
        
                                Sophie Bernhardi
                                    Evremont
                                   Erster Teil
                                    Vorrede
Dieser Roman, welchen ich dem Publikum übergebe, ist die letzte Arbeit meiner
verstorbenen Schwester Sophia1, welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode
vollendete. Mein Urteil über dieses Werk könnte ein parteiisches scheinen, und
ich entalte mich daher, weitläuftig über diese Composition zu sprechen, oder
ihre Vorzüge auseinander zu setzen. Der unparteiische Kenner wird ohne meine
Erinnerung einsehn, mit welchem Fleiss und mit welcher Liebe dieses Werk, welches
die Verfasserin so manches Jahr beschäftigte, ausgeführt ist. Wenn die Dichterin
in ihren früheren Produkten nur Traum- und Mährchenwelt darzustellen strebte,
oder ein schönes Gedicht des Mittelalters neu erzählte, so hat sie in diesem
Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen
niedergelegt. Die denkwürdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den
Hintergrund dieses grossen, mit mannichfachen, wechselnden Figuren ausgestatteten
Gemäldes, und die Erzählung, die gut angelegt ist, hebt sich aus dem klaren
Vordergrund, und das Interesse wächst mit jedem Kapitel. Die Erinnerungen eines
jeden, welcher beobachten konnte und richtig schildern kann, werden aus jener
merkwürdigen Periode ein gewisses Interesse haben, und seine Worte werden um so
eindringlicher sein, wenn ihm die Gabe verliehen ist, diese Bilder und
Ereignisse in ein mehr oder minder künstliches Gewebe einzuflechten. Eine solch
Darstellung, ergiesst sie sich aus einem reichen und vollen Gemüt, wird sie
nicht durch Eigensinn und Vorurteil beschränkt, hat, ausser dem poetischen,
teilweise einen geschichtlichen Wert. Diese freie, deutsche Gesinnung
offenbart sich in diesen Blättern, die ich hier dem Publikum übergebe, mit dem
Wunsche, dass die Freunde der Wahrheit, dass der gebildete Leser sie nicht
unbefriedigt aus der Hand legen mögen. Auch hoffe ich, dass diese Darstellung das
Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird, und dass
ihr Name denen wird zugesellt werden, die das Schöne, Edle und Gute erkannten
und es, so viel unsere geschränkten Kräfte vermögen, erstrebten.
                                                                   Ludwig Tieck.
 
                                       I
Im Späterbst, wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hängen, wenn die
Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewölk durchdringen, und die Natur keinen
erheiternden Anblick mehr gewährt; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt,
alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurück zu rufen, und unwillkührlich
bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrücken, die er von aussen
empfängt. In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806, an einem solchen
traurigen Herbstabend, sass die Gräfin von Hohental mit ihrer Nichte, Fräulein
Emilie von Stromfeld, am Teetisch, im Besuchzimmer des alten Schlosses
Hohental. Die hohe Gestalt der Gräfin, ihre würdige Haltung, die dunkeln
durchdringenden Augen, die edeln Formen des Gesichts liessen, obgleich durch
zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet, dennoch deutlich erkennen, mit
welch einem hohen Grade von Schönheit die Natur ihre Jugend geschmückt haben
musste, und noch jetzt, obgleich sie vierzig Jahre zählte, durfte sie Anspruch
auf jene würdevolle Schönheit machen, die oft noch lange bleibt, wenn der Reiz
der Jugend auch verschwunden ist.
    Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von
vergangenen Leiden, so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf
einen entschiedenen Charakter deuteten. Fräulein Emilie, ihre Nichte, war kaum
achtzehn Jahre alt, in der Blüte der Jugend und Schönheit, schlank, leicht,
fein gebaut, so zart, dass die leiseste Bewegung des Gemüts eine Veränderung
ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte; ihr frischer Mund lächelte mit unglaublicher
Anmut und verriet im Lächeln die Neigung ihres Gemüts zur Heiterkeit, so wie
die grossen dunkelblauen, von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich
zeigten, dass ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war; die reiche
Fülle der schönen, glänzenden blonden Haare erhöhte den Reiz dieser lieblichen
Gestalt.
    Beide Frauen sassen stumm da, Emilie mit einer Handarbeit beschäftigt, von
der sie von Zeit zu Zeit aufsah, um einen teilnehmenden Blick auf die Gräfin zu
richten, die, in sich versenkt, Alles um sich zu vergessen schien. Es ist heute
ein trauriger Abend, unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser
Stimme, der Herbst kündigt sich uns recht schwermütig an; die Gräfin fuhr beim
ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen, und zeigte dadurch
deutlich, dass ihre Gedanken sie so sehr beschäftigt hatten, dass die Gegenwart
des Fräuleins gänzlich von ihr war vergessen worden. Sie hörte nur halb auf
Emiliens Bemerkung, stand auf, ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann
mit einem halb bittern, halb schmerzlichen Lächeln: An einem solchen Abende,
glaube ich, würde auch der begeistertste Freund der schönen Natur und des
einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden, und sich im
Stillen wenigstens, wenn er sich schämte es laut zu gestehn, nach dem
leichtsinnigen Geräusche der Stadt sehnen, nach Gesellschaft, die er oft
langweilig genannt hat, nach Schauspiel, wenn es auch mittelmässig wäre und die
Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte, kurz, nach allem Dem, was wir
immer so hochmütig sind verachten zu wollen, und was doch kein gebildeter
Mensch entbehren kann.
    Ehedem, bemerkte Emilie, war das Leben auf dem Lande heiterer, man brachte
wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu; mehrere Familien aus der
Nachbarschaft vereinigten sich, man lachte und scherzte die düstern Stunden
hinweg, und ehe man es dachte, war Herbst und Winter verschwunden, und der
Frühling mit allen seinen Blüten entzückte uns von Neuem. Es ist traurig, dass
Ihr erster langer Aufentalt auf dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit
fällt. Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht, es wagt sich beinahe
Niemand heraus, und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt, so fehlt doch
die ehemalige Heiterkeit.
    Die Gräfin unterdrückte eine Antwort, die sie geben, oder eine Bemerkung,
die sie machen wollte, und sagte nur seufzend: ich wollte, gutes Kind, Du
könntest mich zerstreuen.
    Würde Musik Sie vielleicht erheitern? fragte Emilie, indem sie aufstand und
sich dem Instrumente näherte. Um Gottes Willen nicht, erwiederte die Gräfin, in
meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen.
    Soll ich Ihnen vorlesen? fragte Emilie ein wenig schüchtern. Lesen, sagte
die Gräfin mit Bitterkeit, lesen statt leben, es ist die allgemeine Meinung
unserer Zeit, wir verschleudern unser eigenes Leben, um das eingebildeter
Personen zu lesen; nun so lass uns denn so töricht sein, wie alle Andern, nimm
ein Buch und lies mir vor, nur bitte ich Dich keine Poesien, lass es schlichte
gewöhnliche Prosa sein, woran wir uns ergötzen wollen.
    Wer sollte wohl in dieser Äusserung, sagte Emilie lächelnd, die
leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen?
    Eben weil ich die Poesie verehre, versetzte die Gräfin, soll sie nicht in
meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden. Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit
genug darauf zu verwenden, um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören, und
in solchem Zustande ist ein Roman das Beste, was man lesen kann.
    Ich habe nicht geglaubt, sagte Emilie, dass Sie auch so gering von dem Romane
dächten, wie die meisten gelehrten Recensenten, und nun, da es doch so scheint,
werde ich in meiner eignen Ansicht irre.
    Wer sagt Dir, dass ich gering von dem Roman denke? fragte die Gräfin; doch,
fuhr sie fort, lass Deine Ansicht über ihn hören.
    Sie wollen über mich lachen, antwortete Emilie, und wenn es Sie erheitern
kann, will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen, als könnte auch ich ein
Urteil haben.
    Gar zu bescheiden, sagte die Gräfin, Du weisst, meine Liebe, auch das Gute
muss man nicht übertreiben.
    Emilie errötete ein wenig und sagte dann: jetzt wird es mir in der Tat
schwer, eine Ansicht zu entwickeln, die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit
in mir hatte; aber ich dächte, die Romane wären deswegen so allgemein beliebt,
weil sie uns in der Tat die Gesellschaft am Meisten ersetzen; wir leben im
Kreise der Menschen, die uns dargestellt werden, wir kennen die Gegend, in der
sie leben, ihre Häuser und Hausgenossen, es entwickelt sich ihr Charakter vor
uns, sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an, und ist ein Buch beendigt,
so habe ich wenigstens das Gefühl, als ob ich aus einer Gegend abreiste, worin
ich viele Freunde und interessante Menschen zurücklasse, wo mir auch die
komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind, und
selbst die bösartigen sich so gezeigt haben, dass ich sie entweder beklagen oder
bewundern muss.
    Du sprichst von guten Romanen, sagte die Gräfin, aber selbst die
mittelmässigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen, und wenn uns ein wahrhaft
elender in die Hände fällt, der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte
Gesellschaft versetzt, so gibt es nichts Leichteres, als sich hier
zurückzuziehen, denn nichts weiter ist nötig, als dass wir das Buch wegwerfen.
Nimm denn also einen Roman und lies; lass uns versuchen, ob wir uns fremde
Menschen, eine andere Gesellschaft herzaubern und darüber uns selbst vergessen
können.
    Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Gräfin und wollte sich
entfernen, um ein Buch zu holen; die Gräfin aber nahm sie bei der Hand und sagte
mit milder Stimme: Ich quäle Dich, gutes Kind, durch meine heutige Laune, aber
glaube mir, es liegt mir so Manches drückend auf dem Herzen, dass, wenn ich
darüber spräche, Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben würdest.
    Sie fürchten vielleicht, sagte Emilie mit einiger Beklemmung, dass die Feinde
dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden, obgleich
der Onkel es für unmöglich hielt. Nicht diese Sorgen quälen mich am Meisten,
erwiederte die Gräfin, obgleich ich fürchte, dass es möglich ist, und dass, wenn
es geschieht, ein grosser Teil unseres Vermögens verloren gehn kann, was doch
auch nicht gleichgültig von uns betrachtet werden darf; Emilie schwieg und die
Gräfin fuhr fort: Man braucht nicht geizig zu sein, um einen grossen Wert auf
ein bedeutendes Vermögen zu legen, das, indem es den Rang unterstützt, den wir
in der Welt einnehmen, unsere Unabhängigkeit sichert, und gewiss hat man nur in
der Jugend die Grossmut, alle irdischen Güter zu verachten, weil man weder ihren
wahren Wert, noch ihren rechten Gebrauch kennt. Der edelste, uneigennützigste
Mensch wird sich gedrückt fühlen, wenn Mangel an Vermögen ihn von Andern
abhängig macht.
    Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken, und die tiefe Röte,
die sich über ihre Wangen verbreitete, verriet der Gräfin ihre Gedanken. Emilie
fühlte sich erraten, und die schöne Röte stieg bis zur reinen Stirn empor,
indem die Augen sich senkten und Tränen darin hinter den langen Wimpern sich
verbargen. Es schmerzte die Gräfin, ihre junge Freundin verwundet zu haben; sie
legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete
Zimmer, damit Emilie in der grössten Entfernung von den Lichtern die Tränen
unbemerkt in den Augen zerdrücken konnte. Ich meine, fuhr die Gräfin nach einem
kurzen Schweigen fort, es würde mir schmerzlich sein, wenn unser Vermögen so
zerrüttet würde, dass der Graf gezwungen wäre, die Unabhängigkeit aufzugeben, die
ihm so teuer ist, und dies könnte geschehen, wenn ein feindlicher Einfall die
Güter zerstörte; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen, der
mich mehr als diese Sorgen quält.
    Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle
Nacht hinaus; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster, die Sterne waren durch
schwarze Wolken verhüllt, und kein Gegenstand liess sich draussen unterscheiden.
Ich hoffe, sagte die Gräfin, wir werden allein bleiben, obgleich die Einsamkeit
mir heute sehr drückend ist, denn ich wünsche nicht, dass der Graf, bei dieser
unfreundlichen Witterung, in der dunkeln Nacht den Weg über das Gebirge zurück
machen möge. Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben, versetzte
Emilie. Es ist unrecht, erwiederte die Gräfin mit kaum bemerklichem Lächeln, dass
der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Torheiten ihm so sehr zuwider ist;
ich hoffe aber, er wird heute lieber einige von dessen etwas weitläuftigen und
nüchternen Geschichten anhören, als bei diesem Wetter den Rückweg unternehmen
wollen.
    Schimmert nicht ein Licht dort unten im Tale? fragte Emilie. Wo? rief die
Gräfin.
    Dort, links vom Schloss, erwiederte jene, mich dünkt, es bewegt sich aus
der Schlucht her, auf dem Wege, den der Onkel kommen muss.
    Die Gräfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin, und in der Tat bemerkte
man nun mehrere Lichter, die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen
schienen. Die Dunkelheit der Nacht machte es unmöglich, einen Gegenstand zu
unterscheiden, da selbst die Lichter nur matt und trübe durch den fallenden
Regen schimmerten.
    Die Gräfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten, vom
Schloss aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu
berichten, Wer da komme, und ob diese unvermuteten Gäste das Schloss zu besuchen
gedächten. Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen, und man bemerkte
nun bald, wie mehrere Menschen aus dem Schloss mit Laternen dem Zuge entgegen
eilten, der sich offenbar dem Schloss näherte. Einige Diener kehrten bald
zurück und berichteten, es sei der Herr Graf, begleitet von mehreren Bauern aus
einem nahe gelenen Dorfe, die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schloss
trügen.
    Bestürzt blickte die Gräfin auf Emilie, wickelte sich dann in ihren Shawl
und befahl zu leuchten. Emilie folgte der Gräfin; Bediente gingen mit Lichtern
voran, und so stiegen beide Frauen die grosse Treppe des Schlosses hinunter; die
Flügeltüren des Hauses wurden geöffnet, und in demselben Augenblicke auch mit
grossem Geräusch das Tor des Hofes; der Graf sprengte, begleitet von einem
Reitknechte, herein und warf sich sogleich vom Pferde, als er die Gräfin
bemerkte, die im offenen Tore des Hauses stand, auf Emilie gelehnt, und hinter
beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern. Der untere Raum des Hauses füllte
sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses, die Neugierde, vermischt mit
Furcht, herbei führte.
    Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnässten Mantel zu, trat
dann eilig zu der Gräfin und sagte, indem er ihre Hand fasste: »Es ist nichts,
meine Liebe, das Sie beunruhigen dürfte, der junge Mann ist im Walde ohnmächtig
und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden. Da ich glaubte, dass wir
hier am Besten im Stande wären, ihm wirksame Hülfe zu leisten, so habe ich ihn
hieher tragen lassen. Er scheint, nach der Uniform zu urteilen, ein
französischer Officier zu sein, also zur feindlichen Armee gehörig, doch kann
dies kein Hindernis sein, ihm alle Hülfe zu leisten, die in unsern Kräften
steht.«
    Kaum hatte der Graf diese eilige Erklärung gegeben, als sich die Lichter,
welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten, zum Tore des
Hofes hinein bewegten. Voran ging der Schulze des Dorfes, ein junger, kräftiger
Mann; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit
Pelz verbrämte sonntägliche Mütze ab, um, indem er sich tief vor der Gräfin
verbeugte, zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschütteln.
Mehrere Bauern trugen eine Bahre, auf der der Verwundete lag, und welche von
andern, die Laternen mit brennenden Lichtern in den Händen trugen, umgeben war.
Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das
offne Tor des Schlosses getragen; die Gräfin zog sich an die Mauer zurück, um
den Trägern Raum zu lassen, und warf einen Blick auf den Kranken, indem er vor
ihr vorbeigetragen wurde. Er lag auf Kissen in Decken gehüllt und schien völlig
leblos zu sein; so wie die Gräfin die Augen auf ihn richtete, zuckte ein
schmerzlicher Schrecken durch ihren Körper; sie bedeckte die Augen mit ihrer
Hand, und der fest geschlossene Mund zeigte, dass sie nach Fassung rang. Emilie
berührte leise den Arm der Gräfin und fragte teilnehmend: Ist Ihnen nicht wohl?
Es ist nichts, sagte die Gräfin, indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd
auf verschiedene Gegenstände richtete, um durch eine augenblickliche Zerstreuung
einen gewaltsamen Eindruck zu bekämpfen; dann suchten ihre Augen mit einer
gewissen Besorgnis den Grafen, der aber zu sehr mit dem Kranken beschäftigt war
und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete.
    Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schloss bereitet; der Graf rief nach dem
Arzte des Hauses, und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes
vermehrt, der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte,
dass ihm sogar die Bauern, welche den Kranken trugen, vorgeeilt waren. Er ritt in
diesem Augenblicke zum Tore des Hofes ein, von einem Knechte begleitet, der ihm
eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbügel hielt. Langsam und bedächtig
stieg der Pfarrer ab, und sein kleines, mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne
Weiteres nach dem Stalle geführt, indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer
Stimme noch verschiedene Vorsichtsmassregeln nachrief, wenn das Pferd etwa heiss
sein sollte, was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten, regnigten Nacht
kaum vermuten liess; auch schien das Pferd überhaupt nicht so viel Sorgfalt zu
verdienen, noch auch sonst zu geniessen, denn sein Bau und ganzes Ansehen
verriet, dass es eben sowohl zum Pflügen und jeder anderen Arbeit, als zu den
Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde. Nachdem der bedächtige Reiter auf
diese Weise für sein getreues Ross gesorgt hatte, näherte er sich so eilig, als
es ihm Mantel, Ueberrock und sonstige Verhüllungen seiner Person erlaubten, der
Gräfin, die sich nun völlig wieder gefasst hatte und den Prediger mit gewohnter
Höflichkeit bewillkommnete.
    Der Kranke war indes in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden,
wohin der Graf, begleitet vom Arzte, folgte, und der Prediger eilte, von
Teilnahme und Neugierde getrieben, ebenfalls zu dem Verwundeten; die Gräfin zog
sich nach ihrem Zimmer zurück, und Emilie ging, um der Haushälterin alle
Aufträge zu geben, die, um den Zustand des Kranken zu erleichtern, nötig waren.
 
                                       II
Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte, die von verschiedenen
Säbelhieben herzurühren schienen, bemerkte er, dass er sie an sich nicht für
tödtlich hielte, dass ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefährlich
schiene, durch die starke Verblutung sowohl, als durch seine heftige Erkältung,
da er wahrscheinlich lange hüflos im Walde gelegen hätte, der rauhen Jahreszeit
und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben. In der Tat gab der Verwundete
nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die grossen
dunkeln Augen auf, doch ohne dass er irgend etwas von den Gegenständen um sich zu
bemerken schien. Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mögliche Hülfe in der
Behandlung des Kranken und verriet eben so viel Teilnahme für den Verwundeten,
als Kenntnis der Wundarzneikunst. Nachdem der Kranke versorgt war, und der Arzt
die nötigen Verhaltungsregeln gegeben, vor Allem verordnet hatte, dass man den
Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen müsse, eine Verordnung, die dem
Pfarrer sehr unangenehm war, obgleich er ihre Notwendigkeit einsah, kehrten
Alle in das Gesellschaftszimmer zurück. Die Gräfin zeigte nichts von der trüben
Stimmung, der sie sich überlassen hatte, als sie mit Emilie allein war, und
fragte mit Teilnahme nach dem Verwundeten.
    Der Graf unterrichtete sie von seiner gefährlichen Lage und sagte, es wäre
wohl gut, wenn Dübois die Sorge für ihn übernehmen wollte; es würde dem alten
Manne zwar beschwerlich sein, indes bei seiner Gutmütigkeit und Teilnahme für
alle Unglücklichen, glaube ich, würde er es gern tun, besonders da der
Verwundete sein Landsmann ist, der wahrscheinlich keine andere, als die
französische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der
Dienerschaft verständlich machen kann. Die Gräfin zog die Klingel, und der
Pfarrer sagte vorschnell: So sollten der Herr Graf ihm befehlen, die Nacht bei
dem Kranken zu wachen. Ich befehle nicht gern einem alten Manne, sagte der Graf
höflich, doch ein wenig vedriesslich, der mehr aus Anhänglichkeit an uns in
meinem Hause lebt, als aus einem andern Grunde, und den ich niemals wie einen
Bedienten betrachte. Man konnte überhaupt bemerken, dass sowohl der Graf, als die
Gräfin ein uneingeschränktes Vertrauen zu dem alten Dübois hatten, der die
Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters, wie es schien,
freiwillig übernahm, denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn,
sondern drückte seinen Willen als Wunsch aus und liess ihn so gewöhnlich durch
die Gräfin an den alten Mann gelangen, der auch bei aller Ehrerbietung, die er
gegen den Grafen zeigte, doch eigentlich nur die Gräfin als seine Herrschaft
betrachtete. Dem Bedienten, der auf den Ruf der Klingel eingetreten war, sagte
die Gräfin, er solle Herren Dübois bitten, einen Augenblick zu ihr zu kommen.
    Der Pfarrer, ein Mann ohne feine Erziehung, der in seiner Umgebung sich zu
beherrschen nicht gelernt hatte, liess durch seine Mienen, die eine schlaue
Verwunderung ausdrückten, und durch das halbe Lächeln, mit dem er den Arzt
ansah, deutlich merken, wie sehr ihn diese Art, mit seiner Dienerschaft
umzugehen, befremdete.
    Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer höflichen
Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Türe. Es war unmöglich,
beim ersten Blicke, den man auf ihn richtete, dem alten Manne Wohlwollen und
Zutrauen zu versagen. Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit
des Gemüts, die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmütige Augen, die
wenigen grauen, sorgfältig gepuderten Haare erweckten Teilnahme für sein Alter,
und eine Trauer in seinem Gesichte, die niemals verwischt wurde, obgleich er bei
jeder Rede ein wenig lächelte, verriet mehr Tiefe des Gemüts, als man bei
gewöhnlichen Dienern findet. Es war bekannt, dass er die französische Revolution
mit allen ihren Folgen verabscheute, und er dehnte diesen Abscheu auf Alles,
sogar auf die jetzige Kleidertracht aus, die, wie er meinte, auch eine Folge der
Revolution sei. Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben, wie in seinem
Innern, so auch in seinem Äußern, und ihn schmückte noch ein brauner Rock mit
seidenem Futter und goldgesponnenen Knöpfen, wie es sich für einen
Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte. Seine Haare waren frisirt und
gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt, er steckte, wenn
er vor seine Herrschaft trat, drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide
und ein wenig Gold gestickte, atlassne Weste, indes er den Hut unter dem linken
Arme hielt, auch erlaubte er sich nie anders, als in seidnen Strümpfen, vor der
Gräfin zu erscheinen. So belehrte er die Bedienten des Hauses, mit solcher
Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch
öffentlich der Welt, dass man Leuten von hoher Geburt diente, die durch ihre
edeln Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten. Aber jetzt, seufzte er
dann oft, jetzt ist freilich Alles anders, seit der unglücklichen Revolution
kümmert sich kein Diener mehr darum, von welcher Geburt seine Herrschaft ist,
auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgültig, Geld und Lohn wird jetzt allein
berücksichtigt. Wahrhaft gekränkt konnte der alte Mann sein, wenn auf solche
Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete: Natürlich, was geht mich die
Herrschaft an, Wer am Besten bezahlt, dem diene ich am Liebsten, und mich
kümmert es wenig, was er ist oder wie er ist. Wenn er solche Antworten auf seine
wohlgemeinten Reden erhielt, dann zog er sich gewöhnlich auf sein Zimmer zurück
und las Anekdoten aus der guten alten Zeit, von treuen Dienern und edeln Herren,
und Niemand würdigte so sehr, als er, den bekannten Haushofmeister des grossen
Condé, der sich in Verzweiflung selbst entleibte, weil er glaubte, er würde den
König nicht so bewirten können, wie es die Ehre seines Herren erforderte.
    Diesem Dübois näherte sich nun die Gräfin und fragte, indem sie ihn mit
ihrem gewöhnlichen durchdringenden Blick ansah, mit etwas leiser Stimme: Haben
Sie den verwundeten Officier schon gesehen? Ja, gnädige Gräfin, erwiederte der
alte Mann, indem er sich verbeugte, ich habe ihn gesehen. Er richtete einen
schnellen traurigen Blick auf die Gräfin, indem er diese wenigen Worte sagte,
der Niemand sonst auffiel, der aber die Gräfin so bewegte, dass sie mit wankender
Stimme sagte: Der Graf wünscht, lieber Dübois, Sie möchten die Sorge für den
Kranken übernehmen, wenn es Ihre Kräfte und Ihre Gesundheit erlauben, das heisst,
fügte sie erklärend hinzu, Sie möchten die Oberaufsicht führen, damit ihm nichts
mangle, und da er wahrscheinlich nur französisch reden wird, und folglich
Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann, seine Wünsche von ihm erfahren
und dann den Bedienten die nötigen Befehle geben. Ich habe den gnädigen Herren
Grafen schon um die Erlaubnis bitten wollen, antwortete der alte gutmütige
Mann, für die Pflege des Kranken zu sorgen; denn, sezte er mit einem Seufzer
hinzu, wenn ich auch sonst keine Teilnahme für ihn hätte, so ist er doch ein
Franzose, zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit, aber doch immer ein Sohn
meines Vaterlandes, und das ist für mich hinreichend, um für ihn wie für einen
eigenen Sohn zu sorgen. Ich wusste, dass Sie so denken, sagte der Graf, indem er
ihm freundlich auf die Schulter klopfte, und Sie erzeigen mir eine wahre
Gefälligkeit dadurch, dass Sie die Pflege des jungen Mannes übernehmen, denn nun
kann ich völlig sicher sein, dass nichts versäumt wird, und in seiner
gefährlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden. Dieser war
nun auch hinzugetreten, und da er vernommen hatte, dass Dübois die Krankenpflege
übernehmen wollte, so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen
Amtsgenossen, halb als einen Untergebenen; er gab ihm ohne Umstände eine Menge
Aufträge, was er alles für den Kranken tun sollte, und fügte bei jedem Auftrage
die Ursache hinzu, warum Dieses und Jenes geschehen müsse. Dübois hörte Alles
geduldig an und blieb in seiner höflichen Fassung, doch als der Arzt endlich im
Eifer der Rede einen Knopf der atlassenen Weste fasste, und indem er heftig daran
zog, ihm einschärfte, alles Sprechen des Kranken zu verhindern, wurde der alte
Mann ungeduldig, entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Händen des
Arztes und verliess mit einer Verbeugung das Zimmer, indem er sich kaum entalten
konnte zu bemerken, dass ehedem, vor der Revolution, auch die Aerzte besser
erzogen gewesen wären, und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab,
diese unfeine Bemerkung zu unterdrücken.
    Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte, die Nacht auf dem
Schloss zu bleiben, um ihm am andern Morgen beizustehn, den nötigen Bericht an
die Regierung über den Verwundeten aufzusetzen; mein Beamter, sagte er, ist in
diesem Augenblicke abwesend, und ich, fügte er lächelnd hinzu, bin erst seit so
kurzer Zeit hier, dass ich völlig fremd in den Geschäften bin. Der Prediger war
sehr gern bereit, allen Beistand zu leisten, und nachdem auch seine Sache
abgemacht war, und man den Befehl erteilt hatte, den Schulzen und die Bauern
auf's Beste zu bewirten, begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer, um
sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu
erholen.
    Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind, sagte die Gräfin, so bitte ich
Sie, uns doch mitzuteilen, wo Sie den Verwundeten in so kläglichem Zustande
gefunden haben.
    Sie wissen, erwiederte der Graf, dass unser guter Nachbar, der Baron Löbau,
nicht mit mir über die Grenzen unserer Besitzungen einig ist, und dass ich, da
mir der Zustand der Ungewissheit im Grossen, wie im Kleinen zuwider ist, und ich
Streitigkeiten verabscheue, mich entschloss, trotz der ungünstigen Witterung, mit
ihm nach der Gegend hinzureiten, um wo möglich an Ort und Stelle Alles
auszugleichen. Wir machten den Ritt mit einander, und auf einer kleinen, von
waldbewachsenen Hügeln umgebenen Fläche, mitten im streitigen Grenzlande, fanden
wir den unglücklichen jungen Mann; wir entdeckten, da wir untersuchten, noch
Spuren des Lebens, ich hüllte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nächsten
Dorfe, um Hülfe herbei zu rufen; der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten,
wir boten den Schulzen und die Bauern auf, und eilten, so schnell es sich tun
liess, nach dem Walde zurück. Der gute Baron war indes bei dem Verwundeten
geblieben, er hatte ihn mit Hülfe des Bedienten auf eine trockene Stelle
gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als möglich zu schützen. Der
Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen, und ein dumpfes Stöhnen zeigte,
dass er noch lebte; der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden, wir legten
ihn auf Kissen und hüllten ihn in Decken, und ich nahm meinen Mantel zurück. Als
der Verwundete auf der Bahre lag, trat der Baron davor, und indem er feierlich
um sich blickte, fragte er, wohin nun mit ihm? Es käme dem zu, für ihn zu sorgen
und der Regierung darüber zu berichten, auf dessen Grund und Boden er gefunden
worden, allein wessen ist der Grund und Boden? Ich bemerkte, da meine Wohnung
näher liege, als das Schloss des Barons, so wollte ich mich der Pflege des
Verwundeten annehmen. Sehr wohl, erwiederte der Baron, aber ohne dass dadurch ein
Recht auf diesen Grund und Boden entsteht; wenn Sie es bloss als eine Handlung
der Menschlichkeit und nicht als eine Possess-Ergreifung betrachten wollen, so
bin ich zufrieden, dass Sie ihn fortbringen lassen. Ich gab feierlich mein Wort,
auf die Handlung kein Recht zu begründen; der Herr Pfarrer war Zeuge unseres
Vertrags, und danach sezte sich der Zug in Bewegung. Wir hielten im Dorfe an,
der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige stärkende Mittel einzuflössen, wir
versahn uns mit Lichtern, und so erreichten wir endlich nach manchen
ängstlichen Augenblicken das Schloss.
    Und hier, rief der Arzt mit Hastigkeit, wird nun der junge Mann unter meinen
Händen entweder genesen oder sterben.
    Eines von beiden, erwiederte der Graf, wird wahrscheinlich eintreten, doch
hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste.
    Es steht schlimm um ihn, bedenklich schlimm, sagte der Arzt, indem er die
Augen fest zudrückte und den Kopf auf die linke Schulter senkte. Aber warum,
fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an, warum haben Sie ihn nicht
lieber in ihrem Hause behalten? Der lange, beschwerliche Weg über das Gebirge
hat die Kräfte des armen Kranken noch vollends erschöpft und gewiss seinen
Zustand sehr verschlimmert.
    Ich dachte, sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit, da Sie hier im Hause
sind, und ärztliche Hülfe das Wichtigste für den jungen Mann ist, dass es am
Besten sei, wenn er unter Ihren Augen wäre.
    Nichts, nichts! rief der Arzt, Sie selbst verstehen recht viel von der
Kunst, Sie hätten ihn gut pflegen können, Sie hätten die Einsichten gehabt, alle
nötigen Mittel richtig anwenden zu können, es wäre dem Kranken nichts bei Ihnen
abgegangen.
    Aber, sagte der Pfarrer vedriesslich, Sie hätten nicht so oft nach ihm sehen
können, und das ist doch das Wichtigste.
    Ich hätte mir, rief der Arzt, mein Pferdchen satteln lassen, schnell wäre
ich des Morgens bei Ihnen gewesen; was mach ich mir aus Beschwerde! Und hätte
ich hier keinen Kranken gehabt, und das Wetter wäre zu schlecht gewesen, so wäre
ich die Nacht bei Ihnen geblieben, das hätte sich Alles machen lassen, und Sie
haben immer unrecht daran getan, den armen Menschen so weit, auf so schlechten
Wegen, bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu
lassen.
    Der Arzt ahnte nicht, wie sehr er den Pfarrer quälte, denn er wusste nicht,
dass dieser zwar höchst dienstfertig war und alle Hülfe leistete, so lange bloss
seine Tätigkeit in Anspruch genommen wurde, dass er sich aber augenblicklich
zurück zog, wo seine Hülfsleistungen ihm Kosten verursachten oder
Verantwortlichkeit zuziehen konnten. Als man deshalb vor seinem Hause mit dem
Verwundeten anhielt, kämpfte er in der Tat mit sich, ob er ihn nicht aufnehmen
sollte, denn er sah das Gefährliche seines Zustandes wohl ein, indes die Furcht
vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg über seine Menschenliebe davon,
und er folgte dem Zuge mit banger Sorge, denn ihn quälte die Furcht, der Kranke
möchte unterwegs sterben, und es war ihm eben so peinlich, daran zu denken, was
auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten, als wie sehr ihn sein
eigenes Gewissen beunruhigen würde. Der Graf suchte den Pfarrer von den
Vorwürfen des Arztes zu erlösen, indem er erklärte, er, als der Grundherr, würde
es nicht wohl haben zugeben können, dass der Verwundete, der ein feindlicher
Offizier scheine, sich anderswo, als unter seinen Augen aufhielte, so lange, bis
eine Bestimmung über ihn von der Regierung einträfe. Der Arzt schwieg zwar einen
Augenblick, wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief: Ich hätte mir
den Kranken nicht entgehen lassen, Sie haben immer unrecht getan!
    Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurück, und der
Graf, begleitet vom Arzt und Prediger, besuchte noch einmal den Kranken; sie
fanden ihn schlafend, und Dübois berichtete, er sei in so weit zu sich gekommen,
dass man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflössen
können, darauf sei er eingeschlafen. Gut, sehr gut, rief der Arzt, nun gewacht,
darauf geachtet, wenn er aufwacht, dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen,
damit wir sehen, was alsdann zu tun ist; nur den Schlaf des Kranken nicht
gestört, der Schlaf stärkt und beruhigt alle Nerven. Der Arzt hatte die
Gewohnheit, alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Sätzen zu geben,
oder sehr weitläuftig auseinander zu setzen, wesshalb dieses oder jenes geschehen
solle, und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben, in der Regel
wendete er aber die lezte Art, seine Verordnungen mitzuteilen, nur bei
Gebildeten an, von denen er voraussetzte, dass sie ihn verstehen könnten.
    Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister: Sie werden doch,
lieber Dübois, nicht die Nacht aufbleiben wollen? Es würde Sie bei Ihrem Alter
zu sehr angreifen?
    Der gnädige Herr Graf bemerken, sagte der alte Mann, dass ich es mir schon in
dieser Absicht bequem gemacht habe. (Er hatte einen weiten braunen Oberrock
angezogen.) Es wird mir nichts schaden, einige Nächte aufzubleiben, und ich habe
denn doch, wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte, ein ruhiges Gewissen. Er
sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte
seine Tränen nicht zurückhalten, ob er es gleich nicht schicklich fand, in
Gegenwart des Grafen zu weinen. Dieser drückte ihm gerührt die Hand und sagte:
Sie sorgen stets so treu für Andere und so wenig für Sich selbst, denken Sie
daran, wie sehr es die Gräfin und mich schmerzen würde, Sie zu verlieren, und
schonen Sie sich.
    Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen, und sah ihm mit
Dankbarkeit und Entzücken in die Augen. Er kam sich in diesem Augenblicke vor
wie der Diener eines hohen Fürsten aus der guten alten Zeit vor der
französischen Revolution, dessen Treue und Ergebenheit öffentlich von seinem
Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird. Der Graf drückte noch einmal
seine Hand und sagte mit grosser Güte: Gute Nacht dann, lieber Dübois; schlafen
Sie wohl, meine Herren, sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und
Pfarrer, und verliess das Zimmer. Dübois schwieg, aber seine Liebe für den Grafen
und die Gräfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade, dass keine Opfer,
welche sie auch von ihm hätten fordern können, ihm zu gross gedünkt hätten.
    Der Arzt bemerkte, dass es noch nicht spät sei, und lud den Pfarrer ein, da
nun die Geschäfte des Tages vollbracht wären, noch ein Stündchen ihm auf seinem
Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten. Diese Einladung wurde vom
Pfarrer um so bereitwilliger angenommen, je mehr er sich längst darnach gesehnt
hatte, seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen
Unterhaltung zu rauchen.
 
                                      III
Schon längst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen, die nähern
Familienverhältnisse des Grafen zu erfahren. Ohne bösartig zu sein, wurde er von
einem inneren Verlangen getrieben, Alles zu erforschen, was irgend einen
Menschen oder eine Familie betraf, die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft, wenn
auch in weitester Entfernung, gehörten; ja, Manche, die ihn näher kannten,
behaupteten, seine grosse Dienstfertigkeit entspringe zum Teil daher, weil sie
ihm Gelegenheit verschaffe, Manches zu erfahren, was ihm verborgen bleiben
würde, wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen
beschäftigte. So kam es, dass er der allgemeine Ratgeber der ganzen Gegend war,
ihr Rechtsfreund, wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren, der Arzt aller
Bauern und Beamten, die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten, als sich
an einen wirklichen Arzt wendeten. Er häufte auf diese Weise Arbeit und
Beschwerden aller Art auf sich, und fühlte sich vollkommen belohnt, wenn seine
Klienten und Patienten alle Fragen, die er ihnen vorlegte, gewissenhaft, genau
und treu beantwortteten, dagegen konnte er aber in unbescheiden üble Laune
geraten, wenn es sich Jemand beikommen liess, nur seine Arzneimittel oder seinen
Rat benutzen zu wollen, ohne ihm weitere Auskunft über sich und Andere zu
geben, so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand, die in
der Tat nichts zu sagen wussten, weil sie sich nicht um die Angelegenheiten
Anderer bekümmerten; einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen: Es ist
unbegreiflich, wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen, ohne sich
um sie zu bekümmern. Bei solchen Eigenschaften war es natürlich, dass, ob er zwar
sein Amt vorschriftsmässig verwaltete, und man nicht sagen konnte, dass er etwas
von seiner Pflicht versäumte, doch allen seinen Handlungen der geistliche
Charakter, möchte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar
immer den Geschäftsmann sah, der nun grade dies Geschäft abmachte, weil Zeit und
Stunde es forderten. Er fühlte dies selbst und zwang sich oft, Ernst und Salbung
in seine Haltung und Mienen zu bringen, die, weil sie im vollkommenen
Widerspruche mit seinem übrigen Tun und Treiben standen, ihm einen Anstrich von
Heuchelei gaben, die seiner Seele fremd war.
    Diesem Manne nun musste es höchst peinlich sein, dass der Graf seit einigen
Monaten auf dem Schloss lebte, ohne dass er erfahren konnte, wesshalb. Denn ihm
schien es unnatürlich, dass ein Mann wie der Graf, der beinah funfzig Jahr alt
war und seit zwanzig Jahren unumschränkter Besitzer eines grossen Vermögens, der
sich in der ganzen Zeit wenig um seine Güter bekümmert, sondern immer
abwechselnd in den grössten Städten Europas gelebt hatte, nun auf ein Mal, und
zwar im Herbst, sich ohne Ursache auf eines seiner Schlösser zurückziehen
sollte. Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten über die Art, wie die Verbindung
zwischen dem Grafen und der Gräfin sich gebildet hatte, denn obgleich die Gräfin
in Schlesien geboren war, so war sie doch im Auslande mit dem Grafen
verheiratet worden, und er wusste nicht einmal recht, wo? Der Graf war der
protestantischen Kirche zugetan, dagegen war die Gräfin katolisch, ja er hatte
dunkel gehört, sie sei dazu bestimmt gewesen, sich dem Kloster zu weihen, und er
hatte nie erfahren können, was ihren Entschluss konnte geändert haben.
    Der einzige Bruder der Gräfin hatte grosse Besitzungen, die kaum zehn Meilen
von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren, aber auch er war seit
langer Zeit abwesend, und der Pfarrer wusste nicht einmal, wo er sich aufhielt.
Der Graf und die Gräfin behandelten sich gegenseitig mit grosser Achtung, aber
mit einer gewissen Zurückhaltung, und es liess sich nicht bestimmen, ob sie
glücklich oder unglücklich mit einander lebten. Selbst der alte Dübois war ihm
eine rätselhafte Person, und er konnte es nicht herausbringer, wesshalb er von
dem Grafen und der Gräfin mit so viel Schonung, Achtung und Aufmerksamkeit
behandelt wurde.
    Diese Fragen, die er sich selbst oft vorgelegt hatte, ohne sie befriedigend
beantworten zu können, glaubte er, würden ihm nun wenigstens zum Teil aufgelöst
werden. Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und, wie es schien, ihn
schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte, so glaubte er, dass dieser
ihm über Vieles Aufschluss geben könnte.
    Es war dem Pfarrer zu vergeben, dass er so falsche Hoffnungen auf den Arzt
gründete, er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn näher kennen zu lernen,
nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen, die die ganze Aufmerksamkeit
des Arztes in Anspruch nahmen, und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von
nichts die Rede gewesen, als von dem Zustande dieser Kranken. Er hatte also
nicht bemerken können, dass der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehörte, die
nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren, für die also die
übrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind, als sie diese Wissenschaft an
ihnen ausüben können. Darum war ein gefährlich Kranker für ihn von höchster
Wichtigkeit, der seine ganze Teilnahme in Anspruch nahm, dem er alle seine
Zeit, alle seine Gedanken widmen konnte, und für den er eine dankbare Liebe
gewann, wenn er endlich, nachdem er sich pünklich allen Vorschriften unterworfen
hatte, genas, und durch Leben und Gesundheit zeigte, dass die Wissenschaft über
die Krankheit zu triumphiren vermag. Dagegen hatte er eine Art von Verachtung
gegen Personen, die häufig leiden, ohne sich für eine bestimmte Krankheit zu
entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen, deren reizbare Seele
nachteilig auf den Körper wirkt, und die dann, wenn der Körper dem Uebel
erliegt, das ihm die Seele zufügt, zum Arzte ihre Zuflucht nehmen. Zu diesen
Unglücklichen gehörte eigentlich die Gräfin, und es war dem Arzt jedesmal
verdriesslich, wenn er zu ihr gerufen wurde. Gesunde konnten in der Regel nur in
so fern darauf Anspruch machen, seine Teilnahme zu erregen, als er sie geeignet
fand, mit ihnen über seine Wissenschaft oder über sein Leben zu reden. Denn so
arm und eng sein Leben auch war, so höchst wichtig, bedeutend und lehrreich
erschien es ihm; der kleinste Vorfall dünkte ihm eine wunderbare Begebenheit,
die nicht verfehlen könnte, ein grosses Interesse zu erregen; seine Meinungen und
Ansichten kamen ihm entscheidend vor, und er hatte keine Ahnung davon, dass er
von der Welt und dem Leben gar nichts wusste, denn er hielt sich sonderbarer
Weise mit allen diesen Eigenheiten für einen Weltmann.
    Diese beiden nun sassen im Zimmer des Arztes, Jeder in einer Ecke des Sophas
behaglich Taback rauchend, der Pfarrer mit dem bestimmten Plane, so viel als
möglich vom Arzte zu erfahren, und dieser im Nachdenken versunken, wie sein
Kranker auf's Beste zu behandeln sei.
    Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen? unterbrach endlich
der Pfarrer das Stillschweigen.
    Auf Reisen? erwiederte der Arzt; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen
gewesen, ich liebe solide Studien, das kann man auf Reisen nicht haben. Ich war
eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist,
wo ich mich gänzlich nieder zu lassen denke. Ja, ja! rief er lächelnd, ich will
mich hier ansiedeln, Sie hätten wohl nicht gedacht, dass ich hier meine Hütte
bauen will.
    Die Gegend ist äusserst angenehm, sagte der Pfarrer, das würden Sie im
Frühlinge finden, jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen.
    Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm beschäftigt
gewesen, so lange ich hier bin, ich habe drei so merkwürdige Kranke, dass mich
die Aerzte in Wien darum beneiden würden. Der eine, wissen Sie, ist der alte
Schmidt, bei dem ich Sie einmal antraf, wie heisst er doch gleich? ich fand ihn
in dem erbärmlichsten Zustande von der Welt, als ich hier ankam, jetzt fängt er
an sich zu erholen, dass es eine Freude ist ihn anzusehn; bring' ich den Menschen
den Winter durch, so sollen Sie sehen, er wird vollkommen hergestellt. Der
Leinweber, das ist wahr, der ging mir drauf, aber es war auch nichts an dem
Menschen, er hörte nicht, er folgte nicht, er wollte nach seinem Kopfe leben,
und er hat gesehn, was dabei heraus kömmt.
    Der Pfarrer wollte nichts hören von Leuten, die er in allen ihren
Verhältnissen genau kannte, und suchte deswegen das Gespräch auf andere
Gegenstände zu lenken. Ich meine, sagte er, die Natur kann jetzt keinen Reiz für
Sie haben, die im Frühling und Sommer hier unglaublich schön ist.
    Freilich, freilich, erwiederte der Arzt, die Natur schlummert jetzt, aber
die Studien, Herr Pfarrer, die Studien müssen uns schadlos halten, der Graf hat
auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen, die
älteren besitze ich längst selbst, dabei wird mir der Winter verfliegen, dass ich
es beklagen werde, wenn er vorbei ist.
    Sie leben wenig in der Welt, wie es scheint, bemerkte der Pfarrer. In der
Welt, antwortete der Arzt, wie sollte ich nicht? Ich lebe immerfort in der Welt,
von einem Kranken geht es zum andern, von Hohen zu Niedern, von Niedern zu
Hohen, dadurch gewinnt man Menschenkenntnis, Herr Pfarrer, vor dem Arzte
versteckt man sich nicht, der Arzt ist wie der Beichtvater, er durchschaut die
innerste Seele.
    Sie haben Recht, sagte der Pfarrer, und manche Uebel könnten wohl nur der
Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen.
    Solche Uebel sind mir zuwider, sagte der Arzt, eine reine, vernünftige
Krankheit, da weiss man, was man tun soll, und wenn in solchem Falle der Körper
auf die Seele wirkt, der Kranke schwermütig, trübsinnig wird, so weiss man, wie
man ihn erheitern, zerstreuen soll; man liest ihm vor, man erzählt ihm, und ist
es so weit, dass es angeht, so führt man ihn spazieren. Aber wo die Seele auf den
Körper wirkt, mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen.
    Sollte nicht die Frau Gräfin eine solche Kranke sein? fragte der Pfarrer mit
schlauer Miene.
    Ei, ei! rief der Arzt erstaunt, ja beinah erschreckt, wer hat Ihnen das
verraten? Meine Lippen sind versiegelt, ich bin stumm wie das Grab; schändlich
der Arzt, der eines Missbrauches dessen fähig ist, was er an seinen Kranken
bemerkt.
    Ich glaubte, sagte der Pfarrer, man kann es der Gräfin auf den ersten Blick
ansehen, dass sie nicht glücklich ist.
    Wie so? fragte der Arzt bestürzt; woran wollen Sie das bemerkt haben?
    Sie hat etwas Schwermütiges in den Augen, erwiederte der Pfarrer, ihre
Stirn ist nicht heiter, die Blässe der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram
und Kummer zu sein, sie tut sich selbst Gewalt an, um an der Unterhaltung
Anteil zu nehmen; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene, oder
durch fremde Schuld gestörten Seelenfrieden.
    Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich glaube, die Gräfin ist
ungern hier, sie scheint das Landleben zu hassen, sie ist mehr für die grosse
Welt. In der ersten Woche, die wir hier zubrachten, verliess sie beinah ihr
Zimmer nicht, und ich sah sie gar nicht. Endlich führte mich der Graf eines
Abends zu ihr, und ich fand sie so angegriffen, so verwandelt, dass ich mich
recht entsezte. Es war mir leicht einzusehen, dass Gemütsbewegungen das Alles
hervorgebracht hatten; ich sagte es ihr klar und deutlich, dass sie selbst das
Beste dafür tun müsste, um sich herzustellen, dass meine Mittel allein nicht
wirken könnten. Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein, um wieder
den ganzen Abend zu weinen, wie das solche Kranke an sich haben; aber ich sagte
ihr gerade heraus, dass sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen müsse; ich
bot ihr an, eine Partie Schach mit mir zu spielen, dazu hatte sie mich sonst
zuweilen aufgefordert; ich meinte es aufs Beste, aber nichts war mit ihr
anzufangen, der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten, Einsamkeit würde
heute am Wohltätigsten auf sie wirken. Ich bewies ihm deutlich, dass er sich
irrte, und gab ihm zu verstehen, dass er von der Medicin nichts wüsste, und können
Sie denken, ein so gescheiter Mann, als der Graf, wurde empfindlich und sagte
mir ganz trocken: meine Einsicht möge die bessere sein oder nicht, man müsse auf
jeden Fall dem Wunsche der Gräfin nachkommen.
    Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen: Wenn es also der Wunsch der Frau
Gräfin ist, ihre Gesundheit völlig zu Grunde zu richten, so muss ich als Arzt ihr
darin beistehen? Ich sah wohl, dass der Graf böse wurde, aber ich war so
aufgebracht in dem Augenblick, dass ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die
Folgen nicht bekümmerte, wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen wären. Die
Gräfin sagte einige Worte englisch zum Grafen, sie weiss, das verstehe ich nicht,
und auf einmal war der Graf ganz ruhig. Sie bat mich nun, den andern Morgen zu
ihr zu kommen, und versprach mir, dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles,
was ich verordnen würde, gewissenhaft zu brauchen. Was blieb mir übrig, ich
musste gehen, aber ich fühlte damals, lieber Herr Pfarrer, die Wahrheit der
Behauptung: dass es keine Rosen ohne Dornen gibt; ich fühlte mich in einer, einem
Manne nicht geziemenden Abhängigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner
Philosophie, um mich über mein Schicksal zu trösten.
    Es scheint also, bemerkte der Pfarrer, dass die Gräfin sehr auf den Grafen
einwirkt, dass seine Ansichten sich nach den ihrigen richten, mit einem Wort, dass
sie eine gewisse Herrschaft über ihn ausübt.
    Ja, ja! rief der Arzt, das mag wohl sein, da zünden Sie mir ein grosses Licht
an, Herr Pfarrer, wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme. Es ist
doch sonderbar, dass ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhältnissen mit
Frauen zusammentreffe, die ihre Männer beherrschen.
    Ist Ihnen das schon öfter begegnet? fragte der Pfarrer lächelnd.
    Auf eine höchst merkwürdige Weise ist es mir begegnet, entgegnete der Arzt,
im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet. Ich wäre beinah Ihr
Amtsbruder geworden, müssen Sie wissen, ich studirte Teologie, meine
Angehörigen wünschten es, man verschafte mir ein Stipendium, und der erste
Professor der Teologie auf der Universität, die ich bezog, war mein Oheim. Ich
verschweige den Namen der Universität, ich will Niemanden schaden: Sie sehen,
ich hatte brillante Aussichten. Aber ich darf wohl sagen, von der Wiege an
verfolgte mich das Unglück, vernichtete meine schönsten Träume und stählte mich
eben dadurch zum Philosophen.
    Was begegnete Ihnen denn so Seltsames? fragte der Pfarrer mit gespannter
Neugierde.
    Denken Sie, antwortete der Arzt, ich komme an und finde meinen Oheim, den
Professor, verheiratet.
    Nun, sagte der Pfarrer lächelnd, das ist weder seltsam, noch merkwürdig,
beinah alle Professoren sind verheiratet.
    Ja, aber wie war er verheiratet, versetzte der Arzt, darauf kommt es an.
Entwürdigt hatte er sich, erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushälterin,
einer rohen Person, die von Bauern abstammte, keine Kenntnisse hatte, als was
Kochen und Waschen anbetraf, eine Gesellschafterin, die eines Gelehrten völlig
unwürdig war. Ich überwand mich, diese rohe Bäuerin Frau Base zu nennen, weil
ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstosse; ich liess mir aber
die Ueberwindung deutlich merken, die es mich kostete, um meiner eignen Würde
nichts zu vergeben, und die rachsüchtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick
an. Ich bemerkte es bald, dass sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem
Nachteil auf ihn wirkte; seine Güte für mich hörte auf, und das Leben in seinem
Hause wurde mir sehr verbittert. Dadurch wuchs die Abneigung gegen die
Teologie, die ich immer empfunden hatte; meine Neigung zur Medicin wurde
grösser, als je; ausserdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen,
und so entschloss ich mich zu handeln wie ein Mann. Ich schrieb meinem Oheim
einen Brief, worin ich ihm alle Gründe auseinandersetzte, die meinen Entschluss
bestimmten, und nahm von der Teologie Abschied. Ich meldete ihm zugleich, ich
wünschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen, um mich mit ihm über
meine Laufbahn zu beraten. Ich stellte mich ein zu der Stunde, die ich ihm
bestimmt hatte, aber denken Sie sich mein Erstaunen, er war abwesend, und auf
seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megäre, sein Weib. Er hatte die
Schwachheit gehabt, ihr mein Schreiben mitzuteilen, und sie stürmte mir mit
einem Strom von Scheltworten entgegen, nannte mich unsinnig, dass ich mein
Studium aufgeben wollte, fragte mich, wovon ich leben wollte, ob ich ihr zur
Last zu fallen gedächte, und was der Gemeinheit mehr war. Ich, empört, dass eine
so unwürdige Person sich ein Urteil über Männer anmassen wollte, deren
Handlungen sie gar nicht fähig war, zu begreifen, sagte, indem ich meine Stimme
bedeutend erhob, mit einem Ausdruck von Würde, der sie stutzig machte: Frau
Professorin und Frau Base, merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an,
denn es ist darin nicht bloss die Kirche gemeint, sondern alles Würdige und Edle,
was für Männer und nicht für Weiber gehört, Mulier taceat in ecclesia, dieses
verordnete schon der Apostel Paulus.
    Nun, sagte der Pfarrer, da ihre Base vermutlich nicht lateinisch verstand,
so ging diese Bitterkeit unschädlich vorüber.
    Ich übersezte ihr, was ich gesagt hatte, rief der Arzt, aber nun war es auch
hohe Zeit, der Furie zu entrinnen, ich verliess das Zimmer meines Oheims
sogleich, und sein Haus vor Anbruch des Tages. Ich schrieb ihm aus Jena, wohin
ich nun eilte, um mit ganzer Seele Medicin zu studiren, ich erhielt aber nur
eine kurze, trockne Antwort, worin er mir meldete, dass er seine Hand gänzlich
von mir abziehe, da ich mich erdreistet habe, seine Gattin mit solcher Frechheit
zu beleidigen. Was war zu tun, ich musste mich fügen, und ich kann sagen, dass
ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe.
    Jedoch, wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung? fragte der Pfarrer, der
gern wieder das Gespräch auf diesen Gegenstand leiten wollte, der ihm wichtiger
war, als die Lebensgeschichte des Arztes, ob er gleich auch diese nicht ohne
Teilnahme anhörte, denn es war ihm ein Bedürfnis geworden, aller Menschen
Verhältnisse genau zu kennen, mit denen er irgend in Berührung kam.
    Ich hatte es möglich gemacht, sagte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln,
indem ich meine eignen Studien trieb, noch so viel durch Unterricht, den ich
Andern gab, zu gewinnen, dass ich nicht nur lebte, sondern auch noch ein Sümmchen
ersparte, womit ich mich auf den Weg nach Wien machte, um die grossen Geister der
dasigen Region kennen zu lernen. Es ging auch dort mühsehlig, aber es ging doch;
ich erreichte meinen Zweck und studirte mit Eifer. Der Graf hielt sich zu der
Zeit in Wien auf, er suchte einen geschickten jungen Arzt, der ihn auf seine
Güter begleiten sollte, man empfahl mich, und ich erndtete nun die Früchte
meines Fleisses; ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein völlig
sorgenfreies Leben führen und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen.
    Der Pfarrer versuchte es einigemal, das Gespräch wieder auf den Grafen zu
lenken; indes die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare
Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen, die der Pfarrer an ihn richtete, er
mochte sie wenden, wie er wollte, führten den Arzt immer wieder auf einen
Vorfall seiner Jugend oder Kindheit, so dass nichts mehr aus ihm herzubringen
war, und der Pfarrer, verdriesslich über die geringe Ausbeute, die er gemacht
hatte, sich endlich entschloss, zu Bette zu gehen. Er verabredete noch vorher mit
dem Arzte, dass sie um fünf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dübois
von seiner Krankenwache ablösen wollten.
    Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe, und überliessen sich den
Träumen, die ihrem Lager nahen wollten.
 
                                       IV
Mit dem Schlage fünf stand der Pfarrer, der in allen Geschäften höchst pünktlich
war und sein ganzes Leben zum Geschäft machte, vor dem Bette des Arztes und
ermahnte ihn, der Verabredung gemäss, aufzustehen, indem er ihm zugleich
anzeigte, dass der Kaffee schon auf dem Tische stehe, wie sie es am vorigen Abend
bestellt hätten.
    Der Arzt sprang auf, kleidete sich mit grosser Hast an und riet dem Pfarrer,
seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen, weil er nicht zugeben könne, dass im
Zimmer des Kranken geraucht würde. Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab,
denn er hatte eine grosse Begierde, den Kranken zu sehen. Nach wenigen Minuten
begaben sich beide, Arzt und Pfarrer, nach dem Krankenzimmer; sie fanden den
Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette
desselben in einem Lehnstuhl sitzend. Er hatte seine silbergrauen Haare mit
einer weissen Nachtmütze bedeckt, Pantoffeln an den Füssen, seinen weiten braunen
Ueberrock bis oben zugeknöpft und las mit der Brille auf der Nase andächtig in
einem französischen Gebetbuche, beim Schein einer Lampe, deren Schimmer er so
gerichtet hatte, dass der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belästigt wurde.
    Nun, wie gehts, bester Herr Dubois, rief der Arzt eilig, wie geht's mit
unserm jungen Manne? Sie haben mich nicht gerufen, in der Nacht ist also wohl
nichts vorgefallen?
    Der Kranke, versetzte der Haushofmeister, erwachte aus seinem Schlummer vor
einigen Stunden, er blickte um sich und wollte sich aufrichten; es war ein
rührender Anblick, dem armen jungen Mann fehlten die Kräfte, ich bat ihn ruhig
zu sein. Wo bin ich? fragte er französisch. Ich gab ihm in der Kürze einige
Auskunft, ich weiss aber nicht, ob er mich verstanden hat; er forderte zu
trinken, und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte, sank er wieder in
Schlummer, wie Sie ihn noch sehen.
    Es ist gut, sagte der Arzt, es ist sehr gut, indem er den Puls des
Verwundeten lange mit bedächtigen Mienen untersuchte. Jetzt, alter Freund,
können Sie zu Bett gehen, und wir Beide, der Herr Pfarrer und ich, wollen die
Krankenwache übernehmen.
    Wäre es nicht besser, wenn ich hier bliebe? fragte der Haushofmeister; der
junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewöhnt, auch kann ich
mich ihm verständlich machen.
    Meinen Sie, es könne Niemand hier französisch sprechen als Sie? sagte der
Arzt empfindlich; ich spreche so gut als Sie, und kann also mich dem Kranken
eben so wohl verständlich machen. Diese letzten Worte fügte er als Beweis der
Behauptung, die sie entielten, französisch hinzu, indem er zugleich alles
Nötige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte; da er aber
das Deutsche im härtesten Türinger Dialekt sprach und diesen auch auf das
Französische übertrug, so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so
rauh, wie die Rede eines Wilden, und er sah den Arzt mit Erstaunen an, der so
unbefangen behauptet hatte, dies sei so gutes Französisch, als nur immer er, der
Pariser, zu sprechen vermöge.
    Nun machen Sie, alter Mann, gehen Sie zu Bett, wiederholte der Arzt, Sie
müssen durchaus einige Stunden schlafen, sonst werden Sie krank, und dann fallen
Sie in meine Hände.
    Diese letzte Äusserung schien in der Tat Eindruck auf den Haushofmeister zu
machen, denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer
entfernen, der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, doch sogleich
einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nächsten Städtchen holen zu
lassen; das hätten wir gleich gestern tun sollen, bemerkte er, es wurde aber in
der Unruhe vergessen; es ist nötig, dass er den Kranken sieht, der Herr Graf
könnte sonst Ungelegenheiten haben. Dübois entfernte sich, um diesen Auftrag zu
besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben. Der Arzt wartete auf das Erwachen
des Kranken, und der Pfarrer fing an, den Bericht an die Regierung über ihn
aufzusetzen. Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt
vermehrt. Der Kranke erwachte, seine Wunden wurden von allen Dreien
gemeinschaftlich untersucht und verbunden, und auf einige Fragen, die er tun
wollte, wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet, dass er in guten Händen
sei, aber sich fürs Erste alles Sprechens entalten müsse, wenn er sein Leben
erhalten wolle. Die grösste Ermattung des Verwundeten machte, dass er sich
geduldig in Alles fügte, was über ihn beschlossen wurde, und die fremden
Menschen, die ihn umgaben, mit ruhigem Erstaunen betrachtete.
    Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft; man hatte ihm die
Gegenwart des fremden Arztes gemeldet; er begrüsste ihn höflich und erkundigte
sich mit vieler Teilnahme nach dem Verwundeten.
    Nachdem ihm die Aerzte und der Pfarrer berichtet hatten, was sich nach der
ruhigen Nacht, die der Kranke gehabt hatte, Gutes hoffen liesse, näherte sich der
Graf dem Bette desselben. Der junge Mann richtete seine grossen dunkeln Augen auf
den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen, denn er
versuchte es sich empor zu richten. Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht,
so war der Name des Hausarztes, riefen ihm zugleich zu: er solle alle
Anstrengungen unterlassen. Der Graf, der sich neben seinem Lager nieder liess,
bat ihn, indem er seine Hand fasste, ruhig zu bleiben und nicht selbst durch
unnötige Anstrengungen seine Herstellung zu verzögern. Ein schwacher, kaum
merklicher Druck der Hand, womit der seinige erwiedert wurde, zeigte dem Grafen,
dass ihn der Kranke verstand. Er gab ihm nun selbst Nachricht, wo er sich jetzt
befände, und bat ihn, sein Haus so zu betrachten, als ob er im Hause seines
Vaters wäre, und alle Hülfe und Dienste, die man ihm gerne leisten wolle, so
ruhig anzunehmen, als ob er sie von seinen nächsten Angehörigen empfinge.
    Trotz seiner grossen Schwäche richtete der Kranke einen so rührend dankbaren
Blick auf den Grafen, dass dieser sich wunderbar erweicht fühlte. Es war ihm, als
ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein teurer, geliebter Freund zu ihm
aufblickte, auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen könne. Er
betrachtete nachdenkend das schöne, edle, obwohl durch Krankheit entstellte
Gesicht des jungen Mannes, die dunkeln Haare, die sich in weichen Locken um die
hohe, kühne Stirn legten, den wohlgeformten Mund; Alles dünkte ihm so bekannt,
und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden, dem dieser Jüngling glich.
    Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf, dass unwillkührlich alle im
Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernstaft
betrachteten, wie er selbst, welches den jungen Mann zu quälen schien. Er wandte
sich also an den Pfarrer mit der Bitte, ob er ihm nun behülflich sein wolle, den
nötigen Bericht an die Regierung abzufassen. Ich glaube, sagte der Pfarrer, es
wird weiter nichts nötig sein, als, was ich hier aufgesezt habe, zu
unterschreiben. Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz
hin, der ihn durchlas und sich nicht entalten konnte, innerlich zu bemerken,
dass der Pfarrer wohl nicht in der bürgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle
stehe, und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei. Es herrschte
eine Genauigkeit in diesem Aufsatze, die jedem möglichen Verdruss in der Zukunft
vorbeugte, und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswürdigen Kürze und
Deutlichkeit verbunden. Die Uniform des Verwundeten war beschrieben, wodurch die
Gerichte, wenn ihnen daran gelegen war, ausmitteln konnten, zu welchem
feindlichen Regiment er gehöre.
    Die Zeugnisse der Aerzte waren diesem Bericht beigelegt, und der Graf hatte
in der Tat nichts weiter nötig, als seine Unterschrift hinzuzufügen.
    Mit grossem Vergnügen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers, und
der Gedanke ging schnell durch seine Seele, ob er sich nicht an ihn in manchen
Angelegenheiten wenden sollte, die er ungern gerichtlich betreiben wollte, und
wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermutet ein guter
Unterhändler darbot. Nur die vorschnelle Art desselben, sich in alle Gespräche
zu mischen, die unbescheidene Zudringlichkeit, womit er sich über Dinge zu
fragen erlaubte, die man nicht beantworten wollte, machte den Grafen irre, und
er fürchtete, ein unbescheidener Frager möchte nicht mit Bescheidenheit
schweigen können. Indem der Graf dies dachte, ruhten seine Augen forschend auf
dem Pfarrer, der sich diesen Blick nicht erklären konnte und sich verdriesslich
nach dem Arzt umsah, den er für einen halben Narren hielt, von dem ein
vernünftiger Mensch nichts erfahren könne.
    Der Graf besann sich, dankte dem Pfarrer sehr höflich, unterschrieb den
Bericht, sendete ihn ab und nahm sich vor, den Geistlichen genauer zu beobachten
und auf eine gute Art Erkundigungen über seinen Charakter einzuziehen, um dann
diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemäss sein Vertrauen zu bestimmen.
    Der Pfarrer sowohl, als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem
Schloss und verliessen es nach der Tafel, ohne dass weiter etwas Erhebliches
vorgefallen wäre. Es war natürlich, dass sich beinah alle Gespräche um die
Begebenheiten drehten, die alle Gemüter mit Sorgen erfüllten. Die unglückliche
Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen liessen befürchten, dass sich die
Feinde auch über diesen Teil von Schlesien verbreiten würden; Alle glaubten,
dass man es nur den engen Schluchten zu danken haben würde, die zu dem jetzigen
Wohnorte des Grafen führten, wenn das Schloss von feindlichem Besuche verschont
bliebe; desto mehr war für die andern Besitzungen des Grafen zu befürchten. Der
Pfarrer erschöpfte sich in Vermutungen, welche Veranlassung den französischen
Offizier könnte nach einem so einsamen Orte im Walde geführt haben, wie der war,
wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte. Eben so war es unbegreiflich,
Wer seine Gegner gewesen sein konnten, da die vielen Wunden, die er empfangen,
bewiesen, dass kein Zweikampf vorgefallen war, sondern wahrscheinlich mehrere
Gegner den Unglücklichen niedergehauen hatten. Da Spuren von Pferden bemerkt
worden waren, so liess sich vermuten, dass Reiter diese Handlung verübt und nach
dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich geführt hatten; denn da er
selbst mit Sporen gefunden worden, so konnte man annehmen, dass auch er zu Pferde
gewesen war.
    Es lässt sich nicht ausmitteln, sagte der Graf, wie die Begebenheit
zusammenhängt, wir müssen uns in Geduld fügen, bis die Brustwunden des Kranken
so weit geheilt sind, dass er selbst sprechen und uns die nötigen Aufschlüsse
geben kann. Der Pfarrer gab diese Notwendigkeit mit einem Seufzer zu und
bemerkte nur: wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte, so werde man
niemals den Zusammenhang erfahren. Die Gräfin wendete sich erschreckt an die
Aerzte und fragte, ob sie die Wunden für so gefährlich hielten. Beide mussten es
zugeben, dass hauptsächlich die grosse Erschöpfung den Zustand des jungen Mannes
gefährlich mache, und dass man nur durch die sorgfältigste Pflege und die Jugend
des Kranken eine ungewisse Hoffnung begründen könne. Die schöne Emilie in der
unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit grosser
Rührung: Ach Gott, wie traurig muss es für eine Mutter oder Schwester sein, einen
Sohn oder Bruder in der Blüte der Jugend zu verlieren. Und wenn nun dieser
vollends hier sterben sollte, wir wissen nicht, wer er ist; wir können seinen
Angehörigen keine Nachricht geben, und sie haben nicht einmal den traurigen
Trost zu erfahren, dass die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert
worden sind, als es in menschlichen Kräften steht.
    Die Gräfin, obgleich gewohnt, alle ihre Empfindungen zu beherrschen, konnte
eine schmerzliche Teilnahme nicht verbergen, und man sah es ihr an, dass sie
sich erleichtert fühlte, als die Fremden das Schloss verliessen. Sie äusserte, ehe
sie sich auf ihr Zimmer zurückzog, den Wunsch, den alten Dübois zu sprechen, um
ihm einige Aufträge zu geben, und der Graf versprach, ihn ihr zu schicken und
indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben.
    Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat, fand er sie in
heftiger Bewegung mit gefalteten Händen, den tränenschweren Blick zum Himmel
gerichtet, und hörte noch einige Worte eines klagenden Gebets, mit dem sie Trost
und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien. Der alte Mann stand in seiner
gewöhnlichen Stellung in der Nähe der Türe und richtete einen
schüchtern-flehenden Blick auf die Gräfin, die, als sie ihn bemerkte, schnell
ihre Augen trocknete, dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte, als
wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen.
Der treue Diener wartete, bis sie ihn anreden würde, und endlich näherte sie
sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte: Ich will eine Frage an Sie tun, lieber
Dubois, die mich Ueberwindung kostet. Man hörte es ihrer Stimme an, mit welcher
Anstrengung sie sprach, es schien, dass ein gewaltsam zum Herzen zurückgedrängter
Schmerz die Brust beklemmte, und ihr das Atmen und das Sprechen beinahe
unmöglich machte. Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer,
ungewisserer Stimme fort: Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende
Aehnlichkeit bemerkt mit - sie zitterte und schwieg; ein Blick auf den alten
Diener zeigte ihr, dass er sie verstand, denn seine alten Augen füllten sich mit
Tränen; er faltete unwillkührlich die Hände und neigte einigemal bejahend sein
graues Haupt. Der gewaltsam in die Brust der Gräfin zurückgedrängte Schmerz
behauptete nun sein Recht und strömte in Tränenfluten aus ihren Augen; die
stillen Seufzer lösten sich in Klagen auf, die den Himmel der Ungerechtigkeit
beschuldigten, und der erschreckte Alte wusste nicht, was er tun sollte, um
diese Stürme zu beruhigen. Erschöpft sank die Gräfin endlich in einen Lehnstuhl
nieder. Das Feuer ihrer Augen erlosch, die bleichen Wangen wurden noch bleicher,
und die zitternden Hände, schien es, suchten ein befreundetes Wesen. Es schien,
als wolle der Lebensfunken der unglücklichen Frau erlöschen, oder wenigstens
eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern.
    Sie fühlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu
beherrschen, der Schmerz in ihren Zügen wurde milder, sie richtete das matte
Auge auf den alten Diener, der in stummen Tränen ihr zur Seite stand. Lassen
Sie uns ruhig sein, guter Dübois, sagte sie mit kranker Stimme, ich wollte Ihnen
auftragen, wo möglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen, vielleicht hat
er Papiere bei sich, die Auskunft geben, vielleicht - es ist Wahnsinn, Dübois,
was ich hoffe, ich weiss es, und dennoch, ich bitte, tun Sie, wie ich Ihnen
sage. Der Alte versprach, was die Gräfin von ihm forderte, und warf, ehe er sich
entfernte, einen flüchtigen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob sein Gesicht
und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte, den er so eben mit seiner
Gebieterin geteilt hatte, und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen.
Bitten Sie Fräulein Emilie zu mir, rief ihm die Gräfin mit matter Stimme nach.
    Emilie eilte zur Gräfin. Der Haushofmeister hatte ihr gesagt, sie befände
sich nicht wohl, aber Emilie bebte zurück, als sie die Gräfin erblickte, die
völlig ermattet noch im Lehnstuhl sass, und deren bleiches Gesicht noch feucht
von Tränen war, die ihren Augen unwillkührlich immer wieder von Neuem
entströmten. Komm zu mir, liebe Emilie, sagte die Gräfin, Du musst Geduld mit mir
haben, Du sanftes Kind, ich plage Dich mehr, als ich mir selbst verzeihe.
    Was ist Ihnen begegnet, fragte Emilie mit ängstlicher Stimme, das Sie so
erschüttert haben kann? Soll ich den Onkel rufen? Soll man den Arzt kommen
lassen?
    Nein, mein Kind, sagte die Gräfin matt aber bestimmt, ich will den Grafen
nicht durch meinen Zustand beunruhigen, und der Arzt kann mir nicht helfen.
    O! wüsste ich ein Mittel, sagte Emilie, indem sie die Hand der Gräfin weinend
küsste, wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden könnten.
    Befremdet sah die Gräfin ihre junge Freundin an, die errötend die Augen
niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verriet, dass sie aus Liebe und Mitleid
sich übereilt, und mehr gesagt hatte, als sie sich erlauben wollte. Wesshalb
glaubst Du, dass mir Ruhe des Herzens mangelt? fragte die Gräfin nach kurzem
Stillschweigen.
    Emilie war zu wahr, als dass sie sich nun durch halbe Antworten hätte aus der
Verlegenheit ziehen können; auch war die Gräfin zu klug, als dass sie sich anders
als scheinbar durch solche Antworten würde haben befriedigen lassen, und Emilie
wäre in Gefahr geraten, Achtung und Vertrauen ihrer Tante völlig zu verlieren,
und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben
betrachtet zu werden; sie entschloss sich also offenherzig zu antworten, wenn sie
auch die Gräfin dadurch kränken sollte. Warum antwortest Du mir nicht, fragte
diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin, die noch von Röte überzogen,
verlegen, mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand.
    Weil ich Sie kränken müsste, wollte ich diese Frage beantworten, die meine
Unbesonnenheit veranlasst hat, sagte Emilie, indem sie die schönen blauen Augen
freimütig auf die Gräfin richtete.
    Sprich aufrichtig mit mir, sagte diese in mildem Tone und doch halb
misstrauisch erwartend, welche Erklärung nun folgen würde.
    Sie sind so weit erhaben, sagte Emilie, über Eitelkeiten und ähnliche
kleinliche Leidenschaften, die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben, Ihr
Geist ist zu gebildet, als dass Sie aus Eigensinn eine solche haben könnten, und
dennoch - Emilie schwieg zögernd, - Und dennoch? fragte die Gräfin, ich bitte
Dich fahre freimütig fort.
    Ich muss es, sagte Emilie, nachdem unser Gespräch diese Wendung genommen hat;
Sie haben mir so viele Güte bewiesen, dass Sie mich zu ewiger Dankbarkeit
verpflichtet haben, und ich bin in Gefahr, dass sie mich nun als undankbar
verabscheuen werden.
    Nein, nein, sagte die Gräfin, sprich ohne Zögerung und weitere Einleitung.
    Bei der Güte Ihres edeln Herzens, bei der Grossmut Ihrer Seele, sagte
Emilie, können Sie dennoch in der Laune, die Sie eben beherrscht, mich oft so
schmerzlich verwunden, mit so kränkend wegwerfender Bitterkeit in manchen
Stimmungen meine Fehler rügen.
    Glaubst Du, fragte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln, dass Du niemals Tadel
verdienst?
    Ich bin so töricht nicht, erwiederte Emilie sanft, aber tue ich meiner
mütterlichen Freundin Unrecht, wenn ich glaube, es würde Güte und Liebe mir die
Bahn zeigen, die ich zu wandeln habe, und nicht Bitterkeit und kränkender Spott,
wenn Ihr Herz die schöne Ruhe empfände, die Sie so sehr verdienen? Würden Sie
bei der Grossmut Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armut sprechen, wie
Ihre Laune es Ihnen oft gebietet, gegen das hülflose Geschöpf, das einzig von
Ihrer Freigebigkeit lebt, und das Sie dadurch oft zwingen, die Nahrung, die es
Ihrer Güte verdankt, mit seinen Tränen zu benetzen? Kann diese Bitterkeit,
diese Heftigkeit, der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben,
als dass Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet, Ihrer Seele der Frieden fehlt,
den ich für Sie so oft mit Tränen vom Himmel erbeten habe?
    Emilie schwieg erschrocken und erstaunt über ihre Dreistigkeit, die sie sich
selbst nicht zugetraut hatte. Die Gräfin hatte die Augen ernst auf ihre junge
Freundin geheftet, indes sie sprach, doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe
und Güte auf. Du hast Recht, Emilie, sagte sie, ich habe Dir Unrecht getan,
schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden, und Deine Sanftmut
hat mir immer mit Liebe erwiedert. Du hast Recht, diese Ungerechtigkeit
entspringt aus einer gequälten Seele, aus einem von tausend Qualen zerrissenen
Herzen; aus Erinnerungen an Leiden, die ich nicht vertilgen kann und nicht
mitteilen will. Vergieb mir, Emilie, dass ich Dir wehe getan habe, und statt
ein Kind, das ich mir zu plagen erlaubt habe, wirst Du mir künftig eine Freundin
sein, an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann; nur frage mich nie um
diesen Kummer.
    Sie breitete, indem sie dies sprach, ihre Arme aus und drückte Emilie mit
Liebe an die Brust, die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit
erwiederte.
    Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin, sie einige Zeit
allein zu lassen, dass sie sich zu sammeln vermöchte, und Emilie war verwundert,
als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Teezeit erschien,
zwar noch blass und matt, aber im Äußern vollkommen ruhig. Sie nahm an allen
Gesprächen Anteil, und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie, als
die Unterhaltung sich dahin lenkte, und bat zuletzt Emilie, viele ihrer
Lieblingslieder zu singen, wozu der Graf bereit war zu accompagniren, so dass der
Abend viel heiterer zugebracht wurde, als sich nach einem so stürmischen Tage
erwarten liess.
 
                                       V
Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten, ohne dass auf dem
Schloss etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre. Der Verwundete besserte sich
langsam, aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden, um nicht
die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen. Die Nachforschungen des alten
Dübois waren fruchtlos gewesen, denn es schien, dass man den jungen Mann nach
seinem Falle beraubt habe, weil eben so wenig ein Taschenbuch, als Geld oder Uhr
oder irgend eine Sache von Wert in seinen Kleidern gefunden wurde. Der Graf
hatte dem Haushofmeister aufgetragen, den jungen Mann mit Wäsche, Kleidern und
Allem, was er bedürfen würde, zu versorgen, und man musste nun abwarten, bis er
selbst Aufschluss über sein Schicksal geben könnte. Der Pfarrer war mehreremale
auf dem Schloss gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen; der
Kranke durfte nicht sprechen, der Arzt wusste nichts anders, als seine
Begebenheiten, seine Erfahrungen, seine Empfindungen mitzuteilen, und die
Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen. Alles, was der Pfarrer in Bezug auf
das Ereignis hatte in Erfahrung bringen können, war, dass feindliche Reiterei in
der Entfernung von einigen Meilen passirt sei, was wenigstens möglicher Weise in
Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte, aber die Nachrichten die er darüber
erhalten, waren dunkel, da sie ihm ein wandernder Krämer mitgeteilt hatte, der
sie wieder von Bauern erfahren haben wollte. Es blieb nach vielen vergeblichen
Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig, als sich so gut wie alle Andern in
Geduld zu fügen.
    Der Baron Löbau, Erbherr auf Heimburg, wie er sich gern nennen hörte, war
ebenfalls auf dem Schloss gewesen, um der Gräfin, wie er sagte, seine
Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen, dessen
Pflege der Graf, wie er nachdrücklich bemerkte, aus Menschenliebe übernommen
habe; man fülte, er wollte, indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte, doch
zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern.
    Der Baron Löbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals
die feinsten Sitten zu eigen gemacht, Neigung für das Landleben bestimmte ihn,
sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen; obgleich er nun aber ein
höchst tätiger Landwirt geworden war, so hatte er dessen ungeachtet nicht
seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben, hatte er auch
seit mehr als dreissig Jahren diese glänzende Bühne, auf der er sich in früher
Jugend hatte versuchen wollen, nicht mehr betreten. Er dachte nicht daran, dass
auch über das Betragen die Mode herrsche, und zweifelte keinen Augenblick daran,
dass, was zu seiner Zeit als fein, galant und artig angesehen worden, auch noch
jetzt so betrachtet werden müsse. Er hielt sich für einen Philosophen, weil er
das Landleben liebte, für einen Hofmann, weil ihm auch Gesellschaft angenehm
war, für einen Gelehrten, wenigstens für einen sehr gebildeten Mann, weil er
einige Bücher gelesen hatte, für einen Kunstkenner, weil er einige schlechte
Bilder und einige höchst mittelmässige Kupferstiche besass, für einen Staatsmann,
weil er alle Rechte genau inne hatte, die sich auf die Provinz, in der er lebte,
und auf seine besondern Verhältnisse anwenden liessen. Er gefiel sich in seiner
Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer, von dem viele andere Personen abhängig
waren. Er war bei diesen unschuldigen Torheiten gütig, dienstfertig,
wohlwollend und dennoch weniger geliebt, als er es verdiente. Wenige Menschen
gaben sich die Mühe, seinen Charakter genau kennen zu lernen, und beinah alle
seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels
an Aufrichtigkeit.
    Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkührlich zu, denn bei seiner
leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf
ihn, und da er so viele Neigungen in sich vereinigte, so schloss er sich allemal
unwillkührlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines
Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an, der in der Gesellschaft eben am
Glänzendsten erschien; so huldigte er abwechselnd dem Reichsten, dem
Vornehmsten, dem Gebildetsten, dem Klügsten, dem Künstler und dem Landwirt; und
da er den Fehler beging, den ganzen Vorrat seiner höflichen Aufmerksamkeit
immer diesem einen Begünstigten zu widmen, so geschah es ganz natürlich, dass er
alle andern vernachlässigte und eben dadurch beleidigte. Doch gab sich diese
unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von
Zeit zu Zeit jeder seiner ausschliesslichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen
hatte, so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt; nur allein mit dem
Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhältnis, denn da der
Fall nie eintrat, dass dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste, der
Vornehmste, der Klügste oder der Gebildetste erschien, so wurde er alsdann
jedesmal gänzlich von ihm übersehen, und er war nur höflich gegen ihn, wenn er
mit ihm allein war, wodurch der Pfarrer, indem er es ihm als Hochmut auslegte,
sich im Inneren sehr beleidigt fühlte. Seine Empfindlichkeit pflegte er dann
durch kurze, mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrücken,
so oft der Baron ihn anredete; dieser dagegen setzte seiner schnöden Bitterkeit
dann wieder eine so kalte Höflichkeit entgegen, dass sie den Pfarrer jedesmal
aufs Neue beleidigte, und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese
Stimmung. Der Baron glaubte es als einen Verstoss gegen die Höflichkeit
betrachten zu müssen, wenn er im Beisein der Gräfin über die Grenzstreitigkeit
sprechen wollte, und doch war es leicht zu bemerken, dass dies Geschäft ihm am
Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war. Der Graf befreite ihn von der
Qual, die er sich auferlegt hatte, darüber zu schweigen, indem er selbst das
Gespräch darauf lenkte. Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang verteidigt
hatte, sagte der Graf: wir wurden neulich davon abgehalten, den ganzen Teil des
Waldes zu durchreiten, über den wir streiten, ich werde beim ersten schönen
Wetter den Ritt noch einmal unternehmen, Alles selbst betrachten, und können wir
auch dann nicht einig werden, so denke ich, sollten wir die Sache
Schiedsrichtern anvertrauen. Mit dieser Anordnung musste der Baron zufrieden
sein, denn es liess sich nichts Vernünftiges dagegen einwenden, und dennoch hätte
er es lieber gesehen, mit dem Grafen allein zu unterhandeln. Man trennte sich
freundschaftlich nach dieser Verabredung, und der Graf versprach, sehr bald dem
Baron seine Vorschläge mitzuteilen.
    In der Tat lag dem Grafen daran, eine Streitigkeit, die zu Spannungen Anlass
geben konnte, sobald als möglich zu beendigen. Er ritt also an einem schönen
Wintermorgen, begleitet von seinem Förster, nach der Gegend des Waldes hin; er
bemerkte, indem er die Grenzen umritt, dass der Baron in der Tat den Anspruch,
den er machte, nicht begründen könne, dass aber für ihn selbst der Verlust nicht
bedeutend sein würde, wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur
Abtretung eines Teiles von dem, was der Baron forderte, verstände, und, indem
er bei der Stelle wieder vorbei kam, wo Beide den Verwundeten gefunden hatten,
beschloss er, dem Baron die Hälfte dessen freiwillig anzubieten, was er
schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte, und dann die Grenze
zwischen beiden Besitzungen durch dies schöne Tal zu führen. Erfrischt,
gestärkt durch den schönen Wintertag, unter dem heitern blauen Himmel, fühlte
der Graf überhaupt mehr die Geringfügigkeit ihres Streites, als im geheizten
Zimmer, in einem beschränkten Raume, und machte für sich selbst die Bemerkung,
dass die Menschen überhaupt eigennütziger und eigensinniger in ihren Häusern als
unter freiem Himmel sind.
    Beschäftigt mit diesen Betrachtungen, näherte er sich dem Dorfe und dem
Wohnhause des Pfarrers; es fiel ihm ein, denselben zum Vermittler in dieser
kleinen Streitigkeit zu wählen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu
finden, ihn auch in wichtigeren Fällen zu benutzen. Er hielt vor der Wohnung des
Geistlichen an, bei dem längst Mittag vorüber war, und gab sein Pferd dem
Reitknechte, der ihn begleitet hatte, indem er zugleich dem Förster nach Hause
zu reiten erlaubte. Als er die niedrige Pforte des Raumes öffnete, der das Haus
zugleich als Hof und Garten umschloss, sprangen ihm mehrere Hunde von
verschiedener Grösse bellend entgegen, die von mehreren Kindern verschiedenen
Alters, die im Hofe spielten, augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden; einige
ältere Knaben sprangen eiligst in das Haus, um die Ankunft des Fremden zu
melden, die jüngern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein, um
den Fremden und seine Pferde zu betrachten; der Pfarrer, der den Grafen vom
Fenster aus bemerkt hatte, kam ihm an der Tür des Hauses so höflich und
freundlich entgegen, dass man es ihm ansah, er erwarte etwas Ungewöhnliches von
diesem Besuche. Als der Graf nach den ersten Begrüssungen das Zimmer betrat,
bemerkte er den Schulzen des Dorfes, der sich vor dem gnädigen Herren, so tief
er vermochte, bückte. Nu, lebe Er wohl, mein Freund, sagte der Pfarrer zu dem
Landmanne, komme Er morgen wieder, Er sieht, ich habe heute keine Zeit mehr. Der
Schulze bückte sich, indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte,
und blieb zögernd an der Türe stehn.
    Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat, Herr Pfarrer, sagte der Graf, so
bitte ich, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören. Wenn mir der Herr
Graf denn erlauben wollen, sagte der Geistliche sehr freundlich, und indes die
Güte haben wollen, Platz zu nehmen; er machte eine einladende Bewegung nach dem
Sopha hin, und schob mit dem Fusse zugleich hölzerne Pferde, Schubkarren und
anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege, das auf dem Boden zerstreut lag.
Der Graf stieg über ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg, um sich in der Ecke des
Sophas niederzulassen, und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um
und sagte in einem gebietenden Tone: Nun hurtig, Freund, erkläre Er sich, was Er
von mir zu wissen wünscht.
    Der Schulze räusperte sich ein wenig und sagte: Nicht wahr, Herr Prediger,
Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach? Der Pfarrer besann sich ein
wenig und fragte: ist das nicht die Schenkwirtin? Der Schulze nickte bejahend.
Nun, was ist mit der? rief der Pfarrer, Er sieht, ich habe Eile.
    Nun, lächelte der Schulze freundlich: die hat Gott zu sich genommen. Was!
rief der Pfarrer mit Verwunderung, ist die gestorben, wie tausend habe ich denn
das nicht erfahren?
    Ja, sagte der Schulze sehr zufrieden, morgen gehn wir alle zum Begräbnis,
meine alte Mutter wird sich auch aufmachen.
    Und was geht das mich an? sagte der Pfarrer, Krumbach gehört nicht zu meiner
Kirche, was habe ich dabei zu tun?
    Nichts, Herr Pfarrer, sagte der Landmann, Sie sollen auch gar nicht zum
Begräbnis kommen, ich sagte bloss, ich und meine alte Mutter werden hinüber
fahren.
    Was will Er denn eigentlich? fragte der Pfarrer ungeduldig. Die Erbschaft,
erwiederte der Schulze. Die Lemmerten war eine alte reiche Frau, und von meinem
Vater her muss ich erben. Nun da wünsche ich Ihm Glück, sagte der Geistliche, ich
weiss, die Verstorbene muss ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben; der Bauer
Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr fünf tausend, der Bäcker Köhler weiss
ich auch, auch der Krämer; zehn bis zwölf tausend Taler müssen da sein, sagte
der Pfarrer, nach meiner kurzen Berechnung, ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof.
    Ja, aber sie wollen mir nichts geben, klagte weinerlich der Schulze.
    Wesshalb? fragte der Pfarrer schnell, Wer will es ihm verweigern, sind nähere
Erben da?
    Nein, nein, nein! rief der Schulze, gar keine Erben sind da, das ist eben
das Unglück.
    O! spreche Er deutlich und nicht unvernünftig, sagte der Prediger scheltend.
    Nun, so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzählen, erwiederte der
Schulze im zänkischen Tone. Die alte Liese Lemmerten, nun das war die Schwester
von meinem Grossvater, Gott habe ihn selig, nun weiter waren keine Geschwister,
als der selige Mann und die selige Frau; nun sehn Sie, die selige Frau hatte
keine Kinder, aber mein seliger Grossvater der hatte zwei Kinder, meinen Vater
und seine Schwester, nun, und die Schwester, das weiss nun kein Mensch, wo die
geblieben ist, und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen, die Person soll
erst ausgekundschaftet werden.
    Wie wir das hörten, da sagte meine alte Mutter: Peter, - ich heisse Peter -
nun Peter, sagte sie, gehe Du nur zum Herren Pfarrer, der Herr Pfarrer weiss
Alles, und Deine alte Muhme mag stecken, wo sie will, so kriegt er es heraus,
und kriegt er es nicht heraus, so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen.
    Während dieses Vortrages war die alte Kinderwärterin herein gekommen und
hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen, um es heraus
zu bringen; sie hörte des Schulzen Rede mit an und mischte sich, als er geendigt
hatte, ohne Umstände in das Gespräch. Seines Vaters Schwester, Herr Schulze,
sagte sie, das war ja Lore Breitler, die diente ja, wie ich noch ein junges Ding
war, mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach auf Seizheim, ich
weiss aber nicht, wo sie nachher hingekommen ist.
    Das war ja die Mutter der Frau Gräfin, sagte der Pfarrer, indem er sich
schnell zum Grafen wendete, der diese Frage bejahte.
    Komme Er nach dem Begräbnis wieder zu mir, sagte der Pfarrer hierauf zum
Schulzen, ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen, wie ich
Ihm dienen kann.
    Der Schulze und die Kinderwärterin verliessen jetzt mit einander das Zimmer,
und setzten ihr Gespräch über Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch
vor der Türe eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort. Der Pfarrer aber wendete sich
zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung, dass er sich habe durch den
Landmann abhalten lassen, ihn zu unterhalten.
    Ich konnte um so weniger verlangen, erwiederte der Graf, dass Sie den
Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich liessen, da ich selbst in der
Absicht zu ihnen gekommen bin, Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu
bitten.
    Der Geistliche, aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede, die
Angelegenheit des Grafen zu erfahren, erbot sich mit grösster Bereitwilligkeit zu
allen möglichen Diensten.
    Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschluss über die
Grenzstreitigkeit mit dem Baron Löbau mitzuteilen und ihn zu ersuchen, als
Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzuteilen, als sich die Türe öffnete
und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach. Da man beim Pfarrer
schon längst zu Mittag gespeist hatte, so wurde angenommen, der Graf mache einen
Nachmittags-Besuch; ihm wurde Kaffee angeboten, und man fing zugleich an,
Anstalten zum Teetrinken zu treffen; diese Aussicht bestimmte den Grafen, so
schleunig als möglich dem Pfarrer die nötigen Mitteilungen zu machen und den
gewünschten Beistand von ihm zu erbitten. Der Geistliche bekämpfte eine Zeitlang
den Entschluss des Grafen, ein Stück des Waldes abzutreten, indem er ihm
auseinandersetzte, dass die Ansprüche des Barons sich auf leere Einbildungen
gründeten; da er aber sah, dass der Graf entschlossen war, ein kleines Opfer zu
bringen, um Weitläuftigkeiten zu vermeiden, so übernahm er gern den gegebenen
Auftrag und versicherte im Voraus, dass dies Anerbieten sehr bereitwillig vom
Baron würde angenommen werden. Der Graf dankte ihm vorläufig und stand auf, um
Abschied zu nehmen. Ich fahre morgen nach Heimburg, sagte der Pfarrer, und komme
dann übermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort.
    Zufrieden, dies Geschäft so eingeleitet zu haben, trabte der Graf heiteren
Mutes nach seinem Schloss zurück und kam noch zeitig genug an, um zu Mittag zu
speisen.
 
                                       VI
Versprochener Massen fand sich der Pfarrer auf dem Schloss ein, um die Antwort
des Baron Löbau zu überbringen, die so ausgefallen war, wie er es vorhergesagt
hatte, und schlug nun in dessen Namen vor, die Grenze in der künftigen Woche zu
führen. Der Graf war dazu bereit, doch bemerkte der Geistliche, dass sein
Betragen nicht so offen war wie sonst. Es schien ihn etwas zu beunruhigen,
worauf seine Gedanken unwillkührlich immer wieder zurück kamen. Der Pfarrer
blieb zu Mittag auf dem Schloss, und der Arzt machte bei Tische Mitteilungen
über den Zustand des Kranken, die ungemein günstig lauteten; man konnte aber
bemerken, dass der Graf, so lebhaft er auch daran Teil nahm, doch nicht dadurch
erheitert wurde. Auch die Gräfin schien verstimmt, und die Unterhaltung wurde
nur mühsam fortgeführt.
    Da ich doch einmal auf Heimburg war, fing der Pfarrer nach einer Pause an,
während welcher Jedermann mit sich beschäftigt war, so wollte ich auch gleich
versuchen, ob ich nichts für den Schulzen tun könne, und erzählte dort den
Todesfall der alten Schenkwirtin und auch die Verlegenheit wegen der
Ausmittelung seiner Base. Die Frau Baronin versicherte mir, fuhr er fort, indem
er sich an die Gräfin wendete, ich würde von der Frau Gräfin die beste Auskunft
erhalten können.
    Von mir? fragte die Gräfin verwundert. Sie wissen, ich bin hier wie eine
Fremde zu betrachten, wie könnte ich Auskunft über den Schulzen oder seine Base
geben?
    Ich hatte erfahren, erwiederte der Pfarrer, dass die Miterbin des Schulzen
einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte, und teilte dies der Frau
Baronin mit. Da beide Häuser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden
haben, so hoffte ich mit Recht etwas Näheres zu erfahren. Die Frau Baronin liess
ihre alte Dienerschaft rufen, und darunter sind noch manche, die sich recht gut
der Zeit und der Person erinnern, und sie versicherten alle einstimmig, als die
Frau Gräfin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach
fremden Ländern verreist sei, hätte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung
mitgenommen, und sie würde sich also wahrscheinlich erinnern, ob sie gestorben,
oder wo sie sonst geblieben sei.
    Die Gräfin schrak ein wenig zusammen, als sie den Namen hörte, und eine
feine Röte färbte die blassen Wangen; Beides entging dem beobachtenden
Geistlichen nicht, eben so wenig, als die Bewegung in der Stimme, mit welcher
die Gräfin nach einer kleinen Pause sagte: Es ist wahr, wir hatten diese Person
zu unserer Bedienung mit uns genommen, sie hat uns aber nachher verlassen, und
ich weiss nicht mehr, ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen
ist, auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren.
    In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen? fragte der Pfarrer,
indem er den Blick fest auf die Gräfin heftete.
    Ich vergesse so leicht Jahrzahlen, sagte die Gräfin, ich kann mich in der
Tat nicht erinnern.
    War sie noch bei Ihnen, fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten, der
eine Untersuchung zu führen hat, nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermählt
waren?
    Nein, antwortete die Gräfin mit Beklemmung, ungefähr ein halbes Jahr vorher
war sie von uns weggekommen.
    Nun, dann lässt sich ja das Jahr ausmitteln, bemerkte der Pfarrer mit
unbescheidenem Lächeln, denn die Frau Gräfin werden ohne Zweifel sich des Jahres
Ihrer Vermählung erinnern.
    Es sind in diesem Herbst fünfzehn Jahre gewesen, sagte der Graf mit mehr
Stolz in Haltung und Mienen, als man gewöhnlich an ihm bemerkte, dass ich so
glücklich gewesen bin, mich mit der Gräfin zu verbinden, und ich glaube, fuhr er
mit einem Tone der Stimme fort, der offenbar den Geistlichen in seine Schranken
zurückweisen sollte, Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des
Schulzen fortsetzen können, ohne dass die Gräfin ferneren Anteil daran zu nehmen
braucht.
    Der Pfarrer wurde empfindlich, doch fühlte er auch zugleich, dass er selbst
zu weit gegangen war, und wollte sein Verhältnis zum Grafen nicht verderben.
Emilie suchte einigemale ein Gespräch anzuknüpfen, die Unterhaltung aber wollte
kein Leben gewinnen, und Jedermann atmete freier, als die Tafel aufgehoben
wurde. Die Gräfin und Emilie verliessen den Saal sogleich, der Arzt entfernte
sich, um einige Kranken zu besuchen, und der Graf ging mit dem Pfarrer einige
Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab.
    Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht, sing der Pfarrer nach
langem Schweigen an; wenn der Herr Graf erlauben, möchte ich wohl jetzt sehen,
wie er sich befindet.
    Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte der Graf mit Hastigkeit; es
war sichtbar, dass er mit dem Entschluss kämpfte, dem Geistlichen eine Mitteilung
zu machen, und dass es ihm schwer wurde, dem Manne sein Vertrauen zu schenken,
dessen vorschnelle, unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich
verlezt hatte.
    Ich wollte Ihnen eine Sache mitteilen, sagte der Graf nach langem
Schweigen, die mir sehr am Herzen liegt; vielleicht könnte Ihr Rat und Ihre
Tätigkeit mir vielen Verdruss ersparen, grosse Unannehmlichkeiten von mir
abwenden; doch müsste ich vorher versichert sein, dass Sie sich der Mühe gern
unterzögen und vor allen Dingen das unverbrüchlichste Stillschweigen beobachten
wollten.
    Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung völlig
verschwunden, und mit wahrer Gutmütigkeit und reger Teilnahme sagte er: So
viel in meinen Kräften steht, bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen,
und die Mühe, die ich dabei haben könnte, verdient gar nicht in Anschlag
gebracht zu werden; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, dass, was Sie mir
auch anvertrauen mögen, in meiner Brust so sicher bewahrt ist, wie in Ihrer
eigenen. Ein Geistlicher, der nicht schweigen könnte, sezte er mit schlauem
Lächeln hinzu, wäre ja der verächtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der
Welt.
    So hören Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe, sagte der Graf.
Der grösste Teil meines Vermögens rührt von einer Erbschaft meines Aeltervaters
her, die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte; mein Aeltervater
behielt die Güter und zahlte seinem Bruder die Hälfte des Wertes aus, und es
wurde ein Dokument darüber aufgesetzt, welches in dem Archiv des hiesigen
Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden
Papieren. Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerücht,
dass die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei,
Ansprüche auf mein Vermögen zu machen, indem sie vorgebe, die Teilung sei nie
geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermögens. Ich fand
die Behauptung lächerrlich, da ich zu gut wusste, dass das Dokument vorhanden sei.
Indes die Sache war zu wichtig, als dass ich sie hätte Fremden anvertrauen mögen,
und ich entschloss mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen. Der Ausbruch
des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor, und ich dachte nicht
mehr ernstaft an die erste Veranlassung meines Hierseins. Vor einigen Wochen
erfuhr ich, dass meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen, um ihren Prozess
gegen mich einzuleiten, und diese Nachrichten bestimmten mich, eine ernstliche
Nachforschung anzustellen, und denken Sie sich meine Unruhe, ich habe das ganze
Archiv durchsucht, ohne das Dokument zu finden.
    Sind Sie gewiss, dass es vorhanden war? fragte der Pfarrer, indem er sinnend
vor sich niederblickte.
    So gewiss, als ich lebe und Ihnen dies mitteile, rief der Graf.
    Das gibt einen abscheulichen Prozess, sagte der Pfarrer mit nachdenklicher
Miene, und der Ausgang ist ungewiss, Sie können ihn verlieren und zu allen Kosten
nicht nur verurteilt werden, sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der
Hälfte Ihres Vermögens, die in Anspruch genommen wird. Das würde nicht weniger
als beinahe Alles kosten, was ich besitze, sagte der Graf mit bitterem Lächeln,
und es ist keine erfreuliche Aussicht, wenn man sein ganzes Leben hindurch an
Überfluss gewöhnt war, beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen
befürchten zu müssen.
    Nun, nun! so weit sind wir ja noch nicht, tröstete der Pfarrer. Wenn Sie
gewiss wissen, hub er nach einer Weile wieder an, dass das Dokument in Ihrem
Archive war, so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen; in so
wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ängstlich, zu übereilt, und findet
darum nicht. Wollen Sie mir den Schlüssel anvertrauen und mich noch einmal
nachsuchen lassen? Vielleicht bin ich glücklicher.
    Sehr gern, sagte der Graf, indem er dem Geistlichen den Schlüssel reichte,
den er noch bei sich trug, denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung
geendigt. Doch, fügte er mit einem Seufzer hinzu, ich bin überzeugt, Sie werden
nichts finden.
    Wer weiss, sagte der Pfarrer, indem er den Schlüssel nachdenklich
betrachtete. Wenn ich nichts finde, fügte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen hinzu, so muss das Dokument entwendet worden sein. Haben Sie auf
Niemanden Verdacht, Wer hätte in Ihrer Abwesenheit den Schlüssel des Archivs?
    Der alte Lorenz, den Sie ja müssen gekannt haben, sagte der Graf. Er war
eine Art von Kastellan hier im Schloss seit dem Tode meines Vaters, er hatte
alle Schlüssel, also auch diesen; aber ich glaube nicht, dass er jemals das
Archiv betreten hat.
    Hm, hm! brummte der Pfarrer, der alte Lorenz! Wer das Dokument entwendet
hat, fuhr er wie im Selbstgespräche fort, hat es unfehlbar getan, um es den
Gegnern zu verkaufen, und es kann also der alte Lorenz nicht sein, denn hätte er
es verkauft, so würde er nicht in Geldnot sein, und er wollte noch diese Woche
von mir borgen; das ist also kaum möglich, und doch, wer kann des Menschen Herz
ergründen? Wesshalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen? fragte
er hastig den Grafen.
    Sie wissen, antwortete der Graf, ich kam im Herbst allein hieher. Ich hatte
die Gräfin in Breslau gelassen, ich wollte erst das Schloss mit Allem versorgen,
was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann; ich kam also, dem alten Lorenz
gewissermassen unerwartet, eines Abends allein, und da mir die Sache mit dem
Dokument am Herzen lag, forderte ich noch denselben Abend den Schlüssel des
Archivs. Ich suchte die Schrift auf der Stelle, wo ich mir einbildete, dass sie
liegen musste, doch machte ich mir keine Sorgen, da ich sie nicht fand, und
meinte, ich irrte mich über den Ort, wo ich sie aufgehoben glaubte, und nahm mir
vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen. Der alte Mann schien mir
empfindlich und verstimmt, dass ich ihm die Schlüssel sogleich bei meiner Ankunft
abgefordert hatte; auch schien er mir vedriesslich, als er die lange Ruhe des
Schlosses gestört sah, da in den nächsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf,
deren wir hier bedurften. Kurz, er bat mich, ihm zu erlauben, die Pension, die
er von Alters her hat, an einem andern Orte verzehren zu dürfen, da er sich
selbst zu alt fühle, mir noch dienen zu können. Ich bewilligte seine Bitte gern,
und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, denn wenn ihm die Unruhe
zuwider war, so war mir seine ewige Unzufriedenheit unerträglich.
    Hm, hm, brummte der Pfarrer, es ist kaum denkbar, dass er das Dokument haben
sollte, und ich hoffe noch immer, ich werde es finden.
    Sie würden mir eine grosse Unruhe vom Herzen nehmen, sagte der Graf.
    Wir haben heute Mittwoch, bemerkte der Pfarrer, bis Sonnabend Nachmittag
habe ich Zeit hier zu bleiben, dann muss ich nach Hause und an meine Predigt
denken; wenn Sie mir könnten ein Zimmer in der Nähe des Archivs anweisen lassen,
so wollte ich diese Zeit dazu benutzen, um eine genaue Nachsuchung anzustellen,
ich müsste aber meine Frau davon erst benachrichtigen, damit sie mich nicht
vergeblich erwartet.
    Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nötigen
Aufträge. Wenn der Reitknecht gesattelt hat, fügte der Pfarrer hinzu, so soll er
noch erst zu mir kommen, damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann.
    Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet
war, nahm er es in Besitz, und war so unvermutet auf mehrere Tage ein Gast des
Schlosses geworden. Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte, verfügte er
sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an. Der Reitknecht
kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurück und brachte
zugleich einige Wäsche für den Pfarrer, Pfeifen und einen grossen Vorrat Taback
zu seinem Gebrauche mit.
    Während der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren, und
der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte,
hatte sich der Haushofmeister Dübois zur Gräfin verfügt, um ihr Alles, was er
über den Kranken hatte in Erfahrung bringen können, mitzuteilen.
    Der junge Mann war viel besser geworden, und selbst der Arzt untersagte seit
einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gänzlich. Dübois hatte ihm also mit
Geschicklichkeit nach und nach abgefragt, wovon er glaubte, dass es die Gräfin zu
wissen wünschte, um aber so viel als möglich ihr jede Bewegung des Gemüts zu
ersparen, hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der
Gräfin das Blatt. Es ist besser, sagte er, wenn die gnädige Frau Gräfin das
Aufgeschriebene lesen, als wenn ich es mündlich vortrage, beim Sprechen könnten
leicht Erinnerungen rege werden, die Erschütterungen verursachen würden.
    Es hätte der Haushofmeister unstreitig besser getan, an diese Erinnerungen
nicht zu erinnern, indes die Gräfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer
Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand. Der Name des jungen Mannes, las die
Gräfin, ist Adolph St. Jülien. Adolph! wiederholte sie und eine Träne fiel auf
das Blatt. Er ist der Sohn, fuhr sie mit zitternder Stimme fort, eines reichen
Banquiers, der vor mehreren Jahren gestorben ist; die Mutter lebt noch, und der
Sohn wünscht sehnlichst, ihr Nachricht von sich geben zu können. Da er in den
Rheinprovinzen erzogen ist, so spricht er beinah eben so gut Deutsch, als
Französisch. Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des
Regiments.
    Die Gräfin schwieg und schaute lange vor sich nieder, endlich richtete sie
mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte: Es klingt
ganz so fremd, wie ich vernünftiger Weise erwarten musste; nehmen Sie Ihr Blatt
zurück, fuhr sie fort, indem sie es ihm hinreichte, und vergessen Sie meine
wahnsinnigen Hoffnungen, die ich durch nichts, durch gar nichts begründen kann
und kaum vor mir zu entschuldigen vermag.
    Die Aehnlichkeit ist so auffallend, sagte Dübois furchtsam.
    Sie raten mir Erinnerungen zu vermeiden, sagte die Gräfin schmerzlich
lächelnd, die Sie selbst nun erregen.
    Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern, sagte der alte Mann
schüchtern. Herr St. Jülien ist jetzt in der Besserung, er wird morgen etwas
aufstehen; er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen können, und wird dann
doch natürlich wünschen, der gnädigen Frau Gräfin seine Dankbarkeit zu bezeugen.
Wenn nun sein Anblick -
    Ich verstehe Sie, sagte die Gräfin, Sie haben Recht, ich muss meine Gedanken
schon daran gewöhnen, diese Aehnlichkeit in einem mir völlig fremden Wesen zu
betrachten, um ruhig zu bleiben, oder doch zu scheinen, wenn er mir lebendig vor
Augen steht. Sein Sie ohne Sorgen, guter Dübois, fuhr sie fort, indem sie sich
ihm näherte. Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen, als nur diesen
alten Augen Tränen zu ersparen, die schon so viele über meine Leiden vergossen
haben, so würde er mir hinreichend sein. Verlassen Sie mich aber jetzt, fuhr sie
gütig fort, wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen, und wenn Sie das für
meine Gesundheit nachteilig finden, so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht
anders als höchst schädlich sein.
    Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich,
dass niemals eine Königin auf Frankreichs Trone ihre Diener edler behandelt
habe, als die Gräfin ihn.
 
                                      VII
Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive, er kam nur zum Abendessen zur übrigen
Gesellschaft. Frühstück, Mittagessen und Tee liess er sich dort hinbringen, und
durchsuchte mit der grössten Genauigkeit Alles. Endlich war die Nachforschung
geendigt, und er hatte nichts gefunden. Er stützte sich gedankenvoll auf den
grossen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und bedauerte wahrhaft den
Grafen, für den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fühlte, als er
mit seinen Geschäften und Verhältnissen bekannter wurde. Willenlos zog er die
Schublade des Tisches auf, in der er noch einige Papiere bemerkte, die aber von
keiner Wichtigkeit zu sein schienen, und unter denen das Dokument gewiss nicht
verborgen sein konnte, denn es waren Umschläge von Briefen, alte Recepte zu
Arzneien, kleine, zum Teil zerrissene Rechnungen. Auch der Graf hatte diese
Schublade geöffnet, aber sich gleich überzeugt, dass sie nichts entalte, was
schon der Grösse nach die gesuchte Schrift sein könnte, also den Inhalt nicht
weiter beachtet; der Pfarrer aber, der dergleichen Dinge gründlicher betrieb,
sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder, entfaltete und betrachtete jedes
Blatt, und so fielen ihm zwei kleine, unordentlich zusammengedrückte Stücke
Papier in die Hände, in denen er, als er sie entfaltete, bald einen Anfang der
Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte. Es war deutlich, dass der Abschreiber
sich beide Male verschrieben, das Papier vedriesslich zusammengedrückt und in die
Schublade geworfen hatte, wo es gewiss nicht hatten bleiben sollen. Freudig über
seine gemachte Entdeckung, liess der Geistliche sogleich den Grafen rufen und
teilte ihm die gefundenen Papiere mit; der Graf erkannte die Hand des alten
Lorenz; er holte Briefe herbei, die er früher von ihm erhalten hatte, und auch
der Pfarrer überzeugte sich durch die Vergleichung, dass kein Anderer, als er,
der Abschreiber der Urkunde gewesen sein könnte.
    Was ist nun zu tun? sagte der Graf. Hat er die Urkunde meinen habsüchtigen
Verwandten verkauft und kommt es zum Prozess, so kann ich zwar durch diese
Blätter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen, aber dann mache ich im
besten Falle den Menschen unglücklich, der meinem Vater so lange gedient hat,
und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie, die sich aus Eigennutz so
niedrige Schritte erlaubt haben.
    Ich glaube nicht, dass das Dokument schon verkauft ist, sagte der Pfarrer,
nach einigem Nachdenken. Es ist klar, dass der alte Schelm die Urkunde
abgeschrieben hat, und das lässt sich nur auf eine Art erklären, nämlich, man hat
mit ihm unterhandelt und sich vorerst überzeugen wollen, ob er in der Tat im
Stande wäre, eine so höchst wichtige Schrift zu überliefern. Da wir diese
Blätter hier gefunden haben, so ist es klar, dass die Abschrift nicht lange vor
Ihrer Ankunft gemacht worden ist, und dass der Alte gewiss die Absicht gehabt hat,
alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen. Daher können Sie sich auch seine üble
Laune erklären, als Sie ihm bei Ihrer unvermuteten Ankunft sogleich die
Schlüssel des Archives abforderten, und sein Gewissen trieb ihn, sich so bald
als möglich davon zu machen.
    Wohl, sagte der Graf, aber was kann ihn gehindert haben, nun, seitdem er
sich aus dem Schloss entfernt hat, die Urkunde meinen Gegnern zu überliefern?
    Die Angst, erwiederte der Pfarrer, vor den möglichen Folgen; vielleicht auch
ist der Handel noch nicht abgeschlossen, vielleicht fordert er mehr, als man ihm
bietet. Kurz, da ich bestimmt glaube, dass die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht
verkauft war, so zweifle ich mit Recht daran, dass sie es jetzt ist, denn auf den
Fall würde er noch Geld haben, ob er gleich locker lebt, und er hat keins, denn
er hat mich noch kürzlich schriftlich gebeten, ihm Geld auf seine Pension, die
er von Ihnen zieht, vorzuschiessen.
    Was wollen Sie daran wenden, fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause, um
die Urkunde wieder zu bekommen?
    So viel Sie für nötig halten, sagte der Graf, bin ich gern bereit zu
zahlen, um diese Geschichte auf eine anständige und für mich beruhigende Art zu
endigen.
    Sie lassen mir also völlig freie Hand, sagte der Pfarrer, wenn es Ihnen auch
hundert Dukaten kosten sollte?
    Ich würde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben, rief der Graf, wenn Sie mich für
ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien könnten.
    Das hoffe ich gewiss, versicherte der Pfarrer. Ich habe zugleich, fuhr er
fort, da ich alle Papiere durchgehen musste, das Archiv für Sie geordnet, und
wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen, so kann es Ihnen niemals mehr
Beschwerde machen, eine Urkunde, die Sie nötig haben, aufzufinden. Bei diesen
Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft, worin dieser alle Lehnbriefe,
Schenkungen, Prozesse, Familien-Abmachungen, die das Archiv entielt, numerirt
und chronologisch geordnet fand. Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz
wieder bekommen, bemerkte der Pfarrer, so brauchen wir es nur hier in diese
Rubrik einzutragen; er deutete mit dem Finger darauf.
    Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren, dass ein Mann, der in
seiner nächsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfnis der
Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte. Denn wie in dem
Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das
der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, höchst widrig aufgefallen, wie der
Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem
Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstücke
auf allen Stühlen, und von frühem Morgen her die Gerätschaften zum Kaffee
nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten
entielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle
Pergamente sowohl, als die Schränke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub
gesäubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte,
war in bestimmten Fächern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich
gewesen, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag
zu arbeiten, um dies Geschäft zu beendigen.
    So gewann denn der Graf die Ueberzeugung, dass von dem Pfarrer, der in seiner
Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien,
und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien,
doch ein Jeder, der reelle Dienste nötig habe, die die höchste Tätigkeit und
angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewiss nicht vergeblich hoffen würde.
Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurteilen
und keinen Anstoss mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen.
    Der Pfarrer erbat sich die Erlaubnis, den gefundenen Anfang der Abschriften
mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung
sogleich mitzuteilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte. Man trennte
sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach Hause, um zunächst an seine Predigt
zu denken, die er den Sonntag halten musste. Als er damit fertig war, schrieb er
dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen
Geldvorschuss, welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war,
und lud ihn ein, persönlich zu ihm zu kommen, um über dies Geschäft mit ihm zu
reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, dass sie ihn zu nichts
verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewünschte
Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nächstem bei
sich zu sehen.
    Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermutungen, denn kaum waren drei
Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine
Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankündigte. Ein Mittelding zwischen Karren
und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr
beschädigten Riemen hing, und dessen Türen in Ermangelung der Schlösser mit
Schnüren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Füssen steifes und lahmes
Pferd mühsam durch die Strasse des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin
sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewährt, mit heuchlerischer Freundlichkeit
auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüssen, die die Köpfe verwundert aus den
kleinen Fenstern steckten.
    Der alte Lorenz - denn Niemand anders, als er war der Reisende - öffnete
eine Türe seines Wagens, indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte, stieg
langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Tränen aus seinen
roten, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von
dem blauen, mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblösste sein halb
kahles, mit wenigen weissen Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte
öffnete, die zu des Pfarrers Wohnung führte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit
liess, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im Munde, alle
Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anständig vor ihm zu
erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen, alle Bauern zu
grüssen oder so besorgt, mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er
hatte viele Jahre das Schloss beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen,
sich des Kellers, der Gärten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände
bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheiratet und, nachdem
er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachlässig
genug erzogen. Er liess den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem
er die Universität bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr
gesehen. Die Tochter verliess den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu
dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte, indem
er andern, zuverlässigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkünfte übertrug,
und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter
Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr
so gastfrei bewirten. Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfnis
geworden waren, so suchte er auswärts, was er sich im Schloss nicht mehr
verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begnügte sich mit
gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als
sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog. Natürlich war nun sein
Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich
in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrängten, erst seine
entbehrlichen Besitztümer, und nach und nach alle zu verkaufen, so dass er
eigentlich sich schon in grosser Armut befand, als der Graf ihn aus seinen
Diensten entliess.
    In seiner früheren, glücklicheren Zeit war er von Allen, die ihn kannten,
mit einer gewissen Achtung behandelt worden, und eben auch dem Pfarrer war er
nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen, sondern dieser hatte ihn früher
oft freundlich an der Türe seines Hauses bewillkommnet; schon seit langer Zeit
aber war dies Verhältnis zwischen beiden aufgehoben, und der Geistliche nickte
diesmal nur nachlässig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung, mit
der ihn der ehemalige Kastellan begrüsste, als er endlich das Zimmer betrat.
    Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte der Pfarrer nach einem kurzen
Schweigen, um das Gespräch zu eröffnen; wie geht's, seitdem Sie das Schloss
verlassen haben?
    Lorenz richtete die roten Augen heuchlerisch gen Himmel, stützte sich mit
beiden, gefalteten Händen auf seinen knotigen Stab und sagte, indem er aus
tiefer Brust seufzte: Ach Gott! Herr Pfarrer, wie kann es einem alten,
verlassenen Manne gehen? Kinderlos, freundlos, verstossen von dem Herren, dem ich
so viele Jahre gedient habe, wie seinem Vater vor ihm, nun, Gott sei es
überlassen, ich klage Niemand an, aber ich wurde verstossen, und Ausländer,
Franzosen, Landesfeinde, die nehmen den Platz ein, der einem alten treuen Diener
gebührte; nun, ich will nicht klagen, Gott mag richten, ihm sei es überlassen.
    Der Graf aber, erwiederte der Pfarrer, sagt, Sie selbst haben das Schloss
verlassen wollen, also sind Sie gegangen, und Niemand hat Sie vertrieben.
    Ja, ja, der Graf sagt so, fuhr Lorenz seufzend fort, aber wie ich behandelt
wurde, welches Misstrauen man mir zeigte, mir, dem alten redlichen Diener, das
sagt der Herr Graf wohl nicht. Ja, ja! arme Leute müssen schweigen und grosser
Herren Unrecht leiden, das ist der Lauf der Welt, Herr Pfarrer, und ich will
nicht darüber murren. Aber mein guter seliger Herr hätte mir das nicht getan,
sezte er weinend hinzu, mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in
dieser Welt begraben.
    Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt, sagte der Pfarrer, nach
dem Ihr seliger Herr lange begraben war.
    Was will das sagen, seufzte Lorenz, indem er ein schelmisches Lächeln kaum
unterdrücken konnte; was ist alle irdische Lust, die man mit traurigem Herzen
geniesst? Und was ist die Erinnerung an vergangene, bessere Tage, wenn man mit
Alter und Armut kämpfen muss?
    Aber der Graf, sagte der Pfarrer, hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und,
wie ich gehört habe, sogar noch zugelegt.
    Alles wahr, Herr Pfarrer, klagte Lorenz, aber was braucht ein alter
schwacher Mann nicht Alles?
    Sie könnten als ein einzelner Mann recht gut leben, sagte der Pfarrer
verweisend, wenn Sie nicht immer in den Schenken sässen, wenn Trunk und Spiel
Ihnen nicht so viel kosteten.
    Lieber, lieber Gott! jammerte Lorenz mit Tränen, wie sind deine Menschen
doch so hart. Richtet nicht, Herr Pfarrer, so werdet ihr nicht gerichtet. Wenn
ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt, und ruht sich nach der
Ermüdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk, so schilt ihn
die Welt einen Säufer; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will,
und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blättern oder nach den
Würfeln, so nennt Ihr ihn sündlich einen Spieler.
    Es lässt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen, sagte der Pfarrer
ungeduldig, Sie sind ein rechter Heuchler geworden.
    Ich ergebe mich in den Willen Gottes, sagte Lorenz, ohne sich aus seinem
angenommenen Charakter herausschelten zu lassen. Ihm gefällt es, dass ein alter
Mann geschmäht und gescholten werden soll von denen, auf deren Beistand er
hoffte. Ich dachte Ihr Herz milder zu finden, Herr Pfarrer, sezte er mit einem
Tone hinzu, in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte. Ich klagte Ihnen meine
Not, und Ihr Brief liess mich hoffen, dass Sie genigt wären, sie zu lindern.
    Es ist gegen meine Grundsätze, sagte der Pfarrer, Geld zu solchen Zwecken
auszuleihen, wozu Sie es verwenden würden, wenn ich auch eine Summe übrig hätte.
    Des Herren Wille geschehe, sagte Lorenz; aber wozu, fügte er vedriesslich
hinzu, liessen Sie mich denn dann den weiten Weg machen? Um mir eine abschlägige
Antwort zu holen? Hätten Sie mir die nicht schriftlich geben können, ohne mir
die Zeit zu rauben, in der ich mich nach andern Mitteln hätte umsehn können?
    Welche Mittel haben Sie denn? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Teilnahme,
um sich aus der Not zu helfen.
    Ich weiss es nicht, sagte der alte Heuchler, Gott wird mir Wege zeigen;
vielleicht, dass mein Sohn im Stande ist, mir beizustehen.
    Erhielten Sie kürzlich Nachrichten von Ihrem Sohne? fragte der Geistliche
hastig.
    Nicht so ganz kürzlich, antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit. Wo
hält er sich jetzt auf? stürmte der Pfarrer auf ihn ein, treibt er die Rechte
noch, bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht, eins zu erhalten?
    Ich kenne seine Umstände nicht ganz genau, sagte der Alte ausweichend, sein
Brief ist darüber nicht deutlich, doch hat er wohl Aussicht, Gottlob, sein Brot
zu erwerben.
    Von wo aus hat er Ihnen geschrieben? fragte der Pfarrer, indem er nahe zu
dem alten Manne hintrat, eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in
die Augen sah.
    Ich habe den Ort vergessen, erwiederte Lorenz zögernd.
    Aber Ihr Sohn ist in Schlesien? fuhr der Pfarrer fort zu fragen. Der Brief
hat keinen gar weiten Weg gemacht?
    Ja, in Schlesien ist er, stotterte der Alte.
    Hm! sagte der Pfarrer, indem er seine Hand von der Schulter des alten
Sünders zurücknahm, der sich dadurch sehr erleichtert zu fühlen schien. Der
Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab, und blies den Rauch aus seiner
Pfeife gedankenvoll vor sich hin.
    Wenn Sie mir also nicht helfen wollen, Herr Pfarrer, fing nach einem kurzen
Schweigen der alte Lorenz wieder an, so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und
mich wieder auf den Rückweg nach meiner armen Hütte begeben.
    Ich hatte die Absicht, sagte der Pfarrer, indem er dem Alten wieder
vertraulich näher trat, noch mit Ihnen über andere Gegenstände zu sprechen und
Ihnen einen Weg zu zeigen, auf dem Sie vielleicht Geld erhalten könnten, ohne es
zu leihen; denn Sie wissen, geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude, das
Wiedergeben fällt gar zu schwer.
    Man muss sich vor der Zeit darüber nicht grämen, lächelte der Alte. Doch
lassen Sie hören; wenn man gar nicht für die Erstattung zu sorgen braucht, so
ist es freilich am Besten.
    Setzen wir uns, sagte der Pfarrer, und lassen Sie uns offenherzig sprechen.
Sie sehen, wir sind allein, und was wir auch sprechen mögen, es kann keine
Folgen haben, da kein Zeuge vorhanden ist, um die Aussage, die Sie etwa machen
wollten, für Sie bedenklich zu machen.
    Befremdet und misstrauisch sah der Alte den Pfarrer an, indem er seiner
Einladung folgte. Beide setzten sich, so dass ein kleiner Tisch zwischen ihnen
war. Sie hatten, hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an, auf dem
Schloss die Schlüssel zum Archiv in Händen, nicht wahr?
    Ich hatte viele Schlüssel, sagte der Alte trotzig, so lange ich das Schloss
verwaltete, Gott weiss, was sie Alles schlossen, ich habe mich nie darum
bekümmert.
    Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen? fragte der Pfarrer, indem er
ihn bedenklich anblickte.
    Wie kann ich wissen, wo ich im Schloss gewesen bin, oder nicht, sagte
Lorenz nicht ohne Verlegenheit. Es ist wohl viel verlangt, dass ein alter Diener
Rechenschaft darüber ablegen soll, wo er vierzig Jahre lang seine Füsse
hingesetzt hat, oder wo er in einem alten, weitläuftigen Gebäude nicht gewesen
ist.
    Ich begreife nicht, sagte der Pfarrer mit einem misstrauischen Blicke, wie
meine Fragen Sie so unruhig machen können.
    Und ich begreife noch weniger, antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit,
wer Ihnen ein Recht gibt, mir alle diese Fragen vorzulegen. Mich bestimmt,
erwiederte der Pfarrer mit Herablassung, vor allem das Mitleid, welches ich mit
Ihnen habe, denn mir würde es leid tun, einen alten Mann, den ich so lange
gekannt habe, unglücklich werden zu sehen.
    Was wollen Sie damit sagen? fragte der Alte mit einiger Bestürzung.
    Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sünder, und
sagte dann langsam und nachdrücklich: Der Graf vermisst aus dem Archive eine ihm
wichtige Schrift, sie ist warscheinlich entwendet, Niemand als Sie hat vor dem
Grafen die Schlüssel gehabt; auf wen kann der Verdacht fallen, als auf Sie?
    Was gehen mich die Schriften des Grafen an, sagte der Alte; ich habe sie nie
angesehen, ich habe mich nie darum bekümmert, und der Graf hat mir ja die
Schlüssel abgenommen, so wie er kam; warum hat er nicht gleich gesprochen, was
will er nun von mir?
    Sie waren also niemals im Archiv, um die Schriften zu durchsuchen? fragte
der Geistliche gelassen.
    Niemals, antwortete Lorenz mit Frechheit, meine Hände haben die alten
bestäubten Dinger nicht angerührt.
    Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung
unwillkührlich hinriss, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte
dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie können Ihre Hand nicht
ableugnen, rief er ihm drohend hinzu, und sehen Sie, Ihre Handschrift straft
Ihre Worte Lügen. Wo ist die Urkunde hingekommen, fuhr er fort, weswegen haben
Sie sie abgeschrieben?
    Ich weiss es nicht, sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken.
Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu üben. Mein Gott, Herr Pfarrer, fuhr er
weinend fort, Sie werden doch einen alten Mann nicht unglücklich machen und ihn
nicht solcher Dinge beschuldigen wollen, die er nie begangen hat.
    Ich will Ihr Unglück nicht, sagte der Pfarrer, und eben so wenig der Graf.
Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht, die Urkunde entwendet zu haben;
schaffen Sie sie wieder herbei, und der Graf ist bereit, die Sache zu vergessen
und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken.
    Was ich nicht habe, kann ich nicht herbeischaffen, sagte Lorenz wieder
ruhiger, nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte, Sie kränken meinen ehrlichen
Namen, Herr Pfarrer, Gott mag Ihnen die Sünde vergeben.
    Der Geistliche tat sich Gewalt an, um gelassen zu bleiben, er sagte aber
dennoch mit unwillkürlicher Heftigkeit: Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglück
wollen, so handeln Sie als ein vernünftiger Mensch, vermeiden Sie die
gerichtliche Untersuchung, die Sie ins Zuchtaus führen müsste; merken Sie das
wohl. Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort, der Graf gibt hundert Dukaten,
wenn die Schrift ohne gerichtliche Hülfe herbeigeschaft wird.
    Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr
Pfarrer, wie wehe tun Sie mir altem, hüflosem Manne. Sie wollen Schande auf
mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist
vor funfzig Jahren, das muss noch jetzt darin sein, aber der Graf weiss nicht
Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen,
ungestört, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin
ich überzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen,
dass Sie mir altem Manne Unrecht getan haben. Der Pfarrer sah ihn einen
Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, dass der Graf dies
billigen wird, Sie können also die Nacht hier bleiben, und Morgen können wir
nach dem Schloss, und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.
    Nein, nein! rief der Alte ängstlich, das ist nicht möglich, ich muss heute
Abend nach Hause, aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein
dringendes Geschäft.
    Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan
beendigen musste, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden;
er liess ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen
erneuert waren, dass nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen
eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde.
 
                                      VIII
Einige Tage waren verflossen, seitdem Dübois der Gräfin die wenigen,
unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke
besserte sich fortwährend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu
können. Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin, dass es der sehnlichste
Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem
Hause zu bezeigen. Sein Begehren liess sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu
verletzen, und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn
wieder zu sehen.
    Das Verhältnis zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung, die
beide näher rückte, höchst freundschaftlich geworden; die Gräfin war gegen ihre
junge Freundin liebreich und vertraulich; sie tat sich nicht mehr den Zwang an,
mit ihr gleichgültige oder geistreiche Gespräche zu führen, wenn trübe
Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte
ihre Teilnahme offen zeigen, statt dass sie sonst zu ihrer eigenen Qual in
solche Gespräche einstimmen musste.
    Beide Frauen sassen im Teezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen
hatte, um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren, wohin ihn der Baron Löbau
dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den
Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet. Das
Dringende der Einladung des Barons liess deutlich merken, dass etwas Wichtigeres,
als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlasst hatte, und St. Julien wurde
von der Gräfin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befürchtete, dass sie sich
bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wünschte, würde beherrschen können.
    Endlich öffnete sich die Türe, und langsam näherte sich der junge Mann, den
einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister
stützend. Sein bleiches Gesicht, die eigefallenen Wangen, die gesenkten
Augenlieder, die kaum geröteten Lippen zeigten von grosser Ermattung; aber indem
er zu sprechen begann, glühte in den dunkeln Augen, die er auf die Gräfin
richtete, ein tiefes Gefühl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher
Anmut, und der Wohllaut der schönsten männlichen Stimme schien erschütternd auf
die Gräfin zu wirken. Es währte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen
vermochte, und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie
betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten
schien. Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige
Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Güte, aber grosser Anstrengung, die
ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: »Ich weiss, Sie sprechen
deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie würden
mich verbinden, wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten.« St. Julien
verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit
war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte, er konnte nicht voraussetzen, dass
die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm musste es auffallen,
dass sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefühl, das er sich auszudrücken
bemüht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich muss
es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, dass meine Landsleute sich
Ihnen so verhasst gemacht zu haben scheinen, dass ihre Sprache Ihnen selbst im
Munde dessen unerträglich ist, dem Sie so viele Güte erwiesen haben.
    Es ist nicht das, sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie,
mich nicht zu verkennen; es knüpfen sich für mich an dies Land und diese Sprache
so viele süsse, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, dass ich das Land
nicht wieder sehen könnte, die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem Munde
nicht vernehmen möchte. Mit grosser Bestürzung sah Emilie die Gräfin an, deren
Wangen wie im Fieber glühten, und deren zitternde Stimme von der Bewegung der
Seele zeugte. Bei der grössten Zurückhaltung, die die Gräfin gegen Jedermann
beobachtete, so dass sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals
ihrer jungen Freundin öffnete, musste der Zustand, in welchem sie, wie es schien,
ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal
sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen; Dübois sah verlegen
vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt über den seltsamen Empfang.
    Die Gräfin fühlte, dass sie sich hatte überwältigen lassen, und gewann, wie
immer, bald die Herrschaft über ihre Empfindungen, so dass sie nach kurzem
Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St. Julien wendete, ihm ihre Teilnahme an
dem Unglück bezeugte, das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte, und ihre
Freude darüber äusserte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den
Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine
Lage erheischte, und fragte höchst gütig, ob ihm seine Kräfte erlaubten, Anteil
an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, dass die Gräfin von Neuem ein
wenig zusammenschreckte, als sie seine Stimme wieder hörte, mit der er sich die
Erlaubnis ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber
ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Teetisch
zu rücken, den der Kranke einnehmen musste. Sie richtete oft das Wort an ihn, um,
wie es schien, sich an den Klang seiner Stimme zu gewöhnen, und forderte dann
nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien
nicht mehr gereizt würde zu sprechen, was ihm doch schädlich sein könnte.
    Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber, als sie sich heut nicht in ihr
Betragen finden konnte; hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so dass sie
wusste, wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde, so würde sie sich
nicht haben entalten können zu glauben, dass die Gräfin einen vorteilhaften
Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche. St. Julien war anfangs verstimmt
und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Gräfin ihre Bekanntschaft
eröffnet hatte; doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so
wie durch die Güte, welche sie gegen ihn äusserte, ein Wohlwollen in seiner Brust
erregt wurde, über das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklären
bemühte. Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes
Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt, dass er Emilien, die sich überdies nicht in
die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie
sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nähern, die schlanke,
edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Fülle der glänzenden, schönen blonden
Haare zu bewundern, die teils in Flechten aufgesteckt waren, teils in Locken
den zarten, weissen Nacken umspielten; sie öffnete die frischen, roten Lippen,
und der Ton ihrer Stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit
rührender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, dass sie sich
während des Gesanges verschönte; ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der
Höhe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestört dem Genuss an der
Musik, die sie vortrug, überlassen; darum glühte das Gefühl, das ihre Töne
auszudrücken strebten, während des Gesangs in ihren Augen; das Entzücken spielte
um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röte die zarten Wangen.
    St. Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet. Die lieblichen
Melodien, die ihren Lippen entströmten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut
ihrer blauen Augen schien sich heisser in den dunkeln Sternen der seinigen zu
wiederholen, bis die zärtlichen Accorde ein wehmütiges Gefühl hervorriefen, und
er unvermutet eine Träne im Auge fühlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze
schimmern sah.
    Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschämt durch eine zu grosse
Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er während des
Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin, um zu erfahren, ob er von ihr
beobachtet würde, doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren,
und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war
beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die
Musik fühlen und lieben, gewöhnlich schwer wird, nach den himmlischen Tönen, die
eine schöne Stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte
und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen.
    Auf dem Gesichte der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte
und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie drückte die Hand ihrer
jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich
schnell ab, um die Rührung zu verbergen, zu der sie sich durch die Zärtlichkeit
der Gräfin bewegt fühlte. Gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse
Entschlossenheit aus, keinem Unglück, wenigstens im Äußern, unterliegen zu
wollen, und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher
abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblicken aber, wenn sie
sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien, dann
schwand Kälte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern
Himmel, hinweg, und Liebe, Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und
spielten als wehmütiges Lächeln um den schönen Mund. In solchen Augenblicken
schien sie viel älter zu sein, als in ihrem gewöhnlichen Zustande, und doch auch
zugleich viel schöner. Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin
eben so aufmerksam, als St. Julien betrachtet, und niemals war ihr die seltne
Schönheit und Anmut dieses lieblichen Wesens so aufgefallen, als diesen Abend.
Sie erschien ihr in ihrer frischen, eben aufblühenden Jugend wie eine zarte
junge Rose, die bewusstlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der
Morgensonne entfaltet. Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung
gewesen, und sie musste sich gestehen, dass, obgleich seine Gegenwart schmerzliche
Erinnerungen in ihrem Herzen erregte, sie doch auch zugleich wohltätig wirkte.
Sie betrachtete mit Rührung die geliebten Züge, die in ihr das Bild eines andern
Wesens hervorriefen, und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den
grossen braunen Augen, deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward, und
er erschien ihr, ihrer frischen jungen Rose gegenüber, wie eine Blüte unter
einem heisserem Himmel entsprossen, noch ungewohnt der rauheren Luft, die deshalb
krank und welk noch schmachtete, und nicht die Pracht der Farben zu entfalten
vermochte.
    Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden
Grafen; er vermehrte die Gesellschaft, aber ohne die Unterhaltung durch seine
Gegenwart zu beleben; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn, und die Worte,
mit denen er St. Julien seine Freude darüber bezeichnete, ihn so weit
hergestellt zu finden, dass er sein Zimmer verlassen könne, erschienen diesem
kurz und kalt. Die Gräfin tat einige Fragen an den Grafen, die ausweichend
beantwortet wurden; St. Julien glaubte, dass seine Gegenwart eine freie
Mitteilung hindere, und stand deshalb auf, um sich nach seinem Zimmer zurück zu
ziehen. Des Grafen Teilnahme kehrte wieder, als er die Ermattung des jungen
Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte. Er bot ihm die Hand, um ihm
aufstehen zu helfen, und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln: Da Ihre Kräfte
zunehmen, und Sie sich bald wieder frei werden bewegen können, so werde ich
Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen, das Schloss nicht ohne meine Einwilligung zu
verlassen, um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen.
    Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde, sagte St. Julien scherzend,
bemerken Sie wohl selbst, da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal
aufzurichten vermag. In vollem Ernst, sagte der Graf zwar höflich, aber sehr
bestimmt, ich muss Sie bitten, mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden, dass Sie sich hier
bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten, folglich ohne meine
bestimmte Einwilligung das Schloss nicht verlassen wollen; auch auf den Fall
nicht, sezte er finster hinzu, dass Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen
das Anerbieten machen sollten, sie zu begleiten.
    St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an, bemühte sich dann, kalt und
ernst, die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben, um sie dem Grafen zu
reichen, und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür, dass er sich
als Gefangener betrachten und das Schloss nicht ohne Erlaubnis des Grafen
verlassen wolle. Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch
besonders gegen die Frauen; er versuchte es dann sich nach der Tür zu bewegen;
Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel; Dübois, der im Vorzimmer gewartet
hatte, trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen
Krankenzimmer zurück.
    Was ist vorgefallen? fragte die Gräfin mit Besorgnis, sobald der junge Mann
das Zimmer verlassen hatte; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben?
    Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde, sagte der Graf finster, alle
Festungen ergeben sich, das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen. Sie
müssen landeseingeborne Führer haben, kein Tal, keine Schlucht bleibt
verschont, und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land.
    Haben Sie diese übeln Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren? fragte die
Gräfin.
    Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln, sagte der Graf, obgleich ich
sie von ihm habe. Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel
versammelt; man wollte sich beraten, aber man sah bald ein, dass man gezwungen
sein würde, den Umständen gemäss zu handeln, folglich keine Beschlüsse im Voraus
fassen könne, und die Gesellschaft, die sich versammelt hatte, um zu
beratschlagen, vereinigte sich, da sie nichts Besseres tun konnte, zu einem so
kleinmütigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen, dass ich dadurch um alle
Geduld gebracht wurde. Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft, dass,
wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten, sie dann wohl ihren
Kameraden mit sich nehmen würden, den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten
habe. Die Physiognomie des Menschen, der diese Bemerkung machte, war so
einfältig, dass ich kaum glaube, er hat etwas Boshaftes gemeint, aber ich wurde
durch sein Geschwätz daran erinnert, dass ich, um hier St. Julien besser zu
verpflegen, als es im Hospital geschehen sein würde, und um ihn nicht der Gefahr
auszusetzen, auf dem Wege dahin umzukommen, mich selbst verpflichtet habe,
sobald es von der Regierung gefordert würde, ihn als Kriegsgefangenen zu
stellen, und nahm ihm deshalb das Ehrenwort ab, uns nicht zu verlassen, da er es
gewiss bald erfährt, dass seine Freunde in der Nähe sind.
    Die Nachrichten, die der Graf den Frauen mitteilte, waren wohl geeignet,
Unruhe zu erregen, und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war,
wurde man darüber einig, dass es allerdings möglich sei, auch hier von den
Feinden beunruhigt zu werden, ob man gleich früher das Gegenteil gehofft hatte.
Der Graf schlug den Frauen vor, sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag
zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Gräfin aber weigerte
sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, dass sie das Drückendste mit ihm
weit leichter, als die Ungewissheit in der Ferne ertragen würde.
    Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war
ihm ein Bedürfnis, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber für seine
Pflicht, ihr die Wahl zu überlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn
der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm teilen wollte.
Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wünschen gemäss entschied. Dass Emilie
blieb, war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin, denn diese war ihre
einzige Stütze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern
auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel
teurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.
    Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man
die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach über mancherlei
Vorsichtsmassregeln, die anzuwenden wären; man entschloss sich, den grössten Teil
des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werte zu verbergen, um den
bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen, denn man erwartete
nichts Anderes, als Raub und Plünderung, von den feindlichen Truppen.
    Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch liess sie nur wenig von der
heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, teils, weil sie nicht für
kindisch gehalten werden wollte, teils, weil sie besorgte, die Gräfin möchte
sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie
ihre Unruhe bemerkte. Während solcher trüben Gedanken und Gespräche war es spät
geworden, als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten
sich dem Zimmer näherte, und ganz erhitzt eintrat.
    Nach den ersten flüchtigen Begrüssungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das
Unglück schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in
ihren Händen.
    Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre
Augen ängstlich auf den Arzt.
    Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiederte der Doktor Lindbrecht, da kam ein
Verwalter aus der Nähe, ich weiss nicht, wie das Gut heisst, ich habe mich auch
nicht darum bekümmert, wie der schlechte Mensch heisst, kurz, der kam von einer
Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Mühe
der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er
hätte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht
wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen
unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum Hause
hinaus, als wenn ihn der böse Feind vertriebe.
    Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, dass die
Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin
beleidigen?
    Nicht deswegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde
weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des
armen Menschen Willen, den ich hier im Hause wieder herzustellen suche.
    Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er
ihn, wusste er etwas von seinen Verhältnissen?
    Nichts wusste der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lügen,
Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.
    Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung. Denken Sie,
rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen, er kannte mich
nicht, er wusste nicht, wer ich bin, und hatte deshalb die Frechheit, in meiner
Gegenwart zu erzählen, bei Ihnen hier auf dem Schloss würde ein französischer
Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden
alle Nachricht zukommen liesse, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben
zu bringen.
    Die Behauptung ist lächerrlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schändlich ist
sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der in einem so elenden Zustande war, dass er
Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied rühren konnte, der soll ein
Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen,
sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und
ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Kräfte anwende, um einen Menschen
dem Rachen des Todes zu entreissen, werde dafür als ein Landesverräter
betrachtet.
    Geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels;
vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen,
sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es wäre aber gut, fügte er hinzu, wenn Sie
Herren St. Julien dergleichen verschwiegen, es könnte ihn aufreizen, kränken.
    Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich für so
roh and unwissend? Jede Kränkung muss ihm schaden, und bei seiner Jugend muss man
sich doppelt hüten. Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen, uns keinen
Schaden zufügen und das Schloss verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist.
Sorgfältig muss ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken
bringen könnte. Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch
gleich sehen, wie er sich befindet.
    Die Frauen erzählten nun dem Arzte, dass der junge Mann einige Stunden in
ihrer Gesellschaft zugebracht habe, und Emilie bemerkte mit Teilnahme, dass er
noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe.
    Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat, rief der
Arzt, die Jugend kennt kein Mass, und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht
werden, so kümmert sich so ein Kranker wenig darum, wie viele Sorgen er seinem
Arzte verursacht. Nun, ich werde gleich sehen, welche Folgen sein Besuch gehabt
hat. Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen, kehrte aber schnell in der
Türe wieder um und wendete sich hastig an den Grafen, der indessen nachdenkend
auf und ab gegangen war. Beinah, rief er, hätte ich einen Auftrag vergessen; der
Herr Pfarrer hat mir dies Briefchen für Sie gegeben, und ich Dummkopf hätte es
beinah aus Zerstreuung bei mir behalten, statt es Ihnen einzuhändigen. Er
reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem
Papier, nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze, ohne alle
Zierlichkeit abgefasst, ja selbst ohne Beachtung der Formen, die Höflichkeit und
Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben. Der wörtliche Inhalt desselben
war dieser: Statt des Titels:
                                     P. P.
Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein. Er wird
die Urkunde wiederschaffen. Ich bitte also, den Schlüssel zum Archive und die
versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten.
                                                                        Seefeld,
                                                                Prediger zu - -.
Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang
einer Sache, die ihm so viele Sorgen verursacht hatte, zugleich aber ein wenig
beleidigt durch die unhöfliche Form, in welcher ihm dieser glückliche Ausgang
gemeldet wurde, und indem er anerkannte, welchen wichtigen Dienst ihm der
Pfarrer geleistet habe, beschloss er doch zugleich, die nächste Gelegenheit
wahrzunehmen, wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen tun könne, um sich
von der Last der Dankbarkeit zu befreien, die ihm nach des Pfarrers Gemütsart
drückend zu werden drohte.
    Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken, er fand dessen Puls
fieberhaft, seine Wunden gereizt, kurz seinen Zustand auf alle Weise
verschlimmert, und schrieb dies Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu
lebhaften Unterhaltung zu. Es ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe, rief er
mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber
zu wachen, dass Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den
nächsten zwei, drei Tagen das Zimmer gar nicht verliesse. St. Julien schwieg. Er
liess sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten
Zustandes ein, er liess sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern
das Versprechen, sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen. Wenn Sie
wollen, sagte er mit einiger Bitterkeit, so will Ihnen versprechen, Monate lang
mich hier einzuschliessen, bis zum Frieden, wenn Sie es verlangen. Gott behüte,
sagte der Arzt, nur so lange, bis Ihr Puls wieder ruhig geht, bis Sie ohne
Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können; dann, im
Gegenteil, werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen, denn Sie werden
schwermütig und das darf nicht sein, das hindert die Genesung.
    Da St. Julien den Wunsch zu schlafen äusserte, so zog sich der Arzt zurück,
indem er bemerkte, der Schlaf sei Balsam, den die Natur in alle Wunden träufle,
und der am Besten die gereizten Nerven beruhige. Er ging; aber St. Julien war
weit davon entfernt, die Wohltat des Schlafes zu geniessen; alle Bilder, die der
heutige Tag ihm gezeigt hatte, gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber, und
er wiederholte sich innerlich alle Worte, die zu ihm waren gesprochen worden.
Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen, und von Neuem
fühlte er sich von der edeln Gestalt angezogen und gerührt von der Güte, die sie
ihm gezeigt hatte.
    Von Neuem entzückten ihn die süssen Töne, die Emiliens Lippen entschwebten,
und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele; er fühlte den Blick der blauen
Augen im Herzen, er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmutigsten
Jugend, aber er fühlte auch schmerzlich die Härte, die Kälte, mit welcher der
Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte. So bin ich denn hier nichts, klagte er
innerlich, als ein gefangener Feind, der so lange mit Schonung behandelt wurde,
als er ein Gegenstand des Mitleids war, und der, kaum dem Grabe entrissen,
Misstrauen und Zweifel erregt; so schnell ist die Teilnahme verschwunden, dass
mich der Graf im ersten Augenblicke, in dem er mich ausserhalb des Bettes
erblickt, mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert. Hätten sie mich an dem
unglücklichen Tage im Walde sterben lassen, so wäre ich nun frei. Er tadelte
sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit; indem
er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte, blieb ihm der Gedanke höchst
quälend, dass er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war, und er
Alles, von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an, bis zu den überflüssigen
Dingen, die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt, der Güte
des Grafen verdankte, und dass er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen
könne, seitdem er, wie er glaubte, so unfreundlich behandelt worden war. Er
seufzte tief, und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den
Haushofmeister, dass er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte, den der Arzt als
so heilsam pries.
    Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager, und indem er leise den
Vorhang des Bettes aufhob, sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in
Tränen gebadet. Um Gottes Willen, rief er, was ist Ihnen begegnet? Was kann Sie
so erschüttern? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben. St. Julien
schämte sich seiner Schwäche und sagte, indem er die Tränen von den bleichen
Wangen trocknete: Sie sehen, lieber Dübois, die lange entkräftende Krankheit
macht mich so schwach, wie ein Kind. Ich weine, indem ich an meine Mutter denke
und mir ihren Jammer vorstelle, da sie so lange nichts von mir erfahren hat und
nach der Art, wie ich aus dem Regiment verschwunden bin, wenn diese Nachrichten
zu ihr gekommen sind, mich getödtet glauben muss.
    Dübois hatte schon einige Male versucht, das Gespräch darauf zu lenken, wie
der junge Mann im Walde gefunden worden war, und hatte von ihm zu erfahren
gewünscht, Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe, und wesshalb man ihn
habe ermorden wollen; aber immer war St. Julien diesem Gespräche ausgewichen,
und der Haushofmeister war viel zu höflich, als dass er ihm eine Antwort hätte
abdringen sollen. Auch dies Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen
Gegenstand zu erfahren. St. Julien wich nicht, wie gewöhnlich, dem Gespräch aus,
sondern sagte mit milder, aber ernster Stimme: Sie haben mir so viel Gutes
erwiesen, dass ich Ihnen undankbar erscheinen muss, wenn ich nicht offen mit Ihnen
spreche, aber selbst auf diese Gefahr hin muss ich über eine Sache schweigen, die
nicht mich allein angeht, und ich bitte Sie, mich so wenig als möglich an diesen
unglücklichen Tag zu erinnern.
    Diese wenigen Worte waren hinlänglich, um die Lippen des gutmütigen,
wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schliessen, und
er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen, als dieser sich aufrichtete
und ihn mit bewegter Stimme bat, einen Brief, den er ihm diktiren wollte, an
seine Mutter zu schreiben. Ich kann nicht ruhig sein, sagte der Kranke, ehe sie
nicht Nachricht von mir hat, und Sie wissen, in welchem Zustande mein Arm noch
ist, ich darf noch nicht daran denken, selbst zu schreiben. Dübois setzte seine
Brille auf, holte ein Schreibzeug herbei, legte Papier zurecht, und St. Julien
diktirte ihm einen Brief, in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter
aussprach. Er meldete ihr, dass ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe,
durch den er von der Armee getrennt sei, er sprach von seiner Verwundung und in
so dankbaren Ausdrücken von der grossen Hülfe, die er im Hause des Grafen
gefunden, dass Tränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten, und er die
Brille abnehmen musste, um sich die Augen zu trocknen. Endlich, nachdem sich
Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten
konnte, wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt, dass die Mutter des jungen
Mannes Mittel finden möchte, ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen, damit
er nicht länger gezwungen wäre, von den Wohltaten Anderer zu leben, wie
edelmütig sie ihm auch erwiesen würden. Dübois sah den Kranken verwundert an
und legte die Feder einen Augenblick bei Seite; da aber St. Julien noch einmal
die letzten Worte wiederholte, so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder,
indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte. Als der Brief vollendet war,
liess der Kranke sich die Feder reichen, um mit höchster Anstrengung seinen Namen
zu unterschreiben, und bat dann Dübois, den Brief dem Grafen offen zu
überreichen, mit der Bitte, ihn an seine Mutter zu befördern; denn gewiss, sagte
er, kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen, ein Mittel zu
finden, dies Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befördern.
Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen, und es schien, dass der Kranke nun
ruhigen Vorstellungen Raum gäbe, denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach
diesem Gespräche, dass er entschlummert war.
 
                                       IX
Der Graf hatte den Schlüssel des Archivs sowohl, als eine Rolle mit hundert
Dukaten an Dübois abgegegeben, um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das
Schloss einzuhändigen, und der Haushofmeister sass deswegen des andern Morgens am
Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen, um seinen Auftrag
auszurichten. Es war noch nich neun Uhr, als die kleine, leichte, aber nichts
weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte, und er selbst mit
der Pfeife im Munde abstieg und verdriesslich durch das offene Tor auf den Weg
hinausschaute. Er hatte nicht lange wartend gestanden, als dieselbe Equipage,
worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte, durch dasselbe
lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde, gegen welche der Wagen des Geistlichen
ein prächtiges Ansehen gewann, als nun beide neben einander hielten.
    Indes Lorenz die Schnüre auflöste und so die Türe seines Wagens öffnete,
hatte sich Dübois dem Pfarrer genäherte und ihm Geld und Schlüssel, seinem
Auftrag, gemäss, eingehändigt; dieser steckte beides ein und befahl dann mit
lauter Stimme, seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu führen,
dagegen ermahnte Lorenz den Bauer, der ihm zum Kutscher diente, sich bereit zu
halten, damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren könne. Wir wollen eine
halbe Stunde von hier füttern, setzte er mit leiser Stimme hinzu, dort ist eine
gute Schenke, wo wir uns auch selbst eine Güte antun können. Der Bauer war es
gern zufrieden. Des Pfarrers Pferde waren abgespannt, und dieser rief nun dem
alten Lorenz zu, er solle kommen und sein Versprechen erfüllen.
    Beide stiegen nun die grosse Treppe hinauf, der Pfarrer mit einem Ausdruck
von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht, und dieser mit Seufzern, die ihm die
Erinnerung erpresste, wie er sonst dies Schloss beinah als sein Eigentum
betrachtet hatte; die glänzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines
Geistes vorüber, wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe
von ihm war bewillkommnet worden, dem er nun so demütig und mit so bösem
Gewissen folgte. Sie hatten das Archiv erreicht, und der Geistliche war mit dem
ehemaligen Kastellan eingetreten, nachdem er die Türe geöffnet hatte. Lorenz
blickte ihn befremdet an und sagte: »Ich hatte mir ausgemacht, hier allein und
ungestört zu suchen.« Der Pfarrer verschloss gleichgültig von innen die Tür,
steckte den Schlüssel zu sich und sagte dann sehr gelassen: meine Gegenwart wird
Sie nicht stören, ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das
versprochene Geld aufzählen, damit Sie es gleich in Empfang nehmen können,
sobald Sie mir die Urkunde einhändigen. Er fing dies Geschäft auch sogleich an,
und die hundert Dukaten waren aufgezählt, ehe Lorenz noch wusste, was er tun
sollte, ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen
Gegenwart seine Schelmerei ausüben solle. Der Glanz des Goldes, der ihm in die
Augen leuchtete, bestimmte ihn zu letzterem, und er näherte sich entschlossenen
Schrittes den Schränken, worin die Urkunden aufbewahrt wurden, aber eine neue
Verlegenheit machte, dass er gedankenvoll stehen blieb; er sah die Schränke
aufgeräumt, alle Schriften darin in der besten Ordnung, er begriff nicht, wie er
den Schein retten sollte, und sah auch keine Möglichkeit sich zurückzuziehen,
ohne vorher sein Versprechen erfüllt zu haben. Ein Blick auf das funkelnde Gold,
das eben recht in den Sonnenstrahlen glänzte, die durch ein hohes Fenster grade
auf den Tisch fielen, gab ihm neuen Mut, und er näherte sich herzhafter einem
der Schränke. Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen. Lorenz
blätterte ein wenig in den Papieren, hob einige Pergamente auf und legte sie
wieder nieder, trat dann ein wenig von dem Schranke zurück, und sagte mit
gepresster Stimme: Ei, was liegt denn hier? Er bückte sich tief auf den Boden,
und der Pfarrer sah deutlich, wie er ungeschickt mit zitternden Händen die
Urkunde aus dem Busen zog und dann tat, als habe er sie zwischen dem Schranke
und der Wand hervorgezogen. Was finde ich hier? rief er mit erleichterter Brust
und reichte dem Pfarrer, der zu ihm getreten war, die Schrift hin.
    Der Geistliche nahm schweigend das Dokument, um es schnell durchzusehen, ob
es das Gesuchte und ob es auch vollständig sei. Lorenz hatte sich nun völlig
gefasst und sagte in seinem gewöhnlichen, heuchlerischen Tone: Gott sei gedankt,
der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen, dass der
Name eines alten, redlichen Dieners der Verläumdung Preis gegeben würde. Er
vergebe denen, die leichtsinnig ihre Augen nicht gehörig brauchen, und wenn sie
dann nicht finden, was sie suchen, redliche Greise verlästern.
    Der Pfarrer hatte sich während dieser Rede vollkommen überzeugt, dass er die
Schrift in seinen Händen hielt, an deren Besitz dem Grafen so viel liegen musste;
er faltete sie zusammen, steckte sie in den Busen, und nachdem er den Rock
sorgfältig zugeknöpft hatte, sah er dem alten Sünder mit Zorn und Verachtung in
die Augen, der diesen Blick nicht ertragen konnte, sondern schüchtern vor sich
nieder blickte. Glauben Sie, hub der Geistliche nach einem augenblicklichen
Stillschweigen an, dass ich so blödsinnig bin, mich von Ihnen täuschen zu lassen?
Glauben Sie, dass ich nicht gesehen habe, wie Sie die Urkunde aus dem Busen
zogen, die sie mich nun bereden wollen, hier gefunden zu haben? Hätten sie nicht
verdient, dass der Graf Sie für Ihren schändlichen Diebstahl den Gerichten
überlieferte und Sie der öffentlichen Schande Preis gäbe? Können Sie es vor Gott
verantworten, dass Sie einen Herren zu Grunde richten wollten, dessen Brod sie
funfzig Jahre gegessen haben, auf dessen Kosten Sie sich verheiratet und Ihre
Kinder erzogen haben, und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem
Alter hat und Sie weder der Schande, noch dem Mangel Preis geben will? Denken
Sie nicht daran, alter Sünder, dass Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt
im Grabe ruhen wird, dass Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem
Sünderleben geben müssen?
    Herr Pfarrer, stammelte der ehemalige Kastellan, wollen Sie mir Ihr Wort
brechen, wollen Sie mich zu Grunde richten?
    Nein, elender Mensch, rief der Pfarrer mit grosser Verachtung, nehmen Sie Ihr
durch Diebstahl und Betrug gewonnenes Gold und eilen Sie, Sich aus dem Hause zu
entfernen, dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schändlichen
Undank gezeigt haben. Der Geistliche öffnete die Türe, indem er diese Worte
sagte. Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Händen das Gold
zusammen, und war so eilig, sich zu entfernen, dass er Hut und Stock vergass, und
der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken musste.
    Fahre nur so schnell Du kannst, flüsterte Lorenz dem Bauern zu, indem er die
Türe seines Wagens zuband, nach der Schenke, nach Krumbach, ich bin ganz
schwach geworden und brauche eine Stärkung. Der Bauer war gern dazu bereit, und
so schnell das lahme Pferd es vermochte, verliess der ehemalige Kastellan das
Schloss, mit dem Vorsatze, es nie wieder zu betreten.
    Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber,
aber äusserst missmütig und niedergeschlagen gefunden; er gab sich Mühe ihn zu
zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben, von seinen wunderbaren
Schicksalen zu erzählen. St. Julien achtete aber nicht darauf; er erbot sich,
dem verwundeten Officier die merkwürdige Krankengeschichte eines Schneiders
vorzulesen, die in der neuesten medicinischen Zeitschrift entalten sei, und war
erstaunt, als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat. Er
griff zu seinem lezten Hülfsmittel und bot ihm an, eine Partie Schach mit ihm zu
spielen, aber auch dieser Versuch missglückte, denn der junge Mann versicherte,
er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen. Was soll ich denn aber dann mit
Ihnen anfangen? sagte der Arzt, Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit
Ihrer Schwermut. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal, sagte der Kranke
vedriesslich. Das geht nicht, rief der Arzt, das wäre gegen meine Pflicht; ich
muss Alles tun, um Sie wieder herzustellen, und Sie hindern durch Ihre
Traurigkeit die Genesung. Ich bin nicht traurig, versicherte St. Julien mit
einem tiefen Seufzer, ich fühle mich nur schwach, und wünsche Ruhe und
Einsamkeit.
    Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte, den Kranken auf seine
Weise zu erheitern, die sämmtlich missglückt waren, musste er ihn endlich, wie er
sagte, seinem Eigensinne überlassen, weil er noch andere Kranke zu besuchen
habe, denen er seinen Beistand auch nicht entziehen dürfe. Kaum hatte er das
Zimmer verlassen, so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger
Heftigkeit, ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehändigt, und
ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe.
    Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen, antwortete
Dübois, und kann ihn auch jetzt nicht sprechen, da er sich mit dem Herrn Pfarrer
in sein Kabinet verschlossen hat; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde ihm
noch vor Tische Ihr Schreiben übergeben. St. Julien musste mit dieser Antwort
zufrieden sein, und Dübois sah es mit Betrübnis, dass er sich in düstere
Träumereien versenkte. Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem
Kranken anzuknüpfen; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete, so
überliess er ihn endlich seiner düstern Laune und ging, um im Vorzimmer des
Grafen zu warten, damit er diesem, sobald seine Geschäfte mit dem Geistlichen
beendigt wären, den Brief überreichen könne, an dessen Absendung dem jungen
Manne so viel zu liegen schien.
    Der Graf hatte die Urkunde aus den Händen des Pfarrers erhalten, und da
dieser selbst so viel Freude darüber zeigte, das Geschäft glücklich beendigt zu
sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben, so gewann er in den
Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr, als er durch
seine kurze und unhöfliche Art zu schreiben verloren hatte, und der Graf
beschloss von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehörig zu würdigen,
ohne sich durch die unangenehme Art, wie sie sich zu erkennen gaben, stören zu
lassen. Er entschloss sich also, ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser
Sache ferner zu erbitten. Er teilte ihm den Wunsch mit, die
Familien-Verhältnisse des Verwandten, der sich zu so unwürdigen Schritten hatte
verleiten lassen, genauer zu kennen, um beurteilen zu können, ob eigene
Bedrängnis ihn verleitet habe, oder ob er bloss durch Habsucht bestimmt worden
sei. Im letzteren Falle, schloss der Graf, habe ich den Vorsatz, jedes Verhältnis
mit ihm zu vermeiden, im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage, da ich
keine Kinder habe, Manches zu tun, was uns näher bringen und vielleicht uns
beide beruhigen würde.
    Es war dem Pfarrer nicht entgangen, dass der Graf seufzend die Bemerkung
gemacht hatte, dass er keine Kinder habe, und er glaubte seine Vermutung
bestätigt zu finden, dass er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glücklich
lebte. Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete
sich ihm, in Kurzem genaue Nachrichten über die Lage seines Verwandten zu
verschaffen. Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders, als höchst
willkommen sein, denn bei seiner Neigung, aller Menschen Angelegenheiten zu
erforschen, störte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens, und er konnte
sich nicht abläugnen, dass eine solche Neugierde eines Geistlichen völlig
unwürdig sei, also war es ihm alle Mal eine grosse Beruhigung, wenn er seiner
Neigung folgend, sich zugleich sagen durfte, dass er aus Menschenliebe handle,
dass er durch seine Nachforschungen Frieden stiften, kurz, etwas Löbliches
erreichen wolle. Beide verliessen also, sehr mit einander zufrieden, das Kabinet
des Grafen und fanden, als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben
wollten, im Vorgemache Dübois wartend, der mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung
dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des
jungen Mannes bekannt machte. Der Graf faltete ein wenig vedriesslich die Stirn
und sagte: Ich werde den Brief nachher lesen, weil es Herr St. Julien wünscht,
und dann ihn selbst darüber sprechen.
    Der Pfarrer äusserte den Wunsch, den Kranken zu besuchen. Dübois machte ihn
aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt, die ihn den Wunsch hatte äussern
lassen, allein und ungestört zu bleiben. Der Geistliche gab also für diesmal
seinen Vorsatz auf und verfügte sich zum Arzt, um zu erfahren, ob dieser nichts
von dem Kranken erforscht habe, das Licht geben könne über seine schreckliche
Misshandlung an der einsamen Stelle im Walde, wo man ihn gefunden hatte. Er
verlor aber seine Zeit mit dem Arzte, denn dieser wusste ihm nichts mitzuteilen,
als Krankengeschichten, die wenig Reiz für den Pfarrer hatten, und Klagen über
St. Juliens eigensinnige Schwermut, die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte.
    Unter solchen unerfreulichen Gesprächen waren die Stunden verflossen, und
die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel. Wie es
natürlich war in einer so verhängnisvollen Zeit, wendete sich das Gespräch bald
auf die Begebenheiten des Tages. Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt,
manche Befürchtniss und manche Hoffnung ausgesprochen, Alle aber mussten sich
darin vereinigen, dass die einzige Hoffnung, die man sich vernünftiger Weise
erlauben dürfte, auf den Beistand der Russen gegründet sei. Was wird nun der
alte Obrist Talheim sagen, rief der Pfarrer, wenn er sieht, wie alle seine
Behauptungen zu Schanden werden. Wie viel tausendmal hat er versichert, dass die
französische Macht an der Preussischen scheitern werde; dass der Geist des grossen
Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unüberwindlich mache. Zwar er wird
sich jetzt wohl wenig um die Festungen kümmern, die den Franzosen übergeben
werden, da ihm übermorgen selbst Alles abgenommen wird, was er etwa noch
besitzt.
    Talheim? fragte der Graf nachdenkend, der Name ist mir so bekannt, und ich
kann mich doch nicht gleich erinnern, auf welche Weise.
    Er selbst, erwiederte der Pfarrer, hat es früher oft erzählt, dass er ein
Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei. Ich erinnere mich, rief der Graf, bei
dem Regiment, das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand, diente
ein Major Talheim, der oft und lange ein Gast meines Vaters war, und beide
lebten auf einem sehr vertraulichen Fusse mit einander, sollte es derselbe sein?
Gewiss, antwortete der Pfarrer, er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und
dann seinen Abschied genommen.
    Und ist er in so bedrängten Umständen? fragte die Gräfin.
    Er ist ganz zu Grunde gerichtet, erwiederte der Pfarrer, er soll ehedem ein
artiges Vermögen gehabt haben, auch hatte er, da er sehr lange gedient hat, eine
Pension, aber erstens hat er sich sehr spät, man kann sagen im hohen Alter,
verheiratet, natürlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewählt, er dagegen
soll sie ganz töricht geliebt haben; also hat er Alles getan, was sie wollte,
das hat ihm viel gekostet; dann bestand sein Vermögen in baarem Gelde, das hat
er bei verschiedenen Handlungshäusern, die nach einander fielen, verloren;
endlich wurde er Wittwer und besass beinah nichts, als eine unmündige Tochter;
nun kam er auf den traurigen Gedanken, ein kleines Gut, eigentlich einen
Meierhof, zu pachten und verstand nichts von der Wirtschaft, doch ging es so
lange, als er zuzusetzen hatte, nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben, und
das Gut ist ihm abgenommen, und wenn er übermorgen nicht bezahlt, so wird ihm
das Wenige, was er an Mobilien besitzt, verkauft. Der Verwalter war gestern bei
mir, der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles, was er hat, abnehmen soll.
    Mein Gott, das ist eine entsetzliche Lage, sagte die Gräfin, indem sie den
Grafen ansah.
    Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglücklichen Manne, sagte Emilie,
indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob.
    Ich glaube schwerlich, dass sich Jemand seiner annehmen wird, bemerkte der
Pfarrer, vorschiessen kann ihm Niemand, denn bei den jetzigen traurigen Zeiten
wird ihm die Pension nicht ausgezahlt, die er früher hatte, wovon soll er also
wieder bezahlen, da er sonst gar nichts hat?
    Desto schrecklicher muss ja aber der Mangel sein, mit dem er kämpft,
erwiederte die Gräfin.
    Gewiss, antwortete der Pfarrer, aber gewisser Massen hat er es sich auch
selbst zugezogen, dass sich Niemand um ihn kümmert, denn je ärmer er wurde, je
stolzer wurde er auch; je mehr er verlor, je mehr zog er sich von den Menschen
zurück und wies jeden Rat ab, wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung
beleidigt, Wer soll ihm also nun helfen, da er Niemandem vertraut hat?
    Es ist wunderbar, sagte der Graf nachdenkend, dass nichts in der Welt so
selten angetroffen wird, als Vertrauen, wahres uneingeschränktes Vertrauen,
selbst unter den edelsten Menschen, und am Seltensten, fügte er nach einer
kleinen Pause hinzu, das Vertrauen, das dem Freunde die Zerrüttung unseres
Vermögens zeigen möchte. Jeder Mensch schämt sich der Armut, und verbirgt kein
Gebrechen so ängstlich und sorgfältig als dies, so lange es irgend in seinen
Kräften steht.
    Die Wangen der Gräfin hatten sich auffallend gerötet, als der Graf über
Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte, und diese Röte war
dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen. Sie richtete einen
durchdringenden Blick auf den Grafen, der aber von diesem nicht bemerkt wurde,
und sie wurde wieder ruhig, da es sich deutlich erkennen liess, dass der Graf
diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte, und es sich besonders aus dem
Schlusse seiner Rede ergab, dass ihn bloss die Lage des Obristen Talheim in
diesem Augenblicke beschäftigte.
    Ich glaube, sagte sie endlich, dass sich nichts so leicht erklären lässt, als
das Gefühl der Scheu, womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt.
    Ja wohl, rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art, es ist
eine erbärmliche Eitelkeit, für reich angesehen sein zu wollen. Ich glaube
nicht, dass dies der Grund ist, erwiederte die Gräfin, sondern vielmehr die
Einbildung derer, an die man sich wenden könnte, denn natürlich kann sich der
Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden, und die werden alle Mal ihren
glücklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit, ihres Fleisses oder ihrer
Ordnung betrachten, und werden immer annehmen, dass ihrem leidenden Bruder eine
dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen.
    Das ist aber auch gewöhnlich der Fall, fiel der Geistliche ein.
    Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung, sagte die Gräfin lächelnd.
Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich, dass sich jeder Wohlhabende für
klüger hält, als der Notleidende ist, folglich mit der Hülfe, die er ihm
leistet, zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem, der seine
Hülfe empfängt, fordert, er solle mit seinen Augen sehen, aus seinem Herzen
fühlen und nach seiner Leitung handeln. Sagen Sie selbst, kann es für einen
Menschen etwas Schmerzlicheres geben, als wenn er die Hülfe seiner Freunde so
teuer erkaufen muss, dass er gezwungen ist, seine Einsicht, seinen Willen, seine
Gefühle, seine Selbstständigkeit aufzugeben, und können Sie sich wundern, dass
Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet? Könnten wie uns
entschliessen, mit den Augen unserer notleidenden Freunde zu sehen, uns in ihre
Lage zu versetzen, und unsere Hülfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu
gewähren, so dass wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen,
die sie hindern, sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen, statt dass wir ihnen
jetzt höchstens unter der Bedingung Beistand leisten, dass wir sie in die unsrige
hinüber zwingen, dann, glaube ich, würde weder Vertrauen, noch Dankbarkeit in
der Welt so selten angetroffen werden.
    Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht, und machte nun bei sich aus,
dass sie eine Neigung zur Schwärmerei habe. Dies Wort war ihm ein Trost, denn
Alles, was seiner Denkungsweise fremd war, was er nicht verstand, oder was ihm
zuwider war, bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art
von Selenkrankheit. Er endigte also das Gespräch von Wohltätigkeit, indem er
sich an den Grafen wendete und sagte: es fällt mir eben ein, da wir heute über
Ihre Verwandten sprechen, Ihr Vetter, der junge Graf Hohental, stand hier in
der Nähe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges, der ritt täglich zum
alten Obristen, und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken;
die böse Welt sagte aber, fügte er lächelnd hinzu, dass der junge Nittmeister
mehr um des schönen Fräuleins, als um des alten Obristen Willen so oft den Weg
machte. - Ich glaube, der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters? fragte
der Graf.
    Ich weiss es nicht, sagte der Pfarrer lachend, aber dass Sie es nicht wissen,
sezt mich in Verwunderung.
    Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren, erwiederte der Graf, wenig mit meiner
Familie in Verbindung gewesen, und natürlich können in einem solchen Zeitraume
manche Mitglieder geboren sein, von denen ich nichts erfahren habe.
    Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet, dass seine Pferde
angespannt seien, so wie er befohlen habe; er verliess also das Schloss, nachdem
er dem Grafen noch einmal versprochen hatte, ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten
über seine Verwandten zu verschaffen, die ihm wichtig scheinen könnten. Der Graf
las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfügte sich dann zu ihm, um, wie er
versprochen hatte, selbst mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen.
    Er fand den jungen Mann noch in der schwermütigen Stimmung, die sich seiner
seit dem Augenblick bemeistert hatte, als ihm der Graf erklärt hatte, er müsse
sich als Gefangener betrachten; er hatte beschlossen, dies im strengsten Sinne
zu tun und sein Zimmer so wenig als möglich zu verlassen, und bekämpfte mit
Schmerz die Sehnsucht' die sich ihm im Herzen regte, die Gräfin und Emilie
wieder zu sehen. In seiner trüben Laune bemühte er sich, Alles feindlich
auszulegen, und so glaubte er, der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und
habe ihn deshalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kälte behandelt. In dieser
trübseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden, die der
Graf an ihn richtete, so kurz und trocken, als es nur immer die Höflichkeit
erlaubte; der Graf aber liess sich dadurch nicht abschrecken, sondern sagte im
väterlich milden Ton, indem er seine Hand fasste und sie wohlwollend drückte: Sie
sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bösen Laune, ich habe sie verlezt,
indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte, ohne die Schonung zu haben, Ihnen
zu erklären, wodurch ich gezwungen bin zu fordern, dass Sie das Schloss nicht ohne
meine Einwilligung verlassen wollen.
    So trübe St. Julien auch gewesen war, so fest er sich eingebildet hatte, er
sei vom Grafen gekränkt, beleidigt, erniedrigt worden, so schmolzen doch alle
diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg, und der väterlich milde Ton
der Stimme des Grafen rührte sein Herz, die Güte, womit dieser sich selbst
Unrecht gab, beschämte den jungen Mann, und er errötete über seine eigene
Undankbarkeit. Ich hätte Sie daran erinnern sollen, fuhr der Graf fort, dass in
diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet,
einander kleine Dienste zu leisten; ich hätte Sie nach den erlassenen
Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden müssen, in
der sich eine bedeutende Besatzung befindet; Ihr Zustand erlaubte keine Reise,
und ich erhielt die Erlaubnis für Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch, dass ich
mich verflichtete, Sie, so bald es gefordert würde und Ihre Kräfte es erlauben,
vor die Behörde zu stellen, die ein Recht haben würde, es zu verlangen. Seitdem
hat sich die Lage der Dinge geändert, damit hätte ich Sie bekannt machen müssen;
das Land ist in den Händen der Franzosen; ich muss erwarten, dass ich eben so
wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde, als Andere, und es ist
natürlich, dass Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern werden, ihren Fahnen zu
folgen; ich habe keine Macht es zu hindern, wenn Ihre Ehre Sie hier nicht
fesselt, und könnte also in dem Fall, wenn Sie mit den Franzosen zögen, mein
Wort nicht lösen. Wie nachteilig dies in der Folge für mich sein würde, werden
Sie einsehen, wenn ich Ihnen sage, dass schon jetzt unsinnige Gespräche
entstehen, als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stände, und dass
Sie als der Unterhändler bezeichnet werden. Meine Ehre fordert also, dass Sie
mich für jezt nicht verlassen, und darum verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen in dem
Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte, wo ich mich selbst
durch manche trübe Nachrichten verstimmt fühlte.
    St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein, die er
gegen den Grafen hatte; tief beschämt durch sein eigenes Unrecht und doch auch
zugleich erleichtert im Herzen, blickte er errötend zum Grafen auf und sagte:
Ich habe mich betragen wie ein unverständiger Knabe, ich fühle erst jetzt Ihre
grossmütige Schonung, mit der Sie mich über alles Harte meiner Lage hinweg
gehoben haben, und ich Tor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übeln Laune Raum,
wenn so ernstafte Sorgen Ihr Herz bewegen.
    Sie sind gegen sich selbst viel zu hart, sagte der Graf lächelnd. Ich weiss
nicht, rief St. Julien, welch ein Gefühl Ihre Schonung und Milde würdig
erwiedern könnte.
    Vertrauen, sagte der Graf, wahres freundschaftliches Vertrauen ist der
schönste Beweis, dass unsere Freundschaft erkannt wird; darum beziehen Sie es
nicht auf Sich, wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen, und lassen Sie
nicht solche Briefe schreiben, setzte er lächelnd hinzu, indem er ihm den Brief
reichte, den St. Julien errötend zurücknahm, die nichts weiter beweisen, als
dass Sie mich missverstanden haben. Ich sehe ein, fuhr er ernstaft fort, dass Sie
herzlich wünschen müssen, Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben, aber Sie
werden nun auch einsehen, dass ich es nicht unternehmen kann, in diesem
Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befördern. Ich fürchte aber, Sie werden
bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden.
    Vergeben Sie mir mein törichtes Betragen, sagte St. Julien, und ich will
mich gern in alles Uebrige finden.
    Beweisen Sie mir, dass Sie es aufrichtig bereuen, sagte der Graf gütig
lächelnd, und lassen Sie mich wie einen Vater für Sie sorgen, ohne dass Sie sich
meinen Einrichtungen wiedersetzen.
    Welch ein Glück wäre es für mich, sagte St. Julien mit Tränen, wenn ich
einen solchen Vater hätte, der meine Jugend leitete.
    Und welch ein Glück wäre es, einen Sohn zu haben, wie Dich, sagte der Graf,
indem die Empfindung ihn überwältigte und eine Träne in seinem Auge schimmerte.
    Lassen Sie uns nun Beide vernünftig sein, setzte er nach einigen
Augenblicken hinzu, und zeigen Sie mir, dass Ihre Empfindung für mich Ihnen Ernst
ist. Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt, es ist aber
unmöglich, dass Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann, nehmen Sie
also indessen von mir, was Sie mir ja später ersetzen können. Der Graf legte mit
diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch, und St. Julien fühlte, dass es ein
roher Eigensinn sein würde, wenn er sich weigern wolle, es zu empfangen. Er
dankte also einfach, aber herzlich, und nahm es als ein Darlehn an.
    Fühlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen, sagte der Graf, so
begleiten Sie mich zu unsern Damen; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein,
als hier einsam zu träumen, was der Arzt auch sagen mag. Freudig nahm St. Julien
die Einladung an, der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem
Teezimmer in Bewegung zu Dübois frohem Erstaunen. Die Gräfin heftete einen
wehmütigen Blick auf Beide, als St. Julien, auf den Grafen gestüzt, eintrat,
und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude. Die Unterhaltung wurde
lebhaft, man vergass die gegenwärtige Zeit, und der Graf und St. Julien schienen
sich mit jeder Minute einander mehr zu nähern, je mehr sich die Uebereinstimmung
ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte. Kunst, Poesie und Natur waren
die über alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstände des Gesprächs. Emilie
mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichtum des
Geistes, einen Schatz von Kenntnissen, die den jungen Mann in Erstaunen sezten,
weil er bei ihrer einfachen, beinah schüchternen Art sich zu betragen durchaus
nicht auf die Vermutung gekommen war, dass sie so unterrichtet sein könnte. Ohne
Absicht von Emiliens Seite musste er bemerken, dass sie alle neuern Sprachen
verstand und die vorzüglichsten Werke in allen gründlich kannte; so weit aber
war sie davon entfernt, aus Eitelkeit diese Gegenstände zu berühren, dass es ihr
bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien, als verstände es sich von selbst, dass
jeder Mensch, der Kunst und Poesie liebe, wenigstens dies Alles kennen müsse,
und da St. Julien mit Feuer und Geschmack über Manches sprach, so sezte sie
voraus, dass er weit mehr gelesen habe, als sie selbst, und sezte ihn dadurch
zuweilen ein wenig in Verlegenheit, bis er endlich offenherzig gestand, dass er
nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe, sich Kenntnisse dieser Art zu
verschaffen, und dass die frühe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe, in
dieser Hinsicht seiner Neigung folgen; dass er aber nun, da seine Krankheit ihm
nicht lange mehr hinderlich sein würde, sich eifrig mit der Erlernung des
Englischen und Italienischen beschäftigen wolle. Der Graf bot sich ihm als
Lehrer an, und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen.
    Jeder fühlte sich wohl an diesem glücklichen Abend, die Gräfin war ruhig,
beinah heiter; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen für einige Stunden
aus ihrem Gedächtnis gewichen zu sein; der Graf fühlte sich so heiter wie er
seit Jahren nicht gewesen war, und St. Julien konnte, indem er abwechselnd Beide
betrachtete, nicht mit sich darüber einig werden, wen er seinem Herzen näher
fühlte; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der
schönen Emilie begegneten, dann schlug er sie schüchtern nieder und wagte nicht
die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen, über den er sich eben die
Frage vorgelegt hatte. Als sich das Gespräch wieder auf Musik wendete, versuchte
er es auszudrücken, wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzückt habe,
und der Graf und die Gräfin forderten ihre junge Freundin auf, einige
italienische Sachen aus der älteren Zeit zu singen, um auch den heutigen Tag
würdig zu beschliessen. Emilie sang, ohne sich zu weigern, und St. Julien gab
sich rücksichtslos den süssesten Empfindungen hin; er konnte sich im Entzücken
des Hörens keine grössere Glückseligkeit denken, als seine Stimme mit den
himmlischen Tönen vermischen zu dürfen, die den rosigen Lippen der jungen
Sängerin entschwebten.
    Als sie geendigt hatte, versicherte der Graf und die Gräfin, ihre Stimme
werde täglich schöner; sie habe nie so vortrefflich gesungen, als am heutigen
Abend. St. Julien konnte sich nicht entschliessen, mit Worten ihren Gesang zu
loben, oder, wie man sich auszudrücken pflegt, ihr etwas Verbindliches darüber
zu sagen, aber der dankbare, entzückte Blick, dem Emiliens Augen begegneten, als
sie sich zufällig zu ihm wendete, belehrten sie, dass er nicht ohne Empfindung
zugehört hatte.
    Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben, fragte ihn nach einigen Minuten die
Gräfin, und haben sich gewiss selbst mit Musik beschäftigt?
    Ein wenig, oberflächlich, antwortete St. Julien, wie beinah mit allen
Dingen, die ich bis jetzt getrieben habe; aber auch das soll besser werden,
fügte er hinzu; sobald ich wieder hergestellt bin, will ich versuchen, ob ich
meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe, und wenn dies nicht der
Fall ist, Musik und Gesang mit grossem Eifer treiben. Singen Sie Tenor? fragte
die Gräfin.
    Ja, sagte St. Julien, und man versicherte mich oft, ich habe eine recht gute
Stimme, die nur ausgebildet werden müsse, dazu mangelte mir aber die Geduld.
    Ein schöner Tenor, sagte der Graf, ist das seltenste und beinah das schönste
Geschenk des Himmels, und es ist eine wahre Sünde, im Besitze einer solchen Gabe
zu sein, ohne sie auszubilden.
    Wie schön wäre es, rief Emilie, wenn Sie erst wieder singen könnten; wir
haben hier ganz vortreffliche Musik, die leider ungebraucht liegen muss; wie
Vieles könnten wir mit einander ausführen.
    St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen röteten sich vor Freude bei
dieser Vorstellung, und er versprach eben pünktlich Alles zu tun, was seine
Genesung beschleunigen könnte, und sich streng den Vorschriften des Arztes zu
unterwerfen, als dieser herein trat und, da er St. Julien in der Gesellschaft
erblickte, aus Verwunderung drei Schritte zurück sprang: Sie sind hier! rief er
aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen, ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer
besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden.
    Kommen Sie nur näher, sagte der Graf lachend, und betrachten Sie ihn
genauer, dann werden Sie finden, dass es ihm hier gar nicht übel geht.
Kopfschüttelnd näherte sich der Arzt und betrachtete ernstaft den jungen Mann,
der sich des Lachens nicht erwehren konnte, als der Arzt mit komischer
Feierlichkeit, nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte, seinen Puls
untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief: Sie sind der wunderlichste Kauz,
der mir noch vorgekommen ist, so lange ich die Arzneiwissenschaft ausübe.
Gestern Abend, heute Morgen ohne alle Ursache im höchsten Grade schwermütig,
Puls fieberhaft, alle Lebenskräfte herunter, die Augen ganz matt und todt, so
dass Sie mir recht gefährlich vorkamen. Heute Abend ohne Fieber, der Puls sehr
gut, die Augen heiter, lebendig, eben so ohne die mindeste Ursache.
    Die Gesellschaft, sagte der Graf lächelnd, hat ihn erheitert und so diese
wohltätige Wirkung hervorgebracht.
    Das kann nicht sein, entgegnete der Arzt, ich wollte ihm ja heut Morgen
Gesellschaft leisten, ich gab mir alle Mühe ihn zu erheitern, aber wer sich auf
nichts einlassen wollte, das war mein Kranker.
    Ja, dann lässt sich freilich seine Besserung gar nicht erklären, sagte der
Graf scherzend, die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein.
    Man muss darüber nachdenken, erwiederte der Arzt ganz ernstaft; Jetzt muss
ich aber darauf bestehen, sagte er zu St. Julien, dass Sie sich zur Ruhe begeben,
das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schädlich. Fügen Sie sich den
Vorschriften des Arztes, sagte Emilie, wie Sie es versprachen, damit er Sie
recht bald wieder herstellt, und wir bald mit einander das erste Duett singen
können.
    Singen, rief der Arzt im höchsten, mit Unwillen vermischten Erstaunen, Sie
denken daran, zu singen? Gott behüte, ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt,
von Gesang kann gar nicht die Rede sein, und wenn ich Sie auch ganz hergestellt
habe, so ist es doch möglich, dass Ihre Brust schwach bleibt, und dass sie sich
solche Gedanken müssen vergehen lassen.
    Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her, sagte St. Julien mit heiterer
Laune, denn vor meiner Verwundung hätte ich Tagelang singen können, ohne dass ich
es in der Brust gefühlt hätte; wenn Sie es also unternehmen, mich vollkommen
wieder herzustellen, so müssen Sie mich in diesen Zustand zurück versetzen.
    Was das für Ansichten sind, sagte der Arzt, das beweist recht, wie wenig Sie
von der Arzneiwissenschaft verstehen. Wir wollen uns aber heut darüber nicht
streiten, sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer führen und Ihre Wunden verbinden.
Er wollte ihm den Arm bieten, um ihn zu führen, der Graf aber, der seine
gutmütige Ungeschicklichkeit kannte, zog die Klingel und überlieferte den
Kranken der sanften Pflege des höflichen Dubois.
 
                                       X
Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Frühstück, und man meldete der
Gräfin, er habe das Schloss zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor
einigen Stunden verlassen. Die Gräfin sowohl, als Emilie vermuteten es leicht,
wohin ihn dieser frühe Ritt geführt hatte, und ihre Vermutung war nicht
ungegründet. Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen, als er am
frühen Morgen über die Hügel trabte, und der Sonnenschein funkelte blendend auf
den Schnee, so weit sein Auge reichte; der Frost schüttelte seine Glieder, und
er wünschte den Weg beendigt zu haben, aber dennoch hatte er nicht das
Unangenehmste eines Wintertages empfunden; als aber nach und nach das Blau des
Himmels von grauem Gewölk bedeckt wurde, das sich wie schwerer Nebel
niedersenkte, so dass Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden liessen, und,
als er nun die tieferen Gründe und Schluchten hinter sich gelassen und eine
ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte, ein scharfer Wind heulend blies, der
ihm den Schnee, der vom Himmel herabfiel, eben so entgegen trieb, wie den, der
vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde, so, dass Erde und Himmel auch in
dieser Rücksicht sich vereinigt zu haben schien: da bereute er es beinah, dass er
sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die
Botschaft anvertraut hatte. Herzlich erfreut war er daher, als er plötzlich
bemerkte, dass er sich am Eingange eines Dorfes befand, denn der vom Himmel
herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft
dermassen, dass sich die nächsten Gegenstände kaum unterscheiden liessen. Der Graf
stieg in der Schenke des Dorfes ab, um sich einigermassen zu erwärmen, und
erkundigte sich dann nach dem Meierhofe, den der Obrist Talheim bewohnte. Der
Wirt, ein wohlbeleibter, gutmütiger Mann, gab die nötige Auskunft, indem er
den Obristen herzlich bedauerte.
    Dass Gott erbarm! rief er aus, was wird der arme alte Herr anfangen, er hat
Niemanden gedrückt, aber nun drücken ihn Viele, nicht der Feind ist so schlimm
gegen uns, wie man gegen ihn ist.
    Der Graf fragte, ob das kleine Gut, das der Obrist bewohnte, weit entfernt
vom Dorfe liege? Keine halbe Viertelstunde, rief der Wirt, und ich habe schon
wollen hingehen und ihm anbieten, wenn sie ihn morgen austreiben, fürs Erste
hieher zu ziehen; aber lieber Gott! so ein Herr kann nicht in einer Schenke
wohnen, und dann könnte ich ihn auch nicht immer ernähren, und wäre er einmal
hier, so würde ich ihn nicht wieder los, denn Wer wird sich die Last aufladen
wollen; alt ist er auch, und stürbe er bei mir, so müsste ich ihn noch begraben
lassen, und ich bin selber ein gedrückter Mann. Die schweren Zeiten, der Krieg,
die vielen Abgaben, das soll Alles aus der Schenke bestritten werden, Kinder
habe ich auch, das muss man Alles bedenken.
    Der Graf, ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und
niemals annahm, dass die Geburt allein schon Rechte verleihen könne, war doch
keinesweges gleichgültig gegen die Vorzüge der Abkunft, und ihm schauderte
innerlich vor dem Gedanken, dass ein Mann von vornehmer Geburt, von guter
Erziehung, der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte, durch den Drang der
Umstände so erniedrigt werden könnte, von der Wohltätigkeit eines Schenkwirts
abhängig zu werden. Er fragte deshalb mit inniger Hast, ob er einen Boten haben
könne, der ihm als Führer zum Wohnort des Obristen dienen wolle? Wollen Sie dem
guten Herren Beistand leisten? fragte der Wirt höchst erfreut.
    Ich will ihn besuchen, erwiederte der Graf zerstreut. So! sagte der Wirt
mit gedehntem Tone, rief den Hausknecht mit verdriesslicher Miene und gab diesem
eben so unfreundlich den Befehl, diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu
führen, den er besuchen wolle.
    Der Graf hatte trotz der ungestümen Witterung den Weg bald vollendet; er
hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und näherte sich zu Fusse dem
Haupteingange eines artigen Landhauses. Nicht hier hinein! rief ihm sein Führer
zu, hier wohnt der Herr Verwalter jetzt; wenn Sie den alten Obristen besuchen
wollen, müssen wir von der andern Seite hinein gehen. Mit diesen Worten führte
er ihn durch den Hof, wo der Graf eine kleine Hintertür des Hauses bemerkte.
Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte, dass diese zur Wohnung des Obristen
führe, wurde er von dem Grafen verabschiedet, der nun die niedrige Türe öffnete
und sich in einem engen Raum befand, der eine Art Vorplatz bildete.
    Er wollte eben eine andere Türe gegenüber öffnen, als er eine
lärmend-zankende weibliche Stimme vernahm, die in unangenehmen Tönen kreischte:
Was geht es mich an, ob Sie frieren oder nicht; wollen Sie Feuer haben, so
bemühen Sie sich nur selbst darum, schaffen Sie sich nur Holz an, ich werde mich
nicht mehr darum bekümmern.
    Um Gottes Willen, erwiederte eine sanfte bittende Stimme, wie kannst Du nur
jedes Wortes wegen, das mein Vater spricht, so aufgebracht sein, Du weisst doch,
wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist.
    Was Herr, rief das zankende Weib, wollen Sie eine Herrschaft vorstellen, so
bezahlen Sie Ihre Leute, geben Sie mir, was mir zukommt an Essen, Trinken und
Lohn, dann können Sie sagen, dass ich bei Ihnen diene.
    O Gott! bat die andere Stimme, schreie doch nicht so, mein Vater muss ja
jedes Wort hören.
    Was kümmert es mich, ob er es hört oder nicht; er mag sich Leute suchen, die
ohne Lohn bei ihm dienen, und Hunger und Kummer mit ihm leiden, und zum Dank
sich noch müssen schelten und quälen lassen. Meinetwegen mag er erfrieren, ich
werde kein Feuer machen, und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen, so
mögen Sie selbst gehen und darum bitten, Sie werden noch um Manches bitten
müssen.
    Mit diesen Worten riss sie die Türe auf, die der Graf öffnen wollte, und
stürmte an diesem vorbei, nachdem sie ihn einen Augenblick, über den
unvermuteten Anblick betroffen, angestarrt hatte.
    Der Graf betrat nun den Raum, den sie eben verlassen hatte. Es war eine
kleine Küche, worin aber beinah gar kein Gerät sichtbar war, auch brannte kein
Feuer auf dem Heerde, und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein
scharfer, kalter Wind das Schneegestöber hinein. Eine jugendliche, schlanke
Gestalt lehnte sich, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, an der Mauer und
schien sich nun, da sie sich allein glaubte, rücksichtslos dem Schmerz zu
überlassen. Der Graf sah, wie ihre Tränen die feinen, von Kälte geröteten
Finger benetzten, doch schien sie im Schmerz die Kälte nicht zu fühlen, obgleich
nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Körper bedeckte.
Eine reiche Fülle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das
zierliche Köpfchen geschlungen. Der Graf war einen Augenblick verlegen, wie er
seine Gegenwart ankündigen sollte, da er so unvermutet Zeuge ihres Kummers
geworden war; endlich wendete er sich und machte die Türe zu, die die
hinausstürmende Magd hatte offen stehen lassen. Das Geräusch verursachte, dass
die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete, ihre Tränen eilig trocknete, und
als sie sich zum Grafen wendete, mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat. Der
Graf fühlte sich innig bewegt, als die schönsten braunen Augen ihn fragend
anblickten, deren Feuer durch Kummer und Tränen zu erlöschen drohte. Die reine
Stirn, der milde, wehmütige Mund, die blassen, mageren Wangen gewährten
vereinigt ein so rührendes Bild von Hoheit, Schmerz und Mangel, dass der Graf
eines Augenblickes bedurfte, ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und
sich als einen alten Bekannten desselben ankündigen konnte.
    Darf ich Sie nicht bitten, mir Ihren Namen zu nennen, erwiederte das junge
Mädchen, damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann?
    Der Graf, der sich fürchtete abgewiesen zu werden, da der Obrist in seiner
Lage so menschenscheu geworden war, sagte schnell: Erlauben Sie mir mit Ihnen
zugleich einzutreten, ich muss Ihren Vater durchaus sprechen. Terese, so hiess
die Tochter des Obristen, sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an, ob er nicht
ein Bote neuen Kummers sei, aber dennoch war sie zu schüchtern, als dass sie ihm
den Eintritt zu verbieten gewagt hätte, und so betrat der Graf mit ihr zugleich
ein kleines Zimmer, das der Familie zum Wohnort diente, da der Verwalter schon
das übrige Haus in Besitz genommen hatte. Auch das Zimmer war beinah von allem
Gerät entblösst und doch der Raum darin beschränkt; ein schmales Bett nahm die
eine Wand ein, die andere wurde durch einen Schirm bedeckt, hinter welchem ein
ähnliches zu stehen schien; ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem
Fenster, ein Lehnstuhl von gleichem Werte daneben; diese Dinge nebst einem
Stuhle machten den ganzen Hausrat aus. In dem Lehnsessel am Fenster sass ein
langer, hagerer alter Mann, dessen Körper eine sehr abgetragene Uniform als
Bekleidung dienen musste, in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen
hatten, dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schläfe hingen, dessen
blasse Lippen sich fest, fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt
deuteten, die er sich antat, um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen.
Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel. Es war
der Obrist Talheim, der, indem er den Grafen mit Kälte begrüsste, und ihn
fragend und verwundert betrachtete, zu erwarten schien, dass dieser so kurz als
möglich die Ursache aussprechen würde, die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe.
Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt; Ich weiss nicht, fing er nach
einigen Augenblicken an, ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden, wenn
ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere, die Sie
früher für meinen Vater hatten. Ich bin der Graf Hohental.
    Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete, dass der Graf weiter
reden würde. Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gütern lebe, fuhr der Graf
fort, und es erfahren habe, dass Sie sich in meiner Nähe aufhalten, so eilte ich
Ihre Wohnung aufzusuchen, um wo möglich die Freundschaft, welche Sie für meinen
Vater hatten, auch für mich in Anspruch zu nehmen.
    Sehr verbunden, sagte der Obrist, indem er sich abermals verbeugte. Der
Graf, von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt, fuhr
nach einer kleinen Pause fort: Ich beklage nur, dass ich Ihren Aufentalt so spät
erfahren habe, eben in dem Augenblicke, da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen.
    Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte der Obrist mit bitterem
Lächeln. Er schwieg einen Augenblick, und die blassen Wangen röteten sich nach
und nach, er suchte seine innere Wallung zu bekämpfen und fing seine Rede mit
scheinbarer Gelassenheit an, die ihn nach und nach verliess, bis er endlich dem
lange unterdrückten Schmerz die volle Gewalt über sich einräumen musste.
    Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte er noch einmal, indem er
einen zornigen Blick auf den Grafen richtete. Es ist unmöglich, fuhr er fort,
dass Ihnen meine Lage unbekannt ist; wesshalb wollen Sie meiner spotten? Ich habe
mich von den Menschen zurückgezogen, ich habe ihnen meinen Jammer verborgen,
weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen, noch ihn um einen zu
teuren Preis erkaufen, ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles
entbehren gelernt, was uns Gewohnheit teuer machte, ja endlich auch, was das
Bedürfnis heischte; uns blieb nichts mehr, um uns zu erwärmen, wir haben kaum
noch ein Mittel uns zu sättigen, und morgen wird meinem grauen Scheitel und
ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt; dann fasse ich die Hand meines
Kindes und führe sie hinaus, dem stürmenden Winterwinde entgegen und versuche,
ob es mein Herz leichter erträgt, sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen
anzuflehen, ihr ein elendes Leben zu fristen. Die Stimme des Obristen wurde
ungewiss, indem er die letzten Worte sprach; man sah, dass er die Tränen
niederkämpfte, aber schnell gefasst fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort: Da
ich mein Elend nicht mehr verbergen kann, so habe ich es Ihnen mit wenigen
Worten ganz gezeigt. Sie sehen nun, ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen
will; was können Sie mir noch zu sagen haben? setzte er mit weicherer Stimme
hinzu, als er die Rührung des Grafen bemerkte.
    Ich muss mich selber tadeln, erwiederte dieser, dass ich nicht den rechten Ton
gefunden habe, Ihnen meine Teilnahme zu zeigen. Ich hörte allerdings von Ihrer
Lage und ich kam, Ihnen den Beistand anzubieten, den ich dem Freunde meines
Vaters schuldig zu sein glaube.
    Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an; es schien,
als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben, die sich im Herzen anfing
zu regen. Terese, die in Verzweiflung still geweint hatte, hob den nassen Blick
verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf, der eilig fortfuhr, um Beide zu
beruhigen. Er eröffnete dem Obristen, dass ein Meierhof ganz nahe beim Schloss
Hohental unbewohnt sei, weil die Pachtzeit des vorigen Pächters geendigt wäre,
und in diesen stürmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe. Er bot diesen
dem Obristen zum Aufentalt an, und, fügte er hinzu, da ich weiss, dass Ihre
Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist, dass Ihre Pension in den letzten
Zeiten nicht ist ausgezahlt worden, so erlauben Sie mir, diese kleine Summe für
meinen König auszulegen; es ist das Geringste, setzte er schnell hinzu, was ein
treuer Untertan zu tun verpflichtet ist; ich werde diese Auslagen in der
Zukunft gewiss zurück erhalten, und man wird mir noch danken, dass ich einen
verdienten Krieger dadurch aus unwürdigen Verlegenheiten befreit habe.
    Der Obrist, der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Mut dem
schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen, fühlte nun seine Sehnen
erschlaffen; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten
Kräfte auf einmal verlassen, wenn der Schmerz selbst von uns weicht, so machte
ihn das Gefühl der Erlösung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos; er sank auf
seinen Lehnsessel zurück und vermochte nicht die Tränen zurück zu halten, die
nun in reichen Strömen über seine gefurchten Wangen flossen; sein Auge richtete
sich nach oben, und mühsam erhob er auch die zitternden, gefalteten Hände; die
Lippen bewegten sich stumm, wie es schien, zum inbrünstigen Danke. Die Tochter
flog herbei und warf sich mit Ungestüm vor den Vater nieder; sie umarmte mit
Heftigkeit seine Knie, aber auch sie vermochte nicht zu reden. Der Greis blickte
auf sein Kind nieder, er streckte eine Hand nach ihr aus, die aber kraftlos auf
die schönen, braunen Locken des zierlichen Köpfchens herabsank; der Blick der
Liebe erstarb, den er auf die Tochter richten wollte; sein Auge schloss sich und
er sank zurück wie in die Arme des Todes. Der Graf hob erschrocken die Tochter
vom Boden auf, die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte; Beide bemühten sich
den entkräfteten Greis ins Leben zurück zu rufen. Terese hatte ein Glas kaltes
Wasser geholt als einziges Stärkungsmittel, das im Hause vorhanden war; man
besprützte den Obristen damit, man rieb ihm die Schläfe, bis er endlich zur
grössten Beruhigung des Grafen die Augen wieder öffnete, denn dieser fing im
Ernst an zu fürchten, dass er nicht wieder atmen würde.
    Der entkräftete Greis blickte lächelnd bald seine Tochter, bald den Grafen
an, und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu können.
Der Graf, der seine grösste Ermattung bemerkte, fürchtete noch immer für ihn und
führte ihn mit Hülfe der Tochter zu seinem ärmlichen Lager. Der Obrist liess es
geschehen, ohne zu fragen und ohne sich zu sträuben, und ein wohltätiger,
erquickender Schlummer schloss aufs Neue seine von Tränen feuchten Augen.
    Der Graf fühlte sich wunderbar bewegt; er blickte auf den schlafenden Greis,
auf die seitwärts stehende Tochter; das ärmliche Gemach, die dürftige Kleidung
der Bewohner, Alles drückte höchsten Mangel aus, und dennoch schien ein so
lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein,
dass der Graf sich unendlich wohl darin fühlte. Er setzte sich selbst auf den
Lehnsessel des Alten nieder, eine behagliche Wärme fing an sich im Zimmer zu
verbreiten, und man hörte das Feuer im Ofen knistern; die zankende Magd war
nämlich, halb von Reue, halb von Neugierde angetrieben, zurückgekehrt, und hatte
das nötige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezündet.
    Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter,
unfreundlicher Witterung zurückgelegt, er fühlte sich selbst ein wenig
entkräftet, und als er auf seine Uhr blickte, musste er sich überzeugen, dass er
nicht, wie er gehofft hatte, zur Mittagstafel zurück nach Hohental reiten
könnte. Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen
Bitte, diesen Mittag ihr Gast sein zu dürfen, und bereuete die Bitte, sobald er
sie ausgesprochen hatte. Er fühlte mit Beschämung, dass auch für ihn, wie für
alle Reiche, selbst dann wenn sie die Brüder den drückendsten Mangel leiden
sehen, die Armut etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei. Seine
unbesonnene Bitte setzte die arme Terese in die peinlichste Verlegenheit; sie,
die sich gern vor ihm niedergeworfen hätte, um ihn wie ein himmlisches
hülfreiches Wesen zu verehren, die gern die Hände mit dankbaren Tränen gebadet
hätte, die so reichen Segen über ihres Vaters lezte Lebensjahre verbreiten
wollten, und nur durch weibliche Scheu zurückgehalten wurde, hatte nun nichts,
wusste nun nichts, was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte.
Eine dunkle Röte überflog ihr Gesicht, sie verbeugte sich schüchtern und wollte
zur Tür hinausschlüpfen; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke
des Wortwechsels, den er gehört hatte, als er das Haus betrat, und folgte ihr
auf dem Fusse. Die zänkische Magd stand am Heerde in der Küche, auf dem ein
helles Feuer brannte. Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme, das Mittagsessen
für die Familie zu bereiten, indem er ihr zugleich versicherte, dass gleich nach
Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl, als alle
rückständigen Auslagen berichtigen würde. Terese erriet aus dieser Anordnung,
dass der Graf mit der Unverschämteit der Magd bekannt sei, und indem ihre
Tränen von Neuem flossen, wusste sie selbst nicht, ob aus erhöhter Dankbarkeit
oder Beschämung.
    Als beide nach dem kleinen Zimmer zurückkehrten, war der Obrist nach kurzem
Schlummer sehr gestärkt erwacht, und der Graf konnte mit ihm alle nötigen
Verabredungen wegen seiner künftigen Einrichtung treffen; er strengte sich an,
mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschläge des Grafen einzugehen, weil dieser
bemüht war, jeden Schein der Wohltat zu entfernen und die Sache wie ein
Geschäft zwischen Freunden zu behandeln; indessen hörte man es seiner Stimme an,
dass er die Rührung nur mit Gewalt unterdrückte; endlich aber, als der Graf die
Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte, die seine rückständige Pension betrug,
und noch einmal den Obristen bat, sie so lange von ihm zu empfangen, bis die
Zeiten wieder ruhiger würden, wo sie ihm unfehlbar von den Behörden wieder
ausgezahlt werden müsse, konnte der Greis sich nicht zurückhalten, er schloss mit
leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief: O! Du echter Sohn
Deines Vaters, Du wahrer Erbe seines Herzens, ich bin ja nicht so hoffährtig,
dass ich es nicht erkennen sollte, wir armen bedrängten Menschen bedürfen einer
des andern, ich bin ja nicht so roh, dass ich Deine Milde nicht erkennen sollte,
ich bin ja nicht so undankbar, dass ich für empfangene Wohltat nicht danken
könnte. Ach! hätte ich einen Freund gehabt, wie Dich, ich wäre ja nicht zu
solchem Elende herabgesunken; hätte ich einen solchen Freund in meiner Nähe
geahnet, ich würde ihn ja um Hülfe angesprochen haben und nicht in Gefahr
geraten sein, mit meinem armen Kinde zu verschmachten. Terese hatte sich nun
auch einer Hand des Grafen bemächtigt, die sie mit Küssen und Tränen bedeckte.
Der Graf überliess sich seiner Rührung und ihren Liebkosungen, weil er fühlte,
dass man die Herzen gefühlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet, wenn man
gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will, sondern sich
unfreundlich ihrer Liebe entzieht. Die Gemüter waren endlich wieder ein wenig
beruhigt worden, und man suchte sich gewaltsam zu fassen, als die Magd
hereintrat, um den Tisch für die kleine Gesellschaft zu decken. Sie starrte
verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmünzen an und verliess das Zimmer
augenblicklich wieder, weit bescheidener, als sie eingetreten war. Der Obrist
betrachtete nachdenklich das kleine Häufchen Goldes, und ein wehmütiges Lächeln
schwebte um seinen Mund. Auch ich, sagte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen, war einmal in der Lage, eine solche Summe weggeben zu können,
und ich darf mir das Zeugnis geben, ich habe es mehr, als ein Mal, getan; aber
dennoch muss ich gestehen, habe ich niemals das wahre Mitgefühl für meine
leidenden Brüder gehabt, weil ich das grässliche Elend, das ein Mensch erdulden
kann, nicht kannte, weil ich nicht zu ahnen vermochte, von welchen Qualen eine
solche Summe uns erlösen kann. Ach! fuhr er tief seufzend fort, wenn man sein
Vermögen nach und nach schwinden sieht, wenn es endlich bis auf eine solche
Summe geschwunden ist, und wir trostlos einem dürftigen Alter entgegen sehen,
dann glaubt man zu verzweifeln; wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun
täglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt: wenn wir nichts mehr unser
nennen, als eine solche Münze, wie glücklich dünkt uns dann der Zustand, in
welchem wir noch eine solche Summe besassen; wenn wir nun endlich mit zagender
Hand das letzte Goldstück hinreichen und es in Scheidemünze verwandeln lassen,
wie ängstlich zuckt unser Herz bei jedem Stückchen Silber, um welches wir unsern
kleinen Schatz verringern. Ach! und mit welchem Gefühl geben wir die letzte,
allerlezte kleine Münze hin; es ist, als ob man von dem Leben schiede. Der
Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Rührung nicht beherrschen, die sich
seiner von Neuem bemeisterte. Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des
alten Mannes und sagte mit milder, tröstender Stimme: Lassen Sie das Vergangene
vergangen sein, lassen Sie uns mutig den Blick auf die Zukunft richten, die für
uns Alle noch vieles Erfreuliche entalten kann.
    Der Obrist antwortete nur durch einen Händedruck und trocknete schnell seine
Augen, als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte, der ganz
unentbehrlich war, wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten. Der Obrist nahm
das Gold von dem Tische hinweg, über den ein schlechtes Tischtuch gebreitet
werden sollte, und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand, denn nirgends
im Zimmer war etwas, worin man diese Summe hätte aufbewahren können; lächeld
steckte er sie endlich zu sich.
    Das ärmliche Mahl war bald geendigt, und der Graf erinnerte an die nötige
Berechnung mit dem neuen Verwalter, die er gern noch beendigt sehen wollte, ehe
er sich von seinen neuen Freunden trennte. Der Obrist befahl der Magd, den Herrn
Verwalter zu ihm her zu bitten, und der Graf fing, als die Magd gegangen war,
diesen Auftrag auszurichten, eben an, mit dem Obristen zu verabreden, dass er ihm
morgen die nötigen Pferde und Wagen senden wolle, um ihn in seine neue Heimat
hinüberzuführen, als die Magd die Tür mit einigem Ungestüm aufriss und, durch
die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermutigt, zum Zimmer
hinein rief: der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen, er sagt, wenn
Sie etwas mit ihm zu sprechen hätten, so könnten Sie eben so leicht zu ihm, als
er zu Ihnen kommen. Eine glühende Röte überflog das blasse Gesicht des
Obristen, und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd
folgen, die die Türen wieder zugeworfen hatte. Der Graf aber drückte ihn sanft
auf seinen Sitz zurück und sagte: Ich werde gehen und für Sie die Berechnungen
mit dem Verwalter abschliessen. Ein dankbarer Blick Teresens belohnte den
Grafen, der das Zimmer sogleich verliess und der Tochter die Sorge überliess, den
aufgeregten Vater wieder zu beruhigen.
    Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit empört worden, die man sich
gegen eine Familie erlaubte, die man für hülflos hielt, und benutzte den Gang in
der kalten Luft, um seinen Unwillen zu unterdrücken. Er musste nämlich, wie schon
bemerkt, nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen, zur Hintertür
hinausgehen, das ganze Haus sammt dem Hofe umkreisen, um dann durch den
Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen. Da kein Mensch im Hause
sichtbar war, so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem geräumigen
Vorsaal und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, um den unhöflichen
Bewohner des Hauses aufzufinden; endlich bestimmte ihn ein leises Geräusch, sich
einer der verschiedenen Türen zu nähern, er klopfte an diese Tür, und herein
rief ihm eine tiefe Bassstimme entgegen; der Graf öffnete und bemerkte an einem
Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefähr funfzig
Jahren, dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als
denjenigen bezeichneten; dem die tiefe Bassstimme angehörte, so wie er auch aus
einer grossen Tabackspfeife die Wolken heraus blies, in die er sich selbst halb
verhüllte. Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter
andere Papiere, befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille,
betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der
Höflichkeit: Was begehrt der Herr? und gab sich so als den Herrn des Hauses
kund. Ihm gegenüber sass an demselben Tische ein junger Mann von schlanker
Gestalt, zierlich nach der neuesten Mode gekleidet, das braune Haar gelockt, der
ansehnliche Backenbart gekräuselt, das Auge zwar auch mit Gläsern bewaffnet,
doch schien auch dies mehr Mode als Bedürfnis, auch verschmähte er die plumpe
Art des älteren Mannes zu rauchen, sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken
durch eine Cigarre, die in einer goldenen Röhre steckte. Dieser zierliche Mann
war mit Schreiben beschäftigt, worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht
stören liess, ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen, indem er mit weissen
Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen
Dose, die neben ihm auf dem Tische stand, ein wenig Taback nahm; ein sehr feines
battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines höchst
zierlichen Herrn.
    Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so höchst verschiedenen Gestalten
betrachtet und fragte dann: Wer von ihnen, meine Herren, ist der Verwalter des
Guts? Ich, erwiederte der Breite, indes der Schlanke ungestört fortschrieb; was
verlangen Sie von mir? Ich komme, erwiederte der Graf, im Namen des Herrn
Obristen von Talheim, um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschliessen. Und Wer
sind Sie? fragte mit einem hämischen Seitenblick die plumpe Gestalt. Ich bin der
Graf Hohental, erwiederte dieser verdriesslich, und ich hoffe, Sie werden keine
Schwierigkeiten dabei finden, sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu
berechnen, da ich von ihm beauftragt bin, jeden Rückstand sogleich zu
berichtigen. O! ganz und gar nicht, sagte der Verwalter, indem er mit plumper,
verlegener Höflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte, den beschriebenen Bogen,
den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte, noch
tiefer verbarg und nun so eilig, als sein schwerer Körper es gestattete, ging,
um einen Stuhl für den Grafen zu holen. Der junge Mann war ebenfalls
aufgestanden, als sich der Graf genannt hatte; er steckte scheinbar gleichgültig
seine goldene Dose und sein battistenes Schnupftuch ein, liess dann seitwärts
einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten, nahm seine Papiere zusammen und
verliess mit einer leichten, zierlichen Verbeugung das Zimmer.
    Der Graf brachte nun sein Geschäft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung,
dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwürfigkeit verwandelt
hatte, seitdem er wusste, Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm.
Als der Graf zu diesem zurückkam, fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit
der Magd. Diese war nämlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekündigt
worden, dass man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedürfe, und nun
zerfloss sie in Tränen darüber, dass sie von ihrer Herrschaft, mit der sie so
Vieles gelitten habe, verstossen werden solle.
    Der Graf riet seinen Freunden, ihr Geschrei durch ein Geschenk zu
beendigen, durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen.
Als endlich auch dies beseitigt war, nahm der Graf von seinen neuen Freunden
Abschied, indem er sein Versprechen wiederholte, am folgenden Tage ihnen die
nötigen Equipagen zu senden. Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum
möglich, den Grafen scheiden zu lassen, an dem sie mit der dankbarsten Liebe
hingen, der wie ein höheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende
befreit hatte. Beide hatten ihn begleitet, der Vater hielt seine rechte, die
Tochter seine linke Hand; so hatten sie die Schwelle des Hauses überschritten.
Morgen, rief der Graf, morgen sehen wir uns wieder. Wenn nur meinem Vater die
strenge Kälte nicht schadet, sagte Terese leise, indem ihr tränenschwerer
Blick auf dem weissen Scheitel des Greises ruhte, dessen wenige graue Haare im
scharfen Nordwinde flatterten, und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer
und Alter entkräfteten Glieder nicht gegen die rauhe Witterung zu schützen
vermochte. Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und
betrachtete dann einen Augenblick die schlanke, feine Gestalt, die selbst vor
Kälte in der dünnen Kleidung zitterte; noch ein Mal fühlte er, was es auf sich
habe mit den Leiden der Armut; kaum vermochte er seine heftige Rührung zu
unterdrücken. Ich werde für Alles sorgen, rief er nur der Tochter noch zu und
entzog sich mit einem herzlichen Händedrucke eilig Beiden.
    Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange,
bis ein Gebüsch ihn ihren Blicken entzog, und kehrten dann beruhigt, getröstet,
in dankbarer Liebe überfliessend in ihr ärmliches Gemach zurück. Der Graf suchte
die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern, wie des Wirts
rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters
entgegenblickte; er kam auch dem Grafen schon an der Haustür entgegen, nahm ihm
den Mantel ab und öffnete geschäftig die Türe des Zimmers. Eine Tasse warmer
Kaffee, versicherte er gutmütig, wird Ew. Gnaden bei dem kalten Wetter gut
tun, ehe Sie Ihren Rückweg antreten, und sogleich näherte sich die Wirtin, um
dem Grafen dieses Getränk in reinlichem Geschirr anzubieten. Diesem war es in
der Tat nach dem ärmlichen Mahl eine Erquickung, und er nahm es gern an,
obgleich er sich über des Wirts veränderte Stimmung wunderte, deren Ursache ihm
jedoch nicht lange verborgen blieb. Der Wirt liess es sich deutlich merken, dass
er es schon erfahren habe, wie mild der Graf für den Obristen gesorgt habe. Die
grobe Magd war nämlich schon früher, als der Graf in der Schenke gewesen und
hatte die grosse Neuigkeit verkündigt. Da ihn der Graf nicht über diese Sache zu
Worte kommen liess, so suchte er seinen Beifall durch erhöhte Dienstfertigkeit
auszudrücken, und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine
Rechnung verlangte, hätte der Wirt gern nichts genommen, und nur des Grafen
stolzes Gesicht schreckte ihn ab, doch richtete er seine Forderung äusserst mässig
ein, und als er das Geld empfing, beschloss er dasselbe dem ersten Armen zu
schenken, der bei ihm herbergen würde; dann führte er des Grafen Pferd selbst
vor und hielt ihm den Bügel. Nun reisen Sie mit Gott, sagte er, als der Graf zu
Pferde sass, Sie haben heut ein christliches Werk getan. Sie sind es besser im
Stande, als ich, der Segen bleibt nicht aus. Der Graf betrachtete einen
Augenblick das breite, gutmütige Gesicht des Mannes, der so herzlich froh und
dankbar aussah, als ob ihm selbst eine grosse Last abgenommen wäre, und trat dann
heiteren Mutes den Rückweg nach dem Schloss Hohental an.
 
                                       XI
Die Abenddämmerung war schon eingebrochen, und noch immer erwartete die Gräfin
und Emilie mit ängstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich. Die Sorge der Frauen
war von Neuem erregt worden durch die Nachricht, die der Schulze so eben
gebracht hatte, dass einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien, von denen er
nicht mit Gewissheit angeben konnte, ob sie zu den feindlichen oder freundlichen
Schaaren gehörten. St. Julien verweilte noch auf seinem Zimmer, Dübois war bei
ihm beschäftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten, wohin er
eilig zu kommen aufgefordert worden war, um ärztlichen Beistand zu leisten.
Emilie quälte sich mit der doppelten Sorge, dass der Oheim auf seinem Wege auf
feindliche Truppen gestossen sei, die ihn mit fortgeführt hätten, oder dass
feindliche Truppen während seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses
bedrängen könnten, und in beiden Fällen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse
Bilder von Gräueln, die um so quälender waren, weil sie sich nicht deutlich
bewusst war, was sie eigentlich fürchtete; auch die Gräfin war durch die
Nachricht des Schulzen beunruhigt, doch war ihre Hauptsorge die, dem Grafen
möchte ein Unfall begegnet sein, und sie war eben im Begriff, Befehle zu
erteilen, dass man ihm auf dem Wege, den er kommen musste, entgegen reiten
sollte, als der Hufschlag eines Pferdes hörbar wurde und gleich darauf ein
Reiter in den Hof sprengte. Beide Frauen eilten zum Fenster, sie vermuteten mit
Gewissheit den Grafen, es war aber der Arzt, der gleich darauf hastig und lärmend
die Treppen heraufstieg, und mit vor Zorn und Kälte geröteten Wangen das Zimmer
betrat, in dem die Frauen sich aufhielten. Man sah es dem Arzte an, dass etwas
Grosses seine Seele bewegte, der Zorn beherrschte ihn aber so sehr, dass er nicht
sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte, und erst nach
wiederholten Fragen der Gräfin und ängstlichen Bitten Emiliens strömte er
abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen über die Schlechtigkeit der
menschlichen Natur aus. Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache
des ungewöhnlich heftigen Zornes des Arztes. Er war, als er von seinen
Krankenbesuchen hatte heimkehren wollen, in der Schenke des Dorfes gewesen, um
sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen, und war bei seinem Eintritte durch
heftig streitende laute Stimmen überrascht worden, die zu seinem Erstaunen den
Namen des Grafen wiederholt nannten; hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt
worden, berichtete er, und er habe mit Abscheu gehört, wie man den Grafen
öffentlich beschuldigt habe, er stehe mit den Feinden in Verbindung. In seinem
Hause halte sich verkleidet ein bedeutender französischer Offizier auf und leite
von da aus die Operationen der Feinde; auch der alte Haushofmeister diene als
Spion. Er habe es deutlich bemerkt, behauptete er, dass diese schändlichen
Beschuldigungen hauptsächlich von einem jungen Manne in schwarzer, zierlicher
Kleidung ausgegangen waren, viele Bauern und andere in der Schenke anwesende
Personen hätten ihren Abscheu durch laute Verwünschungen des Grafen kund getan,
andere, bessere, hätten den Grafen verteidigt, diesen habe sich der Arzt
natürlich angeschlossen, es habe nicht viel dazu gefehlt, dass ein blutiger
Streit entstanden wäre, und Gott weiss, so schloss der Arzt seinen Bericht,
welches mein Schicksal gewesen wäre, wenn nicht glücklicher Weise der Baron
Löbau das Zimmer der Schenke betreten hätte, auf dessen Ermahnungen die Gemüter
sich beruhigten, besonders als er mit grosser Herablassung den unvernünftigen
Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitläufig erzählte. Als der
Tumult sich gelegt hatte, fuhr der Arzt fort, reiste der Baron weiter, der bloss
seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen, und Jederman bemerkte nun mit
Erstaunen, dass der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt
des Barons entfernt hatte. Es war weislich von ihm gehandelt, setzte der Arzt
noch hinzu, denn seine Verläumdungen würden ihm nun übel bekommen sein.
    Die Gräfin war sichtbar bestürzt über den Bericht des Arztes, und Emilie
brach in Tränen und Klagen aus. Ist es möglich! rief sie, dass eine Handlung der
Menschenliebe absichtlich so verkannt wird; wäre es glaublich, wenn wir es aus
der Ferne vernähmen, dass eine so unschuldige Sache so böslich gedeutet werden
kann? Ist es nicht höchst schmerzlich, dass Menschen so feindselig gesinnt sein
können? Wie glücklich bist Du, liebe Emilie, sagte die Gräfin mit bitterem
Lächeln, dass solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen; Du ehrst und liebst
noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens; glaube mir,
setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, man bedarf grosser eigner Tugend, um,
wenn man die Menschen kennt, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Gott lasse
mich niemals Erfahrungen machen, rief Emilie mit Lebhaftigkeit, die mich zu
solchen Betrachtungen zwängen. Amen! sagte die Gräfin mit Ernst, von ganzem
Herzen stimme ich diesem Wunsche bei; glaube mir, fuhr sie mit Güte fort, man
erkauft solche Einsichten sehr teuer und fühlt sich nicht glücklicher durch die
erlangte Weisheit. Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig; auch fühle ich
mich kaum durch die Bosheit, die darin entalten ist, verletzt, obgleich die
Verläumdung einen der edelsten Menschen trifft; nur erfüllt es mich mit Sorgen,
wenn ich bedenke, wie nächteilig dergleichen Gerüchte dem Grafen werden können.
    Nachteil, sagte der Arzt, kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen,
denn alle Menschen in der Schenke wurden über die Sache aufgeklärt und werden
gewiss auch Andere belehren; wenn der schwarze Bösewicht mit seinen Verläumdungen
sich noch ferner hervorwagen sollte, mit Feuereifer wird man ihm widersprechen.
    Daran zweifle ich, sagte die Gräfin lächelnd, vielmehr steht zu befürchten,
dass man die ganze Geschichtserzählung des Baron Löbau in solchem Falle vergessen
wird, oder wenn man sich seiner auch erinnert, so wird er selbst als ein halber
Mitschuldiger erscheinen, wie die erhitzen Gemüter jeden so betrachten werden,
der es übernimmt, den Grafen zu verteidigen, und dies wird natürlich Jedermann
zum Schweigen bewegen.
    Mich nicht, rief der Arzt mit höchster Lebhaftigkeit, mich nicht, und wenn
es mir das Leben kostet, so werde ich Jedermann zeigen, wie schändlich und wie
wahnsinnig eine solche Behauptung ist; auf mich kann der Herr Graf zählen. Wie
ernstaft der Gegenstand auch war, über den man sich besprach, so zwang die
komische Heftigkeit des Arztes der Gräfin dennoch ein Lächeln ab, und sie
erwiederte ihm in halb scherzhaftem Tone: ich zweifle an Ihrer Treue
keinesweges, und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verläugnete in der Stunde
der Gefahr, und uns dies deutlich die Schwäche des menschlichen Herzens zeigt,
so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen. Mit Empfindlichkeit versetzte
der Arzt, man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben, die Bemerkung zu
machen, dass er nicht vergeblich die Kenntnis der grössten Tugenden aus
griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe, es könne wohl noch
kommen, dass man ihm das Zeugnis geben müsste, dass er sie auch auszuüben
verstände. Er richtete, indem er dies sagte, seine kleinen blitzenden Augen
scharf auf die Gräfin, die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und
statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat, St. Julien die Sache zu
verschweigen, um ihn nicht unnütz zu beunruhigen, und es ihr zu überlassen, dem
Grafen die nötige Mitteilung zu machen. Der Arzt hatte kaum jene Worte
gesprochen, als er auch schon heftig erschrak über die gefährliche Kühnheit, zu
der ihn, wie er glaubte, sein lebhaftes Gemüt hingerissen hätte, und eben so
sehr war er nun erstaunt, dass die Gräfin seine beabsichtigte Beleidigung gar
nicht zu bemerken schien; um so bereitwilliger daher war er, das verlangte
Versprechen zu geben. Man hatte während dieser Gespräche die augenblickliche
Sorge für die Sicherheit des Grafen vergessen; man hatte nicht so ängstlich auf
jeden Hufschlag gelauscht, so dass ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen
bewillkommnete, als er von seinem späten Ritte heimkehrend die Gesellschaft
vermehrte. Man sah es an der ungewöhnlichen Heiterkeit, mit welcher der Graf die
Frauen begrüsste, dass er mit dem verflossenen Tage zufrieden war; sehr behaglich
fühlte er sich am Teetische im warmen, erleuchteten Zimmer nach dem
beschwerlichen Wege in Kälte und Dunkelheit. Wir waren recht besorgt um Sie,
sagte Emilie, da Sie so lange ausblieben. Ich hielt mich beim Prediger auf,
versetzte der Graf, aber wo ist St. Julien? Ich dachte ihn bei Euch, meine
Lieben, zu finden; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch? Kann es
mir begegnen, rief der Arzt, indem er sich heftig vor die Stirn schlug, dass ich
meine Pflicht versäume, dass ich meine Kranken nicht gehörig besuche? Mit diesen
Worten wollte er zum Zimmer hinausstürmen und stiess auf St. Julien, der eben
eintreten wollte. Kaum vermochte er es, die Frauen und den Grafen zu begrüssen,
so eilfertig bemächtigte sich der Arzt seiner, um sich in einen Strom von
Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergiessen, die St. Julien eine Zeitlang
befremdet anhörte, ehe er begriff, was der Arzt eigentlich wollte; als er ihn
endlich verstand, beruhigte er ihn mit der Versicherung, dass er sich lange nicht
so wohl gefühlt habe, als am heutigen Abend, und dass Dübois den nötigen Verband
ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe. Doch konnten diese tröstenden
Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben, die der Arzt mit sich selber empfand.
Ich werde es mir nie vergeben, rief er feierlich, aber es soll mir auch nicht
zum zweiten Male begegnen; strenge werde ich über mich wachen und keine Pflicht
mehr vernachlässigen, und deshalb will ich auch sogleich noch Manches an
Medikamenten besorgen, die ich für meine Kranken in Krumbach morgen nötig habe.
Kaum liess sich der Arzt bewegen, noch vorher mit der Gesellschaft Tee zu
trinken; er tat es zwar endlich auf allgemeines Verlangen, wie er sich
ausdrückte, verliess aber doch sehr bald das Zimmer, um den ganzen Abend, wie er
sagte, seiner Pflicht zu leben.
    Man brachte den Abend heiter hin, aber dennoch war eine gewisse Spannung
fühlbar. Die Gräfin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen, ob der Graf
etwas für den Obristen Talheim getan habe. Emilie konnte ihre Unruhe nicht
beherrschen, weil ihr immer die verläumderischen Gerüchte im Sinne lagen, die
über den Grafen verbreitet wurden, und sie betrachtete mit einer gewissen
Wehmut St. Julien, der die unschuldige Veranlassung dazu war. St. Julien fühlte
sich gedrückt, weil er bemerkte, dass durch seine Gegenwart eine freie
Mitteilung in der Familie gehindert wurde, die doch Jeder zu wünschen schien;
nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung, die ihm nicht
entging, auf Rechnung der Neugierde, von welcher er die Frauen gequält glaubte.
St. Julien verliess bald nach der Abendtafel die Gesellschaft, und der Graf
wendete sich, als sie kaum allein waren, lächelnd zu den Frauen und sagte: Nicht
wahr, meine Lieben, heute war Euch unser liebenswürdiger Freund herzlich
beschwerlich, und Ihr habt ihn schon lange weggewünscht, um nur zu erfahren, wo
ich den ganzen Tag gewesen bin? Die Gräfin läugnete nicht, dass sie zu wissen
wünschte, wie er den Tag verlebt habe, ob sie gleich gar nicht darüber
zweifelhaft sei, wo er ihn zugebracht habe.
    Der Graf gab eine treue Schilderung der Not, in der er den Obristen und
seine Tochter gefunden habe, und ging leicht über die Art hinweg, wie er ihm
Hülfe geleistet hatte; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem
plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn. Die Gräfin wurde
aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau, um welche Zeit dies
Zusammentreffen stattgefunden habe, und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort
des Obristen entfernt sei. Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen, und
nach gegenseitigen Erklärungen und Mitteilungen waren beide darüber einig, dass
es wohl derselbe junge Herr gewesen sein könnte, den der Arzt in Krumbach
angetroffen habe; nur blieb es rätselhaft, was einen ganz fremden Menschen
bestimmen könne, diese Gerüchte in Umlauf zu bringen. Es kann um so eher sein,
schloss der Graf, dass jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat, da er geraume
Zeit vor mir hinweg ging, und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten
habe. Es sind jetzt preussische Truppen hier in der Gegend, schloss der Graf; es
sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt, und der Prediger hat durch genaue
Erkundigungen erfahren, dass sie zu den Unsrigen gehören; dies ist mir um des
Obristen Willen lieb, denn sollte er ihnen begegnen, so, hoffe ich, werden sie
ihn ruhig ziehen lassen, obgleich im Kriege das Bedürfnis Freunde, wie Feinde
oft zwingt, Pferde in Beschlag zu nehmen. Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht
verschweigen, dass dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten
Verläumdungen erwachsen könnten, wie sie eben erfahren hatten; auch die Gräfin
stimmte ihr bei und sagte mit Zärtlichkeit: Wie würde es mich schmerzen, wenn
Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrusses für Sie würden! Seid doch
darüber ruhig, meine Lieben, sagte der Graf. Sollte mich irgend Wer zur
Rechenschaft ziehen, der ein Recht hat, es zu tun, so wisst Ihr, dass ich mich
verteidigen kann; müssiges Geschwätz, ohnmächtige Bosheit aber lasst uns
verachten, denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns
das Leben. Emilie schwieg, doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen
nicht beruhigt; auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr, aber
man sah deulich, dass auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren.
    Der Graf kam auf den Obristen zurück und eilte noch alle Aufträge zu geben,
um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen. Die Gräfin
übernahm es, für die Einrichtung des Hauses zu sorgen, und der Graf bemerkte,
die Tochter des Obristen sei ungefähr von gleicher Grösse mit Emilie. So kannst
Du ja leicht, liebe Emilie, sagte die Gräfin, für die nächsten Bedürfnisse
Deiner neuen Freundin sorgen. Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefasst
und errötete nun, da sie das, was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte,
als einen Auftrag zu erfüllen hatte; es schlich ein Gefühl von Traurigkeit durch
ihr Herz, das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklären konnte. Man
trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald, und als Emilie einsam in ihrem
Zimmer war, fühlte sie Tränen über ihre Wangen fliessen, die ihrem gepressten
Herzen Luft machten.
    Was will ich denn, worüber klage ich denn? sagte sie zu sich selbst; kann
denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen, sich nicht befriedigt und
glücklich fühlen im Kreise der besten Menschen? Was ist es denn eigentlich, was
mich schmerzt, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, Wer hat mich denn
verletzt oder beleidigt? Nein, dachte sie seufzend, Niemand hat mich verletzen
wollen, aber empfinden muss ich es dennoch, dass mir nicht ein Traum von
Selbstständigkeit, nicht ein Schatten von Eigentum bleibt. Nicht einmal die
Freude darf ich empfinden, die der Arme hat, der dem Aermeren gibt, ich muss
Alles, selbst was mich bedeckt und kleidet, als etwas Geliehenes betrachten,
worüber die Eigentümer, sobald sie wollen, auch anders bestimmen können. O,
wohl, fuhr sie klagend fort, hat die Gräfin recht, gänzliche Armut ist ein
schreckliches Unglück; sie macht uns abhängig, nicht bloss in unseren Handlungen,
in unseren Gedanken und Empfindungen sogar. Wie beneidenswert, rief sie aus,
ist das Loos des armen Tagelöhners gegen das meinige, die ich von scheinbarem
Reichtume umgeben bin; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit, ja mit
dem Gefühle eines edeln Stolzes betrachten; er hat durch seine Anstrengungen es
als sein Eigentum errungen, frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und
Hülfloseren davon mitteilen, und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen, wenn
liebevolle Blicke auf ihm ruhen, so fühlt er sich befriedigt; er hat diesen
Dank, diese Liebe verdient; aber ich, was kann ich tun? Geliehenes Gut an
Andere abtreten, das mir alsdann sogleich auf das Grossmütigste ersetzt wird.
Ach, es ist entsetzlich hart, fuhr sie fort, immer empfangen zu müssen, ohne
jemals geben zu können, und selbst die freundliche Täuschung, als ob man geben
könnte, nicht einen Augenblick festalten zu dürfen.
Niemals hatte Emilie noch ihre abhängige Lage so schmerzlich empfunden, als in
dieser einsamen Stunde; sie überliess sich rücksichtslos dem Schmerz und dem
Mitleid mit sich selber, und ihre Tränen flossen noch einige Stunden, bis
endlich die Erschöpfung einen kurzen Schlummer herbeiführte, von dem sie wenig
gestärkt am anderen Morgen erwachte.
    Die Gräfin war schon im Saale, wo man frühstückte, als Emilie eintrat. Was
fehlt Dir, Liebe, rief sie ihrer jungen Freundin entgegen, ist Dir nicht wohl?
Du bist ungewöhnlich blass. Mir fehlt nichts, sagte Emilie mit schwacher,
wankender Stimme. Du bist krank, mein liebes Kind, sagte die Gräfin mit grosser
Zärtlichkeit, indem sie ihre beiden Hände fasste. Gewiss, mir fehlt nichts,
erwiederte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme, und, sie konnte es
nicht verhindern, die Tränen entströmten den sanften Augen von Neuem und
flossen über die bleichen Wangen. Die Gräfin richtete das Gesicht der weinenden
Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst: Ich errate jetzt,
was Dir fehlt, ich sah es wohl, dass ich Dich gestern verletzte, aber ich konnte
nicht glauben, dass ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden würde.
Ich könnte mich beklagen, fuhr sie mit grosser Güte fort, dass Du dieser
misstrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst, wenn ich nicht selbst
unglücklicher Weise dies Gefühl in Dir erregt hätte durch die Bitterkeit, der
ich mich so oft überlassen habe. Lass mich Dich bitten, mein teures Kind, fuhr
sie mit grosser Milde fort, bekämpfe diesen Feind in Deinem Herzen, er raubt Dir
sonst jedes Glück des Lebens. Die leicht gereizte Empfindlichkeit würde Deine
Freunde aus Vorsicht zurückhaltend machen; Du würdest die Furcht, Dich zu
verletzen, für Kälte nehmen, und Dein Misstrauen würde in demselben Masse
zunehmen, wie alle Verhältnisse gespannter würden. Du würdest es dann vielleicht
nicht Dir zuschreiben, wenn jede Heiterkeit, die inniges Vertrauen zu einander
erzeugt, aus unserm Kreise verschwunden wäre, sondern Du würdest uns mit jedem
Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerter finden.
    Können Sie mich für so gränzenlos undankbar halten? fragte Emilie.
    Sprich nicht so oft von Dankbarkeit, sagte die Gräfin, ich will von Dir
keine andere, als die, welche ein gutes Kind für seine Eltern empfindet, das ist
die gefühlte, beinah bewusstlose, nicht die in jedem Augenblick erkannte. Und
nun, sage mir, welche gute Tochter würde gereizt, gekränkt sein und eine ganze
Nacht hindurch weinen, wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht, einen Teil
ihrer Kleider zu verschenken an Personen, die es bedürfen, besonders wenn die
Tochter ein Herz hat, wie Du, das sie selbst schon zu solchen Handlungen
bestimmt?
    Ich will mich nicht verteidigen, sagte Emilie, aber ein wenig muss es mich
entschuldigen, wenn Sie daran denken, dass eine Tochter Rechte hat, die ihr
andere Empfindungen geben. Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag
erfüllt, so gibt sie mit der Mutter, da ich nur von dem Ihrigen mitteile.
    So habe ich es denn nicht erreichen können, sagte die Gräfin, dass Du mir in
Liebe angehörest, Du siehst unser Verhältnis, ich möchte sagen, juristisch an;
sind es denn bloss die Bande des Blutes, auf die sich Rechte gründen? Gibt nicht
die Liebe eben so heilige? Ich fühle, setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu,
ich habe einen bösen Samen in Dein Herz gestreut. Ach! rief sie mit einem
unendlich schmerzlichen Ausdruck, wenn ich nicht mehr bin, wirst Du es
vielleicht einsehen, was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armut erzeugt
hat, und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen.
    Vergeben Sie mir nur, rief Emilie, indem sie sich laut weinend in ihre Arme
warf.
    Du sprichst von Rechten, sagte die Gräfin wieder mild. Wenn uns ein
unglückliches Schicksal aller anderen Hülfsmittel beraubte und uns ganz auf uns
zurückwiese, hätte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben, Deine jüngeren
Kräfte in Anspruch zu nehmen, und würde ich Dich nicht kränken, wenn ich Hülfe
und Dienstleistungen von Dir zurückwiese, oder in diesen Zeichen Deiner Liebe
aus misstrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit fände?
    O Gott! rief Emilie. Warum, fuhr die Gräfin fort, willst Du mich denn
kränken und die Zeichen meiner Liebe missverstehen? Vergeben Sie mir nur,
wiederholte Emilie. Die Gräfin küsste sie zärtlich und sagte dann mit Güte
scherzend: Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurückgekehrt ist, so mache nun,
dass die Spuren der Tränen aus den Augen verschwinden, damit nicht St. Juliens
ängstliche Blicke fragen, welch ein Unheil Dir widerfahren ist; zwar in dessen
Brust hättest Du gestern vielleicht ein gleichfühlendes Herz gefunden, er hat
viel von Deiner Empfindlichkeit.
    Sie spotten meiner mit Recht, sagte Emilie errötend. Nein, im Ernst,
erwiederte die Gräfin lächelnd, ich wollte auch nicht, dass der Graf Dich um die
Ursache Deiner Tränen fragte, Du würdest doch ein wenig um die Antwort verlegen
sein.
    Die Vereinigung der Gemüter wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen
befestigt und inniger als je, wie es nach jeder kleinen Störung geschah.
    Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer, dass
sie eine Nacht in Kummer und Tränen hingebracht, und damit gewissermassen die
besten Menschen angeklagt hatte; und die Gräfin beschloss, die Bitterkeit nie
wieder in sich aufkommen zu lassen, die, wie sie sah, so nachteilig auf
diejenigen wirkte, die sie am zärtlichsten liebte. Sie beschloss zu vergessen,
was eine lange Vergangenheit Schmerzliches entielt, und dieser Vorsatz wurde in
demselben Augenblicke gestört, denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal.
Der Anblick des jungen Mannes, der heiter lächelnd die Frauen begrüsste, schien
in der Gräfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus längst verflossener Zeit
hervorzurufen, und nur mit Mühe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung
einstimmen, der heute die kleine Gesellschaft belebte.
    Nach dem Frühstück eilte Jeder die nötigen Anordnungen zu treffen, um dem
Obristen Talheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen. Der Graf sendete die
erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel, um den alten
Mann gegen die Kälte zu schützen. Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit für
seine Tochter. Die Gräfin sorgte nun dafür, dass die nötigen Möbel nach dem eine
halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden, und Dübois wurde von ihr
beauftragt, Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen; er war, wie
immer, so auch hier der Vertraute der Gräfin und kannte also die Lage des
Obristen; daher hiess ihn sein natürliches edles Gefühl Alles vermeiden, was bei
der neuen Einrichtung als prächtig hätte auffallen können, weil er wohl wusste,
dass das Gemüt dessen, der Unterstützung bedarf, dadurch schmerzlich verwundet
wird, wenn die Unterstützung den Anschein von Prahlerei gewinnt; eben so
sorgfältig vermied er den Anschein von Vernachlässigung, und es mangelte bald in
dem freundlichen Hause nichts, was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer
Familie erforderlich ist. Emilie fuhr selbst mit hinüber, und ordnete die Wäsche
und Kleider in den Schränken, und es wurde beschlossen, dass Dübois die
Ankommenden diesen Abend erwarten sollte. Die Zimmer waren behaglich erwärmt,
ein anmutiger Wohlgeruch schwebte durch alle, denn Dübois hatte nicht versäumt,
sie mit feinem Räucherwerk zu durchräuchern; ja selbst mehrere blühende
Staudengewächse hatte er aus den Treibhäusern des Grafen hinüber geschafft,
trotz der Schwierigkeit, sie auf dem Wege gegen die Kälte zu schützen, um damit
das Zimmer zu schmücken, welches er für die Tochter des Obristen bestimmte.
Endlich war Alles bereit; auch für ein einfaches Abendessen war gesorgt, und der
Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer, um
jedes einzeln zu betrachten, als der Wagen vorfuhr. Schnell eilte er, seiner
Schuldigkeit gemäss den Obristen an der Türe des Hauses zu empfangen, und schien
die wehmütige Verlegenheit nicht zu bemerken, die Vater und Tochter ergriff,
als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte, und sie nun beide in
höchst ärmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmückten Zimmer standen.
Früher, als nötig gewesen wäre, liess Dübois das Abendessen anrichten, um die
Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen, die nicht recht
wussten, wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Mut hatten,
sich als die Bewohner des Hauses zu fühlen. Das Abendessen ging still vorüber
und wurde in der Spannung, in der sich Alle befanden, kaum berührt; nur als
Dübois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne
entgegen duftete, konnte er sich nicht entalten, mit einiger Begierde das Glas
zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu
schlürfen; die Wärme des Weins durchdrang seine Glieder und teilte ihm jene
Ermattung mit, die man beinah eine wollüstige Empfindung nennen könnte; er liess
es daher ohne Widerrede geschehen, dass der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer
führte, welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte, und machte keine
Einwendungen dagegen, dass Dübois für diesen Abend das Geschäft eines
Kammerdieners übernahm. Er wollte, als er zu Bett gebracht war, noch Manches
denken und in seiner Seele ordnen, aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen
scheuchte alle Gedanken zurück. Er dehnte sich mit wehmütigem Entzücken auf
seinem bequemen Lager aus, er fühlte die glänzend weissen feinen Betttücher und
die seidne Decke mit den Fingern an, er wollte sein heutiges Lager mit dem
gestrigen vergleichen, aber Gedanken und Gefühle gingen in dem seligen Vergessen
unter, welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist.
    Terese war im Speisezimmer zurück geblieben und erwartete mit
Schüchternheit Dübois Rückkunft. Die Veränderung ihrer Lage war so gross, dass sie
sich betäubt fühlte und deshalb noch nicht Mut zur Freude gewann; als endlich
der Haushofmeister zurück kam, schlich sie zum Lager des Vaters, der schon im
sanftesten, Schlummer ruhte; sie küsste leise seine Stirn und folgte nun Dübois,
der ihr die übrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlüssel
einhändigte, worauf er für heute ehrerbietig Abschied nahm.
    Als sich Terese allein befand, hob sie die Hände dankend zum Himmel empor,
und Tränen des Entzückens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen;
es schien ihr ein Traum, der täuschend ihre Seele umfing, und sie fürchtete zu
erwachen; endlich, als sie sich gesammelt hatte, ging sie noch einmal durch alle
Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude; sie öffnete die Schränke und
bemerkte mit dankbarem Erstaunen, wie grossmütig und zartsinnig für jedes
Bedürfnis des Hauses gesorgt war, auch rührte es sie bis zu Tränen, als sie
Alles vorfand, was zur Kleidung der Frauen aus besseren Ständen gehört.
    Nach einem stärkenden Schlummer erwachte Terese am andern Morgen. Dübois
hatte für die nötige Bedienung gesorgt; sie wählte eine einfache
Morgenkleidung, und fühlte sich bewegt und erhoben zugleich, als sie sich wieder
in Gewänder gekleidet sah, wie sie ihr in früheren Zeiten notwendig erschienen
waren. Als sie nun ihr Zimmer verliess, fand sie Alles zum Frühstück bereitet,
und sie näherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters; Alles war darin still,
und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz, sie fürchtete, die plötzliche
Umwandlung seiner Lage könne zu heftig auf ihn gewirkt haben, sie öffnete daher
behutsam die Tür des Kabinets und näherte sich leise dem Lager des
schlummernden Greises. Er lag mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen,
aber seine Lippen bewegten sich wie im flüsternden Gebete, und zwischen den
grauen Wimpern drängten sich Tränen über die gefurchten Wangen, die ähnliche
Tropfen in Teresens glänzenden Augen hervorriefen. Sie beugte sich über den
alten Vater und küsste mit inniger Liebe seine gefalteten Hände. Der Greis
öffnete die noch tränenfeuchten Augen und lächelte entzückt bei dem Anblick
seines schönen Kindes.
    Meine gute Tochter, sagte er mit bewegter Stimme, es stärkt mein Herz, dass
Deine Erscheinung wieder Deiner würdig ist; lass uns Gott innig dafür danken, dass
wir aus dem höchsten Elende erlöst sind, denn niemals habe ich Dich ohne zu
schaudern in der Tracht der höchsten Dürftigkeit betrachten können. Der Obrist
wünschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt, als er bemerkte,
mit welcher Zarteit sowohl für seine Bedienung, als für alles zur bequemen
Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war. Nach dem Frühstück
gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer, und bewunderten mit
dankbarer Rührung die Anmut und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung. Endlich
liess sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine
Tochter neben sich, die erschrocken zu ihm aufblickte, weil sie seine Hand
zittern fühlte und hohen Ernst über sein Gesicht verbreitet sah.
    Mein Kind, sagte der Obrist, wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen, wir
müssen unsern Wohltätern unsern Dank darbringen für so viele Güte; Du fühlst,
mein liebes Kind, fuhr er fort, indem er die Hand der Tochter ängstlich drückte,
wie schwer mir dieser Gang werden muss; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele
ruht, so sehr ich unsern edeln Freund verehre, so wird mir altem Manne dennoch
das Förmliche in der Äusserung meiner Dankbarkeit schwer, das mich, wie man es
auch betrachten mag, dem Bettler gleich stellt, der für ein empfangenes Almosen
dankt. Missversteh mich nicht, fuhr er fort, als er bemerkte, dass die Tochter
reden wollte, ich verkenne den Grafen nicht, aber bist Du überzeugt, dass er auch
uns kennt? Ihn hat uns seine Art, wie er gegen uns handelt, vollkommen kennen
gelehrt, wir können mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben
deswegen von ihm annehmen, was uns seine Güte bietet, aber kennt er auch uns?
Weiss er, ob wir seiner Freundschaft würdig sind? Ihn hat allein unsere Not
bestimmt, uns wohl zu tun, und darin liegt das Peinliche unserer Lage; wir sind
ihm gegenüber Arme und nicht Freunde; der Freund kann die Güter des Lebens mit
dem Freunde teilen, er weiss, der Freund ist überzeugt, er würde, wenn das
Verhältnis umgekehrt wäre, eben so handeln, und will nichts weiter, als die
Liebe, die innige Achtung des Freundes; aber der Arme, ach, mein liebes Kind! er
empfängt bloss, und der Geber, der ihn nicht kennt, weiss noch nicht, ob er jemals
seinen Schützling in einen Freund wird verwandeln mögen; er weiss nicht, ob das
Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfähig ist, und deshalb
ist die äussere Dankbarkeit, die es so schwer fällt auszuüben, unerlässlich.
    Ich dächte, erwiederte Terese, ich könnte die Hand des Grafen mit inniger
Liebe, ohne peinliche Empfindung küssen. Auch ich, sagte der Obrist, kann seine
Hand mit zärtlicher Bewunderung drücken, aber hast Du daran gedacht, dass damit
unsere Pflichten noch nicht erfüllt sind? Hast Du vergessen, dass er vermählt
ist, und dass wir also der Gräfin einen Besuch machen müssen? Terese senkte die
Augen, ein peinliches Gefühl hob ihren Busen, der Schmerz zuckte um den schönen
Mund und sie küsste schweigend die Hand des Vaters, die noch in der ihren ruhte.
Beide fühlten, dass sie sich ohne Worte verstanden, denn jetzt erinnerte sich
Terese an Alles, was sie und ihr Vater früher über die Gräfin gehört hatten,
und zwar aus einem Munde, dessen Tönen die schöne Terese nicht ohne
Parteilichkeit gelauscht hatte.
    Der junge Graf Hohental nämlich, ein Verwandter des Grafen, war in dem
Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden. So lange das Regiment,
bei welchem er als Rittmeister diente, in der Nähe stand, hatte der junge Mann
keine Gelegenheit versäumt, sich dem Obristen zu nähern, und die gleichen
Ansichten über viele Verhältnisse des Lebens, der gleiche Hass gegen Frankreich,
hatte sie bald in Freunde verwandelt, so weit die Verschiedenheit des Alters
dies erlaubte. Bei der Vertraulichkeit, die sich auf solche Weise gebildet
hatte, geschah es, dass der Rittmeister zuweilen seine Familienverhältnisse
berührte und sich dann jedes Mal mit grosser Bitterkeit über die Gräfin äusserte.
Er hatte von ihr behauptet, dass sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden
habe, der im unrechtmässigen Besitze des ganzen Vermögens der Familie sei, und
dass sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte;
deshalb habe sie ihren Gemahl bestimmt, sich immer in der Ferne aufzuhalten, und
ob er gleich ohne Kinder sei, habe sie ihn doch dazu vermocht, dass er niemals
das Geringste für die dürftigen Mitglieder der Familie getan habe; eben so
hatte er oftmals ihres unmässigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens,
wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet würden; ja, er hatte
erwähnt, dass sie einen unversöhnlichen Hass gegen ihren einzigen Bruder trüge und
sich auch niemals die kleinste Annäherung habe gefallen lassen, so viele
Versuche dieser Bruder auch gemacht habe, dem diese Familienzwiste höchst
schmerzlich wären. Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt, die
Gräfin kennen zu lernen, aber da er alle Nachrichten über ihren Charakter von
seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.
    Diese Erinnerungen waren es, welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken
stimmten, und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschliessen, sich fertig zu
machen, um einen Besuch abzustatten, der so peinlich auf ihr Gefühl wirken
konnte. Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Ratschläge erteilen,
wie sie bei dem vermutlich sehr stolzen Empfange der Gräfin sich zu betragen
habe, als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das
lustige Geläute von Schellen, wodurch sich annähernde Schlitten ankündigten. Sie
traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung, dass zwei Schlitten durch das
kleine Tal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten. Ein Herr
sprang aus dem einen, und sie erkannten sogleich den Grafen, der zweien Damen
die Hand bot, und alle drei waren bald eingetreten, um den Obristen und seine
Tochter zu begrüssen. Der Graf umarmte den Obristen und sagte, indem er
freundlich dessen Hand schüttelte: meine Gemahlin wollte sich selbst überzeugen,
ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt, und zugleich meine Nichte mit ihrer
künftigen Freundin bekannt machen. Der Obrist konnte nicht sogleich Worte
finden, er hatte sich die Gräfin durchaus anders gedacht; er fand keine Spur von
Härte und Stolz, sie behandelte ihn mit der Wärme und Achtung, wie man einen
alten Freund der Familie empfängt; sie drängte ihm nicht das Gefühl ihrer
Wohltat durch ein zu ängstliches Fragen auf, ob Alles seinen Wünschen
entspreche, sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gespräch über
frühere Zeiten, über den König Friedrich den Zweiten, für den sie seine
Verehrung aufrichtig teilte, und hatte so bald jede Spannung aufgehoben, die
erst die Gesellschaft zu drücken schien.
    Emilie hatte bald den Weg zu Teresens Herzen gefunden; Beide hatten, ohne
den Genuss des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin, einsam
gelebt, und Beide verlangten daher zu sehnlich danach, sich diesen Genuss zu
verschaffen, als dass sie aus Zurückhaltung lange hätten einander fremd bleiben
können. Es war leicht zu bemerken, dass Terese manche Kenntnis nicht hatte, die
Emilie besass; auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den höheren
Ständen waren ihr bekannt, denn sie hatte in ihrer drückenden Lage nicht einmal
Gelegenheit gehabt, sie zu sehen, noch weniger die Mittel, sich das Material zu
verschaffen, um solche artige Spielereien zu verfertigen. Ja, sie gestand, dass
sie auch das Wenige, was sie von Musik verstanden, vergessen habe, weil das
Instrument schon lange verkauft sei, und dass sie auch allen Mut zur Musik
verloren hätte, und es ihr eine Sünde würde geschienen haben, die Stimme zum
Gesange zu erheben, so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte. Beide
junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet, was sie mit einander
treiben und lernen wollten. Die Gräfin und der Obrist waren über die meisten
Gegenstände ihrer Unterhaltung derselben Meinung, der Graf konnte nun, ohne
Furcht, seinen alten Freund zu verletzen, noch alle nötigen Anordnungen
treffen, und Terese sah sich, noch ehe ihre neuen Freunde schieden, an der
Spitze einer unabhängigen kleinen Haushaltung, wodurch ihr die Freude gewährt
wurde, mit kindlicher Liebe selbst für die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit
ihres geliebten Vaters sorgen zu können.
    Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloss. Man las, man machte
Musik, man tauschte seine Meinungen gegen einander aus, und der alte Obrist
machte, obwohl er alle Franzosen hasste, doch von jeher mit jedem einzelnen, den
er kennen lernte, eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger, mit St. Julien
dies zu tun, weil dieser durch seine persönliche Liebenswürdigkeit ihn ganz für
sich einnahm, ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons, weil der junge
Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte. Für Dübois, der mehr wie ein
Mitglied der Familie, als wie ein Diener derselben betrachtet wurde, empfand der
Obrist bald die Achtung, die sein Charakter jedermann einflösste, der ihn näher
kennen lernte, und als die Gräfin sich sogar entschloss, zuweilen Teil an einer
Partie L'Hombre zu nehmen, welches der Obrist mit grossem Vergnügen spielte, so
heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung völlig auf, und er sagte einige Mal
seiner Tochter: Ich würde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glücklich
leben, wenn sie nicht die Schwachheit hätten, dem Prediger alle Ungezogenheiten
nachzusehen; selbst der alte verständige Dübois muss zuweilen recht an sich
halten, wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt, ja, ich glaube,
wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte, dass die Gräfin
den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann, er würde sogar mit seiner Pfeife
in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt, wer weiss, was geschehen könnte,
wenn nicht zum Glücke der Narr, der Doktor, da wäre, zu dem er gehen und rauchen
kann.
    Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen, Terese hatte sich vom
überstandenen Kummer erholt, ihre Wangen röteten sich, ihre Augen gewannen ihr
eigentümliches Feuer wieder, und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb, so konnte
sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lächeln. Alle Fähigkeiten, die in ihrer
Seele geschlummert hatten, begannen sich zu entwickeln, so dass Emilie über die
Fortschritte erstaunte, die ihre junge Freundin machte, und beide sich immer
inniger an einander anschlossen. Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rührung, wie
herrlich sich die Schönheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten, da der
Druck der Armut von diesem teuren Haupte genommen war. Er schloss dies geliebte
Kind eines Abends in seine Arme, und die Augen nach oben gewendet, rief er:
Jetzt, Vater im Himmel, kann ich ruhig sterben, da ich mein Kind in Sicherheit
weiss! Können Sie mich so kränken, dass Sie vom Sterben sprechen, rief Terese
weinend, nun, da ich hoffe, dass wir noch viel glückliche Tage mit einander leben
werden? Das wollen wir auch, mein Kind, sagte der Obrist; aber willst Du mir es
nicht gönnen, dass ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann, da ich Dich sonst,
als Du schutzlos warst, mit Verzweiflung betrachtete. Du kennst nicht das Gefühl
eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der fürchten muss, dass er sein Kind
hülflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muss. Wenn jetzt der Himmel
über mich verfügt, gehst Du zwar weinend, aber nicht verzweifelnd vom Grabe
Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde. Seit ich die Gräfin kenne, bin ich
über Dein Schicksal ruhig, und ich werde um so länger leben, schloss er, indem er
lächelnd mit den Locken der Tochter spielte, weil ich mein Ende ruhig abwarten
kann.
    Es schien, als ob die Sorge, welche die Gräfin für Teresens Ausbildung
trug, sie selbst manchen Kummer vergessen liess; sie erheiterte sich sichtlich in
dem Umgange ihrer Kinder, wie sie beide junge Frauenzimmer nannte. St. Juliens
Gesundheit befestigte sich täglich mehr, und der Graf bemerkte oft, er werde
schmerzlich die Lücke in seinem Leben fühlen, wenn der endliche Friede den
jungen Mann bestimmen würde, nach seiner Heimat zurück zu kehren. Auch der
Gräfin war der junge Mann sehr lieb geworden, und nur noch zuweilen kehrte die
Bewegung wieder, die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte; wenn er sie
unvermutet anredete, oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten, dann
schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen, die sie nur mit Anstrengung
bekämpfte. In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt, und wenn es
auch nicht möglich war, ohne Kummer das unsägliche Elend zu betrachten, welches
durch den Krieg über diesen Teil von Deutschland gebracht wurde, so gab es doch
Stunden, in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab.
    In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend das
Schloss verlassen; die jungen Leute hatten sich verabredet, Götes Tasso den
folgenden Abend zu lesen. Die Gräfin hatte dem Obristen versprochen, wenn es
sein könnte, seine l'Hombre-Partie so einzurichten, dass nicht der Geistliche
sein Mitspieler sein müsse. Er freut sich zu gemein, versicherte der Obrist,
wenn er ein gutes Spiel hat, spielt die Karten auf bäurische Weise aus, macht
sehr schlechten Witz dabei und hält sich deshalb für einen liebenswürdigen
Spieler; gewiss, wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gänzlich von der
Leidenschaft für das Spiel heilen wollte, man brauchte es nur zu zwingen,
täglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen. Die Gräfin scherzte beim
Frühstück eben darüber, dass der Doktor, den sie anstatt des Geistlichen zum
Mitspieler bestimmte, den Obristen nicht besser befriedigen würde, als man den
Galopp eines Pferdes hörte, und gleich darauf der Arzt atemlos mit glühenden
Wangen und mit Schweiss bedeckt in den Saal stürmte. Was gibt es? rief ihm der
Graf bestürzt entgegen. Wir sind verloren! rief der Arzt, das Schloss wird gleich
von Soldaten besetzt werden. So, sind Franzosen in der Nähe? rief der Graf,
indem er aufsprang. Nein, keine Franzosen, Preussen sind es, keuchte der Arzt.
Nun, sagte der Graf, dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu fürchten.
    Nichts zu fürchten? jammerte der Arzt; hätten Sie nur die Reden gehört, die
sie geführt haben; der Herr Prediger trieb mich hieher, damit Sie sich, wo
möglich, entfernen möchten, um nicht den Wirkungen der Verläumdungen zu
unterliegen.
    Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, zog dann hastig
die Klingel und beschied Dübois eilig zu sich. Guter Dübois, redete er ihn an,
ich weiss, ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen, gehen Sie zum Kapitain St.
Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zurück, welche Unruhe
auch hier entstehen mag; sagen Sie ihm, dies sei mein ausdrücklicher Wille, und
bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm.
    Wir erwarten hier jeden Augenblick preussische Truppen, fuhr er fort, als er
sah, dass der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete; tun Sie ja, was
ich Ihnen auftrage, und weichen Sie auf keinen Fall davon ab. Er hatte den
Grafen noch nie so in Bewegung gesehen; eben wollte dieser die Frauen bitten,
sich zurück zu ziehen, als eine Eskadron in den Hof sprengte, den Führer an
ihrer Spitze. Die Gräfin erschrak, ihr fielen die verbreiteten Gerüchte ein, und
sie sah an des Grafen Anordnungen, dass er Unannehmlichkeiten erwartete; sie
stützte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge,
die da kommen würden. Emilie war blass, sie ahnete dunkel, die Gräuel des Krieges
würden nun hier beginnen. Der Arzt hatte sich entfernen wollen, doch ein Blick
auf die Gräfin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen; seine Seele
kämpfte offenbar mit einem grossen Entschlusse; auf einmal schien dieser Entschluss
gefasst, er trocknete den Schweiss von seinem Gesicht ab, blieb und erwartete das
ungeheure Schicksal, das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen musste. Das
Klirren der Sporen und des nachschleppenden Säbels im Vorsaale wurde vernehmbar,
die Türen wurden mit Heftigkeit geöffnet, und herein stürmte ein junger
erhitzter Krieger und rief, ohne auf die Frauen zu achten: Wo ist der Herr des
Hauses?
    Ich bin der Graf Hohental, sagte der Graf, und Sie sind in meiner Wohnung.
    So sind Sie es also, rief ihm der Rittmeister vor Zorn glühend zu, der sein
Vaterland den Feinden verrät, Sie zeigen den Franzosen alle Vorräte an, Sie
lassen sie durch alle Schluchten führen, Sie halten die Spione in Ihrem Hause
verborgen; nun, da Sie so wacker für die Feinde gesorgt haben, so werde ich auch
hier wahrlich nicht schonen; die Pferde, die meinen Leuten gefallen sind, müssen
hier ersetzt werden; Ihre Hafervorräte nehme ich in Beschlag; meine Leute
müssen bewirtet werden, und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich
brauche Gewalt.
    Der Graf bekämpfte den Zorn, der in ihm aufstieg, und sagte mit scheinbarer
Gelassenheit: Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick, meinen Charakter gegen
Sie zu verteidigen, ich werde mir Ihren Namen ausbitten, um dies in der Zukunft
zu tun; das Unglück der Monarchie fühlen wir Alle gleich schmerzlich, und was
das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigentume bedürfen, steht ihnen zu
Gebote, deshalb mögen Sie meine Pferde nehmen, wie alle Hafervorräte. Für die
Bewirtung der braven Truppen werde ich sorgen, so gut es angeht; was steht
weiter zu Ihrem Befehl?
    Ich verlange, dass Sie den hier im Hause verborgenen Spion ausliefern, sagte
der Rittmeister etwas gelassener in Folge des würdigen Benehmens des Grafen.
    Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung? fragte der Graf.
    Den französischen Offizier, rief hitzig der Rittmeister, der unter dem
Vorwande einer Krankheit sich hier im Hause aufhält.
    Unter dem Vorwande einer Krankheit? rief der Arzt, den der Graf nicht mehr
zurück halten konnte; Vorwand nennen Sie seine Krankheit? rief er noch einmal,
indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden Augen auf den
Rittmeister richtete. Mir hat er sein Leben zu verdanken, aus dem Rachen des
Todes habe ich ihn gerissen, setzte er hinzu, und ich werde, ich muss ihn und den
Herren Grafen gegen jede Verläumdung verteidigen.
    Ich verlange die Auslieferung des Franzosen, rief der Rittmeister, was gehen
mich Ihre Narrheiten an?
    Narrheiten! schrie aufs Äusserste beleidigt der Arzt. Gehören Sie zu den
Barbaren, die Kunst, Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nennen?
Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem
Rittmeister so nahe getreten, dass dieser sich von Neuem gereizt fühlte und mit
funkelnden Augen dem Arzte zurief: Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe, wenn
ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll.
    Der Graf warf einen glühenden Blick auf den Offizier, und indem er den Arzt
mit der augenblicklichen grossen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob,
sagte er: Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen, so lange ich lebe; über
meinen Leichnam geht der Weg, um meine Hausgenossen zu beleidigen.
    In dem Augenblicke, als der Offizier etwas Heftiges erwiedern wollte, wurde
die Türe geöffnet; ein alter Wachtmeister zeigte sich, der dem Rittmeister
eifrig winkte; dieser schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gespräch mit
dem Wachtmeister eilig nach dem Hofe hinunter.
    Die im Saale Versammelten wagten es nicht, einander anzureden, weil sie die
Zurückkunft des Offiziers jeden Augenblick erwarteten, als sie Pferdegetrappel
auf dem Hofe vernahmen und zu ihrem Erstaunen die ganze Eskadron, den Führer an
der Spitze, abreiten sahen.
    Was bedeutet dies? fragte die Gräfin nach kurzem, von Staunen erzeugtem
Schweigen.
    Das bedeutet, antwortete der Graf nachdenklich, dass Franzosen in der Nähe
sind, die uns vermutlich in grösserer Anzahl ihren Besuch zudenken.
 
                                      XII
Der Auftritt, der eben statt gefunden hatte, war schnell vorüber geflogen und
hatte alle Anwesenden, jeden auf verschiedene Weise, so sehr aufgeregt, dass
Niemand Worte gefunden hatte, um eine Ansicht zu äussern. Der Arzt stand noch in
der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle, wo ihn der Graf im Zorn
hingeschoben hatte; man sah, dass er mit dem Entschlusse kämpfte, etwas
Bedeutendes zu sagen; endlich näherte er sich dem Grafen, der in Nachdenken
versunken war, und sagte mit Haltung und unterdrücktem Gefühl: Ich muss meinem
Herzen Luft machen; ich muss meiner Empfindung Worte geben; edler Mann, verehrter
Herr Graf, Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet, denn wäre
ich diese Höhe hinunter geflogen, wie der Barbar drohte, auf den gepflasterten
Teil des Hofes hier unter dem Fenster, so war es um mich geschehen, denn mit
solcher Gewalt hätte er mich nicht werfen können, dass ich dort den Rasen im
Fallen erreicht hätte. Es war meine Pflicht, Sie gegen die Verläumdung zu
verteidigen; ich habe auch immer geglaubt, dass Sie meinen männlichen Charakter
gehörig würdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der
Gefahr zutrauen würden, eine Verläugnung, ähnlich der des Apostel Petrus, fügte
er mit einem Seitenblicke auf die Gräfin hinzu; aber ich habe nicht geglaubt,
dass ich Ihrem Herzen teuer wäre, dass Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen,
Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen würden. Die letzten Worte sprach er
mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rührung. Diese Handlung, schloss er
endlich mit Patos, bindet mein Geschick an das Ihrige für jetzt und immer.
    Der Graf verstand erst nicht recht, was der Arzt wollte, denn er war zu
jener Äusserung am Wenigsten durch ein wärmeres Gefühl für denselben bestimmt
worden, er hatte bloss sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefühlt; als er aber
endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff, sagte er, über den
gutmütigen Dünkel des Arztes lächelnd: Wir sind oft nicht so böse, mein lieber
Doktor, wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben, aber oft auch bei Weitem
nicht so gut, wie Sie sich uns vorstellen; deshalb verdiene ich auch heut Ihren
Dank nicht.
    Bescheidenheit ist die Krone der Tugend, rief der Arzt begeistert und
verliess den Saal, um seine Kranken zu besuchen. Die gutmütige Einbildung des
Arztes hatte dazu beigetragen, die Spannung aufzulösen, in die alle durch die
eben erlebte Begebenheit versetzt waren. Lächelnd blickten sich die
Zurückgebliebenen an, und Ruhe schien wieder im Schloss herrschen zu wollen.
    Dübois glaubte, da die Truppen den Hof verlassen hatten, dass auch St. Julien
nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte; doch fragte
er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung, der natürlich seine Ansicht teilte,
und bald erschien St. Julien und erschöpfte sich mit dem Grafen in Vermutungen,
um es sich zu erklären, wesshalb das Schloss so eilig von den Truppen geräumt
worden sei. Des Grafen Ansicht, dass Franzosen in der Nähe sein müssten, wurde
bald bestätigt, denn ein Reiter sprengte in den Hof, den Niemand sogleich für
den Prediger erkannte, weil er ganz die gemächliche Art zu reiten aufgegeben
hatte und sein Tier zu völlig ungewohnten Kraftäusserungen zwang. Ross und Reiter
waren ganz aus der gewöhnlichen Fassung, denn da sich der Geistliche eilig herab
warf, ohne, wie sonst, für sein Pferd zu sorgen, so fing dies ohne Umstände an,
auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten
Blumenstücke zu zertreten.
    Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein, und
jetzt, in der Unruhe seines Gemüts, achtete er noch weniger, als sonst auf die
höflichen Formen des Umgangs; daher grüsste er kaum die im Saale versammelten
Personen und rief dem Grafen zu: Meine Frau und Kinder folgen mir nach, Sie
werden hier im Schloss doch besser aufgehoben sein, als bei mir, die Franzosen
sind mir auf den Fersen.
    Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf, ob ihn gleich
selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte; die grosse
Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Tor des Hofes, von
einigen kleineren Equipagen begleitet, die die zahlreiche Familie desselben
entielten. Man hatte kaum für das Unterkommen Aller sorgen können, und der
Prediger hatte eben seinen Entschluss ausgesprochen, für seine Person zurück zu
reiten, um auf Ordnung zu sehen und so viel als möglich zur Erleichterung der
Bauern zu tun, als Emilie ausrief: Ach Gott! dort kommen die Feinde. Alle
Anwesenden eilten dem Fenster zu, an welchem Emilie stand, und Alle bemerkten,
dass in derselben Schlucht, durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen
war, als er den verwundeten St. Julien nach dem Schloss tragen liess, ein
Funkeln von Waffen sichtbar wurde. In ängstlicher Erwartung waren Aller Blicke
dortin gerichtet; der Geistliche bemächtigte sich eines vorhandenen Fernrohres
und teilte laut seine Bemerkung mit: Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus;
Wer kann sie diesen Weg geführt haben? Das muss ein Einheimischer sein, ein
Fremder hätte ihn nie gefunden. Es sind Reiter, fuhr er fort, im Sonnenschein
sehe ich es deutlich; jetzt biegen sie hier herum; sie kommen zum Schloss; am
Ende hätte ich besser getan, meine Familie nicht hieher zu bringen. Auch
Equipagen sind in dem Zuge; Der dort mit dem grossen Federbusch wird wohl der
General sein. Was? Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr
neben dem General? Wo soll das Alles unterkommen, und Gott weiss, ob nicht schon
unterwegs Viele untergebracht sind; am Ende ist mein Haus schon voll wilder
Menschen, die mir Alles zerschlagen und verzehren, und wie soll ich nun durch
den Haufen zurück? Er sprach immer fort, das Fernrohr noch lange vor sein Auge
haltend, ob es gleich nicht mehr nötig war, denn Jedermann konnte schon längst
ohne dessen Hülfe bemerken, wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem Schloss
näherte. Der Anführer ritt jetzt an der Spitze, zu seiner Rechten eine Dame in
Reitkleidern, die mit grosser Sicherheit zu Pferde sass und den Kopf nach allen
Seiten hin wendete, so dass der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes
spielte. Zur Linken des Anführers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung,
der, als der Zug sich schon dem Baumgange näherte, der zum Schloss führte, sich
zurückzog, indem er sich vor dem Anführer ehrerbietig neigte; als er deshalb den
Hut abnahm, wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar, und der Graf glaubte den
jungen Mann zu erkennen, den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter
antraf, mit dem er des Obristen Talheims Rechnung berichtigte. Die den
französischen Anführer begleitende Dame und der junge Mann begrüssten einander
mit grosser Vertraulichkeit, als der Letzte sich von dem Zuge trennte.
    Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zurück und bemerkte, dass die
Gräfin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute, und Emilie sich
ängstlich an sie schmiegte. Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren, meine
Lieben, sagte der Graf, und eilig beraten, was nun geschehen muss. Diese, ach!
diese Truppen, sagte die Gräfin mit dumpfer, kaum hörbarer Stimme; auch Dübois,
der in den Saal getreten war, schien ungewöhnlich bleich und blickte ängstlich
auf die Gräfin. Der Graf hatte nicht Zeit über den Eindruck nachzudenken, den
die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten. Er rief der Gräfin zu,
sich zurück zu ziehen, die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte. St.
Julien konnte nicht begreifen, wie die Annäherung der Franzosen einen so
entsetzlichen Eindruck machen könne, wie er ihn an der Gräfin bemerkte, wenn er
auch begriff, dass sie als Feinde unwillkommen sein mussten. Auch Sie bitte ich,
sagte der Graf zu ihm, fürs Erste mit Dübois den Saal zu verlassen, ich und der
Herr Prediger, wir wollen die neuen Gäste empfangen.
    Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen können, als der
französische General, von seinem Gefolge umgeben, die Dame zu seiner Rechten, in
den Hof einritt. Man konnte wohl bemerken, dass die Feinde gut unterrichtet sein
mussten, denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen
ihn, ihnen die für die Pferde nötigen Vorräte anzuzeigen; auch gab ihm der
General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl, die vorhandenen Pferde
auszuliefern, damit der Wagen der Dame neu bespannt werden könnte; das Schloss,
so endigte sein Befehl, nehme ich in Besitz, so lange ich hier verweile. Der
Verwalter, ein ziemlich unterrichteter Mann, stellte dem General in
französischer Sprache vor, da der Graf und seine Familie hier sei, so würde
seine Excellenz doch gewiss darauf Rücksicht nehmen. So lange ich hier bin, bin
ich Ihr Herr, antwortete der General ebenfalls französisch, und Sie haben dafür
zu sorgen, dass alle meine Befehle pünktlich befolgt werden. Ihr Graf mag es
lernen, sich in dieser Zeit ohne sein Schloss und ohne seine Diener einzurichten.
Er war mit diesen Worten abgestiegen; ein Adjudant bot der Dame die Hand, und
der General rief diesem zu: Sorgen Sie zunächst für die Zimmer von Madame. Ich
werde selbst für mich sorgen, erwiederte die Schöne mit dreistem Lächeln und
hüpfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf.
    Der General stieg nun ebenfalls, langsam, von vielen Offizieren umgeben, mit
Würde die Treppe hinauf. Der Pfarrer fühlte, wie sein Herz innerlich bebte, als
das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale näherte. Er hatte vom Fenster aus
bemerkt, in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebäuden und allen
Vorräten, die sie entielten, Besitz genommen hatten; er fürchtete nun für
sich, für seine Familie und auch für den Grafen und dessen Hausgenossen.
    Die Flügeltüren des Saales wurden geöffnet, der General trat herein und der
Graf ihm mit Anstand entgegen. Ich weiss es, Herr General, dass der Krieger im
Kriege oft genötigt ist, mit Härte seine Bedürfnisse zu fordern, doch bin ich
von französischen Kriegern überzeugt, dass sie jeden Druck vermeiden werden, den
nicht die Umstände gebieten.
    Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft.
Ihr Name, sagte er endlich, ist Ihr Name nicht Hohental? Der bin ich, sagte der
Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General. Mein Gott! rief
dieser, indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte, kennen Sie mich denn
nicht wieder? Es ist ja unmöglich, teurer Freund, dass das Andenken an mich ganz
bei Dir verlöscht ist; muss ich mich denn nennen, hast Du denn alle heitern
Stunden in Paris vergessen? Clairmont! rief der Graf mit Erstaunen. Derselbe,
bester Graf, erwiederte der General, indem er ihn herzlich in seine Arme schloss.
    Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte endlich der Graf lächelnd, Vieles
hat sich seitdem geändert, und es ist nicht leicht, in dem General Clairmont den
heitern, schlanken, tanzenden Clairmont, meinen damaligen Freund, wieder zu
erkennen, und gewiss hättest Du es damals wohl nicht geglaubt, dass Du jemals
unter Umständen, wie die gegenwärtigen, mein Gast sein würdest. Gewiss, gewiss
nicht, sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe nach seinem Adjudanten
um. Erlaube, sagte er drauf zum Grafen, ein kleines Dienstgeschäft. Der Graf zog
sich zurück, und der General trug dem Adjudanten auf, jede Gewalttätigkeit zu
verhindern, alle Vorräte unberührt zu lassen, Alles, so viel als möglich, in
die Nebengebäude einzuquartieren und sich überhaupt so zu betragen, als ob sie
zum Besuch bei einem Freunde wären.
    Der Adjudant eilte, diese, den früheren so entgegen gesetzten Befehle zu
erteilen, und der General wendete sich wieder zu dem Grafen. Hätte ich nur
ahnen können, sagte er, dass dies Dein Schloss wäre, mein alter Freund, so hätte
ich Dich zwar besucht, aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung, nicht auf
Kriegsfuss; aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen, ohne Dich zu
nennen, bezeichnet, und da dachte ich dann, - ich dachte, man könne es sich hier
etwas bequem machen, ohne dass ich nach Deinem Namen fragte.
    Der Adjudant kehrte zurück; der Befehl zu schonen war etwas zu spät
gekommen; die Vorräte waren schon unter die Truppen verteilt, noch etwas Wein
hatte der Adjudant retten können, weil man ihn zum Gebrauch des Generals zurück
gelassen hatte, und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle
zurück führen lassen. Die dem Prediger gehörigen hatten noch keinen Liebhaber
gefunden und waren also ebenfalls gerettet.
    Indem der General noch mit der Verlegenheit hierüber kämpfte, zeigte sich
Dübois an der Türe und winkte mit ängstlichen Mienen dem Grafen. Der General
bemerkte es und fragte misstrauisch: Es gibt doch keine neue Unordnung durch
meine Leute? Und als Dübois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte, rief er:
Reden Sie, wenn, was Sie zu sagen haben, Jemanden aus meinem Gefolge betrifft.
Wenn es Ew. Excellenz denn befehlen, sagte der Haushofmeister zögernd, so muss
ich berichten, dass die gnädige Frau Generalin die Zimmer der Frau Gräfin und des
Fräuleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrängt hat, so dass Alle,
auch die Frau Predigerin, nun in das kleine Zimmer der Haushälterin zusammen
gedrängt sind, wo die Frau Gräfin krank auf dem Bette liegt; ich wollte nun um
den Befehl des Herrn Grafen bitten, um zu erfahren, was zur Erleichterung und
Bequemlichkeit der Frau Gräfin geschehen kann. Eine dunkle Röte, hervorgerufen
von Scham und Zorn, verbreitete sich über das Gesicht des Generals. Führen Sie
mich nach dem Zimmer der Frau Gräfin, rief er dem Haushofmeister zu. Voran! ich
folge Ihnen. Dübois tat, wie ihm befohlen worden, und schritt voran; der
General folgte und der Graf schloss sich an, um wo möglich einen unangenehmen
Auftritt zu verhindern. Dem Prediger wäre es unmöglich gewesen, zurück zu
bleiben, auch wenn ihm Jemand diese Qual hätte auferlegen wollen; er folgte also
ebenfalls den Uebrigen.
    Als dieser Zug das Zimmer der Gräfin erreichte, fanden sie die junge Dame,
welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte, vor dem Spiegel sitzen. Sie
hatte das Reitkleid schon ausgezogen, und hatte um den entblössten Busen und die
Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen, der bei jeder Bewegung
entüllte, was er scheinbar verhüllen sollte. Diese leichte Tracht erregte ihr
keine Verlegenheit, obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren, die
Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten, aus deren Inhalt
ihre Gebieterin einen reizenden Anzug wählen wollte. Die eben gebrauchte
Schminke stand noch vor ihr, und sie war damit beschäftigt, einen Zweig Rosen in
ihre dunkeln Locken zu befestigen, als der General eintrat, dem sie zärtlich
entgegen lächelte. Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden, bat sie ihn, ehe
ich Ihnen zur Tafel folge.
    Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer, sagte der General mit Härte, folgen Sie
mir dahin, wo Sie hingehören; und all der Kram uns nach! rief er den Bedienten
zu. Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner Freundin und
führte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale; die noch nicht
recht befestigten Rosen hingen herunter, schlugen bei dem eiligen Schritte, zu
welchem der General sie zwang, die Wangen der Schönen; die Bedienten rafften
Reitkleid, Schminke, Blumen und Schachteln unordentlich zusammen, und folgten
dem Zuge, der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte, wo der General
die Hand der Dame plötzlich los liess und dem Grafen sagte: Du wirst gewiss die
Güte haben, dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen.
    Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte: Wenn
Madame Deine Gemahlin ist, - Wenn Madame meine Gemahlin wäre, so würde sie sich
wie eine Frau von Stande zu betragen wissen.
    Dies Wort klärte die Sache auf, und der Graf befahl, dass man ihr im untern
Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten,
die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger
zu ihr trat und sie folgendermassen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen
wollen; ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ich Sie unter solchen
Umständen hier antreffen könnte. Kann man so durchaus jedes Gefühl der Scham und
Dankbarkeit verläugnen.
    Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt; da aber jetzt
Alles auf sie einstürmte, so fand sie auf ein Mal den Mut zur Frechheit wieder,
und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wüsste
doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig wäre; doch wohl Ihnen nicht
dafür, dass Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer
wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung für seine Geliebte
wiederkehrte, so wie das Gefühl der Beschämung über ihr Betragen verschwunden
war, machte es ihm unmöglich, indem er seine Schöne bei der Hand nahm und sagte:
Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer führen.
    Er verliess in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun
an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge Person sei?
Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter.
Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Gräfin wieder in
Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den
Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, dass sie gezwungen würde, den General
zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.
    Als der Graf in den Saal zurückkehrte, fand er den General und den Prediger
darin auf und abgehend, und er hörte eben, wie der Letztere das Versprechen
empfing, dass die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurück gezogen
werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte
Vertraulichkeit der früheren Zeit erneuert worden, und der Letztere teilte dem
feindlichen Anführer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Gründen, die ihn zu
der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nötigen, seinen Fahnen zu
folgen. Der General sah es ein, dass sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt
werden könnte, wenn er den jungen Mann entliesse und die preussische Regierung ihn
jemals wieder in Anspruch nehmen könnte; aber, schloss er seine Rede, da dieser
Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgnis nicht zu
begreifen.
    Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der
Tat, erwiederte der General sehr gelassen, dass der Kaiser Napoleon die Grossmut
so weit treiben wird, die preussische Monarchie wieder herzustellen, die schon
vernichtet ist, und dass er zu diesem Behuf dem Könige Provinzen zurück geben
wird, die wir schon besitzen?
    Niemals war es dem Grafen eingefallen, dass es in dem Plane des französischen
Kaisers liegen könnte, Preussen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es
erschütterte deshalb sein Innerstes, dass Jemand ihm gegenüber ein so ungeheures
Unglück so gelassen aussprechen konnte. Könnte ich glauben, erwiederte er dem
General, dass dies Entsetzliche eintreten könnte, es würde mich zur Verzweiflung
bringen. Ich kann begreifen, dass Ihr in Frankreich mit Gleichgültigkeit den
Wechsel der Regenten, den Austausch der Länder betrachtet; Ihr habt so vielen
Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als dass
sie tiefe Wurzeln hätten schlagen können; Ihr würdet Euch ebenfalls trösten,
wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.
    Halt! rief der General, lästre den Kaiser nicht, sprich nichts
Hochverräterisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden
nie wieder betreten.
    Ich wollte nur sagen, erwiederte der Graf, dass diese Begebenheit nicht
ausserhalb der Gränzen der Möglichkeit liegt, und dass Euer Kaiser, so hoch das
Glück ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu
machen; denn meinst Du, wenn unser Unglück so gross sein sollte, dass wir dies Mal
gänzlich erliegen müssten, und die Macht von Russland nicht hinreichen sollte,
Euern Sieg zu hemmen, dass dann nicht ein neuer Mut eben aus der Verzweiflung
entstehen würde? Glaube mir, Jeder würde sein ganzes Vermögen, seine
Seelenkräfte und sein Herzensblut daran setzen, das Vaterland zu retten und auf
dessen Tron den angestammten König, der zu uns gehört, wie wir zu ihm, wieder
zurückzuführen. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegenträten, die Alle
ein Gefühl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen wäre, wenn es
sein muss, rühmlich zu unterliegen, aber nie von seinem Platze zu weichen, werdet
Ihr dann auch diese besiegen können? Und wird nicht vielleicht dies Gefühl sich
aller Länder bemeistern, die Frankreich in Fesseln hält? Und wäre es dann nicht
möglich, dass der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwände und Ihr Eure alte
Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lächeln,
lass uns nicht über Politik sprechen, ich darf Deine Äusserungen nicht anhören,
die nur Dich verderben können, ohne uns im Mindesten zu schaden. Ich will zu
Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist
und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht
die richtige war.
    Der Graf fühlte selbst, dass es besser sei, dergleichen Gespräche zu
vermeiden, und liess St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er
zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten
würden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung
zu gewähren, weil er sich nach dem, was vorgefallen war, der Gräfin gegenüber
unbehaglich gefühlt haben würde; auch seine Begleiterin erklärte, nicht
erscheinen zu wollen, und so waren die Männer dies Mal bei der Tafel allein, und
der General benuzte die grössere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn
etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmöglich
gemacht haben würde, und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen, wenn er solche
witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Mut
hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General fürchtete, und sich doch
empfindlich gekränkt fühlte, dass er seine geistliche Würde so verletzen lassen
musste.
    Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen,
indem er diesen an die früheren Zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris
verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem
Kreise gehört hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck,
dass der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete, der ist in jener
Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte
eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, dass kaum zwei oder drei als
Lebende bezeichnet wurden, die sämmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee
erreicht hatten.
    Es macht mich schwermütig, rief der Graf, wie vieles Leben untergehen muss,
um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen, und da beinah Alle, mit
denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit
nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit
wir uns trennten, nichts habe erfahren können. Was ist aus dem jungen Evremont
geworden.
    Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller
Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand plötzlich aus seinen Zügen, und es
schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge, wodurch auch die Wirkung
des Weins aufgehoben würde, denn ernst und nüchtern erwiederte er: Mit dieser
Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück, und
alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfüllte, droht mich von Neuem zu
ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann
damit über die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und
ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können. Du
verliessest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere
Revolution täglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres
Freundes, hiess es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerücht behauptete,
er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte man behaupten, er
sei abwesend, als er plötzlich in Paris erschien und sich allentalben
öffentlich zeigte. Er liess es sich gefallen, dass ihn Niemand mehr Graf, sondern
Alle Bürger Evremont nannten. Es war die Rede davon, dass er bei der Armee
angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete,
er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen, denn es
ergab sich, dass Vieles verkauft war. Ich teilte die allgemeine Ansicht, dass er
sich zur Condéschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an
ihn.
    Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris, und es war die traurige
Pflicht des Dienstes, in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu
besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner
Compagnie zu erfüllen. Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon
gefallen; ich hatte mich von dem scheusslichen Anblick abgewendet, und ich
begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem
Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die
geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen:
Evremont! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust; in demselben
Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, dass
alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich
nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertönte; auch meine Augen
folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend
weisse Arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau
mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertönte, und die Gestalt sank
zurück und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot
wendete, hatte unser unglücklicher Freund geendet, und sein edles Blut strömte
dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine
Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich
sonst mit ganzer Seele anhing, grässlich vor; ich beweinte unsern Freund mit
bittern Tränen, ich glaubte nicht, dass ich, nachdem ich dies erlebt hatte,
jemals wieder heiter werden könnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen
Freuden und Schmerzen? Ich überwand dies, wie vieles Andere und wurde wieder mit
dem Leben vertraut.
    Und jene unglückliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser Stimme.
    Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm
stand, erwiederte der General; seine Schwester aber war es nicht, fügte er
hinzu, die würde ich erkannt haben. dabei fällt mir ein, fuhr er lächelnd fort,
es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese Schwester mit Dir zu
verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn
doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Gräfin, Deine Gemahlin vielleicht -
    Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise
von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes, wie seiner
liebenswürdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach über
den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte
ich noch immer die Hoffnung, ich würde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal
plötzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermutet erschienst, so
träumte ich oft, würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich
als herzlicher Freund in seine Arme schliessen.
    Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lächelnd der
General.
    Sei nicht ungerecht, erwiederte der Graf, und tadele es nicht, wenn das
traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist
der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter Stimme fort, dass sie das
Edelste hinwegraffen, dass sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten
Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf
gleiche Weise vergiessen.
    Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun nicht dem grossen Geist
unendlichen Dank schuldig, der dies blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und
Sicherheit in alle Familien zurückkehren hiess und Frankreichs Söhne auf eine
Bahn des Ruhms leitete, so kühn, so glänzend, wie die Geschichte kein Beispiel
bietet?
    Es wäre ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Grösse nicht anerkennen
zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen, aber glaube mir, fügte
er lächelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urteil über Napoleon; dies müssen
wir der unparteiischen Nachwelt überlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart
befangen; diejenigen, die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt,
werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger
schonungslos drückt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die
Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich gross in Euerm Helden
erscheint, und auch anerkennen, dass er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher
Selbstsucht war.
    Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der
General empfindlich, und urteilst, ob Du gleich behauptest, dass wir nicht
urteilen können.
    Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiederte der Graf,
indem er freundlich die Hand seines Freundes fasste, jeder von uns müsste seine
Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern
übertreten sollte, darum lass es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in
dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt.
    Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder über
Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmassungen wiederkehren, wenn - Ich meine
gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als dass wir die Zeit unseres
Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du
Recht, erwiederte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr über Politik
sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise näher
zusammenrückt, als Du vorhin meintest.
    Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General
um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier
trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.
    Ich darf eigentlich gar nicht wissen, dass Sie hier sind, sagte der General;
da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Anteil
an den Gefechten nehmen können, so will ich Sie hier als krank zurücklassen und
Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben müssen, da wir übermorgen
weiter ziehen, um uns der grossen Armee anzuschliessen. St. Julien fühlte sich
beschämt und gekränkt, dass er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn
ängstigte der Gedanke, dass der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten
könnte, und er setzte ihm deshalb sein ganzes Verhältnis zum Grafen auseinander
und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort
verletzen könne.
    Der General hörte mit Rührung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig
die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet
worden. Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind
Sie gewissermassen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen;
auch bin ich überzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie
uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben.
Aber nun erklären Sie mir, schloss er seine Rede, wie kam es, dass man Sie,
getrennt von der Armee, in dieser hülflosen Lage einsam fand?
    Eine dunkle Röte bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und
stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht
entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen, sagte der General kalt,
die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein, dass sie sich aufrichtig
mitteilen lässt. Geben Sie mir morgen Ihren Brief. Hiemit entliess er den jungen
Mann, der, aufs Tiefste verletzt, sein einsames Zimmer suchte, um den Schmerz zu
verbergen, der sein Herz zerriss, da er sah, wie er von dem General verkannt
wurde, der offenbar zu glauben schien, dass wenig ehrenvolle Gründe ihn zum
Schweigen bestimmten.
    Der Arzt war indessen auf dem Schloss angekommen und berichtete, dass das
Unglück viel gelinder vorüber ginge, als man hatte vermuten können. Anfangs,
rief er, ja Anfangs, da sah es freilich übel aus; die Franzosen kamen wütend
wie die Tigertiere; Der forderte Wein, Jener wollte Braten und Fisch, und die
Verwirrung war grenzenlos, denn die armen unvernünftigen Bauern verstanden nicht
einmal, was ihre Gäste wollten; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prügeln, um sich
verständlich zu machen; die Weiber fingen an zu heulen; die Kinder kreischten
dazwischen; kurz, es war ein Getöse, als ob die Welt untergehen sollte. Zum
Glück war ich gegenwärtig, fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort; ich, der
niemals seine Pflichten versäumt, wenn die Erfüllung derselben auch mein Leben
in Gefahr bringen sollte, ich besuchte heute wie immer meine Kranken, und auch
zu dem Schmerzenslager drang das wüste Geschrei. Da ich nun französisch
verstehe, so konnte ich wie eine wohltätige Gotteit zwischen Feinde und Bauern
treten; ich bewirkte, dass die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten, indem
ich ihnen die Unmöglichkeit zeigte, dass der Bauer nicht geben könne, was er
nicht hat; und ich erklärte den Bauern die Bedürfnisse ihrer Gäste; diese hörten
auf zu prügeln, und die Weiber, statt zu heulen, deckten die Tische. Die Feinde
wurden guter Laune und die Gemüter näherten sich; dabei fand es sich, dass
einige Franzosen krank sind, die Feldapoteke ist aber schlecht versehen, und
der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit; auch hier kann ich
heilbringend dazwischen treten; ich habe, was er bedarf; ich werde ihm selbst
die nötigen Arzneien hinbringen, und er wird meinen Rat benutzen; den Bauern
aber habe ich befohlen, für Kraftbrühen für die Kranken zu sorgen.
    Auch dafür, sagte der Graf, wird besser hier im Schloss gesorgt werden
können.
    Das ist wahr, rief der Arzt, auch Feinde sind Menschen, die Wissenschaft
macht keine Unterschiede, ich muss sie wieder herzustellen suchen, und wollen sie
so undankbar sein, wenn sie durch meine Hülfe ihre Glieder wieder brauchen
können, sie zu unserem Schaden zu benutzen, so ist das ihre Sache, die sie
verantworten mögen.
    Der General war wieder zur Gesellschaft zurückgekehrt und hatte des Arztes
Bericht, von diesem unbemerkt, gehört. Er verstand im Ganzen seine Mitteilung
und lächelte über die seltsamen Geberden, womit er seine Rede begleitete. Jetzt,
rief der lebhafte Arzt, muss ich erst sehen, wie es mit Herrn St. Julien steht,
und dann zurück zu meinen Franzosen. Er wendete sich schnell und bemerkte nun,
dass der General dicht hinter ihm gestanden hatte, und da er, nachdem er sich
gewendet hatte, in die Augen des feindlichen Anführers blickte, so sprang er vor
Schrecken, St. Juliens erwähnt zu haben, drei Schritte zurück. Ich
Unglücklicher! rief er aus, welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen! Der
General, der ihn erriet, sagte: Beruhigen Sie sich, ich lasse Ihnen Ihren
Kranken, Sie sind ein braver Mann, wenn auch etwas sonderbar, lächerrlich würden
wir in Paris sagen, aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloss etwas
seltsam genannt werden.
    Der Arzt war erstaunt und empört zugleich, dass man ihn lächerrlich finden
könnte, und die dunkle Röte seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten,
dass er etwas Heftiges antworten wollte; der Graf, der ihn erriet, lenkte jedoch
seinen Zorn ab, indem er ihn erinnerte, dass er heute St. Julien noch nicht
besucht habe, und ihn auch bat, sich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen.
Der Arzt eilte hinaus, diese doppelte Pflicht zu erfüllen, und der General
sagte, als er den Saal verlassen hatte, zum Grafen: Das scheint eine gutmütige
Karrikatur. Du hast Deinen Haushalt recht vollständig auf den Fuss der guten
alten Zeit eingerichtet, denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte,
wie es scheint, zugleich einen Hofnarren.
    Wir müssen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lächelnd, unsere
gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen gut scheint, und haben
kein Recht oder wenigstens keine Macht, ihre Freimütigkeit zu beschränken.
    Nimm es nur nicht übel, sagte der General gutmütig, dass ich meine Meinung
ohne Umstände aussprach; aber gewiss muss man sich erst an die wunderlichen
Manieren Deines Arztes gewöhnen, ehe man seine guten Eigenschaften gehörig
würdigen kann, und mit einem Französisch ist der Mann behaftet, dass ich es, in
welcher Gegend der Welt ich auch war, noch niemals barbarischer vernommen habe.
    Und grade dies, sagte der Graf, ist sein Stolz. Er ist überzeugt, dass er wie
ein geborner Pariser spricht; sein Ohr hört gar keinen Unterschied.
    Nun siehst Du, erwiederte der General, Du musst seine Narrheit ja selbst
zugeben.
    Der Prediger konnte sich in der Nähe des Generals gar nicht behaglich
fühlen, und es war ihm also sehr erwünscht zu vernehmen, dass die Rückkehr nach
seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschloss daher, seine
Familie auf dem Schloss zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze
des feindlichen Generals am Sichersten glaubte, und kehrte mit dem Arzte nach
dem Dorfe zurück, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.
    Alles war hier in vollkommener Ruhe, die französischen Soldaten hatten sich
überzeugt, dass die Bauern bereit waren, sie so gut als möglich zu bewirten; da
sie die Vorräte der Häuser selbst untersucht hatten, so wussten sie, wie weit
sie ihre Forderungen ausdehnen könnten, und waren genügsamer geworden.
    Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu
spielen oder ihrem Wirte in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen. Einige
suchten sich eine Violine und einen Bass zu verschaffen, um in der Schenke zum
Tanze zu spielen; denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden
gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum
Tanze willig gemacht hatten; auch einige Mägde aus dem Dorfe waren überredet
worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu
eröffnen.
    Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom
Schloss gesendeten Kraftbrühen und durch den guten, ebenfalls von dort
erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten.
    Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien, die ihm sein deutscher
Kunstgenosse mitteilte, und der Prediger lud den deutschen wie den französichen
Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig
angenommen wurde.
 
                                      XIII
Der andere Tag ging ohne Störung und ohne merkwürdige Vorfälle vorüber. Den
folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter, um sich der grossen Armee
anschliessen. Das Geräusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war
verschwunden, und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das
Schloss nieder, als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nähe wüteten.
    Der Graf besuchte nun den Obristen Talheim, den er vom Schloss entfernt
gehalten hatte, so lange die Franzosen dort die Herren waren, denn der alte
Krieger würde nicht mit der nötigen Geduld den Anblick der übermütigen Sieger
ertragen haben. Er teilte ihm zum Troste die Nachricht mit, die sich anfing zu
verbreiten, dass endlich die Russen zum Beistande erschienen seien, und man
hoffte nun mit Gewissheit, dass Napoleons Macht an dem nordischen Koloss scheitern
würde.
    Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemüts nachteilig
gewirkt zu haben, denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern;
seine Wunden entzündeten sich von Neuem, und der Arzt geriet in Verzweiflung.
Emiliens Kummer war sichtbar, wenn der junge Mann so bleich und im Fieber
zitternd in der Gesellschaft erschien, und ihre fragenden, teilnehmenden Blicke
senkten Balsam in das verwundete Gemüt des Kranken. Der Graf und die Gräfin
bemühten sich liebevoll ihn aufzurichten, und Dübois verdoppelte Aufmerksamkeit
und Pflege. Selbst der Obrist Talheim bewies dem jungen Manne aufrichtige
Teilnahme und vermied es sogar, in seiner Gegenwart die Franzosen zu
verwünschen, so dass nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele
zurückkehrte. Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr
gelitten, als man Anfangs glaubte, und der Graf musste auch hier helfend
eintreten, wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten; er selbst erwähnte
seinen eigenen Verlust nicht, ob dieser gleich nicht unbedeutend war.
    So war das Weihnachtsfest herbeigekommen, und obgleich Jeder dem Andern
kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing, so waren
doch alle Gemüter zu sehr gedrückt, als dass eine allgemeine Heiterkeit hätte
stattfinden können. Die Feinde waren Herren des Landes, das von ihnen planmässig
ohne Schonung benutzt wurde; die Festungen waren in ihrer Gewalt, und Niemand
konnte es sich abläugnen, dass eine grosse Entscheidung nahe sei, denn, musste die
Macht Russlands vor der Napoleons weichen, so war es nur zu gewiss, dass er ohne
Widerspruch das Schicksal des unglücklichen Landes bestimmen durfte.
    Diese traurige Stimmung wurde noch erhöht, als die Nachricht von der
unglücklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete; beinah aller Mut und alle
Hoffnungen wurden erschüttert. Die langen traurigen Winterabende trugen dazu
bei, die Schwermut zu erhöhen. Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus
der Wirklichkeit hinweg zu flüchten, und in Poesie und Musik den Trost zu
suchen, den das Leben in der Gegenwart nicht gewähren konnte.
    Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht, die den 7 und 8
Februar bei Eylau geschlagen sein sollte. Das Gerücht verkündigte, die Russen
wären die Sieger und Napoleons Armee nach einem fürchterliche Blutbade
vernichtet. Wenn auch das menschliche Gefühl die auf Hohental vereinigten
Freunde zu schaudern zwang über den grässlichen Untergang so vieler Tausende, so
erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude; die Hoffnung regte
sich im Herzen; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes, und wenn man
auch ahnete, dass noch manche Kämpfe zu bestehen sein dürften, so fasste man doch
Mut nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glücks. Nur St. Julien
schlich bei der allgemeinen Freude hinweg; er fühlte mit innigem Schmerz die
Niederlage der Franzosen; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte, der
Sieg schien ihm gefesselt an die französischen Adler; er konnte sich die
Möglichkeit nicht denken, dass die dreifarbige Fahne rückwärts wiche, und er
hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten, die, wie er nicht
zweifelte, diesen ersten widersprechen würden. Aber sein Herz war geteilt, er
musste es sich gestehen, dass ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude
gewähren würde, weil er seine deutschen Freunde, an die ihn tausend zarte Bande
knüpften, so innig schmerzen musste.
    Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders
betrachten gelernt; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn, wie beinah alle
jungen Leute in Frankreich, Militärdienste genommen; es schwebte ihm dunkel das
Bild des glänzenden Ruhmes vor, den er, durch Napoleons Stern geleitet, gewinnen
wollte, ein strahlender Name in der Geschichte, und als Lohn im gegenwärtigen
Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich. Er hatte sich nie gefragt,
wesshalb diese Kriege geführt würden und welchen Zweck sie befördern sollten.
    Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden, der ihm
das Leben rettete, und hier öffnete sich sein Herz Gefühlen, die ihm dies Leben
verschönerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren; denn wie innig er seine
Mutter auch liebte, so fühlte er doch, dass er der Gräfin mit grösserer
Zärtlichkeit ergeben sei. Der Graf flösste ihm nicht nur die Liebe ein, die er
für einen Vater empfunden haben würde, wenn er jemals einen Vater gekannt hätte,
sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung; er war ihm das Vorbild eines
vollendeten edeln Mannes, dessen kleine Schwächen selbst seinen Charakter mehr
zierten, als entstellten. Sein empfängliches Gemüt öffnete sich dem Zauber, den
die Dichtkunst auf ihn übte, die er durch den Grafen in den Werken aller
Sprachen kennen lernte, und er empfand es lebhaft, welchen nie versiegenden
Quell der edelsten Genüsse ein gebildeter Geist in sich trägt. Und Emilie! Schon
der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen, jeder ihrer
Blicke, jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber; er fühlte die
glühendste Leidenschaft, die zärtlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es
zu hoffen, dass ein ähnliches Gefühl sich auch in ihrem Busen entzündet hätte.
    Unter diesen Umständen war ihm der Gedanke schrecklich, dies Haus, diese
Menschen je verlassen zu müssen, und doch war dies, sobald der Friede
geschlossen war, unvermeidlich, und er schloss sich seinen deutschen Freunden und
vor Allen Emilie nur um so inniger an, um über der beglückenden Gegenwart die
quälenden Sorgen für die Zukunft zu vergessen.
    Es konnte der Gräfin nicht entgehen, dass zwischen St. Julien und Emilie sich
das zarteste, innigste Verhältnis bildete; es erfüllte dies ihr Herz mit Sorgen
für die Zukunft ihrer jungen Freunde, und dennoch wagte sie nicht mit Emilien
darüber zu sprechen, weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt, wenn
man unbestimmten Gefühlen Wort und Gestalt gibt. Die jungen Leute ferner als
bisher von einander zu halten, liess sich ohne fühlbaren Zwang nicht machen, und
dieser würde ein Misstrauen, welches keines von beiden verdiente, gezeigt haben.
Es blieb also der Gräfin nichts weiter übrig, als von der Zukunft, wenn auch mit
sorgendem Gemüte, zu erwarten, wie das Loos ihrer jungen Freunde sich
entwickeln würde.
    Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde
mehrere Tage gelebt; da begann die Hoffnung, welche nach der Schlacht bei Eylau
erregt worden war, nach und nach zu sinken. Der Obrist Talheim, der sich am
lebhaftesten gefreut hatte, wurde zuerst bedenklich, da nach diesem grossen
Schlage keine Veränderung in der politischen Lage fühlbar wurde. Er fing zuerst
an den grossen Sieg zu bezweifeln, und bald konnte es sich Niemand mehr
verbergen, dass zwar ein grosses Blutvergiessen bei Eylau stattgefunden hatte, aber
dass es für keine Partei entscheidend gewesen war. Ein Schimmer von Hoffnung
erhielt sich noch; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kräftigen
Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeutenden Vorteile
gewonnen.
    Während solcher Spannung kam der Frühling heran. Die Wiesen bekleideten sich
mit zartem, frischem Grün; der würzreiche Duft der Veilchen schwebte in den
Tälern; tausend Blumen öffneten ihre Knospen und schimmerten der wärmenden
Sonne in allen Farben entgegen; die Bäche waren von den Banden gelöst, mit denen
sie der Winter gefesselt hatte, und schlängelten sich wie Silberbänder durch das
frische Grün; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die
silbernen Stämme, indes Buchen, Linden, Eichen und alle später sich belaubenden
Bäume ernstaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der
lauen Luft wiegten, gleichsam als ob sie das voreilige Tun der andern tadeln
wollten.
    Noch kein Frühling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzücken
erfüllt, als dieser, und Emilie behauptete, ihn in solcher Schönheit noch nie
erlebt zu haben; auch Teresens Seele öffnete sich dem holden Zauber, und die
jungen Leute vergassen allen Kummer der Welt, wenn sie auf den nahen Bergen umher
schweiften oder durch die blühenden Täler einem klaren Bache folgten, bis er
sich mit Brausen auf die Räder einer einsam gelegenen Mühle stürzte. Die älteren
Freunde genossen mit Sorgen die schönen Tage, denn trübe und schwül wie ein
Gewitter drückte die französische Macht das Land, und bange harrte man der
Zukunft entgegen.
    Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen, und wenige Tage danach
wurde der Waffenstillstand mit Russland geschlossen und gleich darauf der mit
Preussen. Jetzt mussten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben
werden, denn Jedermann konnte voraussehen, dass ein höchst nachteiliger Frieden
diesem Waffenstillstande folgen werde.
    In dieser Zeit hörte der Graf mit minderer Teilnahme, als wohl sonst in
seinem Charakter lag, die Berichte des Predigers, der schon früher, wie er es
versprochen hatte, Erkundigungen über alle Mitglieder der Hohentalschen Familie
hatte einziehen wollen, aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert
worden. Er konnte jetzt dem Grafen mitteilen, dass sein Verwandter, der den
Prozess gegen ihn habe einleiten wollen, in sehr bedrängten Umständen lebe, und
dass vermutlich das so wichtige Dokument, welches der alte Lorenz entwendet
hatte, nur dadurch in die Hände des Grafen zurückgekommen sei, weil sein Vetter
die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen können, um dem alten Lorenz
den Diebstahl zu bezahlen. Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner, dass
sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe, der in der Schlacht
bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem
tiefsten Kummer erfüllte, weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe.
    Der Graf beschloss nach diesen Nachrichten, sobald es die Umstände erlaubten,
mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann
nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen.
    Es war ein schöner, heitrer Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli, als
die Gräfin mit St. Julien und Emilie den Obristen Talheim besuchte, der so sehr
von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war, dass man für seine Gesundheit
fürchten musste. Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter
durchzusehen und versprach, den Uebrigen zu Pferde zu folgen. Eben waren seine
Geschäfte beendigt, eben wollte er befehlen, sein Pferd vorzuführen, als das
Schmettern eines Postorns, das ein vielfaches Echo in dem engen Tale weckte,
seine Aufmerksamkeit erregte. Er trat zum Fenster und bemerkte bald, wie ein
leichter, glänzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und
in den Baumgang einlenkte, der zu des Grafen Schloss führte. Der Wagen flog in
den Hof, zwei Bediente sprangen ab, um den Schlag eilfertig zu öffnen, und
heraus stieg der General Clairmont, der eilig die grosse Treppe hinauf sprang
und, ehe der Graf, der ihm entgegen ging, noch die Treppe erreichte, schon in
dessen Armen lag. Ich musste Dich noch sehen, mein guter, teurer Freund, rief
der General, indem er dem Grafen herzlich die Hände drückte; ich kann nur eine
Stunde bei Dir bleiben, ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris, und
ich machte den kleinen Umweg mit Freuden, um Dich noch ein Mal zu umarmen.
    Der Graf dankte ihm für seine Freundschaft, und da er nur einen so kurzen
Besuch ankündigte, so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft, und
beide Männer sassen bald in trauliche Gespräche vertieft, zu welcher Unterhaltung
der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug.
    Weisst Du, rief er endlich, wesshalb ich mit solchem Entzücken nach Paris
fliege? Es ist meiner Familie gelungen, eine Verbindung für mich zu schliessen,
die ich schon einleitete, ehe dieser Krieg ausbrach, und jezt werden meine
Wünsche gekrönt; eine der schönsten Damen in Paris ist meine Braut, jung, reich,
liebenswürdig, talentvoll und, sezte er mit Gewicht hinzu, von altem Adel. Und
die Schöne, die in Deiner Begleitung war? fragte der Graf lächelnd. Ach! rief
der General, die lustige Dirne ist fort. Ich wurde bei Eylau, wo es verdammt
heiss herging, verwundet, zwar nicht bedeutend, aber ich musste doch einige Wochen
zu Bettliegen; ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr, sie zeigte mir
grosse Liebe, übernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager, und
so kam es, dass ich, als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und
erwartete, sie werde wie gewöhnlich, mein Frühstück bereiten, erfuhr, sie sei
mit einem jungen Manne davon gegangen, der sich auch im Lager aufhielt und den
sie für ihren Bruder ausgegeben hatte. Als ich nachsehen konnte, ergab es sich
denn freilich, dass sie alles mitgenommen hatte, wozu sie hatten kommen können,
aber mag es sein, ich fluche ihrem Andenken deshalb doch nicht; da ich nun eine
ernstafte Verbindung schliessen will, so hätte ich sie doch von mir entfernen
müssen; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und
einen deutschen Pinsel damit beglücken.
    Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald die Gegenstände berührte,
die für Alle die wichtigsten waren, und als der Graf des Waffenstillstands
gedachte, rief der General: der Friede ist so gut wie geschlossen, und was ich
nimmermehr geglaubt hätte, Preussen besteht noch. Der frühere Plan Napoleons,
diese Monarchie gänzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen, ist
aus persönlicher Freundschaft für den russischen Kaiser von ihm aufgegeben
worden. Freilich, fügte er lächelnd hinzu, werdet Ihr unschädlich gemacht, die
Hauptfestungen bleiben in unsern Händen, eine Besatzung fürs Erste im Lande,
aber Ihr besteht doch als Monarchie, und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge
etwas Grosses zu nennen.
    Eine dunkle Röte des Zorns färbte die Wangen des Grafen, der in dem
leichtsinnigen Freunde einen höhnenden Feind zu erblicken glaubte; mit Mühe
hielt er sein Gefühl zurück und sagte mit unterdrückter Stimme: Es ist auch
etwas Grosses, dass Preussen noch besteht, und Wer weiss, was sich in der Zukunft
daraus entwickeln kann.
    Gewiss, fuhr der General scherzend fort, ohne des Grafen veränderte Stimmung
zu bemerken, Manches werdet Ihr Euch jetzt müssen gefallen lassen. Napoleon
verfolgt standhaft seinen Plan, England zu verderben, und da dieses Volk am
Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann, so müsst Ihr grossherzigen
Preussen dem Prohibitiv-Systeme beitreten und den Insulanern Eure Märkte
verschliessen; daraus folgt dann freilich, dass Eure alten Frauen und
Kaffeeschwestern Napoleon verwünschen werden, weil er ihre Genüsse stört, aber
dieser ohnmächtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschüttern.
    Gewiss, sagte der Graf, wäre es töricht und kindisch von uns, an so
armselige Genüsse zu denken, wenn das Vaterland untergeht, und mir scheint, es
haben die denkenden Geister so triftige Gründe, so tief gefühlte Ursachen, Eures
Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen, dass es dieser kleinlichen Dinge dazu
nicht erst bedarf. Aber auch dafür wollt Ihr sorgen, so scheint es, dass auch der
arme und beschränkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegründeten Hass
erinnert wird. Es ist ganz etwas anders, fuhr der Graf heftig fort, als er
bemerkte, dass der General ihn unterbrechen wollte, wenn einem Volke eine
Entbehrung auferlegt wird, die zu seiner Erhaltung dient, deren Notwendigkeit
es selbst fühlt und einsieht, und Frankreich wird vielleicht noch einmal
erfahren, welche Entbehrungen die Preussen erdulden können, um ihr Joch
abzuschütteln. In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wäre unmännlich
und verächtlich. Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnöde missbraucht,
wenn er, um unausführbare Plane zu verfolgen, den Armen selbst bis in seine
häuslichen Einrichtungen verfolgt und drückt, so wird diesem Armen das weitere
Nachdenken erspart und sein Hass wird ohne Geistesanstrengung genährt. So oft ein
Armer den jämmerlichen Genuss eines angewöhnten Getränks entbehren muss, so oft
die Frau eines in seinen Mitteln beschränkten Bürgers daran denken muss, ihren
Tisch so zu bestellen, dass sie den Zucker entbehren kann, eben so oft werden
alle diese Menschen fühlen, dass ein furchtbarer Despotismus sich auf uns
gelagert hat, und es wird der unerträgliche Druck, den Willkühr und Laune gegen
das äussere Leben üben, im Volke gewiss einen eben so lebhaften Abscheu, einen
eben so glühenden Hass entzünden, wie edlere Gründe bei dem gebildeten Teile der
Nation, und wenn Frankreichs Kaiser, wie aus einem Herzen, von allen diesen
Millionen verabscheut wird, so muss er unterliegen.
    Halt! sagte der General ernstaft, Dein Eifer führt Dich zu weit und Du
bringst Dich in Gefahr, ohne Deiner Sache zu nützen. Ich kann es mir denken,
wenn Ihr an Euerm König hängt, dass Euer Herz mit Kummer erfüllt ist. Ich sehe es
ein, dass Eure National-Ehre gekränkt ist und dies könnte auch einen Franzosen
zur Verzweiflung bringen, aber wenn ich Dir so viel einräume, so gib auch Du zu,
dass solche Rücksichten unsern Kaiser nicht hindern dürfen, sein grosses Ziel zu
verfolgen, und bedenke, dass die Zeit viel zu aufgeregt ist, als dass ungeahnet
Reden, wie Du sie führst, geduldet werden können; bedenke, dass Du Dich dann
nicht über Napoleon zu beklagen hast, wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglück
herbeiführen, und wenn, wie es scheint, fuhr er lächelnd fort, die
Kolonialwaaren zu Deiner Familienglückseligkeit notwendig sind, so bin ich der
Mann, der Dir persönlich die Freiheit verschaffen kann, so viel davon kommen zu
lassen, dass Du die Wohltat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst.
    Der Graf musste lachen, sich so wenig verstanden zu sehen; indes gab er dem
besorgten Freunde darin Recht, dass die gegenwärtige Zeit mehr Vorsicht
erheische, und er versprach ihm diese Vorsicht zu üben.
    Und nun, rief der General, lebe wohl! Meine Zeit ist gemessen, empfiehl mich
Deinen Damen, deren Anblick, wie es scheint, mir versagt bleiben soll, ich mag
als Feind oder Freund erscheinen, und doch gestehe ich, ich hätte gern der Frau
meine Huldigung dargebracht, die Dich Philosophen zu fesseln vermochte. Nachdem
er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte, eilte er die Treppe hinunter,
sprang in den geöffneten Wagen, und dahin flog die leichte Equipage durch den
Baumgang, und bald schmetterte das Postorn und weckte das Echo in dem engen
Tale von Neuem. Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach, bis
sich die Töne in der Ferne verloren.
 
                                      XIV
Es war ziemlich spät geworden, als der Graf endlich die Wohnung des Obristen
erreichte. Man war dort schon über sein langes Ausbleiben ängstlich geworden,
und Alle begrüssten ihn mit Herzlichkeit, da er in ihrer Mitte erschien. Der Graf
teilte die Ursache seiner verzögerten Ankunft mit, und die Gräfin war froh, dass
ein glücklicher Zufall sie begünstigt hatte, und sie, ohne dass es auffallend
erschienen, die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden können. Der
Obrist fragte ängstlich, ob der General nichts über den zu erwartenden Frieden
geäussert habe, und als der Graf ihm nun alles mitgeteilt hatte, was ihm selbst
bekannt war, rief der alte Krieger mit gefalteten Händen und den Blick gen
Himmel gerichtet: Gott sei gedankt, dass doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes
bleibt, aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann; in unserm unsäglichen
Elende müssen wir den Himmel für diese Gnade preisen. Uns bleibt doch auch unser
König, kein Franzose wird uns beherrschen. Ach! fuhr er mit Rührung fort, wenn
es möglich ist, dass die Verstorbenen von uns wissen, so muss es den grossen
Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen, zu sehen, wie das Werk seines
Heldenmutes und seiner Staatskunst untergeht, und durch wen? Durch dieselben
Franzosen, die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen
Untertanen vorzog.
    Der Graf bemerkte, dass er nur das Allgemeinste über den bevorstehenden
Frieden wisse, dass er aber gewiss mit Opfern aller Art werde erkauft werden
müssen, und dass zu befürchten sei, dass, wenn die eigne Kraft zu sehr geschwächt
würde, dann auch von Russland für die Zukunft nichts zu hoffen sei. Dies Unglück,
rief der Obrist, mag ich gar nicht denken, ich betrachte jeden Frieden mit
Frankreich nur wie einen Waffenstillstand, um neue Kräfte zu sammeln, und der
Kampf wird sich immer wieder erneuern, bis endlich der gemeinsame Feind erliegt.
    Da der Graf bemerkte, wie peinlich für St. Julien die Unterhaltung wurde, so
suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte
den Obristen, ob er sich nicht freuen würde, vielleicht nach dem Frieden den
jungen Grafen Hohental wieder zu sehen, da er gehört habe, er sei früher mit
ihm bekannt gewesen? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachteilige
ein, was der junge Graf so oft über seinen Oheim und dessen Gemahlin geäussert
hatte, und er antwortete daher mit Befangenheit, wohl würde es ihn freuen, mit
dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen, der so oft die trüben Tage seiner
Einsamkeit erheitert habe. Der Graf fragte über den Charakter seines jungen
Vetters, und obwohl der Obrist nur lobend sich über ihn äusserte, so geschah dies
doch mit so vieler Zurückhaltung, dass der Graf misstrauisch wurde und glaubte,
der Obrist wollte nur aus Schonung für ihn nichts Nachteiliges über seinen
Verwandten sagen.
    Teresens Wangen glühten, sie konnte die Zurückhaltung ihres Vaters nicht
begreifen; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar
zu sein; sie wusste, wie er über den jungen Grafen dachte, und nun war sein Lob
so kalt, so gemessen, dass es beinah wie Tadel klang. Ach, hätte sie das Bild des
jungen Mannes entwerfen dürfen, wie es in ihrer Seele lebte, der Graf würde dann
nicht ein so gleichgültiger Zuhörer gewesen sein. Wie oft in den Stunden der
bittersten Not hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt, wie auf einmal der junge
Held erscheinen, und durch ihn alles unsägliche Elend in Glück und Freude
verwandelt werden würde, und nun, da sie ihn mit solcher Kälte musste loben
hören, schien es ihr, als ob die zärtlichen, sinnigen Augen ihres Freundes zu
ihr hinüber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten.
    Die Gesellschaft trennte sich spät und kehrte in einer schönen, warmen,
mondhellen Nacht nach Schloss Hohental zurück. Hier erfuhr der Graf, dass der
Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewünscht habe; auch
berichtete Dübois, dass der geistliche Herr versprochen habe, des andern Tages in
der Frühe wieder zu erscheinen. In der Tat war die Gesellschaft am andern
Morgen auch kaum versammelt, als der Pfarrer eintrat, und nach den ersten kurzen
Begrüssungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte,
die General Clairmont mitgebracht habe, dessen kurzer Besuch auf dem Schloss dem
Pfarrer schon bekannt war. Der Graf musste das schon öfter Mitgeteilte
wiederholen, und weder der Prediger noch der Arzt, der auch hinzugetreten war,
konnten viel Tröstliches in diesen Nachrichten finden. Der Krieg, sagte der
Prediger endlich, hat uns viel Unglück gebracht, und von dem Frieden, scheint
es, dürfen wir wenig Gutes hoffen; indes wird doch wenigstens dann wieder ein
geregelter Gang der Geschäfte eintreten; die Menschen werden sich doch regen und
wieder erwerben können, und das ist bei der jetzigen allgemeinen Not immer
schon ein grosser Trost. Ich werde dann auch wieder für Manche etwas tun können,
um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und auch unserem Schulzen hier
kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen, wenn alle Behörden
erst wieder in Tätigkeit sind. Recht! rief der Arzt, nicht die Sache der
Menschheit aufgegeben, durch keine Not, durch kein Drangsal darf ein edler
Geist dahin gebracht werden, auch ich will meine Studien fortsetzen, und wenn
der Friede eintritt, werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr
fehlen; der Verkehr der Geister wird wieder frei.
    Der Graf bewunderte schweigend, welche Armseligkeiten die meisten Menschen
zu trösten und zu beruhigen vermögen, und durch welche unbedeutenden Gegenstände
ihr inneres Auge von den grossen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird.
    Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt, und jeder Preusse konnte
nicht anders als mit heissem Schmerz die tiefe Herabwürdigung des Vaterlandes
betrachten, die in diesem Frieden lag. Er war so drückend, dass es beinah wie
Spott klang, diese Uebereinkunft Friede zu nennen. Beinah unerschwingbare Summen
mussten bezahlt werden, die Hauptfestungen blieben in Französischen Händen, eine
Besatzung im Lande, und das Preussische Heer musste bis zur Unbedeutenheit
vermindert werden.
    Ueber die gefurchten Wangen des Obristen Talheim flossen heisse Tränen, als
er die Bedingungen dieses Friedens las. Es ist vorbei, rief er dem Grafen zu,
Preussen ist verloren, die Bedingungen können nicht erfüllt werden, dann haben
die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren, und wenn durch ein Wunder
Alles sollte erfüllt werden können, so bleibt es immer der Grossmut der Feinde
überlassen, ob sie gehen wollen, denn wir behalten keine Armeen, sie zu
vertreiben.
    Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war, suchte er doch seinen alten
Freund aufzurichten, indem er ihn darauf aufmerksam machte, dass gerade aus
dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln könne, die Niemand noch ahnete.
Die nächste Sorge, schloss er, wird sein müssen, die Summen herbei zu schaffen,
die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind, und dies, mein teurer Freund,
fürchte ich, wird noch vieles Unglück herbeiführen, denn durch diese Anstrengung
werden unzählige Familien verarmen, und doch sind sie durchaus notwendig, damit
die Feinde aus Berlin weichen und der König wieder in der Mitte seiner
Untertanen sein kann.
    Ach mein armer König! rief der Obrist, wie muss sein edles Herz bluten, wenn
er all das Elend betrachtet, das auf seinen Kinder ruht, denn er liebt sein
Volk; er hat das Herz eines Vaters für unsere Leiden, und mit welchen Schmerzen
fühlt gewiss die Königin die allgemeine Not.
    Wir müssen, sagte der Graf, das edle Beispiel nachahmen, das unser
Königshaus uns gibt. Der König hat seinen Haushalt auf's Äusserste beschränkt,
um die allgemeine Last so viel als möglich zu erleichtern. Wenn wir Alle uns auf
das Notwendigste beschränken und alles Ueberflüssige zum Besten des Staats
verwenden, so lässt sich hoffen, dass vielleicht den drückenden Verpflichtungen
genug getan werden kann.
    Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick, fasste dann
seine Hände und sagte mit bebender Stimme: Der König kann nichts mehr für den
Einzelnen tun, es wäre Wahnsinn, es noch zu hoffen; also, teurer Graf, werden
Sie niemals den kleinsten Teil aller für mich gemachten Auslagen
zurückerhalten.
    Sind wir denn noch so kalte Freunde, sagte der Graf in dem Tone sanften
Vorwurfs, dass Sie an diese Armseligkeit denken und sich darüber Sorge machen?
Lassen Sie uns jetzt den Kummer über unser Vaterland teilen, aber auch die
Hoffnung für die Zukunft nicht ganz aufgeben.
    Die Freunde trennten sich, und obwohl der Obrist tief über sein Vaterland
trauerte, so segnete er doch sein Geschick, das ihm einen Freund zugeführt
hatte, der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zurückgezogen hatte, in welchen
er beinahe versunken wäre, und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte.
Unwillkührlich wurden seine Gedanken Worte, und er rief, indem er die Hand der
Tochter drückte: Ja, er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn! Die Tochter
verstand sein Gefühl und drückte einen Kuss auf die väterliche Hand.
    Wenige Tage, nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war, erschien der
Baron Löbau auf Schloss Hohental, um den Grafen, seinen Nachbar, wie er sagte,
freundschaftlich zu besuchen. Man bemerkte aber bald, dass mit diesem Besuche
noch eine Absicht verbunden sei, und dass er das Gespräch mannigfach wendete, um
mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke näher zu rücken; endlich äusserte er,
da doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei, so schiene es ihm passend,
eine anständige Freude darüber zu bezeigen.
    Und aus welchem Grunde, fragte der Graf, kann uns dieser Friede erfreulich
scheinen?
    Einmal, sagte der Baron mit Verlegenheit, ist doch das Blutvergiessen
geendigt, und dann, teurer Graf, bester Nachbar, die Klugheit fordert es, dass
wir uns erfreut darüber zeigen, dass wir unsern König behalten. Welcher
preussische Untertan, entgegnete der Graf, hat hierüber wohl ein anderes Gefühl,
und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen?
    Ganz gut, sagte der Baron mit wichtiger Miene, aber leider trifft man nicht
auf lauter Männer von Ehre. Ich muss es sagen, ob es mich gleich schmerzt, man
hat nur zu viel darüber gesprochen, dass Sie, mein bester Nachbar, ein heimlicher
Anhänger der Franzosen wären, des guten Herren St. Julien wegen, der bei Ihnen
im Hause lebt. Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt, ich habe
also allentalben widersprochen, überall Ihre Partei genommen, aber was ist die
Folge davon gewesen? Nichts anderes, als dass man mich für Ihren Mitschuldigen
erklärt. Wir müssen also durchaus etwas tun, die Gemüter zu versöhnen, wenn
uns diese Ansicht nicht höchst nachteilig sein soll; kurz, wir müssen ein
Friedensfest veranstalten, zuerst mag dies bei Ihnen geschehen, dann bei mir.
    Ich bin gern bereit, sagte der Graf mit Heftigkeit, alle meine Nachbaren und
Freunde bei mir zu sehen, aber unmöglich kann ich sie unter dem Vorwande
versammeln, als wolle ich mich mit ihnen über einen Frieden erfreuen, der mein
Herz mit dem tiefsten Kummer erfüllt.
    Tun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen, sagte der Prediger, der zu
der Gesellschaft hinzugekommen war, aber ich glaube selbst, dass es gut ist, wenn
Sie sich Ihren Nachbarn mehr nähern, denn ich kann nicht läugnen, dass die
nachteiligen Gerüchte, welche der Herr Baron erwähnte, wirklich bestehen, und
es ist das letzte Mittel, um zu zeigen, dass man nichts Verdächtiges in seinem
Hause hegt, wenn man es einer grossen Gesellschaft öffnet.
    Wenn es denn sein muss, sagte der Graf empfindlich, dass ich, um mich von
Verdacht zu reinigen, meine Nachbarn bewirte, so mag ein solches Reinigungsfest
in des Himmels Namen stattfinden, ich will mich nicht weigern; aber als
Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen.
    Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes, sagte der Prediger, man wird Ihnen
auf jeden Fall dankbar sein, wenn Sie anfangen, die Gesellschaft wieder zu
vereinigen, wodurch den Menschen ein Uebergangspunkt von der langen drückenden
Traurigkeit während des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird.
    In einigen Tagen, sagte der Graf, fällt der Geburtstag der Gräfin ein; ich
werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten, so gut es auf Hohental gehen
will.
    Schön, sagte der Baron; dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die
Gesundheit des Königs getrunken werden, der Lärm, das Jubeln dabei muss so laut
als möglich getrieben werden, um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen. Bei
mir bleibt es ein Friedensfest, ich beabsichtige damit Mancherlei, worüber ich
mich jetzt noch nicht erklären kann. Mit schlauem Lächeln entfernte sich der
Baron, nachdem er seine Absicht erreicht hatte. Der Graf hatte nur ungern
nachgegeben, ihm schien es nicht anständig, eine laute Freude zu bezeigen bei so
viel Ursache zum Kummer; auch glaubte er, selbst die Summe, die für ein solches
Fest aufgewendet werden müsste, könne im gegenwärtigen Augenblick besser benutzt
werden; indes, da nun einmal das Versprechen gegeben war, so wurden Einladungen
weit und breit versandt. Die Gräfin und Emilie ordneten mit Dübois an, wie die
Genüsse dieses Festes aufeinander folgen sollten, und der alte Haushofmeister
sorgte viel zu eifrig für die Ehre des Hauses, als dass nicht durch ihn die
Wirtschafterin und die Köche gehörig in Tätigkeit gesetzt worden wären.
    Während der Beschäftigungen des Schlachtens, Backens und aller anderen
Vorbereitungen, die ein grosses Fest auf dem Lande erfordert, konnte es der Graf
nicht lassen, seinem Missmute dadurch Luft zu machen, dass er zuweilen mit St.
Julien darüber scherzte, wie mühselig diese Anstalten zur Freude wären, bei
denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe. Der junge Mann gab
ihm Recht, und die Gräfin bemerkte: Es gibt überhaupt sehr wenige
Festlichkeiten, bei denen der Genuss im Verhältnis zu der Mühe stände, die die
Anstalten dazu verursachen.
    Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt, als der
Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte. Ich kann es mir nicht erklären,
sagte der Geistliche, ich habe hier noch einen Brief, der ist von dem alten
Lorenz, worin er mich ersucht, ihm seine Pension, die Sie ihm auszahlen, zu
übermachen; er fügt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei, und mit demselben
Boten kommt der Brief an Sie, und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres
Herren Vetters, der mir versichert, der alte Lorenz sei dort auf dem Schloss;
auch ist der Brief an Sie mit dem Hohentalschen Wappen gesiegelt.
    Der Graf öffnete dies Schreiben, und es fand sich, dass es von seinem Vetter,
dem jungen Grafen, war, der ihm meldete, dass er schon lange das Verlangen gehegt
habe, ihm, als seinem Verwandten, seine Hochachtung zu bezeigen, und da nun
durch die grosse Reduktion der Armee er für jetzt verabschiedet sei, so glaube
er, die Musse, die ihm dadurch geworden, nicht besser benutzen zu können, als
wenn er diesen lang genährten Wunsch befriedige, und so kündigte er sich hiemit
für einen der nächsten Tage auf Hohental an.
    Der Brief war mit so grosser Zurückhaltung und trockner Kälte geschrieben,
dass er keine gute Meinung für den Verfasser bei dem Grafen erregte, denn er
dachte: Ist es für ihn ein so lästiger Zwang, mich zu besuchen, so hätte er es
ja unterlassen können, da ihn Niemand dazu aufgefordert hat; macht er aber die
Reise trotz seines Widerwillens, so muss eine Absicht damit verbunden sein. Indes
verschwieg der Graf diesen Gedanken und äusserte bloss gegen den Prediger, dass es
ihn freue, seinen jungen Vetter kennen zu lernen, der ihm seinen Besuch
ankündigte. Ich konnte nicht darauf kommen, setzte er hinzu, ihn zu unserm Feste
einzuladen, da ich nicht wusste, dass er schon bei seinen Eltern ist, und auch die
Entfernung zu gross ist, als dass man ihn zu den Nachbaren rechnen könnte; der
Weg, den er zu machen hat, muss schon eine Reise genannt werden, und ich hoffe
deshalb, er wird sich länger bei mir aufhalten wollen, wenn er auch noch zu
unserm Friedensfeste kommen sollte.
    Ich begreife nur nicht, was der alte Lorenz dort macht, sagte der
Geistliche. Da er kein Dokument mehr verkaufen kann, sagte der Graf mit einiger
Bitterkeit, so lassen Sie ihn treiben, was er will. Er händigte hierauf dem
Geistlichen die halbjährige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen
Quittung ein, der darauf den Boten am andern Tage zurückzusenden versprach.
    Es war am Vorabende des grossen Festes, alle Anstalten waren beendigt, und
man konnte nun dem verständigen Dübois die Ausführung ruhig überlassen. Jetzt,
sagte die Gräfin scherzend zu Emilie, die eben etwas erhitzt und ermüdet
eintrat, fängt das Fest für uns schon an; nun brauchen wir für nichts mehr zu
sorgen, jetzt ruht die Bürde allein auf Dübois Schultern, der das grosse Werk
gewiss zu unserer Zufriedenheit ausführen wird; also setze Dich nun zu uns und
lass uns einmal wieder ein vernünftiges Gespräch führen, wozu seit gestern kein
Mensch hat kommen können.
    Emilie wollte eben antworten, als man einen Wagen vorfahren hörte. Um Gottes
Willen! rief St. Julien, es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon
heute. Man eilte zu den Fenstern; der angekommene Fremde war schon ausgestiegen,
indes der leichte, kleine, mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen,
der Knabe von funfzehn bis sechszehn Jahren, der zugleich Kutscher und Bedienter
zu sein schien, dies Alles deutete auf keinen vornehmen Gast. Die Gesellschaft
wendete sich eben nach dem Saale zurück, als Dübois die Flügeltüren öffnete und
mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief: der Herr Graf von Hohental.
Der Angekündigte trat ein, und Aller Augen waren auf einen jungen Mann
gerichtet, dessen edler Anstand für ihn hätte einnehmen können, wenn nicht dem
schönen, ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hätte.
Er war blass und mager nach überstandener Krankheit und Anstrengung. Zwischen
seinen Augenbraunen ruhte ein Zug, den man hätte feindlich nennen können, wenn
nicht die Augen einen Trübsinn ausgedrückt hätten, der zuweilen bis zur wilden
Verzweiflung gesteigert schien.
    Er näherte sich dem Grafen und sagte, indem er sich mit Kälte verbeugte, er
habe den Wunsch nicht unterdrücken können, ihm seine Aufwartung zu machen, und
sei schon so frei gewesen, ihm diesen Vorsatz in einem früheren Briefe
anzukündigen. Der Graf erwiederte eben so kalt, dass es ihn herzlich freue, einen
Verwandten bei sich zu sehen, dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewünscht
habe; er stellte ihn hierauf der Gräfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen
bekannt.
    Der Gräfin verursachte das Feindliche in der Stellung, welche die beiden
Verwandten gegen einander annahmen, die grösste Pein, und durch einige herzliche
Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nähern, auf die dieser indes zwar
höflich aber mit schroffer Kälte antwortete. Vor St. Julien, als der Graf ihn
nannte, beugte er sich kaum merklich, ohne ein Wort zu sagen, der junge Franzose
erwiederte den Gruss, wie er ihn empfing, und in wenigen Minuten war eine
allgemeine und gründliche Verstimmung entstanden.
    Um ein Gespräch anzuknüpfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines
neuen Gastes und bedauerte, dass er so viele Jahre ausser aller Verbindung mit
seiner Familie gelebt habe, so dass ihm alle Verhältnisse derselben fremd
geworden wären. Der junge Graf schoss einen feindlichen Blick auf die Gräfin und
sagte, die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein grosses Unglück
beklagt worden.
    Ich wüsste nicht, sagte der Graf, dem der Blick nicht entgangen war,
empfindlich, welch Unglück ich dadurch für Verwandte herbeigeführt hätte, die
ich kaum in meiner Jugend gekannt habe. Ich fühle wohl, erwiederte sein Vetter,
dass diese Erklärung nur mein Vater geben könnte, und dass er sie nicht in
Gegenwart von Fremden geben würde. St. Juliens Auge glühte, er stand auf und
wollte den Saal verlassen. Wo wollen Sie hin, mein bester St. Julien, sagte der
Graf, indem er ihm mit Zärtlichkeit die Hand bot, Sie wissen, wie lieb mir Ihre
Gesellschaft ist, warum wollen Sie uns also verlassen? St. Julien setzte sich
wieder, der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt, und es entstand ein
drückendes Schweigen.
    Die Gräfin versuchte es von Neuem, das Gespräch wieder zu eröffnen, aber
alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert, wie es der
Anstand nur irgend erlaubte. Der Graf verlor beinah die Geduld, doch da er
dachte, dass das Kommen seines jungen Vetters gewiss einen Zweck habe, so tat er
sich selbst Gewalt an, um wo möglich diesen kennen zu lernen. Es waren nach und
nach alle Gegenstände vergeblich berührt worden, durch die man hoffen konnte,
ein Gespräch einzuleiten, und der Graf tat nun als letztes Hülfsmittel einige
Fragen über den Krieg.
    Ein schmerzliches, fast höhnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen
Grafen. Wie glücklich, sagte er, dass Sie hier den Krieg nicht erlebt haben, dass
Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege können erzählen lassen, und
abwechselnd Freunde und Feinde bewirten. Ich will Ihnen nur eine Geschichte aus
dem Kriege erzählen, und Sie werden für Ihre Ruhe dem Himmel danken. Ein junger
Offizier, mein Freund und Waffenbruder, ging mit mir zugleich zum Regiment, und
machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswürdigen Schwestern
bekannt, die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten. Wir hatten uns kaum
entfernt, so hörten wir, die Franzosen hätten es genommen und geplündert. Mein
unglücklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen; bald darauf wurde das
Schloss von den Preussen genommen, welche die Not zwang, ohne Rücksicht für die
Bewohner die noch übrigen Vorräte zu benutzen. So zogen fünfmal abwechselnd
Feinde und Freunde hindurch, bis auch unser Korps wieder in die Nähe gedrängt
wurde. Auf dem väterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die
Saaten bei einem blutigen Scharmützel; die Feinde zogen sich zurück, aber mein
Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen, auf seinem
eigenen Boden. Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Väter
und fand es öde, aller Mobilien beraubt, die Fenster zerschlagen, von allen
Bewohnern verlassen; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine
weisse, bleiche Gestalt, die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem
Lächeln auf die Leiche ihres Bruders deutete, der schon gestorben war. Es war
die jüngste Schwester meines Freundes; die Mutter und die beiden älteren waren
todt, und diese durch Hunger und jede Misshandlung wahnsinnig geworden. Dies ist
der Krieg, schloss der junge Graf, von dem sich hier freilich keine Spuren
zeigen.
    Die Gräfin verhüllte bei dieser grässlichen Geschichte das Gesicht, Emiliens
Tränen flossen unverborgen, und auch die männlichen Zuhörer waren tief
erschüttert. Der Graf glaubte, dass die allgemeine Teilnahme, die sein Vetter
bemerken musste, diesen geneigter machen würde sich anzunähern, aber im
Gegenteil schienen durch die erzählte Begebenheit Gefühle in ihm erregt zu
sein, die ihn noch feindlicher stimmten. Er äusserte sich in so starken
Ausdrücken über die Franzosen, dass es der Graf nicht mehr hinderte, als St.
Julien den Saal verlassen wollte, und sich selbst mit den übrigen Hausgenossen
sobald als möglich zurückzog, um Gespräche mit seinem Vetter zu endigen, die zu
leidenschaftlich von diesem geführt wurden.
 
                                       XV
Während die Gesellschaft im Saale versammelt war, war Dübois noch für das Fest
des folgenden Tages beschäftigt, und die Anordnungen, welche er machte, führten
ihn durch alle Gänge des Hauses. So ging er auch an dem Zimmer vorüber, in
welchem die Bedienten versammelt waren, und hörte, wie ihm ein verwirrtes Getöse
von Lachen, Weinen, Schelten und Fluchen daraus entgegen tönte. Entrüstet
öffnete der alte Haushofmeister die Türe, um sich nach der Ursache des
unziemlichen Lärmens zu erkundigen. Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht
sogleich, und er sah, wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und
erhitzen Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rücken gegen die
Wand lehnte; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend
ein blinkendes Messer. Schurken! rief er mit von Wut entstellter Stimme, wagt
es, und der erste, der mir naht, dem stosse ich dies Messer in die Brust.
Entsetzt sprang Dübois vor und rief: Um Gottes Willen, was geht hier vor? Soll
ich Mord hier im Hause erleben? Die Bedienten wichen zurück, und der Lärm
verstummte, auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen, ob gleich die Hand noch
das Messer hielt. Junger Mensch, fuhr Dübois fort, sich zu diesem wendend, was
konnte Dich zu solcher Wildheit reizen, dass Du in Deiner zarten Jugend ein
Mörder zu werden drohst? Herr, erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme, indem
seine Wut sich in Wehmut auflöste und die hellen Tränen über seine Wangen
flossen, Sie wissen nicht, wie mich diese Menschen reizten. Ich gehöre nicht zu
ihnen, drum hielt ich mich abgesondert. Nun fingen sie an mich zu necken, meine
Dürftigkeit zu verlachen und über meine Kleidung ihren Spott zu treiben; da
verlor ich die Geduld und sagte ihnen, was meine ernstliche Meinung ist, dass ich
lieber sterben wollte, als eine Livree tragen, wie sie, wenn sie auch noch mehr
Gold an sich hätten; drauf wurden sie wütend und wollten mich schlagen, und so
kam es, dass ich, um mich zu verteidigen, - hier stockte der Knabe, seine Hand
liess das Messer fahren, und er blickte mit Beschämung vor sich nieder.
    Und wenn Du nun so unglücklich gewesen wärest, in diesem törichten Streite
einen jener unnützen Schufte zu tödten, fragte der alte Mann, und seine blutende
Leiche läge jetzt vor Dir, würdest Du dann nicht verzweifeln. Ich habe Unrecht,
sagte der Knabe, aber sollte ich mich denn schlagen lassen? Der Haushofmeister
wusste keine Antwort zu geben, denn sein eigenes Ehrgefühl sagte ihm, dass der
Knabe schwer gekränkt worden sei, und doch wollte er keine gewaltsame Handlung
entschuldigen. Er wendete sich deshalb zu den Bedienten und sagte: Euer Betragen
werde ich dem Herrn Grafen melden, und ich bin überzeugt, dass Ihr eher alle aus
seinem Dienste gejagt werdet, ehe er es duldet, dass ein Gast seines Hauses, ein
Verwandter in seinem Diener beleidigt wird. Du, mein Sohn, sagte er zu dem
Knaben, komm von diesen Menschen hinweg, Du sollst in meinem Zimmer bleiben, bis
Dein Herr Deiner bedarf. Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und
führte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg.
    Das fehlte noch, sagte einer der Zurückbleibenden, dass wir um des
Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlören; aber Du, Johann, hast den Lärmen
angefangen, bekommt es uns schlecht, so gehn wir über Dich her. Der Beschuldigte
wollte sich verteidigen, es wurde Partie für und wider ihn genommen, und es war
nah daran, dass der Streit ernstaft erneuert wurde, wenn nicht ein Jäger, der
Vernünftigste der Gesellschaft, dringend zum Frieden ermahnt hätte. Seinem Rate
beschloss man auch einmütig zu folgen, und man wollte Dübois, ehe er am andern
Morgen den Grafen sprechen könnte, vermögen, die Sache zu verschweigen, und sich
mit dem Knaben zu versöhnen suchen, damit auch dieser nicht bei seinem Herrn
sich beklage.
    Dübois hatte den Knaben auf sein Zimmer geführt und fragte ihn hier: Hast Du
schon zu Abend gegessen, mein Kind? Nein, sagte der Knabe, da ich mich nicht
unter die Bedienten mischen wollte, so hat mir auch Niemand etwas angeboten. Der
Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine
kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast. Der Knabe fing unter stillen Tränen
an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine. Als er seine
Mahlzeit beendigt hatte, sagte Dübois: Und nun, mein Sohn, erzähle mir doch,
wesshalb Du nicht zu den Bedienten zu gehören glaubst. Sie sind ein so guter
Herr, sagte der Knabe zutraulich, recht wie einem Vater könnte ich Ihnen
vertrauen, mit Ihnen kann ich gern über alles Unglück sprechen, das ich schon
erlebt habe, so jung ich auch noch bin. Mein Vater war ein gelehrter Mann, aber
weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte, so konnte er auch nicht auf
eine Universität gehen und studieren, wie es sein Wunsch war, also konnte er
auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an, wobei er sich auch
recht gut stand. Es war ein schönes, grosses Dorf und hiess Schönau, wo wir
wohnten, ein anderes Dorf gehörte auch zu unserer Kirche, und mein Vater hatte
eine reiche Einnahme. Die Bauern ehrten ihn als einen Mann, der beinah gelehrter
war als der Prediger selber; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater, und Beide
waren recht grosse Freunde; selbst, wenn der gnädige Herr auf dem Schloss war,
so lud er niemals den Prediger zu Tische, ohne auch meinen Vater zu bitten; so
ging Alles recht schön und gut; mein Vater unterrichtete mich sorgfältig und
sagte oft zu mir: Du, Gustav, musst Alles nachholen, was ich aus Armut habe
versäumen müssen, denn Gottlob! ich habe so viel, dass ich Dich auf eine
Universität werde schicken können.
    So war ich etwa zehn Jahre alt geworden, da starb meine gute Mutter, die
schon lange kränklich gewesen war. Sie können wohl denken, dass ich sie herzlich
und lange beweinte; auch mein Vater trauerte tief über ihren Verlust, und wir
wären vielleicht noch länger in unserm Kummer versunken geblieben, wenn nicht
der Prediger so viel getan hätte, uns zu trösten. Nachdem ein Jahr vergangen
war, heiratete mein Vater eine Verwandte des Predigers, und ich war am
Hochzeitstage recht betrübt; denn manche alte Bäuerinnen hatten mir gesagt: Nun,
Musje Gustav, nun werden Seine guten Tage vorbei sein, nun kommt eine
Stiefmutter ins Haus, nun wird Alles anders gehen. Aber es war nicht so; meine
Stiefmutter war so gut, ach! so gut, wie es nur immer eine wahre Mutter sein
kann. Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause, aber viel besser. Meine
verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kränklichkeit nicht mehr recht für Alles
sorgen können; nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrübnis um das
Hauswesen gar nicht bekümmert, und so lebte nun Alles wieder bei uns auf; wir
hatten feinere Wäsche, bessere Kleider, unser Haus wurde aufgepuzt, im Garten
prangten die schönsten Blumen; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste, so
bewirteten wir ihn eben so anständig, wie er uns. Seine Söhne waren meine
Freunde und Spielkameraden; mein Vater war mit meinem Fleiss zufrieden, und ich
war recht glücklich bei meinen Eltern.
    So ging es fort, bis mir ein Schwesterchen geboren wurde. Nun sagten die
bösen Weiber wieder, nun wird es aus sein, nun hat die Stiefmutter selber ein
Kind, nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kümmern; aber es war nicht wahr.
Ich liebte mein Schwesterchen herzlich; ach! lieber Herr, es war ein Kind wie
ein Engelchen, es war eine Belohnung für mich, wenn es die Mutter in meine Arme
gab, und hätten Sie nur dies Kind gekannt, fuhr der Knabe mit Tränen fort,
hätten Sie nur gesehen, wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten, wie
lieblich der rote Mund im Lächeln die weissen Zähnchen zeigte! Jeder Mensch
musste dies Kind lieben, und doch sprach meine Mutter immer so, als ob es eine
besondere Tugend von mir wäre, dass ich mein Schwesterchen so liebte, und die
gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafür noch zärtlicher gegen mich.
    Sehn Sie, so gut, so glücklich war Alles, und so blieb es, bis ich beinah
funfzehn Jahre alt war; nun sagte mein Vater: Gustav, nun musst Du nach
Königsberg auf die gelehrte Schule, und bist Du da recht fleissig gewesen und
hast alles Erforderliche gelernt, dann kannst Du dort gleich die Universität
beziehen, und wenn Du brav und fleissig bleibst, so kann ich noch Freude und Ehre
in meinem Alter durch Dich erleben.
    Sie können wohl denken, dass ich mit Tränen von meinen Eltern schied, aber
doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien, als es auf dem
Lande ging. Mein Vater begleitete mich selbst nach Königsberg, und ich sah es
wohl, dass er mich recht mit Stolz betrachtete, als man mich nach dem Examen
gleich nach Sekunda setzte. So trennten wir uns, und ich blieb nun einsam in
Königsberg zurück und dachte mit Eifer zu studiren. Aber ach! das Glück war bald
zu Ende; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten, mein liebes Schwesterchen
sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden.
Der Krieg war ausgebrochen, und mein Vater sagte, dass er uns ganz trennen
könnte. Er befahl mir daher, die Reise nach Schönau mit einem Fuhrmanne
anzutreten, den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte, dass er
eine Reise unternehmen würde, die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeiführte. Ich
gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe, aber wie ganz
anders war hier Alles geworden. Die Franzosen waren schon dort gewesen, und
hatten Alles geplündert und zerstört, das Dorf war zum grossen Teile abgebrannt,
und die Bauern hatten die Häuser verlassen, die noch standen. Meine Mutter fand
ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden. Nun kamen die Preussen,
und verlangten Lebensmittel und Pferde, gleich darauf wurden sie von den
Franzosen vertrieben; die feindlichen Kugeln zündeten das Dorf von Neuem an, und
der Schrecken, als die Flammen wieder leuchteten, lähmte meine kranke Mutter;
nun stürmten die Feinde in unser Haus und drohten, mich und den Vater
umzubringen, aber der Anblick der sterbenden Frau machte, dass sie still wieder
abzogen. In derselben Nacht starb meine zweite Mutter, und mein Vater war so
betäubt, dass er nicht weinte und auch kein Wort sprach. Wir sassen beide bei der
Leiche, indes das Feuer draussen wütete. Unser Haus stand etwas abseits und
wurde deshalb von den Flammen verschont; Niemand war von den Dorfbewohnern
dageblieben, auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen; so waren wir
ganz verlassen. Mein Vater suchte endlich im Hause umher, und fand etwas
Abendmahls-Wein und ein kleines Brod. Iss das, sagte er zu mir, ich will sehen,
ob nicht irgend ein Mensch sich findet, der uns hilft die arme Frau begraben. Er
ging hinaus. Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin; da hörte
ich auf ein Mal Flintenschüsse; meine Augen richteten sich nach dem Fenster,
Feinde sprengten vorbei, gleich darauf wurde unsere Türe aufgestossen, und
Preussische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein; eine Kugel
hatte ihn durchbohrt, und er lebte nur noch, um die Hand auf meine Stirn zu
legen und mich ohne Worte zu segnen. Die Soldaten legten seine Leiche neben die
meiner Mutter, und ich warf mich nieder und küsste die blutige, kalte Hand meines
Vaters. Da trat ein junger Offizier herein, und der klägliche Anblick entlockte
ihm Tränen; er kam zu mir, richtete mich auf und suchte mir Trost
einzusprechen. Er zwang mich das Zimmer zu verlassen, und einige Weiber, die
immer bei den Soldaten sind, mussten für die Leichen sorgen. Mit Güte fragte er
mir alle meine Verhältnisse ab und sagte dann: Armes Kind, Du hast in solcher
Jugend schon ein schreckliches Unglück erfahren, und bist nun ganz hülflos und
verlassen. Diese Worte machten von Neuem meine Tränen fliessen, und ich glaubte,
das Herz würde mir vor Schmerz brechen. Der gute Herr suchte mich zu trösten und
sagte dann: Wenn Du Niemanden hast, dem Du angehörst, so bleib bei mir, und ich
will für Dich sorgen, so gut ich kann. Ich fühlte seine Güte, ich küsste seine
Hände und sagte ihm, dass ich seine Wohltat erkenne, aber dass ich um meine
lieben Eltern immer weinen müsste. Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafür,
dass die armen Eltern begraben wurden, so anständig, als es gehen wollte; er liess
auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen. Und ich erfuhr nun auch, dass mein Wohltäter
ein Graf sei und Hohental hiesse. Er blieb einige Tage noch im Hause, und ich
war immer um ihn; er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte: Deine Eltern
haben Dir eine gute Erziehung gegeben, so bald es nur angeht, sollst Du wieder
auf die gelehrte Schule und auf die Universität, und ich will sehen, ob ich mir
nicht einen Freund in Dir erziehen kann. Diese Worte rührten mich tief, und ich
gelobte mir, seine Liebe zu verdienen. Endlich kam ein Befehl, mein Herr musste
mit seinen Truppen weiter rücken. Ich muss Dich mit mir nehmen, sagte er zu mir,
obgleich Krieg und Schlachten nicht für Deine Jahre taugen, aber ich weiss Dich
nirgends unterzubringen, und so könnte der Krieg uns leicht für immer trennen.
Ich folgte also dem gütigen Herrn und erlebte an seiner Seite die fürchterliche
Schlacht bei Eylau. Den zweiten Tag dieser grässlichen Schlacht wirft sich ein
Trupp Franzosen auf die Bagage, bei der ich und mehrere Knaben waren, viele
wurden niedergemetzelt, andere entkamen, und so auch ich. Nebst der Furcht für
mein Leben quälte mich auch noch der Kummer, dass ich von meinem Herrn nichts
wusste, auch die Sorge, dass er nun Alles verloren habe, und dann erfasste mich die
Angst, ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren
habe. Diese mannichfachen Gefühle quälten mich auf meiner Flucht, die ich immer
weiter fortsetzte, bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte, einem einsam
stehenden Hause zu. Ich riss hastig die Türe auf und stand bald in einem grossen,
leeren Zimmer, das ich sogleich für die ehemalige Wohnung meiner Eltern
erkannte. Das Bett stand noch darin, auf dem beide Leichen gelegen hatten; der
Anblick rief meine Tränen hervor, und ich stand schluchzend und Hände ringend
vor dem leeren Bette, da wurde es auf einmal laut und lebendig, Degen und Sporen
klirrten, die Türe wurde geöffnet, und herein getragen wurde mein lieber Herr,
ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt. Ich schrie auf in der wildesten
Verzweiflung. Schweig, dummer Junge, rief mir ein Arzt entgegen, er ist nicht
todt. Ach! welch ein Trost war dies Wort für mich, hätte der gute Mann auch noch
weit ärger geschimpft, wie er nachher noch oft tat, wenn ich etwas ihm nicht
recht zu machen verstand, ich wäre doch niemals auf ihn böse geworden.
    Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett, auf dem mein armer Vater
gelegen hatte. Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen, der
Arzt gab die beste Hoffnung, und die Offiziere, die ihn hieher gebracht hatten,
mussten nun zu ihren Truppen zurück. Der Arzt blieb, und die Offiziere
versprachen, ihn nach einigen Tagen abzuholen. Als wir allein waren, verlangte
der Arzt, ich sollte ihm Lebensmittel verschaffen. Ich durchsuchte das ganze
Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen, die nach dem
Dorfe zurück gekommen waren und sich in dem einzigen Hause, welches noch stand,
eingerichtet hatten; diese nun mussten Hülfe schaffen, und sie taten es für Geld
auch gern, und so wurde der Arzt befriedigt.
    Die Offiziere hatten mir, als man meinen Herren entkleidete, das Geld
gegeben, welches er bei sich trug, und auch seine Uhr; ich erfuhr auch von
ihnen, dass sie ihn gerettet hatten, als er in ihrer Nähe, von einer Kugel
getroffen, gefallen war.
    Schon des andern Tages kamen die Offiziere zurück und brachten uns alle,
auch meinen kranken Herrn, nach einem Orte, wo ein Lazaret eingerichtet war,
und hier dauerte es lange, ehe mein armer Herr nur sprechen konnte. Endlich
erlaubte es ihm der Arzt, und seine ersten Worte richtete er an mich. Gustav,
sagte er, ich habe es wohl gesehen und gefühlt, mit welcher Liebe Du mich
pflegst, Du leistest mir alle Dienste, auch die, die sonst nur einem Bedienten
zukommen; aber, lieber Junge, die Dienste, die man dem Freunde leistet,
erniedrigen nicht, und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten. Nach
einigen Tagen fragte mein Herr: Lieber Gustav, wie viel Geld haben wir noch? Ich
zählte die Summe und sagte sie ihm. Das ist wenig, erwiederte er seufzend, und
wir müssen vielleicht noch lange damit auskommen; rufe mir Jemanden, dem wir die
Uhr verkaufen können, und dann hüte Dich etwas Ueberflüssiges auszugeben. Ein
Jude fand sich bald, der die Uhr kaufte, und nun teilten wir das Geld sehr
sparsam ein. Es war aber doch natürlich, dass ich meinen kranken Herrn nichts
wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte, und nun machen sich
die Schufte hier über meinen Herrn lustig, weil er mir keine bessern Kleider
gibt. Lass diese elenden Menschen, mein gutes Kind, sagte Dübois mit weicher
Stimme, und endige Deine Erzählung.
    Nun fuhr der Knabe fort: Endlich war mein Herr so weit gekommen, dass wir
reisen konnten. Der Waffenstillstand wurde auch bekannt, und wir machten uns
nun, ich kann wohl sagen, recht arm auf den Weg, um zu seinen Eltern zu
gelangen. Mein Herr war so gut, dass er sich ernstlich entschuldigte, wenn ich
ihn bediente. Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben, sagte er ein
Mal, wie wollte ich ohne Dich bestehen, da ich noch nicht gesund bin. So
erreichten wir endlich seines Vaters Schloss; aber Sie werden es nicht übel
deuten, lieber Herr, wenn ich es aufrichtig sage, dass der alte Graf mir nicht
gefiel; auch sah ich wohl, dass mein gütiger Herr niedergeschlagener wurde, als
er es im Felde und in Krankheit und Armut war. Hier wurde auch eine andere
Einrichtung getroffen, und er litt es durchaus nicht mehr, dass ich ihn bediente;
er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen
Pflegesohn, und ich hörte es wohl, wie sein Vater ihm oft Vorwürfe machte, dass
er sich durch mich eine unnütze Last auf den Hals geladen habe. So ass ich dort
mein Brodt mit Tränen, aber es wurde noch schlimmer; ein alter widriger Mann
mit triefenden Augen kam dortin, der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch
meinem jungen Herrn; was es war, kann ich nicht sagen; aber mein Herr wurde oft
sehr aufgebracht, und ich hörte mehrere Male, wie er dem alten Grafen zuschwor,
er würde solch Unrecht nicht dulden; dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder
zu besänftigen und bat ihn, nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur
Klugheit seine Zuflucht zu nehmen. Endlich kam die Nachricht, dass mein Herr
verabschiedet sei; das brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Gustav, sagte er
eines Abends zu mir, ich muss eine kleine Reise unternehmen, und ich will auf
dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen, denn ich habe
bemerkt, dass sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und über ihre Herrschaft
zu viel schwatzen. Ich konnte dies nicht läugnen. Hast Du so viel Liebe für
mich, fuhr mein guter Herr fort, dass Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten
willst, die mir Erziehung und Gewöhnung unentbehrlich gemacht haben, und kannst
Du auch wohl ein Paar Pferde regieren? Ich versicherte ihm, dass ich Alles
leisten wollte, und so machten wir uns auf den Weg. Mein Herr sorgte für mich
besser, als für sich selbst, und ich hoffte, die Reise würde ihn erheitern. Ich
bemerkte es wohl, dass er immer unruhiger wurde. Endlich, heute Morgen, hielten
wir vor einem hübschen Hause an; ich sah es wohl, wie der Graf zitterte, als er
abstieg; seine Augen und Wangen brannten, aber nach wenigen Minuten kam er
bleich wie eine Leiche zurück, bestieg still den Wagen, sprach während des
ganzen Weges kein Wort, und hier angekommen, hat er auch nicht an mich gedacht
und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen.
    Der Graf muss etwas sehr Schmerzliches erfahren haben, mein lieber Sohn,
sagte der alte Haushofmeister, da er Dich so hat vergessen können. Weisst Du denn
nicht, Wer in jenem Hause wohnte?
    Nein, sagte der Knabe, ich sagte Ihnen ja, mein Herr hat den ganzen Tag kein
Wort mit mir gesprochen.
    Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen, mein liebes Kind, sagte
Dübois, da Du schon ein halber Student gewesen bist, aber das wirst Du einem
alten Manne, der Dir gut will, wohl erlauben.
    Wenn Sie mich Du nennen, rief der Knabe, so freut mich das, denn Sie sind
ein guter, ehrwürdiger Mann, aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es
niemals leiden.
    Da der gute junge Graf, fuhr Dübois fort, wie Du selbst bemerkt hast, so
schon manchen Kummer zu haben scheint, so wirst Du ihm wohl das schlechte
Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzählen. Nein, gewiss nicht,
rief der Knabe, ich weiss, es würde meinen Herrn schmerzen, und diese Menschen
sind es nicht wert, dass er um ihretwillen einen trüben Augenblick haben soll.
    Du bist ein braver Mensch, sagte der Haushofmeister, und da ich sehe, dass
der junge Graf nicht sowohl Dein Herr, als Dein Freund und Wohltäter zu nennen
ist, so werde ich dafür sorgen, dass das Verhältnis hier so eingerichtet wird,
wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat, ich werde befehlen, dass ihn einer
von den hiesigen Bedienten aufwartet.
    Nimmermehr! unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann; von diesen
Menschen, die über seine Armut gespottet haben, soll ihn Niemand anrühren, sie
würden sich am Ende noch heraus nehmen, auch darüber zu lachen, wenn nicht alle
Stücke des Anzugs meines Herren so prächtig sind, wie ihr reicher Graf
vielleicht Alles hat. Der gute Haushofmeister konnte das Gefühl nur ehren,
welches den Knaben bestimmte, den jungen Grafen selbst zu bedienen; er sagte
also: Handle darin, wie Du willst, mein Kind, aber das wirst Du mir nicht
abschlagen, dass Du, so lange der junge Graf hier bleibt, bei mir wohnst und an
meinem Tische mit mir speisest. Dafür danke ich Ihnen herzlich, sagte der junge
Mensch mit Tränen in den Augen, denn Sie können wohl einsehen, dass ich mich
unter den Bedienten elend gefühlt hätte.
    Kaum waren die letzten Worte gesprochen, als die Klingeln von allen Seiten
läuteten, und die Bedienten eilten, ihre verschiedenen Herren zu bedienen. Der
Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav, um den
Saal zu erreichen. Die Gesellschaft trennt sich heut ungewöhnlich früh, bemerkte
er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit, um dem jungen Grafen
vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu führen.
    Der junge Graf war finster eingetreten, das gutmütige Gesicht und das
silberweisse Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch, dass er ihn höflich
entliess. Stumm liess er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und
warf sich, rasch entkleidet, mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett.
Die Tränen stiegen dem Knaben in die Augen, als er sich anschickte das Zimmer
zu verlassen, ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu
vernehmen.
    Gustav, rief dieser, als der Knabe eben gehen wollte, was wird aus Dir hier
in dem prächtigen Hause?
    Der gute alte Haushofmeister, sagte der Knabe, hat sich meiner angenommen,
ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische. Dann ist es gut, sagte der junge
Graf, ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen, Du wirst mir ein ander Mal
erzählen, wie es kommt, dass sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten
verstossen haben; heut habe ich zu vielen Kummer, heut kann ich nichts mehr
hören. Du armer Junge, setzte er mit weicher Stimme hinzu, ich dachte Dir wohl
zu tun, und Du musst so Vieles mit mir leiden. Der Knabe küsste die dargebotene
Hand mit Tränen. Nun geh nur heut und suche zu schlafen, sagte der Graf, indem
er ihm die Hand drückte; morgen, wenn wir beide geschlafen haben, wollen wir
über Manches sprechen.
    Der Knabe ging und fand den Schlummer bald, den der junge Graf ihm gewünscht
hatte, aber Zorn, qualende Sorgen und herzzerreissender Gram hielten diesen
selbst noch lange wach, und der Morgen fing schon an zu dämmern, als endlich
auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohltätig ihn
umfing.
 
                                      XVI
Als der junge Graf am andern Morgen erwachte, sah er seinen Knaben am Fenster
sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen. Er rief ihn zu sich und fragte nach
seiner Beschäftigung. Ach, lieber Herr Graf, rief der junge Mensch, ich habe
hier in dem alten Manne, dem Haushofmeister, einen wahren Schatz gefunden. Heut
Morgen, schon sehr frühe, hat er mich in die Bibliotek des Grafen geführt und
mir erlaubt, von den Büchern zu nehmen, was ich will; ich habe mir gleich den
Shakespeare genommen. Sie können es nicht glauben, welche Glückseligkeit es ist,
nach so vielen Monaten, nach einem wilden Leben, wieder ruhig bei solchem Buche
zu sitzen.
    Ich wollte, ich könnte Dir erst die Mittel verschaffen, Deine Studien
fortzusetzen, sagte der Graf, und mich bekümmert es herzlich, dass sich für jetzt
noch keine Aussicht dazu zeigt.
    Man kann ja auch für sich studiren, sagte der Knabe tröstend, und hier der
alte Mann, fuhr er lächelnd fort, hat mich ordentlich examinirt, doch er sah
bald, dass ich mehr wusste wie er; aber mit meiner Aussprache des Französischen
war er sehr unzufrieden, und er hat mir befohlen, so lange wir hier sind, immer
mit ihm in dieser Sprache zu reden, damit er mir zurechtelfen kann, und ich
nicht eine Aussprache bekomme, wie ein gewisser Doktor, der hier im Hause sein
soll, über die alle wohlerzogenen Leute lachen müssten, versicherte Dübois. Er
hat mir auch versprochen, dass für unsere Pferde gut gesorgt werden soll, und da
ich mich auf ihn verlassen kann, so kann ich den ganzen Tag, wenn Sie mich nicht
brauchen, auf seinem Zimmer sitzen und lesen, denn hier sind unermesslich viele
Bücher.
    Du und Dein neuer Freund, sagte der junge Graf, Ihr scheint zu glauben, dass
mein Aufentalt hier sehr lange dauern wird, da Ihr solche Pläne darauf gründet.
    Herr Dübois meint freilich, erwiederte der Knabe schüchtern, dass Sie eine
Zeitlang hier bleiben würden, um einen so vortrefflichen Verwandten, wie er den
hiesigen Grafen schildert, näher kennen zu lernen.
    Das wird sich zeigen, sagte der Graf düster, indem er sich erhob, um sich
anzukleiden. Während dieser Beschäftigung rief er sich die Ursache zurück, die
ihn hieher geführt habe, und dass er gezwungen sei, diese schwere, drückende
Pflicht gegen seinen Vater zu erfüllen. Nur kann ich es nicht auf seine Weise,
schloss er in Gedanken seine Betrachtungen; ich verstehe es nicht, eine
Begebenheit langsam herbei zu führen; ich kann Niemanden untergraben und, wenn
er fällt, geschickt seine Stelle einnehmen, wie mir der Vater das Alles so
weitläufig auseinandergesetzt hat. Der Franzose soll aus dem Hause, und das auf
die einfachste Weise von der Welt.
    Mit diesen Gedanken beschäftigt, betrat er den Saal, wo er die Hausgenossen
schon versammelt fand, auf die er einen bessern Eindruck machte, als am
vergangenen Abend. Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelöst,
die den vorigen Tag zu bemerken war, er war höflicher, wenn auch Kälte und
Zurückhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war, und man es wohl
bemerkte, dass seine Seele sich mit andern Gegenständen beschäftigte, als denen,
die eben im Gespräch verhandelt wurden.
    Er hatte einige Mal höflich das Wort an St. Julien gerichtet, so dass es
Niemandem auffallen konnte, als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen
Spaziergang in den Garten vorschlug. Dem Grafen war es angenehm, dass die beiden
jungen Männer sich zu nähern schienen, und auch St. Julien ergriff gern die
Gelegenheit, einem Verwandten seines väterlichen Freundes näher zu treten,
dessen unhöfliche Kälte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte.
    Beide durchschritten die dem Hause zunächst liegenden Gänge des Gartens ohne
zu reden, und als St. Julien ein Gespräch anzuknüpfen suchte, wurde er bald
durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt. So gingen
sie stumm neben einander, bis sie einen einsamen, vom Hause ziemlich entfernten
Platz erreichten, und St. Julien fing eben an zu bemerken, dass mit dem Gange in
dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei, als der junge Graf
auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete: Ich habe Sie
gebeten, Herr St. Julien, mich in den Garten zu begleiten, um ungestört Ihnen
Eröffnungen machen zu können, deren Folgen die Art bestimmen wird, wie Sie meine
Offenherzigkeit aufnehmen werden. St. Julien schwieg betroffen und erwartete mit
Spannung, wie der junge Graf in seinen Mitteilungen fortfahren würde. Wenn von
meinem Geschick allein die Rede wäre, hob dieser nach sichtbarem Kampfe von
Neuem an, so könnte es sein, dass ich Ihren Plänen nicht in den Weg getreten
wäre; da aber das Schicksal eines alternden Vaters, einer leidenden Mutter, die
Zukunft jüngerer Schwestern auf dem Spiele steht, so sind mir dadurch Pflichten
auferlegt, die ich erfüllen muss.
    St. Julien glaubte zu träumen, er begriff nicht, wie er auf die entfernteste
Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken könne, und bat
den jungen Grafen, fortzufahren, damit er diesen Zusammenhang begreifen möge.
Sie könnten mich leicht verstehen, sagte der junge Graf mit Bitterkeit, ohne
weitere Auseinandersetzung, da Sie es aber selbst so wollen, so will ich Ihnen
eine genügende Erklärung geben. Das Vermögen, welches Ihr Gönner, mein Oheim,
besitzt, ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein, sondern käme zum
grossen Teile meinem Vater zu, dessen beschränkte Lage ihn zwingt, den Raub in
den Händen seines Verwandten zu lassen. Die unglückliche Heirat des Grafen hat
ihn von seiner Familie gänzlich entfernt, welche die Gräfin, wie wir aus
sicherer Quelle wissen, hasst und von der sie den Grafen fern hält, damit er
nicht etwa in einer schwachen Stunde, von seinem Gewissen angeregt, der Familie
einigermassen Gerechtigkeit widerfahren lasse.
    Hier nun übt der Graf, mein Oheim, Grossmut nach allen Richtungen aus
fremden Mitteln, aber doch vorzüglich gegen die Feinde des Landes, die seine
Freunde zu sein scheinen, und, schloss der Graf zornig, da die Gräfin eine
Vorliebe für Sie empfindet, die sich nicht erklären lässt, und meinen schwachen
Oheim beherrscht, so wissen wir, dass es im Werke ist, Ihnen das ganze Vermögen
zuzuwenden, wie Sie auch schon grosse Summen empfangen haben. Desshalb wollte ich
Ihnen raten, sich mit dem Empfangenen zu begnügen und nicht einer
achtungswerten Familie zu entziehen, was ihr wenigstens nach dem Tode des
Grafen zufallen muss, wenn sie auch leidet, so lange er lebt, und ich fordre, um
diesen Zweck zu erreichen, dass Sie das Haus meines Oheims verlassen, und werde
von dieser Forderung nicht abstehen, so lange ich lebe. Ich hoffe, Sie verstehen
mich nun vollkommen.
    St. Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen. Ein
instinktartiges Gefühl leitete seine Hand, nach der Waffe zu greifen, die er
aber glücklicher Weise nicht an seiner Seite trug; seine Augen schienen Funken
zu sprühen, seine Wangen glühten und seine Glieder bebten vor Zorn. Blässe des
Todes folgte dieser Glut, und den Augenblick darauf schossen die Flammen des
Zornes von Neuem in den Wangen empor; er suchte nach Worten, und seine Lippen
bebten, ohne einen Ton zu finden; endlich, ohne dem Grafen zu antworten, eilte
er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab, bis nach und nach sein
Gang ruhiger, seine Haltung gemässigter wurde. Er kehrte endlich zu dem seiner
mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurück, und das bleiche, mit kaltem
Schweisse bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte
selbst diesen, der ihm feindlich gegenüber stand.
    Herr Graf, sagte St. Julien mit tonloser Stimme, Sie haben vermutlich
erwartet, dass nach den Mitteilungen, die Sie mir gemacht haben, kein Wort
weiter zwischen uns nötig sei, als die Bestimmung des Orts, wo wir uns beide
noch ein Mal treffen, und den nur Einer lebend verlässt, und ich gestehe, dass mir
dies selbst ganz natürlich vorkommen würde; da aber auch ich nicht bloss mich zu
berücksichtigen habe, so muss auch von meiner Seite eine Erklärung vorangehen. Er
erzählte ihm nun, wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein
Haus genommen habe. Die Erinnerung, wie zart und edel er von der ganzen Familie
behandelt worden war, füllte wieder seine Seele und löste die Bande, mit denen
Hass und Wut sein Herz umschnürt hatten. Mit weniger Empfindung erwähnte er, wie
das Wohlwollen des Grafen für ihn täglich zugenommen habe und wie in seiner
Seele die dankbare Verehrung täglich gewachsen sei. Dies sind die Bande, rief
er, die mich an dies Haus fesseln; dies sind die Gefühle, die ewig
unauslöschlich in meiner Seele ruhen, und wahrlich, setzte er hinzu, heute fühle
ich, dass ich der Liebe des Grafen nicht unwert bin, da das Gefühl der
Dankbarkeit mich bestimmt, so unerhörte Beleidigungen nicht sogleich auf die
einzige Art, die hier unter Männern von Ehre denkbar ist, zu rächen. Da die
lächerliche Verläumdung dem Grafen bekannt wurde, fuhr er fort, dass man mich als
einen Kundschafter darstellen wollte, den er in seinem Hause hielte, um
Frankreich zu dienen, so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab, sein Haus
nicht ohne seinen Willen zu verlassen, damit er mich vor die Behörde stellen
kann, die sein König ernennen mag, um diesen Flecken von dem Namen des besten
der Menschen zu vertilgen; und Sie sehen also, sagte er bitter lächelnd, dass,
wenn ich auch so feig sein wollte, mich Ihren Wünschen zu fügen, ich dies nur
mit dem Willen Ihres Oheims tun könnte. Was sein Vermögen betrifft, so kann ich
nicht beurteilen, in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt; ich weiss nur,
dass er den edelsten Gebrauch davon macht. Ihre Befürchtung aber, dass ich mich
als sein Erbe eindrängen wolle, ist völlig grundlos. Ich habe selbst Anspruch
auf ein grosses Vermögen, und die Summen, die ich von dem Grafen als Darlehn
empfangen habe, sind in Beziehung auf sein, wie auf mein Vermögen unbedeutend,
und da ich täglich Briefe aus meiner Heimat erwarte, die mich in den Stand
setzen werden, meine Verpflichtung zu lösen, so mag die Rückzahlung alsdann
durch Ihre Hände gehen, um Sie völlig zu beruhigen. Alles dies habe ich gesagt,
schloss St. Julien, um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten, wenn mich
ein unglückliches Schicksal zwingen sollte, seinen Verwandten beinah unter
seinen Augen zu tödten, oder wenn er über die Leiche eines Freundes trauern muss,
dem er seine Liebe geschenkt hat; und jetzt, Herr Graf, erwarte ich, welche
Genugtuung Sie mir nach der mir zugefügten Beleidigung anbieten werden.
    St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Gepräge der Wahrheit, und
unangenehme Gefühle kämpften in der Seele des jungen Grafen. Er musste sich
gestehen, so schmerzlich ihm dies als Sohn auch wurde, dass nicht immer die
edelsten Beweggründe seinen Vater leiteteten, er konnte es nicht abläugnen, dass
er nicht immer der Wahrheit treu blieb, um seinen Zweck zu erreichen, und doch
hatte er keine andern Beweise für alle seine Anschuldigungen, als die Worte eben
dieses Vaters; er erinnerte sich, dass ihm dieser selbst jedes offene, gewaltsame
Unternehmen dringend widerraten und von ihm begehrt hatte, er solle zu
Falschheiten und Verläumdungen sich herablassen, die sein ganzes Herz
verabscheute; ja er musste es sich bekennen, dass der Inhalt aller Aufträge seines
Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei, als auf jeden Fall eine Summe Geldes
von seinem Verwandten zu erhalten, um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden.
Diese Betrachtungen drängten sich ihm auf, und er fühlte lebhaft das
Unschickliche und Unwürdige seines Betragens, und die Verlegenheit, die dies in
ihm erregte, erhöhte seinen Unmut über sich selbst. Endlich, da er die
Notwendigkeit fühlte, eine Antwort zu geben, sagte er: Ich kann nicht läugnen,
dass ich mich übereilt und auf zu wenig begründete Angaben Ihren Charakter falsch
beurteilt zu haben glaube; unsere Bekanntschaft ist zu neu, als dass ich Sie
möchte in meinem Herzen lesen lassen, wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung
meines Betragens fänden; ich muss es mir also gefallen lassen, wie Sie auch immer
meinen Charakter beurteilen mögen; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht
geben muss, dass es eine unglückliche Notwendigkeit wäre, wenn einer von uns
beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müsste, und meine unbesonnene
Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat, so bitte ich Sie dieser Rede wegen
um Verzeihung, hier unter vier Augen, setzte er nachdrücklich hinzu; und wenn
Sie mit dieser Genugtuung zufrieden sind, so gewähren Sie eben so einsam die
Verzeihung, wie Sie die Beleidigung empfingen.
    Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden, sagte St. Julien, und aus freiem
Antriebe sage ich Ihnen noch, dass ich selbst es betreiben werde, so bald als
möglich ein Haus verlassen zu können, an welches sich die schönsten Empfindungen
meiner Seele knüpfen, das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewähren
darf, weil man bei meinem hiesigen Aufentalte mir Pläne unterlegt, die nur ein
Ehrloser hegen könnte. Er verbeugte sich gegen den Grafen, und beide junge
Männer gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schloss zurück.
    St. Julien fragte sich unterweges oft, ob er recht getan habe, nach einer
so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen, und sein
Stolz wollte ihm vorspiegeln, dass er sich zu willig zur Vergebung habe finden
lassen, aber sein besseres Selbst bekämpfte diese Gedanken, und er war zufrieden
mit der Selbstüberwindung, die er seinem väterlichen Freunde zu Liebe geübt
hatte. Die baldige Trennung von diesem und von der Gräfin, ach! und von Emilie,
die er sich selbst auferlegt hatte, fiel beklemmend auf sein Herz; aber die
glückliche Mischung seines Blutes machte, dass er in der Gegenwart leicht die
nächste Zukunft vergass, und so heiterte sich sein Auge auf, als Emilie ihm in
dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte, heut an diesem grossen
Tage als ein würdiger Hausgenosse dazu beizutragen, das Fest angenehm und
lebendig zu machen, welches der Baron Löbau gewiss immer ein Friedensfest nennen
würde, so wenig der Graf dies auch wollte. Ein Friedensfest, wiederholte St.
Julien lächelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung, die er eben im
Garten gehabt hatte.
    Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben, sagte die Gräfin, die hinzugetreten
war, aber der Baron wird es nicht gelten lassen. Mit inniger Empfindung küsste
St. Julien die Hand der Gräfin, indem er ihr seinen Glückwunsch darbrachte, und
lobte sich innerlich, dass er einen Streit vermieden hatte, durch den dieser Tag
als ein blutiger wäre bezeichnet worden.
    Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm; er fragte sich, was er
eigentlich damit gewollt habe, dass er St. Julien beleidigte. Sein Vater hatte
ihm die Notwendigkeit vorgespiegelt, diesen zu entfernen und sich seinem Oheim
anzuschliessen, aber die Frage drängte sich ihm auf: welch ein Recht hatte Dein
Vater dies zu verlangen, und würdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne
auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein, wenn Dich nicht die
verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hätte. Und wie schön, sagte er
zu selbst, wie schön habe ich die Aufträge des Eigennutzes ausgeführt? Durch
mein grösstes, entsetzlichstes Unglück, was mein Vater am Wenigsten verstehen
würde, zur äussersten Verzweiflung gebracht, komme ich hier an und soll höfliche
Reden wechseln, indes ich selbst mit meinen Händen ein Grab aufwühlen und mich
hinein verscharren möchte, um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen. Der Zorn
über die verächtliche Rolle, die ich hier übernommen habe, kam hinzu, und ich
liess eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit büssen; und wenn ich nun den
Franzosen erschossen hätte, sagte er bitter lächelnd, das würde unfehlbar meines
Vaters klug angelegte Pläne sehr befördert haben, das würde meinen Oheim, der
den jungen Mann liebt, gewiss bestimmt haben, dessen Mörder für seinen Erben zu
erklären. Nein, sagte er zu sich selbst, indem er sich heftig die Tränen von
den Wangen trocknete, nein, verläumde Du Dich nicht selbst; nein, Du wolltest
nicht morden aus Eigennutz, Du suchtest einen Zweikampf, um darin zu fallen, um
dem grässlichen Elende des Lebens zu entfliehen, das Du, Tor, doch zu feig bist
freiwillig zu verlassen.
    Der junge Graf hatte gesucht, auf einem einsamen Spaziergange die nötige
Fassung wieder zu gewinnen. Ich muss ja doch, sagte er sich selbst, was mein Herz
auch leidet, heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen, morgen will ich
darüber nachdenken, was ich eigentlich hier will. Er kehrte also ebenfalls nach
dem Schloss zurück und fand, dass man mit der Mittagstafel schon auf ihn
wartete, denn es war beschlossen worden, heute früher zu speisen als gewöhnlich,
um nicht durch die Ankunft der ersten Gäste in Verlegenheit zu geraten.
    Der Graf hatte geglaubt, sein Vetter und St. Julien wären einander näher
getreten, und er erstaunte also, als er bemerkte, dass ihr Betragen gegeneinander
noch förmlicher geworden war. Sie begegneten einander höflicher als früher, aber
die Höflichkeit war von so sonderbarer Art, dass jede höfliche Rede, die der Eine
an den Andern richtete, mit einer Herausforderung hätte endigen können. Das
heutige Fest hinderte alle ernsten Mitteilungen, und der Graf nahm sich vor,
den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder näher zu treten oder den
peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukürzen.
    Die Mittagstafel war aufgehoben. Der junge Graf entfernte sich, um noch
einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost für sein zerrissenes
Herz zu suchen. Er fühlte sich aus tausend Gründen unglücklich, aber was ihm den
letzten Trost und alle Haltung raubte, er musste sich fragen, ob er noch seiner
eignen Achtung wert sei, nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in
dessen Aufträgen auf Schloss Hohental erschienen war; er konnte durchaus nicht
begreifen, was er eigentlich hier wollte, denn Alles, was ihm sein Vater zur
Aufgabe gemacht hatte, kam ihm geradezu verächtlich und abgeschmackt vor.
    Die Damen hatten sich wegbegeben, um sich festlich zu kleiden, und St.
Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurück; der Graf blieb
allein und wünschte, das Fest möchte vorüber und die gewöhnliche Ordnung des
Hauses wieder eingetreten sein, da rasselten mehrere Wagen in den Hof, und aus
verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie. Der
Graf entschuldigte die Damen, dass sie, mit ihrer Kleidung beschäftigt, die Frau
und Töchter des Predigers noch nicht empfangen könnten. Ich bin eigentlich etwas
früher gekommen, sagte der Geistliche, weil ich, noch ehe die Gesellschaft
kommt, etwas mit Ihnen zu sprechen wünsche. Der Graf führte den Prediger in sein
Kabinet, und die Familie desselben blieb für's Erste sich selbst überlassen in
dem Gesellschaftszimmer, wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirten liess.
    Wissen Sie, redete der Geistliche den Grafen an, als sie allein waren, dass
es mit dem Vater Ihres jungen Vetters, der sich hier aufhält, erbärmlich steht.
Es war ein Kornhändler heute bei mir, der brachte mir die Nachricht mit. Er ist
gänzlich zu Grunde gerichtet, die Gebäude auf dem Gute sind alle verfallen, sein
Viehstand ausgestorben, die Schaafheerden hat er verkauft, und jetzt bedrängt
ihn eine Zahlung, die er durchaus nicht leisten kann. In dieser Not hat sich
der alte Schurke, der Lorenz, auf dem Schloss eingefunden, er erbietet sich die
Summe zu schaffen, das Gut für ein Jahr zu pachten, in welcher Zeit ihm Ihr Herr
Vetter die vorgestreckte Summe zurückzahlen muss, oder das Gut bleibt für einen
sehr niedrigen Preis in den Händen des Darleihers, und, der mir die Nachricht
mitteilte, meinte, der Darleiher wäre der Sohn des Alten. Könnte ich nur
begreifen, wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen? Der Graf
erzählte dem Prediger, auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General
Clairmont getrennt habe, und teilte ihm auch die Vermutung mit, die er hegte,
dass der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben möchte. Jetzt
geht mir ein Licht auf, rief der Prediger, wir sahen den jungen Mann ja selbst,
der den General bis zu Ihrem Schloss begleitete; jetzt kann ich mir Alles
erklären, auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wussten. Aber ist es
nicht abscheulich, dass solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden
sollen. Das muss man abzuwenden suchen, sagte der Graf, ich werde mit meinem
Vetter über den Gegenstand zu sprechen suchen. Es ist nur schwer, fügte er
hinzu, den jungen Mann zur Mitteilung zu bewegen.
    Ich habe hier einen Brief für ihn, sagte der Pfarrer, derselbe Kornhändler
brachte ihn mit; er ist vermutlich von seinem Vater, denn er ist mit dem
Hohentalschen Wappen gesiegelt; der wird wohl die traurige Geschichte
umständlich entalten. Wollen Sie mir dies Schreiben anvertrauen, sagte der
Graf, so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben, wir wollen heute dadurch
seine Laune nicht verderben, er ist ausserdem nicht in der heitersten Stimmung.
    Das kann ich mir bei seiner Lage denken, bemerkte der Geistliche; der Vater
zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet, das muss ihn natürlich
niederdrücken.
    Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun,
nach dem Saale zurückzukehren, um Teil an der Gesellschaft zu nehmen.
 
                                      XVII
Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, als der Graf und
der Prediger den Saal wieder betraten, und es war in der Tat ein angenehmer
Anblick, eine blühende, geschmückte Jugend nach langer Trauer wieder zur
Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen. Einige durchschwärmten den Garten,
aber dies waren nur Wenige, denn die meisten jungen Leute freuten sich
hauptsächlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes, und die jungen Damen
wollten ihre für den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem
Spaziergange im Freien aussetzen.
    Endlich wurden für den ältereren Teil der Gesellschaft die Spieltische
hingesetzt, und die Musik ertönte, um der jüngern Welt den Anfang ihrer Freude
zu verkündigen. Die lustigen Klänge der Klarinetten und Hörner schwebten nach
dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei, und
viele Paare durchflogen mit leichten, von Freude beflügelten Füssen den Saal. St.
Julien hatte den scherzenden Wink der Gräfin verstanden, die ihm riet, nicht
immer mit derselben Dame zu tanzen; er betrachtete es also wie eine Pflicht der
Höflichkeit, auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen, und nur dann erst,
wenn er dies wie ein Geschäft abgemacht hatte, kehrte er immer mit neuem
Entzücken zu Emilien zurück. Der Obrist Talheim hatte für diesen Abend kein
Spiel angenommen, er wusste nicht recht, wie sich seine Tochter benehmen würde,
die zum ersten Mal in einer so glänzenden Gesellschaft auftrat; er fürchtete mit
väterlicher Eitelkeit, dass sie schlecht tanzen würde, da sie keinen andern
Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte, als durch Emilie und St. Julien, von
denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden. Aber obgleich Terese
mit Schüchternheit den Saal betrat, so fand sie sich doch bald zurecht, die Nähe
der Gräfin gab ihr Mut, Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen
Freunde, und der zärtliche Vater sah mit Entzücken, dass sie an Leichtigkeit,
Grazie und Anstand viele andere junge Tänzerinnen übertraf.
    Der Graf hatte sich gewundert, dass sein Vetter immer noch in der
Gesellschaft fehlte; er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt, um
ihn auffordern zu lassen, Teil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen, aber
jedes Mal war die Antwort zurückgekommen, dass der junge Herr Graf gar nicht zu
Hause sei. Verdrüsslich über diese Sonderbarkeit teilte er eben dem Obristen
mit, dass sein Vetter bei ihm im Hause sei, und klagte über dessen seltsames
Betragen. Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen
Freunde und bedauerte nur, dass er ihn noch nicht erblickte. Endlich trat der
junge Mann, sorgfältig gekleidet, in den hell erleuchteten Saal; sein Auge
schweifte über die glänzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der würdigen
Gestalt eines Greises, der, in das Gespräch mit seinem Oheim vertieft, ihn nicht
sogleich bemerkte. Eine glänzend neue Uniform, die ganze für sein Alter zwar
passende, aber mit Sorgfalt gewählte Kleidung, deutete auf eine Wohlhabenheit,
die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten
Nachrichten vereinigen liess; aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht, die
dünnen Haare, die sich silberweiss an die Schläfe schmiegten, liessen keine
Zweifel. Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden, als dieser sich
umwendete und ihn erkannte. Mit väterlicher Liebe trat er dem jungen Manne
entgegen, dessen Staunen ihn verhinderte, sein Gefühl auszudrücken. Sie haben
mich hier nicht erwartet, rief mit Gutmütigkeit lächelnd der Obrist nach den
ersten Begrüssungen, aber kommen Sie nur, ich will Sie noch mehr in Verwunderung
setzen, Sie sollen auch meine Tochter begrüssen. Betäubt hatte der junge Graf
sich führen lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen, dessen schlanke
Gestalt von leichten Gewändern umschwebt, von Blumen umrankt war, und das ihm
aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen
lächelte. Der junge Graf stand verwirrt. Teresens Bild hatte ihn begleitet in
allen Gefahren, in allen kummervollen und in allen besseren Stunden, aber in der
Dürftigkeit war sie ihm erschienen, wie er sie gekannt hatte; das Letzte, was er
von ihr erfahren, hatte ihn in Verzweiflung versenkt, ja er musste sie für
verloren halten, und nun fand er sie hier, umgeben mit allen Zeichen des
Wohlstandes, in allem Uebrigen den versammelten Damen gleich, nur dass statt der
reichen Perlen, der glänzenden Steine, mit denen die andern geschmückt waren,
eine feine venetianische Kette, das Weihnachtsgeschenk der Gräfin, den schlanken
Hals bescheiden umschlang.
    Sie hier, stammelte endlich der junge Graf, wie bin ich so glücklich, Sie
hier zu finden. Setzen Sie sich zu mir, sagte Terese mit vor seliger Freude
feuchten Augen, ich will Ihnen Alles erzählen.
    Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein, und die Welt umher entschwand ihm.
Er horchte mit Entzücken auf die Töne, die den roten Lippen begeisternd
entschwebten; das im schönen Gefühle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so
rein, so zärtlich in das seine, dass er dem Zauber zu erliegen fürchtete; die
Fassung wollte ihn verlassen; die Rücksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm,
und er war nahe daran, zu den Füssen des Wesens hinzusinken, das ihm wie durch
ein Wunder so verschönert, so veredelt zurückgegeben wurde, nachdem es von ihm
mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war.
    Die Gräfin hatte schon längst das Auffallende einer so langen und innigen
Mitteilung in einer grossen Gesellschaft bemerkt; sie war einige Male vorbei
gegangen, aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie
auf einen leichten Wink hätten achten können. Die Gräfin bot also Teresen die
Hand, als hätte sie ihr etwas zu sagen, und führte sie, freundlich mit ihr
sprechend, von dem jungen Grafen hinweg, dessen trunkene Augen jeder Bewegung
seiner reizenden Freundin folgten.
    Die Musik spielte einen französischen Kontretanz, und St. Julien forderte
Teresen auf, neben der die Gräfin sass, die ihrer jungen Freundin noch einige
Worte zuflüsterte, worüber diese wie die schönste Rose errötete, indem sie doch
zugleich liebevoll zu der Gräfin auflächelte. Der junge Graf war mit seinen
Gedanken wenig bei dem Tanze, man sah es ihm an, dass Gefühle seine Brust
bewegten, die er sich vergeblich zu beherrschen bemühte.
    Der Tanz war geendigt, und St. Julien hatte Teresen kaum zu ihrem Sitze
zurückgeführt, als der junge Graf hastig zu ihm trat, seinen Arm merklich
drückte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflüsterte: Folgen Sie mir auf einige
Augenblicke in den Garten. St. Julien war erstaunt; der heftige Druck, das
glühende Auge, die bewegte Stimme des Grafen, der schon den Saal verlassen
hatte, liessen auf eine Erneuerung der Feinschaft schliessen, und er folgte ihm
missvergnügt darüber, dass er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern
strebte.
    Der junge Graf stürmte durch die Gänge des Gartens, so dass St. Julien ihn
mit Mühe erreichte, und beide standen endlich auf demselben von Gebüschen
umgebenen Platze, wo sie den Morgen ihr feindliches Gespräch geführt hatten. Es
war eine stille, warme Nacht, der Mondschein ruhte auf dem Laube der Bäume und
breitete seinen Silberschimmer über den Rasen aus, ein Springbrunnen plätscherte
in der Nähe, und nur einzelne Töne der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom
Schloss herunter.
    Der Graf wendete sich hier plötzlich, und indem er St. Juliens Arme, die
dieser über die Brust zusammen geschlagen hatte, mit beiden Händen heftig fasste,
rief er: St. Julien, ich muss reden, heute noch; mein Herz würde sonst
zerspringen; ich könnte das Gefühl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht
hindurch ertragen. Nicht wahr, rief er aus, indem ihm die Tränen über die
Wangen strömten, es wäre lächerrlich, wenn Einer von uns den Andern für feig
halten wollte, da wir Beide, jeder für sein Vaterland, aus schmerzlichen Wunden
geblutet haben; deshalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts,
und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl; hier an derselben Stelle, wo
ich Sie beleidigte, bitte ich Ihnen mein Unrecht ab; hier sage ich Ihnen, dass
ein wilder Schmerz mich dahin brachte, Sie gern zu verkennen, dass ich einen
Zweikampf suchte, um mein Leben darin zu endigen, und hier antworten Sie mir, ob
Sie mein Gefühl mit derselben Freimütigkeit erwiedern können.
    Bester Graf, sagte St. Julien mit Rührung, Sie sind so erschüttert, dass Ihr
Zustand mich besorgt macht, lassen Sie uns vergessen, dass wir uns gegenseitig
verkannt haben, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft.
    Freundschaft? wiederholte der Graf mild lächelnd; ja, lassen Sie uns Freunde
sein, und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens
ertragen, die mich beide zu vernichten drohen. Sie müssen es erfahren, fuhr er
nach einem kurzen Schweigen, während dessen er sich gesammelt hatte, mässiger
fort, was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schloss in jene unselige
Stimmung versetzt hatte, und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt
worden ist, damit Sie mich nicht für einen Toren halten, dessen Zorn eben so
wenig, als seine Freundschaft Achtung verdienen.
    Sie müssen wissen, dass ein grosser Teil unseres Adels mit der Armut kämpft,
und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater. Von frühester Kindheit an hörte
ich es beklagen, dass mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermögen mit Unrecht
besitze; es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen, und man
behauptete, dass hauptsächlich meine Tante ihn abhielte, sich mit meinem Vater in
Unterhandlungen einzulassen. Auf mich machte dies Alles keinen tiefen Eindruck,
ausser, dass ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine
Tante fasste. Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Not, als aus Neigung;
ich lernte früh entbehren, denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen,
von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück, einen Bruder
hatte ich nicht, und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer
Einsamkeit des Herzens.
    Endlich lernte ich ein Wesen kennen, in noch beschränkterer Lage, als ich
selbst, dessen zarte Schönheit, die wie eine Knospe im Erblühen war, dessen edle
Eigenschaften, die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu
entwickeln begannen, tausend zarte Bande um mein Herz legten, und ich lernte
eine Seligkeit kennen, die ich in diesem armen Leben nie geahnet hätte. Ich
erwartete von meinem Vater nichts, aber ich hoffte, dass sein Gut ihm die Mittel
zur Existenz gewähren würde, so lange er lebte. Ich war Stabsrittmeister, und es
konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen, dass ich eine Eskadron
bekommen müsste; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen, in dessen
unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las, dass sie, vielleicht ohne es zu
wissen, auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute. Der Krieg begann, und ich
musste mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen. Bei
Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles, was ich an irdischen
Besjetztümern mein nennen konnte. Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt,
dass ich reisen konnte, und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich.
Ich kam bei meinem Vater an, den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte, und
in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich, dass er völlig zu Grunde
gerichtet war, wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte. Ich war kaum einige
Tage bei meinen Eltern, als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt
wurde, und in Folge der grossen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen
Abschied. Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgeteilt, dass mein Oheim
damit umgehe, das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden. Mich erbitterte
mehr, als alles Andere, die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater, und ich liess
mich bestimmen, die Reise hieher zu unternehmen; ich war hiezu um so lieber
bereit, da mich die grösste Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde, alle
meine Briefe waren unbeantwortet geblieben, und die heisseste Sehnsucht erfüllte
mein Herz.
    Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen.
Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen; ich hoffte
selbst Rat von ihrem Vater, vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr
Schicksal beruhigt sein; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der
heissesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung. Fremde Menschen kamen mir entgegen;
ich fragte nach dem Obristen Talheim, ein plumper breiter Mensch fragte: Meinen
Sie den vorigen Pächter? Nun ja, das war ja der Obrist Talheim, rief ein Weib
aus einem Winkel. Der ist gänzlich hier verarmt, ergänzte nun der widrige
Mensch; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon
gestorben sein. Und seine Tochter? fragte ich mit höchster Anstrengung. Gott
weiss, sagte der Mensch, wo das Mädchen hingekommen sein mag; wie kann man es
wissen, da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind. Ich weiss nicht, wie ich
das Haus verlassen habe; ich weiss nicht, was ich auf dem Wege hieher dachte und
fühlte. - Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an. Alles kam mir nun
feindselig vor, ja selbst der sichtbare Wohlstand empörte mich, denn ich dachte
an die Entbehrungen meines Vaters; mir fiel es ein, dass vielleicht ein kleiner
Teil dessen, was hier überflüssig ausgegeben wird, das edelste Geschöpf
erhalten hätte. Dunkel schwebte mir dabei vor, dass ich doch meinem Vater nicht
einmal würde nützen können, und diese Gefühle brachten mich dahin, das Ende
meines Lebens zu suchen. Können Sie nun die Stimmung begreifen, die mich dazu
trieb, den Streit mit Ihnen zu beginnen? St. Julien drückte seine Hand, und der
junge Graf fuhr fort: Ich war nicht so verstockt, dass ich nicht dennoch mein
Unrecht empfunden hätte; ich war entzweit mit mir selbst; ich entzog mich den
Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher, um in der Einsamkeit
das Gleichgewicht wieder zu finden, das meine Seele verloren hatte; die Stürme
meines Busens wurden gekühlt, eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen, und ich
beschloss schon auf meinem einsamen Spaziergange, mich näher gegen Sie zu
erklären. Mit solchen Empfindungen kehre ich zurück und finde hier, begreifen
Sie mein staunendes Entzücken, die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des
Wohlstandes umgeben, blühender, schöner, als ich sie jemals kannte. Ihr
leuchtendes Auge goss den Strahl des Friedens in meine Seele, von ihren
Purpurlippen erfuhr ich, wie sie und ihr Vater schon am Rande des
entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten; hier vernahm ich, welche Hand sie
erhalten, dass mein Oheim wie ein edelfühlender Mensch ihr Leid geteilt, wie ein
milder Engel sie darin getröstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm
daraus errettet hatte. Ich vernahm, mit welcher schonenden Grossmut meine gütige
Tante das Werk ihres Gemahls vollendete; wie ihr edler, gebildeter Geist alle
schönen Keime zu entwickeln strebt, die in Teresens Seele ruhen; ich erfuhr,
wie dies himmlische Geschöpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben, und sie
heben und tragen auf den Wegen des Lebens. Liebe, Bewunderung, Entzücken
durchbebten mein Herz, aber zugleich die brennende Scham über die verächtlichen
Gründe, die mich dazu gebracht hatten, mich diesen Menschen feindlich gegenüber
zu stellen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ich wäre zu Teresens Füssen
gesunken und hätte allen meinen Empfindungen Worte gegeben, wenn nicht meine
Tante das holde Geschöpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen
hätte.
    Und nun, mein teurer Freund, sagte St. Julien, werden Sie doch gewiss schon
den Entschluss gefasst haben, sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden, und
werden eben so, wie ich, überzeugt sein, dass Sie einen väterlich helfenden
Freund an ihm finden werden?
    Es kann nicht sein, sagte der junge Graf, dass mein Oheim das Vermögen
besitzt, welches zum Teil meinem Vater zukäme; sein edler Charakter würde ihn
sonst längst bestimmt haben, Gerechtigkeit zu üben, und mein Vater schwebt gewiss
darüber, wie über vieles Andere, im Irrtume; aber es sei, wie es will, ich
werde mit meinem Oheim über Alles sprechen, und wenigstens zwischen uns soll ein
reines Verhältnis stattfinden.
    St. Julien konnte den Entschluss des jungen Grafen nur loben und erinnerte
ihn nun daran, dass sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wären und
dies leicht auffallen könnte.
    In der Tat hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Männer bemerkt,
die ihm bei der feindlichen Stellung, die sie gegen einander annahmen,
mancherlei Besorgnisse erregte; um so grösser war also seine Verwunderung, als
sie Arm in Arm eintraten, und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten, dass
auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kälte
getreten war.
    Der junge Graf näherte sich seiner schönen Freundin von Neuem und fragte mit
schmeichelnden Blicken: Darf ich nicht wissen, was meine Tante Ihnen sagte, als
sie vorhin unsere Unterredung störte? Warum sollte ich Ihnen das nicht
mitteilen dürfen, antwortete Terese, indem sie die grossen, dunkeln Augen mit
dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob; die Gräfin sagte
mir: Ich werde gewiss, mein liebes Kind, Dich nicht mit unzeitiger
Zudringlichkeit stören, wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen
Dich umgeben; dann kannst Du ohne Rückhalt Deinem Freunde alles mitteilen, was
ihm wichtig scheint, aber hier, jetzt unter so vielen fremden Menschen, ist es
besser, wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm
führst. Und Sie wünschen den Rat meiner Tante zu befolgen? fragte lächelnd der
Graf. Wenn es Sie nicht kränkt, wünsche ich es wohl, erwiederte Terese
aufrichtig, denn die Gräfin behandelt mich so mütterlich, ihr Rat ist so wohl
gemeint, dass ich ungern davon abweichen möchte.
    Da wir denn nicht viel mit einander sprechen dürfen, sagte der junge Graf,
so werden Sie es mir doch gewiss nicht abschlagen, mit mir zu tanzen? O gewiss
nicht, rief Terese, ich habe mich schon lange darüber gewundert, dass Sie ganz
weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten, mit mir zu tanzen. Und dahin
schwebten Beide durch den Saal zum grössten Erstaunen des Grafen, der die
Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch
sich nicht aufklären mochte, weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St.
Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte.
    So war unter Tanz, Spiel und heitern Gesprächen ein grosser Teil der Nacht
verschwunden, und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur
Abendtafel. Die geschmackvolle Verzierung der Tafel, die glänzende Beleuchtung,
machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre, als die Fülle der auserlesenen
Speisen und Getränke. Die feurigen Weine erhöhten die Heiterkeit der Gäste, und
auch die, welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten, wollten nun durch Witz
und muntere Einfälle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen. Freilich
trafen nicht Alle immer das Beste, und oft erhob sich Gelächter aus ganz andern
Gründen, als der beabsichtigte, welcher es erregte; aber doch umschwebte die
Freude die Tafel. Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende, und der
Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein; der Baron Löbau sah
mit ängstlichen Blicken den Grafen an, der ihn sogleich verstand, ein Glas nahm
und, indem er aufstand, mit lauter Stimme rief: Auf das Wohl unseres teuren
Landesvaters, unseres geliebten Königs, den uns Gott lange erhalten möge! Ein
langer schmetternder Tusch von Trompeten bestätigte die ausgebrachte Gesundheit,
und es war, als ob die Töne in jeder Brust das gleiche Gefühl der Liebe und
Hingebung hervorriefen, Aller Augen glänzten in Tränen, alle Stimmen
wiederholten die Worte, und selbst der Baron Löbau, der die Sache wie eine
Förmlichkeit betrieben hatte, fand unvermutet eine Empfindung in seinem Busen,
die auch seine Augen befeuchtete. Er hatte sich nicht auf den Grafen verlassen
und befürchtet, dass in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die
gehörige Anordnung getroffen sein möchte, deshalb hatte er es nicht verschmäht,
in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst
das Nötige aufzutragen, und blickte nun mit einem Gefühl von Stolz gleichsam in
die Trompetentöne hinein, die er glaubte veranlasst zu haben.
    Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen, aber
auch die Lust ermüdet den Menschen, und da der Tag schon wieder zu dämmern
begann, so trennte sich die ermüdete Gesellschaft.
 
                                     XVIII
Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager
erhoben hatte, säumte Dübois nicht, aus doppelten Gründen, sogleich vor dem
Herrn zu erscheinen; zuerst wollte er erfahren, ob der Graf mit der ganzen
Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei, und dann glaubte er, dass es gut
getan sei, wenn er ihm die Unterredung mitteilte, die er mit dem Knaben Gustav
gehabt hatte.
    Als ihn der Graf erblickte, rief er: Ei, ei, guter Dübois, sind Sie schon
aufgestanden, nach der grossen Anstrengung, die Sie gestern hatten? Sie sollten
sich mehr schonen, Sie sollten daran denken, dass Sie sich uns noch lange
erhalten müssen. Dübois lächelte entzückt über diese Güte und versicherte, dass
er gar keine Müdigkeit fühle, auch, fuhr er fort, stand mir der Knabe des jungen
Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei, dass ihm ein grosser Teil
des Lobes gebührt, wenn wir überhaupt Lob verdient haben.
    Alles war vortrefflich, sagte der Graf, jede Anordnung verständig; wie lässt
sich das auch von Ihnen anders erwarten; Sie haben in Paris eine so gute Schule
gehabt; und Alles war so eingerichtet, wie ich es liebe; Jeder wohl versorgt,
auch der geringste Gast beachtet, ein anständiger Überfluss ohne alle Prahlerei;
durch Ihre Mühe war es ein so wohlgeordnetes Fest, dass ich Ihnen recht sehr
dafür danke. Gewiss, sagte der Haushofmeister, ich bin innig erfreut über die
Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft, aber doch muss ich der Wahrheit gemäss
eingestehen, dass ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade
diese mir so teure Zufriedenheit hätte erwerben können.
    Was ist es mit dem Knaben, fragte der Graf, denn es scheint mir, dass Sie
seiner nicht ohne Absicht gedenken?
    So ist es, erwiederte Dübois und liess sich gern bereit finden, Alles, was er
von dem Knaben wusste, mitzuteilen. Der Graf hörte nicht ohne Teilnahme dessen
traurige Geschichte und sagte, als sie geendigt war: Wie bereit doch ein Jeder
ist, dem Andern Unrecht zu tun; ich hätte meinem finstern, kalten Vetter nicht
so viel Menschlichkeit zugetraut, und ich war sehr geneigt, das für seinen
Charakter zu erklären, was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten
Unglücks sein mag. Ich hielt es deshalb für meine Pflicht, erwiederte Dübois,
das Alles zu berichten, damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten
hohen Hauses durch Missverständnisse noch mehr von einander getrennt werden. Sie
sind ein verständiger Mann, sagte der Graf mit Güte, und ich habe es oft mit
Dank erkannt, dass Sie alles, was zu meinem Vorteil gehört, wie ein Freund
berücksichtigen. Dies ist die Pflicht eines treuen Dieners, sagte der alte Mann
mit vor Rührung bebender Stimme, aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so
edle Herren ausgeübt. Ich bin so dreist gewesen, fuhr er sich beherrschend fort,
dem Bürschchen Gustav den Gebrauch der Bibliotek zu gestatten, ohne um Ihre
Erlaubnis dazu erst nachzusuchen, wie ich hätte tun sollen, aber die Geschäfte
des Tages verhinderten mich, und ich hoffe, der Herr Graf verzeihen mir diese
Freiheit. Sie haben auch daran Recht getan, mein guter Dübois, sagte der Graf,
wie ich alles, was Sie für den unglücklichen Knaben getan haben, nur loben
kann, und gewiss werde ich es nicht unterlassen, Ihre guten Absichten mit ihm
nach besten Kräften zu unterstützen. Das Wort war gesprochen, welches Dübois von
der Grossmut seines Herrn erwartet hatte, und er ging in jeder Hinsicht
befriedigt hinweg. Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen, als St.
Julien mit ganz ungewöhnlicher Heiterkeit hereintrat. Sie wollten kein
Friedensfest, rief er lachend, nachdem er den Grafen umarmt hatte, aber wenn Sie
auch dabei bleiben wollen, das gestrige Fest nicht so zu nennen, so haben Sie
doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und, setzte er
mit Herzlichkeit hinzu, ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt.
    Dann wäre durch eine geringe Ursache eine grosse Wirkung hervorgebracht,
sagte der Graf lächelnd, aber teilen Sie mir doch mit, wie die Verwandlung sich
begeben hat, die ich schon gestern bemerkte.
    St. Julien wurde ernstaft und erzählte dem Grafen das ganze, anfänglich so
feindliche und dann so rührend herzliche Benehmen des jungen Grafen; er teilte
ihm Alles mit, was er von ihm selbst erfahren hatte, und sein Zuhörer konnte
sich des Mitgefühls nicht erwehren.
    Der arme junge Mann, rief er, als St. Julien geendigt hatte, er hat Vieles
durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte
Falschheit seines Vaters, der den eigenen Sohn hintergeht, um ihn zu Schritten
zu bewegen, die ihn nur hätten herabwürdigen können. Ich sehe das deutlicher
ein, als Sie, mein lieber Freund, und zweifeln Sie nicht, ich werde dem
Vertrauen meines Vetters so begegnen, wie ich hoffe, dass es für uns Alle
wohltätig sein soll.
    Nur gedenken Sie meiner nicht dabei, sagte St. Julien, denn ich weiss nicht,
ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschüttert werden könnte, wenn er
darauf käme, zu glauben, ich habe sein Vertrauen missbrauchen wollen.
    Sein Sie unbesorgt, sagte der Graf lächelnd, ich werde ja nicht den kaum
geschlossenen Frieden stören wollen.
    Die Gesellschaft versammelte sich spät zum Frühstück, und die heiteren
Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen, weil man
bemerkte, dass der junge Graf seine Gedanken auf andere, ernstaftere Gegenstände
richtete, und dass auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte
und hauptsächlich ein Gespräch mit seinem Vetter einzuleiten suchte. Endlich
nach beendigtem Frühstück bat er diesen, ihm in sein Kabinet zu folgen, weil er
sich über manche Gegenstände mit ihm zu unterreden wünsche. Der junge Graf
folgte schweigend, nicht ohne peinliche Empfindungen, weil er nicht wusste,
welche Wendung eine Unterredung nehmen würde, die er wünschte und fürchtete.
    Als sie allein waren, sagte der Graf: Ich glaube, mein lieber Vetter, Sie
haben es leicht bemerken können, dass Offenheit und Freimütigkeit die Hauptzüge
meines Charakters sind; ich befürchte nicht mich zu täuschen, wenn ich dieselben
Eigenschaften bei Ihnen voraussetze, es ist uns also ohne Frage beiden gleich
quälend, wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten, die vielleicht durch eine
offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann. Der junge Graf fand auf diese
Anrede keine Antwort und begnügte sich mit einer stummen Verbeugung. Ich will
den Anfang des Vertrauens machen, fuhr sein Oheim fort, da mich die weitere
Bahn, die ich auf dem Wege des Lebens zurückgelegt habe, vielleicht geschickter
dazu gemacht hat, diese Aufgabe zu lösen. Ich glaube mich nicht zu irren, setzte
er hinzu, wenn ich annehme, dass Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht bloss
deshalb erfreuen, um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen, sondern dass
Sie dazu auch noch durch andere Gründe bestimmt worden sind. Ich kann nicht
läugnen, sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit, die er nicht bekämpfen
konnte, mein Vater hat mir mancherlei Aufträge gegeben, die es mir unendlich
schwer fällt auszurichten.
    Ich glaube, erwiederte ihm sein Oheim, ich kann Ihnen die Eröffnung, die Sie
mir machen müssen, erleichtern, wenn ich sage, dass mir im Ganzen der Inhalt
Ihrer Sendung bekannt ist. Ihr Vater beabsichtigt seit lange, Ansprüche auf
einen grossen Teil meines Vermögens geltend zu machen, und die Kenntnis dieser
Absicht, die mir mein Rechtsfreund mitteilte, bestimmte mich hauptsächlich
hieher zu kommen, wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart
vielleicht unentbehrlich sein konnte.
    Ich kann nicht läugnen, sagte der junge Graf, mein Vater ist überzeugt,
bedeutende Ansprüche zu haben.
    Ist es Ihnen bekannt, worauf er diese gründet? fragte der Graf.
    Mein Vater ist überzeugt, erwiederte sein Vetter, dass nach dem Tode Ihres
Aeltervaters die Summe, welche Ihr Grossvater dem seinigen hatte auszahlen
sollen, nie berichtigt worden ist.
    Ich kann Sie vom Gegenteil überzeugen, sagte der Graf, und Ihnen das
Dokument über die vollständig geleistete Zahlung vorlegen. Er reichte es ihm mit
diesen Worten hin und zog sich etwas zurück, um seinem jungen Verwandten Zeit
und Ruhe zum Lesen zu gewähren. Er beobachtete ihn während dieses Geschäfts und
sah, wie das Gesicht des jungen Mannes während des Lesens erbleichte und das
Gefühl einer völligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zügen ausdrückte. Noch
eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand, und sein Auge ruhte mit
dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben, die alle seine Erwartungen
vernichtet hatten. Endlich nahm er sich zusammen und gab gefasst seinem Oheim die
Urkunde zurück. Es ist so, wie ich es schon früher ahnte, sagte er mit ruhiger
Stimme, es war ein Irrtum meines Vaters. Ihr Vater, rief der Graf mit
Heftigkeit und unterbrach sich selbst, er fühlte, wie hart es wäre, einem Sohne
zu zeigen, wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei.
    Mein Vater, ergänzte der junge Graf, muss seinen Irrtum schleunig erfahren,
wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden; er muss es wissen, dass
wir gar keine Rechte auf Ihr Vermögen haben.
    Wenn ich auch zugeben muss, erwiederte sein Oheim, dass Sie diese Rechte in
der Tat nicht haben, hören denn dadurch notwendig alle Hoffnungen auf? Haben
Sie, mein lieber Vetter, denn gar keine Rechte an einen Verwandten? Ueberrascht
blickte der junge Graf empor, und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort:
    Hören Sie mich ruhig an. Ich bin in einer so glücklichen Lage geboren, dass
ich von frühester Jugend an mehr hatte, als ich bedurfte, meine Neigungen waren
mehr auf geistige Genüsse, als auf kostbare Vergnügungen gerichtet. Die Gräfin
teilte meine Lebensansichten, und so wurde es bei mir ein Grundsatz, von dem
ich niemals abwich, meine Ausgaben immer so einzurichten, dass sie bedeutend
unter meinen Einnahmen blieben; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage,
immer eine Summe bereit zu haben, die ich zum Vorteil eines Freundes verwenden
kann, und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht über Ihren Vater zu beklagen
habe, so wäre es doch vielleicht besser gewesen, wenn ich mich ihm früher
genähert hätte. Ich glaube, dass selbst Sie, mein lieber Vetter, nicht einmal
ganz die Gefahr seiner Lage kennen; er ist nahe daran, sich in die Hände eines
Menschen zu liefern, der sein gegenwärtiges Unglück und die Bedrängnisse, die in
Folge des Friedens eintreten müssen, dazu benutzen wird, um ihm sein Vermögen zu
entreissen. Ich erhielt gestern diesen Brief für Sie, es kann sein, Ihr Vater
schreibt Ihnen selbst das Nähere; lesen Sie dieses Schreiben und teilen Sie mir
dann das Nötige daraus mit, damit wir gemeinschaftlich überlegen können, wie
sich am Besten helfen lässt. Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage
vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich, um seinen Vetter ungestört
den vielleicht wichtigen Inhalt überlegen zu lassen.
    Erstaunt, bestürzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach; mit wenigen
Worten hatte dieser seine ganze Lage geändert; er hatte es ausgesprochen, dass er
die Mittel besitze, ihm zu helfen, und auch den Willen, ihm diese Hülfe zu
leisten, und dies war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht. Das
Leben lächelte ihm wieder entgegen, die gränzenlose Not seines Vaters und
seiner Familie war gehoben, und Teresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie
vorüber. In diesem Gedränge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines
Vaters unentsiegelten Brief in der Hand, und ein zufälliger Blick darauf
erinnerte ihn, dass er ihn lesen müsse, um seines Oheims wohltätige Absicht
befördern zu helfen.
    Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefühle des jungen Mannes.
Es liess sich nicht verkennen, dass es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben
war; in dieser Angst verriet sein unglücklicher Vater nur zu deutlich, dass er
den Sohn getäuscht habe, um ihn nur überhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen
zu vermögen; er rechnete auf dessen heftigen, reizbaren Charakter und gab ihm
viele unwürdige Mittel an die Hand, eine Summe, die er nannte, von dem Grafen
auf jeden Fall zu erpressen, indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfüllung
der Pflichten darstellte, die der Sohn habe, das graue Haupt des Vaters vor
schmachvoller Armut zu bewahren, die kränkelnde Mutter und die noch
unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen. Wenn Du nun
auch, beschloss er dies Schreiben, durch die Erfüllung dieser Pflichten einige
schmerzliche Stunden mit meinem Vetter, Deinem Oheim, hinbringen musst, so
bedenke, dass Du durch diese kurze Selbstüberwindung von uns Allen den Jammer
eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst.
    Der junge Graf fühlte sich durch dies Schreiben vernichtet. Wie edel und
einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit welcher rührenden
Freimütigkeit hatte er die Hülfe eines Verwandten angeboten, und wie unwürdig
zeigte sich sein Vater dieser Unterstützung. Mit brennendem Schmerz senkte sich
die Ueberzeugung in seine Seele, dass der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht
verdiene; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rührend vor den Augen
seines Geistes, und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den
wehmütig-lächelnden Mund, und sein eignes, von heftigem Leid beängstigtes Herz
machte sich Luft durch den klagenden Ausruf: Ach, Du arme, Du unglückliche
Mutter!
    Der Graf hatte erwartet, sein Vetter würde ihm bald folgen, um das Nötige
über das eingeleitete Geschäft zu verabreden; nachdem er aber lange vergeblich
auf ihn gewartet hatte, kehrte er nach seinem Kabinet zurück und fand dort
seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit, der ihn
erschreckte. Was ist geschehen, lieber Vetter? rief er ihm ängstlich zu; welch
Unglück hat Ihre Familie betroffen? Der junge Graf sass an einem Tische, auf den
er die Ellbogen gestützt hatte, um das Gesicht in die flachen Hände zu
versenken; er erhob sein bleiches Antlitz, als er angeredet wurde, und sagte mit
zitternder Stimme: Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber, Alles, was mir
heilig war, fängt an mir ein Irrtum zu erscheinen, und ich möchte beinah
wünschen, gar nichts Achtungswertes im Leben mehr anzutreffen, um mich über
mein Unglück zu trösten.
    Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken? fragte der Graf. Lesen Sie dies
Blatt, erwiederte sein Vetter, denn ich will Sie nicht hintergehen, wenn es mir
auch als eine Pflicht befohlen wird, Sie müssen wissen, Wem Sie Ihre Hülfe
anbieten.
    Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Güte: Sie haben zu wenig in
der Welt gelebt, mein lieber Vetter, deshalb ist Ihr Gefühl so reizbar
geblieben. Es ist gewiss ein grosses, tief eingreifendes Unglück, wenn ein Kind
die Einsicht bekömmt, dass der Charakter seines Vaters Schwächen hat, die das
Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben, aber Sie sind ein Mann, Sie
müssen mit dem Gedanken vertraut sein, dass die menschliche Natur überhaupt
unvollkommen ist, und müssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater
ertragen. Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getröstet, doch
beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims. Es
ist vielleicht zu Ihrer aller Glück, schloss dieser endlich, denn dies muss Sie
bestimmen, die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Händen zu
nehmen, ohne die Rücksichten zu verletzen, die Sie als Sohn ihm schuldig sind;
und wenn Sie ihn von den Geschäften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden
können, so wird auch manches Nachteilige, durch die Not Erzeugte aus seinem
Charakter schwinden.
    Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurück, und der Graf ersah daraus,
was er durch den Geistlichen schon wusste, dass eine bedeutende Summe sogleich
nötig sei, wenn das Vermögen seines Verwandten nicht in die Hände des alten
Lorenz fallen sollte, und dass noch andere Unterstützungen erforderlich wären, um
Ordnung in die Geschäfte zu bringen. Er riet nun seinem Vetter, selbst
zurückzureisen, mit der nötigen Summe, um nur den alten Lorenz gleich aus dem
Hause zu bringen; seinen Vater zu überzeugen, dass er durch kein Mittel der
Gewalt oder List etwas erhalten könne, dass aber der Graf bereit sei, aus
Freundschaft für den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten, dass aber
auch dann dieser allein für Alles die Verantwortung übernehme und folglich die
Geschäfte durch seine Hände gehen müssten.
    Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen, um die wohlgemeinten Pläne
seines Oheims in Ausführung zu bringen. Das ist unmöglich, rief der Graf; Sie
müssen übermorgen das Friedensfest bei dem Baron Löbau mit feiern helfen, ich
habe es ihm in Ihrem Namen versprechen müssen. Und soll denn meine arme Mutter
so lange in der Angst erhalten werden? sagte sein Vetter, der den Vater nicht zu
nennen wagte.
    Das wäre grausam, schreiben Sie sogleich; wir senden einen Boten, und Sie
ersparen sich zugleich die Verlegenheit, unangenehme Dinge mündlich zu sagen,
die doch berührt werden müssen. Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine
Ratschläge zu erteilen, die diesem eben so mild als vernünftig erschienen.
Und, schloss er, wenn Sie sich dann genaue Kenntnis von Ihrer Lage verschafft
haben, dann kehren Sie zu mir zurück und bleiben wenigstens einen Monat bei mir,
damit auch wir uns genauer kennen lernen, indem wir Ihre Geschäfte ordnen; und
dann wollen wir auch gemeinschaftlich für das Fortkommen Ihres Knaben sorgen,
von dem mir der gute Dübois so viel Rühmliches gesagt hat. Der junge Graf konnte
nur einige Worte des Dankes stammeln; die heftige Rührung machte es ihm
unmöglich, Ausdrücke für sein Gefühl zu finden, er verliess seinen Oheim, um auf
den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die
mannichfachen Empfindungen der Liebe, der Achtung, der wiederauflebenden
Hoffnung und des Schmerzes über seinen Vater, die in seinem Busen stürmten, zu
besänftigen. Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurück unb schrieb nun den
peinlichen, aber notwendigen Brief an seinen Vater, auf den der Bote schon
wartete.
    Am Nachmittage war die Luft so mild und still, dass er die Gesellschaft im
Garten versammelt fand, als er von einem Besuch, den er beim Obristen Talheim
gemacht hatte, zurückkehrte. Der Prediger war ebenfalls gekommen, und ihm
schallte Gelächter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen.
Es wird Niemand behaupten können, hörte er noch den Arzt empfindlich rufen, dass
ich nicht die Fähigkeit hätte, den Takt der Musik zu hören und mich im Tanze
danach zu richten.
    Das behauptet auch Niemand, erwiederte St. Julien, es ist bloss die
Standhaftigkeit Ihres Charakters, die Sie bestimmt, sich immer auf einer Stelle
herum zu drehen. Ihre Dame mag dagegen tun, was sie will, Sie lassen sich nicht
beherrschen, und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle
wieder auf ihren Plätzen stehen, so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte
ein, als jeder Andere, weil Sie ihn so standhaft behauptet haben.
    Sie sind ein Spötter, sagte der Arzt ärgerlich, und wenn Sie nicht ein
Mensch wären, den ich aus dem Rachen des Todes errettet hätte, so würde ich
ernstlich böse werden.
    Und das würde mich ernstlich kränken, sagte St. Julien, indem er dem leicht
versöhnten Gegner freundlich die Hand bot.
    Es wäre traurig, sagte die Gräfin zu dem Arzt gewendet, wenn Sie das
Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten
besuchen wollten, oder sich wohl gar durch ihn bestimmen liessen, das Tanzen
aufzugeben.
    Das werde ich nicht, rief der Arzt, es ist die Pflicht eines Jeden, zur
Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Kräften beizutragen, die durch so
viele Mühe und Anstrengung versammelt wird.
    Und wie weise, sagte die Gräfin, hat es der gute Baron eingerichtet, dass er
uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gönnt, denn wer vermöchte die Last dieser
Freuden zu ertragen, wenn sie ohne Erholung auf einander folgten.
    Es ist das erste Mal, sagte St. Julien, dass ich Gelegenheit gehabt habe, die
Zurüstungen zu einer grossen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten, und ich
habe bemerkt, dass eine solche Freude sich einigermassen mit einer Schlacht
vergleichen lässt; bedeutende Helden sind geblieben; ich sah, dass ein
krummgehörntes, schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen Freude sein Leben zum
Opfer bringen musste, aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten,
das Gakeln im Hühnerhofe hat sich seit der grossen Katastrophe bedeutend
vermindert.
    Die grösste Beschwerde, bemerkte der Graf, verursacht bei solchen
Gelegenheiten die grosse Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten, die alle
wieder ihre Rangordnung unter einander haben, die anerkannt werden muss; die
begleitenden Kammerdiener dürfen nicht mit den gewöhnlichen Bedienten vermischt
werden; die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen, die Kammerjungfern
wollen höher geachtet werden als die Kinderwärterinnen, die auch bei solchen
Gelegenheiten nicht fehlen, und so gibt es in den unteren Zimmern zehn
verschiedene Gesellschaften zu bewirten, wenn sich eine in den Sälen des Hauses
versammelt.
    Störend ist es mir gewesen, sagte St. Julien, dass oft auf eine Dame musste
gewartet werden, wenn ein Tanz anfangen sollte, weil sie eben ihr Kind tränkte,
oder dass aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder
vernehmen liess, deren Bedürfnis die Mutter nicht befriedigen konnte, weil die
Quadrille noch nicht beendigt war.
    Es ist eine moderne Torheit, sagte die Gräfin, dass die Frauen glauben, sie
erfüllen eine wichtige mütterliche Pflicht, wenn sie ihre Kinder selbst tränken.
    Wie! rief der Prediger, halten die Frau Gräfin dies nicht für die erste
Pflicht einer Mutter?
    Wenn eine Mutter, erwiederte die Gräfin, ihr Kind so sehr liebt, dass sie ihm
die erste Nahrung durchaus selbst reichen will, so ist dies weder Tugend noch
Pflicht zu nennen, die Mutter befriedigt bloss ihr eigenes Gefühl; es versteht
sich, dass ich hier nur von den wohlhabenden Müttern spreche, denn wenn eine arme
Frau von schwacher Gesundheit, ohne hinreichende Nahrung und Pflege, die letzten
Kräfte aus Not und Liebe aufopfert, und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben
saugen lässt, so ist dies ganz etwas anders; ich spreche bloss von unseren Damen,
und ich meine, wenn diese eine solche Pflicht übernommen haben, dass sie sie dann
auch ganz erfüllen müssten.
    Nun dies tun doch wohl alle Mütter, erwiederte der Prediger.
    Ich glaube, wenn eine dieser Mütter, sagte die Gräfin, eine Amme bei ihrem
Kinde hätte, die es sich beikommen liesse, eine Nacht hindurch tanzen zu wollen,
dass sie sehr unzufrieden damit sein würde; aber, wie gesagt, es ist eine moderne
Torheit, und es wäre hart, wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben
sollten, weil sie etwas unternommen haben, was sich mit dieser Lust nicht
vereinigen lässt.
    Es ist wahr, rief der Arzt, die Frauen sind auf die Häuslichkeit angewiesen
von der Natur, dies ist ihre wahre und einzige Bestimmung.
    Das ist eine Behauptung, der sich gar nicht widersprechen lässt, sagte die
Gräfin, ob ich gleich überzeugt bin, dass wir beide einen ganz verschiedenen Sinn
damit verbinden.
    Und ich denke, meinte der Prediger, der Begriff der Häuslichkeit liesse sich
leicht feststellen, und es könnte nicht schwer fallen, die Pflichten einer Frau
auseinander zu setzen, die hauptsächlich in hingebender Liebe bestehen. Ich habe
es immer getadelt, dass bei der Erziehung der jungen Mädchen mehr darauf gesehen
wird, dass sie glänzen sollen, als dass man sie zu künftigen Gattinnen bildet, die
ihre Pflicht erfüllen könnten, die doch hauptsächlich darin besteht, den Mann zu
beglücken.
    Ich möchte nicht gern, sagte die Gräfin, einen oft geführten Streit von
Neuem führen, es sind so unzählige Bücher geschrieben worden, die davon
ausgehen, den Satz als unbestreitbar hinzustellen, dass die Frauen dazu da sind,
die Männer zu beglücken, und deren Verfasser sich nur in Ratschlägen
erschöpfen, wie dies am besten zu bewerkstelligen sei, dass viel Mut dazu
gehört, sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen.
    Wie! rief der Prediger, ist es möglich, an der edelsten Bestimmung des
Weibes zu zweifeln?
    Würden Sie nicht finden, Herr Prediger, sagte die Gräfin, dass es eine
seltsame Anmassung wäre, wenn Jemand behaupten wollte, es sei die erste und
heiligste Pflicht der Männer, ihre Frauen zu beglücken; sie wären eigentlich nur
dazu da; und halten Sie den Schöpfer für so parteilich, dass er ein Geschlecht
bloss dazu erschaffen haben sollte, damit das Andere beglückt wird? Ich glaube,
dass sich beide Geschlechter ergänzen, dass aber beide ihre Selbstständigkeit
bewahren müssen, und der grösste Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl
darin, dass auf diese Selbstständigkeit wenig Rücksicht genommen wird und die
armen jungen Mädchen nur für ihre künftigen Gatten gebildet werden.
    Der Geistliche wollte die Gräfin unterbrechen, aber, ohne es zu bemerken,
fuhr sie fort: Warum sollen die Talente, die Fähigkeiten und alle schönen
Eigenschaften der Seele eines jungen Mädchens nicht eben sowohl ausgebildet
werden, als die eines Knaben, schon um ihrer selbst Willen?
    Dann würden wir also lauter gelehrte Frauen haben, bemerkte der Pfarrer mit
spöttischem Lächeln.
    So wenig, erwiederte die Gräfin, wie wir lauter gelehrte Männer besitzen,
denn wo Neigung und Geistesfähigkeit nicht vorhanden ist, kann sie auch nicht
ausgebildet werden; ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu können, fuhr
die Gräfin fort, dass es mit sehr wenigen Ausnahmen gar keine gelehrte Frau geben
kann, so wenig wie eine Künstlerin im wahren Sinne des Worts.
    So geben also die Frau Gräfin hierin doch die Ueberlegenheit des männlichen
Geschlechts zu? fragte der Pfarrer.
    Nicht weil ich glaube, erwiederte die Gräfin, dass die Fähigkeiten des einen
Geschlechts an sich grösser wären, als die des andern, aber hierin, glaube ich,
entscheiden in der Natur begründete Verhältnisse. Gewöhnlich wird ein junges
Mädchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheiratet, und ihre
Erziehung ist damit beendigt. Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst
seine Seelenkräfte kennen und bildet sich selbstständig in der ihm angemessenen
Richtung aus; er wählt dann seine Studien, sucht in den Geist der Wissenschaft
einzudringen, die ihn besonders anzieht, und widmet ihr sein ganzes Leben. Eine
Frau übernimmt, indem sie sich verheiratet, wenigstens in Deutschland die
Pflicht, ihrem Hause vorzustehen, und die vielen kleinen Beschäftigungen und
Sorgen zerstückeln so sehr das Leben, dass an eine ernstaftes Studium kaum mehr
zu denken ist. Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein, und es kann
eine Frau schon von Glück sagen, wenn sie so viel Geisteskraft behält, um sich
nicht völlig zu vernachlässigen. Desshalb kann auch selbst ein hervorragender
Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten, und was wir an den
Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben, wird immer vornehmlich
durch Tiefe des Gefühls, durch einen scharfen beobachtenden Geist, durch ein
glückliches Gedächtnis errungen sein. Wenn also auch eine Frau sich mancherlei
Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann, wenn sie auch einen richtigen Blick
für das Leben gewinnt, wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimnis der
menschlichen Natur erschliesst, so kann sie eine höchst interessante Erscheinung,
aber niemals eine Gelehrte sein.
    So würde also das Cölibat erfordertich sein, um eine Gelehrte
hervorzubringen, sagte der Prediger.
    Auch dann würde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck
erreicht werden, sagte die Gräfin. Was dem jungen Manne so leicht wird, ist für
eine Frau unmöglich, sie könnte keine hohe Schule, keine öffentlichen Hörsäle
besuchen; es müsste also, da sie sich unter die Studenten nicht mischen dürfte,
ihr Vermögen so bedeutend sein, dass sie sich die vorzüglichsten Lehrer auf
andere Weise verschaffen könnte, und dennoch würde ein solches, in der
Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit
führen, denn sie müsste den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich
beschäftigten Freunden entbehren, durch den die Ausbildung der Männer so sehr
befördert wird, und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben, um nicht als
pedantisch und anmassend verlacht zu werden; also wäre auch dies ein sehr
mühevoller und unsicherer Weg. Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals
etwas ausgezeichnet Grosses werden leisten können, ist, glaube ich, noch leichter
einzusehen. Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der
Natur verbieten, und ich glaube, alle Künstler sind darüber einig, dass ihnen
dies unentbehrlich ist. Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert
wieder die bedingte Freiheit, denn es kann doch nur die Stelle beobachtet
werden, wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann. Die Gedanken,
welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt, muss eine Frau entbehren, und
auch hier kann nur der Rat eines Lehrers leiten, statt dass die jungen Männer
sich gegenseitig mit einander beraten, verlachen und bewundern, und so durch
Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen. Auch liegt in der Seele der Frauen
eine gewisse Schüchternheit, die die Ausübung einer jeden Kunst hindert; ich
meine nicht die so oft äusserlich gezeigte, die nicht einmal immer wahrhaft ist,
sondern diejenige, die es einer Frau unmöglich macht, das Tiefste, Wahrste,
Wildeste und Grösste, was ihre Seele denkt, auszusprechen. Ich halte es für
unmöglich, dass eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann,
und deshalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhüllen, als zeigen, und
eben deshalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der
Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken, dass grosse
künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind, aber ich zweifle, ob er
irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können.
    Es scheint aber, sagte der Geistliche, als ob wir in einen Widerspruch
gerieten; erst, glaube ich, verlangten die Frau Gräfin, dass unsere Töchter wie
unsere Söhne ausgebildet werden sollten, und nun geben Sie selbst zu, dass dies
unmöglich ist.
    Ich glaube nicht, erwiederte die Gräfin, dass ich mit mir selbst im
Widerspruche bin, ich glaube nur den Wunsch geäussert zu haben, dass, so wie man
die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht, man diese Gerechtigkeit auch
gegen das weibliche Geschlecht üben sollte. Dass die Erziehung an sich
verschieden sein muss, habe ich nicht läugnen wollen, und wenn ich glaube, dass
keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann,
so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen, dass schöne Geistesanlagen
nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten. Es wäre überhaupt zu
wünschen, dass die Erziehung der Töchter ernstafter betrachtet würde, denn
welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt
haben mag, so wird man doch darin übereinkommen, dass die Erziehung der Kinder
grossen Teils in den Händen der Mutter ruht, und schon deswegen sollte man diese
gehörig ausbilden, damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten. Aber auch
wenn man betrachtet, wie vieler Standhaftigkeit, Selbstüberwindung und Klugheit
eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf, so ist
es unbegreiflich, dass man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen
fordert, und zwar in einem Alter, wo den jungen Männern noch sehr Vieles
nachgesehen wird, und doch so wenig dafür tut, durch eine vernünftige
Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken, durch den allein alle diese
Eigenschaften erworben werden können.
    Der Geistliche schien dies Gespräch mit Eifer fortsetzen zu wollen, der
Gräfin aber däuchte es, als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen
Gegenstand geäussert, über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich,
und sie nahm gern die Gelegenheit wahr, das Gespräch zu endigen, als der Obrist
Talheim die Gesellschaft vermehrte.
 
                                      XIX
Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet
zurückgezogen, er ging mit ihm noch ein Mal alle nötigen Massregeln durch, die
zu ergreifen sein möchten, um die Güter feines Vaters zu retten, und händigte
ihm eine bedeutende Summe teils baar, teils in Wechseln ein, um nicht bloss die
dringende Zahlung leisten zu können, sondern auch auf unvorhergesehene Fälle
gefasst zu sein und nun auch, wie der Graf noch bemerkte, etwas für den Knaben
Gustav tun zu können, über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten
zugleich das Nähere bestimmten.
    Nachdem diese Geschäfte beendigt waren, ging der junge Graf in den Garten
hinunter, um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen, die ihn bei der
unerwarteten Grossmut seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten. In den
dunkeln Gängen desselben traf er St. Julien, der schwermütig darin auf und
abging, und mit Wehmut auf einen Brief blickte, den er eben empfangen hatte und
noch in der Hand hielt. Als er den jungen Graf erblickte, reichte er ihm die
Hand und sagte: Es ist vorbei, der anmutige Traum ist ausgeträumt, ich muss
wieder zurück in das traurige, einsame Leben.
    Was ist Ihnen begegnet? fragte der junge Graf, was kann Sie in dem Grade
traurig stimmen? Teilen Sie mir Ihr Unglück mit.
    Ich bin wohl undankbar, sagte St. Julien lächelnd, dass ich die Beweise der
Liebe der zärtlichsten, besten Mutter auf eine Art empfange, dass meine Freunde
sie für ein Unglück halten müssen. Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden
sehen, das, was man gewöhnlich Unglück nennt, entält er nicht.
    Der junge Graf fing den Brief zu lesen an, und nach den zärtlichsten Klagen
einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes, sah er bald, dass sie so
grosse Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies, wie sie nur der Reiche mit
Grossmut bestimmen kann. Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St. Julien
und glaubte einen Augenblick, dieser habe ein Mittel gesucht, um ihn auf eine
etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen;
doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald, dass dieser sich jetzt am
Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte. Er las daher den Brief weiter und
fand, dass die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze
Familie ausdrückte; zum Schlusse bat sie den Sohn, sich nicht eher von dem
Schloss Hohental zu entfernen, bis sie selbst dort erscheinen würde, um der
gräflichen Familie den Dank zu bringen, den ihr Herz so lebhaft empfände; bis
dahin, hoffte sie, würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein, dass der Sohn
sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne.
    In der Tat, sagte der junge Graf, ich begreife nicht, wie dieser Brief Sie
hat traurig stimmen können.
    Muss ich denn nicht, rief St. Julien mit Heftigkeit, dies Haus nun bald
verlassen, in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt, und den Grafen,
den ich wie einen Vater ehre, und die Gräfin, die ich wie eine Mutter zärtlich
liebe, und - er schwieg, und eine brennende Röte flammte auf seinen Wangen.
    Und Emilie, ergänzte der junge Graf lächelnd, wie wollen Sie das Gefühl des
Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen?
    Wenn Sie es denn erraten, kaltblütiger Mensch, rief St. Julien, so können
Sie es ja begreifen, was mich zur Verzweiflung bringt. Er stürmte nach diesen
Worten hinweg und liess den Brief in den Händen seines Freundes zurück.
    Da der junge Graf die Notwendigkeit fühlte, einen so wichtigen Brief wieder
in den Händen dessen zu wissen, an den er gerichtet war, so suchte er St. Julien
im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger, als er ihn
verlassen hatte; dieser nahm den Brief zurück und sagte: Diese Tage, diese
Wochen, bis meine Mutter ankömmt, sind noch mein, ich will also den Rest des
Lebens geniessen.
    Ich begreife nicht, sagte der junge Graf, was Sie eigentlich zur
Verzweiflung bringt. Ich glaube nicht, dass sich Emilie so gegen Sie beträgt, dass
Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften. Ein Strahl der Hoffnung
flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf, und sein Freund fuhr
fort: Dass mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt, bemerkt ein Jeder; meine Tante
bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter. Von Ihrer Mutter, die Sie mit
Zärtlichkeit überhäuft, scheint es mir, haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu
befürchten; also, wo liegt denn Ihr Unglück?
    Ihnen scheint Alles so klar und leicht, was mir zu entwirren so schwer
däucht, erwiederte St. Julien. Haben Sie aber nicht selbst oft gehört, dass
Emilie den Entschluss ausgesprochen hat, sich von der Gräfin nicht trennen zu
wollen, und wenn ich zurück muss, wird sie mir dann nach einem Lande folgen, das
diese zu verabscheuen scheint? Der Graf selbst, so hoch ich ihn ehre, wird er
eine Verbindung mit mir gern sehen, da er doch an Deutschen Adelsvorurteilen
etwas hängt? Und wenn Alles glücklich gehen sollte, so bleibt doch der Schmerz
unabwendbar, dass ich den Grafen und die Gräfin verlassen muss, und kann ich es
wissen, ob ich nicht gezwungen bin, vielleicht einmal mit dem französischen Heer
als Feind wiederzukehren?
    
    Zuerst denke ich, sagte der junge Graf, tun Sie am Besten, Ihre Mutter zu
erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken; seine
Welterfahrung und sein edles, liebevolles Gemüt werden Ihre Zukunft am Besten
ordnen. Dieser Rat schien dem jungen Franzosen so vernünftig, dass er ihn ohne
Einschränkung zu befolgen beschloss und sich vornahm, die Gegenwart in
ungetrübter Heiterkeit zu geniessen. Er vernahm es ungern, als ihm sein Freund
eröffnete, dass er gleich nach dem Feste des Baron Löbau das Schloss zu verlassen
gedenke; indes tröstete ihn die Versicherung, dass die Abwesenheit nicht von
langer Dauer sein würde.
    Des folgenden Tages, als der junge Graf sich zum Feste des Baron Löbau
ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hülfe leistete, sagte er diesem: Heute, mein
lieber Gustav, leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal.
    Wie! rief der Knabe erschreckt, wollen Sie mich von sich entfernen; was habe
ich getan, Ihre Unzufriedenheit zu verdienen?
    Nichts, mein liebes Kind, erwiederte der junge Graf, aber ich will mir nicht
mehr erlauben, Deine Liebe zu missbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen, da die
Not mich nicht mehr dazu zwingt. Er teilte ihm nun alle mit seinem Oheim
verabredeten Pläne mit, schrieb ihm vor, wie er sich in der Zukunft zu betragen
habe, und händigte ihm mehrere Goldstücke ein, mit dem Auftrage, durch Dübois
Beistand sich eine anständige Kleidung dafür zu verschaffen.
    Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dübois zurück, sobald der junge
Graf seiner Hülfe nicht mehr bedurfte; sein Gefühl war überrascht, seine
kühnsten Wünsche auf ein Mal befriedigt, und dies Glück schien ihm so gross, kam
ihm so unerwartet, dass er noch nicht den Mut sich zu freuen finden konnte.
    Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen? fragte ihn
Dübois, als er eingetreten war.
    Ich habe keinen Herrn mehr, erwiederte der Knabe mit einigem Stolz, der Graf
Robert aber ist in dem Saale, und Alle werden gleich zum Baron Löbau fahren.
    Wie verstehe ich das, fragte der Haushofmeister; will der junge Graf Dich
von sich entfernen?
    Ach lieber Herr Dübois! rief der Knabe und die Tränen flossen ihm über die
glühenden Wangen, Alles ist jetzt anders; mein guter, lieber Herr, doch so darf
ich ihn ja nicht mehr nennen, das hat er mir streng verboten, er hat es ja mit
Ihrem Grafen verabredet, dass ich wieder auf die gelehrte Schule soll, dann auf
die Universität, damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann. Indes er nach
Hause reist in Geschäften, soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliotek
studiren; wenn er wieder kommt, will er mich selbst nach Breslau auf die
gelehrte Schule bringen, und bis dahin soll ich Sie bitten, mir für dies viele
Geld gute Kleider zu verschaffen, damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort
erscheinen kann, und ihn, meinen lieben Herrn, den soll ich nie mehr so nennen,
sondern Graf Robert, oder meinen Freund und meinen Beschützer.
    Ich habe es erwartet, mein Sohn, sagte der Haushofmeister, dass Dein
Schicksal diese Wendung nehmen würde, und nun, da mein Graf sich mit seinem
Verwandten verständigt hat, kann ich für Dich tun, was in meinen Kräften steht,
und brauche nicht mehr zu befürchten, Deinen Beschützer dadurch zu beleidigen;
behalte also nur das Geld, mein Söhnchen, es wird Dir auf der gelehrten Schule
recht angenehm sein, wenn Du gleich ein hübsches Taschengeld mitbringst, wofür
Du Dir manches anschaffen kannst, was Du vielleicht sonst entbehren müsstest, und
überlasse es nur mir, Dich mit Wäsche und Kleidern zu versorgen, und ich werde
es schon so einrichten, dass sich der junge Graf Deiner nicht zu schämen braucht.
    Ach lieber Herr Dübois, rief der Knabe, wie gut sind Sie, wie gut sind hier
alle Menschen auf dem Schloss! Ach! hätte ich damals wohl hoffen können, dass
ich solchen Beistand finden würde, als unser Dorf verbrannt und mein Vater
getödtet wurde. Ach, mein guter, lieber Vater! fuhr er laut weinend fort, jetzt
könnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen, wenn er lebte und es
sehen könnte, wie nun Alles wieder so gut wird. Ist es nicht traurig, dass ich so
einsam in der Welt bin, dass Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird, wenn
ich mich auch noch so sehr anstrenge, kein Vater, keine Mutter, kein Bruder und
keine Schwester, Alle sind dahin, Alles ist begraben!
    Jetzt, sagte Dübois, gerührt von dem Schmerz des Knaben, musst Du Deinem
Beschützer Ehre zu machen streben.
    Ach! erwiederte dieser, der Graf ist so gut, so milde gegen mich, aber er
ist ein vornehmer Herr, er wird immer mein Wohltäter bleiben, es wird ihn auch
freuen, wenn ich etwas recht Tüchtiges lerne, weil er glaubt, dass es mir dadurch
wohl gehen muss; aber welche Ehre kann ich ihm bringen? Welchen Stolz kann er
empfinden, wenn er mich betrachtet, wenn ich auch alle Kräfte anstrenge und weit
mehr als meine Kameraden leiste? Wenn Du ein recht grosser berühmter Gelehrter
wirst, antwortete ihm Dübois, so dass andere Gelehrte einmal Deine
Lebensgeschichte schreiben, wenn sie dann berichten, wie Du verloren gewesen
wärest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen hätte benutzen
können, wenn nicht der Graf Hohental als Dein Beschützer aufgetreten und Dich
vom Verderben errettet hätte, so dass die Welt seiner Grossmut die Erhaltung
eines ausgezeichneten Geistes verdankt, glaubst Du nicht, dass dann der Graf mit
Stolz auf Dich blicken wird, dass Du ihm Ehre machen kannst?
    Und dann muss auch gesagt werden, rief der Knabe mit glühenden Wangen, indem
er sich in die Arme des Alten warf, wie Herr Dübois für mich gesorgt hat, wie er
mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat, und alles, alles, was
Sie für mich getan haben, muss erwähnt werden.
    Mache nur, dass ich es recht bald erlebe, sagte der gute alte Mann, dass mein
Name so ehrenvoll genannt wird, dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten;
aber bedenke, dass Du erst noch sehr Viel lernen musst, ehe wir alle diese Freude
haben können.
    Daran soll es gewiss nicht fehlen, rief der Knabe mit Begeisterung, das
werden Sie schon sehen, so lange ich hier bin, wie ich Tag und Nacht studiren
will. Er ging auch sogleich, aus der Bibliotek die nötigen Bücher zu holen, um
diesen löblichen Vorsatz auszuführen.
    Die Gesellschaft des Schlosses Hohental legte den Weg zum Baron Löbau in
grosser Heiterkeit zurück, denn obgleich der Himmel bedeckt war, so war der Tag
doch mild, warm, und der Weg führte durch anmutige Täler, die von klaren
Bächen durchrieselt waren. Der Blick auf die nahen Gebirge gewährte
Mannichfaltigkeit, und das Geläute der weidenden Heerden erregte das Gefühl des
Friedens ländlicher Einsamkeit.
    Wenn ich mich auch ein wenig davor fürchte, sagte die Gräfin, einen grossen
Teil der Nacht für die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu müssen, so ist es
doch, als Spazierfahrt betrachtet, ein grosser Genuss, den Weg durch diese Täler
zu machen.
    Man gelangte endlich auf Heimburg an, und der Baron Löbau empfing seine
Gäste mit sichtbarer Freude. Er hatte befürchtet, da sie später als die übrige
Gesellschaft kamen, dass irgend ein Unfall sie überhaupt verhindern würde, ihr
Versprechen zu halten, und dies würde ihm aus vielen Gründen höchst kränkend
gewesen sein; denn erstens hielt er den Grafen für den vornehmsten und reichsten
von allen seinen Nachbarn, dann hatte er die Absicht, dessen Fest durch das
seinige merklich zu überbieten, und endlich beabsichtigte er noch einen Plan
auszuführen, von dem er hoffte, dass er ganz besonders zum Glanze seines Festes
beitragen sollte.
    Die Wolken von übler Laune also, die sich schon auf seiner Stirn gelagert
hatten, zerstreuten sich, so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal
betrat, und er wurde sehr heiter, als die Gräfin und Emilie aufrichtig die
schönen Pflanzen und Blumen bewunderten, womit die Säle geschmückt waren;
vedriesslich wurde er zwar wieder etwas, als einige Tropfen Regen fielen, und
trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus; bald aber kehrte er beruhigt
zurück, denn der Regen liess sogleich wieder nach. Seine näheren Bekannten
schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor. Die Damen
betrachteten ihre Kleider und wären gern zurück geblieben; da aber die ganze
Gesellschaft aufbrach, musste man sich fügen. Der Baron führte mit unendlicher
Selbstzufriedenheit den Zug an, leitete die Gesellschaft in der Tat durch
anmutige Anlagen, die wohl befriedigt haben würden, wenn man sie einfach, ohne
immer zum Bewundern gezwungen zu werden, hätte besuchen dürfen; da er selbst
aber sich bei einer jeden schönen Aussicht überrascht und entzückt zeigte, und
behauptete, dass er sie jetzt zum ersten Male bemerkte, obgleich seine näheren
Bekannten diese Ueberraschung schon oft mit ihm geteilt hatten, so wurde das
Vergnügen der Gesellschaft sehr vermindert. Auf dem Bache, der den Park
durchschlängelte, zeigten sich von Zeit zu Zeit Kähne mit Menschen, die
beschäftigt waren zu fischen. Der Baron schalt auf die Freiheit, die sie sich
genommen hatten, machte aber gegen seine Gäste die Bemerkung, dass die
Unverschämteit dieser Menschen doch dazu beitrüge, in die Landschaft Leben zu
bringen, und dass er sich gern seine Fische stehlen liesse, da dieser Umstand
seinen Gästen zufällig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grünen
Buchten verschafte. Die Gäste lobten die Wirkung, die die Fischerkähne machten,
und bewunderten die Grossmut des Barons, der sich den Diebstahl um der
malerischen Wirkung Willen gefallen lasse. Die Fischer liessen sich mit Ruhe
schmälen und brachten, nachdem sie ihr Geschäft vollendet hatten, die Fische in
die Küche des Barons, wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen
worden. Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs geriet der Baron auf
einmal ausser sich, denn eine Heerde auserlesen schönen Rindviehes weidete an dem
Abhange eines Hügels; er beklagte sich heftig über die Frechheit des Hüters, dass
er sich erlaube, die Heerde dortin zu treiben und seine junge Anpflanzung
dadurch zu zerstören. Diejenigen unter den Gästen, die den Baron weniger
kannten, hielten seinen Zorn in der Tat für ernstlich und fürchteten für den
Hüter der Heerden; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf
aufmerksam, welche schöne Wirkung die weidende Heerde zwischen den grünen Bäumen
mache, und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich; er machte nun selbst auf die
Schönheit des Viehes aufmerksam, auf den angenehmen Eindruck, den das Geläute
der vielen Glocken mache, und unterliess es um so lieber auf die Bitte einiger
Freunde, den Hüter rufen zu lassen, um ihn auszuschelten, weil er nicht wissen
konnte, ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung
angeführt haben würde. Diese, wie der Baron behauptete, unangenehme
Ueberraschung war kaum vorüber, als ein anderer Gegenstand seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Man hörte die Töne einer Flöte, die kunstreich
genug geblasen wurde, um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen, und bald
entdeckte man auf einem ziemlich grossen Grasplatze weidende Schafe, deren Hüter,
ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, der Virtuose war. Der Baron liess es sich
nicht merken, dass er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen, und
bewunderte die ausserordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gästen.
    Endlich war Alles erschöpft, womit der Baron überraschen und in Erstaunen
setzen zu können glaubte, und er führte seine Gäste nach dem Schloss zurück.
Man konnte wahrnehmen, dass er noch einen Gast erwartete, denn seine Stirn
verdüsterte sich, als er bemerkte, dass während des langen Spaziergangs Niemand
angekommen sei. Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes,
aber der Baron suchte dies zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der
Gesellschaft noch seine schönen Pferde, die von diesen aufrichtig bewundert
wurden.
    Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war, so liess sich der Anfang des
Balles nicht mehr verschieben, und eben wollte der Baron mit verdriesslicher Miene
die nötigen Befehle deshalb geben, als noch eine Equipage vorfuhr; sichtlich
erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen, den er für's Erste in ein
Seitenzimmer führte.
    Die Gräfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet;
sie hatte ein Gespräch mit einigen Frauen angeknüpft und gab sich mit höflicher
Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin; es überraschte sie deshalb, als der Baron
mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit grosser Freundlichkeit,
seinen neuen Gast an der Hand, vor ihr stand. Meine teure Gräfin, meine edle
Freundin, redete er sie feierlich an.
    Die Gräfin war aufgestanden, ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron,
bald auf dessen Begleiter, und sie beherrschte mit Anstrengung eine grosse
Bewegung der Seele. Lassen Sie den Frieden, der unser Land beglückt, fuhr der
Baron fort, auch in die Herzen der Einzelnen dringen; gönnen Sie mir das grosse
Glück, etwas dazu beizutragen, Geschwister, die so lange getrennt waren, wieder
zu vereinigen; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf, und
verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versöhnung und eine herzliche Umarmung
das Fest des allgemeinen Friedens. Die Gräfin hatte ihren Bruder, den sie so
unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte, nicht so gleich erkannt; ein
heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Röte flammte auf
ihren Wangen; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein
unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund. Als er aber, nachdem
der Baron seine Rede geendigt, wirklich mit geöffneten Armen vortrat und die
Gräfin an seine Brust drücken wollte, trat diese auf einmal, bleich wie Marmor,
einen Schritt zurück, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton war vernehmbar;
matt erhob sie abwehrend beide Hände und wäre leblos zu Boden gesunken, wenn
nicht St. Julien und der junge Graf, die den Auftritt aus der Ferne beobachtet
hatten, hinzugesprungen wären und sie in ihren Armen aufgenommen hätten. Der
Baron, der mit Sicherheit eine Umarmung der versöhnten Geschwister erwartete,
hatte den Musikanten befohlen, so wie sie die Umarmung bemerkten, einen lang
anhaltenden Tusch zu blasen; als diese nun die Gräfin in St. Juliens Armen
sahen, schmetterten Trompetentöne lange und anhaltend durch den Saal.
    Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gespräch gewesen und
kehrte mit ihnen nach dem Saale zurück, um die Ursache des Trompetengetöns zu
erfahren. Er sah eben die ohnmächtige Gräfin in ein Nebenzimmer bringen und
eilte dieser nach. Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen
Auftritts erfahren; er drängte den Baron, der sich entschuldigen wollte,
unfreundlich zurück. Die Gräfin sah aus wie eine Sterbende; der Arzt verlangte,
sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden. Mit der letzten Anstrengung
verweigerte sie dies und verlangte den Wagen. Der junge Graf eilte sogleich, ihn
vorfahren zu lassen, und Alle überstanden mit grosser Qual die wenigen Minuten,
bis man die Gräfin in den Wagen bringen und den Rückweg nach Schloss Hohental
antreten konnte.
    Der Baron Löbau und seine Gäste blieben erstaunt über diese unerwartete
Störung zurück, und als man die Sprache wieder fand, vereinigten sich alle
Stimmen, die Gräfin höchlich über ihr unversöhnliches Gemüt zu tadeln, obgleich
die Klügeren es nicht billigen konnten, dass der Baron diese Versöhnung wie ein
Schauspiel, um sein Fest zu verherrlichen, angelegt hatte. Der Bruder der Gräfin
sprach wenig und beseufzte nur sein Unglück, wodurch ihm jeder Versuch der
Annäherung an seine Schwester seit vielen Jahren misslungen sei, aber viele der
Gegenwärtigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch.
    Dem Baron Löbau blieb endlich nichts übrig, als das Fest fortgehen zu
lassen. Der Tag begann, aber es war ihm vedriesslich, dass die besten Tänzer und
Tänzerinnen der Gräfin gefolgt waren, denn nicht nur der junge Graf, St. Julien
und Emilie hatten das Schloss des Barons verlassen, sondern auch der Obrist
Talheim und dessen Tochter. Indes bewegte sich die Jugend bald heiter
durcheinander, und der Baron würde sich von seiner Verstimmung erholt haben,
wenn nicht alle Feuerräder bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt hätten. Ein
Schwärmer fuhr unglücklicher Weise in einen Strohhaufen und zündete diesen an,
und der Baron vergass alle Rücksicht für seine Gäste, aus Angst, dass die nah
gelegenen Wirtschaftsgebäude in Brand geraten könnten. Ein vom Himmel
herabströmender Regen endigte zwar bald diese Sorge, aber löschte auch zugleich
die Illumination aus, die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen.
    So vielen Widerwärtigkeiten musste sein Geist erliegen, und er war selbst
froh, als ein Fest nun zu Ende geführt war, von dem er sich so viele Wirkung
versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getäuscht hatte.
 
                                 Zweiter Teil
                                       I
Der Graf war mit seiner Familie auf Schloss Hohental angekommen, und auch der
Obrist Talheim und seine Tochter waren dem Wagen gefolgt, weil der Zustand der
Gräfin Alles beunruhigte. Auf dem Schloss herrschte bei der unerwarteten
Zurückkunft der Herrschaft grosse Verwirrung, denn die Dienerschaft hatte sich
entfernt, um ihre eigenen Vergnügungen aufzusuchen, in der Ueberzeugung, dass sie
die Herrschaft erst gegen den Morgen des kommenden Tages zu erwarten hätten; nur
der Haushofmeister war gegenwärtig und der Knabe Gustav, der sich in Studien
vertieft hatte. Emilie und Terese entkleideten die Gräfin und brachten sie zu
Bette, während der bestürzte Dübois ausschickte, um die weibliche Dienerschaft
zusammen zu rufen. Der Graf ging im Saale stumm auf und ab; ein finsterer
Missmut ruhte auf seiner Stirn, und weder St. Julien noch der junge Graf wagten
das Schweigen zu unterbrechen, denn man sah wohl, dass nicht allein Teilnahme an
dem Befinden der Gräfin diesen Missmut hervorrief, sondern dass ihn die
Oeffentlichkeit des auf Heimburg stattgefundenen Auftritts tief verletzt hatte,
und es zeigten sich auf seinem Gesichte Spuren von einem ihm sonst fast völlig
fremden Groll, dessen Gegenstand er vielleicht selbst nicht mit Bestimmteit
anzugeben wusste.
    Als die Gräfin zu Bette gebracht war, ging der Graf in ihr Schlafzimmer zu
ihr. Er fand seine Gemahlin sehr entkräftet und den Arzt eifrig beschäftigt,
alle Vorkehrungen für die Nacht zu treffen. Er hatte die Medikamente schon
bereitet, deren Gebrauch er verordnete; er gab Dübois hundert Befehle, die
dieser mit zitternder Stimme auszurichten versprach, indem er die
tränenschweren Augen auf die Gräfin richtete; er verordnete, Wer die Nacht bei
der Kranken wachen sollte, und schärfte es dringend ein, ihn sogleich zu rufen,
wenn der mindeste Zufall eintreten sollte. Die Gräfin liess sich schweigend Alles
gefallen, fühlte sich aber sichtlich erleichtert, als der Arzt endlich das
Zimmer verliess.
    Der Graf trat nun an das Bett seiner Gemahlin, und indem er ihre Hand fasste,
fragte er mit Teilnahme, ob sie sich besser fühle? Die dunkeln Augen der Gräfin
richteten einen matten, aber forschenden Blick auf den geliebten Mann; sie las
seine Gedanken und seine Gefühle auf der umwölkten Stirn, und sagte mit kaum
hörbarer Stimme: Durch Ruhe wird mir besser werden, entziehen Sie mir nur Ihre
Liebe nicht. Sie hatte diese Worte mit bebender Stimme gesprochen, und ihre
zitternden Lippen drückten einen Kuss auf die Hand des Gatten, die noch in der
ihrigen ruhte. Der Graf beugte sich überrascht nieder und küsste die
leichenblasse Stirn seiner Gemahlin. Er zog sich, wie sie es wünschte, zurück,
damit sie, wo möglich, in Einsamkeit und Stille die zu ihrer Erhaltung so
nötige Ruhe fände.
    Er konnte St. Julien und seinem Vetter, die seine Zurückkunft mit
Aengstlichkeit im Saale erwartet hatten, wenig Tröstliches sagen, und Alle
trennten sich von einander und harrten mit peinlicher Unruhe dem kommenden
Morgen entgegen.
    Als der Graf seine Gemahlin verlassen hatte, winkte diese Emilien zu sich
und bat sie dafür zu sorgen, dass der Obrist und Terese sich nach Hause begeben
möchten, damit nicht der alte Mann die Ruhe der Nacht entbehrte; und als Emilie
zurück kam und ihr die Nachricht brachte, dass der Graf für die Erfüllung ihres
Wunsches sorgen würde, bat die Kranke, dass nun auch sie sich zur Ruhe begäbe,
vorher aber alle Dienerschaft aus dem Vorzimmer entfernen möge. Du weisst, mein
Kind, sagte sie mit mattem Händedruck und hinsterbender Stimme, ich brauche nur
Ruhe, um mein Uebel zu besiegen. Emilie versprach Alles, und die Gräfin bat sie
noch, die Vorhänge ihres Bettes zuzuziehen, damit weder das Nachtlicht, noch der
Strahl des kommenden Morgens ihre Einsamkeit und Ruhe stören möge. Es geschah,
wie die Kranke es verlangte, und ihre junge Freundin ging dann und befahl im
Namen der Gräfin, dass Jedermann das Vorzimmer verlassen und sich zur Ruhe
begeben sollte; nur Dübois winkte sie leise herbei und bat ihn zu bleiben. Er
neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl, in welchem er die Nacht
hinbringen wollte. Sie hatte die Tür des Schlafzimmers geöffnet gelassen, damit
der Alte während ihrer Abwesenheit auch das leiseste Geräusch hören könnte, und
ging nun hinweg, um sich von dem Putze zu befreien, den sie für den Ball
angelegt hatte und noch immer an sich trug. Dies Geschäft war bald abgemacht;
sie kehrte unbemerkt zurück, um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht
hinzubringen, und rückte leise die Nachtlampe näher, um sich durch Lesen wach zu
erhalten.
    Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Kranke gerichtet,
die, sich nun völlig einsam wähnend, ihrem gepressten Herzen durch Klagen und
Tränen Erleichterung verschafte. Habe ich nicht Alles, Alles verloren? hörte
sie diese mit leiser, zitternder Stimme zu sich selber sagen. Habe ich nicht das
Grässlichste erlebt? War ich nicht am Rande des Wahnsinns und in der furchtbaren
Verzweiflung, zwangen mich nicht heilige Gefühle, dieses Mannes rettende Hand zu
ergreifen? Und nun! muss ich nun noch den letzten Halt im Leben, muss ich noch
seine Achtung, sein Vertrauen und seine Liebe verlieren? Und muss ein unwürdiges
Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen, um den
so mühsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstören?
    Die Klagen gingen in rührende Gebete um Trost über und um Stärkung, um das
Rechte tun zu können. Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen
unter, und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses. Emilie näherte sich leise
dem Bette und öffnete behutsam den Vorhang; sie sah, dass die Gräfin aus völliger
Entkräftung in Schlummer gesunken war, und hoffte, dass die Ruhe auf jeden Fall
wohltätig auf die Kranke wirken würde. Emilie kehrte nun zu ihrem Buche zurück,
aber die fortwährende Stille, die ruhigen, obwohl matten Atemzüge der Gräfin
beruhigten nach und nach ihr Gemüt, und die Natur übte ihr Recht aus. Sie
empfand nun die Müdigkeit, die sie, durch mancherlei ängstliche Sorgen und
Anstrengungen aufgeregt, früher nicht gefühlt hatte; unwillkührlich lehnte sich
ihr Kopf in die Kissen des Sophas zurück, die Augenlieder senkten sich über die
glänzenden Augen; die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder
umfingen ihren Geist.
    Die Gräfin war nach einigen Stunden erwacht und fühlte sich etwas gestärkt;
ein langes, mit Ueberlegungen abwechselndes Gebet liess einen Entschluss in ihrer
Seele reifen, den sie schon oft gefasst, aber immer nicht den Mut gehabt hatte
auszuführen. Sie öffnete die Vorhänge ihres Bettes mit schwacher, zitternder
Hand, um zu sehen, ob der Tag schon so weit vorgerückt sei, dass sie ohne grosse
Störung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen könne, und ihre Blicke fielen
auf Emilie, die, vom Schlummer gerötet, wie eine junge Rose ruhte und den
Strahl des Morgens zu erwarten schien, um alle Pracht der Schönheit zu
entfalten. Gerührt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit
Dankbarkeit die Liebe, die sie bestimmt hatte, den Schlaf der Nacht entbehren zu
wollen, und lächelte, wie dennoch die Natur diese Liebe überwunden habe und der
Schlummer sie mit seinen süssesten Banden umfinge. Emilie, rief sie mit schwacher
Stimme und bemerkte, als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang,
dass auch die Türe des Schlafzimmers mit Behutsamkeit, ohne Geräusch, halb
geöffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte,
dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und Sorge blickten.
    Auch Sie, mein guter Dübois, rief die Gräfin, auch Sie haben die Ruhe der
Nacht um meint  Willen verloren?
    Ich danke Gott für die Gnade, erwiederte der alte Mann, indem die Tränen
über seine bleichen Wangen flossen, dass er unsere geliebte Herrin erhalten hat;
was liegt an einigen Stunden Schlaf.
    Die Gräfin winkte ihn zu sich und sagte gerührt: Versprechen Sie mir jetzt
zur Ruhe zu gehen, mir ist um Vieles besser; Sie müssen es tun, damit ich mich
nicht um Ihre Gesundheit ängstige. Der alte Mann küsste die ihm dargebotene Hand
der Gräfin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich, um die Ruhe zu suchen,
weil sie es wünschte.
    Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genähert, und diese sagte nun:
Zuerst, mein liebes Kind, schaffe alle Medikamente bei Seite; Du darfst wohl
wissen, dass nicht die Verordnungen des Arztes meine Uebel heilen können, aber
wir wollen ihn damit nicht kränken; sage nur, dass ich Alles, wie er es gewollt,
gebraucht habe und ich mich viel besser fühle; dass ich aber nur ruhen wolle und
durchaus Niemanden sprechen, auch ihn nicht, denn ich könnte ein Gespräch mit
ihm jetzt nicht wohl ertragen.
    Als Emilie diesen Wunsch der Gräfin erfüllt hatte und zu deren Lager
zurückkehrte, fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das
bleiche, mit Tränen bedeckte Gesicht. Kehre Dich nicht an meinen Schmerz, sagte
die Gräfin, indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog, ich
habe mir selbst eine Pflicht auferlegt, und ich muss, ich will sie erfüllen, wenn
auch mein Herz darüber brechen sollte; wenigstens werde ich dann in Frieden mit
mir selber sterben. Emilie kniete am Bette der Gräfin nieder und küsste die
zitternde, magere Hand ihrer mütterlichen Freundin mit heissen Tränen. Die
Gräfin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte: Wir wollen uns
nicht erweichen, mein gutes Kind, ich wollte Dich bitten, einen wichtigen
Auftrag für mich auszurichten, suche Dich also zu fassen. Emilie erhob sich und
stand da, erwartend, was die Gräfin von ihr verlangen würde. Nach einigem Zögern
beschrieb ihr diese ein Kästchen, welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte,
und bat es ihr zu bringen. Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken
zurück, die eine Feder daran drückte, worauf der Deckel aufsprang, und es liessen
sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken, welches zu Emiliens
Erstaunen eine grosse Aehnlichkeit mit St. Julien hatte. Die Gräfin bedeckte
dieses Gemälde sogleich, nahm ein Paket Papiere heraus und liess den Deckel des
Kästchens wieder zufallen, und Niemand würde leicht die verborgene Feder
gefunden haben, durch die es die Besitzerin zu öffnen verstand.
    Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und sagte dann mit
matter, aber entschlossener Stimme: Sobald der Graf aufgestanden ist, begib Dich
zu ihm und übergib ihm diese Papiere; bitte ihn, sie alsbald zu lesen und, wenn
er sie gelesen hat, zu mir zu kommen, um mich sogleich den Eindruck kennen zu
lehren, den sie auf sein Gemüt gemacht haben. Bitte ihn um die Menschlichkeit,
mich nicht länger, als es nötig ist, in der fürchterlichen Qual dieser
Ungewissheit zu lassen; sage ihm, es sei mein Vorsatz gewesen, dass er den Inhalt
erst nach meinem Tode erfahren sollte, aber die Ereignisse des gestrigen Tages
hätten mir die Notwendigkeit gezeigt, ihn schon jetzt damit bekannt zu machen.
Gehe nun und richte dies sogleich aus, damit nicht die elende Feigheit der
menschlichen Natur mich bestimme, meinen Vorsatz wieder zu ändern. Der Graf
hatte sein Lager nach wenigen Stunden, in denen er die Ruhe vergeblich suchte,
wieder verlassen; es kämpften mancherlei Gefühle in seiner Seele; er fühlte sich
seiner Gemahlin so innig verbunden, er achtete ihren Geist, er ehrte ihren
Charakter; es war die einzige Frau, die ihm jemals eine heftige Leidenschaft
eingeflöst hatte; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung
mit ihm, wie er damals meinte, auf's Schönste befriedigt. Sie hatte ihm nicht
die gleiche Leidenschaft geheuchelt, aber ihm ihre innige, zärtliche
Freundschaft versichert. Er durfte damals hoffen, in der Verbindung mit ihr ihr
Herz lebhafter zu rühren; er ahnete das Glück, eine blühende Nachkommenschaft um
sich zu sehen, und hoffte, die Mutter seiner Kinder würde dann ihre scheue
Zurückhaltung aufgeben, und die gemeinsame Zärtlichkeit und Sorge würde sie mit
ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen. Wie ganz anders hatte sich Alles
gestaltet. Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie
verhindert, die Jahre der Jugend heiter zu geniessen, und nicht einmal das hatte
seine ausdauernde Liebe errungen, dass sie ihm ein Vertrauen geschenkt hätte,
welches der alte sie begleitende Diener besass; er überraschte sie oft in
Tränen, wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen, und nichts hatte sie
vermocht, ihm den Quell der Tränen zu zeigen, den jener alte Diener kannte. In
diesem innerlich nagenden Schmerze war sie früh verblüht, und auch die Hoffnung,
einen Sohn als Stütze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen, war
getäuscht worden, und er musste sich gestehen, dass er sein ganzes Leben in
trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte. Er fühlte mit lebhaftem
Schmerz, dass etwas Fremdes, Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe,
er musste es sich sagen, dass, wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch
wären, wie sehr sie sich gegenseitig schätzten und ehrten, doch die wahre innige
Vereinigung fehle, die allein das Leben beglückt.
    Es hatte ihn immer befremdet, dass die Gräfin jede Annäherung an ihren Bruder
mit Widerwillen zurückgewiesen hatte, und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der
Abscheu, den sie öffentlich gegen diesen gezeigt hatte; auch erfüllte es ihn mit
Unmut, wenn er daran dachte, welche Gespräche nach diesem unangenehmen
Auftritte in der Nachbarschaft entstehen würden; er zürnte über den Baron, der
alles Dies durch seine kindische Torheit veranlasst hatte, und grollte doch auch
mit der Gräfin, die eine so unnatürliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder
öffentlich gezeigt hatte.
    In diesen verschiedenen Empfindungen, die in seinem Busen sich nicht
ausgleichen und ordnen wollten, wurde er von seinem jungen Vetter überrascht,
der, wie es verabredet war, reisen wollte, aber vorher noch über das Befinden
seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wünschte. Der Graf empfing ihn
liebreicher als je, er fühlte inniger als sonst das Bedürfnis, Jemanden zu
haben, der ihm angehörte, und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten,
sobald als möglich zu ihm zurück zu kehren. Der junge Graf, obwohl er mit
Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte, die ihm so unverholen entgegen kam, wurde
bestürzt über die Weichheit, die sein Oheim nicht beherrschen konnte; er
fürchtete, um die Gesundheit der Gräfin stehe es schlimmer, als man ihm sagte,
und er nahm sich vor, sie wo möglich vor seiner Abreise noch zu sehen. Er
verliess den Grafen, als Emilie eintrat, blieb aber im Vorzimmer, um durch diese
die Erlaubnis zu erbitten, von seiner Tante Abschied zu nehmen.
    Emilie richtete den Auftrag der Gräfin weinend aus. Es war ihr, als ob sie
den Willen einer Sterbenden berichtete. Der Graf empfing das Paket mit bewegtem
Gemüte und erwiederte mit unbeherrschter Rührung, dass er dem Verlangen der
Gräfin genau nachkommen werde. Er verschloss sich in sein Kabinet, sobald er
allein war, um sein Wort zu erfüllen.
    Als Emilie zur Gräfin zurückkehren wollte, traf sie auf den jungen Grafen,
der ihr sein Anliegen vortrug; sie versprach ihm, seinen Wunsch der Gräfin
mitzuteilen, machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfüllung, weil die
Kranke erklärt habe, dass sie zu schwach sei, selbst den Arzt zu sprechen, und
vor allen Dingen Ruhe bedürfe. Es war also Emilien selbst überraschend, als die
Gräfin nach kurzem Besinnen erklärte, dass sie den jungen Grafen sehen wollte,
und Emilien bat, ihn sogleich herein zu führen. Dieser erschrak sichtlich, als
er sich dem Lager der Kranken näherte und bemerkte, welche Verwüstung eine Nacht
des Leidens hervorbringen kann. Die Gräfin bat ihn, sich neben ihr Bett zu
setzen, und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Sie wollen uns verlassen,
mein lieber Vetter, ich weiss, es ist notwendig und Ihre Reise lässt sich nicht
aufschieben; aber ich bitte Sie, eilen Sie recht bald zu uns zurück. Ich weiss,
Sie haben geglaubt, dass ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschliesse;
Sie haben mir Unrecht getan, es ist nie so gewesen; mein Unrecht gegen Sie
besteht einzig darin, dass ich mich zu selbstsüchtig in meinen eigenen Gram
verloren habe und deswegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte; dies
Unrecht bitte ich Ihnen ab. Wenn Sie zurückkommen, werden Sie mich vielleicht
besser finden, und dann, hoffe ich, werden Sie sich wohl in dem Hause
liebevoller Verwandten fühlen, und jedes Misstrauen gegen mich und den Grafen
wird schwinden. Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rückkehr nicht mehr,
vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt; dann, mein teurer
Vetter, dann bringen Sie ein kindliches Herz für Ihren Oheim mit und lassen Sie
ihn fühlen, dass er nicht verarmt an Liebe ist, wenn auch mein Herz nicht mehr
für ihn schlägt.
    Der junge Graf wollte antworten, aber die Wehmut beherrschte seine Stimme.
Die Gräfin schien ihm so krank, dass er in der Tat fürchtete, dies seien die
letzten Worte, welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen würde; er beugte sich
über ihre Hand und benetzte sie mit heissen Tränen, indem er sie küsste. Lassen
Sie uns jetzt scheiden, sagte die Kranke, indem sie die Hand des jungen Mannes
schwach drückte. Ich darf nicht die letzten Kräfte meines Lebens in Rührung und
Wehmut auflösen, ich muss mich sammeln, um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl
sprechen zu können. Nicht wahr, Ihr Versprechen habe ich, Sie werden sich mit
Liebe an sein edles Herz schliessen? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein, rief
der junge Graf, sein Wohlwollen zu verdienen. So leben Sie nun wohl, sagte die
Kranke, vielleicht sehen wir uns wieder.
    Der Himmel kann nicht so grausam sein, erwiederte der junge Graf, er wird
uns allen Ihr teures Leben erhalten.
    So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden, sagte die Kranke mit
matter Stimme, und Emilie führte den jungen Grafen hinaus, der seine Bewegung
nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang, ihm zu sagen, welche
Hoffnung sie hege. Diese antwortete ihm nur mit Tränen und deutete mit der Hand
nach oben, zum Zeichen, dass sie nur vom Himmel Hülfe erwarte. St. Julien hatte
sich einige Mal im Vorzimmer der Gräfin gezeigt, um nach ihrem Befinden zu
fragen, jetzt traf er auf den jungen Grafen, und dieser teilte ihm in heftiger
Bewegung die Unterredung mit, die er eben mit seiner Tante gehabt hatte. Beide
Freunde trennten sich hierauf mit Tränen, und der junge Graf beschwor St.
Julien, ihm einen Eilboten zu schicken, wenn der Zustand der Gräfin schlimmer
werden sollte, da er aus Rücksicht für seine Eltern seine Reise nicht
aufschieben dürfe.
    St. Julien suchte den Grafen auf, um in dessen Nähe Trost in der quälenden
Unruhe zu finden, die ihn zu zerstören drohte; dieser hatte sich in sein Kabinet
verschlossen und war für Niemand zugänglich. Der bekümmerte junge Mann schlich
nun zu Dübois, der ihn dadurch einiger Massen aufrichtete, dass er ihm vertraute,
wie die Gräfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei, dass ihr aber
Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewährt habe, sich durch den starken Willen
der Seele wieder zu erheben, und dass er auch dies Mal nicht verzage, wiewohl er
zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe.
    So schwach dieser Trost auch war, so ergriff ihn St. Julien doch als eine
sichere Hoffnung; er konnte den Gedanken nicht fassen, dass die Gräfin aus dem
Leben scheiden sollte; es schien ihm, als würden dadurch die Wurzeln seines
eignen Daseins gestört.
    Dübois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurück und St. Julien
begleitete ihn. Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiederte Emilie, die
Gräfin sei ruhig, wolle aber Niemanden sprechen, als den Grafen, und auch diesen
nur, wenn er von selbst käme, rufen sollte ihn Niemand. Der junge Mann hörte die
ihm so teure Stimme, die Jederman den Eintritt versagte, er schlich also hinweg
und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu
beruhigen.
    Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Händen empfangen, er hatte sich in
sein Kabinet verschlossen, um es sogleich, wie seine Gemahlin es wünschte, zu
lesen, und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor, dass er sich mit todten
Buchstaben beschäftigen sollte, in den Augenblicken, da die Krankheit des
teuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfüllte. Warum sollte
er überhaupt lesen, was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte? In allen
Dingen, auch hierin, schloss er seine Betrachtungen endlich, will ich ihr meine
Liebe beweisen, ich will jedes andere Gefühl beherrschen, jeden anderen Gedanken
verbannen und tun, was sie von mir fordert. Nachdem er diesen Entschluss gefasst
hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, löste das Siegel, entfaltete die
Blätter und las Folgendes:
 
                                       II
Wenn diese Blätter in die Hände meines Gemahls fallen, hob die Handschrift der
Gräfin an, dann hat vielleicht das Herz aufgehört zu schlagen, das ihn so innig
liebte und ehrte, und dennoch nie den Mut finden konnte, ihn in die Tiefe des
Jammers blicken zu lassen, an dem es verblutete. Ach! nur zu gewiss ist es, die
erste Falschheit führt unsägliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an
das andere. Hätte ich sprechen dürfen vor unserer Verbindung, wie mein Gefühl
mich trieb, ich hätte mir selbst und auch dem teuersten Freunde meines Herzens
all den Kummer erspart, der aus dem Gefühle entspringen musste, dass ich ihn
fortwährend über mich täuschte. Hätte ich auch später geredet, so wäre dann
vielleicht die Innigkeit auch eingetreten, die mir den dornenvollen Pfad des
Lebens erleichtert hätte, aber die Furcht, dass mein teurer Gemal das erste
Verschweigen nicht verzeihen würde, schloss fortwährend meine Lippen, und wir
wandelten durch meine Schuld zwar neben einander, aber nicht mit einander auf
dem Pfade des Lebens. Der tiefe Schmerz über dies Unglück und über mein Unrecht,
wodurch es herbei geführt worden ist, bestimmt mich, alle erlittenen Qualen noch
ein Mal durchzufühlen und diesen Blättern meine Leiden zu vertrauen, damit sie
ein Mal, wenn auch erst nach meinem Tode, meinen Gemahl das Wesen ganz kennen
lehren, das so unglücklich an seiner Seite wandelte und ach! in der Verbindung
mit ihm so glücklich hätte sein können, wenn sein früheres Leben sich hätte
anders gestalten wollen. Sein grossmütiges Herz wird dann vielleicht meine Qual
beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen.
    Ich muss, um über mich selbst vollkommenen Aufschluss zu geben, der Jugend
meiner Eltern erwähnen. Mein Vater war in seiner Jugend ein schöner Mann; er war
einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn für liebenswürdig.
Ich habe kein Urteil darüber, denn ich habe ihn in so früher Kindheit verloren,
dass sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dämmert. Er war Protestant, und
die Aufklärung, die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten
Menschen bemeisterte, ergriff auch ihn und liess ihn in aller Religion nur eine
weltliche Anstalt sehen, durch welche die Moralität des Volks erhalten und den
Fürsten das Regieren erleichtert würde; bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht
ein, dass die Religion jemals ein Hindernis seiner Wünsche sein könnte, und er
überliess sich der Liebe zu meiner Mutter, ohne nur daran zu denken, dass sie der
katolischen Kirche angehörte.
    Meine Mutter war von beschränkten Eltern geboren, und ihre Erziehung wurde
durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet; also war es begreiflich, dass sie
nur einen Weg zur Seligkeit kannte und ausserhalb ihrer Kirche nur Verderben
erblickte. Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel, den
einflussreichen Beichtvater für sich zu gewinnen, indem er mit jugendlichem
Leichtsinn den beschränkten Priester hoffen liess, die Verbindung mit meiner
Mutter könne ihn wohl bestimmen, sich in den Schoss der katolischen Kirche in
der Zukunft aufnehmen zu lassen; nur jetzt, gab er zu verstehen, machten es ihm
weltliche Rücksichten unmöglich, daran zu denken. Er erlaubte sich diese
Falschheit ohne Vorwürfe seines Gewissens, denn ihm war die Religion überhaupt
gleichgültig, und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel, seinen Zweck zu
erreichen, wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter
hinterging.
    Es ist natürlich, dass die Neigung meiner Mutter für meinen Vater mächtig in
ihrem Herzen wuchs, da die Hoffnung sich damit verband, sein ewiges, wie sein
zeitliches Glück zu begründen, und es ist begreiflich, dass auch die Eltern bald
für einen Plan gewonnen wurden, den der Beichtvater unterstützte. Mein Vater
hütete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und liess alle
Schritte geschehen, ohne eine andere Ansicht über die Religion der Kinder
auszusprechen, die aus dieser Ehe entspringen könnten, als die, welche von
seinen Schwiegereltern angenommen wurde, und diese glaubten, dass die Kinder
eines Mannes, der selbst sich mit der katolischen Kirche vereinigen wollte,
nicht anders, als in den Grundsässen dieser Kirche erzogen werden könnten.
    Mit dieser Falschheit von der einen und Beschränkteit von der andern Seite
wurde die Verbindung geschlossen, und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer
Vermählung trotz der Beschränkteit des Geistes, in der man sie hatte aufwachsen
lassen, dass an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei, und er
verwundete ihr Herz, wenn er sich schonungslos darüber zu scherzen erlaubte,
durch welche Mittel er sie gewonnen habe. Die Gesellschaft meines Vaters bestand
aus jungen Leuten, die mehr oder weniger seinen Meinungen über Religion
anhingen, und meine Mutter musste oft Gespräche anhören, von denen sie in frommer
Einfalt glaubte, ihr frevelhafter Inhalt müsse das Feuer des Zornes vom Himmel
herunter auf die sträflichen Häupter der Leichtsinnigen rufen.
    Mit Schmerzen sah der Beichtvater, wie gröblich er sich hatte täuschen
lassen, und die Eltern der unglücklichen Frau suchten durch fromme Werke den
Himmel wegen ihres Irrtums zu versöhnen. In dieser Lage der Dinge wurde die
Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Unglück betrachtet, denn man
fürchtete mit Recht, dass auch die Kinder der katolischen Kirche würden entzogen
werden und so auch diese Seelen verloren gehen würden. Indes wurde es
notwendig, diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen, und wie man es befürchtet
hatte, lachte mein Vater nur über die Hoffnung, dass er die Erlaubnis geben
würde, seine Kinder katolisch zu erziehen. Man bediente sich selbst der List,
um ihn dazu zu vermögen, sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfüllen,
indem man ihm vorstellte, da ihm alle Religion gleichgültig sei, so könne er ja
leicht zugeben, dass die Mutter, die sich nicht zu seinen Ansichten erheben
könne, den Trost habe, dass die Kinder ihren Glauben teilten. Mein Vater stellte
die weltlichen Nachteile dagegen auf, die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse
der katolischen Religion erwachsen müssten, und nach langem Unterhandeln konnte
endlich nur mit Mühe erreicht werden, dass die Söhne der Religion des Vaters, die
Töchter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten.
    Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor, das Kind, welches meine
Mutter noch unter ihrem Herzen trug, möge eine Tochter sein, ganz entgegen den
gewöhnlichen Wünschen der Familien, die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu
erbitten pflegen. Auch diese Gebete erhörte der Himmel nicht, und das Entzücken
der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt, als man ihr nach überstandener Qual
den neugebornen Sohn hinreichte. Die Freude des Vaters war laut und heftig, ein
glänzendes Fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen, und mit
innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen
Prediger die heilige Handlung verrichten. Der Beichtvater meiner Mutter tröstete
sie mit dem Gedanken, dass noch nichts verloren sei, weil die Taufe, in welcher
Kirche sie auch gefeiert werde, immer die gleiche Gültigkeit habe und es immer
noch in der Macht meiner Mutter stände, die junge Seele dem wahren Heile
zuzuwenden.
    Dieser Gedanke entzündete eine neue Hoffnung in der Brust der unglücklichen
Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem Kinde zu, dessen Seelenheil
sie gefährdet wähnte. Wenn sie in blinder Zärtlichkeit sich ganz dem Kinde
hingab, alle seine Wünsche befriedigte, selbst die, welche der verkehrteste
Eigensinn aussprach, so täuschte sie sich selbst und bildete sich ein, es
geschähe, um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten, um ihn durch
diese Liebe später zum wahren Heil zu leiten; es entging ihr der Widerspruch,
dass sie den später leiten wollte, von dem sie sich schon als Kind völlig
beherrschen liess. Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich, weil er ihn mit dem
gewöhnlichen Stolz der Väter als Fortpflanzer seines Namens betrachtete, und
weil er den Plänen der Mutter, die er gar wohl bemerkte, entgegen wirken wollte,
und so kam es, dass dieses Kind im frühesten Alter der unumschränkte Gebieter des
Hauses war, dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu
betrachten sich gewöhnten.
    So verwöhnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden, und als meine Eltern
die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu müssen
glaubten, fühlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung, einem Kinde das
Dasein zu geben. War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine
Tochter inbrünstig gewesen, so wurden jetzt weder Gebete noch Gelübde gespart,
und meine Mutter gelobte dem Himmel, Falls er ihr eine Tochter schenken würde,
sie dem Dienste des Himmels zu weihen, um in ununterbrochenen Gebeten die
Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen.
    Dies Mal wurden ihre frommen Wünsche erhört, und ich Unglückliche erblickte
das Licht des Tages. Meine Mutter empfing mich mit Entzücken in ihren Armen,
aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mütterliche Brust, sondern als ein
Sühnopfer, welches sie wähnte vom Himmel errungen zu haben; nicht um mein selbst
Willen widmete sie mir ihre Sorge und Pflege, sondern weil ich nun da war, um
ein ganzes Leben hindurch für einen begünstigten Bruder zu beten. Auch mein
Vater begrüsste meinen Eintritt in's Leben nicht mit Liebe; er blickte mit Kälte
auf mich, weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte, mich in der
katolischen Kirche erziehen zu lassen, denn es ging ihm, wie vielen
Freigeistern, die ich später kennen lernte, die alle Religion hinwegspotten
wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht lösen konnten, in denen die
Sekte sie hielt, in der sie geboren waren.
    War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders gross gewesen, so wurde um
so stiller die heilige Handlung begangen, die mich auf katolische Weise zur
Christin weihte. Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem
Einflusse ihres Beichtvaters überlassen musste, so gewöhnte er sich, mich von der
Geburt an als ein seiner nicht würdiges Wesen anzusehen, und betrachtete um so
mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigentum, und so kam es denn, dass
meine Erziehung von der frühesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde, dass
ich dem Zwecke, wozu man mich bestimmte, einem Bruder das Heil zu erringen,
einst vollkommen entsprechen könnte.
    Ich war kaum fünf Jahre alt, als ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde das
Leben meines Vaters in Gefahr brachte. Es war ihm nicht entgangen, welche Pläne
meine Mutter mit mir hatte, ob er gleich nicht ahnete, dass ich geopfert werden
sollte, um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten; da ich aber
seinem Gefühl völlig fremd blieb und er alle Neigung allein seinem Sohne
zuwendete, so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb, als meinem Bruder
dadurch der ungeteilte Besitz des Vermögens gesichert wurde, welches durch die
Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden. Da ihm der gefährliche
Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte, ob er gleich von den
Aerzten noch einige Zeit nach dem unglücklichen Sturze erhalten wurde, so
richtete er sein Testament ganz zum Vorteile meines Bruders ein, und da meine
Mutter während seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit Hülfe des
Beichtvaters versucht hatte, so erregte dies nicht nur seinen Zorn, sondern auch
die Sorge, dass nach seinem Tode derselbe Eifer für die Seele meines Bruders sich
zeigen würde, und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde, der
meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte, damit, wie er
unverholen äusserte, der Knabe nicht durch die Mutter den Händen der katolischen
Priester übergeben werden möchte.
    Meine unglückliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes,
dass sie den Mann ihrer Liebe verlor, ohne, wie sie meinte, seine Seele gerettet
zu haben, und dass gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde, um
dessentwillen sie nur noch lebte.
    Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmöglich
gemacht wurde, unmittelbar für seine Bekehrung zu wirken, in welchem Gedanken
sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte, so blieb nichts
übrig, als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken, und ich wurde zu
allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten.
    Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde, dass mein Leben dem
Dienste Gottes im Kloster geweiht sei, so hegte ich selbst auch keinen andern
Gedanken, und da meine Mutter den Einfluss lebensfroher Gespielen fürchtete, so
erzog sie mich in völliger Einsamkeit; ich sah beinah nur den Beichtvater und
sie; und als Grund für diese Zurückgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung
zum Klosterleben angeführt, so dass ich nicht Teil nahm an den wenigen
Gesellschaften, die meine Mutter besuchte, und auch das Gesellschaftszimmer
verliess, wenn zuweilen Besuch bei uns erschien.
    Ich fügte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit; ich lebte in
Träumen, die meine Phantasie erzeugte; ich bildete mir innerlich ein
wunderbares, reiches Leben und hielt mich so für alle äusseren Entbehrungen
schadlos. Mein lebhafter Geist, der mit nichts genährt wurde, musste alle
Beschäftigung in sich selber suchen und führte mich oft an die Gränze des
Wahnsinnes, denn ich glaubte selbst an meine wachen Träume. Die einzige Störung
dieses einsamen, träumerischen Lebens trat ein, wenn uns mein Bruder, von seinem
Vormunde begleitet, besuchte. Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne,
und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzählte, so regte sich
zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust, Teil an seiner Freude zu nehmen. Auf
meine Mutter machten diese Besuche, nach denen sie sich so heftig sehnte, jedes
Mal den traurigsten Eindruck, und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden
verdoppelt, um eine Bekehrung zu erflehen, die immer zweifelhafter zu werden
schien.
    Mein Bruder hatte ungefähr das Alter von sechzehn Jahren erreicht, als ich
bemerkte, dass sein Betragen gegen uns anders wurde. Er kam jetzt zuweilen
allein, teils weil seinem Vormunde der Aufentalt bei uns langweilig war,
teils weil er glaubte, mein Bruder sei so befestigt in seinen religiösen
Ansichten, dass die Mutter keinen Einfluss mehr auf ihn würde ausüben können.
Diese Besuche gewährten dieser einen kaum mehr gehofften Trost; mein Bruder
spottete nicht mehr über meine Bestimmung, ja er konnte mit Bewunderung von der
Heiligkeit eines einsamen, Gott geweihten Lebens sprechen; er liess in solchen
Stunden meine arme Mutter hoffen, dass, sobald er das mündige Alter erreicht
haben würde, er sich in den Schoss der katolischen Kirche würde aufnehmen
lassen, und es bedurfte keiner grossen Ueberredung, um die Mutter und den
Beichtvater zu überzeugen, dass diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen
gehalten werden müssten, damit dieser nicht den Sohn auf's Neue von der Mutter
trennte. Die arme Frau hatte sich ohne grosse Kunst von dem Manne täuschen
lassen, der ihre Liebe gewann, und liess sich nun noch bereitwilliger von einem
Knaben hintergehen. Sie bemerkte es nicht, dass sie diese frommen Äusserungen
jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen musste, die mein Bruder von ihren
Ersparnissen empfing. Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr mässiges Einkommen
bestimmt, da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren, so hatte sie
durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel, und mein Bruder hatte
nicht so bald Kenntnis von diesem Zuwachs, als er ihn für sich benutzte, durch
eine Heuchelei, die der Beweis einer grossen Schlechtigkeit gewesen wäre, wenn er
diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dünkel für das Zeichen eines starken
Geistes gehalten hätte, der sich erlauben dürfte, die Schwachheit einer bigotten
Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen.
    So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten,
ehe er sein mündiges Alter erreichte, und diese fing an die Entbehrungen zu
fühlen, die sie sich aus Liebe für diesen Sohn selbst auferlegt hatte; doch
machte ihr dies keinen Kummer, denn für mich war gesorgt, indem ich aus der Welt
schied, und sie selbst konnte dann bei dem geliebten, geretteten Sohne den Rest
des Lebens in heiliger Freude hinbringen. Ich war noch sehr jung, aber ich sah
mit Befremden die bedenklichen Mienen, die mein Bruder zu solchen Träumen
machte, wenn sie ihm mitgeteilt wurden.
    Ich war ungefähr funfzehn Jahr alt geworden, und meine Mutter fing sich an
ernstlich darüber mit dem Beichtvater zu beraten, in welchem Kloster ich meine
Probezeit hinbringen sollte, als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam
und unserem Leben eine neue Wendung gab. Diese Tante hatte sich mit einem
bedeutenden Vermögen, die Schönheit der Natur zu geniessen, nach der Schweiz
zurückgezogen; sie war alt und kinderlos, und forderte meine Mutter auf, mit mir
zu ihr zu kommen, damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen
müsse, und versprach zugleich, wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig
erfüllen wollte, sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen.
    Niemand unterstützte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder,
und als meine Mutter die Besorgnis äusserte, dass er, getrennt von ihr, wieder lau
werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben könne, versicherte er, dass er uns
nach der Schweiz folgen würde, wo er, ohne Aufsehn zu erregen, leichter noch als
im Vaterlande dies Verlangen seines eignen Herzens stillen könne. Diese
Äusserung war entscheidend, und wir begaben uns auf die Reise zu der alten,
reichen, lebenssatten Tante, wie sie von meinem Bruder genannt wurde.
    Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen, meine Spaziergänge
erstreckten sich nicht weiter, als bis in unsern Garten, dessen geschorene
Hecken und regelmässig abgeteilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung
gewährten, als dass ich die Blumen blühen und verblühen sah, und doch hatte ich
selbst in diesem beschränkten Raume in der Unschuld meines Herzens unsägliche
Freude genossen. Waren doch die Sommerlüfte warm und lind, glänzte doch der
Himmel über mir, dufteten mir doch die Blumen entgegen, und meine Phantasie
füllte die Gänge mit wandelnden Gestalten; wache Träume der lieblichsten Art
umfingen häufig meinen Geist in diesem Garten, und eine bunte Mährchenwelt
umgaukelte mich.
    Die angetretene Reise nun entführte mich aus der engbeschränkten, bekannten
Welt und zeigte mir zum ersten Male eine grossartige Natur. Schon unsere
vaterländischen Berge, unsere üppigen Täler und rieselnden Bäche entzückten
mein Herz, und ich dachte mit Beklemmung daran, dass ich von dieser herrlichen
Welt scheiden sollte und wieder höchstens in einem beschränkten Garten würde
verweilen dürfen. Aber als wir die Schweiz erreichten, war es, als ob mein Busen
sich dehnte. Diese Seeen, diese Berge, diese Täler weckten ein Gefühl des
Lebens in mir, das mir bis dahin fremd gewesen; ich fühlte, dass ich da sei um
mein selbst Willen, und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten, welches
für Andere dahin gegeben werden dürfe, und leise im Herzen regte sich mir der
Verdacht, ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene. Mein trunkenes Auge
schweifte unersättlich über Berg und Tal, und meine Seele sog das reinste
Entzücken in sich. Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fühlte,
welches sich so glänzend und neu vor mir ausbreitete, versprach ich mir
innerlich, leise, aber fest, eine Welt nicht zu verlassen, deren Zauber, sobald
ich ihn kennen lernte, so mächtig auf mich wirkte.
 
                                      III
Wir hatten Luzern erreicht, in dessen Nähe die Tante meiner Mutter ein herrlich
gelegenes Landhaus bewohnte. Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als
siebzigjährigen Frau empfangen, die das nahe Ende ihres einfachen, schönen
Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete, und sich durch die Gegenwart naher
Verwandten gestärkt fühlte; aber dennoch liess sich bald bemerken, dass ihre
Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war, und dass der beschränkte Geist meiner
guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewähren konnte, die sie in ihren
einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte.
Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein, dass ich
schon vor meiner Geburt zum Opfer für einen Andern bestimmt war, und wenn sie
die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekämpfte, so machte dies deshalb
einen erschütternden Eindruck auf diese, weil sie keine frevelnde Freigeisterei
bei ihrer Tante voraussetzen durfte, sondern sie in allen Handlungen ihres
Lebens als fromme Katolikin verehren musste.
    Meine grosse Jugend erregte die Teilnahme dieser vortrefflichen Frau, und
indem sie für meine Bildung zu sorgen beschloss und mich deshalb mehr an sich
zog, bemerkte sie mit Schrecken eine völlig verwahrloste Erziehung, und auf die
Vorwürfe, welche sie meiner Mutter darüber machte, glaubte diese genügend mit
der Frage antworten zu können, von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei
meinem künftigen Aufentalte im Kloster sein könnten, und ob sie nicht im
Gegenteil dazu dienen würden, in mir eine Sehnsucht nach der Welt zu erregen,
die ich bestimmt sei zu verlassen. Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander
zu setzen, die darin liege, wenn ein so lebhafter, feuriger Geist als der meine
gar keine Nahrung erhielte und alle Hülfsquellen in der künftigen Einsamkeit nur
in sich suchen müsse, worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die
sichersten Stützen der Seele hindeutete.
    Die Tante gab bald jeden Streit über diesen Gegenstand auf und benutzte ihre
Ueberlegenheit des Geistes, um für mich, ohne weiter zu fragen, Lehrer in allen
nötigen Wissenschaften anzunehmen, und da sie mich zugleich zu allen frommen
Uebungen anhielt, die die Kirche vorschreibt, so konnte meine Mutter keinen
Grund finden, sich einer Einrichtung zu widersetzen, von der die Tante
behauptete, dass sie ihr eine erheiternde Beschäftigung im Alter gewähre.
    Für mich begann in dieser Zeit ein so glückseliges Leben, dass vielleicht
durch die Trunkenheit, in der mein Geist sich befand, alle Fähigkeiten meiner
Seele erhöht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten. Meine
Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschränken, denn die Herrin
desselben begünstigte den Umgang mit Personen meines Alters, die in unserer Nähe
lebten, und die anständige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns,
auf den nahen Bergen umher zu schweifen, und mit den reinen Lüften sog ich die
Kräfte des Lebens in mich; mein Geist erstarkte wie meine Glieder, meine Wangen
röteten sich, meine Augen leuchteten in der Fülle des Glücks und der
Gesundheit. Die Zaubergärten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem
Geiste und übten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele. Meine Mutter bemerkte
mit Unruhe die Verwandlung, die mit mir vorging und die sie eine traurige
Verweltlichung nannte; die Tante war in demselben Grade darüber erfreut.
    Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren, hatte sich zwischen meiner
Grosstante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhältnis gebildet,
welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte, der Tante in ihrer Einsamkeit und
dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart.
    Herr Blainville, so nannte sich der alte Mann, hatte Frankreich verlassen
müssen, weil sein vorurteilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Stürme
erkannte. Seine Stellung in der Nähe seines Monarchen hatte ihn vermocht, diesen
auf seine gefährliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Möglichkeit des
Unglücks zu zeigen, welches bald furchtbar hereinbrechen sollte. Anfangs
verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhänger verhasster Systeme
verdächtig gemacht, und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhänglichkeit
Willen bedroht. Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdächtig, weil
er seinem Könige ergeben war, und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des
Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt, und hatte kaum noch Zeit, durch eine
eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen, die sein Leben in Gefahr bringen
konnte. Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hülfsmittel
mit sich nehmen, und er musste mit seinem Vermögen einen Sohn und eine Tochter in
Frankreich zurücklassen, für deren Schicksal er unaufhörlich fürchtete, und je
deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen liess,
dass er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte, um so
heftiger wurde seine Unruhe, und sein Herz wurde von den quälendsten Sorgen um
das Schicksal seiner Kinder zerrissen, denn seine Phantasie spiegelte ihm die
furchtbarsten Ereignisse vor. Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht
gelingen, ihn zu beruhigen. Eine furchtbare Revolution, pflegte er oft, wenn sie
ihm Trost einsprechen wollte, zu sagen, bricht über mein unglückliches Vaterland
herein, und ich weiss wohl, dass diese in der Zukunft für Frankreich, ja für ganz
Europa die heilsamsten Früchte tragen kann, aber in der Gegenwart, wo alle
Leidenschaften aufgeregt sind, wird sie wüten wie ein furchtbarer Orkan, der
zwar auch die Luft reiniget, aber Wehe dem, der ihm nicht ausweichen kann.
    Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus, von
einem jungen Manne begleitet, welchen meine würdige Grosstante mit herzlicher
Freude als den jungen Blainville begrüsste. Sie wünschte dem Vater aufrichtig
Glück, dass durch die Ankunft des so heiss ersehnten Sohnes die Unruhe seines
Herzens beendigt sei, und fragte den jungen Mann mit Teilnahme nach seiner
Schwester. Er berichtete mit Kummer, dass es ihm unmöglich geworden sei, für die
Schwester und sich Pässe zu erhalten, dass er gezwungen gewesen, sich ohne Pass
über die Grenze zu schleichen, welches er nicht habe bewerkstelligen können,
ohne Gefahren sich auszusetzen, denen ein junges Mädchen unmöglich könne
preisgegeben werden; er habe also in Paris, wo sie verborgen und in Sicherheit
leben könne, auf's Beste für sie gesorgt, und da er selbst bald zurück müsse, so
hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden, auch sie dem Vater zuzuführen.
    Der junge Blainville schien durch meinen Anblick überrascht, und es war
nicht zu verkennen, dass er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an
mit Innigkeit mir zuwendete; sein Vater schien seine Neigung durch seinen
Beifall zu unterstützen, meine Grosstante wirkte ihr nicht entgegen, und meine
Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken.
    Wer jemals die Süssigkeit der Momente empfunden hat, wenn zwei junge Herzen
sich gegeneinander öffnen, um sich zu vereinigen, der wird es begreifen, dass es
mir schien, als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte, deren glänzende Strahlen
Alles um mich her beleuchteten und verschönten. Der alte würdige Blainville
streichelte oft meine glühenden Wangen und nannte mich sein Kind, seine zweite
Tochter, den Trost seines Alters. Ich begriff nicht, warum diese Schmeichelworte
mir Tränen entlockten, und doch war ich so selig in diesen Tränen.
    Meine Grosstante und der alte Blainville hatten jetzt häufig lange
Unterredungen mit einander, die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu
befestigen schienen, aber ich bemerkte, dass nach solchen Unterredungen die Tante
oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete; endlich schien diese sich an die
Gefühle ihrer Jugend zu erinnern, und sie begann die Gefahr, die ihren Plänen
drohte, zu ahnen. Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen, mich
nicht aus ihrer Nähe entfernen zu wollen, und wusste nicht, wie sie dies erfüllen
und doch zugleich ihrem Gelübde treu bleiben sollte. Endlich glaubte sie durch
Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu können. Sie ergriff
also die erste schickliche Gelegenheit, um in des alten, wie des jungen
Blainvilles Gegenwart zu erklären, dass sie mein Leben dem Heiland geweiht und
mich deshalb für das Kloster bestimmt habe, und von ihrer gütigen Tante hoffe,
dass sie mir erlauben würde, bald mein Probejahr anzutreten. Wie ein Donnerschlag
wirkte diese Erklärung auf den jungen Blainville. Ich sah ihn erbleichen und
hielt meine strömenden Tränen nicht zurück, der alte Blainville sah verlegen
auf die Tante, die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete; aber
diese blickte triumphirend, wie nach einem gewonnenen Siege, umher.
    Die schöne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen, aber dennoch war nicht
erreicht worden, was meine Mutter im frommen Eifer für ihre Kirche und aus
blinder Liebe für meinen Bruder wollte. Ich suchte die Einsamkeit, aber nicht
bloss um meinen Tränen Luft zu machen, sondern um mich auch in dem Vorsatze zu
bestärken, mich nicht für meinen Bruder opfern zu lassen. Ich entwarf manche
Pläne, wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rat
benutzen wollte, aber wenn ich mit ihm zusammentraf, konnte ich den Mut nicht
dazu finden.
    Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergänge entdeckt, und
eine Erklärung, die vielleicht ohne die Äusserungen meiner Mutter unsere
Schüchternheit noch lange zurückgehalten hätte, vereinigte nun auf das Festeste
unsere Herzen; wir gelobten uns mit allem Ungestüm der Jugendliebe ewige Treue,
und hofften von der Zeit, von der Güte meiner Grosstante, von dem Einflusse des
alten Blainville unser Glück; aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen,
dass dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben würde, der offenbar das
Recht einer Mutter verletzt hätte; von dieser Mutter aber konnten wir weder
durch Bitten, noch durch Tränen etwas zu gewinnen hoffen, da das vermeinte
Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war, als das irdische Glück
einer wenig geliebten Tochter, und so schlossen sich alle unsere Unterredungen
mit hoffnungslosen Tränen, und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen,
in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren.
    Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermutung anvertraut, dass mein Bruder
durch eigennützige Absichten bei seinem Handeln geleitet würde, und dass er die
Bekehrung selbst, auf die meine Mutter so inbrünstig hoffte, nur vorspiegele, um
mich in's Kloster zu verstossen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten,
welches mein Vater mir ausgesetzt hatte, und wir beklagten um so schmerzlicher
die Blindheit der Mutter, die mich diesem Bruder opfern wollte, als unvermutet
er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte, was wir am
Wenigsten erwartet hätten.
    Als die erste Freude der Bewillkommnung vorüber war, erschrak meine Mutter,
ihren Sohn so verändert zu finden; die Blüte der Jugend war von seinen Wangen
schon abgestreift, seine Gestalt zusammengesunken, obgleich er kaum zwei und
zwanzig Jahre alt war, und er schob die Schuld der traurigen Veränderung, die
mit ihm vorgegangen war, auf den vielen Kummer, den ihm sein Vormund verursache,
der, wie er behauptete, seine Neigung zur katolischen Religion entdeckt habe.
Er trieb die Heuchelei so weit, dass wenig fehlte, und meine Mutter hätte ihn für
einen Märtyrer des Glaubens gehalten. Der alte Blainville, der die Welt besser
kannte, als sie, vertraute der Tante nach wenigen Tagen, dass ihm der junge Mann
ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene.
    Es liess sich bald erkennen, dass mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu
erhalten wünschte, und dass diese so bedeutend sein mussten, dass sie ihre Kräfte
überstiegen, denn sein Missmut liess sich eben so wenig, als ihre Tränen
verhehlen. Da der alte Blainville die Verhältnisse meiner Familie kannte, so gab
er seinem Sohne einen Rat, der unser Glück herbeiführte. In Folge dieses Rates
nämlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nähern, er bot ihm die
Hülfe, welche die Mutter nicht gewähren konnte, und übernahm es zugleich, mich
zu verpflichten, auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten, wenn er die Mutter
dazu bestimmen könne, in unsere Verbindung zu willigen.
    Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfüllt, als mein Bruder sich
mir nun liebreich näherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte, der ohne
Schonung meine Jugend opfern wollte; er segnete den Gedanken, der ihn zu rechter
Zeit herbeigeführt hätte, um ein solches Unglück zu verhindern. Mir klangen
diese Worte in seinem Munde so fremd, dass ich ihn Anfangs mit Misstrauen
betrachtete; er lächelte und sagte: wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir
gewinnen, meine gute Schwester? Ich beförderte den Plan der Mutter, weil ich
glaubte, ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf, Deine eigene Wahl; da mich
aber Blainville, der mehr Vertrauen zu mir hat, als Du, eines Besseren belehrt
hat, so werde ich die Mutter noch heute bestimmen, Eure Hände in einander zu
fügen.
    Da ich keine Kenntnis davon hatte, durch welche Mittel Blainville meinen
Bruder bestimmt hatte, unser Glück zu befördern, so warf ich mich mit Tränen
der Reue in seine Arme; ich gestand ihm die nachteiligen Gedanken, die ich über
ihn genährt hatte; ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um
Verzeihung; ich überhäufte ihn mit Dank und Liebe, und war unendlich beglückt,
als er mir grossmütig verzieh und sich meine Liebe gefallen liess. Ich fürchtete
nur noch, er würde die Mutter nicht bestimmen können. Lass das meine Sorge sein,
erwiederte er mit einem beinah verächtlichen Lächeln.
    Er verliess mich, um die Mutter sogleich zu sprechen. Mein Herz pochte, als
ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen hörte, und ich erfuhr
nachher, dass mein Bruder erklärt habe, er könne es nicht ertragen, dass ich um
einer Einbildung Willen geopfert würde, denn um seinen Uebertritt zur
katolischen Kirche zu erreichen, dazu bedürfe es dieses Opfers nicht, und mein
Gebet für ihn würde eben so kräftig wirken, wenn ich auch keine Nonne, sondern
Blainvilles Gattin würde. Er sei entschlossen, so bald er mündig geworden, zu
der katolischen Kirche überzutreten, wenn meine Mutter ihre Einwilligung zu
meiner Verbindung geben wolle, würde aber diese verweigert, so werde er einen
feierlichen Eid leisten, als Protestant zu sterben. Diese Drohung wirkte, wie
sie sollte, und bestimmte meine Mutter, sogleich den lang genährten Plan
aufzugeben, und sie trat an der Hand des Bruders in den Saal, um mir dessen
grosse Liebe, die nur mein Glück wolle, zu verkündigen. Sie ermahnte mich, die
oft begangene Sünde zu bereuen, dass ich diesen edeln Bruder des Eigennutzes
beschuldigt habe, denn wäre er eigennützig, schloss sie ihre Rede, so würde er
mich nicht bestimmt haben, Dich zu verheiraten, was ihn nötigt, Dir Dein Erbe
auszuzahlen, welches ihm geblieben wäre, wenn Du den geistlichen Stand erwählt
hättest. Mein Bruder liess es geschehen, dass ich ihm meine Reue noch ein Mal
bezeigte, ja er duldete es, dass ich seine Hände dankbar küsste, die, wie ich
wähnte, mich dem Leben zurück gaben.
    Noch denselben Abend wurde ich mit dem jungen Blainville verlobt, und in
wenigen Tagen sollte unsere Verbindung gefeiert werden. Wir waren beide viel zu
entzückt und zu sehr mit unserm Glück beschäftigt, als dass wir uns über die Art
gegen einander erklärt hätten, wie mein Bruder unser Wohltäter geworden war;
nur lächelte mein Verlobter, wenn ich die Liebe und Grossmut dieses Bruders
pries.
    Befremdend war es mir daher, als nach wenigen Tagen der alte Blainville mich
in sein Kabinet führte und mich bat, eine Schrift zu unterzeichnen, worin ich
auf jede Erbschaft meines Vaters zum Vorteil meines Bruders Verzicht leistete,
mit der Bewilligung meines künftigen Gemahls und meines Schwiegervaters. Dieser
versicherte mir, meines Bruders Verhältnisse machten dies durchaus notwendig,
auch wollte er mir sogleich die Summe ersetzen. Ich zögerte nicht zu
unterschreiben, aber die Täuschung war geendigt, ich wusste nun, dass nicht Liebe
für mich meinen Bruder bewogen hatte, mein Glück zu befördern, und ich hörte es
ohne Kummer, wie mein Schwiegervater hinzufügte, dass meines Bruders schleunige
Abreise so nötig sei, dass er nicht Zeuge meiner Verbindung mit seinem Sohne
würde sein können, da diese um eine Woche hätte aufgeschoben werden müssen, weil
der Geistliche krank geworden sei, der, wie er und meine Grosstante wünschten,
den Segen über unsere Verbindung sprechen sollte.
    In der Tat reiste mein Bruder nach zwei Tagen ab, nachdem er die Summe von
Blainville erhalten, die ihm dieser zugesichert hatte. Mein Schwiegervater
liebte seinen Sohn auf das Zärtlichste; er wollte nur sein Glück, und da er sah,
dass dies Glück ohne eine Verbindung mit mir nicht denkbar war, so tat er Alles,
um sie herbei zu führen; aber da er mächtige Feinde in Frankreich hatte, da ihm
dort noch eine Tochter lebte, um derent Willen er selbst oder der Sohn dahin
zurückkehren musste, so war Vorsicht für ihn um so nötiger, weil er, um seine
Feinde zu täuschen, das Gerücht hatte verbreiten lassen, er sei gestorben. Er
hatte also selbst einen Aufschub meiner Verbindung mit seinem Sohne veranlasst,
um meinen ungeduldigen Bruder zu entfernen, dem er seinen wahren Namen nicht
anvertrauen wollte, der doch in diesem feierlichen Augenblicke genannt werden
musste. Meine Mutter, deren Verschwiegenheit er nicht vertraute, war nicht zu
fürchten, denn sie selbst hatte erklärt, ihr Gefühl erlaube ihr nicht, bei
meiner Trauung gegenwärtig zu sein; da es ihre liebste Hoffnung gewesen sei,
mich als eine Braut Christi zu sehen, so könne sie mich zwar segnen, aber jede
irdische Verbindung nur beweinen.
    Zu meinem Befremden bestritt Niemand diesen Vorsatz, und als ich mit Tränen
meine Mutter bewegen wollte, ihren Entschluss zu ändern, führte mich meine
Grosstante hinweg und sagte: Lass Deine Mutter bei ihrem Entschlusse, es ist für
Alle der beste, den sie hätte fassen können.
    Der feierliche Tag war erschienen; die Trauung sollte in der Kirche eines
nahen Dorfes stattfinden; meine Grosstante begleitete mich dahin, Blainville kam
in Begleitung seines Vaters und des Kammerdieners, den ich ihn immer wie einen
Freund hatte behandeln sehen; dies waren die Zeugen, die gegenwärtig sein
sollten.
    Meine Grosstante sagte mir auf dem kurzen Wege: Ich habe Dich nicht lange
allein sprechen können in diesen Tagen, weil ich nicht die Aufmerksamkeit Deiner
Mutter erregen wollte, und so bleibt mir nun keine Zeit, Dich gehörig
vorzubereiten, und ich muss Dich nur bitten, nicht überrascht zu sein, wenn der
Geistliche, der Euch verbindet, nicht den Namen Blainville ausspricht, den Dein
künftiger Gemahl und Dein Schwiegervater hier nur ihrer Sicherheit wegen führen;
in ruhiger Stunde wirst Du alles Nötige von Beiden selbst erfahren, ich kann
Dich nur daran erinnern, dass Du den Mann liebst und nicht den Namen, auch dass
Niemand eine Täuschung beabsichtigt hat und in der gegenwärtigen schlimmen Zeit
manche Vorsicht nötig wird. Es kränkt mich, dass Du in diesem wichtigen
Augenblicke durch andere Gedanken zerstreut wirst, da Du nur fromme haben
solltest; aber doch konnte ich Dich nicht ganz unvorbereitet lassen.
    Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt, als unser Wagen vor
dem Eingange des Kirchhofes hielt, der die kleine Kirche umgab. Mein Verlobter
wartete hier auf mich und führte mich zur Kirche; mein Gemüt war wunderbar
bewegt, das kleine Gefolge, die beinah heimliche Trauung, die Ungewissheit über
den Namen meines künftigen Gemahls, Alles versetzte mich in eine so ängstliche
Spannung, dass ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor
Allem darauf lauschte, welchen Namen der alte, ehrwürdige Geistliche aussprechen
würde, um den Mann, der ihn führte, mit mir zu verbinden, und überrascht zuckte
ich zusammen, als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte, ob er mich zur
Gefährtin seines Lebens wähle.
 
                                       IV
Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar, aber doch mit ruhiger
Aufmerksamkeit gelesen, der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen
Geist, die Blätter entfielen seiner Hand, und die Erzählung des General
Clairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht.
    Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot; er erblickte seine
Gemahlin im Gedränge des Volks; er sah sie die weissen Arme erheben, sah den
wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts, er hörte innerlich ihren lauten
durchdringenden Schrei und verhüllte, vor entsetzlichem Schmerze laut weinend,
sein Gesicht, und, so wunderbar ist des Menschen Gemüt, in diesem ungeheuern
Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele, sich seine Gemahlin
so tief erniedrigt, vermischt mit dem Volke, als die Wittwe eines Hingerichteten
zu denken. Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber, ehe er so viel
Fassung gewann, dass er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche
Geschichte weiter verfolgen konnte. Die Erinnerung, mit welcher Pein seine
Gemahlin ihn erwarten würde, gab ihm endlich den Mut dazu, und er kehrte zu dem
Inhalte der verhängnisvollen Blätter zurück und las, wie die Gräfin den Fortgang
ihrer Geschichte folgendermassen berichtete:
    Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus
und benutzte die erste ruhige Stunde, mir die Notwendigkeit zu zeigen, seinen
Namen zu verschweigen. Er hatte beschlossen, seinen Sohn keiner Gefahr mehr
auszusetzen, sondern, sobald es sich tun liesse, selbst nach Frankreich
zurückzukehren, um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen, und
er glaubte, er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können, wenn
Niemand seinen Tod bezweifelte. Ob ich gleich sehr jung war, sah ich die
Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Notwendigkeit, alle
unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen. Der alte Geistliche, welcher
uns eingesegnet hatte, war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters,
also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen.
    Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals teuer gewesen, aber seit meiner
Verheiratung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden
zärtlichen, liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder, dessen Mündigkeit
sie sehnsüchtig herbeiwünschte, denn sie zweifelte nicht, dass er dann sein
Versprechen erfüllen und seine Seele, wie sie es nannte, in Sicherheit bringen
würde. Mich kränkte diese unverdiente Kälte, und dies war der einzige Kummer,
der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes
verdunkelte.
    Ich empfand es eine kurze Zeit, wie glücklich der Mensch sein kann, um bald
mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren, welch furchtbares Leid das menschliche
Herz zu ertragen vermag. Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äusserte
oft, wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne, so würde er sich hier,
umgeben von unserer Liebe, vollkommen glücklich fühlen, besonders wenn er die
Tochter erst mit uns vereinigt habe; aber ach! geliebte Kinder, seufzte er dann,
der Himmel gewährt kein reines Glück, wir sind doch immer aus unserm Vaterlande
verbannt. Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der
Rückkehr zu trösten. Es wird die Zeit einmal kommen, erwiederte er dann wohl,
Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen, aber ich werde diese Zeit
nicht mehr erleben.
    Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Grosstante
getrübt; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften
Schlummer ein wahrhaft frommes Leben. Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine
Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und, wie sie es versprochen hatte, ihr
Testament diesem Zwecke gemäss eingerichtet. Später, als die treffliche Frau die
ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte, wollte sie zu
meinem Vorteile eine Aenderung treffen, die jedoch immer verschoben wurde, und
so geschah es, dass der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft
blieb. Ich beweinte die geliebte Frau, die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte,
als die Mutter, die mich geboren hatte; aber das zärtliche Flehen meines Gemahls
schmeichelte meinen Kummer hinweg, er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn,
gegen seinen Vater, und ach! an das Pfand unserer Zärtlichkeit, das noch unter
meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler, ahnungsvoller Liebe
zuneigte.
    Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf,
zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen. Wie wir es
erwartet hatten, folgte er bereitwillig diesem Rufe, um für meine Mutter die
Erbschaft in Empfang zu nehmen, und diese erstaunte, als dies Geschäft nach
einigen Wochen beendigt war, den Nachlass ihrer Tante so gering zu finden, dass
sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen, wie es ihr Vorsatz
war, zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte.
    Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner Mutter geordnet hatte, verliess er
uns, um ein Jahr in Paris zuzubringen, und dann nach seiner Rückkehr wollte er
sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und, wie meine Mutter
hoffte, den lang genährten Vorsatz ausführen, sich in den Schoss der
katolischen Kirche aufnehmen zu lassen. Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach
dem Lande seiner Sehnsucht abreisen, denn Paris war ihm der Mittelpunkt der
Welt, das Ziel seiner glühenden Wünsche, und er hatte es bis jetzt nicht
erreichen können, weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte.
    Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück
erhöht, denn der Himmel schenkte mir einen Sohn, den der Grossvater mit dankbaren
Tränen gen Himmel hob, der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den
ich, in selige Freude verloren, an meinen Busen drückte. Gewiss begleitet die
Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben, aber sie wird sich mit
dem vorrückenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln, die wehmütige
Zärtlichkeit einer jungen Mutter aber, den rührenden Stolz, die ahnungsvolle
Liebe, die trunkene Hoffnung auf eine glänzende Ferne, diese Gefühle kann nur
dunkel ahnen, Wer sie nicht selbst erlebt hat.
    Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufällig den Geistlichen bei sich, der
unsere Trauung vollzogen hatte; der Arzt, ein Freund, auf dessen
Verschwiegenheit er ebenfalls zählen konnte, erklärte, das Kind sei so schwach,
dass es sogleich getauft werden müsse, ehe meine Mutter eingeladen werden konnte,
der heiligen Handlung beizuwohnen, und so waren mein Schwiegervater und der Arzt
die einzigen Taufzeugen, und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph
genannt.
    Meine Mutter schalt den Arzt unwissend, als sie das gesunde Kind erblickte,
für dessen Leben er gezittert hatte, und der gutmütige Mann liess sich lächelnd
den Vorwurf gefallen und sagte, er danke Gott für seinen Irrtum.
    Glück und Frieden, die seligste Ruhe umspielten mein Leben, und meine
zagende Seele sträubte sich, die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines
Daseins abzuwenden, um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu
versenken.
    Mein Sohn war ungefähr ein Jahr alt geworden, ich hatte ihn selbst genährt,
denn meine eifersüchtige Liebe würde es mit Neid betrachtet haben, wenn sein
erstes Lächeln sich einem fremden Wesen zugewendet hätte. Eine Aufwärterin, die
meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war, hatte sich seit meiner Verheiratung
in meinen Dienst begeben, und diese wurde nun die treue und sorgfältige Wärterin
des Kindes. Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an, an manchen Uebeln zu
leiden, die zwar für ihn beschwerlich waren, aber doch nicht sein Leben zu
verkürzen drohten, und wir hielten es für unsere Pflicht, ihm mehr als je unsere
Liebe und unsere Dienste zu weihen, um ihm sein Schmerzenslager erträglicher zu
machen, aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens
auf. Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und
brachte die Kunde, dass die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte
habe entfernen müssen, weil ihre Beschützer selbst, um wieder sie verhängten
Verfolgungen zu entgehen, aus Paris entflohen wären, ohne für ihre
Schutzbefohlne zu sorgen. Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese
Zeit an fühlbar zu werden, das Volk fing an seinen Hass gegen den Adel tätlich
zu zeigen, schon schien seine Wut Opfer zu fordern, und jeder, der nicht den
Mut hatte, alle in früheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben,
suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen. Wie viele Andere, so waren
auch die Beschützer meiner Schwägerin entflohen, und man erfuhr in dieser Angst
um ein geliebtes Wesen nur, dass eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in
tiefster Verborgenheit aufgenommen habe. Mein Schwiegervater war in
Verzweiflung, dass seine Krankheit eine Reise unmöglich machte, und es wurde nach
langem Kampfe beschlossen, dass mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach
Frankreich zurückkehren sollte. Ich erklärte, mich nicht von ihm trennen zu
wollen, aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters, die Sorge für meinen
Sohn, die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen
Rückkehr bestimmte mich endlich, mich dem allgemeinen Wunsche zu fügen, und
Evremont reiste, von schmerzlichen Tränen und heissen Segenswünschen begleitet,
ab.
    Ach! wie trübe wurden nun die Tage am Krankenlager meines Schwiegervaters,
dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte; kaum gewährte mir das
Lächeln der süssen Unschuld, mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob,
einigen Trost! Die grosse Aehnlichkeit mit seinem Vater, den ich fern und in
Gefahr wusste, erpresste mir Tränen, so oft ich auf ihn blickte, und unser aller
Angst wurde erhöht, als mein Bruder aus Frankreich zurückkehrte und alle
Auftritte schilderte, die schon vorgefallen waren; aber dennoch hatte ihn Paris
mit allen seinen Freuden so entzückt, dass er den Vorsatz aussprach, dahin zurück
zu kehren, sobald er seine Geschäfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe.
Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen, die ihr am Wichtigsten
waren, und er erwiederte mit frechem Scherze, den die gute Mutter nicht
verstand, Paris sei am Besten dazu geeignet, die Religion zu verändern, und sie
sollte von ihm hören, sobald er wieder dort sein würde. Er beklagte es, dass er
seinen Schwager nicht in Paris getroffen, und machte mir Vorwürfe, dass ich
zurückgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe, die Hauptstadt der
Welt, wie er Paris nannte, kennen zu lernen.
    Nach einem kurzen Aufentalte bei uns verliess uns mein Bruder, dem die trübe
Einsamkeit, in der wir lebten, peinlich und langweilig war, und wir hörten nun
nichts aus Frankreich, als was uns öffentliche Blätter meldeten, denn ein
Briefwechsel wäre unsicher und gefährlich gewesen, und in vielen
verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich, Evremont sei schon als Opfer gefallen,
und ich sah, dass dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte. Viele
gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen; die Bastille war erstürmt worden,
und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurück. Das Kind, welches er auf den
Armen der Wärterin zurück gelassen hatte, fing an seine Kräfte zu entwickeln und
lernte den Namen Vater lallen, indes wir fürchteten, der Vater sei ihm schon
verloren.
    In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die
Hoffnungslosigkeit hatte alle Kräfte unseres Geistes gelähmt. Dazu gesellten
sich andere Sorgen; die Hülfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu
erschöpfen, und wir lebten einer kummervollen Ungewissheit der Zukunft in jedem
Sinne entgegen.
    Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal.
Wir hatten einen kummervollen Tag, wie viele vorhergehende, vollbracht und
überlegten in der Stille des Abends, welchen Gefahren Evremont vielleicht habe
erliegen müssen, als die Tür sich öffnete, und der, für dessen Schicksal wir
noch eben fürchteten, gesund und heiter hereintrat. O! Wer vermöchte die
rührende Freude zu beschreiben, mit welcher der greise Vater den in voller Kraft
der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine Arme schloss. Wer
vermöchte mein Entzücken nachzufühlen, als der langersehnte Vater an das Lager
seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küsste, um
den süssen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören. Ja noch ein Mal
umspielte die reinste Freude mein Herz, und die Tränen meines Entzückens
vermischten sich mit den Tropfen, die Liebe und Rührung aus den Augen des
geliebten Mannes pressten.
    Als wir uns so weit gesammelt hatten, dass wir seine Mitteilung vernehmen
konnten, berichtete mein Gemahl, dass er Alles in Paris viel besser gefunden
habe, als wir hätten hoffen dürfen. Er habe dem Gerüchte, dass sein Vater
gestorben sei, nicht widersprochen, um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser
aller Wohl sorgen zu können, denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei,
um meinem Schwiegervater zu schaden, so sei dagegen die Volkspartei viel
mächtiger geworden, die sich einbilden könnte, sie wolle in seiner Person einen
Feind ihrer Ansichten bestrafen. Er selbst hatte überall die beste Aufnahme
gefunden, und er durfte hoffen, dass, wenn er schleunig zurückkehrte, man seine
Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten
bringen würde. Das gesammte Vermögen wollte er dann nach und nach in Sicherheit
zu bringen suchen, wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräussert habe
und die Summen, die er nicht gleich baar hätte erhalten können, durch die
Anweisung an einen Freund, dem der Vater vollkommen vertrauen konnte, sicher
gestellt hätte. Bedeutende Summen, die er baar mitbrachte, erhöhten noch die
allgemeine Zuversicht; auch beruhigte er den alten Vater über die
zurückgebliebene Tochter, für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war.
    Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte; es wurde von meinem
Gemahl mit Bestimmteit ausgesprochen, dass er bald wieder nach Paris
zurückkehren müsse, und auch mein Schwiegervater sah dies als notwendig an. Der
Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich. Die Erinnerung an alle
Leiden, an die qualvolle Angst, an die Schrecknisse, welche meine Phantasie mir
vorgespiegelt hatte, erregte in mir ein solches Entsetzen, dass ich nicht den
Mut hatte, alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben, und ich beschloss im
Stillen, mich nicht wieder von Evremont zu trennen.
    Die Gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser
Zeit oft den Zustand äusserster Aufregung, in dem sich Frankreich damals befand,
und Beide gaben zu, dass inmitten aller Ausschweifungen, zu denen das Volk sich
verleiten liess, grosse Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen,
und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam, dass sie von
angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten, um in Frankreich
ungestört zu leben, als sie hier freiwillig aufopferten, um unter fremdem
Himmel, vergessen, ein dunkles Dasein zu fristen.
    So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte, so konnte dieser doch
niemals diese Seite berühren, wie behutsam er es auch tat, ohne den alten
Grafen Evremont auf's Schmerzlichste zu verwunden, der sich dann wohl zu
heftigen Vorwürfen hinreissen liess und meinen Gemahl beschuldigte, dass auch er
sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe, und aus Verkehrteit des Herzens sich
mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe.
    Wenige Gespräche reichten hin, um meinen Gemahl zu überzeugen, dass dies ein
Punkt sei, über den er mit dem Vater nie seine Ansicht teilen würde, und dass es
daher besser sei, Gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu tun, um
der Neigung des Vaters zu entsprechen.
    So waren zwei Wochen vergangen, als mein Gemahl daran erinnerte, dass er
seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse, wenn er es vermeiden wolle, dass
seine Abwesenheit nicht bemerkt würde. Mein Schwiegervater gab die
Notwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu, und Evremont blickte mit dem
Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich. Dieser Blick gab mir den Mut,
sogleich bestimmt zu erklären, dass ich mich nicht wieder von meinem Gemahl
trennen würde.
    Mein Schwiegervater hatte bemerkt, wie Viel ich während Evremonts
Abwesenheit gelitten hatte, und lobte meinen Entschluss, der meinen Gemahl mit
dankbarer Freude erfüllte. Nun wurde beschlossen, wir sollten die grösste
Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen, Falls sich die Lage der
Dinge geändert hätte, dass wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten
brauchten.
    Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Anteil an unserer
Sicherheit und verschafte uns Pässe, worin wir als eine Schweizerfamilie,
Namens Blainville, bezeichnet wurden; und als es nun endlich zur Abreise kam,
bestand der alte Graf Evremont darauf, dass sein alter erprobter Diener, der mehr
sein Freund geworden, als sein Untergebener geblieben war, uns begleiten sollte,
da seine Kenntnis von Paris, seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem
Nutzen sein könne. Der gute Dübois trennte sich mit Tränen von seinem
geliebten, leidenden Herrn, dessen Pflege er nun Fremden überlassen musste, aber
er erkannte es als Pflicht, bei dem gefährlichen Unternehmen des jungen Grafen
seinen Beistand nicht zu versagen, um wo möglich das Vermögen retten zu helfen
und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu führen.
    Meiner Mutter musste die Ursache unserer Reise verschwiegen werden, und hatte
sie schon früher den sträflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt, der
ihn nach ihrer Meinung bestimmt hätte, Vater, Gattin und Kind zu verlassen, um
sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben, so konnte sie nun nicht Worte
finden, die ihr hart genug schienen, um meine Lieblosigkeit zu schelten, die nun
auch mich bestimmte, einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden
Vater zu verlassen. Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwäche, die ihn,
wie sie glaubte, bestimmt hätte, seine Einwilligung zu einem unsinnigen
Unternehmen zu geben, und ihr Unwille stieg auf's Höchste, als sie bemerkte, dass
auch Dübois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe. Sie
sagte mir mit Härte, sie habe immer geglaubt, da ich meine Pflicht gegen Gott
nicht habe erfüllen wollen, dass ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein
würde. So schieden wir, von dem Segen meines Schwiegervaters, von seinen
eifrigen Gebeten begleitet, und von meiner Mutter mit Kälte und Unwillen
entlassen.
    Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris, unsere Pässe wurden überall als
gültig anerkannt; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen
Zeitraume während meines Gemahls Abwesenheit gestaltet. Die Erbitterung und die
Zügellosigkeit des Volkes war auf's Höchste gestiegen. Der Adel wurde verfolgt,
und Wer sein Vaterland verlassen hatte, wurde als ein des Todes schuldiger
Verräter betrachtet, und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden.
Die noch nicht verkauften Grundstücke waren eingezogen worden, und sein Leben
wurde bedroht. Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines
Freundes, des wohlwollenden Arztes; wir konnten uns nun als die Familie
Blainville durch Dübois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt mieten
und lebten hier als Bürger mit beschränkten Mitteln gänzlich zurückgezogen, so
dass ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt, wie mein Bruder sie
nannte, wenig bemerkte, und auch mein Gemahl verliess das Haus nur in der
Dämmerung, von Dübois begleitet, um die nötigen Geschäfte zu besorgen. Diese
strenge Eingezogenheit wirkte nachteilig auf die Gesundheit meines Sohnes, und
der herbei gerufene Arzt riet uns, den Liebling unseres Herzens, der bisher
beinah immer in freier Luft gelebt hatte, auf ein Dorf zur Pflege zu geben, wie
so viele Eltern in Paris es täten, die für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt
wären. Er rühmte uns zu diesem Zweck eine Wittwe an, deren Gewissenhaftigkeit er
aus Erfahrung kannte.
    Mein Herz blutete bei diesen Vorschlägen und ich sah mit Tränen auf meinen
bleichen Knaben. Der Arzt verliess uns, und Dübois stellte mir vor, dass ich der
Gesundheit meines Sohnes dies Opfer schuldig sei und in Gefahr geriete, wenn
ich es nicht bringen wollte, dies liebliche Kind zu verlieren; auch sei die Lage
meines Gemahls so gefährlich, dass man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit
einen häufigen Zutritt in unser Haus gestatten könne, ohne Unvorsichtigkeit und
Verrat fürchten zu müssen.
    Ich fügte mich allen diesen Gründen, die Evremont lebhaft unterstützte, und
gab das Kleinod meines Herzens dahin. Dübois versicherte uns, dass er in Paris
viel sicherer sei, als mein Gemahl, denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten, ja
selbst einige seiner Verwandten gehörten zu den heftigsten Jakobinern und waren
als solche Magistratspersonen geworden, und sie hatten nicht so sehr alles
menschliche Gefühl verloren, dass nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter
einigen Schutz hätte finden sollen, aber ihr republikanischer Eifer ging so
weit, dass er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte.
    Ach! wie schmerzlich blutete mein Herz, als ich mein Kind in Dübois Arme
legte, es war, als ahnete ich das entsetzliche Unglück, von dem ich betroffen
werden sollte, und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rührung,
dass er kaum vermochte, den als vernünftig erkannten Vorsatz auszuführen; doch
siegte die Sorge für unsere Sicherheit über sein Mitleid und er trug mein Kind
hinweg.
    Der Zustand in Paris wurde immer trüber und ängstlicher. Wir wagten es
nicht, am Tage meinen Sohn zu besuchen, und es konnte nicht fehlen, dass es der
Wittwe auffallend erscheinen musste, dass wir jedes Mal so spät Abends das Dorf
erreichten, dass wir uns begnügen mussten, das schlummernde Kind zu betrachten, um
uns von seinem Wohlsein zu überzeugen. Dübois warnte mich ernstlich vor der
Gefahr, die hieraus für Evremont entspringen musste, und auch diese Besuche
durften nicht oft wiederholt werden.
    Es wäre gefährlich gewesen, die Schwester meines Gemahls als Fräulein
Evremont in unser Haus zu nehmen, es wurde also die Uebereinkunft getroffen, dass
sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte, und als solche
lebte die schöne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns, und teilte
unsere strenge Zurückgezogenheit; aber es ergab sich daraus eine
Unannehmlichkeit, an die wir nicht gedacht hatten. Die Dienerin, welche mich
begleitet hatte, hatte es schon sehr aufgebracht, dass der kleine Adolph ihrer
Pflege entrissen worden war, und sie fand sich nun auf's Äusserste dadurch
beleidigt, dass die neue Kammerjungfer Vorzüge genoss, die ihr nie zu Teil
geworden waren, und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente; auch
tadelte sie mich laut darüber, dass ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe,
da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte, und sie doch sehr gut mit allen
Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe. Es
wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden, weil wir nicht wüssten, wie
wir Geld genug ausgeben sollten: kurz, sie liess über diesen Gegenstand ihrer
übeln Laune freien Lauf, und es bedurfte aller Klugheit und Gutmütigkeit
Dübois, um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten. Er
beruhigte sie zuletzt damit, dass er ihr vorstellte, ich habe die junge Person zu
mir genommen, um die französische Sprache zu üben, und so liess sich endlich die
treue, aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell
gefallen, wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte, und ihr Schelten über
die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu, jeden möglichen Verdacht
deshalb von uns zu entfernen, denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfnis, gegen
Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so
unnützen Ausgabe lächerrlich zu machen.
    Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder sehnte sich darnach,
die Rückreise anzutreten. Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten,
und selbst die Fragen, welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren
gerichtet worden, konnten uns nicht beunruhigen, denn sie konnte nichts
verraten, weil sie uns selbst für das hielt, wofür wir in Paris galten.
    So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen, in welchen wir das Ungeheuerste
erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren. Mein
Gemahl hoffte nun, nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen, um auch einen
grossen Teil des Vermögens mit sich nehmen zu können, den ein treuer Freund
seines Vaters ihm überliefern sollte, und schon traf Dübois im Stillen alle
Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung, einen Pass für die so genannte
Kammerjungfer zu erhalten, die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden
sollte, und ach! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke
dieser Abreise entgegen.
    Unser einziger Vertrauter, welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl
leitete, war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses, und weil ihm mein
Schwiegervater in früheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte, blieb
er uns aufrichtig ergeben; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit,
dass selbst er meinen Gemahl dringend bat, nie am Tage ihn in seinem Komptoir
sprechen zu wollen, weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben
eines teuren Freundes anvertrauen möge, Falls er von einem als Graf Evremont
erkannt werden sollte. Desshalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der
Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir, sondern in seinem Zimmer.
    So standen die Sachen, als ein unglückliches Geschick es wollte, dass mein
Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der
Strasse begegnete; es liess sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen, dass wir
noch in Paris wären, um so weniger, da ihm meine Mutter diese Nachricht schon
mitgeteilt hatte, und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden, diesen
Bruder zu uns zu führen, wie er verlangte. Er tat es mit klopfendem Herzen und
fand nur darin einige Beruhigung, dass der Leichtsinnige selbst seinen Schwager
nur unter dem Namen Blainville kannte.
    Nach dem ersten Besuche meines Bruders, der uns alle in Schrecken setzte,
wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben, denn ausser der Sorge
für uns selbst, erfüllte es uns mit Unruhe, wie er die zunehmende Schwäche des
alten Evremont schilderte, und er tat dies ohne Schonung, weil er glaubte, dass
uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen würden, denn da wir, nach seiner
und meiner Mutter Ansicht, den alten Mann um unseres Vergnügens Willen
leichtsinnig verlassen hatten, so setzte er keine grosse Liebe für ihn bei uns
voraus, und wir mussten seufzend schweigen, um uns durch unsere Verteidigung
nicht zu verraten. Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr
die Herren unserer Zeit; meine schöne Schwägerin, die reizende Adele, die mein
Bruder für meine Kammerjungfer hielt, machte einen unwiderstehlichen Eindruck
auf ihn, und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu. Bei seinen häufigen
Besuchen musste es ihm auffallen, uns immer zu Hause zu treffen, und da er eine
gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte,
so bildete er sich ein, dass diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte,
und dass ich meine Zimmer kaum verliesse, um die Beiden nicht unbewacht zu lassen.
Dieses eingebildete Verhältnis gab ihm Gelegenheit, auf unsere Kosten witzig zu
sein, und wir mussten es geschehen lassen, um ihn nicht auf die rechte Spur zu
leiten.
    Endlich schien es, dass wir von dieser Qual erlöst werden sollten. Mein
Bruder kündigte uns an, dass er feine Abreise beschlossen habe, weil seine
Gegenwart erforderlich sei, um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens
zu beendigen. Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden, dem er sich anschliessen
wollte, und alle Umstände schienen uns günstig; er hatte schon Abschied genommen
und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen.
    Wir sassen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander, ohne
irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft, als mein Bruder blass und verstört
bei uns eintrat. Er musste nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen, dass er die
Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles
verloren habe, was er besass, sondern auch noch eine beträchtliche Summe schuldig
sei; der, an den er sie verloren, begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die
Zahlung, und er beschwor meinen Gemahl, ihn aus diesem Labyrinte des Unglücks
zu erretten, denn in der Hitze des Spiels, aufgereizt durch seinen Verlust und
durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein, hatte er sich Reden erlaubt, die
sein Verderben herbeiführen konnten, wenn er nicht schleunig den noch in seinen
Händen befindlichen Pass zu seiner Abreise benutzen könnte.
    Evremont übersah nicht nur die Grösse der Gefahr, in der mein Bruder
schwebte, sondern er erkannte auch, wie nachteilig für uns die Verbindung mit
ihm werden könne. Alle diese Gründe bestimmten ihn, ihm eine Anweisung auf jenen
Banquier zu geben, dem er vertrauen durfte, und er hoffte, dieser würde die
angewiesene Summe sogleich auszahlen. Unglücklicher Weise war das Bedürfnis
meines Bruders so bedeutend, dass aus bester Absicht der wohlwollende Freund die
Auszahlung zu verzögern beschloss, um meinen Gemahl vielleicht von einem
leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten, denn die grosse Eile und die
verstörte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht, die Güte meines
Gemahls möchte gemissbraucht werden, und er erwiederte daher auf die dringende
Forderung der Zahlung, er müsse sich erst mit dem Bürger Blainville berechnen,
dann sei er bereit Zahlung zu leisten.
    Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder, von seinem Gläubiger begleitet,
zurück und beschwor meinen Gemahl, ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und
die verlangte Berechnung abzuschliessen, damit er noch diesen Tag reisen könne,
denn seiner erhitzen Einbildung schwebte Gefängnis und Guillotine unaufhörlich
vor.
    Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte, seinen Gläubiger bei uns
einzuführen, so sah Evremont, dass die Gefahr eben so gross sei, wenn er
entschieden darauf bestände, die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen,
als wenn er es wagte, sich ein Mal am Tage bei seinem Geschäftsfreunde zu
zeigen, denn im ersten Falle könnte der ihn begleitende Gläubiger meines Bruders
leicht Verdacht daraus schöpfen, dass mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen
wolle. Er beschloss also den unglücklichen Gang. Der wohlwollende Banquier
richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl, als er
begleitet von meinem Bruder und dessen Gläubiger in seinem Komptoir erschien.
Hätten Sie mir geschrieben, sagte er vedriesslich, dass die Sache so dringend sei,
so würde ich mich dazu verstanden haben, die Summe noch zu zahlen. Die
Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen, da mich andere Geschäfte
drängen. Er gab seinem Kassirer Befehl, die Summe zu zahlen, und dieser tat es
stillschweigend, indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien.
    Wir atmeten frei, als wir meinen Bruder entfernt wussten, den Dübois hatte
abreisen sehen. Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben
Tages, um eine andere entlegene Wohnung für uns zu suchen, da er glaubte, dass es
besser sei, nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte
entfernten Teil von Paris aufzusuchen, wo wir wieder völlig unbekannt wären. Es
war ein schöner, warmer Nachmittag; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuss
ausgegangen, um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der
freien Luft zu bewegen; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein, und
wir bildeten Pläne, wie wir nun bald in ungestörter Ruhe in der Schweiz unserm
Glück und unserer Liebe leben wollten; da auf einmal wurde ein Geräusch von
vielen Tritten auf den Treppen laut, wir hörten mit Entsetzen das Getöse von
Waffen; die Tür wurde aufgestossen und Polizeibeamte drängten sich, von Wachen
begleitet, in unsere friedliche Wohnung.
    Ich war betäubt von dem furchtbaren Schreck; ich hörte nur dumpf, dass der
Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete; dunkel wie im
Traume sah ich, dass unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden; ich war
innerlich erstarrt, ich fühlte in diesem Augenblicke nichts; als aber der
Polizei-Beamte auch mich berührte, um mich als seine Gefangene zu bezeichnen, da
zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust, dass ich leblos niederfiel.
    Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich meinen Gemahl nicht mehr. Die
Ungeheuer hatten ihn während meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen, und ich
hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost, von ihm Abschied zu nehmen.
Meine furchtbare Verzweiflung rührte selbst diese täglichen Diener der
Grausamkeit, sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu
verstehen, dass man mich zu Evremont führen, dass ich sein Gefängnis mit ihm
teilen würde, und dieser Gedanke machte, dass ich ruhig wie ein Lamm folgte und
mich führen liess, wohin man wollte; dunkel schwebte mir der Tod als
unvermeidlich vor, aber es lag in diesem grässlichen Augenblicke ein Trost in dem
Gedanken, dass wir zusammen sterben würden. Auf der Strasse vor unserer Wohnung
hielt ein Wagen; ich stieg ohne Weigerung hinein und, diese Erinnerung ist mir
noch jetzt beinah die fürchterlichste, ohne an mein Kind zu denken. Mich
belehrte jetzt die Erfahrung, dass es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann,
der selbst die heiligsten Gefühle zu vernichten vermag, denn auf dem Wege nach
dem Gefängnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein, dass ich Mutter sei, nur
die Angst um Evremont erfüllte meine ganze Seele.
    Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewusstsein in
ein grosses, schwach erleuchtetes Gemach geführt, und dumpf hörte ich mit
Schlössern und Riegeln die Türe des traurigen Aufentalts befestigen. Meine
Augen schweiften irr umher, ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur
Weiber, die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren
Klagen in verworrenem Getön mir unverständlich summten. Eine weinende Stimme
erhob sich endlich lauter als die übrigen und rief mit schmerzlichem Tone: Ach
meine armen Kinder! Dieses Wort gab mir Leben, um mein Unglück zu fühlen, und
Bewusstsein, um seine grässliche Tiefe zu erkennen. Mein Kind! rief ich in
schmerzlicher Klage, mein Sohn! mein Gemahl! und Tränen bedeckten mein Gesicht.
    Es waren um diese Zeit die Gefängnisse in Frankreich nicht allein mit
Verbrechern angefüllt. Im Volke war nach langer Unterdrückung der unbändige
Trieb nach Freiheit erwacht, dieser wurde oft missleitet und die edelsten Opfer
bluteten dem neuen Götzen. Es waren in diesem traurigen Aufentalte einige
Frauen, die mit wahrhafter Seelengrösse ihr eignes Unglück und ihren
wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten, und das
Loos einer neuen Leidensgefährtin zu erleichtern suchten. Man machte in einem
Winkel des Gemachs ein Lager für mich zurecht; Jede trug von dem ihrigen dazu
bei; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten
Gegenstand zu richten, man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab, und ohne
diesen menschenfreundlichen Beistand, den ich, von Tod und Grausen umgeben,
fand, wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen, und eine ewige Nacht des
Wahnsinns hätte vielleicht meine Seele umfangen.
    Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte, weiss ich nicht. Ich
hatte nicht Besonnenheit genug, die Tage des Jammers zu zählen; die Gefährtinnen
meines Elends verminderten sich, ob sie die Freiheit erlangten, ob sie dem Tode
hingegeben wurden, erfuhr ich nicht, ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst
verloren und wünschte den Tag herbei, an dem Frankreichs Boden auch mein
unschuldiges Blut trinken würde, und fürchtete doch zugleich seine Schrecken.
    Eines Morgens öffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert, mich vor
meine Richter zu stellen. Verzweiflung und Krankheit hatten die Kräfte meines
Körpers erschöpft, ich begriff kaum mehr, was man von mir wollte; ich fühlte nur
noch dunkel, dass jetzt der Todestag gekommen sei, und schwankte einer Leiche
ähnlich dahin, wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte. Man tat
verschiedene Fragen, deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen. Ich
gab vermutlich Antworten, doch weiss ich nichts von ihrem Inhalte. Ich hatte nur
noch so viel Besinnung, dass ich das Ganze für eine Förmlichkeit hielt, die voran
gehen musste, ehe man mein Todesurteil ausspräche, und ich erwartete mit einer
Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen, als man mich für
unschuldig und frei erklärte. Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine
Richter und blieb vor den Schranken stehen; man machte mir bemerklich, ich könne
den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich dies zu tun, und ich blickte
trostlos umher, denn ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da trafen
meine Augen auf das treue Antlitz Dübois, der sich zu mir drängte, meine Hand
fasste und mich hinaus führte. Ich liess es geschehen, und als die Luft des
Himmels mich wieder anwehte, wollte ich reden, fragen; nur hier nicht, nur um
Gottes Willen jetzt nicht, sagte der redliche Mann, und ich bemerkte nun, wie
elend und abgemagert er aussah.
    Er zog mich fort, er wollte einen Platz erreichen, um einen Wagen zu finden,
da gerieten wir in ein Gedränge von Menschen, das uns gewaltsam mit sich
fortschob. Dübois war nur mit mir beschäftigt, er suchte mir Platz zu machen,
und ich, ermattet und geängstigt, hatte ein schwaches Verlangen, die Ursache des
Gedränges zu erfahren. Ich blickte umher, mich blendete im hellen Sonnenscheine
der Glanz von Waffen, ich bemerkte, dass durch diese Bewaffneten ein Raum von
Menschen frei erhalten wurde, meine Augen trafen auf eine Maschine, die auf
einer Erhöhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete. Menschen
standen auf dieser Erhöhung, und Gott im Himmel! ich erkannte meinen Gemahl.
Einen Schrei der Angst stiess ich aus, vor dem ich selber erbebte, alle Kräfte
strebten hin nach dem unglücklichen Opfer, dies ist das letzte, was ich von
meinem damaligen Zustande weiss.
 
                                       V
Ich weiss es nicht, wie lange ich, von Wahnsinn umfangen, mich selber und mein
Kind nicht kannte. Ich erinnere mich nur, dass ich eines Morgens, nach langem
Schlaf, wie es mir schien, erwachte. Ich wollte mich erheben und fühlte zu
meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt, ich blickte um mich und
fand mich in einem kleinen, peinlichen Zimmer, vor dessen Fensten Weinreben sich
empor rankten, deren breite Blätter sich in der Seine wiegten, so dass ihr
Schatten sich auf dem Lande bewegte. Neben dem einfachen Lager kniete ein alter
Mann, der ein Gebetbuch in den Händen hielt und so eifrig betete, dass ihm die
Tränen über die Wangen flossen. Ich blickte genau hin und strengte mein
Gedächtnis an, um irgend etwas zu erkennen, wodurch ich an die Vergangenheit
erinnert und die Gegenwart mir deutlich würde, denn mir war jede Erinnerung
entschwunden. Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte, schien
sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrängen, und ich rief: Dübois!
mit matter Stimme. O! nie werde ich es vergessen, mit welchem Ausdrucke seliger
Freude der gute Mann mich ansah, wie inbrünstig er Gott dankte für dies erste
Zeichen wiederkehrender Besinnung. Ich fragte ihn, wesshalb man mich so quäle und
mich an mein Lager befestigt habe. Mit Tränen winkte er eine Wärterin herbei,
und man löste meine Bande auf.
    Es erschien bald ein anderer Mann, in dem ich einen Arzt erkannte; er zeigte
sich über meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte, dass kaum ein
Rückfall zu befürchten und man nun berechtigt sei, bei meiner Jugend das Beste
zu hoffen.
    Als wir wieder allein waren, fragte ich den alten Dübois nach meinem Gemahl,
und der Blick des Schmerzes, mit welchem er sich abwandte und stumm die Hände
rang, gab mir Besinnung und Gefühl meines Leidens. Ich habe nie bestimmt
erfahren, welche Mittel Dübois angewendet hat, um meine Freiheit zu bewirken;
nur so viel habe ich nach und nach den Mut gehabt von ihm zu erfragen, dass sich
zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden, und dass er es deshalb
wagen durfte, seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck
zu geben; aber nie hat er mir vertraut, wie gross die Opfer waren, die er für
mein armes Leben gebracht hat. Auch für meinen unglücklichen Gemahl hatte er
sich verwendet und Versprechungen erhalten, die ihn zu Hoffnungen berechtigten;
er hatte es sogar erlangt, ihn im Gefängnis sprechen zu dürfen, und dort hatte
Evremont, der sich über sein Schicksal nicht täuschte, ihm das feierliche
Gelübde abgenommen, mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu
widmen. Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dübois
vernichtet; man gab alle Gefangene, die es mit dem verhassten Namen der
Aristokraten bezeichnete, Preis, und Evremont fiel mit vielen Andern.
    Die Jugend übte ihr Recht; meine Kräfte begannen zurück zu kehren, und wenn
ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte, so fühlte
ich doch die Pflicht, für ihn zu leben. Ich bat also Dübois, ihn zu mir zu
bringen, weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei; auch verlangte ich Adele
zu sehen, und ich fühlte einen wehmütigen Trost in der Hoffnung, mit der
Schwester den Gemahl zu beweinen. Dübois suchte mich durch mancherlei
Vorstellungen von meinen Wünschen abzuleiten und ihre Erfüllung weiter hinaus zu
schieben. Ich litt selbst zu sehr, als dass ich gleich die Leiden des alten
Mannes bei diesen Gesprächen hätte bemerken können; endlich aber konnte mir die
ganze Tiefe meines unermesslichen Unglücks nicht länger verborgen bleiben.
    Dübois war an jenem unglücklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst
spät, nachdem er eine seinen Wünschen entsprechende Wohnung gefunden hatte, in
der Absicht zurückgekehrt, uns noch denselben Abend dortin zu führen. Wie gross
war sein Entsetzen, als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses
unser unglückliches Schicksal erfuhr. Er dachte in diesem Augenblicke nur an
Evremont und an mich. Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nötige
Besinnung wiedergefunden hatte, suchte er Erkundigungen darüber einzuziehen,
nach welchem Gefängnisse man uns gebracht habe, und sich dann den Weg zu unserer
Befreiung zu bahnen. In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren, ehe
er nur daran dachte, sich nach meinem Sohne zu erkundigen. Von meiner Schwägerin
und der deutschen Dienerin glaubte er, dass sie mit uns verhaftet wären, und so
erfuhr er von ihrem Schicksal nichts. Als der gute alte Mann nach unsäglichen
Bemühungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte, dass man mich des
folgenden Tages unschuldig und frei sprechen würde, eilte er nach dem Dorfe, um
meinen Sohn von seiner Pflegerin zurück zu nehmen und durch dessen Anblick mich
zu ermuntern, das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen. Aber ach! der bittre
Kelch des Leidens war noch nicht geleert; er musste hier erfahren, dass die
Wittwe, welche meinen Sohn verpflegt hatte, vor zwölf Tagen gestorben wäre, und
Niemand wusste, was aus dem Kinde geworden sei, nur so viel wussten die Nachbaren
zu sagen, dass sie während der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei
ihr bemerkt hatten. Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich, und es
schien, als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden
sollte. Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute
Dübois im Gerichtssaale, um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen, und es
gehörte die Kraft der Religion dazu, die in seinem Herzen lebte, dass er nicht
beim Anblicke des unglücklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor
und in der Nacht des Wahnsinns, die meine Seele umgab, mich noch unterstützen
konnte.
    Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen, ob nach den entsetzlichen
Erschütterungen meine Vernunft jemals wiederkehren würde, und Dübois hatte den
edelmütigen Entschluss gefasst, sein Leben meiner Pflege zu weihen. Da er aber
glaubte, dass er mir nicht alle Bequemlichkeiten würde verschaffen können, so
wollte er sich zu dem Banquier begeben, den er als Vertrauten der beiden Grafen
Evremont kannte, um von ihm einige Summen für meine Bedürfnisse zu erhalten.
Aber auch von hier kehrte er trostlos zurück; er konnte nur erfahren, dass
wahrscheinlich der Kassirer, welcher meinem Bruder die verlangte Summe
ausgezahlt, meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere
Verhaftung veranlasst habe; der Banquier selbst sei, sobald er diese erfahren,
mit seinen Hauptbüchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden, um einem
ähnlichen Schicksale zu entgehen.
    So waren denn alle Hoffnungen untergegangen, und Dübois brachte alles
zusammen, was er besass, verkaufte jede Sache von Wert und mietete eine kleine
Wohnung in der Vorstadt, wohin er mich führte, indem er mich hier für seine
Nichte ausgab. Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden
Garten, und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein, und
völlig von der Welt geschieden. Dübois hatte die Behutsamkeit, mich nach und
nach mit dem ganzen Umfange meines Unglücks bekannt zu machen, und zugleich an
die Pflicht zu erinnern, die ich habe, den Rest meines Daseins dazu anzuwenden,
um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewähren, den er nur von mir nach dem
Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten könne. Er gab es zu, dass dies die
letzte Pflicht sei, die ich im Leben zu erfüllen habe, und billigte meine
Absicht, aus der Welt alsdann mich zurück zu ziehen.
    Mein grosses Unglück hatte mich mutlos gemacht, und Gedanken, die früher
meine Seele von sich gewiesen haben würde, beherrschten jetzt meinen Geist. Ich
glaubte zuweilen, dass sich die Vorhersagung meiner Mutter erfüllt habe, die mir
den Zorn Gottes verkündigt hatte, wenn ich ihr Gelübde unerfüllt liesse und mich
dem Gott entzöge, dem sie mich geweiht hatte. Meine matten, kraftlosen Gedanken
kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zurück, und ich beschloss, so bald
mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen Lebens geendet haben und meines
Beistandes nicht mehr bedürfen würde, das Gelübde meiner Mutter zu erfüllen. Ein
einsam gelegenes Kloster, eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die
Gegenstände meiner Sehnsucht, wenn mein Herz noch Sehnsucht empfinden konnte.
    Meine Kräfte waren nach und nach so weit hergestellt, dass Dübois daran
denken konnte, die Reise mit mir anzutreten. Während meiner langen Krankheit
hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male geändert, aber
seinen Verwandten war es immer gelungen, Einfluss zu behalten, und so wurde es
ihm möglich, die nötigen Pässe für sich und seine Nichte, die Bürgerin
Blainville, herbei zu schaffen. Der letzte Rest des Vermögens des guten Alten
musste angewendet werden, um die Kosten der Reise zu bestreiten, doch empfand ich
hierüber keine Unruhe, da ich glaubte, der alte Graf Evremont würde jede Auslage
bei unserer Ankunft grossmütig ersetzen.
    Ich schied also von Frankreich und ach, mit welcher Empfindung! Sein Boden
hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken, und meine Augen wendeten
sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg; und doch konnte mein Herz von diesem
verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreissen, denn lebte mir
nicht vielleicht noch hier ein verlornes Kind, dessen Spur ich vielleicht wieder
fände, wenn ich bleiben dürfte?
    Wir reisten in der Nacht ab, denn Dübois fürchtete meine Erschütterung, wenn
ich die Strassen von Paris wieder erblickte, und ich schied mit heissen,
schmerzlichen Tränen von der Stadt, die mein ganzes Glück vernichtet hatte. Je
näher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen, um so heftiger wurde Schmerz
und Angst in meiner Brust; ich fürchtete den Anblick meines greisen
Schwiegervaters, mein Unglück lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele; ich
sollte ihm sagen: Ich komme allein, Dein Sohn ist ermordet, Dein Enkel und Deine
Tochter verloren. Ich fürchtete nicht die Kraft zu besitzen, diese schwere
Pflicht zu erfüllen, und ach! ich fürchtete vergebens; die Milde des Himmels
hatte ihm das herbeste Leiden erspart, der Graf Evremont war gestorben, ehe eine
Kunde unseres Unglücks zu ihm hatte dringen können.
    Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Händen gehabt, um das Vermögen aus
Frankreich zu ziehen. Der Nachlass des alten Grafen war also gering, und wurde
durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschöpft, so dass Dübois keine
Hoffnung auf Ersatz hatte, aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn,
ohne an einen andern Verlust zu denken.
    Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armut, in den
Alter, Schwäche und Krankheit eine verlassene Wittwe versenken können, und meine
Seele schauderte bei ihrer kleinmütigen Verzweiflung. Die Liebe zu meinem
Bruder, die sie früher so ungerecht gegen mich gemacht, hatte sich in den
glühendsten Hass verwandelt; er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen, und
nun, da sie keine andern Hülfsmittel mehr hatte, als das ihr von meinem Vater
ausgemachte Einkommen, zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem
bittersten Elende Preis. So lange mein Schwiegervater lebte, teilte er seine
Hülfsmittel mit meiner unglücklichen Mutter; durch seinen Tod aber war sie der
letzten Stütze beraubt, und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme
Lage, und sagte ihr bestimmt und kalt, dass er nichts für sie tun könne, und
wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei, so lebe ihr ja doch ein
reicher Eidam, der sie leicht zu sich nehmen und unterstützen könne. Die
Religion hatte er nicht geändert und bat die gekränkte Mutter, ihn mit dieser
törichten Zumutung zu verschonen.
    In dieser Lage wendete Dübois das Letzte an, um für unsere nächste Zukunft
zu sorgen, und schob die Ueberlegung, wie sich unser Leben gestalten sollte, für
die nächsten Wochen zurück, indem er mich bat, mich zuerst von den Anstrengungen
der Reise zu erholen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung
einigermassen zu beruhigen. Ich, mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen, sollte
Ruhe und Trost gewähren, da ich selbst nur Seufzer und Tränen hatte, aber
dennoch fand die arme unglückliche Mutter Trost in meiner Liebe, und als ob sie
ihre frühere Ungerechtigkeit gut machen wollte, wendete sie mir nun die
zärtlichste Neigung zu. Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten, hatte
mein Bruder den Leichtsinn, Ihnen, mein teurer Graf, Briefe an seine Mutter und
an seinen Schwager zu geben, dessen Tod er nicht wusste und den er wieder in der
Schweiz vermutete, und so betraten Sie unser Haus. Ich hatte es nicht über mich
vermocht, mein Herz zu zerreissen und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang
meiner traurigen Geschichte zu erzählen; sie wusste bloss, mein Gemahl und mein
Sohn seien gestorben, und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen, wenn sie mich
Ihnen als die Wittwe Blainville vorstellte. Ich war es gern zufrieden, diesen
Namen zu behalten und das entsetzliche Unglück meines Lebens im Verborgenen zu
tragen, denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen. Im Geheim bemühte
sich Dübois immer noch, etwas von meinem Sohn zu erfahren, aber jede Spur seines
Daseins war verschwunden.
    Ich weiss es, mein teurer Freund, ich trat Ihnen bleich, wie ein Marmorbild
entgegen, mit tiefem Kummer im Herzen, voll Abscheu gegen eine Welt, die ich
mich zu verlassen sehnte, und dennoch machte dies vom Schicksal vernichtete
Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz. Ach! und ich erkannte mit
Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edeln Gemüts; ich fühlte den milden
Trost der Freundschaft, und ein dämmerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte
mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens. Ich weiss nicht, ob
meine Mutter durch das erlittene Unglück scharfsichtiger geworden war, aber sie
bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und gründete die Hoffnung ihres Alters
darauf. Ich gestehe es jetzt, mein edler Freund, mich erfüllte damals der
Gedanke an jede andere Verbindung, als die ich glaubte mit dem Himmel
geschlossen zu haben, mit Entsetzen, und ich zog mich unwillkührlich von Ihnen
zurück und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung, die sich nun um ihre
letzte Hoffnung betrogen sah. Wenn Sie ahnen könnten, was ich damals litt, Ihr
edles Herz würde mich beklagen. Bitten, Tränen, Vorwürfe und Verwünschungen
wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an, um mich Ihren Wünschen
geneigt zu machen, und ich musste mir gestehen, dass ihr von Alter, Krankheit und
Gram geschwächter Körper diesen zerstörenden Empfindungen nicht lange würde
widerstehen können.
    Ich glaube, mein teurer Freund, Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht
von der weiblichen Würde, und bei verschiedenen Gesprächen, die zu meiner Qual
über die französische Revolution geführt wurden, äusserten Sie sich hart über die
Frauen, die auf irgend eine Weise daran Teil genommen hatten, und als ich ein
Mal bemerkte, dass wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten könne,
erwiederten Sie mit grosser Heftigkeit, dass dies für eine edle Frau ein
unermessliches Unglück sein würde, denn ein solches männliches Handeln und Leiden
würden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten, wie es ja auch Frauen so roh
machen kann, fügten Sie hinzu, dass sie fähig sind, nachdem sie kaum den Mann
begraben haben, der auf dem Schaffot verbluten musste, einem andern die Hand zu
reichen, und ihm Zärtlichkeit und Liebe zu versprechen, da ihre Seele nur
Schauder und Entsetzen sollte fühlen können. Mir würde eine solche Frau,
schlossen Sie damals, abscheulich bleiben, so lange ich lebte, und ich begreife
nicht, wie irgend ein Mann anders fühlen kann.
    Diese Worte, die vielleicht nur ein augenblickliches Gefühl Ihrer Seele,
vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten, haben uns beide, mein geliebter
Freund, um das reine Glück das Lebens gebracht. Ich, die ich die Pläne und
Wünsche meiner Mutter kannte, betrachtete diese mit Wehmut, denn mir schien
jetzt Alles beendigt. Ich beschloss nun, ewig über mein Schisal gegen Sie zu
schweigen, aber mich auch entschieden von Ihnen zurückzuziehen, um nicht
Hoffnungen zu nähren, die nicht erfüllt werden konnten, denn nach Ihrem eigenen
Geständnis mussten Sie ja aufhören, mich zu lieben, wenn ich im Stande wäre,
Ihnen die Hand zu bieten, nachdem ein entsetzliches Unglück mir den ersten
Gemahl entrissen hatte, und nur, indem ich Sie über mich täuschte, hätte ich mir
Ihre Liebe erhalten können.
    Ich sah die Notwendigkeit ein, meiner Mutter das Unglück meines Lebens in
seiner ganzen Ausdehnung mitzuteilen, damit sie sich entschlösse, Hoffnungen,
die sie mit Entschiedenheit nährte, aufzugeben. Ich erfüllte diese schwere
Pflicht, deren Ausübung mich zu vernichten drohte. Meine Mutter, im Erstaunen
über das ihr völlig Neue und Unerwartete, hatte noch die Grausamkeit, mich mit
Klagen und Vorwürfen über dies lange lieblose Schweigen zu bestürmen, und
bemerkte ihre Härte erst, als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah.
Jetzt erwachte ihre Liebe wieder, und die Verzweiflung, in der ich sie
erblickte, als ich wieder zur Besinnung kam, gab mir den Mut, zum Troste der
Mutter das Leben zu ertragen.
    Damals ahneten Sie nicht, mein teurer Freund, wie tröstend und wie quälend
mir Ihre zärtliche Sorge während der Krankheit war, die mich als Folge der
stürmischen Auftritte mit meiner Mutter befiel. Es konnte mir nicht mehr
verborgen bleiben, dass Sie sich mit leidenschaftlicher Liebe entschieden hatten,
Ihr Geschick an das meine zu knüpfen, und sobald es meine Kräfte erlaubten, bat
ich meine Mutter, Sie mit der Geschichte meines Lebens bekannt zu machen.
    So willst Du mir denn hartnäckig um einer Grille des Grafen Willen alle
Hoffnungen auf ein ruhiges Alter rauben? fragte meine Mutter mit Tränen. Können
Sie wollen, entgegnete ich, dass ich einen edeln Mann hintergehen soll? Was
nennst Du hintergehen? fragte meine Mutter. Wie Ihr Euch alle vereinigtet, mir
die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams
kannte, habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht, dass Ihr
mich hintergingt? Hat es Euch allen einen Seufzer, eine Träne gekostet, mir das
Geschick meines Kindes zu verheimlichen? Und wenn Dir dies damals keine Sünde
schien, worin liegt denn nun das Unrecht, wenn Du dem zweiten Gemahl die
Todesart des ersten verschweigst.
    Diese seichten Gründe meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht ändern,
aber ich fühlte, dass jeder Streit mit ihr, die entschlossen war, ihre Ansicht
nicht aufzugeben, fruchtlos sein würde, und ich wollte lieber aus ihren eignen
Gefühlen sie bekämpfen und sagte also: Die Verbindung mit dem Grafen, teure
Mutter, können Sie selbst ja nicht wünschen, da er Protestant ist. Ich habe
darüber, sagte meine Mutter, anders denken gelernt, und obgleich ich Deinen
Bruder nicht mehr liebe, so würde ich dennoch verzweifeln, wenn ich mir sagen
müsste, ich habe ein Kind für die ewige Verdammnis geboren; kann also mein Sohn
als Protestant die Seligkeit finden, so mag dies meinem künftigen Eidam, den ich
als besser und edler erkenne, noch leichter gelingen.
    Ich wollte meiner Mutter antworten, und da sie bemerkte, dass ich mich ihren
Gründen nicht fügen würde, wählte sie ein anderes sicheres Mittel. Ehe ich reden
konnte, kniete sie an meinem Lager nieder, fasste meine Hände und sagte, indem
ihre Tränen über die von Kummer gebleichten Wangen flossen: Wenn Du denn nicht
um Deinet Willen Deine unglückliche Geschichte verschweigen willst, mein
geliebtes Kind, so tue es um meint  Willen; in Deiner Hand liegt nicht bloss das
Glück Deines eigenen Lebens, auch die Ruhe einer elenden, unglücklichen Mutter.
Zwei Kinder habe ich geboren, eines hat mein Herz zertreten und die flehende
Mutter von sich gestossen; soll ich Euch beide, soll ich auch Dich vor Gott
verklagen, dass Du der verschmachtenden Mutter keine Hülfe leisten willst? Nein,
o nein! rief ich, in Jammer und Tränen vergehend, mein Loos ruht in Ihren
Händen, wenden Sie es, wie Sie wollen. Mit Entzücken drückte mich die Mutter an
ihre Brust und liess mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schwören, Ihnen mein
erlebtes Unglück zu verschweigen.
    So, mein teurer Graf, wurde unsere Vereinigung geschlossen, und da ich über
die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte, so war es mir gleichgültig, dass ich
mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde, und meine Mutter war beruhigt,
da sie auf behutsame Erkundigungen, die sie durch ihren Beichtvater eingezogen
hatte, erfuhr, die Ehe sei vollkommen gültig, mein Familienname sei die
Hauptsache bei dieser neuen Verbindung. Meine Mutter hatte einen Augenblick den
Gedanken, meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermählung einzuladen, und auch
Sie fanden es natürlich, und ich sah wohl Ihr Erstaunen, als ich mit Schauder
und Entsetzen erklärte, dass ich diesen Bruder, die Quelle alles meines
Unglückes, nie wieder sehen wollte.
    So wandelten wir nun neben einander, und je mehr ich Ihr schönes Herz, Ihren
edeln Charakter kennen lernte, um so drückender wurde mir die ausgeübte
Falschheit. Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde für das Glück,
welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams über den Rest ihrer Tage
breitete, und ihre Aengstlichkeit liess mich das Versprechen der Verschwiegenheit
jeden Tag erneuern; ja in der Sorge, die sie dafür trug, dies Glück nicht wieder
zu verlieren, ging sie so weit, dass sie von mir die schwärzeste Undankbarkeit
forderte und verlangte, ich sollte Dübois, diesen Retter meines Lebens, gegen
den sie selbst die grössten Verpflichtungen hatte, von mir entfernen. Umsonst war
es, dass ich ihr jeden Tag wiederholte, ein Wort von mir sei hinreichend, des
guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln, sie wiederholte mir ewig: Du hast früher
Deiner Mutter nicht vertraut, und nun vertraust Du Dein und mein Glück einem
Diener.
    Mein Herz hatte zu grausame Schläge erlitten, die Kraft der Jugend war
gebrochen, es konnte kein leidenschaftliches Gefühl des Glücks mehr durch meinen
Busen zittern; mir war nur die Fähigkeit geblieben, den Schmerz auf diese Weise
zu empfinden, aber die milde Wärme einer zärtlichen Freundschaft, die sanftere
Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfüllte meine ganze Seele, und Sie,
geliebter Freund, würden nicht so oft schmerzlich über die Kälte meines Herzens
geklagt haben, wenn ich Ihnen in freier Hingebung, ohne Rückhalt, mein Gefühl
hätte zeigen können; aber die schönsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden
mir gestört, jeder Erguss der Herzens gehemmt durch den Gedanken: er kennt Dich
nicht, er darf Dich niemals kennen, damit er Dich nicht verabscheut. Ich sah es,
Sie waren nicht glücklich in unserer Verbindung, und der nagende Schmerz darüber
gab mir die Bitterkeit, die ich eben so oft gegen Andere, als gegen mich selbst
wendete; und in dem Grade, wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte,
wurde ich unzufriedener mit mir selbst. Sie, geliebter Freund, hatten Geduld mit
allen diesen Schwächen, Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen,
und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns
gedankt hatten für die zärtliche Kindesliebe, die wir ihr bewiesen, da glaubten
Sie, mein teurer Gemahl, durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer überwinden
zu können. Sie waren verwundert, meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken,
und wir gingen nach Italien. Es gibt wohl keinen Schmerz des Lebens, der sich
unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fühlte. Unser eigenes reges
Dasein, unser persönliches Schicksal scheint uns kleiner da, wo eine grosse
Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste, erhabene Sprache zu uns redet, und
ich fühle, ich wäre in Italien ruhiger geworden, wenn es möglich wäre, dass eine
Mutter aufhören könnte, ein verlornes Kind zu beweinen.
    Ich vermochte Dübois, fortwährend geheime Nachforschungen anzustellen, und
ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Misslingen derselben, denn
wenn er nun auch das kaum denkbare Glück gehabt hätte, meinen Sohn aufzufinden,
mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch
vertrauen, und würde mir nicht dieses späte, erzwungene Bekenntnis noch gewisser
Ihre Liebe rauben, als ein freiwilliges vor unserer Verbindung? Und je mehr
Jahre verflossen, je ängstlicher musste ich mir die Frage wiederholen, wenn ich
nun endlich einen Sohn wiederfände, erwachsen unter fremdem Einflusse, ob er mir
dann noch die Kindesliebe bieten könne, nach der mein einsames Herz sich sehnte,
und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen würde, durch das
Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir
fremd.
    Diese nie ruhende innere Qual war der Grund, wesshalb meine Gesundheit sich
nie wieder befestigte, und Sie mussten die Hoffnung, Vater zu werden, aufgeben
und entbehrten um meint  Willen auch dies Glück, wie beinah jede andere Freude
des Lebens, und ich musste mir gestehen, dass ich mit der innigsten Neigung, mit
der zärtlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe, als Sie um
jede Hoffnung und um jede schöne Heiterkeit des Lebens zu bringen, da Sie in
einer andern Verbindung wahrscheinlich glücklicher gewesen wären.
    Mit zitternder Hand und mit unsäglichen Tränen habe ich diesen Blättern die
ganze Tiefe meines Unglücks vertraut, und Ihr schönes Herz wird die Fehler und
Irrtümer verzeihen, die unser Leben getrübt haben, und mit Rührung der treuen
Gefährtin gedenken, deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglücken konnte,
weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte.
 
                                       VI
Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blätter nun alle gelesen
und er blieb an dem Tische sitzen, auf welchen er die Ellenbogen stützte, das
Gesicht in beide Hände senkend. Es stürmten so viele verworrene Empfindungen
durch sein Herz, dass sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte,
um sich darüber zu erheben. Das schreckliche, unverschuldete Unglück seiner
Gemahlin erschütterte ihn bis in die innerste Seele; aber diesem Gefühle war
dennoch eine missmütige Beschämung beigesellt, wenn er sie sich im Gefängnisse
unter dem Volke oder wahnsinnig dachte. Das Schicksal des hingerichteten
Gemahls, seines eigenen Freundes, erpresste ihm Tränen, und dennoch wendete sich
seine Seele mit Widerwillen ab, wenn er die Wittwe dieses Unglücklichen als
seine Gattin denken wollte. Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die
wehmütige Betrachtung in ihm erweckt, dass er in der Tat nie glücklich gewesen
sei und das Gefühl seines Unglücks immer im Busen getragen, aber immer betäubt
habe, durch Reisen, durch Studien, durch Gesellschaften. So drängt sich mir denn
auf einmal die vernichtende Klarheit auf, dachte er innerlich, dass ich mein
ganzes Leben in Wahn und Täuschung verloren habe; eine krankhafte Leidenschaft
bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben, die ich niemals wahrhaft
besessen habe, die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte, dessen Bild
noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfüllt. Sie wurde
nicht Mutter, um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewähren, und ihre
mütterliche Zärtlichkeit wendet sich mit fortwährendem Gram auf ein verlornes,
mir fremdes Wesen, das, wenn es noch lebt, vielleicht in niedrigen Verhältnissen
erwachsen, die Mutter beschimpft, die es geboren, und mich zugleich, der ich mit
dieser Frau verbunden bin. Ja ich bin sehr, sehr unglücklich, sagte er endlich
laut, und seine Tränen träufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf
die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blätter nieder. In dieser
kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen, bis er endlich sich
mit männlicher Kraft erhob und edlere, grossmütigere Empfindungen Raum in seiner
Brust gewannen. So zahle ich denn, wie jeder Andere, sagte er mit Bitterkeit zu
sich selbst, den Tribut der menschlichen Schwäche; ich denke mit Selbstsucht nur
an mich; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schönen Stunden,
die ich in dieser Verbindung durchlebte, und den Schmerz der unglücklichen Frau,
die mir endlich ihren Kummer vertraut, wie die Angst, mit welcher sie erwartet,
welchen Eindruck dies Bekenntnis auf mich machen wird. O! Wohl hattest Du Recht,
Du Arme, die Du meine Schwäche kennst, zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten,
das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt. Und könnte ich
denn, fragte er sich, noch jetzt, ohne zerstörenden Schmerz, die Verbindung mit
dieser Frau aufgeben; würde es nicht auch mich vielleicht vernichten, wenn der
Tod sie mir entrisse? Habe ich jemals einen Menschen gekannt, der meine
Eigentümlichkeit so verstanden, mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt
hätte, als sie? Kann ich dies Wesen aus meinem Leben hinweg denken, ohne das
Leben von allem Reize für mich zu entblössen? Und was ist es denn nun eigentlich,
was mein Herz von ihr abwenden will? Doch hauptsächlich die Hinrichtung meines
unglücklichen Freundes, und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewusst
nur dadurch erzeugt, dass die Seele beschimpfende Verbrechen und öffentliche
Hinrichtung immer verbunden denken will. Aber sind nicht grade die Edelsten als
Opfer gefallen, und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten, wenn
ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt, alle Dämme, die
Sitte, Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben, brausend
durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt? Und hat sie denn
nicht das Ungeheuerste erduldet, setzte er mit Wehmut hinzu, und hat sie diesen
wilden Schmerz nicht ertragen, ohne den eignen Wert zu verlieren? Blieb nicht
in ihrer Seele, neben ihrem Kummer, Raum für jede edle Empfindung, und bin ich
klein genug, diesen wahrhaften Heldenmut zu verkennen? Und ist es denn nicht
möglich, dass noch Alles besser wird? Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen,
an meiner Brust wird ihr lange gepresstes Herz nun freier schlagen, ich kann
kräftiger, als sie es vermochte, die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen,
dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist, der alsdann auch mir ein Sohn
sein und die Tage meines Alters verschönern kann. Nein, ich bin nicht
unglücklich, schloss der Graf sein langes Selbstgespräch, und neuen Mut und neue
Hoffnung drückten seine edeln Züge aus, und mild leuchteten die noch von
Schmerzenstränen feuchten Augen.
    Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, es äusserlich ruhig zu
erwarten, ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde, nach dem Bekenntnisse
ihres Unrechts gegen ihn. Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen
und faltete nun zum stillen, leidenschaftlichen Gebet die Hände, sie krampfhaft
fest in einander schliessend, und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer
Leiden und ihres Lebens, wenn sich das Herz des Grafen, durch ihr langes
Schweigen beleidigt, von ihr abwenden sollte. Sie hatte eine peinliche Stunde
gehabt, und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie, im
Vorzimmer des Grafen zu erkunden, ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei,
aber ihn auf keinen Fall zu rufen. Emilie berichtete, der Graf sei in seinem
Kabinet und kein Laut vernehmbar. Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie
mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück. Der
Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender; Fieberglut und Leichenblässe
wechselten auf ihrem Gesichte, und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und
senkten die Decke ihres Lagers. Als Emilie zum fünften Male mit demselben
Auftrage abgeschickt wurde, nahm sie sich vor, den Grafen auf jeden Fall zu
sprechen, um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu
machen, und eben näherte sie sich in dieser Absicht der Türe, als er sein
Kabinet öffnete. Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit: Was macht meine
Gemahlin? Sie lebt, erwiederte die weinende Emilie, aber ihr Zustand - - Er
hörte nichts mehr; das eine Wort hatte ihm genug gesagt, um ihn mit höchster
Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen. Er schlug mit
Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück, und die flehenden Augen der Gräfin,
ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hände erfüllten ihn mit der
schmerzlichsten Wehmut. Mein teures, mein geliebtes Weib! rief er aus, indem
er sie in seine Arme schloss. So hast Du mir vergeben? sagte die Gräfin mit kaum
hörbarer Stimme. Es war das erste Mal, dass sie ihren Gemahl mit Du anredete, und
diese einzige Sylbe, die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu
vernehmen, rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens auf's Innigste. Er
konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken, die Gesundheit seiner Gattin zu
schonen und erregende Gespräche zu vermeiden. Die leidenschaftlichsten Ergüsse
des Herzens, die zärtlichste Selbstanklage, die grossmütigste Vergebung
wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab, und der
Arzt würde befürchtet haben, dass der schwache Faden des Lebens der so lange
leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreissen müsste. Sie ruhte auch
beinah vergehend in den Armen des Grafen, aber der Balsam des Trostes senkte
sich mild in ihre Brust. Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des
leidenschaftlichen Freundes, der die Bilder eines glücklichen, genussreichen
Lebens vor ihr entfaltete, aber selbst in dieser Aufregung des Gemüts
Besonnenheit genug behielt, keine Hoffnung erregen zu wollen, dass der verlorne
Sohn noch gefunden werden könnte; denn ob er sich gleich vornahm, die eifrigsten
Nachforschungen nach ihm anzustellen, so schien es ihm doch grausam in der
Mutter Hoffnungen zu erwecken, die er vielleicht niemals erfüllen könnte.
    Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen,
und die Ruhe, die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat, die das Herz der
Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte, wirkte höchst vorteilhaft
auf ihre Gesundheit; sie versprach dem Grafen, sich zu schonen und, um sich für
ihn, zu dessen Glück sie notwendig sei, zu erhalten, den Vorschriften des
Arztes Folge zu leisten.
    Getröstet, indem er Trost erteilte, verliess der Graf, mit sich zufrieden,
das Gemach seiner Gemahlin, nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit
zärtlicher Rührung die höchste Sorge für die Kranke empfohlen hatte. Im
Vorzimmer traf er Dübois, der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein
Wort über den Zustand der Kranken vernehmen wollte. Dem Grafen flogen schnell,
wie er den alten Mann erblickte, alle Bilder dessen, was er getan und gelitten,
vor den Augen des Geistes vorüber, und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener
Aufregung ängstlich betrachteten, rief er mit vor Wehmut zitternden Lippen:
Mein guter alter Dübois! und streckte ihm die Hand entgegen, die der alte Mann
fasste, um sie zu küssen; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt
ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt. Der Haushofmeister wusste
nicht, wie ihm geschah, und er stand und sah dem Grafen noch nach, als dieser
schon lange das Zimmer verlassen hatte.
    Am andern Morgen, als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe
der Nacht wieder besänftigt waren, liess der Graf den Haushofmeister zu sich
rufen und sagte ihm mit höchster Güte: Ich weiss es jetzt erst, mein guter
Dübois, wie Viel ich Ihnen schuldig bin; die Gräfin hat es mir vertraut, was Sie
für sie getan und gelitten, und dass ich ausser der Erhaltung ihres mir so
teuren Lebens Ihnen vielleicht noch grosse Summen schuldig bin, die Sie
ausgelegt und nicht zurückerhalten haben; lassen Sie uns also darüber nun
aufrichtig sprechen, damit Sie wenigstens Ihr Eigentum nicht verlieren, wenn
wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können. Der alte Mann sah
den Grafen mit Ueberraschung an, und Tränen traten in die gutmütigen Augen und
flossen über die gefurchten Wangen. So ist mir denn endlich der Trost geworden,
rief er aus, dass die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat, und
der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres
Lebens nagen. Ja, gnädiger Herr Graf, fuhr er fort, wir haben Viel, entsetzlich
Viel gelitten, und ich kann nicht zweifeln, dass Gott in dieser furchtbaren Zeit
mein Leben nur deshalb erhalten hat, damit ich der unglücklichen Frau nützlich
sein konnte; dies ist mir gelungen, und dafür danke ich dem Himmel täglich. Was
ich damals an Geld ausgegeben, ach gnädiger Herr Graf! Welches Herz hätte wohl
so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken, oder
die armseligen Summen zählen können; doch bin ich überzeugt, dass die Frau Gräfin
mir Alles längst vielfach ersetzt hat, und ich habe in dieser Rücksicht nichts
zu fordern.
    Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen, sagte der Graf gerührt, so geben
Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns,
dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben.
    Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen? fragte der
Haushofmeister lächelnd.
    Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will, sagte der Graf,
indem er die Hand des alten Mannes drückte.
    So hoch mich dies Wort auch ehrt, versetzte Dübois mit grosser
Bescheidenheit, so erlaube ich mir doch zu bemerken, dass ich nicht einzusehen
vermag, worin meine Erniedrigung bestände, wenn ich bei meiner gewohnten
Beschäftigung bleibe. Ich glaube, es hängt von der Art ab, wie ein Geschäft
betrieben wird, ob es edel oder unedel zu nennen ist, und wenn die wichtigsten
Aemter im Staate mit knechtischer Seele, bloss des eigenen Gewinns wegen,
verwaltet werden, ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen
Verehrung für den Monarchen, so ist derjenige, der sie ausübt, mag er äusserlich
so hoch stehen, wie er will, doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen; und
wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein
Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme, und wenn mein treues Auge
darüber wacht, dass bei Ihrem grossen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet
werden und Ihnen so die Mittel bleiben, unendlich viel Gutes zu tun, so habe
ich Anteil an allem Guten und Grossen, was auf diesem Wege erreicht werden kann,
und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt.
    Sie haben Recht, sagte der Graf, durch die Wahrheit in den einfachen Worten
des alten Mannes überrascht. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen, nur versprechen
Sie mir, keine Anstrengung zu übernehmen, die Ihnen bei Ihrem Alter nachteilig
sein könnte. Der alte Mann versprach dies willig und sagte dann: die Wahrheit
meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden.
Er wird gewiss einmal ein ausgezeichneter Gelehrter, daran lässt sich bei seinem
grossen Fleiss gar nicht zweifeln, und er war schon ein halber Student, als sein
edler Beschützer sich seiner annahm. Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge
genommen, dass er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste
leistete, die dieser bedurfte, so lange ihm die Mittel fehlten, es anders
einzurichten, und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten, der solcher
Liebe fähig war?
    Sie haben Recht, sagte der Graf, und ich freue mich, so oft ich den jungen
Menschen in der Bibliotek antreffe. Seine Bescheidenheit, sein feines Wesen
zeugen von der guten Erziehung, die er früher gehabt, und sobald mein Vetter
zurückkommt, wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen. Der
Haushofmeister fühlte sich für alles, was er jemals getan, durch dies Wort des
Grafen mehr als belohnt, der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und
ihn gleichsam neben sich stellte, und seine Liebe wuchs in dem Masse, wie ihm
sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete, ihm eröffnend, dass er entschlossen
sei, dem Schicksal des jungen Evremont auf's Eifrigste nachzuforschen und, wenn
er ihn gefunden, ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten. Der alte Dübois gab
alles an, was nur irgend auf eine Spur führen konnte, um den Verlorenen zu
entdecken, und zerfloss beinah in Tränen, weil er dadurch gezwungen war, alles
erlittene Unglück der Familie Evremont sich in's Gedächtnis zurückzurufen. Der
Graf suchte ihn, nicht ohne eigne Rührung, zu trösten, und Beide kamen darin
überein, dass vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müssten,
damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe, durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so
tiefer verwundet werden müsste.
    Nach diesem langen Gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt, und
der Graf eilte, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen. Die Kranke
hatte eine sanfte Ruhe genossen, und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle
Spuren einer schleunigen Besserung. Die Gräfin hatte in dieser ernstaften
Krankheit, wie er meinte, allen Eigensinn verloren, sie brauchte die
vorgeschriebenen Mittel regelmässig, und der Graf war so zärtlich besorgt, dass er
den Arzt immer wieder angelegentlich bat, ja alle Sorgfalt für ihre
Wiederherstellung anzuwenden. Schon den nächsten Abend hatte St. Julien den
Trost, eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen, Emiliens und
ihrer Freundin Terese zubringen zu dürfen, und die Kranke war zwar sehr
ermattet, aber so ruhig und heiter, wie er sie nie gesehen, und die innige
zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf
aufmerksam, dass früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte.
    Die unermüdete Sorgfalt des Arztes, verbunden mit der grösseren Ruhe des
Herzens, welche die Kranke jetzt genoss, hatte bald jede Gefahr entfernt, und die
Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden ausser dem Bette
verweilen; ihre Kräfte nahmen sichtlich zu, und nach dem Verlaufe von sechs
Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich, das Krankenzimmer zu verlassen und an der
gemeinsamen Tafel zu speisen. Dies war ein Fest der Liebe für alle Hausgenossen,
und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen
Talheim, seine Tochter und auch den Prediger eingeladen. Der Arzt hatte sich im
Stolz über die Genesung der Gräfin, die er ganz allein als einen Triumph seiner
Kunst betrachtete, ein fast despotisches Ansehn über die Kranke angemasst,
welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen liess, und so begleitete er sie
nach dem Speisesaale, wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung, als dem
Leben wiedergegeben, begrüsst wurde. Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre
Nähe, nicht, wie er versicherte, aus törichtem Hochmut, sondern seiner Pflicht
gemäss, damit er ihr die Speisen widerraten könne, die ihm schädlich dünken
würden; er übte aber eine so strenge Kritik, dass er der Gräfin beinah nichts
erlaubte zu berühren. Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten
unterworfen, als aber die Tafel beendigt war, sagte sie scherzend: Aber, lieber
Herr Doktor, Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren, wie der Arzt mit
dem Sancho Pansa, nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel
geworden war, und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge
beinah eben so beschwerlich, als ihm.
    Niemand konnte begreifen, wesshalb dieser Scherz den Arzt so heftig
beleidigte, dass er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen, die im
Zorn feurig blinkten, rief: Ich weiss, es herrscht jetzt die sonderbare Mode, die
von müssigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernstaftesten Angelegenheiten
zu mischen, aber niemals hätte ich geglaubt, dass ich mit dem wahnsinnigen Don
Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte. Vergeblich bemühte
sich St. Julien ihm deutlich zu machen, dass ihn Niemand mit dem edeln Ritter
oder seinem braven Stallmeister verglichen habe, sondern mit dessen gelehrten
Arzt. Er blieb zornig und antwortete nicht mehr, bis der Graf selbst ihm ein
Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte, an diesem schönen Tage versöhnlich zu
sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken; doch auch
jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen, aber man sah, dass er
immer noch Verdruss im Herzen hegte. Der Graf erhob jetzt sein Glas, indem er
sagte: Und nun auf Ihr Wohl, liebster Herr Doktor, dessen Kunst und treuer Sorge
wir den heutigen frohen Tag verdanken. Jetzt schwanden die Wolken des Verdrusses
von seiner Stirn, und er blickte wie ein siegender Held umher.
    Nachdem die Tafel aufgehoben war, trat die Gräfin zu ihm und sagte: Sie
müssen mir heute, da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle,
einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken
nicht verschmähen. Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an, der
die Brillanten, die nun an seinem Finger glänzten, mit demselben Gefühl
betrachtete, wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen. Der Graf trat nun
hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose, weil der
Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte. Emilie näherte
sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche, Terese bot ihm einen von
ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar, und St. Julien überreichte ihm, trotz
seines, beinah zu grossen Abscheus gegen alles Tabackrauchen, eine so
ausserordentlich verzierte, schöne Tabackspfeife, dass dies Geschenk des Wertes
wegen zwar ernstaft, der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien. Der
Arzt blickte in verlegener Freude umher; Stolz über seine anerkannten
Verdienste, dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude
über den Wert der Geschenke bestürmten sein Herz dermassen, dass ihm Tränen in
die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte, die ihm schicklich
dünkten, seine Gefühle auszudrücken. Er küsste rasch hinter einander die Hände
aller Damen, und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn
und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküsst haben,
wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrtum gezeigt hätte,
wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde.
    Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen, dass die
frühere Spannung, die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt
hatte, völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine
herzliche Innigkeit getreten war. Er sah es leicht ein, dass die Krankheit der
Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei, aber
eben so wenig, wie er begreifen konnte, wodurch dies Zusammentreffen so
erschütternd gewirkt habe, vermochte er einzusehen, wie durch diesen
öffentlichen Auftritt, der dem Grafen nur unangenehm sein konnte, eine grössere
Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden. Er konnte sich
ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken, denn seine
Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen, weil Emilie, Terese und St.
Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen
Koncerte die Genesung der teuren Kranken feiern wollten.
    Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar, fasste
sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin, den die zärtlichste
Anhänglichkeit ihr bereitet hatte, und gestand sich innerlich, dass das Leben
noch Reiz für sie haben könne, und dass selbst der Schmerz der Erinnerung den
giftigsten Stachel verloren habe, da ein treues Herz ihn mit ihr teilte, und
sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wusste.
    Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten
Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt, so dass Allen
unerwartet der junge Graf Hohental in den Saal trat. Ein allgemeiner Ausruf der
Freude begrüsste den Neuangekommenen; doch wurde diese sogleich gemässigt, als man
die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm, wodurch ein
erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet wurde. Mit sichtbarem Gefühl
bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung; ein Strahl
wehmütigen Entzückens leuchtete in seinen Augen, als er Teresens Hand küsste,
welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte, mit gleichem
Feuer erwiederte er St. Juliens stürmische Umarmung, und mit kindlichem Gefühl
die väterliche Begrüssung des Obristen und seines Oheims. Was macht Ihr Vater,
teurer Vetter? fragte dieser halb leise. Ich habe ihn vor wenigen Tagen
begraben, sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender Stimme; ich glaubte,
Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten. Nein, erwiederte der Graf
mit Bestürzung, mir ist Ihr Unglück völlig fremd, und es erschüttert mich um so
mehr, da es mich daran erinnert, wie nahe daran ich selbst war, den
schmerzlichsten Verlust zu erdulden.
    Jedermann fühlte, dass es unschicklich sein würde, in den Ton lauter Freude
jetzt wieder einzustimmen. Die Unterhaltung wurde also ernstafter und die
Gesellschaft trennte sich früher, als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen
geschehen wäre. Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte,
kam ihm ein junger Mensch entgegen, in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte,
bis er sich laut weinend in seine Arme warf. Freudig überrascht, drängte ihn der
junge Graf von seiner Brust zurück, um ihn zu betrachten. Nein! rief er endlich
aus, nimmermehr hätte ich geglaubt, dass wenige Wochen einen Menschen so zu
seinem Vorteile verändern können; sage mir doch, wie hast Du es angefangen, dass
Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen
hast.
    Wenn das ist, sagte der junge Mensch, so kommt es wohl daher, dass mir Herr
Dübois so ausserordentlich gute Kleider hat machen lassen; die Frau Gräfin hat
mir die feinste Wäsche geschenkt, und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen
diese goldene Uhr, damit ich, wie er sagte, meine Studien regelmässig einrichten
könne; dabei habe ich noch alles Geld, das Sie mir schenkten. Das ist Alles ganz
gut, sagte der junge Graf, aber woher hast Du den Anstand, die vortreffliche
Haltung.
    Das kommt denn wohl, meinte sein junger Freund lächelnd, von dem lustigen
Herrn St. Julien, zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat, und der mich
nun, seit das Leben der Gräfin ausser Gefahr ist, täglich vexirt und mich dabei
tanzen, reiten und fechten lehrt. Ich versichere Sie, fuhr er, plötzlich in
Rührung übergehend, fort, hier im Schloss sind lauter vortreffliche Menschen,
die Bedienten abgerechnet; aber Herr Dübois meint, die wären beinah nirgends so
gut, wie sie oft in Büchern geschildert werden, und verzeihen Sie mir, wenn auch
Herr Dübois nicht so vornehm ist, als sie Alle, so ist er gewiss einer der Besten
hier im Schloss.
    Ich glaube es Dir, erwiederte der junge Graf, und es schmerzt mich, dass ich
ihm früher Unrecht getan habe; ich sehe, er handelt wahrhaft väterlich gegen
Dich.
    Sie haben das rechte Wort ausgesprochen, erwiederte der Jüngling; wie ein
Vater sorgt er für mich, und der Rat, den er mir gibt, ist jedes Mal so weise,
dass ich blind vor Undankbarkeit sein müsste, wenn ich ihn nicht befolgen wollte.
Es war hier eine trübe Zeit im Hause, so lange die Gräfin so gefährlich krank
war. Der Graf sprach mit Niemandem; Herr Dübois zehrte sich ganz ab vor Kummer;
Herr St. Julien und Fräulein Emilie weinten mit einander, so oft sie sich sahen,
Herr Dübois ermahnte mich, mit ihm für das Leben der Gräfin zu beten, und ich
tat es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide, obgleich er
katolisch und ich protestantisch betete; endlich erholte sich zu unserer aller
Freude die Frau Gräfin. Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dübois: Der Graf
will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich
vorgenommen, Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu
nehmen, ich habe ihm dies für jetzt widerraten, und ich will Dir, mein lieber
Sohn, die Gründe sagen, wesshalb ich dies tat, damit Du siehst, dass ich es wohl
mit Dir meine. Kein Mensch ist Herr seines Geschickes, wir können nichts tun,
als, was uns auferlegt wird, mit Anstand tragen und, indem wir verständig unsere
Verhältnisse ordnen, die schlimmen nach und nach besiegen. Du, mein liebes Kind,
hast dies Haus unter ungünstigen Umständen betreten, die ganze Dienerschaft
beleidigte Dich, indem sie Dich für ihres Gleichen hielt; wenn Du jetzt auf ein
Mal an der Tafel ihres Herrn speisest, so müssen sie Dich zwar bedienen, aber Du
kannst denken, mit welchem Neide und innerem Grimm, und es lässt sich nicht
berechnen, welche Kränkungen Dir durch ihre Bosheit entstehen können. Wenn Du
uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student
besuchst, dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedrückten Lage und der
neuen Erscheinung; auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Teil verändert,
Du hast schon mehr Ansprüche in der Welt; dann speise an des Grafen Tafel und
ich will Dich gern selbst bedienen. Ich erschrak vor diesem Worte, denn wäre es
nicht eine wahre Gottlosigkeit, wenn ich die Unverschämteit hätte, mich von
diesem ehrwürdigen Manne bedienen zu lassen? Ich sagte ihm dies auch und
versicherte ihn, dass ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende
leisten würde. Er umarmte mich ordentlich gerührt, als ob mein Gefühl etwas
Besonderes wäre, und so wurde beschlossen, dass, so lange ich jetzt noch hier
bleibe, ich fortfahre, bei ihm zu speisen und zu wohnen.
    Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Rührung vernommen und
beschloss, dem alten Manne seinen Dank für dessen freundliche Güte zu bezeigen.
Mit grossem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede persönliche
Dienstleistung, und dieser musste es halb mit Kränkung, halb mit Stolz
betrachten, wie ein fremder Bedienter, der mit ihm gekommen war, den jungen
Grafen entkleidete, und er verliess, durch eine herzliche Umarmung beglückt,
seinen edeln Beschützer, um ihn der Ruhe, die er bedurfte, zu überlassen.
 
                                      VII
Es hätte zwar der junge Graf Hohental nach einer eiligen, etwas angreifenden
Reise der Ruhe bedurft, um so mehr, da er in der jüngst vergangenen Zeit Vieles
erlebt hatte, wodurch seine Kräfte erschüttert waren, aber eben diese
Erfahrungen in seinem innern, wie in seinem äussern Leben waren so inhaltsschwer,
dass Gedanken von der wichtigsten Art und die wichtigsten Pläne lange den
Schlummer von seinem Lager scheuchten, und er den Tag herbei wünschte, um eine
geheime, ernste Unterredung mit seinem Oheim zu suchen, und doch wusste er nicht
bestimmt, was er ihm sagen wollte oder durfte.
    Als der junge Graf vor etwa sechs Wochen das Schloss Hohental mit schwerem
Herzen verlassen hatte, um zu seinen Eltern zu reisen, wurde er auf diesem Wege
von ängstigenden Sorgen und beunruhigenden Gedanken gequält, das Leben der
Gräfin war in Gefahr und er hatte, wie es jedem edeln Menschen zu ergehn pflegt,
eine um so grössere Teilnahme für diese Frau gewonnen, als er ihr Unrecht getan
und sie sogar in seiner dumpfen Verzweiflung beleidigt hatte, und es erfüllte
ihn daher ihr Zustand mit lebhaftem Kummer. Auf der andern Seite beunruhigte ihn
nicht nur die Lage seiner Eltern, die ganz von dem Wohlwollen seines Oheims
abhing, sondern er musste auch mit Schmerzen daran denken, welche Schritte sein
Vater von ihm verlangt hatte, um diesen Oheim zum Beistande zu vermögen,
Schritte, die, indem er sie nur dachte, die Röte der Scham auf seine Wangen
trieben. Endlich gesellte sich zu allen diesen Sorgen durch einen Zufall noch
eine andere, die für den Augenblick die ängstlichste wurde. Es zerbrach nämlich
ein Rad seines Wagens, und dadurch wurde er mehrere Stunden aufgehalten. Da er
nun die Zeit seiner Reise genau berechnet hatte, so fürchtete er, sein Vater
würde schon nachteilige Verbindungen eingegangen sein, ehe er mit der ängstlich
ersehnten Hülfe erschiene, denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende
erreichen, welchen er als den spätesten seiner Ankunft bezeichnet hatte, sondern
erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen. Er fand seine Mutter allein,
die ihm ungewöhnlich bleich, mit verweinten Augen entgegen trat. Gottlob! dass Du
kommst, rief sie, indem sie ihn mit Tränen umarmte, es ist der letzte
Augenblick, wenn Du Hülfe bringst, wo sie uns nützlich werden kann. Der junge
Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater. Du kommst wie
ein Engel des Trostes, erwiederte die Mutter noch immer weinend und berichtete
nun, dass der alte Lorenz und sein Sohn erklärt hätten, dass sie noch heute
abreisen würden, wenn das beabsichtigte Geschäft nicht noch an diesem Tage zu
Stande käme, und dass der Vater, voll Misstrauen gegen seinen Verwandten, alle
Hoffnung aufgegeben habe, da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen
sei, und nun krank, mit Verzweiflung im Herzen, eben mit den Beiden herum fahre,
um ihnen alle Vorteile des Gutes zu zeigen, das ihnen noch diesen Abend
übergeben werden sollte.
    O, Mutter! rief der junge Graf schmerzlich bewegt, hätte mein Vater sich mit
offenem, redlichem Vertrauen an seinen edeln Verwandten gewendet, niemals wäre
unsere Lage so drückend geworden, dass sie ihn so tief erniedrigt hätte, mir
Ratschläge zu geben, die mein Gefühl mir verbietet zu wiederholen.
    Du hast Recht, sagte die trauernde Mutter, ja hätte Dein unglücklicher Vater
nur die Hälfte des Scharfsinns daran gewendet, auf rechtlichen Wegen seine
Umstände zu verbessern, den er darauf gerichtet hat, sein Schicksal durch Mittel
zu bezwingen, die ich beweinen muss, so glaube ich, wir würden ohne Kummer unsere
Lage betrachten; aber dennoch, geliebter Sohn, beurteile den armen Mann nicht
zu hart, denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater, und der
Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit in's Grab, dass
er nichts für uns alle tun kann.
    Wenn uns der Vater liebt, sagte der junge Graf finster, so sollte er nicht
Handlungen begehen oder fordern, die uns zwingen, für ihn zu erröten.
    O! still mein Kind, erwiederte die sanfte Mutter, Dein Herz schlägt noch mit
Jugendkraft, Du kannst es noch nicht wissen, wohin ein feindliches Geschick den
Menschen bringen kann. Dein Vater hat in der Jugend mit aller Glut und Kraft
des Herzens geliebt, ihm wurde Erwiederung geheuchelt, indes seine Empfindung
verspottet und er mit dem schnödesten Eigennutz betrogen wurde, und zwar durch
einen Freund, dem er sich mit ganzer Seele vertraute. Seine einzige Schwester,
bedeutend älter als er, war längst verheiratet, als die ältern starben, und der
Schwager benutzte als Vormund das Vermögen, indes Dein Vater seine Jugend in
Dürftigkeit hinbrachte, sich in Schulden verwickelte, die, als er mündig wurde,
sich so drückend zeigten, dass er die Einsicht gewann, er sei genusslos verarmt,
denn was ihm nach der Teilung mit seinem Schwager blieb, hatte er in
immerwährender durch Dürftigkeit und Not erregter Herzensangst schon im Voraus
ausgegeben, und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten, behielt er nichts
übrig. Wo er sich hinwendete um Unterstützung, wurde er mit Kälte, als ein
Verschwender, dem man nicht vertrauen könne, zurückgewiesen und seine Schulden,
denen seine Verwandten mit Eifer nachspürten, als Beweise gegen ihn gebraucht.
In dieser Bedrängnis wendete er seine Augen auf mich und wählte, nicht aus
Liebe, sondern aus Not, mich zur Gefährtin seines Lebens, und hoffte durch die
einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermögensumstände
wieder zu heben. Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke, dass eine
Gräfin aus seinem einzigen Kinde werden solle, und da er nicht gewohnt war, die
Ansichten Anderer zu vernehmen, so befahl er mir, Deinen Vater als meinen
Bräutigam zu betrachten, und bestimmte den Tag der Vermählung. In der Tat fiel
es mir auch nicht ein, dass ich befugt sei, Einwendungen zu machen, und der Tag
unserer Verbindung erschien und wurde auf's Glänzendste gefeiert. Es schien, als
ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen wären; mein Vater gab die
nötigsten Summen bei unserer Vermählung sogleich und verlangte, Dein Vater
sollte nach drei Monaten ein Verzeichnis einliefern von allen Schulden und allen
Bedürfnissen, dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung, wie er
sagte, auf einem solideren Fusse einrichten. Jetzt erschienen dieselben Freunde
und Verwandten, die Deinen Vater in seiner Bedrängnis mit Kälte abgewiesen
hatten, und wünschten ihm Glück, sie wurden unsere täglichen Gäste, und
erschöpften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe; man fand mich höchst
liebenswürdig, man lobte es, dass ich bei dem grossen Reichtume meines Vaters
doch gar keine Ansprüche mache, kurz, Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen
Menschen versöhnt und überredete sich, er habe sich geirrt und in seiner
bittern, durch die Not erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen
Blicken betrachtet. Aber ach! wie bald brach dies scheinbare Glück zusammen. Ein
grosses Handlungshaus in England fiel, und sein Sturz zog den eines
Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich, mit denen mein Vater in
Verbindung stand, und er war schon zu Grunde gerichtet, ohne es zu ahnen, als er
meine Hochzeit so glänzend feierte. Er konnte den Schreck nicht überwinden und
wurde vom Schlage getroffen, als er die Nachricht seines Unglücks erhielt. Acht
Wochen nach meiner Verheiratung wurde er begraben. Jetzt wurde Alles
gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt, und die Armut übte dort ihre
furchtbare Gewalt, wo eben noch Glanz und Überfluss geherrscht hatten. Mein
Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung, und
diese waren so vorsichtig gewesen, sie mit unterschreiben zu lassen, und jetzt
so schamlos, die Kleider und Wäsche meiner unglücklichen Mutter verkaufen zu
lassen, um sich bezahlt zu machen, und die arme Frau wäre ohne Obdach gewesen,
wenn nicht Dein Vater, der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte, um
Vermögen zu erlangen, ihr sein Haus und seine Unterstützung angeboten hätte.
    Ach, mein Sohn! wie schnell verloren sich alle die Freunde, die Dein Vater
während seines kurzen Glückes besessen hatte, als meine Mutter bei uns einzog
und unsere Dürftigkeit teilte. Die Besuche hörten auf, und wenn unsere
Einsamkeit zuweilen gestört wurde, oder wenn wir gezwungen waren, Besuche zu
machen, so suchte man Gelegenheit, über Missheiraten zu sprechen, die nie zum
Guten ausschlagen könnten; und meine sanfte Seele empörte sich, wenn ich diese
rohen Menschen, deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte,
so reden hörte. Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf's Äusserste
erbittert und beschloss, jedes Mittel anzuwenden, um seine Umstände wieder zu
verbessern. Er studirte die Landwirtschaft eifrig, aber ihm mangelten die
Mittel zu den nötigen Auslagen und die besten Pläne konnten deshalb nicht
gelingen. Dies zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu, die viel zu beschränkt
waren, als dass sie seine Einsichten hätten beurteilen können; aber die
Verläumdung tat ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer. Mehrere
Kinder waren geboren, die unsere Sorge vermehrten. Jetzt, da die ganze Welt uns
feindlich gegenüber stand, gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen
die Oberhand in Deines Vaters Brust. Er hatte nicht die heldenmütige Kraft der
Tugend, die uns über jedes Missgeschick erhebt; und da er Ursache gefunden hatte,
die Menschen so tief zu verachten, so glaubte er auch der Selbstachtung nicht
mehr zu bedürfen. Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermögen, pflegte er
oft zu sagen; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen,
um ihren nächsten Verwandten vom Verderben zu erretten: so muss man sie durch
jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen. Seine Kenntnis der
Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes führten ihn in der Tat auf manche
Mittel, bald von dem Einen, bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu
erpressen, die unsern Untergang verschob, aber es konnte nicht fehlen, dass sich
nun alle, die seine Achtung niemals verdient hatten, herausnahmen, Deinen Vater
zu verachten; und ach! die allgemeine Stimme übte eine so traurige Gewalt, dass
er auch die Achtung der Besseren verlor. Er wollte sich überreden, dass ihm dies
gleichgültig sei, aber ich sah wohl, wie der Kummer darüber an seinem Leben
nagte. Meine Mutter war längst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von
ihm angewendeten Künste nur ein höchst dürftiges Leben gefristet; Deine
Schwestern wuchsen, von allen Menschen zurückgesetzt, beinah ohne alle Erziehung
heran, und wir waren auf's Äusserste getrieben, als derselbe Lorenz, der jetzt
Deines Vaters Vermögen an sich zu bringen strebt, hier erschien und, nachdem er
einige Stunden sich in's Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte, sich wieder
entfernte. Jetzt, sagte hierauf Dein Vater mit grosser Heiterkeit zu mir, jetzt
will ich meinen hochmütigen Vetter wohl zwingen, mir beizustehen; bald werde
ich die Mittel dazu in meinen Händen haben, und Du, mein unglückliches Weib,
brauchst dann nicht mehr in Not mit unsern armen Kindern zu vergehen. Wie
flehentlich bat ich ihn damals, auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich
offen, mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden. Er lachte mit Bitterkeit
über meinen Rat und fragte mich, ob wir noch nicht Demütigungen genug erfahren
hätten, ob ich nach neuen lüstern sei?
    Wie einen Bettler würde er mich abweisen, sagte er, wenn ich ihn freimütig
bäte, mir von seinem Ueberflusse Unterstützung zu gewähren, aber mit grösstem
Danke wird er einen Teil seines Vermögens aufopfern, wenn er fürchten muss, noch
weit mehr zu verlieren.
    Meine Tränen flossen nun im Verborgenen, denn ich wusste wohl, dass ich
Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht würde bewegen können. Nach
einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament, wofür
er eine ansehnliche Summe verlangte. Ich hörte es wohl, wie ihm Dein Vater alles
geben wollte, was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Wert im Hause
befand, aber dies Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe. Auf
Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen, indem er
behauptete, ein solcher Handel könne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden.
Dein unglücklicher Vater war so in Verzweiflung, dass ich glaubte, er würde jede
Rücksicht vergessen und es versucht haben, dem alten Lorenz die Schrift, auf die
es ihm ankam, mit Gewalt zu entreissen, wenn nicht in diesem Augenblicke der
Prediger gekommen wäre, dem wir, wie vielen Andern, schuldig sind, und der also
höflich empfangen werden musste.
    Der alte Lorenz benutzte diesen günstigen Augenblick, um sich zu entfernen,
und sagte mit widrigem Lächeln, dass er nach einigen Wochen wieder anfragen
wollte, ob der Herr Graf seine Dienste noch wünsche. Von jetzt an zehrte Dein
Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben, die
Summen zusammen zu bringen, die gefordert wurden, ehe der Alte die Schrift
ausliefern wollte. Er erfuhr, dass sein Verwandter den ungetreuen Kastellan
entlassen hatte, und dies erregte in ihm eine lebhafte Freude, denn er hoffte
nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen. In der Tat bot ihm der
alte Lorenz die Schrift nun für die Hälfte der früher geforderten Summe an, aber
auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmöglich, weil er sich
nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte.
    In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglück und der Friede
vollendete es, denn Du, mein geliebter Sohn, kehrtest krank und des Dienstes
entlassen zu uns zurück. Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch; er
kannte Dich zu gut, als dass er es nur hätte unternehmen mögen, Dir seine
Ansichten mitzuteilen, er wusste, dass Du dann sein Begehren nicht erfüllen
würdest, er liess Dich also glauben, Dein Oheim sei gegen uns im höchsten
Unrecht, und schickte Dich ab, eine Ausgleichung mit diesem ungerechten
Verwandten zu versuchen. Da er überzeugt war, die Schrift, durch die sich Dein
Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte, sei noch in den Händen des
alten Lorenz, so glaubte er, dass jener, wenn er sie vermisste, sich auf einen
Vergleich einlassen würde, und da er es für unmöglich hielt, dass der alte Lorenz
es wagen könnte, die aus dem Archive entwendete Schrift zurückzuliefern, so
erregte es in ihm eine Art von Freude, auch diesen zu überlisten und seinen
Diebstahl nun doch zu benutzen, ohne ihm etwas dafür zu bezahlen, da er sich so
unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte.
    Ich weinte und betete im Stillen, Gott möge uns aus diesem Drangsal erlösen,
als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien, aber dies Mal in ganz
veränderter Gestalt auftrat. Er versicherte auf Deines Vaters ängstliche Frage,
er habe die bewusste Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den
früher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten, aber jetzt, da er durch
glückliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei, komme er, um
uns Dienste anderer Art zu leisten. Er kannte unsere gefährliche Lage ganz; er
wusste, welche Forderungen Deinen Vater bedrängten, und machte nun die Dir
bekannten Anträge. Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen, wenn Deine Reise
zu Deinem Oheim, die nun beschlossen wurde, fruchtlos sein sollte. Mit
spöttischem Lächeln willigte der Alte und mit hochmütigter Verachtung sein
übermütiger Sohn in diesen Vorschlag ein.
    Du reistest ab, und unsere unwürdigen Gäste fingen an sich ganz wie die
Herren des Schlosses zu betragen, und ihr Übermut wuchs, je mehr sie bei einem
längeren Aufentalt die Not bemerken mussten, die uns bedrängte. Dein Vater
ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen
Kraft Deine Rückkunft: da, mein geliebter Sohn, erschien Dein Bote und
vernichtete alle unsere Hoffnungen. Was Du von der grossmütigen Gesinnung Deines
Oheims schriebst, glaubte Dein Vater nicht, er meinte, Du hättest Dich durch
gleissnerische Reden täuschen lassen; dass sein Verwandter sich wieder im Besitz
der entwendeten Schrift befand, brachte ihn zur Verzweiflung, denn er sah nun
keinen Grund mehr, wesshalb er uns helfen sollte, und er weinte untröstlich eine
ganze Nacht hindurch über unsern unvermeidlichen Untergang. Am andern Morgen
machte er dem alten Lorenz Vorwürfe darüber, dass er die Schrift seinem
ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe. Der alte Heuchler
antwortete aber mit schändlicher Dreistigkeit: Gott hat es nicht haben wollen,
mein Herr Graf, dass Sie auf diese Weise wieder zu Vermögen kommen sollten, ich
bot Ihnen die Schrift erst für vierhundert Dukaten an, dann wollte ich sie Ihnen
in Betracht Ihrer Umstände für zwei hundert Dukaten lassen; da Sie aber auch
darauf nicht eingehen konnten, so entschloss ich mich, sie meinem vorigen Herrn,
dessen Vater ich schon gedient hatte, und für den ich also noch immer
Anhänglichkeit fühlte, für hundert Dukaten zurück zu geben, und seitdem ich hier
bin, sehe ich ja auch deutlich genug, dass Sie mir sogar diese geringe Summe
nicht hätten zahlen können. Trösten Sie sich also, gnädiger Herr Graf, es hat
nicht sein sollen; Sie wissen wohl, Wer da hat, dem wird gegeben werden, und Wer
da nicht hat, dem wird auch das noch genommen, was er hat; das lehrt uns selbst
das Evangelium.
    Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in düsterem Schweigen; es kam
keine Klage mehr über seine Lippen, nur als er gestern um Mitternacht sein Lager
suchte, drückte er meine Hand und sagte: Wir sind verloren, unser Sohn ist nicht
gekommen; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten, Nachmittag alle
Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschliessen; dann
muss ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen Tagen überlassen und Gott weiss, wo
wir unser Haupt hinlegen werden.
    Du kannst es denken, geliebter Sohn, sagte die Mutter, indem sie den jungen
Mann von Neuem umarmte, mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe, bis
Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst.
    Könnte auch ich nur Trost in dem Allen finden, sagte der junge Graf, indem
er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte. Ich bringe Ihnen
vollständige Hülfe, und zwar von dem Manne, gegen den mein Vater sich mit
nichtswürdigen Gaunern vereinigte, um ihn zu betrügen. O, Mutter! können die
Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen?
    Glaube mir, erwiederte die Mutter, ich fühle sein Unrecht wie Du, aber sei
mild, bedenke sein Unglück; der alte Mann hat Alles eingebüsst, Vermögen,
Gesundheit, die Achtung seiner Mitbürger und seiner selbst; soll er ganz
verzweifeln, wenn er sieht, dass er auch die Liebe seines Weibes und seiner
Kinder verloren hat?
    Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Händen, bis das
Geräusch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte. Sie trockneten schnell
die herabströmenden Tränen und gingen dem Vater entgegen, der, wie der Sohn mit
Schmerzen bemerkte, nur mit Mühe aus dem Wagen steigen konnte, weil seine Füsse
geschwollen waren. Sein Gesicht war bleich und entstellt, er atmete schwer aus
beklemmter Brust und konnte, auf den Arm des Sohnes gestützt, durch heftiges
Husten gehindert, nicht so schnell die Treppe ersteigen, wie seine zitternde
Eile es verlangte; er sah mit scharfen Blicken abwechselnd in die verweinten
Augen der Mutter und des Sohnes, die ihm schlimme Vorzeichen zu sein schienen.
Der alte Lorenz blickte mit lauerndem Lächeln von dem jungen Grafen auf seinen
Sohn, und dieser erwiederte den Blick des Vaters durch ein spöttisches Zucken
des Mundes. Alles dies entging dem alten kranken Grafen nicht, der sich um so
mehr beeilte, sein Zimmer am Arme des Sohnes zu erreichen, dessen Zorn beim
Anblicke des beinah vernichteten Vaters schwand. Sie hatten endlich die Treppe
erstiegen, und der Vater zog den Sohn in sein Kabinet und sagte, indem er noch
dessen Arm umschlossen hielt, in heftigster Angst: Sprich es nur aus, zögre nur
nicht, Du bringst nichts, wir sind verloren.
    Könnte doch dadurch Alles gut werden, sagte der Sohn, indem er beide Hände
des Vaters fasste, dass ich Ihnen vollständige Hülfe bringe. Wie war das, sagte
der Vater, indem er, durch den freudigen Schreck ermattet, sich in einen
Lehnstuhl senkte, hast Du die nötigen Summen?
    Ich habe alles erhalten, was wir brauchen, erwiederte der Sohn, und zwar
ohne Anstrengung, ohne Künste. O mein Vater, wie sehr haben wir den besten der
Menschen verkannt. Lass das jetzt, rief der Vater, indem ein Strahl der Freude in
seinen erlöschenden Augen aufblitzte, wir wollen uns schnell die beiden Schurken
vom Halse schaffen, die mich ganz wie ihres Gleichen behandelt haben. Ach, mein
Vater! seufzte der Sohn. Lass alle Erklärungen, rief der Vater, wenn die Beiden
aus dem Hause sind, dann wollen wir über Alles sprechen. Er wollte sich schnell
erheben, um dies sogleich auszuführen, aber der Husten, der ihn von Neuem
überfiel, verhinderte ihn an der Ausführung seines Vorsatzes. Es währte eine
halbe Stunde, ehe der Kranke sich von der Anstrengung des heftigen Hustens
erholen konnte. Ich habe mich um der Schurken Willen heute noch erkältet, sagte
er endlich, und dies wird mir um so nachteiliger, da ich schon krank war, ehe
wir in den Wagen stiegen; aber komm nur, wir wollen sie nun gleich abfertigen.
Er erreichte, auf den Arm des Sohnes gelehnt, den Saal, in dem die Mutter mit
dem alten Lorenz und dessen Sohne ein gleichgültiges Gespräch zu führen suchte.
So krank der alte Graf sich auch fühlte, so richtete er sich doch stolz empor
und sagte mit vornehmer Höflichkeit zu den Beiden: Es tut mir leid, meine
Herren, dass Sie sich so lange vergeblich bei mir aufgehalten haben, da aus
unsern früheren Plänen nichts werden kann, weil ich gesonnen bin, meinem Sohn
die Güter zu übergeben, und ich beklage nur, fügte er spöttisch lächelnd hinzu,
dass Sie sich heute die unnütze Mühe gemacht haben, Alles in meiner Wirtschaft
zu betrachten, die Sie niemals führen werden.
    Der alte Lorenz so wohl, als sein Sohn waren nach dieser Erklärung sichtlich
bestürzt, aber da sie fühlten, dass alle ferneren Versuche vergeblich sein
würden, ging der Sohn hinweg, um seinem Bedienten zu befehlen, die Pferde
anspannen zu lassen. Nicht eine Sylbe wurde gesprochen, um diesen Vorsatz zu
verhindern, obgleich die Abenddämmerung schon eintrat, und beide unwürdige Gäste
mussten sich von dem Schloss entfernen, das sie schon wie ihr Eigentum
betrachtet hatten.
    Gottlob! rief der alte Graf, als sie das Haus verlassen hatten, nun ist die
Luft wieder rein, aber ich fühle mich krank und ermattet, ich will mich zur Ruhe
begeben und Tee im Bette trinken, das wird mir wohl tun, und dann sollst Du,
mein Sohn, mir Alles erzählen. Der junge Graf zog die Klingel, um einen
Bedienten herbei zu rufen, aber wie heftig er dies auch in kurzen Zwischenräumen
wiederholte, so zeigte sich doch Niemand, um den Kranken zu entkleiden. Der Sohn
ging endlich selbst, um einen Diener aufzusuchen, aber seine Mühe war
vergeblich. Von der zahlreichen Dienerschaft war Niemand zu finden. Es hatte
sich in diesem Hause ein Jeder nach und nach so viele Freiheiten genommen, und
so viele Dienstleistungen von sich abzulehnen gewusst, dass zwar viele Menschen
darin waren, die ernährt werden mussten, aber niemand, der wahrhaft nützlich
gewesen wäre. Da man ihnen allen den Lohn schuldig bleiben musste, so fanden sie
Mittel, sich auf andere Weise bezahlt zu machen, und indem ihre Forderung jeden
Monat anwuchs, konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel, den die Herrschaft
auszusprechen wagte, erwiedern: Zahlen Sie mir meinen Lohn aus, so verlasse ich
Ihren Dienst sogleich. Der junge Graf seufzte bei dieser fühlbaren Zerrüttung
des ganzen Hauswesens, und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem
Hause seines Oheims.
    Da er seinen Zweck gänzlich verfehlte und keinen Diener fand, so kehrte er
zu seinem Vater zurück, den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand; die Mutter
war hinunter gegangen, um Tee zu besorgen, denn auch dies machte Schwierigkeit,
da es etwas früher als gewöhnlich geschehen sollte. Der Zustand des alten Grafen
erregte das innigste Mitleid des Sohnes, er führte den alten Mann nach dem
Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nötige Hülfe, um ihn zur Ruhe zu
bringen. Indes hatte die Mutter jemanden gefunden, der Tee besorgen wollte, und
der Kranke fühlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wärme erleichtert.
Jetzt erzähle mir, sagte er nun zum Sohne, wie es Dir gelungen ist, Deinen Oheim
zum Beistande zu bewegen. So wie ich ihn mit unserem Bedürfnisse bekannt machte,
erwiederte der junge Mann, war er zu jeder Hülfe bereit.
    Wie! sagte der Vater in heftiger Bewegung, er schlug Dir nicht zuerst Alles
ab, er liess Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen, um sich, an Deiner
Erniedrigung sich ergötzend, nach und nach etwas abpressen zu lassen?
    Nichts von allem Dem, erwiederte der Sohn; er gab mir die nötigen Summen,
um hier einigermassen Ordnung hervorzubringen, und trug mir auf, so bald als
möglich mit einer vollständigen Berechnung unserer Bedürfnisse wiederzukehren,
damit er uns gründlich helfen könne. Und was sagte er zu meinen Ansprüchen?
fragte der Kranke, indem die Röte der Scham auf seinen Wangen brannte.
    O mein Vater, antwortete mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes der Sohn, er
zeigte mir, dass wir keine haben, wie ich Ihnen dies schon in meinem Briefe
meldete, und legte mir zur Bestätigung eine Schrift vor, die Sie nicht in seinen
Händen glaubten.
    Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht, worauf der Sohn
nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte: Sie
haben, mein Vater, in diesem Verwandten den edelsten, besten Menschen verkannt
und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt, deren Gebrauch für Sie selbst
schmerzlich und beschämend sein muss, und mich schon um desswillen unglücklich
macht, weil ich als Ihr Sohn, der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden
können, diese Worte des Vorwurfs aussprechen muss.
    Der Kranke wendete sich um, richtete sich mit heftiger Bewegung auf und
sagte dann nicht ohne Bitterkeit: Ich weiss es aus eigner Erinnerung, dass die
Jugend nichts so freigebig bietet, als Achtung auf der einen und Verachtung auf
der andern Seite, und dass sie häufig in beiden Fällen Unrecht hat. Missverstehe
mich nicht, fuhr er eifrig fort, da er sah, dass der Sohn antworten wollte: es
kann sein, ja ich glaube es selbst, dass ich Deinem Oheim Unrecht getan habe,
aber kann dies wohl beweisen, dass ich überhaupt im Irrtume gegen die Menschen
und im Unrecht gegen sie bin, wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du
vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst, der auf gleiche
Weise handelt? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt, wohin ich mich wendete.
In glücklichen Tagen hat mich Betrug, Bosheit, Neid und Missgunst verletzt, in
unglücklichen wurde ich durch Härte, Spott und Verachtung gekränkt. Ich fand
nicht eine Ausnahme, nicht einen einzigen Freund, was konnte ich denn also in
diesen Menschen lieben und achten? Glaube mir, setzte er mit milderer Stimme
hinzu, wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufälligkeit ist, so
hängt sie doch fast immer von zufälligen Umständen ab. Wäre ich so glücklich
gewesen, in meiner Jugend einen wahren Freund, einen wohlwollenden Verwandten
anzutreffen, so hätten sich meine Vermögensumstände herstellen lassen, und indem
ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hätte leben können, hätte ich auch die
gewöhnliche Liebe und Achtung für die Menschen behalten, denn ihr wahres
verächtliches Inneres hätte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte
Täuschung wäre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden. Du bist darin
glücklicher als ich, setzte er hinzu, indem er dem Sohn liebevoll die Hand
reichte, Du hast angetroffen, was ich durch Gebet und Tränen in der Unschuld
meiner Jugend oft herbeirufen wollte, und die sogenannte Tugend in Deiner Brust
wird nicht durch ein so trübseliges, gramvolles Leben erschüttert werden, wie
ich es habe erdulden müssen. Ich weiss es, Du wirst, wenn Du auch Mitleid mit mir
hast, meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken, und ich zürne Dir deshalb
nicht, ja es freut mich selbst um Deinetwillen, denn Du wirst die Achtung der
Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren, und glaube mir, es ist ein Unglück,
dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst, das Gefühl dieser Achtung zu
verlieren.
    Hätte der Sohn auch so hart sein mögen, die Ansicht des Vaters zu bekämpfen,
die dieser sich gewissermassen zum Troste aufzustellen bemühte, so würde dies
schon durch den sich plötzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmöglich
geworden sein. Die lange, leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen
angegriffen; ein heftiger Husten war die Folge, der sich mit einem Blutsturz
endigte. Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung, aber der Anfall liess zu
ihrem Troste bald nach, und der Sohn verlangte nun, es sollte zum Arzte mit
grösster Eile gesendet werden. Es wird nichts helfen, sagte der Kranke mit
ersterbender Stimme, und die Tränen der Mutter bestätigten seine Ansicht.
Warum, fragte der Sohn, was kann ihn hindern? Wir haben öfter nach ihm
geschickt, sagte die kummervolle Mutter, aber immer vergeblich, vermutlich weil
wir ihm einen früher geleisteten Beistand noch nicht haben bezahlen können. Die
Flammen des Zornes röteten die Wangen des Sohnes, und er verstand ein schwaches
Lächeln des Kranken, das ihn an die Menschenkenntnis seines Vaters erinnern
sollte.
    Ich werde selbst hinfahren und ihn gewiss mitbringen, sagte der Sohn
entschlossen und verliess die Eltern, um Bediente aufzusuchen, die sich nun
endlich eingefunden hatten. Indes nach seinem Befehle ein leichter Wagen
angespannt wurde, nachdem er noch erst die Einwendungen mit einiger Heftigkeit
beseitigt hatte, die der Kutscher erheben wollte, kamen seine Schwestern von
einem Besuche beim Prediger nach Hause und begrüssten mit lärmender Freude den
Bruder, indem sie sich auf wilde, unordentliche Art von den hindernden Hüten und
Mänteln befreiten. Er umarmte Beide herzlich, aber es war ihm nicht möglich, die
von der Sonne gebräunten Gesichter, die wenig geschonten Hände und Arme, die
Wildheit der Gebehrden ohne Schmerz zu bemerken. Ihn erschreckten die lauten,
heftigen Stimmen und innig betrübten ihn all die Zeichen einer vernachlässigten
Erziehung, indem er an Terese und Emilie dachte, deren natürliche Schönheit
durch eine anständige Haltung und edle Gebehrden gehoben wurde. Er ermahnte die
sorglosen Schwestern, leise aufzutreten und den kranken Vater nicht durch ihre
lauten Stimmen zu erschrecken. So ist der Vater krank? fragten sie ängstlich,
und die grossen unschuldigen Augen schwammen in Tränen. Habt Ihr denn das noch
nicht bemerkt, fragte der Bruder, durch die gutmütige Trauer in den
unschuldigen Gesichtern bewegt. Er ist seit einigen Tagen nicht wohl, erwiederte
die ältere Schwester, aber er sagte selbst, es hätte nichts zu bedeuten. Ich
fahre jetzt zum Arzt, versetzte der Bruder, wenn ich mit ihm zurück komme, dann
werden wir hören, ob der Zustand unseres Vaters bedenklich ist. Er verliess die
Schwestern und warf sich in den Wagen, um in möglichster Eile den Beistand
herbei zu schaffen, der in diesem Augenblicke so wichtig war, da er nicht ohne
Grund die Wiederholung des Blutsturzes fürchtete. Der eine Meile entfernte Arzt
war bald erreicht, indes der junge Graf wurde nur kalt von ihm empfangen, er
machte Einwendungen dagegen, mitzufahren, er verlangte, der junge Mann solle ihm
den Zustand seines Vaters schildern, so wolle er die nöhigen Mittel
verschreiben. Als ihm aber von dem jungen Grafen die früher geleistete Hülfe
freigebig bezahlt und die gleiche Freigebigkeit für den jetzigen Fall
zugesichert wurde, änderte er seine Ansicht und entschloss sich selbst
mitzufahren, um den Kranken zu sehen.
    Aus tiefster Brust seufzend, trat der bekümmerte Sohn an der Seite des ihn
begleitenden Arztes den Rückweg an. Die Bemerkungen seines Vaters beschäftigten
seine Seele, und er konnte es sich nicht abläugnen, dass die Empfindungsweise und
die Lebensansicht eines Jeden wenigstens zum Teil von seiner äussern Lage
abhängig sei. Wie soll mein Oheim, dachte er, die Menschenverachtung meines
Vaters nur verstehn, da der verächtlichste Eigennutz sich dem Einen ohne
Rückhalt zeigt, weil er nichts glaubt gewinnen zu können und also nichts zu
schonen braucht, indes er sich dem Andern ewig verbirgt, weil er seiner
Befriedigung gewiss ist und sich ihm auf diese Weise als Anhänglichkeit,
aufrichtige Freundschaft, Anerkennung des Verdienstes und Gott weiss für welche
Tugend verkauft.
    Der ihn begleitende Arzt ahnete nicht, dass er das finstere Nachdenken des
jungen Mannes veranlasst hatte, und glaubte, die Besorgnis für den Vater allein
in dessen einsylbigen Worten zu erkennen; er suchte ihm also Mut einzusprechen,
und der junge Graf würde sein Bestreben dankbar erkannt haben, wenn er sich
nicht hätte gestehen müssen, dass nur der befriedigte Eigennutz die
Menschlichkeit in der Brust des Arztes erweckt habe. Der Rückweg wurde mit
derselben Schnelligkeit gemacht, die man angewendet hatte, den Arzt zu
erreichen, obgleich der Kutscher laut genug bemerkte, damit der junge Graf es
hören sollte, die Pferde würden wohl umfallen, wenn sie den Stall erreichten, da
sie so wenig Hafer bekämen und doch übermässig angestrengt würden.
    Man hatte endlich die kleine Reise vollendet, und der Arzt fand den Kranken
zwar nicht ohne Fieber, aber doch schlummernd; auch hatte sich der Blutsturz
nicht erneuert, und er glaubte hierauf beruhigende Hoffnungen gründen zu können.
Der ängstliche Sohn drang hierauf in den Arzt, einige Tage zu bleiben, um den
Gang der Krankheit zu beobachten, und dieser willigte ohne Schwierigkeit ein.
    Die Blicke der Mutter waren etwas ängstlich bei diesen Einrichtungen, und
der Sohn bemerkte bei der dürftigen Abendmahlzeit die Ursache dieser
Aengstlichkeit, und seine Seele wurde mit innigster Wehmut über die traurige
Lage seiner Eltern erfüllt, als deren Opfer der Vater eigentlich fiel, und die
sich während seiner Abwesenheit so sehr verschlimmert zu haben schien.
    Es war von dem Arzte bekannt, dass er eine gute Tafel liebte, und der junge
Graf entschuldigte die Mangelhaftigkeit des heutigen Mahles mit der Unruhe, die
des Vaters Krankheit verursacht habe. Als noch die nötigen Verordnungen für die
Nacht gegeben waren, zog sich der Arzt in ein nahes Zimmer zurück, damit er
sogleich gerufen werden könnte, wenn ein bedenklicher Zufall eintreten sollte.
Der besorgte Sohn hiess die ältere Schwester am Bette des Vaters verweilen und
winkte die Mutter hinaus, um ihr zu vertrauen, dass er gleich des andern Tages
eine neue Ordnung des Hauses einzuführen gedächte. Er erkundigte sich bei der
Mutter, welche sie für die brauchbarsten von den vielen unnützen Bedienten
hielte, und erklärte, diese für's Erste behalten und alle andern entlassen zu
wollen. Die Mutter weinte Freudentränen, als sie vernahm, dass der Sohn auch
dazu die Mittel von dem verkannten Oheim empfangen hatte, auch dass er alle
Bedürfnisse im Hause sogleich befriedigen und die nötigen Vorräte sogleich
anschaffen könne. Die von der Mutter genannten Bedienten wurden aufgezeichnet,
die weibliche Dienerschaft sollte ganz erneuert werden, denn von dieser,
versicherte sie, müsse sie am Meisten leiden.
    Es war spät geworden, und der junge Graf warf sich in den Kleidern auf sein
Bett, weil er am frühen Morgen die Verbesserung des Hauswesens beginnen wollte.
Er stand um drei Uhr nach kurzem Schlummer zu diesem Endzweck auf und wollte
einen Diener selbst rufen, um nicht vielleicht durch das Herbeiströmen aller,
wenn er die Klingel zöge, ein unnützes Getöse im Hause zu erregen; doch diese
Sorge war vergeblich.
    Es war kein Mensch im Hause und auch die Ställe waren leer, und als sich
endlich ein schlaftrunkener Knabe fand, erfuhr der junge Graf auf seine
Erkundigung, dass im nächsten Dorfe eine Hochzeit sei, wohin sich die ganze
Dienerschaft begeben habe, indem sie sich der Pferde zu diesem Zweck bedient
hätte.
    Ein Trinkgeld machte den Knaben munter, der nun abgesendet wurde, um die
freche Dienerschaft von ihrer Belustigung abzurufen, und nach einer Stunde kamen
sie zu Fuss und zu Pferde zurück, und verfügten sich mit einiger Verlegenheit auf
das Zimmer des jungen Grafen, wie es ihnen befohlen war. Auf seine Vorwürfe über
ihre Unverschämteit erfolgte ihre gewöhnliche Antwort, dass man ihnen ihren Lohn
auszahlen und sie entlassen möchte, wenn man mit ihren Diensten nicht zufrieden
sei. Als aber dem ersten, der dies Wort gesprochen hatte, der Wunsch erfüllt und
ihm ernstlich angedeutet wurde, binnen einer Stunde das Schloss zu verlassen,
traten die andern schüchtern bei Seite, baten um Verzeihung und gelobten
ernstlich Besserung. Der junge Graf nahm nun die beabsichtigte Reinigung vor,
die frechsten Trunkenbolde wurden entlassen, und die Verabschiedeten wie die
Bleibenden bezahlt. Einem Jeden wurde sein Geschäft angewiesen und ihnen
ernstlich versichert, dass ein Zeichen des Ungehorsams, eine unehrerbietige Miene
ihre Verabschiedung sogleich veranlassen würde.
    Dem Jäger wurde befohlen, Wild herbei zu schaffen; Andere mussten für Fische
sorgen; aus dem nächsten Städtchen wurde Wein und andere Bedürfnisse gebracht,
und zugleich das bei einem dasigen Juden verpfändete Silbergerät
zurückgenommen, und so wurde es möglich, zur innigen Freude der Mutter, dem
Arzte anständige Mahlzeiten anzubieten und ihn auch in dieser Hinsicht zu
befriedigen. Im Vorzimmer wartete beständig ein Diener, und die leiseste
Bewegung der Klingel rief ihn herbei, um die Befehle der Herrschaft ehrerbietig
zu vernehmen.
    Der Kranke war erwacht und betrachtete lächelnd die Sorgfalt, mit welcher
der Arzt sich für seine Herstellung bemühte, die ehrerbietig aufwartenden
Bedienten, den veränderten Ton des ganzen Hauses. Nicht wahr, fragte er den Sohn
etwas spöttisch, Du erkennst die Macht des Geldes? Wie war ich verlassen,
verhöhnt, von den Bedienten selbst vernachlässigt; Du bringst dies Zaubermittel,
und siehe die Verwandlung. Aber sage mir doch, fuhr er fort, ich habe die Nacht
daran gedacht, da Dein Oheim so bereit ist, seine Schätze mitzuteilen, so hat
wohl der junge Franzose, von dem uns der alte Lorenz erzählte, schon
beträchtliche Summen im Voraus genommen auf die ihm für die Zukunft bestimmte
Erbschaft.
    Ach, mein Vater! erwiederte der Sohn, indem die Erinnerung an beschämende
Auftritte seine Wangen rötete, zu welchen erniedrigenden Schritten hat mich
auch in dieser Hinsicht Ihre falsche Ansicht verleitet. Der junge Mann ist weit
davon entfernt, meinen Oheim missbrauchen zu wollen. Er ist ein edler, feuriger,
liebenswürdiger Mensch, der die Liebe des Oheims verdient und sie auf's
Zärtlichste erwiedert, aber dessen Geld nicht bedarf, davon habe ich Gelegenheit
gehabt, mich zu überzeugen; er erhielt grosse Summen von seiner Mutter und würde
sie bei der Freundschaft, deren er mich würdigte, im Falle mein Oheim mir meine
Bitte abgeschlagen hätte, mit mir geteilt haben, wenn ich mich hätte
entschliessen können, ihn darum zu ersuchen.
    So, so, sagte der Kranke, nun und der französische Haushofmeister, ist der
auch so tief in Edelmut versunken?
    Ich weiss nicht, was ich Ihnen antworten soll, erwiederte der Sohn gereizt.
Ich wollte nur, wir hätten hier jemanden, der so treu, so uneigennützig, mit
wahrer Ergebenheit für seine Herrschaft die Wirtschaft verwaltete, wie dieser
gute alte Mann, den der Oheim mit Recht nicht wie einen Diener, sondern wie
einen Freund behandelt, und der sich doch nie in diesem Verhältnis überhebt, und
so nahe er seiner Herrschaft auch durch die Liebe, mit der er ihr ergeben ist,
stehen mag, sich doch äusserlich immer in ehrerbietiger Ferne hält.
    Das ist wahr, sagte der Kranke spöttisch, die Hofhaltung Deines Oheims
liefert ja ein Abbild des himmlischen Paradieses; er tront ja recht in
glänzender Herrlichkeit auf seinem Schloss, und sammelt alles Schöne und Edle
um sich her. Nun und die Damen, fuhr er fort, sie sind wohl auch frei von allem
verwundenden Stolz, von aller kleinlichen Eitelkeit und Ziererei; sie verehren
wahrhaft den grossen Mann und täuschen ihn nicht durch scheinheilige Lüge, um ihn
zu betrügen, indem sie innerlich über seine Anmassung lachen; nicht wahr, mein
guter Sohn, fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit, sie sind eben so edel,
eben so trefflich, wie alles Uebrige auf Schloss Hohental?
    Der Sohn konnte den Zorn über die schnöde Undankbarkeit des Vaters nicht
mehr bewältigen und war im Begriffe, etwas Heftiges zu erwiedern, als die Mutter
ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte: Du siehst, dass Dein Vater sich
heut um Vieles besser befindet als gestern, da er selbst heiter werden und
scherzen kann. Der Kranke fühlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer
Anwandelung von Reue: Ich fühle es ja selbst, wie vielen Dank ich Deinem Oheim
schuldig bin, durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden, ruhig
und mit Anstand sterben zu können, obgleich es mir nie so wohl geworden ist, so
zu leben; aber die langen Jahre des Duldens, des Zornes, des Kummers haben mein
Herz verhärtet und mit Bitterkeit erfüllt; es wird mir deshalb nicht so leicht,
wie Du glaubst, zu den Empfindungen der Jugend zurückzukehren, die Du die
besseren nennst. Hätte ich früher nur einen einzigen Menschen angetroffen, der
mir grossmütige Liebe bewiesen hätte, so würde ich den Glauben an die Menschen
nicht verloren haben. Sein Auge traf, indem er dies sagte, den kummervollen, von
Tränen umschleierten Blick der Gattin; er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne
Rührung: Dich habe ich freilich getroffen, Du gute, treue Seele; ein Befehl
bestimmte Dich, Dein Geschick mit dem meinen zu verknüpfen, und dennoch ist
Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmut mein eigen geblieben auf dem
langen, dornenvollen Wege des Lebens, den wir mit einander wandeln mussten; aber
Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen, Du konntest mir keine Hülfe
bieten.
    Die Bewegung des Gemüts und das viele Sprechen erregte den gefährlichen
Husten des Kranken, so dass der Arzt herbeieilte und, nachdem der Anfall vorüber
war, das häufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemüts
empfahl.
    Als die Familie wieder allein war, sagte der Kranke spöttisch: Die Ruhe des
Gemüts hat er mir immer ganz besonders empfohlen, und jetzt wird es mir auch
möglich, dies Recept zu benutzen. Aber wenn die täglichen Sorgen des Lebens mich
niederbeugten, und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider, so wie sie es
bedurften, verschaffen konnte, wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und
gerichtliche Verfolgungen mich ängstigten, wenn ich mich meiner Dürftigkeit
wegen überall verachtet und selbst von den Bedienten vernachlässigt sah, wenn ich
in unserer drückenden Not immer neue Verluste entstehen sah, weil ich sie auch
nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte: wie sollte ich es denn da
möglich machen, die Gemütsruhe mir anzueignen, die der gute Arzt so notwendig
findet?
    Der Sohn bat den Vater, sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und, da nun
hoffentlich Alles besser gehen würde, der Vorschrift des Arztes zu folgen und
auch das Sprechen zu vermeiden, um nicht den Husten zu reizen. Der Kranke fügte
sich willig dieser Bitte, und der Sohn verliess das Krankenzimmer nicht ungern,
weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete. Er hielt
es jetzt für seine Pflicht, das angefangene Werk zu vollenden und nach der
Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirtschaft zu bringen; er
liess also den Verwalter rufen, der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung
einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachteile zeigte, die im Laufe des
Jahres durch den Mangel aller Vorräte und durch die Unmöglichkeit, Auslagen zu
machen, hatten entstehen müssen, und der junge Graf konnte leicht berechnen, dass
die Familie seines Vaters allein von dem, was auf diese Weise verloren worden
war, anständig hätte leben können. Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit
vollkommener Ueberzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachteile aufmerksam,
die dadurch hatten entstehen müssen, dass keiner von den Beamten hatte bezahlt
werden können. Der junge Graf nahm hiebei Gelegenheit zu fragen, wie viel er
selbst zu fordern habe. Es ergab sich, dass er seit vier Jahren keinen Gehalt
bekommen hatte, und er versicherte, er würde dem gnädigen Herrn gewiss nicht
beschwerlich gefallen sein, wenn die Not ihn nicht dazu gezwungen, und da man
gehört habe, dass die Güter verpachtet werden sollten, so habe er als Vater von
acht Kindern die Pflicht gehabt, für diese zu sorgen. Der junge Graf verstand
ihn nicht und fragte ihn, ob er etwas von seinem Vater erhalten habe. Mein
gnädiger Herr Graf, erwiederte der alte Mann, seit vier Jahren nicht einen
Heller, deshalb zwang mich die Not und Sorge für acht unerzogene Kinder,
unbescheiden zu sein. Es fiel dem jungen Manne wohl auf, ihn trotz der so oft
erwähnten Not so überaus gut gekleidet zu sehen, indes da er in allen
Verhältnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte, so entliess
er ihn mit der Versicherung, er würde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen, um
das Nähere mit ihm zu verabreden. Er schickte ihn hinweg, um ihm nicht seinen
Geldvorrat sehen zu lassen, weil er für's Erste nur die Hälfte seiner Forderung
zu befriedigen gedachte, denn die Berichtigung der ganzen Rechnung würde eine zu
empfindliche Lücke in seinen kleinen Schatz gemacht haben. Er folgte also dem
Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf, um die
Not des guten Alten, von der er ihm so viel vorgesprochen, sogleich zu mildern.
    Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern, die ein Privatlehrer eben
in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete, und es drängte sich dem
verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf, dass der gute, rechtliche
Verwalter, wie er sich selbst nannte, andere Mittel haben müsse, den Aufwand
seiner Haushaltung zu bestreiten, als seinen rückständigen Gehalt. Er konnte die
grosse Verlegenheit des Alten nicht begreifen, mit der er seinen zweijährigen
Gehalt als die Hälfte seiner Forderungen empfing, so wenig als die wiederholten
Versicherungen, dass er den gnädigen Herrn Grafen nicht gedrängt haben würde,
wenn die Güter nicht hätten verpachtet werden sollen.
    Wenige Stunden darauf löste sich aber dieses Rätsel. Es traf nämlich eine
gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein, die Mutter und Sohn zu lesen
beschlossen, ohne sie dem Kranken mitzuteilen, um ihm unnötigen Verdruss zu
ersparen. Aus diesem Schreiben nun ergab sich, dass der gute alte Verwalter bei
den Behörden mit der Bitte eingekommen war, die Erndten seines Herrn zu seinem
Vorteile in Beschlag zu nehmen, bis er befriedigt sei, ehe die Güter dem
Pächter übergeben würden.
    Der junge Graf war so aufgebracht, dass er dem Verwalter sogleich das noch
rückständige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte; die
Mutter aber widerriet ihm diese übereilte Massregel, und er sah selbst ein, dass
es besser sei, nicht in der ersten Hitze zu handeln, sondern alle Rechnungen
genau durchzugehen, ehe er einen Mann entliesse, der es verstand, vier Jahre mit
einer zahlreichen Familie anständig ohne alle rechtlichen Einkünfte zu leben.
    In solchen Beschäftigungen gingen mehrere Tage hin. Der Arzt hatte das
Schloss verlassen, weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt, und der
junge Graf dachte schon daran, nach Schloss Hohental zurück zu kehren und dem
Oheim Bericht über Alles, was er getan, abzustatten. Er wurde an der Ausführung
dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert, dass einige von seinen Kameraden, die,
wie er, verabschiedet waren, ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprächen,
endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwürfe und Pläne mitteilten, die seine
eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen liessen, und seine
Seele mit einer Glut erfüllten, die er vor Allem vor seinem Vater verbarg. Die
Rettung des Vaterlandes schien möglich auf dem Wege, den man ihm zeigte.
Preussens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern, ja schöner, herrlicher wieder
aufblühen, als jemals. Diese Träume konnten wirklich werden, wenn alle treuen
Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edeln Könige, der sein Schicksal
mit erhabener Milde trug, wie dem bedrängten Vaterlande ihr Blut und Leben
weihten.
    Auch um über diese Pläne einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem
Oheime sich zu beraten, sehnte sich der junge Graf nach Hohental, und um, wie
er sich leise gestand, die lang genährte Zärtlichkeit für die liebensdige
Terese dem väterlichen Freunde zu vertrauen; denn bei seines Vaters
Lebensansichten und dessen feindlichem Spott über Armut und uneigennützige
Liebe konnte es ihm nicht einfallen, mit seinem nächsten Anhörigen über seine
Neigung zu sprechen.
    In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt, um seine Meinung
über den Kranken zu vernehmen und danach seine Reisepläne zu bilden, als dieser
eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt, der
die ganze Familie in Schrecken versetzte. Der Arzt wurde herbeigerufen, der dies
Mal nicht zögerte zu kommen, aber seine bedenklichen Mienen, als er den Kranken
erblickte, so wie seine viel strengern und ängstlicherern Vorschriften liessen
das Schlimmste befürchten. Er verliess das Schloss nicht mehr und widmete dem
alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit, aber keine menschliche Kunst
konnte die Wiederholung des Uebels verhindern, und der alte Graf deutete
sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Töchter, indem er matt die
Hand des Sohnes drückte, und sein Geist entschwand der körperlichen Hülle.
    Mit inniger Trauer schloss der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters
und führte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg. Er empfahl den
Schwestern, ihren Jammer zu mässigen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu
trösten. Er selbst durfte sich keiner untätigen Trauer überlassen, weil die
Sorge für die Familie, deren Haupt und einzige Stütze er nun geworden war, seine
ganze Tätigkeit in Anspruch nahm. Als das Notwendigste geordnet und die
irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren, eilte er nach Schloss
Hohental, um den Rat seines Oheims in höchst wichtigen Angelegenheiten zu
vernehmen.
 
                                      VIII
Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager, um noch vor
dem Frühstücke den Oheim aufzusuchen, den er in seinem Kabinet mit der
Durchsicht vieler Papiere beschäftigt fand. Der junge Mann eilte, seinem
väterlichen Freunde Bericht darüber abzustatten, wie er die Angelegenheiten
seines Vaters habe ordnen wollen, als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht
habe. Er sprach mit Rührung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die
Ansicht des Oheims über dessen Charakter dadurch zu mildern, dass er sich zu
zeigen bemühte, wie unglückliche Verhältnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und
Menschenverachtung geführt hätten. Wir tun gewiss immer gut, erwiederte ihm der
Oheim, wenn wir alle Erscheinungen im äusseren Leben als unsichere Zeichen des
wahren Innern betrachten und unser Urteil über die Menschen mild sein lassen,
wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermögen.
    Dies würde uns aber zum völlig untätigen Dulden führen, versetzte sein
junger Freund.
    Gewiss nicht, erwiederte der Graf; denn die Milde, mit welcher ich den
Menschen betrachte, der mir Unrecht zufügen will, braucht mich noch nicht zu
bestimmen, seine Ungerechtigkeit zu erdulden, wenn ich mich auch ohne Hass
dagegen verteidige; ja, ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich
erzürnen, ohne darum den, der sie ausübt, geradezu zu hassen.
    Doch glaube ich, versetzte der junge Graf, dass es Verhältnisse gibt, in
denen der Hass eine wahre Tugend wird, und ich meine, es liegen uns viele Gründe
ganz nahe, die alle besseren Gemüter bestimmen sollten, sich in dieser
Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen.
    Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und
unsern edeln König? fragte der Graf. Oder meinen Sie, fuhr er fort, als er sah,
dass sein Verwandter schwieg, dass der Hass kräftiger wirkt, als die Liebe?
    Nein, sagte der junge Graf, aber das ist nicht zu verkennen, dass er sich
jetzt lauter ausspricht.
    Wenn dies ist, erwiederte sein Oheim, so kann man ihn mit Klugheit für edle
Zwecke benutzen, ohne ihn zu teilen.
    Zu dieser Höhe der Tugend kann ich mich nicht erheben, rief der junge Graf;
ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Kräfte daran
setzen, sie zu vernichten.
    Hassen Sie auch St. Julien und Dübois? fragte der Graf, und sein Verwandter
blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich: Diese machen eine Ausnahme;
sie sind weit davon entfernt, den Druck zu billigen, den uns ihre Landsleute mit
so empörender Anmassung empfinden lassen.
    So lassen Sie uns denn, sagte der Graf, den Übermut, die Anmassung hassen
und alle Kräfte anwenden, um von dem unwürdigen Druck, unter dem wir leiden, uns
zu befreien. Dass dies nicht ohne gerechten Zorn gegen die Unterdrücker geschehen
kann, ist natürlich; aber warum wollen Sie deshalb der unedeln Empfindung des
Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten? Der Zorn kann den Menschen erheben, der
Hass wird ihn immer ungerecht machen und deshalb erniedrigen.
    Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden, sagte der junge Graf, ich fühle
nur, wie glühend ich Napoleon hasse, und kann mir diese Empfindung nicht
abläugnen, setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu, obgleich ich fürchten muss,
dass sie mich in Ihren Augen erniedrigt.
    Der Hass, sagte der Graf, ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust
des Menschen, wie die Liebe; ja Sie können mit dieser Glut des Herzens gar
nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung für den gehassten
Gegenstand.
    Wie! rief der junge Graf überrascht, ich sollte Napoleon lieben?
    Missverstehen wir uns nicht, sagte sein Oheim. Sie erkennen ohne Zweifel
viele Vorzüge des Geistes in Napoleon, Sie müssen ihn als Feldherrn oft
bewundern und als Staatsmann zuweilen achten, und es erregt eben Ihren Hass, dass
er die Vorzüge des Geistes und das Glück seiner Waffen missbraucht, um die Welt
mit Krieg zu verheeren, die Völker zu unterdrücken und im Übermut seines
Glückes den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen. Würden Sie in dem
allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswertes finden, so würden Sie Ihr Gefühl
nicht selbst glühend nennen, sondern ein kalter, auf Verachtung begründeter Hass
würde Ihre Brust erfüllen, und dieser würde alles Andere eher, als eine
Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen.
    Unser Gespräch hat uns weit von dem Gegenstande abgeführt, sagte der junge
Graf, den ich zu berühren wünschte.
    Ich glaube nicht, erwiederte sein Oheim, denn ich bezweifle nicht, mein
lieber Vetter, dass Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehören, der sich vorzüglich
auf Tugend gründen will, und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm
Gegenstande entfernt, wenn wir gemeinschaftlich überlegen, welche Art von Zorn
oder Hass mit der Tugend im Bunde sein kann.
    Da sein junger Verwandter mit Bestürzung schwieg, setzte der Graf hinzu: Ich
will Ihnen kein Geheimnis entreissen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt,
als ich, um jedes Missverständnis zu vermeiden, zugleich erklären muss, dass ich
nach meinen Grundsätzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehören kann.
    Sie würden sich also ausschliessen, fragte sein Verwandter mit Bestürzung,
wenn alle Edeln sich zu vereinigen strebten, um einen Zustand zu endigen, der
uns alle erniedrigt?
    Keineswegs, sagte der Graf, und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben, wo
ich es beweisen kann, dass mein ganzes Vermögen und der letzte Tropfen meines
Blutes meinem Könige und meinem Vaterlande gehören; aber ich bin nicht für
geheime Gesellschaften, obgleich ich es einsehe, dass Verhältnisse eintreten
können, in welchen sie beinah notwendig werden, und ich nicht so blind bin,
nicht erkennen zu wollen, wie schwer, ja beinah unmöglich jetzt ein öffentliches
Zusammentreten der Guten sein würde; das traurige Ende des unglücklichen Palm
hat uns gezeigt, wie weit die Machtaber im Stande sind zu gehen. Aber auch im
gegenwärtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein notwendiges
Uebel betrachten.
    Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend, sagte der junge Graf, als
ich die Ueberzeugung habe, dass die bedeutendsten Staatsmänner entweder selbst an
dieser Verbindung Teil nehmen oder sie doch wenigstens beschützen.
    Sie haben vielleicht eine ähnliche Ansicht von der Lage der Dinge, wie ich,
erwiederte der Graf.
    Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden, sagte sein
junger Verwandter, die in allen ihren Bestrebungen von den einsichtsvollsten
Staatsmännern gekannt und gebilligt wird.
    Eben darum, erwiederte sein Oheim, wird sie, geleitet von diesen Männern, in
der nächsten Zeit unendlich viel Gutes leisten. Aber wenn die Drangsale der
Gegenwart vielleicht besiegt sein werden, wird sie sich dann ruhig auflösen,
wenn der angegebene Zweck erfüllt ist, oder wird sie fortbestehen wollen, um
andere Zwecke, die ihr jetzt fremd sind, zu verfolgen? Dies ist eine Frage, die
Sie mir nicht beantworten können, und dies ist die Ursache, wesshalb ich mich
unmittelbar nicht anschliessen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft
verbinden kann; auch bin ich nicht mehr jung genug, um unbedingt fremden,
unbekannten Obern folgen zu können, da ich seit lange gewohnt bin, nach eigener
Einsicht zu handeln.
    So wäre denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand
vergeblich? sagte der junge Graf.
    Das nicht, erwiedete sein Oheim, wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer
Verbindung gehöre, so bin ich doch von ganzem Herzen bereit, jeden einzelnen
guten Zweck, den Sie zu erreichen streben und mir mitteilen wollen, damit ich
beurteilen kann, ob auch ich ihn für gut halte, aus allen Kräften zu
unterstützen, besonders wenn Sie mir versprechen wollen, sich sogleich von
dieser Verbindung zu trennen, so bald der jetzt angegebene Zweck, die Befreiung
des Vaterlandes von den Franzosen, erreicht ist.
    Wenn das erreicht ist, sagte der junge Graf mit glühenden Wangen, wofür wir
alle bereit sind, unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergiessen, wenn wir
unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen, wenn unser König wieder in der
Mitte seiner Untertanen mit Ruhe und Sicherheit für das Wohl Aller wachen, und
Milde und Gerechtigkeit üben kann, dann bedarf es keiner Verbrüderung mehr, und
gewiss kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zurück.
    Habe ich Ihr Wort, dass wenigstens Sie so handeln werden? fragte der Graf.
Gewiss, erwiederte sein Verwandter, indem er die dargebotene Hand des Oheims
ergriff. Unter solchen Bedingungen, sagte dieser, können Sie mich gewissermassen
als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten, deren von mir gekannte und
gebilligte Absichten ich aus allen Kräften unterstützen werde, und deren
jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne.
    Es wurde über diesen in der damaligen Zeit höchst wichtigen Gegenstand noch
Vieles gesprochen und erörtert, und der Graf sagte endlich: Nachdem wir nun so
viel über öffentliche Angelegenheiten gesprochen haben, sollten Sie mir denn
nichts über Ihr eigenes Glück zu vertrauen haben? Der junge Graf bekannte seinem
Oheim die lang genährte zärtliche Neigung für die schöne Terese und den
Vorsatz, ihr seine Hand anzubieten, obgleich er ihr kein glänzendes Loos
versprechen könne. Der Oheim billigte sein Gefühl für ein zärtliches, edles
Wesen, dessen Neigung für seinen Verwandten er lange erraten hatte. Er freute
sich über eine Verbindung, die, wie er glaubte, Beide beglücken müsse, und
schloss endlich, indem er lächelnd sagte: Und nun lassen Sie auch mich Ihnen
einen Plan mitteilen, den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergnügen innerlich
ausbilde, und der Ihr häusliches Glück und Ihr öffentliches Wirken vereinigt
fördern könnte. Der junge Graf erwartete mit Spannung, was sein Oheim ihm
mitteilen wolle, und dieser fuhr fort: Sie haben, mein lieber Vetter, so vieles
Trübe im Leben erduldet, dass dies einigermassen in Ihren Charakter überzugehen
droht; deshalb wäre es mein Rat, dass Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten,
diesen Trübsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu
lernen, als den engen Raum, auf dem Sie sich bis jetzt unter ungünstigen
Umständen bewegt haben. dabei könnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit
Behutsamkeit zu erforschen streben, vielleicht auch Verbindungen knüpfen, die in
der Zukunft für Ihre Pläne dienlich wären; zugleich könnten Sie sich die
nötigen Kenntnisse von der Landwirtschaft verschaffen, einen tüchtigen Mann in
diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden, und wenn Sie mit einem solchen nach
einem Jahre zurückkämen, dann würde ich Ihnen meine Güter zur Verwaltung
übergeben und die Bedingungen natürlich so einrichten, dass Ihnen bedeutende
Mittel bleiben, Ihre Pläne zu verfolgen; dann könnten Sie Neuerungen einführen,
ohne aufzufallen; Sie könnten die Schulen verbessern und die Jugend in den
Waffen üben, und käme die Zeit, so könnten Sie die jungen Landleute von meinen
und Ihren Gütern wohl bewaffnet und wohl geübt dem Könige zuführen, und an deren
Spitze selbst für unser aller Wohl fechten.
    Der junge Graf war entzückt über diesen Plan, nur betrübte es ihn, dass er
sich von Neuem von seiner schönen Freundin trennen sollte. Auch für diese, sagte
sein Oheim, ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam. Das arme Kind hat so
vielen Druck des Lebens erduldet, dass ihre Gesundheit darunter gelitten hat;
lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gönnen Sie ihr die Zeit,
unter Anleitung der Gräfin ihre Bildung zu vollenden, die sie, durch ungünstige
Umstände verhindert, früher hat versäumen müssen, und die sie um so weniger
entbehren kann, da sie die Leitung eines Hauses, die Sorge für eine entstehende
Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter übernehmen muss.
    Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzücken seinen gütigen Oheim und ging
freudig in dessen wohlwollende Pläne ein. Es wurde nun noch beschlossen, die
Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen, damit
die Erziehung der letzteren dort vollendet werden könne, und der junge Graf
sowohl, als sein Oheim fassten den ernsten Entschluss, jede unnütze Ausgabe zu
meiden, um den Überschuss ihrer Einkünfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu
können. Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Notwendigkeit, die
stattgefundene Unterredung dem Obristen Talheim in so weit zu verschweigen, in
wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf, weil bei dessen heftiger Liebe für
den König und daraus entspringendem heftigem Hass gegen dessen Feinde nicht
Vorsicht genug von ihm zu erwarten war, und er also leicht, ohne es zu wollen,
in freudiger Hoffnung Dinge verraten könne, die durchaus verschwiegen bleiben
mussten.
    Von neuen entzückenden Hoffnungen erfüllt erschien der junge Graf mit seinem
Oheime zum Frühstück im Saal, wo man Beide schon erwartete. Aber er konnte nicht
Teil nehmen an heiteren Gesprächen; er sehnte sich nach der Einsamkeit und
verliess deshalb die Gesellschaft bald, um auf einem langen einsamen Spaziergange
die mannigfachen Gefühle in seinem Busen gegen einander auszugleichen. Zum
ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen, die Sehnsucht
seiner Liebe, die er bis jetzt nur zaghaft zu nähren gewagt hatte, sollte nun
auf's Schönste befriedigt werden, und zugleich zeigte sich ihm ein Weg, seine
begeisterte Liebe für seinen König und sein Vaterland tätig zu beweisen, und er
fühlte in dem Masse den persönlichen Hass in seiner Brust sich mildern, als sich
ihm die Mittel zeigten, seiner Liebe genug zu tun; so dass er sich leise im
Inneren gestehen musste, dass sein Oheim wohl Recht haben möge in seiner
Andeutung, dass Liebe und Zorn vereinigt zu Taten begeistern können, der Hass
aber eigentlich durch das Gefühl der Ohnmacht erzeugt wird. Er dachte an seinen
unglücklichen Vater, an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen, und wie
auch dessen Hass aus dem Gefühle entsprungen sei, dass er sich nicht aus den ihn
bedrückenden Verhältnissen loszuwinden vermöge. Ach, armer Vater! seufzte er,
wenigstens darin hattest Du Recht, dass sich mein Loos glücklicher gestaltet, und
dass es nicht Tugend in mir ist, wenn mein Herz wärmer für die Menschen schlägt,
als das Deine, von Allen misshandelte. Mit Beschämung dachte er daran zurück, in
welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten
hatte, dem er nun Alles verdanken sollte, die beglückende Befriedigung seiner
innigen Liebe und die stolze Hoffnung, die seinen Busen erweiterte und
schwellte, so oft sie in seinem Geiste Raum gewann, dass er einst an der Spitze
von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rücken und zur Befreiung des
Vaterlandes beitragen würde.
    Er hatte sich, vertieft in solche Gedanken, weit vom Schloss entfernt, ohne
es zu bemerken, und suchte nun den Rückweg durch anmutige, enge Schluchten,
indem er dem Laufe der Bäche folgte. Er erreichte endlich die Ebene wieder,
bemerkte aber, dass er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten
Seite des Schlosses her näherte. Ein Diener, der den kürzeren Weg zu einer nahe
gelegenen Mühle gehen wollte, öffnete eben die Hintertüre, die auf eine mit
Bäumen bewachsene Wiese führte, und der junge Graf benutzte die Gelegenheit, den
Garten von dieser Seite zu betreten. Wie er durch die schattigen Gänge hinging,
hörte er mit Befremden ganz in der Nähe Schüsse fallen, und als er sich eilig
der Gegend näherte, woher der ihn beunruhigende Schall kam, mässigte er bald
seine Schritte, denn er hörte St. Juliens Gelächter und erreichte auch bald eine
kleine Ebene, die durch eine leichte Einfassung von dem übrigen Garten getrennt
war, und die St. Julien zum Platze für Waffenübungen bestimmt zu haben schien,
denn er und der junge Gustav waren eben damit beschäftigt, nach dem Ziele zu
schiessen, und St. Juliens Gelächter erscholl jedes Mal, so oft der junge Mensch
fehlte. Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte, dass St. Julien
meisterhaft schoss, mit sicherer Hand und geübtem Auge beinah niemals fehlte, dass
aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente, wie ihm
durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Teil wurde. Jetzt ist genug Pulver
verdorben, hörte er St. Julien endlich sagen, jetzt zu den andern Waffen, und
die Rapiere wurden von Beiden ergriffen, und hier erndtete der Schüler selbst
von seinem Meister Lob. Der junge Graf hatte der Waffenübung eine Zeitlang mit
Teilnahme zugesehen, ehe er seine Gegenwart bemerken liess. Er betrachtete mit
einem sonderbaren Gefühle den Eifer, welchen der junge Franzose anwendete,
seinem aufmerksamen Schüler den Gebrauch der Waffen zu lehren, und konnte sich
nicht entalten, schaudernd an die Möglichkeit zu denken, dass dieser die
erlernten Vorteile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende. Ja er dachte daran,
dass er selbst, wenn seine Sehnsucht erfüllt werden sollte, dann auch dem Freunde
feindlich gegenüber stehen müsse, und betete innerlich, dass nie eine
Notwendigkeit eintreten möge, die ihn zwänge, sein Schwert gegen dessen Brust
zu richten.
    Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden, machte er seine Gegenwart
bemerklich, indem er St. Julien rief. Dieser warf die Waffen von sich und
schwang sich mit Leichtigkeit über die niedrige Umzäunung; nun! rief er dem
Freunde zu, haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen, die heute Morgen Ihre
edeln Gedanken beschäftigten, und kann man wieder Antworten erwarten, wenn man
Sie anredet?
    Zunächst, sagte der junge Graf, danke ich Ihnen, dass Sie sich für die
Ausbildung meines jungen Freundes bemühen.
    Ach, das tun wir gegenseitig, sagte St. Julien, Der dort ist gegen mich
gerechnet ein Gelehrter, er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei, und ich
suche ihm das Aeusserliche beizubringen, und ich wollte nur, ihm gelänge es mit
mir so gut, wie mir mit ihm; denn betrachten Sie nur, wie er ganz das
schulmeisterliche Ansehen unter meinen Händen verloren hat; aber auch ich mache
ihm wenigstens keine Schande, ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch
seinen Beistand selbst Ehre ein, denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich
eingeübt.
    So verstehst Du Musik? fragte der junge Graf überrascht.
    Mein Vater war ein so gelehrter Musiker, erwiederte der junge Mensch mit
Bescheidenheit, dass er Kantor an der Hauptkirche der grössten Stadt hätte sein
können, und er hat mich früh angehalten, Generalbass und Kontrapunkt zu studiren;
ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu üben und habe darum
die Fertigkeit im Spielen verloren.
    Das ist nicht wahr, rief St. Julien, ich habe seit einigen Tagen ein
Instrument auf meinem Zimmer und weiss darum, wie gut er spielt.
    Ach lieber Herr St. Julien, sagte der junge Mensch, Sie verstehen zu wenig
von Musik, als dass Sie es recht beurteilen könnten, ob ich gut spiele.
    Der junge Graf konnte sich des Lächelns über diese Treuherzigkeit nicht
erwehren; St. Julien aber brach in ein lautes Gelächter aus; nein, mein Lieber,
rief er, diese deutsche Aufrichtigkeit müssen Sie sich abgewöhnen, wenn Sie
nicht gar zu oft gezwungen sein wollen, die durch meinen Unterricht erworbenen
Fechterkünste zur Verteidigung Ihrer Worte anzuwenden.
    Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, sagte der junge Mensch verwirrt.
    Ich bin auch nicht beleidigt, erwiederte St. Julien, denn ich habe zu viel
Selbsterkenntnis, als dass ich nicht einsehen sollte, dass Sie Recht haben; aber
man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt, die Mängel des Nächsten so
offenherzig rügen zu hören; übrigens, fuhr er, gegen den jungen Grafen gewendet,
fort, bin ich schon selbst so ehrlich gewesen, meine geringe Kenntnis und sein
grosses Verdienst öffentlich einzugestehen, denn ich konnte nicht das allgemeine
Lob, wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgeführt habe, ganz
allein auf meine Rechnung hinnehmen, ich entdeckte also den Damen den heimlich
mir geleisteten Beistand, und es wurde beschlossen, dass der junge würdige Mann
die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen übernehmen
soll; aber er weigert sich hartnäckig, wie ich auch auf ihn einrede, und er muss
doch nachgeben, denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen.
    Wesshalb willst Du denn diese Gefälligkeit nicht haben, fragte der junge Graf
den Jüngling. Weil der alte gutmütige Aristokrat Dübois tausend Einwendungen
hat, rief St. Julien, die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend.
    Ich werde Dübois bitten, sagte der junge Graf, meiner Tante seine Ansicht
mitzuteilen; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist, so können wir weiter nichts
tun; wenn sie aber Deine Teilnahme an der Musik wünschen sollte, so wirst Du
Dich gewiss nicht weigern, Deine Freunde zufrieden zu stellen. Gewiss nicht, rief
der Jüngling, sobald die Frau Gräfin es befiehlt und Herr Dübois nichts dagegen
hat.
    In der Tat, sagte St. Julien lächelnd, wenn ich nicht von Natur bescheiden
bin, so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen, es zu
werden. Er zeigt ganz unverhohlen, dass meine Bitten nichts wiegen in der Schale,
auf der er seine Handlungen abmisst.
    Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen, der St.
Julien aufsuchte, um ihm einen Brief abzugeben, der eben mit der Post gekommen
war.
    Von meiner Mutter! rief dieser freudig überrascht und verliess die Freunde,
um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen, die eine zärtliche Mutter an
ihn richtete.
    Der junge Graf unterrichtete nun den Jüngling Gustav davon, dass er mit
seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe. Für's Erste
sollte er nach Breslau, um auf der dasigen gelehrten Schule die lange
unterbrochenen Studien fortzusetzen, und dann auf eine Universität, die er
selbst wählen könne. Sein Beschützer nannte ihm die für ihn bestimmte jährliche
Summe, die weit des dankbaren Jünglings Erwartungen übertraf. Ich werde selbst
nur noch einige Wochen hier bleiben, schloss der junge Graf, und dann eine Reise
antreten; deshalb bitte ich Dich, so lange ich jetzt hier bin, auch zu bleiben,
denn es würde mir wehe tun, wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest.
    Bin ich denn nicht Ihr Eigentum, rief der Jüngling, indem er sich seinem
edeln Beschützer in die Arme warf; wäre ich nicht ohne Sie verloren,
wahrscheinlich im Elend umgekommen? Und nun wollen Sie mich bitten, da Sie doch
wissen, dass jedes Wort, jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist?
    Vergiss nicht, sagte der Graf bewegt, dass ich Deiner Liebe und Pflege
ebenfalls mein Leben verdanke; Verbindlichkeiten also, die wir gegen einander
haben, sind einander gleich, und Du musst Dich nicht wie einen Untergebenen,
sondern wie meinen Freund betrachten, der nur darum von mir abhängt, weil ich
älter als er und dadurch berechtigt bin, seine Schritte zu leiten.
    Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Rückkunft
unterbrochen, der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden
näherte. Lesen Sie, sagte er zu dem jungen Grafen, indem er ihm den eben
erhaltenen Brief hinreichte, Sie werden sehen, das schöne Leben hier ist bald
geendigt, und Gott weiss, wohin mich mein Schicksal führt. Der junge Graf nahm
den Brief, und indes er ihn las, ging St. Julien schweigend in einem Baumgange
auf und ab.
    Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe, dass sie die
persönliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe, zu dessen Regiment er
gehöre, und dass dieser die Gefälligkeit gehabt habe, ihr zu versichern, dass aus
seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachteil für ihn erwachsen solle,
indem sie einzig seinen gefährlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit
zugeschrieben werden sollte. Der Kommandant der Festung würde den Befehl
erhalten, ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurückgebliebenen
Kriegsgefangenen von der preussischen Regierung zurück zu fordern, und ihm dann
noch einen Urlaub für zwei Monate gewähren zur völligen Wiederherstellung seiner
Gesundheit. Nach Ablauf dieser Zeit müsse er sich aber bei seinem Regimente
einfinden, dessen Bestimmung unbekannt sei, das aber vermutlich nach Italien
gehen werde.
    Vor Ablauf dieser Zeit, schloss die Mutter, würde sie unfehlbar auf Schloss
Hohental erscheinen, um seinen edeln Freunden zu danken, und in der
Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurückreisen.
    Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte, als
St. Julien wieder zu ihm trat, um den Brief zurück zu nehmen. Nicht wahr, fragte
er seinen Freund, es kränkt Sie auch, dass wir sobald uns trennen sollen? Ja
wohl, sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer, und Gott weiss, wie wir uns
noch einmal gegenüber stehen müssen.
    Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen, um gegen uns zu fechten?
fragte St. Julien überrascht. Gewiss nicht, versetzte sein Freund mit bitterem
Lächeln.
    Nun dann ist keine Gefahr vorhanden, sagte St. Julien leichtsinnig, dass wir
uns gegenseitig erschlagen müssten, denn Preussen kann nicht mehr wider uns,
sondern muss mit uns sein, und auf diesen Fall wären wir ja Freunde und
Waffenbrüder.
    Junger Mann, erwiederte sein Freund, indem er beide Hände auf die Schultern
des jungen Franzosen legte, ich wollte, Sie hätten etwas deutsches Blut in den
Adern, dann würden Sie ahnen, was noch alles in dem dunkeln Schoss der Zukunft
ruht; doch wozu, fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, sollen wir noch
Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen, da unsere Trennung an sich betrübend
genug ist.
    Ja wohl, seufzte St. Julien; mit welchen Schmerzen werde ich von hier
scheiden. Indem er dies sagte, blickte er in die Ferne, und sein Freund
bemerkte, indem er ebenfalls die Augen dahin richtete, Emilie und die Gräfin,
die durch einen langen Baumgang sich dem Platze näherten, auf welchem die jungen
Männer versammelt waren, die sogleich den Damen entgegen gingen. Der Jüngling
Gustav wollte sich zurückziehen, aber St. Jülien bemerkte selbst in seinem
Schmerze dessen Absicht. Er fasste deshalb seinen Arm und zwang ihn so, sich
ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen. Emilie bemerkte den Kummer in den Augen
St. Juliens, und ihr ängstlich fragender, teilnehmender Blick wirkte zauberhaft
auf den jungen Mann. Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzücken
leuchtete aus seinen Augen. Die Gräfin war heiter und fragte nach den ersten
Begrüssungen lächelnd: Nun, haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden, die
ersten Proben zu Ihrem grossen Koncert heut Nachmittag zu leiten?
    Er schlägt mir hartnäckig allen Beistand ab, erwiederte St. Julien, wenn ihm
Dübois nicht die Erlaubnis dazu erteilt.
    Ich habe mit Dübois schon darüber gesprochen, sagte die Gräfin gütig; er
sieht es ein, dass es eine Torheit wäre, wenn man um kläglicher Rücksichten
Willen in seinem Hause nicht sein eigner Herr sein wollte.
    Nun, sagte St. Julien mit einem gutmütig schadenfrohen Blick auf Gustav,
der Sieg wäre also mein, und heut Nachmittag ist trotz Dübois Weisheit die erste
Probe.
    Wenn Sie auch über mich spotten, erwiederte der Jüngling empfindlich, so
bleibe ich doch dabei, dass ich nichts gegen Herrn Dübois Rat unternehmen werde.
Er ist viel zu gütig gegen mich gewesen, als dass ich ohne Undankbarkeit anders
handeln könnte. Sie haben Recht, sagte die Gräfin, indem sie ihm gütig die Hand
reichte, die der Jüngling mit grosser Ehrerbietigkeit küsste. Ich achte selbst
Herrn Dübois so hoch, dass ich nichts tun möchte, was ihn kränken könnte, und
ich würde lieber auf ein Vergnügen Verzicht leisten, als ihm einen Kummer
verursachen, und Herr St. Julien denkt im Grunde eben so, wie ich.
    Ja wohl, rief dieser mit inniger Empfindung, ich glaube, ich bin ihm noch
mehr Dank schuldig, als unser Freund Gustav, und mich freut es, setzte er
lächelnd hinzu, dass er ihm erlaubt, die Würde unseres Kapellmeisters anzunehmen,
denn sonst, sehe ich, hätten wir doch wohl darauf Verzicht tun müssen.
    St. Julien konnte sich nicht entschliessen, die schöne Heiterkeit auf
Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trüben, dass er bald würde scheiden müssen;
auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum, in
welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brächte, so dass er selbst sich den
Genuss nicht trüben wollte. Er beschloss aber, dem Grafen den Brief seiner Mutter
mitzuteilen, weil nun doch bald auf die Forderung des französischen
Kommandanten der Festung *** von der preussischen Regierung demselben die Weisung
zukommen müsste, den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen.
    So war also nun der Jüngling Gustav, der als ein armer Knabe auf Schloss
Hohental angekommen war, zum Erstaunen der Bedienten, erst von ihnen
abgesondert, dann wie ein junger Edelmann gekleidet, endlich in den Saal ihrer
Herrschaft eingeführt worden, und er nahm Teil an deren Gesellschaft und an
ihren Vergnügungen. Die grosse Kenntnis der Musik, die er vor Allen voraus hatte,
wurde nicht bloss St. Julien nützlich, sondern auch den Damen, deren Singübungen
er besser zu leiten verstand, und den Bitten der schönen Terese gelang es
sogar, dass der junge Graf sich entschloss, die fehlende Bassstimme zu übernehmen;
aber freilich verursachte er bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischer
Kenntnis dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde, der gerade eine Ehre
darin suchte, dass sein Beschützer sich besonders auszeichnen sollte.
    So schwanden die schönen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergängen,
Vorlesungen und musikalischen Uebungen, und der Jüngling Gustav fehlte nie in
dem freundlichen Kreise, der nur durch den Prediger, den Arzt und den Obristen
vermehrt wurde, denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurück gezogen
und als Grund offen die Notwendigkeit des Ersparens angegeben, weil das
Vaterland so vieler Opfer bedürfe, und er bemerkte oft, dass es ein peinliches
Gefühl sei, sich unnütze Ausgaben zu erlauben, indes, sagte er, unser erhabenes
Königshaus ein so edles Beispiel des Entsagens gibt. Es war dies gewiss die
innere Empfindung des Grafen, aber er benutzte die Gelegenheit auch gern, sich
von dem Umgange mit dem benachbarten Adel zurück zu ziehen, denn es war ihm
nicht unbekannt geblieben, wie viele Gespräche über seine Gemahlin der
unangenehme öffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem
Friedensfeste des Baron Löbau veranlasst hatte.
    St. Julien teilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit, und beide Männer
sahen seufzend ein, dass die Trennung notwendig und nah sei. Der Graf gestand
sich trauernd, dass er die Lücke nicht auszufüllen vermöchte, die durch des
jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen würde, aber er verschwieg
diesen Kummer, und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern
den Schmerz über die nahe Trennung zu verbergen, um die letzten Stunden des
Beisammenseins in ungetrübtem Frohsinn zu geniessen.
 
                                       IX
Es war ein schöner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und
sieben, als der Doktor Lindbrecht nach einem mässigen Spaziergange seinen Freund,
den Pfarrer, besuchte und sich an dessen Teetisch in der Ecke eines Sophas
behaglich lehnte, um aus der von St. Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in
gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten. Das auffallend grosse, goldne Mundstück
derselben, so wie die überladene Verzierung mit Ketten, Quasten und Schnüren in
allen Farben, sagte seinem Geschmacke zu. Lächelnd betrachtete er oft den
funkelnden Brillanten an seinem Finger, nahm zuweilen aus der auf dem Tisch
stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine
Wäsche noch ein wenig mehr heraus, indem er mit gutmütigem Hochmut seinem
Freunde erzählte, der Graf habe nach der Genesung der Gräfin seinen Gehalt
ansehnlich vermehrt und St. Julien ausser dem Geschenke zum Andenken ihn noch für
die Heilung seiner Wunden grossmütig belohnt, so dass ich mich jetzt, schloss er,
für einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernünftige Heirat
denken kann.
    Der Pfarrer ging eben im Kopfe alle seine Bekannten durch, die er vielleicht
zu dieser Verbindung empfehlen könnte, als der Schulze des Dorfes mit Geräusch
eintrat, den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen. Der kräftige Landmann
übersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers, womit dieser den
lauten, unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte, und rief: Gott segne Sie, Herr
Prediger! Meine Mutter hatte Recht, als sie sagte: Peter, geh Du zum Herrn
Pfarrer, der schafft Deine Base heraus, mag sie stecken, wo sie will; dies Wort
der guten alten Frau ist wahr geworden, Sie haben die Base herbeigeschaft.
    In der Tat, fragte der Geistliche, wird sie kommen?
    Sie ist schon hier, erwiederte der Schulze freundlich, und als eine vornehme
Madame ist sie angekommen, sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein, sie wollte
selbst mit Ihnen über die Erbschaft sprechen. Sehen Sie, da kommt sie mit meiner
Mutter und ihrer Tochter. Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam
neugierig herbei, so wie alle Kinder; nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe
in seiner bequemen Lage, denn ihn regte die Neugierde wenig an, die Verwandte
eines Plebejers, eines Bauern zu sehen.
    Die Frau des Predigers lächelte ein wenig über den überladenen und für ihr
Alter nicht anständigen Putz der Ankommenden, der aber doch von grosser
Wohlhabenheit zeigte. Eine ziemlich wohlbeleibte Frau näherte sich mit etwas zu
weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause; ihr Kleid von hellfarbiger Seide
hatte sie etwas hoch aufgehoben, um nicht im Gehen gehindert zu werden; die
blaufarbigen Bänder der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit roten
Rosen, die den Kopfputz verzierten. Die Mutter des Schulzen war in ihrer
sonntäglichen Kleidung, und Beiden folgte ein junges, weissgekleidetes Mädchen,
deren grosser Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken, aber deren sehr schlanke Form
auf grosse Jugend schliessen liess. Der Pfarrer wusste nicht recht, ob er den
Ankommenden wie seines Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten
eines Bauern ruhig erwarten sollte. Er entschied sich für das Letztere, doch
tat es ihm alsbald leid, als er mehrere Schnüre echter Perlen um den
sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte.
    Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten, und die
Fremde sagte mit etwas durchdringender Stimme: Nehmen Sie es nicht übel, Herr
Prediger, dass wir Ihnen beschwerlich fallen. Der Arzt hatte sich um die
Ankommenden nicht gekümmert und war, in Gedanken versunken, sitzen geblieben.
Der Ton der Stimme aber, mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden, zuckte
wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven, und er sprang auf und stand
nahe vor der Angekommenen, ohne dass er es wusste. Diese betrachtete ihn einen
Augenblick, schlug die Hände zusammen und rief: Ist es möglich, kann es sein,
muss ich den Hasenfuss hier antreffen? Der Arzt sprang beleidigt zurück. Na, sei
Er nicht böse, rief die Fremde, indem sie ihm die Hände entgegenstreckte und
sich nicht bemühte, die Tränen zurück zu halten, die reichlich über ihre
vollen, braunroten Wangen flossen; Er wird sich ja nun wohl die Hörner
abgelaufen und von einer Tante, die es gut mit ihm meint, ein Wort vertragen
gelernt haben?
    Der Arzt wusste nicht recht, wie ihm geschah. Frau Base, stammelte er und
wollte die dargebotene Hand mit Höflichkeit küssen; er wurde aber wohlmeinend an
eine volle Brust gezogen, mit kräftigen Armen, denen sich nicht widerstehen
liess, umschlungen und drei bis vier Mal schallend geküsst, indem er die noch
immer fliessenden Tränen warm an seiner Wange fühlte. Diese unverkennbaren
Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefühl der Rührung bei ihm hervor.
Frau Base, sagte er, Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geändert.
    Er war ja ein Narr, antwortete seine Verwandte, indem sie ihre Tränen
trocknete; er bildete sich in seinem überstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von
mir ein. Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint, so wie mein alter, guter seliger
Mann.
    So ist mein Oheim gestorben? fragte der Arzt mit Bestürzung. Ja wohl,
erwiederte die Wittwe, und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er
nicht aufgehört an Ihn zu denken, für ihn zu sorgen, und ich kann es Ihm sagen,
wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wusste, wo Er geblieben wäre, haben
wir oft bitterlich geweint und es bereut, dass wir Ihn so in die Welt hatten
hinein laufen lassen, und mein Alter sagte oft: Es ist zu hart, dass wir ihm
nicht geschrieben haben; der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren,
wir hätten ihm seinen Fehler vergeben sollen; wer weiss, in welchem Elende er
umgekommen ist. Solche traurige Gedanken hatten wir über ihn, und nun, Gottlob!
finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Grosstürken.
    Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden
Verwandten, und es gelang dem Ersten endlich, einige Ordnung in die Gespräche zu
bringen.
    Die Frau Professorin wurde, so bald sie als solche erkannt war, eingeladen,
auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen, wogegen sie sich nicht
sträubte. Das junge Mädchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter
bezeichnet und gesellte sich zu den Töchtern des Predigers, auf deren
Aufforderung sie den grossen Strohhut abnahm und ein feines, blasses Gesicht mit
grossen blauen Augen zeigte, die sie schüchtern beinah nach jeder Bewegung auf
die Mutter richtete, die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln
schien; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen
Mädchens, das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte. Als diese Gäste
Platz genommen hatten, sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und
seiner Mutter um, die er nicht zu seiner Gesellschaft zählen und auch als
Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte. Sie waren aber schon bereit, sich
zurück zu ziehen; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz
betrachteten, so wussten sie doch, dass sie sich dem Geistlichen nicht als
Gesellschaft aufdrängen konnten. Der Arzt konnte sich noch immer in das, was ihm
begegnet war, nicht recht finden, und der Prediger suchte das Gespräch auf die
Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten. Sie
war, wie alle Leute ohne Erziehung, gleich bereit, auf Beides offenherzig und
umständlich einzugehen, und erzählte: Wie ich in Giessen vor funfzehn Jahren
eintraf und nach meinem Vaterlande zurückkehren wollte, beschädigte ich mich
beim Absteigen vom Wagen so stark am Fusse, dass ich nicht weiter konnte und
einige Wochen da bleiben musste, um das Bein zu heilen. Während der Zeit hatte
ich einige gute Freunde gefunden, die mir sagten, ein gewisser Professor, der
sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekümmern könne, suche eine
Haushälterin, auf deren Treue er sich verlassen könne, denn er sei ein Mann von
Vermögen. Ich sagte zu mir, was willst du zu Hause machen? Das Bauernleben bist
du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst, also
besser gleich hier geblieben. So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem
guten alten Manne an; aber, lieber Herr Prediger, was war bei dem für eine
Wirtschaft! Jeder bestahl ihn, Jeder betrog ihn, seine Kollegia wurden ihm
nicht bezahlt, sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrüger ab, kurz, es ging
Alles drunter und drüber. Ich konnte das nicht mit ansehen. Zu seinem Besten
zankte ich mich mit ihm alle Tage, aber es half nichts, er konnte sich nicht
ändern. Ich stellte ihm hundert Mal vor, dass er auf diesem Wege ein verlorner
Mann sei, und riet ihm, eine Frau zu nehmen, die Gewalt über ihn habe und ihn
in Ordnung halten könne, denn ich als seine Haushälterin könne darin nichts
tun. Seine Blutsauger lachten mich nur aus, wenn ich sein Geld eintreiben
wollte; er sah Alles ein, gab mir Recht, aber konnte sich immer nicht
entschliessen. Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tüchtig gezankt und ich
sagte ihm, wenn er keine Frau nehmen wolle, so würde ich auch nicht bei ihm
bleiben, denn ich könne die unordentliche Wirtschaft nicht länger mit ansehen.
Da sagte der gute Mann, was brauche ich denn in der Ferne zu suchen, was mir so
nahe im Wege liegt. Wir können uns ja gleich selber heiraten, meine gute
Leonore, wenn es nötig ist, eine Frau zu nehmen, um Ordnung im Hause zu haben.
Ich war anfänglich ganz bestürzt über seine Rede; wie ich es aber gehörig
überlegt, fand ich, dass er ganz recht hätte. Ich erkundigte mich, ob er nahe
Verwandte habe. Niemanden, sagte er, als einen Schwestersohn, der bald hieher
auf die Universität kommen wird, um unter meiner Anleitung Teologie zu
studiren, und für den ich wie ein Vater zu sorgen denke. Nun, dachte ich, für
den wird es auch besser sein, wenn er zugleich eine Muttr findet, denn ich
dachte nicht, Herr Prediger, wie ich mich mit dem alten Herrn Professor zu
dessen Bestem verheiratete, dass uns Gott noch Kinder schenken würde. Na, wie
gesagt, so getan, wir waren ein Paar, ehe der Trotzkopf dort ankam. Ich sah es
wohl, dem war die Frau Base nicht recht, nicht vornehm genug, aber ich dachte,
das wird sich schon geben; findet er nur täglich seinen Tisch gedeckt und gute
Klösse in der Suppe, so wird er wohl einsehen, dass sein Oheim vernünftig darin
gehandelt hat, für eine Pflegerin im Alter zu sorgen. Aber der Mensch war wie
verhext; je mehr ich ihm Alles nach dem Munde einzurichten suchte, um so gröber
wurde er und blinzte immer tückischer mit den kleinen Augen. Das bemerkte selbst
mein guter Mann, der sonst auf wenig achtete, und ich hatte oft genug zu tun,
um ihn zufrieden zu sprechen. Ich sagte ihm oft: Jugend hat keine Tugend, wenn
er mehr zu Verstande kommt, wird ihm der dumme Hochmut vergehen. Aber es wurde
täglich schlimmer. Endlich schrieb er gar meinem Manne, dass er umsatteln und auf
die Doktorei studiren wolle. Sie wissen, Herr Prediger, jeder Mensch liebt seine
Profession, und ich dachte, meinen alten Mann würde der Schlag rühren, wie er
den Brief las, denn Der hatte schon das Versprechen erhalten, dass man ihn in
eine schöne Pfarre einschieben wolle, wenn er ausstudirt haben würde. Lorchen,
sagte der gute Mann zu mir, ich fürchte für meine Gesundheit, wenn ich den
Undankbaren spreche; übernimm Du es, ihm sein Unrecht zu zeigen. Ich tat das
gern für den alten Mann und wollte dem Springinsfeld zeigen, dass er sein
Stipendium und Alles verlieren müsste, wenn er nicht geistlich bliebe. Aber der
war grob wie ein Kannibale und führte so anzügliche hebräische Redensarten, von
denen er behauptete, sie ständen in der Bibel, dass mir endlich, wie er gar dem
Apostel Paulus seine Grobheit zuschieben wollte, auch die Galle überlief und ich
ihm tüchtig meine Meinung sagte.
    Am andern Morgen war der Brausekopf auf und davon, und wir weinten
hinterdrein, und ich weinte noch mehr, wie meine Tochter nach wenigen Tagen
geboren wurde, denn nun konnte er nicht Gevatter stehen bei dem Kinde, wie ich
ich es immer mit seinem Oheim ausgemacht hatte. Mein guter Mann sah, wie mich
das Alles kränkte, und schrieb nach Jena an einen guten Freund, den er dort
hatte, und der richtete es so ein, dass dem Neffen alle Unterstützung zukam, die
er durch uns bekommen konnte, bald als Geschenk für eine glückliche Kur, bald
auf andern Wegen, so dass wir wussten, es ginge ihm dort nichts ab. Er blieb lange
in Jena, ohne uns weiter zu schreiben, als ein Mal. Mein seliger Mann wartete
immer auf Briefe und dachte ihm dann zu vergeben; denn für ihn schickte es sich
doch nicht, mit der Vergebung aller Grobheit dem Neffen entgegen zu kommen; wer
aber nicht schrieb, das war der übermütige Patron, und so blieb es viele Jahre,
bis man auf ein Mal meinem alten Manne meldete, der Vogel sei ausgeflogen. Er
war aus Jena verschwunden und Niemand wusste, wo er geblieben war. Ich weiss
nicht, fuhr die gute Frau ernstaft, den Kopf schüttelnd, fort, ob mein lieber
Vetter alle die Tränen verdient hat, die sein guter seliger Oheim um seinet
Willen weinte. Vor zwei Jahren, wie der gute Mann sein Ende nahe fühlte, sagte
er zu mir: Lorchen, wenn Du meinen Neffen auffinden kannst, so lass ihm doch aus
meinem Nachlasse die Bibliotek und die Naturaliensammlung zukommen, wenn Du es
glaubst, dass unser Kind es entbehren könne. Ich antwortete ihm, unsere Marie
würde, wenn sie die Jahre hätte, wohl ohne die Bücher und all den Kram einen
guten Mann finden, und ich wollte es dem Neffen geben. Er fragte mich, ob er
darüber etwas aufzeichnen solle; ich antwortete aber, dass es ihm bewusst sei, dass
ich keine Heidin wäre, und dass es keiner Schreiberei bedürfe, um seinen Willen
zu erfüllen. Darauf ist Sein Oheim gestorben, lieber Vetter, und er kann alles
das Zeug nun haben.
    Wie, rief der Arzt erstaunt, die ganze Bibliotek, das ganze
Naturalienkabinet?
    Alles, erwiederte seine Verwandte, die Bücher, die Steine, die ausgestopften
Vögel und andern Tiere. Es hat mir Mühe genug gekostet, alles das Vieh zu
erhalten, und Gott weiss, ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen hätten
trotz des vielen Pfeffers und Lavendels, der daran gewandt wurde, wenn sich
nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen hätten. Sie waren
immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien, und so
wurde Alles erhalten.
    In der Tat, sagte der Arzt gerührt, ich erkenne die Grossmut der
wertgeschätzten Frau Base, ganz wie ich soll.
    Na, was faselt Er nun wieder von Grossmut, lieber Vetter, erwiederte seine
Verwandte gutmütig; der Selige wollte ihm das alles gönnen, also kommt es ihm
zu, und es wäre schlecht von mir gewesen, wenn ich es ihm hätte verderben
lassen. Er verliert so dadurch, dass uns Gott ein Kind bescheert hat, aber wenn
er sich nach etlichen Jahren ordentlich aufführt, so kann er mein Schwiegersohn
werden mit der Zeit, und dann bekommt er mehr, als ohne mich der alte Mann, sein
Oheim, nachgelassen haben würde, nicht einmal das zu rechnen, setzte sie mit
einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu, was ich hier noch erbe.
    Frau Base, Ihre Güte - - stammelte der Arzt
    Na, na, das ist nur so in's Blaue gesprochen, unterbrach ihn diese. Meine
Marie hat noch lange Zeit, das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht.
    Die schlanke Marie, ein Kind von dreizehn Jahren, betrachtete neugierig den
Arzt, den ihre Mutter so ohne Umstände als den künftigen Bräutigam bezeichnete,
indes dieser, verlegen errötend, an seinem Busenstreif zupfte. Es flogen ihm
alle Vorteile dieser Verbindung schnell durch den Kopf, aber auch die ihm
höchst anstössige Verwandtschaft mit Bauern, die daraus entspringen müsse. Er
richtete die halb zugedrückten Augen scharf auf das junge Mädchen, deren feine
Gestalt nichts Bäuerisches hatte, aus deren blassem Gesicht ihn die grosse
Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim rührend ansprach. Er beschloss also zu
überlegen, zu prüfen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen. Dass er
selbst seiner vermutlichen Braut missfallen könne, fiel ihm gar nicht einmal
ein.
    Die Base hatte durch den Gedanken an eine mögliche nähere Verbindung mit dem
Vetter eine noch lebhaftere Teilnahme für diesen gewonnen, und fragte ohne
Umstände nach allen seinen Verhältnissen, worauf sie lauter befriedigende
Antworten erhielt. Der Prediger mischte sich in dies Gespräch und hoffte durch
die nun anwesende ehemalige Dienerin der Gräfin Vieles über deren frühere
Verhältnisse zu erfahren. Er sagte also: Da Sie, meine werte Frau Professorin,
in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet
haben, so werden Sie sich ja freuen, die Letztere hier wieder zu begrüssen. Was!
rief die Angeredete, indem sie aus grosser Ueberraschung von ihrem Sitze
aufsprang, ist die Frau von Blainville hier? Frau von Blainville, wiederholte
der Prediger verwundert, ich meine die Gräfin Hohental, die Gemahlin des
hiesigen Gutsherrn.
    So lebt sie also und hat sich wieder verheiratet? fragte die Wittwe des
Professors. Nun, setzte sie mit Rührung hinzu, ich muss die Gnade Gottes preisen,
dass er mir auch diesen Wunsch gewähren will, sie vor meinem Ende wieder zu
sehen; ich habe mir vergebliche Mühe genug gegeben, sie wieder aufzufinden.
    Also war die Gräfin schon ein Mal verehelicht, sagte der Prediger, der sich
von seinem Erstaunen nicht erholen konnte.
    Haben Sie das nicht gewusst? fragte die Fremde mit einem scharfen
Seitenblicke. Nein, erwiederte der Geistliche, es ist mir überhaupt Manches
auffallend gewesen; die Familie scheint Vieles zu verschweigen, und selbst die
vertraute Dienerschaft teilt das geheimnisvolle Wesen, denn der Haushofmeister
Dübois ist eben so zurückhaltend wie seine Herrschaft. So ist der gute alte
Dübois auch hier, rief die Fremde in freudiger Ueberraschung. Sie kennen ihn
also? fragte der Prediger auf's Neue. Wie sollte ich nicht, rief mit Tränen in
den Augen die Frau Professorin, indem sie vor Verwunderung die Hände zusammen
schlug. Du grosse Güte! morgen am Tage gehe ich auf's Schloss, sie alle zu
besuchen; Du mein Heiland! das hätte ich nicht gehofft, auch den guten Alten
wieder zu finden nach so vielem Unglück, er war ja schon damals alt.
    Sie werden uns ja vieles Interessante mitteilen können, Frau Professorin,
sagte der Geistliche sehr freundlich. Sie äusserten sich verwundert darüber, die
Gräfin lebend zu wissen, Sie drückten sich so aus, als ob sie Ihnen verloren
gegangen wäre; das klingt ja Alles recht sonderbar und könnte wohl die Neugierde
erregen. Die Befragte richtete abermals einen scharfen Blick auf den Geistlichen
und erwiederte mit der Frage: Hat Ihnen denn die Gräfin das nicht alles selbst
erzählt? Keine Sylbe, erwiederte der Pfarrer, und auch hier unserm Freunde, der
doch der Arzt des Hauses ist, sind alle Verhältnisse desselben fremd. So,
erwiederte die Frau Professorin trocken, wenn das ist, so ist es ein. Zeichen,
dass die Frau Gräfin darüber nichts sprechen will; denn Sie, mein lieber Herr
Prediger, haben eine so dreiste Art zu fragen, dass man es sich schon recht fest
vornehmen muss, wenn man ein Geheimnis bei sich behalten und Ihnen verbergen
will. Ich will nun gerade nicht damit sagen, dass sich das für einen
protestantischen Geistlichen schickt. Wenn Sie katolisch wären, so wäre es was
Anders, denn die haben ihren Götzendienst und ihre Ohrenbeichte, aber wir guten
Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen.
    Verlegen und empfindlich erwiederte der Pfarrer: Nach Ihrer Antwort muss ich
glauben, dass Sie mir eine recht böse Absicht zutrauen, wenn ich aus Teilnahme
mich nach den Verhältnissen der Gräfin erkundige.
    Nehmen Sie es mir nicht übel, erwiederte die Base des Schulzen, ich bin mein
Lebelang treu gewesen, und was die Gräfin für gut gefunden hat Ihnen zu
verschweigen, werden Sie von mir auch nicht erfahren.
    Der Geistliche war auf's Äusserste verletzt, dass diese Frau mit bäuerischer
Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorrückte; zugleich musste er sich
tadeln, dass er sie für zu einfältig gehalten, da er vermutlich alles, was er
wissen wollte, hätte erfahren können, wenn er nicht geglaubt hätte, hier ohne
alle Umstände geradezu gehen zu dürfen. Er schwieg also verdriesslich. Der Arzt
hatte auf diese Unterredung seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet. Sein
eigenes Schicksal beschäftigte ausschliessend seine Gedanken. Der Besitz einer
bedeutenden Bibliotek, eines ansehnlichen Naturalienkabinets beglückte sein
Herz. Er dachte daran, wie er dies alles wolle hieher kommen lassen, und dabei
fiel ihm die Notwendigkeit ein, ein eigenes Haus zu haben, wenn er seine
Schätze recht geniessen wollte. An diesen Gedanken knüpfte sich der andere, dass
alsdann eine Frau im Hause notwendig sein würde, und er blinzelte so oft nach
der schlanken Marie hinüber, dass diese trotz ihrer grossen Jugend errötete. Auf
solche Weise war die Unterhaltung den Frauen überlassen, und die Frau des
Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gespräch über
häusliche Einrichtungen, welches immer wärmer und lebhafter wurde, je mehr beide
Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten, und man wechselte laut und
lebhaft mit Fragen und Ratschlägen ab, worauf die beiden anwesenden Männer
nicht zu achten schienen, sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak
rauchten, indes die jungen Mädchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht
wussten, was sie mit sich anfangen sollten.
    Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dämmert, so wurde die drückende
Langeweile, die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann, ein wenig durch
einen rasch vorfahrenden Wagen zerstreut, dessen zierliche, der neusten Mode
entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken liess. Der Prediger eilte
erstaunt den neuen Gästen entgegen, denen ein gut gekleideter Diener den Schlag
des Wagens öffnete, worauf ein junger, sehr zierlich gekleideter Mann
heraussprang, dem ein alter etwas mühsam folgte. Der Herr sei gelobt, der uns so
weit geführt hat, sagte dieser mit heuchlerischer Stimme, und der Prediger
erkannte den alten Lorenz. Er war zweifelhaft, wie er ihn aufnehmen sollte, als
dieser mit grosser Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit
Vertraulichkeit bot, die der Prediger, überrascht, nicht ausschlug. Wir fuhren
so nahe bei Ihnen vorbei, lieber Herr Prediger, begann Lorenz, dass ich es nicht
unterlassen konnte, Ihnen meinen Besuch zu machen, um so weniger, da auch mein
Sohn sehr wünschte, Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine Achtung zu
beweisen. Die Neugier, diesen Sohn zu sehen, war in dem Augenblick das
überwiegende Gefühl des Predigers, und er nötigte die Angekommenen höflich,
einzutreten. Der junge Mann näherte sich mit leichten Schritten und sicheren
Gebehrden den Frauen, um sie zu begrüssen, und nach einigen höflichen Worten, mit
denen er seinen späten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte, musterte
er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Mädchen, von welchen keine seinen
besonderen Beifall zu erhalten schien. Er fuhr sich hierauf mit den weissen
Fingern durch die schwarzen Locken, ordnete vor dem Spiegel ohne Umstände seine
Halsbinde und gesellte sich zu den Männern.
    Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen, indem
er seine neuen Gäste betrachtete. Jede Spur von Armut war verschwunden; die
feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Ueberrockes,
dessen er sich noch vor Kurzem bediente. Sie waren seinem Alter angemessen, aber
doch nach der Mode; den kahlen Scheitel deckte eine künstliche Perücke, und
statt des im Walde geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen
Knopfe versehenes Rohr als Stütze.
    Der Arzt war durch das Geräusch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden,
und indem er die neu Angekommenen begrüsste, betrachtete er mit scharfen,
stechenden Blicken den jungen Mann, der seine grossen schwarzen Augen dafür
höchst ruhig auf ihn richtete.
    Irre ich nicht, redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an, so
habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen. Ich wüsste nicht,
antwortete der junge Lorenz; ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im Lande.
Indem er diese Antwort höchst gleichgültig gab, nahm er aus einer goldenen Dose
ruhig Tabak.
    Der Arzt ergriff seine eigene, viel schönere goldene Dose, und indem er
heftig auf den Deckel schlug, rief er mit funkelnden, halb zugekniffenen Augen:
Ich dächte doch, Sie müssten sich erinnern, was in Krumbach vorfiel, als ich Sie
dort in der Schenke traf.
    Ich halte mich nicht anders in Schenken auf, sagte der Andere verächtlich,
als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedürfen, und so kann es wohl sein, wenn
Sie solche Orte besuchen, dass Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen
getroffen haben, denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf geführt.
    Und Sie hätten ganz vergessen, sagte der Arzt, indem er nahe auf ihn zutrat,
was Sie damals alles sprachen, als ich durch mein Pflichtgefühl getrieben die
Schenke besuchte, aus Menschlichkeit, die der Arzt niemals verläugnen darf, denn
Wehe dem, der sich zu vornehm dünkt, an das Schmerzenslager zu treten, mag es
stehen, wo es will. So können Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten
antreffen, wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten; wenn ich aber zu
meiner Erholung unter Menschen gehe, so werden Sie mich immer in der besten
Gesellschaft finden, zu der ich gehöre.
    Es ist gut, dass Sie mir das sagen, antwortete der junge Lorenz gleichgültig,
denn Ihre unnütze, unbegreifliche Heftigkeit würde mich das zum Beispiel nicht
haben erraten lassen.
    Der Arzt bemühte sich nun ebenfalls gleichgültig zu sprechen und fuhr
deshalb mit schlecht unterdrückter Heftigkeit fort: Es scheint also, Sie haben
rein vergessen, was Sie damals über den Grafen Hohental sprachen, über seine
Ergebenheit gegen die Franzosen, über den verwundeten Herrn St. Julien, dessen
Leben ich mit Mühe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte, der arme
Mensch, der weder sprechen, noch sich rühren durfte damals; jetzt, Gottlob! ist
er hergestellt und kann sich selbst verantworten. Haben Sie das alles ganz aus
Ihrem Gedächtnisse vertilgt?
    Wenn ich damals in der Tat solche Ansichten hatte, erwiederte der junge
Lorenz mit unzerstörbarer Ruhe und Gleichgültigkeit, so habe ich sie gewiss mit
allen, die etwas von den Verhältnissen des Grafen wussten, geteilt, und ich sehe
nicht ein, was Sie darin beleidigen kann, und wenn Sie wirklich zur guten
Gesellschaft gehören, wie Sie versichern, so werden Sie selbst einsehen, dass es
nicht passend ist, mich in einem fremden Hause über eine Ansicht, die Ihnen
unrichtig scheint, mit Heftigkeit zur Rede zu stellen. Nach diesen sehr ruhig
gesprochenen Worten liess er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen
gleichgültigen Anteil an dem Gespräche seines Vaters mit dem Prediger.
    Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewöhnliche
heuchlerische Weise mitgeteilt, dass er ein kleines Gut für's Erste gepachtet
habe, dass er aber wohl hoffen dürfe, es werde in Jahresfrist das Eigentum
seines Sohnes werden, der für jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem
bedeutenden französischen Generale annehmen würde, der mit seinen Truppen noch
so lange in Preussen verweilen würde, bis die Kontributionen alle abgetragen
wären; und es ist dies eine vernünftige Einrichtung, schloss der alte Heuchler,
und Gott möge seinen Segen dazu geben, denn mein Sohn kann dem Herrn General
nützlich sein in tausend Fällen, weil er die Rechte studirt hat, und kann auch
wiederum manchem Freunde dienen, der die Hülfe eines Landsmannes bei dem Herrn
General brauchen sollte.
    Es entgingen die schlechten Gründe dem Pfarrer nicht, welche die Handlungen
des Sohnes wie des Vaters bestimmten, und er betrachtete den jungen Mann mit
misstrauischen Blicken, als er sich in das Gespräch mischte.
    Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem
verstorbenen Gemahl zu erzählen; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang
auf die Bibliotek und das Naturalienkabinet, und ging endlich auf merkwürdige
Krankheitsfälle über, die dem Arzte vorgekommen waren, und die sie sich
umständlich erzählen liess, so dass dessen üble Laune gänzlich schwand und er nach
dem Abendessen, von ihr aufgefordert, mit Vergnügen diese Verwandte, die er sich
eingestand verkannt zu haben, nach Hause zu begleiten versprach. Als sie nach
einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie, und einer kaum
merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen
gefasst hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen
zuwandelte, sagte sie gutmütig scheltend: Er hat immer noch seinen
unvernünftigen Trotzkopf, Vetter; was fing Er nur für unnütze Händel mit einem
Menschen an, der ihn in's Unglück bringen kann? So wie ich hörte, dass der alte
Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzählte, dass sein Sohn ein Franzose
wird, so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und liess mir geduldig
vorerzählen, wovon ich kein Wort verstehe, damit Er nur nicht wieder mit dem
schlechten, jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglück geraten sollte; aber
sei Er für die Zukunft vorsichtig, versprech Er mir das. Sie meinen es gut mit
mir, sagte der Arzt nicht ohne Bewegung. Das habe ich immer getan, erwiederte
seine Verwandte, und umarmte und küsste ihn herzlich, da sie das Haus des
Schulzen erreicht hatten. Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand, die
dieser höflich küsste, worüber das junge Mädchen lebhaft errötete, und die
Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung.
    Der Prediger hatte den Verdruss, dass Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste
Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen, und er war gezwungen ihnen ein
Nachtlager anzubieten, damit er sich selbst zur Ruhe begeben könnte, und dies
wurde von Beiden wie eine Sache, die sich von selbst verstände, angenommen.
 
                                       X
Der Arzt hatte am Morgen des nächsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag
seiner Base zu besorgen, und der Gräfin ihre Ankunft und ihren Besuch für
denselben Vormittag zu melden; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten
innerlich versöhnt hatte, so kostete es ihm doch Viel, seinen Hochmut zu
besiegen, und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der
Gräfin zu bezeichnen. Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die
unerwartete Nachricht, und suchte, sobald sie nur Fassung gewann, den Arzt auf
eine geschickte Art über alle beim Prediger geführten Gespräche auszufragen,
aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben, denn jenes Seele war besonders davon
erfüllt, wie heldenmütig er sich nach seiner Meinung dem Verräter, dem jungen
Lorenz, gegenüber benommen hatte.
    Er hatte die Gräfin kaum verlassen, als diese Dübois rufen liess, um ihm das
Unerwartete mitzuteilen und ihn zu bitten, die ehemalige Dienerin zuerst zu
empfangen, um ihr die nötige Schonung zu empfehlen. Der alte Mann war bereit zu
tun, wozu sein eigenes Herz ihn trieb, und er begab sich hinunter, um die
Ankommende zu empfangen, ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte, denn
der Haushofmeister kannte aus früheren Zeiten ihre grosse Redseligkeit und konnte
nicht wissen, ob die Veränderung ihres Standes sie zurückhaltender gemacht haben
würde. Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt; denn kaum war eine
Viertelstunde verflossen, so nahte sich die Erwartete im höchsten Putz mit
grossen Schritten. Die Tochter folgte der Mutter, denn es gelang ihrer
Anstrengung nicht, sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten, und kaum
hatten Beide die Schwellen des Hauses überschritten, als die Mutter, ihren alten
Freund erblickend, ihren Shawl heftig zurück warf, so dass er zur Erde fiel, und
mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte. Dübois erwiederte
diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit; da aber die oft
wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten, und die schallenden
Küsse ein spöttisches Lächeln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen
Bedienten hervorriefen, so entzog er sich höflich den Armen, die ihn
umschlossen, und bat seine Freundin, erst bei ihm einzutreten, ehe sie ihren
Besuch bei der Gräfin ablegte. Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser
Einladung, von der Tochter begleitet, die den Shawl der Mutter vom Boden
aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte.
    Der Haushofmeister bewirtete seine Gäste mit einem Frühstück, während
dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte, was er zu wissen begehrte,
und ihr raten konnte, so gelinde als möglich ihrer ehemaligen Herrschaft
mitzuteilen, was diese wissen musste. Unter Strömen von Tränen war die
Unterredung geführt worden, und die geduldige Marie sass während ihrer langen
Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers, wohin sie die Mutter, nachdem sie
dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt, verwiesen hatte, um ungestört mit
ihrem alten Freunde zu sprechen.
    Endlich war das Frühstück geendigt und das Nötige verabredet; die Tränen
wurden getrocknet, der Shawl in die gehörigen Falten gelegt, und der
Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm, führte sie mit höflicher
Aufmerksamkeit die grosse Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer
ehemaligen Herrschaft.
    Die Gräfin trat ihnen entgegen. Meine gute Freundin, rief sie, indem sie die
ehemalige Dienerin erblickte, und wollte sie umarmen; diese aber ergriff mit
Heftigkeit beide Hände der ehemaligen Gebieterin, die sie abwechselnd mit Küssen
bedeckte und mit Tränen überströmte. Sobald die Gräfin ihre Hände befreien
konnte, umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte: Wie freut es mich,
meine Liebe, Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden, dass die
Zeit den Anteil, den Sie an meinem Schicksal nehmen, nicht geschwächt hat.
    Mitten in ihrer Rührung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte:
Millionen Tränen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiss nicht verdient, dass
Sie mich nun so fremd behandeln, und mich nicht mehr Du nennen und Leonore, wie
in früheren Zeiten so viele Jahre hindurch.
    Mein Herz ist darum nicht weniger warm, sagte die Gräfin, indem sie die
Hände der erzürnten Frau drückte, aber dies muss um Ihretwillen so bleiben; auch
würde sich Ihr Neffe, der Arzt, gekränkt fühlen, wenn es anders wäre.
    Nun ja, erwiederte besänftigt dessen Base, den Toren kenne ich ja mit
seinem Hochmute. Lassen Sie uns überhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten
sprechen, sagte die Gräfin mit bewegter Stimme, meine gute Leonore. Sie kennen
mein Unglück; haben Sie mir gar nichts Tröstliches zu sagen?
    Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den
tiefsten Schmerz versenkt. O Gott! rief sie aus, was haben Sie alles leiden
müssen, und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht; wie mager sind die
schönen weissen Hände geworden, und wo ist die herrliche Farbe geblieben? Blühten
Sie doch wie eine Rose, und es war ganz natürlich, dass der gute Herr Blainville
so verliebt blieb, ob Sie gleich schon lange verheiratet waren.
    Meine Liebe, sagte die Gräfin aus beklemmter Brust, schonen Sie mich mit
Erinnerungen, durch die Sie mich tödten können.
    Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen: Sie haben Recht,
ach! Sie haben Recht, aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen, wenn ich Sie
ansehe.
    Reden Sie nicht von mir, sagte die Gräfin mit grosser Anstrengung, sprechen
Sie von dem Schicksale des unglücklichen Kindes.
    Ich weiss ja nichts von dem kleinen Herrn, klagte die Wittwe des Professors
und sammelte sich endlich so weit, um, von Tränen und Klagen unterbrochen,
ihrer ehemaligen Herrin erzählen zu können, wie sich ihr Schicksal gestaltet
hätte, nachdem sie die Gräfin verloren. Diese, obgleich zerschmettert von dem
Worte der Dienerin, durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen
schien, bezwang dennoch ihr Gefühl und hörte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den
Bericht, um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu
finden.
    Ach! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an, wie war uns zu Mute, mir
und der Mamsell Adele, als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und
nun ruhig nach Hause gegangen waren. Mein Gott, mein Gott! als wir die offenen
Türen erblickten, als wir ankamen, die geöffneten Schränke und die grausige
Unordnung. Ihr schöner Hut lag auf dem Boden, und es hatte Jemand mit
schmutzigen Füssen darauf getreten, der Wirt des Hauses stand im Wohnzimmer und
schalt uns, so wie wir ankamen, schändliche Aristokraten; ich wollte ihm
antworten, wie sich's gehörte, denn ich hatte französisch genug dazu in der
Gottvergessenen Stadt gelernt, aber Mamsell Adele rief heftig: Wo ist Herr
Blainville und seine Gemahlin? Herr Blainville, wiederholte plötzlich der Wirt,
von dem weiss ich nichts, der Vaterlandsverräter, der verkappte Graf ist, wo er
hingehört, im Gefängnisse. Mein Bruder, mein unglücklicher Bruder! schrie
Mamsell Adele in Verzweiflung, und wurde bleich und starr wie eine Leiche. So
gross mein Schmerz war, so ging mir doch ein Licht auf, und ich war recht böse,
dass Sie mir die Sache nicht gehörig vertraut hatten, ich hätte nichts verraten
und hätte den gehörigen Respekt vor Mamsell Adele haben können, statt, dass ich
sie geärgert hatte, wo ich konnte, denn ich hielt sie für hochmütig und von
Ihnen begünstigt, und ich dachte, ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben,
denn sie kam mir unnötig im Hause vor. Jetzt sah ich das alles anders ein durch
dies einzige Wort, das sie im Unglücke und im Schrecken ausgesprochen.
    O mein Gott! seufzte die Gräfin und bedeckte ihre überströmenden Augen mit
den Händen. Die rohe, aber gutmütige Erzählerin sah, welche Schmerzen ihre
Worte erregten, und zog mit sanfter Gewalt die Hände der ehemaligen Herrin von
den weinenden Augen derselben zurück, um sie mit Küssen und mit warmen Tränen
zu bedecken. Weiter, meine Liebe, sagte die Gräfin mit zitternder Stimme, um
Gottes Willen fahren Sie fort.
    Ja, weiter in der unglücklichen Geschichte, rief die Wittwe des Professors,
Sie wissen nicht, wie mir das Herz blutet, wenn ich an all den Jammer und
Trübsal denke. Ich wusste nicht, was ich mit Ihrer armen Schwägerin anfangen
sollte, die bleich und starr da sass, ohne zu weinen, ohne zu reden, ja ohne ein
Glied zu rühren. Ich war ganz allein mit ihr, der Hausherr hatte uns wieder
verlassen, und ich wusste nicht, was ich anfangen sollte, denn ich hatte nicht
den Mut, die Arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen. Endlich brachte ich sie
doch wieder etwas zur Besinnung, sie sprang nun auf ein Mal auf, fasste heftig
zitternd meinen Arm und sagte leise: Komm, wir müssen meinen Bruder aufsuchen.
Ich war bereit und wir stürmten der Türe zu, ohne zu wissen wohin. In der Türe
begegnete uns ein alter Herr, den das arme Fräulein Adele zu kennen schien. Mit
gerungenen Händen fiel sie vor ihm auf die Knie und rief: Helfen Sie, retten
Sie! Der gute Mann weinte selber und sagte: zuerst müssen Sie fort von hier und
zwar sogleich, damit Sie nicht ebenfalls verhaftet werden, denn alsdann würde es
noch schwieriger werden, etwas für Ihren Bruder zu tun. Ich fürchte, der Herr
des Hauses ist schon ausgegangen, die Anzeige zu machen, denn ich traf ihn nicht
zu Hause, deshalb lassen Sie uns eilen. Als ich diese Worte hörte, kam mir
schnell von Gott der gute Gedanke, dass Ihnen nicht damit geholfen wäre, wenn uns
die unmenschlichen Jakobiner einsperrten, und ich sagte also dem guten alten
Manne, der sich unserer annehmen wollte, dass man Mamsell Adele gar nicht fragen
müsse, denn sie sei so ausser sich, dass der Hausherr mit der Wache kommen würde,
ehe sie nur begriffe, wovon die Rede sei. Der verständige Mann sah das ein, und
wir fassten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt
die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn, und der Schurke, der Wirt,
behielt nichts als das leere Nachsehen, wenn er mit seinen Jakobinischen Wachen
wird angekommen sein. Wie lange wir gefahren sind, weiss ich nicht, denn sowohl
ich, als unser alter Begleiter, wir waren während des Weges nur bemüht, die arme
Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen, aber Gott weiss, es gelang uns schlecht.
Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen Hause in der Vorstadt; der alte Herr
hiess mich ausstiegen und ging mit mir in dies unscheinbare Haus, das, nachdem er
drei Mal leise geklopft, geöffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen
wurde. Eine alte Frau kam uns entgegen, und ich hörte wohl, wie mein Führer ihr
auftrug, für mich auf's Beste zu sorgen, aber um Gottes Willen mich nicht
ausgehen zu lassen, weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglücklich
werden könnten. Als er mich verlassen wollte, fragte ich, was aus Fräulein Adele
werden sollte. Er antwortete mir, wir dürften nicht zusammen bleiben, es wäre
für uns beide sicherer, wenn Jede einen andern Zufluchtsort fände, er sei ein
Freund ihres Hauses und sorge für unser aller Bestes mit grosser eigener Gefahr.
    Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt, ich konnte also wohl
einsehen, dass wir behutsam sein müssten, und fügte mich in mein Schicksal. Als
ich mit der guten Frau allein war, hatte ich Zeit genug, über unser Unglück
nachzudenken, und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu, denn nun,
da die grösste Angst vorbei war, dachte ich auch an unsern kleinen Herrn. Endlich
am Abende des andern Tages kam der Herr wieder, der mich hieher geführt hatte,
und sagte mir, er würde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu
einer deutschen Herrschaft bringen, die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in
Frankfurt am Main zurücklassen wolle, von wo ich meine Heimat leicht erreichen
könne. Ich fragte nach Ihrem Schicksale. Er trocknete sich die Tränen und
sagte, man müsse auf Gottes Beistand hoffen, er könne mir nichts darüber sagen.
Als ich nach Fräulein Adele fragte, antwortete er etwas ungeduldig, er könne mir
weiter keine Nachricht geben, als nur die Versicherung, dass sie ausser Gefahr
sei, und ich sollte froh sein, dass er auch mich in Sicherheit bringen wollte.
Ich fragte ihn, ob ich nicht noch ein Mal nach unserer Wohnung zurück gehen
könne, um meine Sachen abzuholen, die dort alle zurück geblieben waren. Er wurde
hierauf recht grob und sagte, es sei ein Zeichen grosser Dummheit, dass ich um der
Lumpen Willen dahin zurück zu gehen dächte. Er besänftigte sich aber bald und
befahl mir, ich sollte bis zum nächsten Abende zusammenrechnen, wie viel der
ganze zurückgelassene Kram wert sei, er wolle ihn mir baar bezahlen, ich solle
aber weder mich, noch ihn deshalb unglücklich machen. Ich war damit zufrieden
und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn, denn ich dachte mir
schon, dass er doch nicht aufrichtig antworten würde. Kaum aber hatte er das Haus
verlassen, so fing ich an die alte Frau, die es bewohnte, mit Bitten und Tränen
so lange zu bestürmen, bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen
versprach; denn da sie mich nicht recht verstand, so glaubte sie, der kleine
Herr sei mein eigenes Kind, und ich liess es geschehen, dass sie es glaubte, und
gab gern zu, dass sie mich für eine leichtsinnige Dirne hielt, damit sie mir nur
helfen möchte. In aller Frühe des nächsten Morgens drückte sie mir einen Hut
tief in's Gesicht hinein, hing einen Schleier darüber, gab mir einen Mantel, und
nachdem sie sich eben so angetan hatte, verliessen wir das Haus, nahmen auf dem
nächsten Platze einen Wagen und so ging es fort nach dem Dorfe. Gott, wie schlug
mein Herz auf diesem Wege, teils aus Angst, dass man uns verhaften möchte,
teils aus Verlangen nach dem lieben Kinde. Wir erreichten glücklich das Dorf,
wir fanden das Haus, aber nur zu neuem Jammer. Die Pflegerin unsers kleinen
Herrn lag im hitzigen Fieber, von dem Kinde war nichts zu sehen. Die Weiber, die
die Kranke warteten, sagten mir, ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind
abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben, die nach des alten Mannes
Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei. Ich dachte einen Augenblick, Sie
selbst hätten Ihr Kind abgeholt, aber ich besann mich bald, dass es nicht so sein
könnte, denn Sie würden auch mich wieder zu sich genommen haben, wenn Sie frei
gewesen wären. Es war nun nichts weiter zu tun, als den Rückweg mit Tränen
anzutreten und den Abend zu erwarten. Als es dunkel geworden, kam der alte Herr
richtig, wie er es versprochen. Ich hatte indes meine Rechnung für Lohn und
Kleider gemacht, wie er es verlangt hatte. Er bezahlte mir Alles und schenkte
mir noch hundert Franken zur Reise. Da ich ihn in so gütiger Stimmung sah, so
wagte ich es, ihm mein Leid mit unserem Kinde zu vertrauen. Er wurde sehr böse
und schalt auch die alte Frau, dass wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen
hatten; als ihm diese aber, um sich zu entschuldigen, sagte, dass sie meinen
Jammer und meine Tränen nicht mehr hätte mit ansehen können, weil ein Stein
hätte durch meine Klagen bewegt werden müssen, da wurde er wieder sanftmütig
und sagte, da ich so grosse Treue für meine Herrschaft zeigte, so wolle er die
Unbesonnenheit vergeben, und übrigens müsse ich zu meinem Troste glauben, dass
Gott ein unschuldiges Kind nicht würde untergehen lassen, wenn ich es auch nicht
mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe. Das war alles, was ich mit Bitten und
Flehen über den kleinen Herrn erfuhr, und ich musste nun mit dem unbekannten
Herrn fort, der mich zu meiner neuen Herrschaft brachte, die beinah kein Wort
mit mir sprach. Mit dem frühesten Morgen ging es aus Paris hinweg. Wir reisten
Tag und Nacht, bis wir Giessen erreichten. Hier liessen sie mich zurück, und ich
hatte nicht einmal erfahren, mit Wem ich die Reise gemacht hatte. Weil ich mir
den Fuss beschädigt hatte, musste ich in Giessen einige Zeit bleiben, und da fügte
es Gott, dass ich an meinen alten Professor geriet. Wie ich mit dem verheiratet
war, vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an, denn er war eine treue Seele
und ich dachte, er würde vielleicht etwas auskundschaften können über Ihr
Schicksal oder über unsern kleinen Herrn. Er schrieb nun nach allen Weltgegenden
hin und hatte überall seine gelehrten Freunde, die ihm allerlei Lappalien
meldeten, was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten, aber das, was mir
am Herzen lag, forschte keiner aus. Die Schweizer schrieben ihm, der alte Herr
Blainville und Ihre Frau Mutter wären todt; von Ihnen wusste man nichts, und die
Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspüren, und so musste ich
mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr, dass ich Sie jemals
wieder sehen könnte, und hier nun schenkt mir Gott die unvermutete Freude. Und
das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig, denn hätte er nicht
in den Zeitungen bekannt machen lassen, dass ich mich hier einer Erbschaft wegen
zu melden hätte, so wäre es mir wohl niemals eingefallen, diese Reise zu
unternehmen, und wenn mein alter Professor noch lebte, so würde er auch nun
einsehen, dass er Unrecht hatte, darüber zu lachen, wenn ich mir aus den
Zeitungen nichts vorlesen liess, als solche Bekanntmachungen und Anzeigen, wo
allerlei Sachen verkauft wurden; denn, sagen Sie selbst, was geht mich Bonaparte
an, und was brauche ich noch über die Franzosen zu hören? Die habe ich
hinlänglich kennen gelernt und den Krieg fühlt man genug, wenn er da ist, man
braucht sich nicht um den zu bekümmern, der in der Ferne geführt wird. Solche
Anzeigen aber haben ihren Nutzen, und man sollte nicht darüber lachen, wenn
vernünftige Menschen sie lesen. Mir wird diese einfältige Neugierde, wie mein
seliger Mann meine Leserei nannte, manchen schönen Taler einbringen, denn ich
erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft.
    Die Gräfin hatte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen
Dienerin vernommen, und sie fand einen schwachen Trost darin. Sie wusste doch nun
bestimmt, dass ihre Schwägerin sowohl, als das geliebte Kind in den
schrecklichsten Augenblicken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren. Sie
konnten beide leben, und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen, diese
schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden. Sie dankte daher
der ehemaligen Dienerin für die von ihr bewiesene Treue und bat sie, während
ihres hiesigen Aufentaltes auf dem Schloss zu wohnen. Die Wittwe des
Professors nahm dies Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte: Es ist nicht
Hochmut von mir, aber erstlich bin ich froh, wieder in der Nähe meiner
ehemaligen Herrschaft zu sein, und dann habe ich mir das Bauernleben so
abgewöhnt, dass ich es nicht lange bei den guten Leuten, meinen Verwandten, würde
aushalten können.
    Die Gräfin bat nun, sie möchte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle
ihre Sachen nach dem Schloss bringen lassen, damit bei der Mittagstafel sie
sich schon ganz als Hausgenossin fände.
    Ich bemerke, rief die Professorin, Sie verlangen, ich soll an Ihrer Tafel
speisen, und als die Gräfin dies bejahte, fuhr sie fort: Nimmermehr werde ich
mich dazu entschliessen, und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewöhnt habe, so
habe ich doch keinen dummen Hochmut bekommen. Sie sind lange Jahre meine
Herrschaft gewesen, das werde ich nicht vergessen. Ja, ich habe mich nicht
einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten, wie mein
seliger Mann noch lebte, denn ich sah es recht gut, dass ich ihnen zu gering war;
ich war ihnen nicht fein, nicht gelehrt genug, aber mit aller ihrer
Gelehrsamkeit hatten es ihre Männer nicht so gut, wie mein alter lieber Mann.
Der konnte ohne Sorgen leben, brauchte sich um nichts zu kümmern und hatte doch
Alles im Überfluss, und wenn die Herren Professoren bei uns speisten, so
gestanden sie alle aufrichtig, bei uns sei der beste Tisch. So lebten wir still
und ruhig; ich pflegte meinen Mann, und hielt mein Kind zur Kirche und Schule
an, und sorgte dafür, dass meine Marie früh die Wirtschaft lernte und nicht
tausend unnütze Torheiten. Desshalb setzten die andern Professorentöchter das
arme Kind auch zurück, denn mir fiel es nicht ein, dass es nötig sei, dass sie in
allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen müsse; eben so wenig braucht
sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen, oder auf allen
Instrumenten zu klimpern. Auch ist es kein Unglück, wenn sie nicht alle
Spielereien zu machen versteht, die im Grunde kein Mensch braucht, denn ich habe
gesehen, dass die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit
ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen Arbeiten nicht
verstanden, wenn es Not tat, ein Hemd für ihren Mann und ihre Kinder
zuzuschneiden.
    Sie mögen im Ganzen Recht haben, sagte die Gräfin, obwohl ich fürchte, Sie
gehen zu weit, was Ihre Tochter anbetrifft; doch Sie sind mir ein so lieber
Gast, dass ich wünsche, Sie möchten sich in meinem Hause einrichten, wie es Ihnen
am angenehmsten ist.
    Wenn Sie mir das erlauben, sagte die Professorin, so werde ich bei meinem
alten Freunde Dübois speisen, und meine kleine Marie mögen Sie an Ihren Tisch
nehmen, damit sie Manieren lernt, denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor
zu verheiraten wünsche und der so viel auf feine Lebensart hält, so wäre es mir
lieb, wenn sie darin nicht hinter ihren künftigen Mann zurückbliebe.
    Die Gräfin lächelte, indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin
bewilligte, und Dübois, der herbei gerufen wurde, erhielt den Auftrag, die
Zimmer im untern Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen; zugleich teilte ihm
die Gräfin scherzend mit, dass die Frau Professorin seine Gesellschaft der
ihrigen vorzöge und an seiner Tafel zu speisen wünsche. Mit grossem Ernst
erwiederte der Haushofmeister, dass er die Ehre, so ihm seine Freundin erweise,
zu schätzen verstehe. Nun, nun, sagte die Wittwe des Professors, sprechen Sie
nur nicht mit so grossem Respekt, wissen Sie nicht mehr, wie oft sie mich
ausgescholten haben, wie wir noch Kameraden waren.
    Die Gräfin wünschte die Tochter der Professorin zu sehen, und Dübois eilte,
die stille, geduldige Marie herauf zu führen, die während der langen Unterredung
zwischen ihrer Mutter und der Gräfin ruhig am Fenster in Dübois Zimmer gesessen
hatte.
    Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte, trat St. Julien ein, um
ein Buch von der Gräfin abzuholen, welches sie ihm am vorigen Tage versprochen
hatte. So wie die Professorin ihn erblickte, wurde sie bleich und schlug die
Hände zusammen. Als der junge Mann die Gräfin anredete, schien seine Stimme
einen ähnlichen Zauber, wie sein Anblick auf die ehemalige Dienerin zu üben,
denn sie seufzte tief auf und wurde glühend rot. St. Julien, der die Bewegung
der Fremden bemerkte, ohne zu ahnen, dass er sie veranlasse, glaubte, sie habe
ein Gesuch bei der Gräfin, und verliess deshalb bald das Zimmer, um durch seine
Gegenwart nicht zu stören.
    Wer ist dieser junge Mann? rief die Professorswittwe ausser sich, die Hände
der Gräfin ergreifend, als sie allein waren.
    So fällt Ihnen die grosse Aehnlichkeit auch auf? fragte die Gräfin mit
zitternder Stimme, indem Tränen über ihre Wangen flossen.
    Mein Gott, mein Gott! rief die Professorin bebend, es ist ja Herr
Blainville, wie er leibte und lebte, sogar das Zucken des Mundes, womit er das
Lachen unterdrückte, wie er mich in meiner Alteration bemerkte.
    Die Gräfin hatte kaum noch Zeit, ihre ehemalige Dienerin mit den
Verhältnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten, von allen
Leiden, die sie mit einander erlebt hätten, nichts dem Prediger anzuvertrauen,
weil es für sie kränkend sein würde, wenn diese Schmerzen ein Gegenstand
allgemeiner Gespräche werden sollten, und die Wittwe des Professors hatte kaum
feierlich versprochen zu schweigen, als die Tochter derselben blöde und zitternd
eintrat, und sich furchtsam der Gräfin näherte, um ihre Hand zu küssen, wie es
ihr früher die Mutter befohlen hatte.
    Die Gräfin fühlte Mitleid mit dem armen Kinde, das, offenbar durch eine übel
angebrachte Strenge der Mutter unterdrückt, kaum zu atmen wagte. Sie sprach
gütig mit dem eingeschüchterten jungen Mädchen, konnte aber doch nichts als
einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen. Sie machte hierauf der Mutter den
Vorschlag, ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen, weil junge Mädchen
besser zu einander passten, als zu bejahrten Frauen. Die Professorin fühlte sich
geschmeichelt und gab ihre Einwilligung, worauf die Gräfin Emilie zu sich bitten
liess, um ihr ihre neue Freundin vorzustellen. Diese betrachtete mit Teilnahme
das zitternde Kind, und die Wittwe des Professors sagte, nachdem sie Emilie mit
einem scharfen Blick betrachtet hatte, zur Tochter: So kannst Du denn gleich
hier bleiben; ich werde allein zu meinem Vetter, dem Schulzen, zurück gehen und
unsere Sachen herschaffen lassen, damit wir noch heute in Ordnung kommen. Die
Worte hatte sie mit Härte und Trockenheit an die Tochter gerichtet. Hierauf trat
sie zu Emilie, fasste ihre Hand und sagte, mit einer Träne im Auge: Ich lasse
gern mein Kind bei Ihnen, Sie sehen gut und milde aus, und werden eine Waise
nicht verspotten, wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat, die ich ihr nicht
habe geben können und der selige Professor auch nicht. Der gute Mann verstand
nichts von Kindererziehung, obgleich er dicke Bücher darüber schrieb.
    Emilie drückte die Hand der rohen, aber guten Frau und sagte: wenn Ihre
Tochter mir Vertrauen schenken will, so werde ich sie als meine liebe Freundin
betrachten.
    
    Lieber Gott, erwiederte die Professorin, was hat so ein Kind zu vertrauen?
Das wäre ja ein Unglück, wenn die schon ihre Geheimnisse hätte.
    Die Gräfin konnte das Lächeln über dieses Missverständnis nicht unterdrücken
und sagte: Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns, meine liebe
Freundin, und eilen Sie, sich Ihrem Wunsche gemäss einzurichten, damit ich die
Freude habe, Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen.
    Die Professorin ging und es liess sich bemerken, dass die blöde Marie nach der
Entfernung der Mutter tief aufatmete und sich sichtlich erleichtert fühlte. Sie
liess sich nun auch zum Sprechen bewegen, und obgleich sie in allen Kenntnissen
selbst für ihr Alter zurück zu sein schien, so liess sich doch eine natürliche
Munterkeit des Geistes, ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht
verkennen, und man bemerkte deutlich, indem sie über ihre häuslichen
Einrichtungen sprach, dass sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht
so zufrieden war, wie diese es zu verdienen glaubte, sondern es regte sich in
dem jungen Mädchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen,
und sie hüpfte fröhlig an Emiliens Hand hinweg, indem sie ihr Glück pries, sich
zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen
Freundin gegenüber zu befinden.
    Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Tätigkeit ihre Geschäfte
und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dübois auf dem Schloss für sie
eingerichteten Zimmer. Der Haushofmeister hatte für seine Freundin auf's Beste
gesorgt, und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet, auch ein zu ihrer
Bedienung bestimmtes Mädchen. Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer
Kleider behülflich und führte sie dann nach dem Zimmer, wo er für sich und seine
Gäste die Tafel hatte bereiten lassen, und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav
vorstellte. In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische, und heitere,
ungezwungene Gespräche würzten das Mahl. Dübois bediente mit ächt französischer
Höflichkeit seine Freundin, für die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand,
der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher
Aufmerksamkeit bewogen, und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des
Professors dankbar anerkannt. Da aber Dübois sie immer Madame anredete, so
folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele, und dies verdüsterte,
nachdem es einige Male geschehen war, sichtlich die Stirn der Frau Professorin.
Mit auffallendem Verdruss wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit
ziemlicher Heftigkeit: Mein lieber junger Herr, wenn mich Herr Dübois Madame
nennt, so hat das nichts auf sich, wir sind alte Freunde, auch wissen die
Franzosen nicht, was sich schickt; sie kennen keinen Unterschied und nennen
Alles gradeweg Madame, ein Fischerweib und ihre Königin oder Kaiserin, aber ein
Deutscher muss Lebensart lernen, und daher können Sie mich immer nach meinem
Titel Frau Professorin nennen, denn selbst der Neid muss es meinem seligen Manne
lassen, dass er ein gelehrter Professor war.
    Der junge Mann schwieg mit Bestürzung, und Dübois sagte lächelnd: Vergeben
Sie mir meinen Fehler, werteste Freundin, wodurch unser Freund auch zum Irrtum
verleitet wurde. Ich werde mir die französische Unhöflichkeit abgewöhnen und den
Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen.
    Gott bewahre, rief seine Freundin, zwischen uns bleibt es beim Alten, aber
die Jugend muss anständig erzogen werden, meinen Sie das nicht auch? Freilich,
freilich, sagte Dübois lächelnd, und nicht wahr, mein Sohn, fuhr er, zu Gustav
gewendet, fort, Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen? Der
Jüngling neigte sich beistimmend, und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen
Gesellschaft zurück, die ohne weitere verdriessliche Störung ihre Mahlzeit
beendigte. -
 
                                       XI
Die schüchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel
Platz genommen und hielt sich ängstlich an der Seite ihrer Beschützerin Emilie.
Sie konnte ihre Blödigkeit nicht überwinden, und wagte weder zu essen noch ein
Wort zu sprechen, so gütig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde. Die
Gräfin bat am Ende, Jedermann möge sie ungestört lassen, weil diese Blödigkeit
nur durch die Zeit zu überwinden sei, wo sie sich dann von selbst verlieren
würde. Der Arzt fühlte sich gekränkt durch das ungeschickte Betragen seiner
Verwandtin und vermutlichen künftigen Braut; doch tröstete er sich mit dem
Gedanken, dass sie eigentlich noch ein Kind sei, dessen Fähigkeiten unter seiner
Leitung ausgebildet werden könnten.
    Der Obrist Talheim und seine Tochter, so wie der Prediger nahmen Teil an
dem Mittagsmahle, welches durch heitere, freundschaftliche Gespräche zu Mariens
Qual verlängert wurde, die erst dann wieder frei atmete, als man endlich die
Tafel aufhob.
    Emilie und Terese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den
Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf, sie zu begleiten.
Herzlich froh, aus dem Saale zu entkommen, schloss sie sich gern an, und Emilie
fragte, als sie in den dunkeln Baumgängen auf und ab gingen, weswegen sie denn
unter lauter wohlwollenden Freunden so ängstlich gewesen sei. Mein Herz war aus
grosser Ehrerbietung so beklommen, antwortete das unschuldige Kind. Der Graf
meint es gewiss gut mit Jedermann, aber er hat so vornehme Augen, dass mir bange
wurde, so oft er mich ansah; vor der Frau Gräfin fürchte ich mich schon weniger,
denn sie ist eine Frau, aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernstaft
aus und dann der alte Herr Obrist so majestätisch. Wie er hat gewiss der alte
König von Preussen ausgesehen, von dem er so viel spricht. Glauben Sie mir, ich
kam mir recht unverschämt vor, dass ich mich unterstand, mit allen den Herren zu
Tische zu sitzen, und ich weiss nicht, wesshalb sie alle den Herrn St. Julien so
zu lieben scheinen, denn der hat doch gewiss ein schlechtes Herz.
    Wie kommen Sie darauf? fragte Emilie überrascht.
    Bemerkten Sie denn nicht, erwiederte Marie, wie er immerfort meinen Herrn
Vetter, den Doktor, zum Besten hatte, und doch sagt er selbst, dass er ihm das
Leben gerettet hat.
    Aber können Sie denn läugnen, fragte Terese, dass der Doktor etwas sonderbar
in seinem Betragen ist?
    Ach! das verstehen Sie nicht, antwortete die Kleine empfindlich, das kommt
von der Gelehrsamkeit. Ich habe viele gelehrte Herren gesehen, die noch viel
sonderbarer sich betrugen, und mein seliger Vater selbst, der ein grosser Mann
war, wie alle Andern sagten, sah doch auch seltsam genug aus.
    Das müssen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen, sagte Emilie ein wenig
spöttisch; wenn er seinen Fehler einsieht, wird er ihn gewiss verbessern.
    Gott bewahre mich davor, mit dem Menschen zu sprechen, rief die Kleine
erschrocken. Er würde ja noch weit mehr Ursache finden, über mich zu spotten,
als über meinen armen Vetter.
    Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen, bemerkte Emilie. Und Sie kennen ihn
so wenig, fügte Terese hinzu, Sie wissen nicht, wie gut er ist, fragen Sie nur
Ihren Vetter selbst, ob er ihn nicht herzlich liebt.
    Das würde wenig beweisen, sagte die Kleine mit altkluger Miene. Meine Mutter
hat es tausend Mal gesagt, je grösser die Gelehrsamkeit der Herren ist, die sie
aus den Büchern haben, je einfältiger sind sie in der Welt, worin sie leben, und
deshalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken, wenn ihn Herr St. Julien
verspottet. Das sehe ich besser ein, wie er, ob ich gleich noch ein Kind bin,
wie meine Mutter sagt.
    Emilie und Terese lächelten über den Eifer ihrer jungen Gefährtin, mit
welchem sie den Arzt verteidigte, und waren sehr zufrieden, als die Töchter des
Predigers zum Besuch kamen, deren Alter mehr dazu geeignet war, dass sich die
noch sehr junge Marie ihnen anschliessen konnte. Sie verlor auch in deren
Gesellschaft bald die grosse Schüchternheit, und in jugendlicher Lust überliess
sie sich mit ihnen der Freude, und die jungen Mädchen liefen um die Wette,
versteckten sich in den Hecken und tobten als glückliche Kinder umher, während
die älteren Freundinnen viele ernstafte und hochwichtige Gegenstände mit
einander besprachen. Jede hatte der Andern vertraut, wie drückend die Einsamkeit
für sie sein würde, wenn nun die Freunde schieden, an deren Umgang sie sich so
gewöhnt hätten, und Jede fühlte recht wohl, welcher Kummer dann das Herz der
Andern erfüllen würde.
    Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabinet zurückgezogen, um ihm
auseinander zu setzen, was er für seinen Vetter zu tun gesonnen sei, um diesem
dadurch den Weg zu bahnen, sein Glück von Terese und ihrem würdidigen Vater zu
erbitten; denn obgleich die tiefe Leidenschaft des jungen Grafen so wenig, wie
die aufrichtige Neigung der schönen Terese den beobachtenden Freunden ein
Geheimnis sein konnte, so fand es der Graf doch schicklich, dem Obristen erst
seinen Plan vorzulegen, wie das häusliche Glück seines Verwandten gesichert
werden sollte, ehe dieser förmlich um die Hand der Geliebten anhielte.
    Der Obrist fand neue Ursache, die Grossmut seines Freundes zu bewundern, und
willigte im Voraus in das Glück seines Kindes.
    Der junge Graf und St. Julien waren zu Dübois hinunter gegangen, um ihren
Kapellmeister aufzusuchen, wie St. Julien den jungen Gustav nannte. Sie fanden
die Wittwe des Professors bei dem Haushofmeister; Beide sassen am Kaffeetische,
aber man sah, dass die Unterhaltung nicht heiter gewesen war, denn Beide hatten
viel geweint. So wie aber St. Julien eintrat, entfuhr ein Ausruf der
Verwunderund der ihre Tränen trocknenden Frau, und sie betrachtete mit
auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann, der denn auch seinerseits seine
Verwunderung hierüber nicht bergen konnte.
    Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige
Verbindung geschlossen, dass ihnen jede Förmlichkeit lästig wurde, und sie
nannten sich daher gewöhnlich bei ihrem Taufnamen; deshalb sagte auch jetzt der
junge Graf, nachdem Dübois seinen Pflegesohn gerufen hatte, wie er den jungen
Gustav nannte: Lass uns nun gehen, Adolph, um unsere Musik gehörig einzuüben.
    Heissen Sie Adolph? rief die Wittwe des Professors, indem sie mit Heftigkeit
aufsprang. Ja, erwiederte St. Julien, und ich denke, dies ist ein gewöhnlicher
Name, den ich führen darf, wie jeder Andere, ich begreife nicht, was darin
seltsam oder befremdend sein könnte. Die Wittwe des Professors hatte ihn während
dieser Rede starr angesehen, und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre Hände
zusammen und ihre Augen flossen in Tränen über. St. Julien kam auf den
Verdacht, dass sie an Geistesverwirrung litte, und sah Dübois befremdet an.
Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lächeln:
Meine werte Freundin und ich, wir haben so viele gute und kummervolle Stunden
mit einander verlebt, und es knüpfen sich für uns Beide teure Erinnerungen an
den Namen Adolph, die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewältigt haben,
deshalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen.
    Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen, sagte St. Julien, den Dübois
sichtliche Bewegung ernstaft machte. Sie haben mich nie mit Fragen belästigt,
und es ist nur billig, dass ich Ihre Bescheidenheit nachahme. Er reichte dem
alten Manne freundschaftlich die Hand, verbeugte sich gegen die Wittwe des
Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden.
    Als die Andern allein waren, sagte der Haushofmeister: Meine beste Freundin,
wir müssen behutsamer das Geheimnis der Gräfin zu bewahren suchen. Die
wehmütige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu mächtige Herrschaft
über uns geübt, und wir sind in unserer Betrübnis unvorsichtig gewesen.
    Das mag sein, erwiederte die Professorin, aber ich lasse es mir nicht
nehmen, der Herr St. Julien sieht dem seligen Herrn Blainville ähnlich, wie ein
Tropfen Wasser dem andern, und Gott weiss, wie das zusammenhängt. Unsern kleinen
Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter
dem linken Auge betrachtet, das hat nun der Herr St. Julien auch, und das ist
doch wunderbar genug.
    Aber liebe Freundin, sagte Dübois, ich habe Ihnen alle Verhältnisse des
Herrn St. Julien auseinander gesetzt. Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier
sein, um den Sohn abzuholen.
    Das kann sein, sagte die Wittwe des Professors, aber ich habe es öfter
gehört, dass, wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewährte, man sich ein
fremdes verschafft hat.
    Meine teure Freundin, welchen Gedanken erregen Sie in mir, rief Dübois in
freudiger Bestürzung.
    Ich werde hier bleiben, sagte die Professorin trotzig, bis die Frau Mutter
kommt. Ich werde sehen, wie das zusammenhängt, denn so ähnlich sieht ein Mensch
dem andern nicht durch Zufall.
    Sie zeigen mir eine Hoffnung, sagte Dübois, indem er die Hände seiner
Freundin zitternd fasste, die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte; aber um
Gottes Willen, lassen Sie uns der Gräfin nichts davon sagen; ich glaube, sie
würde sterben, wenn wir in ihr eine Vermutung erregten, die sich nur zu
wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird.
    Glauben Sie nur sicher, erwiederte die Wittwe des Professors, dass ich
schweigen kann, wenn ich will und wenn es mir nötig scheint. Ich rede nur, wo
ich es für gut halte, und meinen Schreck habe ich nun auch überstanden. Ich
werde jetzt auch mit dem Herrn St. Julien ganz ruhig reden können und werde
meine Zeit abwarten, wenn ich es für gut halte, hervorzutreten. Aber sagen Sie
mir doch, hat denn die grosse Aehnlichkeit die Gräfin auf gar keine Vermutung
geführt?
    Ich glaube wohl, erwiederte Dübois, dass sie beim ersten Anblicke des jungen
Mannes eine schwache Hoffnung hatte, aber da ja seine Mutter lebt, so musste sie
bald das Nichtige derselben erkennen.
    So sind die vornehmen Leute, grollte seine Freundin. Dass man ein Kind
stehlen kann, ist ihr gewiss noch gar nicht eingefallen. Nun ich betrachte es als
eine Fügung Gottes, dass ich hieher habe kommen müssen, und ich werde mir die
Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten, ehe der hinweg geht,
den ich für unsern kleinen Herrn halte.
    Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprüchen seiner
Freundin Hoffnungen zu nähren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur
Behutsamkeit und Vorsicht, und Beide beschlossen, weder dem Grafen noch seiner
Gemahlin das Geringste von ihren Vermutungen vor der Ankunft der Mutter des
jungen Mannes mitzuteilen, und dann ihr Betragen nach den Umständen
einzurichten.
    Während dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem Arzte in
dessen Zimmer, wo Beide, während sie eifrig Tabak rauchten, sich darin
vereinigten, das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln, der
Prediger aber dennoch dem Arzte riet, sich klüger und mit mehr Mässigung als
bisher gegen Beide zu benehmen. Der Doktor Lindbrecht wollte ausser sich
geraten, dass ein Geistlicher ihn, wie er es nannte, zur Falschheit ermahnen
wollte, da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen könne, ohne ihm seine
Verachtung zu zeigen, und keinen Verläumder, ohne ihn mit männlicher Kühnheit zu
widerlegen. Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewöhnlich gegen den Arzt, um ihm
überzeugend zu beweisen, dass dieses törichte Angreifen des jungen Lorenz nicht
allein für ihn selbst unangenehme Folgen haben würde, sondern auch leicht dem
Grafen nachteilig werden könne, so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im
Lande hätten und noch immer gewissermassen die Herren spielten. Sie hörten ja
selbst, schloss er, dass der elende Mensch, der junge Lorenz, sich wie mit einer
ehrenvollen Sache damit brüstete, dass er im Dienste eines französischen Generals
sei. Bedenken Sie, was daraus alles entstehen kann, wenn Sie in so offenbarer
Feindschaft mit ihm leben, dass Sie ihn angreifen, wo Sie ihn treffen.
    Der Arzt sah endlich die Notwendigkeit ein, die Glut seiner Seele zu
beherrschen, wie er sagte, und er hatte bald Gelegenheit, eine Probe seiner
Mässigung und Klugheit abzulegen.
    Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mühe auf die
Bahn der Klugheit geleitet hatte, begaben sich Beide nach dem
Gesellschaftssaale, wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden, noch in
erste Gespräche vertieft, die den Obristen, so schien es, lebhaft angeregt
hatten, denn er betrachtete mit Rührung sein schönes Kind, als Emilie mit ihrer
Freundin Terese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat, begleitet von Marie und
den Töchtern des Predigers, die sämmtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften
Spielen eintraten.
    Da die jungen Männer sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und
kurz darauf auch die Gräfin erschien, so konnte die Musik beginnen, worauf sich
heute St. Julien besonders freute, da er ein zärtliches Duett mit Emilie
vorzutragen hatte, welches auch glänzend gelang, weil die eigene Empfindung sich
den Tönen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimnis, welches sie sich
selbst noch nicht gestanden hatten, in fremde Worte gehüllt, schwebend auf
himmlischen Tönen, öffentlich bekannten.
    Es gibt wohl wenige Menschen, auf die Musik gar keinen Eindruck macht; auch
war nicht Einer in der Gesellschaft, der sie nicht auf seine Weise empfand, aber
doch war Niemand so davon ergriffen, als die Verwandte des Arztes. Die Wangen
des jungen Mädchens glühten und die grossen blauen Augen strebten vergeblich die
Tränen zurück zu halten, die zu ihrer Angst und Qual wie Tautropfen auf Rosen
glänzten.
    Emilie näherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig, denn alle
Schüchternheit, die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte, war
zurückgekehrt in der ernstaften vornehmen Gesellschaft. Macht Musik einen so
traurigen Eindruck auf Sie, fragte Emilie das junge Mädchen leise, dass Sie Ihre
Tränen nicht zurückhalten können?
    O! flüsterte Marie lebhaft und leise, ich habe niemals andern Gesang gehört,
als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Strasse, weil die Mutter
mich nirgends hingehen liess. In der Kirche habe ich auch so mitgesungen, wie
alle Andern, aber lieber Gott, was ist das für ein Unterschied! Wie Sie hier
sangen, war mir zu Mute, als ob der Himmel geöffnet wäre und die Engel von oben
herunter sängen. Ja gewiss, ich habe es schon heute bemerkt, hier sind alle
Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schloss und Garten, und die Menschen darin
leben, wie die Seligen im Paradiese; durch diese Mauern dringt keine Not, und
was Jammer und Schmerzen bedeuten, wissen Sie nicht.
    Emilie lächelte still. Sie dachte an die jammernden Gebete, die hier zum
Himmel aufgestiegen waren, an die in diesen Sälen verhallten Seufzer, an die
zahllosen Tränen, die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten, und
entfernte sich von Marie, um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur
Wehmut stimmen zu lassen.
    Die Stimmung der Gesellschaft veränderte sich, als ein Bote, den der Graf
nach der nächsten Stadt geschickt hatte, zurückkehrte und unter mehreren Briefen
auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte, worin ihm aufgetragen wurde, den
französischen Kapitain St. Julien ungesäumt vor den Kommandanten der Festung ***
zu stellen, die Bescheinigung, dass solches geschehen sei, der Behörde
einzuliefern und zugleich anzugeben, wesshalb er den besagten St. Julien bei sich
behalten und auf welche Autorität, statt ihn den Behörden einzuliefern.
    Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit, die noch eben die Gesellschaft
belebt hatte, denn es mahnte ernstaft an die nahe Trennung, und rief ausserdem
manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor, was sich Jeder gern zu verhüllen
bestrebt hatte. Die Männer vereinigten sich, um zu beraten, was nun geschehen
müsse, und indem Alles überlegt wurde, erkannte der Graf von Neuem, wie vielen
Dank er dem Prediger schuldig sei, der damals schon, als St. Julien leblos in
das Haus des Grafen gebracht wurde, mit Besonnenheit und Genauigkeit dafür
gesorgt hatte, dass man gehörig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte.
Es wurde nach ernstafter Beratung beschlossen, dass gleich des anderen Tages
St. Julien nach der Festung *** abreisen solle, begleitet von dem Grafen und dem
Arzte, von dem Ersten, damit die für die preussische Behörde erforderliche
Bescheinigung nicht verweigert würde, und von dem Zweiten, damit erforderlichen
Falls ein Zeugnis abgelegt werden könne, durch welches der junge Mann
gerechtfertigt würde, so dass sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu
seinem Nachteil für eine willkührliche Handlung ausgegeben werden könnte.
Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben, sagte der
Prediger, dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein, die wir machten,
um anzuzeigen, wie ein französischer Offizier verwundet im Walde gefunden worden
sei, nebst dem Zeugnisse der Aerzte über seinen gefährlichen Zustand und dem
Bescheide der Behörde, dass besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben
könne, bis weiter über ihn verfügt würde, und so sind alle Unannehmlichkeiten
vermieden. Der Graf sah dies wohl ein, und sein Blick trübte sich, nicht aus
Besorgnis vor Unannehmlichkeiten, wie der Prediger zu glauben schien, sondern er
verdüsterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung. Er
reichte St. Julien die Hand, die dieser zärtlich drückte, indem er schweigend
die grossen dunkeln Augen abwendete, die überzuströmen drohten.
    Gustav näherte sich dem jungen Grafen, der sich still und sinnend an eine
Fenstervertiefung lehnte, und dessen umwölkte Stirn zeigte, dass noch andere
Gedanken sein Gemüt bewegten, und nicht allein die nahe Trennung. Emilie war
blass geworden und hatte mit der Gräfin den Saal verlassen. Der Arzt war, nachdem
er vernommen hatte, dass sein Zeugnis bei dem französischen Generale vielleicht
nötig sein würde, im Gefühle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen
Schritten im Saale auf und abgegangen, und zog sich nun in sein Zimmer zurück,
einen weitläuftigen Krankenbericht aufzusetzen, den er dem Kommandanten der
Festung *** vorzulegen gedachte, um ihn zu belehren, wie gründlich und
vollkommen nach den Regeln der Kunst St. Juliens Wunden geheilt worden wären.
    So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und
kehrte auch nicht für diesen Abend zurück, als man sich von Neuem vereinigte.
Jeder fühlte das Bedürfnis, sich ungestört seinen Gedanken zu überlassen, und
man trennte sich deshalb früher als gewöhnlich.
    Der Graf und St. Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach
der Festung *** abgereist, und der junge Graf, der sie zu Pferde eine Strecke
begleitet hatte, war zurückgekehrt, und wandelte einsam und traurig in den
dunkeln Baumgängen des Gartens. Sein Schützling und Freund, der junge Gustav,
hatte sich zu ihm gesellt, und suchte ängstlich und schweigend aus den trüben
Blicken seines Beschützers dessen Kummer zu erraten. Endlich brach der Graf
Robert das Schweigen, indem er sagte: Bald wird nun hier alles auseinander
gehen, was sich so schön zusammen gefunden hat, und auch von Dir, mein guter
Junge, muss ich mich nun bald trennen.
    Sie haben es selbst gewollt, erwiederte der Jüngling schüchtern, ich wäre
gern bei Ihnen geblieben.
    Das wäre eine Torheit gewesen, versetzte der junge Graf. Dein eigenes
Bestes fordert die Trennung, Du musst Deine Studien vollenden. Aber vergiss nur
über Deinen Studien nicht, dass Du ein Vaterland hast, denke daran, dass Dein
König Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf, und dass es die erste und edelste
Pflicht aller Männer jedes Standes ist, ihrem Vaterlande ihren Arm zu leihen,
wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedürfen sollte; kurz, gedenke aller unserer
Gespräche, die wir führten, wenn wir unser Vaterland beweinten, aber gedenke
ihrer in Deinem verschwiegenen Innern und lasse Dich nicht verleiten, Knaben zu
vertrauen, worüber sich nur Männer beraten sollen. Lasse Dich nicht dadurch
täuschen, dass Du vielleicht denkst, ich habe ja doch auch manches Ernste mit Dir
besprochen, ohne Deine Jugend als Hindernis zu betrachten. Dich hat ein hartes
Schicksal erzogen und Dich frühe gereift; Deine Seele ist männlich geworden,
obwohl Du noch ein Jüngling bist.
    Ich werde gewiss alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren, erwiederte der
Jüngling, und gewiss nicht der letzte sein, der, wenn es gilt, dem Vaterlande
seine Dienste anbietet. Ich habe den Krieg in der Nähe gesehen, ich habe alle
Leiden erfahren, die er herbei führen kann, und ich bin eben darum meiner um so
gewisser, wenn es einmal dazu kommt; denn mich kann nichts Unerwartetes
erschrecken und entmutigen, und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine
Seele verwirren, und dennoch, wenn ich hier in diesen Baumgängen friedlich mit
Herrn St. Julien auf und abgehe, so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von
ihm, dass er zu unsern Feinden gehört, und heute hat es mich recht mit Kummer
erfüllt, dass er nun zu seinen Fahnen zurückkehrt.
    Die Ehre gebietet es, antwortete der Graf finster, er kann nicht anders.
Aber, sagte der junge Mensch ängstlich, indem er den Arm des Grafen heftig
drückte, ohne es zu wissen, wenn uns nun dieser gute, freundliche St. Julien,
der uns beide liebt, der mich selbst die Waffen brauchen lehrt, ein Mal
feindlich gegenüber steht, ist es nicht wie ein Brudermord, wenn wir unser
Schwerdt auf seine Brust richten?
    Gott wird solch Zusammentreffen verhüten, sagte der Graf abgewendet. Wenn es
aber doch geschähe, fragte der Jüngling dringend, was wäre in solchem
schrecklichen Falle unsere Pflicht?
    Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden, sagte der Graf, wenn es
irgend möglich ist, ohne unsere Sache zu verraten.
    Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschütz ihn niederschmettern und das
Unglück erfahren, wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten? fragte der
junge Mensch mit bewegter Stimme.
    Dann beweinen wir einen gefallenen Freund, sagte der Graf mit
hervorbrechendem Schmerz. Was quälst Du mich mit diesen Vorstellungen? Das ist
es ja eben, was meine Seele ängstigt; ich habe diesen Menschen wie einen Bruder
lieben gelernt. Ich sehe es ja, welche Bande ihn an dies Haus fesseln werden,
und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehören und das Schicksal fügt
vielleicht einmal das Grässlichste. Doch, fuhr er nach einigem Besinnen fort,
diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne, dass es töricht ist, sich
diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben.
    Als die Reise des Grafen und St. Juliens den Abend vorher beschlossen wurde,
hatte die Gräfin den Obristen gebeten, mit seiner Tochter auf Schloss Hohental
bis zur Rückkehr der Herren zu verweilen, und dieser hatte gern ihren Wunsch
erfüllt, und Terese verliess am andern Morgen Emiliens Zimmer, wo sie die Nacht
zugebracht, indem ihre Freundin sich zur Gräfin begab, und wollte ungestört im
Garten sich ihren Träumen und Hoffnungen überlassen, denn der alte Obrist liebte
sein einziges Kind zu sehr, als dass er ihr seine Unterredung mit dem Grafen
hätte verschweigen können. Sie wandelte sinnend, ein milder Ernst ruhte auf der
schönen gesenkten Stirn und ein halb wehmütiges Lächeln umschwebte die wie
Purpurrosen glühenden Lippen. Vertieft in Gedanken, hatte sie nicht auf ihren
Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt, so dass plötzlich der Graf Robert und
sein junger Freund vor ihr standen. Eine glühende Röte bedeckte beim Anblick
des Grafen das edle, ausdrucksvolle Gesicht, und der Zauber der Schönheit, die
ihm nie so reizend erschienen war, fesselte die Zunge des liebenden Mannes. Der
Jüngling Gustav zog sich nach den ersten Begrüssungen zurück, und Terese war
allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel, der herbstlich mild sich über
ihnen wölbte. Der Graf fand endlich Worte, die lang gehegte innige Zärtlichkeit
seines Herzens zu entüllen, und Teresens Seele war zu einfach, das Gefühl in
ihrem Busen zu rein und edel, als dass sie es dem Freunde hätte verbergen mögen;
aber dennoch versagten ihr die Lippen, als sie nach Worten suchte. Die schönen
braunen Augen füllten sich mit Tränen und blickten mit so tiefer, rührender
Zärtlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes, dass er die holde Antwort
verstand und das liebliche Geschöpf, von seliger Freude trunken, in seine Arme
schloss. Er drückte einen Kuss auf den rosigen, lebenswarmen, unentweihten Mund,
und indem ihn die Schauer des Entzückens durchbebten, erschrak die unschuldige
Jungfrau vor dem neuen, unbekannten Gefühl und entwand sich sanft den
umschlingenden Armen.
    Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden, und führte die Geliebte
zum greisen Vater und bat hier um die Bestätigung seines Glücks. Der Obrist
erhob die Hände dankend zum Himmel und flehte mit lautem, freudigem Gebet um
Segen für seine geliebten Kinder.
    Es waren die Minuten des reinsten Entzückens entschwunden, in denen der
Mensch, in höheren Empfindungen lebend, sich selbst und die Gegenwart vergisst.
Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein, und indem die irdischen Verhältnisse
wieder mit Klarheit hervortraten, wurden die Freunde an die Pflichten gegen
diejenigen gemahnt, deren Grossmut ihr Glück erst möglich machte. Der Obrist
führte seine Kinder selbst zur Gräfin, die er mit Emilien im Saale antraf, und
machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt. Er hatte dies mit Ruhe und Würde
tun wollen, aber ihn bewältigte die Rührung und die Tränen flossen über die
vom Alter gefurchten Wangen. Ihnen und Ihrem edeln Gemahl, schloss er, danke ich
die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Glück meines Kindes. Er wollte
nach diesen Worten die Hand der Gräfin küssen, sie aber entzog sie ihm, um ihn
gerührt und ehrerbietig zu umarmen. Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr
Gefühl, sagte sie, und ich bin Ihnen Dank schuldig. Ich habe meinen Vater so
früh verloren, dass mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter
niemals empfand, bis ich sie, indem ich Ihr Wohlwollen erkannte, fühlen lernte.
    Emilie neigte sich glückwünschend gegen den jungen Grafen und drückte mit
inniger Liebe ihre Freundin an die Brust, und es durchzitterte ihren Busen ein
so wehmütiges Gefühl, indem sie die junge, glückliche Braut in ihren Armen
hielt, dass sie den Saal verliess, sobald es, ohne auffallend zu sein, geschehen
konnte, um in der Einsamkeit ein Gefühl zu überwinden, das sie um so mehr
ängstigte, weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien.
    Als sie allein war, schien es ihr, als ob ein Schleier von ihrem inneren
Auge hinweggehoben sei. Sie erkannte nun mit Klarheit, was ihre dunkle Sehnsucht
schon lange angedeutet hatte. Das Leben ohne St. Julien schien ihr trübe und
öde, und mit unaussprechlicher Trauer musste sie sich eingestehen, dass die
nächste Zukunft ihr das Gestirn entrücken würde, das, ihr unbewusst, ihr die Bahn
des Lebens bezeichnet hatte. Früh gewöhnt indes, die Schmerzen der Seele zu
besiegen, kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurück, und ihre Stirn
erschien so heiter, dass Niemand als die Gräfin den Kummer ahnte, den ihre junge
Brust verschloss.
 
                                      XII
Die Reisenden hatten, um nach der Festung *** zu gelangen, mehr als eine
Tagereise zurückzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den
folgenden Morgen. Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche
Kleider geworfen hatten, begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten. Im
Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen, die alle vorgelassen sein wollten,
wie es dem Grafen schien. Ein Kammerdiener stand an der Türe, und der Graf
näherte sich ihm und bat, indem er seinen Namen nannte, ihn zu melden. Der
Kammerdiener neigte sich höflich, indem er nach einem jungen Manne blickte, der
in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach. Des Grafen Augen folgten
dem Blicke und er erkannte ohne Mühe den schwarz gekleideten jungen Mann, den er
schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte, als er den Obristen
Talheim aus unwürdigen Verhältnissen erlöste. Ohne Verlegenheit näherte sich
der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene, und des Arztes blitzende
Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz. Ein
Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mühe unterdrückt, denn zur rechten Zeit
fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein, und er beschloss nun
mit philosophischer Standhaftigkeit und männlicher Würde die Nähe eines Schurken
zu ertragen. Der junge Lorenz näherte sich, ohne den Arzt weiter zu beachten,
mit ruhiger, kalter Höflichkeit dem Grafen und fragte, ob ein dringendes
Geschäft ihn zum Kommandanten führe, da er nur in diesem Falle gemeldet werden
dürfe, weil seine Excellenz sehr beschäftigt sei.
    Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhältnisse in der mit
unverschämter Höflichkeit gestellten Frage, dass der Graf so gut wie der Arzt
gezwungen war, sich zu beherrschen, um sich nicht durch einen Menschen verletzt
zu zeigen, der dessen unwert schien. Jener antwortete also mit Kälte, dass er
darum ersuchen müsse, ihn gleich zu melden, weil es allerdings dringend nötig
sei, dass er seine Excellenz, den Herrn Kommandanten, spräche. Der junge Lorenz
verliess ihn, wie es dem Grafen schien, mit einer spöttischen Verbeugung, die
sehr kalt erwiedert wurde, und verschwand durch die Türe, die zu dem
Kommandanten zu führen schien.
    Wenn die Türe geöffnet wurde, erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu
werden, aber so oft einer, der Gehör gefunden hatte, das Kabinet des
Kommandanten verliess, wurde ein anderer der Harrenden eingeführt, und den Grafen
und seine Begleiter schien Niemand zu beachten. Der junge Lorenz erschien wieder
im Vorsaale und ging an dem Grafen vorüber, ohne ihn anzureden, und dieser
konnte sich nicht überwinden, seine Verwendung noch ein Mal zu fordern. Er
erstaunte über sich selbst, sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines
französischen Generals zu finden, und nur die Liebe, welche er für St. Julien
empfand, konnte ihn bestimmen, das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu
erwarten.
    St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen, um einen Offizier zu erblicken,
an den man sich wenden könne, aber nur Personen, die wie Kaufleute und
Handwerker aussahen, waren als Bittende im Vorsaale, und der Kammerdiener an der
Tür, dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet
waren, so oft ein neuer Bittender in das Heiligtum drang.
    Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen und sagte mit grosser
Geringschätzung: Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben, so tun
Sie am Besten, mir Ihre Mitteilung zu machen, denn der Herr General wird sich
schwerlich mit Ihnen einlassen, und auch gegen mich, bitte ich, sich kurz zu
fassen, denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hören.
    Wer sind Sie denn eigentlich hier, fragte der Arzt mit unterdrücktem Grimme,
dass Sie sich in die Geschäfte des Herrn Generals mischen wollen? Es gehört eine
grosse Beschränkteit des Geistes dazu, sagte Lorenz mit grosser Ruhe, es nicht
ohne Frage einzusehen, dass ich hier angestellt bin; aber Sie werden doch nicht
in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein, um es nun nicht zu begreifen, dass
ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen.
    Es war klar, dass Lorenz, der verschiedene Male von dem Arzte war schnöde
behandelt worden, ohne es rächen zu können, jetzt ihn veranlassen wollte, in der
Heftigkeit, die ihm eigen war, sich zu vergessen und ungebührlich laut im
Vorsaal des Generals zu werden. Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in
so ernstafte Unannehmlichkeiten zu verwickeln, dass er alle empfangenen
Beleidigungen auf ein Mal rächen könnte. Der Graf sah den Kunstgriff gelingen
und wusste nicht gleich, wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte,
denn wenn er sich selbst entschloss, sich in das Gespräch der Beiden zu mischen,
so konnte er nicht wissen, ob der Übermut des jungen Lorenz nicht so weit
gehen würde, auch ihn zu beleidigen, und er fühlte, dass es seiner gleich
unwürdig sei, eine Beleidigung dieses Menschen zu rügen, wie zu ertragen. Alle
diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzesschnelle durch den Geist
des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt, der kampffertig da stand, mit
glühenden Wangen und halb zugedrückten blitzenden Augen. Nur eines Wortes hätte
es noch bedurft und seine Brust hätte sich ohne Rücksicht des furchtbaren Zornes
entladen; da rettete ihn ein Zufall, den er oftmals während des Laufes seines
Lebens segnete.
    Die Türe wurde geöffnet, und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte
französisch: Der Herr General kann heute Niemand mehr hören, da andere Geschäfte
seine Zeit in Anspruch nehmen, und Wer noch etwas vorzutragen hat, mag morgen um
dieselbe Stunde wieder erscheinen. Sagen Sie das deutsch, Herr Sekretair, fuhr
er zu Lorenz gewandt fort, für diejenigen, die nicht französisch verstehen.
    Mit einem boshaften Blick auf den Arzt, wiederholte Lorenz, nachdrücklich
betonend, die Worte des Adjudanten, und die noch im Saale gewartet hatten,
verliessen ihn missmütig, und Lorenz hatte die Unverschämteit, mit eimem
Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen, so dass sein Blick zu fragen
schien, was ihn nach dieser Erklärung noch bestimmen könne, zu verweilen.
    Der Graf, auf's Äusserste darüber empört, sich auf diese demütigende Weise
abgewiesen zu sehen, wollte eben den Adjudanten anreden, zu dem auch schon St.
Julien treten wollte, als die Flügeltüre geöffnet wurde und der Kommandant, von
einigen Adjudanten begleitet, heraustrat. Der Graf, mit all der natürlichen
Würde, die ihm eigen war, und mit der Höflichkeit der Gebehrden, die durch die
Erziehung und das Leben in der grossen Welt erworben wird, trat dem Kommandanten
entgegen und sagte: Mein Herr General, wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt, so
bitte ich Sie, mir, dem Grafen Hohental, und dem Kapitän St. Julien noch einen
Augenblick Gehör zu verleihen.
    Der General verbeugte sich verbindlich und fragte, zu dem Kammerdiener
gewendet: Wesshalb sind die Herren nicht gemeldet? Der Kammerdiener deutete stumm
auf Lorenz, und dieser sagte ohne alle Verlegenheit: Da Ew. Excellenz befohlen
haben, die Personen nach der Reihefolge, wie sie gekommen sind, vorzulassen, und
der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam, so glaubte ich keine Ausnahme
machen zu dürfen. Es ist gut, sagte der General kurz; ich hatte Ihnen befohlen,
vorläufig die Vorträge derer zu hören, die nicht französisch verstehen, um Zeit
zu ersparen. Vergessen Sie nicht, dass dies Ihr Hauptgeschäft ist. Er lud hierauf
den Grafen und St. Julien ein, ihm in sein Kabinet zu folgen, und der Arzt
schloss sich uneingeladen an, indem er einen triumphirenden Blick auf seinen
Feind Lorenz schoss.
    Mit ächt französischer Höflichkeit wurde das Geschäft behandelt. St. Julien
fand nicht die Schwierigkeiten, die er befürchtet hatte. Er erhielt als
dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate, um seine
Gesundheit zu befestigen, wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte. Der Graf
empfing die für seine Behörde wichtige Bescheinigung, und der General dankte ihm
verbindlich, dass seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten
habe, den er damals, als er sich seiner angenommen, doch als einen Feind hätte
betrachten müssen. Der Graf erwiederte, dass er überzeugt sei, ein französischer
Krieger würde in ähnlichen Fällen eben so handeln und in dem leidenden Menschen
keinen Feind erblicken. Wenn aber die Rettung des Kapitäns, fuhr er fort, als
ein Verdienst anerkannt werden muss, so darf ich mir dies nicht anmassen, denn
mein Beistand würde ihn kaum einige Stunden erhalten haben. Dass er lebt und
blühend vor uns steht, haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des
Herrn Doktor Lindbrecht zu danken. Der Graf erwähnte aus Mitleid das Verdienst
des Arztes, denn dieser stand seitwärts und drückte mit grosser Verlegenheit sein
ansehnliches Manuskript an die Brust, welches er in der Nacht ausgearbeitet
hatte, um dem Kommandanten eine Uebersicht davon zu verschaffen, auf welche
Weise die Heilung St. Juliens bewerkstelligt worden sei. Er hatte dies
Manuskript im Busen, um es auf den ersten Wink vorzulegen, und nun richtete
Niemand eine Frage an ihn, kein Mensch kümmerte sich um ihn und er hatte alle
seine Philosophie nötig, um diese Vernachlässigung des Verdienstes mit Anstand
zu ertragen.
    Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte, die sein Herz
einigermassen erquickten, und entschuldigte sich gegen den Grafen, dass ihm seine
Zeit für jetzt nicht erlaube, das Vergnügen seiner Gesellschaft länger zu
geniessen, er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen. Der
Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an, und Alle verliessen das
Kabinet des Generals, und indem sie den Vorsaal betraten, in welchem Lorenz noch
auf und ab ging, nahmen alle drei Abschied vom General, der seine Einladung
wiederholte und sagte: Ich hoffe, mein Herr Doktor, dass Sie den Herrn Grafen
begleiten werden. Ein Sonnenschein triumphirender Genugtuung verbreitete sich
über des Arztes Gesicht, und nachdem er sich tief vor dem Generale gebückt
hatte, sah er seitwärts nach Lorenz, ohne ihn zu grüssen, und ging wie ein
siegender Held hinweg.
    Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl
bei dem Kommandanten ein. Der Graf sowohl, als der General fühlten, dass eine
freundschaftliche Annäherung unmöglich sei, denn obgleich der Friede geschlossen
war und die Franzosen nun als Freunde in Preussen zu stehen behaupteten, so
konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen, dass der Druck, den
sie fortwährend auf das Land ausübten, sie den Preussen nicht als solche zeigen
konnte. Auch das eigne ritterliche Gefühl sagte den bessern Franzosen, dass die
Preussen, nach den grossen Demütigungen, die sie erlitten, sich nicht eher
aufrichtig mit ihnen versöhnen könnten, bis die Schmach wieder getilgt wäre. Es
war also natürlich, dass der Graf und der General nur über sehr allgemeine
Gegenstände sprachen, und sich nur so weit näherten, wie es Männern von Welt die
Sitte gebietet. Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden
Gesellschaft und sein schroffes, seltsames Betragen wurde hier noch
auffallender, als unter schonenden Freunden; auch tadelte er sich innerlich, dass
er, ohne dass die Pflicht es gebot, an einer Gesellschaft Anteil nahm, deren
Dasein schon sein patriotisches Gefühl verletzte, und er würde vielleicht den
Grafen gar nicht begleitet haben, wenn er nicht seinen Feind Lorenz hätte
demütigen wollen, der am Ende der Tafel sass, wohin der Arzt nun von Zeit zu
Zeit übermütige Blicke richtete. Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch. Er
besorgte nämlich, St. Julien werde, wie er es sich unter Freunden erlaubte, ihn
auch hier zum Gegenstande des Scherzes machen, und er wusste nicht, wie er dann
seine Fassung behaupten sollte; doch sah er zu seiner grossen Freude bald, wie
ungegründet diese Besorgnis war. St. Julien behandelte ihn hier unter Fremden
mit der ernstaftesten Achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel
gegenwärtigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit darüber, wie er dem Eifer, der
Geschicklichkeit und der unermüdlichen, uneigennützigen Sorgfalt seines Arztes
und Freundes sein Dasein verdanke. Dies war genug, um die lebhaften Franzosen
seine seltsamen Manieren vergessen zu machen, und sie überschütteten den Arzt
mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafür, dass er ihnen einen braven
Kameraden erhalten habe. Der überglückliche Arzt bewegte sich heftig hin und her
auf seinem Stuhle, um nach allen Richtungen hin, über seine erfüllte Pflicht
sprechend, für das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken. Erstaunt war er aber, dass
die Franzosen sein Französisch grösstenteils nicht verstanden, und dass es ihnen
St. Julien oft wie eine fremde Sprache übersetzen musste, und zum ersten Male kam
er auf die Vermutung, dass es nicht Anmassung und Eigensinn sein möchte, wie er
früher glaubte, wenn ihm Dübois Winke über seine Aussprache des Französischen
gegeben und zuletzt, da er sie nicht beachtet, nur immer Deutsch mit ihm geredet
hatte.
    St. Julien schien bei dem Anblick französischer Uniformen und Feldzeichen
alle andern Verhältnisse vergessen zu haben. Mit Begeisterung erfüllten ihn die
Berichte von Schlachten und Siegen, an denen seine Tischgenossen Teil genommen
hatten, und er seufzte über die Untätigkeit, zu der er selbst indes durch seine
gefährliche Verwundung war gezwungen worden. Er fragte nach manchen von seinen
Bekannten und Kameraden, und wenn er auch von vielen hörte, dass sie in den
Schlachten geblieben waren, in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte, so
hatten doch auch andere militärischen Rang und Ehren erkämpft, während sein
eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb, und er betrachtete mit einer Art von Neid
ihr Loos.
    Als das Gespräch schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit über alle diese
Gegenstände geführt worden war, sagte einer der Adjudanten zu St. Julien: Da Sie
doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Teilnahme
erkundigen, so wundert es mich, dass Sie gar nicht an die drei Brüder Lambertis
denken, die doch beinah Ihr Geschick geteilt hätten.
    Was ist aus ihnen geworden? fragte St. Julien mit grosser Bewegung. Der
älteste, erwiederte der Adjudant, ist in der Schlacht bei Friedland geblieben,
der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen, und den jüngsten, der
bei Friedland einen Arm verloren hat, habe ich vor einigen Monaten in Berlin
gesprochen; er hatte die Absicht nach Paris zu gehen. Mit seiner Gesundheit aber
stand es in Folge seiner gefährlichen Verwundung noch so schlecht, dass er bei
meiner Abreise noch in Berlin bleiben musste, um sich einigermassen zu erholen,
ehe er die weite Reise unternehmen konnte. Er teilte mir auch Ihr unglückliches
Ende mit, denn er hielt Sie für todt.
    Und was sagte er darüber, fragte St. Julien mit grosser Spannung. Er erzählte
mir, sagte der Adjudant, dass Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in
heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht, darauf des andern Morgens
etwas spät mit ihnen ausgeritten wären, und um an dem gegebenen Sammelplatze
wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu können, hätten Sie
einen Führer angenommen, der Sie auf kürzeren Wegen durch das Gebirge zu führen
versprochen habe. Dieser aber sei ein Verräter gewesen, denn er habe Sie
gänzlich vom Wege abgeleitet, und endlich wären Sie in der Einöde eines sich
weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preussischer Truppen
gestossen, bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei. Von den
Preussen angegriffen, hätten Sie, teurer St. Julien, nach der tapfersten
Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen müssen, und auch Ihre Freunde, die
Lambertis, wären nahe daran gewesen, Ihr Loos zu teilen, weil sie sich, aus
mehreren Wunden blutend, schon ermattet gefühlt hätten, als Hörnertöne aus der
Ferne das feindliche Detachement vermutlich zu seinem Regimente riefen, denn
ohne sich um den Todten zu bekümmern und ohne die Lebenden weiter zu bekämpfen,
wären die Feinde so eilig als möglich davon gesprengt, und den Lambertis blieb
nichts übrig, als ihren gefallenen Freund zu beweinen. Der jüngste Lamberti
hatte Ihre Uhr, Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen, um bei seiner
Rückkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem
unglücklichen Ende eines geliebten Sohnes zu überreichen.
    Es ist ein Glück, sagte St. Julien mit sehr bewegter Stimme, dass meine Muter
anders unterrichtet ist und also, wenn der teilnehmende Bote die Zeichen meines
Todes überreicht, nicht so heftig erschüttert werden kann, wie er vermutlich
erwartet.
    Und verhält es sich so mit der Geschichte Ihres Unglücks, wie eben erzählt
wurde? fragte der General.
    Alles verhält sich so, erwiederte St. Julien, der mit grosser Anstrengung
seine Fassung zu behaupten strebte. Der Graf hatte während dieses Gesprächs St.
Julien aufmerksam beobachtet, und ihm entging es nicht, wie gewaltsam dieser
sein Gefühl niederkämpfte. Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des
junges Mannes denen des Grafen, und eine dunkle Röte bedeckte augenblicklich
sein Gesicht, wodurch der Letztere überzeugt wurde, die Sache verhalte sich
anders.
    Sie lebten in grosser Vertraulichkeit mit den Lambertis, begann der Adjudant
von Neuem. Ich glaube, Sie sind sogar verwandt.
    Weitläuftig, sehr entfernt, erwiederte St. Julien kurz, um das Gespräch zu
endigen.
    Die Lambertis sind aber Italiener, sagte der Adjudant.
    Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin, erwiederte der junge Mann,
und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter
den gebührenden Dank für ihre Teilnahme an meinem unglücklichen Ende
abzustatten.
    Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu
glauben, dass St. Julien über seine beinah tödtliche Verwundung darum ein
hartnäckiges Stillschweigen beobachtet hatte, um nicht Gräuel und Verbrechen
seiner eigenen Familie zu entüllen. Er suchte ihn also auch jetzt von der
unangenehmen Notwendigkeit zu erlösen, noch mehr über diesen Gegenstand zu
sprechen, und gab der Unterhaltung durch einige zweckmässige Fragen eine andere
Richtung.
    Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich. Es war
leicht zu bemerken, dass St. Juliens natürliche Heiterkeit ihn verlassen und
einem trüben, ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte. Der Graf fühlte sich
erleichtert, als er, im Gastofe angekommen, die nötigen Befehle geben konnte,
um die Rückreise nach Schloss Hohental anzutreten, denn der Aufentalt unter
französischen Kriegern, umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen, beklemmte
seine Brust, und ihn verwundete tief, was St. Julien in Entzücken versetzt
hatte. Beide gaben sich also aus verschiedenen Gründen einem schwermütigen
Sinnen hin. Nur der Arzt war vollkommen heiter; er hatte den vollständigsten
Sieg über seinen Feind Lorenz davon getragen, der an der Tafel des Kommandanten
wenig war beachtet worden, während er selbst, nach seiner Meinung, die grössten
Auszeichnungen genossen hatte. Er war auch der erste, der Neigung zeigte, ein
Gespräch anzufangen, als sie die Festung hinter sich hatten. Ich hätte nicht
gedacht, begann der Arzt seine Rede, dass die Franzosen so höflich und
liebenswürdig sein könnten, wie ich sie heute gefunden habe, und wenn sie den
Übermut aufgeben wollten, alle anderen Völker zu beherrschen, so würde ich
mich nicht weigern, sie als Kinder der civilisirten Welt, als Brüder in der
grossen europäischen Familie zu betrachten.
    Der Graf musste bemerken, dass die letzte Unterhaltung an der Tafel des
Kommandanten der Festung *** einen tiefen Schatten in St. Juliens Seele gesenkt
hatte, da selbst diese Äusserung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es
dem Grafen überliess, eine Antwort darauf zu geben, dessen Stimmung ebenfalls
nicht heiter genug war, um in alle Ansichten des Arztes einzugehen. Es wurden
also ziemlich stumm die ersten Meilen zurückgelegt. Je mehr sie sich aber Schloss
Hohental näherten, um so lebhafter fühlte St. Julien das Glück, noch zwei
Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu dürfen, und die Lebhaftigkeit
des Geistes, der Frohsinn der Jugend waren zurückgekehrt, noch ehe der Wagen
durch das Tor des Schlosses rollte.
    Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen, und wie einen neu gewonnenen
Freund schloss er mit grosser Freude St. Julien in die Arme, denn er hatte
innerlich gefürchtet, der Kommandant der Festung *** würde Schwierigkeiten
machen, die Rückkehr zu erlauben, und vielleicht darauf bestehen, dass St. Julien
sogleich zu seinem Regiment abreisen solle. Die Gräfin bewillkommnete ihn mit
sichtbarer Rührung, und Emilie, die halb hinter derselben verborgen stand,
sendete einen Blick zärtlicher, seliger Freude zu ihm hinüber, der ihm das Herz
in seinen Tiefen bewegte, und ihm schien es, als ob er jetzt es zum ersten Male
wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfände, wie wahr und innig er in
diesem Hause geliebt sei, wo ihn die zartesten Bande umschlossen.
    Als die ersten freudigen Begrüssungen vorüber waren, wollte der Graf den
Frauen erzählen, wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfüllt habe, aber
ehe er noch seinen Bericht begann, erschien der Prediger, der es wusste, dass die
Freunde diesen Abend zurück erwartet würden, um so bald als möglich zu hören,
wie es bei dem feindlichen General gelungen, und zu sehen, ob St. Julien
wirklich wieder zurückgekehrt sei, woran auch er, wie der Graf Robert,
gezweifelt hatte. Die Freude und die Glückwünsche wurden bei seinem Eintritte
erneuert, aber er selbst kürzte sie gern ab, um zu erfahren, was der Graf über
seinen kurzen Aufentalt in der Festung *** mitteilen würde. Dieser konnte
natürlich nur die Höflichkeit und Gefälligkeit des Kommandanten rühmen, der
ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude gewährt hatte, St. Julien noch zwei
Monate bei sich zu sehen, und zwar ohne Nachteil für den jungen Mann. Zwei
Monate schienen den jungen Leuten eine beträchtliche Zeit, und ein unbewusst
schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren
Willen diese Meinung aus, und erregte in jedem ein tröstliches Gefühl. Der Graf
erzählte dem Prediger die merkwürdige Ungezogenheit des jungen Lorenz, und
dieser rief höchst entrüstet: So werden Sie doch dem Vater dieses übermütigen
Menschen die Pension nicht länger zahlen, die er von Ihnen zieht?
    Und wie hinge das, was ich dem Vater versprochen habe, mit dem Betragen des
Sohnes zusammen? fragte der Graf.
    Glauben Sie denn, dass er weniger schlecht und undankbar ist, als der Sohn,
erwiederte der Prediger; glauben Sie, dass er Ihre Unterstützung im Mindesten
verdient oder auch jetzt nur bedarf?
    Sie haben gewiss Recht, antwortete der Graf, und ich bin ganz Ihrer Meinung.
Auch gestehe ich Ihnen, hätte ich diese unwürdige Familie bei meiner Ankunft
gekannt, so wie ich sie jetzt kenne, dass dann meine Unterstützung wenigstens
nicht so bedeutend ausgefallen sein würde, trotz der langen Dienstjahre, die der
Alte geltend macht. Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntnis mein Wort
einmal gegeben habe, so kann ich mich nicht wieder zurückziehen, obwohl ich
einsehe, dass der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat, wie er
sich rühmt, als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten
lassen, ohne Nutzen zu stiften, und gewiss hätte er dafür keine Belohnung
verdient; aber, wie gesagt, die Sache lässt sich nun nicht mehr ändern und wir
müssen uns darein ergeben.
    Es ist aber ärgerlich, sagte der Pfarrer, dem noch Wohltaten zuwenden zu
sehen, der jetzt wieder mit Übermut wie ein reicher Mann unter uns auftritt.
Er hat das kleine Gut Schöntal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann.
Ich war neugierig, seine Einrichtung zu sehen, und brachte ihm deshalb selbst
die vierteljährige Pension hin, die Sie ihm zukommen lassen. Ich erstaunte, wie
ausserordentlich gut er das Haus meublirt hat, und er hatte die Unverschämteit,
mir mit seinem widrigen Lächeln zu sagen: Da jetzt so viele Edelleute in der
schweren Kriegszeit, die Gott über uns verhängt hat, zu Grunde gehen, so kommt
man wohlfeil an alle diese Dinge, Herr Prediger, und ich kann nach Gottes
gnädigem Willen in meinem Alter doch noch fühlen, dass ich ein Mensch bin, so gut
wie alle die Herren. Das Geld, welches ich ihm brachte, warf er so gleichgültig
in seinen Schreibtisch, als wäre es für ihn eine ganz geringe Summe und
keineswegs eine Unterstützung, die er der Grossmut verdankt, sondern die
Bezahlung einer unbedeutenden Schuld. Mein Schreiber soll die Quittung
aufsetzen, sagte er vornehm, ich werde sie unterzeichnen, denn meine Augen
werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben. Ich ärgerte mich
so sehr über sein übermütiges Betragen, dass ich ihn etwas zu demütigen
beschloss und daher sagte: So würden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr
abschreiben können, wenn sich die Gelegenheit darböte? Nein, das würde mir nicht
mehr möglich sein, antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit, auch
habe ich es Gottlob nicht mehr nötig, solche Arbeiten zu machen, und bin durch
Gottes Gnade so eingerichtet, bester Herr Prediger, dass ich in meinem Hause nur
über Dinge zu sprechen brauche, die mir angenehm sind. Ich wollte den alten
Sünder verlassen, aber er bestand darauf, ich musste den Abend bei ihm bleiben,
und ich fand seinen Tisch ausserordentlich gut besetzt. Man hat die Gottesgabe,
bemerkte er, weit billiger, als die vornehmen Herren, denn die Kenntnisse, die
ich mir in der Jugend erwarb, schützen mich besser vor Betrug. Das kann ich
begreifen, erwiederte ich ihm, so dass er die Beziehung verstehen musste.
Freilich, freilich, antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit, es begreift
sich leicht. Wer so lange, wie ich, in herrschaftlichen Häusern lebt, macht auch
seine Studien, nur anders wie die Gelehrten, Herr Pfarrer. Bei Tische wurden
sehr gute Weine angeboten, und der Alte sagte mit unerträglicher Heuchelei: Gott
hat mir gute Kinder geschenkt, die für ihren alten Vater sorgen. Mein lieber
Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet. Lieber Gott, er ist in einer Lage, wo
er das alles mit Leichtigkeit erwirbt, und er will nicht, dass das schwache Licht
meines Lebens erlöschen soll, und sucht deshalb die Flamme zu nähren; nun, der
Herr wird es ihm vergelten. Er sagte mir hierauf, dass in der nächsten Woche
seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen würden, um seinen siebzigsten
Geburtstag festlich zu begehen, und er lud mich so dringend dazu ein, dass ich
zusagen musste. Als er mein Versprechen hatte, fing er an, wie er sagte, aus
Freude darüber, unmässig zu trinken, und ich verliess ihn im Zustande tierischer
Betrunkenheit und schämte mich, dass ich ein solches Mahl mit einem solchen
Menschen hatte teilen können. Auch war ich natürlich entschlossen, sein Haus
nicht wieder zu betreten, obgleich ich gern sehen möchte, wie sich die saubere
Familie an diesem Feste gebehrden wird. Auch möchte ich wissen, wo sich seine
Tochter aufhält, nachdem sie den französischen General verlassen hat, der Alte
gab darüber nur ausweichende Antworten. Ist es denn nun, schloss der Prediger,
nach allem diesem nicht unerträglich, dass dieser übermütige Mensch noch
Wohltaten empfangen soll, deren Wert er so wenig erkennt?
    Sie haben Recht, erwiederte der Graf, und nur ein gegebenes Wort bestimmt
mich, eine Unterstützung fortzusetzen, die allerdings, wie ich selbst einsehe,
besser angewendet werden könnte.
    Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern, und wurde von der
Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und
St. Julien abgezogen, an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Teil nahm.
Der Arzt behauptete nämlich mit grösstem Eifer, da die Franzosen in Deutschland
wären, so wäre es ihre Schuldigkeit, deutsch zu lernen, und sie müssten es wie
eine höfliche Gefälligkeit betrachten, wenn man sich dazu verstände, französisch
mit ihnen zu reden, und hätten gar kein Recht, weder über schlechte Aussprache
noch sonstige Mängel dabei zu lachen. St. Julien scherzte über den Gedanken und
fand die Vorstellung ungemein belustigend, dass also, wenn ein Feldzug eröffnet
werden sollte, die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in
verschiedenen Zungen gemacht werden müsste.
    Der Graf, der sich in das Gespräch mischte, sagte: Sie würden Recht haben,
lieber Doktor, wenn die Franzosen zu uns als Bittende, Hülfesuchende kämen; da
sie aber leider als Sieger hier sind, so können sie wohl erwarten, dass wir
unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen, denn es möchte zu unserm eigenen
Nachteil gereichen, wenn wir dies nicht verständen, und so schafft eine
Gewohnheit selbst, die mir immer so ausserordentlich albern erschienen ist, doch
auch ihren Nutzen, freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit.
    Welche Gewohnheit? fragte der Prediger neugierig.
    Der seltsame Gebrauch, erwiederte der Graf, der seit Jahrhunderten immer
weiter um sich gegriffen hat, in den gebildeten Familien statt der Landessprache
die französische zu reden, und nicht etwa gegen Franzosen oder überhaupt gegen
Fremde, nein, unter sich, so dass recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer
Nationalität entäussert und fremd, französisch, zu werden sucht.
    Tadeln Sie die Kenntnis und den Gebrauch fremder Sprachen, fragte St. Julien
verwundert, da Sie selbst mehrere gründlich kennen und lieben?
    Der Graf antwortete lächelnd: Kaiser Karl der Fünfte sagte, ein kluger Mann,
der vier Sprachen redet, ist so viel wert, als vier kluge Männer, und der
Meinung bin ich auch. Aber würden Sie sich nicht wundern, wenn in den
französischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen
geredet würde, die darauf Anspruch machen, zu den Leuten von gutem Tone zu
gehören, und Jeder dies für vornehmer hielte, als wenn er an seinem eigenen
Heerde sich der Sprache seines Landes bediente? Würden nicht alle wahren
Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit
Recht tadeln? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe, wenn ich mich immer eines
fremden Idioms bediene, um meine besten Gefühle, sinnreichsten Gedanken und
witzigsten Einfälle darin auszudrücken, dass die Sprache des Landes
vernachlässigt werden, roh und ungebildet bleiben muss? In Deutschland hat ein
gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet, und gewiss dadurch viel
zu dem Glanze und der Anmut beigetragen, die wir neben der Tiefe und Innigkeit
bei den vorzüglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern. Die Vornehmen
haben seit lange besser verstanden, sich französisch als deutsch auszudrücken.
    
    Es ist wahr, sagte St. Julien, auch die Italiener erwarten, dass man in ihrem
Lande ihre Sprache mit ihnen redet, aber ich habe dies immer für Unwissenheit
gehalten.
    Zum Teil, sagte der Graf, mag es so sein. Aber noch weiter gehen in dieser
Forderung die Engländer, und gewiss nicht aus Unwissenheit, sondern aus sehr zu
lobendem Nationalstolze; denn ich wenigstens begreife nicht, worauf sich die
Vaterlandsliebe am Ende stützen kann, wenn eine Nation alles Eigentümliche, bis
auf ihre Sprache selbst, bei sich zu vertilgen strebt. Ein Bequemlichkeit ist
indes, wie nicht zu läugnen ist, aus dieser lächerlichen Gewohnheit entstanden,
dass nämlich die französische Sprache die geistige Scheidemünze des Lebens
geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht, um sich vom Tajo bis
zur Newa und noch weiter hinaus verständlich zu machen.
    Und das ist doch ein grosser Vorteil, rief St. Julien.
    Für die Franzosen, erwiederte der Graf; sie gewinnen dabei am Meisten,
selbst an Bequemlichkeit, denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer
einzigen fremden Sprache zu bemühen, selbst nicht für ihre diplomatischen
Unterhandlungen, denn auch diese werden in der Regel in französischer Sprache
geführt, und ich weiss nicht, ob Jemand daran gedacht hat, welch ein grosser
Vorteil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist, dass mit ihnen in
ihrer Landessprache unterhandelt wird, die ein geistreicher Mann immer besser zu
benutzen verstehen wird, wie eine fremde, wenn er sie sich auch noch so sehr zu
eigen gemacht hat.
    Aber eine Sprache muss doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden, sagte
der Prediger, und so würde es nicht zu vermeiden sein, dass eine Nation in dieser
Rücksicht begünstigt wird.
    Ehedem, bemerkte der Graf, wurden alle Staatsgeschäfte verschiedener
Nationen lateinisch verhandelt, und ich begreife nicht, wesshalb dies jetzt
lächerrlich und pedantisch gefunden wird. Es war wenigstens Gerechtigkeit darin,
eine Sprache, die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist, und die folglich
alle Parteien erlernen mussten, in Fällen anzuwenden, wo es so sehr darauf
ankommt, kein Uebergewicht zu gestatten.
    Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, dass Dübois eintrat und nach einem
leisen Gespräch mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verliess. Alle,
selbst der Graf nicht ausgenommen, waren verwundert über das Geheimnisvolle in
der Art, wie der Haushofmeister den jungen Grafen abgerufen hatte, und
erwarteten mit einiger Unruhe seine Rückkehr. Nach einigen Minuten erschien er
wieder im Saale, und Ernst und Unruhe hatten sich auf seiner Stirn gelagert.
Zwei ehemalige Regimentskameraden, sagte er zu seinem Oheim, bitten mich für
diese Nacht um Gastfreundschaft, die natürlich ich nicht ohne Ihre Erlaubnis
gewähren kann, und ich komme deshalb - -
    Lieber Vetter, unterbrach ihn der Graf mit leichtem Unwillen, bedarf es noch
einer Frage, ob mir Ihre Freunde willkommen sein werden.
    So erlauben Sie mir, erwiederte sein Verwandter mit einiger Verlegenheit,
mich für heute mit ihnen zurückzuziehen und für die Bequemlichkeit meiner Gäste
in Ihrem Hause zu sorgen, denn der eine ist nicht wohl; doch, hoffe ich, wird er
sich nach der Ruhe der Nacht erholen, und ich werde Ihnen, ehe sie weiter
reisen, Beide vorstellen können.
    Er verliess nach diesen Worten von Neuem den Saal, der Graf blickte ihm
verwundert nach. Der Prediger war so lebhaft aufgeregt von diesem Vorfalle und
versenkte sich in so tiefes Nachdenken darüber, was dieser geheimnisvolle Besuch
zu bedeuten haben könne, dass er die sehr merklichen Winke des Arztes übersah,
der sich ebenfalls mit ihm zu entfernen und ihm etwas anzuvertrauen wünschte.
Der Graf konnte sich einer leichten Unruhe nicht erwehren; er vermutete, dass
dieser Besuch mit Verbindungen im Zusammenhange stehe, in die sich sein
Verwandter, wie er wusste, eingelassen hatte, und er fürchtete, dass vielleicht
eine Unbedachtsamkeit den jungen Mann in Verantwortung bringen und ihn selbst
mit hinein ziehen könne. Er wurde also nachdenkend und still, und es gelang
endlich dem Arzte, den Prediger auf sein Zimmer zu führen, um ein wichtiges
Geheimnis in dessen Busen niederzulegen. Endlich, fing er triumphirend an,
bester Herr Prediger, kann ich Ihren lang gehegten Wunsch befriedigen und Ihnen
den vollständigsten Aufschluss über eine Sache geben, die Sie sich so oft
vergeblich bemüht haben zu erfahren.
    Und über welche Sache wäre Ihnen dies möglich? fragte der Geistliche mit
Spannung. Ueber die wunderbare Verwundung unseres guten Herrn St. Julien,
erwiederte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln.
    Was haben Sie darüber erfahren, fragte mit Eifer der Pfarrer, und bei
welcher Gelegenheit? Sie wissen, antwortete der Arzt, ich kümmere mich nicht
sonderlich um die Angelegenheiten der Menschen, wenn sie nicht mit meiner Kunst
zusammenhängen, und ich würde auch dies Mal um meint  Willen nicht so aufmerksam
darauf gewesen sein, denn für mich ist es die Hauptsache, dass ich den jungen
Mann hergestellt habe. Wie er zu seinen Wunden gekommen, ist mir eigentlich
gleichgültig, aber die Freundschaft hat ihre Rechte. Also um Ihret Willen,
bester Freund, hörte ich genau hin und prägte mir die ganze Unterredung an der
Tafel des Kommandanten so genau ein, dass ich sie Ihnen Wort für Wort wiederholen
kann. Er tat dies hierauf mit grosser Umständlichkeit und fragte mit
selbstzufriedenem Lächeln, als er geendigt hatte, seinen aufmerksamen Zuhörer:
Was sagen Sie nun, habe ich nun nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu Ihrer
Kenntnis gebracht, und bin ich gänzlich unfähig, wie Sie so oft behauptet haben,
einer Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken, die nicht mit meiner Wissenschaft
zusammenhängt?
    Und halten Sie denn diese Erklärung für die aufrichtige, wahre? fragte der
Geistliche etwas verächtlich. Die geringste Ueberlegung hätte Ihnen ja sagen
müssen, dass, wenn sich die Sache so verhielte, St. Julien keine Ursache gehabt
hätte, sie uns allen so ängstlich zu verschweigen, und dass er uns, wenn dies der
richtige Zusammenhang der Sache wäre, diese Mitteilung denselben Tag gemacht
haben würde, an welchem Sie ihm zu sprechen erlaubten.
    Mann, Sie haben Recht! rief der Arzt, von seinem Sitze aufspringend, Sie
sind ein wahrer Macchiavell an Scharfsinn.
    Bedeutend ist in Ihrem Berichte, erwiederte der Prediger, dass die erwähnten
Italiener des jungen Mannes Verwandte sind. Nun, fuhr er nach einigem Nachdenken
fort, ich gebe es noch nicht auf, der Sache auf den Grund zu kommen, so wie
manchem Geheimnisvollen in diesem Hause. Sagen Sie mir doch morgen, wenn Sie
nach dem Dorfe reiten, um Ihre Kranken zu besuchen, ob die heut angekommenen
Gäste auf dem Schloss geblieben sind. Auf den Fall würde ich doch morgen wieder
herkommen, um sie mir anzusehen. Der Arzt gab das verlangte Versprechen, und der
Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung.
 
                                      XIII
Es waren kaum einige Minuten verflossen, nachdem der Prediger den Arzt verlassen
hatte, und dieser fing eben an sich auszukleiden, wobei er aus tiefster Brust in
abwechselnden Tönen gähnte, als seine Türe geöffnet wurde und Graf Robert zu
seinem Erstaunen bei ihm eintrat. Bester Herr Doktor, redete ihn dieser mit
verstörter Miene an, mit Angst und Sorgen habe ich gewartet, bis der Prediger
Sie verlassen hat, um Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ich weiss, Sie sind ein
verschwiegener Mann und treuer Freund.
    So weit die Welt mich kennt, sagte der Arzt, sich in die Brust werfend, wird
mir Niemand diese Eigenschaften absprechen.
    Eben darum, erwiederte der junge Graf, nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen.
Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt, ein Duell war die
Folge, in dem er verwundet worden ist. Er scheint sehr zu leiden und weigerte
sich doch standhaft, Sie früher um Ihren Beistand zu bitten, als bis Sie allein
sein würden, denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus notwendig.
    Sie können darauf rechnen, sagte der Arzt, der seinen Rock schon wieder
angezogen hatte, meine Lippen schweigen wie das Grab. Das ist die Pflicht des
Arztes, und Sie wissen, dass ich alle meine Pflichten erfülle. Nach diesen mit
grossem Nachdruck gesprochenen Worten, nahm er alle chirurgischen Instrumente
zusammen, so wie alles zum Verband Erforderliche. Diese Sachen werden wir
vermutlich brauchen, sagte er mit einem schlauen Lächeln, da Sie des Wundarztes
mehr, als des Doktors zu bedürfen scheinen.
    Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer, wo sie seine beiden
Freunde und den jungen Gustav antrafen. Sie haben den jungen Menschen in Ihre
Geheimnisse eingeweiht, sagte der Arzt, indem er verwundert einen Schritt
zurücksprang; verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend?
    Sein Sie ruhig, erwiederte der Graf, ihn hat ein hartes Schicksal früh
gereift; seiner Vorsicht dürfen wir uns unbedingt vertrauen.
    Wenn das ist, sagte der Arzt, so verdient er die höchste Achtung. Aber, fuhr
er mit bedenklicher Miene fort, wenn Ihr Geheimnis nicht verschwiegen bleibt, so
denken Sie daran, dass Sie es mir nicht allein vertraut haben. Nach diesen Worten
näherte er sich dem Kranken, der in einem Lehnstuhle sass und sehr zu leiden
schien. Sein Gesicht war bleich wie das eines Todten, und die blauen, zuckenden
Lippen deuteten auf heftige Kälte, die den ganzen ermatteten Körper zu beben
zwang. Der hat ein tüchtiges Wundfieber, sagte der Arzt, zum Grafen gewandt;
sein Zustand muss sogleich untersucht werden. Er näherte sich hierauf dem Kranken
und sagte mit etwas heftiger Stimme: Und warum liegen Sie denn bei Ihrer
Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette?
    Sein Arm ist so aufgeschwollen, sagte der junge Graf, dass wir ihn nicht von
seinem Rocke zu befreien vermochten.
    Der Arzt sah, dass selbst über Hand und Finger sich eine starke Geschwulst
verbreitet hatte. Er antwortete nichts, sondern nahm aus seinem Besteck eine
Scheere und schnitt den Aermel des Rocks der Länge nach auf. So klug hätten Sie
lange sein können, sagte er, sich an den jungen Gustav wendend, der ihm zu
seiner Beschäftigung leuchtete, weil er diese verweisenden Worte nicht an die
andern Gegenwärtigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre für die Zukunft
geben wollte. Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstücke
befreit war, zeigte es sich, dass seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet
hatten, und es war nicht möglich, den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen.
Während nun der Arzt hiemit beschäftigt war, rief er mehrere Mal: In welchen
Händen sind Sie gewesen? Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen können,
der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht? Das ist ja ärger, als ob Sie
unter die Wilden geraten wären, denn die werden es doch noch besser verstehen,
eine Wunde zu verbinden. Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm
sagte, dass sein Freund nicht hätte daran denken können, für seine Gesundheit zu
sorgen, indem er nur auf seine Sicherheit habe Rücksicht nehmen können, und
deshalb wären schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande. Wenn Sie
meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten, erwiederte der Arzt mit
Verachtung, so würden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen.
    Während dieser Rede war es endlich gelungen, die Wunde zu befreien, und der
Arzt heftete einen langen, bedeutenden Blick auf den jungen Grafen, indem er
einen Ausruf, der seinen Lippen entschlüpfen wollte, gewaltsam zurück drängte
und dabei so wunderliche Gesichter machte, dass nur der Ernst des Augenblicks so
mächtig auf seine Umgebung wirken konnte, dass sich keine Spur von Lachlust
zeigte. Der Graf mochte nicht fragen, aber ihn selbst hatte der Anblick der
Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt, dass das Uebel seines Freundes
zu den ernstaften gehörte. Mit schonender, leichter Hand hatte der Arzt die
schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemässen Verband aufgelegt, und der Kranke
fühlte sich sehr erleichtert. Der Graf gab ihm von seiner Wäsche, und der Arzt
half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen. Auch dies schien in ihm
eine wohltätige Empfindung zu erregen. Als alles dies beendigt war, fragte der
Arzt den Kranken: Was haben Sie gegessen zu Abend? Gar nichts heute den ganzen
Tag, erwiederte dieser, der mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete
Schweigen brach. Obgleich die Stimme matt und krank war, so erkannte sie der
Arzt dennoch, und sprang im höchsten Erstaunen drei Schritte zurück und rief:
wunderbar! höchst wunderbar! Der junge Graf geriet in den verzeihlichsten
Irrtum, dass der Arzt die lange Entaltsamkeit seines Freundes so lebhaft
bewunderte, und sagte daher: Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert,
an Nahrung zu denken. Ach was! rief der Arzt, ich dachte jetzt nicht an
Lebensmittel; aber was mich erschütterte, davon ist jetzt nicht Zeit zu reden.
Jetzt muss ich als Arzt, als Menschenfreund handeln. Ihr Freund muss durchaus
einige leichte, stärkende Nahrung haben, deshalb wird es nötig sein, Dübois
gewissermassen in unser Geheimnis zu ziehen. Er ist ein braver Mann, ob er gleich
ein Franzose ist, wie wir ja überhaupt einige achtungswerte Subjekte von dieser
Nation kennen gelernt haben; und er ist sehr dienstfertig, obgleich er hier im
Hause sehr verwöhnt wird. Man muss sich an ihn wenden, damit er Ihrem kranken
Freunde etwas Kraftbrühe verschafft, denn er darf nicht länger ohne Nahrung
bleiben. Sie hätten mir dies nur mit wenigen Worten auftragen dürfen, sagte der
junge Gustav empfindlich. Herr Dübois ist der menschenfreundlichste Mann von der
Welt und wird gewiss sogleich aus dem Bett aufstehen, um herbei zu schaffen, was
Sie bedürfen. Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg, und der Arzt
beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken; dann sing er an, seine auf dem
Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfältig zu reinigen und einzupacken, und er
hatte dies Geschäft noch nicht geendigt, als der Jüngling schon wieder eintrat
und eine Schale Kraftbrühe für den Kranken selber brachte. Der Arzt eilte, um
diesen im Bette aufzurichten und, während er die dargebotene Nahrung nahm, zu
unterstützen. Der Kranke fühlte die wohltuende Wirkung der Nahrung, die er zu
sich genommen, und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die
Kissen nieder.
    Der Arme! sagte Graf Robert, er hat zwei Nächte ohne Ruhe, gepeinigt von
Sorgen, zu Pferde zugebracht, und diesen ganzen Tag ohne Nahrung, weil die
Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden.
    Wir wollen nun sehen, sagte der Arzt, wie es morgen sein wird. Ich werde
nicht eher kommen, als bis Sie mich rufen, damit ich nicht unnütz seinen Schlaf
störe, denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen. Sobald er aber erwacht ist,
zögern Sie keinen Augenblick mich zu rufen. Nach diesen Worten ging der Arzt
hinweg, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben, deren Bedürfnis er auch zu fühlen
begann.
    Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht. Der ängstliche Zustand seines
verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben, als
nur solchen, die dazu dienten, dessen Schmerzen zu erleichtern. Jetzt aber, in
der Stille der Nacht, überliess er sich dem Nachdenken. Er wusste noch nicht,
welche Mitteilungen ihm beide Freunde zu machen hätten, und er wünschte den
Morgen herbei, um sowohl den Zusammenhang des Unglücks, welches den einen
betroffen, zu erfahren, als auch zu der Kenntnis zu gelangen, welche Art von
Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten. Der Verwundete, sein ehemaliger
Regimentskamerad, ein Herr von Werteim, war entschlummert; der Andere, welcher
gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron
Lehndorf war, warf sich unruhig auf dem Lager umher, und der Graf hörte seine
tiefen Seufzer, und er bemerkte, dass sein bekümmerter Gast erst in einen
unruhigen Schlummer fiel, als schon der Morgen zu dämmern begann. Endlich
behauptete die Natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren
geschlossen. Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde,
als der Arzt mit leisen Schritten, von Gustav begleitet, in das Zimmer schlich.
Er hatte sich gewundert, dass ihn noch Niemand gerufen hatte, und wunderte sich
nun noch mehr, hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen. Er
näherte sich behutsam dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn
Sie nun, wendete er sich tröstend zu Gustav, dieses jugendliche, bleiche Gesicht
betrachten, dem der Kummer unverkennbar seine Züge aufgedrückt hat, wenn Sie
diesen wehmütigen Mund ansehen, werden Sie wohl glauben, dass diese Gliedmassen
und Lineamente dem rohesten Menschen angehören? Verwundert und zweifelnd sah der
Jüngling den Arzt an. Ich weiss, was ich sage, rief dieser, durch die zweifelnde
Miene seines Zuhörers beleidigt, die nötige Vorsicht vergessend, und der Kranke
schlug die blauen Augen auf, und zugleich ermunterten sich die andern Schläfer.
Nun, wie geht es heute, fragte der Arzt den Verwundeten; es tut mir leid, dass
ich Ihre Ruhe gestört habe.
    Wunderbar, erwiederte der Verwundete mit tiefer, wohltönender Stimme, vor
deren Klang aber der Arzt ein wenig zurückbebte, wunderbar hat Ihre Hülfe und
die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert, und ich fühle, dass ich aufstehen
kann, ohne meine Kräfte anzustrengen. Erst wollen wir Ihren Arm betrachten,
sagte der Arzt, dann wird es sich zeigen, ob Sie aufstehen können. Der Verband
wurde abgenommen und der Arzt überzeugte sich bald, dass der schlimme Anschein am
vorigen Abend ihn getäuscht habe, der wahrscheinlich daher entstanden war, weil
der junge Mann seine Kräfte mehr angestrengt hatte, als die menschliche Natur
erlaubt, denn er hatte, ohne zu ruhen, seine Reise zwei Tage und zwei Nächte zu
Pferde fortgesetzt. Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber
erregt worden, auch mochte der schlechte Verband das Uebel vermehrt haben. Sie
können aufstehen, sagte der Arzt gleichgültig, nachdem er den neuen Verband
aufgelegt hatte. Es ist gar keine Gefahr, dass Sie den Arm verlieren könnten, wie
es mir gestern schien, und man kann auch heute ein vernünftiges Wort, wie ein
Mann zum Manne, mit Ihnen reden, ohne dass ein einsichtsvoller Arzt die
Erschütterung Ihrer Nerven zu sehr befürchten muss.
    Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens
auf den Arzt gerichtet, denn Niemand begriff, was auf diesen Eingang folgen
sollte.
    Ja, ja, meine Herren, sagte dieser, indem er mit Selbstgefühl umherblickte,
Sie sehen mich an und Ihre Mienen drücken Verwunderung über meine Rede aus, aber
Sie, mein junger verwundeter Herr, dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu
erfahren, obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwürdigen Gelegenheit
zusammentreffen, was wäre denn nun aus Ihnen geworden, Wer hätte hier Ihre
Wunden verbinden sollen, wenn Sie mich, wie Sie vor einigen Monaten
beabsichtigten, zum Fenster hinaus geworfen hätten? Nach einem solchen Sturze
hätte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine Hülfe angedeihen lassen können,
und Falls ich mich auch vollkommen erholt hätte, so weiss ich doch nicht, ob
meine Philosophie mich so stark gemacht haben würde, dem hülfreiche Hand bieten
zu können, der seine Hände feindlich und gewalttätig an mich gelegt hätte. Dass
dieses Unglück vermieden ist, haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken.
    Der Arzt hätte seine Rede noch viel länger fortsetzen können, denn alle
Zuhörer waren so erstaunt, dass Niemand daran dachte, ihn zu unterbrechen. Als er
endlich schwieg, trat der Graf Robert zu ihm und sagte, indem er ihm sanft die
Hand auf die Schulter legte: Bester Doktor, reden Sie im Fieber?
    Keineswegs, erwiederte der Arzt, indem er sich der Berührung entzog. Der
Kranke weiss auch recht gut, dass dem nicht so ist, denn seinem Gedächtnisse wird
es nicht entschwunden sein, dass er hier mit seinen Heerschaaren anrückte und
statt höflich, wie es dem Freunde ziemte, seinen Bedarf für Rosse und Männer zu
fordern, das Schloss gewissermassen mit Sturm zu nehmen dachte, und friedliche,
wissenschaftlich gebildete Einwohner, die sich nicht Landesverräter wollten
schelten lassen, zum Fenster hinaus zu werfen drohte.
    Wie, rief der Kranke, indem er sich erhob; so bin ich hier unter dem Dache
des Franzosenfreundes?
    Sie sind unter dem Dache des edelsten Mannes, meines Oheims, erwiederte Graf
Robert mit Ernst.
    Wie ist es denn? sagte der verwundete Herr von Werteim, dieser Arzt spricht
ja doch, als ob ich im Hause des Mannes wäre, von dem damals angezeigt wurde,
dass er während des ganzen Krieges einen französischen Offizier bei sich habe,
mit dem er in der grössten Vertraulichkeit lebe.
    Den habe ich hier, den französischen Offizier, rief der Arzt mit glühenden
Wangen und funkelnden Augen, und Sie können ihn sehen. Vollkommen habe ich ihn
hergestellt, gesund und blühend kann ich ihn zeigen, und so gut kann es Ihnen
auch werden, wenn Sie sich vernünftig betragen.
    Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen, dessen steigende Hitze unangenehme
Auftritte zu veranlassen drohte, wie er auch in seinem Eifer gänzlich vergass,
dass er den Kranken zu schonen habe. Diesem teilte nun der besonnenere Freund
St. Juliens Verhältnisse in diesem Hause mit, und mässigte die aufbrausende Hitze
des Arztes am Besten dadurch, dass er, nachdem er den traurigen Zustand
beschrieben, in welchem der junge Franzose im Hause seines Oheims aufgenommen
wurde, es rühmend anerkannte, dass er nur durch die Geschicklichkeit des Arztes
lebe und seiner Familie zurückgegeben werden könne.
    Wenn dem so ist, erwiederte Herr von Werteim, und wie könnte ich daran
zweifeln, da ich von Ihnen, teurer Freund, die Aufklärung erhalte, so habe ich
in törichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt; ja, ich gestehe, ich habe mich
so vergessen, dass nur allein die Verzweiflung, die in meinem Herzen tobte, mich
einigermassen entschuldigen kann. Sie wissen es selbst, wo wir uns zeigten,
gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes. Feigheit und Verrat zerrissen
das Herz unseres Königs und seiner Getreuen, und es ist begreiflich, dass die
Verläumdung Eingang fand. Aus diesen Gründen, hoffe ich, wird mir Ihr Oheim
vergeben, und Sie werden auch Ihren Freund, den Herrn Doktor, bewegen, mir seine
Verzeihung zu bewilligen.
    Als Christ, rief der leichtversöhnliche Arzt mit feierlicher Stimme, als
Christ habe ich Ihnen längst vergeben; als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und
als Arzt, fügte er hinzu, indem er die Augen halb zudrückte und schalkhaft
blinzelte, denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln, und das wird mir
nicht schwer werden, denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Not machen,
wie die des armen St. Julien. Sie haben nur durch die Vernachlässigung so viel
gelitten, aber er war in einem traurigen Zustande, und stolz schlägt das Herz in
meiner Brust, so oft ich ihn ansehe, denn ohne mich würde er längst im Grabe
ruhen und könnte alle die Possen nicht treiben, mit denen er uns belustigt, aber
auch mich zuweilen ärgert.
    Nachdem die Versöhnung erfolgt war, frühstückte der Arzt in bester
Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen, so
wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfüllen und ihm zugleich das
wunderbare Zusammentreffen mit einem Manne zu vertrauen, dessen feindselige
Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte; doch wollte er dessen
Verwundung, wie er es gelobt hatte, pflichtmässig verschweigen.
    Als der Arzt die Freunde verlassen hatte, wurden alle Gesichter ernster. Der
Graf Robert erwartete die Mitteilung, die ihm gemacht werden sollte, und seine
Gäste fühlten die Notwendigkeit zu reden.
    Sie sehen uns hier bei Sich, teurer Freund, begann der Baron Lehndorf, in
einem traurigen, ungewissen Zustande.
    Lass mich reden, unterbrach der junge Werteim den Sprechenden, die Erwähnung
aller traurigen Umstände, die berührt werden müssen, würde Dich noch mehr als
mich verletzen, wie ich Dein Gemüt kenne. Der Baron schien dem Freunde gern das
Recht der Rede einzuräumen und lehnte sich still, mit bekümmerter Miene in den
Sessel zurück.
    Es ist keine Schande, arm zu sein, begann der Herr von Werteim, denn die
zufälligen Gaben des Glücks bestimmen nicht den Wert des Menschen; deshalb sage
ich es ohne Erröten, dass meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermögen
waren, denn die sehr verschuldeten Güter meiner Familie sind schon mehrere
Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie, und meine Vorfahren hatten
sich rühmlich, wenn auch nicht prächtig, durch Kriegsdienste und Staatsämter
erhalten. Meinen Vater hatte ich früh verloren, und meine sehr kränkliche Mutter
lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschränkt, so dass ich
selbst zuweilen noch einen Teil meines mässigen Gehaltes anwenden musste, um
ihren kümmerlichen Haushalt zu unterstützen. Mit meinem Freunde Lehndorf verband
mich früh eine brüderliche Neigung, und die zunehmenden Jahre steigerten diese
bis zur innigsten Freundschaft, die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu
bewies. Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme, indem er seinem
Freunde die Hand reichte, und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort: Lehndorf war in
einer besseren Lage als ich. Er war allein, und ein kleines Erbe unterstützte
ihn so lange, bis er hoffen durfte, eine Eskadron zu bekommen, er genoss also
seine Jugend ohne drückende Sorgen. Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht
fehlen, dass er meine Schwester kennen lernte. Ihre Jugend und Liebenswürdigkeit
machten Eindruck auf das Herz meines Freundes, und sie schien eine Empfindung zu
teilen, von der wir hofften, dass sie unser Lebensglück erhöhen würde. Es ward
bestimmt, sobald Lehndorf eine Eskadron bekäme, dass alsdann der Segen der Kirche
ein glückliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte, den ich
längst als solchen liebte. Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron
Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer.
Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr sein Freund also fort: So standen die
Sachen, als der Krieg ausbrach. Welche unglückliche Wendung er nahm, ist
bekannt. Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt, und ich traf meine
Familie in der grössten Armut, als ich mit meinem Freunde zurückkehrte, der
durch den unglücklichen Frieden so wie ich verabschiedet war. Jetzt schienen
alle Hoffnungen zertrümmert und wir hätten dem grössten Elende erliegen müssen,
wenn mein Freund nicht grossmütig den Rest seines kleinen Erbes mit uns geteilt
hätte.
    Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung. Warum willst Du mich zwingen zu
verschweigen, rief sein Freund, was die Wahrheit zu bekennen fordert, und was
ich Dir eben so einfach und treu geboten hätte, wie Du mir, wenn die
Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären? Zum Grafen gewendet fuhr er darauf
fort: Das Liebesglück meines Freundes musste verschoben werden bis zu einer
besseren Zeit, die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen. Meine Schwester
gelobte die zärtlichste Treue, und unsere Sorgen richteten sich auf die nächste
Zukunft. Sie selbst nahmen Teil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter
Freunde, und kennen die Verpflichtungen und den edeln Zweck unserer Vereinigung.
Also können Sie denken, dass wir nicht zögerten, als mir und meinem Freunde der
Auftrag wurde, einige ehemalige Kameraden, die so wie wir verabschiedet und in
Untätigkeit lebten, zu prüfen und wo möglich für unseren edeln Zweck zu
gewinnen. Wir eilten den Wunsch unserer Brüder zu erfüllen und lebten daher nah
an zwei Monate entfernt von unseren Lieben. Ein feindliches Schicksal wollte,
dass während dieser Zeit ein französisches Regiment, welches bis jetzt zur
Besatzung gehört hatte, von einem anderen abgelöst wurde, und dass der Obrist des
einrückenden seine Wohnung in dem Hause nahm, wo auch meine Mutter und Schwester
in strenger Zurückgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten. Der
Obrist hatte eine deutsche Frau, oder wenigstens galt sie dafür, denn ihre
gemeinen Sitten haben mir Zweifel über die Art der Verbindung erregt, in welcher
sie mit dem Obristen lebte. Diese suchte, unter dem Vorwande, dass ihr als einer
Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei, die Bekanntschaft
meiner Mutter, und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht,
eine schwache, kränkliche Frau für sich zu gewinnen, so wie sie die unerfahrene
Jugend meiner Schwester benutzte, um diese ganz in ihren Kreis hinüber zu
ziehen. Als ich und mein Freund nach mühevollen, nur halb gelungenen Geschäften
zurückkehrten, und die kleine Wohnung betraten, wohin mich kindliches und
brüderliches Gefühl, und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen, treuen Liebe
zog, überraschte uns, da wir unvermutet erschienen, ein seltsamer Anblick.
Meine Schwester stand vor uns in reizender Blüte der Jugend und Schönheit,
geschmückt mit allem Tand, den die Mode fordert, um auf einem Balle zu glänzen.
Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem unglücklichen Geschöpf, so wie sie uns
erblickte, und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu überwinden, um
die nötige Auskunft zu geben; so erfuhren wir, ein Ball, den der Obrist gebe,
sei die Veranlassung des festlichen Putzes. Die deutsche Frau des französischen
Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten, die ihrer armen einsamen
Tochter doch auch nicht harterzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen.
Und als ich fragte, Wer denn den Tand bezahlt habe, der meine Schwester
umflatterte, erfuhr ich, dass dieser der Frau Obristin gehöre, die meine
Schwester so lieb gewonnen habe, dass sie Alles mit ihr zu teilen wünsche. Sie
können wohl denken, wie tief ich die zehnfache schmähliche Erniedrigung empfand,
dass meine entartete Schwester bereit war, mit den Feinden ihres Vaterlandes im
Tanze sich zu vereinigen, gegen die ihr Bruder und ihr Bräutigam jeden
Augenblick mit Freuden gekämpft haben würden, auch den letzten Tropfen ihres
Herzblutes nicht sparend, um sie von der Erde zu vertilgen, und dass die Tochter
eines Edelmannes sich nicht schämte, um dies zu können, den nichtigen Putz aus
den Händen derselben Feinde zu empfangen, die ihr Vaterland zertreten und
beraubt hatten, um nun mit diesem Raube eine prahlerische, entehrende Grossmut
zu üben. Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles, was mein empörtes Gemüt
mir eingab, und nur meinem Freunde gelang es mich zu besänftigen, indem er um
Schonung für die Geliebte bat. Es versteht sich, dass aller Putz sogleich
zurückgesendet werden musste, und meine unvermutete Ankunft diente als
Entschuldigung dafür, dass meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle
erschien. Aber ich hatte die Kränkung zu erfahren, dass es nicht das erste Mal
war, dass meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten, solchen
Einladungen zu folgen, und ich musste erfahren, dass letztere auf früheren Bällen,
ungestört durch einen mürrischen Bruder, hatte glänzen und Beifall gewinnen
können. Mit scheinbarer Demut hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen;
sie war blass und still. Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf's
Strengste und glaubte, dass mir pünktlich Folge geleistet werden würde. Gegen
meinen Freund verhielt sie sich leidend und liess sich seine Zärtlichkeit eben
nur gefallen, und er machte mir Vorwürfe, indem er behauptete, meine heftige Art
zu tadeln habe einen tiefen, schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemüt meiner
liebenswürdigen Schwester gemacht. Auch die Mutter meinte, so gar gross könne das
Versehen nicht sein, da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei, die
auf den Bällen des Obristen getanzt habe. Da ich Mutter und Schwester nach
wenigen Tagen wieder verlassen musste, um noch unausgeführte Aufträge zum Besten
unserer Verbindung zu besorgen, so liess ich mich, im Vorgefühle der nahen
abermaligen Trennung, leichter versöhnen, und der Friede in unserer kleinen
Familie war hergestellt. Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem
abreisen musste, forderte ich von meiner Schwester das Versprechen, sich während
unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner
leichtsinnigen Lust nachzugeben. Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand,
indem ihre Augen von Tränen überflossen. Ich hielt das für ein feierliches
Versprechen, und nachdem ich meiner Mutter meine Wünsche ernstlich an's Herz
gelegt, reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin, wohin unsere Bestimmung uns
führte. Wir fühlten uns beide unbehaglich in der Ferne, mein Freund in dem
Verlangen, das Gemüt meiner Schwester wieder völlig mit sich auszusöhnen, denn
ihm schien es, als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe, und ich,
weil ein dunkles Gefühl mir sagte, dass diese Schwester einer anderen Aufsicht,
als der einer zu schwachen Mutter, bedürfe. Wir eilten also beide nach wenigen
Wochen zurück, wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen, doch ohne Ahnung des
Jammers, der uns erwartete. Wir fanden die Mutter allein, verzweifelnd, dem Tode
nah, die Schwester war verschwunden. Als unsere starre Verzweiflung so weit
nachliess, dass wir nach den näheren Umständen fragen konnten, erfuhren wir, den
Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt
verlassen, um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen
Gränze zu gehen; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden. Ein
zurückgelassener Brief an die Mutter erklärte mit all den Redensarten, die jetzt
so häufig gemissbraucht werden, sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft
zu diesem Schritte gezwungen worden. Ein Kästchen, worin sie manche
Kleinigkeiten aufhob, war vermutlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen
worden, denn darin fanden sich mehrere Briefe, die den Gegenstand ihrer Neigung
bezeichneten, dem die Unglückliche das Glück des Lebens, die Ehre ihrer Familie
und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte. Es war niemand anders als der
Bruder des Obristen, und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder
Geliebten des Obristen belehrten uns, dass sie das Ganze geleitet hatte.
    Mit diesen Briefen in der Hand liessen wir uns beim Obristen melden. Wir
wollten von ihm den Weg erfahren, den sein Bruder genommen, um ihn zur
Rechenschaft zu ziehen und die Unglückliche ihrem Verderben zu entreissen. Er
wollte die Sache leicht französisch nehmen und gab ausweichende Antworten. Als
mein Freund heftig und dringend wurde, sagte er lachend, für so unritterlich und
unbrüderlich würden wir ihn doch nicht halten, dass er selbst uns seinem Bruder
nachsenden würde, um ihm sein Glück zu entreissen. Als ich mit Heftigkeit von der
Genugtuung sprach, die der erlittene Schimpf fordere, sagte er kaltblütig, er
sei bereit, diese im Namen seines Bruders zu geben. Ich nahm ihn beim Worte und
der nächste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt. Mein grossmütiger
Freund liess den kleinen Rest seines Vermögens beinah ganz in den Händen der
kranken, ihre Schwachheit zu spät bereuenden Mutter und sehnte sich statt
meiner, von der Kugel des Franzosen zu sterben. Ich bestand auf meinem Recht, er
war mein Sekundant. Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen;
seine Kugel streifte mir den Arm und riss eine grosse Wunde hinein, ich aber traf
meinen Gegner, wie wir glauben müssen, tödtlich, denn er blieb leblos in den
Armen seines Sekundanten, der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb, und mein
Freund riss mich besinnungslos hinweg.
    Herr von Werteim schwieg. Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen, und
Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand, den Arm auf die Lehne des Sessels
stützend. Nach kurzem Schweigen fuhr Werteim fort: Alle unsere Handlungen nach
der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf
einander gefolgt und Keiner hatte an einen bestimmten Plan verständig denken
können. Wir fanden uns also auf der Landstrasse mit sehr wenigem Gelde und den
Kleidern, die wir an uns trugen. Wir spornten unsere Pferde an und wussten nicht
wohin. So gerieten wir zufällig in ein Dorf und erfuhren, dass es zu Ihren
Gütern gehöre und dass wir dem Herrenhause ganz nahe wären. Ich blieb in der
Schenke, während Lehndorf einen kurzen Besuch bei Ihrer Mutter machte, um nach
Ihnen zu fragen. Hier erfuhr er Ihren Aufentalt und dies gab unserer Flucht
eine bestimmte Richtung. Ich war schlecht verbunden, aber wir eilten
dessenungeachtet vorwärts, ohne weder uns, noch unseren Pferden die nötige Ruhe
zu gewähren, und diese erlagen der Anstrengung. Zwei Stunden von hier mussten wir
sie zurücklassen, und ich machte, obwohl zum Tode ermattet, trotz meiner
Schwäche, den Rest des Weges mit meinem Freunde zu Fuss, und so kamen wir gestern
bei Ihnen an, mit dem Plane, nach einiger Ruhe, dem Rate und dem Troste eines
Freundes gemäss, uns zu dem Korps von Schill zu begeben, um, wenn er uns nicht
anders brauchen kann, als Gemeine unter ihm zu dienen, denn in diesem geht dem
Vaterlande eine neue Sonne auf, und ich hoffe, wir werden Grosses durch ihn
erleben.
 
                                      XIV
Werteim schwieg, und der Graf Robert sagte: Sie zweifeln wohl keinen Augenblick
daran, dass ich alles aufbieten werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Pläne
zu befördern, aber ich glaube, lieber Werteim, Sie werden einige Tage ruhen
müssen, ehe Sie daran denken können, weiter zu reisen, und dies erfüllt mich mit
Sorgen, denn wenn der Obrist wirklich geblieben ist, so muss man Verfolgung
befürchten, und wie leicht können Sie hier entdeckt werden.
    Im Grunde, sagte Werteim finster, liegt mir wenig am Leben, und mein Freund
Lehndorf ist gesund. Schaffen Sie ihm also die Mittel fortzukommen, damit mir
wenigstens der Trost bleibt, wenn ich untergehen muss, dass er lebt, um vielleicht
in der Zukunft an der Rache Teil zu nehmen und den Feind bestrafen zu helfen,
der uns, nachdem er unser Vaterland in den Staub getreten, unsere Ehre gekränkt
hat, durch seine Satelliten unsere Bräute und Schwestern rauben und, so wie die
öffentliche Ehre verletzt ist, auch die Familienehre mit Hohnlachen zu Grunde
richten lässt.
    Der Baron Lehndorf erklärte sich bestimmt, dass er den Freund nicht verlassen
würde, und der Graf bat den Verwundeten, es zu erlauben, dass er seinem Oheim die
Geschichte seines Unglücks mitteile, da ja doch nur durch ihn in seinem Hause
kräftiger Beistand zu erlangen sei. Nur schwer liess sich Werteim überreden,
seine Einwilligung zu dieser Mitteilung zu gewähren, denn sein von Natur
heftiges und durch das öffentliche sowohl, als sein eignes Unglück erbitterte
Gemüt war schwer von einmal empfangenen Eindrücken zu heilen, und was auch der
Graf Robert sagen mochte, er schwieg düster dazu, und verlor den Verdacht und
Widerwillen gegen den Oheim seines Freundes nicht ganz. Endlich überstimmt und
überredet, musste er die verlangte Einwilligung geben, und Graf Robert begab sich
zu seinem Oheim, um das Beste seines düstern, ungestümen Freundes zu beraten.
    Der Graf beklagte den jungen Mann und war um so mehr zur Hülfe bereit, da er
dem Staate einen kräftigen Krieger zu erhalten wünschte. Doch entschied er
dahin, dass jede Massregel aufgeschoben werden müsse, bis der Arzt zurück sei, um
seine Meinung zu hören, wie bald der Verwundete sich neuen Anstrengungen
unterwerfen könne. Es ward also beschlossen, um jede Neugierde der Bedienten zu
unterdrücken, die bei etwaigen Nachforschungen nachteilig werden könnte, zu
verbreiten, der junge Mann sei durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt worden
und müsse sich hier im Hause etwas erholen, ehe er weiter nach Warschau reisen
könne, wie seine Absicht sei; und um allen Schein des Geheimnisses zu vermeiden,
sollten die beiden Fremden der Familie des Grafen vorgestellt werden und in
diesem Kreise scheinbar gleichgültig leben, bis der Arzt die Abreise erlauben
würde. Der Graf Robert hatte es Anfangs zu erwähnen vermieden, dass der Herr von
Werteim derselbe sei, durch dessen ungestüme Hitze sein Oheim schon ein Mal war
beleidigt worden. Er wollte erst die Unterstützung desselben für den jungen Mann
in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Missgriff
bekennen. Im Eifer des Gesprächs aber vergass er diesen Vorsatz und hatte seinen
Oheim verlassen, ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen.
    Zu seinem Freunde zurückgekehrt, fand er bei diesem den grössten Widerwillen
sich zu fügen, denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zurück,
sich einer Familie zu zeigen, bei der sein erstes Auftreten keinen
vorteilhaften Eindruck konnte zurückgelassen haben, und dann war sein Misstrauen
gegen den Grafen, welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen
durfte, keineswegs gehoben. Endlich musste er einsehen, dass er, da sein böses
Schicksal ihn zwang, gerade in diesem Hause Gastfreundschaft zu empfangen,
wenigstens jetzt die Höflichkeit üben müsste, die sowohl die Sitte, als seine
eigene Sicherheit forderte. Er liess es also geschehen, dass der Graf Robert
sowohl ihn, als seinen Freund Lehndorf mit Wäsche und Kleidern anständig
versorgte, woran bei ihrer übereilten Flucht Keiner gedacht hatte, um dem Grafen
und seiner Familie vorgestellt werden zu können. Als sie den Saal in dieser
Absicht betraten, fiel es dem jungen Grafen ein, dass er es vergessen habe,
seinen Oheim darauf vorzubereiten, dass er in der Person des Herrn von Werteim
keinen Unbekannten begrüssen würde, und er befürchtete unangenehme Folgen dieser
Vergesslichkeit.
    Es war nicht zu verkennen, dass ein Schatten von Unmut über das Gesicht des
Grafen flog, als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete. Die
leise Hoffnung, dass er ihn nicht wieder erkennen würde, verliess den jungen Mann,
Verlegenheit und Scham färbten sein Gesicht mit dunkler Röte, und drohten ihn
aller Fassung zu berauben.
    Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefühl besiegt und sagte
höflich, wenn auch mit einiger Kälte: Da ich das Vergnügen habe, Herr von
Werteim, Sie bei mir zu sehen, so muss ich glauben, dass Sie Ihre Ansichten über
mich, die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen äusserten, geändert
haben, und diese stillschweigende Erklärung ist mir im gegenwärtigen Augenblicke
genügend, um jedes Missverständnis zwischen uns aufzuheben. Der junge Mann wollte
antworten, aber er strebte vergeblich danach, Worte zu finden, so dass der Graf,
mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlend, ihn, ohne weitere Antwort zu erwarten,
mit seinem Freunde den Damen vorstellte.
    Der Gräfin gegenüber, war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich,
denn die Erinnerung stieg in ihm auf, wie er dieselben Frauen damals im Saale
getroffen und sie keines Grusses, kaum eines Blickes wert gehalten habe, als er
im Schmerz über das öffentliche Unglück mit zu grosser Rohheit den Grafen als
Landesverräter behandelte. Er konnte also nur mit Mühe auf die Teilnahme, die
ihm die Gräfin über seinen Unfall bezeigte, einige höfliche Worte antworten und
war froh, als sich der Obrist Talheim, der sich ebenfalls in der Gesellschaft
befand, seiner bemächtigte und ihn in ein Gespräch über die letzten Gefechte,
über die beinah gänzliche Auflösung der preussischen Armee und über den Druck der
Franzosen verwickelte.
    Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurückgekommen und man begab sich
zur Tafel; aber die Stimmung war nicht so unbefangen, wie gewöhnlich. Die neuen
Gäste nahmen nur mit Zurückhaltung an den Gesprächen Teil, und des Grafen
Höflichkeit war förmlicher und kälter, als man es an ihm gewohnt war. St. Julien
hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen, aber die
beiden Freunde des jungen Grafen würden es wie einen Verrat an ihrer heiligen
Sache betrachtet haben, wenn sie den Scherz eines Franzosen belächelt hätten,
wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hätte, wie dies nach
der Entführung der Schwester und Braut der Fall war. Es zog sich also bald nach
aufgehobener Tafel Jedermann zurück, und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte,
ob er es für möglich halte, dass der junge Werteim seine beabsichtigte Reise
fortsetze.
    Da der Arzt sah, dass der Graf im Geheimnis sei, so gestand er offen, der
junge Mann müsse wenigstens zwei Tage ruhen, wenn die Wunde sich nicht auf's
Neue heftig entzünden solle, in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei, den Arm
zu verlieren. Der Graf richtete seinen Plan demgemäss ein und liess seinen Vetter
zu sich bitten. Es wurde nun beschlossen, dass der junge Gustav noch diesen
Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle
des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle, dass der Graf Robert diese leichte
Equipage als ein Geschenk für seine Schwestern nach seinem Gute sende. Der junge
Mensch sollte aber statt dortin zwei Poststationen nach Warschau machen und
dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten, denen er Wagen und
Pferde zu ihrem Fortkommen zu überlassen habe. Er selbst solle denn ein
Reitpferd einhandeln und damit zurückkehren. Die Reisenden sollten öffentlich
auf dem Wege nach Warschau von Schloss Hohental abreisen und von der
bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin, oder wohin sie sonst wollten,
richten, und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu
führen, als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den
Bewohnern von Hohental abzulenken. Der Graf Robert teilte seinen Freunden den
entworfenen Plan mit, die, damit zufrieden, dankbar die Fürsorge des Freundes
erkannten, nur hätten sie gewünscht, sogleich abreisen zu können; die
Verzögerung zweier Tage schien ihnen peinvoll. Der Graf Robert bat den jungen
Gustav in Gegenwart seiner Gäste um die Gefälligkeit, diesen Auftrag zu
übernehmen, weil es unmöglich sei, sich in einer so ernstaften Sache jemandem
zu vertrauen, auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen
könne. Der Jüngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschützenden
Freundes, eine falsche Meinung seiner Gäste über ihn von ihm abzuwenden, und als
er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach, überhäufte
ihn dieser mit Danksagungen, in die der Verwundete sowohl, als der Baron
Lehndorf herzlich einstimmten, und der Jüngling trat nach dem verabredeten Plan
sogleich die Reise an.
    Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Werteim aus dem
Gesellschaftssaale der Gräfin zurückgezogen. Er fühlte grollend die Kälte, mit
welcher der Herr des Hauses ihn behandelte, und konnte sie doch innerlich nicht
tadeln, denn mit Beschämung musste er sich gestehen, dass sein früheres Betragen
ihn nicht berechtigte, eine liebevolle Aufnahme zu fordern, und indem er
gezwungen war, unter so drückenden Verhältnissen Hülfsleistungen in diesem Hause
zu empfangen, die vielleicht sein Leben erretteten, betrachtete er St. Julien
mit Unmut und bemühte sich gewissermassen, einen Verdacht gegen den Grafen in
seiner Seele fest zu halten, um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen
Grösse eingestehen zu müssen. Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen,
auf die schönen mutigen Pferde nieder, mit denen eben der Jüngling Gustav
abreiste, zum Abschiede noch freundlich hinauf grüssend, worauf ihm Graf Robert
noch mit zärtlicher Besorgnis Warnungen zurief, die der junge Mensch lächelnd
beantwortete, indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edeln
Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verliess.
    Trübe schlichen die Stunden vorüber, der Herbst war schon weit vorgerückt,
feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekümmerten Gemüte
keinen Trost, so dass nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewähren konnte. St.
Julien kam, um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen. Er machte
dem Grafen Robert Vorwürfe, dass er den jungen Gustav hatte abreisen lassen. Wir
werden uns ausserdem bald genug trennen müssen, sagte er, Du hättest doch gewiss
einen andern finden können, der Deine Aufträge zu erfüllen im Stande wäre. Auch
die Damen sind böse, dass Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast, und es
wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen, und Du, nimm es nicht übel, Du
bedarfst ihn am meisten. Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder, sagte der Graf
lächelnd.
    Lieber Freund, erwiederte St. Julien ernstaft, wenn man nur noch wenige
Wochen zu leben hat, dann sind einige Tage viel. Du weisst, wir müssen uns bald
trennen, und Gott weiss, wohin dann mich das Schicksal führt. Es scheinen sich
neue Gewitter im Süden zusammen zu ziehen, und mir blutet das Herz, wenn ich
denke, dass wir, die wir hier so glückliche Tage mit einander leben, uns nun
trennen und vielleicht niemals wiedersehen, denn wer kann mit Bestimmteit
wissen, ob ich aus den Kämpfen, die sich zu entwickeln drohen, lebend
wiederkehre.
    Der Graf Robert drückte schweigend die Hand des jungen Mannes, indem er
liebevoll in die dunkeln Augen blickte, die mit Zärtlichkeit auf ihn gerichtet
waren, und der junge Werteim sagte in der übereilten Hoffnung, dass sich
vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrünnig machen liesse: Wenn Sie Ihre
deutschen Freunde so lieben, wie Ihre Worte zeigen, warum verlassen Sie denn
nicht die Sache des Weltunterdrückers und ersparen Sich einen Schmerz, den ich
natürlich finde, und die späte Reue, zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben?
    Beleidigt blickte St. Julien auf, doch die Flamme des Zornes verschwand, als
sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete, und er
erwiederte lächelnd: Es wäre unpassend, wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht
auf den Ruhm legen wollte, der die französischen Waffen umgibt, und der allein
hinreichend wäre, Frankreichs Krieger an ihren grossen Feldherrn zu fesseln; aber
ich frage Sie, Herr von Werteim, wenn ich so glücklich wäre, von Ihnen sehr
geliebt zu werden, ob Sie in dieser Neigung, wie mächtig sie auch wäre, einen
Grund finden könnten, Ihren König, Ihr Vaterland, Ihre Sache zu verlassen, wenn
sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln? Auch denken meine deutschen Freunde zu
gut von mir, fuhr er etwas empfindlich fort, als dass sie einen solchen Schritt
je auch nur für möglich gehalten hätten.
    Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte, die nicht dazu dienten die
Gemüter einander zu nähern, und der Graf Robert erinnerte endlich, dass es Zeit
sei, sich in den Saal zu begeben, wohin ihn alle drei Freunde etwas missmütig
begleiteten. Die Hausgenossen waren schon versammelt, und man nahm um so lieber
zur Musik seine Zuflucht, da sich ein heiteres Gespräch diesen Abend nicht
wollte durchführen lassen, weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden
war.
    Während des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geräuschvoll in den
Saal, und man sah es ihm an, dass er mit Ueberwindung den Schluss der Musik
erwartete, weil er etwas auf dem Herzen hatte, das ihm wichtiger als alle Musik
der Welt schien, und sein Bestreben, sich dem Grafen zu nähern, war so
auffallend, dass selbst Emilie während des Gesanges sich dadurch gestört fühlte
und dem Ende zueilte, ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages
zu entfalten und ihr Gefühl in Tönen sich wiegen zu lassen.
    Man hatte auch kaum geendigt, als die auffordernde Miene des Geistlichen den
Grafen nötigte aufzustehen und sich ihm zu nähern, worauf dieser ein scheinbar
gleichgültiges Gespräch anknüpfte, indem er mit dem Grafen durch den Saal ging
und dann, wie er glaubte, unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer
führte. Als sie dies erreicht hatten, ging der Prediger einige Mal auf und
nieder, und der Graf brach endlich das Schweigen, indem er sagte: Sie haben
vermutlich etwas zu berichten, das nicht angenehmer Natur ist, denn sonst
würden Sie, Herr Prediger, nicht so lange mit der Mitteilung zögern.
    Wenigstens sonderbar ist es, erwiederte der Geistliche, und ich befürchte,
Sie werden von mir glauben, dass ich mich in Ihre Familienangelegenheiten
einzumischen suche, und doch konnte ich es, vermöge meines Amtes, nicht
ablehnen, da ich ersucht wurde, meine Kräfte anzuwenden, um Frieden zu stiften
und wo möglich zu vereinigen, was so lange schon unnatürlich entzweit ist.
    Wie verstehe ich das? fragte der Graf mit finstrer Stirn.
    Ich will es zugeben, sagte der Geistliche mit so mildem Tone, wie er ihn nur
von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte, dass der Bruder Ihrer Frau Gemahlin
Unrecht gegen seine Schwester geübt hat. Er gesteht dies selbst ein mit
herzlicher Reue, aber sollen deshalb Geschwister einander ewig zürnen? Beten wir
nicht täglich: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben. Und soll dies ein
leeres Wort bleiben, bei dem unsere Herzen nichts empfinden?
    Lassen wir das, Herr Prediger, sagte der Graf kurz und finster; ich bitte
Sie, diese Seite nie mehr zu berühren.
    Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zurückkehren, der
Prediger aber hielt ihn zurück, und indem er den Ton des Seelsorgers fallen
liess, sagte er im Tone des Geschäftsfreundes: Gönnen Sie mir noch einen
Augenblick, ich habe meine Pflicht getan, indem ich die Versöhnung der
Geschwister versuchte, worauf ich nie gekommen wäre, wenn ich nicht den
bestimmten Auftrag dazu hätte.
    Und Wer, fragte der Graf, mischt sich in meine Familienangelegenheiten? Wer
kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben?
    Wer anders, erwiederte der Pfarrer lächelnd, als der, dem die Versöhnung am
Meisten am Herzen liegt.
    Wie, rief der Graf mit Erstaunen, der Baron Schlebach?
    Ihr Herr Schwager, ja, versetzte der Pfarrer mit schlauem Lächeln.
    Niemals, erwiederte der Graf mit Heftigkeit, darf er auch nur die leiseste
Annäherung erwarten; und ich kann die Hartnäckigkeit, mit der er darauf besteht,
nicht achten. Ich bitte Sie, ihm dies so deutlich zu machen, dass er es einsehen
muss. Wählen Sie dazu Worte, welche Sie wollen, nur befreien Sie mich und seine
arme Schwester von einer Zudringlichkeit, die für uns unerträglich ist.
    Hören Sie mich, sagte ernstaft der Geistliche, den die grosse Heftigkeit des
Grafen in Verwunderung setzte. Es ist ganz unmöglich, dass Sie den Baron
Schlebach nicht sprechen; Sie würden dadurch Auftritte veranlassen, die Ihnen,
wie ich Sie kenne, im höchsten Grade widrig sein würden.
    Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung? sagte der Graf noch immer
sehr entrüstet. Ohne mein Zutun, erwiederte der Pfarrer. Der alte Lorenz
brachte ihn heute zu mir, indem er zu mir mit seiner gewöhnlichen Heuchelei
sagte, da ich von Gott dazu bestimmt sei, die Irrenden auf den rechten Weg zu
leiten, so habe er dem Herrn Baron geraten, sich an mich zu wenden, damit er
den Frieden seiner Seele wieder gewänne und in Eintracht mit seiner Familie
leben könne, denn ihm nage es das Herz ab, wenn er sehen müsse, wie seinen
verehrten Freund, den Herrn Baron, der Kummer darüber verzehre, dass sich
diejenigen, die Gott ihm so nahe gestellt habe, so fern von ihm hielten. Der
Baron sprach weniger von Gott zu mir, sondern sagte mir bloss, Herr Lorenz habe
ihm versichert, dass ich der Freund Ihres Hauses sei, und da mein Amt es mir zur
Pflicht mache, die Gemüter der Menschen zu versöhnen, so werde ich, wie er
hoffe, gewiss auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken
suchen, die vielleicht eine Versöhnung zwischen lang getrennten Geschwistern
herbeiführen könne, um so mehr, da er bereit sei, jedes Unrecht gegen seine
Schwester einzugestehen und sie deshalb um Verzeihung zu bitten. Dies alles
wurde sehr höflich gesagt, aber er fügte hinzu: Sagen Sie meinem Schwager, dass
ich ihn durchaus sprechen muss, und wenn er eine Unterredung, die ich, wie Sie
selbst sehen, mit Vorsicht einleite, nicht bewilligen will, so bin ich
entschlossen, nach Schloss Hohental zu gehen, um ihn aufzusuchen, und er kann
meinen Anblick nur dann vermeiden, wenn er den nächsten Verwandten seiner
Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben lässt.
    Was kann der Mensch von mir wollen? rief der Graf entrüstet, welch neues
Unglück will er durch seine Gegenwart hervorrufen?
    Bewilligen Sie ihm die Unterredung, sagte der Pfarrer besänftigend. Ich habe
ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben, dann kann er morgen früh hieher
kommen, und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen, ob er sich Ihrer Frau
Gemahlin nähern soll.
    Hieher nicht, rief der Graf noch immer sehr aufgeregt, hierher darf er nicht
kommen, die Gräfin darf ihn nicht in ihrer Nähe ahnen. Der unglückliche Frevler,
er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld. Der Graf schwieg plötzlich, denn
mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden Blick
des Predigers, der zu erwarten schien, dass im Drang verschiedener schmerzlichen
Empfindungen der Graf jede Zurückhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden
zeigen würde, die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte, die von aussen
so glücklich schien.
    Ein kurzes Schweigen war entstanden. Endlich sagte der Geistliche, ein wenig
über die getäuschte Hoffnung verstimmt: So sprechen Sie ihn bei mir, wenn Sie
ihn hier nicht sehen wollen, denn, glauben Sie mir, sprechen müssen Sie ihn
durchaus, wenn nicht ärgerliche Auftritte entstehen sollen.
    Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung: Ich nehme
dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten, dass der Gräfin
die Nähe ihres Bruders wo möglich verschwiegen bleibt. Auch ich hätte gern ein
Zusammentreffen vermieden, das nicht erfreulich sein kann; indes auch solche
Dinge gehören zu den Bürden des Lebens, die ein Mann muss ertragen können.
    Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit, doch bemerkte er
gegen den Grafen, dass der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei, der um so
weniger eine Zusammenkunft, die er eingeleitet habe, verschweigen würde, wenn er
wüsste, dass man dies wünsche. Der Graf gab ihm Recht, und Beide wunderten sich
darüber, dass der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe, die
unziemlich genannt werden konnte, da ihn nur niedrige Gründe bestimmt haben
konnten, sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nähern, von dem er durch
Erziehung und Bildung und Gründe aller Art entfernt gehalten werden sollte.
    Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft
zurück und sagte, indem er dem ängstlichen Blicke der Gräfin begegnete, mit
heiterem Lächeln: Der Herr Prediger hatte mir Mancherlei über die Gemeinde
mitzuteilen; aber nicht wahr? setzte er hinzu, indem er ihm die Hand bot, wir
werden gemeinschaftlich alle Uebel abwenden. Gewiss, antwortete der Pfarer
lächelnd, das Schwerste haben Sie ja schon getan.
    Die Gräfin, die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers
beunruhigt worden war, glaubte nach diesem heiteren, gleichgültigen Gespräch,
dass nichts Bedeutendes vorgefallen sein könnte, und wollte sich der Unterhaltung
wieder hingeben, aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu
bringen. Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschäftigt, die am
folgenden Tage Statt finden sollte. Die Gäste des Grafen Robert waren, von
Kummer und Misstrauen gedrückt, zu keiner harmlosen Teilnahme an der
Unterhaltung zu bewegen, so dass man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm,
womit der Prediger besonders zufrieden war.
    Da der Baron Lehndorf, sein Freund Werteim und der Prediger die Partie des
Obristen Talheim machten, so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und
nötigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen, dass er nämlich mit dem
Pferde gestürzt sei und sich den Arm beschädigt habe, welcher Unfall ihn
genötigt, das Vorwort seines Freundes zu benutzen, um die Gastfreundschaft hier
in Anspruch zu nehmen, wo er zugleich so glücklich gewesen sei, den Beistand des
Herrn Doktors für seinen Arm benutzen zu können. Und davon haben Sie mir nichts
gesagt, sagte der Prediger, indem er einen scharfen Blick auf den Arzt richtete,
der dem Spiele zusah. Der überraschte Freund wurde rot und sprang einen Schritt
zurück, drückte dann die Augen zu und sagte, vor Verlegenheit blinzelnd: Es ist
eine unbedeutende Beschädigung, es war nicht der Mühe wert darüber zu sprechen.
    Der Prediger erwiederte nichts weiter, richtete aber noch einige
gleichgültige Fragen über das französische Militair an den Baron Lehndorf und
seinen Freund, und spielte ruhig seine Partie zu Ende. Nach dem Abendessen nahm
er den Arzt am Arme und schlug ihm vor, noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer
zu rauchen, welches dieser nicht ablehnen konnte, und so trennte sich die
Gesellschaft, weil ein Jeder sich danach sehnte, sich seinen Gedanken ungestört
überlassen zu können.
    Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit grosser Gelassenheit seine
Pfeife in Ordnung gebracht, gestopft und angezündet hatte, lud er seinen Freund
ein, seinem Beispiel zu folgen, woran dieser noch nicht gedacht hatte, denn ihm
war heute die Aussicht, dass der Geistliche noch lange könne bei ihm verweilen
wollen, nicht angenehm, weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfüllen
wollte; denn die Wunde des Herrn von Werteim musste noch verbunden werden, und
er wollte den jungen Mann nur ungern noch länger die Ruhe der Nacht entbehren
lassen.
    Also, fing der Prediger das Gespräch an, den Rauch aus seiner Pfeife in die
Höhe blasend, der Herr von Werteim ist mit dem Pferde gestürzt und dadurch ist
er verwundet worden?
    Unbedeutend, erwiederte der Arzt, er wird bald hergestellt sein und seine
Reise fortsetzen können.
    Und nach Warschau will er? fragte der Prediger weiter.
    So höre ich, sagte sein ängstlich werdender Freund.
    Lieber Doktor Lindbrecht, erwiederte hierauf der Geistliche lächelnd, Sie
haben durchaus kein Talent zum Lügen. Das müssen Sie besser lernen, wenn Sie
mich hintergehen wollen. Ich will Ihnen jetzt sagen, wie die Sache
zusammenhängt. Ihr Kranker ist im Duell mit einem französischen Obristen
verwundet worden, der noch übler weggekommen ist, denn an seinem Aufkommen wird
gezweifelt, und der Divisions-General hat der Gemahlin des Obristen versprochen,
den Mörder desselben auf's Nachdrücklichste zu verfolgen, deswegen tun Sie gut,
wenn Sie Ihrem Patienten raten, seine Genesung nicht hier abzuwarten, und Sie
müssen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern überlassen.
    Der Arzt betrachtete seinen Freund mit weit geöffneten Augen, blieb eine
Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann: Sie haben einen Dämon, der Sie
lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken, denn auf gewöhnlichen
Wegen können Sie unmöglich Alles erfahren.
    Sie sehen, ich habe meine Nachrichten, erwiederte der Prediger
selbstgefällig lächelnd, und Sie sehen auch, dass das zuweilen nicht so übel ist,
denn man kann unbesonnenen Leuten dienen, wenn man wohl unterrichtet ist.
    Noch stand der Arzt in Staunen verloren über die unbegreifliche Klugheit
seines Freundes, als die Türe geöffnet wurde und der Graf Robert eintrat, der
mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden
Prediger betrachtete. Sie sehen nach, hob der Letztere schalkhaft lächelnd an,
ob Sie unsern Freund, den Doktor, noch nicht allein finden, damit er die Wunden
des Herrn von Werteim endlich verbinde.
    Nicht ich, rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust
legend, nicht ich habe den Verrat begangen. Er weiss unser Geheimnis, aber,
welcher Dämon es ihm verraten, ist mir unbekannt.
    Sein Sie ruhig, sagte der Prediger ernstaft, und gebehrden Sie sich nicht
so wunderlich. Ich habe von Reisenden zufällig erfahren, dass ein französischer
Obrist von einem verabschiedeten preussischen Offizier schwer verwundet worden
ist.
    Also lebt der Obrist, rief der Graf in freudiger Ueberraschung, jede
Zurückhaltung aufgebend. Er lebte noch vorgestern, erwiederte der Geistliche.
Die Aerzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der Divisions-General die
heftigste Verfolgung der Flüchtlinge beabsichtigen. Desshalb rate ich Ihnen,
Ihre Freunde so bald als möglich fortzuschaffen und nicht eine Minute länger,
als es nötig ist, zu zaudern.
    Der Graf dankte dem Prediger und eilte, seinem Oheime die Nachrichten, die
er eben erhalten hatte, mitzuteilen, worauf Dübois gerufen wurde, der alsbald
wieder die Zimmer des Grafen verliess, um Postpferde für den folgenden Morgen um
fünf Uhr zu bestellen. Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden, als
der Graf Robert zu diesem eintrat, ihm die Notwendigkeit anzuzeigen, schon den
andern Morgen zu reisen. Werteim war mit dieser Anordnung zufrieden, denn er
fühlte sich gedrückt unter dem Dache des Grafen. Der Arzt teilte ihm hierauf
noch, ehe er sich zurückzog, die nötigen Verhaltungsregeln für die Reise mit,
versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann
zum Prediger zurück, den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand, und der nun
auch mit dem übermütigen Rate von ihm schied, in der Zukunft das unnütze
Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben.
 
                                       XV
In der Dämmerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem Hofe und
der Baron Lehndorf bestieg sie mit seinem Freunde, nachdem dieser aus den Händen
des Arztes befreit war, der dies Mal seinen Verband noch sorgfältiger als
gewöhnlich aufgelegt hatte, damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig
als möglich erhitzen möge. Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden, der die
nötigsten Gegenstände entielt, mit denen der Graf Robert die scheidenden
Freunde versorgte. Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehändigt, die
ihre nächste Zukunft sicherte, und ob sie ihm gleich herzlich dankten, so
empfingen sie doch seine Hülfe ohne Beschämung, da er zu ihrer Verbrüderung
gehörte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war, aus allen Kräften die
Glieder des Bundes zu unterstützen, die eben Hülfe bedurften.
    Da die Freunde aus sicheren Quellen wussten, dass Schill in Berlin erwartet
wurde, so beschlossen sie, sich ebenfalls dahin zu begeben, und der Graf Robert
hatte ihnen versprochen, dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen, da auch er
zunächst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur
verzögert hatte, weil er sich vor dem Schmerze der Trennung fürchtete. Die
beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet, ihn zu
überreden, sich ebenfalls, wie sie es beschlossen hatten, an Schill
anzuschliessen. Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu
geblieben, dem er feierlich versprochen hatte, nichts übereilt zu beschliessen
und jedes Unternehmen vorher streng zu prüfen, ehe er sich zur Teilnahme bereit
zeigte. Desshalb blieb er standhaft dabei, den Freunden zu versichern, dass er,
wenn ihm in der Nähe Alles so sicher und vorteilhaft für die gute Sache
erscheinen sollte, wie es ihnen in der Ferne vorkäme, dann keinen Anstand nehmen
würde, sich mit ihnen zu vereinigen.
    Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie
beklagten in dieser Rücksicht ihren zu kurzen Aufentalt auf Schloss Hohental,
weil sie meinten, der Graf Robert würde ihrer Ansicht haben weichen müssen, wenn
sie Zeit gehabt hätten öfter auf den Gegenstand zurück zu kommen. Doch trösteten
sie sich damit, dass in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger, die
den heldenmütigen Anführer umgab, auch die Seele des kälteren Freundes
entzünden und ihn bestimmen würde, durch einen kühnen Entschluss in ihre Mitte
einzutreten.
    Die Gräfin wunderte sich über die schnelle Abreise seiner Freunde, als der
Graf Robert sie ihr beim Frühstück anzeigte. Doch fand sie es natürlich, dass der
Herr von Werteim einen Aufentalt zu verlassen eilte, der ihm unangenehme
Erinnerungen aufdrängte, und sie beklagte nur, dass vielleicht seine Gesundheit
durch die zu grosse unnütze Eile leiden könne.
    Der Graf meinte, in der Jugend habe man viele Lebenskraft und könne grossen
Beschwerden Trotz bieten. Er selbst könne die Abreise der beiden Freunde nur
loben und würde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben.
    Man fand nichts Ungewöhnliches darin, als nach dem Frühstück der Graf sein
Pferd zu satteln befahl, weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte, mit
dem er, wie er sagte, manche die Gemeinde betreffende Gegenstände zu beraten
habe, und die Gräfin ahnte nicht, als sie ihm nachblickte, indem er von dem Hofe
hinunter ritt, welcher Zusammenkunft er entgegen eilte.
    Im Hause des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden, denn dem
Hausherrn wurden seine Gäste überaus lästig, weil der alte Lorenz unter dem
Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden
Vertraulichkeit quälte, die dieser nicht zurückzuweisen verstand und sich auch
nicht geneigt fühlte zu ertragen. Er eilte also dem Grafen, so wie er ihn
erblickte, vor die Tür seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit
herzlicher Freude.
    Der Graf erwiederte diese freundliche Begrüssung in merklicher Spannung, und
die Eile, mit welcher er eintrat, zeigte deutlich, dass er die ihn erwartende
peinliche Unterredung so bald als möglich zu beendigen wünschte. Als er das
Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte, trat ihm der Baron Schlebach mit
verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit
eines Verwandten umarmen. Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch
eine höfliche, kalte Verbeugung aus und sagte, indem er einen strengen,
verächtlichen Blick auf den alten Lorenz richtete: Da Sie mich wahrscheinlich
allein und ungestört zu sprechen gewünscht haben, so denke ich, bitten wir beide
den Herrn Prediger, dass er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort, Sie zu
erwarten, anweiset; er wird uns diese Gefälligkeit nicht abschlagen, da er schon
so gütig gewesen ist, uns dies Zimmer für eine kurze Zeit zu überlassen und hier
eine Zusammenkunft zu gestatten, die Ihnen unvermeidlich scheint.
    Der Baron fügte sich dem Wunsche des Grafen, und der alte Lorenz hatte in
der Gegenwart des Letzteren nicht den Mut, seine Unverschämteit fortzusetzen.
Er verliess also das Zimmer, und auch der Prediger fühlte, dass er der Unterredung
zwischen den beiden, sich so seltsam gegenüberstehenden Verwandten schicklicher
Weise nicht beiwohnen könne; auch er verliess also das Gemach, obwohl mit
zögerndem Schritte, indem seine natürliche Neugierde ihn wie ein Magnet
festalten zu wollen schien.
    So waren denn nun die beiden Verwandten allein, und ein fragender Blick des
Grafen lud den Baron zum Sprechen ein, der noch immer lächelnd schwieg, weil er,
wie es schien, die rechten Worte suchte, um diese seltsame Unterredung zu
eröffnen. Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern, dass
der Baron in der Blüte der Jugend ein auffallend schöner Mann gewesen war. Jetzt
hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmässiges Leben die
herrliche Gestalt zerstört; aber immer noch leuchteten dem Grafen die schönen
dunkeln Augen entgegen, die ihn an seine Gemahlin erinnerten, obwohl ein
wilderes Feuer darin brannte. Die hohe, freie Stirn wurde durch die
Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet, und das süssliche Lächeln, welches
den feinen Mund fortwährend umschwebte, gab diesem einen Zug von spöttischer
Falschheit; aber dennoch machte noch jetzt die Persönlichkeit des Barons einen
angenehmen Eindruck, der durch seine schöne, weiche und doch männliche Stimme
erhöht wurde, als er endlich zu sprechen begann, so wie die edeln Gebehrden eine
gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen.
    Es ist wohl seltsam, hob der Baron mit scheinbarer Freimütigkeit an, dass
ich heute zum ersten Male das Glück habe, Ihnen als Verwandter gegenüber zu
stehen, obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden sind
und man glauben sollte, dass nach dieser Verbindung unser natürliches Verhältnis
zu einander das, in dem Brüder gegen einander stehn, wäre.
    Es drängt sich uns im Leben, erwiederte der Graf, oft die Erfahrung auf, dass
wir uns den Banden, welche die Natur zu knüpfen scheint, dennoch entziehen
müssen, wie beklagenswert uns auch diese Notwendigkeit erscheinen mag.
    Aber ist es möglich, sagte der Baron mit einschmeichelndem Lächeln, dass
meine Schwester einen Groll so lange nähren kann, dass die vernünftigere Ansicht
des Gemahls nicht im Stande sein sollte, ihn zu besiegen? Ich kann nicht
glauben, dass sie einen so hohen Wert auf einige Summen legen sollte, die ich,
ich gestehe es, von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht
zurück geben konnte.
    Wenn meine Gemahlin, versetzte der Graf mit höflicher Kälte, Gründe hat,
jede Annäherung zu vermeiden, und lieber das lieblose Urteil der Welt über sich
ergehen lässt, die sie schonungslos genug tadelt, dass sie dem Wunsche des
einzigen Bruders entgegen in dieser Zurückgezogenheit beharrt, so kann ich Ihnen
wenigstens die Versicherung geben, dass diese Gründe nicht so niedriger Art sind.
    Sollte denn also ihr Herz, sagte der Baron mit den weichsten Tönen seiner
sanften Stimme, sich auf immer feindlich gegen mich geschlossen haben, weil sie
glaubt, dass ich freventlich, unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe?
Ach, könnte sie sich nur entschliessen mich zu hören, sie würde dann auch dies
gewiss milder beurteilen und mein Unglück vielleicht beklagen, wenn ich es auch
durch Leichtsinn selbst veranlasst haben sollte.
    Meine Gemahlin, antwortete der Graf, hat jeden Anspruch darauf, Ihre
Handlungen zu beurteilen, längst aufgegeben, und wenn sie sich ausser dem
Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wünscht, so ist dies, um den
Frieden ihres Lebens zu bewahren, notwendig, ohne von feindlichen Gesinnungen
zu zeugen.
    Sie gewähren mir einen grossen Trost, sagte der Baron mit scheinbarer
Herzlichkeit, indem er dem Grafen die Hand bot, die dieser, wenn er nicht
geradezu beleidigen wollte, nehmen musste; denn Sie geben mir die Versicherung,
dass ich von meiner Schwester nicht gehasst bin, und so darf ich denn nun mit
grösserer Zuversicht die Hoffnung einer endlichen Versöhnung hegen.
    Ich bitte Sie, entgegnete der Graf mit grossem Ernst, jeden Gedanken an eine
Annäherung gänzlich aufzugeben. Hat das Leben Ihrer Schwester den geringsten
Wert für Sie, so werden Sie sich dieser Notwendigkeit um so eher fügen, wenn
ich Ihnen sage, dass Sie auf das Haupt dieser Unglücklichen ein Schicksal geladen
haben, vor dem Sie vielleicht selbst schaudern würden, wenn Sie es in seinem
ganzen Umfang kennen sollten. Wenn Sie aber trotz dieser Erklärung annähernde
Schritte noch für angemessen halten, so muss ich noch hinzufügen, dass ich solche
wie eine offenbare Feindseligkeit gegen mich betrachten würde, der ich auf
gleiche Weise dann begegnen müsste.
    So wäre diese Hoffnung vorüber, sagte der Baron seufzend, und ich scheide
völlig verarmt im Herzen aus meinem Vaterlande. Sie sehen nur mein Unrecht, aber
nicht meine Schmerzen. Sie wollen Ihre Gemahlin vor unangenehmen Eindrücken
bewahren und beachten es nicht, wenn Sie das Herz des Bruders zerreissen. Doch es
sei, Sie ahnen nicht das Gefühl der Verzweiflung, mit dem ich von Ihnen scheide,
da ich in der Hoffnung kam, das Herz meiner geliebten Schwester zu rühren, und
durch diese Versöhnung nicht bloss diese wieder zu gewinnen glaubte, sondern auch
einen edeln Verwandten, einen brüderlichen Freund. Alle diese Träume sind
vernichtet und ich muss freudlos, wie ich es begann, das traurige Leben enden.
    Beide schwiegen eine Zeit lang, endlich sagte der Graf: Da die Absicht, aus
welcher Sie diese Zusammenkunft wünschten, nicht erreicht werden kann, so werden
Sie selbst es am Besten finden, wenn wir nun friedlich scheiden, da ich nicht
glaube, dass Sie mir noch sonst etwas zu sagen haben können.
    Freilich, sagte der Baron, indem er wie aus tiefem Sinnen auffuhr, scheiden
müssen wir, und ich kann Ihnen nichts mehr sagen. Und doch, fuhr er, wie sich
besinnend, fort, warum sollte ich jetzt nicht über ein Geschäft wie ein Edelmann
zum andern mit Ihnen sprechen können, obgleich es meine Absicht war, auch dies
freundlich und liebevoll, wie es zwischen Verwandten sich ziemt, zu behandeln.
    Ich stehe zu Befehl, sagte der Graf mit höflicher Kälte.
    Sie wissen, erwiederte der Baron, anmutig lächelnd, dass unser Vaterland so
gut wie vernichtet ist und dass die ungeheuern Lasten, die jeden einzelnen
bedrücken, der nicht unermesslich reich ist, wie Sie, schon viele kleinere
Gutsbesitzer vermocht haben, ihr Eigentum dem Staate gänzlich zu überlassen,
weil es nicht möglich war die Forderungen dieses Staates zu befriedigen.
    Ich weiss, antwortete der Graf seufzend, dass das Grundeigentum beinah allen
Wert verliert, weil der Druck der Abgaben nicht gemildert werden kann, so lange
die Franzosen im Lande bleiben.
    Nun, dann möchte er noch ziemlich lange anhalten, sagte der Baron mit
schlauem Blick, und selbst Ihr grosser Reichtum könnte am Ende nicht ausreichen.
    Mein Reichtum ist bei Weitem nicht so gross, wie Sie zu glauben scheinen,
erwiederte der Graf trocken. Ich habe seit vielen Jahren von meinen Einkünften
jährlich etwas zurückgelegt, und diese so ersparten Summen setzen mich nun in
den Stand, die notwendigen Forderungen des Vaterlandes zu befriedigen, ohne
mein Vermögen zu zerstören, wie es andere, minder Beglückte leider müssen.
    Das ist es ja, was ich meine, versetzte der Baron mit etwas spöttischem
Lächeln. Sie haben mit bewunderungswürdiger, ja mit beneidenswerter Vorsicht
die sieben fetten Kühe benutzt und können nun grossmütig die sieben magern
ernähren.
    Ich weiss nicht, sagte der Graf empfindlich, ob das Gespräch, wie wir es
jetzt führen, die Einleitung eines Geschäftes sein kann, und ob es nicht besser
wäre zu scheiden, ohne uns gegen einander zu verstimmen?
    Ich denke, erwiederte der Baron, dass Sie mir, ehe wir uns trennen, noch das
Zeugnis geben werden, dass ich wenigstens mein Schicksal mit Gleichmut trage,
denn auch ich bin einer der minder Beglückten, die ihr Eigentum aufgeben
müssen, um das wankende Vaterland zu unterstützen, und ich wollte nach der
gelungenen Versöhnung Ihnen als Ihr Freund und nächster Verwandter meine Güter
zum Verkauf anbieten. Da die Versöhnung leider gänzlich misslungen ist, so biete
ich Ihnen den Handel an, wie ein Edelmann dem andern.
    Sie wissen wohl selbst, sagte der Graf, dass es im gegenwärtigen Augenblicke
beinah unmöglich ist, Güter zu kaufen, weil nicht allein die Aufbringung der
Kaufsumme Verlegenheit hervorbringt, sondern weil man dadurch die Last der
Abgaben so steigert, dass man davon erdrückt werden muss; also werden Sie es
natürlich finden, wenn ich jeden Antrag der Art ablehne.
    Ich weiss nicht, erwiederte der Baron höflich, ob Sie nicht diese
abschlägliche Antwort zurücknehmen, wenn Sie die Sache von allen Seiten überlegt
haben werden. Jedermann weiss, dass Sie Ihr grosses Vermögen zu dem edeln Zwecke
benutzen, alle Hülfsbedürftige zu unterstützen, dass Sie bei dieser löblichen
Menschenliebe nicht einmal darauf Rücksicht nehmen, ob sie Freunden oder Feinden
Ihres so hoch von Ihnen verehrten Vaterlandes zu Teil wird. Jedermann weiss, dass
ich als der einzige Bruder Ihrer Gemahlin mich seit lange fruchtlos bemühe in
der Jugend entstandene Irrungen mit meiner Schwester auszugleichen. Welch ein
seltsames Licht müsste es auf diese Schwester und auch auf Sie werfen, wenn Ihre
feindliche Stimmung gegen mich, deren Grund Niemand begreift, so weit ginge, dass
Sie mich allein die Hülfe nicht finden liessen, die sonst Jedermann bei Ihnen
findet. Auch glaube ich, könnte es Sie bestimmen auf den Handel einzugehen, dass
ich, wenn er zu Stande kommt, gesonnen bin, diese Gegend gänzlich zu verlassen,
wodurch Sie gesichert wären, dass nicht wieder ärgerliche Auftritte Statt finden
könnten, wenn ich zufällig mit meiner Schwester zusammenträfe.
    Sie stellen Gründe auf, sagte der Graf mit Bitterkeit, die mit siegender
Gewalt alle Einwendungen lähmen und die mich in der Tat geneigt machen, Ihren
Forderungen zu genügen, wenn es meine Kräfte erlauben.
    Ich dachte es wohl, erwiederte der Baron verbindlich, dass ich mich nicht
vergeblich an Sie gewendet haben würde. Wir können einen Tag festsetzen, wenn
wir uns in Breslau treffen wollen, wo wir unser Geschäft beendigen können. Doch
muss ich bitten, diese Zusammenkunft nicht länger als eine Woche aufzuschieben,
weil ich sonst in anderen Plänen gehindert würde, und muss Sie noch ersuchen, die
Bedingung einzugehen, eine Summe sogleich auf Abschlag der Zahlung zu
entrichten.
    Wie, sagte der Graf, eh ich die Güter kenne, ehe mir einmal der Kaufpreis
genannt ist?
    Ich gestehe, sagte der Baron lächelnd, dass diese Bedingung etwas von der
allgemeinen Regel abweicht, aber bedenken Sie, die Umstände sind auch nicht die
gewöhnlichen. Ein Verwandter macht Ihnen diesen Vorschlag, der sich entfernen
will und dem Sie dann vielleicht nie im Leben mehr begegnen.
    Dies entscheidet, sagte der Graf. Unter dieser Bedingung bin ich bereit auch
auf diese Forderung einzugehen, wenn sie meine Kräfte nicht übersteigt, denn ich
setze voraus, Sie wissen den Wert Ihrer Bedingung zu schätzen, und ich fürchte,
Sie haben Ihre Forderung dem gemäss eingerichtet.
    Ich werde die Genugtuung haben, sagte der Baron mit einschmeichelnder
Stimme, dass Sie mich bescheidener finden, als Sie vermuten. Ich habe einem
Freunde tausend Taler zu bezahlen, der seine Rechte seinem Vater übertragen
hat, dem alten Herrn Lorenz, der mich hieher begleitet hat, um das Geld sogleich
zu empfangen, und ich muss deshalb auf die Abzahlung dieser Summe dringen, weil
sonst leicht eine mir nachteilige Spannung zwischen mir und meinem Freunde
entstehen könnte.
    Und Sie nennen diesen Menschen Ihren Freund? fragte der Graf mit Erstaunen.
    Warum nicht? erwiederte der Baron lächelnd. Wollte ich hier bleiben, so
könnte vielleicht aus dieser freundschaftlichen Verbindung manche Verlegenheit
für mich entstehen, aber da wir beide nach der spanischen Gränze gesendet
werden, wo unser Vorteil gemeinschaftlich sein wird, und wo uns Niemand kennt,
so können die hiesigen engherzigen Rücksichten keinen Einfluss auf mich üben, um
so mehr, da die Franzosen alles andere eher aufgeben werden, als das Gefühl
einer ursprünglichen Gleichheit; daher würde es mir selbst keinen Nachteil
bringen, wenn auch die Herkunft meines Freundes bekannt würde.
    Ich habe den Franzosen niemals so sehr Unrecht tun mögen, sagte der Graf,
zu glauben, dass sie die Gleichheit, welche sie verlangen, so verstanden wissen
wollen, dass sie keine moralische Unterschiede annähmen. Doch, fuhr er mit einem
kalten Blick auf den Baron fort, ich habe hier kein Urteil zu fällen.
    Sie meinen, entgegnete dieser lächelnd, der moralische Unterschied zwischen
mir und dem werten Herrn Lorenz möchte nicht bedeutend sein, denn ich wette,
Sie halten uns beide für ein Paar Taugenichtse.
    Ich habe schon bemerkt, sagte der Graf, dass ich kein Urteil über Sie habe.
Nach der spanischen Gränze wollen Sie, fragte er hierauf, also muss ich
vermuten, Sie nehmen französische Dienste, und so könnte es sich fügen, dass Sie
selbst einmal gegen Ihr Vaterland gebraucht würden.
    Wie die Sachen jetzt stehen, antwortete der Baron, lässt es sich kaum
vermuten, denn dies Preussen, welches Sie mein Vaterland nennen, ist zu eng, zu
notwendig mit Frankreich verbunden, als dass sein Adler nicht immer mit dem
französischen fliegen sollte. Aber selbst, wenn es anders wäre, so könnte dies
mein Handeln nicht bestimmen. Wie oft haben Preussen gegen Oesterreicher, Sachsen
und Andere gefochten, die sich doch wohl Deutsche nennen müssen und die folglich
zu dem deutschen Vaterlande gehören, denn so enge Grenzen werden Sie doch Ihrer
Vaterlandsliebe nicht stecken wollen, dass Sie alles, was ausserhalb Preussen
liegt, Fremde und Feindesland nennen wollen. Wenigstens würden Sie, wenn Sie
dies täten, in seltsame Verlegenheiten geraten. Sie müssten dann mit
feindlichen Augen selbst die betrachten, die Sie noch im vorigen Jahre mit
Bruderliebe umfasst haben als die Söhne des gemeinsamen Vaterlandes, die
Einwohner der abgetretenen Provinzen nämlich.
    Der Baron schwieg. Da aber der Graf nicht antwortete, fuhr er fort: Sie
nehmen vermutlich die Gränzen des Vaterlandes bis zum Rhein an. Ich gehe etwas
weiter; ich überschreite den schönen Fluss und finde mit Weltbürgersinn überall
mein Vaterland, so weit die Civilisation reicht.
    Dies ist ein Gegenstand, sagte der Graf kalt, über den sich nicht streiten
lässt. Jedermann folgt darin seiner Ansicht, und es würde zu weit von dem Zwecke
unserer Zusammenkunft abführen, wenn wir gegen einander unsere Meinungen
entwickeln wollten.
    Der Baron folgte bereitwillig diesem Wink, und es wurde festgesetzt, dass
beide Herren sich nach vier Tagen in Breslau treffen wollten, um den
beabsichtigten Handel abzuschliessen, und dass der Graf tausend Taler dem Pfarrer
übergeben wollte, der sie gegen die gehörige Quittung dem alten Lorenz abzugeben
habe. Der Graf hatte sich zu diesem Opfer entschlossen, um einen Verwandten zu
entfernen, dessen Nähe nur unheilbringend sein konnte. Er hatte aber den
Vorsatz, in Breslau einen Rechtsgelehrten zu Rate zu ziehen und nur dann den
Kauf der Güter in der Tat abzuschliessen, wenn er überzeugt sein könnte, dass
sein unwürdiger Verwandter ihm nicht neue Nachteile bereitete. In diesem Falle
wollte er die ihm abgedrungene Summe lieber verlieren.
    Als das Geschäft so weit beendigt war, wollte der Graf sogleich nach Schloss
Hohental zurückkehren. Der Baron aber hielt ihn mit höflichen Gesprächen
zurück, ohne sich durch die kurzen Antworten, welche er erhielt, abschrecken zu
lassen, und ein mit allen Verhältnissen Unbekannter hätte nach der Art, wie die
Unterredung geführt wurde, schliessen müssen, dass beide Verwandte eigentlich im
besten Einverständnis lebten, und dass der Baron mit liebenswürdiger
Gutmütigkeit sich bestrebte, die üble Laune eines geachteten Verwandten zu
verscheuchen. Der Graf erfuhr auf diese Weise gegen seinen Willen, dass der Baron
ein genauer Freund des Obristen sei, der durch den Herrn von Werteim war
verwundet worden, dass er durch diesen mit dem Divisions-General in Verbindung
gekommen sei, welcher bedeutenden Einfluss in Paris habe, so dass es ihm nicht
schwer gefallen wäre, dem Baron so wie dem jungen Lorenz eine Anstellung bei der
Armee zu verschaffen, die nach der spanischen Gränze geschickt werden solle.
Doch erklärte sich der Baron über die Natur dieser Anstellung nicht genauer, und
der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht erraten, dass der Baron auf die
erste Sprosse der Leiter des Glücks, die er ersteigen wollte, durch die
sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war, in welcher der Graf, ohne
seinen Scharfsinn anzustrengen, die Tochter des alten Lorenz erkannt haben
würde, wenn auch der Prediger nicht schon längst durch unumwundene Fragen die
Sache ausser allen Zweifel gesetzt hätte. Endlich gelang es dem Grafen, sich von
dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu
beseitigen, und er eilte aus der Nähe eines Menschen hinweg, dessen
Gefährlichkeit er schon in der einzigen Unterredung, die er nach vielen Jahren
mit ihm gehabt, genügend erkannt hatte, und ihm däuchte das Opfer von tausend
Talern unbedeutend, wenn dadurch die Ueberzeugung erkauft werden könnte, dass er
den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde. In diesen Gedanken und
Betrachtungen erreichte er seine Wohnung, wo er andere Nachrichten fand, die,
wie er auch dagegen kämpfte, niederschlagend auf ihn wirkten.
 
                                      XVI
Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg, kam ihm St. Julien entgegen,
in dessen Augen noch leichte Spuren von Tränen waren, obgleich der lächelnde
Mund dem Gefühle widersprechen zu wollen schien, welches diese
Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte. Er hielt einen Brief in der Hand und
sagte: In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein, um Ihnen ihren Dank
darzubringen und mich mit sich hinwegzuführen. Die Lippen des jungen Mannes
zitterten, indem er diese Worte sprach. Er kämpfte mit der Wehmut, doch
plötzlich überwältigte ihn sein Gefühl, er liess den Tränen freien Lauf und
rief, indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte: Werde ich Sie und Alle jemals
wiedersehen? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen können? Der Graf
drückte mit inniger Rührung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mühsam
beherrschtem Schmerz: So nah ist also die unglückliche Stunde? Er fasste darauf
den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen, wo er, wie es St.
Julien wollte, den Brief las, den dieser von seiner Mutter erhalten hatte. Wir
müssen uns die Trennung noch nicht so denken, sagte er endlich. Ihre Mutter wird
sich bewegen lassen, so lange bei uns zu verweilen, bis die Zeit Ihres Urlaubs
geendigt ist.
    Gewiss, sagte St. Julien, wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch
erfüllen; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick
doch, der den Schmerz der Trennung herbeiführt.
    Endlich, sagte der Graf, ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung,
und trennt uns nichts anders, so naht doch endlich der Tod und zerreisst auch die
festesten Bande. Darum ist jeder Tag des Glückes in unserm armen, kurzen Leben
ein unendlicher Gewinn.
    Beide Männer betraten in wehmütiger Stimmung den Saal, wo sie die Frauen
und den Grafen Robert beisammen fanden, denen die baldige Ankunft der Mutter St.
Juliens mitgeteilt wurde. Der Schmerz in den Augen der Gräfin war nicht zu
verkennen, und Emilie verliess den Saal, weil sie die Tränen nicht zurückhalten
konnte, die an den langen, goldenen Wimpern zitterten. Stumm reichte der Graf
Robert seinem Freunde die Hand, die dieser mit Innigkeit drückte.
    Der Graf verliess seine vom Gefühl der nahen Trennung schmerzlich berührten
Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors, wo er den Haushofmeister
Dübois fand. Dieser gutmütige alte Mann hatte nach und nach die Ueberzeugung
seiner Freundin Herrschaft über sich gewinnen lassen, und glaubte beinah mit
Gewissheit mit ihr, dass St. Julien der geraubte Sohn der Gräfin sei. Der Graf
hatte öfter die gewesene Dienerin über alle Umstände befragt, und er musste
wenigstens zugeben, dass die Sache möglich sei. Er hatte die Möglichkeit so oft
erwogen, dass sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde. Er hatte sich längst
gestanden, dass es eben die grosse Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde, dem
Grafen Evremont, gewesen sei, die ihn zu dem jungen Manne, so wie er ihn
erblickte, wunderbar hingezogen hatte. Er teilte auch dies der Professorin mit;
aber, schloss er, diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein, wie wir öfter
Gelegenheit haben es zu bemerken.
    Ich weiss nicht, rief die Wittwe des Professors, ob die Natur ein so dummes
Spiel macht, dass nicht bloss die Aehnlichkeit da ist, sondern auch das kleine
braune Maal unter dem linken Auge, das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn
betrachtet habe. Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen, aber die Frau Gräfin
war zu ängstlich und gab es nicht zu. Ich kann es gar nicht begreifen, wie die
vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind. Wie ist es möglich, dass die
Frau Gräfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt.
    Sie bezeichnen Herrn St. Julien, sagte der Graf, mit so grosser Bestimmteit
als den Sohn meiner Gemahlin, und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen
Mannes hier sein, und alle Täuschungen werden schwinden.
    Lasst sie nur kommen, rief die Professorin, indem sie die Hände
zusammenschlug, lasst sie nur kommen, ich will ihr schon Fragen vorlegen. Die
Frau Gräfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen; sie wäre im Stande und liesse
sich mit schönen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen. Aber mir soll sie
Antwort geben, die französische Madam, ich werde sie nicht so ziehen lassen, und
wenn sie auch ihren grossen Buonaparte mitbrächte, so liesse ich mich doch nicht
einschüchtern.
    So ernstaft dem Grafen die Sache erschien, so konnte er doch ein Lächeln
über den Eifer seiner Verbündeten nicht unterdrücken. Er teilte nun ihr und
Dübois mit, dass er gezwungen sei, auf einige Tage zu verreisen, und bat Beide,
wenn die Mutter des jungen Mannes während seiner Abwesenheit kommen sollte,
Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine übereilte Abreise vor seiner
Rückkunft zuzugeben, unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen
sollte, aber auch mit allen entscheidenden Schritten, die zu Entdeckungen führen
könnten, bis zu seiner Rückkunft zu warten, damit Alles mit so viel Schonung für
die Gräfin als möglich eingeleitet werden könne. Beide versprachen ihm pünktlich
zu gehorchen, und die Wittwe des Professors sagte: Sie sehen, dass ich schweigen
kann, das ist nur ein einfältiges Gerede, wenn die Männer immer darauf sticheln,
dass die Weiber nicht schweigen können. Ist es mir der Mühe wert, so weiss ich
meine Zunge wohl zu bändigen. Sie sehen, ich lebe hier Wochenlang und es brennt
mir täglich auf dem Herzen, wenn ich sehe, wie kummervoll die Frau Gräfin den
jungen Mann betrachtet. Ich möchte ihr gerne sagen: So öffnen Sie doch die
Augen, wischen Sie die Tränen daraus hinweg, damit sie hell werden, und umarmen
Sie das beweinte Kind, damit der nutzlose Jammer endlich endigt. Aber Sie haben
mir so viel vernünftige Gründe angeführt, dass ich immer schweige und das Elend
ruhig ansehe.
    Der Graf dankte ihr für ihre Standhaftigkeit und versicherte, dass er
überhaupt nicht so nachteilige Meinungen in Betreff der Klugheit und
Zurückhaltung der Frauen hege, und dass ihr Beispiel auch jeden andern eines
Besseren belehren müsse, und verliess mit Dübois die durch so freundliche Worte
hochbeglückte Frau, um mit diesem noch nähere Verabredungen zu treffen für den
Fall, dass St. Juliens Mutter während seiner Abwesenheit eintreffen sollte.
Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten, die gegen eine Frau getroffen
wurden, die sich ihm stets als eine zärtliche Mutter gezeigt hatte. Er sehnte
sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke, in welchem sie ihn in die Arme
schliessen würde, und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Ueberzeugung, dass
diesem glücklichen Augenblicke die Trennung von zärtlich und leidenschaftlich
geliebten Wesen folgen müsste.
    Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen
Tag früher ein, als er den Baron erwarten durfte. Er wollte diese Zeit dazu
benutzen, um den Rat eines Rechtsgelehrten über den vorgeschlagenen Kauf früher
zu nehmen, ehe er sich weiter gegen den Verkäufer erklärte. Doch war seine
Vorsicht in sofern vergeblich, weil der Baron ebenfalls den Entschluss gefasst
hatte, einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein, um den
Rat eines Rechtsgelehrten zu benutzen, und das Schicksal wollte, dass Beide sich
an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft
zusammentrafen. Da der Baron sehr zu verkaufen wünschte und der Graf, nachdem er
sich genau über Alles unterrichtet hatte, einsah, dass er wenigstens keinen
grossen Verlust zu befürchten habe, so war der Handel bald abgeschlossen. Der
Graf übernahm alle auf den Gütern ruhenden Schulden, und der Baron empfing noch
eine Summe baar, die er, wie er lächelnd bemerkte, mit Weisheit anlegen wollte,
und teilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit, dass er in drei Tagen sein
Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke.
    Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende
Herrschaft vermehrt worden, und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloss
Hohental zurück. Denn wenn es ihm auch erfreulich war, nun auf die Entfernung
eines Verwandten rechnen zu dürfen, dessen Gegenwart seiner Gemahlin so
schmerzlich werden konnte, so fühlte er doch, wie sehr seine Sorgen in der
verhängnisvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt
würden. Es war ihm nicht entgangen, dass die Gräfin sich zum Teil eben deshalb
von allem Umgange mit den Nachbarn zurückgezogen hatte, um der Gefahr eines
zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen, der nur
unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte, und er hoffte mit Recht, dass ihr
die Nachricht, die er mitzuteilen hatte, erfreulich sein würde. Er hatte den
kurzen Aufentalt in Breslau auch dazu benutzt, für den jungen Gustav zu sorgen.
Auch sein Vetter sollte reisen, und er sah ein, dass die Einsamkeit drückend
werden müsste, wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurückhalten wollte.
    In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurückgelegt
und erreichte ziemlich ermüdet Schloss Hohental, denn der Späterbst des Jahres
achtzehn hundert und sieben war eingetreten. Die feuchte, kalte Luft
durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wärmenden Flamme des
Kamins. Mit bekümmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen. Gottlob,
dass Sie, gnädiger Herr, kommen, rief er ihm zu, ich bin in einer tödtlichen
Verlegenheit.
    Was ist vorgefallen? fragte der Graf ängstlich.
    Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien, erwiederte
der alte Mann, ist angekommen, und sie verlangt, er soll ihr bis zum nächsten
Städtchen entgegen kommen. Wie kann man dies verhindern?
    Es ist besser, wir machen keinen Versuch dies zu hindern, sagte der Graf
nach einem Augenblicke des Nachdenkens. St. Julien kann nicht so von uns
scheiden, auch wenn es von ihm gefordert würde, und auch sonst ist dies, selbst
wenn Ihre Vermutung gegründet wäre, nicht wahrscheinlich; denn unmöglich kann
seine Mutter den Verdacht ahnen, den wir hegen. Mir scheint es, dass sie den Sohn
nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will, und dieser Wunsch ist
natürlich. Desshalb befehlen Sie, dass Pferde und Wagen bereit gehalten werden,
damit der junge Mann morgen fahren kann, sobald er es wünscht, und lassen Sie
uns das Uebrige geduldig erwarten.
    Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen
zu fügen, aber dies Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen, und als der
Graf die Treppe hinauf stieg, eilte er zu seiner Freundin, der Professorin, um
ihr die Gefahr mitzuteilen, in der sie schwebten, den auf's Neue zu verlieren,
den sie sich beide gewöhnt hatten als den Sohn der Gräfin zu denken. Die
ehemalige Dienerin zürnte über den Leichtsinn des Grafen und wählte nicht mit zu
ängstlichem Zartsinn die Worte, um diesen Zorn auszudrücken. Doch beruhigte sie
sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung, dass der Graf wenigstens
darin Recht habe, wenn er meinte, die Kinderräuberin, wie sie ohne Umstände St.
Juliens Mutter nannte, könne doch nicht wissen, dass jemand im Schloss sei, der
ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben würde zu prüfen, und sie riet dem
Haushofmeister, mit guter Manier darauf zu sehen, dass der junge Mann nicht
seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnähme, auf die er sich einen Pass
verschaffen könnte. Dübois versprach, so viel es die Bescheidenheit erlaubte,
darauf zu achten.
    Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen
Ankunft einer Frau, in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verändern musste.
Der schwermütige Blick der Gräfin haftete auf St. Julien. Es wurde ihr heute
zum ersten Male recht klar, wie schwer es ihr werden würde, die Rechte einer
Andern anzuerkennen, denn sie fühlte, wie innige mütterliche Gefühle sie selbst
für den jungen Mann im Herzen hegte. Emilie und St. Julien suchten sich zu
nähern und wagten doch einander nichts zu sagen. Der Obrist ging im Saale auf
und ab, und wiederholte von Zeit zu Zeit, ein braver Soldat müsse seiner Fahne
treu bleiben unter allen Umständen, und die Festigkeit eines Mannes zeige sich
nicht bloss in der Schlacht, sondern vorzüglich dann, wenn es darauf ankäme,
Gefühle des Herzens zu besiegen. Graf Robert und Terese waren in das Vorgefühl
der eigenen Trennung verloren, und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen
nur auf kurze Zeit.
    So war der Abend ziemlich traurig verstrichen. Am andern Morgen zeigte sich
Dübois bei St. Julien geschäftig, um den Rat seiner erfahrnen Freundin zu
befolgen, aber zu seiner grossen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit
sich und würde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Börse vergessen
haben, wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hätte.
    Heute Abend bin ich zurück, sagte er, indem er dem alten Manne freundlich
die Hand reichte. Dann verliess er das Zimmer, eilte mit leichtem Schritte die
Treppe hinunter, warf sich hastig in den Wagen, der schnell dahin rollte und,
wie es Dübois in diesem Augenblicke schien, das Glück des Hauses entführte.
    Der Tag verstrich den Schlossbewohnern langsam, in peinvoller Stimmung des
Gemüts. Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht abläugnen, die darin
lag, dass eine Frau mit feindlichen Gefühlen von einer Familie erwartet wurde,
der sie sich aus reinster Dankbarkeit nähern wollte. Doch konnte er eben so
wenig, als die Andern dies Gefühl besiegen, und er empfand jetzt, dass er viel
fester daran glaubte, als er sich früher hatte gestehen wollen, dass der von
Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig
geliebte Sohn sei. Die Gräfin, deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen
verbarg, hatte ihm längst bekannt, dass die grosse Aehnlichkeit St. Juliens mit
dem Grafen Evremont, an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwährend
erinnere, ihr Herz in die süsse Täuschung eingewiegt habe, dies könne ihr Sohn
sein, dass sie deshalb Mutterliebe für den jungen Mann fühle und seine Abreise
ihr lebhaften Schmerz erregen würde. Emilie sagte nichts, aber der kummervolle
Blick und die blassen Wangen verrieten ohne Worte ihr Gefühl.
    In solcher Stimmung war es natürlich, dass jeder von den Hausgenossen die
Einsamkeit suchte, und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Talheim, wo, wie er
es sich bewusst war, seine schöne Braut ihn mit reiner, unschuldvoller
Zärtlichkeit erwartete.
    Der Arzt bemerkte kaum, dass etwas Ungewöhnliches in der Familie vorging.
Alle Gedanken und Empfindungen, die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren,
richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf
seine junge Verwandte, die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner grossen
Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete, dass Jemand in ihrer
Gegenwart über seine seltsamen Manieren scherzte, denn ihr schien diese
Seltsamkeit von grosser Gelehrsamkeit unzertrennlich, und sie sprach für ihr
Alter mit grossem Ernst und tiefem Gefühl über den edeln Beruf eines Arztes, der
sich grossmütig ganz der leidenden Menschheit weiht, keine Stunde eigentlich für
sich lebt, sondern jeden Augenblick bereit sein muss, sein Dasein für Andere zu
benutzen, und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf, seinen
Beruf zu erfüllen. Der Arzt war viel zu eitel, als dass er in solchen
Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte, und sein Herz entzündete
sich für die junge Verehrerin mit zärtlicher Liebe. Die Wittwe des Professors
freute sich stillschweigend darüber, dass Alles sich nach ihren Wünschen zu fügen
schien, und ihr Wohlwollen für den Arzt mehrte sich täglich, obgleich sie
stündlich schalt und belehrte, und diese Anmassung, die ihm früher im Hause
seines Oheims so unerträglich schien, dass er sich, um ihr zu entgehen, einem
ungewissen Schicksale Preis gab, dünkte ihm nun das Zeichen mütterlicher
Sorgfalt, und er gewöhnte sich daran, nichts ohne den Rat und die Einwilligung
einer Frau zu tun, deren Einfluss er früher mit bitterem Hasse entflohen war.
Auch an diesem Tage liess sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und
sagte: Mein lieber Vetter, es wäre vernünftig, wenn Sie zu dem Prediger ritten
und diesen Abend bei ihm blieben; denn erfährt er, dass heute eine fremde Frau
hier ankommt, so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns, um nur gleich im ersten
Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen.
    Was kann es schaden, erwiederte gleichmütig der Arzt, wenn man ihm diese
Unterhaltung gönnt?
    Ich will das nicht haben, rief die Professorin heftig. Es schickt sich
nicht, dass einer, der nicht zur Familie gehört, im ersten Augenblicke
gegenwärtig ist, wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird.
    Freilich, sagte der Arzt, ich habe es längst bemerkt, unser guter Prediger
wird leicht zu grosser Wissbegierde aufgeregt und ist in solchen Fällen nicht
immer delikat.
    Was geht mich seine Delikatesse an, erwiederte die Professorin, das ist die
Sache seiner Frau, die hat für seinen Tisch zu sorgen. Ich will nur nicht, dass
er heute die Familie stören soll, und haben Sie nicht gesehen, wie vernünftig
der Graf Robert ist, der schon lange davon geritten ist. So klug, denke ich,
kann mein Vetter auch sein.
    Sie haben Recht, werteste Frau Base, sagte der Arzt, und ob ich gleich
heute ein besonderes Studium vorhatte, so will ich es doch bis morgen
aufschieben, und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston
spielen, und Falls wir ganz allein sind, auch Schach, denn man muss sich seinen
Freunden aufopfern.
    So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehörig vorbereitet, um
die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten, und sie und Dübois
horchten mit Herzklopfen auf jedes Geräusch. Aber die Dämmerung war längst
eingebrochen, die Lichter in allen Zimmern angezündet und noch immer hörte man
keinen Wagen rollen, und die Furcht fing sich allmälig an zu regen, dass man St.
Julien nicht mehr wiedersehen würde. Nicht bloss der Haushofmeister und seine
Freundin erwarteten mit so ängstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine
Mutter; auch der Graf und seine Angehörigen teilten die peinliche Unruhe, die
in dem Masse sich steigerte, wie die Finsternis zunahm.
    St. Julien hatte die kleine Reise, die ihn seiner Mutter entgegen führte,
mit geteilter Empfindung angetreten, und er machte sich selbst bittere Vorwürfe
darüber, dass sein Herz nicht mit reiner Freude erfüllt war. Je näher er aber dem
Orte kam, wo, wie er wusste, ihn die erwartete, deren mütterliche Liebe ihn so
treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte, je mehr traten alle andern
Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurück, und mit inniger, lebhafter
Zärtlichkeit schloss er die geliebte Mutter in seine Arme.
    Nach einer so langen Trennung war es natürlich, dass der Tag unbemerkt
entfloh, und es war schon völlig dunkel geworden, als der Wagen mit den beiden
Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohental rollte und die Spannung aller
Erwartenden löste.
    Die Gräfin erbleichte. Sie fasste den Arm der nicht minder bewegten Emilie
und verliess mit dieser den Saal, um in einer kurzen Einsamkeit die gehörige
Fassung zu gewinnen, die Fremde mit anständiger Ruhe zu begrüssen. Der Graf eilte
den Ankommenden mit Höflichkeit entgegen. St. Julien hatte so eben seine Mutter
aus dem Wagen gehoben, und der Graf bot ihr den Arm, indem er sich ihr als den
Herrn des Hauses nannte und das Glück pries, sie bei sich zu begrüssen. Sie
wollte, indem der Graf sie die Treppe hinauf führte, von ihrer Dankbarkeit
reden, aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Rührung erlaubte nur
einzelne Töne. Endlich in den Saal angelangt, schlug sie den Schleier zurück,
der ihr Gesicht bedeckte, und der Graf blickte in die schönsten schwarzen Augen,
die von Tränen funkelten. Der rote Mund lächelte halb schalkhaft, halb
wehmütig und zeigte zwei Reihen Zähne wie Perlen. Die durch die Reise und durch
ein lebhaft aufgeregtes Gefühl höher glühenden Wangen gaben dem Gesicht für
einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurück, und den Grafen
überraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine
andere, die ihn verrwirrte und für einen Augenblick der Sprache beraubte.
    Die Fremde sagte endlich mit noch immer fliessenden Tränen: So hat mir die
Zeit denn in der Tat so übel mitgespielt, dass kein Zug der Erinnerung zu Hülfe
kommen will, und ich muss mich Ihnen, Graf Hohental, nennen.
    Der Ton der Stimme rührte eine Saite in des Grafen Brust, die längst nicht
mehr geklungen hatte. Er wollte antworten, als die Gräfin eintrat, und mit Ruhe
und Anstand sich der Fremden näherte, um sie zu begrüssen. Beide Frauen standen
sich einen Augenblick gegenüber, beide wollten reden, aber beide verstummten und
starrten sich zweifelnd in die Augen. Adele! rief endlich die Gräfin mit
sterbendem Tone und bebenden Lippen - Cäcilie! erwiederte die Fremde mit dem
lauten Rufe der Freude, und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen
sich so fest, als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder lösen sollten.
    Der Graf zog sich bescheiden etwas zurück. Ihm hatte dieser eine Laut die
Bewegung seines eigenen Herzens erklärt, und mit Blitzesschnelle durchflog ihn
der Gedanke, dass nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont
erklärt sei, und indem er eine ihm so lieb gewordene Täuschung aufgeben musste,
senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele.
    O! rede, rede, geliebte Freundin, sagte endlich die Gräfin mit zitternder
Stimme. Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen, und sehe ich Dich nach
so langen schmerzensvollen Jahren blühend und glücklich? Ohne Grund sind um Dich
so viele Tränen geflossen. Heiter, gesund, eine glückliche Mutter, so sehe ich
Dich wieder. Darum, fuhr die Gräfin fort, indem sie mit mattem Lächeln auf St.
Julien deutete, zog mich mein Herz zu diesem Menschen; ohne es zu wissen, liebte
ich Deinen Sohn.
    Meinen Sohn? fragte die Freundin lachend, indem ihre Tränen heftiger
strömten. Besinne Dich doch, gedenke der Zeit, in der wir zusammen lebten.
Berechne die Jahre seit unserer Trennung, kann er wohl mein Sohn sein?
    Und Wessen ist er denn? fragte die Gräfin kaum hörbar, mit glühenden Wangen
und strahlenden Augen, indem sie beide Hände der Freundin krampfhaft drückte.
Und hast Du denn, erwiederte diese laut weinend, Deinen armen Adolph gänzlich
vergessen?
    Meinen - wiederholte die Gräfin mit schwindendem Bewusstsein - meinen, meinen
Sohn! rief sie laut, wie zu neuem Leben erwachend, und streckte dem jungen Manne
beide Arme entgegen. Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkührlich, während
des kurzen Gesprächs, den beiden Frauen genähert, und ob der Letztere gleich den
Zusammenhang der gehörten Worte nicht begriff, so zog ihn doch sein Gefühl vor
der Gräfin nieder, die ihn schnell mit der übernatürlichen Kraft, die auf einen
Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt, von ihren Knieen emporriss,
und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren
Tränen. Doch plötzlich liess sie den Sohn, fiel mit rascher Bewegung vor der
Freundin nieder und küsste deren Hände, ohne dass diese der stürmischen Gewalt der
Liebe zu wehren vermochte. Du hast ihn mir erhalten! rief sie aus, Du gibst ihn
mir zurück, so, ganz so, wie ich ihn in meinen Träumen sah. Er kann meine Liebe
fühlen und verdienen, er ist, ja er ist mein Sohn. Erschöpft senkte sich das
Haupt der Gräfin. Der Graf hob sie vom Boden auf und führte sie zu einem
Lehnsessel, in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau
senkte, indem sie mit matter Stimme, doch mit seligem Lächeln die Freundin, die
noch ihre Hände hielt, fragte: Und nun sage mir, wie ist er mein?
    Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklärung? sagte mit liebevollem Blicke und
zärtlicher Stimme die treue Freundin. Sollen denn in diesem Augenblicke seliger
Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden, und willst Du an diesen
Gefühlen untergehen, jetzt, da das Leben mit neuem Reize Dir lächelt? Ich will
Dir morgen alle Auskunft geben, die Du verlangen kannst, nur schone Dich heute.
    Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zärtlichkeit umarmt und sagte: Ich
habe Dich immer geliebt, wie mein eigenes Kind. Jetzt mache ich meine
Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend. Mein teurer Vater, rief der
junge Mann, indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf. Meine geliebte
Mutter, sagte er mit zärtlicher Stimme, indem er sich eilig aus den ihn
umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Gräfin beugte, ihre Hände
mit zitternden Lippen küsste und mit überströmenden Tränen benetzte. So hat mein
Herz mich nicht betrogen, es liess mich die heiligen Bande ahnen, die hier mich
fesseln. Er blickte auf und sah in die feuchten, glänzenden Augen der Frau, die
er bis jetzt für seine Mutter gehalten hatte, und die sich nun wehmütig
lächelnd über ihn beugte. Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr?
fragte sie den jungen Mann mit zärtlichem Vorwurfe. Tilgt ein Augenblick mein
Bild aus Deinem Herzen?
    Welch ein Ungeheuer müsste ich sein, wäre dies möglich! rief St. Julien,
indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte. Aber,
fuhr er fort, vollenden Sie Ihre Wohltat und sagen Sie mir, durch welches Band
ich Ihnen angehöre.
    Der unglückliche Graf Evremont, Dein Vater und der erste Gemahl Deiner
Mutter, war mein Bruder, sagte die zärtliche Adele, und ihre Tränen flossen dem
schmerzlichen Andenken.
    Der Graf wollte eben bitten, den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum
zu geben, als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog.
Dübois hatte sich, von lebhafter Teilnahme angetrieben, in der Nähe des Saales
gehalten; eben so seine Freundin, die Professorin. Beide hatten sehr verständig
beschlossen, nur in der Nähe zu bleiben, um so bald als möglich das Ergebniss
einer Zusammenkunft zu erfahren, die ihnen für das Glück einer Familie so
wichtig schien, der sie so innig ergeben waren. Aber Beide hatten nicht die
Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben. Sie näherten sich unmerklich den
geöffneten Türen des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts, der ihr eignes
Herz in seinen Tiefen bewegte. Der bescheidene Dübois erhielt sich in
ehrerbietigem Schweigen, obgleich seine alten Augen überflossen und die Tränen
ihm unbewusst die gefurchten Wangen überströmten. Die ehemalige Dienerin aber
schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite, und indem ihre Tränen
auf den glühenden Wangen funkelten, rief sie: Nun, Gott sei gepriesen, dass sich
Alles aufklärt! Ich habe es ja immer gesagt, dass der junge Herr unser kleiner
Adolph ist. Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben, da ich ihn gewartet
habe und er mir so lieb war, als wäre es mein eignes Kind! Na, fuhr sie fort,
indem sie dem überraschten jungen Manne die Hand reichte, Sie haben mich rein
vergessen, Sie wissen nichts mehr davon, dass ich Ihnen, Vater und Mutter zum
Trotz, allen Willen erfüllte, aber das vergebe ich Ihnen, denn Sie waren noch zu
klein, als man Sie auf das Dorf brachte. Sie können von mir nichts wissen.
    Träume ich, fragte Adele die Gräfin, oder ist diese Frau die deutsche
Dienerin, die mit uns in Paris war?
    Die Gräfin wollte antworten, aber die Wittwe des Professors kam ihr zuvor,
indem sie sagte: Freilich bin ich es, und wären Sie damals so vernünftig
gewesen, mir zu sagen, Wer Sie waren, so hätte ich Ihnen alle die Drangsale
nicht angetan, die Sie mir gewiss noch nicht vergeben haben.
    Ach! schon längst von ganzem Herzen, meine liebe Freundin, sagte mit
liebreichem Lächeln die Frau, die nun St. Juliens Tante genannt werden muss. Ich
wusste ja, dass der Widerwille gegen mich nur aus Liebe für meine teure Schwester
entstand, und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Versöhnung die Hand. Die
Professorin trat befriedigt zurück, und die schönen Augen der freundlichen Adele
begegneten Dübois verklärten Blicken. Mit Heftigkeit fasste sie die Hand der
Gräfin und sagte: Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen. Dies
ehrwürdige graue Haupt, dieses treue Auge, das gutmütige Lächeln ruft auf das
Lebhafteste in mir das Andenken an den guten väterlichen Freund Dübois hervor.
    Und wer als er, erwiederte die Gräfin, indem sie den Alten herbei winkte,
könnte denn so selig befriedigt zu uns hinüber blicken.
    So wird es mir so wohl, sagte Adele und fasste die Hand des beschämten
Greises, diesem väterlichen Freunde noch danken zu können, dessen Liebe und
Treue unermüdet wachte, um jede Gefahr von uns zu wenden, und dessen alte Augen
gewiss unzählige Tränen über unser Geschick vergossen haben.
    Es ist zu viel, sagte der alte Mann, von Rührung überwältigt. Die Seligkeit
ist zu gross für meine Kräfte. Der Graf und St. Julien eilten, den Wankenden zu
unterstützen, doch das tief in ihm wohnende Gefühl der Ehrfurcht gab ihm bald
wieder die Kraft sich zu erholen. Er entzog sich den ihn stützenden Armen und
sagte, indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge
blickte: Ich habe die höchste Freude erlebt, deren der unvollkommene Mensch
fähig ist. Jetzt mag der Herr über mich gebieten. Er zog sich nach diesen Worten
aus dem Saale zurück, und seine Freundin, die Professorin, die ihn erwartet
hatte, fasste seinen Arm und führte ihn auf sein Zimmer.
    Die im Saale versammelte Familie vergass noch oft den Vorsatz, diesen Abend
an nichts Trauriges zu denken. Hundert Fragen berührten kummervolle Gegenstände
und wurden nur halb beantwortet. Zärtliche Liebkosungen hemmten die
hervorbrechenden Tränen, und man trennte sich endlich, ohne das liebevolle
Verlangen befriedigt zu haben, das Jeder empfand, das Schicksal des Andern zu
erfahren, weil es zu deutlich war, dass die Gräfin durchaus der Ruhe und Erholung
bedurfte.
    St. Julien schlich nach Dübois Gemach. Sein klopfendes Herz fand keine Ruhe.
Der alte Mann musste ihm noch alles Unglück eines Vaters mitteilen, den er nie
gekannt, und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgültig hatte
erwähnen hören. Dübois entlastete sein eigenes Herz, indem er einem Andern die
Schmerzen zeigte, die er so lange einsam getragen, und fühlte sich beglückt in
der Liebe, die der Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies.
    Schon dämmerte der Morgen, als sich Beide trennten, und auch St. Julien
fühlte, dass er der Erholung bedürfe. Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den
stürmenden Empfindungen des Tages und flösste ihm neue Kraft ein für ein bewegtes
Leben.
 
                                 Dritter Teil
                                       I
Wer eine Zeit lang auf dem Lande gelebt hat, wird die Erfahrung gemacht haben,
dass es zwar kräftigen Geistern gelingen kann, sich selbst von der Sucht frei zu
erhalten, ohne Schonung alle Verhältnisse seiner Bekannten zu durchdringen, dass
es aber ganz unmöglich ist, die Forschungslust Anderer zu hemmen. Die genaue
Kenntnis des Vermögens eines Jeden wie aller Umstände des Lebens wird den
Nachbaren in weitem Umkreise Bedürfnis, und unter dem Scheine treuherziger
Teilnahme dringen sie mit geradezu gestellten Fragen in die tiefsten Wunden des
Herzens ein. Der feinere Weltmann fühlt mit leisem Takte sogleich die Gränze,
die nicht überschritten werden soll, und wenn auch seine Schonung nicht aus
Milde entspringt, sondern nur dem, was man gewohnt ist, Sitte und guten Ton zu
nennen, seinen Ursprung verdankt, so wirkt sie doch wohltätiger, als das
Benehmen der Landbewohner, die den, der mit edler Zurückhaltung seine Schmerzen
verhüllt, einen verschlossenen Charakter nennen, und sich gleichgültig und
misstrauisch von ihm wenden, weil er seine tiefsten, heiligsten Gefühle, die
nicht verstanden werden können, nicht Preis geben mag, damit der Müssiggang der
Seele Beschäftigung finde.
    Diese schon oft gemachte Erfahrung musste der Graf von Neuem machen. Es war
nicht möglich, dass die Vorfälle in seinem Hause nicht hätten bekannt werden
sollen, und die unerhörten Begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf. Nur
Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen, dass die Gräfin schon früher vermählt
gewesen und sich als Wittwe mit dem Grafen verbunden hätte; denn der Prediger,
von dem die dunkle Nachricht herrührte, hatte selbst nichts weiter darüber
erfahren können, als was er aus dem Munde der Professorin in ihrer ersten
Ueberraschung vernommen hatte. Jede spätere an dieselbe gerichtete Frage über
diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als vedriesslich beantwortet
worden. Selbst der Bruder der Gräfin hatte sich auf keine Erklärung der nähern
Umstände eingelassen und die deshalb an ihn gerichteten Fragen nur einsylbig
beantwortet, so dass diese erste Verbindung der Gräfin zu allerlei seltsamen
Gerüchten Veranlassung gab, denn es fiel Niemandem ein, dass man erlebte
Schmerzen mit undurchdringlichem Schleier könne verhüllen wollen, um sie nicht
zum Gegenstande gleichgültiger Gespräche zu machen, sondern man nahm mit der
gewöhnlichen Lieblosigkeit müssiger Menschen an, dass nur nachteilige Umstände
denen verschwiegen werden könnten, die sich alle für die Freunde des Hauses
erklärten.
    Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden, als
man auf einmal das höchst Seltsame erfuhr, die Gräfin habe aus früherer Ehe
einen Sohn, und da die Entdeckung des Sohnes mit früheren Gerüchten in
Verbindung gebracht wurde, so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht,
ein bekannter französischer Spion sei als der Sohn der Gräfin erkannt worden,
und da man meinte, dass ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein könne, so
erklärte man dies für einen Umstand, der einen finstern Schatten auf die frühere
Verbindung der Gräfin werfe, und dies alles eigentlich ohne böse Absicht,
sondern nur, um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe
hingegebene Seele lebhaft anzuregen. Es vereinigte sich also um diese Zeit im
weiten Umkreise von Hohental keine Gesellschaft, die nicht diesen Gegenstand
verhandelt hätte, und da Jedermann die Sache etwas anders erzählte, als er sie
vernommen hatte, so war sie endlich in dem Munde der Letzten so seltsam und
abenteuerlich geworden, dass die, von welchen die ersten Nachrichten ausgegangen
waren, die lebhafteste Freude über die neuen Aufklärungen dessen, was ihnen in
der Sache dunkel geblieben war, empfanden.
    Es konnte unter solchen Umständen nicht fehlen, dass täglich neugierige
Besucher auf Schloss Hohental erschienen, die, die innigste Teilnahme
vorgebend, mit Fragen auf den Grafen und die Gräfin eindrangen, deren ruhige
Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte, wie man bedarf, um eine
schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen. Um diesem sich täglich
erneuerndem Uebel auszuweichen, änderte der Graf den früher entworfenen
Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor, den Winter in Berlin zuzubringen. Mit
Freuden wurde dieser Vorschlag von der Gräfin angenommen, die noch mehr als der
Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des öffentlichen Geschwätzes litt.
Von der lebhaften Adele, die sich im Winter auf dem Lande langweilte, konnte nur
eine freudige Einwilligung erwartet werden, und der Graf beredete den Obristen
Talheim leicht, sich der Gesellschaft anzuschliessen, denn er wollte den Greis,
der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging, nicht der trüben Einsamkeit
überlassen.
    Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen. Der Graf Robert war über
diesen Entschluss höchst erfreut, und bis zum Entzücken wurde diese Freude
gesteigert, als er erfuhr, dass auch seine schöne, zärtlich geliebte Braut Teil
an dieser Reise nehmen würde. Auch die Professorin wollte ihre Rückreise
antreten, aber nur, um im Frühlinge zurückzukehren und dann ihr Leben in ihrer
geliebten Heimat zu beschliessen. Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu
angewendet, ein grosses Bauerngut in des Grafen Herrschaft zu kaufen. Dieser
hatte dies Gut von allen Diensten und Abgaben befreit, und angränzende Felder
und Wiesen hinzugefügt, so dass es nun eine ganz artige Besitzung bildete. Die
Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zurück, um ihr sich dort
befindendes Vermögen zusammen zu bringen, mit dem sie im Frühlinge wiederkehren
und die Kosten bestreiten wollte, um ein neues bequemes Haus an einer schönen
Stelle, am Abhange eines Hügels zu erbauen, der sich, mit dem schönsten Grün
bekleidet, sanft hinab senkte, bis ein klarer Bach seinen Fuss mit kleinen,
kräuselnden Wellen umspielte. Die Professorin war um so mehr für den gewählten
Platz eingenommen, weil es ihr bekannt war, welche trefflichen Forellen der
kleine muntere Bach entielt. Der Graf wies alles nötige Bauholz und die für
das neue Haus erforderlichen Steine an, und erhöhte noch ansehnlich den Gehalt
des Arztes, so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur grossen Freude der
Professorin gestattete, denn wenn diese ihren Neffen auch nicht für einen
sonderlichen Jäger hielt, so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden,
die die Küche gehörig mit Wildpret versorgen würden.
    Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug
getan zu haben, um den Arzt zu belohnen, dessen grosse Sorgfalt, wie er
überzeugt war, St. Juliens Leben erhalten hatte. Die Gräfin überredete ihre
ehemalige Dienerin leicht, den Weg über Berlin zu nehmen und die Tochter während
des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen, damit diese etwas mehr
von den feineren weiblichen Beschäftigungen lernte, als die Mutter bis jetzt für
gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen. Auch der Arzt war mit dieser
Anordnung zufrieden, ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner künftigen
Braut und deren Mutter trennen konnte, nur durch die Hoffnung getröstet, dass der
nächste Frühling ihm nicht nur Beide zurückbrächte, sondern auch die Bibliotek
und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims. Er nahm sich vor, sich
diesen Winter ganz den Studien zu widmen, um den Schmerz der Trennung zu
besiegen und, um sich zu erholen, mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde, dem
Prediger, den Plan des Hauses zu entwerfen, welches nach seiner Meinung alle
Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte. Da der
Graf dem Schlossgärtner befohlen hatte einen grossen Obst-und Gemüsegarten auf dem
neuen Gute anzulegen, so führte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend
reizende Bilder der Zukunft vor, wie er im Schlafrocke neben seiner jungen,
zärtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken
würde, oder er sah sich, mit dem Prediger Tabak rauchend, zwischen seinen hohen
Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der
goldnen Aehren, indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab
wandelte, und den Rauch aus der Pfeife, die er wirklich rauchte, vor sich
hinblies. Das sind idealische Träume, rief er dann wohl, indem er sich mit der
Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wühlte. Aber kann irgend ein
Mensch hoffen, dass die Träume seiner Sehnsucht erfüllt werden, so bin ich es,
denn mein Glück steht mir so nahe, dass ich es mit den Händen erreichen kann, und
wahrlich, meine Welterfahrung wird es nicht vorüberfliehen lassen, sondern
sicher ergreifen und festalten.
    So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt. Der junge Gustav war
von dem Grafen nach Breslau gesandt worden, wo er noch ein Jahr bleiben sollte,
um dann auf die Universität, die er sich selbst wählen würde, abzugehn. Dübois,
der den Jüngling väterlich liebte, hatte ihm beim Abschiede noch ein
ansehnliches Geschenk aufgezwungen, ob er gleich mit Allem überflüssig versorgt
war, denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher
Freundschaft entlassen. So war nun Schloss Hohental, wo sich eben noch so viel
Leben geregt hatte, auf einmal öde und verlassen, und nur aus den Zimmern des
Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen, das aber wie ein
freundlicher Stern dem Hülfe Suchenden leuchtete, denn je mehr der Wohlstand und
die Zufriedenheit des Arztes zunahmen, je mehr fühlte er sich verpflichtet,
seine Wissenschaft, die er als die Quelle seines Glücks betrachtete, zum Heile
seiner Mitmenschen anzuwenden, und wenn er auch täglich hochmütiger wurde in
der Ueberzeugung seines anerkannten Werts, so hinderte ihn dieser unschuldige
Hochmut doch nicht, täglich zugleich milder und wohlwollender zu werden.
    Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt, und
hier versprach er der noch immer liebenswürdigen Adele, ihre und St. Juliens
Angelegenheiten ordnen zu helfen, ehe sie die Rückreise mit diesem nach
Frankreich antreten müsse. Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes
gewendet hatte, so fiel es doch Niemandem ein, dass er anders handeln könne, als
zu seinem Regimente zurückzukehren.
    Schon in Hohental hatte die Gräfin, nachdem die stürmische Bewegung der
Seele sich gemildert hatte, die durch Entdeckungen entstehen musste, welche die
tiefsten Gefühle des Herzens aufregten, alle nötige Auskunft über die Erhaltung
ihres Sohnes empfangen.
    An jenem unglücklichen Tage, so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre
Erzählung begonnen, als Dich, geliebte Schwester, und meinen teuren Bruder
unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf, kehrte ich ruhig, nachdem unsere
kleinen Geschäfte abgemacht waren, mit unserer Leonore nach unserer Wohnung
zurück. Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung, die hier meine
Seele erfüllten. Ich dachte nicht an mich, ich wollte zu Euch, und wäre gewiss
ohne den Freund und Retter, der mir wie ein Bote des Himmels erschien, ebenfalls
ein Opfer der Grausamkeit geworden, die sich damals Vaterlandsliebe nannte.
    Der Chef des Handlungshauses, dem mein Vater und mein Bruder mit so grossem
Recht ihr Vertrauen schenkten, erschien, und wurde mein und Adolphs Retter. Ich
war von Angst und Schrecken so betäubt, dass ich ihm willenlos folgte. Ich
bemerkte kaum, dass er Leonore von mir trennte, und ahnte nicht, welcher Gefahr
der gute Mann sich aussetzte, um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu
schützen. Erst später erfuhr ich, was ich Dir jetzt im Zusammenhange mitteile.
Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen, dass mein armer Bruder
gerettet werden könnte. Vielleicht aber täuschte er mich auch nur mit dieser
Hoffnung, damit ich ohne Widerstand mich seinen Massregeln fügte. Genug, er
brachte mich in eine entlegene Vorstadt, wo ein schon bejahrter Mann, sein
Freund und Verwandter, Herr St. Julien, das Hinterhaus eines ansehnlichen
Gebäudes bewohnte. Hier erfuhr ich, dass mein Erretter sein Haus verlassen hatte,
um nicht wieder dahin zurückzukehren. Er hatte die Abwesenheit seines ersten
Buchhalters benutzt, desselben, den er im Verdacht hatte, meines Vruders Unglück
veranlasst zu haben, und von dem er glaubte, dass er das Komptoir nur verlassen
habe, um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen.
Die kurze Zeit, die dem alten Manne blieb, war von ihm benutzt worden, alle
Wechsel und baar vorrätigen Summen mit sich zu nehmen, so wie die Hauptbücher
seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere. Er
hatte einen Mietkutscher genommen, den er, ehe er unsere Wohnung erreichte, mit
einem andern vertauschte. Dies tat er noch zwei Mal, ehe wir die abgelegene
Wohnung seines Freundes erreichten, der, obwohl nicht vorbereitet auf unsern
Empfang, uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm.
    Ich bemerkte bald, dass beide Freunde sich ohne allen Rückhalt mit einander
besprachen, und später vertraute mir Herr St. Julien, dass Beide gegen mich die
bestimmte Hoffnung, meinen Bruder und Dich zu retten, nur darum ausgesprochen
hatten, um mich vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren, dass sie selbst aber
Euch beide als verloren beweint hätten.
    Es schien den Freunden zu gefährlich, sich in Paris selbst verborgen halten
zu wollen, und die Abreise nach dem Elsass, der Heimat des Herrn St. Julien, der
grosse Fabriken in der Nähe von Strassburg hatte, wurde beschlossen. Ein Zufall
begünstigte unsere Flucht. Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war
Wittwer, und seine einzige, ohne mütterliche Leitung erwachsene Tochter hatte
vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem
verächtlichen Leben hingegeben, um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu
finden. Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist,
so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armut
geraten, und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters
gewendet. Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes
ohne Rührung vernehmen, und auch der alte Armand eilte, Liebe und Versöhnung im
Herzen, in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris, den ein Handelsgeschäft
dahin führte.
    Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn, den lebenden Zeugen ihrer
Verirrung, bei sich auf. Kein Vorwurf kränkte die ungeratene Tochter. Der alte
Vater drückte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust. Durch Sorgfalt und
zärtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurück,
die Spuren der Verwüstung, die Armut und Krankheit angerichtet hatten,
schwanden allmälig, und der zu gute Vater fand in der wieder aufblühenden
Schönheit der Tochter Entschuldigung für ihre Fehler. Herrn St. Juliens
Geschäfte waren beendigt, und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt
war, so hatte man Pässe zur Reise genommen, die auf den nächsten Tag bestimmt
war. Armand hatte noch einige nötige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte,
von Geschäften ermüdet, nach seiner Wohnung zurück, als er hier statt der
Tochter einen Brief fand, in dem sie ihm meldete, dass es ihr unmöglich sei,
Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben, da jeder milde Blick, den er
auf sie richte, ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher für beide
besser sei, wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick
ihrer Schande entzöge.
    Es war nur zu wahrscheinlich, dass die neu aufblühende Schönheit der
leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und dass sie von Neuem
sich ihrem früheren Leben hingab. Der Vater war in Verzweiflung, und er erklärte
Herrn St. Julien, dass er Paris nicht mit ihm verlassen könne, weil er
entschlossen sei, die Spuren seiner unglücklichen Tochter aufzusuchen und alles,
was väterliche Liebe und Gewalt vermöge, anzuwenden, um sie ihrem sträflichen
Leben zu entreissen.
    Dieser Umstand, der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit
Verdruss erfüllt hatte, wurde nun von beiden Freunden als ein glücklicher Zufall
betrachtet. Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien
begleiten, und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn, wie sie in dem
Pass angegeben waren, den Herr St. Julien schon in Händen hatte, und beide
Freunde freuten sich herzlich, dass die Beschreibung der Person dieser
leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden könne, und so bot mir die
Schande des verächtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit, wo
Tugend und Ehre mich nicht hätten schirmen können.
    Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt,
indem man sie voraus setzte, und in der Tat, es wäre unvernünftig gewesen, ein
Rettungsmittel von sich zu weisen, das sich so unvermutet darbot. Auch war ich
so betäubt von Angst und Kummer, dass ich unfähig war zum Denken und Ueberlegen.
Der erste matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz, als ich
vernahm, dass ich Adolph mit mir nehmen, dass ich mich nicht mehr von ihm trennen
sollte.
    Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf
einem angenehmen Landsitze und in Strassburg. Du kannst wohl denken, dass ich die
beiden Freunde mit unablässigen Fragen über Euer Geschick bestürmte. Ach! und
endlich, geliebte Cäcilie, konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben.
Ich erfuhr meines unglücklichen Bruders Ende und von Dir nichts.
    Ich weiss nicht, wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab.
Ich weiss nur, dass endlich die Jugendkraft über die Krankheit siegte, die meinem
Leben drohte, und dass ich, als erstes Zeichen des Bewusstseins, Adolph in meine
Arme schloss und mit Tränen überströmte. Als ich wieder einigen Anteil an der
Aussenwelt nahm, bemerkte ich, dass Herr St. Julien um Vieles blässer, älter und
hinfälliger geworden war, und diese Wahrnehmung erschreckte mich. Es drängte
sich mir die ganze Hülflosigkeit meiner Lage auf, wenn ich auch ihn verlieren
sollte. Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr, dass er während meiner langen
Krankheit gestorben sei. Viele nach einander folgende traurige Berichte von
Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf's Krankenlager
geworfen, und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr, hatte ein
Schlagfluss sein kummervolles Leben geendigt.
    Es konnte mir nicht entgehen, dass Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete,
dass die Aerzte mich für völlig genesen erklären möchten, um eine Unterredung mit
mir zu führen, die er nicht mehr glaubte aufschieben zu dürfen und von deren
ernstem Inhalt er nachteilige Folgen fürchtete, so lange meine Gesundheit noch
wankend wäre. Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen, weil ich immer noch
hoffte, wenigstens von Dir etwas Tröstliches zu erfahren, und er zögerte nicht
mehr, mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wünsche mitzuteilen,
die nur mein Wohl beabsichtigten. Der würdige Mann hatte keine Mittel
verabsäumt, um Nachrichten von Dir zu erhalten, und er hatte durch seine
Nachforschungen nur erfahren, dass ich auch meinen Vater zu beweinen habe, der
sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte. Du warst spurlos
verschwunden, und von allen Wesen, denen ich liebend angehörte, blieb mir
nichts, als Dein und meines Bruders Kind, das mit unschuldiger Heiterkeit zu
meinen Füssen spielte und mit kindlichem Lächeln mich seine Mutter nannte,
während ihm unbewusst die Stürme des Unglücks über sein schuldloses Haupt
hinwegzogen.
    Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution, die mit entsetzlicher
Gewalt alle Blüten unseres Lebens zu Boden schlug, mit den Augen eines Bürgers.
Er schauderte vor den Strömen Blutes, die täglich flossen, aber er glaubte,
grosse Missbräuche hätten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht, und
hoffte, unsere Nachkommen würden die Früchte unserer Leiden geniessen. Er hielt
sich für überzeugt, dass der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen
Träumen für immer aus Frankreich verschwunden sei, und glaubte deshalb mir
keinen Nachteil zuzuziehen, wenn er mir seine Hand anböte, um mir als
französischer Bürgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern. Der edle Mann
sagte mir mit bescheidenen, aber bestimmten Worten, dass sein Verhältnis zu mir
das eines Vaters bleiben würde, und dass nicht die selbstsüchtigen Absichten
eines töricht verliebten Greises ihn leiteten, sondern dass er mein Wohl vor
Augen habe. Er sagte mir, dass er die bestimmte Ueberzeugung habe, nicht mehr
lange leben zu können, und dass ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine
Unabhängigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen könne, dass ich aber als
Fräulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei, und noch weniger
für Adolph sorgen oder ihn schützen könne.
    Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und
Rührung die Hand des edeln Greises und man nannte mich Madame St. Julien. Als
auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren, legte mein
grossmütiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor, den er
zugleich adoptirt hatte. Was von dem Vermögen unsers Vaters hatte gerettet
werden können, war in seinen Händen, und er sicherte mir und Adolph bald nach
unserer Verbindung nicht nur dies, sondern auch noch sein beträchtliches
Vermögen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass dies vielleicht eine
Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei, aber er antwortete mir mit einem
bittern, schmerzlichen Lächeln, alle seine Angehörigen hätten für das Vaterland
ihr Blut versprjetzt, teils auf dem Felde der Ehre, teils unter dem Messer der
Guillotine, so dass ihm nur einige sehr entfernte Verwandte, die kaum auf diese
Benennung Anspruch machen könnten, in Italien geblieben wären, die ihr
schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben würde, auch wenn sie ihm
näher ständen. Meine Bitten vermochten den lebensmüden, gebeugten Greis dennoch,
diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen, und nun glaubte ich mit ruhigem
Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Grossmut für mich und
Adolph annehmen zu können.
    Die Ahnung der Nähe seines Todes hatte meinen edeln Beschützer nicht
getäuscht. Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen
Armen sanft zur ewigen Ruhe, und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn
kindlich mit heissen Tränen. Mein grossmütiger Freund hatte vor seinem Tode alle
seine Geschäfte so geordnet, dass ich mit Hülfe eines erfahrnen Buchhalters sie
noch eine Zeitlang fortführen, und mich dann nach und nach zurückziehen konnte.
Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften, die er hinterlassen hatte,
und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermögens, über dessen
Grösse ich selbst erstaunte. Nachdem ich den Schmerz über den Verlust meines
edeln Freundes überwunden hatte, wendete sich alle leidenschaftliche Liebe,
deren mein Herz noch fähig war, unserm Adolph zu. Du kannst wohl denken, dass
sich manche Bewerber der jungen, reichen Wittwe nahten, aber sei es, dass meine
Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmöglich machte, oder dass mein Herz nach so
vielen harten Schlägen des Schicksals überhaupt nicht mehr fähig war, gerührt zu
werden, genug, die Jugend verschwand, ohne dass ich mich auch nur ein Mal
versucht gefühlt hätte, meine Freiheit aufzuopfern, und Adolph ist meine einzige
Leidenschaft geblieben.
    Es ist natürlich, dass dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben
werden können. Viele zärtliche und schmerzliche Erinnerungen machten, dass die
Freundinnen sich oft weinend umarmten, und dass sie erst wieder Zeit bedurften,
um sich zu erholen, ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten, deren Inhalt
für Beide so wichtig war. Ich hätte wohl gewünscht, schloss endlich, ihre Tränen
trocknend, Adele, dass ich Adolph, der mich allein an das Leben fesselte, von der
Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hätte zurückhalten können, aber es machten
dies teils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes, teils das Blut der
Evremonts, das in seinen Adern fliesst, unmöglich, denn er hatte kaum das
erforderliche Alter erreicht, als er sich in die Reihen der Krieger drängte, und
ich hielt es unter solchen Umständen für das Beste, Alles, was ich vermochte,
anzuwenden, um ihn zu empfehlen, damit er so bald als möglich zum Offizier
befördert würde. Dies geschah auch trotz seiner grossen Jugend sehr bald, und ihm
war wenigstens die Bahn eröffnet, sich Ehre zu erwerben, wenn ich auch
fortwährend für sein Leben zittern musste.
    Die Dankbarkeit, welche die Gräfin für die Schwester des Grafen Evremont
empfinden musste, erhöhte die frühere Neigung, und beide Frauen schlossen sich
eng an einander in inniger Freundschaft, die dadurch noch fester wurde, dass
Beider Zärtlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete. Adolph St. Julien
pries sein Geschick, das ihm zwei Mütter gegeben hatte, die er beide mit
herzlicher Liebe empfing.
    Der Graf hatte es gern übernommen, die Geschäfte seiner Freunde ordnen zu
helfen, und er fand es natürlich, dass die Tante das zarte Gefühl für Recht zu
befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhändigen wünschte.
Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei, und indem er in Berlin die
Papiere durchging, die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte, fielen ihm auch
die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die Hände, und er machte die
Wittwe des Herrn St. Julien darauf aufmerksam, dass es auch gerecht sei, dass
dessen Adoptivsohn den so lange geführten Namen ablege und den ihm durch die
Geburt zukommenden führe. Es war ihm nicht schwer, die Schwester des Grafen
Evremont zu überzeugen, dass bei der Wendung, die die öffentlichen
Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten, dies für den jungen Mann
vorteilhaft sei, um so mehr, da nicht nur dort ein neuer Adel entstand, sondern
Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte, und man so
in der Ferne hoffen konnte, den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu
sehen; eine Hoffnung, die weder dem Grafen selbst, noch der Wittwe St. Juliens
gleichgültig war, denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich
über Vorurteile erhoben zu haben, so lassen sich doch Gefühle, die von
frühester Kindheit an ihm unbewusst genährt werden und mit ihm gewachsen sind,
wohl verläugnen, sie gänzlich auszurotten aber ist er niemals im Stande.
    Der Graf war weit davon entfernt, irgend ein drückendes Vorrecht des Adels
erneuert zu wünschen, aber er konnte sich nicht abläugnen, dass er den jungen
Mann, den er väterlich liebte und dem er, als dem Sohne seiner Gemahlin, alle
Rechte eines leiblichen Sohnes einräumen wollte, Graf Evremont zu nennen
wünschte, und er meinte, wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den
Namen seines Vaters führte, so stände der Anerkennung des alten Adels eigentlich
nichts mehr entgegen, die ja in Deutschland erfolgen musste, selbst wenn sie
Napoleon nicht bewilligen sollte, weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des
jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen, denn dass der geliebte Sohn sich auf
deutschen Boden zurückziehen sollte, sobald die Ehre es erlaubte, war gleich
nach der Erkennung in Hohental von allen Seiten beschlossen worden.
 
                                       II
St. Julien empfing mit Dankbarkeit sein väterliches Erbe und bat den Grafen, es
gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten. Der Frühling näherte sich, und
da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war, so durfte er nicht
länger zögern, und die Trennung, die seinem Herzen so schwer wurde, musste
erfolgen.
    Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem
die Gräfin zu schonen, indem er darzustellen suchte, dass wenigstens keine Gefahr
für den geliebten Sohn für die nächste Zeit zu befürchten sei, weil man von
Portugal, wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten würden, keinen
bedeutenden Widerstand erwarten dürfe. Die Gräfin fühlte, dass der Graf die Sache
selbst anders betrachtete, als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wünschte,
und fand deshalb keinen Trost in seinen Worten.
    In den schönen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von
Tränen, und ihre sonst von einer zarten Röte angehauchten Wangen wurden
täglich bleicher. St. Julien suchte seit lange ein einsames Gespräch mit ihr,
und er bereute hundert Mal, dass er den Aufentalt auf dem Lande nicht besser
benutzt hatte, der ihm täglich die Gelegenheit dazu bot, die er in Berlin lange
vergeblich herbei wünschen musste. Er wollte sich nicht trennen, ohne aus dem
Munde der Geliebten das Wort zu vernehmen, welches nach seinem Gefühle über das
Glück seines Lebens entscheiden musste, und dies Wort wollte er selbst vernehmen
und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken, und nur dann, wenn Emilie über
sein Glück entschieden hätte, wollte er es seinen Freunden mitteilen.
    Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick. Der Graf war mit den
andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zurückerwartet.
Emilie, die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte, um sich ungestört ihren
Träumen und ihrer Trauer hingeben zu können, war unter dem Vorwande eines
leichten Unwohlseins gern zurückgeblieben, und St. Julien, der ihre Absicht bei
der Mittagstafel erfuhr, zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zurück.
    Er fand die Geliebte, wie er es wünschte, allein. Die bei seinem Eintritt
getrockneten Tränen und die Röte ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung.
Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schüchtern die milden,
dunkelblauen seiner Freundin, und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre
zitternden Hände in den seinen. Ihr Ohr trank die süsse Melodie seiner Worte, und
sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzücken. Die Glut seines Gefühls öffnete
ihm das schöne, von jungfräulicher Zaghaftigkeit verhüllte Herz, und liess ihn
entzückt die Tiefe und Fülle ihrer zärtlichen Neigung ahnen. Die Stunden
verschwanden dem glücklichen Paar wie Minuten, und als der Graf mit seiner
Gesellschaft zurückkehrte, belehrte ihn der leuchtende Blick St. Juliens und die
hochroten Wangen Emiliens, dass eine Erklärung zwischen Beiden Statt gefunden
hatte, die er und die Gräfin lange erwartet, der sie aber nicht hatten
vorgreifen wollen.
    Da Niemand den Wünschen der Liebenden entgegen war, so wurde ihre Verlobung
noch denselben Abend geschlossen, und da man glaubte, dass die Angelegenheiten in
Portugal bald beendigt sein würden, und hoffte annehmen zu dürfen, dass die
Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Königsfamilie ohne
Blutvergiessen eintreten könne, so wurde von allen Seiten beschlossen, dass die
Verbindung St. Juliens mit der schönen Emilie dann sogleich geschlossen werden
sollte.
    Freilich seufzte der junge Mann über diesen Aufschub, aber er sah ein, dass
nun, da er mit der Erklärung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezögert
hatte, die Zeit nicht mehr hinreichte, um vor seiner Abreise die nötigen
Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen. Dann wünschte er eben
so, wie der Graf, diese unter dem Namen Evremont zu schliessen, und da er in
seiner Regimentsliste als St. Julien eingetragen war, so konnte er sich nicht
eher anders nennen, bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine
Umschreibung ausgewirkt worden war. Es blieb also für alle Teile nichts anders
übrig, als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen.
    Der lang gefürchtete Augenblick war endlich erschienen. Die Gräfin entliess
die weinende Adele aus ihren Armen und drückte mit krampfhafter Heftigkeit den
Sohn an die Brust. Des Grafen Wangen waren bleich und er bemühte sich vergeblich
die Tränen zurückzuhalten, als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die
Hand reichte. Das dunkle, kummervoll auf ihn gerichtete Auge liess ihn ahnen, dass
in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei, die, wie er
glaubte, einst ihr Herz für ihn empfunden hatte. Emilie hatte ihr Gesicht
verhüllt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas. Endlich riss sich St.
Julien aus den Armen der Mutter los, umschlang noch ein Mal die beinah
ohnmächtige Geliebte und stürmte mit dem Grafen hinaus. Im Vorzimmer traf er auf
Dübois, der die Familie nach Berlin begleitet hatte.
    Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St. Julien. Er wollte reden,
aber die Wehmut versagte ihm die Sprache. Der junge Mann drückte den Greis mit
Heftigkeit an die Brust, und küsste die von Alter und Gram gefurchten Wangen,
dann stürzte er mit dem schmerzhaften Ausruf: Ach mein Vater! in die Arme des
Grafen. Mutig, mein Sohn! sagte der Graf mit bebenden Lippen, standhaft, wir
sehen uns wieder! Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos, weinend
Dübois die Hand, die dieser mit zitternden Lippen küsste und mit heissen Tränen
benetzte. Alle stiegen die Treppe hinunter. Noch ein Mal umarmte der Vater den
geliebten Sohn, noch ein Händedruck, noch ein letzter Blick - und dahin rollte
der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden, der langsam, allein
und kummervoll, die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos
weinenden Frauen verfügte.
    Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes. Er hatte
sich in stille Trauer verwandelt, und leise schlich sich die Hoffnung in die
verwundeten Herzen. Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte
in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glücks.
    So hatte nach mehreren Tagen die Familie die äussere Ruhe wieder gewonnen,
und jeder Posttag wurde nun ein Festtag, denn jeder brachte Briefe voll inniger
Liebe und zärtlicher Freundschaft von den Reisenden. Aber endlich wurde auch
diese Mitteilung von Seiten St. Juliens seltener, denn als er sein Regiment
erreicht hatte, machten die militärischen Bewegungen desselben einen
regelmässigen Briefwechsel unmöglich.
    Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten, der
mancherlei Gedanken in ihm erregte. Der Pfarrer teilte ihm nämlich mit, dass er
einen Brief von dem Baron Schlebach, dem Bruder der Gräfin, erhalten, den dieser
aber nicht selbst geschrieben habe, sondern, da er durch eine heftige
Erschütterung des Gemüts gefährlich erkrankt sei, habe schreiben lassen. In
diesem Briefe sagte der Baron, dass er sich an den Prediger wende, damit dieser
dem alten Lorenz die Nachricht eines Unglücks auf eine gelinde Art beibringen
möge, das der alte Mann doch erfahren müsse und aus dem Munde des Predigers am
besten erfahren könne, der durch den Trost der Religion den notwendigen Schmerz
zu lindern vermöge. Das bezeichnete Unglück selbst wurde auf folgende Art
dargestellt. Es habe sich häufig ereignet, dass sie auf ihrer Reise nach der
spanischen Gränze mit ebenfalls sich dahin begebenden französischen Truppen
zusammengestossen wären, und es wäre nicht zu vermeiden gewesen, dass die
Offiziere der verschiedenen Corps nicht oft Spielgesellschaften veranstaltet
hätten, woran sowohl der Baron, als auch sein Freund Lorenz hätten Teil nehmen
müssen. Bei einer solchen Gesellschaft, wo viel Geld hin und her sei verloren
worden, habe sich ein heftiger Streit erhoben, in den unglücklicher Weise sein
Freund wäre verwickelt worden. Ein Duell wäre von den erhitzen Gemütern als
das einzige Mittel betrachtet worden, die verletzte Ehre zu reinigen, und dieses
habe eine so unglückliche Wendung genommen, dass sein Freund, von einer Kugel
durchbohrt, nicht weit von Bayonne geblieben sei. Dieser Unglücksfall habe ihn
selbst, den Baron, so erschüttert, dass er schwer erkrankt sei. Desshalb eile er
eine traurige Pflicht zu erfüllen, ehe es vielleicht durch sein Ende unmöglich
würde, damit er sich nicht sterbend den Vorwurf zu machen habe, dass der alte
Vater auch das ihm zukommende Erbe noch verlöre, nachdem er schon so unglücklich
gewesen sei, den Sohn zu verlieren, da der Nachlass des verschiedenen Sohnes doch
wenigstens dazu dienen könne, dem Greise die Beschwerden des Alters zu
erleichtern. Der Baron hatte diesem Briefe das von dem alten Lorenz selbst
verfertigte Verzeichnis der Sachen, die der Sohn mitgenommen hatte, in
beglaubigter Abschrift beigefügt. Da es unmöglich sei, diese Sachen selbst zu
senden, hatte der Baron, wie er anzeigte, die Garderobe zu verkaufen befohlen,
die Ringe aber, Uhren, Dosen, Brillanten und so weiter, von kunstverständigen
Männern nach ihrem wahren Werte abschätzen lassen, weil er sie, Falls er leben
bleiben sollte, zum Andenken an seinen Freund zu behalten wünsche. Auch hierüber
waren die nötigen Zeugnisse beigelegt, nebst der für den vollen Wert dieser
Kleinodien erkannten Summe. Ebenfalls folgte die baare Summe dessen mit, was der
Sohn, wie es dem alten Lorenz bekannt war, als Reisegeld mitgenommen hatte. Die
ganze beträchtliche Summe war dem Prediger in Wechseln übermacht worden, und der
alte Lorenz war nun ein wohlhabender Mann und der Geistliche fragte an, ob der
Graf unter diesen Umständen noch immer die ihm früher bewilligte Pension wolle
auszahlen lassen, da der Alte einen so schlechten Gebrauch von dem ihm auf eine
so traurige Weise zugefallenen Vermögen mache, und sich nach einer kurzen Trauer
über den Verlust des Sohnes ganz dem Trunke ergeben habe, also eine fernere
Unterstützung weder bedürfe noch verdiene, und jetzt gerade eine durch viele
Unglücksfälle herabgekommene Familie, die er dem Grafen näher bezeichnete, durch
den würdigen Gebrauch der für den alten Lorenz bestimmten Summe dem Elende
entrissen werden könne.
    Der Graf wies eine Summe an zur Unterstützung der von dem Prediger
empfohlenen Familie, aber zu dessen grossem Verdruss entschied er zugleich, dass
dem alten Lorenz, den der Prediger seiner grossen Schlechtigkeit wegen
verabscheute, die Pension unter jeder Bedingung ausgezahlt werden müsse.
    Der Graf verlor sich in Nachdenken über den Brief des Predigers. Es schien
ihm gar nicht dem Charakter seines Schwagers, des Barons zu entsprechen, mit so
viel zärtlicher Schonung und Rücksicht gegen den alten Lorenz zu verfahren.
Vielmehr erlaubte er sich zu denken, dass der Baron, teils aus Leichtsinn,
teils aus Gleichgültigkeit gegen alle menschlichen Gefühle, es natürlicher
gefunden haben würde, über den ganzen Vorfall zu schweigen, die vorhandenen
Summen zunächst zu verbrauchen, und es ruhig der Zeit und dem Zufall zu
überlassen, den Vater von dem Verluste seines Sohnes zu benachrichtigen. Dieser
Brief nun zeigte eine gewisse Aengstlichkeit den Alten zufrieden zu stellen, und
fernere Nachforschungen und Fragen abzuwenden. Auch die Empfindsamkeit des
Barons war dem Grafen sehr befremdend. Es schien ihm nicht glaublich, dass dessen
durch ein langes Spielerleben verhärtetes Herz eine so zärtliche Neigung für den
jungen Lorenz könne gefasst haben, dass dessen Tod ihm eine gefährliche Krankheit
zuziehen könne, und es dünkte ihm unmöglich, dass man, wenn man die Kräfte
besitze, einen so langen und besonnenen Brief zu diktiren, nicht auch so viel
Kraft noch haben sollte, um wenigstens seinen Namen selbst zu unterschreiben,
Falls man nicht durch Lähmung oder Verwundung daran verhindert würde, und doch
waren diese Hindernisse in dem Briefe nicht angegeben. Je mehr der Graf über
alle diese Umstände nachdachte, um so zweifelhafter wurde ihm die Wahrheit aller
angegebenen Tatsachen, und es stieg die Vermutung in ihm auf, die Sache könne
sich umgekehrt verhalten, der Baron könne im Duell geblieben sein, und der junge
Lorenz, von Hochmut verleitet, sich dessen Papiere angeeignet haben und als
Baron fortzuleben wünschen. Dies angenommen liess sich auch das Uebrige erklären.
Es wurde ihm dann leicht, seinem Vater zu übermachen, was er selbst besessen
hatte, wenn er sich in Besitz dessen setzte, was der Baron mitgenommen, dem ja
der Graf selbst ansehnliche Summen ausgezahlt hatte. Auch lag die Vermutung
nahe, dass das Duell über dessen Gewinn im Spiele entstanden sein könne, und es
war erklärt, wesshalb der angebliche Baron die eigenhändige Unterschrift
vermieden hatte. Je mehr der Graf über diese Umstände nachdachte, um so
wahrscheinlicher wurde ihm seine Vermutung; doch beschloss er gänzlich darüber
zu schweigen und der Zeit die Aufklärung zu überlassen.
    Es war indessen der Frühling des Jahres achtzehn hundert und acht
eingetreten. Der Graf, seine Familie und Freunde lebten mehr sich selbst, als
der Gesellschaft. Der Graf konnte die damals herrschenden Ansichten und die
daraus entspringenden Hoffnungen nicht teilen, und wie hoch er auch den
Heldenmut Schills achtete, so glaubte er doch, dass die Rettung des Vaterlandes
unmöglich durch die schwachen Kräfte erreicht werden könne, die sich um den
sammeln könnten, in dem die Berliner mit lauter Begeisterung den Erretter und
Befreier ahneten. Doch wie wenig er auch die allgemein ausgesprochene Hoffnung
für die nächste Zeit teilte, so zeigten sich dem aufmerksamen Beobachter doch
so viele Spuren von wahrer Kraft und Vaterlandsliebe, dass wenigstens die
Hoffnung für die Zukunft nicht in seiner Brust erstarrte und er um so lieber in
der Gegenwart schwieg, weil derjenige, welcher der Begeisterung der Berliner zu
widersprechen wagte, beinah wie ein Landesverräter betrachtet wurde.
    Dem Obristen Talheim war es unmöglich, dieselbe Mässigung zu beobachten.
Ihm, als einem alten Militär aus der Schule Friedrich des Zweiten, schien es an
Wahnsinn zu gränzen, dass alle jungen Leute eine Stimme über kriegerische
Operationen und über die Verwaltung des Staates haben wollten. Ihm schien es die
einzig mögliche Verwaltungsart, dass der König und seine Minister über Krieg und
Frieden bestimmten, dann ein Heer ordneten und dessen Leitung erfahrenen
Offizieren übertrügen. Alles, was dabei vom Volke ausgehen sollte, erschien ihm
wie Rebellion, und er verkündigte oft, dass alle Gräuel der französischen
Revolution eintreten müssten, wenn den lauten Äusserungen der Bürger und vor
Allen der Jugend nicht Einhalt getan würde.
    Es war vergeblich, dass der Graf ihn darauf aufmerksam machte, wie der
ausserordentliche Druck, unter welchem das Vaterland seufze, auch
ausserordentliche Mittel notwendig mache, und wie man, wenn man künftig hoffen
wolle, durch die Hülfe Aller das beinah unmöglich Scheinende zu erreichen, auch
die Stimmen Aller hören müsse. Aus Achtung für den Grafen schwieg dann wohl der
Obrist, aber er zeigte bei nächster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter.
    Unter solcher Umständen war es natürlich, dass ihm der Aufentalt in Berlin
unerträglich wurde, und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach
einer Umgebung zurück, die mehr Rücksicht auf sein Alter nahm und, wenn sie auch
seine Ansichten nicht immer teilte, ihm doch nicht mit so grosser Heftigkeit
widersprach, wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen
Leuten musste gefallen lassen.
    Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirtschaft gewidmet, und es
war zu bemerken, dass er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen
verlor und jeden Tag mit zärtlicher Sehnsucht die blühenden Wangen, die
leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete, die
ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zärtlichkeit
das Glück des Daseins nur an seiner Seite empfand.
    Die Briefe St. Juliens waren seltener geworden. Man erwartete jedoch, dass
die öffentlichen Angelegenheiten sich so wenden würden, dass man bald ihn
wiederzusehen hoffen dürfte, denn man glaubte Napoleon würde mit dem Vorteile
zufrieden sein, der ihm daraus erwachsen musste, dass die auf's Äusserste
aufgeregten Leidenschaften der spanischen Königsfamilie ihn zum Vermittler und
Schiedsrichter aufriefen, und dadurch in eine Stellung brachten, wodurch Spanien
mit allen seinen Kräften von ihm abhängig wurde. Aber das Unerhörte war
geschehen. Der Held, der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwürdiger
List ein Netz ausgespannt, das zugezogen wurde, als alle Glieder der königlichen
Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren. Und der Ruhm der französischen
Adler war befleckt, sie, die triumphirend über so vielen Schlachtfeldern
geschwebt hatten, bewegten sich nun in einem durch unwürdige List errungenen
Lande.
    Hätte Napoleon nicht mit zu grosser Geringschätzung auf die Menschen und in
Folge dessen auf die öffentliche Meinung herabgesehn, so hätte er vielleicht
einen für seinen Ruhm und wahren Vorteil so nachteiligen Schritt unterlassen,
über den nur ein Gefühl der Missbilligung und des Abscheues in Aller Herzen
lebte, und der selbst die an Anbetung gränzende Verehrung verminderte, die bis
dahin alle seine Truppen für ihn gehegt hatten.
    Diese allgemeine Wirkung war auch in St. Juliens Briefen bemerklich; denn ob
er sich wohl mit Behutsamkeit ausdrückte, indem er die Besetzung Spaniens
meldete, so war doch eine grosse Kälte fühlbar, die bei seiner früheren warmen
Begeisterung für Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu
manchen Betrachtungen gab.
    Dies Mal war der Obrist Talheim mit den lauten Äusserungen des Unwillens
der Berliner zufrieden. Die harten Urteile der jungen Leute über Napoleon und
seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich, und die stärksten
Äusserungen über diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Aussprüche des
Obristen Talheim bekannt, so dass der Graf, besorgt wegen der möglichen Folgen,
ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich deshalb auf sein
Zimmer begab. Er fand den alten Mann wehmütig, halb unwillig nachdenkend, und
Terese, in deren Augen sich Spuren von Tränen zeigten, schlüpfte nach der
ersten Begrüssung des Grafen hinaus. Dieser vergass den Zweck seines Besuchs, in
der Besorgnis, dass dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein möchte, und
suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen, der Vater und
Tochter sichtlich bewegte. Der Obrist schien verlegen, weil er die Worte nicht
finden konnte, die ihm schicklich dünkten, ein Gespräch einzuleiten, welches er
doch offenbar wünschte. Endlich sagte er: Scheint es Ihnen jetzt nicht auch,
lieber Graf, als ob wir nun, da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt, alle
Hoffnung aufgeben müssten, von dem Drucke befreit zu werden?
    Wenigstens für die nächste Zeit, erwiederte der Graf seufzend, glaube ich
kaum, dass wir uns erfreulichen Hoffnungen überlassen dürfen.
    Und kann es wohl, fragte der Obrist weiter, jetzt einen wahren Genuss
gewähren, Deutschland oder überhaupt die Länder Europas zu durchreisen, und
überall dieselbe drückende Herrschaft des Fremden anzutreffen, überall den
schnöden Übermut seiner Beamten zu finden, und im Grunde als den einzigen
Gewinn seiner Reisen die Ueberzeugung nach Hause zu bringen, dass alle Nationen
ihre Selbständigkeit verloren haben?
    England müssten wir doch ausnehmen, bemerkte der Graf lächelnd.
    Nun ja, sagte der Obrist vedriesslich. England ist dadurch geschützt, dass
Napoleon es nicht erreichen kann. Aber glauben Sie mir, wäre nicht das Meer sein
Schutz, es würde eben so wie alle Uebrigen sich der französischen Macht beugen,
denn hat nicht Preussen erliegen müssen? Sind nicht die in der Schule Friedrichs
erzogenen Krieger überwunden? Welche Nation ist also sicher, wenn er sie
erreichen kann?
    Der Graf wollte den Verdruss des Obristen nicht noch steigern; er antwortete
also auf diese Frage nichts, und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen
Schweigen fort: Ich wollte nur sagen, ob es nicht besser sei, für jetzt die
öffentlichen Angelegenheiten so viel wie möglich aus den Augen zu lassen, weil
man doch auf keine Weise wohltätig eingreifen kann, und sich auf einen stillen,
abgelegenen Fleck mit seiner Familie zurückzuziehen, um im Genusse des
häuslichen Glückes einigermassen Trost für alles öffentliche Ungemach zu finden.
    Gewiss, sagte der Graf, wäre dies weise von dem gehandelt, dem Niemand
feindlich diese einfachsten, natürlichsten Genüsse stört.
    Ich sehe ein, erwiederte der Obrist mit Verlegenheit, dass Sie es vorziehen
müssen, sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen, denn
das neugierige Geschwätz rund umher muss Ihnen verdriesslich gewesen sein, aber
ich, halten Sie mich nicht für undankbar, lieber Graf, ich sehne mich aus dem
Geräusch der Stadt hinweg. Ich kann nicht annehmen, dass ich noch lange lebe.
Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben, und mir, dem
sich dem Grabe zuneigenden Greise scheint es sträflich, Glück und Genuss des
Lebens noch verschieben zu wollen, und von der ungewissen Zukunft zu erwarten,
was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet.
    Der Graf sah den Obristen verwundert an, weil er nicht begriff, wohin dies
Gespräch führen sollte. Der Greis nahm die Hand des Freundes, die er mit
Zärtlichkeit drückte, und sagte mit weicher Stimme: Warum wollen Sie den Sohn
von mir entfernen, den sich mein Herz gewählt hat? Warum wollen Sie ihn in die
Ferne senden, von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefühl trennen würde, dass
ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe? Warum wollen Sie meiner Tochter den
Trost versagen, wenn sich die Augen des Vaters auf immer schliessen, aus denen
des Freundes Mut zu gewinnen, das Leben und seine Schmerzen zu ertragen?
    Ich glaubte, sagte der Graf, nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wünsche zu
handeln, indem mein Rat ihm seinen Lebensplan vorzeichnete. Die geringste
Einwendung von seiner Seite würde mich bestimmt haben, auf seine Ansicht
einzugehen, deshalb, gestehe ich, befremdet mich unser Gespräch ein wenig. O!
teurer Freund, rief der Obrist, indem er die Hand des Grafen heftig drückte und
Tränen seine grauen Wimpern netzten, halten Sie es denn für so leicht,
Einwendungen gegen den zu machen, dessen grossmütige Liebe sich nur mit unserem
Glück beschäftigt? Ist es denn nicht natürlich, dass ein Wort, ein Zeichen von
Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt, da wir ja nur Ihnen, Ihrer
Liebe allein alles verdanken, was uns das Leben an Glück und Genuss noch bieten
kann?
    Dann wäre die Liebe Tyrannei, sagte der Graf etwas unwillig, und Sie würden
meine Freundschaft zu teuer erkaufen, wenn Sie dafür alle Selbstständigkeit
hingeben wollten. Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so
gross, dass ich befürchtete, sie könnte in manchen Stunden über die zartere
Neigung seines Herzens die Herrschaft gewinnen, und ich hielt es deshalb für
wohlgetan, beide Empfindungen so viel als möglich in Einklang zu bringen. Auf
diese Ansicht gründete sich vorzüglich mein Rat.
    Sie haben gewiss oft die Erfahrung gemacht, sagte der Obrist lächelnd, dass,
wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften
gehegt hat, dann plötzlich die eine so gewaltig wird, dass sie die andere auf
lange gänzlich unterdrückt. Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich
erneuert, und die heisseste Sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine
Tochter, deren zärtliche Neigung sich so unschuldig offenbart, dass sie Ihnen
nicht hat entgehen können.
    Aber warum, rief der Graf, schweigt mein Vetter über dies alles gegen mich,
da ein Wort von ihm hinreichend ist, um mich für seine Wünsche zu bestimmen.
Dieser Mangel an Vertrauen, ich gestehe es, beleidigt mein Gefühl.
    Sie haben unrecht, sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit. Sie wissen es
nicht, wie Sie bis zur Anbetung beinah von den jungen Leuten geliebt werden, und
ich finde es natürlich, dass sie ihre Wünsche beherrschen und ihr Leben nach der
besseren Einsicht eines grossmütigen, erfahrnen Freundes ordnen wollen, und
glauben Sie denn, dass ich ein Wort gesprochen hätte, wenn bloss von der Sehnsucht
der Liebenden die Rede wäre? Vor denen breitet sich das Leben noch weit und
herrlich aus, und ein kurzer Aufschub ihres Glücks entält für sie am Ende eben
so viel Süssigkeit als Qual. Aber ich, teurer Graf, ich muss geizen mit den
Stunden irdischen Glückes, und soll es möglich sein, dass das wunderbare Gefühl
noch mein Herz berührt, einen Enkel in den Armen zu halten, so muss ich selbst
aus dem Wege räumen, was der Verbindung meines Kindes entgegen steht.
    Unwillkührlich richtete sich das Auge des Grafen auf das silberweisse Haupt
des Greises, der ihm gutmütig lächelnd gegenüberstand, und er sagte, indem er
die Hand desselben innig drückte: Nicht eine Stunde will ich ein Glück
verzögern, dessen hohen Wert für Sie ich wohl erkenne, und ich sehe wieder ein,
dass das Gefühl beinah immer sicherer leitet, als Ueberlegung und Berechnung.
    Ich wusste es wohl, sagte der Obrist, dass es nur ein Wort kosten würde, um
Sie unsern Wünschen geneigt zu machen, aber eben darum wurde es mir schwer, dies
Wort zu sprechen.
    Lieber alter Freund, sagte der Graf lächelnd, es ist ja Ihre Angelegenheit
und nicht meine. Es ist ja also natürlich, dass Sie darin bestimmen und nicht
ich.
    Sie wollen, erwiederte der Obrist, jede Erinnerung daran abweisen, dass unser
aller Glück nur allein Ihr Werk ist; aber um so lebendiger werden wir es fühlen.
    Der Graf gab dem Gespräch eine heitere Wendung, indem er mit dem Obristen
überlegte, wie bald die Verbindung seiner Tochter mit dem Grafen Robert gefeiert
werden könnte, und begab sich hierauf zu den Frauen, um ihnen mitzuteilen, dass
die beabsichtigte Reise seines Vetters aufgegeben und dagegen seine
Verheiratung beschlossen sei.
    Die Gräfin sowohl als Emilie, die sich mehr, als sie zeigen wollten, dem
Kummer um St. Julien überliessen, fanden Zerstreuung ihres Grams, indem sie sich
eifrig mit der Ausstattung ihrer jungen Freundin beschäftigten, und mit
zärtlicher Liebe und grossmütiger Freundschaft alles darin vereinigten, wodurch
das häusliche Leben edel und zierlich gestaltet werden kann.
    Die glühende Dankbarkeit des Grafen Robert zeigte seinem Oheim, wie schwer
das Herz des jungen Mannes den längeren Aufschub seines Glücks ertragen hätte,
und Terese drückte mit beredtem Schweigen und seligen Tränen ihre Freundin
Emilie an die klopfende Brust, und empfing mit glühendem Erröten und
niedergeschlagenen Augen die reichen Geschenke der Gräfin.
    Der Graf hatte mit seinem Vetter alle nötigen Verabredungen getroffen. Ein
erfahrner Landwirt hatte sich verbindlich gemacht, den Letzteren zu begleiten
und mit ihm gemeinschaftlich die grossen Besitzungen des Oheims, wie seine
eigenen, zu verwalten. dabei sollte nicht verabsäumt werden, die jungen
Landleute in der Vaterlandsliebe zu erhalten und in den Waffen zu üben, um in
einer besseren Zukunft, die Beide in der Ferne zu erblicken glaubten, von ihren
gesammten Kräften Gebrauch zu machen.
    Schnell waren die wenigen Wochen verflogen, die zu den Vorbereitungen einer
ehelichen Verbindung erforderlich waren, und der Tag, der das Glück der
Liebenden befestigen sollte, war erschienen. Emilie hatte ihre Freundin edel und
einfach geschmückt, und Aller Augen richteten sich bewundernd auf die schlanke
Gestalt der holden Braut, als sie an der Hand des Vaters, der seine Rührung
nicht bekämpfen konnte, in den Saal trat. Es schien, als ob erst an diesem Tage
die Schönheit der Jungfrau sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entwickelt habe,
und die leuchtenden Augen des Grafen Robert zeigten, dass er sein Glück erkannte.
Kein lautes Fest bezeichnete mit unpassendem Getöse die Vereinigung der Herzen,
die in ihrer innigen Empfindung dadurch nur verletzt worden wären. Auch gesellte
sich mancher ernste Gedanke zu dem Gefühl des Glücks. Der Obrist wusste, dass er
nicht lange mehr das glückliche Loos seines Kindes betrachten, dass er sich nicht
lange mehr der Liebe der Tochter erfreuen würde, und seine Gedanken richteten
sich, mitten im Gefühl des Glücks, auf ein dunkles Grab und mit erhöhter
Zuversicht über dies Grab hinaus. Der Graf dachte daran, dass sein Name nur in
den Nachkommen seines Vetters fortleben werde, und dass St. Julien, dessen Liebe
ihm Ersatz für alles, was er entbehrte, gewähren solle, von Gefahren umringt
sei, die er sich nicht verhehlte, wenn er sie auch seiner Gemahlin verschwieg.
Die Gräfin teilte trotz dieses Schweigens seine Sorgen, und fragte sich mit
stiller Angst und Wehmut, ob sie wohl je den Tag erblicken würde, an welchem
sie dem Sohne die Geliebte so festlich geschmückt entgegen führen könne, und ihr
Auge ruhte mit zärtlicher Trauer auf Emilie, die, in Tränen lächelnd, die
glückliche Freundin umarmte.
 
                                      III
Es waren einige Tage nach der Verbindung des jungen Grafen verflossen und das
neue Ehepaar sowohl, als der alte Vater schickten sich an, nach Schloss Hohental
abzureisen, denn es war verabredet worden, dass sie dort wohnen sollten, weil von
allen Gütern des Grafen dies die anmutigste Lage hatte und das Schloss selbst
vollkommen darauf eingerichtet war, eine Familie in sich aufzunehmen und ihr
alles zu gewähren, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehört. Der Graf Robert
wollte auch seiner Mutter vorschlagen, mit den Schwestern bei ihm zu wohnen, und
er hoffte dann dieser guten, geduldigen Frau, die vom Leben beinah nichts, als
das Leiden kennen gelernt hatte, wenigstens das herannahende Alter zu versüssen,
denn er wusste, Terese würde ihr eine liebevolle Tochter sein. Auch zweifelte er
nicht daran, dass die junge Gattin in allen ihr neuen Verhältnissen Rat und
Hülfe bei der sanften, erfahrnen Frau finden würde. Auf die Ausbildung der
Schwestern konnte der Umgang mit Terese nur vorteilhaft wirken, und so sollte
Schloss Hohental, welches eine Zeitlang ernst und schweigend auf dem Hügel
geruht hatte, von wo aus es das liebliche Tal beherrschte, von Neuem ein
heiteres, bewegtes Leben in sich aufnehmen.
    Die Unvollkommenheit alles irdischen Glückes wird dem Menschen dann am
Fühlbarsten, wenn seine liebsten Wünsche befriedigt werden, denn es gibt keine
Freude ohne die herbe Beimischung des Schmerzes, und in das Lächeln des
Entzückens fliesst die Träne der Wehmut. Diese Wahrheit erfuhr die junge,
glückliche Gattin. Denn wenn ihre Phantasie in lieblichen Träumen das schöne
Leben der nahen Zukunft auf Schloss Hohental ausbildete und sie unbewusst die
glänzenden Bilder des Glückes anlächelte, so fühlte sie in demselben Augenblick
die warmen Tränen auf ihren Wangen, denn um dies Glück zu erreichen, musste sie
die Gräfin und Emilie verlassen, und dieser Gram breitete einen leichten
Wolkenschatten über den heiteren Himmel ihrer Zukunft.
    Ehe noch die Abreise der Neuvermählten erfolgt war, traf ein Brief des
Predigers aus Hohental ein, der sich ernstlich über den Arzt beschwerte und den
Grafen bat, ihm nicht die Schuld davon beizumessen, dass der Bau des Hauses auf
dem Gute desselben noch nicht begonnen wäre, obgleich der Sommer schon grossen
Teils verstrichen sei. Er habe zwar versprochen die Leitung dieses Baues zu
übernehmen, jedoch natürlich nur in so weit, als seine Kenntnisse dazu
ausreichten. Er habe also einen Riss entworfen, wonach das Gebäude grösser und
bequemer als das Pfarrhaus hätte werden können, aber der Hochmut des Arztes sei
damit nicht zufrieden, er wolle durchaus, dass sein künftiger Wohnsitz ein
kleines Schloss werden solle, und bestehe vor allen Dingen auf einem auf Säulen
ruhenden Balkon. Ueber diesen Gegenstand sei so viel hin und her gestritten
worden, dass man die Zeit darüber verloren habe und er, der Prediger, sich nun
genötigt sehe, sein Versprechen zurückzunehmen, da er sich nicht darauf
einlassen könne, Paläste erbauen zu lassen, weil so weit seine Kenntnisse nicht
reichten und er auch nicht notwendig fände, weder für den Arzt, noch für dessen
künftige Schwiegermutter, dass sie Paläste bewohnten. Eine grosse Empfindlichkeit
gegen den Arzt war in diesem Schreiben nicht zu verkennen, und der Prediger
erwähnte es kaum, dass seinen eigensinnigen Freund oft das lange Ausbleiben
seiner künftigen Schwiegermutter beunruhige, um so mehr, da er keine Briefe von
ihr erhielte, welches doch, wie der Geistliche mit Bitterkeit bemerkte, nicht zu
verwundern sei, denn diese Dame, ob sie gleich jetzt einen Palast mit einem
Balkon bewohnen sollte, werde gewiss noch so viel von ihrem früheren demütigeren
Stande an sich haben, dass ihr das Schreiben als eine unnütze Beschäftigung
erschiene. Der Graf sah aus diesem Briefe deutlich, dass der tägliche ungestörte
Umgang zwischen dem Arzte und dem Geistlichen nachteilig auf Beide gewirkt
hatte, und dass sie sich wahrscheinlich für ihr ganzes Leben entzweien würden,
wenn nicht bald ein Anderer vermittelnd dazwischen träte. Es war ihm also auch
aus diesem Grunde angenehm, dass sein Vetter dahin zurückkehrte, von dem er
hoffen durfte, dass er die kleinen Feindseligkeiten in der Hohentaler
Gesellschaft noch im Keime unterdrücken werde. Er liess einen Riss eines artigen
Landhauses mit einem auf Säulen ruhenden Balkon anfertigen, und sein Vetter, der
auch mehr als der Geistliche durch seine matematischen Kenntnisse dazu geeignet
war, versprach den Bau desselben zu leiten. Nach zwei Tagen war die Abreise der
Neuvermählten und des Obristen festgesetzt, als man durch die Ankunft der Frau
Professorin überrascht wurde. Obgleich gewandt in Geschäften und auch nicht
durch weibliche Schüchternheit in der Ausführung gehindert, hatte sie doch mehr
Hindernisse gefunden bei dem Bemühen, das nachgelassene Vermögen ihres
verstorbenen Mannes zusammenzubringen, als sie vermutet hatte. Jetzt war nun
Alles glücklich beendigt und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie ihre
Tochter erblickte, die sich eben bei der Gräfin befand, und vernahm, dass auch
der junge Graf mit seiner Gemahlin nach der geliebten Heimat zurückkehren
wolle. Kaum geringer war die Freude der Tochter, denn wenn auch der Aufentalt
in Berlin vorteilhaft auf ihre Sitten und Bildung gewirkt hatte, so sehnte sie
sich doch herzlich nach dem freieren Leben in der Natur. Die Herrlichkeiten der
Hauptstadt, ob sie sie gleich mit der heiteren Unbefangenheit eines Kindes
genoss, hatten keinen so tiefen Eindruck auf ihr Gemüt gemacht, dass sie ihr
dadurch Bedürfnis des Lebens geworden wären, und die zierlichen jungen Männer,
die zuweilen den Kreis ihres Umgangs berührten, waren nicht glücklicher, denn
sie stellte unaufhörlich Vergleichungen zwischen ihnen und ihrem Vater und
Bräutigam an, und gewiss würden die jungen Herren auf's Höchste überrascht
gewesen sein, wenn sie beide Personen gekannt und gewusst hätten, dass diese
Vergleichungen zu ihrem Nachteil ausfielen. Die junge Marie betrachtete die
liebenswürdige Jugend mit einiger Geringschätzung. Sie vertraute ihrer Freundin
Terese, zu der sie ein besonderes Vertrauen hatte, zuweilen, die jungen,
zierlichen Herren, die so viel Sorgfalt auf ihre Haarlocken und Halsbinden
verwendeten, nach allen Wohlgerüchen der Erde dufteten, sich immer einem Spiegel
gegenüber zu halten suchten, schienen ihr oft verkleidete Mädchen, und sie käme
zuweilen in Versuchung, ihnen zur Unterhaltung eine weibliche Arbeit anzubieten,
wenn sie die grosse Langeweile bemerkte, die auf ihren Gesichtern ruhte, und sie
überzeuge sich nur dann wieder, dass diese geputzten Wesen keine Mädchen wären,
wenn sie auf einmal mit grosser Heftigkeit über die Notwendigkeit sich zum
Kriege zu erheben sprächen und Buonaparte vom Trone stossen wollten; höchst
lächerrlich aber käme es ihr alsdann wieder vor, wenn sie mit derselben
Heftigkeit für oder wider eine Schauspielerin stritten, und die gleiche
leidenschaftliche Begeisterung für die eine oder andere an den Tag legten, die
sich in den nächst vorhergehenden Gesprächen für ihren Lieblingshelden Schill
offenbart hätte. Ja, schloss sie ihre Bemerkung, ich glaubte, alle diese für das
Vaterland Begeisterten würden nun mitziehen und die Taten ausführen helfen, die
sie für notwendig erklären; aber mir scheint, sie sind alle hier geblieben.
    Terese scherzte mit dem angenehmen Kinde zuweilen über ihre grosse Abneigung
gegen die jungen Herren und fragte, ob sie denn gar nichts an dem Arzte
auszusetzen fände?
    O, ich bin nicht so blind, erwiederte die Kleine dann ernstaft. Ich sehe es
wohl, dass ihm die Kleider nicht so gut sitzen, wie den hiesigen jungen Herren,
und wenn ich seine Frau bin, werde ich es ihm abgewöhnen, dass er beim Tanze so
hoch mit einwärts gebogenen Knieen springt, oder noch besser, er unterlässt das
Tanzen ganz, denn es kleidet ihn nicht und er kümmert sich dabei nicht um den
Takt. Aber ist es denn nicht natürlich, dass er diese Künste nicht so gut zu
machen versteht, wie die hiesigen jungen Herren, die, wie es scheint, nichts
Anders zu tun haben? Kann er seine Aufmerksamkeit auf solchen Tand richten, da
er Tag und Nacht studirt, wie er den Menschen, die an irgend einem Gebrechen
leiden, helfen könne. Gewiss sind schon Viele durch ihn gesund geworden und
glücklich, und blicken ihm dankbar und freundlich entgegen, wenn sie ihn kommen
sehen, ohne darauf zu achten, wie er seine Füsse setzt, und das, denke ich, ist
mehr wert, als alle die Possen, die man hier in der Stadt treibt.
    Terese hütete sich in solchen Fällen der Ansicht ihrer jungen Freundin zu
widersprechen, denn da die Tochter eben so entschieden, wie die Mutter, eine
Verbindung mit dem Arzte als das Ziel ihres Lebens betrachtete, so wäre es ein
Unglück gewesen, wenn das junge Mädchen ihren Geschmack für äussere Vorzüge des
männlichen Geschlechts verfeinert hätte.
    Der Graf teilte der Frau Professorin die Zwistigkeit zwischen ihrem
künftigen Schwiegersohne und dem Geistlichen mit, und indem er ihr die
Veranlassung dazu sagte, zeigte er ihr zugleich den Riss des künftigen
Wohnhauses, den er hatte entwerfen lassen, und bat sie, so lange im Schloss zu
wohnen, bis sein Vetter, der junge Graf, diesen Bau würde ausgeführt haben.
    Mit leuchtenden Augen betrachtete die Wittwe des Professors den Plan des
Hauses, den ihr der Graf erklärte, und je mehr sie die Zweckmässigkeit und
Bequemlichkeit der Einrichtungen erkannte, je höher stieg ihr Entzücken, bis
sich zuletzt die Freude in dankbare Rührung auflöste, und die grossen auf das
Papier niederströmenden Tropfen die Zeichnung zu verderben drohten. Ja, sagte
sie endlich, zum Grafen gewendet, Sie handeln gegen alle Menschen, wie einer,
der hoch über ihnen steht, aus dessen Herz nur Wohlwollen, aus dessen Händen nur
Segen kommt, und Gott verzeihe mir meine Sünden, ich fühle eine Art Andacht,
wenn ich an Sie denke. Wären alle hohen, grossen Edelleute in Frankreich so
gewesen, wie Sie sind, die Revolution hätte gar nicht kommen können, denn Wer
hätte dann wohl Hand an einen Edelmann legen mögen, und Buonoparte müsste es sich
dann vergehen lassen, uns zu drücken und alles, was ihm einfällt, uns zu
verbieten.
    Der Graf wollte das Gespräch ablenken und sagte lächelnd: Es freut mich, dass
Ihnen der Plan zum Hause gefällt, und noch grössere Freude wird es mir machen,
wenn ich Sie erst darin besuchen kann.
    Nun, rief die Professorin entzückt, wenn Sie mir die Ehre erweisen, so werde
ich Sie bei mir so aufnehmen, dass Sie meine Dankbarkeit erkennen werden, und in
dem schönen Hause, fuhr sie fort, indem sie die Hand auf die Zeichnung legte,
werde ich das können. Mein Vetter, bemerkte sie, indem sie den Riss von Neuem
betrachtete, ist ein hochmütiger Mensch, dass weiss ich von Alters her; aber
warum sollen wir denn keinen Balkon haben? Das sehe ich denn doch auch nicht
ein. Von dem Prediger ist es doch auch nur Neid, wenn er sich dem widersetzt. Er
will nicht, dass wir es besser haben sollen, als er, und wenn Sie es uns gönnen,
warum sollen wir dann das Gute nicht geniessen? Mag er sich ärgern, wie er will;
ich freue mich selber auf den Balkon, ich kann da oben sitzen wie auf einem
kleinen Turme und von der einen Seite einen grossen Teil der Wirtschaft
übersehen, und ich läugne auch nicht, dass es mir angenehm ist, wenn mein Vetter,
der Schulze, sieht, was aus seiner Muhme geworden ist. Der nimmt gewiss den Hut
schon auf dem Hofe ab, wie vor dem herrschaftlichen Schloss, wenn er zu uns
kommen will und dies Gebäude erblickt.
    Die Zuhörer der Professorin waren zu gutmütig, als dass das Lächeln auf
ihren Gesichtern etwas Anderes als Wohlwollen ausgedrückt hätte. Man gönnte es
der ehemaligen treuen Dienerin, dass sie auf ihre Weise glücklich war, und der
Graf Robert nahm sich sogar vor, ihr noch manche angenehme Ueberraschung zu
bereiten, da er bemerkte, dass sie nicht ganz unempfindlich gegen Anmut und
Zierlichkeit war, wie er früher geglaubt hatte. In dieser wohlwollenden Stimmung
wurde die Reise nach Hohental von allen Personen angetreten, die ihre
Bestimmung dahin führte, und dem Grafen, der Gräfin und Emilie wurde die
Einsamkeit fühlbar, nachdem sie den Schmerz des Abschiedes überstanden hatten.
    Auf Schloss Hohental dagegen regte sich Leben und Tätigkeit. Der Graf
Robert hatte seine Mutter von seiner Abreise aus Berlin benachrichtigt, und er
hatte die Freude, sie den Tag nach seiner Ankunft auf Schloss Hohental mit den
Schwestern zu begrüssen. Der Obrist hatte nichts gegen den Plan einwenden wollen,
den in reiner Freude eines dankbaren Sohnes der Graf Robert entworfen hatte, mit
der Mutter vereinigt zu leben. Aber er fürchtete im Stillen für das Glück seines
Kindes, denn er hatte im Laufe seines langen Lebens die Erfahrung gemacht, dass
selten die Mutter des Mannes die junge Gattin desselben mit Liebe betrachtet;
ja, dass oft, je mehr der Sohn selbst von der Mutter geliebt wird, um so
deutlicher eine seltsame Abneigung gegen dessen Gattin sich zeigt, die sich
nicht anders erklären lässt, als, dass eine eigensüchtige Neigung eifersüchtig die
Liebe des Sohnes ausschliessend auf sich lenken möchte. Er wurde daher angenehm
überrascht, als er bald gewahr wurde, dass in dieser sanften, demütigen Frau
seine Tochter nicht nur eine Mutter, sondern er selbst eine treue Freundin
gewann, die ihm die Beschwerden des Alters zu erleichtern und die letzten Jahre
seines Lebens zu verschönern suchte.
    Da auch diese Besorgnis verschwunden war, die ihn auf der Reise geängstigt
hatte, so fühlte der Greis sich vollkommen glücklich. Wie ein Patriarch tronte
er im Lehnsessel in der Mitte seiner Lieben. Jeder suchte ihm seine Liebe und
Achtung zu beweisen, Niemand reizte ihn durch Widerspruch, wie er ihn in Berlin
erfahren hatte, denn der Arzt, der sogleich pflichtgemäss die Sorge für seine
Gesundheit übernahm, untersagte es allen Hausgenossen, durch lebhafte Anregungen
die schwachen Lebenskräfte des sich dem Grabe zuneigenden Greises zu zerstören,
dessen Tage auf diese Weise im süssesten Frieden der Seele und in aller
Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebens dahin schwanden. Und kam der Abend, der
ihm jedes Mal die Sehnsucht nach einer l'Hombre-Partie brachte, so fehlten seine
beständigen Mitspieler, der Prediger und der Arzt, niemals, und wurde ja einer
von ihnen durch seinen Beruf ein Mal abgehalten, so nahm die Mutter des Grafen
Robert willig die Karten und verkürzte dem Greise die Stunden durch seine
gewohnte Unterhaltung.
    Der Prediger und der Arzt hatten sich durch die Vermittelung des Grafen
Robert leicht mit einander versöhnt und betraten von Neuem den Pfad der ihnen
zum Bedürfnis gewordenen Freundschaft. Der Prediger war geneigt, die
Zwistigkeiten mit dem Freunde zu vergessen, denn er fühlte sich im Grunde in
allen Verhältnissen des Lebens durch seinen klaren Verstand und richtigen Blick
so sehr über den Arzt erhaben, dass er alles, was er dessen Torheit nannte,
ruhig verachtete, und der Arzt war zu glücklich, als dass er ein feindliches
Gefühl im Herzen hätte bewahren können.
    Er betrachtete mit Entzücken die gänzliche Veränderung, die der Aufentalt
in Berlin mit dem Äusseren seiner Braut hervor gebracht hatte. Ein schüchternes,
blödes, sich oft linkisch benehmendes Kind war hingegangen, und eine junge Dame
kam zurück, die sich in Kleidern nach der letzten Mode ohne Zwang bewegte, ohne
Verlegenheit an allen Gesprächen Teil nahm und wenigstens eine oberflächliche
Kenntnis der Literatur verriet, und dennoch ruhten, trotz aller dieser
erlangten Vorzüge, die blauen Augen noch mit derselben Teilnahme auf ihm, wie
früher, und wie zerstreut er auch war, so hörte er doch, dass der Klang ihrer
Stimme gefühlvoller war, wenn sie mit ihm sprach, als wenn sie ihre Worte an
Andere richtete. Das, ihm neue, beseligende Gefühl des Glücks, geliebt zu
werden, gab seinem ganzen Wesen eine Weichheit, die ihn mehr, als je, geneigt
machte, alles zu verzeihen, wodurch er sich beleidigt glaubte. Selbst abgesehen
von dieser glücklichen Stimmung, wie hätte er nicht versöhnlich sein sollen, -
er trug ja einen vollkommenen Sieg über den Prediger davon, - sein künftiges
Wohnhaus wurde mit einem Balkon gebaut und die ganze Einrichtung desselben viel
schöner, als er es hätte ersinnen können. Er hatte schon im Frühlinge einen
Teil seines Gartens mit ausländischen Sträuchern und Gewächsen bepflanzen
lassen, von denen ihn Bücher, die er zu diesem Behufe angeschafft, lehrten, wie
sie behandelt werden müssten, wenn sie in unserm Klima gedeihen sollten, und er
nannte den Raum, auf dem diese Gewächse vereinigt waren, seinen botanischen
Garten. Aber freilich gewährte dieser einen traurigen Anblick; denn da der Arzt
den Gärtner in der Behandlung der Pflanzen unterrichtete und durchaus darauf
bestand, dass sie ganz nach seiner Vorschrift gewartet werden sollten, so gingen
die meisten aus, welches der Gärtner ganz natürlich fand, der sich oft äusserte,
wenn der Arzt die Sache nur ihm überlassen und den armen Pflanzen Ruhe gönnen
wollte, so würde sie Gott eben so gut wachsen lassen, wie andere unter seiner
Pflege befindliche im Treibhause des Schlosses. Dies Misslingen seiner Anlage
hatte den Arzt oft vedriesslich gemacht und ihn dem Spotte des Predigers
ausgesetzt. Aber nun richtete er die kleinen scharfen Augen im Gefühle des
Sieges auf den spottenden Freund, denn es hatte ihm nur ein Wort gekostet und
der Graf Robert hatte ihm versprochen, ein Treibhaus mit dem neuen Gebäude zu
verbinden, und die Pflanzen aller Himmelsstriche konnten dann durch den
geschickten Gärtner des Schlosses gezogen werden.
    Mit dem Gefühle inniger Dankbarkeit überrechnete der Arzt oft sein Glück.
Ein anständiges Auskommen; eine junge, schöne, ihn schwärmerisch liebende Braut;
ein prächtiges, einem adlichen Wohnsitze ähnliches, schon im Entstehen
begriffenes Haus, daran ein Treibhaus und ein botanischer Garten, darin eine
Bibliotek und ein Naturalienkabinet; für alle Genüsse des Leibes und Geistes
also auf alle Weise gesorgt; dabei geachtet von seiner Umgebung, glücklich in
seinen Launen. Dankend hob er nach solchen Betrachtungen die Hände zum Himmel
empor; die kleinen Augen glänzten in Tränen seliger Rührung, und er versprach
sich selbst, sein Glück würdig zu geniessen, und bescheiden und dankbar zu
bleiben.
    Die Frau Professorin hatte freiwillig die Führung des Haushalts im Schloss
übernommen, weil der tätigen Frau Beschäftigung Bedürfnis war. Aber sie
bemerkte oft, dass die Abwesenheit Dübois nur zu sichtbar sei, denn die Ordnung,
die Ruhe, der Anstand und das vornehme Wesen, welches er zu erhalten verstehe,
werde nie ganz ohne ihn erreicht werden, - eine Anerkennung, die den alten Mann
entzückt haben würde, wenn er sie hätte vernehmen können.
    So wohl und glücklich fühlten sich alle Bewohner des Schlosses Hohental,
während die eigentlichen Besitzer manchem Kummer im Herzen Raum gaben.
 
                                       IV
Nach der Abreise ihrer geliebten Freunde wurde die dadurch entstehende Lücke in
der gräflichen Familie in Berlin sehr fühlbar, und der Trübsinn wurde
gesteigert, weil keine Nachrichten von St. Julien eintreffen wollten. Es war nur
zu deutlich, dass die Freude der Spanier über einen Herrscher aus Napoleons
Geschlecht nicht so gross war, als dessen Bulletins der Welt verkünden wollten,
und die Sorge um den Sohn und Geliebten senkte sich schmerzlich in die Brust der
einsamen Freunde. Jeder suchte den Andern zu schonen und wollte deshalb seine
Sorgen nicht bekennen, aber der verschwiegene Gram nagte sichtlich an Aller
Herzen. Wie ein elektrischer Schlag zuckte daher die Freude durch jede Brust und
lähmte für einen Augenblick die Kraft der Glieder, als endlich ein grosses Paket
eintraf, welches ausser den Briefen voll zärtlicher Liebe für die Mutter und
glühendem Gefühl für die Braut noch eine Art von Tagebuch für den Grafen
entielt, worin sich auf jeder Seite das kindliche Gefühl eines guten Sohnes
aussprach und welches zugleich eine kurze Darstellung der Begebenheiten in
Spanien entielt, so weit sie ohne Gefahr für den Schreiber und Empfänger
berührt werden durften. Nachdem er die weltgeschichtlichen Begebenheiten, die
unter seinen Augen sich ereignet, flüchtig angedeutet hatte, sagte er unter
Anderem: Bald nach des Königs Joseph glänzendem Einzuge in die neue Hauptstadt
seines Reiches, wurde ich von Vittoria mit Depeschen an ihn gesendet und ich
läugne nicht, dass ich gern die Gelegenheit ergriff, die sich dort neu
gestaltende Welt in der Nähe zu sehen, und ein poetisches Gefühl liess es mich
höchst reizend denken, an den Ufern des Manzanares zu wandeln, obgleich es mir
bekannt war, dass die Lage der Hauptstadt in Ansehung ihrer malerischen und
poetischen Umgebung weit hinter der anderer Städte des Reichs zurück steht.
    Ich fand den König Joseph von einem glänzenden Hofe umgeben, der freilich
zum grossen Teil aus Franzosen bestand. Aber es ist auch nicht zu läugnen, dass
viele vorzügliche Geister sich ihm anschliessen, die durch seinen Einfluss und
Napoleons mächtige Hülfe die Fesseln des Geistes abzuwerfen hoffen, unter deren
Druck Spanien so lange schmachtet, so dass die edelsten Kräfte einer grossherzigen
Nation seit lange einer grossen Teils unwürdigen Geistlichkeit zur Befriedigung
eigensüchtigen Verlangens dienen. Ja, der aufgeklärte Teil der Geistlichkeit
selbst seufzt nach der Erlösung von diesem Joche. Um so sorgfältiger aber sucht
der bei Weitem grössere Teil derselben den beschränkten Sinn des Volkes vor
jedem eindringenden Lichtstrahle zu bewahren, denn sie fühlen natürlich, dass die
Wurzel ihrer Macht erschüttert werden muss, wenn das Volk aufhört zu glauben, dass
Seligkeit und Verdammnis unmittelbar in den Händen der Priester ruht. Wir werden
also nicht bloss den Kampf zu bestehen haben, der durch ein verwundetes
Nationalgefühl erregt ist, sondern unser furchtbarster Feind ist der Fanatismus,
den die Priester zu ihrem eigenen Vorteile sowohl, als zu Gunsten Ferdinands im
Volke erregen, und durch alle Mittel, die ihnen zu Gebote stehen, stärken und
nähren.
    Diese Betrachtungen drängten sich mir auf, so flüchtig auch nur die
Beobachtungen waren, die ich anstellen konnte, denn kaum hatte ich am Morgen
meine Depeschen abgegeben und mich dem Könige vorstellen lassen, der mich mit
grosser Huld empfing, als ich auch schon von so vielen Bekannten umringt und in
so viele Zerstreuungen verwickelt wurde, dass mir keine Zeit zu ernsten
Beobachtungen blieb. Als die Seele aller Gesellschaften hörte ich einen
liebenswürdigen deutschen Baron allentalben nennen, der sich dem Hofe des
Königs angeschlossen hatte, und von diesem selbst als ein geistreicher und
unterrichteter Mann, und angenehmer Gesellschafter besonders ausgezeichnet
wurde. Auch bei den Damen hatte dieser Fremde viel Glück, und eine reiche,
vornehme und schöne Frau, die der König selbst oft mit seinem Besuch beehre,
habe sich ganz offen für ihn erklärt, hiess es, so dass man erwartete, die grosse
Neigung werde Beide zu einer ehelichen Vereinigung bestimmen und der König werde
dann den aus einem alten Geschlecht abstammenden Deutschen mit sehr bedeutenden
Ehrenstellen bekleiden.
    Da ich diesen gefeierten Mann von allen Seiten als ein Ideal der
Liebenswürdigkeit preisen hörte, so wurde endlich meine Neugierde erregt und ich
fragte nach seinem Namen. Viele wussten diesen gar nicht. Er war ihnen bloss als
der liebenswürdige deutsche Baron bekannt oder als Don Fernando. Endlich nannte
ihn mir ein besser Unterrichteter als Baron Schlebach, und mir fiel ein, dass ein
solcher ja unser Verwandter sein müsse, weil ja dies auch der Name meiner Mutter
ist, und ich beschloss mich mit ihm bekannt zu machen.
    Der Tag war mir unter mannichfachen Zerstreuungen verschwunden und am Abend
war Cirkel bei Hofe, wo auch ich erscheinen musste. Es war eine glänzende
Versammlung, die sich vereinigte, und es hätte mir wohl mancher der Anwesenden
wichtig sein können, wenn nicht meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen
Gegenstand wäre gelenkt worden. Dort steht der deutsche Baron, flüsterte mir ein
Bekannter zu. Meine Augen folgten dem Winke der seinigen und trafen auf einen
Blick, dessen Schärfe und Kälte mir ein bekanntes Bild hervorriefen, das ich
doch nicht festzuhalten vermochte. In dem Augenblicke redete der König den Baron
freundlich an, und das anmutige Lächeln des in der Tat schönen Mundes
verbreitete einen eigenen Reiz über das blasse, von dunkelm Haar umlockte
Gesicht. Die Kälte und Schärfe schwand aus den dunkeln Augen, und die schlanke,
reichgekleidete Gestalt erhöhte den angenehmen Eindruck, und doch wurde, indem
der König sich von ihm wendete und er zurücktrat, ein gemeiner Hochmut in
seinen Mienen und Gebehrden sichtbar, der auf einmal meinem Gedächtnisse zu
Hülfe kam und mich an den Sekretair des Kommandanten der Festung * * *
erinnerte, der uns damals so übermütig behandelte, und den Sie mir als den Sohn
eines Ihrer ehemaligen Beamten bezeichneten. Ich wollte mich eben diesem
unbekannten Verwandten nähern, als der König mich erblickte und mich an meine
Stelle fesselte, indem er sich mir näherte und auch mich durch eine freundliche
Anrede auszeichnete. Die Unterhaltung hatte einige Minuten gewährt. Als sich der
König darauf zu Andern wendete, suchten meine Blicke den Baron vergebens. Ich
weiss nicht, hinter welche Gruppe er sich zurückgezogen hatte, denn spät erst,
als der Cirkel sich auflöste, sah ich ihn noch einen Augenblick, indem er mit
vielen Andern die Appartements verliess, und zwar in solcher Entfernung, dass ich
eine in den königlichen Sälen unschickliche Eile hätte anwenden müssen, um ihn
zu erreichen.
    Meine Neugierde war durch diese kleinen Umstände erhöht worden, und ich liess
mich bei der Dame seines Herzens des andern Tages vorstellen, einer schlanken,
edel gebauten Spanierin, deren dunkle, gebietende Augen eine Glut ausströmten,
die entzücken oder erschrecken musste. Sie lud mich mit aller liebenswürdigen
Gastfreundschaft der Spanier ein, an ihren Abendgesellschaften Teil zu nehmen,
und versicherte mir, dass ich in diesen Kreisen manchen Mann antreffen würde, der
der Stolz seines Vaterlandes sei, wie auch manchen bedeutenden Fremden. Ich
dankte für ihre gütige Einladung, indem ich sie annahm, und sie erwiederte, dass
sie jedem Franzosen mit Vergnügen ihr Haus öffne, weil sie von dem französischen
Einfluss hoffe, dass er Spanien von dem geistigen Druck befreien werde, unter
welchem es so unwürdig schmachte. Ich machte die schöne, für ihr herrliches
Vaterland mit Recht begeisterte Dame darauf aufmerksam, dass sich doch ein
kräftiger Widerstand und zwar nicht bloss vom Volke aus gegen unsere Einwirkung
zu offenbaren anfange. Das ist unser Unglück, sagte sie schmerzlich seufzend.
Der Stolz der Spanier weist die fremde Hülfe zurück und würde das unermessliche
Unglück beweinen, das daraus entspringen müsste, wenn die Versuche gelingen
sollten, sich dem fremden Einflusse zu entziehen, denn die ganze Masse des
Volkes wird von der Geistlichkeit in den Fesseln des dumpfen Aberglaubens
gehalten, und es wird diese Kette, die es in seiner Blindheit für sein Heil und
seinen Ruhm hält, bis auf den letzten Blutstropfen mit der Tapferkeit ächter
Spanier verteidigen, und viel zu gering ist die Zahl der Einsichtsvollen, das
Bessere Erkennenden, als dass sie nicht der Masse erliegen müssten. Desshalb
bedürfen wir der fremden Hülfe, um das murrende Volk wider seinen Willen zu
seinem Heile zu leiten, und wenn uns dafür die Flüche des jetzigen Geschlechts
treffen, so wird der Segen des künftigen diese Last wieder von uns nehmen. Ich
fand mich berufen, politische Streitfragen mit der schönen Dame zu erörtern, und
verabschiedete mich in der schönen Hoffnung, die Bekanntschaft eines mir etwas
rätselhaften Verwandten bei ihr zu machen.
    Es war natürlich, dass ich noch denselben Abend von der Erlaubnis Gebrauch
machte und den glänzenden Kreis vermehrte, der sich um die schöne Frau
versammelte. Aber wenn ich am Morgen die gebietende Hoheit ihrer Miene bewundert
hatte, die doch auf eine wunderbare Weise mit Zärtlichkeit und selbst Schalkheit
gemischt war, so lag am Abend Schmerz und Trauer unverkennbar auf der edeln
Stirn; der Mund zwang sich zum Lächeln, um die freundlichen Reden der Gäste zu
beantworten; aber selbst dies Lächeln hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Ich
gestehe indes, dass ich keinen lebhaften Anteil an dem sichtbaren Kummer der
schönen Frau nahm, meine Augen suchten in dem glänzenden Kreise den deutschen
Baron und suchten ihn vergeblich.
    Endlich richteten einige nähere Bekannte die Frage gerade zu an die Dame des
Hauses, wie es komme, dass man den liebenswürdigen Don Fernando diesen Abend
vergeblich erwarte. Es schien, seine liebenswürdige Freundin hatte nur diese
Frage erwartet, um ohne Rückhalt den Schmerz ihres Busens zu entfesseln. Sie
teilte den Freunden mit, dass er sie noch diesen Morgen vollkommen gesund
besucht habe; kurz nachdem Sie mich verlassen hatten, sagte sie, indem sie sich
an mich wendete. Ich teilte ihm meine Freude über meine Bekanntschaft mit Ihnen
mit, und er schien lebhaften Anteil daran zu nehmen, aber bald darauf wurde er
von heftigem Schwindel befallen. Er fuhr nach Hause, und nun erfahre ich auf
meine Erkundigungen, dass er ernstlich krank ist und das Bett vielleicht in
mehreren Tagen nicht verlassen kann.
    Die ganze Gesellschaft bewies die lebhafteste Teilnahme für Don Ferdinand,
und Jeder versicherte, ihn des andern Morgens besuchen zu wollen, um sich von
seinem Befinden zu unterrichten. Ich war nicht der letzte, der diesen Entschluss
fasste, denn ich wollte die Zweifel, die immer lebendiger in mir aufstiegen, auf
jeden Fall aufzuklären suchen.
    Ich säumte also nicht, mich in Begleitung eines Bekannten, der mich
vorstellen sollte, nach seiner Wohnung zu verfügen, sobald es am andern Morgen
die Schicklichkeit erlaubte, zu einem Kranken einzudringen. Aber meine Hoffnung
wurde getäuscht, denn wir wurden an der Türe höflich mit dem Bescheide
abgewiesen, dass Don Fernando sich so übel befände, dass er Niemand empfangen
könne. Drei Tage nach einander setzte ich hartnäckig meine Belagerung fort.
Endlich gab ich die fruchtlose Bemühung auf, in der Meinung, dass der Kranke doch
endlich wieder sichtbar werden müsse. Nach einigen Tagen aber wurde mir
angezeigt, dass ich meine Depeschen beim Minister in Empfang nehmen und meine
Rückreise nach Vittoria antreten könne. Ich zögerte natürlich nicht, meine
Pflicht zu erfüllen, und war in derselben Stunde bereit, abzureisen, als mir der
König melden liess, ich möge meine Abreise bis zum andern Tage verschieben, weil
er mir den Morgen um neun Uhr noch einige Aufträge selbst erteilen wolle. Ich
musste diesem Befehle gehorchen, und ich hatte am andern Morgen die Aufträge des
Königs vernommen, die es ihm besser däuchte, mir mündlich zu vertrauen, als sie
in Depeschen mitzuteilen, deren Beförderung immer unsicher ist, weil es tausend
Möglichkeiten gibt, sie dem Ueberbringer zu entreissen, da im Gegenteile ein
Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt, ohne
sie zu verraten, wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte, sie
gehörigen Orts mitzuteilen. Der König hatte mich sehr freundlich, sehr
wohlwollend entlassen, und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an
unsern sich rätselhaft verbergenden Verwandten, als ich im Vorsaale plötzlich
auf ihn stiess und wir uns ganz nahe gegenüber standen, indem er in demselben
Augenblick durch eine Türe in den Saal trat, während ich mich durch dieselbe
entfernen wollte. Er war bei meinem Anblick sichtbar überrascht, doch hatte er
im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den
Entschluss gefasst zu haben, mir nicht mehr ausweichen zu wollen, da dies, ohne
sehr auffallend zu handeln, nicht mehr geschehen konnte. Dies alles war die
Sache eines Augenblicks, und ich wollte ihn eben anreden, als sein gutes
Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erlöste, denn indem ich
ihn anreden wollte, winkte ein Kammerherr des Königs ihn in die inneren Zimmer
desselben hinein. Sichtbar beruhigt schlüpfte der Verlegene mit einer leichten
Verbeugung bei mir vorbei, um dem ihn befreienden Winke zu folgen, und ich trat
meine Reise nach Vittoria an, ohne etwas Näheres von diesem rätselhaften Baron
erfahren zu haben.
    Als der Graf diese Mitteilung St. Juliens aufmerksam gelesen hatte, wurde
ihm seine frühere Vermutung zur Gewissheit, dass nämlich in jenem dem alten
Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwürdiger Sohn, sondern der Baron
geblieben sei, dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei, um sich
in Verhältnisse zu drängen, die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar
geblieben wären. Der Graf überlegte, ob es nicht seine Pflicht sei, Schritte zu
tun, um einen Betrug zu entüllen, der vielleicht eine liebenswürdige Frau zur
Beute eines Abendteurers machte, denn dies war doch eine ausgemachte Sache, dass
dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war, wenn er selbst nicht der
junge Lorenz sein sollte. Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Not
zu beleidigen, beschloss er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen
einzuziehen, ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien
aufhalte, der Gräfin aber nichts davon zu sagen, dass er überzeugt sei, der
Bruder, dessen Rückkunft sie zuweilen fürchtete, ruhe schon längst im Grabe.
    Die Sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den
Hintergrund der Seele zurück, denn in Spanien entwickelten sich Kämpfe und
Gefahren, die für sein Leben täglich zittern liessen, und wenn die Freude das
Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzückt auf den Zügen der geliebten
Hand ruhten, so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in
Zähren der Wehmut, denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen
Briefen erfreuten, die heitere Gesundheit und zärtliche Liebe atmeten, so war
doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser
langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein, die das teure Leben
gefährdet hatten. So nahte der Winter trübe und traurig. Der Herbst hatte die
Hoffnung gewährt, dass wenigstens die dumpfe Ruhe des drückenden Friedens in
Deutschland bestehen könne, aber auch diese Hoffnung war entschwunden und
Oestreich rüstete sich zum erneuerten Kampfe. Napoleon entwickelte eine
bewundernswürdige Tätigkeit. In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer
vereinigt, und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern. Deutsche sollten
wieder gegen Deutsche kämpfend erblickt werden, und die deutsche Erde sollte von
Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schoss die Leichen ihrer
von deutscher Hand erschlagenen Söhne verbergen.
    Nicht alle französischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden
können, aber unter denen, die an den Rhein beordert waren, befand sich das
Regiment, in welchem St. Julien diente, und Eltern und Geliebte hatten
wenigstens den Trost, ihn sich näher zu wissen.
    Niemals war die Hoffnung so allgemein, so lebendig gewesen, als nach
Oesterreichs Kriegserklärung; vielleicht nur, weil der Druck, unter welchem die
Völker seufzten, immer lästiger, ihr Unglück immer schmerzlicher wurde. Aber wie
dem auch sei, es konnte dem Beobachter nicht entgehen, dass es nur einer
siegreichen Schlacht bedurft hätte, und ein grosser Teil Deutschlands hätte sich
schon damals dem österreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen; aber die
Schlachten gingen verloren, und unaufhaltsam, wie ein reissender Strom, drangen
Napoleons Heere vorwärts.
    Alle Hoffnungen, die man damals auf Oesterreich setzte, gingen unter, und
auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte, denn
ihr Held, in dem sie den Erretter, den Befreier Deutschlands zu sehen wähnte,
war gefallen, mit Heldenmut zwar, aber für sein Vaterland völlig nutzlos, und
die Ueberreste seiner tapfern Schaar, die nicht so glücklich waren, entfliehen
und sich verbergen zu können, fielen einem Feinde in die Hände, der sie nicht
mit grossmütiger Schonung behandelte, sondern sie das härteste Schicksal
erdulden liess.
    Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte, die
seine lauten Bewunderer aussprachen, musste dennoch das unglückliche Ende eines
Mannes schmerzlich beklagen, der Gutes und Grosses wollte, aber seine Zeit
missverstand und deshalb der Zeit vorgriff.
    Die Gräfin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst. Dem Grafen
selbst bangte für den geliebten Sohn, und alle Gründe, die er anführte, um die
Frauen zu beruhigen, verloren ihre Kraft, weil man zu deutlich fühlte, dass er
die Hoffnungen, die er erregen wollte, nicht teilen konnte. Auch Dübois ging
trostlos umher. Der letzte Sprössling des Hauses Evremont! seufzte er oft für
sich; Herr erhalte ihn, setzte er jedes Mal hinzu, indem er die gefalteten Hände
flehend zum Himmel erhob. Jedes Zeitungsblatt erhöhte die peinliche Unruhe der
Familie; beinah ein jedes entielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten, und
man wusste, St. Juliens Regiment focht in den meisten, und von ihm selbst
gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie. Endlich war der
Waffenstillstand geschlossen und es liess sich voraussehen, dass der Friede auf
denselben folgen würde, und zwar ein Friede, der Napoleons Macht nur noch höher
heben und das unglückliche Deutschland noch tiefer niederdrücken musste. Diese
Ueberzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer über Deutschland, die auch der
Graf empfand, aber die plötzlich gemildert wurde und der höchsten Freude im
Kreise dieser Familie Raum gab, denn ein Paket von St. Julien traf ein und
meldete nach allen überstandenen Gefahren, bis auf eine leichte Verwundung,
seine vollkommene Gesundheit. Zugleich teilte er die Nachricht mit, dass er zum
Obristen ernannt worden sei, beklagte aber, dass er in dieser unruhig bewegten
Zeit noch nicht habe Mittel finden können, die Anerkennung des Namens Evremont
zu bewirken. Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben, denn nur
Frankreichs Ruhm und sein eigner, den er noch zu erreichen hoffte, hatten ihm
vorgeschwebt, indem er schrieb; und er dachte nicht daran, welchen schneidenden
Gegensatz sein Gefühl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde über ihr
Vaterland bilden musste. Die Frauen sahen über die Ausdrücke jugendlicher
Begeisterung hinweg; sie suchten in St. Juliens Briefen nichts, als Zeichen
fortdauernder Liebe, zärtlicher Treue, und fühlten nach langer Zeit
schmerzlichen Grams und zerstörender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten,
zärtlich bewegten Herzen. Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken
rein. Er fühlte es in den nächsten Minuten schmerzlich, dass Männer doch nur dann
ganz in Liebe verbündet sein können, wenn ihre heiligsten Interessen dieselben
sind, und er wünschte sehnlicher als je, St. Julien bewegen zu können,
Frankreich zu verlassen und sich als Bürger deutscher Erde zu betrachten; diese
recht im Genusse des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber liessen ihn
fürchten, dass der junge Mann schwer zu bewegen sein dürfte, eine Laufbahn
aufzugeben, die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach. Man
beantwortete St. Juliens Schreiben sogleich und der lang gestörte Briefwechsel
wurde nun wieder regelmässig fortgeführt.
    Noch war die Freude in allen Herzen lebendig, als der Graf von Neuem
lächelnd die Bemerkung machte, dass der Mensch im Gefühle des hohen Glücks oder
eines grossen Unglücks zunächst an sich denkt, und dass dann alles andere, was er
sein Höchstes und Heiligstes immerwährend genannt hat, in den Hintergrund tritt
und nur erst wieder beachtet wird, wenn die Freude oder das Leid, welches uns
persönlich trifft, durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird. Der Graf in seinem
milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und natürlich, und meinte,
wir wären noch weit von schnöder Selbstsucht entfernt, wenn wir auch die ersten
Augenblicke des Glücks oder des Kummers ungeteilt uns selbst widmeten, sobald
wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besännen.
Sein Vetter aber, der Graf Robert, hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den
Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet, ein ächter Sohn des
Vaterlandes werde dessen Unglück und Erniedrigung auch im höchsten eigenen
Glücke stets empfinden; ja, er hatte behauptet, dass es für ihn gar kein Glück
geben könne, das im Stande wäre, sein Herz so ganz zu erfüllen, dass er seines
Vaterlandes nicht gedächte, und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der
Hand, in dem er ihm mit dem höchsten Entzücken die Geburt eines Sohnes meldete
und des trauernden Vaterlandes mit keiner Sylbe gedachte. Ja, man fühlte es
diesem Schreiben an, dass alle übrigen Verhältnisse der Welt dem Herzen des
Vaters gleichgültig schienen, der den neugebornen Sohn in seinen Armen hielt,
und dessen zärtlich geliebte Gattin die Schmerzen und Gefahren der Geburt
glücklick überstanden hatte. Der Graf fand diese reine, ungeteilte Freude
natürlich, aber er nahm sich doch vor, seinen Vetter darauf aufmerksam zu
machen, dass er nun nie mehr von der menschlichen Natur erwarten dürfe, als was
er selbst geleistet habe.
    Auch der Obrist Talheim hatte mit zitternder Hand dem Grafen sein Glück
gemeldet, und er sowohl als der Graf Robert baten ihn, mit seiner Familie der
Taufe des Neugebornen beizuwohnen, und diese Bitte verstärkte der Graf Robert
dadurch, dass er seinem Oheim vorstellte, wichtige die Verwaltung der Güter
betreffende Geschäfte machten eine mündliche Unterredung durchaus notwendig.
    Der Graf teilte den Damen die empfangenen Nachrichten mit, und freudige
Teilnahme bewegte Aller Herzen. Auf die Frage aber, ob sie ihn nach Hohental
begleiten wollten, folgte ein ernstliches Bedenken. Die Gräfin bemerkte, dass es
ihr schwer fallen würde, sich wieder allen neugierigen Fragen des Geistlichen
und der Nachbaren auszusetzen, und Emilie sagte leise und errötend, dass dann
auch wieder der regelmässige Briefwechsel, der kaum mit St. Julien eingeleitet
wäre, gestört werden müsse, wenn man sich von Berlin, wohin nun alle Briefe
gerichtet würden, entfernen wollte. Es wurde also bestimmt, dass nur der Graf
allein nach Hohental reisen sollte, von den besten Wünschen der
Zurückbleibenden begleitet. Er meldete seinem Vetter diesen Beschluss nebst dem
Tage seiner Ankunft.
    Auf den dritten Tag nach dem Empfange dieses Briefes war die Abreise nach
Hohental festgesetzt, und in dieser Zwischenzeit war eine emsige Geschäftigkeit
der Frauen bemerklich, und als der Tag der Abreise erschien, erstaunte der Graf
über die Menge der Schachteln, Kartons und Körbchen, die er mitnehmen sollte,
welche die Geschenke für die junge Mutter und den Neugebornen entielten, die
die Freundinnen sendeten. Ich bin doch oft, sagte der Graf lächelnd, mit Frauen
gereist und habe es immer unwahr gefunden, wenn sie beschuldigt werden, so
unermesslich viele kleine Bedürfnisse in kleinen Behältern mit sich zu führen,
dass sich das Reisen mit ihnen leicht in eine Qual verwandeln könne, und nun soll
ich allein reisen, und werde zum ersten Mal so mit Schachteln und Körben
umgeben, dass es nur Dübois Genie möglich sein wird, dies alles so zu ordnen, dass
noch ein völlig erwachsener Mensch Raum daneben im Wagen findet.
    Ist es nicht ungerecht, sagte die Gräfin lächelnd, die kleine Beschwerde
nicht ertragen zu wollen? Hat uns nicht selbst, wie wir das Leben bewusstlos und
hülflos betraten, die liebende Sorge zärtlicher Freunde begrüsst? Liegt nicht
etwas Rührendes darin, wenn wir uns vorsorgend um ein neugebornes Wesen
beschäftigen, so dass alles bereit ist, dessen es in der Zukunft in seiner
Hülflosigkeit bedarf? Ich wenigstens kann mir nichts Traurigeres denken, als
wenn der Mensch schon beim Beginne seines Lebens Liebe und Teilnahme entbehrt.
    Wohl, sagte der Graf ernstaft, ich werde dem Neugebornen die Geschenke
überbringen und ihm nichts von dem entziehen, was sein aufdämmerndes Leben
verschönern soll und ihn doch oft nur quält, indem Mutter und Amme ihn mit
Dingen zu putzen streben, die er gar nicht zu würdigen versteht.
    Dübois hatte während dieser Unterredung Alles geordnet, und der Graf fand zu
seiner eigenen Verwunderung für Alles hinreichenden Raum in dem vorgefahrnen
Wagen, der ihn bald aus dem Gesichtskreise der Frauen entführte und den Bergen
entgegen rollte, die den alten Sitz seiner Ahnen umgaben.
 
                                       V
In Hohental herrschte die reinste Freude. Mit lautem Entzücken wurde der Graf
bei seiner Ankunft von seinem ihm entgegen eilenden Vetter begrüsst, und an der
Türe des Saales empfing ihn der Obrist, der ihm auch hatte entgegen gehen
wollen, aber seine vom Alter geschwächten Kräfte waren nicht mehr hinreichend
zur eiligen Bewegung. Er streckte dem Grafen die zitternden Arme entgegen, der
gleich bei der Begrüssung bemerkte, dass der Greis in dem letzten Jahre, seit er
ihn nicht gesehen, sich mit starken Schritten dem Grabe genähert habe, und ein
Blick auf den Arzt, der sich im Saale befand und von dem Obristen unbemerkt
leise die Schultern zuckte, bestätigte die schnell gemachte Bemerkung. Der Graf
sendete der jungen Mutter alle mitgebrachten Geschenke und liess ihr seine
Ankunft melden, weil er durch keine Ueberraschung ihre Gesundheit in Gefahr
bringen wollte. Der Arzt übernahm vorsichtig selbst die Anmeldung, und der Graf
erneuerte gegen den Obristen seine freudigen Glückwünsche. Der Herr hat mir
alles gegeben, sagte der Greis, um was ich in ängstlichen Stunden inbrünstig
flehte; mein Kind ist erhalten und Gott hat ihr einen Sohn geschenkt, an dem sie
so viel Freude und Trost erleben möge, wie sie mir selber gewährt hat. Er hatte,
indem er diese Worte sagte, die vor Alter zitternden Hände gefaltet und richtete
den tränenfeuchten Blick nach oben. Der Graf betrachtete gerührt die hinfällige
Gestalt, und Graf Robert, der den Blick verstand, drückte mit trauriger Miene
die Hand seines Oheims. Der Arzt kam zurück und meldete, die junge Frau Gräfin
sei zum Empfange des Herrn Oheims bereit, und die Männer begaben sich nach den
inneren Zimmern. Es war dem Grafen wunderbar zu Mute, als er das ehemalige
Schlafzimmer seiner Gemahlin betrat, und mit annmutiger Gebehrde und
holdseligem Lächeln die liebliche Terese, den neugebornen Sohn in den Armen,
ihm entgegentrat. Sie wollte ihn anreden, doch die heilige Rührung der ersten
Mutterliebe machte, dass ihr die Stimme versagte. Sie reichte ihm das Kind
entgegen und der Graf, von Gefühl überwältigt, neigte sich herab und drückte
einen leichten Kuss auf die unschuldige Stirn des dem Leben bewusstlos entgegen
schlummerden neuen Bürgers der Erde. Indem seine Lippen das zarte Kind
berührten, zuckte das schmerzliche Gefühl durch seine Brust, dass der Himmel ihm
das höchste menschliche Glück versagt habe, und er wendete sich ab, um dies
Gefühl nicht bemerken zu lassen. Der Graf Robert wollte seinen Sohn der Mutter
aus den Armen nehmen, weil er jede Anstrengung für sie noch für zu angreifend
hielt, aber die Frau Professorin trat hervor und vereitelte seine Absicht. Es
geht nicht an, sagte sie ziemlich trocken, dass Sie mit dem Kinde so viel herum
handtiren. Bloss deshalb sind die ältesten Kinder so oft nervenschwach, weil die
jungen Eltern mit ihnen wie mit einem Spielzeuge umgehen. Ein Kind muss vor allen
Dingen Ruhe haben und in den ersten sechs Wochen seines Lebens nichts anderes
tun, als Nahrung nehmen und schlafen, dann werden gesunde Menschen daraus.
Während dieser Rede hatte sie den Neugebornen zur Ruhe in sein Bettchen
gebracht, und nun erst richtete sie ihre tiefste, ehrerbietigste Verbeugung an
den Grafen, die dieser höflich erwiederte, ohne indes sein begonnenes Gespräch
mit der Mutter des Grafen Robert abzubrechen, der er sich, indes die Frau
Professorin sprach, hatte vorstellen lassen. Diese schüchterne, sanfte Frau
hatte ihr Leben ohne alle Freude verblühen sehen; ihre Jugend war im Hause ihrer
Eltern aus Mangel an Liebe traurig dahingeschwunden, Ihr Vater dachte nur an
Handel und Gewinn, und nur sein Stolz verband sie mit dem Grafen, den er weder
achtete, noch liebte. Im Hause ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von
Bekümmernissen und Kränkungen, die teils aus Mangel, teils aus dem Hochmut
der Freunde und Verwandten ihres Gatten, teils aus dessen eigenem Charakter
entsprangen, den sie nicht achten konnte, obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben
zwang. Armut nötigte sie, sich von dem Sohne zu trennen, den sie mit
Leidenschaft liebte, und die vernachlässigte Erziehung ihrer Töchter zu beweinen,
deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen liess. Diese ganze drückende Last
der Schmerzen war nun von ihr genommen, aber ihr Herz zitterte noch lange in den
Nachwehen der Leiden, als sie schon täglich Gott mit Tränen für die glückliche
Wendung ihres Schicksals dankte. Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der
peinvollen Sorgen der Armut entledigt, und sah sich und die Ihrigen mit allen
Zeichen der Wohlhabenheit umgeben. Der Sohn, den die Abwesenheit seit den
Kinderjahren ihr entfremdet hatte, war ihr von Neuem mit inniger Liebe
zugewendet, die sich täglich mehrte, je mehr er das reine, liebevolle Gemüt der
Mutter erkannte. Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zärtlichkeit hingegeben,
und die verwilderten Töchter hatten das knabenhafte Toben längst mit den
besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht. Der alte Obrist
endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte
oft, indem er ihre Hand drückte: Wenn ich sterbe, ist mein Kind darum noch nicht
verwaist, denn ihr bleibt eine Mutter, wenn der Vater scheidet. Dieses ruhige,
sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem
bedroht. Sie hatte die Ankunft des Grafen gefürchtet, auf die sich alle übrigen
Glieder der Familie freuten, denn es schien ihr kaum möglich, dass ein reicher,
vornehmer Mann ohne die Anmassung auftreten sollte, die ihr schon bei minder
begüterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen
Gatten so drückend geworden war. Sie war in dieser Meinung bestärkt worden, denn
sie hatte sich herabgelassen, die Base des Arztes über die Persönlichkeit des
Grafen auszufragen, weil sie sich gescheut hatte, diese Fragen an die Mitglieder
der Familie zu richten, und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die
stolze, vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben. Sie rüstete sich also mit
Geduld und beschloss mit Sanftmut die Anmassungen des Wohltäters ihrer Kinder zu
ertragen. Um so angenehmer wurde sie also überrascht, als der Graf zwar mit
aller Feinheit der Sitten, die durch das Leben in der grossen Welt erworben wird,
sich ihr näherte, aber sie vor Allen mit der Höflichkeit und Achtung behandelte,
die aus dem Gefühl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet. Bald
fand sich also der Graf nur von dankbaren, liebenden Freunden umringt, und er
bemerkte mit Vergnügen auch den jungen Gustav, der die Ferien der Universität
benutzt hatte, um seinen grossmütigen Freund und Beschützer, den Grafen Robert,
zu besuchen. Auch mit diesem Jüngling war eine grosse Veränderung vorgegangen. Er
hatte sich männlicher ausgebildet und eine gewisse Aengstlichkeit im Betragen
abgelegt, die durch das Drückende seiner früheren Verhältnisse entstanden war.
Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anständiger Bescheidenheit
ein; auch nannte ihn Niemand mehr Gustav, sondern nach seinem Familiennamen
Herrn Torfeld.
    Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem Schloss
eingefunden, und es wurde verabredet, dass die Taufe des Neugebornen am andern
Tage Statt finden sollte. Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde
verweilen wollte, so fühlte Niemand die Neigung, die wenigen Stunden des
Beisammenseins durch geräuschvolle Gesellschaften zu verkümmern, und deswegen
sollte die Taufhandlung nicht durch laute, prunkende Feste verherrlicht werden,
sondern die im Schloss versammelten nächsten Verwandten schienen den jungen
Eltern die würdigsten Taufzeugen.
    Man versammelte sich des andern Tages im Saale des Schlosses. Der Obrist
erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour
le merite, und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinfälliger.
Der Prediger sass abgesondert, sich zur Rede, die er beabsichtigte, sammelnd.
Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet, und die Taufhandlung sollte
beginnen. Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel. Er wollte ihn in
den Armen empfangen, aber die vor Alter und Rührung zitternden Glieder versagten
ihm dem Dienst. Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Händen die
Tränen zu trocknen, deren er sich schämte, weil er fühlte, dass die
Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Anteil an ihnen hatte, als die Rührung
der Liebe. Der Neugeborne wurde Walter genannt, nach seinem würdigen Grossvater.
Die Feierlichkeit war beendigt; die mannigfaltigen in den Herzen aller
Teilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach, und gaben einer
ruhigen Heiterkeit Raum, die es gestattete, dass sich das Gespräch auch auf
Geschäfte richtete. Der Prediger verliess nach der Mittagstafel das Schloss. Die
Schwäche des Obristen erforderte Ruhe, deren die junge Mutter ebenfalls
bedurfte, und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor, den dieser
benutzen wollte, um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der
Bewirtschaftung bekannt zu machen. Ihr Weg führte die beiden Verwandten auch zu
dem Besitztum des Arztes und seiner Base. Der Bau war schon weit
fortgeschritten. Der Graf lobte den etwas veränderten Plan, den das Treibhaus
nötig gemacht hatte, das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem Hause in
Verbindung stehen sollte. Er lächelte, als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte,
der so viele Streitigkeiten veranlasst hatte, und riet dann seinem Vetter
ernstaft, den Bau des Hauses so sehr als möglich zu beschleunigen, damit er
bald möglichst die Frau Professorin aus dem Schloss auf eine freundschaftliche
Weise entfernen könne. Denn Sie werden bemerken, setzte der Graf hinzu, dass der
sanfte Charakter Ihrer Mutter und die schüchterne Jugend Ihrer Gemahlin der
wohlmeinenden Herrschsucht dieser Frau zu viel Raum geben, und deshalb dies
Verhältnis, wenn es noch lange fortbesteht, am Ende sich notwendig auf eine
unangenehme Weise auflösen muss.
    Der Graf Robert sah die Richtigkeit dieser Bemerkung um so mehr ein, da ihm
mehr als ein Mal die rücksichtslose Dreistigkeit dieser Frau unangenehm gewesen
war, die um so schroffer hervortrat, da sie nicht mehr durch den Grafen und
seine Gemahlin in Schranken gehalten wurde, und für die übrigen Mitglieder der
Familie nicht die gleiche Ehrfurcht empfand; da sie sich nun bewusst war, dass sie
es wohl meinte, und immer das Gute und Verständige wollte, so kümmerte sie sich
wenig darum, in welcher Form sie ihre Meinung ausdrückte.
    Der Graf Robert fühlte sich heiter befriedigt durch die Anerkennung des
Oheims, der allen Bestrebungen seines Vetters, die Bewirtschaftung der Güter zu
verbessern, vollkommene Gerechtigkeit widerfahren liess, und die Verwandten
setzten ihren Weg fort, alles Geschehene und alles noch Erforderliche
besprechend. Es war ein heiterer, milder Herbsttag, und auch der herannahende
Abend behielt den milden, sommerlichen Charakter. Die beiden Freunde beschlossen
den Rückweg über die nahen Hügel zu nehmen und schlugen deshalb einen Fusspfad
ein, der bei einer einsamen, in einem engen Tale liegenden Mühle vorbeiführte.
Als sie über die schmale Brücke des Mühlbachs schreiten wollten, blieben Beide
unwillkührlich stehen. Die scheidende Sonne vergoldete das enge Tal, und des
Abendhimmels Purpur und Gold spiegelte sich auf dem brausenden, schäumenden
Mühlbach, der seinen funkelnden Schaum eilig hinunterstürzte und erst später als
dunkelblaue Flut, den blumigen Ufern schmeichelnd, sich durch das Tal
schlängelte. Beide Freunde gaben sich den Eindrücken des schönen Abends hin, und
die Erinnerung an die Mühen des Lebens entschwand ihrem Gedächtnis. Sie
erstiegen die waldbewachsenen, noch reich belaubten Hügel und lächelten, wie ein
durch die Tritte der Wanderer aus dem hohen Grase aufgescheuchtes Reh an ihnen
vorüber sprang und sich im Fliehen mit klugen Augen nach den vermeintlichen
Feinden umschaute. Sie gingen weiter, und ein nahes Rauschen im seitwärts
liegenden dichten Gebüsch erregte in ihnen die Vermutung, dass ein zweites Wild
dem ersten folgen würde. Sie blieben stehen, ihre Blicke auf das Gebüsch
gerichtet. Die Zweige desselben wurden auseinander gebogen und eine dürre Hand
streckte sich hindurch. Ein bleiches Gesicht, das dunkles, verwildertes Haar und
Bart noch bleicher erscheinen liess, zeigte sich und stierte mit dunkeln,
glanzlosen Augen die beiden Verwandten an. Die bleichen, dünnen Lippen bewegten
sich, doch blieb es ungewiss, ob sie zum Lächeln oder Reden die in dem
abgemagerten Gesicht sehr lang erscheinenden Zähne entblössten. Spuren einer
Uniform zeigten sich in den Lumpen, die den vorgestreckten Arm bedeckten. Der
Graf starrte dies Bild menschlichen Elends mit Entsetzen an; der Graf Robert
aber rief, nachdem er noch einen Augenblick mit höchster Spannung die
Erscheinung betrachtet hatte, die Hände zusammenschlagend: Heiliger Gott! es ist
Werteim! Der Genannte bejahte durch eine Senkung des Kopfes mit beinah
wahnsinnigem Lächeln. Graf Robert sprang auf ihn zu. Einen Bissen Brodt, sagte
er mit hohler, wie aus dem Grabe klingender Stimme, und auch für jenen, wenn es
noch Zeit ist. Der jüngere Graf und sein Oheim waren durch das Gebüsch gedrungen
und warfen einen Blick des Entsetzens auf die mit scheusslichen Lumpen nur
unvollkommen bedeckten Glieder des als Werteim Erkannten. Dieser deutete auf
einen bewegungslos im Grase liegenden Gegenstand. Die Grafen wollten sich diesem
nähern. Er wird todt sein, sagte Werteim dumpf; es ist Lehndorf. Um Gottes
Willen, einen Bissen Brodt!
    Ich werde Hülfe schaffen, rief der Graf Robert und wollte in Verzweiflung
fortstürzen. Bleiben Sie hier bei Ihren Freunden, sagte sein Oheim, ihn
zurückhaltend, ich weiss hier in der Nähe Hülfe.
    Der Graf eilte auf einem Fusspfade quer durch den Wald und erreichte bald die
versteckt liegende, einsame Hütte eines Waldwächters. Der Bewohner selbst war in
den Forst gegangen, und nur sein Weib und ein Knabe von etwa zwölf Jahren waren
im Hause. Der Graf erforschte dringend und eilig, zum Erstaunen des Weibes,
welche Nahrung die Hütte bieten könnte, und entraffte ihren Händen einen Krug
Milch, den er dem Knaben gab, indem er ihm eilig zu folgen befahl. Er wollte
schon die Hütte verlassen, als er sich besann, dem Weibe ein Geschenk gab und
ihr befahl, so eilig als möglich einen kleinen Wagen zu bespannen und damit auf
der nahe gelegenen Stelle des Waldes zu erscheinen, die er ihr bezeichnete und
die sie sehr wohl kannte.
    Der Graf schritt so hastig voran, dass der Knabe, der den Milchkrug in Händen
hatte, ihm kaum zu folgen vermochte, und so erreichten sie, ganz erhitzt, sehr
bald den Platz, wo der Graf Robert mit Todesangst die Rückkehr seines Oheims
erwartete.
    Es war die letzte Kraftanstrengung gewesen, mit welcher Werteim sich den
beiden Verwandten zu nähern gesucht hatte. Er war dem Grafen Robert in die Arme
gesunken, so wie dessen Oheim, um Hülfe zu suchen, enteilte. Ich sterbe, hatte
er kaum hörbar hervor geächzt, als der bekümmerte Freund ihn sanft auf den Boden
niedersenkte. Ein leises Stöhnen des andern Elenden zeigte, dass auch dieser noch
lebe. Der Graf Robert brachte Reisig zusammen, breitete seinen Mantel darüber
und suchte nun beide unglückliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen,
indem sie neben einander mit den Köpfen auf dieser Erhöhung ruhten. Das
kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerriss sein Herz. Mit entsetzlicher Angst
erwartete er die Rückkehr des Oheims, denn er fürchtete, jeder Augenblick könne
der letzte der Leidenden sein.
    Endlich erschien der Graf, selbst sehr erhitzt, und ihm folgte mit von der
Eile glühendem Antlitz der Knabe. Die matten Blicke der Sterbenden richteten
sich dem Retter entgegen. Der Graf nahm den Krug aus den Händen des Knaben, der
mit weit geöffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte. Er
neigte sich zu Werteim, dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem Rande des
Kruges näherten, den die abgemagerten Hände mit krampfhafter Gewalt umspannten
und nicht wieder lassen wollten. Der Graf, der das Gefährliche des Uebermasses
nach langer Entbehrung kannte, brach mit Gewalt die Finger des gierig
Schlürfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefährten desselben,
der in kaum vernehmbaren Tönen über die Selbstsucht des Freundes klagte. Als
auch dieser erquickt war, sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen, das
auch nicht lange ausblieb. Die beiden Unglücklichen wurden auf den mit Stroh
gefüllten kleinen Leiterwagen gehoben, mit den Mänteln der Grafen bedeckt und
Graf Robert begleitete dies Fuhrwerk, das sich auf den Waldwegen nur langsam
fortbewegen konnte, indes sein Oheim auf Fusspfaden voran eilte, um den Arzt von
dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im Schloss
vorzubereiten.
 
                                       VI
Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige
stärkende Mittel, die er gleich anzuwenden gedachte, und wollte den Kranken
entgegen eilen, doch plötzlich blieb er stehen, betrachtete mit blinzelnden
Augen den Grafen und sagte: Vor Allem muss ich für Sie sorgen, das ist das
Dringendste. Ich bin gesund, sagte der Graf, ich bedarf keiner Hülfe. Sie sind
furchtbar erhitzt, erwiederte der Arzt, und Sie sind in dem Alter, wo
Schlagflüsse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen. Ueberlassen
Sie mich nur meinem Schicksale, sagte der Graf lächelnd, mein Blut wird sich von
selbst wieder abkühlen. Nein, rief der Arzt mit Heftigkeit, und Tränen
funkelten in den kleinen Augen, nie würde ich es mir verzeihen, hätte ich meine
Pflicht gegen Sie versäumt, und wie könnte je mein Gewissen sich wieder
beruhigen, wenn durch meine Nachlässigkeit das Leben eines erhabenen
Menschenfreundes, des Schöpfers meines Glücks, auch nur um eine Stunde verkürzt
würde?
    Der Graf fühlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes, wenn sie sich auch
auf eine etwas wunderliche Weise kund tat. Er liess sich also dessen
Verordnungen gefallen, und bald fühlte er, dass seine Pulse wieder regelmässig
schlugen, und das Blut nicht mehr gewaltsam zum Kopfe und zum Herzen drängte.
    Der Arzt hatte, ehe er den Kranken entgegen eilte, seiner Base einen Wink
gegeben, die sich sogleich mit Mägden und Bedienten in laute Tätigkeit
versetzte, um das für die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen
Bequemlichkeiten zu versehen.
    Die Dämmerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe
Schatten gehüllt, als das elende Fuhrwerk, auf dem die Kranken lagen, von dem
Grafen Robert und dem Arzt begleitet, das Schloss erreichte. Mühsam wurden die
beinah Leblosen vom Wagen gehoben, und sie empfanden eine schmerzliche Wollust,
als sich die entkräfteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal
wieder auf ein bequemes Lager streckten. Der Arzt war von heftiger Rührung
ergriffen, als er die beinah vernichteten, in widrige Lumpen schmachvoll
gehüllten Gestalten betrachtete. Wie gross kann das menschliche Elend sein! rief
er klagend. Hier ist die grösste Vorsicht nötig, und Gott! wie werde ich den
alten Dübois vermissen! Er ist zwar ein eigensinniger, hochmütiger Mann, der
sich auf seine Aussprache des Französischen viel zu viel einbildet, aber einen
trefflicheren Krankenwärter habe ich niemals kennen gelernt. Und Wer wird nun
diese hier bewachen, dass sie meine Vorschriften genau befolgen, woran doch ihr
Leben hängt.
    Nun, nun, rief die Frau Professorin, ich will den Herrn Dübois nicht
lästern, aber ich werde doch wohl auch im Stande sein, Kranke zu pflegen, und
ich will den sehen, der mir was Böses nachredet, wenn ich diese Christenliebe an
jungen Männern ausübe.
    Der Arzt war hoch erfreut, dass seine Base sich zu diesem Dienste erbot, und
er dankte ihr mit einer Innigkeit, als habe sie ihm die grösste Wohltat
erwiesen. Na, was sind das nun für Weitläuftigkeiten, sagte die guterzige Frau
barsch, um ihre Rührung zu verbergen. Was geschehen muss, das darf man mir nur
sagen, und ich bin gewiss, dass sich Keiner unterfangen wird, um ein Haar breit
davon abzuweichen.
    Der Arzt war nun beruhigt. Seine Mittel stärkten die Kranken sichtlich, und
er konnte schon am folgenden Tage ein stärkendes warmes Bad wagen, wodurch
zugleich die Spuren des Elends von den Unglücklichen abgewaschen wurden, die nun
wieder das Ansehen von zur besseren Gesellschaft gehörigen Menschen gewannen.
Nach einigen Tagen der aufmerksamsten Behandlung schienen auch ihre geistigen
Fähigkeiten zurückzukehren, denn sie gaben zusammenhängende Antworten auf die an
sie gerichteten Fragen, und der Arzt verkündete mit lauter Freude, dass er Beide
mit Hülfe seiner Base wieder herzustellen hoffe, die für die Befolgung seiner
Vorschriften eben so eifrig, wenn auch nicht eben so sanft, wie Dübois, sorge.
    Der Graf Robert hatte während dieser Zeit viel mit seinem Oheim über die
Sicherheit seiner Freunde gesprochen, die ihm gefährdet schien, da sie zu den
Truppen Schills gehörten, die so unglücklich endeten. Der Graf suchte ihn zu
beruhigen, indem er ihm vorstellte, dass die preussischen Behörden gewiss keinen
Eifer anwenden würden, die Teilnehmer an dieser Unternehmung auszuspüren, wenn
sie ihnen nicht bestimmt als solche angezeigt würden, dass es also nur der
Klugheit bedürfe, jede Teilnahme der Unglücklichen an Schills Plänen vorsichtig
zu verschweigen und für die müssigen Nachbarn, die nicht ermangeln würden, mit
Fragen einzustürmen, eine wahrscheinliche Fabel zu ersinnen, um ihren kläglichen
Zustand genügend zu erklären.
    Der Arzt hatte den Prediger gleich den nächsten Tag in der Bewegung seines
Gemüts mit dem traurigen Zustande bekannt gemacht, in welchem die beiden jungen
Edelleute, ehemalige preussische Offiziere, nach dem Schloss waren gebracht
worden, und jener erschien sogleich, um das Wie und Warum zu erfahren, und als
ihm der Graf Robert mit einiger Verlegenheit antwortete, die Kranken wären noch
so schwach, dass man sie nicht um ihr Geschick befragen könne, und dass es
überhaupt menschlicher sein würde, schmerzliche Erinnerungen aus ihrem Gemüte
zu entfernen, als durch Fragen zu erregen, erwiederte der Prediger vedriesslich
und spöttisch: So wird es uns damit vielleicht gehen, wie mit der Begebenheit
des Herrn St. Julien, der beinah in demselben Zustande in dies Schloss gebracht
wurde, und niemals hat man die Veranlassung seines Unglücks erfahren.
    Des Grafen Wangen rötete der Zorn. Sie wissen, Herr Prediger, sagte er mit
einiger Heftigkeit, wie nah mit mir der Obrist St. Julien verbunden ist, und
wenn ich die Gründe ehre, die ihn bestimmen, über diesen Gegenstand zu
schweigen, so dächte ich, dies könnte eine Regel für alle meine Freunde sein.
    Der Prediger fühlte, er war zu weit gegangen. Ein verdrüssliches Schweigen
herrschte im Saale. Endlich begann der Geistliche von Neuem: Beinah hätte ich es
vergessen, Ihnen mitzuteilen, dass der alte Lorenz einen so schändlichen
Gebrauch von dem ihm durch des Sohnes Tod zugefallenen Vermögen gemacht hat, dass
ich glaube, er wird bald wieder in drückender Armut sein.
    Woher schliessen Sie das? fragte der Graf gleichgültig.
    Weil mir diesen Morgen ein jüdischer Handelsmann einen Brief von ihm
brachte, in dem er mich ersuchte, Sie dahin zu vermögen, ihm eine schriftliche
Zusicherung der Pension auszustellen, die Sie ihm bewilligt haben, wie er
schreibt, um Lebens und Sterbens Willen, wie mir der Israelit vertraute, damit
er sie diesem verkaufen könne. Man wendete sich an mich, fügte der Prediger
hinzu, weil man nicht wusste, dass Sie sich jetzt gerade hier befinden. Ich riet
dem jüdischen Kaufmann, sich mit diesem Gesuch gerade an Sie zu wenden, und ich
zweifle nicht, dass er bald auf dem Schloss erscheinen wird.
    In der Tat wurde, nachdem kaum eine Viertelstunde verflossen war, Herr
Moses gemeldet, der dem Grafen des alten Lorenz Gesuch vortrug, mit der
Versicherung, dass er aus Menschenliebe bereit sei, dem Greise die Pension
abzukaufen und ihm den Ertrag einiger Jahre voraus zu bezahlen; obgleich es
möglich sei, dass der Alte früher stürbe und er sich Verlust dadurch zuzöge, so
wollte er es auf die Gefahr hin wagen, damit nur der Greis nicht des Obdachs
beraubt würde, denn er könne sich bei diesen schweren Zeiten, bei den drückenden
Abgaben ohne diese Unterstützung nicht im Besitze des Gutes erhalten.
    Der Graf erwiederte auf die lange Rede des menschenfreundlichen Israeliten,
dass ihm dies leid tue. Da aber die dem alten Lorenz von ihm bis jetzt
ausgezahlte Pension ein freiwilliges Geschenk sei und er sich die Freiheit
vorbehalten wolle, es ihm nach Umständen zu geben oder zu entziehen, so sei er
nicht geneigt, sich schriftlich eine Verbindlichkeit aufzulegen und eine
Handlung der Güte in eine Pflicht zu verwandeln. Nach dieser Erklärung empfahl
sich Herr Moses, nachdem er geäussert hatte, dass er sich unter solchen Umständen
auf kein Geschäft mit dem alten Manne einlassen könne.
    Nachdem er den Saal verlassen hatte, sagte der Graf: Wie ist es nur möglich,
dass der alte heillose Sünder in der kurzen Zeit, seit er das Erbe seines Sohnes
empfing, so viel Geld ausgegeben hat?
    Es tut mir leid es sagen zu müssen, erwiederte der Prediger etwas kalt,
weil er des Grafen frühere Heftigkeit noch nicht hatte vergessen können, dass ihm
nicht bloss die schlechte Gesellschaft von seinem Gelde geholfen hat, sondern
auch die sogenannte gute. Der unselige Alte hat sich der Völlerei und dem Spiele
ergeben, und manche haben es nicht verschmäht, grosse Summen von ihm zu gewinnen,
die recht bedeutende Ansprüche in der Welt zu machen gewohnt sind. Aber gedenken
Sie ihm nun Ihre Unterstützung zu entziehen, da er wieder in Not gerät, die
Sie ihm zukommen liessen, wie er ihrer nicht bedurfte?
    Keineswegs, sagte der Graf; da ich aber voraussehe, dass dies bald seine
einzige Hülfsquelle sein wird, so will ich sie ihm erhalten; denn hätte ich ihm
die Möglichkeit gegeben, seinen künftigen Unterhalt zu verkaufen, so, glaube
ich, würde dies seinen Fall kaum einige Monate hingehalten haben.
    Das ist sehr wahrscheinlich, sagte der Prediger, und es wäre gut, dass man
ihn, wenn er alles Uebrige verloren hat, gewissermassen unter Aufsicht nähme,
denn die ewige Trunkenheit hat seine Verstandeskräfte geschwächt, ihn unfähig
gemacht, sich selbst zu regieren, ja, er ist völlig kindisch geworden. Denken
Sie nur, er liess sich von Leuten, die ihn verspotteten, überreden, ein Bad zu
besuchen, dort den grossen, vornehmen Gutsbesitzer zu spielen, sich zu lauter
Edelleuten zu drängen und Summen an diese zu verlieren, welche bei den jetzigen
drückenden Verhältnissen einen viel Reichern als ihn hätten zu Grunde richten
müssen. Der Graf zuckte verächtlich mit den Schultern, und es liess sich nicht
unterscheiden, ob dies dem alten Lorenz oder den erwähnten Edelleuten galt. Im
Laufe des Gesprächs verabredete er mit dem Prediger, der seine gute Laune nach
und nach wieder gewann, dass, wenn der Alte so weit sein würde, dass er nichts
mehr, als die Unterstützung des Grafen besässe, er alsdann bei rechtlichen Leuten
untergebracht werden sollte, die sich anheischig machten für alle seine
Bedürfnisse zu sorgen, und die ihre Entschädigung aus den Händen des Geistlichen
erhalten sollten, der alsdann nur den Ueberrest dem alten Lorenz zur beliebigen
Verwendung einhändigen würde; und so ist dem alten Schuft, schloss der Pfarrer
seine Vorschläge, ein weit besseres Loos gesichert, als er verdient.
    Wenn wir streng sein wollen, sagte der Graf lächelnd, so ist dies mit
wenigen Ausnahmen wohl bei allen Menschen der Fall.
    Sie scheinen die Ansichten der strengen Teologen zu teilen, sagte der
Prediger, die den Menschen für so verderbt halten, dass alles ihn umringende
Elend immer noch nicht seine Bosheit und Schlechtigkeit hinreichend bestraft.
    Ich spreche nicht von Ereignissen, erwiederte der Graf, die, unabhängig vom
Menschen, das Geschlecht desselben bedrohen, gegen die man sich nicht
verteidigen kann, weil sie, uns unerreichbar, jeden Kampf unmöglich machen, und
wo freilich oft bei vollkommener Unschuld ein unermessliches Unglück erduldet
werden muss. Aber im Ganzen werden Sie doch zugeben, dass sich unser Schicksal aus
unserm Charakter entwickelt, und wenn wir am Abend unseres Lebens den Lauf
desselben überdenken, glaube ich, werden wir zugeben müssen, dass unsere
Torheiten, Schwächen und Irrtümer uns noch weit mehr Kummer bereiten, uns noch
in eine schlimmere Lage hätten versetzen können, wenn dies nicht ein gütiges
Geschick zu unserem Besten abgewendet hätte.
    Dies Gespräch wurde durch den Grafen Robert unterbrochen, der seinem Oheim
meldete, es sei Zeit, wenn er den kriegerischen Uebungen der jungen Landleute
beiwohnen wollte, sich auf den den dazu bestimmten Platz zu begeben, weil man
sich dem Grafen zu Ehren versammelt habe, obgleich es heute kein Sonntag sei.
Der Graf war bereit seinem Vetter zu folgen und der Prediger bat spöttisch um
die Erlaubnis die Herren zu begleiten, und man bemerkte an der verdriesslichen
Art, wie der Graf Robert diese Begleitung annahm, dass sie ihm keineswegs
angenehm war.
    Wir haben hier recht ein Bild von dem Zustande Frankreichs, sagte der
Prediger noch immer spöttisch, zum Grafen gewendet, wie es war, als die erste
Begeisterung seine Jugend vereinigte zum Kampfe gegen die ganze Welt. Eben so
drängen sich die jungen Landleute hier herum zu den Waffenübungen, und selbst
Wer Anfangs über die Begeisterung lachte, die Ihr Herr Vetter unter Ihren
Untertanen verbreitete, ward nach und nach von der Krankheit ergriffen, und
statt des ehemaligen sonntäglichen Kegelspiels beschäftigt Exerciren und
Marschiren weit und breit die kampflustige Jugend, wie gesagt, ganz wie in der
Periode der Begeisterung in Frankreich.
    Und haben Sie vergessen, sagte der Graf ernstaft, was Frankreich damals in
dieser Begeisterung Unglaubliches vollbrachte? Und sollte es nicht möglich sein,
dass das, was jetzt wie eine törichte Spielerei erscheint, noch einmal nützlich
wäre? Ueberrascht blickte der Pfarrer dem Grafen in die Augen. Es schien, er
wollte mit Begierde darin einen tieferen Sinn der Rede lesen. Der Graf aber fuhr
ruhig fort: Und wenn diese kriegerischen Uebungen auch zu nichts weiter führen,
so machen sie doch die jungen Leute gewandter, und schon das ist Gewinn.
    Man hatte unter diesen Gesprächen den zur Waffenübung bestimmten Platz
erreicht, und der Graf bemerkte den jungen Gustav Torfeld, der mit grossem Eifer
die Landleute einübte, und mit Vergnügen sah der Graf, dass er das, was er sich
zu lehren bestrebte, selbst in höchster Vollkommenheit zu üben verstand.
    Wenige Männer verlieren ganz die Neigung zu kriegerischer Tätigkeit, denn
nur in der Brust weniger erstirbt das Gefühl gänzlich, dass es des Mannes Beruf
ist, sein Vaterland zu verteidigen, seinen Heerd zu beschützen. Auch der Graf
also überliess sich mit Lebhaftigkeit der Teilnahme an diesen Uebungen, und in
seinen Augen leuchtete die Hoffnung, dass sich aus geringen Keimen viel Gutes für
die Zukunft entwickeln könne.
    Man war noch nicht lange auf dem Uebungsplatze versammelt, als man den
Hufschlag von Pferden vernahm, und bald zeigten sich drei Reiter, von denen der
eine voraus ritt, und dem die beiden andern in bunter Kleidung folgten, über die
man einen Augenblick in Ungewissheit blieb, ob es kriegerische Uniformen waren
oder der phantastische Putz, den Kunstreiter anzulegen pflegen. Bald klärten
sich die Zweifel auf. Der Baron Löbau nahte und stieg ab, um den Grafen auf's
Herzlichste zu begrüssen.
    Ich dachte es wohl, sagte er lächelnd, dass ich Sie wenigstens hier auf dem
Uebungsplatze finden würde, wenn Sie es auch verschmähen, Ihre alten Freunde und
Nachbaren zu besuchen.
    Der Graf entschuldigte sich mit der kurzen Dauer seines diessmaligen
Aufentalts und mit den vielen dringenden Geschäften, die in dieser kurzen Zeit
alle abgemacht werden müssten.
    Da Sie Teilnahme für unsere kriegerischen Uebungen beweisen, erwiederte der
Baron selbstgefällig lächelnd, so müssen Sie doch wenigstens einem Manoeuvre
beiwohnen, das morgen auf meinem Marsfelde Statt finden wird, denn es ist doch
billig, dass Sie auch meine Truppen in Augenschein nehmen, da die ganze Sache,
die jetzt so allgemein mit Eifer getrieben wird, von mir ausgeht; denn ich
machte Ihren Herrn Vetter zuerst darauf aufmerksam, wie vorteilhaft es sein
würde, wenn man die jungen Leute abhielte, sich Sonntags in den Schenken zu
versammeln, wo der Trunk oft zu Raufereien führte, und dass es in unserer
jetzigen Zeit eine Wohltat sei, wenn sie mit den Waffen umzugehen wüssten, um im
Notfalle sich und die Ihrigen beschützen zu können. Der Graf sah seinen Vetter
an, der das Lachen mit Mühe unterdrückte. Der Baron aber fuhr mit grosser
Behaglichkeit fort: Versprechen Sie mir morgen zu kommen. Ihr Herr Vetter kennt
den Weg zu meinen Uebungsplätzen, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen eine
Kavallerie sehen, die auch den Kenner befriedigen würde. Die Leute haben Pferde,
deren sich ein Prinz nicht schämen dürfte; Sie können hier eine Probe davon
sehen. Er deutete bei diesen Worten auf die beiden bunten Leute, die ihn
begleitet hatten, und bezeichnete sie auf diese Weise als Kavalleristen, die zu
seiner Miliz gehörten.
    Beide Grafen hatten Mühe ernstaft zu bleiben, versprachen aber den Baron zu
befriedigen und seinem Manoeuvre des andern Tages beizuwohnen, worauf er sich,
in seiner gutmütigen Torheit beglückt, nach dem herzlichsten Abschiede von
ihnen trennte.
    Auf dem Rückwege nach dem Schloss, nachdem sie sich von dem Prediger
getrennt hatten, erzählte der Graf Robert seinem Oheim, dass, nachdem er
angefangen habe die jungen Leute unter demselben Vorwande, den der Baron ihnen
als seine Gründe aufgestellt habe, zu Waffenübungen zu versammeln, der Baron mit
lebhaftem Eifer sogleich gestrebt habe ihn zu überbieten, indem er dem Fussvolke
eine uniformirte Reiterei beigefügt habe, die aus zehn bis zwölf Mann seines
Hofgesindes bestände, die freilich alle schöne Pferde aus des Barons Ställen
ritten. Die Hauptkunst bei ihren Manoeuvres bestände aber darin, sagte er, die
Pferde zu schonen, die auf keine Weise erhitzt oder angestrengt werden dürften,
so dass alle Evolutionen im ruhigsten Schritt ausgeführt werden müssten.
    Der Graf lachte und sagte, die Torheit des guten Barons, die gewiss in der
Gegend den meisten Lärm verursacht, ist sehr nützlich, denn sie dient dazu, die
Aufmerksamkeit von Andern ab und auf ihn zu lenken, und die Manoeuvres auf
seinem Marsfelde werden keine Art von Misstrauen erregen.
    So ist es, erwiederte der Graf Robert, weil er selbst so weit davon entfernt
ist, einen höheren Zweck zu ahnen. Wenn sich französische Officiere in der Nähe
befinden, so ladet er sie jedes Mal feierlich ein, um sie darauf aufmerksam zu
machen, welche trefflichen Hülfstruppen sie aus den preussischen Landen im Fall
des Bedürfnisses zu erwarten hätten, seit auf seine Veranlassung an mehreren
Orten Waffenübungen Statt fänden, und also künftig statt vorher ungeschickter
Rekruten nun völlig eingeübte Streiter ausgehoben werden könnten.
    Die Sache ist unter den Franzosen ein Gegenstand des Scherzes, und wenn
junge Officiere gegenwärtig sind, so bemerken sie leicht seine Schwachheit für
seine Kavallerie, und er ist mehr als ein Mal dadurch geängstigt worden, dass
diese sich dann zu Kommandeurs seiner Kavallerie aufwerfen und sie Bewegungen
machen lassen, die ganz von dem sanften Schritte der Gewohnheit abweichen.
    So dient er doch auch dem Vaterlande, sagte der Graf, und wenn es einmal
Ernst wird, so wird derselbe Ehrgeiz, der jetzt töricht erscheint, ihn auch zu
ernsten Anstrengungen vermögen.
    Man erreichte das Schloss und beide Grafen besuchten die Kranken, deren
Zustand sich sehr verbessert hatte und die der Arzt ausser Gefahr erklärte. Das
bleiche Gesicht des Herrn von Werteim rötete sich flüchtig, als er den Grafen
erblickte. Es ist eine eigene Strafe meiner Rohheit, sagte er mit bewegter
Stimme, dass ich Ihnen mehr als ein Mal Schutz, Rettung meines Lebens und
Unterstützung verdanken muss, die man nur mit Widerstreben aus der Hand des
vertrautesten Freundes empfängt, und aus der grossmütigen Hand eines beleidigten
Mannes nicht anders als mit tiefer Beschämung empfangen kann.
    Vergessen Sie doch endlich eine jugendliche Unbesonnenheit, sagte der Graf
gütig, die ohne Ihre Erinnerung mein Gedächtnis mir nicht zurückgerufen hätte,
und denken Sie nur daran, dass Ihre und Ihres Freundes Gesundheit wieder
hergestellt werden muss.
    Der Baron Lehndorf wagte die Frage, ob sie sich im Schloss Hohental wohl
als gesichert betrachten könnten, und der Graf erkundigte sich nun nach ihrem
Verhältnisse zu Schill und nach den näheren Umständen ihres Unglücks.
    Beide Freunde waren tief erschüttert, als sie an das unglückliche Ende ihres
hochverehrten Anführers erinnert wurden, doch beherrschte der Baron Lehndorf
zuerst seine Rührung und sagte, dass sie Schill als Freiwillige und als Freunde
gefolgt wären, und ihre Namen sich in keiner Liste befänden, die man hätte
auffinden können.
    Dann begreife ich nicht, sagte der Graf, wie Sie sich nicht mit einiger
Behutsamkeit sogleich hieher gewendet haben.
    Die schreckliche Niederlage bei Stralsund, sagte Werteim, hatte uns aller
Mittel beraubt, uns zu zeigen. Wir besassen nichts als die Uniform, die wir an
uns trugen, und einige Silbermünzen von unbedeutendem Wert. Es stand also nicht
in unserer Gewalt, die Kleidung abzulegen, die uns kenntlich machte, und wir
verbargen uns am Tage in Wäldern und Sümpfen, um dem Schicksale unserer
Gefährten zu entgehen, von denen wir zuweilen von unserm Verstecke aus einzelne
von den feindlichen Truppen Eingefangene bemerkten, die einem schmählichen Loose
entgegengeführt wurden. Wir hatten die Absicht uns dennoch, trotz der Gefahr
hieher zu wenden. Da wir aber nur bei Nacht wandern konnten, so verirrten wir
uns oft und erkannten nach langer Anstrengung zuweilen dieselben Orte wieder,
von wo wir vor mehreren Tagen ausgegangen waren. Da wir uns nur die
allernotwendigste Nahrung erlauben durften, so wurden unsere Kräfte erschöpft,
und doch musste auch diese Nahrung noch beschränkt werden, denn wir hatten bald
gar keine Mittel mehr. Zwei Tage, ehe Sie uns fanden, war es uns schon nicht
mehr möglich, ein wenig Brodt von den Bauern einzuhandeln, denn wir hatten auch
nicht das kleinste Stück Geld übrig. Wir versuchten es, uns durch Beeren und
Wurzeln zu ernähren, und wir wären gewiss verloren gewesen, hätte der Zufall Sie
nicht zu unserem Beistande herbei geführt.
    Der Graf Robert umarmte seine Freunde in heftiger Bewegung, und sein Oheim
wendete sich ab, um seine Rührung zu verbergen. Er sagte den beiden jungen
Männern, dass er hoffe, sie seien auf Schloss Hohental in vollkommener
Sicherheit, dass er aber zu ihrer Beruhigung noch nähere Erkundigung einziehen
wolle.
    Da die Erzählung der Geschichte ihres Unglücks die Kranken sehr aufgeregt
hatte, so riet ihnen der Graf dringend, den Schlummer zu suchen, damit sie
nicht, wie er lächelnd hinzufügte, sich den Tadel des Arztes und ihrer strengen
Wärterin zuzögen.
    Er führte darauf den Grafen Robert mit sich hinweg und sagte: Ich bin
vollkommen überzeugt, dass beide junge Männer ohne Gefahr hier bleiben können,
wenn es nicht verraten wird, dass sie mit Schill in Verbindung waren. Desshalb
müssen wir auf eine bestimmte Erklärung des jämmerlichen Zustandes sinnen, in
dem wir sie fanden, denn glauben Sie mir, der Prediger wird nicht mit
allgemeinen Antworten zufrieden sein. Und wenn er auch täte, als wäre er es, so
wird er so viele misstrauische, spöttische Winke fallen lassen, dass er unfehlbar
Argwohn erregen wird, und doch möchte ich auch ungern ihm das Geschick Ihrer
Freunde aufrichtig vertrauen, denn er würde dies Vertrauen zwar um keinen Preis
missbrauchen, sie unglücklich zu machen, aber er würde dadurch ein solches
Uebergewicht erlangt zu haben glauben, dass er Ihnen, bester Vetter, oft
unerträglich lästig sein würde.
    Der Graf Robert, der die Menschen nicht immer so milde betrachtete, wie sein
Oheim, und der daher dem Prediger nicht sonderlich geneigt war, sah die Wahrheit
des Gesagten ein. Nach langer Beratung kamen die beiden Verwandten überein, dem
Prediger zu vertrauen, die beiden jungen Männer hätten sich nach Frankreich
gewagt, um das Schicksal der Schwester des Einen und der ehemaligen Braut des
Andern zu erforschen, und wären auf den französischen Obristen gestossen, mit dem
Werteim das Duell der Schwester wegen gehabt habe. Die eingeleitete Verfolgung
habe die jungen Männer zur Flucht genötigt und sie gezwungen, sich ängstlich zu
verbergen. Dadurch wären ihnen die Hülfsmittel ausgegangen und sie endlich in
den kläglichen Zustand geraten, worin man sie gefunden. Dass das französische
Regiment abgelöst war, gab der Fabel einige Wahrscheinlichkeit, und da der
Pfarrer bei seiner Neugierde im Grunde leichtgläubig war, so liess sich hoffen,
er würde die Unwahrscheinlichkeiten in dieser Erzählung übersehen. Der Graf
Robert übernahm es, seine Freunde davon in Kenntnis zu setzen, auf welche Weise
ihre Erscheinung auf dem Schloss erklärt würde, damit sie im Stande wären, die
Fragen gehörig zu beantworten, die der Geistliche unfehlbar an sie richten
würde.
    Der grosse Tag war erschienen, an welchem das glänzende Manoeuvre des Baron
Löbau Statt finden sollte. Er hatte alles getan, um die Waffenübung des Grafen
Robert zu übertreffen, den er mit einigem Verdruss als seinen Rebenbuhler
betrachtete, ohne zu bedenken, dass er niemals auf die Idee gekommen wäre,
Beschäftigungen der Art anzuordnen, wenn ihm nicht die Einrichtungen des Andern
dadurch, dass sie das Streben ihn zu übertreffen in ihm weckten, eine Anregung
gegeben hätten.
    Als die beiden Grafen erschienen, bemerkten sie eine Batterie von Kanonen,
die ein Mittelding zwischen Scherz und Ernst, ein Spielwerk für Erwachsene
genannt werden konnten. Mit leuchtendem Gesicht machte der Baron sie darauf
aufmerksam, und er hatte die Genugtuung, dass der Graf alle seine Pläne lobte.
Die Batterie wurde genommen und die Kavallerie auf den schönen Pferden entschied
im bedächtigen Schritt, wie es angeordnet war, den Sieg.
    Es ist so kindisch, sagte der Graf Robert, als sie sich von dem entzückten
Baron getrennt hatten, dass man nicht einmal darüber lachen kann.
    So ist es doch auch harmlos, erwiederte der Graf, und wird Niemand
verletzen. Es liegt in jedes Menschen Seele eine gewisse poetische Sehnsucht,
aus dem alltäglichen Leben heraus zu treten, etwas Besonderes vorzustellen. Sie
offenbart sich schon bei dem Kinde in der Neigung zu Verkleidungen. Bei
Niemandem von meinen Bekannten habe ich aber diese Sehnsucht so gross gefunden,
als bei unserm guten Baron. Sie werden dies in jeder kleinen Geschichte
bemerken, die er erzählt, und ich habe mir oft gedacht, wenn er Talent genug zur
Darstellung besässe und seine Phantasie dadurch befriedigen könnte, dass er
Novellen und Romane schriebe, so würde er im gemeinen Leben der Wahrheit näher
bleiben.
    So wäre also, rief der Graf Robert lachend, ein Lügner im Grunde nur ein
verunglückter Dichter?
    Warum wollen Sie es nicht so milde betrachten? erwiederte sein Oheim, da
zudem in jedem Menschen, auch in dem edelsten, sich eine kleine Neigung für
diese Schwäche findet.
    Es ist wahr, sagte Graf Robert, ich möchte wohl den Menschen sehen, der sich
rühmen könnte, nie die Unwahrheit gesagt zu haben, und es ist mir lieb, wenn ich
mich künftig einmal auf so etwas ertappen sollte, dass ich zu meiner Beruhigung
weiss, dass ich mich nur der Neigung zur Dichtkunst überlasse, indem ich sündige.
Sie können uns ja gleich diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen, sagte sein
Oheim, denn haben wir nicht gleichfalls ein feindliches Komplott gemacht, um den
Prediger zu hintergehen? Das ist Not, rief der Graf Robert, aber nicht freie
Neigung zur Dichtkunst.
    Da der Graf seine Abreise auf den andern Tag festgesetzt hatte, wollte er,
nachdem sie das Schloss wieder erreicht hatten, noch den Abend von dem Obristen
Abschied nehmen, um den Greis nicht am andern Morgen in seiner Ruhe zu stören.
    Als der Obrist sich bald nach zehn Uhr entfernen wollte, um die Vorschriften
des Arztes nicht zu übertreten, der die Ruhe vor Mitternacht unerlässlich für ihn
fand, schloss ihn der Graf mit Rührung in die Arme, um ihm Lebewohl zu sagen. Er
fühlte den Freund in seinen Armen vor Altersschwäche zittern, und sein Auge
ruhte wehmütig auf dem nur noch spärlich von silberweissen Haaren bedeckten
Scheitel. Das leuchtende Auge des Greises traf den von einer Träne
verschleierten Blick des Grafen. Sie fühlen, sagte der Greis mit seligem
Lächeln, dass wir uns hienieden nicht mehr wieder sehen werden. Und Sie sprechen
dies wie eine Hoffnung aus? fragte der Graf mit sanftem Vorwurf.
    Mein teurer Freund, erwiederte der Obrist, indem er beide Hände des Grafen
fasste, wenn Sie durch die reizendsten Täler lustwandeln, über Berge schweifen,
die Ihnen die schönsten Aussichten, immer neue Ueberraschung gewähren, und Sie
setzten diesen Genuss unaufhaltsam fort, kommt nicht endlich die Stunde, wo auch
das schönste Tal nicht mehr zum Weiterschreiten lockt, wo die ermüdeten Glieder
sich nach Ruhe sehnen, und Sie sinken hin und lassen der menschlichen Natur ihr
Recht angedeihen. Ein solcher müder Wanderer bin ich. Ein grosser Teil meiner
Bahn war rauh und dornenvoll. Sie versetzten mich in ein reizendes Tal, aber
ich kann die Reise nicht fortsetzen; ermüdet sehnen sich meine Glieder nach
Ruhe. Wir werden uns hier nicht wieder sehen, schloss der ehrwürdige Alte,
empfangen Sie den letzten Dank und den Segen eines liebenden Vaters.
    Mit inniger Rührung umarmten sich die Freunde noch ein Mal und trennten sich
mit dem Gefühle, dass sie wahrscheinlich zum letzten Mal liebende Worte
gewechselt hatten.
 
                                      VII
Der Graf hatte von allen Freunden am Abend Abschied genommen und wollte des
andern Morgens sehr früh das Schloss unbemerkt verlassen; als er aber in dieser
Absicht den Saal betrat, fand er den Arzt, der ihn erwartete, um jetzt noch
förmlich Abschied zu nehmen, da er den vorigen Abend etwas war übersehen worden.
Der Graf reichte ihm die Hand und sagte: Ich danke Ihnen, dass Sie mir noch
Gelegenheit geben, eine Frage an Sie zu richten, deren Beantwortung mir sehr am
Herzen liegt. Was halten Sie von dem Zustande unseres alten Freundes?
    Der Arzt drückte die Augen zu, senkte den Kopf auf die linke Schulter, sah
dann den Grafen blinzelnd an und erwiederte: Wenn das Oel verzehrt ist, mögen
wir dann die Lampe noch so sorgsam hüten, sie wird doch erlöschen, und hier ist
das Lebensöl ausgebrannt, und nur schwach glimmt noch die matte Flamme; der
leichteste Windhauch wird sie verlöschen.
    Erhalten Sie mir den würdigen Greis so lange als möglich, sagte der Graf mit
bewegter Stimme. Er wollte sich nun entfernen, aber sein Vetter Robert trat ein,
um ihm zu sagen, dass er ihn einige Meilen begleiten und dann zu Pferde
zurückkehren wolle. Der Oheim hatte eben diese Begleitung dankbar angenommen,
als auch die Damen erschienen, um den geehrten Verwandten noch ein Mal zu
umarmen; nur der Obrist kam nicht; ihn fesselte Altersschwäche an sein Lager, wo
er den Schlummer gewöhnlich erst gegen Morgen fand. Der Graf tadelte liebevoll
die ihn umringenden Freunde, dass sie ihr Wort nicht gehalten und sich der Ruhe
entzogen hatten. Er entriss sich mit sanfter Gewalt ihren Armen und traf, als er
eilig die Treppe hinunter stieg, auf Gustav Torfeld, der auch noch ein Wort des
Abschiedes von dem edeln Manne gewinnen wollte. Der Graf reichte ihm freundlich
die Hand und lud ihn ein, die nächsten Ferien zu benutzen, um einen Teil
Deutschlands zu durchreisen und dann auch ihn zu besuchen, da, wo er sich eben
aufhalten würde. Ein Strahl von Freude zuckte über des Jünglings Antlitz bei der
Vorstellung einer genussreichen Reise. Ich werde sorgen, dass Ihnen die Mittel
nicht fehlen, sagte der Graf gütig, indem er mit seinem Vetter den Reisewagen
bestieg.
    Es war ein kühler Herbstmorgen. Die Natur hatte sich in wenigen Tagen
auffallend verändert; sie hatte den sommerlichen Charakter verloren. Das Laub
der Bäume welkte und fiel ab, und die Waldung wurde dadurch lichter, obgleich
ein neuer Reiz entstand, indem die Bäume, nachdem ihr Laub das frische Grün
verloren, in verschiedenen Farben prangend, von der Morgensonne beschienen
funkelten. Beide Reisende sassen eine Zeit lang schweigend neben einander;
endlich sagte der Graf: Sie blicken so tiefsinnend vor sich nieder, lieber
Vetter; was kann Sie in so ernste Gedanken versenken?
    Ich dachte, sagte der Graf Robert, indem er bewegt die Hand des Oheims
drückte, wie viel Segen ein edler Mensch um sich verbreiten kann, und wie er
dann im Kreise der durch ihn Glücklichen durch Liebe herrscht wie ein
unumschränkter Monarch; wie alles das, was an den Höfen der Fürsten gespielt
wird, um der Etikette zu genügen, oder aus Eigennutz, oder aus lächerlicher
Eitelkeit, hier der Abdruck wahrer Empfindungen ist; denn Wer in ihrem kleinen
Königreiche, teurer Onkel, fuhr er sich zum Lächeln zwingend fort, ist nicht
beglückt, wenn Sie ein freundliches Wort an ihn richten? Wer fühlt sich nicht
gekränkt, wenn Sie ihn übersehen? Wer ringt nicht danach, Ihr beifälliges
Lächeln zu gewinnen, und Wer ist nicht stolz darauf, wenn er Ihnen durch
unbedingten Gehorsam seine Verehrung und Ergebenheit beweisen kann? Nein gewiss,
schloss er, die Menschen sind nicht so gefühllos, wie man oft von ihnen
behauptet; sie erkennen gern einen edeln Geist an und beugen sich willig seiner
Ueberlegenheit.
    Ich will nicht zur Unzeit den Bescheidenen mit Ihnen spielen, erwiederte der
Graf. Ich will Ihnen zugeben, dass ich mich nicht für böse halte, dass ich
überzeugt bin, das Beste zu wollen, dass ich zuweilen im Stande bin, Andere auf
die rechte Bahn des Lebens zu leiten. Ich will es eingestehen, dass mein Herz
bewegt wird von fremder Not, und dass mein Geist dann eifrig auf Mittel denkt,
sie zu vermindern. Aber, teurer Vetter, alle diese Eigenschaften würden nicht
im Stande sein, mir mein kleines Königreich, wie Sie es nennen, zu bilden, wenn
mir der Himmel nicht ohne mein Zutun ein bedeutendes Vermögen gewährt hätte.
Wäre ich arm, fuhr der Graf fort, indem er die Hand seines Vetters drückte, dann
würde ich zufrieden sein, einen Freund zu finden, der mein Herz verstände und
meinen Charakter unter allen Umständen richtig würdigte, und ich würde unter den
übrigen Menschen verkannt, einsam und vergessen, ja von denen, die sich meiner
erinnerten, um eben der Eigenschaften Willen, die Sie jetzt erheben, getadelt
und verachtet umhergehen.
    Unwillig zuckte die Hand des Grafen Robert in der seines Oheims. Getadelt,
verachtet und verfolgt - fuhr dieser mit Nachdruck fort; denn eben die
Eigenschaften, die man jetzt anerkennt, würden mich wahrscheinlich hindern ein
Vermögen zu erwerben; denn nicht alle Mittel würden mir gleich sein, um diesen
Zweck zu erreichen, und da ich niemals meine Seele zur Verehrung des Geldes
gewöhnen könnte, so würde ich auch nie den gehörigen Eifer erlangen, um es
zusammen zu häufen. dabei würde mein ganzes Leben ein stillschweigender Tadel so
vieler Andern sein, den ich durch keine Annehmlichkeit zu mildern vermöchte, die
wir durch unser Vermögen so leicht unsern Bekannten verschaffen, und sie könnten
dann nicht denken wie jetzt, wenn ich unwillkührlich strengere Grundsätze
ausspräche: Er hat gut reden, wäre seine Lage so beschränkt wie die unsere, so
würde er eben so denken wie wir, so würde mir denn Niemand meine abweichende
Lebensansicht verzeihen wollen. Die Mildesten würden sie für Torheit erklären,
die Härteren mich für einen kopflosen, verschrobenen Menschen halten.
    Sie haben so oft meine Härte getadelt, sagte sein Vetter mit dem Ausdrucke
des Erstaunens, wenn ich ein Urteil über die Menschen aussprach, und nun muss
ich Ihre Ansicht weit härter finden und in der Tiefe Ihrer Seele eine
Menschenverachtung, die mich erschreckt.
    Nicht der ist milde, erwiederte der Graf, der in der Täuschung lebt, die
Menschen im Allgemeinen für trefflich hält und aus diesem Gesichtspunkte
handelt. Nur dessen Herz darf so genannt werden, der die Menschen kennt und
ihnen verzeiht, und indem er die Fehler Anderer einsieht, sich zugleich der
eigenen Schwäche bewusst ist und es sich eingesteht, dass vielleicht am Meisten
der Stolz der Seele ihn aufrecht erhält, der ihm den Willen gibt, sich nicht zu
beugen. Freilich wird ein Solcher in vielen Fällen, wenn er Andern beisteht,
sich nur selbst befriedigen; aber ist er so glücklich, nur einen Freund zu
besitzen, den er wahrhaft ehren kann, so wird ihn dies doch vor der schlimmsten
Selbstsucht bewahren, und er wird sich das Bild einer edleren Menschheit dennoch
zu erhalten wissen.
    Der Graf hatte mit lebhafter Bewegung gesprochen, und die Freunde hatten,
ehe sie vermuteten, die erste Post erreicht, wo sie sich trennen wollten. Der
Graf Robert schied von seinem Oheim mit erhöhter Empfindung, denn er hatte die
Einsicht gewonnen, dass nicht ein leicht erregtes Gefühl diesen zu grossmütigen
Entschliessungen bestimmte, sondern dass ein entschiedenes Wollen einer wahrhaft
edeln Seele seine Handlungen leitete. Und dennoch hat er Unrecht, sagte er zu
sich selber. Ich habe oft einzelne Menschen zu hart beurteilt; seine unbillige
Härte aber trifft die Menschen im Allgemeinen, und er dürfte nur um sich
blicken, um seinen Irrtum zu erkennen, denn wie viele treffliche Menschen haben
sich um ihn her versammelt. Und wären diese alle so trefflich, fragte er sich
betroffen weiter, wenn er sie nicht zu sich herauf bildete, und könnte er das in
dem Grade ohne die Hülfe seines grossen Vermögens? Ja ich selbst, fuhr er mit
Beschämung in seinen Betrachtungen fort, was wäre aus mir geworden, der ich in
finsterm Grimm ihn zu bestürmen kam, wenn seine Lage ihn gezwungen hätte, nur
sein Recht gegen mich zu behaupten? Hätte ich ihn wohl jemals richtig würdigen
und verstehen können, wenn ich trostlos von ihm hätte scheiden müssen? Würde ich
mich nicht mit kaltem Hass von dem Manne abgewendet haben, den ich jetzt mit
Zärtlichkeit liebe und verehre? Es ist gewiss, fuhr der junge Mann seufzend in
seinen Gedanken fort, es ist leider gewiss, nicht bloss unsere Gefühle, auch
unsere Tugenden hängen von Zufällen ab. Wenige ragen wie mein Oheim aus der
Menge hervor, und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir, ehe ich ihn
erreiche. Aber er hat Recht, mit Beschämung muss ich es eingestehen, der reiche
Schatz seines Geistes und seines Herzens würde unerkannt von der Erde wieder
verschwinden, wenn die Güter des Glücks nicht die Dollmetscher seiner edeln
Seele würden. Mit solchen Gedanken beschäftigt erreichte der Graf Schloss
Hohental, während sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz
bald möglichst zu erreichen wünschte, wo er mit Sehnsucht erwartet wurde.
    Als der Graf seine Reise zurückgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war,
wurden ihm nach den ersten freudigen Begrüssungen und teilnehmenden Fragen
mehrere während seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehändigt. Zwei von
diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit. Das eine von St.
Julien, in dem er meldete, dass der Abschluss des Friedens täglich zu erwarten
sei, und dass er alsdann leicht Urlaub erhalten könne, um sich mit den teuren
Eltern und der zärtlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen.
Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus München, der dem Grafen meldete,
dass in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram, in denen die Baiern für
Napoleon fochten, mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben wären,
so dass von dem im südlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr
vorhanden sei, als eine Wittwe, die bei der durch die vielen Todesfälle
eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe, und in deren Namen er sich
der Teilung wegen an den Grafen wende. Der Nachlass bestehe, wie der
Rechtsgelehrte meldete, in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren
Vermögen. Da aber die Miterbin als eine Wittwe sich bei den gegenwärtigen
unruhigen Zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle, so schlug ihr
Rechtsfreund dem Grafen vor, nach billiger Uebereinkunft das Gut zu behalten,
und lud ihn ein, entweder selbst zu diesem Behufe nach München zu kommen oder
Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu übersenden.
    Es ist furchtbar, seufzte der Graf, wie verheerend diese ewigen Kriege
wirken, ganze Geschlechter werden ausgerottet. Er teilte seiner Gemahlin die
empfangenen Nachrichten mit, und Beide entschieden sich, die Reise nach München
anzutreten und den geliebten Sohn dortin zu bescheiden, weil der Graf glaubte,
dass er von dort, durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof, leichter Mittel
finden würde, die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken,
als von Berlin, wo er sich nicht mit einem Gesuche an die französischen
Machtaber wenden durfte, ohne einen gehässigen Schein auf sich zu laden. Die
Gräfin sah die Triftigkeit seiner Gründe ein; ihr Herz schlug dem Sohne entgegen
und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzücken, als sie vernahm, wie bald
sie St. Julien wieder zu sehen hoffen durfte; und eine sanfte Rosenglut brannte
verschönernd auf ihren Wangen, als der Graf bemerkte, dass doch dieser Frieden
vielleicht so lange dauern würde, als unerlässlich notwendig wäre, um zwei
Liebende zu vereinigen. Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des
Blutvergiessens uns ängstigen? fragte die Gräfin. Kann man einen Friedensschluss,
wie er jetzt eintreten wird, anders als wie einen Waffenstillstand betrachten?
entgegnete der Graf. Die Frauen seufzten über die trüben Aussichten, aber
dennoch wich der Kummer der gegenwärtigen freudigen Hoffnung. Der alte Dübois
schien sich zu verjüngen. Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn
betrieben, und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem
Gedanken, dass er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte, denn er erlaubte
sich nie St. Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung.
    Der Graf hatte St. Julien nach München beschieden. Die Gräfin hatte ihrer
Adele den gefassten Entschluss gemeldet. Dübois war mit den Vorbereitungen zur
Reise fertig. Kein Teilnehmer an derselben liess sich eine Verzögerung zu
Schulden kommen, und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach München, wo
bald nach ihnen Adele eintraf und wo man, um das Glück der Vereinigung
vollkommen zu geniessen, nur noch auf St. Julien hoffte, der Wien nicht ohne
Urlaub verlassen durfte, den er mit höchster Ungeduld erwartete.
    Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen, welche die erste Veranlassung
zur Reise nach München gegeben hatte, war in wenigen Tagen beendigt, weil bei
der Denkungsart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde, indem er
weit davon entfernt war, seine Miterbin, eine nicht sehr bemittelte Wittwe,
irgend bedrücken zu wollen. Es wurde ihrem Wunsche gemäss die Vereinigung
getroffen, dass der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem
baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich
verpflichtete, sobald alle Rechtsformen beobachtet sein würden, die, um ihn in
den Besitz zu setzen, erforderlich wären. Der Graf nahm sich vor, das neu
erworbene Gut so bald als möglich in Augenschein zu nehmen und, wenn er die Lage
so reizend fände, wie sie ihm beschrieben wurde, wenigstens einen Teil des
Jahres dort zu wohnen.
    Eben hatte der Graf die letzten Geschäfte mit dem Anwalde seiner Miterbin
abgeschlossen, und er nahm den Rückweg zu seiner Wohnung durch den Schlossgarten
der Residenz, wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte, denn wenn
München auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein
wechselndes, im Ganzen nicht angenehmes Klima hat, und man im frühen Herbst und
späten Frühling Kälte und Schnee zuweilen ertragen muss, so macht doch seine
südliche Lage, dass dafür oft im November noch so schöne warme Tage eintreten,
dass man sich nach Italien versetzt glaubt. Ein solcher warmer Novembertag lockte
den Grafen unter die hohen, unbelaubten alten Kastanienbäume des Schlossgartens,
und er bemerkte, dass wie ihn auch viele Andere die warme Mittagssonne
herbeigezogen hatte.
    Der Blick des Grafen schweifte über die verschiedenen lustwandelnden oder im
Gespräch verweilenden Gruppen, und es machte einen betrübenden Eindruck auf ihn,
dass er beinah Niemanden bemerkte, der nicht Trauer trug, wie sein Herz ihm
sagte, um einen in den Schlachten des letzten Krieges gefallenen Verwandten. Die
Wenigen, die nicht in Trauer gehüllt waren, machten keinen heiteren Eindruck,
denn es waren verstümmelte, zum Teil noch schwer an ihren Wunden leidende
Krieger, die hier in der warmen Herbstsonne Erquickung nach grausamen Leiden
suchten. So haben nun wieder Deutsche gegen Deutsche gewütet, dachte der Graf
seufzend; so vertilgen sie sich gegenseitig von der heimatlichen Erde und
bringen Trauer über verwandte Geschlechter. Sein Schritt war, ohne dass er es
bemerkte, langsam geworden und sein Blick senkte sich kummervoll zu Boden, als
er plötzlich aufschrak, weil eine Hand von hinten sanft seine Schulter berührte.
Er wendete sich und blickte in das ihm freundlich entgegen lächelnde Gesicht des
General Clairmont. Der Graf war freudig überrascht, und nach den ersten
herzlichen Begrüssungen fragte sein Freund lächelnd: Was hat Dich so
philosophisch gestimmt, dass Du, in tiefe, ernste Gedanken versenkt, Deine
Freunde nicht bemerkst? Ich ging bei Dir vorüber, ohne von Dir beachtet zu
werden, und ich redete Dich nicht gleich an, weil ich einen Augenblick
zweifelte, ob dieser sinnende Philosoph wohl mein Freund Hohental sein könne,
den ich hier nicht erwartete.
    Es ist wohl natürlich, sagte der Graf, dass mich die Folgen Eurer Siege
ernstaft stimmen. Bemerke alle diese Trauerkleider um uns her, die ohne Zweifel
um Verwandte getragen werden, die von deutschen Händen für Eure Sache fielen.
    So ist nun einmal der Krieg, erwiederte der General nachlässig. Doch was
führt Dich aus Deinen anmutigen Bergen hieher? Etwa nur das Verlangen diese
Betrachtungen anzustellen?
    Ein nahe mit ihnen zusammenhängender Grund, sagte der Graf. In Euern
Schlachten ist ein Verwandter von mir geblieben, der hier einheimisch war und
dessen Erbe ich geworden bin.
    So führt das Ueble immer das Gute herbei, sagte der General leichtsinnig.
Sein Freund wendete sich verletzt ab. Nun, sei mir nur nicht böse, fuhr der
General lächelnd fort; Du weisst, ich habe mich niemals zu Deiner sublimen Moral
erheben können, und ich denke in meinem mir so oft von Dir vorgeworfenen
Leichtsinn, dass es doch keine so grässliche Sache sein kann, der Erbe eines
Verwandten zu werden, den man vielleicht gar nicht oder doch nur wenig gekannt
hat.
    Der Graf liess das Gespräch über diesen Gegenstand fallen, denn er wusste, dass
sein Freund seine Art zu denken in manchen Fällen, und so auch hier, nicht
verstand. Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald eine Wendung nahm,
wodurch sie die Begebenheiten der Zeit berührte und der General bemerkte bei
dieser Gelegenheit: Jetzt hoffe ich, wird Dein Herz in sofern wenigstens sich
kummerfreier fühlen, als nun nicht mehr Deutsche gegen Deutsche fechten werden,
dieser Frieden stellt uns hierüber vollkommen sicher. Alle kleineren Staaten
Deines Dir so teuren Vaterlandes sind mit Napoleon auf's Engste verbunden;
Preussen wird durch die Umstände dazu gezwungen, und Oesterreich wird sich jetzt
aufrichtig mit uns vereinigen.
    Die Verbindungen der Staaten unter einander, erwiederte der Graf, können nie
wie Privatfreundschaften betrachtet werden. Sie sind so lange aufrichtig, bis
ein höheres Interesse andere Forderungen macht.
    Was willst Du damit sagen? fragte der General. Weisst Du nicht, dass die
Tochter des österreichischen Monarchen Kaiserin von Frankreich wird?
    Auch Familienbande, antwortete der Graf, sichern dem Bunde der Staaten keine
ewige Dauer. Erinnere Dich, als es Euer Ludwig der Vierzehnte durchsetzte,
seinen Enkel auf Spaniens Tron zu erheben, da rief er auch in der Trunkenheit
der Freude über das gelungene Werk: Jetzt gibt es keine Pyrenäen für Frankreich
mehr. Nun, Du weisst, die Pyrenäen sind dessenungeachtet geblieben.
    Jetzt aber, sagte der General mit Stolz, jetzt ist diese Scheidewand für
Frankreich gesunken. Spanien ist unser.
    Ihr kämpft aber doch in diesem Euern Spanien noch mit abwechselndem Glück,
versetzte der Graf.
    Was folgt daraus? rief sein Freund unmutig.
    Dass sich die Pyrenäen dennoch wieder für Euch erheben können, sagte der
Graf.
    Einen Augenblick flammte der Zorn in den Augen des Generals, indem er den
Grafen anblickte, doch der scharf geklemmte Mund, der eben etwas Heftiges
aussprechen wollte, schwieg. Die Spannung des Gesichts löste sich, die eben noch
zornigen Augen begegneten freundlich dem edeln Blicke des Grafen, der Mund, der
eben beleidigen wollte, lächelte anmutig, und nachdem der General seinen Freund
in dieser wohlwollenden Stimmung noch einen Augenblick betrachtet hatte, brach
er in ein lautes Gelächter aus. Habe ich jemals einen Menschen unerschütterlich
standhaft in seinen Ansichten gefunden, sagte er endlich, so bist Du es. Du
wirst noch ein Märtyrer Deines Glaubens werden, fügte er ernstaft hinzu.
    Ich weiss nicht, wie es geschieht, sagte der Graf ebenfalls lächelnd, ich
habe mir sonst nie über diese Gegenstände Unbesonnenheiten vorzuwerfen, ich weiss
meine Ansichten zurückzuhalten und zu verbergen; so wie ich Dich aber erblicke,
zolle ich der Torheit diesen Tribut und bekämpfe Deine Ansichten unnützer
Weise, indem ich die meinigen eben so zwecklos zu verteidigen suche. Ich kann
mir keinen Grund für diese Schwachheit angeben, fuhr er fort, wenn er nicht
darin zu suchen ist, dass mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren
Vorrechten und ihrem rücksichtslosen Vertrauen nahe tritt, wenn ich Dich
erblicke, und ich mache eben diese Vorrechte geltend.
    Der General, der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte, drückte diesen
leise als Zeichen freundlicher Erwiederung.
    Wirst Du lange in München bleiben? fragte endlich der Graf, nachdem Beide
eine Zeitlang geschwiegen hatten.
    Nein, erwiederte sein Freund. Ich komme jetzt von Paris, wohin ich mich nach
dem Waffenstillstande gern senden liess, und kehre nun nach Wien zurück, wohin
ich mancherlei Nachrichten zu überbringen habe, und ich verweile auch hier nicht
ohne Grund. Doch werde ich morgen reisen, und ich denke, sagte er
freundschaftlich zum Grafen gewendet, wir trennen uns heut so wenig als möglich.
Dem Grafen fiel plötzlich ein, dass sich ihm nicht leicht eine bessere
Gelegenheit bieten würde, die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu
bewirken, und doch machten manche Umstände es ihm schwer, dem General sein
Anliegen zu vertrauen. Es war möglich, dass sich sein Freund, wenn er ihn damit
bekannt machte, dass er mit der Wittwe des Grafen Evremont verbunden sei, sich
der weiblichen Gestalt erinnerte, die er bei der Hinrichtung des unglücklichen
Freundes erblickt hatte, und es lag so nahe, dann in dieser die Gemahlin des
Grafen zu vermuten. Alle diese Vorstellungen peinigten ihn, und er konnte zu
keiner Entschliessung kommen, und beide Freunde wandelten eine Zeitlang
schweigend auf und ab. Ich erkenne Dich heute nicht wieder, fing endlich der
General das Gespräch von Neuem an. Was hast Du nur, das Dich in so ernste, in so
ungleiche Stimmungen versetzt?
    Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekämpft. Jedes Bedenken musste aus
Rücksicht für den geliebten Sohn überwunden werden, und er sagte deshalb
entschlossen: Ich wünschte, dass Du Dich in einer Angelegenheit, die mir sehr am
Herzen liegt, bei Napoleon für mich verwenden möchtest, und ich weiss nicht
recht, wie ich sie Dir vortragen soll.
    Aha! rief der General lachend, muss sich Deine Spartaner-Tugend beugen?
Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde? Nun freilich kann ich mir denken, dass Du
einen schweren Kampf mit Deinen Grundsätzen bestehen musst, ehe Du solche
Bekenntnisse ablegst.
    Es ist nicht das, sagte der Graf, aber um Dich in den Stand zu setzen mir
beizustehen, muss ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen, die mich in mehr als
einer Hinsicht schmerzlich berühren, und da dies Mitteilungen sind, die sich
nicht im Freien machen lassen, und ich Dich früher davon in Kenntnis zu setzen
wünsche, ehe ich Dich in meine Wohnung einlade, so bitte ich Dich, mich in die
Deine zu führen.
    Der General war bereit dazu, und beide Freunde wollten den Schlossgarten
verlassen, als der Blick des Generals auf einen Krieger fiel, der eine Dame, die
er am Arme führte, los liess und die Hand an den Hut legte, um den General
militärisch zu begrüssen. Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zählen;
seiner Haltung mangelte die französische Zierlichkeit einigermassen; sein stark
gebräuntes, mageres Gesicht deutete auf viele überstandene Beschwerden, und wenn
seine Kleidung eher beschränkte Umstände als Überfluss erkennen liess, so war das
Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Mutes. Die Dame, die
sich in seiner Begleitung befand, mochte schön gewesen sein, aber die
erschlafften Gesichtszüge bewiesen eben so wie der freche Blick, dass sie das
Leben zu sehr benutzt hatte; die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein
blühender Jugend nicht mehr hervorrufen, so wie der auffallende Putz nicht
Wohlhabenheit lügen konnte. Die beschmutzten Bänder und verblichenen Blumen, mit
denen die schwarzen Locken überladen waren, verkündigten wohl die Ansprüche, die
noch gemacht wurden, aber zeigten auch deutlich, dass sie nicht mehr befriedigt
werden konnten.
    Wie geht es, Kapitän? redete der General den Krieger an. Sind Sie von Ihren
Wunden wieder hergestellt?
    Dem Himmel sei Dank, erwiederte der Angeredete, ich kann bald wieder
eintreten in die Reihen der Braven.
    Der Kaiser wird Sie belohnen, sagte der Genral, ich kann das beste Zeugnis
Ihres Mutes bei Landshut ablegen, und ich hoffe Sie bald als Obristen zu
begrüssen, denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben.
    Nur Ihnen, mein General, verdanke ich es, erwiederte der Kapitän, dass ich
meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe, denn die Zeiten sind auch
bei uns vorüber, wo man sich ohne Beschützer empor arbeiten konnte.
    Sind Sie vermählt? fragte halb leise der General, der schon ein paar Mal den
Blick zu der Dame hatte hinüber streifen lassen, die in des Kapitäns Begleitung
gekommen war, und die nun sichtlich vedriesslich darüber, dass Niemand ihre
Gegenwart zu berücksichtigen schien, seitwärts stand.
    Sie begreifen, mein General, sagte der Kapitän verlegen lächelnd. Madame
übernahm es, mich während meiner langen Krankheit zu verpflegen, und sie ist so
gütig, sich meines Namens zu bedienen, weil - weil dies in vielen Fällen für
zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist. Sie verstehen wohl, wie ich
das meine?
    Vollkommen, entgegnete der General mit spöttischem Lächeln, indem er sich
eben von seinem Kriegsgefährten trennen wollte, als die vernachlässigte Schöne,
die ihren Zorn nicht länger unterdrücken konnte, ihm näher trat und, indem sie
ihm mit grosser Dreistigkeit in die Augen blickte, sagte: Sie wissen aus eigener
Erfahrung, General, wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen verstehe,
und ob meine Sorgfalt nicht Dank und Anerkennung verdient.
    Gewiss, gewiss, sagte der General, ohne den spöttischen Ausdruck des Gesichts
zu mildern. Ich habe den Wert Ihrer Zuneigung vollkommen würdigen gelernt, und
vor Allem hat mich die zarte Schonung überrascht, die mir den Schmerz des
Abschiedes ersparte und zugleich alle Hindernisse des leichteren Fortkommens mir
aus dem Wege räumte.
    So gross die Frechheit der Tochter des alten Lorenz auch war, die sich in der
Begleiterin des Kapitäns nicht mehr verkennen liess, so schwieg sie doch einen
Augenblick bestürzt und sagte dann mit weniger dreister Stimme: Ich glaube,
meine Aufopferung für Sie hätte eine bessere Belohnung verdient.
    Ich zweifle nicht, erwiederte der General lächelnd, dass ich dies selbst
würde geglaubt haben; da es Ihnen aber gefiel, den Wert dieser Aufopferung
selbst zu bestimmen, so habe ich Ihr Urteil für richtiger als das meine
gehalten.
    Nach einer leichten Verbeugung fasste der General von Neuem den Arm des
Grafen, um sich eilig mit ihm zu entfernen. Der Kapitän schien sein Verhältnis
zu seiner Freundin selbst zu leicht zu nehmen, als dass er durch die Art, wie der
General mit ihr sprach, hätte beleidigt sein sollen. Im Gegenteil blickte er
diesem mit wohlwollendem Lächeln nach, als er sich entfernte, und sagte, indem
er seiner Begleiterin den Arm bot: Ein braver Mann der General, ein wahrer
Ehrenmann, ohne auf den Zorn zu achten, der in den Augen seiner Freundin
funkelte.
    Als die beiden Freunde die Wohnung des Generals erreicht hatten, sagte
dieser: Vor allen Dingen musst Du mir nun versprechen, diesen Mittag mein Gast zu
sein. Gern, erwiederte der Graf, wenn Du mir erlaubst, meine Damen davon zu
benachrichtigen, damit ich nicht vergeblich erwartet werde.
    Ist Deine Gemahlin mit Dir in München? fragte der General, nicht angenehm
überrascht, denn sein Zusammentreffen mit der Tochter des alten Lorenz erinnerte
ihn daran, wie er mit dieser auf Schloss Hohental erschienen war, und er musste
es sich gestehen, dass er dadurch unmöglich die Achtung der Gräfin gewonnen haben
könne. Der Graf hatte die Frage des Freundes bejahend beantwortet und der Gräfin
einige Worte geschrieben. Der General zog die Klingel, auf deren Ruf ein
Bedienter in übertrieben reicher Livree erschien, der zum Ueberbringer des
Blatts bestimmt wurde. Der Graf sah dem davon eilenden Boten gedankenvoll
lächelnd nach, und der General, der einen Tadel seines Geschmacks in Bezug auf
die zu reiche Livree fürchtete, fragte etwas gespannt: Was fällt Dir an dem
Burschen so auf? Der Wechsel der Dinge, antwortete der Graf. Ich weiss die Zeit,
wo eine so reiche Livree dem Herrn dieses Burschen als einem entschiedenen
Aristokraten zur Guillotine geholfen hätte.
    Tempi passati, sagte der General gähnend. Von Menschenrechten ist nicht mehr
die Rede. Der Ruhm, der Glanz der französischen Nation, das ist jetzt der
Gedanke, der Alle mit Begeisterung erfüllt.
    Es ist eine eigene Ideenverbindung, bemerkte der Graf lächelnd, dass Du an
die Menschenrechte denkst, wenn ich die Guillotine erwähne.
    Nun, Du musst doch zugeben, erwiederte sein Freund, dass die verruchte
Maschine zu der Zeit am tätigsten war, wo am Meisten von den Menschenrechten
geredet wurde. Doch lass uns nicht wieder in die Politik geraten; lass uns, wie
in vergangenen Zeiten, in harmloser Heiterkeit uns zu Tische setzen, und dann
teile mir Dein Verlangen mit.
    Der Graf hatte gegen diese Anordnung seines Freundes nichts einzuwenden und
er folgte ihm zur Tafel, wo der General einer schwelgerischen Mahlzeit alle
Gerechtigkeit widerfahren liess und über die Mässigkeit des Grafen mit in dem
Grade erhöhter Munterkeit scherzte, wie der reichlich genossene Wein seine
Lebensgeister immer mehr anregte. Endlich, als der Pfropfen der
Champagnerflasche sprang und der schäumende Wein in den Gläsern perlte, sagte
er: Nun, alter Freund, sprich es aus, was begehrst Du, was soll ich für Dich bei
unserm Kaiser auswirken?
    Es ist mir unmöglich, sagte der Graf, Dir meine Wünsche bei der Flasche
mitzuteilen, denn ich muss Dich, damit Du mir gefällig sein kannst, mit zu
ernstaften Gegenständen bekannt machen.
    So lass uns denn ernste Gegenstände ernst behandeln, sagte der General, indem
er sich mit dem Freunde von der Tafel erhob und ihn in ein anderes Zimmer
führte. Es wurde dem Grafen schwer, die nötige Mitteilung zu beginnen, weil er
bei einem ihm an sich peinlichen Gegenstande die Weinlaune des Freundes
fürchtete. Aber diese Besorgnis war ungegründet, denn so wie der Graf den Namen
Evremont nannte, war jede Spur der ausgelassenen Heiterkeit verschwunden, die
der General bei Tafel gezeigt hatte, und er hörte alles, was der Graf ihm
mitteilte, mit der ernstesten Aufmerksamkeit und innigsten Teilnahme an. Was
Du wünschest, sagte er endlich, als der Graf schwieg, ist eine Kleinigkeit, die
der Kaiser ohne Frage sogleich gewähren wird. Dafür könnte ich mich verbürgen,
aber Du wirst es mir vergeben, dass das Erstaunen über das wunderbare Schicksal,
das Dich zum Gemahl von Evremonts Wittwe machte, alle meine Sinne fesselt. Armer
Evremont! rief er klagend, und doch, fuhr er erheitert fort, habe ich Recht,
jedes Böse bringt sein Gutes. Unser unglücklicher Freund wurde eigentlich das
Opfer seines Vaters, das kannst Du nicht läugnen, bei aller Liebe, die der alte
Herr für ihn hatte; aber dies Unglück hat Dein Glück herbeigeführt durch die
Verbindung mit seiner liebenswürdigen Wittwe, und dass Du ihren Sohn ganz als den
Deinen betrachten willst, daran tust Du recht, und nur Gewinn wird Dir dabei zu
Teil, denn ich sage Dir, er ist einer der bravsten Offiziere in der Armee und
Du kannst noch die Ehre erleben, Dich den Vater eines Marschalls von Frankreich
zu nennen.
    Der Graf bemühte sich nicht seinem Freunde auseinander zu setzen, wesshalb er
diese Ehre nicht zu geniessen wünschte. Er begnügte sich, ihm für das bestimmte
Versprechen zu danken, welches er gegeben hatte, diesem geliebten Sohne die
Rechte seines wahren Namens wieder zu verschaffen, und lud ihn nun ein, den
Abend bei ihm zuzubringen und ihm zu erlauben, ihn mit der Gräfin bekannt zu
machen. Missverstehe mich nicht, sagte der General zögernd, wenn ich Dich bitte,
diese Ehre zu verschieben, bis ich sie länger geniessen kann, als es dies Mal
möglich wäre. Du weisst, in welcher Begleitung ich auf der Burg Deiner Väter
erschien. Unter Männern hat dies nichts zu sagen, bei Feinden auch nicht, wo man
wie ein Ungewitter vorüberzieht und keine Achtung erwecken, kein wohlwollendes
Andenken zurücklassen will. Aber bei der Gemahlin meines Freundes ist dies eine
andere Sache. Kann ich mich künftig des Umganges in Deinem Hause länger erfreuen
und durch ein fortgesetztes anständiges Betragen die übeln Eindrücke wieder
auslöschen, so wirst Du mich dankbar Deiner Einladung folgen sehen. Aber jetzt
auf eine halbe Stunde hinzugehen, gleichsam um die Frau Gräfin mit dreister
Stirn daran zu erinnern: Hier ist der Mann, der sich in Ihrem Hause so unklug
aufführte, und mich dann gleich wieder zu empfehlen, nein, verzeih, das geht
über meine Kräfte.
    Der Graf bekämpfte die Gründe seines Freundes nicht mehr, als es die
Höflichkeit forderte. Ihm selbst war es angenehm, ihn der Gräfin nicht, ohne sie
darauf vorbereitet zu haben, vorzustellen, denn mit welcher Dankbarkeit er es
auch anerkannte, dass sein Freund mit der Feinheit eines Mannes von Welt es nicht
auf die fernste Weise bemerken liess, dass er errate, die weibliche Gestalt, die
er bei der Hinrichtung Evremonts bemerkt habe, möge die Gräfin gewesen sein, so
würde doch schon jeder neugierige Blick, den vielleicht, sich unbeachtet
glaubend, der General auf seine Gemahlin gerichtet hätte, den Grafen tief
verwundet haben. Er folgte also der Einladung des Generals, noch einige Stunden
der Freundschaft zu weihen, bis diesen Geschäfte abriefen, die er noch mit den
Ministern vor seiner Abreise nach Wien hatte.
    Beide Freunde fühlten durch diesen mit einander verlebten Tag die Gefühle
ihrer Jugend neu belebt und trennten sich mit herzlicher gegenseitiger
Zuneigung.
 
                                      VIII
Es waren mehr als zwei Jahre verflossen, seit der Graf mit seinem Freunde
Clairmont in München zusammen getroffen war; längst war dessen Versprechen
erfüllt, St. Julien war als Evremont anerkannt und führte schon lange diesen
Namen. Das Glück, den geliebten Sohn zu umarmen, war genossen und schon lange
wieder entschwunden. Napoleons heftig bewegte Seele gestattete seinen Kriegern
keine lange Waffenruhe, und es hatte die Verbindung der Liebenden beschleunigt
werden müssen, wenn sie nicht die Qual der Trennung von Neuem erdulden sollten.
Die reizende Emilie war in München mit dem schönen Sohne der Gräfin vereinigt
worden, und wenige Tage darauf musste der Graf, schmerzlich seufzend, das
beglückte Paar entlassen, und die bittersten Tränen benetzten von Neuem die
Wangen der einsamen Mutter. Die Gräfin erkannte jetzt erst, wie viel ihr Emilie
gewesen war, als sich auch diese von ihrem Herzen losriss, um dem geliebten
Gemahle zu folgen, der neuen Gefahren entgegen eilte, denn seine Bestimmung war,
sich mit den Truppen zu vereinigen, die noch immer auf Spaniens Boden kämpften
und den ungestörten Besitz des schönen Landes der neuen Dynastie nicht erringen
konnten. Die schüchterne Emilie folgte den Truppen, soweit es sich tun liess, um
so viel als möglich in der Nähe des geliebten Gemahls zu bleiben. Nur selten
wurden die Eltern durch Nachrichten erfreut, weil die ewigen Bewegungen der
Heere keinen regelmässigen Briefwechsel gestatteten, und die Phantasie war
geschäftig, Bilder von tausend möglichen Gefahren zu erzeugen, und oft schon
wurde Evremont verzweiflungsvoll als ein Gestorbener beweint.
    Da die Stimmung der Gräfin sie bewog, die Gesellschaft zu meiden, so hatte
der Graf sein neues Erbe, das Gut am Rhein, bezogen, damit die ängstliche,
kummervolle Mutter in der schönen Natur den Trost fände, den ihr die
Gesellschaft nicht gewähren konnte.
    Nach langem Schweigen waren endlich wieder sehr verspätete Briefe von
Evremont und seiner Gattin eingetroffen. Beide meldeten den zärtlichen Eltern
ihr neues Glück, und Evremont konnte nicht Worte finden, sein Entzücken
auszudrücken. Emilie, die angebetete Emilie hatte ihm einen Sohn geboren und
alle Gefahren glücklich überstanden, die ein Leben jedes Mal bedrohen, wenn ein
anderes aus ihm sich entwickeln soll. Er selbst hatte neue Lorbeeren ohne Wunden
errungen und konnte sich des ungetrübtesten häuslichen Glückes erfreuen. Emilie
selbst schrieb wenig, weil jede Bewegung des Gemüts noch vermieden werden
musste; aber die wenigen Worte ihrer Hand zeigten, wie ganz selig sie sich als
Mutter fühlte und wie zärtlich liebend ihre Seele sich an den beglückten Gatten
schloss.
    Lange fand in dem Herzen des Grafen und seiner Gemahlin keine andere
Empfindung Raum, als eine zärtliche, wehmütige Freude über ihr erhöhtes Glück,
und besonders empfand die Gräfin eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Anblick
des neugebornen Kindes. Man berechnete, dass es nun schon einige Monate alt sein
müsse, weil die Briefe, die sein Dasein meldeten, lange zurückgehalten worden
waren, ehe sie ihre Bestimmung erreicht hatten.
    Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer
erneuerter Freude besprochen worden, dass die Seele gewissermassen befriedigt war,
und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes
gelesen, das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorfälle bei der Armee,
so weit dies zu wagen war, berichtete.
    Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der Begebenheiten,
an denen Evremont Anteil genommen hatte, bis seine Aufmerksamkeit von den
grossen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde, indem sein Sohn einen
Gegenstand berührte, der seine Phantasie in den Kreis seines bürgerlichen Lebens
zurückführte.
    Ich zog, so schrieb Evremont, an der Spitze meines Regiments durch ein
anmutiges Tal, das sich zwischen baumbewachsenen Hügeln hinschlängelte. Der
Himmel war über uns dunkelblau, wie ein unermesslicher Sapphir, ausgespannt, kaum
regten sich gelinde Lüfte. Nichts unterbrach die Stille der Natur, als das
sanfte Plätschern eines silberhellen Baches, der zwischen blühenden Ufern floss.
Mir schien es, als sei dies ruhige Tal von den Menschen vergessen und blühe
hier still für sich in ungekannter Schönheit, und es dünkte mir fremd und
seltsam, dass ich hier mit kriegerischem Getöse über den ruhigen Busen der Erde
zog. Meine Träumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den
Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen, den ein vielfaches Echo in den
Bergen wiederholte, und es schien mir, als liesse sich ein fernes Jammergeschrei
schwach unterscheiden. Da unter den jetzigen Umständen in diesem herrlichen
Lande Vorsicht die erste Tugend ist, die man sich aneignen muss, so zog auch ich
mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Tal, und ich hatte so sehr allen
Sinn für die noch eben empfundene Schönheit desselben verloren, dass ich eifrig
das Ende zu erreichen wünschte. Indes näherte ich mich an der Spitze meines
Regiments dem Platze, wo eben gekämpft worden war, indem wir um einen Hügel
bogen, hinter welchem sich das Tal etwas weiter ausbreitete, und der erste
Blick überzeugte mich, dass keine Gefahr zu überstehen sei, ob sich mir gleich
ein trauriger Anblick darbot.
    Es waren Reisende, die nur eine schwache Bedeckung hatten, von Guerillas
überfallen worden, und sollten eben geplündert und getödtet werden, als der
Anblick meiner überlegenen Macht diese bewog, sich eilig zurückzuziehen und die,
die sie sich zu Opfern ausersehen hatten, ihrem Schicksale zu überlassen.
    Als ich dem Orte näher kam, wo der Ueberfall Statt gefunden hatte, bemerkte
ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame, die ihre Hände krampfhaft
auf der Brust zusammengepresst hatte, und mit dem Ausdrucke höchster Angst und
des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich in dieser Dame diejenige wieder
erkannte, der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen, um die Bekanntschaft
eines rätselhaften Verwandten zu machen. Als ich mich überzeugt hatte, dass
keine Täuschung mich verblende, stieg ich vom Pferde und näherte mich der
Geängstigten. Ich fasste, indem ich Sie anredete, ihre Hand, um sie aus der
Erstarrung zu erwecken. Ein schöner Blick aus den dunkeln Augen traf mich bei
der Berührung, doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermassen zu beruhigen
und deutete mit der linken Hand, indem ich ihre Rechte hielt, auf einen
Gegenstand, den mir ein umgeworfener Wagen verbarg. Ich näherte mich und sah
denselben jungen Mann, den man in Madrid Don Fernando nannte, schwer verwundet
auf dem Rasen liegen. Er röchelte dumpf aus der verletzten Brust, und bei jedem
Atemzuge quoll von Neuem das Blut hervor, das den Rasen rings um ihn färbte.
Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder, ich weiss nicht, ob er mich kannte, aber er
wendete scheu den Blick von mir ab. Ich erkannte die Notwendigkeit
augenblicklicher Hülfe. Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen, und ich
führte die Dame hinweg, bat sie in einiger Entfernung zu ruhen während des
notwendigen Verbandes, und liess ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit.
Stillschweigend liess sie sich alle meine Anordnungen gefallen, und ich kehrte zu
dem Verwundeten zurück, um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein.
    Ein alter würdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht
geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheiratet, die mehrere
Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten. Diese nun folgte als
Marketenderin dem Regimente, und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug
erforderlich war, wurde sie herbei gerufen, um wo möglich damit auszuhelfen. Sie
erschien und schaffte bereitwillig herbei, was sie vermochte, und wollte nun
auch bei dem Verbande selbst Hülfe leisten. Als sie sich, um dies zu können, zu
dem Verwundeten niederbeugte, starrte sie diesen einen Augenblick an und rief
dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes: Jakob, Bruder Jakob, muss ich
Dich so wiedersehen? Der Verwundete richtete einen matten Blick auf die Gestalt,
deren kreischender Ton ihn erweckt hatte, und wendete dann mit unverkennbarem
Widerwillen sein Gesicht hinweg.
    Diese Bewegung des zum Tode Verwundeten liess die, die ihn als Bruder
erkannte, alle Gefahren vergessen, denen sein Leben Preis gegeben war, und sie
ergoss sich in Strömen von Scheltworten, worin sie ihm vorwarf, dass sein Hochmut
sie zu Grunde gerichtet habe, indem er ihre Schönheit immer benutzt habe, um
sich Wege zu bahnen, und dass nun ein um seinet Willen gänzlich verlornes Leben
nun sein schnöder Undank ihr so vergelte, dass er sie im letzten Augenblicke
seines Daseins nicht anerkennen wolle.
    Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar zu
leiden, und seine Augen suchten ängstlich einen Gegenstand, dessen Dasein er
offenbar fürchtete. Ich duldete diesen Erguss des Zornes nur so lange, als meine
Ueberraschung mich verstummen liess. Sobald ich mich davon erholt hatte, befahl
ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzuführen, und da im Kriege
auch eine Marketenderin gehorchen muss, so wurde meinem Befehle zur sichtbaren
Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet. Die hinweggeführte scheltende
Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient, und so war
sie von Niemandem als von mir und dem unglücklichen Bruder verstanden worden.
Indes hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt, die vor den
Guerillas die Flucht genommen hatte; auch einige Schäfer und Landleute hatten
sich eingefunden, denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren, die ihre Beute
beim Anblicke der überlegenen Macht verlassen hatten. Mit dem Verbande war man,
so gut es sich tun liess, zu Stande gekommen, und ich sah mich nun verlegen um,
weil ich nicht wusste, was ich mit dem Unglücklichen beginnen sollte. Ein alter
Schäfer trat zu mir, dessen weisses Haar und ehrwürdiges Gesicht jedes Misstrauen
zu widerlegen schienen, das in meiner Seele hätte aufsteigen können. Er riet
mir, den Verwundeten über einen der Berge tragen zu lassen, zu dem ein Fusspfad
hinaufführte, und er versicherte mir, wir würden in einer halben Stunde ein Dorf
erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen möglichen
Beistand finden. Er ist nicht wie Viele seines Gleichen, setzte der Greis mit
Bedeutung hinzu; wenn ein Leidender seiner Hülfe bedarf, so fragt er nicht, für
welche Sache er streitet. Ich verstand den Wink. Die Landleute bereiteten aus
Baumzweigen eine Bahre, um den Verwundeten zu tragen. Die Reisewagen waren
wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen
suchen, wozu sie, wie man versicherte, einige Stunden brauchen würden. Einen
Teil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit, andere sollten uns zu Fuss
begleiten, und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem
Orte voraus, wo ein Rasttag gehalten werden sollte.
    Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte, näherte ich mich dem Orte,
an dem ich die Dame verlassen hatte. Zwei Kammerfrauen, die sich hinter Hecken
während des Ueberfalls verborgen, hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr
Beistand zu leisten, denn in dem Schoss der einen ruhte das bleiche Haupt der
Gebieterin, von dem sich die glänzend schwarzen Locken und Flechten in
Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten, indes die andere ihr wohlriechende
Essenzen vorhielt. Als ich mich dieser Gruppe näherte, erhob sich die Dame mit
mehr Kraft, als ich ihr zugetraut hatte, und indem sie mir mit Anstrengung
entgegen wankte, fragte sie mit bleichen, bebenden Lippen: Lebt mein Gemahl? Da
ich so eben die unzweifelhafte Ueberzeugung bekommen hatte, dass der verwundete
junge Mann, wie Sie, mein teurer Vater, schon lange werden vermutet haben,
Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners, des alten Lorenz, so
verwirrte mich die Frage, und ich schwieg einen Augenblick. Die Dame wurde
sichtlich bleicher, und indem sie mit beiden Händen meinen Arm fasste und ihn
krampfhaft drückte, rief sie in höchster Angst: Sprechen Sie es aus, er lebt
nicht mehr, und, Gott! fuhr sie fort und richtete den Blick mit dem Ausdrucke
des tiefsten Schmerzes nach oben, o Gott! ich habe ihm nicht vergeben! Fassen
Sie sich, erwiederte ich und brachte so viel Ruhe als möglich in meine Stimme;
er lebt, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass sein Zustand mir nicht
gefahrlos scheint. Gelobt sei die heilige Mutter Gottes! rief sie und zog ihre
Hände zurück, die meinen Arm noch immer hielten. Ich teilte ihr nun mit, dass
der Verwundete über den nahen Berg getragen werde, um ein Kirchdorf eher zu
erreichen, und fragte sie, ob sie sich Kräfte genug zutraute, den Weg einer
halben Stunde zu Fuss mit mir zu machen, oder ob sie es vorzöge, das Dorf auf dem
Fahrwege zu erreichen und so etwas später einzutreffen. Sie wählte ohne Bedenken
das Erste und sagte, indem sie sich zitternd an meinen Arm lehnte, ihre Kräfte
seien völlig wieder hergestellt. Wir setzten uns sogleich in Bewegung, und auch
die Kammerjungfern schlossen sich uns an. Wir bemerkten bald, dass die jungen
Landleute, den Verwundeten tragend, sich schon den Berg hinaufbewegten, und wir
eilten, so sehr es die Kräfte meiner Begleiterin gestatteten, ihnen zu folgen.
    Mit einiger Beschwerde war der Weg bald zurückgelegt, und der würdige
Geistliche, den einige voraneilende Landleute schon von dem Unglück unterrichtet
hatten, kam uns am Eingange des Dorfes entgegen, und bot sein Haus und alles,
was er vermöge, den Reisenden freundlich an. Wir erreichten bald seine
bescheidene Wohnung, und ein altes Mütterchen, seine Haushälterin, empfing uns
in reinlicher Kleidung eben so freundlich als ihr Herr. Der Verwundete wurde
sogleich in ein kleines schon für ihn bereitetes Zimmer gebracht, und wie ein
Sterbender, bleich mit mattem Blick, fast bewegungslos, von der Bahre gehoben
und auf ein reinliches Lager gesenkt. Der erste nur flüchtig angelegte Verband
musste jetzt verbessert werden, und als der Unglückliche alle diese
unvermeidlichen Qualen überstanden hatte, irrten seine Blicke im Zimmer umher,
als ob er Jemanden suche, den er schmerzlich vermisse. Ich erriet ihn und eilte
seine Gemahlin aufzusuchen, die der Geistliche in ein anderes Zimmer geführt und
der Vorsorge der Haushälterin überlassen hatte, indes er selbst sich bemühte,
alles herbei zu schaffen, was zur Erleichterung des Kranken dienen konnte. Ich
fand die Dame mit ihren Kammerfrauen im eifrigen Gebet vor einem
Muttergottesbilde auf den Knieen liegen; sie erhob sich bei meinem Anblick, und
ihr grosses schwarzes Auge blickte mir ängstlich fragend entgegen. Ich fragte
sie, ob sie jetzt, da der Verband gehörig angelegt sei, ihren Gemahl besuchen
wolle. Sie nahm schweigend meinen Arm und ich führte sie an das Lager des
Kranken. Ein Strahl der Zärtlichkeit dämmerte auf im erloschenen Auge des
Verwundeten; kraftlos bemühte er sich die Hand zu erheben und sie der Gattin
entgegen zu strecken. Da löste sich die Starrheit ihrer Züge; die glänzenden
Augen wurden feucht, und Tränen träufelten wie Perlen über die bleichen Wangen;
sie senkte sich auf ein Knie neben das Lager des Leidenden, fasste mit ihren
beiden Händen dessen dargebotene Hand und presste sie mit leidenschaftlichem
Ausdruck an ihren Busen, indem sie rief: Ich vergebe Euch, Don Fernando, wie der
Himmel mir in meinen letzten Stunden vergeben möge. Ein schwaches, seltsames
Lächeln zuckte um den Mund ihres Gatten, indem die Dame fortfuhr: Ja, und ich
bete inbrünstig zu Gott und allen Heiligen, dass der Himmel Euch erhalten, und
die gnadenreiche Mutter Euch zum Heile und mir zum Trost Euern Sinn ändern möge.
    Da ich fühlte, dass jeder Zeuge den beiden Gatten lästig sein müsse, verliess
ich das Zimmer und führte den Wundarzt mit mir hinaus. Wir betraten beide den
kleinen Garten des Pfarrers, und ich fragte ihn, was er von dem Zustande des
Verwundeten halte? Er zuckte die Achseln und erwiederte: Er wird die Nacht nicht
überleben, und es wäre gut, wenn ihn der Pfarrer darauf vorbereitete, damit,
wenn er noch Verfügungen zu treffen hat, die kostbare Zeit nicht verloren geht.
Ich hörte mit Schrecken diese bestimmte kaltblütige Zusicherung eines Mannes,
dessen geübter Blick sich schwerlich täuschen konnte. Ich werde ihn mit keinem
Verbande mehr quälen, fügte er hinzu, denn es ist völlig unnütz; auch werde ich
ihm nicht untersagen zu sprechen, denn sein Schweigen könnte sein Leben
höchstens einige Stunden verlängern, die keinen Wert für ihn haben können, und
er hat vielleicht noch Anordnungen zu treffen, die sein Gewissen beruhigen oder
für seine Familie wertvoll sein können. Ob mich gleich die tiefe Ruhe empörte,
mit welcher der Wundarzt alles dies aussprach, so sah ich doch das Vernünftige
seines Verfahrens ein und kehrte zu dem Kranken zurück, bei dem ich seine Gattin
und den Pfarrer antraf. Es schien, als ob er mich mit Sehnsucht erwartet hätte,
denn er liess, so wie er mich erblickte, die Hand seiner Gattin los, die er auf
seine verletzte Brust gedrückt hielt, und gab durch Zeichen zu verstehen, dass er
mit mir allein zu sein wünsche. Der Pfarrer verliess mit der Dame das kleine
Gemach, und ich setzte mich neben das Lager des Leidenden hin. Es schien, als
suche er Kraft ein Gespräch zu beginnen, das ihm notwendig däuchte und ihm doch
in jedem Sinne quälend zu werden drohte. Ich suchte seinen Zustand zu
erleichtern, und indem mir die Worte des Wundarztes einfielen, begann ich das
Gespräch und sagte: Sie werden mich gewiss nicht für so roh halten und glauben,
dass ich Sie auch nur auf die entfernteste Weise beleidigen wolle, wenn ich
einige Fragen an Sie richte über einen Gegenstand, über den, wie es scheint, Sie
selbst sich mitzuteilen wünschen. Ich verbinde mit diesen Fragen keine andere
Absicht, als Sie das Sprechen so viel als möglich vermeiden zu lassen, denn Sie
brauchen meine Fragen nur durch Zeichen zu beantworten, und eben so wird ein
Zeichen mich davon belehren können, wenn Sie diese Erklärungen überhaupt zu
vermeiden wünschen. Erwartungsvoll richtete der junge Mann die dunkeln Augen auf
mich, und ich fuhr fort, indem ich meiner Stimme einen so sanften Ton gab, als
ich nur vermochte: Nicht wahr, Sie sind der Sohn des alten Lorenz, des
ehemaligen Kastellans des Grafen Hohental? Ein schmerzhaftes Gefühl machte die
blassen Lippen beben, aber der Verwundete gab ein bejahendes Zeichen. Und der
Baron, fragte ich weiter, dessen Namen Sie führen, ist bei Bayonne im Duell
geblieben, und Sie benutzten seine Papiere? Auch diese Frage wurde bejahend
beantwortet. Ich habe Ihre Schwester entfernt, fuhr ich fort, um der Dame, die
Ihre Gemahlin ist, unnützen Kummer zu ersparen, der durch eine rohe
Zudringlichkeit hätte veranlasst werden können. Ein dankbarer Blick belohnte mich
für diese Aufmerksamkeit. Haben Sie mir aber nichts für diese Schwester
aufzutragen? fragte ich weiter. Er deutete auf ein Kästchen, das auf einem
kleinen Tisch neben dem Bette stand. Ich öffnete es auf sein Verlangen; er
deutete auf eine schwere Börse voll Goldstücken. Wollen Sie, dass ich ihr diese
Summe einhändigen soll? Er bejahte auch dies. Ich nahm die Börse zu mir und
versprach diese Pflicht zu erfüllen. Und nun, sagte ich, wie soll ich es
beginnen, um meine Fragen so einzurichten, dass mir ein Zeichen andeuten kann,
was ich, um Ihre Wünsche zu erfüllen, für Ihre Gemahlin tun soll? Wie kann ich
dieser Pflicht genügen und Ihre Brust dabei schonen?
    Die Schonung ist unnütz, sagte er mit leiser Stimme, ich weiss, dass ich
sterben muss, und ich habe die wenigen Lebenskräfte, die mir noch bleiben, für
edlere Gegenstände bewahren wollen. Ich beobachtete durch dies Fenster Ihr
Gespräch mit dem Wundarzte, und ich sah es Ihren und seinen Mienen an, dass ich
sterben muss. Ich wollte Hoffnungen aussprechen, die ich selbst nicht hegte. Ein
Zeichen der Ungeduld legte mir Stillschweigen auf, und der Kranke fuhr mit
Anstrengung fort: Wenn ein Richter über den Sternen lebt, wenn der Gebrauch, den
wir hier von unserem Dasein machten, unsere Zukunft dort bestimmt, so wird das
Wesen, das wir anbeten, unsern wahren Wert wägen und nicht wie ein
Polizeioffiziant dieser armen Erde Untersuchungen anstellen, ob wir es gewagt
haben, einen andern als den uns zukommenden Namen zu führen, um ein solches
Vergehen zu bestrafen. Eine solche Furcht kann mich nicht beunruhigen,
gleichgültig erscheint mir der Unterschied der grossen und unbedeutenden Namen,
eine Kinderei, die bald für mich ganz geendigt sein wird; aber versprechen Sie
mir alle Vorsicht anzuwenden, damit meine Gemahlin nie über diesen Gegenstand
aufgeklärt werde. Sie hat mich sehr geliebt, mit höchster Leidenschaft, fuhr er
fort, aber doch nicht so sehr, dass der kastilianische Stolz die Neigung nicht
überwunden haben würde, wenn sie nicht überzeugt gewesen wäre, sich mit einem
der ältesten Freiherrn des römischen Reiches zu verbinden, und sie würde völlig
elend werden, wenn Sie ihr den unschädlichen Wahn rauben wollten. Er sah
verlangend nach mir auf. Ich reichte ihm die Hand und gelobte auch dies, und ich
glaube ich habe mir nichts dabei vorzuwerfen. Warum sollte ich das Herz einer
unschuldigen Frau durchbohren, um sie über einen Irrtum aufzuklären, der
Niemandem in der Welt Nachteil zuziehen kann. Ein unverkennbarer Ausdruck der
Dankbarkeit leuchtete matt in den verlöschenden Augen des Verwundeten. Nachdem
er wieder einige Kräfte gesammelt hatte, fuhr er fort: Auch ich habe diese Frau
auf's Innigste geliebt - eine schwache Röte färbte auf einen Augenblick die
bleichen Wangen - aber freilich sah ich auch dies Gefühl anders an, als die
heftige, leidenschaftliche Frau. Ich glaubte, für den geliebten Gegenstand sei
jedes Opfer ohne Ausnahme möglich, und hielt mich für berechtigt, alle zu
erwarten, die es in meinen Plänen liegen könnte zu fordern. Die Irrungen, die
hiedurch zwischen uns entstanden, straften mich für diese falsche Ansicht
schrecklich; doch auch dies ist vorbei. Mir bleibt noch eine Pflicht zu
erfüllen. Rufen Sie den Pfarrer und den Alkalden des Orts herbei, und setzen Sie
in ihrer Gegenwart spanisch und französisch eine Erklärung auf, dass alle
Wechselbriefe, die sich in meiner Chatoulle befinden, das unbestreitbare
Eigentum meiner Frau sind, ob sie gleich auf meinen Namen gestellt sind, und
ich werde die letzten Kräfte daran wenden, dies Blatt zu unterschreiben. Eilen
Sie aber, ehe es zu spät wird, und wenn ich todt bin, schaffen Sie meine Frau
sicher nach Frankreich hinüber.
    Die lange Rede hatte die Kräfte des Kranken erschöpft und mich erschreckte
sein schwaches Husten. Ich rief den Wundarzt eilig; doch ging der Anfall dies
Mal vorüber, ohne sein Leben zu endigen, und ich eilte den Alkalden
herbeizuschaffen, um der Frau, die bald Wittwe sein würde, wenigstens ihr
Eigentum nach dem Tode des Mannes zu sichern. Auch dies Geschäft wurde
rechtsgültig geendigt, und ich richtete den Kranken behutsam in meinen Armen
auf, damit seine zitternde Hand die Urkunde unterzeichnen könnte. Ganz erschöpft
lehnte er sich auf die Kissen zurück, nachdem er dies vollbracht hatte, und
sagte mir dann in deutscher Sprache: Da ich, um meine Frau zu heiraten, zur
katolischen Religion übergetreten bin, so wünsche ich noch zu beichten, damit
die Arme über mein Ende sich beruhigen kann. Ich teilte den Anwesenden seinen
Wunsch mit, der der Gattin des Kranken sehr zum Trost zu gereichen schien, und
wir liessen ihn mit dem Geistlichen allein, dessen liebevolle Ermahnungen selbst
auf diesen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, denn der
Ausdruck seines Gesichtes war milder, als wir auf sein Verlangen alle zu ihm
zurückkehrten. Er nahm von uns Abschied, erinnerte mich noch ein Mal an mein
Versprechen und blieb mit seiner Gattin allein.
    Die Unterredung zwischen beiden Gatten scheint eine leidenschaftlichere
Wendung genommen zu haben, als für den Zustand des Kranken heilsam war, denn sie
waren nicht lange allein, als ein durchdringender Schrei der Frau uns bewog nach
dem Krankenzimmer zu eilen. Als wir eintraten, bemerkten wir sogleich, dass nun
das Ende des jungen Mannes nicht mehr zu verzögern war. Seine Wunden hatten sich
geöffnet und das Blut quoll unaufhaltsam hervor; ein schwaches, röchelndes
Husten erneuerte immer wieder sein Strömen. Die Frau lag auf den Knieen neben
dem Bette des Sterbenden und klagte sich laut in den leidenschaftlichsten
Ausdrücken als die Mörderin desselben an.
    Der Wundarzt näherte sich ihr mit gutmütiger Rohheit, und sagte ihr kalt
und trocken: Sein Sie darüber ruhig; schon vor mehreren Stunden habe ich es dem
Herrn Obristen gesagt, dass Ihr Gemahl die Nacht nicht überleben könne und dass
jeder Versuch, sein Leben zu erhalten, vergeblich sein würde. So roh mir diese
Worte klangen, so schienen sie doch einen Trost für die Frau zu entalten, denn
sie wurde ruhiger, gefasster. Sie richtete einen mitleidigen Blick auf den
Sterbenden und faltete ihre Hände, um für seine Seele zu beten. Die Augen des
Verwundeten hatten Glanz und Licht verloren; matt griff seine Hand auf der
Bettdecke umher. Die Frau erriet ihn und fasste die suchende Hand. Ein tiefes
Röcheln folgte und das Leben, das er vielleicht nie würdig gebraucht hatte, war
dem Unglücklichen entflohen.
    Ich war in diesen Stunden so vielfach aufgeregt worden, dass ich meine
Pflicht für mein Regiment etwas aus den Augen verloren hatte, und jetzt, indem
ich mich darauf besann, wusste ich nicht, wie ich meine Versprechungen mit diesen
Pflichten vereinigen sollte. Ich empfahl die Wittwe dem Pfarrer, die ich zwar
betrübt, aber doch viel gefasster fand, als ich es erwartet hatte, und eilte nach
dem Sammelplatze meines Regiments, mit dem Versprechen, vielleicht noch diesen
Abend wiederzukehren.
    Als ich den Ort erreicht hatte, wo ein Rasttag gehalten werden sollte,
überraschte mich angenehm der Befehl, drei Tage hier zu verweilen, um ein
anderes Regiment zu erwarten, das sich mit dem meinigen vereinigen sollte. Ich
brauchte die Vorsicht, dem Manne der Marketenderin streng zu befehlen, seine
Frau nicht aus den Augen zu lassen, und ich fügte diesem Befehle die
Versicherung hinzu, dass die Folgsamkeit freigebig belohnt werden sollte.
    Hierauf kehrte ich beruhigter zu dem Pfarrer zurück, der schon alle
vorbereitenden Anstalten zu der Beerdigung zu treffen begann, die am folgenden
Tage Statt finden sollte. Das Glück war mir günstiger, als ich hoffen durfte,
denn wenige Stunden nach der Beerdigung zog ein französisches Regiment durch die
Gebirge, das nach Frankreich beordert war und dessen Obristen ich als einen sehr
achtbaren Mann kannte. Ihm durfte ich die Wittwe empfehlen, und ich war
überzeugt, dass sie unter seinem Schutze Frankreich sicher erreichen würde. Es
blieb mir nun nichts übrig, als sie mit der Notwendigkeit der baldigen Abreise
bekannt zu machen. Sie nahm meine Erklärung mit Ruhe auf und sagte, sie sei
bereit ihrem Schicksale zu folgen und ihr Vaterland auf immer zu verlassen, das
sie nie wieder wohlwollend aufnehmen würde. Sie bemerkte die Verwunderung,
welche diese Worte in mir erregten, und sagte: Ich bin Ihnen, Obrist, so viel
Dank schuldig, dass es mir eine Pflicht scheint, Ihnen manche Aufklärungen zu
geben, ohne die Sie vielleicht mein verletztes Gefühl nicht begreifen könnten
und das Unglück meines Lebens nicht einzusehen vermöchten. Sie haben es in
Madrid leicht bemerken können, fuhr sie fort, mit welcher Glut der Seele ich Don
Fernando liebte, denn ich war unabhängig und brauchte eine Neigung, die ich für
anständig und edel hielt, nicht zu verbergen. Noch heftiger, schien es, flammte
die Glut der Liebe in Don Fernandos Seele, und wir schlossen einen Bund, der,
wie ich hoffte, uns beide beglücken sollte. Sie wissen, dass ich der
französischen Partei aus der reinen Ueberzeugung ergeben war, dass nur durch sie
das Wohl meines Vaterlandes zu erreichen möglich sei. Auch diese Ansicht schien
Don Fernando zu teilen. Wir waren vereinigt, und wenige Wochen waren
hinreichend, um den Schleier vor meinen Augen zu zerreissen. Ich musste es bald
erkennen, dass ihn nicht ein hohes Interesse für die Fortschritte menschlicher
Veredlung nach Spanien geführt hatte, er scherzte über meine Begeisterung und
glaubte, da wir so innig verbunden waren, nicht mehr nötig zu haben, mir seine
wahre Ansicht zu verbergen. Sein Vorteil bestimmte ihn allein; er wollte bei
der Verwirrung, die die verschiedenen Parteien erregten, gewinnen; er wollte
steigen, und das allgemeine Unglück sollte ihm dazu helfen, die höchsten Stufen
der Ehre zu erreichen. Er hatte gehofft, dies durch französischen Einfluss zu
erlangen, doch wurde ihm dies zweifelhaft bei dem abwechselnden Glück, womit in
Spanien gekämpft wurde. Er suchte sich also der entgegengesetzten Partei
vorsichtig zu nähern, ohne es mit der französischen verderben zu wollen, und
hoffte so auf jeden Fall seinen Zweck zu erreichen.
    Abscheu und Verzweiflung erfüllten meine Seele, als ich diesen Charakter in
ihm erkannte, und dennoch gab es Stunden, wo die Täuschung zurückkehrte und das
Gefühl der Liebe von Neuem meine Brust belebte, wo mich der törichte Wahn
ergriff, ich könne dies Herz vielleicht läutern, diese Seele auf eine edlere
Bahn leiten; aber bald sollte für mich auch die letzte Täuschung verschwinden.
Einen Augenblick schwieg die schöne Kastilianerin, eine tiefe Röte glühte auf
ihren Wangen und die Flamme des Zornes brannte in den dunkeln Augen bei der
Erinnerung erlittener Schmach. Nach kurzem Schweigen fuhr sie mit unterdrückter
Bewegung fort: Nicht bloss mein Vermögen wollte er benutzen, um seine ehrgeizigen
Plane zu erreichen, sondern mich selbst. Ich sollte ihm dazu dienen, die
Machtaber aller Parteien zu fesseln, zu blenden - doch genug über meine
Erniedrigung, die jedes Band der Seele zwischen uns löste, ohne die Fesseln
zerreissen zu können, die mich unauflöslich an seine Person schmiedeten. Ich
glaubte nun, ich hätte den Kelch des Elends bis auf die Hefen geleert, aber zu
diesem im Herzen nagenden Unglück drängte sich noch ein Leiden von aussen herein.
Die Intriguen Don Fernandos waren nicht mit Feinheit geleitet, sie wurden von
allen Seiten durchschaut, und wir wurden bei der französischen Partei ein
Gegenstand der Verachtung. Der Hof war uns so gut als verboten, und mein Haus,
das Sie als den Sammelplatz der glänzendsten Gesellschaft gekannt haben, war
eine Einöde. Die Gegner der Franzosen betrachteten uns mit dem reinsten, ganz
unverhehlten Abscheu und wir wurden wie Verpestete gemieden. Unter solchen
Umständen fand ich es natürlich, dass Don Fernando Spanien verlassen wollte, und
ich weigerte mich nicht ihm nach Italien zu folgen, das er mir als künftigen
Aufentaltsort vorschlug. Er hatte sich gleich nach unserer Verbindung mit
liebender Zudringlichkeit der Verwaltung meines Vermögens bemächtigt, und in der
Stimmung, in der sich meine Seele nun befand, achtete ich zu wenig auf die Güter
des Lebens. Aber ein wahrhaftes Entsetzen ergriff mich, als ich nach unserer
Abreise aus Madrid durch ihn selbst erfuhr, dass er alle eingezogenen Gelder auf
seinen Namen hatte stellen lassen und dass ich also in eine Abhängigkeit von ihm
geraten war, die mich beinah zu seiner Sklavin machte. Er machte mich mit der
grössten Ruhe mit dieser Einrichtung bekannt und sagte lächelnd, er habe diese
Vorsicht beobachtet, damit die Grillen, die mein Herz von ihm entfernt hätten,
mich niemals bestimmen könnten, mich gänzlich von ihm zu trennen, und damit er,
wie es ihm seiner ruhigeren Vernunft wegen gebühre, Herr meines Schicksals
bleiben könne und meine leidenschaftliche Seele nie das seine zu bestimmen
vermöchte. Im Innersten empört machte ich ihm die bittersten Vorwürfe über diese
niedrige Art zu handeln, und es entschlüpfte meinen Lippen die Äusserung, dass
ich schon lange bemerkt habe, dass ich von ihm betrogen sei, dass ich an sein
grosses Vermögen in Deutschland nicht glaube, weil er so eifrig bemüht sei sich
das meinige anzueignen. Die Erfahrung meines Lebens, erwiederte er ruhig, hat
mich vorsichtig gemacht. Durch den Gemahl meiner Schwester, den Grafen
Hohental, wurde ich in früher Jugend aus einer ruhigen, sorglosen Lage
gedrängt, und er hat es zu verantworten, wenn dadurch ein Schatten auf meinen
Charakter fällt, dass ich nun vielleicht zu ängstlich jedes Besitztum, das mir
erreichbar wird, mir zu sichern strebe, denn durch seine Schuld habe ich früh
mit dem Missgeschick kämpfen müssen und in den Jahren der Jugend, die dem Genuss
hätten geweiht sein sollen, habe ich die Bitterkeit des Lebens erfahren.
    Es war mir höchst überraschend zu sehen, dass ein Mensch so sehr ein Lügner
gegen sich selbst werden kann, und es lag zugleich etwas Komisches darin, wie er
die Wahrheit, dass Sie, mein teurer Vater, einem Sie unverschämt beraubenden
Bedienten in seinem frechen Beginnen Einhalt taten, in seine Erfindungen
hinüber spielte, durch die er sich für Ihren nahen Verwandten ausgab. Mich
überwältigte der Eindruck des Komischen und ein unwillkührliches Lächeln zuckte
mir um die Lippen.
    Die Dame schwieg verwundert und beleidigt einen Augenblick, und eilte dann
sichtlich ihre Erzählung zu beendigen. Aehnliche Gespräche, sagte sie, hatten
wir oft auf der Reise, und nicht immer hielt ich die Ausbrüche meines Zornes
zurück, und eben hatte ich Don Fernando beteuert, dass ich ihm nie vergeben, und
fortan nur Hass und Abscheu gegen ihn empfinden würde, dass mein Fluch seine
Sterbestunde belasten solle, als wir überfallen wurden und nur durch Ihren
Beistand einem noch schrecklicheren Loose entrannen.
    Wir schwiegen nun beide verlegen. Endlich sagte die Dame mit etwas trockenem
Tone: Da ich vielleicht in meinem Vertrauen zu weitläuftig geworden bin, so
bitte ich Sie dies zu verzeihen und zugleich mir so viel Wohlwollen zu beweisen,
als zu einiger Erwiederung meines Vertrauens gehört. Sagen Sie mir aufrichtig,
fuhr sie lebhaft fort, was konnte Sie zum Lachen reizen, als ich erwähnte, wie
es Don Fernando rechtfertigen wollte, dass er auf eine so unwürdige Weise mich
gänzlich von sich abhängig gemacht hatte?
    Gewiss lachte ich nicht, sagte ich mit Verwirrung. Nun, worüber lächelten Sie
denn? fragte die Wittwe ungeduldig. Dass Ihr Gemahl Ihnen ein so gänzlich
falsches Bild von dem Grafen Hohental entworfen hat, sagte ich endlich, um nur
etwas zu sagen. Wie, Sie kennen den Grafen Hohental? rief sie höchst
verwundert. Die Gräfin ist meine Mutter, sagte ich in der Ueberraschung.
Erstaunt liess die Dame die Arme sinken und rief, indem sie mir starr in die
Augen blickte: So war ja Don Fernando Ihr Oheim? Ich lächelte und schwieg. Wie
kommt es dann, fuhr sie fort, dass Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid
geltend machten? Da ich in Frankreich erzogen wurde, so hatte ich keine
Gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen, und ich wollte mich erst überzeugen,
ob der nun Verstorbene dieselbe Person sei, für die ich ihn hielt, ehe ich mich
ihm zu erkennen gab. Sie erinnern sich aber vielleicht, dass eine Krankheit, die
ihn damals überfiel, mich meine Absicht verfehlen liess.
    Die Wittwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an. Sie fühlte die
Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich, indem sie die flache Hand auf
ihre Stirn legte: Ich will nicht weiter in Sie dringen; ich selbst habe Don
Fernandos Charakter so kennen gelernt, dass ich mir denken kann, wie seine
Verwandten Gründe haben konnten, sich von ihm zurückzuziehen. Wesshalb soll ich
noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntnis von Dingen, die
mir vielleicht besser verschwiegen bleiben. Als ich auf diese Bemerkung schwieg,
sagte sie nach einigen Augenblicken: Gönnen Sie mir den Vorzug, mich als Ihre
Verwandte zu betrachten, wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten. Da
meine Lebenspläne jetzt nur von mir allein abhängen, so habe ich nicht die
Absicht nach Italien zu gehen, wenigstens für jetzt nicht. Eine Verwandte, die
mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiederte,
lebt in Frankreich in der Nähe von Bordeaux, wohin sie dem Gemahl folgte. Zu ihr
will ich, und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen, und
mein Gewissen zu beruhigen suchen.
    Ihr Gewissen? fragte ich befremdet.
    Ja, mein Gewissen, erwiederte sie, denn ich quäle mich mit inneren
Vorwürfen, dass ich Don Fernandos Leben, wenn auch nur um Stunden, verkürzt habe.
Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz versöhntes, ihm völlig
vergebendes Herz zeigen, weil ich glaubte, dies sei, um sein Gewissen zu
beruhigen, notwendig. Er unterbrach mich aber, indem er mir sagte, ich möchte
erlauben, dass er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstände richtete,
denn es sei ein Irrtum von mir, wenn ich glaube, dass ich ihm so viel zu
verzeihen habe; wir wären auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene
Ansichten geleitet worden, und dies sei Alles. Ich vergass in diesem Augenblicke
die Nähe seines Todes. Der Schmerz über mein durch ihn zu Grunde gerichtetes
Leben überwältigte mich, und tief empört darüber, dass er nicht einmal eine
Ahnung von seinem grässlichen Unrecht zu haben schien, liess ich mich zu einer
Leidenschaftlichkeit verleiten, die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht
schonte, und der Strom meiner Vorwürfe wurde nur durch den Strom des Blutes
gehemmt, der aus seinen Wunden drang.
    Mein Bekannter, der Obrist, dessen Schutz ich die Wittwe empfohlen hatte,
unterbrach unsere Unterredung, indem er kam, unhöflich, daran zu erinnern, dass
er mit seinem Regimente aufbrechen müsse. Eilig war Alles zur Abreise geordnet,
und ich trennte mich nicht ohne Teilnahme von einer Frau, deren Lebensglück ein
Elender gewissenlos zertrümmert hatte.
    Auf dem Rückwege zu meinem Regimente drängte sich mir die Betrachtung auf,
wie falsch wir oft über die Menschen urteilen, wenn wir bei ihnen
Gewissensqualen über Handlungen voraussetzen, die wir als abscheulich erkennen.
Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen, von
dem seine Bekannten behaupteten, seine Handlungen würden in der Stunde seines
Todes schwer auf seiner Seele lasten. Die Unglücklichen erkennen ja ihr Unrecht
nicht; die Verblendung verlässt sie ja auch im letzten Augenblicke nicht. Sie
halten ihre Schlechtigkeit für Klugheit, ihre Harterzigkeit für Vernunft und
männlichen Charakter, den schnödesten Geiz für eine achtungswerte Sparsamkeit,
und haben so für jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit, unter dem die Sünde
recht mit Liebe gehegt wird. Würde denn nicht auch jeder Mensch eilen, ihn
schändende Makel von sich zu tun, wenn er sie als solche erkennte? Aber das ist
unsere unglückliche Verblendung, dass wir unsere schlimmsten Fehler für unsere
besten Tugenden halten.
    Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte, bemerkte ich, dass das
erwartete, welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte, schon eingetroffen
war, und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war, so wurde
beschlossen am andern Morgen aufzubrechen, und wir verliessen eine Gegend, die
mir gewissermassen merkwürdig geworden war. Erst nachdem einige Tagesmärsche
zurückgelegt waren, liess ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen. Das
Gesicht der Frau zeigte deutlich, wie übel sie mit mir zufrieden war, dass ich
sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage
erhalten hatte, und ich hatte Grund zu vermuten, dass er das Recht des Mannes
der Frau zu befehlen durch sehr ernstafte Mittel hatte müssen geltend machen,
ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte. Ich machte sie nun mit dem Tode ihres
Bruders bekannt und versüsste die Nachricht dadurch, dass ich ihr das ihr
bestimmte Erbe einhändigte. Die schwere mit Dublonen gefüllte Börse verfehlte
ihre Wirkung nicht. Sie trocknete die Tränen und sagte, es sei doch grausam von
mir, dass ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte, der doch in
seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe, und nun, da wir
schon so weit entfernt wären, könne sie nicht einmal den Trost haben, sein Grab
mit ihren Tränen zu benetzen. Ich entschuldigte mein Verfahren, so gut ich
vermochte, ohne ihr zu sagen, dass ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer
Zärtlichkeit hatte abhalten wollen, denn ich bin sehr überzeugt, dass der
sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist, ohne dem Pfarrer in
seiner letzten Beichte das demütige Bekenntnis abzulegen, dass er der Sohn des
alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei, und der gutmutige,
beschränkte alte Mann würde sich mit Gewissenszweifeln darüber gequält haben,
dass er einem so verhärteten Sünder die vollständige Absolution gewährt hatte und
ein christliches Begräbnis mit allem Prunke, den seine kleine Kirche bieten
konnte, wenn er diesen Umstand erfahren hätte. Die Schwester des Verstorbenen
nahm meine Entschuldigung kalt auf; der Unteroffizier, ihr Gatte, aber sagte
lächelnd: Ich habe Sie, mein Obrist, niemals hart gefunden; im Gegenteil, Ihre
Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an; wenn Sie also dies Mal für nötig
gefunden haben, eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu
zeigen, so müssen Sie dazu wichtige Gründe haben, die uns weiter nichts angehen.
So sehe ich die Sache an, und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen.
Was aber die Erbschaft anbetrifft, fuhr er fort, indem er die Börse aus den
Händen seiner Gattin nahm und sie wohlgefällig in seiner braunen Hand wiegte, so
gestehe ich, dass sie mich freut, denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu
Gute kommen. Ich habe die Ueberzeugung, fügte er hinzu, indem er die funkelnden
Augen auf mich richtete, dass Niemand im Regimente meinen Mut bezweifelt; ich
stand immer mit den Braven und würde es weit in der Armee gebracht haben, wenn
nicht die Armut meiner Eltern es ihnen unmöglich gemacht hätte, auch nur die
geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden. Jetzt habe ich die Mittel in
Händen meinen Sohn so gut unterrichten zu lassen, wie den Sohn eines Generals,
und wir können es noch erleben, sagte er freudig lächelnd, indem er seiner
Gattin derb auf die Schulter schlug, unsern Eugen als General kommandiren zu
sehen. Das denke ich, so oft ich ihn in seinem Korbe schreien höre, und mich
quälte nur die Sorge, woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte;
doch jetzt, Dank meinem verstorbenen Schwager, bin ich von dieser Unruhe
befreit. Nach diesen Worten führte der brave Soldat seine Gattin hinweg, und mir
traten bald so viele ernstafte Sorgen entgegen, die die Erinnerung an diese
Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängten, dass ich nur jetzt,
indem ich Ihnen schreibe, dieselbe wieder lebhaft in mein Gedächtnis zurückrufe.
    Evremont ging nun wieder zu den öffentlichen Begebenheiten über, die er
fortfuhr dem Grafen zu berichten, in wie weit er selbst eine handelnde Person
dabei war, bis zu dem Augenblicke, wo er Gelegenheit fand seine grossen Pakete
abzusenden.
 
                                       IX
Es war ein schöner, heiterer Frühlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwölf,
als der Graf Hohental in dem Pavillon seines Gartens sass und gedankenvoll
hinaus schaute. Wolkenleer glänzte das reine Blau des Himmels, die sommerlich
warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins. Die Bäume
wiegten teils noch schwellende Knospen, teils schon entfaltete Blüten an den
schlanken Zweigen, die Wohlgerüche der Kräuter und der frühen Blumen schwebten
in der Luft. Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geöffnet und ergötzten
duftlos durch ihre bescheidene Schönheit. Von den Höhen der Berge schauten die
Ueberreste alter Schlösser, die Zeichen entschwundener Macht, herab, an die
Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ernstaft mahnend, und die Lerche wirbelte
ihren heitern Gesang tröstend aus der reinen Höhe herab. Doch es schien nicht,
als ob der Graf den Reiz des erwachenden Frühlings beachtete. Die Stirn in die
flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt, schaute er
hinaus in das glänzende, tönende, blühende Leben, doch der wehmütige Zug des
Mundes, der ernste Blick der Augen zeigten, dass seine Seele sich mit trüben
Gegenständen beschäftigte.
    Die Gräfin war eingetreten, ohne von ihm bemerkt worden zu sein. Sie
betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlornen Gemahl, und ein leiser Seufzer
entrang sich der beklemmten Brust. Der Graf bemerkte sie und reichte ihr
liebevoll die Hand. Teilnehmend forschte die Gräfin nach der Ursache seines
tiefen, finstern Sinnes. Finster, antwortete der Graf, waren meine Gedanken wohl
nicht, aber ich gestehe, ernst und wehmütig. Ich muss es oft bedenken, fuhr er
fort, wie wir beglückt sind vor Millionen Menschen, wie viele tausend Augen sich
mit Neid auf uns richten mögen, und doch, wie wenige glückliche Stunden hat uns
dies Leben geboten? Schlägt nicht stündlich unser Herz in ängstigenden Sorgen?
Haben wir nicht immer gehofft, nun solle das Leben beginnen, und werde in der
nächsten Zukunft das wahre Glück eintreten, und mit diesem ängstlichen Hoffen
auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden, und wir
haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren. Wenn dies nun unser Loos ist,
wie beklagenswert muss das Geschick des Armen sein, der alle diese Pein duldet
und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei
schaffen muss, sich in der kläglichen Gegenwart zu erhalten.
    Die Tränen träufelten über die Wangen der Gräfin, indem sie sagte: Das
Geschick gewährt die guten Stunden wie ein Karger, den seine Gabe, nachdem er
sie kaum gegeben, gereut, und der sie dem Armen mit rauher Hand sogleich wieder
entreisst. Auch ich, setzte sie hinzu, betrachte mit Wehmut den Frühling, die
erwachende Natur. Wie vieles ist dahin, das nicht mehr erwachen wird, und ich
läugne nicht, der Gedanke an meinen Bruder erfüllt meine Seele mit Schmerz. Wie
oft habe ich in der Verhärtung meines Herzens gefürchtet, er möchte wiederkehren
und sein Anblick würde mich verletzen - und der war schon Staub, dessen Dasein
ich fürchtete. Ach! wie gering ist die Tugend des Menschen! Können wir doch
immer nur wahrhaft vergeben, was uns nicht tief und wahrhaft verletzte; aber die
ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht! Der
gemeine Rachsüchtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo möglich noch
mehr Böses zuzufügen, als er durch ihn erlitten hat. Wir verzeihen mit dem
Munde, wir tun, wenn wir können, unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in
der Grossmut unserer Gefühle, ohne wahrhaft zu vergeben; denn nie wird uns der,
von dem wir uns tief verletzt fühlten, wieder das sein können, was er uns vor
der Beleidigung war, und wir bereuen unsere Härte nur dann, wenn der Gegenstand
derselben Staub ist.
    Ich glaube, wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen, sagte der
Graf mild tröstend. Wir haben ihm unsern Umgang versagt, den er unfehlbar zu
nicht löblichen Zwecken würde missbraucht haben, und unsere Liebe, die doch der
nur fordern kann, dessen Herz fähig ist, sie zu empfinden. Was mich aber heute
besonders in trübes Sinnen versenkte, fuhr er fort, ist die Nachricht, die
dieser Brief mir brachte, dass unser alter Freund, der Obrist Talheim, sein
Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat. Er reichte nach diesen
Worten der Gräfin den Brief. Sie las mit inniger Teilnahme, wie sanft der Greis
zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war, und wie er ihr
und dem Grafen seinen väterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe,
und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern liess, von der er die
zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte, dass sie über das Grab hinüber
reichen würde.
    Möge unser Ende so sanft sein, sagte die Gräfin, indem sie, die Tränen
trocknend, ihrem Gemahle das Blatt zurückreichte. Mögen wir einst, wie er, unser
Leben in den Armen unserer Kinder beschliessen. Der Graf wendete sich ab, um sein
kummervolles Gesicht zu verbergen. Beide Gatten schwiegen; Keiner wollte die
Sorgen aussprechen, die sein Herz zernagten, denn Keiner wollte den Kummer in
der Brust des Andern erwecken. Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren
abermals Monate verflossen. Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen, und
kein Wort seiner Hand hatte die ängstlichen Eltern über sein Geschick beruhigt,
und nun strömte die grosse französische Armee in furchtbaren Massen über den
Rhein, einem Feinde entgegen, den in seinem eigenen Lande zu bekämpfen, den
Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abenteuerlich vermessenes Unternehmen
gedünkt haben würde; und alle die Tausende, die vorüber zogen, ahneten nicht,
wie sehnsüchtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten. Niemand brachte Kunde
von dem geliebten Sohne.
    Das trübe Sinnen der bekümmerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das
Rasseln eines Reisewagens unterbrochen, der eilig vorüber flog und ihren Blicken
bald entzogen wurde durch eine Beugung, die die Strasse hinter dem Garten des
Grafen machte. Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten, wurde
aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen. Der Graf und
seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den Blick auf einen Baumgang,
der zu dem Pavillon führte, in dem sich Beide befanden. Eine junge Frau flog mit
leichten Schritten durch diesen Baumgang; der Wind spielte mit dem
zurückgeworfenen Schleier, so dass das leichte Gewebe in den Lüften flatterte. In
der Ferne zeigten sich noch andere Personen, die sich mit langsamen Schritten
näherten. Ehe noch der Graf oder die Gräfin eine Vermutung über die
Herbeieilende äusserten, lag diese schon mit schlagendem Herzen, mit glühenden
Wangen und seligen Tränen in den Armen der Gräfin. Emilie! stammelte diese in
der Ueberraschung des Entzückens und sank aus Freude entkräftet auf einen
Sessel, als die junge Frau sich aus ihren Armen riss, um den Grafen mit demselben
zärtlichen Ungestüm zu umschlingen. Indes hatten sich auch die übrigen Personen
genähert und Emilie verliess schnell den Grafen, nahm aus den Armen der Wärterin
ein schlafendes Kind und legte es in den Schoss der Gräfin, indes sie selbst vor
ihr nieder kniete. Mit bebenden Händen erhob die Gräfin das schöne, wie ein
schlummernder Engel ruhende Kind und drückte zärtlich leise ihre Lippen auf den
rosigen Mund, auf des Knäbleins unschuldige Stirn, indes ihr unbewusst die
heiligen Tropfen entzückender Rührung niedertauten. Der Graf entriss mit einer
Bewegung ungestümer Liebe seiner Gemahlin das Kind, hob es in seinen Armen empor
und überliess sich ohne Rückhalt dem Gefühle der höchsten Freude. Ach! wie so
reich an seligen Genüssen dünkte in diesem Augenblick denen das Leben, die noch
vor wenigen Minuten die dürftigen Freuden kurzer Stunden beklagten.
    Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht
melodischen Tönen seine klagende Stimme. Zwei Personen drängten sich hinzu, um
es aus den Armen des Grafen zu empfangen, die Wärterin und der alte vor Freude
zitternde Dübois. Dem Letztern gelang es, sich des Kindes zu bemächtigen, indem
er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei
Seite setzte, die er seine Herrschaft nannte und von denen er wie ein Glied der
Familie betrachtet wurde. Es ist mein Recht, sagte er, indem er die Wärterin
wegdrängte; es ist der vierte Graf Evremont, dem ich dienen werde, und der
dritte, den ich in meinen Armen halte. Er entfernte sich etwas mit dem Kinde,
indem er Segen und Gebete über dasselbe sprach, und überliess es nur dann erst
der Wärterin, als die immer stärker sich erhebenden Klagetöne desselben ihm die
Notwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen. Indes war eine Frau zur Gräfin
getreten, die, indem sie den Schleier zurückschlug, in Tränen lächelnd sagte:
Seid Ihr denn im Glücke so selbstsüchtig geworden, dass Ihr ausser Euch Niemanden
bemerkt? Adele! rief die Gräfin und presste die schwesterliche Freundin an ihre
Brust.
    Als der erste Sturm des Entzückens vorüber war, heftete die Gräfin einen
ängstlichen Blick auf Emilie, indem sie halb leise fragte: Und Adolph? Er kömmt,
jauchzte Emilie. Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend, morgen wird er
hier sein!
    Der Taumel der Freude legte sich endlich, und als man einige Stunden
beisammen gewesen war, hatte man sich so weit verständigt, dass die Eltern nun
wussten, das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Russland, er habe
Emilien die Bitte abgeschlagen, ihm in diese unwirtbaren Länder zu folgen, und
bestimmt, dass sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle, und
auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen, weil
sie hoffte, das Leid der neuen Trennung und die damit verknüpften Sorgen
leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen.
    Ein leichter Schatten trübte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem
Gedanken, dass Evremont dazu bestimmt war, an einem Kampf Anteil zu nehmen, den
man sich nicht anders als höchst gefahrvoll denken konnte. Indes die Gegenwart
war zu schön, und sie trug mit ihrem Glück und ihrer Freude den Sieg davon über
die bangen Sorgen für die Zukunft, die sich eindrängen wollten.
    Der nächste Tag erschien und mit ihm, um das Maass des Glücks zu füllen,
Evremont. Wie ganz anders leuchtete dem Grafen der Frühling nun entgegen, dessen
Pracht er am vorigen Morgen kaum beachtet hatte, als er am Arme des geliebten
Sohnes unter seinen Blütenbäumen wandelte. Mit väterlichem Stolz bemerkte er
die Veränderung, die mit Evremont seit ihrer letzten Trennung vorgegangen war.
Sein Körper hatte sich männlicher ausgebildet, die Stimme tönte etwas tiefer aus
der schön gewölbten Brust, die Augen waren befehlender geworden, die Wangen
gebräunter und etwas magerer, indes alle Anmut der Jugend und die liebevollste
Zärtlichkeit um den edel geformten Mund schwebte, dessen rote Lippen im
herzgewinnenden Lächeln die schönsten Zähne entblössten.
    Zwei kurze Tage des Glücks waren den Freunden gegönnt. Nie hatte der Graf
seine leidenschaftliche Zärtlichkeit für Evremont so ohne Rückhalt gezeigt, als
in diesen beiden Tagen, und es war ein rührender Anblick, wie innig der junge
Krieger die Liebe erwiederte und mit kindlicher Unterwürfigkeit vereinigte.
Endlich führte der Morgen des dritten Tages den Schmerz der Trennung herbei. Der
Graf, der sonst immer zur Fassung ermahnt hatte, war dies Mal ohne Fassung. Er
führte den Sohn in den Garten hinaus, und dort mit ihm allein, drückte er ihn
lange und schmerzlich an die Brust. Mein Sohn, sagte er endlich mit vor Angst
unterdrückter Stimme, mein teurer Sohn, ich fürchte, wir sehen uns nicht
wieder.
    Mein Vater, rief der Sohn erschreckt, Gort wird Sie uns erhalten; Ihr Alter
ist noch nicht so weit vorgerückt, Sie sind gesund. O! um Gottes Willen,
erwecken Sie mir solche Angst nicht; Sie sind ein Segen ihrer Umgebung, und der
Himmel wird Sie zum Wohle der Menschen erhalten.
    Der Graf widersprach ihm nicht. Er wollte ihm nicht sagen, dass er an seinen
Tod nicht gedacht hatte und dass ihn diese Vorstellung auch nicht mit solcher
Angst erfüllen würde. Er lehnte schweigend die Stirn an des Sohnes Heldenbrust
und überliess sich ohne Rückhalt seinem Schmerz, der sich in heissen Tränen
ausströmte.
    O mein Vater! sagte Evremont, indem er mit inniger Liebe den Grafen
umschlang und sich dann vor ihm auf ein Knie senkte, geben Sie mir Ihren Segen
auf den Pfad mit, den ich nun wandeln muss, denn ich fürchte, er wird rauh und
dornenvoll sein. Der Graf legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mannes,
indes seine betenden Lippen und sein nach oben gerichteter Blick den schönsten
Segen des Himmels für dies teure Haupt erflehten; dann küsste er mit langem
Drucke Evremonts Stirn und riss den bis zu Tränen bewegten Krieger heftig empor.
Lass uns wie Männer scheiden, sagte er dann entschlossen, und nicht mit unserm
Jammer Deine Mutter tödten.
    Als der Graf und Evremont zu der Familie zurückkehrten, wurde dem letztern
gemeldet, dass Alles zum Aufbruch bereit sei. Die schmerzliche Trennung war nicht
mehr zu verschieben. Mit tiefbewegter Seele zog Evremont an der Spitze seines
Regimentes hinweg, und in Tränen aufgelöst blieb seine trostlose Familie
zurück.
    Wie schwere, dunkle Wolken das Blau des Himmels bedecken und die leuchtende
Sonne verhüllen, so lastet der Schmerz auf der Seele des Menschen; aber wenn die
dunkeln Wolken ihre Wasser ergossen haben, wenn ein frischer Wind die Nebel
zerstreut, dann freut sich die Erde von Neuem der goldnen Sonne und das reine
Blau des Himmels erglänzt von Neuem. In Tränen löst der Mensch seinen Schmerz
auf, notwendige Tätigkeit zerstreut den Nebel des Kummers, und wir erstaunen
oft selbst, dass unsere Schmerzen sich lindern und Hoffnung von Neuem uns
tröstend entgegen lächeln kann, und wir müssen uns dann gestehen, wandelbar sind
alle Gefühle der menschlichen Brust.
    Diese Bemerkungen teilten sich einander die Glieder der Familie des Grafen
mit, als der leidenschaftliche Schmerz der Trennung nach einigen Tagen schwieg
und die Hoffnung leise tröstend in alle Herzen schlich.
    Die Frauen beschäftigten sich fast ausschliessend mit dem Kinde, und es wurde
auf die Nahrung, Kleidung und Gesundheit des Kleinen eine Sorgfalt gewendet, die
er gar nicht zu schätzen verstand. Das erste Aufdämmern von Gedanken, von
Besinnung erregte in seinen Angehörigen Entzücken. Der Graf lächelte über dies
Treiben, und doch konnte man bemerken, dass er oft zu dem Kinde schlich und
versuchte, ob es ihn noch nicht erkenne. Oft küsste er die dunkeln Augen und die
rosigen Lippen dieses kleinen Abdrucks seines Vaters und eilte, die Rührung zu
verbergen, die ihn zu bewältigen drohte. Dübois versicherte, dass der kleine Graf
ihn schon verstände; dies sei auch natürlich, da er nur französisch mit ihm
rede, und er zweifle gar nicht, dass dies auch die erste Sprache sein würde, die
der junge Herr sprechen würde.
    Noch hatte die Familie die grössten Leiden nicht erfahren, die der Schoss der
dunkeln Zukunft für sie in sich hegte. Evremont erfüllte sein Wort. Er gab
regelmässig Nachricht und man folgte ihm in Gedanken über den Niemen. Nach jedem
bei dem weiteren Vordringen bestandenen Gefechte stiegen die innigsten
Dankgebete zum Himmel empor, denn glücklich hatte der junge Held sie alle
bestanden und nicht einmal eine leichte Verwundung erschwerte ihm die
Mühseligkeiten des Kampfes. In dieser Abwechslung von Freude, die jeder Brief
erregte, und von Angst, wenn man bedachte, was alles vorgefallen sein könnte,
seit er geschrieben, war der Sommer entschwunden, und der Herbst, so reizend in
der Gegend, wo der Graf lebte, erhöhte die Beschwerden dort, wo sein Sohn
kämpfte, für eine Sache, der der Vater nach seinen Ansichten keinen glücklichen
Fortgang wünschen durfte, und während doch auch der Gedanke an das Misslingen des
überkühnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfüllen musste. Es
lastete also zwiefach drückend die Sorge, welche Wendung wohl dieser Krieg
nehmen werde, auf seiner Seele. Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf
Sieger, so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands
verschwunden, und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet, welch Schicksal
teilte dann sein Sohn?
    Diese Gedanken, die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der
Anblick des heiteren, schönen, sich schnell entwickelnden Kindes nicht
zerstreuen konnte, raubten ihm die milde, gleichmässige Stimmung, die sonst in
jedem Kummer ihn zur Stütze und zum Troste seiner Familie machte, und er war
viel allein, um nicht durch seinen Trübsinn den Kummer der Andern zu erhöhen.
    Jetzt erfuhr man durch die Zeitung, dass eine grosse, furchtbare Schlacht bei
Borodino geschlagen war, worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren
Folge Moskau in ihre Hände fallen musste. Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese
Nachricht in dem Grafen. War dann auch Russland verloren? Und was war in dieser
entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden? Denn von ihm trafen keine
Nachrichten ein.
    Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die geängstigten Herzen
erquicken. Ein Courier, der nach Paris eilte, ein Bekannter Evremonts, erfüllte
sein dem Freunde gegebenes Versprechen. Er machte einen unbedeutenden Umweg und
stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab, um den bekümmerten Eltern ein Paket
von der Hand des geliebten Sohnes zu übergeben und zu versichern, dass er ihn
gesund verlassen habe, ob dies gleich beinah ein Wunder zu nennen sei, weil er
sich rücksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe.
    In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen, den die neuesten
Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten. Sie waren ernst, und kein Strahl der
jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin, womit er sonst von überstandenen
Gefahren sprach. Nach der Erwähnung des Kampfes bei Borodino sagte er: Ich habe
viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wüten
sehen, aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergiessens gewesen, und
ob wir gleich Sieger sind, so glaube ich doch, dass, wenn wir noch öfter ähnliche
Schlachten erleben sollten, selbst das grosse Genie des Kaisers nicht hinreichen
würde, um Mittel aufzufinden, bei so grossen Opfern, wie solche Siege sie
erfordern, nicht unterzugehen.
    In mir, fuhr er fort, wurden während der Schlacht und nach dem Kampfe, ausser
der Teilnahme an dem allgemeinen Leiden, noch Empfindungen erregt, die einen so
tiefen Eindruck auf mein Gemüt gemacht haben, dass ich mich seitdem ernster
fühle und dass es mir wenigstens jetzt noch scheint, als ob die Heiterkeit der
Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei. Der Kampf hatte
schon einige Stunden gewährt, die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen
nieder. Ein Regiment in der Nähe des meinigen war beinah vernichtet, als es den
Befehl erhielt, sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anführung
weiter zu kämpfen. Der einzige übrig gebliebene Offizier führte mir den
schwachen Rest seiner Mannschaft zu, und indem er sich mir näherte, um meine
Befehle zu vernehmen, und ich, indem ich sie ihm geben wollte, ihn anblickte,
erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick, er vielleicht aus
Schrecken, wie er mich erblickte, ich aus Abscheu und Entsetzen, denn es war
Lamberti, der in Gemeinschaft mit seinen Brüdern mich hatte ermorden wollen, mit
denen er mich wahrscheinlich in der Ueberzeugung verlassen hatte, dass ich
wirklich todt sei, als Ihre Menschenliebe, mein teurer Vater, den schwach
glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte, wie Sie mich, nachdem
Jene entflohen, im Walde in Schlesien fanden. Wir starrten uns beide einige
Augenblicke schweigend an. Endlich fasste ich mich und sagte ihm: Wir haben uns
vielleicht über die Vergangenheit gegen einander zu erklären, doch ist dazu
jetzt nicht der Augenblick; Sie sind mir zugeordnet und wir bekämpfen heute in
Eintracht den gemeinschaftlichen Feind. Er beugte sich ohne weitere Antwort und
vernahm eben so stumm meine Befehle, die ich kaum noch Zeit zu erteilen hatte,
als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden.
Wir stürmten von Neuem auf die Feinde, und ich hatte Gelegenheit zu bemerken,
wie dieser Lamberti mit Löwenkühnheit allen Gefahren Trotz bot, und ich musste
wenigstens den unbeugsamen Mut eines Menschen bewundern, den ich sonst alle
Ursache hatte zu verabscheuen. Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn
aus den Augen verloren und ich musste ihn für todt oder verwundet halten, und
konnte, da der Kampf bis zum Abend fortwütete, nicht weiter an ihn denken.
Endlich endigte die Nacht das mörderische Gefecht; die Russen zogen sich zurück
und wir blieben Herren des blutigen Feldes. Nach einer kurzen Erholung, als kaum
der Morgen dämmerte, führten mich Dienstgeschäfte nach der Gegend des
Schlachtfeldes zurück. Meine entsetzten Augen suchten den grässlichen Anblick zu
vermeiden, ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwärts, wir wollten ein
kleines Gebüsch umreiten, als ein Ton unser Ohr traf, der uns alle zugleich
erbeben machte. Es war ein menschliches Geheul; aber wenn das Wehklagen der
Verwundeten, die nicht alle zugleich versorgt werden konnten, schon
herzzerreissend war, so drückte sich in diesem Tone eine so grässliche
Verzweiflung aus, dass sich die Haare unseres Hauptes empor sträubten. Nach
kurzem Besinnen näherten wir uns dem Orte, woher die Töne kamen, und fanden im
Gebüsch Lamberti so grässlich verstümmelt, dass mein Herz erkranken würde, wenn
ich es beschreiben wollte. Gott weiss, dass bei diesem entsetzlichen Anblick jedes
andere Gefühl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand. Ich näherte mich
dem Unglücklichen, und wollte ihm Trost und Hülfe bringen. Mit wahnsinniger
Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief: Kommst Du Dich daran zu
weiden, dass ich verdammt bin? Ja wisse es, schon Einer ist zum Abgrunde der
ewigen Qual hinunter gefahren, zur Strafe, dass wir Dir Dein armseliges Leben
rauben wollten. Mein Bruder starb ohne Vergebung der Sünden und ist ewig
verloren, und auch ich muss so schrecklich büssen. Unglücklicher, ich vergebe Dir
von ganzem Herzen, sagte ich auf's Heftigste bewegt. Mir hilft Deine Vergebung
nicht, rief er in höchster Verzweiflung, Du hast kein Recht mir meine Sünden zu
vergeben; ich habe nicht meine Missetat gebeichtet, mir fehlt die Absolution
des Priesters. Meine Kraft strömt aus allen meinen Wunden, und der Trost der
Kirche lindert nicht meine Qual. Ich atme das Leben aus und die Seele fährt zum
Abgrunde hernieder!
    Ich fühlte wohl, dass es vergeblich sein würde, ihm in seinen letzten
Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen, als die
ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten. Wie die meisten Italiener war
er fest überzeugt, dass er ohne Vergebung der Sünden durch den Mund eines
Priesters ewig verloren sei. Ich erinnerte mich, dass ich einen polnischen
Geistlichen bemerkt hatte, der französisch redete und die fromme Pflicht
ausübte, den Sterbenden Trost zuzusprechen. Ich bat den mit Verzweiflung
Ringenden sein Gemüt zu beruhigen, weil ich mich bemühen wolle, ihm geistlichen
Trost zu verschaffen, und liess einige meiner Begleiter bei ihm, denn sein
Zustand war so schrecklich, dass ihn Niemand aufheben, ja dass man ihn kaum
berühren konnte, und er muss eine ungewöhnliche Lebenskraft besessen haben, dass
er nicht schon geendet hatte, ehe wir ihn fanden. Ich war glücklich genug den
Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen, wo Lamberti lag, und ich
führte ihn von einem Todten hinweg, dessen letzte Augenblicke er erleichtert
hatte, zu einem Sterbenden, dessen Seele schwarze Taten belasteten. Als
Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte, milderte sich der
Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zügen; der fromme Vater aber schauderte, als
er den verstümmelten Krieger erblickte. Ich entfernte mich mit meinen Begleitern
so weit, dass Lamberti, ohne von uns gehört zu werden, seine Beichte ablegen
konnte, die der Geistliche selbst abkürzte, denn es war deutlich, dass sein Ende
nahe war. Ich sah aus der Ferne, wie er dem Sterbenden Absolution und Segen
erteilte, worauf er sich dem Orte näherte, wo ich ihn erwartete. Tränen
glänzten in den Augen des Geistlichen, als er mir sagte: Kommen Sie und sprechen
Sie es jetzt aus, dass Sie dem Unglücklichen den beabsichtigten Mord vergeben,
damit seine Seele in Frieden scheiden möge. Ich zögerte nicht und wurde von
Wehmut überwältigt, als ich in den nun ruhigen Zügen des bleichen Gesichtes den
Ausdruck wiedererkannte, der früher mein Herz zur Liebe bewegt hatte. Alle
niederen Leidenschaften waren nun geschwunden. Vergib mir jetzt, Adolph, sagte
er mit demselben weichen Tone der Stimme, der früher mein Herz traf, und füge
Deine Verzeihung der Vergebung der Sünden hinzu, womit Christi Stellvertreter
mein Herz erleichtert hat. Du bist gesund und glücklich, und sieh, ich bin hart
gestraft für den versuchten Mord. Die letzten Worte sprach er schon mit
schwindender, dahinsterbender Stimme. Antonio! rief ich mit dem wahrsten Gefühl,
ich vergebe Dir von ganzem Herzen. O! möchtest Du leben, dass ich Dich davon
überzeugen könnte. Ein mattes Lächeln schwebte um den blassen Mund. Er versuchte
es vergeblich die Hand zu mir zu erheben, ein dumpfes Röcheln tönte aus der
schwer atmenden Brust, ein leichtes Zucken überflog das Gesicht, und das Dasein
des Unglücklichen war geendigt. Als er gestorben war, liess ich den Leichnam
aufheben, um ihn zu beerdigen, wobei der Priester, so weit es sich auf der
Stelle tun liess, alle frommen Gebräuche beobachtete. Nachdem auch diese Pflicht
erfüllt war, fragte ich den Geistlichen, ob ihm Lamberti nicht die Ursache
vertraut hätte, wesshalb er und seine Brüder mir nach dem Leben getrachtet
hätten, zu einer Zeit, wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen. Der gute
Vater sagte mir, dass er alle näheren Erörterungen vermieden habe, um den
Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche stärken zu können, weil er es erkannt
habe, dass das Leben des Sünders nur noch wenige Minuten währen konnte. Ich musste
mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren, was
Menschen, die mir so oft die zärtlichste Freundschaft schwuren, bestimmen
konnte, so grausam und treulos gegen mich zu verfahren. Es ist gewiss, dass der
Anblick eines Schlachtfeldes, wo der Tod eben so furchtbar gewütet hat, uns das
Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen lässt, und wir würden uns
selbst als engherzig und kleinlich verachten müssen, wenn in solchen
Augenblicken Beleidigungen, die wir erfahren haben, Verrat, der an uns geübt
wurde, uns so wichtig erschiene, wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen
Häusern; und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung, die die
aufrichtigste Versöhnung mit dem sterbenden Lamberti aussprach, und doch fühle
ich nun bestimmt, da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens
mich nur noch in der Erinnerung bewegt, dass ich ihm mit dem besten Willen nicht
Wort halten könnte und alles, was ich, lebte er noch, für ihn tun möchte, würde
doch gewissermassen Heuchelei sein, denn das Zutrauen, die Liebe und Achtung
gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet, so dass auch die wahrste Reue
sie nicht wieder in mir zu wecken vermöchte. Diese Betrachtungen sind
niederschlagend, denn sie belehren mich, dass die edelsten Empfindungen eben so
flüchtig durch unsere Brust ziehen, wie die engherzigen, selbstsüchtigen, und
dass der Mensch einer grossmütigen Erhebung über alle seine Schwächen nur in
einzelnen Augenblicken fähig ist.
    Noch viele ähnliche Betrachtungen entielten Evremonts Briefe, die von einer
ernsten Stimmung seiner Seele zeugten, und die Worte der Liebe, die er sonst
voll freudiger Hoffnung aussprach, klangen dies Mal wehmütig, so dass dieses
Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trübe Stimmung
versetzte, die in demselben Masse zunahm, als sich die Zeit ausdehnte, in der sie
ohne alle Nachricht blieben. Moskau war in Napoleons Hände gefallen, ohne dass
eine Sylbe von Evremont seine Freunde über sein ferneres Schicksal beruhigt
hätte. Eine drückende Schwüle lag auf allen Gemütern, während Napoleon in der
alten Hauptstadt Russlands weilte. Endlich ward ein Rückzug angetreten, den so
schauderhaftes Elend begleitete, dass die Herzen derer erbebten, die die
unermesslichen Leiden in der Ferne vernahmen, durch die ein so grosses Heer
vernichtet wurde.
    Jetzt erfuhr die Gräfin, dass es noch neue Qualen für sie gab, deren
furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt
hatte. Sie wagte nicht zu hoffen, dass der schrecklichste Tod, der so viele
Tausende dahin gerafft, ein ihr so teures Haupt verschont haben würde. Die
Angst presste ihr Herz zusammen, und dennoch wagte sie nicht die Qual
auszusprechen, die sie erlitt, denn es schien ihrer peinlich gereizten
Phantasie, sie könne den Sohn dadurch tödten, wenn sie nur die Möglichkeit
seines Todes ausspräche. Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Träume lebend, und
ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zurück, den ihr solche Träume boten.
Das bleiche, starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz
auf die verzweifelnde Mutter, und die von dem Elend verwüstete Gestalt erschien
ihr in einer schmählichen Erniedrigung, die dem Zustande des jungen Werteim und
seines Freundes glich, wie ihn der Graf beschrieben hatte, als sie dem Tode nahe
von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden. Auch der Graf
versank in düstre Schwermut. Alle Versuche, Nachrichten über Evremont
einzuziehen, waren vergeblich gewesen, und die Furcht, dass das blühende Leben
des geliebten Sohnes unter dem rauhen Himmel Russlands erloschen sei, wurde
beinah Gewissheit in seiner Seele. Aber auch er schwieg über seinen Gram, er
wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin tödten.
Doch oftmals verschleierten Tränen sein Auge, die er nicht unterdrücken konnte,
wenn er den kleinen Adalbert, Evremonts Sohn, auf seinen Knieen hielt, und aus
dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte, und
rosenrote Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lächeln die milchweissen Zähnchen
entblössten.
    So tief bekümmert Emilie auch war, so genoss sie dennoch das schöne Vorrecht
der Jugend, lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens. Oft zwar benetzte
sie mit heissströmenden Tränen das liebliche Kind, das dann mit ihr zu weinen
begann, ohne ihren Kummer begreifen zu können; aber öfter noch sprach sie dem
Kleinen vor, wie schön Alles umher sein würde, wenn der Vater erst zurück käme,
und der Kleine lallte lächelnd, an ihren Busen gelehnt, den Namen Vater und
erfüllte das Herz der Mutter mit wehmütigem Entzücken.
    Die schwesterliche Freundin der Gräfin, die zärtliche Adele, war mit ihr
vereinigt geblieben, und sie war die einzige, die standhaft an Evremonts
Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht, mit der sie seine Rückkunft
erwartete, oft dazu beitrug, den Mut der Andern wieder zu beleben, wenn er ganz
ersterben wollte.
    So war ein trüber Winter vergangen, und die Wendung, die die öffentlichen
Angelegenheiten genommen hatten, lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des
Grafen von seinem persönlichen Kummer ab. Preussens König rief die waffenfähige
Jugend auf, sich um ihn zu versammeln, und wie ein elektrischer Schlag traf
dasselbe Gefühl alle Herzen. Nun sollte wirkend in's Leben treten, was lange
vorbereitet war und der Graf erfuhr, dass auch sein Vetter, der Graf Robert, die
bewaffneten und wohlgeübten jungen Landleute seinem Könige zugeführt habe, und
dass ihn seine Freunde, Werteim und Lehndorf, auf diesem rühmlichen Zuge
begleiteten.
    So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten, eben so
grosse Tätigkeit entwickelte aber auch er, und mit dem neuen Frühlinge strömte
ein neues französisches Heer über den Rhein, und harte Kämpfe entflammten stets
von Neuem den Mut der Krieger, und mit angstvoller Spannung erwarteten die
Völker die Entscheidung ihres Geschicks.
 
                                       X
Endlich war der entscheidende Schlag gefallen. Die grosse, blutige, folgenreiche
Schlacht bei Leipzig war geschlagen. Die Franzosen mussten der von
Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden über den Rhein
zurückgedrängt. Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten, musste Napoleon noch
ein blutiges Gefecht bestehen, wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich mass, und
endlich sahen die deutschen Völker ihren Boden von fremden Bedrückern befreit,
und im Taumel der Siegesfreude vergassen sie willig die schweren Opfer, die sie
für diese Befreiung dargebracht hatten.
    Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch täglich kleine Gefechte vor
mit versprengten französischen Truppen, die noch nicht über den Rhein zurück
gekonnt hatten, und viele dieser kleinen Corps wurden von den Deutschen weit
seitwärts gedrängt, und mussten oft mit einer überlegenen Macht kämpfen und
zuweilen fast untergehen, ehe sie einen Punkt fanden, wo sie durch erkaufte
Schiffer oder andere Mittel über den Rhein nach Frankreich zurück gelangen
konnten. Auch in der Nähe des Landsitzes, wo der Graf Hohental mit seiner
Familie lebte, hallten oft die Berge den Donner des Geschützes zurück, und als
dieser endlich schwieg, hörte man doch noch täglich kleines Gewehrfeuer, oft
ganz in der Nähe des friedlichen Wohnsitzes. Unter solchen Umständen fand es der
Greis Dübois angemessen, alle Pforten und Tore wohl verschlossen zu halten, und
es war sein strenger Befehl, Niemandem, der klopfen möchte, zu öffnen, ohne ihn
vorher zu rufen, damit er erst vernehmen könne, ob Freund oder Feind Einlass
begehre. In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder
geängstigt worden, weil man gegen Abend ganz in der Nähe hatte schiessen hören,
und Dübois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt. Die Dämmerung des
Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht; ein leichter Nebel schwebte über
dem Rhein und deckte die Häupter der gegenüber liegenden Berge. Die Familie des
Grafen war in einem Saale versammelt, dessen bis auf den Boden reichende Fenster
nach dem Garten zu gingen. Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben
hinaus auf eine kleine Terrasse, die längs den Fenstern hinlief, und wenn die
Türe zu diesem Zweck geöffnet wurde, strömte der Duft von Reseda und spät
blühenden Blumen in den Saal, wo ein schwaches Kaminfeuer brannte. Der Anteil,
den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen, erfüllte doch, wie lebhaft er
auch sein mochte, nicht so ganz ihr Herz, dass nicht auch die Trauer über den
abwesenden Sohn und Gatten, über dessen Schicksal ein düsteres Schweigen ruhte,
Raum darin behalten hätte, und so wechselten Gespräche über die nächsten
Hoffnungen des Vaterlandes und über Evremont mit einander abwechselnd ab, und
obgleich nichts vorgefallen war, was die Sorge über sein Geschick hätte lindern
können, so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz; denn es ist ein im
Gefühl ruhender Glaube, dass eine glückliche Begebenheit ein Unterpfand sei,
durch das uns das Schicksal verbürge, dass sich nun Alles zu unserm Heile
gestalten werde.
    Diese friedlichen Gespräche wurden plötzlich durch ein lautes Klopfen an die
äussere Pforte unterbrochen. Der Einlass Begehrende schien ungeduldig, denn er
wiederholte nach kurzen Zwischenräumen lauter und heftiger die Schläge mit dem
metallenen Klopfer an das Tor, so dass der Schall weit durch die Nacht tönte.
    Dübois, in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgnis erregten, näherte sich
in Begleitung des Gärtners und eines starken, breitschultrigen Bedienten dem
Tore, und gab dem Gärtner den Auftrag zu fragen, Wer draussen sei und Einlass
begehre, und er hoffte, dass dessen tiefe Bassstimme dem etwaigen Feinde Achtung
einflössen würde, indem er daraus schliessen werde, dass wehrhafte Männer vorhanden
wären, die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu verteidigen im Stande wären.
Um Gottes Willen macht doch auf, rief eine etwas kreischende Stimme in Türinger
Mundart von draussen, und gebt christlichen Menschen eine vernünftige Antwort.
Ueberrascht horchte Dübois auf diese Töne; doch wollte er seinem Ohre nicht
trauen und befahl dem Gärtner leise, noch ein Mal zu fragen, wie viel Personen
Einlass begehrten. Für jetzt bin ich allein, lautete die ungeduldige Antwort, und
ich begehre nichts von Euch, als dass Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute
Bezahlung einen Boten verschafft, der mich und meine Begleiter, die wenige
Schritte von mir sind, nach dem Wohnorte des Grafen Hohental führt.
    Alle Zweifel waren bei dem würdigen Haushofmeister verschwunden. Mit
freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zurückschieben,
doch seine schwachen zitternden Hände verursachten nur eine unnütze Verzögerung,
da drängte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender
Anstrengung das Eisen zurück, worauf sich das Tor öffnete und der Aussenstehende
das silberweisse Haupt des Greises erblickte. Dübois, werter alter Freund, rief
er in freudiger Ueberraschung, indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in
seine Arme schloss, dass der entkräftete Alte nur mühsam die Worte an seiner Brust
keuchte: Bester Herr Doktor, gewiss ich bin entzückt, aber Sie werden mich
ersticken. Erschrocken liess der Arzt, denn es war Niemand anders als der würdige
Doktor Lindbrecht, den Greis plötzlich aus seinen Armen los, der in Folge dieser
unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt wäre, und streckte ihm die Hand
entgegen. Dübois senkte seine schmale Hand in die kräftige des Arztes und
empfand einen Druck der Freundschaft, der ihm Tränen des Schmerzes aus den
Augen presste. Doch überwund der höfliche Franzose dies neue Ungemach und
erwiederte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte.
    Ist dies der Wohnsitz des Grafen? fragte endlich der Arzt, nachdem er sich
von seiner freudigen Ueberraschung erholt hatte. Gewiss, erwiederte Dübois, und
den Herrn Grafen wird Ihre unvermutete Ankunft höchlich erfreuen. Ich komme
nicht allein, versetzte der Arzt mit listigem Lächeln; ich komme mit Freunden
und auch mit Feinden, und sehen Sie, alter Freund, da sind sie schon. Ich war
nur voran geeilt, weil ich hier Licht erblickte, wollte die nötigen
Erkundigungen einziehen und fand mich unvermutet im Hafen. Mit einem kräftigen
Schlage auf die Schulter verliess er den Alten und eilte den Ankommenden
entgegen. Obgleich Dübois den Sinn der Rede des Arztes nicht verstanden hatte,
so war er doch überzeugt, dass keine Gefahr zu besorgen sei, und erwartete also
im offenen Tore neugierig die Ankommenden, denen der Arzt schon von fern
entgegen rief: Nur hieher, hier ist das Land der Verheissung, hier ist der
Wohnort des Grafen. Eine dunkle Masse näherte sich und Dübois vernahm deutlich
das Klirren der Schwerter, und seine Besorgnisse erwachten von Neuem. Endlich
konnte man die Ankommenden unterscheiden. Ein junger Mann schwang sich vom
Pferde und Dübois, der von einer freudigen Ueberraschung zur andern überging,
fand sich in den Armen Gustav Torfelds, den er in dem jungen Krieger erkennen
musste. Auch der Graf Robert drückte die Hand des vor Freude weinenden Alten, der
endlich, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, Alle einzutreten bat und dem
Grafen die Freude zu gewähren, einen teuren Verwandten zu umarmen und werte
Freunde zu begrüssen.
    Noch einen Augenblick gewartet, rief der Arzt, dort kommt unser Gefangener.
Haben Sie einen französischen Gefangenen in Ihrem Gefolge, fragte Dübois mit
Teilnahme. Freilich, freilich, sagte der Arzt, wir kommen nicht mit leeren
Händen, und, fuhr er fort, indem er die kleinen Augen halb zudrückte und den
Greis listig lächelnd anblinzelte, strengen Sie einmal Ihren Scharfsinn an, und
erraten Sie, Wen wir bringen. Dübois dachte flüchtig an Evremont, aber
überzeugte sich sogleich, dass dies unmöglich sei, und sagte daher seufzend: Wie
kann ich wissen, wer von den Franzosen in Ihre Hände geraten ist. Wer anders,
antwortete der Arzt, als der General, der sich damals auf Schloss Hohental so
viele ungebührlichen Freiheiten herausnahm, bis es sich ergab, dass er ein alter
Freund des Grafen war. Wie, der General Clairmont? rief Dübois erstaunt.
Derselbe, sagte der Arzt, und hier ist der junge Held, der ihn gefangen genommen
hat und dem er sein Leben verdankt. Durch einen Schlag auf Torfelds Schulter
bezeichnete er diesen als den Gegenstand seines Lobes.
    Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich ein Wagen unter der Bedeckung von
einigen Kriegern genähert, der in den Hof fuhr. Mühsam stieg der General
Clairmont ab, wobei ihn der Graf Robert und Torfeld unterstützten. In Folge
eines starken Blutverlustes war er sehr bleich und ermattet; den Arm trug er in
der Binde. Er erkannte Dübois sogleich und bat ihn, ihm ein ruhiges Zimmer
anzuweisen, wo er sich erholen könne, und den Grafen zu bitten, ihn erst morgen
sprechen zu wollen, weil er sich heute zu entkräftet fühle. Dübois eilte mit
gewohnter Guterzigkeit diese Wünsche zu erfüllen, und der Graf Robert sendete
die militairische Bedeckung nach dem Dorfe zurück, wo seinen übrigen Truppen die
Nachtquartiere angewiesen waren, und Alle setzten sich in Bewegung, um den
Grafen freudig zu begrüssen.
    Das verworrene Getöse im Hofe, das sich nun auch im Hause verbreitete,
begann die Familie des Grafen zu beunruhigen. Der Graf hatte einige Male die
Klingel gezogen, um von den Bedienten Auskunft zu erhalten. Da aber die
Neugierde alle um die Ankommenden versammelt hatte, so erschien Niemand auf den
Ruf der Glocke, und als nun auch im Vorzimmer ein lautes Geräusch von
Eintretenden und klirrenden Sporen entstand, eilte der Graf mit einiger
Bestürzung auf die Türe zu, indem sie sich eben öffnete und der Graf Robert mit
inniger Freude seinen Oheim zu umarmen eilte. Kaum von seiner angenehmen
Ueberraschung etwas zu sich selbst gekommen, bemerkte der Graf den jungen
Torfeld, der bescheiden seitwärts stand. Er wollte ihn eben freundlich
begrüssen, als er daran durch den Arzt verhindert wurde, der sich vordrängte und
in doppelter Hinsicht das Erstaunen des Grafen erregte. Er hatte es nicht
erwartet, dass sich der Doktor Lindbrecht von seiner Braut trennen und an dem
Kriege gegen Frankreich Teil nehmen würde; deshalb setzte es ihn in Erstaunen,
ihn in der Gesellschaft seines Vetters zu erblicken, aber mehr noch, als sein
Erscheinen selbst, erregte die Art, wie er auftrat, die allgemeine Verwunderung.
Der Krieg, die Gefahren der Schlachten hatten einen ganz neuen Menschen aus dem
Arzte gemacht. Er hatte es angemessen gefunden, den feinen Weltton, in dessen
Besitze er zu sein vermeinte, mit den freieren Sitten des Soldaten zu verbinden,
wie er sich überhaupt ein kriegerisches Ansehen zu geben gesucht hatte. Ein
ansehnliches Schwert hatte er um seine Hüften gegürtet, einen Stutzbart hatte er
sich wachsen lassen; sein von der Luft gebräuntes Gesicht trug er mit einer ihm
sonst fremden Dreistigkeit emporgerichtet, und dies alles machte einen so
überraschend komischen Eindruck, dass selbst der Graf, wie ernst er auch in der
letzten Zeit immer gestimmt war, sich des Lächelns nicht erwehren konnte. dabei
erhob der Arzt seine Stimme jetzt mehr, als früher, wodurch sie oft in ein
unangenehmes Kreischen überging; er trat fester auf als ehedem und hatte es
nicht ungern, wenn Schwert und Sporen bei jeder Bewegung klirrten.
    Es waren endlich viele eilige Fragen von allen Seiten beantwortet worden.
Der Graf hatte erfahren, dass sein Vetter ganz in seiner Nähe ein kleines Gefecht
mit einem französischen Haufen bestanden hatte, der ihm seitwärts in den
Schluchten, die die Berge bildeten, entkommen war, dass er sich während dieses
Gefechtes von Torfeld getrennt gefunden, aber bald durch schnell aufeinander
folgende Schüsse wieder auf seine Spur geführt worden sei, und eben, als er
hinzugekommen, habe sich ein hitziges Gefecht siegreich für seinen jungen Freund
geendigt, der das Leben eines französischen Generals dabei gerettet, den eben
Werteim in der Wut des Kampfes habe niederhauen wollen. Der General, der in
Folge starken Blutverlustes beinah ohnmächtig gewesen sei, habe sich ihm hierauf
ergeben, und, schloss der Graf Robert seinen Bericht, nachdem die kunstfertige
Hand unsers heldenmütigen Arztes seine Wunden verbunden hatte, schafften wir
einen Wagen und brachten unseren Gefangenen hieher unter Ihr gastliches Dach,
weil wir um so mehr eine freundliche Aufnahme für ihn hofften, da wir Ihnen in
seiner Person einen alten Freund zu führen.
    Wer ist es? fragte der Graf, von Neuem in Verwunderung gesetzt.
    Wer wird es sein, rief der Arzt, sich mit der Antwort vordrängend, als der
unbescheidene Mann, der mit seiner lustigen Begleiterin damals das ganze Schloss
Hohental in Besitz nahm, der mir geradezu in's Gesicht lachte wegen meiner
französischen Aussprache. Ei! er dachte damals nicht, dass ihm mein Anblick noch
einmal so tröstlich sein würde.
    Wie, Clairmont! rief der Graf. Derselbe, erwiederte sein Vetter. Da ihn der
Arzt erkannte und wir die Absicht hatten, Sie, bester Oheim, auf diese Nacht zu
besuchen, so brachten wir ihn hieher, wo er hoffen darf, allen Beistand zu
finden, den er bedarf.
    Der Graf wollte seinen Freund sogleich besuchen; da man ihm aber mitteilte,
dass der General diesen Abend allein zu bleiben wünsche, um sich zu erholen, so
fügte er sich in den Willen seines Freundes und überliess es Dübois, für dessen
Bequemlichkeit zu sorgen. Doch befolgte er den Wink des Arztes und schickte nach
einem geschickten Wundarzte, denn der Doktor Lindbrecht erklärte, dass er morgen
mit den Truppen weiter rücken würde und also für den General nichts weiter tun
könne, als am nächsten Morgen den Verband erneuern, denn seine Pflicht rufe ihn
hinweg.
    Die durch vielfache Ueberraschungen erregte unruhige Bewegung der Gemüter
hatte sich gelegt. Die Freunde freuten sich ruhiger des kurzen Beisammenseins,
und auch die Frauen nahmen Teil an den Gesprächen. Man erfuhr nun, dass der Graf
Robert auf dem Marsche begriffen sei, um mit einer Abteilung preussischer
Truppen sich zu vereinigen, dass er hoch erfreut gewesen, als er erfahren, dass
die ihm anbefohlne Richtung nah bei des Grafen Wohnsitz vorbeiführe, dass er
seine Einrichtungen so getroffen, dass er einige Stunden früher hätte eintreffen
können, wenn das Gefecht nicht einen Aufentalt verursacht hätte.
    Die Gesellschaft sass endlich ruhig um den Kamin und Torfeld hatte sich des
schönen Kindes bemächtigt, dessen Aehnlichkeit mit Evremont, den er aufrichtig
liebte, ihn innig bewegte; doch hielt ihn seine Bescheidenheit zurück, nach dem
Freunde zu fragen, der ihm auf Schloss Hohental so viel Wohlwollen bewiesen
hatte. Aus seinen Armen nahm der Graf Robert den kleinen Adalbert, und indem er
ihn herzlich küsste, pries er laut seine auffallende Schönheit, worüber die
Mutter aus innerer Freude sanft errötete. Der Kleine hatte nicht die
gewöhnliche Blödigkeit der Kinder; er wuchs unter Erwachsenen auf und war es
gewohnt, fremde Gesichter zu sehen. Als aber auch der Arzt ihn an sich riss und
ihn mit halb geschlossenen Augen anblinzte, dann einen heftigen Kuss auf seine
Wange drückte, wobei der scharfe Bart ihn unsanft berührte, da verzog sich der
liebliche Mund des Knaben zum Weinen und er streckte die kleinen Arme Hülfe
suchend nach der Mutter aus.
    Der Graf konnte seine wehmütigen Gefühle nicht beherrschen; er dachte mit
Schmerzen an Evremont, als er dessen Sohn von allen Freunden geliebkoset sah. Er
war aufgestanden und trat auf die Terrasse hinaus, um sich unbemerkt seinem
Kummer zu überlassen. Sein Vetter folgte ihm und fragte in leisem, ängstlichem
Tone: Haben Sie Nachrichten von Adolph, bester Onkel? Seit der Schlacht von
Borodino keine, antwortete der Graf, indem er die Hand des Verwandten heftig
drückte. Ich fürchte, setzte er mit beinah versagender Stimme hinzu, ich
fürchte, wir werden nie mehr Rachrichten von ihm hören. Um Gottes Willen, hegen
Sie nicht solche Gedanken, rief sein Vetter im wahrsten Mitgefühl; der Himmel
erhält ihn Ihnen gewiss. Es wäre zu hart, wenn Sie, teurer Onkel, der Sie so
viel Glück und Segen um sich verbreiten, so schmerzlich verwundet werden
sollten. Lass uns davon schweigen, sagte der Graf sich ermannend, ich zeige
seiner Mutter und Gattin nie meinen Schmerz; ich spreche zu ihnen immer nur von
Hoffnungen, die ich oft selbst nicht mehr den Mut habe zu hegen. Aber Du kannst
es der Mutter ansehen, ihr Leben hängt an diesem zarten Faden; die Gewissheit,
dass der Sohn dahin ist, führt auch ihren Tod herbei.
    Es ist wahr, sagte der Graf Robert, ich finde die Tante sehr verändert. Wir
haben vielen Kummer in dieser Zeit erduldet, antwortete der Graf seufzend, indem
er mit dem Vetter in den Saal zurück trat, wo er den Arzt mit auffallend lauter
Stimme sprechen hörte.
    Die Gräfin hatte sich während der Abwesenheit beider Grafen nach der Familie
des Predigers erkundigt, und zur Verwunderung der Frauen hatte diese Frage den
Arzt in so heftigen Zorn versetzt, dass die kleinen Augen funkelten und die
gebräunten Wangen sich dunkel röteten. Ich werde nie mehr ohne Zorn an meinen
ehemaligen Freund denken, hatte er eben heftig geantwortet, und als er den
Grafen wieder eintreten sah, wendete er sich sogleich an diesen und rief: Denken
Sie, Herr Graf, welch ein schönes Beispiel von Vaterlandsliebe unser Herr
Prediger gegeben hat! Ich machte ihm den sehr vernünftigen Plan, er solle uns
als Feldprediger in diesen heiligen Kampf begleiten. So lange er die Sache für
Scherz hielt, ging er darauf ein, und da er mit verstellter Ernstaftigkeit
darüber sprach, so glaubte ich seinen trügerischen Worten. Denken Sie sich mein
zürnendes Erstaunen; als es nun zum Aufbruch kam, und ich ihm dieses bekannt
machte und ihn aufforderte, sich uns anzuschliessen, da antwortete mir der
Schalk, indem er die dünnen Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzog: Sind Sie
denn so töricht gewesen im Ernst zu glauben, dass ich meine Gemeinde verlassen
werde? Ich war ganz erstarrt über diese Falschheit, nahm mich aber zusammen und
sagte: Auch ich habe hier gleichsam eine Gemeinde, an die meine Pflicht mich
bindet. Es kann sein, dass während meiner Abwesenheit Mancher meine Hülfe
entbehren und darunter leiden wird, dies ist ein möglicher Fall: aber mich ruft
die Pflicht dahin, wo ich, wie ich gewiss kann, Hunderten, ja vielleicht
Tausenden nützlich sein werde. Eben so ist es mit Ihnen. Ein bejahrter
Amtsbruder, dem man nicht mehr zumuten darf, die Beschwerden eines Feldzuges zu
teilen, der mag Ihre hiesigen Pflichten mit versehen; darum auf! rüsten Sie
sich, und folgen Sie wie ein Mann dem Ruf der Ehre! Sind Sie denn ganz besessen
von Ihrer Torheit? antwortete er mit beissiger Grobheit auf meine wohlgemeinte
Rede. Könnte ich es vor meiner zahlreichen Familie verantworten, wenn ich sie
wie ein Unsinniger verlassen wollte? Da der Arzt im Laufe seiner Erzählung immer
heftiger wurde, so suchte der junge Torfeld ihn zu unterbrechen, der sichtlich
bei der Anklage des Predigers litt, und sagte: Aber zu berücksichtigen ist es
doch gewiss, wenn ein Vater für eine zahlreiche Familie zu sorgen hat.
    Weil Sie in die Tochter verliebt sind, antwortete der Arzt ohne schonende
Rücksicht, so wollen Sie Ihre falsche Ansicht zur allgemeinen erheben. Der junge
Mann schwieg errötend, und der Arzt fuhr triumphirend fort: Was hat das
Vaterland mit seiner grossen Anzahl Kinder zu schaffen, und hätten sie nicht alle
nützlich beschäftigt werden können? Die erwachsenen Söhne hätten mit in's Feld
rücken müssen und die jüngeren hätten mit den Töchtern Charpie bereiten können,
wie ich diese heilsame Einrichtung mit meiner Braut und künftigen
Schwiegermutter getroffen habe. Die Stimme des Arztes wurde sanfter, als er
dieser Personen gedachte, und er fuhr zwar mit Selbstgefühl, aber mit einer Art
von Wehmut fort: und habe ich denn nicht grössere Opfer gebracht, als ich ihm
zumutete? Ich habe eine schöne Braut verlassen, die in Schmerz bei unserer
Trennung vergehen wollte, aber doch mit Stolz auf mich blickte, dass ich im
Stande war, das Vaterland selbst meiner Liebe vorzuziehen. Meine Verwandte und
künftige Schwiegermutter weinte, dass sie im Schluchzen die Sprache verlor, und
winkte mir noch tausend Grüsse vom Balkon unseres Hauses herab, so lange wir uns
sehen konnten. Alle meine Studien müssen unterbleiben, ausgenommen die
praktischen, die ich täglich an Verwundeten mache, die mir unter die Hände
kommen, und vergeblich ist meine Bibliotek in schönster Ordnung aufgestellt.
Mein botanischer Garten wird in meiner Abwesenheit zu Grunde gehen. Den Jammer
kann ich mir schon denken, denn die gute Frau, meine Base, versteht nichts
davon, und der Schlossgärtner wird nachlässig werden, wenn er sich selbst
überlassen bleibt. Und was wäre vergangen oder verloren, wenn der Prediger mit
uns gezogen wäre, wie es seine Pflicht war? Würde er nicht Alles wieder gefunden
haben, wie er es verliess? Und ist es nicht unendlich schwerer, sich von einer
Braut als von einer Frau zu trennen?
    Das kommt auf die Ansicht an, sagte der Graf besänftigend. Und wenn Sie auch
darin Recht haben, dass es im Allgemeinen nur ein Vorwand der Selbstsucht ist,
die keine Opfer bringen will, wenn die Pflichten für die Familie vorgeschoben
und als ablehnende Antworten die Redensarten gebraucht werden: ich bin meiner
Familie diese Rücksicht schuldig, oder, ich kann dies vor meiner Familie nicht
verantworten, so müssen Sie doch auch bedenken, dass nicht Jedermann mit solchem
Heldenmut geboren wird, dass es ihm, wie Ihnen, möglich ist, der Pflicht jedes
Opfer zu bringen.
    Der Arzt wurde durch die Anerkennung seines Verdienstes besänftigt, und die
wenigen Worte des Grafen, die ihm schmeichelhaft waren, machten ihn mehr zur
Versöhnung mit dem Prediger geneigt, als alle Versuche Torfelds, der den
Geistlichen zu verteidigen und so die Vereinigung der alten Freunde zu bewirken
suchte; und als der Graf im Laufe des Gesprächs noch die Bemerkung machte, dass
eine Gemeinde, die von ihrem Prediger verlassen sei, Gefahr laufe, moralisch zu
verwildern, so gab der Arzt zu, dass sein Freund andere Pflichten zu erfüllen
habe als er, und die Versöhnung ward in seinem Gemüte beschlossen. Unter andern
kleinen Begebenheiten, die der Arzt bei der nun ruhiger fortgesetzten
Unterhaltung erwähnte, teilte er auch die Nachricht mit, dass der alte Lorenz
wenige Tage vor seiner Abreise völlig kindisch gestorben sei, und fragte, ob der
Pfarrer nicht die schuldige Anzeige gemacht habe. Der Graf erwiederte, dass er
seit der ersten Bewegung der Truppen gar keine Briefe erhalten habe, und man
ging leicht über das Ende eines Menschen hinweg, der durch sein Leben weder
Achtung noch Teilnahme verdient hatte.
    Adele fragte den Arzt, warum er sich so kriegerisch gerüstet habe, da doch
sein Beruf selbst auf dem Schlachtfelde nur friedlich und heilbringend sei.
Meine Absicht ist, erwiederte der Angeredete, Wunden zu heilen und, wenn ich es
vermeiden kann, keine zu schlagen, aber, setzte er hinzu, indem er stolz um sich
blickte und den Griff seines Schwertes fasste, es ziemt sich in Zeiten der
Gefahr, dass der Mann gewaffnet ist, und muss es sein, so werde ich mein Leben
teuer verkaufen.
    So sehr es dem Arzte mit diesen Gefühlen Ernst war, so hatte doch sein
ganzes Tun etwas so Komisches, dass, als er nach seiner Meinung wie ein Held in
der Mitte seiner Freunde stand, Niemand eines leichten Lächelns sich erwehren
konnte.
    Die vorgerückten Stunden der Nacht erinnerten endlich Alle an die
Notwendigkeit einen kurzen Schlummer zu suchen, denn mit dem frühesten Morgen
musste der Graf Robert mit seinen Begleitern aufbrechen, um zur gehörigen Zeit an
dem ihm bestimmten Vereinigungspunkte einzutreffen, und man trennte sich mit
erneuerten Gefühlen der Freundschaft und des Wohlwollens.
    Am andern Morgen war der Arzt der erste, der sich vom Lager erhob, und
nachdem er den fremden Wundarzt geweckt hatte, der in der Nacht angekommen war,
führte er ihn zum General Clairmont und liess ihn in seiner Gegenwart den Verband
um dessen verwundeten Arm erneuern, um sich von seiner Geschicklichkeit zu
überzeugen. Als das Geschäft zu seiner Zufriedenheit beendigt war, fragte der
General finster: Werden Sie mit Ihren Freunden heute noch weiter rücken? In
einer halben Stunde, antwortete der Arzt. So empfehlen Sie mich dem jungen
Grafen und seinem Freunde, und entschuldigen Sie es, so gut Sie vermögen, dass
ich sie nicht vor ihrer Abreise zu sehen wünsche. Es ist nicht Mangel an
Achtung, fuhr der General fort, als er die Verwunderung des Arztes bemerkte, es
ist meine finstere Stimmung, die mich eine völlige Einsamkeit wünschen lässt,
deshalb entschuldigen Sie mich, ohne Jemanden zu beleidigen.
    Der Arzt versprach seinen Auftrag auf die beste Art auszurichten, und der
General fuhr fort: Da ich grossmütigen Feinden in die Hände gefallen bin, so
besitze ich die Mittel Ihnen ein Andenken anzubieten. Er reichte dem Arzte einen
wertvollen Ring, und auf dessen ablehnende Gebehrden setzte er hinzu:
Beleidigen Sie mich nicht, indem Sie diese Kleinigkeit ausschlagen; ich will Sie
nicht damit belohnen. Es soll Sie dieser Ring nur erinnern, wenn Ihnen andere
Franzosen in die Hände fallen, dass ich Sie bitte, diese eben so menschlich als
mich zu behandeln. Der General hatte die letzten Worte mit bewegter Stimme und
abgewendetem Gesicht gesprochen, und der Arzt nahm den Ring mit dem grossmütigen
Gefühl, einen besiegten Feind nicht kränken zu wollen. Er erhob seine Stimme, um
dem General zu versichern, dass jeder Hülfsbedürftige aufhöre sein Feind zu sein.
Doch eine unmutige Gebehrde des französischen Kriegers verschloss ihm die
Lippen, und er entfernte sich, als dieser kurz und trocken sagte: Und nun leben
Sie wohl, Herr Doktor, und überlassen Sie mich der Ruhe, die ich vielleicht noch
durch einige Stunden Schlaf finde.
    Auf dem Gange vor den Zimmern des Generals konnte sich der Arzt nicht
entalten, die blinkenden Steine des Ringes zu betrachten und zu berechnen, wie
er sie zum Schmuck für seine Braut verwenden wolle, als er in diesen angenehmen
Gedanken durch Dübois gestört wurde, der ihn hier erwartet hatte, um ihm
dieselbe Bitte für die verwundeten Franzosen an's Herz zu legen, die der General
mit einem so ansehnlichen Geschenk begleitet hatte. Aber, lieber alter Freund,
rief der Arzt halb beleidigt, was quälen Sie sich und mich mit so unnützen
Sorgen? Ich habe Ihnen ja den Beweis, wie ich handle, recht eigentlich in die
Hand gegeben; ich habe Ihnen ja einen verwundeten Franzosen selbst in's Haus
gebracht, nachdem ich auf's Beste für ihn gesorgt hatte. Sie haben sich also
selbst davon überzeugen können, wie grossmütig ich unsere heillosen Feinde
behandle. Dafür wird Gott Sie segnen, sagte Dübois mit bewegter Stimme, denn
wenn der Krieg auch ein notwendiges Uebel ist, so ist die Grausamkeit doch
gewiss nie zu entschuldigen. Der Arzt reichte dem Greise zum Abschiede die Hand
und drückte dabei dessen Hand so heftig, dass er den Schmerz wieder von Neuem
aufregte, der sich bei dem alten Manne seit der nachdrücklichen Begrüssung des
vorigen Abends noch nicht aus diesem Gliede verloren hatte.
    Als sich der Arzt von Dübois getrennt hatte, suchte diesen der junge
Torfeld auf, um in der Stille von seinem väterlichen Freunde Abschied zu
nehmen. Der alte Mann hatte den jungen Krieger nicht mehr Du nennen wollen und
ihn mit Sie angeredet; doch Gustav Torfeld forderte alle Rechte der Liebe
zurück, und man sah, dass es dem Greise erfreulich war, sich wie ein Vater geehrt
zu fühlen und das Verhältnis früherer Vertraulichkeit zu erneuern. Ich kann es
nicht tadeln, sagte er beim Abschiede dem jungen Mann, dass Du Dein Vaterland zu
verteidigen strebst; aber bedenke, dass Frankreich das meinige ist, wenn Du
seinen Boden betreten solltest, und sorge dafür, dass Deine Krieger menschlich
verfahren. Torfeld versprach dies um so bereitwilliger, da sein eigenes Gefühl
ihn aufforderte, Schonung zu üben, wo es sich irgend mit seiner Pflicht
vereinigen liesse.
    Der Graf Robert hatte von den Frauen Abschied genommen, die noch kaum Zeit
gefunden hatten, alle Fragen nach seiner Gattin und seinen Kindern an ihn zu
richten, die ihnen am Herzen lagen. Er umarmte noch ein Mal seinen Oheim, der
ihn in den Hof begleitete, wo die Pferde hielten, reichte dem alten Dübois
freundschaftlich die Hand und schwang sich in den Sattel. Ihm folgte Torfeld,
der mit derselben Leichtigkeit zu Pferde sass, indes der Arzt etwas mehr Mühe
verwenden musste, um sein Tier zu besteigen, wobei ihm besonders das grosse
Schwert hinderlich war. Die begleitenden Diener folgten, und bald hatte der Graf
Alle aus den Augen verloren, und der kurze Aufentalt der Freunde dünkte den
Bewohnern des Hauses wie ein Traum, als dieselbe Stille nun wieder in den Sälen
und Zimmern herrschte, die auf kurze Zeit so erfreulich war unterbrochen worden.
 
                                       XI
Es waren einige Stunden seit der Abreise der kriegerischen Freunde verflossen,
als sich der Graf nach dem Zimmer des Generals begab und, indem er freundlich an
dessen Lager trat, ihn lächelnd fragte: Willst Du mich noch länger von Deinem
Angesicht verbannen? Die Frage kann nicht Dein Ernst sein, antwortete der
General, indem er sich auf seinem Lager empor richtete und dem Grafen die Hand
des gesunden Armes bot. Er zwang sich zum Lächeln, indem er hinzusetzte: Sehr
verschieden von dem ersten Male siehst Du mich jetzt zum zweiten Mal unter
Deinem Dache. Dass dies möglich sein könnte, würde ich noch vor Kurzem nicht
geglaubt haben.
    Der Graf hatte während dieser Rede seinen Freund genauer betrachtet, und er
erstaunte über die grosse Veränderung, die er bemerken musste. Auffallend alt war
der General in den wenigen Jahren geworden, und die Heiterkeit, die sonst
unzerstörbar in seinen Augen glänzte und um seine Lippen spielte, war durch eine
finstere Schwermut verdrängt worden, die dem Gesichte einen für den Grafen
fremden Ausdruck gab. Auf die mit einiger Bitterkeit ausgesprochene Bemerkung
des Generals erwiederte der Graf, um dessen trübe Stimmung zu mildern, dass der
Krieg so manchen Wechsel des Geschicks herbei führe, dass man sich eigentlich
über keinen wundern dürfe. Der General schwieg unmutig und fragte endlich: Sind
Deine siegenden Freunde weiter gezogen?
    Sie sind alle abgereist, antwortete der Graf. Aber vergib, fuhr er fort, ich
kann es nicht mit dem ritterlichen Charakter eines französischen Kriegers
vereinigen, dass Du so finster grollend einen glücklichen, tapferen Feind
betrachtest. Du hast weder meinen Vetter noch seinen Freund sehen wollen, die
doch, wie Du zugeben musst, nur ihre Pflicht erfüllten, indem sie Dich
bekämpften, und ich gestehe Dir, dass es mich befremdet, zu sehen, dass Du
Feindschaft bewahrst, wenn der Kampf geendigt ist, denn das ist gegen alle mir
bekannte französische Sitte.
    Du beurteilst mich ganz falsch, sagte der General; ich müsste eine lange
Geschichte erzählen, um Dich darüber aufzuklären. Es ist das Tragische des
Krieges, dass gerade die bravsten Leute sich gegenseitig erschlagen, denn die
Feigen suchen sich in Sicherheit zu bringen. Man gewöhnt sich an solche
Erschütterungen wie an jede andere und achtet den braven Feind, der unsere
braven Kameraden vernichtet; aber zuweilen ist ein solcher Fall mit so
schmerzlichen Nebenumständen verbunden, dass man doch, wenn es möglich ist, den
Anblick des Gegners meidet, wo man nur friedlich mit ihm zusammen treffen darf
und ihm noch obendrein verpflichtet ist.
    Es trat ein neues Schweigen ein. Der Graf hielt die Hand seines Freundes und
betrachtete ihn stumm, denn er mochte nicht durch eine Frage, die zudringlich
hätte erscheinen können, das Gespräch wieder erneuern. Endlich begann der
General wieder die Unterredung, indem er sagte: Wenn ich Dir die letzten
Ereignisse meines Lebens mitteile, wirst Du es natürlich finden, dass ich
ernster gestimmt bin als früher.
    Der Graf drückte die Hand des Freundes zum Zeichen, dass er bereit sei zu
hören, und dieser fuhr fort: Du weist, dass ich mich in Paris verheiratet hatte.
Ich besass eine junge, schöne, reiche und liebenswürdige Frau, und dies wäre ein
grosses Glück gewesen, wenn uns Napoleon verstattet hätte, ein solches Glück zu
geniessen; aber bald in Spanien, bald in Deutschland und im hohen Norden kämpfend
lebte ich getrennt von meiner Gattin, und das kurze, flüchtige Beisammensein,
das die Umstände zuweilen erlaubten, diente nur dazu, den Schmerz der Trennung
zu schärfen. Indem ich mir bewusst war ein grosses Vermögen zu besitzen, musste ich
Entbehrungen erdulden, die zu schauderhaft sind, um sie zu wiederholen; und
nicht allein in meiner Brust entstand ein Unwillen über Kriege, deren Zweck wir
nicht einzusehen vermochten, sondern die Stimmung wurde ziemlich allgemein in
der Armee, besonders, als der entsetzliche Rückzug aus Moskau angetreten werden
musste. Die furchtbarste Kälte, der schauderhafteste Mangel wütete mehr als der
Feind in unseren Schaaren, und der Einfluss dieses Elends war so mächtig, dass
alle Bande der Ordnung und des Gehorsams sich auflösten. In diesem Zustande war
jedes Gefecht für uns verderblich, und als endlich der Uebergang über die
Beresina möglich wurde, drängte sich Alles ohne Ordnung hinzu, Heil und Rettung
am jenseitigen Ufer hoffend. Auch ich, zu Fuss, in Lumpen gehüllt, auf mein
Schwert wie auf einen Stab gelehnt, drängte mich der Brücke zu, um hinüber zu
gelangen, und hielt mich vorsichtig in der Mitte des Menschenstroms, um nicht,
wie viele Andere, seitwärts in den Fluss gedrängt zu werden und in den Wogen zu
versinken. Die furchtbare Kälte, mit dem Mangel vereinigt, hatte jedes andere
Gefühl als die dumpfe Sehnsucht, sich selbst zu erhalten, in der Brust der
Menschen ersterben lassen, und auch ich dachte nur an mich und sah mit wahrhaft
tierischer Fühllosigkeit Viele in den Strom sinken. Endlich traf ein
kreischender Ton mein Ohr, der mir bekannt klang, wie rauh und scharf das Elend
auch die Stimme gemacht haben mochte, die ihn klagend ausstiess. Ich blickte
unwillkührlich nach der Seite hin, von woher er schallte, und meine Augen trafen
auf ein Weib, die mühsam in der Menge den Durchgang zu erkämpfen strebte und ein
Kind hoch empor hielt, um es im Gedränge gegen Verletzung zu sichern. Die
Unglückliche konnte, umringt von Menschen, nicht bemerken, dass sie gerade nach
dem Flusse hingedrängt wurde. Die Vorderen stürzten hinein und erhoben ein
Klagegeschrei. Sie wendete den Kopf, um wo möglich die Ursache zu erspähen, die
sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte, und ihre Augen trafen auf
mich. An diesen dunkeln, glänzenden Augen, die als letzte Spur der Schönheit ihr
geblieben waren, erkannte ich die Arme. Tausend Mal hatte ich diese Augen
geküsst, tausend Mal hatten die süssen, halb schalkhaften, halb zärtlichen Blicke
ein warmes Gefühl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen,
und nun erblickte ich sie im höchsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst
wieder. Denn obgleich, als die Vorderen in den Fluss stürzten, sich ein Geschrei
des Entsetzens erhob und die Nächsten zurück zu drängen versuchten, so war die
Masse der Folgenden, die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten, sie
drängten auf die Brücke zu, zu gross; immer mehr mussten ihrem Schicksal erliegen,
und auch die Unglückliche, die in diesem Augenblicke meine ganze Teilnahme
erregte, war ihrem Verderben nah. Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein
furchtbarer Schrei tönte zu mir herüber. Ich weiss nicht, ob sie mich in dieser
Angst erkannte, aber mir schien es, als richte sie den Ruf um Hülfe an mich, und
ich weiss noch nicht, wie es geschah, ich stand in demselben Augenblicke an ihrer
Seite. Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zurückreissen und fasste in der bis zur
fürchterlichsten Angst gesteigerten Teilnahme ihr Kind, das sie in demselben
Augenblicke losliess, indem sie vorwärts gedrängt wurde in den nassen Tod. Sie
richtete noch einen letzten Blick flehender Zärtlichkeit auf mich - und die
Wogen rissen sie hinweg.
    Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter Stimme fort:
Es schien, als ob dies das letzte Opfer sein sollte, das in den Wogen unterging.
Man kam zur Besinnung; die Nachstrebenden erkannten die Gefahr, und es gelang
mir mit dem Kinde mich zurück zu kämpfen und die Brücke zu erreichen. Kaum hatte
sie mein Fuss berührt, als ein Mann sich herbeidrängte, mit allen Zeichen der
Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie: Mein Weib!
mein Kind! mein armes Weib! mein unglücklicher Sohn! Er erblickte endlich das
Kind in meinen Armen, riss es an sich und rief mit erlöschender Stimme: Wo, wo
ist mein Weib? Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom.
Er erbleichte wie ein Sterbender; doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut
in seine Wangen zurück; er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit
männlicher Stimme: Ertrage auch das, mein Herz! Er küsste hierauf das Kind und
sagte: Jetzt, Eugen, musst Du mein einziger Trost sein. Es schien, als ob er, das
Kind in den Armen, alle männliche Kraft der Seele und des Körpers wieder
gewonnen hätte. Er drang, mir Bahn brechend, wie ein Verzweifelnder vorwärts,
und wir erreichten das jenseitige Ufer.
    Ich will Dir nicht, fuhr der General nach einigem Schweigen fort, eine
Beschreibung von dem Elende machen, das wir auf diesem ganzen unglücklichen
Rückzuge erdulden mussten. Der Soldat, dessen Kind ich gerettet hatte, schloss
sich an mich an, und ich gestehe Dir, ohne ihn wäre ich im Elende verschmachtet.
Die Verhältnisse, in denen er aufgewachsen war, hatten ihn sinnreicher als mich
gemacht, Mittel aufzufinden, um unser Dasein zu fristen. Als wir uns zum ersten
Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr, dass er einem Generale
die Erhaltung seines Kindes verdankte, wurde dadurch seine Anhänglichkeit noch
gesteigert, und er war mir mit wahrhafter Schwärmerei ergeben. Ich sorgte jetzt
für ihn und es ging uns einige wenige Tage besser; aber als auf diesem
unglücklichen Rückzuge alle Hoffnungen untergingen, da brach von Neuem ein Elend
auf uns herein, das ich vergeblich zu beschreiben versuchen würde, und ich muss
es wie ein Wunder betrachten, dass sowohl ich, als er und das Kind den deutschen
Boden erreichten. Durch übermässige Anstrengungen gelang es dem Braven, unser
Dasein zu fristen, und durch Entbehrungen aller Art bis zum Tode ermattet,
trugen wir abwechselnd sein Kind, denn es war nicht mehr möglich uns ein Pferd
zu verschaffen; die beklagenswerten Geschöpfe waren längst vernichtet. Als wir
den deutschen Boden erreicht hatten, beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu
gönnen, und die Bequemlichkeiten, die der elende Gastof eines kleinen
Städtchens an der polnischen Gränze bot, dünkten uns köstlich. Mein braver
Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei
mir zurückgelassen; jedoch er kehrte bald zurück mit Wein und allen guten Dingen
beladen, die in dem kleinen Orte zu erreichen waren. Ich betrachtete ihn mit
Erstaunen; doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle
anderen Empfindungen zum Schweigen und erst, nachdem wir alle gesättigt waren,
fragte ich meinen Unglücksgefährten, woher er die Mittel zu nehmen gedenke, um
solchen Aufwand zu bestreiten. Listig lächelnd verriegelte er die Tür unsers
schlechten Zimmers von innen, ergriff dann ein Messer und trennte die Näte
seiner in Lumpen verwandelten Kleider auf, und zu meinem Erstaunen wurden
mehrere Goldstücke sichtbar. Als er sein Geschäft beendigt hatte, legte er das
Geld vor mir auf den Tisch und sagte, indem eine Träne in seinem kühnen Auge
glänzte: Auch dies verdanken wir der guten Frau, der Mutter meines Kindes. Du
glaubst nicht, wie tief mich diese einfachen Worte erschütterten. Ich muss mir
jetzt zwar sagen, dass die Unglückliche auch ohne mich vielleicht ein
leichtsinniges Geschöpf geworden wäre; aber läugnen kann ich mir nicht, dass ich
sie auf die Bahn des Verderbens geführt habe, und die ich mit Hohn behandelte,
als ich sie das letzte Mal sprach, reichte mir nun gleichsam aus ihrem nassen
Grabe die Mittel zum Leben. Die Not des Augenblickes besiegte jedes andere
Gefühl; das Gold gewährte uns nun Mittel um Frankreich zu erreichen, denn die
schwachen Reste meiner Regimenter früher zu treffen, durfte ich nicht hoffen, da
sich alle Ordnung aufgelöst hatte und Jeder fortzukommen suchte, wie er konnte.
Jetzt, da wir uns wieder gekleidet hatten und bequemer reisten, erfuhr ich von
meinem treuen Begleiter, dass er in Evremonts Regiment als Unteroffizier gedient
habe, und dass er dessen Vorsorge die Mittel verdanke, die uns so wohl zu Statten
kamen, weil er seiner Gattin dies Geld als Erbschaft von einem harterzigen
Bruder verschafft habe.
    Der Graf hatte mit höchster Spannung die Erzählung seines Freundes gehört.
Schon lange war es ihm gewiss, dass der Begleiter des Generals derselbe
Unteroffizier sei, dessen Evremont in seinen Berichten aus Spanien gedachte.
Jetzt aber, da sein Freund den Namen des betrauerten Sohnes aussprach, hielt er
sich nicht mehr zurück und unterbrach die Erzählung mit dem heftigen Ausrufe: Um
Gottes Willen, sage mir, was wusste Dein Begleiter von meinem Sohne? Wenig,
erwiederte der General; sein ganzes Regiment war kurz vor dem Uebergange über
die Beresina aus einander gesprengt worden, und der brave Soldat hatte seinen
tapferen Obristen seitdem gänzlich aus den Augen verloren. Doch war er, so lange
er etwas von ihm wusste, unerwartet glücklich ohne Wunden geblieben, trotz der
Kühnheit, mit welcher er sich allen Gefahren aussetzte, und, was noch mehr sagen
will, ohne erfrorne Glieder, und er ist wahrscheinlich in russische
Gefangenschaft geraten. Es lag ein Trost für den Grafen in diesen dürftigen
Nachrichten und er hinderte den Fortgang der Erzählung nicht, die sein Freund
wieder begann. Wir erreichten endlich Paris, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
und hier erwartete mich neuer Jammer. Ich betrat mein Haus und fand es verödet.
Meine Gattin, die ich in der Hoffnung zurückgelassen hatte, mir zum zweiten Mal
Vaterfreuden zu gewähren, war durch die Geburt einer todten Tochter so
angegriffen worden, dass sie wenige Tage danach starb, und man schrieb dies
Unglück der immerwährenden Angst um mein Schicksal zu. Man brachte mir meinen
Sohn, dessen lächelndes Gesicht einen seltsamen Gegensatz gegen die
Trauerkleider bildete, in die man das kleine Geschöpf gehüllt hatte. Ich hob
meinen kleinen Napoleon zu mir empor, und indem ich ihn küsste, wiederholte ich
unwillkührlich die Worte des braven Soldaten und sagte: Ertrage auch das, mein
Herz; Du mein Sohn musst künftig mein einziger Trost sein. Mein Begleiter stand
neben mir, und seine eigenen Worte aus meinem Munde rührten ihn bis zu Tränen.
    Gab uns der Kaiser nicht Zeit, um uns zu erfreuen, so gewährte er uns auch
keine, um verlorne Güter zu betrauern, und die Bildung des neuen Heeres, das dem
Feinde entgegengestellt werden musste, entriss auch mich meinem Kummer. Ich sorgte
in Paris für meinen Sohn, und indem ich seine Erziehung nach bester Einsicht
ordnete, gab ich ihm den Sohn des Unteroffiziers, des braven Bertrand, zum
Gespielen und befahl, ganz dieselbe Sorgfalt der Pflege und Erziehung auf dessen
Kind wie auf das meine zu wenden. Diese Anordnung fesselte die treue Seele noch
inniger an mein Geschick und er ward mir ganz das, was der alte Dübois Dir ist,
nur, möchte ich sagen, nach Art eines Soldaten, da im Gegenteile Dein alter
Freund immer den würdigen Hofmann zu spielen sucht.
    Wir waren wieder über den Rhein gegangen, wir kämpften wieder, wenn auch
blutige, doch glückliche Schlachten, und die stolze Hoffnung hatte uns nicht
verlassen, unsere Macht in ihrer ganzen Ausdehnung wieder herzustellen. Da
endeten endlich die unglücklichen Tage bei Leipzig diese ehrgeizigen Träume und
der Kaiser musste nach Frankreich zurück. Bei Hanau musste noch ein Mal gekämpft
werden, und unter den kleinen Abteilungen, die von der Hauptarmee
hinweggedrängt wurden, war auch ich mit einem Teile meines Corps. Der alte
Bertrand wich nicht von meiner Seite; er hatte in kleinen Gefechten mehrmals
mein Leben gerettet, und wenn ich ihn ermahnte, sich nicht so tollkühn in alle
Gefahren zu stürzen, so sah er mich mit glänzenden Augen an und sagte: Was habe
ich zu fürchten? Sie haben mein Kind gerettet, Sie erziehen meinen Knaben, wie
Ihren Sohn; Napoleon und Eugen, unter diesen mit Ruhm bedeckten Namen werden
künftig unsere Kinder fechten. Alles dies danke ich Ihnen und Ihnen gehört bis
zum letzten Tropfen mein Blut. Ich stand oft beschämt vor diesem braven
Soldaten; er hielt meine Handlungen für den Ausfluss hochherziger Menschenliebe,
er ahnete nicht, welches Band mich früher an seine Gattin gefesselt hatte, und
ich fühlte mich gegen ihn einer fortwährenden Falschheit schuldig. Mein kleines
Corps war nach und nach zusammengeschmolzen, wir hatten mehrere Gefechte
bestanden, Viele waren geblieben und Viele hatten mich verlassen, um, wie sie
vermochten, über den Rhein zurückzukehren; und so geschwächt wurden wir gestern
von Preussen angegriffen, an einer Stelle, wo die Wege in zwei verschiedene
Bergschluchten führten. Ein Teil meiner kleinen Macht wurde von mir
hinweggedrängt, und ich wurde mit den Wenigen, die mich umringten, heftig von
den Feinden bedrängt. Der brave Bertrand sah unsere Kameraden fallen, er sah
mein Blut fliessen und kämpfte mit einer Erbitterung, die ihn nicht mehr auf die
Stimme der Vernunft hören liess. Ein junger Offizier forderte uns auf uns zu
ergeben; statt der Antwort führte Bertrand, der sich zwischen uns geworfen
hatte, einen wütenden Streich auf die Brust des jungen Mannes, und dieser - ich
weiss, es war Gegenwehr, ich weiss, er konnte nicht anders, aber es ist
entsetzlich - er hieb meinen alten Freund nieder, so nahe vor mir, dass das treue
Blut auf meine Kleider spritzte und sich mit dem meinigen vermischte, das so
heftig aus meinen Wunden floss, dass mir die Kräfte entschwanden. Der brave
Bertrand starb sogleich. Die Wunde, die sein Leben endigte, war mit jugendlich
kräftiger Hand zu tief geschlagen, als dass er lange daran hätte leiden können;
ein halb lächelnder zärtlich stolzer Blick traf mich noch und schien zu sagen:
Siehst Du, dass ich nicht prahle, all mein Blut habe ich für Dich vergossen. Mir
wurde es dunkel vor den Augen, und nur wie im Traume bemerkte ich, dass ein Eisen
über mir funkelte, und wie aus der Ferne hörte ich, dass eine rauhe Stimme rief:
So fahre auch Du zur Hölle! Zurück Werteim! rief der junge Offizier, der meinen
Freund getödtet hatte, sie sehen, er kann sich nicht verteidigen, und sein
Schwert schlug die Waffe, die über meinem Haupte blinkte, zurück. Dies alles war
die Sache weniger Augenblicke. Ergeben Sie sich mir, sagte der junge Mann darauf
zu mir; Sie sehen, Sie können nicht mehr fechten. Ich reichte ihm meine Waffen
und sank ermattet zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich unter den
Händen eines Mannes, dessen Gesicht mich an ferne Zeiten erinnerte. Seine Hand
war sanfter, als seine rauhe Zunge, denn indes er mit schonender Sorgfalt meine
Wunden verband, verletzte seine kreischende Stimme mein Ohr mit barbarischem
Französisch, und doch begreife ich nicht das wunderbare Gefühl; ich fühlte mich
so schwach durch Trauer, Schmerz und Blutverlust, ich kam mir so verloren vor,
und diese rauhen Töne berührten verletzend und tröstend mein Ohr. Es stieg in
meiner Seele bei ihrem Klange das Bild Deiner Bäume, Deines Hauses auf, und Dein
edles Antlitz blickte mich tröstend an durch die dunkle Verwirrung meiner
Gedanken hindurch.
    Der General schwieg und heftete den traurigen Blick auf eine stark mit Blut
befleckte Uniform, die über der Lehne eines Stuhles hing. Endlich sagte er
seufzend: Das Uebrige weisst Du; ich bin nun hier, und finde Liebe und Beistand
bei Dir. Trost wird vielleicht die Zukunft gewähren.
    Der Graf war selbst zu bewegt, als dass er es hätte versuchen sollen, die
Gefühle seines Freundes durch die gewöhnlichen Trostgründe zu bekämpfen, und
vielleicht trug seine wahre Teilnahme mehr dazu bei, dessen Gemüt wieder zu
erheben, als es Worte vermocht hätten. Da die Wunde des Generals nicht
gefährlich war und nur der starke Blutverlust seine grosse Entkräftung veranlasst
hatte, so hatte er sich nach einigen Tagen in so weit erholt, dass er sein Lager
verlassen durfte, und der Graf beredete ihn, wenigstens einige Stunden des Tages
in der Gesellschaft der Frauen zu verleben. Seitdem so viele ernste Sorgen den
Grafen beunruhigten, war die Furcht in seiner Seele schwächer geworden, dass sein
Freund seine Gemahlin wieder erkennen möchte, und seit ihr Gemahl alle ihre
Schmerzen kannte, hatte sich die scharfe Reizbarkeit der Gräfin verloren, und da
sie wenigstens den Sohn wieder gewonnen hatte, so erbebte sie nicht mehr vor dem
Klange der französischen Sprache.
    Viel leichter als früher konnte also der General Clairmont ein Mitglied des
Kreises werden, der sich täglich im Saale um die Gräfin versammelte, und ob
gleich durch die letzten Ereignisse seines Lebens seine Stimmung ernster
geworden war, als sie es ehedem zu sein pflegte, so liess sich nicht verkennen,
welche Gewalt auf ihn, wie auf alle Franzosen, der Umgang mit Frauen ausübte. Es
währte nicht lange, so wachte ein schwaches Verlangen wieder in ihm auf, witzig,
heiter, geistreich in diesem liebenswürdigen Kreise zu erscheinen, und da von
Seiten der Frauen Alles versucht wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, so
kehrte nach und nach Gesundheit, und mit ihr grössere Ruhe des Gemüts in die
Seele des Generals zurück, wodurch die Heilung seiner Wunden sichtlich
erleichtert wurde.
    Durch die Bemühung den Freund zu erheitern wurde der Graf und seine Familie
mehr von dem eigenen Kummer abgezogen, und Emilie machte sich oft ernstafte
Vorwürfe darüber, wenn sie auf die Bitte des Generals sang, dass die Musik die
gewohnte Macht auf ihre Seele ausübte und die Sorge auf kurze Zeit aus ihrem
Herzen verdrängte. Adele, die nie den Mut gehabt hatte, an Evremonts Rückkehr
zu zweifeln, und der die dürftigen Nachrichten, die der General geben konnte,
eine Bestätigung ihrer Hoffnung waren, tadelte die liebende, zärtliche Emilie
ernstlich über solche Selbstanklagen und behauptete, dass ihre Liebe für Evremont
weit erfreulicher sein würde, wenn sie sich durch dieselbe bestimmen liesse, auf
ihre Schönheit und Gesundheit zu achten, und alle vom Himmel verliehenen
Fähigkeiten auszubilden, damit, wenn er nach unendlichen Mühseligkeiten endlich
zurückkehrte, sie ihm jugendlich froh, mit ihrem schönen Kinde an der Hand,
entgegen eilen könnte, und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhöhte
Ausbildung früherer Fähigkeiten auf's Angenehmste zu überraschen vermöchte. Die
Gräfin war wenigstens zum Teil derselben Meinung und sagte oft: Ich fühle, dass
wir besser tun würden, uns für Evremont zu erhalten, als dass wir uns aus Gram
um ihn zerstören, der ihm nicht helfen kann, und der ihm, wenn wir daran
untergehen, bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet. Aber ich bin zu schwach
geworden, ich kann nicht mehr ausüben, was ich als vernünftig erkenne, meine
Seele hat die Jugendkraft verloren.
    Der General Clairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen
schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzählen. Das früh entwickelte Kind
ergötzte ihn durch unschuldige Fragen, die mehr Geist verrieten, als sonst bei
Kindern von so zartem Alter gewöhnlich ist. Ob wohl mein Napoleon auch so klug
sein wird! rief dann der General. Mir schien es immer, als ob der kleine Eugen
des armen Bertrand mehr Geist verriete, als mein eigener Sohn.
    Tage und Wochen waren entschwunden, und der General, dessen Wunden beinahe
geheilt waren, fühlte sich täglich einheimischer in der Familie seines Freundes.
Ja, er würde heiter geworden sein, wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden
seiner Seele getrübt hätte; aber Frankreich war in Gefahr, seinen Ruhm
verdunkelt zu sehen, den Ruhm, wofür das Blut so vieler Tausende geflossen war.
Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Missmut in sein Herz zurück, und als
mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbündeten über den Rhein schritten und
den Krieg auf Frankreichs Boden führten, da gränzte seine Stimmung an
Verzweiflung, und ob er gleich hoffte, dass jeder Franzose fühlen würde wie er,
und dass jeder Bewohner des schönen Landes den geliebten Boden bis auf den
letzten Blutstropfen verteidigen würde, so machte ihn doch seine eigene
Ohnmacht trostlos, und er fand es schmachvoll, aus der Ferne zusehen zu müssen
und nicht um die teuersten Güter mitkämpfen zu dürfen. dabei bildete er sich
ein, die Freude über die für Frankreich unglücklichen Ereignisse auf der Stirn
des Grafen zu lesen, und so zog er sich heimlich grollend zurück und war beinah
immer in seinen Zimmern allein. Da auf diese Weise der Zweck, wesshalb man
zerstreuende Unterhaltungen veranlasst hatte, nicht mehr erfüllt wurde, so
behauptete die herzzernagende Sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung
erdrücken zu wollen. So ängstlich presste sie Aller Herzen zusammen, so trübe und
schwer lastete sie auf jedem Sinn, und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn
begann sehr düster für die trauernde Familie.
 
                                      XII
Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Hälfte des Januars. Die Familie des
Grafen war ohne den General, der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale
grollte, im Saale beim Frühstück versammelt. Der Graf sprach von den
Fortschritten der Verbündeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters,
des Grafen Robert, vor, den dieser Gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu
senden, und aus dem sich ergab, dass die Stimmung in Frankreich gar nicht so
allgemein für den Kaiser wäre, wie es der Gereral auf's Hitzigste zu versichern
pflegte. Diese friedliche Unterhaltung wurde unterbrochen, indem Jemand mit
Heftigkeit die nach dem Vorzimmer führende Tür aufriss.
    Die Schwäche des Alters hatte den Haushofmeister vermocht, darauf Verzicht
zu leisten, seine Herrschaft beim Frühstück zu bedienen, denn er musste länger
ruhen, als es sich mit diesem Geschäft vereinigen liess. Nichts konnte ihn aber
dahin bringen, dass er nicht die wenigen Ueberreste seiner silberweissen Haare
jeden Abend in Papilloten gelegt, und am andern Morgen gehörig frisirt und
gepudert hätte, um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Gräfin
zu erscheinen, ihre Befehle zu vernehmen. Wie sehr mussten also alle Anwesenden
erstaunen, als sie Dübois erblickten, der mit einem ihm fremden Ungestüm die
Türe aufriss und dessen Anblick bewies, dass er das Werk, sein würdiges Haupt mit
einer anständigen Frisur zu schmücken, erst halb vollendet habe, denn nur die
rechte Seite war in gewohnter Ordnung; über dem linken Ohre aber flatterten noch
die Papilloten, die seine wenigen Haare gefesselt hielten. Auch trug er noch
seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln. Das Ungewöhnliche dieses
Anblicks wurde noch durch die unnatürlich funkelnden Augen des Greises und die
tiefe Röte seiner Wangen erhöht. Erschrocken waren alle Anwesenden
aufgestanden, und der Graf trat dem alten Manne besorgt entgegen, der nicht
sprechen konnte und um dessen Lippen ein ängstigendes Lächeln schwebte. Endlich
keuchte er mühsam hervor: Nachrichten, Nachrichten von unserm Grafen! Wo? durch
Wen? tönte es von allen Lippen, und Alle umringten den Greis, der auf die Tür
deutete. Der Graf stürmte nach dem Vorzimmer und führte gleich darauf einen
jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal. Lebt er? Ist er
gesund? Nicht verstümmelt? Haben Sie ihn gesehen? so tönten die Fragen, ihn
betäubend, rund um den jungen Mann. Ich habe, sagte er endlich, für Sie, Herr
Graf, Briefe von Herrn Evremont.
    Vom Grafen Evremont, verbesserte Dübois laut, der sich etwas erholt hatte,
aber noch nicht so sehr, dass er das Unschickliche seiner Kleidung hätte bemerken
können.
    So lebt mein Sohn! sagte die Gräfin mit bebender Stimme und drängte sich zu
dem jungen Krieger. O! sprechen Sie, wo lebt mein Sohn, und ist er gesund?
Werden wir ihn mit reiner Freude in unsere Arme schliessen?
    Der junge Mann, den, wie es schien, die vornehme Umgebung und alle die
Anzeichen des Reichtums, die er vielleicht mit Evremont in seinen jetzigen
Verhältnissen niemals in Verbindung gedacht hatte, etwas in Verwirrung setzten,
sagte: Wenn es derselbe ist, von dem ich Ihnen Briefe bringe, der lebt, und ich
habe ihn gesund bei meinen Eltern verlassen. Er ging hierauf nach dem Vorzimmer
zurück und brachte ein versiegeltes Paket, das er dem Grafen reichte. Alle
drängten sich hinzu, auch Dübois; Alle erkannten sogleich die Züge der geliebten
Hand. Ein allgemeiner Ausruf der Freude entschwebte allen Lippen. Der Graf hielt
seine Tränen nicht zurück und sagte: Sie sind uns ein Bote des Himmels, Sie
bringen nach jahrelangen Leiden Trost und Ruhe meiner kummervollen Familie.
    Die Gräfin fasste mit ihren bebenden Händen die Hand des jungen Mannes und
sagte fast schluchzend: Im Hause Ihrer Eltern lebt mein Sohn? O! wenn Sie nach
überstandenen Gefahren zu Ihrer Familie zurückkehren, dann wird Ihre Mutter
fühlen, welchen Trost Sie mir heute gebracht haben. Emilie hob ihr schönes Kind
empor und sagte, indem sie die Tränen ungehindert fliessen liess, die wie Perlen
über die in erhöhter Farbe brennenden Wangen flossen: Sieh, Adalbert, dieser
Herr bringt Nachricht von Deinem Vater. Der Kleine missverstand die Mutter, und
indem er die zarten kleinen Arme um den Nacken des jungen Mannes schlang und mit
den roten Lippen, wie mit frischen Rosen, die gebräunten Wangen des fremden
Kriegers berührte, fragte er: Bringst Du meinen Vater mit?
    Vom Gefühle der Rührung überwältigt, zog der junge Mann das Kind von den
Armen der Mutter, und dessen schöne Augen küssend, sagte er: Wie sprechend sieht
er seinem Vater ähnlich! Das Kind, das die Frage, die es eben getan, schon
wieder vergessen hatte, spielte ruhig an der Brust des Fremden mit den sich
vielfach kreuzenden Schnüren an dessen Uniform, die seine ganze Aufmerksamkeit
erregte.
    Der Sturm des Entzückens legte sich endlich. Der übermässig quellende Strom
der Freude floss sanfter, und Dübois bemerkte mit Entsetzen, wie sehr er durch
seine unanständige Kleidung die gewohnte Ehrerbietung gegen die gräfliche
Familie verletzt habe. Er entfloh beschämt, um seinen Anzug eilig zu vollenden.
    Der fremde Offizier machte endlich eine Bewegung sich zu entfernen, doch die
ganze Familie bestürmte ihn mit Bitten diesen Tag zu bleiben. Er gestand, dass er
zwei Nächte gereist sei, um seinem Freunde Evremont Wort halten zu können und
dessen Briefe selbst zu überreichen, dass er aber nun einiger Ruhe bedürfe und
dann schleunig aufbrechen müsse, um zur bestimmten Zeit bei dem General
einzutreffen, der ihn nach Petersburg gesendet habe und zu welchem er nun
zurückkehre. Der Graf berechnete die Zeit, und versprach für Courierpferde zu
sorgen und eine ziemliche Strecke ihn durch eigene Pferde zu befördern, und so
liess es sich machen, dass der junge Mann bis zum andern Morgen bleiben konnte.
Dübois, der nun völlig gekleidet und gehörig gepudert wieder eingetreten war,
übernahm mit grosser Freude den Auftrag, für die Bequemlichkeit des Fremden zu
sorgen, und es versteht sich, dass er diese Pflicht auf's Beste erfüllte.
    Als der junge Offizier sich entfernt hatte, um einige Ruhe zu geniessen,
ergriff ein Jeder die für ihn bestimmten Briefe, um nur Einiges flüchtig zu
lesen, und sich vorläufig von Evremonts Wohl und der Fortdauer seiner Liebe zu
überzeugen. Der Graf besonders konnte das an ihn gerichtete Schreiben nicht so
bald beendigen, da es den ganzen Lauf der Begebenheiten entielt, die den
Schreiber seit der Schlacht bei Borodino betroffen hatten. Man beschloss also,
dies alles in seinem ganzen Umfange gemeinschaftlich nach der Abreise des
Fremden zu lesen, um gegen den, der so hoch beglückende Nachrichten gebracht
hatte, die Erfüllung der Gastfreundschaft nicht zu versäumen.
    Auf seine Erkundigungen erfuhr der Graf, dass sein Gast in einen sanften,
tiefen Schlaf versunken war. Er befahl ihn nicht zu stören, da der junge Krieger
dieser Erholung vor Allem zu bedürfen schien, und begab sich zu dem General
Clairmont, um ihm die Freude mitzuteilen, die so eben die Familie beglückte.
Gott sei gelobt, dass er lebt! rief der General, den eigenen Trübsinn bei dieser
Nachricht vergessend. Ich gestehe Dir, fuhr er fort, ich habe oft im Stillen
gefürchtet, wir würden nie wieder von ihm hören, und mochte nur meine Furcht
nicht zeigen, um Euch nicht die Hoffnung zu nehmen, die Ihr, wie es mir schien,
aller Wahrscheinlichkeit zuwider hegtet.
    Willst Du nun nicht wieder Teil an der Gesellschaft nehmen? fragte der
Graf; willst Du nicht den jungen Mann selbst über Evremont sprechen?
    Nein! rief der General vedriesslich nach kurzem Schweigen. Ich will den
Russen nicht sehen. Nun eilen sie alle nach Frankreich, und meinen dort leicht
Lorbeeren zu gewinnen und unsern Ruhm zu verdunkeln; ich mag solchen anmassenden
Menschen gar nicht sprechen. Morgen, wenn er abgereist ist, dann teile mir aus
Evremonts Briefen alles mit, was nicht allein für die Familie gehört, und Du
wirst sehen, dass ich mich Euers Glückes freuen kann; aber heute erlaube mir
allein zu bleiben. Der Graf, der die Freiheit seiner Gäste nicht zu beschränken
wünschte, fügte sich in den Willen seines Freundes, und als er diesen nach
einiger Zeit verliess und in den Saal zurückkehrte, fand er die Gesellschaft dort
versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestärkt, von den
Frauen umringt, die alle verlangten, er solle von Evremont erzählen, und ihn
deshalb mit tausend Fragen bestürmten. Der junge Mann wusste eigentlich nichts
weiter zu sagen, als dass er als Courier nach Petersburg gesendet worden, und da
ihm die Zeit bestimmt sei, in welcher er wieder bei seinem General eintreffen
müsse, und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt, so habe er
durch angestrengte Eile es so einrichten können, dass ihm Zeit geblieben sei,
einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen, deren Güter in
unbedeutender Entfernung von der Strasse lägen, die er habe verfolgen müssen.
Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden, indem ihn sein Vater als
Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe. Den Abend vor seiner Abreise habe
ihn der liebenswürdige, von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend
gebeten, ein Paket an den Grafen Hohental zu besorgen, und da er sich überzeugt
habe, dass sein Weg ihn nahe bei dessen Schloss vorbeiführen müsse, so habe er
sich entschlossen, das Paket, an dessen Beförderung dem Hausgenossen seiner
Eltern so viel zu liegen schien, selbst zu besorgen, obgleich ihm dieser nicht
gesagt, dass er der Sohn des Hauses sei.
    Die Frauen waren über diese Zurückhaltung Evremonts sehr erstaunt. Den
Grafen, der das an ihn gerichtete Schreiben flüchtig durchgesehen hatte, schien
sie weniger zu befremden; er sagte nur lächelnd: Die Umstände, unter welchen
mein Sohn das Haus Ihres würdigen Vaters betrat, würden vielleicht Zweifel an
seiner Wahrheitsliebe erregt haben, wenn er sich Obrist und den Sohn eines
Grafen hätte nennen wollen. Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen,
aber ich glaube nach dem, was ich schon daraus ersehen habe, dass wir nie im
Stande sein werden, die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie
abzutragen. Der junge Mann schwieg etwas verwirrt; er mochte es nicht sagen, dass
ihm während des kurzen Aufentalts im Hause seiner Eltern Evremonts Dasein
völlig unbedeutend vorgekommen war, dass er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe
und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei, als dieser ihn so
dringend gebeten, ein grosses Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen,
und dass Neugierde mehr als Teilnahme ihn bestimmt habe, selbst der Ueberbringer
zu sein, indem er zu erfahren gehofft habe, in welchem Zusammenhange Evremont
mit diesem Grafen stehe, ohne dass er irgend erwartet habe, ihn als Sohn des
Gräflichen Hauses bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen.
    Der Tag verschwand, den man dem Gaste so angenehm als möglich zu machen
strebte, und am folgenden Morgen führten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner
Bestimmung entgegen. Der General, der den Fremden hatte abreisen sehen, erschien
nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen, ihm alles
über Evremont mitzuteilen, was die Teilnahme des Freundes erregen könne. Der
Graf, der die Blätter schon durchgesehen hatte, war bereit sie vorzulesen, da
sie Evremont, wie er oft tat, in französischer Sprache geschrieben hatte.
    Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau, wie sie
in ihren Erwartungen sich getäuscht gesehen hätten, als sie die beinah gänzlich
von den Einwohnern verlassene Stadt betraten, den furchtbaren Brand und den noch
furchtbarern Rückzug. Mein Regiment, fuhr er in seinem Berichte fort, war
gänzlich auseinander gesprengt und vernichtet, ehe wir die Beresina erreichten.
Der Mangel, die Kälte rafften Tausende hin, und die Ueberlebenden dachten nur
daran weiter rückwärts zu kommen, ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu
gehorchen. Der alte Bertrand, der Schwager des jungen Lorenz, hatte sich treu
mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen; er glaubte mir Dank schuldig zu
sein für manche kleine Dienste, die ich ihm geleistet, um mein hartes Verfahren
gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen. Diese, die uns als
Marketenderin folgte, gewährte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch
geringen Vorräte, die sie für ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewusst hatte,
und die die Familie bereitwillig mit mir teilte. Aber auch diese kleine
Milderung der Beschwerden sollte bald für mich aufhören. Wir wurden eines Abends
in der Dunkelheit von Kosacken überfallen und da wir, vor Kälte erstarrt, nicht
fechten konnten, so suchte Jeder den Feinden, wie er vermochte, zu entkommen.
    Ich irrte die Nacht auf einer unermesslichen Ebene umher; ein scharfer Wind
hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher, vom Himmel
senkten sich gleiche Massen nieder, die sich mit den vom Boden emporgewirbelten
vereinigten. Bei jedem mühsamen Schritt sanken die Füsse bis an die Kniee in den
Schnee, der den Boden Ellenhoch bedeckte, so dass es schien, als ob alle
Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten
Elementen Preis gegeben sei, denn der Wind wurde immer kälter und schneidender,
und die dünne Uniform konnte mich gegen dies Ungemach nicht schützen. Alle meine
Besitztümer wie meine Dienerschaft waren zerstreut, verloren, und ich hatte vor
wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel
zurücklassen müssen, den ich in einer rauchenden Hütte abgelegt hatte, die mir
ein augenblickliches Obdach gewährte, um ihn am Feuer und Rauch zu trocknen. In
diesem trostlosen Zustande fühlte ich nur noch dunkel die Notwendigkeit, mich
fortwährend zu bewegen, wenn ich mein Leben erhalten wolle. Mit höchster
Anstrengung setzte ich meine Wanderungen fort, selbst völlig erblindet, denn der
Wind trieb mir den Schnee in's Gesicht; dieser blieb an den Augenliedern hängen,
die sogleich zufroren. Endlich waren meine Kräfte erschöpft; trotz der grossen
Kälte bemeisterte sich eine unwiderstehliche Schläfrigkeit meiner, und ich
glaube, ich würde nach wenigen Minuten niedergesunken sein und würde, wie so
viele Tausende, mein Leben durch die Gewalt der furchtbaren Elemente verloren
haben, wenn nicht eine rauhe Hand die meine ergriffen und mich in eine kleine
Hütte gezogen hätte, der ich mich, ohne es in meiner Blindheit zu bemerken,
genähert hatte. Die grosse Hitze in der Hütte liess den Schnee schmelzen, mit dem
mein Gesicht bedeckt war, und meine Augen öffneten sich. Ich erkannte, dass ich
mich unter Kosacken befand, die hier die Nacht zugebracht zu haben und der Kälte
draussen eine gleiche Hitze in ihrer Hütte entgegensetzen zu wollen schienen.
Dieser plötzliche Wechsel der Luft betäubte mich vollends, und ich sah die
Gestalten sich nur wie Schatten in dem in der Hütte verbreiteten Rauch bewegen.
Der Anführer dieses kleinen Trupps bemerkte es vielleicht, dass ich dem Tode nahe
war. Er trat zu mir, schüttelte meine Hand, und das braune, kriegerische Gesicht
blickte mich gutmütig an; er sprach einige Worte, die mich vermutlich
ermuntern sollten; ich verstand aber seine Gebehrden besser; er reichte mir
nämlich eine Flasche hin und deutete an, ich solle trinken. Ich tat es und
fühlte, wie die Wärme des Getränks wohltätig auf mich einwirkte, zugleich aber
meine Müdigkeit sich erhöhte. Auf einige Worte ihres Anführers hatten zwei
Kosacken mir die völlig durchnässte Uniform ausgezogen. Sie bekleideten mich mit
einem gemeinen Soldatenmantel und setzten mir eine ähnliche Mütze auf. Ich liess
Alles mit mir geschehen, ich war völlig betäubt und willenlos; ich weiss nur
noch, dass ich auf einen für mich bereiteten Haufen Stroh sank und in einen so
tiefen Schlaf fiel, dass ich nichts mehr vernahm, was in der Hütte vorging.
    Ich mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als ich durch heftiges Rütteln
aus diesem todtenähnlichen Zustande erweckt wurde. Man deutete mir an, dass wir
weiter ziehen müssten, und reichte mir grobes Brod, gesalznes Fleisch und
gemeinen Branntwein als Frühstück. Ich verschlang diese dürftige Nahrung und sah
mich dann vergeblich nach meiner Uniform um; sie war verschwunden, zugleich
vermisste ich meine Uhr, mein letztes Besitztum von Wert, und die wenigen
Goldstücke, die ich bei mir getragen hatte. Ich sah also wohl, dass mein tiefer
Schlaf von den behenden Kosacken nicht unbenutzt gelassen war. Da ich aber den
Kriegsgebrauch kannte, so erhob ich keine vergebliche Klage und bequemte mich,
in der demütigen Kleidung eines gemeinen französischen Soldaten mit meinen
Ueberwindern, die sich im Uebrigen aber menschlich zeigten, den Weg in eine
trostlose Gefangenschaft anzutreten.
    Ein kurzer Schimmer von Hoffnung leuchtete mir noch ein Mal. Wir stiessen auf
einen Teil eines französischen Regimentes. Die Kosacken wurden angegriffen,
sprengten nach ihrer Art zu fechten sogleich aus einander und entflohen einzeln
mit Blitzesschnelle dem überlegenen Gegner, und ich blieb in der Gewalt der
Franzosen. Ehe ich aber noch Gelegenheit finden konnte, mich mit dem Officier zu
erklären, stiessen wir auf neue Feinde, und nach einem kurzen Gefecht, in welchem
der Officier blieb, gerieten wir in deren Gewalt, und meine Befreier waren
meine Mitgefangenen geworden.
    Ich will nichts von dem Elende erwähnen, das ich auf den endlosen Märschen
erdulden musste, ehe wir das Armeecorps erreichten, dem das uns führende Regiment
zugeordnet war. Ich verdankte es der Kraft der Jugend, dass ich diese
Mühseligkeiten überstand, denen die meisten meiner Unglücksgefährten unterlagen.
Endlich war dies traurige Ziel erreicht, und die wenigen noch lebenden
Gefangenen, die der Obrist des russischen Regimentes, das uns genommen hatte,
vorstellen konnte, wurden einer grossen Anzahl zugesellt, die nach dem Innern des
Reiches geführt werden sollte. Hier traf ich Franzosen, Deutsche, Italiener und
Spanier im bunten Gemisch, aber Alle in gleichem Elend. Unsere Namen wurden hier
flüchtig verzeichnet, und da meine höchst armselige Erscheinung in der zu Lumpen
gewordenen Kleidung eines gemeinen Soldaten, hätte ich die Wahrheit angegeben,
meine Glaubhaftigkeit verdächtig gemacht haben würde, so nannte ich mich bloss
Evremont, Officier des Regimentes, das ich geführt hatte. Aber auch dies konnte
bei der unglaublich grossen Anzahl Gefangener, die stündlich eingebracht wurden,
nicht weiter beachtet werden. Da ich nur mein Wort dafür hatte und meine
Erscheinung dem widersprach, auch unter den gegenwärtigen Gefangenen Niemand
war, der mich kannte, so traf mich das Loos, als gemeiner Soldat mit einer
Anzahl, worunter wenige Franzosen waren, meist Italiener, einen Weg anzutreten,
dessen ich mich mit Schauder erinnern werde, so lang ich lebe.
    Unsere Nahrung war der Masse nach zwar hinreichend, aber von der gröbsten
Art, so dass sich meine Natur dagegen sträubte und ich beinahe dem Hunger
unterlag, und ich gestehe, dass ich, menn wir durch kleine Städte zogen, in
welchen Bäcker wohnten, die schlechte Waizenbrote zum Verkauf ausgelegt hatten,
alle Kraft der Seele aufbieten musste, um meine Hand nicht danach auszustrecken,
und mich hielt nur die Furcht vor den schimpflichen Folgen davon zurück, denn
auch in diesem Elende blieb mir das Gefühl, dass ich Ihnen, meine verehrten
Eltern, meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses
Leben schuldig sei, und dass ich keine Handlung begehen dürfe, worüber mir so
teure Wesen jemals erröten müssten.
    So, in täglich zunehmender Not, hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht,
und mehrere der unglücklichen Gefangenen waren so entkräftet, dass sie auf
Schlitten fortgebracht werden mussten, um in der nächsten Stadt, wo Lazarete
eingerichtet waren, zur Pflege abgegeben zu werden. Die Furcht vor einem
ähnlichen Schicksale vermochte mich alle Kräfte aufzubieten, um meinen Weg zu
Fuss fortsetzen zu können, und das Unglück der Kranken erleichterte selbst ein
wenig den Zustand der Gesunden, denn das Bedürfnis Pferde zu haben, um die
Hülflosen fortzuschaffen, hatte die Einrichtung notwendig gemacht, dass die an
der Strasse wohnenden Edelleute die nötigen Pferde zu stellen verpflichtet
wurden, und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern, indem in jedem neue
Pferde bereit gehalten wurden, die die Kranken wieder bis zum nächsten brachten,
und ich muss es dankend rühmen, wie bereitwillig die Menschenliebe die Not des
Augenblicks zu lindern strebte. Freilich war der wohltätige Beistand mehr
meinen Gefährten als mir zu Teil geworden, denn ich konnte mich nicht
hinzudrängen, um meinen Teil von den Lebensmitteln, die uns gereicht wurden, zu
erhalten. Da mich die Gefangenen selbst für einen gemeinen Soldaten hielten, so
glaubten sie mir keine Rücksicht schuldig zu sein, und da die Not den von Natur
selbstsüchtigen Menschen noch selbstsüchtiger macht, so rafften die Andern Alles
an sich, ohne daran zu denken, dass ich beinah verschmachtete.
    Trotz dieser grossen Not hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken, dass das im
Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen
Gegensatz zu der Rohheit bildet, in die die ursprünglichen Bewohner des Landes,
die jetzigen Bauern, versenkt sind, so dass man sich weit weg aus Europa versetzt
fühlt, wenn man sie betrachtet, und seltsam überrascht wird, wenn man in dieser
Umgebung zierliche Frauen, schöne Fräulein und gebildete Männer, die sämmtlich
französisch reden, sich bewegen sieht. Mir wurde später dieses Rätsel gelöst,
denn ich hatte Gelegenheit zu bemerken, wie viel eine jede Familie für die
Erziehung ihrer Kinder tut, und wie jeder Vater, der es irgend vermag, seine
Söhne auf Reisen sendet, um ihnen eine Wohltat zu gewähren, die er auch selbst
genossen hat. Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien
eigen, der den Fremden angenehm anspricht. Die Ursache dieses anständigen,
milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar, aber
ich sollte die wohltätigen Wirkungen desselben erfahren.
    Ich hatte durch fast übermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht
erhalten; aber meine Kräfte waren durch lange Entbehrungen aller Art so
geschwächt, dass ich mit mir kämpfte, ob ich mich nicht sollte sinken und
fühllos, besinnungslos dem neuen Elende eines Lazarets entgegenschleppen
lassen, als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten,
bis die nötigen Pferde herbeigeschaft würden. Der Besitzer des Gutes, ein Mann
von mittleren Jahren, näherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete
unser Elend mit mitleidigen Blicken. Er sagte dem Verwalter einige Worte, der
darauf in's Haus ging, und redete die nächsten Gefangenen französisch an, und
als er die Italiener bemerkte, diese auch italienisch.
    Mit lärmender Freude ward er sogleich von denen umringt, die die laute ihres
schönen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen. Indes war die Gemahlin des
Gutsbesitzers auch herab gekommen; sie redete uns freundlich an, und eine Magd
trug ihr einen Korb voll wollener Strümpfe nach, die sie unter uns verteilte,
denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere höchst mangelhafte
Fussbekleidung bemerkt. Schöne Kinder umringten das würdige Paar, in dessen Augen
Tränen des Mitgefühls glänzten. Die Italiener besonders drängten sich stürmisch
heran, um die Gaben den schönen Händen zu entreissen. Ich lehnte mich seitwärts
an die kalte Mauer, denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten.
Die Dame bemerkte mich, und vielleicht durch mein bleiches Ansehen gerührt,
näherte sie sich mir, um mir ihre Gabe zu reichen, die ich dankbar empfing. Der
Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein in's Haus zu
treten, um uns zu erwärmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken.
Alle drängten sich herbei und so auch ich, den die äusserste Not dazu trieb, so
gut ich es vermochte. O! meine teuersten Eltern, wie köstlich dünkte mir nach
so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe, die ein mürrischer Koch in
Schüsseln von grobem Ton vor uns hinstellte, indem er uns hölzerne Löffel dazu
reichte. Er zählte, indem er mit seinem grossen Messer Jeden berührte, laut seine
ihm unwillkommenen Gäste und teilte das uns bestimmte Fleisch, ohne Rücksicht
auf einladende Sauberkeit, in eben so viele Teile, als Personen vorhanden
waren.
    Die Wirtschafterin reichte Jedem mit verdriesslicher Miene ein Glas
Branntwein aus demselben Glase. Alles das störte nicht die Lust des Genusses,
und hätte ich nach der Mahlzeit meine ermüdeten Glieder zum erquickenden
Schlummer ausstrecken dürfen, so würde ich mich in dem Augenblicke glücklich
gefühlt haben. Doch die Pferde waren bereit und wir mussten scheiden. Ich hatte
bemerkt, dass der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernstaft mit seiner Gemahlin
sprach, wobei mich Beide betrachteten. Jetzt näherte er sich mir wieder und
fragte, wo wir gefangen genommen wären. Nachdem ich auf seine Frage geantwortet,
nahm ich die Gelegenheit wahr, ihm für die Güte, die er uns bewiesen, zu danken.
Es schien mir, als ob er gern das Gespräch mit mir fortgesetzt hätte, doch der
Unteroffizier, der uns führte, erinnerte, dass es Zeit sei aufzubrechen, und ich
verliess mit Schmerz einen Ort, wo ich nach langem Leiden die erste Erquickung
gefunden hatte, nachdem ich dem menschenfreundlichen Gutsbesitzer noch meinen
Namen gesagt hatte, den er zu wissen begehrte.
    Erwärmt und gesättigt fasste ich von Neuem den Entschluss, mich so lange als
möglich aufrecht zu erhalten, um der Gefahr, in's Lazaret zu kommen, zu
entgehen, und es war auf unserm zweiten Tagesmarsche, den ich mit höchster
Anstrengung als Gesunder machte, als ich den Gutsbesitzer, der uns so wohl
aufgenommen hatte, bei uns vorbeifahren sah. Er grüsste uns freundlich, und ich
weiss nicht, was ich mir daraus Gutes vorhersagte, aber sein Anblick richtete
meinen Mut auf und ich erreichte die Stadt als Gesunder, wo unser ferneres
Schicksal entschieden werden sollte. Wir waren auf dem Markte aufgestellt, und
sahen nicht ohne schmerzliche Empfindungen uns von den Einwohnern mit Neugierde
betrachtet, und erwarteten mit Aengstlichkeit die Entscheidung, wohin wir nun
mit kraftlosen Schritten wandern sollten. Ich blickte mit Betrübnis auf das
Haus, wo der Obere der Polizei wohnte, der unsere weitere Versendung zu besorgen
hatte, als sich die Tür desselben öffnete und der mir so wohlbekannte
Gutsbesitzer an der Seite dessen heraustrat, der unser Schicksal zunächst zu
bestimmen hatte. Mein wohlwollender Bekannter näherte sich mir und fragte mich,
ob ich etwas dagegen hätte, wenn er mir den Vorschlag machte, das Ende des
Krieges als sein Hausgenosse zu erwarten und indessen die Verpflichtung zu
übernehmen, seine Kinder in der französischen Sprache und, worin ich sonst
vermöchte, zu unterrichten, vor Allem aber beständig französisch mit ihnen zu
sprechen, damit sie sich die nationale Aussprache ganz eigen machen könnten. Ich
ging mit Freuden auf sein Anerbieten ein, und in wenigen Minuten war die Sache
zwischen ihm und dem Obern der Polizei abgemacht, und ich folgte zum grossen
Aerger der Italiener, um die sich Niemand bemühte, dem wohlwollenden Manne,
dessen Hausgenosse ich werden sollte. Die wenigen Franzosen unter den Gefangenen
waren bald auf eine ähnliche Art wie ich selbst untergebracht, und nur die
unglücklichen Italiener und Spanier wurden weiter gesendet. Mein neuer
Beschützer kaufte mir zu allererst einen Mantel, der, obwohl nichts weniger als
fein, mir dennoch höchst erfreulich war, denn ich konnte nun die erstarrten
Glieder erwärmen, auch in dem Gastofe, wo er selbst abgestiegen war, mich durch
eine anständige Mahlzeit stärken, und den andern Tag sass ich neben ihm im
Schlitten, von wärmenden Decken geschützt, und flog schnell und bequem den Weg
nach seinem Gute zurück, den ich so kummervoll und mühevoll vor wenigen Tagen
gewandert war.
    Im Hause meines Beschützers angelangt, fand ich die wohlwollendste Aufnahme.
Der lang entbehrte Besitz eines freundlichen, anständig möblirten Zimmers
erfreute mein Herz; ein reinliches, bequemes Lager lockte mich an, doch wurde
ich dieses Genusses erst durch ein Bad würdig, das man mir, die Notwendigkeit
erkennend, sogleich bereitete. Die zarte Vorsorge der Gebieterin des Hauses liess
es mir auch an Wäsche nicht mehr mangeln, und da von meinen Kleidungsstücken
durchaus keines brauchbar war, brachte man mir für's Erste einen Schlafrock
meines Beschützers. In diesem so sehr verbesserten Zustande war ich doch einige
Tage ein Gefangener auf meinem Zimmer, bis der Schneider des Gutes, ein
Eingeborner des Landes, der die Bedienten des Hauses kleidete, seine Kunst zu
meinem Besten ausgeübt hatte. Da ich nicht mit ihm sprechen konnte, musste ich
mich seiner Willkühr überlassen, doch wären Erinnerungen auch überflüssig
gewesen; er kannte nur einen Schnitt der Kleider, den er seit Jahren für alle
Bedienten des Hauses benutzte. Der Stoff, aus dem mein neuer Anzug verfertigt
wurde, war zwar von feinem Gespinnst, ein Fabrikat des Hauses, worin ich nun
lebte, doch aus Mangel an Kenntnis und den nötigen Vorkehrungen so schlecht
bereitet, dass er nur in der Ferne eine Aehnlichkeit mit Tuch hatte. Auf gleiche
Weise wurde meine Fussbekleidung durch einen Eingebornen besorgt, und um das Werk
zu vollenden, schnitt einer der Bedienten, der dies Geschäft bei seinen
Kameraden besorgte, mein Haar, das auf den mühseligen langen Märschen völlig
verwildert war, auf eine Weise zurecht, dass ich vor mir selbst erschrak, als ich
mich im Spiegel erblickte. Und nun war ich fähig, der Familie des Hauses
vorgestellt zu werden.
    Nennen Sie mich nicht undankbar, verehrte Eltern. Ich erkannte mit dankbarer
Seele die wohltätige Verbesserung meiner Lage, aber ich stand dennoch betrübt
vor dem Spiegel und betrachtete mich mit einem erzwungenen Lächeln, durch das
ich mich selbst aufzurichten strebte. Ich musste daran denken, dass ich sonst nur
die feinsten, ausgewähltesten Zeuge für würdig hielt meinen Leib zu bedecken,
und dass die vorzüglichsten Kleiderkünstler in Paris oft noch von mir getadelt
wurden und mich nicht zufrieden stellen konnten. Meine Haut durfte nur Battist
oder höchstens die feinste holländische Leinwand berühren, und ich gestehe, ich
war nicht frei von Eitelkeit in Bezug auf mein vorzüglich schön gelocktes Haar,
und ich hielt Wohlgerüche für ein unentbehrliches Bedürfnis des Lebens, und nun
- wie demütig umhüllt, ja, wie lächerrlich entstellt blickte mich mein Bild aus
dem Spiegel an, mir allen Mut benehmend, mich vor den Frauen zu zeigen.
    Der Graf hatte viele Stellen dieses langen Schreibens mit bewegter Stimme
gelesen. Die Tränen der zuhörenden Frauen waren häufig geflossen; auch der
General, der den kleinen Adalbert auf den Knieen hielt, hatte oft mit Mühe die
Rührung zurückgehalten, die in ihm die Teilnahme an Evremonts Geschick erregte;
aber jetzt schien er mit einer andern Empfindung zu kämpfen, die er einige
Augenblicke mit Anstrengung unterdrückte; doch plötzlich brach er in ein
herzliches, langes, lautes Gelächter aus.
    Der Graf sah seinen Freund bei diesem unerwarteten Ausbruche der Heiterkeit
verwundert an. Die Frauen richteten zornige Blicke auf ihn, und die sanfte
Emilie sagte, indem sie unwillig ihre Tränen trocknete: Ist es möglich, dass die
Kunde von so grossen Leiden, von der traurigen Lage eines Freundes irgend ein
Gefühl von Heiterkeit erregen kann?
    Werte Freunde, sagte der General, die Tränen trocknend, die ihm sein
heftiges Gelächter erpresst hatte, sein Sie nicht undankbar, und verschonen Sie
mich mit Vorwürfen und zornigen Blicken. Der Himmel weiss, wie oft ich im Stillen
für Evremonts Schicksal gezagt habe, und wie herzlichen Anteil sich an seinen
Gefahren und Leiden nehme, deren Grösse nur der beurteilen kann, der mit
demselben Ungemache gekämpft hat. Aber er lebt, er ist gesund, unverstümmelt
weder durch den Feind, noch durch das noch feindlichere Klima, die Gefahren, die
ihn noch weiterhin in seiner Gefangenschaft hätten treffen können, sind
abgewendet, gegen den furchtbarsten Mangel, dem er noch hätte erliegen können
und dem Tausende erliegen werden, schützt ihn der Aufentalt in einer achtbaren
Familie, wohin Du, alter Freund, ihm auf's Schnellste die grössten Summen senden
kannst, was Du auch nicht unterlassen wirst; dies ist ein Glück, so gross, so
ernstaft, dass Euer Dank dafür nicht feurig genug zum Himmel emporsteigen kann.
Aber nun seid auch gerecht und vergönnt mir, da alle Gefahr und auch alle
eigentliche Not für ihn vorüber ist, das Lächerliche seiner Lage zu fühlen.
Können Sie es läugnen, fuhr er fort, indem er sich an Emilie wendete, dass unser
Freund die grössten Gedanken in seiner Seele hegen konnte und zugleich daneben
doch auch ernstaft daran dachte, wie er sein Halstuch nach der Mode knüpfen
sollte? Wollen Sie behaupten, dass das weiche, dunkle, schön gelockte Haar ihm
nie eine angenehme Beschäftigung gewährt habe? Und nun ist es gefallen unter der
plumpen Scheere eines Bauern. Achtete er nicht beinah ängstlich darauf, in
seinem Anzuge die Sitte des Tages zu beobachten? Er war die Zierde der
Gesellschaften, und dies bewusstlose Gefühl gab ihm die liebenswürdige Sicherheit
des Betragens, die gleich weit von kindischer Schüchternheit entfernt ist, wie
von ungezogener Anmassung. Er war der Spiegel der Mode, alle jungen Herren, die
auf guten Ton Anspruch machten, suchten sich ihm ähnlich zu gestalten, und nun,
wie sehr sind alle diese Vorzüge für den Augenblick verdunkelt! Aber beruhigen
Sie sich, meine Freunde; die grossen Geldsummen, die Sie senden werden, erreichen
ihn bald. Dann wird er die demütige Hülle eines Kinderlehrers abwerfen und, wie
die Sonne aus verschleierndem Nebel, zum Erstaunen seiner Umgebung glänzend
hervortreten.
    Es konnte Niemand umhin sich einzugestehen, dass der General nicht mit
Unrecht Evremont der kleinen Schwächen beschuldigte, deren er gedachte. Sie
waren aber so eng mit allen liebenswürdigen Eigenschaften seines Charakters
verwebt, dass Niemand sie hinweg gewünscht hätte, und das unwillkührliche Lächeln
auf allen Gesichtern zeigte dem Freunde, dass man die Wahrheit seiner Bemerkungen
anerkannte. Dieser hob den kleinen Adalbert von seinen Knieen auf, küsste ihn
herzlich und rief: Ich sage Dir, mein Junge, werde so gut, so brav wie Dein
Vater, so edel, so mild, so treu in der Freundschaft und so grossmütig wie er,
dann will ich Dir erlauben, Dich noch sorgfältiger zu putzen, wie er selbst,
wenn es möglich ist.
    Diese Unterbrechung hatte die tiefe Rührung der Familie gemildert, und man
vernahm in ruhiger Stimmung, indem man zuweilen auch ein Lächeln sich erlaubte,
die weiteren Klagen Evremonts, die der Graf vortrug. Ich wendete mich von dem
Spiegel ab, schrieb Evremont weiter, und schritt einige Mal im Zimmer auf und
ab, um den unangenehmen Eindruck zu besiegen, den mein Bild in demselben auf
mich gemacht hatte; dann fasste ich den Mut mich den Damen vorzustellen.
    Des andern Tages, nun völlig hergestellt von allen erduldeten Beschwerden,
begann ich mit Eifer mein Geschäft. Ich unterrichtete die Kinder in allen
Dingen, worin ich Unterricht zu erteilen vermochte. Ich lehrte nicht nur
französisch, sondern auch Zeichnen, Geschichte und Erdbeschreibung, und
unterrichtete die Knaben in der Matematik. Die dankbaren Eltern erkannten um so
mehr meine Bemühungen an, als sie, wie sie glaubten, ein so vorzügliches Loos
getroffen hatten. Denn in allen Nachbarhäusern waren ebenfalls kriegsgefangene
Franzosen; da diese aber grösstenteils waren, was ich schien, nämlich gemeine
Soldaten, so konnten sie weder Sitten, noch irgend eine Wissenschaft lehren, und
ich musste oft lächelnd bemerken, dass sich durch Einige sogar die provinziellen
Dialekte unsers schönen Frankreichs zu verbreiten anfingen. Auf diese Art fühlte
ich mich bald heimisch bei den guten Menschen, in deren Hause ich lebte, und sie
behandelten mich bei sich wie ein Glied ihrer Familie. Anders war dies freilich
in der Gesellschaft, wo ich völlig bis zum Nichts herabsank, denn die Edelleute,
zu denen sich die Prediger gesellten, bildeten eigentlich die Gesellschaft. Die
verschiedenen Hofmeister und Lehrer waren nur gegenwärtig, ohne dazu zu gehören,
und von diesen sonderten sich die Deutschen wieder ab, die natürlich Anspruch
darauf machten, Gelehrte zu sein, und deshalb mit grosser Geringschätzung auf die
Franzosen herab sahen, die sie ohne Ausnahme für gemeine Soldaten hielten. Den
Frauen nähert man sich in Gesellschaften nur beim Tanze, und da es meinem Gefühl
zu sehr widersprach, mit fremden Frauen zu tanzen, indes meine angebetete Emilie
vielleicht brennende Tränen des bittersten Kummers über mein Schicksal
vergisst, und da ich ausserdem vermeiden wollte, dass man den Wunsch äussern
möchte, ich solle die Kinder auch in dieser Kunst unterrichten, weil ich in
meiner abhängigen Lage keinen Wunsch, der geäussert wurde, ablehnen durfte, so
läugnete ich hartnäckig, dass ich zu tanzen verstehe, und obwohl man dies von
einem Franzosen lange nicht glauben wollte, hörte man doch endlich auf mich
aufzufordern, an einem Vergnügen Teil zu nehmen, das keins für mich sein
konnte.
    Er hat Recht, unterbrach der General abermals die Vorlesung, er hat Recht.
Dass er ernstafte Wissenschaften zu lehren sucht, in einer Abhängigkeit, die er
aus ehrenvollen Gründen erduldet, kann ihn nie beschämen; aber ewig
unauslöschlich lächerrlich und kränkend würde es mir sein, wenn ich mir einen der
bravsten Offiziere der grossen Armee denken müsste mit russischen Kindern nach
einer armseligen Geige herumspringend, um ihnen Künste zu lehren, womit sie in
ihren Gesellschaften glänzen sollen.
    So geschah es, fuhr der Graf aus Evremonts Briefen fort, dass ich mich nie so
völlig einsam fühlte, wie in den Gesellschaften, die sich hier auf dem Lande
bildeten, und ich sehnte mich herzlich nach dem spät beginnenden Frühlinge, um
einigen Ersatz für alles, was ich entbehre, in der Natur zu finden. Doch auch
diese bietet hier Genuss mit karger Hand. Die Gegend wenigstens, in der ich lebe,
ist so völlig flach, dass man den kleinsten Hügel ganz ernstaft einen Berg
nennt, und das Auge schweift, irgend einen Punkt suchend, an den es den Blick
fesseln möchte, ermüdet über unermessliche Kornfelder, die oft nur der Horizont
begränzt. Man bekommt ein ängstigendes Gefühl der Trockenheit, weil man mehrere
Meilen fahren kann, ohne das kleinste Wasser zu erblicken, und trifft man
endlich auf einen Bach, so fliesst er träge zwischen flachen Ufern, und ist im
Sommer mit Schilf und Binsen bewachsen. Dies ist im Allgemeinen der Charakter
des Landes, und dennoch lieben dessen Bewohner hier die Natur mehr, als ich es
an den Bewohnern der glücklichsten Gegenden bemerkt habe. Man kann sagen, sie
feiern jeden schönen Tag, den ihnen der hier strenge Himmel etwa gewährt; sie
benutzen jeden Platz an einem dieser Flüsse oder der kleinen Seen im Lande, um
anmutige Gärten zu bilden. Ja, sie wandeln zu diesem Zwecke die unwirtbarsten
Sümpfe um und ringen mit unglaublichen Anstrengungen der widerspenstigen Natur
ein kleines Fleckchen ab, um ihre Sehnsucht nach einer anmutigen Umgebung zu
befriedigen. In solchen kleinen Paradiesen kann man es zuweilen vergessen, dass
man so hoch im Norden lebt; nur muss der unter den Blütenbüschen Wandernde sich
hüten, dass sich sein Auge nicht über die Umzäunung hinaus verirrt, sonst wird
ihn die Oede rund umher daran erinnern.
    Dass ich nun hier, meine teuren Eltern, trotz der Güte, die ich erfahre, ein
höchst trauriges Leben führe, werden Sie begreifen, in drückender Abhängigkeit,
von der Gesellschaft eigentlich ausgeschlossen, zurückgestossen von der rauhen
Natur, ohne alle Nachricht von allen mir teuren Wesen, und durch die
öffentlichen Nachrichten für mein Vaterland mit Recht besorgt! Ich läugne nicht,
dass ich mich oft mit aller Anstrengung ermannen muss, um den Kummer, den ich im
Herzen trage, denen nicht zu zeigen, die ihn weder verstehen noch teilen
könnten, denn sehr begreiflich sind hier viele Dinge, die mich betrüben, eine
Ursache zur Freude.
    Es war mir ein Trost, in einsamen Stunden diese Zeilen an meine Familie zu
richten, ohne dass ich wusste, wie sie bis zu Ihnen, geliebte Eltern, gelangen
sollten. Nach Jahren hatte ich gestern das erste Mal wieder das Gefühl lebhafter
Freude. Der älteste Sohn des Hauses, in dem ich lebe, überraschte seine Eltern
und Geschwister auf seinem Rückwege zur Armee mit einem kurzen Besuche. Er hat
mir sein Ehrenwort gegeben dafür zu sorgen, dass diese Briefe sicher in Ihre
Hände kämen, mein teurer Vater, und ich betrachte nun meine Not als geendigt.
Evremont fügte noch Vieles hinzu für jedes einzelne Glied der Familie, welches
der Graf nicht angemessen fand dem Generale mitzuteilen, und er endigte die
Vorlesung, die Alle mit so inniger Teilnahme angehört hatten.
 
                                      XIII
Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen
geendigt. An die Stelle der quälenden, alle Lebenskräfte verzehrenden Angst trat
die wohltätige Sehnsucht der Liebe, die zwar innig die Vereinigung mit dem
Geliebten herbei wünscht, aber, wenn das Schicksal zögert diese zu gewähren, die
Stunden des Erwartens dadurch versüsst, dass sie alle dem Streben gewidmet werden,
den schönen Augenblick, wenn er endlich eintritt, auf alle Weise zu
verherrlichen. Der Graf hatte leicht Mittel gefunden, da er Evremonts Aufentalt
kannte, ihm solche Summen zu übersenden, dass von einer abhängigen Lage nun bei
ihm nicht die Rede mehr sein konnte, und da das ganze Land von Feinden gereinigt
war, so konnte ein regelmässiger Briefwechsel eintreten, der ein grosser Trost für
Alle wurde. Emilie hatte nun Gemütsruhe genug den wohlgemeinten Rat ihrer
Tante zu befolgen, und sie teilte ihre Zeit zwischen der Sorge für ihren Sohn,
den sie schon zu unterrichten anfing, und eigenen Studien und Musik. Die
wohlwollende Adele rief oft triumphirend: Hatte ich nicht Recht, dass ihn der
Himmel zu unserm Troste erhalten würde und war nun nicht all die furchtbare
Angst unnötig? Sie liebte Evremont mit der Zärtlichkeit einer Mutter; sie hatte
oft verzweiflungsvoll für ihn gezagt, aber sie war nun herzlich froh, mit gutem
Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angebornen Heiterkeit
überlassen zu dürfen. Der Graf gewann den Gleichmut der Seele wieder, denn er
durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befürchten, den er sich bewusst war
nicht ertragen zu können, und die Gräfin, die sich dem Grabe sichtlich zugeneigt
hatte, kehrte, gestärkt durch die innere Ruhe, noch ein Mal auf den Weg des
Lebens zurück. Selbst die Kräfte des alten Dübois schienen sich zu verjüngen, da
er den jungen Grafen, wie er Evremont nannte, in Sicherheit wusste; es entzückte
ihn, dass der gütige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte, und er
widmete nun dem kleinen Grafen, wie er den kleinen Adalbert nannte, doppelte
Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran, als er in
Evremont dadurch zu erregen hoffte, dass der Kleine so reines Französisch sprach,
dass kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben würde, ein Verdienst,
welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb.
    Jeder Fortschritt, den die verbündeten Truppen in Frankreich machten,
erhöhte die Zufriedenheit der Familie des Grafen, denn jeder führte die Hoffnung
des endlichen Friedens näher. Eine ganz andere Wirkung hatten diese Fortschritte
auf das Gemüt des General Clairmont. Er hatte gehofft, Frankreich würde der
gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne
verlornen Ruhm wiedergewinnen. Ihn entzückte daher jeder Vorteil, den die
Franzosen erkämpften, und er erklärte es für eine Verwegenheit der Verbündeten,
dass sie sich nach Paris wendeten, denn er sagte ihren gewissen Untergang vor
dieser Stadt voraus, deren gesammte Bevölkerung, wie er behauptete, die Waffen
gegen den eindringenden Feind ergreifen würde. Als nun der entscheidende Schlag
gefallen war, Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm, gränzte seine
Stimmung an Verzweiflung, und als bald darauf Napoleons Abdankung und die
Zurückberufung der Bourbons erfolgte, schloss er sich zwei Tage in sein Zimmer
ein, ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten, der so gern den Freund
beruhigt hätte.
    Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien, war er bleicher
und ernster als gewöhnlich. Ich werde Dich nun bald verlassen, sagte er dem
Grafen, indem er ihm die Hand reichte. Die Erinnerung an Deine Freundschaft, an
den langen Aufentalt in Deinem Hause wird mir um so wohltätiger sein, da ich
Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Güter zurückziehen werde.
    Wie kommen Sie zu dem Entschluss? rief Adele unbedachtsam. Wie oft haben Sie
behauptet, in Frankreich könne man nur in Paris leben, wenn man das Leben mit
allen seinen Vorzügen geniessen wolle.
    Paris ist nichts mehr für mich, rief der General mir aufflammendem Unwillen.
Welchen Reiz könnte Paris für mich noch haben, wo Alles danach strebt, ein
ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln, wo selbst
jedes Zeichen vertilgt werden soll, das an eine so nahe Vergangenheit erinnert,
dass sie beinah noch Gegenwart ist. Nein! rief er, indem er die dreifarbige
Kokarde vom Hute nahm, nie werde ich dieses Zeichen gegen das weisse Band
vertauschen; und darf ich es nicht mehr öffentlich erheben, so soll es auf
meinem Herzen ruhen, so mag es mit mir begraben werden. Er wendete sich ab, um
das Gesicht, auf dem Zorn und Rührung mit einander kämpften, zu verbergen.
    Wie ist es möglich, sagte der Graf in besänftigendem Tone, dass die Farbe
eines Bandes Dich so leidenschaftlich erregen kann? Du sprichst nicht, wie Du
denkst, sagte der General nach kurzem Schweigen, während dessen er den Freund
zürnend angesehen hatte. Bleibt das ein blosses Band, woran sich tausend
Erinnerungen der Ehre, der Begeisterung, des Entzückens nach überstandenen fast
unglaublichen Gefahren knüpfen? Hätte man uns ein Zeichen nicht lassen sollen,
unter dem Frankreichs Name unter allen Himmelsstrichen verherrlicht wurde? Nein,
nimmermehr wird der, der dem kühnen Adler unter Egyptens heissen Himmel und nach
Russlands Wüsteneien folgte - - doch, ich vergesse, unterbrach er sich selbst mit
Bitterkeit, ich vergesse, dass ich mit Dir rede, dessen Seele an alten
eingesogenen Vorurteilen hängt; der in Ereignissen, die ausser aller
menschlichen Berechnung lagen, mit Selbstzufriedenheit die richtige Berechnung
seiner Weisheit erkennen, und der triumphirend mich daran erinnern wird, dass ja
nun Alles so gekommen ist, wie er es vorhergesagt, der nun selbstgefällig in
tiefe Einsicht verwandeln wird, was damals nur ein eigensinniges Festalten
veralteter Meinungen war.
    Und fühlst Du nicht, sagte der Graf mit Milde, wie sehr Du mir unrecht
tust, indem Du ein so treffliches Bild von mir entwirfst? Ich habe nichts
vorhergesagt, ja ich gestehe, dass ich nicht erwartet habe, Ereignisse zu
erleben, wie sie jetzt eingetreten sind, und wenn ich in früheren Zeiten
glaubte, dass sie nicht ausser dem Kreis der Möglichkeit lägen, so hatte mich die
Geschichte anderer Länder bewogen dies anzunehmen und keineswegs eigensinniger
Dünkel. Und wenn ich dem Himmel von Herzen dafür danke, mein Vaterland von dem
Drucke der französischen Uebermacht befreit zu sehen, so richte ich deshalb den
Blick nicht feindlich nach Frankreich hinüber, und sollte der Traum, den ich
jetzt hege, denn nicht eben so wohl wie der frühere in Erfüllung gehen können?
Sollten nicht beide Nationen, statt einander feindlich zu vertilgen, ihre
gegenseitigen Vorzüge anerkennen? Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer
eintreten können in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des
Lebens? Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben, nun lieber
durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen? Der Hass, der sich jetzt noch
durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht, wird sich bald verlieren. Die
Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen, als dass sie nicht bald
wieder auch das französische gehörig würdigen sollten, und den Franzosen,
erlaube es mir zu sagen, wird das erlebte Unglück eben so heilsam sein, wie
einem in Reichtum, Glück und Gesundheit übermütigen jungen Manne ein Schlag
des Schicksals zuweilen wohltut. Es wird Euch bescheidener machen und die Idee
wird bei Euch Zugang finden, dass es auch ausserhalb Frankreich noch etwas
Bedeutendes und Wissenswertes geben kann, dass auch die Bestrebungen anderer
Nationen Achtung verdienen, und eine engere und edlere Verbindung wird sich so
zwischen Euch und Euern Nachbaren bilden, als wenn Ihr sie durch die Gewalt der
Waffen unterdrücktet.
    Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, als dass er
die Worte des Freundes hätte genau beachten können. Er hörte nur im Allgemeinen
die wohlwollende Gesinnung heraus, und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend,
als dem Grafen antwortend, sagte er: Es ist wahr, im Gefolge der Revolution
waren empörende Gräuel. Das edelste Blut vergoss man, der Menschlichkeit Hohn
sprechend, in Strömen, aber gestehe es, viele grosse Gedanken wurden auch
ausgesprochen und fassten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust, und wenn Du
zurückblickst, wie weit alle Staaten sowohl, als einzelnen Menschen von der
Stelle aus weiter geschritten sind, wo sie vor dieser Revolution standen, so
wirst Du zugeben müssen, dass sie, wenn sie auch wie ein furchtbar zerstörendes
Gewitter über die Länder schritt, doch auch wie dieses Spuren des Segens
zurückgelassen hat. Napoleon bändigte dieses Ungeheuer, aber mit ungemessenem
Ehrgeiz opferte er den kühnsten Plänen wieder das edelste Blut in Strömen, und
doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme, der seinen Namen unter den fernsten
Himmelsstrichen verherrlichte. Jetzt hat nun wieder das strömende Blut vieler
Tausende den Boden der Länder gerötet, um die Vergangenheit zurückzuführen, und
welcher Segen wird uns für diese Opfer?
    Die Segnungen des Friedens, sagte der Graf, den Euer schönes Frankreich
sowohl bedarf, wie alle europäischen Länder. Wir müssen erst erwarten,
erwiederte der General, was dieser Frieden für Folgen haben wird, ehe wir seine
Segnungen preisen. Ich werde mich auf jeden Fall zurückziehen und in ruhiger
Musse für die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen. Armer Bertrand! fuhr er
seufzend fort, unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem
verherrlichen, wie Du hofftest, denn Gott weiss, ob man ihnen nicht die Namen
selbst als Verbrechen anrechnen wird.
    Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde,
und Beide trennten sich nicht ohne Rührung, denn wie verschieden auch oft ihre
Ansichten waren, so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzüge anzuerkennen,
dass die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknüpfte Band der Freundschaft
nur dauernder und fester machte, und schon den folgenden Tag, als der General
französischen Boden berührte, dachte er: Sollte es denn nicht möglich sein, dass,
wie ich Hohental liebe und achte, obgleich er ein Deutscher und von den Grillen
dieser Nation nicht frei ist, und wie er mich liebt, obgleich er meine besten
Eigenschaften für Torheiten eines Franzosen hält, eben so einst beide Völker in
aufrichtiger Freundschaft einander gegenüberständen? Diese friedlichen
Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des französischen Kriegers
verscheucht, indem er den feindlichen Truppen begegnete, die so gleichgültig auf
französischem Boden wandelten, als wäre es gar nichts Besonderes für sie, sich
hier als Sieger zu bewegen, und es gereichte ihm nur dies zu einigem Troste, dass
alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen.
    Unter den rückkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde,
und wenige Tage, nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte, wurde
dieser auf's Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters überrascht, der dies
Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam, denn auch Werteim und der Baron
Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zurück, und natürlich mit
ihnen der Arzt und Gustav Torfeld.
    Die Freude Aller wurde erhöht, als sie erfuhren, dass Evremont lebe, und dass
man nun, da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden, seine baldige Rückkehr
erwarten dürfe. Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen, dass das scheue, finstere
Wesen Werteims sich verloren hatte, und dass seine Sitten milder, als sonst
erschienen. Der Graf Robert löste dem Oheim dies Rätsel, indem er ihm die
glückliche Veränderung mitteilte, die in der ganzen Lage des jungen Mannes
eingetreten sei. Durch eine weitläuftige Verwandte war ihm eine Erbschaft
zugefallen, und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die
entlaufene Schwester gänzlich ausgeschlossen. Dies Vermögen setzte ihn in den
Stand, das kleine Gut kaufen zu können, welches der Graf früher dem Obristen
Talheim eingeräumt hatte; und wenn er sich nun dazu entschliessen wolle, dies
dem jungen Manne zu überlassen, so könne er, bemerkte der Graf Robert, dessen
Lebensglück begründen, denn alsdann sei er entschlossen, sich dort
niederzulassen und sich mit der ältesten Schwester des Grafen zu verbinden,
indem Beide, von gegenseitiger Neigung bestimmt, dies sehnlichst wünschten.
    Da Sie, mein lieber Vetter, erwiederte der Graf, Hohental als Ihr künftiges
Eigentum betrachten müssen, so ist es mehr Ihre, als meine Sache, und ich gebe
im Voraus zu jeder Einrichtung, die Sie dort treffen, meine Einwilligung.
    Der Graf gab es nicht zu, dass sein Vetter sich in Danksagungen ergoss, indem
er scherzend bemerkte, dass er noch zu lange zu leben hoffe, als dass er jetzt
schon Dank für ein Erbe verdiene, das er erst so spät zu überlassen gedenke, und
er führte bald seinen Vetter auf das Schicksal seines Freundes zurück. Wodurch
er völlig zur Milde gestimmt wurde, fuhr der Graf Robert in Beziehung auf
Werteim fort, war, dass, als wir nicht weit von Paris in ein artiges Landhaus
einquartirt wurden, er in der Besitzerin seine entflohene Schwester erkannte,
die hier mit ihrem Gatten, der, in Spanien schwer verwundet, zum Dienst
untauglich wurde, in glücklicher Ehe lebte. Drei schöne, in Gesundheit blühende
Kinder umgaben dies Paar, und die Versöhnung war bald gemacht, da Werteim seine
Schwester als Gattin dessen fand, der sie entführt hatte, und da man ihn
versicherte, dass der französische Offizier sie in Deutschland schon förmlich
geheiratet haben würde, wenn man nicht überzeugt gewesen wäre, der Bruder werde
dies nicht zugeben und im Gegenteil darauf bestehen, dass die Schwester dem
Baron Lehndorf ihr übereilt, bloss um seinen Wunsch zu erfüllen, gegebenes Wort
halten solle, wodurch sie sich für ihr ganzes Leben höchst unglücklich gefühlt
haben würde. Da Werteim sich gestehen musste, dass er allerdings so gehandelt
haben würde, und da Lehndorf über den Verlust der früheren Braut längst durch
die Hoffnung getröstet war, sich mit meiner jüngeren Schwester zu verbinden, so
war die Versöhnung von allen Seiten leicht, und Werteim, der es früher für die
Aufgabe seines Lebens hielt, diesen Franzosen von der Oberfläche der Erde zu
vertilgen, schied als dessen aufrichtiger Freund von ihm. Er hatte nämlich die
Schwester mit dem Tode ihrer gemeinschaftlichen Verwandtin bekannt gemacht, ohne
ihr zu sagen, wie feindlich die sie auch im Tode vom Mitgenusse ihres Vermögens
ausgeschlossen habe, deren Geiz ihr und der Mutter, als sie noch lebte, auch in
der dringendsten Not selbst die kärglichste Unterstützung versagt hatte. Mein
Freund wollte also, fuhr der Graf Robert fort, sein Erbe mit der Schwester
teilen, doch deren Gemahl gab dies nicht zu, indem er dem Bruder seiner Gattin
bewies, wie sein Vermögen bedeutend genug sei, dass er leicht diesen Zuwachs
entbehren könne, und nach einem gegenseitigen Kampfe der Grossmut blieb mein
Freund der einzige Besitzer dss Vermögens, indem er gern als Gabe des
Wohlwollens den Vorteil annahm, den ursprünglich nur der Hass ihm hatte zuwenden
wollen. Der Baron Lehndorf, berichtete der Graf Robert weiter, hat bei unserer
Rückkehr die sichere Aussicht auf eine sehr gute Anstellung bei dem Forstwesen,
wodurch er ebenfalls in die Lage kommt, einen Hausstand begründen zu können, was
er in Vereinigung mit meiner jüngeren Schwester zu tun beabsichtigt.
    So haben Sie ja bei Ihrer Rückkehr, bemerkte der Graf lächelnd, die Aussicht
auf eine Reihe von Festen, auf viele fröhliche Hochzeiten.
    Gewiss, gewiss, rief der Arzt, der mit seinen grossen Sporen im Saale
umherklirrte. Sobald ich zurückkehre, wird das grosse, das heilige Fest begangen.
Alle meine Gedanken richten sich nach der Heimat; das Bild meiner geliebten
Braut folgte mir überall, und ich habe selbst in Frankreich mancherlei Tand für
sie eingekauft, um sie damit zu schmücken, und auch für meine Schwiegermutter,
die sich eigentlich noch lieber putzt und bunter kleidet, als es sich, wie mich
bedünken will, für ihr Alter ziemt. Aber unschädlichen Torheiten gibt der
Weise nach, und besser zu viel Schmuck an den Bewohnern und im Hause, als dass
die Grazien darin fehlen sollten.
    Man gab dem Arzte, der diese Rede mit grosser Selbstzufriedenheit gehalten
hatte, von allen Seiten Recht, und die Frauen verlangten die Geschenke zu sehen,
die er für die Braut und Schwiegermutter bestimmt hatte, um, wie sie sagten,
seinen Geschmack zu bewundern. Der gutmütige Arzt, der auf Alles eitel war,
wurde durch diese Aufforderung erfreut und brachte nur zu gern alle Gegenstände
zum Vorschein, die er, wie er sagte, in Frankreich rechtlich eingehandelt und
nicht, wie ihm dies von Manchem bekannt sei, ohne weitere Zahlung an sich
gebracht habe; und die Frauen rühmten scherzend jedes Stück und lobten den
zarten Sinn des glücklichen Arztes, der, die Vorliebe seiner Schwiegermutter für
alles Bunte kennend, ihren Geschmack beinah auf eine übertriebene Weise zu
befriedigen gesucht hatte. -
    Die Freunde blieben einige Tage bei dem Grafen, der sich ernstlich für den
jungen Torfeld zu verwenden versprach, um ihm eine Stelle als Justizamtmann in
der Nähe von Hohental zu verschaffen, deren Besitz er so heftig wünschte, wie
der Arzt auf seine Weise mit feinem Scherz bemerkte, um in der Nähe zu bleiben
und sich gegen Eingriffe in seine Eigentumsrechte auf das Herz der Tochter des
Predigers zu bewahren. Der junge Mann schwieg errötend, und es liess sich also
annehmen, dass der oft wiederholte Scherz des Arztes nicht grundlos war.
    Die Gräfin bemerkte während dieser Zeit gegen den Grafen Robert, dass es
wunderbar sei, wie verschieden Glück und Unglück auf verschiedene Charaktere
wirke. Viele Menschen, sagte sie, werden durch Unglück erzogen. Es macht sie
ernster, milder, teilnehmender gegen Andere, wenn sie selbst die Schmerzen
kennen gelernt haben, mit denen dies Leben uns verfolgt. Andere macht dagegen
das Unglück hart, störrisch und roh, wie wir dies an Ihrem Freunde Werteim
bemerken mussten, und nur das Glück vermag diese zu erziehen, ihren Charakter
edler, ihre Sitten milder zu machen. Graf Robert errötete, denn er erinnerte
sich daran, dass auch er zu denen gehörte, die das Glück edler gebildet hatte,
und dass sein erstes Auftreten im Hause seines Oheims keinen vorteilhaften
Begriff von seinen Sitten erregt haben konnte. Er sagte endlich verlegen:
Auffallender ist es noch, wie sehr der unaussprechliche Hass gegen Frankreich und
gegen Franzosen in der Brust meines Freundes gemildert ist, seitdem er in dem
Entführer seiner Schwester deren rechtmässigen Gemahl und einen braven,
achtungswerten Mann kennen gelernt hat.
    Es ist überhaupt schwer, bemerkte der Graf, genau zu bestimmen, in wie weit
sich Persönlichkeit in unsere Gefühle mischt, wenn wir das Vaterland lieben oder
dessen Feinde hassen, und ich glaube, wenn wir recht scharf sondern wollten,
würde nicht immer so viel Tugend übrig bleiben, wie man in neuester Zeit in
diesen Empfindungen zu suchen gewohnt ist.
    Während des Aufentaltes der Freunde beim Grafen gewann der Graf Robert den
kleinen Adalbert so lieb, dass er im Scherze behauptete, er müsse noch einst
durch eine Verbindung mit seinem jüngst gebornen Töchterchen sein Sohn werden,
und er wiederholte diesen Scherz so oft, dass man leicht bemerken konnte, wie der
Wunsch sich ganz ernstaft in seiner Seele ausbildete.
    Die Heiterkeit des Beisammenseins wurde den Freunden nur auf Augenblicke
getrübt, wenn sie daran dachten, dass Evremont in ihrem Kreise fehle, und jedes
Mal, indem sie über seine Abwesenheit seufzten, stieg zugleich ein Dankgebet zum
Himmel empor dafür, dass er ihnen erhalten war.
    Endlich war der Augenblick der Trennung erschienen, und wenn auch ein Gefühl
der Wehmut Alle beim Abschiede ergriff, so eilten doch der Graf Robert und
seine Freunde mit freudigem, hochklopfendem Herzen ihren heimatlichen Bergen
zu, denn Jeder wusste, dass ihn dort ein sehnsüchtiges Herz erwartete und
zärtliche Blicke ihn begrüssen würden. Der alte Dübois wollte seinen Sohn, wie er
den jungen Torfeld nannte, nicht entlassen, ohne ihm ein Geschenk aufzudringen,
worin der junge Mann mit Rührung von Neuem die väterliche Liebe des Greises
erkannte. Der Arzt verhehlte sein Gefühl höchster Glückseligkeit beim Abschiede
nicht. Ich werde, rief er, indem er sich die Tränen der Rührung abtrocknete,
die ihn zugleich bewältigte, den Lohn aller der Opfer empfangen, die ich dem
Vaterlande gebracht habe. Die erhöhte Liebe und Achtung meiner Braut wird meine
Anstrengungen belohnen, und die Lorbeern werden mich ehren, die ich im Kriege
gewann, nicht indem ich Menschen tödtete, sondern indem ich manchen braven Mann
erhielt.
    Es ist wahr, sagte der Graf Robert, mit wahrer Tollkühnheit wagte sich der
Doktor jedes Mal auf das Schlachtfeld, wenn kaum der Feind sich zurückzog, und
die Kugeln noch herüber und hinüber flogen; wie ein Geier auf seine Beute
stürzte er sich auf die Verwundeten, und Viele danken ihr Leben und die
Erhaltung ihrer Glieder nur der schnellen Hülfe, die er ihnen durch diesen Mut
gewährte, und da unter den Geretteten mancher bedeutende Mann ist, so glaube
ich, dass diese seltene Tapferkeit eines Arztes noch durch eine Auszeichnung
belohnt werden wird.
    Das eiserne Kreuz, sagte der Arzt, indem er sich sehr in die Brust warf und
dadurch einige Aehnlichkeit mit einem indianischen Hahne gewann, das eiserne
Kreuz kann mir nicht entgehen, wenn man nicht ganz ungerecht gegen mich sein
will.
    Endlich trennte man sich, und der kleine Adalbert vermisste noch einige Tage
den Grafen Robert und Torfeld schmerzlich, die sich so viel mit ihm
beschäftigt, dass sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten.
 
                                      XIV
Das Leben war auf dem Landsitze des Grafen nach der Abreise der Freunde wieder
in seine gewohnten Gleise zurückgekehrt. Die Tage verstrichen gleichmässig unter
ernsten Beschäftigungen, oder im Genusse der Natur, der Poesie und Musik, und
dieser einfache Gang des Lebens wurde nur durch erhöhte Heiterkeit unterbrochen,
wenn Briefe von Evremont eintrafen. Man hatte nun nichts mehr für ihn zu
fürchten, seine Lage nicht mehr zu beklagen; also gewährten seine Briefe reine
Freude, nur mit der kleinen Beimischung von Schmerz, dass die sehnsüchtige
Erwartung immer noch getäuscht wurde; er konnte immer noch nicht seine Abreise
aus Russland melden. Obgleich es bekannt war, dass die kriegsgefangenen Franzosen
ohne Schwierigkeit Erlaubnis erhalten sollten, nach Frankreich zurückzukehren,
so war es doch natürlich, dass bei der weiten Ausdehnung der russischen Provinzen
manche Zögerung für viele Einzelne eintrat, und Evremont besonders wollte nun
bei seiner Abreise doch einen Pass erhalten, in dem sein wahrer Rang in der
französischen Armee verzeichnet wäre. Er hatte sich zum Teil in dieser Absicht
nach Petersburg begeben, weil er dort mit Gewissheit hoffen konnte, mehrere
Franzosen anzutreffen, denen er persönlich bekannt wäre, und die also sein
Gesuch unterstützen könnten. Aber auch in der kaiserlichen Residenz musste er
seinen Aufentalt länger ausdehnen, als er wünschte, ehe er sein Ziel erreichen
konnte, und er schrieb seinen Freunden über diese merkwürdige Stadt:
    »Wer Petersburg sieht, wird sich des Staunens nicht erwehren können über das
Ungeheure, was menschliche Anstrengung in wenig mehr als hundert Jahren
hervorzubringen vermochte. Wenn man die demütige Hütte besucht hat, die sich
Peter der Erste errichtete, von wo aus er sein Riesenwerk leitete, und wirft
dann einen Blick auf die unermesslichen Strassen, auf die kolossalen Palläste, die
seitdem entstanden sind, oder auf die herrliche Einfassung der majestätischen
Newa, und die grossartigen, reich verzierten Tore und Gitter des Sommergartens,
so kann sich die Phantasie nicht daran gewöhnen, sich dies alles als kürzlich
entstanden zu denken. Betrachtet man die ungeheuern Säulen aus Granit, jede aus
einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt, die in der Kasanschen Kirche
prangen, so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Römer vergleichen,
und hätte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheuern Kräfte geleitet, dass
wir eben so wohl den edeln Styl der Baukunst immer bewundern könnten, wie den
grossen Kraftaufwand, so wäre Petersburg beinah ein Wunder zu nennen, aber nicht
zu läugnen ist es, dass sich dem Beschauer oft ein Gefühl aufdrängt, das ihn
zwingt, eine solche Verwendung so ungeheurer Kräfte zu beklagen. Auch war es
mir, nachdem das erste Anstaunen dieser Schöpfung vorüber war, störend, das
lebendig-frohe Gewühl anderer Städte zu vermissen. Die Strassen sind so
unermesslich lang und breit, dass sie immer leer scheinen; die Plätze sind so
gross, dass sich Alles darauf verliert, und ich weiss nicht, ob es vielleicht aus
diesem Grunde war, dass die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich
machte, den ich erwartete. Sie sieht in dieser Umgebung klein aus, und selbst
der Felsen, auf dem sie steht, kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen,
wenn er es nicht weiss, dass dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher
versetzt wurde, denn hier, wo er jetzt steht, sieht er bei Weitem nicht so gross
aus, wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte. Einigermassen mag der Sommer
Schuld sein an dem todten Ansehn, das jetzt Petersburg hat, weil dann Alles
eilt, für diese wenigen Monate die reizenden Landhäuser zu beziehen, die die
Stadt von allen Seiten umgeben, und in der Tat, hier kann man es ganz
vergessen, dass man im Norden lebt. Diese verschwenderische Pracht von Blumen und
blühenden Stauden entzückt das Auge; die sich auf dem Wasser schaukelnden, bunt
geschmückten Gondeln rufen südliche Bilder in unserer Seele hervor. Die
schattigen Baumgänge gewähren anmutige Kühlung bei dem Brande der Sonne und
schützen gegen die rauhen Winde, die tückisch oft auf einmal an den Norden
erinnern. Ist man so glücklich, an einem schönen Tage denn auch die nur in
Russland einheimische Hornmusik im Freien zu hören, so muss auch der
eigensinnigste Kritiker gestehen, dass die grosse Kaiserstadt und ihre Umgebung
die edelsten Genüsse zu gewähren vermag. Ich habe niemals Instrumentalmusik
gehört, die auf mich einen so tiefen, unerklärlichen Eindruck gemacht hätte. Es
ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument, das wir hier
hören. Jeder bläst nur einen Ton auf einem der an Grösse verschiedenen Hörner,
und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist, ernstere
Sachen in gedehnten Tönen vorzutragen, so ist es doch auf's Höchste zu
bewundern, wie dies Menscheninstrument eingeübt ist, denn sie machen die
schnellsten Läufe auf und ab mit einer Genauigkeit, die an's Unglaubliche
gränzt. Nachdem mir diese Musik den höchsten Genuss gewährt hatte, drängte sich
mir doch ein schmerzliches Gefühl auf, denn es drückte mich hart, den Menschen
in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen.
    Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck, den die
russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen muss, dessen Seele für
solche Eindrücke überhaupt empfänglich ist. Bekanntlich verbannt der strenge
griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente, auch verbietet dieselbe
Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hülfsmittel zu bedienen, die die
lateinische Kirche gestattet, also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen,
die für die Kapelle zu diesem Behufe ausgewählt werden. Die Seele wird getroffen
und das Herz in seinen Tiefen bewegt, wenn diese göttlich schönen Stimmen sich
himmelan schwingen, darum, weil eine so süsse Kindesunschuld in ihnen tönt, das
man unwillkührlich an die den Tron Gottes umschwebenden Engel denken muss.
Freilich, wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich
beruhigt hat, behauptet dann der alte Fehler des Menschen, immer urteilen und
vergleichen zu wollen, sein Recht, und ich musste mir gestehen, als ich die
Kapelle verlassen hatte, dass die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist,
auch liegt die Ursache, warum dies so ist, glaube ich ganz nahe. Da nämlich die
Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht- oder zehnjährigen Knaben
gesungen werden muss, so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder
die ganze Tiefe des religiösen Gefühls darin entfalten, alle andern Stimmen
müssen mit bescheidener Mässigung behandelt werden, damit die Oberstimme nicht
unterdrückt wird; deshalb bewegt die rührende Unschuld in diesem himmlischen
einfachen Gesange vorzüglich das Herz, wenn wir bei der kunstreicher gebildeten
lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben, die grosse Virtuosität einzelner
Sänger zu bewundern. Vielleicht würden diese Betrachtungen meinen griechischen
Christen viel zu weltlich dünken, denn ich glaube, es fällt nur wenigen ein, den
Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten; es scheint ihnen bloss unerlässlich
zum Gottesdienst zu gehören. Ueberhaupt, glaube ich, hat die Kunst hier noch
wenig Eingang gefunden, obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke
besitzt. Kunstgenuss ist hier ein Luxus, den sich nur Wenige erlauben, keineswegs
ein Bedürfnis der Seele. Desshalb durchwandert man die Säle, in denen die
Kunstschätze sich befinden, beinah immer einsam, und auch ich habe mir nur einen
flüchtigen Ueberblick zu verschaffen gesucht, freilich aus andern Gründen. Die
Kunstwerke sind so zahlreich, die Sammlungen so grossartig, dass ich nicht lange
genug hier verweilen kann, um einigermassen mit Nutzen sehen und das Gesehene im
Gemüt ordnen zu können. Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so
gross, dass ein Studium dazu erforderlich ist, um sie einigermassen kennen zu
lernen, und ich habe mich während meines Hierseins oft darüber gewundert, dass
bis jetzt so wenig über Petersburg und seine Kunstschätze geschrieben worden
ist, wodurch der Fremde einigermassen geleitet werden könnte.
    Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht
einlassen kann, so gewährt es mir ein grosses Vergnügen, die Stadt nach allen
Richtungen zu durchstreifen, und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nähe
grossartiger Palläste noch hin und wieder armselige Häuser erblicke, so stellt
sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart,
und die riesenmässige Kaiserstadt mit ihren endlosen Strassen, ungeheuern Plätzen
und kolossalen Gebäuden ist, glaube ich, kein übles Bild des ganzen Russlands
überhaupt, dessen schnelle Entwickelung erst künftige Geschlechter ganz
unparteiisch werden bewundern können. Bin ich von diesen Wanderungen und den
Betrachtungen, die ich anstelle, ermüdet, dann schiffe ich mich auf einer Gondel
ein, und die majestätische Newa trägt das leichte Schiffchen auf ihrem
glänzenden Rücken; nach dem Takte der Ruderschläge gleitet das Fahrzeug dahin,
und ich umkreise die blühenden Inseln, die sich mit ihren Blumen, Bäumen und
freundlichen Häusern in der silberhellen, sie umfangenden Newa spiegeln. Fällt
mir dann ein, dass dies Duften und Blühen, dieser dunkle Baumschatten, diese
schwebenden Gondeln nur wenige Monate das Auge entzücken, und den grösseren Teil
des Jahres alles dies unter Schnee und Eis begraben liegt, so kann ich mir
denken, dass es mir wie die Zaubereien in den Märchen der Tausend und Eine Nacht
erscheinen würde, wenn ich nach einem hiesigen endlosen Winter alle diese Pracht
für eine kurze Zeit auf einmal neu entstehen sähe, denn die Natur muss hier
eilen, wenn sie etwas leisten will, und der Frühling wird beinah ganz
übergangen; die dürren Bäume sind in wenigen Tagen belaubt, und der Winter geht
beinah unmittelbar in den Sommer über.
    Alle äusserten nach dieser Beschreibung, dass es ein grosser Genuss sein müsse,
Petersburg zu sehen, und der Graf machte im Scherze den Vorschlag, dortin zu
reisen und Evremont abzuholen - ein Gedanke, aus dem vielleicht Ernst geworden
wäre, wenn man nicht hätte befürchten müssen Evremont zu verfehlen, der leicht
schon abgereist sein konnte, ehe seine Freunde die Kaiserstadt erreichten.
    Unter diesen Erwartungen verschwand der Herbst und der Winter. Evremont fand
mehr Schwierigkeiten, als er geglaubt hatte. Sein Aufentalt in Petersburg
dehnte sich in die Länge, Napoleon landete unerwartet in Frankreich, ehe er nach
Deutschland zurückgekehrt war, und seine Freunde besorgten, dass die Wendung, die
die öffentlichen Angelegenheiten nun nahmen, vielleicht auf's Neue seine
Rückreise verzögern dürfte.
    Evremonts letzte Briefe hatten gemeldet, dass er endlich seine Pässe, so wie
er es wünschte, erhalten habe und nun Petersburg verlassen würde, um noch auf
wenige Tage nach dem Hause zurückzukehren, das ihn so wohlwollend aufgenommen
hätte und dessen menschenfreundlichen Besitzern er gewiss die Erhaltung seines
Lebens zu verdanken habe - eine Wohltat, die er jetzt erst nach ihrem ganzen
Umfang zu schätzen begann, da sich das Leben mit allen seinen Reizen von Neuem
vor ihm ausbreitete. Dies waren die letzten Nachrichten, die man von Evremont
erhalten hatte, und die, wie sie eintrafen, die ganze Familie in Entzücken
versetzten. Sein Schweigen nun gab Allen die traurige Ueberzeugung, dass er neue
durch die eingetretenen Umstände veranlasste Hindernisse gefunden haben müsse.
    In solchen traurigen Betrachtungen sassen die Glieder der Familie an einem
schönen Sommerabend bei einander im Saale des Hauses. Die Türen nach dem Garten
waren geöffnet und der Duft der Blumen strömte in den Saal; aus dem Garten hörte
man den Gesang der Nachtigall und das Plätschern des Springbrunnens. Jeder sass
in Schweigen versenkt, halb auf diese Töne lauschend, halb seinen kummervollen
Gedanken hingegeben. Eine Bewegung in den nächsten Zimmern erregte endlich die
Aufmerksamkeit, und indem Alle die Augen dahin richteten, erblickten sie
zugleich Evremont, der hineinstürmte und abwechsend, ohne zu sprechen, Vater,
Mutter, Gattin und seine gütige Tante an die Brust drückte. Tränen der Freude
erstickten Anfangs alle Worte, und als diese erste Erschütterung vorüber war,
machte sich Evremont Vorwürfe darüber, seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher
gemeldet zu haben, denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste
von der Bewegung der Seele ergriffen. Doch die Erschütterung der Freude wirkt
selten schädlich, und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten, blickten
seine Augen suchend umher. Emilie verstand den Blick, sprang eilig nach dem
Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zurück, Adalbert an ihrer
Hand, den sie dem entzückten Vater zuführte. Evremont konnte nicht aufhören
abwechselnd seinen Knaben, seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen; er
tadelte sich selbst, in Tränen lachend, über seinen kindischen Ungestüm und
begann doch stets von Neuem. Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte
ihm wie selig träumend in die Augen. Man konnte kaum daran glauben, dass der
lange Schmerz der Sehnsucht nun wirklich endlich gelöst sei, und es vergingen
einige Tage, ehe man sich mit dem Gefühle der Gewissheit des Glücks recht
vertraut gemacht hatte.
    Nachdem endlich die stürmische Bewegung in jeder Brust gemildert war,
nachdem alle Fragen erschöpft und alle Antworten gegeben, und selbst Dübois
befriedigt war, dem Evremont alle die Liebe und Achtung bewies, die der Greis
verdiente, und für die liebende Aufmerksamkeit den innigsten Dank sagte, die er
seinem Knaben gewidmet, fanden ruhigere Gespräche Statt, und die Blicke der
Männer richteten sich auf die öffentlichen Angelegenheiten. Aber ehe noch die
wichtige Frage zwischen Vater und Sohn entschieden war, ob es Evremonts Pflicht
sei oder nicht, sich den französischen Kriegern anzuschliessen, war die Schlacht
bei Waterloo geschlagen, und Napoleons zweite Abdankung machte jeden Streit
hierüber überflüssig.
    Der neue Friedensschluss war für Frankreich drückender als der erste, und
indem Evremont darüber trauerte, dass seinem Vaterlande Provinzen entrissen
wurden, lag ein tröstendes Gefühl darin, dass sein Interesse nicht mehr von dem
seiner Eltern verschieden war, denn seine Güter jenseits des Rheins, die er
fortan unter preussischer Regierung besitzen sollte, machten ihn wie den Grafen
zum Bürger dieses Staates.
    Evremont hatte das Leben in so vielfacher Gestalt kennen gelernt, dass er,
obwohl noch jung, dem öffentlichen Anteile daran gern entsagte, und sich und
seiner Familie zu leben beschloss - ein Entschluss, der Emilien in Entzücken
versetzte und von den Eltern höchlich gebilligt wurde, und nur Adele, ob sie
gleich erfreut war, alle Gefahr für den geliebten Neffen geendigt zu wissen,
empfand es doch schmerzlich, dass sie die still genährte Hoffnung, Evremont noch
einst als französischen Marschall zu sehen, aufgeben sollte. Der Graf machte sie
auf die Unmöglichkeit aufmerksam, als preussischer Untertan in der französischen
Armee zu dienen. Ja, ja, bemerkte sie seufzend, ich sehe es ein, das sind die
traurigen Folgen von Frankreichs Unglück.
    Es war noch eine kurze Trennung Evremonts von der Familie notwendig. Er
musste nach Paris reisen, um seinen förmlichen Abschied aus der französischen
Armee sich auszuwirken, den er leicht zu erhalten hoffte, da alle Krieger, die
unter Napoleon gefochten hatten, nur zu bereitwillig von der neuerdings
zurückgekehrten Regierung entlassen wurden. Aber diese Reise verzögerte sich,
weil er sich nicht entschliessen konnte, nach so langer Abwesenheit seine Familie
sogleich wieder zu verlassen, und weil er seinen Aufentalt in Paris auf so
kurze Zeit zu beschränken dachte, dass er selbst nicht Emilie bereden mochte ihn
zu begleiten, denn wenn er auch die Absicht hatte, dass sie Paris und Frankreich
sehen sollte, so wollte er dies doch aufschieben, bis Frankreich erst wieder
mehr Ruhe und Würde erlangt hätte und also auch mehr Genuss gewähren könnte.
    Es verzögerte sich also Evremonts Abreise von Woche zu Woche, und die
Zögerung selbst wurde immer drückender, weil die Notwendigkeit, sich endlich zu
einer unangenehmen Handlung zu entschliessen, täglich dringender wurde. In dieser
Zwischenzeit trafen Briefe aus Hohental ein, an denen sich Jeder auf
verschiedene Weise erfreute. Die Schwestern des Grafen Robert waren an Werteim,
dem das kleine Gut unter sehr billigen Bedingungen überlassen war, und an
Lehndorf, der die gewünschte Anstellung erhalten hatte, verheiratet, und auch
der Arzt hatte seine Verbindung auf's Glänzendste gefeiert, wobei seine
Schwiegermutter alle Kunst des Backens und Kochens entfaltet hatte, um die Gäste
gehörig zu bewirten, und, über die Massen erhitzt durch die übernommene
Anstrengung, bei der Bewirtung in ihrem bunten Pariser Putz eine seltsame
Erscheinung gewährt hatte.
    Die Freude des Arztes war aufs Höchste gesteigert worden, weil er wirklich
das eiserne Kreuz vor seiner Hochzeit erhielt und es an diesem Ehrentage an
einem möglichst langen Bande an der Brust tragen konnte. Mit Übermut hatte er
auf den Prediger geblickt, indem er zwischen den Fingern das Ehrenzeichen hin
und herbewegte, und ihm gesagt: Sie hätten es auch haben können, wenn Sie
vernünftigem Rate Gehör gegeben hätten und uns gefolgt wären, um sich wie wir
dem Dienst des Vaterlandes zu weihen. Dieser Übermut des Arztes hätte beinah
eine unangenehme Störung veranlasst, indem die Antwort des Predigers, der seiner
Empfindlichkeit Raum gab, nicht so gemässigt ausfiel, als seiner geistlichen
Würde, besonders an diesem Tage, angemessen war. Ueberhaupt teilte sich der
grosse Kreis der Gesellschaft in und um Hohental seit diesen mannigfachen
Verbindungen oft in zwei kleinere, wovon der eine sich um den Grafen Robert
vereinigte, während in dem andern der Prediger und der Arzt einander, oft nicht
ohne Heftigkeit, den Vorrang streitig zu machen suchten. Der Arzt gründete seine
Ansprüche auf die Wissenschaft, sein Haus mit dem Balkon, seinen botanischen
Garten, seine Verdienste und vor Allem auf das eiserne Kreuz, und wurde dabei
auf's Lebhafteste von seiner Schwiegermutter unterstützt. Der Prediger fühlte
die Ueberlegenheit seines Geistes; er war so gewohnt den Arzt zu übersehen, und
dieser hatte seine geistige Ueberlegenheit so lange stillschweigend anerkannt,
dass nun dem Geistlichen die Anmassung seines Freundes wie eine Rebellion
erschien, die er durch alle Mittel beissenden Witzes und schneidender Verachtung
zu unterdrücken strebte, indem er durchaus sich nicht darein finden konnte, dass
der Arzt seit seinem Feldzuge ein anderer Mann geworden war. Nicht selten wurde
die Spannung zwischen Beiden so gross, dass der Graf Robert vermittelnd dazwischen
treten musste, um die Versöhnung zu bewirken, die indes niemals schwer zu
bewerkstelligen war, weil beide Freunde zu sehr fühlten, wie sehr sie einander
bedurften. Von den verschiedenen Nachrichten, die diese Briefe entielten,
erregte die, die den jungen Torfeld betraf, Evremonts Teilnahme am
Lebhaftesten, denn er hatte den jungen Mann in früheren Zeiten aufrichtig
liebgewonnen, und so freute es ihn denn nun, dass auch er hoffen durfte, die
Wünsche seines Herzens erfüllt zu sehen, denn er hatte die ersehnte Anstellung
erhalten und es liess sich erwarten, dass er nächstens auch seine Verbindung mit
der Tochter des Predigers melden würde.
    Endlich ermahnte der Graf selbst Evremont an die notwendige Reise, und die
ganze Familie wurde auf's Höchste überrascht, als, nachdem der Tag der Abreise
festgesetzt war, der alte Dübois erschien und den jungen Herrn Grafen um die
Ehre ersuchte, ihn begleiten zu dürfen. Alle vereinigten sich den alten Mann zu
bewegen einen Plan aufzugeben, den er bei seinem hohen Alter nur mit grosser
Beschwerde ausführen könne.
    Ich kann es nicht, erwiederte der Greis, ich muss die heimatliche Luft
wieder atmen; ich muss die Sehnsucht so vieler Jahre befriedigen und meine
Gebeine dem geliebten Boden lassen.
    Wie, rief die Gräfin erschreckt, Sie wollen uns ganz verlassen? Was haben
wir Ihnen getan, Dübois, dass Sie uns diesen Kummer erregen wollen?
    O meine gütige, meine gnädige Herrschaft, erwiederte der alte Mann in
Tränen, diese Frage könnte mein Herz zerreissen, denn sie scheint mich des
Undanks zu beschuldigen, wenn sie nicht ein neuer Beweis Ihrer Güte wäre. Länger
als zwanzig Jahre habe ich in alle Gebete, die ich an Gott richtete, die
inbrünstige Bitte eingeschlossen, es möge der ewigen Weisheit gefallen, meinen
rechtmässigen Herrn und König auf Frankreichs Tron zurückzuführen. Der Herr hat
mein Gebet und das Gebet von Millionen erhört. Der achtzehnte Ludwig hat den
Sitz seiner Väter eingenommen, und wird Segen und Glück über unser Frankreich
verbreiten. Ich habe Niemanden angefeindet, der anders dachte als ich. Ich
konnte mein Vaterland verlassen, während es in den Zuckungen der Revolution sich
selbst bis zur Unkenntlichkeit entstellte, aber nun, da Glück und Frieden mit
dem rechtmässigen König wiederkehrt, nun zieht es mich gewaltsam zurück und ich
muss französische Luft atmen, ehe ich sterbe.
    Man sah bald ein, dass es unmöglich sein würde, den Greis zurückzuhalten,
ohne ihn auf's Schmerzlichste zu kränken und vielleicht dadurch sein Leben zu
verkürzen. Es blieb also nichts übrig, als dafür zu sorgen, ihm die Reise so
bequem zu machen, als nur irgend möglich wäre, und Evremont ordnete alles
Nötige mit so zärtlicher Rücksicht an, als ob es sein greiser Vater sei, der
ihn begleiten wolle. Die ganze Familie trennte sich mit Tränen von dem würdigen
Alten, den am Meisten die Tränen und lauten Klagen des kleinen Adalbert
bewegten, und lange, nachdem der Wagen, der die Reisenden hinwegführte, schon
aus den Augen der nachblickenden Freunde verschwunden war, konnte die Gräfin
sich nicht davon überzeugen, dass Dübois in der Tat ihr Haus habe verlassen
können.
    Evremont hatte mit seinem Gefährten Paris bald erreicht, wo er vor allen
Dingen seinen Zweck so bald als möglich zu erreichen suchte, denn die glänzende
europäische Hauptstadt bot in diesem Augenblicke wenig Erfreuliches für ihn dar.
Als Krieger schmerzte ihn die Erniedrigung, in der er Frankreich erblicken
musste, und das traurige Ende bewunderter Feldherren zerriss sein Herz. Die
Schritte der Regierung konnte er als Bürger nicht billigen, und die
Gesellschaft, die sich in heftig einander bekämpfende Parteien teilte, gewährte
ihm keine Erholung. War es nun schon an Evremont zu bemerken, dass ihn der
Aufentalt in Paris nicht befriedigte, so klagte Dübois laut ohne Rückhalt
darüber, wie sehr er sich in allen seinen Erwartungen getäuscht fühle. Er fand
weder die begeisterte Freude des Volks darüber, dass ihm sein rechtmässiger König
wiedergegeben worden war, die er erwartet hatte, noch die Milde und Politur der
Sitten, von der er überzeugt gewesen war, dass sie mit diesem Könige wiederkehren
würde, noch von Seiten der Regierung ein ernstaftes Streben, die Wünsche der
Nation zu befriedigen, und die Art, wie die Religion nach Frankreich
zurückkehrte, konnte den von Natur milden und edeln Geist des Greises am
Wenigsten befriedigen. Die heftig streitenden Parteien, die er allentalben
traf, verletzten sein Gefühl für Schicklichkeit, und nachdem er jeden Tag
missvergnügter geworden war, überraschte er Evremont eines Abends mit der
Erklärung, dass er den andern Morgen nach dem südlichen Frankreich abreisen
werde, um sich nach einigen entfernten Verwandten zu erkundigen, die sich
dortin zurückgezogen haben sollten. Evremont konnte ihn von diesen
Nachforschungen nicht zurück halten und musste mit Betrübnis den Greis scheiden
sehen, denn er hatte gehofft ihn zu bewegen, mit ihm nach dem deutschen Ufer des
Rheins zurückzukehren, und war durch das sichtliche Missfallen seines alten
Freundes an dem jetzigen Zustande der Dinge in Paris in dieser Hoffnung bestärkt
worden, und nun musste er ihn zu seinem Kummer gänzlich aus den Augen verlieren.
    Um sich von diesen und andern unangenehmen Eindrücken durch Zerstreuung zu
erholen, war er in eins der glänzenden Kaffeehäuser getreten, wo er eine
zahlreiche Gesellschaft fand, die, wie dies damals gewöhnlich geschah, laut die
Begebenheiten des Tages beurteilte und die Schritte der Regierung auf's
Heftigste tadelte. Evremont bemerkte bald, dass er sich an einem Versammlungsorte
der leidenschaftlichsten Bewunderer und Anhänger Napoleons befand, und nur der
aufgeregte Zustand dieser Männer machte es erklärlich, wie ihnen entgehen
konnte, was dem Unbefangenen sogleich auffiel, dass viele Mitglieder der
Gesellschaft, die am Heftigsten sich zu ereifern schienen, im Grunde nur da
waren, um die übrigen zu beobachten.
    Kaum hatte Evremont einige Augenblicke hier verweilt und von dem
dienstfertigen Aufwärter eine Erfrischung gefordert, als er von mehreren
Anwesenden bemerkt wurde, die ihn erkannten, und als einen Mitgenossen
entschwundenen Ruhms und vorübergegangener Gefahren begrüssten. Es waren dies
verabschiedete Offiziere, die unter Napoleon mit ihm in Spanien gedient hatten.
Zu ihnen gesellten sich mehrere Spanier, die damals die Partei der Franzosen
ergriffen und dem König Joseph gedient hatten, und die nun nach der Rückkehr des
Königs Ferdinand sich den Verfolgungen im Vaterlande entziehen und unter
Frankreichs Himmel Schutz für ihr Leben suchen mussten. Die gegenseitige
Wiedererkennung war von manchem Ausrufe der Ueberraschung und der Freude
begleitet. Erinnerungen an mit einander bestandene Gefahren und kleine
Abenteuer, wie ein solcher Krieg sie bietet, folgten diesen, und einige Spanier
erinnerten ihn daran, dass sie ihn im Hause der Wittwe Don Fernandos kennen
gelernt hätten, und in dem so fortgeführten Gespräch erfuhr Evremont, dass diese
schöne Wittwe sich mit einer Verwandten gegenwärtig in Paris befinde und dass ihr
Haus wieder, wie früher in Madrid, der Versammlungspunkt einer glänzenden
Gesellschaft sei. Er liess sich ihre Wohnung sagen und entfernte sich, so bald es
sich tun liess, aus diesem lauten Kreise, weil er bemerkte, dass er seinerseits
ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der beobachtenden Mitglieder geworden war.
    Ein gemischtes Gefühl von Teilnahme und Neugierde trieb ihn an, noch
denselben Morgen einen Besuch bei Don Fernandos Wittwe zu machen. Er hörte, als
er gemeldet wurde, einen Ausruf der Freude, und als er eintrat, kam ihm die
schöne Wittwe mit allen Zeichen freudiger Ueberraschung entgegen und begrüsste
ihn herzlich als einen Verwandten, worauf sie ihn ihrer Freundin vorstellte, die
ebenfalls Wittwe geworden war und noch die Trauer für ihren verstorbenen Gatten
trug, und als Evremont auch diese begrüsst hatte und sich nun im Saale umsah,
bemerkte er den General Clairmont, der ihm herzlich die Hand drückte, und ihm
zum Genusse der Freiheit und wiedergewonnenen Lebensfreude Glück wünschte. Doch
was führt Sie hieher? fragte der General im Laufe des Gesprächs. Ich dächte,
Paris könnte Ihnen jetzt nichts bieten, was Sie aus den Armen Ihrer Freunde,
worunter wunderschöne Arme sind, über den Rhein zu uns hinüber locken könnte.
    Evremont teilte ihm die Ursache seines Hierseins mit, und der General
sagte: Sie haben Recht sich völlig zurückzuziehen, auch ich habe es getan. Als
unser Stern noch ein Mal aufleuchtete, hoffte ich, er würde von Neuem seine
kühne Bahn durchlaufen, und schloss mich ihm mit vielen tausend braven Herzen an;
seit er aber bei Waterloo sich neigte und alsdann auf St. Helena sank, halt ich
ihn für völlig untergegangen, und wenn selbst durch ein Wunder Napoleon noch ein
Mal erschiene, würde ich mein Schicksal nicht mehr an das seinige schliessen.
Seine ersten Erfolge waren so glänzend, dass er die Mitwelt in Erstaunen
versetzte und sie blendete, seine zweiten gränzten an's Wunderbare und rissen
alle Herzen mit ihm fort, günstige Erfolge eines dritten Erscheinens aber halte
ich für unmöglich, und da ich gewiss weiss, dass ich ihm nicht mehr dienen kann, so
will ich auch meine Ruhe nie wieder aufgeben, ob ich gleich nicht so
philosophisch durch den langen Aufentalt bei Ihrem Vater, meinem alten Freunde
Hohental, geworden bin, wie ich glaubte, denn ich habe die Einförmigkeit des
Landlebens nicht lange ertragen können, und ich denke, ich werde meine beiden
Knaben in Paris noch besser als in der Einsamkeit erziehen können.
    Da Evremont durch den Grafen das Ende des alten Bertrand und seiner Gattin
kannte, für die er lebhafte Teilnahme behalten hatte, weil er sich dankbar
erinnerte, wie sehr sie sich bemüht hatten, selbst an Allem Mangel leidend ihm
die Beschwerden des Rückzuges zu erleichtern, so äusserte er gegen den General
seine Freude darüber, dass der verwaiste Knabe in ihm einen grossmütigen
Beschützer gefunden hätte.
    Lassen wir die Grossmut beiseit, sagte der General. Sie wissen, was mir der
alte Bertrand war, aber Sie wissen nicht, dass ich seine Frau früher unter andern
Verhältnissen kannte.
    Doch, sagte Evremont lächelnd, ich erinnere mich der schönen Dame recht
wohl, die damals in Ihrer Begleitung war, als Sie siegreich in Schloss Hohental
einzogen, wo ich in der Zeit ein demütiger Gefangener war, und ich habe nicht
ohne Erstaunen erst später erfahren, dass dieselbe Marketenderin - -
    Lassen wir dies alles, sagte der General, ihn ernstaft unterbrechend; mir
tun alle diese Erinnerungen nicht wohl. Genug, Sie sehen, dass es mir aus vielen
Gründen wohltut, Bertrands Knaben mit dem meinigen zu erziehen, und Sie können
beide hier sehen, wenn Sie wollen. Die Verwandte unserer Freundin hat zwei
Kinder, und da die Wittwe Don Fernandos oder die Baronin Schlebach Kinder sehr
liebt, ohne selbst Mutter zu sein, so werden meine beiden Knaben oft hieher
geführt als Spielgesellen der andern, und sie sind jetzt eben hier. Auf
Evremonts Äusserung, dass es ihm Freude machen würde, die Kinder zu sehen, die
der General der Baronin, wie sie hier genannt wurde, mitteilte, erschienen die
beiden Knaben, und Evremont wurde überrascht durch die kühnen Augen Bertrands,
mit denen dessen Sohn ihn anbljetzte, und durch die grosse Aehnlichkeit des
übrigen Gesichts mit dem Sohne des alten Lorenz.
    Ist es nicht ein sonderbares Spiel der Natur, sagte die Baronin, sich an
Evremont wendend und den Knaben unter Liebkosungen in ihre Arme schliessend, wie
sehr dies Kind Don Fernando ähnlich sieht?
    Evremont hätte ihr die Aehnlichkeit leicht erklären können, doch schwieg er
darüber, und lobte nur die Schönheit und den klugen Blick des Knaben, und
verriet auch später dem General nicht, in welchem Zusammenhange dies Kind mit
dem Gemahle der Dame stehe, die sich für Evremonts Verwandte hielt, denn er
traute diesem nicht Zurückhaltung genug zu, um ein Geheimnis, das ihm vielleicht
komisch dünken würde, ernstaft zu verschweigen.
    Es liess sich leicht bemerken, dass die Wittwe Don Fernandos ein zärtliches
Andenken für ihn im Herzen bewahrte, trotz alles von ihm erduldeten Unrechts,
und sie wusste es Evremont Dank, dass er Gefühle des Unwillens und der Verachtung,
die sie ihm damals verriet, als sie in Folge der kürzlich empfangenen Eindrücke
noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten, die nun aber die Zeit abgeschwächt
hatte, nicht weiter berührte - eine Schonung, die Evremont geübt haben würde,
wenn ihn auch nicht die Zärtlichkeit, mit der sie den ihm ähnlichen Knaben
liebkosete, hätte bemerken lassen, dass ihr das Andenken des Gemahls noch teuer
war.
    Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen, denn er
verriet in der Tat nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen
überlegener Spielgeselle, und den sanften Charakter, der sich in dem Kinde
aussprach, schien der Vater nicht gehörig zu würdigen.
    Es waren alle Gemüter noch zu sehr durch die neuesten Umwälzungen in
Frankreich aufgereizt, als dass eine Gesellschaft lange hätte beisammen sein
können, ohne dass sich das Gespräch auf die Ereignisse des Tages gerichtet hätte.
Der Tod des Marschalls Nei war damals das allgemeine Gespräch. Mit Tränen in
den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden,
und alle Äusserungen, die Evremont hier über diese traurige Begebenheit hörte,
waren weit von jeder vernünftigen Mässigung entfernt, und er selbst sprach, durch
sein Gefühl und das Beispiel hingerissen, seinen Schmerz darüber ohne Rückhalt
aus. Endlich brach er auf, nachdem er der Wittwe Don Fernandos das Versprechen
hatte geben müssen, das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus während
seines Aufentaltes in Paris täglich zu besuchen. Der General Clairmont war mit
ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben, und
Evremont war bereit, den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfüllen. Im
Laufe des mannichfach wechselnden Gesprächs, das unter beiden Kriegsgefährten
während des Tages Statt fand, bemerkte Evremont scherzend, der General sei so
einheimisch im Hause der Baronin, dass die Hoffnung nicht ganz unbegründet
erscheine, ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begrüssen. Nein Freund, das
ist nichts, sagte der General. Trotz aller Liebe, die Don Fernandos Wittwe noch
für den verstorbenen Gemahl äussert, scheint sie doch durch ihn die Ueberzeugung
gewonnen zu haben, dass die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind, und ich,
betrachten Sie mich, mein Haupt ist kahl geworden und die übrig gebliebenen
Haare beginnen schon stark zu ergrauen. Nein Freund, für mich ist es nicht mehr
Zeit an Liebe und Ehe zu denken, für mich ist die Zeit der Freundschaft den
liebenswürdigen Frauen gegenüber eingetreten, und diese Meinung scheint die
Baronin auch zu hegen.
    Evremont musste in der Tat bemerken, dass der General sehr alt geworden war,
und dass die Beschwerden des Krieges diesen Zustand früher herbeigeführt hatten,
als es die verlebten Jahre mit sich brachten. Und dennoch versicherte der
General, dass er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei,
weil ihn die Freude, einen so braven Kriegsgefährten und den Sohn seines alten
Freundes wieder zu sehen, ausserordentlich aufgeregt habe. Auch ihm musste
Evremont, als sie sich endlich trennten, das Versprechen geben, mit ihm während
seines Aufentaltes in Paris so oft als möglich zusammen zu sein.
 
                                       XV
Der vergangene Tag hatte in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft
aufgeregt. Der oft erwähnte Tod des Marschalls Nei hatte die Trauer über den
Fall dieses Helden schmerzlich erneuert, und er beschloss in der Stille am frühen
Morgen die Stelle zu besuchen, wo das bravste Herz, von Kugeln durchbohrt,
aufgehört hatte zu schlagen. Er war deshalb am andern Morgen sehr früh allein
ausgegangen, um, von Niemandes Auge bemerkt, sein Herz zu befriedigen und im
Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen. Er hatte den Garten Luxemburg
erreicht und näherte sich der Stelle, wo der Boden das Blut des Helden
getrunken, dessen kühne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verläugnet
hatte. Als Evremont sich dem verhängnisvollen Platze näherte, bemerkte er, dass
ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war. Er sah auf der
Stelle, wo der Marschall gefallen war, einen Mann in abgetragener Uniform
knieen; eine Hand hatte das Gesicht bedeckt, und Evremont bemerkte, dass der
linke Arm dem Krieger fehlte, der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte.
Er wollte sich zurückziehen, um den Knieenden nicht zu stören und zu
überraschen. Das geringe Geräusch aber, das diese Bewegung verursachte, traf das
Ohr des Knieenden, der Evremonts Annäherung nicht vernommen hatte. Die das
Gesicht verdeckende Hand sank herab, ein mageres, sehr bleiches Gesicht erhob
sich; dunkel glühende, tief liegende Augen starrten Evremont an, der einen
Schritt zurücksprang und dem das einzige Wort: Lamberti! von den Lippen floh.
Kommst Du endlich, Adolph, sagte der so Angeredete, ohne sich von den Knieen zu
erheben, mit sanfter Stimme. Lange, fuhr er fort, habe ich diesen Augenblick
erwartet und meine Seele darauf bereitet; ich werde Dir nicht widerstreben, und
wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast. Ich werde das
Verbrechen nicht läugnen, und ich würde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig
von mir werfen, wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben könnte, ach! und
ihr, der Unglücklichen - - er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem
seine Augen.
    Wenn ich auch, sagte Evremont, nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt
hatte, Gefühle der Rache hätte nähren können, so würden sie doch hier aus meinem
Busen schwinden, wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung
begegnen. Er wollte sich zurückziehen; doch der Knieende erhob sich nun und
sagte, indem das glühende Auge auf Evremont ruhte: Und wäre es möglich, könntest
Du vergeben, hier, wo das Blut des Helden floss, den wir beide verehrten?
    
    Ich habe schon längst ein Verbrechen verziehen, dessen Ursache ich nie habe
enträtseln können, sagte Evremont.
    O Gott! rief der verstümmelte Lamberti in Tränen, womit habe ich elender
Sünder Deine Gnade verdient? Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele,
nicht ohne Sakrament und Beichte werde ich sterben, denn ich beichte die
grässliche Missetat täglich, und mich, mich Unwürdigen allein, rettet die ewige
Gnade von dem Pfuhl der Verdammnis, in die meine unglücklichen Brüder beide
gesunken sind, beide ohne Beichte dahin gegangen, beide ewig verloren.
    In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekämpft.
Er hatte das Wort früherer brüderlicher Vertraulichkeit, womit Lamberti ihn
anredete, nicht erwiedern mögen und scheute sich doch auch, ihn durch das
entschiedene Zurückweisen dieser Vertraulichkeit zu kränken. Jetzt aber übte der
Anblick des so völlig zerknirschten Sünders volle Gewalt über sein Herz; und nur
grossmütigen Empfindungen Raum gebend, sagte er mit milder Stimme: Du quälst
Dich ohne Grund, Francesco, Dein Bruder Antonio ist nicht ohne Beichte
gestorben. Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino, wo
er verstümmelt lag, zu ihm geführt, und meine Verzeihung und die Vergebung
seiner Sünden haben seinen Tod erleichtert, den er kämpfend wie ein Held fand.
    Und Du, rief Lamberti, und Du hast diese Grossmut an Deinem Mörder geübt? O!
so kröne Dein Werk, nimm die grässliche Last von der Seele einer verzagenden
Mutter, die alle ihre Kinder für die Verdammnis geboren zu haben glaubt. Sie
würde mir nicht glauben, fuhr er flehend fort, sie würde meinen, dass ich mir
dies alles, unser Zusammentreffen hier, in Fieberträumen eingebildet habe, die
freilich oft meine Seele verwirren. O komm! rief er, als er sah, dass Evremont
noch zögerte. O komm! Du hast einem Deiner Mörder in der Stunde des Todes den
Priester zugeführt und seine Seele gerettet, Du hast dem andern verziehen, o
komm nun auch, ein Bote des Himmels, und tröste die schuldlose Mutter.
    Wohl, sagte Evremont, ich will auch dies tun, um Deiner Seele den Frieden
zurück zu geben, der Dir nur zu sehr mangelt, zeige den Weg, ich folge Dir. Ein
Blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn für den grossmütigen Entschluss. Beide
verliessen den Garten und ein misstrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele,
als sein Führer ihn in eine entfernte Vorstadt führte, und sie ihren Weg durch
enge, krumme und schmutzige Strassen nahmen. Könnte er, der mich schon ein Mal
ermorden wollte, dachte er, nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und
mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Händen seiner Genossen
überliefern, und ich verschwände von der Erde, ohne dass eins der mir teuren
Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen könnte, denn diese Unvernunft wird
mir Niemand zutrauen, dass ich meinem Mörder freiwillig in seine Höhle folge.
Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkührlich zögernd und langsam,
und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen
Begleiter und sagte: Ich sehe es, Dich gereut Dein grossmütiger Entschluss, ich
fühle nur zu wohl, dass ich Dein Misstrauen und nicht Deine Güte verdiene.
    Ich hege kein Misstrauen, sagte Evremont, in dem ein Blick auf die
Jammergestalt Beschämung über seine Besorgnis hervorrief, aber ich fühle mich
seltsam ermüdet; ist Deine Wohnung noch weit? Wir sind zur Stelle, antwortete
Lamberti, indem er vor einem schmalen, hohen Hause stehen blieb und die Klingel
zog, um Einlass zu begehren. Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten, öffnete
ein altes, schmutziges Weib die Türe, und Evremont folgte seinem Führer endlose
Stufen vieler Treppen hinauf, und er bereitete sein Herz auf den Anblick des
tiefsten, von Unordnung, Unsauberkeit und dem ganzen scheusslichen Gefolge der
Armut begleiteten Elends vor. Er wurde also um so angenehmer überrascht, als,
nachdem sie endlich die Höhe erstiegen hatten, die Türe der Wohnung seines
Begleiters sich öffnete und sie in ein kleines, aber äusserst reinliches Zimmer
traten, dessen schlechte Möbel in gefälliger Weise geordnet waren und aus dem
ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen strömte, der durch einige
blühende Pflanzen, die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen,
verbreitet wurde. In der Nähe des Fensters sass ein Mädchen, welches über die
Jugend hinaus, und vielleicht durch Kummer noch mehr verblüht war, als durch die
Macht der Jahre; vor ihr auf dem Tische stand ein Carton mit künstlichen Blumen,
und sie war eben damit beschäftigt, noch andere zu vollenden, die unter ihren
geschickten Händen eine treue Nachahmung der Natur wurden. Nachdem sie Lamberti
mit Teilnahme und Evremont mit Anstand gegrüsst hatte, fuhr sie mit ihrer
Beschäftigung fort, und Lamberti ging, nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte
hier zu verweilen, in ein anderes noch kleineres Gemach, näherte sich einem
Bette, dessen Vorhänge man in dem vorderen Zimmer bemerken konnte, und fragte
mit leiser Stimme: Schläfst Du, meine gute Mutter?
    Wie könnte ich schlafen, antwortete eine matte, kranke Stimme, wenn ich
bemerke, dass Du die Nächte ohne alle Ruhe hinbringst, wenn die Qualen Deiner
Seele Dich vor Tage aus dem Hause treiben und ich weiss, dass Du Dich in
schrecklichen Bussen abmarterst und doch nicht retten kannst, was ewig verloren
ist, ja ich noch fürchten muss, dass Du im Wahnsinne der Verzweiflung Dein Leben
selber endest und dann alle meine Kinder auf ewig verloren sind?
    Mutter, sagte Lamberti, mir ist heute ein Bote des Himmels erschienen, er
hat meiner Seele Frieden gebracht und wird auch die Deinige beruhigen. Der, den
ich ermorden wollte, hat mir vergeben, und er ist hier, Dir zu bezeugen, dass
auch Antonio wie ein Christ mit seinem Gotte versöhnt gestorben ist. Ja, er
selbst hat ihm vergeben und auch selbst den Priester zu ihm geführt, der die
Last der Sünde von seiner Seele genommen hat.
    Redest Du im Fieber? rief die Mutter. Grosser Gott! ist schon eingetreten,
was ich so lange befürchtete, hat sich der Wahnsinn Deines Geistes bemächtigt?
    Nein, gute Mutter, sagte Lamberti, der seine Tränen nicht mehr zurück
halten konnte, er ist hier, er wird an Dein Lager treten und meine Worte
bekräftigen. Wo? rief die Mutter, wo? Hilf mir, dass ich mich erhebe, dass ich zu
seinen Füssen um Vergebung für meine sündigen Kinder flehe, dass ich ihm Dank für
eine Grossmut sage, die sich nicht oft auf Erden findet.
    Das im vorderen Zimmer sitzende Mädchen hatte bei dem Anfange der
Unterredung zwischen Mutter und Sohn still fort gearbeitet, und ihre Tränen auf
ihren Busen niederfliessen lassen. Beim Fortgange derselben erhob sie den
feuchten Blick zu Evremont; auf den ersten Laut der Mutter aber, der Beistand
forderte, flog sie in das kleine Nebenzimmer, und bald erschien, auf ihren und
Lambertis Arm gestützt, eine reinlich gekleidete Alte, die sichtlich an der
Gicht litt und sich ohne Stütze nicht wohl bewegen konnte. Lasst mich, sagte sie
zu den sie Führenden, lasst mich jetzt, dass ich die Kniee dieses grossmütigen
Mannes umschlinge und ihn anflehe, mir zu wiederholen, was Du, mein
unglücklicher Sohn, mir verkündetest, damit ich mich von der Wahrheit Deiner
Worte überzeuge. Sie wollte sich zu Evremonts Füssen werfen; er gab es jedoch
nicht zu, sondern stützte sie mit seinen Armen, führte sie zu dem einzigen im
Zimmer befindlichen Lehnsessel und wiederholte ihr alles, was sie beruhigen
konnte.
    Können Sie bei der Mutter Gottes und ihrem gekreuzigten Sohne schwören,
fragte die Alte, dass Sie derselbe sind, gegen den meine Söhne ein so
schreckliches Verbrechen ausüben wollten, dass alle Ihre Worte wahr sind, und dass
Sie aufrichtig und von Herzen vergeben? Halb unwillig über dies Misstrauen legte
Evremont die Finger auf ein Krucifix, auf welches die Alte deutete und das auf
einem kleinen Betaltare unter einem mit künstlichen Blumen umkränzten
Muttergottesbilde lag, und sagte: Ich schwöre es auf dies uns allen heilige
Zeichen des Kreuzes, dass meine Worte wahr sind und meine Vergebung aufrichtig
ist.
    So verzeihen Sie auch meine letzte Forderung noch, sagte die Alte mit
hervorbrechenden Tränen. Eine Grossmut, wie Sie sie zeigen, ist so selten in
unserer sündigen Welt, in den rachgierigen Herzen der Menschen, dass mich nur
eine feierliche Versicherung ganz beruhigen konnte. Ach! Sie wissen nicht, fuhr
sie fort, indem sie den tränenden Blick und die zitternden, gefalteten Hände
zum Himmel erhob, welche Folterqualen Sie von unser aller Herzen nehmen. Da ich
weiss, dass mein Sohn Antonio wie ein Christ gestorben ist, so darf ich ja hoffen,
dass auch Camillo vielleicht noch diese Gnade Gottes vor seinem Ende gefunden
hat, und Francescos Seele wird nun ruhiger werden, und wir werden alle die
Trübsale des Lebens geduldiger tragen, und allen diesen Segen bringen Sie in die
Hütte der Armen. Es kann für diese Handlung eines wahren, Gott ergebenen
Christen die reinste Vergeltung nicht ausbleiben.
    Wenn Du glaubst, sagte Evremont, sich an Lamberti wendend, dass ich irgend
eine Vergeltung verdiene, so kläre mich darüber auf, was Dich und Deine Brüder
so feindlich gegen mich stimmen konnte zu einer Zeit, wo ich mich Euch mit Liebe
und jugendlichem Vertrauen ohne Rückhalt hingab, und Ihr mir diese Empfindungen
zu erwiedern schient.
    Ich will es, rief Lamberti mit einem tiefen Seufzer, ich will Dir die ganze
furchtbare Tiefe der menschlichen Seele zeigen, die Liebe und Verbrechen
zugleich hegen, und im Gefühle der Freundschaft auf Mord sinnen kann.
    Nein, ich will es, sagte die Mutter, ich will Dein Verbrechen nicht
beschönigen, aber Du sollst Dich nicht härter anklagen, als es diese Tat allein
schon tut. Damit Sie den ganzen Zusammenhang dieser Begebenheit einsehen, fuhr
sie zu Evremont gewendet fort, muss ich auf mein eigenes Leben zurückgehen.
    Meine Eltern waren arme rechtliche Leute, und wir lebten in einer Vorstadt
von Florenz, wo wir dadurch reichlichen Unterhalt fanden, dass ein Jeder bemüht
war, so viel seine Kräfte erlaubten zu erwerben. Mein Vater trieb einen kleinen
Handel, meine Mutter verstand das Flechten der feinen, so beliebten Strohhüte,
und ich selbst war dafür bekannt, die schönsten Blumen auf's Künstlichste
nachzubilden. So floss unser Leben ruhig dahin, unsere mässigen Wünsche vermochten
wir zu befriedigen und beneideten Niemanden. Ich war ungefähr siebzehn Jahr alt
geworden, als ein Herr Lamberti in Florenz erschien und nicht weit von unserer
Behausung seine Wohnung nahm. Die Nachbaren, die mit ihm in Berührung kamen,
konnten seine Freigebigkeit nicht genug rühmen; seine Heiterkeit und gute Laune
bezauberte Jedermann, und die Mädchen waren entzückt von seiner schönen Stimme
und seiner Kunstfertigkeit auf der Guitarre. Das Gerücht verbreitete von ihm, er
sei aus dem Römischen und habe sich von dort zurückgezogen, weil, einiger freien
Äusserungen über Religion wegen, er Verfolgungen von der geistlichen Regierung
zu erdulden gehabt habe, die ihn so ernstlich bedroht hätten, dass er es
vorgezogen, sein Vaterland zu verlassen.
    Es währte nicht lange, so suchte er mit meinem Vater in Verbindung zu
kommen, der sich in der Gesellschaft des heitern, vielerfahrnen Mannes
wohlgefiel, und bald war Herr Lamberti der Freund unseres Hauses, den Jeder
schmerzlich vermisste, wenn er einmal eine Stunde über die gewohnte Zeit seines
Erscheinens ausblieb. Mir konnte nicht entgehen, dass ich der Magnet war, der ihn
herbei zog. Meine Eltern bemerkten es eben so wohl, und da der erfahrne Mann die
Neigung wohl erkannte, die er mir einzuflössen gewusst hatte, und von meinen
Eltern keine Hindernisse zu besorgen waren, so hielt er um meine Hand an, die
ihm mit Freuden bewilligt wurde. In unserer Nachbarschaft wurde mein glänzendes
Glück, wie man diese Heirat nannte, mit Neid gepriesen. Ich fühlte mich in der
Tat selbst glücklich und hatte nichts dagegen, als mir mein Gatte ankündigte,
er habe einen Grundbesitz in einem kleinen Orte in den Appeninen erworben. Ich
würde ihm mit Freuden dahin gefolgt sein, wenn nicht der Kummer darüber, dass ich
mich von meinen Eltern trennen musste, diese Freude getrübt hätte. In der Tat
sah ich sie auch nach dieser Trennung nicht mehr wieder, denn ein bösartiges
Nervenfieber raffte im folgenden Jahre Beide hinweg.
    In unserem neuen Wohnorte hatte mein Gatte unser Haus für die dasige Gegend
kostbar eingerichtet, so dass es den Neid mancher Einwohner erregte, während
andere sich uns mit einer Art von Ehrerbietung näherten, und es schmeichelte
mir, dass diese sämmtlich meinem Gatten bei allen Gelegenheiten unbedingt zu
gehorchen schienen. Zuweilen besuchten uns hier auch Fremde, von denen mir
Lamberti sagte, dass es seine Bekannten aus früheren Zeiten wären, und die er mir
bald als reisende Kaufleute, bald als Officiere nannte. Ich bemerkte wohl, dass
sie viele geheime Gespräche mit einander führten, aber ich glaubte, es sei die
Pflicht einer Frau, da nicht eindringen zu wollen, wo ihr Gatte ihre Teilnahme
nicht wünschte. Oft auch entfernte sich Lamberti nach einem solchen Besuche eine
Zeitlang aus der Gegend, und immer kehrte mit ihm neuer Überfluss in unsere
Wohnung zurück. Bald sagte er mir, er habe einen glücklichen Handel gemacht,
bald, er habe einen Prozess oder im Lotto gewonnen, und ich bewunderte sein
ausserordentliches Glück und dankte Gott mit kindlicher Einfalt für den reichen
Segen.
    Ich hatte meinem Gatten nach und nach drei Söhne geboren. Die Knaben wuchsen
heran und vor allen war Camillo der Liebling des Vaters, denn er behauptete in
dessen wilder und rauher Gemütsart, die mir Tränen des bittersten Kummers
auspresste, die künftige Stütze des Hauses zu erblicken. Ich wurde, nachdem ich
drei Söhne geboren hatte, nicht wieder Mutter, und da sich mein Herz nach einer
Tochter sehnte, nahm ich mit Lambertis Bewilligung meine gute Lucretia als
elternlose Waise zu mir und erzog sie mit mütterlicher Liebe. Bald liess es sich
bemerken, dass sie und Francesko die zärtlichste Neigung verband. Um die Zeit
kurz vor der französischen Revolution suchte uns in unserer entlegenen Ortschaft
ein Herr St. Julien auf, der in Handelsgeschäften eine Reise nach Italien
gemacht hatte, und da ihm in Frankreich keine Verwandten lebten, suchte er diese
weitläuftigen Vettern auf, die mit ihm durch seine Mutter, eine Italienerin und
geborne Lamberti, im entfernten Grade verwandt waren. Er freute sich der
kräftigen Jugend meiner Söhne und wollte ihren Vater bestimmen, ihm einen zu
überlassen, der die Handlung bei ihm lernen und nach seinem Tode seine Geschäfte
fortsetzen könne.
    Mit seltsamem Lächeln antwortete Lamberti auf diesen gütigen Vorschlag, dass
er ihm selbst einen Sohn nach Paris bringen werde, und dass er hoffe, er werde
sich noch vorher von dessen Brauchbarkeit überzeugen. Der gute Herr St. Julien
machte uns allen vor seiner Abreise bedeutende Geschenke, denn er hatte grosse
Summen und viele Juwelen bei sich.
    Es war nichts Auffallendes darin, als Lamberti eine Stunde nach der Abreise
des Herrn St. Julien ebenfalls aufbrach und dies Mal seinen Lieblingssohn
Camillo mit sich nahm, denn er hatte verschiedene Male gegen mich geäussert, dass
ein Geschäft, welches ihm grossen Gewinn verspräche, dringend seine Abwesenheit
fordere, und dass er seine Abreise nur verschiebe, um einen geehrten Verwandten
nicht früher zu verlassen, als bis dieser gesonnen sei seine Reise fortzusetzen.
    Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kam Lamberti ungemein heiter und mein
Sohn Camillo in ausgelassener Fröhlichkeit zurück. Mein Gatte sagte mir, da
seine Geschäfte sich weit über seine Erwartung zu seinem Vorteile gewendet, so
habe er mir ein bedeutendes Geschenk mitbringen wollen, und überreichte mir bei
diesen Worten einen kostbaren Ring, den ich im ersten Augenblicke mit Freuden,
im zweiten mit Entsetzen betrachtete. Gott! rief ich aus, wie kommst Du zu
diesem Ringe? Er gehörte ja dem guten Herrn St. Julien. Wie kann dies sein?
fragte Lamberti verwirrt, indem er die Farbe veränderte, was indes damals noch
keinen Argwohn in mir erregte; woran willst Du dies erkennen? Es ist kein
Zweifel, erwiederte ich. Der gute Mann zeigte mir einige Juwelen und mir gefiel
die Fassung dieses Ringes ungemein. Ich würde ihn Ihnen zum Andenken schenken,
sagte der treffliche Mann, wenn ihn nicht meine Mutter getragen hätte, zu deren
Andenken ich ihn bewahre und deren Haar er entält. Er drückte auf diesen
kleinen Punkt hier, und siehst Du, fuhr ich fort, wie jetzt hob sich der
mittlere Stein, und siehst Du, hier ist das wenige graue Haar eingeschlossen.
Nimmermehr hätte er diesen Ring freiwillig weggegeben; er ist gewiss in die Hände
schändlicher Räuber gefallen und vielleicht gar von ihnen unbarmherzig
erschlagen worden.
    Warum nicht gar, sagte Lamberti unwillig und setzte gleich darauf ruhig
hinzu: Wenn dem aber so ist, wie Du sagst, so muss der Ring zu seinem Eigentümer
zurück, an den ich sogleich deshalb schreiben werde. Gebe Gott, dass er lebt,
sagte ich weinend, indem mein Gatte das Kleinod aus meinen Händen zurücknahm. Du
bist eine Törin, sagte dieser mit Härte zu mir, nicht jeder wird erschlagen,
dem die Last des Reichtums etwas erleichtert wird. Er verliess mich hierauf und
winkte seinen Sohn Camillo mit sich hinweg, dessen spöttisches Lächeln mir in
diesem Augenblicke durch's Herz schnitt. Seit der Zeit stürmte ich oft mit
Fragen auf Lamberti ein, ob er keine Nachricht von Herrn St. Julien habe, bis er
mir endlich mürrisch antwortete: Höre auf mich um des alten Spiessbürgers Willen
zu quälen; er lebt gesund und wohl in Frankreich, und ist dort so reich, dass er
den kleinen Verlust hier in Italien leicht verschmerzen kann.
    Also ward er doch wirklich von Räubern angefallen? rief ich bestürzt.
    Das hat ja meine kluge Mutter gleich beim Anblick des schönen Ringes
erraten, sagte Camillo lachend, und zu meinem Erstaunen stimmte der Vater in
das Gelächter ein. Es war überhaupt seit dieser Zeit eine Veränderung in unserem
Hause eingetreten. Der Vater gab den Söhnen mit Verschwendung alles, was sie
begehrten, um jede törichte Leidenschaft der Jugend zu befriedigen, und meine
beiden älteren Söhne überliessen sich allen Ausschweifungen, wozu die Jugend nur
zu geneigt ist, und vielleicht wurde von ähnlichen Vergehen Francesko nur durch
die Liebe zu meiner sanften Lucretia zurückgehalten. dabei brachte der Vater
seinen Lieblingssohn Camillo in eine solche Stellung gegen seine Brüder, dass er
völlig ihr Herr wurde, und er wusste diese Herrschaft durch Klugheit und durch
seinen kühnen Geist fortwährend zu behaupten. Auf allen Reisen des Vaters
begleitete ihn nur Camillo, und ich bemerkte bald, dass diejenigen Nachbarn, die
den Vater zu verehren schienen, dem Sohne beinah die gleiche Achtung bewiesen.
    Der Strom der französischen Revolution breitete sich auch über andere Länder
aus, und meine Söhne sowohl als ihr Vater wurden von dem allgemeinen Schwindel
ergriffen. Mit Entzücken sah der nun alternde Vater, wie alle seine Söhne die
Waffen ergriffen, und rief: Recht, meine Kinder, sucht Euer Glück, wo es jetzt
Viele finden, ich bin noch rüstig genug, hier unserm Geschäft allein
vorzustehen. Ehe sich meine Söhne mit den republikanischen Truppen vereinigten,
zu denen sie nun gehörten, hatte sich Lamberti mit meinem Sohne Camillo lange
eingeschlossen, und sie hatten, wie es schien, ernste und wichtige Unterredungen
mit einander. Francesko benutzte diese Zeit mir seine Empfindung mitzuteilen,
und er und Lucretia legten in meine Hand das Gelübde ab, für das ganze Leben
einander anzugehören.
    O! welche Hoffnungen, unterbrach sich die Mutter der Lambertis weinend,
täuschten damals meine liebende Seele! Ich sah meine Söhne, durch ihren Mut
emporgehoben, im Geiste in hohen kriegerischen Ehren; ich sah meinen Francesko,
den Liebling meines Herzens, in bedeutendem Range sich mit der schönen Lucretia
verbinden, und sah mich als die glückliche Ahnfrau künftiger Geschlechter. Ja
sie war eine Schönheit, fuhr die Alte fort, als sie bemerkte, dass Evremonts
Blick zu dem still arbeitenden Mädchen hinüberstreifte, der Kummer hat diese
Blüte schnell gebrochen, aber sie war damals eine blühende Schönheit.
    Evremont bemerkte jetzt erst das griechische Profil und die edeln Formen des
Kopfes, wodurch so viele Florintinerinnen ausgezeichnet sind, und die
Beschämung, die sie bei Erwähnung ihrer vergangenen Schönheit empfand, zauberte
diese auf einen Augenblick zurück, denn die funkelnden, halb niedergeschlagenen
Augen, die glühenden Wangen zeigten flüchtig dem Beobachter, was sie in der
Blüte der Jugend gewesen sein musste.
    Meine Söhne hatten uns verlassen, fuhr die Alte fort, und ich und Lucretia
lebten sehr einsam, denn Lamberti war oft abwesend und kehrte nicht immer so
heiter zurück wie früher, ja es entfuhren ihm zuweilen Klagen über die
Nichtswürdigkeit feiger Schurken, die ihre Zunge bei dem Anblicke des Todes
nicht fesseln könnten und ihre Freunde, denen sie Treue gelobt, dadurch in
Gefahr brächten. Zugleich bemerkte ich, dass viele von unsern Nachbarn ihren
Wohnort verliessen, indem sie behaupteten, sie könnten anderswo auf eine
vorteilhaftere Art sich ansiedeln. Auch Lamberti äusserte oft, es würde ihm in
den Gebirgen zu einsam, er wolle nach Florenz oder nach Mailand ziehen, um so
mehr, da er vom Kirchenstaate ausgehende Verfolgungen auch hier zu befürchten
habe. Um die Zeit hatte er erfahren, dass Herr St. Julien geheiratet und einen
Sohn seiner Gemahlin aus erster Ehe adoptirt habe, dem er sein ganzes Vermögen
zuwenden wolle. Diese Nachricht versetzte ihn in unglaubliche Wut und er
fluchte dem Verwandten, der seine rechtmässigen Erben auszuschliessen dächte. Ich
machte ihn vergeblich darauf aufmerksam, dass unsere Verwandschaft mit Herrn St.
Julien so entfernt sei, dass sie kaum diesen Namen verdiene, und wenn wir auch
ganz nahe Verwandte wären, so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermögens und
könne es zuwenden, Wem er wolle. Ich hoffe, erwiederte Lamberti, Camillo wird
Mittel für alles dies finden. Um ihn zu besänftigen sagte ich, der gute alte
Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen, dass er sie gewiss
nicht übergehen wird, wenn er auch sein Hauptvermögen seinem adoptirten Sohne
zuwendet.
    O! diese reichen Bürger, antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit,
entziehen dem alles Wohlwollen, der ein wenig dreist von ihrem Überfluss
fordert. Aber wir sind Herrn St. Julien ja nie zur Last gefallen, bemerkte ich.
    Sprich nicht über Dinge, die Du nicht beurteilen kannst, sagte Lamberti
rauh und verliess mich, um an Camillo zu schreiben, der schon Officier geworden
war und gemeldet hatte, dass auch seine Brüder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu
erwarten hätten.
    Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte, verliess er mich, um wieder eine
seiner gewöhnlichen Reisen anzutreten, die mich, ich konnte mir nicht erklären
wesshalb, zu beunruhigen anfingen, und ich blieb mit Lucretia ganz allein. Nach
einigen Tagen in der Dämmerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner
mit einem kleinen mit Maultieren bespannten Wagen vor unserer Tür, und als wir
heraustraten, sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis. Er
hemmte durch einen Wink den Schrei, der unsern Lippen entfliehen wollte.
    Macht keinen unnützen Lärm, sagte er leise, helft mir in's Haus. Der
Fuhrmann stand uns bei, den Schwerverwundeten hineinzutragen, und als wir ihn
auf's Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten, eilte, ohne ein Wort weiter zu
sprechen, der Fuhrmann mit seinem Wagen davon.
    Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Tränen, und ich
wollte einen Wundarzt rufen.
    Lass das, sagte Lamberti, es ist überflüssig, ich fühle, ich sterbe, lass mir,
Lucretia, unsern Pater rufen. Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen,
und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf, nachdem er mich vorher
dringend ermahnt hatte, alle Papiere, die ich finden würde, zu verbrennen, weil
sie mir zu nichts helfen, sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein
Andenken Schande häufen könnten. Ich versprach dies, aber im Schmerze über das
Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran, bis mich der Geistliche
ernstaft erinnerte, den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen. Ich ging
also an dies Geschäft, während der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung
Nötige besorgten, und als ich die Papiere verbrennen wollte, belehrte mich ein
zufälliger Blick darauf, dass diese Briefe sämmtlich in Zeichen geschrieben
waren, die ich nicht zu enträtseln verstand. Ein einziger italienisch
geschriebener Brief fiel mir in die Hände. Er war von Herrn St. Julien, und das
zärtliche Andenken, das ich dem wohlwollenden Manne bewahrt hatte, vermochte
mich einen Blick darauf zu werfen. Gleich nach den ersten Worten, die ich las,
war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt. Dieser Brief war kurz nach Herrn
St. Juliens Besuch bei uns, nach seiner Rückkehr in sein Vaterland, an Lamberti
gerichtet. Er schrieb ihm darin, dass er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl
die Räuber erkannt habe, die ihm im Einverständnisse mit dem Postillon sein Geld
und seine Juwelen in der Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen
hätten, dass er es wie eine Gnade des Himmels betrachten müsse, dass er in diesem
furchtbaren Augenblicke so viel kalte Ueberlegung gehabt hätte, einzusehen, dass
er dies Erkennen nicht verraten dürfe, weil sonst das blanke Eisen, mit dem der
junge Bösewicht ihn fortwährend bedroht habe, sich unfehlbar in sein Herz
gesenkt haben würde, um ihm den Verrat unmöglich zu machen. Ich will die
Gerichte nicht zur Rache anrufen, schloss der Brief, aber nur noch bemerken, dass
diejenigen, die sich auf Gefahr meines Lebens einen Teil meines Eigentums
angemasst haben, nie mehr das Geringste von mir erwarten dürfen und sich also
jede Reise zu mir ersparen können, weil ich keine Schlange in meinem Busen
erwärmen und keinen Räuber in mein Haus nehmen werde.
    Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf, und der
Geistliche fand mich in Tränen gebadet, den unglücklichen Brief in der Hand. Er
nahm ihn, sah ihn flüchtig durch und warf ihn zu den übrigen in's Feuer. Euer
Gatte, sagte er mir dann, hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Sünden
empfangen; schadet Euch nun nicht selbst und tut, wie er weislich riet, denn
Ihr müsst in Kurzen eine Haussuchung besorgen, da ihn die Obrigkeit auf die
Angabe einiger Genossen vielleicht für das Haupt der Räuber halten wird, die die
Gebirge unsicher machen, und deshalb ist es gut, wenn nichts gefunden wird, was
diese Meinung bestätigen könnte. Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen
betäubt, als dass ich diesen Rat hätte befolgen können. Der Geistliche also
verbrannte selbst alles noch Uebrige, ohne noch einen Blick darauf zu werfen,
und eilte mit Lambertis Beerdigung, die so feierlich als möglich vollzogen
wurde.
    Wenige Tage danach rückten Soldaten, von Gerichtspersonen begleitet, in den
Ort unseres Aufentalts ein. Die verlassenen Häuser der Lamberti ergebenen
Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige. Da aber gar nichts Verdächtiges
gefunden wurde, und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war, der Pfarrer
auch die Verwundung Lambertis, die sein Ende herbeigeführt hatte, verschwieg, so
entfernte sich alles Drohende bald wieder aus unserem Gesichtskreise.
    Aber nicht lange genossen wir die traurige Ruhe, die uns geworden war. Die
äussere Stille, in der ich meine Tage durchlebte, wurde durch die ganz Italien
erobernden Franzosen unterbrochen, und bei einem kleinen Gefechte wurden mehrere
Häuser des Ortes, wo wir lebten, angezündet, und auch unser Haus und unsre Habe
wurden ein Raub der Flammen. Der oft wiederholte Schrecken wirkte nachteilig
auf meine Gesundheit und die Gicht lähmte meine Glieder. In diesem traurigen
Zustande wendete ich mich mit Lucretia nach Florenz, wo sie durch ihre
geschickte Arbeit die Kosten unseres Unterhaltes bestritt. Von meinen Söhnen
empfingen wir wenig Unterstützung; denn obwohl Herr St. Julien die Grossmut
gehabt hatte, ihnen dennoch bei seinem Tode eine ansehnliche Summe zu
hinterlassen, so hatten doch die älteren Brüder nach ihrer wilden Weise zu leben
bald alles, was sie besassen, ausgegeben, dem jüngeren Bruder aber hatten sie
keine Rechenschaft darüber abgelegt, und Francesko, der seit des Vaters Tode
nichts hatte als seinen Gehalt, konnte uns nur spärlich unterstützen.
    In dieser Lage der Dinge schwanden die Jahre dahin, bis auch Sie
Kriegsdienste nahmen, und das Unglück wollte, dass Sie den Umgang mit meinen
Söhnen nur zu eifrig suchten, deren falsche Freundschaftsbezeigungen Ihr
argloses Herz verlockten.
    Nein! rief Francesko Lamberti, sie war nicht falsch diese Freundschaft. Ich
liebte Dich wahrhaft, auch Antonio war Dir ergeben, und selbst Camillo konnte
Deinen offenen, wohlwollenden Charakter nicht verkennen. Es ist ein prächtiger
Junge, sagte er oft, Schade, dass er so bald sterben muss. Wir lachten über einen
solchen Ausspruch, da Du gesund und blühend warst, und die Gefahren des Krieges
Dich nicht mehr bedrohten, als uns. Nun, Ihr werdet sehen, sagte dann Camillo in
seiner gewöhnlichen herrischen Weise, dass seine Tage gezählt sind.
    Endlich nahte jener verhängnisvolle Tag in Schlesien. Wir wussten, Camillo
hatte Dich eingeladen, ihn mit uns zu verleben, und wir freuten uns aufrichtig
Deiner Gesellschaft. Camillo mietete einen Wegweiser, mit dem er eine lange,
ernstafte Unterredung hatte. Nachdem dies alles geschehen war, redete er uns
ungewöhnlich ernst und feierlich an, und sagte, er habe von unserm verstorbenen
Vater den Auftrag, ein uns zugefügtes grosses Unrecht für uns unschädlich zu
machen. Er habe feierlich die Verpflichtung übernommen für das Wohl der Familie
zu sorgen, weil der Vater ihn als den, der am Fähigsten dazu sei, erkannt habe;
er brauche aber jetzt unsern Beistand, um dies zu vermögen, und er fordere uns
auf, ihm in dieser Angelegenheit, die zu unser aller Bestem gereiche,
vollkommenen Gehorsam zu leisten. Wir waren es von Kindheit an gewöhnt, unter
seiner Herrschaft zu stehen, so dass wir dies, ohne uns zu bedenken, versprachen.
Er nahm eine Reliquie, die er am Halse trug, hervor und liess uns einen
furchtbaren Eid darauf schwören, ihm blind zu gehorchen und, was er befehlen
würde, so lange er lebe, selbst in der Beichte zu verschweigen. Ich zögerte
einen Augenblick, doch das Beispiel Antonios riss mich hin, und wie er, leistete
ich den entsetzlichen Eid. Darauf setzte unser Bruder Camillo das vermeintliche
Unrecht, das uns unser Oheim St. Julien zugefügt habe, auseinander, und ich weiss
nicht, ob er wirklich selbst getäuscht war oder ob er uns täuschen wollte. Er
versicherte durch einen Rechtsgelehrten den Inhalt des uns nachteiligen
Testaments zu kennen, worin bestimmt sein sollte, dass, wenn Du, Adolph, ohne
Erben stürbest, wir drei Brüder in Deine Rechte treten sollten. Ihr seht also
ein, schloss Camillo, dass Adolph sterben muss, so leid es mir auch tut, denn ich
würde ihn lieben, wenn sein Dasein nicht das unsere verkümmerte, und ich tödte
ihn ohne Hass der Pflicht der Selbstverteidigung gemäss, wie den Feind, der mir
im Felde gegenüber steht. Ich schauderte vor diesem Vorsatze zurück, doch
Antonio, dem künftiger Reichtum lockender als künftige Seligkeit dünkte, ging
sogleich darauf ein. Ich warf mich meinen Brüdern zu Füssen. Memme, riefen Beide,
Du weisst, was Du geschworen hast, und liessen mich mit der Verzweiflung ringend
auf dem Boden liegen. Du kamst, Adolph; arglos liefertest Du Dich Deinen Mördern
aus. Meine Brüder bewachten mich. Ich hätte Dir kein Zeichen geben können, wenn
ich es auch gewagt hätte, den entsetzlichsten Eid zu verletzen, den je eines
Menschen Zunge gesprochen hat. Du fragtest mit Teilnahme nach der Ursache
meines blassen, verstörten Aussehens. Meine Brüder gaben Dir die Antwort, dass
ein kalter Brief meiner Braut, der nächstens eine förmliche Zurücknahme ihres
Wortes erwarten liesse, mich so trübe stimme, und Camillo sagte, mir bedeutend
zuwinkend, dass der feurige Wein meine gesunkenen Lebensgeister erheben würde. Du
selbst zwangst mit gutmütiger Zudringlichkeit mir mehr Wein auf als gut war,
bis sich endlich mein Herz in dem Grade verhärtete, dass ich dachte: Nun, wenn er
selbst es nicht besser haben will, so mag es denn sein.
    Man hatte auch Dir selbst nur zu viel Wein aufgenötigt, und als wir nun
endlich aufbrechen mussten, sassest Du nicht so sicher wie sonst zu Pferde. Der
Bauer führte uns, wie Camillo mit ihm verabredet hatte. Man machte Dich glauben,
wir schlügen einen kürzeren Weg ein, um nach der Verspätung mit unsern Truppen
zur rechten Zeit in dem Versammlungsorte zusammen zu treffen. Wir hatten eine
einsame Stelle im Walde erreicht. Der Führer verschwand und Camillo gab das
verhängnisvolle Zeichen. Wie ein Wütender, mit Tränen in den Augen und
Zähneknirschen riss ich Dich von hinten mit der linken Hand vom Pferde; es wurde
mir dunkel vor den Augen und in Verzweiflung führte ich Streiche nach Dir, mit
denen ich mein eigenes Herz zerfleischte. Ich sah nichts mehr, bis ich Camillos
Stimme hörte, der rief: Es ist genug, er ist dahin! Ich war betäubt, beinah
bewusstlos; meine Brüder fassten die Zügel meines Pferdes und rissen mich hinweg.
Später hörte ich, Du seist aufgesprungen und habest Dich auf's Äusserste
verteidigt. Davon habe ich nichts gesehen und es klang mir wie Töne aus weiter
Ferne, wie meine Brüder sich unterredeten, Deinen Mut lobten und es beklagten,
dass Du uns im Wege habest stehen müssen.
    Wir mussten dem Feinde entgegen gehen, und ich hatte nicht Zeit mich den
Qualen des Gewissens zu überlassen. Die allererste Kugel, die auf einem
Streifzuge der Feind zu uns hinüber sendete, riss mir den linken Arm hinweg, der
Dich vom Pferde gerissen hatte. Schleunige Hülfe rettete mein Leben, und als ich
völlig zur Besinnung gekommen und der Verband gehörig geordnet war, besuchte
mich Camillo und sagte: Du bist zum Dienste unbrauchbar geworden, armer Bruder;
um so wohltätiger wird Dir nun unseres alten Oheims Vermögen sein. Gedenke
stets des mir geleisteten Eides, und da Du nun, wenn Du geheilt bist, nach
Frankreich zurückgehst, so kannst Du der Wittwe unseres Oheims den Tod ihres
Sohnes melden. Er teilte mir hierauf das Mährchen mit, das ich der
unglücklichen Frau für Wahrheit verkaufen sollte. Ich bat ihn, mich mit diesem
Auftrag zu verschonen. Er rief mir den Eid des blinden Gehorsams in's Gedächtnis
zurück und sagte zürnend: Ich würde Dich, bebende Memme, nicht zu diesem
Geschäft erwählen, wenn es nicht sehr gut wäre, dass die Mutter das Ende ihres
Sohnes durch einen von uns erführe, die wir dabei zugegen waren, und Du, fuhr er
halb spottend fort, kannst ihr ja sagen, Du habest den Arm in seiner
Verteidigung verloren, und die gute Frau wird alle Zeichen Deiner Gewissensqual
für zärtliche Teilnahme an dem Geschick ihres Lieblings halten. Er gab mir
Deine Uhr und Dein Taschentuch, um es der Mutter einzuhändigen und verliess mich.
Noch denselben Abend blieb er in der Schlacht.
    Mein fürchterlicher Eid zwang mich trotz seinem Tode seinen letzten Befehl
zu erfüllen, und nach meiner gänzlichen Heilung, die mich lange in Berlin
aufhielt, machte ich mich, von Reue und Gram erfüllt, nach Frankreich auf. Ich
übergab Deiner Mutter die Pfänder Deines Todes und erzählte das wohl eingeübte
Mährchen. Aber von ihr erfuhr ich zu meiner Freude und zu meiner Bestürzung, dass
Du wie durch ein Wunder gerettet lebest und in Sicherheit seist. Hier erfuhr ich
auch zufällig, dass wir, wenn auch unsere Gräueltat gelungen wäre, sie doch
völlig zwecklos ausgeübt haben würden, denn unser Oheim, mit Recht wider uns
aufgebracht, hatte durch sein Testament seiner Wittwe die einzige Beschränkung
in der Verfügung über seinen Nachlass auferlegt, dass er uns durch keinen
denkbaren Fall, der eintreten könne, jemals zufallen dürfe.
    Ueberzeugt nun, dass Du uns, sobald es die Umstände erlaubten, zu blutiger
Rechenschaft ziehen würdest, bereitete ich mein Gemüt auf diesen Augenblick
vor, und als ich später von rückkehrenden, wie ich verstümmelten Kriegsgefährten
erfuhr, Du widersprächest dem von Camillo ersonnenen Mährchen nicht, so glaubte
ich, Du schwiegest bloss, weil Dir die Beweise wider uns mangelten, und als ich
nun endlich auch Antonios Ende erfuhr, und nun meine Seele durch Beichte und
Busse erleichtern durfte, legte ich mein furchtbares Geheimnis auch auf meiner
Mutter Herz, die mit der liebevollen Lucretia hieher gekommen war, wo ich
kümmerlich vom halben Sold lebte, um das Leben eines Sünders zu erleichtern.
Seit der Zeit habe ich mich auf Deinen Anblick vorbereitet und den Entschluss
gefasst, durch ein vollkommenes Geständnis Dir jeden nötigen Beweis gegen mich
zu liefern; seit der Zeit lebe ich nur der Reue und Busse.
    Ja und einer so furchtbaren Busse, sagte die Mutter klagend, dass meine letzte
Hoffnung darüber schwindet. Wir hatten sein Unglück erfahren und seine weinende
Braut, meine brave Lucretia, sagte: Um so mehr bedarf er einer treuen
Begleiterin durch das Leben, die ihn sein Unglück vergessen lehrt. Wir kamen
nach Paris, und das Bekenntnis seines Verbrechens erfüllte das Herz des armen
Mädchens mit Schauder. Sie rang mit Tränen und Gebet vor Gott und der heiligen
Jungfrau, und sagte: Wenn er sich selbst verabscheut, wenn die Menschen ihn
meiden, Wer soll ihn nach und nach mit sich selbst und mit Gott versöhnen, wenn
nicht die treue Freundin seiner Jugend? Aber er legte sich so harte Bussen auf,
dass sie seine Seele immer zaghafter machten, und finster entfernte er sich von
der Liebe und überlieferte sich gänzlich der Qual, der Geisselung und jeder
Marter. Sein strenges Fasten zehrt jede Lebenskraft auf und führt ihn an den
Rand des Grabes, und ich, die ich mich lange eine glückliche Gattin eines
geachteten Mannes wähnte und mich endlich als die Genossin eines Räubers fand,
die die stolze Mutter dreier in Jugendkraft blühender Söhne war, verlor zwei
davon, kaum wurde mir der letzte verstümmelt erhalten, und dieser letzte wird
vor mir, die ich krank und elend bin, in's Grab sinken und meine arme Lucretia
wird zum Lohne ihrer endlosen Liebe einsam vergehen, wenn sie endlich auch die
Mutter, die ihr Fleiss ernährt, begraben haben wird.
    Das schweigende Mädchen erhob sich jetzt, und indem sie zum ersten Male die
Lippen öffnete, sagte sie, ruhig um sich blickend: Ich schäme mich meiner treuen
Neigung nicht und ich läugne sie nicht. Ein verächtlicher Bösewicht wird gewiss
das Herz des Weibes, das ihn aus Täuschung liebte, von sich entfernen, wenn sie
ihren Irrtum erkennt. Aber was bleibt dem Menschen auf dieser armen Erde, wenn
das Herz seiner Lieben ihm nicht bleibt, die das seinige vollkommen kennen und
es wissen, wie vieler schönen Empfindungen es noch fähig ist, wenn der schwache
Mensch sich auch zu einem Verbrechen hat hinreissen lassen. Ich will, fuhr sie
fort, Franceskos Tat nicht beschönigen, ich erkenne in ihr ein grosses
Verbrechen, das die Gesetze der Menschen mit dem Tode bestrafen, aber Gott, der
die Tiefen seines Herzens kennt, wird sie ihm dennoch vergeben, und so bleibt
auch meine Liebe ihm selbst im Tode treu, denn ist er auch ein Verbrecher, er
ist kein Bösewicht, und wenn ihn Alles verlässt, so wird mein Herz ihm noch
Trost, meine Seele noch Achtung bieten.
    Nicht ohne Rührung sagte Evremont, sich an Francesko wendend: Du siehst die
Milde der ewigen Liebe abgespiegelt in einer Menschenbrust, aber wie uns dieser
Anblick auch innig bewegt und uns zur Ehrerbietung zwingt, glaubst Du nicht, dass
Gottes Liebe dennoch milder ist, als die auch der besten Menschen? Darum ermanne
Dich Francesko und gelobe mir Eins. Er bot dem reuigen Sünder die Hand, die
dieser heftig ergriff, in demselben Augenblicke schmerzlich zusammenzuckend. Was
hast Du wieder? fragte Evremont mit edler Ungeduld.
    Es schmerzt und entzückt mich, sagte Francesko, dass Deine reine, grossmütige
Hand so arglos in der Mörderhand ruht, die feindlich Dein edles Herz zu treffen
suchte. Lass das, antwortete Evremont, ihm die Hand schüttelnd, und antworte mir,
willst Du mir geloben, was ich von Dir fordere?
    Ich will, sagte Francesko, und Gott sei mein Zeuge, ich will es noch treuer
halten, als meinen freventlichen Eid.
    So gelobe mir, sagte Evremont feierlich, Dir selbst zu vergeben, wie ich Dir
von ganzem Herzen verzeihe. Gelobe mir Deine künftige Busse nur in Werken der
Liebe zu üben und es zu unterlassen, Dich selbst zu martern, damit Du den Deinen
ein Trost sein und ihre Leiden mindern kannst, statt ihren Jammer zu vermehren.
Gelobst Du mir dies?
    Ja, ich gelobe es Dir, sagte Francesko mit hervorbrechenden Tränen; Du hast
in dieser Stunde die Qualen der Hölle von meiner Seele genommen, und ich werde
mir wieder ein Mensch unter Menschen und nicht mehr ein ausgestossener Verbrecher
scheinen.
    Evremont trat zu dem Tische, an dem das Mädchen gearbeitet hatte, und indem
er zwei schöne Rosen nahm, sagte er zu ihr: Nicht wahr, Sie geben mir diese, dass
ich sie meiner Gattin als ein Andenken an eine schöne Stunde bringe? Lucretia
neigte bejahend das Haupt, denn sie vermochte vor Rührung nicht zu sprechen, und
Evremont verliess, von den Segenswünschen der Familie begleitet, die enge
Wohnung, worin nun lauter beruhigte Gemüter zurück blieben.
    Auf der Strasse angelangt nahm Evremont den ersten Mietwagen, der ihm
aufstiess, weil er durch dies Labyrint von Strassen nicht nach seiner Wohnung
zurückgefunden haben würde, und im Fahren überlegte er, was sich für Francesko
tun liesse, denn ihm selbst irgend eine Unterstützung anzubieten und so sein
Gefühl auf's Tiefste zu verletzen, vermochte er nicht. Er dachte an den General
Clairmont und eilte noch denselben Morgen zu ihm, um ihm seine Wünsche
vorzutragen, die der alte Freund seines Vaters gern zu erfüllen bereit war, dem
er nur sagte, dass er sich eben erst nach einer langen Zwistigkeit mit Francesko
versöhnt habe und ihm deshalb nicht selbst Hülfe anbieten möge.
    Es kommt nur darauf an, sagte der General, dass ich, ohne dass es auffällt,
mit Lamberti zusammentreffen kann; das Uebrige wird sich machen, denn wenn ich
auch selbst jetzt nicht dienen mag, so denken doch nicht alle ehemalige
Kameraden wie ich, und ich habe unter den jetzigen Machtabern Freunde genug,
die einen armen verstümmelten Krieger ehrenvoll anzustellen vermögen, und wenn
Ihre Gabe durchaus verschwiegen bleiben soll, so steht es mir doch frei, eine
Summe hinzuzufügen, damit ich mich nicht gänzlich mit fremden Federn schmücke.
    Eine Gelegenheit mit Francesko zusammen zu treffen, ohne ihn aufsuchen zu
müssen, bot sich schon des andern Tages dar. Das in Paris neu gewordene
Schauspiel der Einkleidung einer Nonne lockte viele teils andächtige, teils
neugierige Zuschauer nach der Kirche, wo die Ceremonie Statt fand. Unter den
letztern war der General Clairmont mit Evremont, und unter den ersteren Lamberti
und die ihn begleitende Lucretia, die sich aufrichtig an der Handlung erbauten.
Evremont hatte dem General den bleichen, abgezehrten Lamberti gezeigt, und als
Jedermann die Kirche verliess, wurde dieser freundlich von dem General angeredet,
der ihm auf die ungezwungenste Weise darüber Vorwürfe machte, dass er einen alten
Kriegsgefährten nicht aufgesucht habe. Er forderte ihn auf, dies wieder gut zu
machen und gleich diesen Mittag bei ihm zu speisen, und als der Angeredete
zögerte diese Einladung anzunehmen, sagte er: Sie werden Niemanden bei mir
finden als Ihren Freund, den Obristen; wir wollen uns ohne Zwang der vergangenen
Tage erinnern. Er reichte ihm hierauf eine Karte mit seiner Adresse und sagte:
Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen. Verwirrt verbeugte sich Francesko und
nahm so die unerwartete Einladung an.
    Bei der Tafel konnte der General leicht das Gespräch auf die vielen
Veränderungen, die jetzt in allen Zweigen der Staatsverwaltung vorfielen,
wenden, und mit Geschicklichkeit erforschte er, wohin sich die Wünsche seines
Gastes richteten, und sagte endlich: Ich zweifle gar nicht, dass ich Ihnen eine
solche Anstellung werde verschaffen können. Nach der Tafel führte er ihn in sein
Kabinet und zwang ihm eine Summe Geldes auf, die die ersten Einsichtungen
erfordern würden und die er ihm in späteren Zeiten wiedererstatten könne. Mit
freundlicher Gewalt setzte der General dies durch und duldete weder Ablehnen,
noch Widerspruch. Was ist es denn Grosses, sagte er, ein verabschiedeter Krieger
steht dem andern bei, das ist in der Ordnung. Als Beide in den Saal
zurückkehrten, wo sie Evremont gelassen hatten, trat Lamberti zu diesem, der
sich an ein Fenster lehnte, und sagte: Ich verdanke Dir auch dies alles, ich
weiss es wohl, der General ist zwanzig Mal an mir vorüber gegangen und hat mich
nicht erkannt. Ich weiss wohl, Wer nun die Erinnerung an mich in ihm aufgefrischt
hat, und ich ahne, was für einen Zusammenhang es mit seiner Freigebigkeit hat;
aber ich habe Deine Vergebung empfangen, Deine Hand hat in der meinen geruht, Du
hast mich mit mir selbst versöhnt und mehr als ein Herz vom bittersten Schmerze
erlöst. Nach allen diesen grössten Wohltaten, die ein Mensch dem andern erweisen
kann, wie sollte ich nun nicht noch die kleinere auch von Dir empfangen können?
    Mit sich selbst zufrieden verliess Evremont die Wohnung des Generals, und er
hatte die Beruhigung, noch ehe er Paris verlassen konnte, zu erfahren, dass es
dem alten Freunde seines Vaters in der Tat leicht geworden sei, sein Wort zu
erfüllen, denn er hatte Lamberti in wenigen Tagen eine Anstellung verschafft,
die ihn mit seiner Familie an die spanische Grenze führte und ihm dort ein
anständiges Einkommen sicherte, und da sein Gemüt, von den Schmerzen der Reue
geheilt, zum Frieden des Lebens zurückkehrte, so erfuhr Evremont später, dass die
ihm so innig ergebene Lucretia ihr Schicksal noch fester mit dem seinen
verbunden und ihm nach langer Treue ihre Hand vor dem Altar gereicht hatte.
    Endlich war auch Evremonts Geschäft in Paris geendigt. Er hatte seinen
Abschied erhalten und eilte mit liebevollem Herzen über den Rhein in die Arme
seiner ihn sehnsüchtig erwartenden Freunde zurück.
 
                                      XVI
Mit der höchsten Freude wurde Evremont von seiner Familie begrüsst, die ihn nun
erst ganz als den ihrigen betrachtete, da seine Verbindung mit Frankreich
aufgelöst war, indes er selbst über diesen Grund der Freude seufzte, denn ihn
schmerzte es, dass er Frankreich nicht mehr sein Vaterland nennen sollte; doch
ging diese Trauer unter den schönsten Empfindungen des Glücks im Kreise der
Seinen bald vorüber, und der Strom des Lebens schien nun einen ruhigen Gang
zwischen blumigen Ufern nehmen zu wollen und nicht mehr über wilde Klippen zu
schäumen. Die Stunden teilten sich zwischen Beschäftigungen und Vergnügungen;
Pläne zu kleinen Reisen wurden entworfen, so wie zur Verschönerung der Umgebung,
und man gedachte bei diesen friedlichen Beschäftigungen oft des alten Dübois,
dessen eigensinnige Entfernung die ganze Familie beklagte. Es sollten nach den
Verschönerungsplänen, die der Graf und Evremont entworfen hatten, auf dem grossen
Hofe, der nach der Strasse zu gewendet vor dem Eingange des Hauses lag, grosse
Pflanzungen von Bäumen, blühenden Sträuchern und Blumen angelegt werden,
zwischen denen hindurch ein Weg für die Wagen frei gelassen werden sollte, so
dass dieser Hof künftig zur Zierde des Hauses dienen könnte, und die ganze
Familie war auf demselben versammelt, wo der Graf und Evremont eben nach ihrem
Plane die verschiedenen Plätze ihrer Bestimmung gemäss abstecken liessen. Man
hatte mit Teilnahme dieser Arbeit zugesehen, bis ein auf den Hof rollender
Wagen die Aufmerksamkeit Aller auf den Ankommenden lenkte. Die leichte von zwei
Postpferden gezogene Equipage hielt vor dem Eingange des Hauses, und hinaus
schauten unter weissen Augenbrauen die freundlichen Augen Dübois. Ein allgemeiner
Ausruf der Freude bewillkommnete den zurückkehrenden Greis. Aller Hände
streckten sich ihm entgegen und auch die Bedienten eilten, die Teilnahme ihrer
Herrschaft nachahmend, herbei; doch Evremont drängte sie zurück und er selbst
bot dem Greise die Hand zur Stütze, der mühsam aus dem Wagen stieg, sich
entzückt in dem freudigen Kreise umschaute und dann sagte: Hier ist mein
Frankreich, ich habe es jenseits des Rheins nicht gefunden.
    Wie im Triumph wurde der alte Mann in's Haus geführt und er konnte seine
Rührung nicht bewältigen, als Adalbert an seinem Halse hing, die von Alter
gebleichten und gefurchten Wangen mit den frischen Rosenlippen zärtlich küsste,
und sagte: Endlich habe ich Dich alten Papa Dübois wieder, nun darfst Du nicht
wieder fort, und ich hoffe, Du hast mir schöne Sachen aus Deinem Frankreich
mitgebracht. Ja wohl habe ich das, sagte der Alte, die Tränen von den grauen
Wimpern trocknend, das wollen wir alles nachher auspacken.
    Man bemerkte jetzt erst einen zehn- bis zwölfjährigen Knaben, der dem alten
Dübois gefolgt war und nun, verlegen an der Tür stehend, mit den grossen
schwarzen Augen im Saale umher blickte. Dübois erinnerte sich jetzt auch seiner.
Er machte sich von Adalbert los, näherte sich ehrerbietig dem Grafen und sagte:
Ich habe vielleicht das Vorrecht eines alten Dieners gemissbraucht, indem ich mir
die Freiheit genommen habe, diesem edeln Hause einen neuen Diener zuzuführen.
Ich habe mich dieser hülflosen Waise angenommen und glaube ihn um so sicherer
Ihrem Schutze empfehlen zu dürfen, als ich diesen selbst im Hause des alten
Grafen Evremont fand, der mich als hülflosen Knaben bei sich aufnahm und mich
zum Diener seines Sohnes, meines seligen Herrn, bestimmte. So, dachte ich,
könnte nun dieser Knabe seinem Urenkel, dem kleinen Grafen, dienen, wozu ich ihn
selbst noch anleiten kann, wenn Sie ihn Ihres Schutzes würdigen.
    Wen Sie, guter Dübois, sagte der Graf, für würdig Ihres Beistandes halten,
der ist mir ein willkommener Hausgenosse, und es freut mich, wenn ich für Ihren
Schützling etwas tun kann.
    Dies arme Kind, sagte Dübois, hat bei seiner Geburt schon die Mutter
verloren. Der Vater ist bei den Verfolgungen der Protestanten kürzlich
umgekommen, und es wagte Niemand aus Furcht vor den Geistlichen, die im
südlichen Frankreich ihr Wesen treiben und sich Missionäre nennen, sich des
armen Kindes anzunehmen, das, den Ermahnungen seines sterbenden Vaters
gehorchend, seinem Glauben treu bleiben und nicht zur katolischen Kirche
übertreten wollte. Die Geistlichkeit dort wollte ihn mit Gewalt in ein Kloster
bringen, um, wie sie sagten, seine Seele zu retten, und dies wäre auch wirklich
geschehen, wenn ich mich nicht zum Erstaunen aller dasigen Einwohner seiner
angenommen hätte. Um mich und ihn den Verfolgungen zu entziehen, gegen die mich
auch mein graues Haar nicht geschützt haben würde, beschleunigte ich unsere
Abreise, denn mich hielt nichts mehr in Frankreich zurück. Alle, die mir durch
die Bande des Blutes jemals angehört hatten, waren teils in der blutigen
Revolution, teils in den furchtbaren Kriegen umgekommen, und Frankreich selbst
ist durch die unglückliche Revolution so entstellt worden, dass es seinen alten
liebenswürdigen Charakter nicht wieder gewinnen kann, und der König selbst will
das Alte auf eine Weise, dass es gar nicht mehr das Alte wird. Doch Gott behüte
mich davor, dass ich meinen rechtmässigen König tadeln sollte. Aber an die Stelle
der Irreligiosität, die während der Revolution mein Herz erschreckte, soll nun
eine Religionsunduldsamkeit treten, von der ich nicht glaube, dass sie Gott
gefällig sein kann. Ich hoffe, fuhr der alte Mann mit Wärme fort, als ein ächter
Katolik zu sterben, aber ich habe so viel Tugend bei Andersglaubenden gefunden,
dass ich nicht befürchten kann, Gott werde sie verstossen, wenn sie auch in
manchen Punkten irren sollten, und deshalb kann ihm die Verfolgung nicht
wohlgefällig sein.
    Der Graf lobte die milde Frömmigkeit des alten Mannes und versprach für das
Fortkommen des mitgebrachten Knaben zu sorgen. Als Dübois sein Zimmer betrat,
rührte es ihn von Neuem, hier Alles in der Ordnung zu finden, wie er es
verlassen hatte, als wenn seine Rückkehr täglich wäre erwartet worden, und als
er sich von der Reise etwas erholt hatte, musste er dem Dringen Adalberts
nachgeben und die für ihn mitgebrachten Geschenke auspacken. Sehen Sie, sagte
der alte Mann bei jedem Stück, das er dem neugierig zuschauenden Kinde
vorzeigte, dies ist französisches Spielzeug, dies sind französische Farben, hier
sind französische Bilderbücher, dies sind französische Confituren, und als alle
Herrlichkeiten vorgezeigt waren, deutete er auf den fremden Knaben, der bei dem
Auspacken geholfen hatte, und sagte: Und dies ist Ihr französischer
Kammerdiener. Der grosse Nachdruck, den der Alte auf das Französische legte,
bewirkte, dass Adalbert seine grossen Augen mit einer Art von Ehrfurcht auf den so
Bezeichneten richtete, die sich jedoch bald verlor, als der Angekommene sein
Schulgenosse, sein Spielgefährte und sein Aufwärter zugleich wurde, und in
keinem dieser Verhältnisse die Achtung aus den Augen setzte, die dem jungen
Grafen gebührte, eine Sache, worauf Dübois streng hielt, denn er behauptete, das
künftige Glück seines Zöglings beruhe darauf, dass er seine Herrschaft mit einem
religiösen Gefühl verehre, denn alsdann würde es ihm nicht möglich sein, seine
Pflichten anders als mit Ergebenheit und strenger Rechtlichkeit zu erfüllen, und
wie sehr eine edle Herrschaft dies anerkenne, lehre sein eignes Beispiel.
    Dübois hatte den heftigen Wunsch befriedigen wollen, sein altes, geliebtes
Frankreich wiederzusehen, was vielleicht nie so da gewesen war, wie seine
liebende Sehnsucht in der Ferne es sich gedacht hatte, und kehrte, in seiner
Erwartung getäuscht, zu seinen wohlwollenden Freunden zurück, die er seine
Gebieter nannte. Aber das Frankreich seiner Einbildung hegte er immer noch mit
gleicher Liebe in seiner Seele und hoffte mit Zuversicht, dass es als höchste
Vollendung menschlicher Einrichtungen sichtbar auf Erden erscheinen würde, wenn
die Gemüter sich nur erst völlig von den Erschütterungen erholt haben würden,
die die vielen Veränderungen veranlasst hätten. Der Graf bestätigte seine Meinung
in so weit, dass er die Ansicht aussprach, es sei unmöglich, dass so viel Blut
vergeblich geflossen sei, und dass nicht endlich die Früchte aller gebrachten
Opfer die Welt mit ihrem Segen erfreuen sollten.
    So ging das Leben nun einen gleichmässigen und stillen Gang fort. Dübois
machte es zu seiner Hauptbeschäftigung, Adalbert zu vergnügen und dabei für die
Reinheit seiner Aussprache des Französischen zu wachen. Es erfreute ihn, dass
Evremont französisches Obst pflanzte, und sein Auge entzückte jede seltene
Pflanze, die der Graf aus Frankreich erhielt, weil sie ja früher in dem
geliebten vaterländischen Boden gewurzelt hatte. Die Freunde scherzten jetzt
zuweilen über die sonderbare Richtung, die der Charakter des alten Mannes nahm,
denn es schien sich eine Neigung zum Geize zu offenbaren, die Niemand in seiner
Seele geahnet hatte, denn ihn erfreute sichtlich nichts so sehr, als immer neue
Geldsummen zusammen zu bringen, und man gab auch dieser Schwäche nach, und Jeder
schenkte ihm bei allen Gelegenheiten baares Geld, das in dem Greise die höchste
Freude erregte, obgleich Jedermann überzeugt war, dass er es zu gar nichts
benutzen könne.
    Auf diese Weise war ein Jahr seit der Ankunft des Alten verstrichen, und
Evremont beschäftigte sich an einem schönen Frühlingsmorgen mit seinem Sohne im
Pavillon des Gartens, als der französische Knabe mit erhitzen Wangen und in
Tränen schwimmenden Augen eilig eintrat. Was gibt es, Francois? fragte
Evremont bestürzt.
    Ach Gott! gnädiger Herr Graf, sagte der Knabe, der alte Herr Dübois ist so
rot im Gesicht und spricht so seltsam. Schnell erhob sich Evremont und eilte
mit seinem Sohne, der sich ihm an die Hand hängte, in Dübois Gemach. Der Greis
lehnte sich auf die Kissen seines Lagers; seine Augen glänzten unnatürlich und
seine Wangen brannten in dunkler Röte. Wie geht es Ihnen, guter Dübois? redete
Evremont ihn an. Der Alte erhob den glänzenden Blick zu ihm und streckte die
brennende, zitternde Hand ihm entgegen. Da sind Sie ja, gnädiger Herr, sagte er
lächelnd aus keuchender Brust, und o Gott! ich Sünder habe in so schrecklichen
Träumen gelitten, wahrhaft sträfliche Träume, fuhr er flüsternd fort. Ich
bildete mir ein, Ihr edles Haupt - nein es ist gegen die Ehrfurcht, das Bild
eines so freventlichen, schrecklichen Traumes durch Worte in's Leben zu rufen -
aber bei Gott! ich sah in einer entsetzlichen Stunde Ihr edles Blut fliessen, und
dies furchtbare Bild hat meine Sinne verwirrt, dass ich alter Tor in
Verzweiflung Ihr Ende beweinte.
    Evremont wendete sich mit Schmerz ab, denn er wusste, der Kranke redete im
Fieber von seinem Vater, für den er ihn in diesem Augenblicke hielt.
    Dübois, sagte Adalbert klagend, was sprichst Du denn für wunderliche Worte,
Niemand kann ja begreifen, was Du meinst.
    Ach! sagte der Kranke freudig, da ist ja auch der kleine Graf Adolph! Wie
sich der Mensch doch unnütz quälen kann! Den hielt ich für verloren und wagte
dies der unglücklichen Mutter erst gar nicht zu sagen, die durch den
schrecklichen Tod des Gemahls ganz verwirrt war, und der lange weder Vernunft
noch Religion Trost gewähren konnte. Nun Gottlob! nun wird ja alles Leiden
aufhören.
    Ja wohl, seufzte Evremont; ich fürchte, für Dich endet alles irdische Leid
wie alle irdische Freude. Er liess Diener bei dem Greise zurück und ging nun
eilig einen Arzt herbei zu schaffen, der auch bald erschien und mit Achselzucken
bemerkte, dass das schwache Fieber des Alten leicht gehoben werden könne, dass er
aber das höchste Ziel des menschlichen Lebens erreicht habe und deshalb
schwerlich von diesem Krankenlager wieder erstehen werde. Diese Nachricht
verbreitete allgemeine Trauer in der gräflichen Familie. Wie es der Arzt
vorhergesagt hatte, wich das Fieber den angewendeten Mitteln leicht und der
Kranke begehrte, völlig zur Besinnung gekommen, einen katolischen Priester, um
zu beichten und die letzten Sakramente seiner Kirche zu empfangen. Die Gräfin
hatte diesen Wunsch vorausgesehen, und der Geistliche war schon im Hause. Er
konnte sich also auf den ersten Wunsch des Kranken sogleich zu ihm verfügen und
verliess ihn nach einer Stunde, wahrhaft erbaut von der reinen Frömmigkeit des
sterbenden Greises.
    Als Dübois wieder allein war, liess er den Grafen zu sich bitten und ihm
sagen, er wünsche ihn allein zu sprechen. Der Graf eilte auf die Bitte des
Kranken herbei und fand ihn ohne Fieber; der Glanz der Augen war erloschen und
die nach unten gedehnten Gesichtszüge des Greises deuteten auf sein nahes Ende.
Ich wünsche meine letzten Worte an Sie zu richten, sagte er zu dem Eintretenden
mit schwacher Stimme.
    Sie können sich wieder erholen, lieber Dübois, sagte der Graf nicht ohne
Bewegung.
    Das denken Sie selbst nicht, erwiederte der Kranke mit schwachem Lächeln,
und ich bin zur Reise gerüstet in unser ewiges Vaterland. Ich habe meine Sünden
gebeichtet, und ich hoffe, Gott wird mir die Schwachheit vergeben, dass ich den
Prediger in Hohental niemals leiden mochte und selbst in der Ferne nur mit
Widerwillen an ihn dachte, denn sein dreistes Fragen ohne Schonung und Achtung,
sein feindliches, schneidendes Absprechen und sein hochfahrendes Wesen gegen
Niedere entschuldigt einigermassen diese Abneigung, und öffentlich angefeindet
habe ich ihn nie; ich habe nur dem nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, was
Sie seine guten Eigenschaften nannten. Der Graf musste wehmütig lächeln, dass der
alte Mann noch im Tode nicht die Abneigung gegen den Prediger überwinden konnte,
die er gegen ihn empfunden hatte, so lange er ihn kannte. Doch was reden wir von
ihm, fuhr der Kranke fort. Sie wissen es, Herr Graf, ich habe immer die
jakobinische Gleichmacherei verabscheut und auf Erden mit Ehrerbietung den Rang
anerkannt, worin der Herr die Menschen hat lassen geboren werden; aber vor Gott,
sagt unser Herr und Heiland Jesus Christus, sind wir alle gleich, und nur unsere
Tugenden werden dort gewogen. Bald werde ich vor Gottes Tron stehen, ich kann
mich schon als abgeschieden von der Erde betrachten. So gönnen Sie es mir, nun
noch vor meinem Hinscheiden Ihre Hand wie die Hand eines Freundes in der
meinigen zu fühlen, nicht wie die des herablassenden Heren in der des durch
seine Gunst beglückten Dieners, und vergönnen Sie mir die Ehrfurcht bei Seite zu
setzen, die ich Ihnen immer bewiesen, wie es meine Pflicht war, so lange ich dem
Leben angehörte, und lassen Sie mich die Liebe unverhohlen zeigen, die ich für
Sie und die Ihrigen hegte. Wie ein Vater habe ich die Gräfin geliebt, besonders
seit ihrem Unglück, aber ich will ihre weiche Seele schonen, darum bringen Sie
ihr meinen Abschied und meinen Segen. Sagen Sie ihr, mein irdischer Dienst sei
geendet, aber ich stürbe in der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, am
Trone Gottes für Sie alle zu beten, und nehmen Sie die Schrift, die unter
meinem Hauptkissen verborgen ist. Sie entält meinen letzten Willen; versprechen
Sie mir dafür zu sorgen, dass er erfüllt wird. Der Graf nahm die Schrift, wie es
der Greis verlangte, und sagte, indem er die erkaltende Hand fasste und innig
drückte: Es soll alles erfüllt werden, was Sie verordnen, würdiger alter Freund.
Sie wissen selbst, fuhr er mit Bewegung fort, wir alle haben Sie wie einen Vater
geliebt; Sie bestanden darauf, sich einen Diener zu nennen, wir haben Sie wie
einen Freund geehrt, Sie wissen es, guter Dübois, wir hegten keine anderen
Gefühle für Sie.
    Mit mildem Lächeln neigte der Alte bejahend das Haupt, und es schien dem
Grafen, als ob er dadurch in eine unbequeme Lage geraten sei und deshalb
schwerer atmete. Er richtete ihn also sanft in seinen Armen empor, um diese
Lage zu verbessern. Ein Blick unendlicher Liebe lohnte ihm aus den erlöschenden
Augen; und als der Graf das würdige Haupt des Greises auf die Kissen zurück
lehnte, war das Leben entflohen.
    Mit der frommen Empfindung eines liebenden Sohnes drückte der Graf die
erstarrten Augen zu und wehrte seinen Tränen nicht, die auf das erkaltete
Antlitz niederflossen.
    Ist denn dieser Hauch das Leben? fragte er sich. Muss dies Herz nun in Staub
zerfallen, das so eben noch liebend für mich schlug? Wohin ist der Geist
entflohen, der noch so eben seine Gedanken mir mitteilte? Das Auge ist starr
und eingesunken, das so wohlwollend auf alle Menschen blickte, und unempfindlich
ist die Hand, die vor wenig Augenblicken den Druck der Liebe erwiederte. O,
welche Welt von Empfindungen schloss diese nun erstarrte Hülle in sich! Wie
quälend, wie entzückend und wie nichtig ist das Leben!
    Der Graf ermannte sich. Er traf die nötigen Anordnungen für die Leiche und
ging, um seiner Familie den Verlust bekannt zu machen, der sie eben betroffen.
Alle zollten dem würdigen Greise Tränen, aber natürlich war es auch, dass der
Schmerz mild war bei dem sanften Ende eines Greises, der das höchste Lebensziel
erreicht hatte.
    Nach der Beerdigung öffnete der Graf in Gegenwart einer Gerichtsperson das
Testament des Verstorbenen, und alle Mitglieder der Familie wurden von Neuem zu
Tränen bewegt, als es sich ergab, dass der dahin geschiedene Greis auch hierin
noch sein liebevolles Gemüt auf das Rührendste geoffenbart hatte. Alle
Ersparnisse eines langen Lebens, alle Geschenke, die er in der letzten Zeit mit
kindischer Freude empfangen hatte, waren zusammengehäuft, und er ernannte den
Grafen Adalbert Evremont zum Universalerben dieses kleinen Schatzes und stellte
es seiner Grossmut anheim, Gustav Torfeld und dem Knaben Francois ein Geschenk
daraus zuzuwenden, wobei sie sich in der Zukunft des Verstorbenen erinnern
könnten.
    Evremont ehrte das Andenken und den Willen des Greises, und nahm dessen
Vermächtnis für seinen Sohn an; aber der Graf sicherte als Geschenk dem Knaben
Francois die eine Hälfte der Summe zu und sendete die andere Hälfte als letztes
Geschenk des verstorbenen Dübois an Gustav Torfeld, von dem man schon seit
einiger Zeit wusste, dass er mit der Tochter des Predigers verbunden war, und
dessen neuen Hausstand dies Erbe sicherer begründete.
    Der Prediger hatte bei der Verbindung seiner Tochter mit dem Justizamtmann
Torfeld erwartet, in der Person seines Eidams künftig einen Verbündeten gegen
die Anmassungen seines rebellischen Freundes, des Arztes, zu finden, aber er fand
sich unangenehm getäuscht, denn der junge Mann schloss sich innig an seinen
frühesten Beschützer, den Grafen Robert, an und zog auch seine Gattin in diesen
Kreis hinüber, und der Prediger fürchtete nicht mit Unrecht, dass er endlich dem
Arzte würde unterliegen müssen, der an seiner Schwiegermutter in allen seinen
Anmassungen eine so kräftige Stütze hatte.
    Die Gräfin befriedigte ihr Gefühl. Sie liess dem wackern verstorbenen Greise
ein einfaches, in edelm Style gearbeitetes Denkmal setzen, und beide gräfliche
Familien in Hohental und am Rhein lebten fortan in ungetrübtem Frieden, und die
Zukunft nur kann darüber belehren, ob der so oft geäusserte Wunsch des Grafen
Robert in Erfüllung gehen und eine glückliche Heirat beide Familien in eine
zusammen schmelzen wird. Wenigstens wird diese Hoffnung dadurch unterhalten, dass
beide Kinder, von denen man die Vereinigung erwartet, eine grosse Neigung gegen
einander äussern, die bei jedem Besuche, den sich die Familien wechselseitig in
Schlesien und am Rheine abstatten, sich zu erhöhen scheint.
 
                                    Fussnoten
1 Vereheliche Frau von Knorring.
 
    