
        
                                  Karl Gutzkow
                             Wally, die Zweiflerin
  - Des Friedens Wund' ist Sicherheit,
 Sorglose Sicherheit; doch weiser Zweifel
 Wird Leuchte der Vernunft, des Arztes Sonde,
 Der Wunde Grund zu prüfen.
                                                                     Shakespeare
 
                                  Erstes Buch
                                        1
Auf weissem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das
die Schönheit Aphroditens übertraf, da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize,
der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte, noch alle
romantischen Zauber gesellten: ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte
nicht, ein Vorzug, der sich weniger in der Schönheit selbst als in ihrer
Atmosphäre kundzugeben pflegt. Welche natürliche und ihr doch so vollkommen
gegenwärtige Koketterie auf einem Tiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht
wusste, dass es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als wäre sie mit ihrer
Situation verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgendeine
fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines innerlich mehr
reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und für
den Mann, welcher sie sehen kann, die versteckten Erleichterungen einer sich
einbohrenden Neigung werden. Aber von den zahlreichen Kavalieren, welche Wally
umgaben, sah diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit niemand. Jene,
die Lücken der Furcht, kannte vielleicht der Jockei, der auch wusste, dass die
weisse Stute blind war. Aber die übrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am
Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren.
    Am Wege schritt, wie es beim Temperamente sich von selbst versteht, im
Zweivierteltakte Cäsar, ein Mann, der imstande war, eine solche Gruppe wie die
vorbeisprengende im Nu zu übersehen und jede darin waltende Figur so zu
isolieren, dass er sie alle verarbeitete und an seiner eigenen Individualität
zerrieb. Kennt ihr diese genialen Charaktere, welche durch ihr Schweigen immer
mehr ausdrücken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes, siegendes Auge in
die Gesellschaft bringen dürfen und jede Persönlichkeit darin absorbieren in
eine Huldigung, die ihnen wird ohne ihr Verlangen? Cäsar stand im zweiten
Drittel der zwanziger Jahre. Um Nase und Mund schlängelten Furchen, in welche
die frühe Saat der Erkenntnis gefallen war, jene Linien, die sich von dem
lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlichkeit steigern können. Cäsars
Bildung war fertig. Was er noch in sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das
schon Vorhandene zu befestigen, nicht zu verändern. Cäsar hatte die erste
Stufenleiter idealischer Schwärmerei, welche unsre Zeit auf junge Gemüter
eindringen lässt, erstiegen. Er hatte einen ganzen Friedhof toter Gedanken,
herrlicher Ideen, an die er einst glaubte, hinter sich: er fiel nicht mehr vor
sich selbst nieder und liess seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft
umschlingen und sie beten: Heilige Zukunft, glühender Moloch, wann hör' ich auf,
mich mir selbst zu opfern? Cäsar begrub keine Toten mehr: die stillen Ideen
lagen so weit von ihm, dass seine Bewegungen sie nicht mehr erdrücken konnten. Er
war reif, nur noch formell, nur noch Skeptiker: er rechnete mit
Begriffsschatten, mit gewesenem Entusiasmus. Er war durch die Schule hindurch
und hätte nur noch handeln können; denn wozu ihn seine toten Ideen machten, er
war ein starker Charakter. Unglückliche Jugend! Das Feld der Tätigkeit ist dir
verschlossen, im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmatte Seele nicht
wieder neu geboren werden; du kannst nur lächeln, seufzen, spotten und die
Frauen, wenn du liebst, unglücklich machen!
    Cäsar, wie er einsam wandelte, fühlte, dass er weinen sollte, und lachte, um
die Tränen zu vertreiben.
    Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorüber. Sie schlug mit ihrer
Gerte in die Seiten des schönen, aber blinden Gaules (sie wusste es wahrhaftig
nicht!) - ein sonderbarer Glanz klang durch die Luft, und zu Cäsars Füssen lagen
fünf kostbare Ringe.
    Sie mussten an der Reitgerte gesteckt haben.
    Wally sah, was der Unbekannte am Wege aufnahm; sie machte Miene anzuhalten;
aber als der Fremde mit der Zurückgabe zögerte, blickte sie bös und trieb ihren
Schimmel weiter. Die Kavaliere hatten nichts gesehen.
    Cäsar aber, da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor, musste sich auf
alles besinnen. Er gefiel sich darin, an eine alte Sage zu glauben, an die
Prinzessin im Walde, und sich selbst mit irgendeinem Zauber in Verbindung zu
bringen.
    Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen, wie er
innerhalb der Stadt war.
 
                                       2
Ein gewisser Regierungspräsident gab einen beinahe ländlichen Ball. Wally und
Cäsar sahen sich hier. Cäsar hatte in einem Anfalle guter Laune die fünf Ringe
über seine Handschuhe gezogen. Wally frug ihn, wie er darauf käme?
    »Weil meine rechte Hand«, antwortete er, »beim Tanzen immer ungeschickt ist.
Die Ringe verhindern sie, von dem glatten Rücken der Tänzerinnen abzugleiten.«
    Wally liess ihn stehen: dieser junge Mann missfiel ihr. Aber sie fühlte, dass
sie sich zerstreuen müsse, und tanzte mit Vorliebe. Sie wurde erhitzt, verfolgte
Cäsar und sah, dass er die Ringe wieder fortgenommen hatte.
    Sie wollte sie wiederhaben und rief einem ihrer Employés, einem
blondhaarigen Referendär, der eine kleine Schrift über das Unzeitgemässe
politischer Garantien geschrieben hatte. Sie setzte ihm die Lage der Dinge
auseinander.
    »Ich bin gewohnt«, sagte sie, »für jeden Monat im Jahre einen andern Anbeter
zu haben, und ich nehme niemanden an, der sich nicht durch einen Ring in meine
Gunst einkauft. An meinem Finger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an
meiner Reitgerte und mache mir ein Vergnügen daraus, wenn ich von Juli zu Juli
ins Bad reise und armen presshaften Leuten sie alle zwölf nacheinander in die
heissen Sprudelbecher werfe.«
    Darauf erklärte sie ihm, wie sie fünf davon verloren hätte, und verlangte,
dass sie ihr wieder zuhanden, das heisst zur Reitgerte, kämen.
    Der junge Mann, welcher über das Unzeitgemässe politischer Garantien
geschrieben haue, versprach sein möglichstes und redete Cäsar an.
    Cäsar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen
Broschüre. »Sie verstehen sich darauf«, sagte er dann, »als St. Georg gegen die
Ungetüme der Zeit zu kämpfen. Die Ringe der Dame passen zu meinem Schuppenleibe:
ich stehe als Lindwurm zu Ihren Diensten!«
    »Wie versteh' ich das?« fragte der junge Mann, welcher über das Unzeitgemässe
politischer Garantien geschrieben hatte.
    Cäsar liess ihn stehen. Der Bote wagte nicht, unverrichteter Sache zu Wally
zurückzugehen; eben tanzte sie, sie hatte seine Abweisung glücklicherweise nicht
bemerkt.
    Der junge Mann half sich: er wusste, von wem die fünf Ringe kamen: vier von
seinen Freunden, die mit ihm teils auf dem Stadtamte fungierten, teils auf das
nächste militärische Avancement warteten; einer gehörte ihm, denn Wallys Sonne
stand zufällig während dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde
unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem Gegner das Spiel
fünffach zu erschweren. Cäsar bekam noch an demselben Abend fünf Ausforderungen
ins Ohr geflüstert.
    Er nickte lächelnd zu jeder; für den folgenden Morgen war alles anberaumt,
aber er entfernte sich früh.
    Wally tanzte bis in die Nacht. O welch ein Glück, sich mit dem faden
Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen!
 
                                       3
Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter
den Händen ihres Kammermädchens sass und ihr Haar flechten liess. Sie hatte einen
kleinen Tisch vor sich gerückt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur
lagen. Natürlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; anständige Leute lesen
nicht aus Leihbiblioteken.
    Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. »Diese
guten Waldsänger«, sprach sie vor sich hin, »nehmen sich die Freiheit, sehr
ennuyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung
hielten, die Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödlich. Ich ziehe
Prosa vor. Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer Bardenhain.«
    Sie griff nach Heines »Salon«, zweiter Band. »Willst du Philosophie
studieren, Aurora?« fragte sie ihr Kammermädchen: »Hier sind all die gelehrten,
bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frühlingspetersilie und Vanille
zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heines Salon einschlagen.
Welch gesunkenes Volk müssen die Franzosen sein, dass sie gerad auf der Stufe in
den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die Mädchen.«
    Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube,
Mundt. »Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewusst, dass ich vom Adel
bin«, sagte sie; »aber mit Schrecken denk' ich daran, seit ich diesen Autor
lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern überflügeln zu wollen.
Doch bleibt es arg: er ist zudringlich. Er gibt sich in seinen Schriften das
Ansehen, als kenne er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine
Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutier' ich nur halb: denn er
wird, je mehr er sich selbst klarzuwerden scheint, für andere immer
unverständlicher. Verstehst du, Aurora?«
    Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und musste abscheulich husten. Wally
lachte.
    Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der »Carlsruher
Bilderbibel«, auf welche Wally abonniert hatte.
    »Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aussieht!« sagte sie zu
sich selbst. »Dienen diese Kupfer zu etwas anderem, als die Aufmerksamkeit noch
mehr von dem heiligen Buche abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein
umgekehrter Buchstabe! Es ist hübsch, in der Bibel Irrtümer zu entdecken.«
    Wally sah nur auf das Äussre, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las
einige Verse, ein halbes Kapitel und fragte ihr Mädchen, wann sie zuletzt in der
Kirche gewesen wäre?
    Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen.
    Wally las, ohne zu hören. Dann fragte sie: »Warum bist du so still?«
    Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu um und las weiter.
Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben: sie schlug eine Seite nach der andern
um: dann lehnte sie sich zurück, eine Träne stand in ihrem Auge. Sie sah mit
einem flehenden, verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch, der so viel
Widersprechendes friedlich umschloss. Sie stützte den Kopf auf die Lehne ihres
Sessels; es war Sonntag. Die Glocken läuteten, aus der nahen Kirche brausten die
Töne der Orgel herüber. Wally war in Tränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein
schöneres Opfer bringen? Diese Tränen flossen aus dem Weihebecken einer
unsichtbaren Kirche. Die Gotteit ist nirgends näher, als wo ein Herz an ihr
verzweifelt.
    Aurora kam zurück. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally hätte absagen
müssen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter von den fünf Ringen, einige
von ihnen leicht verwundet.
    Wally erschrak, als sie von dem Vorfalle hörte. Cäsar war am Arme blessiert.
Aber schon die Nachricht, dass keine Gefahr vorhanden sei, richtete sie auf; und
wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich ergänzen und das
Linderungsmittel des einen Übels auch alle übrigen Sorgen heilt, die mit ihm in
keiner Verbindung standen, so wandte sie sich teilnehmend dem Gespräche zu. Es
war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll vor Tische
von keinem Menschen verlangen, dass er geistreich sei.
    Wally konnte lachen und lachte übermässig.
 
                                       4
Beide sahen sich eine Woche später. Wally hatte nicht das Herz, von dem Vorfalle
zu sprechen. Aber es währte nicht lange, so sprachen sie über den Mut.
    Sie wollte wissen, ob der Mutige die Gefahr absichtlich verkleinere oder
geringer achte, ob der Mut noch während der Gefahr daure oder nur das Vorspiel
der Gefahr sei. Cäsar sagte, er habe nie über den Mut nachgedacht, besässe ihn
auch nicht hinreichend dafür. Wally brannte der Vorfall auf den Lippen; aber sie
hielt an sich und lächelte bloss.
    »Ich glaube«, sagte Cäsar, »dass es Menschen gibt, deren Mut darin besteht,
dass sie die Gefahr gar nicht sehen. Das sind diejenigen, welche als die
vorzugsweise Mutigen überall gefürchtet werden: auf den Universitäten jene
unverschämten Knaben, die gegen jedermann die Hand in die Seite stemmen und von
Verachtung und Malice übersprudeln; unterm Militär diejenigen, welche ihren
Säbel gern so hängen, dass sie ihn hinter sich klirren hören. Man kann aber
sagen, dass wenn diese Menschen Einbildungskraft genug hätten, die Gefahr zu
sehen, sie die verzagtesten sein würden. Der Besonnene ist von Natur niemals
mutig. Er folgt nur den Rücksichten und ist unerschrocken, weil die Sache einmal
nicht zu ändern ist.«
    Wally fand diese Äusserungen durchaus nicht so liebenswürdig, wie sie gewohnt
war, dergleichen von ihren männlichen Umgebungen zu hören. Es war in ihrem
innerlichen Urteile etwas, was einen guten Schein hatte. Sie vermisste an Cäsar
den Reiz der Natürlichkeit. Seine Reflexion zog an, befriedigte aber das
Temperament nicht. Nichtsdestoweniger traf sie sehr gut die Gedankenreihe
Cäsars, indem sie fortfuhr: »Ich glaube fast. Sie halten die Tugend für eine
Berechnung?«
    »Die Tugend nicht«, entgegnete Cäsar; »aber alles, was man gern für Instinkt
anzusehen gewohnt ist. Unsre Handlungen sollen berechnet sein, unsre
Empfindungen sind es. Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung,
mit der wir gern kokettieren, die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit
kömmt.«
    »Sie sind ohne Natur«, sagte Wally.
    »Ich bin ohne Verstellung«, fiel Cäsar ein.
    »Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Teorien scheint von Ihren zufälligen
Zwecken abhängig zu sein.«
    Cäsar musste lächeln; er hatte etwas gesagt, was er nicht meinte.
    »Glauben Sie«, fragte er, »dass es in der Liebe eine Höflichkeit gibt?«
    »Das versteh' ich nicht.«
    Cäsar blickte finster und wollte abbrechen.
    »Was ist Ihnen?« fragte Wally.
    »Ich denke, Sie vermeiden, über einen Zustand zu sprechen, den Sie
vielleicht nicht zu kennen vorgeben.«
    »Halten Sie mich für eine Närrin?« fragte Wally, erst bös, dann aber hellte
sich ihr Antlitz zu einer Liebenswürdigkeit auf, die Cäsarn fast einen
Augenblick zu verwirren schien.
    »Nehmen Sie nur an«, sagte er, »wie unzeitig und unbequem man werden kann,
wenn man seinen Leidenschaften immer den natürlichen Raum lässt. Ich verspreche
zum Beispiel einer Dame, sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heisst das?
Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt, beglücken zu
können. Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag überschlagen, einen Tag, wo
sie nicht untreu, aber ohne Rapport und Illusion ist. Man kann nicht unhöflicher
sein als an diesem Tage, der überschlagen werden sollte, der für die Liebe gar
nicht da ist, seine Braut zu überraschen.«
    Wally lachte laut auf. Jetzt hielt sie Cäsarn für einen Narren und fragte
ihn, welche Frau ihm diese Geständnisse gemacht habe.
    Cäsar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: »Ich versichre Sie, es
ist nichts abscheulicher als das Ungeschickte und Unbequeme. Der Instinkt mag
hier manche üble Empfindung hintertreiben; aber sicher geht allein die
Combination der Psychologie. Ich möchte um alles in der Welt zu einer gewissen
Zeit, unter gewissen Umständen von der Freundschaft kein Opfer, von der Liebe
keine Zärtlichkeit verlangen. Mit unsrer rohen Natürlichkeit sind wir immer
gewohnt zu übertreiben; in nichts sind wir aber übertriebener als in unsern
Forderungen. Ist es erhört, was der Entusiasmus nicht alles in den gefühlvollen
Beziehungen der Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer
kann das alles leisten! Wer kann so unhöflich sein, alle diese Leistungen in
Anspruch nehmen? Sagen Sie!«
    »Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen«, antwortete Wally.
    »Rumohr!« sprach Cäsar; »Rumohr hatte vielleicht Anstand, aber nicht Geist
und Mut genug, eine Schule der Höflichkeit zu schreiben. Rumohr glaubt an seine
Vorschriften und scheut sich doch, die meisten davon anders als in einem
gewissen Helldunkel zu geben. Rumohr glaubte, er müsse sich immer noch eine
Hintertür offenlassen, um nicht für einen Fant zu gelten. Auch ist dieser Mann
so sehr in die Klassizität verrannt, dass er alle Tugenden und Untugenden des
Altertums aufzählt, aber ein wichtiges, modernes Laster ganz mit Stillschweigen
übergeht, ein Laster, wofür die Alten gar keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte
davon nicht sprechen, weil er selbst darin ganz verstrickt ist. Dies ist die
Langeweile. Aber was Rumohr? Es gibt eine weit tiefere Höflichkeitsteorie,
welche auf ästetischen und moralischen Prinzipien zu gleicher Zeit beruht. Soll
ich ihren Grundsatz nennen? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen
Buchstaben weg. Raten Sie!«
    Wally wurde rot: nicht des Rätsels wegen, sondern des Christentums.
    Cäsar ergänzte sich selbst und sagte: »Lebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Sei Egoist, ohne deinen Nachbar zu verwunden! Wenn ich mich in die innersten
Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, der
Teil der jahrtausendjährigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich
mich in sie versetze, so bin ich gewiss, immer die Wirkungen zu veranlassen, die
ich eine Minute vorher schon bestimmen kann. Sie hören mich nicht mehr. Es ist
wahr, ich habe zu laut gesprochen.«
    Der gute Cäsar mit seinen langweiligen Teorien! Er mochte wunder glauben,
wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens anatomiere; und hatte schon
längst seine Widersacherin innerlichst verletzt. Er wusste dies nicht und schämte
sich, so teoretisch debattiert zu haben. Um die Sache war es ihm gar nicht zu
tun. Er hatte überhaupt nur zwei Steckenpferde, auf denen er sich heissreiten
konnte, die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung. Diese beiden
Fragen interessierten ihn, weil sie das Nächste berührten, das Zimmer des
Nachbars gleichsam, weil die Musik sich gern in der Gesellschaft breitmacht und
über Erziehung so viel Empfindsames gefaselt wird. Er pointierte die Verachtung
der Musik, um die jungen Damen (welche, wenn man von ihnen Gedanken verlangt,
mit Musik antworten) ihre Leere fühlen zu machen: in der Erziehung aber den
Stock, um sich das Geschwätz über Kinder, das Präsentieren der lieben Kleinen,
die Koketterie mit seiner Einzigen oder seinem jüngsten Balge vom Leibe zu
halten. Auf alles übrige liess es Cäsar ankommen. Für Himmel, Hölle, Erde und was
drin, drauf und drunter ist, nahm er nur Interesse, um sich zu unterhalten oder
eine hübsche Wendung darüber zu haben.
    Warum ist Cäsar kein Schriftsteller geworden? Er würde ein vortrefflicher
Dialektiker sein, immer gute Gedanken haben und jedenfalls einen glänzenden Stil
schreiben.
 
                                       5
Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo über Herrn von Rumohr so abfällig
geurteilt wurde. Wally ist nur hingebender und Cäsar erschöpfter geworden. Er
war im Zuge, links und rechts seine zusammenhanglosen Einfälle auszustreuen und
grade im Gegensatz zu seiner Höflichkeitsteorie alle Welt zu verwunden. Die
Hauptunterhaltung hatte der lange blonde Mann an sich gerissen, welcher über das
Unzeitgemässe politischer Garantien geschrieben hatte. Mit ihm korrespondierte
ein Justizrat, welcher anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbüchern zur
Kenntnis des Allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte. Beide zitierten
sich wechselseitig als Autoritäten, der Junge den Alten der Carrière wegen: der
Alte den Jungen, weil er wusste, dass der Nachruhm in den Händen derer liegt, die
nach uns leben. Cäsar war auf der Folter: er ahnte, dass sie ausschweifen
wollten, dass sie auf dem Wege waren, zur schönen Literatur überzugehen.
    »Wirklich?« zitterte er für sich hinein. »Wahrlich! Ja, sie müssen - Oh -.«
Cäsar war aufgesprungen.
    Er wollte fort. Wally frug ihn, was er hätte?
    Der Justizrat, Mitglied einer Liedertafel, das heisst eines Vereins, wo man
über Tafel die schlechten Compositionen eines Zelter und anderer zu singen
pflegte, rief: »Ist es nicht auffallend, dass auch nicht ein einziger aus der
neuen Schule in Deutschland sich auf Musik versteht. Wie schön hat Tieck die
italienische Musik in seinen Sonetten charakterisiert! Wie treffend drückt er in
seinem Vorspiel zum Gestiefelten Kater oder zur Verkehrten Welt, ich weiss nicht,
das Wesen der verschiedenen Instrumente aus! Wie hat die ganze romantische
Schule in der Musik gelebt!«
    »Und Hoffmann«, rief eine ältliche Dame, die ihrem Teint nach mit Napoleon
verwandt sein konnte.
    »Und Hoffmann!«, fielen alle ein.
    »Ja«, rief der Justizrat, »Hoffmann, der mein Kollege war!«
    Cäsar sagte ruhig: »Ich weiss nicht, worin der Zusammenhang der Literatur und
der Instrumentation liegen sollte. Goete scheint mir auch ohne den Kontrapunkt
verständlich zu sein.«
    Aber der Justizrat hatte das Wort: »Man hat noch immer gefunden, dass
irgendeine Beschäftigung, welche dem Dichter sonst noch teuer und lieb war,
recht hübsch das Wesen seiner eigenen Poesie ausdrückte. Ich rede von Homer und
Ossian nicht, Männern, die mehr Musiker als Dichter waren; aber Goete arbeitete
in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus. Nun sehen Sie,
das ist prosaisch genug; sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen, der ein
gutes Urteil über Musik hätte? Es ist Mangel einer gewissen Saite in der Seele,
dass es ganz unmöglich ist, die Namen Menzel, Börne, Heine usw. mit irgendeiner
musikalischen Verrichtung zusammenzubringen.«
    »Die Lärmtrommel!« hiess es irgendwo. Man beklatschte den Einfall und nannte
ihn witzig. Aber recht hatte der Justizrat; auch Cäsar, wenn er sagte: »Was kann
empfehlenswerter für die Richtung sein, welche unsre ersten Geister nehmen? Alle
frühere Literatur bildete sich im Interesse irgendeiner vereinzelten Kunst oder
Tendenz: die Lessing-Goetische Zeit im Interesse der Antike: die Romantik im
Interesse der Malerei: die Phantastik im Interesse der Musik. Erst in unsern
Tagen sammelt die Literatur ihre Vorposten, die sich in die fremden Feldlager
ganz verloren hatten, und zieht sie in den Kern ihrer Kräfte zurück, um aufs
neue zu bestimmen, welches ihr Zweck ist. Ich glaube, dass sich die Literatur
ausdehnen wird auf andre Felder, um sie zu befruchten; aber wahrlich, mein Herr,
auf die Musik nicht!«
    Bis hierher sprach Cäsar so richtig, dass es unnütz gewesen wäre,
Unterschriften darauf zu sammeln. Das Folgende schien zweifelhafter: »Was soll
überhaupt die Musik? Diese klingende Matematik? In der Erziehung sind die
geometrischen Köpfe meist die dicksten und härtesten, und in den grossen Musikern
habe ich immer Leute gefunden, die, obschon sie immer mit Schlüsseln umgehen,
doch über nichts Aufschluss geben können. Die Musik ist eine ganz sinnliche
Kunst. Wenn Sie dem Otaheiter einen Trauermarsch von Spontini vorspielen, mein
Herr, glauben Sie, dass er weinen wird? Er wird springen und seine Kokosschale
vor Lebenslust bis auf die Hefe leeren. Musik ist absolut nichts: die Bildung
legt erst das hinein, was wir darin zu finden glauben. Wenn ich bei irgendeinem
Musikstück ein solcher Narr bin, an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, so
verbinden zu gleicher Zeit Sie damit einen Begriff, welcher vielleicht der
entgegengesetzte ist. Wenn Sie bei einer Symphonie von Beetoven an einen
gotischen Dom denken, so dachte der Komponist an das Giebeldach einer
Bauerhütte. Nein, mein Herr, die Musik wird aufhören, zu den Künsten gerechnet
zu werden. Nähert sich die Musik in der Oper nicht schon immer mehr der
rhetorischen Deklamation? Ist die Sprache, das volle, tönende, menschliche Wort
nicht unendlich höher als der unnatürliche Gebrauch einer ganz im tiefsten
Schlunde versteckten zufälligen Fertigkeit? Ich bitte Sie, überlegen Sie das,
mein Herr!«
    Hier war keine Verständigung mehr möglich. Was sind Hunderttausende in der
Welt ohne das bisschen Fortepiano, was sie spielen können! Es war, als hätte
einer gesagt, die Frauen sollten keine Gigotärmel mehr tragen. Was wären diese
schmalen Brüste, diese gedankenlosen Köpfe ohne Gigots, ohne Pianoforte! Und
doch strafte man Cäsarn nicht durch Stillschweigen, ging nicht wie wegen eines
Tollen zur Tagesordnung über, sondern schrie auf und rief das Gefühl, den
Himmel, die Moralität zu Hülfe, um einen Ketzer zu bekehren. Der blonde
Unzeitgemässe war so glücklich, die Frage in das Gebiet der Politik
hinüberzuspielen und aus der Musik eine Sache des Staates zu machen. Hierüber
schwieg Cäsar.
    Ihn verdross nichts mehr als das Warmwerden. Er wusste zu gut, dass die Adler
niemals in der Fläche horsten. Warum Niagaradonner, wo Knallerbsen genügen? Er
gab sich willig dem Spotte Wallys hin, die viel zu leichtsinnig war, auf
dergleichen Debatten etwas zu geben, zu eitel, um eine allgemeine Unterhaltung
interessant zu finden, und die überdies weder sang noch spielte. Wally hatte
Ideen, aber nur momentan; sie verschmähte es, die Geistreiche zu scheinen, weil
sie wusste, dass sie schön war. Flüchtig waren ihre Bewegungen, liebenswürdig,
ohne Pedanterei ihre Capricen. Cäsar fühlte das und badete sich in dem
oberflächlichen Schaume, den Wally von den Ideen nur gelten liess. Cäsar hatte
recht, sie für unfähig zur Spekulation zu halten. Er nahm sie wie ein
humoristisches Capriccio der animalischen Natur.
    Beide spotteten im Vertrauen über sich, über alle. Was sie sprachen als
Sprechenswertes, waren Raketen, die sie sich einander zuwarfen. »Warum brechen
Sie über Politik ab?«
    »In Aten durfte kein Volksredner auftreten, der nicht verheiratet war.«
    »Was Sie gelehrt sind! Ich bin es auch: in Kreta durfte niemand Gesetze
geben, der nicht einen Strick um den Hals hatte.«
    »Das ist dasselbe Gesetz: Die Atener wollten eigentlich auch sagen, der
keinen solchen Strick am Halse habe.«
    »Wie unanständig!«
    »Wally!«
    Wally lachte: es war ein hübscher, vertraulicher Ton, in dem ihr Cäsar
drohte. »Was machen Sie mit Leuten, die Ihnen gefallen?« fragte sie ihn, ohne zu
wissen, was sie fragte.
    »Alles, nur nicht ihre Bekanntschaft.«
    »Das ist auffallend! Doch können Sie recht haben.«
    »Wonach beurteilen Sie die Menschen, Wally?«
    »Nach ihren Werken! - O Gott, nein; dies wäre ja albern geantwortet, wie im
Katechismus. Sagen Sie?«
    »Nach dem, was sie sind?«
    »Nein, nach dem, was sie imstande wären.«
    »O Wally, Sie sind liebenswürdig! Woran würden Sie denken, wenn Sie jemanden
prüfen wollten, der zu lieben wäre?«
    »An die ausserordentlichen Fälle.«
    Cäsar schwieg. Diese Antwort war zu ernst. Er betrachtete die fünf Ringe,
die er über seinen Handschuhen trug, und fragte dann: »Sie reisen ins Bad?«
    »In acht Tagen.«
    »Sie werden den Rhein sehen?«
    »Von Mainz bis Köln.«
    »Von Mainz bis Düsseldorf. Sie dürfen einen Besuch bei den Malern und bei
Immermann nicht unterlassen.
    Läge Düsseldorf in Türingen, es würde ein zweites Weimar werden.«
    »Sind die Ufer in der Tat so reizend?«
    »Gefällig sind sie und da schön, wo Sie etwas von Rührung einfliessen lassen
in Ihre Betrachtung.«
    »Das versteh' ich nicht.«
    »Das Schöne, Wally, ist immer das Überraschende. Ich bin ursprünglich kalt
gegen alles, was in Deutschland für schön ausgegeben wird. Am Lurleifelsen, wo
der Rhein sich wie ein See verengt, wo Flinten abgeschossen und Waldhörner
geblasen werden, um die Echos, von denen die Handbücher sprechen, zu beweisen:
da werden Sie durch diese Zurüstungen zur Wehmut übermannt werden. Ihr blondes,
bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts zutrauten, nicht einmal das Echo des
Lurlei, wird Sie rühren, und bei einer fliessenden Träne werden Sie sich gestehen
müssen, dass der Rhein in der Tat ein schöner Strom ist.«
    »Sie wollen sagen, die Natur spräche nur zu uns, je nachdem unser Auge und
Herz sie ansieht.«
    »Ich stand in dem Kölner Dome. Sie kennen das zerrissene Prinzip unserer
Zeit, nichts anzunehmen, was vielleicht richtig ist, aber von Leuten proklamiert
wurde, die uns widerstehen. Der Entusiasmus der einen erkältet immer die
andern. Ich wollte den Kölner Dom ironisch betrachten und musste weinen, da ich
ihn sah, über das Unvollendete der Idee, über die dünnen Hammerschläge der
Ausbauer, welche durch die mächtigen Räume picken, über mich selbst, der sein
Herz künstlich verhärtet und zu einer gemachten Empfindungslosigkeit
herabgestimmt hatte.«
    »Die Dampfschiffe fahren zu schnell.«
    »Sie fahren zu langsam und sind für das Auge ermüdend. Der Gedanke einer
feurigen, über das Wasser kriechenden Schildkröte steht vor unsrer
Einbildungskraft, und wir sind einmal daran gewöhnt, das Kriechen für langsam zu
halten.«
    »Ein sonderbares Bild! Worüber nur meine Tante so lacht?«
    »Ihre Tante ist eine Spinne, die über den Ozean kriecht.«
    »Wieso?«
    »Sie spekuliert in Papieren.«
    »Sie spricht über Politik: ich verstehe nichts davon.«
    »Verstünden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der sich in die
gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat.«
    »Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht.«
    »Wie die Unsterblichkeit selbst.«
    Wally errötete. Sie blickte auf Cäsars frivoles Lächeln und nahm dies
Lächeln für eine Gewissheit, die sie erschrecken machte.
    »Wir sähen uns nicht wieder?« fragte sie beklommen.
    »Gesetzt, nur die Guten sähen sich«, antwortete Cäsar, »so lässt die Tugend
so viel Nuancen übrig, dass nichtsdestoweniger im Jenseits eine Mannigfaltigkeit
entstünde, die in seiner nächsten Nähe zu haben Gott kein Vergnügen machen
würde. Ja, wir selbst würden uns weigern, alle die zu lieben, welche im Leben
ehrliche, aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich weiss aber nicht, wie
aus einem langweiligen Menschen plötzlich ein interessanter Engel werden
könnte.«
    »Sie sind kein Christ?«
    »Glauben Sie, dass Christus von den Toten auferstanden ist?«
    »O Gott, lassen Sie, ich kann darüber nicht nachdenken. Ich-«
    Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreissender Schmerz aus. So
hatte sie Cäsar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unruhig und war für diesen
Abend verschwunden. Cäsar begriff hievon nichts. Er war so leichtsinnig, an
alles zu denken, nur nicht an die Religion. Aber Wally hatte ihn entzückt.
Soweit Menschen dieser Art noch lieben können, war Cäsar ausser sich. Er folgte
Wally ohne Aufentalt.
 
                                       6
Wallys Tante litt an nervösen Reizungen und Abspannungen, an Herzklopfen, Übeln,
für welche die Ärzte unter den nassauischen Bädern das tristeste, Schwalbach,
empfehlen. Wally konnte in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach musste
sie der alten Dame die Zeitungen und Kurszettel vorlesen (die Frau spekulierte
wahrhaftig in Papieren!); in Schwalbach musste sie so manchen häuslichen Dienst
übernehmen, den man bald von sich abwälzen würde, wenn man nicht das Vergnügen
hätte, in einem Bade zu leben.
    Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische Küche
Hygieas, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen Quellen sieden und
dampfen. Von üppiger Natur kann bei einem Lande nicht die Rede sein, das von
Alaun und Schwefel unterminiert ist und in der Ernte immer einen Monat zu spät
kömmt. Zwerghaft sind die Bäume auf den Hügeln: aber reizende Perspektiven
öffnen sich zahlreich in die weiten Täler. Nichts ist hier schöner als die
mannigfachen Schattierungen des grünen Kleides der Natur. Man steht an der
morsch zerbröckelnden Mauer einer hohen Strasse und sieht kleines Gesträuch
zunächst zu seinen Füssen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwärzesten
Tinten in die tiefste Spalte des Tales verliert und in einem dumpfen Murmeln, in
dem Rieseln eines Waldbaches zu enden scheint; dort aber erhebt sich wieder der
Blick die grüne Alpenmatte entlang, welche am andern Ende des Tales
aufwärtssteigt. Auf dem frischen, üppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die
Sehkraft in jenen dunkeln Kranz von Fichten verliert, welcher den äussersten
Horizont umsäumt. Ist das nicht viel für ein Land, wo die Natur sich an
gekochtem Wasser erfrischen muss? Das Land ähnelt der Schwäbisschen Alb. Auch
sprechen die Leute mit schwäbischem Accent.
    Wally hat für solche Bemerkungen keinen Sinn: ich führe sie auch nur an, um
durch Wallys Mängel ihre Besitztümer anzudeuten. Sie ist ohne Schwärmerei für
die Natur, ohne Sinn für Blumen, welche sie zerkaut, wenn sie ihr in die Hand
kommen. Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt zu
werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefühllos zu nennen, und ihr dennoch
Unrecht tun. Wallys unaussprechlicher Reiz ist ihre Natürlichkeit. Sie gibt
sich, wie sie ist, und hat die Tugend, alles beim rechten Namen zu nennen. Sie
war sehr unglücklich, in Schwalbach leben zu müssen.
    Doch traf sich alles besser, als man erwartet hatte. Das allmähliche
Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher angespannten Nerven der
Nationen. Es waren Deutsche genug da, die an Hoffmanns Tode litten, Franzosen
genug, welche die üblen Folgen von Victor Hugos ruhendem Federkiel spürten. Sie
alle wollten Reiz. Die spanische Krisis war vielen in den Unterleib geschlagen
und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbäder sind sehr anzuraten. Es war gedrängt
in all den Höfen, Goldnen Ketten, Gastöfen zu den beiden Indien. Wally wohnte
im Kaisersaal.
    Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vorzüglich liebte, am grünen
Tische. Sie hazardierte im Pharo. Sie gewann; sie gewann immer; vielleicht weil
Dreistigkeit auch das einzige Geheimnis im Spiele ist. Noch ist es mir
unerklärlich, wie die schüchternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die
mutigsten Männer immer mit einer Art von Zaghaftigkeit herangehen. Sie sind die
ersten, wo es gilt, einen Turm zu besteigen, auf einem schwindelnden Wege zu
gehen, Pistolen abzuschiessen, mit einem Eskamoteur in Korrespondenz zu treten,
auf Vexierstühle und an die Elektrisiermaschine sich zu stellen. Namentlich wird
sich auf diese letzten Dinge oft der mutigste Mann nicht einlassen. Warum die
Frauen?
    Weil sie gewohnt sind zu herrschen? Weil man ihnen genug sagt, dass ihrer
Schönheit nichts widerstehen könne? Wally spielte in der Tat, weil es ihr schon
zur andern Natur geworden war, in jeder Lage zu gewinnen.
    Plötzlich wird sie unruhig. Sie verliert. Ihr Glück stürzt zusammen. Sie
fühlt, dass ihr ein Dämon entgegentritt und ratet auf Cäsar. Sie wusste, dass ihr
alles Widerwärtige nur von einem Manne kommen konnte, der sie beunruhigte und
der sie vielleicht zu lieben anfing. Wally blickte um sich; Cäsar stand in einer
Ecke, grüsste stumm, bot ihr den Arm und führte sie in die Zimmer ihrer Tante
zurück, einer Dame, welche er einst mit einer Spinne verglichen hatte, die über
das Weltmeer kreucht.
 
                                       7
Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber sie geht vorüber.
Noch gefährlicher ist es, wenn der Himmel jene weinerliche Laune hat, dass er von
der grauen Wolkendecke unaufhörlich einen nassen Staub tröpfeln lässt. Dann kann
man in Schwalbach am besten alle jene Übel bekommen, für welche sein Stahlwasser
so gut sein soll. Ist man nicht melancholisch, so wird man es erst. Wally weinte
den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie wollte nach Wiesbaden; aber ihre Tante bestand
darauf, dass ihr die spanische Krisis im Unterleibe sässe. Der Geheimerat Fenner
von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbesonnenheit ins
Mittel. Wally wollte Sterben vor Langerweile. Ihr werdet sagen, sie muss schlecht
erzogen worden sein. Gewiss, das war sie.
    Cäsar bot alles auf, ihr die trübe Zeit zu verkürzen. Er erzählte ihr
Beobachtungen aus Schwalbach, die gar nicht verdienen, übergangen zu werden,
z.B. folgende: »Haben Sie noch nichts vom tollen Bärbel gehört? Das tolle Bärbel
steht den ganzen Tag vom frühen Morgen bis in die späte Nacht an der
Hinterpforte des Gastofes zu den beiden Indien, die auf die Landstrasse nach Ems
hinausführt, und späht in die Extraposten, welche den Berg herunterkommen. Sie
ist von einem etwas gedrückten Wuchse und hat matte Augen; aber ihre
Gesichtsbildung ist im höchsten Grade einnehmend, die Haut von der ganzen Feine
und Weisse, welche zu blondem Haare gehört, um blonde Mädchen erträglich zu
machen. Der Reiz Bärbels würde noch weit mehr hervortreten, wenn die fixe Idee,
welche sie beherrschen soll, ihr nicht den an Wahnwitzigen so unheimlichen
Ausdruck und die eigentümliche Verrückung aller Bewegungen gäbe. Und woran
leidet sie? An zwei verunglückten Saisons. In der ersten soll sie der Gegenstand
irgendeiner eleganten Herablassung gewesen sein, die glücklicherweise ohne
Folgen blieb. Sie fiel einem jungen Manne in die Augen, der sie dann drei Monate
lang nicht aus seinen Händen liess und vielleicht gar mit ihr über Vorurteile der
privilegierten Stände, über die allgemeine Stimmberechtigung der Liebe und
morganatische Ehen philosophiert hat. Er versprach, im nächsten Jahre
wiederzukommen. Einen langen Herbst und Winter, einen ganzen Frühling hindurch
war Bärbel glücklich und das frommste Mädchen in Schwalbach. Sie war die erste
und letzte in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Mässigung in einem
Glücke, das ihre Kräfte überstieg (nämlich das Wiedersehen war für sie schon ein
grenzenloses Glück: wie leicht wird es Gott, seine Geschöpfe selig zu machen!).
Diese Mässigung stand ihr ungemein schön, wie die Leute sagen, die aus ihrer
jetzigen Verwirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die zweite
Saison. Bärbel stand an der Gartentür der beiden Indien. Ein grosser Reisewagen,
turmhoch bepackt, mit sechs Pferden bespannt, glitt am Hemmschuh bedächtig die
Höhe herab. Vorn und rückwärts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde, ein
Papagei, ein Geschwätz und Gekrächz, das eine ganz neue Welt in das alte
Schwalbach zu bringen schien. Bärbel stand auf den Zehen, blickte in den offenen
Schlag und stiess einen entsetzlichen Schrei aus. Sie hatte die untreue
Herablassung gesehen, wie sie die Hand eines jungen reizenden Weibes küsste. Es
war des jungen Paares erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sah auch
Bärbel sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, denn noch
war sie nicht närrisch; aber sie wurde es; schon durch die Ungewissheit, das
Herumlaufen, Fragen, Erkundigen, Abgewiesenwerden durch impertinente Bedienten,
durch die Scham, den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm
nicht zu Füssen fallen zu dürfen. Sie war den Winter über ganz still. Mit dem
Frühjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere Seufzer, schüttelte viel den
Kopf, und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den
beiden Indien und muss immer mehr erkranken, schon am Sonnenstich. Sie sieht in
jede Kutsche und schämt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie ist für alle
Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefüllte Stock, um die
wilden Almosenbienen zu fangen. Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm für
sie alle bittet und nichts davon hat als immer tiefern Wahnsinn.«
    »Oh, ich bitte Sie, erzählen Sie Geschichten, die sich runden und einen
Schluss haben!« fiel Wally ein mit der ganzen Fühllosigkeit, die sie allein schon
charakterisieren würde, wenn sie dieselbe nicht mit allen Frauen gemein hätte,
wo es sich um die Herzensleiden irgendeiner ihrer Schwestern handelt. Sie sind
dabei alle kalt, eine gegen die andere.
    »Den Schluss müssen wir abwarten«, sagte Cäsar, erschrocken über Wallys
Phlegma. Er hätte sie aufgegeben, wenn sie als Phänomen nicht seine Neugier
reizte. Auch würde er sich Vorwürfe gemacht haben, Wally nachgereist zu sein,
wäre diese Mühe vergebens gewesen. Er dachte in der Tat daran, bei ihr zu
irgendeinem Ziele zu gelangen.
 
                                       8
Nach einiger Zeit teilten sich die Wolken über dem Tale. Es war möglich, ins
Freie zu treten. Cäsar und Wally stiegen die Strasse nach Ems hinauf. An der Türe
der beiden Indien stand das stille Bärbel und betrachtete sie beide mit einem
wehmütig-rührenden Blicke. Wally blieb kalt dabei; er konnte das nicht
begreifen.
    »Ich will Ihnen, Wally«, sagte er, »eine andre Geschichte erzählen, die sich
in unsrer Nähe begibt und in der Tat schon eine Art Schluss hat. Glauben Sie
nicht, dass ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Hütten
ausgehe. Die Schwalbacher bilden sich ein, ihre Gäste unterhalten zu müssen, und
so erfuhr ich etwas, was würdig gewesen wäre, von Hoffmann bearbeitet zu werden.
Sie kennen die nassauischen Soldaten, Wally! Sie haben über Brust und Schulter
gelbe Bandeliere, was für ein preussisches Auge kurios lässt. Die Artillerie ist
schöner, aber hören Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch
stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein.
Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er die Reveille mit solcher
Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben, welche bei
Feuerwerken aufsteigen, nur dass er imstande war, eine Viertelstunde lang die
Schlägel in dieser tremulanten Bewegung zu erhalten. Namentlich aber gelang ihm
jenes hübsche Stakkato auf der Trommel, das mit Wirbeln untermischt die
Erschütterung des Kalbfells plötzlich hemmt und einen ganz abbrechenden Ton,
einen Ton ohne alles Echo hervorbringen muss. Sie sehen, welch einen Schatz das
Haus Nassau an diesem Tambour hatte. Unglücklicherweise verliebte sich aber der
militärische Künstler, und in ein Mädchen, das zwar den Wert der Armee zu
schätzen wusste, auch den der Musik, aber einem Trompeter von der Artillerie
schon den Vorzug gegeben hatte. Hier musste eine Rivalität eintreten, welche der
Liebe ebensosehr galt wie der Kunst.
    Der Tambour verzweifelte nicht; indessen war er zu bescheiden. Er fühlte,
wie sein Instrument, diese monotone Rhytmik, hinter der Trompete zurückstand.
Sein Gegenstand war die Tochter eines Wiesbader Bürgers, eines Mannes, den man
durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus! Wenn
er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Gärtchen sass, siehe, dann setzte
er das silberne Mundstück an die glänzende Trompete und blies den Parademarsch
Frisch auf, Kameraden!, alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zu dem
Zweitritt der Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Menschen. Die Nachbarn
sammelten sich: sie lauschten, sie klopften an die Gartentür, sie kamen herein
und tanzten auf dem grünen Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die
Nachtkappe zu lüften und war unbeschreiblich geehrt. Und wenn der Trompeter mit
seinen lustigen Stücken Feierabend machte und sie alle aus dem Gärtchen mussten,
um in der Finsternis die Beete nicht zu verderben, dann blieb er mit der Tochter
noch allein und blies ihr Arien der Schwärmerei vor, Schöne Minka, Mich fliehen
alle Freuden, mit sterbenden, gedämpften und wie durch Zugwind gehauchten Tönen,
bis alles still wurde. Der Tambour hörte diese Szenen täglich und verging vor
Wehmut. Er war eine sanfte, echt deutsche Heimwehnatur, voller Empfindung und
Ehrgefühl. Jede Nacht badete er sich in Tränen und schlug die Morgenreveille mit
matten Händen. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er fluchte seinem Instrumente,
fluchte der Artillerie und ihren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel!
diesem dummen Lärmkasten, bei dessen Tönen sich die Gebildeten der Nation das
Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner Kindheit
überredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das Geschrei der Verwundeten
zu übertäuben! Zum Unglück gab es Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger
auf sein Instrument eifersüchtig wurde. Ist es nicht das wohltätigste
Instrument, schlussfolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer
ausgebrochen ist, um welche Zeit das Tor geschlossen wird; kann es rührendere
Töne geben als die dumpfen Wirbel beim Begräbnisse eines meiner Kameraden! Bei
der Erinnerung an den Tod stürzten ihm die Tränen aus den Augen, von jenseits
drang die Trompete seines glücklichen Nebenbuhlers herüber, ach! diese freudigen
Töne durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand er hin und wurde
immer mehr das blasse Bild der Resignation. Er dachte nur an den Tod und sagte
oft, wenn er nicht käme, so müsse er selbst sich ihn geben. Damit ging er lange
um und weinte viel, sooft er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es half
nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernichtete seinen Stolz,
statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er sich eines Abends auf, wo alles
still war, am Tage vor der Hochzeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht
unter ihr Fenster auf einen Stein. Zwischen den Füssen hielt er die Trommel
eingespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo alles schlief, so
schwermutsvoll und sanft zu rühren, dass es lange währte, bis mehr darauf
achteten, wie das Mädchen oben in der Kammer. Sie hörte diese Serenade, sie
wusste alles, denn sie hatte den Tambour gekannt, ihn bevorzugt, ehe die Trompete
kam. Sie zitterte unter der Bettdecke, denn es klang wie zum Grab so hohl unterm
Fenster. Aber die Töne hoben sich, die Schlägel wurden dringender, die
abgestossenen Punkte folgten Schlag auf Schlag: sie musste aufspringen vor
Entsetzen; die ganze Strasse schien zu grollen und die Steine dumpf
aneinanderzuschlagen. Man rief: »Feuer!« Sie riss das Fenster auf. Draussen war
alles still; der Tambour war nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man
schiffte seine Trommel bei Mainz an der Rheinbrücke auf: ihn selber einen Tag
später auf der nämlichen Stelle.«
    Wally hatte von dieser Erzählung erwartet, dass sie in einer Beziehung mit
Schwalbach stünde, und allem, was auf diese Erwartung keine Rücksicht nahm, nur
eine oberflächliche Aufmerksamkeit geschenkt. Sie blickte Cäsar mit ruhigem Auge
an und fragte kalt, was in dieser Geschichte mit Schwalbach zusammenhinge? Cäsar
fand diese Frage natürlich und legte sie sich nicht so empörend aus, als sie
ursprünglich war.
    »Diese Historie«, fuhr er fort, »ist mehre Jahre alt. Der Trompeter
heiratete die Tochter des Wiesbader Bürgers, nahm seinen Abschied und zog nach
Schwalbach, wo er die Direktion der Musiken für die Saison zu übernehmen pflegt.
Aber seine Frau leidet seit jener traurigen Katastrophe ihres verschmähten
Liebhabers an einem unheilbaren Übel. Hätten die Ärzte nicht schon zuweilen
ähnliche Beobachtungen gemacht, so würde man versucht sein, hier an einen Spuk,
an eine Rache des gespenstischen Tambours zu glauben. Die Frau des Trompeters
hört Tag und Nacht ein dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen
Zeiten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommen muss. Nachts schreckt
sie aus dem Schlaf auf, zeigt mit stierem Blick auf die Tür, wo sie den blassen,
kleinen Mann mit seinem Instrumente zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie
tief sie sich auch in die Kissen des Bettes hineinwühlt. Die Ärzte nennen dies
eine unnatürlich präponderierende Kraft des Gehörsinnes und können sich auf die
gleichzeitige Tatsache berufen, dass alle übrigen Sinne der Frau allmählich
schwinden und der übermässig hervorbrechenden Gehörskraft zu weichen scheinen.
dabei ist sie abgefallen und bleich, ihr äusserer Körper verringert sich immer
mehr: ich sah sie, es ist eine ganz absorbierte Erscheinung, die Grausen
erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tambours, oder wie es
diese Leute nennen, dass er im Grabe keine Ruhe habe. Sie versicherte mich, dass
das Gespenst ihr überallhin folge, in Küche, Boden und Keller; ja auf dem Wege,
selbst im Walde sah sie ihn oft, den Toten, wie er leibhaftig vor ihr stehe,
die kleine, bleiche Figur, mit der Trommel auf dem weissen Schurzfell und
dieselben gelbledernen Bandeliere um die Schultern gehängt, welche uns Preussen
so fatal sind. Die Ärzte wissen, dass die Frau bald sterben muss an totaler
Nervenentkräftung. Ich glaub' es. Gott, da steht sie!«
    »Wo?« schrie Wally auf.
    Cäsar lachte. Es war ein Scherz; aber sie hatte ihn übel aufgenommen und
liess sich mit der bittersten Laune über seine Spässe und abenteuerlichen
Erzählungen aus.
    »Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Womit Sie sich doch alles
abgeben!« sagte sie mürrisch, empfahl sich und wandte sich allein dem Kaisersaal
zu, wo sie wohnte.
 
                                       9
Diese Szene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem
Sonnenscheine tausend Aufforderungen der Natur, ihre Reize zu geniessen. Bis in
die entfernteste Umgegend trugen Esel und kleine Gefährte den weiblichen Teil
der Gesellschaft, welche als die Crème der Saison sich zusammengefunden hatten.
Wally war eine sprühende Girandole von Freude und Ausgelassenheit. Sie bildete
den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft, so aber, wie es Wasserkünste gibt, wo
man nur hier zu drücken braucht, um auf der entgegengesetzten Seite überall
lustige Fontänen springen zu lassen. Cäsar war verschlossen und reflektierte
viel. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wally in seine
Neigungen eindrückte. Wenn es nicht Liebe war, die ihn trieb, so war es die
Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt hatte, Wally, diese Ungezähmte und
Unbändige, überwunden zu haben. Hütet euch, ihr Frauen! Die Liebe der meisten
Männer ist nichts als eine Huldigung, welche sie sich selbst bringen.
    Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich eine grosse
Anzahl von Badgästen angeschlossen hatte. Wally war noch vor diesem Ziele zu
sehr ermüdet, als dass sie weiterkonnte. Sie blieb bei einem der Bedienten
zurück, um die nachkommenden Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von
der Gesellschaft, so dass Cäsar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten war,
erstaunte, sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab es dem Bedienten.
Wally und Cäsar gingen voran.
    Der Verführung eines grünen Rasenplatzes mitten im Walde widerstanden sie
nicht. Während der Wagen und Cäsars Pferd auf der Strasse hielten, gingen sie dem
einladenden Ruheorte entgegen und setzten sich auf abgesägte Baumrümpfe nieder.
Es lag etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verabredung
stattgefunden hätte, und doch schwiegen beide. Sie sprachen noch immer nichts,
auch als sie beide mit gestütztem Haupte sich gegenübersassen.
    »Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzürnt, Cäsar!« sagte dann Wally.
    Ein Lächeln, das man kennen muss, um zu wissen, dass es nur die Maske eines
tieferen Schmerzes ist, flog über ihre Mienen. Das Lächeln Cäsars konnte
Beistimmung oder Verwunderung sein. Er war klug genug, sie darüber im unklaren
zu lassen.
    »Ihre Geschichten haben mich kaltgelassen«, fuhr sie fort.
    Daran dachte Cäsar nicht mehr; aber er sagte: »Hab' ich sie denn verfasst?«
    Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu Boden und
begann eine Perspektive in ihr Inneres zu geben, die Cäsar neu war, an ihr
zumal, und die ihn entzückte. »Ich muss mich, ich muss die Frauen hassen«, sagte
sie still; »von Natur sind wir grausam, und zu den Gefühlen, welche wir zu
äussern wohl unter Umständen fähig wären, haben wir ursprünglich nur die blossen
Anlagen. Glauben Sie es, Cäsar, die Frauen gedeihen nur durch die Männer. Sie
selber wären imstande, sich untereinander zu zerfleischen. Niemand kann bei dem
Elende der Menschen, bei Krieg, Erdbeben, öffentlichem und Privatunglück
empfindungsloser sein als die Frauen. Verstehen Sie mich recht, solange wir
alleinstehen. Was wir von Gefühl ursprünglich haben, das ist mehr Schauer als
Bewusstsein, mehr tierische Furcht als Reflexion einer edlen Seele. Ach, ich
zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die ich nicht zu heilen weiss!«
    »Aber woher die spätere Metamorphose der Frauen?« fragte Cäsar, erstaunt
über die Wahrheit, welche sich in Wallys Antlitze ausdrückte.
    Sie stockte: sie blickte ihn an. Er erriet und sank zu ihren Füssen.
    Solange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen beiden wohl empfunden
sein; als aber Wally nach einem Worte suchte, wies sie ihn zurück.
    Ihm war es recht; denn die Reflexion schlug ihn in den Nacken und hatte ihn
unwillkürlich aufgerissen, da er auf nichts in seinem Herzen Vorbereitetes stiess
und ihm jede Situation fatal war, in der er sich selbst nicht hätte beobachten
können.
    Sie sassen beide wieder auf ihren Baumstämmen. Doch war es eine warme
Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, in der sie wenn auch über nichts
entscheiden, dennoch über alles unterhandeln konnten.
    Wally verhehlte nicht, dass die Zauberrute, welche die im Herzen des Weibes
schlummernden Gefühle erst wecke, die Liebe sei. Cäsar ergriff ihre Hand und
sagte: »Wir sind für die Illusion beide nicht gemacht. Eine Mücke würde uns
stören, wollten wir zu den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen
Augenblick unsre Manieren nicht in der Hand hätten, würde uns lächerrlich
scheinen. Helfen wir uns beide! Eine kurze Übereinkunft kann uns auf die Stufe
versetzen, welche uns alle jene Glückseligkeit gewährt, die wir durch
Zurückhaltung, Scham, natürliches oder kokettes Wesen niemals erreichen. Wally!
Wally!«
    Jetzt lag Cäsar zu Wallys Füssen, wahrhaftig, ohne Bewusstsein, von einem
ungeheuchelten Gefühle übermannt. Aber was warf ihn nieder? Nicht die Liebe,
sondern der Gedanke an eine Humanitätsfrage, die niemanden von euch fremd ist:
der Gedanke an jene Augenblicke, wo wir, überdrüssig der konventionellen Formen
des Lebens, zu aller Welt herantreten möchten und ihr zurufen: »O warum dies
Gehäuse von Manieren, in welches du Spröde dich zurückziehst? Warum diese
Verhüllung des Menschen in und an dir? Warum Zurückhaltung, du, mein Bruder, du,
meine Schwester, da du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine Hand wie ich zum
Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast? Ach, wie seh' ich rings um mich her
eine so reife Ernte von Liebe und Schönheit! Warum zögern bis auf Jahre, dass ich
sie breche? Warum nicht das Entzücken, dass wir alle Menschen sind, schwach und
stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren Barrieren, welche die
Menschen trennen, welche auch den Jüngling vom Mädchen trennen, müssen fallen;
denn ich kenne dich, dein alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwächen und
Tugenden: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlägt mein Herz, ich bin
nichts, was noch etwas anderes wäre, als es ist, nichts, was du für etwas
anderes halten dürftest. Weib, in deinen Augen, in den Formen deines Körpers
bist du überreif zur Liebe; und wenn ich dich heut zum ersten Male sah, so
pflückt' ich dich, denn wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich
Mensch wie du, beide alternd, beide den Tod fürchtend, beide elend. Was weichst
du mir aus?«
    Wally zerfloss in Tränen. So fast hatte Cäsar zu ihr gesprochen, und sie
fühlte das Entzücken, statt eines Weibes Mensch zu sein. Sie zitterte bei dieser
echt philantropischen Vorstellung, welche, wenn sie allgemein würde, die Welt
durchaus umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu lösen müsste. Sie liess die
Umarmung Cäsars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz,
einen Mann überwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der
grossen Wesenkette fühlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wusste, dass sie ja
vor der Wahrheit und Natur ganz nackt und bloss und mitleidswürdig war, weil sie
zuletzt glaubte, dass diese heissen Küsse, welche Cäsar auf ihre Lippen drückte,
allen Millionen gälten unterm Sternenzelt.
    Sehet da eine Szene, wie sie in alten Zeiten nicht vorkam! Hier ist
Raffiniertes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes: und was ist
die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen diese Lüge! Was ist die egoistische
Geschlechtsliebe gegen diesen Entusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die
unglücklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert,
das in seinen Irrtümern so tragisch, in seinem Fluche so anbetungswürdig ist.
 
                                       10
Die Übereinkunft der Liebe zwischen Wally und Cäsar musste ihren Verhältnissen
ein neues Kolorit geben. Wir fürchten, dass die Farben allmählich erbleichen
werden. Aber noch sind sie hell und frisch; noch liegt auf Wallys Antlitz der
melancholische Schatten jener entzückenden Verirrung, in Cäsars Mienen die
Resignation und Selbstzufriedenheit, welche selbst blasierte Charaktere und
verwitternde Natürlichkeiten ergreifen kann, wenn der immer durstige Becher
ihrer Wünsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfüllung. Das Wiederfinden
eines Jugendfreundes unterstützte Cäsars reflektierende Persönlichkeit, sich in
einer Welt zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel.
    Waldemar hiess der neue Ankömmling, ein Mann, der einst blühend und schön
war, in der Residenz zu Wallys Anbetern gehörte, dann heiratete und trotz der
glänzendsten Verhältnisse zu keiner Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren
Übeln siechte. Die Stimmung dieses Mannes teilte sich seinen Umgebungen mit,
erst auch Cäsar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, als sie für ihn
durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam.
    Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich nämlich das stille Bärbel von den
beiden Indien zurückgezogen. Ihr Betragen gegen ihn liess keinen Zweifel, dass
dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen war. Sie verfolgte
Waldemar, wo er sich nur blicken liess, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in
zahlreicher Gesellschaft vorüberging. Jedermann kannte den Zusammenhang dieser
tragischen Komödie, doch wollten nicht alle glauben, was Waldemar versicherte,
dass er sich dieses Mädchens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort
gewechselt und auch im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht habe.
Cäsar aber glaubte diesen Versicherungen; denn Waldemar war eine treue Seele,
die niemanden betrüben konnte, noch weniger aber wäre eine Unwahrheit über seine
Zunge gekommen. Er nahm den Wahnsinn Bärbels von der lächerlichen Seite und
suchte Waldemar zu trösten. Ja, diesem melancholischen Manne fehlte nur noch
eine neue Ursache seiner Schwermut!
    Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit beiden Männern,
der immer gewisse Grenzen und Nuancen hatte, recht zum Genuss machte. Einst
wollte sie in einem Garten zu ihnen unbemerkt herantreten, während beide Freunde
unter einem Boskett von verwelkenden Rosen sich unterhielten; da sie aber hörte,
dass ihr Gespräch religiöse Saiten aufgezogen hatte, so fürchtete sie, etwas zu
verstimmen, und blieb unwillkürlich in einer Weite stehen, dass ihr von dem
Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fühlte das
Missliche dieser Situation in einem Augenblicke nicht, wo alle ihre Seelenfäden
Gespinste zu schiessen begannen, in die sie sich immer tiefer verstrickte, wo es
einer Untersuchung über die Religion galt.
    »Hätt' ich einen grösseren Wirkungskreis«, sagte Waldemar, »vielleicht
gelänge es mir dann, den Unmut meiner Seele zu zerstreuen, wie auf jenen Bergen,
auf welchen viel Waldleben herrscht, Tannen rauschen und die Natur in einer
steten Bewegung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler
Hügel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief unter die Augen
bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such' ich ebenso vergebens. Die Politik ist
nur imstande, meine Schwermut zu vermehren, und die Religion hat man mir durch
meine Erziehung verleidet.«
    »Wer wird auch«, entgegnete Cäsar, »bei üblen Stimmungen Hülfe von der
Religion erwarten! Religion ist das Produkt der Verzweiflung: wie kann sie die
Verzweiflung heilen?«
    »Sie sollte es wohl; jede Religion soll es, welche die Miene der Offenbarung
annimmt«, sagte Waldemar. »Echte Religion ist positive Heilkraft; aber gleicht
das Christentum nicht einer Latwerge, die aus hundert Ingredienzien
zusammengekocht ist? Meine Vernunft sagt mir, auch ohne Hahnemanns Organon, dass
die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind, dass
die Natur für jede ihrer Abnormitäten eine medizinische Rektifikation im simpeln
Zustande hat und dass in einer Mixtur von Heilkräften eine Kraft die andere
aufhebt. Die unerhörte Überladenheit des Christentums aus traditionellen,
historischen und biblischen Ursachen macht aber, dass es für den Schmerz der
Seele ganz ohne Wirkung ist. Eines seiner Dogmen stört das andre.«
    Ein Krampf schnürte Wallys Brust zusammen. Sie wankte ohnmächtig fort, bis
jener Referendar, der über das Unzeitgemässe der politischen Garantien
geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Cäsar führte, von
denen er den ersten gesucht hatte.
    »Waldemar!« rief er: »was Sie glücklich sind! Ein Ehegatte, und noch bringen
sich Ihretwegen die Frauen um.«
    »Was wollen Sie damit?« fragte Waldemar.
    »Sie müssen nicht erschrecken«, sagte jener; »aber Ihr verlassenes Bärbel
ist tot. Sie ging gestern den ganzen Tag um Schwalbach herum, sich ein Grab zu
suchen, blieb dann noch lange bei den beiden Indien, wankte darauf mechanisch
fort bis an das Schloss Nassau, wo sie sich von der eisernen Hängebrücke
hinabgestürzt hat. An der linken Seite von hier, da, wo der Brunnen auf der
Brücke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie die Leute
versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit,
der an dem Finger des Mädchens sich befand. Ich hab' ihn hier.«
    Waldemar erblasste. »Mein Gott!« schrie er. »Dieser Ring-«
    Cäsar sprühte auf: »Wie?« rief er; »Waldemar, du hättest dennoch -«
    »Ja«, bemerkte der dritte: »ich kenn' ihn. Sie trugen diesen Ring vor mehren
Jahren, Waldemar.«
    Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und gab mit
unpassender Heiterkeit die Erklärung:
    »Waldemar, Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheiratung
dem Gedächtnisse so schädlich?«
    »Aber wie kam die Unglückliche zu dem Ringe, den alle Welt als ein Pfand
meiner treulosen Versicherungen auslegen wird?« fragte Waldemar mit bleichen
Lippen, die doch wieder sprechen konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen
besann, die er einst Wally gebracht hatte.
    »Ich hatte die Gewohnheit«, sagte Wally, »die Ringe meiner Verehrer jährlich
im Bade zurückzulassen, indem ich sie in die Becher, die am Sprudel stehen, warf
und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab. So ist die Närrin wohl
zu dem Geschenke gekommen.«
    »Gut erfunden!« flüsterte der Referendär, dem im Augenblick auch sein
Ehrenhandel mit Cäsar einfiel. Wally blickte etwas stolz: man kann durchaus
nicht sagen, warum, und reichte dem Menschen ihren Arm.
    Waldemar sass in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunderbar war der
Zusammenhang dieses unglücklichen Ereignisses! Man konnte versucht werden, an
eine magnetische Einwirkung zu glauben. Wer erklärte ihm, wie ein Ring eine
Neigung veranlassen konnte zu einem Manne, den man nie gesehen! Wie kam es, dass
die Arme, gleich als sie ihn zum ersten Male sah, ihn als den Eigentümer des
Ringes erkannte, den sie liebte und mit einer wirklichen Person verwechselte! Er
ging tief bekümmert in seine Wohnung und überredete seine kranke Gattin, mit ihm
sogleich den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen.
    Was aber empfand Cäsar bei dem Ereignisse? Nicht das Ereignis selbst, nicht
den Schmerz seines Freundes, sondern nur eines, was ihn schon oft bei
Vergleichung des Todes mit dem Leben interessiert hatte. Das arme Bärbel war vor
ihrem Ende unruhig in dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht, der
ihr notwendig schien. Sie war bis nach der eisernen Brücke gelaufen, um den
Tröster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde eine unsichtbare Hand,
die die Kehle zuschnürt? Geht man wahnsinnig, ohne Bewusstsein in den Tod, wie
die Mücke in das brennende Licht stürzt? Oder ist man bei etwa vorhandener
Kraft, sich noch als nachdenkend zu fühlen, schon so mit dem Tode verschwistert,
dass jener weitere Akt des Selbstmordes nur die Publikation eines Befehles wird,
der schon abgemacht und im stillen ausgeführt ist? Darüber sann Cäsar nach und
konnte sich vor Schmerz nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Bärbels
Benehmen nur darauf zurückkam, dass die Furcht vor dem Tode doch immer das
Ursprüngliche und bis zum schwindenden Bewusstsein das
    Letzte sei. Die Unzulänglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht vor
dem Tode, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und der junge, töten, nicht
wie Cato sterben zu können, die Bitte des Prinzen von Homburg, ihn leben zu
lassen: das ist das Tragische unsrer Zeit und ein Gefühl, welches die
Anschauungen unsrer Welt von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich
verschieden macht. Sie wollte sterben und lief einen ganzen Tag, einen Weg von
sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte und den sie
fürchtete!
    So war Cäsar.
 
                                       11
Jenes feste und präzise Benehmen, das Wally bei der Aufklärung über den Ring
gezeigt hatte, war nur durch die Situation hervorgerufen worden. Auch wird sich
niemals ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer andern entalten können,
sich aufzuschnellen und missachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen. Diese
Stimmung war aber nur eine vorübergehende.
    Die Erklärung, welche Waldemar über das Christentum abgab, hatte auf ihre
Seele wie die Berührung eines kranken Zahnes gewirkt. Glaubt ihr, Wally habe
nach einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen
etwa zerstreute Bruchstücke von Gedanken, die sie gern verbunden hätte.
Unmittelbar und zufällig war ihr ganzes Leben: nur im Religiösen stand sie oft
wie ein Wanderer auf der Landstrasse, der den Weg verfehlt zu haben glaubt, sich
in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientieren sucht. Es
war ein ganz bewusstloses Sinnen, ein träumerisches Fühlen, dem sie sich tastend
und anpochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhängenden Untersuchung
konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt an einem religiösen Tick, an
einer Krankheit, die sich mehr in hastiger Neugier als in langem Schmerze
äusserte. Sie war wie in einem Zimmer, das sich plötzlich mit Rauch füllt und wo
man sich nicht anders helfen kann, als an das Fenster zu springen, es
aufzureissen und mit einem unmässigen Gestus nach frischer Luft zu haschen.
    Wally wusste selbst nicht, was alles zusammentraf, sie nachdenklicher als je
zu machen. Sie hatte zum ersten Male einige Beobachtungen über ihren Zustand in
eine zusammenhängende Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu
zurückgeschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefasst. In einem
Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen.
    Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie hatte, wieder
durchzulesen. Auch verzweifelte sie während des Schreibens, ihn abzusenden. Sie
zerriss ihn.
    Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie mechanisch, was
davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben passten zusammen. Jetzt erst
las sie ihn, wo sie gleichsam wusste, dass er ihr nichts mehr schaden könne.
    »Meine teure Antonie«, hatte sie geschrieben, »Deine geschmackvollen Muster,
das sehr hübsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch
die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab' ich bekommen. Ich
danke Dir, Antonie! Verzeih mir nur, dass ich nicht jetzt auch mit all dem
Entzücken davon spreche, das ich wirklich über Deine Gefälligkeit und die
Gegenstände derselben empfunden habe. Du glaubst nicht, in welcher wunderlichen
Stimmung ich heute bin. Und heute musste ich doch schreiben - morgen würd' es
schon besser sein. Nur eins sage mir, Antonie, hast Du wohl in Deinem Leben
einen frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich vergebens auf
einen; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und Hast, von der wir
getrieben werden, eine Ängstlichkeit, von welcher die Männer keine Vorstellung
haben. Zuweilen erschreck' ich vor dieser pflanzenartigen Bewusstlosigkeit, in
welcher die Frauen vegetieren, vor dieser Zufälligkeit in allen ihren Begriffen,
in ihrem Meinen und Fürwahrhalten. Der Augenblick ist der Urheber unsrer
Handlungen und die Vergesslichkeit die Richterin derselben. Ach, Antonie, ich
beschwöre Dich! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages;
oh - ich leide an einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu
nennen weiss. Das rennt, läuft, springt, lacht, singt, weint, zankt - nun sage
mir um des Himmels willen, was steckt dahinter? Was ist der Kern dieser
spiralförmig fortkreiselnden Unruhe? Die Männer sind glücklich, weil man an sie
Anforderungen macht. Das Mass ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen,
den sie damit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den Faust nicht lesen sollen?
Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust durchwühlen können,
macht uns vertraut mit ihnen und die Wirkung derselben für uns weniger
gefährlich. Aber ich fühl' es, dass sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte
entwickeln, eine ganze Historie von Wundern, die wir zu erklären verzweifeln,
Gedichte, in denen wir selbst der von den Göttern verfolgte, geneckte,
scheiternde, irrende Ulysses sind. Das ist alles halb, siehst Du. Es ist noch
immer nicht das, was ich sagen möchte und nicht sagen kann. Liebe Antonie, das
ist der Fluch: man verlangt nichts von uns, man will gar nichts, es kömmt gar
nichts drauf an. Auch dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die
Erziehung hineinschleuderte. Daraus dürfen wir nun nicht heraus und sollen uns
nur mit Grazie wie ein gefangenes Tier an dem Eisengitter dieses Rondells
herumwinden. Diese Gefangenschaft unserer Meinungen - ach, war Spreu für den
Wind! Rechte will ich in Anspruch nehmen, für wen? für was? O Antonie, ich habe
nichts, was wert wäre, gedacht: ich will gar nicht sagen, gemeint oder
gesprochen zu werden. Ich drücke an den Begriffen, die mir zu Gebote stehen;
aber sie sind elastisch und geben immer nach und gehen immer wieder zurück. So
glaub' ich, kommen auch die Revolutionen, wenn die Menschen so viel Mühe haben,
an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern stürzen
möchten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden können. Dann schaffen sie
sogar Gott ab, nämlich, weil sie ihn wahrhaftig nicht verstehen. Es ist auch
schwer, Antonie! Die Schöpfung - schon gut; aber woher? womit? warum? Der
Mensch, der Affe, der Polyp, die Sinnpflanze, das Moos, der Stein, der Kristall,
das Wasser, die Luft, der Wind, nichts: wo ist Gott? Oder wollt ihr nicht den
Weg des Wassers gehen: so geht den des Feuers! Der Vulkan, das Licht, die Wärme,
die Elektrizität, der Magnetismus: wie kann Gott in der Voltaschen Säule
stecken?«
    Hier musste Wally laut auflachen bei all ihrem Schmerz und Unglück. Der
komische Konflikt der Schulweisheit mit ihrer Melancholie, die Vergleichung
Gottes und jenes kleinen Professors der Physik, der sie mit Papinianischen
Töpfen, Herobrunnen und Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen
wollen, ob er gleich selbst nur ein Auge hatte, das waren zu drollige
Erinnerungen. Sie zuckte mitleidig mit sich selbst über sich selbst die Achsel
und ging Cäsar entgegen, der viel ungereimtes Zeug mit ihr zu sprechen hatte.
 
                                       12
Ein Begegnis, das Wally kurze Zeit darauf erlebte, machte den ersten Abschnitt
in ihrem Leben. Es schien, als könnte sie in ihrem jetzigen Aufentalte die
Heiterkeit nicht wiedergewinnen, welche ihrem Charakter entsprach. Ein Umstand
aber veranlasste bald die Abreise von Schwalbach.
    Wally war eines Abends spät und unmutig zu Bett gegangen. Die Lampe brannte
noch auf ihrem Tische; aber sie konnte nicht schlafen. Ihr Blut war in
fieberhafter Aufregung. Sie warf sich unruhig hin und her, aber ihre Sinne
wollten sich nicht lösen.
    Da sprang sie auf, setzte sich an den Tisch und fing all die Mittel zu
prüfen an, welche die Leute anraten, um in gleichmässige Bewegung des Bluts zu
kommen. Sie zählte die zwölf Glockenschläge an der Kirchturmuhr, sie zählte das
Einmaleins her, von vorn und hinten, deklamierte das einzige Gedicht, welches
sie bei ihrem schlechten Gedächtnis auswendig wusste: »Eine kleine Biene flog
emsig hin und her und sog.« Nichts half. Da erblickte sie auf dem Tisch die
Anordnungen, welche sie neulich gemacht hatte, um an ihre Freundin zu schreiben.
Sie ergriff die Feder und schrieb:
    »Meine teure Antonie, Deine geschmackvollen Muster, das sehr hübsche Diadem,
was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und
die neuen Touren zum Cotillon hab' ich erhalten. Ich danke Dir, liebe Antonie!
Verzeih mir nur -«
    »Abscheulich!« rief sie aus und trat an das Fenster. Der Mond beleuchtete
hier und dort einen Teil des engen Tales und seiner Umgebungen. Er war mit
Wolken bedeckt, die aber nicht eilten, sondern schwer auf ihm hafteten. Es wehte
kein Wind. In sanfter, nächtlicher Stille ruhte die malerische Natur. Ein
tannenschwarzer Bergrücken begrenzte auf der einen Seite die ovale Rundung des
schlummernden Tales. Nirgends die Ahnung eines menschlichen Wesens.
    Wally hüllte sich in einen leichten Nachtüberwurf. Ihr Zimmer lag zur ebnen
Erde. Mit einem Tritte war sie draussen im Freien. Ohne mehr zu wollen, als die
Hitze ihres Blutes abkühlen, stieg sie zur linken Hand die Strasse hinauf, dann
wieder hinunter zum Alleesaal hin. Sie wird nur einige Schritte unter den Bäumen
auf und ab gehen.
    Als sie ein weniges weitergekommen war, vernahm sie ein sonderbares
Geräusch, welches man für das Seufzen einer schwankenden Pappel hätte halten
können, wäre ein starker Wind gegangen. Sie erschrak, wie diese Laute sich immer
deutlicher als Gestöhn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben. Es war wie das
Jammern eines Verwundeten, der sich fürchtet, durch übergrossen Schmerzausdruck
des Mundes vielleicht die brennenden Leiden seines Schadens desto stärker zu
machen.
    Wally blieb betroffen stehen. Ihr siedendes Blut gerann, und die Fieberhitze
wich einer kalten Erstarrung, in die der Schreck ihre Glieder versetzte.
    Sie sah, dass sich im Hintergrunde der Allee etwas bewegte, das auf sie
heranzukommen schien. Die Angst hatte sich ihrer Seele so sehr bemächtigt, dass
sie nicht einmal wagte zu entfliehen. Wie angewurzelt blieb sie stehen und
wankte nur, als eine menschliche Figur immer näher trat, mechanisch hinter einen
Baum, von dem sie glaubte, dass er ihr Schutz gewähren könne.
    Ein Weib kam mit händeringenden Gebärden. Sie wandte sich oft gespenstisch
um und suchte etwas, was man nicht sehen konnte, von sich abzuwehren. Dann fuhr
sie mit einer grauenerregenden Vehemenz und sie begleitendem Geheul in die
Gegend ihres Kopfes, als wolle sie etwas bedecken oder irgendeinen übergrossen
Schmerz stillen. Wally zitterte.
    Jetzt stand die Unglückliche, welche nicht im Fieber zu sein, sondern das
volle Bewusstsein zu haben schien, dicht vor ihr. Wally sah, wie sie schwankte
und zu Boden stürzte. Mit einem fürchterlichen Geschrei wühlte das entsetzliche
Weib ihren Kopf in den losen Sand und rang, ihre Hände gleichsam zu
vervielfältigen, um den Kopf von allen Seiten bedecken zu können. dabei stöhnte
sie wieder und sah sich, wie tief sie auch den Kopf in den Sand hineingewühlt
hatte, um und fuhr mit einem grässlichen Schrei auf, als hätte sie einen Geist
erblickt, bis sie ohnmächtig und besinnungslos in dieser grässlichen Lage
verstummte.
    Wally wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Als das Wesen sich
beruhigte, versuchte sie aufzutreten, ob man sie auch nicht hören könne, wagte
dreistre Schritte und floh, als sie eine Strecke weit von der Szene entfernt
war, der sie hatte beiwohnen müssen. Sie fror an allen Gliedern, als sie auf
ihrem Lager sich gebettet hatte, und schlief ein aus Furcht.
    Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise. Die Tante zögerte. »Unter
keiner Bedingung!« rief Wally; »ich bin eines Ortes müde, der mich umbringen
muss.« Das war ein fürchterlicher Ausdruck; die Tante war diese Wendungen nicht
gewohnt. Sie entsetzte sich und reiste ab.
    Als Cäsar sie beide an den Wagen begleitete, erzählte er ihnen noch, dass die
Frau des Trompeters an der gespenstischen Trommelmusik ihres Ohres diese Nacht
gestorben sei. Sie sei vor Unruhe aus dem Hause gerannt, habe nachts die ganze
Stadt durchirrt, um den grauenhaften Tönen zu entfliehen, und sei in der Allee
gefunden worden, wie sie mit dem Kopf in den Sand gewühlt dagelegen.
    Wally winkte mit der Hand, dass er schweigen solle.
    Cäsar aber glaubte, dass sie ihn zum Abschied grüsse; die Pferde zogen an,
und, den Spruch des grossen Römers parodierend, sagte er zu dem Fahrzeuge: »Du
trägst Cäsar und sein Glück!«
 
                                  Zweites Buch
                                        1
Der Sommer reifte zur Ernte. Aus seinen letzten Fäden spann sich ein Herbst voll
Kelterlust. Die Astern sammelten noch einmal alle Farben der schönen
Vergangenheit, dann starb die Natur, und was zurückblieb, legte den Frostreif
und Nebelflor der Trauer an. Die Ströme gerannen, die Wolken zerrieben sich zu
Schneeflocken. Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und klopfte
mit Weihnachtsfreuden an die Reifblumen der Fenster an.
    Wally wirbelte sich in einer Lust, die sie so zauberhaft zu regeln verstand.
Was Religion! Was Weltschöpfung! Was Unsterblichkeit! Rot oder blau zum Kleide,
das ist die Frage. Ob's besser ist, die Haare zu tragen à la Madeleine oder sie
zusammenzukämmen zu chinesischem Schopfe? Tanzen - vielleicht auch Sprüchwörter
aufführen - oh, nur gering ist die Zahl der Vergnügungen, welche im Verhältnis
zur zunehmenden Civilisation nicht mehr lächerrlich sind: so sehr gering! falls
man sich selbst so viel liebt, nicht Karten zu spielen, jene melancholischen
Spiele Albions und der nordamerikanischen Yankees, wenn man noch wie Mendelssohn
philosophisch und kantisch genug ist, für den Scherz keinen Ernst und für den
Ernst keinen Scherz aufzuwenden!
    Aber eine Unterhaltung ist unerschöpflich; ein Spiel unermüdlich. Das ist
die Koketterie. Wally hatte damit alle Hände und alle Mienen voll zu tun.
Künstliche und natürliche Launen waren die Zahlen, mit welchen sie ihre
Umgangsexempel zusammensetzte. Wally liess die ganze Welt wie elastische Figuren
auf dem Resonanzboden ihrer Einfälle springen. Sie spielte die kapriziösen
Melodien zu allen diesen Bewegungen, welche sie lachen machten. Was wollte sie
auch mehr? Sie wollte nicht einmal den Ruf davon, die Neigungen ihrer Umgebungen
so unübertrefflich eskamotieren zu können. Sie tat alles ohne Stolz, ohne
Absicht, ohne Bewusstsein. Sie war bezaubernd!
    Cäsar war die Balancierstange dieser Equilibres. Er rektifizierte wie
irgendein chemisches Natron alle die barocken Konfusionen, welche Wally
anrichtete. Cäsar fiel dabei bald hier-, bald dortin, in jenem ersten Bilde. In
diesem letzten nahm Wally bald grössere, bald kleinere Portionen von ihm. Er
fehlte aber nie, und diese perspektivische Verschiebung bald zu einer Gunst von
einer Linie, bald zu einer von zwei Zollen oder drei, hielt ihn in der Spannung,
welche Männer allein zu fesseln imstande ist. Es ist möglich, dass Cäsar Wally
liebte, wenigstens war sie ihm eine Vertraute geworden. Er hätte sie vielleicht
einem andern abtreten können; aber von ihr sich trennen, das konnte er nicht.
Und doch! Vielleicht! Wir sind Scharlatane, wir können alles!
    Es war auf einem glänzenden Balle, der am Hofe gegeben wurde. Cäsar, der
nicht tanzte, weil die Prinzessinnen zugegen waren und es ihn beleidigt haben
würde, wenn sie ihm durch ihre Kammerherrn die herkömmlichen Aufforderungen
geschickt hätten, zog sich zurück. Wally beachtete ihn nicht. Er nahm das
leicht. Er wusste, dass Wally weit entfernt war von der gewöhnlichen Ansicht
deutscher Mädchen, dem Tanze eine sinnliche Bedeutung oder die Bedeutung
irgendeiner Gunst unterzulegen; er wusste, dass sie diejenigen liebte, mit denen
sie nicht tanzte. Und doch war sie heute aufgeregter als jemals. Das nahm ihn
wunder und verstimmte ihn. Als Wally zu ihm trat, sprach sie: »Ich habe Sie
suchen müssen. Wo stecken Sie? Ich muss Ihnen etwas sagen.«
    Sie standen in einem der entlegeneren Zimmer. »Und was?«
    »Ich werde den sardinischen Gesandten heiraten; aber wir sprechen uns noch!«
    Damit war sie verschwunden.
    Cäsar eilte nach Hause. Er hatte durchaus nichts, was ihn drückte, und doch
entschloss er sich, eine kleine Reise zu machen. Er war sehr unruhig den ganzen
Tag, mehre Tage. Er machte die Reise. Er notierte, zeichnete, schrieb viel
Briefe. Er würde sich vortrefflich zerstreut haben, wenn ihm nicht aus jedem
Baum, aus jedem Echo zugeklungen wäre: Aber wir sprechen uns noch! Dies Aber!
machte ihn verwirrt; denn es klang wie eine so schwärmerische, träumende Liebe,
dass er geglaubt hatte, den letzten lechzenden Seufzer, das kaum gelispelte
felicissima notte einer Italienerin zu hören. »Sind das schon die Wirkungen der
sardinischen Gesandtschaft?« sagte er lächelnd und kehrte hübsch beruhigt in die
Residenz zurück.
    Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrauten Gespräch.
 
                                       2
Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, hätte man bei Cäsar nicht ahnen
können, mit welcher Katastrophe er schliessen würde. Cäsar schien die ganze
Beruhigung zu besitzen, welche man von seinem Charakter erwarten durfte.
Höchstens liessen sich jene forcierten Scherze, mit welchen er um sich warf,
vermuten, dass irgendein Gefühl wie ein Ereignis bei ihm im Anzuge war, dem er zu
entgehen wünschte. Diese Scherze sind immer die überm Meere kreisenden Möwen,
welche den Sturm ankündigen.
    Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht arbeitete, so frug
ihn Cäsar: »Was hast du jetzt unter Händen?«
    »Ehescheidungen« - hiess es.
    »Also noch immer schlechte Ehen?«
    »Schlechte Wahlen vor der Hochzeit, Leichtsinn -«
    »Ganz richtig«; erklärte dann Cäsar. »Es ist ein Unglück, wenn man sieht,
mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden. Der Besitz einer kleinen
Aussteuer lockt den Handwerker, ein Frauenzimmer zu heiraten, welches er gar
nicht liebt. Der Staat sollte niemals die Ehe bürgerlich vollziehen lassen, bis
nicht ein Kind vorhanden ist, welches das Dasein der Liebe vorher ausweisen
muss.«
    Der junge Mann vom Stadtgerichte lächelte zu diesem Vorschlage. Cäsar ging
und begegnete einem andern Freunde.
    »Du bist verliebt«, sagte er ihm; »aber Antonie ist arm.«
    Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst schreiben wollte.
    »Antonie ist arm!« hiess die weinerliche Bestätigung. »Siehe, was zu tun
wäre!« schlug Cäsar vor. »Das Heiraten durch die Zeitungen greift um sich. Aber
man ist erst einen Schritt weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur
Männer bekommen. Der zweite Schritt wäre, dass sie durch die Zeitungen auch zu
Vermögen kämen. Die Mädchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen. Sie sollten
die Männer auffordern, Aktien auf ihren Besitz zu nehmen, Aktien, meinetwegen
eine jede zu fünfhundert Talern. Hundert Lose dieser Art geben eine Summe von
50000 Talern. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter hundert ich - du - er gewinnen,
ist sehr gross: man gewinnt ein Weib, ein reiches Weib, ein schönes Weib. Denn um
eine Schöne muss es sich handeln, der Nebengewinne wegen, welche in
Zugeständnissen mancher Art an diejenigen bestehen müssen, welche sich mit
Aufopferung von fünfhundert Talern der seligen Chance aussetzten, Mann einer
schönen Frau und Besitzer zufälliger 50000 Taler zu werden. Mein Lieber, das
heisst die Gesellschaft revolutionieren.«
    Jener hatte nur an Antonie gedacht; Cäsar an nichts, als sie scheiden.
    Der Abend kam heran. Die Tür zu Wallys Gemächern öffnete sich. Beide sassen
sich stumm gegenüber. Cäsar, der von Wally nicht erwartet hatte, dass sie sich in
ein schwärmerisches schwarzes Kleid werfen würde: Wally, welche nach einem
Blicke in Cäsars Mienen geizte, der verzeihend, warm und siegend auf sie wirkte.
    Liebenswürdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn, dass er Tränen am
Auge hängen hatte. Cäsar schwamm in Entzücken. Er war auf eine Komödie gefasst
und fand eine tragische Szene, die ihn erschütterte. Alles, was sie sprachen,
war nur, um den Erklärungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Cäsar
mochte in seiner Eitelkeit übertreiben; Wallys Bescheidenheit lag wohl nur
darin, dass sie glaubte, Cäsar um Verzeihung bitten zu müssen. Alles übrige aber
dichtete seine Phantasie hinzu.
    Sie hielten ihre Hände ineinander und sprachen recht eifrig über Dinge, auf
welche gar nichts ankam in ihrer Lage. Sie sprachen von der Erfindung des
Schiesspulvers, vom Gesetz der Schwere, vom Kompass und der Magnetnadel, worüber
sie schnell abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So verrann die
Zeit, aber das Entzücken Cäsars stieg. Wallys Hand nahm er und legte sie sanft
auf die Lehne des Sofas, um sie als Kopfkissen zu brauchen. Sie lächelte dazu
und warf ihm das ganze Polster ihres elastischen Körpers, sich selbst in aller
ihrer Anmut nach. Sie hielt ihn umschlungen, während sie unwillig glaubte, dass
er es täte. Ihre nur leis' aufgesteckten Locken nestelten sich los und küssten
Cäsars brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senkten sich majestätisch sanft
auf die bläulichen Ultramarinringel, welche unter dem Auge so viel Leidenschaft
verraten. Dieses Herablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschluss der
Weiblichkeit, diese Verhüllung ist das reizende Gegenteil dessen, was sie
scheint, weil sie nur allmähliche Entwaffnung ist. Es ist das Sinken des Tages,
der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflockern
und die Kelche erschliessen, während die Kelche zu schlafen scheinen. Cäsar
umarmte Wally mit glühendem Entzücken und rief aus: »O Wally, ich will nicht
grausam sein! Ich eile allem zuvorzukommen, was sich auf deiner Lippe zu Tode
ängstigt und gern sprechen möchte. Ich dringe nicht auf den Besitz dieses
göttlichen Leibes, dessen Seele mich stets umhauchen wird. Aber - o Gott!« -
    »Was ist? Cäsar! Sprich! Fordre! Alles, alles!«
    Cäsar sann und war wie von einem unbekannten Gefühle ergriffen. Er strich
mit der Hand über seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zärtlichen
Worten zu Wally: »Sie werden reisen: ich auch. Wir werden uns in vielen Jahren
nicht wiedersehen. Da gibt es ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters,
der Titurel, in welchem eine bezaubernde Sage erzählt wird. Tschionatulander und
Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder: ihre Liebe besitzt die ganze
Naivetät ihrer jugendlichen Torheit. Ich spreche nicht von Tschionatulanders
Tod, weder vom treuen Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft
bringt, nicht von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme
haltend unterm Baume sitzt, wo Parzifal an ihr vorüberkömmt im Walde, nicht von
dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist
so meisterhaft schön, wo Tschionatulander, als er in die Welt hinausmuss und sein
treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen anfleht um
eine Gunst-«
    Cäsar stockte und sprach dann leise, mit fast verhaltenem Atem: »dass Sigune,
um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest zu machen, wie der magische Ausdruck
der alten Zeit ist, um ihm einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in
seiner Tapferkeit und Ausdauer - dass Sigune - in vollkommener Nackteit zum
vielleicht - ewigen Abschiede sich ihm zeigen möge.«
    Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick. Dann erhob sie sich stolz und
verliess, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre Rückkehr war nicht zu
denken.
    Cäsars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck. Er hatte das Höchste
bewiesen, dessen seine Seele fähig war, die kindlichste Naivetät, eine rührende
Unschuld in einer Forderung, die empörend war; aber die Scham, die erst in ihm
aufglühte, verschwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich.
    »Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie!« stiess er heftig
heraus, trat zornig mit dem Fusse auf, lauschte und verliess, da er nichts als den
Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit unwillkürlichem Geräusch das
Zimmer und das Hotel. Er schwur, es niemals wieder zu betreten.
    »Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie ekelt mich an!« rief
er und malte sich Wally mit den grässlichsten Farben, dass es ihm keine Freude
machen musste, noch an sie zu denken. Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es
nicht, ohne dass er mit dem Fusse etwas von sich stiess.
 
                                       3
Inzwischen rückte Wallys Vermählung heran. Sie gestand sich oft und selbst ihren
Umgebungen, dass es ihr wäre, als würde ein unsichtbares Netz, das sie aber
fühle, immer enger angezogen, und dass es ihr bald zum Ersticken sein müsste.
Alles, was man nur brachte, um die Atmosphäre recht duftend und verführerisch zu
machen, drückte ihren Atem noch mehr zusammen; sie ging wie Gretchen im »Faust«
und lüftete Fenster und Türen, da Mephistopheles im Zimmer es so schwül gemacht
hatte.
    Noch grösser war aber die Unruhe in ihrem Innern. Sie brauchte gern
physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefühl eines lebenden
Wesens, das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt; mit dem Vogel, dem es von
innen und aussen bei entzogener Luft weh wird. Ach, sie konnte Cäsar nicht
vergessen: sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen, jene
unschuldige Seligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte und die er damals
zeigte, als sie einige aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so
pedantischer, altkluger Entrüstung aufnahm. Schon im nächsten Augenblicke, als
sie gegangen war, war sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen.
    Wally fühlte bald, dass Cäsar an das Unsittliche seines Antrags im Momente
nicht gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf, diese Überlegung an dem Manne
nicht abgewartet zu haben. Auch musste sie sich gestehen, dass Cäsar ihr
vielleicht nie das Prekäre der Situation eingeräumt haben würde. Jetzt wusste
sie, worin der ganze Zauber liegt. Sie fühlte, dass das wahrhaft Poetische
unwiderstehlich ist, dass das Poetische höher steht als alle Gesetze der Moral
und des Herkommens. Sie fühlte auch, wie klein man ist, wenn man der Poesie sich
widersetzt. Ach, das quälte sie, untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im
Grunde als die Poesie, die Menschen braucht und schildert!
    Wally schlug die rührende Geschichte nach, die ihr Cäsar erzählt hatte. Sie
weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die in dem Verlöbnis der beiden
Liebenden des Gedichtes lag, allmählich immer tiefer. Es liegt in der Schönheit
der Natur eine göttliche Gewalt, die bezaubert. Wally beugte und wand sich mit
all ihren schönen Grundsätzen und den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja selbst
ihrer vernünftigen Überlegung verdankte, vor dem Ideale des Naturschönen. Sie
ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie hielt sich an die Kunst, an das
Gebilde der Phantasie, das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war
wie jeder logische Zirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse. Sie kam sich
verächtlich vor, seitdem sie fühlte, dass sie für die höhere Poesie kein
Gegenstand war. So konnte es nicht mehr fehlen, dass sie sich bald selbst dazu
machte.
    Wie oft war sie Cäsarn begegnet! Er blickte stolz! Er hatte eine Moral, die
über der ihren war! Er konnte das Auge erheben, das Ideale hub es in ihm! Wally
konnte nicht stolz sein, an ihr schien die Reihe der Scham zu sein. Sie
fürchtete sich vor Cäsar. Ihre ganze Tugend war armselig, seitdem sie ihm
gleichsam gesagt hatte, die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen, die
Tugend könne nicht nackt sein. Cäsar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren.
Er übersah sie.
    Ob es wohl Menschen gibt, dachte Cäsar eines Tages bei sich selbst, welche
die Literatur und das, was dem Leben durch sie an schönen Elementen und
Staffagen gegeben wird, für eine Tyrannei und eine despotische Willkür der
Dichter und Künstler halten? Wär' ich selbst Autor, so würde mich dieser Gedanke
erschrecken. Ich würde die Gleichgültigkeit, die Dummheit der Masse immer mit
einer Strafe verwechseln, welche ich als Autor für die Zudringlichkeit meiner
Schöpfungen mit Recht einernte. Ich würde zittern, wenn von Büchern die Rede
kömmt, und würde immer gewärtig sein, dass jemand aufträte und die Literatur in
die Kategorie von Warenartikeln stellte, von Ellen- oder Kolonialwaren, die man
nimmt oder stehenlässt, je nach Bedürfnis. Ich brauche die Schönheit nicht!
Fürchterlich, wenn von Homer und Ossian die Rede wäre! Ich brauche nicht einmal
die Bestrebungen um das Schöne, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wäre!
Ja, es gibt Menschen dieser Art, welche die Poesie für eine Zumutung halten,
Geldmenschen, Aristokraten, manche Könige, auch Frauen, besonders wenn sie schön
sind und sie deshalb glauben, der Bildung überhoben zu sein!
    Cäsar dachte dabei gewiss nicht an Wally; denn welch' ein Unterschied ist es,
für das Ausserordentliche sich interessieren und dem Ausserordentlichen sich als
Staffage unterlegen! Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in
der Hand.
    »Ich habe Sie beleidigt«, schrieb sie ihm; »Sie wissen es ja, Cäsar, dass der
Mutlose immer der Ausfallendste ist.
    Wissen Sie noch, wie wir über Mut stritten? Welch' eine Zeit, wo Sie sich um
fünf Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit fünf Menschen
schiessen konnten! Morgen um zehn Uhr abends besuchen Sie das Hotel des
sardinischen Gesandten. Sie werden von Auroren, die Sie dort erwartet, an einen
Ort geführt werden, den Sie nicht verlassen dürfen. Schwören Sie mir, hinter dem
Vorhang, den Sie zehn Minuten nach zehn gütigst zurückziehen wollen, nicht
hervorzutreten! Cäsar, schwören Sie mir! Ich schäme mich vor Ihnen, dass ich
Scham hatte. Verantworten Sie es einst! Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe heiss,
ewig, unaussprechlich! Wally« Und an Wallys Hochzeitstage zeichneten die
Unsichtbaren ein reizendes Gemälde, ein Gemälde in altem Stil, zart, lieblich
wie die saubern Farbengruppen, welche sich auf dem sammetweichen Pergamente
goldener Gebetbücher des Mittelalters finden.
    Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Szene, Epheu und Weinlaub.
Auf den Ästen sitzen Paradiesvögel in wunderbarem Farbenspiel, auf den breiten
Blättern der Arabesken schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen
saugen Bienen. Oben schwebt der Vogel Phönix, der fusslose Erzeuger seiner
selbst; unten blicken die spitzschnäbligen Greifen und hüten das Gold der Fabel.
Bezaubernd und märchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren. Es ist
wie ein Traum in den tausend Nächten und der einen. Zur Rechten des Bilds aber
im Schatten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden
Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Mantel gleitet von des
jungen Helden Schulter, seine Locken wallen üppig, wie von einem Westauche
gehoben. Das Auge staunt; ein Entzücken lähmt die Zunge. Zur Linken aber
schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schönheit:
Sigune, die schamhafter ihren nackten Leib entüllt, als ihn die Venus der
Medicis zu bedecken sucht. Sie steht da, hülflos, geblendet von der Torheit der
Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in
Scham, Unschuld und Hingebung. Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt mit
jungfräulich schwellenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche
von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, dass eine fromme
Weihe die ganze Üppigkeit dieser Situation heilige, blühen nirgends Rosen,
sondern eine hohe Lilie sprosst dicht an dem Leibe Sigunens hervor und deckt
symbolisch, als Blume der Keuschheit, an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer
Weiblichkeit. Alles ist ein Hauch an dem Auge, ein stummer Moment, selbst in dem
klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, welche der Blick seines
Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld.
    So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie rücklings der
sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte. Es war ein Tropfen, der in
den Dampf einer Phantasmagorie fällt und sie in Nichts auflöst. Die Vorhänge
fielen zurück, und Tschionatulander wankte nach Hause. Der Gesandte ahnte
nichts. Tiefes Geheimnis.
 
                                       4
Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war, atmete sie auf. Sie war froh,
sich von einer ganz verfehlten Stellung befreit zu sehen. Sie wusste, dass sie in
Paris noch immer den stürmischen Bewegungen irgendeiner Neigung ausgesetzt sein
konnte, dass ihre eheliche Treue mit weit gefährlicheren Lockungen wie in der
Heimat würde herausgefordert werden; allein sicher war sie jetzt vor den
Zumutungen der Genialität, vor dem verwirrenden Benehmen Cäsars, vor Männern,
welche zu poetisch sind, um ganz nach der Mode, und zu modisch, um ganz nach der
Poesie zu leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch die sehr
einfachen Künste der Koketterie. Nur die Situationen sind es, welche dem Leben
der Pariser Frauen eine besondere Originalität geben.
    Die Zeit, in welcher Wally mit ihrem Manne nach Paris kam, war bei Anfang
des Aprilprozesses.
    Wenn man glauben wollte, dass die Julirevolution in den Sitten der höhern
Pariser Welt eine Änderung veranlasst hätte, welche gleichsam dem Ernste der Zeit
hätte entsprechen sollen, so verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte
Revolution, welche eine Strafe der Frivolität zu sein schien, rottete die
Frivolität doch selbst nicht aus. Die alte politische und gesellschaftliche
Verfassung wurde gestürzt, aber die Manieren erhielten sich. An dem Besitztum
klebte etwas, was sich nicht von ihm trennen liess; in den Reichtümern, welche
kaum den Tod der einen veranlasst hatten, lag ein Zauber, der auch die wieder
verwirrte, welche die neuen Herren derselben wurden. Den Leichtsinn tilgte die
Guillotine nicht.
    Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pariser Lebens neue,
zu zwei Aristokratien, der bourbonischen und bonapartistischen, noch eine dritte
gesellt, die Aristokratie der Banquiers. Mehr als je wurde das Geld der Hebel
des gesellschaftlichen Mechanismus, seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat,
mit der es in dieser Rücksicht schwer war zu wetteifern. Weil die Pariser das
Geld nicht anhäufen, sondern es als Mahlschatz immer wieder aufschütten und von
dem Winde umtreiben lassen, so wird jede Lebensäusserung dort in den metallischen
Strom mit hineingerissen. Dieser Strom ist es, welcher die entsetzlichsten
Verheerungen in der Moralität und Freundschaft anrichtet. Sein Ebben und Fluten
macht Leben und Tod. Er ergiesst sich frei, offen, vor allen Augen, nicht einmal
unterirdisch. Er wälzt seine goldschäumenden Wogen durch die Säle und kleinsten
Gemächer. Man ist in Paris immer in der Nähe des Geldes, weniger dessen, was man
besitzt, als dessen, wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen
Umständen sich zu verschaffen sucht. Daraus entstehen die meisten tragischen und
komischen Konflikte der Pariser Gesellschaft.
    Wally hatte keine Meditationen nötig, um über diese Dinge ins reine zu
kommen. Sie verstand sie bald, da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und
dichterische Erfindungen, Schriften wie die von Balzac, sie hinreichend
bestätigten. Wally philosophiert nicht, das wissen wir längst. Sie wird Paris
nicht wie ein Phänomen nehmen, sondern wie eine Erfahrung, über die man erst
reflektiert, nachdem sie erlebt ist. Sie wird sich in den dichtesten Strudel der
Vergnügungen werfen. Sie wird den Becher der Lust und der Gedankenlosigkeit bis
tief auf die Neige leeren. Sie wird jede Minute Leben benutzen, die sie nur
verwenden kann, und käme sie einst zurück von Paris, wird sie von Paris nichts
zu erzählen wissen. Wally gehörte bald zu den glänzendsten Erscheinungen auf dem
Teater des Tages und der Nachrede.
    Wenn wir im folgenden mehr ein Verhältnis schildern wollen, das in Wallys
Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte, so ist es deshalb, um
einesteils über ihren Mann eine Ansicht zu haben, andernteils, um nichts zu
unterlassen, was zuletzt doch berichtet werden müsste, weil es eine entscheidende
Folge hatte. Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen
Gewandteit. Sie hatte ein grosses Stück an dem Netz zu weben übernommen, welches
über Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz, Eifersucht, Tragödie und Idylle
in seinen Maschen festält. Sie war eine fleissige Bundesgenossin des grossen
Feldzuges gegen Natur, Wahrheit, Tugend und Völkerfreiheit, welcher mit dem
Leben der Grossen fast immer zusammenfällt; ein Feldzug, dessen Gefahr von den
Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch überboten wird.
    Je weniger diese Katastrophe zunächst mit der Seelenrichtung in Wally
zusammenhängt, die uns veranlasste, sie zum Gegenstand einer poetischen
Darstellung zu machen, desto mehr trägt sie bei, die Draperien zu bestimmen, auf
deren Grunde sich die wahrhafte Originalität Wallys sprechender zeichnete. Indem
Wally Szenen erlebt, welche mit ihrer Krankheit nicht in der entferntesten
Berührung liegen, indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist, das sie
selbst in sich aufgeregt hatte; muss auch der Kontrast desselben später nur desto
tiefer in ihr Herz schlagen. Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes.
 
                                       5
Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihrer Verehrer entlassen
und lachte noch über die Eitelkeit der jungen Männer, welche gestorben wären vor
Ärger, wenn sie ihrer neuen Gilets, ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine
Erwähnung getan hätte, als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hörte, das
immer näher kam und dann plötzlich mit Gewalt unterdrückt wurde, gleichsam als
würde jemand, der sich ihrem Zimmer nahen wollte, mit Heftigkeit zurückgehalten.
Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien, dass eine Verständigung
dem Besuche hatte vorangehen müssen, öffnete sich stürmisch die Tür, und ein
junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein, der ihr in dem Ankömmling
seinen längst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte.
    »Wahrhaftig, ich habe mich nicht getäuscht«, rief der junge Italiener.
»Ihren Anblick, Madame, sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein.
Ich war kaum in Paris angelangt, als mich der Zufall in die Vorstellung der
Cenerentola führt und in die reizendste Perspektive, welche ich je gehabt habe.
Madame, Sie sassen in einer Loge, von der ich nicht wusste, dass sie die meines
Bruders war. Sie trugen blaue Seide, weisse Tüllstreifen, einen roten Schal und
Marabouts in dem Haar?«
    »Ihr Gedächtnis muss weite Taschen haben,« sagte Wally, »wenn sie am Morgen
noch die Toilette der Damen angeben können, die Sie am Abend vorher bei den
Italienern bezaubert haben, wie der in dieser Rücksicht bei den jungen
Entusiasten übliche Ausdruck ist.«
    »Madame, es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben, sagt man. Ich
sah nur Sie. Viele werden sie machen, ich werde nur Sie sehen. Wenn ich die
Sprache eines Dichters führen könnte, dann würd' ich erst die Ausdrücke haben,
welche Ihrer würdig sind. Ja, ich muss dies elende Wort bezaubern adoptieren und
meine Gefühle hinter der armseligen Wendung verstecken, dass ich Sie versichre,
Ihre Schönheit kann niemals vom Künstler getroffen werden; denn müsste er nicht
erblinden in der Anschauung solcher Reize, Madame?«
    »Ich schäme mich, mein Herr«, sagte Wally, »Ihnen ein Wort empfohlen zu
haben, das sie lernen sollten, um bald in die Gesellschaft der jungen
Entusiasten einzutreten; denn ich sehe, dass Sie schon Meister sind in diesen
allerliebsten Übertreibungen, die man um so lieber hört, je weniger Grund sie
haben!«
    »Sie weichen mir aus, Madame; Sie vergessen, wenn Sie glauben, meine Liebe
käme Ihnen ungelegen, dass Widerstand die Liebe verdoppelt. Sie haben die Wahl.
Es ist wie mit den Sibyllinischen Büchern; aber umgekehrt: immer mehr Liebe,
aber doch immer nur die gleiche Summe.«
    Hier machte der Gesandte, der das Zimmer schon verlassen hatte, ein Geräusch
nebenan und zwang beide jungen Leute, einen Moment darauf hinzuhören. Wally
musste über die etwas steifen Anträge ihres Schwagers lachen. Sein Feuer hatte
mehr von dem russischen Spiritus. Für einen Italiener schien er ihr zu viel
Worte zu machen.
    »Setzen wir uns aber«, sagte sie freundlich, »mein lieber Jeronimo. Wir
wollen versuchen, wie wir uns arrangieren. Es gilt nur, dass man sich
verständigt. Wollen Sie meine Farbe tragen? Wollen Sie ins Wasser springen, wenn
ich behaupte, es sei nicht tief? Wollen Sie sich mit halb Paris schlagen, wenn
ich die Caprice habe, Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie über die
Herzogin von Breteuil, die Gräfin Allan, die Vikomtesse von Hericourt geäussert
hätten? Sie sehen, welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen, wenn Sie
Herkules genug wären, sich in Dejanira zu verlieben.«
    »Bezaubernd, Madame, entzückend! Wie liebenswürdig!«
    »Und wenn wir auf dem Fusse hinken, womit der Liebhaber geht: so nehmen Sie
den andern, den Fuss der Verwandtschaft, auf dem wir stehen. Ich glaube in der
Art wohl, dass Sie ermüden können, Jeronimo, aber niemals, dass Sie fallen.«
    Die Tür öffnete sich. Die Vikomtesse von Hericourt trat ein. Sie war eine
jener niedlichen Schwätzerinnen, an denen nichts hübscher ist als eine
perennierende Begleitung ihrer Stimme mit einer luftpumpenden Bewegung aus der
Brust heraus. Sie seufzte bei jeder Periode aus der innersten Tiefe her, und da
sie es lächelnd tat und mit glänzendem Auge, bekam dadurch ihr Ausdruck eine
hinreissende Gewalt, dass man sich die Triumphe dieser Frau erklären konnte.
    Jeronimo blieb aber bei aller dieser Grazie kalt. Er sprang nicht, wie junge
Narren von fashionablem Tone mit Recht tun, wo es sich darum handelt, zwischen
zwei schönen Frauen das Gleichgewicht zu erhalten, von einer zur andern über,
sondern biss in seine Handschuhe, verlegen und nur Wally fixierend, die sein
Benehmen nur als Affektation eines übertriebenen Eindrucks auslegen konnte.
    Die Vikomtessa hatte so viel mitzuteilen, zu klagen, zu weinen, zu lachen,
dass Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfernte. Er war stumm bis auf den
letzten Augenblick geblieben. Die ganze Geläufigkeit, mit der er begann, war
gehemmt. Sie wusste nicht, wie sie diesen Charakter nehmen sollte. Er ist ein
Russe, dachte sie unwillkürlich. Aber sie besann sich auf die Russen ihrer
Bekanntschaft, auf welche dennoch keines der Merkmale Jeronimos passen wollte;
denn die Russen, immer begierig, sich elegant und zivilisiert zu zeigen und den
Juchtengeruch durch Bisam, eine Unanständigkeit also durch die andere zu
verdecken, affektieren überall gegen Damen eine ekelhafte Liebenswürdigkeit,
springen von einer zur andern und üben sich in süssen Grimassen. Jeronimo musste
also doch ein Italiener sein.
    Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesandten. Wally hörte
ihm gern zu; er hatte Ansichten über Musik und viel biographische Notizen über
die italienischen Komponisten. Doch alles war flüchtig; denn eine Dame kömmt im
Teater nicht zur Ruhe. Keine Meinung, die unter den Liebhabern verbreitet ist,
ist so falsch als die von der Gunst, welche das Teater der Neigung gewähre. Man
wird sein Idol neben sich haben, man wird stundenlang mit ihm flüstern können;
das ist gewiss; aber das Idol wird auch immer zerstreut sein und hinter jeder
aufgehobenen Lorgnette einen Mann vermuten, der mit dem Seufzenden neben ihr die
Vergleichung aushält oder ihn wohl übertrifft in der Huldigung, die er ihr
schenkt. Jener Satz gilt nur bei der Sentimentalität, welche nicht hört und
nicht sieht, oder bei jenen kleinen Geschöpfen, die über ein geschenktes
Freibillet glücklich sind und alles, was das Teater an Illusionen bietet, für
die Schöpfung und die Bekanntschaft ihres Anbeters halten.
    Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und ihn noch einige
Zeit bei sich gesehen hatte, zog sie sich in ihre Gemächer zurück. Es klopfte.
Der sardinische Gesandte trat mit einem Armleuchter in ihr Schlafkabinett. Sie
erstaunte; denn solche Besuche waren ganz gegen die Verabredung.
    »Was ist?« fragte sie gedehnt.
    »Liebes Kind«, sagte ihr Gatte; »mein Bruder-«
    »Ihr Bruder ist sehr langweilig.«
    »Er liebt dich; aber höre nicht auf ihn. Was ich ihm auch vorstellen mag, es
ist, wie wenn man Feuer plötzlich ins Wasser wirft; aber höre nicht auf ihn. Ich
war in meinen Briefen unvorsichtig. Er liebt dich wie eine Nebelgestalt, die man
sich aus Täuschungen zusammensetzt und die man sonderbarerweise jede Nacht
wieder vor sein Bett zaubern kann. Er schwärmte mit der Luft, er -«
    »Was will ich das?«
    »Höre nicht auf ihn! Eh' er dich sah und Nizza nicht verlassen durfte,
irrte er in den Wäldern und warf Blumen in die Flüsse. Seine Neigung ist so
stark, dass er jede Lebensfunktion seines Körpers mit dem deinigen verwechselt,
dass er -«
    »Lassen Sie!«
    »Höre nicht auf ihn! Warum ist Cupido nur blind? Er ist auch taub, sag' ich
oft zu Jeronimo, weil er nicht hört. Sollten seine Sinne verzaubert sein?«
    »Oh, Sie werden zum Schwätzer: ich glaube gar, Sie machen Verse.«
    »Wie ich dich liebe, Wally! Kind, diese Schere auf dem Tisch nehm' ich als
eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide eine deiner himmlischen
Locken, um sie mit verstohlenen Küssen zu bedecken, wenn ich dich selbst nicht
habe. Gute Nacht, Wally: vergiss ihn, höre nicht auf ihn!«
    Was sollte Wally denken? Der Gesandte hatte ihr eine Locke genommen. Welche
Zärtlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie sah. Sie erbleichte, denn jetzt
war ihr dieser Mann erst im Lichte eines Gatten erschienen. Welch ein Bild! Ein
Narr! Eine schwerfällige Gestalt! Ein Ungetüm, das einen falschen Bart trug! Ein
Geizhals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war! Eine
hülflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand,
leibhaftig, als hätte sie einen Mann in den Vierzigen vor sich gesehen! Sie
wischte an ihrem Antlitz, das er berührt hatte. Sie lüftete das Bett, um es von
den unkeuschen Worten zu reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand
offen. Sie begriff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, dass sie seit
vier Monaten an einen Mann verheiratet war, den sie nicht kannte. Sie müsse
fliehen! schrie es unhörbar in ihr auf, und erst als sie über die Mittel, diese
Torheit zu begehen, nachdachte, schlief sie ein.
 
                                       6
Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung an, als
wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt hätte. Sie hörte im
Nebenzimmer das zufällige Gespräch zweier Leute ihrer Bedienung, die sich über
den Geiz und die Geldspekulationen der Herrschaft beklagten. Sie staunte über
das ökonomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehandelt und Bier gebraut
haben würde, wenn er in Paris zufällig die Anstalten dazu gehabt hätte. Nach
jedem Diner liess der Gesandte die Weinreste zusammengiessen und führte seine
Bedienten selbst an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum
Lichtgiesser tragen mussten, der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte. Wally
verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als dass sie ihnen eine rechte
Würdigung hätte geben können. Sie fühlte ein allgemeines Missbehagen ihrer Seele,
das sie verhinderte, diesmal das Lächerliche an dem Geize ihres Mannes zu
entdecken. Es war eine gefährliche Stimmung, in der sie an Cäsar schrieb.
    Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten der Pariser
Konversation, satirische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder
geflossen waren, da hatte sie bessere Laune bekommen. Sie freute sich, in Cäsar
einen Mann gefunden zu haben, bei dem der Ernst sich hinter so vielem Scherz
verstecken durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefühl keine Überflutungen
verlangte. Das Gefühl war einmal da, nicht in Gestalt einer das Herz
betreffenden Empfindung, sondern in Gestalt einer Tatsache, der sich keine
andere Auslegung als die einer Neigung geben liess. Wally liebte jetzt Cäsar
wahrhaftig, ohne sich darüber ein Geständnis zu machen. Sie hatte sich ihm auf
ewig durch jene mystische Szene verpflichtet. Und doch war es weder Scham, was
sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. So viel Unschuld
bei so vieler Freiheit!
    Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit Lachen seinen heissen
Liebesbewerbungen zuhören, so heiter war sie. Jeronimo machte eine Miene, als
wäre ihm ein grosses Glück widerfahren, als hätte, er ein Unterpfand, das ihn
gegen Wallys Scherze sicherte. Sie sagte ihm: »Wie tief sind wir doch schon in
den Wahnsinn der Liebe versunken! Bart, Kleidung, alles seh' ich heute an Ihnen
vernachlässigt! Sie gleichen jenen Shakespeareschen Liebenden in seinen
Lustspielen, die so jämmerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und, je
verliebter sie werden, desto länger ihre schwarze Wäsche tragen. Und vor acht
Tagen sahen wir uns zum ersten Male.«
    »Vor sechs Monaten«, entgegnete Jeronimo.
    »Wie, Sie kennen mich länger?«
    »Länger, als Sie leben, Madame! Ich kannte Sie schon, als Sie nur noch ein
Gedanke waren, der im Schosse Gottes schlummerte. Meine Liebe zu Ihnen ist nur
die Erinnerung eines alten Glückes. Diese schwellenden Lippen, diese jetzt so
spröde Brust: ich weiss es, ich habe sie schon einmal geküsst, ich habe sie schon
einmal umarmt.«
    »Fabelhafte Dinge muss ich hören, Jeronimo. Was würde die Vikomtesse von
Hericourt denken, wenn Alfred Jardinier, dieser bürgerliche, aber liebenswürdige
Anbeter, ihr solche Dinge sagte.«
    »Lasen Sie Plato, Madame?«
    »Nein!«
    »Die Seelen meiner Person und der Ihrigen, Wally, sollen einem Schoss
entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Persönlichkeit kannte schon die
Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist nur ein Tribut, den wir unsrer
Vergangenheit, unserm Gedächtnisse und unsern früher eingegangenen
Verpflichtungen schuldig sind.«
    »Sie werden mich überreden wollen, dass Sie urweltliche Rechte auf mich
haben; dass Sie diese Hand, welche Sie mir für eine Zärtlichkeit viel zu heftig
drücken, schon vor der Sündflut besessen haben. Sie tun Unrecht, eine so kleine
Frau, wie ich bin, in die grossen Hallen der Philosophie einführen zu wollen.«
    »Was Philosophie, Wally! Im Schosse Gottes trugen Sie einst dieselben gelben
Pantoffeln, mit welchen Ihr Fuss noch jetzt so reizend kokettiert.«
    »Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum über die gelben
Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr; ich erwarte nun von Ihnen, dass Sie sie zu
binden versuchen. Machen Sie es ordentlich, und vernachlässigen Sie mir künftig
lieber den Plato als Ihre Toilette, die ganz geschmacklos ist.«
    Während die Situation, die jetzt folgte, noch nicht beendigt war, trat ein
Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimos sei vorgefahren. Sie nahm
ihren Schal, klagte viel darüber, dass er mit nichts umzugehen wisse, und stieg,
sich auf ihn stützend, die Treppe hinunter. Jeronimo fasste selbst die Zügel des
Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit, die
Wally nicht erschreckte, da sie davon nichts verstand. Sie fuhren durch die
Boulevards. Jeronimo wollte fahrend sprechen. Er hörte nicht auf, den Schoss
Gottes im Mund zu haben. Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu; er übersah
sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kutschen der
Schauspielerinnen hinein, die vor der Tür des Teaters, wo eben Probe war,
hielten, dass seine Bemühungen, sich herauszuwickeln, vergeblich wurden. Die
Peitsche brauchte er nur zu seinem Missgeschick. Das Pferd bäumte sich und hob
die Gabel des kleinen Wagens so hoch, dass die beiden darinnen rücklings
überfielen und Gefahr liefen, aus ihrem Sitze herausgeschleudert zu werden. Hier
musste ein Unglück geschehen.
    Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung. Als sie wieder im
Zusammenhang der schrecklichen Szene war, sah sie den Wagen aus jener
Verwirrung herausgeführt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt, in welchem
sie zu neuem Schreck Cäsar erkannte. Gott, jetzt fiel es ihr ein, sie hatte ihn
schon zwei-, dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen. War er es
gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er musste sie verfolgt und den
Augenblick der nötigen Hülfe wahrgenommen haben.
    Jeronimo staunte, wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwürfe von Wally nur
Scherz und Lachen vernahm. Er stotterte Bitten heraus, die sie nicht verstand.
Sie war ausser sich vor Entzücken. Jeronimo wusste sich nichts zu erklären und
eilte, ihrem Wunsche nachzukommen. Sie wollte nach ihrer Wohnung zurück.
    Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam nicht vom Fenster,
weil sie jede Minute hoffte, Cäsar an dem Torwege zu sehen. Sie nahm mechanisch
an der Mittagstafel teil, ging nicht ins Teater; aber Cäsar kam nicht. Jetzt
erst fiel es ihr ein, dass sie sich getäuscht haben konnte, und rief einem ihrer
Leute, den sie unverzüglich zu Herrn von Werter, dem preussischen Gesandten,
schickte, um über ihren Anblick Gewissheit zu haben.
    Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Cäsar hätte sich seit länger
als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen Pass zur Abreise bereits
zurückgenommen.
    Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblasste Haupt auf der
krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis statt in Tränen. Womit hatte sie
diese Demütigung verdient! Sie kannte Cäsar genug, um zu wissen, wie dieses
Betragen mit seinem Wesen zusammenhing. Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare,
wozu Cäsar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin, sagte sie vor sich
hin, wird er wie eine Romanenepisode nehmen, um sein ewiges Selbstennui, seine
hypochondrische Quälerei damit zu würzen und aufzustutzen.
    Wally seufzte tief auf und durchmass mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer.
Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen konnte. Das Gehen machte sie
ruhiger. Sie setzte sich, und jetzt erst konnte sie weinen.
    »Womit verdient' ich das?« war ein erstickter Ton ihrer Stimme. Woran dachte
sie jetzt! Was hatte sie alles getan, um ihm eine Liebe zu zeigen, an die er, an
die sie nicht glaubte und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen
eingenistet hatte! »Womit verdient' ich das?« Unglückliche Wally! Was hattest du
nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert? Du gabst ihm deine Seele, deine
Gedanken, deine Scham, alles, was du ausser dem armseligen Stand der Verheiratung
hattest; und dies alles dem Egoismus, dem Lächeln, vielleicht dem Verrat? »Oh,
das wäre entsetzlich«, schrie sie auf; dem Verrat? Das nicht, Wally! Aber sein
Herz ist kalt, er lebt nur von Gefühlen, die er raffinieren und filtrieren kann,
er trotzt gegen sich selbst; du bist die Leiche, die er mit Füssen tritt. Wally!
Wally! Ihr Blick fiel auf den noch offenen Brief, den sie an ihn geschrieben
hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie treue, kindische Worte! Wie
alles so selig, so unbewusst verbrecherisch, so süss in etwas, was zuletzt immer
eine Übertretung ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm alles gegeben! Sie weinte;
ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewusstsein sank hin in
eine allgemeine Erschöpfung, in eine Ohnmacht, die von einem hitzigen Fieber
abgelöst wurde. Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen.
 
                                       7
Drei Wochen hindurch war der Wächter: Bewusstsein vom Tore der Vernunft
verschwunden. Die Gedanken Wallys waren freigegeben, das Dach stand offen, jedes
Auge konnte in das glühende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit
seinen Blicken verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Kapital angelegten
Eindrücke der Vergangenheit, ohne die lachenden, fröhlichen Zinsen des Umgangs
und des Bewusstseins zu tragen; nackte Leiber, die des bunten Gewandes der Rede
ermangelten, Ideenembryone, so gräulich anzusehen wie die Infusorien, die man
durch Vergrösserungsgläser in einem Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerungen,
Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig
lächerliche Bundsgenossenschaften ein und frassen sich untereinander auf wie
Ungetüme, denen die Gestalt, die Schönheit, die Freiheit des Willens und das
Wort fehlt. So lag Wally drei Wochen.
    Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewusstsein aufschlug, erblickte sie
Auroren und fragte nach allem, was seiter geschehen wäre. Diese junge
berlinische Schwätzerin schlug die Hände zusammen, setzte sich die Mütze der
Verwunderung auf und hatte viel von Wallys fieberhaften Phantasiestücken zu
erzählen. Wally fühlte sich stark zu hören, auch stark, sich zu erinnern. Sie
wusste deutlich, wer die Schuld ihres Übels trug; sie ging auch bald wieder bei
diesem Gedanken in die Nebel zurück und sprach von einem Manne, der sie
gerettet, aber nicht besucht hatte.
    Aurora sprach von Jeronimo. Sie schilderte seine Verzweiflung. Er hielte
sich für den Urheber von Wallys Leiden, er verliesse das Haus nicht und würde
durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo Wally schliefe, zu benutzen und in ihr
Zimmer zu dringen.
    »Wer?« fragte Wally.
    »Jeronimo!«
    Es gehörte noch Anstrengung dazu, dass Wally wieder wusste, warum sie nach
Jeronimo gefragt hatte. Sie vergass es und räumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das
Feld. Diese tummelte sich weidlich darauf. Sie kam immer wieder auf den
Italiener zurück, bis er selbst kam und an Wallys Bett niederkniete. Wally sah
ihn, aber sie erkannte ihn nicht.
    Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren eingefallen und
abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer. Sein
Äusseres war gänzlich vernachlässigt. Hätte man nicht annehmen müssen, dass ihn
die Trauer verhinderte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so würde man zu dem
Glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Folge der Armut. Er
sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon, zu seinem Glücke; denn hätte
sie es verstanden, wie würde es ihr entgangen sein, dass Jeronimos Reden einen
bedenklichen Geisteszustand verrieten?
    Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bett, aber sie wusste
nicht, von wem sie kamen. Und hätte sie es gewusst, so würde sie sogleich auf den
Zustand reflektiert haben, den sie soeben von sich selbst erfahren hatte. In der
Tat, sie verwechselte auch den Wahnsinn, den sie hörte, mit dem, welcher sie
selbst beherrschte, und flehte unhörbar, ihr nichts zuzurechnen von der
Verwirrung, die aus ihrem bewusstlosen Haupte entsprang. Jeronimo küsste ihre
Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er wie ein Gespenst von ihrem Lager
fortschlich.
    Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unsrer Erzählung gehemmt ist durch
das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Erscheinung Jeronimos und das
Verhältnis zu seinem Bruder näher zu erklären. Jeronimo ist eine widerliche
Störung dieses Berichts. Wallys unübertreffliche Originalität, das bunte
Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich nicht, von so fratzenhaften
Verrückungen menschlicher Gefühle und Verhältnissen, wie wir sie kennenlernen
werden, paralysiert zu werden.
    Luigi und Jeronimo hiessen die beiden Brüder, welche uns bis jetzt nur in so
nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war der ältere, dieser der jüngre;
beide an Jahren so verschieden wie an Gestalt und Gemütsrichtung. Luigi ein
praktischer Egoist, Jeronimo ein exzentrischer Schwärmer, dort das drohende
Extrem der Bosheit, hier des Wahnsinns. Beide Brüder hatten zu gleichen Teilen
ein grosses Vermögen geerbt; aber verschiedenartig war der Gebrauch, den sie
davon machten; Luigi geizte, Jeronimo verschwendete. Luigi traf in Jeronimos
sanfter Gemütsstimmung keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen
seinen Rat anbot und sich für bereit erklärte, die Verwaltung seines Vermögens
zu übernehmen. Die Verantwortlichkeit machte Luigi schlecht. Immer im Harnisch
gegen Jeronimos Unbesonnenheiten, längst gewohnt, ihn wie ein Zuchtmeister
seinen Gefangenen zu behandeln, immer in der Illusion, dass er das Gute, Noble
und Ehrliche täte, während er doch nur das Kluge und Nützliche tat, nahm er
seine eigne Verfahrungsweise wie etwas Notwendiges und gewöhnte sich daran,
Dinge als sein Eigentum zu betrachten, für welche er zuletzt wirklich einstehen
musste. Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete in dezidierte
Schlechtigkeit aus. Es galt nicht mehr, dass Luigi für all die Torheiten, die
Jeronimo beging und unschädlich machen musste, sich schadlos halten wollte, dass
er durch die Verwendungen, die er überall versuchte, als Jeronimo ins Gefängnis
geworfen wurde wegen Karbonarismus, ein Recht über des jüngern Bruders Leib und
Leben zu haben sich überredete, sondern bald wurde es Ziel und Plan bei ihm,
einen Menschen, dem nicht zu helfen war, gänzlich zu unterdrücken und das
Vermögen an sich zu ziehen, welches Jeronimo noch besass und möglicherweise auf
irgendeine seiner flüchtigen Neigungen vererben konnte.
    Von einer neuen Torheit, die Jeronimo beging, wusste Luigi erst kaum, wie er
sie behandeln sollte. Er hatte ihm von Wally geschrieben, von ihrer Jugend und
Schönheit.
    Jeronimo bat ihn, nichts von ihren Reizen zu übergehen. Luigi fährt in
seinen Entzückungen fort, und Jeronimo schwört ihm in einem Briefe, dass Wally
nur für ihn bestimmt wäre. »Lächerrlicher Einfall!« sagte Luigi, als er am Tage
seiner Hochzeit diesen Brief empfing. Aber Jeronimo hörte in seinen Grillen
nicht auf. Er drohte, noch in Haft befindlich, die er sich durch eine
unbesonnene Tötung zugezogen hatte, mit dem Äussersten. Die Idee schien fix bei
ihm geworden zu sein. Es ist nicht unmöglich, dass man in ein Bild sich verlieben
kann. Arme Wally! Musste deine glatte, stille, liebliche Seele, dein nüchternes,
von allem Exzentrischen abseites Leben in solche Strudel gerissen werden?
    Luigi wusste, dass sein Bruder nach Paris kommen würde. Er hatte ein Mittel
gegen ihn und scheute sich nicht, da er sah, welchen Eindruck Wally auf
Jeronimo machte, es in Anwendung zu bringen. Was war ihm Wally? Welche Genüsse
gewährte sie ihm? Und doch war er nicht so niedrig, sie an seinen Bruder
gleichsam verkaufen zu wollen; er war mehr bös als gemein, mehr europäisch
schlecht als italienisch ordinär. Er wollte Jeronimos Neigung im Schach erhalten
und davon Gewinste ziehen. Sein Geiz sah mit Schrecken, wie des Bruders
Vermögen in den durstigen Sand der Pariser Vergnügungen und Ausschweifungen
verrinnen würde. Er sah schon tausend Arme geöffnet, tausend Zärtlichkeiten als
Falle gelegt, er zitterte vor dem weiten Meere, dessen Abgrund bald Jeronimos
Erbe verschlingen musste. Er wollte es retten. Er wollte es absorbieren, erst,
wie er glaubte, um es zu bewahren, dann, um es nie wieder herauszugeben. Wally
musste zu diesem Zwecke dienen. Ihre Koketterie musste Jeronimo fesseln und
unglücklich machen. Luigi arbeitete planmässig, um das Hirn des Bruders zu
verrücken. Er brachte Grüsse, Zärtlichkeiten, Locken und zwang den Glücklichen,
von Wally sich immer wieder enttäuschen zu lassen. Jeronimo war schwach, ein
Kind, eine tote Hand seines Vermögens. Luigi eignete sich alles zu. Wer kann
zweifeln, dass Wally imstande war, durch ihre unzähligen kleinen
Charakterlosigkeiten einen Mann zu vernichten? Sie tat es, ohne darum zu wissen.
Sie wurde unbewusst das Werkzeug einer nichtswürdigen Intrigue.
 
                                       8
Jeronimo hatte früher eine glänzende Wohnung besessen, jetzt musste er sich
einschränken. Er trat in Paris mit all dem Glanze auf, der der Wiederschein
seines Vermögens war; jetzt hatte ihn eine unglückliche Leidenschaft so gebeugt,
dass er nicht einmal das Schmerzliche seiner gegenwärtigen Lage empfand. Er
dämmerte in seiner Idee hin. Er gab alles seinem Bruder, seitdem er keine
Bedürfnisse mehr kannte. Sein ganzes Vermögen wurde Luigi verschrieben.
Zuweilen, am frühsten Morgen, wenn noch keine Seele auf der Strasse war, besuchte
ihn dieser und stieg die vier Treppen hinauf, über denen Jeronimo wohnte. Denn
er wollte nicht, dass sein Bruder irgendeinen Groll gegen ihn fasste. Er gab sich
immer das Ansehen, als sorgte er väterlich für den Verlassenen, als bewahre er
ihm seine Glücksgüter, die in seiner trüben Seelenstimmung ihm doch eine Last
sein würden. So hatte er auch eines Morgens bedächtig an die Tür der kleinen
Kammer gepocht, welche Jeronimo bewohnte. Er trat hinein und fand seinen Bruder
lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett, dessen er sich als eines Sofa
bediente. An den kahlen Wänden hingen einige schlechtgemalte Heiligenbilder. Auf
den Kissen rings lagen die zerstreuten Bestandteile einer ganz mangelhaften
Toilette; auf dem Tische einige Bücher, die mit Staub bedeckt waren und deshalb
ahnen liessen, dass Jeronimo noch aus sich selbst Trost und Unterhaltung schöpfen
konnte.
    Als Luigi eintrat, sprang sein verlassener Bruder auf, grüsste mit einer
mechanischen Höflichkeit, für welche er selbst keinen Grund wusste, räumte
schnell einen Stuhl ab und schob ihn zurück, um seinem Besuche Platz zu machen.
    »Ist sie wohl?« war seine erste Frage. Luigi bejahte sie mit dem Lächeln
eines Mannes, der hier gleichsam sagen wollte: Es hängt alles von dir ab! oder:
Du kannst Vorteil davon ziehen!
    Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens. »Sie liebt mich nicht!« rief er
aus, »sie ist grausam und kalt! Man sieht, dass ein solches Herz nur im Norden
geboren werden konnte.«
    »Was hängst du auch, mein Sohn!« entgegnete Luigi, »dieser Grille nach?
Warum sich einer Leidenschaft hingeben, welche ohne alle innere Begründung ist
und die nur dazu dient, dein ganzes Leben zu verwirren?«
    »Sie lässt mich nicht mehr vor!«
    »Du zwingst sie dazu; denn Sie liebt mich von Herzen. Was richtest du an! Du
bist in der glänzendsten Lage, bist reich, jung, hast eine ausgesuchte Bildung;
warum entziehst du dich der Gesellschaft? Warum diese schlechte Wohnung, die
dich um deine Annehmlichkeiten und mich um meinen Kredit bringt? Warum dieser
vernachlässigte Aufzug, welcher eher dem eines Industrieritters und
Bankeruttiers gleicht als dem Range und dem Geiste, den du besitzest?«
    »Du bist sehr boshaft, Bruder!« sagte Jeronimo, den ein Vernunftfunke
durchleuchtete. »Wenn ich mich vernachlässige, so bist du schuld daran, meine
Liebe wahrlich nicht, welche nur dazu dient, das Unglückliche meiner Lage mich
weniger herb fühlen zu lassen. Wer spiegelt mir die Ungeheuern Verluste vor, die
mein Vermögen soll erlitten haben?«
    »Ungerechte Beschuldigung!«
    »O sieh, Luigi! ich blicke tief in dein Inneres. Dein Geiz ist die
Triebfeder deiner Schlechtigkeit. Du hast dir immer das Ansehen gegeben, mein
Beschützer zu sein, und wahrlich, du machtest dich vortrefflich dafür bezahlt.
Ich würde wahrhaftig keine deiner ehrlosen Intriguen zugeben, Mann, wenn ich mir
Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten hätte.«
    »So ungerecht sprichst du zu einem Bruder, der für dich sorgt, Jeronimo? Der
niemals in dieses verfluchte Schmutznest tritt, ohne von den Geldrollen in
seiner Tasche einen schweren Tritt zu haben. Wann komm' ich leer? Ich biete dir
alles an: ich beschwöre dich anzunehmen. Auch jetzt: siehe! nimm! aber wache
über deine Ausdrücke, die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem
falschen Urteil geben können.«
    »Oh, damit schläferst du dein Gewissen ein, mit diesen Geldrollen, welche
hier liegen und von mir nicht geachtet werden, weil ich keine Bedürfnisse mehr
habe! Man hat gut von Reichtümern zu einem Manne reden, der das Gelübde der
Armut ablegte. Was fürchtest du wohl mehr, Prahler, als meine erwachende
Lebenslust? Sie kann niemals kommen, Glücklicher! Du siehst mich dem Tode
entgegenreisen und hoffest, bald der Sorge um einen Menschen entoben zu sein,
von dem ich selbst gestehe, dass er für menschliche Berührungen und das im Dasein
Gewöhnliche kein Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally
betrogen hat.«
    »Lenk' ich die Neigungen dieser schwer zu zügelnden Frau?«
    »O Mensch, Bruder, du warst auch als Gatte schlecht genug, mir Hoffnungen zu
machen.«
    »Verächtlicher!« rief Luigi und sprang vom Sitze auf.
    »Oh, setze sie vor dein kahlgewaschenes Antlitz, die Maske der Entrüstung!
Dein Weib musste der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der
Hagelwetter werden, welche mein Vermögen ruinieren konnten. Dein Geiz sah alles
vorher. Ein teuflisches Spiel hast du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen
fügtest du noch meine Entnervung, meine Unfähigkeit, mich für sie zu rächen,
hinzu!«
    Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch das Benehmen
seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten und in der Hand zu haben,
durchschaute, so war er doch in seiner Willenskraft wie gelähmt. Eine
unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen. Er war keines Entschlusses
fähig, wenn sein Bruder so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu
machen. So lächelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und liess, indem er sie
einsteckte, wie zufällig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihr
herausfallen. Jeronimo fing sie auf und presste sie an seine Lippen. Sie war von
Wally, ein Raub in derselben Art, wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten
Zärtlichkeiten beging. Während Jeronimo im Entzücken dieses Besitzes schwelgte,
fand Luigi Musse, sich ohne Geräusch zu entfernen.
    Als er dicht bei seinem Hotel war, öffnete sich die Tür desselben, und einer
seiner Bedienten trat heraus, ohne ihn zu bemerken. Ein junger Mann sprang auf
den flüchtigen Burschen zu, hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er etwas
durch Geld belohnte, was noch kommen sollte: »Ist die Gräfin zu Hause?«
    »Ich glaube nicht.«
    »Sei aufrichtig: ich muss es wissen!«
    »Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt.«
    »Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?«
    »Wer? Die Gräfin? Freilich; sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber
genesen.«
    »Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im Hause? Hat sie viel Vergnügungen?«
    »Sie wissen wohl, hierin lässt sie sich nichts entgehen. Sie glauben, Herr
Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der Gräfin, als ich noch mit
ihr Manêge ritt.«
    »Du kennst mich? Sage ihr nicht, dass du mich gesehen hast: morgen aber
hilfst du mir, sie ohne Zeremoniell und weitläufige Anmeldung sprechen zu
können!«
    Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte ihn als einen
Deutschen, dem er früher begegnet sein musste. Der Bediente gab ihm den Namen an;
doch hatte er nie gewusst, dass dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden
hätte. Er trat in sein Hotel.
 
                                       9
Am folgenden Morgen, als Wally sich noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette
befand und im neusten Hefte der »Revue de Paris« blätterte, wo sie durch die
Schwärmereien eines französischen Gelehrten über deutsche Zustände, die er aber
falsch verstanden hatte, sehr belustigt wurde, riss eine unangemeldete Hand die
Tür ihres Zimmers auf und stürzte mit einem freudigen Grusse zu Wallys Füssen.
    Sie war bleich vor Schrecken, als sie es dulden musste, dass Cäsar sie
stürmisch in seine Arme schloss und ihre Hand mit seinen Küssen bedeckte. »Meine
Wally!« war der einzige Ausruf, der über seine bewegten Lippen dringen konnte.
Wally zitterte vor Schrecken und Freude. Auch sie konnte keinen Ausdruck finden.
    So sassen sie sich eine Weile stumm gegenüber; aber ihre Blicke sprachen mit
feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu gleicher Zeit zu fragen und
mitzuteilen. »Dein Tschionatulander!« sprach dann Cäsar mit holdseliger Ironie.
Wally errötete und barg ihr glühendes Antlitz vor Scham an seine Brust.
    »Sie müssen mir diesen stürmischen Angriff verzeihen!« fuhr dann Cäsar fort.
»Ich habe viel bei Ihnen gutzumachen und will es durch Dinge, welche für Sie von
Wert sind.«
    »Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet, um es mir zu
nehmen!« sagte Wally.
    »Ich wollte Sie nicht besuchen. Ich vermied Sie. Warum?
    fragen Sie mich! Ich weiss es nicht. War ich stolz, beleidigt? Nein: es war
lächerrlich; aber Sie kennen mich, Wally, wie schwierig ich zu behandeln bin. Ich
lasse immer auf eine Liebenswürdigkeit zehn unerträgliche Torheiten kommen.«
    »Liebenswürdigkeiten! Unerträglich! Torheiten! Oh, alles, wie sonst - mein
Cäsar!«
    »Meine Wally! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Gefahr, aus der ich
Sie retten muss. Ihr guter Ruf ist bedroht. Sie verdanken das Ihrem Manne. Welche
Leute kommen in Ihr Haus?«
    Wally hatte nicht viel Gehör für diese Worte, für den Inhalt nicht, nur für
den Schall, den sie an Cäsars Munde verfolgte. Wenn die Wörterbücher es
erlauben, sich so auszudrücken, so wollte sie ihn nur sprechen, nicht reden
hören.
    »Nein, in der Tat, Wally! Wer ist dieser Jeronimo? Alle Welt spricht davon.
Es ist unmöglich, dass Sie Anteil an dieser Intrigue haben. Sie kömmt allein auf
Rechnung Ihres Mannes.«
    Wally lächelte nur und weidete sich an dem Anblick.
    »Nein, bezaubernd sind Sie, Wally!« grollte Cäsar mit komisch-weinerlicher
Stimme; »aber so hören Sie doch und gehen Sie auf etwas ein, das Sie
interessiert.«
    Cäsar musste sie wecken, mit Küssen wecken aus ihrem Rausche. Er musste Auge
an Auge, Stirn an Stirn legen, jeden Zug in Wallys Antlitz bannen, um sie in
seiner Gewalt zu haben und seinen Worten Eingang zu verschaffen. Wally tat noch
immer nichts, als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf mit
einer halben Wendung ihres Kopfes, mit klugen und verdächtigen Augen an ihn sich
hinaufschmiegen und das küssen, was sie grade traf, Auge, Mund, Nasenflügel. Man
muss lieben, um diesen malerischen Gestus der Zärtlichkeit zu verstehen.
    »Wally!«
    »Cäsar!«
    »Wer ist Jeronimo?«
    »Ein Narr.«
    »Der Bruder Ihres Mannes?«
    »Der Bruder meines Mannes.«
    »Er liebt Sie.«
    »Er liebt mich.«
    »Er ist wahnwitzig.«
    »Er ist wahnwitzig.«
    »O, Wally! Wally!«
    »Was soll ich nur? Warum inquirieren Sie mich?«
    »Man behauptet, Jeronimo würde mit Vorspiegelungen von Ihnen hingehalten,
während Ihr Mann die Zeit benutzt, seinen eigenen Bruder auszuziehen.«
    »Aus der Komödie! Ein Roman von Eugene Sue, Balzac, Victor Hugo; was soll
ich lesen? Raten Sie mir: ich verwildre ganz, Cäsar.«
    »Keine Fabel, nein! Im Hotel des sardinischen Gesandten plündert man die
unglücklichen Liebhaber.«
    »Und die glücklichen, Cäsar, sind langweilig.«
    »Und die glücklichen Liebhaber, Wally, wollen nicht, dass ihr Idol ein
Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist.«
    »Wer beschimpft mich?«
    »Ihr Mann!«
    »Nun, so müssen Sie mich wieder reinwaschen.«
    »Das will ich; aber -«
    »Aber -«
    »Geben Sie mir Aufschlüsse, Data, Erklärungen. Wer ist Jeronimo? Was will
er? Was hat er? Ahnten Sie nichts? Teilen Sie die Schuld Ihres Mannes?«
    »Gott, so hören Sie auf, Cäsar. An diesen Sachen nehm' ich keinen Teil. Ich
habe ja an Ihnen genug, Cäsar; ich lasse Sie nicht. Reden Sie von der
Vergangenheit, von Ihren Lebensschicksalen, von unsern Freunden. Kein andres
Wort, oder ich verlasse Sie im Augenblick.«
    Cäsar begriff diese Grillen nicht. Verdiente er, so geliebt zu werden!
    »Nun dann!« sagte er lachend und ärgerlich zugleich und begann, auf die
Temata einzugehen, welche Wally entzückten. Bis zur Mittagszeit konnten sie
über diese Dinge sprechen, ja noch in der Loge des Teaters, und nach dem
Teater bis tief in die Nacht hinein.
 
                                       10
Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer häuslichen Verhältnisse erfahren.
Cäsar war unermüdlich, den Ruf seiner Freundin wiederherzustellen und die
öffentliche Meinung über sie zu berichtigen. Sie dankte ihm dafür nicht einmal;
denn sie lebte gar nicht in bezug auf diese unwürdigen Dinge, weil sie weder von
ihnen eine Vorstellung hatte noch sie für wert einer Aufmerksamkeit hielt, die
grösser gewesen wäre als die vollständige Erschöpfung ihres Verhältnisses zu
Cäsar.
    So verflossen einige für sie unersetzliche Tage. Wally duldete nicht, dass
irgend etwas sie im Genusse derselben störte. Sie gab sich wenigen Besuchen
preis. Die meisten wies sie ab, vor allen die Anmeldungen Jeronimos, den sie in
seinen Leiden mit einer entsetzlichen Grausamkeit behandelte. Sie trat alles mit
Füssen, was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Cäsar stand.
    »Sie müssen mich über diesen Unglücklichen anhören«, sprach Cäsar einst zu
ihr. »Er glaubt Rechte auf Sie zu haben und behauptet, dass Sie um den Preis
seines Vermögens die seine wären.«
    Wally lachte hierüber, dann aber sagte sie ärgerlich: »Was soll ich aber
tun? Ich bin dieser Verhandlungen müde, dass mir meine Lage unerträglich wird. Es
kömmt so weit, dass ich jedes Mittel ergreife, Paris zu verlassen.«
    »Was tut Ihr Mann? Was sagt er Ihnen? Will er denn alles geschehen lassen?«
    »Was geschieht denn? Gütiger Himmel, so schenken Sie den Narrheiten der Welt
nicht fortwährend Ihr Ohr. Ich bin für Sie ohne Tadel und bedarf nicht mehr,
weil ich nur Ihnen gefallen will. O Gott! Ist je zu einem Manne so gesprochen
worden?«
    »Sie verwirren meinen Kopf, Wally!«
    »Gewiss: denn der meinige ist unfähig, noch im Zusammenhange zu denken.
Wollen Sie etwas Entscheidendes tun?«
    »Nun?«
    »Befreien Sie mich aus dieser Lage! Ich gehe mit Ihnen aus Paris und kehre
niemals zurück. In der Einsamkeit will ich wohnen, selbst wenn Sie mich
verbergen müssten. Hier ist die Luft verpestet. Sagen Sie alles meinem Manne. Er
ist ein Pinsel, der gar keine Rechte auf mich hat. Fort! Gehen Sie noch jetzt
hinüber zu ihm.«
    Als Cäsar mit dem Gesandten allein war, sagte er zu ihm: »Mein Herr, Sie
vernachlässigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau.«
    »In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies?« fragte der Gesandte.
    »Als Bevollmächtigter und Beauftragter Ihrer Frau, als Freund des Hauses,
dem sie angehört, als Teilnehmer an Wallys Lebensschicksalen, die sie betreffen,
als beträfen sie mich selbst, zuletzt - wenn auch nur - als Beschützer eines
Wesens, das unschuldig ist und nicht die Kraft hat, sich von einer Intrigue
loszusagen, in welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde.«
    »Sie scheinen von den Verhältnissen meiner Frau mehr zu wissen als ich
selbst. Doch will ich ihre Mitteilungen abwarten, um mich zu irgend etwas
bestimmen zu lassen.«
    »Dann werden Sie freies Spiel haben, mein Herr! Wally lebt nicht mit dem,
was um sie vorgeht.«
    »Dann scheint es, als bauten Sie ihr eine neue Welt.«
    »Ja, Sie können so sagen, wenn Sie darunter verstehen, dass ich die alte
einreissen werde. Was können Sie tun, um Ihrem Bruder seinen Verstand
wiederzugeben und die Reichtümer desselben, welche Sie sich das Ansehen geben,
mit Ihrer Gattin zu teilen? Sie wagten es, eine himmlisch reine Seele zu
beschmutzen. Sie wagten es, das Leben eines Bruders metodisch zu untergraben.
Gegen das letzte werden die Gesetze auftreten, gegen das erste aber Gesinnungen,
die sich weder widerlegen noch bestechen lassen.«
    »Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Gesetze geben; denn
Sie wissen, dass diese Art Tugend nicht überall am Orte ist.«
    »Die Gesetze werden zu spät kommen.«
    »Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden?«
    »Durch die Entführung Ihrer Frau, die Brandmarkung Ihres Namens, durch die
Aufhebung jeder ehrlichen Gemeinschaft mit Ihnen, durch tausend Vorsprünge,
welche die Ehrlichkeit vor einem Manne voraus hat, der mit dem guten Namen
seiner Frau das Vermögen eines Bruders kauft, der zur einen Seite die Menschen
übel berüchtigt, zur andern wahnsinnig macht. Wahrhaftig, ich schwöre Ihnen -«
    Der Gesandte trat scharf auf Cäsar zu und hintertrieb hiedurch das, was
dieser sagen wollte, er stiess einige Drohungen aus und verliess dann mit einem
gemachten Stolze das Zimmer. Cäsar wollte ihm nach, aber die Tür war ins Schloss
gefallen.
    Als er in die Zimmer Wallys zurückkam und er hörte, dass sie im Bade sei,
verliess er unmutig über die verlorne Mühe das Hotel. Seine Ausdauer war
erschöpft. Er war nahe daran, jetzt alles so kommen und so gehen zu lassen, wie
es ging. Aber noch an demselben Abende sollte eine Schlusskatastrophe den Knoten
durchhauen.
    Jeronimos Seelenzustand war unheilbar zerrüttet. Es war ihm nur noch eine
Kraft geblieben, die gefährlichste für seinen unzurechnungsfähigen Zustand, die
Kraft, Entschlüsse zu fassen und sie um so eher ins Werk zu setzen, weil ihn
nichts in seinen Combinationen störte. Jeronimo war fast ein Bild des Todes. Das
dunkle Feuer seines Auges hatte sich selbst verzehrt, ein Büschel dünner Haare
deckte den kahlen Scheitel. In Regen und Frost stand er vor den Fenstern seiner
unglücklichen Neigung, die ihn von sich wies und den ganzen Herbst und Winter
mit ihm nicht gesprochen hatte. dabei versagte er sich das Notwendigste. Er
schien verhungern zu wollen. Da ihn aber die Langsamkeit dieser Todesart
peinigte, so wählte er eine schnellere. Nur darum handelte es sich noch bei ihm,
wie er vor den Augen Wallys sterben sollte.
    Es war an demselben Tage, wo Cäsar mit dem Gesandten gesprochen hatte, als
sich in der Nachtdämmerung eine blasse Gestalt von ihrem Lager erhob, nach einem
Pistol griff und sich an den erleuchteten Häusern der Pariser Strassen dicht
unter den ersten Stockwerken entlangschlich. Es war ein wenig Schnee gefallen.
Die Strassen waren leer, oder doch hatte alles, was auf ihnen war, Eile, sie
wieder zu verlassen. Nirgends brannten Laternen. Der Kalender hatte Mondschein.
    Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders. Man sah es, dass dieses
Haus kein Sitz der Freude war. Nur hie und da war ein Fenster erleuchtet.
Jeronimo spähte nach dem, welches zu Wallys Schlafkabinett gehörte. Er sah es,
doch war es noch finster. Wally musste aus dem Teater schon zurück sein. Einige
falsche Akkorde auf dem Klavier drangen zu dem Ohr des Unglücklichen. Jeden
andern, dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung übergegangen war,
hätten diese Töne dem Leben wiedergegeben. Jeronimo hatte keine Empfindung als
für das, welches mit seinem Tode und einer Art von Rache zusammenhing. Er tat
nichts, als den Hahn seines Pistols zurücklegen.
    Jetzt schwiegen die Töne, welche nur in einem Anfalle von Zerstreuung und
zufälliger Leere des Bewusstseins angeschlagen schienen. Das Schlafkabinett
Wallys erhellte sich. Jeronimo zitterte, denn nah erkannte er zwei Gestalten,
welche an den Gardinen des Fensters zuweilen wegrauschten. Bald war es nur noch
dieselbe, die zuweilen wiederkehrte. Es musste Wally sein.
    Jeronimo wollte nicht anders, als sie im Auge haben. Der Zufall war grausam
genug, hier alles zu erleichtern. Vom Vorsprung des Parterrefensters war er bald
auf das eiserne Gerüst einer Laterne. Die Einschnitte an der Wand des Hauses
unterstützten ihn. Er schwang sich auf, griff mit zuckender Hand an das Fenster
und fasste so viel vom Holze, dass er bequem aufgerichtet einige Minuten lang
stehen konnte; er stand noch länger; denn in so fürchterlichen Augenblicken
ermüdet der Körper nicht und kann das Unglaubliche leisten.
    Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt. Sie war noch
nicht ganz entkleidet; nur was an Schnüren und Bändern ihre Kleider
zusammenhielt, das war gelöst und machte, dass sie in einer malerischen, die
Sinne verlockenden Situation dastand. Sie war sehr indifferent in ihrem Gemüte,
wie es schien, und griff nach einem Buche, nach einem deutschen Buche, um sich
in Paris einzuschläfern. Da störte sie ein Geräusch am Fenster. Sie sieht auf
und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die ganz undeutlichen Umrisse
einer menschlichen Gestalt. Sie eilt hinzu, wischt so viel von dem Tau des
Fensters ab, um ein grässlich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen, das im Nu beim
Knall eines Pistols zerschmettert ist. Sie stösst einen entsetzlichen Schrei aus:
der Schuss machte das Haus lebendig. Man eilt von allen Seiten herbei, dringt in
Wallys Zimmer; denn hier hatte man den Schuss gehört. Man tritt in das Kabinett
und findet Wally bewusstlos am Boden liegen. Die Scheiben sind zerschmettert, und
blutige Teile eines zersprungenen Schädels liegen auf dem Fussboden.
    Wally hatte sich bald erholt. Sie besann sich auf alles; sie hatte Jeronimo
in dem Augenblicke, als das Pistol blitzte, erkannt; niemand zögerte, ihre
Vermutung zu bestätigen, als man den hinuntergestürzten Leichnam besichtigte und
dem Bruder des Gesandten in ein Antlitz leuchtete, das nicht mehr da war. Aber
welch ein tiefer Abgrund ist das weibliche Herz! Wally tobte wie eine
Bacchantin. Sie lief, sie schrie, sie riss die Zimmer ihres Gatten auf, der
nirgends zu finden war. Sie verbot unter jeder Bedingung, den entsetzlichen
Leichnam in das Haus zu tragen. Wäre Jeronimo nicht tot gewesen, jetzt hätte sie
ihn umbringen können. Sie rief nach Cäsar. Bedienten eilten fort; man traf ihn
nicht. Sie schickte zwei-, dreimal. Zuletzt liess sie ihm sagen, dass er am
folgenden Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte.
    Hier war kein Besinnen, kein Abraten mehr möglich. Alles musste Hand anlegen,
um ihre Sachen zu ordnen und das Nötigste auf den Reisewagen zu packen, der
unter den Torweg gezogen wurde. Die Post wurde zur Minute bestellt. Wally war
wie verzaubert. Sie befahl, majestätisch, kalt, nordisch, wie eine
Alleinherrscherin Moskoviens. Bis tief in die Nacht war sie mit diesen
Zurüstungen beschäftigt.
    Sie hatte in halbem Schlummer gelegen, als sie in der Frühe aufwachte. Das
blutige Ereignis hatte sie vergessen; nur ihr Entschluss beschäftigte sie. Cäsar
erschien, ganz verstört. Sie blickte ihn forschend an, sie befahl. Er begriff
nichts, er frug nicht, er folgte willenlos. Unten im Torweg war alles noch um
den Wagen beschäftigt, sie zitterte vor Ärger, dass hier noch nicht alles
beendigt war. Sie dachte gar nicht daran, bei Menschen, welche sie nie
wiedersehen wollte, einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Cäsars Blick fiel
auf eine Blutspur, die von aussen sich in den Torweg und wieder hinauszog. Er
wagte nicht zu fragen, so erschreckte ihn dies. Wally schien alles zu wissen,
und wie leichtsinnig trat sie über das kaum getrocknete Blut, das hie und da mit
zersplitterten Knochen vermischt war!
    Erst als sie beide im Wagen sassen und die Barrièren von Paris im Rücken
hatten, teilte ihm Wally das Geschehene mit. Cäsar schauderte.
 
                                  Drittes Buch
                                 Wallys Tagebuch
 Es ist zu spät, das Leben ihres Bluts
 Ist tödlich angesteckt, und ihr Gehirn,
 Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren,
 Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien
 Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher.
                                                                     Shakespeare
Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den Kreis, in welchem
ich mich bewege, nun doch auch in allen seinen Teilen auszufüllen. Wie beglückt
mich Cäsars Liebe! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Aussenwelt und
mich wenigstens schriftlich mit ihr beschäftigen, soweit sie ein Recht dazu hat.
Viele verdienen es, dass ich auf sie achte: nicht alle. Cäsar sagt mir, ich wäre
egoistisch gegen die Welt, er nennt mich sogar grausam. Er meint es gewiss damit
aufrichtig. Ich will mich auch mit den andern beschäftigen; aber schriftlich:
täglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Täglich -
Ob ich das Vorige ausstreiche? Fünfmal hab' ich gegen meinen Vorsatz gesündigt,
und multipliziere ich die drei vergessenen Stunden mit den fünf vergessenen
Tagen, so tat ich's fünfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel
schneller, als mein bleierner Stil folgen kann. Cäsar sagte mir, man müsse die
Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomieren. Dadurch lerne man und vergnüge sich.
Cäsar hat immer recht.
    Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich
vernachlässige alle; wenn ich sie sehe, zeig' ich ihnen, was ich von ihnen
schrieb und dass ich sie doch liebe. Ich will Delphinen charakterisieren, sie ist
so verschieden von mir.
    Delphine gefällt, ohne schön zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen
ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann
den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie trägt sich mit erstaunenswerter
Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weisser Kantenstrich, wie man ihn
unter Hüten trägt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiss und
hellblau stehen ihr gut; eine rote Schleife auf der Brust gibt dieser Monotonie
der Toilette eine lachende Auffrischung. Delphine hat einen kleinen Fuss. Sie
geht sehr schön. Das will viel sagen! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht
rein, es ist mit zu viel Weiss gemischt. Für die Augenbrauen ist eine schöne
Wölbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie
hat einige hübsche Gewohnheiten. So fasst sie z.B. oft mit der linken Hand in die
Gegend der Stirn, öffnet sie, schliesst mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen
Kreis und beginnt diesen Kreis allmählich zu öffnen, indem sie aus der
Tränendrüse des linken Auges zurückfährt, das ganze Auge umkreist und die
Öffnung der beiden Finger wieder schliesst am Ende des Auges. Diese sonderbare
Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle und ist deshalb so hinreissend, weil sie
immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhängt. Der grösste Zauber in
Delphinens Erscheinung kömmt aber von ihrer eigentümlichen Seelenstimmung her.
Diese muss man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck sie
nicht ganz erschöpft. Besser würde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn
Musik drückt ihr ganzes Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin,
wo die Musik nur Wollust der Empfindung ist. Für plastische Gestaltenschöpfung
in der Musik, soweit die Musik diese erreichen kann, für Opern im französischen
Geschmack, kurz, für das Dramatische in der Musik ist sie nicht. Die Richtung
ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen Organe
spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend
sind die meisten Töne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreissender sein als
dies flehende, mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzlichen Selbstironie
hervorgebrachte: »O Gott!«, womit sie so vieles begleitet, was sie spricht. »O
Gott!« Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Überwundensein, ihre Hingebung an die
Menschheit, an die sie glaubt, ausdrücken. Wer könnte widerstehen, wo solche
Töne anschlagen! Delphine ist so willenlos, dass sie die Beute jeder
prononcierten Absicht wird. Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie mir einst:
Sie würde jeden lieben, der sie liebt. Oh, wie nötig ist es, bei einer solchen
Willensschwäche, dass sie in die Hut eines Mannes kömmt, der so viel geistiges
Leben besitzt, um sie ganz durchströmen zu können mit seiner eignen
Willenskraft! Delphine liebte unglücklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht,
ihre früheren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, dass sie
dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe erscheinen muss. Delphine
besitzt äusserlich die Reize nicht, einen Mann auf die Länge zu fesseln, aber wer
sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion, eroberte, der wird sie nie verlassen
können, weil ihre Hülflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet
sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hält einige Minuten lang die Dialektik eines
bloss verständigen logischen Gesprächs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen,
wenn es entweder auf einen gemütlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen
bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Über einen Fall, den man ihr
bloss erzählt, kann sie nicht urteilen, weil sie alle Menschen für gut hält und
alle nach sich selbst richtet. Delphine sollte viel lesen. Sie liest, aber
fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich durch vielfache Lektüre darin zu
bilden suchen, was über die Musik und das blosse Gefühl hinausliegt. Ihr Organ
macht, dass sie schön, ihre keusche Seele, dass sie fast alles richtig liest. Ich
hörte sie Gretchen im »Faust« lesen, so wahr und hold, wie es der Peche in Wien
und Höffert in Braunschweig kaum gelingen möchte. Cäsar muss ihr Bücher geben.
Was er wohl über sie urteilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir
doch einmal: er müsse jede lieben, die ihn liebe, und würde auch jeder treu sein
in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Delphinen Schwäche. Sie können sich
aber nicht begegnen. Delphine ist eine Jüdin.
Ich habe das gestern nur so hingeworfen, dass Delphine eine Jüdin ist. Aber
welche eigentümliche Richtung musste dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter sehr
glänzenden Verhältnissen erzogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen
Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue darin,
irgendeines der jüdischen Gebote zu übertreten, von welchen sie den grössten Teil
gar nicht kannte. Wie originell ist doch ein Mädchen, das den ganzen
Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe
steht, welche ganz Gefühl ist, und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt!
Delphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen
Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht, eine häusliche Verehrung kömmt in
Form von Zeremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Konfirmation
ist unter uns den Juden nicht erlaubt - wie auffallend ist dies alles, und doch
hat man es dicht neben sich!
    Glücklich ist Delphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion
irgendeine Ängstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dämmern des
Gefühls muss für sie schon hinreichend sein, die Nähe des Himmels zu spüren. Sie
braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht,
die die Christin erst erklimmen muss, um eine Einsicht in das Wesen der Religion
zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten
im Grunde, wenn die Religion die Tugend befördert, weit weniger tugendhaft als
die Juden sein; denn unsere Religion ist ein so hoher Münster, dass man ihn zwar
ersteigen, aber nicht zu jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenturme
gelangen kann. Eins aber bemerk' ich, was charakteristisch ist. Niemals könnt'
ich als Christin über meine Religion zu Delphinen sprechen und sie eine
Verzweiflung über meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein
Stolz, welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen
würde, selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch geworden ist.
    Für christliche Männer, welche widerspenstig gegen den Katechismus sind, muss
die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder
Bigottismus noch eine Zerrissenheit wie die meinige in den Kauf, sondern weiden
sich an der reinen, ungetrübten, natürlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen
Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei weitem übertreffen soll. Bei
einer Jüdin reduziert sich alles einseitig auf ihre Liebe, Rücksichten tauchen
nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger Natur, orientalisch, wie
eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der alles erlaubt, jedes Spiel,
jede weibliche (aber wollüstig-ergreifende) Gedankenlosigkeit, alles, alles:
darum schwillt Delphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff,
sondern immer aufgebläht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt.
    Cäsar entdeckt, glaub' ich, in der Liebe zu Jüdinnen noch einen andern Reiz.
Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus
nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach
seiner Teorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glücklich würde Cäsar
sein, wenn er je heiratete, es ohne kirchliche Zeremonie tun zu dürfen!
    Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns,
aber in andern Ländern geschlossen werden; natürlich ist dies eine Ehe ohne den
christlichen oder jüdischen Priester; es ist eine rein zivile Ehe vor den
Gerichten, ein Akt der geselligen Übereinkunft. Ich glaube fast, Cäsar könnte
deshalb seine Neigung zu Delphinen ins Äusserste treiben. Schon bemerk' ich, wie
eifrig er sie sucht.
Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Denkens hingewandelt!
Ohne weiteres konnt' ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben
hinzunehmen als etwas, das ich mir längst selbst gestanden habe, und doch weiss
ich aus meinem frühern Leben, wie unglücklich ich war, dass ich über diese Dinge
nichts zu denken wagte. Oh, wie mächtig ist der Liebe Zauber! Ein männliches
Herz, das uns liebt, ist der Wächter aller unsrer Gedanken und muss die stille
Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist.
Wie sicher fühl' ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme
Hand meines Freundes drücken darf! Er nimmt alles auf sich: er ist heiter und
lächelt und fürchtet nichts.
Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Cäsar sich Delphinen immer mehr
nähert, wenn ich mir die grausame Wirkung denke, die ein Verhältnis zwischen
beiden in mir Unglückseligen hervorbrächte: was muss dann kommen, wenn ich die
Trümmer sehe, welche sich in meiner Seele aufgehäuft haben! Die Unruhe, über die
Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine
solche, jetzt zur Not gedämmte Gewalt über mich, dass ich glauben muss, die
Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Überflutung in mir hervor, welche
selbst den Schmerz über Cäsars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und sterbe mit
Cäsar. Leben kann ich nur mit Cäsars Liebe. Sterben muss ich, nicht weil Cäsar
imstande war, eine andre mir, ein Mädchen einer Frau (ob er es wohl weiss, eine
Unberührte einer Unberührten) vorzuziehen, sondern weil dann alles in mir
zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauch' ich Cäsar nur, um mich zu
beschäftigen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben. Er kömmt.
Nur die Erkenntnis ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln hiesse
den gegenwärtigen Zustand meines Innern fortleugnen. Würd' ich diese Mühe haben,
wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gäbe! Das Resultat des Ateismus war auch
nie ein andres, als dass er in ein System überging und zuletzt selbst eine
Religion wurde. Konnt' es abergläubigere und bigottere Ateisten geben, als
Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren!
Der Ateismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch nennen möchte! In
einer Reisebeschreibung las ich, dass einer der ersten Gottesleugner der
Revolution, Billaud-Varennes, nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur
azorischer Papageien gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter
Indianer kam und zuletzt von ihnen als göttliches Wesen verehrt wurde, er, der
Gott geleugnet hatte!
Diese satanischen Ironien reizen mich. Sollte es möglich sein, dass es noch einst
im Himmel einen Gottesdienst gibt! Das Christentum (man lese nur die Offenbarung
Johannis) gefällt sich in diesem lächerlichen Widerspruch, als wenn Gott vor
sich selber Weihrauch streuen müsse. Er etabliert im Himmel eine vollendete
Kirche mit Chören der Seligen und Altären, auf welchen die Cherubim tronen.
Goete benutzte diese Maschinerie für die Kanonisierung seines Faust.
    Aber was jag' ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben freilich lindernde
Kraft, aber ich schäme mich, aus meinem Schmerze Tatsachen heraufzuwühlen und
mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten.
Wir sollen Gott fürchten und lieben! Dies eine Gebot untergräbt meine Ruhe; denn
ich kann es weder befolgen noch mich anklagen deshalb, weil ich es nicht tue.
Wir sollen Gott zürnen, heisst das Gebot meiner Weltansicht, welche eine
unglückliche ist und freilich sich nicht damit zufriedengibt, dass jährlich vier
Jahreszeiten kommen und man im Frühjahr Erdbeeren isst, welche mit Zucker und
Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille sind. Es ist im Grunde nicht
viel, was wir besitzen auf Erden. Wir werden geboren oft in den elendesten
Verhältnissen. Wir kriechen tierisch auf dem Boden und werden nur allmählich
aufgerichtet, wie Schlinggewächs an das Spalier der Bildung. Not, Mühsal
verfolgt uns überall; selten ein Genuss, der nicht durch eine Anstrengung erkauft
ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kämpfen. Wir wälzen einen Stein wie
Sisyphus den Berg hinauf; warum müssen wir es tun? Der Fluch, nicht der Segen
der Götter begleitet uns. Warum sind wir? Oh, könnt' ich mir irgendeinen
erweislichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme irren, warum
wir auf unserm Planeten so armselig und hülflos kriechen müssen? Was bezweckte
Gott damit? War dies eine Grille von ihm? Was kömmt darauf an, ob das Gute oder
Böse in der Weltordnung produziert wird? Ich bin so unglücklich. Ich weiss
hierauf keine Antwort.
    Die Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen, liess Gott bei der Schöpfung oder bei der
ewigen Schöpfung, bei unsrer Geburt, ohne die entsprechende Fähigkeit, auch
Antwort darauf zu geben. Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig. Gott
duldete es, dass der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er
duldete es, dass noch heute der Ateismus wie das grösste Verbrechen von den
Völkern behandelt wird. Nun, ich denke an Gott; aber warum gab er uns nicht die
Fähigkeit, ihn begreifen zu können? Verlangt er die Folgen, warum liess er mich
ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin überein, dass man von Gott
nichts wissen könne. Dann weiss ich auch nicht, warum sie an ihn glauben. Oder es
darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz Gottes anzunehmen war
eine ganz äusserliche, politische und polizeiliche Übereinkunft der Völker. Denn
warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntnis, halben Geist? Warum zu allem
nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trüben Boden
Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen
willkürlich belasten!
    Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken des Tods! Die Krankheit mit ihrer
unsäglichen Hülflosigkeit! Das allmähliche Verschwinden des Bewusstseins! Und
dies alles nicht einmal so entsetzlich als das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich
zwanzig Jahre: welche Empfindungen werd' ich haben, wenn ich vierzig, fünfzig
bin und es nun heisst: noch zehn, noch fünf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist
eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen
Natur, dass ich mich nie entschliessen kann, das Gebot der Gottesliebe zu
befolgen. Man gab uns einiges, und das meiste wurde uns versagt. Das einzige,
was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fähigkeit,
unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen, welche
wir vermissen sollen.
Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Cäsar
hörte: die »Fragmente des Wolfenbüttler Ungenannten«, welche Lessing
herausgegeben hat. Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche, viel altfränkisches
Wesen; aber das hab' ich abgewischt und mir von meiner Lektüre eine ganz moderne
Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus,
gewesen sein. Die vollständige Prüfung des Christentums steht in einem
Glasschranke auf der Hamburger Bibliotek. Sie wollen das Buch nicht
herausgeben. Sie fürchten, dass aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten
fliegen, die das Christentum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, dass der
Verfasser jener Fragmente Schmidt heisse!
Die »Fragmente« nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nüchterner,
leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht. Ich lese in der besten
Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den glattgescheitelten
Mienen jener Fischer und Zöllner, welche das Christentum predigten, den Schalk
entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken führt!
Und doch jammert mich's jener kindlichen, märchenhaften Sage, die der Autor mit
so vieler Gelehrsamkeit vernichtet! Nur eines bestimmt mich, ihm beizupflichten,
der Hinblick auf das, was uns umgibt, auf unsre Priester, auf - ach! wie hängt
das alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes
Senfpflaster geworden, das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht!
    Ganz männlich werden meine Ausdrücke!
Und doch können die »Fragmente« nicht befriedigen. Sie deuten auf eine
Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich die heutige wissenschaftliche
Bildung kaum noch begnügen würde. Die Frage muss höher liegen. Sie dringt dort
nicht in das Innre der Christuslehre ein, sie hält sich nur an deren historische
Offenbarung. Ich suche Trost. Wo? Wo?
Ich war gefasst auf diese Eiseskälte, mit der mir Cäsar seinen Entschluss anzeigt.
Was ich vermutete, ist eingetroffen. Delphinens Situation reizt ihn. Er wird um
ihre Hand bitten. Die Eltern sind ohne Vorurteile, und ich werde ihn verloren
haben. Ich bin ruhig. Ich habe keine Tränen für diesen Verlust. Ich bin in einer
fürchterlichen Seelenstimmung. Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels? Oh,
jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkommen, denn die Donner, welche
ihnen nachrollen, wecken mich immer mehr aus der dumpfen Betäubung meiner
Gedanken. Ich muss Licht haben, Aufschluss, Einsicht! Ich denke an Cäsar nicht
mehr. Ich will wissen, erkennen. Warum? Wozu? Oh, das sah' ich alles voraus.
Ich bin krank, ich fühl' es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten? Ist auch im
Geistigen wie im Körper Wachstum eine Krankheit?
Glückliche Naivetät der vergangenen Zeiten! Ich komme von einer Ausstellung
alter Gemälde. Auf vielen, die Transfigurationen und Glorien der Heiligen
vorstellen, sah' ich Engel, welche die Geige spielten. Dies würde mir weniger
auffallend gewesen sein, wenn sie es nicht nach Noten getan hätten.
    Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lächerlichkeit aus.
Die Poesie würde es nicht können. Die Poesie hat diese Einfachheit nicht; sie
würde solche Anomalien immer nur als Travestie geben.
    Und wie entwürdigt sie sich, wenn sie es tut! Man sollte den Spott über das
Heilige, das Wühlen der Mistkäfer in duftenden Blumen, bitter verfolgen, auch
die Freigeister sollten es; sie, die alle Sorge tragen müssen, nicht mit den
Spöttern verwechselt zu werden.
Es würde mir viel leichter werden, den göttlichen Begriffen mit Sicherheit
nachzuhängen, wenn ich vom Nichts eine Vorstellung festalten könnte. Aber dies
ist unmöglich. Ich habe schon früh an dieser Verzweiflung gelitten. Ich wollte
schon als Kind mir zuweilen alles wegdenken, was ich sah und denken konnte,
Europa, Asien, Afrika, die ganze Erde, den Himmel, alle Schöpfung, und dann war
es immer, als stürzt' ich von einer unermesslichen Höhe ins Leere hinunter und
fiel ohne Aufentalt. Fast möcht' ich sagen, ich bin seiter mit Eindrücken
beladener, und es würde mir schwieriger sein als ehemals, eine solche
Vorstellung des Nichts zu fixieren. Ach das hohle, weite Chaos, diese dumpfe
Leere, worin das Nichts unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts
selbst ist, nämlich dasselbe Nichts, das später doch ein Etwas wurde! Gott, der
in dem Nichts ist und doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll, weil dies
die Welt selbst vergöttern heissen würde! Der panteistische Gedanke widerstrebt
mir, und ich glaube, Frauen werden ihn niemals hegen können, weil sie durch sich
selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in aktive und passive einzuteilen. Wir
werden immer antropomorphische Ideen haben; das Christentum unterstützt uns
darin. Die Vorstellung eines über uns tronenden Werkmeisters ist ein Bedürfnis,
das unsere Phantasie immer geltend machen wird. Jedes andre, ach, alles, alles
ist uns verschlossen.
Cäsar wird in Ländern wohnen, wo das französische Recht herrscht. Er ist
glücklich, sich ohne die Kirche verheiraten zu dürfen. Eine bürgerliche
Verbindung wird zwischen ihm und Delphinen stattfinden. Wenn er nur meinen
Zustand schonte! Aber er kennt ihn nicht. Wüsste er, wie mich seine leichte
Manier über die Religion so tief verwundet! Das Peinlichste ist dies, dass er
sich öfter das Ansehen gibt, als liessen sich einige Wahrheiten sogar im
christlichen Glauben unumstösslich beweisen. Dann tut er's und beginnt über die
schwierigsten Punkte Entwickelungen, welche er mit ernster Miene durchführt und,
wenn er zu Ende ist, für phantastischen Witz erklärt. So begann er neulich
folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit, eines
Begriffes, den ich noch gar nicht anrührte, weil ich mit seinen Prämissen noch
nicht im reinen bin. Er sagte: Die blosse Vaterschaft Gottes ist relativ, sie ist
unerkennbar oder, wie Jakob Böhme gesagt hat, ein dunkles Tal. Licht und
Erkenntnis kömmt erst durch den Sohn. Beide dürfen nicht isoliert gedacht
werden, ihre Ergänzung, ihre Wechselseitigkeit ist der Heilige Geist. Gott als
das blosse Alles oder das blosse Nichts ist unerkennbar. Gott muss sich etwas
gegenüberstellen, einen Schatten seiner selbst, er musste sich negieren aus
seiner Ruhe heraus und schuf die Natur. Die Natur ist nicht Gott, denn dann
müsste die Natur ein Zustand sein. Nein, die Natur ist eine Tätigkeit Gottes, und
alles in Gott Tätige, auf die Aussenwelt Bezügliche, ist in ihm das Englische.
Die Engel sind die Herolde des göttlichen Willens, und ihre Zahl ist so
unendlich, wie, fast möchte man sagen, die Atome der Welt. Die Engel wohnten
ursprünglich in Gott; denn seine Tätigkeit ist seinem Sein immanent. Darum
mussten die Engel auch gut sein ursprünglich. Luzifer aber empört sich, Luzifer,
der Lichtbringer, der die Finsternis erhellt. Dies Empören ist eine Tätigkeit
Gottes, das heisst Gott wird das Gegenteil seiner selbst, Gott wird Satan. Ja,
die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche für Gott durchaus nicht vorhanden
ist, da sie nur sein Atem ist. Die Natur vor Gott ist so, als wäre sie nicht.
Vor Gott gibt es auch einen Teufel, als gäb' es ihn nicht. Je höher bei dem
einen oder andern das philosophische Bewusstsein ist, desto weniger existiert für
ihn auch der Teufel. Im Christentum ist der Teufel ideell gänzlich ausgetrieben,
denn Gott sonderte die menschliche Individualität von der Natur ab und gab
dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung. Gott wollte den Widerspruch
seiner selbst durch sich selbst strafen und an sich seinen eigenen Prozess büssen
lassen. Er wurde gekreuzigt, und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr
Satan, nicht mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des
Geistes, der Freiheit und der Wahrheit.
Was hatt' ich nun von dieser Improvisation! Mit einer Art von komischem
Ateismus schloss Cäsar seine mystische Deduktion, welche Menschen von grösserer
Einbildungskraft, als ich besitze, viel Beruhigung gewähren mag. Ich soll schon
an den Sohn glauben und bin noch mit dem Vater unbekannt.
Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen berauscht. Ich musste der
Welt zeigen, dass ich Cäsars Entfernung ertragen kann, ich musste es mir selbst
zeigen. Aber es erquickt mich nichts mehr. Cäsars Liebe war die schönste
Zerstreuung meiner unglücklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht
und Verzweiflung. Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so von Wehmut
aufgelöst, dass ich in die Kammer stürze, wo die Erinnerungen meiner ersten
Kindheit aufbewahrt liegen. Ich räumte auf in der Verwirrung, um mich zu
zerstreuen. Ein Stilett fiel mir in die Hand. Wie mag das hierhergekommen sein?
Ich glaube, Cäsar müsste sich schämen, noch zu leben, wenn er keine Auskunft
geben kann. Seine Scherze verdecken nur eine Überzeugung, die vielleicht
folgerichtig ist. Ich habe ihm geschrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg
muss ihn mein Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich hab'
ihm die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine ernstafte
Meinung über Religion und Christentum zu sagen. Ich zittre, wenn seine
Darstellung einläuft.
    Das Stilett gehörte meinem Bruder, der in demselben Alter gestorben ist, in
welchem ich mich jetzt befinde.
Cäsar sagte mir oft, als Kind hab' er sich fortwährend damit geängstigt, dass er
keines natürlichen Todes sterben würde. Die Katastrophe des jungen Sand hätte zu
seiner Zeit alle jungen Köpfe auf den Gedanken gebracht, dass sie ihnen auch
einst abgeschlagen würden. Keiner, sagte er, glaubte so würdig zu sein wie Sand,
und keiner glaubte deshalb auch, auf einen milderen Tod rechnen zu dürfen als
Sand. Er gestand mir mit eisigem Grauen, dass er oft stundenlang heimlich mit
entblösstem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schafotts hineingedacht
habe, dass ihm die Tränen geflossen seien aus Verzweiflung, so sterben zu müssen.
Es war immer ein wehmütiges, liebes Lächeln, das bei solchen Geständnissen auf
seinen Lippen lag. O Gott! ich vergess' ihn nicht. Für alles brauch' ich ihn. Er
soll mir zu allem Beweise geben!
Ich lese das Buch »Rahel«, aber nur in Bruchstücken. Viel davon auf einmal
verwirrt den Kopf; nicht deshalb, weil das Buch absolut schwer wäre, sondern
relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel, die sich das Denken so schwer
machte. Ich glaube, dass diese Frau unter Denken verstanden hat, die Dinge immer
von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegenüber
dem gewöhnlichen Wege. Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und
bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hügel, die
nichts sagen, nämlich nichts Positives, die nur Wahrzeichen sind, dass hier etwas
war, was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich
ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergesslichkeit! Man hat so wenig in
ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es zuschlägt, alles zu haben. Darin
seh' ich recht, wie nur die Männer imstande sind, zu produzieren, auch Gedanken.
Bettina!- Spielerei - alte Gedanken; nur klassische, neue Formen. So sprechen,
gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, handeln - wie es einem gerad' einfällt?
Ich konnt' es einmal; jetzt nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen,
sich ein Gesetz zu schaffen; und nun so alt und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch
ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur erträglich mit Spekulation.
Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan. Aber es ist immer nur
Lea, die man erhält, niemals Rahel. Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren
und flicht ihren Freiern Körbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr
zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen
aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die
Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen zu sehen. Will sie es nur anders
machen als die andern? Oder wurde ihr diese Originalität angeboren? Sie gibt
nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten
der Wahrheit zu entdecken, und konnte nicht anders enden als entweder in einem
Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen lässt, oder als
Anhängerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation übertäubter als beim
Untertauchen. Pietismus aber ist die Fähigkeit, leben zu können, selbst wenn man
Wasser im Ohre hat.
Dieser ruhige, verständige Ton, in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann,
wird mir oft so unheimlich, dass ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es
Menschen geben können, die wie Vernünftige sprechen und doch wahnsinnig sind?
Cäsar erzählte mir einst eine Geschichte, die er wahrscheinlich wie vieles
dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie passt auf meinen Zustand.
Kann ich sie noch?
    Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und über
das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu löschen vergessen hatte. Eine
Zeitlang sass er mit halbaufgerichtetem Körper - -
    Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren,
vielleicht find' ich die Geschichte, die er mir einst, von seiner eigenen Hand
geschrieben, schenkte.
Hier ist sie:
    Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch
flackerte die Lampe, welche er zu löschen vergessen hatte, und zog, wie sie
grösser oder schwächer wurde, wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers. Eine
Zeitlang sass er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies
gespenstische Spiel an den stummen Wänden. Er suchte nach einem Gegenstand für
dies Bild: er musste an die Welt denken, welche draussen schlummerte, und dachte
zuerst an Julien.
    »Meine Julie!« sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas
feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er hörte die Uhr picken, die auf dem
Tische vor dem Spiegel stand. Er sah sich selbst im Spiegel mit bleichen,
geisterhaften Zügen und mit Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann sass er
auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet.
    »Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben!« flüsterte er
vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch
ging er.
    Die Strassen waren still und öde. Man sieht auf ihnen niemand, auch Alfreden
nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man
kann Alfred nicht sehen. Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja, er hätte
schwören mögen, dass er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag.
    »Es ist nicht möglich«, flüsterten seine Gedanken; »sie wohnt im dritten
Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf
anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleissiger sein, sie muss künftig im
zweiten Stock wohnen!«
    Jetzt war es Alfred, als drückte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es
war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weissen Rouleau brach sich der Schall.
Er musste lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft.
    »Wie!« dachte er, »wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen
hinaufschleichst und an ihre Kammertür pochtest.«
    Aber dann musste er durch des Nachbars Haus, das ihm offenzustehen schien,
musste über den Garten-und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen.
    Und das alles gelang vortrefflich. Er stand jetzt gleichsam höher als
Juliens Wohnung war, was er sich nicht erklären konnte. Da blendete ihn ein
Lichtstrahl; ein schnurrender Laut liess sich hören. Julie hatte das Rouleau
aufgezogen, sie stand im Nachtäubchen und mit blossen Schultern am Fenster, das
sie öffnete.
    Alfred war nun dicht vor ihr. »Was ist ihr nur?« dachte er; »sie erschrickt,
sie öffnet den Mund, als wollte sie um Hülfe rufen; was zitterst du, mich zu
erkennen, Julie?«
    »Alfred!« schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit
zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Strasse. Alfred war ein Nachtwandler.
Julie glaubte nichts gesehen zu haben, als Alfred tot war. Sie legte sich wieder
in ihr weisses, weiches Bett und träumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie alles. Sie
lebt noch, aber kümmerlich; die Tränen zehren sie auf.
Cäsar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausführlicher
sein. Einstweilen hab' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die
empfehlenswert ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern
darauf gebracht. Nämlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen
kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen möchte. Man tue und lasse
nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen. Ich denke, wo ich
gehe und stehe, an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und
abstrahiere von allem, was über diesem kleinen Erdball geschieht, auf das
Universum, das niemand leugnen kann. Und nicht bloss im allgemeinen, sondern ganz
im Detail, wie man isst und schläft. Bei jedem Spaziergange richt' ich den Blick
gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die die
Nacht erst sichtbar macht. Ich fühle, wie die Erde unter meinen Füssen kreist und
ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin, sonst aber dem Allgemeinen angehöre.
Wie vielen Stolz das gibt! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen.
Ihn kann nichts erschüttern, denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich
als Glied einer grossen Wesenkette. Oh, vielleicht ist noch Hülfe für mich! Ich
fange an, mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken.
Jetzt weiss ich, wie in Indien die Bonzen ihre Büssungen möglich machen. Die
Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie würden es nicht aushalten können, wenn
nicht die Erde für sie gleichsam verschwände und sie nichts übrigbehielten als
den gestirnten Himmel und das Gefühl der grossen Wesenkette. Ich müsste in die
Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur eines nicht verfolgte! Nämlich die Natur und
das Grün. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich, und wer
poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und
Ströme wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Rückgrat und die
grossen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende
ist die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die
kleine Existenz mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und alles, was so
nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flüstern zu hören
glauben, diese grosse Tatsache, die entweder Täuschung oder Wahrheit und in
beiden Fällen unentüllbar ist. Das Irdische fasst uns wie im Strudel und reisst
uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft.
Ich las nun alles, was ich schrieb, und zittre, dass ich kaum geschrieben habe,
was ich wollte. Eines ist auch ganz unmöglich, geschrieben zu werden: die
Verzweiflung und das Grässliche. Nämlich jene grausamen, blutsaugenden Träume,
die mich wachendes Auges überfallen und mich hinausstossen in eine hohnlachende,
von grässlichen, unnennbaren Dingen drapierte Welt. Wie combinier' ich! Was für
Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, während mein Puls ganz richtig und
medizinisch schlägt. Muss ich sterben, was verbrach ich, dass mir Raben erscheinen
müssen? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fällt von
der Decke, wo eine Öffnung, hinunter in den Sarg, und den nachstürzenden Kopf
greift unser Arzt auf. Oben muss das Schafott sein. Der Mann drückt das blutige
Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper, passt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader und
legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischränder beider
Teile. Er dreht sich um, und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Körper,
und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schöner Jüngling, und schleicht zur
Pforte hinaus. Dort, dort - eine grüne Flur - ein Mädchen, das Rosen bricht und
im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu
ihr heran, spricht nicht, sondern lächelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, sie
lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe
zu Galatee, du Lieber! Und sie küsst seinen blassen Mund. - »Oh«, röchelt er,
»drücke nicht!« Doch sie hört nicht, sie drückt, der Reifen springt - Herr
Jesus, was geht mit mir vor! -
Hier brach Wallys Tagebuch auf längre Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von
Cäsar versprochene Glaubensbekenntnis. Es war in das Tagebuch eingeheftet und
lautete folgendermassen.
 
                   Geständnisse über Religion und Christentum
Ich will über den Glauben der Völker sprechen. Aus dem melancholischen Schweigen
des Heidelberger Schlosses hol' ich mir abendlich die Geheimnisse jener frommen
Naturreligion, für die ich glühe. Alles Historische aber, was ich zu fixieren
habe, knüpf' ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luter auf
der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen haben soll, ein
Frühstück, das der Protestantismus dem Katolizismus so teuer hat bezahlen
müssen.
    Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wüsste die Menschheit, wohin ihre
Leiden und Freuden tendieren, wüsste sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen,
einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen, für die
Tapezierung des Firmaments, für die wechselnde Natur, für Frost, Hitze, Regen,
Hagel, Blitz und Donner, sie würde an keinen Gott glauben. In progressiver
Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der natürliche Ursprung der Religion, die
Accomodation der göttlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad und
zuletzt die Unmöglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklärung.
    Dem Begriffe Offenbarung lässt sich vielleicht eine philosophische Unterlage
geben, panteistischer Art; aber im herkömmlichen teologischen Sinne ist die
Offenbarung eine Verfälschung der Natur und der Geschichte. Eine saubre
Insinuation, sich Gott als Priester zu denken, der im schwarzen Talare zu dem
ersten Menschenpaar hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben hätte in
glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus Gott einen Souverän, einen
Patriarchen, einen Geistlichen. Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen
reden, zu Zeiten, wo es an stilistischer Vollkommenheit noch überall fehlte.
Niemand war in diesen antropomorphistischen Konsequenzen einer supernaturellen
Offenbarung kecker als die Apostel Jesu; denn: alle Schrift von Gott eingegeben
heisst: in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der
Solöcismen und inkorrekten Konstruktionen machen, welche sich im griechischen
Texte des Neuen Testamentes finden. Gewisse Kapitel gibt es in den dogmatischen
Systemen unsrer Teologen, die sich besser für Grimms »Kindermärchen« oder
»Tausend und eine Nacht« schicken würden. Dazu gehören die kriminalisch
strafbaren Dogmen von der Offenbarung und Inspiration.
    Je naiver die Völker sind, desto sinnlicher und äusserlicher ihre Begriffe
vom Weltzwecke: je gebildeter jene, desto geheimnisreicher diese. Die
Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe, und
so kam es, dass das Altertum so viel Historisches in Mystisches, Mystisches
wieder in Himmlisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so
weit, wie sein Auge reicht. Alles, was über den Sehkreis seiner sinnlichen
Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklärende Veranlassung der
Unerklärlichkeiten zu sein, die ihn in nächster Nähe umgeben. Daher die
zahllosen Details im Glauben der alten Völker: daher die Übertreibungen der
Phantasie, das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind
so ausschweifend wie alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt, sondern wie
alles, das man noch nicht gesehen hat. In diesen Unförmlichkeiten Entstellungen
alter Überlieferungen zu finden, einfache, aber tiefsinnige Keime einer
urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln
Zeitalters: das heisst, von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwähnten,
nur eine ernstafte Anwendung machen.
    Das klassische Altertum hatte den schönsten Ausdruck für das religiöse
Prinzip der alten Welt: Religion ist alles, was man entweder selbst nicht ist
oder nicht kennt. Die Griechen, mit ihren östlichen Ahnen und deren
architektonischen Vorstudien der vollendeten heidnischen Idee, die Griechen
setzten die Religion in die Kunst, sie setzten sie in das, was im Ungewissen
immer das Gewisse ist, in das Mass aller Dinge, in den Menschen. Man konnte eine
einseitige Idee nicht schöner ausdrücken und konnte doch zu gleicher Zeit nicht
tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so
war sie jetzt da wieder angekommen, von wo sie ausging. Wir werden uns, solange
die Erde kreist, in Zirkeln bewegen. Hier war ein Zirkel, dessen Anfang sich in
sein Ende zurückbog.
    Wäre das Heidentum ohne Kultus gewesen, warum hätte die Menschheit nicht an
ihm Genüge finden sollen? Aber die Priester der Religionen pflegen immer
diejenigen zu sein, welche ihre Religionen selbst untergraben. Könnten sich die
Religionen von Gebräuchen, Äusserlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer
berufenen und verordneten Diener frei erhalten, so würden sie eine längere Dauer
in Anspruch nehmen dürfen. Das Heidentum war Poesie und bildende Kunst, war
Veredlung der Sinnlichkeit, war Gestaltung der rohen Materie; Julian, der
Apostat, fühlte es wohl, dass die Götter Griechenlands einen Mann von Geschmack
befriedigen konnten. Das Heidentum war tolerant. Es war die friedfertigste
Religion von der Welt, solange sie nicht nötig hatte, um ihre Existenz zu
kämpfen. Das Heidentum wurde blutig, verfolgungssüchtig, ich möchte sagen,
christlich erst da, als ein sonderbarer Aberglauben zur Aufwiegelung der Völker
gepredigt wurde, als sich gleissnerische Frömmler in die Gemächer der Fürstinnen
schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Friede, sondern
das Schwert brachte, eine politische Revolution zu verbreiten suchten. Der
Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf folgendes zurück.
    In Judäa, einem sehr barocken Lande, trat ein junger Mann namens Jesus auf,
der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner Ideen auf den Glauben kam, er sei
schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation, der er angehörte, verkündigt
worden. Jesus war aus Nazaret gebürtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines
braven Zimmermanns namens Joseph. Jesus beschäftigte sich viel mit den Schriften
der jüdischen Literatur, reiste, unterrichtete sich und strebte mit edler
Selbstüberwindung nach einer stoischen Sittenreinheit. Jesus fühlte, dass eine
Mission an sein Herz pochte. Es war ihm, als müsste er einen Auftrag erfüllen,
über den er zeit seines Lebens nicht im klaren war. Er adoptierte den Glauben an
einen verheissenen König, der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen
würde: er erschrak aber selbst vor dieser übermütigen Verheissung, welche einer
wahren Idee Gottes gänzlich unwürdig war. Jesus wusste selbst da noch nicht,
wohinaus, als er die ersten unbesonnenen Schritte getan, als er seinen Freund
Johannes auf Kundschaft und Prüfung der Menge vorausgesandt hatte; er wurde
Rabbi, ein erlaubter Volkslehrer, er nahm Schüler zu sich, er predigte Busse und
gottseligen Wandel, predigte das reine, das Urjudentum des Moses, er nannte sich
Messias und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht, nirgends
gegen die Begriffe, welche man in Judäa mit dem Messias verband. Nicht einmal
des römischen Joches erwähnte Jesus; er scheint gefühlt zu haben, dass der
Messias nur eine teologische Bedeutung haben könne, und richtete doch seine
Invektiven gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen Rat und
gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten
Bücher bezüchtigte. Inzwischen mehrte sich die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden
durch das Land, hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich
tätlich an dem Tempel, dem Nationalheiligtume der Juden, und fiel als ein Opfer
seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit. Er hatte dem trägen Volke
Energie zugetraut: es verliess ihn wie Tomas Müntzern, als er keine Wunder tun
konnte, wie zahllose Revolutionäre alter und neuer Zeit, da sie die Hülfe nicht
brachten, die sie versprachen. Jesus wurde gekreuzigt. »Mein Gott, warum hast du
mich verlassen?« rief er und starb. Jesus war nicht der grösste, aber der edelste
Mensch, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt hat.
    Dies ist der historische Kern eines Ereignisses, aus welchem spätere Zeiten
ein episches Gedicht machten mit Wundern und einer ganz fabelhaften
Göttermaschinerie. Eine kleine Anekdote wurde weltistorisch. Die französische
Revolution hinterliess eine Menge von politischen Wahrheiten, welche im Ansehen
geblieben sind, selbst wenn jene weniger glücklich vonstatten gegangen wäre. So
kam es auch, dass die verunglückte Revolution des Schwärmers Jesu etwas
zurückliess, was zuletzt eine Religion wurde. Sollte hier zum ersten Male ein
kleines, zufälliges Faktum den Anstoss zu einer grossen Bewegung gegeben haben?
Nein, die Folgen jener Historie mögen so umfassend gewesen sein, wie sie es
waren, so kann davon nichts auf die Naivetät der Historie selbst zurückfallen.
Jesus war in Rücksicht auf den jüdischen Messiasglauben nicht der rechte
Messias, sondern ein falscher, so gut wie Teudas, Judas Galiläus und Bar
Kochba. In Rücksicht auf die Weltgeschichte war er desgleichen nicht mehr; nur
dass seine Anhänger zufällig von der Zeit, von dem unsinnigen Heidenritus, von
der Sucht des Geheimnisses profitierten. Das Ereignis, das allen den folgenden
Begebenheiten und Revolutionen zum Grunde lag, steht an und für sich betrachtet
auf keiner höhern Stufe als die Lebensumstände des Pytagoras, Zoroaster oder
Sokrates.
    Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu stiften. Es war
bei ihm weder von einer Aufhebung noch von einer Erläuterung des Judentums die
Rede. Er sagte selbst, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern
zu erfüllen; ein Ausdruck, der freilich im griechischen Texte mehr sagt als das
blosse: Befolgen, aber nicht über den Begriff eines vollkommnen, in allen seinen
Bezügen verstandenen Judentums hinausgeht. Da war auch nicht eine einzige neue
Lehre, welche Jesus brachte. Entüllte er tiefer die Geheimnisse Gottes? Nein,
er kennt nur jenen pädagogischen Gott des Judentums. Waren seine Andeutungen
über die Unsterblichkeit neu? Sie waren es, der dunkeln und zweifelhaften Lehre
des Alten Testaments gegenüber: aber seit dreihundert Jahren glaubten die Juden
an die Fortdauer nach dem Tode aus eignem Antriebe: die Pharisäer hatten daraus
das Feldgeschrei ihrer Parteimeinung gemacht. Was blieb demnach im Munde Jesu
übrig? Eine Moral, welche allerdings veredelnde Kraft hat, aber nie mehr gibt
und geben will als das lautre Judentum. Die Moral Jesu hält sich immer dicht bei
den Gebräuchen des Zeremonialgesetzes und ist nur darin charakteristisch, dass
sie für den äussern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forderte. Jesus
lehrte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! So lehrte schon Moses; aber der
Stifter einer neuen Religion musste sagen: Liebe deinen Nächsten mehr als dich
selbst! Daraus schliesst man, dass Jesus eine Person war, die einzig und allein
der Geschichte, keineswegs aber der Religion oder Philosophie angehörte.
    Törichter Glaube, das Neue Testament für die Grundlage einer Religion
anzusehen, für ein Buch, das geschrieben worden wäre, um symbolischen Wert zu
haben! Der Kanon ist nichts als die erste Erscheinung des Christentums. Das
Christentum selbst liegt darüber hinaus: das heisst, vage Begriffe über ein
gescheitertes historisches Ereignis wurden von Männern herumgetragen, die dabei
beteiligt gewesen waren. Die Apostel hatten die Fähigkeit nicht gehabt, eine
Begebenheit zu verstehen, welche mit sich selbst in Widersprüchen lag; sie
konnten sich nur der Wirksamkeit nicht entschlagen, welche eine so bedeutende
Persönlichkeit wie die ihres Lehrers auf sie ausübte: sie glaubten seinen
dreisten Behauptungen, dass er der Messias wäre, und fanden bei der Verbreitung
dieser Ansicht darin eine Unterstützung, dass Jesus seine baldige Wiederkunft
versprochen hatte. So entspann sich ein romantisches Truggewebe von Wundern,
subjektiven, die Jesus verrichtet habe, objektiven, die an ihm selbst geschehen
wären. Die Apostel übersahn, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, welche eher
auf einen Eskamoteur als auf einen Propheten schliessen lassen (ich erinnere nur
an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches), das göttliche Gepräge ihrer
Erzählungen verwischte. Ja, sie wussten nicht einmal, wieviel sie moralisch
wagten, alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prüfung anzunehmen. Denn das
Altertum war überall auf das Ausserordentliche hin gerichtet und konnte sich
keine grosse Begebenheit ohne Abweichungen von dem natürlichen Laufe der Dinge
erklären. Auffallend bleibt es indessen, dass die Apostel selbst im Neuen
Testamente so wenig scharf und präzis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten,
dass erst andere meist ein Amt übernahmen, was ihnen vor allen zukam. Hätten sie
wirklich den Leichnam Jesu gestohlen? Dann klänge dies Stillschweigen fast wie
böses Gewissen. Hierüber mag ich nichts entscheiden: nur dies scheint fest, dass
die Apostel Menschen von borniertem Verstande waren, dass sie überhaupt viel
Ähnlichkeit mit unsern Teologen hatten und dass es zuletzt nicht ohne typische
Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel
standen.
    Diejenigen unter den Anhängern Jesu, welche, ich sage nicht, logische
Schlüsse machen, doch wenigstens begreifen konnten, wie z.B. der von den
Teologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelte Paulus, befolgten
in der Stiftung einer neuen Sekte den dreisten Gang, dass sie in Jesu nur die
Neuerung anerkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isoliertes vom
Gesetze los. Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Lehrers mit der
Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiftende. Eine übermütige Exegese,
welche die Stellen des Alten Testamentes in einem sträflich verkehrten Sinne auf
Jesus bezog, musste ihre Absichten unterstützen. Jesus wurde ein Wundertäter, und
er machte als solcher unter den Heiden ein Glück, das Apollonius von Tyana auch
gehabt hätte, wäre ihm der Jude Jesus nicht in der Zeit zuvorgekommen. Die
geringe Philosophie, die hinzukam, alle diese Märchen zu erklären und in einen
dogmatischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen zwischen
physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem
Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Religion musste diese Einfachheit haben,
um so um sich zu greifen, wie es das Christentum tat!
    Das Christentum ist eine Religion der Persönlichkeit. Moses war doch nur der
Sendling Gottes, Muhamed Allahs Prophet, sie liessen sich keine göttliche Ehre
erweisen! Sehet hier eine Religion, deren unwillkürlicher Stifter von einigen
verworrenen Köpfen mit Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts
für ihren Gegenstand und alles für ihren ersten Priester tut! Jede allgemeine,
jede Weltreligion muss unabhängig von irgendeinem Namen sein, und im Christentum
ist man heute noch nicht einig, welche Ehre Gott, welche Jesu gebührt. Welch ein
Glaube! Wir sind nicht ohne Poesie, wir schwärmen gern, weil wir in jedem Hauche
der Natur einen Kuss der Gotteit wähnen, und würden recht unglücklich sein, wenn
wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion
legen dürften, ein Rosenblatt, das uns in den Mund kömmt und zu trinken hindert
und das wir doch nicht missen möchten. Aber hier überschreitet eine Zumutung die
Linie des Erträglichen. Das Christentum wurzele nicht in Jesu Lehre, sondern in
seinem Leben: nicht die Liebe sei es, sagen sie, die er im Abendmahle eingesetzt
habe, sondern sein Fleisch und Blut, seine eigne Persönlichkeit, die nun
immerdar solle gegessen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse
eines unglücklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogmatik, die sich
nicht um die Worte seines Mundes kümmert, sondern seine Fusstapfen als
Paragraphenzeichen nimmt, seine Nägelmale als Kapiteleinschnitte: kurz, das
Christentum ist eine Religion, die auf eines Menschen körperlichen Verrichtungen
und Leiden gegründet ist, eine Religion, die das objektive Evangelium eines
Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazaret! Statt dass sie weinen sollten über
dein wehmütiges Schicksal, freuen sie sich deines Todes und haben ihn lachendes
Mutes im Munde! Die Kreuzigung Jesu wird gar nicht mehr historisch
nachempfunden; sondern da alles in des unglücklichen Mannes Leben typisch und
als Notwendigkeit gedeutet wird, so geht die Teilnahme und das Mitleiden
gleichgültig an dem Schmerze vorüber und sieht am Karfreitage immer nur Ostern,
bei einem Sterbenden eine grausame Hand, die ihm das Kissen unterm Kopfe
wegzieht, damit er schneller sterbe, damit er schneller auferstünde! Das
Kruzifix ist eine Zierat geworden, die man im Ohre hängen hat.
    Die grosse, imponierende Gewalt des Christentums liegt in seiner
weltistorischen Ausdehnung. Nicht, dass ich dieser Lehre die Umgestaltung
Europas zuschriebe, nicht, dass ich so ungerecht gegen Gott wäre und behauptete,
er habe ohne die verworrenen Ideen einiger palästinensischer Fischer und
Teppichfabrikanten die Welt nicht auf diesen Gipfel der Kultur bringen können:
nein, schon dadurch wird die christliche Idee geschwächt, dass sich die
germanischen Völker für sie interessierten und ihre eigne weltistorische
Prädestination in jene Lehre legten und das Christuskind als Christoffel durch
das Weltmeer trugen. Das einzige, was mich an das Christentum kettet, ist ein
magischer, mit Blut beschriebener Kreis; jene schreckhaften Verfolgungen, denen
der neue Glaube ausgesetzt war, jene Hekatomben, die das Christentum dem
Heidentum opfern musste, die Männer, Weiber, Kinder, die zu Tausenden hingemordet
wurden - ah, das presst an die Kammern des Gehirns: die Fibern des Nachdenkens
ziehen sich zitternd in ihren Versteck: das brennt und schmerzt, wenn man Sinn
für Historie, Sinn für die Leiden der Menschheit hat. Nur jener Blutströme wegen
bin ich gewissermassen Christ, weil meine Religion die des Schmerzes und mein
Kultus der Mut ist. Ich würde nicht raten, eher ein neues Bekenntnis abzulegen,
ehe man nicht im Begriffe und in der Lage ist, dafür dasselbe auszustehen, was
das alte Bekenntnis gekostet hat.
    Bis hieher konnte noch von einem Christentum die Rede sein. Als der Begriff
Kirche erfunden war, als Konzilien und Würdenträger eingesetzt wurden, da hatte
sich die Lehre Jesu in eine neue Art von Heidentum verwandelt, in Mytologie auf
der einen, Aristotelismus auf der andern Seite. Zwischen beiden wucherte die
Mystik, keine ursprünglich christliche Pflanze, sondern
arabisch-jüdisch-kabbalistisches Gewächs, das in der Philosophie als Platonismus
wieder zum Vorschein kam. Das Christentum, insofern es von Priestern und Mönchen
repräsentiert wurde, war auch nicht einmal eine Religion mehr, sondern nur noch
Vorwand einer politischen Tendenz des Zeitalters. Die Hierarchie umgürtete sich
mit dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht. Das Christentum war nun doch
ein Reich von dieser Welt geworden. Der tote Rabbi Jesus drehte sich im Grab um:
er hatte sich gerächt. Wann gab es eine Religion, die in tausend Jahren mit so
disparaten Anomalien sich äussern konnte? Der Islam ist zwölfhundert Jahre alt,
und noch weht die grünseidne Fahne des Propheten wie damals, als er aus der
Wüste zog. Man hatte Jesus zum Stifter einer Religion machen wollen. Jesus hatte
sich gerächt. Die falsche Auslegung seiner Mission war gescheitert.
    Luter versuchte noch einmal, das lecke Schiff einer imaginären Möglichkeit
zusammenzufügen. Ein Bergmannssohn aus Türingen stieg in das Bergwerk des
Christentums hinab, durchhämmerte die oberen Flözschichten der Tradition und
holte aus den tieferen Erzgängen hervor, was er für reines, silbernes und
goldenes Christentum hielt. Es war eine kühne Neuerung, die sich aus dem
Wittenberger Flachlande, aus der Gegend von Kroppstädt und Treuenbrietzen, die
ganz so aussieht wie der gesunde Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten
sich von dem römischen Heidentume los, das mit der Seelen Seligkeit einen
Aktienhandel durch ganz Europa etabliert hatte. Die Wittenberger Reformation war
ein grosser Fortschritt der Menschheit, wenn es gross ist, wie Herr Toluck getan
haben soll, in Rom von den antiken Götterstatuen zu sagen: Es sind schöne
Götzen! Darum handelte es sich: die Menschheit von einem religiösen Mechanismus
zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst, die
Literatur, die Schönheit aller vergangenen Zeiten und die Schönheit der Ewigkeit
zu derogieren. Das ist kein Unglück, wenn es von einem grossen Glücke ersetzt
worden wäre. Für das Christentum geschah in der Reformation alles, für die
Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber nichts.
    An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation: an einem, den sie
nicht abschafte, an der Kirche; und an einem, den sie neu erfand, am
Evangelium.
    Biblisches Christentum! Was heisst das? Ein Christentum erfinden, das sich
gründete auf falscher Exegese, schlechten kritischen Hülfsmitteln, auf
Interpolationen und frommen Betrügereien, auf einer ungestörten und sorglosen
Verbindung des Alten und Neuen Testamentes, endlich aber auf jener heillosen
Verwechselung zwischen dem Kanon als einer Richtschnur des Christentums, statt
dass der Kanon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz prekäre und
subjektiv überall beanstandete Erscheinung des Christentums war. Der
Protestantismus bekam seine symbolischen Bücher, welche die Lehrer beschwören
mussten, seine Katechismen, den grossen und den kleinen, nach welchen die
Unmündigen an einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie schon als Säuglinge
durch die Taufe willenlos sich hingeben mussten. Was muss ich glauben? Ich muss
glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat - als wenn ein Gott, der sich in so
endlichen Werken, wie die Erde ist, ausspricht, ein Gott, der zugibt, dass etwas
ausser ihm ist, ohne er selbst zu sein, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit
erschaffen hat, um aus Laune irgendeinen kleinlichen Weltzweck zu erfüllen, um
durch die Dauer zu tun, was ihm ja im Nu gelingen könnte, um unglückliche, von
Zweifeln zerfleischte, halb tierische, halb menschliche Menschen auf einem
gewissen Erdballe, in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere
herumkriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott jemals meinem philosophischen
Bewusstsein entsprechen könnte! Aber was Philosophie? Wir reden nicht von
Philosophie: ich vergass, dass wir über einige Ammenmärchen und poetische Grillen
sprechen. Ich muss glauben, dass Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von
einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Hölle und wieder auferstanden - Nein,
auch dies ist nicht der Kern des Christentums. Was soll ich glauben? Dass
Christus ist unser Mittler, dass er im Abendmahl persönlich assistiert als
Fleisch und Blut im Brot und Weine, dass er uns rechtfertigt durch die Gnade, dass
die Erbsünde, an die ich als Psycholog und Menschenkenner faktisch glaube,
teologisch zu erklären sei, zum grossen Teile aber eine Dogmatik, welche auf
jedes einzelne Glied im Körper des Rabbi Jesus gegründet ist. Der Katolizismus
war sinnlicher Götzendienst mit polyteistischer Färbung. Der Protestantismus
wurde mystischer Götzendienst mit einer Beschränkung auf einen Gott, der aber
drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld, dass diese Lehre
immer flacher, äusserlicher und zänkischer sich ausbildete. Aus dem Evangelium,
der Bibelmanie und den symbolischen Büchern setzte sich zuletzt das knöcherne
Skelett der Ortodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen
ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhäufung schwammartiger Stoffe zu
tragen hat.
    Das zweite Unglück des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes
der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe:
Gemeine. Hier trat früh ein Schwanken ein, das auf der einen Seite das Extrem
der englischen Hochkirche und auf der andern das quäkerische Extrem der
allgemeinen Priesterschaft erzeugte. Das Lutertum an und für sich selbst nahm
früh eine servile Richtung. Es stritt für das göttliche Recht der Fürsten
ebensosehr, wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes, unantastbares Gewand
zu kleiden suchte. Tomas Müntzer schalt mit Recht auf Luter, den Papst von
Wittenberg. Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche
blieb etwas Ganzes, der Glaube wurde nicht an die stille Kammer des Herzens als
seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche repräsentierte wie ehemals. Die
Geistlichen regieren untereinander. Sie scheinen eine Monarchie für sich zu
bilden und ducken sich ausserdem unter der politischen Souveränität, so dass es
noch heutiges Tages nicht entschieden ist, wie weit sich die kirchliche
Autorität als Landeshoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu
verfassen und sie mit militärischer Gewalt, wie in den Schlesischen Dragonaden
geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist alles vag, hoffärtig,
augendienerisch, despotisch und erfüllt das Herz des Biedermannes mit den
schmerzlichsten Gefühlen.
    Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deshalb dem
Christentum keinen merklichen Abbruch tun, weil sie bald zu frivol, bald zu
witzig war. Der unsittliche Reformator macht nirgends Glück. Der Witz ist einer
so grossartigen Institution wie das Christentum gänzlich unangemessen. Die naive
Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen pariert alle Nadelstiche
Voltaires, eines Mannes, den man für einen Schneider halten möchte, so furchtsam
und eitel war er. Das Christentum fordert andere Waffen heraus, überhaupt keine
Waffen, die nur für den Krieg taugen, sondern solche, welche sich an einen Stiel
stecken lassen, positiv und schaffend werden und die Erde zur neuen Saat
auflockern. Das achtzehnte Jahrhundert, der mephistophelische Geist der
abstrakten Verneinung hauchte mit dem ersten Seufzer aus, der auf der
Revolutionsguillotine ausgestossen wurde. Die Negation der Revolution war schon
eine schöpferische.
    Die Flügel meiner Seele schlagen freudiger, weil ich die Morgenröte (ach!
die blutige Morgenröte) der neuen Schöpfung sich am Himmel malen sehe. Aber noch
halte mich zurück, du stürmischer Genius des Jahrhunderts; noch einmal wurde in
Deutschland der Versuch gemacht, zu einem trostreichen Resultate über die
wunderbaren Begebenheiten in Palästina zu gelangen. Die Welt seufzt in ihrer
Achse ob der stürmischen Bewegung. Wie glücklich wären wir alle, wenn wir in den
Träumen unsrer Jugend uns ewig wiegen dürften und uns keine Unruhe der Seele von
den Spielen der Unschuld verscheuchte!
    Die Kantische Philosophie schien unsern Vätern nach langem Schlafe ein
wunderbares Erwachen. Noch nie ist eine Entdeckung mit so reinem Entusiasmus
empfunden worden. Die Kantische Philosophie war Kritizismus: sie war ohne
Geheimnisse; aber sie schien den Schlüssel der Geheimnisse zu besitzen. Früher
wurde sie auf die Offenbarung und das Christentum angewandt: aber die
Konsequenzen, welche sich hier durch sie ergaben, waren von der
entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die Unmöglichkeit, das
Ding an sich zu erkennen; der Supernaturalismus an die Vermutungen, welche
hinter dem Dinge an sich liegen konnten. Das Ding an sich war ebensosehr negativ
wie mystisch positiv: das weite Chaos der Zweifel lag in ihm ebensogut wie das
Chaos der Gefühle. Diese beiden Prinzipien über Christentum machten fünfzehn
Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus. Es war ein Streit um den Anfang eines
Zirkels. Der Rationalismus, der von Gott behauptete, dass man vieles von seinem
Wesen wisse, manches aber noch unerörtert zu lassen habe, begann mit dem
Bestimmten und hörte mit dem Unbestimmten auf. Der Supernaturalismus, der aus
seinen Ahnungen ein System, aus seinen Ungewissheiten eine Dogmatik schuf, fing
mit dem Unbestimmten an und hörte mit dem Gegenteile auf. So war der Streit ohne
des Endes Möglichkeit. Niemand trat aus dem Zirkel heraus. Sie walzten ihre
Debatten herum und erschöpften sich in Konzessionen praktischer und
teoretischer Art. Mischgattungen drängten sich zwischen die Extreme:
Damenprediger, welche das Christentum mit Gemälden verglichen, wo die Konturen
dem Rationalismus, die Farben dem Supernaturalismus angehören müssten:
Professoren der Teologie, die das Urchristentum wollten;
Generalsuperintendenten, welche die Perfektibilität des Christentums lehrten.
Andre, wie Schleiermacher, adoptierten die Dogmatik, wenn ihre Lehrsätze sich
gemütlich als Seelenzustände betätigten. Mit einem Worte, sie mochten so
freidenkerisch verfahren wie immer; so riss doch niemand den Vorhang der Lüge
weg. Auf der Kanzel gaben sie niemals jenen Glauben preis, den sie auf dem
Kateder anatomisch zergliederten. Überall trifft man auf Diakone und
Konsistorialräte dieser Art, welche sich wie jesuitische Aale teoretisch winden
und hin- und hersträuben, praktisch aber sich immer wieder in ihren
homiletischen Schleim verstecken.
    Schelling und Hegel, jener von katolischer, dieser von protestantischer
Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie mit der Offenbarung in
Einklang zu bringen. Schelling übertrug allerhand Analogien des Naturprozesses
auf die Geheimnislehren des Christentums: er wusste Opfer, Menschwerdung usf.
durch witzige Bilder von seiten der Phantasie annehmlich zu machen. Hegel
stützte sich auf den Geschichtsprozess, auf die innerlichen Ruhemomente seiner
metaphysischen Logik, deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinität
ausdrückte. Hegels Philosophie scheint mir auch wahrlich die einzige, die
imstande ist, das Christentum zu beurteilen. Ihr Standpunkt ist der historische.
Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, welcher den innern und
äussern Sinnen wohltut. Wodurch ist auch das Christentum eine so imposante
Erscheinung? Durch seine historische Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der
Zeiten immer vortrefflich charakterisiert und das Eigentümliche des Christentums
darin gefunden, dass sich logische und historische Begriffe daran akkommodieren
lassen. Aber mehr gelang ihm nicht. Seine Philosophie des Christentums konnte
nur da erst anfangen, als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war.
Hegels Massstab ist überall die Vergangenheit. Seine Erklärungen sind typischer
Art, seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen an der
Spitze jenes christlichen Dilettantismus, der aus künstlerischen Interessen sich
mit verstopftem Ohre in eine grundlose Flut versenkt. Das Christentum selbst muss
dabei seinen Kredit verlieren, wenn nur noch Dichter, Grübler, Künstler,
verzweifelte und polizeilich beaufsichtigte Menschen sich für die Erklärung
seiner Satzungen interessieren. Der gesunde Teil der Menschheit wird in eine
andere Strömung des stürmenden Weltgeistes gerissen werden.
    Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern verbände es die
Freiheit der Völker mit dem Glauben an die Ewigkeit! Aber unchristlich ist unser
Zeitalter, denn das Christentum scheint sich überall der politischen
Emanzipation in den Weg zu stellen. Daher jene merkwürdigen Erscheinungen,
welche die neuere Zeit auf dem Gebiete, man weiss nicht, soll man sagen, der
Politik oder der Religion hervorgebracht hat. Überall Sektengeist,
Religionsstifter, Religionen auf Aktien, Religionen auf Subskription, jede
Religion, nur kein Christentum. Man spricht von Priestern, von einer Teokratie,
von Gottesdienst, nur nichts Christliches. Es ist erstaunenswert, dass diese
Dinge in Frankreich auftauchen, in einem Lande, das für Europa die Mission der
Freiheit hat, in einem Lande, das in der neuern Geschichte für alle Fragen der
Kultur die Initiative übernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St.
Simonismus und den »Worten eines Gläubigen«.
    In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen
Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier die Unverschämteit
vermieden, welche die hungernden Arbeiter auf das himmlische Brot des ewigen
Lebens anweist. Die Religion der Entsagung mag für Jahre passen, wo die Ernte
nicht geraten ist; aber wo Fülle und Verschwendung rings ihre Feste feiern, da
murrt die Menschheit über eine Religion, welche immerfort an das Sichschicken,
an die Demut, an den Ratschluss Gottes appelliert. Von dieser Seite des
Christentums überhaupt, die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr
die Rede sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der, dass
der St. Simonismus das Christentum antiquiert und durch einige materielle
Philosopheme nebst kirchlichen, freilich dem alten Glauben entnommenen
Institutionen zu ersetzen sucht, die »Worte eines Gläubigen« dagegen auf den
demokratischen Ursprung des Christentums zurückgehen und unverhohlen eine
republikanische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will den Staat
von der Kirche, die »Worte eines Gläubigen« wollen die Kirche vom Staate
befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese auf die Vergangenheit. Beide aber
kränkeln an ähnlichen Gebrechen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La
Mennais am Katolizismus. Wie soll man in der Kürze über beide Tendenzen
urteilen? Beide sind keine Revolutionen, aber sie sind Symptome. Der St.
Simonismus verrät ein Bedürfnis der Menschheit: die »Worte eines Gläubigen«
suchen es zu befriedigen, aber sie befriedigen es nur zur Hälfte.
    Ich habe die Tatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche da ab, wo
alles, was nun kommen muss, nicht so von mir vorgezeichnet werden kann, sondern
in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist. Lasset mich an einem Orte innehalten,
den wir selber auszufüllen haben, bei jenen weissen Blättern der Geschichte, die
hinfort von uns beschrieben werden sollen!
    Ich höre draussen ein simultanes Glockengeläut: katolische und
protestantische Töne. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar nicht mehr
plötzlich wie einst in Jerusalem gut Englisch, Spanisch und Sanskrit lernt, was
mir sehr lieb wäre: wo aber der Heilige Geist auf alle Welt ausgegossen wurde.
Wir leben in der Zeit des Heiligen Geistes, von dem Christus selber sagt, dass er
uns in alle Wahrheit führen und freimachen würde. So scheint es sogar jener Mann
gewusst zu haben, dass die Geschichte immerdar ihre eigne Autorität bleibt, dass
der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft und die Wahrheit zuletzt nur der
Gottesdienst im Tempel der Freiheit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und
keine neue Erde haben; aber die Brücke zwischen beiden, scheint es, muss von
neuem gebaut werden.
Es schlug Mitternacht, als Wally das saubergeschriebene Heft durchlesen hatte.
Die Wachskerze war tief heruntergebrannt, ihre Augen glühten, sie hatte Tränen
nötig, um den heissen Brand zu löschen. Aber die Tränen kamen nicht. Sie sass da,
versteinert wie Niobe, der man das Liebste und Teuerste wegschiesst. Rings war
alles grauenhaft still, nur der Uhrpendel schwang sich unterm Glase hin und her
und zählte die Minuten, die den Geistern auf Erden zu wandeln vergönnt waren.
Wally lebte nur in den Worten, die sie gelesen hatte, und flüsterte sich zu:
»Ich sterb' auch mit ihnen.« Dann ergriff sie mechanisch den kleinen Kerzenrest,
der noch brannte, und schritt in ihr Schlafgemach, einen finstern, dämonischen
Schatten werfend.
Noch sechs Monate hielt Wally ein Leben aus, dessen Stütze weggenommen war. Sie,
die Zweiflerin, die Ungewisse, die Feindin Gottes, war sie nicht frömmer als
die, welche sich mit einem nicht verstandenen Glauben beruhigen? Sie hatte die
tiefe Überzeugung in sich, dass ohne Religion das Leben des Menschen elend ist.
Sie ging nun damit um, dem ihrigen ein Ende zu machen.
    Je unerschütterlicher sich dieser Gedanke bei ihr festgesetzt hatte, desto
mehr suchte sie ihn äusserlich zu verbergen. Sie zeigte sogar, je gewisser sie
mit sich selbst wurde, eine heitre Unbefangenheit, die die Rückkehr ihrer
frühern Laune hoffen liess.
    Sie war viel auf ihrem Zimmer allein, weinte und rang; aber beten konnte sie
nicht. Sie warf sich wohl oft verzweifelnd auf die Knie, aber wie eine eherne
Mauer stand es vor ihr, wenn sie flehend die Hand ausstreckte. Sie schrieb noch
einzelne ihren Seelenzustand verratende Aphorismen in ihr Tagebuch; die meisten
bewegten sich um den Gedanken des Todes. An der Ursache desselben hatte sie
nichts mehr, was sie in sich ändern konnte. Eine Stelle, welche man später im
Buche fand, war ganz mit Tränen durchnässt. Man konnte das an der geronnenen
Dinte und dem zerknitterten Papiere sehen. Sie hiess:
O Jesus! Nie warst du mir teurer als tränenvergiessend im Garten von Getsemane!
Jesus! Du batest Gott, dass er den Kelch dieses herben Todes möchte an dir
vorübergehen lassen, du, du, der die Welt verändert hat! Und die Jünger
schliefen. Sie achteten deiner flehenden Stimme nicht, dass sie mit dir wachten,
dass sie mit dir weinten auf dem Ölberge. Ach, um mich schlafen sie alle, und
niemand kennt den Schmerz, der mich verzehrt, niemand wacht mit mir, niemand
betet für mich!
Es war an einem trüben und regnerischen Herbsttage. Die Kastanien prasselten von
den Bäumen. Der Wind schlug die Regenschauer an die nassen Fenster. Alles in der
Natur schien zu Grabe zu gehen. Wally sass einsam in ihrem Zimmer. Eine Uhr lag
neben ihr. Neben der Uhr ein rotes Tuch, das einen unsichtbaren Gegenstand
bedeckte.
    Eine Stunde verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte es. Man brachte
ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als man nach ihren Befehlen fragte.
    Sie trat ans Klavier und schlug einige Akkorde an. Es schlug sieben Uhr.
    Dann setzte sie sich und schrieb einige Zeilen:
Ich muss sterben, denn hassenswert schien' ich mir, wenn ich mich durch die Welt
schliche und mir selbst verbergen wollte, was ich leide. Wir erkennen Gott
nicht. Nun und nimmer mehr. Das tragische und der Menschheit würdige Schicksal
unsers Planeten wäre, dass er sich selbst anzündete und alle, die Leben atmen,
sich auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde würfen. Alle müssten sie sich
opfern - aus Hass gegen den Himmel; opfern, wie man Rechnungen verdirbt, die ohne
den Wirt gemacht werden. Alle! Alle! Dann wäre das Problem gelöst, und Gott
müsste eilen, sich neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Barbarischer Mord der
Völker untereinander, glaubt ihr, werde das Ende der Dinge sein? Die
wiedererwachende Roheit der Natur? Hyänen, die sich untereinander zerfleischen,
sind euch der Zweck der Geschichte? Grässlicher Gedanke! Prophezeihung, würdig
eines Henkers! Sie werden sterben, aber sie werden alle den Dolch in ihre eigene
Brust senken und eine grosse Kette der Freundschaft schliessen, die Menschen! Sie
werden sich fassen alle an ihrer Hand und mit der Rechten den Stoss vollbringen
und noch im Tode sich mit ihren Küssen bedecken. Sie werden sterben, weil sie
reif sind, weil sie das Höchste erreichten in Wissenschaft und Kunst, weil sie
alle ineinandergerechnet der Gotteit gleichkommen. Aber die Gotteit sitzt
hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprödes Antlitz und zögert,
zu kommen und sich zu entüllen. Was haben wir ihr getan?
Es schlug acht Uhr. Sie war in eine Aufregung gekommen, welche für ihren
Entschluss nicht passte. Was ist Sturm, Ungewitter, Herbst, was selbst der Schmerz
der Seele und des Herzens, wenn der Geist seine Gedanken aufrüttelt und die
Denkkraft ihre Fühlfäden ausschiesst? Das Denken erhält den Mut, den man am
Wissen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fühlen. Aber sie war
ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergisst, was es einmal wollte, und in
sich selbst kein grosses Register von Entschliessungen hat, wo sie wählen könnte.
Sie fiel in den alten Schmerz zurück.
    Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb:
Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie nichtig alle die
Beziehungen meiner Jugend! Und das war wohl des Todes wert; denn ich bin nichts,
nur Staub, nur Vernichtung. Mein Leben ist unnütz. Grüsset sie alle, grüsset den
Frühling des kommenden Jahres, wo ich tot sein werde und keines Vogels Ruf mich
wieder wecken wird. Ich danke euch allen, die mich liebten, und Dir, Dir, Cäsar;
allen! Allen!
Sie musste noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren verronnen in nasse
Punkte. Sie musste dann den Stoss vollbracht haben mit jenem Dolche, der ihrem
toten Bruder gehörte.
    Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu ihren Häupten.
Sie hatte mit beiden Händen den in das rote Tuch gewickelten und darin auch von
ihr während des Stosses gelassenen Dolch in ihr Herz gedrückt und lag da, nicht
lächelnd und ruhig, wie wohl in andern Fällen hier getroffen ist, sondern mit
krampfhafter Verzerrung ihres schönen Antlitzes und einem Ausdrucke der
Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken machte.
    Sie wurde mit Gepränge bestattet. Die, welche am Grabe standen, beweinten
nicht sie selbst, sondern nur ihre Jugend.
 
                           Wahrheit und Wirklichkeit
Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst überzeugt sein, dass in allem, was
geschieht, eine konsequente Offenbarung der Gottesidee liegt; und doch würde
niemand zu behaupten wagen, dass alles, was geschieht, alles, was wir als
geschehen beobachten können, etwas andres sei als die zufälligen Äusserlichkeiten
jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, dass alles gut ist, was geschieht;
glaube aber nicht, dass eben nur das geschehen kann, was geschieht. Unendlich ist
das Reich der Möglichkeit, jenes Schattenreich, das hinter den am Lichte der
Begebenheiten sichtbaren Erscheinungen liegt. Es gibt eine Welt, die, wenn sie
auch nur in unsern Träumen lebte, sich ebenso zusammensetzen könnte zur
Wirklichkeit wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die wir durch Phantasie und
Vertrauen zu combinieren vermögen. Schale Gemüter wissen nur das, was geschieht;
Begabte ahnen, was sein könnte; Freie bauen sich ihre eigne Welt.
    Zwei Garantien der unsichtbaren Welt sind die Religion und die Poesie. Jene
schliesst das Reich der Möglichkeit auf, um zu trösten; diese, weil sie die
Wirklichkeit erklären will. Beide beruhen auf Täuschungen, nur ist die Poesie
glücklicher, weil sie die Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es ist leichter, an
ein Gedicht als an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die
heimlichen Erklärungsmotive der Wirklichkeit, die Schöpfungen des Autors haben
die Analogie für sich und die Erde; aber der Himmel schwebt in der Luft und ist
trotz aller Philosophie ohne Massstab, wie Gott selbst.
    Die Geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahrheit und
Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemüter, welche wir die schalen nannten,
entschieden sich für die Wirklichkeit, die freien für die unsichtbare Wahrheit,
die begabten, die empfänglichen, die sogenannten Leute von Geschmack, Bildung
und Erziehung für das Mittlere zwischen beiden, für die Wahrscheinlichkeit. Und
so ist es noch. Bei jeder neuen Dichtung fragen die einen: »Wo geschah dies?«,
die andern: »Sollte dies geschehen können?« Nur die freien Gemüter entscheiden,
ohne zu fragen, weil sie es fühlen, dass das, was nicht geschieht, immer noch
wahr ist, selbst wenn es nicht geschehen kann.
    Alles, was die Wirklichkeit kopiert, ist für die Masse. Diese Gattung der
Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genremalerei bis zu den Romanen
von Walter Scott und Bulwer, bis zu den Dramen Ifflands und Kotzebues. Nur hell,
blank und geschliffen muss diese Literatur sein, weil sie der Wirklichkeit
gegenüber ein Spiegel ist, der sie treu auffässt und wiedergibt. Für die schalen
Gemüter ist nichts genialer, als sie selbst zu zeichnen, wie sie sind: ihre
Tante, ihre Katze, ihren Schal, ihre kleinen Sympatien, ihre Schwachheiten. Was
haben wir von euern Grillen, von euern Erfindungen, die in der Luft schweben?
Gebt uns uns selbst, dem Egoismus den Egoismus! Es gibt Kritiker und
Literatoren, die sich nur für das Kopieren der Wirklichkeit entusiasmieren
können. Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Konzession. England hat von
jeher diese Art der poetischen Darstellung bevorzugt, Deutschland ist
systematisch genug bearbeitet worden, hierin nachfolgen zu müssen. Die alte
Literatur steht bei uns versteinert da in Tempeln und in Walhallen, die mittlere
war keines Schusses Pulver wert, die neue hat nur noch ein schwankendes und
kaltes, von Politik und spekulativer Trägheit ganz darniedergehaltenes Publikum.
Darauf kömmt alles zurück: Man will von der Literatur keine Anstrengung haben;
die Literatur soll niemanden mehr eine unruhige Nacht machen, sie schildert, sie
porträtiert, sie stillt die Leselust mit Historie und Bulwer. Die Poesie ist
jetzt Selbstbefruchtung. Die Wirklichkeit nährt sich von ihrem eignen
bürgerlichen, überquellenden Fette.
    Menschen, die schon eine Stufe höher stehen, sind mit der Wahrscheinlichkeit
zufrieden. Sie wollen nur einige Voraussetzungen, die den Boden der Wirklichkeit
berühren; das übrige überlassen sie der Combination und Phantasie. Dies sind die
gemütlichen Leser, die sich durch poetische Schöpfungen in einen sanften
Halbschlummer wiegen lassen, die die Bücher nach der Elle konsumieren. Es muss
ihnen nichts zu nahe und nichts zu ferne liegen. Schwebend zwischen Himmel und
Erde, ganz willenlos hingegeben den Capricen des Dichters, freuen sie sich
zuletzt, dass nun alles, was sie gelesen haben, doch entweder nicht wahr ist oder
im entgegengesetzten Falle immer sehr wahrscheinlich bleibe.
    Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem, was wirklich
ist. Die poetische Wahrheit ist schöpferisch. Sie baut mit den geheimsten Fäden
der menschlichen Seele, sie combiniert nicht, wie der Staat, die Familie, die
Religion, die Sitten und das Herkommen combinieren, sondern revolutionär. Die
poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht niedergestreckt
auf den Boden der Wirklichkeit und hört, wie in den innersten Getrieben der
Gemüter eine embryonische Welt mit keimendem Bewusstsein wächst. Wer auf seine
Entwickelung lauscht, muss sich oft gestehen, dass ganze Gedichte in ihm sich
zusammenreimen aus Motiven, welche die Aussenwelt niemals anerkennen würde. Dies
sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den Dichter nicht entzücken? Die
Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht: aber die Modernen werden
es. Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die
im Schosse der still wirkenden und schaffenden Gotteit schlummern. Die Welt, wie
sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen; diese werden dem nüchternen
Vorwurfe der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt sein. Aber noch
immer ging das Genie seinem Jahrhunderte voraus.
    Zwei Tatsachen möcht' ich aus obigem folgern: die beide weniger literarisch
als historisch sind.
    Wenn man in Anschlag bringt, dass entschieden schon in der französischen
Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns allmählich eine Poesie der ideellen
Wahrheit und reellen Unwirklichkeit sich zu entfalten beginnt, wenn man diese
Frauengebilde betrachtet, welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter
erfindet, diese originellen Situationen und allem Herkommen widersprechenden
Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht für beziehungsreich halten für unser
zukünftiges Leben, für die Existenz in der Wirklichkeit, für die weite Unterlage
der Masse und des allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf
immer luftigeren Bahnen zu wandeln: sie schaffen sich ihre eignen Welten mit
Tronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richterstühlen, die ihre eigne
Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst, dessen
    Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut sich eine Wahrheit
der Dichtung auf, der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht,
eine ideelle Opposition, ein dichterisches Gegenteil unsrer Zeit, das einen
zweifachen Kampf wird zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit
selbst als konstituierte Macht mit physischer Autorität, sodann einen gegen die
Poesie der Wirklichkeit, welche so viel Dichter und so viel Kritiker für sich
hat.
    Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern
Schluss ziehen wollen als einen, der vielleicht ausserhalb der Literatur liegt,
den ich aber nicht verschweigen will, weil jedes, was die Menschheit ehrt, auf
den Lippen des Entusiasten brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentieren
mit der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man darf, ohne die
Menschheit zu beleidigen. Wir fürchten uns, den Zeitgenossen etwas zu entziehen,
wovon wir uns einbilden, dass es zu ihrem Leben nötig ist. Wir glauben an die
Institutionen in Sitte, Meinung und politischer Einrichtung wie an die
unerlässlichen Lebensbedingungen der Jahrhunderte. Als wenn die Menschheit keine
innern Quellen hätte! Als wenn sie unterginge, wenn ihr sie aus dieser ganzen
Sündflut ihrer Existenz plötzlich nackt und noch triefend auf den Ararat
versetztet! Als wenn die Menschheit nicht immer die erste sein wird, die sich
hilft, und diejenige, welche für sich den besten Rat weiss! Sie zucken die
Achseln wie unvorsichtige Ärzte, sie fürchten für das Leben des Patienten und
quacksalbern an den alten Schäden herum; aber nehmt der Menschheit ein Bein ab:
sie wird sich ein neues machen; nehmt ihr, um nur eines, was unmöglich scheint,
zu nennen, z.B. das Christentum: glaubt ihr, dass sie untergehen wird? Nehmt ihr
eure Gesetzbücher, eure Verfassungen - nehmt ihr zuletzt das, worauf gleichsam
alles ankommen soll, nehmt ihr euch selbst! - und die Menschheit wird
fortbestehen. Sie wird alles ertragen und durch Felsen vom stärksten Granit noch
immer einen Weg finden, der sie zu ihrem Ziele führt.
 
    