersichkommens über die
unbegreifliche Feinheit, über die geschmackvolle Arbeit der Strümpfe, war kein
Ende, bis der Fürst Andreas selbst zufälliger Weise in das Zimmer trat.
    Auch er würdigte den Gegenstand allgemeiner Bewunderung seiner
Aufmerksamkeit, und liess über die hohe Vollendung, zu welcher Fleiss und
Industrie die englischen Fabrikate hinaufgetrieben haben, sich weitläuftig aus.
Dieses brachte ihn auf seine Lieblings-Idee, auf die Möglichkeit, auch in
Russland durch gehörige Leitung und Unterstützung der arbeitenden Volksklasse
ähnliches zu erreichen.
    Warum wäre es nicht möglich, einen geschickten Arbeiter aus dieser Fabrik
nach Russland zu ziehen? rief er im Verfolg seiner Gedanken; Richard, sind die
Namen des Orts, wo diese Strümpfe gemacht werden, und des Fabrikanten Dir
bekannt?
    Richard war eben beschäftigt, Helenas Stickrahmen aufzuspannen: Mein Vater
hat sie gemacht: war seine nachlässig hingeworfene Antwort.
    Die Fürstin erschrak und wurde bald bleich, bald rot.
    Dein Vater? rief sie: Richard das hoffe ich nicht. Ist Dein Vater? - macht
Dein Vater? - ist Dein Vater denn ein Strumpfwirker? stotterte sie sehr
verlegen.
    Richard war noch immer neben Helenen mit dem Stickrahmen eifrig beschäftigt.
    Ich meine ja: erwiederte er gedankenlos: ich kann mich dessen zwar kaum noch
erinnern, aber gewiss muss es so sein. Denn es wurden in unserm Hause immer viel
Strümpfe gemacht, soviel weiss ich ganz deutlich: setzte er sich bestimmend
hinzu.
    Eudoxia verstummte, sah aber mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke ihn an,
den Richard indessen nicht bemerkte, denn er musste jetzt Helenen beim
Durchzeichnen ihres Musters helfen. Bald darauf entfernte er sich mit den
Übrigen. Helene nahm mit ihrer Arbeit hinter den tief herabhängenden Draperien
eines Fensters ihren gewohnten Platz ein. Wahrscheinlich ohne ihrer gewahr zu
werden, blieben der Fürst und seine Gemahlin übrigens mit einander allein.
    Nun? fragte Fürst Andreas, nachdem er einige Augenblicke mit
untergeschlagenen Armen vor seiner schmollenden, ihm keinen Blick gönnenden
Gemahlin gestanden: nun? was zieht diese sonst immer so glatte Stirne in so
krause Falten? was hat es denn gegeben, das Euer Gnaden verdriesst?
    Ach Andreas Andreas! seufzte sie: das hättest Du an mir nicht tun sollen!
hättest Du Richards niedre Herkunft mir nicht verhehlt, wie hätte ich jemals! -
nein dergleichen tut nie gut; Du weisst ich behaupte, es geht wider die Natur.
    Seltsames Geschlecht! den will ich sehen der Dir alles recht machen kann!
rief herzlich lachend der Fürst. Gute Eudoxia, hast Du denn jemals um Richards
Herkommen mich befragt? hast Du wirklich gemeint, ein englischer Herzog oder
Lord würde uns seinen Sohn für unsre Kinder herschicken?
    So albern bin ich nicht, dass ich einen jungen Lord zum Gesellschafter für
unsre Kinder fordern sollte: erwiederte sie, ziemlich gereizt; aber ein
Handwerksbursch? - der Abstand ist zu ungeheuer! ich wollte ich hätte den
unglücklichen Richard nie gesehen! ich möchte über ihn weinen.
    Helena, in ihrer Fensterecke mit ihrer Stickerei beschäftigt, hatte bis
dahin auf das Gespräch ihrer Eltern nicht sonderlich geachtet. Jetzt ward sie
aufmerksam; die Nadel entfiel ihrer Hand; sie hob sie nicht wieder auf, sondern
näherte sich vorsichtig dem sie verdeckenden Vorhange, der von dem hohen
Fensterbogen herabschwebte.
    Aber gute teure Eudoxia, wie kannst Du mit so barmherzigen Gesinnungen Dich
quälen wollen, die hier gar nicht am rechten Orte angebracht sind! erwiederte
der Fürst, und fasste liebkosend seiner Gemahlin nur schwach widerstrebende Hand.
Wie würde Richard über Dein unverdientes Mitleid sich verwundern, dessen
Veranlassung ihm ganz unerklärlich scheinen müsste! Er ist ja nichts weniger als
unglücklich oder bedauernswert, fuhr der Fürst fort; zwar ist er kein Prinz,
aber eben so wenig ein Handwerksbursche zu nennen. Richards Vater ist ein
Mitglied jener höchst achtungswerten Klasse von Bürgern, welcher Grossbritannien
seinen Reichtum und dadurch seine Grösse verdankt. So viel ich durch Herrn Gross
erfahren, ist er Besitzer einer Fabrik in einem englischen Mittelstädtchen; hat
viele Kinder, bei nicht sehr bedeutendem Vermögen; und entschloss sich deshalb,
einen seiner jüngern Söhne im Auslande zu versorgen. Was liegt denn darin so
Entsetzliches? Gewiss wird er noch obendrein in kurzer Zeit sehr reich werden,
wenn er es nicht schon geworden ist. Denn diese Probe seiner Fabrikate ist ein
Beweis, dass er durch Erfindungsgeist und Industrie sich vor vielen andern
auszeichnet, und sich auf dem rechten Wege befindet, sein Glück zu machen.
    Was liegt daran? klagte Eudoxia; und wenn er Millionen erwürbe, das ändert
nichts. Die Geburt entscheidet; ein geborner Leibeigner bleibt es ewig.
    Aber es gibt keine Leibeigenen in jenem Lande, wo selbst der an der Küste
von Guinea für baares Geld erkaufte Neger ein Freier wird, sobald er den Fuss auf
englischen Boden setzt: erwiederte etwas ungeduldig der Fürst.
    Das alles habe auch ich in Büchern gelesen, antwortete Eudoxia im nämlichen
Tone; aber wenn dem auch so ist - wenn das gemeine Volk, Arbeitsleute, Diener,
Handwerker, und jene Manufakturisten, die sich nur dadurch von diesen letzteren
unterscheiden, dass sie das Handwerk mehr ins Grosse treiben, wenn das alles auch
dort nicht leibeigen genannt wird, es gehört doch zu einer Klasse - genug, es
ist ebenso von uns verschieden, als das armselige Haidekraut von der Rose, die
doch auch alle beide zum Pflanzenreiche gezählt werden.
    Deine Klagen werden wirklich poetisch: rief der Fürst gutmütig spottend.
    Wie bedauernswürdig ist der arme Richard! fuhr Eudoxia fort; warum musste er
von der Natur für ein weit höheres Loos ausgestattet werden, als das ist, wozu
sie ihn bestimmte! Ich meinte er sei wenigstens der Sohn eines Kaufmanns, wie
Herr Gross in Petersburg und Andre, die zuweilen Zutritt zu uns haben, weil sie
gewissermassen den Übergang zu den niedrigen Volksklassen bilden, zu denen sie
nur halb gezählt werden können. Ich habe gehört, dass der jüngere Bruder eines
Lords sich in England oft dem Kaufmannsstande widmen muss, weil nur der älteste
Erbe der Familiengüter und des mit diesen verbundenen Adels werden kann. Ich
habe das oft gehört und gelesen, und konnte, nach Richards vorteilhaftem Äussern
zu urteilen, nur denken, dass er Abkömmling eines solchen edeln Stammes sei; und
nun muss ich heute erfahren, dass er im niedrigsten Stande, aus unedlem Blute - -
    Halt, halt, rief lachend der Fürst: machst Du doch aus lauter Liebe und
reinem Mitleid den armen Jungen vollends zum Paria. Dann setzte er zu ihr sich
hin, und gab, ernster werdend, sich alle ersinnliche Mühe, ihre Ideen über
diesen Punkt zu berichtigen.
    Seine Reden und Gründe glitten an dem unbeugsamen Glauben der Fürstin ganz
wirkungslos ab; desto grössern Eindruck aber machten sie auf Helenen, die bis
dahin mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gespräche ihrer Eltern zugehört hatte.
Sie fing schon an sich mit ihrer Mutter über Richards, ihr freilich ganz
unverständliches Unglück, recht von Herzen zu betrüben, und die Tränen traten
ihr darüber in die Augen; aber die Worte ihres Vaters, dem sie gewöhnt war
unbedingt zu vertrauen, ermutigten und trösteten sie wieder. Sie kehrte
leichteren Herzens zu ihrem Stickrahmen zurück, als das Gespräch
Familienangelegenheiten sich zuwandte, die sie wenig interessirten; doch als sie
im Verlaufe desselben ihren eignen Namen nennen hörte, musste sie wider Willen
abermals darauf achten.
    Wahr ist es, hörte sie die Mutter sagen, Helenen kann man beinahe ganz
erwachsen nennen; das ist so gekommen, ohne dass ich es recht gewahr worden bin.
Die Jahre vergehen so unbemerkt und schnell, die Veränderungen, die sie mit sich
bringen, treten so leise, so allmälig ein, dass man nur zufällig, zu eigner
grosser Überraschung sie entdeckt, als wären sie durch ein Wunder im nämlichen
Augenblicke erst entstanden. Die liebe kleine Helena! wenn wir kommenden Winter
die Verlobung ihrer Schwester mit dem Fürsten Konstantin feiern, werde ich es
schwerlich vermeiden können, auch sie in die Welt zu führen, und doch hätte ich
es gern, wenigstens noch um ein Jahr verschoben. Ich möchte die frohe Jugendzeit
ihr noch lange erhalten; sie lebt jetzt ihre glücklichsten Tage; diese vergehen
schnell und kehren nie wieder.
    Wohl wahr, erwiederte der Fürst, doch diese Tage, so schön sie auch sein
mögen, müssen, wie jeder andre Tag im Leben, endlich andern Tagen weichen.
Helena wird sich endlich doch bequemen müssen, auch scheinen zu wollen was sie
ist, ein erwachsenes Mädchen. Mich dünkt es wäre endlich Zeit, dass sie die
Spielkameraden ihrem Bruder überliesse, und sich mit Gespielinnen begnügte. Mag
diese Veränderung ihrer Lebensweise immer einige Monate früher eintreten, ehe
sie notwendig wird, damit sie sich daran gewöhnt, ehe sie den Fesseln sich
beugen muss, welche Konvenienz, Geschlecht und Stand, ihr wie jedem jungen
Mädchen ihres Alters anlegen. Ich muss Dir gestehen, Eudoxia, ich habe in der
letzten Zeit, nicht ohne stille Besorgnis, sie so ganz unbefangen und zwanglos
mit Eugens Freunden umgehen sehen; wie leicht könnte sich da etwas anspinnen,
das uns, wenn Helena älter wird, der bösen Tage genug machen würde.
    Wo waren meine Sinne! auch daran habe ich nicht gedacht! rief die Fürstin
sehr lebhaft. Du hast Recht, vollkommen Recht. Die grosse wöchentliche
Tanzstunde, der musikalische Verein, müssen sobald als möglich abbestellt
werden; da ist der, und der, und der, - sie nannte die Namen mehrerer jungen
Leute, Söhne vornehmer und angesehener Familien, welche täglich ihr Haus und
ihre Kinder besuchten, - es sind Eugens Jugendfreunde, - und mögen sie es immer
bleiben, setzte sie hinzu, aber für unsre Tochter - - nun ich hoffe es ist noch
nicht zu spät.
    Das hoffe ich auch, sprach lächelnd der Fürst. Eudoxia, fuhr er nach einer
kleinen Pause ernster werdend fort, Du zweifelst nicht an meinem festen
Vertrauen; Du weisst es, ich kenne Dein Gemüt, Deinen klaren Verstand, den nur
hier und dort kleine unschädliche, Dir mit der Muttermilch eingeflöste
Vorurteile zuweilen umdunkeln; ich ehre Dein schönes Talent, mit sanfter Hand
alles zum Besten zu leiten, ohne durch die Güte Deines Herzens Dich von Deinem
Zwecke abführen zu lassen. In allem was unsre Töchter betrifft lass ich Dir freie
Hand, denn die Ehre wie der Vorteil unsres Hauses liegen Dir nicht minder am
Herzen als mir. Nur suche nie unsern Eugen von den Freunden zu entfernen, mit
denen schon die Spiele seiner Kindheit ihn verbanden, das Einzige erbitte ich
von Dir. Was ist in späteren Tagen dem Manne von höherem Werte, als ein treuer
Jugendfreund! in Not und Tod, in Sturm und Gewitter, beut er ihm eine sichre
Zuflucht, oder geht Arm in Arm mit ihm zu Grunde. Ach! und es werden Tage
kommen, schwere heisse Kämpfe, wo es wohl Not tun wird fest an einander zu
halten! setzte er sehr bewegt, halb leise hinzu.
    Die Fürstin war in diesem Augenblicke mit ihren eignen Ideen zu beschäftigt,
um diese Andeutungen so zu beachten, als sie es zu andrer Zeit getan haben
würde. In Hinsicht auf Eugen hast Du vollkommen Recht, erwiederte sie, aber
unsre Töchter dürfen solche Konnexionen nicht bilden. Sie können ihrem Geschick
nicht vorgreifen, sie müssen geduldig abwarten, was Gott und ihre Eltern über
ihre Zukunft beschliessen. Übrigens will ich noch heute über die ihrem Alter
angemessenen Beschäftigungen unsrer jüngsten Tochter, und über die notwendige
Beschränkung ihrer Gesellschaft mit Madame Sommerfeldt mich beraten; Helenas
Gouvernante ist eine verständige welterfahrne Frau; sie wird auf meine Ansichten
eingehen, und alles dem gemäss anzuordnen wissen.
    Und Richard? muss auch er aus Helenas Nähe verbannt werden? fragte ein wenig
spottend der Fürst; Helena horchte hoch auf.
    Ach, warum quälst Du mich so! Du weisst es ja, von dem kann ja hier gar nicht
die Rede sein, das bleibt wie es ist, erwiederte die Fürstin etwas ungeduldig.
    Beide verliessen das Zimmer, und Helena gewann dadurch Zeit, unbemerkt aus
ihrem Verstecke zu entkommen.
Helena war der Pflege ihrer Amme zwar schon längst entwachsen; doch diese liess
es sich dennoch nicht nehmen, die Nachttoilette ihres Lieblinges zu besorgen,
wie sie von jeher es gewohnt gewesen war. Obgleich mehr als zwanzig Hände sich
herbei drängten, dieses Geschäft, das sie mit mütterlichem Eifer als
unerlässliche Pflicht betrieb, ihr abzunehmen, so litt sie doch nie den mindesten
Eingriff in ihre Rechte. Das ungemessenste Vertrauen des holdseligen Wesens, das
in unbeschreiblicher Anmut unter ihren pflegenden Händen gleichsam erblühte,
lohnte überreichlich ihre treue Anhänglichkeit. Die junge Prinzessin hatte von
frühester Kindheit an sich gewöhnt, Abends beim Auskleiden ihrer Elisabet von
allem, was sie den Tag über erfahren oder getan, ausführlichen Bericht
abzustatten; auch die Fürstin Eudoxia pflegte des Morgens, gleich nach ihrem
Erwachen, sie zu sich zu berufen, um alles, was in dem unermesslich grossen
Haushalte, und selbst in der Familie des fürstlichen Hauses sich ereignete, mit
ihr allein zu besprechen. Und so war denn die gute Frau besser als irgend
Jemand, die Fürstin selbst nicht ausgenommen, im Stande, alles im Ganzen zu
überschauen, und nicht selten durch ihren Rat, oder selbst tätig, in die
Leitung desselben einzugreifen.
    Auch an jenem Abende versäumte Helena nicht, ihr Herz vor der treuen Amme
auszuschütten; es war ihr dieses sogar mehr als sonst ein Bedürfnis; denn sie
fühlte das Unrecht, das sie begangen, indem sie, wenn gleich Anfangs
unabsichtlich, ihre Eltern belauschte, und sie schämte sich deshalb nicht wenig.
Indessen die Beichte wurde abgelegt, und dass Frau Elisabet, als eine höchst
moralische Person, sie darüber sehr ernstlich schalt und ermahnte, war dem guten
frommen Kinde, als wohlverdiente Busse, eine Art von Trost. Doch die gute Amme
konnte ihrem Lieblinge nicht lange zürnen; als sie die innere Zerknirschung
desselben über den begangenen Fehler bemerkte, ging sie zu Beruhigungsgründen
über und sprach so lange, so eindringlich, mit so sanft gemilderter Stimme, dass
ihre Rede endlich wie ein Wiegenliedchen wirkte. Als Helena am andern Morgen
erwachte, waren sowohl das, was sie von dem Gespräche ihrer Eltern vernommen,
als die Ermahnungen und Tröstungen der Amme ihr fast ganz aus dem Gedächtnis
entschwunden.
Die heimliche Liebe des jungen Fürsten Konstantin und der Prinzessin Natalia war
für Helena längst kein Geheimnis mehr gewesen; denn welchem funfzehnjährigen
Mädchen wäre ein solches, unter ihren Augen entstehendes Verhältnis jemals
entgangen? in dieser Hinsicht hatte sie also aus dem Gespräche ihrer Eltern
nichts erfahren, das ihr nicht schon bekannt gewesen wäre. Dass sie selbst ihrem
Eintritte in die grosse Welt so nahe stehe, war ihr allerdings neu; denn mit
ihrem Loose völlig zufrieden, hatte sie bis dahin noch gar nicht daran gedacht,
und wusste auch jetzt noch nicht recht, ob sie sich darauf freuen, oder davor
fürchten solle. Da aber doch erst von kommendem Winter die Rede gewesen war, bis
zu welchem noch mehrere Monate vergehen mussten, - in ihrem Alter eine
unermesslich lange Zeit, - so hielt sie es für das Beste, auch jetzt noch nicht
weiter darüber nachzudenken, und schlug mit ächt jugendlichem Frohsinne sich die
ganze Sache fürs erste aus dem Kopfe.
    Die Voranstalten zu dieser Hauptepoche in Helenas Jugendleben wurden
indessen allmälig getroffen; aber ganz unmerklich langsam und leise; denn
Eudoxia war eine zu weltkluge Dame, um nicht alles was sie unternahm mit grosser
Überlegung auszuführen. Natalias nahe Verlobung blieb fürs erste noch ein
öffentliches Geheimnis, aber sie wurde jetzt doch, als eine ganz erwachsene
junge Dame, in die Gesellschaft eingeführt. Ihre Erziehung wurde für vollendet
erklärt, und dieses bot von selbst Gelegenheit, die grosse Tanzstunde aufhören zu
lassen, die sonst wöchentlich im Palaste des Fürsten Andreas statt fand, und die
gar bald in eine Art Gesellschaftsball sich umgewandelt hatte, zu welchem
Moskaus heranwachsende brillanteste Jugend beiderlei Geschlechts, beinahe ohne
andre Aufsicht als die des Tanzmeisters, sich versammelte.
    Die grossen musikalischen Übungen hatten aus dem nämlichen Grunde gar bald
das nämliche Schicksal; und unter dem Vorwande einiger notwendig damit
vorzunehmender Reparaturen, wurde auch das kleine Hausteater einstweilen
zugeschlossen.
    So zog der Kreis, welcher Helenen von der fröhlichen blühenden Jugendwelt
abschloss, sich immer enger zusammen, während die glänzendsten Feste in dem Hause
ihrer Eltern sich mehrten, und Natalie als die Königin derselben glänzte. Madame
Sommerfeldt wich ihrem Zöglinge fast nie mehr von der Seite; nur in ihrer
Gegenwart durfte Helena die Besuche ihrer jungen Freundinnen annehmen, nur in
ihrer, oder in der Fürstin Begleitung, sie erwiedern; Eugens Freunde waren, ohne
dass dieses ausgesprochen worden wäre, durch diese neuen Einrichtungen aus ihrer
Nähe gänzlich entfernt.
    Alle diese Veränderungen wurden, ohne ein Wort darüber zu verlieren,
gleichsam eine aus der andern entstehend, so ganz allmälig eingeführt, dass
Helena derselben schon gewohnt worden war, ehe sie nur bemerkte, dass sie gegen
sonst ein fast klösterliches Leben führe. Ihr heitrer, still zufriedener Sinn
blieb dabei völlig unbefangen; war sie doch, vom Morgen bis zum Abend, auf eine
Weise beschäftigt, die Langeweile und üble Laune fern von ihr hielt. Um die
Zeit, die ihr bis zu ihrem Eintritte in die Welt noch übrig blieb, recht zu
benutzen, waren fast alle Stunden ihres Unterrichts verdoppelt worden; sie las,
zeichnete, malte, sang und spielte; Richard war nach wie vor bei ihren Übungen
ihr zur Hand, so oft sie seiner bedurfte. Der Tag verging, der Morgen wurde zum
Abende, ehe sie sich dessen versah; sie war zufrieden, als hätte sie nie anders
gelebt.
    Natalia, von Bewunderern umgeben, im Wonnetaumel der ersten Liebe, von einem
glänzenden Feste zu einem andern eilend, wurde der vereinsamten jüngern
Schwester bei dieser ganz verschiedenen Lebensart zwar etwas entfremdet, und
mochte selten genug ihrer gedenken; doch Eugen und Richard vergassen die
Verlassene nicht. Auch sie waren jetzt in der Gesellschaft eingeführt, doch
Richard entfernte sich aus derselben, sobald es der Anstand erlaubte, um der
einsamen Helena ein Paar lange Abendstunden durch gemeinschaftliche Lectüre zu
kürzen, und auch Eugen folgte ihm zuweilen. Richard schlich sich nicht heimlich
zu ihr; der Fürst, die Fürstin, Alle wussten darum und gönnten ihr gern diese
Erheiterung, während das ganze Haus in festlichem Glanze strahlte.
    Madame Sommerfeldt war eines Abends zu einer Freundin geladen; eine sehr
zahlreiche und brillante Assemblée wogte in den weiten Sälen des Palastes,
während Richard sich früher als sonst zu Helena begeben, um mit ihr Walter
Scotts Lady of the Lake zu lesen. Die Amme, welche diesmal, wie immer in solchen
Fällen, die Stelle der Gouvernante bei der jungen Prinzessin vertrat, war eben
im Begriffe, in ihrem weichen bequemen Armstuhle hinter dem grossen Ofenschirme
in sanften Schlummer zu geraten, als ebenfalls weit früher als gewöhnlich, und
augenscheinlich etwas verdriesslich, Eugen zu ihnen sich gesellte.
    Sitzt Ihr doch da, als befändet Ihr Euch selbst auf einer unbewohnten Insel
mitten in See, rief er, nachdem er einen Blick auf das Gedicht, welches sie mit
einander lasen, geworfen; ist es hier doch so still, so heimlich, so ruhig; und
keine funfzig Schritte von Euch tobt der langweiligste Saus und Braus, den man
sich denken kann. Arme, kleine Helena, ich habe mich fortgeschlichen, um mich
ein Stündchen bei Dir zu erholen, aber hier ist es doch gewaltig einsam und
still! setzte er sich dehnend, mit schlecht verhehltem Gähnen hinzu; sage mir
nur, was in aller Welt hat seit einiger Zeit unsre Mama bewogen, Dich wieder in
die Kinderstube zu versetzen?
    Helene versicherte, sich dabei sehr wohl zu befinden, auch Richard meinte,
es wäre doch sonst fast zu lebhaft hier zugegangen, Eugen aber wollte das Alles
nicht gelten lassen.
    Warum müssen denn meine Freunde aus Deiner Gegenwart, Schwester, gänzlich
verbannt sein? fragte er: warum treffe ich sogar Deine Freundinnen niemals mehr
bei Dir an? warum darfst Du von ihnen nur förmliche Visiten annehmen und
erwiedern? Was sind das alles für Neuerungen, und was ist der Grund davon? Sind
doch alle Freuden, die sonst hier herrschten, uns wie abgeschnitten! Scherz und
Spiel! Lachen und Tanz und Herzenslust! wo seid ihr hin! setzte er mit komischem
Patos, tragirend und deklamirend hinzu.
    Das geht nicht mehr so, wie Du es wohl meinst; ich habe keine Zeit zu
verlieren, wenn ich noch alles lernen soll, was ich lernen muss. Glaube mir,
Bruder, die Langeweile plagt mich nicht, ich habe vom Morgen bis zum Abend
vollauf zu arbeiten: erwiederte Helene, und sah ganz allerliebst altklug dazu
aus.
    Das alles ist wahr und gut; aber man muss doch auch nach der Arbeit seine
Erholungsstunden haben: sprach Eugen.
    Auch an diesen fehlt es mir nicht, wie Du siehst, erwiederte Helene, indem
sie lächelnd auf Richard und das vor ihnen liegende Buch deutete.
    Ich seh' es wohl, rief Eugen halb lachend, halb ärgerlich, Richard ist nun
einmal der Auserwählte; aber warum können denn wir, ich und meine übrigen
Freunde, nicht eben so. gut als er, uns mit Dir erholen?
    Ich weiss es wohl und sag' es nicht, erwiederte Helene mit lächelndem Trotz,
kreuzte die runden weissen Arme über einander, und lehnte, ein Liedchen summend,
im Sofa sich zurück.
    Kleines eigensinniges Ding, Du sagst es nicht? aber ich erfahre es doch,
lachte Eugen, und holte mit schmeichelnder Gewalt die Amme aus ihrer dunkeln
Ecke hinter dem Ofenschirme hervor. Mütterchen, liebe Alte, bat er, komm Du
unser alles wissendes Hausorakel; komm, setze Dich hieher zu uns, weise,
vielerfahrne Pytia, und beantworte mir die Fragen, auf welche der kleine
Trotzkopf nicht antworten will.
    Aber so tut doch nur die Augen auf, so könnt Ihr Eure Fragen Euch selbst
gar leicht beantworten, sprach lachend die Amme; schaut Euch selbst nur an, und
meine junge Gebieterin dazu; seid Ihr aus den beiden kleinen Bübchen, die mir
mein Herzenskind oft genug umgerannt haben, nicht ein paar stattliche, junge
Herren geworden? und meint Ihr, mein Prinzesschen wäre hinter Euch
zurückgeblieben? Urteilt selbst, ob es für ein junges erwachsenes Fräulein sich
wohl schicken würde, mit Euresgleichen Ball- und Pfänderspiel zu spielen. Oder
soll sie etwa auch, wie ihre Schwester Natalie, in der grossen Tanzstunde ihr
Herzchen verlieren? wer kann wissen ob der, welcher es etwa aufnähme, den Eltern
so genehm wäre, als Fürst Konstantin zum Glück es ist; und da hätten wir des
Herzeleids genug; setzte die Amme, über ihre eigne Übereilung augenscheinlich
erschreckend, hinzu.
    Darum also? etwas mag daran sein, erwiederte Eugen langsam gedehnt. Nun,
Freund Richard, setzte er hinzu, mache Dich also nur darauf gefasst, nächster
Tage wirst auch Du verbannt.
    Das wird er nicht, gewiss nicht; fiel Helene sehr lebhaft ein.
    Nicht? und warum er allein nicht? fragte Eugen.
    Warum? das ist mir nicht recht klar; aber wäre das auch, ich sagte es doch
nicht; übrigens weiss ich es gewiss, antwortete Helene.
    Ich weiss es auch, nebst dem Grunde dazu, aber ich sage es ebenfalls nicht;
mir ist als hätte ich schon zu viel gesagt; sprach mit bedenklichem
Kopfschütteln die Amme.
    Der Gouvernante Ankunft beendete dieses Gespräch, und Eugen begab sich mit
seinem ziemlich nachdenklich gewordenen Freunde wieder zur Gesellschaft zurück.
Schon am folgenden Tage liess Richard sein Nicht-Erscheinen an der Tafel mit
einem unbedeutenden Unwohlsein entschuldigen; dennoch wiess er alle ärztliche
Hülfe von sich ab. Trübe und einsam weilte er mehrere Tage lang in seinem
Zimmer, ohne dasselbe zu verlassen; und sogar dem Einzigen, dem er den Zutritt
nicht versagte, weil er sich nicht abweisen liess, sogar seinem Freunde Eugen
gelang es nicht, ihm ordentlich Rede abzugewinnen. Mit allen Bitten und Fragen
war nichts weiter aus Richard herauszubringen, als fast ängstliches Flehen,
Geduld mit ihm zu haben, ihn nur noch wenige Tage sich selbst zu überlassen, und
Versicherungen, dass er gewiss sehr bald gesunden werde, wenn man ihm nur erlauben
wolle, kurze Zeit ganz einsam zu bleiben.
    Eugen verkannte den Ausdruck tiefen innern Leidens an seinem Freunde nicht,
aber er sah auch, dass nicht eigentliches Kranksein, kein physischer Schmerz,
diesem Leiden zum Grunde liege. An Verzweiflung gränzender Gram, namenloses
Seelenleiden, furchtbarer Kampf sich widerstrebender Gefühle, tobten im
innersten Gemüte des Unglückseligen. Eugen sah es wohl, aber er wusste den Grund
dazu auf keine Weise sich zu erklären.
    Er gab es auf, den Freund, dessen täglich mehr verfallende Gestalt mit
banger Besorgnis ihn erfüllte, mit Fragen länger zu quälen, die immer nur mit
rührenden Bitten um Nachsicht, um Geduld, um Einsamkeit, erwiedert wurden; aber
er fing an, ihn mit scharfer Aufmerksamkeit zu beobachten, um zu erraten, was
man ihm nicht bekennen wollte. Oft überfiel er ihn in seinem Zimmer, wenn
Richard sich dessen am wenigsten versah, und wenn er in später Nacht vom Balle
oder von andern Festen zurückkehrte, blieb er lauschend an Richards Türe
stehen. Gewöhnlich hörte er ihn dann noch mit unruhigen Schritten im Zimmer auf
und abgehen, oft sogar laut und vernehmlich mit sich selbst sprechen, eine
Gewohnheit, welche Richard von seiner Kindheit an gehabt hatte. Ein verborgner
Sinn lag in Richards Worten, das liess sich nicht ableugnen, aber wie diesen
heraus finden? Zuweilen brach er auch in halb ersticktes bittres Lachen aus, und
der Gedanke, irgend ein grosses unbekanntes Unheil sei über seinen Freund
hereingebrochen, das bei dieser ängstlichen Art es zu verhehlen ihn dem
Wahnsinne zuführen könne, erfüllte den lauschenden Eugen mit unbeschreiblichem
Grauen.
    Tor, blinder erbärmlicher Tor! die sprechendsten Beweise unbegränzter
Verachtung treffen dich, und du nimmst sie für Auszeichnung, für
Gunstbezeigungen, und triumphirst darüber innerlich! ist es nicht zum
Todtlachen? sprach Richard einst heftig bewegt zu sich selbst. Willst du es denn
wirklich abwarten, dass man in den Sumpf dich zurückwirft, aus welchem man zu
augenblicklichem Gebrauche dich gezogen? setzte er nach einigem Schweigen, mit
gedämpfter Stimme, fast flüsternd hinzu.
    Der Schooshund darf in der vornehmsten Gesellschaft am Ofen liegen bleiben,
die Hauskatze darf in allen Winkeln herumschnurren, und an die Füsse der Herrin
sich vertraulich schmiegen, was tut es? was ist an solchen Haustieren gelegen?
wer achtet auf sie? sprach er einst im Tone ruhiger Überlegung. Sie haben es
sehr gut in der Welt, denn sie amüsiren, fuhr er weiter fort; sie werden
gepflegt, gefüttert, gestreichelt, sie haben es ganz ausserordentlich gut, diese
Tiere. Warum sollte ein Mensch es nicht eben so gut haben wollen, wenn er es
haben kann? Geduldet werden, weil man zu unbedeutend ist! es ist das bequemste
Leben von der Welt, setzte er ironisch lachend hinzu. Pfui! pfui! und hundertmal
pfui! rief er plötzlich laut aufstampfend, und ging heftig, mit zornigen
Schritten, im Zimmer umher. Eugen hörte es schaudernd, und suchte vergebens sich
zu erklären was er hörte.
    Altes redseliges Hausorakel, weise viel erfahrne Pytia, so nannte er dich
ja? dir danke ich viel, und du verdienst den Namen: sprach Richard ein andermal.
Und als ob in düstrer Nacht ein unerwarteter Strahl des Lichtes ihn träfe, so
fuhr Eugen zusammen, der wieder lauschend an der Türe stand.
    Die Amme! ja sie war es die Richard meinte, sie musste es sein, und Eugen
begriff nicht wie es möglich sei, dass er nicht schon längst auf den Gedanken
gekommen, sie um Rat zu fragen. War sie doch die Vertraute der Fürstin Eudoxia,
wie der kindlich ihr ergebenen Helena; blieb ihr doch nichts was im Palaste
seines Vaters vorging verborgen, erfuhr sie doch jedes Wort, das gesprochen
wurde im Prunkgemache der Fürstin, wie in der dumpfigen Kammer des niedrigsten
Knechtes!
    Eugen erinnerte sich jetzt deutlich, dass Richard am Morgen nach jenem
letzten Abend, den sie beide bei Helenen zugebracht, die Amme besucht habe, was
sehr selten geschah. Er selbst hatte ihn gesehen, wie er ziemlich bleich, mit
wankendem Schritte aus ihrem Zimmer in das Seine ging, das er seitdem nicht
wieder verlassen. Sie war folglich die letzte gewesen, die in gesundem Zustande
ihn gesehen, und sie allein konnte wissen, welch unerwartetes Unheil in der
kurzen Zwischenzeit vom Abend bis zum Morgen über den Unglücklichen
hereingebrochen sei, das in diesen unerklärlichen Zustand ihn versetzte. Eugen
beschloss dies Geheimnis von ihr herauszubringen, es koste was es wolle.
    Es war kein leichtes Unternehmen; denn bei aller ihrer Redseligkeit war Frau
Elisabet doch nichts weniger als schwatzhaft. Sie hatte verschweigen gelernt;
mit dem ihrem Geschlechte wie ihrem Stande eignen Mutterwitze hatte sie eine
gewisse schlaue Vorsicht sich angeeignet, welche durch lange Gewohnheit ihr zur
zweiten Natur geworden war, und nicht leicht entschlüpfte ihr ein unüberlegtes
Wort. Auch hätte Eugen den Inhalt ihres letzten Gespräches mit Richard wohl
schwerlich aus der verschwiegenen Vertrauten des ganzen Hauses herausgebracht,
wenn er nicht durch seine lebhafte Beschreibung des traurigen Zustandes des
Kranken zuerst ihr innigstes Mitleid zu erregen, und hinterdrein durch
verständliche Andeutungen der Gefahr, dass er in Wahnsinn verfallen könne, sie in
Furcht und Schrecken zu versetzen gewusst.
    Vor allem lag der vorsichtigen Frau daran, unter diesen Umständen ihre eigne
Schuldlosigkeit an Richards Erkranken ins hellste Licht zu stellen; sie gestand,
dass er an jenem Morgen sehr düster, sehr schwermütig zu ihr gekommen sei, um
sich bei ihr Rates zu erholen; aber sie behauptete auch, dass er vollkommen
erheitert und getröstet sie verlassen habe. Nichts habe, versicherte sie, ihn zu
ihr getrieben, als die ihn quälende Sorge, dass, ungeachtet aller Versicherungen
des Gegenteils, er selbst eben so wohl als Eugens andre Freunde, am Ende doch
noch aus Helenas Nähe verbannt, von ihrem näheren vertrauteren Umgange
ausgeschlossen werden würde.
    Nie, nie werde ich mich trösten, wenn auf diese Weise mir der einzige Weg
verschlossen wird, dem edlen Hause, das so viel an mir getan, dadurch nützlich
zu werden, dass ich fortfahre, die mir unter dem Schutze desselben erworbenen
Kenntnisse zur Ausbildung der seltnen Talente der jungen Prinzessin zu
verwenden, wie ich bis jetzt es getan: hatte Richard mit dem Ausdrucke inniger
Betrübnis so lange wiederholt, sich so bestimmt geweigert, den Versicherungen
der Amme, dass dieses keinesweges zu befürchten stehe, Glauben zu schenken, bis
sie durch Gründe von der Wahrheit derselben ihn zu überzeugen sich entschloss. In
klaren, nichts bemäntelnden Worten hatte sie, freilich unter der Bedingung
unverbrüchlicher Verschwiegenheit, ihm nicht nur alles entdeckt, was Helena
damals aus dem Gespräche ihrer Eltern über diesen Gegenstand entnommen, sondern
auch wie die Fürstin Eudoxia selbst, und in noch weit stärkeren Ausdrücken,
gegen sie, die Amme, sich darüber geäussert.
    Genug, Richard hatte auf durchaus nicht schonende Weise von Frau Elisabet
erfahren, was ihm ewig hätte verborgen bleiben müssen, und diese glaubte es ganz
vortrefflich gemacht zu haben, während sein stolzes Herz unter dem Gefühle lange
unwissend ertragener tiefer Entwürdigung brechen wollte. Der Amme fiel es nie
ein, an ihrer Herrin zu zweifeln; und weil diese von dem in der Natur
gegründeten Unterschiede zwischen hoch und niedrig Gebornen überzeugt war, so
glaubte auch sie daran, ohne sich dadurch im mindesten verletzt oder verachtet
zu fühlen. Im Himmel wird es anders sein, dachte sie zuweilen, dort sind wir
alle gleich, sagen die Popen; und doch, wer weiss?
    Von allem was er hier vernommen seltsam ergriffen und bewegt, verliess Eugen
die Amme. Dass er weit davon entfernt war die Ansichten seiner Mutter mit ihr zu
teilen, bedarf wohl kaum der Erwähnung; aber die wirkliche Lage seines
Freundes, die ihm jetzt zum erstenmal klar geworden war, fiel, eben weil sie so
plötzlich vor ihm aufstand, mit Centnerschwere ihm auf das Herz. Auch er, eben
so wenig als Richard selbst, hatte früher nie an die wesentliche Verschiedenheit
ihrer beiderseitigen Stellung in der Welt gedacht, auch nicht an den gewaltigen
Abstand der Ansprüche, welche sie beide an das Leben zu machen berechtiget
waren. Richard war ihm von jeher nur als ein geliebter Bruder erschienen, mit
dem er alles teilte; wie anders musste von heute an es werden! Er begriff ganz
den bittern Unmut, die stille Verzweiflung des Freundes, er litt mit ihm
schmerzlich und tief; aber ihm blieb der Trost, der jenem mangelte; denn fest
und unerschütterlich stand der Entschluss in seinem Gemüte, alles anzuwenden, um
den Freund seinem unwürdigen Zustande zu entreissen, ihn zu heben, zu tragen, und
um jeden Preis die zwischen ihnen im Innern herrschende Gleichheit auch im
Äussern wieder herzustellen, und zwar auf immer.
Beim regsten innigsten Mitgefühle vermochte Eugen doch nicht, die ganze Schwere
des Unglücks, das auf seinem Freunde lastete, zu ermessen. Als verwöhnte
Lieblingskinder des Glückes waren beide neben einander erwachsen, und ihre
Jugenderinnerungen konnten nur freudiger Art sein; denn von allem, was frühere
bedrücktere Zustände ihm zurückrufen konnte, war auch Richarden, wie schon
erwähnt wurde, nichts geblieben als seine Muttersprache, die ihm überdem sogar
in diesem fremden Lande als ein besonderer Vorzug angerechnet wurde, um
dessentwillen er von vielen gesucht ward. Plötzlich aufgerüttelt aus der süssen
Unbewussteit goldner Jugendträume, musste ihm jetzt zu Mute sein wie einem, der
auf seidnem Lager entschlief, und unter Sturm und Gewitter, auf öden
meerumspülten Felsen, allein und verlassen erwacht.
    Ärmer als er jetzt sich fühlte, hat noch kein Menschenkind sich jemals
gefühlt. Von allem was ihn umgab, was er sonst, ohne alles Bedenken, als ihm
angehörig betrachtet hatte, war, wie es ihm schien, ausser dem nackten Leben
nichts mehr Sein; er wähnte nicht einmal mehr auf das Obdach über seinem Haupte
ein Anrecht zu haben; fürstliche Gnade hatte ihn darunter aufgenommen,
fürstliche Laune konnte ihn verjagen, sobald es ihr beliebte, ihn nicht mehr
darunter zu dulden.
    Immer wilder, immer verworrener wogten, kreuzten sich seine Gedanken, bis
sein Elend den höchsten Gipfel erreichte, und er vor Jammer und Mitleid mit sich
selbst zu vergehen glaubte; da endlich erwachte sein eigenes besseres Selbst.
    Und bin ich denn aber wirklich so elend? so ganz auf fremde Hülfe
angewiesen? rief eine tröstende Stimme in seinem Innern: habe ich nicht auch
Eltern? ein Vaterhaus, ein schönes hochgepriesenes Vaterland, wo ich hin gehöre,
wo ich daheim bin? Nur wer sich selbst aufgibt, sich selbst verlässt, ist
warhaft verlassen.
    Er suchte sein aufgeregtes Gemüt auf alle Weise zu beschwichtigen; er
schloss die Augen, und strebte mühsam, dunkle Erinnerungen seiner frühesten
Kindheit, die traumartig Jahre lang in ihm geschlummert hatten, hinauf an das
Tageslicht zu beschwören. Sie erwachten, sie traten aus dem Dunkel hervor. Das
schmuzige enge Städtchen Nottingham, das kleine unscheinbare Haus, in welchem
seine Eltern wohnten, die räuchrige kellerartige Küche, in der seine Mutter das
spärliche Mittagsmahl für die Familie mühselig bereitete. Er sah die Arbeiter
unter den staubigen Baumwollenballen, im niedrigen Magazine herumstören, er
glaubte sogar die scheltende Stimme seines Vaters zu hören, vor der er sich oft
in den dunkelsten, abgelegensten Winkeln des Hauses verborgen, und fühlte dem
Allen sich gänzlich entfremdet. In seiner Brust regte sich kein liebendes
Gefühl; mit innerem Grauen erfüllte ihn der Gedanke an jenes dunkle enge Leben,
zu welchem er doch eigentlich geboren war; ihm schauderte davor, aber verloren
gab er sich darum doch nicht.
    Richard nahm alle seine Kraft zusammen, um zu nüchternem gelassnem Besinnen
sich zu zwingen. Greise, Weiber, Kinder, mögen klagen und jammern, rief er,
Männer helfen sich selbst, oder gehen unter im Versuch; nur der ist verlassen,
der sich selbst verlässt, sei künftig mein Wahlspruch. Zwar habe ich mein
zwanzigstes Jahr noch nicht vollendet, aber ich bin eine frühreife Frucht meines
Geschicks, es hat vor der Zeit mich mündig gesprochen, und ich darf sagen, ich
bin ein Mann.
    So kaltblütig als es ihm nur immer möglich war, fing er jetzt an, alle
Vorteile und Nachteile seiner Zustände zu überlegen, und gelangte endlich zu
dem Entschlusse, in die Welt zu gehen, die weit offen vor ihm lag: zunächst nach
Amerika, wo so viele seines Gleichen Glück oder Untergang suchen und finden. Der
Einzelne kommt überall leicht durch, tröstete er sich selbst, nur Freiheit!
Unabhängigkeit! Selbstständigkeit! sei es meinetwegen auch bei Wasser und Brod.
    Er gefiel sich in dem Gedanken, und malte mit den lebhaftesten Farben seiner
ohnehin sehr gespannten Fantasie ihn sich aus. Schmerzliche Wehmut ergriff ihn,
indem er den Abschied von seinen fürstlichen Pflegeeltern sich dachte, die immer
ihm wohlgetan, die er mehr als seine eignen Eltern geehrt und geliebt; von dem
vertrauten innigsten Freunde seines Herzens, von Eugen, der mehr als Bruder ihm
gewesen, von Helena - da war es plötzlich um seinen Mut getan! auch Sie sollte
er nicht mehr sehen, nicht mehr hören; die Hauptbeschäftigung seines bisherigen
Lebens, jeden ihrer Wünsche zu erraten und zu erfüllen, die Freude, bei allen
ihren schönen anmutigen Arbeiten ihr hülfreich zur Seite zu stehen, sollte er
aufgeben auf immer und immer: es war ihm undenkbar. Was die süsseste Gewohnheit
ihm Jahre lang verborgen gehalten, ward jetzt in einem Augenblicke ihm furchtbar
klar, und zum erstenmale fühlte er, welche unzerreissbare Bande ihn an den Boden
fesselten, den sie betrat.
    Strenge ging er mit sich selbst jetzt ins Gericht, und sprach von jeder
vorgefassten Hoffnung, von jedem törichten Wunsche sich frei, den er in seiner
jetzigen Lage für unverzeihlichen Unsinn erklären musste. Nichts glaubte er zu
wollen, als sie sehen, die nämliche Luft mit ihr atmen, ihr dienen; in jener so
verzeihlichen Schwärmerei der ersten Liebe eines reinen jugendlichen Gemüts war
er überzeugt, dass er nie Höheres wollen noch wünschen werde. Doch diesem Glück
zu entsagen schien ihm unmöglich, er fühlte mit unbeschreiblicher Seelenangst
seine Unfähigkeit, mit fester Hand in seine Zukunft einzugreifen, und versank
von neuem in hoffnungslose düstre Trostlosigkeit. So fand ihn Eugen, als er zu
ungewohnt später Stunde zu ihm zurückkehrte.
    Mit so viel äusserlicher Unbefangenheit, als er nur erzwingen konnte, legte
dieser jetzt seinem Freunde von seinem langen Aussenbleiben Rechenschaft ab;
erzählte von Besuchen, die er doch endlich einmal habe machen müssen, ohne
jedoch den bei der Amme zu erwähnen; brachte von seiner Mutter und seinen
Schwestern Grüsse und Ermahnungen, sich wohl zu pflegen, um recht bald wieder zu
gesunden, und kündigte zuletzt ganz unbefangen, als etwas ganz Gleichgültiges,
den nahen Besuch seines Vaters an, der nur noch einiger überlästigen Visiten
sich zu entledigen habe, ehe er selbst komme, um sich durch den Augenschein von
Richards Befinden zu überzeugen.
    Als ob etwas ganz Unerhörtes vor seinen Augen sich zutrüge, starrte Richard
seinen Freund an. Der Fürst selbst? Fürst Andreas? zu mir will er kommen? er
selbst, und hieher, zu mir? flüsterte er todtenbleich, beinahe unhörbar; die
Stimme versagte ihm vor innrer Bewegung.
    Tust doch als geschähe es zum erstenmal, sprach lächelnd Eugen; besinne
Dich doch nur, wie bist Du denn heute? haben nicht beide, mein Vater und meine
Mutter, oft an Deinem Bette gestanden, wenn Du krank warst? Seit wir nicht mehr
Kinder sind, und mit Kinderkrankheiten nichts mehr zu tun haben, ist
glücklicherweise der Fall nicht wieder vorgekommen; aber was ist es denn
Besonderes, wenn ein Vater seinen kranken Sohn besucht? Und hat er nicht stets
Dich als solchen gehalten und geliebt, und warst Du nicht immer mein Bruder und
bist Du es nicht noch?
    O stille! stille! stille! kaum habe ich meine Vernunft wieder erlangt,
verlocke mich nicht von neuem, sprach Richard sehr bewegt. Ich weiss jetzt, ich
weiss, wiederholte er einigemal, und sank, ohne seine Rede vollenden zu können,
dem Freunde durch und durch erschüttert an die Brust.
Der verheissene Besuch des Fürsten Andreas unterbrach eine Scene, die für beide
Freunde zu angreifend zu werden drohte; doch sah und hörte er beim Eintreten in
das Zimmer noch genug davon, um sich in der schon durch Eugens Bericht
vorgefassten Meinung zu bestärken, dass Richard mehr geistig als körperlich leide.
Er liebte wahrhaft den Jüngling, der unter seinen Augen, man möchte sagen, unter
seiner Pflege, so kräftig und schön heranblühte, und war in diesem Augenblicke
nur darauf bedacht, ihn vor dem geistigen Untergange zu bewahren, der, wenn er
so fortführe, ihm drohte. Mit wirklich väterlicher Milde und Freundlichkeit
suchte er anfänglich durch anscheinend gleichgültiges Gespräch die zu heftige
Anspannung dieses reizbaren Gemütes herabzustimmen, und ergriff, nachdem ihm
dieses gelungen, den ersten günstigen Augenblick, um fest und bestimmt zu
erklären, dass Richard nur einer ernsten Beschäftigung bedürfe, um schnell und
für immer von seinen Leiden geheilt zu werden, die ich, setzte der Fürst
freundlich hinzu, mit Deiner Erlaubnis am liebsten Grillen und Einbildungen
nennen möchte.
    Mit dem lebhaftesten Eifer trat Eugen der Ansicht seines Vaters bei; Richard
war an Leib und Seele zu abgespannt, zu gedrückt, zu froh, auf fremde Hülfe in
seiner Unentschlossenheit sich stützen zu können, um gegen Vater und Sohn
anzukämpfen, die beide jetzt in ihn drangen, sich zur Wahl eines, seine Zukunft
fest bestimmenden Planes zu entschliessen, zu dessen Ausführung ihm alles zu
Gebote stehen solle, was er nur bedürfen könne. Von ihm durch keinen Widerspruch
gehindert, fing Richards wohlmeinender Beschützer nun an, dem noch immer in
dumpfen Trübsinn Versunkenen eine lange Reihe glänzender Vorschläge für den
Lebensweg vorzulegen, an dessen Wendepunkte er jetzt stand. Der zuerst mit
zartester Schonung kaum angedeutete, im Falle ihn das Heimweh ergriffen, ihn
zurück nach England zu senden, und auch dort allen Beistand, dessen er bedürfen
könne, ihm zu gewähren, wurde von dem ehrgeizigen Jünglinge widerwillig, fast
zürnend zurückgewiesen, und der Fürst rechnete in seinem Herzen diese Weigerung
als einen Beweis seiner liebenden Anhänglichkeit ihm hoch an. Andre Vorschläge,
die diesem ersten folgten, wurden zwar besprochen und geprüft, dennoch aber am
Ende, unter irgend einem scheinbaren Vorwande, dankend ausgeschlagen.
    Das Gespräch zog sich gewaltig in die Länge. Meistens von Richard selbst
aufgefundene Schwierigkeiten türmten überall dem trefflichen Wollen des Fürsten
sich entgegen, der vielleicht nicht mehr fern davon war, die Geduld darüber zu
verlieren, als Richard plötzlich wie inspirirt aufsprang, und mit krankhafter
Heftigkeit höchst überraschend für die militairische Laufbahn im Dienste der
russischen Krone sich erklärte. Fürst Andreas und sein Sohn blickten beide
verwundert ihn an, und mochten ihren Sinnen kaum trauen. Nie, selbst nicht als
Knabe, hatte Richard die mindeste Neigung zum Soldatenstande gezeigt, weshalb
sie diesen in die Reihe der ihm dargelegten Vorschläge auch gar nicht
aufgenommen hatten.
    Der Ort, das Land, wo wir geboren wurden, ist darum noch nicht unser
Vaterland! rief Richard mit sein ganzes Wesen verklärendem Entusiasmus. England
war nichts weiter als meine Wiege; früh genug warf sie, achtlos was aus mir
würde, mich aus! Hier, wo mein eigentliches Leben unter dem Schutze und der
Pflege der Edelsten des Landes erst begann, hier in Russland ist meine wahre
Heimat. Russland, dem ich Alles verdanke, ist mein Vaterland, und von heute an
weih' ich mich feierlich seinem Dienste bis ans Ende meiner Tage.
    Nun bist Du wahrhaft mein Bruder! rief Eugen mit glänzendem Auge und
drückte, in freudiger Überraschung, den Freund an die Brust; auch der Fürst
umarmte ihn, und sprach in den wärmsten Ausdrücken seine Zufriedenheit mit
diesem Entschlusse aus. Sie blieben alle drei noch lange beisammen; mancherlei,
auf Richards Vorbereitung zu der von ihm erwählten Lebensbahn Bezug habendes,
wurde besprochen; manches Beispiel von tapfern bedeutenden Männern, älterer und
neuerer Zeit, wurde erwähnt, die ohne durch hohe Geburt oder grossen Reichtum
unterstützt worden zu sein, zu den höchsten Ehrenstellen in der Armee sich
hinaufschwangen.
    Und so war denn wirklich diese Abendstunde zu dem am Morgen dieses Tages von
ihm selbst noch nicht geahneten Wendepunkte in Richards Leben geworden; doch
nicht allein die Zukunft eines bis dahin unbedeutenden englischen Knaben, auch
die vieler hundert andren Menschen, vielleicht selbst die eines grossen Reiches,
wurde durch diese Stunde bestimmt. Darum wage keiner, auch auf das anscheinend
unbedeutendste Ereignis achtlos herunter zu sehen. Wer kann wissen, ob es nicht
die Schneeflocke ist, die vom Hochgebirge niederschwebend, zum Kern der Lawine
wird, welche in ihrem zerstörenden Laufe zum Ungeheuern sich vergrössernd,
Hütten, Wandrer und Heerden dem Untergange zuschleudert.
    Ein ganzes Jahr verging, ohne dass in Richards früheren glücklichen
Verhältnissen die mindeste Abänderung eingetreten wäre. Mit brennendem Eifer
strebte er im Laufe desselben die, für seine künftige Bestimmung ihm noch
mangelnden Kenntnisse sich zu erwerben, und Gesundheit und Frohsinn kehrten bei
rastloser, wohl angewandter Tätigkeit ihm wieder zurück. War es Mitleid? war es
früh ihr zur Gewohnheit gewordene Liebe? wahrscheinlich war es beides, was die
Fürstin Eudoxia bewog, während dieser Zeit sich fast noch milder und
freundlicher als zuvor gegen den Jüngling zu bezeigen, dessen ihrer Ansicht nach
ihm angebornes Missgeschick ihre innige Teilnahme erregte. Als endlich der
Zeitpunkt erschien, wo Richard das gastliche Dach, das in früher Kindheit ihn
aufnahm, verlassen musste, um seiner künftigen Bestimmung zu folgen, da war es
Eudoxia, die zuerst auf den Gedanken kam, ihn, dessen blosser Anblick verriet,
wie schwer jetzt am Scheidepunkte das Gefühl des Verlassenseins von neuem auf
ihm laste, durch mannigfaltige Beweise der Teilnahme und des Andenkens beim
Eintritte in seine neue Wohnung trostbringend begrüssen zu lassen.
Von nun an fühlte Richard sich weit glücklicher und freier, als er in seinem
früheren Missmute für möglich gehalten. Bedeutend abgekürzt durch den Einfluss
des mächtigen Fürsten Andreas, war seine Dienstzeit als gemeiner Soldat
innerhalb weniger Monate überstanden und er zum Unteroffizier erhoben. Dass er
als solcher, durch seinen Rang, von der Gesellschaft ausgeschlossen war, zu
welcher er früher, als zum Hause des Fürsten Andreas gehörig, unbedingt gezählt
wurde, kümmerte ihn wenig. Ungern mochte er jetzt jener Zeit gedenken, die er,
in glücklicher Unbekanntschaft mit seiner eigentlichen Stellung, in einer fast
ununterbrochenen Folge von Festen und Vergnügungen verlebt hatte; sie erschien
ihm jetzt wie ein langer betörender Rausch, an den man beim späten Erwachen nur
mit Ekel und Widerwillen sich erinnern mag. Sein stolzer Sinn schauderte vor dem
Gedanken zurück, auch noch ferner in erborgtem Schimmer zu glänzen; aber wenn er
Abends an den hellerleuchteten Fenstern der Säle vorüberkam, zu welchen der
Zutritt ihm jetzt versagt war, konnte er doch nicht unterlassen, mit innerm
Behagen und berechnender Zuversicht der vielleicht nicht ganz fernen Zeit sich
im Geiste zuzuwenden, in welcher durch Rang und Verdienst gehoben, es nur von
ihm abhängen würde, mit besserem Rechte als ehemals, seine frühere Stelle dort
wieder einzunehmen - wenn es ihm nämlich so beliebe.
    Aus erbittertem Trotz gegen das, was er in trüben Stunden des Missmuts als
eine Unbill des Schicksals gegen ihn betrachtete, hätte er vielleicht einen
seinem jetzigen Range, wenn gleich nicht seiner geistigen Bildung angemesseneren
Umgang sich erwählt, und wäre darüber in einen Strudel von lockenden
Verführungen und Gemeinheit geraten; doch Eugen stand wie sein guter Engel ihm
treulich zur Seite, er wusste jeden Schatten eines Verdachtes, als sei irgend
etwas zwischen ihnen beiden anders geworden, von seinem Freunde fern zu halten;
keinen Tag liess er vergehen, ohne ihn in sein väterliches Haus zu führen, wo
Richard stets als ein willkommner, von Allen gern gesehener Gast empfangen ward.
Sobald andre Besuche dieses nicht verhinderten, durfte er völlig zwanglos und
frei dem häuslichen Kreise dieser edlen Familie sich anschliessen, und wurde
gleich den Söhnen des Hauses behandelt; auch in seinem Verhältnisse zu Helena
war nichts abgeändert worden, allen andern jungen Freunden ihrer Brüder blieb
sie unsichtbar, auf ihr einsames Zimmer und den Besuch einiger Freundinnen
beschränkt; doch Richard durfte in Eugens Begleitung, oft aber auch allein, in
Gegenwart der Madame Sommerfeldt oder auch nur der Amme, sie dort besuchen, um
ihre stillen Abende auf gewohnte Weise zu erheitern, deren sie jetzt mehr als
sonst hatte, seit Nataliens Verlobung mit dem Fürsten Konstantin bekannt gemacht
worden war.
    Auch die Fürstin Eudoxia blieb in ihrem freundlichen Benehmen gegen ihn sich
gleich. Das herbe, verletzende Gefühl, welches die Amme durch ihre
unvorsichtigen Mitteilungen in ihm aufgeregt hatte, wurde dadurch zwar nicht
ganz besiegt, aber doch sehr gemildert; er vermochte nicht, der sich ihm
aufdringenden Überzeugung zu widerstehen, dass die Worte der sonst so zart
fühlenden Fürstin unmöglich in dem Sinne gemeint gewesen sein könnten, welchen
die Amme, nach ihrer gemeineren Art, ihnen untergelegt, und dass Frau Elisabet
in ihrer Redseligkeit sich manche Übertreibung habe zu Schulden kommen lassen,
ohne es eigentlich zu wollen. Und so trug denn alles dazu bei, ihn zu beruhigen,
und ihm die Veränderung seiner Lage weit minder fühlbar zu machen, als er es
erwartet hatte.
    Von der andern Seite war der unbeschränktere Blick in die ihm näher
gebrachte Welt, in die Leiden und Freuden, in alle ihm bis jetzt unbekannt
gebliebene wechselnde Zustände des bürgerlichen Lebens, für ihn unstreitig ein
Gewinn, der nur durch diese Veränderung seiner ganzen Existenz ihm hatte werden
können. So seltsam und selbst verletzend Iwan Yakuchins Glückwunsch, zur
Befreiung aus der vornehmen parfümirten Atmosphäre seiner hohen Beschützer, an
jenem ersten Abende in seiner neuen Wohnung ihm geklungen haben mochte, so
fühlte er doch nach wenigen Monaten, wie viel Wahres darin gelegen. Er war sich
bewusst, jetzt weit fester und sichrer aufzutreten, da niemand mehr ihm zur Seite
stand, um im Notfalle ihn zu stützen oder zu leiten; er gewann mit jedem Tage
mehr Vertrauen in sich und seine Kraft. In zweifelhaften Fällen wagte er es eine
eigne Meinung zu haben, und wusste sich selbst zu raten, ohne zu Andern seine
Zuflucht zu nehmen.
    Seit er dem hemmenden Einflusse der die sogenannte gute Gesellschaft
beherrschenden Konvenienzen entgangen war, bewegte er sich in einem ihm ganz
neuen Kreise, in welchem Iwan anfänglich sein Führer, und hernach sein von ihm
unzertrennlicher Begleiter wurde. Überall sah man die Beiden zusammen; im
Teater, wo Richard nicht mehr von seines Gleichen geschieden, in einer Loge des
ersten Ranges tronte, wie an öffentlichen Belustigungsorten. Moskau wimmelte
damals von, aus dem allgemeinen Befreiungskriege erst seit kurzer Zeit
heimgekehrten jungen Leuten; mehrere derselben schlossen den beiden Freunden zu
vertrauterem Umgange sich an. Mancher Abend wurde in jubelnder Lust, öftrer noch
in ernstem, tief eindringendem Gespräche in diesen Versammlungen hingebracht;
denn seit jenen grossen Ereignissen schien in Moskau wie überall der Geist
unbefangener Fröhlichkeit allmälig von der Jugend zu weichen, und Gedanken und
Betrachtungen, wie früher nur das reifere Mannesalter sie hegte, waren an dessen
Stelle getreten. Die dunkeln Stunden der langen nordischen Nächte zogen über den
Erzählungen der jungen Helden von dem, was sie im Auslande getan und gesehen,
ungezählt vorüber. Fromme Wünsche, sogar leise angedeutete Pläne zur
Verbesserung des im Vaterlande Bestehenden, kamen zur Sprache. Immer noch glühte
jene Begeisterung in ihren Herzen, die zuerst Moskau in Flammen setzte, dann die
halbe Welt ergriff, und durch die allein jene Wunder von Ausdauer und Tapferkeit
möglich geworden waren, welche nach langen Jahrhunderten noch die späteste
Nachwelt mit bewundernder Verehrung erfüllen werden.
    Mehreren der aus dem Kriege Heimgekehrten war es gelungen, die strenge
Aufsicht, welche an der russischen Gränze die Einführung ausländischer Bücher
erschwert, zu umgehen. Kriegslieder, Aufrufe an die deutschen Völker zum
gemeinschaftlichen Kampfe, diese alles elektrifirenden Vorläufer jener
denkwürdigen Zeit, waren mitgebracht, und wurden mit Entusiasmus in
Zusammenkünften gesungen und gelesen. Aber nicht nur diese allein, auch andre
von dem, nach so gewaltsamer Erregung nicht gleich das nötige Gleichgewicht
wiederfindenden Freiheitssinne eingegebene Schriften, hatten auf gleiche Weise
den Weg in jene vertraulichen Vereine gefunden; auch sie wurden übersetzt,
vorgelesen, besprochen, bestritten, oder auch mit lautem Jubel aufgenommen. Im
Auslande schwindlig gewordene junge Brauseköpfe, rissen durch feurige
Beredsamkeit ihre Zuhörer zu Plänen und Vorschlägen für das Wohl des Vaterlandes
hin; sprachen von nicht länger aufzuschiebenden, zum allgemeinen Besten durchaus
notwendigen Abänderungen verjährter Missbräuche, und wähnten von reiner
Vaterlandsliebe sich beseelt, ohne hinter dieser glänzenden, sie selbst
täuschenden Maske, die tief im eignen Gemüteverborgenen Regungen unruhigen
Ehrgeizes zu erkennen.
    Mit aller Glut eines lebhaften, in der Welt noch ganz neuen Gemütes, hing
Iwan dann an den Lippen der Redner; ernster und mehr in sich gekehrt, zeigte
Richard sich nur als aufmerksamen Zuhörer, dem nicht alles neu war, was er hier
vernahm. Zuweilen glaubte er Äusserungen zu hören, über die, nur weitläuftiger
und mit andern Worten, der Fürst Andreas sich schon ausgesprochen hatte, dann
aber kam auch wieder so vieles zu jenem nicht Passendes, ihm widersinnig
Dünkendes dazwischen, das ihn irre machte. Er wünschte von Herzen, die
Unterhaltung möge eine fröhlichere, dem jugendlichen Alter angemessenere Wendung
nehmen; doch daran war nicht zu denken. Ein heimlich unter der Asche glimmendes
Feuer hatte die Gemüter ergriffen, und verbreitete sich im Verborgenen immer
weiter und weiter. Gern hätte er diese Gesellschaft, in der er sich nie recht
behaglich fühlte, ganz aufgegeben; nicht aus Besorgnis um die möglichen Folgen,
an die er nicht glauben konnte, indem er in allen diesen Beratungen nur ein
nutzloses, zeitraubendes Spiel müssiger Köpfe sah; aber weil jedes unberufene
Einmischen in ernste Angelegenheiten, geschähe es auch nur durch in den Wind
verhallende Worte, ihm tief im Innersten der Seele zuwider war. Um Iwans willen,
den jede Äusserung seines Missbehagens tief zu kränken schien, hatte er indessen
nicht den Mut, aus einem Kreise zu scheiden, an welchem dieser das höchste
Interesse nahm, und liess es sich zuweilen sogar gefallen, zu später Nachtzeit,
nach einigen auf ganz andre Weise in Helenas Nähe froh verlebten Stunden, von
seinem Freunde in diese Gesellschaft sich schleppen zu lassen.
Fürst Andreas war mit seinem künftigen Schwiegersohne und mit dem jungen Fürsten
Eugen der Einladung zu einer grossen Jagdpartie gefolgt; eine leichte Erkältung
hielt indessen die Fürstin Eudoxia in ihren Zimmern gebannt, wo ihre beiden
Töchter den ganzen Tag über ihr Gesellschaft leisten mussten, weil sie keine
Besuche annahm. Richard selbst war in dieser Zeit von Morgen bis Abend mit
Vorübungen zu einer Revüe beschäftigt gewesen, die nächstens Statt haben sollte;
alles dieses hatte mehrere Tage lang ihn von Helena und dem ganzen fürstlichen
Hause entfernt gehalten. Jetzt endlich war aber alles überstanden; die
militairischen Übungen waren beendet, des Fürsten Rückkunft wurde stündlich
erwartet, und auch Eudoxia war von ihrem Unwohlsein völlig wieder hergestellt.
    In der vornehmen Welt war es noch ziemlich früh am Tage, als Richard, von
Ungeduld getrieben, eine für Helena bestimmte Rolle frisch angekommner
musikalischer Novitäten unter dem Arme, über den weiten Vorhof einer Seitentüre
des Palais zueilen wollte, welche in den von den beiden jungen Fürstinnen
bewohnten Flügel desselben führte. Zu seinem höchsten Erstaunen fand er aber
schon am grossen Torwege den Weg versperrt. Remisen und Ställe standen weit
offen, die Lieblingspferde des Fürsten wurden hinausgeführt, eine Unzahl von
Reisekutschen, Packwagen, Fuhrwerken aller Art, bildeten im Hofe eine fast
undurchdringliche Wagenburg. Kisten und Koffer von allen Formen und Dimensionen
lagen neben und über einander aufgetürmt dazwischen, und singend, fluchend,
pfeifend, schreiend, hämmernd, rufend sprang, lief, kletterte eine Armee von
Stallknechten, Sattlern, Dienern, Schmieden und Wagnern in diesem Chaos umher.
Richard wusste nicht wie ihm geschehen; bis zu jener Seitentüre durchzudringen
war unmöglich; vergebens bestürmte er mit Fragen die an ihm vorbeistreifenden
Diener; vor lauter Geschäftigkeit konnte keiner derselben ihm Rede stehen.
Endlich gelang es ihm, bis zu dem Haupteingange des Palais sich durch das
Getümmel hindurch zu arbeiten; kaum hatte er hier die grosse Treppe erreicht, als
ein Diener der Fürstin Eudoxia ihn in Empfang nahm, der sehr erfreut war ihn
anzutreffen, weil er so eben Befehl erhalten, ihn sogleich aufzusuchen und zu
seiner Gebieterin zu führen.
    In ihm selbst unverständlicher, dumpfer Angst befangen, wankte Richard, wie
ein Träumender, den ihm von Kindheit auf bekannten Weg zu den Zimmern der
Fürstin hinan, und konnte nur mit Mühe sich zurecht finden; denn Treppen,
Korridor, Vorzimmer, alle seit langen Jahren täglich gesehene Gegenstände, kamen
in seiner innern Verstörteit ihm ganz fremdartig vor. Nur als beim Öffnen der
Türe die, aus dem köstlichsten Blumendufte und den ausgesuchtesten Parfümerien
zusammengesetzte Atmosphäre ihm entgegen wallte, welche gewöhnlich die Fürstin
umgab, kam er einigermassen wieder zu sich selbst.
    Der erste Blick auf die in blühender Gesundheit von ihrem gewohnten Platze
ihm entgegen lächelnde Eudoxia, musste jeden Gedanken an einen ihr oder ihrem
Hause widerfahrnen Unfall aus Richards Gemüte verscheuchen; aber die Last, die
beim Anblick der unten im Hofe herrschenden Unordnung ihm schwer auf das Herz
gefallen war, abzuschütteln, blieb ihm noch unmöglich; er zitterte fühlbar,
indem er die freundlich ihm gebotene Hand an seine Lippen drückte.
    Närrchen, was hast Du denn? fragte die Fürstin nach ihrer gegen ihn noch
immer beibehaltenen mütterlichen Weise; weisst Du etwa schon? nun was ist es denn
weiter! gewiss Du sollst dadurch nichts verlieren.
    Richard starrte sie an, wollte antworten, und die Stimme versagte ihm. Ja
das ist nun nicht zu ändern, es ist nun einmal nicht anders, wir gehen nach
Petersburg, nahm Eudoxia mit grosser Gelassenheit wieder das Wort.
    Zwischen mir und Andreas war diese Reise zwar schon seit geraumer Zeit so
gut als beschlossen, aber so lange die Sache noch einigermassen zweifelhaft
blieb, haben sogar unsre Kinder nichts davon erfahren. Die vielen Fragen in der
Gesellschaft, Sie reisen? wann? weshalb? wann kommen Sie wieder? bringen Einen
um alle Geduld. Helena selbst weiss erst seit diesem Morgen, dass wir reisen. Ein
Teil unsrer Dienerschaft geht mit der Hälfte unseres Gepäckes noch heute ab,
morgen oder übermorgen folgt das übrige, und wir mit unsern Töchtern treten in
acht bis zehn Tagen die Reise an: denn einen kleinen Vorsprung müssen wir unsern
Leuten doch lassen.
    Ein tiefer Schmerzenslaut entrang sich Richards Brust; verwundert blickte
die Fürstin zu ihm auf; bleich, fassungslos stand er wie vernichtet neben ihrem
Armsessel; seine Hand hielt die Rücklehne desselben krampfhaft umfasst, als
bedürfe er dieser Stütze, um nicht umzusinken.
    Du bist krank! rief Eudoxia: was überkam Dich so plötzlich? setz' Dich
hierher, Du kannst Dich ja kaum aufrecht halten; mein Gott, was ist Dir denn
geschehen? fragte sie mütterlich besorgt.
    Richard sank zu ihren Füssen hin, und verhüllte seine tränenden Augen in den
Saum ihres Kleides.
    Du weinst? fragte sie mitleidig: arme, gute, treue Seele, wäre es unsre
Abreise, was Dich so betrübt? verlieren und wiederfinden ist ja die ganze
Geschichte des Lebens der Menschen auf Erden, das bedenke; das ist nun einmal
nicht zu ändern, und man muss sich darein ergeben. Und sei versichert, auch aus
der weitesten Ferne sorgen wir für Dich, Du sollst durch unsre Entfernung nichts
verlieren; ich und mein Gemahl werden immer als zu unserm Hause gehörend Dich
betrachten.
    In diesen letzten, gewiss gut gemeinten Worten, im Tone mit dem sie
ausgesprochen wurden, lag etwas ungemein Schmerzliches für Richard, das wie ein
elektrischer Schlag ihn durchzuckte. Fast vergessene Erinnerungen an das, was
die Amme ihm von der Fürstin stolzem Sinne früher bekannte, wachten in ihm auf,
und spornten ihn sich zu ermannen. Seine Tränen versiegten, er erhob sich, und
nahm der Fürstin gegenüber den Platz ein, den sie vorher ihm angewiesen.
    Kann meine gütige Beschützerin mich so missverstehen? erwiederte er, zwar mit
geziemender Ehrfurcht, aber frei ihr ins Auge blickend: kann sie mich, der unter
ihren Augen, unter ihrer Leitung vom Kinde zum Manne heranwuchs, für so
eigennützig, für so niedrig achten, dass ich in einem solchen Augenblicke eines
solchen Trostes bedürfte? ja dass ich nur fähig wäre ihn anzunehmen? Was ich bin,
was ich ausser dem nackten Leben besitze, verdanke ich meinen edlen Beschützern,
fuhr er sehr erregt mit flammenden Augen fort; aber die höchste der Gaben, die
ich aus Ihrem Hause mit fortnehme, durch die mein innigstes Dankgefühl mich
Ihnen ewig zu eigen macht, ist, dass ich durch Sie in den Stand gesetzt bin,
sorglos in die Zukunft zu blicken, und überall das Gefühl mit mir trage, mir
selbst auch ohne äussre Hülfe durch die Welt helfen zu können. Aber wie ich es
aushalten werde, dieses Haus künftig verödet zu sehen! wie ich alle die vielen
langen Tage, die von nun an einander folgen, von denen keiner mir - ach! ich
vermag nicht es auszusprechen; der geringste Diener in Ihrem Gefolge scheint mir
jetzt beneidenswert.
    Guter dankbarer Sohn, sprach die wirklich gerührte Fürstin; das also ist es
allein? liebst Du uns so? aber Deine treue Anhänglichkeit an uns und unser Haus
ist mir ja längst bekannt, und auch ich, das glaube nur fest, auch ich werde oft
Deiner gedenken, und Dich vermissen. Doch jeder, in welcher Lage er sich auch
befinden mag, muss sich das Unabänderliche mit Fassung gefallen lassen, und
wenigstens den Trost wirst Du nicht verschmähen, dass wir nicht auf immer von Dir
scheiden. In Jahresfrist, vielleicht noch früher, kehren wir zurück, denn ich
und Andreas lieben diesen Aufentalt, und möchten ihn mit keinem andern
vertauschen.
    Die Minuten, die ich für Dich aufgespart, sind verflossen, und draussen
warten hundert Augen auf mich, sprach die Fürstin, indem sie auf ihre Uhr sah.
In wenigen Worten will ich Dir noch die Veranlassung dieser Reise erklären, die
Dich so betrübt, denn ob wir uns wieder allein werden sehen, ist zweifelhaft.
Die künftigen Schwiegereltern meiner Natalie bestehen darauf, das Hochzeitsfest
in ihrem Familienkreise zu feiern, und wir, wir müssen aus Rücksichten für das
Glück unsrer Tochter ihrem Wunsche nachgeben, obgleich unsre Absicht eigentlich
war, Natalien mit ihrem jungen Gemahl erst nach ihrer Vermählung nach Petersburg
gehen zu lassen. Nach reifer Überlegung finden wir selbst es ratsam und
schicklich, nach langer Abwesenheit uns dem Hofe wieder einmal zu nähern; ich
selbst werde meine beiden Töchter dort einführen, und sie dem Kaiser und der
Kaiserin vorstellen, denn auch Helena hat das dazu gehörige Alter jetzt
erreicht. Und nun geh', guter Richard, der Fürst wird bald hier sein. Bei Tafel
sehen wir Dich wieder, andre Gäste werden heute nicht empfangen, Du aber bist ja
gleichsam das Kind vom Hause. Fasse Mut und hoffe auf die Zukunft, wenn Dich
der Augenblick drückt.
    Richard hatte eben noch Besinnung genug, um die ihm abermals gebotne Hand zu
küssen, und wankte weit trostloser als er gekommen war zur Türe hinaus.
    Oben an der grossen Treppe stand er einen Augenblick still, und blickte hinab
in den Vorhof. Das Getümmel hatte dort unten wo möglich noch zugenommen, man
fing eben an die Packwagen zu beladen, und das Singen, Lachen und Pfeifen der
dabei Beschäftigten klang ihm wie der unmenschlichste Hohn. So wie ihm damals,
mag dem Verurteilten zu Mute sein, der indem er in seinen Kerker zurück
geführt wird, das Schafott erbauen sieht. Ihm schwindelte, er hatte weder Mut
noch Kraft die Treppe hinab zu gehen, und durch diese Vorbereitungen zur
Zerstörung des ganzen Glücks seines Lebens sich abermals hindurch zu drängen, er
wandte der andern Seite des Vorsaales sich zu. In Eugens abgelegeneren Zimmern,
zu denen das Getöse im Vorhofe nicht dringen konnte, dachte er einige
Augenblicke zu verweilen, um sich dort, in der Einsamkeit, einigermassen wieder
zu sammeln.
    Gut, dass ich Dich treffe! rief die auf dem Wege dortin ihm begegnende Amme
ihm entgegen: aber wie siehst Du aus! bist Du krank? hast Du Fieber?
    Richard machte eine verneinende Bewegung, reden konnte er noch nicht.
    Nun das ist mir lieb, denn zum Kranksein ist jetzt nicht die Zeit, sprach
die Amme; hernach, wenn wir fort sind, magst Du Dich legen und pflegen, zu arg
wird es doch hoffentlich nicht mit Dir werden. Ja, ja, dann wird es still genug
hier im Hause sein, todtenstill, wie im Grabe; jetzt ist es desto lauter. Was
nur die Grossen von ihrer heillosen Art haben mögen, ihre Befehle immer erst in
der letzten Stunde von sich zu geben! so dass man, wenn's ans Ausführen gehen
soll, nicht Beine genug hat, um alles zu belaufen, und nicht Kopf genug, um
alles zu bedenken. Sieh einmal her, wie ich beladen bin, Kaschmirs, Schmuck,
Spitzen und Gott weiss was alles noch; das alles muss auf das Sorgfältigste
besorgt werden. Keine Seele von uns hat heute Zeit, Gott helf'! zu rufen, wenn
die andre niest; so wird es gewiss bis nach Mitternacht fortgehn, und auf mir
liegt alles, ich hab' es am schlimmsten dabei.
    In sich selbst versunken setzte Richard, während des unaufhaltsamen
Geschwätzes der neben ihm hergehenden Amme, seinen Weg an ihrer Seite fort, ohne
ein Wort darauf zu erwiedern. Halt! rief sie, als er in den Korridor einbiegen
wollte, der zu Eugens Zimmer führte, wo willst Du hin? der junge Fürst ist noch
nicht daheim, und auf jeden Fall musst Du mit mir zu Helenen, mit der heute gar
nicht auszukommen ist; es ist als täte sie es mir zum Verdruss, damit ich
vollends recht rabiat werde. Denke Dir, da sitzt die Kleine in ihrem Zimmer, und
rührt sich nicht, und weint, und weint, als wolle sie in Tränen sich auflösen!
Weint, wo Andre vor Freude ausser sich geraten würden! Die grosse Kaiserstadt
Petersburg! Hochzeit, Putz, Feste ohne Ende, dem Kaiser, der Kaiserin
vorgestellt werden! Die Sinne vergehen Einem, wenn man sich das alles nur recht
denkt. Und was wetten wir, sie kommt als Braut wieder, oder gar nicht; he?
    Richard wurde noch bleicher. Aber was hast Du denn? rief die Amme; komm'
doch, ich habe wahrlich keinen Augenblick Zeit. Madame Sommerfeldt ist
ausgefahren, um Abschiedsvisiten zu machen, und kommt schwerlich vor Abend
wieder, und da sitzt nun Helene ganz allein, und das ist ihr nicht gut. Keine
Einzige von uns, nicht einmal ein Kammermädchen, hat in diesem Wirrwarr Zeit bei
ihr zu bleiben; ich am wenigsten, denn wie gesagt, auf mir liegt alles. Du musst
ihr Gesellschaft leisten, mache Musik mit ihr, das wird sie aufheitern; und rede
ihr zu, lieber Sohn, sie hat immer viel auf Dich gehalten, gewiss Du vermagst
alles über sie. Rede ihr zu, damit sie sich fasse, und mir nicht etwa mit
dickgeschwollnen Augen an die Tafel kommt; die Fürstin ist heute ohnehin nicht
eben in der göttlichsten Laune.
    Unter diesem Geplauder der Amme waren sie an die Türe von Helenas Vorzimmer
gelangt. Die Amme öffnete dieselbe, schob Richard hinein, machte hinter ihm
wieder zu, und eilte davon, um über die mit Einpacken beschäftigte weibliche
Dienerschaft das Regiment zu führen.
Überwältigt vom ersten Sturme in ihrem Frühlingsleben, war Helene bei Richards
unerwartetem Anblicke, von ihrem Sopha herabgleitend, mit einem kleinen Schrei
in seine Arme gesunken; sie hielt seinen Nacken umschlungen, wie er neben ihr
kniete; das liebliche Köpfchen lehnte an seiner Brust, er fühlte das Wehen ihres
Atems, das bange heftige Klopfen ihres Herzens, er sah, dicht vor seinen Augen,
das schöne Gesicht von Tränen überströmt, das er noch nie anders als lächelnd
gesehen; alles andre um ihn her wurde von der reichen Fülle ihrer langen blonden
Locken ihm verborgen, die wie ein dichter Schleier ihn umwallten.
    So! so! in diesem Übermasse von Wonne und Schmerz vergehen! war sein einziger
Gedanke; wortlos gestaltete er sich in seinem Innern zum heissesten Wunsch, zum
glühendsten Gebet. Zum erstenmal hielt sein Arm sie umfasst; Helenas Wangen, ihre
Lippen glühten zum erstenmal dicht an den Seinen. In ihrem Anschauen verloren
blickte er regungslos sie an; so still, so frei von jedem irdischen Wunsche,
mögen Fromme der Vorzeit, die einer himmlischen Erscheinung gewürdiget wurden,
zu ihrer Heiligen aufgeblickt haben.
    Ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein, hatten Beide aus ihrer knieenden
Stellung sich erhoben. Hand in Hand, Auge in Auge, sassen sie schweigend neben
einander. Das lange nicht geahnete, hoffnungslose Geheimnis ihres unschuldigen
Herzens hatte dieser schmerzliche Augenblick Helenen entüllt, auch Richard
vermochte nicht mehr sich abzuleugnen, was er so lange vor sich selbst zu
verbergen gestrebt hatte. Keine Erklärung, kein Geständnis kam über ihre Lippen,
ihre Herzen hatten gesprochen, hatten sich verstanden; sie bedurften keiner
Worte.
    Plötzlich stand Eugen vor ihnen; im ersten Augenblicke fuhr er wie
erschreckt zusammen, fasste sich aber schnell wieder; den ernsten traurigen Blick
auf den Freund und die Schwester geheftet, stand er ziemlich lange da, ehe einer
von ihnen seiner gewahr wurde; laut weinend sank Helena an das Herz des
geliebten Bruders.
    Mit sanfter Gewalt drängte er sie zurück auf das Sopha, ergriff ihre und
Richards Hand, und hielt beide vereint in der Seinen. Auch sein Auge erglänzte
in Tränen, auch sein Herz war schwer und beklommen. Ihm war, als ob der
undurchdringliche Vorhang der Zukunft sich eine Sekunde lang vor ihm lüften
wolle, und schwere Ahnung, bange Besorgnis wollten sich seiner bemeistern. Doch
sein froher Jugendmut, seine ihm angeborne Art, immer das Beste zu hoffen,
hielten ihn aufrecht.
    O weine nicht so, meine Helena, mein liebes holdes Kind, es bricht mir das
Herz, sprach er, und trocknete liebkosend ihre Wange; und Du, mein Bruder, sieh
nicht so ungewiss, so zweifelnd mich an, setzte er zu Richard gewendet hinzu.
Strebe nicht, Dein Gefühl mir zu verbergen, Du bemühst Dich vergebens; hast Du
vergessen, dass ich die Kunst verstehe, in Deiner Seele, wie in einem offenen
Buche zu lesen? Arme Helena! Du weinst Deine ersten wahrhaft bittern Tränen,
ach! warum musst auch Du den Schmerz des Lebens so frühe kennen lernen! sprach er
leise und gerührt.
    Du weisst es also auch schon? hat auch Dir der Vater es erst heute entdeckt,
wie mir die Mutter? klagte Helena; Eugen, lieber guter Bruder, ich soll fort von
hier, Du auch, wir müssen nach Petersburg, auf lange Zeit, vielleicht auf immer,
denn die Amme meint, sie wollen mich dort verheiraten, und Du weisst, die Mutter
sagt ihr alles. Richard soll hier bleiben, und ich kann ohne ihn in der grossen
fremden Stadt nicht sein, ich kann, ich will keinen von Euch Beiden entbehren,
auch keinem Dritten angehören; Du und er sind meine Welt. Sie hätten uns, mich
und Richard, nicht so an einander gewöhnen, einander nicht so lieb gewinnen
lassen sollen, wenn sie uns nicht zusammen lassen wollten! setzte sie, beinahe
wie ein trotziges Kind, hinzu.
    In welchem Lichte steh' ich jetzt vor Dir, Eugen? sprach Richard; doch wenn
Du wirklich noch in meiner Seele, wie in einem offenen Buche zu lesen weisst, so
wirst Du Deinen Freund - -
    Bedauern? vielleicht; entschuldigen? gewiss nicht; Dich nicht, und auch
Helena nicht, denn Ihr seid Beide reinen Herzens und ohne Schuld, unterbrach ihn
Eugen; wer könnte mit Euch hadern wollen, weil Ihr nicht stärker seid als die
Natur? Die Kleine hat leider recht, setzte er wehmütig lächelnd hinzu; wollten
sie vermeiden, was jetzt geschehen, so hätten sie Euch nicht in so vertrauter
Gemeinschaft - aber wie wäre das auszuführen möglich gewesen? Und war es ein
Irrtum unsrer Eltern, dass sie nicht gleich bei Zeiten eine Scheidewand
errichteten, die jeden von uns in dem ihm vorgeschriebenen Gleise erhielt, so
wollen wir sie deshalb nicht tadeln; wir alle Drei verdanken diesem Irrtume
eine höchst glückliche Kindheit, eine fröhliche unverkümmerte Jugend, diese
holde Blütezeit des Lebens, auf die selbst der Glücklichste in spätern Jahren
noch mit Sehnsucht zurücksieht. Und ist es denn so ganz unwiderruflich bestimmt,
dass diese Blüten abfallen müssen, ohne uns Früchte zu bringen?
    Richard wie Helena fühlten tief im Gemüte den wohltuenden Einfluss von
Eugens mildem gelassnem Benehmen in einer, für ihn gewiss nicht leicht in allen
ihren Folgen zu übersehenden Situation. Die furchtbare Spannung, zu der sie
durch das ganz Unerwartete hinauf getrieben worden waren, liess nach, und sie
gelangten allmälig zu einer ruhigeren Stimmung.
    Ist jemand unter uns als schuldig zu bezeichnen, so bin ich es, sprach Eugen
im Verlaufe des jetzt unter ihnen entstandenen, weniger leidenschaftlichen
Gespräches; ich war der Unbefangenere, an mir wäre es gewesen, für Euch Beide zu
überlegen, zu bedenken, zwischen Euch vermittelnd einzutreten, Dich zu warnen,
mein Bruder, Dich, meine süsse Helena, zurückzuhalten, und hätte es auch
gewaltsam geschehen müssen. Und doch! was hätte meine Weisheit am Ende
gefruchtet? wahrscheinlich so wenig, als alle Weisheit auf Erden, sobald ein
mächtigeres Gefühl das Steuerruder ergreift. Nun so sei es darum, das Vergangene
sei vergangen, nur von der Zukunft dürfen wir unser Heil erwarten, und ihr nicht
nur würdig, sondern auch vorsichtig entgegen treten, keinen Schritt zu viel,
aber auch keinen zu wenig. Dies sei von nun an Deine Aufgabe, Richard; die
meinige, als treuer Berater und Helfer Dir zur Seite zu bleiben.
    O, die Zukunft! was kann, was darf ich Unglücklicher, Namenloser
vernünftiger Weise von ihr hoffen oder erwarten? rief Richard.
    Alles! habe nur dazu den Mut, erwiederte Eugen. Zur Erreichung eines weit
höheren Zieles, als das Deine, von Andern, die in keiner Hinsicht mehr waren als
Du bist, wurden in unsrer vielbewegten ereignissreichen Zeit wohl ganz andere
Schwierigkeiten besiegt, als die sind, welche Dir im Wege liegen. Soll ich eine
Reihe, aus den verschiedensten Ländern stammende Namen Dir nennen, die vor
kurzem aus tiefem Dunkel auftauchend, jetzt als leuchtende Sterne auf der
nämlichen Bahn glänzen, die Du Dir erwählt hast? Und schüttle nur nicht so
ungläubig den Kopf; früher, weit früher als Du denkst, können, werden Ereignisse
eintreten, die Dir überflüssige Gelegenheit bieten, auch Deinen Namen jenen
glänzenden Erscheinungen, die ich Dir andeutete, anzuschliessen.
    Zwar hörte Helena sehr aufmerksam auf alles, was ihre beiden Brüder, wie sie
dieselben noch immer nannte, sprachen, doch ohne deutlich zu fassen, wie sie es
eigentlich meinten. Ihr einfacher Sinn verlangte und erwartete von der Zukunft
fürs erste nur, dass sie alles bleiben und bestehen lasse, wie es gewesen, so
lange sie denken konnte. Richard täglich sehen, in den nämlichen Verhältnissen
wie bisher, war alles was, wie sie wähnte, ihr zum Glücklichsein unentbehrlich
war; an eine nähere Verbindung mit ihm kam ihr noch kein Gedanke. Aber die Idee,
dass ihre Eltern beabsichtigen könnten, sie in Petersburg zu verheiraten, mit
der die Amme sie eingeschüchtert hatte, war ihr unbeschreiblich ängstlich, und
sie erklärte schon im voraus ihren festen Entschluss, nie darein zu willigen.
    Im Übrigen ergab sie sich mit grosser Bereitwilligkeit darein, sich Eugens
Leitung ganz zu überlassen; sie versprach ihm, nie, unter keiner Bedingung an
Richard zu schreiben. Auch dieser gelobte dem Freunde das Nämliche, der dagegen
Beiden verhiess, auch hier als Mittelsperson zwischen ihnen einzutreten, und sie
nie ohne gegenseitige Nachricht von einander zu lassen.
    Richard und Helena brachten von nun an die, bis zur Abschiedsstunde noch
verfliessende Zeit, in stetem Schwanken zwischen Wonne und Schmerz hin. Zwar
sahen sie sich täglich, doch immer nur für kurze abgerissene Momente; und nur
selten mochte es Eugens unermüdlicher Vorsorge gelingen, eine geräuschlose
Viertelstunde, die ein ungestörtes Beisammensein ihnen gewähren konnte, ihnen zu
gewinnen.
Von nun an schlichen die langweiligen Tage träge und bleiern, in ihrer grauen
Farblosigkeit einer dem andern völlig gleich, dem verlassenen Richard vorüber.
Eugen hielt zwar sein Versprechen, aber wie wenig ist ein Brief für das in
Sehnsucht und Ungewissheit zagende Herz! Mehrere Monate vergingen auf diese
Weise, Nataliens Hochzeit war längst in Petersburg mit grosser Pracht gefeiert,
Helena am Hofe vorgestellt, des Winters Annäherung wurde schon merkbar: da
endlich fiel ein heller Morgenstrahl in Richards sternlose Nacht; das Regiment,
bei welchem er stand, wurde nach Petersburg verlegt, er selbst zu einem höheren
Dienstgrade befördert.
    Wiedersehn! welch ein Zauber liegt in diesem kleinen Worte! der selbst bis
an den Rand des Grabes seine Wunderkraft nicht verliert; der den Sterbenden
ermutigt, und den Zurückbleibenden dem Übermasse des Schmerzes nicht ganz
erliegen lässt.
    Richards Freude war gränzenlos; Iwan Yakuchin, dem es im Grunde ziemlich
einerlei war, ob er in Moskau oder Petersburg lebe, freute ehrlich und
treuherzig sich mit ihm, eben nur, weil Richard sich freute; denn er für seinen
Teil wäre wohl lieber in Moskau bei seinen Bekannten geblieben, wenn man ihm
die Entscheidung überlassen hätte, doch ohne Richard nimmermehr.
    Wie alle guten und bösen Stunden des Lebens, ward auch die für Richards
glühende Ungeduld höchst peinliche Zeit der Erwartung bis zum Auszuge des
Regiments, und der nicht minder ihn fast zur Verzweiflung bringende langsame
Marsch, nebst allen damit verknüpften Beschwerden und Unfällen, endlich
überstanden. Eugen nahm bei seiner Ankunft in Petersburg seinen Freund sogleich
in Empfang, und Richard erlag fast der überwältigenden Freude dieses
Wiedersehens, das der Verkündiger eines noch schmerzlicher ersehnten ihm war.
    Der Fürst, die Fürstin, Natalia und ihr junger Gemahl, sie alle nahmen mit
dem nämlichen herzlichen Wohlwollen, mit welchem sie von ihm geschieden waren,
ihren Schützling als ganz zu ihnen gehörend wieder auf. Auch Eugens ältere
Brüder fand er in ihrem väterlichen Hause versammelt, und die jahrelange
Trennung von den Gefährten seiner Kindheit hatte keinen von ihnen ihm
entfremdet. Der älteste, Fürst Isidor, der nur um seine Eltern wiederzusehen,
und der Vermählung seiner Schwester beizuwohnen, nach Petersburg gekommen war,
suchte auf das Freundlichste ihn zu ermutigen, und ging auf mehr als halbem
Wege dem Jünglinge entgegen, den er vor vielen Jahren in seinem väterlichen
Hause als Kind gesehen, und der beim ersten Anblick der ihm ganz fremd
gewordenen, imposanten Gestalt des schönen jungen Mannes, zögernd und verlegen
vor ihm stand. Anders war es mit dem Fürsten Alex, Eugens zweitem Bruder,
welcher in der Zeit ebenfalls zu einem recht stattlichen Marineoffizier sich
entwickelt hatte. Dieser war durch die grössere Gleichheit ihres Alters Richarden
schon früher weit näher gebracht, als der von Jugend auf ernste weit ältere
Bruder, der immer von den jüngern Knaben wie eine Art Respektsperson betrachtet
worden war. Mit recht treuherziger Beredsamkeit sprach Alex seine Freude über
das Wiedersehen seines alten Spielkameraden aus; manch lustiges Ereignis aus
ihrer frühen Knabenzeit kam unter den Beiden gleich in der ersten Stunde wieder
zur Sprache; Eugen verfehlte nicht, lebhaften Anteil daran zu nehmen, und unter
fröhlichem Geplauder, unter Lachen und Scherz, fühlte Richard zum erstenmal seit
langer Zeit sich wieder zu Hause, unter den Seinen.
    Helena allein war bei Richards Empfange im Kreise ihrer Familie nicht
zugegen gewesen; denn Eugen hatte unter einem leicht zu findenden Vorwande die
nichts ahnende Schwester vom Hause entfernt gehalten. Richard war darauf
vorbereitet gewesen sie nicht zu finden, und musste, wenn gleich mit schwerem
Herzen, die Vorsicht des treuen Freundes billigen, die beide der schweren
Aufgabe entziehen wollte, ein solches Wiedersehen vor Zeugen zu bestehen, ohne
ihr eignes teuerstes Geheimnis zu verraten; um so heftiger aber war Helenas
Zorn, als sie Eugens Verrat, wie sie es nannte, bei ihrer Zuhausekunft erfuhr.
Sie blieb die ganze, in schlafloser Erwartung zugebrachte Nacht hindurch
unversöhnlich, bis Morgens, zur gewohnten Stunde, der Freund von ihrem Bruder
geleitet in ihr Zimmer trat. Er fand, wie vorauszusehen war, sie allein.
    Ein Wiedersehen wurde gefeiert, das unbeschrieben bleiben mag. Nicht Jahre,
nur Monate lagen zwischen dieser Stunde und der des Scheidens, aber um so
wunderbarer musste die auffallende Veränderung erscheinen, die während dieses
kurzen Zeitraums mit der jungen Fürstin vorgegangen war. Ohne an süssem
Liebreitze oder anspruchsloser Natürlichkeit dadurch zu verlieren, war das
fröhlich-unbefangne Kind, wie durch einen Zauberschlag, zur lieblichsten
Jungfrau erblüht. Helena schien grösser geworden zu sein, ihr Auge strahlender;
ihre Gestalt hatte in seltener Vollkommenheit sich entwickelt. Alles an ihr, ihr
Gang, ihr Blick, der Ton ihrer Sprache, deutete bei liebenswürdigster Anmut auf
eine eigne Sinnesfreiheit, ein Selbstbewusstsein, eine Sicherheit des Geistes
hin, die bei ungeheuchelter Bescheidenheit zu einer der blendendsten
Erscheinungen sie erhob. So durchbricht während einer einzigen lauwarmen
Frühlingsnacht die junge Rose die sie verbergende grüne Umhüllung, und entzückt
alle Augen und Herzen, indem ihre der Knospe entquellenden Purpurblätter die
hohe Pracht verkünden, die sie später, in duftendem Schimmer völlig erblühend,
vor der Sonne entfalten wird.
    Du siehst so verwundert, so befremdet mich an? fragte Helena lächelnd,
sobald der erste, jeden andern Gedanken überwältigende Freudentaumel es
erlaubte.
    Und kann ich anders? erwiederte Richard: ich sehe Dich, ich halte Dich; Du
bist es und Du bist es nicht. Entzückt, betäubt stehe ich vor Dir; Du bist mir
so bekannt und doch so fremd. Ich möchte anbetend vor Dir hinknieen, wie vor
einem Wunderbilde, das vor meinen geblendeten Augen ein Götterhauch von oben
belebte. Helena, sage mir, was ist mit Dir vorgegangen?
    Was soll denn mit ihr vorgegangen sein? sie hat die Kinderschuhe ausgezogen
und ist eine grosse vornehme Dame geworden, wie es ihr denn auch nicht anders
gebührt. Am Hofe wie in der Stadt wird sie allgemein bewundert und verehrt; da
muss sie doch wohl den Kopf ein wenig höher halten als sonst? rief eine laute,
etwas kreischende Stimme dazwischen. Es war die Amme, die sich herbei drängte,
um auch ihrerseits den lange nicht Gesehenen zu begrüssen, und die beim Eintritte
in das Zimmer Richards letzte Worte, aber auch nur diese, gehört hatte.
    Ja so ist es, die alte Pytia hat wahr gesprochen, seufzte Richard, nachdem
die Amme sich wieder entfernt hatte. Du schöner Stern! Du wandelst in aller
Deiner glanzvollen Herrlichkeit hoch über mir, auf Deiner Dir gemessenen Bahn;
bewundernd blickt eine Welt anbetender Verehrer zu Dir auf; sie alle, vornehm,
reich, brillant, wie Du selbst es bist, dürfen Dir folgen, Dir dienen, um Deine
Huld sich bewerben, während ich armer dunkler Erdensohn im Staube, unbemerkt,
tief unter ihnen und Dir - -
    Kein Wort weiter, kein einziges dieser Art mehr, wenn Du nicht absichtlich
mich erzürnen willst, gebot ihn unterbrechend Helena, und richtete sehr ernst
sich hoch empor. Was sollen solche Jämmerlichkeiten zwischen uns? kennst Du mich
so wenig? fuhr sie sehr lebhaft fort. Ich kann und will Dir nicht heucheln, denn
ich bin von Natur jeder Lüge abhold; ich kann Dich nicht glauben machen wollen,
dass ich nicht gern bin was ich bin, oder dass ich lieber in einer Hütte leben
möchte, als im Palaste meiner Eltern. Ich wäre ein unnatürliches Geschöpf, wenn
ich nicht lieber Gefallen als Missfallen erregte, wenn Tanz, Musik und aller
Glanz, der mich umgibt, mir keine Freude machten, und darf von Dir fordern, dass
Du diese Freude gern mir gönnst. Denn Du musst mir vertrauen wie ich Dir
vertraue, und keine armselige Eifersüchtelei darf zwischen uns treten. Im Herzen
bin ich Dein, und bleibe es, denn ich kann nicht anders; Du gehörst zu mir, wie
ein Teil von mir selbst; dies Gefühl ist mit mir aufgewachsen; ich kann mir gar
nicht denken wie es wäre, wenn ich Dich nicht hätte oder nie gehabt hätte. So
bleibt es, daran lass' Dir genügen; mag es übrigens um uns her werden wie es
wolle, ich bleibe wie ich bin.
Auch in Petersburg, wie früher in Moskau, war Iwan Yakuchin Richards treuer
Freund geblieben. Die heitre Gegenwart des stets lebenslustigen Gesellen trug
nicht wenig dazu bei, ihm über manche dunkle Stunde hinaus zu helfen, deren er
jetzt leider nicht wenige zählte. Tage, ja Wochen vergingen, während welchen
Helena und selbst Eugen, hingerissen von dem geräuschvollen Treiben der grossen
Welt, in deren Mitte sie jetzt lebten, ihm kaum einige, gleichsam im Fluge zu
erhaschende Augenblicke schenken konnten. Der Abstand zwischen sich und ihnen
ward ihm dann so fühlbar, so drückend, dass er darüber in Trübsinn und
Hoffnungslosigkeit rettungslos hätte untergehen müssen, wäre Iwan mit seiner
unversiegbaren Fröhlichkeit nicht dazwischen getreten, und hätte ihn zu
Vergnügungen fortgerissen, die ihm zwar wenig Genuss, aber doch Zerstreuung
gewährten.
    Auf diese Weise geriet Richard auf Kaffeehäusern, in Restaurationen und an
ähnlichen Orten in eine zahllose Menge von Bekanntschaften, von denen nur sehr
wenige seinem verfeinerten Gefühle für Geselligkeit zusagen konnten. Doch um so
weniger durfte er es wagen, seinen gar zu treuherzigen Freund ihnen allein zu
übergeben. Der gutmütige, nichts weniger als argwöhnische Iwan hatte sich sogar
schon einigemal an Orte verlocken lassen, wo in Vergnügen verkleidete Raubsucht
in tiefer Verborgenheit ihr wüstes Wesen treibt, und nur Richards Gegenwart war
es gelungen, den Unvorsichtigen aus ihren Klauen zu befreien, und ihn vor
allerlei andern gefährlichen Abenteuern zu bewahren.
    Eines Abends gingen beide Freunde mit eintretender Dämmerung Arm in Arm
ihrer Wohnung zu. Es war um die Zeit, wo der Winter dem im Norden mit rascheren
Schritten heraneilenden Frühlinge zu weichen beginnt; die Newa hatte ihre starre
Eisdecke abgeworfen, der Schnee war verschwunden, und ein scharfer Ostwind
hatte, selbst in dem sehr abgelegenen, etwas verrufenen Quartiere der Stadt, in
welchem sie sich eben befanden, das Labyrint von engen Gässchen gangbar gemacht,
das nur selten der Fuss der Bewohner der breiten prächtigen Strassen von
Petersburg zu betreten pflegte.
    Beide Freunde befanden sich eben in keiner rosenfarbnen Stimmung. Richard,
durch einen glücklichen Zufall geleitet, hatte abermals seinen leichtsinnigen
Schützling in einem der berüchtigtsten heimlichen Spielvereine aufgefunden, und
ihn mit sich fortgeführt. Er war in einer sehr nachdrücklichen Strafpredigt
begriffen, die Iwan, in seiner grossen Unzufriedenheit mit sich selbst, geduldig
und reuevoll über sich ergehen liess, denn er hatte so eben den grössten Teil
seiner Barschaft am grünen Tische zurückgelassen. Einige demütige
Versprechungen sich zu bessern waren alles, was er seinem zürnenden und beredten
Freunde entgegenzustellen wagte; doch er hatte diese schon zu oft geleistet, und
zu oft gebrochen, um einen gewichtigen Eindruck davon hoffen zu können.
    Endlich wurde er aber doch des blossen Anhörens müde: Es geht nicht mit
rechten Dingen zu, ich sage Dir ich bin behext, rief er sehr lebhaft. Richy, Du
weisst es ja selbst, dass ich am eigentlichen Spielen nicht mehr Freude habe als
Du. Wenn es auch anfänglich mich amüsirt, es wird mir immer gleich wieder
langweilig, besonders wenn ich gewinne. Anderer Leute Gold einzusäckeln schäme
ich mich, ich spiele weiter fort, um es wieder los zu werden; dann geht
gemeiniglich auch mein eigenes mit zum T....l, das verdriesst mich, ich spiele
weiter, um es wieder zu bekommen, und so wird das Übel immer ärger. Dass man mit
solchen Gesinnungen kein Spieler vom Fach werden kann, siehst Du doch ein. Aber
ich will mich bessern, das schwöre ich Dir zu, Richy; wenn nur die lustige
Gesellschaft mich nicht lockte, ich rührte zeitlebens weder Karte noch Würfel
an.
    Die lustige Gesellschaft? eiferte Richard: wahrhaftig eine saubere
Gesellschaft! Giebt es in der Welt ein abstossenderes Gesicht, als das im braunen
Überrocke, das Dir heute schon zum drittenmal gegenüber sass. Ich meine den
grossen starken Mann, mit der grünen Brille vor den Augen. In seinem Wesen liegt
etwas, das ihm das Ansehen eines Mannes von Stande gibt.
    Das ist er aber auch, fiel Iwan, froh dem Gespräche eine andere Wendung
geben zu können, hastig ein; sie nennen ihn alle Herr Baron, seinen Namen habe
ich aber noch nicht erfahren können.
    Sei er was und wer er wolle, sprach Richard sehr unmutig, er ist mir tief
in der Seele zuwider. Was man eigentlich hässlich nennen könnte ist er nicht,
aber sein versteinertes Gesicht sieht wie der verödete Wahlplatz aller nur
möglichen gehässigen Leidenschaften aus, die jemals eine enge Menschenbrust
durchtobten. Nimm dazu den gleissenden Heuchlerschein, mit dem er seine innere
Verworfenheit zu überkleistern strebt; recht wie ein getünchtes Grab, von aussen
Schaumgold, von innen Greuel der Verwesung. Dich in seiner Nähe zu sehen, kann
ich nun einmal gar nicht ertragen.
    Still! denk' an das Sprichwort vom Wolf; wenn nicht alles mich täuscht,
biegt er dort, zwanzig Schritte vor uns, um die Ecke, flüsterte Iwan, und
strengte seine, durch das frühere Leben im Gebirge mit der Schärfe eines Wilden
begabten Augen und Ohren an, um die neblige Dämmerung die vor ihm lag zu
durchdringen. Richard sah nur undeutliche Umrisse einer vor ihnen sich
bewegenden Gestalt. Ich höre seine Stimme, ich höre auch eine weibliche
klagende; schnell, da müssen wir hin, rief Iwan plötzlich, und riss seinen Freund
im Sturmschritt mit sich vorwärts.
    Sie erreichten in wenig Secunden eine seltsame Gruppe; eine schlanke,
jugendliche, in Mantel und Schleier sittsam verhüllte Gestalt, eine kurze,
dicke, teatralisch bunt aufgeputzte ältliche Frau von durchaus nicht
einladendem Äussern, und neben ihnen den eben besprochenen Baron, der eben
hinzutrat. Das Mädchen zitterte in sichtbarer Angst, die Alte keifte, der Baron
suchte mit einschmeichelnder Rede das Mädchen zu beruhigen.
    Ich danke Ihnen sehr, gewiss ich bin Ihnen recht dankbar, liebe Madame,
sprach es fast weinend in gebrochnem Russisch; aber lassen Sie sich erbitten,
und nennen mir endlich den Namen der Strasse, wohin ich will und Sie die Güte
haben wollen, mich zu führen; ich habe ihn zwar vergessen, aber ich besinne mich
gleich wieder darauf, wenn ich ihn höre; es ist nur, damit ich gewiss weiss, dass
Sie sich nicht vergebliche Mühe mit mir machen.
    Was für Umstände! was denken Sie denn, wofür halten Sie mich? meinen Sie ich
hätte Zeit und Lust, stundenlang hier mit Ihnen zu verweilen? erwiederte mit
harter keifender Stimme die Alte. Wenn ich Ihnen nun sage, Herr Lange ist mein
guter Bekannter und nächster Nachbar, ist das nicht genug? Kurz und gut,
Jungfer, entweder Sie gehen mit mir, oder Sie bleiben hier allein, mitten unter
dem betrunkenen Volke, das gleich hier aus den Branntweinskneipen herauskommen
wird.
    Frau Marina ist heftig, aber grundgut, sie ist meine alte Freundin, und Sie
können sich ihr sicher anvertrauen, nahm jetzt der Baron das Wort.
    Ach, ich fürchte mich so! seufzte das Mädchen.
    Aber wovor? fragte der Baron, der erst seit ein paar Minuten den beiden sich
zugesellt hatte; ich höre an Ihrem Dialekte, dass Sie eine Deutsche sind, und so
bitte ich Sie, vertrauen Sie dem Worte eines Landsmannes Sie sind unter
Freunden, fuhr er in deutscher Sprache fort, die gute. Frau wird Sie sicher
führen. Ich selbst will sie beide begleiten, setzte er in russischer Sprache
hinzu, der Weg ist zwar ein wenig weit, aber wir treffen wohl bald einen Wagen -
    Ach, mein Herr, weit von hier kann es nicht sein, das ist nicht möglich,
unterbrach ihn das Mädchen; ich habe mich verirrt, und kann mich allein nicht
wieder zurecht finden, aber ich bin gar nicht lange gegangen; weit von Hause bin
ich gewiss nicht.
    Wenn man in der Angst vorwärts läuft, zählt man weder Schritte noch Minuten,
erwiederte der Baron, daher nehmen Sie nur ganz unbesorgt den Arm an, den die
gute Frau Marina Ihnen bietet, und lassen Sie uns machen, dass wir fort kommen.
    Zwar unter Zittern und Zagen, aber doch hingerissen von dem vaterländischen
Laute, war das Mädchen wirklich schon mehr als halb entschlossen, diesem Rate
zu folgen, als Iwan plötzlich dazwischen trat.
    Halt! rief er; auch ich kenne die gute Frau Marina, wenn gleich nur dem Rufe
nach; doch das ist genug, um nimmer zugeben zu können, dass eine junge Dame, wie
Sie, mit ihr geht. Hier steht mein Kamerad, wir beide sind bereit Sie
hinzuführen, wohin Sie wollen, aber mit der da, wenn Ehre und - -
    Wahrhaftig ein paar treffliche Begleiter, die sich Ihnen so ganz unverhofft
anbieten, schrie die Alte laut auflachend: nun Jüngferchen, Glück zu, wenn Sie
etwa lieber bei Nacht und Nebel mit ein paar jungen Militärs die Stadt
durchziehen wollen, als mit einer ehrbaren Frau gehen - -
    So bin ich wenigstens noch da, um mich meiner Landsmännin anzunehmen, und
werde solch einen Scandal nimmermehr zugeben, rief der Baron, und trat auf die
beiden Freunde zu, während das geängstete Mädchen jetzt wirklich anfing laut zu
weinen. Wie, Ihr Herren, was unterfangt Ihr Euch, fuhr er fort, eine junge Dame
auf öffentlicher Strasse - wisst Ihr wohl wer und was - -
    Was gibt es hier? Worüber weint die junge Person? erscholl plötzlich eine
wohltönende, gebietende Stimme. Ein grosser, in Mantel und Hut tief verhüllter
Mann, der schon lange in einiger Entfernung den beiden Freunden gefolgt war, und
wahrscheinlich ihr Gespräch, wenigstens zum Teil mit angehört hatte, stand
mitten unter ihnen; alles schwieg, betroffen von der eben so unerwarteten, als
imposanten Erscheinung.
    Sagen Sie mir, was Sie so traurig macht, Mademoiselle? vielleicht kann ich
helfen, wiederholte mild aber ernst der Unbekannte. Wer sind Sie, wie heissen
Sie? fragte er nochmals, als er von dem erschrockenen Mädchen keine Antwort
erhielt.
    Ach ich weiss nicht, ich weiss nicht, ich bin hier fremd, und habe in der
grossen Stadt mich verloren, schluchzte das Mädchen besinnungslos.
    Nun wie Sie heissen, und bei wem Sie wohnen, werden Sie doch wissen; denken
Sie nur ein wenig nach, erwiederte der Unbekannte mit einem gewissen Tone der
Stimme, der deutlich verriet, dass es ihm schwer werde, das Lachen zu
unterdrücken.
    Mittlerweile war das furchtsame Kind doch wieder zu einiger Fassung gelangt.
Ich heisse Julie Reinert, sprach sie rasch und ängstlich hinter einander weg; ich
habe keine Eltern, mein Vormund hat mich von Königsberg hieher zu seinem Bruder,
dem Musiker Lange geschickt; ich bin erst seit vier Tagen hier; ich habe die
Schwester der Frau Lange besucht, und habe auf dem Rückwege mich verirrt.
    Also bei dem Pianofortisten Lange wohnen Sie? erwiederte der Unbekannte sehr
freundlich; ich kenne ihn, und auch seine Frau; sie war früher eine sehr
beliebte Sängerin bei unserm deutschen Teater. Fassen Sie Mut, mein Kind, Sie
sind bei braven Leuten. Aber was hatten denn Sie, Madame, mit diesem jungen
Frauenzimmer zu streiten? fragte er im Verhör fortfahrend, und wollte an Frau
Marina sich wenden, doch die Stelle, wo diese gestanden, war leer, sie sowohl
als der Baron waren mittlerweile unbemerkt verschwunden. Hatte der Wind das edle
Paar durch die Lüfte fortgeführt? hatte die Erde es verschlungen? keine Spur
davon war weder hörbar noch sichtbar.
    Sonderbar! sprach der Unbekannte vor sich hin; es waren ihrer zwei, wo sind
sie hin? kannten Sie diese Leute? und wer waren sie? fragte er, an den ihm
zunächst stehenden Richard sich wendend.
    Nur von Ansehen, versicherte dieser in seinem und seines Freundes Namen.
    Es lag in der Gestalt, im Wesen, in der Sprache des Unbekannten etwas
seltsam Überwältigendes, Ehrfurcht und Gehorsam Gebietendes, dem weder Richard
noch Iwan zu widerstehen vermochten. Offen und wahr gaben beide ihm alle
Auskunft über sich selbst, die er verlangte. Auch Julie Reinert wurde ruhiger,
als fühle sie sich unter der Obhut eines mächtigen, ihr wohlwollenden
Beschützers. Auf seinen Befehl überliess sie sich ohne Weigerung der Führung der
beiden jungen Männer, denen er den Weg zu der wirklich nicht sehr entfernten
Wohnung des Musikers Lange deutlich beschrieb. Noch heute werde ich mich
erkundigen lassen, ob das Ihrem Schutze empfohlene Frauenzimmer sicher zu Hause
gekommen ist; übrigens sind auch Ihre beiden Namen mir nicht fremd, rief er beim
Fortgehen mit ernstem Nachdruck den Freunden noch zu, und war nach wenig
Augenblicken den ihm nachschauenden Augen, in der schon zur Nacht sich
verdickenden nebelhaften Dämmerung verschwunden.
    Still und schweigend gingen alle Drei raschen Schrittes den ihnen
angedeuteten Weg, und gelangten, ehe sie es vermuteten, aus dem verworrenen
Labyrinte der engen Gässchen in eine der breiten, hell erleuchteten und
volkreich belebten Strassen von Petersburg, ganz nahe an Herrn Langes Wohnung.
    Ist mir doch als hätte ich lebendigen Leibes, mit weit offenen Augen, ein
Mährchen erlebt, wie man sie sonst wohl auf dem Teater nur aufführen sieht,
fing Iwan jetzt an. War es doch als stünde ein mächtiger Zauberer vor uns, dem
wir gehorchen und Rede stehen mussten, wie er es verlangte. Und wo sind nur der
Baron und die saubre Frau Marina hingekommen? Begreifst Du etwas von dem Allen,
Richy? Du bist doch sonst immer viel verständiger als ich.
    Es wäre gewiss verzeihlich, wenn man sich hier verleitet fühlte, an eine
überirdische Erscheinung zu glauben, die der Unschuld sich annimmt, und böse
Geister verscheucht. Wer kann dieser Unbegreifliche sein? erwiederte Richard
nachdenklich.
    Mein schützender Engel in Menschengestalt! frohlockte Julie Reinert, die,
seit sie jenes Gewinde enger Gässchen hinter sich gelassen hatten, ganz getrost
worden war. Ein kleiner, in Mütze und Pelz wohl verwahrter, mit einem
keulenartigen Stocke und einem Regenschirme wohl bewaffneter Mann, trat in
diesem Augenblicke ganz keck auf sie zu; Julie, sobald sie ihn gewahrte, warf
mit einem Freudensprunge sich ihm in die Arme, so dass der Kleine Stock und
Regenschirm darüber fallen lassen musste.
    Bist Du es? bist Du es auch ganz gewiss? rief er auf deutsch, und zog sie
vorwärts, um beim Schein einer Strassenlaterne sie besser zu betrachten. Ja Du
bist es, Du desertirter Kanarienvogel, herein mit Dir in Deinen Käfig; ob Du uns
Not gemacht hast, Du malitiöse Person! Jetzt eben jagte Frau Karoline mich zum
Hause hinaus, ohne Dich soll ich ihr nicht wieder vor die Augen kommen. Aber ist
das auch eine Art? bis in die sinkende Nacht, so ganz allein - aber wo ist mein
Schirm und mein Stock - ei da sind ja auch ein paar Herren, also nicht ganz
allein? Guten Abend, meine Herren, wen habe ich die Ehre zu sprechen? damit
stellte der kleine bepelzte Mann sich kerzengerade, dicht vor die beiden
Freunde, in einer etwas herausfordernden Stellung hin.
    Mühsam des Lachens sich erwehrend, beantworteten Iwan und Richard auf das
Höflichste die an sie ergangene Frage; berichteten dann in wenigen Worten, wie
sie die junge Dame in einiger Verlegenheit getroffen, weil sie sich nicht nach
Hause zu finden gewusst, wie sie sich ein Vergnügen daraus gemacht hätten, sie
sicher zu begleiten, und wie sie sich jetzt empfehlen wollten, indem sie das
Fräulein in Sicherheit bei den Ihrigen sähen.
    Aber der Kleine wollte das nicht erlauben; halt, rief er, das gilt nicht;
wie der Fuchs vom Taubenschlage wegschleichen, ohne förmlichen Bericht? ohne
schuldige Danksagung von unsrer Seite, wollte ich sagen; setzte er sich
besinnend hinzu. Die da lacht zwar jetzt, aber das soll ihr schon vergehen, wenn
die gestrenge Hausfrau dort oben ein schweres Gericht über sie ergehen lassen
wird, wie sie es denn nicht anders verdient.
    Die gestrenge Hausfrau, wie Herr Lange seine eigene hübsche Frau nannte,
erschien in diesem Augenblicke selbst; ein allerliebstes, kugelrundes Figürchen,
nicht zu jung, nicht zu alt. Sie lachte und weinte, sie schalt und liebkoste
Julien, alles das in einem Atem, indem sie dieselbe in Empfang nahm. Unter
ununterbrochenem liebenswürdigem Geschwätz eilte sie mit ihr ins Haus, die
Treppe hinauf, ins Zimmer hinein; dankte zehnmal den Begleitern ihres Lieblings,
versicherte, gleich morgenden Tages der Schwester einen derben Leviten lesen zu
wollen, weil sie die Kleine habe allein gehen lassen, schilderte die Todesangst,
die sie über das lange Aussenbleiben derselben inzwischen ausgestanden, schalt
ihren Eheherrn einen Träumer, weil er sich nicht rechtschaffen mit ihr
geängstiget habe, wie es doch seine Pflicht wäre, schäfftelte dabei immer im
Zimmer umher, und kam nicht eher zur Ruhe, bis Alle um den schneeweiss bedeckten
runden Tisch geordnet sassen, und der Duft des köstlichen Karavanen-Tees, wie
man nur in Russland ihn trinkt, die Luft mit Wohlgeruch erfüllte.
    Nun ging es an ein Fragen ohne Ende, bis Julie sich erbot, alles getreulich
zu berichten, wenn man nur ein ruhiges Anhören ihr gewähren wolle. Der Uranfang
alles Unheils an diesem verhängnissvollsten Abende ihres ruhigen kurzen Lebens,
war ein nicht bedeutendes Unwohlsein der Schwester der Frau Lange gewesen. Der
Weg zu der Wohnung der guten Dame war nicht weit, Julie hatte einigemal,
freilich nicht unbegleitet, ihn zurück gelegt; und um die Kranke nicht ihrer
Bedienung zu berauben, hatte sie es gewagt, sich allein nach Hause finden zu
wollen.
    Es war noch ziemlich heller Tag, als ich zum Hause hinaustrat, sprach Julie,
aber ich muss gleich anfangs es versehen haben, denn ich war noch gar nicht weit
gegangen, als ich gewahr wurde, dass ich in einer mir ganz unbekannten Gegend der
Stadt mich befand; ich wollte wieder zur Tante zurück gehen, aber ich geriet
aus einem engen Gässchen in das andre. Es wurde neblig, es wurde dunkel, es wurde
immer dunkler, Angstschweiss trat mir auf die Stirne, das Herz schlug mir
unbändig, hoch und immer höher bis in die Kehle hinauf. Ich lief herum, und
wieder herum, bis zum schwindlig werden; wohl zehnmal kam ich immer wieder auf
den nämlichen Fleck zurück, ich konnte nicht rückwärts, nicht vorwärts, ich
wusste weder ein noch aus. Einige Russen mit langen Bärten traten aus einem
kleinen hölzernen Hause heraus; bis jetzt war ich noch keinem einzigen Menschen
begegnet, hatte auch fast kein Haus gesehen, denn ich war meistens zwischen
hohen Hof- oder Gartenplanken umhergeirrt. Die Männer sahen mich an und lachten
mich aus, wie ich so da stand, zitternd vor Angst. Ich wollte mir aber doch ein
Herz fassen, und mein bisschen Russisch zusammennehmen, um sie um den Weg zu
befragen: da entdeckte ich mit einemmal, zu meinem unsäglichen Schrecken, dass
ich in der Angst den Namen der Strasse, in der wir wohnen, rein vergessen hatte.
Die Männer gingen weiter, ich gab mich nun ganz verloren, tausend Schreckbilder
drangen auf mich ein, meine Kniee brachen unter mir zusammen, ich sank auf einen
Stein, und weinte bitterlich, wie ein kleines Kind.
    Ausbrüche des herzlichsten Mitleids brachten hier eine kleine Pause in der
Erzählung hervor. Dann sprach Julie weiter:
    Wie lange ich so gesessen weiss ich nicht, ich war kaum mehr meiner Sinne mir
bewusst. Man ergriff meine Hand, das brachte mich wieder zu mir selbst; eine
ältliche Frau stand vor mir, wo sie hergekommen sei wusste ich nicht, mir
erschien sie, in dem Augenblicke, wie ein Engel vom Himmel gesandt.
    Die berüchtigte Frau Marina war der Engel, der, als wir dazu kamen, eben im
Begriff war, das Fräulein in sein Paradies abzuführen, setzte Richard hinzu.
    Bei diesem Namen schrieen Lange und seine Frau laut auf. O über die
schändliche, verworfene Kreatur! rief er: Julie, arme Julie, was wäre aus Dir
geworden, hätte sich diese Deiner bemächtigt! Nie, oder mit Schimpf und Schande
bedeckt, hätten unsere Augen Dich unglückliches Kind wieder gesehen. Wie nur die
weise Regierung, wie nur der liebe Gott selbst, einen solchen Höllenpfuhl wie
ihr verruchtes Haus mitten in der schönen Stadt dulden kann! Aber man behauptet
ja offen, solche Krebsschäden wären grossen Städten als Abzugsmittel
unentbehrlich.
    In diesem Augenblicke wurde Herr Lange zu jemanden abgerufen, der ihn zu
sprechen verlangte, und sich durchaus nicht wollte abweisen lassen; er folgte
sehr widerwillig dem Rufe; nur kein Wort weiter, kein einziges, bis ich wieder
da bin, bat er im Gehen. In augenscheinlicher heftiger Bewegung, bleich,
erschrocken kehrte er nach einiger Zeit in das Zimmer zurück, und doch schien
ein Strahl innerer Freude aus seinen Augen zu leuchten. Alle sahen verwundert
ihn an, wie er, keines Wortes mächtig, neben Julien hintrat, und ihre Hände
ergriff, indem er ihr forschend ins Gesicht sah.
    Julie, sprach er endlich, was hast Du mit dem Kaiser? oder vielmehr, was hat
der Kaiser mit Dir? Julie sah bestürzt und ängstlich zu ihm auf.
    Seine allerhöchste Majestät, der grosse Czaar Alexander, der unumschränkte
Herr und Gebieter aller Reussen, lässt sich erkundigen, ob die Herrn Richard Wood
und Iwan Yakuchin Dich kleines unbedeutendes Persönchen heute Abend sicher und
wohlbehalten nach Hause geleitet haben: sprach Lange, so feierlich als möglich.
Wie geht das zu? gieb gleich Rede und Antwort! setzte er gleich darauf nach
seiner gewohnten lebhaften Art hinzu.
    Nun? Du sprichst kein Wort? so lass uns wenigstens das Ende Deiner Abenteuer
vernehmen, rief er heftig aufstampfend, als alle verwundert ihn ansahen und
Niemand begriff, was er eigentlich meine.
    Julie erzählte: Er war es! er war es! Er war es selbst, rief Lange überlaut,
ergriff das erschrockene Mädchen, walzte singend und jubelnd mit ihr im Zimmer
herum, rückte Tische, Stühle und was ihm im Wege stand, von seiner Stelle fort,
so dass das Zimmer in kurzem aussah, als ob Meublesauction darin gehalten werden
sollte, geriet endlich über einen widerspenstigen Nähtisch seiner Frau in's
Stolpern, und sank dann atemlos einem Lehnstuhl in die Arme; Iwan und Richard
sahen verwundert dem Unwesen zu, Frau Lange aber, die ihren Mann besser zu
begreifen schien als die Übrigen, sass in einer Ecke und weinte helle
Freudentränen.
    Julie, was bist Du für ein Mädchen! ich bitte Dich um tausendgotteswillen,
geliebte Seele, sei kein Klotz! fing Lange wieder an, als er zu Atem gekommen
war: ich bitte Dich inständigst, werde vor Freude wenigstens so toll wie ich.
Begreifst Du es denn noch immer nicht? der Kaiser war Dein Unbekannter, der
Kaiser selbst; gleich fall' auf Deine Kniee und danke dem Himmel für die Ehre,
die er Dir angedeihen liess. Der Kaiser hat mit Dir gesprochen, hat für Dich
gesorgt, denke Dir das! er hat der Obhut dieser beiden Herrn Dich empfohlen, und
jetzt sogar sich Deiner noch erinnert. Und Ihr, Ihr Herrn Militärs, Die Ihr mit
bedenklichen Gesichtern stumm dasteht, fühlt Ihr denn gar nicht, was auch Euch
heute Grosses widerfahren ist? Aber sagt mir nur, wie ging es zu, dass Ihr nicht
gleich ihn erkannt habt? zwar war es nicht mehr ganz heller Tag, aber den da,
dächte ich, sollte man auch in finsterer Nacht erkennen können; so wie er sieht
nicht leicht ein gewöhnliches Menschenkind aus.
    Aber bedenken Sie doch den Ort, die Tageszeit, und alle übrigen Umstände;
Sie irren gewiss, es ist ja nicht möglich, wandte Richard ein.
    Haben Sie jemals den Kaiser gesehen? fragte Lange ärgerlich.
    Nur zweimal, von Ferne, bei der Revüe, und zwar zu Pferde: war die Antwort.
    Bah! das will nicht viel mehr als gar nichts sagen, erwiederte Lange den
Kopf aufwerfend; ich habe dreimal dicht vor ihm gestanden, und er hat zu mir
gesprochen, so leutselig! und hat mir, als ich einmal mich vor ihm hören liess,
eine herrliche Dose geschenkt, Karoline soll sie Ihnen zeigen.
    Julie wurde jetzt aufgefordert, die Gestalt ihres Befreiers zu beschreiben;
sie tat es, so gut und so umständlich, als Angst und Dunkelheit ihr erlaubt
hatten, dieselbe aufzufassen.
    Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, alles trifft aufs Genaueste zu; es war
der Kaiser, rief Lange; und wie wäre es denn zu erklären, dass er kaum eine
Stunde nach Juliens Heimkehr hier nachfragen liess? nach Julien, deren Existenz
sogar bis jetzt ihm unbekannt geblieben, setzte Frau Lange hinzu: wie hätte ein
solches, für jeden, ausser uns, im Grunde unwichtiges Ereignis, so schnell bis zu
ihm gelangen, und er so lebhaft dafür sich interessiren können?
    Dieses war freilich ein Grund, gegen den sich wenig einwenden liess. Aber der
Kaiser, ohne alle Begleitung, ganz allein, bei sinkender Nacht, in jenem
abgelegenen verrufensten Winkel der Stadt? es ist kaum denkbar! wandten Richard
und Iwan noch immer etwas ungläubig ein.
    Nehmt mir's nicht übel, ihr Herrn, aber das schwatzt wie ein neugebornes
Kind, sprach Lange; Ihr müsst in unsrer Kaiserstadt noch gewaltig neu sein, wenn
Ihr nicht schon gehört habt, was jeder Narr hier weiss: dass nämlich der grosse
Czaar Alexander, gleich seinem Vorgänger, dem grossen Kalifen von Persien, -
Dings da, wie hiess er gleich? nun gleichviel! - dass nämlich unser Kaiser, den
Gott erhalte, zuweilen, und zwar nicht selten, unbegleitet, ganz einfach
angetan, meistens unerkannt, bei Tage wie bei Nacht, unter seinen Untertanen
umher wandelt. Aber nicht etwa um, wie jener Kalif, auf Abenteuer auszugehen;
nein es ist wie Goete sagt,
Soll er strafen, soll er lohnen,
Muss er Menschen menschlich sehn.
Und denken Sie dabei nur nicht an Gefahr für ihn, setzte Frau Lange freudig
bewegt hinzu; der milde, der gerechte, der allgeliebte Vater seiner Untertanen,
für den jeder unter uns willig das Leben lassen würde, was hätte er unter seinen
Kindern zu fürchten!
    Eine Magd trat in diesem Augenblicke ins Zimmer: Katinka, rief Frau Lange
ihr zu, der Kaiser hat Julien begegnet, als sie in Angst war, weil sie sich
nicht nach Hause zu finden wusste; er hat freundlich mit ihr gesprochen, und sie,
von diesen Herren sicher begleitet, zu uns führen lassen.
    Freudig erstaunt schlug Katinka beide Hände zusammen, küsste Juliens Kleider,
ihre Hände, und eilte hinaus. Gleich darauf hörte man die ganze Dienerschaft des
Hauses im Vorzimmer laut werden, Katinka erzählte, alle jubelten über den
menschenfreundlichen Kaiser, fast jeder unter ihnen wusste einen ähnlichen Zug
von ihm vorzutragen, sie priesen und segneten ihn ohne Ende.
    Sehen Sie, so finden Sie es überall. Keine Hütte ist so klein, kein Russe so
arm, dass nicht Czaar Alexander, unbewacht und allein, unter dem Schutze
desselben sein Haupt sorglos zum Schlummer niederlegen könnte, sprach Frau
Lange.
Der berühmte Pianofortist, Heinrich Lange, gehörte ungeachtet seiner
ausgezeichneten Talente zu jenen barocken, anfangs abstossenden Erscheinungen im
Leben, die man erst bei näherer Bekanntschaft erträglich, später aber
achtungswert findet. Seine Gestalt, mehr noch als diese seine Art sich zu
kleiden, gaben ihm einen Anstrich von Lächerlichkeit, der zwar belustigt, aber
weder Liebe noch Achtung erweckt.
    Er stand in jenem etwas zweideutigen Mannesalter, schwankend zwischen
vierzig und funfzig, in welchem Viele nicht recht zu wissen scheinen, ob sie
noch zu den Jungen gehören, oder schon zu den Alten sich zählen müssen; was denn
zuweilen auch sein Fall sein mochte. Seine hagre, auffallend kleine Gestalt,
hatte etwas Verdrehtes, Windschiefes, durch das man verleitet wurde, ihn für ein
wenig verwachsen zu halten, was er doch eigentlich nicht war. Der Fehler lag in
dem Missverhältnisse aller seiner Glieder; sein Kopf war zu gross, seine Arme zu
lang, keines passte zu dem andern, und auch die Züge seines eigentlich
geistreichen Gesichts wollten nicht mit einander harmoniren. Aus dieser
übermässig hohen Stirne, dieser keck in die Welt hinaus strebenden Nase, diesem
unermesslich langen Raume zwischen ihr und dem Munde, aus den dunkeln buschigen
Augenbrauen, unter denen ein paar kleine farblose Augen kaum sichtbar
hervorblinzelten, hätte ein geschickter Zeichner, mit wenigen Abänderungen, eine
der ergötzlichsten Karrikaturen bilden können, ohne dabei die Ähnlichkeit allzu
sehr zu verletzen.
    Eine hohe uhlanenartige Mütze von rotem Sammet, mit grossen goldnen Quasten
übermässig verziert, die er selbst innerhalb seiner vier Wände selten ablegte,
schwebte, ein wenig gegen das linke Ohr gedrückt, auf der Spitze seines
Scheitels; dazu wandelte er gern auf koturnartigen Absätzen einher, trug einen
enganschliessenden, ihm fast bis auf die Füsse reichenden, sogenannten polnischen
Rock von sehr heller, ins Hechtgraue und Rötliche spielender Farbe, mit so
vielen Litzen und Troddeln geschmückt, als sich nur darauf anbringen liessen. Ein
leicht um den Hals geschlungenes türkisches Tuch, so hell und buntfarbig als
möglich, ein breites zierlich gefaltetes Jabot, nebst den dazu gehörigen
Manschetten, vollendeten diese seltsame Toilette, die augenscheinlich darauf
abzweckte, der Länge des kleinen Mannes, wenn nicht eine Elle, doch wenigstens
einige Zoll zuzusetzen.
    Die quecksilberartige Lebhaftigkeit seiner Bewegungen, die jeden Augenblick
durch ein gewisses, ihm eignes Ungeschick in der Art sie zu regieren gehemmt
wurde, sei der letzte Pinselstrich zur Vollendung dieses wunderlichen Porträts.
    Aber wie so ganz verschieden von seinem eignen Selbst erschien dieser
nämliche Heinrich Lange, wie verschwand alles so gänzlich, was an ihm als
lächerrlich auffallen konnte, wenn er vor seinem trefflichen Flügel sass, wenn der
in ihm wohnende Genius auf mächtigen Schwingen der Phantasie sich erhob, und im
Reiche der Töne sich kund gab! Denn dort war seine eigentliche Heimat, dort
herrschte er allgewaltig, dort sprach er Ideen, Gedanken, Gefühle aus, für die
er im gewöhnlichen Leben keine Worte finden konnte.
    In Emilia Galotti lässt Lessing den Maler Conti die Möglichkeit eines ohne
Arme gebornen Raphaels annehmen; in diesem Sinne war Heinrich Lange ebenfalls
ein geborner grosser Poet; aber bei seinem Entstehen jeder Möglichkeit beraubt,
anders als mit Hülfe der Saiten, den Gedanken und Empfindungen seines reichen
Gemütes Leben und Gestaltung zu verleihen.
    Übrigens war er die harmloseste, zufriedenste Seele von der Welt. Sein
Kaiser war, nächst Gott, der Gegenstand seiner innigsten Verehrung, die bis zur
Leidenschaft sich steigerte, seit er das Glück gehabt, durch sein Talent ihm
bemerkbar zu werden, dadurch einigemal in die nächste Nähe des hohen
Beherrschers zu gelangen, und mit ein paar freundlich-lobenden Worten von ihm
angeredet zu werden. Von diesem Augenblicke an war Lange dem Kaiser Alexander
mit Leib und Seele völlig zu eigen; jede neue, das Lob desselben vermehrende
Anekdote, wie man damals unendlich viele in Petersburg erzählte, wurde gleich
dem wertvollsten Geschenk von ihm aufgenommen; und dass ein Mitglied seiner
Familie sogar eine Hauptrolle in einer solchen gespielt hatte, hob ihn auf den
Gipfel des Glücks. Seit ihrem Zusammentreffen mit dem Kaiser war Julie ihm noch
einmal so lieb geworden, und selbst auf Iwan und Richard fiel ein Strahl der von
demselben ausgehenden Verklärung zurück.
    Ungeachtet des auffallendsten Contrastes in ihrer äussern Erscheinung, hat es
doch nie ein besser assortirtes Ehepaar auf der Welt gegeben, als Heinrich Lange
und seine kleine Frau. Freilich war sie wenigstens um zehn Jahre jünger als er,
doch dieser Unterschied wird in der Ehe allmälig ausgeglichen, weil die
Jugendzeit der Frauen zwar weit früher beginnt, als die der Männer, aber auch
früher endet. Frau Karoline war das zierlichste, anmutigste, graziöseste kleine
Figürchen, das sich nur erdenken lässt. Von der Natur mit einer ächten
Nachtigallstimme ausgestattet, die sie, von einem trefflichen Meister geleitet,
auf das glücklichste zu benutzen gelernt hatte, war sie einige Jahre hindurch
erst in Deutschland, dann auf dem Teater in Petersburg als erste Sängerin
aufgetreten, und hatte überall, wo sie sich nur zeigte, Furore gemacht. Aber sie
entsagte sehr früh dem teatralischen Glanze, und ward, zu allgemeinster
Verwunderung, die bescheidene Hausfrau der wunderlichsten Figur in der ganzen
grossen Residenz. Ihr Herz sowohl, als ihr guter Verstand führten sie in die Arme
des Mannes, der unter einer nicht eben für ihn einnehmenden Aussenseite alle
Eigenschaften verbarg, sie zu einer der glücklichsten ihres Geschlechtes zu
erheben.
    Sie hatte die grösste Freude an seinem Talente, liebte was er liebte, tat
was ihm gefiel, und schalt und zankte alle Tage mit ihm. Nie war sie hübscher,
als wenn sie zornig sich zeigte, oder vielmehr, wie es meistens der Fall war,
sich stellte als ob sie es wäre, um hinterdrein über seine ungeschickten
Entschuldigungen ihn recht herzlich auszulachen. Im Grunde war sie die
Gutmütigkeit, die Fröhlichkeit selbst; witzig, von unverwüstlich guter Laune,
voll jener teatralischen Einfälle, Anspielungen, Citationen, die keiner los
wird, der jemals, sei es auch nur auf kurze Zeit, die Breter betrat »die die
Welt bedeuten.«
    Julie Reinert, die dritte Person in diesem fröhlichen Haushalte, war ein
gutes unerfahrnes Kind, achtzehn Jahre alt, mit so viel Geist, Mutterwitz und
Verstand von der Natur begabt, als solch ein Wesen eben nötig hat, um mit sich
selbst und überhaupt mit dem Leben recht leidlich fertig zu werden. Sie war von
ihrer frühesten Kindheit an in Königsberg, im Hause eines ziemlich wohlhabenden
Kaufmannes aufgewachsen, der für ihren Vormund galt. Zur Ausbildung einer, etwas
spät entdeckten, sehr schönen Stimme von ungewöhnlichem Umfange, wurde sie von
diesem nach Petersburg, zu seinem Bruder Heinrich Lange geschickt, wo ihr vom
ersten Augenblicke an die herzlichste Aufnahme ward. Um das Miteinanderleben
sich gegenseitig zu erleichtern, wurde sie sogleich für Langes Nichte erklärt,
und fühlte nach weniger als vierundzwanzig Stunden sich so einheimisch bei
diesen freundlichen Leuten, als hätte sie nie in andern Verhältnissen gelebt.
    Was nun Juliens Gestalt betrifft, so sei hiemit jeder junge Leser dieser
Blätter freundlichst gebeten, ihr einstweilen die der Dame seines Herzens zu
leihen; und jede junge Leserin, sich nach dem Portrait der hübschen Julie
Reinert in ihrem Spiegel umzusehen.
Ächte, traulich entgegenkommende Gastfreiheit wohnt nicht im reichen üppigen
Süden, wo die entnervende Sonnenglut nur die unbeweglichste Ruhe wünschenswert
macht, und der Mensch den Menschen leichter entbehrt, weil jeder fast mühelos
sich verschaffen kann, was er zur Erhaltung seines Lebens bedarf. Aber im hohen
eisigen Norden ist sie recht eigentlich zu Hause, und jeder Schritt, der den
Wandrer diesem Ziele nähert, wird ihm zur Bestätigung dieser Bemerkung dienen
können. Die erstarrende Kälte eines unwirtbaren Himmelsstriches bannt dort,
wenigstens acht Monate im Jahre, die Bewohner zwischen ihre vier Wände; die
langen, fast endlos scheinenden Winternächte, laden unwiderstehlich zur
Geselligkeit ein, jeder Besuch wird zum heiteren Feste, der Fremde, der zum
erstenmale die Schwelle des gastlichen Hauses betritt, wird wie ein lieber
Bekannte empfangen, er wird bei den nächsten Freunden eingeführt, die man eines
solchen angenehmen Ereignisses ebenfalls teilhaftig machen möchte, diese
beeifern sich ihn wieder ihren Freunden zuzuführen, und es kann nur von seinem
Willen und Benehmen abhängen, sich so lange Zeit als Mitglied nicht nur der
Familie, deren Gastfreund er ursprünglich war, sondern auch aller mit dieser
verbündeter, zu betrachten, als es ihm selbst angenehm oder bequem ist.
    Nirgends aber gibt diese, aus den kultivirtesten europäischen Ländern immer
mehr verschwindende Tugend auf liebenswürdigere Weise sich kund, als in
Petersburg, wo alle Vorteile sich vereinen, die eine grosse glänzende
Residenzstadt nur gewähren kann; wo man nicht nur alle verfeinerten Genüsse des
Lebens, sondern auch, und obendrein mit grosser Leichtigkeit, alle eigentlichen
Bedürfnisse desselben sich verschafft. Auch Heinrich Lange machte in seinem
nicht luxuriösen, aber sehr anständig geführten Haushalte, von der allgemein
herrschenden Lebensweise keine Ausnahme. Seine Türe stand täglich allen seinen
Freunden offen, und Juliens beide Befreier waren ihm, als solche, ein paar sehr
werte, zwiefach willkommene Gäste.
    Für Iwan war die Bekanntschaft mit dieser ausgezeichnet trefflichen Familie
von sehr grosser Bedeutung, denn seine ganze bisherige Lebensweise erhielt
dadurch einen neuen, für ihn höchst vorteilhaften Umschwung. Überall, wo seine
zahlreichen Bekannten fast täglich mit Sicherheit darauf rechnen konnten, ihn
anzutreffen, wurde er jetzt vergeblich von ihnen aufgesucht; der ihm sonst so
gefährliche grüne Tisch, war für ihn gar nicht mehr in der Welt; der
entusiastische Eifer, mit dem er plötzlich dem Studium der deutschen Sprache
sich ergab, von der er bis dahin nur einzelne Worte gekannt, und die er jetzt
für die ihm unentbehrlichste erklärte, hatte dieses fast unglaublich grosse
Wunder bewirkt.
    Dankbarkeit für den ihr geleisteten Beistand, bewog Julie Reinert zu dem
etwas schwierigen Unternehmen, seine Lehrerin zu werden; und nun brachte er jede
Stunde, welche der Dienst und anderweitige Beschäftigungen ihm Vormittags frei
liessen, eifrigst studirend bei ihr zu. Frau Karoline, wie diese gewöhnlich
genannt wurde, ging, nebenbei ihren Haushalt besorgend, dabei im Zimmer aus und
ein, trat als Oberlehrerin auf, wenn Juliens grammatikalische Kenntnisse nicht
ganz zureichen wollten, und half auch schelten, wenn der etwas ungelenke Schüler
unachtsam oder zerstreut sich bewies.
    Abends pflegte ein nicht grosser, aber interessanter Kreis, sich gewöhnlich
in diesem Hause zu versammeln, in welchem Iwan niemals fehlte, und den auch
Richard oft und gern besuchte. Fremde, ohne Unterschied des Standes, besonders
Deutsche, Gelehrte, Künstler und Künstlerinnen, bildeten einen eben so
zwanglosen als angenehmen Verein, in welchem jeder das Seine zur allgemeinen
Unterhaltung beizutragen suchte. Scherz und Lachen wechselten mit ernsteren und
unterrichtenden Gesprächen über die Geschichte des Tages, oder über Kunst und
schöne Literatur; doch Musik blieb, wie es denn auch in diesem Hause nicht
anders sein konnte, das Hauptelement der Unterhaltung. Karolinens seelenvoller
Gesang entzückte den kleinen Kreis ihrer Freunde, wie er früher das grosse
Publikum zu begeisterndem Entusiasmus aufgeregt hatte; Juliens Lerchenkehle,
wie ihr Lehrer Lange sie sehr bezeichnend nannte, wirbelte in silberreinen
Tönen; auch fehlte es nie an Tonkünstlern vom ersten Range, die hier zum
allgemeinen Ergötzen ihre glänzenden Talente vereinten.
    Am Ende eines solchen musikalischen Abends, um welchen die Vornehmsten des
grossen Reiches den guten Lange mit Recht hätten beneiden mögen, liess er sich
zuweilen erbitten, mit seiner ächten Kapellmeisterstimme, dumpf und klanglos wie
ein geborstner Topf, aber durch Vortrag und Ausdruck unwiderstehlich zum Herzen
sprechend, ein Lied von Goete nach Zelters, oder auch wohl von eigner
Composition zu singen; »das tut Keiner ihm nach,« flüsterten dann die Meister
unter einander; und auch seine eigne Frau gab dieses zu, obgleich sie vor den
Leuten ihn lächelnd einen alten Dudelsack schalt.
    Auch Richard wurde in diesem gastlichen Hause zum erstenmale in das
bürgerliche Leben des gebildeten, wohlhabenden Mittelstandes eingeführt. Bis
dahin hatte er in der fürstlichen Familie, in welcher er auferzogen wurde, nur
das vornehme, prunkvolle, von Genüssen aller Art übersatte Leben der Grossen
gekannt; und später, als Gegenstück zu demselben, das völlig zwang- und
regellose, mitunter ziemlich wüste Treiben von Iwans Freunden, lauter jungen
Männern, die weder durch Familienbande noch Rücksichten in ihrer Freiheit
gehemmt, nach eigner Wahl diese benutzten.
    Eugen und dessen Bruder Alex, hatten auf ihr dringendes Verlangen, unter
Richards Schutz, ebenfalls in diesem Hause Zutritt erhalten, das in
musikalischer Hinsicht ihnen Genüsse bot, die sie in glänzenderen Zirkeln
vergebens suchen mussten, und für welche beide Brüder viel Sinn hatten. Die
Gegenwart der jungen Fürsten brachte in Frau Karolinens häuslicher Einrichtung
zwar nicht die mindeste Abänderung oder Störung hervor, denn sie war auch an
Gäste dieses Ranges zu gewöhnt, um sich durch sie irren zu lassen; aber sie
benahm bei der Einladung derselben sich doch immer sehr vorsichtig, und es
gehörte ein Fürsprecher wie Richard war dazu, um die Zurückhaltung, die in
dieser Hinsicht Grundsatz bei ihr geworden war, zu überwinden.
    Gott behüte in Gnaden unsre kleinen Abendgesellschaften vor dem Unglück,
Mode zu werden! sprach sie; dann wäre es bald damit aus und vorbei! Vor all' den
Ordensbändern, Sternen und Federhüten würden wir selbst kaum Platz im Hause
behalten, denn in Petersburg ist es nicht anders, als in andern grossen Städten,
wo viele vornehme, reiche und müssige Leute bei einander wohnen, die nicht immer
wissen, wo sie mit ihrem Überflusse an Zeit hin sollen.
Eines Abends hatte die Gesellschaft zahlreicher als gewöhnlich sich versammelt;
in der heitersten glücklichsten Stimmung waren die berühmtesten der damals in
Petersburg anwesenden Tonkünstler alle zugegen, um den Geburtstag ihres Freundes
Lange recht festlich zu begehen. Mancherlei musikalische, grösstenteils
humoristische Excesse, wurden bei dieser Gelegenheit getrieben, bis endlich,
ganz unverabredet, eine Art Wettkampf daraus entstand, bei welchem jeder von
ihnen alles aufbot, um die wenigen, nicht tätig dabei beschäftigten Zuhörer, in
einen Rausch von Entzücken zu versetzen.
    Eugen und Richard hatten sich in die entfernteste Ecke des Zimmers zurück
gezogen. Schweigend, mit gesenkten Augen, gab der junge Fürst der Gewalt der
Töne sich hin. Erst als der letzte verhallte, richtete er sich auf, um seinen
bewundernden Beifall laut werden zu lassen; sein Blick fiel zuerst auf Richard;
tief gebückt, unbeweglich, beide Hände vor dem Gesicht, sass dieser neben ihm,
augenscheinlich in düstre Trauer versunken.
    Heimweh ohne Zweck und Ziel, Heimweh eines Heimatslosen! war, von einem
tiefen Seufzer begleitet, die kaum hörbar geflüsterte Antwort, welche Eugen auf
sein besorgtes Fragen von ihm erhielt.
    Eugen blickte staunend ihn an. Ach, hätte ich Russland nie gesehen! setzte
er, gleich einem Träumenden unwillkürlich in sich hinein redend, nach kurzem
Schweigen noch hinzu.
    Jetzt begann Eugen in der Tat, ein seinem Freunde widerfahrnes Unglück zu
fürchten, und hörte nicht auf mit bittenden Fragen in ihn zu dringen. Richard
blickte mit jenem trüben Lächeln zu ihm auf, das weit schmerzlichere Klagen
ausspricht, als Tränen es könnten.
    Du frägst so mitleidig, was mir geschehen? sprach er sehr leise: ach! nichts
und alles, und nicht erst heute oder gestern. Sieh um Dich, so recht mit Deinem
innern Auge. Sieh das prunklose, einfache, genussreiche Leben um uns her,
betrachte es genau. Sieh und fühle, wie durch des Tages Arbeit und Mühen die
Freude des Abends erst zur Freude erhoben wird. Dies ist das Leben, das Glück
des Mittelstandes; zu diesem wurde ich geboren, und wurde früh dafür verdorben,
das ist mein Schmerz! Was hier Reichtum ist, würde in Deiner Sphäre Armut
heissen, und welche Genüsse bietet diese glückliche Armut! Hierher gehöre ich;
warum musste ich aus meinem tiefen Tale auf Eure sonnige Felsenhöhe verpflanzt
werden, wo ich nie festwurzeln werde, wo ich, im nutzlosen Streben danach, am
Ende doch verkümmern muss?
    Und Helena? erwiederte mit einem Händedruck Eugen.
    Ach, stünde sie in der Welt nicht höher als jene Julie! seufzte Richard.
    Und könnte sie dann noch Helena sein? fragte Eugen.
    Ich weiss, ich fühle, es ist wie es ist, und keine Gewalt im Himmel und auf
Erden kann die verworrene Zerrissenheit meines unseligen Daseins zu einem Ganzen
umbilden, klagte Richard. Aber verarge es mir wer da kann, ich bin müde dieses
Harrens auf eine unbestimmte Zukunft, dieses Hoffens ins weite Blaue hinein
müde, müde bis zum Tode. Die Luftschlösser, die ich mit Hülfe Deiner sorgenden
Liebe mir erbaute, was ist aus ihnen geworden? sie lösen in Nebel sich auf.
Langsam kriecht der Schneckengang meines Lebens von einem Tage zum andern mit
mir fort. Was hilft mir Deines Vaters Wohlwollen? der mächtige Schutz Deines
Hauses? was hilft es mir sogar, dass, wie Du sagst, der Kaiser, seit jenem
seltsamen Zusammentreffen mit ihm, meinen Namen kennt, und gnädig meiner
erwähnte? Mein Ziel rückt immer weiter hinaus, ein Wunder nur könnte mich
retten, und Wunder geschehen nicht mehr!
    Mit bewundernswürdiger Geduld hatte Eugen diese lange Jeremiade seines
Freundes bis ans Ende angehört, doch jetzt brach er mit fast strafendem Ernste
los: Kleinmütiger, Verzagter, sprach er, Wunder geschehen nicht mehr! bist Du
denn dessen so gewiss? Hast Du den Schleier der Zukunft gelüftet? weisst Du was
vielleicht dicht neben Dir sich bereitet? bist Du im Stande genau zu berechnen,
was, vielleicht in sehr kurzem, sich Unerwartetes ereignen kann? Sohn unsrer
ereignissreichen Zeit, die schon so viele Wunder ihm vorführte, wie darfst Du
behaupten, es geschehen keine Wunder mehr!
    Mit diesen Worten brach Eugen das Gespräch ab, und wendete der übrigen
Gesellschaft sich zu; Richard glaubte zu bemerken, dass er im Verlaufe dieses
Abends jede Gelegenheit, es wieder anzuknüpfen, absichtlich vermied.
Im vergeblichen Streben, die eigentliche Meinung von Eugens letzten Worten sich
zu erklären, brachte Richard eine lange schlaflose Nacht hin, und stand am
Morgen mit dem festen Vorsatze auf, die Sonne nicht untergehen zu lassen, ohne
diese Erklärung von seinem Freunde erhalten zu haben. Dienstverhältnisse von
seiner, andere Verhinderungen von Seiten Eugens, hielten indessen, sehr wider
ihren Willen, beide Freunde während mehrerer Tage von einander entfernt; und
selbst am letzten von diesen wollte es Richard nur zur ungewohnt späten
Abendstunde gelingen, zu Eugen eilen zu können.
    Eine ruhige, von jedem Geräusche möglichst entfernte Wohnung, war von jeher,
selbst mit Aufopferung mancher andern Bequemlichkeit, Eugens Lieblingswunsch
gewesen. Daher hatte er auch in Petersburg, wie früher in Moskau, in einem
abgelegenen, vom Hauptgebäude wie von der Strasse entfernten Seitenflügel des
Palastes seines Vaters seine Zimmer sich gewählt, deren Fenster auf öde, mit
hohen Mauern umgebene Höfe hinaus gingen, die fast nie ein menschlicher Fuss
betrat. Richard wunderte sich, die Türe diesmal verschlossen zu finden, was
sonst nie der Fall war; auf sein Klopfen wurde ihm zwar gleich geöffnet, und
zwar, was als nicht minder ungewöhnlich ihm auffiel, von dem vertrauten
Leibjäger des jungen Fürsten, dem einzigen Diener, der in diesem Zimmer sich
befand, in welchem es sonst, nach Sitte grosser russischer Häuser, von
dienstbaren Geistern wimmelte.
    Alles schien an diesem Abende ein fremdes, unheimliches Ansehen hier
gewonnen zu haben. Fast verlegen stand der ihm sonst so freundlich ergebene
Jäger Wladimir vor ihm; er, der in diesem Hause mit seinem jetzigen Herrn und
Richard als beider demütiger Spielkamerad aufgewachsen war, und manche kleine
Freiheit sich herausnehmen durfte, wagte es heute kaum ihn seitwärts, mit
scheuen verstohlenen Blicken zu betrachten; Richard selbst fühlte sich dadurch
beängstigt; er sah schweigend um sich her, und wurde in einer Ecke einen Haufen
abgeworfner Mäntel, Säbel, Federhüte und Mützen gewahr, die auf eine ziemlich
zahlreiche Gesellschaft im Zimmer des Fürsten Eugen schliessen liessen. Dieses
brachte ihn auf den Gedanken, ob er nicht vielleicht hier in eine Gesellschaft
geraten könne, zu welcher ihm der Zugang versagt sei, zu der selbst dieser
Diener Bedenken trüge ihn zuzulassen, hier, in den Zimmern seines innigsten
Freundes, bei dem Bruder seiner Geliebten! Sein stolzer Sinn fing an sich
mächtig zu regen, sein Herz schwoll, Empfindungen wurden in ihm wach, welche bei
ähnlichen Anlässen ihn schon oft um so peinlicher gequält hatten, je ängstlicher
er sich bemühte, sie aller Welt, wo möglich sich selbst, zu verhehlen. Schon war
er im Begriff, hier an der Schwelle umzukehren, um sich nicht vielleicht einer
Beleidigung auszusetzen, die er ungeahndet nicht hätte ertragen können, und nur
Scheu, einen ihm schmachvoll dünkenden Schritt in Gegenwart des Dieners seines
Freundes zu tun, hielt ihn noch zurück. Doch Wladimir schien plötzlich andres
Sinnes geworden; mit gewohnter Ehrerbietung näherte er sich geschäftig, ihm den
Mantel abzunehmen und öffnete, wie sonst immer, die Türe zu dem Wohnzimmer
seines Herrn. Jetzt erst erinnerte sich Richard, dass Gesellschaften der Art, wie
er hier eine anzutreffen gefürchtet hatte, sich zwar nicht selten bei dem
Fürsten Andreas und dessen Gemahlin zu versammeln pflegten, aber nie bei den
Söhnen derselben. Ohne alles Bedenken trat er jetzt durch die ihm offen stehende
Türe, die gleich, sehr behutsam alles Geräusch vermeidend, hinter ihm
geschlossen wurde, und fand abermals zu seiner grossen Verwunderung auch hier
sich allein, wo er fest darauf gerechnet hatte, seinen Freund anzutreffen.
    Doch ein dumpfes Geräusch in dem anstossenden grössern, und deshalb selten
gebrauchten Besuchszimmer seines Freundes, schien die Gegenwart mehrerer dort
versammelter Personen anzukündigen; von neuem zweifelhaft geworden, ob unbemerkt
sich zurückzuziehen nicht noch immer das Geratenste für ihn wäre, stand er
abermals unschlüssig da. Einige bekannte, ihm freundlich tönende Stimmen liessen
jetzt aus dem dumpfen Gemurmel der übrigen sich unterscheiden. Richard fing an,
der zu reizbaren Furcht vor Verletzung seines Ehrgefühls sich recht herzlich zu
schämen; er ging, zwar mit noch immer etwas unsichren Schritten, auf die nur
angelehnte Türe zu; unhörbar leise drehte sie sich in ihren Angeln. Richard
stand erstarrt.
    Dreissig bis vierzig Männer, einige stehend, andere sitzend, bildeten in
zwei- bis dreifachen Reihen einen Kreis rings um den nicht sehr grossen, aber
doch geräumigen Salon. Die der Türe zunächst Stehenden waren mit dem Rücken ihr
zugewendet, Richard konnte unbemerkt alles überschauen, denn die allgemeine
Aufmerksamkeit schien von einem in der Mitte des Kreises befindlichen
Gegenstande gefesselt, der für den Augenblick aber ihm noch nicht sichtbar war.
Dass ein allgemeiner, sehr grosser und ernster, aber auch geheimer Zweck diese
Alle hier versammle, war unverkennbar.
    Noch war es Zeit, noch konnte Richard unbemerkt, wie er gekommen, sich
zurück ziehen. Gern hätte er es getan; aber ihm gerade gegenüber, in einem
Armstuhle sitzend, gewahrte er die ehrfurchtgebietende Gestalt seines
Wohltäters, des Fürsten Andreas; ein unbeschreiblich bängliches Gefühl, eine
Ahnung herannahenden Unheils, bemächtigte bei diesem Anblicke sich seiner, und
fesselte ihn an den Platz, wo er eben stand.
    Doch nicht nur der Fürst selbst, auch dessen Söhne Eugen und Alex, der Fürst
Konstantin Nataliens Gemahl, fast alle Verwandte, alle näher Befreundete des
Hauses waren zugegen. Nächst diesen viele Männer von anerkannt edlem Charakter
aus den geachtetsten und vornehmsten Familien des russischen Reiches, die
mehresten unter ihnen Richard wohlbekannt, und zum Teil in näherem freundlichem
Verhältnisse ihm zugetan.
    Die Gegenwart aller dieser Personen hätte über den Zweck dieser Versammlung
ihn füglich beruhigen können; höchstens hätte er eine Beratung über irgend
einen jener Lieblingspläne des Fürsten Andreas darunter vermutet, mit denen
dieser sich noch immer gern beschäftigte, und auch seine Söhne dafür zu
interessiren sich bemühte; etwa ein Projekt zur Verbreitung höherer Kultur unter
dem Volke, oder sonst ein auf die Verbesserung des bürgerlichen Wohlstandes
abzweckendes Unternehmen. Aber diesen geliebten und verehrten Gestalten waren
auch ihm ebenfalls wohl bekannte andrer Art, wie Unkraut dem Weizen beigemischt.
Leute, von denen ihm auch nicht im Traume eingefallen wäre, dass sie jemals hier
hätten Zutritt erlangen können, erblickte er, völlig wie einheimisch sich
geberdend.
    Da stand Einer unter andern, ihm gerade gegenüber, im Hintergrunde des
Saales, einige Schritte hinter dem Armstuhle des Fürsten Andreas, ein vielleicht
absichtlich gewählter Platz. Richard hätte unbedenklich es beschwören mögen, dass
dieser Mann kein andrer sei als der Freund der Frau Marina, der sogenannte Baron
vom Pharaotisch. Zwar hatte er den braunen Überrock sammt der grünen Brille
abgelegt, auch waren seine Haare bedeutend dunkler; solche leicht auszuführende
Veränderungen aber täuschen nicht leicht den aufmerksam beobachtenden Blick
eines Unbefangenen.
    Andere Figuren, augenscheinlich vom nämlichen Gelichter, befanden sich, wie
durch Zufall, einzeln durch alle Reihen der Anwesenden zerstreut; Leute, denen
an andern, mitunter ziemlich zweideutigen Orten begegnet zu sein, sich Richard
deutlich erinnerte, ohne jedoch ihre Namen zu kennen. Je länger seine Blicke im
Saale umherstreiften, je mehr bekannte Gesichter traten ihm entgegen,
grossenteils namen- und sittenlose junge Leute, dem Trunke, dem Spiele und jeder
Ausschweifung ergeben, in deren Umgang er zu seinem grossen Leidwesen seinen
Freund Iwan verstrickt gefunden; zu seinem höchsten Erstaunen erblickte er sogar
einige eifrige Mitglieder und Beförderer jener die Welt verbessernden
Gesellschaft in Moskau, in welche er selbst, sehr gegen seinen Willen, durch
Iwan verwickelt gewesen, und die er in Petersburg anzutreffen nimmer vermutet
hätte. Wie das alles hier, in Eugens Zimmer, zusammengekommen sei, war und blieb
ihm ein unauflösbares Rätsel.
    Wenig Minuten waren hinreichend, um alle diese Bemerkungen zu machen; doch
überrascht von dem Unerwarteten, war Richard während derselben kaum seines
Daseins sich bewusst geblieben. Das Herz klopfte hörbar ihm in der Brust, wild
jagte, mit betäubendem Sausen, das Blut durch alle seine Adern; erst als dieser
Tumult in seinem Innern sich etwas legte, und er dadurch zu einiger Besinnung
gelangte, ward er auf eine Stimme aufmerksam, die bis jetzt in klangloser
unverständlicher Monotonie unbeachtet an ihm vorüberrauschte. Eine unter den vor
ihm in der Türe Stehenden zufällig sich bildende kleine Lücke, zeigte ihm in
der Mitte des Saales einen mit Schreibmaterialien, Journalen, Broschüren, Mappen
und Büchern bedeckten Tisch, und hinter demselben, den Rücken der Türe und
folglich auch ihm zugewendet, einen stattlichen Mann, von militairischem
Ansehen, der nach kurzem Ausruhen in diesem Augenblicke den Faden seiner Rede
wieder aufnahm.
    Vereinte zum Bunde des Heils, ächte getreue Kinder des Vaterlandes, Boyaren,
Männer und Brüder, sprach er, ihr habt aus meinem Vortrage jetzt vernommen, dass
die aus unsrer Mitte erwählte Elite, bei welcher ich den Vorsitz zu führen
gewürdiget worden bin, sich aus hinreichenden Gründen bewogen gefühlt hat, den
von einem der getreuesten Söhne des Vaterlandes, Alexander Murawieff
ausgegangenen, und von den nicht minder würdigen und getreuen, Obrist Fürst
Trubetzkoy und Nikita Murawieff unterstützten Vorschlag, nach reiflicher
Überlegung einstimmig als unausführbar zu verwerfen.
    Allerdings muss der Gedanke auf den ersten Anblick gross und im blendendsten
Glanze erscheinen, unsern neuen Bund für das wahre Heil unsres geliebten
heiligen Vaterlandes mit jener, seit Jahrtausenden bestehenden ehrwürdigen
Verbindung der Freimaurer, und den unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses
allen Ungeweihten verborgnen Gesetzen und Gebräuchen der Loge, zu verbinden und
in Einklang zu bringen; aber die Wissenden unter uns, die wenigen Eingeweihten,
die tiefer in jene Geheimnisse eingeführt wurden, sind gewiss schon längst durch
ernsteres eigenes Nachdenken in ihrem Herzen überzeugt, wie unmöglich dies sei.
Durch die eben vorgetragenen Gründe, denen noch mehrere hinzugefügt werden
könnten, welche aber alle hier auseinander zu setzen, zu zeitzersplitternd
werden möchte, hoffe ich auch meine übrigen Zuhörer, sie mögen nun in jene
Geheimnisse teilweise eingeweiht sein oder nicht, über die Unausführbarkeit
jenes Vorschlages vollkommen ins Klare gesetzt zu haben.
    Der triftigste, alle andern überwiegende, jedem einleuchtende Grund gegen
diese, sonst so wünschenswürdige Vereinigung, bleibt immer der, dass jene
ehrwürdige Gesellschaft, obgleich über ganz Europa verbreitet, durch ihren
Ursprung, ihre innere Einrichtung, ja durch ihre nicht zu umstossenden Urgesetze,
verpflichtet ist, bei ihrer grossen Ausdehnung sich dennoch auf eine
verhältnissmässig kleine Anzahl ihrer Verbündeten zu beschränken. Sie gleichen
edlen Schatzgräbern, die beim Scheine des dem Himmel entwandten heiligen Feuers
des Prometeus, im Dunkel der Nächte, und in ehrwürdiger Verborgenheit, dem
edlen Karfunkel nachstreben, dessen alles überstrahlender Glanz, dereinst zu
Tage gefördert, wetteifernd mit der Sonne, die blöde, träge Welt aus ihrem
Schlummer erwecken soll.
    Wir aber, wir Vereinte zum Bunde des Heils, sind anders gestellt. Unser Bund
gleiche der aufgehenden Sonne eines glorreichen Sommertages, die ihre Segen
spendenden Strahlen über alle Kinder unseres weiten unermessenen Vaterlandes,
Licht und Leben überall verbreitend, ergiesst. Keine Höhle, keine Kluft, keine
noch so tief in endlosem Schnee vergrabene Hütte, bleibe von ihr unerleuchtet.
Fest an einander haltend, alles überwältigend, müssen wir zum Lichte
durchdringen. Das ganze Reich, jede in demselben atmende Seele, muss dieses
Heiles teilhaftig werden, daher darf nichts die Zahl der Anhänger des Bundes
für dasselbe beschränken. Daher habe ich in den eurem Wunsche gemäss von mir
verfassten, und von Euch gebilligten Statuten desselben, es unsern Brüdern allen
als heiligste Pflicht auferlegt, zur Verbreitung unsres Bundes selbst unter den
Geringsten im Volke - -
    Ein Verräter in unsrer Mitte! - ein Spion! riefen einige Stimmen. Der
Redner war unterbrochen, ein furchtbarer Tumult entstand in der Gegend der
Türe. Festgehalten, vorwärts gestossen, umklammert, erdrückt von den ihn
Umdrängenden, war für Richard an keinen Widerstand zu denken. Nieder, nieder mit
ihm! erscholl es von mehreren Seiten mitten durch das rasende Toben, durch das
wilde mit Flüchen und Schwüren gemischte Geschrei. Säbel und Degen waren mit den
Hüten und Mänteln im Vorzimmer abgelegt, aber gefährlichere heimlichere Waffen,
kleine blinkende Dolche, leicht zu verbergende Taschenterzerole wurden in vielen
Händen sichtbar; drohende Geberden, wutblitzende Augen, überall, wohin Richard
die Blicke wandte.
    Ruhe, Ruhe! gebot Fürst Andreas, als Herr des Hauses. Niemand hörte auf ihn,
bis es ihm endlich gelang, unter dem Beistande seiner Söhne zu dem Gegenstande
der allgemeinen Erbitterung durchzudringen.
    Du bist es, mein Sohn? Niemand als Du? rief er erstaunt, als er Richard
recht ins Auge fasste. Lasst ihn unbesorgt los, Ihr Herren, dieser da ist kein
gefährlicher Verräter, sprach er, indem er seine Hand ergriff und ihn an Eugens
Seite führte. Nun wahrlich, dies heisst doch mit Recht, viel Lärm um Nichts,
setzte er hinzu; und suchte, wenn gleich mit bleicher zitternder Lippe, ein
heitres Lächeln zu erzwingen.
    Wie Vielen unter uns wäre er denn so ganz unbekannt? Freunde, Brüder,
besinnt Euch doch, setzte, vom ersten Schrecken sich erholend, der Fürst hinzu;
es ist ja kein hier eingedrungener Fremdling; es ist Richard, mein in meiner
Familie, mit meinen Söhnen, unter meinen Augen erwachsener lieber Pflegesohn.
    Wie kam er hieher? - wie durfte er es wagen? - wie konnte er ohne Verrat
bis zu uns durchdringen? - Verrat! - eingeschlichen - ein Engländer - erkauft -
Spion - nieder mit ihm - Schlange, die der edle Fürst in seinem Busen erzog -
fort mit dem Undankbaren - nieder, nieder mit ihm! - brüllte es von allen
Seiten. Die wenigen, Richard in Schutz nehmenden Stimmen, drangen nicht durch
das verwirrende Geschrei; und immer gefährlicher, tobender, drohender, wurde die
allgemeine Stimmung.
    Mein Leben für meinen Bruder Richard! rief Fürst Alex, sprang herbei, ihn
mit seinen Armen umschlingend. Voreiliger! konntest Du es denn nicht abwarten?
flüsterte Eugen ihm zu, und warf die wehrlose Brust den wütend auf ihn
eindringenden Feinden seines Freundes entgegen.
    Wer will in meinem Hause es wagen, mit frevelnder Hand den unter meinem
Schutze Stehenden zu berühren! rief Fürst Andreas mit aller ihm zustehenden
Würde.
    Ruhe! gebot eine kräftige, den lauten Tumult hell übertönende Stimme. Der
Redner von vorhin drängte sich hervor: Befleckt nicht durch Mord unsern heiligen
Bund; hört ihn an, ehe Ihr über ihn das Urteil fällt, sprach er mit
gebietendem, ernstem Tone; ergriff Richards Arm, zog ihn aus der Mitte der ihn
umtobenden Schreier, stellte frei, allen sichtbar, mitten im Saale ihn neben
sich hin, und befahl den Übrigen, einen eng geschlossenen Kreis in ziemender
Entfernung um sie Beide zu bilden. Alles dieses mit so überraschender,
kaltblütiger Gelassenheit, als wäre er hier König, und müsse ihm alles
gehorchen.
    Wer Mut hat, mit fester sicherer Hand das Steuer zu ergreifen, bleibt
mitten im Sturme der Gebieter der wütenden oder zagenden Menge, die nie weiss,
was sie eigentlich will oder zuerst zu ergreifen hat. So war es denn auch hier;
man rangirte sich rings an den Wänden hin, wie es Obrist Pestel, denn dieser war
der Redner, gebot, und der Aufruhr war für den Augenblick gänzlich
beschwichtigt.
    Richard Wood, jetzt befrage ich Sie, im Namen des Bundes zum Heil des
Vaterlandes, nahm Pestel mit dem Anstande und der Würde eines dazu befugten
Richters das Wort, wie gelang es Ihnen, uns so ganz unvermutet hier zu
überfallen, und was beabsichtigten Sie damit? Sprechen Sie frei und furchtlos,
aber bedenken Sie Ihre Worte. Die kleinste Verletzung der Wahrheit wäre
gefahrdrohend. Ich warne Sie wohlmeinend.
    Richard war inzwischen auch wieder zur Besinnung gelangt, um welche das
betäubende Geschrei, das wütende Eindringen auf ihn, anfangs ihn gebracht
hatte. Er beantwortete offen und wahr die an ihn gerichteten Fragen, und
erklärte nebenher, wie eine Reihe unbedeutender Zufälligkeiten ihn bewogen,
seinen, seit mehreren Tagen nicht gesehenen Freund, den Fürsten Eugen, zur
ungewohnt späten Abendstunde noch aufzusuchen.
    So ohne alle Umstände? sans façon, ungemeldet? in Häusern wie dieses, pflegt
das doch sonst nicht gebräuchlich zu sein; wandte mit anmassendem Hohnlachen ein
junger, sehr wüst und roh aussehender Mann ein. Er hiess Lunin, Richard war ihm
früher in Moskau, in jener ihm so wenig zusagenden Gesellschaft, zuweilen
begegnet.
    Unter Brüdern bedarf es keines solchen Ceremoniels; Richard hat bei mir
Bruderrecht; erwiederte kurz und stolz Eugen.
    Sind Sie bereit, Ihre Aussage mit einem heiligen Eide hier feierlich zu
bekräftigen? fragte ernst, aber nicht unfreundlich, Obrist Pestel.
    Dann bringt nur gleich eine Bibel herbei, eine englische, rief sehr überlaut
Lunin; ich kenne ihn, er ist ein Engländer. Das Volk ist wie die Juden; nach den
Gebräuchen seines Landes und Glaubens muss man ihn schwören lassen, sonst hält er
sich dadurch zu nichts verbunden; er muss das Buch küssen, sonst gilt sein Eid
nichts; setzte er frech lachend hinzu.
    Richard blickte verachtend ihn an. Ich bin in England geboren, erwiederte er
mit ernster Würde: ich bin weit davon entfernt, das Land meiner Geburt
verläugnen zu wollen, aber ich bekenne zugleich, Russland ist mein eigentliches
geliebteres Vaterland, dem ich alles verdanke, seit ich fühle und denke; denn
mein Geschick hat in sehr früher Jugend mich meinem Geburtslande völlig
entfremdet. Dankbarkeit, Gewohnheit, Erziehung und das heiligste innerste Gefühl
meiner Brust, haben mich hier längst nationalisirt; der Kaiser dieses grossen
Reiches ist auch der meinige, setzte er, diese letzten Worte betonend, mit einem
Blicke auf seine Uniform hinzu; für die Wahrheit meiner Aussage bin ich bereit
mein Ehrenwort zu verpfänden, doch einen andern Eid leiste ich nicht. Wer aber
einer Lüge mich verdächtig machen will, der trete gegen mich auf, Mann gegen
Mann.
    Auch ich setze mein Ehrenwort an das Seinige, rief in schönem Eifer Fürst
Alex.
    Ich stimme dafür, dass der Eid gegen sein Ehrenwort ihm erlassen werde, denn,
wäre er ein Niederträchtiger, dem dieses nichts gilt, so würde auch der
feierlichste Eid ihn nicht binden; entschied Obrist Pestel.
    Freunde, Brüder! nahm Fürst Andreas jetzt das Wort, indem er hervor neben
den Obristen Pestel trat; gönnt mir einige Augenblicke Eure Aufmerksamkeit mit
dem Vertrauen, das ich von Euch erwarten zu dürfen mir bewusst bin. Beseligt
durch das freudigste Vatergefühl, habe ich meine beiden Söhne unserm hohen
heiligen Bunde der ächten treuen Kinder unseres grossen Vaterlandes zugeführt;
überzeugt, dass auch mein geliebter Pflegesohn Richard, den heute ein tückischer
Zufall, leider störend und unerwartet, in unsre Mitte geworfen, ein nicht minder
würdiges Mitglied desselben werden würde, lag es stets in meinem Plane, auch
diesen Euch zur Prüfung vorzuschlagen; es war sogar meine Absicht, noch vor dem
Schlusse unsrer heutigen Versammlung diesen meinen Vorsatz in Ausführung zu
bringen, der durch die Entfernung, in welcher Richard bis vor kurzem in Moskau
lebte, aufgeschoben worden war.
    Die Zeit der Überlegung, der Beratung, welche mehr das ernste Erforschen
dessen, was Not ist, von Seiten der Erfahrenern, Zeit- und Weltkundigeren unter
uns erforderte, als den zwar wohlmeinenden, aber oft übereilten Eifer unsrer
jüngeren Brüder, ist nun grösstenteils vorüber. Die Statuten unsres Bundes, die
Gesetze desselben, die Pflichten, welche zu erfüllen wir beim Eintritte in
denselben uns anheischig machen, sind endlich festgestellt. Die Zeit des Wirkens
und Schaffens, der Ausführung des früher zum Wohle des heiligen Vaterlandes
Beschlossenen ist da; sie wird der rüstigen Tatkraft unserer jüngeren Brüder
ein weites Feld eröffnen, und in jeder Hinsicht die Vermehrung ihrer Zahl
wünschenswert machen.
    Und nun tritt hervor, mein Sohn, setzte Fürst Andreas hinzu, indem er
Richards Hand ergriff; frei darf ich es aussprechen, dieser Jüngling ist würdig,
bei dem grossen Werke, das wir unternommen und mit der Hülfe Gottes ausführen
werden, als Bruder und Helfer uns zur Seite zu stehen, denn ich kenne ihn; unter
meinen Augen wuchs er auf, mit meinen Söhnen zugleich habe ich in meinen
Grundsätzen ihn erzogen, und der glücklichste Erfolg lohnte mein redliches
Bemühen. An Geist und Gemüt, an Mut und Festigkeit, an Willen und
Beharrlichkeit, das Gute und Rechte zu fördern, steht er keinem der Besten unter
uns nach. Und nun, Brüder, entscheidet über ihn.
    Der Fürst setzte nichts weiter hinzu, auch seine Zuhörer schwiegen, nur ein
leises Geflüster lief durch die Reihen derselben. Endlich nahm Obrist Pestel
wieder das Wort:
    Richard Wood entferne sich unter der Aufsicht seiner brüderlichen Freunde,
der Fürsten Eugen und Alex, während die Ältesten, nach unserm Gebrauche, über
seine Aufnahme in unserm Bunde mit einander Rat pflegen. Unsre allgemeine
Versammlung ist für heute geschlossen; Ort, Tag und Stunde der nächsten wird den
Brüdern auf gewohnte Weise kund getan werden. Wandelt hin, durch Dunkel zum
Licht! setzte er verabschiedend hinzu.
    Der grösste Teil der Anwesenden zerstreute sich; durch verschiedene Ausgänge
verloren sie sich einzeln und lautlos in den an Eugens Wohnung anstossenden öden
Höfen und Gärten. Gleich einem Nachtgesicht waren alle nach wenigen Minuten
spurlos verschwunden. Eugen und Alex zogen sich mit Richard in ein Kabinet,
welches keinen andern Ausgang als durch den Saal hatte, zurück, und unter dem
Vorsitze des Obristen Pestel blieben nur die Ältesten und Angesehensten der
Verbündeten, die Fürsten Andreas, Trubetzkoy, die Murawieffs und noch einige
Andre im Saale versammelt.
Haltet mich fest an Eurer Brust, blickt wie ehedem mit Euern treuen guten Augen
mich an, damit ich wieder unter Menschen mich fühle, sprach Richard, mächtig
aufgeregt, als er sich mit Eugen und Alex in jenem Kabinette allein sah; windet
nicht so schnell aus meinen Armen Euch los! alles wankt rings um mich her, mich
schwindelts, mir ist wie einem Fieberkranken, der aus wilden Phantasien zu
halbem Bewusstsein erwacht. Habe ich geträumt? träume ich vielleicht noch? welch
ein Traum! wer doch erwachen könnte! Der Vater! und Du, Eugen, und Du, Alex,
Verschworne! Ihr Alle im Bunde mit Lunin! zu welchem Zwecke! setzte er
schaudernd hinzu, und verbarg sein Gesicht in beiden Händen.
    Zum Herrlichsten! für Freiheit, Licht, geistiges Leben, für das Wohl von
Millionen unsrer Brüder, die in geistigen und leiblichen Banden noch mit Elend
und Dunkelheit kämpfen! erwiederte wie begeistert Eugen.
    Revolution! rief Richard, und schlug heftig beide Hände zusammen; das Heil,
das aus diesem Quelle der Welt zufliessen kann, ist allbekannt. Aber der Wurf ist
gefallen; komme was da wolle, Gefahr und Untergang, ich teile es mit Euch; denn
inniger als je zuvor fühle ich es, ich gehöre zu Euch. Das Vertrauen, die Liebe
Eures, ja, meines edlen Vaters, soll an mir nicht zu Schanden werden; nicht
vergebens hat Fürst Andreas mich öffentlich Sohn genannt; ich weihe mich mit
Euch und ihm dem Untergange; das Schwert, das über Euern Häuptern an einem
schwachen Haare drohend hängt, in seinem Falle zerschmettre es auch mich!
    Aber so komme doch endlich wieder zu Dir, und setze Dich ruhig hieher; an
Gefahr und Untergang ist hier gar nicht zu denken, fiel Eugen ganz fröhlich ihm
ein; freilich, als Du so, gleichsam mit der Türe uns ins Haus fielst, gab es
wohl einige Gefahr für Dich, aber die ist vorüber und kommt nicht wieder; höre
darum auf, uns und Dich mit so edelmütigem Unsinn zu plagen.
    Ich glaube, ich verstehe ihn besser, als Du ihn verstehst, oder auch
vielleicht nur verstehen willst, nahm der gutmütige Alex jetzt das Wort; sein
Zweifelmut jammert mich; warum wollen wir denn nicht mit einem einzigen Worte
ihn so ruhig machen als wir es sind, da dieses in unsrer Macht steht? Höre mich,
Richard, und vertraue mir; von Verschwörung und daraus entspringender Gefahr,
ist, kann hier nicht die Rede sein, denn (hier dämpfte Alex seine Stimme bis zum
leisen Geflüster) denn ein einziger grosser Name steht auf der Liste der für
unsern Bund zunächst zu werbenden Mitglieder obenan. Harre nur noch eine kleine
Weile, bis unser weit umfassender Plan sich zur höchsten Klarheit gestaltet hat,
dass man ihn deutlich vorlegen kann. Dann steht jener, ohne dessen Willen in
diesem Reiche nichts geschehen soll, an unsrer Spitze, mit aller Kraft seines
mächtigen Wollens, seiner grossen, für Gott, Vaterland, Menschenrecht glühenden
Seele; er, dem das Wohl der Millionen, die ihm untertan sind, wärmer am Herzen
liegt, als das eigne Leben.
    Alex! Alex! versteh' ich Dich? rief Richard ihn wild anstarrend.
    Du hast mich verstanden. Der Kaiser, flüsterte Alex.
    Er? Du träumst; er, er selbst!
    Alex ist wach, aber voreilig, in seinen Äusserungen wenigstens, wenn gleich
nicht in seinem Glauben. Was noch nicht ist, kann werden, und wird es, sprach
Eugen.
    Er, den ich nicht nenne! und Lunin! und jener verworfene Spieler, und so
manche ähnlichen Gelichters, die ich in Eurer Versammlung erkannte! Alle
Mitgenossen eines Bundes? Es ist nicht, es kann nicht sein! erwiederte Richard.
    Und doch, und doch. »Es muss auch solche Käuze geben« sagt der grosse Poet;
sprach lächelnd Alex.
    schafft die Natur denn nur Rosen und Lilien und Ananas? erwiederte Eugen;
erzeugt sie nicht auch Wermut und Bilsenkraut? Nesseln und Schierling? und noch
hundert andere giftige und bittre Kräuter, die alle unentbehrlich sind, weil
der, so sie zu behandeln weiss, jedes an seinem Orte zu den heilsamsten Arzneien
verwendet? Auch stehen wir alle nur scheinbar neben einander. Wir wirken zu
einem Zwecke, aber Jeder auf ihm angewiesene Weise; es gibt unter uns Grade des
Wissens und Wirkens, die nicht Alle erreichen, setzte er mit gedämpftem Tone
hinzu.
    Übrigens ist Lunin zwar ausgelassen, wild und roh, aber eine grundehrliche
Haut, versicherte Alex; und der Andre, den Du meinst, ist auch nicht der
verrufene Baron mit der grünen Brille, sondern einer, Namens Torson; die
Ähnlichkeit zwischen beiden ist aber auffallend, vielleicht ist Torson dem
Brillenmanne verwandt.
    Die Konferenz da drinnen wird jetzt bald ihr Ende finden, ich höre Pestel
herum gehen, die Stimmen in Gestalt goldener und bleierner Kugeln zu sammeln;
doch ehe wir hinein gerufen werden, muss ich noch eine Gewissensfrage an Dich
richten, sprach Eugen, und trat mit Richard in eine Fenstervertiefung. Gestehe
es, Aug' in Auge, die Hand auf dem Herzen, Du hegtest Argwohn gegen mich, und
hegst ihn vielleicht noch. Richard, konnte, durfte ich Dir entdecken, was des
Vaters ausgesprochener Befehl und ein heiliger Eid mir zu verschweigen geboten?
Die Zeit Deiner Dir unbewussten Prüfung von Seiten meines, Dich nie aus den Augen
verlierenden Vaters, war abgelaufen, nur wenige Tage des Schweigens waren mir
noch auferlegt; kaum hielt ich mich noch; weisst Du den letzten Abend, den wir
bei unserm Freunde Lange zubrachten? erinnerst Du Dich noch der Andeutung meiner
Hoffnungen für Dein Glück, die ich mir damals entschlüpfen liess? ich musste den
ganzen übrigen Abend Dir aus dem Wege gehen, um in der Freude meines Herzens Dir
nicht zu viel zu verraten. Und verstehst Du mich denn jetzt? weisst Du jetzt,
worauf meine Hoffnungen beruhen? kannst Du Dir deuten, wie ich es meine? fühlst
Du meines Vaters Betragen gegen Dich? sprach er immer wärmer werdend. - Ach
Richard, soll ich die Dir nennen, für die, wie für Dich, am heutigen Abend ein
herrliches Morgenrot aufgeht?
    Helena! hauchte Richard ganz leise, leise an der treuen Freundesbrust.
Auf Flügeln der Hoffnung getragen, kehrte Richard in den Saal zu der ihn
erwartenden Versammlung zurück, die er in ganz andrer Stimmung verlassen. Die
Häupter des Bundes hatten in der Zwischenzeit über seine Zukunft entschieden,
aller Augen kehrten mit sichtbarem Wohlwollen sich ihm zu, die ganze Art des von
dem ersten himmelweit verschiednen Empfanges, der ihm jetzt wurde, verriet
deutlich den mächtigen Einfluss des Fürsten Andreas.
    Selbst der Obrist Pestel trat zuvorkommend ihm entgegen, und erklärte ihm,
als derzeitiger Präsident des Bundes und im Namen desselben, dass man aus
hinlänglichen Bewegungsgründen beschlossen, mit seinem Ehrenworte zufrieden zu
sein, ohne auf den in solchen Fällen üblichen Eid der Verschwiegenheit zu
bestehen. Eine Auszeichnung, die vor Ihnen noch keinem gewährt wurde: setzte er
sehr wichtig hinzu.
    Richard erkannte diese ihm gewährte Vergünstigung mit geziemendem Danke an,
und gelobte dann kurz und bestimmt bei seiner Ehre, alles was er hier gesehen
und vernommen, lebenslänglich als ein hochheiliges Geheimnis zu bewahren; keinem
lebenden Menschen auf Erden, er sei wer er wolle, nie, unter keiner Bedingung,
durch Worte oder Zeichen, ganz oder teilweise, etwas davon zu vertrauen, oder
auch nur erraten zu lassen.
    Sie sind jetzt frei wie die Luft, nahm jetzt Pestel wieder das Wort; von
Ihnen allein hängt es ab, diese Versammlung augenblicklich zu verlassen, um nie
wieder zu derselben zurück zu kehren. Ein andres wäre es, wenn Sie, wie Ihr
edler Pflegevater uns angedeutet hat, den Wunsch hegten, unserm Bunde der wahren
und getreuen Kinder des Vaterlandes sich anzuschliessen. Meiner Pflicht als
Vorstand desselben gemäss, richte ich also die Frage an Sie: sind Sie
entschlossen sich diesem Bunde zu weihen, seinen Gesetzen, wie seinen
Verpflichtungen sich ohne Ausnahme zu unterwerfen?
    Ein bänglich vorahnendes Gefühl wollte sich Richards bemächtigen, indem er
schon im Begriff war, diese Frage mit dem verhängnisvollen: Ja, zu beantworten;
fast wähnte er seinen Schutzgeist in Helenas Gestalt warnend neben sich
aufsteigen zu sehen. Der feste Entschluss, mit welchem er den Saal betreten,
wurde einen Augenblick wankend; doch ein Blick auf seine beiden Freunde, die in
vertrauender Sicherheit ihm zur Seite standen, ein ermutigender Wink des
Fürsten Andreas - und seine Zweifel schwanden. Das Wort, das man von ihm
erwartete, war gesprochen.
    Der helle Streif im Osten verkündet das Ende der kurzen Sommernacht.
Mitternacht ist längst vorüber. Ich trage darauf an, dass die feierliche Aufnahme
unsers neuen Bruders auf unsre nächste Versammlung festgestellt werde: sprach
Sergius, der Secretair des Bundes.
    Unser Bund braucht das Licht der Sonne nicht zu scheuen, die bald glorreich
von ihrer Mittagshöhe herab seine Taten beleuchten soll: erwiederte Pestel sehr
patetisch. Zur Aufnahme dieses unsres Bruders, fuhr er gelassen fort, bedarf es
keiner weitläuftigen Vorbereitungen, indem alle Prüfungen des ersten Grades ihm
erlassen sind, und er mit Übergehung desselben sogleich in den zweiten, in den
der Männer eintreten wird. Die enge Verbindung, in der er zu dem hohen Hause
steht, das unser Bund mit Recht als seine festeste Stütze betrachtet, berechtigt
ihn zu diesem selten gewährten Vorzuge. Bruder Richard! setzte er wieder in
jenen patetischen Ton verfallend hinzu, nur Ihrem eignen Willen bleibe hier die
Wahl überlassen; wünschen Sie Aufschub? Bedenkzeit? oder soll diese symbolisch
schöne Stunde der Morgendämmerung, in welcher die lichtscheue Nacht mit ihren
dunkeln Phantomen vor dem hellen Tagesscheine sich verbirgt, auch Ihnen die
Klarheit gewähren, die von nun an Ihrem ferneren Lebenspfade leuchten soll?
    Noch ehe ich berufen ward, zum zweitenmal in dieser Versammlung zu
erscheinen, war mein Entschluss fest gestellt; es bedarf keiner weitern
Bedenkzeit, antwortete Richard.
    Fürst Andreas, seine Söhne, alle gegenwärtigen Freunde seines Hauses erhoben
sich jetzt, um Richards männlichen schnellgefassten Entschluss zu preisen, und mit
Freundschaftsbezeigungen und Beweisen des herzlichsten Wohlwollens ihn zu
überschütten, während Pestel und Sergius die einfachsten Vorbereitungen zu dem
feierlichen Eide trafen, der zufolge der Statuten des Bundes, beim wirklichen
Eintritte in denselben, ihm nicht mehr erlassen werden durfte.
    Von allen jenen, in den mannigfaltigsten Modificationen üblichen Ceremonien,
die jeder bei der Aufnahme in eine geheime Gesellschaft sich gefallen lassen
muss, diese mag nun in den geweihten Sälen einer Loge, oder in irgend einer
dunkeln Kneipe ihr Wesen treiben, war hier gar nicht die Rede. Zwar liess aus
einigen leicht hingeworfenen Worten des Präsidenten Pestel sich schliessen, dass
dieses eine durch Zeitmangel bedingte Ausnahme von der gewohnten Regel sei; doch
darf man dem gewandten weltklugen Manne wohl zutrauen, dass diese Ausnahme nicht
ganz unabsichtlich Statt finde. Er besass Menschenkenntnis genug um einzusehen,
dass der ganze Apparat von dunkeln Gemächern, blossen Degen, Todtenschädeln,
symbolischen Pflanzen und dergleichen, hier den gewünschten Eindruck völlig
verfehlen würde, und er höchstens nur an die enge Scheidegränze zwischen dem
Erhabenen und dem Lächerlichen dadurch erinnern könne.
    Sergius trug ganz einfach die auf Verlangen des Bundes von Pestel verfassten
Statuten desselben vor, aus denen zuvörderst die Einteilung der Mitglieder in
drei Klassen oder Grade hervorging. Die erste, bei weitem zahlreichste, wurde
die der Brüder genannt; die zweite, bedeutendere und mit dem Zwecke, wie mit den
Fortschritten des Bundes vertrautere, war die der Männer, in welche Richard
jetzt aufgenommen wurde. Der dritte, höchste Grad wurde nur Wenigen durch Macht,
Reichtum, Familienverbindungen oder glühenden Eifer Ausgezeichneten erteilt:
sie wurden Boyaren genannt, und bildeten den höchsten Rat der Alten. Aus ihrer
Mitte wurden drei Direktoren erwählt, der Präsident, der Aufseher, und der
Secretair. Die gegenwärtige Versammlung war eigentlich der Rat der Alten, und
sämmtliche Boyaren, mit weniger Ausnahme, waren dabei zugegen.
    Vernichtung verjährter, für die jetzige Zeit nicht mehr passender
Institutionen und jeder an orientalischen Despotismus erinnernden Einrichtung,
wurde als das Hauptziel des Bundes angegeben; nächst diesem unermüdliches
Bestreben, durch Abschaffung von Missbräuchen, durch Verbreitung nützlicher
Kenntnisse, durch Verbesserung des Landbaues, durch Einführung neuer
Erwerbsquellen, zur Aufklärung, und durch diese zur Verbesserung des Wohlstandes
der niedrigeren Volksklasse beizutragen. Bei jeder Gelegenheit die Rechte des
Volks öffentlich zu vertreten, und die Bekanntschaft mit denselben zu
verbreiten, wurde als nicht zu umgehende Pflicht eingeschärft; auch war den
Verbündeten auferlegt, über genaue Handhabung der Gesetze zu wachen, die
Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten, wie das Betragen der Beamten jedes
Ranges, genau zu beobachten, und jede Handlung derselben, durch welche sie sich
des in sie gesetzten Vertrauens unwürdig bewiesen, ans Licht zu ziehen und zu
veröffentlichen.
    Verbreitung des Bundes durch Anwerbung treugesinnter talentvoller
Mitglieder, vorzüglich vom Militairstande, um auf jede Weise die Macht wie die
Zahl desselben zu mehren und ihn immer sichrer zu stellen, wurde noch als
letzte, aber unumgängliche Verpflichtung besonders empfohlen.
    Alles dieses klang so unverfänglich, so Recht liebend, so durchaus
wünschenswert zum allgemeinen Besten; Ähnliches, wenn gleich anders
ausgedrückt, hatte Richard unzähligemal von den Lippen seines Pflegevaters im
engsten Familienkreise vernommen. Zweifel und Misstrauen schwanden; begeistert
für die gute Sache, sprach er Wort für Wort den ihm vorgesagten Eid nach, bis
ans Ende; und würde in dieser glücklichen Stimmung geblieben sein, wäre nicht
ganz zuletzt unbedingte Unterwerfung unter den Rat der Alten von ihm gefordert
worden. Er stockte einen Augenblick; und doch! er war zu weit vorgeschritten, um
zurücktreten zu können.
Jede widerwärtige Empfindung, welche bei seinem ersten, ihn selbst
überraschenden Eintritte in jene Verbindung, sich Richards bemächtiget hatte,
verschwand indessen bei ruhigerem Besinnen gar bald aus seinem Gemüte. Er war
sogar auf gutem Wege, eines der eifrigsten Mitglieder des Bundes zu werden, ohne
durch so manches, was ihm anfangs als abschreckend erschienen war, sich weiter
irren zu lassen. Sogar die unbedingte Unterwerfung unter die Beschlüsse und
Anordnungen des Rates der Alten, welche er hatte geloben müssen, machte ihm
keine Sorge mehr.
    Im Militairdienste war die Notwendigkeit strenger Subordination, sobald es
gilt, die Gesammtkräfte vieler tausend Einzelner zur Ausführung eines grossen
Zweckes zu vereinen, ihm deutlich geworden; und was für Männer standen an der
Spitze dieses sogenannten Rates der Alten, dem er blinde Unterwerfung gelobt!
    Fürst Andreas, seine Söhne, die nächsten Verwandten und Freunde seines
Hauses, anerkannt edle Männer, an Rang, Ansehen, und warmer Begeisterung für das
Wohl des Vaterlandes ihm gleich. Wo diese walteten, musste jede Spur von
Besorgnis verschwinden. Wie hätten sie, wie hätte Fürst Andreas, etwas dem
allgemeinen Besten, oder dem mit diesem so enge verbundenen allgeliebten Kaiser
Gefahrdrohendes geschehen lassen oder gar anordnen können!
    Im Verlaufe der Zeit würde Richard seinen Eintritt in den Bund, vielleicht
sogar die Existenz desselben ganz vergessen haben, hätte nicht der ihm so gross,
so ungemein wünschenswert erscheinende Zweck desselben, ihn auf das lebhafteste
unaufhörlich beschäftigt.
    Die Versammlungen des Bundes wurden immer seltner; Monate gingen oft darüber
hin, ohne dass Richard aufgefordert wurde in denselben zu erscheinen, und fast
immer kehrte er mit dem bittern Gefühle zwecklos verlorner Zeit nach Hause
zurück. Die Anordnung feierlicher, Sinne betäubender Ceremonien zur Aufnahme
neuer Brüder, die ohne sonderliche Auswahl, augenscheinlich nur, um die Zahl der
Mitglieder zu vergrössern, schaarenweise herbeigezogen wurden, schien jetzt die
einzige Beschäftigung jener Versammlungen geworden zu sein.
    Diese Neuangeworbenen, deren Anzahl sich bald bis ins Unglaubliche
vergrösserte, waren grösstenteils junge Leute, die gar nicht begriffen, gar nicht
wussten, wovon eigentlich hier die Rede sei, auch gar nicht verlangten dieses zu
ergründen; sondern, entweder vom Reize des geheimnisvoll Feierlichen angezogen,
oder auf Zureden und nach dem Beispiele ihnen ähnlicher Freunde in den Bund sich
hatten aufnehmen lassen, ohne etwas andres dabei sich zu denken, als was sie
auch bei jeder andern geschlossnen Gesellschaft sich gedacht haben würden.
    Ein grosser Teil derselben bestand aber auch aus Soldaten, guten ehrlichen
Gemütern, die auf Treu und Glauben hinnahmen, was man unter dem Siegel des
Geheimnisses ihnen flüsternd vertraute: dass Kaiser Alexander selbst um alles
wisse, alles leite, nur ihren Vorteil dabei beabsichtige, aus politischen
Gründen aber noch nicht öffentlich auftreten wolle. So eingewiegt von goldnen
Hoffnungen, waren sie darauf gefasst und bereit, sich zu allem was von ihnen
gefordert werden würde herzugeben; als blindes Werkzeug höherer Gewalten alle
ihre Kraft, und wenn es sein müsste ihr Herzblut, für ihnen unbekannte Zwecke zu
verwenden. Es waren die nämlichen treuen, aber unwissenden Seelen, welche einige
Jahre später mit grossem Geschrei die Constitution hoch leben liessen, weil sie
meinten, dies sei Name oder Titel der Gemahlin ihres Czaarewitsch Konstantin.
    Richard hatte anfänglich vor dem zu plötzlichen Ausbruche der Flamme
gezittert, deren zündender Funke hier im Verborgnen gehegt wurde; jetzt setzte
die Untätigkeit des Bundes ihn in zweifelndes Erstaunen. Er äusserte dieses
zuerst gegen seine vertrauteren Freunde, dann auch gegen Pestel und andre der
bedeutenderen Mitverschwornen, aber es fehlte diesen nicht an Gründen, um ihn zu
beruhigen. Noch ist es nicht an der Zeit: die Frucht muss reifen, ehe sie
gebrochen wird: Übereilung ist die gefährlichste Feindin jedes grossen
Unternehmens; so hiess es, wohin er sich auch wenden mochte. Er gewöhnte sich
endlich daran, keine andere Antwort zu hören, fing an für voll gelten zu lassen,
was ihm zuerst als abgedroschner Gemeinplatz geklungen hatte, und gab sich
zufrieden.
    Auch hatte er gegründete Ursache zufrieden zu sein; eine neue, ihn durch und
durch erwärmende Glückssonne, war seit jenem stürmischen Abende an seinem
Lebenshorizonte aufgegangen. Nie zuvor, selbst nicht in den Jahren seiner ersten
Jugendzeit, hatte er seinen Pflegeeltern so enge verbunden sich gefühlt, nie
hatten sie selbst so ganz offenbar und rücksichtslos als ganz zu den Ihrigen
gehörend ihn anerkannt, als eben jetzt. Und diese glückliche Veränderung seiner
Lage beschränkte sich nicht allein auf das Haus des Fürsten Andreas; sie ging
von diesem auf die nächsten Freunde und Verwandten desselben über.
    Die von der grössern Gesellschaft ihn ausschliessenden Schranken, welche Rang,
Etikette und Konvenienz um ihn gezogen, waren plötzlich gesunken; man sah in ihm
nur den fein gebildeten jungen Mann, den liebenswürdigen Gesellschafter, und von
dem niedern Range, auf dem er noch immer bei seinem Regimente stand, nahm
Niemand mehr Notiz. Das Beispiel bedeutender Personen, die bei seiner Aufnahme
in den Bund zugegen gewesen waren, hatte dieses Wunder bewirkt, und Richard war,
ohne dass er es wollte oder wusste, in der übrigen vornehmen Welt, die eben so
wenig wusste warum, gewissermassen Mode geworden. Ausgenommen bei grossen
feierlichen Gelegenheiten, wo eine scharf gezogne Linie das Zulässige
bezeichnet, und die er von jeher gern vermieden hatte, standen immer die Türen
ihm offen, aber Erfahrung hatte ihn Vorsicht gelehrt. Er beschränkte sich auf
das Haus seiner Wohltäter und der diesen zunächst Verbundenen, und vermied auch
dort, in grössern Kreisen zu erscheinen.
    Vor Allen andern zog eines der tätigsten und begeistertsten Häupter des
Bundes ihn an, und kam mit gleicher ungeheuchelter Neigung, auf mehr als halbem
Wege ihm ebenfalls entgegen; Graf Stephan, den man wohl mit Recht als einen
Schüler des Fürsten Andreas bezeichnen könnte, war bedeutend jünger als dieser
und doch schon dessen vieljähriger Freund. Sein vor wenigen Jahren verstorbener
Vater hatte mit dem Fürsten in sehr vertrautem Verhältnisse gestanden, der junge
Stephan wurde von Jugend auf Zeuge des ernsten viel umfassenden Gesprächs dieser
beiden, von Freiheitsgefühl und Vaterlandsliebe durchdrungenen Männer, und seine
Verehrung und Bewunderung des Fürsten Andreas stieg darüber bis zur
Leidenschaft.
    Nach des alten Grafen Tode ging das Vertrauen und die Liebe des Fürsten auf
den Sohn über; rückhaltslos überliess er sich der Gewohnheit, ihm alles zu
offenbaren, was seit Jahren seinen Geist ausschliessend beschäftigte; seine
Pläne, seine Wünsche für die Verbreitung allgemeinerer Kultur und Verbesserung
des bürgerlichen Zustandes seines Volkes, und aller der Ideen, die mit der Zeit
sich so ganz seiner bemächtiget hatten, dass man wohl sagen kann, sie waren die
Seele seines Lebens geworden.
    Stephan gehörte zu jenen milden und doch ernsten tiefen Naturen, die jeden
grossen Gedanken, den sie einmal erfasst, so lange von allen Seiten beleuchten,
bis er von ihrem innern Wesen untrennbar wird, und sie gezwungen alles daran
setzen müssen, um das, was erst nur in ihrer Phantasie lebte, zur Wirklichkeit
umzugestalten.
    Der lebhaftere Geist des weit jüngeren Mannes begnügte sich nicht damit, den
Gedanken des älteren Freundes Schritt für Schritt zu folgen, er nahm einen weit
kühneren Aufschwung. Wahre Begeisterung lässt gleich der Flamme schlecht sich
verhehlen: dem Grafen Gleichgesinnte fanden ihn bald und schlossen sich ihm an,
und so entstand aus diesen eine kleine, aus acht bis zehn wohlgesinnten, von
Vaterlandsliebe beseelten Männern bestehende Gesellschaft, die ohne Nebenabsicht
und ohne Aufsehen erregen zu wollen, zusammen kamen, um über Dinge, die ihnen
zunächst am Herzen lagen, ihre Gedanken einander mitzuteilen. Dass aus diesem
kleinen Keime eine so weit umsichgreifende Verzweigung entstehen solle, lag
weder in ihrem Plane, noch kam die Möglichkeit davon ihnen in den Sinn.
    Mehrere Jahre, ehe der damals in Moskau lebende Fürst Andreas sich ihr
anschliessen konnte, dauerte diese Gesellschaft zu aller Zufriedenheit in der
Stille fort, bis der Zufall den Obrist Pesiel ihr zuführte, dessen kühner
übermütiger Geist schon deshalb ein grosses Übergewicht gewinnen musste, weil er
jede Farbe anzunehmen verstand, und von ganz andern Gedanken und Plänen erfüllt,
kein Mittel scheute, um zu seinem Zwecke zu gelangen. Mit kecker Hand ergriff er
die Zügel, und ehe die Übrigen es gewahrten, hatte unter seiner Leitung alles
eine andre Gestaltung gewonnen.
    Richard fühlte in dem vertrauteren Umgange mit seinem neuen Freunde sich
sehr glücklich, er verlebte viele schöne Stunden in dem engen Familienkreise
desselben, mit der sanften, schönen, aber oft leidenden Gemahlin des Grafen, mit
den hoffnungsvollen Kindern, die, sobald er sich zeigte, ihn jauchzend
umtanzten.
    Aber wie ganz anders noch war es, wenn Fürst Andreas zu Hause ihn Sohn
nannte, wenn sogar Eudoxia, den Strumpfwirker ganz vergessend, zwischen ihm und
ihren eignen Kindern keinen Unterschied merkbar werden liess! wenn beiden im
lebhaften Gespräche so manche Äusserung über seine Zukunft entschlüpfte, so
manche Andeutung einer nahenden, alle seine Erwartungen übertreffenden
glänzenden Zeit; dann wusste er kaum sein in kühner Hoffnung hochaufschwellendes
Herz zu bemeistern. Selbst in Gegenwart ihrer Eltern gestaltete sein Umgang mit
Helena sich immer zwangloser und freier, mit dem vollen Ausdrucke innern Glücks
trat sie stets ihm lächelnd entgegen. Aus Furcht vor sich selbst wusste er dem
Vorgefühle, das sich seiner ganz bemächtigte, und das er doch als allzu kühn
verdammen musste, keine Worte zu geben. Doch sein fragender Blick suchte Antwort
in den Augen seiner brüderlichen Freunde, denn auch Alex war jetzt der Vertraute
seiner Liebe geworden. Alex reichte ihm die Hand, Eugen drückte ihn an die treue
Brust; beide schwiegen.
    Es ist ein Traum! ein himmlisch schöner Traum! o Gott, lass das Erwachen mich
nicht erleben, lieber den martervollsten Tod! seufzte er oft, wenn sein Glück,
wie eine schwere Bürde, auf seinem ahnungsvollen Herzen lastete.
    Helena, wenn sie mit Richard allein war, gab jetzt oft und geflissentlich
dem Gespräche eine sehr ernste, auf die Lieblings-Ideen ihres Vaters Bezug
habende Wendung, von denen auch sie ganz erfüllt war. Auch Eudoxia, ungeachtet
ihrer festen Überzeugung von dem in der Natur begründeten Unterschiede zwischen
hoch und niedrig Gebornen, nahm lebhaften Anteil daran; die ihr angeborne
Herzensgüte gewährte ihr eine Art Trost in dem Gedanken, das Unglück der
Letztern durch Verbesserung ihrer bürgerlichen Zustände einst mildern zu können.
Öfter, offener, umständlicher als je zuvor liess ihr Gemahl im engen Kreise
seiner Familie und seiner Vertrautesten, zu denen natürlicher Weise auch Richard
und Stephan gehörten, über alles, was sein Gemüt seit Jahren erfüllte, sich
aus; die Gegenwart der Frauen dabei vergessend, streifte er bisweilen ganz nahe
an das Geheimnis des Bundes, ohne es jedoch zu verletzen. Eudoxia suchte oft
Gelegenheit, mit Richard über die nämlichen Gegenstände sich zu unterhalten, um
manches, was ihr nicht recht deutlich geworden, sich erklären zu lassen. Mutter
und Tochter äusserten sich zuweilen auf eine Weise, die gewissermassen einige
Kenntnis von dem geheimen Bunde verriet.
    Wissen die Frauen? fragte, durch alles dieses zweifelhaft geworden, Richard
seinen Eugen.
    Wissen? erwiederte Eugen lächelnd, die Frage ist schwer zu beantworten.
Wissen - was man so eigentlich wissen nennen kann - das gewiss nicht, und das
kannst Du auch mit Deiner Frage nicht meinen. Aber Frauen sind nun einmal ihrer
Natur nach die ächten wahren Inspirirten, das ist ein von den Göttern ihnen
Gegebenes. Sie haben nicht nötig etwas zu lernen oder zu erfahren, um es zu
wissen; auch wissen sie eigentlich meistens blutwenig, aber sie ahnen alles; die
Ungebildeteren unter ihnen nennen das im gemeinen Leben: merken. Indessen sehe
ich doch nichts Ausserordentliches darin, dass meine Mutter und Schwestern sich
lebhaft für Dinge interessiren, über welche sie meinen Vater täglich sprechen
hören.
Geh' nur, Richy, geh', Du machst mir nichts mehr weiss; Du hast kein Herz für
mich, wie ich für Dich es habe. Du hast sehr viel Verstand, Du bist sehr klug,
sehr gelehrt, der arme Iwan ist das alles nicht. Aber ich trage mein Herz auf
meiner Hand; ich bin nicht geheimnisvoll wie Du; aber wer mich liebt, den liebe
ich wieder, und der kann sich auf mich verlassen, in jeder Gefahr.
    Gieb Dir keine Mühe, rede mir nichts ein, es hilft Dir nichts; fuhr Iwan
fort, als Richard versuchen wollte, seinen schmollenden Freund zu versöhnen, den
seit geraumer Zeit etwas vernachlässiget zu haben, er sich bewusst war. Ich weiss
Du traust mir nicht, aber Du sollst erfahren, dass auch Iwan schweigen kann.
Hinterm Berge wohnen auch Leute, und es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich
weiss mehr als Du glaubst, aber fürchte Du nur nichts von mir, geh' Du nur ruhig
zu Deinen Kneesen und Grafen.
    Warum sieht man Dich nicht mehr bei unserm Kapellmeister? schalt Iwan
weiter, ohne auf Richards Entschuldigungen hören zu wollen; ist es recht, ist es
billig, brave Leute, die Dich herzlich lieb haben, einen Abend nach dem andern
vergeblich auf sich warten zu lassen? Julie ist sehr schlecht auf Dich zu
sprechen, Frau Karoline auch. Lange, die ehrliche Seele, nimmt allein noch
Deiner sich an, und weiss immer noch etwas aufzufinden, das Dich entschuldigen
soll. Nun wie steht es, kommst Du heute Abend?
    Heute, gerade heute Abend? stotterte Richard verlegen.
    Du kommst nicht, das habe ich mir schon gedacht, lachte Iwan spottend. Nun
gleichviel, heute Abend sehen wir uns doch.
    Das wird kaum möglich sein, erwiederte Richard etwas kleinlaut; dringende
Geschäfte - aber nächstens, morgen Abend gewiss. Ich fühle ordentlich eine
Sehnsucht, mich von Frau Karolinen ausschelten zu lassen; wie die liebe Sonne
nach einem derben Gewitterregen, zeigt auch sie sich hernach nur um so wärmer
und freundlicher. Also morgen, lieber Iwan, morgen Abend.
    Morgen halte es wie Du willst, ich sehe Dich noch heute Abend, verlass' Dich
darauf; rief Iwan im Fortgehen ganz trocken ihm zu.
    Richard schaute betroffen ihm nach; das Benehmen, das ganze Betragen des
Freundes schien auf unbegreifliche Weise verändert. Ist er in den wenigen
Monaten mir doch wie verwildert! ich habe zu lange, zu anhaltend ihn
vernachlässiget, und was er von nun an auch beginnen mag, ich habe es
verschuldet; sprach Richard reuevoll zu sich selbst.
    Eine für diesen Abend angesagte grosse Bundesversammlung, die abermals nur
zur Aufnahme mehrerer neuer Mitglieder Statt finden sollte, hatte Richard
verhindert, auf Iwans Vorschlag einzugehen. Spät gekommen, drängte er sich
missmütig durch die Reihen der Aufzunehmenden, ohne sie anzusehen, und
entdeckte, als die Ceremonie begann, zu seinem höchsten, wahrlich nicht
angenehmen Erstaunen, seinen Freund Iwan mitten unter ihnen. Eine ganz eigne,
fast komische Mischung von Trotz und Schalkheit lag in dem sarkastischen
Lächeln, mit welchem dieser im Vorübergehen verstohlen zu ihm aufblickte. Mark
und Bein durchzuckend, stieg ein unbeschreiblich bängliches Gefühl bei diesem
Anblicke in Richards Seele auf; ihm war als sähe er den Freund in dringender
Gefahr, als müsse er bei den Haaren von dem Platze, wo er eben stand, ihn
fortreissen. Aber es wollte sogar den ganzen übrigen Abend hindurch ihm nicht
einmal gelingen, sich Iwan zu nähern; Torson oder Lunin hielten abwechselnd eine
Art Wache über ihn, einer von diesen blieb fortwährend ihm zur Seite, und als
spät nach Mitternacht die Versammlung aufgehoben wurde, und Richard seinen
Freund aufsuchte, in der Hoffnung ihn auf dem Wege nach Hause zu begleiten, war
er mit jenen beiden ihm völlig aus den Augen entschwunden.
Iwan! Iwan! was hast Du getan, ohne Dich vorher mit mir zu beraten; rief
Richard am folgenden Morgen seinem Freunde zu, als er nach langem vergeblichen
Suchen ihn endlich antraf, eben im Begriffe sein Pferd zu besteigen.
    Richy, Richy! was hast Du unterlassen, ohne Dich im geringsten um mich zu
bekümmern, antwortete dieser ihn parodirend, und galoppirte davon.
    Trübe und gedankenvoll eilte Richard jetzt zum Kapellmeister Lange, um wo
möglich dort einige Aufklärung über Iwans auffallend seltsames Betragen gegen
ihn zu erhalten. Nicht ohne einiges Herzklopfen betrat er das Zimmer, in welchem
er die beiden Eheleute allein traf, aber der Empfang, der ihm von ihnen wurde,
übertraf all sein Hoffen und auch sein Verdienst, wie er selbst reuevoll
gestand. Der kleine Kapellmeister war über das Wiedererscheinen des Hausfreundes
zu erfreut, um des langen Aussenbleibens desselben zu gedenken; er geriet in
eine wahre Entzückungswut; sang, jubelte, tanzte, die rotsammtne Troddelmütze
flog von einem Ohre zum andern, Frau Karoline konnte vor Lachen über die
possierlichen Freudenbezeigungen ihres Eheherrn gar nicht dazu kommen, dem
Frevler gebührend den Text zu lesen, wie sie es sich doch fest vorgenommen
hatte.
    Übrigens kam keiner von diesen Dreien diesmal zu einem vernünftigen Worte;
ein Fragen, ein Erzählen ohne Ende begann, keiner hörte auf den andern, aber sie
verstanden sich doch.
    Und abermals war Richard bei diesen so ganz menschlichen Menschen in
liebender Wärme das Herz aufgegangen. Als er wieder in seiner Wohnung sich
befand, schwur er sich selbst es zu, diese treuen Freunde, es komme wie es
wolle, sich zu erhalten, sie nie wieder zu vernachlässigen, sich in diesem
heitern bürgerlichen Stillleben zum Widerstande gegen jene Hoffnungsphantome zu
erkräftigen, die, in Regenbogenfarben glänzenden Seifenblasen ähnlich, ihn
wachend und im Traume umtanzten, und die ein einziger Hauch vernichten konnte.
Doch leider hielten solche Entschlüsse in Richards Seele nie Stand; mochte er
noch so eifrig sich ermahnen, vernünftig zu sein, unwiderstehlich zog es ihn in
jene Pracht, in welcher in all' ihrer äussern und innern Glorie Helena tronte,
und die arme hülflose Vernunft immer tiefer und enger von dem goldnen Netze der
Wahrscheinlichkeiten umstrickt wurde, das rings um ihn her sich erhob.
    Den ganzen übrigen Tag suchte Richard vergeblich seinen Iwan auf; am Abend
kehrte er zu seinen wieder neugewonnenen Freunden zurück, in der festen
Überzeugung, ihn doch gewiss dort, im gewohnten, ihm so lieben Kreise
anzutreffen; auch glaubte er wirklich beim Eintreten in das Zimmer ihn neben
Julien in der entferntesten Ecke desselben zu erblicken, und eilte freudig auf
ihn zu, fuhr aber erschrocken, wie beim unerwarteten Anblicke einer giftigen
Schlange, gleich wieder zurück.
    Nicht Iwan war es, der entfernt von der übrigen Gesellschaft, in dem
traulichen Eckdivan neben der Geliebten sass, der nur eben für zwei Personen Raum
bot; Torsons verhasste Züge starrten ihm entgegen, das Gesicht jenes Abenteurers,
von dessen Identität mit dem grünbebrillten Baron vom Spieltische er noch immer
fest überzeugt war. Da sass der Widerwärtige, traulich-dicht neben Julien,
betrachtete sie mit süsslächelnder Protektions-Miene, und spielte mit den
schlanken Fingern ihrer zarten Hand, an welchen juwelenreiche Ringe ihm entgegen
blitzten, die Richard an dem jungen Mädchen nie zuvor gesehen. Im Ganzen war mit
ihrem Äussern eine bedeutende Veränderung vorgegangen, die bürgerliche
Einfachheit ihrer Tracht war verschwunden, sie war reich gekleidet, und mit
einer Reihe sehr schöner Perlen um den Hals, diamantnen Ohrringen und einer
schweren goldnen Kette geschmückt.
    So geputzt sass sie da, wie eine junge Braut, die halb verlegen, halb
geschmeichelt, auf das angelegentliche Geflüster des ältlichen ungeliebten
Mannes lächelnd horcht, der Rang und Reichtum ihr zu Füssen legt, um
derentwillen sie die Forderungen des eignen jugendlichen Herzens zu ersticken
bemüht ist.
    Da hast Du ihn, den Wildfang! rief Lange, der leise herbei geschlichen war,
und jetzt Richard dicht vor Julien hinschob; Strafe muss sein, aber verfahre
gnädig mit ihm, denn er bereut und will sich bessern. Dann, als ob er sich
plötzlich besönne, nahm der Kleine ein gewisses förmliches Wesen an, das ihm
sonst nicht eigen war; Herr Torson, ein neugewonnener Freund unsres Hauses, Herr
Richard Wood, den Herr Torson noch nicht bei uns gesehen; sprach er, die beiden
Männer einander vorstellend.
    Steif und stumm verbeugte Richard sich fast unmerklich.
    Ich wünschte mir früher schon das Vergnügen - erwiederte Torson sehr
höflich, und streckte die Hand aus, um nach englischem Gebrauche Richards Hand
zu schütteln; Richard reichte sie ihm nicht, er zog sie zurück. Julie und Lange
sahen einander und ihn verlegen an, ein paar Secunden herrschte ängstliche
Stille, bis Torson in überlautes Lachen ausbrach.
    Bei meinem Leben! rief er und wischte sich die vor Lachen tränenden Augen,
bei meinem Leben, mein Doppelgänger, um den ich schon so viel leiden musste, der
sogenannte grünbebrillte Baron fängt wieder an zu spuken. Wäre es möglich! auch
ein Mann von dem ausgezeichneten Geiste des Herrn Wood kann in solchen Irrtum
verfallen? Die Ähnlichkeit, die auch Sie bis zu einem solchen Grade täuschen
kann, muss in der Tat sehr gross sein. Möchte es mir doch nur einmal in meinem
Leben gelingen, der seltsamen Erscheinung gegenüber zu stehen, die überall wo
ich hinkomme sich gezeigt hat, und nur mir allein unsichtbar bleibt.
    Die Erfüllung dieses Wunsches wird Ihnen schwerlich jemals werden können;
sprach Richard ironisch lächelnd.
    Das sehe ich nicht ein, erwiederte der gutmütige Kapellmeister; ist er doch
schon einmal in Petersburg gewesen; so viel ich weiss ist kein Grund vorhanden,
der ihn verhindern könnte wiederzukommen. Auf dem Teater haben die
Ähnlichkeiten mir Langeweile genug gemacht, aber wenn so ein Paar einander
durchaus gleiche Menschen im wirklichen Leben vor mir stünden, das wäre doch
eine Lust!
    Nun wenn ich den vermaledeiten Popanz einmal wirklich antreffe, so möchte
der Spass nicht sehr lustig ausfallen, nahm Torson wieder das Wort; ich bin eben
nicht streitsüchtig, aber Mord und Todtschlag wäre hier unvermeidlich. Ich
schiesse ihn nieder, um einmal Ruhe vor ihm zu bekommen - oder vielleicht auch,
er mich: setzte er hinzu.
    Das möchte ich sehen, wenn solch ein paar Leute auf einander schiessen
wollten, von denen man gar nicht sagen kann, welcher welcher ist! rief Lange
sich fröhlich die Hände reibend. Ich wette keiner von Ihnen hätte das Herz dazu,
es müsste ihnen ja vorkommen als ob sie nach sich selbst zielten. Aber da
schwatzen wir, und am Ende wäre die Ähnlichkeit doch nicht so täuschend, wenn
man beide neben einander sähe. Was sagst Du dazu, Julie, Du hast ja auch den
Baron gesehen?
    Und bei meinem ersten Besuche hielt sie mich ja ebenfalls für denselben;
sprach Torson.
    Nur das allererstemal, der Unterschied fiel mir aber bald auf, erwiederte
Julie. So viel Angst und Dämmerung an jenem Abende mich bemerken liessen, ist
Herr Torson grösser, auch jünger, sein Haar ist viel dunkler. Die grösste
Verschiedenheit aber finde ich in der Sprache und im Tone der Stimmen; des
Barons Stimme ist viel tiefer und rauher, er drückte sich mit grosser
Geläufigkeit in deutscher Sprache aus; Herr Torson spricht zwar auch deutsch,
aber fremdartig, gezwungen, möchte ich sagen, als würde es ihm etwas schwer.
    Das wird es auch: sprach Torson: es ist nicht meine Muttersprache, sondern
eine erlernte, ich bin ein Norwege, wie Sie wissen. Übrigens mag der
Empfehlungsbrief, der hier bei Herrn Lange mich einführte, Herrn Wood jeden
Zweifel über meine Persönlichkeit benehmen, wenn er etwa dergleichen noch hegen
sollte: setzte er, stolz sich in die Brust werfend, hinzu.
    Richard beachtete dieses nicht, ein andrer Gegenstand nahm seine
Aufmerksamkeit in Anspruch. Er sah Iwan Arm in Arm mit Lunin in das Zimmer
treten, beide in überlustiger aufgeregter Stimmung, und es fehlte nicht viel, so
hätte er vor Schrecken laut aufgeschrieen; Lunin, der freche übermütige
sittenlose Geselle in diesem Hause! es war unbegreiflich.
    Nun, endlich hast Du Dich doch wieder einmal hergefunden! flüsterte Iwan ihm
zu, indem er ganz nahe an Richard vorüberstreifte, um zu Julien zu gelangen. Der
Hausherr nahm Lunin sogleich mit grossem Vergnügen in Empfang, und fing an
allerlei lustige Possen mit ihm zu treiben, die andeuteten, dass er ein hier
wohlbekannter, gerngesehener Gast sei, der sich schon etwas herausnehmen darf.
    In fast ängstlicher Spannung suchte Richard Frau Karoline auf, um vielleicht
von ihr einige Erklärung all' des Rätselhaften zu erhalten, das an diesem
Abende ihm hier sich entgegendrängte. Doch Torson trat ihm in den Weg, ehe er zu
ihr gelangen konnte, und bat höflich, aber dringend, auf ein paar Augenblicke in
ein anstossendes Kabinet mit ihm zu treten.
    Sie grollen mir, fing Torson und zwar in englischer Sprache an, als beide
allein waren und er sich sorgfältig umgesehen, ob man sie nicht belausche; Sie
grollen mir, Herr Wood, weil ich Ihrem eigenen Vorsatze zuvorkam, indem ich
Ihren Freund unserm Bunde zuführte; aber Sie bedenken nicht, dass sowohl ich, als
unsre Brüder, gerechte Ursache hätten, uns darüber zu beklagen, dass Sie selbst
ein so würdiges Mitglied desselben uns zu lange vorentielten.
    Sollte der Rat der Alten über diese Säumniss mich zur Rechenschaft ziehen
wollen, so werde ich ihm, aber keinem Andern der sich dessen erkühnen möchte,
Rede stehen: war Richards kurze kalte Antwort.
    Mir wenigstens wird dergleichen nie einfallen, sprach Torson sehr höflich.
Was ich sagte, war nur eine etwas ungeschickte Einleitung zu dem, was ich Ihnen
sagen wollte, die ich in der Verlegenheit ergriff.
    Verlegenheit und Torson! erwiederte Richard, spöttisch lächelnd.
    Ich gestehe gern, dass ich eben nicht gewöhnt bin vor Männern verlegen zu
stehen: antwortete Torson: aber ich leugne auch nicht, dass ich jetzt Ihnen
gegenüber es bin; nicht, weil ich Sie fürchte, sondern weil ich gerade mit Ihnen
gern in Frieden leben möchte, und doch weiss, welch ein ungegründetes Vorurteil
Sie gegen mich gefasst haben. Ich will mir nicht anmassen gleich einem Engel des
Lichtes Ihnen zu erscheinen, aber Sie sollen auch nicht den schwarzen Dämon in
mir sehen, der ich nicht bin, und für den Sie dennoch mich halten.
    Desto besser für Sie, wenn Sie es nicht sind, und ich gratulire auf den Fall
von Herzen: erwiederte Richard spöttisch lächelnd; aber jetzt bitte ich doch zum
Zwecke zu kommen, meine Zeit ist gemessen, wie meine Geduld. Was verlangen Sie
von mir? denn etwas werden Sie doch verlangen.
    Torsons Züge zuckten krampfhaft bewegt, er biss sich in die Lippen, seine
immer unstäten Augen sprühten ein seltsam flackerndes Feuer; aber er fuhr sich
schnell mit der Hand übers Gesicht, und stand im nächsten Augenblicke mit dem
gewohnten stereotypen Ausdrucke seiner Miene wieder da.
    Sie haben es erraten; ich habe zweierlei von Ihnen mir zu erbitten, was mir
wichtig ist; sprach er, anscheinend ruhig. Zuerst dass Sie, bei näherer
Bekanntschaft mit mir, die Sie, wie alles jetzt steht, doch schwerlich werden
vermeiden können, dass Sie, sage ich, sich die Mühe nehmen wollen mich genauer zu
beobachten, um das mir eben so ungünstige, als in sich ungerechte Vorurteil
gegen mich zu besiegen, oder doch zu berichtigen; und nächstdem, dass Sie in
diesem Hause allen, ohne Ausnahme, verschweigen, dass wir hier nicht zum
erstenmal uns antrafen.
    Herr Torson kann überzeugt sein, dass es mir nie und nirgends einfallen wird,
mich seiner früheren oder späteren Bekanntschaft zu rühmen; erwiederte Richard,
ziemlich wegwerfend. Sein ganzes Betragen hatte den Schein, als suche er Händel
mit einem Menschen, von dem er selbst nicht wusste ob er ihn mehr hasse oder
verachte.
    Torson zuckte abermals, fasste sich aber schneller als zuvor. Erlauben Sie
mir Ihnen bemerkbar zu machen, sprach er so gelassen als möglich, dass ausser
Ihnen, Ihrem Freunde Iwan, mir und Lunin, Niemand von dem glorreichen
Unternehmen, zu welchem wir uns vereinigt haben, in diesem Kreise die kleinste
Ahnung hat. Ich bitte, ich beschwöre Sie, es dabei bewenden zu lassen. Ohne
meine Vergünstigung darf Lunin sich nicht regen, er ist ganz in meiner Gewalt;
Iwan ist durch seinen Eid gefesselt, den er treu halten wird. Ihm, dem im ersten
Grade des Bundes Aufgenommenen, ist es nach unsern Statuten noch nicht erlaubt,
neue Mitglieder für diesen zu werben. Von Ihnen und mir allein hängt es also ab,
jede Kenntnis unsres grossen Geheimnisses von unserm gemeinschaftlichen Freunde,
dem Kapellmeister Lange fern zu halten. Lassen Sie uns wenigstens in diesem
Punkte eines Sinnes sein, vereinigen Sie nur in diesem einzigen sich mit mir,
den heitern Sinn, die beneidenswerte Ruhe dieses zufriedenen, stets fröhlichen
Gemüts nicht durch Dinge zu trüben, die - -
    O gewiss, gewiss! fiel Richard eilig ein, und reichte ihm sogar in freudiger
Vergessenheit die dem Verhassten früher verweigerte Hand, welche dieser aber nur
eben berührte, ohne sie zu fassen. Die gute freundliche Seele! was sollte die in
unsrer geheimnisvollen Mitte! fuhr Richard fort: Nein, Lange darf nie in jenes
zweideutige, dunkle, unruhige Treiben gezogen werden; frei, offen, sorglos, muss
er seinen harmlosen Gang durchs Leben gehen. Und möge er einst in Freuden
ernten, wo wir in Dunkelheit säeten. Wenn es wirklich noch zu einer erfreulichen
Ernte einst kommen sollte! setzte er fast unhörbar hinzu.
    Torson erwiederte keine Sylbe, Richard schwieg ebenfalls. Dann nahm er
wieder das Wort:
    Ich will über ihn wachen, ich will mit aller Anstrengung zu verhindern
suchen, dass kein Laut von dorter bis zu ihm durchdringe, das gelobe ich bei
Allem, was mir heilig und wert ist, und fordre das Nämliche von Ihnen.
    Torson versprach unbedingt, was er verlangte.
    Sollte er jedoch, ohne dass ich es erführe, ohne dass ich es verhindern
könnte, wider meinen Willen in jenen Bund gezogen werden, dann Torson, mächtiger
Mann, der über Lunin und andre ähnlichen Gelichters unbeschränkte Gewalt zu üben
sich rühmt, dann sind Sie, Sie allein mir dafür verantwortlich; setzte er,
plötzlich in lange unterdrücktem Zorne aufflammend, hinzu, und entfernte sich.
Gleich der guten Stunde erscheinen Sie; unerwartet, aber nicht unerwünscht, und
sind deshalb nur um so schöner willkommen: rief am folgenden Morgen Frau
Karoline Richard entgegen, der, nach vielen misslungenen Versuchen, am vorigen
Abende es endlich aufgegeben hatte, zu einem ruhigen Gespräche mit ihr zu
gelangen. Die Zeit hat mich in dergleichen Unterhandlungen ein wenig aus der
Übung gebracht, fuhr sie im heitersten Humor fort; ich quälte mich so eben mit
Ausdenken, wie ich es anfangen könnte, Sie ohne Vorwissen meines Eheherrn zu
einem Stelldichein zu laden, und nun überheben Sie ganz von selbst mich der
Mühe. Aber Moderation, Moderation, Falkenstein! Er liebt mich so zärtlich, es
rührt ihn der Schlag! trillerte sie lachend, in die Rolle der Tante im
Matrimonio Secreto, eine ihrer liebsten, sich versetzend, während Richard ganz
verlegen sie anstarrte.
    Ungeachtet seiner innern Beklommenheit konnte aber auch er das Lachen nicht
lassen; die bängste Sorge, um einen Freund - stotterte er endlich.
    Das ist der Punkt, vom dem ich reden wollte: unterbrach Frau Karoline ihn,
patetisch tragirend, winkte ihm, sich traulich neben ihr nieder zu lassen, und
fuhr dann, ganz ernstaft, zu ihm zu sprechen fort:
    Wir, ich und mein Mann nämlich, oder vielmehr mein Mann und ich, haben bis
jetzt, in Hinsicht auf unsre Julie, in einem gewaltigen Irrtume gestanden, dem
auch Sie, und durch Sie ihren Freund Iwan zu entreissen, mir Gewissenssache ist.
Wir meinten das Mädchen sei die verwaisete Tochter eines Freundes, unseres
Bruders in Königsberg, deren er menschenfreundlich sich angenommen. Ihre
Stellung in der Welt schien eben nicht zu grossen Ansprüchen sie zu berechtigen.
Ihr Vormund hatte seine Rechte auf uns übertragen, wir sahen deshalb Iwans
Bewerbungen um ihre Gunst mit Zufriedenheit zu, und hatten auch nichts gegen die
später aufflammende gegenseitige Neigung des jungen Paares. Lieben sie sich, was
geht das uns an, dachten wir, mögen sie sich immerhin lieben: eine ächte
Jugendliebe bewahrt vor weit schlimmern Torheiten; dagegen aber ist ein junges
unbeschäftigtes Herz, besonders ein Mädchenherz, das gefährlichste Ding von der
Welt. Löset diese erste Jugendliebe sich später in Rauch und Nebel auf, je nun!
sie sehen mir beide nicht darnach aus, als ob sie vor Herzweh' darüber sterben
würden; und bewährt sie sich als eine ächte Liebe wie sie sein soll, so kann ja
mit der Zeit auch eine Ehe wie sie sein soll daraus werden, beide sind jung und
können es abwarten. So philosophirten wir, und eben nicht unvernünftig, meine
ich. Doch mit dem Allen ist es nun rein aus und vorbei, und unsere Weisheit ist
zur Torheit worden. Dieses, und manches Andere was noch darum und daran hängt,
mussten Sie durch mich, und soll ihr Freund durch Sie erfahren, damit wir kein
Unglück erleben; wie Sie es ihm beibringen wollen, sei Ihnen überlassen.
    Julie ist Torsons Braut? rief Richard, aufflammend in heftigem Zorne.
    Warum nicht gar! so weit sind wir noch lange nicht, war die sehr gelassene
Antwort. Was, wer, wohin, woher sie ist, wissen weder ich, noch mein
Kapellmeister, noch Julie, noch ihr Vormund in Königsberg, es ist damit wie mit
der Höhe des Berges Sinai. Niemand weiss es als Torson, das übrige steht bei den
Göttern, setzte sie singend hinzu, von neuem in teatralischen Mutwillen
verfallend.
    O liebe gütige Frau! nur jetzt keine Rätsel, keine Scherze, sie peinigen
mich furchtbar: flehte Richard.
    Nun dann, also ganz plane, im Geschichtsstyle meiner Mutter Gans, erwiederte
sie, sich zusammennehmend, und setzte wie eine Mährchenerzählerin ganz
gravitätisch sich zurecht. Sechzehn Jahre mögen es her sein, als unsrem Bruder
in Königsberg von unbekannter Hand ein kleines zweijähriges Mädchen ins Haus
prakticirt wurde, mit ihr zugleich eine nicht ganz unbedeutende Summe Geld, der
Abdruck eines wunderlich verschnörkelten Siegels, auf welchem kein Buchstabe
sich entziffern liess, und ein Brief, in welchem er gebeten wurde Vormundsstelle
bei dem Kinde zu vertreten, es von dem Ertrage des Kapitals einfach bürgerlich
zu erziehen, über die Art, wie es in sein Haus gekommen, gegen Jedermann, wie
auch gegen das Mädchen selbst, das strengste Stillschweigen zu beobachten, den
Abdruck des Siegels wohl zu bewahren, und die Zeit abzuwarten, bis Jemand käme,
der ein Schreiben von der nämlichen Hand, und den genau auf das Siegel passenden
Siegelring ihm überbrächte. Was dann ferner mit dem Kinde geschehen solle, würde
aus jenem zweiten Briefe sich ergeben. Unser Bruder hat, was von ihm gefordert
wurde, so gewissenhaft erfüllt, dass selbst wir dieses alles erst jetzt von ihm
erfahren haben.
    Ungemein romantisch! rief Richard in bitterm Unmute; und Herr Torson sind
wahrscheinlich der Überbringer des verhängnisvollen Siegelringes?
    So ist's, mein Feldherr, erwiederte Frau Karoline nach gewohnter Art.
    Und hat erklärt, dass er gekommen sei, Julien zu ihren Eltern abzuholen?
fragte Richard.
    Das noch nicht, das wollen wir abwarten; ist's erst getan, wird's auch zur
Sprache kommen; war die Antwort der kleinen Frau, der es nun einmal unmöglich
schien, lange über einen Gegenstand mit gebührendem Ernste zu sprechen.
    Aus Verdruss darüber stampfte Richard ein klein wenig mit dem Fusse, bedachte
sich aber gleich wieder eines Bessern; also Julie ist eine anonyme Prinzess?
fragte er wieder.
    So gründlich anonym, dass sie selbst nicht weiss wer sie ist, noch wie sie
heisst; erwiederte Frau Karoline.
    Und dieser vermaledeite Torson ist ebenfalls solch ein anonymes Rätsel!
rief, bleich vor Zorn und mit den Zähnen knirschend, Richard, der sich nicht
mehr zu fassen im Stande war.
    Moderation, Moderation, sonst nehme ich mir ein Herz und laufe davon;
ermahnte seine Freundin.
    Wie fing er es an, um in dieser anmassenden Stellung in Ihrem Hause festen
Fuss zu fassen? Was wissen Sie Bestimmtes, was glauben, was halten Sie von ihm?
Was steht in dem Empfehlungsbriefe, den er mitbrachte, und auf welchen er bei
jeder Gelegenheit sich beruft? Aus Barmherzigkeit sagen Sie mir Alles! Um
Juliens, um meines Freundes, um Ihrer selbst willen, verheimlichen Sie mir
nichts, flehte Richard; der Elende betrügt Julien, meinen Freund, Sie, mich, uns
Alle. Er ist, ich bleibe fest dabei, er ist der Spieler, der grünbebrillte, der
Julien der Frau Marina überliefern wollte. Und wenn er mit tausend heiligen
Eiden es abläugnet, ich setze mein Leben zum Pfande, es ist wie ich sage.
    Eile mit Weile, Eile mit Weile, sagte der Imperator - können Ew. Wohlgeboren
mir nicht sagen, welcher Imperator zuerst gesagt hat, Eile mit Weile? erwiederte
die mutwillige Frau; aber sie wurde gewahr, in welchen furchtbaren Zustand
Richard darüber versetzt wurde, und lenkte gleich sehr besonnen wieder ein.
    Ereifern Sie sich nicht über die alberne Törin, sprach sie begütigend; sie
ist nun einmal wie sie ist, aber sie meint es ehrlich und wird, Ihnen zu
Gefallen, sich eines vernünftigen Ernstes befleissigen, wenn es gleich gegen ihre
Natur geht. Also, pro primo, wie kam Torson in unser Haus? Unvermutet und
unerwartet, »wie aus himmlischen Höhen die Stunde des Glückes erscheint«; oder,
wenn Ihnen das besser gefällt, wie eine Bombe durchs Fenster, die innerlich
zischend und kochend eine Weile daliegt, bis sie platzt und Unheil und Verderben
um sich verbreitet. Er brachte einen Brief von Juliens Vormund, der das wenige
entält, was ich von dem bisherigen Geschicke des jungen Mädchens Ihnen eben
mitgeteilt habe, und uns meldet, Herr Torson, aus Dronteim, habe den bewussten
Siegelring und das früher angekündigte Schreiben mitgebracht, das neben dem
Ringe als Abgesandten der Personen, von denen Julie abhängt, ihn genügend
legitimirt; auch ihren bisherigen Vormund auffordert, diesem würdigen,
vortrefflichen, seiner Tugenden und liebenswürdigen Eigenschaften wegen nicht
genug zu empfehlenden Manne, alle seine Rechte auf seine bisherige Mündel
abzutreten, wozu er denn auch, wenn gleich sehr ungern, sich verstanden hat, und
uns nun bittet, seinem Beispiele zu folgen.
    Und Sie werden es? Um der ewigen Barmherzigkeit willen, sagen Sie Nein!
    Mein Kapellmeister, die gute, arglose, jeder Disharmonie feindliche Seele,
ist immer nur allzu geneigt, fünfe für gerade gelten zu lassen, und liesse sich
wohl mit dem Allen zufrieden stellen besonders da er noch keine Anstalten sich
Juliens zu bemächtigen sieht. Dass aber ich auf eine solche anonyme Empfehlung
aus der dritten Hand keinen besondern Wert legen werde, trauen Sie mir
hoffentlich zu. Indessen, kommt Zeit, kommt Rat.
    Das ist nun einmal wieder solch ein Sprüchwort, das! - fuhr Richard auf,
dessen Ungeduld jetzt den höchsten Grad erreicht hatte; die Zeit kommt gewiss,
der Rat aber gewöhnlich erst hinterdrein, wenn die Zeit sich nicht mehr
einholen lässt. Aber weiter, weiter, wie beträgt sich Torson gegen Julien, was
scheint sie von ihm zu halten?
    Zuerst blutwenig, beim ersten Auftreten missfiel er ihr durchaus, aber der
Mensch ist wahrscheinlich ein lappländischer Zauberer, denn mit rechten Dingen
kann dergleichen nicht zugehen. Kaum dass er eine ziemlich lange Unterredung
unter vier Augen mit ihr gehabt hatte, die er beinahe erzwingen musste, so
erschien sie mit einemmale wie umgewandelt. Sie hat nur Augen und Ohren für ihn,
ist für ihn die personificirte Hingebung, hängt an seinen Blicken, duldet dass er
ihre Hände küsst, ihr Wangen und Arme streichelt, nimmt Geschenke von ihm an,
putzt sich damit, nach seiner Anordnung. Gegen uns aber, besonders gegen mich,
ist sie zurückhaltend, und doch dabei so gut und lieb. Will ich forschen,
warnen, ermahnen, was ich doch wahrlich nicht ganz lassen kann, indem ihr
Schicksal mir sehr am Herzen liegt, so fällt sie mir um den Hals, antwortet
keine Sylbe, lässt schweigend alles über sich ergehen; aber in ihren guten treuen
Augen liegt eine so rührende Bitte um Schonung - dem widerstehe, wer da kann,
mir bricht das Herz dabei.
    Und Iwan! Iwan! duldet er das alles?
    Auch ihn hat der lappländische Hexenmeister umstrickt, er ist wie mit
Blindheit geschlagen, war die Antwort; er ist der unerklärlichen Macht dieses
Menschen dermassen verfallen, dass er nichts sieht noch hört, als was jener ihn
sehen und hören lassen will. Torson ist listig und fein genug, um in Iwans
Verhältnisse zu Julien keinen sichtbaren Zwang eintreten zu lassen, und das
beruhigt diesen. Zwar ist er nie mit Julien allein, Torson steht immer als
dritte Person zwischen den beiden, weiss sie aber so zu leiten, dass er nie
störend erscheint.
    Nirgends, nirgends ein Ausweg! ich fange an die ganze Gewalt des Zaubers zu
begreifen, dem Iwan verfallen ist; es gibt Dinge, Verhältnisse, teure
Freundin, die ich nie gegen Sie aussprechen darf, und eben deshalb sehe ich
keine Hülfe! klagte Richard, und ging trostlos die Hände ringend, im Zimmer auf
und ab.
    Sie können viel, Sie können Alles, wollen Sie nur; jeder kann was er will,
wenn er recht will; erwiederte Frau Karoline mit grossem Ernste, der ihr seltsam
genug stand, aber eben deshalb um so imposanter auf Richard wirkte. Für Julien
sein Sie unbesorgt, die steht unter meiner Obhut, ich wache über sie; jener
Elende soll sich ihrer nicht bemächtigen, und müsste ich selbst mich zu den Füssen
unsers Kaisers werfen, um seinen Schutz für sie aufzurufen. Sie aber sorgen für
Ihren Freund; verlieren Sie ihn so wenig als möglich aus den Augen; bei seiner
und Juliens grossen Unbekanntschaft mit der Welt, sind beide ja nur als unmündige
Kinder zu betrachten. Wenden Sie alles an, schonen Sie weder Geld noch Mühe, um
deutliche, schlagende Beweise beizubringen, dass Torson nicht der ist, der er
sein will, sondern vielmehr der, für den Sie, wie auch ich, aus gültigen Gründen
ihn halten. Das Notwendigste aber ist fürs erste, dass Sie den verblendeten Iwan
den Schlingen Lunins entziehen, selbst mit Gewalt, wenn es sein müsste. Dieser
gefährliche Taugenichts, wenn er nicht noch einen weit schlimmern Namen
verdient, den Torson zu nur ihm bekannten Zwecken bei uns einführte, umwindet
den Arglosen gleich einer Riesenschlange, und wird von ihm nicht ablassen, bis
er jedes edlere Gefühl in seiner Seele erstickt hat. Julie und mein
Kapellmeister sehen zwar nur einen harmlosen, mitunter etwas plumpen Spassmacher
in ihm, der sie amüsirt; mir aber grauset's dabei; wenn er seine lustigsten
Scherze treibt, grinset eine Teufelsfratze aus seinen Augen mich an, und das
Kainszeichen glüht hell und deutlich auf seiner Stirne.
    Das Gespräch ging auf diese Weise endlich in gelassenere Beratung über, die
aber leider zu keinem bestimmten Resultate führen konnte. Die kluge,
welterfahrne Frau ermahnte beiher ihren jungen Freund, ihrem eignen Beispiele zu
folgen, in seinem Betragen gegen Torson sich einiger Mässigung zu befleissigen,
und Hass, Argwohn, Verachtung tief in das Innerste seiner Brust zurück zu
drängen, um, indem er sich selbst für getäuscht hingab, den schlauen Betrüger wo
möglich selbst zu täuschen, oder doch wenigstens die immer rege Aufmerksamkeit
desselben von sich abzulenken.
    Ich fühle, setzte sie hinzu, dass ich Ihnen etwas zumute, was Ihrer offenen,
jeder Unwahrheit abholden Natur, durchaus entgegen sein muss, aber wie soll man
anders sich helfen? so ganz rein und unbefleckt kommt nun einmal keiner durch
dieses Erdenleben, im Umgange mit schlechten Menschen verliert man immer selbst
an eigenem Werte, und wie wäre es möglich dem ganz zu entgehen? Übrigens sehe
ich auch darin kein so schreiendes Unrecht, wenn man Leute, die uns übel wollen,
mit den nämlichen Waffen bekämpft, die sie gegen uns in Anwendung bringen
möchten.
    Der Kapellmeister, und, wie zu erwarten stand, Torson mit ihm, stellten
jetzt sich ein. Zum erstenmale sah Richard diesen ganz in der Nähe, bei hellem
Tageslichte, und meinte deutliche Spuren der unendlichen Sorgfalt zu entdecken,
mit welcher vermittelst Anwendung von allerlei Toilettenkünsten er sich bemüht
hatte, sein Äusseres durchaus zu verändern. Richard war indessen der eben
erhaltenen Ermahnungen noch zu eingedenk, um nicht sein früheres abstossendes
Betragen gegen Torson in gleichgültige Höflichkeit umzuwandeln, und es misslang
ihm nicht. Torson, dem nichts so leicht entging, wurde zwar anfangs darüber
etwas stutzig; fein und listig suchte er den Grund dieser Veränderung zu
entdecken, aber auch Richard war auf seiner Hut. Ein Wink seiner Freundin
munterte ihn auf, die einmal übernommene Rolle durchzuspielen, und er spielte
sie gut, ohne Übertreibung.
    Richard nahm sogar seinen Hut, um, da beider Weg nach Hause eine ziemliche
Strecke lang der nämliche war, Torson zu begleiten, als dieser Abschied nahm.
Beide gingen schnell neben einander her, sie sprachen wenig unterweges, bis sie
der Stelle sich näherten, wo ihr Weg sich trennte; Torson fing jetzt an
langsamer zu gehen, Richard hielt mit ihm gleichen Schritt.
    Suchen Sie nur nicht es mir zu verheimlichen, Ihren heutigen Besuch hat
Madame Lange mir, und einzig mir zu verdanken, fing Torson plötzlich an; und nur
von mir allein ist zwischen Ihnen beiden die Rede gewesen; ich sah noch meinen
Namen auf Ihren Lippen schweben, als ich ins Zimmer trat. Ich freue mich
darüber, da der Erfolg dieser Unterredung mir, wie es scheint, die Erfüllung des
Wunsches verspricht, Sie in Zukunft wenigstens nicht feindlich mir gegenüber
stehen zu sehen.
    Sie werden sich erinnern, Herr Torson, erwiederte Richard, dass Sie selbst
mich aufforderten, bei unsern Freunden - -
    Torson unterbrach ihn schnell: Keine Entschuldigung, wo es deren durchaus
nicht bedarf, sprach er freundlich und bot ihm die Hand, welche diesmal auch
nicht zurück gewiesen wurde; unsre Freundin hat, wie ich sehe, Ihre Meinung von
mir ein wenig berichtiget, ein wenig gemildert; und das verdanke ich ihr von
Herzen, nicht nur für mich, auch für Sie, denn auch Sie gewinnen dadurch. Das
Übrige, was sonst noch wünschenswert wäre, überlassen wir indessen der Zeit.
    Beide gingen nun eine Weile wieder schweigend neben einander her, bis an den
Scheidepunkt; hier stand Torson still und fasste abermals Richards Hand.
    Sie sind mein Freund nicht, und werden niemals es werden; aber es wird ein
Tag kommen, an welchem ich dennoch in einem andern Lichte vor Ihnen stehen
werde, als eben jetzt; sprach er mit eindringendem Ernste. Fleckenlos kann ich
niemals, weder vor Gott, noch vor Ihnen, noch vor mir selbst erscheinen; nicht
etwa dass ich dieses im Sinne des allgemeinen Bekenntnisses der Christen sage,
als: wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms! Nein, Schwereres lastet auf
mir; das Schicksal hat auf weit dunkleren Wegen, als tausend Andre mich geführt,
und es gibt Punkte in meinem Leben, von denen ich gern auf ewig mich abwenden
möchte. Nur Eines, ein Einziges wird mir dereinst Ihre Achtung und zugleich Ihr
tiefstes Mitleid erwerben, dessen bin ich gewiss, und gerade das, was mich Ihren
Augen jetzt am verdammlichsten zeigt; vergessen Sie diese meine Worte nicht, und
beurteilen Sie mich milder. Man erzählt, dass eine ganze sündige lastervolle
Stadt um eines einzigen Gerechten willen, der in ihr wohnte, verschont ward;
sollten gute, tugendhafte Menschen, wie Sie einer sind, die ein günstiger Zufall
der Gefahr eines tiefen Sturzes nie aussetzte, diesem Beispiele nicht folgen,
und um eines einzigen, wahrhaft edlen, lobenswerten Gefühls willen, das selbst
mit bedeutender Aufopferung zu einer guten Tat ihn bewegt, den übrigens tief
Gesunkenen nicht schonen wollen? sich nicht hüten, mit unbarmherziger Hand ihn
noch tiefer hinabzustossen, bis jedes Sichwiedererheben ihm unmöglich wird?
    Torsons Stimme hatte zuletzt einen ganz eigenen, fast zitternd bewegten Ton
angenommen, seine Haltung schien verändert, sein Auge sich zu umdunkeln. Er
wandte sich ab, drückte den Hut tiefer in die Stirne, und schritt eilends davon.
    Richard stand nachsinnend eine Weile da. Komödiant! murmelte er endlich, und
warf mit verachtendem Lächeln den Kopf auf.
Unser Vornehmen ist meistens löblich, aber gelähmt durch mancherlei
unvorhergesehene Hindernisse, hinkt leider nur zu oft die Ausführung desselben
hinterdrein, und kommt darüber gar nicht zu Stande. Schwache, zur Trägheit
hinneigende Naturen pflegen in der ihnen angebornen Gelassenheit sich dann damit
zu trösten, dass sie das Beste gewollt, nur dass man unglücklicher Weise nicht
immer kann was man will. Feurige Gemüter möchten über alles, was ihnen bei
ihrem Vorhaben in den Weg tritt, vor Ungeduld ausser sich kommen, arbeiten
nutzlos bis zur Ermüdung sich ab, wollen erzwingen was sich nicht erzwingen
lässt, geraten darüber in Hader, Zorn und Missmut mit der Welt und mit sich
selbst, bis sie endlich aus Überdruss alles lassen wie es ist.
    In Richards Tun lag etwas von Beiden. Er nahm sich anfangs vor sehr
umsichtig zu Werke zu gehen, besonders gegen Torson. Leise auftretend verfolgte
er diesen Schritt für Schritt, hatte überall ein aufmerksames Auge, horchte
überall hin, um die Kreuz- und Querschliche seines Feindes ausfindig zu machen.
Gehüllt in einen unscheinbaren Überrock, um seine Uniform dadurch zu verdecken,
suchte er jene Spielhäuser auf, in welchen er früher den Grünbebrillten
angetroffen; doch die Bewohner solcher Orte sind wandelbar, wie das Glück,
dessen Priester sie sind. Er fand überall lauter neue Gesichter; von dem,
welchen er suchte, wollte keine Seele jemals etwas gesehen oder gehört haben.
    Er würde es sogar nicht gescheut haben sich zur Frau Marina zu begeben, um
von dieser, durch was für Mittel es immer sei, etwas herauszubringen; aber seit
Juliens Zusammentreffen mit ihr, war die gefällige Dame mit ihrem ganzen
Institute aus ihrer Wohnung verschwunden, und nie wieder in Petersburg gesehen
worden.
    Somit war denn jede Spur erloschen, welche die Vergangenheit ihm bieten
konnte; Richard hätte darüber mit dem Kopfe gegen die Wand laufen mögen, wie man
im gemeinen Leben zu sagen pflegt. Er wandte, unter einem wohl ersonnenen
Vorwande, um Nachricht von Torson sich an die Polizei; sie wusste nichts ihm zu
sagen, als dass schon vor längerer Zeit ein Norwege Namens Torson, aus Königsberg
in Preussen nach Petersburg gekommen sei, wohl versehen mit Pässen, gegen welche
sich nichts einwenden liess; dass er ein durchaus nicht verdächtiges ruhiges Leben
hier führe, seinen Wirt und alle Welt ordentlich bezahle, und folglich als eine
ganz achtungswerte, durchaus unverdächtige Person zu betrachten sei.
    Mit nicht glücklicherem Erfolge erkundigte sich Richard nach ihm im
Postbüreau. Torson erhielt nie Briefe, wenigstens kamen keine unter seiner
Adresse an ihn an.
    In einer Art wilder Verzweiflung, liess Richard sich sogar zu einem Schritte
herab, den er selbst verächtlich fand, und dessen er vor sich selbst sich
schämen musste; er machte sich an Torsons Diener, den einzigen den dieser hielt,
um von diesem etwas zu erforschen.
    Der Mensch war ein Stock-Russe, tief aus dem Innern des Landes, und war
gleich bei seiner Ankunft in seinen jetzigen Dienst gekommen. Von seinem Herrn
wusste er nichts zu sagen, als dass er guten Sold, viel Schnaps und blutwenig
Prügel von ihm erhalte, sogar nach Herzenswunsch alle Talglichter getrost
verspeisen könne, welche eigentlich dienen sollten, Treppe und Vorsaal zu
erleuchten, ohne dass ihm darüber nur ein zorniges Gesicht gemacht würde.
Übrigens, wenn er Morgens seinen Herrn an- und Abends wieder ausgekleidet habe,
hätte er den ganzen Tag über nichts zu tun als zu essen, sich zu betrinken, den
Rausch wieder auszuschlafen, und führe daher bei seinem Gebieter ein Leben, wie
die Engel im Himmel. Richard stampfte mit dem Fusse, aber was half ihm das?
Richards Unmut, über dieses völlige Misslingen aller seiner Pläne in Hinsicht
auf Torson, war gränzenlos, aber das Benehmen seines noch immer geliebten
Freundes, den er obendrein von heimlichen Gefahren umringt sich dachte, traf ihn
noch schmerzlicher. Iwans Vertrauen wieder zu gewinnen schien unmöglich, soviel
er auch sich darum bemühte; denn Iwan hatte nicht sowohl sich von ihm
abgewendet, als vielmehr sich von ihm abgewöhnt. Er fühlte nicht mehr das
Bedürfnis, Abends dem Freunde alles mitzuteilen, was er den Tag über erlebt,
vollbracht, ja sogar was er gedacht, weil Richard mehrere Monate hindurch sich
hatte vermissen lassen, gerade in den Stunden, die er sonst täglich mit ihm
zuzubringen pflegte.
    Der Mensch ist ein Sklave der Gewohnheit, besonders der weniger gebildete;
es wurde dem schlauen Lunin ungemein leicht, die in Iwans Herzen wie in seiner
Lebensweise aus Richards Abwesenheit entstehende Leere, welche durch das
kränkende Gefühl der Vernachlässigung nur noch fühlbarer wurde, nach Gefallen zu
benutzen. Neue Bekanntschaften mussten die Lücke ausfüllen, Zerstreuungen,
Lustpartien ihn betäuben helfen, bis er keiner einzigen seiner freien Stunden
mehr Herr war. Durch Vermittelung seiner neuen Freunde war er abermals in einen
Strudel geselliger Freuden geraten, von denen manche der Art waren, dass er
weder vor Julien noch vor Richard sich ihrer hätte rühmen mögen. Auch bewog
Lunin durch allerlei Neckereien ihn sehr bald, seinem alten Freunde absichtlich
aus dem Wege zu gehen, um den überlästigen Ermahnungen und Strafpredigten des
überweisen Herrn Hofmeisters, wie Lunin ihn nannte, auszuweichen; besonders war
dies der Fall, wenn Iwan kein ganz reines Gewissen hatte, und der kam leider nur
zu oft.
    Und so blieb denn Richards treues Bemühen, sich dem irre geführten Freunde
wieder zu nähern, ebenfalls ohne Erfolg; nicht nur, dass ihm jeder Versuch, Iwan
über Lunins Unwert die Augen zu öffnen, misslang, Iwan geriet jedesmal darüber
in kaum zu bändigenden Zorn; und es bedurfte wirklich all' der alten Liebe, die
Richard noch in seinem Herzen zu ihm trug, all' des Mitleids, welches diese eben
so unbegreifliche als gefährliche Verblendung in ihm erregte, um dabei in
leidlicher Fassung zu bleiben, und durch schwer zu erringende Mässigung einen nie
zu heilenden Bruch abzuwenden, der für beide nur höchst verderblich ausfallen
konnte.
    Iwans Gefühl für Torson schien von dem, was er für Lunin empfand sehr
verschieden, es glich mehr scheuer Verehrung als inniger Liebe. Jede Äusserung
zum Nachteil desselben, jedes ihn tadelnde Wort, nahm er als eine ihm selbst
widerfahrne Beleidigung auf, und verteidigte ihn nach besten Kräften mit
Gründen oder mit Heftigkeit und Drohungen, wie es eben gehen wollte. Andeutung,
oder Anspielungen auf jene oft besprochne Ähnlichkeit, die er nur in sehr
geringem Grade zugab, duldete er durchaus nicht; dagegen wurde jedes Wort des
hochverehrten Mannes gleich einem weisen, keinem Zweifel unterworfnen
Orakelspruche aufgenommen, und wehe dem, der etwas dagegen einzuwenden wagte.
    Richard wusste sich endlich nicht anders zu raten, als dass er auf Torsons
sehr vertrautes Betragen gegen Julien ihn aufmerksam machte, auf die reichen
Geschenke, welche diese ohne Weigerung von dem fremden Manne annahm, Iwan brach
darüber in helles Lachen aus.
    Warum, sprach er, sollte sie diese teuren Flitter, die ihr Freude machen
und die ich ihr nicht kaufen kann, nicht annehmen? sie werden mit dem grössten
Vergnügen ihr geboten, und sie braucht nur die Hand darnach auszustrecken, ohne
sich dadurch irgend eine Verbindlichkeit aufzuladen. Hast Du denn nicht das
nämliche getan? weisst Du noch an jenem Abende, dem ersten in der Kaserne, wo
ich von lauter solchen Kostbarkeiten Dich umringt fand? Und was den
vertraulichen Ton betrifft, der Dir so sehr an ihm missfällt! soll man denn immer
aus dem Komplimentirbuche sprechen? ich gestehe es Dir, ich bin des faden
geschnörkelten Wesens müde, es tut mir im Herzen wohl, wenn ich einmal ein
gerades, aus offner Brust gesprochnes Wort zu hören bekomme. Auf Julie verlass
ich mich, sie ist rein und treu wie Gold; Torfon kommt neben ihr mir vor, wie so
ein Onkel aus Mexiko oder Lissabon oder Jamaika, was weiss ich, den wir letztin
auf dem Teater spielen sahen. Gönne doch den beiden ihr unschuldiges Vergnügen
an einander! wenn ich es zufrieden bin, was geht es Dich weiter an? Und ich
bitte Dich um Gotteswillen, mache Dich nur nicht lächerrlich, indem Du mich
eifersüchtig machen willst; ich eifersüchtig auf den alten Herrn! trüge ich nur
die kleinste Anlage zur Eifersucht in mir, so gäbe es doch noch ganz andere
Leute, die zu dieser Albernheit mich bewegen könnten, und das ganz in der Nähe -
Du selbst zum Exempel, mein überweiser Freund.
Seit längerer, oder vielmehr seit langer Zeit, hatte keine Versammlung des
Bundes Statt gehabt; die Gemüter waren für des Obrist Pestels sonst so
mächtigen Einfluss durch nicht ganz erfreuliche Nachrichten etwas weniger
empfänglich geworden; denn keiner seiner, als unfehlbar von ihm angekündigten
Versuche, aus den in Moskau und andern Teilen des russischen Reichs bestehenden
Vereinen zum Wohl des Vaterlandes mit dem Petersburger Bunde der ächten Kinder
desselben ein Ganzes bilden zu wollen, war ihm gelungen. Niemand wollte zu jener
blinden Unterwerfung unter den Willen des Rates der Alten sich verstehen,
dessen Oberhaupt Pestel, als Präsident desselben, eigentlich war, weil dieser
unbedingte Gehorsam zu den grässlichsten Verbrechen führen konnte.
    Der Vorsatz, mit grosser Mässigung und vieler Umsicht zu verfahren, sprach von
allen Seiten sich aus. Man wünschte durch Lehre und Beispiel das Volk auf die
Verbesserung seiner bürgerlichen Zustände allmälig vorzubereiten, die allgemeine
Verbreitung nützlicher Kenntnisse herbeizuführen, die Sitten zu verbessern, und
auf Vernichtung alter, tief eingewurzelter Volksvorurteile hinzuarbeiten.
    In diesem Sinne auf die Nation zu wirken, wurde von den edleren und
mächtigeren Mitgliedern jener Vereine für allein wünschenswert erklärt; sie
waren bereit, mit aller Kraft zur Erhöhung des allgemeinen Wohlstandes
beizutragen, nur musste jede Gewalttat vermieden werden; und von einem Eide, der
zu willenlosen Werkzeugen sie herabwürdigen sollte, wandten alle mit Entsetzen
und Widerwillen sich ab.
    Innerlich ergrimmt über diese seinen noch tief verborgenen Plänen
entgegentretenden Hindernisse, besass Pestel, ungeachtet seiner schwererrungenen
Selbstbeherrschung, doch nicht immer Kraft genug, um das Gefühl das in ihm tobte
ganz zu unterdrücken, wenn er, was wiederholt der Fall war, von dem schlechten
Erfolge seiner Unterhandlungen Bericht ablegen musste.
    Die Verblendeten! rief er einst, unwillkürlich von Zorn hingerissen, in
einer Versammlung des engsten Ausschusses, in welcher keines der jüngern
Mitglieder, folglich weder Richard noch die beiden Söhne des Fürsten Andreas
gegenwärtig waren: Die Verblendeten! die Toren! die nicht sehen, nicht ahnen,
dass mit schonendem, einen jeden mit erläuternden Gründen dessen was von ihm
gefordert wird bedienendem Geschwätze, hier nichts getan werden kann. Sie
begreifen nicht, dass gerade der Weg den sie einschlagen möchten, zum Gräuel
aller Gräuel notwendig führen muss, zur wildesten Anarchie eines kaum zur Hälfte
kultivirten Volkes, wo keiner gehorchen, alle befehlen wollen, bis darüber alles
zu Grunde geht, und die Trümmer über Kluge und Narren zusammen schlagen.
    Nein, meine Brüder, Krebsschäden lassen nicht mit Rosenwasser sich heilen;
Gehorsam, blinder Gehorsam der rohen Menge, unbekannten Obern und unbekannten
Gesetzen auf Tod und Leben gewidmet, ist die einzige solide Basis, auf welche
der Grundstein zum Bau allgemeinen Wohls und allgemeiner Freiheit sicher und
dauernd gelegt werden kann, müsste selbst einiges Blut dabei als Mörtel dienen.
Ist dieses einmal vollbracht, dann ist es an den kundigen Meistern, den Bau im
hellen Sonnenlichte weiter zu fördern, ihn zu vollenden, so gross, so strahlend,
so herrlich, als menschlicher Sinn und menschliche Kraft es vermögen.
    Wie dieser Gehorsam zu erzwingen sei, da er, wie es scheint, in Güte uns
nicht werden soll, dem sei von heute an unser angestrengtestes Nachdenken
geweiht; jeder von uns möge, bei unsrer nächsten Zusammenkunft, das Resultat
seines ernsten Überlegens den Andern zur Beratung darüber mitteilen.
    Nur auf eines erlaube ich mir, die Versammlung aufmerksam zu machen. In
unsrer nächsten Nähe, in den Reihen unsrer Brüder steht Einer, von der Natur mit
Allem ausgerüstet, um uns für diesen Zweck als tüchtigstes Werkzeug zu dienen,
und alles niederzuwerfen, was sich uns entgegen stellen möchte. Mit
riesengleicher körperlicher Stärke, geistig mit eisernem Willen, mit dem
furchtlosesten Mute, mit einer Brust ohne Erbarmen, sobald es unsrem Bunde
gilt, der ihm alles ist, Gott, Religion und Gesetz; mit einem Worte ein Mann,
dem ausser dem Bunde nichts heilig ist, der das Wort Berücksichtigung nicht
kennt, den kein Band an das bürgerliche Leben fesselt, kein Vater, keine Mutter,
weder Geschwister noch Verwandte, weder ein Freund noch eine Geliebte. Isolirt
wie er, steht und stand vielleicht noch nie einer in der Welt.
    Leute die ihn kennen, nennen ihn einen ruchlosen Abenteurer, ich möchte
sagen er sei mehr, er sei der inkarnirte Teufel in Person, aber das hindert
nichts; uns ist er treu, und wenn die Not gebietet, darf man wohl die Hülfe
böser Dämonen benutzen, sobald man nur der rechten Zauberformel gewiss ist, sie
im gehörigen Augenblicke wieder fest zu bannen.
    Der den ich meine ist Lunin, der uns allen wohlbekannte. Er hat schon einige
ihm ähnliche junge Leute, von denen aber keiner mit ihm auf gleicher Höhe steht,
an sich gezogen; andre stehen in der Nähe wie in der Ferne bereit, auf einen
Wink von ihm herbei zu eilen, roh, leidenschaftlich, zügellos, voll der
ausgesprochensten Lebensverachtung, wie er selbst. Im Nu kann er deren einige
Hundert um sich versammeln, die er erbötig ist, unter dem Namen einer verlornen
Kohorte, sich selbst an der Spitze, zu unsrer Disposition zu stellen. Kommt nun
der grosse Tag, lassen wir diese Würgengel los, um - -
    Ein überlauter allgemeiner Schrei des Entsetzens, des empörtesten.
Widerwillens, unterbrach den Redner, und liess ihn nicht wieder zum Worte kommen;
ein Fall, den er noch nie erlebt hatte. Er selbst mochte wohl fühlen, dass er zu
weit gegangen sei, dass er von Unmut und heimlichem Zürnen sich habe verleiten
lassen, der ihm sonst eignen Vorsicht zu vergessen und seine Karten aufzudecken,
ehe das Spiel gewonnen war. Er wollte wieder einlenken, mildern, erläutern, doch
seine Stimme konnte durch das allgemeine aufgebrachte Tosen nicht durchdringen.
Eigentlich wurde keine einzelne recht vernehmbar; gleich den empörten
Meereswogen stürmten alle durch einander, und nur in Geberden, Blicken und
lautem unverständlichem Geschrei sprach das allgemeine Missfallen sich aus.
    Lange währte es, bevor es den Gemässigsten und Angesehensten gelang, die
empörten Gemüter durch ernstes Zureden in sofern zu beschwichtigen, dass sie
wieder zu einiger Besinnung gelangten, und die Versammlung ohne förmlichen Bruch
auseinander ging. Obrist Pestel aber hütete sich weislich dafür, sie so bald
wieder zusammen zu berufen, und überliess es inzwischen der Zeit, den üblen
Eindruck, den sein letzter Vortrag hinterlassen hatte, wieder zu verlöschen.
Richard war durch Dienstgeschäfte zu einer kleinen Reise veranlasst worden, die
einige Tage länger, als er es erwartet hatte, von Petersburg ihn entfernt hielt.
Er war die ganze Zeit über ohne Nachricht von dort her geblieben, und hatte bei
seiner Rückkehr sich eben voll ungeduldiger Erwartung aus dem Sattel
geschwungen, als eine dringende Aufforderung, noch am Abende des nämlichen Tages
in der Bundesversammlung unfehlbar zu erscheinen, ihn bis zum Erschrecken
überraschte. Seit vielen, vielen Monaten war, wie eben erwähnt worden ist, von
keiner solchen die Rede gewesen, und das Ungewohnte derselben mochte die
wunderliche Angst, das unheilwitternde Grausen erregen, das schaudernd durch
Mark und Gebein ihm dabei fuhr, und sich weder weglachen, noch wegdemonstriren
lassen wollte. Er schämte sich dessen nicht wenig, aber das Herz wurde ihm
deshalb um nichts leichter.
    Seine Unruhe trieb ihn zum Grafen Stephan, um bei diesem Schutz gegen sich
selbst zu suchen, und auch vielleicht etwas Bestimmtes über die Veranlassung zu
dem Aufrufe, der ihn so beunruhigte, zu erfahren; er fand ihn nicht daheim, und
auch die Gräfin konnte seinen Besuch nicht annehmen, weil zwei ihrer Kinder
plötzlich und heftig erkrankt waren.
    Er eilte zum Fürsten Konstantin, dessen Palast ganz in der Nähe lag; der
Fürst war eben ausgefahren.
    Nicht anders ging es ihm beim Fürsten Andreas; er fand weder diesen noch
einen seiner beiden Söhne. Richards innere Beklommenheit steigerte sich
furchtbar; er wollte als rein körperlich, als Vorgefühl einer herannahenden
schweren Krankheit sie sich erklären, denn er wusste nicht mehr woran er mit sich
selbst war; aber er fühlte sich vollkommen gesund, ohne die kleinste Spur eines
Übelbefindens.
    Ist der Fall denn etwas so ganz Unerhörtes, dass man zur allgemein üblichen
Visitenstunde keinen zu Hause antrifft, weil alle auf verschiedenen Wegen
zerstreut sind, um diese lästige Gesellschaftspflicht zu erfüllen? fragte er
sich selbst; ist es nicht mir und jedem, der in der Gesellschaft lebt, schon
unzählige Male begegnet, warum muss es denn gerade heute so sehr mir auffallen?
    Fast beschämt, beim Wiedersehen nach tagelanger Abwesenheit in dieser
unverantwortlich trüben Stimmung zu erscheinen, konnte Richard es sich doch
nicht versagen, Trost und Ermutigung dort zu suchen, wo er sicher sein konnte,
beides zu finden. Helena war bei ihrer Mutter in einer kleinen Gesellschaft, die
sich zum Frühstück dort versammelt hatte. Richard erhielt sogleich Zutritt,
sobald sein Name genannt wurde, Eudoxia empfing ihn mit gewohnter Huld und
Freundlichkeit; die grösstenteils aus Damen bestehende Gesellschaft folgte ihrem
Beispiele, und Helenas lächelnder Gruss drang wie ein erwärmender Sonnenstrahl in
sein getrübtes Gemüt.
    Das durch Richards Ankunft unterbrochene allgemeine Gespräch wurde wieder
angeknüpft, das neueste Stück im Teater, die gestrige Assemblée, die heutige
Tagesgeschichte wurden lebhaft vorgetragen, besprochen, belacht; Scherz, Lust,
Zufriedenheit leuchteten aus allen diesen muntern Augen.
    Warum hängt denn Diesen der Himmel so voll Geigen, und über mir allein so
schwer und dunkel herab? doch wohl nur, weil ich ein hypochondrischer Tor bin!
dachte Richard, und strebte nach einem ihn aufrichtenden Blicke von Helenen.
    Ihr Auge begegnete dem Seinen, doch ach! der bei seinem unerwarteten
Erscheinen es belebende Glanz war erloschen, ein unverkennbarer Ausdruck von
Niedergeschlagenheit und bangem Besorgtsein hatte ihn verdrängt, so viel Mühe
sie sich auch geben mochte, dies der Gesellschaft zu verbergen.
    Sie weiss! sie weiss, wovon die Andern noch nichts wissen! rief es in Richards
vorahnendem Gemüte. Er wollte in ihre Nähe gelangen, aber auch nur zwei Worte
in dieser Umgebung ihr unbelauscht zuzuflüstern, war unmöglich.
    Die Gesellschaft erhob sich, die Wagen fuhren vor; jetzt endlich, jetzt!
jubelte Richard innerlich; aber sie Alle waren zusammen gekommen, um nach dem
Frühstück gemeinschaftlich in das Konzert eines berühmten Violinisten sich zu
begeben, welches für die späteren Vormittagsstunden der vornehmen Welt
angekündigt worden war, und Richard wurde von der Fürstin Eudoxia eingeladen,
sie zu begleiten. Er musste den Vorsatz aufgeben, den Kapellmeister Lange zu
besuchen, um vielleicht in dessen Hause etwas zu erfahren. Er hoffte im Konzert
ihn anzutreffen, aber auch dort, wo er und die Seinen nie zu fehlen gewohnt
waren, suchte er zu seiner grossen Verwunderung ihn vergebens; selbst Torson und
Julie waren nicht zugegen, was seine immer steigende Besorgnis noch vermehrte.
    Der ganze Tag blieb übrigens für ihn einer von jenen nicht genug zu
verwünschenden, an welchen man durch tausend unbedeutende Zufälligkeiten
abgehalten wird zu tun, was man möchte, und zu dem was man nicht will, sich
gezwungen sieht; bis endlich die Stunde schlug, welche in die Versammlung ihn
rief.
Bis zur letzten Stunde von dem ihn neckenden Missgeschicke des heutigen Tages
verfolgt und aufgehalten, war Richard der zuletzt dort Ankommende; gleich hinter
ihm wurde die Türe, und zwar diesmal mit ungewöhnlicher Sorgfalt geschlossen.
    Obrist Pestel schien nur seine Ankunft abgewartet zu haben; denn, sobald
Richard seinen gewohnten Platz eingenommen, bereitete er sich, die Sitzung, wie
er immer zu tun pflegte, mit einer Anrede an die Versammlung zu eröffnen, die
diesesmal ungewöhnlich zahlreich, und, mit nicht zu verkennender Auswahl, aus
allen drei Graden der Verbündeten zusammen gesetzt war. Richards Blicke irrten
forschend umher; die ernsten Gesichter der Mehrzahl trugen nur den Ausdruck
gespanntester Erwartung; Fürst Andreas und die zu ihm sich hielten, blickten
schweigend vor sich hin, ohne in Haltung und Miene das Geringste von dem, was in
ihnen vorgehen mochte, zu verraten. Mit wild funkelnden Augen, rohen Trotz in
den leidenschaftlich verzerrten Zügen, stand seitwärts eine etwas abgesonderte
Gruppe junger Männer um Lunin versammelt, von der Richard mit Widerwillen sich
abwandte, herzlich froh seinen Iwan nicht unter diesen zu erblicken. Sein Auge
suchte den Grafen Stephan, und fand ihn bald an seinem gewohnten Platze;
regungslos, in sich selbst versunken, mit tief gebeugtem Haupte sass er da, ein
Schmerzensbild.
    Feierlich-langsam, mit tiefer gemässigter Stimme begann Obrist Pestel jetzt
seine Rede; sie klang wie Trauergeläute, das dem Leichenzuge des Glückes eines
ganzen Hauses vorangeht, alle die es hören auf ein grosses Unheil vorbereitend,
das im Begriffe zerschmetternd auf sie zu stürzen, in diesem Augenblicke noch
über ihrem Haupte hängt. Dann zog der Redner ein Papier hervor, entfaltete es
mit vieler Feierlichkeit, um es vorzulesen; es war ein Brief von einem eben
abwesenden Mitgliede des Bundes, einem der angesehensten und eifrigsten, das
sogar zu den ersten Stiftern desselben gehörte. Das Schreiben war an den Grafen
Stephan gerichtet und Pestel mitgeteilt worden.
    Ein banges Aufstöhnen, gleich dem eines unter Qualen Verscheidenden,
zitterte durch das allgemeine Schweigen; es rang aus Stephans Brust sich los,
immer tiefer und tiefer sank sein vorhin schon gebeugtes Haupt fast bis auf
seine Kniee herab; seine Hände falteten sich konvulsivisch über demselben, und
verbargen völlig sein Angesicht. Richard hatte keinen Atem mehr; kein Laut
rings umher, nur das Picken der Taschenuhren, und die Stimme des Vorlesers waren
zu hören.
    Der Kaiser, so verkündete jener Brief, der Kaiser, wie man aus sichrer Hand
weiss, hat beschlossen, alle eroberten Provinzen Polen wiederzugeben, sich
selbst, nebst seinem Hofe, nach Warschau zurückzuziehen, und das unglückliche
Russland, unbeschützt, ratlos und hülflos, der diesem Schritte entspringenden
wilden Unordnung, der mörderischen Wut, der rasenden Anarchie des auf das
Äusserste gebrachten, zügellosen Volkes zu überlassen.
    Eine Sekunde lang herrschte Schweigen, lautloses Schweigen wie im Grabe;
dann brach der Sturm aus. Ähnlich jenen Orkanen der Tropenländer, die, plötzlich
aus tiefster Stille er wachend, Felsen zersplittern, tausendjährige Bäume
entwurzeln, Seen und Inseln vernichten und schaffen, und den Lauf der Ströme
verändern, tobte der furchtbarste Tumult. Der schadenfroheste Dämon, der jemals
der Hölle sich entschwang, hatte über sie Alle die Schaale der Verblendung
ausgegossen; so viele helle Köpfe unter ihnen! die gewiss in bessern Momenten das
schlecht ersonnene Mährchen höhnend verlacht haben würden! sie glaubten Alle
daran.
    Zuerst vereinten alle diese Kehlen sich in einem einzigen Schreckensschrei;
es war als ob davor die Wände erbebend einstürzen, die Decke des Saales aus den
Fugen gehoben, weit weg in die Lüfte fortgeschleudert werden müsse. Einzelne
Gruppen, von den übrigen sich absondernd, bildeten sich, Waffen blitzten in
vielen Händen; furchtbarer noch als diese, erglühten Augen in wilder Raserei.
Gleich gereizten Hyänen, mit gesträubtem Haar, schäumend vor innerer Wut, unter
unerhörten Flüchen und Verwünschungen stürzten einige auf die Kniee, der
blutigsten Rache sich zu weihen; vertraute Freunde verbanden durch einen
furchtbaren Eid sich zum schonungslosesten Kampfe auf Leben und Tod. Alte, im
Dienste ergraute Krieger weinten vor Zorn brennend heisse Tränen, Andre
starrten, vor Schreck über das Unerhörte, mit weit offenen, erstorbenen Augen in
den Tumult hinein; noch Andre brachen in laute Klagen, in Verwünschungen ihres
Geschickes aus, zerrauften ihr Haar, rissen Sterne und Orden, die sie
schmückten, von ihren Kleidern herunter und traten sie mit Füssen. Wut,
Empörung, Verzweiflung überall! eine Scene, die nur Dante, der Sänger der Hölle,
in ihrer entsetzlichen Wahrheit zu schildern vermöchte.
    Endlich führte physische Ermattung einen kurzen Anschein von Ruhe herbei.
Pestel wollte diese benutzen: Der grosse Augenblick ist gekommen, die uns
gegebene Kraft zu bewähren, rief er mit lauter klangvoller Stimme; die hehre,
dem heiligen Vaterlande geweihte Stunde schlägt, wo die verlorne Kohorte, den
tapfern Lunin an ihrer Spitze, alles vor sich niedermähend, uns den Weg bahnen -
-
    Er ward nicht weiter gehört; lauter, grimmiger noch als vorher, rasete von
neuem der Tumult. Selbst Pestel wurde einen Augenblick bleich; Lunins kolossale
Gestalt hatte katzenartig, gleich einem zum Sprunge auf sein Opfer bereiten
Raubtiere, sich bis zu ihm durchgewunden, er verschwand sogleich auf einen Wink
seines Meisters in die entfernteste Ecke des Saales. Richard folgte ihm mit den
Augen; Torson, den dieser Blick suchte, den er schon lange vermisst hatte, schien
unbegreiflicher Weise gar nicht zugegen zu sein, auch Iwan war nirgends zu
erblicken.
    Nur Einer ist der Schuldige, und dieser Eine büsse es mit dem Leben! Schonung
und Rache dem verratenen Volke, Tod und Untergang dem Verräter! rief eine, den
wilden Tumult übertönende, durchdringend laute Stimme, und plötzliche Stille
entstand. Fürst Teodor, Obrist eines Regiments, dem seine Zeitgenossen den
bezeichnenden Beinamen, der Tiger, beilegten, hatte diese Worte gerufen.
    Und nun - zum erstenmale wurde von den Verbündeten jenes grausenvolle Wort
ausgesprochen, jenes Wort, das nie gefunden sein sollte, Kaisermord!
    Die stärksten Nerven erbebten, die lautesten Kehlen verstummten vor dem
schauervollen, wenn gleich fast tonlos ausgestossenen Klange, er bebte
erschütternd in jedem Ohre, gleich dem Donner des Weltenrichters.
    Doch diese Stille wurde bald wieder unterbrochen; neue Debatten, bei denen
Pestel sein gewohntes Übergewicht wieder geltend machte, erhoben sich, aber
leider nicht um gegen ein Verbrechen anzukämpfen, das bei der gegenwärtigen Lage
der Dinge von der Mehrzahl als unvermeidlich notwendig angesehen wurde; die
wenigen besser Gesinnten, die gegen diese Ansicht sich erhoben, wurden schnell
überstimmt und mussten verstummen.
    Und nun noch das Grässlichste! die hier leise geflüsterten, dort laut
gepflogenen, oder in tierischer Wut laut gebrüllten Beratungen über das Wie
und Wann! Sie währten lange, sie drohten immer heftiger und verworrener zu
werden, bis die alle übertönende Donnerstimme des Tigerfürsten ihnen ein Ende
machte.
    Wartet! rief er, wartet, bis in nächster Woche mein Regiment die Wachen
bezieht! Dann vollbringe Einer unter uns, was zur Rettung Aller vollbracht
werden muss. Dazu braucht es nur eines Kopfes, eines Arms, was sollen da viele?
Doch welchen unter uns das Geschick zu dieser grossen Tat erkoren hat, das werde
hier, und noch in dieser Stunde, durch das Loos bestimmt, ehe wir für heute aus
einander gehen.
    Von allen Seiten wurde diesem Vorschlage stürmischer Beifall gezollt, der
dem langwierigen, immer mehr sich erbitternden Streite ein Ende zu machen
versprach. Was man zu dem grausigen Spiele notwendig brauchte, war zur Hand,
wenn gleich zu andern Zwecken bestimmt; die Voranstalten dazu waren also in
wenigen Minuten bewerkstelligt, die Häupter der Anwesenden gezählt; Sergius, als
Secretair des Bundes, brachte die verhängnisvolle Urne herbei, und warf eine
gleiche Anzahl weisser Kugeln hinein, nur eine, eine Einzige unter diesen,
blinkte in rotem trügerischem Goldglanze. Das Geräusch mit welchem jede
derselben langsam gezählt und einzeln auf den Boden des Gefässes hinabgelassen
wurde, durchschauerte auch die mutigsten Heldenherzen mit innerm Grauen.
    Jetzt sollte das Todesloos gezogen werden, doch keine Hand regte sich, um
die Ziehung zu beginnen. Von drückender Vorahnung befangen, mit bleichen
Gesichtern und hochaufatmender Brust, standen sie Alle wie am Boden festgebannt
umher. Keiner von diesen Vielen, die noch vor wenigen Minuten den wildesten
Ausbrüchen ungemässigter Leidenschaftlichkeit sich hingaben, wollte hier der
Erste sein, kein Einziger von denen, die sonst überall es sein wollten. Auch
Pestel suchte noch nach Worten, eindringend genug, um den Bann zu lösen, der sie
gefesselt hielt; er selbst konnte nicht der Erste sein, der sein Loos zog, denn
als Präsident des Bundes war die ganz zuletzt auf dem Boden der Urne
zurückbleibende Kugel für ihn bestimmt.
    Ein ängstlicher, unartikulirt, wie in höchster Todesnot ausgestossener
Schrei schreckte alle aus der düstern Versunkenheit auf, die sie befangen hielt;
mit alles was ihr im Wege stand vor sich niederwerfender Riesenkraft, drängte
sich aus dem Hintergrunde des Saales durch die Reihen der Brüder hindurch, bis
dicht vor Pestel hin eine Gestalt, die beim ersten Anblicke Niemand erkannte.
Ein Schreckensbild höchster Verzweiflung, mit weit hervorquellenden,
blutunterlaufenen starren Augen, mit wild sich sträubendem, verworrenem Haar,
mit wie im Todeskampfe konvulsivisch verzerrtem bleichem Gesicht. Er schleuderte
mit mächtigem Arm die Urne mit den Kugeln fort, sie fiel zu Boden, die Kugeln
rollten im Saale umher, und die goldene führte der Zufall dicht zu seinen Füssen
hin.
    Er raffte unter lautem dämonischen Gelächter sie auf, und hielt hoch über
seinem Haupte sie der Versammlung entgegen: ein Wunder! jubelte er; ein
sichtbares Zeichen von dort Oben - oder vielleicht von dort Unten? - gleichviel,
ich bin der Erwählte!
    Yakuchin! Iwan Yakuchin! erscholl es von mehreren Seiten. Es war der
unglückliche, es war Richards Iwan, den man jetzt an der Stimme erkannte.
    Richard drängte zu dem Wahnsinnigen sich hin, denn dafür hielt er, und
mussten Alle ihn halten, aber ein einziger gewaltiger Stoss warf ihn weit zurück.
    Wer sich selbst lieb hat, der rühre mich nicht an, der wage nicht mir zu
nahe zu kommen, rief Iwan. Ihr meint, ich sei rasend; ich bin es nicht, aber ich
warne Euch dennoch, ich bin gefährlich. Ich kenne Niemand mehr, weder Feind noch
Freund, Ihr Alle, die ganze Welt ist mir wie Staub unterm Fusse, denn das
Schicksal hat in mir, in mir allein sein Opfer auserkoren. Verlassener,
verratener als ich, lebt Keiner auf Erden! dieses Jammerleben, was soll es mir?
ich werfe es von mir.
    Richard, Alex und noch Einige, die Mitleid für den Jüngling empfanden, sogar
Obrist Pestel, näherten sich ihm abermals; bleibt zurück! rief er befehlend, und
sie gehorchten der gebietenden Gewalt hoffnungslosesten Unglücks, das offen und
kühn dem Mächtigsten entgegen treten darf, so bald es nichts mehr weder zu
schonen noch zu fürchten hat. Sie bildeten einen dicht geschlossenen Kreis um
Iwan her, hielten sich aber in der von ihm gebotenen Entfernung.
    Iwan zog jetzt sein Schwert aus der Scheide; Alle, den traurigsten Ausgang
erwartend, erbebten bei dem Anblicke; und doch hielt die Furcht, diesen zu
beschleunigen, sie an ihren Plätzen zurück. Er aber kniete anscheinend gelassen
in der Mitte des um ihn geschlossenen Kreises nieder, fasste den Griff des
Schwertes mit beiden Händen, hielt ihn dicht vor der Brust, und blickte
unverwandt zu der Spitze desselben auf; nur das Weisse seiner Augen blieb
sichtbar, er sah aus, als ob er bete, mit unaussprechlicher Inbrunst.
    Das währte so einige Sekunden; dann aber, immer in der nämlichen Stellung
verbleibend, erhob er die Stimme zum furchtbarsten Eide, den je eine menschliche
Seele erdacht. Mit Worten, vor denen Alle schauderten, die sie vernahmen, weihte
er sich dem Untergange, dem zeitlichen wie dem ewigen, indem er den Kaiser zu
tödten gelobte, und gleich nach vollbrachter Tat sich selbst; denn wer könnte
dann noch leben wollen! setzte er mit eisiger Kälte hinzu, indem er sich von den
Knieen erhob, das verworren herabhängende Haar aus der Stirne strich, und das
Schwert zurück in die Scheide stiess.
    Und nun gebt mir meine Ordre, ich bin zu jeder Stunde zu Allem bereit,
sprach er fast verachtend, wollte sich in militärischer Stellung hoch
aufrichten, wurde aber im nämlichen Augenblicke sein Bild in einem ihm gegenüber
angebrachten grossen Spiegel gewahr. Unmässiges Grauen vor seiner eigenen Gestalt
überkam ihn, er taumelte, seine Kniee brachen unter ihm zusammen; hätten die,
welche ihm am nächsten standen, ihn nicht in ihren Armen aufgefangen, er wäre,
wie aufgelöset in allen Gelenken, unfehlbar zu Boden gesunken.
    Der Zustand währte indessen wieder nur einige Sekunden. Iwan erholte sich
schnell, machte von denen so ihn hielten sich los, und stand frei da, den
ernsten fragenden Blick auf die gerichtet, von welchen er Antwort erwartete.
    Jetzt, da sie vor der Ausführung der Freveltat standen, die Sie kurz
vorher, in blinder Wut, unter ungeheuerm Toben gefordert hatten, und nur noch
die nähere Anordnung des Vollbringens von ihnen erwartet wurde, regte sich
keiner; lautloses Schweigen, überall. Übermannt von geheimem Schrecken, bleich,
mit gesenktem Blicke standen sie da, bis einer unter ihnen sich erhob. Es war
ein Officier von bedeutendem militärischem Range, dem Namen nach, vielleicht
auch von Geburt ein Deutscher, wenigstens von deutscher Abkunft. Mit grosser
Geistesgegenwart ergriff er glücklich den einzigen günstigen Augenblick Pesteln
zuvorzukommen, um hier, wo bis dahin nur blinder Eifer und die aufgeregteste
Leidenschaftlichkeit das Wort geführt hatten, auch die besänftigende Stimme der
Vernunft laut werden zu lassen; ein Unternehmen, an dessen Ausführung vorhin,
bei dem allgemeinen Toben, gar nicht zu denken gewesen wäre.
    Allen vernehmbar, umständlich, ohne durch Weitschweifigkeit zu ermüden,
bestrebte sich der wohlwollende besonnene Mann das Unwahre der Nachricht, die
bis zu diesem Grade sie empören konnte, ihnen klar und deutlich auseinander zu
setzen; bewies, mit nicht zu widerlegenden Gründen, die jedem einleuchten
mussten, die Unmöglichkeit derselben. Schmucklos, aber eindringlich, von
unerkünstelter Überzeugung ihm eingegeben, waren seine Worte; sie entsprangen
aus vollem warmem Herzen, und konnten daher den Weg zu den Herzen seiner Zuhörer
nicht verfehlen. Auch glätteten viele umdüsterte Stirnen sich wieder, die
bleichen Gesichter färbten sich, in manchem abgewendeten Auge blinkte eine
heimliche Träne der Reue, und Dank und Beifall wurde dem Redner von allen
Seiten laut gezollt.
    Ermutiget durch dieses Beispiel, bemächtigte jetzt auch Sergius sich des
Worts, ehe der etwas aus der Fassung geratne Obrist Pestel dazu kommen konnte
es zu ergreifen. Beide, er und Graf Stephan, hatten zu jenen ersten Stiftern der
durchaus harmlosen Gesellschaft gehört, aus welcher später, im Verlaufe der
Jahre, der jetzige Bund, unter Pestels Leitung, so ganz verschieden von jenem
ersten Anfange sich entwickelt hatte. Auch in dieser umgewandelten Gestalt war
Sergius noch immer einer der treuesten und eifrigsten Anhänger desselben
geblieben; er bekleidete, wie schon mehrmals erwähnt worden ist, die Stelle
eines Secretairs des Bundes, und gehörte als solcher zu den drei Direktoren, den
Häuptern des Rates der Alten.
    Nachdem Sergius seine vollkommene Übereinstimmung mit den Ansichten seines
edlen und geistreichen Vorgängers in den wärmsten Ausdrücken ausgesprochen
hatte, erbat er sich die Erlaubnis jene Nachricht, die sie alle in nicht
genugsam zu bereuende schmerzliche Verwirrung gestürzt habe, auch noch von einer
andern Seite zu beleuchten, um auf diese Weise auch die letzte Spur ihrer zu
nicht zu berechnendem Unheile führenden Nachwirkung zu vertilgen. Er sagte, er
wolle für einen Augenblick das Unglaubliche, ja Unmögliche, als Wahrheit
annehmen, und den Fall setzen, der Kaiser habe, wie jener unselige Brief es
berichte, den unglücklichen Entschluss sein Volk zu verlassen wirklich gefasst;
und ergoss sich dann mit unglaublichem Scharfsinne und anschaulichster Klarheit
in Beweisen, dass selbst in diesem undenklichen Falle jenes Verbrechen, das er
nicht mehr zu nennen wagen möchte, nur die unheilvollsten Folgen nach sich
ziehen könne, ohne den eigentlichen Zweck des Bundes der ächten Kinder des
Vaterlandes im mindesten zu fördern. Im Gegenteile müsse jede Möglichkeit des
Gelingens dadurch auf immer vernichtet werden, aus dem einfachen Grunde, weil es
dem Bunde seiner innern Einrichtung nach an allen Mitteln fehle, eine solche
Untat, würde sie auch glücklich vollbracht, zu benutzen. In den glühendsten
Farben schilderte er ihnen nun alle Gräuel der zügellosesten Empörung, die einer
solchen Verletzung aller göttlichen und menschlichen Gesetze auf dem Fusse
nachfolgen müsse, indem er zugleich an die dem Königsmorde in Frankreich
unmittelbar folgende Schreckenszeit sie erinnerte.
    Bin ich noch lebend der Gemeinschaft böser Geister verfallen? oder bin ich
noch wirklich unter Menschen? rief plötzlich in heftigem Zorne auffahrend Iwan
Yakuchin, nachdem er mit gespanntester Aufmerksamkeit den Reden jener beiden
gefolgt war. Ihr Teufel in Menschengestalt, was habe ich Euch getan, dass Ihr
mein ehrlich ruhiges Gewissen mir nicht gönnt? dass Ihr mit einem innern Vorwurfe
es belasten musstet, den ich nimmer verwinden kann? Ihr Bösewichte, ihr
teuflischen Verführer, habt zuerst durch blendende Höllenkünste mich zu dem
grässlichen Vorsatze gebracht, das Verbrechen zu begehen, für welches weder im
Himmel noch auf Erden Vergebung ist, denn Kaisermord und Vatermord sind eins;
und nun verwerft Ihr selbst als nutzlos, als überflüssig die ungeheuere Tat? Wie
nun, wenn Ihr diese Entdeckung später gemacht hättet, nachdem ich vollbracht - -
was wäre in dieser und jener Welt aus mir geworden, und kann ich jemals
vergessen, dass ich es vollbringen gewollt?
    Gleich einer überirdischen Erscheinung, gleich einem Rache heischenden
Dämon, stand der zornentflammte Jüngling in seiner gänzlichen Verlassenheit vor
ihnen, und keiner hatte das Herz sich ihm tätig entgegenzustellen, oder auch
nur ihn mit Ernst zur Ruhe zu verweisen. Einige versuchten mit besänftigenden
Worten ihn zu beschwichtigen, er hörte nicht darauf.
    Eure wohlgesetzten Reden, Eure trefflichen Statuten, Euere herrlichen Pläne
für das allgemeine Wohl des Vaterlandes, führen sie zum Ersinnen solcher Taten?
- fuhr Iwan fort: - nun so bleibt von heute an Euer Rat fern von meiner Seele,
ich trete aus eurer Gemeinschaft hinaus, und scheide auf immer von Euch! Wollt
Ihr vorher nicht Rat halten, ob es für Eure Sicherheit nicht etwa erforderlich
wäre mich hier zu ermorden, ehe ich den Fuss über die Schwelle setze? fragte er
mit kalter schneidender Ironie. Tut es, tödtet mich, was liegt mir daran, was
noch am Leben? Für eine Nussschale werfe ich es Euch hin. Nur so viel noch:
dieser kleine Mord wäre nicht minder überflüssig, als jener grosse es gewesen
wäre, und dürfte in seinen Folgen doch unbequem für Euch werden, wenn er
entdeckt würde. Ihr habt meinen Eid, den ich nie brechen kann, und hätte ich der
Hölle ihn geschworen; schweigen muss ich, ich sei lebend oder todt. Ihr antwortet
nicht? Nun so schüttle ich an Eurer Türe den Staub von meinen Füssen und gehe
nie wiederzukehren. Mögt Ihr indessen Euch nach Bequemlichkeit über mein Leben
oder meinen Tod unter Euch beraten.
    Iwan wandte sich zum Gehen, Alle traten zurück ihm freie Bahn zu lassen; mit
festem Schritte ging er langsam bis zur Türe, dort schien er wie von Schwindel
ergriffen zu wanken, dann betäubt im Begriff taumelnd zu sinken. Richard und
Alex eilten ihm nach, ergriffen noch zur rechten Zeit ihn am Arme, und führten
ihn hinaus.
Trübseliger, als jemals in seinem Leben, lag der gute kleine Kapellmeister Lange
auf seinem Sopha; krank war er nicht, glaubte aber es zu sein, und meinte
zuweilen sogar die Annäherung des Todes zu fühlen. Eigentlich war er nur tief
betrübt, und der sonst immer zufrieden Glückliche wusste in diesen ihm ganz neuen
Zustand sich nicht zu finden. Völlig entmutiget, versagte er allen seinen
Freunden den Zutritt, sogar sein Flügel blieb verschlossen, und so fehlte ihm
denn Alles, was sonst sein eigentlichstes Leben ausmachte.
    Nur seine treue Hausfrau war ihm geblieben; gleich einem tröstenden Engel
wich sie ihm fast nie von der Seite, obgleich sie noch schmerzlicher verletzt
war, als er selbst. Auch jetzt sass sie, bei der sorgfältig verhüllten Lampe, an
ihrem Tischchen neben ihm; um von seinen traurigen Gedanken ihn abzuziehen,
hatte sie versucht ihm vorzulesen, schlug aber das Buch wieder zu, als sie
gewahr wurde, wie ihre Worte unbeachtet an ihm vorüber glitten.
    Ist er gestorben? fragte sie leise, mit zitterndem Tone, als sie die Türe
hinter sich öffnen hörte, ohne nach dem Eintretenden sich umzusehen.
    Er lebt und vielleicht dürfen wir wieder zu hoffen wagen, denn Iwan Yakuchin
ist es doch den Sie meinen? antwortete eine weit sonorere Stimme als die ihres
alten Dieners Jegor war, die sie zu vernehmen erwartete; erschrocken sprang sie
von ihrem Sitze auf, und Fürst Eugen stand vor ihr.
    Seit zehn Tagen zum erstenmal, ruht der zerrüttete Geist des Armen in tiefem
Schlummer von seinen langen Qualen aus; möge diese Nachricht es entschuldigen,
dass ich gegen Ihr Verbot mich hier einzudrängen wage: sprach Eugen mit der ihm
eignen, ihn so wohl kleidenden Herzlichkeit.
    Noch ehe Frau Karoline nur ein Wort antworten konnte, flog ihr Mann mit
Blitzesschnelle von seinem Sopha, wie ein Pfeil von der Sehne auf. Die Gegenwart
Eugens wirkte auf ihn mit magischer Gewalt, er vergass dass er sterbend sei,
suchte in der entferntesten Zimmerecke seine goldbetroddelte Mütze hervor, wo
sie seit vielen Tagen völlig unbeachtet geruht hatte, verlor darüber in der Eile
einen seiner Pantoffeln von gesticktem Saffian, der weit weg, quer über den
Fussboden hingeschleudert wurde, bemerkte jetzt mit einemmal seine sehr
vernachlässigte Toilette, fing an sich gewaltig seines Schlafpelzes von
astrachanischem Lämmerfelle zu schämen, in welchem sonst kein fremdes Auge ihn
erblicken durfte, und kam über dem Allen dermassen ausser Fassung, dass er nicht
anders sich zu helfen wusste, als indem er einen gewaltigen Anlauf nahm, mit
gleichen Füssen wieder auf das Sopha sprang, und eiligst in der Stellung eines
Todtkranken sich darauf hinwarf.
    Ungeachtet grosse Tränen noch in ihren Augen perlten, musste Frau Karoline
über die Hastigkeit, mit der dieses Alles vollbracht wurde, laut auflachen;
Eugen konnte sich nicht entalten ihrem Beispiele zu folgen, und auch der
Kapellmeister stimmte zuletzt mit ein, und lachte lauter als die Andern über
sein eignes wunderliches Treiben.
    Die Lampe wurde von ihrer Umhüllung befreit, das Zimmer wie gewöhnlich
erleuchtet, der Kapellmeister über sein astrachanisches Lämmerfell getröstet,
der Befehl, jeden weitern Besuch abzuweisen, der Dienerschaft wiederholt
eingeschärft, und in weniger als zehn Minuten sassen die drei Freunde in
traulicher, wenn gleich nicht fröhlicher Mitteilung beisammen. Rede und
Gegenrede erleichterten ihnen die beklommene Brust, sie fühlten, wie der Mensch
nie des Menschen mehr bedarf, als in Trübsal und Schmerz.
    Einsamkeit, so wünschenswert sie dem Trauernden auch erscheinen mag, ist
alsdann unser grösster Feind: alles ausschliessende Einsamkeit, die keine ist,
noch sein kann! denn wer entfloh jemals seinen eigenen düstern Gedanken? In
Mitteilung aber geht das Herz uns wieder auf; und wenn auch die Freunde nicht
immer begreifen was und wie wir leiden, wenn sie auch durch ungeschicktes
Tröstenwollen die Wunde, die sie heilen möchten, vielleicht zu unsanft berühren,
so lernen wir doch, indem wir ihm Worte leihen, unser Unglück und auch uns
selbst besser verstehen, und treten wieder in die allgemeine Bahn des Lebens
ein, von der man ohne Gefahr nie abweichen darf.
    Das Geschick des Einzelnen verschwindet in dem gewaltigen Lebensstrome, der
das kolossale Petersburg durchbrauset, wie der einzelne Regentropfen in den
Wellen der Newa sich verliert; und so war denn auch erst an diesem nämlichen
Tage, und nur durch Zufall, die Kunde von Iwans lebensgefährlichem Zustande
durch des Kapellmeisters selbst gewählte Abgeschiedenheit von der Aussenwelt bis
zu diesem durchgedrungen. Ein dumpfes Gerücht liess sogar Iwans Tod befürchten,
und die gutmütigen Menschen hatten sogleich ihren treuesten Diener um Nachricht
von dem Leben oder Tode des Jünglings ausgesandt, den über ihren eigenen Schmerz
so ganz vernachlässiget zu haben, sie jetzt sehr bereueten. Treuer,
umständlicher, als Jegor diese bringen konnte, hofften sie jetzt von Eugen sie
zu erhalten.
    Nicht ganz unbefangen, suchte Eugen, aus leicht zu erratendem Grunde, über
den ersten Ausbruch von Iwans Krankheit so schnell als möglich hinwegzueilen,
und erwähnte nur, dass sein Brudex Alex und Richard, in todtenähnlicher
Betäubung, von der er auf der Strasse plötzlich befallen worden wäre, ihn in
seine Wohnung gebracht hätten.
    Mehrere Stunden vergingen, ehe er aus tiefer Ohnmacht erwachte, fuhr Eugen
sehr bewegt fort: doch welch ein Erwachen war das! so mag dereinst am Tage des
Weltgerichts das Erwachen des zu ewigen Höllenqualen verdammten Sünders sein. In
wilder, nur gewaltsam zu bändigender Raserei, kämpfte der Unglückliche mit den
grässlichsten Greuelbildern seiner Phantasie! und zehn ganze Tage, zehn endlose
Nächte hindurch, hat keine Minute Schlaf, kein einziger heller Augenblick, sein
gränzenloses Leiden unterbrochen! Die Sorge für die Pflege des Armen blieb
Richard allein überlassen; ich und mein Bruder waren durch anderweitige Pflicht
zu ernstlich in Anspruch genommen, um sie mit ihm teilen zu können, und so
durfte er Tag und Nacht von Iwans Seite nicht weichen. Auch nur für eine Stunde
ihn Fremden zu übergeben, durfte Richard nicht wagen, denn wie leicht konnten
Iwans wilde unzusammenhängende Reden - - Eugen stockte hier in sichtlicher
Verwirrung, fuhr aber nach kurzem Besinnen wieder fort: wie leicht, wollte ich
sagen, kann bei der Pflege Gemütskranker dieser Art die kleinste
Vernachlässigung die traurigsten Folgen nach sich ziehen! In welchem Zustande
aber unser Freund Richard sich jetzt befindet, wie abgespannt, wie an allen
Kräften erschöpft, mögen Sie selbst ermessen.
    Und Iwan! hoffen Sie wirklich? wird er genesen? wird er leben? fragten beide
zugleich, Lange und seine Frau.
    Die Jugendkraft unterliegt endlich, die in seiner Qual unerschöpflich
schien, erwiederte Eugen. Iwan schläft, tief und fest.
    Er ist todt? rief der Kapellmeister.
    Er schläft, war die sehr gemessene Antwort Eugens: er schläft, und der
treuste aller Freunde, beinahe nicht minder Ruhe bedürfend als der Kranke, sitzt
neben seinem Lager und bewacht seine Atemzüge. Der eilfte Tag ist heute, nach
dem Ausspruche des Arztes, der entscheidende über Leben und Tod. Iwans ruhiger
Schlaf gibt uns einige, wenn gleich schwache Hoffnung. Mit dieser Nachricht
schickt mich Richard zu Ihnen, und wünscht zugleich zu erfahren ob Julie um
Iwans traurigen Zustand weiss, und wie sie - -
    Halt! halt! halt! nur den Namen und noch Einen nicht! schrie der
Kapellmeister, und hielt in zitternder Hast beide Ohren sich zu.
    Und Sie wüssten nicht? Sie und auch Richard wüssten wirklich nicht, welche
unerhörte Schändlichkeit, welcher Verrat an Allem, was dem Menschen heilig sein
muss, den armen Iwan rasend machte, ihn vernichtete? rief zu gleicher Zeit Frau
Karoline in ungewöhnlicher Heftigkeit.
    Eugen erbleichte über die Auslegung dieser Worte, die wider seinen Willen
sich ihm aufdrängte. Unmöglich konnte Iwans Krankheit, die überdem erst vor
einigen Stunden ihnen bekannt geworden war, die einzige Veranlassung des tiefen
Schmerzes sein, der in dem ganzen Wesen dieser beiden sich aussprach, und noch
weniger der völligen Zurückgezogenheit, in der sie seit mehreren Tagen ganz
gegen ihre sonstige Weise lebten. Das bedachte er erst jetzt; auch wie sie mit
Herz und Seele ihren Kaiser verehrten, wie sie auf Leben und Tod, in
unverbrüchlicher Treue ihm ergeben waren, und hell und deutlich leuchtete der
furchtbare Gedanke in ihm auf, sie wissen um das Geheimnis jener Nacht, in
welcher Iwans Krankheit ausbrach, und Torson, der jetzt sich nirgends finden
lässt, hat es ihnen verraten. Regungslos, fassungslos, stand Eugen wie
versteinert da, und wusste nicht wohin er die Blicke wenden sollte.
    Julie ist nicht mehr bei uns - auch seit zehn Tagen - uns verlassen - mit
Torson entflohn - heimlich in dunkler Nacht: - brachte Frau Karoline mit
abgewandtem Gesicht, in kurzen abgebrochenen Sätzen mühsam hervor.
    Gott sei Dank, dass es nichts Schlimmeres ist! hätte Eugen beinahe überlaut
gerufen; glücklicher Weise besann er sich noch zu rechter Zeit, und nur ein tief
geholter Seufzer, den seine treuherzigen Freunde seiner Teilnahme an ihrem
Kummer zuschrieben, half ihm die bange Sorge abschütteln, die ihn eben um
Fassung und Besinnung bringen wollte.
    Wer mag es mir verdenken, dass die Gesellschaft und das Leben in ihr, und die
sogenannten guten Freunde, und alle die freundlichen Leute um mich her seit
dieser Erfahrung mir so widrig ekelhaft vorkommen, dass ich von dem allen nichts
mehr hören noch sehen mag? nahm jetzt Lange mit dem Ausdrucke der tiefsten
innersten Trauer das Wort, der an dem sonst immer heitern, freundlichen Manne
nur um so rührender erschien. Du Karoline, fuhr er fort, bist ein treues Herz
und ohne Falsch, Du allein, und nur an Dich allein will ich mich halten, und an
Dich glauben, und sonst an keinen Andern. Tu' mir nur noch den einzigen
Gefallen und stirb mir nicht, so lange ich noch lebe; hernach magst Du es halten
wie Du willst. Ohne Dich könnte ich ja nimmermehr zurecht kommen, mir müsste ja
sein, als wäre die liebe Sonne vom Himmel gefallen.
    Helle Tränen rollten bei diesen Worten ihm über die Wangen; Frau Karoline
drückte schweigend ihr Gesicht in ihr Taschentuch; Eugen war durch das seltsame
Wesen des Kleinen zu bewegt, um ein Wort aufbringen zu können.
    Wie haben wir das Kind geliebt! fing der Kapellmeister nach einer kleinen
Weile wieder an; auf Händen getragen haben wir sie. Und sie konnte uns
schmeicheln, uns schön tun, und viele Monate lang Trug und Verrat im Herzen
hegen! Ja, das konnte sie, ein kaum neunzehnjähriges Geschöpf, noch halb ein
Kind! Nie werde ich darüber getröstet werden, das kann ich nie vergessen noch
verwinden. Denn es ist mir nicht um Julien allein. Es ist mir weit mehr darum,
dass so etwas wirklich geschehen, dass der Mensch so schlecht werden kann. Das ist
es, was Mut, Vertrauen und alle Lust am Leben in mir vernichtet; klagte er mit
rührender Beredsamkeit, die an ihm, der sonst fast nur in Tönen sprechen konnte,
höchst seltsam auffiel.
    Alle Drei sassen schweigend da. Ich habe keinen Bruder, nie einen gehabt,
sprach Lange dann weiter; aber hätte ich einen, und wäre er mein
Zwillingsbruder, der mit mir zugleich unter dem Herzen meiner Mutter geruht, und
hätte ich zeitlebens nichts anderes getan, als für diesen Bruder gesorgt, und
er ginge nun in einer bösen dunkeln Stunde hin, und raubte mir Alles, so dass mir
nichts übrig bliebe, als das kahle Leben, und die Luft, die ich einatme, - ich
weiss gewiss, ich fände noch etwas aus, das ihn entschuldigte. Not hat ihn
getrieben, mein Bruder wusste nicht was er tat, in einem unbewachten Augenblicke
ist der Teufel in sein Herz eingezogen, würde ich sagen und auch denken. Aber
diesen fein ausgesonnenen Plan Wochen, ja Monate lang mit sich herumtragen,
täglich, stündlich uns heuchelnd betrügen, und dabei aussehen wie das Bild der
Unschuld, - das kann die ewige Barmherzigkeit selbst nicht vergeben, und der
Gedanke, wie schlecht es der Unglücklichen vielleicht in dieser Stunde schon
ergehen mag, peinigt mich alten Narren weit mehr, als es für mich anständig
wäre.
    Eugen wollte jetzt ein paar begütigende Worte einzuschieben versuchen, er
nannte Torson, aber der Kapellmeister fuhr darüber sehr heftig auf.
    Das ist ja eben der zweite Name, den ich nie wieder zu hören wünsche, mein
Fürst! rief er mit zornblitzenden Augen; der ist es ja eben, und doch darf man
kaum ihn anklagen, denn gegen seine Mitschuldige gehalten, steht er rein und
klar, wie ein Engel des Lichts da; seine Schuld wird, verglichen mit der
ihrigen, winzig klein. Wahr ist es, er hat mich betrogen; aber warum liess ich
mich betrügen, da ich es hindern konnte? Nicht er, meine Blindheit, und dass ich
zu feig war die Augen aufzutun und um mich zu schauen, tragen die Schuld. Wenn
jene Verlorne unglücklich wird, wer gab die erste Veranlassung dazu? ich selbst!
und das ist ein Wurm mehr, der mir am Gewissen nagt. Ich hätte jenen verkappten
Satan entlarven, ihn durchschauen müssen; ich war gewarnt durch meine Hausfrau,
die immer zehnmal so gescheit ist als ich; aber weise Worte verhallen unbeachtet
in einem törichten Ohr.
    Weise Worte! meine Weisheit! rief Frau Karoline bitter lachend; meine eitle
Einbildung war es, die mich abhielt, Dir alles weit dringender vorzustellen.
Gebrechlichkeit, Dein Nam' ist Weib! ich habe dem Prinzen Hamlet diesen
ungezogenen Ausspruch immer sehr übel genommen, doch diesesmal muss ich ihm
beistimmen. Hätte ich nicht alles allein vollbringen wollen, hätte ich nicht in
schnöder Sicherheit auf meine Vorsicht gebaut, und gemeint ich wäre - doch was
hilft uns das alles jetzt - damals wäre es noch Zeit gewesen Dir die Augen zu
öffnen, indem ich Dir alles weit klarer und dringender vorstellte, als ich es
leider getan, jetzt ist es zu spät. Julie ist verloren, und der arme
unglückliche Iwan ebenfalls. Ich hätte beide retten können. Ach! der Übel
grösstes ist die Schuld!
    Die Bahn war gebrochen; Frau Karoline war, sich selbst unbewusst, wieder in
ihre gewohnte Weise geraten, und Eugen erhielt endlich von ihr einen
umständlichen Bericht von Juliens Flucht, oder Entführung, wie er lieber es
nennen mochte.
    Beide, Julie und Torson, hatten bis zur letzten Stunde jede Vermutung ihres
Vorhabens durch ihr Betragen von sich fern zu halten gewusst. Nur am Abende des
letzten Tages, den sie in dem gastlichen Hause zubrachte, klagte Julie über
einen leisen Anflug von Migräne, der sie zuweilen unterworfen war. Der Schmerz
steigerte sich oft zu einem hohen Grade, hielt aber nie lange genug an, um
ernstliche Besorgnis zu erregen. Frau Karoline riet ihr, sich gleich zur Ruhe
zu begeben, wie sie in solchen Fällen immer tat, half ihr sich unbemerkt aus
der Gesellschaft zu entfernen, in welcher auch Iwan und Lunin gegenwärtig waren,
und begleitete sie auf ihr Zimmer.
    Dort versprach sie jedes Geräusch von der mit jeder Minute scheinbar mehr
Leidenden möglichst fern zu halten, vor allen Dingen aber sie nicht wecken zu
lassen, und sollte sie darüber auch den Mittag verschlafen. Alles das war in
ähnlichem Falle schon unzähligemal geschehen, und konnte unmöglich als etwas
Ungewöhnliches auffallen. Frau Karoline umarmte Julien, wünschte ihr eine
leidliche Nacht, und ging.
    Ging! und das verstockte Kannibalen-Herz äusserte nicht das kleinste Zeichen
von Rührung bei dem letzten Abschiede von einer Frau, die ihr stets mütterliche
Liebe bewiesen; rief hier der Kapellmeister dazwischen.
    Sie wusste nicht, dass es der letzte sei; erwiederte Eugen, und legte
beteuernd seine Hand auf die Brust. Frau Karoline fuhr in ihrer Erzählung fort.
    Die Mittagsstunde war längst vorüber, Julie hatte sich nicht blicken lassen,
Frau Karoline fand die Türe ihres Zimmers verschlossen; sie pochte, erst leise,
dann lauter, dann rief sie Juliens Namen. In liebender Besorgnis schloss sie mit
ihrem Hauptschlüssel endlich das Zimmer auf, Julie war nicht darin; sie ist früh
ausgegangen, um in freier Luft das fatale Kopfweh verwehen zu lassen, und hat
bei dem herrlichen Wetter wohl daran getan: dachte die arglose Frau und begab
sich ruhig an ihre häuslichen Geschäfte.
    Die Zeit des Mittagessens kam heran; einige Freunde des Hauses stellten wie
gewöhnlich sich ein, nur Torson nicht, der doch selten auszubleiben pflegte. Und
noch immer von Julien keine Nachricht! Der Kapellmeister versuchte es, die jetzt
nicht länger zu verhehlende Besorgnis seiner Frau wegzulachen, versicherte, die
Vermisste habe auf einem Besuche bei, in einem weit entfernten Quartiere der
Stadt wohnenden Freunden, sich verspätet, und sei bei ihnen zu Tische geblieben.
Der Fall war schon einigemale vorgekommen, Frau Karoline gab sich Mühe auch
diesesmal daran zu glauben, sie zeigte ihren Gästen ein heitres Gesicht, doch
innerlich stieg ihre Angst mit jeder Minute.
    Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen, die Unruhe trieb sie fort von
der Gesellschaft auf Juliens Zimmer, was sie dort wollte, war ihr selbst nicht
klar; ohne Zweck und Ziel irrte sie in den ihr wohlbekannten Räumen umher, die
Türe von Juliens Garderobe stand halb offen, Frau Karoline wollte sie
schliessen, warf zufällig einen Blick hinein, und was sie dumpf ahnend
befürchtet, ohne es sich selbst zu gestehen, stand mit einemmale deutlich als
Wirklichkeit vor ihr.
    Die Garderobe war fast ganz leer, der grösste Teil von Juliens Wäsche und
Kleidern fehlte, nebst allem, was sie auf einer weiten Reise nötig haben
konnte. Was sie an Schmuck und andern Kostbarkeiten besessen, mit denen Torson
in der letzten Zeit sie so verschwenderisch beschenkt hatte, war bei näherer
Untersuchung ebenfalls verschwunden, zugleich alle jene, ihr sehr werten
namenlosen Kleinigkeiten, die sie in Königsberg und Petersburg von Freunden zum
Andenken erhalten und heilig aufbewahrt hatte.
    Alles was sie von ihren Habseligkeiten zurückgelassen, lag übrigens in
gewohnter Ordnung da, nirgends eine Spur von übereilter Flucht; aus Allem ging
hervor, dass diese Vorkehrungen zu derselben schon tage-, vielleicht wochenlang
vorher getroffen worden waren; an Gewalttat war hier gar nicht zu denken.
    Tausend bittre und schmerzliche Gefühle stürmten bei dieser Entdeckung auf
die arme Frau ein; als ihr Mann sie endlich aufsuchte, fand er sie in einem fast
besinnungslosen Zustande, auf sein ängstliches Rufen eilte das ganze Haus
herbei. Sie kam bald wieder zu sich selbst, war aber zu ergriffen, zu
erschrocken, um das Ereignis, welches sie in diesen Zustand versetzt hatte,
gleich bekannt werden zu lassen.
    Alle Diener wurden verhört, doch nur zwei derselben konnten einige Auskunft
geben, das Kammermädchen Katinka, und ein in einem permanenten Branntweinrausche
lebender Ofenheizer, Nikita. Die Übrigen hatten sämmtlich nichts gesehen noch
gehört.
    Katinka, deren Schlafkammer Wand an Wand mit Juliens Zimmer lag, obgleich
keine Türe von dort aus in dasselbe führte, wollte am vorigen Abend, bis spät
in die Nacht hinein, ein leises Flüstern und Hin-und Hergehen bei Julien bemerkt
haben; zugleich ein Geräusch, als ob Schränke vorsichtig geöffnet, und
Schiebefächer aus Kommoden hervorgezogen würden. Sie hatte lange darauf
gehorcht, da aber übrigens alles im Hause ruhig blieb, war sie endlich darüber
eingeschlafen.
    Nikita hatte schon Bedeutenderes vorzutragen. Er pflegte gewöhnlich den
ersten Absatz der Treppe vor Juliens Zimmer zur Lagerstätte sich zu erwählen,
und hatte auch in der vergangenen Nacht, in seine Decke gehüllt, sich quer über
denselben gebettet. Er versicherte, besonders seit einiger Zeit, an dieser
Stelle viel von Gespenstern gelitten zu haben, die Nachts über ihn
hinwegstiegen; da sie aber übrigens ihm nichts zu Leide getan, habe er sich
dadurch weiter nicht im Schlafe stören lassen. Diese Nacht aber habe eines davon
ihm so derb auf den Magen getreten, dass er wohl die Augen habe auftun müssen;
und da sei er eben eine verschleierte Dame gewahr worden, die über ihn
wegstolperte, und wahrscheinlich die Treppe hinunter gefallen wäre, hätte Herr
Torson sie nicht in seine Arme aufgefangen. So viel er bei dem unsichern
flackernden Scheine der kaum noch glimmenden Treppenlampe habe urteilen können,
sei die Dame die Frau Kapellmeisterin selbst gewesen, Herrn Torson aber habe er
deutlich erkannt, denn dieser habe sein Rohr mit dem goldnen Knopfe ihm um den
Kopf sausen lassen, und ihm ganz leise ins Ohr geschrieen: »Narr! ducke Dich und
schlaf'!«
    Nun, da habe ich mich denn unter meine Decke geduckt, und habe geschlafen;
denn Gehorsam muss sein, setzte Nikita mit grosser Selbstgefälligkeit hinzu.
    Sie ist entführt! gewaltsam entführt! rief Eugen.
    Rechnen Sie denn das heimliche Hinwegschaffen ihrer Effecten für nichts? und
der baumstarke Nikita lag zu ihren Füssen, auf einen Wink von ihr zu ihrem
Beistande bereit; ein einziger Schrei hätte alle Bewohner des Hauses um sie
versammelt; eiferte Frau Karoline.
    Armer, unglücklicher Iwan! wie verstehe ich erst jetzt dich so ganz! seufzte
Eugen.
    Ja wohl unglücklich! setzte Karoline hinzu. Gerade im Augenblicke, als jede
Möglichkeit eines Zweifels uns entschwunden war, kam er. Wir konnten ihm nichts
verhehlen; der Zustand, in welchem er uns fand, und unsre Umgebungen verrieten
ihm Alles. Was er begann, was er sprach, ich weiss es nicht; sein Anblick raubte
mir vollends den kleinen Rest von Besinnung. Später vernahm ich, dass er das
ganze Haus, vom Boden bis zum Keller durchsuchte, und dann gleich einem
Wahnsinnigen hinaus auf die Strasse stürzte. Jegor folgte ihm aus freiem Willen;
der gute Alte konnte ihn nicht einholen, aber er verlor ihn nicht aus dem
Gesicht, bis er in einem, zu den Hintergebäuden des Palais Ihres Herrn Vaters
gehörenden Hofe, in eine Seitentüre ihn verschwinden sah. Jegor wartete eine
Weile auf seine Wiederkehr, umging dann mehreremale das ganze Gebäude,
erkundigte sich bei dem ihm bekannten Portier, ob er Iwan Yakuchin nicht
gesehen, und begab sich dann nach Hause, mit der beruhigenden Nachricht, dass
Iwan unter der Obhut von Freunden wenigstens in Sicherheit sei. Seitdem haben
wir bis heute Morgen nichts weiter von ihm vernommen, und sehnten uns auch nicht
darnach. Dass er uns mied, fanden wir ganz natürlich, denn was konnte er zu
unserm, was wir zu seinem Troste beitragen?
    Jene Seitentüre, die Jegor erwähnte, ist ein in eine andre Strasse führender
Durchgang, das konnte er freilich nicht wissen, erwiederte Eugen ein wenig
betroffen; haben die Nachforschungen der Polizei, die Sie gewiss veranstalten
liessen, keine Spur von den Entflohenen entdeckt? fragte er dann mit hastiger
Lebendigkeit.
    In frühester Morgendämmerung will man ein paar Personen, die sie der
Beschreibung nach wohl gewesen sein könnten, in der Gegend des Hafens gesehen
haben, wo einige der kleinen Schiffe eben segelfertig lagen, welche uns
alljährlich Früchte, Blumen und Singvögel aus Danzig und Königsberg bringen,
aber nur für Passagiere aus den niedern Ständen eingerichtet sind; sprach der
Kapellmeister. Und nun, mein Fürst, wenn Sie mir wirklich wohlwollen, kein Wort
wieder von Jenen! es sei als wären sie nie gewesen, ich bitte inständigst darum:
setzte er auf eine Weise hinzu, aus welcher deutlich hervorging, wie ernstlich
diese Bitte gemeint sei.
Iwan lag indessen in ununterbrochenem todtenähnlichem Schlummer; nur ein kaum
merkbarer Lebenshauch, der zuweilen die müde Brust langsam senkte und hob, war
das einzige Zeichen, dass er dem Grabe noch nicht ganz verfallen sei. Verborgen
kämpfte indessen in seinem Innern die Natur den harten Kampf auf Leben und Tod,
seine Jugendkraft siegte, das Fieber wich, mit ihm der Wahnsinn, der so lange
den Armen mit glühenden Krallen gefesselt gehalten, und Iwan erwachte nach vier
und zwanzig Stunden, matt, todesmatt, aber er lebte doch noch, und war dem
Bewusstsein wiedergegeben.
    Unter Richards und seiner Freunde treuer Pflege stellte in der Folge die
Hoffnung, ihn dem Leben zu erhalten, sich täglich fester; zwar blieb er lange
noch kraftlos, wie ein krankes Kind, doch jedes wahrhaft beunruhigende Symptom
war verschwunden; sein Blut bewegte sich ruhig, kein Fieber jagte es mehr in
ungestümen Wogen vom Herzen zum Herzen. Man durfte allmälig mit Gewissheit darauf
rechnen, den langsam Genesenden bald ganz erkräftigt zu sehen; und da er jetzt
auch anfing, an dem was ausser ihm vorging, einigen Anteil zu nehmen, sogar
mitunter auf mannigfaltige Art, so viel es seine Schwäche erlaubte, sich zu
beschäftigen, so stand Richard nicht weiter an, ihn täglich ein paar Stunden der
Obhut seines Dieners allein zu überlassen, auf dessen wachsame Sorgfalt er
rechnen durfte.
    Doch wie gross war sein schmerzliches Erstaunen, als er eines Tages, etwas
später als gewöhnlich, zu ihm zurückkehrte, und in einem ganz veränderten
Zustande ihn fand, der von nun an sich täglich verschlimmerte, ohne dass es
möglich gewesen wäre die Veranlassung desselben zu entdecken, oder auch nur für
das Übel das den Unglücklichen innerlich zerstörte einen Namen zu finden. Kalt,
bewegungslos, wie vom Starrkrampf gefesselt, lag er todtenbleich auf seinem
Lager hingestreckt. Abgemagert bis zum Skelett, kaum noch der Schatten von dem
was er gewesen, verschmähte er fast alle Nahrung, beantwortete keine Frage, nahm
in grenzenloser Apatie an allem, was um ihn her vorging, nicht den mindesten
Anteil. Obgleich er fast immer mit geschlossenen Augen dalag, schlief er doch
selten und nur auf kurze Augenblicke wirklich ein. Die Ärzte, welche seine
Freunde um ihn her versammelten, verkannten keineswegs das Gefahr drohende
dieses Zustandes, aber er blieb ihnen unerklärlich, um so mehr, da kein Symptom
eigentlichen wirklichen Krankseins sich zeigte, das ihnen hätte zum Leitfaden
dienen können.
    In seiner grossen Besorgnis wandte Richard sich endlich an den ersten
Leibarzt des Kaisers, und dieser liess, auf Fürsprache des Fürsten Andreas, sich
bewegen den Kranken zu besuchen; mochte aber ebenfalls, eben so wenig als seine
Kollegen, einen entscheidenden Ausspruch hier wagen. Der Fall schien ihm
indessen merkwürdig genug, um zu einem zweiten Besuche ihn zu veranlassen; er
nahm Platz neben des ganz regungslos daliegenden Iwans Lager, und beobachtete
ihn schweigend mit angestrengtester Aufmerksamkeit, während Eugen und Richard,
hinter ihm stehend, sich ziemlich leise mit einander im Gespräch unterhielten.
    Eugen sprach von einem merkwürdigen Naturereignisse, das sich vor kurzem in
der Umgegend von Tiflis begeben. Tiflis? rief plötzlich der Leibarzt: Tiflis?
wiederholte er: sprachen Sie nicht von der Stadt Tiflis, am Kaukasus? fragte er
fast überlaut, und Eugen wiederholte umständlich, was er so eben seinem Freunde
erzählt hatte.
    Dass Iwan, der bis dahin wie versteinert dagelegen, bei Nennung jenes Namens
wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen fuhr, was weder Eugen
noch Richard gewahr worden waren, war dem geübten Blicke des trefflichen Arztes
nicht entgangen.
    Ein merkwürdiges Ereignis gleich diesem, nahm er jetzt laut und deutlich das
Wort, wäre schon an und für sich hinreichend, es jedem eifrigen Freunde der
Natur ewig bedauern zu lassen, dass jenes schöne Land uns so fern liegt! Die
Reise dortin ist überdem mit so grossen und vielen Schwierigkeiten verknüpft,
dass sie nur wenigen, von Umständen besonders Begünstigten, möglich werden kann.
Wenig Himmelsstriche sind von der Natur so reich ausgestattet als der Kaukasus,
besonders aber die Umgebungen von Tiflis. Jahrelang, mit täglich erneutem
Interesse könnte man im eifrigsten Naturstudium dort verweilen. Die siedendheiss
den Felsen entsprudelnden Heilquellen stehen keinen in der Welt an Wirksamkeit
nach. Ich selbst habe das kaukasische Gebirge zwar nur aus der Ferne, und Tiflis
leider gar nicht gesehen, als ich auf Befehl unsers Kaisers, die noch viel zu
wenig gekannten Gesundbrunnen bei Konstantinogorsk, besonders den Sauerbrunnen
von Kislawodsk untersuchen musste; letzteren könnte man füglich die Quelle ewiger
Jugendkraft nennen.
    Doch schon um Kislawodsk herum, gleicht das Land den Beschreibungen der
paradiesischen Wohnung unsrer ersten Eltern, fuhr der Arzt in lebhafter
Begeisterung fort; wie schön mag es erst jenseits des Gebirges, um Tiflis herum
sein. Bei einem Kunstfreunde sah ich vor einigen Tagen mehrere, von dem seit
einigen Jahren dort wohnenden berühmten Maler, Karl von Kügelgen, der Natur treu
nachgebildete Landschaften, und konnte mich kaum wieder davon los machen. Der
Kaukasus gleicht weder den Schweizer Alpen, noch dem schottischen Hochgebirge,
alles ist anders, aber nicht minder herrlich. Ein eigner Charakter, im
wundervollsten Wechsel nordischer Erhabenheit und südlicher Üppigkeit, zeichnet
jene Gegenden vor allen Andern aus.
    Sogar Eugen und Richard wurden jetzt zu ihrem höchsten Erstaunen gewahr,
welche fast magische Gewalt die Rede des Arztes auf Iwan übte. Der Starrkrampf,
der so lange ihn gefesselt gehalten, wurde wie durch einen Zauberspruch
plötzlich gelöst, die Züge seines Gesichts gewannen wieder Farbe, Leben und
Ausdruck, seine Brust hob sich leichter atmend, wie neu beseelt. Tagelang hatte
er regungslos wie eine Leiche dagelegen, und jetzt vermochte er sogar mit eigner
Kraft sich im Bette aufzurichten, und als der Arzt den Maler Kügelgen erwähnte,
zog er eine kleine unscheinbare Mappe hervor, die er unbemerkt bei sich
verborgen gehalten, und benetzte sie mit einem Strom von Tränen, den ersten
vielleicht, die er seit seiner Kindheit geweint.
    Das Übel, das mit verzehrender Gewalt ihn befallen, war jetzt nicht mehr zu
verkennen; eben jene kleine unscheinbare Mappe hatte den Ausbruch desselben
veranlasst, oder doch wenigstens beschleunigt. Lange hatte sie unbeachtet, sogar
vergessen, unter andern Papieren begraben, in Iwans Schreibtisch gelegen, als
dieser während Richards Abwesenheit auf den Einfall kam, hier einmal Ordnung
stiften zu wollen. Die Mappe fiel ihm in die Hände; ohne deutlich sich zu
erinnern, was sie entielt, öffnete er sie, und umgeben von Gärten und Bäumen,
von hohen majestätischen Felsengruppen umfriedet, lag das ländliche Haus seines
Vaters vor ihm. Karl von Kügelgens Meisterhand, der jetzt schon ebenfalls, fern
von seinem gemordeten Zwillings-Bruder den langen Schlaf schläft, hatte vor
vielen Jahren, skizzenartig, aber geistreich und treu, diese Zeichnung
entworfen, und bei seinem Abschiede von Iwans gastfreien Eltern, sie ihnen zum
Andenken hinterlassen. In der Staffage des Vordergrundes waren sogar einige
Figuren angebracht, denen im leichtesten Umriss unverkennbare Ähnlichkeit mit
Iwans Eltern und Geschwistern aufgedrückt war.
    Heimweh, tief und verborgen an den Grundfesten seines Lebens nagendes
Heimweh ergriff hyänenartig bei diesem Anblicke den Sohn des Gebirges, und
überwältigte den kaum Genesenden völlig. Er musste diesem wunderbaren, in tausend
verwirrenden Gestaltungen sich zeigenden Übel geistig und körperlich erliegen,
das nur in bleibendem Wahnsinne oder im Tode enden kann, wäre es nicht noch zur
rechten Zeit erkannt worden, um das einzige Mittel das davon heilen kann
anzuwenden, welches aber auch in seiner Wirkung nie täuscht: Wiedersehn!
    Schnell, kräftig, ohne Säumen, mussten jetzt alle Anstalten getroffen werden,
den Unglücklichen zu retten, und durch die gesicherte Hoffnung baldiger
Rückreise in sein Vaterland ihn vor einem Rückfalle zu bewahren, der ihn völlig
dem Untergange zugeführt haben würde. Der kaiserliche Leibarzt stellte ihm ein
Zeugnis aus, mit dessen Hülfe es dem Fürsten Andreas gelang, ihm zu
Wiederherstellung seiner Gesundheit Urlaub auf unbestimmte Zeit zur Rückkehr in
sein Vaterland auszuwirken. Während dessen wurden die besten Massregeln
getroffen, um Iwans Anverwandte von seinem Zustande und seiner baldigen Ankunft
zu benachrichtigen; was allerdings in jenen fernen oft unruhigen Gegenden nicht
so leicht auszuführen ist als bei uns, wo Herr von Nagler Postillionen und
Postpferden Flügel anzusetzen weiss.
    Zuletzt musste auch Richard sich entschliessen den Freund, für den er schon so
viel getan und gelitten, zu begleiten, den man, aus verschiedenen Gründen, auf
einer so weiten Reise nicht wagen durfte, nur sich selbst und der Obhut eines
Dieners zu überlassen.
Betragen wir uns nicht wie Kinder? und zwar wie recht verzogene, verwöhnte
Kinder, die sich anstellen, als ob wunder grosses Unrecht ihnen widerführe, wenn
es nun endlich heisst: für heute ist es genug, morgen kommt wieder ein Tag:
sprach Helena lächelnd zu ihrem im bangen Vorgefühle des nahen Abschieds
versunkenen Freunde.
    Morgen! seufzte Richard, und welche Reihe unheilbringender Tage, die ich
fern von Dir hinleben muss, wird vielleicht dem folgen, der morgen anbricht!
Helena! wüsstest Du, wäre es möglich dass - doch nein. Aus einigen Äusserungen, die
Dir zuweilen entschlüpfen, möchte es mir zwar scheinen, als ob - doch es ist
unmöglich. Wie könntest Du in dieser heitren Unbefangenheit verharren, wenn Du
nur auf das Entfernteste ahnetest, welche Greuel eine Menschenbrust, dicht neben
Dir, verschliessen kann! Morgen reise ich! wer kann vorhersehen, ob meine
Entfernung von Dir sich nicht über die ihr vorgezeichnete Grenze ausdehnen wird?
Ich gehe mit beklommener Brust und centnerschwerem Herzen. Gieb mir den einzigen
Trost mit auf den Weg, der einigermassen mich beruhigen kann; gestehe mir nur das
Einzige, weisst Du, oder kannst Du wenigstens erraten, was es ist, das, gerade
in dieser Zeit, auch die kürzeste Trennung von Dir und den Deinen mir so
ungewöhnlich, so grenzenlos erschwert?
    Wie magst Du nur mit solchen dunklen Fragen und Anspielungen diese Stunde
uns verderben! erwiederte Helena. Indessen, setzte sie nach kurzem Bedenken
hinzu, da es doch scheinen will, als ob Du ohne meine Antwort nicht mit Dir
selbst fertig werden kannst, so will ich auch hierin Dir willfahren, und Dir
gestehen, nicht was ich bloss errate, denn mit dergleichen pflege ich mich nicht
abzugeben, sondern was ich wirklich weiss.
    Mit diesen Worten stand sie auf, und trat dicht vor ihn hin; Richard blickte
forschend sie an, als wolle er durch ihre Augen bis in das Innerste ihrer Seele
dringen; seine zitternde Hand umschloss die ihrigen, die sie ihm ruhig überliess,
sein ganzes Wesen deutete auf heftig gespannte Erwartung; Helena schien das
alles nicht zu bemerken.
    Achte genau auf meine Worte, schiebe keinem derselben eine andere Auslegung
unter, denn wörtlich wie ich es meine, so spreche ich es auch aus, fing sie sehr
ernst und bedeutsam an; was ich weiss, sollst Du jetzt erfahren. Fürs erste weiss
ich, dass es Frauen nicht ziemt in Geheimnisse eindringen zu wollen, an welchen
öffentlich Teil zu nehmen ihr Geschlecht ihnen verwehrt. Dann weiss ich aber
auch, dass Männer durch halbverständliche Andeutungen und Fragen ihnen dieses
bescheidene Zurücktreten nicht erschweren sollen, indem sie dadurch obendrein
sich selbst der Gefahr aussetzen, in einem unbewachten Augenblicke das, was
ihnen das Heiligste sein muss, ihr feierlich gegebenes Wort zu verletzen. Sie
dürfen nie vergessen, dass selbst in dringender Todesgefahr dieser Ausweg ihnen
verschlossen bleiben muss. Schweigend soll der Mann untergehen, schweigend sogar
die Geliebte ins Grab sinken sehn können, wenn nur Meineid sie retten kann. Die
schmerzlichste Trennung müsste ja einer solchen Tat unausbleiblich folgen; weit
schmerzlicher als der Tod muss es sein, in dem einst Geliebten einen
Wortbrüchigen verachten zu müssen.
    Helena schwieg. Richard schlug, geblendet von der Hoheit, welche in diesem
Augenblicke sie umstrahlte, die Augen nieder. Sie sah ihn lange und fest an; ich
sehe, Du hast mich verstanden, sprach sie leise.
    Sieh nicht so schwarz in unsre schöne Welt hinein, in unser an Hoffnungen so
reiches Jugendleben: nahm sie lächelnd wieder das Wort, als Richard in düsterm
Schweigen noch immer vor sich hinstarrte. Was für ein Unheil ist es denn, das
uns heute bedroht? eine Trennung von höchstens drittalb Monaten, denn Deinen
Urlaub wirst Du gewiss nicht überschreiten wollen. Und nach so viel Sorge, Angst
und Nachtwachen am Krankenbette, bedarfst Du zu Deiner Erholung dieser Reise
fast nicht weniger als Dein Freund, den Du in die Arme seiner Familie
zurückführen willst. Unbegreiflicher Verrat eines heiss geliebten Mädchens hat,
wie ich von Eugen vernahm, den Armen dem Wahnsinne, und beinahe dem Tode
zugetrieben.
    Nicht nur die Untreue der Geliebten, viel Grässlicheres noch hat eine Wunde
ihm geschlagen, die keine Zeit heilen kann, sprach Richard.
    Ich denke das Erste allein wäre genug, um seinen traurigen Zustand zu
erklären, fiel Helena ihm ein: übrigens habe ich, so viel ich weiss, ihn nie
gesehen; es wäre indiskret, in seine nähern Verhältnisse eindringen zu wollen.
    Richard sah ein, dass Helena absichtlich alles vermied, was zu Erläuterungen
führen konnte, denen auszuweichen sie fest entschlossen war; er fügte sich ihrem
Willen, so schwer es ihm auch wurde. Ihre beiden Brüder kamen jetzt hinzu, um
den Freund vor seiner Abreise noch einmal zu sehen. Ihre Gegenwart löste jeden
Misston in Richards Gemüt, Helena suchte in der gemässigteren Stimmung ihn zu
erhalten, die allmälig sich seiner bemächtigte, und die Anmut ihres Geistes
trug auch diesmal den Sieg davon. Ehe er sich dessen versah, hatte er von der
Geliebten Abschied genommen, um sich nun zu ihrem Vater zu begeben, der ihn
erwartete, und der ruhigere Schlag seines nur noch von wehmütigem
Trennungsschmerze erfüllten Herzens, das vorhin in wilder Aufregung tobend, ihm
die Brust zu zersprengen drohte, erschien ihm selbst beinahe wie ein Wunder.
Fürst Andreas sass an seinem Schreibtische, als Richard zu ihm hinein trat.
Sorgsam vorbereitet, als gälte es einem geliebten, eine lange, nicht ganz
gefahrlose Reise antretenden Sohne, und nicht dem armen namenlosen Fremdlinge,
der weiter keine Ansprüche an ihn hatte, als die er gütig ihm gewähren wollte,
lag alles ausgebreitet vor ihm, was zur Annehmlichkeit und Sicherheit von
Richards Reise bis an die fernste Grenze des kolossalen Kaiserreiches beitragen
konnte: Kreditbriefe, Reiseroute, Empfehlungen an die bedeutendsten Bewohner und
an die Behörden der Orte, durch welche sein Weg ihn führen musste. Daneben lag
das Tagebuch, welches der Fürst vor mehreren Jahren auf dieser nämlichen Reise
eigenhändig und sorgfältig niedergeschrieben hatte.
    Richard fand bei diesem väterlichen Empfange keine Worte, um sein dankbares
Gefühl laut werden zu lassen. Doch nicht dieses allein war es, was Atem und
Sprache ihm benahm, noch viel Andres erfüllte bis zum Überfliessen sein Herz. Er
wollte zum stummen Beweise seines Dankes wenigstens die Hand seines Wohltäters
an seine Lippen drücken, der edle Fürst zog in väterlicher Umarmung ihn in seine
Arme, an seine Brust, und Richard brach in Tränen aus; er konnte nicht anders,
es war zu viel für das ihn überwältigende Gefühl.
    Der Fürst war weit davon entfernt, diesen Ausbruch seines Gefühls dem
augenscheinlich Tiefbewegten verargen zu wollen, aber doch hielt er es für
geraten, ihn nicht zu bemerken, um nicht in die nächste Veranlassung zu
demselben eindringen zu müssen, welche er dem ihm nicht unbekannt gebliebenen
Abschiedsbesuche bei Helenen zuschrieb.
    Schonend wollte er ihm Zeit lassen sich zu fassen, und nahm deshalb sein
Tagebuch zur Hand, aus welchem er einiges wohl zu Beherzigende ihm mitteilte.
Er sprach viel von den Sitten und Gebräuchen der Völker, mit denen Richard
unterwegs in Berührung kommen würde, priess die erfreulichen Fortschritte der
Kultur in Georgien, seit dieses Volk beim Anfange dieses Jahrhunderts, unter dem
Kaiser Paul, sich freiwillig dem russischen Scepter unterworfen, vergass aber
auch nicht die wilden Horden der Tschetschen und Tscherkessen zu erwähnen, die
zu grossen Räuberbanden vereint, oft gleich einem Heuschreckenheere das Land
überfallen und den Reisenden gefährlich werden.
    Dann kam er auf die Behandlung des Landbaues, dessen Verbesserung unter
diesem günstigen Himmelsstriche, in diesem üppig fruchtbaren Boden, seiner
Behauptung zufolge, noch Vieles zu wünschen übrig lässt; zuletzt erwähnte er das
dortige Fabrikwesen, die Stoffe in Gold, Silber und Seide, die köstlichen
Shawls, die reichen Teppiche jener Länder. Hier befand sich der gute Fürst in
seinem Elemente, fröhlichen Mutes schwang er sich auf sein
Lieblings-Steckenpferd, und tummelte sich eine gute Weile zwischen Plänen und
Ideen zur Vervollkommnung jener Fabrikate und Erleichterung der Verbreitung
derselben durch den Handel, ganz lustig herum. Richard hörte, wenigstens
scheinbar aufmerksam, ihm zu, als der Fürst, der jetzt ihn ruhiger geworden
glaubte, mitten in Aufträgen, die er in Hinsicht auf jene Pläne zum allgemeinen
Besten ihm gab, sich selbst plötzlich unterbrach.
    Bin ich töricht, rief er, Dich da mit Dingen zu behelligen, die
wahrscheinlich ganz ausserhalb des Bereichs Deines Wirkungskreises liegen bleiben
werden! Denn das kaukasische Gebirge wirst Du wohl nur von fern erblicken, und
die uralte Stadt Tiflis gar nicht, was mir freilich sehr leid tut. Iwans
Verwandte kommen vermutlich noch diesseits des Gebirges ihm entgegen, um nach
der ihm zu seiner völligen Genesung verordneten Heilquelle von Kislawodsk ihn zu
begleiten, die an belebender Kraft freilich ihres Gleichen in der Welt nicht
hat. Auch Dir möchte der Gebrauch dieses wunderbaren Wassers ebenfalls sehr
heilsam sein, aber es wird Dir an Zeit dazu mangeln; Du darfst Deinen, ohnehin
auf ungewöhnlich lange Zeit Dir gewährten Urlaub, in keinem Falle überschreiten,
und in jenen Gegenden, auf schlechten, zum Teil fast ungebahnten Wegen, kommt
man so rasch nicht vorwärts als bei uns. Du hast auch auf die noch schwachen
Kräfte Deines Freundes Rücksicht zu nehmen; pflege ihn sorgsam, und fahre ja in
jeder Hinsicht fort, ein wachsames Auge auf ihn zu halten. In jeder Hinsicht, Du
verstehst mich? in jeder Hinsicht: wiederholte der Fürst, indem er einen ganz
eignen Nachdruck auf diese Worte legte. Und nun lass uns beim Abschiede uns kurz
fassen, ich liebe keinen langen, setzte er sehr mild, fast weich werdend hinzu;
geh' jetzt, mein Sohn, kehre mit neugestärkter Lebenskraft zur rechten Zeit in
Deine Heimat zurück. Gehe, wiederholte er sich abwendend, mit einer
verabschiedenden Bewegung der Hand, als er bemerkte, dass Richard in
augenscheinlich höchst leidenschaftlicher Aufregung stehen blieb.
    Der Fürst blickte sehr ernst, wenn gleich nicht zürnend ihn an; es herrschte
in dem ziemlich geräumigen Zimmer eine Stille, man hätte den Fall einer
Stecknadel hören können, und Richard stand noch immer lautlos und unbeweglich.
    Hast Du noch etwas auf dem Herzen, mein Sohn? fragte endlich Fürst Andreas;
dass Du mir vertrauen darfst, weisst Du, doch ermahne ich Dich, Eines wohl in
Überlegung zu ziehen, ehe Du den Gedanken laut werden lässest, der noch in
Unentschiedenheit auf Deinen Lippen zu schweben scheint; bedenke wohl, dass das
einmal ausgesprochene Wort kein Gott wieder zurückruft, es ungehört zu machen
liegt ausser dem Gebiete der Möglichkeit; und doch gibt es Dinge, die weder Dir
auszusprechen, noch mir anzuhören, für jetzt wenigstens durchaus noch nicht
ziemen will.
    In steigender, mit sich selbst ringender Spannung, stand Richard noch immer
schweigend da.
    Noch eines empfehle ich Dir wohl zu beherzigen, fuhr der Fürst halb
verlegen, halb missmütig fort: hüte Dich vor Ungeschick und Übereilung, bedenke
dass der Verständige geduldig es abwartet, bis durch des Himmels Begünstigung und
sein eignes Bemühen die Frucht am Baume gereift ist; nur ein Tor wird vor ihrer
gänzlichen Entwickelung, gleichsam noch halb in der Blüte, sie herunterreissen
wollen. Nur dem vollendeten Tagewerke gebührt der Lohn. Um zu zeitigen, muss man
allem was zeitigen soll, Zeit lassen; die Lehre liegt schon in dem Worte allein.
    Dem armen Richard wurde es immer ängstlicher und befangener zu Mute; die
Worte, die Blicke seines Wohltäters, alles verwirrte ihn. Dass die dunkeln, ihm
ganz unverständlichen Reden desselben nur dahin abzwecken sollten, ihn von einem
übereilten Geständnisse seines Verhältnisses zu Helena abzuhalten, das kam ihm,
der noch nie daran gedacht hatte, durchaus nicht in den Sinn. Zwar hatte der
Fürst durch absichtliches Nichtbemerken, und auch auf andre Weise diesem
Verhältnisse gewissermassen seine Zustimmung gegeben, aber es lag in seinem
Plane, es zu ignoriren, während er es duldete, und Richards seltsames Benehmen
hatte ihn wirklich eine Erklärung befürchten lassen, die wenigstens für jetzt
ihn sehr unangenehm berührt haben würde. Richard aber, in diesem Augenblicke nur
von einem einzigen Gedanken erfüllt, legte den geheimnisvollen Warnungen seines
Beschützers eine Deutung unter, deren Grässlichkeit ihn mit Angst und Schauer
ergriff. Und so standen beide einige Sekunden lang im seltsamsten gegenseitigen
Missverstehen einander schweigend gegenüber.
    Richard hielt es nicht länger aus. Ausser sich, bebend, als gelte es die
ewige Seligkeit, warf er, zum erstenmale in seinem Leben, sich dem Fürsten zu
Füssen, und umfasste dessen Kniee.
    Was soll das? rief dieser heftig, indem er zürnend zurücktrat: Komödie wirst
Du doch mit mir nicht spielen wollen?
    Eine verneinende Bewegung, ein flehendes Aufblicken zu ihm, waren die
einzige Antwort, welche Richard aufzubringen vermochte.
    Mein Sohn, sprach der Fürst in etwas ruhigerer Fassung, nochmals warne ich
Dich, hüte Dich vor Unbesonnenheiten, denn es gibt Dinge, die ich mit dem
besten Willen selbst Dir nicht ungeahndet hingehen lassen darf. Ich fordre
nochmals Dich auf, dieses nie zu vergessen. Und nun entdecke mir, was so schwer
auf Deinem Herzen zu lasten scheint, wenn Du nach dieser sehr ernst gemeinten
Warnung überzeugt bist, es zu dürfen. Aber nicht so: setzte er hinzu, indem er
des noch immer vor ihm knieenden Richard Arm ergriff: mir gegenüber, Auge in
Auge, wie es zwischen freien Männern sich gebührt.
    Mitleid! Erbarmen! Rettung erflehe ich; nicht für mich! aus mir werde was
mein Schicksal will; rief Richard, kaum seiner selbst mächtig, indem er von den
Knieen sich erhob: für Sie, mein Beschützer, mein Wohltäter, mein Vater,
Rettung für Sie, für die Ihrigen, für Millionen Menschen, für unser grosses
heiliges Vaterland.
    Ich verstehe nicht was Du meinst, erwiederte voll Erstaunen der Fürst.
    Hier auf dieser Stelle möchte ich mein Herzblut vergiessen, allem entsagen,
was mir auf Erden am teuersten ist, wüsste ich dadurch Sie zu bewegen, auf mein
Flehen zu hören: fuhr Richard aus vollem überströmenden Herzen fort. Ein
unaussprechliches vorahnendes Gefühl verfolgt mich Tag und Nacht; fürchterliche
Angst, die mich so von hier nicht scheiden lassen will, Dankbarkeit, Pflicht,
alles treibt mich, und sollte Ihr Zorn darüber ewig mich verfolgen, ich muss
flehend Sie beschwören, o treten Sie zurück aus jenem fürchterlich entarteten
Bunde! vernichten Sie jene Rotte, deren teuflische Künste Sie und uns Alle zu
umgarnen trachten; jene sogenannten Söhne des Vaterlandes, die Tugend und
Vaterlandsliebe auf der Zunge, über vom Fürsten der Finsternis, im tiefsten
Abgrunde der Hölle ersonnene Verbrechen brüten; vor allem aber das würdige
Werkzeug desselben, jenen gleissnerischen trügerischen Buben - -
    Das wäre es also? das quälte Dich, und darüber, glaubst Du, könnte ich Dir
zürnen? Nein, wahrlich, auf diese Entdeckung mich vorzubereiten, bedurfte es so
grosser Umwege nicht; unterbrach ihn sehr freundlich der sichtbar erleichterte
Fürst. Guter, redlicher Mensch, wie könnte ich Deine Absicht verkennen? komme
nur wieder zu Dir selbst, fasse, beruhige Dich, und Du sollst erfahren, wie
überflüssig Deine grosse Sorge war. Dass ich Dir immer Vertrauen schenkte, so viel
Deine grosse Jugend und Deine Stellung im Leben dieses erlaubten, habe ich Dir
oft mit der Tat bewiesen. Von diesem Augenblicke an verlasse ich mich auf Dich,
wie auf mich selbst, und Du sollst alles erfahren; doch lass uns das Wichtige mit
geziemender Ruhe behandeln.
    Was Du verlangst, ist grösstenteils vollbracht: fing der Fürst mit dem
väterlichen Ausdrucke innigen Wohlwollens an, als Richard von jener gewaltsamen
Aufregung sich völlig erholt hatte. Der Bund, den Du mit grossem Rechte entartet
nennst, zerstiebt einstweilen in sich selbst, und seine förmliche Auflösung, die
doch nicht ganz unbemerkt vorüber gehen möchte, wird dadurch überflüssig. Gleich
nach jener letzten grossen Versammlung, die wohl keiner jemals vergessen wird,
der ihr beiwohnte, hat eine ziemlich bedeutende Anzahl der Verbündeten vor dem
Rate der Alten den Wunsch um Entlassung aus demselben erklärt; ohne Zögern ward
er jedem mit der Versicherung gewährt, dass der Bund ohnehin als völlig
aufgelöset zu betrachten sei. Zwar haben wir schon früher denen, die in ihrem
Eifer etwas lauer zu werden schienen, das Nämliche aus Vorsicht gesagt, doch
diesesmal verhält es sich wirklich so; der Bund ist völlig im Verfalle und
seinem Ende nahe; wer nicht Mut genug besitzt, um förmlich ihm zu entsagen, der
tritt schweigend zurück, oder verreiset auf einige Zeit; und zu diesen letztern
zählen sich Männer von grosser Bedeutung, die einst zu den ersten Stiftern unsrer
Verbindung gehörten.
    Richard war jetzt nicht nur ruhig genug, um ein sehr aufmerksamer Zuhörer zu
sein, er hatte auch sogar den Mut gewonnen, einige Zweifel an der wirklichen
Aufhebung des Bundes zu äussern, vor allem aber sein bittendes Warnen in Hinsicht
auf den Obrist Pestel zu wiederholen.
    Ich bitte mir hierin unbedingten Glauben zu gewähren, der Bund sinkt
schnell, ohne äusseres Zutun, und deshalb um so unaufhaltsamer seiner völligen
Auflösung zu; erwiederte Fürst Andreas. Seit jener Nacht hat keine grosse
Versammlung wieder Statt gehabt; doch während Du an Iwans Krankenbette wachtest,
sind wir nicht müssig geblieben; eine kleine Auswahl wahrhaft wohlgesinnter
Freunde hat oft sich versammelt, um sich über das was zuvörderst Not tut zu
beraten; dass Pestel nicht in ihrer Mitte war, brauche ich wohl nicht zu
versichern. Er und sein Tun sind uns jetzt kein Geheimnis mehr; wir kennen ihn
jetzt, jenen eifrigen Verfechter der Freiheit, der alles vor sich niedertreten
möchte, um sich selbst zu erheben. Das Lügengewebe liegt ausgebreitet vor uns,
mit dessen Hülfe es ihm damals gelang unsern Sinn zu verwirren, so dass er jenem
Abgrunde des Verbrechens uns zutreiben konnte, vor welchem des armen Iwans
ausbrechender Wahnsinn wie durch ein Wunder uns bewahrte. Entlarvt steht er vor
uns, der grosse Künstler, und es wird keines zweiten Wunders bedürfen; wir kennen
ihn jetzt, und das sichert vor ihm und seinen Künsten.
    All' unser Wollen und Beabsichtigen war rein, wie das Licht der ewigen
Wahrheit, ehe jener aus List, Ehrgeiz, und nichts heilig achtendem Egoismus
zusammengesetzte Fremdling, in unsern engen Freundeskreis sich einzuschleichen
wusste; fuhr der Fürst im Verlaufe des immer ernster und angelegentlicher sich
gestaltenden Gesprächs fast klagend fort. Unsre Pläne für das allgemeine Wohl
des Vaterlandes waren solcher Art, dass selbst die grosse edle Seele unsers
Czaars, den Gott uns noch lange erhalten möge, weder seinen Beifall, noch selbst
seine Unterstützung ihnen versagt haben würde, wären wir mit der Ausbildung
derselben nur so weit ins Klare gekommen, dass wir sie, wie es unser fester Wille
war, ihm hätten vorlegen können. Doch Pestel wusste dieses heimlich zu
verhindern; gleich einem geschickten Taschenspieler leitete er durch allerlei
Künste unsre Aufmerksamkeit von dem Punkte ab, dem wir sie ausschliessend hätten
zuwenden sollen. Nicht Abänderung einiger verjährten Missbräuche, die für unsre
Zeit nicht mehr passen, nicht Verbesserung der Zustände, wie sie jetzt noch
bestehen, will er mit uns vereint herbeiführen. Alles umwerfen, alles
vernichten, und dann auf rauchenden Ruinen sich einen Tron erbauen, das ist
sein Plan, den wir glücklicher Weise jetzt durchschauen.
    Im engern Kreise stellt er uns immerwährend die vereinten Staaten von
Nordamerika als Vorbild auf; immer lässt er die unsinnige Idee durchblicken,
dieses unübersehbar grosse Reich in eine Republik umzuwandeln. Unser Washington
möchte er werden; er ein Washington! eher ein Bonaparte, wenn Glück, Talent und
Gelegenheit ihn wie diesen begünstigen möchten, und die ewige Barmherzigkeit
zwei solcher Zuchtruten, so schnell auf einander folgend, auf die kaum befreit
aufatmende Welt herabsenden wollen könnte.
    Die blutigen Gräuel wilder Anarchie, welche zur Zeit des Terrorismus unter
Marat, Robespierre, und den übrigen Hyänen in Menschengestalt das unselige
Frankreich verwüsteten, sind, wie er behauptet, hier durchaus undenkbar; denn,
spricht er, in Paris ging die Revolution vom Pöbel aus, hier wird sie von der
Armee ausgehen; aber zu seinem eigenen Verderben wird er erfahren, in welchen
ungeheuern Irrtum er verfallen ist. Zwar unterlässt er nichts, was dazu dienen
kann, den Soldaten gegen seinen Oberherrn zu erbittern; wir folgen ihm auf jedem
seiner Schritte, und es entgeht uns nicht, wie er mit unmenschlicher Härte, oft
sogar schreiend ungerecht, leichte militairische Vergehungen bestraft, und dann
es heuchelnd bedauert, durch expressen Befehl von höchster Hand zu so unbilliger
Strenge gezwungen zu sein. Doch es wird, es kann ihm nie gelingen; der russische
Soldat ehrt Gott wie seinen Kaiser, und seinen Kaiser wie Gott; in dem rohen
aber treuen Sinne dieser einfachen unverbildeten Gemüter, schmilzt der Begriff
von Beiden in Eins zusammen.
    Sobald Pestel und seine Genossen irgend eine Äusserung wagen, die mit dem
natürlichen Pflichtgefühle des gemeinen Soldaten nicht ganz vereinbar ist, frägt
dieser gleich: ist das aber nicht gegen unsern Eid? und weiss der Kaiser darum?
    Einige Stunden waren in diesem, für beide Teilnehmer gleich interessantem
Gespräche unbemerkt vergangen; denn dass Fürst Andreas nicht immer allein das
Wort führte, und über vieles weitläuftiger sich verbreitete, was hier enge
zusammen gedrängt erscheint, bedarf wohl kaum erwähnt zu werden. Mitternacht war
vorüber, die unvergleichlich schöne kurze Sommernacht des hohen Nordens begann
schon dem Tage zu weichen. Heller und immer heller flammte es im Osten auf, den
nahen Aufgang der Sonne verkündend, als endlich Richard mit sehr erleichtertem
Gemüte von seinem hohen väterlichen Freunde Abschied nahm.
    Sein Weg führte an dem Hotel des Grafen Stephan ihn vorüber, den er, auf
mancherlei Weise daran verhindert, seit längerer Zeit nicht gesehen. Tiefe
nächtliche Stille deckte noch das grosse Gebäude; für den Abschiedsbesuch, den er
hier abzulegen sich vorgenommen, war es jetzt beides, zu spät und zu früh
geworden. Er wandte daher ohne Säumen sich seiner Wohnung zu, wo er Iwan noch
schlafend, und für sich selbst noch ein paar Stunden zum Ausruhen zu finden
hoffte. Zu seinem Erstaunen kam Iwan schon völlig reisefertig ihm beim Eintritte
entgegen, und drang mit fliegender Ungeduld auf augenblickliche Abreise.
    Nur fort, nur fort aus dieser geschniegelten Welt, rief er in fieberhafter
Hast: hier brennt der Boden mir unter den Sohlen, ich kann nicht atmen, der
Himmel lastet schwarz und schwer, gleich dem Deckel eines Sarges, auf mir, und
nur daheim in meinen Bergen weht frische Lebensluft.
 
                                 Zweiter Teil
Vorwärts, nur immer vorwärts! trieb Iwan unaufhörlich, abwechselnd bittend und
fluchend, in fieberhafter Rastlosigkeit. Grosse Staubwolken wirbelten zum Himmel
auf, die kleinen zottigen Pferde keuchten in fliegendem Galopp, unter
fortwährendem Peitschenknallen der durch unerhörte Trinkgelder zu unerhörten
Taten begeisterten Postillione, vor der leichten Kibitka. So ging es, bei
Sonnen- und Mondenschein, bergauf bergab, die langen heissen Tage, die
wundervollen lauen Nächte hindurch, bis endlich Moskau erreicht war.
    Nur wenn glücklicher Weise einmal am Wagen etwas brach, ein Pferd stürzte,
oder die Räder bei der übergrossen Eile in Brand gerieten, nur durch solch einen
willkommnen Zufall war es Richard einigemal gelungen, eine kurze Zeit zum
Ausruhen zu gewinnen. Doch durfte diese erzwungene Ruhe nie zu lange währen,
wenn Iwans krankhafte Ungeduld nicht bis zum Unerträglichen sich steigern
sollte. Der Unglückliche glaubte dann in jedem auf ihn zuschreitenden Reisenden
den Boten zu sehen, der gesandt sei ihn gewaltsam zurück nach Petersburg zu
führen, und brach in so ängstliche herzzerreissende Klagen aus, dass Richard der
eigenen Ermüdung darüber gern vergass, und die Fortsetzung der Reise auf jede
Weise zu beschleunigen suchte, aus Furcht, Iwan könne bei längerem Verweilen
zurück in seinen vorigen trostlosen Zustand, oder wohl gar in unheilbaren
Wahnsinn verfallen.
    In unglaublich kurzer Zeit hatten die Reisenden auf diese Weise den weiten
Weg bis Moskau zurückgelegt, ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden. Der
Anblick der ihm wohlbekannten Plätze und Strassen, der Häuser und Paläste, wirkte
beruhigend auf den sonst rastlosen Iwan. Er rief jene genussreiche Zeit ihm
zurück, die er bald nach der Trennung vom Vaterlande hier verlebte; hierher war
er mit frischen Sinnen, ein mit dem ernsteren Gange des Lebens noch unbekannter
Neuling in der Welt, zuerst gekommen; warum, dachte er, sollte er von hier aus,
wo er schon auf halbem Wege sich befand, nicht wieder in sein Vaterland
zurückgelangen können? Ein wunderlicher Schluss, wie er wohl in einem so tief und
so schmerzlich zerrütteten Geiste nur entstehen konnte; aber er besänftigte doch
die bis aufs höchste getriebene Spannung seiner Nerven. Iwan fing an sich
ermüdet zu fühlen; zum erstenmal seit Petersburg erblickte er im Spiegel seine
bis zum Unkenntlichen veränderte Gestalt, und verlangte jetzt selbst sich hier
einige Tage zu erholen.
    Nein, sprach er: so darf meine Mutter ihren Sohn nicht wieder finden, sie
könnte den Tod davon haben! ich halte es hier wohl einige Zeit aus; sehe ich
doch schon einzelne Gestalten in der Tracht meines Landes an meinem Fenster
vorüber ziehen, schallen doch schon zuweilen einige Töne aus meiner
Muttersprache erquicklich zu mir herauf, auch wehen heimatliche Lüfte mich
schon an, und ermutigen mir zum schönsten Hoffen das gesunkene Herz.
    Richard trachtete vor allem den Freund in dieser heilsamen Stimmung zu
bestärken; er führte, freilich mit grosser Auswahl, einige seiner früheren
Bekannten ihm zu, um ihm die Zeit zu verkürzen, und hielt sich und seinen Freund
für völlig geborgen, als er durch einen glücklichen Zufall einen wohlhabenden in
Moskau etablirten Teppichhändler aus Tiflis auffand, der mit seiner Vaterstadt
unaufhörlich in Handelsverbindungen stand. Dmitry, so hiess der gute freundliche
Mann, schloss jetzt seinen Laden gern ein Stündchen früher als gewöhnlich, um
regelmässig jeden Abend zu seinem Landsmanne zu eilen, und über einer Pfeife
ächten türkischen Tabak, von dem geliebten Vaterlande, und auch von Iwans
Familie sich mit ihm zu unterhalten, die er früher persönlich gekannt hatte.
    Während Iwan auf diese Weise beschäftigt, recht gern in seinem Zimmer blieb,
gelassen der Ruhe pflegte, und nur fleissig im Spiegel nachsah, ob er bald im
Stande sein würde vor seiner Mutter zu erscheinen, ohne sie allzu sehr zu
erschrecken, lebte Richard ganz ungehindert in den Erinnerungen, freudigen und
trüben, die hier bei jedem Schritte, tausendfach gestaltet, sich ihm
entgegendrängten. Von seinem Herzen unwiderstehlich gezogen, galt sein erster
Ausgang dem jetzt verödeten Palais des Fürsten Andreas.
    Indem er quer über den Vorhof dem einzigen jetzt offenen Seiteneingange
desselben zuschritt, fiel eine aus diesem heraustretende Gestalt durch ihr
seltsames Benehmen ihm auf; ein alter Russe, in der noch immer unter dem
Bürgerstande üblichen Nationaltracht, mit einem, die ganze untere Hälfte des
Gesichts verbergenden, sehr respectablen schneeweissen Barte, der von einem Ohre
bis zum andern reichte, und ungewöhnlich lang, sich stattlich über die Brust
hinbreitete. Die Augen blinzelten kaum sichtbar unter den grauen, buschigen
Augenbrauen hervor, und eine grosse Mütze, mit tief hereingehenden Ohrenklappen,
verdeckte fast gänzlich den übrigen Teil des Gesichts. Indem er an Richard
vorüber ging, schien er wie erschreckt zusammenzufahren, mass ihn dann mit
schnellem scharfem Blicke, wandte aber sogleich den Kopf nach der andern Seite,
als Richard ihn anreden zu wollen schien, und eilte schneller davon, als man es
seinem Alter hätte zutrauen sollen.
    Die ganze abenteuerliche Figur hatte etwas Lächerliches, aber auch zugleich
Grausiges; Richard, als sie an ihm vorüber geglitten war, konnte es nicht lassen
sich noch einmal nach ihr umzusehen; sie war verschwunden, der Hof war leer,
doch als er schärfer hinblickte, wurde er den Weissbart draussen, hinter dem
offenstehenden Türflügel gewahr, wie er durch die Spalte zwischen Tür und
Angel ihn beobachtete.
    Schon wollte Richard auf ihn zueilen, um ihn um den Grund seiner sonderbaren
Aufmerksamkeit zu befragen, doch eben trat einer der Diener des Fürsten in den
Hof hinaus, der ihn sogleich erkannte; das überlaute Freudengeschrei, das er
erhob, versammelte in einem Augenblicke die ganze Dienerschaft, vom Höchsten bis
zum Geringsten um Richard her, lauter treue ihm wohlbekannte Gesichter, welche
der Fürst zum Schutze und zur Erhaltung der Ordnung in seinem Hause gelassen.
Sie umfassten seine Kniee, küssten seine Hände, seine Schultern, seine Arme, sogar
seine Stiefeln, den Saum seiner Kleider, und er hatte in dem allgemeinen Jubel
nicht Hände, nicht Atem, nicht Worte genug, um jedem Einzelnen zu danken, jeden
Gruss besonders zu erwiedern! Eine Freude war unter diese treuen Seelen gekommen,
als ob einer der Söhne ihres Herrn, ja ihr Herr selbst, unvermutet heimgekehrt
wäre.
    Und als nun der erste freudige Tumult sich gelegt, Richard wie im Triumphe
in die Wohnung des Kastellans geführt worden war, da ging es an ein
gegenseitiges Fragen und Erzählen, ohne Anfang noch Ende; die Stunden flogen,
Richard hatte sich verspätet, ehe er sich dessen versah. Um schneller nach Hause
zu gelangen, warf er sich in eine der immer bereit stehenden Droschken; nach dem
seltsamen Weissbart sich zu erkundigen, wie er es sich vorgenommen, hatte er über
all' den Jubel vergessen, und würde schwerlich seiner wieder gedacht haben,
hätte er nicht beim Aussteigen vor der Türe seines Hotels ihn ebenfalls in
einer Droschke, in welcher er wahrscheinlich der seinen gefolgt war, langsam an
sich vorüber fahren gesehn.
    Von nun an bemerkte er überall die nämliche rätselhafte Gestalt; wohin er
sich auch wenden mochte, erblickte er sie, doch nie in solcher Nähe, dass er sie
hätte anreden können; so oft er dieses auch versuchte, gleich war sie
verschwunden, er wusste selbst nicht wie noch wohin.
    Richard fing allmälig an, dieses Abenteuer bedenklich zu finden; die
mancherlei im Schwange gehenden Sagen von der Unsicherheit der Gegenden, durch
welche der doch noch vor ihnen liegende Weg sie führen musste, stiegen in
abschreckender Gestalt vor ihm auf. Er gedachte der Räuberhorden, der
furchtbaren Tschetschen und Tscherkessen, welche sogar an jenem letzten
unvergesslichen Abende in Petersburg sein edler Beschützer warnend erwähnt hatte.
    Wie, wenn jener mich so auffallend verfolgende Alte ein, mit einer jener
Räuberbanden in Verbindung stehender Kundschafter wäre, der in irgend einem
abgelegenen Winkel uns ihrer überlegenen Zahl ausliefern wollte? dachte er.
    Es kam ihm selbst fast lächerrlich vor, doch konnte er den einmal gefassten
Gedanken nicht wieder los werden, und begab sich zu dem des Landes kundigen
Dmitry, um sich mit diesem darüber zu besprechen; doch indem er dem Hause
desselben sich näherte, sah er zu seinem höchsten Erstaunen den rätselhaften
Weissbart aus demselben hinaustreten, der, sobald er seiner gewahr wurde, sich
mit bewundernswürdiger Leichtigkeit in seine bereit stehende Droschke warf, und
über Hals und Kopf davon jagte.
    Wer war das? fragte Richard ihm unverwandt nachschauend, ohne die vielen
Komplimente zu beachten, mit welchen der aus seinem Laden ihm entgegen kommende
höfliche Teppichhändler seine Freude über den unerwarteten Besuch ausdrückte,
und ihn einlud näher zu treten. Wer war das? fragte Richard noch einmal kurzweg.
    Wer? wo? wie? wer das war? wen meint Ihr, Herr? erwiederte Dmitry und sah
verwundert nach allen Seiten sich um. Ihr meint vielleicht den alten Grischa?
der eben bei mir, zum Geburtstagsgeschenk für seine Frau, einen recht schönen
Teppich gekauft hat? setzte er nach einigem Besinnen hinzu: ich habe ihn
wohlfeil weggegeben, spottwohlfeil, sage ich Euch. Man sollte dergleichen nicht
tun, es verdirbt den Preis, und die Zeiten sind schwer; doch einem alten
Bekannten zu Gefallen! seufzte er, ächt kaufmännisch die Achseln zuckend.
    Einem alten Bekannten? Ihr kennt den Mann, der eben von Euch wegfuhr, schon
seit längerer Zeit? fragte Richard nochmals, indem er mechanisch Dmitrys
Einladung Folge leistete.
    Was sollte ich den alten Grischa nicht kennen? kennt ihn doch halb Moskau!
war die Antwort. Er ist seines Zeichens ein Kaviarhändler, und wohnt unfern
Eurem Hotel. Der Kerl ist ein Geck, wie Ihr schon aus seinem grossen Barte
ersehen könnt, auf den er sich nicht wenig einbildet, und den er, lange vor der
Zeit, durch allerlei Salben sich künstlich so weiss gebleicht hat, weil das bei
Einigen für eine grosse Schönheit gilt. Wie gesagt er ist ein Narr, aber in
seinem Geschäft pfiffig und gescheit genug. Hat er doch ein Geld
zusammengescharrt! aber sein Kaviar geht auch weit und breit in der Welt umher,
man sagt sogar bis nach Italien! Nach Danzig, nach Hamburg, nach Berlin reisen
seine Diener alljährlich mit grossen Quantitäten, soviel ist gewiss.
    Richard bekannte, in welchem schweren Verdachte er den harmlosen Weissbart
gehalten, und Dmitry meinte vor Lachen darüber zu sterben. Grischa ein
Räuberhauptmann! rief er einmal über das andre, und hielt sich die Seiten,
während helle Tränen ihm über die Wangen rollten. Eigentlich ist mir das Ding
wohl erklärlich: fing er an, nachdem er wieder ein wenig zu sich selbst gekommen
war. Neben seinen übrigen vortrefflichen Eigenschaften hat er auch noch die,
neugierig zu sein, wie eine Nachtigall. In diesen heissen Sommertagen hat er in
seinem Handel wenig zu tun, da treibt er sich denn vom Morgen bis zum Abend in
den Strassen herum, etwas Neues aufzuspüren; läuft allen Fremden nach, ist aber
zu blöde, um ihnen Rede zu stehen. Ihr, Herr, seid nicht der Erste, dem dieses
auffällt.
    Der gastfreie Dmitry hatte während der Zeit die köstlichsten Erfrischungen,
die in seinem Bereiche lagen, auftischen lassen, und fing jetzt an mit einem
Anerbieten heraus zu rücken, dessen Annahme, wie er ein wenig sarkastisch
lächelnd hinzusetzte, die Reisenden gegen die Angriffe des tapfern Grischa und
seiner Bande genugsam sichern müsse.
    Längst schon, sprach er, rufen mich meine Geschäfte nach Nachitschewan, dem
sehr anmutig gelegenen und zugleich wohlhabendsten Handelsstädtchen im Lande;
es liegt am Wege nach Kislawodsk, wohin Ihr der Bäder wegen übermorgen
abzureisen gedenkt, wie ich höre. Ich hätte schon längst mit meinen
Korrespondenten in Nachitschewan einmal persönlich abrechnen sollen, aber der
Weg ist weit. Die Reise ist zwar, besonders in dieser Jahreszeit, bei weitem
nicht so beschwerlich, die Wege weder so gefährlich noch so unsicher, als
Reisende, die oft gern den Mund etwas weiter auftun als nötig wäre, es
beschreiben. Aber man legt ihn doch immer lieber in guter zahlreicher
Gesellschaft, als allein zurück. Wollt Ihr mir nun übermorgen erlauben mit
meinem eigenen Fuhrwerke, in Begleitung einiger meiner Diener mich Euch
anzuschliessen, so würde sie mir zur angenehmsten Spazierfahrt werden, und als
einem des Landes Kundigen möchte es mir auch wohl gelingen, zu Euerer und Iwans
Bequemlichkeit und Sicherheit mich als nicht ganz überflüssig auszuweisen.
    Nichts konnte erwünschter sein, als dieser Vorschlag, der sogleich freudigst
angenommen wurde. Die Reise ging zur bestimmten Zeit, unter den glücklichsten
Vorbedeutungen vor sich; die beiden Kibitken nebst dem von mehreren Dienern
begleiteten Packwagen des Kaufmanns, bildeten eine kleine ganz stattliche
Karawane; für reichlich gefüllte Flaschenkeller und Speisekober, so wie für
alles, was sie in diesem, doch noch immer etwas unwirtbaren Lande, vermissen
konnten, hatte Dmitry bestens gesorgt. Iwan ergab sich darein, allnächtlich zu
ruhen, die fieberhafte Angst war von ihm gewichen, die zwischen Petersburg und
Moskau ihn so gewaltsam vorwärts getrieben. Heitern Mutes durchzogen die
Reisenden so manche lange, öde, unwirtbare Steppe, bis sie an die üppig
blühenden Ufer des Don gelangten. Hier atmete Iwan schon heimatliche Luft;
vollkommen genesen, schwelgte er in der Vorempfindung des nahen Wiedersehens,
während Richard, durch Dmitry jeder Sorge um seinen Freund entoben, der ihm
neuen Welt sich freute, die ihn umgab. Alles entzückte ihn, der reine blaue
Himmel, der schöne Strom, den zahllose Schiffe und zierlich bemalte Barken
belebten, die vielen Städtchen und Dörfer, die an seinen Ufern sich hinziehen,
denn Richard war weit davon entfernt gewesen, hier nur etwas dem Ähnliches zu
erwarten; Dmitry aber, aus purer Dankbarkeit dafür, dass sie bisher alles, was er
für sie getan, sich so wohl hatten gefallen lassen, verdoppelte seinen Eifer in
der Vorsorge für die Freunde.
    Schon waren sie dem Ziele, das Dmitry zu ihrer Begleitung festgestellt
hatte, ziemlich nahe; sehr ermüdet von einer ungewöhnlich starken Tagereise
langten sie, als die Sonne schon im Sinken war, in Rostow an, wo sie sich
vorgenommen hatten zu übernachten. Rostow ist ein lebhaftes, sehr wohlhabendes
Handelsstädtchen, hart am Ufer des hier ungewöhnlich fischreichen Don; Fische
sind daher das Haupterzeugniss des Ortes; gedörrt, gesalzen, geräuchert, in allen
nur erdenklichen Gestalten, werden sie von hier aus weit und breit umher
verschickt; Alt und Jung, Weiber und Kinder, sieht man überall, an allen Ecken
und vor den Türen der Häuser, mit der Zubereitung derselben beschäftigt, was
freilich, besonders an warmen Sommertagen, die das Städtchen umgebende
Atmosphäre eben nicht zur angenehmsten macht; man muss daran gewöhnt sein, um sie
ertragen zu können. Ungeachtet ihrer Ermüdung, und obgleich Rostow eigentlich
der Punkt war, wo ihr Weg von dem ihres bisherigen treuen Begleiters sich
trennte, gaben die Reisenden doch dem Rate und den Bitten des Dmitry gern
Gehör, die wenigen Werste nicht zu scheuen, und ihm vollends bis Nachitschewan
ihre Gesellschaft zu gönnen. Es war schon späte Nacht, als sie dort vor dem
Hause eines armenischen Kaufmannes, Namens Ilia anlangten, der, ein Gastfreund
ihres Freundes, sie sehr zuvorkommend empfing, und sogleich in die, dem
Anscheine nach längst für sie bereit gehaltenen Zimmer führte.
Das ganze freundliche Städtchen Nachitschewan bildet eigentlich einen einzigen
grossen Bazar. Mit den köstlichsten, wie mit den gewöhnlichsten Erzeugnissen des
Orients angefüllte Magazine und Läden, nehmen fast durchweg den ersten Stock der
Häuser ein, und in den mannigfaltigsten Trachten drängt lautes buntes Gewimmel
von Käufern und Verkäufern sich in den lebensreichen Strassen.
    Auch auf dem schönen Strome, der längs den Mauern des Städtchens sich
hinzieht, geht es nicht minder lebhaft zu; ein- und ausladende, kommende und
gehende Schiffe und Barken kreuzen durch einander in immer reger Beweglichkeit.
Hier zieht ein Fischer das schwer beladene Netz aus den im Morgenstrahle wie
Silber erglänzenden Wellen, dort wirft ein Andrer das Seinige aus, während an
den blühenden Ufern, unter fröhlichem Sange und Gelächter, hoch aufgeschürzte
Mädchen einen Regen blitzender Diamanten aus ihren bunt gemalten Giesskannen über
ihr bleichendes Garn hinströmen lassen.
    Zum erstenmale seit langer Zeit sass Richard im Erker des freundlichen
Zimmers, das der gastfreie Ilia ihm am vergangenen Abende angewiesen hatte, bei
seinem Morgenkaffee ganz allein, er blickte hinaus in die ihn umgebende Pracht
und Herrlichkeit der Natur, bewunderte den malerischen Effect der imposant hohen
Gestalten der Einwohner, die in ihrer faltenreichen armenischen Tracht ernst und
bedächtig einherschritten, und dem Orte einen, von allen bisher gesehenen ihn
unterscheidenden, orientalischen Charakter verliehen; in grosser Behaglichkeit
gab er so dem lange nicht genossenen Bewusstsein des seligen Nichtstun und des
ungestörtesten Alleinseins sich hin.
    Dmitry und Ilia hatten sich noch nicht gezeigt, vermutlich wollten sie dem
reisemüden Gaste Zeit zum Ausruhen lassen. Iwan aber war schon längst mit den
beiden Söhnen des Ilia auf und davon, die er zu seinem grossen Vergnügen
glücklich aufgefunden hatte. Sie mussten ihn hinaus zu all' den glänzenden
Herrlichkeiten begleiten, die in den Strassen ihn unwiderstehlich anlockten; denn
sein Beutel war noch wohl gefüllt; das Gold brannte ihm in der Tasche, und er
vermutete mit Recht, dass eine solche Gelegenheit, es in Geschenken für Mutter
und Schwester anzulegen, sich ihm sobald nicht wieder bieten dürfe.
    Ein lauter Schrei ganz in der Nähe, im Hause selbst wie es ihm schien,
schreckte Richard aus dem ruhigen Genusse des gemütlichen Stilllebens auf, das
ihn umgab. Ein Getümmel entstand, wie von mehreren durcheinander laufenden
Personen; weibliche und männliche Stimmen wurden durcheinander hörbar, weinende,
freudige, scheltende, fluchende; und mitten durch klang Iwans zürnende Stimme am
lautesten und vernehmlichsten von Allen.
    Richard sprang auf, zur Türe hinaus; aber seit seiner Ankunft war er noch
nicht aus seinem Zimmer gekommen, und daher völlig unbekannt mit den Lokalitäten
des Hauses. Bald einige Stufen hinauf-, bald wieder andre hinabsteigend, geriet
er aus einem, durch Fenster von geöltem Papiere nur schwach erleuchteten, engen
Gange in den andern, stiess überall auf verschlossene Türen, und hörte dabei
fortwährend, bald näher, bald entfernter das nämliche Geräusch, und von Zeit zu
Zeit Iwans laut erhobene Stimme dazwischen.
    Richard fing eben an zu überlegen, ob es nicht am geratensten wäre, eine
Seitentüre, hinter welcher das Getöse sehr deutlich hervorscholl, gewaltsam zu
erbrechen, als er am andern Ende des Ganges eine dunkle Gestalt vorsichtig an
der Wand hinschleichen sah. Er blickte schärfer hin, nein, er irrte sich nicht:
es war Grischa. Wie ein Tiger auf seine Beute, wollte er auf den ihm jetzt mehr
als verdächtigen Weissbart losspringen, aber im nämlichen Augenblicke legte eine
kräftige Hand sich von hinten auf seine Achsel und hielt ihn fest.
    Finde ich Euch endlich, rief Dmitry, denn dieser war es; Herr! nur hier
herein, Unglück abzuwenden, wo wir Glück und Freude zu säen meinten; damit
öffnete er eine Türe, welche Richard in der Dunkelheit vorhin nicht bemerkt
hatte, und schob ihn in ein helles geräumiges Zimmer hinein.
Einige Secunden lang staunte Richard die zahlreiche Gesellschaft sprachlos an,
die er in seltsamen Gruppen verteilt hier versammelt fand. Ilia, der Hausherr,
stand ihm und der Türe am nächsten; er hielt zwei angstbleiche, zitternde
Knaben von funfzehn bis sechszehn Jahren festgepackt beim Kragen, die er unter
lautem, ununterbrochenem Schelten mitunter derb zusammen schüttelte. Mit irgend
etwas, das in ihrer Mitte vorging, emsig beschäftigt, stand und kniete in einer
Ecke des Zimmers ein undurchdringlicher Haufe armenischer Frauen und Mädchen.
Doch von diesen nahm Richard weiter keine Notiz, denn Iwan zog seine ganze
Aufmerksamkeit an.
    Ähnlich einem zürnenden Halbgotte stand Iwan da, ganz so wie er damals in
Petersburg, in jener fürchterlichen Nacht, vor der Versammlung der Verschworenen
gestanden, aber liebend umfangen von den Armen einer schönen stattlichen
Matrone, der er zu sehr glich, um in ihr nicht augenblicklich seine Mutter zu
erkennen. Hinter ihm hob ein, ihm ebenfalls sehr ähnliches junges Mädchen, sich
möglichst hoch auf den Fussspitzen empor, um mit ihren beiden Armen seinen Nacken
zu umschlingen, was aber nicht ganz nach Wunsch gelingen wollte; ein zweites,
noch jüngeres, begnügte sich damit, seine Kniee zu umfassen, und lächelnd unter
Tränen, in dieser Stellung zu ihm aufzusehn; drei im Alter wenig verschiedene
hoch gewachsene Bursche betrachteten den Bruder mit unbeschreiblicher
schüchterner Liebe und Freude; die ganze Familie Yakuchin war hier zum Empfange
des lang entbehrten Lieblings versammelt, nur der Vater fehlte, den Geschäfte
der Ernte einstweilen zu Hause noch fest hielten.
    Die ganze Gruppe würde dem anmutigsten Familiengemälde als Vorbild haben
dienen können, hätte die Hauptfigur, Iwan, nicht die Harmonie desselben gestört,
der bald wild tobend, wie ein aufgereizter Löwe, in furchtbaren Flüchen und
Verwünschungen den allen unbegreiflichen innern Zorn seiner Brust ausströmen
liess, bald wieder im nächsten Momente, sanft und weich wie ein Kind, den
Liebkosungen der Seinigen, sie erwiedernd, sich hingab, und gleich darauf wieder
den Armen, die ihn umschlungen hielten, sich zu entwinden suchte, unter
Drohungen, von denen Niemand begriff, wem sie gelten könnten.
    Richard übersah das Alles in weniger als einer Minute; unentschlossen stand
er da, und Ilia war der erste, der seine Gegenwart bemerkte.
    Herr, sprach Ilia, sehr anständig sich verbeugend, ohne jedoch die beiden
vergeblich sich sträubenden Knaben loszulassen: Herr, ich möchte über diesen
unverzeihlichen Empfang so hochgeachteter Gäste unter meinem geringen Dache vor
Scham in die Erde sinken. Doch glaubt mir, diese unseligen Buben allein haben
alle diese Verwirrungen hervorgebracht; sie haben ein Fest des Wiedersehens,
über das die Engel im Himmel, wie die Menschen auf Erden frohlocken müssten, in
Hader und Verdruss umgewandelt, aber der Lohn dafür soll ihnen nicht entgehen!
Ihr vorwitzigen Taugenichtse, hört auf zu gransen, gebt deutlich Rede und
Antwort; welcher Satan trieb Euch, ohne Erlaubnis den Fremden, dem Ihr die Stadt
zeigen solltet, hierher in das Zimmer der Frauen zu führen? Sprecht deutlich,
oder! - setzte er, mit dem Fusse derb aufstampfend, hinzu, und schüttelte die
Knaben abermals zusammen, dass Hören und Sehen ihnen vergehen mochte.
    Wir haben ihn nicht hergeführt, er ist uns nachgelaufen, schrie weinerlich
der jüngste Bube.
    Durften wir den Gast unseres Hauses vor unsern sehenden Augen betrügen
lassen? setzte sein älterer Bruder etwas trotzig hinzu.
    Jetzt legte Dmitry sich ins Mittel, und es wurde den Knaben vergönnt, ihre
Entschuldigung vorzubringen. Iwan hatte schon viel Geld, ihrer Ansicht nach
unermessliche Summen, für Schmuck und ähnliche Dinge hingegeben, als noch ganz
zuletzt ein brillanter persischer Shawl ihm ins Auge fiel, den er sogleich
seiner Mutter bestimmte. Er fragte nach dem Preise, zählte seine ihm übrig
gebliebene Barschaft, fand sie eben noch hinreichend, und war im Begriff den
Kauf abzuschliessen, als der älteste seiner jungen Begleiter mit der Erklärung
dazwischen trat, der Shawl sei höchstens ein Drittel der dafür geforderten Summe
wert.
    Der Kaufmann versicherte das Gegenteil; Iwan ohnehin des vielen Marktens
und Feilschens müde, bezeigte sich geneigt auf seine Seite zu treten, als der
eifernde Knabe hastig den Gegenstand des Streites aufgriff, und damit in das
nahe gelegene Haus seines Vaters lief, um seine Mutter als anerkannte kompetente
Kennerin darüber entscheiden zu lassen. Sein Bruder folgte ihm, und Iwan sprang
in einem Anfalle lustiger Laune beiden nach; der Kaufmann, der die Söhne seines
reichen Nachbars Ilia kannte, liess unbesorgt sie laufen. In kindischer
Ausgelassenheit stürmten alle Drei blindlings in das Zimmer der Mutter der
Knaben, Frau Selina, hinein; betroffen über sein eignes Ungeschick, blieb Iwan
beim Anblicke der Gesellschaft, in welcher er sich ganz unerwartet befand, wie
versteinert stehen, und flog im nächsten Augenblicke mit einem lauten
Freudenschrei in die Arme seiner Mutter, seiner Brüder, seiner Schwestern, die
er alle ungeachtet der mehrjährigen Trennung augenblicklich erkannte.
    Der Jubel war allgemein, die Freude unbeschreiblich; doch plötzlich
veränderte sich alles auf unbegreifliche Weise, und der Zustand stellte sich
ein, in welchem Richard ihn jetzt gefunden.
    Das Angstgeschrei der Frauen, die einen plötzlich wahnsinnig Gewordenen in
ihm zu sehen glaubten, Ilias scheltende Stimme, der Knaben ängstliches Rufen,
der Mutter bittendes Zureden, alles das zusammen wirkte wahrhaft betäubend. Auch
Richard, wie früher die übrigen Alle, begann jetzt zu fürchten, die
überraschende Anwesenheit der Mutter und Geschwister habe auf den eben
Genesenden zu lebhaft gewirkt, und den armen Iwan wenigstens für den Augenblick
um Sinn und Verstand gebracht. Er näherte sich ihm und wollte nach
beschwichtigenden Worten suchen, doch dazu liess Iwan ihm keine Zeit; er riss
sobald er ihn erblickte von der Mutter sich los, warf sich ihm in die Arme und
brach in herzzerreissende Klagen aus.
    Du! ja Du wirst endlich mich verstehen, o Richy, Richy, in welch' ein Haus
sind wir geraten! rief er, und schien nicht zu fühlen wie heisse Tränen, aus
den weit offnen wild blitzenden Augen, schwer und einzeln über die in dunkler
Fieberglut brennenden Wangen ihm rollten. Rücksichtslos schob er alles was ihm
im Wege stand bei Seite, und zog den Freund mitten in den eng geschlossenen
Kreis der Frauen hinein, die sogleich ängstlich-scheu ihm auswichen.
    Sieh her, rief er mit erstickter heiserer Stimme, sieh her! man möchte sich
darüber zu Tode weinen! Ist es nicht um von Sinnen zu kommen? heischt das nicht
blutige Rache?
    Ein armenisches halb ohnmächtiges Mädchen, das auf einem Stoss nach
orientalischer Art über einander aufgehäufter Kissen lag, wurde, da die Frauen
sich zurück gezogen hatten, sichtbar. Iwan bückte sich, und schleuderte den
Schleier fort, den ihre Freundinnen in der Eile über ihr Gesicht gebreitet
hatten.
    Sieh her, sieh her, wiederholte Iwan mehrere Male, kennst Du sie, die
Verlorene, die früh Verlassene, erkennst Du sie in der fremden Tracht? rief er,
und verbarg krampfhaft schluchzend sein Gesicht an der treuen Brust seines
Freundes.
    Das Mädchen blickte träumerisch umher, wie aus tiefem Schlafe erwachend.
    Sie! Sie sind es, rief sie fast jubelnd in deutscher Sprache, indem sie
Richard erkannte. Sie sind da? o, nun wird alles gut! Sie werden mich in Schutz
nehmen, Sie können nichts Übles von mir denken, Sie wenigstens werden nicht nach
dem Scheine richten. Ihre Stimme wird zu dem ungerechten Herzen dieses Mannes
den Weg finden, und meine Verteidigung führen.
    Julie! rief Richard erstaunt, Julie, ist es möglich? Sie hier!
    Julie brach in Tränen aus, sie weinte recht bitterlich aus dem Herzen, wie
ein Kind im Gefühle erlittenen Unrechts.
    Frau Selina konnte das nicht länger ruhig mit ansehen; sie überwand die
Scheu vor dem tobenden Iwan, liess zu Julien sich nieder, sprach tröstend ihr zu,
trocknete liebkosend ihre Wangen, und wandte sich dann an die beiden Freunde.
    Ich verstand kein Wort von dem was Diese jetzt gesprochen, denn die Rede
ihres Landes ist mir völlig fremd: aber ich bin bereit, Leben und Ehre dafür
einzusetzen, dass über diese Lippen nie eine Lüge gegangen ist, denn sie ist treu
und ohne Falsch, unschuldig und rein, wie meiner Tochter Neugebornes, dort in
der Wiege! Wochen und Monate lebt sie in der Mitte der Meinen, möge sie nie uns
verlassen! Das liebe Kind! sie ist die Freude unsrer Herzen! sie ist das Licht
unsrer Augen: sprach Frau Selina, und drückte ihren Schützling recht fest an
ihre Brust.
    Ilia hatte unterdessen seine beiden Knaben losgelassen, die auch sogleich
die wiedererhaltene Freiheit benutzten, um das Freie zu suchen; auch er nahm
jetzt das Wort, indem er näher trat.
    Herr! sprach er, noch sehe ich zwar in den Ursprung aller dieser, so
plötzlich eingetretenen Verwirrungen nicht klar hinein, aber ich begreife doch,
dass unser lieblicher Gast hier darein verflochten ist. Ihr habt dies Mädchen
gekannt, und denkt jetzt Arges von ihr, weil Ihr unerwartet, weit von ihrer
Heimat, in fremdem Lande sie antrefft. Ist dem nicht so?
    Richard machte nur ein bejahendes Zeichen, Iwan stand stumm und starr, im
Anschauen Juliens versunken.
    
    Nun dann, fuhr Ilia fort, so hört wenigstens auf das Wort eines rechtlichen
Mannes. Zwar kennt Ihr mich noch nicht, aber fragt weit und breit im Lande umher
nach Ilia, ob irgend ein Makel auf seinem Namen hafte, ob Ihr nicht auf Treu und
Glauben meine Worte für Wahrheit annehmen könnt. Es ist wie meine Frau es eben
ausgesprochen. Seit mehreren Monaten, von uns und allen unsern Nachbarn und
Freunden geehrt und geliebt, lebt dieses Mädchen in unserer Mitte, als gehöre
sie zu uns und wäre unser eigenes Kind. Ich wache über sie, kein Unrecht darf
ihr nahen, denn ihr Vater hat sie in meinen Schutz gegeben. Von Vaters Hand
wurde die schöne fremde Blume in meinen Garten gepflanzt, und ich habe mein Wort
darauf gegeben - -
    Ihr Vater! ihr Vater! welch neues Truggewebe! wer hat das ersonnen? rief
Iwan, unfähig länger an sich zu halten; nie hat sie ihren Vater gekannt, nie ihn
gesehen!
    Wohl habe ich meinen Vater gekannt, wohl ihn gesehn, rief Julie: und dass ich
nie hoffen darf ihn wieder zu sehen, das ist mein grosser Schmerz! Armer
unglücklicher Mann! Berge und Täler und breite Ströme liegen zwischen uns! ihre
Stimme ging unter in Tränen.
    Du kennst Deinen Vater? doch wohl auch seinen Namen? wie heisst Dein Vater,
rief Iwan sich zu ihr niederbeugend, fast höhnend.
    Julie erbleichte bei dieser Frage; ängstlich, wie Hilfe oder Auskunft
suchend, blickte sie verschüchtert um sich her.
    Wie heisst er? rief Iwan überlaut, in steigendem Zorne.
    Grischa, flüsterte Julie kaum hörbar und verbarg ihr Gesicht am Busen ihrer
mütterlichen Freundin.
    Grischa! rief Iwan laut und bitter auflachend: er hatte den Namen nie nennen
gehört, denn weder Richard noch Dmitry hatten für gut gehalten, den
rätselhaften Alten gegen ihn zu erwähnen.
    Grischa! wiederholte Richard, warf einen vorwurfsvollen Blick auf Dmitry,
und eilte zum Zimmer hinaus. Dmitry folgte ihm auf dem Fusse. Frau Selina
benutzte diesen Augenblick, um mit Hilfe ihrer Töchter die an Kräften völlig
erschöpfte Julie fortzuführen. Iwan blieb mit den Seinigen allein, denn auch
Ilia zog bescheiden sich zurück, um bei dem Gespräche zwischen Mutter und Sohn
kein überlästiger Zeuge zu werden.
    Nach manchem misslungenen Versuche gelang es endlich der Mutter, den Sohn in
einen verhältnissmässig ruhigen Zustand zu versetzen, indem sie von seinem Vater
und dem häuslichen friedlichen Leben, das zu Hause ihn erwartete, ihm sprach.
Sie stellte seine Brüder und Schwestern der Reihe nach ihm vor, die mit
unbeschreiblicher Liebe an ihm hingen, und die er bis jetzt kaum eines Blicks
gewürdigt hatte; machte auf die vorteilhafte Einwirkung der Zeit, auf die
geistige und körperliche Entwickelung derselben ihn aufmerksam, welche die Reihe
von Jahren herbeigeführt hatte, während welcher er sie nicht gesehen;
schilderte, ihm wie der Boden ihr unter den Füssen gebrannt, bis sie vom Vater
die Erlaubnis erhalten, ihm mit ihren Kindern entgegen zu gehen. Die
Mühseligkeiten der Reise erwähnte sie kaum.
    Ich wäre bis Moskau, ja bis Petersburg Dir entgegen gezogen, hätte ich Dich
nicht früher angetroffen, versicherte die mutige Frau, die zuvor nie in ihrem
Leben sich weiter, als höchstens eine Tagereise von ihrer Heimat entfernt
gehabt.
    Jetzt hatte sie schon seit zwei Tagen die, durch einen von Dmitry
abgesandten Boten angekündigte nahe Ankunft ihres erstgebornen Lieblings in
unaussprechlicher Sehnsucht bei ihrer Jugendfreundin Selina erwartet; und als er
nun wirklich in tief dunkler Nacht anlangte, begnügte die sorgsame liebevolle
Mutter sich dennoch damit, durch die Jalousien lauschend, beim Scheine ihm
entgegen leuchtender Fackeln ihn aus dem Wagen steigen zu sehn. Sie wollte dem
Ermüdeten Zeit zum Ausruhen vergönnen, um am folgenden Tage die hohe Freude des
Wiedersehns um so ruhiger zu geniessen, die ihr leider so herbe verbittert werden
sollte.
    Doch wie weiland der Harfe des königlichen Sängers im alten Testamente, so
gelang es endlich auch der Mutter sanfter Stimme, den bösen Dämon in des Sohnes
Brust zur Ruhe einzulullen, und Iwan hörte auf zu toben, indem er ihrer
Einwirkung sich hingab.
Grischa entläuft Euch nicht, Herr, er wartet ruhig auf Euch, rief Dmitry, indem
er an dem rasch voranschreitenden Richard vorüber eilte, um ihn nach seinem
Zimmer zu führen. In den verwickelten Gängen dieses alten Hauses verirrt man
sich leicht, setzte der allzeit Dienstfertige hinzu, indem er die Türe
desselben ihm öffnete.
    Da lag nun Grischa, wie die Chrysalide eines entpuppten Schmetterlings,
nachlässig in einen Sessel hingeworfen; nämlich sein russischer Kaftan, sein
ehrwürdiger Bart, seine grosse Mütze, und was sonst noch an und um ihn gehangen;
der Kern dieser abgeworfenen Hülle stand aber in Gestalt des bebrillten Barons
in Lebensgrösse mitten im Zimmer.
    Elender! Du wagst es, rief Richard, und griff mechanisch nach seinen auf
einem Seitentische liegenden Pistolen.
    Ich bin ohne alle Waffen, wie Sie sehen, erwiederte der Baron sehr gelassen,
und schlug seinen Überrock zurück.
    Richard wandte sich, um die Pistolen wieder an ihren Ort zu legen, und die
Türe sorgfältig zu verschliessen, von der er den Schlüssel abzog und zu sich
nahm; Wort und Stimme versagten ihm vor heftigem Zorne, der Baron aber benutzte
diesen Augenblick, um hinter den Bettschirm zu schlüpfen, und Richard, als er
sich ihm wieder zukehren wollte, sah ihn als Torson, die grüne Brille in der
Hand, aus seinem Verstecke hervorkommen.
    Von der Vollkommenheit dieser Umwandlung mit so Wenigem, und in kaum einer
Minute Zeit vollbracht, kann der nur sich einen Begriff machen, der vor zehn bis
zwölf Jahren den ältern Devrient in der Rolle der Drillinge gesehen hat.
    Taschenspieler! murmelte Richard verächtlich.
    Nennen Sie es meinetwegen wie Sie wollen, mir erspart das Kunststückchen
eine mündliche Erklärung und dient obendrein dazu, Ihrem Scharfblicke
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der oft nahe daran war, mir in die Karte zu
sehn, und mir mitunter Not genug gemacht hat: erwiederte Torson einigermassen
verbindlich.
    Genug des faden Geschwätzes! rief Richard höchst unmutig, ich habe sehr
Ernstes mit Ihnen zu verhandeln, und erwarte bestimmte Auskunft, die ich
nötigen Falles mir zu verschaffen wissen werde.
    Diese zu erhalten, soll Ihnen nicht schwer werden, erwiederte Torson, leicht
hingeworfen: war ich doch schon in Moskau, und bin bloss in der Absicht, jede
Erläuterung zu gewähren, die Sie verlangen können, mit Ihnen hierher zurück
gereisst. Freund Dmitry, fuhr Torson fort, als er den fragenden Blick bemerkte,
mit welchem Richard ihn von oben bis unten maass, Freund Dmitry hat, gleich einem
verbotenen Waarenartikel, in seinem verdeckten Frachtwagen mich eingeschmuggelt,
auch bin ich jetzt im strengsten Incognito hier; Ilia sogar weiss nicht darum,
Niemand ausser Dmitry, und jetzt auch Sie. Um meiner Tochter willen wünsche ich,
dass Sie mich nicht zwingen an's Licht zu treten, ich möchte dem armen Mädchen,
das schon viel um mich gelitten hat, den Schmerz eines wiederholten Abschiedes
von einem Vater ersparen, der um ihrer selbst willen sich von ihr trennen muss,
und den sie mehr liebt, als er vielleicht es verdient.
    Und auch Sie sind gesonnen, dieses abgeschmackte Mährchen mir aufzuheften?
fragte Richard.
    Gedenken Sie jenes Morgens, als wir beide zum ersten und einzigen Male mit
einander auf der Strasse gingen. Erinnern Sie sich, dass ich damals Ihnen vorher
sagte, ein Tag würde kommen, an welchem Sie, eingenommen wie Sie es gegen mich
waren und noch sind, mir weder Ihr Mitleid, noch in gewisser Hinsicht Ihre
Achtung würden versagen können; sprach Torson mit eindringendem Ernste.
    Ich erinnere mich dessen; vermutlich sollte Ihre damalige wohl gesetzte
Rede dem sentimentalen Melodram, das Sie jetzt aufzuführen gedenken, zum Prolog
oder als Exposition dienen, erwiederte Richard; aber ich bitte Sie zu erwägen,
dass Melodramen und darin vorwaltende Verkleidungen ein wenig aus der Mode
gekommen sind, und auch, dass das Sentimentale nicht ganz Ihr Fach zu sein
scheint, so sehr Sie auch in andern Fächern excelliren: setzte er mit
schneidendem Hohne hinzu.
    Torson zuckte zusammen, fasste sich aber schnell, setzte sich an den vor ihm
stehenden Tisch, und zog eine verschlossene Brieftasche hervor, die er mit einem
kleinen Schlüssel, den er am Halse trug, vorsichtig öffnete. Richard hatte ihm
gegenüber Platz genommen und beobachtete jede seiner Bewegungen mit wahren
Inquisitors-Blicken.
    Torson legte indessen mehrere Briefschaften und gerichtlich bestätigte
Documente Richarden vor, lud schweigend, durch ein Zeichen mit der Hand, ihn ein
sie zu untersuchen, und lehnte sich dann mit übereinander geschlagenen Armen und
einem völlig versteinerten Gesicht in seinem Sessel zurück.
    Juliens Taufzeugniss, der Trauschein ihrer Eltern, der Todtenschein ihrer
Mutter, alles in grösster Ordnung besiegelt und unterschrieben: sprach Richard
leise vor sich hin, indem er die ihm vorgelegten Papiere einzeln betrachtete.
Das Alles scheint mir in vollkommener Richtigkeit. Aber ich sehe nichts darin,
was Ihre väterlichen Ansprüche auf Julien begründen könnte, setzte er laut
hinzu, indem er seinen Gegner mit durchdringend scharfem Blicke fixirte.
    Dieser Name, erwiederte Torson, indem er auf Juliens Taufzeugniss hindeutete,
dieser Name, der wahrscheinlich durch seine alt-historische Bedeutsamkeit Ihnen
auffällt, war einst der meine; er ist es nicht mehr. Ich habe ihm entsagt und
werde nie wieder ihn führen.
    Ungemein romantisch, lachte ungläubig Richard.
    Herr Wood, sprach Torson, sehr fest und ernst: Sie müssen selbst fühlen, dass
Ihr Betragen gegen mich Ihrer unwürdig ist, da es Ihnen unmöglich entgehen kann,
wie sehr ich, aus mir wichtigen Gründen, mich bemühe, ruhig zu bleiben und mich
nicht aufbringen zu lassen Sie treiben mit mir das rohe Spiel eines Barbaren
gegen seinen gefesselten Feind; es aufzugeben wäre ehrenvoller. Haben Sie mich
bis an's Ende gehört, nun dann stehen wir wieder auf gleichem Boden Mann gegen
Mann einander gegenüber, was jetzt nicht der Fall ist.
    Richard wurde rot, hustete ein wenig, und suchte in die Stellung eines
ruhig Zuhörenden sich zu versetzen, ohne weiter etwas zu erwiedern.
    Ich bin wirklich dieser uralten Familie entsprossen, fuhr Torson fort, deren
Stammbaum bis zu den ersten fast fabelhaften Beherrschern von Litauen in die
graueste Vorzeit hinabreicht; der jüngste von acht Söhnen unsers einst sehr
begüterten Hauses, dem von seinem ehemaligen Glanze jetzt wenig mehr als sein
grosser Name geblieben ist, um sich über den durch Verwahrlosung herbeigeführten
Verfall seiner noch immer sehr ausgedehnten Besitzungen damit zu trösten. Nach
alt hergebrachtem Familienbrauche verteilte mein Vater noch bei seinen
Lebzeiten den grössten Teil unsrer Güter zwischen meinen Brüdern. Dort setzten
sie das gewohnte rohe Krautjunkerleben in der Mitte ihrer Leibeigenen fort. Doch
ich, der jüngste, damals noch ein Knabe, wurde bei der nach und nach
vollbrachten Teilung wirklich vergessen. Als man sich meiner erinnerte, fand
sich, dass blutwenig für mich geblieben sei, so lange mein Vater noch lebe. Es
wurde im Familienrate beschlossen, mich nach Deutschland zu senden, um mich
studiren zu lassen. Das Wie machte noch einige Schwierigkeit. Da erschien, ganz
unverhofft, auf dem alten Rattenneste, das unser Schloss genannt wurde, ein Deus
ex machina, ein Abenteurer, wahrscheinlich der entlaufene Kammerdiener irgend
eines grossen Herrn. Dieser erklärte, dass in mir ein Genie stecke; was das
eigentlich sei, wusste Niemand, aber man hatte nun doch ein Wort, um sich daran
zu halten; und bald darauf reiste ich, unter der Führung dieses mir zum
Hofmeister beigegebenen Unbekannten, nach Deutschland ab.
    Mit den Details des wüsten Lebens, das ich von nun an unter der Leitung
meines trefflichen Begleiters führte, will ich Sie verschonen. Wir zogen von
einer hohen Schule zur andern, ein paarmal wurde ich relegirt, endlich lief ich
meinem Hofmeister davon, indem ich die Hälfte unserer noch übrig gebliebenen
Barschaft ihm hinterliess.
    Wir haben nie wieder etwas von einander gehört. Dass ich bei dieser
Lebensweise nicht ganz unwissend geblieben bin, ist mir selbst unbegreiflich;
doch trieben Überdruss und Langeweile mich mitunter zum Fleisse an.
    Ich suche vergeblich den Übergang von dem was ich damals war, zu dem was ich
jetzt geworden bin, Ihnen deutlich zu machen; sprach Torson nach
augenblicklichem Nachsinnen: und muss zu einem gewaltigen Sprunge mich
entschliessen über alles hinweg, was auf meiner abenteuerlichen Lebensbahn sich
dazwischen drängte, um gleich zum Resultate, zum Spieltische überzugehen, zu
welchem ein unwiderstehlicher Hang von jeher mich trieb.
    Ich durchzog als erklärter Spieler halb Europa, alle grossen Städte, alle
Brunnenorte, die mir eines Besuches wert dünkten. Fortuna war mir unbegreiflich
günstig, und ist es noch heute. Sie blieb meine stete Begleiterin. Angeborner
Scharfblick, Gleichmut, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen lässt, und
viel kaltes Blut, halfen mir ihre Huld klüglich benutzen, doch nie habe ich
durch niedre Kunstgriffe sie zu fesseln gesucht. Bei Gewissheit des Gewinnes
ginge jeder Reiz des Spieles für mich verloren; nur die gespannte Erwartung des
entscheidenden Augenblicks, nur das ewige Schwanken zwischen Bettler und König
ist es allein, was mich an mein jetziges Gewerbe fesselt; alles andre liegt fade
und trübselig vor mir. Glauben Sie mir, kein ächter Spieler will eigentlich
Reichtum er werben; mit dem Höchsten, nach welchem Andre im Schweisse ihres
Angesichts ringen, ein leichtes Spiel treiben, das allein ist unsre Freude! und
ich muss und werde dabei bleiben, bis der Tod mit dem letzten va banque! diese
mir sprengt.
    Richard machte ein etwas ungläubiges Gesicht, erwiederte aber keine Sylbe;
doch auch diese fast unmerkliche Veränderung in seinen Zügen entging dem
Scharfblicke Torsons nicht.
    Sie zweifeln an der Wahrheit dieser Behauptung? fragte er: möge die
Tatsache ihre Zweifel heben, dass das unablässige Verfolgen des Glücks mich
zuletzt langweilte. Ich kam auf den Einfall, mich auch einmal in Führung eines
tugendhaften, ehrbaren Lebens zu versuchen, nahm meinen wirklich sehr
bedeutenden Gewinn zusammen, und zog damit weit weg, nach Königsberg, einer
Stadt, wo ich ganz unbekannt zu bleiben hoffen durfte. Dort fand ich einen armen
Engel in der Hölle: die Waise eines Schullehrers, die demütige Gesellschafterin
eines weiblichen Satans, wie es hoffentlich keinen zweiten mehr auf Erden gibt.
Ich beschloss das schöne Kind zu erlösen, es gelang mir seine Liebe zu gewinnen,
ich entführte es, und wurde in einem, unfern Memel gelegenen Dorfe, der
rechtmässige glückliche Gatte des liebenswürdigsten Wesens auf Erden.
    Sie war so schön, und entfaltete, im warmen Sonnenscheine eines ihr bis
dahin ganz unbekannt gebliebenen Wohllebens, körperlich und geistig sich immer
wundervoller; gleich einer in dürrem Boden, unter kaltem Himmel verkümmerten
Pflanze, die eine freundliche Hand in ein wärmeres, ihr günstigeres Klima
versetzt.
    Die Nähe meines Geburtslandes regte alte, viele Jahre lang vergessene
Erinnerungen in mir auf, sie arteten in Wünsche aus; seit ich von meinem
sogenannten Hofmeister mich trennte, war ich ohne alle Nachricht von meiner
Heimat geblieben. Ich wollte in meinem Reichtume und meinem Liebesglücke
meinen Verwandten mich zeigen, ich wollte meine Frau - kurz die Reise wurde
beschlossen und zurückgelegt. Mein glänzendes, etwas prahlerisches Auftreten
wirkte blendend auf die rohen Gemüter meiner Brüder, übrigens fand ich alles
noch ziemlich wie ich es verlassen, mein greiser Vater sogar war noch am Leben.
    Allgemeine Bewunderung, ich darf sagen, ehrfurchtsvolle Verehrung, wurde
meiner Frau von allen Seiten gezollt. Da ich über die Quelle meines
augenscheinlich bedeutenden Vermögens nie etwas verlauten liess, so galt es für
ihre Mitgift. So reich! so schön! so vornehm in all ihrem Tun! Sie musste aus
hohem, wenigstens fürstlichem Blute abstammen, es konnte unmöglich anders sein.
Mein Vater verlangte endlich von ihrer Ahnentafel genauen Bericht, und ich, in
meinem stolzen Übermute, bekannte in klaren, dürren Worten ihm die Wahrheit.
    Hätte ich für einen Räuberhauptmann mich erklärt, man wäre leichter darüber
hingegangen; war das doch von alten Zeiten her ein adliges Gewerbe, das mancher
unserer Ahnen in allen Ehren getrieben; aber in die lange nie unterbrochene
Reihe derselben eine Leibeigene einzuschwärzen! eine Leibeigene! - denn das war
sie in den Augen dieser beschränkten Junker, die nur Adlige und Leibeigene
kannten.
    Still vor sich hin seufzend, dachte Richard hier an die Fürstin Eudoxia.
    Im ersten Augenblicke hatte ich wirklich Mühe, uns vor tätlicher
Misshandlung zu schützen; mit Hunden uns beide vom Hofe zu hetzen, war einer
ihrer menschenfreundlichsten Vorschläge: fuhr Torson fort.
    Ich will so schnell als möglich über die empörende Scene, die nun erfolgte,
hinwegeilen. Meine Brüder, aufgehetzt von ihren neidischen Weibern, schäumten
vor Wut; mein schwacher greiser Vater drohte mir mit seinem Fluche, wenn ich
darauf bestünde, die Leibeigene nicht zu verstossen. Zitternd vor dieser Drohung
lag meine, in sehr beschränkten Ansichten erwachsene Frau, mir weinend zu Füssen,
und beschwor mich, sie lieber aufzuopfern, als so Schweres auf mein Haupt zu
laden.
    Des widerwärtigen Zustandes müde, machte ich es endlich wie Esau, verkaufte
ihnen für ein Linsengericht alle meine Ansprüche, sowohl auf die mir
verächtliche Erdscholle, im abgelegensten Winkel eines abgelegenen Landes, als
auf den alten Namen, der mir jetzt ein Gräuel war; sah lachend zu, als man auf
unserm Stammbaume ihn gleich dem eines Verstorbenen mit einem Kreuze
bezeichnete, nahm meine, vor einem Hirngespinnste noch immer zitternde Frau, in
meine Arme, und fuhr mit ihr in die weite Welt hinein. So ward ich was ich bin,
ein Namenloser! Glücklicher Weise behielt ich in dem mich umtobenden Sturme doch
Besonnenheit genug, diese Bestätigung jenes ans Fabelhafte gränzenden
Ereignisses nicht zu vergessen; setzte Torson hinzu, indem er noch einige
Papiere hervorzog und vor Richard niederlegte.
    Weiter! weiter! mahnte Richard, mit sichtbar zunehmendem Anteile.
    Ich stehe an einem jener dunkeln Punkte der Geschichte meines Lebens, von
denen ich schon damals Ihnen erklärte, dass ich gern auf ewig sie vergässe,
erwiederte Torson mit düsterm Blicke. Erlauben Sie mir so schnell darüber hinweg
zu gleiten, als die Wahrheit, zu der ich gegen Sie verpflichtet bin, es mir
vergönnt.
    Die schwankende Gesundheit meiner Frau erheischte ein milderes Klima; wir
zogen nach Mainz. Die häusliche Glückseligkeit, in der ich so gar nichts
erlebte, was nur der Rede wert war, machte mir einige Langeweile; die Nähe von
Wiesbaden liess mir nicht Ruhe noch Rast: ich fing an mir vorzukalkuliren, dass es
sehr heilsam sein würde, meine hart mitgenommenen Finanzen etwas zu rekrutiren,
um unser splendides Leben auf die Dauer fortsetzen zu können. Genug, ich nahm
meinen alten Platz am grünen Tische in Wiesbaden wieder ein, und Fortuna blieb
nach wie vor mir hold.
    Meine Frau erwartete indessen sehr ruhig in Mainz ihre Niederkunft; meine
öfteren, doch nie mehr als höchstens zwei Tage überschreitenden Abwesenheiten,
fielen nie der Arglosen auf; sie gönnte mir jede Erholung und fand es natürlich,
dass ich sie aufsuchte. Von dem, was mich dahin zog, hatte das einfache Naturkind
nicht einmal einen deutlichen Begriff.
    Da kam eine gute Freundin! Wissen Sie, Herr Wood, was das heisst? rief Torson
plötzlich mit wild blitzenden Augen, kennen Sie diese guten Freundinnen, diese
Pest alles häuslichen Friedens? diese ewig nach Neuigkeiten spürenden Geschöpfe,
um damit die weite trostlose Öde ihres eigenen Lebens auszufüllen, diese milden
Seelen, die ihre spitze Sonde so tief als möglich in jede verborgene Wunde
stossen, um die Existenz derselben, und ihr ungeheures Mitleid mit dem Leidenden
auf öffentlichem Markte proclamiren zu können?
    Solch ein zartes teilnehmendes Wesen bemächtigte sich während meiner
Abwesenheit auch meiner armen Frau, brachte sie unter dem Vorwande einer
Spazierfahrt nach Wiesbaden, führte die Arglose in den Saal.
    Hinweg, hinweg mit der Erinnerung! Der Schleier war zerrissen, unser
Zusammenleben eine Hölle auf Erden, von dem Tage an. Malen Sie gütigst sich
selbst aus, wie das zuging, wenn Sie Lust dazu haben, ich kann's nicht! rief
Torson, und warf mit bleichen verzerrten Zügen in seinen Sessel sich zurück.
    Julie wurde geboren, hob er nach einer Pause wieder an: heldenmütig hielt
die unglückliche Mutter, um des Kindes willen, andertalb Jahre lang sich
aufrecht, dann konnte sie nicht mehr. Sie sank zusammen.
    Der Sterbenden habe ich gelobt, unsre Tochter nach Königsberg in eine
Familie zu bringen, welche sie in ihrer Jugend als sehr rechtlich gekannt hatte,
und die Kleine als namenlose Waise so bürgerlich einfach von diesen Leuten
erziehen zu lassen, wie einst ihre Mutter selbst erzogen worden war. Auch musste
ich noch schwören, das Gewerbe, das ich bis dahin getrieben, und von dem ich,
wie sie wohl einsah, nie lassen könne, vor meiner Tochter ewig zu verbergen. Ich
gelobte was die Sterbende von mir forderte, und habe es gehalten.
    Indem Sie Anstalt trafen, fiel Richard ein, Ihr Kind in die
Erziehungsanstalt der Frau Marina -
    Halten Sie ein! unterbrach Torson mit grosser Heftigkeit ihn: hüten Sie sich
die dunkeln Gewalten, die in jeder Menschenbrust schlummern, zu wecken.
Versuchen Sie an mir alles was sich ertragen lässt, weiter gehen zu wollen wäre
Feigheit. Bleiben Sie bei der Wahrheit, das, was auszusprechen ich Sie
verhinderte, lag nicht in Ihrer Seele. Sie glauben selbst nicht daran.
    Richard schwieg, Torson auch; endlich nahm dieser wieder das Wort:
    Damals hatte ich keine Ahnung der Möglichkeit, dass meine Tochter mir so nahe
sein könne. Seit langer, langer Zeit hatte ich nichts von ihr vernommen; wenn
ich ihrer gedachte, was, zu meiner Schande, selten genug der Fall war, dachte
ich sie mir ruhig bei ihren Pflegeeltern in Königsberg. Das unvergessliche
Zusammentreffen an jenem denkwürdigen Abende, Sie wissen mit wem, bewog Frau
Marina, schon am folgenden Tage sich durch die Flucht gewissen Nachforschungen
zu entziehen, denen sich auszusetzen ihr nicht ratsam schien. Auch ich hielt
ebenfalls für gut, mich wo anders hinzuwenden, und kam auf den Gedanken, meinen
Weg über Königsberg zu nehmen, um mich bei der Gelegenheit nach meiner Tochter
zu erkundigen.
    Dort erst erfuhr ich, sie lebe in Petersburg unter der Obhut des
Kapellmeisters Lange; sie also war jenes ängstlich scheue Mädchen! es war
unmöglich daran zu zweifeln. Mir grauste vor dem Gedanken, wie nahe ich daran
gewesen sei, in einem Anfalle verächtlichen Übermuts mein eignes Kind zu
verderben. Ich eilte nach Petersburg zurück, legte mit der grünen Brille die
jetzt mir selbst widerliche Maske ab, die ich dort so lange getragen, und führte
als Abgesandter ihrer Eltern bei Julien und ihren Beschützern mich ein.
    Doch diese Veränderung der Gestalt, in welcher sie nur einige Minuten und in
der Dämmerung mich gesehn, waren nicht hinreichend, um in Julien Erinnerungen
völlig zu ersticken, die, wenn gleich nur dunkel, bei meinem Anblicke sich regen
mochten. Ich musste mich entschliessen, unter dem Siegel des Geheimnisses, mich
als ihren Vater ihr zu erkennen zu geben, um den in ihr aufkeimenden Widerwillen
gegen mich nicht in ihrem Gemüte aufkommen zu lassen.
    Ich erdichtete Gefahren, die aus politischen Gründen mir drohen sollten,
wenn mein Aufentalt in Petersburg bekannt würde, und sie gelobte mir
unverbrüchliche Verschwiegenheit. Arme Julie! sie selbst ist es ja, vor der ihr
Vater sein eigenstes Dasein verhüllen muss! sie ist wie ihre Mutter war, fromm,
einfach, schaudernd vor jedem Anscheine eines Unrechts; sie würde die Wahrheit
eben so wenig ertragen können, als diese es konnte!
    Mit der Darstellung meiner Gefühle für meine Tochter will ich Sie
verschonen, fuhr Torson nach kurzem Schweigen fort. Trauen Sie mir noch einige
menschliche Empfindung zu, so wäre jedes Wort darüber vom Überfluss; halten Sie
mich für eine Art von moralischem Ungeheuer, so würde alles, was ich dagegen
einwenden könnte, Sie nicht anderes Sinnes machen. Doch hoffe ich, Sie werden
mir die Ehre erzeigen, mir zu glauben, dass ich nichts sehnlicher wünsche, als
Julien, durch die Verbindung mit einem ihrer würdigen Gatten, ein dauerndes
Glück, oder wollen Sie es lieber eine Versorgung nennen? zu bereiten. Iwan
Yakuchin schien mir in jeder Hinsicht dazu geeignet, es ist so leicht seine
offene ehrliche Seele bis auf den Grund zu durchschauen! Auch seine und meiner
Tochter gegenseitige Neigung konnte mir nicht lange verborgen bleiben; ich
begünstigte diese auf jede Weise, doch durfte Iwan mein eigentliches Verhältnis
zu Julien nie erfahren. Unbefangen hielt er mich für den von ihren verstorbenen
Eltern ihr gesetzten Vormund, und liess es dabei bewenden. Da kamen Sie, und
waren Augenzeuge der hierauf folgenden Ereignisse.
    Doch sehe ich deshalb um nichts klarer; im Gegenteil, das geheimnisvolle
Dunkel, das Sie um sich her verbreiten, scheint mir dichter als zuvor:
erwiederte Richard.
    Nicht mit meinem Willen, gewiss nicht: antwortete Torson; wenn Sie nicht
absichtlich Ihr Auge dem Lichte verschliessen, sollen Sie mich so offen finden,
als Sie es nur wünschen können. Ich errate den Punkt, der in diesem Augenblicke
Ihren Argwohn rege macht; jene geheime Verbindung, in welche der Zufall so
unerwartet als unerwünscht, Sie tiefer als Ihnen lieb ist verflochten hat.
    Jahre lang, ehe Sie seine Existenz nur ahnen konnten, war dieser Bund mein
Augenmerk gewesen, selbst in weiter Ferne verlor ich ihn nie aus dem Gesicht.
Zum politischen Zinngiesser bin ich verdorben, nie habe ich um die Verhandlungen
der europäischen Kabinete mich bekümmert, und wer als Kaiser oder König auf dem
Trone sitzt, gilt mir völlig einerlei. Krieg oder Friede interessiren mich nur
in so fern, als meine persönliche Ruhe und Sicherheit dabei beteiligt werden
kann; denn bedenken Sie es wohl, ehe Sie mich deshalb verdammen, ich stehe
allein in der Welt, nicht nur namenlos, sondern auch heimatslos!
    Dennoch hasse und fürchte ich alles, was die in der Welt einmal hergebrachte
Ordnung zu stören droht, und jener Bund, den ich beinahe von seinem Entstehen an
zu beobachten Gelegenheit hatte, schien mir in dieser Hinsicht immer
gefährlicher drohend sich zu entwickeln. Ich lebe nicht gern blindlings in die
Welt hinein und suchte daher Mitglied desselben zu werden, damit kein möglicher
Weise von ihm ausgehendes Unheil mich unvorbereitet überraschen möge; doch habe
ich an seinen Verhandlungen nie tätigen Anteil genommen, obgleich ich mir das
Ansehn eines ungemeinen Eifers zu geben wusste. Ich rufe sie selbst zum Zeugen
auf; haben Sie je als Redner mich dort auftreten sehn? oder als Beförderer der
Ausbreitung des Bundes? Kaum werden Sie mich nennen gehört haben, und ohne jene
nicht zu vertilgende Ähnlichkeit mit - mit mir selbst - setzte er lachend hinzu,
wäre meine ganze Erscheinung vielleicht unbemerkt an Ihnen vorüber geglitten.
    Was konnte Sie bestimmen, meinen treuherzigen unbesonnenen Freund in jene
gefährliche Verbindung zu verflechten? rief Richard. Für die nicht
vorauszusehenden fürchterlichen Folgen dieses Schrittes Sie verantwortlich
machen zu wollen, wäre eine Unbilligkeit; aber ist der ganze Umfang des Unheils,
das Sie damit gestiftet haben, Ihnen bekannt?
    Wäre ich sonst hier? und ertrüge von Ihnen, was von irgend einem Lebenden
auf Erden zu dulden ich nie für möglich gehalten? erwiederte Torson. Sie selbst,
Herr Wood, Ihr mysteriöses Benehmen brachte Ihren Freund dahin, Ihrem
Geheimnisse nachzuforschen, indem Ihr Mangel an Vertrauen ihn verletzte und
beleidigte. Lunin drängte sich an ihn, so dass ich mich entschliessen musste,
selbst einzutreten, um den Verlobten meiner Tochter nicht schutzlos diesem
Verworfenen zu überlassen.
    Vor kurzem noch rühmten Sie sich über Lunin unbeschränkt zu gebieten, jetzt
heisst er ein Verworfener: sprach Richard.
    Habe ich denn dadurch, dass ich mich dessen rühmte, wie Sie es nennen, ihn
für etwas Besseres geben wollen? war die Antwort. Gilt es ausdrücklich grobe
Verbrechen zu verhindern, so halte ich freilich das Tigertier an unzerreissbaren
Ketten; sein Leben steht in meiner Hand, ein Wort von mir bringt ihn aufs
Schafott, oder versenkt ihn auf immer in die Bergwerke Sibiriens. Er weiss das,
er weiss dass er mir nicht entrinnen kann, und dient mir zitternd, wie der böse
Geist dem Magier dient, der ihn zu bannen verstand.
    Und nun bitte ich Sie, was ich noch zu sagen habe, so ruhig als möglich,
ohne Unterbrechung anzuhören; bin ich am Ende meiner Bekenntnisse, so steht es
ja noch immer bei Ihnen, mir Glauben zu schenken, oder auch nicht.
    Tiefer, unvergleichbar tiefer als Sie, als Ihre fürstlichen Freunde, ja, als
der ganze sogenannte Rat der Alten, Pestel allein ausgenommen, bin ich in die
Geheimnisse des Bundes eingedrungen, ich darf kühn behaupten, nicht minder tief
als Pestel selbst. Fragen Sie mich nicht wie ich es angefangen, mich des
Vertrauens dieses ausgezeichnet schlauen Kopfes zu bemächtigen, ohne ihm
zugleich auch das meinige zu gewähren; die Beantwortung dieser Frage würde zu
weit führen, und gehört nicht zur Sache. Ich sah den Schlag von ferne sich
bereiten, der alles zermalmen sollte; immer näher, immer schwärzer und schwerer,
türmte das Gewitter am Horizonte sich auf, und keine Möglichkeit mehr es
abzuleiten. Meine Phantasie, die zeitlebens mich ziemlich ruhig gelassen,
erwachte zum erstenmal in furchtbarer Gewalt. Verschwunden war der kalte
Gleichmut, der noch in keiner Gefahr mich verlassen; ich sah im Geiste
Petersburg in Flammen, Ströme des edelsten Blutes alle Strassen durchströmen,
zügellose Anarchie, diese grässlichste der Furien, auf schwarzen bluttriefenden
Schwingen, mit wütendem Geheul über unserm Haupte schweben; sah alles
untergehn, und hatte keinen Gedanken mehr als Rettung aus diesem Gräuel der
Verwüstung, Rettung für meine Tochter, nicht für mich.
    Von dem unabsehbaren Elende, das Allen drohte, durfte ich keinen Gedanken in
Julien aufkommen lassen, das bange Mädchen wäre der Last erlegen; doch unter dem
Vorgeben, dass meine persönliche Sicherheit aus ganz andern Gründen dies
erfordern könne, habe ich sie wochenlang auf die Möglichkeit einer schleunigen
Flucht mit mir vorbereitet, und ganz unbemerkt alle nötigen Vorkehrungen zu
derselben getroffen. Nicht ohne tiefen Schmerz, aber doch ohne eigentliches
Widerstreben, ergab sie sich darein, alles was ihr dort teuer war zu verlassen,
und dem Vater auf unbestimmte Zeit in die Verbannung zu folgen. Der Mutter
milder, zu jedem Opfer stets bereiter Sinn, ist auf ihr Kind übergegangen; auch
mochte, ohne dass sie es deutlich empfand, das noch unbestimmt-schwankende
Eintreten der drohenden Zukunft ihren Mut unterstützen.
    Das sinnverwirrende Truggewebe, das Pestel erdacht, war endlich vollendet;
in der zunächst folgenden Nacht sollte es der Versammlung vorgelegt werden, um
das blutige Werk einzuleiten, das mit vorahnendem Grausen mich erfüllte. Kein
Augenblick war zu verlieren. Flucht, schleunige Flucht war mein einziger
Gedanke.
    Als Julie zufällig etwas früher als gewöhnlich die Gesellschaft beim
Kapellmeister Lange verliess, fand sie mich ganz unerwartet in ihrem Zimmer ihrer
harrend. Ich liess ihr keine Zeit zur Besinnung, wir entkamen glücklich aus dem
Hause. Unsre Freunde zu warnen war mir nicht erlaubt; doch hatte ich Lunin, wenn
sie in Gefahr kommen sollten, zu ihrem Schutze verpflichtet; es war der
sicherste Weg, den ich zu ihrer Rettung einschlagen konnte.
    Die nächste halbe Stunde traf mich und meine Tochter schon im Reisewagen,
ohne Aufentalt eilten wir auf Moskau zu; dass der verderbliche Funke
unausbleiblich zünden würde, den Pestel in der folgenden Nacht in die Gemüter
werfen wollte, stand nicht zu bezweifeln, aber eben so gewiss war auch
vorauszusehen, dass bis zum hellen Ausbruche der Flamme noch mehrere Tage
vergehen mussten. Ich durfte hoffen die alte Kaiserstadt noch ruhig zu finden,
obgleich mir bekannt war, dass Aufruhr und Verrat auch hier ihr dunkles Werk
heimlich trieben.
    Wenige Tage nach meiner Ankunft in Moskau erhielt ich von dem unerwarteten
Ausgange jener gefürchteten Versammlung ausführlichen Bericht, doch leider auch
von der Gefahr, in der Iwans Leben seitdem schwebte. Schonend verbarg ich sie
meiner Tochter, verweilte aber in Moskau, um dort die Entscheidung über Leben
und Tod abzuwarten, und wäre vermutlich noch lange dort geblieben, hätte nicht
mein alter Freund Dmitry -
    Dmitry! wahrlich ein ehrenwerter Freund! lachte Richard höhnisch und
überlaut.
    Ruft Ihr mich, Herr? erscholl Dmitry's Stimme draussen vor der verschlossenen
Türe.
    Ich glaube die ehrliche Seele steht Schildwacht, um Lauscher von uns
abzuhalten, und bedenkt nicht, dass Alle in diesem Hause eben so wenig Englisch
verstehen, als Dmitry selbst, lachte Torson; indessen kommt er mir eben recht
gelegen, um mich für einige Minuten abzulösen, daher bitte ich ihm Eintritt zu
gewähren.
    Richard zog mit einem ziemlich zweideutigen Gesichte und eben nicht auf die
freundlichste Art den Schlüssel des Zimmers hervor, Dmitry wurde eingelassen,
und bezeugte auf Torsons Aufforderung sich ungemein willig, die Geschichte
seiner ersten Bekanntschaft mit diesem vorzutragen.
    Aber ach! sein Geschichtsstyl war nicht der lobenswerteste; ihm fehlte
gänzlich die Gabe sich kurz und deutlich auszudrücken, und es bedurfte von
Torsons Seite vieler, zur Vermeidung von Umschweifen ermahnender
Unterbrechungen, ehe Richard nur begriff, was er eigentlich meine. Der Kern der
Geschichte war folgender:
    Dmitry, und sein Verwandter Ilia, waren mit wohlgefülltem Beutel vor
mehreren Jahren zum erstenmale in ihrem Leben auf die Leipziger Messe gezogen,
um sowohl für sich, als für einige andre Handelshäuser bedeutende Waareneinkäufe
daselbst zu machen. Sie liessen sich unvorsichtiger Weise in einen jener
heimlichen Spielwinkel verlocken, welche auch die sorgsamste Polizei nie
gänzlich auszurotten vermögen wird, und sollten eben völlig ausgeplündert
werden, als Torson, der sie gar nicht kannte, in den Saal trat.
    Todtenbleich war Dmitry im Begriffe, den Rest seiner Barschaft aufs Spiel
zu setzen, während Ilia mit stierem Blicke dem letzten Häufchen vor ihm
liegenden Goldes nachsah, das der Croupier einzustreichen beschäftigt war.
    Fast gewaltsam riss Torson beide vom Spieltische fort, zum Saale, zum Hause
hinaus, begleitete sie in ihre Wohnung, hielt ihnen dort eine kurze, aber
eindringliche Strafpredigt, und händigte eine Stunde später ihren ganzen Verlust
ihnen wieder ein, nachdem sie eidlich sich hatten verpflichten müssen, nie
wieder Karten oder Würfel zu berühren.
    Wir hatten schon mehr verspielt als unser war, sprach Dmitry aus
überströmendem dankbarem Herzen: wir waren damals noch junge Anfänger; unser
edler Beschützer hat nicht nur unsern Wohlstand gerettet, er hat auch vor
Schande uns bewahrt, was weit mehr sagen will; deshalb sind wir sein, auf Tod
und Leben ihm ergeben; wir und die Unsern, und alles was wir besitzen, stehen
Tag und Nacht, das ganze Jahr hindurch, zu seinem Dienste bereit; setzte er mit
glänzenden Augen hinzu.
    Übrigens war ich bei der Geschichte durchaus nicht auf die Weise beteiligt,
wie Sie es zu glauben scheinen, nahm jetzt Torson schnell das Wort; jene Spieler
waren längst als abgefeimte Gauner mir bekannt, Landpiraten, mit denen in
ewigem, feindseligstem Kriege zu leben, ich mir zur Pflicht mache. Ich war
ausdrücklich gekommen, um sie auf der Tat zu ertappen, und ihnen den Garaus zu
machen. Es tat mir leid um die beiden stattlichen Figuren in ihrer grandiosen
orientalischen Tracht, mit dem Ausdrucke banger Sorge in den fremdartigen stark
hervortretenden Zügen ihrer Gesichter, auf denen das Wort Neuling so deutlich
geschrieben stand. Nie in meinem Leben habe ich kaltblütig einen Hausvater,
vielleicht den Versorger einer zahlreichen Familie sich zu Grunde richten sehen
können, selbst dann nicht, wenn mein eigner Vorteil damit verknüpft war, und
alles dabei übrigens mit rechten Dingen zuging. Bei meiner Rückkehr zu den
Spielern kostete es mir wenig Mühe, sie zum Ersatze des unrechtmässigen Gewinnes
und zur schnellsten Abreise zu bewegen. Sie sahen von Einem vom Fache sich
entlarvt, den zu täuschen sie nicht hoffen konnten. Es ergötzt mich noch immer,
wenn ich daran denke, wie froh die Spitzbuben waren, so wohlfeilen Kaufs davon
gekommen zu sein.
    Torson nahm nun den Faden seiner Erzählung, oder vielmehr seiner
Bekenntnisse wieder auf. Ich verweilte noch in Moskau, sprach er, um Nachricht
aus Petersburg zu erwarten, die meine ferneren Schritte bestimmen sollte;
wahrscheinlich wäre ich noch zur jetzigen Stunde dort, doch Dmitry schreckte aus
dieser gefährlichen Sicherheit warnend mich auf. Meine unerwartete plötzliche
Entfernung in einem für seine Pläne so wichtigen Momente, hatten Pestels Argwohn
erregt. Was er von mir befürchten mochte, weiss ich zwar so ganz eigentlich
nicht; doch nach dem Ausgange seines letzten Versuchs, den er ganz anders sich
gedacht hatte, war es natürlich, dass er sich eines ehemaligen Vertrauten zu
bemächtigen suchte, der vielleicht ihm gefährlich werden konnte. Ich sah von
allen Seiten durch die in Moskau sehr zahlreichen Mitglieder des Bundes mich
heimlich umstellt; die Klugheit gebot mir das Ärgste von ihnen zu erwarten.
    Offener Gefahr, wenn sie mir allein gilt, bin ich stets mutig entgegen
getreten; ich hätte auch die verborgene nicht gescheut, sobald ich sie
entdeckte, aber mein Kind! Um Juliens willen entschloss ich mich, vor den Augen
meiner heimlichen Verfolger, gleichsam ihnen unter den Händen zu verschwinden.
Dmitry fasste die barocke Idee auf, mich in den eben abwesenden Kaviarhändler
Grischa zu verwandeln, der wirklich in dieser nämlichen Gestalt in Moskau
existirt; meine Tochter nahm die Tracht der armenischen Mädchen an; so entkamen
wir bei Nacht und Nebel, unbemerkt, unerkannt, und langten unter der Leitung
eines treuen Dieners des Dmitry hier an; Ilia, die dankbare Seele, nahm freudig
uns auf. Wir könnten in höchster Sicherheit und Ruhe hier Jahre lang hausen,
denn Pestels Arm reicht nicht bis hierher; kaum der des Kaisers aller Reussen:
setzte Torson lächelnd hinzu.
    Richard verlangte Erklärung dieser letzten Worte. Sind wir nicht, wenn
gleich nicht mehr im eigentlichen Russland, doch noch in dem von dieser Seite
fast unbegrenzten russischen Reiche? fragte er.
    Wie man es nimmt, war die Antwort. Nachitschewan bildet in demselben eine,
ich glaube in ihrer Art einzige Erscheinung. Freie armenische Kaufleute, die
noch bis zu dieser Stunde das Städtchen ausschliessend bewohnen, flohen in wilder
Kriegszeit vor den Alles verheerenden Tataren aus ihrem ehemaligen Wohnsitze in
der Krimm, um sich unter russischen Schutz zu begeben. Sie wurden gütig
aufgenommen, erhielten, nebst bedeutenden Privilegien die Erlaubnis, sich hier
niederzulassen, und bilden jetzt, mitten in der riesengrossen Monarchie, eine
kleine, den ehemaligen deutschen freien Reichsstädten nicht ganz unähnliche
Miniatur-Republik. Ungefähr so wie jene sonst unter dem Schutze des weiland
deutschen Kaisers standen, steht jetzt Nachitschewan für ein fest bestimmtes,
alljährlich zu zahlendes Schutzgeld, unter dem des Beherrschers aller Reussen.
Übrigens regiert es sich selbst, nach eigenen altergebrachten Gesetzen. Dass
keine Seele hier an Aufruhr, heimliche Verbindungen oder Revolution nur denkt,
dass man nichts sehnlicher wünscht, als dass Alles ewig so bestehe, wie es jetzt
besteht, ist natürlich. Erwerb und Erhaltung des Erworbenen ist der einzige
Lebenszweck dieser, nur mit dem ihnen zunächst Liegenden beschäftigten,
harmlosen Leute, denen es kaum einmal im Jahre einfallen mag, dass es einen
russischen Kaiser und ein russisches Reich in der Welt gibt.
    Einzig auf die Gesellschaft meiner Hausleute und Juliens beschränkt, habe
ich mehrere Monate in der abgeschiedensten Einsamkeit - wie soll ich es nennen?
existirt; denn Leben darf man solch ein Leben wohl nicht nennen, wo man der
schändlichsten Langenweile zum Raube, Morgens beim Aufstehen schon nach der
glücklichen Stunde sich sehnt, in der man anständiger Weise wieder zu Bette
gehen kann. Wie ich es ausgehalten, ist mir unbegreiflich; nur Liebe zu meiner
Tochter und eine Art Pflichtgefühl, das mächtiger mich begeisterte, als ich es
mir jemals selbst zugetraut hätte, gaben mir Mut und Kraft. Überdem kannten
mich nur Ilia und seine Frau, für die ganze übrige Hausgenossenschaft war und
blieb ich Grischa. Die verdammte Aufgabe, diese abgeschmackte Rolle so lange
durchzuführen, erschwerte mir nicht wenig mein trübseliges Leben.
    Da endlich traf die Nachricht von Iwans Genesung und seiner nahen Rückkehr
in seine Heimat hier ein, später wurde der Besuch seiner Mutter uns
angekündigt, die auf ihrem Wege zum Empfange ihres Sohnes, hier bei ihrer
Jugendfreundin Selina einsprechen wollte. Jetzt atmete ich wieder auf! Mir war
wie Einem, dem nach langer harter Klausur seine nahe Befreiung verkündigt wird.
Julie erfuhr nun alles, Iwans glücklich überstandene Lebensgefahr, seine und
seiner Mutter nahe Ankunft, aber auch, dass meine verwickelten gefährlichen
Verhältnisse mir nicht erlaubten, bis zu Iwans Ankunft hier zu verweilen. Unter
Ilias Schutz, der sich heilig verpflichtete, Vaterstelle bei ihr zu vertreten,
sollte sie ihren Verlobten erwarten, und dann als seine glückliche Gattin in die
Heimat mit ihm ziehn. Julie ergab sich in jede meiner Anordnungen, das einfache
Kind gefällt sich in diesem, von der Natur so begünstigten Lande Von mir auf
immer sich zu trennen, war ihr freilich ein Hartes! Auch mir war es eine schwere
Stunde, aber meines Bleibens ist hier nicht länger. Es benimmt mir Luft und
Licht und Lebensmut; mir ist, wie es im schönsten, wärmsten Sonnenscheine einem
Fische auf trockenem Sande sein mag. Zurück, zurück muss ich in den Strudel des
Lebens, zurück in mein Element, wenn ich nicht vergehen soll; muss wieder
fürchten und hoffen und erwarten, bei Kerzenschein, auf dem grünen Felde, wo
Fortuna, meine Göttin - doch genug!
    Als Grischa kehrte ich nach Moskau zurück; mein erster Ausgang war nach dem
Palaste des Fürsten Andreas, um etwas von Iwan zu erfahren; dort traf ich Sie,
mir war als begegne ich einer himmlischen Erscheinung; denn dass Sie in Ihrem,
mir wohl bekannten bedeutenden Verhältnisse Ihren Freund begleiten könnten, wäre
selbst im Traume mir nicht eingefallen. Mein Entschluss, Ihnen hierher zu folgen,
war augenblicklich gefasst; Dmitry half mir zur Ausführung desselben, wie Sie
wissen.
    Und was erwarten Sie jetzt von unserm Zusammentreffen? was verlangen Sie von
mir? fragte Richard ziemlich kalt, aber eben nicht unfreundlich.
    Was ich von keinem Andern verlangen möchte noch könnte, erwiederte Torson;
ich kenne Sie und weiss, dass Sie nicht fähig sind, ein Ihnen geschenktes
Vertrauen zu missbrauchen. Überdem baue ich fest auf Ihr mir genau bekanntes
Verhältnis zu jenem grossen Hause, das wie zu demselben gehörend Sie jetzt schon
betrachtet.
    Dass ich vor Iwan als Juliens Vater zu erscheinen mich nicht entschliessen
kann, werden Sie sich selbst erklären, wenn Sie an so manches Vergangene
zurückdenken wollen, zum Beispiel an den Brillen-Baron, und noch an Vielerlei
und Mancherlei, das mit dem Respecte gegen seinen Schwiegerpapa sich schlecht
vertragen würde. - Ich wollte freilich jetzt es wäre anders, und wir Beide, er
und ich, etwas weniger mit einander bekannt, aber es ist nun einmal wie es ist:
setzte er die Achseln zuckend hinzu: auch möchte ich, wie Sie wissen, die
Wiederholung der Abschiedsscene mir und Julien gern ersparen.
    Und so sei es denn gewagt! ich lege die Zukunft meiner verwaisten,
verlassenen Tochter in Ihre Hände! Nehmen Sie, gleich einem ältern Bruder, des
armen Mädchens sich an. Dass ich in keinem andern Verhältnisse, als dem von der
Natur geheiligten, des Vaters zu seinem Kinde zu ihr stehe, davon sind Sie
überzeugt, denn die Beweise liegen in Ihrer Hand. Mögen Sie in jeder andern
Hinsicht von mir denken, wie Sie wollen, ich ergebe mich darein, und weiss nicht,
ob ich nicht sogar wünschen sollte, Sie möchten mich in Ihrer Meinung recht tief
herabsetzen; denn dieses wäre v elleicht für Sie der triftigste Beweggrund zur
Erfüllung meines Wunsches!
    Hier schwieg Torson, indem er einen halb fragenden, halb bittenden Blick auf
Richard warf.
    Dieser sass einen Augenblick wie unschlüssig da; erklären Sie sich
deutlicher, setzen Sie mir umständlicher auseinander, was ich für die Braut
meines Freundes tun soll und kann; sprach er endlich, und reichte unwillkürlich
quer über den Tisch hin Torson die Hand.
    Sie wissen jetzt Alles, klären Sie Iwan über mein Verhältnis zu Julien auf,
über die Gründe, die mich zur Flucht mit ihr bewogen, über alles was in meinem
und Juliens Betragen ihm zweifelhaft, oder auch nur auffallend scheint; fuhr
Torson fort, ermutigt durch Richards sichtbar gegen ihn veränderte Stimmung.
Suchen Sie Iwans Mutter für die Verbindung des jungen Paares zu gewinnen, und
möge dann Julie, als Gattin des Mannes den sie liebt, mit ihm in sein schönes
Vaterland ziehen, und glücklich sein.
    Ist aber alles wirklich anders geworden, hat Iwan sein Herz von ihr
abgewendet, weigern sich seine Mutter und seine Verwandten, eine Fremde in ihrer
Mitte aufzunehmen, nun dann! dann! setzte er sehr bewegt hinzu, dann suchen Sie
dem unglücklichen Mädchen Mut einzusprechen, und führen es zurück nach
Petersburg, zurück in das Asyl ihrer Jugend, dem ich sie nie hätte entreissen
sollen. Vertreten Sie Julien bei den ihr einst so günstig gestimmten Freunden,
erklären Sie ihnen den Zusammenhang der Begebenheiten, so viel Sie dieses
können, ohne das Geheimnis des Bundes zu verraten. Frau Karoline wird die Arme,
die mit einem so grossen Schmerze zu ihr flüchtet, nicht verlassen, und Lange
auch nicht, davon bin ich überzeugt, wie von meinem Leben.
    Übrigens tritt meine Tochter nicht als Bettlerin auf; in diesem Portefeuille
übergebe ich Ihnen Juliens Vermögen - weisen Sie es nicht vornehm zurück, Herr
Wood; kein Kopeken von dem, was Sie oder Andre, billiger oder unbilliger Weise,
unrecht erworbenes Gut nennen möchten, befindet sich darunter, sprach Torson ein
wenig gereizt, als Richard mit verweigernder Geberde sich abwandte: es ist das
auf meine Tochter rechtmässig vererbte Eigentum ihrer verstorbenen Mutter, das
ich hier zu gewissenhafter Verwaltung Ihnen, als ihrem Vormunde, übergebe.
    Haben Sie denn jenes Linsengericht ganz vergessen, für welches ich meinen
Verwandten damals meine Ansprüche auf die Güter und den Namen meiner Ahnen
überliess? setzte er, schnell sich wieder fassend, heiterer hinzu. Zwar hatte ich
einen schlechten Handel gemacht, aber die Summe war an und für sich nicht ganz
unbedeutend. Sobald eine schickliche Gelegenheit dazu sich auffinden liess, eilte
ich sie meiner Frau als ihr Eingebrachtes zu verschreiben, um die Zukunft dieses
geliebten Wesens ausserhalb des Bereiches meines eignen Geschicks festzustellen.
Beinahe zwanzig Jahre lang habe ich die Zinsen immer wieder zum Kapitale
schlagen lassen; und so ist es denn jetzt, fast verdoppelt, zu einer Summe
angewachsen, die Julien zwar nicht zur reichen Erbin macht, aber doch für den
schlimmsten Fall ihr Unabhängigkeit zusichert.
Mit sich, mit Torson, ja mit der ganzen Welt vollkommen zufrieden, voll
moralischer Betrachtungen über die tadelnswürdige Eilfertigkeit, mit der man zu
einseitigen, unüberlegten Verurteilungen sich hinreissen lässt, ohne sich die
Mühe zu geben, auch die etwanigen guten Seiten des Bösewichts, den man verdammt,
aufspüren zu wollen, machte Richard sich bereit, die ihm sehr schwierig dünkende
Beruhigung seines, bis zum wütendsten Zorne gereizten Freundes zu unternehmen.
    Der Mutter verständige Vorstellungen, das Zeugnis der vieljährigen Freunde
seiner Eltern, Ilia und Selina, vor allem aber die durch das flüchtigste
Wiedersehn der Geliebten neubelebte Liebe, hatten indessen alles schon
vollendet, und den grimmigen Löwen gebändigt. Lammsfromm sass er zwischen der
Mutter und Julien; von Geschwistern und Freunden umringt, lächelnd wie die
personificirte Zufriedenheit, reichte er dem erstaunten Richard bei dessen
Eintritt die Hand entgegen, und für diesen blieb nichts mehr zu tun übrig, als
die Ermahnungen, auf die er sich vorbereitet hatte, in tief aus dem Herzen
kommende Glückwünsche umzuwandeln.
    Wehe dem Novellisten, der sich nicht daran genügen lassen will, ein
liebendes Paar durch allerlei Widerwärtigkeiten bis zu den Stufen des Altars
glücklich geleitet zu haben; der Versuch, nach dieser alles beendenden
Catastrophe noch etwas Interessantes vorzutragen, fällt selten belohnend aus.
Daher sei hier nur noch in möglicher Kürze erwähnt, dass Iwan auf Treue und
Glauben alles für wahr annahm, was Richard im Namen des Vaters seiner Braut ihm
mitteilte, ohne dass er deshalb die mindeste Sehnsucht bezeigt hätte, diesen
wiederzusehn; denn seine offne treue Natur konnte den Mangel an Vertrauen, den
Torson ihm bewiesen, zwar verzeihen, aber weder verwinden noch vergessen.
    Übrigens war Iwan in der Umgebung der Seinen der einfache Sohn des Gebirgs
wieder geworden, der er gewesen, ehe das grössere Leben ihn umfing. Ausser dem
Freunde und der Geliebten war alles, was zwischen dem Tage seines Abschieds von
der Heimat und der gegenwärtigen Zeit lag, versunken und vergessen; an Juliens
Seite wandte er nur der Zukunft sich zu und eine unabsehbare Reihe von Jahren,
im heitersten Sonnenglanze des friedlichsten Glückes, breitete vor seinem Blicke
sich aus.
    Spät nach Mitternacht, als in ganz Nachitschewan kein Auge mehr offen stand,
erschien Torson reisefertig, um von Richard Abschied zu nehmen. Zwischen diesen
beiden bedurfte es keiner weitern Erläuterungen, Torson war durch Dmitry von
allem was sich zugetragen umständlich unterrichtet.
    Ich werde weder Petersburg noch Moskau jemals wiedersehen, sprach Torson im
Augenblicke des Scheidens: ich wähle den geraden Weg nach Odessa, von wo ich
leicht überall hingelangen kann, wohin Schicksal oder eigne Laune mir winken.
Wir beide treffen wahrscheinlich nie wieder zusammen, auch weiss ich nicht, ob
dies wünschenswert wäre; doch werde ich Sie nie vergessen, und Sie mich
wahrscheinlich auch nicht.
    Iwan, die Mutter und Geschwister desselben, Ilia, Selina und Julie, die
einstweilen noch als unter dem Schutze jenes gastlichen Paares stehend
betrachtet wurde, sie Alle bereiteten sich, in den nächsten Tagen in die
ziemlich nahe liegenden Bäder von Kislawodsk sich zu begeben, und dort die
Ankunft des Vaters Yakuchin zur Hochzeitsfeier zu erwarten.
    Richard freute sich unbeschreiblich auf diese Reise; die erste Hälfte seines
Urlaubs war noch nicht völlig abgelaufen, er durfte es sich erlauben, wenigstens
einige Tage in jenen paradiesisch schönen Gegenden mit seinem Freunde fröhlich
zu sein, mit dem er so viel herbes Leid treulich getragen. Doch als der Tag, die
Stunde der Abreise nun festgesetzt war, da ergriff ihn plötzlich eine
unerklärliche, ahnungsschwere Bangigkeit. Wachend und im Traume war ihm, als
riefen ängstliche Stimmen aus weiter Ferne ihn bei Namen, als fühle er von
unsichtbaren Händen sich heimwärts gezogen, und vermochte nicht diesem Gefühle,
das immer vernehmlicher sich aussprach, zu widerstehen.
    Richard, Du gehst! sprach Iwan in der letzten schmerzlichen Umarmung: und in
Dir verlässt mich mein Schutzengel, der Schöpfer meines Glückes, dem ich Alles
verdanke, mein Leben und, was mehr ist, meine Genesung aus einem Zustande, an
den ich nicht zurückdenken darf. Du gehst von schwerer Ahnung getrieben, und ich
bleibe in banger Sorge um Dich zurück. Denke an mich, nicht wie man so im
gemeinen Leben zu sagen pflegt, denke an mich wenn es Dir wohl geht; da magst Du
immerhin mein vergessen: aber wenn einst Alles um Dich her zusammenbricht, wenn
Deine schönsten Hoffnungen in Rauch aufgehen, dann, Richy, dann denke an Iwan,
und reisse von allem Flittertande Dich los, und fliehe zu mir in meine stille
friedliche Hütte, und ruhe bei uns vom Schmerze des Lebens aus. Gieb mir die
Hand darauf, dass Du es tun willst, versprich es mir, mein Bruder!
    Richard tat wie Iwan es wollte, und entfernte sich schleunigst, ohne noch
einmal den Blick rückwärts zu wenden.
Richards Ankunft in Petersburg fiel gerade in eine Epoche, welche in jeder
bedeutenden Stadt, besonders in jeder grossen oder auch winzig kleinen Residenz,
einmal im Jahre regelmässig eintritt, wo alle Welt klagt: die Stadt ist verödet!
Alles wie ausgestorben! obgleich das Leben in seinem gewohnten Gange sich rasch
fortbewegt, Equipagen rollen, geputzte Leute überall sich zeigen, Jedermann wie
gewöhnlich seine Geschäfte betreibt, und man diese angebliche Öde weder auf den
Promenaden, noch in den Strassen sonderlich gewahr wird.
    Diese Zeit des allgemeinen Stillstandes, der im Grunde keiner ist, übt ihre
lähmende Kraft hauptsächlich nur auf die wenigen daheim Gebliebenen, jenen der
Zahl nach kleinsten Teil der Bevölkerung, welcher sich vorzugsweise die
Societät nennt. Die Abwesenheit des Hofes zieht auch die der angesehensten
Familien nach sich, und so fand es auch Richard bei seiner Heimkehr. Einige
grosse Familien hatten bedeutende Reisen in fremde Länder angetreten; Andre
hatten auf ihre, oft seit vielen Jahren nicht besuchten Besitzungen sich
begeben, und unter diesen befand sich auch Fürst Andreas, der mit seinem Sohne
Eugen auf einer seiner weit entfernten Herrschaften den Zustand seiner viel
tausend, lange nicht von ihm in nähere Betrachtung gezogenen Seelen, und der von
ihm dort angelegten Fabriken untersuchte.
    Graf Stephan befand sich mit seiner Familie in Berlin, um bei den dortigen
berühmten Ärzten für seine immer leidende Gemahlin Hülfe zu suchen. Und was für
Richard das Betrübendste war, auch die Fürstin Eudoxia, begleitet von ihren
beiden Töchtern und ihrem Schwiegersohne, war nach Karlsbad gegangen. Sogar Alex
war abwesend, sein Urlaub war abgelaufen und Dienstpflicht hielt den jungen
Officier in Kronstadt fest.
    Keiner hatte daher wohl gerechteren Grund sich zu beklagen als Richard, dem
ohnehin diese gänzliche Verlassenheit um so schmerzlicher auffallen musste, da er
auf keine Weise darauf vorbereitet war. Die weite Entfernung des Ziels seiner
Reise, die Eile, mit welcher er sie zurücklegte, hatte jede briefliche
Mitteilung fast unmöglich gemacht; gewiegt in goldne Träume des nahenden
Wiedersehens, hatte er keine Ruhe sich gegönnt, um noch vor völliger Beendigung
seines Urlaubs anzulangen, und fand sich nun zu Hause, als wäre er in der
Fremde.
    Anfangs wollte die heimliche Angst, die ihn von seinem Freunde
fortgetrieben, und die während der Reise von ihm gewichen war, sich seiner
wieder bemächtigen; doch als er die ersten Tage des Missmuts überstanden und
reiflich bedacht hatte, dass aufgeschoben nicht aufgehoben sei, fing er an etwas
unbefangener um sich zu blicken. Er entdeckte jetzt manches, das ihn tröstete
und heiter stimmte, und musste sich selbst bekennen, dass dieser fast total
isolirte Zustand, in den er für den Augenblick sich versetzt sah, eben wie alle
Übel der Welt, doch auch seine gute Seite habe; denn auch Obrist Pestel und mit
ihm alle die eifrigsten Anhänger jenes Bundes, waren aus Petersburg
verschwunden, hierhin, dortin, in alle vier Winde hin.
    Keine Spur eines Vereinigungspunktes liess sich entdecken; es ereignete sich
zuweilen, dass Richard mit mehreren ihm wohlbekannten Bundesbrüdern an
öffentlichen Orten, oder auch in engeren geselligen Kreisen junger Leute
zusammentraf, doch kein Wort, kein Blick, nicht die leiseste Anspielung verriet
jemals, dass man jener, einst die Gemüter so gewaltsam exaltirenden
Verhältnisse, sich auf das entfernteste nur noch erinnere; es war als wären sie
nie gewesen. Gewiss, gewiss, es konnte nicht anders sein, der Fürst, als er
behauptete, der Bund sinke von nun an in sich selbst der Vernichtung zu, hatte
weder sich noch Richard getäuscht; diese Überzeugung, die immer klarer sich ihm
entgegen drängte, erfüllte ihn mit einem gewissen behaglichen Gefühle ruhiger
Sicherheit, das seit seinem Eintritte in den Bund ihm ganz fremd geworden war,
und ihm jetzt unbeschreiblich wohl tat.
Seine genussreichsten fröhlichsten Stunden brachte Richard jetzt beim
Kapellmeister Lange zu. Bei seiner übereilten Abreise hatte er die treuen
Freunde verlassen müssen, ohne von ihnen Abschied nehmen zu können; er fand sie
bei seiner Wiederkehr zwar ruhiger, als sie gleich nach Juliens Flucht es
gewesen, aber immer noch niedergebeugt, einsam, mit tief verletztem Gemüte.
Sein erstes Erscheinen, die freudige Botschaft, die er vom Kaukasus mitbrachte,
wirkte auf Beide, wie, nach Monaten versengender Dürre, ein milder Regen auf die
verschmachtende Pflanzenwelt wirkt.
    Von neuem Jugendmute beseelt, erhoben sich Beide aus der ihnen so wenig
natürlichen trübseligen Stimmung; Frau Karoline lachte und weinte in einem
Atem, ehe sie für ihre Freude Worte fand; dem Kapellmeister fehlten diese ganz
und gar; verstummend warf er seine goldbetroddelte Mütze von einem Ohre zum
andern, riss sein Pianoforte auf und jubelte darauf so lange und kräftig herum,
bis die Saiten es nicht mehr aushielten, tanzte und walzte mit seiner Frau, mit
Richard, mit den Möbeln im Zimmer, bis keines derselben mehr auf seiner alten
Stelle stehen geblieben war, bis er zuletzt atemlos hinsank.
    Ihr meint wohl, ich sei närrisch geworden? keuchte er endlich: und Gott sei
Dank, ich bin es auch.
    Alter! bin ich es denn nicht? wer über gewisse Dinge nicht den Verstand
verliert, der hat keinen zu verlieren! spricht die Gräfin Orsina, fuhr Frau
Karoline in ihrer gewohnten teatralischen Manier dazwischen, und brach hernach
selbst über die seltsame Anwendung dieser Worte in lautes herzliches Lachen aus.
    Dass ich das erlebe! dass ich wieder denken und singen und sagen kann, es
gibt noch Treu und Glauben in der Welt! darum verlohnt es sich auch noch der
Mühe, ein paar Jährchen in ihr es auszuhalten, sprach ihr entzückter Gatte
indessen leise vor sich hin, und wiegte lächelnd das Haupt von einer Seite zur
andern. Julie hat uns nicht hintergangen, ist brav und glücklich, selbst Torson
ist so pechschwarz nicht als er schien! Wie das Alles im Kopfe mir herumwirbelt!
rief er, sprang auf, setzte sich wieder an den Flügel, und liess nun in Tönen
beredter als in Worten seine Freude, seinen Dank ausströmen; Richard und
Karoline hörten in stiller Andacht ihm zu.
    Von nun an war des Erzählens von der einen, des Fragens von der andern Seite
kein Ende, so oft Richard sich zeigte; und dieser liess selten einen Tag
vergehen, ohne die treuen Freunde zu besuchen. Immer hatten sie Julien als ganz
zu ihnen gehörend betrachtet, das Bewusstsein, ihr, wenn auch gleich nur in
Gedanken, Unrecht getan zu haben, machte sie ihnen noch teurer, und flösste für
alles, was auf sie Bezug hatte, die lebhafteste Teilnahme ihnen ein. Die guten
Leute sannen Tag und Nacht darüber nach, wie sie ihr eine Freude machen könnten,
um das ihr zugefügte Leid, von welchem sie jedoch gar nichts empfunden,
einigermassen zu vergüten, und wünschten nichts sehnlicher, als sie noch einmal
zu sehen, um es ihr abzubitten.
Auf den Flügeln der herbstlichen Äquinoctialstürme entfloh der kurze nordische
Sommer, und von allen Seiten kehrten die Reisenden an den heimatlichen Heerd
zurück. Täglich gab es ein Fest des Wiedersehens zu feiern, und auch Richard
ging dabei nicht leer aus, denn auch er begegnete bei jedem Schritte lange
vermissten Freunden und Bekannten, bis endlich zur glücklichsten Stunde auch
Helena mit den Ihrigen heimkehrte. Nur der Fürst und Eugen fehlten noch, und
auch Graf Stephan, von den Leiden seiner geliebten Frau in Berlin festgehalten.
    Richard verlebte jetzt Tage des ungestörtesten Glückes, ohne dass deshalb in
seinen äussern Verhältnissen die kleinste Abänderung eingetreten wäre. Befreit
von jenen quälenden Besorgnissen, die ihn früher Tag und Nacht verfolgten, die
selbst an der Seite der Geliebten ihn nur um so entsetzlicher peinigten, gab er
jetzt der lang entbehrten seligen Gegenwart sich hin, und suchte jedem Gedanken
an seine noch immer tief verschleierte Zukunft auszuweichen, selbst wenn der
Fürstin Eudoxia sich immer gleichbleibende Nachsicht, ja ihr mütterliches
Benehmen gegen ihn, als ein unbegreifliches Rätsel vor ihm stand, an dessen
Lösung er nicht ohne bange Ahnung denken konnte.
    Traue meinem Vater, der uns wohl will, und geniesse der guten Stunden, die er
uns gönnt, ohne weiter darüber nachzugrübeln; glaube fest, er weiss was er tut,
und ist unfähig, das Glück unsers Lebens mutwillig aufs Spiel zu setzen; sprach
dann lächelnd Helena, und wie gern gab er der holden Trösterin nach!
    So ging die Zeit hin; das Karneval mit seinen glänzenden Festen nahte sich
seinem Ende; Frühlingsahnung regte sich in jeder Brust; denn obgleich der Winter
noch immer das Regiment führte, schien er doch allmälig die Strenge desselben
mildern zu wollen. Helena und Richard sahen still freudig der Rückkehr des
Fürsten entgegen, die sie innerhalb weniger Wochen erwarten durften, doch von
Eugen blieben sie ohne alle Nachricht. Keiner, auch nicht Eudoxia, kannte seinen
jetzigen Aufentalt, und da der Vater sich nicht geneigt bezeigte, sich über
denselben in seinen Briefen zu äussern, so durfte Niemand es wagen, deshalb in
ihn dringen zu wollen. Selbst die Fürstin war zu dieser zurückhaltenden
Bescheidenheit von ihrem Gemahl früh gewöhnt worden.
    Was wird es denn auch Grosses sein! lächelte Helena: irgend eine neue
Anstalt, eine Schule für Bauernkinder, oder eine ausländische Erfindung, mit der
wir überrascht werden sollen, und über deren Ausführung Eugen die Oberaufsicht
übertragen worden ist. Warum sollten wir vorwitzig dem guten Vater diese Freude
verderben?
Wunderlich genug hatte es gerade in dieser Zeit dem Strumpffabrikanten Wood, der
jetzt ein in seiner Art sehr bedeutender, reicher Mann geworden war, gefallen,
sich einmal seines Sohnes zu erinnern, an den er seit Jahren nicht gedacht
hatte, so wenig als der geneigte Leser an den alten Herrn in Nottingham gedacht
haben mag. Ein für ein Haus in Manchester Reisender kam mit Empfehlungen und
Briefen für Richard an; eigentlich eine vornehmere Art Muster-Reiter, beladen
mit Vorschlägen zu Speculationen und kaufmännischen Anerbietungen, zu deren
Ausführung er durch Richards Fürwort zu gelangen angewiesen war.
    Master Mitchell, so hiess der ehrliche John Bull, der gleich in der ersten
Stunde dem armen Richard ungemein lästig erschien, suchte auf seine Art sich so
angenehm zu machen, als möglich; er packte mit grosser Förmlichkeit ein paar
Dutzend Briefe von Eltern, Geschwistern, Vettern und Basen aus, die er, nicht
ohne einiges Risiko, über die Grenze geschmuggelt hatte; und wusste Unendliches
von den Billys und Tommys und Peggys und Pattys zu erzählen, die alle auf
Richards brüderliche Zärtlichkeit Anspruch machten, und deren Namen, ja zum
Teil deren Existenz ihm nicht einmal bekannt war; denn seit seiner Entfernung
aus dem väterlichen Hause hatte die damals schon grosse Anzahl seiner Geschwister
sich noch beträchtlich vermehrt.
    Solche zwar selten, aber doch im Verlaufe einiger Jahre immer
wiederkehrenden Erinnerungen an seine Familie, ergriffen ihn allemal mit dem
drückenden Gefühle versäumter Pflicht, indem sie zugleich seine eigentlich doch
sehr unbestimmte, einzig und allein auf das fortgesetzte Wohlwollen mächtiger
Gönner beruhende Stellung, ihm wieder fühlbarer machten. Doch war bis jetzt, und
auch diesmal, keine betrübende Nachricht ihm über's Meer zugekommen; seine
Eltern lebten in täglich sich mehrendem Wohlstande, keines seiner Geschwister,
deren Anzahl er selbst nicht mehr genau wusste, hatte der Tod ihm entrissen. Er
fühlte es als schwere Verpflichtung, dieses als ein grosses Glück anzuerkennen,
und zürnte sich selbst, dass es ihm damit nicht recht gelingen wollte. Aber das
Alles lag ihm so fern, war ohne sein Zutun ihm so entfremdet, dass es ihm
durchaus unmöglich blieb, den warmen Anteil daran zu nehmen, den er seinem
Herzen aufzudringen sich fruchtlos bemühte.
    Um aber doch einigermassen seine Pflicht eines guten Sohnes zu erfüllen, tat
er alles nur Ersinnliche für seinen unbequemen Gast, der aber leider als
durchaus nicht amüsabel sich auswiess. Von allem was Richard ihm zeigte, gefiel
ihm durchaus nichts, denn es war nicht wie in Alt-England; die Sitten und
Gewohnheiten der grossen englischen Kaufleute, in deren Häusern ihn Richard
einführte, fand er so aus der Art geschlagen, dass er gewiss keinen Fuss wieder
hinein gesetzt haben würde, hätte nicht die Hoffnung, irgend ein bedeutendes
Geschäft mit ihnen zu machen, ihn dazu bewogen.
    Indessen wollte Richard doch nichts unversucht lassen; um dem widerhärigen
Insulaner wenigstens einen anschaulichen Begriff von der Grösse, dem
überschwänglich reichen Leben der prachtvollen Kaiserstadt zu gewähren, führte
er ihn auf den grossen Maskenball, den letzten in dieser Saison, und folglich
auch den besuchtesten und glänzendsten, den selbst der kaiserliche Hof diesmal
durch seine Gegenwart verherrlichte.
    Als ob die Bevölkerung eines ganzen Landes in Lust und Freude sich
versammelt hätte, so drängen die vielen Tausende, deren Zahl auszusprechen man
sich scheut, um nicht der Übertreibung beschuldigt zu werden, in weiten Sälen
sich umher, deren Ende unerreichbar scheint. Der Fremde, der seinen Begleiter
nur eine Secunde aus den Augen lässt, ist von dem Moment an verloren, wie ein
Tropfen im Meere. Fortgerissen von dem unglaublichen Gewühle, kann er bis zum
anbrechenden Morgen fortwandern, ohne ihn oder auch nur einen Punkt anzutreffen,
der ihm einigermassen sich zu orientiren dienen könnte. Diesmal erreichte Richard
seinen Zweck. Das ist gross! das ist stupend! sprach Mr. Mitchell, und liess, an
Richards Arm fest angeklammert, sich wohlgefällig vorwärts schieben.
    Croyan oder adhéran? flüsterte eine scharf betonte Stimme dicht an Richards
Ohr. Ganz unwillkürlich sah er nach dem, der diese ihm ganz unverständlichen
Worte gesprochen hatte, sich um. Ein Ruck - und der unselige Engländer war im
nämlichen Momente von ihm getrennt, kaum sah er noch weit vorne im Strudel der
Menge ihn schwanken, dann war er verloren, ohne Hoffnung, ihn sobald wieder zu
finden.
    Ein riesengrosser Domino hatte an dessen Stelle sich gedrängt und Richards
Arm ergriffen. Sei unbekümmert, Brüderchen, er ist wohl beschützt und wird zur
rechten Zeit Dir wieder übergeben. Ich muss Dich sprechen und habe Eile, sprach
leise, aber vernehmlich, der Domino ihm abermals in's Ohr.
    Du bist's? Du wagst es? rief Richard überlaut, indem er jetzt die Stimme zu
seinem grossen Schrecken erkannte. Die Musik und das Geräusch um ihn her
übertönten glücklicher Weise diese Worte; unwillig winkte die Maske ihm zu
schweigen, zog ihn rascher mit sich fort, wand mit auffallender Lokalkenntniss
auf allerhand Seitenwegen sich mit ihm durch das Gedränge in einen abgelegenen
Korridor, drückte gegen eine Wand, sie gab nach, eine verborgene Tapeten-Tür
drehte unhörbar sich auf ihren Angeln.
    Da wären wir nun, wo der Teufel selbst seine Jungen nicht fände! lachte
Lunin, den die Alles erratenden Leser wahrscheinlich längst erkannt haben,
indem er Richard in ein geräumiges aber schwach erleuchtetes Zimmer schob. Fünf
oder sechs junge Leute, welche den Eintretenden nicht zu bemerken schienen,
sassen bei Punsch und Würfelspiel in einer Ecke.
    Und nun, Brüderchen, setze Dich hierher, brich los mit Schelten und
Ermahnen, aber fasse Dich kurz: sprach Lunin, indem er Richard in ein entferntes
Fenster zog, wo halb von den Draperien bedeckt Wein und Gläser bereit standen.
    Lunin! rief Richard, hoffte ich doch Deine verhasste Gestalt nie wieder zu
sehn.
    Sei nicht unhöflich, erwiederte lachend Lunin: was hast Du gegen meine
Gestalt, wenn sie mir nur recht ist? Die langen Beine da haben mir schon aus
mancher Patsche geholfen! setzte er hinzu, indem er in seinem Sessel sich
zurücklehnte, sie weit ausstreckte und in der Luft damit lustig herum vagirte.
Aber nun zur Sache: was hast Du mir zu sagen?
    Ich Dir? was hätte ich mit Dir zu schaffen? antwortete Richard mit dem
Ausdrucke tiefster Verachtung.
    So stehts? desto besser, dann kommen wir um so eher auseinander, erwiederte
Lunin sehr gleichmütig: ich aber habe allerlei Aufträge an Dich, von meinem
Alten, Du weisst wohl. Ich gehe von hier gerade zu ihm nach Odessa; ich tue es
nicht gern, aber ich muss wollen, wie er will, das Ding hat zwischen uns so
seinen eignen Haken. Hast Du an ihn etwas zu bestellen? Nicht? auch gut. Dann
soll ich mit Feinheit von Dir herausbringen, aber das ist meine Sache nicht,
also frage ich Dich lieber gerade heraus, in meines Alten Namen, bist Du Croyan
oder schon zum Adhéran avancirt?
    Du avancirst wohl mit nächstem ins Narren-Haus: erwiederte Richard
ungeduldig auffahrend.
    Also noch die pure liebe Unschuld? fuhr Lunin fort, ohne sich aus der
Fassung bringen zu lassen: da kann ich also ohne weitere Umstände meinen Auftrag
an Dich frei von der Leber weg ausrichten. Der mich sendet lässt Dir empfehlen
wohl aufzumerken, wo Du jene Worte aussprechen hörst. Die böse Teufelssaat ginge
wieder auf, und die sieben Köpfe der alten Hydra gewönnen wieder neues Leben.
Fahr wohl! auf nimmer wiedersehn! mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege nach
Odessa. Du bleibst ruhig hier, bis Dein Seekalb kommt, es wird nicht lange
ausbleiben.
    Die Tapetentüre drehte sich wieder, Lunin war verschwunden, Richard sass da
und wusste nicht genau ob er wache oder träume. Ihm war grauenhaft zu Mute,
Lunins kurze gespensterartige Erscheinung, die wenigen Worte, die er von ihm
vernommen, machten ihn zweifelhaft, ob man einen übel angebrachten Scherz mit
ihm treiben wolle, oder ob jene Worte wirklich eine Bedeutung hätten, die in dem
Sinne genommen, in welchem er sie zu nehmen habe, ihn von neuem mit den
peinigendsten Besorgnissen erfüllen musste.
Seit Lunin und Richard das Zimmer betreten, hatte die Gesellschaft am andern
Tische, ohne grossen Lärm dabei zu machen, ihr Wesen vor sich hin getrieben. Das
Klappern der Würfel, dass Klingen der angestossenen Gläser, ging so gleichförmig,
man könnte sagen so taktmässig vor sich, dass es dadurch das Störende verlor, und
von dem in seinem dunkeln Ecken sitzenden Richard eben so unbeachtet blieb als
der das Fenster umsausende Nachtwind; im Gegenteil, es versenkte ihn nur noch
tiefer in jene unbestimmten Träumereien, denen er beinah gedankenlos sich
überliess, statt ihn daraus zu erwecken.
    Wem es gelungen ist in der Nähe einer Mühle einschlafen zu können, der wird,
wie man behauptet, nur um so fester schlafen, so lange die Mühle im Gange
bleibt. Doch werden ihre Räder gehemmt, so erwacht er, und es ist um seinen
Schlaf getan. Ähnliches erfuhr Richard.
    Die Punschquelle an jenem Tische war vermutlich versiegt, die Spiellust
befriedigt; das Klingen der Gläser, das Klappern der Würfel nahm plötzlich ein
Ende, leise drehte sich wieder die Tapetentüre: ein neu Ankommender gesellte
jener Gesellschaft sich zu. Die Stühle wurden dichter zusammengeschoben; mit den
Ellbogen auf dem Tische, die Köpfe zusammen gesteckt, begann unter ihnen ein
eifriges, flüsterndes Gespräch, weit leiser als die vorhin geführte
Unterhaltung; Richard fuhr über diese plötzlich eintretende Veränderung aus
seiner Versunkenheit in sich selbst auf, und erinnerte sich jetzt erst der Nähe
einer Gesellschaft, deren Dasein er völlig vergessen gehabt hatte.
    Jetzt erst fiel es ihm auf, dass auch er wahrscheinlich eben so unbemerkt
geblieben sei, was in nicht geringe Verlegenheit ihn versetzte. Sein Gefühl für
Ehre und Schicklichkeit erlaubte ihm nicht, noch ferner ohne Wissen der
Anwesenden hier zu verweilen und verborgener Zeuge einer Unterhaltung zu werden,
die mit immer steigendem Interesse geführt zu werden schien; verliess er aber das
Zimmer, so konnte er kaum noch hoffen, in der ungeheuren Menschenmasse seinen
Begleiter aufzufinden, den hier zu erwarten er angewiesen war, und die
vielleicht gefährlichen Verlegenheiten liessen sich gar nicht absehen, in welche
dieser bei seiner widerhärigen Unbeholfenheit geraten konnte, wenn er für den
übrigen Teil der Nacht seiner eignen Leitung überlassen blieb.
    Nach allen diesen Überlegungen hatte Richard zuletzt beschlossen
hervorzutreten, um seine Gegenwart und die Veranlassung derselben kund zu tun,
die ihn zwang, einen von ihm eingeführten, der Localitäten ganz unkundigen
Fremden hier zu erwarten, als ein einziges Wort, deutlicher als alle übrigen
sein Ohr traf, und augenblicklich an seinem Platze ihn festielt: das Wort -
Adhéran.
    Leiseres unverständliches Geflüster folgte diesem, aus welchem nur einzelne
Ausdrücke zu ihm herüber schollen, die er in keinen Zusammenhang zu bringen
wusste. Auch Namen hörte er nennen, die er anderswo oft vernommen. Er blickte
schärfer nach der Gesellschaft hin und entdeckte zu seinem unsäglichen Entsetzen
bekannte Gesichter aus jener Zeit, die er gern auf ewig vergessen hätte. In
diesem heimlichen Winkel, so still verborgen im Gewühle vieler Tausende, wie
eine einsame Felseninsel mitten im sie umbrausenden Gewoge des Weltmeers, an
einem Orte, wo Lunin als völlig einheimisch sich benommen hatte, diese
versammelt zu sehn, ergriff ihn mit grauenvollem Ahnen drohender, allgemeiner
Gefahr.
    Was er sah und hörte, musste auf das Lebhafteste an jenen verhängnisvollen
Abend ihn erinnern, an welchem ein unseliger Zufall, wider seinen Willen, ihn
Mitglied eines Bundes werden liess, den er seitdem bis zu diesem Augenblicke zu
seiner grossen Beruhigung für ganz aufgelöst gehalten hatte. War es Absicht oder
Zufall was diese, einzig aus früheren Teilnehmern an demselben bestehende
Gesellschaft, hier zusammengeführt hatte?
    Das einzige Wort Adhéran ausgenommen, liess alles Übrige, was er von ihrer
Unterhaltung bis jetzt verstanden, ihn das Letztere hoffen; doch wenn er der
Warnung sich erinnerte, welche Torson durch Lunin ihm hatte zukommen lassen, so
ergriff ihn eine ungeheure Angst, und bange Schauer durchrieselten ihm Mark und
Gebein.
    Der zuletzt Angekommene schien erst rechtes Leben in die Unterhaltung
gebracht zu haben; ein langer hagrer Vierziger, von militairischem Anstand, mit
dem Ausdrucke tief gewurzelten Missmuts in den dunkeln, stark hervortretenden
Zügen, auf dessen Namen Richard in diesem Augenblicke sich nicht besinnen
konnte, der aber durch sein schweigsames Aufmerken auf Alles, was um ihn her
vorging, ihm in den Bundesversammlungen oft aufgefallen war. Sein Betragen hier
war ganz anderer Art; heftig gestikulirend, wahrscheinlich von einem leichten
Champagnerrausche etwas exaltirt, sprach er viel, aber so leise, dass keine Sylbe
von dem, was er sagte, bis zu Richards Ohr gelangte. Einige von seinen Zuhörern
schienen eben so eifrig, aber auch eben so leise ihm zu widersprechen; aller
Vorsicht vergessend sprang er auf, und schlug mit geballter Faust auf den Tisch,
dass die Gläser klirrten.
    Und warum nicht? rief er mit überlauter Donnerstimme, warum nicht auf dem
Balle? warum nicht an einem Tage wie heute? denkt einige dreissig Jahre zurück,
denkt an Stockholm - Gelächter und Geschrei ausserhalb des Zimmers erstickte den
Rest seiner Worte.
    Die Tapetentüre drehte sich wieder, lachend drängte eine Gruppe Masken
hinein, Richard glaubte des Engländers Stimme zu hören und eilte hinaus; da
stand der edle Britte, so selig als man in dieser Welt es nur werden kann, von
zwei Personen unterstützt, die ihn sogleich in Richards Arme legten, und dann
den übrigen in das Zimmer folgten, dessen Türe augenblicklich verschlossen
wurde.
    Rule Britannia! lallte Mr. Mitchell mit schwerer Zunge und noch schwererem
Kopfe, während Richard den Taumelnden in den Wagen transportirte, aus welchem er
fest schlafend in sein Bette getragen, und am nächsten Morgen bei einem Kruge
Sodawasser nicht müde wurde, die gestern erhaltenen Beweise russischer
Gastfreiheit bis in die Wolken zu erheben.
Der Rausch war verschlafen, die Nachwehen desselben rein weggespült; Mitchell
war wieder die nüchterne, nur auf ihren Vorteil bedachte, Gewinn und Verlust
berechnende Krämer-Seele geworden, die er von jeher gewesen. Er ging
treufleissigst seinem Berufe nach, liess bei den Bemühungen, seine Fabrikate zu
empfehlen, weder durch kalten Empfang noch durch Äusserungen des Überdrusses sich
zurückschrecken, und gehörte fast buchstäblich zu denen, von welchen man
sprüchwörtlich zu sagen pflegt, dass sie zum Fenster wieder hineinkommen, wenn
man sie eben zur Türe hinaus gewiesen hat.
    Seine Beharrlichkeit blieb nicht unbelohnt. Es gelang ihm, in den Comptoiren
einiger bedeutender Häuser Eingang zu finden, wo er seine und seiner
Korrespondenten Industrie vorteilhaft geltend machen konnte, und Richard wurde
auf diese Weise zuweilen von der belästigenden Gesellschaft seines
schwerfälligen Landsmanns befreit.
    Dies war für ihn allerdings eine grosse Erleichterung, deren er jetzt
zwiefach bedurfte. Es schien als ob seit jener, auf dem Maskenballe zugebrachten
abenteuerlichen Nacht, die Folgen des Rausches, den Mitchell so glücklich
verschlafen, auf den wahrlich sehr mässig gebliebenen Richard übergegangen wären,
und keinem dagegen angewandten Mittel weichen wollten. Ihm war fortwährend wie
einem aus schweren Träumen nur halb Erwachten, der noch nicht mit Sicherheit zu
unterscheiden weiss, ob was ihm widerfuhr ein Wahngebilde, oder Wirklichkeit sei.
Noch immer war alles um ihn geblieben wie es gewesen; so oft er Helena sah,
lächelte ein Himmel von Seligkeit aus ihren Augen ihn an, und durch das gegen
ihn sich immer gleich bleibende Betragen der Mutter dazu berechtigt, verging ihm
selten ein Tag, an welchem er sie nicht gesehen hätte.
    Auch Kapellmeister Lange und Frau Karoline beeiferten sich, sein Leben zu
verschönen. Mit innigem Vertrauen und warmer Herzlichkeit schlossen sie immer
fester sich an den Jüngling an, und wollten und verlangten nichts weiter für
ihre liebende Treue, als dass er sie sich gefallen lasse. In seine übrigen
Verhältnisse eindringen, mehr, als er unaufgefordert ihnen mitteilte, erfahren
zu wollen, war ein Gedanke, der den bescheidenen Seelen nie in den Sinn kam.
    In seinen Dienstverhältnissen fand Richard eben so wenig Stoff zur Klage,
als in dem Betragen seiner Kameraden gegen ihn. Was war es denn, was bei jedem
plötzlichen Geräusche in der Strasse, bei jedem mit rauher oder fremder Stimme
gesprochenen Worte ihn aufschreckte? warum bei ringsum heitrem Himmel atmete er
so gewitterschwer?
    Ach, dem kundigen Schiffer gleich, ahnete er in tiefer Windstille den
nahenden Sturm; Lunins unheimliche Erscheinung, Torsons durch diesen ihm
zugekommene Warnung, die abgebrochenen Worte, die er auf jenem Balle zu
vernehmen gemeint, hatten ihn aufgeschreckt; er fürchtete, er wusste selbst nicht
was, und fand nirgends Rat, nirgends Erleichterung für sein sorgenvoll
bedrücktes Gemüt.
    Der Fürstin Eudoxia seine Besorgnisse anzuvertrauen, konnte ihm nicht
einfallen, eben so wenig der Geliebten. Er hatte ja oft genug erfahren, wie
Helena alles gewandt von sich abzuweisen wusste, was anzuhören ihr entweder nicht
angenehm war, oder nicht erlaubt schien. Überdem schien ihm beide, Mutter und
Tochter, mit unbestimmten Besorgnissen aus ihrem genussreichen Leben aufschrecken
zu wollen, beinahe ein Verbrechen, gewiss eine Torheit zu sein. Denn durfte er
Lunin, durfte er Torson, durfte er überhaupt jenen Maskenball gegen sie
erwähnen, dem auch sie, in den Umgebungen des kaiserlichen Hofes, ein paar
Stunden unter ganz andern Verhältnissen beigewohnt hatten?
    Und immer weiter ins Unbestimmte wurde des Fürsten Andreas Rückkehr hinaus
geschoben, sogar der Ort seines Aufentaltes, den er, nach seinen kurzen Briefen
zu schliessen, sehr oft wechselte, war nicht mit Gewissheit zu bestimmen; von
Eugen war man seit längerer Zeit ohne alle Nachricht geblieben, und doch zeigten
Mutter und Schwester seinetwegen sich völlig unbesorgt.
Endlich, nach mehreren in beängstigender Ungewissheit hingebrachten Wochen,
erfuhr Richard, dass Graf Stephan wieder angelangt sei. Zwar verletzte es ihn ein
wenig, dass dieses nur zufällig geschah, doch liess er sich dadurch nicht
abhalten, sogleich zu ihm zu eilen.
    Rat, Trost, Aufklärung des Dunkels, das ihn beängstete, hoffte er von dem
Grafen zu erhalten, aber sein Mut sank gewaltig, indem er der Wohnung desselben
sich näherte; sie sah nicht minder unbewohnt aus, als sie seit Jahr und Tag
ausgesehen. Nichts im Äussern derselben verriet die Gegenwart des Pracht und
Geselligkeit liebenden Besitzers; die Fensterblenden rings umher waren
geschlossen, die bei Anwesenheit der Herrschaft sonst immer offen stehende
Torfahrt knarrte in rostigen, lange nicht gebrauchten Angeln, indem der graue
Torwärter sie für Richard öffnete, der einzige von der bunten Dienerschaar, der
sich diesmal blicken liess, die sonst in geschäftigem Müssiggange hier überall
herum zu schwärmen pflegte.
    In der Überzeugung, dass ein blosses Gerücht ihn getäuscht habe, war Richard
schon im Begriffe wieder umzukehren, als er zu seinem grossen Schrecken bemerkte,
dass der Hof fusshoch mit Stroh bedeckt sei. Wem galt dies unverkennbare Anzeichen
schwerer Krankheit, vielleicht gar des Todes? Vergebens sah Richard sich nach
Jemand um, der ihm darüber Auskunft geben könne; der alte Torwärter, welcher
eben beschäftigt war, die Torflügel wieder sorgsam zu schliessen, blieb die
einzige lebende Seele, die sich zeigte.
    Rede und Antwort von ihm zu erhalten war aber schwer, tiefe Verbeugungen bis
an den Boden, und stumme, zum Eintritt in die Halle einladende Bewegungen der
Hand, waren alles, was Richard auf die dringenden Fragen erhielt, mit denen er
ihn bestürmte.
    Bin ich zurück in die Zeit der Feenmährchen versetzt, befinde ich mich in
einem bezauberten Schloss? würde in fröhlicherer Stimmung Richard gewiss sich
selbst gefragt haben, während er die verödeten Wohnzimmer seines Freundes
durchstreifte, und überall, bei dicht verhängten Fenstern, die nämliche Stille
ihn umfing.
    Endlich liessen doch Schritte eines Nahenden sich vernehmen; eine, in den
abgelegensten Teil des Hauses führende Tür, wurde so geräuschlos als möglich
geöffnet, und hinein sah ein blasses, abgehärmtes Gesicht, welches Richard
sogleich als das ihm wohl bekannte des treuesten und vertrautesten Dieners des
Grafen Stephan begrüsste.
    Doch auch dieser, so willkommen ihm Richard auch war, bezeigte sich wenig
geneigt, ihm die Auskunft zu geben, nach welcher er so sehnlichst verlangte.
Walter war von Geburt ein Deutscher, und, wie das in grossen russischen Häusern
oft der Fall ist, von Jugend auf seinem jetzigen Gebieter erst als demütiger
Spielgeselle, dann als Kammerdiener zugegeben worden. Soviel dieses mit seiner
Stellung im Leben sich vereinigen liess, hatte er mit seinem Gebieter gleiche
Erziehung genossen, und hing jetzt mit aller Kraft seines redlichen Gemütes an
ihm und seinem Hause.
Oft hatte Richard die Wendung, die das Geschick mit ihm selbst genommen, mit
der, des in der ersten Anlage ihm so ähnlichen Schicksals dieses vorzüglich
treuen, verständigen Mannes verglichen, und es gab manche Stunde in seinem
Leben, in der er ihn glücklicher achtete als sich selbst.
    Tränenschwer, aus tiefster Brust aufseufzend, aber schweigend führte Walter
den Freund seines Herrn durch eine lange Reihe dunkler Zimmer, welche Richard
nie zuvor betreten, in ein kleines, der Tageshelle fast hermetisch
verschlossenes Gemach. Schwarze Teppiche bekleideten die Wände, auf hohen, in
schwarzen Krepp gehüllten Kandelabern, brannten in den Ecken grosse Kerzen von
gelbem Wachs, und verbreiteten ein trübes flackerndes Licht, wie in einer
Todtengruft. Richard fühlte beim Eintritte in diesen, der tiefsten Schwermut
geweihten Aufentalt das Blut in seinen Adern erstarren; es währte ziemlich
lange, ehe sein an dieses Dämmerlicht noch nicht gewöhntes Auge die ihn zunächst
umgebenden Gegenstände erkennen konnte.
    Mitten im Zimmer, auf einem breiten niedrigen Divan, lag Graf Stephan in
tiefer Trauer, aber völlig gekleidet; und nach altrussischem Gebrauche in
Trauerfällen stand rings um ihn her alles nur Ersinnliche aufgestellt, was an
Früchten, Weinen und dergleichen ihn zum Genusse reizen konnte, ohne dass er es
eines Blickes würdigte.
    Da bist Du ja, mein Bruder, sprach er sehr mild und freundlich, und reichte
Richard die Hand; ich liess Dich nicht rufen, ich überliess es dem Geschick, ob es
unser Wiedersehn uns gönnen wolle, denn ich habe nur Reue und Schmerz, aber
keine Wünsche mehr. Nun bist Du von selbst gekommen; ich bin schon seit vielen
Tagen in tiefer Verborgenheit hier, und habe immer Dein gedacht; es ist gut dass
Du ohne mein Zutun gekommen bist, es ist sehr gut.
    Schmerzlichst ergriffen warf Richard neben dem Lager seines Freundes sich
hin; er redete tröstend ihm zu, er wollte versuchen ihn aufzurichten; doch seit
mehr als Jahresfrist unbekannt mit dem Quelle seiner Leiden, verletzte er aus
Unwissenheit statt zu heilen, gleich einem Arzte, der in dunkler Nacht einen
schwer Verwundeten verbinden möchte, und blind herumtappend, wider sein Wissen
und Wollen durch Berührung die Schmerzen vergrössert, die er zu lindern
beabsichtigt.
    Lass ab, lass ab mit Trösten, bat endlich Stephan; menschlicher Trost wie
menschliche Hülfe sind an mir verloren; darum zog ich mit meinem Schmerze in
Nacht und Einsamkeit mich zurück. Hier will ich schweigend untergehn; nur Dich
möchte ich warnen, nur Dich retten, wenn Du noch zu warnen, zu retten bist; ich
hoffe Gott will es, indem er von all' meinen Freunden Dich allein mir zuführte.
    Ich leide gerechte Strafe für meinen weltklugen Vorwitz, für den frevelnden
Übermut, mit welchem ich dem stolzen Wahne mich überliess, ich sei berufen in
das Rad des Weltenganges einzugreifen: sprach Stephan, als die erste heftige
Bewegung, in welche das Wiedersehen des Freundes ihn versetzte, allmälig
verklungen war.
    Ich dulde was ich verdient habe, aber mein Weib! meine unschuldigen Kinder!
was haben die verbrochen? Du, mein Bruder, warst der heitre
unermüdlich-freundliche Spielgeselle meiner Kinder, Du liebtest sie, Du kannst
sie nicht vergessen haben; wo sind sie jetzt? Alle, Alle dahin, von wo keine
Wiederkehr ist. Zwei von ihnen, die beiden jüngsten, waren mir noch geblieben,
meine kleine lächelnde Anna, mein holder Knabe Eloa. Ich wollte sie nicht aus
den Augen lassen, sie mussten nach Berlin mich begleiten. An dem zu meiner
Abreise von dort bestimmten Tage erkrankten Beide; im Sarge haben ihre Leichen
mich zurück begleitet, ich habe bei ihren Grosseltern, bei ihren vorangegangenen
Geschwistern sie schlafen gelegt! Das, Richard, das war eine Reisegesellschaft!
aber im märkischen Sande die lieblichen Knospen für die Ewigkeit bergen, wie
hätte ich das vermocht!
    Und nun ihre Mutter, fing nach einer Pause Stephan wieder an, dieser sanft
duldende Engel! täglich muss ich Gott bitten, dass er ihm bald gewähren möge, die
Flügel entfalten zu dürfen, um sich hoch über dieses Jammerleben hinaus, in
Paradieseslüften zu unsern Kindern zu erheben. Was aber wird aus mir, wenn auch
sie mich verlassen haben wird? Nach martervoller Nacht erweckt jeder Morgen sie
zu neuer Todesqual, ein furchtbares Übel nagt langsam und unheilbar nahe an
ihrem Herzen; die Kinder schlafen, die Mutter leidet und wacht!
    Laut schluchzend sank Stephan auf sein Lager zurück; Richard weinte mit ihm,
im Gefühle seines Unvermögens, hier Hülfe oder auch nur Trost zu gewähren.
    Nach so grossem Jammer Dir noch von dem Untergange des Wohlstandes meines
Hauses zu sprechen, scheint kaum der Mühe wert; und doch ist dieses, besonders
in seinen Folgen, kein unbedeutendes Unglück, denn meine Schuld, meine
Nachlässigkeit hat das Elend vieler tausend Armen veranlasst, und auch ihr
Schicksal liegt schwer auf mir.
    Während ich törichter Weise in weit aussehenden Plänen mich abmühete; Zeit,
Geld und Kraft zu ihrer Ausführung vergeudete, und meine kränkelnde Eitelkeit
mich selbst in heimliche Bewunderung der hohen edlen Opfer einwiegte, die ich
dem Wohle meines geliebten Vaterlandes dadurch zu bringen wähnte, vergass ich der
Sorge für die, welche mir am nächsten stehen; liess die Obhut über die Tausende
von Seelen ganz aus der Acht, welche Gott selbst durch den Stand, in welchem er
mich geboren werden liess, an meine väterliche Vorsorge angewiesen. Viele, viele
Jahre lang liess ich feile Mietlinge meine Stelle vertreten; mein Vermögen,
meine Untertanen, meine Ehre sind schamlosen Wucherern Preis gegeben; und
eigentlich ist, von Allem was so glänzend mich umgibt, nichts mehr mein.
    Solche Früchte gehen auf aus solcher Saat! Wer bin ich? was bist Du? was ist
Andreas und Sergius und sie Alle, dass wir glauben sollten, wir wären berechtigt,
Kronen zu zerbrechen, über Kaiser und Könige zu Gericht zu sitzen, die
Verfassung grosser Reiche umzuschaffen, Alles nach unserer beschränkten Einsicht
zu ordnen, und uns zu geberden, als habe der allmächtige Regierer der Welten uns
zu seinen Stattaltern auf Erden eingesetzt? Ach ich möchte im Gefühle der
schmerzlichsten Reue auf offnem Markte hintreten, alle meine Wunden aufdecken,
und laut rufen: so weiss der Himmel weltklugen Vorwitz zu strafen!
Alle Zeit, die seine übrigen Verhältnisse ihm frei liessen, widmete Richard jetzt
seinem unglücklichen Freunde; ihn zu trösten konnte ihm nicht einfallen, jeder
Versuch es zu wollen, würde sogar als Verhöhnung des gerechtesten Schmerzes mit
Widerwillen zurück gestossen worden sein; aber Stephan hörte doch auf, ein
trauriges Spiel mit den äussern Zeichen desselben zu treiben. Er gewöhnte sich
sowohl das Licht der Sonne als den Wechsel, den Stunden und Tageszeiten im
gewöhnlichen Gange des Lebens herbeiführen, wieder zu ertragen; und war zuletzt
eben so sorgfältig bemüht, jeden Anstrich von Sonderbarkeit zu vermeiden, als er
vorher ihn zu suchen geschienen.
    Oft, wenn lebhafter erregte, trübe Erinnerungen vergangener Zeiten, oder
heftigere Schmerzen der still duldenden Gräfin, den Schlaf von Stephans Lager
verscheuchten, fand der anbrechende Tag beide Freunde noch bei einander. Richard
war sehr verwundert als er bemerkte, wie der Graf sich eifrig bemühte, ihn aus
den Schlingen jenes gefährlichen Bundes loszumachen, denen er längst entronnen
zu sein meinte, und an den er, ohne das letzte Zusammentreffen mit Lunin, kaum
noch gedacht haben würde.
    Wozu, ich bitte Dich, fragte er eines Abends, nachdem Stephan ihm
umständlich dargestellt, wie er es angefangen, um von jener Verbindung sich los
zu sagen, wozu aber alle diese Weitläuftigkeiten? dieses Zusammenberufen des
Rates der Alten? diese feierliche Erklärung Deines Entschlusses, aus dem Bunde
auszutreten, der damals schon aufgelöst war? Und sollten auch jetzt, wie es
beinahe den Anschein haben will, einige Überbleibsel der alten zerstückelten
Schlange sich wieder regen, von diesen haben wir nichts mehr zu befürchten; das
zertretene Ungeheuer zerfällt in Nichtigkeit, es wird uns nicht wieder
umklammern.
    Zum Beweise seiner Behauptung teilte er dem Freunde den Inhalt jener
letzten merkwürdigen Unterredung mit dem Fürsten Andreas mit. Jedes Wort
derselben hatte seinem Gedächtnisse sich zu tief eingeprägt, als dass er nicht
hätte im Stande fein sollen, dieses fast wörtlich zu tun.
    Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Graf Stephan, ohne ihn zu unterbrechen,
ihn an, und schien eine Weile in tiefes Nachdenken zu versinken.
    Nein, sprach er endlich, es ist unmöglich, ich kann den Glauben an Andreas
nicht verlieren; er ist zu gross, zu stolz, zu rechtlich, um an die Möglichkeit
absichtlicher Täuschung bei einem Character zu denken, dessen Fehler edler sind
als die Tugenden vieler Andrer. Er will das Rechte und Gute, aber leider nicht
immer weil es das Rechte und Gute ist, sondern weil er es nun einmal will, mit
aller Kraft seines unbeugsamen Gemütes es will; und diese Unbeugsamkeit konnte
uns Allen, und wird, wie ich leider fürchten muss, dereinst ihm selbst zum
Verderben gereichen.
    Ich behaupte nicht er wollte Dich irre führen, nein, mein Bruder, davor
behüte mich Gott! ich bin überzeugt, dass er das nicht wollte; aber sein
eingewurzelter, durch glühende Eifersucht genährter Hass gegen Pestel, bei
weniger edlen Naturen dürfte man wohl Neid es nennen, hat in diesem Falle ihn
selbst irre geführt.
    Hoffen was wir wünschen, und dieses Hoffen bis zur gewissesten Erwartung
sich steigern lassen, liegt uns ja so nahe, ist so innig mit unserer Natur
verflochten, dass selbst ein so starker Character wie der des Fürsten Andreas,
dieser Schwäche unterworfen sein muss. Daher der ungeheure Zwiespalt in seinem
Wesen, der oft ein ganz falsches Licht auf ihn wirft. Er liess Dich glauben, der
Bund sei aufgehoben, weil er selbst sich bemühte zu denken, dass dem so sei,
obgleich in einem geheimen Winkel seines Herzens die Überzeugung des Gegenteils
lauerte. Ich weiss nicht recht wie ich Dir begreiflich machen soll, wie ich es
meine; ich kann Dir nur sagen, Andreas ist eine jener Zwitternaturen, die zwar
eins mit sich selbst scheinen, in deren Innerm aber ein ewiger Zwiespalt
herrscht. Nur dies noch zum Beweise: Dich versicherte er, der Bund sei
aufgehoben; ich bin fest überzeugt, gewissermassen glaubte er es damals selbst;
und weisst Du wo er, wo Eugen jetzt sind? Wo beide, wenige Wochen nach Deiner
Abreise sich hinwandten? und was noch jetzt, in dieser Stunde, sie festält? Sie
bereisen auf verschiedenen Wegen, von einander getrennt, die südlichen
Provinzen, um für den neuen Bund, den sie errichten wollen, und der doch,
obgleich anders genannt, nur der alte ist, Proselyten zu werben.
    Es ist nicht, es kann nicht sein! es ist nicht! rief Richard todtenbleich.
    Es ist so, erwiederte Stephan sehr lebhaft; lass mich versuchen, das
unerklärlich Scheinende Dir deutlich zu machen.
    Andreas fühlte von jeher Pestels grosse Überlegenheit, ohne sie anders als
ganz heimlich sich selbst eingestehen zu wollen. Die durch überwiegende Klugheit
und Alles beseitigende Verachtung dessen, was andern heilig ist, gewonnene
Oberherrschaft dieses Verruchten, war dem edlen Fürsten eben so furchtbar als
verhasst Öffentlich gegen ihn aufstehen konnte und wollte er nicht, aber all'
sein Sinnen und Trachten ging dahin, der usurpirten Obergewalt des gefährlichen
Führers ein Ende zu machen, und wo möglich die Zügel selbst zu ergreifen.
Yakuchins allgemeines Entsetzen erregende Erscheinung in jener, durch meine
törichte Leichtgläubigkeit herbeigeführten nächtlichen Scene, scheuchte für den
Augenblick alles aus einander. Der Bund schien wirklich aufgelöst; selbst
Andreas konnte damals glauben er sei es, und mit gutem Gewissen zu Deiner
Beruhigung Dich davon zu überzeugen suchen.
    Er selbst aber konnte nicht rasten noch ruhen; der Wahn, der mich elend
machte, beherrscht ihn noch bis zu diesem Augenblicke nicht minder mächtig als
er mich beherrscht hat, bis Alles unter mir zusammen brach. Andreas will auf
seine edlere Weise vollenden, was wie er hofft Pestel nicht mehr vollenden kann;
er hält ihn für wehrlos, für vernichtet, und wird dereinst furchtbar aus diesem
Irrtume erwachen.
    Bis jetzt hat das Glück ihm freilich noch nicht den Rücken gewendet wie mir.
Sein reiferes Alter, seine Umsicht, seine Erfahrung, haben ihn vor Fehlgriffen
bewahrt, die ich beging. Noch lebt Eudoxia in blühender Gesundheit; seine in
Jugendkraft und Schönheit herangewachsenen Söhne und Töchter sind die Zierde und
der Stolz seines edlen mächtigen Hauses, während ich - -
    Stephan verstummte; vom gerechtesten Schmerze übermannt, vermochte er nicht
das Gespräch fortzusetzen.
Im Vereine mit einigen wenigen der eifrigsten, und zugleich wohlgesinntesten,
der Mitglieder des jetzt angeblich erloschenen Bundes der ächten Kinder des
Vaterlandes, war es dem Fürsten Andreas und mehreren seiner Vertrauten wirklich
gelungen, unter dem Namen eines Bundes für das allgemeine Wohl eine neue
Verbindung zu errichten, die unbemerkt immer weiter und weiter sich verbreitete.
    Läge es irgend im Reiche der Möglichkeit, das hohe Ziel, das sie sich
gestellt, auf solchem Wege zu erreichen, so würde diese Verbindung gewiss den
schönen Namen, den sie sich gewählt hatte, vollkommen verdient haben; aber ihre
Stifter vergassen in ihrem Eifer, dass man nicht an einem und dem nämlichen Tage
säen und ernten kann; sie bedachten nicht, dass allgemein verbreitete Aufklärung
unter dem Volke nur sehr allmälig durch Lehre und Beispiel herbeigeführt werden
kann, und dass eine bedeutende Reihe von Jahren dazu gehört, ehe die Folgen einer
verbesserten Erziehung in der heranwachsenden Generation merkbar werden.
    Hingerissen von Plan zu Plan, wollten sie alles was sie für nützlich und
wünschenswert achteten, mochte es sich auch unter einander noch so sehr
widersprechen, auf einmal bewirken; sie wollten den Einfluss der Fremden
abwehren, Liebe zum Nationellen verbreiten, und zugleich mit dem Leben des
Volkes seit grauer Vorzeit enge verwachsene Ansichten und Gebräuche abschaffen;
sie wollten allen Monopolen sich widersetzen, und zugleich Kunstfleiss befördern.
Ihr Verbesserungssystem dehnte nach allen Seiten sich hin und führte, zum Teil
ihnen selbst unbewusst, sie endlich zurück auf den alten Punkt, der nur zum
Umsturze alles Bestehenden, und zugleich zu ihrem eignen Verderben sie leiten
musste.
    Pestel, der seinerseits während der Zeit auf andrem Wege auch nicht untätig
geblieben war, und dabei was ausser seinem Bereiche vorging nie aus den Augen
verlor, fing allmälig an, sein altes Ansehen unter den Verbündeten wieder zu
gewinnen, Um ihm kräftig entgegen zu arbeiten, trat jetzt Andreas, von den
Bessergesinnten seiner Partei unterstützt, wirklich mit dem Vorschlage auf, den
Kaiser um seine Bewilligung zur Errichtung dieses neuen Bundes anzusprechen;
aber die Mehrzahl der Stimmen erhob sich mit gewaltigem Übergewichte laut
dagegen. Die Lust, selbst das Regiment zu führen, war von neuem erwacht; man
beriet sich in einzelnen, mehr oder minder zahlreichen Zusammenkünften, über
die Nachteile und Vorzüge der verschiedenen Regierungsformen, und, wie das
unter solchen Umständen immer der Fall ist, die republikanische trug den Preis
davon, weil auch der Unbedeutendste unter den Verbündeten am liebsten sich
selbst als Dictator auf dem Trone gesehen hätte.
    Und von neuem wagte Pestel Äusserungen, halb ausgesprochne Worte, als
Einleitung zur Ausführung grässlicher Untaten; die Meisten empörten laut sich
dagegen; was Andre heimlich beschlossen, ist wenigstens noch nicht bekannt
geworden, aber das Ärgste steht dennoch zu erwarten. Abermals scheint zwar für
jetzt der Bund gelöset in sich selbst zu versinken, lebt aber dennoch, gleich
dem im Gebälke des Palastes zu Kopenhagen fortglimmenden Funken, fort, um im
nächsten günstigen Augenblicke mit verdoppelter Wut hervorzubrechen, und das
Werk der Zerstörung zu beginnen.
    So, mein Bruder, so steht es jetzt um die Sicherheit unsres geliebten
heiligen Vaterlandes! sprach, Stephan zu seinem, vor Entsetzen sprachlos ihm
zuhörenden Freunde, nachdem er in einer ruhigeren Stunde ihm weitläuftiger alles
dieses aus einander gesetzt hatte. Wir alle leben über dem Krater eines Vulkans,
fuhr er sehr bewegt fort: still und heimlich wütet unter unsern Füssen die
Hölle; wann und wo sie die dünne Decke sprengen wird, die jetzt noch vor ihrer
Wut uns schützt, müssen wir erwarten. Wie freudig ich mein Leben hingäbe, um
die uns drohende Gefahr abzuwenden, schäme ich mich nur zu erwähnen; das Opfer
das ich damit brächte ist der Erwähnung nicht wert; aber verzweifelnd stehe ich
da, und weiss weder Hülfe noch Rat. Den einzigen Weg dazu verschliesst mir jener
fürchterliche Eid, der uns Alle fesselt. Ich kann meine unsterbliche Seele nicht
opfern, ich kann, ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, alle meine geliebten
Verlornen dort oben wieder um mich versammelt zu sehen! setzte er in heftigster
Bewegung hinzu.
    Mit jedem Tage wächst die uns drohende Gefahr, nahm Graf Stephan nach
einiger Zeit wieder das Wort; unsre Freunde, Andreas wie Eugen, wandeln in
unseliger Verblendung am Rande des Abgrundes, in welchem sie ein Paradies
erbauen zu können wähnen, und Pestel, dieser Unheil brütende Dämon, führt wieder
das Ruder. Zwar hat er das allgemeine Vertrauen, durch das er mächtig wurde,
grösstenteils verloren; doch so verhasst er geworden sein mag, erhält er sich
doch durch seine überwiegende Geisteskraft in der Oberherrschaft über die
Gemüter.
    Der furchtbare Bund existirt nach wie vor; von Statuten, durch welche er zu
einem Ganzen sich organisiren soll, ist kaum mehr die Rede; man ist des faden
Spiels damit überdrüssig geworden. Die Mitglieder zerfallen jetzt in zwei Teile,
in Adhérans und Croyans, Anhänger und Gläubige; im Grunde sind's Namen für eins
und dasselbe, einer davon gilt so viel als der Andre.
Getrieben von unsäglicher Unruhe, unfähig den Zustand von Ungewissheit, Zweifel,
banger Erwartung, in dumpfer Untätigkeit länger zu ertragen, entschloss Richard
sich zu dem Versuche, alte Verbindungen, vor denen er im Innern seines Herzens
zurück schauderte, scheinbar wieder anzuknüpfen; so viel dieses nämlich, ohne
sich zu tief einzulassen, möglich war. Es schien ihm der einzige Weg, nicht ganz
in Blindheit befangen, dem Verderben entgegen zu gehen; das Unternehmen war
nicht leicht, aber von den Umständen begünstigt, gelang es über alle Erwartung.
    Richard besuchte die eigentlichen Bundesversammlungen nicht, liess weder als
Gläubiger noch als Anhänger sich aufnehmen, gab sich aber das Ansehen, als ob
bei seinen bekannten früheren Connexionen dieses ganz überflüssig wäre. Er
mischte sich unter seine alten Bekannten, nahm mit so viel scheinbarer
Unbefangenheit an ihren Privatzusammenkünften, an ihren Gesellschaften, sogar an
ihren oft an wilde Ausgelassenheit streifenden Gelagen Teil, als habe nur
zufällige Abwesenheit ihn eine Weile von ihnen entfernt gehalten. Und wo er
anklopfte, wurde ihm aufgetan; überall wo er sich zeigte, fand er unbedingt
freundlichen Empfang.
    Auch jetzt, eben wie ehedem, bestand die grössere Anzahl der Verschworenen
aus jungen Leuten, welche mit dem ihrem Alter eignen Unbedachte in diese
gefährliche Verbindung sich hatten hineinziehen lassen, und darin verharrten;
Richards gesellige Eigenschaften machten seinen Umgang ihnen wünschenswert,
Yakuchin hatten sie über neuere Ereignisse längst vergessen. Doch leider waren
sie auch allmälig daran gewöhnt worden, Dinge gleichgültig anzuhören, gegen
welche früher ihr besseres Gefühl sich mächtig empört hatte. Selbst in ihren
Privatzirkeln fanden jetzt oft genug Debatten statt, die man sonst unter Pestels
Vorsitz nur bei geschlossenen Türen und mit der grössten Vorsicht im Rate der
Alten zu halten wagte. Wahrscheinlich aber sahen die meisten der jungen Leute
nur Gelegenheit zu hochtönenden Reden darin, wie sie zur Zeit ihrer Väter beim
Anfange der Revolution in Paris gehalten worden waren, und blieben weit davon
entfernt, den furchtbaren Ernst sich zu denken, der darunter verborgen lag.
    Was Richard den Tag über auf diese Weise erspähte, trug er Abends dem Grafen
Stephan vor; beide sassen oft bis zum Anbruche des Tages beisammen und wurden
immer trostloser, je länger sie über die Möglichkeit hier Rettung zu finden sich
besprachen. Das nächtliche Dunkel das sie umgab, verdichtete sich zu immer
schwärzeren Schatten; täglich wuchs die wahnsinnige Wut der Häupter der
Verschworenen, und unverhüllt trugen sie in ihren Versammlungen sie zur Schau.
Alle ihre Gedanken waren auf Mord und Verderben gerichtet. Vieles was sie
ersannen, gränzte durch unausführbaren Unsinn an das Lächerliche, aber es
verfehlte dennoch nicht, auf die leicht verführbare Jugend den gewünschten
Eindruck zu machen. Hingerissen von dem rhetorischen Pompe, in welchem diese
Erzeugnisse einer zu völliger Unnatur verwilderten Phantasie vorgetragen wurden,
gestalteten die Gesinnungen sich immer verkehrter, bis Alle zuletzt völlig damit
einverstanden waren, vor keiner Untat mehr zurückzubeben.
Ruhig und gelassen im Äussern, wenn gleich innerlich schaudernd, stand Richard
zufällig in einer nicht sehr zahlreichen Versammlung, in welcher Wut, Unsinn
und Mordlust den höchsten Gipfel erreicht zu haben schienen, neben Sergius.
    Kennst Du den? fragte Sergius leise, und wies auf eine auffallend lange,
hagre Gestalt, welche gleich bei ihrem Eintritte in die Versammlung von den
Bedeutendsten unter den Anwesenden umringt wurde.
    Ich sah ihn oft, ohne jedoch seine nähere Bekanntschaft zu machen, oder auch
nur seinen Namen zu erfahren; das letzte Mal traf ich ihn auf dem grossen
Maskenballe in einer geschlossenen Gesellschaft, in welche Lunin kurz vor seiner
Abreise mich einführte; erwiederte Richard, der, um seinem Beobachtungssysteme
unbeargwohnt folgen zu können, sich gern das Ansehn gab, als ob er mit Lunin und
andern dieses Gelichters im besten Vernehmen stünde.
    Der ist der Mann, sieh ihn nur recht darauf an, der wird ausführen, wozu
Dein Narr Yakuchin nicht taugte, der, Gott weiss wie, mit seinem sentimentalen
Wahnsinne uns Alle aus der Fassung brachte; flüsterte Sergius noch leiser.
Übrigens, fuhr er fort, war es gut dass es damals so kam, wie es gekommen ist,
und ich selbst, wie Du Dich erinnern wirst, trug nicht wenig dazu bei. Es war
noch nicht an der Zeit, obgleich Pestel von Ehrgeiz geblendet es meinte. Jetzt
haben die Umstände sich verändert; was damals nur keimte, reift jetzt als Frucht
der Ernte entgegen.
    Richard war unfähig ein Wort zu erwiedern, kaltes Entsetzen durchrieselte
ihn.
    Dass Du den verrückten Schwächling so geschickt aus dem Wege zu bringen
wusstest, Brüderchen, war ein Meisterstreich von Dir und Deinem Alten, den selbst
Pestel und wir Alle Euch beiden, Dir und Andreas, hoch anrechnen, darauf verlass
Dich; zu seiner Zeit sollst Du Beweise davon erhalten; fuhr Sergius, ganz
zutraulich geworden, fort. Jener Mann ist übrigens der Kapitain Yakubowitsch,
von dem Du schon gehört haben wirst; ein Charakter, der alten Römerzeit würdig,
ein zweiter Brutus, wenn es jemals einen zweiten geben kann. Cäsars »auch du,
Brutus?« würde im Augenblicke der Tat auf diesen eben so wenig Eindruck machen,
als es auf den alten Römerhelden ihn machte; aber freilich hat unser Cäsar es
nicht anders um ihn verdient.
    Acht Jahre lang trägt diese feste stolze Seele das glühendste Verlangen nach
Rache mit sich umher, gibt keinem andern Wunsche Raum, und wird sie erringen,
oder im Versuche untergehen. Die Zeit naht, die Stunde wird schlagen, und bald!
    Sergius, von einem leichten Champagnerrausche ein wenig aufgeregt, schien
ein Bedürfnis der Mitteilung zu empfinden, das in seiner natürlichen Stimmung
ihm sonst nicht gewöhnlich war. Er zog mit dem willig und erwartungsvoll ihm
folgenden Richard in eine Ecke sich zurück, und machte wirklich Anstalten als
wolle er sein ganzes Herz vor ihm ausschütten. Der Anfang dazu war die
Auseinandersetzung der Veranlassung des lange unauslöschlich gehegten Hasses
gegen den Kaiser, welcher den Kapitain Yakubowitsch unwiderstehlich zu einem
Verbrechen trieb, dessen Misslingen, vielleicht auch dessen Gelingen, er nicht zu
überleben entschlossen war.
    An und für sich lag in der Behandlung, welche der Kapitain auf
ausdrücklichen Befehl des Kaisers von Seiten der militairischen Behörden
erfahren, nichts Ausserordentliches. Die Strafe, die ihm zuerkannt wurde, war
hart, aber unter den vorwaltenden Umständen keineswegs von der Art, dass er über
Ungerechtigkeit sich hätte zu beklagen gehabt; doch dem krankhaften Gefühle wird
die leiseste Berührung zum stechenden Schmerze, und Ehrgeiz, durch einen Blick,
durch ein unbedachtsam hingeworfenes Wort tödtlich zu verletzender Ehrgeiz, war
die unheilbare Krankheit des Hauptmann Yakubowitsch. Schon die Möglichkeit einer
Zurücksetzung war genug, um ihm das Leben zu verbittern, und für jede andre
Gunst des Geschickes ihn fühllos zu stimmen.
    Täglich sich häufende Übertretungen der Duellgesetze hatten vor mehreren
Jahren den Kaiser bewogen, die strengere Ausübung derselben ausdrücklich und
ernstlich anzuempfehlen; und es ward beschlossen, bei dem ersten
Übertretungsfalle diejenigen, welche sich dessen schuldig machten, ohne Ansehen
der Person, genau nach dem Buchstaben des Gesetzes, exemplarisch zu bestrafen.
Leider traf Yakubowitsch das Loos einer von diesen zu sein.
    Nicht als Hauptperson, aber doch wegen tätiger Teilnahme an einem Duelle,
dessen unglücklicher Ausgang ein sehr vornehmes Haus seines hoffnungsvollen
Erben beraubte, und viele der ersten Familien des Landes tief betrübte, wurde er
von der Garde, bei welcher er stand, zu einem andern Regimente versetzt. Unter
den vorwaltenden Umständen konnte diese, ihn freilich degradirende Strafe, in
den Augen seiner Kameraden durchaus nichts seiner Ehre Nachteiliges haben; eher
hätte diese, nach dem allgemeinen Begriffe von Ehre, darunter gelitten, wenn er
den einzig offnen Weg ihr zu entgehen eingeschlagen hätte, indem er seine
Teilnahme an dem Duelle verweigerte, oder gar, um es zu verhindern, als Angeber
desselben auftrat. Dennoch brachte sein tief verletzter Ehrgeiz ihn darüber dem
Wahnsinne nahe. In wildem unaustilgbarem Ingrimme über das, was er eine
himmelschreiende Ungerechtigkeit nannte, erklärte er, ein Leben nicht länger
fortschleppen zu können, das von nun an auf ewig ehrlos geworden sei, und würde
gewiss in seiner Verzweiflung es freiwillig beendet haben, wäre er nicht gerade
im entscheidendsten Augenblicke dem Obrist Pestel in die Hände gefallen.
    Pestel war gewiss nicht fähig, die grosse Brauchbarkeit dieses Mannes, als
Werkzeug zur Beförderung seiner Absichten, zu verkennen. Hastig fuhr er auf den
Unglücklichen los, wie eine giftgeschwollene Spinne auf die arme Mücke losfährt,
die im Vorüberstreifen ihr Gewebe berührt. Fein und gewandt wusste er von allen
Seiten ihn zu umgarnen, umklammerte den künstlich Gefesselten mit aller
Riesengewalt seines ihm himmelweit überlegenen Geistes, blies jeden in der Brust
desselben glimmenden Funken zur unvergänglich lodernden Flamme alles
verzehrenden Rachegefühls an, und liess acht Jahre lang von ihm nicht ab, um
seiner gewiss zu bleiben, sobald er ihn bedurfte.
    Er ist fest entschlossen, die erste Gelegenheit zur Rache zu ergreifen, und
wenn die Tat misslingen sollte, mit einer zweiten, bereit gehaltnen Kugel ein
Leben zu enden, dessen Last er schon lange unwillig trägt; setzte Sergius
seiner, freilich in ganz anderm Tone gegebenen Darstellung der Verhältnisse des
Kapitain Yakubowitsch hinzu.
    Und, Brüderchen, die Gelegenheit auf die er wartet, steht vor der Türe:
höchstens noch zwei kurze Monate und unsre Zeit beginnt! flüsterte er mit vor
Entzücken heiserer Stimme, mit funkelnden Tigeraugen und einem überkräftigen
Händedrucke ihm ins Ohr; Du kennst ja die Festung Beleja Tserkoff? - Du kennst
sie nicht? - gleichviel, Du wirst sie kennen lernen, fuhr Sergius in seiner halb
berauschten Stimmung fort, die ihn fortwährend zur Mitteilung trieb: dort soll
Revue gehalten werden, doch wer sie halten wird? und über wen sie gehalten
werden soll? das ist ja eben der Spass dabei, davon lassen gewisse Leute sich
nichts träumen. Die werden sich wundern! lachte er frohlockend in sich hinein.
    Dann erzählte er sprachselig weiter, wie der Kaiser mit jener Revue, die zu
Anfang des Sommers Statt haben solle, eine Art ländlicher Fête für die in jener
Zeit zahlreich um ihn versammelte kaiserliche Familie zu verbinden beabsichtige.
Ein grosser Park in der Nähe jener Festung wurde zu diesem Zwecke eingerichtet;
sowohl der Kaiser selbst als seine hohen Gäste sollten in einzelnen, im Parke
zerstreut liegenden Pavillons verteilt, jeder mit seiner Dienerschaft für sich
allein, die Nacht zubringen, und schon wurde Alles aufgeboten, diese Gebäude zu
kleinen Feenpalästen umzuwandeln, in welchen der ausgesuchteste Luxus unter dem
einfachen Scheine idyllischer Ländlichkeit, wie die Grossen sie lieben, sich
verbarg.
    Bei nächtlicher Zeit sollten in gemeine Soldaten verkleidete Verschworene in
diesen, der Freude geweihten Aufentalt einfallen; dort sollte unter dem Alles
verhüllenden Schleier der Dunkelheit das Grässliche vollbracht werden; ohne
Schonung des edelsten unschuldigsten Blutes, waren dreizehn Opfer jener Nacht
schon gezählt; schaudernd wenden wir uns von diesen Gräuelbildern ab, auch wenn
sie nie zur Ausführung kommen; wer möchte bei ihnen verweilen?
Sobald er sich ohne Verdacht zu erregen von Sergius losmachen konnte, eilte
Richard hinweg; er war nicht im Stande die vertraulichen Mitteilungen, die ihn
überströmten, länger auszuhalten. Der hellerleuchtete Saal wurde ihm darüber zur
düstern Mörderhöhle; die Gesellschaft, die ihn umgab, erschien ihm würdig eine
solche zu bewohnen; und die Luft die er atmete roch wie Blut. Er eilte ins
Freie, draussen umwehte ihn frische Kühle, doch er empfand sie nicht. Zürnend
blickte er empor zum prachtvoll gestirnten Himmel, und ballte in ohnmächtigem
Ingrimm die Fäuste und wünschte, wie einst Samson, die das Dach tragenden Säulen
mit einem Rucke zusammenreissen zu können, um die unter demselben hausende Rotte
und müsste es sein, sich selbst mit unter den Trümmern desselben zu begraben. Er
schalt den Mond und die Sterne, weil sie so klar und freundlich auf diesen
Inbegriff Abscheu erregender Gräuel hinabblickten; doch was konnte das Alles
helfen?
    Die Nacht war schon weit vorgerückt; aber wie hätte Richard es ertragen
können, mit den Schreckbildern, die seine überreizte Phantasie erfüllten, sich
zwischen den vier Wänden seiner einsamen Wohnung einzusperren? Schon allein der
Gedanke war ihm fürchterlich. Zwecklos irrte er in den stillen verödeten Strassen
der gewaltigen Kaiserstadt umher; Zufall oder Gewohnheit führten ihn, ehe er es
gewahr wurde, an das Hotel des Grafen Stephan, jetzt der einzige Punkt auf der
ganzen weiten Erde, wo er hoffen durfte, für das was so entsetzlich ihn
bedrängte ein offnes Ohr, ein teilnehmendes Gemüt zu finden.
    Einige Fenster waren ungeachtet der sehr späten Stunde noch hell erleuchtet.
Der Anblick zog mächtig ihn an; das Tor stand noch offen, Richard flog die
Treppe hinauf, zwischen die schnarchenden Diener hindurch, die in Decken und
Mäntel gewickelt, sich überall hingebettet hatten, wo sie ein dazu bequem
taugliches Plätzchen zu finden meinten.
    Oben trat ihm Walter entgegen: Sie wollen zu meinem Herrn? er kann Niemand,
er kann auch Sie jetzt nicht sehen.
    Für mich ist er immer sichtbar, das weisst Du ja, alte Seele; ich sehe er ist
noch wach, und habe höchst Wichtiges ihm vorzutragen; erwiederte Richard und
wollte an ihm vorbei.
    Seit diesem Morgen ringt die Gräfin mit dem Tode; sprach Walter mit tiefer
bebender Stimme, kaum vernehmbar, und vertrat ehrerbietig aber entschlossen ihm
den Weg.
    Erbleichend vor der Todesbotschaft taumelte Richard zurück, die Sinne
vergingen ihm. Walter wurde in das Innere der Zimmer abgerufen, und nach
einigen, in bewusstlosem Zustande hingebrachten Minuten, fand Richard, er wusste
selbst nicht wie, auf der Strasse unter freiem Himmel sich wieder.
    Der Tag begann so eben zu grauen, die Stadt lag noch in tiefen Schlaf
begraben; nur hin und wieder wankten in der Ferne einige, in ihre Mäntel dicht
eingewickelte Gestalten still ihren Wohnungen zu. Nur zwei davon schritten Arm
in Arm, leise und eifrig mit einander sprechend, ziemlich nahe an Richard
vorüber, ohne ihn zu bemerken.
    Wir übergeben ihren Staub den Winden, flüsterte Einer von Beiden; die Stimme
war Bestujeffs, an dem Gange seines Begleiters glaubte Richard den Obrist Pestel
zu erkennen.
    Und wie von verfolgenden Furien vorwärts gejagt, setzte er von Neuem seinen
einsam traurigen Lauf fort. Von seinem Herzen getrieben, kehrte er wieder und
immer wieder zu Stephans Wohnung zurück, weilte ängstlich aufhorchend unter den
erleuchteten Fenstern, hörte das Todesröcheln der Sterbenden, die laute
Jammerklage seines verzweifelnden Freundes, doch nur in seiner Phantasie. In der
Wirklichkeit war Alles still, nur einmal sah er Walter am Fenster stehend, in
betender Stellung, die Hände zum Himmel erhoben.
    Der erquickende Hauch des immer lichter anbrechenden Morgens, der jeden nach
schlaflos hingebrachter Nacht Erschöpften einzulullen pflegt; verbunden mit
Richards nach unerhörter Anstrengung doch endlich ermüdeter physischer Kraft,
fingen zuletzt an, ihre Rechte geltend zu machen. Nur einmal noch wollte er das
Dach sehen, in dessen Nähe er sich eben befand, unter welchem Helena vielleicht
von ihm träumend schlummerte, und dann von freundlicheren Bildern begleitet zu
Hause gehen, um selbst, wenn gleich nur auf kurze Zeit, Ruhe und Vergessenheit
auf seinem Lager zu suchen.
    Zu seinem Erstaunen sah er, indem er dem fürstlich Andreas'schen Palais sich
näherte, die Torflügel desselben weit geöffnet; im Hofe wie in der Vorhalle war
Alles in lebhafter Bewegung, angefüllt mit Wagen und Pferden und der emsig
durcheinander wogenden Dienerschaft. Der ihm wohlbekannte Reisewagen des Fürsten
wurde so eben in die Remise geschoben. Wenige Augenblicke früher hätte Richard
ganz unvermutet Augenzeuge der unerwarteten Ankunft seines väterlichen Freundes
und Wohltäters werden können. Jetzt war Alles rings umher Lust und Leben, Alles
verkündete die glückliche Heimkehr des Gebieters.
    Gott sei Dank! Gott sei Dank! betete Richard unter Freudentränen aus tief
bewegter, mächtig erleichterter Brust, sah noch eine Weile dem fröhlichen
Tumulte zu, und eilte dann in seliger Erwartung des morgenden Tages seiner
Wohnung in einer Gemütsstimmung zu, die jemals wieder zu gewinnen er noch vor
einer halben Stunde kaum für möglich gehalten.
Selten genug mag einem von uns ein Morgen aufgegangen sein, der völlig
ungetrübt, ohne jede herbe Beimischung, alle die goldenen Hoffnungen erfüllte,
die wir am Abende zuvor von ihm hegten, und alle die Knospen in voller
Blütenpracht sich erschliessen liess, von denen wir beim Untergange der Sonne es
erwarteten; diese Erfahrung machte am folgenden Tage auch Richard.
    Mit tief zerrissenem Gemüte, ermattet bis zum Umsinken von den heftig auf
ihn einstürmenden Ereignissen der vorigen Nacht, war er durch die unverhoffte
Ankunft des Fürsten Andreas plötzlich aus einem Extreme in das andre geworfen
worden. In seiner damaligen Stimmung wirkte überraschende Freude auf ihn, wie
ein Rausch auf einen durch langes Entbehren aller Kraft Beraubten wirken mag;
lieber noch möchte ich einem hartbeängsteten Kinde ihn vergleichen, das,
obgleich noch immer in drohender Gefahr schwebend, jubelnd meint, nun wäre alles
gut, weil es die Mutter kommen sieht.
    Auf das ihm eingeräumte Sohnesrecht sich verlassend, eilte Richard lange vor
der üblichen Besuchsstunde zum Fürst Andreas, und kam doch nur eben zeitig genug
an, um die Hinterräder der Staatskutsche desselben um die Ecke beugen zu sehen.
Bei der kräftigen, keine Ermüdung kennenden Natur des alten Herrn, und der
unermesslichen Anzahl von Besuchen, die nach so langer Abwesenheit abzustatten
ihm oblag, konnte niemand etwas Auffallendes hierin finden; dennoch fühlte
Richards leicht verletzbare Empfindlichkeit durch das, was gewiss nichts weiter
als Zufall war, sich unangenehm berührt. Sinnend stand er ein paar Augenblicke
im Portal, und überlegte ob er versuchen solle den Fürstinnen seinen Glückwunsch
zu bringen, obgleich er wohl im voraus wissen konnte, dass sie in dieser frühen
Morgenstunde noch nicht sichtbar wären; ein leises Geräusch bewog ihn sich
umzuwenden, hinter der grossen Treppe in Dunkelheit verborgen, öffnete sich eine
kleine Türe; Richard kannte sie wohl, sie führte gerade in's Kabinet des
Fürsten und nur seine Vertrautesten hatten den Schlüssel dazu. Jetzt schlich
eine in ihren Mantel gehüllte Gestalt vorsichtig hinaus, und suchte durch die in
den hintern Teil des Gebäudes führenden Gänge sich zu verlieren. Mit leisen
weit ausholenden Schritten eilte Richard dem Manne im Mantel nach, der ihn
erwartend stille stand, sobald er ihn kommen sah. Es war Sergius.
    Du schon hier? wie hast Du seine Ankunft so frühe schon wissen können?
fragte Richard hastig auf ihn einfahrend.
    Ich war weit früher hier als er selbst. Seine fürstliche Gnaden liessen sich
erwarten, und das war mir eigentlich ganz recht; ich gewann dadurch Zeit den
kleinen Rausch auf seinem Diwan verdampfen zu lassen, den Du vermutlich mir
wirst gestern Abend angemerkt haben: erwiederte Sergius sehr heiter.
    Aber wie kamst Du denn dazu ihn hier erwarten zu wollen: rief Richard aufs
Höchste gespannt.
    Wie ich dazu kam? lustige Frage! lachte Sergius: wie kommt man dazu einer
Einladung Folge zu leisten? ich erwartete ihn hier, weil er wünschte, dass ich
ihn erwarten sollte, und Ort und Zeit mir dazu bestimmt hatte.
    Weil er es wünschte! Ort und Zeit bestimmt, Dir? wiederholte Richard, ganz
ausser aller Fassung.
    Aber wie kommst Du mir denn heute vor? krank bist Du nicht, und an ein
Räuschchen ist bei Dir nüchterner Seele besonders in so früher Tageszeit gar
nicht zu denken; erwiederte Sergius, und sah sehr verwundert ihn an. So wie Du
zu Andreas stehst, kann es Dir doch kein Geheimnis geblieben sein, dass er dem
Bunde seine Ankunft am heutigen Tage vorher gemeldet hat? obgleich er seine
Familie durch dieselbe zu überraschen Willens war. Doch halt! nun ich es recht
bedenke, Du gehörst ja gewissermassen doch auch zu derselben; darum, darum! daran
habe ich gar nicht gedacht!
    
    Richards Gesicht erheiterte sich bei dieser Bemerkung; aber Du? noch immer
begreife ich nicht, wie Du dazu kamst, ihn schon in der Nacht hier zu erwarten?
fragte er nochmals.
    Weil er durch einen besondern Expressen mich ganz insgeheim dazu
aufgefordert hat; war die Antwort. Es sollte ein Geheimnis zwischen uns bleiben,
denn wir sehen nicht ein, warum Pestel überall und in Allem die Finger haben
muss; darum habe ich es auch Dir verschwiegen, obgleich ich voraus setzen konnte,
dass Du in Deinem bekannten Verhältnisse zu Andreas darum wüsstest. Nimm's nicht
übel, Brüderchen, doch Vorsicht ist immer gut, und Pestel noch etwas schlauer
als der Teufel selbst.
    Richard war wie aus den Wolken gefallen.
    Aber ich verweile hier zu lange, fuhr Sergius fort: Lebe wohl, Brüderchen,
auf glückliches Wiedersehen!
    Du gehst? wohin? rief Richard, den Forteilenden beim Arme ergreifend.
    Stehenden Fusses nach Mohilov: war die Antwort, ich musste nur noch vorher mit
Andreas Rat pflegen; nun ist alles in Ordnung, und nun lass mich gehen.
    Apropos! setzte er noch einmal umkehrend hinzu, wir haben auch Deinen
Yakuchin todtgeschlagen, Andreas und ich; unterwegs werde ich nebenher seinen
Todtenschein besorgen; es ist so am besten, auf diese Art sind wir ihn, und er
uns mit guter Manier los.
    Ungeheuer! schrie Richard, und packte ihn wütend bei der Brust.
    Oho! oho! ob Du dumm bist! ob Du ein Narr bist! hast nicht einmal so viel
Verstand, so etwas figürlich zu nehmen! plagt Dich der Teufel? rief lachend
Sergius, machte sich von ihm los, und lief davon.
    Erstarrt, versteinert stand Richard da, bis die unheimliche Erscheinung am
Ende des dunkeln Ganges seinen Blicken entschwand. Er fühlte als durchbohre ein
heftiger stechender Schmerz ihm das Herz, als zöge es in kurzen Schlägen
ängstlich flatternd zu eisiger Kälte sich zusammen, um gleich darauf
hochanschwellend, ihm Luft und Atem rauben zu wollen. In der peinlichen
Überraschung, in welche dieses seltsame Zusammentreffen ihn versetzt hatte,
wusste er nicht mehr das innere Gefühl, das ihn übermannte, von bloss physischem
Schmerze zu unterscheiden. Was so am Herzen ihm nagte, waren die giftigen Bisse
der Schlange des Argwohns, des Misstrauens, die Sergius mit lachendem Mute,
absichtlich oder unabsichtlich hinein geworfen hatte. Sollte, musste er dem
Glauben an den Mann entsagen, zu welchem er von Jugend auf gewöhnt war, wie zum
Schutzgeiste seines Lebens hinauf zu blicken? Konnte Andreas mit dem Jünglinge,
den er Sohn nannte, wirklich ein unwürdiges Spiel treiben, während er einen
Sergius in den geheimsten Rat seiner Seele eindringen liess? Es war unmöglich,
und doch, sprach nicht der Augenschein dafür?
    Ängstlich sah er nach Hülfe in dieser Seelennot sich um, nach Rettung vor
den Zweifeln, die sein besseres Gefühl verwarf, und die doch unabwendbar sich
ihm aufdrängten. Nur einer, ausser seinem lang entbehrten Freunde Eugen, lebte
auf Erden, der im Stande gewesen wäre, ihn hier gegen sich selbst in Schutz zu
nehmen, seinen wankenden Mut zu stärken, das unerklärlich Scheinende zu
erklären, die fein gesponnene List, die ihn umgarnen sollte, an's Licht zu
ziehen, und ihn zu lehren Lüge von Wahrheit zu unterscheiden: Graf Stephan!
    Zu ihm eilte er ohne Säumen; Walter hatte ihn kommen sehen und trat ihm
unten an der Treppe entgegen. Zu eigner höchster Beschämung musste der Anblick
des kummerbleichen, treuen Dieners an die erhöhten Leiden der Gräfin ihn erst
erinnern, an die er über Alles was in den letzten Stunden über ihn herein
gebrochen, nicht mehr gedacht.
    Ich wusste wohl dass Sie heute Morgen nicht ausbleiben würden; die Wahrheit zu
gestehen, ich erwartete sie schon früher: rief Walter ihm entgegen.
    Sie lebt? fragte Richard ängstlich hastig.
    Noch lebt sie, und kann nach dem Ausspruche der Ärzte noch viele Tage, ja
selbst wochenlang in diesem qualvollen Zustande der Erlösung harren: war die
Antwort. O beten Sie mit mir zu Gott, dass er bald ende! mein unglücklicher Herr
möchte sonst noch vor ihr seinem unsäglichen Jammer erliegen! Wenn Sie jetzt ihn
sähen, Sie würden ihn nicht wieder erkennen.
    Ich muss ihn sehen, o lass mich zu ihm, bat Richard: ich will in die Pflege
der geliebten Kranken mich mit ihm teilen, mit ihm weinen, mit ihm klagen; doch
sehen, sprechen muss ich ihn, und ich weiss es tut ihm wohl, wenn er es gleich
nicht glauben mag.
    Richard wollte an Walter vorbei eilen, doch dieser hielt ihn abermals
zurück: Ich darf, ich kann es nicht zugeben, sprach er bittend aber
entschlossen. Das Verbot meines Herrn muss in seinem Elende mir heilig sein,
seinen Befehlen gehorchen ist ja leider alles was ich für ihn tuen kann, habe
ich doch sogar vor kaum einer Stunde den Fürsten Andreas abweisen müssen.
    Andreas! er war schon hier? rief Richard sehr überrascht.
    Er wollte nur noch einen Besuch machen und dann wieder kommen, war die
Antwort: ich sollte unterdessen alles anwenden, um ihm Zutritt zu meinem Herrn
zu verschaffen, doch sehe ich dazu keine Möglichkeit vor mir, er hört, er
empfindet nichts als - dem armen Walter brach die Stimme, er konnte nicht
vollenden.
    Ach Gott, es ist doch aber auch zu viel! das Leiden ist zu gross! setzte er
schluchzend noch hinzu: Tag und Nacht liegt der Graf vor dem Sterbebette, auf
dem Boden, für alles andre gefühllos; sogar die Nachricht von der Ankunft des
Fürsten, seines ältesten Freundes, machte keinen Eindruck auf ihn.
    Er kommt! Er kommt! dort die Strasse hinauf: rief Richard freudig, und
stürzte hinaus, dem Wagen des Fürsten entgegen: dieser hielt, der Kutschenschlag
wurde aufgerissen, Richard sprang hinein.
Im engsten Raume der verehrten Gestalt seines väterlichen Beschützers gegenüber,
wichen Argwohn, Misstrauen, alle jene gehässigen Empfindungen, welche Sergius
diesen Morgen in ihm zu erwecken gewusst, aus Richards Herzen. Nur
unbeschreibliche Freude des Wiedersehns nach so langer Trennung erfüllte es
ganz. Auch der Fürst empfing ihn, wie ein Vater den lange entbehrten geliebten
Sohn; drückte umarmend ihn an die Brust, streichelte liebkosend seine lichten
Locken und lobte den klugen Einfall, ihn gleichsam so im Fluge aufzufangen;
denn, sprach er lächelnd, an ein ungestörtes, wirklich genussreiches bei einander
Sein, ist für uns sobald noch nicht zu denken. Doch lass den ersten Tumult nur
geduldig vorüberstürmen; unsre Zeit wird auch kommen, wenn erst alles Wichtige
und Unbedeutende beseitigt ist, das im wunderlichsten Durcheinander mich kaum zu
mir selbst kommen lässt.
    Jetzt nahte auch Walter; sehr bewegt vernahm Andreas seinen Bericht, drang
nochmals ernstlich aber vergeblich darauf, Zutritt bei seinem Freunde zu
erhalten, und setzte endlich, nachdem er Richard aus dem Wagen steigen lassen
und ihm zugerufen, sich ja zur Mittagstafel einzustellen, seine pflichtmässige
Visitenreise durch Petersburg fort.
    Der heutige Tag war und blieb für Richard ein den widersprechendsten
Gefühlen Preis gegebener, an welchem Freud und Leid sich wunderlichst
durchkreuzten. Jede Stunde desselben schien etwas Neues bringen zu wollen - am
Ende löste doch alles in Nichts sich auf, und während Richard ungewöhnlich viel
zu erfahren und zu erleben meinte, blieb es im Grunde doch beim Alten.
    Dass er unter solchen Umständen es nicht bis zur Langenweile bringen konnte,
ist wohl leicht zu erachten; aber es kamen doch Momente vor, wo es ihn bedünken
wollte, als habe ein zweiter Josua die Sonne in ihrem Laufe still stehen heissen,
und werde es für heute gar nicht Abend werden. Denn ohne dass sie deshalb, im
Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs, uns lang würde, erscheint die Zeit uns
nie länger, als wenn in einen bestimmten Abschnitt derselben vielerlei,
eigentlich nicht bedeutende, aber wechselnde Ereignisse sich zusammen drängen.
Ist heute denn schon wieder Sonntag? fragen wir nach einer in gemütlicher
Einförmigkeit vorüber geschlichenen Woche, und im entgegengesetzten Falle: sind
es denn wirklich erst acht Tage, dass wir die Reise antraten?
    Den ganzen Tag über hatte es Richard nicht gelingen wollen, nur zu einem
unbelauschten Worte mit Helenen zu gelangen; er fand sie sowohl als ihre Mutter
fortwährend von Glück wünschenden Herrn und Damen umringt; denn die Nachricht
von der glücklichen Ankunft des Fürsten hatte schnell wie ein Lauffeuer sich
verbreitet; wirkliche Teilnahme, Etikette oder Neubegier, zogen die Besuchenden
schaarenweis herbei, und nur aus der Ferne konnte Helena ihren Freund in ihren
Augen lesen lassen, wie glücklich sie heute sich fühle.
    Auch bei der Mittagstafel, auf welche Richard sein Hoffen zuletzt gestellt
hatte, ging es ihm nicht besser; der Fürst sah von der grossen Anzahl der
Eingeladenen sich dermassen umlagert, dass er kaum Zeit zu einem Händedruck und
ein paar freundlichen Worten für seinen Pflegesohn übrig behielt. An einem
solchen festlichen Tage den gewohnten Platz Helenen gegenüber an der Tafel
behaupten zu wollen, wäre übrigens, in Richards Verhältnissen, eben so
unschicklich als schwer durchzuführen gewesen; und so blieb denn für dieses Mal
ihm nichts weiter übrig als geduldiges Entsagen, und Hoffnung auf eine
günstigere Zukunft.
    Doch viele Tage schwanden, ohne die mindeste Aussicht zur Erfüllung dieser
Hoffnung zu gewähren. Richard sah in nie befriedigter Erwartung sie vorüber
gehen. Sein Verhältnis zu Helenen blieb zwar unverändert, sie schenkte ihm jede
Stunde, die sie dem mit der Anwesenheit ihres Vaters verbundenen
geräuschvolleren Leben abmüssigen konnte. Heitrer, schöner, liebender als je, war
sie seine Freundin, seine Beraterin, die innigste Vertraute seiner Gedanken;
aber sie blieb auch dem Vorsatze getreu, jeden Versuch das Gespräch auf
Gegenstände zu lenken, die sie unerwähnt lassen wollte, zu vereiteln. Er sah, er
fühlte, dass er die Schranken nicht überschreiten dürfe, die sie einmal für
allemal ihm gestellt hatte, und ergab sich, zum Teil durch Gewohnheit
bezwungen, endlich gelassen darein.
Mittlerweile nahmen dringende, nicht aufzuschiebende Geschäfte, Besuche, Feste
aller Art, die Zeit des Fürsten fortwährend dermassen in Anspruch, dass er nur
höchst selten eine Stunde für die Seinigen übrig behielt. Richard erhielt
täglich neue Beweise seiner fortgesetzten väterlichen Fürsorge; doch für die
Aufklärung so manches ihm dunkel Gebliebnen, die er mit Recht erwarten zu dürfen
glaubte, für die Befreiung von quälenden ihm unwiderstehlich sich aufdringenden
Zweifeln, nach welcher er mit ungeduldiger Sehnsucht verlangte, wollte
wochenlang kein günstiger Augenblick sich finden lassen.
    Richard benutzte jede dazu sich bietende Gelegenheit, dem Fürsten den Wunsch
darnach vorzutragen, wurde aber immer, zuweilen mit gebietendem Ernste, meist
aber mild und freundlich, zurück und auf eine nahe günstigere Zukunft
hingewiesen.
    Ich errate, was Du willst; doch warum quälst Du Dich vor der Zeit mit
unnützen Sorgen? beruhige Dich, vertraue mir, und wenn Du mich unruhig werden
siehst, so will ich Dir erlauben es ebenfalls zu werden.
    So sprach der Fürst sehr heiter und gelassen etwa vierzehn Tage vor dem, zu
jener entsetzlichen Revue angesetzten Tage.
    Beleja Tserkoff! Yakubowitsch! flüsterte Richard mit bebender Stimme ihm
leise zu.
    Andreas sah mit durchdringendem Blicke lange und forschend ihn an.
    Du willst es wohl darauf anlegen, hundert Jahre alt zu werden? denn kluge
Kinder leben nicht lange, sagt man; dass aber solch ein alter Knabe wie Du sich
noch mit dem Popanz einschüchtern lassen will, heisst doch die Sache etwas zu
weit treiben; erwiederte der Fürst, ein wenig gezwungen scherzend, aber doch
freundlich.
    Von nun an glaubte Richard das Absichtliche in des Fürsten Betragen sich
nicht mehr verhehlen zu können; er sah wie so manche, der vertraulicheren
Mitteilung günstige Stunde nicht nur unbenutzt vorüber gelassen, sondern sogar
jede Gelegenheit dazu vermieden ward, und litt darüber mehr, als in Worten sich
ausdrücken lässt.
    Des Fürsten Betragen liess übrigens keine Abänderung seiner Gesinnung
persönlich gegen ihn befürchten; es schien im Gegenteil, als ob Andreas durch
Verdoppelung der Beweise seiner väterlichen Liebe für das, nur in diesem
einzigen Punkte ihm entzogene Vertrauen, ihn zu entschädigen wünsche; gerade
dies aber war es, was ihn in Verzweiflung setzte.
    Und Graf Stephan war noch immer an das Lager der peinlich langsam
hinscheidenden Gattin gefesselt, und jetzt wirklich geistig unfähig, an irgend
etwas andrem in der Welt Anteil zu nehmen!
Endlich wurde Richard eines Abends zum Fürsten gerufen; erwartungsvoll trat er
ins Zimmer, und sah Mr. Mitchels gemeine Figur, in breiter Aufgeblasenheit und
tiefer Demut über die ihm widerfahrene Ehre, hinter einem grossen Tische
etablirt, der mit Proben neu erfundner Fabrikate bedeckt war; mit Modellen,
Zeichnungen von Ackergerät, Eisenbahnen, Tunnels, Dampf- und Spinnmaschinen und
ähnlichen Wundern unsrer erfindungsreichen Zeit.
    How do you do? krächzte die widerliche Erscheinung ihm entgegen.
    Es war als führe ein Dolchstich ihm in die Brust, er glaubte auf das
bitterste sich verhöhnt, wandte sich, wollte zur Türe, am liebsten zum Leben
hinaus, wusste aber in der Verwirrung selbst nicht was er wollte, fühlte von zwei
ihn umschlingenden Armen sich gehalten, und sah dicht vor sich die geliebten
Züge, die freundlichen Augen des ihn umfangenden Fürsten, fast bittend ihn
anlächeln.
    Das war nicht meine Absicht, gewiss das war sie nicht! sprach Andreas, indem
er ihn fester an sich drückte, ehe er ihn los liess und nur Mitchels starr auf
ihn gerichteter Blick verhinderte ihn, sich unter Tränen der Reue an die
Vaterbrust zu werfen, wie er als Kind so oft getan.
    Gewöhne das verwünschte Gerührtsein Dir ab, es steckt an wie der Schnupfen;
flüsterte der Fürst ihm zu, hustete ein wenig, griff deshalb nach seinem
Taschentuche, und näherte mit Richard sich dem Tische, auf welchem Mitchel seine
Raritäten ausgebreitet hatte.
    Wie konntest Du dem Zufalle überlassen, ob es ihm belieben würde, mir die
höchst schätzbare Bekanntschaft Deines Landsmannes zuzuführen oder nicht?
Verdient diese Vernachlässigung nicht einige Strafe? sprach Fürst Andreas mit
seiner gewohnten verbindlichen Art gegen an Rang ihm untergeordnete Fremde, und
laut genug, dass Mitchel es hören konnte. Wäre mein Kammerdiener nicht so
glücklich gewesen, Herrn Mitchel im Zeitungsklubb anzutreffen, und nicht so
gescheit gleich einzusehen, welchen unschätzbaren Wert seine Bekanntschaft für
mich haben müsse, ich hätte sie vielleicht zeitlebens entbehrt: fuhr er auf die
nämliche Weise fort. In der Tat, Herr Mitchel ist für mich eine wahre Fundgrube
von Allem, was mich erfreut und interessirt.
    Ich bitte, lassen Sie uns nochmals den Plan des Tunnel vornehmen, und - doch
vorher noch ein Wort mit Dir, Richard: setzte er hinzu, indem er mit diesem ein
wenig seitwärts trat.
    Du weisst, der Braune mit den weissen Füssen, der Dir so wohl gefiel? sprach er
halblaut: Du findest ihn morgen in Deinem Stalle, ich habe ihn hineinführen
lassen. Keinen weitläuftigen Dank; dass ich weiss, dass ich Dir eine Freude damit
mache, ist mir genug; obgleich Du ihn für jetzt noch nicht sobald nötig haben
wirst, als wir es meinten, denn der Kaiser hat die Revue wieder abbestellt.
    Die Revue? Die Revue? rief Richard heftig.
    Nun ja, die Revue bei Beleja Tserkoff, die nächsten. Dienstag über acht Tage
gehalten werden sollte. Sie ist ganz aufgegeben, wird wahrscheinlich nie Statt
haben, in diesem Jahre wenigstens gewiss nicht; antwortete der Fürst und setzte
gleich darauf im gleichgültigsten Tone von der Welt hinzu: jetzt, Herr Mitchel,
sind wir ganz zu Ihren Diensten.
    Vater! o mein Gott! ist es möglich, rief Richard ausser sich, wie verwildert
vor freudigem Erstaunen.
    Ob Du ein Kind bist! über ein neues Spielzeug, über ein artiges Pferd so in
Entzückung zu geraten! lächelte der Fürst, indem er Richards ungestümen
Freudenbezeigungen sich zu entziehen suchte. Glückliches Alter! nicht wahr, Herr
Mitchel? wer das auch noch so könnte!
    Noch ehe der Fürst diese Worte vollends ausgesprochen, war Richard schon zur
Türe hinaus, zu Helenen.
    Er fand sie in ihrem, nur ihm und ihren nächsten Freunden zugänglichen
Arbeitszimmerchen, in welches sie sich Abends unter irgend einem Vorwande
zurückzog, so oft sie schicklicher Weise es konnte, um von der betäubenden
Nichtigkeit des Lebens in der grossen Welt sich zu erholen.
    Fröhlich trat sie ihm entgegen, ohne über seinen stürmischen Eintritt zu
erschrecken, und rief, sich ein wenig wendend: siehst Du, Alte? Hatte ich nicht
Recht, als ich Dir im Voraus sagte, dass die Freude über meines Vaters Geschenk
ihn noch heute Abend zu uns führen würde?
    Und zu seinem nicht geringen Verdrusse musste jetzt Richard aus der
dämmrigsten Ecke des nur von einer einzigen Lampe schwach erhellten Kabinets die
gebeugte, eisgraue Gestalt der Amme sich entwickeln sehen, an die er seit langer
Zeit eben so wenig gedacht hatte, als meine geneigten Leser es getan haben
mögen; denn die gute Frau hatte in den letzten Jahren, wenn gleich nicht
geistig, doch körperlich sehr gealtert, und verliess jetzt nur sehr selten das
ihrer Tätigkeit besonders angewiesene Revier in den innern Gemächern der
Fürstin Eudoxia.
    Schick sie fort! o schick sie fort! bat Richard in englischer Sprache,
welche Frau Elisabet nicht verstand, die indessen mit durch die Jahre wahrlich
nicht verminderter Redseligkeit, in Freudensbezeugungen über das lang entbehrte
Wiedersehen ihres Lieblings sich ergoss. Helena, wie konntest Du mir so etwas
antun! denn Du erwartetest mich doch! o schick sie fort! Erlaube meinem
übervollen Herzen nur ein einzigesmal sich vor Dir zu ergiessen; Du siehst ja,
mir ist wie dem Galeerensclaven, dem nach unendlich peinvoller Zeit die Ketten
abfielen.
    Warum willst Du der armen Elisabet es nicht gönnen, Dich zu sehen, den sie
so lieb hat! sie kommt so selten aus ihrem Zimmer; erwiederte Helena in der
nämlichen Sprache, und wandte sich dann an die Amme. Nicht wahr, Mütterchen, Du
hast auch Richards neues Pferd gesehn?
    Ob ich es gesehn! war die Antwort: hiess Fürst Andreas mich nicht express ans
Fenster rufen, als er im Hofe es sich vorführen liess? Das schöne Tier, mit den
netten zierlichen Füssen, wie tanzte es, wie brüstete es sich als es meine junge
Gebieterin trug! Aber das sage ich Dir, Richard, in Beleja Tserkoff muss sie es
wieder reiten, Du musst es ihr leihen.
    Dich, Helena, Dich hat es getragen? rief Richard entzückt.
    Weisst Du nicht mehr welche mutige Reiterin ich bin? erwiederte sie:
übrigens ist das Pferd fromm wie ein Lamm, und doch voll Mut und Feuer; Dir
gönne ich es, sonst Niemand auf der Welt.
    Und wie sie sich darauf ausnimmt! wie hingehaucht, so schlank, so leicht;
nahm die Amme wieder das Wort: so etwas, Richard, hast Du nie gesehn. Wie die
kleinen Händchen den Zügel fassen! wie sie das Pferd zu regieren weiss, wie sie
es tummelt! und wie das kluge Tier jedem ihrer Winke sich fügt und unter ihr
einher tanzt, schnell, gewandt, behend wie ein Sonnenstrahl, oder vielmehr wie
ein Blitz. Das muss der Kaiser, die Kaiserin, der ganze Hof, meinetwegen die
ganze Welt muss das sehn!
    Weder die Welt, noch der Hof wird dieses wundervollen Schauspiels sich
erfreuen, denn es gibt diesmal bei Beleja Tserkoff weder Revue noch Fêten, der
Kaiser hat diesen Mittag alles wieder abbestellt, fiel Helena der in ihrem Lobe
sich verjüngenden Amme lachend ein.
    Die Alte brach in bittre Klagen darüber aus, und Richard benutzte diesen
Augenblick, um nochmals um nur eine ungestörte Viertelstunde mit Helena
anzuhalten, doch abermals vergebens.
    Du siehst mich so glücklich! wahrlich, nur Erfreuliches solltest Du heute
von mir vernehmen, keine Frage sollte Dich belästigen, warum darf ich Dir nicht
mitteilen, was mein ganzes Herz so freudig bewegt, warum Dir nicht zeigen,
welche zentnerschwere Last ihm abgenommen ward? bat er.
    Ich freue mich mit Dir, ohne den Grund dazu erfahren zu wollen; erwiederte
Helena freundlich aber fest, und Richard fühlte zum erstenmale durch den kalten
Ernst, mit welchem diese wenigen Worte ausgesprochen wurden, sich verletzt.
Unfähig, den Missmut gänzlich zu unterdrücken, der in ihm sich mächtig zu regen
begann, eilte er sich zu entfernen, um Helenen zu verbergen, wie schwer es ihm
falle den Zwang zu ertragen, der gerade in dem Augenblicke, wo er ihrer
Teilnahme am bedürftigsten war, den Mund ihm verschloss.
Wie immer, wenn das äussere Leben ihn drückte, führte sein Herz ihn zu seinem
Freunde Stephan, obgleich er wenig Hoffnung hatte, bis zu ihm selbst
durchzudringen. Diesmal fand er den Vorhof und die untern Räume des Hotels
wunderbar verödet; überall herrschte die ungestörteste Stille, keine lebende
Seele liess sich blicken, sogar der Portier hatte seinen gewohnten Platz
verlassen.
    Unheimlich schaudernd, mit unhörbar leisem Schritte stieg Richard die breite
Treppe hinan, ging durch die lange Reihe von Zimmern und Sälen, alle standen
offen, alle waren öde und leer, bis er in die Nähe des zu dem Appartement der
Gräfin gehörenden Vorsaals gelangte. Hier weiter zu gehen wagte er nicht;
Weihrauchdüfte quollen durch die verschlossene Türe ihm entgegen, ein seltsam
dumpfes Geräusch, wie unterdrücktes Weinen und Schluchzen vieler Stimmen wurde
hörbar, er glaubte dazwischen den tiefen murmelnden Ton leise betender Priester
zu unterscheiden, und fühlte von bangen Vorahnungen sich ergriffen.
    Jetzt flogen die Flügeltüren auf: er sah die ganze hier versammelte
Dienerschaft des Grafen dicht zusammen gedrängt den weiten Vorsaal erfüllen. In
Tränen, leise jammernd und schluchzend, lagen sie Alle auf den Knieen, tief
gebeugt berührten ihre Häupter den Boden. Eine leichengleiche Gestalt wurde
sorgsam zwischen den Weinenden hindurch getragen, Graf Stephan; bis zum
Unkenntlichen durch langen Schmerz entstellt, lag er in den Armen seiner Diener;
selbst einem Sterbenden ähnlich wankte Walter neben seinem geliebten Herrn
einher, zu entkräftet, um einen Teil der Last auf sich nehmen zu können.
    Todt! todt! rief Richard, und eilte auf die entseelte Gestalt des seit
vielen Wochen entbehrten Freundes zu.
    Ruhe! Ruhe! gebot der ihn zurückhaltende, ihm wohlbekannte Hausarzt: noch
lebt er, aber ein einziger unvorsichtiger Hauch kann den schwachen Lebensfunken
auf immer verlöschen. Blicken Sie dortin, die Gräfin ist so eben verschieden,
und gönnen Sie ihrem armen Freunde den todtenähnlichen Schlummer, die starre
Gefühlslosigkeit, durch welche die immer gütige Natur über diesen fürchterlichen
Augenblick ihm hinaushilft.
    Stephan hatte mutig bis zum letzten Hauche der Sterbenden ausgehalten;
seine zitternde Hand hatte die Augen zugedrückt, welche bis dahin die Sonne
seines Lebens gewesen, und erst nachdem er dieses vollbracht, war er zusammen
gesunken. Die Dienerschaft war als Zeuge des letzten, zum Übergange in die
Ewigkeit sie einweihenden Sakraments, an das Sterbebette ihrer Herrin berufen
worden; die treuen Seelen hatten jede zu laute Äusserung ihres Schmerzes, aus
Schonung für ihren Gebieter, bis dahin unterdrückt; doch jetzt, da sie auch ihn
anscheinend entseelt durch ihre Reihen tragen sahen, glaubten sie sich doppelt
verwaist, und brachen in lautes herzzerreissendes Jammergeschrei aus.
    Richard warf einen Blick über die zum Boden gebeugten Häupter der Knieenden
hinweg in das Sterbezimmer, dessen weit geöffnete Türen die in schmerzloser
Ruhe still da liegende Hülle der Freundin ihm zeigten, die als rührendes
Beispiel duldender Ergebung ihm stets vorgeleuchtet, deren milde Rede, deren
sanftes Auge, einst auch ihm Trost und Hoffnung in das Herz gesprochen. Der Tod
hatte jede Spur der jetzt überstandenen herben Leiden vertilgt, die Anmut in
ihren Zügen war wieder erblüht, die in glücklichen Jugendtagen als eine der
lieblichsten Erscheinungen sie bezeichnete.
    Das vom hellen Scheine hoher geweihter Kerzen beleuchtete Sterbezimmer, war
ein heiliger Tempel geworden; umgeben von Priestern in ihrem reichen, im Glanze
der Kerzen hell schimmernden Ornate, schien ihr Lager, vor Kurzem noch der Zeuge
unsäglichen Leidens, jetzt zum Altar umgewandelt, auf welchem sie selbst als das
rührendste Bild einer schlummernden Heiligen ruhte.
    Ein Strahl belebenden Trostes dämmerte bei diesem Anblicke in Richards
weherfülltem Gemüte auf; das Grab nebst seinem düstern Grauen vergessend, sah
er hier nur den Eingang zum Hafen ewiger Ruhe, und sank weinend aber hoffend
neben den laut jammernden Dienern auf die Kniee.
Still nachdenkend sass Richard in der Frühe des folgenden Morgens in seinem
Zimmer allein, den widerstrebendsten Empfindungen hingegeben. Freude, Trauer,
Missmut, Hoffnung und Sorge durchwogten sein Gemüt; er hatte den grössten Teil
der Nacht am Bette seines noch immer in bewusstlosem Schlummer hinbrütenden
Freundes durchwacht, und suchte jetzt für die Obliegenheiten des Tages sich
vorzubereiten, und seine Gedanken, wie seine ziemlich erschöpften Kräfte zu
sammeln.
    Das unangenehme Knarren seiner Türe fiel ihm verdriesslich auf; er ging sie
zuzumachen, und sah ein paar unheimliche, glühende Augen durch die Spalte
derselben ins Zimmer hinein starren, als wollten sie sich vergewissern, dass er
sich allein in demselben befinde.
    Richard stutzte einen Augenblick bei dieser Entdeckung, und schnell wie der
Blitz sprang ein in einen Mantel gehüllter Mann ins Zimmer hinein, verschloss von
innen die Türe, liess aber den Schlüssel darauf stecken, und trat dann hastig
auf ihn zu.
    Mit bleichem verzerrtem Gesicht, himmelan sich sträubendem Haar, Wut
entbrannten Augen, die weissen verbissenen Zähne grausig fletschendem Munde,
stand der Entsetzliche dicht neben ihm, und Richard glaubte schaudernd in dem
unheimlichen Gaste einen der Haft entsprungenen Wahnsinnigen vor sich zu haben.
    Verloren! verraten, Du, ich, wir Alle! stöhnte dieser mit hohler, kaum
verständlicher Stimme, und sank am ganzen Leibe konvulsivisch erbebend, in den
ihm zunächst stehenden Sessel.
    Jetzt erst konnte Richard den Grauen erregenden Besuch schärfer in's Auge
fassen. Es war Matias Apostol, Bruder des Sergius. Nie hatte Richard mit diesem
in näherer Verbindung gestanden als der, welche der unselige Bund, zu dem sie
beide gehörten, unumgänglich erforderte; nie hatten sie mehr als jene stereotyp
gewordenen Redensarten mit einander gewechselt, wie der gesellige Verkehr
überall sie herbeiführt. Das finster Abstossende, das in Apostols ganzer
Persönlichkeit sich aussprach, hatte Richarden immer von dem ältern Bruder
zurück geschreckt, während er von dem mitteilend lustigen Humor des jüngern,
Sergius, wenn gleich stets widerwillig, zuweilen sich hinreissen liess.
    Matias blieb eine Weile, ohne ein Wort aufbringen zu können, mit hoch
aufarbeitender, schwer nach Luft ringender Brust, in seinem Sessel liegen,
während Richard in der Meinung, er sei plötzlich erkrankt, ihm die Weste
aufknöpfte und alles nur Ersinnliche anwandte, um dem Leidenden Erleichterung zu
verschaffen. Matias liess sich das Alles gefallen; nur wenn Richard Meine machte
die Schelle zu ziehen, um seinen Diener zur Hülfe herbei zu rufen, hielt er mit
riesig starker Faust beim Arme ihn fest.
    Alles ist verloren! rief Matias endlich, sobald er nur einigermassen wieder
zu Atem gekommen war, und sprang mit der Geberde wildester Verzweiflung von
seinem Sitze auf.
    Richard starrte voll Entsetzen ihn an.
    Setze Dir selbst das Alles säuberlich zusammen: fuhr Matias höhnisch
lachend fort: Seit mehreren Wochen ist mein Bruder abwesend, und noch immer ist
kein Wort bis zu uns gelangt, das Nachricht von ihm brächte; gestern wird
plötzlich, ohne einen Grund dafür anzugeben, die Revue bei Beleja Tserkoff
abgesagt, wir vernehmen aus sicherer Hand, dass die Anstalten zu einer längst
projectirten Reise des Kaisers Hals über Kopf beschleunigt werden. Wohin geht
die Reise? Zur Flucht! zur Flucht! Alles ist klar wie der Tag, blind müsste man
sein, es nicht einzusehen. Die Verschwörung ist entdeckt! Feile Verräter finden
sich überall; Sergius, mein Bruder, ist gefangen, ist todt! brüllte er,
zerraufte sein Haar, warf sich auf den Boden hin, und verbarg, heulend wie ein
wildes Tier, sein Gesicht in die Kissen des Diwans.
    Ein Ausweg bleibt uns, sprach er, sich wieder vom Boden aufraffend: ein
einziger, uns zu retten, den gemordeten Bruder zu rächen. Sie sind zu feig
gleich tätig einzuschreiten, sie wollen jene Reise erst abwarten, um sicherer
zu gehen. Sicher! rief er wieder auflachend, sicher! o ja, ich bereite Euch die
Bahn zur ewigen Ruhe, wartet nur, dort seid ihr sicher genug. Ich komme Euch
zuvor, bevor Ihr den Mut habt, den Schlag fallen zu lassen, der uns
zerschmettern soll. Ich, ich allein, wartet, wartet nur, ein günstiger Moment,
ein einziger, und es ist vollbracht. Mein Auge trügt nie, meine Hand trifft
immer das Ziel.
    Es gibt eine Waffe, fing er nach einer Pause scheinbar in ruhigerem Tone
wieder an, während Richard vor ihm stand, noch immer unschlüssig, ob Wahnsinn
oder Überzeugung aus dem Furchtbaren spreche: eine Waffe, fuhr Matias fort,
ohne Knall, ohne verratendes Aufblitzen; gleich dem leisen unhörbaren Pfeile
des Wilden, führt sie die Kugel zum Ziel. Du, Du bist der Einzige, der dem
Befehle entgegen zu handeln wagt, welcher ihren Besitz hoch verpönt; ich habe
diese Waffe in Deinen Händen gesehen, nun fordere ich sie von Dir, und Du hast
nicht das Recht sie mir vorzuentalten. Du bist mein Bruder durch jenen heiligen
Schwur, der uns beide zur Rettung unsers Vaterlandes verbindet; gehorche dem
Gebote des Bundes.
    Richard besass wirklich eine kleine, aber auserlesene Sammlung seltner
Waffen, die aus seiner frühesten Jugendzeit herstammte, wo er, halb ein Knabe
noch, mit ungemeinem Eifer sie zusammen brachte, teils durch Tausch mit
Freunden seines Alters, doch mehr noch durch Geschenke, welche von allen Seiten
dem Lieblinge des ganzen Hauses zuströmten. Das zuletzt erhaltne war der reich
verzierte Türkendolch, welchen Eugen, bei Richards Eintritt in die Kaserne,
diesem verehrt hatte.
    Seitdem hatte die Lust sich mit solchen Spielereien ernstlich zu
beschäftigen bei ihm sehr abgenommen; die Waffen wurden an der Wand eines an
sein Zimmer anstossenden Kabinets zur glänzenden Trophäe auf das geschmackvollste
geordnet; sein Blick weilte zwar oft und gern auf denselben, doch nur als auf
einem sehr werten Andenken früherer Tage.
    Diese Trophäe, von welcher eine vom Fürsten Isidor einst zufällig erhaltne
Windbüchse den Mittelpunkt bildete, welche aber teils wegen der geringen
Zierlichkeit ihrer Form, teils wegen des auf ihr ruhenden Verbotes, von anderen
glänzenderen Waffen fast ganz verdeckt wurde, war gerade der offen stehenden
Türe des Kabinets gegenüber angebracht, und Matias brauchte nur die Augen
aufzuschlagen, um sie zu bemerken.
    Doch würde er in seinem leidenschaftlichen Zustande sie vielleicht
fortwährend übersehen haben, hätte nicht die Eile, mit welcher Richard jetzt
jene Türe schliessen wollte, seine Aufmerksamkeit dortin gewendet.
    Den Gegenstand den er forderte entdecken, und mit einem gewaltigen Sprunge
Richarden zuvorzukommen suchen, war das Werk eines Augenblickes; doch gelang es
dennoch dem behenderen Richard, seinen Zweck zu erreichen. Er lehnte sich mit
dem Rücken gegen die nun fest verschlossene Türe und gelobte mit einem hohen
teuren Eide, jenes gefährliche Werkzeug niedern Meuchelmordes nur mit seinem
Leben sich entreissen zu lassen.
    Matias, unter Fluchen und wütenden Beschuldigungen der Untreue gegen den
Bund, warf sich über ihn her, um seinen Widerstand zu bewältigen; ein Ringen
entstand, bei welchem nur Richards grosse persönliche Gewandteit es ihm möglich
machte, der ihm überlegenen, durch wahnsinnige Wut noch gesteigerten
Körperkraft seines Gegners nicht gleich zu erliegen.
    Dass ein anfangs gemässigt leises, dann immer lauter werdendes Klopfen an der
äussern Türe, unter diesen Umständen von den Kämpfenden nicht vernommen werden
konnte, war natürlich; doch dieses Pochen ging allmälig in laut donnernde
Versuche über, die schon krachende Türe gewaltsam zu erbrechen; Matias hielt
einen Augenblick mit Ringen ein, und Richard gewann dadurch Zeit sie zu öffnen.
    Plagt Euch alle beide der Teufel? was treibt ihr hier in aller Frühe für ein
Specktakel, ungezogene Buben, wisst Ihr nichts Besseres zu tun? rief lachend
Sergius. In Lebensgrösse, ganz unbeschädigt stand er vor ihnen; Matias schrie
laut auf, und stürzte ihm in die Arme, während Richard die Windbüchse von der
Wand riss, und sie zertrümmerte. Dass die Fehde zwischen ihm und seinem Gegner
jetzt beendet war, versteht sich von selbst.
    Übrigens hielt Sergius es eben nicht für notwendig die Gründe anzugeben,
die ihn bewogen hatten, sowohl seine Brüder als die Häupter des Bundes so lange
Zeit ohne ein einziges Zeichen seines Daseins zu lassen. Er erzählte nur ganz in
der Kürze, dass er, nach seiner am gestrigen Abend spät erfolgten Ankunft, sich
sogleich zum Fürsten Andreas begeben, bei welchem er bis tief in die Nacht
hinein verweilte, und dann reisemüde die Ruhe suchte.
    Ungeachtet er, eben so wenig als seine Brüder, mit Richard jemals in näherem
Umgange gestanden, hatte dennoch ein übrigens nicht bedeutender Auftrag des
Fürsten, bei seinem nächsten Ausgange am folgenden Morgen ihn zu demselben
geführt, und so war er denn glücklicher Weise, ein ächter deus ex machina, in
jene tragikomische Scene zur Beendigung derselben hinein gefallen.
    Der Auftrag des Fürsten an Richard bestand hauptsächlich in der
Versicherung, dass ganz gleichgültige, unbedeutende Ursachen, hauptsächlich der
Überdruss davon so unablässig sprechen zu hören, den Kaiser bewogen, jene Revue
aufzugeben. Übrigens setzte Sergius noch hinzu, dass er die feste Überzeugung
mitgebracht habe, dass Niemand weder in noch ausserhalb Petersburg an Verrat
denke, und Alles so ruhig sei, als es unter solchen Umständen nur immer möglich
wäre.
Die sorgsamste Pflege hatte in physischer Hinsicht die Gesundheit des
unglücklichen Grafen Stephan zwar einigermassen wieder hergestellt, doch sein von
so vielen schnell auf einander folgenden Schlägen hart getroffnes Gemüt konnte
nicht wieder genesen. Vergebens mühete Richard sich in Versuchen ab, ihn wieder
dem wirklichen Leben zuzuführen, er war für die wichtigsten Angelegenheiten
desselben völlig gefühllos geworden. Seine geistige Kraft war abgestumpft, sein
Gefühl für alles ausser seinem unwiederbringlichen Verluste war ertödtet, und
Vaterlandsliebe, die ihm früher die Brust mit glühender Begeisterung erfüllte,
war ihm jetzt nur ein leerer Klang, ohne Sinn und Bedeutung. Das sonst für alles
Grosse, Gute und Schöne so warme Herz, lag kalt und erstorben ihm in der Brust,
ohne Hoffnung, wie ohne Wunsch, weder Freude noch Leid konnten es wieder wecken.
Er verlangte mit dem äussern Leben weiter keine Gemeinschaft zu haben, seine
Seele war bei den Todten. Und doch, und zwar in der allerwiderwärtigsten
Gestalt, drängte dieses Leben, das ihn anekelte, in den eng abgeschlossenen
Kreis seiner Gedanken und Gefühle sich ein.
    Habsüchtige entfernte Verwandte, welche jetzt einige Hoffnung gewonnen
hatten, den Kinderlosen einst zu beerben, meinten dadurch sich jetzt schon
berechtigt, in die Verwaltung seiner Angelegenheiten und seines Vermögens
eingreifen zu dürfen. Sie machten sogar schon einige Anstalten den
schwermütigen Vetter, den sie gern für blödsinnig ausgegeben hätten, für's
erste wenigstens unter Vormundschaft zu stellen, und quälten und verfolgten ihn
auf das widerwärtigste mit ihren endlosen Zumutungen.
    Schon waren sie nahe daran, den ganz Mutlosen durch Überdruss zur Erfüllung
von allem was sie verlangten zu bewegen; doch Fürst Andreas oft erprobte
Freundschaft erhob sich jetzt in lobenswerter Tätigkeit zu seinem Schutze. Von
seinem treuen Walter begleitet, ging Graf Stephan auf Zureden seines edlen
Freundes nach Italien, um unter einem milderen Himmel, entfernt von allem was
allzu herbe Erinnerungen in ihm aufregen musste, einstweilen unter fremdem Namen,
ein stilles Leben zu führen. Fürst Andreas aber nahm während der Zeit mit dem
ihm eigenen Eifer der Leitung und Ordnung der Angelegenheiten seines Freundes
sich an, die er in einem zwar vielfach verworrenen, aber doch bei weitem nicht
so hoffnungslosen Zustande fand, als Graf Stephan selbst es gemeint hatte.
    Richard mochte es sich selbst kaum gestehen, welche Erleichterung seines,
auch in anderer Hinsicht nichts weniger als beneidenswerten Zustandes, die
Entfernung des Grafen Stephan ihm gewährte. Sie befreiete ihn von der täglich
wiederkehrenden Pein, das längst als hoffnungslos Aufgegebene immer von neuem
aufnehmen zu müssen, und immer mit gleich schlechtem, ihn tief betrübendem
Erfolge.
    Jetzt hatte er wenigstens einige Hoffnung, unter Walters sorgsamer Pflege
der Genesung des geliebten Leidenden entgegen sehen zu dürfen. Längst schon war
aus dem treuen verständigen Diener der kein Opfer scheuende Freund seines
unglücklichen Gebieters geworden; Fürst Andreas selbst erkannte und würdigte ihn
als solchen, und überliess ihm ohne Bedenken die Sorge für seinen Herrn, wie die
Anordnung einer Reise, die Walter schon früher einmal mit demselben gemacht
hatte.
In auffallendem Contraste mit dem fast zum Scheinleben herabgesunkenen Grafen
Stephan trat jetzt Fürst Andreas in immer weiter um sich greifender Tätigkeit
auf.
    Alex, Eugen, alle vertrautesten Jugendgefährten des ganz vereinsamten
Richard, waren, wenigstens für den Augenblick, ihm verloren. Zu einer Zeit, wo
er mehr als je des Rates, der Mitteilung, des Trostes bedurfte, sah er mit
allen seinen ahnungsvollen Sorgen und Zweifeln sich einzig an den väterlichen
Führer und Beschützer seines früheren Lebens gewiesen.
    Vertrauend eilte er zu ihm mit seinem bis zum Überfliessen vollen Herzen,
harrte in unermüdlicher Geduld auf den günstigen Augenblick, es in den Busen
seines väterlichen Freundes sich ergiessen zu lassen, und stand, wenn er einen
solchen endlich errungen zu haben meinte, vor ihm, wie vor einem verschlossenen
Schreine.
    Für Alle und für Alles hatte Fürst Andreas Zeit, war zugänglich für Jeden,
der seiner bedurfte, nur für den geliebten Sohn seiner Wahl, wie Richard noch
immer und bei jeder Gelegenheit von ihm genannt wurde, wollte es ihm niemals
gelingen, nur eine einzige kleine vertrauliche Stunde zu finden.
    Richard wurde unter Vorwänden, von denen der letzte immer der nichtigste zu
sein schien, von einem Tage zum andern fortwährend vertröstet. Und wollte sich
in der Eile nichts anderes ausfindig machen lassen, so sass Mr. Mitchel mit
seinen endlosen Verbesserungen, Vorschlägen und Erfindungen im Vorzimmer, neben
seinem Busenfreunde dem Kammerdiener, bei dem er sich förmlich etablirt hatte,
und war auf den kleinsten Wink bereit, mit etwas Neuem aufzuwarten.
    Für Richard war es unter solchen Umständen keine ganz leichte Aufgabe, in
unwandelbarer Liebe und Ehrfurcht an dem Wohltäter seiner Jugend festzuhalten,
ohne sich im Glauben an ihn irren zu lassen. Doch er bestand die schwere Probe;
sein Gemüt war und blieb jeder, in seinen Augen den Fürsten und ihn selbst
erniedrigenden Regung des Misstrauens unzugänglich; doch anders war es mit der
Sorge, dass das freie, offne, edle Naturell desselben gemissbraucht, dass Andreas
durch List und Trug irre geleitet, von Neuem in Verhältnisse verwickelt werden
könne, aus denen dann kein Rücktritt möglich wäre.
    Auf sich allein zurückgewiesen, ohne Möglichkeit, durch Rede und Gegenrede
mit teilnehmenden verständigen Freunden zu grösserer Klarheit seiner eigenen
Gedanken zu gelangen, versenkte und verlor der ganz Verlassene sich immer tiefer
in trübes Nachsinnen, das ihn nur beängstigen konnte, ohne ihn weiter zu
bringen; es war eigentlich mehr ein dumpfes Gefühl von Not und Gefahr, das
fortwährend ihn verfolgte, ohne sich in deutliche Worte fassen zu lassen.
    In sorgenvoll durchwachten Nächten erhob das grässliche Bild des Mord und
Verrat atmenden Matias sich neben ihm. Der Eindruck, den jener schaudervolle
Besuch auf Richards Gemüt gemacht hatte, wurde ihm jetzt erst recht fühlbar,
seitdem seine Gedanken und seine Zeit nicht mehr so ganz ausschliessend von der
Sorge für Graf Stephan in Anspruch genommen wurden.
    Waren die Schrecken, welche jenen damals bis an den Rand des Wahnsinnes
getrieben, wirklich nur das Phantom einer beängsteten, durch Befürchtungen der
grässlichsten Art auf das höchste gesteigerten Phantasie gewesen? Wer konnte hier
entscheidend auftreten und behaupten, dem sei so!
    Dass Fürst Andreas die Ausführung der drohenden Feste bei Beleja Tserkoff
wirklich zu hintertreiben gewusst habe, wie er allerdings zu verstehen gegeben,
wenn gleich nicht in deutlichen Worten, war eben nichts Unmögliches; aber auch
andre Gründe konnten hier leicht vorgewaltet haben, andre, gefährlichere, mit
den Befürchtungen zusammenhängende, durch welche Matias Apostol zu seinem
verzweiflungsvollen Tun getrieben worden war.
    Des Kaisers nahe bevorstehende Reise in die südlichen Provinzen seines
unermesslichen Reiches, war jetzt längst kein Geheimnis mehr, die Anstalten zu
derselben wurden eifrig und offenbar betrieben; doch über die eigentliche
Veranlassung derselben waren sehr verschiedene Meinungen in Umlauf. Die Mehrzahl
wollte sie in der Gesundheit des Monarchen finden, welche ein milderes Klima
verlangte; doch konnte er nicht auch auf diese Weise, ohne Aufsehen zu erregen,
sich dem Schauplatze von Ereignissen entziehen wollen, die er vielleicht nur
dunkel ahnete, ohne dass jedoch eine Entdeckung der Gefahren wirklich Statt
gehabt hätte, die seinem Leben droheten?
    Seinem Leben, des Kaisers geheiligtem Leben! Richard dachte es mit
Schaudern.
    Er ist nicht aufgelöst, der fürchterliche Bund! rief er, von wilder Angst
ergriffen, der ihn rings umgebenden Einsamkeit, der einzigen Vertrauten seiner
innern Qual entgegen. Er selbst, Andreas selbst ist tiefer als jemals in
denselben verflochten; um ihn gefahrlos zu gestalten, behauptet er! Kann seine,
kann irgend eine menschliche Kraft jetzt, in diesem Augenblicke noch dazu
ausreichen?
    Eugens fortwährende, geheimnisvolle Entfernung! dachte er ferner, des
Sergius nicht minder geheimnissreiche Reise, wohin? zu welchem Zwecke? zu wem?
Wenn nicht zu ihm, zu dem geliebten Freunde meines Herzens, zu Eugen. O Eugen!
auch Du wirst das Opfer eines ungeheuren Irrwahnes Deines Vaters werden, der uns
Alle dem Untergange zutreibt: rief er laut!
    Der Bund wäre ganz gefahrlos, bis zur Ohnmacht entwaffnet! behauptet der
Fürst; wodurch wäre er es? fuhr Richard in seinen Überlegungen fort, wodurch
wäre er es? Und wenn nun Sergius nicht im entscheidenden Augenblicke gekommen
wäre; der tollkühne, wütende Matias das furchtbare Signal zum Ausbruch der
beschlossenen Gräuel wirklich gegeben hätte? Wo ist die irdische Gewalt, welche
alle die vielen Tausende mordlustiger Verschworenen zu bändigen vermocht hätte,
welche nicht nur in Petersburg, welche durch das ganze Reich, durch alle Stände
in demselben verstreut sind, bereit zum Werke der Zerstörung?
    Ich soll nicht glauben, nicht sehen, nicht hören! soll die Gräuel nicht
achten, die jetzt ohne Schleier in jenen schändlichen, Mord und Verbrechen
predigenden Zusammenkünften der Verbündeten vorgetragen werden; ich soll ihre
Reden für sinnlose Erzeugnisse einer verdorbenen, ohnmächtigen Phantasie, ohne
alle weitere Bedeutung hinnehmen! - Wer kann das Unmögliche von mir fordern!
    Zwiespalt, Unzufriedenheit, Wankelmut werden schon jetzt unter ihnen laut;
eidbrüchige Verräter gibt es überall, in allen Verhältnissen; und wenn nun
geschieht, was bis jetzt nur durch ein Wunder verhindert worden sein kann; wenn
Einer, ein Einziger nur von jenen Vielen, von Reue, Eigennutz oder Furcht
getrieben, den Weg zum Kaiser findet, den Bund verrät?
    Richard ward starr vor Entsetzen über den Gedanken, der jetzt in furchtbarer
Klarheit vor ihm aufleuchtete!
    Verloren! verloren! unrettbar Kaiser und Volk; Alle! Alle! Alle! schrie er
laut; Abgrund, unergründlicher Abgrund rings umher! kein Ausweg mehr!
    In wilder Verzweiflung zerraufte er sein Haar, warf auf den Boden sich hin.
    Keine Rettung, wohin den Blick ich wende! nicht einmal die Möglichkeit eines
Wunsches, denn die ewige Allmacht selbst kann Geschehenes nicht ungeschehen
machen! Wo waren meine Augen, meine Sinne, mein gesunder Verstand, dass ich es
nicht früher begriff! Verrat rettet Kaiser und Reich, der Bund geht zu Grunde,
mit ihm Andreas und die Seinen!
    Helena! kreischte er auf; ihm vergingen die Gedanken.
    Dann suchte er sich wieder zu fassen. Bleibt Alles, steht kein Verräter
unter uns auf; - die Möglichkeit davon liegt vor Augen, denn bis jetzt hat noch
Keiner sich gefunden; nun dann - dann, dann knirschte er, und lachte wild auf,
dann ist ja Alles auf das Herrlichste! dann geht der Tanz los, Volkswut führt
den Reigen, und Pestel ist der siegende Held des Tages!
    Wie jede Überspannung, sobald sie gehörig ausgetobt hat, so löste auch
Richards Zustand sich allmälig in Erschöpfung auf, und machte gelassenerer
Überlegung Raum. Er liess Alles, was seit des Fürsten Andreas Heimkehr in der
letztvergangenen Zeit sich wirklich begeben, an seiner Erinnerung vorüberziehn,
und fand, dass ausser dem Widerrufe des Befehls zu der bei Beleja Tserkoff
beabsichtigten Revue und der Erscheinung des Matias Apostol bei ihm in seiner
Wohnung, sich doch eigentlich gar nichts zugetragen habe, was die Mutlosigkeit
rechtfertigen könne, von der er so plötzlich ergriffen worden war.
    Seiner jetzigen Ansicht nach konnte des Matias Besuch und Benehmen nur
einem plötzlichen, durch übertriebene Sorge um seinen Bruder herbeigeführten
Ausbruche von Wahnsinn zugeschrieben werden.
    Und warum sollte Richard lieber in unbestimmten Zweifeln an seinen
Pflegevater sich verlieren wollen, als in Hinsicht auf jene Revue den
Andeutungen desselben Glauben schenken?
    Richard war gewöhnt sich selbst der strengste Richter zu sein, und konnte in
diesem Augenblicke, tief beschämt, den bedeutenden Einfluss sich nicht verhehlen,
den sein durch des Fürsten Verschlossenheit verletzter Stolz auf die
Beurteilung der Handlungsweise desselben in der letzten Zeit geübt habe.
    In solchem Falle ist es edleren Naturen immer schwer das rechte Maass zu
halten, aus übertriebener Grossmut nicht gegen sich selbst ungerecht zu werden,
und so einen zweiten Fehler zu begehen, indem man den ersten allzu
überschwänglich gut machen will. Daher konnte Richard es nicht unterlassen sich
selbst auf das allerhärteste zu verdammen, und die edelsten Gründe dem,
wenigstens sehr auffallenden Betragen des Fürsten unterzulegen, die man
schweigend ehren müsse, selbst wenn sie unbegreiflich erschienen.
    Er gelobte sich selbst den Massregeln und Verheissungen seines edlen
Pflegevaters mit ruhigster Zuversicht zu vertrauen; doch diese vortrefflichen
Entschlüsse vermochten nicht die Unruhe ganz zu beschwichtigen, die ungeachtet
aller Mühe, die er sich deshalb gab, noch immer in seinem Innern tobte, und ihm
nicht erlauben wollte, dem Gange der Begebenheiten in ruhiger Untätigkeit
zuzusehen.
    Er konnte die Verrat verkündenden Reden des Matias Apostol nicht
vergessen; wie, wenn nun die Behauptungen jenes mordlustigen Frevlers dennoch
auf mehr als blosser Einbildung beruhten? dachte er: Wahrscheinlichkeit spricht
mehr dafür als dagegen, und wer wird bei gesundem Verstande den Fallstricken
eines eidbrüchigen Verräters sich nicht zu entziehen suchen wollen, so lange
dieses möglich ist?
    Die edle grossartige Natur meines hohen Freundes ist freilich leicht zu
betrügen, sie kann keine Ahnung der niedrigen Verworfenheit jener im Dunkel
hausenden Rotte in sich aufnehmen, sprach er seiner alten Gewohnheit nach laut
zu sich selbst. Doch ich will für ihn sehen, ich will sein Auge werden, da er
auf andre Weise meine Hülfe verschmäht. Ich will statt seiner die Schlupfwinkel
des Lasters durchspähen, die ihm unzugänglich sind, und es immer bleiben müssen.
    Man sagt ja, die kleine behende Eidechse suche die Klüfte auf, in welchen
die giftige Otter hauset, und eile durch Gras und dürres Laub vor ihr her, um
durch ihr Rascheln schlafende Menschen warnend zu wecken, setzte er lächelnd
hinzu.
Von nun an ergriff Richard auf das eifrigste jede Gelegenheit, die zu näherer
Bekanntschaft mit einzelnen Verbündeten führen konnte. Während er von ihren
eigentlichen Zusammenkünften sich etwas zurückzog, liess er um so öfterer bei
Trinkgelagen sich finden, selbst bei solchen, wo weder Mässigkeit noch feinere
Sitte den Vorsitz zu haben pflegten. Er liess in Klubbs und Spielhäusern, auf
Bällen und öffentlichen Tanzböden sich einführen, besuchte Kaffeehäuser,
Weinhäuser, Billards, lauter Orte, wo man früher ihn nie gesehn, zeigte als
täglicher Gast sich in Gesellschaften, wo bis jetzt man gewohnt gewesen war ihn
als eine höchst seltne Erscheinung zu begrüssen, und suchte so die Gesinnungen
einzelner Mitglieder des Bundes genau kennen zu lernen, um jeden von fern
drohenden Verrat gleich beim Entstehen zu entdecken.
    Auf diese Weise konnte er nicht verfehlen eine sehr ausgebreitete
Bekanntschaft unter Leuten sich zu erwerben, mit denen er bis dahin in keiner
Art von Verkehr gestanden; er geriet zugleich in den Ruf eines leicht und
locker hinlebenden jungen Gesellen, auf dessen Gegenwart seines Gleichen keine
besondere Rücksicht zu nehmen nötig hatten, sondern im Gegenteil sich nach
Lust und Belieben ganz zwanglos gehen lassen konnten, was Richards Beobachtungen
ungemein erleichterte.
    Nebenbei lernte er hier eine ihm fast unbekannt gebliebene Seite des Lebens
kennen, machte auch die Entdeckung, dass zwischen dieser ihm neuen Welt und der
vornehmeren, in welcher er bis dahin sich bewegt hatte, der Unterschied mehr in
der Form, der äussern Vergoldung, als in ihrem wahren innern Gehalte zu finden
sei; doch das, wonach sein Forschen eigentlich strebte, vermochte er nicht zu
entdecken. Nirgends zeigte sich die kleinste Spur beabsichtigter Verräterei
unter all den Verschworenen, die von allen Seiten sich an ihn drängten, weil sie
ungeachtet der republikanischen Gesinnungen, die sie zur Schau trugen, durch den
Umgang mit ihm sich gehoben glaubten, den sie bis dahin immer nur in den
Umgebungen der Vornehmsten des Reiches gesehen.
    Die Ausgezeichnetsten unter Richards neuen Freunden suchten Anfangs meistens
nur aus Prahlerei und Eitelkeit, seltner durch wirkliches Wohlgefallen an seiner
Persönlichkeit, sich den Schein inniger Vertraulichkeit mit dem Allgefeierten zu
geben; doch gar bald ging dieser Schein in Wahrheit über, denn Gewohnheit trägt
am Ende immer den Sieg davon; sie vergassen der vorsichtigen Schlauheit, die sie
im vertraulichen Umgange mit ihm zu üben gemeint, und zeigten sich ohne Hehl wie
sie eben waren. Es ging ihnen mit ihm, wie es vor vielen Jahren den
Bewohnerinnen einer ehemaligen freien Reichsstadt erging, denen die nahe Ankunft
einer Königin angekündigt wurde, welche in ihren Mauern einige Tage zu verweilen
gedachte.
    Die Damen gerieten über die Beobachtung der an Höfen üblichen Etikette,
besonders über die richtige Anbringung des Wortes Majestät, in Todesangst, und
behaupteten mit der hohen schönen Frau nimmermehr sprechen zu können. Und als
diese nun in ihrer Mitte war, gütig und freundlich gegen Jedermann, nannten die
Geängsteten, in der Freude ihrer erleichterten Herzen, sie ohne weitere Umstände
»meine liebe.«
Richard benutzte die sich ihm bietende Gelegenheit zur Beobachtung seiner
Umgebungen auf das Beste. Unzufriedenheit, Ungeduld über zu langes Verzögern des
einmal Beschlossenen, Hass und Misstrauen gegen die Häupter des Bundes, besonders
gegen Pestel, entdeckte er in aller Gemüt, doch immer nur als schnell
vorübergehende, durch irgend ein neueres Ereignis hervorgebrachte Erscheinung.
    Die heute Unzufriedenen, zeigten sich morgen in ganz entgegengesetzter
Stimmung, die Ungeduldigen waren besänftigt, und hofften auf einen, mit nächstem
zu fassenden, alles mächtig fördernden Beschluss. Die Einen hatte Pestel
freundlich gegrüsst, die Andern Sergius, oder Matias Apostol angeredet, und
damit war alles gut gemacht.
    Je länger dieses währte, je unsichrer wurde Richard in Zusammenstellung der
aus seinen Beobachtungen hervorgehenden Resultate. Einigemal glaubte er dem in
der Mitte der Verbündeten lauernden Verräter auf der Spur zu sein, und ehe er
sich dessen versah, löste die angebliche Verräterei in einen albernen,
frostigen Scherz sich auf.
    Es gab Stunden und Tage, wo andre Gedanken ihn beschäftigten; es schien ihm
oft, als ob man höheren Ortes dem sogenannten Bunde der ächten Kinder des
Vaterlandes von selbst auf der Spur sei, und heimliche Anstalten treffe, ihn
gefahrlos und sicher aufzulösen; was Richard allerdings als das
Allererwünschteste betrachtete das sich ereignen konnte, sobald Fürst Andreas
selbst in dieses Staatsgeheimniss eingeweiht, und mit Lösung des Bundes
beauftragt war, den er und seine Freunde einst selbst in der lobenswertesten
Absicht gestiftet, und der allein durch dessen weit um sich greifende
Vergrösserung ausgeartet, jetzt freilich eine höchst bedrohliche Gestaltung
angenommen hatte.
    Nur so allein glaubte Richard des Fürsten wiederholte Versicherung der
völligen Gefahrlosigkeit des Bundes erklärt, und die Wahrheit derselben
bestätigt zu sehen; und doch regte sich etwas in seinem Gemüte, das diesem
Glauben widersprach: denn es wurde ihm schwer eine solche künstliche, an
Falschheit gränzende Halbheit, mit dem grossen edlen Charakter seines väterlichen
Beschützers zu vereinen. Daher steigerte die Angst um ihn und die Seinen sich
oft bis zur Verzweiflung, wenn die Möglichkeit ihm vorschwebte, dass etwas dem
Ähnliches ohne Vorwissen desselben im Werke sein könne.
    So fuhr er denn in seinem unruhigen ängstlichen Treiben fort, suchte, was zu
finden er weder wünschte noch hoffte, während alle seine Freunde und näheren
Bekannten die Veränderung höchst auffallend fanden, die mit ihm und seiner Art
zu leben vorgegangen war. Sogar Andreas bemerkte sie und spielte zuweilen
scherzend zwischen Lob und Tadel darauf an; wusste aber dennoch jeder Erklärung,
die Richard ihm geben wollte, mit gewohnter Gewandteit auszuweichen. Nur
Helena, mochten auch noch so seltsame Gerüchte über ihn ihr zu Ohren kommen, nur
sie allein liess auf keine Weise von dem Glauben an ihren Freund, an seine Liebe,
an seine Treue, an seine reine Sittlichkeit sich abwendig machen. Aber auch sie
wollte nie ihn anhören, wenn er über manches sich zu erklären suchte, das seiner
Meinung nach in ihren Augen ihn herabsetzen konnte.
    Ich glaube gar Du willst von Deinem Tun und Lassen mir Rechenschaft
ablegen? rief sie lächelnd; wissen wir etwa die uns spärlich zugemessene Zeit
des ungestörten Beisammenseins nicht besser zu benutzen? oder glaubst Du, ich
wäre so ungerecht nicht begreifen zu wollen, dass Du während der Abwesenheit
Eugens zuweilen anderer Erholung bedarfst, als unsre doch immer etwas formelle
Societät Dir gewähren kann? Ich selbst, setzte sie scherzend hinzu, möchte
zuweilen die Fürstin gern ein wenig bei Seite schieben und mich, wäre es auch
nur der Abwechselung wegen, mitten in ein einfach ländliches oder
stillbürgerliches Verhältnis versetzen, wie Novellen-Dichter, besonders
deutsche, es so anlockend beschreiben.
    Richard wollte dessenungeachtet noch etwas über sein jetziges Benehmen
einzuschieben suchen, doch Helene drückte ihm die Hand auf die Lippen.
    Qui s'excuse s'accuse, weisst Du wohl: sprach sie freundlich. Hast Du es
wirklich einmal so weit gebracht, dass Du bei mir einer Entschuldigung bedarfst,
dann erst ist eine jede recht überflüssig; denn entweder alles ist zwischen uns
niedergerissen, ohne Möglichkeit der Wiederherstellung, oder ich bleibe bei
meinem Glauben an Dich, ohne dass eines von uns beiden ein Wort darüber verliert.
Was sollen Worte zwischen uns, wenn man sich ohne sie versteht?
Was gibt es Neues? fragte Mitchell, nachdem er eine Weile mit inhaltschwerem
Gesicht sich in seinem Sessel hin und her gewiegt.
    Nichts Besonderes, das ich eben wüsste: antwortete Richard, der des
langweiligen Besuches schon von Herzen müde war, obschon dieser jetzt selten ihn
belästigte.
    Hm! brummte Mitchell, besann sich wieder ein Weilchen, bemühte sich ungemein
gescheit auszusehn, und rückte vertraulich mit seinem Sessel dicht neben Richard
hin.
    Es laufen doch mitunter sonderbare Gerüchte in der Welt umher, fing er an,
man darf nur nicht immer trauen, noch weniger alles glauben. Aber die Sache wäre
doch zu erwägen und eigentlich bin ich hier, um mir in einer wichtigen
Angelegenheit bei Euch als meinem Landsmanne Rat zu erholen. Aber sagt mir vor
allen Dingen, Mr. Wood, wisst ihr wirklich nichts Neues? Fällt denn in diesem
grossen Lande gar nichts in der Politik vor? Freilich, hier ist kein Parlament,
aber gewiss doch Opposition, denn die findet sich überall, in jedem Haushalte,
und bestünde er nur aus zwei Personen. Aus Mann und Frau, meine ich. He he he
he! setzte er, seinen eignen Witz belachend, hinzu.
    Der Kaiser ist in Taganrog glücklich eingetroffen, höre ich; das ist die
neueste Neuigkeit so viel ich weiss: erwiederte Richard.
    Aha! nun gebt Ihr es schon näher! sprach Mitchell und sah ausserordentlich
pfiffig dazu aus: und weiter wüsstet Ihr wirklich nichts? gar nichts? habt nichts
vernommen? nichts von einem dem Ausbruche nahen Revolutiönchen? flüsterte er
plötzlich sehr leise ihm in's Ohr.
    Richard fuhr zusammen, und blickte ihm starr in's Gesicht. Ihr erschreckt?
Ihr wisst also noch von nichts, wie ich merke, am Ende was geht es Euch auch viel
an? Ihr bekümmert Euch um Eure Pferde und um Eure Liebesaffairen, damit gut. Ich
kann Euch das nicht verdenken, ein junger Officier hat bei dergleichen weder
viel zu gewinnen noch zu verlieren: in meiner Lage muss man schon vorsichtiger
sein, und die Augen hinten und vorne haben. Im Vertrauen, grosse Dinge sind im
Werke, und da will ich, wie gesagt, als Euer Landsmann, um Eure Meinung bitten,
wie ich mich zu verhalten habe, wenn das Ding zum Ausbruch kommen sollte, setzte
er mit leiser Stimme hinzu. Wie werden bei Euch die Revolutionen gemacht? sind
sie sehr gefährlich? ich meine für's Eigentum, für Hab' und Gut, denn mit dem
Leben hat es so viel nicht zu sagen, ein kluger Kopf weiss sich schon zu
salviren.
    Erklärt Euch deutlicher, und seid von meiner Discretion wie von meinem guten
Willen fest überzeugt, erwiederte Richard so ruhig als es ihm möglich war.
    Nun so hört, fing Mitchell sehr leise flüsternd an. In Petersburg selbst hat
eine weit ausgebreitete Gesellschaft sich heimlich organisirt, deren Hauptzweck
darauf hinaus geht, in Handel und Wandel allerhand Verbesserungen einzuführen,
besonders in Hinsicht auf das Zollwesen; denn eben damit tut es vor allem not.
Der ehrlichste Kaufmann muss ja zum Schmuggler - doch das gehört nicht hierher.
Genug die Gesellschaft, oder nennt es Verschwörung, ist da. Seht mich nicht so
ungläubig an, ich will es Euch nur gestehen, sie haben mich selbst in ihren
Klubb, oder, wie sie es nennen, in ihren Bund aufnehmen wollen, und ich habe
mich verdammt drehen und wenden müssen, um mich davon los zu machen, ohne meine
Freunde zu beleidigen, denn so etwas passt nicht in meinen Kram. Der Tanz kann
eben so gut heute als morgen los gehen, alle Verschworene sind auf's Äusserste
vorbereitet, und ohne etwas Unruhe, vielleicht etwas Brand und Blutvergiessen,
wird es schwerlich abgehen. Glaubt Ihr, dass es sehr gefährlich damit wird? Ein
Engländer, meine ich, hätte weniger zu riskiren als ein Anderer, man nimmt doch
immer einige Rücksicht. Nun ich hier einmal eingewohnt bin, möchte ich nicht
gern sobald fort. Doch freilich, wenn Gut und Leben gefährdet sind: - setzte er
bedenklich seufzend und die Achseln zuckend hinzu.
    Ja! man kann das so eigentlich nicht vorher wissen - an Eurer Stelle - wenn
es wirklich ist, wie Ihr saget, und Ihr Euch nicht irrt - die Schifffahrt ist
jetzt gefahrlos und offen, das Sicherste wäre immer sich bei Zeiten aus dem Wege
machen: stotterte Richard und wusste selbst nicht, was er sprach.
    Das Alles wäre schon ganz recht, aber es ist dabei doch noch manches Andre
zu bedenken, erwiederte Mitchell. Ich habe hier gute Geschäfte gemacht, und die
Aussicht auf noch bessere gewonnen, das kann ich Euch, der Ihr dabei gar nicht
beteiligt seid, wohl gestehen. Mein edler ehrenwerter Beschützer, Fürst
Andreas, ist ein sehr weiser unternehmender Herr, er hat grosse ausgebreitete
Pläne gefasst für Unternehmungen, die er unter meiner Leitung auf seinen
Herrschaften ausführen lassen will. Ihr begreift, dabei lässt sich etwas
gewinnen, das man nicht gern aufgibt. Die Revolution ist ein Sturm, der schnell
vorübersaust, den könnte man wohl im sichern Verstecke abwarten, und es kann
obendrein kaum fehlen, dass nicht bei dergleichen manches abfiele, was des
Aufnehmens wert wäre. Ein recht Gescheiter kommt in unruhiger Zeit nicht leicht
zu kurz, wenn er Gelegenheiten wahrzunehmen weiss. Genug, mit der Revolution
allein möchte ich es schon wagen - aber, aber! es ist noch etwas dabei, eine
ganz verteufelte Geschichte: setzte er seufzend hinzu, heftete den starren Blick
auf den Boden, liess den Kopf bis auf die Brust hängen, die gefalteten Hände
sanken ihm in den Schoos und beide Daumen fingen an, sich in blitzschneller
Geschwindigkeit um einander zu drehen.
    Nun? fragte Richard, in ängstlicher Spannung.
    Bürgerkrieg! erscholl es wie ein Orakelspruch aus Mitchells tiefster Brust:
Bürgerkrieg! da geht alles drunter und drüber; und das währt jahrelang, wie wir
der Beispiele genug davon haben. Der Fremde mit seinem Eigentume fällt zwischen
beide Parteien, wie zwischen die beiden Klingen einer Scheere, und wird von
beiden als gute Beute behandelt.
    Bürgerkrieg! wiederholte Richard.
    Bürgerkrieg: erwiederte Mitchell: hört mich an, und Ihr werdet finden, dass
meine Befürchtungen nicht grundlos sind. Ich will Euch nichts verhehlen, alles
was ich weiss sollt Ihr erfahren, dann mögt Ihr selbst urteilen und auch Eure
Massregeln nehmen, denn als Militair habt Ihr doch einiges zu riskiren.
    Richard wollte vor Ungeduld vergehen, aber es half ihm nichts. Mitchell
räusperte sich ganz bedächtig, dann fing er vertraulich leise an: Noch vor dem
Ausbruche wird die Verschwörung an den Kaiser verraten werden, das sage ich
Euch vorher, traut meinem Worte. Natürlicher Weise bricht dann der Lärm gleich
los. Erst hängen, köpfen, dann Widerstand, Aufstand, zwei Parteien, Krieg,
Blutvergiessen, offne Rebellion, jahrelang, wie in der Vendée, wie in Spanien,
wie überall wo der Teufel freies Spiel gewinnt.
    Deutlicher! deutlicher! um Gotteswillen deutlicher! woher wisst Ihr,
vermutet Ihr? o sagt mir alles! bat Richard in höchster Angst.
    Woher? nun, wie es sich denn zuweilen wunderbar fügen muss, - nahm ich heute
bei Caffarelli mein zweites Frühstück ein, wie gewöhnlich. Viel Gesellschaft war
versammelt, es wurde viel getrunken. Vormittags ist das meine Sache nicht; ich
hatte meine Geschäfte im Kopfe; im Saale wurde es mir zu heiss, zu laut, ich
setzte mich mit meinem Taschenbuche in die Ecke einer der kleinen Logen oder
Lauben in dem Gärtchen hinter dem Pavillon, um eine wichtige Speculation zu
berechnen, die mir eben angetragen worden war. Auf einmal wird es in der Loge
dicht neben der meinen laut, viel lauter, als es dem Inhalte des Gesprächs nach
zu urteilen wahrscheinlich geworden wäre, hätten die Herren vorhin nicht zu
tief ins Glas gesehen; glücklicher Weise sprachen sie französisch, um nicht von
Jedermann verstanden zu werden. Wahr ist's, Mässigkeit und Umsicht sind nicht
Jedermanns Sache, aber - -
    Den Inhalt! den Inhalt! um Gottes Barmherzigkeit willen, den Inhalt: flehte
Richard ihn unterbrechend.
    Es waren ihrer Zwei. Und was konnte der Inhalt ihres Gesprächs anderes sein,
als jene Verschwörung, in die sie auch mich gern hineingezogen hätten: fuhr
Mitchell fort. Erst kamen Klagen über die Häupter derselben, dann Zweifel an dem
Gelingen, dann Reue über den Verrat an dem Kaiser, dann Angst vor den Folgen,
bis sie endlich gerade heraus darüber eins wurden, der einzige Weg zu ihrer
eigenen Rettung wäre, dem Kaiser alles schriftlich zu entdecken, die Liste der
Verschworenen, besonders der Häupter derselben ihm einzusenden, und so für sich
selbst Verzeihung auszuwirken, möge aus den Übrigen werden was da wolle. Seht,
das ist es eigentlich was mich so stutzig machte; und nun sprecht, was denkt Ihr
davon?
    Weiter, weiter, das Ende: rief Richard.
    Aber was ist es mit Euch? Ihr seid todtenblass, Ihr seid krank? fragte
Mitchell ihn aufmerksam betrachtend.
    Nichts, nichts; war die Antwort: plötzlich ein Stich in die Brust, ich habe
das zuweilen, es geht aber schnell vorüber; ich bitte Euch, fahrt fort.
    Nun denn, viel ist nicht mehr übrig zu erzählen: der Eine wollte gleich den
Brief an den Kaiser abfassen, der Andre, wahrscheinlich vom Trinken weniger
erhitzt, suchte einige Tage Aufschub von ihm zu erhalten. In der Hauptsache
waren Beide eines Sinnes; sie gelobten einander Treue und Verschwiegenheit. Dann
kamen mehrere aus der Gesellschaft hinzu, von andern Dingen wurde gesprochen,
und ich benutzte die erste Gelegenheit, um mich ungesehen aus meinem
Schlupfwinkel fortzuschleichen. Aber Mr. Wood, Ihr werdet immer bleicher!
    Nicht doch, nicht doch; ich bin wohl, ganz wohl, der kleine Anfall geht
schon vorüber; erwiederte Richard: aber die Namen jener Beiden, Ihr kennt sie
doch? Auf die Namen kommt viel an.
    Die gehören zu den unaussprechbaren, wie die meisten in diesem Lande, war
die Antwort. Doch die Personen Beider sind mir wohl bekannt; wahrscheinlich sind
sie heute Abend wieder bei Caffarelli, wenn Ihr mich begleiten wollt, so zeige
ich sie Euch. Doch nun sprecht, entscheidet, soll ich gehen? soll ich bleiben?
ratet mir was ist zu tun! sie führen ihren Entschluss aus, davon bin ich
überzeugt; was sie sprachen war so fest, so besonnen alles überlegend.
    Weiss der Fürst um die Verschwörung, und um Eure heutige Entdeckung? fragte
Richard.
    Wo denkt Ihr hin! das wäre vollends schön! da käme ich gut an! das wäre ja
als ob man eine brennende Lunte in ein Pulverfass werfen wollte! Da müsste ja
alles Unheil gleich auf der Stelle hereinbrechen. Haltet Ihr mich für ein Kind?
oder für ein altes Weib das nicht schweigen kann? fuhr Mitchell halb beleidigt
auf.
    Verzeiht, so war es nicht gemeint, erwiederte Richard. Eure Nachricht hat
mich überrascht, ich leugne es nicht; ich muss mich erst fassen, gebt mir nur
einige Zeit, nur bis ich ein wenig über das Alles nachgedacht habe, dann soll es
an meinem guten Rate in dieser wichtigen Angelegenheit Euch nicht fehlen. Und
nun kommt zu Caffarelli.
    Mit diesen Worten fasste Richard in einem jener Anfälle von Verzweiflung, die
der mutigsten Entschlossenheit wie ein Tropfen Wasser dem andern gleich sehen,
Mitchells Arm und zog ihn mit sich fort. Mitchell musste ihm folgen, er mochte
wollen oder nicht.
    Sie fanden wirklich die, welche sie suchten, am bestimmten Orte im
Dominospiele vertieft. Richard war ihnen oft in den Versammlungen des Bundes
begegnet; Beide waren Offiziere, der eine hatte Frau und Kinder, der andre für
eine bejahrte Mutter zu sorgen.
    Richard, indem er sie aufmerksamer jetzt beobachtete, begriff kaum wie es
zugegangen sein könne, dass nicht so manches unheimlich-geheimnisvolle in ihrem
Wesen und Betragen, besonders in dem des Ältesten unter ihnen, eben der, welcher
zufolge Mitchells Aussage, die Entdeckung noch aufgeschoben wissen wollte, nicht
schon längst auf diese Beiden den Argwohn geleitet habe, der ihm in diesem
Augenblicke fast zur Gewissheit wurde.
    Die Abendgesellschaften bei Caffarelli pflegten gewöhnlich in ziemlich
wilde, oft bis zum grauenden Morgen währende Orgien auszuarten. Während
Mitchell, Richard alles allein überlassend, sich frühzeitig zurückzog, um morgen
mit hellem Kopfe an seine Geschäfte zu gehen, hielt jener diesesmal ganz bis ans
Ende dabei aus. Soviel er, ohne dass es auffallend wurde, es konnte, folgte er
den ihm Verdächtigen wie ihr Schatten, bis zum Aufbruche der Gesellschaft; sah,
wie sie im Laufe des Abends absichtlich sich von einander entfernten, um nicht
ihr gar zu enges Zusammenhalten bemerkbar werden zu lassen, und hatte dann
wieder vielfache Gelegenheit, halbe Worte, Winke, Blicke aufzufangen, die
zwischen ihnen fielen, wenn sie, scheinbar zufällig, an einander vorüber
streiften.
    Er bemühte sich von ihren Bekannten etwas Näheres über ihre häuslichen
Verhältnisse zu erfahren; sie waren der Art, dass, wenn es möglich wäre, dass
Verrat und Meineid, wie sie ihn im Sinne hatten, vor menschlichen Augen
Entschuldigung finden könnte, diese ihnen vor tausend Andern werden musste.
    Beide waren arm, in so drückend-unfreier Lage, dass ihre Verbindung mit den
Verschworenen sie in jedem Falle dem Untergange zuführen musste; und nicht nur
sie, sondern auch ihre Familien, deren Existenz auf sie allein begründet war.
    Zehn Uhr? flüsterte, indem er die Gesellschaft verliess, der Eine dem Andern
im Vorübergehen zu: im weissen Kreuz bei Sutoff, antwortete dieser.
    Durch die ängstliche Spannung, in der er auf alles um ihn Vorgehende
achtete, waren Richards Sinne bis zu dem Grade geschärft worden, dass selbst
diese, jedem Anderen unhörbar leise gesprochenen Worte, seinem Ohre nicht
entgingen; und hätte er keinen Laut davon gehört, er hätte sie wahrscheinlich
den Sprechenden von den Lippen gelesen.
    Die angedeutete, in einer entfernten Vorstadt gelegene, elende Kneipe, war
zufälliger Weise ihm bekannt; er hatte vor einigen Tagen, während eines heftigen
Gewittersturms, in ihr Schutz suchen müssen.
Noch hatte der Glockenschlag die zehnte Stunde des folgenden Morgens nicht
verkündigt, als schon Kapitain Mayboroda, der älteste jener beiden Offiziere, in
der niedrigen, von Myriaden von Fliegen durchschwärmten Gaststube des weissen
Kreuzes, leise hastige Worte vor sich hinmurmelnd, mit weiten Schritten auf- und
abstürmte, bis sein Freund, der Unterlieutenant Rostowzoff sich zu ihm gesellte.
Beide waren in ganz unscheinbarer bürgerlicher Kleidung; sie hatten sich hierher
beschieden, um ungestört und unbelauscht, umständlicher als es bis jetzt
geschehen konnte, sich zu besprechen und zu beraten.
    Wir sind nicht allein! rief Rostowzoff plötzlich, als er an der Seite seines
Freundes auf- und abgehend, zufällig einen Blick hinter den riesig grossen Ofen
warf.
    Ein Bauerknecht in seinen Schlafpelz gewickelt, das Gesicht durch die
übereinander geschlagenen Arme bedeckt, um es gegen das Heer der ihn umsummenden
Fliegen zu schützen, lag auf der Ofenbank hingestreckt; die Überreste eines
schwarzen Bauerbrotes, einige Gurken, und ein umgestürztes Glas, aus welchem der
Branntwein noch tropfenweise auf den Boden fiel, bewiesen, dass ein
überreichliches Frühstück, mit dem er nicht einmal hatte fertig werden können,
dem Schläfer gar zu wohl geschmeckt habe.
    Lass den Klotz liegen: lachte Mayboroda, nachdem er und Rostowzoff sich an
ihm müde gerufen und geschüttelt hatten, ohne ihn erwecken oder auch nur aus
seiner Lage bringen zu können: der wird uns weder belauschen noch verraten,
dafür stehe ich Dir. Ohne sich weiter durch ihn stören zu lassen, setzten sie
ruhig ihr Gespräch fort, und begaben sich dann nach ein paar Stunden, jeder auf
andrem Wege, nach Hause.
Richards Gemütszustand, die wilde Aufregung aller herzzerreissenden Gedanken und
Empfindungen beschreiben zu wollen, welche nach Überstehung eines weder
angenehmen, noch ganz gefahrlosen Abenteuers sich sinnverwirrend seiner
bemächtigt hatte, wäre ein gar zu undankbares, schwer gelingendes Unternehmen.
    Ich bin fest überzeugt, dass meine alles gleich erratenden Leser in seinem
schmutzigen Schaafspelze, und den übrigen noch weniger einladenden Requisiten
der Maske eines betrunkenen russischen Bauerknechts, sowohl meinen Helden, als
den Zweck, zu welchem er diese Verkleidung anlegte, sogleich erkannten. Denn das
ist eben aller Roman- und Novellendichter grosse Verzweiflung, dass es mit
Aufbietung aller uns zu Gebote stehenden Phantasie, doch in diesen, an geistiger
Kultur überreichen Tagen, fast unmöglich wird, sie durch einen Teatercoup zu
überraschen, oder durch Erwartung des ungewissen Ausgangs der Geschichte in
angenehme Spannung zu versetzen. Ihr Scharfsinn sieht leider nur zu gut und zu
genau alles längst vorher! ich möchte sagen: früher, als der Autor selbst damit
im Klaren ist, wäre dieses nicht einem irischen Bull gar zu ähnlich.
    Gewissheit hatte Richard auf diese Weise zu erhalten gesucht, Gewissheit
dessen, was nur als möglich sich zu denken, mit Angst und Grausen ihn erfüllte.
Er hatte sie jetzt erhalten, im vollsten Übermaasse erhalten, und war nahe daran,
unter der Last der Erfüllung seines Wunsches zu erliegen! Mayboroda und
Rostowzoff hatten in der schmutzigen, niedrigen Gaststube zum weissen Kreuz
vollkommen deutlich, umständlich, und ohne allen Rückhalt sich gegen einander
ausgesprochen; jeder Zweifel an ihrem ernsten Vorsatze, zu erfüllen was sie
beschlossen, wäre offenbarer Wahnsinn gewesen; schaudernd sah Richard an seinem
dünnen Faden das Schwert über den Verbündeten schweben; was sollte, was konnte
er tun, um den Fall desselben aufzuhalten, ohne vielleicht nicht auch zugleich
über Millionen Menschen ein weit umgreifenderes Unheil herabzurufen!
    Nur einen einzigen kurzen Augenblick war der Gedanke in ihm aufgestiegen,
unter möglichst mildernden Umständen Pestel oder Sergius mit der dem Bunde
drohenden Gefahr bekannt zu machen, und diesem dann die Abwendung derselben zu
überlassen; aber sein edleres Naturell liess eine solche Enteiligung seines
eigenen Wesens nicht zur Tat sich gestalten.
    Das, das, rief er über sich selbst entrüstet, das ist der Fluch jener halben
Verhältnisse, die auf dem engen zwischen Gut und Böse schwankenden Pfade in
geheimnissvollem Dunkel hinschleichen, dass jedes feinere Gefühl für Recht und
Unrecht durch sie allmälig in uns abgestumpft wird; dass es sich nicht mehr regt,
wenn wir strauchelnd nicht unterscheiden, auf welcher Seite unser Fuss von der
schmalen Bahn abglitt. Wehe dem, der durch sie gezwungen ward, über sich und
seine Taten den Schleier des Geheimnisses zu ziehn! Wer nicht mehr vor Gott und
der Welt frei auftreten und laut eingestehen darf: das habe ich getan, das will
ich tun, ist schon mehr als halb verloren.
    Ach, und wer an Wänden und Türen hinlauschend, die Geheimnisse Anderer zu
erspähen suchen muss, was ist der? Und habe ich nicht selbst so tief, und weit
tiefer noch, mich herabgewürdigt! Ich musste es! Da war kein Ausweg mehr, ich
wich dem Gebote strenger Notwendigkeit. Aber dass ich fähig war, wenn auch nur
einen kurzen Augenblick, den Gedanken zu fassen, das von mir erlauschte
Geheimnis jenen Tigern zu verraten, denen das Leben eines einzelnen Menschen
wie Spreu vor dem Winde ist! - in den Mittelpunkt der Erde möchte ich vor mir
selbst mich verbergen, wenn ich das recht bedenke.
    Der niedrige Angeber bedrängter Hausväter werden, die von häuslicher Not
schwerer Tat zugetrieben - o mein Gott, mein Gott! ist ihr Vorsatz denn
wirklich Verbrechen und das Gegenteil desselben Tugend zu nennen? - und bin ich
es, der über die Unglücklichen den Stab brechen darf?
Ein einziger armer Trost, an dem er sich einigermassen ermutigen konnte, war ihm
noch geblieben; er hatte noch acht Tage Zeit vor sich, um den Entschluss, den er
doch notwendig ergreifen musste, zu überdenken. Acht Tage! eine kurze Frist, wie
das Gesetz zuweilen dem Verurteilten sie zugesteht, um Abänderung des wider ihn
gesprochenen Todesurteils zu erflehen, und während welcher dieser zwischen
Furcht und Hoffen tausendfältig Todesangst in Qualen der Ungewissheit erduldet.
    Zwischen Mayboroda und Rostowzoff herrschte in jeder Hinsicht die
vollkommenste Übereinstimmung ihrer Ansichten und Pläne. Der einzige Punkt, über
welchen sie sich nicht gleich vereinigen konnten, betraf die Absendung des
Briefes, der die wichtige Entdeckung entielt, welche sie als den einzigen Weg
zu ihrer eigenen Rettung betrachteten.
    Richard hörte wie sie, in vollster Überzeugung unbelauschter Sicherheit, den
Entwurf jenes Briefes mit einander lasen und Punkt für Punkt durchgingen. Das
Schreiben entielt nicht nur die Statuten des Bundes, von dessen erster
Entstehung an bis zu der jetzigen Ausartung desselben, auch die Liste der
bedeutendsten Mitglieder war sehr umständlich ihm beigefügt. Fürst Andreas,
Eugen, Alex, waren an der Spitze als Häupter desselben neben Pestel genannt,
neben Sergius, neben Matias Apostol, neben Bestuscheff Romin!
    Ob dieses Schreiben mit der Post geradezu an des Kaisers Majestät abgehen
solle, den ein unverbürgtes Gerücht so eben in Tangarog hatte anlangen lassen,
oder dem Minister Fürst ***** der in Petersburg selbst anwesend war, übergeben
werden, das war die grosse Frage, über die sie sich nicht gleich vereinigen
konnten.
    Mayboroda, als der ältere und vorsichtigere, war für den ersteren, der
jüngere heftigere Rostowzoff für den zweiten, schneller zum Ziele führenden Weg.
Er fand es unendlich schwierig, ein so wichtiges Papier in so weiter Entfernung
schnell, sicher, unverletzt, in die Hände des Monarchen zu bringen, der, im
Andrange der Geschäfte, es vielleicht lange ungelesen und unbeachtet liegen
lassen würde, indem er die Wichtigkeit desselben unmöglich ahnen könne.
    Nach langem für und wider Streiten, kamen beide mit einander überein nichts
zu übereilen, sondern über diesen Punkt noch acht Tage Bedenkzeit sich zu
gönnen.
    Und wenn nun diese Frist verstrichen ist, wenn jene acht Tage vorüber sind,
was dann? fragte Richard sich.
    Gott wird helfen! seufzte er; doch die Hoffnung, welche in jenen frommen
Worten liegt, an denen er so gern fest gehalten, fand in seinem angsterfüllten
Herzen keinen Raum.
In Kämpfen mit immer steigender, immer qualvoller sich aussprechender
Unentschlossenheit, in Überlegungen, welche nur zu beklemmender
Geistesdumpfheit, aber zu keinem bestimmt festzuhaltenden Resultate führten,
verlor Richard viel von der ihm spärlich zugemessenen Zeit, und wäre vielleicht
auf gutem Wege gewesen auch den Verstand darüber zu verlieren, hätte er nicht,
ehe es damit zu spät war, sich gewaltsam zusammen genommen.
    Kein Ausweg! keiner! keiner! rief er: so geschehe denn was geschehen muss!
Andreas, mein Vater und mein Gebieter, ich kann Deinem Verbote nicht länger
gehorsamen, ich kann nicht länger Dich schonen! Mir bleibt keine Wahl, ich
breche jede Scheidewand nieder, die Du zwischen uns beide gestellt hast; gegen
Deinen Willen dringe ich zu Dir durch, und lege die Last, die ich nicht zu
lüften vermag, in Deine starke Hand. Es war mein erster Vorsatz, wie es der
natürlichste ist. Was ich damit aufs Spiel setze? Ich weiss es wohl! Ach wäre es
nur bloss mein Leben, und mit diesem Opfer alles beendet!
    Richard traf den Fürsten Andreas nicht daheim; er kehrte am nämlichen Tage
in dessen Hôtel zurück, zwei, dreimal, zuletzt sogar zu später Nachtzeit; immer
vergebens, er fand ihn nicht. Er überzeugte sich, dass Andreas sich nicht
verleugnen lasse, wie es wohl zuweilen geschehen sein mochte, und wie Richard
auch jetzt es befürchtete; aber der Fürst war wirklich seit dem Morgen dieses
Tages nicht wieder nach Hause gekommen.
    Auch bei den Damen war keine Nachricht von ihm zu erhalten; den Tag über
fand Richard sie von Besuchen umringt, Abends war Kartenassemblée bei der
Fürstin Eudoxia, wodurch die Abwesenheit ihres Gemahls, der solchen Festen gern
aus dem Wege ging, freilich einigermassen motivirt wurde. Eine alte, sehr
vornehme und sehr verdriessliche Dame, deren Partie die Tochter des Hauses
gewöhnlich machen musste, weil dergleichen keinem andern zuzumuten war, hielt
die arme Helena am Whisttische fest; und nur durch ein kleines, unmerkliches
Achselzucken, von einem tragikomischen Lächeln begleitet, konnte sie diesmal
ihren Freund aus weiter Ferne begrüssen.
    Nach in peinlichster Sorge durchwachter Nacht wandte Richard alles an, die
Fassung zu erringen, deren er bedurfte, um heute gewiss, selbst gegen den
ausgesprochensten Willen des Fürsten, bis zu ihm durchzudringen. Fünf Tage, nur
noch fünf Tage! rief es unaufhörlich in seinem Innern; in unaussprechlicher
Seelenangst, mit dem Gefühle des Verurteilten, dem der Richter das Ziel seines
Lebens, zu Stunden und Minuten berechnet, vor Augen gestellt hat, sah er den
Zeiger seiner Uhr vorwärts rücken. Da wurde ein Billet des Fürsten ihm gebracht;
schon von weitem erkannte er die Handschrift: in zitternder Hast brach er es
auf.
    »Sehr leid tut es mir, lieber Sohn, dass Du mich gestern wiederholentlich
verfehlen musstest: schrieb der Fürst: um so mehr, da vielleicht zehn bis
vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du - -
    Der Boden wankte unter Richards Füssen, er vermochte nicht weiter zu lesen,
riss die Türe auf: mein Pferd, rief er überlaut, eilt, eilt als gälte es auf
Leben und Tod! mein Pferd, die Droschke, um Gotteswillen eilt, eilt!
    Dann nahm er das verhängnisvolle Blatt wieder zur Hand, aber die Zeilen, die
Schriftzüge wogten und wirrten vor seinem unstäten Blicke in und durch einander.
Glücklicher Weise hatte er schon am vorhergehenden Abend zu früher Morgenzeit
anzuspannen befohlen; ohne Zögern konnte er daher in die Droschke sich werfen,
und mit verhängtem Zügel dem Hotel des Fürsten zujagen.
    Schon lange vor Tagesanbruch war Andreas mit Postpferden abgereist, keiner
der Diener wusste genau wohin; Einige wollten Riga, Andre Dorpat, noch Andere
Mitau als das Ziel der Reise nennen gehört haben; Bestimmtes wusste Niemand
anzugeben; Mitchell und der Kammerdiener waren seine einzigen Begleiter.
    Eisige Kälte rann schaudernd bei dieser Nachricht dem unglücklichen Richard
durch Mark und Bein; er zog den Zettel des Fürsten wieder hervor, und war jetzt
im Stande weiter zu lesen.
    »- zehn bis vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du uns wiedersehen:
denn ich stehe im Begriff mit Deinem Landsmann eine notwendige Geschäftsreise
anzutreten, die mich leicht so lange von Petersburg entfernt halten kann: war
der Schluss jener oben abgebrochenen Periode. Bei allen seinen Seltsamkeiten und
Langweiligkeiten: hiess es ferner: kann dieser Mensch als treffliches Werkzeug
dienen, um mit seiner Hülfe ungemein viel Nützliches für das allgemeine Beste zu
wirken. Rechne es mir nicht zu, mein Sohn, dass ich in der letzten Zeit von
meinen Lieblingsplänen zu erfüllt war, deren Ausführung ich jetzt rasch
entgegenschreite, Du kennst mich ja! Ist Mitchell nur erst in voller Tätigkeit,
dann kommt auch Deine Zeit. Bis dahin lebe wohl, auf glückliches Wiedersehn.«
    Glückliches Wiedersehn! Nacht wurde es bei diesen Worten in Richards Seele.
Er wusste nicht was er zuerst ergreifen solle. Zu Eudoxia, von ihr den Aufentalt
ihres Gemahls erforschen, und dann ihm nach, selbst ohne Urlaub, wenn es sein
muss, und kostete es Leben und Ehre. Etwas einem solchen Entschlusse Ähnliches
dämmerte in ihm auf. Er vergass dass die Sonne kaum aufgegangen sei, eilte dem von
der Fürstin bewohnten Flügel zu, und fand dort noch alles in tiefe Nacht
versunken. Ausser einigen mit Reinigen der Zimmer beschäftigten Weibern, regte in
diesem Teile des Hotels sich für jetzt noch keine lebende Seele.
    Unmutig wandte er sich dem Rückwege zu - da brach dicht neben ihm ein
feines Stimmchen, hell wie ein Silberglöckchen, in halb ersticktes Lachen aus;
leichtfüssig huschte wie auf Socken etwas an ihm vorüber. Die kleine Zoë war es,
Helenens zierliches Spielwerk; ein armes Griechenkind, dem sie wie einem
artigen, buntgefiederten Lieblingsvögelchen, im Innern ihrer Zimmer herum zu
flattern erlaubte, und zugleich mit grosser Liebe zu ihrem persönlichen Dienste
es sich heranzog.
    Ei Herr! so früh am Tage? fragte die Kleine und schlug die langen dunkeln
Wimpern auf, um mit den grossen hellen Kinderaugen ihn von oben bis unten zu
betrachten. Und sieh'st obendrein wie ein aufsteigendes Gewitter aus. Der
fahlgraue Überrock, in welchem ich Dich in meinem Leben noch nicht gesehen habe,
schlottert wirklich wie eine Regenwolke um Dich her; da muss man sich ja fürchten
Dir nur einen guten Morgen zu bieten! setzte Zoë lachend hinzu.
    Schläft Sie noch? fragte Richard, ohne auf die kleine Schwätzerin zu hören.
    Sanft und süss; denn nach Deiner Toilette, und nach dem Tone in welchem Du
frägst zu schliessen, meinst Du doch wohl unsre Amme, Frau Elisabet, war Zoës
neckende Antwort. Meinst Du aber uns etwa: so wisse, dass wir in dieser schönen
Sommerzeit immer mit der Lerche auffliegen. Aber unsichtbar bleiben wir darum
doch. Bilde Dir nicht etwa ein, dass Du mich wirklich jetzt siehst; Gott bewahre,
damit hat es noch einige Stunden Zeit.
    Zoë, süsses liebes Kind, bat Richard, der jetzt wieder zu einiger Besinnung
gelangt war, ich muss Deine Herrin sehen, sprechen, jetzt gleich; es hängt weit
Wichtigeres davon ab, als ich Dir sagen, als Du begreifen kannst. Ich beschwöre
Dich bei allem, was Dir lieb und heilig ist, bei dem Andenken Deiner Mutter, bei
dem grauen Haupte Deines Vaters beschwöre ich Dich, bringe mich zu ihr, nur auf
wenige Minuten.
    Zoë stand vor ihm, halb erschrocken über den Ernst, mit welchem er in sie
drang; doch ihr kindischer Mutwille gewann bald wieder die Oberhand. Sehen?
sprechen? und in dieser Regenwolkenhülle? fragte sie: machte ein altkluges
Gesichtchen, neigte das Köpfchen nach einer Seite, wendete die Fläche der
kleinen in einander gefaltenen Hände mit vorgestreckten Armen dem Boden zu, und
wiegte sich bedächtig von einem Füsschen auf das Andre.
    Nein, es geht doch nicht: fuhr sie plötzlich auf: sprechen? unmöglich! aber
sehen? nun es kommt darauf an, setzte sie schalkhaft lächelnd hinzu, was giebst
Du mir wenn - bist Du dumm! rief sie heftig mit dem Fusse aufstampfend, indem sie
bemerkte dass Richard nach der Halskette griff, an welcher er seine Uhr trug, und
wandte ihm unwillig den Rücken.
    Doch besann sie sich bald wieder eines Bessern, drückte, durch dies Zeichen
Schweigen gebietend, den Finger auf die Lippen, nickte lächelnd aus klugen Augen
ihn an, wandte sich, winkte ihm ihr zu folgen, und schritt, leise leise, auf den
Sammtpfötchen eines Kätzchens, behende vor ihm her, einen Weg den er nie
gekommen war, über schmale Treppen bald auf, bald ab, bis vor eine von innen
verhängte Glastüre.
    Dort liess sie ihn stehen, ihr beredtes bittendes Mienenspiel ermahnte ihn
nochmals zum lautlosesten Schweigen, dann verschwand sie, eben so unhörbar
leise, als sie gekommen war.
    Der in einer Ecke etwas verschobene Vorhang hinter der Glastüre vergönnte
einen Überblick des sehr kleinen, kapellenartig eingerichteten Kabinets, vor
welchem Richard stand. Die Wände desselben waren mit Marmor in verschiedenen
Farben bekleidet, eine goldne, sogenannte ewige Lampe schwebte von der
hochgewölbten Decke herab, und beleuchtete, nie verlöschend, das uralte auf
Goldgrund gemalte Muttergottesbild über dem kleinen Hausaltare von Malachit, den
kunstvolle Stickereien und die köstlichsten Spitzen aus Brabant zwar
bekleideten, aber nicht verdeckten. Frische Sträusse von blühenden Myrten und
weissen Lilien prangten vor dem Altargemälde in gleich Diamanten blitzenden Vasen
vom reinsten Bergkrystall, und ein golddurchwirkter persischer Teppich lag unter
dem Betschemel vor dem Altare hingebreitet.
    Zu Richards finstern Gedanken, welche unablässig Tag und Nacht ihn
verfolgten, wollte diese unerwartete ihm entgegen leuchtende Pracht wenig
stimmen. Geblendet senkte er die Augenlieder; der bis zu ihm dringende Weihrauch
und Lilienduft wirkte betäubend auf seine Sinne, ihm wurde sonderbar zu Mute,
als sei nun alles überstanden, als schwebe er, von jeder Sorge entfesselt, an
der Schwelle einer höheren Welt.
    Ausruhend wollte die müde Seele in einen traumähnlichen Zustand schon sich
versenken, als ein blendenderes Licht Richards halbgeschlossene Augen fast
schmerzhaft berührte. Er fuhr auf, die höher steigende Morgensonne hatte in
diesem Augenblicke die in alter Glasmalerei prangenden Scheiben eines grossen
Fensters, dem Altare gegenüber, erreicht, und übergoss nun das Innere des Tempels
mit einem, in allen Farben des Regenbogens glühenden Lichtstrome.
    Jetzt erst, umgeben von diesem Meere von Glanz, wurde Richard einer wahrhaft
himmlischen Gestalt gewahr, die halb knieend in betender Stellung auf dem
Betschemel vor dem Altare hingesunken dalag. Im ersten Augenblicke glaubte er
einer Erscheinung aus höheren Sphären gewürdigt worden zu sein, denn er sah das
schöne Köpfchen von einer Strahlenglorie umgeben, wie Maler ihren Heiligen sie
verleihen, um von gewöhnlichen Erdensöhnen und Töchtern sie zu unterscheiden.
    Es war Helena, die hier in heiliger Morgenfrühe zu Gott sich wandte, ehe sie
dem Treiben des geräuschvolleren Weltlebens sich überliess. Die durch das
gefärbte Glas hinter ihr einfallenden Sonnenstrahlen, die in den noch nicht
gefesselten Locken gleichsam gefangen, jedes einzelne Haar in magischem
Lichtglanze verklärten, brachten jene anmutige Täuschung hervor. Der übrige
überschwängliche Reichtum von Locken und Flechten war grösstenteils durch
eigene Schwere dem Kamme entschlüpft, der ihn zusammen halten sollte, und wallte
in reizender Unordnung über dem schneeweissen, wie aus Luft gewobenen
Morgenkleide hin, das die liebliche Gestalt in breiten malerischen Falten
umfloss, fast bis zu den von den zierlichsten seidenen Pantöffelchen nur eben
umfangenen Spitzen der Füsschen.
    Schöner, lieblicher, ich möchte sagen, anbetungswürdiger, wenn das nicht gar
zu altmodisch klänge, als in dieser ungesucht-einfachen, jeden Reiz
bezeichnenden, und doch so bescheiden züchtigen Kleidung, hatte Richard seine
Helena nie gesehen. Aller Hoheit entäussert, durch welche Reichtum und Rang in
der Welt sie auszeichneten, und die sie im täglichen Leben mit so viel Würde und
Anmut geltend zu machen wusste, erschien sie ihm hier, in anspruchsloser
rührender Einfachheit, ein Lieblingskind der Natur, leichter, jünger sogar als
sonst, ein lächelnder Engel, an der Gränze der Kindheit, mit klaren hellen
Augen, mit rotgeschlafenen Wangen, so ruhig, so heiter, als habe ihrem kurzen
schönen Leben weder Sorge noch Widerwärtigkeit jemals genaht, als ob sich und
Andere erfreuen der einzige Zweck ihres Daseins wäre, als könne kein Morgen
anders als Glück verkündend ihr aufgehn.
    Die schön geformten, in dieser frühen Tageszeit weder mit Ringen noch
Spangen belasteten Hände, ruhten zu beiden Seiten auf den Blättern des auf
Pergament geschriebenen Gebetbuchs, das in altertümlicher Pracht, in Sammt und
Gold, Emaille und Edelsteinen prangend, auf dem Betpult aufgeschlagen vor ihr
lag; fromm und ernst hafteten ihre Augen auf den von längst in Staub zerfallenen
Händen zierlich gebildeten Schriftzügen. Leise flüsternd, bewegte sich der
liebliche Mund in unbeschreiblicher Anmut. Die nämlichen Gebete, in der
nämlichen Form, mit den nämlichen Worten, wie sie von Jugend auf ihr gelehrt
worden waren, strömten ihr sowohl von den Lippen, als aus dem Herzen, und dies
gerade war es, was der übrigens so Hochgebildeten etwas jedes Gefühl tief
Ansprechendes verlieh.
    Vom reinsten Glauben durchdrungen, war das fromme Mädchen der festen
Überzeugung, dass Gott ihr Bitten verstehe, ohne dass sie nach Worten zu suchen
habe, um ihm ihre Wünsche ausdrücklich auseinander zu setzen. Und so hielt sie
sich an der von Alters her ihr lieb gewordenen Formel, aus welcher ein
erquicklicher Hauch ihrer Kinderjahre ihr entgegen wehte.
    Obgleich die mit leiser, man könnte sagen, innerlicher Stimme geflüsterten
Worte, zum grössten Teile unvernehmlich an ihm vorüberrauschten, so hörte
Richard tief bewegt doch deutlich die Namen von Helenens Eltern und
Geschwistern, wie sie nach dem vorgeschriebenen Formular der Kirche vor Gott in
Demut sie nannte; der Name des Kaisers aber, der gleich darauf folgte, ergriff
ihn mit einer Gewalt, für welche es schwer wäre Worte zu finden. Die Kniee
brachen unter ihm zusammen, sein Herz entbrannte in unbeschreiblicher Inbrunst
zum heissen Gebet um Abwendung jeder dem geliebten Herrscher drohenden Gefahr.
Jetzt aber, jetzt hörte er und glaubte zu träumen, auch seinen Namen; und seiner
selbst nicht mehr mächtig, im Gefühle schmerzlicher, Alles überwältigender
Wonne, hatte er eben nur noch Besinnung genug, diese heilige Stunde nicht durch
plötzliches Erscheinen vor der Geliebten zu entweihen.
    Einige Minuten später rief ein leises Geräusch ihn zu hellerem Bewusstsein
zurück. Zoë stand, ihm winkend, in der geöffneten Türe, durch welche sie ihn
früher hinein geführt hatte. Richard warf noch einen Blick auf den jetzt
verlassenen Platz vor dem Altare, und folgte seiner jungen Führerin, die leicht
wie eine Libelle vor ihm hinschwebte, immer noch den Finger auf die rosigen
Lippen gedrückt.
    Sie atmete schwerer, eine Träne glänzte in dem grossen dunkeln Auge, aber
sie blieb stumm wie das Grab, bis sie an die Stelle gelangt waren, wo sie
Richard seiner eignen Führung überlassen wollte; hier wandte sie sich plötzlich
gegen ihn, und sah lächelnd unter Tränen ihn an.
    Hat Zoë es recht gemacht? hat sie Dein Auge nicht erblicken lassen, was
jedem Andern verborgen blieb? fragte sie; doch ich sollte Dich schelten, setzte
sie mit aufgehobenem Finger drohend hinzu. Du, so gross, so alt! so klug, und so
ungeschickt! Hat die Fürstin Dich nicht gehört? und als sie aufgeschreckt an der
Glastüre vorübereilte, Dich sogar gesehen? Was Du eben getan weiss ich nicht,
aber sie hat darüber geweint, glaube ich; wenigstens sehen ihre Augen so aus.
Und ich soll dergleichen mich nicht wieder unterfangen, gebietet sie, sonst -
Dir aber sendet sie einen guten Morgen, und dazu den freundlichsten Dank, dafür,
dass Du so bescheiden Dich betragen hast. Und das ist ihr für Dich noch nicht
einmal genug! Auch dieses soll ich Dir noch geben: zum Andenken an heute, sagt
sie.
    Mit diesen Worten reichte Zoë ihm ein frisches weisses Lilienblatt aus dem
Strausse auf dem Altare, und war verschwunden.
Ein Schreiben von Mitchells Hand, welches Richard in seiner Wohnung vorfand,
entriss ihn leider nur zu bald dem kurzen Vergessen, das nach so vielen peinlich
verlebten Tagen einige Rast ihm gewährt hatte. Er versank von Neuem in jene
dumpfe Verworrenheit, jene immer und ewig nach einem Auswege vergeblich suchende
Unentschlossenheit, mit einem Worte, in jene innere Hölle, die er ohne
eigentliches Verschulden mit sich herum tragen musste.
    Auch dieser Brief entielt in den ersten Zeilen die Nachricht, dass Mitchell
im Begriffe stehe den Fürsten Andreas auf einer Reise nach Riga, vielleicht noch
weiter, vielleicht sogar bis Memel zu begleiten. Die Veranlassung zu dieser
Reise war persönliche Besorgung sowohl des Ausladens, als des weiteren
Transports mehrerer aus England angekommener Modelle, Spinn- und Dampfmaschinen,
neu erfundenen Ackergerätes und ähnlicher Gegenstände, welche Mitchell auf des
Fürsten Verlangen, mit grossen Kosten und Überwindung bedeutender
Schwierigkeiten, aus England hatte kommen lassen. Er bedauerte übrigens sehr,
die Zeit seiner Ankunft in einer jener beiden Städte nicht im Voraus bestimmen
zu können, da er und sein Reisegefährte Willens wären, unterwegs einige in der
Nähe liegende Mühlen und andre Anstalten und Baulichkeiten zu besuchen. Endlich
ermahnte er seinen sehr geehrten Landsmann und Freund, sich des Gegenstandes
ihres letzten Gesprächs zu erinnern, denselben ja nicht aus den Augen zu
verlieren, und dabei der strengsten Verschwiegenheit, wie auch der grössten
Vorsicht sich zu befleissigen.
    Der treffliche Mann schloss mit der ziemlich selbstsüchtigen Bemerkung, dass
das Anerbieten dieser Reise ihm zwiefach willkommen gewesen wäre, weil, selbst
wenn etwa während der Dauer derselben jener gefürchtete Sturm losbrechen sollte,
er unter dem Schutze seines mächtigen und vornehmen Reisegefährten sich für
vollkommen gesichert halten dürfe.
So war denn Alles dem Unglücklichen unter den Händen entschwunden, woran er
seine letzte Hoffnung zu knüpfen gewagt hatte! Den Fürsten einholen zu können,
war reine Unmöglichkeit, jeder Gedanke seine Hülfe in Anspruch zu nehmen,
wirklicher Wahnsinn. Und ohnedem, durfte, konnte Richard in dieser gefahrvollen
Zeit von Helena und ihrer Mutter sich entfernen?
    In all seiner überirdischen Glorie trat noch einmal das Bild der betenden
Helena ihm vor die Seele; er meinte vor Mitleid mit ihr, und auch mit sich
selbst zu vergehen; dennoch trachtete er jedes entnervende Gefühl zu überwinden,
denn er fühlte es unläugbar, dass die ganze Last, die er auf Andreas zu
übertragen Willens gewesen war, jetzt auf ihn allein zurückgefallen sei; jeder
unnütz vergeudete Augenblick Zeit konnte die entsetzlichsten Folgen nach sich
ziehen.
    Unter Todesqualen hätte er sein Herzblut freudig vergiessen mögen, wenn damit
jene Gräuel von ihr hätten abgewendet werden können; von ihr, die er seit jener
letzten herzerhebenden Stunde inniger als jemals, gleich einer Heiligen
verehrte.
    Untergang, Schmach, Schande drohten ihr und ihrem Hause, drohten Allem, was
nur in irgend einer Beziehung ihr teuer war, und Helena in ihrer kindlichen
Arglosigkeit ging, ohne eine Ahnung davon zu haben, dem Unheil lächelnd
entgegen, das innerhalb weniger Tage über sie hereinbrechen konnte!
    O könnte ich aus einem Leben flüchten, das in so drohender Gestalt sich vor
mir ausbreitet! Dürfte ich ins stille Grab mich betten, und nichts von Allem
erfahren, was auf der schweren, über mich hingebreiteten Decke sich ereignen
mag! seufzte Richard. Doch diesen einzigen Ausweg aus aller Qual zu wählen, war
ihm versagt: er durfte nicht zugleich mit dem Leben die schwere
Verantwortlichkeit abwerfen, die jetzt auf ihm lastete!
    Möglichst ruhig und besonnen bemühte er sich nochmals die ganze Lage der
Dinge zu überdenken, zu ordnen, zusammenzustellen, was zusammen gehörte. Noch
war nichts geschehen, noch stand es bei ihm das Geheimnis, das er im Gastofe
zum weissen Kreuz erlauscht hatte, zu verschweigen, zu vergessen, gänzlich zu
ignoriren. Niemand konnte auf den Gedanken verfallen, dass er darum wisse; es
stand in seiner Macht jene Beiden ihr Vorhaben ungehindert ausführen zu lassen,
und zu erwarten, was daraus erfolge.
    Dieser Erfolg - er liess im Voraus sich berechnen; das geheiligte Leben des
Kaisers blieb erhalten, abgewendet war unsäglicher Jammer, Tod und Verderben von
Millionen.
    Und Fürst Andreas war verloren, vernichtet! Vernichtet er und sein ganzes
Haus, Eugen, Alex, und sie, die edle fürstliche Frau, welche die mit ihrer
Existenz am innigsten verzweigten Vorurteile ihrer Kaste überwunden hatte, um
ihm eine liebendere Mutter zu werden, als die es war, an welche die Natur bei
seiner Geburt ihn gewiesen. Ach und Helena!
    Kann ich, ohne vor Grauen vor mir selbst zu vergehen, einen solchen Gedanken
nur denken, während die Möglichkeit, sie Alle zu retten, in meiner Hand liegt?
rief Richard laut.
    Eine einzige kurze Unterredung mit Pestel, und Alles bleibt wie es war, fuhr
er gelassner fort. Jene Beiden fallen zwar als Opfer ihres Wankelmuts. Doch sie
und ihr Geschick wiegen zu leicht, um hier in die Wage zu kommen. Hier Bedenken
tragen, hier Rücksicht nehmen zu wollen, wäre schreiendes Unrecht gegen das
grosse Ganze, das allein auf diesem Wege erhalten werden kann.
    Erhalten! erhalten! schrie er heftig auf: blöder, kurzsichtiger Tor! was
bliebe erhalten, wo Pestel und seine Kreaturen freies Spiel haben! Dann erst,
dann gewinnen Mord und Gewalt die Oberhand, dann erst geht Alles unter, Kaiser
und Ordnung und Gesetz in einem Meere von Blut, in wilder Flamme rasender
Anarchie.
    Sie wären zwar gerettet. Doch um welchen Preis! Erschöpft schwieg Richard
eine Weile; dann sprach er tief bewegt zu sich selbst:
    Und bin ich denn wirklich zu dieser grässlichen Wahl berufen? Musste ich auf
jener fernen Insel in Dunkel und Niedrigkeit geboren werden, um hier über das
Wohl und Wehe, über die Erhaltung und den Untergang eines grossen Reichs, eines
mächtigen Monarchen zu entscheiden? Ist dem so? Herr der Himmel! nun so
erleuchte du dein armes Geschöpf, zeige ihm den Weg, den es gehen soll!
    Meine Wohltäter, sie die mir mehr sind, als Vater und Mutter seit meiner
Geburt mir gewesen! und Helena!
    Alles kann beendet werden ohne mich, muss ich, muss ich Schwacher hier tätig
einschreiten? Wenn nun Krankheit mein Gedächtnis verwirrt hätte, oder wenn ich
in jener Unglücksstunde jene Beiden nie vernommen hätte? Dann würde ich ruhig
dasitzen und sagen: komme was kommen mag, ich kann es nicht ändern. Der Bund
wäre vernichtet, alles wäre gerettet.
    Nur sie nicht! und die Ihrigen nicht, und es ist dem nicht so! O Gott! Gott!
ist denn bei dir kein Erbarmen mehr? Wirst du nicht durch ein Wunder das
vollkommenste Bild von dir retten, das jemals aus deiner Schöpferhand
hervorging?
    Unbeschreibliche Angst verwirrte Richards Gedanken; wieder war es ihm
unmöglich sie auf einem Punkte festzuhalten.
    Rettung! Rettung für sie! o Herr des Himmels, das Wunder! das Wunder! rief
er überlaut, rang die Hände sich blutig, warf sich nieder zum Gebete, sprang
auf, irrte blindlings mit grossen weiten Schritten im Zimmer auf und ab.
    Dann rief er wieder, in halbem Wahnsinne seiner selbst nicht mehr bewusst:
Rettung! das Wunder! du tust deren täglich, eins mehr eins weniger, gilt dir
gleich.
    Gott, gnädiger, allgewaltiger Gott! flehte er mit herzdurchdringender
Inbrunst, indem er wieder zu einiger Besinnung gelangte: heute, als du deine
Sonne aufgehen liessest über Gute und Böse, heute noch stieg das Gebet des
reinsten Wesens auf dieser Welt zu dir auf, o verwirf es nicht vor deinem
Trone! Sie betete für ihre Eltern, für den Kaiser - und auch für mich! Du bist
allmächtig und gerecht und allbarmherzig, du musst, du wirst ihr Gebet erhören,
das wortarme Gebet, aus kindlich vertrauendem Gemüte. Das Wunder! das Wunder!
übe es an mir! erleuchte meinen blöden Sinn, gieb mir ins Herz, was ich tun
soll.
    So schrie der unselig Verzweifelnde zum Himmel auf, bis zur peinlichsten
Erschöpfung.
    Regungslos, in sich selbst versunken, lag er da, lange, lange. Ein
zitternder, halberstickter Ton, man könnte es beinahe ein Aufschreien nennen,
entrang plötzlich sich seiner Brust. Er fuhr auf, rieb mit der flachen Hand sich
Stirn und Augen, gleich einem aus tiefem Schlafe Erwachenden, der sich zu
besinnen sucht, ob das was ihn eben quälte, Traum oder Wirklichkeit sei.
    Allmälig trat jetzt die seltsamste Veränderung seiner Haltung, seines ganzen
Wesens ein. Er richtete aus der bisherigen gedrückten Stellung sich auf, die
Brust hob sich hoch und frei in raschen Atemzügen; frische Lebensröte färbte
das bis dahin aschenbleiche Gesicht, innere Glut lang entfremdet gebliebener
Begeisterung flammte in seinen Augen auf.
    Sinnend schritt Richard einige Male im Zimmer auf und ab.
    Ich erflehte ein Wunder, und siehe es ist mir geworden; es geschehen deren
täglich, nur wir erkennen sie nicht. Sie recht benutzen, kostet freilich
zuweilen einen etwas hohen Preis; doch hier gilt kein Markten; ein bittres
Lächeln umkräuselte, kaum merkbar, seine Lippen, indem er diese Worte halb leise
vor sich hinsprach. Dann fuhr er wieder einige Male mit der flachen Hand sich
über Stirn und Augen, als wolle er sich ihm aufdrängende unangenehme Gefühle
oder Gedanken von sich wegscheuchen, und setzte sich an den Schreibtisch.
    Jede Spur früherer wilder Aufregung war von ihm gewichen, sein Benehmen war
ernst und gefasst, wie das eines Mannes, der Wichtiges, ja selbst sehr Schweres
zu vollbringen hat, aber alles bedenkend und überlegend, entschlossen und mutig
an das Unvermeidliche geht, ohne sich, von was es immer sei, abschrecken zu
lassen.
    Die Gelehrten unter uns wissen die Entfernung der hoch über unsern Häuptern
wandelnden Gestirne zu ermessen; sie berechnen, viele Jahrhunderte im Voraus,
die Bahn des Kometen, sie ergründen die Tiefen der Meeresklüfte; doch wer
ergründete jemals die weit furchtbareren Tiefen in einer Menschenbrust?
    Dort schlummern Gedanken; gleich den Furien der Alten ruhen sie unter dünner
Decke, lauschen unbeweglich, oft so lange als das Herz schlägt, als das Leben in
unsern Adern pulsirt, und gehen dann mit uns ins Grab.
    Aber ein Hauch ruft zuweilen sie auch wach; wehe dann dem Unseligen, in
dessen Brust ein solcher ersteht! Er ergreift ihn mit eiserner Gewalt, und lässt
ihn nicht los, bis er ihn fortgerissen hat zu unerhörter Tat, gut oder böse,
wie die Umstände es verlangen. Denn der Gedanke ist die höchste Gewalt, der
Tyrann, der mächtigste Gebieter des kurzen schwachen Menschenlebens, bei ihm
gilt kein Entrinnen. Unerwartet, gleich dem aus dunkler Nacht blendend
auftauchenden Meteore, leuchtet er plötzlich in uns auf, und wird der Keim zu
Begebenheiten, welche die Nachwelt, preisend oder verdammend, gleichviel, oft
nach Jahrhunderten noch bewundernd anstaunt!
    Ein solcher Gedankenblitz war es, an welchem die Fackel des noch immer als
berühmt anerkannten Mordbrenners Herostrat vor Jahrtausenden sich entzündete;
aber auch die heilige Glut zu schwerer Tat begeisternder Vaterlandsliebe, in
der Brust der im Vaterhause still und einfach auferwachsenen Charlotte Corday,
die sie trieb den Dolch zu erfassen, und ihr Kraft gab, dem Tode in seiner
grauenvollsten Gestalt mutig entgegen zu gehen.
    Verloren ist, ich wiederhole es, verloren der, in dessen Brust ein solcher
Gedanke erwacht, er kommt nie davon los, bis er ihn ausgeführt. Es ist die alte
in tausend Abänderungen sich wiederholende Geschichte vom kleinen Vogel und dem
Zauber im Blicke der Klapperschlange.
    Auch Richard war in diesem Augenblicke jener unsichtbaren Macht verfallen,
die oft zum Grossen und Rechten, oft aber auch zum Gegenteile führt. Die
peinigende Ungewissheit war plötzlich von ihm gewichen, die gebietende Stimme in
seiner Brust bezeichnete ihm deutlich den Weg den er einzuschlagen hatte, und
für ihn gab es keine Wahl mehr!
Gross war die Freude, mit welcher Richard noch im Verlaufe des nämlichen Tages im
Hause des Kapellmeisters Lange empfangen wurde. Zwar hatte er seit längerer Zeit
die Schwelle seiner musikalischen Freunde nicht überschritten, und wir, meine
Leser und ich, können gar leicht eine gültige Entschuldigung dafür finden; doch
Richard bedurfte hier einer solchen nicht; es lag nicht in ihrer Art, durch
Furcht vor verdienten oder unverdienten Vorwürfen ihren, zuweilen etwas
flatterhaft sich zeigenden Freunden, die Rückkehr zu ihnen zu erschweren.
    Spät kommt Ihr, Doch Ihr kommt, Graf Isolani! rief Frau Karoline sehr
freundlich ihm entgegen.
    Heute doch nur um mit einem Auftrage Ihnen lästig zu werden, an dessen
pünktlicher und sorgsamer Ausführung zu viel gelegen ist, als dass ich sie andern
Händen als den Ihrigen anvertrauen möchte.
    Der gemessne feierliche Ton, in welchem Richard diese Worte vorbrachte, fiel
seinen Freunden auf, beide sahen forschend ihm in's Gesicht.
    Sie sind krank gewesen, rief Lange, Sie haben Verdruss gehabt, rief mit ihrem
Manne zugleich Frau Karoline.
    Eigentlich beides, eins folgte aus dem andern; doch das ist nun überstanden,
bis auf eine ziemlich angreifende Nachkur, von der man freilich im Voraus nicht
genau wissen kann, wie sie anschlägt, erwiederte Richard.
    Der Kapellmeister drückte recht herzlich besorgt ihm die Hand, Frau Karoline
schüttelte sehr bedenklich den Kopf; Richard fuhr indessen halb leise vor sich
hinmurmelnd und an den Fingern abzählend fort:
    Heute wäre also der vierte Tag. Schon! schon! o wie die Zeit im Galopp geht!
Heute Dienstag der vierte, morgen Mittwoch der dritte, Donnerstag - ja
Donnerstag, Freitag wäre schon zu spät.
    Lieben Freunde, blickt nicht so angstvoll auf mich: sprach er, mit lauter
Stimme, anscheinend ruhig weiter; die Ausführung dessen was ich von Ihnen
verlangen will, ist weder schwer noch gefährlich, doch Vorsicht, Treue, vor
allem strenge Pünktlichkeit, sind dabei unerlässlich. Und wo wären diese sicherer
zu finden, als bei einem so tactfesten und gerechten Manne, der selbst dem
kleinsten vierundsechszig Teilchen im schnellsten Tempo sein ihm gebührendes
Recht widerfahren lässt, setzte er hinzu, und klopfte lächelnd dem Kapellmeister
auf die Achsel.
    Doch weder auf diesen noch auf Frau Karolinen schien dieser Versuch heiter
zu erscheinen den gewünschten Eindruck zu machen; beide erwiederten ihn nur mit
Versicherungen ihrer Bereitwilligkeit jeden seiner Wünsche zu erfüllen.
    Richard zog jetzt zwei versiegelte Briefchen hervor: es gilt nur diese
beiden Billette an die Adresse abzugeben, und dafür zu sorgen, dass sie zur
rechten Zeit in die rechten Hände gelangen: sprach er etwas kurz abgebrochen und
beklommen. Ich bitte Sie inständigst, merken Sie alle beide recht genau auf
meine Worte! Heute Dienstag, morgen Mittwoch - diese beiden Tage bleiben diese
Briefe in Ihrer sichern Verwahrung liegen, wenn ich nicht selbst, schriftlich
oder persönlich, sie wieder zurück fordere.
    Doch übermorgen, übermorgen ist Donnerstag! - der Donnerstag ist wunderlich;
heisst es nicht so in einem alten Sprüchlein? - nun dieser, den ich meine, ist
wohl einer der wunderlichsten, sprach Richard seltsam lächelnd, doch nahm er
bald wieder sich zusammen: was ich schwatze sind Kinderpossen, alte
Reminiszenzen, achten Sie nicht darauf, es gehört nicht hierher, und kann sie
nur verwirren. Jetzt zur Sache; diese beiden Briefe bleiben heute in ihren
Händen, morgen ebenfalls, doch Donnerstag, übermorgen! Nun auch übermorgen
bewahren Sie sie sorgfältig, bis zur Mittagsstunde. Mit dem Schlage zwölf Uhr
suchen Sie - Sie Selbst, lieber Lange, Sie selbst suchen die Person auf, welche
die Adresse dieses Billets Ihnen bezeichnet, und geben es zu eignen Händen ihr
ab. Wo er auch immer sei, Sie suchen ihn auf; ist er nicht zu finden, so
erwarten Sie seine Zuhausekunft in seiner Wohnung. Nur dass keine Zeit versäumt
werde, nur dass der Brief gewiss übermorgen im Laufe des Tages in seine Hände
kommt. Ist dieses vollbracht, so entsiegeln Sie sogleich dieses zweite
unbeschriebene Couvert; wie Sie mit dem in demselben befindlichen Briefe zu
verfahren haben, wird ein demselben beigeschlossner Zettel Ihnen sagen. Dies ist
Alles, alles was ich von Ihnen erbitte, anscheinend wenig, und doch so viel.
    An Obrist Pestel! rief Karoline sehr erstaunt, indem sie die Adresse des
einen der Briefe in's Auge fasste.
    Was können Sie mit dem zu verhandeln haben? fragte eben so ihr Mann.
    Kennen Sie den Obrist Pestel? fragte Richard sehr lebhaft.
    Nicht viel mehr als bloss vom Ansehn: war Langes Antwort: ich zweifle ob wir
jemals in unserm Leben mehr als ein paar Dutzend Worte mit einander gewechselt
haben. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass Obrist Pestel zu Herrn Richard
Woods näheren Freunden sich zählen dürfe: setzte er etwas scharf betonend hinzu.
    Das ist auch wahrlich nicht der Fall! rief Richard.
    Das konnte ich erwarten, und doch freut mich es von Ihnen zu hören:
erwiederte der Kapellmeister; die Wahrheit zu gestehen, der Herr Obrist sind mir
zuwider, wie eine falsche Quinte; sehe ich ihn nur, so fährt es mir durch Mark
und Bein.
    Sie blicken so ernst, so wunderbar, was gilts, ich habe es erraten, Sie
wollen sich mit ihm schlagen, und mein Alter soll ihm die Ausforderung bringen:
rief plötzlich Frau Karoline.
    Der Kapellmeister brach in ein überlautes Lachen aus, vor dem das Haus
erbebte. Die Troddelmütze flog von einem Ohre zum andern, er drehte sich auf
einem Beine herum, und krähte vor Wohlbehagen. Nein, das ist Goldes wert! rief
er: von mir wäre man am Ende dergleichen wohl gewohnt, aber hier von meiner
kleinen Weisheit Salomonis! ein Officier wird einen alten Exkapellmeister zum
Secundanten gegen einen andern Officier sich erwählen! Alte, das war ein starkes
Stück von Dir! nein, da versteh' ich den Comment doch noch besser!
    Auch Frau Karoline lachte herzlich auf.
    O meine Freunde, möge doch bald der Tag erscheinen, an dem ich leichteren
Mutes mit Ihnen froh sein darf! seufzte Richard! Übrigens hat Frau Karoline in
der Hauptsache es doch halb und halb erraten. Dieses Papier entält zwar keine
Ausforderung, und doch - gehe ich in dieser Stunde noch einem schweren Kampfe
entgegen; einem Kampfe der - wollte Gott, es ginge nur um Leben oder Tod. Lassen
Sie Ihre guten Wünsche mich begleiten!
    Mit diesen Worten eilte Richard hastig davon, kehrte an der Türe zurück, um
seine Anordnung wegen der Billette noch einmal in aller Kürze zu wiederholen,
und entfernte sich, ohne dass seine Freunde es wagten ihn aufhalten zu wollen.
Dies wäre alles? Weitere Bedingungen hätten Sie nicht? fragte der Minister,
Fürst ***** am Ende einer langen Audienz unter vier Augen, die er dem ihm
persönlich wohlbekannten Richard auf dessen Anhalten sogleich zugestanden hatte.
    Sicherheit des Lebens und der Freiheit, ungestörter Fortbesitz des Vermögens
und der Güter jener Familie, vor allem des Oberhauptes derselben, sind alles was
ich verlange: erwiederte Richard, ehrerbietig aber fest.
    Und wenn ich, im Namen Seiner Majestät des Kaisers, diese Ihnen zugestehe,
so sind Sie bereit von der, Ihrer Aussage nach, durch einen grossen Teil dieses
Reiches ausgebreiteten, höchst gefährlichen Verschwörung mir genauen Bericht
abzustatten, und zugleich ein Verzeichnis der Hauptteilnehmer an derselben
einzureichen? fragte der Minister weiter.
    Gegen das von Ihnen im Namen unsres Monarchen mir ausdrücklich und feierlich
geleistete Versprechen der Erfüllung dieser Bedingung, bin ich bereit genauen
Bericht von der Verschwörung, nebst der Liste der vornehmsten Teilnehmer an
derselben zu überreichen, muss aber darauf bestehen, dass beides sofort, und
möglichst schnell, im Original in die Hände unsres Monarchen gelange.
    Sie scheinen Ihre eigne Stellung aus den Augen zu verlieren, sonst zeigten
Sie sich wahrscheinlich weniger kühn: sprach der Fürst.
    Ich bin kühn, weil ich furchtlos bin: war Richards Antwort.
    Sie selbst sind einer der Verschwornen?
    Richard antwortete auf diese Frage nur durch ein stumm bejahendes Zeichen.
    Die Verschwörung besteht schon jahrelang, wie ich von Ihnen zu vernehmen
glaube. Eidbruch ist ein harter Entschluss. Was konnte nach so langer Zeit Sie
vermögen ihn zu fassen?
    Richard wurde über diese Frage feuerrot, dann wieder todtenbleich; er
bedurfte einige Augenblicke Zeit, um sich zu erholen.
    Darüber habe ich nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft abzulegen,
erwiederte er endlich ehrerbietig aber bestimmt.
    Eine kurze Pause erfolgte.
    Doch wie stünde es um Ihre Bedingung, wenn ich Sie jetzt hier festielte,
während ich in Ihrer Wohnung Ihre Papiere in Beschlag nehmen liesse?
    Hier sind meine Schlüssel, sprach Richard, indem er sie dem Minister darbot,
der sie aber nicht annahm: jede Untersuchung wäre indessen überflüssig, und
könnte nur unbefriedigend ausfallen, indem ich über diesen Gegenstand dem
Papiere keine Zeile anvertraute, die nicht allenfalls gedruckt erscheinen
könnte. Mein eigentliches Archiv trage ich in Kopf und Herzen.
    Und dieses Archiv - es gäbe wohl Mittel zu dem Inhalte desselben zu
gelangen: erwiederte der Minister streng und scharf.
    In diesem Falle gibt es nur eines, die Gewährung der von mir
vorgeschlagenen Bedingung; denn wer Todesfurcht nicht kennt, kennt auch keinen
Zwang, antwortete Richard.
    Und doch! Sie müssen mir zugeben, dass Sie in einem ziemlich verdächtigen
Lichte erscheinen; was könnte mich abhalten Sie deshalb hier auf der Stelle
verhaften zu lassen, und, ohne auf irgend eine Bedingung einzugehen, mich der
Liste der Verschworenen und des Berichtes über die Verschwörung zu bemächtigen?
    Mein Fürst! rief Richard und fuhr betroffen einige Schritte zurück, doch
fasste er sehr bald sich wieder.
    Verzeihung, sprach er, dass ich durch diese ganz unerwarteten Worte mich
überraschen liess: erschrecken konnten sie mich nicht! Bericht und Liste liegen,
unzugänglich jeder menschlichen Gewalt, ebenfalls auch in meinem vorhin
erwähnten Archive, sprach er lächelnd; ich erwarte nur Ihren Befehl, um sie hier
an's Licht treten zu lassen.
    Und für sich verlangen Sie gar nichts? machen keinen Anspruch auf wohl
verdiente Belohnung?
    Wenn mein Kaiser und mein Wohltäter durch mich dem Untergange entgehen, was
bliebe mir da noch zu wünschen? erwiederte Richard, etwas vorschnell.
    Hm! sprach der Minister vor sich hin, ist es so? jetzt fange ich an den
Zusammenhang besser zu begreifen. Sie haben, wie Klugheit und Vorsicht es
gebieten, auf alle Fälle sich vorgesehen, sprach er zu Richard gewendet, weit
freundlicher als vorhin; dieses kann in der guten Meinung mich nur bestärken,
die ich, seit ich in der Familie des Fürsten Andreas Sie kennen lernte, von
Ihnen gefasst habe. Verargen Sie dagegen den Anschein von Misstrauen mir nicht,
den ich wider Willen annehmen musste, um den mannigfaltig complicirten Pflichten
zu genügen, welche die Gnade des Kaisers mir auferlegt hat; setzte er
verbindlich hinzu.
    Beide, der Minister und Richard, wurden jetzt sehr schnell, und zu
gegenseitiger Zufriedenheit mit einander einig. Mit aller dazu gehörigen
Formalität legte der Minister, im Namen seines Kaisers, das von ihm verlangte
unverbrüchliche Versprechen in Richards Hände nieder, der seinerseits, ohne
fernere Bedenklichkeit, auch seine Verpflichtung erfüllte.
    Ein beifälliges Lächeln glitt über des Ministers feingeformte Lippen hin,
indem er die ihm überreichte Liste der bedeutendsten Mitglieder der Verschwörung
schnell mit den Augen durchlief.
    Der also ist es! rief er, und wies auf den Namen des Fürsten Andreas: und
ich habe in meiner Vermutung mich nicht geirrt. Gestern noch hätte ich Alles
was ich besitze für die Unmöglichkeit dessen eingesetzt, wovon ich hier den
Beweis in der Hand halte! Wer mag alle die Abwege im Voraus berechnen, auf
welche wir im Laufe des Lebens geraten mögen! setzte er mit trübem Ernste
hinzu.
    Ein einziges in Ihrem Eifer von Ihnen nicht genugsam überlegtes Wort
verriet mir vorhin dieses Geheimnis; fing der Minister nach kurzem Schweigen
wieder an: jede Spur von Misstrauen, das Sie, wenn Sie einen Augenblick in meine
grosse Verantwortlichkeit sich hineindenken wollen, nicht ganz ungerecht finden
werden, wurde durch diese Entdeckung beseitigt. Ich kenne den ganzen Umfang
Ihrer Verbindlichkeit gegen jene Familie, ich begreife welche edleren Motive Sie
zu dem Schritte bestimmten, den Sie jetzt tun, und alles was bis dahin mir an
Ihnen zweideutig erschien, und erscheinen musste, gewinnt nun eine andere
Gestalt. Nochmals verpfände ich freiwillig Ihnen mein Ehrenwort, Sie sollen in
mir sich nicht getäuscht sehen! Andreas wird einen Freund, einen Bruder in mir
finden, der ihn vertritt, und, so viel dieses in meiner Macht steht, vor jeder
zu herben Folge seines Fehltritts ihn schützt.
    Auf des Ministers ausdrückliches Verlangen teilte Richard ihm nun
umständlich mit, wie ein wunderlicher Zufall, früher als seine Freunde es
beabsichtigten, in die Geheimnisse des Bundes ihn eingeweiht habe. Er verhehlte
die warme Begeisterung nicht, mit welcher der anscheinend hohe Zweck desselben
ihn Anfangs erfüllte, bis er späterhin mit Schrecken und Abscheu ihn besser
erkannte.
    Das aufmerksame Wohlgefallen, das seinen Worten geschenkt wurde, ermutigte
ihn weiter zu gehen. Er sprach vom Fürsten Andreas, von der warmen
Vaterlandsliebe seines Beschützers, und wie dieser mit innigster Treue dem
Kaiser ergeben, nur durch seinen leidenschaftlichen Hang zu ausländischen
Erfindungen und Neuerungen verlockt, in die Schlingen eigennütziger,
herrschsüchtiger Bösewichter gefallen sei, von deren tiefer Verworfenheit seine
edle Natur keine Ahnung haben konnte, während sie sein besseres Wollen, seine
durchaus tadelfreien Absichten, in ganz entgegengesetztem Sinne auf das
schändlichste missbrauchten.
    Über dem allen war indessen viel Zeit verstrichen; der Courier, der Richards
Aussage dem Kaiser überbringen sollte, war längst abgefertigt, der Abend brach
mit starken Schritten herein. Richard, der bis dahin gar nicht in der Zeit
gelebt hatte, wurde jetzt mit Schrecken gewahr, wie lange er hier verweilt habe,
und erhob sich unter vielen Entschuldigungen, um sich vom Minister zu
beurlauben, was dieser aber, und zwar auf das allerfreundlichste, gar nicht
zugeben zu wollen schien. Richard begriff Anfangs nicht, wie dieses zu verstehen
sei, bis endlich der Minister seine Absicht, ihn auf unbestimmte Zeit in seinem
Hause festzuhalten, deutlicher an den Tag legte.
    Zürnend fuhr Richard auf; sein Gesicht erglühte, sein Auge flammte.
    Gefangen! also doch gefangen! nachdem ich alles erfüllt! nach so vielen
schönen Worten! ich Tor! ich erbärmlicher Tor! zischte er vor Ingrimm kaum
verständlich zwischen den fest verbissenen Zähnen hindurch.
    Nennen Sie es nicht so, sprach begütigend der Minister: Sie sind mein Gast,
nicht mein Gefangener, nur für wenige Tage mein Gast, dann sind Sie sich selbst
ganz überlassen. Doch ist es notwendig, dass bis dahin Ihr Aufentalt bei mir
geheim gehalten werde. Bei Ihrem Chef werde ich Ihre kurze Abwesenheit unter dem
Vorwande einer, in einem Auftrage von mir übernommenen Reise, zu entschuldigen
wissen. Sie bewohnen ein Zimmer nahe an dem meinigen und nur einer, der treueste
unter meinen Dienern, auf dessen Verschwiegenheit ich bauen darf, wird Zugang zu
Ihnen erhalten, um Sie zu bedienen.
    Vortrefflich! Alles auf das beste und bequemste. Nur eine Frage erlaubt Ihre
Gnade mir wohl noch; bleibt mein Kerkermeister bei mir im Zimmer? oder darf ich
hoffen, dass er sich damit begnügt, die Türe meines zierlichen Gefängnisses von
aussen zu bewachen? rief Richard in bittrer Ironie.
    Die Türe Ihres Kerkers, wie Sie das freundliche Zimmer nennen, bleibt von
Innen und Aussen unbewacht, und Wladimir wird nur erscheinen, so oft Sie seiner
Dienste bedürfen; erwiederte der Minister etwas gereizt. Lassen Sie uns in
diesem Tone nicht fortfahren, der uns allen Beiden nicht wohl tut; setzte er
milder hinzu: glauben Sie fest, ich hege die besten Gesinnungen gegen Sie, und
werde Alles versuchen, um die gezwungene Einsamkeit, die ich während dieser
wenigen Tage Ihnen leider nicht ersparen kann, Ihnen so wenig als möglich
fühlbar werden zu lassen.
    Sehr gnädig, sehr herablassend; doch die einzige Wohltat, die ich jetzt mir
noch erbitten kann, wäre allein bleiben zu dürfen, allein, ganz allein! sprach
Richard mit dem vollsten Ausdrucke starrer Verachtung, die durch die erzwungene
Höflichkeit, welche er beizubehalten sich bemühte, nur noch fühlbarer wurde.
    Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit, die seltsame Lage in der Sie sich
befinden, und überdem ein gewisses Wohlwollen gegen Sie, dessen ich mich nicht
erwehren mag, machen mich geneigt Ihnen mehr nachzusehen, als jedem Andern;
sonst würde das Misstrauen, das Sie gegen mich durchblicken lassen, mich tief
beleidigen. Doch Niemand kann dafür stehen, dass er immer Herr seiner
Empfindungen bleiben werde, am wenigsten in so widerwärtig-unruhiger Zeit wie
die, welche jetzt mich erwartet; und ich bitte Sie darauf etwas Rücksicht zu
nehmen; sprach der Minister eindringlich ernst, aber nicht bedrohend. Erinnern
Sie sich, fuhr er fort, dass ich mein Ehrenwort einsetzte, ich muss und werde es
lösen; jede Anwandlung von Zweifel wäre hier die höchste Beleidigung, die als
Mensch und Edelmann mir widerfahren könnte, das müssen Sie selbst fühlen.
Deshalb ermahne ich Sie sich zu beruhigen, selbst wenn Sie nicht ganz begreifen,
warum ich so und nicht anders handle. Erwägen Sie zum Beispiel, ob nicht
vielleicht Sorge für Ihre eigene Sicherheit mich bewegt, Sie auf kurze Zeit
unter meinen Augen fest zu halten.
    Sorge für meine Sicherheit! wiederholte Richard fast unartig trotzend.
    O du seltsames Gemisch von Mut und Verzagteit, von feinem Scharfsinn und
eigenwilliger Verblendung! rief halb lachend der Minister, indem er sich
anschickte, Richard sich selbst zu überlassen. Können Sie wirklich glauben, dass
unsre heutige Unterredung noch lange ohne sehr merkbare Folgen bleiben werde?
und sollten nicht einige Ihrer ehemaligen Bundesbrüder sich bewogen fühlen,
Ihnen für Ihren Anteil daran, auf ihre eigne Weise, ihren Dank auszudrücken?
setzte er noch hinzu, ehe er sich entfernte.
Es währte einige Zeit ehe Richard zum deutlichen Bewusstsein der Lage kam, in
welche er so ganz unerwartet geraten war. Gefangen! nach allem was zwischen ihm
und dem Minister vorgegangen, nach so vielen schmeichelhaften Versicherungen, so
vielen schönen Worten, gefangen, wirklich gefangen!
    Es schien ihm unglaublich, und doch war es nicht anders; denn wer ohne
Bewilligung eines Andern den Ort nicht wechseln darf, ist ein Gefangener, man
möge noch so geschickt einen wohlklingenderen Namen dafür aufzufinden suchen.
    Voll bittren, sehr verzeihlichen Unmuts, fing Richard jetzt an sein
Gefängnis genauer zu betrachten. Die Lage desselben, am Ende eines langen
Korridors, war eine der abgelegensten in dem sehr grossen Gebäude; die ziemlich
hohen Fenster gingen auf einen mit Mauern umgebenen Hausgarten, ein bequemes
Schlafkabinet befand sich dicht neben dem eigentlich recht hellen und eleganten
Zimmer, beide zusammen hatten nur einen Ausgang auf den Korridor.
    Jetzt erst fiel Richard auf, dass er gleich bei seiner Ankunft in dieses
Zimmer geführt worden war, wo alles schon im Voraus für seinen längern
Aufentalt eingerichtet zu sein schien. Die Türe war von innen unverschlossen,
aussen war der Schlüssel abgezogen, ohne welchen man sie nicht öffnen konnte.
    Er trat hinaus auf den Korridor, lang und öde dehnte dieser in schauriger
Abenddämmerung sich vor ihm aus; keine lebende Seele liess sich blicken, Niemand
der ihn am Weitergehen hätte hindern wollen. Er ging, stand unschlüssig still,
ging wieder; Alles um ihn her schien wie ausgestorben; schon sah er nahe vor
sich den weiten Vorplatz der zur Treppe führte. Wie aus den Wolken gefallen
stand jetzt Wladimir plötzlich vor ihm, ein paar brennende Armleuchter in der
Hand; bat sehr devot um Verzeihung, ihn so lange ohne Licht gelassen zu haben,
und begleitete, ihm vorleuchtend, ihn zurück auf sein Zimmer, ohne seinen Befehl
dazu abzuwarten.
    Ein Luftzug, vielleicht auch beim Hinaustreten Richard selbst, hatte die
Türe desselben zugeschlagen: Wladimir öffnete sie mit dem Schlüssel, den er bei
sich trug, machte auf den Schellenzug ihn aufmerksam, bei dessen leisester
Berührung er augenblicklich zur Erfüllung seiner Befehle herbei eilen werde,
zeigte ihm wie bei Nacht, zu grösserer Sicherheit, seine Türe von innen zu
verriegeln sei, erklärte das innige Bedauern seines mit dringenden Geschäften
überhäuften Herrn ihn heute Abend nicht mehr sehen zu können, und liess ihn
endlich allein.
    Erbittert über alle diese Anstalten ihn täuschen zu wollen, eilte Richard
zur Türe, um den Riegel vorzuschieben; sie war unverschlossen geblieben, wie
zuvor, doch er kannte jetzt die Gränze genau, die seiner scheinbaren Freiheit
gestellt war.
    Tausend wechselnde Gefühle stürmten auf ihn ein; es ward ihm schwer sie
genugsam zu bemeistern, um zu ruhigem Nachdenken gelangen zu können, wozu der
Stoff von allen Seiten sich ihm entgegen drängte. Ihm schwindelte, wenn er den
gewaltigen Unterschied zwischen gestern und heute erwog, wenn er die ungeheure
Bedeutung des Schrittes bedachte, den er ohne Zögern, von einem unerklärlichen
Impuls getrieben, gewagt, den er noch jetzt nicht unterlassen würde, wäre er
noch zu tun, so mächtig fühlte er noch immer sich dazu getrieben.
    Ihm grauste vor sich selbst; Verräter, Wortbrüchiger, Eidbrüchiger! hallte
es unaufhörlich in seinem Innern wieder. So werden Tausende fortan mich nennen
und mir fluchen, wenn was ich getan ruchbar wird, und die Folgen davon über sie
hereinbrechen; rief er: und kann ich mir selbst abläugnen, dass ich es bin? und
wie ist es möglich dass ich keine Reue empfinde? Die gute Absicht kann keine
ungerechte Handlung entschuldigen, lehren unsre Moralisten; ich hätte diesen
Ausspruch nicht aus den Augen lassen, ihn besser berücksichtigen sollen. Doch wo
lebt der Schriftgelehrte, der in diesem Falle entscheiden könnte, auf welcher
Seite Recht oder Unrecht liegt?
Dumpfe, unbestimmte Gerüchte gingen am folgenden Morgen leise flüsternd durch
ganz Petersburg; überall stiess man auf bedenkliche Gesichter, überall wurden
geheimnisvoll-ängstlich wichtige Entdeckungen, bei Nacht vorgenommene
Verhaftungen angedeutet, und doch wagte Niemand über das, was er dachte oder
wusste, sich deutlicher auszulassen. Ein eigner Geist der Unruhe hatte sich der
Einwohner der prachtvollen Kaiserstadt bemächtigt, und trieb sie von und zu
einander, als hätten sie etwas sehr Wichtiges zu besprechen, und doch scheute
sich Jeder vor dem Anfange.
    Kapellmeister Lange und seine Frau machten hierin keine Ausnahme; im
Gegenteil, ihre Angst, ihre Unruhe stieg von Minute zu Minute, bis der lebhafte
Kleine endlich beschloss sich auf's Recognosciren zu begeben; denn die Furcht,
dass Richards Besuch, und der so dringend ihm empfohlene geheimnisvolle Auftrag
desselben, mit der seltsamen allgemeinen Stimmung in Verbindung stehen müsse,
drängte immer unwiderstehlicher sich ihm auf.
    Zuerst begab er sich in Richards Wohnung. Der alte Diener desselben kam mit
ängstlichen Fragen nach seinem Herrn ihm entgegen; seitdem dieser am vorigen
Tage das Haus verlassen, hatte er dasselbe nicht wieder betreten; Boris war
dergleichen von seinem Herrn nicht gewöhnt, er hatte bei Caffarelli und an allen
Orten, die er gewöhnlich zu besuchen pflegte, ihm nachgefragt, und immer
vergebens.
    Der Brief an Pestel fiel bei dieser Nachricht dem Kapellmeister schwer aufs
Herz; Angst und Sorge trieben ihn, die ihm unbekannte Wohnung des Obristen
aufzusuchen; nach vielem hin und her Fragen wurde sie ihm endlich in einem sehr
entlegenen Teile der Stadt nachgewiesen; der Ton, mit welchem dieses von ihm
ganz Unbekannten geschah, würde zu jeder andern Zeit ihm noch mehr aufgefallen
sein als jetzt; doch konnte er nicht umhin, ihn zu bemerken.
    Ohne sich dadurch weiter stören zu lassen, eilte er die Treppe hinauf, und
fand die Türe nicht nur verschlossen, sondern auch versiegelt. Eine starke
Wache hielt sie von aussen besetzt, fragte laut und barsch nach seinem Begehren,
und schien nicht abgeneigt ihn selbst festzuhalten, wesshalb er, ohne mit Reden
und Gegenreden sich weiter abzugeben, das Freie suchte, und herzlich froh war,
als er sich wieder auf der Strasse befand.
    Um nichts unversucht zu lassen, begab er sich noch ganz an das andre Ende
der ungeheuern Stadt, in das Hotel des Fürsten Andreas; doch auch hier wollte
seit vielen Tagen Niemand von seinem Freunde etwas gesehn oder gehört haben;
übrigens war der Fürst noch nicht von der Reise zurück, wurde aber in diesen
Tagen erwartet.
    Müde, bleich, niedergeschlagen, wie Frau Karoline ihn noch nie gesehen,
langte er nach Verlauf mehrerer Stunden wieder zu Hause an, um Rapport
abzustatten.
    Jetzt, wie die Franzosen zu sagen pflegen, bin ich am Ende meines Lateins!
seufzte er, als er damit fertig war. Jetzt, Du meine liebe Hausehre, zeige, dass
Du eine kluge Frau bist, sage, was fangen wir an? Freilich ist heute erst
Mittwoch, der Tag, an dem wir nach seiner Anordnung uns still und ruhig
verhalten sollen; morgen erst bricht der Donnerstag an, der wunderliche, wie der
wunderliche Freund selbst wunderlich genug ihn nannte. Doch Pestel ist in
Arrest, keine Aussicht vorhanden, dieses Schreiben morgen in seine Hände zu
bringen. Richard ist vielleicht dem schweren Kampfe unterlegen, dem entgegen
gehen zu müssen, er uns gestand, als er uns gestern verliess. Vielleicht ist er
aber auch noch zu retten, wenn die rechten Mittel schnell ergriffen werden; nun
aber sind wir, seine Freunde, im Dunkeln, während ihm jeder Aufschub
lebensgefährlich werden kann; was tun wir, wo ist Rat zu finden?
    Hier, erwiederte Frau Karoline nach kaum Minuten langem Besinnen, indem sie
Richards beide Briefe hervorsuchte: ob wir heute oder morgen unsre
Verhaltungsregeln erfahren, darauf kommt wenig an; setzte sie hinzu, indem sie
mit rascher Hand das unbeschriebene Couvert erbrach.
    Es entielt ein versiegeltes Schreiben an den Fürsten Andreas, und die an
Lange gerichtete Bitte, dasselbe nicht nur verabredeter Massen zur bestimmten
Zeit sicher an die Adresse zu bringen, sondern auch den Brief an den Obrist
Pestel, im Falle dass er diesen nicht habe bestellen können, dem Fürsten zu
übergeben. Sollten aber, hiess es am Schlusse, unerwartete Ereignisse eintreten,
welche auch dieses verhinderten, oder der Fürst von seiner Reise noch nicht
wieder heimgekehrt sein, so ersuche ich Frau Karolinen, in eigner Person, unter
irgend einem Vorwande, sich zur Prinzessin Helena zu begeben, und beide Briefe,
in meinem Namen, zur Verfügung darüber ihr heimlich zuzustellen.
    Nun Gott Lob! rief der Kapellmeister: nun weiss man doch wenigstens
einigermassen wie oder wo. Unerwartete Ereignisse sind, dächte ich, zur Genüge
eingetreten; wie wäre es daher, Alte, wenn Du Dich gleich aufmachtest?
    Das bin ich sehr gesonnen; erwiederte Frau Karoline patetisch, die, sobald
ihr nur einigermassen leichter um's Herz wurde, nach gewohnter Art in ihre
teatralische Manier verfiel, und diesesmal dem Marquis Posa die Antwort auf der
Prinzessin Eboli Frage, ob er sie umbringen will, abborgte. Viel Zeit auf ihre
Toilette zu verwenden, war in solchen Fällen nicht die Sache der immer zierlich
und anständig gekleideten Frau, und so kam sie denn in möglichst kurzer Zeit vor
dem Hotel des Fürsten an.
    Doch weiter zu gelangen war nicht so leicht; die Ruhe die noch während des
Kapellmeisters kurzer Anwesenheit hier geherrscht hatte, war verschwunden. Unter
der Dienerschaft gab es viel hin und her Laufens, in allen Ecken steckten sie
zischelnd die Köpfe zusammen, nach Ärzten wurde ausgesandt, Jemand, hiess es, sei
plötzlich erkrankt, Einige nannten die alte Amme, Andre die Fürstin Eudoxia
selbst; Fürst Andreas war noch immer abwesend.
    Niemand bezeigte sich sonderlich geneigt um die fremde Frau sich zu
bekümmern, oder auch nur ihr Rede zu stehn. Beleidigt, zornig, verlegen, wusste
sie nicht ob sie zum Gehen oder Bleiben sich entschliessen solle, doch zum Glück
kam die junge Zoë des Weges, und erlöste sie aus dieser immer unangenehmer
werdenden Lage.
    Nur ein einzigesmal hatte die Kleine, unter dem Schutze der Amme, einem
grossen öffentlichen Konzert beigewohnt, das zu einem wohltätigen Zwecke gegeben
worden war, und das noch immer, als hell leuchtender Lichtpunkt ihres kurzen
einförmigen Lebens, in der Erinnerung ihr vorschwebte. Nicht wenig entrüstet,
die bewunderte Künstlerin, die damals sie entzückt hatte, so verlassen mitten
unter dem rohen Bediententross stehen zu sehen, eilte sie sogleich auf sie zu,
fragte sehr bescheiden nach ihren Befehlen, und fühlte sich wirklich geehrt, als
Frau Karoline ihren Vorschlag annahm, ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um dort die
Prinzessin Helena zu erwarten, die für jetzt noch bei ihrer Mutter sich befand.
    Sie hatte vollauf Zeit sich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten; denn eine
Viertelstunde nach der andern verlief, ohne dass sich etwas anderes sehen liess,
als Zoës freundliches Gesichtchen, das von Zeit zu Zeit in der Türe sich
zeigte, um sie um Verzeihung zu bitten und zugleich zur Geduld zu ermahnen, die
fest zu halten, schwer zu werden begann.
    Im geselligen Umgange mit geistig ausgezeichneten Frauen, vor allen mit
Künstlerinnen, schwindet bei Männern aus den höheren, selbst aus den höchsten
Ständen, der Unterschied des Ranges; daher war Frau Karoline in ihrem Hause
daran gewöhnt, mit allen, die Zutritt in dasselbe erlangten, auf gleichem Fusse
umzugehen, sie wohlwollend zu empfangen, und ihre Huldigungen sich dagegen
gefallen zu lassen. Die hochtönenden Titel ihrer vornehmen Gäste glitten im
lebhaften Gespräche eben so leicht und unbefangen ihr über die Zunge hin, als
die Namen ihrer nur durch Talent und Geist ausgezeichneten Freunde. Doch bei
ihrem eignen Geschlecht war dieses nicht so ganz der Fall, und konnte es füglich
nicht sein; wesshalb sie auch von jeher gern vermieden hatte, mit Damen von hohem
Range in Berührung zu geraten.
    Erziehung, Konvenienz, Etikette, richten zwischen diesen und andern Frauen
eine Scheidewand auf, welche mit Grazie zu umgehen, von beiden Seiten nur sehr
wenigen gegeben ist. Beim besten Willen von der Welt wissen in solchen Fällen
die vornehmsten Damen nur selten das juste milieu richtig zu treffen; sie tun
zu viel oder zu wenig, während die Furcht, durch scheinbare Zudringlichkeit sich
selbst etwas zu vergeben, die andre Partei abhält, durch Entgegenkommen auf
halbem Wege sich und ihnen die ersten Schritte zu erleichtern.
    Bei allen ihren übrigen trefflichen und liebenswürdigen Eigenschaften,
machte Frau Karoline in dieser Hinsicht keine Ausnahme von der allgemeinen
Regel. Ohnehin hatte sie entweder nie geduldig warten gelernt, oder doch aus
Mangel an Übung es wieder vergessen, und so war sie denn jetzt in einen Zustand
von Missmut und Reizbarkeit hinein geraten, der mit ihrem eigentlichen Wesen im
vollkommensten Widerspruche stand.
    Nur für die liebe Langeweile, wie man gewöhnlich zu sagen pflegt, fing sie
an von der Prinzessin, die so lange auf sich warten liess, ein durchaus nicht
schmeichelhaftes Bild sich zusammenzusetzen, und war eben im Begriffe diesem die
letzte Vollendung zu geben, als die lang Erwartete am Ende doch unerwartet vor
ihr stand, ihre Hände ergriff, sie neben sich auf's Sopha zog, ihr langes
Ausbleiben mit dem plötzlichen Unwohlsein ihrer Mutter entschuldigte, und
zugleich um Verzeihung bat, dass sie hier ihren Besuch annähme, und nicht in ihr
eignes Zimmer sie führe.
    Hier darf ich erwarten ungestört mit Ihnen zu bleiben: sprach sie: und da
ich jeden Augenblick wieder zu meiner Mutter abgerufen werden kann, so ist es
mein sehr verzeihlicher Wunsch ohne Aufschub zu erfahren, auf welche Weise ich
hoffen darf Ihnen nützlich zu werden. Ich will nicht erwähnen, dass ich seit
längerer Zeit als Künstlerin Sie ehre und bewundere; das ist etwas worin sich
wenigstens die halbe Stadt Petersburg mit mir teilt; aber unser beider Freund,
Richard Wood, hat sie meinem Herzen weit näher gebracht, als Ihre Kunst es
könnte, so bewundernswürdig sie auch ist; und ich freue mich der Gelegenheit
Ihnen dieses sagen, und hoffentlich auch beweisen zu können.
    Wie Frühlingsschnee vor der warmen Sonne, wie Spreu vor dem Winde, kurz wie
alles leicht Vergängliche in der Welt, schwand vor Helenens hinreissender
Liebenswürdigkeit nicht nur jede unbehagliche Empfindung aus Karolinens leicht
beweglichem Gemüte, sondern sie empfand auch bereuend das Unrecht welches sie,
wenn gleich nur in Gedanken, ihr angetan und hätte es ihr laut abbitten mögen,
wenn dieses tunlich gewesen wäre. Wenigstens liess sie von ihrem regen Gefühle
zu einem Ergusse von Vertraulichkeit gegen die schöne Freundin ihres Freundes
sich hinreissen, der bis dahin gegen eine Dame von so hohem Range ihr unmöglich
gedünkt hatte. Eine Ahnung des Verhältnisses zwischen jenen beiden stieg,
ungeachtet seiner Unwahrscheinlichkeit, in ihr auf. Sie gestand, dass nur Sorge
um Richard sie zu der Prinzessin getrieben, und helle Tränen, die sie kaum
zurück zu halten vermochte, perlten dabei in den guten treuen Augen der kleinen
Frau.
    Auch ich habe seit vielen Tagen nichts von ihm vernommen; gesehen habe ich
ihn zwar gestern früh, doch ohne ihn zu sprechen. Das darf uns aber weiter nicht
beunruhigen, liebe Madame Lange: erwiederte Helena sehr weich und freundlich. Er
ist Militair und die Pflichten seines Standes treten zwischen ihm und seinen
Freunden oft sehr gebieterisch ein. Wie ich zufällig hörte, ist er in einem
wichtigen Auftrage seines Chefs versendet.
    Mein Mann suchte ihn diesen Morgen in seiner Wohnung auf; seit gestern
Vormittag haben seine Diener nichts von ihm vernommen, nichts von einer Reise.
Nicht den unbedeutendsten Befehl haben Sie von ihm erhalten, der auf eine solche
Bezug haben könnte: sprach Karoline, ihre Stimme zitterte merklich; Helena sass
neben ihr, bleich wie ein Marmorbild.
    Sie wissen mehr als dies: flüsterte sie in namenloser Angst: bedenken Sie es
wohl, wir wuchsen mit einander auf, er ist der Bruder meines Herzens, meiner
Wahl; kann irgend ein lebendes Wesen auf Erden es besser mit ihm meinen als ich?
Teure, teure Freundin meines Freundes, zögern Sie nicht, sagen Sie mir Alles!
Sie haben einen Auftrag an mich, Sie sollen vielleicht auf etwas Entsetzliches
mich vorbereiten; o reden Sie, sprechen Sie es aus, fürchten Sie nichts, ich
ertrage alles, nur nicht diese peinlich langsam zögernde Qual!
    Helena hatte anfangs Karolinens Hände bittend ergriffen, dann ihren Nacken
umschlungen, dann sie an sich gezogen, fest, immer fester; Karoline fühlte das
ängstlich pochende Herz an ihrem Busen schlagen, sah dicht vor sich das schöne
bleiche Gesicht, das Auge voll heisser Liebesbitte, und war ohne weitere
Erklärung die Vertraute des reinsten innigsten Liebesbundes geworden.
    Und so entsagte sie fortan jeder Bedenklichkeit, die sie bis dahin noch
abgehalten, alles was sie auf dem Herzen hatte, frei und offen auszusprechen.
Umständlich, und doch für ihre Zuhörerin noch immer nicht umständlich genug,
trug sie jedes Wort ihrer letzten Unterredung mit Richard ihr vor, beschrieb
sein seltsames ungewöhnliches Benehmen, wiederholte die fast verworrenen Reden,
die ihm, gleichsam unwillkürlich entschlüpften. Helena hing indessen an ihren
Lippen, an ihren Augen, als gälte es dem Glück ihres ganzen Lebens, dass kein
Ton, kein Blick ihrer Aufmerksamkeit entginge.
    Und so verliess er uns, indem er die Besorgung seiner beiden Briefe uns
nochmals dringend empfahl: endete Karoline: wohin er sich gewendet, ist uns
unmöglich zu erraten. Sorge um ihn, die seltsamen Gerüchte, welche dumpf und
beängstigend die Stadt heute durchziehen, vereint mit der Verhaftung des Mannes,
an welchen einer dieser Briefe gerichtet ist, haben uns bewogen die Erfüllung
seines Auftrages um einen Tag zu beschleunigen. Seit ich Sie gesehen, bin ich
über diesen Schritt beruhigt, und lege alles vertrauensvoll in Ihre Hände,
setzte sie noch hinzu, indem sie die beiden Briefe nebst dem Zettel, in welchem
Richard an Helena sie gewiesen, ihr übergab.
    Wie jetzt alles steht, haben Sie das Beste erwählt: erwiederte Helena,
schwer aufatmend, mit erzwungener Fassung: ausserordentliche Ereignisse scheinen
wirklich im Anzuge zu sein, und was uns Allen bevorsteht, kann Niemand
vorhersehen. Doch kommt mein Vater hoffentlich noch heute; dann lege ich gleich,
in der ersten Stunde, alles in seine Hände, und Sie und ich sind jeder
Verantwortlichkeit entoben, was in solchen Fällen für unser Geschlecht immer
das Ratsamste ist: setzte sie mit einem Lächeln hinzu, das wie ein Sonnenstrahl
in das Herz ihrer Zuhörerin drang.
    Zoë erschien in diesem Augenblicke um zu melden, dass die Fürstin Eudoxia
ihre Tochter mit Ungeduld erwarte.
    Sie hören es, liebe Madame Lange, andere Pflichten rufen mich jetzt, aber
wir sehen uns wieder, und das bald. Sie haben Ihr Vertrauen an keine Unwürdige
verschwendet, und vielleicht zugleich einen tieferen Blick in mein Herz getan
als - errötend stockte sie, umarmte ihre neue Freundin, und eilte davon, von
weit schwereren Vorgefühlen gedrückt, als sie es sich selbst gestehen mochte.
Längst schon war Helena, ungeachtet ihrer grossen Jugend, in die Geheimnisse
ihres Vaters eingeweiht gewesen; beide wussten nicht genau, wann oder wie sie
dazu gelangte: es war eben ganz allmälig, gleichsam von selbst dazu gekommen.
    Fürst Andreas war von seinen patriotischen Ideen für die Verbesserung der
allgemeinen Wohlfahrt zu erfüllt, um im engeren Kreise seiner Familie und
vertrauten Freunde sie nicht vorzugsweise zum Gegenstande der Unterhaltung zu
wählen; und die warme Teilnahme, mit welcher seine jüngste Tochter ihm ihre
Aufmerksamkeit zuwandte, während er oft den Anflug von Langerweile sich nicht
ganz verbergen konnte, welcher bei seinem etwas breit gedehnten Vortrage des
oftmals Gehörten den übrigen Teil seiner Zuhörer zuweilen überkam, erhob die
Kleine gar bald zum Hauptgegenstande seiner väterlichen Liebe und Sorgfalt.
    Mit Entzücken sah er die junge Pflanze unter seinem Schutze an ihm
emporranken, immer herrlicher sich entfalten, immer inniger mit seinem
eigentlichsten Wesen sich verzweigen. Von ihm geleitet, entwickelte Helena nicht
nur die edelsten und liebenswürdigsten Eigenschaften ihres eignen Geschlechts,
sondern auch solche, die von demselben, in diesem hohen Grade kaum erwartet
werden: Mut und Geistesgegenwart in dringender Gefahr, unbestechliche
Urteilskraft unverbrüchliche Verschwiegenheit, und jenes tiefe ritterliche
Gefühl für Ehre, das den Mann zum Helden erhebt.
    Helena, durch Lehre und Beispiel ihrer Mutter darin bestärkt, sah ihrerseits
von ihrer frühesten Kindheit an in ihrem Vater das Bild der segnenden Gotteit
auf Erden. Mit jener kindlichen Pietät, die einen Grundzug im Charakter ihres
Volks ausmacht, hing sie an ihren beiden Eltern, in inniger Verehrung und Liebe,
und hätte den kleinsten Zweifel an das Urteil, an den edlen hohen Sinn ihres
Vaters, sich nie und nimmermehr verziehen.
    Nie kam es ihr in den Sinn mehr erfahren zu wollen, als er ihr mitzuteilen
für gut fand; daher kannte sie von den Geheimnissen des Bundes nur die glänzende
Seite, die mit des Fürsten Plänen und Unternehmungen in Zusammenhang stand, und
mochte nicht mehr davon wissen, wenn gleich mancher Argwohn der Kehrseite
desselben sich zuweilen ihr aufdrängen wollte. Sie bauete mit Zuversicht auf
ihren Vater, der wohl wisse was recht und erlaubt sei; er aber trug eine Art
religiöser Scheu davor, ihre reine Phantasie mit Bildern von Greueltaten zu
beflecken, deren Ausführung abzuwenden, stets in seiner Macht stehen würde, wie
er wähnte.
    Im festen Vertrauen auf die unbegrenzte Liebe, den unbedingten Gehorsam
seiner Kinder, auf die treue Anhänglichkeit seiner Gemahlin, war Fürst Andreas
wenig daran gewöhnt, in ihrer Gegenwart sich den mindesten Zwang in der
Unterhaltung anzutun, oder seine Worte abzuwägen; und so hatte denn die Fürstin
ihrerseits aus halbverstandnen Äusserungen sich manches zusammengesetzt. Das
Einzige, worüber sie zu einer Art von Gewissheit gelangte, war das Dasein eines
geheimen grossen Vereins, an dessen Spitze ihr Gemahl mit allen seinen
wohltätigen Plänen und Projecten sich gestellt hatte.
    Sie sah voll inneren Jubels dem Tage sehnsüchtig entgegen, an welchem der
geliebte Mann wie ein gottbegabter Wundertäter auftreten und die Schaaren
seiner Widersacher, an welchen es ihm, wie sie wusste, nicht fehlte, vor sich
niederschlagen würde. Die vor einigen Tagen in Mitchells Begleitung angetretene
Reise schien ihr gleichsam nur eine letzte Vorrichtung, eine Art Vorspiel zu der
grossen Haupt- und Staatsaction zu sein, deren Entwicklung sie bei des Fürsten
Heimkehr, in den nächsten Tagen, stolz und erwartungsvoll entgegen sah.
    Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als Eudoxia eines Morgens, zwischen
Schlaf und Wachen, den ihrem Gemahl bevorstehenden Triumph auf das glänzendste
sich ausmalte, bis eine Schreckensgestalt plötzlich ihre beglückenden Träume
verscheuchte. Die noch immer halbkranke Amme war es, die gefolgt von dem Heere
von Kammerfrauen zu ihr eindrang; mit verzerrtem Antlitz, zitternd, bis zum
Unkenntlichen entstellt, trug sie ihr in heulendem Tone die wunderlichsten
Gerüchte vor, die bis in ihr abgelegnes Zimmer so eben gedrungen waren. Von
Verhaftungen, von ausgebrochnen Unruhen in der Stadt, von revolutionairen
Bewegungen war die Rede. Die Namen des Fürsten, vieler Grossen, und auch Richard
Wood wurden bei dem Allen genannt. Einzelne Unbekannte, in Hut und Mantel tief
Verhüllte, sollten beim Portier eifrig und ängstlich nach des Fürsten Heimkehr
sich erkundigt haben.
    Die Fürstin starrte die Unglücksverkünderin an, begriff aus ihren
verworrenen und verwirrenden Reden nur, dass etwas höchst Unglückliches sich
zugetragen habe, und sank vom Schrecken übermannt in Ohnmacht hin. Die
Kammerfrauen, die sich der Amme nach, hinter den Vorhängen des Alkovens
zusammengedrängt hatten, brachen in überlautes Wehklagen aus. Die Verwirrung
wurde gross, sie wäre noch grösser geworden; doch Zoë, die von jugendlicher
Neugier getrieben, überall, wo etwas Ungewöhnliches vorging, zugegen war, hatte
glücklicher Weise Besinnung genug, ihre Gebieterin herbeizurufen. Helena
erschien; und obgleich selbst innerlich beunruhigt, behielt sie doch Fassung
genug dieses zu verbergen, und dem unnötigen Gelärme zu steuern. Die Fürstin
erholte sich aus ihrer tiefen Ohnmacht und gelangte, unter dem tröstlichen
Zureden ihrer Tochter, bald wieder zu einer Art von Beruhigung, die nicht wieder
unterbrochen wurde, weil Helena Sorge trug, alles was diese stören konnte, von
ihr fern zu halten.
    Es fehlte nicht daran; die Nachricht von dem plötzlichen Erkranken der
Fürstin hatte unter ihren näheren Bekannten sich schnell verbreitet. Ein eben
nicht gefahrdrohendes Krankenbett ist in der höheren Societät, besonders an
solchen Tagen wie dieses einer war, der willkommenste Versammlungsort; von allen
Seiten strömten Besuche herbei, welche in dem an das Schlafgemach der Fürstin
anstossenden Zimmer von Helena empfangen wurden. Die eigentliche Absicht
derselben war, ihrer Herzensbangigkeit in Vermutungen Luft zu machen, ihre
Neuigkeiten gegen andre einzutauschen, und nebenbei in diesem Hause sich ein
wenig auf Kundschaft zu legen, dessen abwesender Gebieter die allgemeine
Aufmerksamkeit, wenn gleich ganz im Stillen, nicht wenig beschäftigte.
    Die Conversation wurde sehr lebhaft betrieben, ohne ein befriedigendes
Resultat zu gewähren; einige einzelne, meistens im Militair vorgefallene
Verhaftungen ausgenommen, deren Veranlassung noch nicht bekannt worden, war eben
keine besondere Tatsache vorhanden. Im Äussern herrschte überall scheinbare
Ruhe; wie es im Innern mancher Brust damit stand, sah nur Gott! Schwer und
düster hing der Himmel gleich einem Leichentuche über der glanzerfüllten
Kaiserstadt; Jeder empfand die bange, beängstende Stille vor dem Ausbruche eines
alles zerschmetternden Orkans; auch Helena! sie hatte an diesem Morgen Namen
gehört, Anspielungen, Vermutungen vernommen, welche die Sehnsucht nach der
Rückkehr ihres Vaters beinahe bis zum Unerträglichen steigerten, und mit
bedrückenden Vorahnungen sie erfüllten.
    Nie zuvor in diesem Grade hatte sie die Sehnsucht nach einer teilnehmenden
Seele empfunden, nie unter den, nur für das Salonleben erzogenen jungen Damen
ihres Standes, eine solche gefunden oder gesucht. Ihr Vater, ihr Bruder Eugen
und Richard erfüllten allein ihr Gemüt, alle Drei waren jetzt fern, und sie
musste als eine wahre Gunst eines freundlichen Geschickes es annehmen, dass es
gerade heute, wo sie zum erstenmal so ganz vereinsamt sich fühlte, Frau Karoline
ihr zuführte.
Auch Richard lag indessen nicht auf Rosen. In ununterbrochener Einsamkeit der
quälendsten Ungeduld Preis gegeben, brachte er eine Reihe von Tagen zu, die ihm
zu Wochen sich ausdehnten. Täglich hielt er um eine Audienz beim Minister an,
die unter dem Vorwande, über keine Minute frei disponiren zu können, ihm eben so
oft abgeschlagen wurde.
    Ermahnungen, sich nicht zu beunruhigen, Versicherungen, dass alles nach
Wunsch gehe, sollten jedesmal den widerwärtigen Eindruck dieser sich stets
wiederholenden Antworten mildern, doch sie verfehlten gänzlich ihren Zweck.
Empört über die Behandlung des Ministers, die er hinterlistig nannte, hatte
Richard allen Glauben an ihn verloren; von allem was ausserhalb der vier Wände,
die ihn einschlossen, vorging, gelangte kein Laut bis zu ihm; und so brütete er
ganz allein über sich selbst und tausend Möglichkeiten, eine immer grausiger als
die andre, besonders wenn er an das Schicksal jener beiden Briefe dachte, die er
dem Kapellmeister Lange übergeben hatte.
    Es waren schwere, trübe Tage für ihn, aber sie zogen auch vorüber, wie alles
Leid und alles Glück unsers Lebens.
    Der an den Kaiser abgefertigte Courier kehrte zurück, und der Minister
säumte nicht dem Gefangenen seine Freilassung, nebst des Monarchen Genehmigung
der von demselben vorgeschlagenen Bedingung selbst zu verkünden. In den
schmeichelhaftesten, seiner Versicherung nach vom Kaiser selbst gewählten
Ausdrücken, sprach er zugleich den Dank desselben für den ihm und dem Reiche
geleisteten grossen Dienst aus, und Richard hatte von dem Augenblicke an alles
vergessen, was er in diesen Tagen gelitten, allen Groll, den er gegen den
Minister im Herzen getragen.
    Indessen war es doch wohl nur Höflichkeit, die ihn bewog, seinen während
seiner Gefangenschaft oft sehr deutlich geäusserten Unmut zu entschuldigen zu
suchen, denn in seinem Gewissen war er darüber sehr ruhig; er glaubte jetzt, von
jeder ferneren Verpflichtung befreit, sich endlich entfernen zu dürfen, und
wurde zu seiner nicht geringen Verwunderung abermals daran verhindert.
    Diesesmal ist es auf keine zweite Gefangenschaft abgesehen, wie Sie meine
harmlose Verlängerung Ihres Besuches ungerecht genug zu nennen beliebten; sprach
der Fürst ungemein freundlich: aber glauben Sie denn, dass unser Kaiser gewohnt
sei, ihm geleistete, wichtige Dienste, gleich dem Ihrigen, mit blossen kahlen
Worten zu belohnen?
    Und bin ich durch des Kaisers Anerkennung und die Bewilligung meiner Bitte
nicht schon überschwänglich belohnt? rief Richard.
    Was Sie für den geliebten Monarchen und unser Vaterland getan, ist von weit
bedeutenderen Folgen, als mitten in blutig-entscheidender Schlacht das Erstürmen
einer feindlichen Batterie; und so will er es auch betrachtet wissen, erwiederte
der Minister.
    Und mit Erstaunen vernahm Richard jetzt, wie der Kaiser aus eigner Huld und
Macht, mit Übergehung aller dazwischen liegenden Grade, ihn zum Obrist erhoben,
und ihn zugleich mit einer namhaften Anzahl Seelen dotirt habe, welche ihn in
den Stand setzen konnten, auf seinem dermaligen Range angemessene Weise zu
leben.
    So war er denn gleichsam mit einem einzigen Wurfe dem Ziele all seines
Hoffens nahe gebracht; denn bekanntlich dient in Russland militairischer Rang zum
Maassstabe und geht jedem andern vor. Ihm schwindelte, indem diese Überzeugung
sich ihm aufdrängte; ein paar Worte des Ministers, die auf sein jetzt so günstig
sich gestaltendes Verhältnis zu dem Hause des Fürsten Andreas hinzudeuten
schienen, setzten ihn vollends ausser Fassung. Kaum vermochte er ein paar übel
zusammengestellte Dankesworte aufzubringen; doch sein ihm wirklich wohlwollender
Gönner verargte ihm dies weiter nicht, indem er der ihn überwältigenden Freude
es zuschrieb, und entliess ihn freundlich.
    Ach aber diese Freude fand nicht lauter und rein Eingang in seine Brust!
Sein Herz zog wie zu einem eisigen Klumpen sich zusammen, als er mit einem
Gefühl von Entwürdigung, wie er nie zuvor es gekannt, seine Wohnung wieder
betrat. Was war in den Augen der Welt aus ihm geworden, seit er diese Schwelle
zum letztenmale überschritten! Meineidig, wortbrüchig, Verräter an Tausenden,
die ihn Bruder genannt, musste er in den Augen der Meisten dastehen: das war die
dunkle Seite seiner Tat.
    Dass er in seiner Lage so und nicht anders hätte handeln können, ohne ein
fluchbeladener Verbrecher zu werden; dass ein unter solchen Umständen ihm
abgenommener Eid jede bindende Kraft verlor; dass es pflichtgemässer wäre ihn zu
brechen, als ihn zu halten, würde seiner Überzeugung nach jeder Unparteiische
und zuletzt auch die allgemeine Stimme ihm zugestanden haben, hätte er nur den
Verdacht des Eigennutzes von sich fern halten können, wäre es nur möglich
gewesen, diese wahrhaft kaiserliche Belohnung auszuschlagen, die zu erhalten er
nie gedacht, und die dennoch von so unbeschreiblich hoher Bedeutung für seine
ganze Zukunft, für das höchste Glück seines Lebens werden musste!
    Schien es ihm doch sogar in seinem Unmute, als blicke sein alter treuer
Diener mit einer Art mitleidiger Verachtung ihn an, als er Herr Obrist ihn
nannte, zu seiner Standeserhöhung ihm Glück wünschte und wegen der, durch
dieselbe notwendig gewordenen neuen Uniform, seine Befehle erbat; denn die
durch den Courier mitgebrachten Neuigkeiten hatten um mehrere Stunden früher
sich in der Stadt verbreitet, als Richard selbst sie erfahren.
    Immer noch hatte er keinen klaren Begriff von dem ausgebreiteten Umfange der
Folgen dessen was er getan; er hatte Momente in denen er wünschte, sie nie zu
erfahren. Niemand war um ihn, der ihm tröstend zugesprochen hätte; zu mutlos,
um den Nachrichten entgegen zu gehen, welche er zu vernehmen erwarten musste, zu
ungeduldig, um sie untätig an sich kommen zu lassen, stand er zögernd da.
    Ein heller Freudenschrei dicht neben ihm riss aus diesem trübseligen Zustande
ihn auf, liebende Arme umschlangen seinen Nacken, seine Kniee, Tränen und Küsse
bedeckten seine Hände. Der gute kleine Kapellmeister war es, der mit seiner
Freude ihn wiederzusehen, mit seinem Danke für das was er vollbracht, ihn
bestürmte, und nicht von ihm abliess, bis er spät wie es war ihn bewog, nach
Hause ihn zu begleiten, wo Frau Karoline nicht minder freudig bewegt als er, mit
ihren guten und bösen Nachrichten, ungeduldig seiner harrte.
Des Fürsten Andreas Heimkehr, ob zufällig, oder auf äussere Veranlassung, möge
dahin gestellt bleiben, traf fast gleichzeitig mit Richards Freilassung und der
Ankunft des Couriers von Taganrog zusammen. gleich in der ersten Stunde fand
eine derselben unmittelbar folgende Zusammenkunft zwischen ihm und dem Minister
Statt; sie währte lange, bis tief in die Nacht hinein, und endete mit
anscheinender Zufriedenheit beider Teile.
    Doch schon am folgenden Morgen gingen grosse Veränderungen, sowohl im Hotel
des Fürsten Andreas, als in dem seines Schwiegersohns, des jungen Fürsten
Konstantin vor, die auf baldiges schnelles Verlassen des bisherigen Wohnsitzes
dieser beiden Familien deuteten, und zwar auf längere, anscheinend sehr lange
Zeit. Gegenstände wurden eingepackt und zum Mitnehmen bereitet, die man sonst
stets unberührt an ihrem Platze gelassen; seltne oder sonst sehr kostbare Bücher
und Handschriften aus des Fürsten Andreas Bibliotek, grosse Gemälde berühmter
Meister, Kostbarkeiten, Kunstgegenstände aller Art; es sah beinahe aus, als
sollten nur die kahlen Wände zurück bleiben.
    Im strengsten Kontraste mit diesem lärmenden Treiben standen die von der
fürstlichen Familie bewohnten Zimmer im Innern des Gebäudes; dort herrschte
ängstliche Stille, nur leises Geflüster war hörbar, und lautloses
Umherschleichen wie auf Socken. Der Fürst sass in seinem Kabinet, vertieft in
Geschäften; liess nur diejenigen seiner Untergebenen vor sich, mit denen er
dergleichen abzutun hatte, und nahm keinen andern Besuch an. Mitchell im
Vorzimmer desselben, wie angemauert hinter seinem Schreibepulte, umgeben mit
ellenlangen Rechnungen, Courszetteln, Preiscouranten, schien dort als
Schildwache angestellt, und tat über alle Maassen wichtig.
    Die Fürstin Eudoxia hatte einen Rückfall ihrer Krankheit erlitten, auch sie
liess alle Besuche sich verbitten, Helena durfte weder bei Tag noch bei Nacht ihr
von der Seite weichen.
    Gleich allen Übrigen wurde auch Richard abgewiesen, seine Verzweiflung war
grenzenlos. Frau Karoline wollte es unternehmen, ihm Nachricht von Helena zu
bringen, aber auch ihr wurde, obgleich auf sehr höfliche Weise, der Zutritt für
jetzt verweigert; selbst die kleine Zoë, an die sie, um doch nur etwas zu
erfahren, sich wenden wollte, war nicht zugänglich; das arme Kind durfte keinen
Augenblick von dem in der Nähe ihrer Gebieterin ihr angewiesenen Posten sich
entfernen.
    Bis zum grauenden Morgen wanderte Richard die Nacht hindurch um die Mauern
des Palastes herum, der einst auch seine Wohnung gewesen, wie ein unseliger
Geist die Stätte umwandelt, wo er seine Schätze vergraben; und blickte hinauf zu
dem vom Schimmer einer Lampe matt erleuchteten Fenster, hinter welchem Helena am
Krankenbette ihrer Mutter wachte.
    Später eilte er seiner Wohnung zu; auch dort fand er weder die körperliche
noch die geistige Ruhe, deren er so nötig bedurfte. Der Wunsch zu erfahren,
was, wie er wohl sah, Freunde und Bekannte ihm zu verhehlen strebten, quälte ihn
unsäglich: man ging nicht wahr, nicht offen mit ihm um, das merkte er deutlich.
Die ihm wohl wollten, verschwiegen ihm aus Schonung, was er am Ende doch
erfahren musste, und seiner Ansicht nach je eher je besser; die Andern machten
sich davon, sobald sie die Neugierde befriedigt hatten ihn zu sehen, nun er eine
gewisse Notabilität erlangt hatte, und wollten erst abwarten, auf welchem
Standpunkte er festen Fuss fassen würde, ehe sie über ihr künftiges Betragen
gegen ihn sich entschieden.
    Was hilft mir die Meinung, das Lob oder der Tadel des Einzelnen; das Urteil
des Volkes, der Menge, ist hier das wahre ächte Gottesgericht, von welchem kein
Appelliren gilt; rief Richard, indem er in einen ziemlich unscheinbaren Überrock
sich warf, und, wie er früher in ähnlicher Absicht, wenn gleich auf andere
Veranlassung, zuweilen getan, einen entfernteren Teil der ungeheuern Stadt
aufsuchte, wo er persönlich unbekannt zu sein hoffen durfte.
    Es war ein schöner sonnenheller Feiertag; in Kaffee- und Weinhäusern,
Billarden und Restaurationen, kurz an allen öffentlichen Orten war eine zahllose
Menge, meistens aus den mittleren und diesen zunächst untergeordneten Ständen
versammelt, überall hörte er die neuesten Neuigkeiten des Tages besprechen. Noch
fielen täglich in den angesehensten und beliebtesten Familien neue Verhaftungen
vor, von denen er durch seine Freunde nichts erfahren; hier erst, jetzt erst
konnte er den ganzen Umfang des Elendes übersehen, das diese Unglücklichen über
sich selbst gebracht! Sie hatten zu Andrer Verderben die Mine gegraben, die
jetzt sie und ihr Glück in die Luft sprengte. Sie waren unglücklich; das war für
die, welche nicht weiter sahen, genug; ihre grosse Schuld blieb unsichtbar. Das
oberflächliche, nicht tiefer blickende Mitleid sah nur ihr Unglück, und liess,
was wohlverdiente Strafe war, nur als solches erscheinen.
    Bei jeder Gelegenheit hörte Richard seine Tat auf tausendfache Weise
erzählen, kommentiren, beurteilen, selten gerecht anerkennen. Er hörte
Beweggründe derselben sich unterschieben, an die er nie gedacht: Ehrgeiz,
Eigennutz, Sucht sich auszuzeichnen, sich einen Namen zu machen.
    Mehrere ältere und jüngere Männer, Krämer, Handwerker, sassen in einer Ecke;
sie steckten kannegiessernd die weisen Häupter zusammen, und sprachen überlaut
genug, um weiter als an ihrem Tische deutlich vernommen zu werden.
    Ich sage es Euch: sprach ein alter Mann, in welchem Richard einen
Schreinermeister erkannte, der früher beim Fürsten Andreas einiges gearbeitet
hatte: ich sage es Euch, rief der Alte, und schlug mit der Faust auf den Tisch,
dass die Gläser klirrten: mit dem schwärzesten Undanke hat er der fürstlichen
Familie gelohnt. Ich weiss es genau, denn ich ging damals dort viel aus und ein.
Als einen kleinen verlassenen englischen Bettelbuben hat der Fürst Andreas ihn
aufgenommen, aus Mitleid; hat mit seinen Kindern ihn auferziehen lassen, und nun
lohnt er ihnen so!
    Aus Rache, aus purer Rache; aber sollte man es glauben, dass die Frechheit so
weit gehen kann! fiel sein Nachbar dem Schreinermeister ein: hat der
neugebackene Herr Obrist sich es doch einfallen lassen, seine Augen bis zu der
Prinzessin Tochter des Fürsten Andreas zu erheben! Und dafür, dass sie den
Freiersmann nach Verdienst abgewiesen haben, muss jetzt der Fürst mit den
Seinigen aus Petersburg verbannt werden, und die jungen Prinzen - -
    Richard hielt es nicht länger aus; - Gott steh' uns bei! ich glaube das war
er selbst, sprach leise der alte Schreiner, und schlug ein Kreuz, indem er
erbleichend dem Hinausstürmenden nachsah.
Ohne weiteres Besinnen, entschlossen nicht von der Stelle zu weichen, bis er
beim Fürsten Andreas Zutritt erlangt, eilte Richard vorwärts. Am Eingange des
Hotels hemmte Entsetzen seine Schritte, und die Kniee wollten unter ihm
zusammenbrechen. Ein langer, von vielen Geistlichen begleiteter Leichenzug,
bewegte sich langsamfeierlich aus dem Innern des Palastes hinaus, gefolgt von
fast Allen die zum Hause gehörten, vom ersten Secretair des Fürsten an, bis
hinab zum letzten Stallbuben.
    War es Wirklichkeit? war es ein der Hölle entsprossenes Traumgesicht? seiner
selbst kaum sich bewusst, wollte Richard zum Sarge hin, fühlte aber von einer
eiskalten Hand sich zurückgezogen und festgehalten.
    Keinen Schritt weiter! rief dicht hinter ihm eine tiefe ernste Stimme. Ein
neunzigjähriger Greis sprach drohend diese Worte: Richard kannte ihn wohl, es
war der älteste Diener des Hauses, der den jetzigen Gebieter desselben noch auf
den Armen getragen, unter dessen schonender Pflege er jetzt das Ende seiner Tage
hier erwartete.
    Störe nicht die Ruhe der Todten, Leichen bluten von Neuem, wenn der Mörder
ihnen naht: raunte der Alte zürnend ihm zu; es sah seltsam aus, wie lebhaft das
dunkle zornflammende Auge unter den schneeweissen buschigen Augenbrauen hervor
blitzte; kalte Schauer rieselten Richard durch Mark und Gebein. Du darfst nicht
weiter, und wärst Du Feldherr geworden, statt Obrist: rief der Alte abermals,
eine unwillkürliche Bewegung Richards missverstehend, und fasste ihn wieder.
    Sprache und Atem versagten diesem vor Schreck und Grausen: er wollte
sprechen, und konnte nur die Lippen bewegen. Der Alte sah dies, er war
schwerhörig geworden, und glaubte zu verstehen was Richard seiner Meinung nach
fragte.
    Elisabeta Christianawna: sprach er feierlich; sie ist auch Deine
Wohltäterin gewesen, von Deiner Jugend an, und ist jetzt Dein erstes Opfer. Was
tut's? andre werden folgen; am liebsten ich, denn ich bin es müde in einer Welt
zu leben, wo solche Dinge geschehen. Die treue Amme sank vom Schlage getroffen
zu den Füssen ihrer Herrin todt hin, als sie den Fall unsers Hauses unvorbereitet
vernahm.
    Jetzt riss Richard gewaltsam von dem Alten sich los, der Leichenzug hatte
sich indessen vorwärts bewegt, in der dadurch verödeten Vorhalle war Niemand ihn
aufzuhalten, und ungehindert eilte er die Treppe hinauf, und stand in dem ersten
der Reihe von Zimmern, die zu denen des Fürsten führten, vor Helena.
Ich wusste es wohl! und nun bist Du da! rief Helena ihm entgegeneilend; ihre
Wange glühte, ihr Auge strahlte in erhöhtem Feuer; etwas ungewohnt Hastiges in
ihren Worten, in ihren Bewegungen, deutete auf heftige innere Aufregung. Stumm
lag Richard zu ihren Füssen, umfasste ihre Kniee, verbarg sein Gesicht in ihrem
Kleide; sie schien es nicht gewahr zu werden, machte keinen Versuch ihn zum
Aufstehen zu bewegen, und fuhr ungewöhnlich schnell sprechend fort:
    Es ist Verläumdung, Unwahrheit, Missverstand von Seiten meines Vaters, was
weiss ich! ich habe es ihm gesagt, aber er will es nicht glauben. Und doch ist es
so; wir können sterben, Richard, aber nicht ehrlos handeln. Du so wenig als ich.
Du bist nicht zum Obrist erhoben, nicht mit Gold und Gütern für einen Verrat
belohnt der - ich könnte darüber lachen, dass man Dir so etwas zutraut, wären die
Folgen davon nur nicht so ernstaft. Aber wie ist es nur möglich dergleichen zu
ersinnen? Wie böse ist die Welt geworden! wie lügen die Menschen! und wesshalb?
    Du sprichst noch immer kein Wort zu mir? fing sie nach kurzem Schweigen
wieder an. Ich sehe es wohl, Du bist empört, dass selbst mein Vater - und Du
bist's mit Recht. Ich aber, mein Richard, ich blieb immer Deiner gewiss, ich habe
nie an Dir gezweifelt, nie, keinen Augenblick. Doch sage nur einmal: Helena, ich
tat es nicht! nur einmal sprich es aus, das Einzige erbitte ich mir von Dir.
    Denke nur nicht, dass ich, um im Glauben an Dich festzuhalten, dieser
Versicherung bedarf; ich weiss es ja, wir beide sind nicht zu erkaufen, nicht um
des Kaisers Tron, nicht um die Welt! fuhr sie, nach und nach immer besorgter,
immer ängstlicher fort: sage es nur, weil ich es wünsche, aus Liebe zu mir,
sprich es aus, mein Richard, bat sie, und versuchte mit zitternden Händen, mit
nach Atem ringender Brust, ihn aus seiner knieenden Stellung zu bringen, und
in's Auge ihm zu sehn.
    Sage, nur einmal sage: ich tat es nicht! nur die drei Worte, sprich sie
aus: Richard! Geliebter! flehte sie nochmals mit ängstlich ersterbender Stimme
und umfasste ihn, und blickte ihn an, als wolle ihr Leben in dieser Bitte sich
auflösen.
    Tiefe Stille erfolgte. Helenas kleine zarten Hände vermochten nicht länger
ihn aufrecht zu erhalten, er sank wieder zu ihren Füssen. Sie kniete neben ihm
nieder, sie umschlang seinen Nacken, sie lehnte ihr Köpfchen an seine Brust, sie
hauchte leise, leise: o sage, ich tat es nicht!
    Er fühlte den warmen Lebensatem an seiner Wange wehen. Er sank tiefer,
seine Stirne berührte den Boden, ein Seufzer wie Todesröcheln und nun die mühsam
ausgestossnen Worte: ich kann nicht, was Du verlangst!
    Helena wankte einen Augenblick, ihre Farbe wechselte, ihr Atem stockte,
dann erhob sie sich von den Knieen. Bleich wie ein Marmorbild reichte sie ihm
die Hand, um ihn aufstehen zu heissen, und er gehorchte ihrem Winke.
    Warum bleibst Du nicht wahr gegen mich? warum verläumdest Du Dich selbst?
fragte sie feierlich ernst. Welche missverstanden-edelmütige Überspannung, denn
ein andrer Grund Deines seltsamen Beginnens ist unmöglich, verleitet Dich dies
sogar gegen mich zu versuchen? Besinne Dich, Richard, komme wieder zu Dir
selbst, erinnere Dich, dass der vollständigste Gegenbeweis Deiner Selbstanklage
in meinen Händen ist; sieh her!
    Richard blickte zu ihr auf; sie zeigte jene beiden Briefe, die er dem
Kapellmeister zur Besorgung übergeben, erbrochen ihm vor.
    In Abwesenheit meines Vaters öffnete ich sie an dem dazu bestimmten
Donnerstage, wie Du selbst es angeordnet hattest, sprach Helena sehr fest und
bestimmt. Hier zuerst diese zwei Worte an Pestel: »Verrat durch Mayboroda und
Rostowzoff. Eile, morgen wäre es zu spät!« und nun diese Zeile an meinen Vater:
»Das Unheil bricht los, Tod und Verderben rund um uns her. Schutz dem
geheiligten Leben unsers Kaisers!« Und warum, sprich, warum willst Du auf Dich
nehmen, was jene beiden mir völlig Unbekannten verübten? Hast Du meiner denn so
ganz vergessen können? fragte sie milder, beinahe lächelnd.
    Richard hatte indessen jene Stimmung wieder gefunden, die damals auf dem
Gange zum Minister ihm Kraft gab, das Schwerste zu vollbringen. Mit dem vollsten
Ausdrucke innigster Liebe fasste er Helenas Hände und drückte sie an seine Brust.
Höre mich Geliebte, bat er, höre mich bis an's Ende. Versprich mir mich nicht zu
unterbrechen, wenn mein Geständnis Dir rätselhaft erscheint. Vertraue mir, wer
hat gerechtere Ansprüche an Dein Vertrauen als ich? Bist Du nicht mein? Bin ich
nicht Dein? darum glaube mir, glaube fest, das Rätsel wird zu Deiner
Zufriedenheit sich lösen.
    Ich glaube Dir! antwortete Helena eifrig und gespannt.
    Was Mayboroda und Rostowzoff, zum Untergange Aller und zur eignen
Sicherheit, aus persönlicher Feigheit vollbringen wollten, Helena, Geliebteste,
ich musste es hindern - ich konnte dieses nur indem ich ihnen zuvor kam - nur
einen Augenblick ertrage das Geständnis, dass ich es selbst getan! Alles soll
sogleich Dir deutlich werden, und Dich damit versöhnen.
    Nein, nein, nein: rief Helena, mute mir nicht Unmögliches zu! dies zu
glauben ist unmöglich: ich verstehe Dich wahrscheinlich nicht, drücke deutlicher
Dich aus, gewiss liegt hier ein Missverstand zum Grunde, gewiss versteh' ich es
nicht wie Du es meinst.
    Helena, ich vollbrachte einige Tage früher als sie es konnten, nach schwerem
Kampfe mit mir selbst, was jene beabsichtigten. Ich musste es, nachdem der Zufall
mir ihr Geheimnis entdeckt hatte; für Dich, für Deinen Vater, für den Kaiser und
unser Land wagte ich es, da keine Aussicht zur Rettung vor allgemeinem
Untergange sich mir zeigte.
    Und schriebst auch diese Zeilen? fragte Helena, fast unhörbar, aus schwer
beklommener Brust.
    Ich schrieb sie, und gab -
    Nein, nein, nein! das kann nicht sein: rief abermals Helena.
    Geliebteste, muss ich an Dein Versprechen, bis an's Ende mich anzuhören, Dich
erinnern? bat Richard, und fuhr dann fort: Voraus zu sehen, welche Wendung meine
Audienz beim Minister nehmen würde, war unmöglich. Um in jedem Falle, wenn ich
etwa ganz untätig gemacht würde, nicht Alles dem Zufalle zu überlassen, um doch
so viel an mir lag dem grössten Unheil vorzubauen, gab ich auf dem Wege zum
Minister -
    Falsch! zweizüngig! rief Helena verzweifelnd.
    Nicht falsch, nicht zweizüngig, nur vorsichtig: erwiederte Richard.
    Falschheit und Vorsicht gehen immer zusammen, erwiederte Helena.
    Richard schwieg, schmerzlich verletzt: sie sah es und reichte, gleichsam
versöhnend, ihm die Hand. Er drückte sie an seine Lippen, an sein Herz. Beide
standen schweigend, mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, neben einander da.
    Aber Du bist nicht zum Obrist erhoben, bist nicht zum Lohn Deiner Tat vom
Kaiser reich dotirt? fing Helena mit peinlicher Lebhaftigkeit wieder an. Nein,
das bist Du nicht! Aber sage mir, dass Du es nicht bist, versichre mich, dass
Niemand auf Erden sagen, oder denken, oder auch nur von fern argwöhnen kann, Du
seist zum Meineid, zum Verrat erkauft! bat sie mit dem weichsten Tone
schmeichelnder Überredung.
    Meine Helena, flüsterte Richard auf ihre Hand gebeugt, ich bin wirklich
durch des Kaisers Gnade reich beschenkt, bin zum Obrist plötzlich gestiegen, zu
meinem höchsten Erstaunen, ohne mein Zutun, wider mein Erwarten, ich könnte
sogar sagen, gegen meinen Wunsch.
    Helena hörte ihn schon lange nicht mehr. Gleich nach den ersten Worten, die
er gesprochen, stiess sie einen lauten Schrei aus und verbarg vernichtet, aber
nicht ohnmächtig, ihr Gesicht in die Kissen des Diwans.
    Helenas Vater trat in diesem Augenblicke in das Zimmer. Der Jammerruf seiner
Tochter war bis zu ihm in das Innre seines abgelegenen Arbeits-Kabinets
gedrungen, und aufgeschreckt eilte er ihr zu Hilfe, an dem verzweifelnden
Richard vorüber, wie es schien, ohne die Gegenwart desselben gewahr zu werden.
Mit unbeschreiblicher Liebe nahm er seine Tochter in die Arme, indem er zu ihr
auf den Diwan sich setzte, nannte sie bei den süssesten Schmeichelnamen, wie nur
die zärtlichste Vaterliebe sie ersinnen kann, und fuhr, ohne ihre Frauen zur
Hilfe herbei zu rufen, in seinen Bemühungen sie wieder zu sich selbst zu bringen
fort, bis Farbe und Lebenswärme ihr wiederkehrten.
    Mein Vater! mein lieber, lieber Vater! o bleibe Du bei Deinem ganz verarmten
Kinde; mein Leben ist noch so jung, ach, und es war so reich! klagte Helena ganz
leise, und brach dann, wohl zum erstenmal seit ihrer Kinderzeit, in seinem Arme,
an seine Brust geschmiegt, laut schluchzend in einen Strom von Tränen aus.
    Sie flossen lange und unaufhaltsam; der Fürst erkannte die wohltätige
Erleichterung, die sie seiner Tochter in ihrem Schmerze gewährten; er trocknete
sie mit sanfter Hand, ohne sie hemmen zu wollen, bemühte sich Helena eine
bequemere Stellung auf ihrem Diwan zu geben, stand dann auf, und ging auf
Richard zu, der bei seiner Annäherung nicht trotzig, aber auch nicht wie ein
Schuldbewusster, das von Schmerz umdunkelte Auge zu ihm erhob.
    Viel Zeit ist verflossen, und gar vieles ist anders geworden, Herr Obrist,
seit wir uns nicht sahen: sprach der Fürst vornehm kalt, und mit sichtbar
erzwungener Fassung.
    Mein gnädigster Herr, erwiederte Richard tief bewegt, ich wage es an jene
uns noch so nah liegende Zeit Sie zu erinnern, in der ich Sie Vater nennen
durfte; beim Andenken an diese beschwöre ich Sie, mir heute endlich zu gewähren,
wonach ich Monate, ich könnte sagen Jahre lang gerungen, freies unparteiisches
Gehör. Wollte Gott, es hätte damals Ihnen gefallen, es mir nicht zu verweigern!
    Richard, wozu längst Vergangnes nochmals besprechen? Lass Zeit und Atem uns
sparen; erstere ist mir besonders karg zugemessen, da ich morgen auf lange,
vermutlich auf immer Petersburg verlasse: erwiederte Fürst Andreas, indem er,
absichtlich oder aus alter Gewohnheit, in seinen sonst gewöhnlichen Ton gegen
Richard verfiel. Diese Folge Deiner Donquixotiade, fuhr er fort, lag wohl nicht
in Deinem Plane? Auch nicht dass mein Sohn Isidor seinen Platz, als Attaché bei
der Gesandtschaft in **** verlieren sollte, und Dein brüderlicher Freund Eugen
den von hoher Hand ihm erteilten Rat, um seinen Abschied vom Regiment
einzukommen, befolgen muss?
    Dass mein jüngster Sohn Alex dies Schicksal mit ihm teilt, will ich nicht
erwähnen; Alex ist noch so jung, dass diese Frist, die ihm vergönnt, in England
oder Amerika für den Dienst der Marine sich vollends auszubilden, ihm nur
vorteilhaft werden kann. Du siehst ich bin billig, ich suche nicht Deine Schuld
zu vergrössern.
    O warum musste ich, von geheimnissvollem Dunkel umgeben, auf den schmalen,
zwischen Abgründen hinlaufenden Pfad hinausgestossen werden! ratlos! verlassen!
ohne eine leitende Hand, die mir zum Führer dienen konnte! seufzte Richard.
    Dieses Warum kann mit sehr wenigen Worten Dir gelöst werden; erwiederte der
Fürst: Dir ward kein Führer beigesellt, weil Du auf dem Platze, an welchen Du
gestellt worden warst, keinen bedurftest. Hast Du denn unsre Abschiedsstunde,
vor Antritt Deiner Reise mit dem nervenkranken Schwärmer Iwan, so gänzlich
vergessen? und wie zutraulich ich damals mein ganzes Herz, alle meine Gedanken
Dir offenbarte? Erinnerst Du Dich nicht mehr Deines Versprechens: es komme was
da wolle, mir unbedingten Glauben zu schenken? Hättest Du Dir an dem Vertrauen
genügen lassen, das ich Dir bewiesen; wäre es nie Dir eingefallen, da
selbsttätig eingreifen zu wollen, wo Du doch offenbar die Verknüpfung des
Ganzen nicht überschauen konntest, ja freilich, dann stände Alles um uns her
anders!
    Der Mensch im Allgemeinen ist bestimmt, entweder Ambos oder Hammer zu sein,
sagt ein berühmter deutscher Poet; fuhr der Fürst fort: Du wardst zum Ambos
geschaffen, Du meintest Dich geeigneter Hammer zu sein, und nun liegen die
Folgen dieses stolzen Wahns, zu Deinem eigenen Entsetzen, in Trümmern um Dich
her!
    Richard errötete; es ward ihm schwer das zornige Gefühl zu unterdrücken,
das bei dieser letzten Äusserung des Fürsten in ihm aufloderte; doch behielt er
sich genugsam in seiner Gewalt, um weder sich selbst zu viel zu vergeben, noch
die dem edlen Greise schuldige Ehrfurcht zu verletzen, dem er so unendlich viel
zu verdanken hatte.
    Hammer wollte ich nie sein, denn ich fühle zum Zertrümmern mich nicht
geeignet; doch wahrlich auch nicht der geduldige Ambos, der schwerfällige Klotz,
auf welchem Jeder nach eigenem Gutdünken herumhämmern darf; erwiederte er
bescheiden, aber fest und bestimmt. Nur Ihr Unwille kann für den Augenblick mich
so erniedrigen wollen; all mein Hoffen, das ganze Glück meines Lebens geht an
ihm zu Grunde; wie ich es in Zukunft tragen werde, weiss ich nicht, wohl aber dass
ich Ihrer Verachtung rettungslos erliegen müsste. Mein Fürst, fuhr er in
steigender Bewegung fort: Sie, der Sie im niedrigsten Leibeigenen das Gefühl
seines Menschenrechtes anerkennen, können Sie mir, dem Unglücklichen, den Sie
einst Ihren Söhnen gleich stellten, es verargen, dass er zum blinden Werkzeuge
sich nicht erniedrigen lassen konnte?
    Mein Gleichniss hinkt, ich merke es wohl; doch das ist nun einmal so in der
Regel, mag es darum sein! erwiederte der Fürst leicht hingeworfen, mit
scheinbarer Gleichgültigkeit. Doch jetzt sprich ohne Scheu es aus, was Du etwa
noch auf dem Herzen haben kannst. Ich möchte diese letzte Gelegenheit dazu, die
sobald Dir nicht wiederkehren wird, Dir nicht verkümmern; setzte er nach einigem
Schweigen hinzu, während welches er Richard betrachtete, als wolle er die
geheimsten Gedanken seiner Seele durchschauen.
    Durch Mitchell veranlasst, entdeckte mir ein Zufall die Gefahr, welche dem
Geheimnisse des Bundes drohte; fing Richard an.
    Und Du meinst dass ich, ja dass selbst Pestel, sie nicht weit früher erkannt
haben sollten, als Du und Dein weiser Landsmann? fiel der Fürst ihm lebhaft ein.
    Richard erbleichte vor Schrecken. O hätte ich dies ahnen können! rief er:
hätten Sie damals, als ich, wahrscheinlich im Vorgefühle dessen, was jetzt
geschehn, so ängstlich strebte - -
    Nach gewünschter Gelegenheit all Deine Zweifel, Deine Besorgnisse, zum - ich
weiss nicht wie vielsten Male vor mir auszuschütten? fiel Fürst Andreas abermals
ihm ein. Ohne die Wahrheit im mindesten zu verletzen, könnte ich, bei dem seit
Mitchells Hiersein besonders sich häufenden Andrange von Geschäften, den
wirklichen Mangel an Zeit als erstes Hindernis angeben, daneben aber auch, ganz
unter uns, die heimliche Furcht vor dem Ennui, dem dabei nicht entgehen zu
können, ich voraussah. Doch die ganze Sache ist für uns Beide zu ernst geworden,
als dass ich nur den Anschein eines frivolen Scherzes darüber mir erlauben
sollte. Da ich indessen von Allem was Dich angeht zu genau unterrichtet bin, um
von Dir etwas Neues erfahren zu können, so höre lieber meine Bekenntnisse an:
    Stets ging ich darauf aus meine Menschenkenntnis zu erweitern, und machte
mir daher, von Eurer frühesten Kindheit an, sowohl Deinen, als meiner eigenen
Söhne Charakter zum Gegenstande aufmerksamster Beobachtung. Dein ahnungsvolles
Wesen, Dein zu weiches, leicht zu verletzendes Gemüt, zeichneten vor allen
Deinen Jugendgenossen sehr merklich Dich aus; daher fasste ich, als Du völlig
erwachsen warst, aus wahrhaft väterlicher Fürsorge für Deine künftige Ruhe, den
festen Entschluss, von jenem Geheimnisse, auf welches ich damals noch meine
kühnsten Hoffnungen gründete, Dich stets fern zu halten, und Deine Aufnahme in
den Bund, so eifrig Dein Freund Eugen sie auch betreiben mochte, standhaft zu
verhindern.
    Der Zufall wollte es anders; wider meinen Willen machte er Dich zum
Augenzeugen dessen, was ich Dir ewig verbergen wollte; und um aus dringender,
sehr grosser Gefahr Dich zu retten, blieb mir nichts andres übrig, als zu dem
einzigen Mittel zu greifen, das mir noch zu Gebote stand.
    Mein Beschützer, mein Wohltäter, mein Vater, habe ich denn andres gewollt
als dieses? rief Richard gerührt bis zu Tränen: war denn, was ich mit dem
beabsichtigte was ich gewagt, nicht ganz das Nämliche was Sie gewollt? War nicht
bei gänzlichem Vergessen meiner selbst mein einziger Zweck, Sie und die Ihrigen,
Kaiser und Vaterland, vor schmähligem Untergange zu bewahren?
    Der Fürst blickte düster vor sich nieder, schwere Wolken des Unmuts zogen
auf seiner Stirne sich zusammen. Nie sollte der Mensch unternehmen, in den
Lebensgang eines Andern einzugreifen, oder auch nur unberufen ihn bevormunden zu
wollen, und in dieser Hinsicht haben, genau genommen, vielleicht wir alle Beide
gefehlt; sprach er sehr ernst und trübe vor sich hin. Doch aber will mir
bedünken, als ob wir in diesem einzelnen Falle nicht auf ganz gleichem Boden
einander gegenüber gestanden wären; setzte er bitter lächelnd, fast höhnisch
hinzu: ein geringer zwischen uns bestehender Unterschied lässt sich doch nicht
ganz abläugnen, etwa wie der zwischen Vater und Sohn. Und so hätte ich denn
damals mich doch nicht als ganz unberufener Vormund Dir aufgedrängt.
    O hätten Sie nie, nie Ihre väterliche Hand von mir abgezogen! hätten nie
meiner eigenen Leitung mich überlassen! seufzte Richard.
    Im Gegenteil, nachdem Du gewissermassen als mündig Dich emancipirt hattest,
hätte ich meine Vormundschaft aufgeben, und gegen Dich vorsichtigere Massregeln
in Anwendung bringen sollen, um Deinem Einmischen zur unrechten Zeit Schranken
zu setzen, erwiederte Fürst Andreas mit sichtbar steigendem Unmute. Dass ich
dieses versäumte, ist ein Fehlgriff von meiner Seite; ein weit grösserer aber ist
es noch, dass ich so fest auf Dein mir gegebenes Wort mich verliess, als ob es
mein eigenes gewesen wäre, auf Dein Versprechen, im Glauben an mich nicht zu
wanken, mir unbedingt zu vertrauen. Ich sagte Dir, der Bund sei aufgelöst, er
war es damals, und wäre für Dich es immer geblieben. Sogar mein Nichtbeachten
Deiner Besorgnisse, mein Vermeiden Dich anzuhören, musste, wenn Du mir recht
vertrautest, in diesem Glauben Dich bestärken.
    Wie wäre, bei den Beweisen vom Gegenteile, die von allen Seiten sich mir
aufdrängten, dieses möglich gewesen! rief Richard: und als ich nun vollends mit
eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören musste -
    Was ich lange vor Dir gesehen und gehört hatte; oder meinst Du wirklich, ich
wäre etwa taub und blind geworden? fuhr der Fürst, seinen Vorsatz, sich nicht
aus der Fassung bringen zu lassen, vergessend, sehr heftig auf. Voreiliger Tor!
rief er, wie kannst Du wissen, ob ich nicht noch vor der Stunde, in welcher Du
auf Deinen irrenden Ritterzug auszogst, auf dem Wege nach Tangarog mich befand,
und ob nicht der mich einholende Courier des Ministers mir Depeschen
überbrachte, die zur Rückkehr nach Petersburg mich nötigten, während jener auf
seiner Sendung zum Kaiser nach Tangarog vorwärts eilte?
    Des Fürsten Augen sprühten Feuer, flammende Röte überzog sein Gesicht;
seine Haltung, seine hohe kräftige Gestalt gewannen den furchtbarsten Ausdruck
höchster Entrüstung: Ich war Stifter des Bundes, rief er, und schlug mit
geballter Faust auf seine Brust, dass es hohl wiederhallte: und ich, ich allein
war berechtigt, ihn in seiner Entartung zu vernichten; ich besass die Kraft, den
Mut, den Willen dazu. Eitler, Schwachsinniger, der Du Dich berufen, der Du Dich
fähig wähntest, die Entscheidung des Schicksals unsers grossen Monarchen und
seines unabsehbar grossen Reichs, mit all den Millionen Seelen, auf Deine
schwachen Schultern zu laden!
    Richards Blut wallte heiss auf, vor Zorn, und zugleich vor innerer tiefer
Reue; er fühlte ganz das Unhaltbare, Unzusammenhängende in dem was der Fürst,
von wilder Leidenschaftlichkeit getrieben, zu seiner eigenen Verteidigung, und
zu Richards Anklage vorbrachte, und war doch ausser Stande ihn deutlich und
völlig zu widerlegen. Die noch immer fest auf ihn gerichteten Augen seines
ehemaligen Wohltäters brannten ihn wie glühende Kohlen. Dass ohne seine
Einmischung alles vollbracht, vom Fürsten selbst vollbracht worden wäre, drückte
bis zur Vernichtung ihn nieder. Hätte jetzt der Boden unter seinen Füssen sich
geöffnet, und in den Mittelpunkt der Erde ihn geschleudert, in diesem
Augenblicke wäre es ihm die höchste Wohltat gewesen.
    Unhörbar leise schwebte jetzt Helena herbei; sie stand gleich dem Engel des
Friedens zwischen den Beiden, und schlug das dunkle, schmerzumwölkte Auge zu
ihrem Vater auf. Ihr Anblick wirkte mit magischer Gewalt. Völlig umgewandelt in
Ton und Stimmung, schloss er sie in seine Arme und berührte die schöne bleiche
Stirn mit seinen Lippen. Du Beklagenswerteste unter uns, seufzte er leise vor
sich hin, wie war es möglich, dass ich Deine Gegenwart vergessen konnte!
    Sterbenden würde in der letzten Stunde Alles erlaubt, sagte man mir.
Sterben, Scheiden, ist es nicht das nämliche, nur mit anderm Namen benannt?
flüsterte sie bittend, an die Brust des Vaters gelehnt. Sie hatte sich
ausgeweint. Er entliess sie sanft aus seinen sie umschlingenden Armen, und sie
stand jetzt vor ihm, das schönste, rührendste Bild der schwersten Aufgabe ihres
Geschlechts, das Bild mutig duldender Ergebung.
    Arme Seele! diese letzte, bängste, - ich mag in Verbindung mit Dir ihren
Namen nicht nennen, - von mir bleibe sie Dir unverkümmert. Doch trage sie, wie
es meiner Tochter ziemt; erwiederte der Vater mit bedrückter, vor innerer
Rührung bebender Stimme, und wandte sich dann an Richard.
    Unser beider Wirkungskreis geht von heute an weit auseinander; nimm auf der
neuen Bahn, die Du Dir selbst gewählt hast, die Versicherung mit, dass ich keinen
Groll gegen Dich hege, und mögest Du mit nicht weniger Gelingen auf ihr
fortschreiten, als Du auf der getan, auf welcher ich bei Deinem Eintritte in
die Welt Dich gestellt hatte; sprach er mit würdigem Ernst.
    Suche die überschwängliche Gnade unsers grossen Kaisers, die er Dir bezeigt,
durch treuen Dienst zu verdienen; fuhr er nach kurzem Schweigen fort, da er sah,
dass Richard keine Sylbe ihm zu erwiedern vermochte. Hüte Dich vor dünkelhafter
Übereilung, lass durch zu hoch gespannten Wahn Dich nie wieder verleiten, die
Schranken übersteigen zu wollen, welche Natur und Verhältnisse um Dich gezogen;
das ist der letzte wohlgemeinte väterliche Rat, den Du von mir erhalten wirst.
Die Blüte des Lebens ist mit dem heutigen Tage Dir abgeblüht, Dir bleibt nur
Erinnerung an ihre Herrlichkeit, mögest Du auch von dieser Dich losmachen
können, damit sie auf Deinem neuen Lebenspfade Dir nicht zur lästigsten
Begleiterin werde. Dies sei mein Abschiedssegen, und nun fahre wohl!
    Der Fürst zog in das Innere seiner Zimmer sich zurück, und lautlos sah
Richard ihm nach.
Hast Du's vernommen? es ist wie er sagt, diese Stunde ist die Scheidestunde, die
Todesstunde unsres Glücks; sie ist so kurz und doch hätte ich so vieles Dir noch
zu sagen, mein Herz ist so voll, aber ich finde keine Worte, keine Ordnung in
meinen Gedanken, mir ist so dumpf zu Sinn! klagte Helena, und drückte, wie vom
Schwindel ergriffen, beide flachen Hände gegen die Stirn.
    Und warum wäre es so? warum scheiden? rief Richard von der Gewalt des
Augenblicks ergriffen, und hielt die in seine Arme hinsinkende leidenschaftlich
fest an seine Brust. Helena, Geliebteste! Du Stern meines Lebens, Du Licht
meiner Augen, sieh wie der Weg zum Gipfel unsrer Wünsche im hellsten
Sonnenscheine dicht vor uns liegt. Ein einziges hohles Hirngespinnst sprejetzt an
seinem Eingange sich uns entgegen. Habe den Mut es näher zu betrachten, und es
wird vor Deinen Augen verschwinden! flehte er mit bebender Stimme, glühend
zitternd.
    Richard, ich verstehe nicht wie Du es meinst, ich kann nichts denken, nichts
fassen, der Schmerz betäubt mich; habe Geduld, ich hoffe ich werde mich wieder
finden: erwiederte Helena.
    Was sollte, was könnte uns scheiden, was jetzt? hat sich nicht Alles auf's
Günstigste gestaltet? Lass uns nur vorurteilsfrei die Dinge sehen wie sie sind:
fuhr Richard mit glühendem Eifer fort, wende Dein liebes Auge mir zu, holder,
schöner Engel, sei aufrichtig gegen Dich selbst. Seh' ich aus wie ein
Verbrecher? wie ein Frevler an allem, was dem Menschen heilig sein soll und muss?
Kannst Du, konntest Du jemals glauben, konnte in Deinem reinen Gemüte der
Argwohn jemals Wurzel fassen, dass ich, dass der Mann den Du Deiner Liebe wert
gehalten, seine Seele, seine Ehre für Rang und Reichtum, ja selbst für das
Höchste, für Deinen Besitz, verkaufen könnte? Dass Meineid, dass Verrat, fuhr er
immer begeisterter fort - nie, nie, nie, unterbrach ihn Helena, und hob die
Hände bittend zu ihm auf, o lästre so nicht Dich und mich!
    Ich wusste es wohl; mochte immerhin der Anschein gegen mich zeugen, Du
glaubtest an mich, Dich täuschte er nicht: fuhr Richard fort: auch Deinen Vater
nicht, höchstens nur in der Überraschung des ersten Augenblicks. Was trennt uns
dann? ein Traum, ein kurzer Wahn, der vor dem Lichte der Wahrheit schwinden muss.
Helena, o höre die Stimme der Natur! die Stimme der reinsten innigsten Liebe!
höre, o höre die Stimme Deines Herzens.
    Richard, was verlangst Du? ich verstehe Dich nicht; Dein Auge flammt, Deine
Lippen brennen auf meiner Hand, Du ängstigst mich, was willst Du, wie ist Dir!
sprach Helena.
    Rettung will ich! Rettung für Dich, für mich, für Deinen Vater; er wird es
uns heimlich danken, wenn wir zu dem Schritte ihn zwingen, den er freiwillig zu
tun sich nie entschliessen kann und wird. Helena, Du einziger Stern meines
Hoffens, meines Lebens, sei mein! Die Stimme der Gotteit, die unser Schicksal
lenkt, spricht aus mir. Unvorbereitet gibt sie mir ein, was, als ich hier
eintrat, mir nie als möglich erschienen wäre. Fliehe mit mir, noch in dieser
Nacht, die Zeit drängt, morgen ist es viel zu spät, morgen, morgen ist
furchtbar! Du darfst hier nicht wieder die Sonne aufgehen sehen, oder Du bist
mir entrissen. Auf immer und ewig sind wir morgen getrennt.
    Flehend warf Richard sich vor sie hin, umfasste ihre Kniee, ihre Hände, den
Saum ihres Kleides, den Teppich den ihr Fuss berührte, erschöpfte alle
Beredsamkeit, welche die glühendste Liebe nur eingeben kann. Helena bebte,
erglühte, erbleichte, und sank in Schmerz und Liebe aufgelöst ihm an das Herz.
Seines Sieges gewiss, hielt er sie in seinen Armen, vor Wonne kaum seiner selbst
sich bewusst.
    Helena ruhte einige Minuten in dieser Stellung, ohne einen Laut, fast ohne
zu atmen, still wie ein schlummerndes Kind; ihr Leben schien in sich
zurückgezogen, ihr Herzschlag stille zu stehn, um auszuruhen und neue Kräfte zu
sammeln; Richards Blicke wachten über sie: er selbst regte sich nicht.
    Sie schlug die Augen auf, sie löste sich sanft aus seinem Arme und richtete
sich empor; sie sah umher, wie aus einem Traume erwachend, und war wieder was
sie immer gewesen, war wieder sie selbst, mutig, liebend und klar.
    Richard, sprach sie, zuerst mit unsichrer, bebender Stimme, dann immer
gefasster, je länger sie sprach: Richard, seit das Unglück über uns hereinbrach,
ach seit jenem sonnenhellen Morgen in meinem Oratorium, weisst Du es noch wohl?
seitdem sehen wir uns zum erstenmal wieder. Ich habe so viel Dir zu sagen, und
so wenig Zeit, so wenig Atem, so wenig Besinnung, habe Geduld, und höre mich
an.
    Damals wusste ich nicht was aus Dir geworden sei, jetzt weiss ich es wohl, Du
wurdest festgehalten, damit mein Vater nicht selbst nach Tangarog - doch das ist
vorbei, und gehört nicht mehr hierher. Ach, mein Freund, ich gab Dich damals
verloren, verloren für Alles, nur nicht für mich, nicht für meine Liebe, wenn es
Gott nur gefiele, das Leben Dir zu fristen. Sprich nicht, rege Dich nicht, höre
mich bis an's Ende: bat sie als Richard sie unterbrechen wollte.
    Ich wähnte als Verschworner Dich angeklagt, verhaftet, verurteilt, die
Leute um mich her sagten es so, ich glaubte ihnen. O Richard, Geliebter,
Einziger, welch ein Traum schmerzlicher und reinster Seligkeit tröstete,
erfüllte damals mich ganz und hielt mich aufrecht, mich allein, während alles um
mich her in Trauer versank! Du warst verurteilt, nach Sibirien verbannt, die
Kibitka, so glaubte ich es, die Wache, die Dich fortführen sollte, alles war
bereit, aber auch ich war es. Vor aller Welt, vor meinem Vater, meiner Mutter,
vor all' meinen stolzen Anverwandten bekannte ich mich als Dein, als die
unzertrennliche Gefährtin Deines Geschicks. Ich begleitete Dich, ich diente Dir,
ich pflegte Dich, sorgte für Dich, und teilte mit Dir jede Entbehrung, Mangel
und Not. Ich wäre ja nicht das erste Fürstenkind; hat Mentzikoffs stolze schöne
Tochter, sie, einst als kaiserliche Braut dem Trone so nah, nicht Gleiches für
ihren Vater erduldet und vollbracht? Nichts sollte mich hindern meinen festen
Vorsatz auszuführen, nicht das Urteil der Welt, auch nicht das Gebot meines
Vaters. Bis zu meinem letzten Atemzuge hätte ich der Gewalt widerstanden, hätte
Mittel gefunden Dir zu folgen, wenn man mich hinderte Dich zu begleiten. Dein
Unglück gab meiner Liebe den Freibrief alles zu tun, alles zu wagen für Dich!
    Welch ein Bild rollst Du vor meinen Augen auf, wie weiss Deine Liebe selbst
das Fürchterliche mit unnennbarem Liebreiz auszuschmücken, o wäre es, wie Du es
malst! seufzte Richard.
    Es ist anders, ganz anders gekommen. Ich weiss Du fühlst wie ich, ein mit
Schande beflecktes, von der öffentlichen Meinung gebrandmarktes Glück - wer
trüge das? Von Tausenden gehasst, verachtet, des Meineids angeklagt, Tausende die
unser Glück auf den Trümmern des ihrigen erbaut wähnen - - Du trügst es so wenig
als ich! Dein Traum zerrinnt, meiner ist längst zerronnen!
    Richard hatte keine Antwort! jedes Hoffen auf die Zukunft, jedes glückliche
Gefühl in seiner Brust erstarb vor der ihn überwältigenden Wahrheit, die
furchtbar, gleich dem jedes warme Leben versteinernden Haupte der Medusa, ihm
entgegen starrte.
    Fahre wohl! fahre wohl! o fahre wohl: seufzte Helena, immer leiser und
leiser, das Wort erstarb auf ihren Lippen, entgeistert hing sie in Richards
Armen, über sie hingebeugt unterstützte er sie, starr, bleich, regungslos wie
ein Todter.
    Von ihm unbemerkt war Helenas Vater hinter ihn getreten; sie zuckte
schmerzlich, aber still, indem er sanft und mit höchster Vorsicht aus Richards
Umarmung sie löste.
    Gott tröste Dich, und gebe Dir Mut, mein Sohn: sprach der Fürst sehr mild,
und eine Träne glänzte in seinem Auge, indem er die leichte, geliebte Last auf
seinen Armen in sein Zimmer trug.
Wunden wie die, welche das Leben dem armen Richard geschlagen, heilt erst nach
dem Verlaufe vieler langen Jahre die Zeit; wenn unser Haar bleicht, das Blut in
unsern Adern langsamer pulsirt, und unser Wünschen und Hoffen über diese Erde
hinweg in andern höheren Regionen sicheren Ankergrund suchet und findet.
    Einige Monate reichen bei weitem nicht hin, ein solches Wunder zu bewirken,
aber sie beschwichtigen wenigstens den Schmerz durch den Zauber der Gewöhnung.
Wenn uns alles Hoffen verlässt, wenn uns jeder Tag fester überzeugt, dass nun und
nimmermehr eine Änderung unsres Zustandes eintreten kann, dann hören die Wunden
auf zu bluten, die Klage verstummt, in verschwiegner Einsamkeit wird der Schmerz
unser stiller Begleiter, den wir mit einer Art peinlicher Wollust pflegen, und
der Zerstörung gelassen zusehen, die unser irdisches Dasein untergräbt.
    Doch dahin war Richard noch bei weitem nicht gelangt, obgleich es dem Laufe
der Zeit gemäss wohl der Fall hätte sein können. Mehrere Monate hatte er seit
jener Trennung von dem Leben seines Lebens still und trübe hingebracht, und
immer noch erneuerten unter seinen Augen sich die Folgen seiner Tat, und
frischten Erinnerungen in ihm auf, die seine Ruhe untergruben.
Kaiser Alexanders stets zur Milde und Nachsicht sich neigendes Gemüt fühlte
durch das frevelhafte Unternehmen seiner Untertanen sich sehr tief und
schmerzlich verletzt. Mehr betrübt als entrüstet, schämte sein hoher edler Sinn
sich gewissermassen des schwarzen Undanks, der, wo er es am wenigsten erwartet
hatte, in so grässlicher Gestalt ihm entgegen trat, und wünschte nichts
sehnlicher, als diese traurige Erfahrung der ganzen übrigen Welt verbergen zu
können.
    Er musste leider strafen; der damals schon körperlich leidende Monarch tat
es mit innerm Widerstreben, stets zum Verzeihen geneigt. Nur wenige bedeutende
Familien befanden sich im ganzen Lande, die nicht wenigstens ein schuldiges
Mitglied zu betrauern gehabt hätten. Doch die Kunde davon ward der
Öffentlichkeit so viel als möglich entzogen, und um die schuldlosen Verwandten
der Schuldigen zu schonen, wurde sowohl von den Vergehungen derselben, als von
der darauf erfolgenden Strafe, so wenig als möglich im Publikum, besonders aber
im Auslande ruchbar.
    
    So geschah es denn, dass die Hydra Empörung für den Augenblick zwar
unterdrückt, doch bei weitem nicht ausgerottet wurde. Einige Monate später hob
sie die giftgeschwollenen Häupter wieder, und jetzt erst traf sie der Arm der
strafenden Gerechtigkeit mit vernichtender Strenge; doch diese Ereignisse liegen
weit hinaus über dem Ziele, das ich diesen Blättern gesetzt habe, welche auf
historische Bedeutung keinen Anspruch machen.
Den grossen Schmerz abgerechnet, für den dieses Leben keinen Trost ihm zu bieten
hatte, wurde Richards wundes Gemüt auch auf andre Weise vielfach verletzt.
Schmeichler, die ihren Vorteil darin zu finden hofften, erhoben was er getan
bis in die Wolken, priesen als Retter des Vaterlandes ihn überlaut, und
versuchten das Mögliche und Unmögliche, ihm recht bemerkbar zu werden. Sie
meinten eine jener über Nacht pilzartig aufschiessenden Erscheinungen in ihm zu
sehen, wie jede an bedeutenden Ereignissen reiche Zeit sie erzeugt; einen
werdenden, dereinst vielleicht allmächtigen Günstling des mit so ausgezeichneter
Gnade und Huld ihn überhäufenden Kaisers, den sie in der Folge für sich zu
benutzen hoffen durften; denn dem Gemeinen wird Alles gemein.
    Der Hass, der still verbissene Neid, und, so ungern er dieses sich selbst
gestand, die kaum zu verhehlende Verachtung, mit welcher die grosse Anzahl derer
ihn betrachtete, welche am meisten durch ihn gelitten, und die jetzt durchaus
keine andre Triebfeder seiner Tat anerkennen wollten, als schmutzigen Eigennutz
und den Wunsch, um jeden Preis sich empor zu schwingen, war ihm nicht minder
peinigend, als die ihn anekelnde Kriecherei jener Elenden.
    Am drückendsten aber empfand er die Kälte, die überall ihm entgegen starrte,
wo man sonst mit unverkennbarer Herzlichkeit sich ihm zu nähern pflegte. Es war
als ob ein heimliches Grauen von ihm ausginge, das selbst diejenigen von ihm
scheuchte, von denen er überzeugt sein konnte, dass sie ihm eigentlich nicht
abgeneigt wären.
    Wo er auch immer sich zeigen mochte, er konnte darauf rechnen, mit einer Art
förmlicher Höflichkeit behandelt zu werden, die ihn oft innerlich zur
Verzweiflung brachte, doch artete diese nie in Hohn aus. Niemand erlaubte sich
in seiner Gegenwart eine Anspielung, ein Wort, eine Miene, die ihn hätte
beleidigen können. Alle Offiziere, mit denen er im Dienste in Berührung kam,
bezeigten ihm die nicht nur seinem Range, sondern auch seiner Persönlichkeit
gebührende Achtung, die mancher von ihnen auch wohl wirklich für ihn empfand.
Keiner von denen, die bei seiner Erhebung übergangen worden waren, erlaubte sich
die mindeste Äusserung darüber, die ihm hätte missfallen können; doch Alle hüteten
sich dafür ihm näher zu treten, als gerade erforderlich war, und an ein
kameradliches Verhältnis, wie es früher wohl Statt gehabt hatte, war für Richard
gar nicht mehr zu denken.
    Sogar das Haus des Kapellmeisters Lange, das einzige, in welchem er alte
Liebe und Treue und einen warm ihm entgegen kommenden Empfang zu finden gewiss
war, wurde durch Frau Karolinens zu grosse Teilnahme an seiner Trennung von
Helena, die sie weder begreiflich noch verzeihlich fand, ihm gewissermassen
verleidet.
    Mitten im Gewühle eines geräuschvollen Lebens, das jedes Interesse für ihn
verloren hatte, von Keinem geradezu angegriffen, von Vielen gefürchtet, von
Allen gemieden, kam er sich selbst wie ein abgeschiedener Geist vor, der
verurteilt war, zum Schrecken der Lebenden eine Zeit lang die Welt zu
durchwandern, ehe ihm erlaubt wurde zur Grabesruhe einzugehen. Sehnsucht nach
menschenfernster, stillster Einsamkeit bemächtigte sich seiner mit immer
zunehmender, verzehrender Allgewalt, bis er endlich zu dem Entschlusse getrieben
wurde, zur Herstellung seiner wirklich leidenden Gesundheit um seinen Abschied
vom Regimente anzuhalten.
    Was er, bekannt mit den Schwierigkeiten, welche in Russland die Gewährung
solcher Bitten begleiten, kaum zu hoffen gewagt hatte, geschah; auf Fürsprache
des Ministers erhielt er seine Entlassung, und auf die schmeichelhafteste,
ehrenvollste Weise.
Da lag nun die Welt, die ausserhalb dem russischen Reiche ihm völlig unbekannte,
offen vor ihm da; doch fühlte er sich nicht versucht, sie näher kennen zu
lernen. Der Gedanke, in die Verhältnisse zurückzukehren, zu denen er in seinem
eigentlichen Vaterlande geboren worden war, fand keinen Anklang in ihm. Russland
war sein, war Helenens Vaterland; dort lebte sie, wenn gleich in weiter Ferne
von ihm, und diesen letzten, kleinsten Trost aufzugeben, konnte er sich nimmer
entschliessen.
    Bei der vollkommensten Gleichgültigkeit gegen alles, was im gewöhnlichen
Leben zu den Annehmlichkeiten desselben gezählt wird, trieb ihn eine Art von
dumpfem Pflichtgefühle das weit entlegene Fleckchen Erde zuerst aufzusuchen, das
er durch des Kaisers Gnade sein Eigentum nennen durfte. Dort wollte er, mitten
unter seinen Bauern, sich niederlassen, nach dem Beispiele und den Lehren des
Fürsten Andreas für ihre geistige Bildung und die Verbesserung ihres Zustandes
Sorge tragen, und in selbst gewählter, tiefer Einsamkeit sein hoffentlich kurzes
Leben so beschliessen.
    Bei seiner Ankunft in jenem abgelegenen Winkel der Erde, breitete ein viel
weiteres Feld für seine wohltätigen Absichten sich vor ihm aus, als er zu
finden erwartete. Er hatte den besten Willen mit den, von allen Seiten als
unentbehrlich sich ihm aufdringenden Verbesserungen, sogleich den Anfang zu
machen; doch er entdeckte zugleich, dass es ihm nicht nur an den dazu nötigen
Vorkenntnissen, sondern auch an dem Beistande sacherfahrner Gehülfen mangele,
indem die Kraft eines Einzelnen, zur Ausführung eines so vielseitigen
Unternehmens, unmöglich auslangen könne; jetzt versagte die seinige ihm
gänzlich, mehr noch sein Mut; er hatte nicht einmal den, sich eine leidlich
anständige Wohnung erbauen zu lassen. So versank er denn immer tiefer in
grenzenlose Apatie und den traurigen Genuss, sich ganz ungestört seinem Schmerze
zu überlassen, während er die Anstalten zur Ausführung seiner Pläne von einem
Tage zum andern hinausschob.
    Ein Brief seines Freundes Eugen, der ziemlich verspätet, auf tausend Umwegen
in seiner Einöde ihn auffand, war nach mehreren Wochen das einzige Ereignis, das
die trübe Einförmigkeit seines matt hingleitenden Lebens unterbrach.
    Der Brief brachte ihm beides, Freude und Leid; der Inhalt desselben war zwar
ernst, aber doch voll zarter Schonung, wie nur die innige Bruderliebe sie
eingeben konnte, welche beide Freunde von Jugend auf verbunden. Eugen, nachdem
er so viel Tröstliches, als die Lage der Dinge nur erlaubte, von seinem und der
Seinigen gegenwärtigen Zustande dem Freunde gemeldet, sprach, notgedrungen wie
es schien, den Wunsch aus, einige Jahre stumm vorüber ziehen zu lassen, und die
künftige Gestaltung der Zeit und ihres beiderseitigen eigenen Geschicks zuvor
abzuwarten, ehe sie, sei es schriftlich oder mündlich, sich einander wieder zu
nähern versuchten.
    Es war ein Abschied auf lange, unübersehbar lange Zeit, wahrscheinlich auf
immer; Richard fühlte es, und seine noch nicht vernarbten Wunden bluteten von
neuem schmerzlicher.
    Übrigens ging aus dem Briefe hervor, dass Eugen in der Gegend von Astrachan,
in einem gesegneten reich bebauten Lande, ein grosses Gut bewohne, welches sein
Vater ihm übergeben, und sich dort eifrig und mit gutem Erfolge bemühe manches,
in seiner früheren Jugend Versäumte, nachzuholen, und durch höhere
wissenschaftliche Bildung, als zu erwerben er in seinen ehemaligen Verhältnissen
Zeit und Gelegenheit gehabt, sich auf eine Tätigkeit andrer Art vorzubereiten,
als seine bisherige gewesen.
    Helena, schrieb Eugen, lebe in Moskau, anscheinend ruhig, ganz der Pflege
ihrer fortdauernd kränkelnden Mutter, und wohltätigen Zwecken geweiht; geehrt,
bewundert, angebetet von denen, die glücklich genug waren ihr nahen zu dürfen,
aber durchaus zurückgezogen von der grossen Gesellschaft, beschränkt auf den
Umgang mit wenigen nähern Freunden und Verwandten.
    In der Fürstin Eudoxia war die alte Überzeugung von dem ursprünglichen
Unterschiede der vornehmen und geringen Klassen wieder erwacht, in der sie von
Kindheit an erwachsen war, und es verging kein Tag, an welchem sie nicht die
schmerzlichste Reue darüber bezeigte, in der Strenge nachgelassen zu haben, mit
welcher sie früher auf diesen Unterschied gehalten. Gekränkter Stolz, stiller
Unmut nagten an ihrem Leben. Richard in ihrer Gegenwart nur zu erwähnen war
hoch verpönt; ein alter treuer Diener, der unversehens einst seinen Namen
nannte, wurde hart gestraft, und durfte nie wieder vor ihr erscheinen.
    Eugen schrieb es zwar nicht ausdrücklich, aber es ging doch aus seinem
Briefe hervor, dass er zur Beruhigung seiner Mutter ihr habe das Versprechen
leisten müssen, jede Verbindung mit Richard aufzuheben. Richard verstand ihn
wohl und der Zorn, so wie die geistige Verstimmung seiner ehemaligen
Wohltäterin erfüllten ihn mit Reue und Schmerz; aber es tröstete ihn doch, denn
es liess ihn hoffen, dass Eugen in seinem Herzen noch immer mit Liebe seiner
gedenke.
    Erfreulicher, oder vielmehr im höchsten Grade erfreulich war, was Eugen von
seinem Vater schrieb. Der Sturm, der so leicht das ganze Lebensglück desselben
hätte zertrümmern können, hatte den alten Herrn nur in sein eigentliches, ihm am
besten zusagendes Element geworfen, in welchem er nun, von allen Banden frei,
sich gar lustig bewegte. Im kleineren, wenn gleich noch immer sehr grossen
Maassstabe, führte er auf seinen weitläuftigen Gütern aus, was er nach einem weit
kolossaleren einst gewollt; richtete Schulen und Bildungsanstalten ein, bauete
Dampfmaschinen, legte Fabriken an, deren Erzeugnisse mit den besten andrer
Länder wetteifern konnten, und war dabei, in nie rastender Tätigkeit, heiter
und gesund. Mitchell blieb im merkantilischen wie im technischen Fache als
brauchbares, geduldiges Werkzeug ihm stets zur Hand, und befand sich nicht übel
dabei.
Kein Tag verging, an welchem Richard dieses Schreiben, das einzige zwischen ihm
und seiner glücklichern Vergangenheit bestehende Band, nicht wenigstens einmal
gelesen; es war der erste Lichtpunkt in seinem jetzigen Leben, der wenigstens
die trübe Dämmerung desselben unterbrach, dem aber kein zweiter folgen zu wollen
schien.
    Und immer düsterer und farbloser gestaltete die Gegenwart sich um ihn her;
das Jahr neigte merklich dem Untergange sich zu, immer länger dehnten seine
schlaflosen Nächte sich aus; der in diesem Klima früh eintretende Herbst sandte
seine Vorboten, die Stürme, um die Wälder von ihrem früh angelegten bunten
Schmucke zu entkleiden; die Tiere des Waldes suchten ihre Schlupfwinkel auf, um
dort die lange Nacht des Winters ruhig zu verträumen, und auch die Menschen in
ihren räuchrigen niedern Hütten trafen alle ihnen zu Gebote stehenden Anstalten,
um gegen den nun bald schonungslos eindringenden Feind, Kälte und Mangel, sich
zu verteidigen.
    Wenn Abends check und Regen gegen die kleinen Fenster von Richards
schlecht verwahrter, baufälliger Wohnung heftiger anschlugen, der Sturmwind
lauter brausste, die zersplitterten Bäume im Walde krachten, dann überlief ihn
wohl ein Schauer, indem er der sechs oder acht vor ihm liegenden Wintermonate
gedachte, die er in dieser gänzlich abgeschiednen Einsamkeit, jeder gewohnten
Bequemlichkeit entbehrend, ohne Bücher, ohne Freund, ohne alles geistige
Interesse mit sich allein zubringen sollte. Helenas Traum von ihrer beider Leben
in Sibirien stand oft vor ihm auf, und erfüllte ihn mit bänglichster Sehnsucht.
    Noch war es Zeit, noch waren die Wege nicht unfahrbar geworden, noch immer
stand es in seiner Macht, ohne zu grosse Beschwerlichkeiten zu erdulden,
bewohntere Stätten aufzusuchen; doch dazu gehörte ein Entschluss, und diesen zu
fassen, lag für ihn, in seiner jetzigen Stimmung, ausserhalb dem Bereiche der
Möglichkeit!
    So sass er oft Stunden lang in Gedanken, in Erinnerungen, zuweilen in
wortlosem, an Betäubung grenzendem Sinnen verloren, nichts von allem was um ihn
her vorgehen mochte beachtend.
    Siehst Du, Richard, ist es nicht gekommen wie ich es Dir vorher sagte?
sprach eines Abends eine kräftige bekannte Stimme, dicht neben ihm, und eine
warme starke Hand fasste und drückte die seine. Richard schreckte zusammen, er
hatte die Eintretenden nicht kommen gehört: ein Mann und eine Frau standen neben
ihm, beide in armenischer Tracht. Es waren Iwan und Julie: Deine Kneesen haben
Dich verlassen, Deine Glücksträume sind aufgeflogen, Deine Luftschlösser
zusammengebrochen, fuhr Iwan fort, darum sind wir gekommen, ich und mein Weib,
Dich abzuholen, komm nach Hause, was willst Du hier?
    O komm gleich mit uns nach Hause! bat schmeichelnd Julie, hier ist es nicht
gut für Dich. Unsre Mutter hält alles zu Deinem Empfange bereit, und wir wollen
Dich lieben, Deiner pflegen, Dich trösten, so gut wir es können: komm nur
schnell, komm nach Hause!
    Und Richard ging mit ihnen nach Hause.
 
    