
        
                               Bettina von Arnim
                      Goetes Briefwechsel mit einem Kinde
                                 Seinem Denkmal
                                   Erster Teil
                              Dem Fürsten Pückler
  Haben sie von deinen Fehlen
 Immer viel erzählt,
 Und fürwahr, sie zu erzählen
 Vielfach sich gequält.
 Hätten sie von deinem Guten
 Freundlich dir erzählt,
 Mit verständig treuen Winken
 Wie man Bess'res wählt:
 O gewiss! Das Allerbeste
 Blieb uns nicht verhehlt,
 Das fürwahr nur wenig Gäste
 In der Klause zählt. -
                                                            (Westöstlicher Divan
                                                           Buch der Betrachtung)
Es ist kein Geschenk des Zufalls oder der Laune, was Ihnen hier dargebracht
wird. Aus wohlüberlegten Gründen und mit freudigem Herzen biete ich Ihnen an,
das Beste was ich zu geben vermag. Als Zeichen meines Dankes für das Vertrauen,
was Sie mir schenken.
    Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu
prüfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren, das Rätselhafte in
ihr aufzulösen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Täuschungen aus, erzeugt
hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der
Freiheit, das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit
anzuerkennen. In solchen Verwirrungen waren auch meine Ansichten von Ihnen
verstrickt, während Sie aus eigner Bewegung, jedes verkleinernde Urteil über
mich abweisend, mir freundlich zutrauten: »Sie würden Herz und Geist durch mich
bereichern können«, wie sehr hat mich dies beschämt! - Die Einfachheit Ihrer
Ansichten, Ihrer sich selbst beschauenden, selbstbildenden Natur, Ihr leiser
Takt für fremde Stimmung, Ihr treffendes fertiges Sprachorgan; sinnbildlich
vieldeutig in melodischem Stil innere Betrachtung wie äussere Gegenstände
darstellend, diese Naturkunst Ihres Geistes, alles hat mich vielfältig über Sie
zurechtgewiesen und mich mit jenem höheren Geist in Ihnen bekannt gemacht, der
so manche Ihrer Äusserungen idealisch parodiert.
    Einmal schrieben Sie mir: »Wer meinen Park sieht, der sieht in mein Herz.« -
Es war im vorigen Jahr in der Mitte September, dass ich am frühen Morgen, wo eben
die Sonne ihre Strahlen ausbreitete, in diesen Park eintrat; es war grosse Stille
in der ganzen Natur, reinliche Wege leiteten mich zwischen frischen
Rasenplätzen, auf denen die einzelnen Blumenbüsche noch zu schlafen schienen;
bald kamen geschäftige Hände, ihrer zu pflegen, die Blätter, die der Morgenwind
abgeschüttelt hatte, wurden gesammelt und die verwirrten Zweige geordnet; ich
ging noch weiter an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Stunden nach allen
Richtungen, so weit ich kam, fand ich dieselbe Sorgfalt und eine friedliche
Anmut, die sich über alles verbreitete. So entwickelt und pflegt der Liebende
den Geist und die Schönheit des Geliebten, wie Sie hier ein anvertrautes Erbteil
der Natur pflegen. Gern will ich glauben, dass dies der Spiegel Ihres tiefsten
Herzens sei, da es so viel Schönes besagt; gern will ich glauben, dass das
einfache Vertrauen zu Ihnen nicht minder gepflegt und geschützt sei als jede
einzelne Pflanze Ihres Parks. Dort hab ich Ihnen auch aus meinen Briefen und dem
Tagebuch an Goete vorgelesen, Sie haben gern zugehört; ich gebe sie Ihnen jetzt
hin, beschützen Sie diese Blätter wie jene Pflanzen, und so treten Sie abermals
hier zwischen mich und das Vorurteil derer, die schon jetzt, noch eh sie es
kennen, dies Buch als unecht verdammen und sich selbst um die Wahrheit betrügen.
    Lassen Sie uns einander gut gesinnt bleiben, was wir auch für Fehler und
Verstosse in den Augen anderer haben mögen, die uns nicht in demselben Lichte
sehen, wir wollen die Zuversicht zu einer höheren Idealität, die so weit alle
zufällige Verschuldungen und Missverständnisse und alle angenommene und
herkömmliche Tugend überragt, nicht aufgeben. Wir wollen die mannigfaltigen
edlen Veranlassungen, Bedeutungen und Interesse, verstanden und geliebt zu
werden, nicht verleugnen, ob andre es auch nicht begreifen, so mag es ihnen ein
Rätsel bleiben.
    Im August 1834
                                                                   Bettina Arnim
 
                                    Vorrede
Dies Buch ist für die Guten und nicht für die Bösen.
    Während ich beschäftigt war, diese Papiere für den Druck zu ordnen, hat man
mich vielfältig bereden wollen, manches auszulassen oder anders zu wenden, weil
es Anlass geben könne zu Missdeutungen. Ich merkte aber bald, man mag nur da guten
Rat annehmen, wo er der eignen Neigung nicht widerspricht. Unter den vielen
Ratgebern war nur einer, dessen Rat mir gefiel; er sagte: »Dies Buch ist für die
Guten und nicht für die Bösen; nur böse Menschen können es übel ausdeuten,
lassen Sie alles stehen, wie es ist, das gibt dem Buch seinen Wert, und Ihnen
kann man auch nur Dank wissen, dass Sie das Zutrauen haben, man werde nicht
missdeuten, was der gute Mensch nie missverstehen kann.« - Dieser Rat leuchtete
mir ein, er kam von dem Faktor der Buchdruckerei von Trowitzsch und Sohn, Herrn
Klein, derselbe, der mir Druck und Papier besorgte, Ortographiefehler
korrigierte, Komma und Punkt zurechtrückte und bei meinem wenigen Verstand in
diesen Sachen viel Geduld bewies. Diese seine ausgesprochne Meinung bestärkte
mich darin, dass ich den bösen Propheten und den ängstlichen Ansichten der
Ratgebenden nicht nachgab. Wie auch der Erfolg dieses Rates ausfallen mag, ich
freue mich seiner, da er unbezweifelt von den Guten als der edelste anerkannt
wird, die es nicht zugeben werden, dass die Wahrheit eines freudigen Gewissens
sich vor den Auslegungen der Bösen flüchte. -
    Auch dem Herrn Kanzler von Müller in Weimar sage ich Dank, dass er auf meine
Bitte sich bemühte, trotz dem Drang seiner Geschäfte, meine Briefe aus Goetes
umfassendem Nachlass hervorzusuchen, es sind jetzt achtzehn Monate, dass ich sie
in Händen habe; er schrieb mir damals: »So kehre denn dieser unberührte Schatz
von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zurück, von der er ausgeströmt! Aber
eins möchte ich mir zum Lohn meiner gemess'nen Vollziehung Ihres Wunsches und
Willens wie meiner Entaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten. -
Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswärmsten
Korrespondenz; ich werde es heilig aufbewahren, nicht zeigen noch kopieren
lassen, aber mich zuweilen dabei still erfreuen, erbauen oder betrüben, je
nachdem der Inhalt sein wird; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken,
einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts, das dem grössten und herrlichsten
Menschen zuströmte, daran besitzen.« - Ich habe diese Bitte nicht befriedigt,
denn ich war zu eifersüchtig auf diese Blätter, denen Goete eine ausgezeichnete
Teilnahme geschenkt hatte, sie sind meistens von seiner Hand korrigiert, sowohl
Ortographie als auch hie und da Wortstellung, manches ist mit Rötel
unterstrichen, anderes wieder mit Bleistift, manches ist eingeklammert, anderes
ist durchstrichen. - Da ich ihn nach längerer Zeit wiedersah, öffnete er ein
Schubfach, worin meine Briefe lagen, und sagte: »Ich lese alle Tage darin.«
Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer. Als ich jetzt diese Briefe
wieder las, mit diesen Spuren seiner Hand, da empfand ich denselben Schauer, und
ich hätte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Blätter trennen mögen.
Ich habe also die Bitte des Kanzler von Müller mit Schweigen übergangen, aber
nicht undankbar vergessen; möge ihm der Gebrauch, den ich davon gemacht habe,
beides, meinen Dank und meine Rechtfertigung, beweisen.
 
                        Briefwechsel mit Goetes Mutter
                               Liebste Frau Rat!
                                                                 Am 1. März 1807
Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung, um den Eingang in unsere
Korrespondenz zu machen. Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsschoss, als dem Hafen
stiller Erwartung, abgesegelt bin, hat der Sturmwind noch immer den Atem
angehalten, und das Einerleileben hat mich wie ein schleichend Fieber um die
schöne Zeit gebracht. Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht, die ich auf
der Schawell zu Ihren Füssen hatte, nicht die auf den Knopf des Katarinenturms,
noch auf die Feueresse der russigen Zyklopen, die den goldnen Brunnen bewachen;
nein! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen Blick, der ausspricht, was der
Mund nicht sagen kann. - Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer,
aber das köstliche Netz, in dem mich Ihre mütterliche Begeistrung eingefangen,
macht mich gleichgültig für alle. Neben mir an, Tür an Tür, wohnt der Adjutant
des Königs; er hat rotes Haar, grosse blaue Augen, ich weiss einen, der ihn für
unwiderstehlich hält, der ist er selber. Vorige Nacht weckte er mich mit seiner
Flöte aus einem Traum, den ich für mein Leben gern weiter geträumt hätte, am
andern Tag bedankt ich mich, dass er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen
habe; er glaubte, es sei mein Ernst, und sagte, ich sei eine Betschwester,
seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich, dass ich mich nicht
drüber ärgere; - ich kann aber doch die Franzosen gut leiden.
    Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet. Ich kam vom Spaziergang und fand den
Rotschild vor der Tür mit einem schönen Schimmel; er sagte: es sei ein Tier wie
ein Lamm, und ob ich mich nicht draufsetzen wolle? - Ich liess mich gar nicht
bitten, kaum war ich aufgestiegen, so nahm das Lamm Reissaus und jagte in vollem
Galopp mit mir die Wilhelmshöher Allee hinauf, ebenso kehrte es wieder um. Alle
kamen totenblass mir entgegen, das Lamm blieb plötzlich stehen, und ich sprang
ab; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck; - ich fragte: »Was ist denn
passiert?« - »Ei, der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen!« - »So!« sagt ich,
»das hab ich nicht gewusst.« - Rotschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch
dem Pferde den Schweiss ab, legte ihm seinen Überrock auf den Rücken, damit es
sich nicht erkälten solle, und führte es in Hemdärmel nach Haus; er hatte
gefürchtet, es nimmermehr wiederzusehen. - Wie ich am Abend in die Gesellschaft
kam, nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester, sie riefen alle
einstimmig: »Ah l'héroïne!«
    Leb Sie wohl, ruf ich Ihr aus meiner Traumwelt zu, denn auch über mich
verbreitet sich ein wenig diese Gewalt. Ein gar schöner (ja ich müsste blind
sein, wenn ich dies nicht fände), nun, ein feiner, schlanker brauner Franzose
sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an, er naht sich bescheiden, er
bewahrt die Blume, die meiner Hand entfällt, er spricht von meiner
Liebenswürdigkeit; Frau Rat, wie gefällt einem das? - Ich tue zwar sehr kalt und
ungläubig, wenn man indessen in meiner Nähe sagt: »Le roi vient«, so befällt
mich immer ein kleiner Schreck, denn so heisst mein liebenswürdiger Verehrer.
    Ich wünsche Ihr eine gute Nacht, schreib Sie mir bald wieder.
                                                                         Bettine
 
                           Goetes Mutter an Bettine
                                                                Am 14. März 1807
Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfass
bis oben vollgegossen, und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist, dass man
keinen Hund vor die Tür jagt, so sollst Du auch gleich eine Antwort haben. Liebe
Bettine, ich vermisse Dich sehr in der bösen Winterzeit; wie bist Du doch im
vorigen Jahr so vergnügt dahergesprungen kommen? - Wenn's kreuz und quer
schneite, da wusst ich, das war so ein recht Wetter für Dich, ich braucht nicht
lange zu warten, so warst Du da. Jetzt guck ich auch immer noch aus alter
Gewohnheit nach der Ecke von der Katarinenpfort, aber Du kommst nicht, und weil
ich das ganz gewiss weiss, so kümmert's mich. Es kommen Visiten genug, das sind
aber nur so Leutevisiten, mit denen ich nichts schwätzen kann.
    Die Franzosen hab ich auch gern - das ist immer ein ganz ander Leben, wenn
die französische Einquartierung hier auf dem Platz ihr Brot und Fleisch
ausgeteilt kriegt, als wenn die preussische oder hessische Holzböck einrücken.
    Ich hab recht meine Freud gehabt am Napoleon, wie ich den gesehen hab; er
ist doch einmal derjenige, der der ganzen Welt den Traum vorzaubert, und dafür
können sich die Menschen bedanken, denn wenn sie nicht träumten, so hätten sie
auch nichts davon und schliefen wie die Säck, wie's die ganze Zeit gegangen ist.
    Amüsiere Dich recht gut und sei lustig, denn wer lacht, kann keine Todsünd
tun.
    Deine Freundin
                                                                Elisabet Goete
Nach dem Wolfgang frägst Du gar nicht; ich hab Dir's ja immer gesagt: wart nur
bis einmal ein andrer kommt, so wirst Du schon nicht mehr nach ihm seufzen.
 
                                   Frau Rat!
                                                                Am 20. März 1807
Geh Sie doch mit Ihren Vorwürfen; - das antwort ich Ihr auf Ihre Nachschrift,
und sonst nichts.
    Jetzt rat Sie einmal, was der Schneider für mich macht. Ein Andrieng? -
Nein! Eine Kontusche? - Nein! Einen Joppel? - Nein! Eine Mantille? - Nein! Ein
paar Boschen? - Nein! Einen Reifrock? - Nein! Einen Schlepprock? - Nein! Ein
Paar Hosen? - Ja! - Vivat - jetzt kommen andre Zeiten angerückt - und auch eine
Weste und ein Überrock dazu. Morgen wird alles anprobiert, es wird schon sitzen,
denn ich hab mir alles bequem und weit bestellt, und dann werf ich mich in eine
Chaise und reise Tag und Nacht Kurier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und
Freund durch; alle Festungen tun sich vor mir auf, und so geht's fort bis
Berlin, wo einige Geschäfte abgemacht werden, die mich nichts angehn. Aber dann
geht's eilig zurück und wird nicht eher haltgemacht bis Weimar. O Frau Rat, wie
wird's denn dort aussehen? - Mir klopft das Herz gewaltig, obschon ich noch bis
zu Ende April reisen kann, ehe ich dort hinkomme. Wird mein Herz auch Mut genug
haben, sich ihm hinzugeben? - Ist mir's doch, als ständ er eben vor der Tür! -
Alle Adern klopfen mir im Kopf; ach wär ich doch bei Ihr! - Das allein könnt
mich ruhig machen, dass ich säh, wie Sie auch vor Freud ausser sich wär, oder
wollt mir einer einen Schlaftrunk geben, dass ich schlief, bis ich bei ihm
erwachte. Was werd ich ihm sagen? - Ach, nicht wahr, er ist nicht hochmütig? -
Von Ihr werd ich ihm auch alles erzählen, das wird er doch gewiss gern hören.
Adieu, leb Sie wohl und wünsch Sie mir im Herzen eine glückliche Reis. Ich bin
ganz schwindlig.
                                                                         Bettine
Aber das muss ich Ihr doch noch sagen, wie's gekommen ist. Mein Schwager kam und
sagte, wenn ich seine Frau überreden könne, in Männerkleidern mit ihm eine weite
Geschäftsreise zu machen, so wolle er mich mitnehmen und auf dem Rückweg mir
zulieb über Weimar gehen. Denk Sie doch, Weimar schien mir immer so entfernt,
als wenn es in einem andern Weltteil läg, und nun ist's vor der Tür.
 
                                Liebe Frau Rat!
                                                                  Am 5. Mai 1807
Eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen, beste Frau Mutter, darin
sich eine Tasse befindet; es ist das sehnlichste Verlangen, Sie wieder zu sehen,
was mich treibt, Ihr solche unwürdige Zeichen meiner Verehrung zu senden. Tue
Sie mir den Gefallen, Ihren Tee früh morgens draus zu trinken, und denk Sie
meiner dabei. - Ein Schelm gibt's besser, als er's hat.
    Den Wolfgang hab ich endlich gesehen; aber ach, was hilft's? Mein Herz ist
geschwellt wie das volle Segel eines Schiffs, das fest vom Anker gehalten ist am
fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurück möchte.
    Adieu, meine liebe gute Frau Mutter, halt Sie mich lieb.
                                                                Bettine Brentano
 
                           Goetes Mutter an Bettine
                                                                 Am 11. Mai 1807
Was lässt Du die Flügel hängen? Nach einer so schönen Reise schreibst Du einen so
kurzen Brief, und schreibst nichts von meinem Sohn, als dass Du ihn gesehen hast;
das hab ich auch schon gewusst, und er hat mir's gestern geschrieben. Was hab ich
von Deinem geankerten Schiff? Da weiss ich soviel wie nichts. Schreib doch, was
passiert ist. Denk doch, dass ich ihn acht Jahre nicht gesehen hab und ihn
vielleicht nie wieder seh, wenn Du mir nichts von ihm erzählen willst, wer soll
mir dann erzählen? - Hab ich nicht Deine alberne Geschichten hundertmal
angehört, die ich auswendig weiss, und nun, wo Du etwas Neues erfahren hast,
etwas Einziges, wo Du weisst, dass Du mir die grösste Freud machen könntest, da
schreibst Du nichts. Fehlt Dir denn was? - Es ist ja nicht übers Meer bis nach
Weimar. Du hast ja jetzt selbst erfahren, dass man dort sein kann, bis die Sonne
zweimal aufgeht. - Bist Du traurig? - Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein
Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewiss liebt, und Du sollst mich Mutter heissen
in Zukunft für alle Täg, die mein spätes Alter noch zählt, es ist ja doch der
einzige Name, der mein Glück umfasst.
    Deine treue Freundin
                                                                Elisabet Goete
Vor die Tasse bedank ich mich.
 
                               An Goetes Mutter
                                                                 Am 16. Mai 1807
Ich hab gestern an Ihren Sohn geschrieben; verantwort Sie es bei ihm. - Ich will
Ihr auch gern alles schreiben, aber ich hab jetzt immer so viel zu denken, es
ist mir fast eine Unmöglichkeit, mich loszureissen, ich bin in Gedanken immer bei
ihm; wie soll ich denn sagen, wie es gewesen ist? - Hab Sie Nachsicht und
Geduld; ich will die ander Woch nach Frankfurt kommen, da kann Sie mir alles
abfragen.
    Ihr Kind
                                                                         Bettine
Ich lieg schon eine Weile im Bett, und da treibt mich's heraus, dass ich Ihr
alles schreib von unserer Reise. - Ich hab Ihr ja geschrieben, dass wir in
männlicher Kleidung durch die Armeen passierten. Gleich vorm Tor liess uns der
Schwager aussteigen, er wollte sehen, wie die Kleidung uns stehe. Die Lulu sah
sehr gut aus, denn sie ist prächtig gewachsen, und die Kleidung war sehr passend
gemacht; mir war aber alles zu weit und zu lang, als ob ich's auf dem
Grempelmarkt erkauft hätte. Der Schwager lachte über mich und sagte, ich sähe
aus wie ein Savoyardenbube, ich könnte gute Dienste leisten. Der Kutscher hatte
uns vom Weg abgefahren durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wusst er
nicht wohinaus; obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen
Reise, so hatt ich doch Angst, wir könnten uns verirren und kämen dann zu spät
nach Weimar; ich klettert auf die höchste Tanne, und da sah ich bald, wo die
Chaussee lag. Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht; ich hatte eine Mütze
auf von Fuchspelz, der Fuchsschwanz hing hinten herunter. Wenn wir auf die
Station kamen, schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen. Mit
den Postillons sprach ich gebrochen Deutsch, als wenn ich ein Franzose wär. Im
Anfang war schön Wetter, als wollt es Frühling werden, bald wurd es ganz kalter
Winter; wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen, alles
bereift, untadelhaft, nicht eine Menschenseele war des Wegs gefahren, der ganz
weiss war; noch obendrein schien der Mond in dieses verödete Silberparadies, eine
Totenstille - nur die Räder pfiffen von der Kälte. Ich sass auf dem Kutschersitz
und hatte gar nicht kalt; die Winterkält schlägt Funken aus mir; - wie's nah an
die Mitternacht rückte, da hörten wir pfeifen im Walde; mein Schwager reichte
mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte, ob ich Mut habe loszuschiessen, wenn die
Spitzbuben kommen, ich sagte: »Ja.« Er sagte: »Schiessen Sie nur nicht zu früh.«
Die Lulu hatte grosse Angst im Wagen, ich aber unter freiem Himmel, mit der
gespannten Pistole, den Säbel umgeschnallt, unzählige funkelnde Sterne über mir,
die blitzenden Bäume, die ihren Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen
Weg warfen - das alles machte mich kühn auf meinem erhabenen Sitz. - Da dacht
ich an ihn, wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet hätte, ob das nicht
einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben würde, dass er Lieder auf mich
gemacht hätte und mich nimmermehr vergessen. Jetzt mag er anders denken, - er
wird erhaben sein über einen magischen Eindruck; höhere Eigenschaften (wie soll
ich die erwerben?) werden ein Recht über ihn behaupten. Wenn nicht Treue -
ewige, an seine Schwelle gebannt, mir endlich ihn erwirbt! So war ich in jener
kalten hellen Winternacht gestimmt, in der ich keine Gelegenheit fand, mein
Gewehr loszuschiessen, erst wie der Tag anbrach, erhielt ich Erlaubnis
loszudrücken; der Wagen hielt, und ich lief in den Wald und schoss in die dichte
Einsamkeit Ihrem Sohn zu Ehren mutig los, indessen war die Achse gebrochen; wir
fällten einen Baum mit dem Beil, das wir bei uns hatten, und knebelten ihn mit
Stricken fest; da fand denn mein Schwager, dass ich sehr anstellig war, und lobte
mich. So ging's fort bis Magdeburg; präzis sieben Uhr abends wird die Festung
gesperrt, wir kamen eine Minute nachher und mussten bis den andern Morgen um
sieben halten; es war nicht sehr kalt, die beiden im Wagen schliefen. In der
Nacht fing's an zu schneien, ich hatte den Mantel über den Kopf genommen und
blieb ruhig sitzen auf meinem freien Sitz; am Morgen guckten sie aus dem Wagen,
da hatte ich mich in einen Schneemann verwandelt, aber noch eh sie recht
erschrecken konnten, warf ich den Mantel ab, unter dem ich recht warm gesessen
hatte. In Berlin war ich wie ein Blinder unter vielen Menschen, und auch
geistesabwesend war ich, an nichts konnt ich teilnehmen, ich sehnte mich nur
immer nach dem Dunkel, um von nichts zerstreut zu sein, um an die Zukunft denken
zu können, die so nah gerückt war. Ach, wie oft schlug es da Alarm! - plötzlich,
unversehens, mitten in die stille Ruhe, ich wusste nicht von was. Schneller, als
ich's denken konnte, hatte mich ein süsser Schrecken erfasst. O Mutter, Mutter!
denk Sie an Ihren Sohn, wenn Sie wüsste, sie sollte ihn in kurzer Zeit sehen, sie
wär auch wie ein Blitzableiter, in den alle Gewitter einschlügen. - Wie wir nur
noch wenig Meilen von Weimar waren, da sagte mein Schwager, er wünsche nicht den
Umweg über Weimar zu machen und lieber eine andre Strasse zu fahren. Ich schwieg
stille, aber die Lulu litt es nicht; sie sagte: »Einmal wär mir's versprochen
und er müsste mir Wort halten.« - Ach Mutter! - das Schwert hing an einem Haar
über meinem Haupt, aber ich kam glücklich drunter weg.
    In Weimar kamen wir um zwölf Uhr an; wir assen zu Mittag, ich aber nicht. Die
beiden legten sich aufs Sofa und schliefen; drei Nächte hatten wir durchwacht.
»Ich rate Ihnen,« sagte mein Schwager, »auch auszuruhen; der Goete wird sich
nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besondres wird
auch nicht an ihm zu sehen sein.« Kann Sie denken, dass mir diese Rede allen Mut
benahm? - Ach, ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich war ganz allein in der
fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet; ich stand am Fenster und sah
nach der Turmuhr, eben schlug es halb drei. - Es war mir auch so, als ob sich
Goete nichts draus machen werde, mich zu sehen; es fiel mir ein, dass ihn die
Leute stolz nennen; ich drückte mein Herz fest zusammen, dass es nicht begehren
solle; - auf einmal schlug es drei Uhr. Und da war's doch auch grad, als hätte
er mich gerufen, ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten, kein Wagen war da,
eine Portechaise? Nein, sagt ich, das ist eine Equipage fürs Lazarett. Wir
gingen zu Fuss. Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Strasse, über den
dicksten Morast musste ich mich tragen lassen, und so kam ich zu Wieland, nicht
zu Ihrem Sohn. Den Wieland hatte ich nie gesehen, ich tat, als sei ich eine alte
Bekanntschaft von ihm, er besann sich hin und her und sagte: »Ja, ein lieber
bekannter Engel sind Sie gewiss, aber ich kann mich nur nicht besinnen, wann und
wo ich Sie gesehen habe.« Ich scherzte mit ihm und sagte: »Jetzt hab ich's
herausgekriegt, dass Sie von mir träumen, denn anderswo können Sie mich unmöglich
gesehen haben.« Von ihm liess ich mir ein Billett an Ihren Sohn geben, ich hab es
mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt; und hier schreib ich's Ihr
ab. »Bettina Brentano, Sophiens Schwester, Maximilianens Tochter, Sophie La
Roches Enkelin wünscht Dich zu sehen, l. Br., und gibt vor, sie fürchte sich vor
Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, würde ein Talisman sein, der ihr
Mut gäbe. Wiewohl ich ziemlich gewiss bin, dass sie nur ihren Spass mit mir treibt,
so muss ich doch tun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's
nicht ebenso wie mir geht. Den 23. April 1807
                                                                             W.«
Mit diesem Billett ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenüber; wie
rauschte mir das Wasser so betäubend - ich kam die einfache Treppe hinauf, in
der Mauer stehen Statuen von Gips, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich könnte
nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch
feierlich. In den Zimmern ist die höchste Einfachheit zu Hause, ach so
einladend! »Fürchte dich nicht«, sagten mir die bescheidnen Wände, »er wird
kommen und wird sein, und nicht mehr sein wollen wie Du «, - und da ging die Tür
auf, und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an; ich
streckte die Hände nach ihm, glaub ich, - bald wusst ich nichts mehr, Goete fing
mich rasch auf an sein Herz. »Armes Kind, hab ich Sie erschreckt«, das waren die
ersten Worte, mit denen seine Stimme mir ins Herz drang; er führte mich in sein
Zimmer und setzte mich auf den Sofa gegen sich über. Da waren wir beide stumm,
endlich unterbrach er das Schweigen: »Sie haben wohl in der Zeitung gelesen, dass
wir einen grossen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch den Tod der
Herzogin Amalie.» »Ach!« sagt ich, »ich lese die Zeitung nicht.« - »So! - Ich
habe geglaubt, alles interessiere Sie, was in Weimar vorgehe.« - »Nein, nichts
interessiert mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung
zu blättern.« - »Sie sind ein freundliches Kind.« - Lange Pause - ich auf das
fatale Sofa gebannt, so ängstlich. Sie weiss, dass es mir unmöglich ist, so
wohlerzogen da zu sitzen. - Ach Mutter! Kann man sich selbst so überspringen? -
Ich sagte plötzlich: »Hier auf dem Sofa kann ich nicht bleiben,« und sprang auf.
- »Nun!« sagte er, »machen Sie sich's bequem;« nun flog ich ihm an den Hals, er
zog mich aufs Knie und schloss mich ans Herz. - Still, ganz still war's, alles
verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen in Sehnsucht
nach ihm - ich schlief an seiner Brust ein; und da ich aufgewacht war, begann
ein neues Leben. Und mehr will ich Ihr diesmal nicht schreiben.
                                                                         Bettine
                                                                  September 1807
Frau Rat, so oft mir was Komisches begegnet, so denk ich an Sie, und was das für
ein Jubel und für eine Erzählung sein würde, wenn Sie es selbst erlebt hätte.
Hier, in dem traubenreichen Mildeberg, sitze ich bei meinem Herrn Schwab, der
ehmals bei unserm Vater Schreiber war und uns Kinder alle mit seinen Märchen
grossgezogen hat. Er kann zum wenigsten so gut erzählen wie Sie, aber er
schneidet auf und verbraucht Juden- und Heidentum, die entdeckte und unentdeckte
Welt zur Dekoration seiner Abenteuer; Sie aber bleibt bei der Wahrheit, aber mit
so freudigen Ausrufungszeichen, dass man wunder denkt, was passiert ist. Ich habe
das Eichhörnchen, was Sie mir mitgab, im grossen Eichenwald ins Freie gesetzt, es
war Zeit - die fünf Meilen, die es im Wagen fuhr, hat es grossen Schaden gemacht,
und im Wirtshaus hat es über Nacht dem Bürgermeister die Pantoffel zerfressen.
Ich weiss gar nicht, wie Sie es gemacht hat, dass es Ihr nicht alle Gläser
umgeworfen, alle Möbel angenagt und alle Hauben und Tocken beschmutzt hat. Mich
hat's gebissen, aber im Andenken an den schönen stolzen Franzosen, der es auf
seinem Helm vom südlichen Frankreich bis nach Frankfurt in Ihr Haus gebracht
hat, hab ich ihm verziehen. Im Wald setzte ich's auf die Erde, wie ich wegging,
sprang es wieder auf meine Schulter und wollte von der Freiheit nichts
profitieren, und ich hätt's gern wieder mitgenommen, weil mich's lieber hatte
als die schönen grünen Eichbäume. Wie ich aber in den Wagen kam, machten die
andern so grossen Lärm und schimpften so sehr auf unsern lieben Stubenkameraden,
dass ich's in den Wald tragen musste. Ich liess dafür auch lange warten; ich suchte
mir den schönsten Eichbaum im ganzen Wald und kletterte hinauf. Da oben liess
ich's aus seinem Beutel, - es sprang gleich lustig von Ast zu Ast und machte
sich an die Eicheln, unterdessen kletterte ich hinunter. Wie ich unten ankam,
hatte ich die Richtung nach dem Wagen verloren, und obschon ich nach mir rufen
hörte, konnte ich gar nicht unterscheiden, wo die Stimmen herkamen. Ich blieb
stehen, bis sie herbeikamen, um mich zu holen; sie zankten alle auf mich, ich
schwieg still, legte mich im Wagen auf drei Selterskrüge unten am Boden und
schlief einen herrlichen Schlaf, bis bei Mondschein, wo der Wagen umfiel, ganz
sanft, dass niemand beschädigt ward. Eine nussbraune Kammerjungfer flog vom Bock
und legte sich am flachen Mainufer in romantischer Unordnung grade vor das
Mondantlitz in Ohnmacht; zwei Schachteln mit Blonden und Bändern flogen etwas
weiter und schwammen ganz anständig den Main hinab; ich lief nach, immer im
Wasser, das jetzt bei der grossen Hitze sehr flach ist, alles rief mir nach, ob
ich toll sei, - ich hörte nicht, und ich glaub, ich wär in Frankfurt wieder
mitsamt den Schachteln angeschwommen, wenn nicht ein Nachen hervorgeragt hätte,
an dem sie haltmachten. Ich packte sie unter beide Ärme und spazierte in den
klaren Wellen wieder zurück. Der Bruder Franz sagte: »Du bist unsinnig,
Mädchen,« und wollte mit seiner sanften Stimme immer zanken; ich zog die nassen
Kleider aus, wurde in einen weichen Mantel gewickelt und in den zugemachten
Wagen gepackt. -
    In Aschaffenburg legte man mich mit Gewalt ins Bett und kochte mir
Kamillentee. Um ihn nicht zu trinken, tat ich, als ob ich fest schlafe. Da wurde
von meinen Verdiensten verhandelt, wie ich doch gar ein zu gutes Herz habe, dass
ich voll Gefälligkeit sei und mich selber nie bedenke, wie ich gleich den
Schachteln nachgeschwommen, und wenn ich die nicht wiedergefischt hätte, so
würde man morgen nicht haben mit der Toilette fertig werden können, um beim
Fürst Primas zu Mittag zu essen. Ach! sie wussten nicht, was ich wusste, - dass
nämlich unter dem Wust von falschen Locken, von goldnen Kämmen, Blonden, in
rotsamtner Tasche ein Schatz verborgen war, um den ich beide Schachteln ins
Wasser geworfen haben würde mit allem, was mein und nicht mein gehörte, und dass,
wenn diese nicht drin gewesen wär, so würde ich mich über die Rückfahrt der
Schachteln gefreut haben. In dieser Tasche liegt verborgen ein Veilchenstrauss,
den Ihr Herr Sohn, in Weimar in Gesellschaft bei Wieland, mir heimlich im
Vorübergehen zuwarf. - Frau Mutter, damals war ich eifersüchtig auf den Wolfgang
und glaubte, die Veilchen seien ihm von Frauenhand geschenkt; er aber sagte:
kannst du nicht zufrieden sein, dass ich sie dir gebe? - Ich nahm heimlich seine
Hand und zog sie an mein Herz, er trank aus seinem Glas und stellte es vor mich,
dass ich auch draus trinken sollte; ich nahm es mit der linken Hand und trank und
lachte ihn aus, denn ich wusste, dass er es hier hingestellt hatte, damit ich
seine Hand loslassen sollte. Er sagte: »Hast du solche List, so wirst du auch
wohl mich zu fesseln wissen mein Leben lang.« Ich sag Ihr, mach Sie sich nicht
breit, dass ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; - ich muss wohl jemand haben,
dem ich's mitteile. Wer ein schön Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie
ist der Spiegel meines Glücks, und das ist grade jetzt in seiner schönsten
Blüte, und da muss es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen. Ich bitte Sie,
klatsch Sie ihrem Herrn Sohn im nächsten Brief, den Sie gleich morgen schreiben
kann und nicht erst eine Gelegenheit abzuwarten braucht, dass ich dem
Veilchenstrauss in der Schachtel in kühler Mondnacht nachgeschwommen bin, wohl
eine Viertelstunde lang, so lang war es aber nicht, und dass die Wellen mich wie
eine Wassergöttin dahingetragen haben, - es waren aber keine Wellen, es war nur
seichtes Wasser, das kaum die leichten Schachteln hob; und dass mein Gewand
aufgebauscht war um mich her wir ein Ballon. Was sind denn die Reifröcke seiner
Jugendliebschaften alle gegen mein dahinschwimmendes Gewand! Sag Sie doch nicht,
Ihr Herr Sohn sei zu gut für mich, um einen Veilchenstrauss solche Lebensgefahr
zu laufen! Ich schliess mich an die Epoche der empfindsamen Romane und komme
glücklich im Werter an, wo ich denn gleich die Lotte zur Tür hinauswerfen
möchte. Ihr Herr Sohn hat einen schlechten Geschmack an dem weissen Kleide mit
Rosaschleifen. Ich will gewiss in meinem Leben kein weisses Gewand anziehen; grün,
grün sind alle meine Kleider.
    Apropos, guck Sie doch einmal hinter Ihren Ofenschirm, wo Sie immer die
schön bemalte Seite gegen die Wand stellt, damit die Sonne ihn nicht ausbleicht;
da wird Sie entdecken, dass das Eichhörnchen der Ofengöttin grossen Schaden getan
hat, und dass es ihr das ganze Angesicht blass gemacht hat. Ich wollt Ihr nichts
sagen, weil ich doch das Eichhörnchen gegen Ihren Befehl an den Ofenschirm
gebunden hatte, und da fürchtete ich, Sie könnte bös werden, drum hab ich's Ihr
schreiben wollen, damit Sie in meiner Abwesenheit Ihren Zorn kann austoben
lassen. Morgen geht's nach Aschaffenburg, da schreib ich Ihr mehr. Mein
Schawellchen soll die Lieschen ausklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen,
lasse Sie ja keinen andern drauf sitzen, adje, Fr. Rat, ich bin Ihre untertänige
Magd. -
 
                               An Frau Rat Goete
Frau Rat, Sie hat eine recht garstige Hand, eine wahre Katzenpfote, nicht die,
mit der Sie im Teater klatscht, wenn der Schauspieler Werdi wie ein Mülleresel
dahertrappst und tragisches Schicksal spielen will, nein, sondern die
geschriebene Hand ist hässlich und unleserlich. Mir kann Sie zwar immer so
undeutlich, wie Sie will, schreiben, dass ich ein albernes Ding bin; ich kann's
doch lesen, gleich am ersten grossen A. Denn was sollte es sonst heissen? Sie hat
mir's ja oft genug gesagt; aber wenn Sie an Ihren Herrn Sohn schreibt von mir,
befleissige Sie sich der Deutlichkeit; die Mildeberger Trauben hab ich noch
herausgekriegt, die Sie in chaldäischen und hebräischen Buchstaben verzeichnet
hat, ich werde Ihr eine ganze Schachtel voll bestellen, das hätt ich auch
ohnedem getan. Der Herr Schlosser hat mir übrigens nichts Besondres in Ihrem
Brief geschrieben. Ich kann das auch nicht leiden, dass Sie sich die Zeit von ihm
vertreiben lässt, wenn ich nicht da bin, und ich sag Ihr: lasse Sie ihn nicht auf
meiner Schawelle sitzen, er ist auch so einer, der Laute spielen will und
glaubt, er könne auf meiner Schawelle sitzen, und Sie auch, wenn Sie ihn so oft
sieht, so bild't Sie sich ein, er wär besser als ich; Sie hat so schon einmal
geglaubt, er wär ein wahrer Apoll von Schönheit, bis ich Ihr die Augen aufgetan
habe, und die Fr. Rat Schlosser hat gesagt, dass, wie er neugeboren war, so habe
man ihn auf ein grünes Billard gelegt, da habe er so schön abgestochen und habe
ausgesehen wie ein glänzender Engel; ist denn Abstechen eine so grosse Schönheit?
Adieu, ich sitze in einer Raufe, wo die Kuh den Klee herausfrisst, und schreibe;
schreib Sie das nicht an Ihren Sohn; das könnte ihm zu toll vorkommen, denn ich
selbst, wenn ich denke: ich fände meinen Schatz im Kuhstall sitzen und zärtliche
Briefe an mich schreiben, ich weiss auch nicht, wie ich mich benehmen sollte.
Doch sitze ich hier oben aus lauter Verzweiflung, und weil ich mich versteckt
habe, und weil ich allein sein möchte, um an ihn zu denken. Adieu Fr. Rat.
Wir haben gestern beim Primas zu Mittag gegessen, es war Fasttag; da waren
wunderliche Speisen, die Fleisch vorstellten und doch keins waren. Da wir ihm
vorgestellt wurden, fasste er mich am Kinn und nannte mich kleiner Engel,
liebliches Kind; ich fragte, wie alt er denn glaubt, dass ich sei? »Nun, zwölf
Jahre allenfalls.« »Nein, dreizehn«, sagte ich. »Ja«, sagte er, »das ist schon
alt, da müssen Sie bald regieren.«
                              (Die Antwort fehlt)
                                                                         Winckel
Liebe Frau Rat! - Alles, was ich aufgeschrieben habe, das will ich Ihr vorlesen;
Sie kann selbst sich überzeugen, dass ich nichts hinzugesetzt habe und das bloss
geschrieben, was meine Augen Ihr aus dem Mund gesogen haben, nur das kann ich
nicht begreifen, dass es aus Ihrem Mund so gescheit lautet, und dass meine Feder
es so dumm wiedergibt; dass ich nicht sehr klug bin, davon geb ich häufige
Beweise. Also das kann ich wohl zugeben, dass Sie zu den Leuten sagt, Sie
wünscht, sie wären alle so närrisch wie ich; aber sag Sie ja nicht, ich sei
klug, sonst kompromittiert Sie sich, und der Wirt in Kassel an der grossen
Rheinbrücke kann den Gegenbeweis führen. Es war so langweilig, bis unsere ganze
Bagage an der Douane untersucht war, ich nahm den Mückenplätscher und verfolgte
ein paar Mücken, sie setzten sich an die Fensterscheiben, ich schlug zu, die
Scheibe flog hinaus und mit ihr die Mücken in die goldne Freiheit, über den
grossen stolzen Rhein hinüber; der Wirt sagte, das war dumm; und ich war sehr
beschämt.
    Ach Fr. Mutter! Was ist hier in dem Langenwinkel für ein wunderlich Leben;
das soll schöne Natur sein und ist es auch gewiss, ich hab nur keinen Verstand,
es zu erkennen. Eh meine Augen hinüber auf den Johannisberg schweifen, werden
sie von ein paar schmutzigen Gassen in Beschlag genommen und von einem langen
Feld raupenfrässiger Zwetschen- und Birnbäume. Aus jedem Gaubloch hängen
Perlenschnüre von getrockneten Schnitzeln und Hutzeln; der Lohgerber gegen uns
über durchdampft alle Wohlgerüche der Luft; alle fünf Sinne gehören dazu, um
etwas in seiner Schönheit zu empfinden, und wenn auch die ganze Natur noch so
sehr entzückend wär und ihr Duft führte nicht auch den Beweis, so wär der Prozess
verloren.
    Die Orgel klingt auch ganz falsch hier in der Kirche. Man musste von Fr. bis
Winckel reisen, um eine so grobe Disharmonie zu Ehren Gottes aufführen zu hören.
    Leb Sie recht wohl.
                                                                         Bettine
Unser Kutscher wird Ihr eine Schachtel mit Pfirsich bringen, verderb Sie sich
nicht den Magen, denn der ist nicht göttlich und lässt sich leicht verführen.
    Wir waren am letzten Donnerstag mit den beiden Schlossers bis Lorch. Man
fuhr auf dem Wasser, Christian Schlosser glaubte die Wasserfahrt nicht vertragen
zu können und ging den Weg zu Fuss; ich ging mit ihm, um ihm die Zeit zu
vertreiben, aber ich hab's bereut. Zum erstenmal hab ich über den Wolfgang mit
einem andern gesprochen wie mit Ihr, und das war eine Sünde. Alles kann ich wohl
vertragen von ihm zu hören, aber kein Lob und keine Liebe; Sie hat Ihren Sohn
lieb und hat ihn geboren, das ist keine Sünde, und ich lasse mir's gefallen:
aber mehr nicht; die andern sollen nur keine weitere Prätensionen machen. Sie
frägt zwar, ob ich ihn allein gepachtet habe? - Ja, Fr. Rat, darauf kann ich Ihr
antworten. Ich glaub, dass es eine Art und Weise gibt, jemand zu besitzen, die
niemand streitig machen kann; diese üb ich an Wolfgang, keiner hat es vor mir
gekonnt, das weiss ich, trotz allen seinen Liebschaften, von denen sie mir
erzählt. - Vor ihm tu ich zwar sehr demütig, aber hinter seinem Rücken halte ich
ihn fest, und da müsste er stark zappeln, wenn er los will.
    Fr. Rat! - Ich kenne die Prinzen und Prinzessinnen nur aus der Zauberwelt
der Feenmärchen und aus Ihren Beschreibungen, und die geben einander nichts
nach; dort sind zwar die schönsten Prinzessinnen in Katzen verwandelt, und
gewöhnlich werden sie durch einen Schneider erlöst und geheiratet. Das überleg
Sie doch auch, wenn Sie wieder ein Märchen erfindet, und geb Sie diesem Umstand
eine moralische Erläuterung.
                                                                         Bettine
                              (Die Antwort fehlt)
Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er
schreibt: »Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb.« Diese lieben Zeilen
sind in mich eingedrungen wie ein erster Frühlingsregen; ich bin sehr vergnügt,
dass er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich weiss es wohl, dass er die ganze
Welt umfasst; ich weiss, dass ihn die Menschen sehen wollen und sprechen, dass ganz
Deutschland sagt: unser Goete. Ich aber kann Ihr sagen, dass mir bis heute die
allgemeine Begeistrung für seine Grösse, für seinen Namen noch nicht aufgegangen
ist. Meine Liebe zu ihm beschränkt sich auf das Stübchen mit weissen Wänden, wo
ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet
hinaufwächst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen hält; da
lässt er keinen Fremden ein, und da weiss er auch von nichts als nur von mir
allein. Frau Rat! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag ich's: wie ich ihn zum
erstenmal gesehen hatte, und ich kam nach Haus, da fand ich, dass ein Haar von
seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und
mein Herz war ergriffen, dass es auch in Flammen ausschlug, aber so heiter, so
lustig wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird,
und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehen: mein Leben lang
werde ich lustig in die Lüfte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher
sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich weiss, dass, wenn ich zu ihm komme,
er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkränze vergisst.
    Leb Sie wohl und schreib Sie ihm von mir.
 
                           Goetes Mutter an Bettine
                                                      Frankfurt, am 12. Mai 1808
Liebe Bettine! Deine Briefe machen mir Freude, und die Jungfer Lieschen, die sie
schon an der Adresse erkennt, sagt: »Fr. Rat, da bringt der Briefträger ein
Pläsier.« - Sei aber nicht gar zu toll mit meinem Sohn, alles muss in seiner
Ordnung bleiben. Das braune Zimmer ist neu tapeziert mit der Tapete, die Du
ausgesucht hast, die Farbe mischt sich besonders schön mit dem Morgenrot, das
überm Katarinenturm heraufsteigt und mir bis in die Stube scheint. Gestern sah
unsre Stadt recht wie ein Feiertag aus in dem unbefleckten Licht der Alba.
    Sonst ist noch alles auf dem alten Fleck. Um Deinen Schemmel habe keine Not,
die Liese leidet's nicht, dass jemand drauf sitzt.
    Schreib recht viel, und wenn's alle Tag wär, Deiner wohlgeneigten Freundin
                                                                          Goete
 
                                   Frau Rat!
                                                                    Schlangenbad
Wir sind gestern auf Müllereseln geritten, weit ins Land hinaus über Rauental
hinweg. Da geht's durch bewaldete Felswege, links die Aussicht in die
Talschlucht und rechts die waldige emporsteigende Felswand. Da haben mich dann
die Erdbeeren sehr verlockt, dass ich schier um meinen Posten gekommen wär, denn
mein Esel ist der Leitesel. Weil ich aber immer Halt machte, um die Erdbeeren zu
pflücken, so drängte die ganze Gesellschaft auf mich ein und ich musste tausend
rote Beeren am Wege stehen lassen. Heute sind's acht Tage, aber ich schmachte
noch danach, die gespeisten sind vergessen, die ungepflückten brennen mich noch
auf der Seele. Eben drum würde ich's ewig bereuen, wenn ich versäumte, was ich
das Recht habe zu geniessen, und da braucht Sie nicht zu fürchten, dass ich die
Ordnung umstosse. Ich häng mich nicht wie Blei an meinen Schatz, ich bin wie der
Mond, der ihm ins Zimmer scheint, wenn die geputzten Leute da sind und die
vielen Lichter angezünd't, dann wird er wenig bemerkt, wenn die aber weg sind
und das Geräusch ist vorüber, dann hat die Seele um so grössere Sehnsucht, sein
Licht zu trinken. So wird auch er sich zu mir wenden und meiner gedenken, wenn
er allein ist. - Ich bin erzürnt über alle Menschen, die mit ihm zu tun haben,
doch ist mir keiner gefährlich bei ihm, aber das geht Sie alles nichts an. Ich
werde doch nicht die Mutter fürchten sollen, wenn ich den Sohn lieb hab? -
 
                                   An Bettine
                                                           Frankfurt, am 25. Mai
Ei Mädchen, Du bist ja ganz toll, was bild'st Du Dir ein? - Ei, wer ist denn
Dein Schatz, der an Dich denken soll bei Nacht im Mondschein? - Meinst Du, der
hätt nichts Bessers zu tun? - Ja proste Mahlzeit. Ich sag Dir noch einmal: alles
in der Ordnung, und schreib ordentliche Briefe, in denen was zu lesen steht. -
Dummes Zeug nach Weimar schreiben; - schreib, was Euch begegnet, alles
ordentlich hinter einander. Erst wer da ist, und wie Dir jeder gefällt, und was
jeder an hat, und ob die Sonne scheint, oder ob's regnet, das gehört auch zur
Sach.
    Mein Sohn hat mir's wieder geschrieben, ich soll Dir sagen, dass Du ihm
schreibst. Schreib ihm aber ordentlich, Du wirst Dir sonst das ganze Spiel
verderben.
    Am Freitag war ich im Konzert, da wurde Violoncell gespielt, da dacht ich an
Dich, es klang so recht wie Deine braune Augen. Adieu, Mädchen, Du fehlst
überall Deiner Frau Rat.
 
                                   Frau Rat!
Ich will Ihr gern den Gefallen tun und einmal einen recht langen deutlichen
Brief schreiben, meinen ganzen Lebensaufentalt in Winckel.
    Erst ein ganzes Haus voll Frauen, kein einziger Mann, nicht einmal ein
Bedienter. Alle Läden im Haus sind zu, damit uns die Sonne nicht wie unreife
Weinstöcke behandelt und garkocht. Das Stockwerk, in dem wir wohnen, besteht aus
einem grossen Saal, an das lauter kleine Kabinette stossen, die auf den Rhein
sehen, in deren jedem ein Pärchen von unserer Gesellschaft wohnt. Die liebe
Marie mit den blonden Haaren ist Hausfrau und lässt für uns backen und sieden.
Morgens kommen wir alle aus unseren Gemächern im Saal zusammen. Es ist ein
besondres Pläsier zu sehen, wie einer nach dem andern griechisch drapiert
hervorkommt. Der Tag geht vorüber in launigem Geschwätz, dazwischen kommen
Bruchstücke von Gesang und Harpegge auf der Gitarre. Am Abend spazieren wir an
den Ufern des Rheins entlang, da lagern wir uns auf dem Zimmerplatz; ich lese
den Homer vor, die Bauern kommen alle heran und hören zu; der Mond steigt
zwischen den Bergen herauf und leuchtet statt der Sonne. In der Ferne liegt das
schwarze Schiff, da brennt ein Feuer, der kleine Spitzhund auf dem Verdeck
schlägt von Zeit zu Zeit an. Wenn wir das Buch zumachen, so ist ein wahres
politisches Verhandeln; die Götter gelten nicht mehr und nicht weniger als andre
Staatsmächte, und die Meinungen werden so hitzig behauptet, dass man denken
sollte, alles wär gestern geschehen, und es wär manches noch zu ändern. Einen
Vorteil hab ich davon: hätt ich den Bauern nicht den Homer vorgelesen, so wüsste
ich heut noch nicht, was drin steht, die haben mir's durch ihre Bemerkungen und
Fragen erst beigebracht. - Wenn wir nach Hause kommen, so steigt einer nach dem
andern, wenn er müde ist, zu Bette. Ich sitze dann noch am Klavier, und da
fallen mir Melodien ein, auf denen ich die Lieder, die mir lieb sind, gen Himmel
trage. Wie ist Natur so hold und gut. Im Bett richte ich meine Gedanken dahin,
wo mir's lieb ist, und so schlafe ich ein. Sollte das Leben immer so fortgehen?
- Gewiss nicht.
    Am Samstag waren die Brüder hier, bis zum Montag. Da haben wir die Nächte am
Rhein verschwärmt. George mit der Flöte, wir sangen dazu, so ging's von Dorf zu
Dorf, bis uns der aufgehende Tag nach Hause trieb. - Fr. Mutter, auf dem
prächtigen Rheinspiegel in Mondnächten dahingleiten und singen, wie das Herz
eben aufjauchzt, allerlei lustige Abenteuer bestehen in freundlicher
Gesellschaft, ohne Sorge aufstehen, ohne Harm zu Bette gehen, das ist so eine
Lebensperiode, in der ich mitten inne stehe. Warum lasse ich mir das gefallen? -
weiss ich's nicht besser? - und ist die Welt nicht gross und mancherlei in ihr,
was bloss des Menschengeistes harrt, um in ihm lebendig zu werden? - Und soll das
alles mich unberührt lassen? - Ach Gott das Philistertum ist eine harte Nuss,
nicht leicht aufzubeissen, und mancher Kern vertrocknet unter dieser harten
Schale. Ja, der Mensch hat ein Gewissen, es mahnt ihn, er soll nichts fürchten,
und soll nichts versäumen, was das Herz von ihm fordert. Die Leidenschaft ist ja
der einzige Schlüssel zur Welt, durch die lernt der Geist alles kennen und
fühlen, wie soll er denn sonst in sie hineinkommen? - Und da fühl ich, dass ich
durch die Liebe zu Ihm erst in den Geist geboren bin, dass durch Ihn die Welt
sich mir erst aufschliesst, da mir die Sonne scheint, und der Tag sich von der
Nacht scheidet. Was ich durch diese Liebe nicht lerne, das werde ich nie
begreifen. Ich wollt, ich säss an seiner Tür ein armes Bettelkind, und nähm ein
Stückchen Brot von ihm, und er erkennte dann an meinem Blick, wes Geistes Kind
ich bin, da zög er mich an sich und hüllte mich in seinen Mantel, damit ich warm
würde. Gewiss er hiess mich nicht wieder gehen, ich dürfte fort und fort im Haus
herumwandeln, und so vergingen die Jahre und keiner wüsste, wer ich wäre, und
niemand wüsste, wo ich hingekommen wär, und so vergingen die Jahre und das Leben,
und in seinem Antlitz spiegelte sich mir die ganze Welt, ich brauchte nichts
andres mehr zu lernen. Warum tu ich's denn nicht? - Es kommt ja nur darauf an,
dass ich Mut fasse, so kann ich in den Hafen meines Glückes einlaufen.
    Weiss Sie noch, wie ich den Winter durch Schnee und Regen gesprungen kam, und
Sie fragt: »Wie läufst Du doch über die Gasse?« Und ich sagte, wenn ich die alte
Stadt Frankfurt nicht wie einen Hühnerhof traktieren sollte, so würd ich nicht
weit in der Welt kommen, und da meinte Sie, mir sei gewiss kein Wasser zu tief
und kein Berg zu hoch; und ich dachte damals schon: ja, wenn Weimar der höchste
Berg und das tiefste Wasser ist. Jetzt kann ich's Ihr noch besser sagen, dass
mein Herz schwer ist und bleiben wird, so lang ich nicht bei ihm bin, und das
mag Sie nun in der Ordnung finden oder nicht.
    Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nächstens bei Ihr angerutscht kommen.
 
                               An Goetes Mutter
                                                            Winckel, am 12. Juni
Ein Brief von Ihr macht immer gross Aufsehen unter den Leuten; die möchten gern
wissen, was wir uns zu sagen haben, da ich ihnen so unklug vorkomme. Sie kann
getrost glauben, ich werd auch nie klug werden. Wie soll ich Klugheit erwerben,
mein einsamer Lebenslauf führt nicht dazu. Was hab ich dies Jahr erlebt? - Im
Winter war ich krank; dann macht ich ein Schattenspiel von Pappendeckel, da
hatten die Katze und der Ritter die Hauptrollen, da hab ich nah an sechs Wochen
die Rolle der Katze studiert, sie war keine Philosophin, sonst hätt ich
vielleicht profitiert. Im Frühjahr blühte der Orangenbaum in meinem Zimmer; ich
liess mir einen Tisch drum zimmern und eine Bank, und in seinem duftenden
Schatten hab ich an meinen Freund geschrieben. Das war eine Lust, die keine
Weisheit mir ersetzen konnte. Im Spiegel gegenüber sah ich den Baum noch einmal
und wie die Sonnenstrahlen durch sein Laub brachen; ich sah sie drüben sitzen
die Braune, Vermessene; an den grössten Dichter, an den Erhabenen über alle zu
schreiben. Im April bin ich früh drauss gewesen auf dem Wall und hab die ersten
Veilchen gesucht und botanisiert, im Mai hab ich fahren gelernt mit zwei Pferd,
morgens mit Sonnenaufgang fuhr ich hinaus nach Oberrad, ich spaziert in die
Gemüsfelder und half dem Gärtner alles nach der Schnur pflanzen, bei der
Milchfrau hab ich mir einen Nelkenflor angelegt, die dunkelroten Nelken sind
meine Lieblingsblumen. - Bei solcher Lebensweise, was soll ich da lernen, woher
soll ich klug werden? - Was ich Ihrem Sohn schreib, das gefällt ihm, er verlangt
immer mehr, und mich macht das selig, denn ich schwelge in einem Überfluss von
Gedanken, die meine Liebe, mein Glück ausdrücken, wie es Ihm erquicklich ist.
Was ist nun Geist und Klugheit, da der seligste Mensch, wie ich, ihrer nicht
bedarf? -
    Es war voriges Jahr im Eingang Mai, da ich ihn sah zum erstenmal, da brach
er ein junges Blatt von den Reben, die an seinem Fenster hinaufwachsen, und
legt's an meine Wange und sagte: »Das Blatt und deine Wange sind beide wollig«;
ich sass auf dem Schemel zu seinen Füssen und lehnte mich an ihn, und die Zeit
verging im stillen. - Nun, was hätten wir Kluges einander sagen können, was
diesem verborgnen Glück nicht Eintrag getan hätte; welch Geisterwort hätte
diesen stillen Frieden ersetzt, der in uns blühte? - O wie oft hab ich an dieses
Blatt gedacht, und wie er damit mir die Stirne und das Gesicht streichelte, und
wie er meine Haare durch die Finger zog und sagte: »Ich bin nicht klug; man kann
mich leicht betrügen, du hast keine Ehre davon, wenn du mir was weismachst mit
deiner Liebe.« - Da fiel ich ihm um den Hals. - Das alles war kein Geist, und
doch hab ich's tausendmal in Gedanken durchlebt und werde mein Leben lang dran
trinken wie das Aug das Licht trinkt; - es war kein Geist, und doch überstrahlt
es mir alle Weisheit der Welt; - was kann mir sein freundliches Spielen
ersetzen? - was den feinen durchdringenden Strahl seines Blicks, der in mein
Auge leuchtet? - Ich achte die Klugheit nichts, ich habe das Glück unter anderer
Gestalt kennen lernen, und auch was andern weh tut, das kann mir nicht Leid tun,
und meine Schmerzen, das wird keiner verstehen.
    So hell wie diese Nacht ist! Glanzverhüllt liegen die Berg da mit ihren
Rebstöcken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht. - Schreib Sie bald;
ich hab keinen Menschen, dem ich so gern vertraue, denn weil ich weiss, dass Sie
mit keinem andern mehr anbindet und abgeschlossen für mich da ist, und dass Sie
mit niemand über mich spricht. - Wenn Sie wüsst, wie tief es schon in der Nacht
ist! Der Mond geht unter, das betrübt mich. Schreib Sie mir recht bald.
                                                                         Bettine
                                                            Winckel, am 25. Juni
Frau Rat, ich war mit dem Franz auf einer Eisenschmelze, zwei Tag musst ich in
der engen Talschlucht aushalten, es regnete oder vielmehr nässte fortwährend, die
Leute sagten: »Ja das sind wir gewohnt, wir leben wie die Fisch, immer nass, und
wenn einmal ein paar trockne Tage sind, so juckt einem die Haut, man möchte
wieder nass sein.« Ich muss mich besinnen, wie ich Ihr das wunderliche Erdloch
beschreibe, wo unter dunklen gewaltigen Eichen die Glut hervorleuchtet, wo an
den Bergwänden hinan einzelne Hütten hängen und wo im Dunkel die einzelnen
Lichter herüberleuchten und der lange Abend durch eine ferne Schalmei, die immer
dasselbe Stückchen hören lässt, recht an den Tag gibt, dass die Einsamkeit hier zu
Haus ist, die durch keine Geselligkeit unterbrochen wird. Warum ist denn der Ton
einer einsamen Hausflöte, die so vor sich hinbläst, so melancholisch langweilig,
dass einem das Herz zerspringen möcht vor Grimm, dass man nicht weiss, wo aus noch
ein; ach wie gern möcht man da das Erdenkleid abstreifen und hochfliegen weit in
die Lüfte; ja, so eine Schwalbe in den Lüften, die mit ihren Flügeln wie mit
einem scharfen Bogen den Äter durchschneidet, die hebt sich weit über die
Sklavenkette der Gedanken, ins Unendliche, das der Gedanke nicht fasst. -
    Wir wurden in gewaltig grosse Betten logiert, ich und der Bruder Franz, ich
hab viel mit ihm gescherzt und geplaudert, er ist mein liebster Bruder. Am
Morgen sagte er ganz mystisch: »Geb einmal acht, der Herr vom Eisenhammer hat
ein Hochgericht im Ohr«; ich konnt's nicht erraten; wie sich aber Gelegenheit
ergab ins Ohr zu sehen, da entdeckt ich's gleich, eine Spinne hatte ihr Netz ins
Ohr aufgestellt, eine Fliege war drin gefangen und verzehrt, und ihre Reste
hingen noch im unverletzten Gewebe; daraus wollte der Franz das versteinerte
langweilige Leben recht deutlich erkennen, ich aber erkannte es auch am
Tintefass, das so pelzig war und so wenig Flüssiges entielt. Das ist aber nur
die eine Hälfte dieses Lochs der Einsamkeit. Man sollt's nicht meinen, aber geht
man langsam in die Runde, so kommt man an eine Schlucht. Am Morgen, wie eben die
Sonne aufgegangen war, entdeckte ich sie, ich ging hindurch, da befand ich mich
plötzlich auf dem steilen höchsten Rand eines noch tieferen und weiteren
Talkessels, sein samtner Boden schmiegt sich sanft an die ebenmässigen Bergwände,
die es rund umgeben und ganz besäet sind mit Lämmer und Schafen; in der Mitte
steht das Schäferhaus und dabei die Mühle, die vom Bach, der mitten durchbraust,
getrieben wird. Die Gebäude sind hinter uralten himmelhohen Linden versteckt,
die grade jetzt blühen, und deren Duft zu mir heraufdampfte und zwischen deren
dichtem Laub der Rauch des Schornsteins sich durchdrängte. Der reine blaue
Himmel, der goldne Sonnenschein hatte das ganze Tal erfüllt. Ach lieber Gott,
säss ich hier und hütete die Schafe und wüsste, dass am Abend einer käm, der meiner
eingedenk ist, und ich wartete den ganzen Tag, und die sonneglänzenden Stunden
gingen vorüber, und die Schattenstunden mit der silbernen Mondsichel und dem
Stern brächten den Freund, der fänd mich an Bergesrand ihm entgegenstürzend in
die offne Arme, dass er mich plötzlich am Herzen fühlte mit der heissen Liebe, was
wär dann nachher noch zu erleben? Grüss Sie Ihren Sohn und sag Sie ihm, dass zwar
mein Leben friedlich und von Sonnenglanz erleuchtet ist, dass ich aber der
goldnen Zeit nicht achte, weil ich mich immer nach der Zukunft sehne, wo ich den
Freund erwarte. Adieu leb Sie wohl. Bei Ihr ist Mitternacht eine Stunde der
Geister, in der Sie es für eine Sünde hält, die Augen offen zu haben, damit Sie
keine sieht; ich aber ging eben noch allein in den Garten durch die langen
Traubengänge, wo Traube an Traube hängt vom Mondlicht beschienen, und über die
Mauer hab ich mich gelehnt und hab hinausgesehen in den Rhein, da war alles
still. Aber weisse Schaumwellen zischten, und es patschte immer ans Ufer, und die
Wellen lallten wie Kinder. Wenn man so einsam nachts in der freien Natur steht,
da ist's, als ob sie ein Geist wär, die den Menschen um Erlösung bäte. Soll
vielleicht der Mensch die Natur erlösen? Ich muss einmal darüber nachdenken;
schon gar zu oft hab ich diese Empfindung gehabt, als ob die Natur mich jammernd
wehmütig um etwas bäte, dass es mir das Herz durchschnitt, nicht zu verstehen,
was sie verlangte. Ich muss einmal recht lang dran denken, vielleicht entdeck ich
etwas, was über das ganze Erdenleben hinaushebt. Adieu, Fr. Rat, und wenn Sie
mich nicht versteht, so denk Sie nur, wie Ihr noch immer in Ihren jetzigen Tagen
ein Postorn, das Sie in der Ferne hört, einen wunderlichen Eindruck macht,
ungefähr so ist mir's auch heute.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                          Frankfurt, am 28. Juli
Gestern war Feuer am hellen Tag hier auf der Hauptwach, grad mir gegenüber, es
brannte wie ein Blumenstrauss aus dem Gaubloch an der Katrinenpfort. Da war mein
best Pläsier die Gassenbuben mit ihren Reffs auf dem Buckel, die wollten alle
retten helfen, der Hausbesitzer wollt nichts retten lassen, denn weil das Feuer
gleich aus war, da wollten sie ein Trinkgeld haben, das hat er nicht geben, da
tanzten sie und wurden von der Polizei weggejagt. - Es ist viel Gesellschaft zu
mir kommen, die wollten alle fragen, wie ich mich befind auf den Schreck, und da
musst ich ihnen immer von vorne erzählen, und das ist jetzt schon drei Täg, dass
mich die Leut besuchen und sehen, ob ich nicht schwarz geworden bin vom Rauch.
Dein Melinchen war auch da und hat mir ein Brief gebracht von Dir, der ist so
klein geschrieben, dass ich ihn hab müssen vorlesen lassen, rat einmal von wem? -
    Die Meline ist aber einmal schön, ich hab gesagt, die Stadt sollt sie malen
lassen und sollt sie auf dem Ratsaal hängen, da könnten die Kaiser sehen, was
ihre gute Stadt für Schönheiten hat. Deine Brüder sind aber auch so schön, ich
hab meiner Lebtag keine so schöne Menschen gesehen als den George, der sieht aus
wie ein Herzog von Mailand, und alle andern Menschen müssen sich schämen mit
ihren Fratzengesichtern neben ihm. - Adieu und grüss auch die Geschwister von
Deiner Freundin
                                                                          Goete
 
                                   An Bettine
Da kommt der Fritz Schlosser aus dem Rheingau und bringt nur drei geschnittne
Federn von Dir und sagt: er hätt geschworen, dass er mir keine Ruh lassen will,
ich müsst schreiben, wer's gewesen ist, der Deinen Brief gelesen hat. - Was hat's
denn für Not, wer sollt's denn gewesen sein? - In Weimar ist alles ruhig und auf
dem alten Fleck. Das schreiben die Zeitungen schon allemal voraus, lang eh es
wahr ist, wenn mein Sohn zu einer Reis Anstalt macht, der kommt einem nicht mit
der Tür ins Haus gefallen. Da sieht man aber doch recht, dass Dein Herz Deinem
Kopf was weismacht. Herz, was verlangst du? - Das ist ein Sprichwort, und wenn
es sagt, was es will, so geht's wie in einem schlechten Wirtshaus, da haben sie
alles, nur keine frische Eier, die man grad haben will. Adieu, das hab ich bei
der Nachtlamp geschrieben.
    Ich bin Dir gut
                                                                Katarina Goete
Das hätt ich bald vergessen zu schreiben, wer mir Deinen Brief gelesen hat, das
war der Pfarrer Hufnagel, der wollt auch sehen, was ich mach nach dem Schreck
mit dem Feuer, ich sagt: »Ei, Herr Pfarrer, ist denn der Katrine-Turm grad so
gross, dass er mir auf die Nas fällt, wenn er umstürzt?« - Da hat er gesessen mit
seinem dicken Bauch im schwarzen Talar mit dem runden weissen Kragen in doppelten
Falten, mit der runden Stutzperück und den Schnallenschuh auf Deiner Schawell,
und hat den Brief gelesen, hätt's mein Sohn gesehen, er hätt gelacht.
                                                                Katarina Goete
Frau Mutter, ich danke Ihr für die zwei Brief hintereinander, das war einmal
gepflügt, recht durch schweres Erdreich, man sieht's, die Schollen liegen
nebenan, wie dick; gewiss, das sind der Lieschen ihre Finger gewesen, mit denen
Sie die Furchen gezogen hat, die sind recht krumm, was mich wundert, das ist,
dass ich Ihr so gern schreib, dass ich keine Gelegenheit versäum, und alles, was
mir begegnet, prüf ich, ob es nicht schön wär ihr zu schreiben, das ist weil ich
doch nicht alles und fortwährend an den Wolfgang schreiben kann, ich hab ihm
gesagt in Weimar: wenn ich dort wohnte, so wollt ich als nur die Sonn- und
Feiertäg zu ihm kommen und nicht alle Tag, das hat ihn gefreut; so mein ich, dass
ich auch nicht alle Tag an ihn schreiben darf, aber er hat mir gesagt: »Schreib
alle Tag, und wenn's Folianten wären, es ist mir nicht zu viel«, aber ich selbst
bin nicht alle Tag in der Stimmung, manchmal denke ich so geschwind, dass ich's
gar nicht schreiben kann, und die Gedanken sind so süss, dass ich gar nicht
abbrechen kann, um zu schreiben, noch dazu mag ich gern grade Linien und schöne
Buchstaben machen, und das hält im Denken auf, auch hab ich ihm manches zu
sagen, was schwer auszusprechen ist, und manches hab ich ihm mitzuteilen, was
nie ausgesprochen werden kann; da sitz ich oft Stunden und seh in mich hinein
und kann's nicht sagen, was ich seh, aber weil ich im Geist mich mit ihm
zusammen fühl, so bleib ich gern dabei, und ich komme mir vor wie eine
Sonnenuhr, die grad nur die Zeit angibt, solang die Sonne sie bescheint. Wenn
meine Sonne mich nicht mehr anlächelt, dann wird man auch die Zeit nicht mehr an
mir erkennen; es sollte einer sagen ich leb, wenn er mich nicht mehr lieb hat;
das Leben, was ich jetzt führ, davon hat keiner Verstand, an der Hand führt mich
der Geist einsame Strassen, er setzt sich mit mir nieder am Wassersrand, da ruht
er mit mir aus, dann führt er mich auf hohe Berge; da ist es Nacht, da schauen
wir in die Nebeltale, da sieht man den Pfad kaum vor den Füssen, aber ich geh
mit, ich fühl, dass er da ist, wenn er auch vor meinen leiblichen Augen
verschwindet, und wo ich geh und steh, da spür ich sein heimlich Wandeln um
mich, und in der Nacht ist er die Decke, in die ich mich einhülle, und am Morgen
ist er es, vor dem ich mich verhülle, wenn ich mich ankleide, niemals mehr bin
ich allein, in meiner einsamen Stube fühl ich mich verstanden und erkannt von
diesem Geist; ich kann nicht mit lachen, ich kann nicht mit Komödie spielen, die
Kunst und die Wissenschaft, die lasse ich fahren; noch vor einem halben Jahr, da
wollt ich Geschichte studieren und Geographie, es war Narrheit. Wenn die Zeit,
in der wir leben, erst recht erfüllt wär mit der Geschichte, so dass einer alle
Hände voll zu tun hätt, um nur der Geschichte den Willen zu tun, so hätt er
keine Zeit, um nach den vermoderten Königen zu fragen, so geht mir's, ich hab
keine Zeit, ich muss jeden Augenblick mit meiner Liebe verleben. Was aber die
Geographie anbelangt, so hab ich einen Strich gemacht mit roter Tinte auf die
Landkart. Der geht von wo ich bin bis dahin, wo es mich hinzieht, das ist der
rechte Weg, alles andre sind Irr- und Umwege. Das ganze Firmament mit Sonne,
Mond und Sterne gehören bloss zur Aussicht meiner Heimat. Dort ist der fruchtbare
Boden, in den mein Herz die harte Rinde sprengt und ins Licht hinaufblüht.
    Die Leute sagen: Was bist du traurig, sollt ich vergnügt sein? - Oder dies
oder jenes? - Wie passt das zu meinem innern Leben? Ein jedes Betragen hat seine
Ursache, das Wasser wird nicht lustig dahin tanzen und singen, wenn sein Bett
nicht dazu gemacht ist. So werd ich nicht lachen, wenn nicht eine geheime Lust
der Grund dazu ist; ja ich habe Lust im Herzen, aber sie ist so gross, so
mächtig, dass sie sich nicht ins Lachen fügen kann, wenn es mich aus dem Bett
aufruft vor Tag und ich zwischen den schlafenden Pflanzen bergauf wandle, wenn
der Tau meine Füsse wäscht und ich denk demütig, dass es der Herr der Welten ist,
der meine Füsse wäscht, weil er will, ich soll rein sein von Herzen, wie er meine
Füsse vom Staub reinigt; wenn ich dann auf des Berges Spitze komme und übersehe
alle Lande im ersten Strahl der Sonne, dann fühl ich diese mächtige Lust in
meiner Brust sich ausdehnen, dann seufz ich auf und hauch die Sonne an zum Dank,
dass sie mir in einem Bild erleuchte, was der Reichtum, der Schmuck meines Lebens
ist, denn was ich sehe, was ich verstehe, es ist alles nur Widerhall meines
Glückes.
    Adieu, lässt Sie sich den Brief auch vom Pfarrer vorstudieren? - Ich hab ihn
doch mit ziemlich grossen Buchstaben geschrieben. Hat dann in meinem letzten
Brief etwas gestanden, dass ich so einen heissen Durst hab, und dass ich
mondsüchtig bin, oder so was? - Wie kann Sie ihm denn das lesen lassen? Sie
wirft ihm ja seinen gepolsterten Betschemel um, in seinem Kopf. Die Bettine hat
Kopfweh schon seit drei Tage, und heut liegt sie im Bett und küsst ihrer Frau Rat
die Hand.
 
                                   An Bettine
Werd mir nicht krank, Mädchen, steh auf aus Deinem Bett und nimm's, und wandle.
So hat der Herr Christus gesagt zum Kranken, das sag ich Dir auch, Dein Bett ist
Deine Liebe, in der Du krank liegst, nimm sie zusammen und erst am Abend breite
sie aus, und ruhe in ihr, wenn Du des Tages Last und Hitze ausgestanden hast. -
Da hat mein Sohn ein paar Zeilen geschrieben, die schenk ich Dir, sie gehören
dem Inhalt nach Dein.
    Der Prediger hat mir Deinen Brief vorgerumpelt wie ein schlechter Postwagen
auf holperigem Weg, da schmeisst alles Passagiergut durcheinander; Du hast auch
Deine Gedanken so schlecht gepackt, ohne Komma, ohne Punkt, dass, wenn es
Passagiergut wär, keiner könnt das seinige herausfinden; ich hab den Schnupfen
und bin nicht aufgelegt, hätt ich Dich nicht so lieb, so hätt ich nicht
geschrieben, wahr Deine Gesundheit.
    Ich sag allemal, wenn die Leut fragen, was Du machst: sie fängt Grillen, und
das wird Dir auch gar nicht sauer, bald ist's ein Nachtvogel, der Dir an der Nas
vorbeifliegt, dann hast Du um Mitternacht, wo alle ehrliche Leute schlafen,
etwas zu bedenken, und marschierst durch den Garten an den Rhein in der kalten
feuchten Nachtluft, Du hast eine Natur von Eisen und eine Einbildung wie eine
Rakett, wie die ein Funken berührt, so platzt sie los. Mach, dass Du bald wieder
nach Haus kommst. Mir ist nicht heuer wie's vorige Jahr, manchmal krieg ich
Angst um Dich, und an den Wolfgang muss ich stundenlang denken, immer wie er ein
klein Kind war und mir unter den Füssen spielte, und dann wie er mit seinem
Bruder Jacob so schön gespielt hat, und hat ihm Geschichten gemacht; ich muss
einen haben, dem ich's erzähl, die andern hören mir alle nicht so zu wie Du; ich
wollt wirklich wünschen, die Zeit wär vorbei und Du wärst wieder da.
    Adieu, mach, dass Du kommst, ich hab alles so hell im Gedächtnis, als ob's
gestern passiert wär, jetzt kann ich Dir die schönsten Geschichten vom Wolfgang
erzählen, und ich glaub, Du hast mich angesteckt, ich mein immer, das wär kein
rechter Tag, an dem ich nichts von ihm gesprochen hab.
                                                           Deine Freundin Goete
 
                                Liebe Frau Rat!
Ich war in Köln, da hab ich den schönen Krug gekauft, schenk Sie ihn Ihrem Sohn
von sich, das wird ihr besser Freud machen, als wenn ich Ihr ihn schenkte. Ich
selbst mag ihm nichts schenken, ich will nur von ihm nehmen.
    Köln ist recht wunderlich, alle Augenblick hört man eine andre Glocke
läuten, das klingt hoch und tief, dumpf und hell von allen Seiten untereinander.
Da spazieren Franziskaner, Minoriten, Kapuziner, Dominikaner, Benediktiner
aneinander vorbei, die einen singen, die andern brummen eine Litanei, und wenn
sie aneinander vorbeikommen, da begrüssen sie sich mit ihren Fahnen und
Heiligtümern und verschwinden in ihren Klöstern. Im Dom war ich grade bei
Sonnenuntergang, da malten sich die bunten Fensterscheiben durch die Sonn auf
dem Boden ab, ich kletterte überall in dem Bauwerk herum und wiegte mich in den
gesprengten Bögen.
    Fr. Rat, das wär Ihr recht gefährlich vorgekommen, wenn Sie mich vom Rhein
aus in einer solchen gotischen Rose hätte sitzen sehen; es war auch gar kein
Spass; ein paarmal wollte mich Schwindel antreten, aber ich dachte: sollte der
stärker sein wollen wie ich? - Und express wagt ich mich noch weiter. Wie die
Dämmerung eintrat, da sah ich in Deutz eine Kirche mit bunten Scheiben von innen
illuminiert, da tönte das Geläut herüber, der Mond trat hervor und einzelne
Sterne. Da war ich so allein, rund um mich zwitscherte es in den
Schwalbennestern, deren wohl Tausende in den Gesimsen sind, auf dem Wasser sah
ich einzelne Segel sich blähen. Die andern hatten unterdessen den ganzen
Kirchbau examiniert, alle Monumente und Merkwürdigkeiten sich zeigen lassen. Ich
hatte dafür einen stillen Augenblick, in dem meine Seele gesammelt war, und die
Natur, auch alles, was Menschenhände gemacht haben und mich mit, in die
feierliche Stimmung des im Abendrot glühenden Himmels einschmolz. - Versteh Sie
das oder versteh Sie es nicht, es ist mir einerlei. Ich muss Sie freilich mit
meinen übersichtigen Grillen behelligen, wem sollt ich sie sonst mitteilen!
    Das ist auch noch eine Merkwürdigkeit von Köln; die Betten, die so hoch
sind, dass man einen Anlauf nehmen muss, um hineinzukommen; man kann immer zwei,
drei Versuche machen, ehe einer glückt; ist man erst drin, wie soll man da
wieder herauskommen? Ich dachte, hier ist gut sein, denn ich war müde, und hatte
mich schon den ganzen Tag auf meine Träume gefreut, was mir die bescheren
würden; da kam mir auch auf ihrem goldnen Strom ein Kahn beladen und geschmückt
mit Blumen aus dem Paradies entgegen, und ein Apfel, den mir der Geliebte
schickte, den hab ich auch gleich verzehrt.
    Wir haben am Sonntag so viel Rumpelkammern durchsucht, Altertümer,
Kunstschätze betrachtet, ich hab alles mit grossem Interesse gesehen. Ein Humpen,
aus dem die Kurfürsten gezecht, ist schön, mit vier Henkel, auf denen sitzen
Nymphen, die ihre Füsse im Wein baden, mit goldnen Kronen auf dem Kopf, die mit
Edelsteinen geziert sind; um den Fuss windet sich ein Drache mit vier Köpfen, die
die vier Füsse bilden, worauf das Ganze steht; die Köpfe haben aufgesperrte
Rachen, die inwendig vergoldet sind, auf dem Deckel ist Bacchus von zwei Satyrn
getragen, er ist von Gold und die Satyrn von Silber. So haben auch die Nymphen
emaillierte Gewande an. Der Trinkbecher ist von Rubinglas, und das Laubwerk, was
zwischen den Figuren sich durchwindet, ist sehr schön von Silber und Gold
durcheinander geflochten. - Dergleichen Dinge sind viel, ich wollt Ihr bloss den
einen beschreiben, weil er so prächtig ist, und weil Ihr die Pracht wohlgefällt.
    Adieu, Frau Rat! - Zu Schiff kamen wir herab, und zu Wagen fuhren wir wieder
zurück nach Bonn.
                                                                         Bettine
 
                                   Frau Rat!
                                                                         Winckel
Ich will nicht lügen: wenn Sie die Mutter nicht wär, die Sie ist, so würd ich
auch nicht bei Ihr schreiben lernen. Er hat gesagt, ich soll ihn vertreten bei
Ihr und soll Ihr alles Liebe tun, was er nicht kann, und soll sein gegen Sie,
als ob mir all die Liebe von Ihr angetan war, die er nimmer vergisst. - Wie ich
bei ihm war, da war ich so dumm und fragte, ob er Sie liebhabe, da nahm er mich
in seinen Arm und drückte mich ans Herz und sagte: »Berühr eine Saite und sie
klingt, und wenn sie auch in langer Zeit keinen Ton gegeben hätte.« Da waren wir
still und sprachen nichts mehr hiervon, aber jetzt hab ich sieben Briefe von
ihm, und in allen mahnt er mich an Sie; in einem sagt er: »Du bist immer bei der
Mutter, das freut mich; es ist, als ob der Zugwind von daher geblasen habe, und
jetzt fühl ich mich gesichert und warm, wenn ich Deiner und der Mutter gedenke;«
ich hab ihm dagegen erzählt, dass ich Ihr mit der Schere das Wachstuch auf dem
Tisch zerschnitten hab, und dass Sie mir auf die Hand geschlagen hat und hat
gesagt: »Grad wie mein Sohn - auch alle Unarten hast du von ihm!« -
    Von Bonn kann ich nichts erzählen, da war's wieder einmal so, dass man alles
empfindet, aber nichts dabei denkt; wenn ich mich recht besinne, so waren wir im
botanischen Garten, grad wie die Sonn unterging; alle Pflanzen waren schon
schlaftrunken, die Siebenberg waren vom Abendrot angehaucht, es war kühl, ich
wickelte mich in den Mantel und setzt mich auf die Mauer, mein Gesicht war vom
letzten Sonnenstrahl vergoldet, besinnen mocht ich mich nicht, das hätt mich
traurig gemacht in der gewaltigen verstummten Natur. Da schlief ich ein, und da
ich erwachte (ein grosser Käfer hat mich geweckt), da war's Nacht und recht kalt.
Am andern Tag sind wir wieder hier eingetroffen.
    Adieu, Fr. Rat, es ist schon so spät in der Nacht, und ich kann gar nicht
schlafen.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                                   21. September
Das kann ich nicht von Dir leiden, dass Du die Nachte verschreibst und nicht
verschläfst, das macht Dich melancholisch und empfindsam, wollt ich drauf
antworten, bis mein Brief ankäm da ist schon wieder ander Wetter. Mein Sohn hat
gesagt: was einem drückt, das muss man verarbeiten, und wenn er ein Leid gehabt
hat, da hat er ein Gedicht draus gemacht. - Ich hab Dir gesagt, Du sollst die
Geschichte von der Günderode aufschreiben, und schick sie nach Weimar, mein Sohn
will es gern haben, der hebt sie auf, dann drückt sie Dich nicht mehr.
    Der Mensch wird begraben in geweihter Erde, so soll man auch grosse und
seltne Begebenheiten begraben in einem schönen Sarg der Erinnerung, an den ein
jeder hintreten kann und dessen Andenken feiern. Das hat der Wolfgang gesagt,
wie er den Werter geschrieben hat; tu es ihm zulieb und schreib's auf.
    Ich will Dir gern schreiben, was meine arme Feder vermag, weil ich Dir Dank
schuldig bin; eine Frau in meinem Alter, und ein junges feuriges Mädchen, das
lieber bei mir bleibt und nach nichts anderm frägt, ja das ist dankenswert; ich
hab's nach Weimar geschrieben. Wann ich ihm von Dir schreib, da antwortet er
immer auf der Stell; er sagt, dass Du bei mir aushältst, das sei ihm ein Trost. -
Adieu, bleib nicht zu lang im Rheingau; die schwarzen Felswände, an denen die
Sonne abprallt, und die alten Mauern, die machen Dich melancholisch.
                                                        Deine Freundin Elisabet
Der Moritz Betmann hat mir gesagt, dass die Staël mich besuchen will; sie war in
Weimar, da wollt ich, Du wärst hier, da werd ich mein Französisch recht
zusammennehmen müssen.
 
                               An Goetes Mutter
Diesmal hat Sie mir's nicht recht gemacht, Frau Rat; warum schickt Sie mir
Goetes Brief nicht? - Ich hab seit dem 13. August nichts von ihm, und jetzt
haben wir schon Ausgang September. Die Staël mag ihm die Zeit verkürzt haben, da
hat er nicht an mich gedacht. Eine berühmte Frau ist was Kurioses, keine andre
kann sich mit ihr messen, sie ist wie Branntwein, mit dem kann sich das Korn
auch nicht vergleichen, aus dem er gemacht ist. So Branntwein bitzelt auf der
Zung' und steigt in den Kopf, das tut eine berühmte Frau auch; aber der reine
Weizen ist mir doch lieber, den säet der Säemann in die gelockerte Erd, die
liebe Sonne und der fruchtbare Gewitterregen locken ihn wieder heraus, und dann
übergrünt er die Felder und trägt goldne Ähren, da gibt's zuletzt noch ein
lustig Erntefest; ich will doch lieber ein einfaches Weizenkorn sein als eine
berühmte Frau, und will auch lieber, dass Er mich als tägliches Brot breche, als
dass ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre. - Jetzt will ich Ihr nur
sagen, dass ich gestern mit der Staël zu Nacht gegessen hab in Mainz; keine Frau
wollt neben ihr sitzen bei Tisch, da hab ich mich neben sie gesetzt; es war
unbequem genug, die Herren standen um den Tisch und hatten sich alle hinter uns
gepflanzt, und einer drückte auf den andern, um mit ihr zu sprechen und ihr ins
Gesicht zu sehen; sie bogen sich weit über mich; ich sagte: »Vos adorateurs me
suffoquent«, sie lachte. - Sie sagte, Goete habe mit ihr von mir gesprochen;
ich blieb gern sitzen, denn ich hätte gern gewusst, was er gesagt hat, und doch
war mir's unrecht, denn ich wollt lieber, er spräch mit niemand von mir; und ich
glaub's auch nicht, - sie mag nur so gesagt haben; - es kamen zuletzt so viele,
die alle über mich hinaus mit ihr sprechen wollten, dass ich's gar nicht länger
konnte aushalten; ich sagt ihr: »Vos lauriers me pèsent trop fort sur les
épaules.« Und ich stand auf und drängt mich zwischen den Liebhabern durch; da
kam der Sismondi, ihr Begleiter, und küsst mir die Hand, und sagte, ich hätte
viel Geist, und sagt's den andern, und sie repetierten es wohl zwanzigmal, als
wenn ich ein Prinz wär, von denen findet man auch immer alles so gescheit, wenn
es auch das Gewöhnlichste wär. - Nachher hört ich ihr zu, wie sie von Goete
sprach; sie sagte, sie habe erwartet, einen zweiten Werter zu finden, allein
sie habe sich geirrt, sowohl sein Benehmen wie auch seine Figur passe nicht
dazu, und sie bedauerte sehr, dass er ihn ganz verfehle; Fr. Rat, ich wurd zornig
über diese Reden (»das war überflüssig«, wird Sie sagen), ich wendt mich an
Schlegel und sagt ihm auf deutsch: »Die Frau Staël hat sich doppelt geirrt,
einmal in der Erwartung, und dann in der Meinung; wir Deutschen erwarten, dass
Goete zwanzig Helden aus dem Ärmel schütteln kann, die den Franzosen so
imponieren; wir meinen, dass er selbst aber noch ein ganz andrer Held ist.« - Der
Schlegel hat unrecht, dass er ihr keinen bessern Verstand hierüber beigebracht
hat. Sie warf ein Lorbeerblatt, womit sie gespielt hatte, auf die Erde; ich trat
drauf und schubste es mit dem Fuss auf die Seite und ging fort. - Das war die
Geschicht mit der berühmten Frau; hab Sie keine Not mit ihrem Französisch,
sprech Sie die Fingersprach mit ihr und mache Sie den Kommentar dazu mit ihren
grossen Augen, das wird imponieren; die Staël hat ja einen ganzen Ameisenhaufen
Gedanken im Kopf, was soll man ihr noch zu sagen haben? Bald komm' ich nach
Frankfurt, da können wir's besser besprechen.
    Hier ist's sehr voll von Rheingästen; wenn ich morgens durch den dicken
Nebel einen Nachen hervorstechen seh, da lauf ich ans Ufer und wink mit dem
Schnupftuch, immer sind's Freunde oder Bekannte; vor ein paar Tagen waren wir in
Notgottes, da war eine grosse Wallfahrt, der ganze Rhein war voll Nachen, und
wenn sie anlandeten, ward eine Prozession draus und wanderten singend, eine jede
ihr eigen Lied, nebeneinander hin; das war ein Schariwari, mir war angst, es
möcht unserm Herrgott zu viel werden; so kam's auch: er setzte ein Gewitter
dagegen und donnerte laut genug, sie haben ihn übertäubt, aber der gewaltige
Regenguss hat die lieben Wallfahrer auseinandergejagt, die da im Gras lagen, wohl
Tausende, und zechten; - ich hab grad keinen empfindsamen Respekt vor der Natur,
aber ich kann's doch nicht leiden, wenn sie so beschmutzt wird mit Papier und
Wurstzipfel und zerbrochnen Tellern und Flaschen, wie hier auf dem grossen grünen
Plan, wo das Kreuz zwischen Linden aufgerichtet steht, wo der Wandrer, den die
Nacht überrascht, gern Nachtruhe hält und sich geschützt glaubt durch den
geweihten Ort. - Ich kann Ihr sagen, mir war ganz unheimlich; ich bin heut noch
kaputt. Ich seh lieber die Lämmer auf dem Kirchhof weiden als die Menschen in
der Kirch; und die Lilien auf dem Feld, die, ohne zu spinnen, doch vom Tau
genährt sind, - als die langen Prozessionen drüber stolpern und sie im schönsten
Flor zertreten. Ich sag Ihr gute Nacht, heut hab ich bei Tag geschrieben.
                                                                         Bettine
 
Kostbare Pracht- und Kunstwerke, in Köln und auf der Reise dahin gesehen und für
                       meine liebste Fr. Rat beschrieben
Geb Sie Achtung, damit Sie es recht versteht, denn ich hab schon zweimal
vergeblich versucht, eine gutgeordnete Darstellung davon zu machen.
    Ein grosser Tafelaufsatz, der mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt, und den
mir deucht im grossen Bankettsaal der kurfürstlichen Residenz gesehen zu haben;
er besteht aus einer ovalen, fünf bis sechs Fuss langen kristallenen Platte,
einen See vorstellend, in Wellen sanft geschliffen, die sich gegen die Mitte hin
mehr und mehr heben und endlich ganz hoch steigen, wo sie einen silbernen Fels
mit einem Trone umgeben, auf welchem die Venus sitzt; sie hat ihren Fuss auf den
Rücken eines Tritonen gestemmt, der einen kleinen Amor auf den Händen
balanciert; rundum spritzt silberner Schaum, auf den höchsten Wellen umher
reiten mutige Nymphen, sie haben Ruder in Händen, um die Wellen zu peitschen,
ihre Gewande sind emailliert, meistens blassblau oder seegrün, auch gelblich; sie
scheinen in einem übermütigen jauchzenden Wassertanz begriffen; etwas tiefer
silberne Seepferde, von Tritonen gebändigt und zum Teil beritten; alles in
Silber und Gold getrieben mit emaillierten Verzierungen. Wenn man in den hohlen
Fels Wein tut, so spritzt er aus Röhrchen in regelmässigen feinen Strahlen rund
um die Venus empor und fliesst in ein verborgenes Becken unter dem Fels; das ist
die hohe Mittelgruppe. Näher am Ufer liegen bunte Muscheln zwischen den Wellen
und emaillierte Wasserlilien; aus ihren Kelchen steigen kleine Amoretten empor,
die mit gespanntem Bogen einander beschiessen, zwischendurch flüchten Seeweibchen
mit Fischschweifen, von Seemännchen mit spitzen Bärten verfolgt und an ihren
Schilfkränzen erhascht oder mit Netzen eingefangen. Auf der andern Seite sind
Seeweibchen, die einen kleinen Amor in der Luft gefangen halten und ihn unter
die Wellen ziehen wollen, er wehrt sich und stemmt sein Füsschen der einen auf
die Brust, während die andere ihn an den bunten Flügeln hält; diese Gruppe ist
ganz köstlich und sehr lustig; der Amor ist schwarz von Ambra, die Nymphen sind
von Gold mit emaillierten Kränzen. Die Gruppen sind verteilt in beiden
Halbovalen, alles emailliert mit blau, grün, rot, gelb, lauter helle Farben;
viele Seeungeheuer gucken zwischen den kristallnen Wellen hervor mit
aufgesperrten Rachen; sie schnappen nach den fliehenden Nymphen, und so ist ein
buntes Gewirr von lustiger glitzernder Pracht über das Ganze verbreitet, aus
dessen Mitte der Fels mit der Venus emporsteigt; am einen Ende der Platte, wo
sonst gewöhnlich die Handhabe ist, sitzt etwas erhaben gegen den Zuschauer der
berühmte Zyklop Polyphem, der die Galatee in seinen Armen gefangen hält; er hat
ein grosses Aug auf der Stirn, sie sieht schüchtern herab auf die Schafherde, die
zu beiden Seiten gelagert ist, wodurch die Gruppe sich in einen sanften Bogen
mit zwei Lämmern, welche an beiden Enden liegen und schlafen, abschliesst.
Jenseits sitzt Orpheus, auch gegen die Zuschauer gewendet; er spielt die Leier,
ein Lorbeerbaum hinter ihm, auf dessen ausgebreiteten goldnen Zweigen Vögel
sitzen; Nymphen haben sich herbeigeschlichen mit Rudern in der Hand, sie
lauschen; dann sind noch allerlei Seetiere bis auf zwei Delphine, die auf beiden
Seiten die Gruppe wie jenseits in einem sanften Bogen abschliessen; sehr hübsch
ist ein kleiner Affe, der sich einen Sonnenschirm von einem Blatt gemacht hat,
zu Orpheus Füssen sitzt und ihm zuhört. - Das ist, wie Sie leicht denken kann,
ein wunderbares Prachtstück; es ist sehr reich und doch erhaben; und ich könnte
Ihr noch eine halbe Stunde über die Schönheit der einzelnen Figuren
vorschwätzen. Gold und Silber macht mir den Eindruck von etwas Heiligem; ob dies
daher kommt, weil ich im Kloster immer die goldnen und silbernen Messgeschirre
und den Kelch gewaschen habe, den Weihrauchkessel geputzt und die Altarleuchter
vom abträufelnden Wachs gereinigt, alles mit einer Art Ehrfurcht berührt habe?
Ich kann Ihr nur sagen, dass uns beim Betrachten dieses reichen und künstlichen
Werkes eine feierliche Stimmung befiel.
    Jetzt beschreib ich Ihr aber noch etwas Schönes, das gefällt mir in der
Erinnerung noch besser, und die Kunstkenner sagen auch, es habe mehr Stil; das
ist so ein Wort, wenn ich frage, was es bedeutet, sagt man: »Wissen Sie nicht,
was Stil ist?« - Und damit muss ich mich zufrieden geben, hierbei hab ich's aber
doch ausgedacht. Alles grosse Edle muss einen Grund haben, warum es edel ist: wenn
dieser Grund rein ohne Vorurteil, ohne Pfuscherei von Nebendingen und Absichten,
die einzige Basis des Kunstwerks ist: das ist der reine Stil. Das Kunstwerk muss
grade nur das ausdrücken, was die Seele erhebt und edel ergötzt und nicht mehr.
Die Empfindung des Künstlers muss allein darauf gerichtet sein, das übrige ist
falsch. In den kleinen Gedichten vom Wolfgang ist die Empfindung aus einem Guss,
und was er da ausspricht, das erfüllt reichlich eines jeden Seele mit derselben
edlen Stimmung. In allen liegt es, ich will Ihr aber nur dies kleinste zitieren,
das ich so oft mit hohem Genuss in den einsamen Wäldern gesungen habe, wenn ich
allein von weitem Spazierwege nach Hause ging.
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest:
Ach, ich bin des Treibens müde,
Was soll all der Schmerz und Lust? -
Süsser Friede!
Komm, ach komm in meine Brust.
Im Kloster hab ich viel predigen hören, über den Weltgeist und die Eitelkeit
aller Dinge, ich habe selbst den Nonnen die Legende jahraus jahrein vorgelesen,
weder der Teufel noch die Heiligen haben bei mir Eindruck gemacht, ich glaub,
sie waren nicht vom reinen Stil; ein solches Lied aber erfüllt meine Seele mit
der lieblichsten Stimmung, keine Mahnung, keine weise Lehren könnten mir je so
viel Gutes einflössen; es befreit mich von aller Selbstsucht, ich kann andern
alles geben und gönne ihnen das beste Glück, ohne für mich selbst etwas zu
verlangen; das macht, weil es vom reinen edlen Stil ist. So könnte ich noch
manches seiner Lieder hersetzen, die mich über alles erheben und mir einen Genuss
schenken, der mich in mir selber reich macht. Das Lied: Die schöne Nacht, hab
ich wohl hundertmal dies Jahr auf spätem Heimweg gesungen:
Luna bricht durch Busch und Eichen,
Zephyr meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den schönsten Weihrauch auf.
Wie war ich da glücklich und heiter in diesem Frühjahr, wie die Birken während
meinem Gesang rund um mich her der eilenden Luna wirklich ihren duftenden
Weihrauch streuten. Es soll mir keiner sagen, dass reiner Genuss nicht Gebet ist.
Aber in der Kirche ist's mir noch nimmer gelungen, da hab ich geseufzt vor
schwerer Langenweile, die Predigt war wie Blei auf meinen Augenlidern. O je, wie
war mir leicht, wenn ich aus der Klosterkirche in den schönen Garten springen
konnte, da war mir der geringste Sonnenstrahl eine bessere Erleuchtung als die
ganze Kirchengeschichte.
    Das zweite Kunstwerk, welches ich Ihr beschreibe, ist ein Delphin aus einem
grossen Elefantenzahn gemacht; er sperrt seinen Rachen auf, in den ihm zwei
Amoretten das Gebiss einlegen; ein andrer, der auf dem Nacken des Delphins sitzt,
nimmt von beiden Seiten den Zaum; auf der Mitte des Rückens liegt ein goldner
Sattel mit einem Sitz von getriebener Arbeit, welches Laubwerk von Weinreben
vorstellt; inmitten desselben steht Bacchus von Elfenbein; ein schöner, zarter,
schlanker Jüngling mit goldnen Haaren und einer phrygischen Mütze auf; er hat
die eine Hand in die Seite gestemmt, mit der andern hält er einen goldnen
Rebstock, der unter dem Sattel hervorkommt und ihn mit schönem, feinem Laub
überdacht; auf beiden Seiten des Sattels sind zwei Muscheln angebracht wie
Tragkörbe, darin sitzen zwei Nymphen von Elfenbein in jedem und blasen auf
Muscheln; die breiten Flossfedern, so wie der Schwanz des Fisches sind von Gold
und Silber gearbeitet; unmittelbar hinter dem Sattel schlängelt sich der Leib
des Fisches aufwärts, als ob er mit dem Schweif in die Lüfte schnalze; auf dem
Bug desselben sitzt ein zierliches Nymphchen und klatscht in die Hände; dieses
kommt etwas höher zu stehen und sieht über die Gruppe des Bacchus herüber; die
Flossfedern des Schweifes bilden ein zierliches Schattendach über der Nymphe; der
Rachen des Fisches ist inwendig von Gold; man kann ihn auch mit Wein füllen, der
dann in zwei Strahlen aus seinen Nüstern emporspringt; man stellte dieses
Kunstwerk bei grossen Festen in einem goldnen Becken auf den Nebentischen auf.
Dieses ist nun ein Kunstwerk vom erhabenen Stil, und ich kann auch sagen, dass es
mich ganz mit stummer heiliger Ehrfurcht erfüllte. Noch viele dergleichen sind
da; alles hat Bezug auf den Rhein, unter andern ein Schiff von Zedernholz, so
fein gemacht, mit schönen Arabesken; ein Basrelief umgibt den Oberteil des
Schiffes, auf dessen Verdeck die drei Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier
sitzen und zechen; Knappen stehen hinter ihnen mit Henkelkrügen. Dies hat mir
nicht so viel Freud gemacht, obschon viel Schönes daran ist, besonders die
Glücksgöttin, die am Vorderteil des Schiffes angebracht ist.
    Ich beschreib Ihr noch einen Humpen, das ist ein wahres Meisterstück und
stellt eine Kelter vor. In der Mitte steht ein hohes Fass, das ist der
eigentliche Humpen; auf beiden Seiten klettern in zierlichen Verschlingungen
Knaben hinauf mit Butten voll Trauben über die Schultern von Männern, um an den
Rand zu gelangen und ihre Trauben auszuschütten; in der Mitte, als Knopf des
Deckels, der etwas tief in den Rand des Humpens passt, steht Bacchus mit zwei
Tigern, die an ihm hinanspringen; er ist im Begriff, die Trauben, deren gehäufte
Menge mit einzelnen Ranken dazwischen, den Deckel bilden, mit den Füssen zu
keltern. Die Knaben, die von allen Seiten herüberreichen, um ihre Gefässe mit
Trauben auszuleeren, bilden einen wunderschönen Rand; die starken Männer am Fuss
der Kelter, die die kleinen Knaben auf ihre Schultern heben und auf mannigfache
Weise heraufhelfen, sind ganz ausserordentlich herrlich, nackt, einem oder dem
andern hängt ein Tigerfell über dem Rücken, sonst ganz ungeniert. Am Humpen
sieht man auf einer Seite das Mainzer Wappen, auf der andern das von Köln.
    Der ganze Humpen steht auf einem Aufsatz, der wie ein sanfter Hügel
gestaltet ist; auf diesem sitzen und liegen Nymphen im Kreis; sie spielen mit
Tamburinen, Becken, Triangel, andre liegen und balgen sich mit Leoparden, die
ihnen über die Köpfe springen; es ist gar zu schön. - Das hab ich Ihr nun
beschrieben, aber hätte Sie es erst gesehen, Sie würde vor Verwunderung laut
aufgeschrieen haben. Was überfällt einem nur, wenn man so etwas von
Menschenhänden gemacht sieht? Mir rauchte der Kopf, und ich meinte in der
trunkenen Begeistrung, ich werde keine Ruhe finden, wenn ich nicht auch solche
schöne Sachen erfinden und machen könne. Aber wie ich hinauskam und es war Abend
geworden und die Sonne ging so schön unter, da vergass ich alles, bloss um mit den
letzten Strahlen der Sonne meine Sinne in dem kühlen Rhein zu baden.
    Eine Mutter gibt sich alle erdenkliche Mühe, ihr kleines unverständiges
Kindchen zufriedenzustellen, sie kommt seinen Bedürfnissen zuvor und macht ihm
aus allem ein Spielwerk; wenn es nun auf nichts hören will und mit nichts sich
befriedigen lässt, so lässt sie es seine Unart ausschreien, bis es müde ist, und
dann sucht sie es wieder von neuem mit dem Spielwerk vertraut zu machen. Das ist
grade, wie es Gott mit den Menschen macht, er gibt das Schönste, um den Menschen
zur Lust, zur Freude zu reizen und ihm den Verstand dafür zu schärfen. - Die
Kunst ist ein so schönes Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden
Menschengeist auf sich selbst zurückzuführen, um ihn denken zu lehren und sehen;
um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Kräfte weckt und steigert. Er soll
lernen, ganz der Unschuld solcher Erfindung sich hingeben und vertrauen auf die
Lust und das Spiel der Phantasie, die ihn zum Höchsten auszubilden und zu reifen
vermag. Gewiss liegen in der Kunst grosse Geheimnisse höherer Entwicklung
verborgen; ja ich glaub sogar, dass alle Neigungen, von denen die Philister
sagen, dass sie keinen nützlichen Zweck haben, zu jenen mystischen gehören, die
den Keim zu grossen, in diesem Leben noch unverständlichen Eigenschaften in unsre
Seele legen; welche dann im nächsten Leben als ein höherer Instinkt aus uns
hervorbrechen, der einem geistigeren Element angemessen ist. -
    Die Art, wie jene in Gold und Silber getriebene Kunstwerke aufgestellt sind,
ist auch zu bewundern und trägt sehr dazu bei, dieselben sowohl in ihrer Pracht
mit einem Blick zu überschauen, als auch ein jedes einzelne bequem zu
betrachten. Es ist eine Wand von schwarzem Ebenholz mit tiefen Kassetten, in der
Mitte der Wand eine grosse, in welcher das Hauptstück steht, auf beiden Seiten
kleinere, in denen die anderen Kunstwerke, als: Humpen, Becher usw. usw. stehen.
An jeder Kassette hebt sich durch den Druck einer Feder der Boden heraus und
lässt das Kunstwerk von allen Seiten sehen.
    Noch eines Bechers gedenke ich von Bronze, eine echte Antike, wie man
behauptet: und man muss es wohl glauben, weil er so einfach ist und doch so
majestätisch. Ein Jüngling: wahrscheinlich Ganymed, sitzt nachlässig auf einem
Stein, der Adler auf der Erde zwischen seinen Knieen breitet beide Flügel aus,
als wolle er ihn damit schlagen, und legt den ausgestreckten Kopf auf des
Jünglings Brust, der auf den Adler herabsieht, während er die Ärme emporhebt und
mit beiden Händen ein herrliches Trinkgefäss hält, was den Becher bildet. Kann
man sich was Schöneres denken? - Nein! Der wilde Adler, der ganz
leidenschaftlich den ruhigen Jüngling gleichsam anfällt und doch an ihm ausruht,
und jener, der so spielend den Becher emporhebt, ist gar zu schön, und ich hab
allerlei dabei gedacht. Eine andre Wand will ich Ihr noch beschreiben und dann
zu Bette gehn, denn ich bin müde; stell Sie sich ein goldnes Honigwaben vor, aus
dem die ganze Wand besteht, lauter achteckige goldne Zellen, in jeder ein andrer
Heiliger, zierlich, ja wahrhaft reizend in Holz geschnitzt mit schönen Kleidern
angetan, in bunter Farbe gemalt; in der Mitte, wo die Zelle für den Bienenweisel
ist, da ist Christus, auf beiden Seiten die vier Evangelisten, dann rund umher
die Apostel, dann die Erzväter, endlich die Märtyrer, zuletzt die Einsiedler.
Diese Wand habe ich in Oberwesel als Hauptaltar in der Kirche aufgestellt
gesehen; es ist keine Figur, die man nicht gleich als schönes naives, in seiner
Art eigentümliches Bild abmalen könnte. Adieu, Frau Rat, ich muss abbrechen,
sonst könnte der Tag herankommen über meinem Extemporieren.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                             Fr. 7. Oktober 1808
Die Beschreibung von Deinen Prachtstücken und Kostbarkeiten hat mir recht viel
Pläsier gemacht; wenn's nur auch wahr ist, dass Du sie gesehen hast, denn in
solchen Stücken kann man Dir nicht wenig genug trauen. Du hast mir ja schon
manchmal hier auf Deinem Schemel die Unmöglichkeiten vorerzählt, denn wenn Du,
mit Ehren zu melden, ins Erfinden gerätst, dann hält Dich kein Gebiss und kein
Zaum. - Ei, mich wundert's, dass Du noch ein End finden kannst und nicht in einem
Stück fortschwätzst, bloss um selbst zu erfahren, was alles noch in Deinem Kopf
steckt. Manchmal mein ich aber doch, es müsst wahr sein, weil Du alles so
natürlich vorbringen kannst. Wo solltest Du auch alles herwissen? - Es ist aber
doch kurios, dass die Kurfürsten immer mit Fisch und Wassernymphen zu tun haben;
auf der Krönung hab ich in den Silberkammern auch solche Sachen gesehen, da war
ein Springbrunnen von Silber mit schönen Figuren, da sprang Wein heraus, der
wurde zur Pracht auf die Tafel gestellt. Und einmal hat der Kurfürst von der
Pfalz ein Fischballett aufführen lassen, da tanzten die Karpfen, prächtig in
Gold und Silberschuppen angetan, aufrecht einen Menuett. Nun, Du hast das alles
allein gesehen, solche Sachen, die man im Kopf sieht, die sind auch da und
gehören ins himmlische Reich, wo nichts einen Körper hat, sondern nur alles im
Geist da ist.
    Mach doch, dass Du bald wieder herkommst. Du hast den ganzen Sommer
verschwärmt, mir ist es gar nicht mehr drum zu tun mit dem Schreiben, und ich
hab Dich auch solange nicht gesehen, es verlangt mich recht nach Dir.
    Deine wahre Herzensfreundin
                                                                          Goete
 
                               An Goetes Mutter
Frau Rat, den ganzen Tag bin ich nicht zu Haus, aber wenn ich an Sie schreib,
dann weiss ich, dass ich eine Heimat habe; es ist die Zeit, dass die Leut
Feldgötter im Weinberg aufstellen, um die Sperlinge von den Trauben zu
scheuchen; heut morgen konnt ich nicht begreifen, was für ein wunderbarer Besuch
sich so früh im Weingarten aufhalte, der mir durch den dicken Nebel schimmerte;
ich dachte erst, es wär der Teufel, denn er hat einen scharlachroten Rock und
schwarze Unterkleider und goldpapierne Mütze; und am Abend in der Dämmerung
fürchtete ich mich dran vorbeizugehen und zwar so sehr, dass ich wieder umkehrte
und nicht bis ans Wasser ging, wie ich jeden Abend tue; und wie ich wieder im
Zimmer war, da dachte ich, wenn mich jemand Liebes dort hinbestellt hätte, so
würd ich wohl nichts von Furcht gespürt haben; ich ging also noch einmal und
glücklich an dem Lumpengespenst vorbei, denn dort wartet ja wohl etwas Liebes
auf mich; die stille weit verbreitete Ruhe über dem breiten Rhein, über den
brütenden Weinbergen, wem vergleiche ich die wohl als dem stillen ruhigen Abend,
in dem mein Andenken ihm einen freundlichen Besuch macht und er sich's gefallen
lässt, dass das Schifflein mit meinen kindischen Gedanken bei ihm anlande. Was ich
in so einsamer Abendstunde, wo die Dämmerung mit der Nacht tauscht, denke, das
kann Sie sich am besten vorstellen, da wir es tausendmal miteinander besprochen
haben, und haben so viel Ergötzen dabei gehabt. Wenn wir miteinander zu ihm
gereist kämen, das denk ich mir immer noch aus. - Damals hatte ich ihn noch
nicht gesehen, wie Sie meiner heissen Sehnsucht die Zeit damit vertrieb, dass Sie
mir seine freudige Überraschung malte und unser Erscheinen unter tausenderlei
Veränderungen; - jetzt kenne ich ihn und weiss, wie er lächelt und den Ton seiner
Stimme, wie die so ruhig ist und doch voll Liebe, und seine Ausrufungen, wie die
so aus dem tiefen Herzen anschwellen, wie der Ton im Gesang; und wie er so
freundlich beschwichtigt und bejaht, was man im Herzensdrang unordentlich
herausstürmt; - wie ich im vorigen Jahr so unverhofft wieder mit ihm
zusammentraf, da war ich so ausser mir und wollte sprechen und konnte mich nicht
zurechtfinden; da legt er mir die Hand auf den Mund und sagt: »Sprech mit den
Augen, ich versteh alles;« und wie er sah, dass die voll Tränen standen, so
drückt er mir die Augen zu und sagte: »Ruhe, Ruhe, die bekommt uns beiden am
besten;« - ja, liebe Mutter, die Ruhe war gleich über mich hingegossen, ich
hatte ja alles, wonach ich seit Jahren mich einzig gesehnt habe. - O Mutter, ich
dank es Ihr ewig, dass Sie mir den Freund in die Welt geboren, - wo sollt ich ihn
sonst finden! Lach Sie nicht darüber, und denk Sie doch, dass ich ihn geliebt
hab, eh ich das Geringste von ihm gewusst, und hätt Sie ihn nicht geboren, wo er
dann geblieben wär, das ist doch die Frage, die Sie nicht beantworten kann.
    Über die Günderode ist mir am Rhein unmöglich zu schreiben, ich bin nicht so
empfindlich, aber ich bin hier am Platz nicht weit genug von dem Gegenstand ab,
um ihn ganz zu übersehen; - gestern war ich da unten, wo sie lag; die Weiden
sind so gewachsen, dass sie den Ort ganz zudecken, und wie ich mir so dachte, wie
sie voll Verzweiflung hier herlief und so rasch das gewaltige Messer sich in die
Brust stiess, und wie das tagelang in ihr gekocht hatte, und ich, die so nah mit
ihr stand, jetzt an demselben Ort, gehe hin und her an demselben Ufer, in süssem
Überlegen meines Glückes, und alles und das Geringste, was mir begegnet, scheint
mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehören; da bin ich wohl nicht
geeignet, jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseres Freundelebens,
von dem ich doch nur alles anspinnen könnte, zu verfolgen. - Nein, es kränkt
mich und ich mache ihr Vorwürfe, wie ich ihr damals in Träumen machte, dass sie
die schöne Erde verlassen hat; sie hätt noch lernen müssen, dass die Natur Geist
und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines
Geschickes annimmt, und dass Lebensverheissungen in den Lüften uns umwehen; ja,
sie hat's bös mit mir gemacht, sie ist mir geflüchtet, grade wie ich mit ihr
teilen wollte alle Genüsse. Sie war so zaghaft; eine junge Stiftsdame, die sich
fürchtete, das Tischgebet laut herzusagen; sie sagte mir oft, dass sie sich
fürchtete, weil die Reihe an ihr war; sie wollte vor den Stiftsdamen das
Benedicite nicht laut hersagen; unser Zusammenleben war schön, es war die erste
Epoche, in der ich mich gewahr ward; - sie hatte mich zuerst aufgesucht in
Offenbach, sie nahm mich bei der Hand und forderte, ich solle sie in der Stadt
besuchen; nachher waren wir alle Tage beisammen, bei ihr lernte ich die ersten
Bücher mit Verstand lesen, sie wollte mich Geschichte lehren, sie merkte aber
bald, dass ich zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt war, als dass mich die
Vergangenheit hätte lange fesseln können; - wie gern ging ich zu ihr! Ich konnte
sie keinen Tag mehr missen, ich lief alle Nachmittag zu ihr; wenn ich an die Tür
des Stifts kam, da sah ich durch das Schlüsselloch bis nach ihrer Tür, bis mir
aufgetan ward; - ihre kleine Wohnung war ebner Erde nach dem Garten; vor dem
Fenster stand eine Silberpappel, auf die kletterte ich während dem Vorlesen; bei
jedem Kapitel erstieg ich einen höheren Ast und las von oben herunter; - sie
stand am Fenster und hörte zu und sprach zu mir hinauf, und dann und wann sagte
sie: »Bettine, fall nicht«; jetzt weiss ich erst, wie glücklich ich in der
damaligen Zeit war, denn weil alles, auch das Geringste, sich als Erinnerung von
Genuss in mich geprägt hat; - sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine
Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen
Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes
gedämpftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach; -
sie ging nicht, sie wandelte, wenn man verstehen will, was ich damit
auszusprechen meine; - ihr Kleid war ein Gewand, was sie in schmeichelnden
Falten umgab, das kam von ihren weichen Bewegungen her; - ihr Wuchs war hoch,
ihre Gestalt war zu fliessend, als dass man es mit dem Wort schlank ausdrücken
könnte; sie war schüchtern-freundlich und viel zu willenlos, als dass sie in der
Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte. Einmal ass sie bei dem Fürst Primas
mit allen Stiftsdamen zu Mittag; sie war im schwarzen Ordenskleid mit langer
Schleppe und weissem Kragen mit dem Ordenskreuz; da machte jemand die Bemerkung,
sie sähe aus wie eine Scheingestalt unter den andern Damen, als ob sie ein Geist
sei, der eben in die Luft zerfliessen werde. - Sie las mir ihre Gedichte vor und
freute sich meines Beifalls, als wenn ich ein grosses Publikum wär; ich war aber
auch voll lebendiger Begierde es anzuhören; nicht als ob ich mit dem Verstand
das Gehörte gefasst habe, - es war vielmehr ein mir unbekanntes Element, und die
weichen Verse wirkten auf mich wie der Wohllaut einer fremden Sprache, die einem
schmeichelt, ohne dass man sie übersetzen kann. - Wir lasen zusammen den Werter
und sprachen viel über den Selbstmord; sie sagte: »Recht viel lernen, recht viel
fassen mit dem Geist, und dann früh sterben; ich mag's nicht erleben, dass mich
die Jugend verlässt.« Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias, dass die Griechen
von dem sagten, der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen, der die Erde
verlasse, ohne ihn gesehen zu haben. Die Günderode sagte, wir müssen ihn sehen,
wir wollen nicht zu den Unseligen gehören, die so die Erde verlassen. Wir
machten ein Reiseprojekt, wir erdachten unsre Wege und Abenteuer, wir schrieben
alles auf, wir malten alles aus, unsre Einbildung war so geschäftig, dass wir's
in der Wirklichkeit nicht besser hätten erleben können; oft lasen wir in dem
erfundenen Reisejournal und freuten uns der allerliebsten Abenteuer, die wir
drin erlebt hatten, und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung, deren
Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten. Von dem, was sich in der
Wirklichkeit ereignete, machten wir uns keine Mitteilungen; das Reich, in dem
wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich öffnete, um uns
in ein verborgenes Paradies aufzunehmen; da war alles neu, überraschend, aber
passend für Geist und Herz; und so vergingen die Tage. Sie wollte mir
Philosophie lehren, was sie mir mitteilte, verlangte sie von mir aufgefasst und
dann auf meine Art schriftlich wiedergegeben; die Aufsätze, die ich ihr hierüber
brachte, las sie mit Staunen; es war nie auch eine entfernte Ahnung von dem, was
sie mir mitgeteilt hatte; ich behauptete im Gegenteil, so hätt ich es
verstanden; - sie nannte diese Aufsätze Offenbarungen, gehöht durch die süssesten
Farben einer entzückten Imagination; sie sammelte sie sorgfältig, sie schrieb
mir einmal: «Jetzt verstehst Du nicht, wie tief diese Eingänge in das Bergwerk
des Geistes führen, aber einst wird es Dir sehr wichtig sein, denn der Mensch
geht oft öde Strassen; je mehr er Anlage hat durchzudringen, je schauerlicher ist
die Einsamkeit seiner Wege, je endloser die Wüste. Wenn Du aber gewahr wirst,
wie tief Du Dich hier in den Brunnen des Denkens niedergelassen hast und wie Du
da unten ein neues Morgenrot findest und mit Lust wieder heraufkömmst und von
Deiner tieferen Welt sprichst, dann wird Dich's trösten, denn die Welt wird nie
mit Dir zusammenhängen. Du wirst keinen andern Ausweg haben als zurück durch
diesen Brunnen in den Zaubergarten Deiner Phantasie; es ist aber keine
Phantasie, es ist eine Wahrheit, die sich nur in ihr spiegelt. Der Genius
benutzt die Phantasie, um unter ihren Formen das Göttliche, was der
Menschengeist in seiner idealen Erscheinung nicht fassen könnte, mitzuteilen
oder einzuflössen; ja Du wirst keinen andern Weg des Genusses in Deinem Leben
haben, als den sich die Kinder versprechen von Zauberhöhlen, von tiefen Brunnen;
wenn man durch sie gekommen, so findet man blühende Gärten, Wunderfrüchte,
kristallne Paläste, wo eine noch unbegriffne Musik erschallt und die Sonne mit
ihren Strahlen Brücken baut, auf denen man festen Fusses in ihr Zentrum spazieren
kann; - das alles wird sich Dir in diesen Blättern zu einem Schlüssel bilden,
mit dem Du vielleicht tief versunkene Reiche wieder aufschliessen kannst, drum
verliere mir nichts und wehre auch nicht solchen Reiz, der Dich zum Schreiben
treibt, sondern lerne mit Schmerzen denken, ohne welche nie der Genius in den
Geist geboren wird; - wenn er erst in Dich eingefleischt ist, dann wirst Du Dich
der Begeistrung freuen, wie der Tänzer sich der Musik freut.
    Mit solchen wunderbaren Lehren hat die Günderode die Unmündigkeit meines
Geistes genährt. Ich war damals bei der Grossmutter in Offenbach, um auf vier
Wochen wegen meiner schwankenden Gesundheit die Landluft zu geniessen; auf welche
Weise berührten mich denn solche Briefe? - Verstand ich ihren Inhalt? - Hatte
ich einen Begriff von dem, was ich geschrieben hatte? Nein; ich wusste mir so
wenig den Text meiner schriftlichen Begeistrungen auszulegen, als sich der
Komponist den Text seiner Erfindungen begreiflich machen kann; er wirft sich in
ein Element, was höher ist als er; es trägt ihn, es nährt ihn, seine Nahrung
wird Inspiration, sie reizt, sie beglückt, ohne dass man sie sinnlich auszulegen
vermöchte, obschon die Fähigkeiten durch sie gesteigert, der Geist gereinigt,
die Seele gerührt wird. So war es auch zwischen mir und der Freundin: die
Melodien entströmten meiner gereizten Phantasie, sie lauschte und fühlte
unendlichen Genuss dabei und bewahrte, was, wenn es mir geblieben wär, nur
störend auf mich gewirkt haben würde; - sie nannte mich oft die Sibylle, die
ihre Weissagungen nicht bewahren dürfe; ihre Aufforderungen reizten mich, und
doch hatte ich eine Art Furcht; mein Geist war kühn und mein Herz war zaghaft;
ja ich hatte ein wahres Ringen in mir; - ich wollte schreiben, ich sah in ein
unermessliches Dunkel, ich musste mich auch äusserlich vom Licht entfernen; am
liebsten war mir, wenn ich die Fenster verhing und doch durchsah, dass draussen
die Sonne schien; ein Blumenstrauss, dessen Farben sich durch die Dämmerung
stahlen, der konnte mich fesseln und von der innern Angst befreien, so dass ich
mich vergass, während ich in die schattigflammenden Blumenkelche sah und Duft und
Farbe und Formen gleichsam ein Ganzes bildeten; Wahrheiten hab ich da erfahren,
von denen ich ausging in meinen Träumereien und die mir plötzlich den gebundenen
Geist lösten, dass ich ruhig und gelassen das, was mir ahndete, fassen und
aussprechen konnte; - indem ich den Blumenstrauss, der nur durch eine Spalte im
Fensterladen erleuchtet war, betrachtete, erkannte ich die Schönheit der Farbe,
das Übermächtige der Schönheit; die Farbe war selbst ein Geist, der mich
anredete wie der Duft und die Form der Blumen; - das erste, was ich durch sie
vernahm, war, dass alles in den Naturgebilden durch das Göttliche erzeugt sei,
dass Schönheit der göttliche Geist sei im Mutterschoss der Natur erzeugt; dass die
Schönheit grösser sei wie der Mensch, dass aber die Erkenntnis allein die
Schönheit des freien Menschengeistes sei, die höher ist als alle leibliche
Schönheit. - O ich brauchte mich hier nur in den Brunnen niederzulassen, so
könnte ich vielleicht wieder sagen alles, was ich durch die Gespräche mit der
Farbe und den Formen und dem Duft des Blumenstrausses erfuhr; ich könnte auch
noch mehr sagen, was wunderlich und wunderbar genug klingt; ich müsste fürchten,
es würde nicht geglaubt oder für Wahnsinn und Unsinn geachtet; - warum soll
ich's aber hier verhehlen? Der's lesen wird, dem wird es einleuchten, er hat oft
die wunderbaren Phänomene des Lichtes beobachtet, wie sie durch Farbe und
zufällige oder besondere Formen neue Erscheinungen bildeten. - So war's in
meiner Seele damals, so ist es auch jetzt. Das grosse und scharfe Auge des
Geistes war vom innern Lichtstrahl gefangen genommen, es musste ihn einsaugen,
ohne sich durch selbstische Reflexion davon ablösen zu können; der Freund weiss
ja, was dieses Gebanntsein im Blick auf einen Lichtstrahl - Farbengeist - für
Zauberei hervorbringt, und er weiss auch, dass der Schein hier kein Schein ist,
sondern Wahrheit. -
    Trat ich aus dieser innern Anschauung hervor, so war ich geblendet; ich sah
Träume, ich ging ihren Verhältnissen nach, das machte im gewöhnlichen Leben
keinen Unterschied, in dies passte ich ohne Anstoss, weil ich mich in ihm nicht
bewegte; aber ohne Scheu sag ich es meinem Herrn, der den Segen hier über sein
Kind sprechen möge: ich hatte eine innre Welt und geheime Fähigkeiten, Sinne,
mit denen ich in ihr lebte; mein Auge sah deutlich grosse Erscheinungen, so wie
ich es zumachte; - ich sah die Himmelskugel, sie drehte sich vor mir in
unermesslicher Grösse um, so dass ich ihre Grenze nicht sah, aber doch eine
Empfindung von ihrer Rundung hatte; das Sternenheer zog auf dunklem Grund an mir
vorüber, die Sterne tanzten in reinen geistigen Figuren, die ich als Geist
begriff; es stellten sich Monumente auf von Säulen und Gestalten, hinter denen
die Sterne wegzogen; die Sterne tauchten unter in einem Meer von Farben; es
blühten Blumen auf, sie wuchsen empor bis in die Höhe; ferne goldne Schatten
deckten sie vor einem höheren weissen Licht, und so zog in dieser Innenwelt eine
Erscheinung nach der anderen herauf; dabei fühlten meine Ohren ein feines
silbernes Klingen, allmählich wurde es ein Schall, der grösser war und
gewaltiger, je länger ich ihm lauschte, ich freute mich, denn es stärkte mich,
es stärkte meinen Geist, diesen grossen Ton in meinem Gehör zu beherbergen;
öffnete ich die Augen, so war alles nichts, so war alles ruhig, und ich empfand
keine Störung, nur konnte ich die sogenannte wirkliche Welt, in der die andern
Menschen sich auch zu befinden behaupten, nicht mehr von dieser Traum- oder
Phantasiewelt unterscheiden; ich wusste nicht, welche Wachen oder Schlafen war,
ja zuletzt glaubte ich immer mehr, dass ich das gewöhnliche Leben nur träume, und
ich muss es noch heute unentschieden lassen und werde nach Jahren noch daran
zweifeln; dieses Schweben und Fliegen war mir gar zu gewiss; ich war innerlich
stolz darauf und freute mich dieses Bewusstseins; ein einziger elastischer Druck
mit der Spitze der Fusszehen - und ich war in Lüften; ich schwebte leise und
anmutig zwei, drei Fuss über der Erde, aber ich berührte sie gleich wieder und
flog wieder auf, - und schwebte auf die Seite, von da wieder zurück; so tanzte
ich im Garten im Mondschein hin und her, zu meinem unaussprechlichen Vergnügen;
ich schwebte über die Treppen herab oder herauf, zuweilen hob ich mich zur Höhe
der niedern Baumäste und schwirrte zwischen den Zweigen dahin; morgens erwachte
ich in meinem Bett mit dem Bewusstsein, dass ich fliegen könne, am Tag aber vergass
ich's. - Ich schrieb an die Günderode, ich weiss nicht was, sie kam heraus nach
Offenbach, sah mich zweifelhaft an, tat befremdende Fragen über mein Befinden,
ich sah im Spiegel: schwärzer waren die Augen wie je, die Züge hatten sich
unendlich verfeinert, die Nase so schmal und fein, der Mund geschwungen, eine
äusserst weisse Farbe; ich freute mich und sah mit Genuss meine Gestalt, die
Günderode sagte, ich sollte nicht so lang mehr allein bleiben, und nahm mich mit
in die Stadt; da waren wenig Tage verflossen, so hatte ich das Fieber; ich legte
mich zu Bett und schlief, und weiss auch nichts, als dass ich nur schlief: endlich
erwachte ich und es war am vierzehnten Tag, nachdem ich mich gelegt hatte; indem
ich die Augen öffnete, sah ich ihre schwanke Gestalt im Zimmer auf- und abgehen
und die Hände ringen; »aber Günderode«, sagt ich, »warum weinst Du?« »Gott sei
ewig gelobt«, sagte sie, und kam an mein Bett, »bist Du endlich wieder wach,
bist Du endlich wieder ins Bewusstsein gekommen?« - Von der Zeit an wollte sie
mich nichts Philosophisches lesen lassen, und auch keine Aufsätze sollte ich
mehr machen; sie war fest überzeugt, meine Krankheit sei davon hergekommen; ich
hatte grosses Wohlgefallen an meiner Gestalt, die Blässe, die von meiner
Krankheit zurückgeblieben war, gefiel mir unendlich; meine Züge erschienen mir
sehr bedeutend, die grossgewordenen Augen herrschten, und die anderen
Gesichsteile verhielten sich geistig leidend; ich fragte die Günderode, ob nicht
darin schon die ersten Spuren einer Verklärung sich zeigten.
    Hier hab ich abgebrochen und hab viele Tage nicht geschrieben; es stieg so
ernst und schwer herauf, der Schmerz liess sich nicht vom Denken bemeistern; ich
bin noch jung, ich kann's nicht durchsetzen, das Ungeheure. Unterdessen hat man
den Herbst eingetan, der Most wurde vom laubbekränzten Winzervolk unter
Jubelgesang die Berge herabgefahren und getragen, und sie gingen mit der
Schalmei voran und tanzten. O Du - der Du dieses liest, Du hast keinen Mantel so
weich, um die verwundete Seele drin einzuhüllen. Was bist Du mir schuldig? - Dem
ich Opfer bringe wie dies, dass ich Dich die Hand in die Wunden legen lasse. -
Wie kannst Du mir vergelten? - Du wirst mir nimmer vergelten; Du wirst mich
nicht locken und an Dich ziehen, und weil ich kein Obdach in der Liebe habe,
wirst Du mich nicht herbergen, und der Sehnsucht wirst Du keine Linderung
gewähren; ich weiss es schon im voraus, ich werd allein sein mit mir selber, wie
ich heut allein stand am Ufer bei den düstern Weiden, wo die Todesschauer noch
wehen über den Platz, da kein Gras mehr wächst; dort hat sie den schönen Leib
verwundet, grad an der Stelle, wo sie's gelernt hatte, dass man da das Herz am
sichersten trifft; o Jesus Maria! -
    Du! Mein Herr! - Du! - Flammender Genius über mir! Ich hab geweint; nicht
über sie, die ich verloren habe, die wie warme frühlingbrütende Lüfte mich
umgab; die mich schützte, die mich begeisterte, die mir die Höhe meiner eignen
Natur als Ziel vertraute; ich hab geweint um mich, mit mir; hart muss ich werden
wie Stahl, gegen mich, gegen das eigne Herz; ich darf es nicht beklagen, dass ich
nicht geliebt werde, ich muss streng sein gegen dies leidenschaftliche Herz; es
hat kein Recht zu fordern, nein, es hat kein Recht; - Du bist mild und lächelst
mir, und Deine kühle Hand mildert die Glut meiner Wangen, das soll mir genügen.
    Gestern waren wir im laubbekränzten Nachen den Rhein hinabgefahren, um die
hundertfältige Feier des Weinfestes an beiden Bergufern mitanzusehen; auf
unserem Schiff waren lustige Leute, sie schrieben weinbegeisterte Lieder und
Sprüche, steckten sie in die geleerten Flaschen und liessen diese unter währendem
Schiessen den Rhein hinabschwimmen; auf allen Ruinen waren grosse Tannen
aufgepflanzt, die bei einbrechender Dämmerung angezündet wurden; auf dem
Mäuseturm, mitten im stolzen Rhein ragten zwei mächtige Tannen empor, ihre
flammenden durchbrannten Äste fielen herab in die zischende Flut, von allen
Seiten donnerten sie und warfen Raketen, und schöne Sträusser von Leuchtkugeln
stiegen jungfräulich in die Lüfte, und auf den Nachen sang man Lieder, und im
Vorbeifahren warf man sich Kränze zu und Trauben; da wir nach Hause kamen, so
war's spät, aber der Mond leuchtete hell; ich sah zum Fenster hinaus und hörte
noch jenseits das Toben und Jauchzen der Heimkehrenden, und diesseits, nach der
Seite, wo sie tot am Ufer gelegen hatte, war alles still, ich dacht, da ist
keiner mehr, der nach ihr frägt, und ich ging hin, nicht ohne Grausen, nein, mir
war bang, wie ich von weitem die Nebel über den Weidenbüschen wogen sah, da wär
ich bald wieder umgekehrt, es war mir, als sei sie es selbst, die da schwebte
und wogte und sich ausdehnte; ich ging hin, aber ich betete unterwegs, dass mich
Gott doch schützen möge; - schützen? - Vor was? Vor einem Geist, dessen Herz
voll liebendem Willen gewesen war gegen mich im Leben; und nun er des irdischen
Leibs entledigt ist, soll ich ihn fürchtend fliehen? - Ach, sie hat vielleicht
einen bessren Teil ihres geistigen Vermögens auf mich vererbt seit ihrem Tod.
Vererben doch die Voreltern auf ihre Nachkommen, warum nicht die Freunde? - Ich
weiss nicht, wie weh mir ist! - Sie, die freundlich Klare, hat meinen Geist
vielleicht beschenkt. Wie ich von ihrem Grab zurückkam, da fand ich Leute, die
nach ihrer Kuh suchten, die sich verlaufen hatte, ich ging mit ihnen; sie
ahndeten gleich, dass ich von dort her kam, sie wussten viel von der Günderode zu
erzählen, die oft freundlich bei ihnen eingesprochen und ihnen Almosen gegeben
hatte; sie sagten, sooft sie dort vorbeigehen, beten sie ein Vaterunser; ich hab
auch dort gebetet zu und um ihre Seele, und hab mich vom Mondlicht reinwaschen
lassen, und hab es ihr laut gesagt, dass ich mich nach ihr sehne, nach jenen
Stunden, in denen wir Gefühl und Gedanken harmlos gegeneinander austauschten.
    Sie erzählte mir wenig von ihren sonstigen Angelegenheiten, ich wusste nicht,
in welchen Verbindungen sie noch ausser mir war; sie hatte mir zwar von Daub in
Heidelberg gesprochen und auch von Creuzer, aber ich wusste von keinem, ob er ihr
lieber sei als der andre; einmal hatte ich von andern davon gehört, ich glaubte
es nicht, einmal kam sie mir freudig entgegen und sagte: »Gestern hab ich einen
Chirurg gesprochen, der hat mir gesagt, dass es sehr leicht ist, sich
umzubringen«, sie öffnete hastig ihr Kleid und zeigte mir unter der schönen
Brust den Fleck; ihre Augen funkelten freudig; ich starrte sie an, es ward mir
zum erstenmal unheimlich, ich fragte: »Nun! - Und was soll ich denn tun, wenn Du
tot bist?« - »O«, sagte sie, »dann ist Dir nichts mehr an mir gelegen, bis dahin
sind wir nicht mehr so eng verbunden, ich werd mich erst mit Dir entzweien.« -
Ich wendete mich nach dem Fenster, um meine Tränen, mein vor Zorn klopfendes
Herz zu verbergen, sie hatte sich nach dem andern Fenster gewendet und schwieg;
- ich sah sie von der Seite an, ihr Auge war gen Himmel gewendet, aber der
Strahl war gebrochen, als ob sich sein ganzes Feuer nach innen gewendet habe; -
nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte, konnt ich mich nicht mehr fassen, -
ich brach in lautes Schreien aus, ich fiel ihr um den Hals und riss sie nieder
auf den Sitz und setzte mich auf ihre Knie und weinte viel Tränen und küsste sie
zum erstenmal an ihren Mund und riss ihr das Kleid auf und küsste sie an die
Stelle, wo sie gelernt hatte das Herz treffen; und ich bat mit schmerzlichen
Tränen, dass sie sich meiner erbarme, fiel ihr wieder um den Hals und küsste ihre
Hände, die waren kalt und zitterten, ihre Lippen zuckten, sie war ganz kalt,
starr und totenblass und konnte die Stimme nicht erheben; sie sagte leise:
»Bettine, brich mir das Herz nicht«; - ach, da wollte ich mich aufreissen und
wollte ihr nicht wehtun; ich lächelte, weinte und schluchzte laut, ihr schien
immer banger zu werden, sie legte sich aufs Sofa; da wollt ich scherzen und
wollte ihr beweisen, dass ich alles für Scherz nehme; da sprachen wir von ihrem
Testament; sie vermachte einem jeden etwas; mir vermachte sie einen kleinen
Apoll unter einer Glasglocke, dem sie einen Lorbeerkranz umgehängt hatte; ich
schrieb alles auf; im Nachhausegehen machte ich mir Vorwürfe, dass ich so
aufgeregt gewesen war; ich fühlte, dass es doch nur Scherz gewesen war oder auch
Phantasie, die in ein Reich gehört, welches nicht in der Wirklichkeit seine
Wahrheit behauptet; ich fühlte, dass ich Unrecht gehabt hatte und nicht sie, die
ja oft auf diese Weise mit mir gesprochen hatte. Am andern Tag führte ich ihr
einen jungen französischen Husarenoffizier zu mit hoher Bärenmütze; es war der
Wilhelm von Türkheim, der schönste aller Jünglinge, das wahre Kind voll Anmut
und Scherz; er war unvermutet angekommen; ich sagte: »Da hab ich Dir einen
Liebhaber gebracht, der soll Dir das Leben wieder lieb machen.« Er vertrieb uns
allen die Melancholie; wir scherzten und machten Verse, und da der schöne
Wilhelm die schönsten gemacht zu haben behauptete, so wollte die Günderode, ich
sollte ihm den Lorbeerkranz schenken; ich wollte mein Erbteil nicht geschmälert
wissen, doch musst ich ihm endlich die Hälfte des Kranzes lassen; so hab ich denn
nur die eine Hälfte. Einmal kam ich zu ihr, da zeigte sie mir einen Dolch mit
silbernem Griff, den sie auf der Messe gekauft hatte, sie freute sich über den
schönen Stahl und über seine Schärfe; ich nahm das Messer in die Hand und probte
es am Finger, da floss gleich Blut, sie erschrak, ich sagte: »O Günderode, Du
bist so zaghaft und kannst kein Blut sehen, und gehest immer mit einer Idee um,
die den höchsten Mut voraussetzt, ich hab doch noch das Bewusstsein, dass ich eher
vermögend wär, etwas zu wagen, obschon ich mich nie umbringen würde; aber mich
und Dich in einer Gefahr zu verteidigen, dazu hab ich Mut; und wenn ich jetzt
mit dem Messer auf Dich eindringe - siehst Du, wie Du Dich fürchtest?« - Sie zog
sich ängstlich zurück; der alte Zorn regte sich wieder in mir unter der Decke
des glühendsten Mutwills; ich ging immer ernstlicher auf sie ein, sie lief in
ihr Schlafzimmer hinter einen ledernen Sessel, um sich zu sichern; ich stach in
den Sessel, ich riss ihn mit vielen Stichen in Stücke, das Rosshaar flog hier und
dahin in der Stube, sie stand flehend hinter dem Sessel und bat, ihr nichts zu
tun; - ich sagte: »Eh ich dulde, dass Du Dich umbringst, tu ich's lieber selbst.«
»Mein armer Stuhl!« rief sie. »Ja was, dein Stuhl, der soll den Dolch stumpf
machen.« Ich gab ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich, das ganze Zimmer wurde
eine Staubwolke; so warf ich den Dolch weit in die Stube, dass er prasselnd unter
das Sofa fuhr; ich nahm sie bei der Hand und führte sie in den Garten in die
Weinlaube, ich riss die jungen Weinreben ab und warf sie ihr vor die Füsse; ich
trat darauf und sagte: »So misshandelst Du unsre Freundschaft.« - Ich zeigte ihr
die Vögel auf den Zweigen, und dass wir wie jene, spielend, aber treu
gegeneinander bisher zusammengelebt hätten. Ich sagte: »Du kannst sicher auf
mich bauen, es ist keine Stunde in der Nacht, die, wenn Du mir Deinen Willen
kund tust, mich nur einen Augenblick besinnen machte; - komm vor mein Fenster
und pfeif um Mitternacht, und ich geh ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt. Und
was ich für mich nicht wagte, das wag ich für Dich; - aber Du? - Was berechtigt
Dich mich aufzugeben? - Wie kannst Du solche Treue verraten, und versprich mir,
dass Du nicht mehr Deine zaghafte Natur hinter so grausenhafte prahlerische Ideen
verschanzen willst.« - Ich sah sie an, sie war beschämt und senkte den Kopf und
sah auf die Seite und war blass; wir waren beide still, lange Zeit. »Günderode«,
sagte ich, »wenn es ernst ist, dann gib mir ein Zeichen«; - sie nickte. - Sie
reiste ins Rheingau; von dort aus schrieb sie mir ein paarmal, wenig Zeilen; -
ich hab sie verloren, sonst würde ich sie hier einschalten. Einmal schrieb sie:
»Ist man allein am Rhein, so wird man ganz traurig, aber mit mehreren zusammen,
da sind grade die schauerlichsten Plätze am lustaufreizendsten: mir aber ist
doch lieb, den weiten gedehnten Purpurhimmel am Abend allein zu begrüssen, da
dichte ich im Wandeln an einem Märchen, das will ich Dir vorlesen; ich bin jeden
Abend begierig, wie es weiter geht, es wird manchmal recht schaurig und dann
taucht es wieder auf.« Da sie wieder zurückkam und ich das Märchen lesen wollte,
sagte sie: »Es ist so traurig geworden, dass ich's nicht lesen kann; ich darf
nichts mehr davon hören, ich kann es nicht mehr weiter schreiben: ich werde
krank davon.« Sie legte sich zu Bett und blieb mehrere Tage liegen, der Dolch
lag an ihrem Bett; ich achtete nicht darauf, die Nachtlampe stand dabei, ich kam
herein: »Bettine, mir ist vor drei Wochen eine Schwester gestorben; sie war
jünger als ich, Du hast sie nie gesehen; sie starb an der schnellen Auszehrung.«
- »Warum sagst Du mir dies heute erst«, fragte ich. - »Nun, was könnte Dich dies
interessieren? Du hast sie nicht gekannt, ich muss so was allein tragen«, sagte
sie mit trocknen Augen. Mir war dies doch etwas sonderbar, mir jungen Natur
waren alle Geschwister so lieb, dass ich glaubte, ich würde verzweifeln müssen,
wenn einer stürbe, und dass ich mein Leben für jeden gelassen hätte. Sie fuhr
fort: »Nun denk'! Vor drei Nächten ist mir diese Schwester erschienen; ich lag
im Bett und die Nachtlampe brannte auf jenem Tisch; sie kam herein in weissem
Gewand, langsam, und blieb an dem Tisch stehen; sie wendete den Kopf nach mir,
senkte ihn und sah mich an; erst war ich erschrocken, aber bald war ich ganz
ruhig, ich setzte mich im Bett auf, um mich zu überzeugen, dass ich nicht
schlafe. Ich sah sie auch an und es war, als ob sie etwas bejahend nickte; sie
nahm dort den Dolch, hob ihn gen Himmel mit der rechten Hand, als ob sie mir ihn
zeigen wolle, legte ihn wieder sanft und klanglos nieder; dann nahm sie die
Nachtlampe, hob sie auch in die Höhe und zeigte sie mir, und als ob sie mir
bezeichnen wolle, dass ich sie verstehe, nickte sie sanft, führte die Lampe zu
ihren Lippen und hauchte sie aus; denk nur«, sagte sie voll Schauder,
»ausgeblasen; - im Dunkel hatte mein Auge noch das Gefühl von ihrer Gestalt; da
hat mich plötzlich eine Angst befallen, die ärger sein muss, als wenn man mit dem
Tod ringt; ja, denn ich wär lieber gestorben, als noch länger diese Angst zu
tragen.«
    Ich war gekommen, um Abschied zu nehmen, weil ich mit Savigny nach Marburg
reisen wollte, aber nun wollte ich bei ihr bleiben. »Reise nur fort«, sagte sie,
»denn ich reise auch übermorgen wieder ins Rheingau.« - So ging ich denn weg. -
»Bettine «, rief sie mir in der Tür zu, »behalt diese Geschichte, sie ist doch
merkwürdig!« Das waren ihre letzten Worte. In Marburg schrieb ich ihr oft ins
Rheingau von meinem wunderlichen Leben; - ich wohnte einen ganzen Winter am Berg
dicht unter dem alten Schloss, der Garten war mit der Festungsmauer umgeben, aus
den Fenstern hatt ich eine weite Aussicht über die Stadt und das reich bebaute
Hessenland; überall ragten die gotischen Türme aus den Schneedecken hervor; aus
meinem Schlafzimmer ging ich in den Berggarten, ich kletterte über die
Festungsmauer und stieg durch die verödeten Gärten; - wo sich die Pförtchen
nicht aufzwingen liessen, da brach ich durch die Hecken, - da sass ich auf der
Steintreppe, die Sonne schmolz den Schnee zu meinen Füssen, ich suchte die Moose
und trug sie mitsamt der angefrornen Erde nach Haus; - so hatt ich an dreissig
bis vierzig Moosarten gesammelt, die alle in meiner kalten Schlafkammer in
irdnen Schüsselchen auf Eis gelegt mein Bett umblühten; ich schrieb ihr davon,
ohne zu sagen, was es sei; ich schrieb in Versen: mein Bett steht mitten im
kalten Land, umgeben von viel Hainen, die blühen in allen Farben, und da sind
silberne Haine uralter Stämme, wie der Hain auf der Insel Cypros; die Bäume
stehen dicht gereiht und verflechten ihre gewaltigen Äste; der Rasen, aus dem
sie hervorwachsen, ist rosenrot und blassgrün; ich trug den ganzen Hain heut auf
meiner erstarrten Hand in mein kaltes Eisbeetland; - da antwortet sie wieder in
Versen: »Das sind Moose ewiger Zeiten, die den Teppich unterbreiten, ob die
Herrn zur Jagd drauf reiten, ob die Lämmer drüber weiden, ob der Winterschnee
sie decket, oder Frühling Blumen wecket; in dem Haine schallt es wieder, summen
Mückchen ihre Lieder; an der Silberbäume Wipfel, hängen Tröpfchen Tau am Gipfel;
in dem klaren Tröpfchen Taue, spiegelt sich die ganze Aue; du musst andre Rätsel
machen, will dein Witz des meinen lachen!«
    
    Nun waren wir ins Rätsel geben und lösen geraten; alle Augenblick hatt ich
ein kleines Abenteuer auf meinen Spazierwegen, was ich ihr verbrämt zu erraten
gab; meistens löste sie es auf eine kindlich-lustige Weise auf. Einmal hatte ich
ihr ein Häschen, was mir auf wildem einsamen Waldweg begegnet war, als einen
zierlichen Ritter beschrieben, ich nannte es la petite perfection und dass es mir
mein Herz eingenommen habe; - sie antwortete gleich: »Auf einem schönen grünen
Rasen, da liess ein Held zur Mahlzeit blasen, da flüchteten sich alle Hasen; so
hoff ich, wird ein Held einst kommen. Dein Herz, von Hasen eingenommen, von
diesen Wichten zu befreien und seine Gluten zu erneuen;« - dies waren
Anspielungen auf kleine Liebesabenteuer. - So verging ein Teil des Winters; ich
war in einer sehr glücklichen Geistesverfassung, andre würden sie Überspannung
nennen, aber mir war sie eigen. An der Festungsmauer, die den grossen Garten
umgab, war eine Turmwarte, eine zerbrochne Leiter stand drin; - dicht bei uns
war eingebrochen worden, man konnte den Spitzbuben nicht auf die Spur kommen,
man glaubte, sie versteckten sich auf jenem Turm; ich hatte ihn bei Tag in
Augenschein genommen und erkannt, dass es für einen starken Mann unmöglich war,
an dieser morschen, beinah stufenlosen himmelhohen Leiter hinaufzuklimmen; ich
versuchte es, gleitete aber wieder herunter, nachdem ich eine Strecke
hinaufgekommen war; in der Nacht, nachdem ich schon eine Weile im Bett gelegen
hatte und Meline schlief, liess es mir keine Ruhe; ich warf ein Überkleid um,
stieg zum Fenster hinaus und ging an dem alten Marburger Schloss vorbei, da
guckte der Kurfürst Philipp mit der Elisabet lachend zum Fenster heraus; ich
hatte diese Steingruppe, die beide Arm in Arm sich weit aus dem Fenster lehnen,
als wollten sie ihre Lande übersehen, schon oft bei Tage betrachtet, aber jetzt
bei Nacht fürchtete ich mich so davor, dass ich in hohen Sprüngen davoneilte in
den Turm; dort ergriff ich eine Leiterstange und half mir, Gott weiss wie, daran
hinauf; was mir bei Tage nicht möglich war, gelang mir bei Nacht in der
schwebenden Angst meines Herzens; wie ich beinah oben war, machte ich Halt; ich
überlegte, wie die Spitzbuben wirklich oben sein könnten und da mich überfallen
und von der Warte hinunterstürzen; da hing ich und wusste nicht hinunter oder
herauf, aber die frische Luft, die ich witterte, lockte mich nach oben; - wie
war mir da, wie ich plötzlich durch Schnee und Mondlicht die weitverbreitete
Natur überschaute, allein und gesichert, das grosse Heer der Sterne über mir! -
So ist es nach dem Tod, die freiheitstrebende Seele, der der Leib am
angstvollsten lastet, im Augenblick, da sie ihn abwerfen will; sie siegt endlich
und ist der Angst erledigt; - da hatte ich bloss das Gefühl, allein zu sein, da
war kein Gegenstand, der mir näher war als meine Einsamkeit, und alles musste vor
dieser Beseligung zusammensinken; - ich schrieb der Günderode, dass wieder einmal
mein ganzes Glück von der Laune dieser Grille abhänge; ich schrieb ihr jeden
Tag, was ich auf der freien Warte mache und denke, ich setzte mich auf die
Brustmauer und hing die Beine hinab. - Sie wollte immer mehr von diesen
Turmbegeistrungen, sie sagte: »Es ist mein Labsal, Du sprichst wie ein
auferstandner Prophet!« - Wie ich ihr aber schrieb, dass ich auf der Mauer, die
kaum zwei Fuss breit war, im Kreis herumlaufe und lustig nach den Sternen sehe,
und dass mir zwar am Anfang geschwindelt habe, dass ich jetzt aber ganz keck und
wie am Boden mich da oben befinde, - da schrieb sie: »Um Gotteswillen falle
nicht, ich hab's noch nicht herauskriegen können, ob Du das Spiel böser oder
guter Dämonen bist«. - »Falle nicht,« schrieb sie mir wieder, »obschon es mir
wohltätig war, Deine Stimme von oben herab über den Tod zu vernehmen, so
fürchtete ich nichts mehr, als dass Du elend und unwillkürlich zerschmettert ins
Grab stürzest;« - ihre Vermahnungen aber erregten mir keine Furcht und keinen
Schwindel, im Gegenteil war ich tollkühn; ich wusste Bescheid, ich hatte die
triumphierende Überzeugung, dass ich von Geistern geschützt sei. Das Seltsame
war, dass ich's oft vergass, dass es mich oft mitten aus dem Schlaf weckte und ich
noch in unbestimmter Nachtzeit hineilte, dass ich auf dem Hinweg immer Angst
hatte und auf der Leiter jeden Abend wie den ersten, dass ich oben allemal die
Beseligung einer von schwerem Druck befreiten Brust empfand; - oben, wenn Schnee
lag, schrieb ich der Günderode ihren Namen hinein und: Jesus nazarenus rex
judaeorum als schützenden Talisman darüber, da war mir, als sei sie gesichert
gegen böse Eingebungen.
    Jetzt kam Creuzer nach Marburg, um Savigny zu besuchen. Hässlich wie er war,
war es zugleich unbegreiflich, dass er ein Weib interessieren könne; ich hörte,
dass er von der Günderode sprach, in Ausdrücken, als ob er ein Recht an ihre
Liebe habe; ich hatte in meinem von allem äusseren Einfluss abgeschiednen
Verhältnis zu ihr früher nichts davon geahndet und war im Augenblick aufs
heftigste eifersüchtig; er nahm in meiner Gegenwart ein kleines Kind auf den
Schoss und sagte: »Wie heisst Du?« - »Sophie«. »Nun, Du sollst, solange ich hier
bin, Karoline heissen; Karoline gib mir einen Kuss.« Da ward ich zornig, ich riss
ihm das Kind vom Schoss und trug es hinaus, fort durch den Garten auf den Turm;
da oben stellte ich es in den Schnee neben ihren Namen, und legte mich mit dem
glühenden Gesicht hinein und weinte laut, und das Kind weinte mit, und da ich
herunter kam, begegnete mir Creuzer; ich sagte: »Weg aus meinem Weg, fort.« Der
Philolog konnte sich einbilden, dass Ganymed ihm die Schale des Jupiters reichen
werde. - Es war in der Neujahrsnacht; ich sass auf meiner Warte und schaute in
die Tiefe; alles war so still - kein Laut bis in die weiteste Ferne, und ich war
betrübt um die Günderode, die mir keine Antwort gab; die Stadt lag unter mir,
auf einmal schlug es Mitternacht, - da stürmte es herauf, die Trommeln rührten
sich, die Postörner schmetterten, sie lösten ihre Flinten, sie jauchzten, die
Studentenlieder tönten von allen Seiten, es stieg der Jubellärm, dass er mich
beinah wie ein Meer umbrauste; - das vergesse ich nie, aber sagen kann ich auch
nicht, wie mir so wunderlich war da oben auf schwindelnder Höhe, und wie es
allmählich wieder still ward und ich mich ganz allein empfand. Ich ging zurück
und schrieb an die Günderode; vielleicht finde ich den Brief noch unter meinen
Papieren, dann will ich ihn beilegen; ich weiss, dass ich ihr die heissesten Bitten
tat, mir zu antworten; ich schrieb ihr von diesen Studentenliedern, wie die gen
Himmel geschallt hätten und mir das tiefste Herz aufgeregt; ja ich legte meinen
Kopf auf ihre Füsse und bat um Antwort und wartete mit heisser Sehnsucht acht
Tage, aber nie erhielt ich eine Antwort; ich war blind, ich war taub, ich
ahndete nichts. Noch zwei Monate gingen vorüber - da war ich wieder in
Frankfurt; - ich lief ins Stift, machte die Tür auf: siehe da stand sie und sah
mich an; kalt, wie es schien; »Günderod«, rief ich, »darf ich hereinkommen?« -
Sie schwieg und wendete sich ab; »Günderod, sag nur ein Wort und ich lieg an
deinem Herzen.« »Nein«, sagte sie, »komme nicht näher, kehre wieder um, wir
müssen uns doch trennen.« - »Was heisst das?« - »So viel, dass wir uns ineinander
geirrt haben und dass wir nicht zusammengehören.« - Ach, ich wendete um! Ach,
erste Verzweiflung, erster grausamer Schlag, so empfindlich für ein junges Herz!
Ich, die nichts kannte wie die Unterwerfung, die Hingebung in dieser Liebe,
musste so zurückgewiesen werden. - Ich lief nach Haus zur Meline, ich bat sie
mitzugehen zur Günderode, zu sehen, was ihr fehle, sie zu bewegen, mir einen
Augenblick ihr Angesicht zu gönnen; ich dachte, wenn ich sie nur einmal ins Auge
fassen könne, dann wolle ich sie zwingen; ich lief über die Strasse, vor der
Zimmertür blieb ich stehen, ich liess die Meline allein zu ihr eintreten, ich
wartete, ich zitterte und rang die Hände in dem kleinen engen Gang, der mich so
oft zu ihr geführt hatte; - die Meline kam heraus mit verweinten Augen, sie zog
mich schweigend mit sich fort; - einen Augenblick hatte mich der Schmerz
übermannt, aber gleich stand ich wieder auf den Füssen; nun! dacht ich, wenn das
Schicksal mir nicht schmeicheln will, so wollen wir Ball mit ihm spielen; ich
war heiter, ich war lustig, ich war überreizt, aber Nächten weinte ich im
Schlaf. - Am zweiten Tag ging ich des Wegs, wo ihre Wohnung war, da sah ich die
Wohnung von Goetes Mutter, die ich nicht näher kannte und nie besucht hatte;
ich trat ein. »Frau Rat«, sagte ich, »ich will Ihre Bekanntschaft machen, mir
ist eine Freundin in der Stiftsdame Günderode verloren gegangen, und die sollen
Sie mir ersetzen.« - »Wir wollen's versuchen«, sagte sie, und so kam ich alle
Tage und setzte mich auf den Schemel und liess mir von ihrem Sohn erzählen und
schrieb's alles auf und schickte es der Günderode; - wie sie in's Rheingau ging,
sendete sie mir die Papiere zurück; die Magd, die sie mir brachte, sagte, es
habe der Stiftsdame heftig das Herz geklopft, da sie ihr die Papiere gegeben,
und auf ihre Frage, was sie bestellen solle, habe sie geantwortet: »Nichts.« -
    Es vergingen vierzehn Tage, da kam Fritz Schlosser; er bat mich um ein paar
Zeilen an die Günderode, weil er ins Rheingau reisen werde und wolle gern ihre
Bekanntschaft machen. Ich sagte, dass ich mit ihr brouilliert sei, ich bäte ihn
aber, von mir zu sprechen und achtzugeben, was es für einen Eindruck auf sie
mache. - »Wann gehen Sie hin «, sagte ich, »morgen?« - »Nein, in acht Tagen.« -
»O gehen Sie morgen, sonst treffen Sie sie nicht mehr; - am Rhein ist's so
melancholisch«, sagte ich scherzend, »da könnte sie sich ein Leid's antun;« -
Schlosser sah mich ängstlich an. »Ja ja«, sagte ich mutwillig, »sie stürzt sich
ins Wasser oder ersticht sich aus blosser Laune.« - »Frevlen Sie nicht«, sagte
Schlosser, und nun frevelte ich erst recht: »Geben Sie acht, Schlosser, Sie
finden Sie nicht mehr, wenn Sie nach alter Gewohnheit zögern, und ich sage
Ihnen, gehen Sie heute lieber wie morgen und retten Sie sie von unzeitiger
melancholischer Laune;« - und im Scherz beschrieb ich sie, wie sie sich
umbringen werde, im roten Kleid, mit aufgelöstem Schnürband, dicht unter der
Brust die Wunde; das nannte man tollen Übermut von mir, es war aber bewusstloser
Überreiz, indem ich die Wahrheit vollkommen genau beschrieb. - Am andern Tag kam
Franz und sagte: »Mädchen, wir wollen ins Rheingau gehen, da kannst Du die
Günderode besuchen.« - »Wann?« fragte ich - »Morgen«, sagte er; - ach, ich
packte mit Übereile ein, ich konnte kaum erwarten, dass wir gingen; alles, was
mir begegnete, schob ich hastig aus dem Weg, aber es vergingen mehrere Tage und
es ward die Reise immer verschoben; endlich, da war meine Lust zur Reise in
tiefe Trauer verwandelt, und ich wär lieber zurückgeblieben. - Da wir in
Geisenheim ankamen, wo wir übernachteten, lag ich im Fenster und sah ins
mondbespiegelte Wasser; meine Schwägerin Toni sass am Fenster; die Magd, die den
Tisch deckte, sagte: »Gestern hat sich auch eine junge schöne Dame, die schon
sechs Wochen hier sich aufhielt, bei Winckel umgebracht; sie ging am Rhein
spazieren ganz lang, dann lief sie nach Hause, holte ein Handtuch; am Abend
suchte man sie vergebens; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter
Weidenbüschen, sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals
gebunden, wahrscheinlich, weil sie sich in den Rhein versenken wollte, aber da
sie sich ins Herz stach, fiel sie rückwärts, und so fand sie ein Bauer am Rhein
liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiefsten ist. Er riss ihr den
Dolch aus dem Herzen und schleuderte ihn voll Abscheu weit in den Rhein, die
Schiffer sahen ihn fliegen, - da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt.«
- Ich hatte im Anfang nicht zugehört, aber zuletzt hört ich's mit an und rief:
»Das ist die Günderode!« Man redete mir's aus und sagte, es sei wohl eine andre,
da so viel Frankfurter im Rheingau wären. Ich liess mir's gefallen und dachte:
grade, was man prophezeie, sei gewöhnlich nicht wahr. - In der Nacht träumte
mir, sie käme mir auf einem mit Kränzen geschmückten Nachen entgegen, um sich
mit mir zu versöhnen; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief:
»Es ist alles nicht wahr, eben hat mir's lebhaft geträumt!« »Ach«, sagte der
Bruder, »baue nicht auf Träume!« - Ich träumte noch einmal, ich sei eilig in
einem Kahn über den Rhein gefahren, um sie zu suchen; da war das Wasser trüb und
schilfig, die Luft war dunkel und es war sehr kalt; - ich landete an einem
sumpfigen Ufer, da war ein Haus mit feuchten Mauern, aus dem schwebte sie hervor
und sah mich ängstlich an und deutete mir, dass sie nicht sprechen könne; - ich
lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief: »Nein, es ist gewiss wahr;
denn mir hat geträumt, dass ich sie gesehen habe, und ich hab gefragt: Günderode,
warum hast Du mir dies getan? Da hat sie geschwiegen, hat den Kopf gesenkt und
hat sich traurig nicht verantworten können.« - Nun überlegte ich im Bett alles
und besann mich, dass sie mir früher gesagt hatte, sie wolle sich erst mit mir
entzweien, eh sie diesen Entschluss ausführen werde; nun war mir unsre Trennung
erklärt; auch dass sie mir ein Zeichen geben werde, wenn ihr Entschluss reif sei;
- das war also die Geschichte von ihrer toten Schwester, die sie mir ein halb
Jahr früher mitteilte; da war der Entschluss schon gefasst. - O ihr grossen Seelen,
dieses Lamm in seiner Unschuld, dieses junge zaghafte Herz, welche ungeheure
Gewalt hat es bewogen, so zu handeln? - Am andern Morgen fuhren wir bei früher
Zeit auf dem Rhein weiter; - Franz hatte befohlen, dass das Schiff jenseits sich
halten solle, um zu vermeiden, dass wir dem Platz zu nahe kämen, aber dort stand
der Fritz Schlosser am Ufer, und der Bauer, der sie gefunden, zeigte ihm, wo der
Kopf gelegen hatte und die Füsse und dass das Gras noch niederliege, - und der
Schiffer lenkte unwillkürlich dortin, und Franz bewusstlos sprach im Schiff
alles dem Bauern nach, was er in der Ferne verstehen konnte, und da musst ich
denn mit anhören die schauderhaften Bruchstücke der Erzählung vom roten Kleid,
das aufgeschnürt war, und der Dolch, den ich so gut kannte, und das Tuch mit
Steinen um ihren Hals, und die breite Wunde; - aber ich weinte nicht, ich
schwieg. - Da kam der Bruder zu mir und sagte: »Sei stark, Mädchen.« - Wir
landeten in Rüdesheim; überall erzählte man sich die Geschichte; ich lief in
Windesschnelle an allen vorüber, den Ostein hinauf eine halbe Stunde bergan,
ohne auszuruhen; - oben war mir der Atem vergangen, mein Kopf brannte, ich war
den andern weit vorausgeeilt. - Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen
Schmuck der Inseln; da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufliessen
und die reichen friedlichen Städte an beiden Ufern und die gesegneten Gelände an
beiden Seiten; da fragte ich mich, ob mich die Zeit über diesen Verlust
beschwichtigen werde, und da war auch der Entschluss gefasst, kühn mich über den
Jammer hinauszuschwingen; denn es schien mir unwürdig, Jammer zu äussern, den ich
einstens beherrschen könne.
 
                            Briefwechsel mit Goete
Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
Petrarcas Brust, vor allen andern Tagen,
Karfreitag. Ebenso, ich darf's wohl sagen,
Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.
Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu lieben
Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.
Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
War leider unbelohnt und gar zu traurig,
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;
Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,
Süss, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.
                                   An Goete
                                                        Kassel, den 15. Mai 1807
»Liebe, liebe Tochter! Nenne mich für alle Tage, für alle Zukunft mit dem einen
Namen, der mein Glück umfasst; mein Sohn sei Dein Freund, Dein Bruder, der Dich
gewiss liebt usw.«
    Solche Worte schreibt mir Goetes Mutter; zu was berechtigen mich diese? -
Auch brach es los wie ein Damm in meinem Herzen; - ein Menschenkind, einsam auf
einem Fels, von Stürmen umbraust, seiner selbst ungewiss hin- und herschwankend,
wie Dornen und Disteln um es her - so bin ich; so war ich, da ich meinen Herrn
noch nicht erkannt hatte. Nun wend ich mich wie die Sonnenblume nach meinem Gott
und kann ihm mit dem von seinen Strahlen glühenden Angesicht beweisen, dass er
mich durchdringt. O Gott! Darf ich auch! - Und bin ich nicht allzu kühn?
    Und was will ich denn? - Erzählen, wie die herrliche Freundlichkeit, mit der
Sie mir entgegenkamen, jetzt in meinem Herzen wuchert? - alles andre Leben mit
Gewalt erstickt? Wie ich immer muss hinverlangen, wo mir's zum erstenmal wohl
war? - Das hilft alles nichts; die Worte Ihrer Mutter! - Ich bin weit entfernt,
Ansprüche an das zu machen, was ihre Güte mir zudenkt, - aber diese haben mich
geblendet; und ich musste zum wenigsten den Wunsch befriedigen, dass Sie wissen
möchten, wie mächtig mich die Liebe in jedem Augenblick zu Ihnen hinwendet.
    Auch darf ich mich nicht scheuen, einem Gefühl mich hinzugeben, das sich aus
meinem Herzen hervordrängt wie die junge Saat im Frühling; - es musste so sein,
und der Same war in mich gelegt; es ist nicht mein vorsätzlicher Wille, wenn ich
oft aus dem augenblicklichen Gespräch zu Ihren Füssen getragen bin; dann setze
ich mich an die Erde und lege den Kopf auf Ihren Schoss, oder ich drücke Ihre
Hand an meinen Mund, oder ich stehe an Ihrer Seite und umfasse Ihren Hals; und
es währt lange, bis ich eine Stellung finde, in der ich beharre. Dann plaudre
ich, wie es mir behagt; die Antwort aber, die ich mir in Ihrem Namen gebe,
spreche ich mit Bedacht aus: »Mein Kind! Mein artig gut Mädchen! Liebes Herz!«
Ja, so klingt's aus jener wunderbaren Stunde herüber, in der ich glaubte von
Geistern in eine andre Welt getragen zu sein; und wenn ich dann bedenke, dass es
von Ihren Lippen so widerhallen könnte, wenn ich wirklich vor Ihnen stände, -
dann schaudre ich vor Freude und Sehnsucht zusammen. O wieviel hundertmal träumt
man und träumt besser, als einem je wird. - Mutwillig und übermütig bin ich auch
zuweilen und preise den Mann glücklich, der so sehr geliebt wird; dann lächeln
Sie und bejahen es in freundlicher Grossmut.
    Weh mir! Wenn dies alles nie zur Wahrheit wird, dann werd ich im Leben das
Herrlichste vermissen. Ach, ist der Wein denn nicht die süsseste und
begehrlichste unter allen himmlischen Gaben? Dass wer ihn einmal gekostet hat,
trunkner Begeistrung nimmer abschwören möchte. - Diesen Wein werd ich vermissen,
und alles andre wird mir sein wie hartes geistloses Wasser, dessen man keinen
Tropfen mehr verlangt, als man bedarf.
    Wie werd ich mich alsdann trösten können! - Mit dem Lied etwa: »Im Arm der
Liebe ruht sich's wohl, wohl auch im Schoss der Erde?« - Oder: »Ich wollt, ich
läg und schlief zehntausend Klafter tief.« - Ich wollt, ich könnte meinen Brief
mit einem Blick in Ihre Augen schliessen; schnell würde ich Vergebung der
Kühnheit herauslesen und diese noch mit einsiegeln; ich würde dann nicht
ängstlich sein über das kindische Geschwätz, das mir doch so ernst ist. Da wird
es hingetragen in rascher Eile viele Meilen; der Postillon schmettert mit vollem
Entusiasmus seine Ankunft in die Lüfte, als wolle er frohlockend fragen: »Was
bring ich?« - Und nun bricht Goete seinen Brief auf und findet das unmündige
Stammeln eines unbedeutenden Kindes. Soll ich noch Verzeihung fordern? - O, Sie
wissen wohl, wie übermächtig, wie voll süssen Gefühls das Herz oft ist, und die
kindische Lippe kann das Wort nicht treffen, den Ton kaum, der es widerklingen
macht.
                                                                Bettine Brentano
 
                                   An Bettine
                 im Brief an seine Mutter eingelegt von Goete.
Solcher Früchte, reif und süss, würde man gern an jedem Tag geniessen, den man zu
den schönsten zu zählen berechtigt sein dürfte.
                                                                 Wolfgang Goete
Liebe Mutter, geben Sie dies eingesiegelte Blättchen an Bettine und fordern Sie
sie auf, mir noch ferner zu schreiben.
 
                                   An Goete
                                                                      Am 25. Mai
Wenn die Sonne am heissesten scheint, wird der blaue Himmel oft trübe; man
fürchtet Sturm und Gewitter, beklemmende Luft drückt die Brust, aber endlich
siegt die Sonne; ruhig und golden sinkt sie dem Abend in den Schoss.
    So war mir's, da ich Ihnen geschrieben hatte; ich war beklemmt, wie wenn ein
Gewitter sich spüren lässt, und ward oft rot über den Gedanken, dass Sie es
unrecht finden möchten, und endlich ward mein Misstrauen nur durch wenig Worte,
aber so lieb gelöst. Wenn Sie wüssten, wie schnelle Fortschritte mein Zutrauen in
demselben Augenblick machte, da ich erkannte, dass Sie es gern wollen! - Gütiger,
freundlich gesinnter Mann! Ich bin so unbewandert in Auslegung solcher
köstlichen Worte, dass ich schwankte über ihren Sinn; die Mutter aber sagte: »Sei
nicht so dumm, er mag geschrieben haben, was er will, so heisst es, Du sollst ihm
schreiben, so oft Du kannst, und was Du willst.« - Ach, ich kann Ihnen nichts
anders mitteilen, als bloss was in meinem Herzen vorgeht. O dürft ich jetzt bei
ihm sein, dacht ich, so glühend hell sollte meine Freudensonne ihm leuchten, wie
sein Auge freundlich dem meinigen begegnet. Ja wohl, herrlich! Ein Purpurhimmel
mein Gemüt, ein warmer Liebestau meine Rede, die Seele müsste wie eine Braut aus
ihrer Kammer treten ohne Schleier und sich bekennen: »O Herr, in Zukunft will
ich Dich oft sehen und lang am Tage, und oft soll ihn ein solcher Abend
schliessen.«
    Ich gelobe es, dasjenige, was von der äusseren Welt unberührt in mir vorgeht,
heimlich und gewissenhaft demjenigen darzulegen, der so gern teil an mir nimmt,
und dessen allumfassende Kraft den jungen Keimen meiner Brust Fülle
befruchtender Nahrung verspricht.
    Das Gemüt hat ohne Vertrauen ein hartes Los; es wächst langsam und dürftig,
wie eine heisse Pflanze zwischen Felsen; so bin ich, - so war ich bis heute, -
und diese Herzensquelle, die nirgend wo ausströmen, konnte, findet plötzlich den
Weg ans Licht, und paradiesische Ufer im Balsamduft blühender Gefilde begleiten
ihren Weg.
    O Goete! - Meine Sehnsucht, mein Gefühl sind Melodien, die sich ein Lied
suchen, dem sie sich anschmiegen möchten. Darf ich mich anschmiegen? - Dann
sollen diese Melodien so hoch steigen, dass sie Ihre Lieder begleiten können.
    Ihre Mutter schrieb wie von mir: dass ich keinen Anspruch an Antworten mache;
dass ich keine Zeit rauben wolle, die Ewiges hervorbringen kann; so ist es aber
nicht: meine Seele schreit wie ein durstiges Kindchen; alle Zeiten, zukünftige
und verflossene, möchte ich in mich trinken, und mein Gewissen würde mir wenig
Bedenken machen, wenn die Welt von nun an weniger von Ihnen zu erfahren bekäme
und ich mehr. Bedenken Sie indes, dass nur wenig Worte von Ihnen ein grösseres Mass
von Freude ausfüllen werden, als ich von aller späteren Zeit erwarte.
                                                                         Bettine
Die Mutter ist sehr heiter und gesund, sie trinkt noch einmal soviel Wein wie
vor'm Jahr, geht bei Wind und Wetter ins Teater; singt in ihrem Übermut mir
vor: »Zärtliche getreue Seele, deren Schwur kein Schicksal bricht.«
 
                                   Extrablatt
Wir führen Krieg, ich und die Mutter, und nun ist's so weit gekommen, dass ich
kapitulieren muss; die harte Bedingung ist, dass ich selbst Ihnen alles erzählen
soll, womit ich's verschuldet habe, und was die gute Mutter so heiter und launig
ertragen hat; sie hat eine Geschichte daraus zusammengesponnen, die sie mit
tausend Pläsier erzählt; sie könnte es also selbst viel besser schreiben, das
will sie nicht, ich soll's zu meiner Strafe erzählen, und da fühl ich mich ganz
beschämt.
    Ich sollte ihr den Gall bringen und führte ihr unter seinem Namen den Tieck
zu; sie warf gleich ihre Kopfbedeckung ab, setzte sich und verlangte, Gall solle
ihren Schädel untersuchen, ob die grossen Eigenschaften ihres Sohnes nicht durch
sie auf ihn übergegangen sein möchten; Tieck war in grosser Verlegenheit, denn
ich liess ihm keinen Moment, um der Mutter den Irrtum zu benehmen; sie war gleich
in heftigem Streit mit mir und verlangte, ich solle ganz stillschweigen und dem
Gall nicht auf die Sprünge helfen; da kam Gall selbst und nannte sich; die
Mutter wusste nicht, zu welchem sie sich bekehren solle, besonders da ich stark
gegen den rechten protestierte, jedoch hat er endlich den Sieg davongetragen,
indem er ihr eine sehr schöne Abhandlung über die grossen Eigenschaften ihres
Kopfes hielt; und ich hab Verzeihung erhalten und musste versprechen, sie nicht
wieder zu betrügen. Ein paar Tage später kam eine gar zu schöne Gelegenheit,
mich zu rächen. Ich führte ihr einen jungen Mann aus Strassburg zu, der kurz
vorher bei Ihnen gewesen war; sie fragte höflich nach seinem Namen; noch eh er
sich nennen konnte, sagte ich: »Der Herr heisst Schneegans, hat Ihren Herrn Sohn
in Weimar besucht und bringt Ihr viele Grüsse von ihm«. Sie sah mich verächtlich
an und fragte: »Darf ich um Ihren werten Namen bitten?« Aber noch ehe er sich
legitimieren konnte, hatte ich schon wieder den famösen Namen Schneegans
ausgesprochen; ganz ergrimmt über mein grobes Verfahren, den fremden Herrn eine
Schneegans zu schimpfen, bat sie ihn um Verzeihung, und dass mein Mutwill keine
Grenzen habe und manchmal sogar ins Alberne spiele; ich sagte: »Der Herr heisst
aber doch Schneegans.« »O schweig«, rief sie, »wo kann ein vernünftiger Mensch
Schneegans heissen!« Wie nun der Herr endlich zu Wort kam und bekannte, dass er
wirklich die Fatalität habe so zu heissen, da war es sehr ergötzlich, die
Entschuldigungen und Beteuerungen von Hochachtung gegenseitig anzuhören; sie
amüsierten sich vortrefflich miteinander, als hätten sie sich jahrelang gekannt,
und beim Abschied sagte die Mutter mit einem heroischen Anlauf: »Leben Sie recht
wohl, Herr von Schneegans, hätte ich doch nimmermehr geglaubt, dass ich's über
die Zunge bringen könne!« -
    Nun, da ich's geschrieben habe, erkenne ich erst, wie schwer die Strafe ist;
denn ich hab einen grossen Teil des Papiers beschrieben, ohne auch nur ein
Wörtchen von meinen Angelegenheiten, die mir so sehr am Herzen liegen,
anzubringen. Ja, ich schäme mich, Ihnen heute noch was anders zu sagen, als nur
meinen Brief mit Hochachtung und Liebe abzuschliessen. Aber morgen, da fange ich
einen neuen Brief an, und der hier soll nichts gelten.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                         3. Juni
Ich habe heut' bei der Mutter einliegenden Brief an Sie abgeholt, um doch eher
schreiben zu dürfen, ohne unbescheiden zu sein. Ich möchte gar zu gern recht
vertraulich kindisch und selbst ungereimt an Sie schreiben dürfen, wie mir's im
Kopf käme - Darf ich? Z.B., dass ich verliebt war fünf Tage lang, ist das
ungereimt? - Nun, was spiegelt sich denn in Ihrer Jugendquelle? - Nur
hineingeschaut; Himmel und Erde malen sich drin; in schöner Ordnung stehen die
Berge und die Regenbogen und die blitzdurchriss'nen Gewitterwolken, und ein
liebend Herz schreitet durch, höherem Glück entgegen; und den
sonnedurchleuchteten Tag kränzet der heimliche Abend in Liebchens Arm.
    Drum sei mir's nicht verargt, dass ich fünf Tage lang verliebt war.
                                                                         Bettine
 
                                  Goete an B.
                                                                        10. Juni
Der Dichter ist manchmal so glücklich, das Ungereimte zu reimen, und so wär es
Ihnen zu gestatten, liebes Kind, dass Sie ohne Rückhalt, alles was Sie der Art
mitzuteilen haben, ihm zukommen liessen. Gönnen Sie mir aber auch eine nähere
Beschreibung dessen, der in fünftägigem Besitz Ihres Herzens war, und ob Sie
auch sicher sind, dass der Feind nicht noch im Versteck lauert. Wir haben auch
Nachrichten von einem jungen Mann, der, in eine grosse Bärenmütze gehüllt, in
Ihrer Nähe weilt und vorgibt, seine Wunden heilen zu müssen, während er
vielleicht im Sinne hat, die gefährlichsten zu schlagen.
    Erinnern Sie sich jedoch bei so gefahrvollen Zeiten des Freundes, der es
angemessener findet, Ihren Herzenslaunen jetzt nicht in den Weg zu kommen.
                                                                              G.
 
                         Lieber Goete! Lieber Freund!
                                                                        14. Juni
Heute hab ich mit der Mutter Wahl gehalten, was ich Ihnen für einen Titel geben
darf; da hat sie mir die beiden freigelassen, - ich hab sie beide
hingeschrieben; ich seh der Zeit entgegen, wo meine Feder anders dahintanzen
wird, - unbekümmert, wo die Flammen hinausschlagen; wo ich Ihnen mein
verborgenes Herz entdecke, das so ungestüm schlägt und doch zittert. Werden Sie
mir solche Ungereimteiten auch auflösen? - Wenn ich in derselben Natur mich
weiss, deren inneres Leben durch Ihren Geist mir verständlich wird, dann kann ich
oft beide nicht mehr voneinander unterscheiden; ich leg mich an grünen Rasen
nieder mit umfassenden Armen und fühle mich Ihnen so nah wie damals, wo Sie, den
Aufruhr in meinem Herzen zu beschwichtigen, zu dem einfachen Zaubermittel
griffen, von meinen Armen umfasst, so lange mich ruhig anzusehen, bis ich von der
Gewissheit meines Glückes mich durchdrungen fühlte.
    Lieber Freund! Wer dürfte zweifeln, dass das, was einmal so erkannt und so
ergriffen war, wieder verloren gehen könne? - Nein! - Sie sind mir nimmer fern.
Ihr Geist lächelt mich an und berührt mich zärtlich vom ersten Frühlingsmorgen
bis zum letzten Winterabend.
    
    So kann ich Ihnen auch das Liebesgeheimnis mit der Bärenmütze für Ihren
leisen Spott über meine ernste Treue auf das beschämendste erklären. - Nichts
ist reizender als die junge Pflanze in voller Blüte stehend, auf der der Finger
Gottes jeden frischen Morgen den zarten Tau in Perlen reihet und ihre Blätter
mit Duft bemalt. - So blüheten im vorigen Jahr ein paar schöne blaue Augen unter
der Bärenmütze hervor, so lächelten und schwätzten die anmutigen Lippen, so
wogten die schwanken Glieder, und so schmiegte sich zärtliche Neigung in jede
Frage und Antwort und hauchten in Seufzern den Duft des tieferen Herzens aus,
wie jene junge Pflanze. - Ich sah's mit an und verstand die Schönheit, und doch
war ich nicht verliebt; ich führte den jungen Husaren zur Günderode, die traurig
war; wir waren jeden Abend zusammen, der Geist spielte mit dem Herzen, tausend
Äusserungen und schöne Modulationen hörte und fühlte ich, - und doch war ich
nicht verliebt. - Er ging, - man sah, dass der Abschied sein Herz bedrängte.
»Wenn ich nicht wiederkehre«, sagte er, »so glauben Sie, dass die köstlichste
Zeit meines Lebens diese letzte war.« - Ich sah ihn die Stiegen hinabspringen,
ich sah seine reizende Gestalt, in der Würde und Stolz seiner schwanken Jugend
gleichsam einen Verweis geben, sich aufs Pferd schwingen und fort in den
Kugelregen reiten, - und ich seufzte ihm nicht nach. Dies Jahr kam er wieder mit
einer kaum vernarbten Wunde auf der Brust; er war blass und matt und blieb fünf
Tage bei uns. Abends, wenn alles um den Teetisch versammelt war, sass ich im
dunkeln Hintergrund des Zimmers, um ihn zu betrachten, er spielte auf der
Gitarre; - da hielt ich eine Blume vors Licht und liess ihren Schatten auf seinen
Fingern spielen, - das war mein Wagstück, - mir klopfte das Herz vor Angst, er
möchte es merken; da ging ich ins Dunkel zurück und behielt meine Blume, und die
Nacht legte ich sie unters Kopfkissen. - Das war die letzte Hauptbegebenheit in
diesem Liebesspiel von fünf Tagen.
    Dieser Jüngling, dessen Mutter stolz sein mag auf seine Schönheit, von dem
die Mutter mir erzählte, er sei der Sohn der ersten Heissgeliebten meines
geliebten Freundes, hat mich gerührt.
    Und nun mag der Freund sich's auslegen, wie es kam, dass ich dies Jahr Herz
und Aug für ihn offen hatte, und im vorigen Jahre nicht.
    Du hast mich geweckt mitten in lauen Sommerlüften, und da ich die Augen
aufschlug, sah ich die reifen Äpfel an goldnen Zweigen über mir schweben, und da
langt ich nach ihnen.
    Adieu! In der Mutter Brief steht viel von Gall und dem Gehirn; in dem
meinigen viel vom Herzen.
    Ich bitte, grüssen Sie den Doktor Schlosser in Ihren Briefen an die Mutter
nicht mehr mit mir in einer Rubrik; es tut meinem armen Hochmut gar zu weh.
                                                                         Bettine
Dein Kind, dein Herz, dein gut Mädchen, das
den Goete über alles lieb hat und sich mit
seinem Andenken über alles trösten kann.
 
                                   An Goete
                                                                        18. Juni
Gestern sass ich der Mutter gegenüber auf meinem Schemel, sie sah mich an und
sagte: »Nun was gibt's? - Warum siehst du mich nicht an?« - Ich wollte, sie
solle mir erzählen; - ich hatte den Kopf in meine Arme verschränkt. »Nein«,
sagte sie, »wenn Du mich nicht ansiehst, so erzähl ich nichts«; und da ich
meinen Eigensinn nicht brechen konnte, ward sie ganz still. - Ich ging auf und
ab durch die drei langen schmalen Zimmer, und so oft ich an ihr vorüberschritt,
sah sie mich an, als wolle sie sagen: »Wie lang soll's dauern?« - Endlich sagte
sie: »Hör! - Ich dächte, Du gingst.« - »Wohin?« fragte ich. - »Nach Weimar zum
Wolfgang, und holtest dir wieder Respekt gegen seine Mutter.« »Ach Mutter, wenn
das möglich wär!« sagte ich und fiel ihr um den Hals und küsste sie und lief im
Zimmer auf und ab. »Ei«, sagte sie, »warum soll es denn nicht möglich sein? Der
Weg dahin hängt ja aneinander und ist kein Abgrund dazwischen; ich weiss nicht,
was dich abhält, wenn du eine so ungeheure Sehnsucht hast; - eine Meile
vierzigmal zu machen ist der ganze Spass, und dann kommst du wieder und erzählst
mir alles.« -
    Nun hab ich die ganze Nacht von der einen Meile geträumt, die ich vierzigmal
machen werde; es ist ja wahr, die Mutter hat recht, nach vierzig durchjagten
Stunden läg ich am Herzen des Freundes; es ist auf dieser Erde, wo ich ihn
finden kann, auf gebahnten Wegen geht die Strasse, alles deutet dortin, der
Stern am Himmel leuchtet bis zu seiner Schwelle, die Kinder am Weg rufen mir zu:
»Dort wohnt er!« - Was hält mich zurück? - Ich bin allein meiner heissen
Sehnsucht Zeuge, und sollte mir's nicht gewähren, was ich bitte und flehe, dass
ich Mut haben möge? Nein, ich bin nicht allein, diese sehnsüchtigen Gedanken -
es sind Gestalten; sie sehen mir fragend unter die Augen: wie ich mein Leben
verschleifen könne, ohne Hand in Hand mit ihm, ohne Aug in Aug in ihrem Feuer zu
verglühen. - O Goete, ertrag mich, nicht alle Tage bin ich so schwach, dass ich
mich hinwerfe vor Dir und nicht aufhören will zu weinen, bis Du mir alles
versprichst. Es geht wie ein schneidend Schwert durch mein Herz, dass ich bei Dir
sein möchte; - bei Dir, und nichts anders will ich, so wie das Leben vor mir
liegt, weiss ich nichts, was ich noch fordern könnte, ich will nichts Neues
wissen, nichts soll sich regen, kein Blatt am Baum, die Lüfte sollen schweigen;
stille soll's in der Zeit sein, und Du sollst ausharren in Gelassenheit, bis
alle Schmerzen an Deiner Brust verwunden sind.
                                                                        19. Juni
Gestern abend war's so, lieber Goete; plötzlich riss der Zugwind die Tür auf und
löschte mir das Licht, bei dem ich Dir geschrieben habe. - Meine Fenster waren
offen, und die Pläne waren niedergelassen; der Sturmwind spielte mit ihnen; - es
kam ein heftiger Gewitterregen, da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestört -
er flog hinaus in den Sturm, er schrie nach mir, und ich lockte ihn die ganze
Nacht. Erst wie das Wetter vorüber war, legt ich mich schlafen; ich war müde und
sehr traurig, auch um meinen lieben Vogel. Wie ich noch bei der Günderode die
griechische Geschichte studierte, da zeichnete ich Landkarten, und wenn ich Seen
zeichnete, da half er Striche hineinmachen, dass ich ganz verwundert war, wie
emsig er mit seinem kleinen Schnabel immer hin und her kratzte.
    Nun ist er fort, gewiss hat ihm der Sturm das Leben gekostet; da hab ich
gedacht, wenn ich nun hinausflög, um Dich zu suchen, und käm durch Sturm und
Unwetter bis zu Deiner Tür, die Du mir nicht öffnen würdest - nein, Du wärst
fort; Du hättest nicht auf mich gewartet, wie ich die ganze Nacht auf meinen
kleinen Vogel; Du gehest andern Menschen nach, Du bewegst Dich in andern
Regionen; bald sind's die Sterne, die mit Dir Rücksprache halten, bald die
tiefen abgründlichen Felskerne; bald schreitet Dein Blick als Prophet durch
Nebel und Luftschichten, und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermählst sie
dem Licht; deine Leier findest Du immer gestimmt, und wenn sie Dir auch
frischgekränzt entgegenprangte, würdest Du fragen: »Wer hat mir diesen schönen
Kranz gewunden?« - Dein Gesang würde diese Blumen bald versengen; sie würden
ihre Häupter senken, sie würden ihre Farbe verlieren, und bald würden sie
unbeachtet am Boden schleifen.
    Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heisse Sehnen und Wollen kann
ich nur solchen Feldblumen vergleichen; - sie tun unbewusst über dem grünen Rasen
ihre goldnen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann
leuchten tausend Sterne über ihnen und umtanzen den Mond und verhüllen die
zitternden, tränenbelasteten Blumen in Nacht und betäubenden Schlummer. So bist
Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken
aber liegen im Tal, wie die Feldblumen, und sinken in Nacht vor Dir, und meine
Begeisterung ermattet vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem
Firmament.
                                                                         Bettine
 
                               Goete an Bettine
                                                                        18. Juni
Mein liebes Kind! Ich klage mich an, dass ich Dir nicht früher ein Zeichen
gegeben, wie genussreich und erquickend es mir ist, das reiche Leben Deines
Herzens überschauen zu dürfen. Wenn es auch ein Mangel in mir ist, dass ich Dir
nur wenig sagen kann, so ist es Mangel an Fassung über alles, was Du mir gibst.
    Ich schreibe Dir diesen Augenblick im Flug; denn ich fürchte da zu
verweilen, wo so viel Überströmendes mich ergreift. Fahre fort, Deine Heimat bei
der Mutter zu befestigen; es ist ihr zu viel dadurch geworden, als dass sie Dich
entbehren könnte, und rechne Du auf meine Liebe und meinen Dank.
                                                                              G.
                                   An Goete
                                                          Frankfurt, am 29. Juni
Wenn ich alles aus dem Herzen in die Feder fliessen liess, so würdest Du manches
Blatt von mir beiseite legen, denn immer von mir und von Dir, und einzig von
meiner Liebe, das wär doch nur der bewusste ewige Inhalt. Ich hab's in den
Fingerspitzen und meine, ich müsste Dir erzählen, was ich nachts von Dir geträumt
habe, und denk nicht, dass Du für anders in der Welt bist. Häufig hab ich
denselben Traum, und es hat mir schon viel Nachdenken gemacht, dass meine Seele
immer unter denselben Bedingungen mit Dir zu tun hat; es ist, als solle ich vor
Dir tanzen, ich bin äterisch gekleidet, ich hab ein Gefühl, dass mir alles
gelingen werde, die Menge umdrängt mich. - Ich suche Dich, dort sitzest Du frei
mir gegenüber; es ist, als ob Du mich nicht bemerktest und seist mit anderem
beschäftigt; - jetzt trete ich vor Dich, goldbeschuhet, und die silbernen Ärme
hängen nachlässig, und warte; da hebst Du das Haupt, Dein Blick ruht auf mir
unwillkürlich, ich ziehe mit leisen Schritten magische Kreise, Dein Aug verlässt
mich nicht mehr, Du musst mir nach, wie ich mich wende, und ich fühle einen
Triumph des Gelingens; - alles, was Du kaum ahnest, das zeige ich Dir im Tanz,
und Du staunst über die Weisheit, die ich Dir vortanze, bald werf ich den
luftigen Mantel ab und zeig Dir meine Flügel und steig auf in die Höhen; da freu
ich mich, wie Dein Aug mich verfolgt; dann schweb ich wieder herab und sink in
Deine umfassenden Arme; dann atmest Du Seufzer aus und siehst an mir hinauf und
bist ganz durchdrungen; aus diesen Träumen erwachend, kehr ich zu den Menschen
zurück wie aus weiter Ferne; ihre Stimmen schallen mir fremd und ihre Gebärden
auch; - und nun lass mich bekennen, dass bei diesem Bekenntnis meiner Traumspiele
meine Tränen fliessen. Einmal hast Du für mich gesungen: »So lasst mich scheinen,
bis ich werde, zieht mir das weisse Kleid nicht aus.« - Diese magischen Reize,
diese Zauberfähigkeiten sind mein weisses Kleid; ich flehe auch, dass es mir
bleibe, bis ich werde, aber Herr: diese Ahnung lässt sich nicht bestreiten, dass
auch mir das weisse Kleid ausgezogen werde, und dass ich in den gewöhnlichen des
alltäglichen gemeinen Lebens einhergehen werde, und dass diese Welt, in der meine
Sinne lebendig sind, versinken wird; das, was ich schützend decken sollte, das
werde ich verraten; da, wo ich duldend mich unterwerfen sollte, da werde ich
mich rächen; und da, wo mir unbefangne kindliche Weisheit einen Wink gibt, da
werd ich Trotz bieten und es besser wissen wollen; - aber das Traurigste wird
sein, dass ich mit dem Fluch der Sünde belasten werde, was keine ist, wie sie es
alle machen; - und mir wird Recht dafür geschehen. - Du bist mein Schutzaltar,
zu Dir werd ich flüchten; diese Liebe, diese mächtige, die zwischen uns waltet,
und die Erkenntnis, die mir durch sie wird, und die Offenbarungen, die werden
meine Schutzmauern sein; sie werden mich frei machen von denen, die mich richten
wollen.
                                                                       Dein Kind
 
                                   An Goete
Vorgestern waren wir im »Egmont«, sie riefen alle: »Herrlich!« Wir gingen noch
nach dem Schauspiel unter den mondbeschienenen Linden auf und ab, wie es
Frankfurter Sitte ist, da hört ich tausendfachen Widerhall. - Der kleine Dalberg
war mit uns; er hatte Deine Mutter im Schauspiel gesehen und verlangte, ich
solle ihn zu ihr bringen; sie war eben im Begriff, Nachttoilette zu machen, da
sie aber hörte, er komme vom Primas, so liess sie ihn ein; sie war schon in der
weissen Negligéjacke, aber sie hatte ihren Kopfputz noch auf. Der liebenswürdige
feine Dalberg sagte ihr, sein Onkel habe von oben herüber ihre freudeglänzenden
Augen gesehen während der Vorstellung, und er wünsche sie vor seiner Abreise
noch zu sprechen, und möchte sie doch am andern Tag bei ihm zu Mittag essen. Die
Mutter war sehr geputzt bei diesem Diner, das mit allerlei Fürstlichkeiten und
sonst merkwürdigen Personen besetzt war, denen zulieb die Mutter wahrscheinlich
invitiert war; denn alle drängten sich an sie heran, um sie zu sehen und mit ihr
zu sprechen. Sie war sehr heiter und beredsam, und nur von mir suchte sie sich
zu entfernen. Sie sagte mir nachher, sie habe Angst gehabt, ich möge sie in
Verlegenheit bringen; ich glaube aber, sie hat mir einen Streich gespielt, denn
der Primas sagte mir sehr wunderliche Sachen über Dich, und dass Deine Mutter ihm
gesagt habe, ich habe einen erhabenen ästetischen Sinn. Da nahm er einen
schönen Engländer bei der Hand, einen Schwager des Lord Nelson, und sagte:
»Dieser feine Mann mit der Habichtsnase, der soll Sie zu Tisch führen, er ist
der schönste von der ganzen Gesellschaft, nehmen Sie vorlieb;« der Engländer
lächelte, er verstand aber nichts davon. Bei Tisch wechselte er mein Glas, aus
dem ich getrunken hatte, und bat mich um Erlaubnis, daraus zu trinken, der Wein
würde ihm sonst nicht schmecken; das liess ich geschehen, und alle Weine, die ihm
vorgesetzt wurden, die goss er in dies Glas und trank sie mit begeisterten
Blicken aus; es war eine wunderliche Tischunterhaltung; bald rückte er seinen
Fuss dicht an den meinigen und fragte mich, was meine liebste Unterhaltung sei;
ich sagte, ich tanze lieber, als ich gehe, und fliege lieber, als ich tanze, und
dabei zog ich meinen Fuss zurück. Ich hatte meinen kleinen Strauss, den ich
vorgesteckt hatte, ins Wasserglas gestellt, damit er nicht so bald welken solle,
um ihn nach Tisch wieder vorzustecken, er frug: »Will you give me tis?« Ich
nickte ihm, er nahm ihn, daran zu riechen und küsste ihn; er steckte ihn in Busen
und knöpfte die Weste darüber zu und seufzte, und da sah er, dass ich rot ward. -
Sein Gesicht übergoss sich mit einem Schmelz von Freundlichkeit; er wendete es zu
mir, ohne die Augen aufzuschlagen, als wolle er mich auffordern, seine
wohlgefällige Bildung zu beachten; sein Fuss suchte wieder den meinen, und mit
leiser Stimme sagte er: »Be good, fine girl.« - Ich konnte ihm nicht
unfreundlich sein, und doch wollte ich gerne meine Ehre retten; da zog ich das
eine End meines langen Gürtels um sein Bein und band es geschickt an dem
Tischbein fest, ganz heimlich, dass es niemand sah; er liess es geschehen, ich
sagte: »Be good, fine boy.« - Und nun waren wir voll Scherz und Witz bis zum End
der Tafel, und es war wirklich eine zärtliche Lust zwischen uns; und ich liess
ihn sehr gern meine Hand an sein Herz ziehen, wie er sie küsste. -
    Ich hab meine Geschichte der Mutter erzählt, die sagt, ich soll sie Dir
schreiben, es sei ein artig Lustspiel für Dich, und Du würdest sie allein schön
auslegen; es ist ja wahr, Du! Der es weiss, dass ich gern den Nacken unter Deine
Füsse lege, Du wirst mich nicht schelten, dass ich der Kühnheit des Engländers,
der gern mit meinem Fuss gespielt hätte, keinen strengeren Verweis gab. - Du, der
die Liebe erkennt und die Feinheit der Sinne, o wie ist alles so schön in Dir;
wie rauschen die Lebensströme so kräftig durch Dein erregtes Herz und stürzen
sich mit Macht in die kalten Wellen Deiner Zeit und brausen auf, dass Berg und
Tal rauchen von Lebensglut, und die Wälder stehen mit glühenden Stämmen an
Deinen Gestaden; und alles, was Du anblickst, wird herrlich und lebendig. Gott,
wie gern möcht ich jetzt bei Dir sein! Und wär ich im Flug, weit über alle
Zeiten und schwebte über Dir: ich müsste die Fittiche senken und mich gelassen
der stillen Allmacht Deiner Augen hingeben.
    Die Menschen werden Dich nicht immer verstehen, und die Dir am nächsten zu
stehen behaupten, die werden am meisten Dich verleugnen; ich seh in die Zukunft,
da sie rufen werden: »Steiniget ihn!« Jetzt, wo Deine eigne Begeistrung gleich
einem Löwen sich an Dich schmiegt und Dich bewacht, da wagt sich die Gemeinheit
nicht an Dich.
    Deine Mutter sagte letzt: »Die Menschen sind zu jetziger Zeit alle wie
Gerning, der immer spricht: Wir übrigen Gelehrten, und ganz wahr spricht; denn
er ist übrig.« -
    Lieber tot als übrig sein! Ich bin es aber nicht, denn ich bin Dein, weil
ich Dich erkenne in allem. - Ich weiss, dass, wenn sich auch die Wolken vor dem
Sonnengott auftürmen, dass er sie bald wieder niederdrückt mit glänzender Hand;
ich weiss, dass er keinen Schatten duldet als den er unter den Sprossen seines
Ruhmes sich selber sucht. - Die Ruhe des Bewusstseins wird Dich überschatten; -
ich weiss, dass, wenn er sich über den Abend hinwegbeugt, so erhebt er wieder im
Morgen das goldne Haupt. - Du bist ewig. - Drum ist es gut mit Dir sein.
    Wenn ich abends allein im dunklen Zimmer bin und des Nachbars Lichter den
Schein an die Wand werfen, zuweilen auch Streiflichter Deine Büste erleuchten,
oder wenn es schon still in der Stadt ist, in der Nacht; hier und dort ein Hund
bellt, ein Hahn schreit; - ich weiss nicht, warum es mich oft mehr wie menschlich
ergreift; ich weiss nicht, wo ich vor Schmerz hin will. - Ich möchte anders als
wie mit Worten mit Dir sprechen; ich möchte mich an Dein Herz drücken; - ich
fühl, dass meine Seele lodert. - Wie die Luft so fürchterlich still ruht kurz vor
dem Sturm, so stehen dann grade meine Gedanken kalt und still, und das Herz wogt
wie das Meer. Lieber, lieber Goete! - Dann löst mich eine Rückerinnerung an
Dich wieder auf; die Feuer- und Kriegszeichen gehen langsam an meinem Himmel
unter, und Du bist wie der hereinströmende Mondstrahl. Du bist gross und herrlich
und besser als alles, was ich bis heute erkannt und erlebt hab. - Dein ganzes
Leben ist so gut.
 
                                   An Bettine
                                                                Am 16. Juli 1807
Was kann man Dir sagen und geben, was Dir nicht schon auf eine schönere Weise
zugeeignet wäre; man muss schweigen und Dich gewähren lassen; wenn es Gelegenheit
gibt, Dich um etwas zu bitten, da mag man seinen Dank mit einfliessen lassen für
das viele, was unerwartet durch Deine reiche Liebe einem geschenkt wird. Dass Du
die Mutter pflegst, möchte ich Dir gern aufs herzlichste vergelten; - von
dorter kam mir der Zugwind, und jetzt, weil ich Dich mit ihr zusammen weiss,
fühl ich mich gesichert und warm.
    Ich sage Dir nicht: »Komm!« Ich will nicht den kleinen Vogel aus dem Neste
gestört haben; aber der Zufall würde mir nicht unwillkommen sein, der Sturm und
Gewitter benützte, um ihn glücklich unter mein Dach zu bringen. Auf jeden Fall,
liebste Bettine, bedenke, dass Du auf dem Weg bist, mich zu verwöhnen.
                                                                          Goete
 
                                   An Goete
                                            Wartburg, den 1. August in der Nacht
Freund, ich bin allein; alles schläft, und mich hält's wach, dass es kaum ist,
wie ich noch mit Dir zusammen war. Vielleicht, Goete, war dies das höchste
Ereignis meines Lebens; vielleicht war es der reichste, der seligste Augenblick;
schönere Tage sollen mir nicht kommen, ich würde sie abweisen.
    Es war freilich ein letzter Kuss, mit dem ich scheiden musste, da ich glaubte,
ich müsse ewig an Deinen Lippen hängen, und wie ich so dahin fuhr durch die
Gänge unter den Bäumen, unter denen wir zusammen gegangen waren, da glaubte ich,
an jedem Stamme müsse ich mich festalten, - aber sie verschwanden, die grünen
wohlbekannten Räume, sie wichen in die Ferne, die geliebten Auen, und Deine
Wohnung war längst hinabgesunken, und die blaue Ferne schien allein mir meines
Lebens Rätsel zu bewachen; - doch die musst auch noch scheiden, und nun hatt ich
nichts mehr als mein heiss Verlangen, und meine Tränen flossen diesem Scheiden;
ach, da besann ich mich auf alles, wie Du mit mir gewandelt bist in nächtlichen
Stunden und hast mir gelächelt, dass ich Dir die Wolkengebilde auslegte und meine
Liebe, meine schönen Träume, und hast mit mir gelauscht dem Geflüster der
Blätter im Nachtwind; der Stille der fernen weit verbreiteten Nacht. - Und hast
mich geliebt, das weiss ich; wie Du mich an der Hand führtest durch die Strassen,
da hab ich's an Deinem Atem empfunden, am Ton Deiner Stimme, an etwas, wie soll
ich's Dir bezeichnen, das mich umwehte, dass Du mich aufnahmst in ein inneres
geheimes Leben, und hattest Dich in diesem Augenblick mir allein zugewendet und
begehrtest nichts, als mit mir zu sein; und dies alles, wer wird mir's rauben? -
Was ist mir verloren? - Mein Freund, ich habe alles, was ich je genossen. Und wo
ich auch hingehe - mein Glück ist meine Heimat.
    Wie die Regentropfen rasseln an den kleinen runden Fensterscheiben, und der
Wind furchtbar tobt! Ich habe schon im Bett gelegen und hatte mich nach der
Seite gewendet und wollte einschlafen in Dir, im Denken an Dich. - Was heisst
das: im Herrn entschlafen? Oft fällt mir dieser Spruch ein, wenn ich so zwischen
Schlaf und Wachen fühle, dass ich mit Dir beschäftigt bin; - ich weiss genau, wie
das ist: der ganze irdische Tag vergeht dem Liebenden, wie das irdische Leben
der Seele vergeht; sie ist hier und da in Anspruch genommen, und ob sie sich's
schon verspricht, sich selber nicht zu umgehen; so hat sie sich am End durch das
Gewebe der Zeiten durchgearbeitet, immer unter der heimlichen Bedingung, einmal
nur Rücksprache zu nehmen mit dem Geliebten, aber die Stunden legen im
Vorüberschreiten jede ihre Bitten und Befehle dar; und da ist ein übermächtiger
Wille im Menschen, der heisst ihn allem sich fügen; den lässt er über sich walten,
wie das Opfer über sich walten lässt, das da weiss, es wird zum Altar geführt. -
Und so entschläft die Seele im Herrn, ermüdet von der ganzen Lebenszeit, die ihr
Tyrann war und jetzt den Zepter sinken lässt. Da steigen göttliche Träume herauf
und nehmen sie in ihren Schoss und hüllen sie ein, und ihr magischer Duft wird
immer stärker und umnebelt die Seele, dass sie nichts mehr von sich weiss; das ist
die Ruhe im Grabe; so steigen Träume herauf jede Nacht, wenn ich mich besinnen
will auf Dich; und ich lasse mich ohne Widerstand einwiegen; denn ich fühle, dass
mein Wolkenbett aufwärts mit mir steigt! -
    Wenn Du diese Nacht auch wachgehalten bist, so musst Du doch einen Begriff
haben von dem ungeheuren Sturm. Eben wollte ich noch ganz stark sein und mich
gar nicht fürchten; da nahm aber der Wind einen so gewaltigen Anlauf und klirrte
an den Fensterscheiben und heulte so jammernd, dass ich Mitleid spürte, und nun
riss er so tückisch die schwere Türe auf, er wollte mir das Licht auslöschen; ich
sprang auf den Tisch und schützte es, und ich sah durch die offne Tür nach dem
dunklen Gang, um doch gleich bereit zu sein, wenn Geister eintreten sollten; ich
zitterte vor herzklopfender Angst; da sah ich was sich bilden, draussen im Gang;
und es war wirklich, als wollten zwei Männer eintreten, die sich bei der Hand
hielten; einer weiss und breitschultrig, und der andre schwarz und freundlich;
und ich dachte: das ist Goete! Da sprang ich vom Tisch Dir entgegen und lief
zur Tür hinaus auf den dunklen Gang, vor dem ich mich gefürchtet hatte, und ging
bis ans Ende Dir entgegen, und meine ganze Angst hatte sich in Sehnsucht
verwandelt; und ich war traurig, dass die Geister nicht kamen, Du und der Herzog.
- Ihr seid ja oft hier gewesen zusammen, Ihr zwei freundlichen Brüder.
    Gute Nacht, ich bin begierig auf morgen früh; da muss sich's ausweisen, was
der Sturm wird angerichtet haben; das Krachen der Bäume, das Rieseln der Wasser
wird doch was durchgesetzt haben.
                                                                    Am 2. August
Heute morgen hat mich die Sonne schon halb fünf Uhr geweckt; ich glaub, ich hab
keine zwei Stund geschlafen; sie musste mir grade in die Augen scheinen. Eben
hatte es aufgehört mit Wolkenbrechen und Windwirbeln, die goldne Ruhe breitete
sich aus am blauen Morgenhimmel; ich sah die Wasser sich sammeln und ihren Weg
zwischen den Felskanten suchen hinab in die Flut; gestürzte Tannen brachen den
brausenden Wassersturz, und Felssteine spalteten seinen Lauf; er war
unaufhaltsam; er riss mit sich, was nicht widerstehen konnte. - Da überkam mich
eine so gewaltige Lust - ich konnte auch nicht widerstehen: ich schürzte mich
hoch, der Morgenwind hielt mich bei den Haaren im Zaum; ich stützte beide Hände
in die Seite, um mich im Gleichgewicht zu halten, und sprang hinab in kühnen
Sätzen von einem Felsstück zum andern, bald hüben bald drüben, das brausende
Wasser mit mir, kam ich unten an; da lag, als wenn ein Keil sie gespalten hätte
bis an die Wurzel, der halbe Stamm einer hohlen Linde, quer über den sich
sammelnden Wassern.
    O liebster Freund! Der Mensch, wenn er Morgennebel trinkt und die frischen
Winde sich mit ihm jagen und der Duft der jungen Kräuter in die Brust eindringt
und in den Kopf steigt; und wenn die Schläfe pochen und die Wangen glühen und
wenn er die Regentropfen aus den Haaren schüttelt, was ist das für eine Lust!
    Auf dem umgestürzten Stamm ruhte ich aus, und da entdeckte ich unter den
dickbelaubten Ästen unzählige Vogelnester, kleine Meisen mit schwarzen Köpfchen
und weissen Kehlen, sieben in einem Neste, Finken und Distelfinken; die alten
Vögel flatterten über meinem Kopf und wollten die jungen ätzen; ach, wenn's
ihnen nur gelingt, sie gross zu ziehen in so schwieriger Lage; denk nur: aus dem
blauen Himmel herabgestürzt an die Erde, quer über einen reissenden Bach, wenn so
ein Vögelchen herausfällt, muss es gleich ersaufen, und noch dazu hängen alle
Nester schief. - Aber die hunderttausend Bienen und Mücken, die mich
umschwirrten, die all in der Linde Nahrung suchten; - wenn Du doch das Leben mit
angesehen hättest! Da ist kein Markt so reich an Verkehr, und alles war so
bekannt, jedes sucht sein kleines Wirtshaus unter den Blüten, wo es einkehrte;
und emsig flog es wieder hinweg und begegnete dem Nachbar, und da summten sie
aneinander vorbei, als ob sie sich's sagten, wo gut Bier feil ist. - Was
schwätze ich Dir alles von der Linde! - Und doch ist's noch nicht genug; an der
Wurzel hängt der Stamm noch zusammen; ich sah hinauf zu dem Gipfel des stehenden
Baumes, der nun sein halbes Leben am Boden hinschleifen muss, und im Herbst
stirbt er ihm ab. Lieber Goete, hätte ich meine Hütte dort in der einsamen
Talschlucht, und ich wär gewöhnt, auf Dich zu warten, welch grosses Ereignis war
dieses; wie würd ich Dir entgegenspringen und von weitem schon zurufen: »Denk
nur unsere Linde!« - Und so ist es auch: ich bin eingeschlossen in meiner Liebe
wie in einsamer Hütte, und mein Leben ist ein Harren auf Dich unter der Linde;
wo Erinnerung und Gegenwart duftet und die Sehnsucht die Zukunft herbeilockt.
Ach lieber Wolfgang, wenn der grausame Sturm die Linde spaltet und die üppigere,
stärkere Hälfte mit allem innewohnenden Leben zu Boden stürzt und ihr grünes
Laub über bösem Geschick wie über stürzenden Bergwassern trauernd welkt und die
junge Brut in ihren Ästen verdirbt; o dann denk, dass die eine Hälfte noch steht,
und in ihr alle Erinnerung und alles Leben, was dieser entspriesst, zum Himmel
getragen wird.
    Adieu! Jetzt geht's weiter; morgen bin ich Dir nicht so nah, dass ein Brief,
den ich früh geschrieben, Dir spät die Zeit vertreibt. - Ach lasse sie Dir
vertreiben, als wenn ich selbst bei Dir war: zärtlich!
    In Kassel bleib ich vierzehn Tage, dort werd ich der Mutter schreiben; sie
weiss noch nicht, dass ich bei Dir war.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
War unersättlich nach viel tausend Küssen
Und musst mit Einem Kuss am Ende scheiden.
Bei solcher Trennung herb empfundnem Leiden
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,
Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen,
So lang ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden.
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden
An fern entwichnen lichten Finsternissen.
Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte,
Fiel mir's zurück ins Herz, mein heiss Verlangen,
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.
Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte,
Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,
Als hätt ich alles, was ich je genossen.
                                     -----
Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale,
Dem Ozean sich eilig zu verbinden;
Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen,
Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale.
Doch stürzt sich Oreas mit einem Male,
Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden
Herab zur Flut, Behagen dort zu finden,
Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale.
Die Welle sprüht und staunt zurück und weichet
Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken.
Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben.
Sie schwankt und ruht zum See zurückgedeichet.
Gestirne spiegelnd sich, beschaun das Blinken
Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben.
Deine fliegenden Blätter, liebste Bettine, kamen grade zu rechter Zeit, um dem
Verdruss über Dein Verschwinden in etwas zu steuern. Beiliegend gebe ich Dir
einen Teil derselben zurück; Du siehst, wie man versucht, sich an der Zeit, die
uns des Liebsten beraubt, zu rächen und schöne Minuten zu verewigen. Möge sich
Dir der Wert darin spiegeln, den Du für den Dichter haben musst.
    Sollte Dein Vagabondenleben noch länger dauern, so versäume nicht von allem
Nachricht zu geben; ich folge Dir gerne, wo Dich auch Dein dämonischer Geist
hinführt.
    Ich lege diese Blätter an die Mutter bei, die Dir sie zu freundlicher Stunde
senden mag, da ich Deine Adresse nicht genau weiss. - Lebe wohl und komme Deinen
Verheissungen nach.
    Weimar, den 7. August 1807
                                                                          Goete
 
                                   An Goete
                                                     Kassel, den 13. August 1807
Wer kann's deuten und ermessen, was in mir vorgeht? - Ich bin glücklich jetzt im
Andenken der Vergangenheit, als ich kaum damals in der Gegenwart war; mein
erregtes Herz, die Überraschung bei Dir zu sein, dies Kommen und Gehen und
Wiederkehren in den paar Tagen, das war alles wie eindringende Wolken an meinem
Himmel; er musste durch meine zu grosse Nähe zugleich meinen Schatten aufnehmen,
so wie er auch immer dunkler ist, wo er an die Erde grenzt; jetzt in der Ferne
wird er mild, hoch und ganz hell.
    Ich möchte Deine liebe Hand mit meinen beiden an mein Herz drücken und Dir
sagen: wie Friede und Fülle über mich gekommen ist, seitdem ich Dich weiss.
    Ich weiss, dass es nicht der Abend ist, der mir jetzt ins Leben hereindämmert;
o wenn er's doch wäre! Wenn sie doch schon verlebt wären die Tage und meine
Wünsche und meine Freuden, möchten sie sich alle an Dir hinauf bilden, dass Du
mit überdeckt wärst und bekränzt, wie mit immergrünem Laub.
    Aber so warst Du, wie ich am Abend allein bei Dir war, dass ich Dich gar
nicht begreifen konnte; Du hast über mich gelacht, weil ich bewegt war, und laut
gelacht, weil ich weinte, aber warum? Und doch war es Dein Lachen, der Ton
Deines Lachens, was mich zu Tränen rührte, so wie es meine Tränen waren, die
Dich lachen machten, und ich bin zufrieden und sehe unter der Hülle dieses
Rätsels Rosen hervorbrechen, die der Wehmut und der Freude zugleich entspriessen.
- Ja, Du hast recht, Prophet: ich werde noch oft mit leichtem Herzen Scherz und
Lust durchwühlen, ich werde mich müde tummeln, so wie ich in meiner Kindheit
(ach, ich glaub es war gestern!) mich aus Übermut auf den blühenden Feldern
herumwälzte und alles zusammendrückte und die Blumen mit den Wurzeln ausriss, um
sie ins Wasser zu werfen, - aber auf süssem, warmem, festem Ernst will ich
ausruhen, und der bist Du, lachender Prophet. -
    Ich sag Dir's noch einmal: wer versteht's auf der weiten Erde, was in mir
vorgeht, wie ich so ruhig in Dir bin, so still, so ohne Wanken in meinem Gefühl;
ich könnte, wie die Berge, Nächte und Tage in die Vergangenheit tragen, ohne nur
zu zucken in Deinem Andenken. Und doch, wenn der Wind zuweilen von der ganzen
blühenden Welt den Duft und Samen zusammen auf der Berge Wipfel trägt, so werden
sie auch berauscht so wie ich gestern; da hab ich die Welt geliebt, da war ich
selig wie eine aufsprudelnde Quelle, in die die Sonne zum erstenmal scheint.
    Leb wohl, Herrlicher, der mich blendet und mich verschüchtert. - Von diesem,
steilen Fels, auf den sich meine Liebe mit Lebensgefahr gewagt hat, ist nicht
mehr herunterzuklettern, daran ist gar nicht zu denken, da bräch ich auf allen
Fall den Hals.
                                                                         Bettine
Und so weit hatte ich gestern geschrieben, sass heute morgen auf dem Sessel und
las still und andächtig in einer Chronik, ohne mich zu bewegen, denn ich wurde
dabei gemalt, so wie Du mich bald sehen sollst, - da brachte man mir das blaue
Kuvert, ich brach auf und fand mich darin in göttlichem Glanz wiedergeboren, und
zum erstenmal glaubte ich an meine Seligkeit. Was will ich denn? Ich begreif's
nicht; Du betäubst mich, jeder kleine Lärm ist mir zuwider; - wär's nur ganz
still in der Welt, und ich brauchte nichts mehr zu erfahren nach diesem einen
Augenblick, der mich schmerzt und nach dem ich mich immer zurücksehnen werde. -
Ach! Und was will ich denn mit Dir? - Nicht viel; Dich ansehen oft und warm,
Dich begleiten in Dein stilles Haus, Dich ausfragen in müssigen Stunden über Dein
früheres und jetziges Leben, so wie ich Dein Angesicht ausgefragt habe über
seine frühere und jetzige Schönheit. - Auf der Bibliotek, da konnte ich nicht
umhin, mich zu Deiner jungen Büste aufzuschwingen und meinen Schnabel wie eine
Nachtigall dran zu wetzen; Du breiter voller Strom, wie Du damals die üppigen
Gegenden der Jugend durchbraustest und jetzt eben ganz still durch Deine Wiesen
zogst; ach, und ich stürzte Dir Felssteine vor; und wie Du wieder Dich
auftürmtest; wahrlich, es war nicht zu verwundern; denn ich hatte mich tief
eingewühlt.
    O Goete! - Der Gott da oben ist ein grosser Dichter, der bildet Geschicke,
frei im Äter schwebend, glanzvoller Gestalt. Unser armes Herz, das ist der
Mutterschoss, aus dem er sie mit grossen Schmerzen geboren werden lässet; das Herz
verzweifelt, aber jene Geschicke schwingen sich aufwärts, freudig hallen sie
wieder in den himmlischen Räumen. - Deine Lieder sind der Samen, er fällt ins
wohlvorbereitete Herz, - ich fühl's, mag sich's wenden, wie es auch will, frei
von irdischer Schwere wird es als himmlisches Gedicht einst aufwärts sich
schwingen, und dem Gott da oben werden diese Schmerzen und diese Sehnsucht und
diese begeisterten Schwingungen Sprossen des jungen Lorbeers weihen, und selig
wird das Herz sein, das solche Schmerzen getragen hat.
    Siehst Du, wie ich heute ernstaft mit Dir zu sprechen versteh? - Ernster
als je: und weil Du jung bist und herrlich und herrlicher wie alle, so wirst Du
mich auch verstehen. - Ich bin ganz sanft geworden durch Dich; am Tage treib ich
mich mit Menschen, mit Musik und Büchern herum, und abends, wenn ich müde bin
und will schlafen, da rauscht die Flut meiner Liebe mir gewaltsam ins Herz. Da
seh ich Bilder, alles, was die Natur Sinnliches bietet, das umgibt Dich und
spricht für Dich; auf Höhen erscheinst Du; zwischen Bergwänden in verschlungnen
Wegen ereile ich Dich, und Dein Gesicht malt Rätsel, lieblich zu lösen. - Den
Tag, als ich Abschied nahm von Dir, mit dem einen Kuss, mit dem ich nicht schied,
da war ich morgens beinah eine ganze Stunde allein im Zimmer, wo das Klavier
steht; da sass ich auf der Erde im Eck und dachte: »Es geht nicht anders, Du musst
noch einmal weinen«, und Du warst ganz nah und wusstest es nicht; und ich weinte
mit lachendem Mund; denn mir schaute das feste grüne Land durch den trübsinnigen
Nebel durch. - Du kamst, und ich sagte Dir recht kurz (und ich schränkte mich
recht ein dabei), wie Du mir wert seist.
    Morgen reise ich nach Frankfurt, da will ich der Mutter alle Liebe antun und
alle Ehre, denn selig ist der Leib, der Dich getragen hat.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                   Am 21. August
Du kannst Dir keinen Begriff machen, mit welchem Jubel die Mutter mich aufnahm!
Sowie ich hereinkam, jagte sie alle fort, die bei ihr waren. »Nun, ihr Herren«,
sagte sie, »hier kommt jemand, der mit mir zu sprechen hat«, und so mussten alle
zum Tempel hinaus. Wie wir allein waren, sollte ich erzählen, - da wusst ich
nichts. »Aber wie war's, wie Du ankamst?« - »Ganz miserabel Wetter«; »vom Wetter
will ich nichts wissen; - vom Wolfgang, wie war's, wie du hereinkamst?« »Ich kam
nicht, er kam;« - »nun wohin?« - »In den Elefanten, um Mitternacht drei Treppen
hoch; alles schlief schon fest, die Lampen auf dem Flur ausgelöscht, das Tor
verschlossen, und der Wirt hatte den Schlüssel schon unterm Kopfkissen und
schnarchte tüchtig.« - »Nun, wie kam er denn da herein?« - »Er klingelte
zweimal, und wie er zum drittenmal recht lang an der Glocke zog, da machten sie
ihm auf.« - »Und du?« - »Ich in meiner Dachstube merkte nichts davon; Meline lag
schon lange und schlief im Alkoven mit vorgezognen Vorhängen; ich lag auf dem
Sofa und hatte die Hände überm Kopf gefaltet und sah, wie der Schein der
Nachtlampe wie ein grosser runder Mond an der Decke spielte; da hört ich's
rascheln an der Tür, und mein Herz war gleich auf dem Fleck; es klopfte, während
ich lauschte, aber weil es doch ganz unmöglich war in dieser späten Stunde und
weil es ganz still war, so hört ich nicht auf mein ahnendes Herz; - und da trat
er herein, verhüllt bis ans Kinn im Mantel, und machte leise die Tür hinter sich
zu und sah sich um, wo er mich finden sollte; ich lag in der Ecke des Sofas ganz
in Finsternis eingeballt und schwieg; da nahm er seinen Hut ab, und wie ich die
Stirne leuchten sah, den suchenden Blick, und wie der Mund fragte: Nun, wo bist
du denn? da tat ich einen leisen Schrei des Entsetzens über meine Seligkeit, und
da hat er mich auch gleich gefunden.«
    Die Mutter meinte, das würde eine schöne Geschichte geworden sein in Weimar.
Der Herr Minister um Mitternacht im Elefanten drei Treppen hoch eine Visite
gemacht! - Ja wohl ist die Geschichte schön! Jetzt, wo ich sie hier überlese,
bin ich entzückt, überrascht, hingerissen, dass mir dies all begegnet ist, und
ich frag Dich: welche Stunde wird so spät sein in Deinem Leben, dass es nicht
Dein Herz noch rühren sollte? - Wie Du in der Wiege lagst, da konnte kein Mensch
ahnen, was aus Dir werden würde, und wie ich in der Wiege lag, da hat mir's
keiner gesungen, dass ich Dich einst küssen würde.
    Hier fand ich alles auf dem alten Fleck; mein Feigenbaum hat Feigen gewonnen
und seine Blätter ausgebreitet; mein Gärtchen auf dem grossen Hausaltan, der von
einem Flügel zum andern reicht, steht in voller Blüte, der Hopfen reicht bis ans
Dach, in die Laube hab ich meinen Schreibtisch gesetzt; da sitze ich und schreib
an Dich und träume von Dir, wenn mir der Kopf trunken ist von den
Sonnenstrahlen; ach, ich lieg so gern in der Sonne und lasse mich recht
durchbrennen.
    Gestern ging ich am Stift vorbei, da klingelte ich nach früherer Gewohnheit,
und da lief ich nach dem kleinen Gang, der nach der Günderode ihrer Wohnung
führt. Die Tür ist noch verschlossen, es hat noch niemand wieder den Fuss über
die Schwelle gesetzt; ich küsste diese Schwelle, über die sie so oft geschritten
ist, um zu mir zu gehen und ich zu ihr. - Ach, wenn sie noch lebte, welch neues
Leben würde ihr aufgehen, wenn ich ihr alles erzählte, wie Wir in jenen
Nachtstunden so still nebeneinander gesessen haben, die Hände ineinander gefügt,
und wie die einzelnen Laute, die über Deine Lippen kamen, mir ins Herz drangen.
Ich schreib Dir's her, damit Du es nie vergessen sollst. Freund, ich könnte
eifersüchtig sein über Deine Anmut; die Grazien sind weiblich, sie schreiten vor
Dir her, wo Du eintrittst, da ist heilige Ordnung, denn alles Zufällige selbst
schmiegt sich Deiner Erscheinung an. - Sie umgeben Dich, sie halten Dich
gefangen und in der Zucht, denn Du möchtest vielleicht manchmal anders, aber die
Grazien leiden's nicht, ja diese stehen Dir weit näher, sie haben viel mehr
Gewalt über Dich als ich.
    Der Primas hat mich auch einladen lassen, wie er hörte, dass ich von Weimar
gekommen; ich sollte ihm von Dir erzählen. Da hab ich ihm allerlei gesagt, was
ihm Freude machen konnte. Dein Mädchen hatte sich geputzt, es wollte Dir Ehre
machen, ja ich wollte schön sein, weil ich Dich liebe, und weil es die Leute
wissen, dass Du mir gut bist; ein rosa Atlaskleid mit schwarzen Samtärmeln und
schwarzem Bruststück, und ein schöner Strauss duftete an meinem Herzen, und
goldne Spangen hielten meine schwarzen Locken zurück. Du hast mich noch nie
geputzt gesehen; ich kann Dir sagen, mein Spiegel ist freundlich bei solcher
Gelegenheit, und das macht mich sehr vergnügt, so dass ich geputzt immer sehr
lustig bin. Der Primas fand mich auch hübsch und nannte die Farben meines
Kleides »préjugé vaincu.« »Nein«, sagte ich, »Marlborough s'en va-t-en guerre,
qui sait quand il reviendra.« - »Le voilà de retour«, sagte er und zog meinen
Engländer hervor, der vor drei Wochen mit mir bei ihm zu Mittag gegessen hatte;
nun musste ich wieder neben ihm sitzen beim Souper, und er sagte mir auch
englisch allerlei Zärtlichkeiten, die ich nicht verstehen wollte, und worauf ich
ihm verkehrte Antworten gab, so war ich sehr lustig; wie ich spät nach Hause
kam, da duftete mein Schlafzimmer von Wohlgeruch, und da war eine hohe Blume,
die diesen Duft ausströmte, die ich noch nie gesehen hatte, eine Königin der
Nacht; ein fremder Bedienter, der nicht deutsch sprechen konnte, hatte sie für
mich gebracht; das war also ein freundliches Geschenk vom Engländer, der in
dieser Nacht noch abgereist war. Ich stand vor meiner Blume allein und
beleuchtete sie, und ihr Duft schien mir wie Tempelduft. - Der Engländer hat's
verstanden, mir zu gefallen.
    Der Primas hat mir noch Aufträge gegeben; ich soll Dir sagen, dass wenn Dein
Sohn kommt, so soll er ihn in Aschaffenburg besuchen, wohin er in diesen Tagen
abreist. - Da er aber erst zu Ostern kommt, so wird der Primas wieder hier sein.
                                                   Dein Kind küsst Dir die Hände.
Die Mutter lässt mich heut rufen und sagt, sie habe einen Brief von Dir, und lässt
mich nicht hineinsehen und sagt, Du verlangst, ich soll dem Dux schreiben, ein
paar Zeilen, weil er die Artigkeit gehabt hat, für die umgestürzte Linde zu
sorgen, und das nennst Du in meine elegischen Empfindungen eingehen. - Liebster
Freund, ich kann nicht leiden, dass ein andrer in meine Empfindung eingehe, die
ich bloss zu Dir hege; da treib ihn nur wieder heraus; und sei Du allein in mir
und mache mich nicht eifersüchtig.
    Dem Dux aber sage, was meine Devotion mir hier eingibt: dass es ein andrer
hoher Baum ist, für dessen Pflege ich ihm danke, dessen blühende Äste weit über
die Grenzen des Landes in andre Weltteile ragen und Früchte spenden und
duftenden Schatten geben. Für den Schutz dieses Baumes, für die Gnadenquelle,
die ihn tränkt, für den Boden der Liebe und Freundschaft, aus welchem er
begeisternde Nahrung saugt, bleibt mein Herz ihm ewig unterworfen, und dann dank
ich ihm auch noch, dass er der Wartburger Linde nicht vergisst. -
 
                                   An Bettine
                                                                 Am 5. September
Du hast Dich, liebe Bettine, als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen, wissend
und mächtig, eines jeden Bedürfnisse kennend und ausfüllend; - und soll ich Dich
schelten oder loben, dass Du mich wieder zum Kinde machst? Denn mit kindischer
Freude hab ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet. Deine
Schachtel kam kurz vor Tische; verdeckt trug ich sie dahin, wo Du auch einmal
gesessen, und trank zuerst August aus dem schönen Glase zu. Wie verwundert war
er, als ich es ihm schenkte! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen;
niemand erriet, woher? Auch zeigte ich das künstliche und zierliche Besteck; -
da wurde die Hausfrau verdriesslich, dass sie leer ausgehen sollte. Nach einer
Pause, um ihre Geduld zu prüfen, zog ich endlich den schönen Gewandstoff hervor;
das Rätsel war aufgelöst und jedermann in Deinem Lobe eifrig und fröhlich.
    Wenn ich also das Blatt noch umwende, so hab ich immer nur Lob und Dank da
capo vorzutragen; das ausgesuchte zierliche der Gaben war überraschend.
Kunstkenner wurden herbeigerufen, die artigen Balgenden zu bewundern - genug, es
entstand ein Fest, als wenn Du eben selbst wiedergekommen wärst. - Du kommst mir
auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und überraschend,
so dass man glauben sollte, von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt;
und Deine kleinen Abenteuer weisst Du so allerliebst zu drehen, dass man gern der
eifersüchtigen Grillen sich begibt, die einem denn auch zuweilen anwandeln; bloss
um das artige Ende des Spasses mit zu erleben. So war es mit der launigen Episode
des Engländers, dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis für sein schönes
sittliches Gefühl herbeiführen musste. Ich bin Dir sehr dankbar für solche
Mitteilungen, die freilich nicht jedem recht sein mögen; möge Dein Vertrauen
wachsen, das mir so viel zubringt, was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag;
auch ein belobendes Wort muss ich Dir hier sagen für die Art, wie Du Dich mit
meinem gnädigsten Herrn verständigt hast. Er konnte nicht umhin, auch Dein
diplomatisches Talent zu bewundern; Du bist allerliebst, meine kleine Tänzerin,
die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft. Und nun hoffe ich bald
Nachricht, wie Du mit der guten Mutter lebst, wie Du ihrer pflegst, und welche
schöne vergangne Zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen.
    Der lieben Meline Mützchen ist auch angekommen. Ich darf's nicht laut sagen,
es steht aber niemand so gut als ihr. Freund Stollens Attention auf dem blauen
Papier hat Dir doch Freude gemacht. Adieu, mein artig Kind! Schreibe bald, dass
ich wieder was zu übersetzen habe.
 
                                   An Goete
                                                               G., 17. September
Freundlicher Mann! Du bist zu gut, Du nimmst alles, was ich Dir im heiteren
Übermut biete, als wenn es noch so viel Wert habe; aber ich fühl's recht in
Deinem freundlichen Herabneigen, dass Du mir gut bist wie dem Kind, das Gras und
Kräuter bringt und meint, es habe einen auserlesenen Strauss zusammengesucht; dem
lächelt man auch so zu und sagt: »Wie schön ist dein Strauss, wie angenehm duftet
er, er soll mir blühen in meinem Garten, hier unter mein Fenster will ich ihn
pflanzen;« und doch sind es nur wurzellose Feldblumen, die bald welken. Ich aber
sehe mit Lust, wie Du mich in Dich aufnimmst, wie Du diese einfachen Blumen, die
am Abend schon welken müssten, ins Feuer der Unsterblichkeit hältst und mir
zurückgibst. - Nennst Du das auch übersetzen, wenn der göttliche Genius die
idealische Natur vom irdischen Menschen scheidet, sie läutert, sie entüllt, sie
sich selbst wieder anvertraut, und so die Aufgabe, selig zu werden, löst? Ja,
Goete, so machst Du die Seufzer, die meine sehnende Liebe aushaucht zu
Geistern, die mich auf der Strasse der Seligkeit umschweben; ach, und wohl auch
meiner Unsterblichkeit weit voraneilen.
    Welch heiliges Abenteuer, das unter dem Schutze des Eros sich kühn und stolz
aufschwingt, kann ein herrlicher Ziel erreichen, als ich in Dir erreicht habe!
Wo Du mir zugibst mit Lust: Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben. - O glaub
es: nimmer trink ich mich satt an diesen Liebesergiessungen; ewig fühl ich von
brausenden Stürmen mich zu Deinen Füssen getragen, und in diesem neuen Leben, in
dem meine Glückssterne sich spiegeln, vor Wonne untergehn.
    Diese Tränen, die meine Schrift verblassen, die möcht ich wie Perlen
aufreihen und geschmückt vor Dir erscheinen und Dir sagen: vergleiche ihr reines
Wasser mit Deinen andern Schätzen, und dann solltest Du mein Herz schlagen hören
wie am Abend, wo ich vor Dir kniete.
    Geheimnisse umschweben Liebende, sie hüllen sie in ihre Zauberschleier, aus
denen sich schöne Träume entfalten. Du sitzest mit mir auf grünem Rasen und
trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und giessest die Neige auf meine Stirn.
Aus diesem Traum erwachte ich heut voll Freude, dass Du mir geneigt bist. Ich
glaube, dass du teil an solchen Träumen hast; dass Du liebst in solchen
Augenblicken; - wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken, wenn Du mir's
nicht gäbst! - Und wenn ich denn zum gewöhnlichen Tag erwache, dann ist mir
alles so gleichgültig, und was mir auch geboten wird, - ich entbehre es gern; ja
ich möchte von allem geschieden sein, was man Glück nennt, und nur innerlich das
Geheimnis, dass Dein Geist meine Liebe geniesst, so wie meine Seele von Deiner
Güte sich nährt. Ich soll Dir von der Mutter schreiben; - nun, es ist wunderlich
zwischen uns beschaffen, wir sind nicht mehr so gesprächig wie sonst, aber doch
vergeht kein Tag, ohne dass ich die Mutter seh. Wie ich von der Reise kam, da
musst ich die Rolle des Erzählens übernehmen, und obschon ich lieber geschwiegen
hätte, so war doch ihres Fragens kein Ende, und ihrer Begierde mir zuzuhören
auch nicht. Es reizt mich unwiderstehlich, wenn sie mit grossen Kinderaugen mich
ansieht, in denen der genügendste Genuss funkelt. So löste sich meine Zunge und
nach und nach manches vom Herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht.
                                                                   Am 2. Oktober
Die Mutter ist listig, wie sie mich zum Erzählen bringt, so sagt sie: »Heute ist
ein schöner Tag, heut geht der Wolfgang gewiss nach seinem Gartenhaus, es muss
noch recht schön da sein, nicht wahr, es liegt im Tal?« - »Nein, es liegt am
Berg, und der Garten geht auch bergauf, hinter dem Haus da sind grosse Bäume von
schönem Wuchs und reich belaubt.« - »So! Und da bist Du abends mit ihm
hingeschlendert aus dem römischen Haus?« - »Ja, ich hab's Ihr ja schon
zwanzigmal erzählt;« - »so erzähl's noch einmal. Hattet ihr denn Licht im Haus?«
- »Nein, wir sassen vor der Tür auf der Bank, und der Mond schien hell.« - »Nun!
Und da ging ein kalter Wind?« - »Nein, es war gar nicht kalt, es war warm, und
die Luft ganz still und wir waren auch still. Die reifen Früchte fielen von den
Bäumen, er sagte: da fällt schon wieder ein Apfel und rollt den Berg hinab; da
überflog mich ein Frostschauer; - der Wolfgang sagte: Mäuschen, du frierst', und
schlug mir seinen Mantel um, den zog ich dicht um mich, seine Hand hielt ich
fest, und so verging die Zeit; - wir standen beide zugleich auf und gingen Hand
in Hand durch den einsamen Wiesengrund; - jeder Schritt klang mir wieder im
Herzen, in der lautlosen Stille, - der Mond kam hinter jedem Busch hervor und
beleuchtete uns, - da blieb der Wolfgang stehen, lachte mich an im Mondglanz und
sagte zu mir: Du bist mein süsses Herz', so führte er mich bis zu seiner Wohnung
und das war alles.« - »Das waren goldne Minuten, die keiner mit Gold aufwiegen
kann«, sagte die Mutter, »die sind nur dir beschert, und unter Tausenden wird's
keiner begreifen, was dir für ein Glückslos zugefallen ist; ich aber versteh es
und geniesse es, als wenn ich zwei schöne Stimmen sich singend Red und Antwort
geben hörte über ihr verschwiegenstes Glück.«
    Da holte mir die Mutter Deinen Brief und liess mich lesen, was Du über mich
geschrieben hast, dass es Dir ein grosser Genuss sei, meine Mitteilungen über Dich
zu hören; die Mutter meint, sie könne es nicht, es läg in meiner Art, zu
erzählen, das Beste.
    Da hab ich Dir nun diesen schönen Abend beschrieben.
    Ich weiss ein Geheimnis: wenn zwei miteinander sind und der göttliche
    Genius waltet zwischen ihnen, das ist das höchste Glück.
                                                      Adieu, mein lieber Freund.
 
                                   An Goete
Ach frage nur nicht, warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme, da ich Dir
doch eigentlich nichts zu sagen habe? - Ich weiss freilich noch nicht, womit
ich's ausfüllen soll, aber das weiss ich, dass es doch zuletzt in Deine lieben
Hände kommt. Drum hauch ich's an mit allem, was ich Dir aussprechen würde, ständ
ich selbst vor Dir. Ich kann nicht kommen, drum soll der Brief mein ungeteiltes
Herz zu Dir hinübertragen, erfüllt mit Genuss vergangner Tage, mit Hoffnung auf
neue, mit Sehnsucht und Schmerz um Dich; da weiss ich nun keinen Anfang und kein
Ende.
    Von heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen, wie soll ich loskommen vom
Wünschen, Sinnen und Wähnen; wie soll ich Dir mein treues Herz, das sich von
allem zu Dir allein hinüberwendet, aussprechen? - Ich muss schweigen wie damals,
als ich vor Dir stand, um Dich anzusehen. Ach, was hätt ich auch sagen sollen? -
Ich hatte nichts mehr zu verlangen1.
    Gestern waren viele witzige Köpfe im Haus Brentano beisammen, da wurden
unter andern gymnastischen Geistesübungen auch Rätsel aufgegeben, da waren sehr
geschickte Einfälle, und wie die Reihe an mich kam, da wusst ich nichts. Wie ich
in der Verlegenheit mich umsah, und kein Gesicht, das mir einen befreundeten,
verständlichen Ausdruck hatte, da erfand ich dies Rätsel. »Warum die Menschen
keine Geister sehen?« - Keiner konnte es raten, ich sagte: »Weil sie sich vor
Gespenster fürchten.« - »Wer? - Die Menschen?« »Nein, die Geister.« - Ja, so
grausamlich kamen mir diese Gesichter vor und so fremd und unverständlich, aus
denen nichts zu mir sprach wie aus Deinen geliebten Zügen, vor denen sich die
Geister gewiss nicht fürchten; nein, es ist Deine Schönheit, dass die Geister mit
Deinen Mienen spielen, und dies ist der unwiderstehliche Reiz für den Liebenden,
dass der Geist ewig Dein Gesicht umströmt. Sonntag, ganz allein im einsamen
grossen Haus, alles ist ausgefahren, geritten und gegangen, Deine Mutter ist vor
dem Bockenheimer Tor im Garten, weil heute die Birnen geschüttelt werden von dem
Baum, der bei Deiner Geburt gepflanzt wurde.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Du bist ein feines Kind, ich lese Deine lieben Briefe mit innigem Vergnügen und
werde sie gewiss immer wieder lesen mit demselben Genuss. Dein Malen des Erlebten
samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit und dem, was Dir Dein witziger
Dämon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren
Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen, nimm es daher als eine
herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke. Bewahre mir Dein Vertrauen und lasse
es womöglich noch zunehmen. Du wirst mir immer sein und bleiben, was Du bist.
Mit was kann man Dir auch vergelten als nur, dass man sich willig von allen
Deinen guten Gaben bereichern lässt. Wieviel Du meiner Mutter bist, weisst Du
selbst, ihre Briefe fliessen in Lob und Liebe über. Fährst Du so fort, den
flüchtigen Momenten guten Glückes lieblicher Denkmale der Erinnerung zu widmen:
ich stehe Dir nicht dafür, dass ich mir's anmassen könnte, solche geniale
lebensvolle Entwürfe zur Ausführung zu benützen, wenn sie dann nur auch so warm
und wahr ans Herz sprechen.
    Die Trauben an meinem Fenster, die schon vor ihrer Blüte und nun ein zweites
Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife
entgegen, ich werde sie nicht brechen, ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe
mir bald und liebe mich.
                                                                              G.
 
                                   An Goete
                                                                 Am 11. November
Mit nächstem Postwagen wirst Du einen Pack Musik erhalten, beinah alles
vierstimmig, also für Dein Hausorchester eingerichtet. Ich hoffe, dass Du sie
nicht schon besitzest; bis jetzt ist es alles, was ich in dieser Art habhaft
werden konnte. Gefällt sie Dir, so schick ich nach, was ich noch auftreiben
kann; auf meine Wahl musst Du Dich nicht dabei verlassen, ich richte mich nur
nach dem Ruf dieser Werke und kenne das wenigste. Musik imponiert mir nicht,
auch kann ich sie nicht beurteilen; ich verstehe den Eindruck nicht, den sie auf
mich macht, ob sie mich rührt, ob sie mich begeistert; nur das weiss ich, dass ich
keine Antwort darauf habe, wenn ich gefragt werde, ob sie mir gefalle. Da könnte
einer sagen, ich habe keinen Verstand davon, - das muss ich zugeben, allein ich
ahne in ihr das Unermessliche. Wie in den andern Künsten das Geheimnis der
Dreifaltigkeit sich offenbart, wo die Natur einen Leib annimmt, den der Geist
durchdringt und der mit dem Göttlichen in Verbindung ist; so ist es in der
Musik, als wenn die Natur sich hier nicht ins sinnlich Wahrnehmbare herabneige,
sondern dass sie die Sinne reizt, dass sie sich mitempfinden ins Überirdische.
    Wenn man von einem Satz in der Musik spricht und wie der durchgeführt ist,
oder von der Begleitung eines Instruments und von dem Verstand, mit dem es
behandelt ist, da meine ich grade das Gegenteil, nämlich, dass der Satz den
Musiker durchführt, dass der Satz sich so oft aufstellt, sich entwickelt, sich
konzentriert, bis der Geist sich ganz in ihn gefügt hat. Und das tut wohl in der
Musik; ja alles, was den Erdenleib verleugnet, das tut wohl. Ich habe einen sehr
ausgezeichneten Musiker zum Lehrer, wenn ich den frage, warum? - so hat er nie
ein »Weil« zur Antwort, und er muss gestehen, alles in der Musik ist himmlisches
Gesetz, und dies überzeugt mich noch mehr, dass in der Berührung zwischen dem
Göttlichen und Menschlichen keine Erläuterung stattfinde. Ich habe hier eine
freundliche Bekanntschaft mit einer sehr musikalischen Natur; wir sind oft
zusammen in der Oper, da macht sie mich aufmerksam auf die einzelnen Teile, auf
das Durchführen eines Satzes, auf das Einwirken der Instrumente; da bin ich denn
ganz perplex, wenn ich solchen Bemerkungen nachgehe; das Element der Musik, in
dem ich mich aufgenommen fühlte, stösst mich aus, und dafür erkenne ich ein
gemachtes, dekoriertes, mit Geschmack behandeltes Tema. Ich bin nicht in einer
Welt, die mich aus der Finsternis ins Licht geboren werden lässt, wie damals in
Offenbach, wo ich in der Grossmutter Garten auf grünem Rasen lag und in den
sonnigen blauen Himmel sah, während im Nachbarsgarten Onkel Bernhards Kapelle
die ganze Luft durchströmte und ich nichts wusste, nichts wollte, als meine Sinne
der Musik vertrauen. Damals hatte ich kein Urteil, ich hörte keine Melodien
heraus, es war kein Schmachten, kein Begeistern für Musik, ich fühlte mich in
ihr, wie der Fisch sich im Wasser fühlt. - Wenn ich gefragt würde, ob ich damals
zugehört habe, so könnte ich's nicht eigentlich wissen, es war nicht Zuhören, es
war Sein in der Musik; ich war viel zu tief versunken, als dass ich gehört hätte
auf das, was ich vernahm.
    Ich hin dumm, Freund, ich kann nicht sagen, was ich weiss. Gewiss, Du würdest
mir Recht geben, wenn ich mich deutlich aussprechen könnte, und auf andre Weise
wirst Du am wenigsten sie verstehen lernen. - Verstehen, wie der Philister
verstehet, der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt,
dass man Talent nicht vom Genie unterscheidet. Talent überzeugt, aber Genie
überzeugt nicht; dem, dem es sich mitteilt, gibt es die Ahnung vom Ungemessenen,
Unendlichen, während Talent eine genaue Grenze absteckt und so, weil es
begriffen ist, auch behauptet wird.
    Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist Musik. - In sich
selbst aber ist sie die Seele, indem sie zärtlich rührt; indem sie aber sich
dieser Rührung bemächtigt, da ist sie Geist, der seine eigne Seele wärmt, nährt,
trägt, wiedergebärt; und darum vernehmen wir Musik, sonst würde das sinnliche
Ohr sie nicht hören, sondern nur der Geist; und so ist jede Kunst der Leib der
Musik, die die Seele jeder Kunst ist; und so ist Musik auch die Seele der Liebe,
die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt; denn sie ist das Berühren des
Göttlichen mit dem Menschlichen, und auf jeden Fall ist das Göttliche die
Leidenschaft, die das Menschliche verzehrt. Liebe spricht nichts für sich aus,
als dass sie in Harmonie versunken ist; Liebe ist flüssig, sie verfliegt in ihrem
eignen Element; Harmonie ist ihr Element.
                                                                 Am 17. November
Lieber Goete, halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut,
wo ich mich befinde; ich bin in der Karmeliterkirche, in einem verborgnen Winkel
hinter einem grossen Pfeiler; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde, da
scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der
Weinblätter hier auf die Erde und an die weisse Wand, da seh ich, wie der Wind
die bewegt und wie eins nach dem andern abfällt; hier ist tiefe Einsamkeit, und
die Menschen, die ich hier zur ungewöhnlichen Stunde treffe, die sind gewiss da,
um an ihre Toten zu denken, die hier begraben sein mögen. Hier am Eingang ist
die Gruft, wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister; da steht
ein Sarg über dem andern. Ich weiss nicht, was mich in diese grosse düstre Kirche
lockt; für die Toten beten? - Soll ich sagen: »Lieber Gott im Himmel, heb doch
diese Verstorbenen zu dir in den Himmel?« - Die Liebe ist ein flüssig Element,
sie löst Seele und Geist in sich auf, und das ist Seligkeit. - Wenn ich hier in
die Kirche gehe, an der Gruft vorbei, die meine Eltern und Geschwister deckt, da
falte ich die Hände, und das ist mein ganzes Gebet.
    Der Vater hat mich zärtlich geliebt, ich hatte eine grosse Gewalt über ihn;
oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und sagte:
»Lass den Vater nicht los, bis er Ja sagt«, - da hing ich mich an seinen Hals und
umklammerte ihn, da sagte er: »Du bist mein liebstes Kind, ich kann nicht
versagen.«
    Der Mutter erinnere ich mich auch noch, ihrer grossen Schönheit; sie war so
fein und doch so erhaben und glich nicht den gewöhnlichen Gesichtern; Du sagtest
von ihr, sie sei für die Engel geschaffen, die sollten mit ihr spielen. Deine
Mutter hat mir erzählt, wie Du sie zum letztenmal gesehen, dass Du die Hände
zusammenschlugst über ihre Schönheit, das war ein Jahr vor ihrem Tod; da lag der
General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden; die Mutter pflegte ihn, und
er hatte sie so lieb, dass sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit
ihm, er sagte: »Matt!« Und sank zurück ins Bett; sie liess mich holen, weil er
nach den Kindern verlangt hatte - ich trat mit ihr ans Bett, - da lag er blass
und still; die Mutter rief ihn: »Mein General!« Da öffnete er die Augen, reichte
ihr lächelnd die Hand und sagte: »Meine Königin!« - Und so war er gestorben.
    Ich seh die Mutter noch wie im Traum, dass sie vor dem Bett steht, die Hand
dieses erblassten Helden festält und ihre Tränen leise aus den grossen schwarzen
Augen über ihr stilles Antlitz rollen. Damals hast Du sie zum letztenmal
gesehen, und Du sagtest voraus, dass Du sie nicht wiedersehen würdest. Deine
Mutter hat mir's erzählt, wie Du tief bewegt über sie warst. Wie ich Dich zum
erstenmal sah, da sagtest Du: »Du gleichst deinem Vater, aber der Mutter
gleichst du auch«, und dabei hast Du mich ans Herz gedrückt und warst tief
gerührt, das war doch lange Jahre nachher.
    Adieu.
                                                                         Bettine
Von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Städtigkeit hat Dir die Mutter schon
Meldung getan; alle Juden schreiben seitdem; der Primas hat viel Vergnügen an
ihrem Witz. - Alle Christen schreiben über Erziehung; es kommt beinah alle Woche
ein neuer Plan von einem neuverheirateten Erzieher heraus. Mich interessieren
die neuen Schulen nicht so sehr als das Judeninstitut, in das ich oft gehe.
 
                                   An Bettine
                                                      Weimar, den 2. Januar 1808
Sie haben, liebe kleine Freundin, die sehr grandiose Manier, uns Ihre Gaben
recht in Masse zu senden. So hat mich Ihr letztes Paket gewissermassen
erschreckt, denn wenn ich nicht recht haushälterisch mit dem Inhalt umgehe, so
erwürgt meine kleine Hauskapelle eher daran, als dass sie Vorteil davon ziehen
sollte. Sie sehen also, meine Beste, wie man sich durch Grossmut selbst dem
Vorwurf aussetzen könne; lassen Sie sich aber nicht irre machen. Zunächst soll
Ihre Gesundheit von der ganzen Gesellschaft recht ernstlich getrunken und darauf
das Confirma hoc Deus von Jomelli angestimmt werden, so herzlich und
wohlgemeint, als nur jemals ein salvum fac Regem.
    Und nun gleich wieder eine Bitte, damir wir nicht aus der Übung kommen.
Senden Sie mir doch die jüdischen Broschüren. Ich möchte doch sehen, wie sich
die modernen Israeliten gegen die neue Städtigkeit gebärden, in der man sie
freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert.
Mögen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplänen beilegen, so soll auch das
unsern Dank vermehren. Ich sage nicht, wie es bei solchen Gelegenheiten
gewöhnlich ist, dass ich zu allen gefälligen Gegendiensten bereit sei, doch wenn
etwas bei uns einmal reif wird, was Sie freuen könnte, so soll es auch zu Ihnen
gelangen.
    Liebstes Kind, verzeih, dass ich mit fremder Hand schreiben musste. Über Dein
musikalisches Evangelium und über alles, was Du mir Liebes und Schönes
schreibst, hätte ich Dir so heute nichts sagen können, aber lass Dich nicht
stören in Deinem Eigensinn und in Deinen Launen, es ist mir viel wert, Dich zu
haben, wie Du bist, und in meinem Herzen findest Du immer eine warme Aufnahme.
Du bist ein wunderliches Kind, und bei Deiner Ansiedlung in Kirchen könntest Du
leicht zu einer wunderlichen Heiligen werden, ich gebe Dir's zu bedenken.
                                                                          Goete
 
                                   An Goete
Wer draussen auf der Taunusspitze wär und die Gegend und ganze liebe Natur von
Schönheit zu Schönheit steigen und sinken sähe abends und morgens, während sein
Herz so mit Dir beschäftigt wär wie meins, der würde freilich auch besser sagen
können, was er zu sagen hat. Ich möchte so gern vertraulich mit Dir sprechen,
und Du verlangst ja auch, ich soll Eigensinn und Laune Dir preisgeben.
    Du kennst mein Herz, Du weisst, dass alles Sehnsucht ist, Wille, Gedanke und
Ahnung; Du wohnst unter Geistern, sie geben Dir göttliche Wahrheit. Du musst mich
ernähren, Du gibst alles zum Voraus, was ich nicht zu fordern verstehe. Mein
Geist hat einen kleinen Umfang, meine Liebe einen grossen, Du musst sie ins
Gleichgewicht bringen. Die Liebe kann nicht ruhig werden, als wenn der Geist ihr
gewachsen ist; Du bist meiner Liebe gewachsen; Du bist mild, freundlich,
nachsichtig; lasse mich's fühlen, wenn mein Herz sich nicht im Takt wiegt, ich
versteh Deine leisen Winke.
    Ein Blick von Deinen Augen in die meinen, ein Kuss von Dir auf meinen Mund
belehrt mich über alles; was könnte dem auch wohl noch erfreulich scheinen zu
lernen, der wie ich, hiervon Erfahrung hat. - Ich bin entfernt von Dir, die
Meinen sind mir fremd geworden, da muss ich immer in Gedanken auf jene Stunde
zurückkehren, wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner Arme hieltest, da fang
ich an zu weinen; aber die Tränen trocknen mir unversehens wieder: er liebt ja
herüber in diese verborgene Stille, denke ich, und sollte ich mit meinem ewigen
ungestörten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen? Ach vernimm es doch, was
Dir mein Herz zu sagen hat, es fliesst über von leisen Seufzern, alle flüstern
Dir zu: mein einzig Glück auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir. O lieber
Freund, gib mir doch ein Zeichen2, Du seist meiner gewärtig. Du schreibst, dass
Du meine Gesundheit trinken willst, ach ich gönne sie Dir, lasse keinen Tropfen
übrig, möchte ich mich selber doch so in Dich ergiessen und Dir wohl bekommen.
    Deine Mutter erzählte mir, wie Du kurz, nachdem Du den Werter geschrieben,
im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedrückt
worden, darin geschrieben war: »Ils ne the comprendront point, Jean Jacques.« Sie
behauptet, ich aber könne immer zu jedem sagen: »Tu ne me comprendras point,
Jean Jacques«, denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht missverstehen, oder Dich
gelten lassen wollen? - Sie sagt aber, Du Goete, verstündest mich, und ich
gelte alles bei Dir.
    Die Erziehungsplane und Judenbroschüren werd ich mit nächstem Posttag
senden. Obschon Du nicht zu allen gefälligen Gegendiensten bereit bist, aber
doch mir schicken willst, was reif ist; so denke doch, dass meine Liebe Dir
brennende Strahlen zusendet, um jede Regung für mich zu süsser Reife zu bringen.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
Was soll ich Dir denn schreiben, da ich traurig bin und nichts neues
Freundliches zu sagen weiss? Lieber möcht ich Dir gleich das weisse Blatt
schicken, statt dass ich's erst mit Buchstaben beschreibe, die doch immer nicht
sagen, was ich will, Du fülltest es zu Deinem Zeitvertreib aus, machtest mich
überglücklich und schicktest es an mich zurück, wenn ich denn den blauen
Umschlag sehe und riss ihn auf: neugierig eilig, wie die Sehnsucht immer der
Seligkeit gewärtig ist, und ich lese nun, was mich aus Deinem Mund einst
entzückte: Lieb Kind, mein artig Herz, mein einzig Liebchen, klein Mäuschen, die
süssen Worte, mit denen Du mich verwöhntest, so freundlich mich beschwichtigend;
- ach! mehr wollt ich nicht, alles hätt ich wieder, sogar Dein Lispeln würde ich
mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich
auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3. - Da ich noch an Deinem Arm durch
die Strassen ging, ach wie eine geraume Zeit dünkt mir's, da war ich zufrieden,
alle Wünsche waren schlafen gegangen, hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in
Nebel eingehüllt; ich dachte, so ging es, und weiter, ohne grosse Mühseligkeit
vom Land in die hohe See, kühn und stolz, mit gelösten Flaggen und frischem
Wind. - Aber Goete, feurige Jugend will die Sitten der heissen Jahreszeit, wenn
die Abendschatten sich übers Land ziehen, dann sollen die Nachtigallen nicht
schweigen: singen soll alles, oder sich freudig aussprechen; die Welt soll ein
üppiger Fruchtkranz sein, alles soll sich drängen im Genuss, und aller Genuss soll
sich mächtig ausbreiten, er soll sich ergiessen wie gärender Most, der brausend
arbeitet, bis er zur Ruhe kommt, untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne
unter die Meereswellen, aber auch wiederkommen wie sie. So ist Dir's geworden,
Goete, keiner weiss, wie Du mit Gott vertraut warst und was für Reichtum von ihm
erlangt hast, wenn Du untergegangen wärst im Genuss.
    Das seh ich gerne, wenn die Sonne untergeht, wenn die Erde ihre Glut in sich
saugt und ihr die feurigen Flügel leise zusammenfaltet und die Nacht durch
gefangen hält, da wird es still auf der Welt, die Sehnsucht steigt so heimlich
aus den Finsternissen empor; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar überm
Haupt, so unerreichbar, Goete!
    Wenn man selig sein soll, da wird man so zaghaft, das Herz scheidet zitternd
vom Glück, noch ehe es den Willkommen gewagt; - auch ich fühl's, dass ich meinem
Glück nicht gewachsen bin. Welche Allbefähigung, um Dich zu fassen! - Liebe muss
eine Meisterschaft erwerben, das Geliebte besitzen wollen, wie es der gemeine
Menschenverstand nimmt, ist nicht der ewigen Liebe würdig und scheitert jeden
Augenblick am kleinsten Ereignis. - Das ist meine erste Aufgabe, dass ich mich
Dir aneigne, nicht aber Dich besitzen wolle, Du Allbegehrlichster!
    Ich bin doch noch so jung, dass es sich leicht entschuldigen lässt, wenn ich
unwissend bin. Ach, für Wissenschaft hab ich keinen Boden, ich fühl's, ich
kann's nicht lernen, was ich nicht weiss, ich muss es erwarten, wie der Prophet in
der Wüste die Raben erwartet, dass sie ihm Speise bringen. Der Vergleich ist so
uneben nicht: durch die Lüfte wird meinem Geist Nahrung zugetragen, - oft grade,
wenn er im Verschmachten ist.
    Seitdem ich Dich liebe, schwebt ein Unerreichbares mir im Geist; ein
Geheimnis, das mich nährt. Wie vom Baum die reifen Früchte fallen, so fallen
hier mir Gedanken zu, die mich erquicken und reizen. O Goete, hätte der
Springquell eine Seele, er könnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drängen,
um wieder emporzusteigen, als ich mit ahnender Gewissheit mich diesem neuen Leben
entgegendränge, das mir durch Dich gegeben ist, und das mir zu erkennen gibt,
dass ein höherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will, der nicht schont der Ruhe
und Gemächlichkeit gewohnter Tage, die er in brausender Begeisterung
zertrümmert. Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht, so
wenig der Same der Blüte entgeht, wenn er einmal in frischer Erde liegt. So fühl
ich mich in Dir, Du fruchtbarer gesegneter Boden! Ich kann sagen, wie das ist,
wenn der Keim die harte Rinde sprengt, - es ist schmerzlich; die lächelnden
Frühlingskinder sind unter Tränen erzeugt.
    O Goete, was geht mit dem Menschen vor? Was erfährt er, was erlebt er in
dem innersten Flammenkelch seines Herzens? - Ich wollte Dir meine Fehler gern
bekennen, allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen. Viel hast
Du für mich getan, noch eh Du von mir wusstest, über vieles, was ich begehrte und
nicht erlangte, hast Du mich hinweggehoben.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                      Am 5. März
Hier in Frankfurt ist es nass, kalt, verrucht, abscheulich; kein guter Christ
bleibt gerne hier; - wenn die Mutter nicht wär, der Winter wär unerträglich, so
ganz ohne Hältnis, - nur ewig schmelzender Schnee! - Ich habe jetzt einen
Nebenbuhler bei ihr, ein Eichhörnchen, was ein schöner französischer Soldat als
Einquartierung hier liess, von dem lässt sie sich alles gefallen, sie nennt es
Hänschen, und Hänschen darf Tische und Stühle zernagen, ja es hat selbst schon
gewagt, sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn
anzubeissen. Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin, die Jungfer liess mich
ein mit dem Bedeuten, sie sei noch nicht zu Hause, müsse aber gleich kommen. Im
Zimmer war's dunkel, ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz.
Da war's, als wenn was knisterte, - ich lauschte und glaubte atmen zu hören, -
mir ward unheimlich, ich hörte wieder etwas sich bewegen und fragte, weil ich's
gern aufs Eichhörnchen geschoben hätte: »Hänschen bist du es?« Sehr unerwartet
und für meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Bassstimme aus dem
Hintergrund: »Hänschen ist's nicht, es ist Hans«, und dabei räuspert sich der
ubique malus Spiritus. Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle, der
Geist lässt sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen; - da
hör ich die Mutter, sie schreitet voran, die kaum angebrannte, noch nicht
volleuchtende Kerze hinterdrein, von Jungfer Lieschen getragen. »Bist du da?«
fragte die Mutter, indem sie ihre Haube abnimmt, um sie auf ihren nächtlichen
Stammhalter, eine grüne Bouteille, zu hängen. »Ja«, rufen wir beide, und aus dem
Dunkel tritt ein besternter Mann hervor und fragt: »Frau Rat, werd ich heut
abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen?« Daraus schloss ich denn
ganz richtig, dass Hans ein Prinz von Mecklenburg sei; denn wer hätte die schöne
Geschichte nicht von Deiner Mutter gehört, wie auf der Kaiserkrönung die jetzige
Königin von Preussen, damals als junges Prinzessinnenkind und ihr Bruder der Frau
Rat zusahn, wie sie ein solches Gericht zu speisen im Begriff war, und dass dies
ihren Appetit so reizte, dass sie es beide verzehrten, ohne ein Blatt zu lassen.
Auch diesmal wurde die Geschichte mit vielem Genuss vorgetragen und noch manche
andre, z.B. wie sie den Prinzessinnen den Genuss verschafte, sich im Hof am
Brunnen recht satt Wasser zu pumpen, und die Hofmeisterin durch alle mögliche
Argumente abhält, die Prinzessinnen abzurufen, und endlich, da diese nicht
darauf Rücksicht nimmt, Gewalt braucht und sie im Zimmer einschliesst. »Denn«,
sagte die Mutter, »ich hätte mir eher den ärgsten Verdruss über den Hals kommen
lassen, als dass man sie in den unschuldigen Vergnügungen gestört hätte, das
ihnen nirgendwo gegönnt war als in meinem Hause; auch haben sie mir's beim
Abschied gesagt, dass sie nie vergessen würden, wie glücklich und vergnügt sie
bei mir waren.« - So könnte ich Dir noch ein Paar Bogen voll schreiben von allen
Rückerinnerungen!
    Adieu, lieber Herr! - Die Frau grüss ich, Riemers Sonett kracht wie neue
Sohlen; er soll meiner Geschäfte gewärtig sein und seinen Diensteifer nicht
umsonst gehabt haben.
    Gelt, ich mach's grade wie Dein Liebchen, schreibe, kritzele, mach
Tintenkleckse und Ortographiefehler und denk, es schadet nichts, weil er weiss,
dass ich ihn liebe, und der Brief, den Du mir geschrieben, war doch so artig und
zierlich abgefasst, das Papier mit goldnem Schnitt! - Aber, Goete, erst ganz
zuletzt denkst Du an mich! Erlaub, dass ich so frei bin, Dir einen Verweis zu
geben für diesen Brief, fasse alles kurz ab, was Du verlangst, und schreib's mit
eigner Hand, ich weiss nicht, warum Du einen Sekretär anstellst, um das
Überflüssige zu melden, ich kann's nicht vertragen, es beleidigt mich, es macht
mich krank; im Anfang glaubt ich, der Brief sei gar nicht an mich, nun trag ich
doch gern solch einen Brief auf dem Herzen, solange bis der neue kommt, - wie
kann ich aber mit einer solchen fremden Sekretärhand verfahren? Nein, diesmal
hab ich Dich in meinem Zorn verdammt, dass Du gleich mit dem Sekretär in die alte
Schublade eingeklemmt wurdest, und der Mutter hab ich gar nicht gesagt, dass Du
geschrieben hattest, ich hätte mich geschämt, wenn ich ihr diesen Perückenstil
hätte vortragen müssen. Adieu, schreibe mir das einzige, was Du zu sagen hast,
und nicht mehr.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                     Am 15. März
Nun sind's beinahe sechs Wochen, dass ich auch nur ein Wort von Dir gehört habe,
weder durch die Frau Mutter noch durch irgendeine andre Gelegenheit. Ich glaube
nicht, dass, wie viele andere sind, Du auch bist, und Dir durch Geschäfte und
andere Wichtigkeiten den Weg zum Herzen versperrst; aber ich muss fürchten, dass
meine Briefe Dir zu häufig kommen, und muss mich zurückhalten, was mich doch
selig machen könnte, wenn es nicht so wär und ich glauben dürfte, dass meine
Liebe, die so anspruchslos ist, dass sie selbst Deinen Ruhm vergisst und zu Dir
wie zu einem Zwillingsbruder spricht, Dich erfreut. Wie ein Löwe möcht ich für
Dich fechten, möcht alles verderben und in die Flucht jagen, was nicht wert ist,
Dich zu berühren; muss um deinetwillen die ganze Welt verachten, muss ihr um
deinetwillen Gnade widerfahren lassen, weil Du sie verherrlichst, und weiss
nichts von Dir! Sag nur, ob Du's zufrieden bist, dass ich Dir schreibe? - Sag
nur: »Ja, du darfst!« Wenn ich nun in etlichen Wochen, denn da haben wir schon
Frühling hier, ins Rheingau gehe, dann schreib ich Dir von jedem Berg aus; bin
Dir so immer viel näher, wenn ich ausser den Stadtmauern bin, da glaub ich
manchmal, mit jedem Atemzug Dich zu fühlen, wie Du im Herzen regierst, wenn es
recht schön ist draussen, wenn die Luft schmeichelt, ja wenn die Natur gut und
freundlich ist wie Du, da fühl ich Dich so deutlich. - Aber was soll ich mit
Dir? - Du selbst hast mir nichts zu sagen; in dem Brief, den Du mir schriebst,
den ich zwar so lieb habe wie meinen Augapfel, da nennst Du mich nicht einmal,
wie Du gewohnt warst, grad als ob ich Deiner Vertraulichkeiten nicht wert wäre.
Ach, es geht ja von Mund zu Herzen bei mir! Ich würde nichts von Schatz und Herz
und Kuss veräussern, und wenn ich auch am Hungertuch nagen müsste. In der
Karmeliterkirche hab ich im Herbst allerlei geschrieben, Erinnerungen aus der
Kindheit, - sie fielen mir immer ein, wenn ich dahin kam, und doch war ich bloss
hingekommen, um ungestört an Dich zu denken! Jede Lebenszeit geht mir in Dir
auf, ich denke mir die Kinderjahre, als ob ich sie mit Dir verspiele, und wachs
empor und wähne mich geborgen in Deinem Schutz und fühle stolz mich in Deinem
Vertrauen, und da regt sich's im Herzen vor heisser Liebe, da such ich Dich, wie
soll ich Ruhe finden? - An Deiner Brust nur, umschränkt von Deinen Armen. - Und
wärst Du es nicht, so wär ich bei Dir; aber so muss ich mich fürchten vor aller
Augen, die sind auf Dich gerichtet, ach, und vor dem stechenden Blick, der unter
Deinem Kranz hervorleuchtet4!
    Ausser Dir erscheinen mir alle Menschen wie einer und derselbe, ich
unterscheide sie nicht, ich begehr nicht nach dem ungeheuren allseitigen Meer
der Ereignisse. Der Lebensstrom trägt Dich, Du mich, in Deinen Armen durchschiff
ich ihn, Du trägst mich bis zum Ende, nicht wahr? - Und wenn es auch noch
tausendfache Existenzen gibt, ich kann mich nicht hinüberschwingen, bei Dir bin
ich zu Hause, so sei doch auch zu Hause mit mir, oder weisst Du etwas Besseres
als mich und Dich im magischen Kreis des Lebens?
    Unlängst hatten wir ein kleines Fest im Hause wegen Savignys Geburtstag.
Deine Mutter kam mittags um zwölf und blieb bis nachts um ein Uhr, sie befand
sich auch den andern Tag ganz wohl darauf. Bei der Tafel war grosse Musik von
Blase-Instrumenten, auch wurden Verse zu Savignys Lob gesungen, wo sie so tapfer
einstimmte, dass man sie durch den ganzen Chor durchhörte. Da wir nun auch Deine
und ihre Gesundheit tranken, wobei Trompeten und Pauken schmetterten, so ward
sie feierlich vergnügt. Nach Tische erzählte sie der Gesellschaft ein Märchen,
alles hatte sich in feierlicher Stille um sie versammelt. Im Anfang holte sie
weit aus, das grosse Auditorium mochte ihr doch ein wenig bange machen; bald aber
tanzten alle rollefähigen Personen in der grotesken Weise aus ihrem grossen
Gedächtniskasten auf das phantastischste geschmückt, es wurden noch allerlei
kleine Szenen aufgeführt, dann trat eine junge spanische Tänzerin auf, die mit
Kastagnetten sehr schön tanzte. Dieses graziöse Kind gibt hier beim Teater
Vorstellungen, ich hab Dir von ihr noch nicht gesagt, dass sie mich seit Wochen
in einem stillen Entusiasmus erhält, und dass ich oft denke, ob denn Gott was
anders will, als dass sich die Tugend in die reine Kunst verwandle, dass man
nämlich nach den Gesetzen einer himmlischen Harmonie die Glieder des Geistes mit
leichtem Entusiasmus rege und so mit anmutigen Gebärden die Tugend ausdrücke,
wie jene den Takt und den Sinn der Musik. Nach dem Souper tanzte man, ich sass
etwas schläfrig an der Seite Deiner Mutter, sie hielt mich umhalst und hatte
mich lieb wie den Joseph; ich hatte dazu auch einen roten Rock an. Man hat
einstimmig beschlossen, es solle nie ein Familienfest gegeben werden ohne die
Mutter, so sehr hat man ihren guten Einfluss empfunden; ich hab mich gewundert,
wie schnell sie die Herzen gewinnen kann, bloss weil sie mit Kraft geniesst und
dadurch die ganze Umgebung auch zur Freude bewegt.
    Die Deinen grüsse ich herzlich, ich habe nicht vergessen, was ich für Deine
Frau versprach; nächstens wird alles fertig sein, nur die Frau von Sch. musste
ich schändlicherweise vergessen mit dem Tuch! Nun was ist zu tun? Mein Minister,
denk ich, bekommt hier eine schöne Negotiation. Gelt, ich missbrauch Deine
Geduld? - Guter! Bester! Dem mein Herz ewig dient.
    Dein Sohn wird sein Bündel bald schnüren; - nur nicht zu fest! Denn ich will
ihm bei der Durchreise noch einen Pack guter Lehren mitgeben, die er auch noch
mit einschnüren muss. Mein Bruder George hat ein kleines Landhaus in Rödelheim
gekauft, Du musst es kennen, da Du selbst den Plan dazu gemacht und mit Basset,
der jetzt in Amerika wohnt, den Bau besorgtest. Ich freu mich gar sehr über
seine schönen Verhältnisse, ich meine, Dein Charakter, Deine Gestalt und Deine
Bewegungen spiegeln sich in ihnen. Wir fahren beinah alle Tage hinaus, gestern
stieg ich aufs Dach; die Sonne schien so warm, es war so hell, man konnte so
recht die Berge im Schoss der Täler liegen sehen. O Jammer, dass ich nicht fliegen
kann! Was nützt es all, dass ich Dich so lieb hab? - Jung, kräftig und stolz bin
ich in Dir; - ich mag's nicht auslegen, die Welt schiebt doch alles Gefühl in
ihr einmal gemachtes Register, Du bist über alles gut, dass Du meine Liebe
duldest, in der ich überglücklich bin. Wie das Weltmeer ohne Ufer ist mein
Gemüt, seine Wellen tragen, was schwimmen kann; Dich aber hab ich mit Gewalt ins
tiefste Geheimnis meines Lebens gezogen und walle freudebrausend dahin über der
Gewissheit Deines Besitzes.
    Wenn ich mich sonst im Spiegel betrachtete und meine Augen sich selbst so
feurig anschauten und ich fühlte, dass sie in diesem Augenblick hätten
durchdringen müssen, und ich hatte niemand, dem ich einen Blick gegönnt hätte,
da war mir's leid, dass alle Jugend verloren ging, jetzt aber denk ich an Dich.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                     Am 30. März
Kleine unvorhergesehene Reisen in die nächsten Gegenden, um den Winter vor
seinem Scheiden noch einmal in seiner Pracht zu bewundern, haben mich
abgehalten, sogleich meines einzigen und liebsten Freundes in der ganzen Welt
Wunsch zu befriedigen. Hierbei sende ich alles, was bis jetzt erschienen, ausser
ein Journal, welches die Juden unter dem Namen Sulamit herausgeben. Es ist sehr
weitläufig; begehrst Du es, so send ich's, da die Juden es mir als ihrem
Protektor und kleinen Notelfer verehren. Es entält die verschiedensten Dinge,
kreuz und quer; besonders zeichnen sich die Oden, die sie dem Fürstprimas
widmen, darin aus; ein grosses Gedicht, was sie ihm am Neujahrstag brachten,
schickte er mir und schrieb: »Ich verstehe kein Hebräisch, sonst würde ich eine
Danksagung schreiben, aber da für die kleine Freundin der Hebräer nichts zu
verkehrt und undeutsch ist, so trage ich ihr auf, in meinem Namen ein
Gegengedicht zu machen.« - Der boshafte Primas! - Ich hab ihn aber gestraft! Und
gestern im Konzert sagte er mir: »Es ist gut, dass die Juden nicht ebensoviel
Heldengeist als Handelsgeist haben, ich wär am End' nicht sicher, dass sie mich
in meinem taxischen Haus blockierten.« -
    Währenddem bin ich im Odenwald gewesen und bin auf des Götz altem Schloss
herumgeklettert, ganz oben auf den Mauern, wo beinah kein menschlicher Fuss mehr
sich stützen kann; über Mauerspalten, die mich doch zuweilen schwindeln machten,
als immer im Gedanken an Dich, an Deine Jugend, an Dein Leben bis jetzt, das wie
ein lebendig Wasser fortbraust. Weisst Du? - Es tut so wohl, wenn einem das Herz
so ganz ergriffen ist. Wie ich mich drehe und wende, so spiegelt sich mir im
Gemüt, was ich im Hinterhalt habe und was mir wie ein seliger Traum nachgeht,
und das bist Du!
    Dort war es wunderschön! Ein ungeheurer Turm, worauf ehemals die Wächter
sassen, um die Frankenschiffe in dem kleinen Mildeberg zu verkünden mit
Trompetenstoss. Tannen und Fichten wachsen oben, die beinah halb über seine Höhe
hervorragen.
    Zum Teil waren die Weinberge noch mit Schnee bedeckt; ich sass auf einem
abgebrochenen Fensterbalken und fror, und doch durchdrang mich heisse Liebe zu
Dir, ich zitterte vor Angst hinunterzustürzen, und kletterte doch noch höher,
weil mir's einfiel, Dir zu lieb wollt ich's wagen. So machst Du mich oft kühn;
es ist ein Glück, dass die wilden Wölfe aus dem Odenwalde nicht herbeikamen, ich
hätte mich mit ihnen balgen müssen, hätte ich Deiner Ehre dabei gedacht; es
scheint Unsinn, aber so ist's. - Die Mitternacht, die böse Stunde der Geister,
weckt mich; ich leg mich im kalten Winterwind ans Fenster; ganz Frankfurt ist
tot, der Docht in den Strassenlaternen ist im Verglimmen, die alten rostigen
Wetterfahnen greinen mir was vor, und da denk ich: ist das die ewige Leier? -
Und da fühl ich, dass dies Leben ein Gefängnis ist, wo ein jeder nur eine
kümmerliche Aussicht hat in die Freiheit: das ist die eigne Seele. - Siehst Du,
da rast es in mir; ich möchte hinauf über die alten spitzen Giebeldächer, die
mir den Himmel abschneiden; ich verlasse das Zimmer, eile über die weiten Gänge
unseres Hauses, suche mir einen Weg über die alten Böden, und hinter dem
Sparrwerk ahne ich Gespenster, aber ich achte ihrer nicht; da suche ich die
Treppe zum kleinen Türmchen, wenn ich endlich oben bin, da seh ich aus der
Turmluke den weiten Himmel und friere gar nicht; da ist mir's, als müsse ich die
gesammelten Tränen abladen, und dann bin ich am andern Tag so heiter und so
neugeboren, ich suche mit List nach einem Scherz, den ich ausführen möchte; und
kannst Du mir glauben? Das alles bist Du.
                                                                         Bettine
Die Mutter kommt oft zu uns, wir machen ihr Maskeraden und alle mögliche
Ergötzlichkeit; sie hat unsere ganze Familie in ihren Schutz genommen, ist
frisch und gesund.
 
                                   An Bettine
Die Dokumente philantropischer Christen- und Judenschaft sind glücklich
angekommen, und Dir soll dafür, liebe kleine Freundin, der beste Dank werden. Es
ist recht wunderlich, dass man eben zur Zeit, da so viele Menschen totgeschlagen
werden, die übrigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht. Fahre fort,
mir von diesen heilsamen Anstalten, als Beschützerin derselben, von Zeit zu Zeit
Nachricht zu geben. Dem braunschweigischen Judenheiland ziemt es wohl, sein Volk
anzusehen, wie es sein und werden sollte; dem Fürsten Primas ist aber auch nicht
zu verdenken, dass er dies Geschlecht behandelt wie es ist, und wie es noch eine
Weile bleiben wird. Mache mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor. Wenn der
Mann so vernünftig wirkt, als er schreibt, so muss er viel Gutes erschaffen.
Deinem eignen philantropischen Erziehungswesen aber wird Überbringer dieses,
der schwarzäugige und braunlockige Jüngling, empfohlen. Lasse seine väterliche
Stadt auch ihm zur Vaterstadt werden, so dass er glaube, sich mitten unter den
Seinen zu befinden. Stelle ihn Deinen lieben Geschwistern und Verwandten vor und
gedenke mein, wenn Du ihn freundlich aufnimmst. Deine Berg-, Burg-, Kletter- und
Schaurelationen versetzen mich in eine schöne heitere Gegend, und ich stehe
nicht davor, dass Du nicht gelegentlich davon eine phantastische Abspiegelung in
einer Fata Morgana zu sehen kriegst.
    Da nun von August Abschied genommen ist, so richte ich mich ein, von Haus
und der hiesigen Gegend gleichfalls Abschied zu nehmen und baldmöglichst nach
dem Karlsbader Gebirge zu wandeln.
    Heute um die elfte Stunde wird confirma hoc Deus gesungen, welches schon
sehr gut geht und grossen Beifall erhält.
    Weimar, den 3. April 1808
                                                                              G.
 
                                   An Goete
Wir haben einen nasskalten April, ich merk's an Deinem Brief, - der ist wie ein
allgemeiner Landregen; der ganze Himmel überzogen von Anfang bis ans Ende; Du
besitzest zwar die Kunst, in kleinen Formenzügen und Linien Dein Gefühl ahnen zu
lassen, und in dem, was Du unausgesprochen lässt, stiehlt sich die Versicherung
ins Herz, dass man Dir nicht gleichgültig ist; ja ich glaub's, dass ich Dir lieb
bin, trotz Deinem kalten Brief; aber wenn Deine schöne Mässigung plötzlich zum
Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefühl, so ganz wie
Dich Gott geschaffen hat in Deinem Herzen, ich würde mich nicht vor Dir
fürchten, wie jetzt, wenn ein so kühler Brief ankommt, wo ich mich besinnen muss,
was ich denn getan habe.
    Heute schreibe ich aber doch mit Zuversicht, weil ich Dir erzählen kann, wie
Dein einziger Sohn sich hier wohl und lustig befindet; er gibt mir alle Abend im
Teater ein Rendezvous in unserer Loge; frühmorgens spaziert er schon auf den
Stadttürmen herum, um die Gegend seiner väterlichen Stadt recht zu beschauen;
ein paarmal hab ich ihn hinausgefahren, um ihm die Gemüsgärtnerei zu zeigen, da
grade jetzt die ersten wunderbarlichen Vorbereitungen dazu geschehen, wo jeder
Staude ihr Standort mit der Richtschnur abgemessen wird, und wo diese fleissigen
Gärtner mit so grosser Sorgfalt jedem Pflänzchen seinen Lebensunterhalt anweisen;
auch ans Stallburgsbrünnchen hab ich ihn geführt, auf die Pfingstwiese, auf den
Schneidewall; dann hinter die schlimme Mauer, wo in der Jugend Dein Spielplatz
war; dann zum Mainzer Törchen hinaus; auch in Offenbach war er mit mir und der
Mutter, und sind gegen Abend bei Mondschein zu Wasser wieder in die Stadt
gefahren; da hat unterwegs die Mutter recht losgelegt von all Deinen Geschichten
und Lustpartien; und da legte ich mich am Abend zu Bett mit trunkner Einbildung,
was mir einen Traum eintrug, von dem die Erinnerung mir eine Zeitlang Nahrung
sein wird. Es war, als lief ich in Weimar durch den Park, in dem ein starker
Regen fiel; es war grade alles im ersten Grün, die Sonne schien durch den Regen.
Als ich an Deine Tür kam, hört ich Dich schon von weitem sprechen; ich rief, -
Du hörtest nicht, - da sah ich Dich auf derselben Bank sitzen, hinter welcher im
vorigen Jahr die schöne breite Malve noch spät gewachsen war, - gegenüber lag
auch die Katze wie damals, und als ich zu Dir kam, sagtest Du auch wieder:
»Setze Dich nur dort üben zur Katze, wegen Deinen Augen, die mag ich nicht so
nah.« - Hier wachte ich auf, aber weil mir der Traum so lieb war, konnt ich ihn
nicht aufgeben; ich träumte fort, trieb allerlei Spiel mit Dir und bedachte
dabei Deine Güte, die solche Zutraulichkeit erlaubt. - Du! der einen Kreis des
Lebendigen umfasset, in dem wir alle Dein Vertrauen in so mächtigen Zügen schon
eingesogen haben. Ich fürchte mich manchmal, die Liebe, die rasch in meinem
Herzen aufsteigt, wenn auch nur in Gedanken vor Dir auszusprechen; aber so ein
Traum stürzt wie ein angeschwollner Strom über den Damm. Es mag sich einer
schwer entschliessen, eine Reise nach der Sonne zu tun, weil ihn die Erfahrung,
dass man da nicht ankommt, davon abhält; - mir gilt in solchen Augenblicken die
Erfahrung nichts, und so scheint mir denn, Dein Herz zu erreichen in seinem
vollen Glanze, nichts Unmögliches.
    Molitor war gestern bei mir; ich las ihm die Worte über ihn aus Deinem
Briefe vor, sie haben ihn sehr ergötzt; dieser Edle ist der Meinung, dass, da er
einen Leib für die Juden zu opfern habe und einen Geist ihnen zu widmen, beide
auch recht nützlich anzuwenden; es geht ihm übrigens nicht sehr wohl, ausser in
seinem Vertrauen auf Gott, bei welchem er jedoch fest glaubt, dass die Welt nur
durch Schwarzkunst wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist. Er hat gross
Vertrauen auf mich und glaubt, dass ich mit der Divinationskraft begabt bin; brav
ist er und will ernstlich das Gute; bekümmert sich deswegen nicht um die Welt
und um sein eigen Fortkommen; ist mit einem Stuhl, einem Bett und mit fünf
Büchern, die er im Vermögen hat, sehr wohl zufrieden.
    Adieu, ich eile Toilette zu machen, um mit Deiner Mutter und Deinem Sohn zum
Primas zu fahren, der heute ihnen zu Ehren ein grosses Fest gibt; - da werd ich
denn wieder recht mit dem Schlaf zu kämpfen haben; diese vielen Lichter, die
geputzten Leute, die geschminkten Wangen, das summende Geschwätz, haben eine
narkotische unwiderstehliche Wirkung auf mich.
                                                                         Bettine
 
                               An Frau von Goete
                                                                     Am 7. April
Erinnern Sie sich noch des Abends, den wir bei Frau von Schopenhauer zubrachten,
und man eine Wettung machte, ich könne keine Nähnadel führen? - Ein Beweis, dass
ich damals nicht gelogen habe, ist beikommendes Röcklein; ich hab es so schön
gemacht, dass mein Talent für weibliche Handarbeit ohne Ungerechtigkeit doch
nicht mehr im Zweifel gezogen werden kann. Betrachten Sie es indessen mit
Nachsicht, denn im stillen muss ich Ihnen bekennen, dass ich meinem Genie beinahe
zuviel zugetraut habe. Wenn Sie nur immer darin erkennen, dass ich Ihnen gern so
viel Freude machen möchte, als in meiner Gewalt steht.
    August scheint sich hier zu gefallen; das Fest, welches der Fürstprimas der
Grossmutter und dem Enkel gab, beweist recht, wie er den Sohn ehrt. Ich will
indessen der Frau Rat nicht vorgreifen, die es Ihnen mit den schönsten Farben
ausmalen wird. August schwärmt in der ganzen Umgegend umher; überall sind
Jugendfreunde seines Vaters, die von den Höhen da und dort hindeuten und
erzählen, welche glückliche Stunden sie mit ihm an so schönen Orten verlebten;
und so geht es im Triumph von der Stadt aufs Land und von da wieder in die
Stadt. - In Offenbach, dem zierlichsten und reinsten Städtchen von der Welt, das
mit himmelblauseidenem Himmel unterlegt ist, mit silbernen Wellen garniert und
mit blühenden Feldern von Hyazinten und Tausendschönchen gestickt; da war des
Erzählens der Erinnerungen an jene glückliche Zeiten kein Ende.
    Beiliegende Granaten hab ich aus Salzburg erhalten; tragen Sie dieselben zu
meinem Andenken.
                                                                         Bettine
Einliegende Bücher für den Geheimen Rat.
 
                                   An Bettine
                                                      Weimar, den 20. April 1808
Auch gestern wieder, liebes Herz, hat sich aus Deinem Füllhorn eine reichliche
Gabe zu uns ergossen, grade zur rechten Zeit und Stunde, denn die Frauenzimmer
waren in grosser Überlegung, was zu einem angesagten Fest angezogen werden
sollte. Nichts wollte recht passen, als eben das schöne Kleid ankam, das denn
sogleich nicht geschont wurde.
    Da unter allen Seligkeiten, deren sich meine Frau vielleicht rühmen möchte,
die Schreibseligkeit die allergeringste ist: so verzeihe Du, wenn sie nicht
selbst die Freude ausdrückt, die Du ihr gemacht hast. Wie leer es bei uns
aussieht, fällt mir erst recht auf, wenn ich umherblicke und Dir doch auch
einmal etwas Freundliches zuschicken möchte. Darüber will ich mir nun also
weiter kein Gewissen machen und auch für die gedruckten Hefte danken, wie für
manches, wovon ich noch jetzt nicht weiss, wie ich mich seiner würdig machen
soll. Das wollen wir denn mit bescheidenem Schweigen übergehen und uns lieber
abermals zu den Juden wenden, die jetzt in einem entscheidenden Moment zwischen
Tür und Angel stecken und die Flügel schon sperren, noch ehe ihnen das Tor der
Freiheit weit genug geöffnet ist. -
    Es war mir sehr angenehm, zu sehen, dass man den finanzgeheimerätlichen,
jakobinischen Israelssohn so tüchtig nach Hause geleuchtet hat. Kannst du mir
den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen? Es sind treffliche einzelne
Stellen drin, die in einem Plädoyer von Beaumarchais wohl hätten Platz finden
können. Leider ist das Ganze nicht rasch, kühn und lustig genug geschrieben, wie
es hätte sein müssen, um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt ein für
allemal lächerrlich zu machen. Nun bitte ich aber noch um die Judenstädtigkeit
selbst, damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aufhöre.
    Was Du mir von Molitor zu sagen gedenkst, wird mir Freude machen; auch durch
das letzte, was Du von ihm schickst, wird er mir merkwürdig, besonders durch
das, was er von der Pestalozzischen Metode sagt.
    Lebe recht wohl! Hab tausend Dank für die gute Aufnahme des Sohns und bleibe
dem Vater günstig.
                                                                              G.
 
                                   An Goete
Die Städtigkeits- und Schutzordnung der Judenschaft wird hierbei von einer edlen
Erscheinung begleitet; nicht allein, um Dir eine Freude zu machen, sondern weil
dies Bild mir lieb ist, hab ich's von der Wand an meinem Bett genommen, an dem
es seit drei Tagen hing, und seine Schönheit dem Postwagen anvertraut; Du sollst
nur sehen, was mich reizen kann. Häng dies Bild vor Dich, - schau ihm in diese
schönen Augen, - in denen der Wahnsinn seiner Jugend schon überwunden liegt,
dann fällt es Dir gewiss auf, was Sehnsucht erregt. - Dies Unwiederbringliche,
was nicht lang das Tagslicht verträgt und schnell entschwindet, weil es zu
herrlich ist für den Missbrauch. - Diesem aber ist es nicht entschwunden, es ist
ihm nur tiefer in die Seele gesunken; denn zwischen seinen Lippen haucht sich
schon wieder aus, was sich im erhellten Aug nicht mehr darf sehen lassen. - Wenn
man das ganze Gesicht anblickt: - man hat's so lieb - man möcht mit ihm gewesen
sein, um alle Pein mit ihm zu dulden, um alles ihm zu vergüten durch
tausendfache Liebe, - und wenn man den breiten vollen Lorbeer erblickt, scheinen
alle Wünsche für ihn erfüllt. Sein ganzes Wesen, - das Buch, was er an sich
hält, macht ihn so lieb; hätt ich damals gelebt, ich hätt ihn nicht verlassen.
    August ist weg; ich sang ihm vor: »Sind's nicht diese, sind's doch andre,
die da weinen, wenn ich wandre, holder Schatz, gedenk an mich.« Und so wanderte
er zu den Pforten unseres republikanischen Hauses hinaus; hab ihn auch von
Herzen umarmt, zur Erinnerung für mich an Dich; weil Du mich aber vergessen zu
haben scheinst und mir nur immer von dem Volk schreibst, welches verflucht ist,
und es Dir lieb ist, wenn Jacobson heimgeschickt wird, aber nicht, wenn ich
heimlich mit Dir bin, so schreib ich's zur Erinnerung für Dich an mich, die Dich
trotz Deiner Kälte doch immer liebhaben muss - halt, weil sie muss.
    Dem Primas hüte ich mich wohl, Deine Ansichten über die Juden mitzuteilen,
denn einmal geb ich Dir nicht recht, und hab auch meine Gründe; ich leugne auch
nicht, die Juden sind ein heisshungriges, unbescheidenes Volk; wenn man ihnen den
Finger reicht, so reissen sie einem bei der Hand an sich, dass man um und um
purzeln möchte; das kommt eben daher, dass sie so lang in der Not gesteckt haben;
ihre Gattung ist doch Menschenart, und diese soll doch einmal der Freiheit
teilhaftig sein, zu Christen will man sie absolut machen, aber aus ihrem engen
Fegfeuer der überfüllten Judengasse will man sie nicht herauslassen; das hat
nicht wenig Überwindung der Vorurteile gekostet, bis die Christen sich
entschlossen hatten, ihre Kinder mit den armen Judenkindern in eine Schule zu
schicken, es war aber ein höchst genialer und glücklicher Gedanke von meinem
Molitor, fürs erste Christen- und Judenkinder in eine Schule zu bringen; die
können's denn miteinander versuchen und den Alten mit gutem Beispiel vorgehen.
Die Juden sind wirklich voll Untugend, das lässt sich nicht leugnen; aber ich
sehe gar nicht ein, was an den Christen zu verderben ist; und wenn denn doch
alle Menschen Christen werden sollen, so lasse man sie ins himmlische Paradies,
- da werden sie sich schon bekehren, wenn's ihnen gefällig ist.
    Siehst Du, die Liebe macht mich nicht blind, - es wär auch ein zu grosser
Nachteil für mich, denn mit sehenden Augen bin ich alles Schönen inne geworden.
    Adieu, kalter Mann, der immer über mich hinaus nach den Judenbroschüren
reicht; ich bitte Dich, steck das Bild an die Wand mit vier Nadeln, aber in Dein
Zimmer, wo ich das einzige Mal drin war und hernach nicht mehr.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Du zürnst auf mich, da muss ich denn gleich zu Kreuz kriechen und Dir recht
geben, dass Du mir den Prozess machst über meine kurzen kalten Briefe, da doch
Deine lieben Briefe, Dein lieb Wesen, kurz alles, was von Dir ausgeht, mit der
schönsten Anerkenntnis müsste belohnt werden. Ich bin Dir immer nah, das glaube
fest, und dass es mir wohler tut, je länger ich Deiner Liebe gewiss werde. Gestern
schickte ich meiner Mutter ein kleines Blättchen für Dich; nimm's als ein bares
Äquivalent für das, was ich anders auszusprechen in mir kein Talent fühle, sehe
zu, wie Du Dir's aneignen kannst. Leb wohl, schreib mir bald, alles was Du
willst.
                                                                          Goete
Der durchreisende Passagier wird Dir hoffentlich wert geblieben sein bis ans
Ende. Nehme meinen Dank für das Freundliche und Gute, was Du ihm erzeigt hast. -
Wenn ich in Karlsbad zur Ruh bin, so sollst Du von mir hören. Deine Briefe
wandern mit mir; schreib mir ja recht viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten
und neuen Besitzungen; das lese ich nun so gern.
    Weimar, den 4, Mai 1808
 
                  Sonett, im Brief an Goetes Mutter eingelegt
Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen
Sprangst du mit mir so manchen Frühlingsmorgen.
»Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen
Möcht ich als Vater segnend Häuser bauen!«
Und als du anfingst in die Welt zu schauen,
War deine Freude häusliches Besorgen.
»Solch eine Schwester! und ich wär geborgen:
Wie könnt ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!«
Nun kann den schönen Wachstum nichts beschränken;
Ich fühl im Herzen heisses Liebestoben,
Umfass ich sie, die Schmerzen zu beschwichtgen?
Doch ach! Nun muss ich dich als Fürstin denken:
Du stehst so schroff vor mir emporgehoben;
Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flüchtgen.
 
                                   An Goete
Ist es Dir eine Freude, mich in tiefer Verwirrung beschämt zu Deinen Füssen zu
sehen, so sehe jetzt auf mich herab; so geht's der armen Schäfermaid, der der
König die Krone aufsetzt; wenn ihr Herz auch stolz ist, ihn zu lieben, so ist
die Krone doch zu schwer; ihr Köpfchen schwankt unter der Last, und noch
obendrein ist sie trunken von der Ehre, von den Huldigungen, die der Geliebte
ihr schenkt.
    Ach, ich werde mich hüten, ferner zu klagen oder um schön Wetter zu beten,
kann ich doch den blendenden Sonnenstrahl nicht vertragen. Nein, lieber im
Dunkel seufzen, still verschwiegen, als von Deiner Muse ans helle Tageslicht
geführt, beschämt, bekränzt; das sprengt mir das Herz. Ach, betrachte mich nicht
so lange, nimm mir die Krone ab, verschränke Deine Arme um mich an Deinem Herzen
und lehre mich vergessen über Dir selber, dass Du mich verklärt mir
wiederschenkst.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                      Am 20. Mai
Schon acht Tage bin ich in der lieblichsten Gegend des Rheins, und konnte vor
Faulheit, die mir die liebe Sonne einbrennt, keinen Augenblick finden, Deinem
freundlichen Brief eine Antwort zu geben. - Wie lässt sich da auch schreiben! Die
Allmacht Gottes schaut mir zu jedem Fenster herein und neigt sich anmutig vor
meinem begeisterten Blick.
    dabei bin ich noch mit einem wunderbaren Hellsehen begabt, was mir die
Gedanken einnimmt. Seh ich einen Wald, so wird mein Geist auch alle Hasen und
Hirsche gewahr, die drin herumspringen; und hör ich die Nachtigall, so weiss ich
gleich, was der kalte Mond an ihr verschuldet hat.
    Gestern Abend ging ich noch spät an den Rhein; ich wagte mich auf einen
schmalen Damm, der mitten in den Fluss führt, an dessen Spitze von Wellen
umbrauste Felsklippen hervorragen; ich erreichte mit einigen gewagten Sprüngen
den allervordersten, der grade so viel Raum bietet, um trocknen Fusses drauf zu
stehen. Die Nebel umtanzten mich; Heere von Raben flogen über mir, sie drehten
sich im Kreis, als wollten sie sich aus der Luft herablassen; ich wehrte mich
dagegen mit einem Tuch, das ich über meinen Kopf schwenkte, aber ich wagte
nicht, über mich zu sehen, aus Furcht, ins Wasser zu fallen. Wie ich umkehren
wollte, da war guter Rat teuer; ich konnte kaum begreifen, wie ich hingekommen
war; es fuhr ein kleiner Seelenverkäufer vorüber, - dem winkte ich, mich
mitzunehmen. Der Schiffer wollte zu der weissen Gestalt, die er trocknen Fusses
mitten auf dem Flusse stehen sah, und die die Raben für ihre Beute erklärten,
kein Zutrauen fassen; endlich lernte er begreifen, wie ich dahin gekommen war,
und nahm mich an Bord seines Dreibords. Da lag ich auf schmalem Brett, Himmel
und Sterne über mir; wir fuhren noch eine halbe Stunde abwärts, bis wo seine
Netze am Ufer hingen; wir konnten von weitem sehen, wie die Leute bei hellem
Feuer Teer kochten und ihr Fahrzeug anstrichen.
    Wie leidenschaftslos wird man, wenn man so frei und einsam sich befindet wie
ich im Kahn; wie ergiesst sich Ruh durch alle Glieder, sie ertränkt einem mit
sich selber, sie trägt die Seele so still und sanft wie der Rhein mein kleines
Fahrzeug, unter dem man auch nicht eine Welle plätschern hörte. Da sehnte ich
mich nicht wie sonst meine Gedanken vor Dir auszusprechen, dass sie gleich den
Wellen an der Brandung anschlagen und belebter weiter strömen; ich seufzte nicht
nach jenen Regungen im Innern, von denen ich wohl weiss, dass sie Geheimnisse
wecken und dem glühenden Jugendgeist Werkstätte und Tempel öffnen. Mein Schiffer
mit der roten Mütze, in Hemdärmeln, hatte sein Pfeifchen angezündt; ich sagte:
»Herr Schiffskapitän, Ihr seht ja aus, als hätt die Sonne Euch zum Harnisch
ausglühen wollen «; - »Ja«, sagte er, »jetzt sitz ich im Kühlen; aber ich fahre
nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen über den Rhein, und da ist keiner
so weit hergekommen wie ich. Ich war in Indien; da sah ich ganz anders aus, da
wuchsen mir die Haare so lang. - Und war in Spanien; da ist die Hitze nicht so
bequem, ich hab Strapazen ausgestanden; da fielen mir die Haare aus, und ich
kriegte einen schwarzen Krauskopf. - Und hier am Rhein wird's wieder anders: da
wird mein Kopf gar weiss; in der Fremde hatt ich Not und Arbeit, wie es ein
Mensch kaum erträgt; und wenn ich Zeit hatte, konnte ich vierundzwanzig Stunden
hintereinander schlafen, - da mocht es regnen und blitzen unter freiem Himmel.
Hier schlaf ich nachts keine Stunde; wer's einmal geschmeckt hat auf offner See,
dem kann's nicht gefallen, hier alle Polen und rotaarigen Holländer über die
Gosse zu fahren, - und sollt ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen
dünnen Rippen, so muss ich fort aus einem Ort, wo's nichts zu lachen gibt und
nichts zu seufzen.« - »Ei, wo möchtet Ihr denn hin?« - »Da, wo ich am meisten
ausgestanden habe, das war in Spanien; - da möcht ich wieder sein, und wenn's
noch einmal so hart herging!« - »Was hat Euch denn da so glücklich gemacht?« -
Er lachte und schwieg, - wir landeten; ich bestellte ihn zu mir, dass er sich ein
Trinkgeld bei mir hole, weil ich nichts bei mir hatte; er wollte aber nichts
nehmen. Im Nachhausegehen überlegte ich, wie mein Glück ganz von Dir ausgeht;
wenn Du nicht wärst im langweiligen Deutschland, so möcht ich wahrhaftig auch
auf meinen dünnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen. Unsere Grossmutter
hat uns oft so erhabene Dinge gesagt von Deutschlands grossen Geistern, aber Du
warst nicht dabei, sonst hätt ich mich vor Dir gehütet, und Du wärst meiner
Begeisterung verlustig gewesen. Im Einschlafen fühlte ich mich noch immer
gewiegt in süsser, gedankloser Zerstreuung, und es war mir, als hab ich Dir grosse
Dinge mitzuteilen, von denen ich glaubte, ich dürfe nur wollen, so werde sie der
Mund meiner Gedanken aussprechen; jetzt aber, nach ausgeschlafnem Traumleben,
weiss ich nichts, als mich Deinem Andenken, Deiner freundlichen Neigung aufs
innigste anzuschmiegen; denn wärst Du mir nicht, ich weiss nicht, was ich dann
wär; aber gewiss: unstät und unruhig würde ich suchen, was ich jetzt nicht mehr
suche.
                                                                       Dein Kind
Wie ist mir, lieber einziger Freund! Wie schwindelt mir, was willst Du mir
sagen, - Schatz! köstlicher! von dem ich alles lerne tief in der Brust, der mir
alle Fesseln abnimmt, die mich drücken, der mir winkt in die Lüfte, in die
Freiheit.
    Das hast Du mir gelehrt, dass alles, was meinem Geist eine Fessel ist, allein
nur drückende Unwissenheit ist; wo ich mich fürchte, wo ich meinen Kräften nicht
traue, da bin ich nur unwissend.
    Wissen ist die Himmelsbahn; das höchste Wissen ist Allmacht, das Element der
Seligkeit; solange wir nicht in ihm sind, sind wir noch ungeboren. Selig sein
ist frei sein; ein freies, selbständiges Leben haben, dessen Höhe und
Göttlichkeit nicht abhängt von seiner Gestaltung; das in sich göttlich ist, weil
nur reiner Entfaltungstrieb in ihm ist; ewiges Blühen ans Licht und sonst
nichts.
    Liebe ist Entfaltungstrieb in die göttliche Freiheit. Dies Herz, das von Dir
empfunden sein will, will frei werden; es will entlassen sein aus dem Kerker in
Dein Bewusstsein. Du bist das Reich, der Stern, den es seiner Freiheit erobern
will. Liebe will allmählich die Ewigkeit erobern, die wie Du weisst, kein Ende
nehmen wird.
    Dies Sehnen ist jenseits der Atem, der die Brust hebt; und die Liebe ist die
Luft, die wir trinken.
    Durch Dich werd ich ins unsterbliche Leben eingehen; der Lebende geht ein
durch den Geliebten ins Göttliche, in die Seligkeit. Liebe ist Überströmen in
die Seligkeit.
    Dir alles sagen, das ist mein ganzes Sein mit Dir; der Gedanke ist die
Pforte, die den Geist entlässt; da rauscht er hervor und hebt sich hinüber zur
Seele, die er liebt, und lässt sich da nieder und küsst die Geliebte, und das ist
Wollustschauer: den Gedanken empfinden, den die Liebe entzündet.
    Möge mir dies süsse Einverständnis mit Dir bewahrt bleiben, in dem sich unser
Geist berührt; dies kühne Heldentum, das sich über den Boden der Bedrängnis und
Sorge hinweghebt, auf himmlischen Stufen aufwärtsschreitend, solchen schönen
Gedanken entgegen, von denen ich weiss, sie kommen aus Dir.
 
                                  Goete an B.
                                                                      Am 7. Juni
Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief
aus dem Rheingau; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir
entgegen, dass ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner
Liebe; Deine Briefe wandern mit mir, die ich wie eine buntgewirkte Schnur
auftrössle, um den schönen Reichtum, den sie entalten, zu ordnen. Fahre fort,
mit diesem lieblichen Irrlichtertanz mein beschauliches Leben zu ergötzen und
beziehende Abenteuer zu lenken; - es ist mir alles aus eigner Jugenderinnerung
bekannt wie die heimatliche Ferne, deren man sich deutlich bewusst fühlt, ob man
sie schon lange verlassen hat. Forsche doch nach dem Lebenslauf Deines
hartgebrannten Schiffers, wenn Du ihm wieder begegnest; es wäre doch wohl
interessant zu erfahren, wie der indische Seefahrer endlich auf den Rhein kömmt,
um zur gefährdeten Stunde den bösen Raubvögeln mein liebes Kind abzujagen.
Adieu! Der Eichwald und die kühlen Bergschluchten, die meiner harren, sind der
Stimmung nicht ungünstig, die Du so unwiderstehlich herauszulocken verstehst;
auch predige Deine Naturevangelien nur immer in der schönen Zuversicht, dass Du
einen frommen Gläubigen an mir hast.
    Die gute Mutter hat mir sehr bedauerlich geschrieben, dass sie diesen Sommer
Dich entbehren soll; Deine reiche Liebe wird auch dahin versorgend wirken, und
Du wirst einen in dem andern nicht vergessen.
    Möchtest Du doch auch gelegentlich meinen Dank, meine Verehrung unserm
vortrefflichen Fürsten Primas ausdrücken, dass er meinen Sohn so über alle
Erwartung geehrt und der braven Grossmutter ein so einziges Fest gegeben. Ich
sollte wohl selbst dafür danken, aber ich bin überzeugt, Du wirst das, was ich
zu sagen habe, viel artiger und anmutiger, wenn auch nicht herzlicher vortragen.
    Deine Briefe werden mir in Karlsbad bei den drei Mohren der willkommenste
Besuch sein, von denen ich mir das beste Heil verspreche. Erzähle mir ja recht
viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten und neuen Besitzungen, und erhalte
Dich mir in fortdauerndem lebendigem Andenken.
                                                                              G.
 
                                   An Goete
                                                                     Am 16. Juni
Hier sind noch tausend herrliche Wege, die alle nach berühmten Gegenden des
Rheins führen; jenseits liegt der Johannisberg, auf dessen steilen Rücken wir
täglich Prozessionen hinaufklettern sehen, die den Weinbergen Segen erflehen,
dort überströmt die scheidende Sonne das reiche Land mit ihrem Purpur, und der
Abendwind trägt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Lüften und bläht
die weitfaltigen weissen Chorhemden der Geistlichkeit auf, die sich in der
Dämmerung wie ein rätselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlängeln. Im
Näherrücken entwickelt sich der Gesang; die Kinderstimmen klingen am
vernehmlichsten; der Bass stösst nur ruckweise die Melodien in die rechten Fugen,
damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzuhoch treibe, und dann pausiert er
am Fuss des Berges, wo die Weinlagen aufhören. Nachdem der Herr Kaplan den
letzten Rebstock mit dem Wadel aus dem Weihwasserkessel bespritzt hat, fliegt
die ganze Prozession wie Spreu auseinander, der Küster nimmt Fahne, Weihkessel
und Wadel, Stola und Chorhemd, alles unter den Arm, und trägt's eilends davon,
als ob die Grenze der Weinberge auch die Grenze der Audienz Gottes wär, so fällt
das weltliche Leben ein, Schelmenliedchen bemächtigen sich der Kehlen, und ein
heiteres Allegro der Ausgelassenheit verdrängt den Bussgesang, alle Unarten gehen
los, die Knaben balgen sich und lassen ihre Drachen am Ufer im Mondschein
fliegen, die Mädchen spannen ihre Leinwand aus, die auf der Bleiche liegt, und
die Bursche bombardieren sie mit wilden Kastanien; da jagt der Stadtirt die
Kuhherde durchs Getümmel, den Ochs voran, damit er sich Platz mache; die
hübschen Wirtstöchter stehen unter den Weinlauben vor der Tür und klappen mit
dem Deckel der Weinkanne, da sprechen die Chorherren ein, und halten Gericht
über Jahrgänge und Weinlagen, der Herr Frühmessner sagt nach gehaltener
Prozession zum Herrn Kaplan: »Nun haben wir's unserm Herrgot vorgetragen, was
unserm Wein nottut: noch acht Tage trocken Wetter, dann morgens früh Regen und
mittags tüchtigen Sonnenschein, und das so fort Juli und August! Wenn's dann
kein gutes Weinjahr gibt, so ist's nicht unsre Schuld.«
    Gestern wanderte ich der Prozession vorüber, hinauf nach dem Kloster, wo sie
herkam. Oft hatte ich im Aufsteigen Halt gemacht, um den verhallenden Gesang
noch zu hören. Da oben auf der Höhe war grosse Einsamkeit; nachdem auch das
Geheul der Hunde, die das Psalmieren obligat begleitet hatten, verklungen war,
spürte ich in die Ferne; da hörte ich dumpf das sinkende Treiben des scheidenden
Tags; ich blieb in Gedanken sitzen, - da kam aus dem fernen Waldgeheg von
Vollratz her etwas Weisses, es war ein Reiter auf einem Schimmel; das Tier
leuchtete wie ein Geist, sein weicher Galopp tönte mir weissagend, die schlanke
Figur des Reiters schmiegte sich so nachgebend den Bewegungen des Pferdes, das
den Hals sanft und gelenk bog; bald in lässigem Schritt kam er heran, ich hatte
mich an den Weg gestellt, er mochte mich im Dunkel für einen Knaben halten, im
braunen Tuchmantel und schwarzer Mütze sah ich nicht grade einem Mädchen
ähnlich. Er fragte, ob der Weg hier nicht zu steil sei zum Hinabreiten, und ob
es noch weit sei bis Rüdesheim. Ich leitete ihn den Berg herab, der Schimmel
hauchte mich an, ich klatschte seinen sanften Hals. Des Reiters schwarzes Haar,
seine erhabene Stirn und Nase waren bei dem hellen Nachtimmel deutlich zu
erkennen. Der Feldwächter ging vorüber und grüsste, ich zog die Mütze ab, mir
klopfte das Herz neben meinem zweifelhaften Begleiter, wir gaben einander
wechselweise Raum, uns näher zu betrachten; was er von mir zu denken beliebte,
schien keinen grossen Eindruck auf ihn zu machen, ich aber entdeckte in seinen
Zügen, seiner Kleidung und Bewegungen eine reizende Eigenheit nach der andern.
Nachlässig, bewusstlos, naturlaunig sass er auf seinem Schimmel, der das Regiment
mit ihm teilte. - Dortin flog er im Nebel schwimmend, der ihn nur allzubald mir
verbarg; ich aber blieb bei den letzten Reben, wo heute die Prozession in
ausgelassnem Übermut auseinandersprengte, allein zurück: ich fühlte mich sehr
gedemütigt, ich ahnete nicht nur, ich war überzeugt, dies rasche Leben, das eben
gleichgültig an mir vorübergestreift war, begehre mit allen fünf Sinnen des
Köstlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemächtigen.
    Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefühl; die duftenden Weinberge
schmeichelten mich wieder zufrieden.
    Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter, meine gekränkte
Eitelkeit, meine Sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust.
Soll ich in Dir lebendig werden, geniessen, atmen und ruhen, alles im Gefühl des
Gedeihens, so muss ich, Deiner höheren Natur unbeschadet, alles bekennen dürfen
was mir fehlt, was ich erlebe und ahne; nimm mich auf, weise mich zurecht und
gönne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverständnisses.
    Die Seele ist zum Gottesdienst geboren, dass ein Geist in dem andern
entbrenne, sich in ihm fühle und verstehen lerne, das ist mir Gottesdienst - je
inniger: je reiner und lebendiger.
    Wo ich mich hinlagere am grünenden Boden, von Sonne und Mond beschienen, da
bist Du meine Heiligung.
                                                                         Bettine
                                                                     Am 25. Juni
Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen, den Garten Deines
Vaterlands, der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt, wo die Natur so
freundlich gross sich zeigt; - wie hat sie mit sympatetischem Geist die
mächtigen Ruinen aufs neue belebt, wie steigt sie auf und ab an den düstern
Mauern und begleitet die verödeten Räume mit schmeichelnder Begrasung und
erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche, die aus
verwitterter Mauerluke herablacht! Ja, komm und durchwandre den mächtigen
Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest, das über dem schäumenden Bingerloch
herabsieht, die Zinnen mit jungen Eichen gekrönt; wo die schlanken Dreiborde wie
schlaue Eidechsen durch die reissende Flut am Mäuseturm vorbeischiessen. Da stehst
Du und siehst, wie der helle Himmel über grünenden Rebhügeln aus dem
Wasserspiegel herauflacht, und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen
basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt, in ernste, schaurig umfassende Felshöhen
und hartnäckige Vorsprünge eingerahmt; da betrachte Dir die Mündungen der Tale,
die mit ihren friedlichen Klöstern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne
hervorgrünen, und die Jagdreviere und hängenden Gärten, die von einer Burg zur
andern sich schwingen, und das Geschmeide der Städte und Dörfer, das die Ufer
schmückt.
    O Weimar, o Karlsbad, entlasst mir den Freund! Schliess Dein Schreibpult zu
und komm hier her, lieber als nach Karlsbad; das ist ja ein Kleines, dass Du dem
Postillon sagst: links statt rechts; ich weiss, was Du bedarfst, ich mache Dir
Dein Zimmer zurecht neben meinem, das Eckzimmer, mit dem einen Fenster den Rhein
hinunter und dem andern hinüber; ein Tisch, ein Sessel, ein Bett und ein dunkler
Vorhang, dass die Sonne Dir nicht zu früh hereinscheint. Muss es denn immer auf
dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein, wo man so oft marode wird?
    Eben entdeckte ich den Briefträger, ich sprang ihm entgegen, er zeigte mir
auch von weitem Deinen Brief, er freute sich mit mir und hatte auch Ursache
dazu, er sagte; »Gewiss ist der Brief von dem Herrn Liebsten!«
    »Ja,« sagte ich, »für die Ewigkeit!« Das hielt er für ein melancholisches
Ausrufungszeichen.
    Die Mutter hat mir auch heute geschrieben, sie sagt mir's herzlich, dass sie
mir wohl will, von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre, er
selbst aber lässt nichts von sich hören.
    Und nun leb wohl, Dein Aufentalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich, ich segne
Deine Gesundheit; wenn Du krank wärst und Schmerzen littest, würde ich sehr
mitleiden; ich hab so manches nachfühlen müssen, was Du wohl längst verschmerzt
hattest, noch eh ich Dich kannte.
    Die drei Mohren sollen Deine Wächter sein, dass sich kein fremder Gast bei
Dir einschleiche und Du Dir kein geschnitzeltes Bild machst, dasselbige
anzubeten. Lass Dir's bei den drei Mohren gesagt sein, dass ich um den Ernst
Deiner Treue bitte, erhalte sie mir unter den zierlichen, müssigen Badenymphen,
die Dich umtanzen, die Nadel mit dem Gordischen Knoten trag an Deiner Brust,
denk daran, dass Du aus der Fülle meiner Liebe keine Wüste des Jammers machen
sollst, und sollst den Knoten nicht entzweihauen.
    Dem Primas hab ich geschrieben in Deinem Auftrag, er ist in Aschaffenburg,
er hat mich eingeladen, dortin zu kommen; ich werd auch wahrscheinlich mit der
ganzen Familie ihn besuchen, da kann ich ihm alles noch einmal mitteilen. Ich
werde Dir Nachricht darüber geben.
    Nun küsse ich Dir zum letztenmal Hand und Mund, um morgen einen neuen Brief
zu beginnen.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                      Am 5. Juli
Wenn ich Dir alle Ausflüge beschreiben sollte, liebster Herr, die wir von unserm
Rheinaufentalt aus machen, so blieb mir keine Minute übrig zum Schmachten und
Seufzen. Das wär mir sehr lieb, denn wenn mein Herz voll ist, so möcht ich's
gerne vor Dir überströmen lassen; aber so geht's nicht: hat man den ganzen Tag
im heissen Sonnenbrand einen Berg um den andern erstiegen, alle Herrlichkeiten
der Natur mit Hast in sich getrunken wie den kühlen Wein in der Hitze, so möchte
man am Abend den Freund lieber ans Herz drücken und ihm sagen, wie lieb man ihn
hat, als noch viele Beschreibung von Weg und Steg machen. Was vermag ich auch
vor Dir, als nur Dich innigst anzusehen! Was soll ich Dir vorplaudern? - Was
können Dir meine einfältigen Reden sein?
    Wer sich nach der schönen Natur sehnt, der wird sie am besten beschreiben,
der wird nichts vergessen, keinen Sonnenstrahl, der sich durch die Felsritze
stiehlt, keinen Windvogel, der die Wellen streift, kein Kraut, kein Mückchen,
keine Blume am einsamen Ort. Wer aber mitten drinnen ist und mit glühendem
Gesicht oben ankommt, der schläft, wie ich, gern auf dem grünen Rasen ein und
denkt weiter nicht viel, manchmal gibt's einen Stoss ans Herz, da seh ich mich um
und suche, wem ich's vertrauen soll.
    Was sollen mir all die Berge bis zur blauen Ferne, die blähenden Segel auf
dem Rhein, die brausenden Wasserstrudel! - Es drückt einem doch nur, und - keine
Antwort, niemals, wenn man auch noch so begehrend fragt. -
                                                                      Am 7. Juli
So lauten die Stossseufzer am Abend, am Morgen klingt's anders, da regt sich's
schon vor Sonnenaufgang und treibt mich hinaus, wie einer längst ersehnten
Botschaft entgegen. Den Nachen kann ich schon allein regieren, es ist mein
liebstes Morgengebet, ihn listig und verstohlen von der Kette zu lösen und mich
hinüber ans Ufer zu studieren. Allemal muss ich's wieder von neuem lernen, es ist
ein Wagstück, mit Mutwill begonnen, aber sehr andächtig beschlossen; denn ich
danke Gott, wenn ich glücklich gelandet bin. Ohne Wahl belaufe ich dann einen
der vielen Strahlenwege, die sich hier nach allen Seiten auftun. Jedesmal
lauscht die Erwartung im Herzen, jedesmal wird sie gelöst, bald durch die
allumfassende Weite auf der Höh, durch die Sonne, die so plötzlich alles aus dem
Schlaf weckt; ich klimme herab an Felswänden, reinliches Moos, zierliches
Flechtwerk bekleiden den Stein, kleine Höhlen zum Lager wie gegossen, in denen
verschnauf ich, dort zwischen dunklen Felsen leuchtet ein helleres Grün: kräftig
blühend, untadelig, mitten in der Wüste find ich die Blume auf reinlichem Herd,
einfache Haushaltung Gottes; inmitten von Blütenwänden die Opferstätte feierlich
umstellt von schwanken priesterlichen Nymphen, die Libationen aus ihren
Kelchkrüglein ergiessen und Weihrauch streuen und wie die indischen Mädchen
goldnen Staub in die Lüfte werfen. - Dann seh ich's blitzen im Sand; ich muss
hinab und wieder hinauf, ob's vielleicht ein Diamant ist, den der Zufall ans
Licht gebracht hat. Wenn's einer wär, ich schenkte ihn Dir, und denk mir Deine
Verwunderung über das Kleinod unserer rheinischen Felsen. Da lieg ich am
unbeschatteten Ort mit brennenden Wangen und sammle Mut, wieder
hinüberzuklettern zur duftenden Linde. Am Kreuzweg, beim Opferstock des heiligen
Petrus, der mit grossem Himmelsschlüssel ins vergitterte Kapellchen eingesperrt
ist, ruh ich aus auf weichem Gras und such vergebens, o Himmel! an deinem
gewölbten Blau das Loch, in das der Schlüssel passen könnte, da ich heraus
möchte aus dem Gefängnis der Unwissenheit und Unbewussteit; wo ist die Tür, die
dem Licht und der Freiheit sich öffnet? - Da ruschelt's, da zwitschert's im
Laub, dicht neben mir unter niederem Ast sitzt das Finkenweibchen im Nest und
sieht mich kläglich an.
    Das sind die kleinen allerliebsten Abenteuer und Mühseligkeiten des heutigen
Tags. Heimwärts machte ich die Bekanntschaft der kleinen Gänsehirtin, sie
strahlte mich von weitem an mit ihren zollangen schwarzen Augenwimpern, die
andern Kinder lachten es aus und sagten, alle Menschen hielten sich drüber auf,
dass es so lange Wimpern habe. Es stand beschämt da und fing endlich an zu
weinen. Ich tröstete es und sagte; »Weil dich Gott zur Hüterin über die schönen
weissen Gänse bestellt hat und du immer auf freier Wiese gehest, wo die Sonne so
sehr blendet, so hat er dir diese langen Augenschatten wachsen lassen.« Die
Gänse drängten sich an ihre weinende Hüterin und zischten mich und die lachenden
Kinder an, könnt ich malen, - das gäb ein Bild!
    Gut ist's, dass ich nicht viel von dem weiss, was in der Welt vorgeht, von
Künsten und Wissenschaften nichts versteh, ich könnte leicht in Versuchung
geraten, Dir darüber zu sprechen, und meine Phantasie würde alles besser wissen
wollen, jetzt nährt sich mein Geist von Inspirationen. - Manches hör ich nennen,
anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hindert mich, danach zu
fragen? - Was macht mich so gleichgültig dagegen? Oder warum weiche ich wohl gar
aus, etwas Neues zu erfahren? -
                                                                Am frühen Morgen
Ein Heer von Wolken macht mir heute meine frühe Wanderung zu Wasser, dort drüben
die Ufer sind heute wie Schatten der Unterwelt schwankend und schwindend; die
Turmspitzen der nebelbegrabenen Städte und Ortschaften dringen kaum durch, die
schöne grüne Au ist verschwunden. - Es ist noch ganz früh - ich merk's! Kaum
kann es vier Uhr sein, da schlagen die Hähne an, von Ort zu Ort in die Runde bis
Mittelheim, von Nachbar zu Nachbar; keiner verkümmert dem andern die Ehre des
langen Nachhalls, und so geht's in die Ferne wie weit! Die Morgenstille
dazwischen wie die Wächter der Moscheen, die das Morgengebet ausrufen.
Morgenstund hat Gold im Mund, schon seh ich's glänzen und flimmern auf dem
Wasser, die Strahlen brechen durch und säen Sterne in den eilenden Strom, der
seit zwei Tagen, wo es unaufhörlich giesst, angeschwollen ist.
    Da hat der Himmel seine Schleier zerrissen! - Nun ist's gewiss, dass wir heute
schön Wetter haben, ich bleibe zu Hause und will alle Segel zählen, die
vorüberziehen, und allen Betrachtungen Raum geben, die mir die ferne, allmählich
erhellende Aussicht zuführt. Du kennst den Fluss des Lebens wohl genau und weisst,
wo die Sandbänke und Klippen sind, und die Strudel, die uns in die Tiefe ziehen,
und wie weit der jauchzende Schiffer mit gespanntem Segel, mit frischem Wind
wohl kommen wird, und was ihn am Ufer erwartet.
    Wenn Dir's gefällt, einen Augenblick nachzudenken über den Eigensinn meiner
Neigung und über die Erregbarkeit meines Geistes, so mag Dir's wohl anschaulich
sein, was mir unmündig Schiffenden noch begegnen wird. O sag mir's, dass ich
nichts erwarten soll von jenen Luftschlössern, die die Wolken eben im Saffran-
und Purpurfeld der aufgehenden Sonne auftürmen, sag mir: dies Lieben und
Aufflammen, und dies trotzige Schweigen zwischen mir und der Welt sei nichtig
und nichts!
    Ach der Regenbogen, der eben auf der Ingelheimer Au seinen diamantnen Fuss
aufsetzt und sich übers Haus hinüberschwingt auf den Johannisberg, der ist wohl
grad wie der selige Wahn, den ich habe von Dir und mir. Der Rhein, der sein Netz
ausspannt, um das Bild seiner paradiesischen Ufer darin aufzufangen, der ist wie
diese Lebensflamme, die von Spiegelungen des Unerreichbaren sich nährt. Mag sie
denn der Wirklichkeit auch nicht mehr abgewinnen als den Wahn; - es wird mir
eben auch den eigentümlichen Geist geben und den Charakter, der mein Selbst
ausspricht wie dem Fluss das Bild, das sich in ihm spiegelt.
                                                                        Am Abend
Heute morgen schiffte ich noch mit dem launigen Rheinbegeisterten Niklas Vogt
nach der Ingelheimer Au, seine entusiastischen Erzählungen waren ganz von dem O
und Ach vergangner schöner Zeiten durchwebt. Er holte weit aus und fing von da
an, ob Adam hier nicht im Paradiese gelebt habe, und dann erzählte er vom
Ursprung des Rheins und seinen Windungen durch wilde Schluchten und einengende
Felstale, und wie er da nach Norden sich wende und wieder zurückgewiesen werde,
links nach Westen, wo er den Bodensee bilde und dann so kräftig sich über die
entgegenstellenden Felsen stürze; ja, sagte der gute Vogt ganz listig und
lustig, man kann den Fluss ganz und gar mit Goete vergleichen. Jetzt geben Sie
acht: die drei Bächlein, die von der Höhe des ungeheuren Urfelsen, der so
mannigfaltige abwechselnde Bestandteile hat, niederfliessen und den Rhein bilden,
der als Jünglingskind erst sprudelt, das sind seine Musen, nämlich Wissenschaft,
Kunst und Poesie, und wie da noch mehr herrliche Flüsse sind: der Tessin, der
Adda und Inn, worunter der Rhein der schönste und berühmteste, so ist Goete
auch der berühmteste und schönste vor Herder, Schiller und Wieland; und da, wo
der Rhein den Bodensee bildet, das ist die liebenswürdige Allgemeinheit Goetes,
wo sein Geist von den drei Quellen noch gleichmässig durchdrungen ist, da, wo er
sich über die entgegenstauenden Felsen stürzt: das ist sein trotzig Überwinden
der Vorurteile, sein heidnisch Wesen, das braust tüchtig auf und ist
tumultarisch begeistert; da kommen seine Xenien und Epigramme, seine
Naturansichten, die den alten Philistern ins Gesicht schlagen, und seine
philosophischen und religiösen Richtungen, die sprudeln und toben zwischen dem
engen Felsverhack des Widerspruchs und der Vorurteile so fort, und mildern sich
dann allmählich; nun aber kommt noch der beste Vergleich: die Flüsse, die er
aufnimmt: die Limmat, die Tur, die Reuss, die Ill, die Lauter, die Queich,
lauter weibliche Flüsse, das sind die Liebschaften, so geht's immer fort bis zur
letzten Station. Die Selz, die Nah, die Saar, die Mosel, die Nette, die Ahr; -
nun kommen sie ihm vom Schwarzwald zugelaufen und von der rauhen Alp, - lauter
Flussjungfern: die Elz, die Treisam, die Kinzig, die Murg, die Kraich, dann die
Reus, die Jaxt; aus dem Odenwald und Melibokus herab haben sich ein paar
allerliebste Flüsschen auf die Beine gemacht: die Wesnitz und die Schwarzbach;
die sind so eilig: was giltst du, was hast du? - Dann führt ihm der Main ganz
verschwiegen die Nid und die Krüftel zu; das verdaut er alles ganz ruhig und
bleibt doch immer er selber; und so macht's unser grosser deutscher Dichter auch,
wie unser grosser deutscher Fluss; wo er geht und steht, wo er gewesen ist und wo
er hinkommt, da ist immer was Liebes, was den Strom seiner Begeistrung
anschwellt.
    Ich war überrascht von der grossen Gesellschaft; Vogt meinte, das wären noch
lange nicht alle; der Vergleiche waren noch kein Ende: Geschichte und Fabel,
Feuer und Wasser, was über und unter der Erde gedeiht, wusste er passend
anzuwenden; ein Rhinozerosgerippe und versteinerte Palmen, die man am Rhein
gefunden, nahm er als Deine interessantesten Studien bezeichnend. So belehrte er
mich und prophezeite, dass Du auch bis ans Ende, wie der Rhein, aushalten
werdest, und nachdem Du wie er, alle gesättigt und genossen, sanft und gemachsam
dem Meer der Ewigkeit zuwallen werdest; er schrieb mir das Verzeichnis aller
Flüsse auf und verglich mich mit der Nidda; ach wie leid tut mir's, dass nach
dieser noch die Lahn, die Sayn, die Sieg, die Roer, die Lippe und die Ruhr
kommen sollen!
    Adieu! Ich nenne diesen Brief die Epistel der Spaziergänge; wenn sie Dir
nicht gefallen, so denk, dass die Nidda keine Goldkörner in ihrem Bett führt wie
der Rhein, nur ein bisschen Quecksilber.
    Sei mir gegrüsst bei den drei Mohren.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                                     Am 15. Juli
Zwei Briefe von Dir, liebe Bettine, so reich an Erlebtem, sind mir kurz
nacheinander zugekommen; der erste, indem ich im Begriff war, das Freie zu
suchen. Wir nahmen ihn mit und bemächtigten uns seines Inhalts auf einem
wohlgeeigneten bequemen Ruhepunkt, wo Natur und Stimmung, im Einklang mit Deinen
sinnig heiteren Erzählungen und Bemerkungen, einen höchst erfreulichen Eindruck
nicht verfehlten, der sich fortan durch den gordischen Knoten signalisieren
soll. Mögen die Götter diesen magischen Verschlingungen geneigt sein und kein
tückischer Dämon daran zerren! An mir soll's nicht fehlen, Deine Schutz- und
Trutzgerechtsame zu bewahren gegen Nymphen und Waldteufel.
    Deine Beschreibung der Rheinprozession und der flüchtigen Reitergestalt
haben mir viel Vergnügen gemacht, sie bezeichnen wie Du empfindest und empfunden
sein willst; lasse Dir dergleichen Visionen nicht entgehen und versäume ja
nicht, solche vorüberstreifende Aufregungen bei den drei Haaren zu erfassen,
dann bleibt es in Deiner Gewalt, das Verschwundene in idealischer Form wieder
herbeizuzaubern. Auch für Deine Naturbegeisterungen, in die Du mein Bild so
anmutig verstrickst, sei Dir Dank, solchen allerliebsten Schmeicheleien ist
nicht zu wehren.
    Heute morgen ist denn abermals Deine zweite Epistel zu mir gelangt, die mir
das schöne Wetter ersetzte. Ich habe sie mit Musse durchlesen und dabei den Zug
der Wolken studiert. Ich bekenne Dir gern, dass mir Deine reichen Blätter die
grösste Freude machen; Deinen launigen Freund, der mir schon rühmlichst bekannt
ist, grüsse in meinem Namen und danke ihm für den grossmütigen Vergleich; obschon
ich hierdurch mit ausgezeichneten Prärogativen belehnt bin, so werd ich diese
doch nicht zum Nachteil Deiner guten Gesinnung missbrauchen; liebe mich so fort,
ich will gern die Lahn und die Sayn ihrer Wege schicken.
    Der Mutter schreibe, und lasse Dir von ihr schreiben; liebt Euch
untereinander, man gewinnt gar viel, wenn man sich durch Liebe einer des andern
bemächtigt; und wenn Du wieder schreibst, so könntest Du mir nebenher einen
Gefallen tun, wenn Du mir immer am Schluss ein offnes, unverhohlnes Bekenntnis
des Datums machen möchtest; ausser manchen Vorteilen, die sich erst durch die
Zeit bewähren, ist es auch noch besonders erfreulich, gleich zu wissen, in wie
kurzer Zeit dies alles von Herzen zu Herzen gelangt. Das Gefühl der Frische hat
eine wohltuende, raumverkürzende Wirkung, von welcher wir beide ja auch Vorteil
ziehen können.
                                                                              G.
 
                                   An Goete
                                                                     Am 18. Juli
Warst Du schon auf dem Rochusberg? - Er hat in der Ferne was sehr Anlockendes,
wie soll ich es Dir beschreiben? - So, als wenn man ihn gern befühlen,
streicheln möchte, so glatt und samtartig. Wenn die Kapelle auf der Höhe von der
Abendsonne beleuchtet ist und man sieht in die reichen grünen, runden Täler, die
sich wieder so fest aneinander schliessen, so scheint er sehnsüchtig an das Ufer
des Rheins gelagert mit seinem sanften Anschmiegen an die Gegend und mit den
geglätteten Furchen die ganze Natur zur Lust erwecken zu wollen. Er ist mir der
liebste Platz im Rheingau; er liegt eine Stunde von unserer Wohnung; ich habe
ihn schon morgens und abends, im Nebel, Regen und Sonnenschein besucht. Die
Kapelle ist erst seit ein paar Jahren zerstört, das halbe Dach ist herunter, nur
die Rippen eines Schiffgewölbes stehen noch, in welches Weihen ein grosses Nest
gebaut haben, die mit ihren Jungen ewig aus und ein fliegen, ein wildes Geschrei
halten, das sehr an die Wassergegend gemahnt. - Der Hauptaltar steht noch zur
Hälfte, auf demselben ein hohes Kreuz, an welches unten der heruntergestürzte
Christusleib festgebunden ist. Ich kletterte an dem Altar hinauf; um den
Trümmern noch eine letzte Ehre anzutun, wollte ich einen grossen Blumenstrauss,
den ich unterwegs gesammelt hatte, zwischen eine Spalte des Kopfes stecken; zu
meinem grössten Schrecken fiel mir der Kopf vor die Füsse, die Weihen und Spatzen
und alles was da genistet hatte, flog durch das Gepolter auf, und die stille
Einsamkeit des Orts war Minuten lang gestört. Durch die Öffnungen der Türen
schauen die entferntesten Gebirge: auf der einen Seite der Altkönig, auf der
andern der ganze Hunsrück bis Kreuznach, vom Donnersberg begrenzt; rückwärts
kannst Du so viel Land übersehen als Du Lust hast. Wie ein breites Feiergewand
zieht es der Rhein schleppend hinter sich her, den Du vor der Kapelle mit allen
grünen Inseln wie mit Smaragden geschmückt liegen siehst; der Rüdesheimer Berg,
der Scharlach- und Johannisberg, und wie all das edle Gefels heisst, wo der beste
Wein wächst, liegen von verschiedenen Seiten und fangen die heissen
Sonnenstrahlen wie blitzende Juwelen auf; man kann da alle Wirkung der Natur in
die Kraft des Weines deutlich erkennen, wie sich die Nebel zu Ballen wälzen und
sich an den Bergwänden herabsenken, wie das Erdreich sie gierig schluckt, und
wie die heissen Winde drüber herstreifen. Es ist nichts schöner, als wenn das
Abendrot über einen solchen benebelten Weinberg fällt; da ist's, als ob der Herr
selbst die alte Schöpfung wieder angefrischt habe, ja als ob der Weinberg vom
eignen Geist benebelt sei. - Und wenn dann endlich die helle Nacht heraufsteigt
und allem Ruh gibt, - und mir auch, die vorher wohl die Arme ausstreckte und
nichts erreichen konnte; die an Dich gedacht hat; - Deinen Namen wohl hundertmal
auf den Lippen hatte, ohne ihn auszusprechen - müssten nicht Schmerzen in mir
erregt werden, wenn ich es einmal wagte? - Und keine Antwort? Alles still? - Ja
Natur! wer so innig mit ihr vertraut wär, dass er an ihrer Seligkeit genug hätte!
- Aber ich nicht! - Lieber, lieber Freund, erlaub's doch, dass ich Dir jetzt
beide Hände küsse; zieh sie nicht zurück, wie Du sonst getan hast.
    Wo war ich heut nacht? - Wenn sie's wüssten, dass ich die ganze Nacht nicht zu
Hause geschlafen habe und doch so sanft geruht habe! - Dir will ich's sagen; Du
bist weit entfernt, wenn Du auch schmälst, - bis hierher verhallt der Donner
Deiner Worte.
    Gestern abend ging ich noch allein auf den Rochusberg und schrieb Dir bis
hierher, dann träumte ich ein wenig und wie ich mich wieder besann und glaubte,
die Sonne wolle untergehen, da war's der aufgehende Mond; ich war überrascht,
ich hätte mich gefürchtet, - die Sterne litten's nicht; diese Hunderttausende
und ich beisammen in dieser Nacht! - Ja, wer bin ich, dass ich mich fürchten
sollte, zähl ich denn mit? - Hinunter traute ich mich nicht, ich hätte keinen
Nachen gefunden zum Überfahren; die Nacht ist auch gar nicht lang jetzt, da legt
ich mich auf die andere Seite und sagte den Sternen gute Nacht; bald war ich
eingeschlafen, - dann und wann weckten mich irrende Lüftchen, dann dacht ich an
Dich; so oft ich erwachte, rief ich Dich zu mir, ich sagte immer im Herzen:
Goete sei bei mir, damit ich mich nicht fürchte; dann träumte ich, dass ich
längs den schilfigen Ufern des Rheins schiffe, und da, wo es am tiefsten war,
zwischen schwarzen Felsspalten, da entfiel mir Dein Ring; ich sah ihn sinken,
tiefer und tiefer, bis auf den Grund! Ich wollte nach Hilfe rufen, - da erwachte
ich im Morgenrot, neubeglückt, dass der Ring noch am Finger war. Ach Prophet! -
deute mir diesen Traum; komm dem Schicksal zuvor, lass unserer Liebe nicht zu
nahe geschehen, nach dieser schönen Nacht, wo ich zwischen Furcht und Freude im
Rat der Sterne Deiner Zukunft gedachte5. Ich hatte schon längst Sehnsucht nach
diesem süssen Abenteuer; nun hat es mich so leise beschlichen, und alles steht
noch auf dem alten Fleck. Keiner weiss, wo ich war, und wenn sie's auch wüssten, -
könnten sie ahnen, warum? - Dort kamst Du her, durch den flüsternden Wald, von
milder Dämmerung umflossen, und wie Du ganz nahe warst, das konnten die müden
Sinne nicht ertragen, der Tymian duftete so stark; - da schlief ich ein, - es
war so schön, alles Blüte und Wohlgeruch. Und das weite grenzenlose Heer der
Sterne, und das flatternde Mondsilber, das von Ferne zu Ferne auf dem Fluss
tanzte, die ungeheure Stille der Natur, in der man alles hört, was sich regt;
ach, hier fühle ich meine Seele eingepflanzt in diese Nachtschauer; hier keimen
zukünftige Gedanken; diese kalten Tauperlen, die Gras und Kräuter beschweren,
von denen wächst der Geist; er eilt, er will Dir blühen, Goete; er will seine
bunten Farben vor Dir ausbreiten; Liebe zu Dir ist es, dass ich denken will, dass
ich ringe nach noch Unausgesprochenem. Du siehst mich an im Geist, und Dein
Blick zieht Gedanken aus mir; da muss ich oft sagen, was ich nicht verstehe, was
ich nur sehe.
    Der Geist hat auch Sinne; so wie wir manches nur hören, oder nur sehen, oder
nur fühlen: so gibt's Gedanken, die der Geist auch nur mit einem dieser Sinne
wahrnimmt; oft seh ich nur, was ich denke, oft fühle ich's; und wenn ich's höre,
da erschüttert mich's. Ich weiss nicht, wie ich zu diesen Erfahrungen komme, die
sich nicht aus eigner Überlegung erzeugen; - ich sehe mich um nach dem Herrn
dieser Stimme; - und dann meine ich, dass sich alles aus dem Feuer der Liebe
erzeuge. Es ist Wärme im Geist, wir fühlen es; die Wangen glühen vom Denken, und
Frostschauer überlaufen uns, die die Begeistrung zu neuer Glut anfachen. Ja,
lieber Freund, heute morgen, da ich erwachte, war mir's, als hätte ich Grosses
erlebt, als hätten die Gelübde meines Herzens Flügel und schwängen sich über
Berg und Tal ins reine, heitre, lichterfüllte Blau. - Keinen Schwur, keine
Bedingungen, alles nur angemessne Bewegung, reines Streben nach dem Himmlischen.
Das ist mein Gelübde: Freiheit von allen Banden, und dass ich nur dem Geist
glauben will, der Schönes offenbart, der Seligkeit prophezeit.
    Der Nachttau hat mich gewaschen; der scharfe Morgenwind trocknete mich
wieder; ich fühlte ein leises Frösteln, aber ich erwärmte mich beim Herabsteigen
von meinem lieben samtnen Rochus; die Schmetterlinge flogen schon um die Blumen;
ich trieb sie alle vor mir her, und wo ich unterwegs einen sah, da jagte ich ihn
zu meiner Herde; unten hatte ich wohl an dreissig beisammen, - ich hätte sie gar
zu gerne mit über den Rhein getrieben, aber da haspelten sie alle auseinander.
    Eben kommt eine Ladung Frankfurter Gäste; - Christian Schlosser bringt mir
einen Brief von der Mutter und Dir, ich schliesse um zu lesen.
                                                                       Dein Kind
Lieber Goete! Du bist zufrieden mit mir und freust Dich über alles, was ich
schreibe, und willst meine goldne Halsnadel tragen; - ja tu es, und lasse sie
ein Talisman sein für diese glückerfüllte Zeit. Heute haben wir den 21.
 
                                   An Goete
                                                                            Caub
Ich schreibe Dir in der kristallnen Mitternacht; schwarze Basaltgegend, ins
Mondlicht eingetaucht! Die Stadt macht einen rechten Katzenbuckel mit ihren
geduckten Häusern, und ganz bepelzt mit himmelsträubenden Felszacken und
Burgtrümmern; und da gegenüber schauert's und flimmert's im Dunkel, wie wenn man
der Katze das Fell streicht.
    Ich lag schon im Bett unter einer wunderlichen Damastdecke, die mit Wappen
und verschlungenen Namenszügen und verblichnen Rosen und Jasminranken ganz starr
gestickt ist; ich hatte mich aber drunter in das Dir bekannte Fell des
Silberbären eingehüllt. Ich lag recht bequem und angenehm und überlegte mir, was
der Christian Schlosser mir unterwegs hierher alles vorgefaselt hat; er sagt, Du
verstehst nichts von Musik und hörst nicht gern vom Tod reden. Ich fragte, woher
er das wisse; - er meint, er habe sich Mühe gegeben. Dich über Musik zu
belehren; es sei ihm nicht gelungen; - vom Tod aber habe er gar nicht
angefangen, aus Furcht, Dir zu missfallen. Und wie ich eben in dem alleinigen,
mit grossen Federbüschen verzierten Ehebett darüber nachdenke, hör ich draussen
ein Liedchen singen in fremder Sprache; so viel Gesang - - so viel Pause! - Ich
springe im Silberbär ans Fenster und gucke hinaus, - da sitzt mein spanischer
Schiffsmann in der frischen Mondnacht und singt. Ich erkannte ihn gleich an der
goldnen Quaste auf seiner Mütze; ich sagte: »Guten Abend, Herr Kapitän, ich
dachte, Ihr wärt schon vor acht Tagen den Rhein hinab ins Meer geschwommen.« Er
erkannte mich gleich und meinte, er habe drauf gewartet, ob ich nicht mit wolle.
Ich liess mir das Lied noch einmal singen; es klang sehr feierlich, - in den
Pausen hörte man den Widerhall an der kleinen scharfkantigen Pfalz, die inmitten
umdrängender schwarzer Felsgruppen mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen
Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen war. -
    Lieber Goete, ich weiss nicht, was Dir der Schlosser über Musik demonstriert
hat mit seiner verpelzten Stimme, - aber hättest Du heute nacht mit mir dem
fremden Schiffer zugehört, wie da die Töne unter sich einen feierlichen Reigen
tanzten; wie sie hinüberwallten an die Ufer, die Felsen anhauchten und der leise
Widerhall in tiefer Nacht so süss geweckt, träumerisch nachtönte; der Schiffer,
wie er aus verschmachteter Pause wehmütig aufseufzt, in hohen Tönen klagt und
aufgeregt in Verzweiflung hallend ruft nach Unerreichbarem und dann mit erneuter
Leidenschaft der Erinnerung seinen Gesang weiht, in Perlenreihen weicher Töne
den ganzen Schatz seines Glückes hinrollt; - - O und Ach! haucht, - lauscht, -
schmetternd ruft; - wieder lauscht - und ohne Antwort endlich die Herde sammelt,
in Vergessenheit die kleinen Lämmer zählt: eins, zwei, drei, und wegzieht vom
verödeten Strand seines Lebens, der arme Schäfer. - Ach, wunderbare Vermittlung
des Unausprechlichen, was die Brust bedrängt; ach Musik! -
    Ja, hättest Du's mit angehört, mit eingestimmt hättest Du in die Geschicke;
mitgeseufzt, - mitgeweint, - und Begeistrung hätte Dich durchzückt, und mich,
lieber Goete, - die ich auch dabei war, - tiefbewegt, - mich hätte der Trost in
Deinen Armen ereilt.
    Mir sagte der Schiffer gute Nacht, ich sprang in mein grosses Bett unter die
damastene Decke, sie knarrte mir so vor den Ohren; - ich konnte nicht schlafen,
- ich wollte stilliegen; - da hörte ich in den gewundenen Säulen der Bettstelle
die Totenwürmchen picken; eins nach dem andern legte los, wie geschäftige
Gesellen in einer Waffenschmiede. -
    Ich muss mich schämen vor Dir; - ich fürchte mich zuweilen, wenn ich so
allein bin in der Nacht und ins Dunkel sehe; es ist nichts, aber ich kann mich
nicht dagegen wehren; dann möcht ich nicht allein sein, und bloss darum denke ich
manchmal, ich müsse heiraten, damit ich einen Beschützer habe gegen diese
verwirrte angstvolle Gespensterwelt. Ach Goete! - nimmst Du mir das übel? - Ja,
wenn der Tag anbricht, dann bin ich selbst ganz unzufrieden über solche alberne
Verzagteit. - Ich kann in der Nacht gehen im Freien und im Wald, wo jeder
Busch, jeder Ast ein ander Gesicht schneidet; mein wunderlicher der Gefahr
trotzender Mutwille bezwingt die Angst. - Draussen ist es auch was ganz andres, -
da sind sie nicht so zudringlich; man fühlt das Leben der Natur als ewiges
göttliches Wirken, das alles und einem selbst durchströmt; - wer kann sich da
fürchten? - Vorgestern auf dem Rochus in tiefer Nacht allein, da hörte ich den
Wind ganz von weitem herankommen; - er nahm zu in rascher Eile, je näher er kam,
und dann grade zu meinen Füssen senkte er die Flügel sanft, ohne nur den Mantel
zu berühren, kaum, dass er mich anhauchte, musste ich da nicht glauben, er sei
bloss gesendet, um mich zu grüssen? - Du weisst es doch, Goete, Seufzer sind
Boten; Du sässest allein am offnen Fenster, am späten Abend, und dächtest und
fühltest die letzte Begeisterung für die letzte Geliebte in Deinem Blut wallen;
- dann unwillkürlich stösst Du den Seufzer aus, - der macht sich augenblicklich
auf den Weg und jagt, - Du kannst ihn nicht zurückrufen.
    Irrende Seufzer nennt man, die aus unruhiger Brust, aus verwirrtem Denken
und Wünschen entspringen; aber ein solcher Seufzer aus mächtiger Brust, wo die
Gedanken, in schöner Wendung sich verschränkend, auf hohen Koturnen die
taugebadeten Füsse in heiligem Takte bewegen, von schwebender Muse geleitet; -
ein solcher Seufzer, der Deinen Liedern die Brust entriegelt, - der schwingt
sich als Herold vor ihnen her, und meine Seufzer, lieber Freund! - zu Tausenden
umdrängen sie ihn.
    Heute nacht nun hab ich mich grausam gefürchtet, - ich sah nach dem Fenster,
wo es hell war, - ich wär so gern dort gewesen! Ich war auf mein fatales
Erblager aus dem vorigen Jahrhundert, in dem Ritter und Prälaten schon mögen
ihren Geist ausgehaucht haben und ein Dutzend kleiner Meister vom Hammer, alle
emsig, pochten und pickten, fest gebannt. Ach, wie sehnt ich mich nach der
kühlen Nachtluft. - Kann man so närrisch sein? - Plötzlich hatte ich's
überwunden, ich stand mitten in der Stube. Auf den Füssen, da bin ich gleich ein
Held, es soll mir einer nah kommen, - ach, wie pochten mir Herz und Schläfe; die
vierzehn Notelfer, die ich aus alter Gewohnheit vom Kloster her noch
herbeirief, sind auch keine Gesellschaft zum Lachen, da der eine seinen eignen
Kopf, der andre sein Eingeweide im Arm trägt und so weiter. Ich entliess sie alle
zum Fenster hinaus. Und du magischer Spiegel, in dem alles so zauberisch
widerscheint, was ich erlebe, was war's denn, was mich beseligte? - Nichts! -
Tiefes Bewusstsein, Friede atmen, - so stand ich am Fenster und erwartete den
anbrechenden Tag. -
                                                                         Bettine
                                                                     Am 24. Juli
Über Musik lasse ich Dich nicht los. Du sollst mir bekennen, ob Du mich liebst,
Du sollst sagen, dass Du Dich von ihr durchdrungen fühlst. Der Schlosser hat
Generalbass studiert, um ihn Dir beizubringen, und Du hast Dich gewehrt, wie er
sagt, gegen die kleine Sept, und hast gesagt: »Bleibt mir mit eurer Sept vom
Leibe, wenn ihr sie nicht in Reih und Glied könnt aufstellen, wenn sie nicht
einklingt in die so bündig abgeschlossnen Gesetze der Harmonie, wenn sie nicht
ihren sinnlich natürlichen Ursprung hat so gut wie die andern Töne«, - und Du
hast den verdutzten Missionar zu Deinem heidnischen Tempel hinausgejagt und
bleibst einstweilen bei Deiner lydischen Tonart, die keine Sept hat. - Aber Du
musst ein Christ werden, Heide! - Die Sept klingt freilich nicht ein, und ohne
sinnliche Basis; sie ist der göttliche Führer, Vermittler der sinnlichen Natur
mit der himmlischen; sie ist übersinnlich, sie führt in die Geisterwelt, sie hat
Fleisch und Bein angenommen, um den Geist vom Fleisch zu befreien, sie ist zum
Ton geworden, um den Tönen den Geist zu geben, und wenn sie nicht wär, so würden
alle Töne in der Vorhölle sitzenbleiben. Bilde Dir nur nicht ein, dass die
Grundakkorde was Gescheuteres wären als die Erzväter vor der Erlösung, vor der
Himmelfahrt. Er kam und führte sie mit sich gen Himmel, und jetzt, wo sie erlöst
sind, können sie selber erlösen, - sie können die harrende Sehnsucht
befriedigen. So ist es mit den Christen, so ist es mit den Tönen: ein jeder
Christ fühlt den Erlöser in sich, ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler,
zur Sept erhöhen und da das ewige Werk der Erlösung aus dem Sinnlichen ins
Himmlische vollbringen, und nur durch Christum gehen wir in das Reich des
Geistes ein, und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Töne erlöst und
wird Musik, ewig bewegter Geist, was eigentlich der Himmel ist; sowie sie sich
berühren, erzeugen sich neue Geister, neue Begriffe; ihr Tanz, ihre Stellungen
werden göttliche Offenbarungen; Musik ist das Medium des Geistes, wodurch das
Sinnliche geistig wird - und wie die Erlösung über alle sich verbreitet, die von
dem lebendigen Geist der Gotteit ergriffen, nach ewigem Leben sich sehnen: so
leitet die Sept durch ihre Auflösung alle Töne, die zu ihr um Erlösung bitten,
auf tausend verschiednen Wegen zu ihrem Ursprung, zum göttlichen Geist. Und wir
arme Menschen sollten uns genügen lassen, dass wir fühlen: unser ganzes Dasein
ist ein Zubereiten, Seligkeit zu fassen, und sollten nicht warten auf einen
wohlgepolsterten aufgeputzten Himmel, wie Deine Mutter, die da glaubt, dass dort
alles, was uns auf Erden Freude gemacht hat, in erhöhtem Glanz sich wieder
finde; ja sogar behauptet, ihr verblichnes Hochzeitskleid von blassgrüner Seide
mit Gold- und Silberblättern durchwirkt und scharlachrotem Samtüberwurf werde
dort ihr himmlisches Gewand sein, und der juwelene Strauss, den ein grausamer
Dieb ihr entwendet, sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein, um
auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glänzen. Sie sagt:
»Für was wär dies Gesicht das meinige, und warum spräche der Geist aus meinen
Augen diesen oder jenen an, wenn er nicht vom Himmel wär und die Anwartschaft
auf ihn hätte? Alles was tot ist, macht keinen Eindruck; was aber Eindruck
macht, das ist ewig lebendig.« Wenn ich ihr etwas erzähle, erfinde, so meint
sie, das sind alles Dinge, die im Himmel aufgestellt werden. Oft erzähle ich ihr
von Kunstwerken meiner Einbildung. Sie sagt: »Das sind Tapeten der Phantasie,
mit denen die Wände der himmlischen Wohnungen verziert sind.« Letzt war sie im
Konzert und freute sich sehr über ein Violoncell; da nahm ich die Gelegenheit
wahr und sagte: »Geb Sie acht, Frau Rat, dass Ihr die Engel nicht so lang mit dem
Fidelbogen um den Kopf schlagen, bis Sie einsieht, der Himmel ist Musik.« Sie
war ganz frappiert, und nach langer Pause sagte sie: »Mädchen, du kannst recht
haben.«
                                                                          Am 25.
Was mache ich denn, Goete, meine halben Nächte verschreib ich an Dich; gestern
früh im Nachen, da schlief ich, wir fuhren bis St. Goar und träumte über Musik,
und was ich Dir gestern abend halb ermüdet und halb besessen niedergeschrieben
habe, ist kaum eine Spur von dem, was sich in mir aussprach, aber Wahrheit liegt
drinnen; es ist eben ein grosser Unterschied zwischen dem, was einem schlafend
der Geist eingibt, und dem, was man wachend davon behaupten kann. Ich sage Dir,
ich hoffe in Zukunft mehr bei Sinnen zu sein, wenn ich Dir schreibe; ich werde
mich mässigen und alle kleine Züge sammeln, unbekümmert ob sie aus einer
Anschauung hervorgehen, ob sie ein System begründen. Ich möchte selbst gerne
wissen, was Musik ist, ich suche sie, wie der Mensch die ewige Weisheit sucht.
Glaube nicht, dass, was ich geschrieben habe, nicht mein wahrer Ernst sei, ich
glaube dran, grad weil ich's gedacht habe, obschon es der himmlischen Genialität
entbehrt und man ordentlich erkennt, wie ich froh war, mich vor meinem zürnenden
Dämon, dass ich ihn so schlecht verstand, hinter den goldnen Reifrock Deiner
Mutter verbergen zu können. - Adieu! Gestern abend ging ich noch spät in der
schönen blühenden Lindenallee im Mondschein am Ufer des Rheins, da hörte ich's
klappen und sanft singen. Da sass vor ihrer Hütte unter dem blühenden Lindenbaum
die Mutter von Zwillingen, eins hatte sie an der Brust, und das andre wiegte ihr
Fuss im Takt, während sie ihr Lied sang; also im Keim, wo kaum die erste
Lebensspur sich regt, da ist Musik schon die Pflegerin des Geistes, es summt ins
Ohr und dann schläft das Kind, die Töne sind die Gesellen seiner Träume, sie
sind seine Mitwelt; es hat ja nichts - das Kind, ob es die Mutter auch wiege, es
ist allein im Geist; aber die Töne dringen in es ein und fesseln es an sich, wie
die Erde das Leben der Pflanze an sich fesselt, und wenn Musik das Leben nicht
hielt, so würde es erkalten, und so brütet Musik fort, von da an, wo der Geist
sich regt, bis er reif, flügge und ungeduldig hinausstrebt nach jenseits, und da
werden wir's wohl auch erfahren, dass Musik die Mutterwärme war, um den Geist
unter der Erdenhülle auszubrüten. Amen.
                                                                          Am 26.
Dies heimliche Ergötzen, an Deiner Brust zu schlafen: - denn dies Schreiben an
Dich nach durchlaufner Tagsgeschichte ist ein wahres Träumen an Deinem Herzen,
von Deinen Armen umschlungen, ich freu mich immer, wenn wir in die Herberge
einziehen und es heisst: »Wir wollen früh zu Bett, denn wir müssen auch früh
wieder heraus«; der Franz jagt mich immer zuerst ins Bett, und ich bin auch so
müde, dass ich's kaum erwarten kann; ich werfe in Hast die Kleider ab und sinke
vor Müdigkeit in einen tiefen Brunnen, da umfängt mich das Waldrevier, durch das
wir am Tag geschritten waren, das Licht der Träume blitzt durch die dunklen
Wölbungen des Schlafs. - »Träume sind Schäume«, sagt man, ich hab eine andre
Bemerkung gemacht, ob die wahr ist? - Allemal die Gegend, die Umgebung, in der
ich mich im Traum fühle, die deutet auf die Stimmung, auf das Passive meines
Gemüts. So träum ich mich jetzt immer in Verborgenes, Heimliches; es sind Höhlen
von weichem Moos bei kühlen Wassern, verschränkt von blühenden Zweigen; es sind
dunkle Waldschluchten, wo uns gewiss kein Mensch findet und sucht. Da wart ich
auf Dich im Traum, ich harre und sehe mich um nach Dir; ich gehe auf engen,
verwachsenen Wegen hin und her und eile zurück, weil ich glaub, jetzt bist Du
da; dann bricht plötzlich der Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und
das ist mein Erwachen. Dann färbt sich's schon im Osten, ich rücke mir den Tisch
ans Fenster, die Dämmerung verschleiert noch die ersten Zeilen; bis ich aber das
Blatt zu Ende geschrieben habe, scheint schon die Sonne. Ach, was schreib ich
Dir denn? - Ich hab selbst kein Urteil drüber, aber ich bin allemal neugierig,
was kommen wird. Lass andre ihre Schicksale bereichern durch schöne Wallfahrten
in's gelobte Land, lass sie ihr Journal schreiben von gelehrten und andern
Dingen, wenn sie Dir auch einen Elefantenfuss oder eine versteinerte Schneck
mitbringen, - darüber will ich schon Herr werden, wenn sie sich nur nicht in
ihren Träumen in Dich versenken wie ich. Lass mir die stille Nacht, nimm keine
Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem schönen Frieden, den ich Dir bereite, ich bin
ja auch so glücklich in Dir! Es ist freilich schön, wie Du sagst, sich in dem
Labyrint geistiger Schätze mit dem Freund zu ergehen; aber darf ich nicht
bitten für das Kind, das stumm vor Liebe ist? Denn eigentlich ist dieses
geschriebene Geplauder nur eine Notilfe - die tiefste Liebe in mir ist stumm:
es ist, wie ein Mückchen summt um Deine Ohren im Schlaf, und wenn Du nicht wach
werden willst und meiner bewusst sein, dann wird Dich's stechen. - Sag, ist dies
Leidenschaft, was ich Dir hier vorbete? - O sag's doch; - wenn's wahr wäre, wenn
ich geboren wär, in Leidenschaft zu verflammen, wenn ich die hohe Zeder wär auf
dem die Welt überragenden Libanon, angezündet zum Opfer Deinem Genius, und
verduften könnte in Wohlgerüchen, dass jeder Deinen Geist einsöge durch mich;
wenn's so wär, mein Freund, dass Leidenschaft den Geist des Geliebten entbindet,
wie das Feuer den Duft! - und so ist es auch! Dein Geist wohnt in mir und
entzündet mich, und ich verzehre mich in Flammen und verdufte, und was die
aussprühenden Funken erreichen, das verbrennt mit; - so knackert und flackert
jetzt die Musik in mir, - die muss auch herhalten zum lustigen Opferfeuer; sie
will nur nicht recht zünden und setzt viel Rauch. Ich gedenke hier Deiner und
Schillers; die Welt sieht Euch an wie zwei Brüder auf einem Tron, er hat so
viel Anhänger wie Du; - sie wissen's nicht, dass sie durch den einen vom andern
berührt werden; ich aber bin dessen gewiss. - Ich war auch einmal ungerecht gegen
Schiller und glaubte, weil ich Dich liebe, ich dürfe seiner nicht achten; aber
nachdem ich Dich gesehen hatte, und nachdem seine Asche als letztes Heiligtum
seinen Freunden als Vermächtnis hinterblieb, da bin ich in mich gegangen; ich
fühlte wohl, das Geschrei der Raben über diesem heiligen Leichnam sei gleich dem
ungerechten Urteil. Weisst Du, was Du mir gesagt hast, wie wir uns zum erstenmal
sahen? - Ich will Dir's hier zum Denkstein hinsetzen Deines innersten Gewissens,
Du sagtest: »Ich denke jetzt an Schiller«, indem sahest Du mich an und seufztest
tief, da sprach ich drein und wollte Dir sagen, wie ich ihm nicht anhinge, Du
sagtest abermals: »Ich wollte, er wär jetzt hier. - Sie würden anders fühlen,
kein Mensch konnte seiner Güte widerstehen, wenn man ihn nicht so reich achtet
und so ergiebig, so war's, weil sein Geist einströmte in alles Leben seiner
Zeit, und weil jeder durch ihn genährt und gepflegt war und seine Mängel
ergänzt. So war er andern, so war er mir des meisten, und sein Verlust wird sich
nicht ersetzen.« Damals schrieb ich Deine Worte auf, nicht um sie als
merkwürdiges Urteil von Dir andern mitzuteilen; - nein, sondern weil ich mich
beschämt fühlte. Diese Worte haben mir wohlgetan, sie haben mich belehrt, und
oft, wenn ich im Begriff war, über einen den Stab zu brechen, so fiel mir's ein,
wie Du damals in Deiner milden Gerechtigkeit den Stab über meinen Aberwitz
gebrochen. Ich musste in aufgeregter Eifersucht doch anerkennen, ich sei nichts.
»Man berührt nichts umsonst«, sagtest Du, »diese langjährige Verbindung, dieser
ernste tiefe Verkehr, der ist ein Teil meiner selbst geworden; und wenn ich
jetzt ins Teater komme und seh nach seinem Platz, und muss es glauben, dass er in
dieser Welt nicht mehr da ist, dass diese Augen mich nicht mehr suchen, dann
verdriesst mich das Leben, und ich möchte auch lieber nicht mehr da sein.«
    Lieber Goete, Du hast mich sehr hochgestellt, dass Du damals so köstliche
Gefühle und Gesinnungen vor mir aussprachst. Es war zum erstenmal, dass jemand
sein innerstes Herz vor mir aussprach, und Du warst es! - Ja Du nahmst keinen
Anstoss und ergabst Dich diesen Nachwehen in meiner Gegenwart; und freilich hat
Schiller auf mich gewirkt, denn er hat Dich zärtlich und weich gestimmt, dass Du
lange an mir gelehnt bliebst und mich endlich fest an Dich drücktest!
    Ich bin müde, ich habe geschrieben von halb drei bis jetzt gegen fünf Uhr;
heute wird's gar nicht hell werden - es hängen dicke Regenwolken am Himmel, da
werden wir wohl warten bis Mittag, eh wir weiterfahren. Du solltest nur das
Getümmel von Nebel sehen auf dem Rhein, und was an den einzelnen Felszacken
hängt! Wenn wir hier bleiben, dann schreib ich Dir mehr heute nachmittag, denn
ich wollte Dir von Musik sagen, von Schiller und Dir, wie Ihr mit der
zusammenhängt - das bohrt mir schon lange im Kopf.
    Ich bin müde, lieber Goete, ich muss schlafen.
                                                                        Am Abend
Ich bin sehr müde, lieber Freund, und würde Dir nicht schreiben, aber ich seh,
dass diese Blätter auf dieser wunderlichen Kreuz- und Querreise sich zu etwas
Ganzem bilden, und da will ich doch nicht versäumen, wenn auch nur in wenig
Zeilen, das Bild des Tages festzuhalten: lauter Sturm und Wetter, abwechselnd
ein einzelner Sonnenblick. Wir waren bis Mittag in St. Goarshausen geblieben,
und haben den Rheinfels erstiegen; meine Hände sind von Dornen geritzt, und
meine Kniee zittern noch von der Anstrengung, denn ich war voran und wählte den
kürzesten und steilsten Weg. Hier oben sieht es so feierlich und düster aus:
eine Reihe nackter Felsen schieben sich gedrängt hintereinander hervor, mit
Weingärten, Wäldern und alten Burgtrümmern gekrönt; und so treten sie keck ins
Flussbett dem Lauf des Rheins entgegen, der aus dem tiefen stillen See um den
verzauberten Lurelei sich herumschwingt, über Felsschichten hinrauschend,
schäumt, bullert, schwillt, gegen den Riff anschiesst und den überbrausenden Zorn
der schäumenden Fluten wie ein echter Zecher in sich hineintrinkt.
    Da oben sah ich bequem unter der schützenden Mauer des Rheinfels die
Nachkommenden mit roten und grünen Parapluies mühsam den schlüpfrigen Pfad
hinaufklettern, und da eben der Sonne letzter Hoffnungsstrahl verschwand und ein
tüchtiger Guss dem Gebet um schön Wetter ein End machte, kehrte die naturliebende
Gesellschaft beinah am Ziel verzagt wieder um, und ich blieb allein unter den
gekrönten Häuptern. Wie beschreib ich Dir diese erlebte Stunde mit kurzem Wort
treffend? Kaum konnte ich Atem holen, - so streng und gewaltig. Ach, ich bin
glücklich! Die ganze Welt ist schön, und ich erleb' alles für Dich.
    Ich sah still und einsam in die tobende Flut, die Riesengesichter der Felsen
schüchterten mich ein; ich getraute kaum den Blick zu heben; - manche machen's
zu arg, wie sie sich überhängen und mit dem düstern Gesträuch, das sich aus
geborstener Wand hervordrängt; die nackten Wurzeln, kaum vom Stein gehalten, die
hängenden Zweige schwankend im reissenden Strom; - es wurde so finster, - ich
glaubte, heute könne nicht mehr Tag werden. Eben überlegte ich, ob mich die
Wölfe heute nacht fressen würden, - da trat die Sonne hervor und umzog, mit
Wolken kämpfend, die Höhen mit einem Feuerring. Die Waldkronen flammten, die
Höhlen und Schluchten hauchten ein schauerliches Dunkelblau aus über den Fluss
hin; da spielten mannigfaltige Widerscheine auf den versteinerten Gaugrafen, und
eine Schattenwelt umtanzte sie in flüchtigem Wechsel auf der bewegten Flut;
alles wankte, - ich musste die Augen abwenden. Ich riss den Efeu von der Mauer
herab und machte Kränze und schwang sie mit meinem Hakenstock, mit dem ich
hinaufgeklettert war, weit in die Flut. Ach, ich sah sie kaum, - weg waren sie!
Gute Nacht! -
                                                                          Am 27.
Goete, guten Morgen! Ich war früh um vier Uhr bei den Salmenfischern und habe
helfen lauern, denn sie meinen auch: »Im Trüben ist gut fischen«, aber es half
nichts, es wurde keiner gefangen. Einen Karpfen hab ich losgekauft und Gott und
Dir zu Ehren wieder in die Flut entlassen.
    Das Wetter will sich nicht aufklären; eben schiffen wir über, um auf dem
linken Ufer zu Wagen wieder nach Hause zu fahren, ich hätte gar zu gern noch ein
paar Tage hier herumgekreuzt.
 
                                   An Bettine
                                                                  3. August 1808
Ich muss ganz darauf verzichten, Dir zu antworten, liebe Bettine; Du lässt ein
ganzes Bilderbuch herrlicher, allerliebster Vorstellungen zierlich durch die
Finger laufen; man erkennt im Flug die Schätze, und man weiss, was man hat, noch
eh man sich des Inhalts bemächtigen kann. Die besten Stunden benütze ich dazu,
um näher mit ihnen vertraut zu werden, und ermutige mich, die elektrischen
Schläge Deiner Begeistrungen auszuhalten. In diesem Augenblick hab ich kaum die
erste Hälfte Deines Briefs gelesen und bin zu bewegt, um fortzufahren. Habe
einstweilen Dank für alles; verkünde ungestört und unbekümmert Deine Evangelien
und Glaubensartikel von den Höhen des Rheins, und lass Deine Psalmen herabströmen
zu mir und den Fischen; wundre Dich aber nicht, dass ich, wie diese verstumme. Um
eines bitte ich Dich: höre nicht auf, mir gern zu schreiben; ich werde nie
aufhören, Dich mit Lust zu lesen.
    Was Dir Schlosser über mich mitgeteilt hat, verleitet Dich zu sehr
interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst. Dass Musik
mir ein noch rätselhafter Gegenstand schwieriger Untersuchung ist, leugne ich
nicht; ob ich mir den harten Ausspruch des Missionärs, wie Du ihn nennst, muss
gefallen lassen, das wird sich erst dann erweisen, wenn die Liebe zu ihr, die
jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt, nicht mehr beharrt. Du hast
zwar flammende Fackeln und Feuerbecken ausgestellt in der Finsternis, aber bis
jetzt blenden sie mehr, als sie erleuchten, indessen erwarte ich doch von der
ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt, so bleibe nur dabei und sprühe
nach allen Seiten hin.
    Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Blätter gekommen
bin, so möchte ich Dir schliesslich nur mit einem Wort den Genuss ausdrücken, der
mir daraus erwächst, und Dich bitten, dass Du mir ja das Tema über Musik nicht
fallen lässt, sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise
variierst. Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl; bleibe mir gut, bis
günstige Sterne uns zueinander führen.
                                                                              G.
 
                                   An Goete
                                                                      Rochusberg
Fünf Tage waren wir unterwegs, und seitdem hat es unaufhörlich geregnet. Das
ganze Haus voll Gäste, kein Eckchen, wo man sich der Einsamkeit hätte freuen
können, um Dir zu schreiben.
    Solang ich Dir noch zu sagen habe, so lang glaub ich auch fest, dass Dein
Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Rätsel der Natur; wie ich denn
glaube, dass jeder Mensch ein solches Rätsel ist, und dass es die Aufgabe der
Liebe ist zwischen Freunden, das Rätsel aufzulösen; so dass ein jeder seine
tiefere Natur durch und in dem Freund kennenlerne. Ja Liebster, das macht mich
glücklich, dass sich allmählich mein Leben durch Dich entwickelt, drum möcht ich
auch nicht falsch sein, lieber möcht ich's dulden, dass alle Fehler und Schwächen
von Dir gewusst wären, als Dir einen falschen Begriff von mir geben; weil dann
Deine Liebe nicht mit mir beschäftigt sein würde, sondern mit einem Wahnbild,
was ich Dir statt meiner untergeschoben hätte. - Darum mahnt mich auch oft ein
Gefühl, dass ich dies oder jenes Dir zulieb meiden soll, weil ich es doch vor Dir
leugnen würde.
    Lieber Goete, ich muss Dir die tiefsten Sachen sagen; sie kommen eigentlich
allen Menschen zu, aber nur Du hörst mich an und glaubst an mich und gibst mir
in der Stille recht. - Ich habe oft darüber nachgedacht, dass der Geist nicht
kann, was er will, dass eine geheime Sehnsucht in ihm verborgen liegt, und dass er
die nicht befriedigen kann; zum Beispiel, dass ich eine grosse Sehnsucht habe bei
Dir zu sein, und dass ich doch nicht, wenn ich auch noch so sehr an Dich denke,
Dir dies fühlbar machen kann; ich glaube, es kommt daher, weil der Geist
wirklich nicht im Reich der Wahrheit lebt und er also sein eigentliches Leben
noch nicht wahrmachen kann, bis er ganz aus der Lüge heraus in das Reich der
Offenbarung übergegangen ist; denn die Wahrheit ist ja nur Offenbarung, und dann
wird sich ein Geist auch dem andern zu offenbaren vermögen. Ich möchte Dir noch
anderes sagen, aber es ist schwer, mich befällt Unruh, und ich weiss nicht wohin
ich mich wenden soll; ja, im ersten Augenblick ist alles reich, aber will ich's
mit dem Wort anfassen, da ist alles verschwunden, so wie im Märchen, wo man
einen kostbaren Schatz findet, in dem man alle Kleinode deutlich erkennt, will
man ihn berühren, so versinkt er, und das beweist mir auch, dass der Geist hier
auf Erden das Schöne nur träumt und noch nicht seiner Meister ist, denn sonst
könnte er fliegen, so gut wie er denkt, dass er fliegen möchte. Ach wir sind
soweit voneinander! Welche Tür ich auch öffne und sehe die Menschen beisammen,
Du bist nicht unter ihnen; - ich weiss es ja, noch eh ich öffne, und doch muss ich
mich erst überzeugen und empfinde die Schmerzen eines Getäuschten; - sollte ich
Dir nun auch noch meine Seele verbergen? - oder das, was ich zu sagen habe,
einhüllen in Gewand, weil ich mich schäme der verzagten Ahnungen? - Soll ich
nicht das Zutrauen in Dich haben, dass Du das Leben liebst, wenn es auch noch
unbehilflich der Pflege bedarf, bis es seinen Geist mitteilen kann? - Ich habe
mir grosse Mühe gegeben mich zu sammeln und mich selbst auszusprechen; ich hab
mich vor dem Sonnenlicht versteckt, und in dunkler Nacht, wo kein Stern leuchtet
und die Winde brausen, da bin ich in die Finsternis hinaus und hab mich
fortgeschlichen bis zum Ufer; - da war es immer noch nicht einsam genug, - da
störten mich die Wellen, das Rauschen im Gras, und wenn ich in die dichte
Finsternis hineinstarrte und die Wolken sich teilten, dass sich die Sterne
zeigten, - da hüllte ich mich in den Mantel und legte das Gesicht an die Erde,
um ganz, ganz allein zu sein; das stärkte mich, dass ich freier war, da regte es
mich an, das, was vielleicht keiner beachtet, zu beachten; da besann ich mich,
ob ich denn wirklich mit Dir spreche, oder ob ich nur mich von Dir hören lasse?
- Ach Goete! - Musik, ja Musik! Hier kommen wir wieder auf das heilige Kapitel,
- da hören wir auch zu, aber wir sprechen nicht mit, - aber wir hören, wie sie
untereinander sprechen, und das erschüttert uns, das ergreift uns; - ja sie
sprechen untereinander, wir hören und empfinden, dass sie eins werden im
Gespräch. - Drum, das wahre Sprechen ist eine Harmonie, ohne Scheidung alles in
sich vereint; - wenn ich Dir die Wahrheit sage, so muss Deine Seele in meine
überfliessen, - das glaub ich.
    Wo kommen sie her, diese Geister der Musik? - Aus des Menschen Brust; - er
schaut sich selber an, der Meister; - das ist die Gewalt, die den Geist zitiert.
Er steigt hervor aus unendlicher Tiefe des Inneren, und sie sehen sich scharf
an, der Meister und der Geist, - das ist die Begeistrung; - so sieht der
göttliche Geist die Natur an, davon sie blüht. - Da blühen Geister aus dem
Geist; sie umschlingen einander, sie strömen aus, sie trinken einander, sie
gebären einander; ihr Tanz ist Form, Gebild; wir sehen sie nicht - wir
empfinden's und unterwerfen uns seiner himmlischen Gewalt; und indem wir dies
tun, erleiden wir eine Einwirkung, die uns heilt. - Das ist Musik.
    O, glaub gewiss, dass wahre Musik übermenschlich ist. Der Meister fordert das
Unmögliche von den Geistern, die ihm unterworfen sind, - und siehe, es ist
möglich, sie leisten es. - An Zauberei ist nicht zu zweifeln, nur muss man
glauben, dass das Übermächtige auch im Reich der Übermacht geleistet werde, und
dass das Höchste von der Ahnung, von dem Streben desjenigen abhänge, dem die
Geister sich neigen. Wer das Göttliche will, dem werden sie Göttliches leisten.
Was ist aber das Göttliche? - Das ewige Opfer des menschlichen Herzens an die
Gotteit: - dies Opfer geht hier geistigerweise vor; und wenn es der Meister
auch leugnet, oder nicht ahnt, - es ist doch wahr. - Erfasst er eine Melodie, so
ahnet er schon ihre Vollkommenheit, und das Herz unterwirft sich einer strengen
Prüfung, es lässt sich alles gefallen, um dem Göttlichen näherzukommen; je höher
es steigt, je seliger; und das ist das Verdienst des Meisters, dass er sich
gefallen lasse, dass die Geister auf ihn eindringen, ihm nehmen, sein Ganzes
vernichten, dass er ihnen gehorcht, das Höhere zu suchen unter ewigen Schmerzen
der Begeistrung. Wo ich das alles, und einzig, was ich gehört habe, war Musik.
Wie ich aus dem Kloster kam nach Offenbach, da lag ich im Garten auf dem Rasen
und hörte Salieri und Winter, Mozart und Cherubini, Haydn und Beetoven. Das
alles umschwärmte mich; ich begriff's weder mit den Ohren noch mit dem Verstand,
aber ich fühlte es doch, während ich alles andre im Leben nicht fühlte; das
heisst, der innere, höhere Mensch fühlt es; und schon damals fragte ich mich:
»Wer ist das, der da gespeist und getränkt wird durch Musik, und was ist das,
was da wächst und sich nährt, pflegt und selbsttätig wird durch sie?« - Denn ich
fühlte eine Bewegung zum Handeln; ich wusste aber nicht, was ich ergreifen
sollte. Oft dachte ich, ich müsse mit fliegender Fahne voranziehen den Völkern;
ich würde sie auf Höhen führen über den Feind, und dann müssten sie auf mein
Geheiss, auf meinen Wink hinunterbrausen ins Tal und siegend sich verbreiten. Da
sah ich die roten und weissen Fähnlein fliegen und den Pulverdampf in den
sonneblendenden Gefilden; da sah ich sie heransprengen im Galopp - die
Siegesboten, mich umringen und mir zujauchzen; da sah und fühlte ich, wie der
Geist in der Begeistrung sich löst und zum Himmel aufschwingt; die Helden, an
den Wunden verblutend, zerschmettert, selig aufschreiend im Tod, ja und ich
selbst hab es mit erlebt, - denn ich fühlte mich auch verwundet und fühlte, wie
der Geist Abschied nahm, gern noch verweilt hätte unter den Palmen der
Siegesgöttin und doch, da sie ihn entob, auch gern sich mit ihr aufschwang. Ja,
so hab ich's erlebt und anderes noch: wo ich mich einsam fühlte, in tiefe wilde
Schluchten sah, nicht tief - untief; unendliche Berge über mir, ahnend die
Gegenwart der Geister. Ja, ich nahm mich zusammen und sagte: »Kommt nur, ihr
Geister, kommt nur heran; weil ihr göttlich seid und höher als ich, so will ich
mich nicht wehren.« Da hörte ich aus dem unsäglichen Gebraus der Stimmen die
Geister sich losreissen; - sie wichen voneinander - ich sah sie aus der Ferne in
glänzendem Fluge mir nahen; durch die himmlische blaue Luft verdufteten sie ihre
silberne Weisheit, und sie neigten sich in den Felsensaal herab und strömten
Licht über die schwarzen Abgründe, dass alles sichtbar war. Da sprangen die
Wellen in Blumen in die Höhe und umtanzten sie, und ihr Nahen, ihr ganzes
Sprechen war ein Eindringen ihrer Schönheit auf mich, dass meine Augen sie kaum
fassten mit allem Beistand des Geistes - und das war ihre ganze Wirkung auf mich.
    O Goete! Ich könnte Dir noch viele Gesichte mitteilen; ja ich glaub's, dass
Orpheus sich umringt sah von den wilden Tieren, die in süsser Wehmut aufstöhnten
mit den Seufzern seines Gesangs; ich glaub's dass die Bäume und Felsen sich
nahten und neue Gruppen und Wälder bildeten, denn auch ich hab's erlebt; ich sah
Säulen emporsteigen und wunderbares Gebälk tragen, auf dem sich schöne Jünglinge
wiegten; ich sah Hallen, in denen erhabene Götterbilder aufgestellt waren;
wunderbare Gebäude, deren Glanz den Blick des stolzen Auges brachen; deren
Galerien Tempel waren, in denen Priesterinnen mit goldnen Opfergeräten wandelten
und die Säulen mit Blumen schmückten, und deren Zinnen von Adlern und Schwanen
umkreist waren; ich sah diese ungeheuren Architekturen mit der Nacht sich
vermählen, die elfenbeinernen Türme mit ihren diamantnen Lazuren im Abendrot
schmelzen und über die Sterne hinausragen, die im kalten Blau der Nacht wie
gesammelte Heere dahinflogen und, tanzend im Takt der Musik und um die Geister
sich schwingend, Kreise bildeten. Da hörte ich in den fernen Wäldern das Seufzen
der Tiere um Erlösung; und was schwärmte alles noch vor meinem Blick und in
meinem Wahn. - Was glaubte ich tun zu müssen und zu können; welche Gelübde hab
ich den Geistern ausgesprochen; alles, was sie verlangten, hab ich auf ewig und
ewig gelobt. Ach Goete, das alles hab ich erlebt in dem grünen goldgeblümten
Gras. Da lag ich in der Spielstunde und hatte die feine Leinwand über mich
gebreitet, die man da bleichte, ich hörte oder fühlte mich vielmehr getragen und
umbraust von diesen unaussprechlichen Symphonien, die keiner deuten kann; da
kamen sie und begossen die Leinwand; und ich blieb liegen und fühlte die Glut
behaglich abgekühlt. Du wirst gewiss auch ähnliches erlebt haben; diese
Fieberreize, ins Paradies der Phantasie aufzusteigen, haben Dich auf irgendeine
Weise durchdrungen; sie durchglühen die Natur, die wieder erkaltet - etwas
anders geworden, zu etwas anderm befähigt ist. An Dich haben die Geister Hand
gelegt, in's unsterbliche Feuer gehalten; - und das war Musik; ob Du sie
verstehst, oder empfindest; ob Unruhe oder Ruhe Dich befällt; ob Du jauchzest
oder tief trauerst; ob Dein Geist Freiheit atmet oder seine Fesseln empfindet; -
es ist immer die Geisterbasis des Übermenschlichen in Dir. Wenn auch weder die
Terz noch die Quint Dir ein Licht aufstecken, wenn sie nicht so gnädig sind,
sich von Dir beschauen und befühlen zu lassen, so ist es bloss, weil Du
durchgegangen bist durch ihre Heiligung, weil die Sinne, gereift an ihrem Licht,
schon wieder die goldnen Fruchtkörner zur Saat ausspreuen. Ja, Deine Lieder sind
die süssen Früchte, ihres Balsams voll. Balsam strömt in Deiner dityrambisschen
Wollust! Schon sind's nicht mehr Töne - es sind ganze Geschlechter in Deinen
Gedichten, die ihre Gewalt tragen und verbreiten. - Ja, das glaub ich gewiss, dass
Musik jede echte Kunsterscheinung bildet und sich freut, in Dir so rein
wiedergeboren zu sein. - Kümmere Dich nicht um die leeren Eierschalen, aus denen
die flügge gewordenen Geister entschlüpft sind; - nicht um die Terz und die
Quint und um die ganze Basen- und Vetterschaft der Dur- und Mollton- arten, -
Dir sind sie selber verwandt; Du bist mitten unter ihnen. Das Kind fragt nicht
unter den Seinigen: »Wer sind diese, und wie kommen sie zueinander?« Es fühlt
das ewige Gesetz der Liebe, das es allen verbindet. - Und dann muss ich Dir auch
noch eins sagen: Komponisten sind keine Maurer, die Steine aufeinanderbacken,
den Rauchfang nicht vergessen, die Treppe nicht, nicht den Dachstuhl, und die
Tür nicht, wo sie wieder herausschlüpfen können, und glauben, sie haben ein Haus
gebaut. - - Das sind mir keine Komponisten, die Deinen Liedern ein artig Gewand
zuschneiden, das hinten und vorne lang genug ist. O Deine Lieder, die durchs
Herz brechen mit ihrer Melodie; wie ich vor zehn Tagen da oben sass auf dem
Rheinfels, und der Wind die starken Eichen bog, dass sie krachten, und sie
sausten und brausten im Sturm, und ihr Laub, getragen vom Wind, tanzte über den
Wellen. - Da hab ich's gewagt zu singen; da war's keine Tonart - da war's kein
Übergang - da war's kein Malen der Gefühle oder Gedanken, was so gewaltig mit in
die Natur einstimmte: es war der Drang eins mit ihr zu sein. Da hab ich's wohl
empfunden, wie Musik Deinem Genius einwohnt! Der hat sich mir gezeigt, schwebend
über den Wassern, und hat mir's eingeschärft, dass Dich ich liebe. - Ach Goete,
lass Dir keine Liedchen vorlallen und glaube nicht, Du müsstest sie verstehen und
würdigen lernen; ergib Dich auf Gnad und Ungnad; leide in Gottesnamen
Schiffbruch mit Deinem Begriff; - was willst Du alles Göttliche ordnen und
verstehen, wo's her kommt und hin will? Siehst Du, so schreib ich, wenn ich
zügellos bin und nicht danach frage, ob's der Verstand billigt. Ich weiss nicht,
ob es Wahrheit ist; mehr als das, was ich prüfe; aber so möcht ich lieber
schreiben, ohne zu befürchten, dass Du wie andre mich schweigen hiessest; was
könnt ich Dir alles sagen, wenn ich mich nicht besinnen wollte! Bald würde ich
Herr werden, und nichts sollte sich mir verbergen, was ich halten wollte mit dem
Geist, - und wenn Du einstimmtest und neigtest Dich meinem Willen, wie der
Septakkord sich der Auflösung entgegendrängt, dann wär's, wie die Liebe es will.
                                                                      Rochusberg
Ich kann oft vor Lust, dass jetzt die selige einsame Stunde dazu ist, nicht zum
Schreiben kommen. Hier oben, im goldnen Sommer an die goldne Zukunft denken, -
denn das ist meine Zukunft: Dich wiedersehen; schon von dem Augenblick an, wo Du
mir die Hand zum Abschied reichst und zu verstehen gibst, es sei genug der
Zärtlichkeit, - da wende ich in Gedanken schon wieder um zu Dir. Darum lache ich
auch mit dem einen Auge, während ich mit dem andern weine.
    Wie selig, also Dich zu denken, wie geschwätzig wird meine Seele in jedem
kleinen Ereignis, aus dem sie hofft, den Schatz zu heben.
    Mein erster Gang war hier herauf, wo ich Dir den letzten Brief schrieb, ehe
wir reisten. Ich wollte sehen, ob mein Tintenfass noch da sei und meine kleine
Mappe mit Papier. Alles noch an Ort und Stelle; ach Goete, ich habe Deine
Briefe so lieb, ich habe sie eingehüllt in ein seidnes Tuch mit bunten Blumen
und goldnem Zierat gestickt. Am letzten Tag vor unserer Rheinreise, da wusste ich
nicht wohin mit, mitnehmen wollte ich sie nicht, da wir allesamt nur einen
Mantelsack hatten; in meinem Zimmerchen, das ich nicht verschliessen konnte, weil
es gebraucht wurde, mochte ich sie auch nicht lassen, ich dachte, der Nachen
könnte versinken und ich versaufen, und dann würden diese Briefe, deren einer um
den andern an meinem Herzen gelegen hat, in fremde Hand kommen. Erst wollte ich
sie den Nonnen in Vollratz aufzuheben geben; - es sind Bernhardinerinnen, die,
aus dem Kloster vertrieben, jetzt dort wohnen, - nachher hab ich's anders
überlegt. Das letztemal habe ich hier auf dem Berg einen Ort gefunden; unter dem
Beichtstuhl der Rochuskapelle, der noch steht, in dem ich auch immer meine
Schreibereien verwahre, hab ich eine kleine Höhle gegraben und hab sie inwendig
mit Muscheln vom Rhein und wunderschönen kleinen Kieselsteinchen ausgemauert,
die ich auf dem Berge fand; da hab ich sie in ihrer seidnen Umhüllung
hineingelegt und eine Distel vor die Stelle gepflanzt, deren Wurzel ich
sorgfältig mitsamt der Erde ausgestochen. Unterwegs war mir oft bange; welcher
Schlag hätte mich getroffen, hätte ich sie nicht wiedergefunden, mir steht das
Herz still; - sieben Tage war schlecht Wetter nach unserer Heimkehr; es war
nicht möglich, hinüberzukommen; der Rhein ist um drei Fuss gestiegen und ganz
verödet von Nachen; ach, wie hab ich's verwünscht, dass ich sie da oben
hingebracht hatte; keinem mocht ich's sagen, aber die Ungeduld hinüberzukommen!
Ich hatte Fieber aus Angst um meine Briefe, ich konnte mir ja erwarten, der
Regen würde irgendwo durchgedrungen sein und sie verderben; ach, sie haben auch
ein bisschen Wassernot gelitten, aber nur ganz wenig, ich war so froh, wie ich
von weitem die Distel blühen sah, da hab ich sie denn ausgegraben und in die
Sonne gelegt; sie sind gleich trocken, und ich nehm sie mit. Die Distel hab ich
zum ewigen Andenken wieder festgepflanzt. - Nun muss ich Dir auch erzählen, was
ich hier oben für eine neue Einrichtung gefunden, nämlich oben im Beichtstuhl
ein Brett befestigt und darauf einen kleinen viereckigen Bienenkorb. Die Bienen
waren ganz matt und sassen auf dem Brettchen und an dem Korb. Nun muss ich Dir aus
dem Kloster erzählen. Da war eine Nonne, die hiess man Mere celatrice, die hatte
mich an sich gewöhnt, dass ich ihr alle Geschäfte besorgen half. Hatten wir den
Wein im Keller gepflegt, so sahen wir nach den Bienen; denn sie war
Bienenmutter, und das war ein ganz bedeutendes Amt. Im Winter wurden sie von ihr
gefüttert, die Bienen saugten aus ihrer Hand süsses Bier. Im Sommer hingen sie
sich an ihren Schleier, wenn sie im Garten ging, und sie behauptete, von ihnen
gekannt und geliebt zu sein. Damals hatte ich grosse Neigung zu diesen Tierchen.
Die Mere celatrice sagte, vor allem müsse man die Furcht überwinden, und wenn
eine stechen wolle, so müsse man nicht zucken, dann würden sie nie stark
stechen. Das hat mich grosse Überwindung gekostet, nachdem ich den festen Vorsatz
gefasst hatte, mitten unter den schwärmenden Bienen ruhig zu sein, befiel mich
die Furcht, ich lief, und der ganze Schwarm mir nach. Endlich hab ich's doch
gelernt, es hat mir tausend Freude gemacht, oft hab ich ihnen einen Besuch
gemacht und einen duftenden Strauss hingehalten, auf den sie sich setzten. Den
kleinen Bienengarten hab ich gepflegt, und die gewürzigen dunklen Nelken
besonders hab ich hineingepflanzt. Die alte Nonne tat mir auch den Gefallen, zu
behaupten, dass man alle Blumen, die ich gepflanzt hatte, aus dem Honig
herausschmecke. So lehrte sie mich auch, dass, wenn die Bienen erstarrt waren,
sie wieder beleben. Sie rieb sich die Hand mit Nesseln und mit einem duftenden
Kräutchen, welches man Katzenstieg nennt, machte den grossen Schieber des
Bienenhauses auf und steckte die Hand hinein. Da setzten sie sich alle auf die
Hand und wärmten sich, das hab ich oft auch mitgemacht; da steckte die kleine
Hand und die grosse Hand im Bienenkorb. Jetzt wollt ich's auch probieren, aber
ich hatte nicht mehr das Herz; siehst Du, so verliert man seine Unschuld und die
hohen Gaben, die man durch sie hat.
    Bald hab ich auch den Eigentümer des Korbes kennen lernen; indem ich am
mitten Berg lag, um im Schatten ein wenig zu faulenzen, hört ich ein Getrappel
im Traumschlummer, das war die Binger Schafherde nebst Hund und Schäfer; er sah
auch gleich nach seinem Bienenkorb; er sagte mir, dass er noch eine Weile hier
weide, da hab ihm der volle blühende Tymian und das warme sonnige Plätzchen so
wohl gefallen, dass er den Schwarm junger Bienen hier herauf gepflanzt habe,
damit sie sich recht wohl befinden, wenn sie sich dann mehren sollten und den
ganzen gegitterten Beichtstuhl einnehmen, wenn er übers Jahr wiederkäme, so
solle es ihm recht lieb sein.
    Der Schäfer ist ein alter Mann; er hat einen langen grauen Schnurrbart, er
war Soldat und erzählte mir allerlei von den Kriegsszenen und von der früheren
Zeit; dabei pfiff er seinem Hund, der ihm die Herde regierte. Von verschiedenen
Berggeistern erzählte er auch, das glaube er alles nicht, aber auf der
Ingelheimer Höhe, wo noch Ruinen von dem grossen Kaisersaal stehen, da sei es
nicht geheuer; er habe selbst auf der Heide im Mondschein einen Mann begegnet,
ganz in Stahl gekleidet, dem sei ein Löwe gefolgt; und da der Löwe Menschen
gewittert, so habe er fürchterlich geheult; da habe der Ritter sich umgekehrt,
mit dem Finger gedroht und gerufen: »Bis stille, frevelicher Hund!« - da sei der
Löwe verstummt und habe dem Mann die Füsse geleckt. Der Schäfer erzählte mir dies
mit besonderm Schauer, und ich schauderte zum Pläsier ein klein bisschen mit; ich
sagte: »Ich glaube wohl, dass ein frommer Schäfer sich vor dem Hüter eines Löwen
fürchten muss.« »Was?« sagte er, »ich war damals kein Schäfer, sondern Soldat und
auch gar nicht besonders fromm; ich freite um ein Schätzchen und war
herübergegangen nach Ingelheim um Mitternacht, um Tür und Riegel zu zwingen;
aber in der Nacht ging ich nicht weiter; ich kehrte um.« - »Nun«, fragt ich,
»Euer Schätzchen, das hat wohl umsonst auf Euch gewartet?« - »Ja«, sagte er, »wo
Geister sich einmischen, da muss der Mensch dahinten bleiben.« - Ich meinte, wenn
man liebe, brauche man sich vor Geistern nicht zu fürchten und könne sich grade
dann für ihresgleichen achten; denn die Nacht ist zwar keines Menschen Freund,
aber des Liebenden Freund ist sie.
    Ich fragte den Schäfer, wie er sich bei seinem einsamen Geschäft die Zeit
vertreibe in den langen Tagen; - er ging den Berg hinauf, die ganze Herde hinter
ihm drein, über mich hinaus, er kam wieder, die Herde nahm wieder keinen Umweg;
er zeigte mir eine schöne Schalmei - so nannte er ein Hautbois mit silbernen
Klappen und Elfenbein zierlich eingelegt; er sagte: »Die hat mir ein Franzose
geschenkt, darauf kann ich blasen, dass man es eine Stunde weit hört; wenn ich
hier auf der Höhe weide und seh ein Schiffchen mit lustigen Leuten drüben, da
blas ich; in der Ferne nimmt sich die Schalmeie wunderschön aus, besonders wenn
das Wasser so still und sonnig ist wie heute; das Blasen ist mir lieber wie
Essen und Trinken.« Er setzte an und wendete sich nach dem Tal, um das Echo
hören zu lassen; nun blies er das Lied des weissagenden Tempelknaben aus Axur
von Ormus mit Variationen eigner Eingebung; die feierliche Stille, die aus
diesen Tönen hervorbricht und sich mitten im leeren Raum ausdehnt, beweist wohl,
dass die Geister auch in der sinnlichen Welt einen Platz einnehmen; zum wenigsten
ward alles anders: Luft und Gebirge, Wald und Ferne, und der ziehende Strom mit
den gleitenden Nachen waren von der Melodie beherrscht und atmeten ihren
weissagenden Geist; - die Herde hatte sich zum Ruhen gelagert; der Hund lag zu
des Schäfers Füssen, der von mir entfernt auf der Höhe stand und die Begeistrung
eines Virtuosen empfand, der sich selbst überbietet, weil er fühlt, er werde
ganz genossen und verstanden. Er liess das Echo eine sehr feine Rolle darin
spielen; hier und da liess er es in eine Lücke einschmelzen, dann wiederholte er
die letzte Figur, zärtlicher, eindringender; - das Echo wieder! - Er ward noch
feuriger und schmachtender; und so lehrte er dem Widerhall, wie hoch er's
treiben könne, und dann endigte er in einer brillanten Fermate, die alle Täler
und Schluchten des Donnersbergs und Hunsrücks widerhallen machte. Er zog blasend
mit der Herde um den Berg. - Ich packte meine Schreibereien auf, da die
Einsamkeit doch hier oben aufgehoben ist, und schlenderte noch eine Weile bei
gewaltigem Abendrot mit dem Schäfer in weisen Reden begriffen, hinter der weissen
Herde drein; er entliess mich mit dem Kompliment, ich sei gescheuter als alle
Menschen, die er kenne; dies war mir was ganz Neues, denn bisher hab ich von
gescheuten Leuten gehört, ich sei gänzlich unklug; ich kann aber doch dem
Schäfer nicht unrecht geben; ich bin auch gescheut und habe scharfe Sinne.
                                                                         Bettine
                                                               Winkel, 7. August
Gestern hab ich meinen Brief zugemacht und abgeschickt; aber noch nicht
geschlossen. - Wüsstest Du, was mich bei diesen einfachen Erzählungen oft für
Unruhe und Schmerzen befallen! - Es scheint Dir alles nur so hingeschrieben, wie
erlebt, ja! - Aber so manches seh ich und denke es, und kann es doch nicht
aussprechen; und ein Gedanke durchkreuzt den andern, und einer nimmt vor dem
andern die Flucht, und dann ist es wieder so öde im Geist wie in der ganzen
Welt. Der Schäfer meinte, Musik schütze vor bösen Gedanken und vor Langerweile;
da hat er recht, denn die Melancholie der Langenweile entsteht doch nur, weil
wir uns nach der Zukunft sehnen. In der Musik ahnen wir diese Zukunft, da sie
doch nur Geist sein kann und nichts anderes, und ohne Geist gibt es keine
Zukunft; wer nicht im Geist aufblüht, wie wollte der leben und Atem holen? -
Aber ich habe mir zu Gewaltiges vorgenommen, Dir von Musik zu sagen; denn weil
ich weiss, dass ihre Wahrheit doch nicht mit irdischer Zunge auszusprechen ist. So
vieles halte ich zurück, aus Furcht, Du möchtest es nicht genehmigen, oder
eigentlich, weil ich glaube, dass Vorurteile Dich blenden, die Gott weiss von
welchem Philister in Dich geprägt sind. Ich habe keine Macht über Dich, Du
glaubst Dich an gelehrte Leute wenden zu müssen; und was die Dir sagen können,
das ist doch nur dem höheren Bedürfnis im Wege; o Goete, ich fürchte mich vor
Dir und dem Papier, ich fürchte mich aufzuschreiben, was ich für Dich denke.
    Ja, das hat der Christian Schlosser gesagt: Du verstündest keine Musik, Du
fürchtest Dich vor dem Tod und habest keine Religion, was soll ich dazu sagen? -
Ich bin so dumm wie stumm, wenn ich so empfindlich gekränkt werde. Ach Goete,
wenn man kein Obdach hätte, das vor schlechtem Wetter schützt, so könnte einem
der kalte lieblose Wind schon was anhaben, aber so weiss ich Dich in Dir selber
geborgen; die drei Rätsel aber sind mir eine Aufgabe. Ich möchte Dir nach allen
Seiten hin Musik erklären, und fühl doch selbst, dass sie übersinnlich ist und
von mir unverstanden; dennoch kann ich nicht weichen von diesem Unauflösbaren
und bete zu ihm: nicht, dass ich es begreifen möge; nein, das Unbegreifliche ist
immer Gott, und es gibt keine Zwischenwelt, in der noch andere Geheimnisse
begründet wären. Da Musik unbegreiflich ist, so ist sie gewiss Gott; dies muss ich
sagen, und Du wirst mit Deinem Begriff von der Terz und der Quint mich
auslachen! Nein, Du bist zu gut, Du lachst nicht; und dann bist Du auch zu
weise; Du wirst wohl gerne Deine Studien und errungenen Begriffe aufgeben gegen
ein solches, alles heiligende Geheimnis des göttlichen Geistes in der Musik. Was
lohnte denn auch die Mühe der Forschung, wenn es nicht dies wäre! Nach was
können wir forschen, was bewegt uns, als nur das Göttliche! - und was können Dir
andere, die Wohlstudierten, Besseres und Höheres darüber sagen; - und wenn einer
dagegen was aufbringen wollte, - müsste er sich nicht schämen? Wenn einer sagen
wollte: Musik sei nur da, dass der Menschengeist sich darin ausbilde? - Nun ja!
wir sollen uns in Gott bilden. Wenn einer sagt, sie sei nur Vermittlung zum
Göttlichen, sie sei nicht Gott selbst! Nein, ihr falschen Kehlen, euer eitler
Gesang ist nicht göttlich durchdrungen. Ach, die Gotteit selbst lehrt uns den
Buchstaben begreifen, damit wir gleich ihr aus eignem Vermögen im Reich der
Gotteit regieren lernen. Alles Lernen in der Kunst ist nur dazu, dass wir den
Grund der Selbständigkeit in uns legen, und dass es unser Errungenes bleibe.
Einer sagte von Christus, dass er nichts von Musik gewusst habe; dagegen konnte
ich nichts sagen; einmal weiss ich seinen Lebenslauf nicht genau, und dann, was
mir dabei einfiel, kann ich nur Dir sagen, obschon ich nicht weiss, was Du dazu
sagen wirst. Christus sagt: »Auch euer Leib soll verklärt werden!« Ist nun Musik
nicht die Verklärung der sinnlichen Natur? - Berührt Musik nicht unsere Sinne,
dass sie sich eingeschmolzen fühlen in die Harmonie der Töne, wie Du mit Terz und
Quint berechnen willst? - Lerne nur verstehen, - Du wirst um so mehr Dich
wundern über das Unbegreifliche. Die Sinne fliessen in den Strom der
Begeisterung, und das erhöht sie. Alles, was den Menschen geistigerweise
anspricht, geht hier in die Sinne über; drum fühlt er sich auch durch sie zu
allem bewegt. Liebe und Freundschaft, kriegerischer Mut und Sehnsucht nach der
Gotteit - alles wallt im Blut; das Blut ist geheiligt; es entzündet den Leib,
dass er mit dem Geist zusammen dasselbe wolle. Das ist die Wirkung der Musik auf
die Sinne; das ist die Verklärung des Leibes; die Sinne von Christus waren
eingeschmolzen in den göttlichen Geist, sie wollten mit ihm dasselbe; er sagt:
»Was ihr berührt mit dem Geist wie mit den Sinnen, das sei göttlich, denn dann
wird euer Leib auch Geist.« Siehst Du, das hab ich ungefähr empfunden und
gedacht, da man sagte, Christus habe nichts von Musik gewusst.
    Verzeihe mir, dass ich so mit Dir spreche, gleichsam ohne Basis, denn mir
schwindelt, und ich deute kaum an, was ich sagen möchte, und vergesse alles so
leicht wieder; aber wenn ich in Dich das Zutrauen nicht haben sollte, Dir zu
bekennen, was sich in mir aufdringt, wem sollte ich's sonst mitteilen! -
    Diesen Winter hatte ich eine Spinne in meinem Zimmer; wenn ich auf der
Gitarre spielte, kam sie eilig herab in ein Netz, was sie tiefer ausgespannt
hatte. Ich stellte mich vor sie und fuhr über die Saiten; man sah deutlich, wie
es durch ihre Gliederchen dröhnte; wenn ich Akkord wechselte, so wechselten ihre
Bewegungen, sie waren unwillkürlich; bei jedem verschiedenen Harpege wechselte
der Rhytmus in ihren Bewegungen; es ist nicht anders, - dies kleine Wesen war
freudedurchdrungen oder geistdurchdrungen, solang mein Spielen währte; wenn's
still war, zog sie sich wieder zurück. Noch ein kleiner Geselle war eine Maus,
der aber mehr der Vokalmusik geneigt war; sie erschien meistens, wenn ich die
Tonleiter sang; je stärker ich den Ton anschwellen liess, je näher kam sie; in
der Mitte der Stube blieb sie sitzen; mein Meister hatte grosse Freude an dem
Tierchen; wir nahmen uns sehr in acht, sie nicht zu stören. Wenn ich Lieder und
abwechselnde Melodien sang, so schien sie sich zu fürchten; sie hielt dann nicht
aus und lief eilend weg. Also die Tonleiter schien diesem kleinen Geschöpfchen
angemessen, die durchgriff sie, und wer kann zweifeln: bereitete ein Höheres in
ihr vor; diese Töne, so rein wie möglich getragen, in sich schön, die berührten
diese Organe. Dieses Aufschwellen und wieder Sinken bis zum Schweigen nahm das
Tierchen in ein Element auf. Ach Goete, was soll ich sagen? - es rührt mich
alles so sehr, ich bin heute so empfindlich, ich möchte weinen; wer im Tempel
wohnen kann auf reinen heiteren Höhen, sollte der verlangen hinaus in eine
Spitzbubenherberge? - Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik
hingegeben; es war ihr Tempel, in dem sie ihre Existenz erhöht, vom Göttlichen
berührt fühlten, und Du, der sich bewegt fühlt durch das ewige Wallen des
Göttlichen in Dir, Du habest keine Religion? Du, dessen Worte, dessen Gedanken
immer an die Muse gerichtet sind, Du lebtest nicht in dem Element der Erhöhung,
der Vermittelung mit Gott. - Ach ja: das Erheben aus dem bewusstlosen Leben in
die Offenbarung, das ist Musik.
                                                                     Gute Nacht.
 
                                                     Karlsbad, den 28. Juli 1808
Ist es wahr, was die verliebten Poeten sagen, dass keine süssere Freude sei, als
das Geliebte zu schmücken, so hast Du das grösste Verdienst um mich. Da ist mir
durch die Mutter eine Schachtel voll der schönsten Liebesäpfel zugekommen, an
goldnen Ketten zierlich aufgereiht; schier wären sie in meinem Kreise zu
Zankäpfeln geworden. Ich sehe unter diesem Geschenk und der Anweisung dabei eine
Spiegelfechterei verborgen, die ich nicht umhin kann zu rügen, denn da Du listig
genug bist, mich mitten im heissen Sommer aufs Eis zu führen, so möchte ich Dir
auch meinen Witz zeigen, wie ich auch unvorbereitet und unverhofft mit
Geschicklichkeit diese Winterfreuden zu bestehen wage; ich werde Dir nicht
sagen, dass ich keinen lieber schmücken möchte wie Dich, denn schmucklos hast Du
mich überrascht, und schmucklos wirst Du mich ewig ergötzen. Ich hing die
Perlenreihe chinesischer Früchte zwischen den geöffneten Fensterflügeln auf, und
da eben die Sonne drauf schien, so hatte ich Gelegenheit, ihre Wirkung an diesen
balsamartigen Gewächsen zu beachten. Das brennende Rot verwandelte sich da, wo
die Strahlen auflagen, bald in dunklen Purpur, in Grün und entschiedenes Blau;
alles von dem echten Gold des Lichtes gehöht; kein anmutigeres Spiel der Farben
habe ich lange beobachtet, und wer weiss, zu welchen Umwegen mich das alles
verführen wird; zum wenigsten würde der Schwanenhals, von dem die Dir gehorsamen
Schreibefinger der Mutter mir melden, schwerlich mich zu so entschiedenen
Betrachtungen und Reflexionen veranlasst haben; und so hab ich es denn Deinem
Willen ganz angemessen gefunden, mich so dran zu erfreuen und zu belehren, und
ich hüte vielmehr meinen Schatz vor jedem lüsternen Auge, als dass ich ihn der
Wahl preisgeben sollte. Deiner gedenk ich dabei und aller Honigfrüchte der
Sonnenlande, und ausgiessen möcht ich Dir gerne die gesamten Schätze des Orients,
wenn es auch wäre, um zu sehen, wie Du ihrer nicht achtest, weil Du Dein Glück
in anderem begründet fühlst.
    Dein freundlicher Brief, Deine reichen Blätter haben mich hier bei einer
Zeit aufgesucht, wo ich Dich gerne selbst auf- und angenommen hätte. Es war eine
Zeit der Ungeduld in mir; schon seit mehreren Posttagen sah ich allemal den
freundlichen Postknaben, der noch in den Schelmenjahren ist, mit spitzen Fingern
Deine wohlbeleibten Pakete in die Höhe halten. Da schickte ich denn eilig
hinunter, sie zu holen, und fand meine Erwartung nicht betrogen; ich hatte
Nahrung von einem Posttag zum andern; nun war sie aber zweimal vergeblich
erwartet und ausgeblieben. Rechne mir's nicht zu hoch an, dass ich ungeduldig
wurde; Gewohnheit ist ein gar zu süsses Ding. - Die liebe Mutter hatte aus einer
übrigens sehr löblichen Ökonomie Deine Briefe gesammelt und sie der kleinen
Schachtel beigepackt, und nun umströmt mich alles - eine andere Gegend, ein
anderer Himmel, Berge, über die auch ich gewandert bin; Täler, in denen auch ich
die schönsten Tage verlebt und trefflichen Wein getrunken habe; und der Rhein,
den auch ich hinuntergeschwommen bin, in einem kleinen, lecken Kahn. Ich habe
also ein doppeltes Recht an Dein Andenken; einmal war ich ja dort, und einmal
bin ich bei Dir und vernehme mit beglückendem Erstaunen die Lehren Deiner
Weisheit wie auch die so lieblichen Ereignisse, denn in allen bist Du es, die
sie durch ihre Gegenwart verherrlicht.
    Hier noch eine kleine wohlgemeinte Bemerkung, mit Dank für das Eingesendete,
die Du demjenigen, den es angeht, gelegentlich mitteilen mögest: ob ich gleich
den Nifelheimischen Himmel nicht liebe, unter welchem sich der..... gefällt, so
weiss ich doch recht gut, dass gewisse Klimaten und Atmosphären nötig sind, damit
diese und jene Pflanze, die wir doch auch nicht entbehren mögen, zum Vorschein
komme. So heilen wir uns durch Renntiermoos, das an Orten wächst, wo wir nicht
wohnen möchten, und, um ein ehrsameres Gleichnis zu brauchen, so sind die Nebel
von England nötig, um den schönen grünen Rasen hervorzubringen.
    So haben auch mir gewisse Aufschösslinge dieser Flora recht wohl behagt. Wäre
es dem Redakteur jederzeit möglich, dergestalt auszuwählen, dass die Tiefe
niemals hohl und die Fläche niemals platt würde, so liesse sich gegen ein
Unternehmen nichts sagen, dem man in mehr als einem Sinne Glück zu wünschen hat.
Grüsse mir den Freund zum schönsten und entschuldige mich, dass ich nicht selbst
schreibe.
    Wie lang wirst Du noch im Rheinlande verweilen? - Was wirst Du zu der Zeit
der Weinlese vornehmen? Mich finden Deine Blätter wohl noch einige Monate hier,
zwischen den alten Felsen, neben den heissen Quellen, die mir auch diesmal sehr
wohltätig sind: ich hoffe, Du wirst mich nicht vergeblich warten lassen, denn
meine Ungeduld zu beschwichtigen, alles zu erfahren, was in Deinem Köpfchen
vorgeht, dafür sind diese Quellen nicht geeignet.
    Meinem August geht es bis jetzt in Heidelberg ganz wohl. Meine Frau besucht
in Lauchstädt Teater und Tanzsaal. Schon haben mich manche entfernte Freunde
hier brieflich besucht; mit andern bin ich ganz unvermutet persönlich
zusammengekommen.
    Ich habe so lange gezaudert, daher will ich dies Blatt gleich fortschicken
und schlage es an meine Mutter ein. Sage Dir alles selbst, wozu mir der Platz
hier nicht gegönnt ist, und lasse mich gleich von Dir hören.
                                                                              G.
                                                                    Am 8. August
Überall wo es gut ist, das muss man zu früh verlassen; - so war es mir wahrlich
gut bei Dir, drum musst ich Dich zu früh verlassen.
    Ein guter lieber Aufentalt ist für mich, was das fruchtbare Land einem
Schiffer ist, der eine unsichre Reise vorhat, er wird Vorrat einsammeln, soviel
ihm Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der einsamen weiten See ist, wenn
die frischen Früchte schwinden, das süsse Wasser! - er sieht kein Ziel vor sich;
- wie sehnsuchtsvoll wird die Erinnerung ans Land. - Jetzt geht mir's auch so;
in zwei Tagen muss ich den Rhein verlassen, um mit dem ganzen Familientross in
Schlangenbad zusammenzutreffen. Ich war indessen nicht immerwährend hier, sonst
hätte Dich schon lange wieder eine Epistel von mir erreicht; viele Streifereien
haben mich abgehalten: die Reise in die Wetterau, von welcher ich Dir hier ein
Bruchstück beilege. Den Primas hab ich in Aschaffenburg besucht, er meint immer,
ich habe die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten, und begrüsst mich, indem er mir
die Wangen streichelt und mich herzlich küsst. Diesmal sagte er: »Mein gutes,
liebes Schätzchen, wie Sie frisch aussehen, und wie Sie gewachsen sind!« - Ein
solches Betragen hat nun eine zauberische Wirkung auf mich; ich fühlt mich ganz
und gar, wie er mich ansah, und betrug mich auch, als ob ich nur zwölf Jahre alt
sei, ich erlaubte mir allen Scherz und gänzlichen Mangel an Hochachtung, unter
solchen zweifelhaften Umständen trug ich ihm Deine Aufträge vor. Sei nur nicht
bestürzt, ich kenne Dein würdevolles Benehmen mit grossen Herren und habe Dir als
Botschafter nichts vergeben, ich hatte mir einen schriftlichen Auszug aus dem
Brief an Deine Mutter gemacht und legte ihm denselben vor und die Zeile, wo Du
geschrieben hast: die Bettine soll sich doch alle Mühe geben, dies auf eine
artige Weise vom Primas herauszulocken, die hielt ich mit der Hand zu; nun
wollte er grade sehen, was da unten verborgen sei; ich machte vorher meine
Bedingungen, er versprach mir das kleine Indische Herbarium, es ist in Paris,
und er wollte noch denselben Tag drum schreiben. Was die Papiere des Propst
D'umée anbelangt, so hat er sehr interessante wissenschaftliche Sachen, die er
Dir alle verspricht, die Korrespondenz mit... gibt er nicht heraus, ich soll nur
sagen, Du habest es nicht verdient, und er werde diese Briefe als einen
wichtigen Familienschatz aufbewahren und als ein Muster von feurigen Ausdrücken
bei der höchsten Ehrerbietung. Ich weiss nicht, was mich befiel bei dieser Rede,
ich fühlte, dass ich rot ward, da hob er mir das Kinn in die Höhe und sagte: »Was
fehlt Ihnen denn, mein Kind, Sie schreiben wohl auch an Goete?«! - »Ja«, sagte
ich, »unter der Obhut seiner Mutter.« »So, so, das ist ganz schön, kann denn die
Mutter lesen?« - Da musst ich ungeheuer lachen, ich sagte: »Wahrhaftig, Euer
Hoheit haben's erraten; ich muss der Mutter alles vorlesen, und was sie nicht
wissen soll, das übergeh ich.« - Er brachte noch allerlei Scherzhaftes vor und
frug, ob ich Dich Du nenne, und was ich Dir alles schreibe? - Ich sagte, des
Rhytmus halber nenne ich Dich Du, und eben habe ich seine Dispensation einholen
wollen, um schriftlich beichten zu dürfen, denn ich wolle Dir gern beichten; er
lachte, er sprang auf (denn er ist sehr vif und macht oft grosse Sätze) und
sagte: »Geist wie der Blitz! Ja, ich gebe Ihnen Dispensation und ihm - schreiben
Sie es ihm ja, - geb ich Macht, vollkommen Ablass zu erteilen, und nun werden Sie
doch mit mir zufrieden sein?« - Ich hatte grosse Lust, ihm zu sagen, dass ich
nicht mehr zwölf Jahr, sondern schon eine Weile ins Blütenalter der Empfindung
eingerückt sei; aber da hielt mich etwas ab: bei seinen lustigen Sprüngen fiel
ihm seine kleine geistliche violettsamtne Mütze vom Kopf; ich nahm sie auf, und
weil mir ahnete, sie würde mir gut stehen, so setzte ich sie auf. Er betrachtete
mich eine Weile und sagte: »Ein allerliebster kleiner Bischof! Die ganze
Klerisei würde hinter ihm dreinlaufen«, - und nun mochte ich ihm den Wahn nicht
mehr benehmen, dass ich noch so jung sei, denn es kam mir vor, was ihn an einem
Kind erfreuen dürfe, das könne ihm bei einer verständigen Dame, wie ich doch
eine sein müsste, als höchst inkonvenabel erscheinen. Ich liess es also dabei und
nahm die Sünde auf mich, ihm was weisgemacht zu haben, indem ich mich dabei auf
die Kraft des Ablasses verlasse, den er Dir übermacht.
    Ach, ich möchte Dir lieber andere Dinge schreiben, aber die Mutter, der ich
alles erzählen musste, quälte mich drum, sie meint, so was mache Dir Freude und
Du hieltest etwas drauf, dergleichen genau zu wissen; ich holte mir auch einen
lieben Brief von Dir bei ihr ab, der mich dort schon an vierzehn Tage erwartete,
und doch möcht ich Dich über diesen schmälen. Du bist ein koketter, zierlicher
Schreiber, aber Du bist ein harter Mann; die ganze schöne Natur, die herrliche
Gegend, die warmen Sommertage der Erinnerung, - das alles rührt Dich nicht; so
freundlich Du bist, so kalt bist Du auch. Wie ich das grosse Papierformat sah,
auf allen vier Seiten beschrieben, da dacht ich, es würde doch hier und da
durchblitzen, dass Du mich liebst; es blitzt auch, aber nur von Flittern, nicht
von leisem beglückendem Feuer. Oh welcher gewaltige Abstand mag sein zwischen
jener Korrespondenz, die der Primas nicht herausgeben will, und unserm
Briefwechsel; das kommt daher, weil ich Dich zu sehr liebe und es Dir auch
bekenne, das soll eine so närrische Eigenheit der Männer sein, dass sie dann kalt
sind, wenn man sie zu sehr liebt.
    Die Mutter ist nun immer gar zu vergnügt und freundlich, wenn ich von meinen
Streifereien komme; sie hört mit Lust alle kleine Abenteuer an, ich mache denn
nicht selten aus klein gross, und diesmal war ich reichlich damit versehen, da
nicht nur allein Menschen, sondern Ochsen, Esel und Pferde sehr ausgezeichnete
Rollen dabei spielten. Du glaubst nicht, wie froh es mich macht, wenn sie recht
von Herzen lacht. Mein Unglück führte mich grade nach Frankfurt, als Frau von
Staël durchkam, ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen Abend genossen, die
Mutter aber war recht froh, dass ich ihr Beistand leistete, denn sie war schon
preveniert, dass die Staël ihr einen Brief von Dir bringen würde, und sie
wünschte, dass ich die Intermezzos spielen möge, wenn ihr bei dieser grossen
Katastrophe Erholung nötig sei. Die Mutter hat mir nun befohlen, Dir alles
ausführlich zu beschreiben; die Entrevue war bei Betmann-Schaaf, in den Zimmern
des Moritz Betmann. Die Mutter hatte sich - ob aus Ironie oder aus Übermut,
wunderbar geschmückt, aber mit deutscher Laune, nicht mit französischem
Geschmack, ich muss Dir sagen, dass, wenn ich die Mutter ansah, mit ihren drei
Federn auf dem Kopf, die nach drei verschiedenen Seiten hinschwankten, eine
rote, eine weisse und eine blaue - die französischen Nationalfarben, welche aus
einem Feld von Sonnenblumen emporstiegen -, so klopfte mir das Herz vor Lust und
Erwartung; sie war mit grosser Kunst geschminkt, ihre grossen schwarzen Augen
feuerten einen Kanonendonner, um ihren Hals schlang sich der bekannte goldne
Schmuck der Königin von Preussen, Spitzen von alterkömmlichem Ansehen und grosser
Pracht, ein wahrer Familienschatz, verhüllte ihren Busen, und so stand sie mit
weissen Glacéhandschuhen, in der einen Hand einen künstlichen Fächer, mit dem sie
die Luft in Bewegung setzte, die andre, welche entblösst war, ganz beringt mit
blitzenden Steinen, dann und wann aus einer goldnen Tabatiere mit einer Miniatur
von Dir, wo Du mit hängenden Locken, gepudert, nachdenklich den Kopf auf die
Hand stützest, eine Prise nehmend. Die Gesellschaft der vornehmen älteren Damen
bildete einen Halbkreis in dem Schlafzimmer des Moritz Betmann; auf purpurrotem
Teppich in der Mitte ein weisses Feld, worauf ein Leopard, - sah die Gesellschaft
so stattlich aus, dass sie wohl imponieren konnte. An den Wänden standen schöne
schlanke indische Gewächse, und das Zimmer war mit matten Glaskugeln erleuchtet;
dem Halbkreis gegenüber stand das Bett auf einer zwei Stufen erhabenen Estrade,
auch mit einem purpurnen Teppich verhüllt, an beiden Seiten Kandelaber. Ich
sagte zur Mutter: »Die Frau Staël wird meinen, sie wird hier vor Gericht des
Minnehofs zitiert, denn dort das Bett sieht aus wie der verhüllte Tron der
Venus.« Man meinte, da dürfte es manches zu verantworten geben. Endlich kam die
Langerwartete durch eine Reihe von erleuchteten Zimmern, begleitet von Benjamin
Constant, sie war als Corinna gekleidet, ein Turban von aurora- und
orangefarbner Seide, ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika, sehr hoch
gegürtet, so dass ihr Herz wenig Platz hatte; ihre schwarzen Augenbrauen und
Wimpern glänzten, ihre Lippen auch, von einem mystischen Rot; die Handschuh
waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand, in der sie das bekannte
Lorbeerzweiglein hielt. Da das Zimmer, worin sie erwartet war, so viel tiefer
liegt, so musste sie vier Treppen herabsteigen. Unglücklicherweise nahm sie das
Gewand vorne in die Höhe, statt hinten, dies gab der Feierlichkeit ihres
Empfangs einen gewaltigen Stoss, denn es sah wirklich einen Moment mehr als
komisch aus, wie diese ganz im orientalischen Ton überschwankende Gestalt auf
die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losrückte. Die
Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu, da man sie einander präsentierte.
Ich hatte mich in die Ferne gestellt, um die ganze Szene zu beobachten. Ich
bemerkte das Erstaunen der Staël über den wunderbaren Putz und das Ansehen
Deiner Mutter, bei der sich ein mächtiger Stolz entwickelte. Sie breitete mit
der linken Hand ihr Gewand aus, mit der rechten salutierte sie mit dem Fächer
spielend, und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte, sagte sie
mit erhabener Stimme, dass man es durchs ganze Zimmer hören konnte: »Je suis la
mère de Goete.«. »Ah, je suis charmèe«, sagte die Schriftstellerin, und hier
folgte eine feierliche Stille. Dann folgte die Präsentation ihres geistreichen
Gefolges, welches eben auch begierig war, Goetes Mutter kennenzulernen. Die
Mutter beantwortete ihre Höflichkeiten mit einem französischen Neujahrswunsch,
welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zähnen murmelte, - kurz,
ich glaube, die Audienz war vollkommen und gab einen schönen Beweis von der
deutschen Grandezza. Bald winkte mich die Mutter herbei, ich musste den
Dolmetscher zwischen beiden machen; da war denn die Rede nur von Dir, von Deiner
Jugend, das Porträt auf der Tabatiere wurde betrachtet, es war gemalt in
Leipzig, eh Du so krank warst, aber schon sehr mager, man erkennt jedoch Deine
ganze jetzige Grösse in jenen kindlichen Zügen, und besonders den Autor des
Werter. Die Staël sprach über Deine Briefe und dass sie gern lesen möchte, wie
Du an Deine Mutter schreibst, und die Mutter versprach es ihr auch, ich dachte,
dass sie von mir gewiss Deine Briefe nicht zu lesen bekommen würde, denn ich bin
ihr nicht grün; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam,
überfiel mich ein innerlicher Grimm; sie erzählte mir, dass Du sie amie in Deinen
Briefen nenntest; ach, sie hat mir's gewiss angesehen, dass dies mir sehr
unerwartet kam; ach, sie sagte noch mehr. - Nun riss mir aber die Geduld; - wie
kannst Du einem so unangenehmen Gesicht freundlich sein? - Ach, da sieht man,
dass Du eitel bist. - Oder sie hat auch wohl nur gelogen! - Wär ich bei Dir, ich
litt's nicht. So wie Feen mit feurigen Drachen, würd ich mit Blicken meinen
Schatz bewachen. Nun sitz ich weit entfernt von Dir, weiss nicht, was Du alles
treibst, und bin nur froh, wenn mich keine Gedanken plagen.
    Ich könnte Dir ein Buch schreiben über alles, was ich in den acht Tagen mit
der Mutter verhandelt und erlebt habe. Sie konnte kaum erwarten, dass ich kam, um
alles mit ihr zu rekapitulieren. Da gab's Vorwürfe; ich war empfindlich, dass sie
auf ihre Bekanntschaft mit der Staël einen so grossen Wert legte; sie nannte mich
kindisch, albern und eingebildet, und was zu schätzen sei, dem müsse man die
Achtung nicht versagen, und man könne über eine solche Frau nicht wie über eine
Gosse springen und weiterlaufen; es sei allemal eine ausgezeichnete Ehre vom
Schicksal, sich mit einem bedeutenden und berühmten Menschen zu berühren. Ich
wusste es so zu wenden, dass mir die Mutter endlich Deinen Brief zeigte, worin Du
ihr Glück wünschest, mit diesem Meteor zusammenzustossen, und da polterte denn
alle ihre vorgetragene Weisheit aus Deinem Brief hervor. Ich erbarmte mich über
Dich und sagte: »Eitel ist der Götterjüngling; er führt den Beweis für seine
ewige Jugend.« - Die Mutter verstand keinen Spass; sie meinte: ich nehme mir zu
viel heraus, und ich soll mir doch nicht einbilden, dass Du ein anderes Interesse
an mir habest, als man an Kindern habe, die noch mit der Puppe spielen; mit der
Staël könnest Du Weltweisheit machen; mit mir könnest Du nur tändeln. Wenn die
Mutter recht hätte? - Wenn's nichts wär mit meinen neu erfundnen Gedanken, von
den ich glaubte, ich habe sie alleine? - Wie hab ich doch in diesen paar
Monaten, wo ich am Rhein lebe, nur bloss an Dich gedacht! - Jede Wolke hab ich um
Rat gefragt, jeden Baum, jedes Kraut hab ich angesprochen um Weisheit; und von
jeder Zerstreuung hab ich mich abgewendet, um recht tief mit Dir zu sprechen. O
böser, harter Mann, was sind das für Geschichten? Wie oft hab ich zu meinem
Schutzengel gebetet, dass er doch für mich mit Dir sprechen soll, und dann hab
ich mich still verhalten und die Feder laufen lassen. Die ganze Natur zeigte mir
im Spiegel, was ich Dir sagen soll; wahrhaftig, ich habe geglaubt, alles sei von
Gott so angeordnet, dass die Liebe einen Briefwechsel zwischen uns führe. Aber Du
hast mehr Vertrauen in die berühmte Frau, die das grosse Werk geschrieben hat sur
les passions, von welchen ich nichts weiss. - Ach glaub nur, Du bist vor die
unrechte Schmiede gegangen; Lieben: das allein macht klug.
    Über Musik hatte ich Dir auch noch manches zu sagen; es war alles schon so
hübsch angeordnet; erst musst Du begreifen, was Du ihr alles schon zu verdanken
hast. - Du bist nicht feuerfest. Musik bringt Dich nicht in Glut, weil Du
einschmelzen könntest.
    So närrisch bin ich nicht, zu glauben, dass Musik keinen Einfluss auf Dich
habe. Da ich doch glaube an das Firmament in Deinem Geist, da Sonne und Mond
samt allen Sternen in Dir leuchten, da soll ich zweifeln, dass dieser höchste
Planet über alle, der Licht ergiesst, der ein Gewaltiger ist unserer Sinne, Dich
nicht durchströme? Meinst Du dann, Du wärst der Du bist, wenn es nicht Musik
wäre in Dir? - Du solltest Dich vor dem Tod fürchten, da doch Musik ihn auflöst?
Du solltest keine Religion haben, da doch Musik in Dich die Anbetung pflanzt?
    Horch in Dich hinein, da wirst Du in Deiner Seele der Musik lauschen, die
Liebe zu Gott ist: dies ewige Jauchzen und Wallen zur Ewigkeit, das allein Geist
ist.
    Ich könnte Dir Sachen sagen, die ich selbst fürchte auszusprechen, obschon
eine innere Stimme mir sagt, sie sind wahr. Wenn Du mir bleibst, so werd ich
viel lernen; wenn Du mir nicht bleibst, so werde ich wie der Same unter der Erde
ruhen, bis die Zeit kommt, dass ich in Dir wieder blühe.
    Mein Kopf glüht; ich hab mich während dem Schreiben herumgestritten mit
Gedanken, deren ich nicht mächtig werden konnte. Die Wahrheit liegt in ihrer
ganzen Unendlichkeit im Geist, aber sie im einfachsten Begriff zu fassen, das
ist so schwer, ach, es kann ja nichts verloren gehen. Wahrheit nährt ewig den
Geist, der alles Schöne als Früchte trägt, und da es schön ist, dass wir einander
lieben, so wolle die Wahrheit nicht länger verleugnen.
    Ich will Dir lieber noch ein bisschen von unserm Zigeunerleben erzählen, das
wir hier am Rhein führen, den wir so bald verlassen werden, und wer weiss, ob ich
ihn wiederseh! - Hier, wo die Frühlingslüfte balsamisch uns umwehen, lass einsam
uns ergehen; nichts trenne Dich von mir! - und auch nicht die Frau von Staël:
    Unsre Haushaltung ist allerliebst eingerichtet; wir sind zu acht Frauen,
kein männliches Wesen ist im Haus; da es nun sehr heiss ist, so machen wir's uns
so bequem wie möglich, zum Beispiel sind wir sehr leicht gekleidet, ein Hemd und
dann noch eins, griechisch drapiert. Die Türen der Schlafzimmer stehen nachts
offen; - je nachdem eins Lust hat, schlägt es sein Nachtlager auf dem Vorgang
oder an sonst einem kühlen Ort auf; im Garten unter den Platanen, auf der
schönen, mit breiten Platten gedeckten Mauer liegend, dem Rhein gegenüber den
Aufgang der Sonne zu erwarten, hab ich schon ein paarmal zu meinem Pläsier
Nächte zugebracht; ich bin eingeschlafen auf meinem schmalen Bett; ich hätte
können hinunterfallen im Schlaf, besonders wenn ich träume, dass ich Dir
entgegenspringe. Der Garten liegt hoch, und die Mauer nach jenseits geht tief
hinab, da könnte ich leicht verunglücken; ich bitte Dich also, wenn Du meiner
gedenkst im Traum, halte mir die schützenden Arme entgegen, - damit ich doch
gleich hineinsinke; »denn alles ist doch nur ein Traum!« - Am Tage geht's bei
uns in grosser Finsternis her; alle Läden sind zu im ganzen Hause, alle Vorhänge
vorgezogen; früher machte ich morgens weite Spaziergänge, aber das ist bei
dieser Hitze nicht mehr möglich; die Sonne beizt die Weinberge, und die ganze
Natur seufzt unter der Brutwärme. Ich gehe doch jeden Morgen zwischen vier und
fünf Uhr heraus mit einem Schnikermesser und hole frische kühle Zweige, die ich
im Zimmer aufpflanze. Vor acht Wochen hatte ich Birken und Pappeln, die glänzten
wie Gold und Silber, und dazwischen dicke duftende Sträusser von Maiblumen. Wie
ein Heiligtum ist der Saal, an den alle Schlafkabinette stossen; da liegen sie
noch in den Betten, wenn ich nach Hause komme, und warten, bis ich fertig bin;
dann haben die Linden und Kastanien hier abgeblüht, und himmelhohes Schilf, das
sich oben an der Decke umbiegt, mit blühenden Winden umstrickt; und die
Feldblumen sind reizend, die kleinen Grasdolden, die Schafgarbe, die
Johannisblume, Wasserlilien, die ich mit einiger Gefahr fische, und das ewig
schöne Vergissmeinnicht. Heute hab ich Eichen aufgepflanzt; hohe Äste, die ich
aus dem obersten Gipfel geholt. Ich kletterte wie eine Katze; die Blätter sind
ganz purpurrot und in so zierlichen Sträussern gewachsen, als hätten sie sich
tanzend in Gruppen verteilt.
    Ich sollte mich scheuen, Dir von Blumen zu sprechen; Du hast mich schon
einmal ein bisschen ausgelacht, und doch ist der Reiz gar zu gross; die vielen
schlafenden Blüten, die nur im Tod erwachen, das träumende Geschlecht der
Wicken, die Herrgottsschückelchen, Himmelsschlüssel mit ihrem sanften
freundlichen Duft - sie ist die geringste aller Blumen. Wie ich kaum sechs Jahr
alt war, und die Milchfrau hatte versprochen, mir einen Strauss Himmelsschlüssel
mitzubringen, da riss mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus
dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster; wie frisch waren die Blumen! Wie atmeten sie
in meiner Hand! - Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf
eingepflanzt; welcher Reichtum! - Wie war ich überrascht von der Grossmut! -
Diese Blumen in der Erde - sie schienen mir ewig ans Leben gebunden, es waren
mehr, als ich zählen konnte; immer fing ich von vorne an; ich wollte kein
Knöspchen überspringen; wie dufteten sie! Wie war ich demütig vor dem Geist, den
sie ausströmten! - Ich wusste ja noch wenig von Wald und Flur, und die erste
Wiese im Abendschein eine unendliche Fläche fürs Kinderauge, mit goldnen Sternen
übersäet; - ach, wie hat Natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen. -
Und wie liebt er sie! - Wie neigte er sich herab zu ihr für diese Zärtlichkeit
ihm entgegenzublühen! - Wie hab ich gewühlt im Gras und hab gesehen, wie eins
neben dem andern sich hervordrängt. Manches hätte ich vielleicht übersehen bei
der Fülle, aber sein schöner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht, und wer sie
genannt hat, der muss sie geliebt und verstanden haben. Das kleine
Schäfertäschchen zum Beispiel - ich hätte es nicht bemerkt, aber wie ich seinen
Namen hörte, da fand ich's unter vielen heraus, ich musste ein solches Täschchen
öffnen, und fand es gefüllt mit Samenperlen. Ach, alle Form entält Geist und
Leben, um sich auf die Ewigkeit zu vererben. Tanzen die Blumen nicht? - Singen
sie nicht? - Schreiben sie nicht Geist in die Luft? - Malen sie nicht sich
selbst ihr Innerstes in ihrem Bild? - Alle Blumen hab ich geliebt, eine jede in
ihrer Art, wie ich sie nacheinander kennen lernte, und keiner bin ich untreu
geworden, und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte: das Löwenmäulchen, wie es mir
zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte, als ich es
zu kräftig anfasste. - Ich will sie nicht alle nennen, mit denen ich so innig
vertraut wurde, wie sie mir jetzt im Gedächtnis erwachen; nur eines einzigen
gedenk ich, eines Myrtenbaums, den eine junge Nonne dort pflegte. Sie hatte ihn
Winter und Sommer in ihrer Zelle; sie richtete sich in allem nach ihm; sie gab
ihm nachts wie tags die Luft, und nur so viel Wärme erhielt sie im Winter, als
ihm nottat. Wie fühlte sie sich belohnt, da er mit Knospen bedeckt war! Sie
zeigte mir sie, schon wie sie kaum angesetzt hatten; ich half ihn pflegen; alle
Morgen füllte ich den Krug mit Wasser am Madlenenbrünnchen; die Knospen wuchsen
und röteten sich, endlich brachen sie auf; am vierten Tag stand er in voller
Blüte; eine weisse Zelle jede Blüte, mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte,
deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht. Er stand im offenen Fenster,
die Bienen begrüssten ihn. - Jetzt erst weiss ich, dass dieser Baum der Liebe
geweiht ist; damals wusst ich's nicht; und jetzt verstehe ich ihn. - Sag: kann
die Liebe süsser gepflegt werden, als dieser Baum? - Und kann eine zärtliche
Pflege süsser belohnt werden, als durch eine so volle Blüte? - Ach, die liebe
Nonne mit halb verblühten Rosen auf den Wangen, in Weiss verhüllt, und der
schwarze Florschleier, der ihren raschen zierlichen Gang umschwebte; wie aus dem
weiten Ärmel des schwarzen wollenen Gewands die schöne Hand hervorreichte, um
die Blumen zu begiessen! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Böhnchen in die
Erde, sie schenkte mir's und sagte, ich solle es pflegen; ich werde ein schönes
Wunder daran erleben. Bald keimte es und zeigte Blätter wie der Klee; es zog
sich an einem Stöckchen in die Höh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken;
dann bracht es sparsame gelbe Blüten hervor, aus denen wuchs so gross wie eine
Haselnuss ein grünes Eichen, das sich in Reifen bräunte. Die Nonne brach es ab
und zog es am Stiel auseinander, in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln,
zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war. Sie flocht daraus eine
Krone, setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Füssen und sagte
mir, man nennt diese Pflanze Corona Christi.
    Wir glauben an Gott und an Christus, dass er Gott war, der sich ans Kreuz
schlagen liess; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch; wir
versprechen heilig zu werden und beten, und empfinden's nicht. Wenn wir aber
sehen, wie die Natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit
kindlich ausdrückt; wenn sie auf Blumenblätter Seufzer malt, ein O und Ach, wenn
die kleinen Käfer das Kreuz auf ihren Flügeldecken gemalt haben und diese kleine
Pflanze eben, so unscheinbar, eine mit Sorgfalt gehegte künstliche Dornenkrone
trägt; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit
bezeichnet sehen, dann schaudert uns, und wir fühlen, die Gotteit selber nimmt
ewigen Anteil an diesen Geheimnissen; dann glaub ich immer, dass Religion alles
erzeugt hat, ja dass sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewächs
und jedem Tier ist. - Die Schönheit erkennen in allem Geschaffenen, und sich
ihrer freuen, das ist Weisheit und fromm; wir beide waren fromm, ich und die
Nonne; es werden wohl zehn Jahr sein, dass ich im Kloster war. Voriges Jahr hab
ich's im Vorüberreisen wieder besucht. Meine Nonne war Priorin geworden, sie
führte mich in ihren Garten, - sie musste an einer Krücke gehen, sie war lahm
geworden, - ihr Myrtenbaum stand in voller Blüte. Sie fragte mich, ob ich ihn
noch kenne; er war sehr gewachsen; umher standen Feigenbäume mit reifen Früchten
und grossen Nelken, sie brach ab, was blühte, und was reif war, und schenkte mir
alles, nur der Myrte schonte sie; das wusste ich auch schon im voraus. Den Strauss
befestigte ich im Reisewagen; ich war wieder einmal so glücklich, ich betete,
wie ich im Kloster gebetet hatte; ja selig sein macht beten!
    Siehst Du, das war ein Umweg und etwas von meiner Weisheit; sie kann sich
freilich der Weltweisheit, die zwischen Dir und Deiner amie Staël obwaltet,
nicht begreiflich machen; - aber das kann ich Dir sagen: ich habe schon viele
grosse Werke gesehen von zähem Inhalt in schweinsledernem Einband; ich habe
Gelehrte brummen hören, und ich habe immer gedacht, eine einzige Blume müsse all
dies beschämen, und ein einziger Maikäfer müsse durch einen Schneller, den er
einem Philosophen an die Nase gibt, sein ganzes System umpurzeln.
    Pax tecum! Wir wollen's einander verzeihen, ich, dass Du einen Herzens- und
Geistesbund mit der Staél geschlossen hast, worüber, der Prophezeiung Deiner
Mutter nach, ganz Deutschland und Frankreich die Augen aufreissen wird, denn es
wird doch nichts draus: - und Du, dass ich so aberwitzig bin, alles besser wissen
und mehr als alle Dir gelten zu wollen, denn das gefällt Dir. - Heute geh ich
noch einmal auf den Rochusberg; ich will sehen, was die Bienen machen im
Beichtstuhl, ich nehme allerlei Pflanzen mit, die in Scherben eingesetzt sind,
und auch einen Rebstock; die grab ich dort oben ein; die Rebe soll am Kreuz
hinaufwachsen; in dessen Schutz ich eine so schöne Nacht verschlafen habe; am
Beichtstuhl pflanz ich Kaiserkronen und Jelängerjelieber, Deiner Mutter zu
Ehren; - vielleicht, wenn mir's ums Herz ist, beicht ich Dir da oben, da ich zum
letztenmal dort sein werde; um doch den Ablass des Primas in Wirkung zu setzen;
aber ich glaube wohl, ich habe nichts Verborgnes mehr in mir; Du siehst in mich
hinein, und ausser dem ist nichts in mir zu finden.
    Den gestrigen Tag wollen wir zum Schluss noch hierher malen, denn er war
schön. Wir gingen mit einem irreführenden Wegweiser durch eine Talschlucht einen
Fluss entlang, den man die Wisper nennt, wahrscheinlich wegen dem Rauschen des
Wassers, das über laute platte Felssteine sich windet und in den Lücken schäumt
und flüstert. Auf beiden Seiten gehen hohe Felsen her, auf denen zerfallene
Burgen stehen, mit alten Eichen umwachsen. Das Tal wird endlich so enge, dass man
genötigt ist, im Fluss zu gehen. Da kann man nicht besser tun, als barfuss und
etwas hochgeschürzt von Stein zu Stein zu springen, bald hüben, bald drüben am
Ufer sich fortelfen. Es wird immer enger und enger hoch über uns; die Felsen
und Berge umklammern sich endlich; die Sonne kann nur noch die Hälfte der Berge
beleuchten; die schwarzen Schlagschatten der übergebogenen Felsstücke
durchschneiden ihre Strahlen; aus der Wisper, die kein ganz unbedeutender Fluss
ist - sie rauscht mit ziemlicher Gewalt - stehen erhöhte Felsplatten wie harte,
kalte Heiligenbetten hervor. Ich legte mich auf eins, um ein wenig auszuruhen;
ich lag mit dem glühenden Gesicht auf dem feuchten Stein; das stürzende Wasser
beregnete mich fein, die Sonnenstrahlen kamen sans rime et raison quer durch die
Felsschichten, um mich und mein Bett zu vergolden; über mir war Finsternis;
meinen Strohhut, den ich schon längst mit Naturmerkwürdigkeiten angefüllt hatte,
liess ich schwimmen, um die Wurzeln der Pflanzen zu tränken; - wie wir
weiterkamen, drängten die Berge sich nesterweise aneinander, die nur dann und
wann von schroffen Felsen geschieden wurden. Ich wär gar zu gern
hinaufgeklettert, um zu sehen, wo man war; es war zu schroff, die Zeit erlaubte
es nicht, dem gescheuten Wegweiser waren alle Sorgen auf dem Gesichte gemalt; er
versicherte jedoch, dass er keine im Herzen hege; es wurde kühl in unserer engen
Schlucht; so kühl war mir's auch innerlich; wir trippelten immer vorwärts.
    Das Ziel unserer Reise war ein Sauerbrunnen hinter Weissenturn, der in einer
wüsten Wildnis liegt. Wir hatten alle Umwege der Wisper gemacht; der kluge
Wegweiser dachte, wenn wir uns von der nicht entfernten, müssten wir endlich das
Ziel erreichen, da die Wisper an dem Brunnen vorüberführt, und so hatte er uns
auf einen Weg geführt, der wohl selten von Menschen betreten wird. Da wir dort
ankamen, erleichterte er seine Brust durch ein Heer von Seufzern. Ich glaub, der
fürchtete sich nicht allein vor dem Teufel, sondern vor Gott und allen Heiligen,
dass sie ihn würden zur Rechenschaft ziehen, weil er uns ins Verderben gestürzt
habe; - kaum waren wir angekommen, so schlug die Kuckucksuhr in der einsamen
Hütte bei dem Brunnen und mahnte an den Rückweg. Es war acht Uhr! Zu essen war
nichts, auch kein Brot, nur Salat mit Salz ohne Essig und Öl. Eine Frau mit zwei
Kindern wohnte da; ich frug, von was sie lebe; sie deutete mir in die Ferne auf
den Backofen, der zwischen vier majestätische Eichen auf einem freien Platz in
voller Glut stand. Ihr kleines Söhnchen schleppte eben ein Reiserbündel hinter
sich heran; sein Hemdchen hatte noch Ärmel, die Hinterwand und den Knopf vom
Kragenbund, mit dem es befestigt war; vorne war es weggerissen; seine
Schwesterpsyche wiegte sich quer über einen Block auf einem langen Backschieber,
auf dem als Gegengewicht die zu backenden Brote lagen; ihr Gewand bestand auch
aus einem Hemd und aus einer Schürze, die sie um den Kopf befestigt hatte, um
die Haare vor dem Verbrennen zu bewahren, wenn sie in den Ofen guckte und die
Reiser anlegte. Wir gaben der Frau ein Geldstück; sie frug wieviel es wär; da
sahen wir, dass es nicht in unserer Macht war, sie zu beschenken, denn sie war
zufrieden und wusste nicht, dass man mehr brauchen könne, als man bedürfe.
    Ich marschierte also wieder links um, ohne auszuruhen, und kam nachts um ein
Uhr zu Hause an; in allem war ich zwölf Stunden unterwegs gewesen und durchaus
nicht ermüdet. Ich stieg in ein Bad, das mir bereitet war, und setzte ein
Flasche Rheinwein an und liess es so lange herunterglucken, bis ich den Boden
sah. Die Zofe schrie und dachte, es könne mir schaden im heissen Bad, allein ich
liess mir nicht wehren; sie musste mich ins Bett tragen; ich schlief sanft, bis
ich am Morgen durch ein wohlbekanntes Krähen und Nachahmen eines ganzen
Hühnerhofs vor meiner Tür geweckt wurde.
    Du schreibst: meine Briefe versetzen Dich in eine bekannte Gegend, in der Du
Dich heimatlich fühlst; versetzen sie Dich denn auch zu mir? - Siehst Du mich in
Gedanken, wie ich mit langem Hakenstock auf die Berge klettere, und siehst Du in
mein Herz, wo Du Dich von Angesicht zu Angesicht erblicken kannst? Diese Gegend
möcht ich Dir doch am alleranschaulichsten machen!
    Noch acht Wochen werd ich wohl in allerlei Gegenden herumstreifen, im
Oktober mit Savigny erst auf ein paar Monate nach München und dann nach Landshut
gehen, wenn es der Himmel nicht anders fügt. -
    Ich bitte Dich, wenn Du Dich meiner mit der Feder erbarmen solltest, um zu
»strafen oder zu lohnen«, so adressiere gleich nach Schlangenbad über Wiesbaden;
ich werde drei Wochen dort bleiben. Schickst Du den Brief an die Mutter, so
wartet sie auf eine Gelegenheit; und ich will lieber einen Brief ohne Datum, als
dass ich am Datum erkennen muss, dass er mir vierzehn Tage vorentalten ist.
    Der Mutter schreib ich alles, was unglaublich ist; obschon sie weiss, was sie
davon zu halten hat, so hat es doch ihren Beifall, und fordert mich auf, ihr
immer noch mehr dergleichen mitzuteilen; sie nennt dies »meiner Phantasie Luft
machen«.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                         Karlsbad, am 21. August
Es ist noch die Frage, liebste Bettine, ob man Dich mehr wunderlich oder
wunderbar nennen kann; besinnen darf man sich auch nicht; man denkt endlich nur
darauf, wie man sich gegen die reissende Flut Deiner Gedanken sicher zu stellen
habe; lass Dir daher genügen, wenn ich nicht ausführlich Deine Klagen, Deine
Forderungen, Fragen und Beschuldigungen beschwichtige, befriedige, beantworte
und ablehne; im ganzen aber Dir herzlich danke, dass Du mich wieder so reichlich
beschenkt hast.
    Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht. Ich habe schon
ein eigenhändiges Schreiben von ihm, worin er mir alles zusichert, was Du so
anmutig von ihm erbettelt hast, und mir andeutet, dass ich Dir alles allein zu
verdanken habe, und mir noch viel Artiges von Dir schreibt, was Du in Deinem
ausführlichen Bericht vergessen zu haben scheinst.
    Wenn wir also Krieg miteinander führen wollten, so hätten wir wohl gleiche
Truppen; Du die berühmte Frau, und ich den liebenswürdigen Fürsten voll Güte
gegen mich und Dich. - Beiden wollen wir die Ehre und den Dank nicht versagen,
die sie so reichlich um uns verdienen, aber beiden wollen wir auch den Zutritt
verweigern, wo sie nicht hingehören, sondern nur störend sein würden, nämlich
zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme
derselben. - Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur
zufälligen Korrespondenz amie nenne, so greife ich damit keineswegs in die
Rechte ein, die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast. Ich
bekenne Dir indessen, dass es mir geht wie dem Primas: Du bist mir ein liebes,
freundliches Kind, das ich nicht verlieren möchte, und durch welches ein grosser
Teil des erspriesslichsten Segens mir zufliesst. Du bist mir ein freundliches
Licht, das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet, und da gebe ich Dir, um
doch zustande zu kommen mit allen Klagen, zum letzten Schluss beikommendes
Rätsel; an dem magst Du Dich zufrieden raten.
                                                                          Goete
 
                                    Charade
Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.
Es tut gar wohl, an schön beschlossnen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen,
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such ich ihnen zu gefallen
Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken;
Ich hoffe still; doch hoff ich's zu erlangen:
Als Namen der Geliebten sie zu lallen,
In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.
Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit, der guten Mutter Verteidigung hier
zu übernehmen; ihr solltest Du nicht verargen, dass sie mein Interesse an dem
Kinde, was noch mit der Puppe spielt, heraushebt, da Du es wirklich noch so
artig kannst, dass Du selbst die Mutter noch dazu verführst, die ein wahres
Ergötzen dran hat, mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen
Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen, der mir in seiner Allongeperücke,
Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plüschsessel noch
gar wohl erinnerlich ist. Er war die Augenweide unserer Kinderjahre, und wir
durften ihn nur mit geheiligten Händen anfassen. Bewahre doch alles sorgfältig,
was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester
Kindheit mitteilt; es kann mir mit der Zeit wichtig werden.
    Dein Kapitel über die Blumen würde wohl schwerlich Eingang finden bei den
Weltweisen wie bei mir; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas
hierdurch geschmälert ist (was ich doch ja nicht zu versäumen bitte im nächsten,
recht bald zu erwartenden Brief), so ist es mir dadurch ersetzt, dass meine
frühsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln, denn
auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmöglicher Zauber.
    Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil; möge er
vor Frost und Schaden bewahrt bleiben! Aus voller Überzeugung stimme ich mit Dir
ein, dass die Liebe nicht süsser gepflegt kann werden als dieser Baum, und keine
zärtliche Pflege reichlicher belohnt, als durch eine solche Blüte.
    Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluss mit der allerliebsten Vignette
der beiden Kinder gibt ein ergötzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen
anmutig abrundenden Schluss.
    Bleib mir nun auch hübsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue;
ich fürchte so, dass die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen
Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrängen werden; ich muss mich darauf
gefasst machen, wie auch auf noch manches andere, was Dir im Köpfchen und Herzen
spuken mag.
    Ein bisschen mehr Ordnung in Deinen Ansichten könnte uns beiden von Nutzen
sein; so hast Du Deine Gedanken, wie köstliche Perlen, nicht alle gleich
geschliffen, auf losem Faden gereiht, der leicht zerreisst, wo sie denn in alle
Ecken rollen können und manche sich verliert. -
    Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl, von dem
Du mir so manches Schöne hast zukommen lassen. Bleibe Dir's fest und sicher, dass
ich gern ergreife, was Du mir reichst, und dass so das Band zwischen uns sich
nicht leicht lösen wird.
                                                                          Goete
                                                                      Rochusberg
Ich hatte mir's vorgenommen, noch einmal hier heraufzugehen, wo ich in Gedanken
so glückliche Stunden mit Dir verlebt habe, und vom Rhein Abschied zu nehmen,
der in alle Empfindungen eingeht und der grösser, feuriger, kühner, lustiger und
überirdischer als alle ist; - ich komme um fünf Uhr nachmittags hier oben an;
finde alles im friedlichen Sonnenlicht, die Bienen angesiedelt, von der
Nordseite geschützt durch die Mauer; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen.
Meine Pflanzen hab ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen, der sie mir
heraufbringen half; die Rebe im Topf, welche schon an sechs Fuss hoch ist und
voll Trauben hängt, hab ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte
gesetzt; den Topf hab ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen, damit
die Erde hübsch an den Wurzeln bleibt; es ist eine Muskatellerart, die sehr
feine Blätter hat; dann hab ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden; die
Trauben hängen grade über den Christusleib; - wenn er schön einwächst und
gedeiht, da werden sich die Menschen wundern, die hier oben herkommen; des
Schäfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geissblatt, das ihn umzieht, und das Kreuz
mit Trauben. Ach, so viele Menschen haben grosse Paläste und prächtige Gärten; -
ich möchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und dass alles so schön
fortwüchse, wie ich's eingepflanzt habe; - vom Berg hab ich mit den Scherben die
Erde losgegraben und an die Rebe gelegt, und zweimal hab ich unten am Rhein den
Krug gefüllt, um ihn zu begiessen; es ist wohl zum letztenmal, dass er Rheinwasser
trinkt. - Jetzt, nach beendigtem Werk, sitz ich hier im Beichtstuhl und schreib
an Dich; die Bienen kommen alle hintereinander heim; sie sind schon ganz
eingewohnt; - könnt ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken, so gefühlig,
so süss summend wie diese Bienen, beladen mit Honig und Blumenstaub, den ich von
allen Feldern zusammentrage, und alles heimbringe zu Dir - nicht wahr? -
                                                                   Am 13. August
»Alles hat seine Zeit!« sprech ich mit dem Weisen, ich habe die Reben ihre
Blätter entfalten sehen; ihre Blüte hat mich betäubt und trunken gemacht; nun
sie Laub haben und Früchte, muss ich Dich verlassen, du stiller, stiller Rhein!
Noch gestern Abend war alles so herrlich; aus der dunklen Mitternacht trat mir
eine grosse Welt entgegen. Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle
Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und
hatte die Wolken alle unter sich getrieben; er warf einen fruchtbaren Schein
über die Weinberge; - ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem
Fenster hinaufwächst, in Arm und nahm Abschied von ihm; keinem Lebendigen hätte
ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt; wär ich bei Dir gewesen, - ich hätte
geschmeichelt, gebeten und geküsst.
                                                        Schlangenbad, 17. August
Nur das sei mir gegönnt! - Und ach, es wird mir nicht leicht, es auszusprechen,
was ich will, wenn mich manchmal der Atem drückt, dass ich laut schreien möchte.
    Es überfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden, wo die Berge
übereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen kühlen Tälern die
Einsamkeit gefangen halten, ein Jauchzen, das wie ein Blitz durch mich fährt. -
Nun ja! - Das sei mir gegönnt: dass ich dann mich an einen Freund schliesse, - er
sei noch so fern, - dass er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und
sich seiner Jugend erinnere. - O wohl mir, dass ich Dich gesehen hab! Jetzt weiss
ich doch, wenn ich suche und kein Platz mir genügt zum Ausruhen, wo ich zu Haus
bin und wem ich angehöre.
    Etwas weisst Du noch nicht, was mir eine liebe Erinnerung ist, obschon sie
seltsam scheint. - Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die Sehnsucht zu
Deiner Mutter trieb, um alles von Dir zu erforschen, - Gott, wie oft hab ich auf
meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen, um meine Ungeduld zu
dämpfen. - Nun: - wenn ich da nach Hause kam, so sank ich oft mitten im Spielen
von Scherz und Witz zusammen; sah mein Bild vor dem Deinen stehen, sah Dich mir
nah kommen, und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gütig, bis
mir die Augen vor freudigem Schmerz übergingen.
    So hab ich Dich durchgefühlt, dass mich das stille Bewusstsein einer
innerlichen Glückseligkeit vielleicht manche stürmische Zeit meines Gemüts über
den Wellen erhalten hat. - Damals weckte mich oft dieses Bewusstsein aus dem
tiefen Schlaf; ich verprasste denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Träumen
und hatte am End, was man nennt, eine unruhige Nacht zugebracht; ich war blass
geworden und mager; ungeduldig, ja selbst hart, wenn eins von den Geschwistern
zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte; dachte oft, dass, wenn ich
Dich jemals selbst sehen sollte, was mir unmöglich schien, so würde ich
vielleicht viele Nächte ganz schlaflos sein. - Da mir nun endlich die Gewissheit
ward, fühlte ich eine Unruhe, die mir beinah unerträglich war. - In Berlin, wo
ich zum erstenmal eine Oper von Gluck hörte (Musik fesselt mich sonst so, dass
ich mich von allem losmachen kann), wenn da die Pauken schlugen, - lache nur
nicht - schlug mein Herz heftig mit; ich fühlte Dich im Triumph einziehen; es
war mir festlich wie dem Volk, das dem geliebten Fürsten entgegenzieht, und ich
dachte: in wenig Tagen wird alles, was Dich so von aussen ergreift, in Dir selber
erwachen! - Aber da ich nun endlich, endlich bei Dir war: - Traum, jetzt noch, -
wunderbarer Traum, - da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen, da schlief
ich ein paar Minuten nach vier bis fünf schlaflosen Nächten zum erstenmal.
    Siehst Du, siehst Du! - Da soll ich mich hüten vor Lieb, und hat mir nie
sonst Ruhe geglückt; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf,
und ich hatte kein ander Begehren; alles andere, woran ich mich angeklammert
hatte und was ich glaubte zu lieben, das war's nicht; - aber soll keiner sich
hüten oder sich um sein Schicksal kümmern, wenn er das Rechte liebt; sein Geist
ist erfüllt, - was nützt das andere! -
                                                                         Den 18.
Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte, würde ich den rechten Weg finden? Da so
viele nebeneinanderher laufen, so denk ich immer, wenn ich an einem Wegweiser
vorübergehe, und bleibe oft stehen und bin traurig, dass er nicht zu Dir führt;
und dann eil ich nach Hause und meine, ich hätte Dir viel zu schreiben! - Ach,
ihr tiefen, tiefen Gedanken, die ihr mit ihm sprechen wollt, - kommt aus meiner
Brust hervor! Aber ich fühl's in allen Adern, ich will Dich nur locken, ich
will, ich muss Dich nur sehen.
    Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich: am
äussersten Ende des dunkeln Himmels sieht man noch das letzte helle Gewand eines
glänzenden Tags langsam abwärts ziehen - so geht mir's bei der Erinnerung an
Dich. Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist, weiss ich doch, wo mein Tag
untergegangen ist.
                                                                         Den 20.
Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfüllt gehabt, dass ich sagen
könnte, sie sei mir unvermerkt verstrichen; ich fühl nicht, wie andere Menschen,
die sich amüsieren, wenn ihnen die Zeit schnell vergeht; im Gegenteil, es ist
mir der Tag verhasst, der mir vergangen ist, ich weiss nicht wie. Von jedem
Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig, freudig oder
schmerzlich, - ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts. Gegen
dies Nichts, das einen beinah überall erstickt!
                                                                         Den 22.
Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht; ganz mit dem glänzenden frischen
Schmelz der lebhaftesten Farben und Begebenheiten, wie sie nur in Romanen gemalt
sind, so ungestört; der Himmel war besäet mit unzähligen Sternen, die wie
blitzende Diamanten durch das dichte Laub der blühenden Linden funkelten; die
Terrassen, welche an dem Berg hinaufgebaut sind, an dessen Fuss die grossen
Badehäuser liegen (die einzigen im engen Tal), haben etwas sehr Festliches und
Ruhiges durch die Regelmässigkeit ihrer Hecken, die auf jeder Terrasse ein
Boskett von Linden und Nussbäumen umgeben; die vielen Quellen und Brunnen, die
man unter sich rauschen hört, machen es nun gar reizend. Alle Fenster waren
erleuchtet, die Häuser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald
des übersteigenden Gebirges hervor. - Die junge Fürstin von Baden sass mit der
Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee; bald hörten wir
Waldhörner aus der Ferne; wir glaubten's kaum, so leise, - gleich antwortete es
in der Nähe; dann schmetterte es über uns im Gipfel; sie schienen sich
gegenseitig zu locken, rückten zusammen, und in milder Entfernung entfalteten
sie die Schwingen, als wollten sie himmelwärts steigen, und immer senkten sie
sich wieder auf die liebe Erde herab; - das Geplauder der Franzosen verstummte,
ein paarmal hörte ich neben mir ausrufen: »Délicieux!« - Ich wendete mich nach
dieser Stimme: ein schöner Mann, edle Gestalt und Gesicht, geistreicher
Ausdruck, nicht mehr jung, bebändert und besternt; - er kam mit mir ins Gespräch
und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich bin nun schon gewohnt, für ein Kind
angesehen zu werden, und war also nicht verwundert, dass mich der Franzose cher
enfant nannte; er nahm meine Hand und fragte, von wem ich den Ring habe? - Ich
sagte: »Von Goete«. »Comment de Goete? - Je le connais«; und nun erzählte er
mir, dass er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe, und
Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten, um ihn als Andenken
in Deiner Münzsammlung zu bewahren; ich sagte: und mir habest Du den Ring zum
Andenken gegeben und mich gebeten, Dich nicht zu vergessen. - »Et cela vous a
remué le coeur?« - »Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons, qui se
font entendre là haut!« Da fragte er: »Et vous n'avez réellement que treize
ans?« - Du wirst wohl wissen, wer er ist, ich habe um seinen Namen nicht
gefragt.
    Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltliche
Gedanken aus dem Kopf; ich schlich mich leise hinauf, so nah als möglich und
liess mir's die Brust durchdröhnen; recht mit Gewalt. - Der Ansatz der Töne war
so weich, sie wurden allmählich so mächtig, dass es unwiderstehliche Wollust war,
sich ihnen hinzugeben. Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken, die
schwerlich bei dem Verstand die Maut passiert hätten; es war, als läg das
Geheimnis der Schöpfung mir auf der Zunge. Der Ton, den ich lebendig in mir
fühlte, gab mir die Empfindung, wie durch die Macht seiner Stimme Gott alles
hervorgerufen, und wie Musik diesen ewigen Willen der Liebe und der Weisheit in
jeder Brust wiederholt. - Und ich war beherrscht von Gefühlen, die von der Musik
getragen, durchdrungen, vermittelt, verändert, vermischt und gehoben wurden; ich
war endlich so in mich versunken, dass selbst die späte Nacht mich nicht vom
Platz brachte. Das Hofgeschwirr und die vielen Lichter, von deren Widerschein
die Bäume in grünen Flammen brannten, sah ich von oben herab verschwinden;
endlich war alles weg; kein Licht brannte mehr in den Häusern; ich war allein in
der kühlen himmlischen Ruhe der Nacht; ich dachte an Dich! Ach, hätten wir doch
beisammen unter jenen Bäumen gesessen und bei dem Rauschen und Plätschern der
Wasser miteinander geschwätzt!
                                                                   Am 24. August
Immer noch hab ich Dir was zu erzählen; den letzten Abend am Rhein ging ich noch
spät ins nächste Dorf mit Begleitung; als ich am Rhein hinschlenderte, sah ich
von ferne etwas Flammendes heranschwimmen; es war ein grosses Schiff mit Fackeln,
die zuweilen das Ufer grell erleuchteten; oft verschwanden die Flammen;
minutenlang war alles dunkel; es gab dem Fluss eine magische Wirkung, die sich
mir tief einprägte als Abschluss von allem, was ich dort erlebt habe.
    Es war Mitternacht, - der Mond stieg trüb auf; das Schiff, dessen Schatten
in dem erleuchteten Rhein wie ein Ungeheuer mitsegelte, warf ein grelles Feuer
auf die waldige Ingelheimer Aue, an der sie hinsteuerten, hinter welcher sich
der Mond so mild bescheiden hervortrug und allmählich sich in die dünne
Nebelwolke wie in einen Schleier entwickelte. - Wenn man der Natur ruhig und mit
Bedacht zusieht, greift sie immer ins Herz. Was hätte Gott meine Sinne inniger
zuwenden können? - Was mich leichter von dem Unbedeutenden, was mich drückt,
lösen können? - Ich schäme mich nicht, Dir zu bekennen, dass Dein Bild dabei
heftig in meiner Seele aufflammte. Wahr ist's: Du strahlst in mich, wie die
Sonne in den Kristall der Traube, und wie diese kochst Du mich immer feuriger,
aber auch klarer aus.
    Ich hörte nun die Leute auf dem Schiff schon deutlich sprechen und zur
Arbeit anrufen; sie ankerten an der Insel, löschten die Fackeln; - nun wurde
alles still bis auf den Hund, der bellte, und die Flaggen, die sich in der
frischen Nachtluft drehten. - Nun ging auch ich nach Haus zum Schlafen, und wenn
Du's erlaubst, so legte ich mich zu Deinen Füssen nieder, und es belohnte mich
der Traum mit Liebkosungen von Dir, wenn's nicht Falschheit war.
    Wer wollte nicht an Erscheinung glauben! Beglückt mich doch die Erinnerung
dieser Träume noch heute! Ja sag: was geht der Wirklichkeit ab? - O ich bin
stolz, dass ich von Dir träume; ein guter Geist dient meiner Seele; er führt Dich
ein, weil meine Seele Dich ruft; ich soll Deine Züge trinken, weil mich nach
ihnen dürstet; ja, es gibt Bitten und Forderungen, die werden erhört.
    Nun wehr Dich immer gegen meine Liebe; was kann Dir's helfen? - Wenn ich nur
Geist genug habe! - Dem Geist stehen die Geister bei.
                                                                         Bettine
                                                                   Am 30. August
Ich öffne das Siegel wieder, um Dir zu sagen, dass ich Deinen Brief vom 10. seit
gestern abend in Händen habe, und habe ihn fleissig studiert. - O Goete, Du
sagst zwar, Du willst keinen Krieg führen, und verlangst Friede, und schlägst
doch mit dem Primas wie mit einer Herkuleskeule drein. Mutz mir doch den Primas
nicht auf! - Wenn ich's ihm sagte, er spränge Decken hoch und verliebte sich in
mich - aber Du bist nicht eifersüchtig. Du bist nur gütig und voll Nachsicht.
    Deine Charade hab ich schlaftrunken ans Herz gelegt, aber geraten hab ich
sie nicht; - wo hätt ich Besinnung hernehmen sollen? - Mag es sein, was es will,
es macht mich selig; ein Kreis liebender Worte, - so unterscheidet man auch
nicht Liebkosungen, man geniesst sie und weiss, dass sie die Blüten der Liebe sind.
- Ach, ich möchte wissen was es ist:
Ich hoffe still; - doch hoff ich's zu erlangen,
Als Namen der Geliebten sie zu lallen.
Was hoffst Du? - sag mir's und wie soll die Geliebte Dir heissen? Welche
Bedeutung hat der Name, dass Du mit Entzücken ihn nur zu lallen vermagst? -
In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.
Wer sind die beide? Wer ist mein Nebenbuhler? In welchem Bild soll ich mich
spiegeln? - und mit wem soll ich in Deinen Armen verschmelzen? - Ach, wie viele
Rätsel in einem verborgen, und wie brennt mir der Kopf; - nein, ich kann es
nicht raten; es will nicht gelingen, mich von Deinem Herzen loszureissen und zu
spekulieren.
Es tut gar wohl, an schön beschlossnen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen.
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.
Das tut Dir wohl, dass ich an Dir verglühe, an schön beschlossnen Tagen, wo ich
den Abend in Deiner Nähe zubringe, und mir auch.
Und kann man uns vereint zusammen nennen,
So drückt man aus mein seligstes Behagen.
Du siehst, Freund, wie Du mich hinüberraten lässt in die Ewigkeit; aber das
irdische Wort, was der Schlüssel zu allem ist, das kann ich nicht finden.
    Aber Deinen Zweck hast Du erlangt, dass ich mich zufrieden raten solle, ich
errate daraus meine Rechte, meine Anerkenntnis, meinen Lohn und die Bekräftigung
unsers Bundes, und werde jeden Tag Deine Liebe neu erraten, verbrenne mich
immer, wenn Du mich zugleich umfangen und spiegeln willst in Deinem Geist und
vereint mit mir gern genennt sein willst.
    Wenn Dir die Mutter schreibt, so macht sie den Bericht allemal zu ihrem
Vorteil, die Geschichte war so. Ein buntes Röckchen, mit Streifen und Blumen
durchwirkt, und ein Flormützchen, mit silbernen Blümchen geschmückt, holte sie
aus dem grossen Tafelschrank und zeigte sie mir als Deinen ersten Anzug, in dem
Du in die Kirche und zu den Paten getragen wurdest. Bei dieser Gelegenheit hörte
ich die genaue Geschichte Deiner Geburt, die ich gleich aufschrieb. Da fand sich
denn auch der kleine Frankfurter Ratsherr mit der Allongeperücke! - Sie war sehr
erfreut über diesen Fund und erzählte mir, dass man sie ihnen geschenkt habe, wie
ihr Vater Syndikus geworden war. Die Schnallen an den Schuhen sind von Gold, wie
auch der Degen und die Perlenquasten am Halsschmuck sind echt; ich hätte den
kleinen Kerl gar zu gern gehabt. Sie meinte, er müsse Deinen Nachkommen
aufbewahrt bleiben, und so kam's, dass wir ein wenig Komödie mit ihm spielten.
Sie erzählte mir dabei viel aus ihrer eignen Jugend, aber nichts von Dir; aber
eine Geschichte, die mir ewig wichtig bleiben wird, und gewiss das Schönste, was
sie zu erzählen vermag.
    Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritzlarer Nonne,
er ist wohl die Geschichte eines jeden feurig liebenden Herzens. Glück ist nicht
immer das, was die Liebe nährt, und ich hab mich schon oft gewundert, dass man
ihm jedes Opfer bringt, und nicht der Liebe selbst, wodurch allein sie blühen
könnte, wie jener Myrtenbaum. Es ist besser, dass man Verzicht auf alles tue,
aber die Myrte, die einmal eingepflanzt ist, die soll man nicht entwurzeln - man
soll sie pflegen bis ans Ende.
    Alles, was Du verlangst, hoff ich Dir noch zu sagen, Du hast recht vermutet,
dass mir die Zerstreuung hier viel rauben würde, aber Dein Wille hat Macht über
mich, und ich hoffe, er soll Feuer aus dem Geist schlagen. Die Herzogin von
Baden ist fort, aber unsre Familie samt anhängenden Freunden ist so gross, dass
wir ganz Schlangenbad übervölkern. Adieu, ich schäme mich meines dicken Briefs,
in dem viel Unsinn stecken mag. Wenn Du nicht frei Porto hättest, ich schickte
ihn nicht ab.
    Von der Mutter hab ich die besten Nachrichten.
                                                                         Bettine
 
                                  Zweiter Teil
                                    An Goete
Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiste
später mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis
Köln; als ich zurückgekommen war, verbrachte ich noch die letzten Tage mit
Deiner Mutter, wo sie freundlicher, leidseliger war als je. Am Tag vor ihrem Tod
war ich bei ihr, küsste ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen. Denn
ich hab Dich in keinem Augenblick vergessen; ich wusste wohl, sie hätte mir gern
Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen.
    Sie ist nun tot, vor welcher ich die Schätze meines Lebens ausbreitete; sie
wusste wie und warum ich Dich liebe, sie wunderte sich nicht darüber. Wenn andre
Menschen klug über mich sein wollten, so liess sie mich gewähren und gab dem
Wesen keinen Namen. Noch enger hätte ich damals Deine Knie umschliessen mögen,
noch fester, tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mögen,
und doch hielt dies mich ab vom Schreiben. Später warst Du so umringt, dass ich
wohl schwerlich hätte durchdringen können.
    Jetzt ist ein Jahr vorbei, dass ich Dich gesehen habe, Du sollst schöner
geworden sein, Karlsbad soll Dich erfrischt haben. Mir geht's recht hinderlich,
ich muss die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen, an
dem ich mir eine Flamme anblasen könnte. Doch soll es nicht lange mehr währen,
bis ich Dich wiederseh; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen
Armen festalten.
    Diese ganze Zeit hab ich mit Jacobi beinah alle Abende zugebracht, ich
schätze es immer als ein Glück, dass ich ihn sehen und sprechen konnte; aber dazu
bin ich nicht gekommen, - aufrichtig gegen ihn zu sein, und die Liebe, die man
seinem Wohlwollen schuldig ist, ihm zu bezeigen. Seine beiden Schwestern
verpallisadieren ihn, es ist empfindlich, durch leere Einwendungen von ihm
abgehalten zu werden. Er ist duldend bis zur Schwäche und hat gar keinen Willen
gegen ein paar Wesen, die Eigensinn und Herrschsucht haben, wie die Semiramis.
Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Präsidentenstelle an der
Akademie, sie wecken ihn, sie bekleiden ihn, knöpfen ihm die Unterweste zu, sie
reichen ihm Medizin, will er ausgehn, so ist's zu rauh, will er zu Hause
bleiben, so muss er sich Bewegung machen. Geht er auf die Akademie, so wird der
Nimbus geschneutzt, damit er recht hell leuchte: da ziehen sie ihm ein Hemd von
Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prächtigem
Zobel gefüttert, der Wärmkorb wird vorangetragen, kommt er aus der Sitzung
zurück, so muss er ein bisschen schlafen, nicht ob er will; so geht's bis zum
Abend in fortwährendem Widerspruch, wo sie ihm die Nachtmütze über die Ohren
ziehen und ihn zu Bette führen.
    Der Geist, auch unwillkürlich, bahnt sich eine Freistätte, in der ihn nichts
hindert zu walten nach seinem Recht, was diesem nicht Eintrag tut, wird er gern
der Willkür andrer überlassen. Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen, dass
Deine Würde aus Deinem Geist fliesse, und dass Du einer andern nie nachgestrebt
habest; die Mutter sagte, Du seist dem Genius treu, der Dich ins Paradies der
Weisheit führt, Du geniessest alle Früchte, die er Dir anbietet, daher blühen Dir
immer wieder neue, schon während Du die ersten verzehrst. Lotte und Lene aber
verbieten dem Jacobi das Denken als schädlich, und er hat mehr Zutrauen zu ihnen
als zu seinem Genius, wenn der ihm einen Apfel schenkt, so fragt er jene erst,
ob der Wurm nicht drin ist.
    Es braucht keinen grossen Witz, und ich fühle es in mir selber gegründet: im
Geist liegt der unauslöschliche Trieb, das Überirdische zu denken, so wie das
Ziel einer Reise hat er den höchsten Gedanken als Ziel; er schreitet forschend
durch die irdische Welt der himmlischen zu, alles was dieser entspricht, das
reisst der Geist an sich und geniesst es mit Entzücken, drum glaub ich auch, dass
die Liebe der Flug zum Himmel ist.
    Ich wünsch es Dir, Goete, und ich glaub es auch fest, dass all Dein
Forschen, Deine Erkenntnis, das, was die Muse Dir lehrt, und endlich auch Deine
Liebe vereint Deinem Geist einen verklärten Leib bilden, und dass der dem
irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde, wenn er ihn ablegt, sondern
schon in jenen geistigen Leib übergeströmt. Sterben musst Du nicht, sterben muss
nur der, dessen Geist den Ausweg nicht findet. Denken beflügelt den Geist, der
beflügelte Geist stirbt nicht, er findet nicht zurück in den Tod. -
    Mit der Mutter konnte ich über alles sprechen, sie begriff meine Denkweise,
sie sagte: »Erkenne erst alle Sterne und das letzte, dann erst kannst Du
zweifeln, bis dahin ist alles möglich.«
    Ich habe von der Mutter viel gehört, was ich nicht vergessen werde, die Art,
wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab ich aufgeschrieben für Dich. Die Leute
sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht mehr abzuändern ist, gerne
ab, wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne
sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie
gewaltig das Poetische in ihr.
    Heute sag ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, dass dieser Brief bald an
Dich gelange; schreib mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf. In diesem
Augenblick ist mein Aufentalt in Landshut; in wenig Tagen gehe ich nach
München, um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren.
    Manches möchte man lieber mit Gebärden und Mienen sagen, ach besonders Dir
hab ich nichts Höheres zu verkünden, als bloss Dich anzulächeln.
    Leb wohl, bleib mir geneigt, schreib mir wieder, dass Du mich lieb hast, was
ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Tron seliger Erinnerung. Die Menschen
trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, nämlich glücklich zu
sein, wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein
treuer Bewahrer sein willst.
    Ich bitte die Frau zu grüssen, sobald ich nach München komme, werde ich ihrer
gedenken.
    Landshut, den 18. Dezember 1808
    Dir innigst angelobt
                                         Bettine Brentano, bei Baron von Savigny
 
                               An Frau von Goete
Gerne hätte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum
Weihnachten zu rechter Zeit gesendet; allein ich muss gestehen, dass Misslaune und
tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen
Verkehr abhielten. Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter
bestimmt. Ich dachte, Sie sollten diese während der Trauer tragen, und immer
verschob ich die Sendung, zum Teil weil es mir wirklich unerträglich war, auch
nur mit der Feder den Verlust zu berühren, der für mich ganz Frankfurt zu einer
Wüste gemacht hat. - Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt
und hier in den müssigen Stunden vollendet.
    Bleiben Sie mir freundlich, erinnern Goete in den guten Stunden an mich,
ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde, die mich mehr
schmückt und ergötzt als die köstlichsten Edelsteine. Sie sehen also, welchen
Reichtum Sie mir spenden können, indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und
Verehrung versichern. Auch für ihn hab ich etwas, es ist mir aber so lieb, dass
ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze. Ich mache mir Hoffnung, ihn in
der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen
kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine
Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gütiger
Nachsicht.
    München, 8. Januar 1809
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
Andre Menschen waren glücklicher als ich, die das Jahr nicht beschliessen
durften, ohne Dich gesehen zu haben. Man hat mir geschrieben, wie liebreich Du
die Freunde bewillkommnest. -
    Seit mehreren Wochen bin ich in München, treib Musik und singe viel bei dem
Kapellmeister Winter, der ein wunderlicher Kauz ist, aber grade für mich passt;
denn er sagt: »Sängerinnen müssen Launen haben«, und so darf ich alle an ihm
auslassen; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu, er leidet
an Gicht, eine Krankheit, die allen bösen Launen und Melancholie Audienz gibt;
ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus; ein
Krankenzimmer ist an und für sich schon durch die grosse Ruhe ein anziehender
Aufentalt, ein Kranker, der mit gelassnem Mut seine Schmerzen bekämpft, macht es
zum Heiligtum. Du bist ein grosser Dichter, der Tieck ist ein grosser Dulder, und
für mich ein Phänomen, da ich vorher nicht gewusst habe, dass es solche Leiden
gibt; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen, sein Gesicht trieft von
Angstschweiss, und sein Blick irrt über der Schmerzensflut oft umher wie eine
müde geängstigte Schwalbe, die vergeblich einen Ort sucht, wo sie ausruhen kann,
und ich steh vor ihm verwundert und beschämt, dass ich so gesund bin; dabei
dichtet er noch Frühlingslieder und freut sich über einen Strauss
Schneeglöckchen, die ich ihm bringe, sooft ich komme, fordert er zuerst, dass ich
dem Strauss frisch Wasser gebe, dann wische ich ihm den Schweiss vom Gesicht ganz
gelinde, man kann es kaum, ohne ihm weh zu tun, und so leiste ich ihm allerlei
kleine Dienste, die ihm die Zeit vertreiben, Englisch will er mich auch lehren,
allen Zorn und Krankheitsunmut lässt er denn an mir aus, dass ich so dumm bin, so
absurd frage und nie die Antwort verstehe, auch ich bin verwundert; denn ich hab
mit den Leuten geglaubt, ich sei sehr klug, wo nicht gar ein Genie, und nun
stosse ich auf solche Untiefen, wo gar kein Grund zu erfassen ist, nämlich der
Lerngrund, und ich muss erstaunt bekennen, dass ich in meinem Leben nichts gelernt
habe.
    Eh ich von Dir wusste, wusst ich auch nichts von mir, nachher waren Sinne und
Gefühl auf Dich gerichtet, und nun die Rose blüht, glüht und duftet, so kann
sie's doch nicht von sich geben, was sie in geheim erfahren hat. Du bist, der
mir's angetan hat, dass ich mit Schimpf und Schand bestehe vor den Philistern,
die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schätzenswert finden. Das
Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht.
    Klavier spielen, Arien singen, fremde Sprachen sprechen, Geschichte und
Naturwissenschaft, das macht den liebenswerten Charakter, ach und ich hab immer
hinter allem diesem erst nach dem gesucht, was ich lieben möchte; gestern kam
Gesellschaft zu Tieck, ich schlich mich unbemerkt hinter einen Schirm, ich wär
auch gewiss da eingeschlafen, wenn nicht mein Name wär ausgesprochen worden, da
hat man mich gemalt, so dass ich mich vor mir selber fürchten müsste; ich kam auch
plötzlich hervor und sagte: »Nein, ich bin zu abscheulich, ich mag nicht mehr
allein bei mir sein.« Dies erregte eine kleine Konsternation, und mir machte es
viel Spass. - So ging mir's auch bei Jacobi, wo Lotte und Lene nicht bemerkt
hatten, dass ich hinter dem grossen runden Tisch sass, ich rief hervor mitten in
ihre Epistel hinein: »Ich will mich bessern.« Ich weiss gar nicht, warum mein
Herz immer jauchzt vor Lust, wenn ich mich verunglimpfen höre, und warum ich
schon im voraus lachen muss, wenn einer mich tadelt: sie mögen mir aufbürden die
allerverkehrtesten Dinge, ich muss alles mit Vergnügen anhören und gelten lassen.
Es ist mein Glück; wollte ich mich dagegen verteidigen, ich käm in des Teufels
Küche; wollte ich mit ihnen streiten, ich würde dummer wie sie. Doch diese
letzte Geschichte hat mir Glück gebracht. Sailer war da, dem gefiel's, dass ich
Lenen dafür beim Kopf kriegte und ihr auf ihr böses Maul einen herzlichen
Schmatz gab, um es zu stopfen. Nachdem Sailer weg war, sagte Jacobi: »Nun, die
Bettine hat dem Sailer das Herz gewonnen.« »Wer ist der Mann?« fragte ich. »Wie!
Sie kennen Sailer nicht, haben ihn nie nennen hören, den allgemein gefeierten
geliebten, den Philosophen Gottes, so gut wie Plato der göttliche Philosoph
ist?« - Diese Worte haben mir von Jacobi gefallen, ich freue mich unendlich auf
den Sailer, er ist Professor in Landshut. Während dem Karneval ist hier ein
Strom von Festen, die einen wahren Strudel bilden, so greifen sie ineinander; es
werden wöchentlich neue Opern gegeben, die meinen alten Winter sehr im Atem
erhalten, ich hör manches mit grossem Anteil, wollt ich ihm sagen, was ich
dadurch lerne, er würde es nicht begreifen. Am Rhein haben wir über Musik
geschrieben, ich weiss nicht mehr was; ich hab Dir noch mehr zu sagen, Neues, für
mich Erstaunungswürdiges, kaum zu fassen für meinen schwachen Geist, und doch
erfahre ich's nur durch mich selbst. Soll ich da nicht glauben, dass ich einen
Dämon habe, der mich belehrt, ja es kommt alles auf die Frage an, je tiefer Du
fragst, je gewaltiger ist die Antwort, der Genius bleibt keine schuldig; aber
wir scheuen uns, zu fragen, und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu
begreifen, denn das kostet Mühe und Schmerzen; anders können wir nichts lernen,
wo sollten wir's herhaben, wer Gott fragt, dem antwortet er das Göttliche.
    Auf den Festen, die man hier Akademien nennt - Maskenbälle, in der Mitte ein
kleines Teater, worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin
Pierrot und Pantalon - hab ich den Kronprinzen kennengelernt; ich habe eine
Weile mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, wer er sei, er hat etwas zusprechendes
Freundliches und wohl auch originell Geistreiches; sein ganzes Wesen scheint
zwar mehr nach Freiheit zu ringen, als mit ihr geboren zu sein; seine Stimme,
seine Sprache und Gebärden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch, der sich
mit grossem Aufwand von Kräften an glatten Felswänden hinaufhalf, eine zitternde
Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat. Und wer weiss, wie seine
Kinderjahre, seine Neigungen bedrängt oder durch Widerspruch gereizt wurden, ich
seh ihm an, dass er schon manches überwinden musste, und auch, dass sich Grosses aus
ihm entwickeln kann; ich bin ihm gut, ein so junger Herrscher in der Vorhölle,
wo er leiden muss, dass sich jede Zunge über ihn erbarmt; seine gute Münchner, wie
er sie nennt, sind ihm nicht grün; ja wartet nur, bis er mündig ist, entweder er
beschämt euch alle, oder er wird's euch garstig eintränken.
 
                                                                   Am 31. Januar
Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht widerstehen, der warme mailiche
Sonnenstrahl, der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war
überraschend, es hat mich hinausgetrieben in den kahlen, englischen Garten, ich
bin auf alle Freundschaftstempel, chinesische Türme und Vaterlandsmonumente
geklettert, um die Tiroler Bergkette zu erblicken, die tausendfach ihre
gespaltnen Häupter gen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannst Du solche grosse
Bergmassen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind, kalt und kahl ihre
hartnäckige Zacken in die Wolken strecken. Bei der Hand möcht ich Dich nehmen
und weit wegführen, dass Du Dich besinnen solltest über mich, dass ich Dir in
Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwürdiges, dem Du nachspürtest, wie zum
Beispiel einem Intermaxilarknochen, über den Du Dein Recht in so eifriger
Korrespondenz gegen Soemering behauptest, sag mir aufrichtig, werde ich Dir nie
so wichtig sein als ein solcher toter Knochen? - Dass Gott alles wohlgefügt habe,
wer kann das bezweifeln! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschränkt
habest, dagegen erheben sich bei mir zu manchen trüben Stunden Zweifel, von
schweren Seufzern begleitet. Am Rhein hab ich Dir viel und liebend geschrieben,
ja ich war ganz in Deiner Gewalt, und was ich dachte und fühlte, war, weil ich
im Geiste Dich ansah, nun haben wir eine Pause gemacht beinah vier Monate, Du
hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe.
    Es liegt mir an allem nichts, aber daran liegt mir, dass ich um Dich nicht
betrogen werde; dass mir kein Wort, kein Blick von Dir gestohlen werde, ich hab
Dich so lieb, das ist alles, mehr wird nicht in mich gehen, und anders wird man
nichts an mir erkennen, und ich denke auch, das ist genug, um mein ganzes Leben
den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen; darum vergeht mir manche
Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter, darum blüht's wieder und drängt
von allen Seiten wieder ins Leben. - Darum hüt ich oft meine Gedanken vor Dir.
Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anrühren. Nein, ich konnte keine
Zeile lesen, es war mir zu traurig, dass ich nicht bei Dir sein kann. Ach, die
Mutter fehlt mir, die mich beschwichtigte, die mich hart machte gegen mich
selber, ihr klares feuriges Auge sah mich durch und durch, ich brauchte ihr
nicht zu gestehen, sie wusste alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leisesten Klang
meiner Stimme, wie es um mich stehe; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu
meiner Empfindung erzählt, ohne dass ich sie ihr wörtlich mitteilte, wie oft hat
ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt, welche freundliche
Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben; »Tapfer!« - rief sie mir zu; »sei
tapfer, da sie dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten lassen, und
sagen, man könne sich nicht in dich verlieben, so bist du die eine Plage los,
sie höflich abzuweisen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr dich dagegen, dass
du meinst, du müsstest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten, wehr dich
gegen deine eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst dein und kein
Mensch kann dir ihn rauben.«
    Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahrhaftig ich fand Dich in
ihr wieder, wenn ich nach Frankfurt kam, so flog ich zu ihr hin; wenn ich die
Tür aufmachte, wir grüssten uns nicht, es war als ob wir schon mitten im Gespräch
seien. Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und
überall, manchmal küsste sie mich und sprach davon, dass ich in meinem Wesen sie
an Dich erinnere, sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein müssen. Sie baute auf
mein Herz. Man konnte ihr nicht weismachen, dass ich falsch gegen sie sei, sie
sagte: »Der ist falsch, der mir meine Lust an ihr verderben will«; ich war stolz
auf ihre Liebe.
    Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärst! Ach, ich würde keine Hand mehr
regen. Ach, es regen sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus. Wenn
ich nur manchmal bei Dir sitzen könnte eine halbe Stunde lang; - da wird
vielleicht auch nichts draus; mein Freund!! -
                                                                   Am 3. Februar
In den wenig Wochen, die ich in Landshut zubrachte, hab ich trotz Schnee und Eis
nah und ferne Berge bestiegen, da lag mir das ganze Land im blendendsten Gewand
vor Augen; alle Farben vom Winter getötet und vom Schnee begraben, nur mir
rötete die Kälte die Wangen; - wie ein einsames Feuer in der Wüste, so brennt
der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt, während die ganze Welt schläft.
Ich hatte so kurz vorher den Sommer verlassen, so reich beladen mit Frucht. - Wo
war's doch, wo ich den letzten Berg am Rhein bestieg? - In Godesberg; warst Du
da auch oft? - Es war bald Abend, da wir oben waren; Du wirst Dich noch
erinnern, es steht oben ein einziger hoher Turm, und rund auf der Fläche stehen
noch die alten Mauern. Die Sonne in grosser Pracht senkte einen glühenden Purpur
über die Stadt der Heiligen; der Kölner Dom, an dessen dornigen Zierraten die
Nebel wie eine vorüberstreifende Schafherde ihre Flocken hängen liessen, in denen
Schein und Widerschein so fein spielten, da sah ich ihn zum letztenmal; alles
war zerflossen in dem ungeheuren Brand, und der kühle ruhige Rhein, den man
viele Stunden weit sieht, und die Siebenberge hoch über den Ufergegenden.
    Im Sommer, in dem leidenschaftlichen Leben und Weben aller Farben, wo die
Natur die Sinne als den rührendsten Zauber ihrer Schönheit festält; wo der
Mensch durch das Mitempfinden selbst schön wird: da ist er sich selbst auch oft
wie ein Traum, der vor dem Begriff wie Duft verfliegt. - Das Lebensfeuer in ihm
verzehrt alles; den Gedanken im Gedanken, und bildet sich wieder in allem. Was
das Aug erreichen kann, gewinnt er nur, um sich wieder ganz dafür hinzugeben;
und so fühlt man sich frei und keck in den höchsten Felsspitzen, in dem kühnsten
Wassersturz, ja mit dem Vogel in der Luft, mit dem man in die Ferne zieht, und
höher mit ihm steigt, um früher den Ort der Sehnsucht zu erblicken. Im Winter
ist's anders, da ruhen die Sinne mit der Natur, nur die Gedanken graben, wie die
Arbeiter im Bergwerk, heimlich in der Seele fort. - Darauf hoffe und baue auch
ich, lieber Goete, jetzt, wo ich empfinde, wie öde und mangelhaft es in mir
ist: dass die Zeit kommen werde, wo ich Dir mehr sagen und Dich mehr fragen kann.
Einmal wird mir doch einleuchten, was ich zu wissen fordere. Das deucht mir der
einzige Umgang mit Gott, nämlich die Frage um das Überirdische; und das scheint
mir die einzige Grösse des Menschen, diese Antwort zu empfinden, zu geniessen.
Gewiss ist die Liebe auch eine Frage an Gott, und der Genuss in ihr ist eine
Antwort von dem liebenden Gott selbst.
                                                                      4. Februar
Hier im Schloss, welches man die Residenz heisst und siebzehn Höfe hat, ist in
einem der Nebengebäude ein kleiner einsamer Hof, in der Mitte desselben steht
ein Springbrunnen: Perseus, der die Medusa entauptet, in Erz von einem
Rasenplatz umgeben; ein Gang von Granitsäulen führt dahin; Meerweibchen, von Ton
und Muscheln gemacht, halten grosse Becken, in die sie ehemals Wasser spien,
Mohrenköpfe schauen aus der Mauer, die Decke und Seiten sind mit Gemälden
geziert, die freilich schon zum Teil heruntergefallen sind, unter andern Apoll,
der auf seinem Sonnenwagen sich über die Wolken bäumt und seine Schwester Luna
im Herunterfahren begrüsst; der Ort ist sehr einsamlich, selten dass ein
Hofbedienter quer durchläuft, die Spatzen hört man schreien, und den kleinen
Eidechsen und Wassermäuschen seh ich da oft zu, die im verfallnen Springbrunnen
kampieren, es ist dicht hinter der Hofkapelle; manchmal höre ich am Sonntag da
auch das hohe Amt oder die Vesper mit grossem Orchester; Du musst doch auch
wissen, wo Dein Kind ist, wenn's recht treu und fleissig an Dich denkt. Adieu,
leb recht wohl, ich glaub gewiss, dass ich dieses Jahr zu Dir komme und vielleicht
bald, denk an mich, wenn Du Zeit hast, so schreib mir, nur dass ich Dich so fort
lieben darf, mehrere von meinen Briefen müssen verlorengegangen sein, denn ich
hab vom Rhein aus noch mehrmals an Dich geschrieben.
    Die Frau bitte ich herzlich zu grüssen, ich weiss nicht, ob eine kleine
Schachtel, die ich ihr unter Deiner Adresse schickte, verlorengegangen ist.
    München, 5. Februar
                                                                         Bettine
Meine Adresse ist Landshut bei Savigny.
 
                               Verehrte Freundin!
Empfangen Sie meinen Dank für die schönen Geschenke, welche ich von Ihnen
erhalten habe, es hat mich ausserordentlich gefreut, weil ich daraus ersah, dass
Sie mir Ihr Wohlwollen fortdauernd erhalten, um das ich noch nicht Gelegenheit
hatte, mich verdient zu machen.
    Ich war nun acht Wochen in Frankfurt, die Ihrigen alle haben mir viel Gutes
erzeugt, ich weiss wohl, dass ich dies alles der grossen Liebe und Achtung, die man
hier für die verstorbene Mutter hegte, zu danken habe; doch hab ich Ihre
Gegenwart sehr vermisst, Sie haben die Mutter sehr geliebt, und ich hatte auch
verschiedene Aufträge vom Geheimen Rat an Sie, von denen er glaubte, dass Sie
dieselben gerne übernehmen würden; ich habe nun alles so gut wie möglich selbst
besorgt in diesen traurigen Tagen. Alles, was ich von Ihrer Hand unter den
Papieren der Mutter fand, hab ich gewissenhaft an die Ihrigen abgegeben; ich
fand es sehr wohlgeordnet mit gelben Band zugebunden und von der Mutter an Sie
überschrieben.
    Sie machen uns Hoffnung auf einen baldigen Besuch, der Geheime Rat und ich
sehen diesen schönen Tagen mit Freuden entgegen, nur wünschen wir, dass es bald
geschehe, da der Geheime Rat wahrscheinlich in der Mitte des Monat Mai wieder
nach Karlsbad gehen wird.
    Er befindet sich diesen Winter ausserordentlich wohl, welches er doch den
heilsamen Quellen zu danken hat. Bei meiner Zurückkunft kam er mir ordentlich
jünger vor, und gestern, weil grosse Cour an unserm Hof war, sah ich ihn zum
erstenmal mit seinen Orden und Bändern geschmückt, er sah ganz herrlich und
stattlich aus, ich konnte ihn gar nicht genug bewundern, mein erster Wunsch war,
wenn ihn doch die gute Mutter noch so gesehen hätte; er lachte über meine grosse
Freude, wir sprachen viel von Ihnen, er trug mir auf, auch in seinem Namen zu
danken für alles Gütige und Freundliche, was Sie mir erzeugen, er hat sich
vorgenommen, selbst zu schreiben und meine schlechte Feder zu entschuldigen, mit
der ich nicht nach Wunsch ausdrücken kann, wie wert mir Ihr Andenken ist, dem
ich mich herzlich empfehle.
    Weimar, am 1. Februar 1809
                                                                     C.v. Goete
 
                                   An Bettine
Du bist sehr liebenswürdig, gute Bettine, dass Du dem schweigenden Freunde immer
einmal wieder ein lebendiges Wort zusprichst, ihm von Deinen Zuständen und von
den Lokalitäten, in denen Du umherwandelst, einige Nachricht gibst; ich vernehme
sehr gern, wie Dir zumute ist, und meine Einbildungskraft folgt Dir mit
Vergnügen sowohl auf die Bergeshöhen als in die engen Schloss- und Klosterhöfe.
Gedenke meiner auch bei den Eidechsen und Salamandern.
    Eine Danksagung meiner Frau wird bei Dir schon eingelaufen sein, Deine
unerwartete Sendung hat unglaubliche Freude gemacht, alles ist einzeln bewundert
und hochgeschätzt worden. Nun muss ich Dir auch schnell für die mehreren Briefe
danken, die Du mir geschrieben hast, und die mich in meiner Karlsbader
Einsamkeit angenehm überraschten, unterhielten und teilweise wiederholt
beschäftigten, so waren mir besonders Deine Explosionen über Musik interessant,
so nenne ich diese gesteigerten Anschauungen Deines Köpfchens, die zugleich den
Vorzug haben, auch den Reiz dafür zu steigern.
    Damals schickte ich ein Blättchen an Dich meiner Mutter, ich weiss nicht, ob
Du es erhalten hast. Diese Gute ist nun von uns gegangen, und ich begreife wohl,
wie Frankfurt Dir dadurch verödet ist. - Alles, was Du mitteilen willst über
Herz und Sinn der Mutter und über die Liebe, mit der Du es aufzunehmen
verstehst, ist mir erfreulich. Es ist das Seltenste und daher wohl auch das
Köstlichste zu nennen, wenn eine so gegenseitige Auffassung und Hingebung immer
die rechte Wirkung tut; immer etwas bildet, was dem nächsten Schritt im Leben
zugut kommt, wie denn durch eine glückliche Übereinstimmung des Augenblicks
gewiss am lebendigsten auf die Zukunft gewirkt ist, und so glaub ich Dir gern,
wenn Du mir sagst, welche reiche Lebensquelle Dir in diesem Deinen Eigenheiten
sich so willig hingebenden Leben versiegt ist; auch mir war sie dies, in ihrem
Überleben aller anderen Zeugen meiner Jugendjahre bewies sie, dass ihre Natur
keiner andern Richtung bedurfte als zu pflegen und zu lieben, was Geschick und
Neigung ihr anvertraut hatten; ich habe in der Zeit nach ihrem Tode viele ihrer
Briefe durchlesen und bewundert, wie ihr Geist bis zur spätesten Epoche sein
Gepräge nicht verloren. Ihr letzter Brief war ganz erfüllt von dem Guten, was
sich zwischen Euch gefunden, und dass ihre späten Jahre, wie sie selbst schreibt,
von Deiner Jugend so grün umwachsen seien; auch in diesem Sinn also wie in allem
andern, was Dein lebendiges Herz mir schon gewährt hat, bin ich Dir Dank
schuldig.
    Wilhelm Humboldt hat uns viel von Dir erzählt. Viel, das heisst oft. Er fing
immer wieder von Deiner kleinen Person zu reden an, ohne dass er so was recht
Eigentliches zu sagen gehabt, woraus wir denn auf ein eignes Interesse schliessen
konnten. Neulich war ein schlanker Architekt von Kassel hier, auf den Du auch
magst Eindruck gemacht haben.
    Dergleichen Sünden magst Du denn mancherlei auf Dir haben, deswegen Du
verurteilt bist. Gichtbrüchige und Lahme zu warten und zu pflegen.
    Ich hoffe jedoch, das soll nur eine vorübergehende Büssung werden, damit Du
Dich des Lebens desto besser und lebhafter mit den Gesunden freuen mögest.
    Bring nun mit Deiner reichen Liebe alles wieder ins Geleis einer mir so lieb
gewordenen Gewohnheit, lasse die Zeit nicht wieder in solchen Lücken
verstreichen, lasse von Dir vernehmen, es tut immer seine gute und freundliche
Wirkung, wenn auch der Gegenhall nicht bis zu Dir hinüberdringt; so verzichte
ich doch nicht darauf, Dir Beweise ihres Eindruckes zu liefern, an denen Du
selbst ermessen magst, ob die Wirkung auf meine Einbildungskraft den
Zaubermitteln der Deinigen entspricht. Meine Frau, hör ich, hat Dich eingeladen,
das tue ich nicht, und wir haben wohl beide recht. Lebe wohl, grüsse freundlich
die Freundlichen und bleib mir Bettine. Weimar, den 22. Februar 1809
                                                                              G.
 
                                   An Goete
Wenn Deine Einbildungskraft geschmeidig genug ist, mich in alle Schlupfwinkel
von verfallenem Gemäuer, über Berg und Klüfte zu begleiten, so will ich's auch
noch wagen, Dich bei mir einzuführen; ich bitte also: komm, - nur immer höher, -
drei Stiegen hoch - hier in mein Zimmer, setz Dich auf den blauen Sessel am
grünen Tisch, mir gegenüber; - ich will Dich nur ansehen, und - Goete! - folgt
mir Deine Einbildungskraft immer noch? - Dann musst Du die unwandelbarste Liebe
in meinen Augen erkennen, musst jetzt liebreich mich in Deine Arme ziehen; sagen:
»So ein treues Kind ist mir beschert, zum Lohn, zum Ersatz für manches. Es ist
mir wert dies Kind, ein Schatz ist mir's, ein Kleinod, das ich nicht verlieren
will.« - Siehst Du? - Und musst mich küssen; denn das ist, was meine
Einbildungskraft der Deinigen beschert.
    Ich führ Dich noch weiter; - tritt sachte auf in meines Herzens Kammer; -
hier sind wir in der Vorhalle; - grosse Stille! - Kein Humboldt, - kein
Architekt, - kein Hund, der bellt. - Du bist nicht fremd; - geh hin, poch an -
es wird allein sein und »herein!« - Dir rufen. Du wirst's auf kühlem, stillem
Lager finden, ein freundlich Licht wird Dir entgegenleuchten, alles wird in Ruh
und Ordnung sein, und Du willkommen. - - Was ist das? - Himmel! - Die Flammen
über ihm zusammenschlagend! - Woher die Feuersbrunst? - Wer rettet hier? - Armes
Herz! - Armes notgedrungenes Herz. - Was kann der Verstand hier? - Der weiss
alles besser und kann doch nichts helfen, der lässt die Arme sinken.
    Kalt und unbedeutend geht das Leben entweder so fort, das nennt man einen
gesunden Zustand; oder wenn es wagt auch nur den einzigen Schritt tiefer ins
Gefühl, dann greifen Leidenschaften brennend mit Gewalt es an, so verzehrt
sich's in sich selber. - Die Augen muss ich zumachen und darf nichts ansehen, was
mir lieb ist. Ach! Die kleinste Erinnerung macht mich ergrimmen in sehnendem
Zorn, und drum darf ich auch nicht immer in Gedanken Dir nachgehen, weil ich
zornig werde und wild. - Wenn ich die Hände ausstrecke, so ist's doch nur nach
den leeren Wänden, wenn ich spreche, so ist's doch nur in den Wind, und wenn ich
endlich Dir schreibe, so empört sich mein eigen Herz, dass ich nicht die leichte
Brücke von dreimal Tag und Nacht überfliege und mich in süssester, der Liebe ewig
ersehnter Ruhe zu Deinen Füssen lege.
    Sag, wie bist Du so mild, so reichlich gütig in Deinem lieben Brief; mitten
in dem hartgefrornen Winter sonnige Tage, die mir das Blut warm machen; - was
will ich mehr? - Ach, so lang ich nicht bei Dir bin, kein Segen.
    Ach, ich möchte, sooft ich Dir wieder schreibe, auch wieder Dir sagen: wie
und warum und alles; ich möchte Dich hier auf den einzigen Weg leiten, den ich
einzig will, damit es einzig sei und ich nur einzig sei, die so Dich liebt und
so von Dir erkannt wird.
    Ob Liebe die grösste Leidenschaft sei und ob zu überwinden, versteh ich
nicht, bei mir ist sie Willen, mächtiger, unüberwindlicher.
    Der Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Willen ist nur, dass
jener nicht nachgibt und ewig dasselbe will; unser Wille über jeden Augenblick
fragt: »Darf oder soll ich?« - Der Unterschied ist, dass der göttliche Wille
alles verewigt und der menschliche am irdischen scheitert; das ist aber das
grosse Geheimnis, dass die Liebe himmlischer Wille ist, Allmacht, der nichts
versagt ist.
    Ach, Menschenwitz hat keinen Klang, aber himmlischer Witz, der ist Musik,
lustige Energie, dem ist das Irdische zum Spott; er ist das glänzende Gefieder,
mit dem die Seele sich aufschwingt, hoch über die Ansiedelungen irdischer
Vorurteile, von da oben herab ist ihr alles Geschick gleich. Wir sagen, das
Schicksal walte über uns? - Wir sind unser eigen Schicksal, wir zerreissen die
Fäden, die uns dem Glück verbinden, und knüpfen jene an, die uns unselige Last
aufs Herz legen; eine innere geistige Gestalt will sich durch die äussere
weltliche bilden, dieser innere Geist regiert selbst sein eigen Schicksal, wie
es zu seiner höheren Organisation erforderlich ist.
    Du musst mir's nicht verargen, wenn ich's nicht deutlicher machen kann, Du
weisst alles und verstehst mich und weisst, dass ich recht habe, und freust Dich
drüber.
    Gute Nacht! - Bis morgen gute Nacht, - alles ist still, schläft ein jeder im
Haus, hängt träumend dem nach, was er wachend begehrt, ich aber bin allein wach
mit Dir. Draussen auf der Strasse kein Laut mehr - ich möchte wohl versichert
sein, dass in diesem Augenblick keine Seele mehr an Dich denkt, kein Herz einen
Schlag mehr für Dich tut, und ich allein auf der weiten Welt sitze zu Deinen
Füssen, das Herz in vollen Schlägen geht auf und ab; und während alles schläft,
bin ich wach, Dein Knie an meine Brust zu drücken, - und Du? - Die Welt
braucht's nicht zu wissen, dass Du mir gut bist.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                           München, 3. März 1809
Heut bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein, wie
ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brücke einbricht, die nur
für harmlose Spaziergänger gebaut war. Da hilft nichts, man muss Hand anlegen und
helfen, alles in Gang bringen; auf allen Gassen schreit man Krieg, die
Bibliotekardiener rennen umher, um ausgeliehene Manuskripte und Bücher wieder
einzufordern, denn alles wird eingepackt. Hamberger, ein zweiter Herkules - denn
wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder, so mistet er die Bibliotek
von achtzigtausend Bänden aus und jammert, dass alle geschehene Arbeit umsonst
ist. Auch die Galerie soll eingepackt werden; kurz, die schönen Künste sind in
der ärgsten Konsternation. Opern und Musik ist Valet gesagt, der erlauchte
Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde; die Akademie steckt Trauerampeln aus
und bedeckt ihr Antlitz, bis der Sturm vorbei, und so wär alles in stiller müder
Erwartung des Feindes, der vielleicht gar nicht kommt. Ich bin auch in Gärung,
und auch in revolutionärer. - Die Tiroler, mit denen halt ich's, das kannst Du
denken. Ach, ich bin's müde, des Nachbars Flöte oben in der Dachkammer bis in
die späte Nacht ihr Stückchen blasen zu hören, die Trommel und die Trompete, die
machen das Herz frisch.
    Ach hätt ich ein Wämslein, Hosen und Hut, ich lief hinüber zu den
gradnasigen, gradherzigen Tirolern und liess ihre schöne grüne Standarte im Winde
klatschen.
    Zur List hab ich grosse Anlage, wenn ich nur erst drüben wär, ich könnte
ihnen gewiss Dienste leisten. Mein Geld ist all fort, ein guter Kerl, ein
Mediziner, hat eine List erfunden, es den gefangnen Tirolern, die sehr hart
gehalten sind, zuzustecken. Das Gitter vom Gefängnis geht auf einen öden Platz
am Wasser, den ganzen Tag waren böse Buben da versammelt, die mit Kot nach ihnen
warfen, am Abend gingen wir hin, unterdessen einer neben der Schildwache
ausrief: »Ach, was ist das für ein Rauch in der Ferne«, und indem diese sich
nach dem Rauch umsah, zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstück,
wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte. »Jetzt
pass Achtung«, rief er, und warf's dem Tiroler zu, so gelang es mehrmals; die
Schildwache freute sich, dass die bösen Jungen so gut treffen konnten.
    Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen
Stadion, Domherr und kaiserlicher Gesandter, von seinen Freunden der schwarze
Fritz genannt, er ist mein einziger Freund hier, die Abende, die er frei hat,
bringt er gern bei mir zu, da liest er die Zeitung, schreibt Depeschen, hört mir
zu, wenn ich was erzähle, wir sprechen auch oft von Dir; ein Mann von kluger
freier Einsicht, von edlem Wesen. Er teilt mir aus seiner Herzens- und
Lebensgeschichte merkwürdige Dinge mit, er hat viel aufgeopfert, aber nichts
dabei verloren, im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der
Steifheit, die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie
einnimmt, sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist, wo
man sich zum Teil auch künstlich verwenden muss; er ist so ganz einfach wie ein
Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung. Sonntags holt
er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der königlichen Kapelle die Messe;
die Kirche ist meistens ganz leer, ausser ein paar alten Leuten. Die stille
einsame Kirche ist mir sehr erfreulich, und dass der liebe Freund, von dem ich so
manches weiss, was in seinem Herzen bewahrt ist, mir die Hostie erhebt und den
Kelch - das freut mich. Ach, ich wollt, ich wüsste ihm auf irgendeine Art
ersetzt, was ihm genommen ist.
    Ach, dass das Entsagen dem Begehren die Waage hält! - Endlich wird doch der
Geist, der durch Schmerzen geläutert ist, über das Alltagsleben hinaus zum
Himmel tanzen.
    Und was wär Weisheit, wenn sie nicht Gewalt brauchte, um sich allein geltend
zu machen? - Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen, und sie schmeichelt
Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf, während Du weinst um das, was sie Dir
versagt.
    Und wie kann uns das Ewige gelingen, als nur wenn wir das Zeitliche dran
setzen?
    Alles seh ich ein und möchte alle Weisheit dem ersten besten Ablasskrämer
verhandeln, um Absolution für alle Liebesintrigen, die ich mit Dir noch zu haben
gedenke.
                                                                        11. März
Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so wär ich elend, ich seh die
gefrornen Blumen an den Fensterscheiben, den Sonnenstrahl, der sie allmählich
schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf- und niederwandelst,
diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstöcke sinnend
betrachtest. - Da erkenne ich so deutlich Deine Züge, und es wird so wahr, dass
ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von
allen Strassen her und ruft die Truppen zusammen.
                                                                        15. März
Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht, aber Herzensangelegenheiten, -
gestern abend kam noch der liebe katolische Priester, das Gespräch war ein
träumerisch Gelispel früherer Zeiten; ein feines Geweb, das ein sanfter Hauch
wiegt in stiller Luft. »Das Herz erlebt auch einen Sommer«, sagte er, »wir
können es dieser heissen Jahreszeit nicht vorentalten und Gott weiss, dass der
Geist reifen muss wie der goldne Weizen, ehe die Sichel ihn schneidet.«
                                                                        20. März
Ich bin begierig, über Liebe sprechen zu hören, die ganze Welt spricht zwar
drüber, und in Romanen ist genug ausgebrütet, aber nichts, was ich gern hören
will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im Wilhelm Meister
geht mir's so, die meisten Menschen ängstigen mich drin, wie wenn ich ein bös
Gewissen hätte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und äusserlich, - ich
möchte zum Wilhelm Meister sagen: »Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen
zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von
Komödianten vergessen, und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren
Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so
wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und
die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz
erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so musst Du Deinen
Entusiasmus an den Krieg setzen, glaub mir, die Mignon wär nicht aus dieser
schönen Welt geflüchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen musste, sie
hätte gewiss alle Mühseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen
Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer hätte
auch in ihrem Busen gezündet und frisches, gesünderes Blut durch ihre Adern
geleitet. - Ach, willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf
verlassen? - Die Melancholie erfasst Dich, weil keine Welt da ist, in der Du
handeln kannst. - Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut: - hier unter
den Tirolern kannst Du handeln für ein Recht, das ebensogut aus reiner Natur
entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. - Du bist's, Meister, der
den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich
überwächst. Sag, was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in
ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Lüge angerichtet
hat, Trotz bietet? -
    O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden könnten,
eine solche Revolution: er lässt abermals und abermals die Seele der Freiheit
wieder neugeboren werden.
    Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine
Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Tränen um Dich
eingeschlafen war; Du sagst ihr: »Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit
Dir in die Fremde ziehen«; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht
unglaublich vorkommen, Du tust, was sie längst von Dir verlangte, und was Du
unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Glück schenken, dass sie Deine
harten Mühen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt
täuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zuversicht Dich sicher leiten
hinüber zum kriegbedrängten Volk; und wenn sie sieht, dass Du Deine Brust den
Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht kränken wie die Pfeile
des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem kühnen
Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn
Du auch im Vordertreffen stürzen musst, was hat sie verloren? - Was könnte ihr
diesen schönen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? - Beide Arm in Arm
verschränkt, lägt Ihr unter der kühlen gesunden Erde, und mächtige Eichen
beschatteten Euer Grab; sag, wär's nicht besser, als dass Du bald ihr feines
Gebild den anatomischen Händen des Abbé überlassen musst, dass er ein künstliches
Wachs hineinspritze?
    Ach, ich muss klagen, Goete, über alle Schmerzen früherer Zeit, die Du mir
angetan, ich fühl mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon.
- Da draussen ist heute ein Lärm, und doch geschieht nichts, sie haben arme
Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglöhnervolk, was sich in den Wäldern
versteckt hatte; ich hör hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Läden und
Vorhänge zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im
Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fühlte. Diese
festen, sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und
Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die müssen sich durch die
kotigen Strassen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut
diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Misshandlungen; man lässt sie sich versündigen
an den höheren Gefühlen der Menschheit. - Teufel! - Wenn ich Herrscher wär, hier
wollt ich ihnen zeigen, dass sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich
am Ebenbild Gottes zu vergreifen.
    Ich meine immer, der Kronprinz müsse anders empfinden, menschlicher, die
Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe
Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit
Sorgfalt, begiesst die Blumen, die in seinen Zimmern blühen, selbst, macht
Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut für ihn.
    Was wohl ein solcher für Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren
könnte? - Ein Fürst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? - Er müsste
verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu
leben, zu handeln.
    Ja, ob ein Königssohn wohl den heiligen Geist in sich erweckt, dass der
regiere statt seiner? - Der Stadion seufzt und sagt: »Das Beste ist, dass, wie
die Würfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt für König
und Untertan.«
                                                                        25. März
Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach hätt ich doch einen Freund, der
nächtlich mit mir über die Berge ging.
    Die Tiroler liegen in dieser Kälte mit Weib und Kind zwischen den Felsen,
und ihr begeisterter Atem durchwärmt die ganze Atmosphäre. Wenn ich den Stadion
frage, ob der Herzog Karl sie auch gewiss nicht verlassen werde, dann faltet er
die Hände und sagt: »Ich will's nicht erleben.«
                                                                        26. März
Das Papier muss herhalten, einziger Vertrauter! - Was doch Amor für tückische
Launen hat, dass ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich für Mars
entzünde, mein Teil Liebesschmerzen hab ich schon, ich müsste mich schämen, in
diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und könnt ich nur etwas tun, und
wollten die Schicksalsmächte mich nicht verschmähen! Das ist das Bitterste, wenn
man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.
    Denk nur, dass ich in dem verdammten München allein bin. Kein Gesicht, dem zu
trauen wär; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem
politischen Meeressturm überm Kopf zusammen, ich seh ihn nur auf Augenblicke,
man ist ganz misstrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man
auch hochmütig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, dass nicht
jeder von ihm ergriffen ist. Heute morgen war ich draussen im beschneiten Park
und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu
sehen, wüsste ich Dein Dach dort, ich könnte nicht sehnsüchtiger danach spähen.
    Heute liess Winter Probe halten von einem Marsch, den er für den Feldzug
gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern würden
alle ausreissen und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerriss die Komposition und
war so zornig, dass sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes
Ährenfeld hin- und herwogte. Ach, könnte ich doch andere Anstalten auch so
hintertreiben wie den Marsch.
    Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm über seinen
Woldemar, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich
wollte mich üben, die Wahrheit sagen zu können, ohne dass sie beleidigt, er war
mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, wär ich nicht in
das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so wär ich vielleicht in
eine philosophische Korrespondenz geraten und gewiss drin stecken geblieben; dort
auf den Bergen aber nicht, da hätt ich meine Sache durchgefochten.
    Schelling seh ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht
behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eifersüchtig machen will auf
Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzählt
sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswürdige Briefe Du ihr schreibst
usw., ich höre zu und werde krank davon, und dann ärgert mich die Frau. - Ach,
es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, dass Du mich am liebsten hast, aber
es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu
Dir.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                       10. April
Die Sonne geht mir launig auf, beleuchtet mir manches Verborgne, blendet mich
wieder. Mit schweren Wolken abwechselnd zieht sie über mir hin, bald stürmisch
Wetter, dann wieder Ruh.
    Es ebnet sich nach und nach, und auf dem glatten Spiegel, hell und glühend,
steht immer wieder des liebsten Mannes Bildnis, wankt nicht, warum vor andern
nur Du? - Warum nach allen immer wieder Du? Und doch bin ich Dir werter mit all
der Liebe in der Brust? - - frag ich Dich? - Nein, ich weiss recht gut, dass Du
doch nichts antwortest, - und wenn ich auch sagte: »Lieber, geliebter einziger
Mann.«
    Was hab ich alles erlebt in diesen Tagen, was mir das Herz gebrochen, ich
möchte meinen Kopf an Deinen Hals verstecken, ich möchte meine Arme um Dich
schlingen und die böse Zeit verschlafen.
    Was hat mich alles gekränkt, - nichts hab ich gehabt in Kopf und Herzen als
nur immer das mächtige Schicksal, das dort in den Gebirgen rast. Warum soll ich
aber weinen um die, die ihr Leben mit so freudiger Begeisterung ausgehaucht
haben? - Was erbarmt mich denn so? - Hier ist kein Mitleid zu haben als nur mit
mir, dass ich mich so anstrengen muss, es auszuhalten.
    
    Will ich Dir alles schreiben, so verträume ich die Zeit - die Zeit, die auf
glühenden Sohlen durchs Tirol wandert; so bittere Betrübnis hat mich
durchdrungen, dass ich's nicht wage, die Papiere, die in jenen Stunden
geschrieben sind, an Dich abzuschicken.
                                                                       19. April
Ich bin hellsehend, Goete, - ich seh das vergossne Blut der Tiroler
triumphierend in den Busen der Gotteit zurückströmen. Die hohen gewaltigen
Eichen, die Wohnungen der Menschen, die grünen Matten, die glücklichen Herden,
der geliebte gepflegte Reichtum des Heldenvolks, die den Opfertod in den Flammen
fanden, das alles seh ich verklärt mit ihnen gen Himmel fahren, bis auf den
treuen Hund, der, seinen Herrn beschützend, den Tod verachtet wie er.
    Der Hund, der keinen Witz hat, nur Instinkt, und heiter in jedem Geschick
das Rechte tut. - Ach hätte der Mensch nur so viel Witz, den eignen Instinkt
nicht zu verleugnen.
                                                                       20. April
In all diesen Tagen der Unruh, glaub's Goete, vergeht keiner, den ich nicht mit
dem Gedanken an Dich beschliesse, ich bin so gewohnt, Deinen Namen zu nennen,
nachts, eh ich einschlafe, Dir alle Hoffnung ans Herz zu legen, und alle Bitten
und Fragen in die Zukunft.
    Da liegen sie um mich her, die Papiere mit der Geschichte des Tags und den
Träumen der Nacht, lauter Verwirrung, Unmut, Sehnsucht und Seufzer der Ohnmacht;
ich mag Dir in dieser Zeit, die sich so geltend macht, nichts von meinem
bedürftigen Herzen mitteilen, nur ein paar kleine Zufälle, die mich
beschäftigen, schrieb ich Dir auf, damit ich nicht verleugne vor Dir, dass ein
höheres Geschick auch mir Winke gab, obschon ich zu unmündig mich fühle, ihm zu
folgen.
    Im März war's, da leitete mir der Graf M..., bei dessen Familie ich hier
wohne, eine wunderliche Geschichte ein, die artig ausging. Der Hofmeister seines
Sohnes gibt ihn bei der Polizei an, er sei österreichisch gesinnt und man habe
an seinem Tisch die Gesundheit des Kaisers getrunken, er schiebt alles auf mich,
und nun bittet er mich, dass ich auf diese Lüge eingehe, da es ihm sehr
nachteilig sein könne, mir aber höchstens einen kleinen Verweis zuziehen werde,
sehr willkommen war mir's, ihm einen Dienst leisten zu können, ich willige mit
Vergnügen ein; in einer Gesellschaft wird mir der Polizeipräsident vorgestellt,
unter dem Vorwand meine Bekanntschaft machen zu wollen, ich komme ihm zuvor und
schütte ihm mein ganzes Herz aus, meine Begeisterung für die Tiroler, und dass
ich aus Sehnsucht alle Tage auf den Schneckenturm steige mit dem Fernrohr, dass
man heute aber eine Schildwache hingepflanzt habe, die mich nicht
hinaufgelassen; gerührt über mein Zutrauen, küsst er mir die Hand und verspricht
mir, die Schildwache wegzubeordern, - es war keine List von mir, denn ich hätte
wirklich nicht gewusst, mich anders zu benehmen, indessen ist durch dieses
Verfahren der Freund weiss gebrennt und ich nicht schwarz.
    Ein paar Tage später, in der Karwoche, indem ich abends in der Dämmerung in
meinem Zimmer allein war, treten zwei Tiroler bei mir ein, ich bin verwundert,
aber nicht erschrocken. - Der eine nimmt mich bei der Hand und sagt: »Wir
wissen, dass du den Tirolern gut bist und wollen dich um eine Gefälligkeit
bitten«; es waren Papiere an Stadion und mündliche Aufträge, sie sagten mir
noch, es würde gewiss ein Augenblick kommen, da ich ihnen Dienste leisten könne,
es war mir so wunderlich, ich glaubte, es könne eine List sein, mich
auszuforschen, doch war ich kurz gefasst und sagte: »Ihr mögt mich nun betrügen
oder nicht, so werd ich tun, was ihr von mir verlangt«; der Tiroler sieht mich
an und sagt: »Ich bin Leibhusar des Königs, kein Mensch hat Arges gegen mich,
und doch hab ich nichts im Sinn als nur, wie ich meinen Leuten helfen will, nun
hast du mich in Händen und wirst nicht fürchten, dass ein Tiroler auch ein
Verräter sein könne.«
    Wie die Tiroler weg waren, war ich wie betäubt, mein Herz schlug hoch vor
Entzücken, dass sie mir dies Zutrauen geschenkt haben; am andern Tag war
Karfreitag, da holte mich der Stadion ab, um mir eine stille Messe zu lesen. Ich
gab ihm meine Depeschen und erzählte ihm alles, äusserte ihm voll Beschämung die
grosse Sehnsucht, dass ich fort möchte zu den Tirolern; Stadion sagt, ich soll
mich auf ihn verlassen, er wolle einen Stutzen auf den Rücken nehmen und ins
Tirol gehen, und alles, was ich möchte, das wolle er für mich ausrichten, es sei
die letzte Messe, die er mir lesen werde, denn in wenig Tagen sei seine Abreise
bestimmt. Ach Gott, es fiel mir schwer aufs Herz, dass ich so bald den lieben
Freund verlieren sollte.
    Nach der Messe ging ich aufs Chor, Winter liess die Lamentation singen, ich
warf ein Chorhemd über und sang mit, unterdessen kam der Kronprinz mit seinem
Bruder, das Kruzifix lag an der Erde, das beide Brüder küssten, nachher umarmten
sie sich; sie waren bis an den Tag entzweit gewesen über einen Hofmeister, den
der Kronprinz, weil er ihn für untauglich hielt, von seinem Bruder entfernt
hatte; sie versöhnten sich also hier in der Kirche miteinander, und mir machte
es grosse Freude, zuzusehen. Bopp, ein alter Klaviermeister des Kronprinzen, der
auch mir Unterricht gibt, begleitete mich nach Hause, er zeigte mir ein Sonett,
was der Kronprinz an diesem Morgen gedichtet hatte; schon dass er diesen
Herzensdrang empfindet, bei Ereignissen, die ihn näher angehen, zu dichten,
spricht für eine tiefere Seele; in ihm waltet gewiss das Naturrecht vor, dann
wird er auch die Tiroler nicht misshandeln lassen; ja, ich hab eine gute
Zuversicht zu ihm; der alte Bopp erzählt mir alles, was meinen Entusiasmus noch
steigern kann. Am dritten Feiertag holte er mich ab in den englischen Garten, um
die Anrede des Kronprinzen an seine versammelte Truppen, mit denen er seinen
ersten Feldzug machen wird, anzuhören; ich konnte nichts Zusammenhängendes
verstehen, aber was ich hörte, war mir nicht recht, er spricht von ihrer
Tapferkeit, ihrer Ausdauer und Treue, von den abtrünnigen, verräterischen
Tirolern, dass er sie, vereint mit ihnen, zum Gehorsam zurückführen werde, und
dass er seine eigne Ehre mit der ihrigen verflechte und verpfände usw. Wie ich
nach Hause komme, wühlt das alles in mir, ich sehe schon im Geist, wie der
Kronprinz, seinen Generalen überlassen, alles tut, wogegen sein Herz spricht,
und dann ist's um ihn geschehen. So ein bayrischer General ist ein wahrer
Rumpelbass, aus ihm hervor brummt nichts als Bayerns Ehrgeiz; das ist die grobe,
rauhe Stimme, mit der er alle besseren Gefühle übertönt.
    Das alles wogte in meinem Herzen, da ich von dieser öffentlichen Rede
zurückkam, und dass kein Mensch in der Welt einem Herrscher die Wahrheit sagt, im
Gegenteil nur Schmeichler ihnen immerdar recht geben, und je tiefer sich ein
solcher irrt, je gewaltiger ist in jenen die Furcht, er möge an ihrer
Übereinstimmung zweifeln; sie haben nie das Wohl der Menschheit, sie haben nur
immer die Gunst des Herrn im Auge. Ich musste also einen verzweifelten Schritt
tun, um den Tumult der eignen Lebensgeister zu beschwichtigen, und ich bitte
Dich im voraus um Verzeihung, wenn Du es nicht guteissen solltest.
    Erst nachdem ich dem Kronprinzen meine Liebe zu ihm, meine Begeisterung für
seinen Genius, Gott weiss in welchen Schwingungen, ans Herz getrieben habe,
vertraue ich ihm meine Anschauung von dem Tirolervolk, das sich die Heldenkrone
erwirbt, meine Zuversicht, er werde Milde und Schonung da verbreiten, wo seine
Leute jetzt nur rohe Wut und Rachgierde walten lassen, ich frage ihn, ob der
Name »Herzog von Tirol« nicht herrlicher klinge, als die Namen der vier Könige,
die ihre Macht vereint haben, um diese Helden zu würgen? Und es möge nun
ausgehen wie es wolle, so hoffe ich, dass er sich von jenen den Beinamen der
Menschliche erwerben werde; dies ungefähr ist der Inhalt eines vier Seiten
langen Briefs, den ich, nachdem ich ihn in heftigster Wallung geschrieben (da
ich denn auch nicht davor stehen kann, was alles noch mit untergelaufen), mit
der grössten Kaltblütigkeit siegelte und ganz getrost in des Klaviermeisters
Hände gab, mit der Bedeutung: es seien wichtige Sachen über die Tiroler, die dem
Kronprinz von grossem Nutzen sein würden. -
    Wie gern macht man sich wichtig, mein Bopp purzelte fast die Stiegen herab,
vor übergrosser Eile dem Kronprinzen den interessanten Brief zu überbringen, und
wie leichtsinnig bin ich, ich vergass alles. Ich ging zu Winter, Psalmen singen,
zu Tieck, zu Jacobi, nirgends stimmt man mit mir ein, ja alles fürchtet sich,
und wenn sie wüssten, was ich angerichtet habe, sie würden mir aus Furcht das
Haus verbieten, da seh ich denn ganz ironisch drein und denke: seid ihr nur
bayrisch und französisch, ich und der Kronprinz wir sind deutsch und tirolisch,
oder er lässt mich ins Gefängnis setzen, dann bin ich mit einem Male frei und
selbständig, dann wird mein Mut schon wachsen, und wenn man mich wieder loslässt,
dann geh ich über zu den Tirolern und begegne dem Kronprinzen im Feld, und
trotze ihm ab, was er so mir nicht zugesteht.
    O Goete, wenn ich sollte ins Tirol wandern und zur rechten Zeit kommen, dass
ich den Heldentod sterbe! Es muss doch ein ander Wesen sein, es muss doch eine
Belohnung sein für solche lorbeergekrönten Häupter; der glänzende Triumph im
Augenblick des Übergangs ist ja Zeugnis genug, dass die Begeisterung, die der
Heldentod uns einflösst, nur Widerschein himmlischer Glorie ist. - Wenn ich
sterbe, ich freue mich schon darauf, so gaukle ich als Schmetterling aus dem
Sarg meines Leibes hervor, und dann treffe ich Dich in dieser herrlichen
Sommerzeit unter Blumen, wenn ein Schmetterling Dich unter Blumen vorzieht und
lieber auf Deiner Stirn sich niederlässt und auf Deinen Lippen als auf den
blühenden Rosen umher, dann glaube sicher, es ist mein Geist, der auf dem
Tiroler Schlachtfeld freigemacht ist von irdischen Banden, dass er hin kann, wo
die Liebe ihn ruft.
    Ja, wenn alles wahr würde, was ich schon in der Phantasie erlebt habe, wenn
alle glanzvollen Ereignisse meines innern Lebens auch im äussern sich spiegelten,
dann hättest Du schon grosse und gewaltige Dinge von Deinem Kind erfahren, ich
kann Dir nicht sagen, was ich träumend schon getan habe, wie das Blut in mir
tobt, dass ich wohl sagen kann, ich hab eine Sehnsucht, es zu verspritzen.
    Mein alter Klaviermeister kam zurück, zitternd und bleich: »Was hat in den
Papieren gestanden, die Sie mir für den Kronprinzen anvertrauten«, sagte er,
»wenn es mich nur nicht auf ewig unglücklich macht, der Kronprinz schien
aufgeregt, ja erzürnt während dem Lesen, und wie er mich gewahr wurde, hiess er
mich gehen, ohne wie sonst mir auch nur ein gnädiges Wort zu sagen.« - Ich musste
lachen, der Klaviermeister wurde immer ängstlicher, ich immer lustiger, ich
freute mich schon auf meine Gefangenschaft, und wie ich da in der Einsamkeit
meinen philosophischen Gedanken nachhängen würde, ich dachte: dann fängt mein
Geschick doch einmal an, Leben zu gewinnen, es muss doch einmal was draus
entstehen; aber so kam es wieder nicht, ein einzigmal sah ich den Kronprinz im
Teater, er winkte mir freundlich; nun gut: acht Tage hatte ich meinen Stadion
nicht gesehen, am 10. April, wo ich die gewisse Nachricht erhielt, er sei in der
Nacht abgereist, da war ich doch sehr betrübt, dass ich ihn sollte zum letztenmal
gesehen haben, es war mir eine wunderliche Bedeutung, dass er am Karfreitag seine
letzte Messe gelesen hatte; - die vielen zurückgehaltenen und verleugneten
Gefühle brachen endlich in Tränen aus. In der Einsamkeit da lernt man kennen,
was man will, und was einem versagt wird. Ich fand keine Lage für mein ringendes
Herz, müde geworden vom Weinen, schlief ich ein, bist Du schon eingeschlafen,
müde vom Weinen? - Männer weinen wohl so nicht? - Du hast wohl nie geweint, dass
die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren. So schluchzend im Traum
hör ich meinen Namen rufen; es war dunkel, bei dem schwachen Dämmerschein der
Laternen von der Strasse erkenne ich einen Mann neben mir in fremder
Soldatenkleidung, Säbel, Patrontasche, schwarzes Haar, sonst würde ich glauben,
den schwarzen Fritz zu erkennen. - »Nein, du irrst nicht, es ist der schwarze
Fritz, der Abschied von dir nimmt, mein Wagen steht an der Tür, ich gehe eben
als Soldat zur österreichischen Armee, und was deine Freunde, die Tiroler,
anbelangt, so sollst du mir keine Vorwürfe machen oder du siehst mich nie
wieder, denn ich gebe dir mein Ehrenwort, ich werde nicht erleben, dass man sie
verrate, es geht gewiss alles gut, eben war ich beim Kronprinzen, der hat mit mir
die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht, er
hat mich bei der Hand gefasst und gesagt: Erinnern Sie sich dran, dass im Jahr
Neune im April, während der Tiroler Revolution, der Kronprinz von Bayern dem
Napoleon widersagt hat, und so hat er sein Glas mit mir angestossen, dass der Fuss
zerschellte«; ich sagte zu Stadion: »Nun bin ich allein und hab keinen Freund
mehr«, er lächelte und sagte: »Du schreibst an Goete, schreib ihm auch von mir,
dass der katolische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen
will«, ich sagte: »Nun werde ich keine Messe so bald mehr hören«; - »und ich
werde so bald auch keine mehr lesen«, sagte er. Da stiess er sein Gewehr auf und
reichte mir die Hand zum Abschied. Den werd ich gewiss nicht wiedersehen. Kaum
war er fort, klopfte es schon wieder, der alte Bopp kommt herein, es war finster
im Zimmer, an seiner Stimme erkenne ich, dass er freudig ist, er reicht mir
feierlich ein zerbrochnes Glas und sagt: »Das schickt Ihnen der Kronprinz und
lässt Ihnen sagen, dass er die Gesundheit derjenigen daraus getrunken hat, die Sie
protegieren, und hier schickt er Ihnen seine Kokarde als Ehrenpfand, dass er
Ihnen sein Wort lösen werde, jeder Ungerechtigkeit, jeder Grausamkeit zu
steuern.« - Ich war froh, herzlich froh, dass ich nicht kleinlich und zaghaft
gewesen war, dem Zutrauen zu folgen, was der Kronprinz und alles, ja auch selbst
das Widersprechendste, was ich von ihm erfahren habe, mir einflösste; es war sehr
freundlich von ihm, dass er mich so grüssen liess, und dass er nicht meine
Voreiligkeit von sich wies; ich werd es ihm nicht vergessen, mag ich auch noch
manches Verkehrte von ihm hören; denn unter allen, die ihn beurteilen, hat gewiss
keiner ein so gutes Herz als er, der es sich ganz ruhig gefallen lässt. Ich weiss
auch, dass er eine feierliche Hochachtung vor Dir hat und nicht wie andere
Prinzen, die nur im Vorüberstreifen einen solchen Geist berühren wie Du, nein,
es geht ihm von Herzen, wenn er Dich einmal sieht und Dir sagt, dass er sich's
zum grössten Glück schätze.
    Ich habe noch viel auf dem Herzen, denn ich habe Dich allein, dem ich's
mitteilen kann. Jeder Augenblick erregt mich aufs neue, es ist als ob das
Schicksal dicht vor meiner Türe seinen Markt aufgeschlagen hätte; so wie ich den
Kopf hinausstecke, bietet es Plunder, Verrat und Falschheit feil, ausser die
Tiroler, deren Siegesjubel durch alle Verleumdung und Erbitterung der Feinde
durchklingt, aus deren frisch vergossnem Blut schon neue Frühlingsblumen
spriessen, und die Jünglinge frisch jeden Morgen von den nebelverhüllten
Felszacken dem gewissen Sieg entgegentanzen.
    Adieu, Adieu, auf meine Liebe weise ich Dich an, die hier in diesen Blättern
nur im Vorüberstreifen den Staub ihrer üppigen Blüte aus den vollen Kelchen
schüttelt.
                                                                         Bettine
Friedrich Tieck macht jetzt Schellings Büste, sie wird nicht schöner als er,
mitin ganz garstig, und doch ist es ein schönes Werk. -
    Da ich in Tiecks Werkstätte kam und sah, wie der grosse, breite, prächtige,
viereckige Schellingskopf unter seinen fixen Fingern zum Vorschein kam, dacht
ich, er habe unserm Herrgott abgelernt, wie er die Menschen machte, und er werde
ihm gleich den Atem einblasen, und der Kopf werde lernen A - B - sagen, womit
ein Philosoph so vieles sagen kann.
 
                                   An Bettine
Man möchte mit Worten so gerne wie mit Gedanken Dir entgegenkommen, liebste
Bettine; aber die Kriegszeiten, die so grossen Einfluss auf das Lesen haben,
erstrecken ihn nicht minder streng auf das Schreiben, und so muss man sich's
versagen. Deinen romantisch-charakteristischen Erzählungen gleichlautende
Gesinnungen deutlich auszusprechen. Ich muss daher erwarten, was Du durch eine
Reihe von Briefen mich hoffen lässt, nämlich Dich selbst, um Dir alles mit Dank
für Deine nie versiegende Liebe zu beantworten.
    Erst in voriger Woche erhielt ich Dein Paket, was der Kurier in meiner
Abwesenheit dem Herzog übergab, der es mir selbst brachte. Seine Neugierde war
nicht wenig gespannt, ich musste, um nur durchzukommen, Deine wohlgelungenen
politischen Verhandlungen ihm mitteilen, die denn auch so allerliebst sind, dass
es einem schwer wird, sie für sich allein zu bewahren. Der Herzog bedauert sehr,
dass Du im Interesse anderer Mächte bist. -
    Ich habe mich nun hier in Jena in einen Roman eingesponnen, um weniger von
allem Übel der Zeit ergriffen zu werden, ich hoffe, der Schmetterling, der da
herausfliegt, wird Dich noch als Bewohner dieses Erdenrunds begrüssen und Dir
beweisen, wie die Psychen auch auf scheinbar verschiednen Bahnen einander
begegnen.
    Auch Deine lyrischen Aufforderungen an eine frühere Epoche des Autors haben
mir in manchem Sinne zugesagt, und wüchse der Mensch nicht aus der Zeit mehr
noch wie aus Seelenepochen heraus, so würd ich nicht noch einmal erleben, wie
schmerzlich es ist, solchen Bitten kein Gehör zu geben.
    Deine interessanten Ereignisse mit dem hohen Protektor eigner feindlicher
Widersacher macht mich begierig, noch mehr und auch von andrer Seite von ihm zu
wissen, zum Beispiel könntest Du mir die Versuche und Bruchstücke seiner
Gedichte, in deren Besitz Du bist, mitteilen, mit Vergnügen würde ich ihn in dem
unbefangnen Spiel mit seiner jungen Muse beobachten.
    Die Gelegenheiten, mir sicher Deine Briefe zu schicken, versäume ja nicht,
sie sind mir in dieser armen Zeit äusserst willkommen. Auch was der Tag sonst
noch mit sich bringt, berichte, von Freunden und merkwürdigen Leuten, Künsten
und philosophischen Erscheinungen; da Du in einem Kreis vielfach aufgeregter
Geister bist, so kann Dir der Stoff hier nicht ausgehen.
    Möchten doch auch die versprochnen Mitteilungen über die letzten Tage meiner
Mutter in diesen verschlingenden Ereignissen nicht untergehen, mir ist zwar
mancherlei von Freunden über sie berichtet, wie sie mit grosser Besonnenheit alle
irdischen Anordnungen getroffen; von Dir aber erwarte ich noch etwas anders, dass
Dein liebender Sinn ihr ein Denkmal setze, in der Erinnerung ihrer letzten
Augenblicke. Ich bin sehr in Deiner Schuld, liebes Kind, mit diesen wenigen
Zeilen, ich kann Dir nur mit Dank bezahlen für alles, was Du mir gibst, geben
möchte ich Dir das Beste, wenn Du es nicht schon unwiderstehlich an Dich
gerissen hättest.
    Der schwarze Fritz ist mir auch unter diesem Namen ein guter Bekannter, und
die schönen Züge, die Du von ihm berichtest, bilden ein vollkommnes Ganze mit
dem, was eine befreundete Erinnerung hinzubringt. Du hast wohl recht zu sagen,
dass, wo der Boden mit Heldenblut getränkt wird, es in jeder Blume neu
hervorspriesse, Deinem Helden gönne ich, dass Mars und Minerva ihm alles Glück
zuwenden mögen, da er so schönem an Deiner Seite entrissen zu sein scheint.
    17. Mai 1809
                                                                              G.
 
                                   An Goete
                                                                         18. Mai
Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend, ist so edler
Natur, dass ihn Betrug nie verletzt, so wie den gehörnten Siegfried nie die
Lanzenstiche verletzten. Er ist eine Blüte, auf welcher der Morgentau noch ruht,
er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphäre, das heisst: seine besten Kräfte
sind noch in ihm. Wenn es so fort ginge und dass keine bösen Mächte seiner
Meister würden? - Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit
kräftigen Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feurigen Drachen und
ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen
Liebesäpfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwünschte Prinzessin, so rot
wie Blut, so weiss wie Schnee, schön wie das ausgespannte Himmelszelt über dem
Frühlingsgarten, als ihrer Erlösung Lohn ihnen zuteil wurde. - Jetzt ist die
Aufgabe anders: die unbewachten Apfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige
über den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke, um den Ritter selbst zu
fangen, und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen, die
keine Jugend hat, sondern eine gräuliche Larve, so dass man vor ihr Reissaus
nehmen möchte; la belle et la bête, la bête ist die Tugend und la belle ist die
Jugend, die sich von ihr soll fressen lassen; da ist's denn kein Wunder, wenn
die Jugend vor der Tugend Reissaus nimmt, und man kann ohne geheime parteiliche
Wünsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein. - Armer Kronprinz! Ich bin ihm
gut, weil er mit so schönem Willen hinübergeht zu meinen Tirolern, und wenn er
auch nichts tut, als der Grausamkeit wehrt, ich verlasse mich auf ihn.
    Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen,
mit einem kapriziösen Liebhaber der Wissenschaften und Künste, mit einem sehr
guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen, eine warme lebendige Natur, breit
und schmal, wie Du ihn willst, dreht sich schwindellos über einem Abgrund herum,
steigt mit Vergnügen auf die kahlen Spitzen der Alpen, um nach Belieben in den
Ozean oder ins Mittelländische Meer zu speien, macht übrigens wenig Lärm. Wenn
Du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst, so ruf ihn nur Rumohr,
ich vermute, er wird sich nach Dir umsehen. - Mit diesem also hat meine
unbefangne Jugend gewagt, sich das Ziel einer andertalb Stunden weiten Reise zu
setzen, der Ort unserer Wallfahrt heisst Harlachingen, auf französisch Arlequin.
Ein heisser Nachmittag, recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken.
    Wir verlassen den grünen Teppich, schreiten über einen schmalen Balken auf
die andere Seite des Ufers, wandern zwischen Weiden, Mühlen, Bächen weiter; -
wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus, gelehnt an den hohen Stamm des
edlen populus alba, dessen feine Äste mit kaum entsprossnen Blättern einen
sanften grünen Schleier, gleichsam ein Frühlingsnetz niederspinnen, in welchem
sich die tausend Käfer und sonstige Bestien fangen, scherzen und ganz lieblich
haushalten. Jetzt! Warum nicht? - Da unter dem Baum ist genugsam Platz, seinen
Gedanken Audienz zu geben, der launige Naturliebhaber lässt sich da nieder, das
Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren, die Augenlider
sinken, Rumohr schläft. Natur hält Wache, lispelt, flüstert, lallt, zwitschert.
- Das tut ihm so gut; träumend senkt er sein Haupt auf die Brust; jetzt möcht
ich dich fragen, Rumohr, was ich nie fragen mag, wenn du wach bist. Wie kommt's,
dass du ein so grosses Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren, und
dich nicht kümmerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks? Vor wenig Wochen,
wie das Eis brach und der Fluss überschwoll, da setztest Du alles dran, eine
Katze aus der Wassersnot zu retten. Vorgestern hast du einen totgeschlagnen
Hund, der am Wege lag, mit eignen Händen eine Grube gemacht und mit Erde
bedeckt, obschon Du in seidnen Strümpfen warst und einen Klaque in Händen
hattest. Heute morgen hast du mit Tränen geklagt, dass die Nachbarn ein
Schwalbennest zerstörten trotz deinen Bitten und Einreden. Warum gefällt dir's
nicht, deine Langeweile, deine melancholische Laune zu verkaufen um einen
Stutzen, du bist so leicht und schlank wie eine Birke, du könntest Sätze tun
über die Abgründe, von einem Fels zum andern, aber faul bist du und furchtbar
krank an Neutralität. - Da steh ich allein auf der Wiese, Rumohr schnarcht, dass
die Blumen erzittern, und ich denk an die Sturmglocke, deren Geläut so
fürchterlich in den Ohren der Feinde erklingt, und auf deren Ruf alle mit
Trommeln und Pfeifen ausziehen, ob auch die Stürme brausen, ob Nacht oder Tag, -
und Rumohr, im Schatten eines jungbelaubten Baumes, eingewiegt von scherzenden
Lüftchen und singenden Mückchen, schläft fest; was geht den Edelmann das
Schicksal derer an, denen keine Strapaze zu hart, kein Marsch zu weit ist, die
nur fragen: »Wo ist der Feind? - Dran, dran, für Gott, unsern lieben Kaiser und
Vaterland!!« - Das muss ich Dir sagen, wenn ich je einen Kaiser, einen
Landesherrn lieben könnte, so wär's im Augenblick, wo ein solches Volk im
Entusiasmus sein Blut für ihn versprjetzt; ja, dann wollt ich auch rufen: »Wer
mir meinen Kaiser nehmen will, der muss mich erst totschlagen«, aber so sag ich
mit dem Apostel: »Ein jeder ist geboren, König zu sein und Priester der eignen
göttlichen Natur, wie Rumohr.«
    Die Isar ist ein wunderlicher Fluss. Pfeilschnell stürzen die jungen Quellen
von den Bergklippen herab, sammeln sich unten im felsigen Bett in einen
reissenden Strom. Wie ein schäumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er
hüben und drüben, über hervorragende Felsstücke verschlingend her, seine grünen,
dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein, und schäumend jagen sie
hinab, sie seufzen, sie lallen, sie stöhnen, sie brausen gewaltig. Die Möven
fliegen zu Tausenden über den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen
Flügel; - und in so karger Gegend, schauderhaft anzusehen, ein schmaler Steg von
zwei Brettern, eine Viertelstunde lang, schräg in die Länge des Flusses. - Nun,
wir gingen, keine Gefahr ahnend, drüber hin, die Wellen brachen sich in
schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg. Ausser dass die Bretter
mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fuss zweimal
durchbrach, waren wir schon ziemlich weit gekommen, ein dicker Bürger mit der
Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite, keiner hatte den
andern bemerkt, aneinander vorbeizukommen war nicht, einer musste umdrehen.
Rumohr sagt: »Wir müssen erst erfahren, für was er die Medaille hat, darauf
soll's ankommen, wer umkehrt.« Wahrhaftig ich fürchtete mich, mir war schon
schwindlig, hätten wir umkehren müssen, so war ich voran, während die losen
Bretter unter meinen Füssen schwankten. Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach
der Ursache seines Verdienstes: - er hatte einen Dieb gefangen. Rumohr sagte:
»Dies Verdienst weiss ich nicht zu schätzen, denn ich bin kein Dieb, also bitt
ich umzukehren«, der verwunderte dicke Mann liess sich mit Rumohrs Beihilfe
umkehren und machte den Weg zurück.
    Unter einem Kastanienbaum liess ich mich nieder, träumend grub ich mit einem
Reis in die Erde. Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikäfer auseinander, die
wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dämmerung. -
Nah an der Stadt auf einem grünen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen
Johann von Nepomuk, der Wassergott; vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf
ihn, die Leute knien da nacheinander hin, verrichten ihr Gebet, stört keiner den
andern, gehen ab und zu. Die Mondsichel stand oben; - in der Ferne hörten wir
Pauken und Trompeten, Signal der Freude über die Rückkunft des Königs; er war
geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler, die wollten ihn gefangen haben,
warum liess er sich nicht fangen, da war er mitten unter Helden, keine bessere
Gesellschaft für einen König; umsonst wär's nicht gewesen, der Jubel würde nicht
gering gewesen sein, von Angesicht zu Angesicht hätte er vielleicht bessere
Geschäfte gemacht, er ist gut, der König, der muss sich auch fügen ins eiserne
Geschick der falschen Politik. - Die Stadt war illuminiert, als wir hineinkamen,
und mein Herz war bei dem allen schwer, sehr schwer, wollte gern mit jenen
Felssteinen in die Tiefe hinabrollen, denn weil ich alles geschehen lassen muss.
Heut haben wir den 18. Mai, die Bäume blühen, was wird noch alles vorgehen, bis
die Früchte reifen. Vorgestern glühte der Himmel über jenen Alpen, nicht vom
Feuer der untertauchenden Sonne, nein, vom Mordbrand; da kamen sie in den
Flammen um, die Mütter mit den Säuglingen, hier lag alles im schweigenden
Frieden der Nacht, und der Tau tränkte die Kräuter, und dort verkohlte die
Flamme den mit Heldenblut getränkten Boden.
    Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den
roten Schein und wusste nicht, was ich davon denken sollte, und konnte nicht
beten, weil es doch nichts hilft, und weil ein göttlich Geschick grösser ist als
alle Not, und allen Jammer aufwiegt. -
    Ach, wenn sehnsüchtiger Jammer beten ist, warum hat dann Gott mein heisses
Gebet nicht erhört? - Warum hat er mir nicht einen Führer geschickt, der mich
die Wege hinübergeleitet hätte? - Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken über
allen Greuel, den man nimmer ahnen könnte, wenn er nicht geschehen wär, aber die
Stimme aus meinem Herzen hinüber zu ihnen übertäubt alles. Das Schloss der
blinden Tannenberge haben sie verräterisch abgebrennt; Schwatz, Greise, Kinder,
Heiligtümer; ach, was soll ich Dir schreiben, was ich nimmermehr selbst wissen
möchte, und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen gerühmt, so was muss
man tragen lernen mit kaltem Blut und muss denken, dass Unsterblichkeit ein ewiger
Lohn ist, der alles Geschick überbietet. -
    Der König fuhr, da wir eben in die Stadt kamen, durch die erleuchteten
Strassen, das Volk jauchzte, und Freudentränen rollten über die Wangen der harten
Nation; ich warf ihm auch Kusshände zu, und ich gönn ihm, dass er geliebt ist. -
Adieu, hab Dein treues Kind lieb, sag ihm bald ein paar Worte.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                      Am 22. Mai
Heute morgen zu meiner Überraschung erhielt ich Deinen Brief. Ich war gar nicht
mehr gefasst darauf, schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blätter als ein
verzweifelter Liebhaber, der sie dem Sturmwind preisgibt, ob der sie etwa
hintrage zu dem Freund, in den mein krankes Herz Vertrauen hat. So hat mich denn
mein guter Genius nicht verlassen! Er durchsauset die Lüfte auf einem schlechten
Postklepper, und am Morgen einer Nacht voll weinender Träume erblick ich
erwachend das blaue Kuvert auf meiner grünen Decke.
    So tretet denn, ihr steilen Berge, ihr schroffen Felswände, ihr kecken,
racheglühenden Schützen, ihr verwüsteten Tale und rauchenden Wohnungen
bescheiden zurück in den Hintergrund und überlasst mich einer ungemessenen
Freude, die elektrische Kette, die den Funken von Ihm bis zu mir leitet, zu
berühren, und unzähligemal nehm ich ihn in mich auf, Schlag auf Schlag, diesen
Funken der Lust. - Ein grosses Herz, hoch über den Schrecken der Zeit, neigt sich
herab zu meinem Herzen. Wie der silberne Faden sich niederschlängelt ins Tal
zwischen hinabgrünenden Matten und blühenden Büschen (denn wir haben ja Mai),
sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt, so leiten Deine
freundlichen Worte hinab zu mir das schöne Bewusstsein, aufbewahrt zu sein im
Heiligtum Deiner Erinnerungen, Deiner Gefühle; so wag ich's zu glauben, da
dieser Glaube mir den Frieden gibt. -
    O, lieber Freund, während Du Dich abwendest vor dem Unheil trüber Zeit, in
einsamer Höhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest, dass sie
ihrem Glück nicht entgehen, denn sicher ist dies schöne Buch, welches Du Dir zum
Trost über alles Traurige erfindest, ein Schatz köstlicher Genüsse, wo Du in
feinen Organisationen und grossen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest
und Gefühle, die beseligen, wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glücks
erweckst und in geheimnisvoll glühenden Farben erblühen machst, was unser Geist
entbehrt. - Ja, Goete, während diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet.
- Du erinnerst Dich wohl noch, dass die Gegend, das Klima meiner Gedanken und
Empfindungen, heiter waren, ein freundlicher Spielplatz, wo sich bunte
Schmetterlinge zu Herden über Blumen schaukelten, und wie Dein Kind spielte
unter ihnen, so leichtsinnig wie sie selber, und Dich, den einzigen Priester
dieser schönen Natur, mutwillig umjauchzte, manchmal auch tiefbewegt allen Reiz
beglückter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Füssen in Begeisterung überströmte.
Jetzt ist es anders in mir, düstere Hallen, die prophetische Monumente
gewaltiger Todeshelden umschliessen, sind der Mittelpunkt meiner schweren
Ahnungen; der weiche Mondesstrahl, der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein,
aber wohl Träume, die mir das Herz zerreissen, die mir im Kopf glühen, dass alle
Adern pochen. Ich liege an der Erde am verödeten Ort und muss die Namen ausrufen
dieser Helden, deren schauerliches Geschick mich verwundet; ich seh ihre Häupter
mit Siegeslorbeern geschmückt, stolz und mächtig unter dem Beil niederrollen auf
das Schafott. Ach Gott, ach Gott! welch lauter Schrei der Verzweiflung
durchfährt mich bei diesen einbilderischen Träumen. Warum muss ich verzagen, da
noch nichts verloren ist? - Ich hab ein Fieber, so glüht mir der Kopf. Auf dem
tonnenförmigen Gipfel des Kofels, Speckbachers Horst, der schlaflos, keiner
Speise bedürfend, mit besserer Hoffnung beflügelt, leicht wie ein Vogel schwebt
über dem Augenblick, da es Zeit ist. Auf dem Brenner, wo Hofers unwandelbarer
Gleichmut die Geschicke lenkt, die Totenopfer der Treue anordnet. Am Berge Isel,
wo der Kapuziner den weissen Stecken in der Hand, alles erratend und vorbeugend,
sich allen voranwagend, an der Spitze des Landvolks, siegbewusst über die Saaten
niederjagt ins Tal. Da seh ich auch mich unter diesen, die kurze grün und weisse
Standarte schwingend, weit voran auf steilstem Gipfel, und der Sieg brennt mir
in den Gliedern, und da kommt der böse Traum und haut mit geschwungener Axt mir
die feste Hand ab, die niederstürzt mitsamt der Fahne in den Abgrund, dann ist
alles so öde und stumm, die Finsternis bricht ein und alles verschwunden, nur
ich allein auf der Felswand ohne Fahne, ohne Hand, verzeih's, dass ich so rase,
aber so ist's.
    Heute morgen noch mein letzter Traum, da trat einer zu mir auf dem
Schlachtfeld, sanft von Gesicht, von gemessenem Wesen, als wär es Hofer; der
sagte mitten unter Leichen stehend zu mir: Die starben alle mit grosser
Freudigkeit. In demselben Augenblick erwachte ich unter Tränen, da lag Dein
Brief auf dem Bett.
    Ach, vereine Dich doch mit mir, Ihrer zu gedenken, die da hinstürzen ohne
Namen, kindliche Herzen ohne Fehl, lustig geschmückt wie zur Hochzeit mit
goldnen Sträussern, die Mützen geziert mit Schwungfedern der Auerhähne und mit
Gemsbärten, das Zeichen tollkühner Schützen. Ja! Gedenke ihrer; es ist des
Dichters Ruhm, dass er den Helden die Unsterblichkeit sichere!
                                                                         6. Juni
Gestern, da ich Dir geschrieben hatte, da war die Sonne schon im Untergehen, da
ging ich noch hinaus, wo man die Alpen sieht, was soll ich anders tun? Es ist
mein täglicher Weg, da begegne ich oft einem, der auch nach den Tiroler Alpen
späht. An jenem späten Abend, ich glaub es war in der Mitte Mai, wo Schwatz
abbrannte, da war er mit auf dem Turm, da konnte er sich gar nicht fassen, er
rang die Hände und jammerte leise: »O Schwatz! O liebes Vaterland!« - Gestern
war er wieder da und ergoss mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner
Neuigkeiten vor mir. Wenn's demnach wahr ist, so haben die Tiroler am
Herz-Jesu-Fest (den Datum wusste er nicht) den Feind überwältigt und ganz Tirol
zum zweitenmal befreit. Ich kann nicht erzählen, was er alles vorbrachte, Du
würdest es so wenig verstehen wie ich; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie
von Baumstämmen, als ob es Kanonen wären und durch zusammengebundne Flintenläufe
den Knall nachahmend, den Feind betrogen, gleich drauf die Brücke bei Hall
dreimal gestürmt und den Feind mitsamt den Kanonen zurückgetrieben, die Kinder
dicht hinterdrein; wo der Staub aufwirbelte, schnitten sie mit ihren Messern die
Kugeln aus und brachten sie den Schützen. Der Hauptsieg war am Berg Isel, dem
Kapuziner ist der Bart weggebrennt. Die namhaften Helden sind alle noch
vollzählig. Handbillett haben sie vom Kaiser mit grossen Verheissungen aus der
Fülle seines Herzens. Wenn's auch nicht alles wahr wird, meinte mein Tiroler, so
war's doch wieder ein Freudentag fürs Vaterland, der aller Aufopferung wert ist.
    Vom Kronprinz hab ich kein Gedicht; ein einziges, was er am Tag vor seinem
Auszug in den Krieg machte, an Heimat und die Geliebte, zeigte mir der alte
getreue Pantalon, er will's unter keiner Bedingung abschreiben. Eine junge Muse
der Schauspielkunst besitzt deren mehrere, der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte
drum angelegen, sie suchte danach unter den Teaterlumpen und fand sie nicht,
sonst hätten sie zu Diensten gestanden, meinte sie, der Kronprinz würde ihr
andere machen.
    Gold und Perlen hab ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewiss allein
greifen würde bei einer Feuersbrunst, sind Deine Briefe, Deine schönen Lieder,
die Du mit eigner Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der roten Sammettasche,
die liegt nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der
Veilchenstrauss, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland, so verborgen
zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber über allen Blicken kreiste, dass
keiner wagte aufzusehen. - Die junge Muse gibt es auf, die Opfer, die der
Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Füssen legte, unter dem Wust von
falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden, und doch waren sie im
Zauberhauch der Mondnächte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb um Silbe;
Klang um Klang aufgereiht. Wer Silb um Silbe die nicht liebt, nicht diesen
Schlingen sich gefangen gibt, der mag von Himmelskräften auch nicht wissen, wie
zärtlich die von Reim zu Reim sich küssen.
    Deine Mutter werde ich nicht vergessen, und sollt ich auch mitten im
Kriegsgetümmel untergehen, so würde ich gewiss noch im letzten Moment die Erde
küssen zu ihrem Andenken. Was ich Dir noch Merkwürdiges zu berichten habe, ist
schon aufgeschrieben, im nächsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu
dick, und ich schäme mich, dass ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und
doch nicht abbrechen kann. Geschwätz! - ich weiss ja, wie's ging in Weimar, da
sagt ich auch nichts Gescheutes, und doch hörtest Du gern zu.
    Vom Stadion weiss ich gar nichts, da muss ich kurzen Prozess machen und ihn
verschmerzen, wer weiss, ob ich ihn je wieder seh.
    Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu früh geweckt, rührend; wär es möglich,
so könnte man von ihm lernen, aber die Unmöglichkeit ist ein eigner Dämon, der
listig alles zu vereiteln weiss, zu was man sich berechtigt fühlt; so mein ich
immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh, ihm wär
besser, er sei allein mit mir. Ich bin überzeugt, meine unbefangnen Fragen, um
von ihm zu lernen, würden ihm mehr Lebenswärme erregen, als jene alle, die vor
ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein höchster Genuss; er
appelliert in allem an seine Frühlingszeit, jede frisch aufgeblühte Rose
erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genuss einst blühten, und indem er
sanft durch die Haine wandelt, erzählt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit
ihm umschlungen in köstlichen Gesprächen, die spät in die laue Sommernacht
währten, und da weiss er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am
Wasser, auf dem die Schwäne kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte
auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich
aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flöte, sie deutet an: der Geist weilt
noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum
Unendlichen aus. Seine höchst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die
Hülle leicht zusammensinken könne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen.
Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach
dem Staremberger See. Wir assen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war
mit Blumen und blühenden Sträuchern übersäet, und da ich zur Unterhaltung der
gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel,
als mein Strohhut fasste. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl
andertalb Stunden fahren mussten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen,
machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rötete die weissen Spitzen der
Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie
seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzählt, dass er als Student nicht wenig
eitel auf sein schönes Bein gewesen, und dass er in Leipzig mit Dir in einen
Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen
Beinkleidermuster drauf probiert, bloss um das Bein der sehr artigen Frau im
Laden zu zeigen; - in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlässig hatte er
sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefällig, strich mit der Hand drüber,
dann wenige Worte über den herrlichen Abend flüsternd, beugte er sich zu mir
herab, da ich am Boden sass und den Schoss voll Blumen hatte, wo ich die besten
auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit
Genuss in Gebärden und Worten, und ich wusste es ihm begreiflich zu machen, dass
ich ihn liebenswürdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende
Bosheitspflege der feinen Gefühlskoketterie einen bösen Streich spielte; ich
schäme mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weisse langgestrickte
wollne Zipfelmütze aus ihrer Schürzentasche, schob sie ineinander und zog sie
dem Jacobi weit über die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden, grade
in dem Augenblick als ich ihm sagte: »Heute versteh ich's recht, dass Sie schön
sind«, und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben
hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmütze, Tante Lene behauptete den Sieg,
ich mochte nicht wieder aufwärts sehen, so beschämt war ich. - »Sie sind recht
kokett«, sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber
Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich plötzlich auf
und trappelte so, dass der Kahn heftig schwankte, »um Gotteswillen wir fallen!«
schrie alles, »ja, ja!« rief ich, »wenn Sie noch ein Wort weiter sagen über
Dinge, die Sie nicht verstehen.« Ich schwankte weiter, »haben Sie Ruh, es wird
mir schwindlig«. - Westerhold wollte mich anrühren, aber da schwankte ich so,
dass er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken,
ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mütze zu sehen,
jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die
Mütze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; »da hat der Wind
die Mütze weggeweht«, sagte ich, ich drückte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der
ihm wirklich schön stand, Lene wollt es nicht leiden, die frischen Blätter
könnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand
über den Kranz. »Jacobi«, sagte ich: »Ihre feinen Züge leuchten im gebrochnen
Licht dieser schönen Blätter wie die des verklärten Plato. Sie sind schön, und
es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie würdig der
Unsterblichkeit darzustellen«; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute
sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir
auch liess, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu
betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans
Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. - Das war meine
kleine Liebesgeschichte jenes schönen Tages, ohne welche der Tag nicht schön
gewesen sein würde; nun hängt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin
seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich fürchte mich vor Helenen, die aus
beleidigter Würde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi
freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser
Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir
ist es grade recht, denn ich möchte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen
Fallstricken und bösen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im Gang
sein mögen. Adieu, nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes
geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschüttet. Versicherungen meiner Liebe
gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedürfnis, Dir alles ans
Herz zu legen, hinlänglich beurkundet.
    7. Juni
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                                        16. Juni
Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zögere
nicht allzulang. Soeben vernehme ich, dass jemand von meiner Bekanntschaft nach
Weimar geht. Das bläst die Asche von der Glut, mich hält's, dass ich von hier aus
die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu
wissen, was dort vorgeht; ich käme mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich
dem Einfluss, den die Nähe des bedrängten Landes auf mich hat, entziehen wollte;
wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen
sehe, da muss ich immer mit ihr.
    Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewölk, Wind und
Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch
einen Sonnenstrahl erhellt. - Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben, aber
ich hab Dich diese ganze Zeit über bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und
nun will ich's gleich auseinandersetzen: es ist auf der hiesigen Galerie ein
Bild von Albrecht Dürer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst
gemalt; es hat die graziösesten Züge eines weisheitsvollen, ernsten, tüchtigen
Antlitzes; aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden
Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir
auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe,
das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt:
ein jeder mag König sein über sich selber. So meine ich nämlich, dass die Natur
des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit, über die
Zufälle des äusseren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl
über Schönheit hinaus ist als der Hässlichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen,
die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen vergänglichen
Meister wird. Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch
die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's
kopieren lassen. - Ich hab das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer
gehabt und war nicht allein. Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann
gewendet, hab Trost und Leid von ihm empfunden, bald war's mir traurig zu
fühlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem
solchen, der recht wollte, was er wollte; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild
als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und dass ich Dir's
recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick
gerührt, der aus seinen edlen Augen dringt, dass er mir mehr im Umgang war als
ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für Dich kopieren lassen, ich
wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so
verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschluss, es die nächstfolgende
abzusenden, ohne dass ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein
lieber Goete, ich hab noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken
als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher wär wohl meiner kindischen Art
zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich
von einem Freund nicht mehr lossagen kann. Dir aber will ich's schicken, meinem
geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal führt, soll es nicht in andre
Hände kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so müsse es wieder in
meine Hände kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu können,
indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht
stets auf die kommende Zeit hoffte, so würde ich verzweifeln, Dich bald
wiederzusehen; allein, dass nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon
manchen Menschen alt gemacht. - Du bist mir lieb über alles, in der Erinnerung
wie in der Zukunft; der Frühling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat,
dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom
Ast gelöst, noch hat der Regen keine Blüte zerstört, alle Abend hauchen sie noch
den süssen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum
Schlafen gekommen, dass ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da
Du mich auf meinen Mund geküsst, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets
hoffen, dass die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so
glaub ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, lass mich so jung und
weise sein wie Du, und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein
wie die beiden Jünger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.
    Schreib mir, wie Du glaubst, dass ich das Bild ohne Gefahr schicken könne,
aber bald. - Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst
schon eine finden. Hab niemand lieber wie mich; Du, Goete, wärst sehr
ungerecht, wenn Du andre mir vorzögst, da so meisterlich, so herrlich, Natur
mein Gefühl Dir verwebt hat, dass Du das Salz Deines eignen Geistes in mir
schmecken musst.
    Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung, die alles
bildende Ruhe im Busen störte, dann möchte ein leichter Wind, der durch die
Grashalmen fährt, der Nebel, wie er sich von der Erde löst, die Mondessichel,
wie sie über den Bergen hinzieht, oder sonst einsames Anschauen der Natur einem
wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle
Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreissen haben, da will sie keinem
Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, dass man sich
auf seinen Arm gestützt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige ätzt tief
jede Linie der Gegenstände ins Herz, so weiss ich jeden Baum des Parks noch, an
dem wir vorübergegangen, und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und
zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest, die
Jugend sei wollig; und dann die runde, grüne Quelle, an der wir standen, die so
ewig über sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie rufe der Nachtigall, und
die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir
eine Minute gesessen, und Du sagtest: »Setze Dich näher, damit die Kugel nicht
in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr«, und ich war einen Augenblick so
dumm, zu glauben, die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht
auf sie scheine, und da hab ich gewünscht, nur einen Frühling mit Dir zu sein,
hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; »ei nein«,
sagtest Du, »aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spass ein Ende
machen«; das war der Herzog, der grad auf uns zukam, ich wollte mich verstecken,
Du warfst Deinen Überrock über mich, ich sah durch den langen Ärmel, wie der
Herzog immer näher kam, ich sah auf seinem Gesicht, dass er was merkte, er blieb
an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so grosse Angst hatte ich
unter Deinem Überrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das
sah ich durch Deinen Rockärmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm
kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir
nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch? - nicht viel Weisheit,
denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates
über die Liebe belehrte, und sagtest: »Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber
Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit«, - und warum waren wir da
beide so tief bewegt? - dass Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten:
»Lieb mich immer«, und ich sagte: »Ja.« - Und eine ganze Weile drauf, da nahmst
Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und
sagtest; »Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist.«
- Ach! Goete, ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da
zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar
nicht, dass ich mit Selbstbewusstsein Dir die Treue zugesagt hätte, es ist alles
mächtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich
muss alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen
einzigen Frühling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, dass ich diesen
bewältigen könne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso
vor Unruh, wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke. Ich bin am Ende des
Blattes, und wär's nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt, so möcht ich ein neues
anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den
Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich. Dass sie doch alle
vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor
mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewusste
Philosophie.
    Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt,
so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und
scheut nicht, drin unterzugehen; möchte sie doch! welch seliger Tod! -
Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und
Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.
                                                                         Bettine
Bleib ihr gut, schreib ihr bald und grüss die Deinen.
 
                                   An Bettine
In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen, liebe
Bettine, ich muss mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses
nimmer satt werden. So lasse Dir denn genügen, dass die Ferne Deinen Einfluss
nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen
Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst, und dass ich Deine bösen wie Deine guten
Träume mitträumen muss. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, über das verstehst
Du auch allein Dich wieder zu erheben, hierüber schweigt man denn wie billig und
fühlt sich beglückt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue
und Güte zu haben; da man doch Dich lieben lernen müsste, selbst wenn man nicht
wollte.
    Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen
Trabanten zu üben, die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen. Der
humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur
durch die Atmosphäre der heissen Junitage dem Schlaf zu unterliegen, während er
träumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert, da mag es ihm
denn freilich nicht beikommen, dass Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest,
wo Dein heroischer Geist selber weilt.
    Was Du mir von Jacobi erzählst, hat mich sehr ergötzt, seine jugendlichen
Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, dass
ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe, die artige Schilderung Deiner
Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir
ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen. Zu loben bist Du,
dass Du keiner autentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne
Vorurteil zu huldigen. So ist gewiss Jacobi unter allen strebenden und
philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner
Empfindung und ursprünglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein
sittliches Gefühl unverletzt bewahrte, dem wir als Prädikat höherer Geister
unsere Achtung nicht versagen möchten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach
erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre
Hochachtung, die Du unter Deinen liebenswürdigen Koboldstreichen verbirgst, so
wäre dies ganz in meinem Sinne gehandelt.
    Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient
Anerkenntnis, obschon ich glauben muss, dass es Dir ebenso darum zu tun ist, den
Gefühlen Deines Generalissimus näher auf die Spur zu kommen als auch meine
Wünsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf näheres;
und da Du so entschieden die Divinität des schöpferischen Dichtervermögens
erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorläufig für
Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden
allmählich vermehrt, wenn sie Dir später einmal zu Gesicht kommen werden, so
erkenne daran, dass, während Du glaubst, mein Gedächtnis für so schöne
Vergangenheit wieder anfrischen zu müssen, ich unterdessen der süssesten
Erinnerung in solchen unzulänglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe,
dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen
Herzen zu erwecken.
    Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglückender Gewohnheit
treu.
                                                                              G.
Jena, den 7. Juli 1809
Wie mit innigstem Behagen,
Lied, gewahr ich deinen Sinn;
Liebevoll scheinst du zu sagen,
Dass ich ihm zur Seite bin.
Dass er ewig mein gedenket,
Seiner Liebe Seligkeit
Immerdar der Treuen schenket,
Die ein Leben ihm geweiht.
Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,
Freund, worin du dich erblickt,
Diese Brust, wo deine Siegel
Kuss auf Kuss hereingedrückt.
Süsses Dichten, lautre Wahrheit,
Fesselt mich in Sympatie!
Rein verkörpert Liebesklarheit
Im Gewand der Poesie.6
 
                                   An Goete
Kein Baum kühlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn
und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du
leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nähe zu
sein hält so viel Ewigkeit in sich, dass ein solcher Augenblick der Ewigkeit
gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er
entlässt sie wieder, um sie wieder zu fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit
noch für Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Güte mich in ihre
Herrlichkeit aufnehmen.
    Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.
    Das Gedicht gehört der Welt, nicht mein, denn wollt ich es mein nennen, es
würde mein Herz verzehren.
    Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst wär
ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu
viel ist), dass ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu dürfen.
    Weil ich Dich kenne, so fürchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht
sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger kann ich die
schöne Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, dass Du
mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.
    Erlaube mir, ja fordere es, dass ich dieselbe Luft einatme wie Du, dass ich
täglich Dir unter die Augen sehe, dass ich den Blick aufsuche, der mir die
Todesgötter bannt.
    Goete, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit
raubt; da Du es nun vermagst mit gelassnem Blick reichlich zu spenden, warum soll
ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie
gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren
oft von den Flammen des Kriegs gerötet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen
Blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm würgt, wo die einzige Freiheit
eines selbständigen Volkes sich selber entzündet und in sich verlodert. Diese
Menschen, die mit kaltem Blut und sicher über ungeheure Klüfte schreiten, die
den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer
Höhe herab schwindlig; es ist ein Volk, das für den Morgen nicht sorgt, dem Gott
unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die
Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den höchsten Felsspitzen über den
Nebeln ruht, auch so über den Nebeln der Zeit tront, das lieber im Licht
untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Entusiasmus des
eignen freien Willens! wie gross bist du, da du allen Genuss, der über ein ganzes
Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so lässt sich um
einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich
wiederzusehen, und allen Entusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich
fassen, und darum begehre ich auch ausser diesem nichts mehr.
    Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten möchte ich Dir manches erzählen,
was dem Dux gewiss Freude machen würde, und was auch verdiente, verewigt zu
werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus
misshandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, dass man lieber gar nicht
hinhorcht, als dass man das Herz durch Lügen sich schwer machen lässt. - Das Gute,
was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn
sie es vermöchten, so würden sie gewiss das Gelingen der Feinde leugnen.
Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst,
unbegrenzte Güte, durchsichtige, bedürfnislose Natur; Gefahr ist ihm gleich dem
Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut
alles, indem er seinen Entusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf
seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die
Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Pläne; und auch noch was
der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwüstet er die
Mühlen, erbeutet das Getreide und löscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen
gefahrvollen Plan überlässt er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte
er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrücke der Bayern macht
er flott. In einer stürmischen Nacht, im Wasser bis an die Brust, hält er aus
bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem
Hagel von Kartätschen flott macht. - List ist seine göttlichste Eigenschaft, den
verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verändert
Kleidung und Gebärde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu
sprechen, man lässt ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errät
unterdessen alles, was er wissen will, in dieser grossen Gefahr, mit noch zwei
andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, lässt sich beleuchten,
untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pförtchen,
zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.
    Alle diese Mühen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch
die Unzuverlässigkeit von Österreich, das überhaupt ist, als könne es keinen
glücklichen Erfolg ertragen, und fürchte sich vor seinem grossen Feind, einst
diese Siege verantworten zu müssen, und so wird es auch noch kommen, es wird
noch den grossen Napoleon um Verzeihung bitten, dass man ihm die Ehre erzeigt, ihm
ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewiss ist mir, dass auf Erden
allem Grossen schlecht vergolten wird.
    Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Dürers selbst
verfertigtem Porträt, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage
verreist und weiss also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit, mit
welcher es ging, exakt ist, Du musst es der Zeit nach jetzt bald in Händen haben,
schreib mir darüber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum musst ich Dir's geben,
weil ich mich selbst Dir geben möchte.
    Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird
schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch
der Sturm, und falbe Blätter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann
wird denn eine gütige Sonne die Früchte an meinem Lebensbaum reifen, dass ich
ernten kann Kuss um Kuss? - Einen Weg geh ich alle Tage, jede Staude, jedes
Gräschen ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir
schon betrachtet. Dieser Weg führt nicht zu Dir, und doch wird er mir täglich
lieber, wenn mich nun einer gewohnt würde, zu Dir zu tragen, wie würden da
Blumen und Kräuter erst mit mir bekannt werden, dass mir stets das Herz pochte
bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz hätte auf diesem Weg jeder Schritt.
    Vom Kronprinz weiss ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart
behandelte und hungern liess, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezählt,
er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein
scharfes Auge darauf; das hab ich durch seinen getreuen Bopp, der die
ausführliche Erzählung mit etlichen Freudentränen begleitete. Sein kaltes Blut
mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Mühen und Lasten werden auch noch
anderweitig gerühmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten
vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber dass er diese Erwartung nicht
zuschanden gemacht hat, dafür sei er gelobt und gesegnet.
    Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von
Sömmering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil darüber zu bitten,
er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zügen; ich sage: es
hat eine grosse Ähnlichkeit mit einem Bock, dies liesse sich noch rechtfertigen.
    Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel
vornehmer und schöner Damen umgibt sein Lager, das passt zu gut und gefällt ihm
zu wohl, als dass er je vom Platz rückte.
    Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge
nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze,
zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz
sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was Du für ihn geschrieben hast; ich
musste es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Fürsprache bei
Dir habe, wie Du bei ihm, so müsse er wohl selbst Dir schriftlich danken,
einstweilen schickt er beikommende Rede über Vernunft und Verstand.
                                                                         Bettine
Köln, wo ich vorm Jahr so fröhlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt,
er geht hier so ganz verträglich mit der Langenweile um, und bejammert mit
aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.
    Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Ästen und mir die
kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich frühe, wo noch kein Mensch des Weges
geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre, denn die langen
Schatten am frühsten Morgen sind mir bessere Gefährten als alles, was mir den
ganzen Tag über begegnet.
    Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schönem Wetter
frühstückt er in der Gartenlaube mit der Frau, da muss ich immer den Streit
zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen
Taubenschlag, so gross wie er ist, muss er sich an den Boden ducken, hundert
Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zärtlich
schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er
mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von draussen
hereingestürzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern
ihn; da ist er selig und möchte eine Musik komponieren, die grad so lautet. Da
nun Winter ein wahrer Koloss ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar,
der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm
kauernd, einen grossen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden
Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr
zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck
heben, sie lässt sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft
ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von höherer Macht fühlt man
sich als Organ benützt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt
auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer
Empfindung, dass der Sänger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgeniessend sich
empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal ästetischer Erhabenheit, wo
alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.
    Wie lange haben wir nichts über Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's,
als müsse ich Dir den gordischen Knoten auflösen, und doch fühlte ich meine
Unzulänglichkeit, ich wusste nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts
weiss, als nur, dass man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins
Stocken geraten, alles möcht ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was
ich im Gefühl denke, das ist schwer; - ja, solltest Du's glauben? - Gedanken
machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, dass ich ihnen ausweiche, und
alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische
Auflösung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen
mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben
mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien hörte
im Nachbarsgarten und ich fühlte, man müsse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe
zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch
wieder so belebend, so begeistigend, wie dies Streiten und Gebaren der
verschiedenen Modulationen, die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen
unwillkürlich durch ein Gesamtgefühl getragen, immer allseitiger, immer in sich
konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschliessen. - So empfinde ich die
Symphonie, so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien des
göttlichen Geistes, der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer
Freiheit. Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Töne
einem hohen gemeinsamen Zweck, der mit göttlichen Kräften sich selbst
erstreitet; so scheint mir auch jede grosse Handlung ein musikalisches Dasein; so
mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich
versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen, wo denn die geniessende,
mitempfindende Welt neu geschaffen, von Kleinlichkeit befreit, eine höhere
Befähigung in sich gewahrt.
    Ich werde müde vom Denken und schläfrig, wenn ich mir Mühe gebe, der Ahnung
nachzugehen, da wird mir angst, ja ich möchte die Hände ringen vor Angst um
einen Gedanken, den ich nicht fassen kann. Da möcht ich mit einem Ausdruck Dir
hingeben Dinge, denen ich nicht gewachsen bin, und da schwindet mir alle
Erkenntnis, langsam wie die untergehende Sonne, ich weiss, dass sie ihr Licht
ausströmt, aber sie leuchtet mir nicht mehr.
    Denken ist Religion, fürs erste Feueranbeten, wir werden einst noch weiter
schreiten, wo wir mit dem ursprünglich göttlichen Geist uns vereinen, der Mensch
geworden und gelitten hat, bloss um in unser Denken einzudringen; so erkläre ich
mir das Christentum als Symbol einer höheren Denkkraft, wie mir denn überhaupt
alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist.
    Nun, wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen, so
erhält dies mich doch frisch und tätig, und sie haben mir auf den Weg gestreut
gleich einem auserwählten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Abenteuer auf
holperigem Pfad, bekannt bin ich worden mit den dürren Geistern der Zeit, mit
Ungeheuern verschiedener Art, und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr
träumerisch Schicksal gezogen. Aber nicht hab ich erblickt wie bei Dir, da von
heiliger Leier mir frisches Grün entgegenglänzte, und nicht hört ich wie bei
Dir, dem unter den Füssen silbern der Pfad tönt, als der auf Strassen Apollos
wandelt. Da denk ich mit verschlossenen Augen, wie ich gewohnt war, mit Dir
lächelnd des Herzens Meinung zu wechseln, den eignen Geist in der Seele fühlend.
Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit, da wollt ich nicht zuhören
und hiess sie schweigen, weil ich grad eben mich in Deine Gegenwart träumte.
    Franz Bader, der nach seiner Glasfabrik in Böhmen gereist ist, hat mir beim
Abschied beigepackte Abhandlungen für Dich gegeben und mich zugleich gebeten,
Dich seiner innigsten Achtung zu versichern, er hat mir dabei mancherlei aus
seinem Leben erzählt, wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen
gemacht, in einem winzigen Nachen, mit Deinem »Egmond«, im Meer zwischen Klippen
und Inseln hin und her geworfen, wie er mit den Meerkatzen fechten müssen, wie
Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur
immer Deine Bücher zu retten gesucht. Siehst Du! so treibt's Dein Geist auf
allen Pfaden, zu Land wie zu Wasser, und er zieht von der Quelle an fort mit dem
Strom, bis wo er sich ergiesst, und so ziehen mit die noch fremden Ufer, und die
blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft. Und es sehen die Wälder
Dir nach, und die vergoldende Sonne schmückt die Bergeshöhen zu Deinem Empfang;
es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg,
die Deiner Jugend reine Stimme gehört.
    Gestern erhielt ich Dein Bild, eine kleine Paste in Gips, aus Berlin, es
gleicht, was hilft's, ich muss nach Dir verlangen.
    Noch ein ägyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden
begegnet, und nicht wundert mich, dass seine trockne sandige Natur hier verfault,
es ist Klotz, der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte, endlich
ihrer Gewalt erliegend, sein fünfundzwanzigjähriges Werk endet. Ägyptisch nenne
ich ihn, weil erstens sein Antlitz, wie von glühenden Harzen geschmiedet,
zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt, und zweitens, weil er in
fünfundzwanzig Jahren mit ausserordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze
gearbeitet hat. Ich habe aus christlicher Milde (und zugleich um Dir, als
welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedürfte, Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen) sein ganzes Manuskript angehört. Nun kann ich mich
freilich mit was ich von ihm erlernt, nicht breit machen, ich war mit Rätseln
umstrickt, die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden, und er war
ängstlich auf seiner Hut, dass ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappte,
um es Dir zu übertragen, er möchte gern mit Dir selber hierüber sprechen, am
meisten klagte er, dass Du ihm auf einen demütigen, aufrichtigen Brief keine
Antwort gegeben, ich aber tröstete ihn damit, dass Du mir auf einen bittenden,
liebenden Brief auch keine Antwort gegeben, und so war es gut. - Ich kann dem
armen Mann nicht begreiflich machen, dass er die Perlen mit den Kleien gemischt,
und dass wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird. Du aber
könntest hier gewiss Gutes stiften, wenn Du Dich über seine Entdeckungen mit ihm
einlassen wolltest. Beikommende Tabelle hab ich ihm für Dich abgeluchst, sie
gefällt mir so wohl, dass ich sie wie ein schönes Bild betrachte.
    Jetzt hab ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll
mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Dürers Bildnis, welches schon vor
sechs Wochen von hier abging, erhalten? - wo nicht, so bitte ich, lasse doch in
Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.
    Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein,
die soll Wahlverwandtschaften heissen und von Dir in Gestalt eines Romans
ausgehen. Ich habe einmal einen fünf Stunden langen, saueren Weg nach einem
Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht
zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an
dem Gestein, alte dürre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her,
und Abgründe, die man da sah, waren keine Abgründe der Weisheit, sondern dunkle,
schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, dass die himmlische Natur solche
Launen habe, der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras
gewühlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wüsste, gern
wollt ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit
leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen
beflügelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der
Inbegriff aller Seligkeit.
    9. September 1809
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den
Albrecht Dürer angekündigt, so wie auch in einem Ihrer früheren Briefe desselben
gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel
Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet hätte, es
doch gern würde aufgehoben haben, bis Sie gekommen wären, es abzuholen. Nun muss
ich Sie bitten, wenn wir es nicht für verloren halten sollen, sich genau um die
Gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den
verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe
ich, dass es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so
erhalten Sie gleich Nachricht.
    Der Freund, welcher die Kölner Vignette gezeichnet, weiss, was er will, und
versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen
freundlichen guten Abend geboten.
    Franz Badern werden Sie schönstens für das Gesendete danken. Es war mir von
den Aufsätzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe,
weiss ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Dass Sie
meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch grössere, die Sie mir verziehen
haben, entschuldigt, ist gar löblich und hat dem guten Mann gewiss besonders zur
Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der
Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen;
wenn Sie ihn daher bewegen können, den Schlüssel zu diesem Farbenrätsel
herzuleihen, so könnte ich vielleicht durch eine verständige und gegründete
Antwort mein früheres Versäumnis wieder gutmachen.
    Wieviel hätte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben
Brief zurückgehen wollte? Gegenwärtig nur so viel von mir, dass ich mich in Jena
befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiss, welche ich wählen
soll. Wenn das Büchlein, das man Ihnen angekündigt hat, zu Ihnen kommt, so
nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafür stehen, was es
geworden ist.
                                Mit eigner Hand:
Nimm es nicht übel, dass ich mit fremder Hand schreibe, die meine war müde, und
ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen über das Bild, suche ihm doch
ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von
Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit
vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern könnte, es wäre doch immer
weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt,
selbst wenn es Täuschung wär, denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an
den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. -
Was Du zum voraus über die Wahlverwandtschaften sagst, ist prophetischer Blick,
denn leider geht die Sonne düster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht
Dürer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.
    Jena, den 11. September 1809
                                                                          Goete
Heute bitt ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft
hätte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht, es ist
in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlässigung kam die
Nachricht nicht an mich herüber. Nun soll es mich bei meiner Rückkehr in Deinem
Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so
lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. Lass mich bald wieder
von Dir vernehmen. Der Herzog grüsst Dich aufs beste, einiges muss ich ihm auch
diesmal aus Deinem schönen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist
Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von
Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine entusiastische An- und
Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende. August kommt Anfang
Oktobers von Heidelberg zurück, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er
eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk. Jena, den 15. September
1809
                                                                              G.
                                                                   26. September
Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch
geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstückchen dran gehängt von
besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen, das war nach der
alten Drehorgel gepfiffen. Hättest Du mich lieb, unmöglich könntest Du von
Deinem Sekretär einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein
Philister, dass er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch
gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den
Inhalt Deines Briefs vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, dass er
sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte? -
    Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines neuen Romans, und das macht
Dich so eingezogen und so kalt gegen mich, Gott weiss, welches Muster Dir hier
zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werters Lotte
hat mich nie erbaut, wär ich nur damals bei der Hand gewesen, Werter hätte sich
nicht erschiessen dürfen, und Lotte hätte sich geärgert, dass ich ihn so schön
trösten konnte.
    So geht mir's auch im Wilhelm Meister, da sind mir alle Frauen zuwider, ich
möchte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du
würdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser
bin und liebenswürdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja
wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, für Dich bin ich liebenswürdiger, wenn
Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? für keinen andern bin ich
geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den
Nektar heimbringt? - und ein Kuss! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am
Ast? - nein, ein Umschweben Deiner geistigen Natur, ein Streben zu Deinem
Herzen, ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe; und so ist
dieser Kuss ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich
verschiedensten Natur von mir. O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein
geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, während die Möglichkeit Dir zuhanden
liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.
    Wenn ich mein Netz aufzog, so willkürlich gewebt, so kühn ausgeworfen, im
Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es
war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in
jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und
des Unglücks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können, da
Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich
Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt
der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle
Frage und unentbehrliche Antwort.
    Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf
und verhülle mich in Dein tieferes Bewusstsein.
    Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glückliche Einfangen des
vagabundierenden Kunstwerkes meldet, möge es Dir bei Deiner Heimkehr
einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend
lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich
angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt,
dass es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige
unter den Besten.
    Vom Weltteater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, dass sie gut
balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und
Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen; es ist
grade Platz genug dort, dass von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die
so kühn sind, so himmelanstrebend wie die Felszacken, von denen sie ausgehen,
und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte, in denen sie ihre
Feinde begraben, entschieden Genaues erfährt man nicht; das Grossartige wird so
viel wie möglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich
Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk
Gottes betrachten kann für seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem
Kronprinzen, sind Briefe hier, über Begebenheiten melden sie nichts, er ist
gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, dass
er sich in diesem Element nicht fremd fühlt; weiter weiss ich nichts, das Gedicht
bekam ich nicht zu lesen, ich hätte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man
fürchtet, es möchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich könnte mein ganzes
Herz tätowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb es
so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man
Freunde hat, die sich um einen kümmern, sie beurteilen einem verkehrt und
misshandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafür soll man sich
noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Pläsier gemacht und ein schönes
Miniaturbild des jungen Königsohns an mich gebracht, das betracht ich zuweilen
und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafür
gesorgt, dass die Bäume nicht im Himmel wachsen, sag ich mit Dir; es hat gute
Wege mit Welterrschern, dass die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer
Fähigkeiten nicht Meister.
    Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen
haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen
Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettärzte weg, gestern
hab ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte,
verabschiedet, er heisst Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort
einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulösen, dazu gehört auch
grossartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fährt der Tod seinen Karren
triumphierend durch alle Strassen, und besonders hat er mehrere junge Leute,
ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen,
weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nächstens
hingehen, um böse und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag allen politischen
Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle
aufgeregten Gefühle nutzlos sich verzehren müssen. Adieu, ich bin Dir nicht
grün, dass Du Deinen Sekretär an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig
zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgültiges, das tötet das flüchtige Salz
des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Deinen Vorwürfen, liebste Bettine, ist nicht auszuweichen, da bleibt nichts
übrig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen, um so mehr, da Du
mit den geringen Beweisen von Liebe, die ich Dir geben kann, zufrieden bist;
auch bin ich nicht imstande, Dir das von mir zu schreiben, was Dir am
interessantesten sein möchte, dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches
gewähren, dass sie billig allem andern vorgehen; sie bescheren mir eine Reihe von
Festtagen, deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut.
    Gern geb ich Dir zu, dass Du ein weit liebenswürdigeres Kind bist wie alle,
die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird; eben darum
erwart ich von Dir, dass Du ihnen zugute halten werdest, was Du vor ihnen voraus
hast. Verbinde nun mit solchen schönen Eigenschaften
    auch die, immer zu wissen, wie Du mit mir dran bist; schreibe mir, was Dir
deucht, es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen, Dein offenherziges
Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung, und Deine vertraulichen Hingebungen
überwiegen mir alles. Lebe wohl, bleibe mir nah und fahre fort, mir wohl zu tun.
    Jena, 7. Oktober
                                                                          Goete
                                                        Landshut, am 24. Oktober
Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten, dies habe
ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche, die da stand in der Schar wilder hoher
Waldpflanzen mächtig gross, und ihre Jahrhunderte zählte, ganz abgewendet vom
Sonnenschein. Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier, man muss über manchen
Stiegelhupfer, kommt allmählich aufwärts zwischen Tannen und Fichten, die ihre
breiten Äste im Sand schleifen. Dort stand vor vielen hundert Jahren ein
Jagdschloss von Ludwig dem Schönen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust
war, in Nebel und Abenddämmerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwärts
gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mühle geführt, das
Wasser hörte er brausen und das Mühlenrad gehen, sonst war alles still, er rief,
ob ihn niemand höre, die Müllerin, die gar schön war, wachte auf, zündete ein
Kienholz an und kam vor die Tür gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da
er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis
am frühen Morgen. Er suchte sich aber einen heimlichen Weg, wie er wieder zu ihr
kommen möge. Er vergass ihrer nicht, aber wohl vergass er der Mark Brandenburg,
die er verlor, darum, dass er auf nichts achtete als nur auf die Liebe; eine
Ulmenallee, die zur Mühle führt vom Schloss aus, und die er selbst pflanzte,
steht noch; »daran sieht man, dass die Bäume wohl alt werden, aber die Liebe
nicht«, sagte einer von unserer Gesellschaft, da wir durch die Allee gingen. Und
darum hat der Herzog nicht unrecht, dass er die Mark Brandenburg um die Liebe
gab, denn diese ist immer noch da und ist dumm, aber in der Liebe geht man umher
wie im Frühling, denn sie ist ein Regen von sammetnen Blütenblättern, ein kühles
Hauchen am heissen Tag, und sie ist schön, bis sie am End ist. Gäbst Du nun auch
die Mark um die Liebe? - es würde mir nicht gefallen, wenn Du Brandenburg lieber
hättest wie mich.
                                                                  Am 23. Oktober
Der Mond scheint weit her über die Berge, die Winterwolken ziehen herdenweis
vorüber. Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen, wie's
oben jagt und treibt. Lieber Goete, guter Goete, ich bin allein, es hat mich
wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf! wie ein neugeboren
Kindchen, so muss ich diese Liebe pflegen zwischen uns; schöne Schmetterlinge
wiegen sich auf den Blumen, die ich um seine Wiege gepflanzt habe, goldne Fabeln
schmücken seine Träume, ich scherze und spiele mit ihm, jede List versuch ich um
seine Gunst. Du aber beherrschst es mühelos, durch das herrliche Ebenmass Deines
Geistes; es bedarf bei Dir keiner zärtlichen Ausbrüche, keiner Beteuerungen.
Während ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart, geht eine Kraft von Dir aus
des Segens, die da reicht über alle Vernunft und über alle Welt.
                                                                  Am 22. Oktober
Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben, und endige gern tief unten,
ohne einen Platz zu lassen für den Respekt; das malt mir immer vor, wie vertraut
ich mit Dir sein darf; ich glaub wahrhaftig, ich hab's von meiner Mutter geerbt,
denn alte Gewohnheit scheint's mir, und wie das Ufer den Schlag der Wellen
gewöhnt ist, so mein Herz den wärmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen, bei
allem, was mich daran erinnert, dass Du in dieser sichtbaren Welt lebst.
    Deine Mutter erzählte mir, dass, wie ich neugeboren war, so habest Du mich
zuerst ans Licht getragen und gesagt, das Kind hat braune Augen, und da habe
meine Mutter Sorge getragen, Du würdest mich blenden, und nun geht ein grosser
Glanz von Dir aus über mich.
 
                                                                  Am 21. Oktober
Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts, das ist mir nicht
recht; ich sehne mich wieder nach der Angst, die mich aus München vertrieben
hat, ich habe Durst nach den Märchen von Tirol, ich will lieber belogen sein als
gar nichts hören; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete für sie.
    Der Kirchturm hat hier was Wunderliches, sooft ein Domherr stirbt, wird ein
Stein am Turm geweisst, da ist er nun von oben bis unten weiss geplackt.
    Indessen geht man an schönen Tagen hier weit spazieren mit einer
liebenswürdigen Gesellschaft, die sich an Savignys menschenfreundlicher Natur
ebenso erquickt wie an seinem Geist. Salvotti, ein junger Italiener, den Savigny
sehr auszeichnet, hat schöne Augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir
hergehen als ins Gesicht; denn er trägt einen grünen Mantel, dem er einen
vortrefflichen Faltenwurf gibt, Schönheit gibt jeder Bewegung Geist; er hat das
Heimweh, und obschon er alle Tage seinen vaterländischen Wein durch den
bayerischen Flusssand filtriert, um sich zu gewöhnen, so wird er täglich blasser,
schlanker, interessanter, und bald wird er seine Heimat aufsuchen müssen, um ihr
seine heimliche Liebe einzugestehen; so wunderliche Grillen hat Natur, zärtlich,
aber nicht überall dieselbe, demselben.
    Ringseis, der Arzt, der mir den Intermaxillarknochen sehr schön präpariert
hat, um mir zu zeigen, wie Goete recht hat, und viele freundliche Leute sind
unsre Begleiter, man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege,
man übt sich aufs kommende Frühjahr, wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol
vorhat; wer weiss, wie's dann dort aussehen wird, dann werden die armen Tiroler
schon seufzen gelernt haben.
    Heute Nacht hab ich von Dir geträumt, was konnte mir Schöneres widerfahren?
- Du warst ernstaft und sehr geschäftig und sagtest: ich solle Dich nicht
stören. Das machte mich traurig, da drücktest Du sehr freundlich meine Hand auf
mein Herz und sagtest: »Sei nur ruhig, ich kenne Dich und weiss alles«, da wachte
ich auf; Dein Ring, den ich im Schlaf an mich gedrückt hatte, war auf meiner
Brust abgebildet, ich passte ihn wieder in die Abbildung und drückte ihn noch
fester an, weil ich Dich nicht an mich drücken konnte. Ist denn ein Traum
nichts? - Mir ist er alles; ich will gern die Geschäfte des Tages aufgeben, wenn
ich nachts mit Dir sein und sprechen kann. O sei's gern im Traum, mein Glück,
Du.
                                                                  Am 19. Oktober
Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzuschlagen gewusst, ich hab mir eine
Kapelle von sechs bis acht Sängern errichtet, ein alter geistlicher Herr,
Eixdorfer (behalte seinen Namen, ich werde Dir noch mehr von ihm erzählen), ein
tüchtiger Bärenjäger und noch kühnerer Generalbassspieler, ist Kapellmeister. An
Regentagen werden in meinem kleinen Zimmer die Psalmen von Marcello aufgeführt,
ich will Dir gern die schönsten davon abschreiben lassen, wenn Du sie selber
nicht hast, schreib nur ein Wort drum, denn die Musik ist einzig herrlich und
nicht gar leicht zu haben. Auch die Duetten von Durante sind schön, das Gehör
muss sich erst daran gewöhnen, ehe es ihre harmonische Disharmonie bändigen mag,
eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen, die in die Luft wie ein irrendes
Verhallen abbricht; drum sind sie aber auch so gewaltig, wenn sie recht gesungen
werden, dass man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten liesse.
Man hatte indessen ein barbarisches Urteil über diese und Marcello gefällt, ich
wurde bizarr genannt, dass ich täglich zweimal, morgens und abends, nur diese
Musik singen liess. Nach und nach, wie jeder Sänger seinen Posten verstehen
lernte, gewann er auch mehr Interesse. - Auf Apolls hohen Koturnen schreiten,
mit Jupiters Blitzen um sich schleudern, mit Mars Schlachten liefern,
Sklavenketten zerbrechen, den Jubel der Freiheit ausströmen, bacchantische Lust
ausrasen, mit dem Schild der Minerva die anstürmenden Chöre zusammendrängen,
ihre Evolutionen ordnend schützen, das sind so einzelne Teile dieser Musik, an
denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen. Da ist denn
auch kein Widerstand; Musik macht die Seele zu einem gefühligen Leib, jeder Ton
berührt sie; Musik wirkt sinnlich auf die Seele, wer nicht so erregt ist im
Spiel wie in der Komposition, der bringt nichts Gescheites hervor; die
scheinheiligen, moralischen Tendenzen seh ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem
erlogenen Plunder, denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der Natur,
und Du weisst das am besten.
                                                                  Am 18. Oktober
Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben; es ist
nichts mit ihm anzufangen, ich habe zum Teil mit Langerweile, aber doch auch mit
Teilnahme mein Ohr seinem fünfundzwanzigjährigen Manuskript geliehen, mich
mühsam durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt, dass er sich selbst in
höchst prosaischem Wahnsinn hinten angehängt hat; nichts hab ich besser
verstanden als dies eine: Ich bin Ich, und beim Lichte besehen, hat er sich
durch häufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe, schmutzige Stoffarben
verwandelt. Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte, besonders
durch sein schauerliches Gesicht, so konnt ich nach endlich beendigten Kollegien
nicht mehr über mich gewinnen, ihn zu besuchen, und kam mir eine seltsame
Furcht, wenn ich ihn auf der Strasse witterte. Bei Sonn- und Mondenschein stürzt
er auf mich los, ich suche zu entweichen, ach, vergebens, die Angst lähmt meine
Glieder, und ich falle in seine Hände. Nun fing er an, sein System von Grund aus
in meine Seele einzukeilen, damit ich den Unterschied von Goetes Ansicht ja
recht auffasse; auch lud er mich ein, um mir seine Lichtteorie auf französisch
vorzulesen, er übersetzte das Ganze, um es der Pariser Akademie zu übergeben; da
nun ein Dämon in mir dem allen entgegenarbeitet, was sich als Wirklichkeit
behauptet, keine Form veredelt, alles Poetische leugnet oder höchst gleichgültig
überbaut oder zertrümmert, so hab ich ihm durch meine grossen Lügen, Parodien und
Vergleichsammlungen wiederum das Leben, das ganz erstarren wollte, auf etliche
Zeit gefristet.
    Ich meinte, da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles
sah, was er wollte, dass der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des
Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins; denn ohne ihn schwebt alles und
gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, so auch, wenn ich
zweifle und nicht glaube, so verfliegt mir auch Dein schönes Andenken, und ich
habe nichts.
                                                                  Am 17. Oktober
Um etwas bitte ich, Du darfst mir's nicht abschlagen, man kann nämlich während
der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge, die die Einsamkeit des Grabes
versüssen, als da sind: Schleifen, Haarlocken der Geliebten usw.; meine Liebe zu
Dir ist zu gross, als dass ich Dir ein Haar krümmen möchte, viel weniger eins
abschneiden, denn Dein Haar gehört zu Dir, und Du bist ein Ganzes, das meine
Liebe sich zugeeignet hat, und will auch nicht ein Haar an Dir missen. - Gib mir
Dein Buch - lasse es schön einbinden in eine freundliche Farbe, in Rot etwa;
denn das ist eine Farbe, in der wir uns oft begegneten, und dann schreibe mit
eigner Hand vorne hinein: Bettine oder Schatz usw. - dies Buch schenk ich Dir.
                                                                  Am 16. Oktober
Zwei Briefe erhielt ich von Dir über Dürers Bildnis, Du musst mir aber auch
Nachricht geben, ob es unbeschädigt angekommen, und ob es Dir gefällt? - Sag
mir, was Du Lobenswertes daran findest, damit ich's dem sehr armen Maler
wiedersagen kann. Ich habe jetzt noch obendrein gehäufte Korrespondenzen mit
jungen Aufschösslingen der Kunst, einem jungen Baumeister in Köln, ein Musiker
von achtzehn Jahren, der bei Winter Komposition studiert, reich an schönen
Melodien, wie ein silberner Schwan, der in hellblauer Luft mit ausgespannten
Flügeln singt. Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen, er heisst
Lindpaintner, doch sagt Winter, er wird diesen Namen zu Ehren bringen. Ein
junger Kupferstecher, der bei Hess in München studiert. Beiliegendes radiertes
Blättchen ist von ihm, es ist der erste Abdruck, noch verwischt und unzart, auch
ist das Ganze etwas düster und nach dem Urteil anderer zu alt, indessen scheint
mir's nicht ganz ohne Verdienst, er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur
aufs Kupfer gearbeitet; wenn Dir's gefällt, so schick ich ein reineres,
besseres, mit mehr Sorgfalt gepackt, das kannst Du an Dein Bett an die Wand
stecken. - All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu, und
ist mir eine angenehme Würde, als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu
werden, ich lehre sie nun ihre fünf Sinne verstehen; wie dass aller Dinge Wesen
in ihnen fliegt und kriecht, wie Duft der Lüfte, wie Kraft der Erde, wie Drang
der Wässer und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten, wie die wahre
Ästetik im hellen Spiegel der Schöpfung liege, wie Reif, Tau und Nebel,
Regenbogen, Wind, Schnee, Hagel, Donner und die drohenden Kometen, die
Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen. Der Gott, der den Winden
Flügel anbindet, der wird sie ihrem Geist auch anbinden.
                                                                  Am 15. Oktober
Merkst Du denn nicht, dass mein Datum immer zurück, statt vorwärts geht? - Ich
habe mir nämlich eine List ausgesonnen; da die Zeit mich immer weiter trägt und
nie zu Dir, so will ich zurückgehen bis auf den Tag, wo ich bei Dir war, und
dort will ich stehen bleiben und will von dem: In Zukunft und: Mit der Zeit und:
Bald gar nichts mehr wissen, sondern dem allen den Rücken kehren, ich will der
Zukunft ein Schloss vor die Tür legen und somit Dir auch den Weg versperren, dass
Du nirgends als zu mir kannst.
    Schreib mir über die Musik, damit ich sie schicken kann, wenn Du sie nicht
hast, ich schicke so gern etwas, dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten
Gruss, des Sohns gedenke ich auch, Du aber schreib mir an einem hellen Tag; ich
bilde mir immer ein, dass ich Dir unter vielem das Liebste sei. Als Deine Mutter
noch lebte, da konnte ich mich mit ihr drum besprechen, die erklärte mir aus
Deinen paar flüchtigen Zeilen alles; »ich kenne ja den Wolfgang«, sagte sie,
»das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben, er hält Dich so sicher in seinen
Armen wie sein bestes Eigentum«. - Da streichelte mich diese Hand, die Deine
Kindheit gepflegt hatte, und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem
ehmaligen Hausrat, wo Du dabei gewesen warst. Das waren Lieblichkeiten.
                                                                         Bettine
Morgen geh ich wieder nach München, da werde ich den liebenswürdigen Präsidenten
wiedersehen. In der diesjährigen öffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr
schöne Abhandlung über die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall
gelesen worden. Sie hatte das eigne Schicksal, jedermann zu ennuyren, wenn mein
Brief dies Schicksal mit ihr teilt, so lese ihn immer um des Zwangs, den ich mir
angetan, auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen.
 
                               Goete an Bettine
                                                    Weimar, den 3. November 1809
Wie könnte ich mich mit Dir, liebe Bettine, wollen in Wettstreit einlassen, Du
übertriffst die Freunde mit Wort und Tat, mit Gefälligkeiten und Gaben, mit
Liebe und Unterhaltung; das muss man sich denn also gefallen lassen und Dir
dagegen so viel Liebe zusenden als möglich, und wenn es auch im Stillen wäre.
    Deine Briefe sind mir sehr erfreulich, könntest Du ein heimlicher Beobachter
sein, während ich sie studiere, Du würdest keineswegs zweifeln an der Macht, die
sie über mich üben; sie erinnern mich an die Zeit, wo ich vielleicht so närrisch
war wie Du, aber gewiss glücklicher und besser als jetzt.
    Dein hinzugefügtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und
gebührend begrüsst. Es ist sehr natürlich und kunstreich, dabei ernst und
lieblich. Sage dem Künstler etwas Freundliches darüber und zugleich: er möge ja
fortfahren, sich im Radieren nach der Natur zu üben, das Unmittelbare fühlt sich
gleich, dass er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe, versteht sich von
selbst. Ein solches Talent müsste sogar lukrativ werden, es sei nun, dass der
Künstler in einer grossen Stadt wohnte oder darauf reiste. In Paris hatte man
schon etwas Ähnliches. Veranlasse ihn doch, noch jemand vorzunehmen, den ich
kenne, und schreibe seinen Namen, vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das
interessante Bettinchen, fürwahr, sie sitzt so treulich und herzlich da, dass man
dem etwas korpulenten Buche, das übrigens im Bilde recht gut komponiert, seine
Stelle beneiden muss. Das zerknillte Blättchen habe ich sogleich aufgezogen, mit
einem braunen Rahmen umstrichen, und so steht es vor mir, indem ich dies
schreibe, sende ja bald bessere Abdrücke.
    Albrecht Dürer wäre ganz glücklich angekommen, wenn man nicht die unselige
Vorsicht gehabt hätte, feines Papier obenauf zu packen, das denn im Kleide an
einigen Stellen gerieben hat, die jetzt restauriert werden. Die Kopie verdient
alle Achtung, sie ist mit grossem Fleiss und mit einer ernsten, redlichen Absicht
verfertigt, das Original möglichst wiederzugeben. Sage dem Künstler meinen Dank,
Dir sag ich ihn täglich, wenn ich das Bild erblicke; ich möchte von diesem
Pinsel wohl einmal ein Porträt nach der Natur sehen.
    Da ich das Wort Natur abermals niederschreibe, so fühle ich mich gedrungen
Dir zu sagen: dass Du doch Dein Naturevangelium, das Du den Künstlern predigst,
in etwas bedingen möchtest; denn wer liesse sich nicht von so einer holden
Pytonisse gern in jeden Irrtum führen. Schreibe mir, ob Dir der Geist sagt, was
ich meine. Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand, dass ich
verschweige, was ich zu sagen keinen Vorwand habe. Ich bitte Dich nur noch durch
Übersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in
meinem Hause zu spuken.
    In diesen Tagen liess sich eine Freundin melden, ich wollt ihr zuvorkommen
und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen, da ich die zweite Treppe im Elefanten
erstieg, aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze,
doch ist mir's seitdem angetan, dass ich mich oft nach der Tür wende, in der
Meinung, Du kommst, meinen Irrtum zu berichtigen; durch eine baldige ersehnte
Überraschung würde ich mich auch noch der in meiner Familie alterkömmlichen
prophetischen Gabe versichert halten, und man würde sich mit Zuversicht auf ein
so erfreuliches Ereignis vorbereiten, wenn der böse Dämon nicht grade eingeübt
wär, zuvörderst dem Herzen seine tückischsten Streiche zu spielen; und wie die
zartesten Blüten oft noch mit Schnee gedeckt werden, so auch die lieblichste
Neigung in Kälte zu verwandeln, auf so was muss man denn immer gefasst sein, und
es ist mir zum warnenden Merkzeichen, dass ich dem launigen April, obschon im
Scheiden begriffen, Deine erste Erscheinung verdanke.
                                                                          Goete
                                   An Goete
                                                        München, den 9. November
Ach, es ist so schauerlich mit sich allein sein, in mancher Stunde! Ach, so
mancher Gedanke bedarf des Trostes, den man doch niemand sagen kann, so manche
Stimmung, die geradezu ins Ungeheure, Gestaltlose hinzieht, will verwunden sein.
Hinaus ins Kalte, Freie, auf die höchsten Schneealpen mitten in der Nacht, wo
der Sturmwind einem anbliese, wo man dem einzigen einengenden Gefühl der Furcht
hart und keck entgegenträte, da könnte einem wohl werden, bilde ich mir ein.
    Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen, blauen Himmel hinträgt und
sie endlich von den breiten, mächtigen Schwingen niederschmettern lässt in die
volle Blüte der Rosenzeit, das erregt nicht allgemeines Mitleid; mancher geniesst
den Zauber der Verwirrung, mancher löst sein eignes Begehren drin auf, ein
dritter (mit diesem ich) senkt sich neben die Rose hin, so wie sie vom Sturm
gebrochen ist, und erblasst mit ihr und stirbt mit ihr, und wenn er dann wieder
auflebt, so ist er neu geboren in schönerer Jugend - durch Deinen Genius,
Goete. Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs: die Wahlverwandtschaften.
    Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht, um Dein Buch zu lesen, das mir erst
vor wenig Tagen in die Hände kam. Du kannst Dir denken, dass in dieser Nacht eine
ganze Welt sich durch meine Seele drängte. Ich fühle, dass man nur bei Dir Balsam
für die Wunde holen kann, die Du schlägst;
    denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Güte, da
wusste ich ja, dass Du lebst, und auch für mich; ich fühlte, dass mir der Sinn mehr
geläutert war, mich Deiner Liebe zu würdigen. Dies Buch ist ein sturmerregtes
Meer, da die Wellen drohend an mein Herz schlagen, mich zu zermalmen. Dein Brief
ist das liebliche Ufer, wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe, ja sogar mit
Wohlbehagen übersehe.
    Du bist in sie verliebt, Goete, es hat mir schon lange geahnt, jene Venus
ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen, und nachdem sie eine
Saat von Tränenperlen ausgesäet, da verschwindet sie wieder in überirdischem
Glanz. Du bist gewaltig, Du willst, die ganze Welt soll mit Dir trauern, und sie
gehorcht weinend Deinem Wink. Aber ich, Goete, hab auch ein Gelübde getan; Du
scheinst mich freizugeben in Deinem Verdruss, »lauf hin«, sagst Du zu mir, »und
such dir Blumen«, und dann verschliesst Du Dich in die innerste Wehmut Deiner
Empfindung, ja, das will ich, Goete! - Das ist mein Gelübde, ich will Blumen
suchen, heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmücken und wenn Dein Fuss
strauchelt, so sind es Kränze, die ich Dir auf die Schwelle gelegt, und wenn Du
träumst, so ist es der Balsam magischer Blüten, der Dich betäubt; Blumen einer
fernen fremden Welt, wo ich nicht fremd bin, wie hier in dem Buch, wo ein
gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt; ich verstehe es
nicht, dieses grausame Rätsel, ich begreife nicht, warum sie alle sich
unglücklich machen, warum sie alle einem tückischen Dämon mit stacheligem Zepter
dienen; und Charlotte, die ihm täglich, ja stündlich Weihrauch streut, die mit
matematischer Konsequenz das Unglück für alle vorbereitet. Ist die Liebe nicht
frei? - Sind jene beiden nicht verwandt? - Warum will sie es ihnen wehren, dies
unschuldige Leben mitund nebeneinander? Zwillinge sind sie; ineinander
verschränkt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen, und sie will diese Keime
trennen, weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld; das ungeheure Vorurteil
der Sünde impft sie der Unschuld ein. O, welche unselige Vorsicht.
    Weisst Du was? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe, jeder glaubt an
die gemeine, und so pflegt, so gönnt man kein Glück, das aus jener höheren
entspringt oder durch sie zum Ziel geführt könnte werden. Was ich je zu gewinnen
denke! es sei durch diese idealische Liebe; sie sprengt alle Riegel in neue
Welten der Kunst, der Weissagung und der Poesie; ja, natürlich, so wie sie in
einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fühlt, so kann sie auch nur in einem
erhabneren Element leben.
    Hier fällt mir Deine Mignon ein, wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern
tanzt. Meine Liebe ist geschickt, verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt, sie
wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun.
    Du nimmst teil an meinen Zöglingen der Kunst, das macht mir und ihnen viel
Freude. Der junge Mensch, welcher mein Bildchen radiert hat, ist aus einer
Familie, deren jedes einzelne Mitglied mit grosser Aufmerksamkeit an Deinem
Beginnen hängt; ich hörte den beiden älteren Brüdern oft zu, wie sie Pläne
machten, Dich nur einmal von weitem zu sehen; der eine hatte Dich aus dem
Schauspiel gehen sehen, in einen grossen grauen Mantel gehüllt, er erzählte es
mir immer wieder. - Wie mir das ein doppelter Genuss war! - Denn ich war ja
selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen, und dieser Mantel
schützte mich vor den Augen der Menge, wie ich in Deiner Loge war, und Du
nanntest mich Mäuschen, weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten
hervorlauschte;
    ich sass im Dunkel, Du aber im Licht der Kerzen, Du musstest meine Liebe
ahnen, ich konnte Deine süsse Freundlichkeit, die in allen Zügen, in jeder
Bewegung verschmolzen war, deutlich erkennen; ja, ich bin reich, der goldne
Pactolus fliesst durch meine Adern und setzt seine Schätze in meinem Herzen ab.
Nun sieh! - Solch süsser Genuss von Ewigkeit zu Ewigkeit, warum ist der den
Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt? - Oder warum genügt er ihnen nicht? -
Ja, es kann sein, dass ein ander Geschick noch zwischen uns tritt, ja, es muss
sein; da doch alle Menschen handeln wollen, so werden sie einen solchen
Spielraum nicht unbenutzt lassen; lass sie gewähren, lass sie säen und ernten, das
ist es nicht; - die Schauer der Liebe, die tief empfundnen, werden einst wieder
auftauchen; die Seele liebt ja; was ist es denn, was im keimenden Samen
befruchtet wird? Die tief verschlossne noch ungeborne Blüte, diese, ihre Zukunft,
wird erzeugt durch solche Schauer; die Seele aber ist die verschlossne Blüte des
Leibes, und wenn sie aus ihm hervorbricht, dann werden jene Liebesschauer in
erhöhtem Gefühl mit hervorbrechen, ja, diese Liebe wird nichts anderes sein als
der Atem jenes zukünftigen himmlischen Lebens, drum klopft uns auch das Herz,
und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefühl; bald schöpft er mit tiefem
Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit, bald kann er mit Windesschnelle kaum
alles erfassen, was ihn gewaltig durchströmt. Ja, so ist es, lieber Goete, ich
empfinde jede Minute, in der ich Deiner gedenke, dass sie die Grenze des
irdischen Lebens überschreitet, und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit
den raschen Pulsen der Begeisterung; ja, so ist es, diese Schauer der Liebe sind
der Atem eines höheren Lebens, dem wir einst angehören werden, und das uns in
diesen irdischen Beseligungen nur sanft anbläst.
    Nun will ich wieder zu meinem jungen Künstler zurückkehren, der einer der
liebenswürdigsten Familien angehört, deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so
jung schon jetzt weit über ihre Zeit hinausragen. Ludwig Grimm, der Zeichner,
machte schon vor zwei Jahren, da er noch gar wenig Übung hatte, aber viel
stillen vergrabenen Sinn, ein Bildchen von mir; für mich hat es Bedeutung, es
hat Wahrheit, aber kein Geschick fürs Äussere, wenig Menschen finden es daher
ähnlich; auch hat mich noch niemand über der Bibel eingeschlafen gesehen, im
roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle, mit den Grabsteinen und
Inschriften rund umher, ich eingeschlafen über der Weisheit Salomonis. Lasse es
einrahmen als Lichtschirm und denke dabei, dass, während er Dein Abendlicht in
stille Dämmerung verwandelt, ich träumend einer Hellung nachspähe, die den
feurigliebendsten der Könige erleuchtet.
    Des jungen Künstlers Charakter ist übrigens so, dass das übrige Gute, was Du
für ihn sagst, nicht anwendbar ist; er ist furchtsam, ich habe ihn mit List erst
nach und nach zahm gemacht, ich gewann ihn dadurch, dass ich mit Lust ebenso Kind
war wie er; wir hatten eine Katze, mit der wir um die Wette spielten, in einer
unbewohnten Küche kochte ich selbst das Nachtessen; während alles beim Feuer
stand, sass ich daneben auf einem Schemel und las; wie es der Zufall wollte war
ich gekleidet, gelagert, drapiert. - Mit grossem Entusiasmus für den günstigen
Zufall machte er Skizzen nach der Natur und litt nicht, dass ich auch nur eine
Falte änderte, so brachten wir eine interessante kleine Sammlung zusammen, wie
ich gehe und stehe und liege; in die umliegende Gegend ist er gereist, wo schöne
anziehende Gesichter sind, er brachte allemal einen Schatz von radierten
Blättchen mit, mit schöner Treue, für das Gemütliche, nachgeahmt; das einfache
Evangelium, was ich ihm predige, ist nichts anders, als was dem Veilchen der
laue Westwind zuflüstert. Dadurch wird's nicht in Irrtümer geführt werden.
Beiliegende radierte Blättchen nach der Natur werden Dich erfreuen.
    Der Musiker ist mein Liebling, und bei diesem könnte ich schon eher in
meinen Kunstpredigten über die Schnur gehauen haben; denn da hole ich weiter
aus, und hier schenke ich Dir nichts; es geht nächstens wieder über Dich her, Du
musst das überströmende unbegriffne Ahnungsgefühl wunderbarer Kräfte und ihrer
mystischen Wirkungen in Dich aufnehmen, nächstens werde ich tiefer Atem holen
und alles vor Dir aussprechen. Sehr sonderbar ist es, auch einen Architekten
lernte ich früher schon kennen, der in Deinen Wahlverwandtschaften unverkennbar
erscheint; er verdient es durch frühere entusiastische Liebe zu Dir. Er machte
damals einen Plan zu einem sehr wunderbaren Haus für Dich, das auf einem Felsen
stand und mit vielen erznen Figuren, Springbrunnen und Säulen geziert war.
    Wieviel hätte ich Dir noch zu sagen auf ein herrlich Wort aus Deinem Brief,
es wird sich aber von selbst beantworten, oder ich bin nicht wert, dass Du so
viel Herablassung an mich vergeudest. Oft möcht ich Dich ansehen, um Dir Glück
in die Augen zu tragen und wieder auch Glück daraus zu saugen, darum höre ich
auch jetzt auf zu schreiben.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
Die Welt wird mir manchmal zu eng. Was mich drückt? Es ist der Waffenstillstand,
der Friede mit allen schauerlichen Folgen, mit aller verruchten Verräterei der
Politik. Die Gänse, die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten, lassen
sich ihr Recht nicht streitig machen, sie allein führen das Wort.
    Aber Du, freundlicher Goete! Sonnenschein! Der auch mitten im Winter auf
den beschneiten Höhen liegt und in mein Zimmer guckt. - Ich hab mir des Nachbars
Dach, das morgens von der Sonne beschienen ist, als ein Zeichen von Dir gesetzt.
    Ohne Dich wär ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner, der
von den Himmelslichtern keinen Begriff hat. Du klarer Brunnen, in dem der Mond
sich spiegelt, da man die Sterne mit hohler Hand zum Trinken schöpft; Du
Dichter, Freier der Natur, der, ihr Bild in der Brust, uns arme Sklavenkinder es
anbeten lehrt.
    Dass ich Dir schreibe, ist so sonderbar, als wenn eine Lippe zur andern
spräche. Höre, ich habe Dir was zu sagen, ja ich hole zu weit aus, da sich doch
alles von selbst versteht, und was sollte die andere Lippe darauf antworten? Im
Bewusstsein meiner Liebe, meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du. -
Ach, wie konnte doch Ottilie früher sterben wollen? - O, ich frage Dich: ist es
nicht auch Busse, Glück zu tragen, Glück zu geniessen? - O Goete, konntest Du
keinen erschaffen, der sie gerettet hätte? - Du bist herrlich, aber grausam, dass
Du dies Leben sich selbst vernichten lässt; nachdem nun einmal das Unglück
hereingebrochen war, da musstest Du decken, wie die Erde deckt, und wie sie neu
über den Gräbern erblüht, so mussten höhere Gefühle und Gesinnungen aus dem
Erlebten erblühen, und nicht durfte der unreife jünglinghafte Mann so entwurzelt
weggeschleudert werden, und was hilft mich aller Geist und alles Gefühl in
Ottiliens Tagebuch? Nicht kindlich ist's, dass sie den Geliebten verlässt und
nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet, nicht weiblich ist's, dass
sie nicht bloss sein Geschick beratet; und nicht mütterlich, da sie ahnen muss die
jungen Keime alle, deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind, dass sie ihrer
nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet.
    Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich, was aus der Notwendigkeit
entsteht, und jenem höheren, was der freie Geist anbaut; in die Notwendigkeit
sind wir geboren, wir finden uns zuerst in ihr, aber zu jenem freien werden wir
erhoben. Wie die Flügel den Vogel in die Lüfte tragen, der unbefiedert vorher
ins Nest gebannt war, so trägt jener Geist unser Glück stolz und unabhängig in
die Freiheit; hart an diese Grenze führst Du Deine Lieben, kein Wunder! Wir
alle, die wir denken und lieben, harren an dieser Grenze unserer Erlösung; ja
die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer Überfahrt
harrend durch alle Vorurteile, böse Begierden und Laster hindurch zum Land, da
einer himmlischen Freiheit gepflegt werde. Wir tun unrecht zu glauben, dazu
müsse der Leib abgelegt werden, um in den Himmel zu kommen. Wahrhaftig! Wie die
ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet, ebenso bereitet sich der
Himmel vor, in sich selber, in der Erkenntnis eines keimenden geistigen
Lebens, dem man alle seine Kräfte widmet, bis es sich von selbst in die Freiheit
gebäre, dies ist unsere Aufgabe, unsere geistige Organisation, es kommt drauf
an, dass sie sich belebe, dass der Geist Natur werde, damit dann wieder ein Geist,
ein weissagender sich aus dieser entfalte. Der Dichter (Du Goete) muss zuerst
dies neue Leben entfalten, er hebt die Schwingen und schwebt über den Sehnenden
und lockt sie und zeigt ihnen, wie man über dem Boden der Vorurteile sich
erhalten könne; aber ach! Deine Muse ist eine Sappho, statt dem Genius zu
folgen, hat sie sich hinabgestürzt.
 
                                                                 Am 29. November
Gestern hab ich so weit geschrieben, da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter
Furcht, und wie ich alle Abend tue, dass ich im Denken an Dich zu Deinen Füssen
einschlafe, so wollte es mir gestern nicht gelingen; ich musste mich schämen, dass
ich so hoffärtig geschwätzt habe, und alles ist vielleicht doch nicht, wie ich's
meine. Am End ist es die Eifersucht, die mich so aufbringt, dass ich einen Weg
suche, wie ich Dich wieder an mich reisse und ihrer vergessen mache; nun! Prüfe
mich, und wie es auch sei, so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir
auch, dass ich Dir mein Tagebuch zuschicke; am Rhein hab ich's geschrieben, ich
habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt,
wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb, wie ein Bächlein eilend
dahinzurauschen über Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin, wo
Du gewaltiger Strom mich verschlingst. Ja, ich wollte dies Buch behalten, bis
ich endlich wieder bei Dir sein würde, da wollte ich morgens in Deinen Augen
sehen, was Du abends darin gelesen hattest; nun aber quält mich's, dass Du mein
Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest, und die Lebende liebst, die
bei Dir bleibt, mehr wie jene, die von Dir gegangen ist.
    Verbrenne meine Briefe nicht, zerreisse sie nicht, es möchte Dir sonst selber
weh tun, so fest, so wahrhaft lebendig häng ich mit Dir zusammen, aber zeige sie
auch niemanden, halt's verborgen wie eine geheime Schönheit, meine Liebe steht
Dir schön, Du bist schön, weil Du Dich geliebt fühlst.
                                                                       Am Morgen
Über Nacht blüht oft ein Glück empor wie die türkische Bohne, die, am Abend
gepflanzt, bis zum Morgen hinaufwuchs und sich in die Mondsichel einrankte; aber
beim ersten Sonnenstrahl verwelkt alles bis zur Wurzel, so hat sich heute nacht
mein Traum blühend zu Dir hinaufgerankt, und eben war's am schönsten, Du
nanntest mich »Dein alles«, da dämmerte der Morgen, und der schöne Traum war
verwelkt wie die türkische Bohne, an der man nachts so bequem das Mondland
erstieg.
    Ach schreibe mir bald, ich bin unruhig über alles, was ich gewagt habe in
diesem Brief, ich schliesse ihn, um einen neuen anzufangen, ich könnte zwar
zurückhalten, was ich Dir über die Wahlverwandtschaften sagte, aber wär es
recht, dem Freund zu verschweigen, was im Labyrint der Brust wandelt in der
Nacht? -
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
                                                            Am 13. Dezember 1809
Ach, ich will dem Götzendienst abschwören! Von Dir spreche ich nicht; denn
welcher Prophet sagt, dass Du kein Gott seist? - Ich spreche von Grossem und
Kleinem, was die Seele irrt. O wüsstest Du, was Dir zum Heile dient jetzt in den
Tagen Deiner Heimsuchung? Lukas XIX.
    Ich hätte Dir vieles zu sagen, aber in meinem Herzen zuckt es, und
schmerzliche Gedanken türmen sich übereinander.
    Der Friede bestätigt sich. Im Augenblick der glorreichsten Siege, wo die
Energie dieses Volkes seinen Gipfel erreichte, mahnt Österreich, die Waffen
niederzulegen; was hat es für ein Recht dazu? - Hat es nicht lange schon
tückisch furchtsam seine Sache von der der Tiroler getrennt? - Da stehen die
gekrönten Häupter um diesen Edelstein Tirol, sie schielen ihn an und sind alle
von seinem reinen Feuer geblendet; aber sie werfen ein Leichentuch darüber hin:
ihre abgefeimte Politik! Und nun entscheiden sie kaltblütig über sein Los. Wollt
ich sagen, welche tiefe Wunden mir die Geschichte dieses Jahres geschlagen, wer
würde mich bemitleiden? - Ach und wer bin ich, dass ich meine Anklage, meinen
Fluch dürfte verlauten lassen? - Jeder hat das Recht, sich den höchsten
Geschicken zu vermählen, dem es so rast im Herzen wie mir, ach ich hab auch zu
nichts mehr Lust und Vertrauen; der kalte Winterwind, der heute stürmt, mit dem
bin ich nicht im Widerspruch, der belügt mich doch nicht. Vor sechs Wochen waren
noch schöne Tage, wir machten eine Reise ins Gebirg. Wie wir uns dem Kettenwerk
der felsigen Alpen näherten, das hat mächtig in mir gearbeitet, die Asche fiel
vom Herzen, es strömte Frühlingsglut in den matten Schein der Herbstsonne. Es
war herrlich unter den Tannen und Fichten auf der Hochalme, sie neigten im
Windesrauschen ihre Wipfel zueinander; war ich ein Kätzchen, in ihrem Schatten
hätte mich des Kaisers Majestät nicht geblendet. - Hier lag ich am jähen Abhang
und überschaute das enge Tal, dem verkuppelt mit Bergen hieroglyphische
Felswände entstiegen. Ich war allein auf steilster Höhe und übersah unzählige
Schluchten, die gefühlvollen Entzückungsprediger waren zurückgeblieben, es war
für sie zu steil. - Wären wir beide doch dort beisammen im Sommer und stiegen
Hand in Hand bedachtsam, langsam, einsam den gefahrsamen Pfad hinab, das waren
so meine heiligen Gedanken da oben; wärst Du dabei gewesen, wir hätten noch
anderes bedacht. - Ein Kranz kühlt und steht schön zu erhitzen Wangen; was
willst Du? - Tannen stechen, Eichen wollen sich nicht geschmeidig biegen, Ulme,
sind die Zweige zu hoch, Pappel schmückt nicht, und der Baum, der Dein ist, der
ist nicht hier. - Das hab ich oft gesagt, der mein ist, der ist nicht hier, Du
bist mein, Du bist aber nicht hier.
    Es könnte sich auch fügen, dass nach Deiner prophetischen Vision in kurzer
Zeit mein Weg mich mit Dir zusammen führte, ich bedarf dieser Entschädigung für
die böse Zeit, die ich ohne Dich verlebte.
    Eine ausgezeichnete Klasse von Menschen, worunter herrliche Leute waren,
sind die Mediziner, da die Krankheiten so schrecklich durch den Krieg in Aufruhr
kamen, wurden die meisten ein Opfer ihrer Tätigkeit, da merkt man denn erst,
wieviel einer wert war, wenn er nicht mehr lebt. Der Tod treibt zur Unzeit die
Knospen in die Blüte.
    Beiliegende Zeichnung ist das Porträt von Tiedemann, eines hiesigen
Professors der Medizin, er interessiert sich so sehr für die Fische, dass er ein
schönes Werk über die Fischherzen schrieb, mit gar guten Kupfern versehen; da Du
nun in Deinen Wahlverwandtschaften gezeigt, dass Du Herz und Nieren genau prüfst,
so werden Dir Fischherzen auch interessant sein, und vielleicht entdeckst Du,
dass Deine Charlotte das Herz eines Weissfisches hat; mit nächstem, wo ich noch
manches andre übersende, werd ich's mitschicken. Die Zeichnung achte nicht
gering, lernst Du den Mann einmal kennen, so wirst Du sehen, dass er seinem
Spiegel Ehre macht.
    Um wieder auf etwas Bitteres zu kommen, die Meline mit den schönen
Augenwimpern, von der Du sagtest, sie gleiche einer Rose, die der Tau eben aus
tiefem Schlaf geweckt, die heiratet einen Mann, von dem die allgemeine Sage
geht, er sei ein ganz vortrefflicher Mensch. O wie ist das traurig, Sklave der
Vortrefflichkeit sein, da bringt man es nicht weiter wie Charlotte es gebracht
hat, man ketzert sich und andre mit der Tugend ab. Verzeih nur, dass ich immer
wieder von Deinem Buch anfange, ich sollte lieber schweigen, da ich nicht Geist
genug habe, es ganz zu fassen. Seltsam ist es, dass, während die Wirklichkeit
mich so gewaltig aufregt, schlägt mich die Dichtung so gewaltig nieder. Die
schwarzen Augen, die gross sind und etwas weit offen, aber ganz erfüllt voll
Freundlichkeit, wenn sie mich ansehen, der Mund, von dessen Lippen Lieder
fliessen, die ich schliessen kann mit einem Siegel, die dann viel schöner singen,
süsser und wärmer plaudern als vorher, und die Brust, an die ich mich verbergen
kann, wenn ich zu viel geschwätzt habe, die werd ich doch nie missverstehen, die
werden mir nie fremd sein. - Gute Nacht hierüber.
    Beiliegende Kupfer sind von unserm Grimm, die beiden Bubenköpfchen machte er
nur flüchtig auf einer Reise nach dem Staremberger See, die Zeichnung davon ist
noch besser, sie ist samt der Gegend, die Buben, der braune auf einer Bank in
der Sonne sitzend, der blonde auf die Brunnenmauer gelehnt, alles ganz lieblich
nach der Natur. Das Mädchen ist ein früherer Versuch seiner Nadel, Dein Lob hat
ihm grossen Eifer gegeben, sein Lehrer ist der Kupferstecher Hess, dem ich
manchmal mit stillem Staunen bei seinen grossen ernsten Arbeiten zusehe.
    Marcellos Psalmen werden hier in Landshut zu schlecht abgeschrieben, es ist
alter Kirchenstil, ich muss Geduld haben, bis ich einen Abschreiber finde.
    Lebe wohl, alles grüsse herzlich von mir, was Dein ist.
    Meine Adresse ist in Graf Joners Hause in Landshut.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
Ich habe meine Türe verriegelt, und um doch nicht so ganz allein zu sein mit
meinem Missmut, sucht ich Deine »Eugenie«; sie hatte sich ganz in den hintersten
Winkel des Bücherschranks versteckt, mir ahnte ein Trost, ein himmlischer
Gedanke werde mich drin anwehen, ich habe sie eingesogen wie Blumenduft, unter
drückenden Wolken bin ich gelassen unermüdet vorwärts geschritten bis zum
einsamen Ziel, wo keiner gern weilt, weil da die vier Winde zusammenstossen und
den armen Menschen nicht jagen, aber fest in ihrer Mitte halten; ja, wen das
Unglück recht anbraust, den treibt's nicht hin und her, es versteinert ihn wie
Niobe.
    Da nun das Buch gelesen ist, verzieht sich der dichte Erdennebel, und nun
muss ich mit Dir reden. - Ich bin oft unglücklich und weiss nicht warum, heute
meine ich nun, es komme daher, weil ich dem Boten Deinen Brief abzunehmen
glaubte, und es war ein anderer, nun klopfte mir das Herz so gewaltig, und dann
war's nichts. Als ich hereinkam, fragten alle, warum siehst Du so blass aus? Und
ich reichte meinen Brief hin und fiel ganz matt auf einen Sessel, man glaubte
wunder, was er entalte, es war eine alte Rechnung von 4 Fl. von dem alten Maler
Robert aus Kassel, bei dem ich nichts gelernt habe; sie lachten mich alle aus,
ich kann aber doch nicht lachen; denn ich hab ein bös Gewissen, ich weiss ja
wenig, was Geist, Seele und Herz für Prozesse miteinander führen, warum hab ich
Dir denn allerlei geschrieben, was ich nicht verantworten kann? Du bist nicht
böse auf mich, wie könnte mein unmündig Geschwätz Dich beleidigen, aber Du
antwortest nicht, weil ich ja doch nicht verstehe, was Du sagen könntest, und so
hat mich mein Aberwitz um mein Glück gebracht, und wer weiss, wann Du wieder
einlenkst. - Ach, Glück! Du lässt dich nicht meistern und nicht bilden, wo du
erscheinst, da bist du immer eigentümlich und vernichtest durch deine Unschuld
alles Planmässige, alle Berechnung auf die Zukunft.
    Unglück ist vielleicht die geheime Organisation des Glückes, ein flüssiger
Demant, der zum Kristall anschliesst, eine Krankheit der Sehnsucht, die zur Perle
wird. O schreib mir bald.
    Am 12. Januar 1810
                                                                         Bettine
 
                               Goete an Bettine
Das ist ein liebes, feines Kind, listig wie ein Füchschen, mit einer Glücksbombe
fährst Du mir ins Haus, in der Du Deine Ansprüche und gerechte Klage versteckst.
Das schmettert einem denn auch so nieder, dass man gar nicht daran denkt, sich zu
rechtfertigen. - Die Weste, innen von weichem Samt, aussen glatte Seide, ist nun
mein Bussgewand, je behaglicher mir unter diesem wohlgeeigneten Brustlatz wird,
je bedrängter ist mein Gewissen, und wie ich gar nach zwei Tagen zufällig in die
Westentasche fahre und da das Register meiner Sünden herausziehe, so bin ich
denn auch gleich entschlossen, keine Entschuldigungen für mein langes Schweigen
aufzusuchen. Dir selbst aber mache ich es zur Aufgabe, mein Schweigen bei Deinen
so überraschenden Mitteilungen auf eine gefällige Weise auszulegen, die Deiner
nie versiegenden Liebe, Deiner Treue für Gegenwärtiges und Vergangenes auf
verwandte Weise entspricht. Über die Wahlverwandtschaften nur dies: der Dichter
war bei der Entwickelung dieser herben Geschicke tief bewegt, er hat seinen Teil
Schmerzen getragen, schmäle daher nicht mit ihm, dass er auch die Freunde zur
Teilnahme auffordert. Da nun so manches Traurige unbeklagt den Tod der
Vergangenheit stirbt, so hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in
diesem einen erfundnen Geschick wie in einer Grabesurne die Tränen für manches
Versäumte zu sammeln. Deine tiefen, aus dem Geist und der Wahrheit entspringende
Ansichten gehören jedoch zu den schönsten Opfern, die mich erfreuen, aber
niemals stören können, ich bitte daher recht sehr, mit gewissenhafter Treue
dergleichen dem Papier zu vertrauen und nicht allenfalls in Wind zu schlagen,
wie bei Deinem geistigen Kommers und Überfluss an Gedanken leichtlich zu befahren
ist. Lebe wohl und lasse bald wieder von Dir hören.
                                                                          Goete
                                                     Weimar, den 5. Februar 1810
Meine Frau mag Dir selbst schreiben, wie verlegen sie um ein Maskenkleid gewesen
und wie erfreut sie bei Eröffnung der Schachtel war, es hat seinen herrlichen
Effekt getan. Über der lieben Meline Heirat sage ich nichts, es macht einem nie
wohl, wenn ein so schönes Kind sich weggibt, und der Glückwunsch, den man da
anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.
 
                                   An Goete
Fahre fort, so liebreich mit mir zu sein, packe selbst zusammen, was Du mir
schickst, mache selbst die Adresse aufs Paket, das alles freut mich, und Dein
Brief, der allen Schaden vergütet, ja meine eignen Schwächen so sanft stützt,
mich mir selbst wiedergibt, indem er sich meiner annimmt.
    Nun, ich bin angeblasen von allen Launen, ich drücke die Augen zu und
brumme, um nichts zu sehen und zu hören, keine Welt, keine Einsamkeit,
    keinen Freund, keinen Feind, keinen Gott und endlich auch keinen Himmel.
    Den Hofer haben sie in einer Sennhütte auf den Passeirer Bergen gefangen,
diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen, gestern
erhalt ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied: »Der Kommandant
der Heldenschar, auf hoher Alp gefangen gar, findet viel Tränen in unseren
Herzen.« Ach, dieser ist nicht unbeweint von mir, aber die Zeit ist eisern und
macht jede Klage zu Schanden, so muss man auch das Ärgste fürchten, obschon es
unmöglich ist. Nein, es ist nicht möglich, dass sie diesem sanften Helden ein
Haar krümmen, der da für alle Aufopferung, die er und sein Land umsonst gemacht
hatten, keine andre Rache nahm, als dass er in einem Brief an Speckbacher
schrieb: »Deine glorreichen Siege sind alle umsonst, Österreich hat mit
Frankreich Friede geschlossen und Tirol - vergessen.«
    In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und
brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen, dabei hab ich denn
meine Unterhaltung, wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs
Fugen, dabei tut mir denn gar wohl, dass das Warum nie beantwortet werden kann,
dass man unmittelbare Herrschaft des Führers (Dux) annehmen muss, und dass der
Gefährte sich anschmiegt, ach, wie ich mich gern an Dich anschmiegen möchte;
wesentlich möchte ich ebenso Dir sein, ohne viel Lärm zu machen, alle Lebenswege
sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schliessen, und das wäre eine
echte, strenge Fuge, wo dem Gefühl keine Forderung unbeantwortet bleibt, und wo
sich der Philosoph nicht hineinmischen kann.
    Ich will Dir beichten, will Dir alle meine Sünden aufrichtig gestehen, erst
die, an welchen Du zum Teil schuld hast und die Du auch mitbüssen musst, dann die,
so mich am meisten drücken, und endlich jene, an denen ich sogar Freude habe.
    Erstens: sage ich Dir zu oft, dass ich Dich liebe, ja, ich weiss gar nichts
anders, wenn ich's hin- und herwende, es kömmt sonst nichts heraus.
    Zweitens: beneide ich alle Deine Freunde, die Gespielen Deiner Jugend und
die Sonne, die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener, vorab Deinen Gärtner,
der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt.
    Drittens: gönne ich Dir keine Lust, weil ich nicht dabei bin, wenn einer
Dich gesehen hat, von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht, das ist mir eben kein
besonder Vergnügen; wenn er aber sagt, Du seist ernst, kalt, zurückhaltend usw.
gewesen, das ist mir recht lieb. Viertens: vernachlässige ich alle Menschen um
Deinetwillen, es gilt mir keiner etwas, aus ihrer Liebe mache ich mir gar
nichts; ja, wer mich lobt, der missfällt mir, das ist Eifersucht auf mich und
Dich und eben kein Beweis von einem grossen Herzen, und ist eine elende Natur,
die auf einer Seite ausdürrt, wenn sie auf der andern blühen will.
    Fünftens: hab ich eine grosse Neigung, die Welt zu verachten, besonders in
denen, so Dich loben, alles, was Gutes über Dich gesagt wird, kann ich nicht
hören, nur wenige einfache Menschen, denen kann ich's erlauben, dass sie über
Dich sprechen, und das braucht nicht grade Lob zu sein, nein, man kann sich ein
bisschen über Dich lustig machen, und da kann ich Dir sagen, dass sich ein
unbarmherziger Mutwille in mir regt, wenn ich die Sklavenketten ein bisschen
abwerfen kann.
    Sechstens: hab ich einen tiefen Unwillen in der Seele, dass Du es nicht bist,
mit dem ich unter einem Dache wohne und dieselbe Luft einatme, ich fürchte mich
in der Nähe fremder Menschen zu sein, in der Kirche suche ich mir einen Platz
auf der Bank der Bettler, weil die am neutralsten sind, je vornehmer die
Menschen, je stärker ist mein Widerwillen; angerührt zu werden, macht mich
zornig, krank und unglücklich; so kann ich's auch in Gesellschaften auf Bällen
nie lange aushalten, tanzen mag ich gern, wenn ich allein tanzen könnte, auf
einem freien Platz, wo mich der Atem, der aus fremder Brust kömmt, nicht
berührte. Was könnte das für einen Einfluss auf die Seele haben, nur neben dem
Freund zu leben? - Um so schmerzlicher der Kampf gegen das, was geistig und
leiblich ewig fremd bleiben muss.
    Siebentens: wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen hören, setze ich mich in
eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu, oder ich verliere mich über dem
ersten besten Wort ganz in Gedanken, wenn denn einer etwas nicht versteht, so
erwache ich aus einer andern Welt und masse mir an, die Erklärung darüber zu
geben, und was andre für Wahnwitz halten, das ist mir verständlich und hängt
zusammen mit einem innern Wissen, das ich nicht von mir geben kann. - Von Dir
kann ich durchaus nichts lesen hören, noch selbst vorlesen, ich muss mit mir und
Dir allein sein.
    Achtens: kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben, wenn ich im
mindesten unbequem bin, so werde ich ganz dumm; denn es scheint mir ungeheuer
dumm, einander was weiszumachen. Auch dass sich der Respekt mehr in etwas
Erlerntem, als in etwas Gefühltem äussert; ich meine, dass Ehrfurcht nur aus
Gefühl der inneren Würde entspringen müsse. dabei fällt mir ein, dass nahe bei
München ein Dorf liegt, was Kultersheim heisst, auf einem Spaziergang dahin
erklärte man mir, dass dieser Name von Kultursheim herrühre, weil man da dem
Bauernstand eine höhere Bildung zu geben beabsichtigt habe; das Ganze hat sich
jedoch auf den alten Fuss gesetzt, und diese gute Bauern, die dem ganzen Lande
mit schönem Beispiel voranschreiten sollten, sitzen bei der Bierkanne und zechen
um die Wette, das Schulhaus ist sehr gross und hat keine runde, sondern lauter
viereckige Scheiben, doch liebt der Schulmeister die Dämmerung; er sass hinter
dem Ofen, hatte ein blaues Schnupftuch über dem Kopf hängen, um sich vor den
Fliegen zu schützen, die lange Pfeife war ihm entfallen, und er schlief und
schnarchte, dass es widerhallte; die Schreibbücher lagen alle aufgehäuft vor ihm,
um Vorschriften im Schönschreiben zu machen; - ich malte einen Storch, der auf
seinem Nest steht, und schrieb darunter:
    »Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest. Die Tanne
in dem Walde stolz, die fällt zu euerm Zimmerholz. Und dann, wenn alle Wände
stehn, müsst ihr euch nach 'ner Eich umsehn; daraus ihr schnitzelt Bank und
Tisch, worauf ihr speist gebratnen Fisch. Das best Holz nehmt zu Bett und Wiegen
für Frau und Kind, die ihr werd't kriegen, und lernt benützen Gottes Segen bei
Sonnenschein und auch bei Regen. Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der
Storch auf seinem Neste dort. Der möge stets bei euch einkehren, um böses
Schicksal abzuwehren. Dann lernt noch schreiben euern Namen, unter gerechte
Sach, ich sage Amen. Das ist das echte Kultursheim, worauf ich machte diesen
Reim.«
    Ich flirrte jeden Augenblick zur Tür hinaus, aus Angst, der Schulmeister
möge aufwachen, draussen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen
herbei, um ihn mit einer einseitigen Feder, die wahrscheinlich mit dem Brodkneip
zugeschnitten war, aufzuschreiben, zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem
Strohhut und machte eine schöne Schleife um das Buch, damit er's doch sehen
möge; denn sonst hätte dies schöne Gedicht leicht unter dem Wust der
Schreibbücher verloren gehen können. Vor der Tür sass Rumohr, mein Begleiter, und
hatte unterdessen eine Schüssel mit saurer Milch ausgespeist, ich wollte nichts
essen und auch mich nicht mehr aufhalten, aus Furcht, der Schulmeister könne
aufwachen. Unterwegs sprach Rumohr sehr schön über den Bauernstand, über ihre
Bedürfnisse, und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge, und wie man
ihnen keine Kenntnisse aufzwingen müsse, die sie nicht selbst in ihrem Beruf
unmittelbar benützen könnten, und dass man sie zu freien Menschen bilden müsse,
das heisst: zu Leuten, die sich alles selbst verschaffen, was sie brauchen. Dann
sprach er auch über ihre Religion, und da hat er etwas sehr Schönes gesagt, er
meinte nämlich, jedem Stand müsse das als Religion gelten, was sein höchster
Beruf sei; des Bauern Beruf sei, das ganze Land vor Hungersnot zu schützen,
hierin müsse ihm seine Wichtigkeit für den Staat, seine Verpflichtungen für
denselben begreiflich gemacht werden, es müsse ihm ans Herz gelegt werden,
welchen grossen Einfluss er auf das Wohl des Ganzen habe, und so müsse er auch mit
Ehrfurcht behandelt werden, daraus werde die Selbstachtung entstehen, die doch
eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil, und so würden die
Opfer, die das Schicksal fordert, ungezwungen gebracht werden, wie die Mutter,
die ihr eignes Kind nährt, auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert; so
würde das unmittelbare Gefühl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein, gewiss
jedes Opfer bringen, um sich diese Würde zu erhalten; keine Revolutionen würden
dann mehr entstehen; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen würde jeder
gerechten Forderung vorgreifen, und das würde eine Religion sein, die jeder
begreife, und wo das ganze Tagewerk ein fortwährendes Gebet sei, denn alles, was
nicht in diesem Sinn geschehe, das sei Sünde; er sagte dies noch viel schöner
und wahrer, ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so
wiedergeben.
    So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen, ich wollte Dir
noch manches sagen, was man sündlich finden dürfte, wie dass ich Dein Gewand
lieber habe wie meinen Nebenmenschen, dass ich die Stiege küssen möchte, auf der
Deine Füsse auf- und niedersteigen usw. - Dies könnte man Abgötterei nennen, oder
ist es so, dass der Gott, der Dich belebt, auch an jeder Wand Deines Hauses
hinschwebt? - Dass, wenn er in Deinen Mund und Augen spielt, er auch unter Deinen
Füssen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefällt, dass,
wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt, er wohl auch im
Papier, in welches Du den Maskenzug einpackst, verborgen sein kann? Also, wenn
ich's Papier küsse, so ist es das Geliebte in Dir, das sich mir zulieb auf die
Post schicken liess.
    Adieu! Behalte Dein Kind lieb in trüben wie in hellen Tagen, da ich ewig und
ganz Dein bin.
                                                                         Bettine
Du hast mein Tagebuch erhalten, aber liest Du auch darin, und wie gefällt Dir's?
-
    Am 29. Februar
 
                                   An Bettine
Liebe Bettine, ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig
gemacht, dass ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe, Du musst
glauben, dass ich eines so schönen Geschenkes nicht würdig bin, indessen kann ich
Dir nicht mit Worten schildern, was ich darauf zu erwidern habe. Du bist ein
einziges Kind, dem ich mit Freuden jede Erheiterung, jeden lichten Blick in ein
geistiges Leben verdanke, dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen
haben würde; es bleibt bei mir verwahrt, an einem Ort, wo ich alle Deine lieben
Briefe zur Hand habe, die so viel Schönes entalten, wofür ich Dir niemals genug
danken kann, nur das sage ich Dir noch, dass ich keinen Tag vergehen lasse, ohne
drin zu blättern. An meinem Fenster wachsen, wohlgepflegt, eine Auswahl
zierlicher ausländischer Pflanzen; jede neue Blume und Knospe, die mich am
frühen Morgen empfängt, wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als
Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut. Alles, was Du schreibst, ist mir eine
Gesundheitsquelle, deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben, erhalte mir
diese Erquickung, auf die ich meinen Verlass habe.
    Weimar, am 1. März 1810
                                                                          Goete
 
                                   An Goete
Ach, lieber Goete! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde, da ich eben nicht
wusste, wohin mit aller Verzweiflung; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten
verfolgt mit grosser Treue für die Helden, die ihr Heiligtum verfochten; dem
Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur, wie oft hat er nach des Tages Last
und Hitze sich in der späten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit
seinem reinen Gewissen beratschlagt, und dieser Mann, dessen Seele frei von
bösen Fehlen, offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum,
hat nun endlich am 20. Februar zur Bestätigung seines grossen Schicksals den Tod
erlitten; wie konnt es anders kommen, sollte er die Schmach mittragen? - Das
konnt nicht sein, so hat es Gott am besten gemacht, dass er nach kurzer Pause
seit dieser verklärenden Vaterlandsbegeisterung mit grosser Kraft und
Selbstbewusstsein, und nicht gegen sein Schicksal klagend, seinem armen Vaterland
auf ewig entrissen ward. Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta
Molina, mit vielen andern Tirolern. Sein Todesurteil vernahm er gelassen und
unerschüttert; Abschied liess man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht
nehmen, den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler übertönte die
Trommel, er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und liess ihnen
sagen: er gehe getrost in den Tod und erwarte, dass ihr Gebet ihn
hinüberbegleite. - Als er an ihren Kerkertüren vorbeischritt, lagen sie alle auf
den Knien, beteten und weinten; auf dem Richtplatz sagte er: er stehe vor dem,
der ihn erschaffen, und stehend wolle er ihm seinen Geist übergeben; ein
Geldstück, was unter seiner Administration geprägt war, übergab er dem Korporal,
mit dem Bedeuten: es solle Zeugnis geben, dass er sich noch in der letzten Stunde
an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fühle. Dann rief
er: »Gebt Feuer!« Sie schossen schlecht, zweimal nacheinander gaben sie Feuer,
erst zum drittenmal machte der Korporal, der die Exekution leitete, mit dem
dreizehnten Schuss seinem Leben ein Ende.
    Ich muss meinen Brief schliessen, was könnte ich Dir noch schreiben? Die ganze
Welt hat ihre Farbe für mich verloren. Ein grosser Mann sei Napoleon, so sagen
hier alle Leute, ja äusserlich, aber dieser äussern Grösse opfert er alles, was
seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt. Unser Hofer, innerlich gross, ein
heiliger deutscher Charakter, wenn Napoleon ihn geschützt hätte, dann wollte ich
ihn auch gross nennen. - Und der Kaiser, konnte der nicht sagen, gib mir meinen
Tiroler Helden, so geh ich Dir meine Tochter, so hätte die Geschichte gross
genannt, was sie jetzt klein nennen muss.
    Adieu! Dass Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gotteit erhebst, ist
Prädestination. Von jenen lichten Waldungen des Äters, von Sonnenwohnungen, vom
vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen Klarheit, in der die tiefe Seele lebt
und atmet, habe ich oft schon geträumt.
    An Rumohr konnt ich Deinen Gruss nicht bestellen, ich weiss nicht, nach
welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist.
    Landshut, den 10. März 1810
 
                                   An Bettine
Liebe Bettine, es ist mir ein unerlässlich Bedürfnis, Deiner patriotischen Trauer
ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen, wie sehr ich mich
von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fühle. Lasse Dir nur das Leben mit seinen
eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden. Durch solche Ereignisse sich
durchzukämpfen, ist freilich schwer, besonders mit einem Charakter, der soviel
Ansprüche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du. - Indem ich nun
Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine
interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen
philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem
Tempel des Mars geleitet, und überall behauptet sich Deine gesunde Energie, habe
den herzlichsten Dank dafür und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner
inneren Welt sein, und sei gewiss, dass die Treue und Liebe, die Dir dafür
gebührt, Dir im Stillen gezollt wird.
    19. März 1810
                                                                          Goete
 
                                   An Goete
Lieber Goete! Vieltausend Dank für Deine zehn Zeilen, in denen Du Dich tröstend
zu mir neigst, so mag denn diese Periode abgeschlossen sein; dieses Jahr von
1809 hat mich sehr turbiert; nun sind wir an einem Wendepunkt: in wenig Tagen
verlassen wir Landshut und gehen über und durch manche Orte, die ich Dir nicht
zu nennen weiss. - Die Studenten packen eben Savignys Bibliotek ein, man klebt
Nummern und Zettel an die Bücher, legt sie in Ordnung in Kisten, lässt sie an
einem Flaschenzug durchs Fenster hinab, wo sie unten von den Studenten mit einem
lauten Halt empfangen werden, alles ist Lust und Leben, obschon man sehr betrübt
ist, den geliebten Lehrer zu verlieren; Savigny mag so gelehrt sein, wie er
will, so übertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glänzendsten
Eigenschaften, alle Studenten umschwärmen ihn, es ist keiner, der nicht die
Überzeugung hätte, auch ausser dem grossen Lehrer noch seinen Wohltäter zu
verlieren; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb, besonders die
Teologen. Sailer, gewiss sein bester Freund. Man sieht sich hier täglich und
zwar mehr wie einmal, abends begleitet der Wirt vom Hause leichtlich seine Gäste
mit angezündetem Wachsstock einen jeden bis zu seiner Haustür, gar oft hab ich
die Runde mitgemacht; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg, auf dem die
Trausnitz steht, ein Schloss alter Zeit: Traue nicht. Die Bäume schälen ihre
Knospen! Frühling! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her, von Sailer hab
ich Dir wenig erzählt, und doch war er mir der Liebste von allen. Im harten
Winter gingen wir oft über die Schneedecke der Wiesen und Ackerfläche und
stiegen miteinander über die Hecken von einem Zaun zum andern, und alles, was
ich ihm mitteilte, daran nahm er gern teil, und manche Gedanken, die aus
Gesprächen mit ihm hervorgingen, die hab ich aufgeschrieben, obschon sie in
meinen Briefen nicht Platz finden, so sind sie doch für Dich, denn nie denke ich
etwas Schönes, ohne dass ich mich darauf freue, es Dir zu sagen.
    Zur Besinnung kann ich während dem Schreiben nicht kommen, der
Studentenschwarm verlässt das Haus nicht mehr, seitdem Savignys Abreise in wenig
Tagen bestimmt ist; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tür mit Wein und einem
grossen Schinken, den sie beim Packen verzehren, ich schenkte ihnen meine kleine
Bibliotek, die sie eben auch einpacken wollten, da haben sie mir ein Vivat
gebracht. - Abends bringen sie oft ein Ständchen mit Gitarren und Flöten, und
das dauert oft bis nach Mitternacht, dabei tanzen sie um einen grossen
Springbrunnen, der vor unserm Hause auf dem Markt steht; ja, die Jugend kann
sich aus allem einen Genuss machen. Die allgemeine Konsternation über Savignys
Abreise hat sich bald in ein Jubelfest verwandelt; denn man hat beschlossen, zu
Pferd und zu Wagen uns durch das Salzburgische zu begleiten, wer sich kein Pferd
verschaffen kann, der geht zu Fuss voraus; nun freuen sich alle gar sehr auf den
Genuss dieser letzten Tage, beim aufgehenden Frühling durch eine herrliche Gegend
mit ihrem geliebten Lehrer zu reisen; auch ich erwarte mir schöne glückliche
Tage, - ach, ich glaub, ich bin nah an dem Ziel, wo mein Leben am schönsten und
herrlichsten ist. Sorgenfrei, voll süssem Feuer der Frühlingslust, in Erwartung
herrlicher Genüsse, so klingen Ahnungstöne in meiner Brust, wenn das wahr wird,
so muss es gewiss wahr werden, dass ich Dich bald begegne; ja, nach so vielem, was
ich erlebt und Dir treulich mitgeteilt habe, wie kann es anders sein, da muss das
Wiedersehen eine neue Welt in mir erschaffen. Wenn alle freudigen Hoffnungen in
die Wirklichkeiten ausbrechen, wenn die Gegenwart die Finsternis der Ferne durch
ihr Licht verscheucht, ach und mit einem Wort: wenn Gefühl und Blick Dich erfasst
und hält, da weiss ich wohl, dass mein Glück zu ungemessnem Leben sich steigert.
Ach, und es reisst mich mit Windesflügeln zu diesen höchsten Augenblicken, wenn
auch bald die süssesten Genüsse scheidend fliehen, einmal muss doch wiederkehren
zu festem Bund, was sich begehrt7.
    Landshut, den 31. März 1810
                                                                         Bettine
Wenn Du mir eine Zeile gönnen wolltest über Deinen Aufentalt dieses Sommers, so
bitte ich an Sailer in Landshut zu adressieren, dieser bleibt mit Savigny in
Korrespondenz und wird mir am besten die Kleinodien Deiner Zeilen nachschicken.
 
                                   An Bettine
Von Dir, liebe Bettine, habe ich sehr lange nichts gehört und kann meine Reise
ins Karlsbad unmöglich antreten, ohne Dich nochmals zu begrüssen und Dich zu
ersuchen, mir dortin ein Lebenszeichen zu geben; möge ein guter Genius Dir
diese Bitte ans Herz legen, da ich nicht weiss, wo Du bist, so muss ich schon
meine Zuflucht zu höheren Mächten nehmen. Deine Briefe wandern mit mir, sie
sollen mir dort Dein freundliches, liebevolles Bild vergegenwärtigen. Mehr sage
ich nicht, denn eigentlich kann man Dir nichts geben, weil Du Dir alles entweder
schaffst oder nimmst. Lebe wohl und gedenke mein.
    Jena, den 10. Mai 1810
                                                                          Goete
                                                               Wien, den 15. Mai
Ein ungeheuerer Maiblumenstrauss durchduftet mein kleines Kabinett, mir ist wohl
hier im engen kleinen Kämmerchen auf dem alten Turm, wo ich den ganzen Prater
übersehe: Bäume und Bäume von majestätischem Ansehen, herrlicher grüner Rasen.
Hier wohne ich im Hause des verstorbnen Birkenstock, mitten zwischen zweitausend
Kupferstichen, ebensoviel Handzeichnungen, soviel hundert Aschenkrügen und
hetrurischen Lampen, Marmorvasen, antiken Bruchstücken von Händen und Füssen,
Gemälden, chinesischen Kleidern, Münzen, Steinsammlung, Meerinsekten,
Ferngläser, unzählbare Landkarten, Pläne alter versunkener Reiche und Städte,
kunstreich geschnitzte Stöcke, kostbare Dokumente und endlich das Schwert des
Kaiser Carolus. Dies alles umgibt uns in bunter Verwirrung und soll grade in
Ordnung gebracht werden, da ist denn nichts zu berühren und zu verstehen, die
Kastanienallee in voller Blüte und die rauschende Donau, die uns hinüberträgt
auf ihrem Rücken, da kann man es im Kunstsaal nicht aushalten, heute morgen um
sechs Uhr frühstückten wir im Prater, rund umher unter gewaltigen Eichen
lagerten Türken und Griechen, wie herrlich nehmen sich auf grünem Teppich diese
anmutigen buntfarbigen Gruppen schöner Männer aus! Welchen Einfluss mag auch die
Kleidung auf die Seele haben, die mit leichter Energie die Eigentümlichkeit
dieser fremden Nationen hier in der frischen Frühlingsnatur zum
Allgemeingültigen erhebt und die Einheimischen in ihrer farblosen Kleidung
beschämt. Die Jugend, die Kindheit, beschauen sich immer noch in den reifen
Gestalten und Bewegungen dieser Südländer; sie sind kühn und unternehmend, wie
die Knaben rasch und listig, doch gutmütig. Indem wir an ihnen vorübergingen,
konnte ich nicht umhin, einen Pantoffel, der einem hingestreckten Türken
entfallen war, unter meinen Füssen eine Strecke mit fortzuschlurren, endlich
schleifte ich ihn ins Gras und liess ihn da liegen; wir sassen und frühstückten,
es währte nicht lange, so suchten die Türken den verlornen Pantoffel. Goete,
was mir das für eine geheime Lust erregte! Wie vergnügt ich war, sie über dies
Wunder des verschwundenen Pantoffels staunen zu sehen; auch unsre Gesellschaft
nahm Anteil daran, wo der Pantoffel geblieben sein möchte; nun wurde mir zwar
Angst, ich möchte geschmält werden, allein der Triumph, den Pantoffel
herbeizuzaubern, war zu schön, ich erhob ihn plötzlich zur allgemeinen Ansicht
auf einer kleinen Gerte, die ich vom Baum gerissen hatte, nun kamen die schönen
Leute heran und lachten und jubelten, da konnt ich sie recht in der Nähe
betrachten, mein Bruder Franz war einen Augenblick beschämt, aber er musste
mitlachen, so ging alles noch gut.
                                                                         17. Mai
Es sind nicht Lustpartien, die mich abhalten, Dir zu schreiben, sondern ein
scharlachkrankes Kind meines Bruders, bei dem ich Tage und Nächte verbringe, und
so vergeht die Zeit schon in die dritte Woche; von Wien hab ich nicht viel
gesehen und von der Gesellschaft noch weniger, weil einem eine solche Krankheit
eine Diskretion auflegt wegen Ansteckung. Der Graf Herberstein, der in meiner
Schwester Sophie eine geliebte Braut verloren hat, hat mich mehrmals besucht und
ist mit mir spazieren gegangen und hat mich alle Wege geführt, die er mit Sophie
gewandert ist, da hat er mir sehr Schönes, Rührendes von ihr erzählt, es ist
seine Freude, meiner Ähnlichkeit mit ihr nachzuspüren; er nannte mich gleich Du,
weil er die Sophie auch so genannt hatte, manchmal, wenn ich lachte, wurde er
blass, »weil die Ähnlichkeit mit Sophie ihn frappierte«. Wie muss diese Schwester
liebenswürdig gewesen sein, da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe
Spuren der Wehmut liess. Bänder, Tassen, Locken, Blumen, Handschuhe, die
zierlichsten Billete, Briefe, alle diese Andenken liegen in einem kleinen
Kabinett umher zerstreut, er berührt sie gern und liest die Briefe oft, die
freilich schöner sind als alles, was ich je in meinem Leben gelesen habe; ohne
heftige Leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit, nichts
entgeht ihr, jeder Reiz der Natur dient ihrem Geist. O! Was ist Geist für ein
wunderbarer Künstler, wär ich doch imstande, Dir von dieser geliebten Schwester
einen Begriff zu geben, ja wär ich selbst imstande, ihre Liebenswürdigkeit zu
fassen, alle Menschen, die ich hier sehe, sprechen mir von ihr, als wenn man sie
erst vor kurzer Zeit verloren hätte, und Herberstein meinte, sie sei seine
letzte und erste einzig wahre Liebe, dies alles bewegt mich, gibt mir eine
Stimmung fürs Vergangene und Zukünftige, dämpft mein Feuer der Erwartung. Da
denk ich an den Rhein bei Bingen, wie da plötzlich seine lichte, majestätische
Breite sich einengt zwischen düsteren Felsen, zischend und brausend sich durch
Schluchten windet, und nie werden die Ufer wieder so ruhig, so kindlich schön,
wie sie vor der Binger Untiefe waren; solche Untiefen stehen mir also bevor, wo
sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden muss. Mut! Die Welt ist
rund, wir kehren zurück mit erhöhten Kräften und doppeltem Reiz, die Sehnsucht
streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr; so bin ich nie von
Dir geschieden, ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken, die mich
in Deinen Armen wieder empfangen werde, so mag wohl alle Trauer um die
Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenuss einer zukünftigen Wiedervereinigung sein,
gewiss, sonst würden keine solchen Empfindungen der Sehnsucht das Herz
durchdringen.
                                                                         20. Mai
Am Ende März war's wohl, wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb;
ja, ich hab lange geschwiegen, beinah zwei Monate, heute erhielt ich durch
Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom 10. Mai, in denen Du mich mit
Schmeichelworten ans Herz drückst, nun fällt mir's erst ein, was ich alles
nachzuholen habe, denn jeder Weg, jeder Blick in die Natur hängt am Ende mit Dir
zusammen. Landshut war mir ein gedeihlicher Aufentalt, in jeder Hinsicht muss
ich's preisen. Heimatlich die Stadt, freundlich die Natur, zutunlich die
Menschen und die Sitten harmlos und biegsam; - kurz nach Ostern reisten wir ab,
die ganze Universität war in und vor dem Hause versammelt, viele hatten sich zu
Wagen und zu Pferde eingefunden, man wollte nicht so von dem herrlichen Freund
und Lehrer scheiden, es ward Wein ausgeteilt, unter währendem Vivatrufen zog man
zum Tor hinaus, die Reiter begleiteten das Fuhrwerk, auf einem Berg, wo der
Frühling eben die Augen auftat, nahmen die Professoren und ernsten Personen
einen feierlichen Abschied, die andern fuhren noch eine Station weiter,
unterwegs trafen wir alle Viertelstunde noch auf Partien, die dahin
vorausgegangen waren, um Savigny zum letztenmal zu sehen; ich sah schon eine
Weile vorher die Gewitterwolken sich zusammenziehen, im Postause drehte sich
einer um den andern nach dem Fenster, um die Tränen zu verbergen. Ein junger
Schwabe, Nussbaumer, die personifizierte Volksromanze, war weit vorausgelaufen,
um dem Wagen noch einmal zu begegnen, ich werde das nie vergessen, wie er im
Feld stand und sein kleines Schnupftüchelchen im Wind wehen liess und die Tränen
ihn hinderten aufzusehen, wie der Wagen an ihm vorbeirollte; die Schwaben hab
ich lieb.
    Mehrere der geliebtesten Schüler Savignys begleiteten uns bis Salzburg, der
erste und älteste, Nepomuk Ringseis, ein treuer Hausfreund, hat ein Gesicht wie
aus Stahl gegossen, alte Ritterphysiognomie, kleiner, scharfer Mund, schwarzer
Schnauzbart, Augen, aus denen die Funken fahren, in seiner Brust hämmert's wie
in einer Schmiede, will vor Begeisterung zerspringen, und da er ein feuriger
Christ ist, so möchte er den Jupiter aus der Rumpelkammer der alten Gotteiten
vorkriegen, um ihn zu taufen und zu bekehren.
    Der zweite, ein Herr von Schenk, hat weit mehr feine Bildung, hat
Schauspieler kennen lernen, deklamiert öffentlich, war verliebt ganz glühend
oder ist es noch, musste seine Gefühle in Poesie ausströmen, lauter Sonette,
lacht sich selbst aus über seine Galanterie, blonder Lockenkopf, etwas starke
Nase, angenehm, kindlich, äusserst ausgezeichnet im Studieren. Der dritte, der
Italiener Salvotti, schön im weiten grünen Mantel, der die edelsten Falten um
seine feste Gestalt wirft, unstörbare Ruhe in den Bewegungen, glühende
Regsamkeit im Ausdruck, lässt sich kein gescheit Wort mit ihm sprechen, so tief
ist er in Gelehrsamkeit versunken. Der vierte, Freiherr von Gumpenberg,
Kindesnatur, edlen Herzens, bis zur Schüchternheit still, um so mehr überrascht
die Offenherzigkeit, wenn er erst Zutrauen gefasst hat, wobei ihm denn unendlich
wohl wird, nicht schön, hat ungemein liebe Augen, ein unzertrennlicher Freund
des fünften, Freiberg, zwanzig Jahr alt, grosse männliche Gestalt, als ob er
schon älter sei, ein Gesicht wie eine römische Gemme, geheimnisvolle Natur,
verborgner Stolz, Liebe und Wohlwollen gegen alle, nicht vertraulich, verträgt
die härtesten Anstrengungen, schläft wenig, guckt nachts zum Fenster hinaus nach
den Sternen, übt eine magische Gewalt über die Freunde, obschon er sie weder
durch Witz, noch durch entschiedenen Willen zu behaupten geneigt ist; aber alle
haben ein unerschütterliches Zutrauen zu ihm, was der Freiberg will, das muss
geschehen. Der sechste war der junge Maler Ludwig Grimm, von dem ich Dir mein
Bildchen und die schönen radierten Studien nach der Natur geschickt habe, so
lustig und naiv, dass man mit ihm bald zum Kind in der Wiege wird, das um nichts
lacht, er teilte mit mir den Kutschersitz, von wo herab wir die ganze Natur mit
Spott und Witz begrüssten; warum ich Dir diese alle so deutlich beschreibe? -
Weil keiner unter ihnen ist, der nicht durch Reinheit und Wahrheit im
allgemeinen Leben hervorleuchten würde, und weil sie Dir als Grundlagen zu
schönen Charaktern in Deiner Welt dienen können; diese alle feiern Dein Andenken
in treuem Herzen, Du bist wie der Kaiser, wo er hinkommt, jauchzen ihm die
Untertanen entgegen.
    Der Tagereisen waren zwei bis Salzburg, auf der ersten kamen wir bis Alt -
Öttingen, wo das wundertätige Marienbild in einer düsteren Kapelle die Pilger
von allen Seiten herbeilockt. Schon der ganze Platz umher und die äussern Mauern
sind mit Votivtafeln gedeckt, es macht einen sehr ängstlichen Eindruck, die
Zeugnisse schauerlicher Geschichte und tausendfachen Elendes gedrängt
nebeneinander und über diese hin ein beständiges Ein- und Ausströmen der
Wallfahrer mit bedrängenden Gebeten und Gelübden um Erhörung, jeden Tag des
Jahres von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Früh morgens um vier Uhr beginnt
der Gottesdienst mit Musik und währt bis zur Nacht. Das Innere der Kapelle ist
ganz mit schwarzem Samt überzogen, auch selbst das Gewölbe, und mehr durch
Kerzenlicht als vom Tag erleuchtet, die Altäre von Silber, an den Wänden hängen
silberne Glieder und Gebeine und viele silberne Herzen mit goldnen Flammen oder
feurigen Wunden, - wie sonderbar, Goete! Der Mensch! Er bringt seine Schmerzen
als Opfer der Gotteit, und da mögen diese Schmerzen entstanden sein, woher sie
wollen, in Gott wird alles göttlich; - Max von Bayern kniet in Lebensgrösse auch
von Silber auf den schwarzen Stufen des Altars, vor dem kohlrabenschwarzen
Muttergottesbild, das ganz in Diamanten gekleidet ist, zwei Männerstimmen, von
der dumpfen Orgel begleitet, singen ihr Hymnen, das stille Messelesen, die
Menschen, die mit Tränen die Stufen des Altars küssen, viele tausend Seufzer aus
allen Ecken, das macht den wunderlichsten Eindruck. Wo alle beten, sollt ich
auch beten, dacht ich, aber nimmermehr, das Herz war in beständigem Klopfen; ich
hatte vor der Tür einem Bettelmann einen Veilchenkranz abgekauft, da stand ein
kleines Kind vor dem Altar mit blonden Locken, es sah mich so freundlich an und
langte nach dem Kranz, den gab ich ihm, da warf es ihn auf den Altar; denn es
war zu klein, um hinaufzureichen, der Kranz fiel grade zu den Füssen der Mutter
Gottes, es war ein glücklicher Wurf, der machte mein Herz leicht. Der Strom der
Pilger zog mich mit sich fort zur gegenüberstehenden Tür hinaus, ich wartete
lange auf das Kind, ich hätte es so gern geküsst und wollte ihm eine kleine
goldene Kette schenken, die ich am Hals trage, weil es mir ein so gutes Zeichen
gegeben hatte für Dich, denn ich dachte grade in dem Augenblick, wo es mir den
Kranz abnahm, an Dich, aber das Kindchen kam nicht heraus, der Wagen stand vor
der Tür, ich schwang mich auf meinen Kutschersitz, auf jeder Station hatte ich
einen andern Kameraden, der den Sitz mit mir teilte und zugleich mir seine
Herzensangelegenheiten mitteilte, sie fingen immer so schüchtern davon an, dass
mir bange ward, aber weit gefehlt, allemal war's eine andere, keinmal war ich's.
    Unsre Reise ging durch einen Wald von Blüten, der Wind streute sie wie einen
Regen nieder, die Bienen flogen nach den Blumen, die ich hinter's Ohr gesteckt
hatte, gelt, das war angenehm! -
                                                                         26. Mai
Von Salzburg muss ich Dir noch erzählen. Die letzte Station, vorher Laufen;
diesmal sass Freiberg mit mir auf dem Kutschersitz, er öffnete lächelnd seinen
Mund, um die Natur zu preisen, bei ihm ist aber ein Wort wie der Anschlag in
einem Bergwerk, eine Schicht führt zur andern; es ging in einen fröhlichen Abend
über, die Täler breiteten sich rechts und links, als wären sie das eigentliche
Reich, das unendliche gelobte Land. Langsam wie Geister hob sich hie und da ein
Berg und sank allmählich in seinem blitzenden Schneemantel wieder unter. Mit der
Nacht waren wir in Salzburg, es war schauerlich, die glattgesprengten Felsen
himmelhoch über den Häusern hervorragen zu sehen, die wie ein Erdhimmel über der
Stadt schwebten im Sternenlicht, - und die Laternen, die da all mit den Leutlein
durch die Strassen fackelten, und endlich die vier Hörner, die schmetternd vom
Kirchturm den Abendsegen bliesen, da tönte alles Gestein und gab das Lied
vielfältig zurück. - Die Nacht hatte in dieser Fremde ihren Zaubermantel über
uns geworfen, wir wussten nicht, wie das war, dass alles sich beugte und wankte,
das ganze Firmament schien zu atmen, ich war über alles glücklich, Du weisst ja,
wie das ist, wenn man aus sich selber, wo man so lange gesonnen und gesponnen,
heraustritt ganz ins Freie.
    Wie kann ich Dir nun von diesem Reichtum erzählen, der sich am andern Tag
vor uns ausbreitete? - Wo sich der Vorhang allmählich vor Gottes Herrlichkeit
teilt und man sich nur verwundert, dass alles so einfach ist in seiner Grösse.
Nicht einen, aber hundert Berge sieht man von der Wurzel bis zum Haupt ganz
frei, von keinem Gegenstand bedeckt, es jauchzt und triumphiert ewig da oben,
die Gewitter schweben wie Raubvögel zwischen den Klüften, verdunkeln einen
Augenblick mit ihren breiten Fittichen die Sonne, das geht so schnell und doch
so ernst, es war auch alles begeistert. In den kühnsten Sprüngen, von den Bergen
herab bis zu den Seen, liess sich der Übermut aus, tausend Gaukeleien wurden ins
Steingerüst gerufen, so verlebten wir wie die Priesterschaft der Ceres bei Brot,
Milch und Honig ein paar schöne Tage; zu ihrem Andenken wurde zuletzt noch ein
Granatschmuck von mir auseinandergebrochen, jeder nahm sich einen Stein und den
Namen eines Berges, den man von hier aus sehen konnte, und nennen sich die
Ritter vom Granatorden, gestiftet auf dem Watzmann bei Salzburg.
    Von da ging die Reise nach Wien, es trennten sich die Gäste von uns, bei
Sonnenaufgang fuhren wir über die Salza, hinter der Brücke ist ein grosses
Pulvermagazin, hinter dem standen sie alle, um Savigny ein letztes Vivat zu
bringen, ein jeder rief ihm noch eine Beteuerung von Lieb und Dank zu. Freiberg,
der uns bis zur nächsten Station begleitete, sagte: »Wenn sie nur alle so
schrien, dass das Magazin in die Luft sprengte, denn uns ist doch das Herz
gesprengt«; und nun erzählte er mir, welch neues Leben durch Savigny aufgeblüht
war, wie alle Spannung und Feindschaft unter den Professoren sich gelegt oder
doch sehr gemildert habe, besonders aber sei sein Einfluss wohltätig für die
Studenten gewesen, die weit mehr Freiheit und Selbstgefühl durch ihn erlangt
haben. Nun kann ich Dir auch nicht genug beschreiben, wie gross Savignys Talent
ist, mit jungen Leuten umzugehen; zuvörderst fühlt er eine wahre Begeisterung
für ihr Streben, ihren Fleiss; eine Aufgabe, die er ihnen macht: wenn sie gut
behandelt wird, so macht es ihn ganz glücklich, er möchte gleich sein Innerstes
mit jedem teilen, er berechnet ihre Zukunft, ihr Geschick, und ein leuchtender
Eifer der Güte erhellt ihnen den Weg, man kann von ihm wohl in dieser Hinsicht
sagen, dass die Unschuld seiner Jugend auch der Geleitsengel seiner jetzigen Zeit
ist, und das ist eigentlich sein Charakter, die Liebe zu denen, denen er mit den
schönsten Kräften seines Geistes und seiner Seele dient; ja, das ist wahrhaft
liebenswürdig, und muss Liebenswürdigkeit nicht allein Grösse bestätigen? - Diese
naive Güte, mit der er sich allen gleichstellt bei seiner ästetischen
Gelehrteit, macht ihn doppelt gross. Ach, liebes Landshut, mit deinen geweissten
Giebeldächern und dem geplackten Kirchturm, mit deinem Springbrunnen, aus dessen
verrosteten Röhren nur sparsam das Wasser lief, um den die Studenten bei
nächtlicher Weile Sprünge machten und sanft mit Flöte und Gitarre
akkompagnierten, und dann aus fernen Strassen singend ihre »Gute Nacht« ertönen
liessen; wie schön war's im Winter auf der leichten Schneedecke, wenn ich mit dem
siebzigjährigen Kanonikus Eixdorfer, meinem Generalbasslehrer und vortrefflichen
Bärenjäger, spazieren ging, da zeigte er mir auf dem Schnee die Spuren der
Fischottern, und da war ich manchmal recht vergnügt und freute mich auf den
andern Tag, wo er mir gewiss ein solches Tier auffinden wollte, und wenn ich denn
am andern Tag kam, dass er mich versprochnermassen auf die Otternjagd begleiten
solle, da machte er Ausflüchte, heute seien die Ottern bestimmt nicht zu Hause;
wie ich Abschied von ihm nahm, da gab er mir einen wunderlichen Segen, er sagte:
»Möge ein guter Dämon Sie begleiten und das Gold und die Kleinodien, die Sie
besitzen, allemal zu rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln, womit Sie allein
sich das erwerben können, was Ihnen fehlt.« Dann versprach er mir auch noch, er
wolle mir einen Otternpelz zusammenfangen, und ich solle über's Jahr kommen, ihn
holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen in das liebe Landshut, wo wir uns
freuten, wenn's schneite und nachts der Wind recht gestürmt hatte, so gut, als
wenn die Sonne recht herrlich schien, wo wir alle einander so gut waren, wo die
Studenten Konzerte gaben und in der Kirche höllisch musizierten und es gar nicht
übelnahmen, wenn man ihnen davonlief.
    Und nun ist weiter nichts Merkwürdiges auf der Reise bis Wien vorgefallen,
ausser dass ich am nächsten Morgen die Sonne aufgehen sah, ein Regenbogen drüber
und davor ein Pfau, der sein Rad schlug.
                                                                Wien, am 28. Mai
Wie ich diesen sah, von dem ich Dir jetzt sprechen will, da vergass ich der
ganzen Welt, schwindet mir doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, -
ja sie schwindet. Mein Horizont fängt zu meinen Füssen an, wölbt sich um mich,
und ich stehe im Meer des Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille
schweb ich gelassenen Flugs über Berg und Tal zu Dir. - Ach, lasse alles sein,
mache Deine lieben Augen zu, leb in mir einen Augenblick, vergesse, was zwischen
uns liegt, die weiten Meilen und auch die lange Zeit. - Von da aus, wo ich Dich
zum letztenmal sah, sehe mich an; ständ ich doch vor Dir! - Könnt ich's Dir
deutlich machen! Der tiefe Schauder, der mich schüttelt, wenn ich eine Weile der
Welt mit zugesehen habe, wenn ich dann hinter mich sehe in die Einsamkeit und
fühle, wie fremd mir alles ist. Wie kömmt's, dass ich dennoch grüne und blühe in
dieser Öde? - Wo kömmt mir der Tau, die Nahrung, die Wärme, der Segen her? - Von
dieser Liebe zwischen uns, in der ich mich selbst so lieblich fühle. - Wenn ich
bei Dir wär, ich wollte Dir viel wiedergeben für alles. - Es ist Beetoven, von
dem ich Dir jetzt sprechen will, und bei dem ich der Welt und Deiner vergessen
habe; ich bin zwar unmündig, aber ich irre darum nicht, wenn ich ausspreche (was
jetzt vielleicht keiner versteht und glaubt), er schreitet weit der Bildung der
ganzen Menschheit voran, und ob wir ihn je einholen? - Ich zweifle; möge er nur
leben, bis das gewaltige und erhabene Rätsel, was in seinem Geiste liegt, zu
seiner höchsten Vollendung herangereift ist, ja, möge er sein höchstes Ziel
erreichen, gewiss, dann lässt er den Schlüssel zu einer himmlischen Erkenntnis in
unseren Händen, die uns der wahren Seligkeit um eine Stufe näher rückt.
    Vor Dir kann ich's wohl bekennen, dass ich an einen göttlichen Zauber glaube,
der das Element der geistigen Natur ist, diesen Zauber übt Beetoven in seiner
Kunst; alles, wessen er Dich darüber belehren kann, ist reine Magie, jede
Stellung ist Organisation einer höheren Existenz, und so fühlt Beetoven sich
auch als Begründer einer neuen sinnlichen Basis im geistigen Leben; Du wirst
wohl herausverstehen, was ich sagen will, und was wahr ist. Wer könnte uns
diesen Geist ersetzen? Von wem könnten wir ein Gleiches erwarten? - Das ganze
menschliche Treiben geht wie ein Uhrwerk an ihm auf und nieder, er allein
erzeugt frei aus sich das Ungeahnte, Unerschaffne, was sollte diesem auch der
Verkehr mit der Welt, der schon vor Sonnenaufgang am heiligen Tagwerk ist und
nach Sonnenuntergang kaum um sich sieht, der seines Leibes Nahrung vergisst und
von dem Strom der Begeisterung im Flug an den Ufern des flachen Alltagslebens
vorübergetragen wird; er selber sagte: »Wenn ich die Augen aufschlage, so muss
ich seufzen; denn, was ich sehe, ist gegen meine Religion, und die Welt muss ich
verachten, die nicht ahnt, dass Musik höhere Offenbarung ist als alle Weisheit
und Philosophie, sie ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, und ich
bin der Bacchus, der für die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie
geistestrunken macht, wenn sie dann wieder nüchtern sind, dann haben sie
allerlei gefischt, was sie mit aufs Trockne bringen. - Keinen Freund hab ich,
ich muss mit mir allein leben; ich weiss aber wohl, dass Gott mir näher ist wie den
andern in meiner Kunst, ich gehe ohne Furcht mit ihm um, ich hab ihn jedesmal
erkannt und verstanden, mir ist auch gar nicht bange um meine Musik, die kann
kein bös Schicksal haben, wem sie sich verständlich macht, der muss frei werden
von all dem Elend, womit sich die andern schleppen.« - Dies alles hat mir
Beetoven gesagt, wie ich ihn zum erstenmal sah, mich durchdrang ein Gefühl von
Ehrfurcht, wie er sich mit so freundlicher Offenheit gegen mich äusserte, da ich
ihm doch ganz unbedeutend sein musste; auch war ich verwundert; denn man hatte
mir gesagt, er sei ganz menschenscheu und lasse sich mit niemand in ein Gespräch
ein. Man fürchtete sich, mich zu ihm zu führen, ich musste ihn allein aufsuchen,
er hat drei Wohnungen, in denen er abwechselnd sich versteckt, eine auf dem
Lande, eine in der Stadt und die dritte auf der Bastei, da fand ich ihn im
dritten Stock; unangemeldet trat ich ein, er sass am Klavier, ich nannte meinen
Namen, er war sehr freundlich und fragte: ob ich ein Lied hören wolle, was er
eben komponiert habe; - dann sang er scharf und schneidend, dass die Wehmut auf
den Hörer zurückwirkte: »Kennst du das Land?« - »Nicht wahr, es ist schön«,
sagte er begeistert, »wunderschön! Ich will's noch einmal singen«, er freute
sich über meinen heiteren Beifall. »Die meisten Menschen sind gerührt über etwas
Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen, Künstler sind feurig, die weinen
nicht«, sagte er. Dann sang er noch ein Lied von Dir, das er auch in diesen
Tagen komponiert hatte: »Trocknet nicht Tränen der ewigen Liebe.« - Er
begleitete mich nach Hause, und unterwegs sprach er eben das viele Schöne über
die Kunst, dabei sprach er so laut und blieb auf der Strasse stehen, dass Mut
dazugehörte zuzuhören, er sprach mit grosser Leidenschaft und viel zu
überraschend, als dass ich nicht auch der Strasse vergessen hätte, man war sehr
verwundert, ihn mit mir in eine grosse Gesellschaft, die bei uns zum Diner war,
eintreten zu sehen. Nach Tische setzte er sich unaufgefordert ans Instrument und
spielte lang und wunderbar, sein Stolz fermentierte zugleich mit seinem Genie;
in solcher Aufregung erzeugt sein Geist das Unbegreifliche, und seine Finger
leisten das Unmögliche. Seitdem kommt er alle Tage, oder ich gehe zu ihm.
Darüber versäume ich Gesellschaften, Galerien, Teater und sogar den
Stephansturm. Beetoven sagt: »Ach, was wollen Sie da sehen! Ich werde Sie
abholen, wir gehen gegen Abend durch die Allee von Schönbrunn.« Gestern ging ich
mit ihm in einen herrlichen Garten, in voller Blüte, alle Treibhäuser offen, der
Duft war betäubend; Beetoven blieb in der drückenden Sonnenhitze stehen und
sagte: »Goetes Gedichte behaupten nicht allein durch den Inhalt, auch durch den
Rhytmus eine grosse Gewalt über mich, ich werde gestimmt und aufgeregt zum
Komponieren durch diese Sprache, die wie durch Geister zu höherer Ordnung sich
aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich trägt. Da muss ich denn von
dem Brennpunkt der Begeisterung die Melodie nach allen Seiten hin ausladen, ich
verfolge sie, hole sie mit Leidenschaft wieder ein, ich sehe sie dahinfliehen,
in der Masse verschiedener Aufregungen verschwinden, bald erfasse ich sie mit
erneuter Leidenschaft, ich kann mich nicht von ihr trennen, ich muss mit raschem
Entzücken in allen Modulationen sie vervielfältigen, und im letzten Augenblick
da triumphiere ich über den ersten musikalischen Gedanken, sehen Sie, das ist
eine Symphonie; ja, Musik ist so recht die Vermittelung des geistigen Lebens zum
sinnlichen. Ich möchte mit Goete hierüber sprechen, ob der mich verstehen
würde? - Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie. Wird nicht der geistige
Inhalt eines Gedichts zum sinnlichen Gefühl durch die Melodie? - Empfindet man
nicht in dem Lied der Mignon ihre ganze sinnliche Stimmung durch die Melodie?
Und erregt diese Empfindung nicht wieder zu neuen Erzeugungen? - Da will der
Geist zu schrankenloser Allgemeinheit sich ausdehnen, wo alles in allem sich
bildet zum Bett der Gefühle, die aus dem einfachen musikalischen Gedanken
entspringen, und die sonst ungeahnt verhallen würden; das ist Harmonie, das
spricht sich in meinen Symphonien aus, der Schmelz vielseitiger Formen wogt
dahin in einem Bett bis zum Ziel. Da fühlt man denn wohl, dass ein Ewiges,
Unendliches, nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege, und obschon ich
bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens habe, so fühle ich einen
ewigen Hunger, was mir eben erschöpft schien, mit dem letzten Paukenschlag, mit
dem ich meinen Genuss, meine musikalische Überzeugung den Zuhörern einkeilte, wie
ein Kind von neuem anzufangen. Sprechen Sie dem Goete von mir, sagen Sie ihm,
er soll meine Symphonien hören, da wird er mir recht geben, dass Musik der
einzige unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens ist, die wohl den
Menschen umfasst, dass er aber nicht sie zu fassen vermag. - Es gehört Rhytmus
des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen, sie gibt Ahnung,
Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr
empfindet, das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis. - Obschon die Geister
von ihr leben, wie man von der Luft lebt, so ist es noch ein anders, sie mit dem
Geiste begreifen; - je mehr aber die Seele ihre sinnliche Nahrung aus ihr
schöpft, je reifer wird der Geist zum glücklichen Einverständnis mit ihr. - Aber
wenige gelangen dazu, denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermählen
und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht einmal offenbart, obschon sie alle
das Handwerk der Liebe treiben, so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik
und haben doch ihre Offenbarung nicht; auch ihr liegen die hohen Zeichen des
Moralsinns zum Grunde wie jeder Kunst, alle echte Erfindung ist ein moralischer
Fortschritt. - Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen, vermöge
dieser Gesetze den eignen Geist bändigen und lenken, dass er ihre Offenbarungen
ausströme, das ist das isolierende Prinzip der Kunst; von ihrer Offenbarung
aufgelöst werden, das ist die Hingebung an das Göttliche, was in Ruhe seine
Herrschaft an dem Rasen ungebändigter Kräfte übt und so der Phantasie die
höchste Wirksamkeit verleihet. So vertritt die Kunst allemal die Gotteit, und
das menschliche Verhältnis zu ihr ist Religion, was wir durch die Kunst
erwerben, das ist von Gott, göttliche Eingebung, die den menschlichen
Befähigungen ein Ziel steckt, was er erreicht.
    Wir wissen nicht, was uns Erkenntnis verleihet; das fest verschlossne
Samenkorn bedarf des feuchten, elektrisch warmen Bodens, um zu treiben, zu
denken, sich auszusprechen. Musik ist der elektrische Boden, in dem der Geist
lebt, denkt, erfindet. Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen
Geistes; ihre Bedürftigkeit, die alles auf ein Urprinzip gründen will, wird
durch sie gehoben, obschon der Geist dessen nicht mächtig ist, was er durch sie
erzeugt, so ist er doch glückselig in dieser Erzeugung, so ist jede echte
Erzeugung der Kunst, unabhängig, mächtiger als der Künstler selbst, kehrt durch
ihre Erscheinung zum Göttlichen zurück, hängt nur darin mit dem Menschen
zusammen, dass sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Göttlichen in ihm.
    Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie. Ein Gedanke abgesondert,
hat doch das Gefühl der Gesamteit der Verwandtschaft im Geist; so ist jeder
Gedanke in der Musik in innigster, unteilbarster Verwandtschaft mit der
Gesamteit der Harmonie, die Einheit ist.
    Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer, fliessender, ausströmender
Erzeugung.
    Ich bin elektrischer Natur. - Ich muss abbrechen mit meiner unerweislichen
Weisheit, sonst möchte ich die Probe versäumen, schreiben Sie an Goete von mir,
wenn Sie mich verstehen, aber verantworten kann ich nichts und will mich auch
gern belehren lassen von ihm.« - Ich versprach ihm, so gut ich's begreife, Dir
alles zu schreiben. - Er führte mich zu einer grossen Musikprobe mit vollem
Orchester, da sass ich im weiten unerhellten Raum in einer Loge ganz allein;
einzelne Streiflichter stahlen sich durch Ritzen und Astlöcher, in denen ein
Strom bunter Lichtfunken hin und her tanzte, wie Himmelsstrassen mit seligen
Geistern bevölkert.
    Da sah ich denn diesen ungeheuren Geist sein Regiment führen. O Goete! Kein
Kaiser und kein König hat so das Bewusstsein seiner Macht, und dass alle Kraft von
ihm ausgehe, wie dieser Beetoven, der eben noch im Garten nach einem Grund
suchte, wo ihm denn alles herkomme; verstünd ich ihn so, wie ich ihn fühle, dann
wüsst ich alles. Dort stand er, so fest entschlossen, seine Bewegungen, sein
Gesicht drückten die Vollendung seiner Schöpfung aus, er kam jedem Fehler, jedem
Missverstehen zuvor, kein Hauch war willkürlich, alles war durch die grossartige
Gegenwart seines Geistes in die besonnenste Tätigkeit versetzt. - Man möchte
weissagen, dass ein solcher Geist in späterer Vollendung als Welterrscher wieder
auftreten werde.
    Gestern abend schrieb ich noch alles auf, heute morgen las ich's ihm vor, er
sagte: »Hab ich das gesagt? - Nun dann hab ich einen Raptus gehabt«; er las es
noch einmal aufmerksam und strich das oben aus und schrieb zwischen die Zeilen;
denn es ist ihm drum zu tun, dass Du ihn verstehst.
    Erfreue mich nun mit einer baldigen Antwort, die dem Beetoven beweist, dass
Du ihn würdigst. Es war ja immer unser Plan, über Musik zu sprechen, ja ich
wollte auch, aber durch Beetoven fühl ich nun erst, dass ich der Sache nicht
gewachsen bin.
                                                                         Bettine
Meine Adresse ist Erdberggasse im Birkenstockischen Hause, noch vierzehn Tage
trifft mich Dein Brief.
 
                                   An Bettine
Dein Brief, herzlich geliebtes Kind, ist zur glücklichen Stunde an mich gelangt,
Du hast Dich brav zusammengenommen, um mir eine grosse und schöne Natur in ihren
Leistungen wie in ihrem Streben, in ihren Bedürfnissen, wie in dem Überfluss
ihrer Begabteit darzustellen, es hat mir grosses Vergnügen gemacht, dies Bild
eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen, ohne ihn klassifizieren zu
wollen, gehört doch ein psychologisches Rechnungskunststück dazu, um das wahre
Fazit der Übereinstimmung da herauszuziehen, indessen fühle ich keinen
Widerspruch gegen das, was sich von Deiner raschen Explosion erfassen lässt; im
Gegenteil möchte ich Dir für einen innern Zusammenhang meiner Natur, mit dem,
was sich aus diesen mannigfaltigen Äusserungen erkennen lässt, einstweilen
einstehen, der gewöhnliche Menschenverstand würde vielleicht Widersprüche darin
finden, was aber ein solcher vom Dämon Besessener ausspricht, davor muss ein Laie
Ehrfurcht haben, und es muss gleichviel gelten, ob er aus Gefühl oder aus
Erkenntnis spricht, denn hier walten die Götter und streuen Samen zu künftiger
Einsicht, von der nur zu wünschen ist, dass sie zu ungestörter Ausbildung
gedeihen möge; bis sie indessen allgemein werde, da müssen die Nebel vor dem
menschlichen Geist sich erst teilen. Sage Beetoven das Herzlichste von mir, und
dass ich gern Opfer bringen würde, um seine persönliche Bekanntschaft zu haben,
wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewiss den schönsten Vorteil
brächte, vielleicht vermagst Du so viel über ihn, dass er sich zu einer Reise
nach Karlsbad bestimmen lässt, wo ich doch beinah jedes Jahr hinkomme und die
beste Musse haben würde, von ihm zu hören und zu lernen; ihn belehren zu wollen,
wäre wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel, da ihm sein Genie vorleuchtet
und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im Dunkel sitzen und kaum
ahnen, von welcher Seite der Tag anbrechen werde.
    Sehr viel Freude würde es mir machen, wenn Beetoven mir die beiden
komponierten Lieder von mir schicken wollte, aber hübsch deutlich geschrieben,
ich bin sehr begierig sie zu hören, es gehört mit zu meinen erfreulichsten
Genüssen, für die ich sehr dankbar bin, wenn ein solches Gedicht früherer
Stimmung mir durch eine Melodie (wie Beetoven ganz, richtig erwähnt) wieder
aufs neue versinnlicht wird.
    Schliesslich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank für Deine
Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun, da Dir alles so schön gelingt, da Dir
alles zu belehrendem, freudigem Genuss wird, welche Wünsche könnten da noch
hinzugefügt werden, als dass es ewig so fortwähren möge; ewig auch in Beziehung
auf mich, der den Vorteil nicht verkennt, zu Deinen Freunden gezählt zu werden.
Bleibe mir daher, was Du mit so grosser Treue warst, sooft Du auch den Platz
wechseltest und sich die Gegenstände um Dich her veränderten und verschönerten.
    Auch der Herzog grüsst Dich und wünscht, nicht ganz von Dir vergessen zu
sein. Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufentalt
bei den drei Mohren.
    Am 6. Juni 1810
                                                                              G.
 
                                   An Goete
Liebster Freund! Dem Beetoven hab ich Deinen schönen Brief mitgeteilt, soweit
es ihm anging, er war voll Freude und rief: »Wenn ihm jemand Verstand über Musik
beibringen kann, so bin ich's.« Die Idee, Dich im Karlsbad aufzusuchen, ergriff
er mit Begeistrung, er schlug sich vor den Kopf und sagte: »Konnte ich das nicht
schon früher getan haben? - Aber wahrhaftig, ich hab schon daran gedacht, ich
hab's aus Timidität unterlassen, die neckt mich manchmal, als ob ich kein
rechter Mensch wär, aber vor dem Goete fürchte ich mich nun nicht mehr.« -
Rechne daher darauf, dass Du ihn im nächsten Jahr siehst.
    Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines Briefs, aus denen
ich Honig sammle: Die Gegenstände um mich her verändern sich zwar, aber sie
verschönern sich nicht, das Schönste ist ja doch, dass ich von Dir weiss, und mich
würde nichts freuen, wenn Du nicht wärst, vor dem ich es aussprechen dürfte; und
zweifelst Du daran, so ist Dir auch daran gelegen, und bin ich auch glücklicher,
als mich alle gezählten und ungezählten Freunde je machen können. Mein Wolfgang,
Du zählst nicht mit unter den Freunden, lieber will ich gar keinen zählen.
    Den Herzog grüsse, leg mich ihm zu Füssen, sag ihm, dass ich ihn nicht
vergessen habe, auch keine Minute, die ich dort mit ihm erlebt habe. - Dass er
mir erlaubte, auf dem Schemel zu sitzen, worauf sein Fuss ruhte, dass er sich
seine Zigarre von mir anrauchen liess, dass er meine Haarflechte aus den Krallen
des bösen Affen befreite und gar nicht lachte, obschon es sehr komisch war, das
vergesse ich gar nicht, wie er dem Affen so bittend zuredete; dann der Abend
beim Souper, wo er dem Ohrenschlüpfer den Pfirsich hinhielt, dass er sich darin
verkriechen sollte, und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf,
um es tot zu treten; er wendete sich zu mir und sagte: »So böse sind Sie nicht,
das hätten Sie nicht getan!« - Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affäre
und sagte: »Ohrenschlüpfer soll man bei einem Fürsten nicht leiden«; er fragte:
»Hat man auch die zu meiden, die es hinter den Ohren haben, so muss ich mich vor
Ihnen hüten«; auch die Promenade zu den jungen ausgebrüteten Enten, die ich mit
ihm zählte, wo Du dazu kamst und über unsere Geduld Dich schon lange gewundert
hattest, ehe wir fertig waren, und so könnte ich Dir Zug für Zug jeden Moment
wieder herbeirufen, der mir in seiner Nähe gegönnt war. Wer ihm nah sein darf,
dem muss wohl werden, weil er jeden gewähren lässt und doch mit dabei ist, und die
schönste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die Herrschaft des Geistes
und dennoch sicher ist, einen jeden durch diese grossartige Milde zu beherrschen.
Das mag ins Grosse und Allgemeine gehen, so wie ich's im Kleinen und Einzelnen
erfahren habe. Er ist gross, der Herzog, und wächst dennoch, er bleibt sich
selber gleich, gibt jeglichen Beweis, dass er sich überbieten kann. So ist der
Mensch, der einen hohen Genius hat, er gleicht ihm, er wächst so lange, bis er
eins mit ihm wird.
    Danke ihm in meinem Namen, dass er an mich denkt, beschreibe ihm meine
zärtliche Ehrfurcht. Wenn mir wieder beschert ist, ihn zu sehen, dann werde ich
von seiner Gnade den möglichsten Ertrag ziehen. Morgen packen wir auf und gehen
hin, wo lauter böhmische Dörfer sind. Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt, wenn
ich ihr allerlei Projekte machte: »Das sind lauter böhmische Dörfer«, nun bin
ich begierig, ein böhmisches Dorf zu sehen. Beide Lieder von Beetoven sind hier
beigelegt, die beiden andern sind von mir, Beetoven hat sie gesehen und mir
viel Schönes darüber gesagt, dass wenn ich mich dieser Kunst gewidmet hätte, ich
grosse Hoffnungen darauf bauen könnte; ich aber streife sie nur im Flug; denn
meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Säckelchen, und über die ist mir
keine.
    Adieu! Vieles hole ich noch nach im böhmischen Schloss Bukowan.
                                                                         Bettine
                                   An Goete
                                                 Bukowan im Praginer Kreis: Juli
Wie bequem ist's, wie lieblich an Dich zu denken unter diesem Dach von Tannen
und Birken, die den heissen Mittag in hoher Ferne halten. Die schweren Tannzapfen
glänzen und funkeln mit ihrem Harze, wie tausend kleine Tagsterne, machen's
droben nur noch heisser und hier unten kühler. Der blaue Himmel deckt mein hohes
enges Haus; ich messe rücklings seine Ferne, wie er unerreichbar scheint, doch
trug mancher schon den Himmel in der Brust; ist mir doch, als hab auch ich ihn
in mir festgehalten einen Augenblick, diesen weitgedehnten über Berg und Tal
hinziehenden: über alle Ströme Brücken; durch alle Felsen, Höhlen; über Stock
und Stein in einem Strich fort, der Himmel über mir, bis dort an Dein Herz, da
sinkt er mit mir zusammen.
    Liegt es denn nur in der Jugend, dass sie so innig wolle, was sie will? -
Bist Du nicht so? - Begehrst nicht nach mir? - Möchtest Du nicht zuweilen bei
mir sein? - Sehnsucht ist ja doch die rechte Fährte, sie weckt ein höheres
Leben, gibt helle Ahnung noch unerkannter Wahrheiten, vernichtet allen Zweifel
und ist sie die sicherste Prophetin seines Glückes. Dir sind alle Reiche
aufgetan, Natur, Wissenschaft und Kunst, aus allen sind den Fragen Deiner
Sehnsucht göttliche Wahrheiten zugeströmt. - Was hab ich? - Ich habe Dich auf
tausend Fragen.
    Hier in der tiefen Felsschlucht denk ich so allerlei; - ich hab mich einen
halsbrechenden Weg heruntergewagt, wie werd ich wieder hinaufkommen an diesen
glatten Felswänden, an denen ich vergeblich die Spur suche, wo ich
herabgeglitten bin. - Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott, er wird mich doch
nicht stecken lassen! - Ich lieg hier unter frischen hohen Kräutern, die mir die
heisse Brust kühlen, viele kleine Würmchen und Spinnen klettern über mich hinaus,
alles wimmelt geschäftig um mich her. Die Eidechsen schlüpfen aus ihren feuchten
Löchern und heben das Köpfchen und staunen mich an mit ihren klugen Augen und
schlüpfen eilig zurück; sie sagen's einander, dass ich da bin; - ich der Liebling
des Dichters - es kommen immer mehr und gucken.
    Ach, schöner Sommernachmittag! Ich brauch nicht zu denken, der Geist sieht
müssig hinauf in die kristallne Luft. - Kein Witz, keine Tugend, nackt und bloss
ist die Seele, in der Gott sein Ebenbild erkennt.
    Die ganze Zeit war Regenwetter, heute brennt die Sonne wieder. Nun lieg ich
hier zwischen Steinen auf weichem Moos von vielen Frühlingen her, die jungen
Tannen dampfen heisses Harz aus und rühren mit den Ästen meinen Kopf. Ich muss
jedem Fröschchen nachgucken, mich gegen Heuschrecken und Hummeln wehren, dabei
bin ich so faul - was soll ich mit Dir schwätzen, hier wo ein Hauch das Laub
bewegt, durch das die Sonne auf meine geschlossnen Augenlider spielt? - Guter
Meister! - Hör in diesem Lispeln, wie sehr Du meine Einsamkeit beglückst; der Du
alles weisst und alles fühlst, und weisst, wie wenig die Worte dem innern Sinn
gehorchen. - Wann soll ich Dich wiedersehen? - Wann? - Dass ich mich nur ein
klein wenig an Dich anlehnen möge und ausruhen, ich faules Kind.
                                                                         Bettine
Wie ich gestern aus meiner Faulheit erwachte und mich besann, da waren die
Schatten schon lang geworden; ich musste mich an den jungen Birkenstämmchen, die
aus den Felsritzen wachsen, aus meiner Untiefe heraufschwingen, das Schloss
Bukowan mit seinen roten Dächern und schönen Türmen sah ich nirgends, ich wusste
nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, und entschloss mich kurz, ein paar
Ziegen nachzugehen, die brachten mich wieder zu Menschen, mit denen sie in einer
Hütte wohnen, ich machte diesen verständlich, dass ich nach Bukowan wolle, sie
begleiteten mich, der Tag ging schlafen, der Mond ging auf, ich sang, weil ich
doch nicht mit ihnen sprechen konnte, nachher sangen sie wieder, und so kam ich
am späten Abend an, ein paarmal hatte ich Angst, die Leute könnten mich
irreführen, und war recht froh, wie ich in meiner kleinen Turmstube sass.
    Ich bin übrigens nicht ohne Beschäftigung, so einsam es auch ist, an einem
Morgen hab ich mehrere Hundert kleine Backsteine gemacht, das Bauen ist meine
Freude, mein Bruder Christian ist ein wahres Genie, er kann alles, eben ist das
Modell einer kleinen Schmiede fertig geworden, das nun auch gleich im grossen
ausgeführt werden soll. Die Erfindungsgabe dieses Bruders ist ein unversiegbarer
Quell, und ich bin sein bester Handlanger, soweit meine Kräfte reichen, mehrere
ideale Gebäude stehen in kleinen Modellen um uns her in einem grossen Saal, und
da sind der Aufgaben so viele, die ich zu lösen habe, dass ich abends oft ganz
müde bin, es hindert mich jedoch nicht, morgens den Sonnenaufgang auf dem
Pedeetsch zu erwarten, ein Berg, der rund ist wie ein Backofen und hiervon den
Namen trägt (denn Pedeetsch heisst auf Böhmisch Backofen), etwas erhöht über
hundert seinesgleichen, die wie ein grosses Lager von Zelten ihn umgeben, da seh
ich denn abermals und abermals die Welt dem Licht erwachen; allein und einsam
wie ich bin, kämpft's in meiner Seele, müsste ich länger hier bleiben, so schön
es auch ist, ich könnt's nicht aushalten. Vor kurzem war ich noch in der grossen
Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Menschen, als ob es nie aufhören
sollte, da wurden in Gemeinschaft die üppigen Frühlingstage verlebt, in schönen
Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuss
wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen, über das alles hinaus ragte mir
Beetoven, der grosse übergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einführte,
und der Lebenskraft einen Schwung gab, dass man das eigne beschränkte Selbst zu
einem Geisteruniversum erweitert fühlte. Schade, dass er nicht hier ist in dieser
Einsamkeit, dass ich über seinem Gespräch das ewige Zirpen jener Grille vergessen
möchte, die nicht aufhört mich zu mahnen, dass nichts ausser ihrem Ton die
Einsamkeit unterbricht. - Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert, einen
Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen, das
am Fahrweg steht, es war vergebens, der Kranz entblätterte, ich setzte mich
ermüdet auf die Bank darunter, bis der Abend kam, und dann ging ich nach Hause.
Kannst Du glauben, dass es mich sehr traurig machte, so einsam nach Hause zu
gehen, und dass es mir war, als hänge ich mit nichts zusammen in der Welt, und
dass ich unterwegs an Deine Mutter dachte, wenn ich im Sommer zum Eschenheimer
Tor hereinkam vom weiten Spaziergang, da lief ich zu ihr hinauf, ich warf Blumen
und Kräuter, alles, was ich gesammelt hatte, mitten in die Stube und setzte mich
dicht an sie heran und legte den Kopf ermüdet auf ihren Schoss; sie sagte: »Hast
du die Blumen so weit hergebracht, und jetzt wirfst du sie alle weg«, da musste
ihr die Lieschen ein Gefäss bringen, und sie ordnete den Strauss selbst, über jede
einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles, was mir so wohltätig
war, als schmeichle mir eine liebe Hand; sie freute sich, dass ich alles
mitbrachte, Kornähren und Grassamen und Beeren am Aste, hohe Dolden,
schöngeformte Blätter, Käfer, Moose, Samendolden, bunte Steine, sie nannte es
eine Musterkarte der Natur und bewahrte es immer mehrere Tage; manchmal bracht
ich ihr auserlesene Früchte und verbot ihr, sie zu essen, weil sie zu schön
waren, sie brach gleich einen schöngestreiften Pfirsich auf und sagte: »Man muss
allem Ding seinen Willen tun, der Pfirsich lässt mir nun doch keine Ruh, bis er
verzehrt ist.« In allem, was sie tat, glaubt ich Dich zu erkennen, ihre
Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rätsel, in denen ich Dich erriet.
    Hätt ich die Mutter noch, so wüsst ich, wo ich zu Hause wär, ich würde ihren
Umgang allem andern vorziehen, sie machte mich sicher im Denken und Handeln,
manchmal verbot sie mir etwas, wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt
war, verteidigte sie mich gegen alle, und da holte sie aus in ihrem Entusiasmus
wie der Schmied, der das glühende Eisen auf dem Amboss hat, sie sagte: »Wer der
Stimme in seiner Brust folgt, der wird seine Bestimmung nicht verfehlen, dem
wächst ein Baum aus der Seele, aus dem jede Tugend und jede Kraft blüht, und der
die schönsten Eigenschaften wie köstliche Äpfel trägt, und Religion, die ihm
nicht im Weg ist, sondern seiner Natur angemessen, wer aber dieser Stimme nicht
horcht, der ist blind und taub und muss sich von andern hinführen lassen, wo ihre
Vorurteile sie selbst hin verbannen. Ei«, sagte sie, »ich wollte ja lieber vor
der Welt zuschanden werden, als dass ich mich von Philisterhand über einen
gefährlichen Steig leiten liess, am End ist auch gar nichts gefährlich als nur
die Furcht selber, die bringt einem um alles.« Grad im letzten Jahr war sie am
lebendigsten und sprach über alles mit gleichem Anteil, aus den einfachsten
Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die
einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: »Der Mensch muss
sich den besten Platz erwählen, und den muss er behaupten sein Leben lang, und
muss all seine Kräfte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft gross. Ich
meine nicht einen äussern, sondern einen innern Ehrenplatz, auf den uns stets
diese innere Stimme hinweist, könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst,
wie Napoleon das Regiment der Welt führt, da würde sich die Welt mit jeder
Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim
Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt
man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fühlt's gleich,
wenn man's auch zum erstenmal hört, dass die Weisheit schon altes abgedroschnes
Zeug ist.« - Ihre französische Einquartierung musste ihr viel von Napoleon
erzählen, da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: »Der ist
der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken, Höheres gibt es
nichts, als dass sich der Mensch im Menschen fühlbar mache«, und so steigere sich
die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um
zuletzt als Funken in das himmlische Reich überzuspringen. - Die Poesie sei
dazu, um das Edle, Einfache, Grosse aus den Krallen des Philistertums zu retten,
alles sei Poesie in seiner Ursprünglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese
wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu
denken hat sich mir so tief eingeprägt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles
Antwort geben, sie war so entschieden, dass die allgemeine Meinung durchaus
keinen Einfluss auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefühl, sie sagte
mir oft, ihre Vorliebe für mich sei bloss aus der verkehrten Meinung andrer Leute
entstanden, da habe sie gleich geahnet, dass sie mich besser verstehen werde. -
Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedächtnis wird mir doch
nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten
Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig
überrascht, wir fuhren ins Kirschenwäldchen; es war so schön Wetter, die Blüten
wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzählte ihr von einem ähnlichen
schönen Feiertag, wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen, da hab ich nachmittags
allein auf einer Rasenbank gesessen, und da habe sich ein Kätzchen auf meinen
Schoss in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen, und ich bin sitzen geblieben,
um sie nicht zu stören, bis die Sonne unterging, da sprang die Katze fort. Die
Mutter lachte und sagte: »Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewusst, da
hast du mit der Katze vorlieb genommen.«
    Ja, hätte ich die Mutter noch! Mit ihr brauchte man nicht Grosses zu erleben,
ein Sonnenstrahl, ein Schneegestöber, der Schall eines Postorns weckte Gefühle,
Erinnerung und Gedanken. - Ich muss mich schämen vor Dir, dass ich so verzagt bin.
Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe? - Und kann einer
Gabe annehmen, der sich nicht hingibt der Gabe? - Und ist das Gabe, die nicht
ganz und immerdar sich gibt? - Geht auch ein Schritt vorwärts, der nicht in ein
neues Leben geht? - Geht einer rückwärts, der nicht mit dem ewigen Leben
verfallen wäre? - Siehst Du, das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, warum man
nicht verzagen soll, weil das Ewige keine Grenze hat. Wer will der Liebe, wer
kann dem Geist Grenzen setzen? - Wer hat je geliebt, der sich etwas vorbehalten
habe? Vorbehalt ist Selbstliebe. Das irdische Leben ist Gefängnis, der Schlüssel
zur Freiheit ist Liebe, sie führt aus dem irdischen Leben ins Himmlische. - Wer
kann aus sich selbst erlöst werden ohne die Liebe? Die Flamme verzehrt das
Irdische, um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen, der auffliegt zum Äter;
der Seufzer, der sich in der Gotteit auflöst, hat keine Grenze. Nur der Geist
hat ewige Wirkung, ewiges Leben, alles andre stirbt. Gute Nacht; gute Nacht, es
ist um die Geisterstunde.
       Dein Kind, das sich an Dich drängt aus Furcht vor seinen eignen Gedanken.
 
                                   An Bettine
Da Du in der Fülle interessanter Begebenheiten und Zerstreuungen der
volkreichsten Stadt nicht versäumt hast, mir so reichhaltige Berichte zu senden,
so wäre es unbillig, wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht
auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinüber schickte. Wo steckst
Du denn? - Weit kann es nicht sein; die eingestreuten Lavendelblüten in Deinem
Brief ohne Datum waren noch nicht welk, da ich ihn erhielt, sie deuten an, dass
wir einander vielleicht näher sind, als wir ahnen konnten. Versäume ja nicht bei
Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen, der Göttin Gelegenheit
einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten, und erinnere Dich dabei,
dass man sie ganz kühn bei den drei goldnen Haaren ergreifen muss, um sich ihrer
Gunst zu versichern. Eigentlich hab ich Dich schon hier, in Deinen Briefen, in
Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch, mit
dem ich mich täglich beschäftige, um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen
Phantasie mächtig zu werden, doch möchte ich Dir auch mündlich sagen können, wie
Du mir wert bist.
    Deine Weissagungen über Menschen und Dinge, über Vergangenheit und Zukunft
sind mir lieb und nützlich, und ich verdiene auch, dass Du mir
    das Beste gönnst. - Treues, liebevolles Andenken hat vielleicht einen
bessern Einfluss auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst, von
denen wir ja doch nicht wissen, ob wir sie nicht den Beschwörungen schöner Liebe
zu danken haben.
    Von der Mutter schreib alles auf, es ist mir wichtig; sie hatte Kopf und
Herz zur Tat wie zum Gefühl.
    Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast, schreib mir alles, lasse
Dich die Einsamkeit nicht böslich anfallen, Du hast Kraft, ihr das
    Beste abzugewinnen.
    Schön wär's, wenn das liebe Böhmer Gebirg nun auch Deine liebe Erscheinung
mir bescherte. Lebe wohl, liebstes Kind, fahre fort, mit mir zu leben, und lasse
mich Deine lieben ausführlichen Briefe nicht missen.
                                                                          Goete
 
                                   An Goete
Dein Brief war ganz rasch da, ich glaubte, Deinen Atem noch darin zu erhaschen,
noch eh ich ihn gelesen hatte, hab ich dem eine Falle gestellt, an der Landkarte
bin ich auch gewesen. - Wenn ich heute von hier abreiste, so läg ich morgen früh
zu Deinen Füssen; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens
erkenne, so würdest Du mich nicht lange da schmachten lassen, Du würdest mich
bald ans Herz ziehen, und in stürmender Freude würde gleich Zimbeln und Pauken
mit raschem Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der süssen
Ruhe vorangehen, die mich in Deiner Gegenwart beglückt. Wem entdeck ich's? - Die
kleine Reise zu Dir? - Ach nein, ich sag's nicht, es versteht's doch keiner, wie
selig es mich machen könnte, und dann ist es ja auch so allgemein, die Freude
der Begeistrung zu verdammen, sie nennen es Wahnsinn und Verkehrteit. - Glaub
nicht, dass ich sagen dürfte, wie lieb ich Dich habe, was man nicht begreift, das
findet man leicht toll, ich muss schweigen. Aber der herrlichen Göttin, die mit
den Philistern ihr Spiel treibt, hab ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld
zu steuern, mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen
gelegt. Hier male ich Dir den Grundriss: eine viereckige Halle in der Mitte ihrer
vier Wände, Türen klein und schmal, innerhalb derselben eine zweite auf Stufen
erhaben, die auch in der Mitte jeder Wand eine Tür hat; dieser Raum steht aber
quer, also, dass die Ecken auf die vier Türen der äusseren Halle gerichtet sind;
in diesem ein dritter viereckiger Raum, der auf Stufen erhöht liegt, nur eine
Tür hat und wieder mit dem äussersten Raum gleich steht, die drei Ecken, welche
sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch grosse
Öffnungen sich an denselben anschliessen, während die vierte Ecke den Eingang zur
Tür bildet, stellen die Gärten der Hesperiden dar, in der Mitte auf
weichgepolstertem Tron die Göttin; nachlässig hingelehnt, schiesst sie ohne Wahl
nur spielend nach den goldnen Äpfeln der Hesperiden, die mit Jammer zusehen
müssen, wie die vom Pfeil zufällig durchschossnen Äpfel über die umwachte Grenze
hinausfliegen. - O Goete! Wer nun von aussen die rechte Tür wählt und ohne
langes Besinnen durch die Vorhallen grade zum innersten Tempel gelangt, den
Apfel am fliegenden Pfeil kühn erhascht, wie glücklich ist der!
    Die Mutter sagte: alle schönen Empfindungen des Menschengeistes, wenn sie
auch auf Erden nicht auszuführen seien, so wären sie dem Himmel, wo alles ohne
Leib, nur im Geist da sei, doch nicht verloren. Gott habe gesagt, es werde, und
habe dadurch die ganze schöne Welt erschaffen, ebenso sei dem Menschen diese
Kraft eingeboren, was er im Geist erfinde, das werde durch diese Kraft im Himmel
erschaffen. Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst, und seine herrlichen
Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits; in diesem Sinne also baue
ich unserer Göttin den schönen Tempel, ich bekleide seine Wände mit lieblichen
Farben und Marmorbildern, ich lege den Boden aus mit bunten Steinen, ich
schmücke ihn mit Blumen und erfülle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des
Weihrauchs, auf den Zinnen aber bereite ich dem glückbringenden Storch ein
bequemes Nest, und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit, die mich aus einer
Aufregung in die andere stürzt. - Ach, ich darf gar nicht hinhorchen in die
Ferne wie sonst, wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern
der Vögel lauschte, um ihr Nestchen zu entdecken. Jetzt am hohen Mittag sitz ich
allein im Garten und möchte nur fühlen - nicht denken - was Du mir bist; da
kommt leise der Wind, als käm er von Dir; er legt sich so frisch ans Herz - er
spielt mit dem Staub zu meinen Füssen und jagt unter die tanzenden Mückchen, er
streift mir die heissen Wangen, hält schmeichelnd den Brand der Sonne auf; am
unbeschnittnen Rebengeländer hebt er die Ranken und flüstert in den Blättern,
dann streift er eilend über die Felder, über die neigenden Blumen. Brachte er
Botschaft? Hab ich ihn recht verstanden? - Ist's gewiss? Er soll mich tausendmal
grüssen vom Freund, der gar nicht weit von hier meiner harrt, um mich tausendmal
willkommen zu heissen? - Ach, könnt ich noch einmal ihn fragen! - Er ist fort; -
lass ihn ziehen, zu andern, die auch sich sehnen, ich wende mich zu ihm, der
allein mein Herz ergreift, mein Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch
seiner Worte8.
                                                                          Montag
Frag nur nicht nach dem Datum, ich habe keinen Kalender, und ich muss Dir
gestehen, es ist, als ob sich's nicht schicke für meine Liebe, dass ich mich um
die Zeit bekümmere. Ach Goete! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht
vor mich. Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter, das scharfe
Schwert, das sie über ihm schwingt, seh ich mit scheuer Ahnung blitzen; nein,
ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fühle, dass die Ewigkeit mir den
Genuss nicht über die Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch, wenn Du
wissen willst, über's Jahr vielleicht, - oder in späterer Zeit, wann es doch
war, dass mich die Sonne braun gebrannt hat und ich's nicht spürte vor tiefem
Sinnen an Dich; so merk es Dir, es ist grade, wo die Johannisbeeren reif sind,
der spekulierende Geist des Bruders will sich in einem trefflichen Goose-beery
vine versuchen, ich helfe keltern. Gestern abend im Mondlicht haben wir
Traubenlese gehalten, da flogen unzählige Nachtfalter mir um den Kopf; wir haben
eine ganze Welt träumerischer Geschöpfe aufgestört bei dieser nächtlichen Ernte,
sie waren ganz irre geworden. Wie ich in mein Zimmer kam, fand ich unzählige,
die das Licht umschwärmten, sie dauerten mich, ich wollte ihnen wieder
hinaushelfen, ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht
mit zugebracht, es hat mich keine Mühe verdrossen. Goete, habe doch auch Geduld
mit mir, wenn ich Dich umschwärme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht
trennen will, da möchtest Du mir wohl auch gern nach Hause leuchten.
                                                                         Bettine
                                                                        Dienstag
Heute morgen hat der Christian, der auch Arzneiwissenschaft treibt, eine zahme
Wachtel kuriert, die in meinem Zimmer herumläuft und krank war, er versuchte ihr
einen Tropfen Opium einzuflössen, unversehens trat er auf sie, dass sie ganz platt
und tot dalag. Er fasste sie rasch und ribbelte sie mit beiden Händen wieder
rund, da lief sie hin, als wenn ihr nichts gefehlt hätte, und die Krankheit ist
auch vorbei, sie macht sich gar nicht mehr dick, sie frisst, sie säuft, badet
sich und singt, alles staunt die Wachtel an.
                                                                        Mittwoch
Heute gingen wir aufs Feld, um die Wirkung einer Maschine zu sehen, mit der
Christian bei grosser Dürre die Saaten wässern will; ein sich weit verbreitender
Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergnügen. Mit diesem
Bruder geh ich gern spazieren, er schlendert so vor mir her und findet überall
was Merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen,
und wie sie sich nähren und mehren; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre
Abkunft und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck
liegen und simuliert, wer weiss, was er da alles denkt, in keiner Stadt gäb's so
viel zu tun, als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab ich
beim Schmied, bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschäfte für ihn, bei
dem einen zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur und Richtmass.
Mit der Nähnadel und Schere muss ich auch eingreifen; eine Reisemütze hat er
erfunden, deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet, und einen
Reisewagen rund wie eine Pauke, mit Lämmerfell ausgeschlagen, der von selbst
fährt; Gedichte macht er auch, ein Lustspiel hat er gemacht zum Lachen für Mund
und Herz; auf der Flöte bläst er in die tiefe Nacht hinein selbstgemachte, sehr
schöne brillante Variationen, die im ganzen Praginer Kreis widerhallen. Er lehrt
mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann; er lässt mich ohne Sattel reiten
und wundert sich, dass ich sitzen bleib im Galopp. Der Gaul will mich nicht
fallen lassen, er kneipt mich in den Fuss zum Scherz und dass ich Mut haben soll,
er ist vielleicht ein verwünschter Prinz, dem ich gefall. Fechten lehrt mich der
Christian auch, mit der linken Hand und mit der rechten, und nach dem Ziel
schiessen nach einer grossen Sonnenblume, das lern ich alles mit Eifer, damit mein
Leben doch nicht gar zu dumm wird, wenn's wieder Krieg gibt; heute abend waren
wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen, zwei hab ich getroffen auf
einen Schuss.
    So geht der Tag rasch vorüber, erst fürchtete ich vor Zeitüberfluss
allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken über Gott und
Religion zu behelligen, weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und
in Luters Schriften. Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel, wo denn gar
nichts zu bedenken ist, weil wir nirgendwo herunterfallen können. Deine Lieder
singe ich im Gehen in der freien Natur, da finden sich die Melodien von selbst,
die meiner Erfindung den rechten Rhytmus geben; in der Wildnis mach ich
bedeutende Fortschritte, das heisst, kühne Sätze von einer Klippe zur andern. Da
hab ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhörnchen entdeckt, unter einem Baum
lagen eine grosse Menge dreieckiger Nüsse, auf dem Baum sassen zum wenigsten ein
Dutzend Eichhörnchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf, ich blieb still
unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprüngen und mimischen Tanz
zu, was man mit so grossem Genuss verzehren sieht, das macht einem auch
unwiderstehlichen Appetit, ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nüsse, die man
Bucheckern nennt, gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die
Eichhörnchen; wie schön speisen die Tiere des Waldes, wie anmutig bewegen sie
sich dabei, und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer
Nahrungsmittel. Man sieht der Ziege gleich an, dass sie gerne säuerliche Kräuter
frisst, denn sie schmatzt. Die Menschen seh ich nicht gerne essen, da fühl ich
mich beschämt. Der Geruch aus der Küche, wo allerlei bereitet wird, kränkt mich,
da wird gesotten und gebraten und gespickt; Du weisst vielleicht nicht, was das
ist? - Das ist eine gewaltig grosse Nähnadel, in die wird Speck eingefädelt, und
damit wird das Fleisch der Tiere benäht, da setzen sich die vornehmen,
gebildeten Männer, die den Staat regieren, an die Tafel und kauen in
Gesellschaft. In Wien, wie sie den Tirolern Verzeihung für die Revolution
ausgemacht haben, die sie doch selbst angezettelt hatten, und haben den Hofer an
die Franzosen verkauft, das ist alles bei Tafel ausgemacht worden, mit trunknem
Mut liess sich das ohne sonderliche Gewissensbisse einrichten.
    Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels, der Teufel hat sie aber doch
zum besten, das sieht man an ihren närrischen Gesichtern, auf denen der Teufel
alle ihre Intrigen abmalt. In was liegt denn die höchste Würde als nur im Dienst
der Menschheit, welche herrliche Aufgabe für den Landesherrn, dass alle Kinder
kommen und flehen: »Gib uns unser täglich Brot!« - Und dass er sagen kann: »Da
habt! Nehmt alles, denn ich bedarf nur, dass ihr versorgt seid«, ja wahrlich! Was
kann einer für sich haben wollen als alles nur für andre zu haben, das wäre der
beste Schuldentilger; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht
bezahlt. Ach, was geht mich das alles an, der Bote geht ab, und nun hab ich Dir
nichts geschrieben von vielem, was ich Dir sagen wollte, ach wenn es doch käme,
dass ich Dir bald begegnete, was gewiss werden wird, ja, es muss wahr werden. Dann
wollen wir alle Weltändel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft
verwenden9.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                                         Töplitz
Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, dass man jederzeit glaubt,
der letzte sei der interessanteste. So ging mir's mit den Blättern, die Du
mitgebracht hattest, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleissig las und wieder
las. Nun aber kam Dein letztes, das alle die andern übertrifft10. Kannst Du so
fortfahren, Dich selbst zu überbieten, so tue es, Du hast so viel mit Dir
genommen, dass es wohl billig ist, etwas aus der Ferne zu senden. Gehe Dir's
wohl!
                                                                          Goete
Deinen nächsten Brief muss ich mir unter gegenüberstehender Adresse erbitten, wie
ominös! O weh! Was wird er entalten?
Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden.
 
                                   An Goete
                                                          Berlin, am 17. Oktober
Beschuldige mich nicht, dass ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn
wahrlich, ich fühle mich so verarmt, dass ich mich nach allen Seiten umsehe nach
etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein
Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt,
allein zu sein. Dieser Ort gefällt mir nicht, hier sind keine Höhen, von denen
man in die Ferne schauen könnte.
                                                                          Am 18.
Ich stieg einmal auf einen Berg. - Ach! - was mein Herz beschwert? - sind
Kleinigkeiten, sagen die Menschen. - Zusammenhängend schreiben? Ich könnte
meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Töplitz
zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang schreiben, was der Tag mit
sich bringt, das Leben ist nur schön, wenn ich mit Dir bin. - Nein, ich kann Dir
nichts Zusammenhängendes erzählen, buchstabier Dich durch wie damals durch mein
Geschwätz. Schreib ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt
habe? - Die da von Dresden kamen, erzählten mir viel von Deinen Wegen und
Stegen, grad als wollten sie sagen: »Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu
Gast und hat sich da gefallen.« Z... hat Dein Bild überkommen und hat es wider
sein graubraunes Konterfei gestützt; ich seh in die Welt, und in diesem
tausendfältigen Narrenspiegel seh ich häufig Dein Bild, das von Narren
geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, dass dies mir nicht erfreulich ist.
Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im
Geisterreich; aber Goete, diese nachkömmlichen Bündnisse, die gemahnen mich
grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen
Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. - Wenn ich mich bereite, Dir zu
schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen
Momente meines
    Lebens ein, die so ruhig, so auffasslich in mich hereingeklungen haben, wie
allenfalls einem Maler ähnliche Momente in der Natur wieder erscheinen, wenn er
mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heissen Monat
August, wie Du am Fenster sassest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede
wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt,
und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und
wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger.
Ach Goete, da fragtest Du, ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der
Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon
oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es überläuft mich
kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft
ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch täglich neu in die Sterne,
dass Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muss, sondern dass mir Trost von
den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um
diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg
sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und
knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen, bei mit Nebel kämpfender
Abendröte ging ich und übersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine
Liebe zu Dir macht mich frei. - So was beengt mich zuweilen, wie damals die
erfrischende Luft mich kräftig, ja beinah gescheut machte, dass ich nicht immer
geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind
nimmt in grösster Schnelle ganze Täler ein, alles berührt er, alles bewegt er,
und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige Natur lässt
keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt,
das ist hereingebannt. O Goete, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in
keinem Hauch Deiner Gedichte lässt sie Dich los. - Und wieder muss ich vor dieser
Menschwerdung niederknien und muss Dich lieben und begehren wie alle Natur. -
    Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober
komme ich wieder zum Schreiben. - Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde.
Dass die Wahrheit sei, dazu gehört nicht einer; aber dass die Wahrheit sich an
ihnen bewähre, dazu gehören alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von
der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so
beisammen lieb haben! - Oft denk ich bei mir, ich möchte besser und herrlicher
sein, damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte, aber kann
ich's? - Dann muss ich an Dich denken, Dich vor mir sehen, und habe nichts, wenn
mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? - Solche Liebe ist nicht
unfruchtbar. - Und doch darf ich nicht nachdenken, ich könnte mir den Tod daran
holen, ist was daran gelegen? - Jawohl! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen, und
wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt Dir ein Kind. Ein
Kopfkissen möcht ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag es niemand, dass ich so
bei Dir liegen möchte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege
und Durchgänge in der Welt, einsame Wälder und Höhlen, die kein Ende haben, aber
keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoss Gottes;
ich denk mir's da breit und behaglich, und dass einer mit dem Kopf auf des andern
Brust ruhe, und dass ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr
wünsche zu fühlen, Deinen Atem.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                           Lücke in der Korrespondenz
Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange
für Deine lieben Blätter11 danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen
sind, besonders für Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen,
wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring ich eine freundliche
Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhören wirst, mir gern zu schreiben, und ich
nicht aufhören werde, Dich gern zu lesen, so könntest Du mir noch nebenher einen
Gefallen tun. Ich will Dir nämlich bekennen, dass ich im Begriff bin, meine
Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden,
das lässt sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe.
Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne
wieder hervorrufen könnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine
schöne Zeit mit der teuren Mutter gelebt, hast ihre Märchen und Anekdoten
wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden
Gedächtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf
mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und
verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und
Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn.
    Weimar, am 25. Oktober 1810
                                                                              G.
                                                                  Am 4. November
Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab aber nichts behalten,
noch in Betracht gezogen als nur das Ende: »Liebe mich bis zum Wiedersehn.«
Hättest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so hätt ich vielleicht noch
Rücksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich
überschwemmt, hat mich gefangen gehalten in tausend süssen Gedanken von gestern
abend an bis wieder heut abend. Aus dem allen kannst Du schliessen, dass mir Dein
Brief ungefähr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat.
Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und
habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du
verlangst, hat für mich immer den Wert, dass ich es der Gabe würdig achte; ich
gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es
ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, weil es einzig ist; Du selber
könntest Dich vielleicht wundern, dass ich Dinge in den Tempel eintrug und mein
Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man
in der Frühlingszeit Blüten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die
Blüte auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grünt? - Deine
Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte
sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie besäte das
junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Blüten;
und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser
Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zärtlichkeit die schönste Blüte ist,
und - darf ich's sagen? - meine Treue die gewaltigste. - Ich trug nun schon
früher Sorge darum, dass, was bei der Mutter so kräftig Wurzeln schlug und bei
mir Blüten trieb, endlich auch in süsser Frucht vom hohen Stamm an die Erde
niederrollen möchte. Nun höre! - Da lernte ich in München einen jungen Arzt
kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit
allen, grosse ausgebreitete Natur, aber grade darum in sich fertig und
geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Böse erfassen, aber wohl
als einen Kerl mit zwei Hörnern und Bocksfüssen (natürlich an den Hörnern lässt
sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht
auf einer Himmels-, aber wohl auf einer Hühnerleiter in seine Kammer, allwo er
auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen
teilte, seine junge, entusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; - er war
stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag löste ihm die
Zunge, mit fünfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafür, dass er des Generals
wildes Pferd zähmte, gab ihn dieser frei, dadurch, dass er einen Wahnwitzigen
kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in München, in dieser Lage
lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist,
reich an Edelmut, der ausserdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach
beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends
spät meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld
zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schneckenturm, wo man die fernen
Alpen sehen kann, da haben wir überlegt, wenn wir Nebel oder rötlichen Schein am
Himmel bemerkten, ob's Feuer sein könnte, da hab ich ihm auch oft meine Pläne
mitgeteilt, dass ich hinüber möchte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte
einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, dass er
nur meiner Befehle harre.
    So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich häuften und in
kurzer Zeit die Ärzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher
wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der
Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten
Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn überlegt und
all des Guten gedacht, was sich während dieser kurzen Bekanntschaft ereignet
hatte, und da wurde überdacht, dass meine Worte über Dich, mein liebendes Wissen
von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle,
in der äussern Schale der Armut würde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt
sein, und so kam's, dass meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend
erfüllt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat, und Laune
und Verdruss verscheuchten. - Der Zufall, uns der geheiligte, trägt auf seinen
tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so,
dass, wenn Fülle und Üppigkeit einst sich wieder durch das misshandelte Fruchtland
empordrängen, auch er die goldne Frucht niederschüttelt ins allgemeine Wohl.
    Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu
Dir darüber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder
auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen. -
Verstehst Du mich? - Da Du mich liebst? - Willst Du so, dass ich Dir die
ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner
eignen Geistigkeit bemächtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? - Und warum sollte
ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mögliche Hinabstürzen so
furchtbar? - Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl berührt, tausendfache Farben
ihm entgegenspiegelt, so auch wird Deine Schönheit vom Strahl der Begeisterung
allein beleuchtet, tausendfach bereichert.
    Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert
erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, dass das Wochenbett
Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewürfelte Vorhänge hatte.
Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie,
Du würdest wohl ewig jung bleiben, und Dein Herz würde nie veralten, da Du die
Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du
ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, dass Dich
die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Misshandlung der Amme
kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen
sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem
Leben verzweifelnd. Deine Grossmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die
Augen aufschlugst, rief sie hervor: »Rätin, er lebt!« »Da erwachte mein
mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser
Stunde!« sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahre. Dein Grossvater, der
der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall
und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die
Veranlassung, dass man einen Geburtshelfer für die Armen einsetzte. »Schon in der
Wiege war er den Menschen eine Wohltat«, sagte die Mutter, sie legte Dich an
ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme
gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich
nun fand, sagte sie, dass ich keine Milch hatte, so merkten wird bald, dass er
gescheiter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.
    Siehst Du, nun bist Du einmal geboren, nun kann ich schon immer ein wenig
pausieren, nun bist Du einmal da, ein jeder Augenblick ist mir lieb genug, um
dabei zu verweilen, ich mag den zweiten nicht herbei rufen, dass er mich vom
ersten verdränge. - Wo Du bist, ist Lieb und Güte, wo Du bist Natur! - Jetzt
wart ich's erst ab, dass Du mir wieder schreibest: »Nun, erzähl weiter.« Dann
werd ich erst fragen: Nun, wo sind wir denn geblieben? - Und dann werd ich Dir
erzählen von Deinen Grosseltern, von Deinen Träumen, Schönheit, Stolz, Liebe usw.
Amen.
    Rätin, er lebt! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein, so oft es die
Mutter im erhöhten Freudenton vortrug.
Das Schwert der Gefahr
Hängt oft an einem Haar,
Aber der Segen einer Ewigkeit
Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit
kann man bei Deiner Geburt wohl sagen.
                                                                         Bettine
P.S.
    Schreib bald, Herzenskind, dann wirst Du auch bald wachsen, in die liebsten
Jahre kommen, wo Dein Mutwille Dich allen gefährlich machte und über alle Gefahr
hinweghob. - Soll ich Dir bekennen, dass dieses Geschäft mir Schmerzen macht, und
dass die tausend Gedanken sich um mich herlagern, als wollten sie mich für ewig
gefangennehmen?
    Zelter läutet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke, die von
einem faulen Küster angeläutet wird, es geht immer Bim und zu spät wieder Bam.
Sie fallen alle übereinander her, Zelter über Reichard, dieser über Hummel,
dieser über Righini und dieser wieder über den Zelter; es könnte ein jeder sich
selbst ausprügeln, so hätte er immer dem andern einen grösseren Gefallen getan,
als wenn er ihn zum Konzert eingeladen hätte. Nur die Toten sollen sie mir ruhen
lassen und den Beetoven, der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht
getan hat.
    Das gilt aber alles nichts... Lieber Freund! Wer Dich lieb hat wie ich, der
singt Dich im tiefsten Herzen, das kann aber keiner mit so breiten Knochen und
so langer Weste.
    Schreib bald, schreib gleich, wenn Du wüsstest, wie in einem einzigen Wort
von Dir oft ein schwerer Traum gelöst wird! - Ruf mir nur zu: »Kind, ich bin ja
bei Dir!« Dann ist alles gut. Tu es.
    Würde es Dich nicht interessieren, Briefe, die Du an Jugendfreunde
geschrieben, wieder zu bekommen? - Schreib darüber, sie könnten Dich doch wohl
um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen, und derselben zum Teil habhaft
zu werden, wäre doch auch nicht unmöglich, antworte mir, lieber Freund,
unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen, ohne an Deiner Aufgabe zu
arbeiten.
 
                                   An Bettine
Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als
Dir zu sagen: fahre fort, so lieb und anmutig zu sein. Lass mich nun bald taufen!
Adieu.
    12. November 1810
                                                                              G.
 
                             Mein teuerster Freund!
Ich kenne Dich nicht! Nein, ich kenne Dich nicht! Ich kann Deine Worte
missverstehen, ich kann mir Sorgen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast über
aller Sklaverei, da doch Dein Antlitz nie vom Unglück überschattet war, und ich
kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Glückes? - Die wahre Liebe hat
kein Bekümmernis. Ich habe mir oft vorgenommen, dass ich Dich viel zu heilig
halten will als elende Angst um Dich zu hegen, und dass Du in mir nur Trost und
Freude hervorbringen sollst. Sei es, wie es mag, hab ich Dich auch nicht, so hab
ich Dich doch, - und nicht wahr, in meinen Briefen, da fühlst Du, dass ich
Wahrheit rede? Da hast Du mich, - und ich? - Weissagend verfolge ich die Züge
Deiner Feder, die Hand, die mir gnädig ist, hat sie geführt, das Auge, das mir
wohl will, hat sie übersehen, und der Geist, der so vieles, so Verschiednes
umfängt, hat sich eine Minute lang ausschliesslich zu mir gewendet - da hab ich
Dich, - soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen? - Ein Augenblick ist ein
schicklicherer Raum für eine göttliche Erscheinung als eine halbe Stunde - der
Augenblick, den Du mir schenkst, macht mich seliger als das ganze Leben.
    Heute am 24. hab ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir,
die mich aufs Geratewohl irreführten, es war mir, als könntest Du krank sein,
oder - ich weiss nicht, was ich mir alles dachte, aber daran dachte ich nicht,
dass Du in jenem Augenblick, bloss, weil Dein Herz so voll war, so viel in wenig
Worten ausdrücken könntest, und endlich, für Dich ist ja nichts zu fürchten,
nichts zu zittern. Aber wenn auch! - Weh mir, wenn ich Dir nicht freudig folgen
könnte, wenn meine Liebe den Weg nicht fände, der Dir immer so nah ist, wie mein
Herz dem Deinigen ist und war.
                                                                         Bettine
Hierbei schicke ich Dir Blätter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem
und der Mutter Leben. Es ist die Frage, ob Du es wirst brauchen können, schreib
mir, ob Dir mehr erforderlich ist, in diesem Fall müsste ich das Notizbuch
zurückerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaub aber gewiss, dass Du besser und
mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen könnte. Verzeih alles
Überflüssige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen
Worte gehören.
 
                                   An Goete
Die Himmel dehnen sich so weit vor mir, alle Berge, die ich je mit stillem Blick
mass, heben sich so unermesslich, die Ebenen, die noch eben mit dem glühenden Rand
der aufgehenden Sonne begrenzt waren, sie haben keine Grenzen mehr. In die
Ewigkeit hinein. - Will denn sein Leben so viel Raum haben? -
    Von seiner Kindheit: wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt,
wie Grossmutter und Grossvater, Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege
gestanden und lauschten, welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen
zeigten, und wenn er erwachte, in ein sehr betrübtes Weinen verfallen, oft auch
sehr heftig geschrien hat, so dass ihm der Atem entging und die Eltern für sein
Leben besorgt waren; sie schafften eine Klingel an, wenn sie merkten, dass er im
Schlaf unruhig ward, klingelten und rasselten sie heftig, damit er bei dem
Aufwachen gleich den Traum vergessen möge; einmal hatte der Vater ihn auf dem
Arm und liess ihn in den Mond sehen, da fiel er plötzlich wie von etwas
erschüttert, zurück und geriet so ausser sich, dass ihm der Vater Luft einblasen
musste, damit er nicht ersticke. - »Diese kleinen Zufälle würde ich in einem
Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben«, sagte die Mutter, »wenn nicht
sein fortwährendes Leben mir dies alles geheiligt hätte; denn soll ich die
Vorsehung nicht anbeten, wenn ich bedenke, dass ein Leben damals von einem
Luftauch abhing, das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat? - Und mir ist
es nun gar das einzige, denn Du kannst wohl denken, Bettine, dass
Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten, dass Gesellschaften mich nicht
erfüllen. Hier in meiner Einsamkeit, wo ich die Tage nacheinander zähle und
keiner vergeht, dass ich nicht meines Sohnes gedenke, und alles ist mir wie
Gold.«
    Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mussten denn sehr schön sein.
In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie: »Das schwarze
Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden«, er hörte auch nicht auf mit
Weinen, bis er nach Haus kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart, er
konnte sich nicht trösten über des Kindes Hässlichkeit. Damals war er drei Jahr
alt. - Die Bettine, welche auf einem Schemel zu Füssen der Frau Rat sass, machte
ihre eignen Glossen darüber und drückte der Mutter Knie ans Herz.
    Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag,
schon die zärtlichste Zuneigung, er trug ihr alles zu und wollte sie allein
nähren und pflegen und war eifersüchtig, wenn man sie aus der Wiege nahm, in der
er sie beherrschte, da war sein Zorn nicht zu bändigen, er war überhaupt viel
mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen.
    Die Küche im Haus ging auf die Strasse, an einem Sonntag morgen, da alles in
der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr
nacheinander zum Fenster hinaus, weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn,
die es ergötzte, ihn dazu aufmunterten; die Mutter, die aus der Kirche kam, war
sehr erstaunt, die Schüsseln alle herausfliegen zu sehen, da war er eben fertig
und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Strasse, und die Mutter lachte mit.
    Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, dass sie bei seiner
Geburt eingestanden haben, hier musste die Einbildungskraft der Mutter oft das
Unmögliche tun, um seinen Forschungen Genüge zu leisten, und so hatte er bald
heraus, dass Jupiter und Venus die Regenten und Beschützer seiner Geschicke sein
würden; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines
Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie
er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich
dadurch dem Einfluss seiner günstigen Sterne näher gerückt; er sagte auch oft zur
Mutter sorgenvoll: »Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden
halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben?« - Da sagte die Mutter:
»Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir andre doch ohne
sie fertig werden müssen«, da sagte er ganz stolz: »Mit dem, was andern Leuten
genügt, kann ich nicht fertig werden«; damals war er sieben Jahr alt.
    Sonderbar fiel es der Mutter auf, dass er bei dem Tod seines jüngern Bruders
Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoss, er schien vielmehr eine
Art Ärger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben, da die Mutter nun
später den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in
seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit
Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren; er sagte ihr, dass er dies alles
gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.
    Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe
zuschreiben zu dürfen, »denn einmal«, sagte sie, »konnte ich nicht ermüden zu
erzählen, so wie er nicht ermüdete zuzuhören; Luft, Feuer, Wasser und Erde
stellte ich ihm unter schönen Prinzessinnen vor, und alles, was in der ganzen
Natur vorging, dem ergab sich eine Bedeutung, an die ich bald selbst fester
glaubte als meine Zuhörer, und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Strassen
dachten, und dass wir einst Sterne bewohnen würden, und welchen grossen Geistern
wir da oben begegnen würden, da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des
Erzählens mit den Kindern wie ich, ja, ich war im höchsten Grad begierig, unsere
kleinen eingebildeten Erzählungen weiterzuführen, und eine Einladung, die mich
um einen solchen Abend brachte, war mir immer verdriesslich. Da sass ich, und da
verschlang er mich bald mit seinen grossen schwarzen Augen, und wenn das
Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich,
wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Tränen verbiss. Manchmal
griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: »Nicht wahr,
Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den
Riesen totschlägt«; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den
nächsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, dass er bis dahin alles
zurechtgerückt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht
mehr zureichte, häufig durch die seine ersetzt; wenn ich denn am nächsten Abend
die Schicksalsfäden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: »Du hast's
geraten, so ist's gekommen«, da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein
Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Grossmutter, die im Hinterhause
wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie
es mit der Erzählung wohl noch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen
Wünschen gemäss weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes
diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner an den andern verriet; so hatte
ich die Satisfaktion, zum Genuss und Erstaunen der Zuhörenden, meine Märchen
vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwürdigen
Ereignisse zu bekennen, sah mit glühenden Augen der Erfüllung seiner kühn
angelegten Pläne entgegen und begrüsste das Ausmalen derselben mit
entusiastischem Beifall.« Diese schönen Abende, durch die sich der Ruhm meiner
Erzählungskunst bald verbreitete, so dass endlich alt und jung daran teilnahm,
sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung. Das Weltteater war nicht so
reichhaltig, obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen, es tat durch
seine grausenhafte Wirklichkeit, die alles Fabelhafte überstieg, für's erste der
Märchenwelt Abbruch, das war das Erdbeben von Lissabon; alle Zeitungen waren
davon erfüllt, alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung, kurz, es
war ein Weltereignis, das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen
erschütterte; der kleine Wolfgang, der damals im siebenten Jahr war, hatte keine
Ruhe mehr; das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und
dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuern königlichen Palast zu verschlingen,
die hohen Türme, die zuvörderst unter dem Schutt der kleinern Häuser begraben
wurden, die Flammen, die überall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen
und ein grosses Feuermeer verbreiten, während eine Schar von Teufeln aus der Erde
hervorsteigt, um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben, die von
vielen tausend zugrunde Gegangnen noch übrig waren, machten ihm einen ungeheuren
Eindruck. Jeden Abend entielt die Zeitung neue Mär, bestimmtere Erzählungen, in
den Kirchen hielt man Busspredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten
aus, in den katolischen Kirchen waren Requiem für die vom Erdbeben
Verschlungenen. Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder
vielseitig besprochen, die Bibel wurde aufgeschlagen, Gründe für und wider
behauptet, dies alles beschäftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte,
und er machte am Ende eine Auslegung davon, die alle an Weisheit übertraf.
    Nachdem er mit dem Grossvater aus einer Predigt kam, in welcher die Weisheit
des Schöpfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde, und der
Vater ihn fragte, wie er die Predigt verstanden habe, sagte er: »Am Ende mag
alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen,
dass der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann.«
- Von da an warst Du wieder oben auf, doch meinte die Mutter, dass Deine
revolutionären Aufregungen bei diesem Erdbeben später beim Prometeus wieder zum
Vorschein gekommen seien.
    Lass mich Dir noch erzählen, dass Dein Grossvater zum Gedächtnis Deiner Geburt
einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt
hat, der Baum ist sehr gross geworden, von seinen Früchten, die köstlich sind,
hab ich gegessen und - Du würdest mich auslachen, wenn ich Dir alles sagen
wollte. Es war ein schöner Frühling, sonnig und warm, der junge hochstämmige
Birnbaum war über und über bedeckt mit Blüten, nun war's, glaub ich, am
Geburtstag der Mutter, da schafften die Kinder den grünen Sessel, auf dem sie
abends, wenn sie erzählte, zu sitzen pflegte, und der darum der Märchensessel
genannt wurde, in aller Stille in den Garten, putzten ihn auf mit Bändern und
Blumen, und nachdem Gäste und Verwandte sich versammelt hatten, trat der
Wolfgang als Schäfer gekleidet mit einer Hirtentasche, aus der eine Rolle mit
goldnen Buchstaben herabhing, mit einem grünen Kranz auf dem Kopf unter den
Birnbaum und hielt eine Anrede an den Sessel, als den Sitz der schönen Märchen,
es war eine grosse Freude, den schönen bekränzten Knaben unter den blühenden
Zweigen zu sehen, wie er im Feuer der Rede, welche er mit grosser Zuversicht
hielt, aufbrauste. Der zweite Teil dieses schönen Festes bestand in
Seifenblasen, die im Sonnenschein, von Kindern, welche den Märchenstuhl
umkreisten, in die heitere Luft gehaucht, von Zephir aufgenommen und schwebend
hin und her geweht wurden; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank,
schrie alles: »Ein Märchen! ein Märchen!« Wenn die Blase, von der krausen Wolle
des Tuches eine Weile gehalten, endlich platzte, schrien sie wieder: »Das
Märchen platzt.« Die Nachbarsleute in den angrenzenden Gärten guckten über Mauer
und Verzäunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem grossen Jubel, so dass
dies kleine Fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war. Die Stadt hat's
vergessen, die Mutter hat's behalten und es sich später oft als eine Weissagung
Deiner Zukunft ausgelegt.
    Nun, lieber Goete, muss ich Dir bekennen, dass es mir das Herz
zusammenschnürt, wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe,
die mit tausend Gedanken zusammenhängen, welche ich Dir weder erzählen noch
sonst deutlich machen kann, denn Du liebst Dich nicht wie ich, und Dir muss dies
wohl unbedeutend erscheinen, während ich keinen Atemzug von Dir verlieren
möchte. - Dass vieles sich nicht verwindet, wenn's einmal empfunden ist, dass es
immer wiederkehrt, ist nicht traurig; aber dass die Ufer ewig unerreichbar
bleiben, das schärft den Schmerz. - Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter
durchklingt und ich überdenke das Ganze, dies Zurückhalten, dies Verbrausen der
Jugend auf tausend Wegen, - es muss sich ja doch einmal lösen. - Mein Leben: was
war's anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen, es war liebende Ahnung, die
alles mit sich fortzieht, die mir von Dir Kunde gab; so war ich Dir nachgekommen
ans Licht, und so werd ich Dir nachziehen ins Dunkel. - Mein lieber Freund, der
mich nimmermehr verkennt! - Sieh ich löse mir das Rätsel auf mancherlei schöne
Weise; aber, »frag nicht, was es ist, und lass das Herz gewähren«, sag ich mir
hundertmal.
    Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art, sie haben Stacheln und
Duft, ich mag keine berühren, ich mag keine missen. Wer sich ins Leben
hereinwagt, der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit; und ich
weiss, dass ich Dich einst noch festalten werde und mit Dir sein und in Dir sein,
das ist das Ziel meiner Wünsche, das ist mein Glaube.
    Leb wohl, sei gesund und lass Dir ein einheimischer Gedanke sein, dass Du mich
wiedersehen wollest, vieles möcht ich vor Dir aussprechen.
    24. November
 
                                   An Goete
Schön wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner
frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster
bei Deiner Mutter, da Du eben über die Strasse herkamst mit mehreren andern
Knaben, sie bemerkten, dass Du sehr gravitätisch einherschrittst, und hielten Dir
vor, dass Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben
auszeichnetest. - »Mit diesem mache ich den Anfang«, sagtest Du, »später werd
ich mich noch mit allerlei auszeichnen«; »und das ist auch wahr geworden«, sagte
die Mutter.
    Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten
Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in
den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte,
viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald auseinander, bald wieder eng
zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen, wenn man nun
näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch
grosse Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen
dann plötzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie, die
Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an;
ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe
Stadt herum. Was war's? - Goete, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf
die Hüte gesteckt hatten, da draussen herumtanzte.
    Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches
dazu erzählen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und
hundert Abenteuer gehabt usw. - Deiner Mutter war gut zuhören! -
    In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen, ich musste ihm täglich
drei Toiletten besorgen, auf einen Stuhl hing ich einen Überrock, lange
Beinkleider, ordinäre Weste, stellte ein Paar Stiefel dazu, auf den zweiten
einen Frack, seidne Strümpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw., auf den
dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel, das erste zog er im
Hause an, das zweite, wenn er zu täglichen Bekannten ging, das dritte zum Gala;
kam ich nun am andern Tag hinein, da hatte ich Ordnung zu stiften, da standen
die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen, die Schuhe standen
gegen Osten und Westen, ein Stück lag da, das andre dort; da schüttelte ich den
Staub aus den Kleidern, legte frische Wäsche hin, brachte alles wieder ins
Geleis; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft
in die Luft schwinge, fahren mir plötzlich eine Menge kleiner Steine ins
Gesicht, darüber fing ich an zu fluchen, er kam hinzu, ich zanke ihn aus, die
Steine hätten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen können; - »nun es hat Ihr ja
kein Aug ausgeschlagen, wo sind denn die Steine, ich muss sie wiederhaben, helf
Sie mir sie wieder suchen«, sagte er; nun muss er sie wohl von seinem Schatz
bekommen haben, denn er bekümmerte sich gar nur um die Steine, es waren ordinäre
Kieselsteinchen und Sand, dass er den nicht mehr zusammenlesen konnte, war ihm
ärgerlich, alles was noch da war, wickelte er sorgfältig in ein Papier und
trug's fort, den Tag vorher war er in Offenbach gewesen, da war ein Wirtshaus
zur Rose, die Tochter hiess das schöne Gretchen, er hatte sie sehr gern, das war
die erste, von der ich weiss, dass er sie lieb hatte.
    Bist Du böse, dass die Mutter mir dies alles erzählt hat? Diese Geschichte
habe ich nun ganz ungemein lieb. Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal
erzählt, manchmal setzte sie hinzu, dass die Sonne ins Fenster geschienen habe,
dass Du rot geworden seist, dass Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz
gehalten und damit fortmarschiert, ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu
haben, dass sie ihr ins Gesicht geflogen. Siehst Du, was die alles gemerkt hat,
denn so klein die Begebenheit schien, war es ihr doch eine Quelle von freudiger
Betrachtung über Deine Raschheit, funkelnde Augen, pochend Herz, rote Wangen
usw. - Es ergötzte sie ja noch in ihrer späten Zeit. - Diese und die folgende
Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht, ich seh Dich in beiden
vor mir, in vollem Glanz Deiner Jugend. An einem hellen Wintertag, an dem Deine
Mutter Gäste hatte, machtest Du ihr den Vorschlag, mit den Fremden an den Main
zu fahren. »Mutter, Sie hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen,
und das Wetter ist heut so schön« usw. - Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an,
der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht
war, und so fahren wir denn hinaus, da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil
zwischen den andern durch, die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht, und der
Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen, wie er nun den karmoisinroten Pelz
sieht, kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an, - »nun,
was willst du?« sag ich. »Ei Mutter, Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen, geb
Sie mir Ihren Sammetrock«, - »du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen«, -
»freilich will ich ihn anziehen.« - Ich zieh halt meinen prächtig warmen Rock
aus, er zieht ihn an, schlägt die Schleppe über den Arm, und da fährt er hin,
wie ein Göttersohn auf dem Eis; Bettine, wenn du ihn gesehen hättest!! - So was
Schönes gibt's nicht mehr, ich klatschte in die Hände vor Lust! Mein Lebtag seh
ich noch, wie er den einen Brückenbogen hinaus und den andern wieder herein
lief, und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug, damals war Deine
Mutter mit auf dem Eis, der wollte er gefallen.
    Nun, bei dieser Geschichte kann ich wieder sagen, was ich Dir in Töplitz
sagte: dass es mich immer durchglüht, wenn ich an Deine Jugend denke, ja es
durchglüht mich auch, und ich hab einen ewigen Genuss daran. - Wie freut es
einem, den Baum vor der Haustür, den man seit der Kindheit kennt, im Frühjahr
wieder grünen und Blüten gewinnen zu sehen; - wie freut es mich, da Du mir ewig
blühst, wenn zuzeiten Deine Blüten eine innigere höhere Farbe ausstrahlen und
ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz
einatme. -
    Am 28. November
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
Ich weiss, dass Du alles, was ich Dir von Dir erzähle, nicht wirst brauchen
können, ich hab in einer einsamen Zeit über diesen einzelnen Momenten geschwebt
wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer
seh ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmöglich, es Dir darstellend zu
beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's
gönnen, dass Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die
durch Zufall oder vielmehr durch bewusstlosen Trieb zu Deinen Füssen sich einfand.
- Es kostet mir Mühe, und ich kann nur ungenügend darlegen, was so eng mit
meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich
nicht so ganz ablöst. - Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir, dass ich diese
Kleinodien rauh und ungeglättet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen
ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken
geründet hat, in meinen Blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in
die Lippen, die von diesem Liebesgeist gerührt zu Dir sprachen, hierdurch
eingeprägt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der
Musik entschwebt und für sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgeführt wird.
    Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, möchte ich ein Lebewohl zurufen; - die
Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blüte ins Herbarium
kommen. So hab ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief
meinen Garten so freundlich anbot, lächelst Du? - Du wirst doch alles
überflüssige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr
achten, der ausser meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. - Der Schütze wird
nicht müde, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt.
Er spannt abermal, zieht die Senne bis ans Aug heran, blickt scharf und zielt
scharf; und Du! Sieh diese verschossnen Pfeile, die zu Deinen Füssen hinsinken,
gnädig an und denke, dass ich mich nicht zurückhalten kann, - Dir ewig dasselbe
zu sagen. - Und berührt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines
wenig? -
    Dein Grossvater war ein Träumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles über
seine Familie durch Träume offenbar, einmal sagte er einen grossen Brand, dann
die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet
worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines
Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe geträumt,
dass einer der Schöffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe,
nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne
Kugel Deinem Grossvater zuteil. Als der Schulteiss gestorben war, wurde noch in
später Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine ausserordentliche
Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief
der Grossvater aus seinem Bette: »Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja
doch die Mühe bloss für mich.« Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst
äusserte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine älteste
Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran,
wie nun der Vater ins Rataus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen
Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In
dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans
Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinzess (so wurde sie
wegen ihrem Abscheu vor häuslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen
genannt) sei närrisch, sie aber versicherte ihnen, sie würden bald hinter die
Bettvorhänge kriechen, wenn die Ratsherren kommen würden, ihnen wegen dem Vater,
der heute zum Syndikus erwählt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie
noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster
den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; »versteckt
euch«, rief sie, »dort kommt er und alle Ratsherren mit«, keine wollt es
glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus
steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und
liessen die Prinzess allein im Zimmer, um sie zu empfangen. Diese Traumgabe schien
auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Grossvaters
Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, träumte ihr, es sei
zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden, die durch ein geheimes
Schloss verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine
Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern,
sorglosen Stimmung und ihrer grossen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag
wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, dass sie in
dieser Beziehung sich nie getäuscht habe.
    Deine Grossmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Töchter
und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich
nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzählte sie, dass etwas im Zimmer
geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind
jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstossenden Studierzimmer umher,
sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder
im Bett lag, rauschte es immer näher und näher heran mit ängstlichem
Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht
an ihrem Angesicht, dass es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den
Kindern gelaufen; kurz hiernach liess sich ein Fremder melden, da dieser nun auf
die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte
sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen
herannahenden Tod gespürt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer
wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom
Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der
Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt, und dann war
er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts
Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine
letzte Bitte gewesen, Dein edler Grossvater nahm sich einer kleinen Waise jenes
Freundes, die keine rechtlichen Ansprüche an sein Erbe hatte, an, ward ihr
Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln für sie an, die Deine Grossmutter
mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.
    Seit diesem Augenblick verschmähte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch
Ähnliches, sie sagte: »Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht
leugnen oder gar verachten«, das Herz werde durch dergleichen tief gerührt. Das
ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten, die so unbedeutend
erscheinen, dass man ihrer gar nicht erwähne, und innerlich so gelenk und
heimlich arbeiten, dass man es kaum empfinde; »noch täglich«, sagte sie, »erleb
ich Begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten würde, aber sie sind meine
Welt, mein Genuss und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von
langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist,
und die sich über alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denk ich in
meiner Seele: ja, meint nur, ihr hättet die Welt gefressen, wüsstet ihr, was die
Frau Rat heute alles erlebt hat!« Sie sagte mir, dass sie sich in ihrem ganzen
Leben nicht mit der ordinären Tagsweise habe begnügen können, dass ihr starker
Geist auch wichtige und tüchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und dass ihr
dies auch in vollem Masse begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes
willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie könne sich wohl ihres
Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja
auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse, als um des Sohnes
willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu
beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange
Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; während Gelehrte,
Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein
lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne
Stellen aus Deinen Büchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und
Ton, dass in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und
Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: »O lass
mich scheinen, bis ich werde« legte sie herrlich aus, sie sagte, dass dies allein
schon beweisen müsse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den
Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen
könne, nämlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht
zu ihrem Erzeuger; und dass die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel
stürmen zu können, lauter Narrenspossen seien, und dass alles Verdienst vor der
Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse, diese sei der Born der Gnade,
der alle Sünde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und
sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben; auch in dem
verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer,
in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen
nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber
im Menschen, der nicht wolle, dass er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene
übergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst würde der Geist wie
ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento
stören, und seine Albernheit würde da keinen grossen Respekt einflössen, da man
ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei
der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan, und nannte es
ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck
ihres Vortrags und gegen das Gefühl, was in vollem Masse aus ihrer Stimme
hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des
Katarinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem
Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am End immer
schmerzlich-ernst schloss, während ihr Blick in die Ferne verloren glühte, es
war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann drückte sie mir wohl die
Hand und überraschte mich mit den Worten: »Du verstehst den Wolfgang und liebst
ihn.« - Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig, es war sehr herrlich; der
Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren
Erinnerungen, und hier will ich Dir die Geschichte, die ich Dir schon in München
mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing, als Beispiel
ihres grossen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat.
Eh ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem
sich ein Postorn auf der Strasse hören liess, dass ihr dieser Ton immer noch das
Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit
dem Zunamen der Unglückliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung über
seine grosse Schönheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu
Fuss mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen.
»Himmel, was hatte der Mann für Augen; wie melancholisch blickte er unter den
gesenkten Augenwimpern hervor! - Ich verliess ihn nicht, folgte ihm in alle
Kirchen, überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte
sein Haupt eine Weile in die Hände, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal
wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach Hause kam, fand ich mich nicht
mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und Tisch nicht mehr an
dem gewohnten Ort ständen, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich
ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Strassen, und wie ich die in der
Stube von dem Kaiser sprechen hörte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in
meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf
in den Händen wie er, es war nicht anders, wie wenn ein grosses Tor in meiner
Brust geöffnet wär; meine Schwester, die ihn entusiastisch pries, suchte jede
Gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne dass einer ahnte, wie tief es mir
zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser vorüberfuhr, sprang sie auf einen
Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte
freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, dass der Kaiser ihr so
freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich überzeugt, dass der Gruss mir
gegolten habe, denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir; ja
beinah jeden Tag, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas,
was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in
meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in
meinen Händen, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und
dann überlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute sich ein
geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmöglich war zu
glauben, dass er nichts davon ahne, ich glaubte gewiss, er habe meine Wohnung
erforscht, da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal
heraufsah nach den Fenstern und mich grüsste. O, wie war ich den vollen Tag so
selig, wo er mir am Morgen einen Gruss gespendet hatte; da kann ich wohl sagen,
dass ich weinte vor Lust. - Wie er einmal offne Tafel hielt, drängte ich mich
durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die
Trompeten gestossen, bei dem dritten Stoss erschien er in einem roten
Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas
gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, dass ich auf dem
unrechten Platz wäre, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden grossen Herren
getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der
Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja,
da kam mir's vor, als hätte er den Becher mir bringen wollen, und ich muss noch
heute daran glauben, es würde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem
ich so viel Glückstränen geweint habe, aufgeben müsste, warum sollte er auch
nicht, er musste ja wohl die grosse Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im
Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den
Fürsten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betäubt, so sehr nahm
ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Mühe, mich
hinauszubringen an die frische Luft, sie schmälte mit mir, dass sie wegen meiner
des Vergnügens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch,
nachdem ich am Röhrbrunnen Wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen,
aber eine geheime Stimme sagte mir, dass ich an dem, was mir heute beschert
geworden, mir solle genügen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte
meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte
dem Kaiser schmerzlich süsse Tränen der heissesten Liebe, am andern Tag reiste er
ab, ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu
grauen, es war am 17. April, da hörte ich fünf Postörner blasen, das war er,
ich sprang aus dem Bett, vor übergrosser Eile fiel ich in die Mitte der Stube und
tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr
der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh ich es aufgerissen
hatte, er warf mir Kusshände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die
Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Postorn blasen hören, ohne
dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den
Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin,
zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so
vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne dass ich
Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man
erleben muss, dass eine Leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimäre war,
alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem längst solche
Ansprüche als Narrheit verpönt sind? Ich hab auch nie Lust gehabt, davon zu
sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor übergrosser
Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem grossen Brettnagel, der
etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem
rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe
als einen sehr feinen regelmässigen Stern, den ich oft darauf ansah während den
vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden
Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde, ach, was hab ich da für
schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu läuten mit der grossen
Glocke, es kamen erst so einzelne mächtige Schläge, als wanke er trostlos hin
und her, nach und nach klang das Geläut der kleinen Glocken und der ferneren
Kirchen mit, es war, als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten; und
die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da hörte es
wieder auf zu läuten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie
er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung
seufzte; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete
sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles.«
    Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, über dem das Mal in Form eines sehr
deutlichen regelmässigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum
Abschied und sagte mir noch in der Tür, sie habe niemals hiervon mit jemand
gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus
der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich
dachte gleich, dass Dich dies gewiss einmal interessieren müsse, nun hat aber der
Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, dass
sie kein edles männliches Herz, viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt
gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem
gestempelt. - Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei
nicht wohl, ich beeilte meine Rückkehr, mein erster Gang war zu ihr, der Arzt
war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir
lächelnd das Rezept hin und sagte: »Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben,
ein Umschlag von Wein, Myrrhen, Öl und Lorbeerblättern, um mein Knie zu stärken,
das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich Wasser
unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen
kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und Öl, womit die Kaiser bei der
Krönung gesalbt werden. Ich seh das schon kommen, dass das Wasser sich nach dem
Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein«; sie sagte mir Lebewohl und
sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf
liess sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: »Heute lieg ich wieder zu Bett
wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde«; ich lachte
mit ihr hierüber und sagte ihr scherzweise viel, was sie rührte und erfreute; da
sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie drückte mir die Hand und sagte:
»Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten,
denn ich weiss wohl, dass es mit mir zu Ende geht.« Sie sprach noch ein paar Worte
von Dir, dass ich nicht aufhören sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle
ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden,
zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nähe gegeben wurde, sagte
sie: »Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel
empfangen wird«, sie liess sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle
sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie
mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schäfer gekleidet in anmutiger
Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nächtlich
hinübergeschlummert.
    Das ist die Geschichte, die ich Dir schon in München versprochen hatte,
jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, weiss ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst,
mir war sie immer als etwas ganz Ausserordentliches vorgekommen, und ich habe bei
ihr so manche Gelübde getan.
    Von Deinem Vater erzählte sie mir auch viel Schönes, er selbst war ein
schöner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wusste ihn auf
mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen
Strenge im Lernen zusetzte, doch muss er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen
sein, da er stundenlang mit Dir von zukünftigen Reisen sprach und Dir Deine
Zukunft so glanzvoll wie möglich ausmalte, von einem grossen Hausbau, den Dein
Vater unternahm, erzählte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind
oft mit grossen Sorgen habe auf den Gerüsten herumklettern sehen. Als der Bau
beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen
Etagen in eine schöne anmutige Wohnung umschuf, in der wertvolle
Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit
grosser Umständlichkeit eine Bibliotek ein, bei der Du beschäftigt wurdest. Über
Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzählte die Mutter sehr viel.
    Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von grossen Städten behängt, und
während Du die Reisebeschreibung vorlasest, spazierte er mit dem Finger darauf
herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem
eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen
solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die
Einquartierung eines französischen Kommandanten in die Prachtstuben völlig
unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert, der Vater war nicht zu
trösten, dass seine kaum eingerichtete Wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet
hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die
Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Blätter mit Notizen
schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber können sie
wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch
wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach
mit einem gewissen Gretchen, die nächtlichen Spaziergänge und was dergleichen
mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzählt, und Gott weiss, ich hab mich
auch gescheut, danach zu fragen.
                                                                         Bettine
 
                                   An Goete
Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn,
schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstände zusammen. Am 4.
Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen
und Eisen - - - - - - - - - - was hab ich nun besseres zu tun, als Dein Herz
warmzuhalten, die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur
möglich. Denk an mich.
    Ich habe des Fürsten Radziwill seine Musik aus dem »Faust« gehört, das Lied
vom Schäfer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle löbliche
Eigenschaften besitzend, dass es gewiss nimmermehr so trefflich kann komponiert
werden. Das Chor: »Drinnen sitzt einer gefangen«, es geht einem durch Mark und
Bein. - Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hört den
Polen durch, ein Deutscher hätt es nicht so angefangen, um so reizender. Es muss
so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden.
    Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist.
Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben
behauptet er auch, er möchte der Welt dienen und führt Klage, dass sie sich's
nicht will gefallen lassen, und dass er alle Weisheit für sich behalten muss.
Einen Standpunkt hat er sich erwählt, von dem aus er sie von oben herab
beschaut. Und der Welt ist's einerlei, dass er mit den Krähen auf der Zinne sitzt
und sie sich auf ihren Gemeinplätzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er
Cäsar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt
durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht
durch dick und dünn; zum Glück ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine
Leibgarde, der Bass, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf
Reisen, da ist er Goete, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender
Güte, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu
unbedeutenden Dingen, hält die Hände auf den Rücken, das macht sich alles; nur
zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze
Illusion zum Teufel.
    Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern
veranlasst, ist bei der Musik auf den höchsten Grad gestiegen; Zelter zum
Beispiel lässt nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und
eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht
mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen,
wenn sie zuvörderst das Verständliche in der Kunst fordern: dass die nicht
begreifen, dass sie das höchste Element einer göttlichen Sprache herabwürdigen,
wenn sie es nur mit dem ausfüllen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das
Gemeine verstehen, und dass sie höhere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig
gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung.
Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der
Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft rückwärts aus,
und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, nasskalt, langwierig,
beschwerlich und freilich unverständlich im Weg.
    Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht
er und wird eine Welt gewahr, sie lässt sich nicht definieren, sie kann dem Gemüt
wohl ihre Wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die plötzliche
reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut
war, nun in sich selbst erhöht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekümmert, ob die
Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beetoven). So steht's mit der
Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts
anerkennen, als was sie verstehen. - Wenn ich mir da meinen Beetoven denke,
der, den eignen Geist fühlend, freudig ausruft: »Ich bin elektrischer Natur, und
darum mache ich so herrliche Musik!«
    Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des
Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.
    Wollust, ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der
Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; - nimmermehr in der Musik,
was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik
kann nur ewig neu erstehen.
    Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher
immer die Wut gegen das, was noch nicht gehört war, daher der Ausdruck:
»Unerhört.« Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als
ein Holzbock gegenüber (Zelter muss vermeiden, dem Beetoven gegenüberzustehen),
das Bekannte verträgt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt
ist wie der Esel den täglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles
wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben führt, da er nicht
Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf.
Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens, was schon da war, aber nicht,
was da kommen soll, er kann die Geister nicht lösen vom Buchstaben, vom Gesetz.
Jede Kunst steht eigenmächtig da, den Tod zu verdrängen, den Menschen in den
Himmel zu führen; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister
lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschämt, was freier Wille,
freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhören, glauben und
hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die
dem Philister verschüttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen
Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. - Da stehen wir
an den unübersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des
Atmens verstehen.
    Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glückwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn.
R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Töplitz zu sehr
geblendet, als dass ich mir das rechte Mass hätte denken können, die
Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als dass ich ihm eine hätte schicken
mögen, aber lauter und lauter Vergissmeinnicht in der Weste! - Er mag nicht wenig
stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies
schön zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, dass ihn alle Menschen
darum beneiden werden; noch muss ich erinnern, dass sie als Unterweste getragen
wird. Nun, er wird mir gewiss schreiben und wird sich bedanken. - Und Du? - hm.
Du Einziger, der mir den Tod bitter macht! -
                                                                         Bettine
Grüss doch die Frau recht herzlich von mir, - es ist ihr doch niemand so von
Herzen gut wie ich.
    Adieu Magnetberg. - Wollt ich auch da - und dortin die Fahrt lenken, an Dir
würden alle Schiffe scheitern.
Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.
Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.
 
                                   An Bettine
Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohltätiger Genius, bald
persönlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet,
wofür Dir der schönste Dank von allen abgetragen wird. - - - - - - - - - - - - -
- -
    Dass Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer
noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es könnte mir viel Freude machen.
Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschränkter Eigensinn,
und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem
Köpfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehören,
deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch quälen will; im
Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll, so wünsch ich
Deine Gedanken über Kunst überhaupt wie über die Musik mir zugewendet. In
einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn
nachhängen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, dass Deine
Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so
manches, was ich in früherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder
anregen, was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt; bei Dir wäre
sehr zu wünschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der
Unsterblichkeit fordern, dass nämlich der ganze Mensch aus sich heraustreten
müsse ans Licht. Ich muss Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen
Rat so viel wie möglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, dass
hierdurch alles Unverstandne und Rätselhafte genügend gelöst würde, so wären
doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.
    Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches
einstudieret und wird oft wiederholt. Überhaupt geht unsre kleine musikalische
Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.
    Von mir kann ich Dir wenig sagen, als dass ich mich wohl befinde, welches
denn auch sehr gut ist. Für lauter Äusserlichkeiten hat sich von ihnen nichts
entwickeln können. Ich denke, das Frühjahr und einige Einsamkeit wird das Beste
tun. Ich danke Dir zum schönsten für das Evangelium juventutis, wovon Du mir
einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der
Geist eingibt.
    Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank für die warme Glanzweste. Meine
Frau grüsst und dankt zum schönsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben.
Jena, wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben.
    Den 11. Januar 1811
                                                                              G.
 
                                   An Goete
Also ist mein lieber Freund allein! - Das freut mich, dass Du allein bist, Denke
meiner! - Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, dass ich auch allein bin.
In beiliegenden Blättern der Beweis, dass meine Einsamkeit mit Dir erfüllt ist,
ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in
Deine Gegenwart denke.
    Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil Du
so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab doch nicht alles aufschreiben
können, weil diese Gedanken zu flüchtig sind. Ach ja, Goete, wenn ich alles
aufschreiben wollte, wie wunderlich würde das sein. Nimm vorlieb, ergänze Dir
alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat
mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich möchte Dir nichts
vorentalten, darum möcht ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein
mich erleuchtest.
    Beiliegende Blätter geschrieben in der Montagnacht.
    Über Kunst. Ich hab sie nicht studiert, weiss nichts von ihrer Entstehung,
ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie
verstehen, das scheint mir unecht.
    Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag ich alles, was ich
von ihr weiss. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das
geliebte Kind Gottes, Gott erwählt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist
die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fühlst,
das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird
sinnliches Gefühl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie
hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun,
das möchte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des
göttlichen Es werde.
    Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht
regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? - Was
kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des
steigenden Lichts nie erfüllt wird? - Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in
der gemalten Hütte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten
Tiere? - Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!
    Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genügendes sagen?
Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr
soll ich mich fassen und heiligen.
    Ich fürchte mich vor Dir, ich fürche mich vor dem Geist, den Du in mir
aufstehen heissest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem
Brief, der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies
einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine
Weisheit mich ans Licht fordert, was hab ich da aufzuweisen, als nur
Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war misshandelt und
unterdrückt. - Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht
die Kunst? - Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, dass ihm Gottes Finger
die Zunge löse, das Gehör entbinde, alle Sinne erwecke, dass er empfange und
ausgebe! - Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in
jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?
    Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir die
Kunst zu erkennen und zu geniessen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in
Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von
ihm machen, über die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten
sollen, ebenso erhaben ist die Kunst über das, was die Menschen unter sich von
ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen wähnt, der wird nicht mehr leisten, als
was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der
hat die Offenbarung.
    
    Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der
auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. - Die Kunst
ist Zeugnis, dass die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen
wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie
selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie
die Sprache ist. Es ist nicht nötig, dass wir sie verstehen, aber dass wir an sie
glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie
durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da
das höchste Wunder wahr ist, so muss wohl alles, was dazwischen liegt, eine
Annäherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist führt in die
Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne
Kleinheit? - Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit
Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. -
Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die
Wärme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; wärme
mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab ich den Geist
Gottes, der nur allein vermag's.
    Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium
juventutis weiterzuführen, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.
    Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese benützen
zu können nach Bedürfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schüler überzutragen,
ist Belehrung; hat der Schüler alles erfasst und versteht er es anzuwenden, so
wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich
fortpflanzt. Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen
stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre
der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wüste des Irrtums seine
Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist
ein einseitiger Pfad des Irrtums; des göttlichen Geistes bar, durch Vorurteile
verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle
an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr
hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers
erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe
vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und die
Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen
Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht überzeugend, weil der
Massstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe
sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann
auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zulässt, dass etwas
sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer höheren Welt ihm
verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt
durch den Grundsatz: »Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination
erfunden.« Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Missbrauch des Erfundenen zu neuen
Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich
trägt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der
Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem
Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je klüger, je abwägender,
je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und für die Menge, und
dies nennen wir Kunstwerke.
    Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhältnisse,
verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder
einzelne Teil entält einen harmonischen Begriff seiner Individualität, das
Ganze entspricht dem Masse der Erfahrung im Schönen, so sind wir hinlänglich
befriedigt. - Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das
Genie gefördert wird; diese ist nicht befriedigend, sondern überwältigend, sie
ist nicht der Repräsentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies
selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: »Dies ist das Bild eines
Mannes, der ein Held war«, sondern: »Dies ist die Offenbarung des Heldentums,
das sich in diesem Kunstwerk verkörperte.« Zu solcher Aufgabe gehört nicht
Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer göttlichen
Gewalt. Und welcher Künstler das Heldentum (ich nehme es als Repräsentant jeder
Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, dass es die
Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht
allein fähig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst
steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn
wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet.
    In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der göttlichen Erkenntnis,
die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist
die Empfängnis. - In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfügen
geistiger Kräfte. Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; - er
anwortet: - und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der
Erfindung: das Vermögen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht
einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewusstlose
Tendenz der Erzeugung ist.
    Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach aussen haben einen solchen
tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs
neue Atem zu schöpfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs
neue in die höhere Region ewiger Schöpfungskraft aufzusteigen.
    Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und
die ist das Atmen der Gotteit.
    Das Aufatmen des göttlichen Geistes ist Schöpfen, Erzeugen; das Senken des
göttlichen Atems ist Gebären und Ernähren des Geistes, - so erzeugt, gebärt und
ernährt sich das Göttliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch
die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, - sie ist die sinnliche Natur,
ins Leben des Geistes erzeugt.
    In der Künstlersprache heisst es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles
ist schon vorher dagewesen; ja! Wir können auch nur im Menschen erfinden, ausser
ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine
andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur
das Umfassen der Liebe das Dasein gründet, so liegt ausser diesem Umfassten kein
Dasein, kein Erfundenes. - Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist
der Liebe in dem von ihr begründeten Dasein waltet.
    Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur
auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm
nährt und ihn durch sich belehrt. - Ausser diesem Gewahrwerden der göttlichen
Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung.
    Wie könnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da
die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm
einzuflössen der göttlichen Liebe Genuss und Nahrung ist, da sein Atem nur das
Verzehren dieser Leidenschaft ist, und da seine Erzeugnisse nur das Verkörpern
dieser Leidenschaft sind.
    Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe, das Geliebtsein. Das Erfinden,
das Aussprechen ist das Einflössen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist.
Die Schönheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit, die sie in der Befriedigung
ihrer Leidenschaft hat. - Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist,
den sie erzeugt, den sie mit Leidenschaft durchdringt, dass er sie begehre;
dieses Begehren zu befriedigen, erzeugt ihren Genuss, dieses Mitgefühl ihres
Genusses, ihrer Seligkeit, spricht der Geist durch Schönheit aus. Die Schönheit
verkörpert sich durch den liebenden Geist, der die Form mit Leidenschaft
durchdringt, so wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes
durchdringt. Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schönheit des Geistes
aus, wie der von Leidenschaft erfüllte Geist die Schönheit der Liebe ausspricht.
- Und so ist die Schönheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des
liebenden Geistes, wie die Schönheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der
liebenden Gotteit ist.
    Mein Freund glaubt vielleicht, ich sei mondsüchtig, da wir heute Vollmond
haben, ich glaub's auch.
                                                              Den 1. August 1817
Nicht geahndet hab ich es, dass ich je wieder so viel Herz fassen würde an Dich
zu schreiben, bist Du es denn? oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in
der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt?
Ach, wie vielmal hab ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten, dass Du die
Deinigen hineinlegen möchtest, dass ich sie beide an meine Lippen drücken könnte.
- Ich fühl es jetzt wohl, dass es nicht leicht war, mich in meiner
Leidenschaftlichkeit zu ertragen, ja ich ertrage mich selbst nicht, und mit
Schauder wende ich mich von all den Schmerzen, die die Betrachtung in mir
aufwühlt.
    Warum aber gerad heute, nachdem Jahre vorüber sind, nachdem Stunden
verwunden sind, wo ich mit Geistern zu kämpfen hatte, die mich zu Dir hin
mahnten? Heute bedachte ich es, dass vielleicht auch du nie eine Liebe erfahren
habest, die bis ans End gewährt habe, heute hatte ich die Haare in Händen, die
Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem
Tode reichen zu lassen, und da fasste ich Herz, einmal will ich Dich noch rufen,
was kann mir widerfahren, wenn Du nicht hörst?
    Die Leute gehen jetzt häufig in die Kirche, sie gehen zum Abendmahl, sie
sprechen viel von ihrem Freund und Herrn, von dem Sohn ihres Gottes;
    ich habe nicht einmal den Freund bewahrt, den ich mir selbst erwählte, mein
Mund hat sich geschlossen über ihn, als ob ich ihn nicht kenne, ich habe das
Richtschwert der Zunge über ihm blitzen sehen und hab es nicht abgewehrt, siehst
Du, so wenig Gutes ist in mir, da ich doch damals so gewiss besser sein wollte
als alle, die so sind.
    Mir träumte vor drei Jahren, ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen
Knien sitzend, an einer langen gedeckten Tafel, Du zeigtest mir ein Licht, was
tief herabgebrennt war und sagtest: »So lange hab ich dich an meinem Herzen
schlafen lassen, alle Gäste sind von der Tafel weggegangen, ich allein bin, um
deine Ruhe nicht zu stören, sitzengeblieben, nun werfe mir nicht mehr vor, dass
ich keine Geduld mit dir habe« - ja wahrlich, das träumte ich, ich wollte Dir
damals schreiben, aber eine Bangigkeit, die mir bis in die Fingerspitzen ging,
hielt mich davon ab; nun grüsse ich Dich nochmals durch alle Nacht der
Vergangenheit und drücke die Wunden wieder zu, die ich so lange nicht zu
beschauen wagte, und warte ab, ob Du mich auch noch hören willst, eh ich Dir
mehr erzähle.
                                                                         Bettine
Den Tag, an dem ich dies geschrieben, geriet das Komödienhaus in Brand, ich ging
nach dem Platz, wo Tausende mit mir dies unerhörte Schauspiel genossen, die
wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten sich nieder oder
wurden von Windstössen zerrissen, die Hitze hatte die schon tröpfelnden Wolken
verzehrt oder zerteilt, und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der
Sonne sehen, der Rauch wurde zum rötlichen Schleier. Das Feuer senkte sich in
die innern Gemächer und hüpfte von aussen hier und dort auf dem Rand des Gebäudes
umher, das Gebälke des Daches war in einem Nu in sich hereingestürzt, und das
war herrlich; nun muss ich Dir auch erzählen, dass es währenddem in mir jubelte,
ich glühte mit, der irdische Leib verzehrte sich, und der unechte Staat
verzehrte sich mit, man sah durch die geöffnete Türe, durch die dunkeln toten
Mauern alle Fenster schwarz, den Vorhang des Teaters brennend niederstürzen,
nun war das Teater im Augenblick ein Feuermeer, jetzt ging ein leises Knistern
durch alle Fenstern, und sie waren weg, ja, wenn die Geister solcher Elemente
einmal die Flügel aus den Ketten los haben, dann machen sie es arg. In dieser
andern Welt, in der ich nun stand, - dachte ich an Dich, den ich schon so lange
verlassen hatte; Deine Lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf
meinen Lippen, ich allein vielleicht unter den Tausenden, die da standen, die
schauderten, die jammerten, ich allein fühlte in seliger einsamer Begeisterung,
wie feuerfest Du bist - ein Rätsel hatte sich gelöst, deutlicher und besser
konnte der Schmerz, der oft in früheren Zeiten in meiner Brust wühlte, nicht
erläutert werden, ja es war gut, mit diesem Hause brannte ein dumpfes Gebäude
nieder, frei und licht ward's in meiner Seele, und die Vaterlandsluft wehte mich
an, - noch eins will ich Dir davon erzählen: in den ersten Nachmittagsstunden
schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt, wie der Mond aufging,
hüpften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern, in den
Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwärzten Masken. Am dritten Tag
schlug die Flamme aus den tiefgehöhlten Balkenlöchern. Gelt, mehr lässt sich
nicht erwarten, - willst Du mir nun über all diesen Schutt die Hand wieder
reichen, willst Du bis ans End mich warm und liebend für Dich wissen, so sag ein
Wort, aber bald, denn ich habe Durst.
    Seit den langen Jahren hab ich das Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten
sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk ich mich noch wie den schäumenden
Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.
    Wenn das beigefügte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche
Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad so innig
rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem
Herzen bereitet, verschmähe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Strasse Nr. 17.
 
                                   An Goete
                                                    Weimar, den 29. Oktober 1821
Mit Dir hab ich zu sprechen! - Nicht mit dem, der mich von sich gestossen, der
Tränen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat, vor
dem weichen die Gedanken zurück. Mit Dir Genius! Hüter und Entzünder! Der mit
gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte,
mit Dir, der es mit heimlichem Entzücken genoss, wenn der jugendliche Quell
brausend, empörend über Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen
Füssen, da es mir genügte, Deine Knie zu umfassen.
    Aug in Aug! Einzig Leben! Keine Begeistrung, die über Dich geht! - Die
Seligkeit, gesehen zu sein und Dich zu sehen! -
    Ob ich Dich liebte? - Das fragst Du? - Macht Ihr es aus über unsern
Häuptern, Ihr Schwingenbegabte. - Glaub an mich! - Glaub an einen heissen Trieb,
- Lebenstrieb will ich ihn nennen, - so sing ich Deinem träumenden Busen vor. -
Du träumst, Du schläfst! Und ich träume mit.
    Ja, die damalige Zeit ist jetzt ein Traum, der Blitz der Begeistrung hatte
schnell Dein irdisch Gewand verzehrt, und ich sah Dich, wie Du bist, ein Sohn
der Schönheit, jetzt ist's ein Traum.
    Ich hatte mich selbst, ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir
opfernd zu Füssen zu legen, still und tief verborgen wie der unreife Same in
seiner Hülle. An Dir, an Deiner vergebenden Liebe sollte er reifen; jeden
unwillkürlichen Fehl, jede Sünde wollt ich eingestehn, ich wollte sie wegsaugen
aus Deinen Augen mit meinem tränenbeladenen Blick, mit meinem Lächeln; aus
Deinem Bewusstsein mit der Glut meines Herzens, die Du nicht zum zweitenmal
findest, - aber dies alles ist nun ein Traum.
    Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich über meinem Herzen aufgebaut, haben
mich getrennt von dem Quell, aus dem ich Leben schöpfte, keiner Worte hab ich
mich seitdem wieder bedient, alles war versunken, was ich gefühlt und geahnt
hatte. Mein letzter Gedanke war: »Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich
sein werde, denn für diesmal haben sie meine Sinne begraben und mein Herz
verhüllt.«
    Diese zukünftige Zeit, o Freund! schwebt über mir hin gleich den Winden der
Wüste, die so manches Dasein mit leichtem Flugsand verscharren, und es wird mich
keine Stimme wieder erwecken, ausser der Deinen, - und das bleibt wohl auch nur
ein Traum? -
    Damals betete ich oft um das einzige, dass ich Deinen letzten Atemzug küssen
dürfe, denn ich wollte gern Deine auffliegende Seele mit meinen Lippen berühren;
ja Goete! - Zeiten, die ihr vorüber seid, wendet euch am fernen Horizont noch
einmal nach mir her, ihr tragt das Bild meiner Jugendzeit in dichte Schleier
gehüllt.
    Nein! Du kannst doch nicht sein, was Du jetzt bist: hart und kalt wie Stein!
- Sei es immer für diese Welt, für diese verrinnende Zeiten, aber dort, wo die
Gewölke sich in triumphierenden Fahnen aufrollen, unter denen Deine Lieder zu
dem Tron aufsteigen, wo Du ihr Schöpfer, und Schöpfer Deiner Welt, ruhest,
nachdem Du das Werk Deiner Tage geschaffen, zum Leben geschaffen; da lass mich
mit Dir sein um meiner Liebe willen, die mir von geschäftigen Geistern jener
höheren Welt zugetragen ward, wie der Honig dem wilden Fruchtbaum in den hohlen
Stamm von tausend geschäftigen Bienen eingeimpft wird, der dann, ob auch nicht
aus sich selber, dennoch einen köstlicheren Schatz in sich bewahrt als der Baum,
der edle Früchte trägt. Ja, lass das wilde Reis seine Wurzeln mit den Deinen
verstricken, verzehre es, wenn Du es nicht dulden magst.
    Jawohl! Ich bin zu heftig, siehe da, der Damm ist verschüttet, welchen
Gewohnheit baut, und Ungewohntes überströmt Herz und Papier. Ja ungewohnte
Tränen, ihr überströmt mein Gesicht, das heute die Sonne sucht und vor Tränen
nicht sieht, und auch nicht, weil sie mir heute nicht scheinen will.
                                                                Den 23. November
Alle Blumen, die noch im Garten stehen, einsammeln, Rosen und frische Trauben
noch in der späten Jahreszeit zusammenbringen, ist kein unsittlich Geschäft und
verdient nicht den Zorn dessen, dem sie angeboten sind. Warum soll ich mich
fürchten vor Dir? - Dass Du mich zurückgestossen hast mit der Hand, die ich küssen
wollte, das ist schon lange her, und heut bist Du anders gesinnt. - Dem Becher,
aus dem Du heute getrunken, sei dieser Strauss in den Kelch gepflanzt, er
übernachte diese letzte Blumen, er sei ein Grab diesen Blumen, morgen wirf den
Strauss weg und fülle den Becher nach Gewohnheit. - So hast Du mir's auch
gemacht, Du hast mich weggeworfen aus dem Gefäss, das Du an die Lippen zu setzen
gewohnt bist.
                                                                         Den 24.
Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden, aber bald schwebt sie aufwärts in den
kühlenden Äter. Schönheit ist Äter! - Sie kühlt, - nicht entflammt. - Die
Schönheit erkennen, das ist die wahre Handlung der Liebe. - Liebe ist kein
Irrtum, aber ach! der Wahn, der sie verfolgt. - Du siehst, ich will einen
Eingang suchen mit Dir zu sprechen, aber wenn ich auch auf Koturnen schreite -
der Leib ist zu schwach, den Geist zu tragen, - beladne Äste schleifen die
Früchte am Boden. Ach! Bald werden diese Träume ausgeflammt haben.
                                                               Den 29. Juni 1822
Du siehst an diesem Papier, dass es schon alt ist, und dass ich's schon lang mit
mir herumtrage, ich schrieb's im vorigen Jahr, gleich nachdem ich Dich verlassen
hatte. Es war mir plötzlich, als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen,
ich musste aufhören zu schreiben; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme, dass ich
Dir noch alles sagen soll. Ich geh aufs Land, da will ich womöglich den Blick
über dies Erdenleben hinaustragen, ich will ihn in Nebel hüllen, dass er nichts
gewahr werde ausser Dir. - Ausser der Sonne, die den Tautropfen in sich fasset,
soll er nichts fassen. Jede Blüte, die sich dem Lichte öffnet, fasset einen
Tautropfen, der das Bild der wärmenden belebenden Kraft aufnimmt; aber Stamm und
Wurzel sind belastet mit der finsteren, festen Erde; und wenn die Blüte keine
Wurzel hätte, so hätte sie wohl Flügel. -
    Heute ist so warm, heute sei ergeben in die Gedanken, die Dir dies Papier
bringt. Zeit und Raum lass weichen zwischen unsern Herzen, und wenn's so ist,
dann hab ich keine Bitte mehr, denn da muss das Herz verstummen.
                                                                         Bettine
                 Von Goetes Hand auf diesen Brief geschrieben:
                          »Empfangen den 4. Juli 1822«
 
                                   An Goete
Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet, Dir zu schreiben, aber Gedanken und
Empfindungen, wie die Sprache sie nicht ausdrücken kann, erfüllen die Seele, und
sie vermag nicht, ihr Schweigen zu brechen.
    So ist denn die Wahrheit eine Muse, die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar
in dem, den sie durchschreitet, harmonisch begründet, nicht aber sie erklingen
lässt. - Wenn alles irdische Bedürfnis schweigt, alles irdische Wissen verstummt,
dann erst hebt sie ihrer Gesänge Schwingen. - Liebe! Trieb aller Begeistrung,
erneut das Herz, macht die Seele kindlich und unbefleckt. Wie oft ist mein Herz
unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht, begabt mit dieser mystischen
Kraft, sich zu offenbaren; der Welt war ich erstorben, die Seele ein Mitlauter
der Liebe, und daher mein Denken, mein Fühlen, ein Aufruf an Dich: Komm! Sei bei
mir! Finde mich in diesem Dunkel! - Es ist mein Atem, der um Deine Lippen
spielt, der Deine Brust anfliegt; - so dachte ich aus der Ferne zu Dir, und
meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu; es war mein einzig Begehren, dass Du
meiner gedenken mögest, und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füssen lag,
Deine Knie umfassend, so wollte ich, dass Deine Hand segnend auf mir ruhe. Dies
waren die Grundakkorde meines Geistes, die in Dir ihre Auflösung suchten. - Da
war ich, was allein Seligkeit ist: ein Element von Gewalten höherer Natur
durchdrungen, meine Füsse gingen nicht, sie schwebten der Zukunftsfülle entgegen
über die irdischen Pfade hinaus; meine Augen sahen nicht, sie erschufen die
Bilder meiner seligsten Genüsse; und was meine Ohren von Dir vernahmen, das war
Keim des ewigen Lebens, der vom Herzen aus mit fruchtender Wärme gehegt ward.
Sieh, ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit. Zurück! Von
Klippe zu Klippe abwärts, ins Tal einsamer Jugend; hier Dich findend, das
bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend, fühl ich mich zu dieser
Begeistrung aufgeregt, mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung
sich offenbart.
    Dich auszusprechen wär wohl das kräftigste Insiegel meiner Liebe, ja es
bewiese als ein Erzeugnis göttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir. Es wär
ein gelöstes Rätsel, gleich dem lange verschlossnen Bergstrom, der endlich zum
Lichte sich drängt, den ungeheuren Sturz mit wollüstiger Begeistrung erleidend,
in einem Lebensmoment, durch welchen, nach welchem ein höheres Dasein beginnt. -
Du Vernichter, der Du den freien Willen von mir genommen, Du Erzeuger, der Du
die Empfindung des Erwachens in mich geboren; mit tausend elektrischen Funken
aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt. Durch Dich hab ich das Gewinde
der jungen Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Früchte fielen meiner
Sehnsucht Tränen. Das junge Gras hab ich um Deinetwillen geküsst, die offne Brust
um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab ich gelauscht, wenn der
Schmetterling und die Biene mich umschwärmten. Denn Dich wollte ich empfinden in
dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse. O Du! im Verborgnen mit der Geliebten
spielend! Musste ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken
werden?
    Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Bäume ihren Duft und
ihre Blüten auf mich schüttelten? - Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es
sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Geniessen ihrer Schönheit, ihr Schmachten, ihr
Hingeben an Dich, die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise
niederwirble in meinen Schoss. O ihr Spiegelnächte des Mondes! Wie hat an euerm
Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt! Da entnahm der Traum das irdische
Bewusstsein, und wieder erwachend war die Welt mir fremd. Im Herannahen der
Gewitter ahnete ich den Freund. Das Herz empfand ihn, der Atem strömte ihm zu,
freudig löste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem
Rollen der Donner.
    Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berührung, die den Genius
weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn.
Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen
des Gottes, und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht, wenn sie mit
solchem göttlichen Pfeil zu den Füssen des Geliebten niedersinkt. - Es halte
einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod, wer zu
seinen Füssen ihn findet, denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros, da ein Leben,
im Schwung solchen Pfeiles, ihm geweihet verglüht. Und nun sage ich auch Dir:
achte mich als ein solches Geschenk, das Deiner Schönheit ein Gott geweihet
habe, denn mein Leben ist für Dich einem höheren versöhnt, dem irdischen
verglüht; und was ich Dir in diesem Leben noch sage, ist nur das Zeugnis, was
der zu Deinen Füssen erstreckte Pfeil Dir gibt.
    Was im Paradiese erquickender, der Himmelsbeseligung entsprechender sei: Ob
Freunde wieder finden und umgebende Fülle seliger Geister, oder allein die Ruhe
geniessen, in welcher der Geist sich sammelt, in stiller Betrachtung schwebend
über dem, was Liebe in ihm erzeugt habe, das ist mir keine Frage; denn ich eile
unzerstreut an den einsamsten Ort, und dort das Anlitz in die betenden Hände
verbergend, küsse ich die Erscheinung dessen, was mein Herz bewegt.
    Ein König wandelte durch die Reihen des Volkes, und wie Ebbe und Flut es
erheischen, so trug die Woge der Gemeinheit ihn höher, aber ein Kind, vom Strahl
seiner Augen entzündet, ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis
zu den Stufen des Trones, dort aber drängte das berauschte Volk den
unschuldigen, ungenannten, unberatnen Knaben zurück hinter der Philister
aufgepflanzte Fahnenreihe. - Jetzt harret er auf die einsame Stätte des Grabes,
da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen, dass kein Wind die Flamme
verlösche, während sie, der Asche des Geliebten zu Ehren, die dargebrachten
Blumen in Asche verwandelt. Aber Natur! Bist du es, die den Aufgelösten
verbirgt? - Nein! nein! Denn die Töne, die der Leier entschweben, sind dem
Lichte erzeugt und der Erde entnommen, und wie das Lied, entschwebt auch der
geliebte Geist in die Freiheit höherer Regionen, und je unermesslicher die Höhe,
je endloser die Tiefe dessen, der liebend zurückbleibt, wenn nicht der befreite
Geist ihn erkennt, ihn berührt, ihn weihet im Entfliehen.
    Und so mir, o Goete, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn,
am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genuss Deiner Betrachtung mich weihe, und
die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschliesst, wenn Du ihm
entschwebt bist, ohne dass Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich berührt habe.
O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeistrung früher erstorben, lasse das
Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblühen; ein ewiger Trieb ist
ausser den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein
Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreisst mit
erneuten Lebensgluten bis an das Ende.
    Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser
letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen
Augenblick das Fortrücken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschütterung, die
dem Horn des Nachtwächters ein grüssendes Zeichen entlockt, beschwöre ich Dich:
denke von diesen geschriebenen Blättern, dass sie wie alle Wahrheit wiederkehren
aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein blosses Erinnern, sondern eine
innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem
Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berührt, so bricht
sich der Lichtstrahl jener frühen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum
Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit, meines
eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist für mich diese Berührung aus der
Vergangenheit; und während Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund
nie wahrhaften Einfluss auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir näher
verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Hören, Dein Fühlen einen Augenblick meinem
Einfluss sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen. Der
Weg zu Dir ist die Erinnerung, durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit
Dir, sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung; Geistergespräch, Mitteilung
und Zuneigung, und was mir damals ein Rätsel war, dass ich bei zärtlichem
Gespräch mehr den Bewegungen Deiner Züge lauschte, als Deinen Worten, dass ich
Deine Pulsschläge, Dein Herzklopfen zählte, die Schwere und Tiefe Deines Atems
berechnete, die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete, ja den
Schatten, den Deine Gestalt warf, mit Geisterliebe in mich einsog, das ist mir
jetzt kein Rätsel mehr, sondern Offenbarung, durch die mir Deine Erscheinung um
so fühlbarer wird und die auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den
Atem zum Seufzen bewegt.
    Sieh! An den Stufen der Verklärung, wo sich alle willkürliche Tätigkeit des
Geistes niederbeugen lässt von irdischer Schwere, keine Liebe, keine Bewunderung
ihre Flügel versucht, um die Nebel zu durchdringen, in die der Scheidende sich
einhüllt, und die zwischen hier und jenseits aufsteigen, bin ich in liebender
Ahnung Dir schon vorangeeilt, und während Freunde, Kinder und Schützlinge, und
das Volk, das Dich seinen Dichter nennt, die Seele zum Abschied bereitend, Dir
in feierlichem Zug langsam nachschreitet, schreite, fliege, jauchze ich
bewillkommend Dir entgegen, die Seele in den Duft der Wolken tauchend, die Deine
Füsse tragen, aufgelöst in die Atmosphäre Deiner Beseligung; ob wir uns in diesem
Augenblick verstehen, mein Freund! Der noch den irdischen Leib trägt, dieser
Leib, der seinen Geist, ein Urquell der Grazie, ausströmte über mich, mich
heiligte, verwandelte, der mich anbeten lehrte die Schönheit im Gefühl, der
diese Schönheit als einen schützenden Mantel über mich ausbreitete und mein
Leben unter dieser Verhüllung in einen heiligen Geheimniszustand erhgb, ob wir
uns verstehen, will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Rührung. Sei
bewegt, wie ich es bin; lass mich erst ausweinen, Deine Füsse in meinen Schoss
verbergend, dann ziehe mich herauf ans Herz, gib Deinem Arm noch einmal die
Freiheit, mich zu umfassen, lege die segnende Hand auf das Haupt, das sich Dir
geweihet hat, überströme mich mit Deinem Blick, nein! mehr! verdunkle, verberge
Deinen Blick in meinem, und es wird mir nicht fehlen, dass Deine Lippen die Seele
auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln. Dies ist, was ich diesseits von Dir
verlange.
    Im Schosse der Mitternacht, umlagert von den Prospekten meiner Jugend; das
hingebendste Bekenntnis aller Sünden, deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt,
den Himmel der Versöhnung im Vorgrund, ergreife ich den Becher mit dem
Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl, indem ich bei dem dunkeln Erglühen des
Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenke.
                                                                    Am 1. Januar
Der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des
Jahres, da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens, denn nichts hab
ich gelernt, und keine Künste hab ich versucht, und keiner Weisheit bin ich mir
bewusst; allein der Tag, an dem ich Dich gesehen habe, hat mich verständigt mit
dem, was Schönheit ist. Nichts spricht überzeugender von Gott, als wenn er
selbst aus der Schönheit spricht, so ist denn selig, wer da sieht, denn er
glaubt; seit diesem Tag hab ich nichts gelernt, wo ich nicht durch Erleuchtung
belehrt wurde. Der Erwerb des Wissens und der Künste schien mir tot und nicht zu
beneiden, Tugend, die nicht die höchste Wollust ist, währt nur kurz und
mühselig, bald glaubt der Strebende sie zu erfassen, bald eilt er der Fliegenden
nach, bald ist sie ihm entschwunden, und er ist's zufrieden, da er der Mühe
überhoben wird, sie zu erwerben. So seh ich denn auch die Künstler vergnügt mit
der Geschicklichkeit, während der Genius entfliehet, sie messen einander und
finden das Mass ihrer eignen Grösse immer am höchsten und ahnen nicht, dass eine
ungemessne Begeistrung zum kleinsten Massstab des Genies gehöre. - Dies alles hab
ich bei Gelegenheit, da Deine Statue von Marmor soll verfertigt werden, recht
sehr empfunden, die bedächtige vorsichtige Logik eines Bildhauers lässt keiner
Begeistrung die Vorhand, er bildet einen toten Körper, der nicht einmal durch
die rechtskräftige Macht des erfinderischen Geistes sanktioniert wird. Der
erfundne Goete konnte nur so dargestellt werden, dass er zugleich einen Adam,
einen Abraham, einen Moses, einen Rechtsgelehrten oder auch einen Dichter
bezeichnet; keine Individualität.
    Indessen wuchs mir die Sehnsucht, auch einmal nach dem heiligen Ideal meiner
Begeistrung Dich auszusprechen; beifolgende Zeichnung gebe Dir einen Beweis von
dem, was Inspiration vermag ohne Übung der Kunst, denn ich habe nie gezeichnet
oder gemalt, sondern nur immer den Künstlern zugesehen und mich gewundert über
ihre beharrliche Ausdauer in der Beschränkung, indem sie nur das achten, was
einmal Sprachgebrauch in der Kunst geworden, und wohl das bekannte gedankenlose
Wort achten, nie aber den Gedanken, der erst das Wort heiligen soll. Kein
herkömmlicher Prozess kann den Geist und den Propheten und den Gott in einem
ewigen Frieden in dem Kunstwerk vereinen. Der Goete, wie ich ihn hier mit
zitternder Hand, aber mit feuriger mutiger Anschauung gezeichnet habe, weicht
schon vom graden Weg der Bildhauer ab, denn er senkt sich unmerklich nach jener
Seite, wo die im Augenblick der Begeistrung vernachlässigte Lorbeerkrone in der
losen Hand ruht. Die Seele von höherer Macht beherrscht, die Muse in
Liebesergüssen beschwörend, während die kindliche Psyche das Geheimnis seiner
Seele durch die Leier ausspricht, ihr Füsschen findet keinen andern Platz, sie
muss sich auf dem Deinen den höheren Standpunkt erklettern; die Brust bietet sich
den Strahlen der Sonne, den Arm, dem der Kranz anvertraut ist, haben wir mit der
Unterlage des Mantels weich gebettet. Der Geist steigt im Flammenhaar über dem
Haupt empor, umringt von einer Inschrift, die Du verstehen wirst, wenn Du mich
nicht missverstehst; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und
immer so, dass es Deinem Verhältnis zum Publikum entsprach, ich habe einesteils
damit ausdrücken wollen: »Alles, was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr
erkennt, ist über das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden«, ich habe
noch was anders sagen wollen, was Du auch empfinden wirst, was sich nicht
aussprechen lässt; kurz, diese Inschrift liegt mir wie Honig im Munde, so süss
finde ich sie, so meiner Liebe ganz entsprechend. - Die kleinen Genien in den
Nischen am Rande des Sessels, die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel
geraten sind, haben ein jeder ein Geschäft für Dich, sie keltern Dir den Wein,
sie zünden Dir Feuer an und bereiten das Opfer, sie giessen Öl auf die Lampe bei
Deinem Nachtwachen, und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die
jungen Nachtigallen im Neste besser singen. Mignon an Deiner rechten Seite im
Augenblick, wo sie entsagt (ach und ich mit ihr für diese Welt, mit so tausend
Tränen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue
erregte Seele wehmütig beschwichtigend), dies erlaube, dass ich dieser meiner
Liebe zur Apoteose den Platz gegeben; jenseits, die meinen Namen trägt im
Augenblick, wo sie sich überwerfen will, nicht gut geraten, ich hab sie noch
einmal gezeichnet, wo sie auf dem Köpfchen steht, da ist sie gut gelungen.
Konntest Du diesseits so fromm sein, so dürftest Du jenseits wohl so naiv sein,
es gehört zusammen. - Unten am Sockel hab ich, ein Frankfurter Kind wie Du,
meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt: an beiden Seiten des Sockels, die Du
nicht siehst, sollen Deine Werke eingegraben werden, von leichtem, erhabnem
Lorbeergesträuch überwachsen, der sich hinter den Pilastern hervordrängt und den
Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und krönt; hinten können
die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden, die dieses Monument
verfertigen lassen. Dies Monument, so wie ich's mir in einer schlaflosen Nacht
erdacht habe, hat den Vorteil, dass es Dich darstellt und keinen andern, dass es
in sich fertig ist, ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend, dass es die Liebe
der Frankfurter Bürger ausspricht und auch das, was ihnen durch Dich zuteil
geworden; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklärung, die Deine sinnliche,
wie Deine geistige Natur, Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt
hat, darin. Gezeichnet mag es schlecht sein, und wie könnte es auch anders, da
ich Dir nochmals versichern kann, dass ich nie gezeichnet habe, um so überzeugter
wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein, die es gewaltsam im
Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Künstler, der dies der
Welt heilige Werk vollenden soll, hervorgebracht hat. Wenn überlegt würde, wie
bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen
Monument, wie die Jugend einst, die Dich nicht selbst gesehen, mit feurigem Auge
an diesem nachgebildeten Antlitz hängen wird, so würden die Künstler wohl den
heiligen Geist auffordern, ihnen beizustehen, statt auf ihrem akademischen
Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhämmern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen
Geist an, dass er Zeugnis gebe, dass er mir hier beigestanden, und dass er Dir
eingebe, es mit vorurteilslosem Blick, wo nicht von Güte gegen mich
übervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Betmann geschickt,
auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein
gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir
den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?
    Am 11. Januar 1824
                                                                         Bettine
 
                                  Dritter Teil
                                   Tagebuch zu
                      Goetes Briefwechsel mit einem Kinde
                                 Buch der Liebe
In dieses Buch möcht ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer
Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der
Mittagssonne.
    Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des
Geliebten, von dem ich wähnen könnte, er sei fern.
    Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt,
wenn es wahr ist, dass ich liebe.
    Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der
Gelände, die sich im Fluss spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die
fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles seh ich an, und wie die
Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so saugt mein Blick aus allem die
Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in
der Zelle.
    So dacht ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies
aufgeregte Leben der Natur mich drängte, fort, dem stillen einsamen Abend
entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da; - und
weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil
ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb, diese schöne
Erde, die den Geliebten trägt, dass ich mich hinfinden kann zu ihm.
                                     * * *
                                                   Schwalbach, auf der Mooshütte
Namen nennen Dich nicht!
    Ich schweige und nenne Dich nicht, ob's auch süss wär, Dich bei Namen zu
rufen.
    O Freund! schlanker Mann! weicher hingegossner Gebärde, Schweigsamer! - Wie
soll ich Dich umschreiben, dass mir Dein Name ersetzt sei? - Beim Namen rufen ist
ein Zaubermittel, den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen; hier auf der Höhe,
wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zurückgeben, wage ich nicht Deinen
Namen preiszugeben; ich will nicht hören eine Stimme, die eben so heiss, so
eindringend Dir ruft.
    O Du! Du selbst! - Ich will Dir's nicht sagen, dass Du es selbst bist; drum
will ich dem Buch Deinen Namen nicht vertrauen, wie ich dem Echo ihn nicht
vertraue.
    Ach, Deinen Namen berühre ich nicht! So ganz entblösst von irdischem
Besitztum nenne ich Dich mein.
                                     * * *
                                                                             Ems
Nicht schlafen gehen, ohne mit Dir zu sprechen - so müde wie ich auch bin! Die
Augenlider sinken und trennen mich von Dir; mich trennen nicht die Berge und die
Flüsse, und nicht die Zeiten, und nicht Deine eigne Kälte, und dass Du nichts
weisst von mir, wie ich Dich liebe. - Und mich trennt der Schlaf? - Warum denn
trennen? Ich wühle mich in Deinen Busen, diese Liebesflammen umzingeln Dein
Herz, und so schlafe ich ein.
                                     * * *
Nein, ich will Dich nicht nennen, Du, dem ich rufe: gib mir Gehör! Du hörst Dich
ja gern beschwätzen - so hör auch mir zu; nicht wie jene, die von Dir, über Dich
schwätzen; zu Dir, in Deinem Anschauen sammeln sich meine Gedanken; wie der
Quell, der das Gestein spaltet und niederrauscht durchs Schattental, Blume um
Blume anhaucht; so hauch' ich Dich an, süsser Freund!
    Er murmelt nur, der Bach; er plätschert, er lispelt, wenige Melodien
wechseln seinen Lauf; aber vernimm's mit freundlichem Ohr, da wirst Du jauchzen
hören, klagen, bitten und trotzen, und noch wirst Du hören und empfinden,
Geheimnisse, feierliche, leuchtende, die nur der versteht, der die Liebe hat.
                                     * * *
Ich bin nicht mehr müde, ich will nicht mehr schlafen, der Mond ist aufgegangen
mir gegenüber, Wolken jagen und decken ihn, immer wieder leuchtet er mich an.
    Ich denke mir Dein Haus, die Treppe, dass die im Schatten liege, und dass ich
an dieser Treppe sitze, und jenseits die Ebene vom Mond beleuchtet. Ich denke,
dass die Zeiten jagen, eilen und mannigfach sich gestalten wie jene Wolken, dass
der Mensch an der Zeit hängt und glaubt, mit ihr eile alles vorüber, und das
reine Licht, das durch die Zeiten bricht, wie der Mond durch die fliehenden
Wolken, das anerkennt er nicht. -
    O ja doch! - Erkenne meine Liebe und denke, dass, da die Zeit vorübereilt,
sie doch das eine hat, dass im flüchtigen Moment sich eine Ewigkeit erfassen
lasse.
                                     * * *
Schon lange ist Mitternacht vorüber, da lag ich im Fenster bis jetzt, und da ich
mich umsehe, ist das Licht tief herabgebrannt.
    Wo war ich so tief in Gedanken, - ich hab gedacht, Du schläfst, und hab über
den Fluss gesehen, wo die Leute Feuer angezündet haben bei ihrem Linnen, das auf
der Bleiche liegt, und hab ihren Liedern zugehört, die sie singen, um wach zu
bleiben; - ich wache auch und denke an Dich, es ist ein gross Geheimnis der
Liebe, dies immerwährende Umfassen Deiner Seele mit meinem Geist, und es mag
wohl manches daraus entstehen, was keiner ahnt.
    Ja, Du schläfst! Träumst Du? Und ist es Dir wahr, was Du träumst? - Wie mir,
wo ich zu Deinen Füssen sitze und sie im Schoss halte, und der Traum mir selbst
die Zügel hält, dass ich nichts denke als nur dies, dass ich in Deiner Nähe bin?
                                     * * *
Liebster! Gestern war ich tief bewegt und war sehnsüchtig; weil man viel über
Dich gesprochen hat, was nicht wahr ist, da ich Dich besser kenne. Durch das
Gewebe Deiner Tage zieht sich ein Faden, der sie mit dem Überirdischen
verbindet. Nicht durch jedes Dasein schlingt sich ein solcher Faden, und jedes
Dasein zerfällt ohne diesen.
    Dass Dein Dasein nicht zerfalle, sondern dass alles ewige Wirklichkeit sei,
das ist, wonach ich verlange; Du, der Du schön bist, und dessen Gebärden
gleichfalls schön sind, weil sie Geist ausdrücken: Schönheit begreifen, heisst
das nicht Dich lieben? - Und hat die Liebe nicht die Sehnsucht, dass Du ewig sein
mögest? - Was kann ich vor Dir, als nur Dein geistig Bild in mich aufnehmen! -
Ja sieh, das ist mein Tagwerk, und was ich anders noch beginne - es muss alles
vor Dir weichen. Dir im Verborgnen dienen in meinem Denken, in meinem Treiben,
Dir leben, mitten im Gewühl der Menschen oder in der Einsamkeit Dir gleich nahe
stehen; eine heilige Richtung zu Dir haben, ungestört, ob Du mich aufnimmst oder
verleugnest.
    Die ganze Natur ist nur Symbol des Geistes; sie ist heilig, weil sie ihn
ausspricht; der Mensch lernt durch sie den eignen Geist kennen, dass der auch der
Liebe bedarf; dass er sich ansaugen will an den Geist, wie seine Lippe an den
Mund des Geliebten. Wenn ich Dich auch hätte, und ich hätte Deinen Geist nicht,
dass der mich empfände, gewiss das würde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines
Verlangens bringen. Wie weit geht Liebe? Sie entfaltet ihre Fahnen, sie erobert
ihre Reiche. Im Freudejauchzen, im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger
zu. - So weit geht Liebe, dass sie eingeht, von wo sie ausgegangen ist. Und wo
zwei ineinander übergehen, da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen
auf. Aber soll ich klagen, wenn Du nicht wieder liebst? - Ist dies Feuer nicht
in mir und wärmt mich? - Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit, diese innere
Glut? -
    Und Wald, Gebirg und Strand am Fluss, sonnebeglänzt, lächeln mir entgegen,
weil mein Herz, weil mein Geist ewigen Frühling ihnen entgegenhaucht.
                                     * * *
Ich will dich nicht verscherzen, schöne Nacht, wie gestern; ich will schlafen
gehen in deinen Schoss; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen, und die
frischgeweckten Blumen pflücke ich dann mir zur Erinnerung an die Träume der
Nacht. So sind freundliche Küsse, wie diese halberschlossnen Rosen, so - leises
Flüstern wie der Blütenregen, so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im
Gras; so träufelt Zähre auf Zähre, die das Auge füllen mit Übermass vom Glück,
wie die Regentropfen von den Ästen niederperlen, und so schlägt das sehnende
Herz, wie die Nachtigall schlägt, vom Morgenrot begeistert; sie jubelt, weil sie
liebt, sie seufzt aus Liebe, sie klagt um Liebe; drum süsse Nacht: schlafen! Dem
Morgenrot entgegen schlafen, das mir bringt die süssen Früchte all, die der Liebe
reifen.
                                     * * *
Freund! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt, sie beruht auf Wissen und
Geheimnis, sie beruht auf höherem Glauben; die Liebe ist der Weltgeist dieses
Inneren, sie ist die Seele der Natur.
    Gedanken sind in der geistigen Welt, was Empfindung in der sinnlichen Welt
ist; es ist Sinnenlust meines Geistes, der mich an Dich fesselt, dass ich an Dich
denke; es bewegt mich tief, dass Du bist, in diese sinnliche Welt geboren bist.
Dass Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung, von der
Offenbarung, die ich von Dir habe.
    Liebe ist Erkenntnis; ich kann Dich nur geniessen im Denken, das Dich
verstehen, empfinden lernt; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe, gehörst Du
dann mein? - Kannst Du irgendwem gehören, der Dich nicht verstände? Ist
Verstehen nicht süsses, sinnliches Übergehen in den Geliebten? - Eine einzige
Grenze ist; sie trennt das Endliche vom Unendlichen; Verstehn hebt die Grenze
auf; zwei, die einander verstehen, sind ineinander unendlich; - Verstehen ist
lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht; was wir nicht verstehen,
ist nicht für uns da.
    Da ich Dich aber haben möchte, so denke ich an Dich, weil Denken Dich
verstehen lernt.
                                     * * *
Wenn ich nicht ganz bin, wie Du mich lieben müsstest, so ist mein Bewusstsein von
Dir vernichtet. Das aber fördert mich, bringt mich Dir näher, wenn auch mein
sinnliches Handeln, mein äusseres Leben sich im Rhytmus der Liebe bewegt; wenn
nichts Einfluss auf mich hat als das Gefühl, dass ich Dein gehöre, durch eignen
freien Willen Dir gewidmet bin.
    Ich hab Dich nicht in diesem äusseren Leben; andere rühmen sich Deiner Treue,
Deines Vertrauens, Deiner Hingebung; ergehen sich mit Dir im Labyrint Deiner
Brust; die Deines Besitzes gewiss sind, die Deiner Lust genügen.
    Ich bin nichts, ich habe nichts, dessen Du begehrst; kein Morgen weckt Dich,
um nach mir zu fragen; kein Abend leitet Dich heim zu mir; Du bist nicht bei mir
daheim.
    Aber Vertrauen und Hingebung hab ich in dieser Innenwelt zu Dir; alle
wunderbaren Wege meines Geistes führen zu Dir; ja sie sind durch Deine
Vermittlung gebahnt.
                                     * * *
 
                                         Am frühsten Morgen auf dem Johannisberg
Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Büsche in meinen Schoss und spielt unter
dem Schatten der bewegten Blätter. Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier
herauf? Hier, wo die Ferne sich vor mir auftürmt und ins Unendliche verliert.
    Ja, so geht es weiter und immer weiter; die Länder steigen hintereinander am
Horizont auf, und wir glauben auf Bergeshöhen am Himmelsrand zu steigen; da
breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus, von dunklen Hügelwänden
umschlossen, und die Lämmer weiden hier wie dort. Und wie die Berge
hintereinander aufsteigen, so die Tage, und keiner ist der letzte vor dem, der
eine Ewigkeit entfaltet.
    Wo ist der Tag, die Stunde, die mich aufnimmt, wie ich dich, spielender
Sonnenschein? - Wiedersehn, nimm mich auf! - Du! auf meines Lebens Höhen
gelagert, von himmelreinen Lüften umwebt, nimm mich auf in Deinen Schoss; lass den
Strahl der Liebe, der aus meinem Aug hervorbricht, in Deinem Busen spielen, wie
dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug.
                                     * * *
Gestern hab ich mich gesehnt; ich dachte jeden Augenblick, er sei mir verloren,
weil ich Dich nicht hatte.
    Dich haben einen Augenblick, wie selig könnte mich das machen.
    Wie reich bist Du, da Du so beseligen kannst, Ewigkeiten hindurch mit jedem
Augenblick!
    Gestern war es früher Morgen, da ich Dir schrieb; ich hatte Buch und
Schreibzeug mit und ging noch vor Tag dem Tal entlang, das von beiden Seiten eng
in Bergwände eingelagert ist; da rieseln die Bäche nieder ins sanfte Gras und
lallen wie Wiegenkindchen. Was sollt ich machen? Es war mir im Herzen, auf der
Lippe und im tränenschwellenden Auge; ich musste Dir's klagen, ich musste Dir's
wehmütig vorhalten, dass ich Dich nicht habe, und da war die Sonne so freundlich;
da rauschte es, da bewegte sich's hinter mir; - war es ein Wild? War's ein
Anklang aus der Ferne? Ich stieg rasch aufwärts, ich wollte Dich ereilen, und
auf der Höhe da öffnete sich dem Blick die weite Ferne; die Nebel teilten sich,
es war mir, als trätest Du meinen Bitten entgegen geheimnisvoll, schautest mich
an und nähmst mich auf an Deinem mir unerforschten Busen.
    Jeder ewige Trieb, er wirbt und erreicht, er ist ausser der Zeit. - Was hab
ich zu fürchten? - Diese Sehnsucht, ist sie vergänglich, so wirst Du mit ihr
verschwinden; ist sie es nicht, so wird sie erreichen, wonach sie strebt, und
schon jetzt hab ich ihr eine Innenwelt, mannigfaltig und eigentümlich, zu
verdanken; Wahrnehmungen und Gedanken nähren mich, und ich fühle mich in einem
innig lebendigen Einverständnis mit Deinem Geist.
    Die Natur ist kindlich, sie will verstanden sein, und das ist ihre Weisheit,
dass sie solche Bilder malt, die der Spiegel unserer inneren Welt sind, und wer
sie anschaut, in ihre Tiefen eingeht, dem wird sie die Fragen innerer Rätsel
lösen; wer sich ihr anschmiegt, der wird sich in ihr verstanden fühlen; sie sagt
jedem die Wahrheit, dem Verzweifelnden wie dem Glücklichen. Sie beleuchtet die
Seele und bietet ihren Reichtum dem Bedürftigen; sie reizt die Sinne und
entzückt den Geist durch übereinstimmende Bedeutung.
    Ich glaube auch von Dir, dass Du dies manchmal empfunden hast, wenn Du allein
durch Wälder und Täler streifst; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene
am Mittag überschaust, dann glaub ich, dass Du die Sprache der Stille in der
Natur verstehst; ich glaub, dass sie mit Dir Gedanken wechselt, dass Du in ihr
Deine höhere Natur gespiegelt empfindest, und wenn auch schmerzlich oft durch
sie erschüttert, so glaub ich doch nicht, dass Du Dich vor ihr fürchtest wie
andere Menschen.
    Solang wir Kinder sind im Gemüt, solang übt die Natur Mutterpflege an uns;
sie flösst Nahrung ein, von der der Geist wächst, dann entfaltet sie sich zum
Genius; sie fordert auf zum Höchsten, zum Selbstverständnis, sie will Einsicht
in die inneren Tiefen; und welcher Zwiespalt auch in diesen sein möchte, welcher
Vernichtung auch preisgegeben, - das Vertrauen in die höhere Natur, als in
unseren Genius, wird die ursprüngliche Schönheit wieder herstellen. Das sag ich
heute vorm Schlafengehen zu Dir; zu Dir spreche ich hier, getrennt durch Länder
und Flüsse, getrennt, weil Du meiner nicht denkst; und jeder, der es wüsste, der
würde es Wahnwitz nennen; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele, und ob
Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst, so dringt mein Geist darauf.
Dir alles zu sagen, hier aus der Ferne rede ich mit Dir, und mein ganzes
sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache. Du bist inmitten
meines Innern, es ist nicht mehr eins, es ist zu zweien in mir geworden.
                                     * * *
Am Abend nach dem Gewitter, das vielleicht zu Dir gezogen ist Leg Dich,
brausendes Herz, wie der Wind sich legt, der die Wolken zerreisst; die Donner
sind verrollt, die Wolken haben ausgeregnet, ein Stern nach dem andern geht auf.
    Die Nacht ist ganz stille, ich bin ganz allein, die Ferne ist so weit, sie
ist ohne Ende; nur da, wo ein Liebender wohnt, da ist eine Heimat und keine
Ferne; wenn Du nun liebtest, so wüsst ich, wo die Ferne aufhört.
    Ja, leg dich Herz! Tobe nicht, halt ruhig aus. Schmiege dich, wie die Natur
sich schmiegt unter der Decke der Nacht.
    Was hast du Herz? Fühlst du nicht? Ahnest du nicht? - Wie sich's auch füge
und wende, die Nacht deckt dich und die Liebe.
    Die Nacht bringt Rosen ans Licht. Wenn sich die Finsternis dem Lichte
auftut, dann entfallen ihrem Schoss die Rosen.
    Es ist freilich Nacht in dir, Herz. Dunkle geheimnisvolle Nacht webt Rosen,
und ergiesst sie alle, wenn's tagt, der Liebe zur Lust in den Schoss.
    Ja, Seufzen, Klagen, das ist deine Lust; Bitten, Schmeicheln, nimmt das kein
Ende, Herz?
    Am Abend schreib ich, wenn auch nur wenige Zeilen; es dauert doch bis spät
in die Nacht.
    Viel hab ich zu denken, manche Zauberformel spreche ich aus, eh ich den
Freund in meinen Kreis banne. Und hab ich Dich! - dann: - was soll ich da sagen?
- Was soll ich Dir Neues erfinden, was sollen die Gedanken Dir hier auf diesen
Blättern vortanzen? -
                                     * * *
                                                                        Am Rhein
Hier in den Weinbergen steht ein Tempel; erbaut nach dem Tempel der Diana zu
Ephesus.
    Gestern im Abendrot sah ich ihn in der Ferne liegen; er leuchtet so kühn, so
stolz unter den Gewitterwolken; die Blitze umzingelten ihn. So denke ich mir
Deine leuchtende Stirne, wie die Kuppel jenes Tempels, unter dessen Gebälk die
Vögel sich bargen, denen der Sturm das Gefieder aufblätterte; so stolz gelagert
und beherrschend die Umgebung.
    Heute morgen, obschon der Tempel eine Stunde Wegs von meiner Wohnung
entfernt ist, weil ich am Abend Dein Bild in ihm zu sehen wähnte, dacht ich
hierher zu gehen und Dir hier zu schreiben. Kaum dass der Tag sich ahnen liess,
eilt ich durch betaute Wiesen hierher. - Und nun leg ich die Hand auf diesen
kleinen Altar, umkreist von neun Säulen, die mir Zeugen sind, dass ich Dir
schwöre.
    Was Liebster? - Was soll ich Dir schwören? Wohl, dass ich Dir ferner getreu
sein will, ob Du es achtest oder nicht? - Oder dass ich Dich heimlich lieben
will, heimlich nur diesem Buch, und nicht Dir es bekennend? Treu sein, kann ich
nicht schwören, das ist zu selbständig, und ich bin schon an Dich aufgegeben und
vermag nichts über mich; da kann ich für Treue nicht stehen. Heimlich Dich
lieben, nur diesem Buch es bekennen? -
    Das kann ich nicht, das will ich nicht; dies Buch ist der Widerhall meiner
Geheimnisse, und an Deiner Brust wird er anschlagen. O nimm ihn auf, trink ihn,
lasse Dich laben; einen einzigen heissen Mittag gehe Dein Blick unter, trunken,
ein einziges Mal, in diesem glühenden klaren Liebeswein.
    Was soll ich Dir schwören? -
                                     * * *
Heut will ich Dir sagen, wie es gestern war: so unter Dach einer schöneren
Vorwelt, vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt, die Hand auf diesem Altar, der
früher wohl nie unter mystischen Beziehungen berührt war; Herr! - da war mein
Herz auf eine wunderliche Weise befangen; - ich fragte Dich zum Scherz, in süssem
Ernst: »Was soll ich schwören?« - Und da fragt ich mich wieder: »Ist das die
Welt, in der du lebst?« Und kannst du scherzen mit dir selbst, hier in der
einsamen Natur, wo alles schweigt und feierlich Gehör gibt deiner innern Stimme?
- Dort im fernen Gefild, wo die Lerche jubelnd aufsteigt, und am Gesimse des
Tempels, wo die Schwalbe ihr Nest birgt und zwitschert? Und ich lehnte meine
Stirne an den Stein, und dachte Dich; ich lief hinab ans Ufer und sammelte
Balsamkräuter und legte sie auf den Altar; ich dachte: möchten die Blätter
dieses Buchs voll Liebe einmal Deinem Geist duften, wie diese Kräuter dem Geist
jener schönen Vorwelt, in deren Sinn der Tempel hier gebaut ist. - Dein Geist
spricht ja die heilige Ordnung der Schönheit aus wie er, und ob ich ihm was bin,
ob ich ihm was bleibe, das ist dann einerlei. Ja süsser Freund! ob ich Dir was
bin: was soll ich danach fragen? - Weiss ich doch, dass die Lerche nicht umsonst
jubelnd aufsteigt, dass der Morgenwind nicht ungefühlt in den Zweigen lispelt, ja
dass die ganze Natur nicht unbegriffen in ihr Schweigen versunken ist; was sollt
ich zagen, von Dir nicht verstanden, nicht gefühlt zu sein? - Drum will ich
nicht schwören, Dir etwas zu sein; es ist mir gewiss, dass ich Dir bin, was in
einstimmender Schönheit ein Ton der Natur, eine geistige Berührung dieser
sinnlichen Welt Dir sein kann.
                                     * * *
                                                                         Im Juli
Diese Tage, diese Gegenden, sie tragen das Antlitz des Paradieses. Die Fülle
lacht mich an in der reifenden Frucht, das Leben jauchzt in mir, und einsam bin
ich wie der erste Mensch; und ich lerne wie dieser herrschen und gebieten dem
Glück: dass die Welt soll sein, wie ich will. Ich will es, dass Du mich selig
machest, nur weil ich Dich weiss und kenne, und weil Dein sittlich Gefühl der
Raum ist meiner geistigen Schöpfungen; in Dich hinein nur kann ich ja diese Welt
der Gefühle legen, Dir nur kann ich diese Phänomene einer erhöhten Rührung
erscheinen lassen. - Deine Schönheit ist Güte, die mich nährt, schützt, mir
lohnt, mich tröstet und mir den Himmel verheisst; kann ein Christ besser
organisiert sein als ich?
                                     * * *
Ich sitze nun einmal mitten in dieser reichen Natur, mit Herz und Seele; so muss
ich denn immer wieder von diesem Doppelgespann schreiben.
    Heute war ich in einem andern Tempel, der an der Höhe liegt und den
herrlichsten deutschen Fluss in seiner glorreichsten Pracht beherrscht, wo man
unzählige Orte und Städte sieht, die an seinen Ufern in seinen Gauen weiden. In
diesem sonnenhellen Himmel liegen sie da wie ruhende Herden.
    Was soll mir diese Pracht der Natur? Was soll mir dies wimmelnde Leben,
diese mannigfaltige Geschäftigkeit, die sich durch die bunten Fluren zieht? - Es
eilen die Schifflein hin und her aneinander vorüber, jedes hat seiner Reise
Ziel. - Wie jener Schiffe eines hast auch Du Dein Ziel; und es geht an mir
vorüber, rasch wie des Glücklichen Bahn schneller am Pfad des einsam Verlassnen
vorüber fährt. Und ich höre dann nicht mehr von Dir, dass Du nach mir fragst; und
Deinem Gedächtnis verhallen, wie meine Seufzer, so die Spuren der Erinnerung.
    So dacht ich, dort auf der Höhe im Tempel, wie ich niedersah in das
allseitig ausgebreitete Treiben der Menschen; wie ich mir überlegte, dass neue
Interessen Dich jeden Augenblick aufnehmen können und mich gänzlich aus Deiner
Welt bannen. Und ich hörte die Wellen brausen in der Tiefe, und Gevögel
umflatterte meinen Sitz, der Abendstern winkte, dass ich heimgehen möge. Um so
näher dräng ich mich jetzt an Dich: o öffne Deinen Busen und lasse mich ausruhen
von der tränenbewegten Ahnung, ich sei Dir nichts, ich sei Dir vergessen. O
nein, vergesse mich nicht, nimm mich, halt mich fest und lasse die Stille um uns
her den Segen sprechen über uns.
                                     * * *
Du hast mir's beim Abschied damals gesagt. Du hast mir's abgefordert, ich möge
Dir alles schreiben, und genau, was ich denke und fühle, und ich möchte gern;
aber Liebster, die wunderlichen Wege, die mit dämmernder Fackel der Verstand
kaum beleuchtet, wie soll ich die Dir beschreiben? - Diese Träume meines Glückes
(denn glücklich träum ich mich), sie sind so stürmisch, so wunderlich gelaunt,
es ist so unscheinbar, was ich mir manchmal ersinne.
    Mein Glück, wie ich's mir denke, wie soll ich Dir's beschreiben? Sieh die
Mondsichel am wolkenlosen Himmel und die breitästige, reich belaubte Linde;
denke! Sieh unter ihrem flüsternden Laub, die flüsternd auch, einander umfassen,
die beiden; wie einer den andern bedarf und feurig liebend an ihm hinauf reicht,
wie jener mit freundlichem Willen sich ihm neigt und diesem Flüstern der Liebe
Gehör gibt; und denke noch: die Mondessichel, die Sterne müssten nicht
untergehen, bis diese Seelen, ineinander gesättigt, ihre Schwingen ausbreiten
und höheren Welten zufliegen.
    Dies spräche heute mein Glück aus, o lieber Freund, es spräche es einmal in
vollem umfassenden Sinn aus.
    So wie das Aug die Schönheit erfasst, so auch der Geist; er umfasset den
Inbegriff der innern Schönheit wie der äussern, mit Schmeichelworten bringt er
beide in Einklang, und der Leib wirkt magisch auf den Geist, der so schmeichelt,
und so dieser auf ihn zurück, dass beide ineinander aufblühen, und das nennen wir
begeisternde Schönheit. Mein Freund, das ist das Flüstern der Liebe, wenn
Liebende einander sagen, dass sie schön sind.
                                     * * *
Wo ist denn der Ruhesitz der Seele? Wo fühlt sie sich beschwichtigt genug, um zu
atmen und sich zu besinnen? - Im engen Raum ist's, im Busen des Freundes; - in
Dir heimatlich sein, das führt zur Besinnung.
    Ach, wie wohl ist mir, wenn ich ganz wie ein Kind in Deiner Gegenwart
spielen darf; wenn alles, was ich beginne, von dem Gefühl Deiner Nähe geheiligt
ist; und dass ich mich ergehen kann in Deiner Natur, die keiner kennt, keiner
ahnet. - Wie schön ist's, dass ich allein mit Dir bin, dort, wo die Sterne sich
spiegeln in der klaren Tiefe Deiner Seele.
    Gönne es mir, dass ich so meine Welt in Dir eingerichtet habe; vernichte
nicht mit Deinem Willen, was Willkür nie erzeugen könnte.
    Ich küsse Deiner Füsse Spuren und will mich nicht hereindrängen in Deine
Sinnenwelt, aber sei mit mir in meiner Gedankenwelt; lege freundlich die Hand
auf das Haupt, das sich beugt, weil es der Liebe geweiht ist. Der Wind rasselt
am Fenster; welche Länder hat er schon durchstreift? Wo kommt er her? Wie
schnell hat er die Strecke von Dir zu mir durchflogen? Hat er keinen Atemzug, in
seinem Rasen und Toben, keinen Hauch von Dir mit fortgerissen?
    Ich habe den Glauben an eine Offenbarung des Geistes; sie liegt nicht im
Gefühl, im Schauen oder im Vernehmen; sie bricht hervor aus der Gesamteit der
auffassenden Organe; wenn die alle der Liebe dienen, dann offenbaren sie das
Geliebte; sie sind der Spiegel der inneren Welt.
    Ein Dasein im Geliebten haben ohne einen Standpunkt sinnlichen Bewusstseins,
was kann mächtiger uns von unserer geistigen Macht und Unendlichkeit überzeugen?
-
                                     * * *
Sollte ich Dir heute nichts zu sagen haben? - Was stört mich denn heute am
frühen Morgen? Vielleicht, dass die Sperlinge die Schwalben hier aus dem Nest
unter meinem Fenster vertrieben haben? - Die Schwalben sind geschwätzig, aber
sie sind freundlich und friedlich; die Sperlinge argumentieren, sie behaupten
und lassen sich ihren Witz nicht nehmen. Wenn die Schwalbe heimkehrt von den
Kreisflügen um ihre Heimat, dann ergiesst sich die Kehle in lauter liebkosende
Mitteilung, ihr gegenseitiges Gezwitscher ist das Element ihrer Liebeslust, wie
der Äter das Element ihrer Weltanschauung ist. Der Sperling fliegt da und
dortin, er hat sein Teil Eigensucht, er lebt nicht wie die Schwalbe im Busen
des Freundes.
    Und nun ist die Schwalbe fort, und der Sperling hat ihren Wohnsitz, wo süsse
Geheimnisse und Träume ihre Rollen spielten.
    Ach! - Du! Meine schlüpfrige Feder hätte schier Deinen Namen geschrieben,
während ich im Zorn bin, dass die Schwalbe vom Sperling verjagt ist. Ich bin die
Schwalbe, wer der Sperling ist, das magst Du wissen, aber ich bin wahrhaftig die
Schwalbe.
                                     * * *
                                                                  Um Mitternacht
Gesang unter meinem Fenster; sie sitzen auf der Bank an der Haustür; der Mond,
wie er mit den Wolken spielt, hat sie wohl zum Singen gebracht, oder auch die
Langeweile der Ruhe; die Stimmen verbreiten sich durch die Einsamkeit der Nacht,
da hört man nichts als nur das Plätschern der Wellen am Ufer, die die langen
gehaltenen Intervalle dieses Gesangs ausfüllen.
    Was ist dieser Gesang für mich? Warum bin ich in seine Gewalt gegeben, dass
ich mich der Tränen kaum entalte? - Es ist ein Ruf in die Ferne; wärst Du
jenseits, wo seine letzten Töne verhallen, und empfändest den Ausdruck der
herzlichen Sehnsucht, den er in mir aufgeregt hat, und wüsstest, dass in Dir das
Glück der Befriedigung läge!
    Ach schlafen! Nicht mehr dem Gesang zuhören, da ich doch aus der Ferne nicht
das Echo des Gleichgestimmten vernehme!
    Es ist wenig, was ich Dir hier mitteile: eintöniger Gesang, Mondesglanz,
tiefe Schatten, geistermässige Stille, Lauschen in die Ferne, das ist alles, und
doch - es gibt nichts, was ein volles Herz Dir mehr zu bieten vermöchte!
                                     * * *
Freund! Morgendämmerung weckt mich schon, und ich habe doch gestern tief in die
Nacht hinein gewacht. Freund! Süsser! Geliebter! Es war eine kurze Zeit des
Schlafs, denn ich hab von Dir geträumt; im Wachen oder im Traum, mit Dir, da
eilen die Rosse unbändig. Drum pocht das Herz und Wange und Schläfe erhitzt,
weil die Zeit so rücksichtslos auf die seligen Minuten vorüberjagt. Wenn die
Angst um die Flucht des Besitzes nicht wär, wie wär da Lieb und Lust ein tiefer
Friede, ein Schlaf, ein Behagen der Ruhe! Wenn wir an Gräbern vorübergehen und
uns besinnen, wie sie da verdeckt liegen und beschwichtigt, die pochenden
Herzen, dann befällt uns feierliche Rührung; wenn aber die Liebe sich einsenken
könnte zu zweien, wie sie es bedarf, so tief abgeschieden wie im Grab, und wenn
auch die Weltgeschichte über die Stätte hintanzte, - was ging sie uns an? - Ja,
das kann ich wohl fragen, aber Du nicht.
    Was ich träumte? Wir standen aneinander gelehnt im nächtlichen Dämmerlicht,
das Sternenlicht spiegelte sich in Deinen Augen. Traumlicht, Sternenlicht,
Augenlicht spiegelten ineinander. - Dies Auge, das hier folgt den Zeilen, die
meine Hand an Dich schreibt, in ungemessene Ferne, - denn ach wie fern Du mir
bist, das kann ja doch nur Dein Herz entscheiden - dies Auge sah heute nacht in
Deinem Auge den Schein des Mondes sich spiegeln.
    Ich träumte von Dir; Du träumtest mit mir; Du sprachst; ich empfinde noch
den Ton Deiner Stimme; was Du sagtest, weiss ich nicht mehr; Schmeichelreden
waren's, denn mit Deinen Reden gingen Schauer von Wollust durch mich.
    Gott hat alles gemacht, und alles aus Weisheit und alle Weisheit für die
Liebe, und doch sagen sie, ein Liebender sei toll!
    Weisheit ist die Atmosphäre der Liebe, der Liebende atmet Weisheit, sie ist
nicht ausser ihm, nein, - sein Atem ist Weisheit, sein Blick, sein Gefühl, und
dies bildet seinen Nimbus, der ihn absondert von allem, was nicht der Wille der
Liebe ist, der Weisheit ist.
    Weisheit der Liebe gibt alles, sie lenkt die Phantasie im Reich der Träume
und schenkt der Lippe die süsse Frucht, die ihren Durst löscht, während die
Unbegeisterten sich nach dem Boden umtun, dem sie den Samen anvertrauen möchten,
aus dem ihr Glück reifen könnte, um das sie ihre Vorsicht betrügt.
    Ich aber sauge Genuss aus diesen Träumen, aus diesen Wonnen, die mir ein Wahn
von Schmerz, ein eingebildetes Glück erregt; und die Weisheit, die meiner
Begeistrung zuströmt; sie schifft mich auf ihren hohen stolzen Wellen, weit über
die Grenze des gemeinen Begriffs, den wir Verstand nennen, und weit über den
Beruf der irdischen Lebensbahn, auf der wir unser Glück suchen.
    Wie schön, dass die Weisheit der Liebe wirklich meine Träume beherrscht, dass
der Gott das Steuer lenkt, wo ich keinen Willen habe, und mich im Schlaf da
hinüberschifft zum Ziel, um das ich, es zu erreichen, immer wachen möchte. Warum
träumst Du nicht auch von mir? Warum rufst Du mich nicht an Deine Seite? Warum
mich nicht in Deinem Arm halten und freundlich Deinen Blick in meinen tauchen?
    Du bist ja hier; diese sonnigen Pfade, sie schlingen sich durcheinander und
führen endlich auch zu Dir, o wandle auf ihnen; ihre labyrintischen
Verkettungen: sie lösen sich vielleicht auf, da, wo Dein Blick den meinen
trifft, wie das Rätsel meiner Brust, da, wo Dein Geist den meinen berührt.
                                     * * *
Heute las ich in diesen Blättern; lauter Seufzen und Sehnen.
    Wie würde ich beschämt vor Dir stehen, wenn Du in diesem Buch läsest! So
bleibt es denn verborgen und nur zu eigner Schmach geschrieben? - Nein, ich muss
an Dich denken und glauben, dass dies alles einmal an Deinem Geist vorüberzieht;
wenn es auch manchmal in mir ist, als wollt ich Dich fliehen; Dich und diese
seltsame Laune der Sehnsucht; Laune muss ich sie nennen, denn sie will alles und
begehrt nichts. Aber dieses Abwenden von Dir wird doppelter Reiz; da sprengt
mich's hinaus, die Berge hinan, noch im ersten Frührot, als könnt ich Dich
erjagen, und was ist das Ende? Dass ich mich wieder zum Buch wende. Nun, was
hat's denn auf sich? Die Tage gehen vorüber so oder so, und was könnt ich
versäumen, wenn ich in diesen Blättern mich sammle?
                                     * * *
Heute war ich früh draussen, ich ging den ersten Feldweg, die Feldhühner
schreckten vor mir auf, so früh war's noch; die Wiesen lagen da im Morgenglanz,
übersponnen mit Fäden, an denen die Tauperlen aufgereiht waren.
    Manchmal hält die Natur Dir die Wage, und ich empfinde die Wahrheit der
Worte: »Weg du Traum, so gold' du bist, hier auch Lieb und Leben ist.« So ein
Gang, wenn ich wieder unter die Menschen komme, macht mich einsam.
    Ach, die zahmen Menschen, ich verstehe ihren Geist nicht. Geist lenkt, er
deutet, er fliegt voran auf immer neuen Wegen oder er kommt entgegen wie die
Leidenschaft und senkt sich in die Brust und regt sich da. Geist ist flüchtig
wie Äter, drum sucht ihn die Liebe, und wenn sie ihn erfasst, dann geht sie in
ihm auf. Das ist meine List, dass die Liebe dem Geist nachgeht.
    Dir geh ich nach auf einsamen Wegen, wenn's still und ruhig ist, dann
lispelt jedes Blatt von Dir, das vom Wind gehoben wird, da lasse ich meine
Gedanken still stehen und lausche, da breiten sich die Sinne aus wie ein Netz,
um Dich zu fangen, es ist nicht der grosse Dichter, nicht Dein weltgepriesener
Ruhm! In Deinen Augen liegt's, in dem nachlässigen und feierlichen Bewegen
Deiner Glieder, in den Schwingungen Deiner Stimme, in diesem Schweigen und
Harren, bis die Sprache aus der Tiefe Deines Herzens sich zum Wort entfaltet;
wie Du gehst und kommst und Deinen Blick über alles schweifen lässt, dies ist es
und nichts anders, was mich erfreut, und keine glänzende Eigenschaft kann diese
Leidenschaft erregenden Zeichen überwiegen.
    Da streif ich hin zwischen Hecken, ich dräng mich durch's Gebüsch, die Sonne
brennt, ich leg mich ins Gras, ich bin nicht müde, aber weil meine Welt eine
Traumwelt ist. Es zieht mich hinüber nur Augenblicke, es hebt mich zu Dir, den
ich nicht mit Menschen vergleiche. - Mit den Streiflichtern und ihren blauen
Schatten, mit den Nebelwolken, die am Berg hinziehen, mit dem Vögelgeräusch im
Wald, mit den Wassern, die zwischen Gestein plätschern, mit dem Wind, der dem
Sonnenlicht die belaubten Äste zuwiegt; mit diesem vergleich ich Dich gern, da
ist's, als wenn Deine Laune hervorbräche! - Das Summen der Bienen, das Schwärmen
der Käfer trägt mir Deine Nähe zu, ja selbst das ferne Gebell der Hunde im
Nachtwind weckt mir Ahnungen von Dir; wenn die Wolken mit dem Mond spielen, wenn
sie im Licht schwimmen, verklärt: da ist alles Geist, und er ist deutlich aus
Deiner Brust gehaucht; da ist's, als wendest Du Geist Dich mir entgegen und
wärst zufrieden, von dem Atem der Liebe wie auf Wellen getragen zu sein.
    Sieh! So lieb ich die Natur, weil ich Dich liebe, so ruh ich gern in ihr aus
und versenk mich in sie, weil ich gern in Dein Andenken mich versenke.
    Ach, da Du nirgends bist und doch da bist, weil ich Dich mehr empfinde als
alles andere, so bist Du gewiss in diesem tausendfachen Echo meines Gefühls.
                                     * * *
Ich weiss einen! Wie mit Kindeslächeln hat er sich mit der Weisheit, mit der
Wissenschaft befreundet. Das Leben der Natur ist ihm Tempel und Religion; alles
in ihr ist ihm Geisterblick, Weissagung, ein jeder Gegenstand in ihr ward ihm
zum eigentümlichen Du, in seinen Liedern klingt die göttliche Lust, sich in
allem zu empfinden, alle Geheimnisse in sich aufzunehmen, sich in ihnen
verständlich zu werden.
                                     * * *
Wenn der Same in die Erde kommt, wird er lebendig, und dies Leben strebt in ein
neues Reich, in die Luft. Wenn der Same nicht schon Leben in sich hätte, könnte
es nicht in ihm erweckt werden, es ist Leben, was ins Leben übergeht. - Wenn der
Mensch nicht schon Seligkeit in sich hätte, könnte er nicht selig werden. Der
Keim zum Himmel liegt in der Brust wie der Keim zur Blüte im verschlossnen Samen
liegt. - Die Seligkeit ist so gut ein Erblühen in einem höheren Element wie jene
Pflanze, die aus dem Samen durch die Erde in ein höheres Element, in die Luft
geboren wird. Alles Leben wird durch ein höheres Element genährt, und wo es ihm
entzogen ist, da stirbt es ab.
    Erkenntnis, Offenbarung ist Samen eines höheren Lebens, das irdische Leben
ist der Boden, in dem er eingestreut ist, im Sterben bricht die ganze Saat ans
Licht. Wachsen, blühen, Früchte tragen von dem Samen, den der Geist hier in uns
gelegt hat, das ist das Leben nach dem Tod.
    Du bist der Äter meiner Gedanken, sie schweben durch Dich hin und werden
von Dir im Flug getragen wie die Vögel in der Luft.
    An Dich denken, im Bewusstsein von Dir verweilen, das ist ein Ausruhen vom
Flug, wie der Vogel ausruht im Nest.
    Geist im Geist ist unendlich, aber Geist in den Sinnen, im Gefühl ist
Unendliches im Endlichen erfasst.
    Meine Gedanken umschwärmen Dich wie die Bienen den blühenden Baum. Sie
berühren tausend Blüten und verlassen eine, um die andre zu besuchen, jede ist
ihnen neu; so wiederholt sich auch die Liebe, und jede Wiederholung ist ihr neu.
                                     * * *
Liebe ist immerdar erstgeboren, sie ist ewig ein einziger Moment, Zeit ist ihr
nichts, sie ist nicht in der Zeit, da sie ewig ist; sie ist kurz, die Liebe.
    Ewigkeit ist eine himmlische Kürze.
    Nichts Himmlisches geht vorüber, aber das Zeitliche geht vorüber am
Himmlischen.
                                     * * *
Hier auf dem Tisch liegen Trauben im Duft und Pfirsich im Pelz und buntgemalte
Nelken; die Rose liegt vorne und fängt den einzigen Sonnenstrahl auf, der durch
die verschlossenen Fensterladen dringt. Wie glüht die Rose! Psyche nenne ich
sie; - wie lockt das glühende Rot den Strahl in den innersten Kelch! Wie duftet
sie; - hier lobt das Werk den Meister.
    Rose, wie lobst du das Licht! - Wie Psyche den Eros lobt. - Unendlich schön
ist Eros, und seine Schönheit durchleuchtet Psyche wie das Licht die Rose. - Und
ich, die da wähnt, von Deiner Schönheit ebenso durchleuchtet zu sein, trete vor
den Spiegel, ob es mich auch wie sie verschönt.
    Der Strahl ist dem Abend gewichen, die Rose liegt im Schatten, ich
durchstreife Wald und Flur, und auf einsamen Wegen denk ich an Dich, dass Du auch
wie Licht mich durchdringst.
                                     * * *
Sehnsucht und Ahnung liegen ineinander, eins treibt das andre hervor.
    Der Geist will sich vermählen mit dem Begriff: ich will geliebt oder ich
will begriffen sein, das ist eins.
    Darum tut der Geist wohl, weil wir fühlen, wie aus dem irdischen Leben das
geistige ins himmlische übergeht und unsterblich wird.
    Die Liebe ist das geistige Auge, sie erkennt das Himmlische, es sind
Ahnungen höherer Wahrheiten, die uns der Liebe begehren machen.
    In Dir seh ich tausend Keime, die der Unsterblichkeit aufblühen, ich mein,
ich müsse sie alle anhauchen. - Wenn Geister einander berühren, das ist
göttliche Elektrizität.
    Alles ist Offenbarung; sie gibt den Geist, und dann den Geist des Geistes.
    Wir haben den Geist der Liebe, und dessen Geist ist der Liebe Kunst.
    Alles ist nichtig, nur der Wille reicht drüber hinaus, nur der Wille kann
göttlich sein.
                                     * * *
Wie begierig ist die Seele nach Wahrheit, wie durstet sie, wie trinkt sie! - Wie
die lechzende Erde, die tausend Pflanzen zu nähren hat, den fruchtbaren
Gewitterregen trinkt; die Wahrheit ist auch elektrisch Feuer wie der Blitz. -
Ich fühl den weiten wolkendurchjagten Himmel in meiner Brust; ich fühl den
feuchten Sturmwind in meinem Kopf; das weiche Heranrollen der Donner, wie sie
steigen, mächtig, und das elektrische Feuer des Geistes begleiten. - Das Leben:
eine Laufbahn, die mit dem Tod abschliesst durch die Liebe, durch den Geist; ein
geheim verborgen Feuer, das sich bei diesem Abschluss ins Licht ergiesst.
    Ja, elektrisch Feuer! Das glüht, das braust, die Funken, die Gedanken, die
fahren zum Schornstein heraus.
    Wer mich berührt im Gefühl meiner Geistigkeit, mit dem zusammen erbraust der
Geist gewitterhaft und spielt im Pulsschlag der Stürme, im elektrischen Zittern
der Luft. Das hab ich gedacht, wie wir miteinander sprachen und Du meine Hand
berührtest.
    Geschrieben nach dem Gewitter, wie sich's nach dem Sturm noch einmal
erhellen wollte und die Nacht dem nachträglichen Tag das Regiment abnahm.
                                     * * *
Schon manch Vorurteil hab ich gelöst, so jung wie ich bin, wenn ich auch das
eine lösen könnte, dass die Zeit nichts verjährt, Hunger und Durst werden auch
nicht älter; so ist's auch mit dem Geist, in der Gegenwart bedingt er schon die
Zukunft. Wer Ansprüche an die Zukunft macht, wer der Zeit voraneilt, wie kann
der der Zeit unterworfen sein?
    Ich habe bemerkt an den Bäumen, immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon
der Keim einer zukünftigen Blüte verborgen; so ist auch das Leben im jungen,
frischen, kräftigen Leib die nährende Hülle der Geistesblume; und wie sie welkt
und abfällt in der irdischen Zeit, so drängt sich aus ihr hervor der Geist als
ewige himmlische Blüte.
    Wenn ich im späten Herbst im Vorübergehen das tote Laub von den Hecken
streifte, da sammelte ich mir diese Weisheit ein; ich öffnete die Knospen, ich
grub die Wurzeln aus, überall drängte sich das Zukünftige aus der gesamten Kraft
des Gegenwärtigen hervor; so ist denn kein Alter, kein Absterben, sondern ewiges
Opfern der Zeit an das neue junge Frühlingsleben, und wer sich der Zukunft nicht
opferte, wie unglücklich wär der! -
                                     * * *
Zum Tempeldienst bin ich geboren, wo mir nicht die Luft des Heiligtums
heimatlich entgegenweht, da fühl ich mich unsicher, als hab ich mich verirrt.
    Du bist mein Tempel, wenn ich mit Dir sein will, reinige ich mich von des
Alltäglichen Bedrängnis wie einer, der Feierkleider anlegt; so bist Du der
Eingang zu meiner Religion.
    Ich nenne Religion das, was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks
ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Blüten und Früchte. Du
siehst mich an wie die Sonne und fächelst mich an wie der Westwind, unter
solchen Reizungen blühen meine Gedanken.
    Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze, die das Ewige umfasst, weil
alles, was sich innerhalb ihrer bildet, das Überirdische ausspricht, sie zieht
einen Kreis um ein inneres Leben; nenne es Religion, Offenbarung, über alles,
was der Geist Unermessliches zu fassen vermag!
    Was wacht, das weckt! Gewiss, in Dir wacht, was mich weckt. Es geht eine
Stimme von Dir aus, die mir in die Seele ruft. - Was durch diese Stimme geweckt
wird, ist Geheimnis; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung.
    Manches sehe und fühl ich, was schwer ist auszusprechen. Wer liebt, lernt
wissen, das Wissen lehrt lieben, so wachse ich vielleicht in die Offenbarung,
die jetzt noch Ahnung ist. Ich habe das Gefühl von dem Zeitpunkt an, wo mir's so
freudig in die Sinne kam, meine Gedanken, mein geistiges Leben in Deinen Busen
zu ergiessen, als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen
Lüfte.
                                     * * *
In dem Garten, wo ich noch als Kind spazierte, da wuchs die Jungfrauenrebe hoch
empor an plattem Gestein. Damals hab ich oft ihre kleine Samtrüssel betrachtet,
mit denen sie sich anzusaugen strebt, ich bewunderte dies unzertrennliche
Anklammern in jede Fuge, und wenn der Frühling erschöpft war und die
Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten, da
fielen allmählich ihre zierlichen rotgefärbten Blätter zum Schmuck des Herbstes
ins Gras. Ach, ich auch! Absterbend, aber feurig werd ich von Dir Abschied
nehmen; und diese Blätter werden wie jenes rote Laub auf dem grünen Rasen
spielen, der diese Zeiten deckt.
                                     * * *
Ich bin nicht falsch gegen Dich; - Du sagst: »Wenn Du falsch bist, Du hättest
keine Ehre davon, in bin leicht zu betrügen.«
    Ich will nicht falsch sein, ich frage nicht, ob Du falsch bist, sondern wie
Du bist, will ich Dir dienen.
    Den Stern, der dem Einsamen jeden Abend leuchtet, den wird er nicht
verraten.
    Was hast Du mir getan, was mich zur Falschheit bewegen könnte, alles, was
ich an Dir verstehe, das beglückt mich; Du kannst weder Auge noch Geist
beleidigen, und es hat mich weit über jede kleinliche Bedingung erhoben, dass ich
Dir vertrauen darf; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den
reinen Wein einschenken, in dem Dein Bild sich spiegelt.
    Nicht wahr, Du glaubst nicht, dass ich falsch bin? -
    Es gibt böse Fehler, die an uns hervorbrechen wie das Fieber; es hat seinen
Verlauf, und wir empfinden in der Genesung, dass wir schmerzlich krank waren;
aber Falschheit ist ein Gift, das sich in des Herzens Mitte erzeugt, könnte ich
Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen, was sollte ich anfangen?
    In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen, aber hier im Buch, da lasse
ich Dir die Hand in meine Wunde legen, und es tut weh, dass Du an mir zweifeln
kannst; ich will Dir erzählen aus meinen Kindertagen, aus der Zeit, eh ich Dich
gesehen hatte. Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich; wie lange
kenne ich Dich schon, wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen, und
wie wunderbar war's, wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an
die lang gehegte Erwartung anschloss.
                                     * * *
In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzogen, ich glattes, braunes,
feingegliedertes Rehchen, zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden, aber
unbändig in eigentümlichen Neigungen. Wer konnte mich vom glühenden Fels
losreissen in der Mittagssonne? - Wer hätte mich gehemmt, die steilsten Höhen zu
erklettern und die Gipfel der Bäume? Wer hätte mich aus träumender Vergessenheit
geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen
gestört auf nebelerfülltem Pfad! - Sie liessen mich gewähren, die Parzen, Musen
und Grazien, die da alle eingeklemmt waren im engen Tal, das vom Geklapper der
Mühlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief, vom Goldsandfluss
durchschnitten, dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte, die
nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten, diesseits aber durch die
Bleicher benutzt waren und durch die wiehernden Pferde und Esel, die zu den
Mühlen gehörten. Da waren die Sommernächte mit Gesang der einsamen Wächter und
Nachtigallen durchtönt, und der Morgen mit Geschrei der Gänse und Esel begonnen;
da machte die Nüchternheit des Tags einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der
Nacht.
    Manche Nächte hab ich da im Freien zugebracht, ich kleines Ding von acht
Jahren; meinst Du, das war nichts? - Mein Heldentum war's, denn ich war kühn und
wusste nichts davon. Die ganze Gegend, soweit ich sie ermessen konnte, war mein
Bett; ob ich am Ufersrand von Wellen umspült, oder auf steilem Fels vom
fallenden Tau durchnässt schlief, das war mir einerlei. Aber Freund! Wenn die
Dämmerung wich, der Morgen seinen Purpur über mir ausbreitete und mich, nachdem
ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte, unter
tausendfachem Jubel aller befiederten Kehlen weckte, was meinst Du, wie ich mich
fühlte? - Nichts geringer als göttlicher Natur fühlt ich mich, und ich sah herab
auf die ganze Menschheit. Solcher Nächte zwei erinnere ich mich, die schwül
waren, wo ich aus den beklommenen Schlafsälen zwischen den Reihen von
Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte, und mich die Gewitter
überraschten, und die breite blühende Linde mich unter Dach nahm; die Blitze
feuerten durch ihre tiefhängenden Zweige; dies urplötzliche Erleuchten des
fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer, ich fürchtete
mich und umklammerte den Baum, der kein Herz hatte, was dem meinen
entgegenschlug.
    O lieber Freund! - Hätte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefühlt unter
dieses Baumes Rinde, dann hätte ich mich nicht gefürchtet; dies kleine Bewegen,
dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden
umwandeln; denn wahrlich! - fühlt ich Dein Herz an meinem schlagen und führtest
Du mich in den Tod, ich eilte triumphierend mit Dir!
    Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum, da fürchtete ich mich, mein
Herz schlug heftig, das schöne Lied: »Wie ist Natur so hold und gut, die mich am
Busen hält«, das konnte ich damals noch nicht singen, ich empfand mich allein
mitten im Gebraus der Stürme, doch war mir so wohl, mein Herz ward feurig. - Da
läuteten die Sturmglocken des Klosterturms, die Parzen und Musen eilten im
Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewölbte Chor, ich sah unter
meinem sturmzerzausten Baum die eilenden Lichter durch die langen Gänge
schwirren; bald tönte ihr ora pro nobis herüber im Wind, so oft es blitzte,
zogen sie die geweihte Glocke an, so weit ihr Schall trug, so weit schlug das
Gewitter nicht ein.
    Ich allein jenseits der Klausur, unter dem Baum in der schreckenvollen
Nacht! Und jene alle, die Pflegerinnen meiner Kindheit, wie eine verzagte
verschüchterte Herde, zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewölb ihres
Tempels, Litaneien singend um Abwendung der Gefahr. Das kam mir so lustig vor
unter meinem Laubdach, in dem der Wind raste und der Donner wie ein brüllender
Löwe die Litanei samt dem Geläut verschlang; an diesem Ort hätte keins von jenen
mit mir ausgehalten, das machte mich stark gegen das einzige Schreckenvolle,
gegen die Angst, ich fühlte mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur.
Der herabströmende Regen verdarb ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel,
was sollte er mir schaden, ich hätte mich schämen müssen, vor dem Vertrauen der
kleinen Vögel hätt ich mich gefürchtet.
                                     * * *
So hab ich allmählich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und
hab zum Scherz manche Prüfung bestanden, Sturm und Gewitter zog mich hinaus und
das machte mich freudig; die heisse Sonne scheute ich nicht, ich legte mich ins
Gras unter die schwärmenden Bienen mit Blütenzweigen im Mund und glaubte fest,
sie würden meine Lippen nicht stechen, weil ich so befreundet war mit der Natur;
und so bot ich allem Trotz, was andre fürchteten, und in der Nacht, in
schauerlichen Wegen im finstern Gebüsch, da lockte es mich hin, da war's überall
so heimlich, und nichts war zu fürchten.
    Oben im ersten und höchsten Garten stand die Klosterkirche auf einem
Rasenplatz, der am felsigen Boden hinab grünte und mit einem hohen Gang von
Trauben umgeben war, er führte zur Türe der Sakristei, vor dieser sass ich oft,
wenn ich meine Geschäfte in der Kirche versehen hatte, denn ich war Sakristan,
ein Amt, dem es oblag, den Kelch, in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden,
zu reinigen und die Kelchtücher zu waschen, dies Amt wurde nur dem Liebling
unter den jungfräulichen Kindern vertraut, die Nonnen hatten mich einstimmig
dazu erwählt. In dieser Türwölbung sass ich manchen heissen Nachmittag, links in
der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbäumen, rechts der
kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Kräutern und Nelken, aus denen die
Bienen Honig saugten. In die Ferne konnte ich von da sehen; die Ferne, die so
wunderliche Gefühle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor
uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnungen einer
verhüllten Zukunft in uns weckt; da sass ich und sah die Bienen von ihren
Streifzügen heimkehren, ich sah, wie sie sich im Blumenstaub wälzten und wie sie
weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen
sonnedurchglänzten Äter verschwebten, und da ging mir mitten in diesen
Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glück auf.
    Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glücks; Du fühlst, Du siehst in ihr
ausgesprochen ein Glück, nach dem sie sich sehnt. Ach und im Glück wieder durch
allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust. Ja das Glück
ist auch der Spiegel dieser aus unergründlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut. Und
jetzt noch in der Erinnerung, wie in den Kindertagen, füllt sich meine Seele mit
jener Stimmung, die leise mit der Dämmerung hereinbrach und dann wieder nachgab,
wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau
meine Haare losringelte. Die kalte Nachtluft stählte mich, ich buhlte, ich
neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis, die aus jedem Busch mir
entgegen blitzten. Ich kletterte auf die Kastanienbäume, legte mich so schlank
und elastisch auf ihre Äste; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt
mich anflüsterte, da war's, als redete sie meine Sprache. Am hohen
Traubengeländer, das sich an die Kirchenmauer anlehnte, stieg ich hinauf und
hörte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern; halb träumend zwitschern sie
zwei -, dreisilbige Töne, und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen
süssen Wohllaut der Befriedigung.
    Lauter Liebesglück, lauter Behagen, dass ihr Bettchen von befreundeter Wärme
durchströmt ist.
    O Weh über mich, dass mir im Herzen so unendlich weh ist, bloss weil ich dies
Leben der Natur mit angeschaut hab in meinen Kindertagen; diese tausendfältigen
Liebesseufzer, die die Sommernacht durchstöhnen, und inmitten dieser ein
einsames Kind, einsam bis ins innerste Mark, das da lauscht ihren Seligkeiten,
ihrer Inbrunst, das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht, das
ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit, das erst über die Traube
den Segen spricht, ehe es sie geniesst.
    Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen, breiten
Sammetblättern, die sich wie ein Laubdach ausdehnten; oft lag ich in seiner
kühlen Umwölbung und sah hinauf, wie das Licht durch ihn äugelte, und da lag ich
mit freier Brust in tiefem Schlaf; ja mir träumte von süssen Gaben der Liebe,
gewiss, sonst hätte ich den Baum nicht sogleich verstanden, da ich erwachte, weil
eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelöst hatte und im Fallen auf
meine Brust ihr Saft mich netzte; dies schöne dunkle überreife Blut der
Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen
verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuss verzehren. Und es gibt
Küsse, von denen fühl ich, sie schmecken wie Maulbeeren.
    Sag, sind das Abenteuer? - und würdig, dass ich sie Dir erzähle?
                                     * * *
Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen, die so
gewöhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der
reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren
Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur
Nahrung seiner Kräfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das
Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des
Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch würde ich jene
Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzüge
als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frühlinge
würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln, und die
reifen Früchte, denen ich liebkoste, eh ich sie genoss, würden mich nicht nach
verschwundenen Jahren, wie aus den Träumen seliger Genüsse, mahnen an die
heimliche Lust. - Sie lachten mich an, diese runden Äpfel, die gestreiften
Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den höchsten Zweigen
erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen, auf meinen Lippen,
die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben für die süsse Kost der
Kirsche, auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der
waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal
entschädigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuss
kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er
wohl auch eine göttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der
er haftet.
    Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Äter, die Empfindung
ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren; der Geist ist
ihre Luft, in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem
viele Gedanken ihre Blüten treiben, der ist ein gewürziger Geist, in seiner Nähe
atmen wir seine Verklärung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im
Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt, mein Geist
empfing dadurch die Befähigung, einem verborgenen, idealischen Reiz nachzujagen;
und hab ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt:
ich lag am Busen einer göttlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht
kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen
umwandelte. -
    Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut, die ich oben
von der Mauer herab mit stillem Entzücken betrachtete, die Schalmei des
Schäfers, der in Mondnächten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das
Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden
Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am
steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes,
das Kämpfen und Spielen der Nebel, - o sag, welcher Geist hat mir das geistig
noch einmal geboten? - Du? - Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die
Abendschatten? Hat Deine Stimme wehmütig freundlich in mich eingedrungen wie
jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf
heimlicher Fährte, dem mein Herz entgegenschlägt? Und habe ich nach glücklichen
Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewusstsein befriedigter Sehnsucht,
mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der Natur hab ich's erfahren
und die Bilder einer höheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene
Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten
auf; was hab ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was können wir
mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die
Befähigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das
Regen in der Natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn
ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbrüten
das Herz durchströmte, sag, was hätte ich da nicht erfahren im Liebesglück; und
welche Blume würde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht
reifen?
    Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen höherer Seligkeit, wie sie mein
Gedächtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung
blättert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwürdigen Stellen auf;
Du! - Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Äpfel vom unverbotenen Baum
pflücken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer
beseligenden Schöpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.
                                     * * *
Eins bewahr im Herzen: dass Du mir den reinsten Eindruck von Schönheit gemacht
hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und dass nichts dem Ursprünglichen in
Deiner Natur Eintrag tun könne, und dass meine Liebe innig mit diesem
einverstanden ist.
                                     * * *
Nur so weit geht die Höhe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist
nicht umfasst, das macht ihn nicht glücklich, vergebens würden Cherubim und
Seraphim ihn auf ihren Schwingen höher tragen; er vermöchte nie sich da zu
erhalten.
                                     * * *
Ahnungen sind Regungen, die Flügel des Geistes höher zu heben; Sehnsucht ist ein
Beweis, dass der Geist eine höhere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein
Fassungsgabe, sondern auch Gefühl und Instinkt des Höheren, aus dem er seine
Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das
Wesentliche, wir könnten seiner entbehren, wenn er nicht für die Seele der
Spiegel wär, in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.
                                     * * *
Der verschlossne Same und die Blüte, die aus ihm erwächst, sind einander nicht
vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blüte, und so
wächst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blüte und Frucht
seinen ersten Instinkt bewährt, der, wenn er verloren gehen könnte, keine Blüte
und Früchte tragen würde.
                                     * * *
Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, dass ich heute traurig bin, kann mich's
trösten? Wie öde sind diese Zeilen! Ach sie bezeichnen die Zeit des
Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War
ich verstanden? - Ach warum will ich verstanden sein? - Alles ist Geheimnis, die
ganze Natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die
Sonne scheint, treibt Blüte und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die
winterliche Zeit. - Sind denn die Bäume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll
in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? - Sehnen sich die
Pflanzen? Ringen sie nach dem Blühen, wie mein Herz heute ringt, dass es lieben
will, dass es empfunden sein will? - Du mich empfinden? - Wer bist Du, dass ich's
von Dir verlangen muss? - Ach! - Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's
öde! gäb's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte! -
                                     * * *
Komm! Lass uns noch einmal die hängenden Gärten, in denen meine Kindheit
einheimisch war, durchlaufen; lass Dich durch die langen Laubgänge geleiten zu
dem Glockenturm, wo ich mit leichter Mühe das Seil in Schwung brachte, um zu
Tisch oder zum Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr läutete ich dreimal das
Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O
damals schnitt mir das Abendrot ins Herz, und das schweifende Gold, in das sich
die Wolken senkten; o ich weiss es noch wie heute, dass es mir weh tat, wenn ich
so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um
mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die
er weiterführen wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann
wieder andre Farben, bis die Schatten ihn übermannten. Da stand ich und sah die
verspäteten Vögel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn
doch einer in meine Hand flög, und ich fühlte sein klein Herzchen pochen, ich
wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vögelchen nur, das mir zahm war,
könne mich glücklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder
hatte schon anders gewählt, und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht.
Ich glaubte doch damals, die ganze Natur bestehe bloss aus dem Begriff
aufgeregter Gefühle, davon komme das Blühen aller Blumen, und dadurch schmelze
sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer
übers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den
Wellen. Ich sah das Leben der Natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die
meine Brust erfüllte, entsprach, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen,
seine Gedanken, die dies Tag- und Nachtwandeln der Natur bilde; ja und ich
junges Kind fühlte, dass ich einschmelzen müsse in diesen Geist, und dass es
allein Seligkeit sei, in ihm aufzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei,
dahin, aufgelöst zu sein; ich war unersättlich, die Nachtluft mit vollen Zügen
einzuatmen, ich streckte die Hände in die Luft, und das flatternde Gewand, die
fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; - ich
liess mich küssen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann öffnete ich
sie, und mein Blick hielt es aus; ich dachte: lässt du dich küssen von ihr, und
solltest nicht vertragen können, sie anzusehen?
    Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe, über die das Wasser schäumend
hinabstürzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmässigen Blumenstücken
ein grosses Bassin umgab, in dem das Wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus
umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren übersäet, deren jede ein
kristallhelles Harztröpfchen ausschwjetzte; ich weiss noch alles, und dies
besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in
diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.
    Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden
Gartens und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten,
der den runden Garten ganz umzog und gerade so tief lag, dass die Wipfel seiner
Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schön, wenn sie
blühten, oder auch wenn die Äpfel und die Kirschen reiften und die vollen Äste
herüberstreckten. Oft lag ich unter den Bäumen in der heissen Mittagssonne, und
in der lautlosen Natur, wo sich kein Hälmchen regte, fiel die reife Frucht neben
mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: »Dich wird auch keiner finden!« Da
streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berührte ihn mit meinen
Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.
                                     * * *
Nicht wahr, die Gärten waren schön! - Zauberisch! Da unten sammelte sich das
Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief
es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn
unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Gärten umgebenden
einschloss, und von da sich ins Tal ergoss, denn auch dieser letzte Garten lag
noch auf einer ziemlichen Höhe; da floss es in einem Bach weiter, ich weiss nicht
wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen, seinem Sprudeln, seinem
ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in
feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte
wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen
von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so
traulich, da spielte ich mit blossen Füssen in dem kühlen Wasser. - Und dann
lief's weiter verborgen, und wie es sich ausserhalb der Mauer hinabstürzte, das
sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich musste es halt
dahinlaufen lassen. - Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es strömte
unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und
Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich
mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit
gehabt hätte und wäre mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Täler, durch die
Wüste! - Wo der Bach mich am End hingeführt haben möchte!
    Ja Herr, ich sehe Dich brausen und strömen, ich seh Dich kunstreich spielen,
ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag für Tag und plötzlich Deine Bahn lenken
hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat wähnte,
unbekümmert, dass es verwaist bleibe.
    So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in
seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab
ich's schon betrauert, dass die mir sich nicht verwandt fühlten. O komm nur, und
spiel meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, dass Du
meine Seufzer in Deine Melodien verhallen lässt, solange ich nicht weiter gehe,
als meine kindliche Sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen musste, dass
er sich losriss und sich energische Bahn brach in die Fremde. - In der Fremde, wo
es gewiss war, dass mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.
                                     * * *
Heute haben wir grünen Donnerstag, da hab ich kleiner Tempeldiener viel zu tun;
alle Blumen, die das frühe Jahr uns gönnt, werden abgemäht, Schneeglöckchen,
Krokus, Masslieb und das ganze Feld voll Hyazinten schmücken den weissen Altar,
und dann bring ich die Chorhemdchen und zwölf Kinder mit aufgelösten Haaren
werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden,
blumengeschmückten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis
nieder, und die alte Äbtissin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt vom
Schleier und langem, schleppendem Chormantel, kniet vor uns, um uns die Füsse zu
waschen. Eine Nonne hält das silberne Becken und giesst das Wasser ein, die andre
reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen läutet es mit allen Glocken, die
Orgel ertönt, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Bass, zwei blasen die
Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle übrigen stimmen mit hohen Tönen die
Litanei an: »Sankt Petrus, wir grüssen dich - du bist der Fels, auf den die
Kirche baut.« Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle
Apostel begrüsst, bis alle Füsse gewaschen sind. - Nun siehst Du, das ist ein Tag,
auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben. Die ganze
Kirche war voll Menschen, sie drängten sich um unsere Prozession und weinten
Tränen der Rührung über die lachenden, unschuldigen Apostel.
    Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter über unzugänglich
war; jedes läuft an sein Blumengärtchen, da hat der Rosmarin gut überwintert,
die Nelkenpflänzchen werden unter dem dürren Laub hervorgescharrt, und so
manches junge Keimchen meldet den vergessenen vorjährigen Blumenflor. Erdbeeren
werden verpflanzt und die blühenden Veilchen sorgfältig herausgehoben und in
Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie
heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.
                                     * * *
O was erzähle ich dies alles dem Mann, der fern ab von solchen Kindereien seinen
Geist zu andern Sphären trägt! Warum Dir, dem ich schmeicheln, den ich locken
will; Du sollst mir freundlich sein, Du sollst, Dir unbewusst, mich allmählich
lieben, während ich so mit Dir plaudere; könnte ich Dir nun nichts anders sagen,
was Dir wichtiger wär, was Dich bewegte, dass Du mich »geliebtes Kind« nenntest,
mich ans Herz drücktest in süsser Regung über das, was Du vernimmst?
    Ach ich weiss nichts Besseres, ich weiss keine schönere Freuden als die jener
ersten Frühlinge, keine innigere Sehnsucht als die nach dem Aufblühen meiner
Blumenknospen, keinen heisseren Durst, als der mich befiel, wenn ich mitten in
der schönen blühenden Natur stand, und alles voll üppigem Gedeihen um mich her.
Nichts hat freundlicher und mitleidiger mich berührt als die Sonnenstrahlen des
jungen Jahrs, und wenn Du eifersüchtig sein könntest, so wär es nur auf diese
Zeit, denn wahrlich, ich sehne mich wieder dahin.
                                     * * *
Eine Sonne geht uns auf, sie weckt den Geist wie den jungen Tag, mit ihrem
Untergang geht er schlafen; wenn sie aufsteigt, erwacht ein Treiben im Herzen
wie der Frühling, wenn sie hoch steht, glüht der Geist mächtig, er ragt über das
Irdische hinaus und lernt aus Offenbarungen; wenn sie sich dem Abend neigt, da
tritt die Besinnung ein, ihrem Untergang folgt die Erinnerung; wir besinnen uns
in der Schattenruhe auf das Wogen der Seele im Lichtmeer, auf die Begeistrung in
der Zeit der Glut, und mit diesen Träumen gehen wir schlafen. Manche Geister
aber steigen so hoch, dass ihnen die Liebessonne nimmermehr untergeht, und der
neue Tag schliesst sich an den versinkenden an.
                                     * * *
Die einsame Zeit ist allein, was mir bleibt; wessen ich mich erinnere, das war
in der Einsamkeit erlebt, und was ich erlebt habe, das hat mich einsam gemacht;
die ganze weite Welt umspielt in allen Farben den einsamen Geist, sie spiegelt
sich in ihm, aber sie durchdringt ihn nicht.
    Geist ist in sich, und was er wahrnimmt, was er aufnimmt, das ist seine
eigne Richtung, sein Vermögen; es ist seine höchste Offenbarung, dass er erfasse,
was er vermag. Ich glaub, im Tode mag's ihm wohl offenbar werden, früher hat er
nur ungläubige Anschauungen davon; hätte ich früher geglaubt, so hätte der Geist
auch zu erreichen gestrebt, was er unmöglich wähnte, und hätte erlangt, wonach
er sich sehnte, denn Sehnsucht ist ein heilig Merkmal der Wahrhaftigkeit seines
Ziels, sie ist Inspiration und macht den Geist kühn. Dem Geist soll nichts zu
kühn sein, denn weil er alles vermag; er ist der Krieger, dem keine Waffe
versagt, er ist der Reiche, dessen Fülle unendliches spendet, er ist der Selige,
dem alles Wollust ist; ja wohl, Geist ist die Gotteit! Die Brust saugt die Luft
in sich und entlässt sie wieder, um sie wieder zu trinken, und das ist Leben. -
Der Geist trinkt sehnend die Gotteit und haucht sie wieder aus, um sie abermals
zu trinken, und das ist sein Leben; alles andre ist Zufall, ist Spur, Geschichte
des Geistes, aber nicht sein Leben.
                                     * * *
Darum ist der Geist einsam, weil ihn nur ein einziges belebt, das ist die Liebe.
Die Liebe ist das All. Der Geist ist einsam, weil die Liebe alles allein ist.
Die Liebe ist nur für den, der ganz in ihr ist. Liebe und Geist schauen sich
einander an, denn sie sind in sich allein und können nur sich sehen.
    Ich war auch einsam damals in der Kindheit, die Sterne äugelten mich an, ich
begriff sie, die Liebe spricht durch sie.
    Die Natur ist die Sprache der Liebe, die Liebe spricht zur Kindheit durch
die Natur. Der Geist ist Kind hier auf Erden, drum hat die Liebe die süsse,
selige, kindliche Natur als Sprache für den Geist geschaffen.
    Wär der Geist selbständig, vielleicht führte die Liebe eine andre Sprache. -
Die Natur lenkt und reicht dar, was der Geist bedarf; sie lehrt, sie erzählt,
sie erfindet, sie tröstet, sie beschützt und vertritt seine Unmündigkeit,
vielleicht wenn sie den Geist aus der Kindheit herausgeleitet hat, lenkt sie ihn
nicht mehr, sie lässt ihn dann selbständig walten, vielleicht ist das jenseitige
Leben der Frühling des Geistes, so wie dieses seine Kindheit ist. Denn wir
sehnen uns ja nach dem Frühling, nach der Jugend bis zum letzten Augenblick, und
dieses Erdenleben ist nur ein Vorbilden für das Jugendleben des Geistes, sie
entlässt ihn aus der Kindheit, wie das Samenkorn den Keim entlässt ins Äterleben.
    Blühen ist Geist, es ist Schönheit, es ist Kunst, und sein Duftausströmen
ist abermals Streben in ein höheres Element.
                                     * * *
Komm mit, Freund! Scheue nicht den feuchten Abendtau, ich bin ein Kind, und Du
bist ein Kind, wir liegen gern unter freiem Himmel und sehen den gemächlichen
Zug der Abendwolken, die im purpurnen Gewand dahin schwimmen. O komme! - Kein
seligerer Traum, kein beglückenderes Ereignis als Ruhe! Stille Ruhe im Dasein;
beglückt, dass es so ist, und kein Wähnen, es könne anders sein, oder es müsse
anders kommen. Nein! Nicht im Paradies wird es schöner sein, als diese Ruhe ist,
die keine Rechenschaft gibt, kein Überschauen des Genusses, weil jeder
Augenblick ganz selig ist. Solche Minuten erleb ich mit Dir, nur weil ich Dich
denke an meiner Seite in jenen Kinderjahren; da sind wir eines Sinnes, was ich
erlebe, spiegelt sich in Dir, und ich lerne es in Dir begreifen, und was erlebte
ich, wenn ich's nicht in Dir anschaute? - In was empfindet sich der Geist, durch
was besitzt er sich, als nur dadurch, dass er die Liebe hat? - Ich habe Dich,
Freund! Du wandelst mit mir, Du ruhst an meiner Seite, meine Worte sind der
Geist, den Deine Brust aushaucht.
                                     * * *
Alle sinnliche Natur wird Geist, aller Geist ist sinnliches Leben der Gotteit.
- Augen, ihr seht! - Ihr trinkt Licht, Farben und Formen! - O Augen, ihr seid
genährt durch göttliche Weisheit, aber alles tragt ihr der Liebe zu, ihr Augen;
dass die Abendsonne ihre Glorie über euch spielen lässt, und der Wolkenhimmel eine
heilige Farbenharmonie euch lehrt, in die alles einstimmt: die fernen Höhen, die
grüne Saat, der silberne Fluss, der schwarze Wald, der Nebelduft, das gibt euch,
ihr Augen, die Mutter Natur zu trinken, während der Geist den schönen Abend
verlebt im Anschauen des Geliebten. O ihr Ohren, euch umtönt die weite Stille,
in ihr erhebt sich das leise Heranbrausen des Windes, es naht sich ein zweites,
es trägt euch Töne zu aus der Ferne, die Wellen schlagen seufzend ans Ufer, die
Blätter lispeln, nichts regt sich in der Einsamkeit, was nicht sich euch
vertraute, ihr Ohren. Ihr werdet getränkt durch das ganze Walten der Natur,
während Ohr, Aug, Sprache und Genuss im Busen des Freundes tief versunken ist.
Ach paradiesisches Mahl, wo die Kost sich in Weisheit verwandelt, wo Weisheit
Wollust ist und diese Offenbarung wird.
    Diese Frucht! Duftend, reif, niedersinkend aus dem Äter! - Welcher Baum hat
sie abgeschüttelt von den überreichen Ästen? Während wir, Wange an Wange
gelehnt, ihrer und der Zeit vergessen. Diese Gedanken, sind sie nicht die Äpfel,
die der Baum der Weisheit trägt, und die er Liebenden in den Schoss schüttelt,
die in seinem Paradiese wohnen und in seinem Schatten ruhen. - Damals war die
Liebe in der Kindesbrust, die ihre Gefühle wie der junge Keim seine Blüten
dichtgefaltet und verschränkt umschloss. Damals war sie! - und ihrem Drängen
dehnte sich der Busen und öffnete sich, ihre Blüten zu entfalten.
                                     * * *
Ein Nönnchen wurde eingekleidet, eine andre haben wir begraben während den drei
Jahren, als ich im Kloster war; dem einen hab ich den Zypressenkranz auf den
Sarg gelegt, sie war die Gärtnerin und hatte lange Jahre den Rosmarin gepflegt,
den man ihr aufs Grab pflanzte; sie war achtzig Jahre alt, und der Tod berührte
sie sanft, während sie Absenker von ihren Lieblingsnelken machte, da hockte sie
am Boden und hielt die Pflanzen in der Hand, die sie eben einsetzen wollte; ich
war der Vollstrecker ihres Testaments, denn ich nahm die Pflanzen aus der
erstarrten Hand und setzte sie in die frisch aufgewühlte Erde, ich begoss sie mit
dem letzten Krüglein Wasser, was sie am Madlenenbrünnchen geholt hatte, die gute
Schwester Monika! Wie schön wuchsen diese Nelken! Dunkelrot waren sie und gross.
- Da mich später der, der mich liebt und kennt, einer dunklen Nelke verglich, da
dachte ich an die Blumen, die ich junges Kind aus der erstorbenen Hand des hohen
Alters entnommen und eingepflanzt hatte, und ob es wohl so kommen werde, dass
auch mich der Tod beim Pflanzen der Blumen überrasche; der Tod, der
triumphierende Herold des Lebens, der Befreier von irdischer Schwere.
    Aber jene andre Nonne, jung und schön, deren lange goldne Flechten ich auf
goldnem Opferteller zum Altar trug: - ich hab nicht geweint, da man die alte
Gärtnerin zu Grabe trug, obschon sie meine Freundin gewesen war und mir manche
Gartenkunst gelehrt hatte. Es kam mir so natürlich vor und so behaglich, dass ich
nicht einmal darüber verwundert war; aber damals, als ich im Chorhemdchen mit
einem Kranz von Rosen auf dem Kopf, mit brennender Kerze als Geleitengel, unter
dem Geläute aller Glocken vor der in alle üppige Pracht gekleideten jugendlichen
Braut Christi einherschritt; da wir an das Gitter kamen, vor welchem der Bischof
stand, der ihr die Gelübde abnahm, und er fragte, ob sie sich Christo vermählen
wolle, und man ihr auf ihr Bejahen die mit Perlen und Bändern durchflochtenen
Haare abschnitt, welche ich auf einem goldenen Teller empfing, da fielen meine
Tränen auf diese Haare, und da ich hin zum Altar trat, um sie dem Bischof zu
überreichen, da schluchzte ich laut, und alles Volk weinte mit.
    Die junge Braut legte sich an die Erde, es wurde ein Leichentuch über sie
gebreitet, die Nonnen wallten von allen Seiten herbei, je zu zweien Blumenkörbe
tragend. Ich streute die Blumen auf das Leichentuch, während ein Requiem
gesungen wurde. Sie wurde als Tote eingesegnet und Gebete über sie gesprochen;
das irdische Leben war beendet, ich hob als Auferstehungsengel die Totendecke
auf; das himmlische Leben beginnt, die Nonnen umringen sie, in ihrer Mitte wird
sie vom weltlichen Staat entkleidet. Ordenskleid, Mantel und Schleier werden ihr
angelegt, worauf sie in die Hände des Bischofs die Gelübde des Gehorsams, der
Keuschheit und der Armut ablegt. Ach, wie war ich beklommen, da der Bischof ihr
das Kruzifix reichte, um es als ihren Bräutigam zu küssen. Ich wich nicht von
ihrer Seite; am Abend, da die Nonne allein in ihrer Zelle sass, kniete ich noch
vor ihr, mit meinem verwelkten Rosenkranz auf dem Kopf; sie war eine Französin,
eine Gräfin d'Antelot. »Mon enfant«, fragte sie, »mon cher ange gardien,
pourquoi as - tu pleuré ce matin lorsqu'on m'a coupé les cheveux?« Ich schwieg
eine Weile still, aber dann fragte ich leise: »Madame, est-ce que Jésus Christ a
aussi une barbe noire?«
    Diese schöne Frau war mit vielen andern hohen Damen und Rittern, die
Ordensbänder und Sterne hatten und aus Frankreich vertrieben waren, in unser
Kloster gekommen; diese zogen alle weiter, sie allein blieb zurück, sie wandelte
viel im Garten, sie hatte einen blitzenden Ring am Finger, den sie küsste, wenn
sie in der dunklen Allee allein war. Da las sie ihre Briefe mit leiser Stimme,
und mit einem feinen weissen Tuch trocknete sie die weinenden Augen. Ich
belauschte sie, ich liebte sie und weinte heimlich mit. Einmal trat ein schöner
Mann in glänzender Uniform mit ihr in den Garten. Sie sprachen zärtlich
miteinander. Der Mann hatte einen schwarzen Bart, er war grösser als sie, er
hielt sie in seinen Armen und sah auf sie herab, und seine glänzenden Tränen
blieben in seinem schwarzen Bart hängen; das sah ich, denn ich sass in der
dunkeln Laube, an deren Eingang sie standen. Er seufzte tief und laut, er
drückte sie ans Herz, und sie küsste die glänzenden Tränen im schwarzen Bart auf.
    Noch oft wandelte die schöne Frau in diesen einsamen Alleen, noch oft sah
ich sie, weinend unter dem Baum, wo er Abschied genommen hatte, und endlich nahm
sie den Schleier.
                                     * * *
                                                                         Koblenz
Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben, wie hab ich mich danach
gesehnt! Im Wandern durch fremde Strassen hab ich Deiner gedacht.
    Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre, da üben der
Ehrenbreitstein; er heisst wie die Basis Deines Ruhms, so muss der Würfel heissen,
auf dem Dein Denkmal einst stehn wird. Gestern fielen mir wunderliche Gedanken
aus den Wolken, ich hätte sie gern aufgeschrieben, ich war nicht allein, ich
musste sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen.
                                     * * *
Alles, was dem Wesen der Liebe nicht zusagt, ist Sünde, und alles, was Sünde
ist, sagt dem Wesen der Liebe nicht zu. Die Liebe hat eine persönliche Gewalt,
die ein Recht an uns übt; ich unterwerfe mich ihrer Rüge, sie, und sie allein
ist die Stimme meines Gewissens.
    Welche Anregungen auch im Leben vorkommen, welche Wendungen auch ein
Geschick nimmt, sie ist der Weg der Modulation, der alle fremde Tonarten
harmonisch auflöst, sie gibt die Erkenntnis, den Takt einer wahrhaft sittlichen
Grösse. Sie ist strenge, und diese Strenge erregt leidenschaftlich für die Liebe,
ich brenne vor Begierde zu tun, was ihr gemäss ist. Ich will gern jedes Gefühl,
jede Regung an ihr abmessen.
    Jetzt geh ich schlafen; könnt ich Dir beschreiben, wie wohl mir ist.
                                     * * *
Wenn heut der Tag wäre, wo ich Dich wiedersehe! Heute! in wenig Sekunden trätest
Du hier in meine vier Wände, in denen ich schon seit einem Sommer das
Zauberhandwerk treibe, Dich zu besitzen; ja und manchen Augenblick warst Du
mein, meine Liebe zog Dich heran. Ich sah in die Ferne, im Herzen sah ich nach
Dir und erkannte Dich. Etwas sich aneignen, etwas besitzen, dazu gehört eine
grosse Kraft; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang, erzeugt Wunder; was Du
besitzest im Geist, das erkennst Du, was Du erkennst, das nimmt Dich ein, was
Dich einnimmt, das erschliesst Dir eine neue Welt.
                                     * * *
Der Geist will Selbsterrscher sein! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft;
jede Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes,
durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles,
was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes
Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen. Alle Erkenntnis ist Liebe,
darum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen
göttlichen Natur.
    Hast Du geliebt? es war eine Spur göttlicher Natur, Du hobst die Grenze
Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe. Dieses Ausdehnen
ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur; was Du liebst, das ist ein Reich, in
das Du geboren bist, dass Du vermagst in ihm zu leben. Ach es ist so gross, so
unendlich das Reich der Liebe, und doch umschliesst es das menschliche Herz.
                                     * * *
So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem
ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge,
meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie
eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussähe; es war mir eine grosse
Überraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern,
umarmt von der Grossmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte
alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem,
fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr
entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick
liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muss ich nachgehen, ich muss
ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie
freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, - siehe, sie erhebt sich
und kommt mir entgegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht länger
bezweifeln, dass ich mein Bild im Spiegel erblicke.
    Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern
Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint;
ich habe gescherzt mit mir, und das war noch rührender, dass am Scherz auch kein
andrer teilnahm, hätte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur
sich, und es ist das höchste Glück sich in ihr finden, ich hätt es nicht
verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen,
die gewiss nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich
verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen. Du
kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schön findest, das musst du lieben,
oder du bist dir untreu.
    Schönheit erzeugt Begeistrung, aber Begeistrung für Schönheit ist die
höchste Schönheit selbst. Sie spricht das erhöhte, verklärte Ideal des Geliebten
durch sich selbst aus.
    Gewiss, die Liebe erzieht eine höhere Welt aus der Sinnenwelt; der Geist wird
durch die Sinne genährt, gepflegt und getragen, er wächst und steigt durch sie
zur Selbstbegeistrung, zum Genie, denn Genie ist das überirdische selige Leben
einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung.
    Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt, wenn ich
so vor Dir stehe und Dir ausspreche, wie ich Dich liebe, und doch, wenn ich so
vor Dir stehe, dann fühl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklärt und
zur himmlischen Natur in mir wird.
                                     * * *
Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt, jetzt rückt die Zeit an, die aus dem Schlaf
weckt, die jungen Keime haben Trieb und rücken aus ihrer braunen Hülle hervor
ans Licht, und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern
der Blumen; sein Herz glüht verschämt und innig ihren vielfarbigen duftenden
Reizen entgegen und ahnet nicht, dass währenddem eine Keimwelt von
tausendfältigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust
hervor, dem Leben, dem Licht entgegendrängt. - Siehst Du wohl hier bestätigt,
was ich sage: die Liebe zu der aufkeimenden Blütenwelt der sinnlichen Natur
erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blütenwelt; indem wir die sinnliche
Schönheit gewahr werden, erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild, eine
himmlische Verklärung dessen, was wir sinnlich lieben. - So war meine erste
Liebe, im Garten: in der Geissblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und
drängte mich dem Aufbrechen ihrer rötlichen Knospen entgegen, und wie ich in die
erschlossnen Kelche blickte, da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den
Blüten an, und ich mischte meine Tränen mit dem Honig in ihren Kelchen. Ja,
glaub's, es war mir ein besonderer Reiz, die Träne, die unwillkürlich mir ins
Auge gedrungen, da hinein zu betten, so wechselte die Lust mit der Wehmut. Die
jungen Feigenblätter, wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim
hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten: Ach Gott! Du! warum schmerzt
die Schönheit der Natur? nicht wahr, weil die Liebe sich untüchtig fühlt, sie
ganz zu umfassen, so ist die glücklichste Liebe von Wehmut durchdrungen, weil
sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genüge tun kann, so macht mich Deine Schönheit
wehmütig, weil ich Dich nicht genug lieben kann. - O verlasse mich nicht, sei
mir nur so weit willig gesinnt, wie der Tau den Blumen gesinnt ist; morgens
weckt er sie und nährt sie, und abends reinigt er sie vom Staub und kühlt sie
von der Hitze des Tages. So mache Du es auch, wecke und nähre meine Begeistrung
in der Frühe, kühle meine Glut und reinige mich von Sünden am Abend.
                                     * * *
Hast Du mich lieb? - Ach! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die
wogenden Zweige der Birke, - wie schön wär das! - oder auch, dass Du mich
anhauchtest im Schlaf, wie der Nachtwind über die Fluren hinstreift; mehr nicht,
mein Freund, verlang ich von Dir - dass der Atem des Geliebten Dich berührt,
welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen? -
    So hell und deutlich hab ich damals nicht gefühlt, wie ich heut in der
Erinnerung fühle, ich war so unmündig wie die junge Saat, aber ich wurde vom
Lichte genährt und dem Selbstbewusstsein entgegengeführt, wie jene, wenn sie
durch die Ähre ihrer selbst gewiss wird; und heute bin ich reif, und streue die
goldnen Fruchtkörner der Liebe zu Deinen Füssen aus, mehr nicht besagt mein
Leben.
                                     * * *
Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du, sie stieg herab von Ast zu
Ast und kam immer näher, sie hing sich an den äussersten Zweig, um mich zu sehen,
ich wendete leise mich zu ihr, um sie nicht zu scheuchen, und siehe da! Aug in
Nachtigallenaug, wir blickten uns an und hielten's aus. Dazu trugen die Winde
die Töne einer fernen Musik herüber, deren allumfassende Harmonie wie ein in
sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang, wo jeder Geist alle Geister
durchdringt, und alle jedem sich fügen; vollkommen schön war dies Ereignis, dies
erste Annähern zweier gleich unbewussten, unschuldigen Naturen, die noch nicht
erfahren hatten, dass aus Liebesdurst, aus Liebeslust das Herz im Busen stärker
und stärker klopft. Gewiss, ich war erfreut und gerührt durch dies Annähern der
Nachtigall, wie ich mir denke, dass Du allenfalls freundlich bewegt werden
könntest durch meine Liebe, aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen,
warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah, dass ich sie mit
der Hand hätte haschen können, warum sah sie mich an und zwar mir ins Aug? - Das
Aug spricht mit uns, es antwortet auf den Blick, die Nachtigall wollte mit mir
sprechen, sie hatte ein Gefühl, einen Gedanken mit mir auszutauschen. (Gefühl
ist der Keim des Gedankens), und wenn es so ist, welchen tiefen, gewaltigen
Blick lässt uns hier die Natur in ihre Werkstatt tun; wie bereitet sie ihre
Steigerungen vor, wie tief legt sie ihre Keime, wie weit ist es noch von der
Nachtigall bis zu dem Bewusstsein zwischen zwei Liebenden, die ihre Inbrunst so
deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden, dass sie glauben müssen,
ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen. -
    Am andern Tag kam sie wieder, die Nachtigall - ich auch, mir ahnete, sie
würde kommen, ich hatte die Gitarre mitgenommen, ich wollte ihr was vorspielen,
an der Pappelwand war's, der wilden Rosenhecke gegenüber, die ihre langen
schwankenden Zweige über die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit
ihren Blüten beinah bis wieder an den Boden reichte; da sass sie, streckte ihr
Hälschen und sah mir zu, wie ich mit dem Sand spielte. Nachtigallen sind
neugierig, sagen die Leute, bei uns ist's ein Sprichwort: »Du bist so neugierig
wie eine Nachtigall«; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen, der
scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat? - was wird einstens aus dieser
Neugierde sich erzeugen? - O! nichts umsonst, alles braucht die Natur zu ihrem
rastlosen Wirken, es will und muss weitergehen in ihren Erlösungen. Ich stieg auf
eine hohe Pappel, deren Äste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den
Stamm gebildet waren; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die
Zweige mit der Schnur, an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte, es war
schwül, nun regten sich die Lüfte stärker und trieben ein Heer von Wolken über
uns zusammen. - Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder
niedergebeugt, aber der Vogel sass fest; je brausender der Sturm, je
schmetternder ihr Gesang, die kleine Kehle strömte jubelnd ihr ganzes Leben in
die aufgeregte Natur, der fallende Regen behinderte sie nicht, die brausenden
Bäume, der Donner übertäubte und schreckte sie nicht, und ich auch auf meiner
schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhecke, wenn sie sich
hob, und streifte über die Saiten, um den Jubel der kleinen Sängerin durch den
Takt zu mässigen. Wie still war's nach dem Gewitter! welche heilige Ruhe folgte
dieser Begeistrung im Sturm! mit ihr breitete die Dämmerung sich über die weiten
Gefilde, meine kleine Sängerin schwieg, sie war müde geworden. Ach, wenn der
Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Kräfte aufregt, dass sie ihm
dienen, wenn der ganze Mensch nichts mehr ist, als nur dienend dem Gewaltigen,
dem Höheren als er selbst, und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung, wie mild
ist es da, wie sind da alle Ansprüche, selbst etwas zu sein, aufgelöst in
Hingebung an den Genius! So ist Natur, wenn sie ruht vom Tagewerk: sie schläft,
und im Schlaf gibt es Gott den Seinen. So ist der Mensch, der unterworfen ist
dem Genius der Kunst, dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern
durchströmt, den prophetische Gabe durchleuchtet, oder der wie Beetoven eine
Sprache führt, die nicht auf Erden, sondern im Äter Muttersprache ist. Wenn
solche ruhen von begeisterter Anstrengung, dann ist es so mild, so kühl, wie es
heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur, und mehr noch in der Brust der
kleinen Nachtigall, denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle
andren Vögel, und um so kräftiger und um so inniger wird ihr der Genius, der es
den Seinen im Schlaf gibt, vergolten haben, ich aber stieg nach eingeatmeter
Abendstille von meinem Baum herab, und durchdrungen von den hohen Ereignissen
des eben Erlebten, sah ich unwillkürlich die Menschheit über die Achsel an.
                                     * * *
Alles ändert sich, die Menschen denken anders, wenn sie älter sind, als in der
Jugend. Ach! - was werde ich denn einstens denken, wenn mich dies irdische Leben
so lange bewahrt, bis ich älter in ihm werde! vielleicht gehe ich, statt zu dem
Freund, dann in die Kirche, vielleicht bete ich dann, statt zu lieben! Ach, wie
werd ich's dem Lieben gleichtun im Beten? - Hab ich je Andacht empfunden, so
war's an Deiner Brust, Freund! - Tempelduft, den Deine Lippen hauchen, Geist
Gottes, den Deine Augen predigen, es strömt von Dir aus eine begeisternde Macht,
Deine Gewande, Dein Antlitz, Dein Geist, alles strömt eine Heiligung aus. O Du!
- Deine Knie fest an meine Brust drückend, frag ich nicht mehr, was das für eine
Seligkeit sein möge, die im Himmel dem Frommen bereitet ist. - Gott von
Angesicht zu Angesicht schauen? - Wie oft hab ich mit geschlossnen Augen Deiner
Nähe mich gefreut. Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz, -
ja Geliebter! - was haben wir im Herzen als nur Gott? - Und wenn wir ihn da
nicht empfänden, wie und wo sollten wir seine Spur suchen? -
                                     * * *
Was fasele ich vom Frühling, was spreche ich von heiteren Tagen, von Genuss und
Glück? - Du! - das Bewusstsein von Dir verzehrt mir jede Regung; ich kann nicht
lächeln zum Scherz, ich kann nicht mich freuen, ich kann nicht hoffen mit den
andern. Dass ich Dich kenne, dass ich Dich weiss, macht meine Sinne so still.
                                     * * *
O heute ist ein wunderbarer Tag! - heute leide ich Schmerzen, so schwer ist die
Seele! Du bist nah, ich weiss es, gar nicht fern ist der Weg zu Dir, aber mich
trennt der kleine Raum wie die Unendlichkeit. Der Moment der Sehnsucht ist es,
der gefühlt und befriedigt sein will, und wenn der Geliebte den nicht ahnt, wenn
er die Liebe versäumt, was kann mich ihm nah bringen! Ach, schauerlicher Tag,
der heute in Erwartung und Sehnsucht verging!
    Wen mache ich zum Vertrauten? wer fühlt menschlich mit mir? - wem klag ich
über Dich? - wer ist mein Freund? - wer darf's wagen auf diesen Stufen
hinanzusteigen, auf denen ich mich aller menschlichen Berührung entoben habe? -
wer darf die Hand mir an die Stirn legen und sagen; »Der Friede sei mit dir?« -
    Dir klag ich's, den ich suche, Dir ruf ich's zu über die Klüfte, denk nur,
mit heissem Ruderschlag überfliege ich die Zeit, das Leben; ich jage sie hinter
mich, die Minuten der Trennung, und nun, ihr Inseln der Seligen, findet mein
Anker keinen Grund. Wildes Gestade! - feindseliger Strand! - Ihr lasset mich
nicht landen, nicht ahnen des Freundes Brust, der kennt die Geheimnisse und den
göttlichen Ursprung und meines Lebens Ziel. Er hat, dass ich ihn schauen lerne,
des Lichtes unbefleckten Glanz mir im Geiste geweckt, er hat - begleitend in
raschen Liedern die Genüsse, die Leiden der Liebe - mich gelehrt, zwischen
beiden voranschreitend: den Schicksalsschwestern, mit leuchtender Fackel des
Eros zu bestrahlen den Weg.
                                     * * *
Heute ist ein andrer Tag, die böse Furcht ist gestillt, es tobt nicht, es braust
nicht mehr im Herzen, die Klage unterbricht nicht mehr der Liebe glanzerfüllte
Stille. - Ach, heute ist die Sonne nicht hinab, ihre letzten Strahlen breiten
sich unter Deine Schritte; sie wandelt - die Sonne, sie steht nicht still, sie
führt Dich ein bei mir, wo Dämmerung Dir winkt und der von Violen geflochtene
Kranz. O Liebster! - dann steh ich schweigend vor Dir, und der Duft der Blumen
wird für mich sprechen bei Dir.
                                     * * *
Ich bin freudig wie der Delphin, der auf weitruhendem Meeresplan ferne Flöten
vernimmt; er jagt mutwillig die Wasser in die glänzende Stille der Luftöhen,
dass sie auf der glatten Spiegelfläche einen Perlenrausch verbreiten; jede Perle
spiegelt das Universum und zerfliesst, so jeder Gedanke spiegelt die ewige
Weisheit und zerfliesst.
    Deine Hand lehnte an meiner Wange, und Deine Lippe ruhte auf meiner Stirn,
und es war so still, dass Dein Atem verhauchte wie Geisteratem. Sonst eilt die
Zeit den Glücklichen, aber diesmal jagte die Zeit nicht; eine Ewigkeit, die nie
endet, ist diese Zeit, die so kurz war, so in sich, dass ihr kein Mass kann
angelegt werden.
    An milden Frühlingstagen, wo dünnes Gewölk der jungen Saat den
fruchtbringenden Regen spendet, da ist es so wie jetzt in meiner Brust; mir
ahnet, wie dem kaum gewurzelten Keim seine künftige Blüte ahnet, dass Liebe
ewige, einzige Zukunft sei.
    Gut sein begnügt die Seele, wie das Wiegenlied die Kinderseele zum Schlaf
befriedigt. Gut sein ist die heilige Ruhe, die der Same des Geistes haben muss,
eh er wieder gezeitigt ist zur Saat. - Der Geist aber ahnt, dass Gutsein die
Vorbereitung zu einem tiefen unerforschlichen Geheimnis ist. Das hast Du mir
anvertraut, Goete! - gestern abend beim Sternenhimmel am offnen Fenster, wo ein
Lüftchen nach dem andern hereinschwirrte und wieder hinaus. - Wenn also die
Seele gut ist: das ist eine Ruhe, ein Einschlafen im Schoss Gottes, wie der Same
im Schoss der Natur schläft, eh er keimt. Wenn aber der Geist das Gute will, so
will er die Gotteit selbst; so will er jenes Geheimnis der Güte als Speise,
Nahrung und Vorbereitung seiner nahen Verwandlung; so pocht er an, wie der
verborgne Strom im Felsenschoss, dass er ans Licht will. Solchen kühnen Mut hat
Dein Geist, dass seinem Dringen Tor und Riegel aufgetan wurden, und dass er
hervorbrausen durfte, über alle Zeiten hinweg, wo Geist in Geist greift, Well in
Well geboren, Well in Well verloren.
    Solcherlei Gespräche führten wir gestern abend, und Du sagtest noch: »Kein
Mensch würde glauben, dass wir beide so miteinander sprechen.«
    Wir sprachen auch von der Schönheit: Schönheit ist, wenn der Leib von dem
Geist, den er beherbergt, ganz durchdrungen ist. Wenn das Licht des Geistes von
dem Leib, den er durchdringt, ausströmt und seine Formen umkreist, das ist
Schönheit. Dein Blick ist schön, weil er das Licht Deines Geistes ausströmt und
in diesem Lichte schwimmt.
    Der reine Geist bildet sich einen reinen Leib im Wort, das ist die Schönheit
der Poesie. Dein Wort ist schön, weil der Geist, den es beherbergt, hindurch
dringt und es umströmt.
    Schönheit vergeht nicht! der Sinn, der sie in sich aufnimmt, hat sie ewig,
und sie vergeht ihm nicht.
    Nicht das Bild, das sie spiegelt, nicht die Form, die ihren Geist
ausspricht, hat die Schönheit: nur der hat sie, der in diesem Spiegel den eignen
Geist ahnt und ersehnt.
    Schönheit bildet sich in dem, der sie sucht und im Bild wiederzugeben sucht,
und in dem, der sie erkennt und sich ihr gleichzubilden sehnt.
    Jeder echte Mensch ist Künstler, er sucht die Schönheit und sucht sie
wiederzugeben, soweit er sie zu fassen vermag. Jeder echte Mensch bedarf der
Schönheit als der einzigen Nahrung des Geistes.
    Die Kunst ist der Spiegel der innersten Seele, ihr Bild ist es, wie sie aus
Gott hervorging, was die Kunst Dir spiegelt. Alle Schönheit ist eine Erkenntnis
Deiner eignen Schönheit.
    Die Kunst ist es, die Dir ein sinnliches Ebenmass des Geistes vor die
leiblichen Augen zaubert.
    Jeder Lebenstrieb ist Schönheitstrieb, sieh die Pflanze, ihre Triebe alle
sind erfüllt mit der Sehnsucht zu blühen, und die Befriedigung dieser Sehnsucht
lag schon im Samenkorn vorbereitet; also ist wohl Sehnsucht die sicherste
Gewährleistung. Wer sich nach ewiger Schönheit sehnt, der wird sie haben und
geniessen.
    Alles, was ich hier sage, schriebst Du mir ins Herz; wenn ich's noch nicht
mit rechter Freiheit ausspreche? - Weil ich's nicht ganz zu fassen vermag.
Gestern abend, da streifte Dein Aug über die fernen Gebirge, und da sagtest Du:
»Die Leidenschaft, die ins Herz geboren ist, soll auch wachsen und gedeihen,
denn es ist keine Begierde, der nicht das Göttliche gegenüberstände, um sie
selig zu machen.«
    Sie haben mich eingeführt in ihren Tempel, die Genien, und hier stehe ich
verzagt, aber nicht fremd, diese Lehren sind mir verständlich, diese Gesetze
geben mir Weisheit, das Trachten der Liebe ist nicht Trachten vergänglicher
Menschen. Alle Blumen, die wir brechen, werden unsterblich im Opfer, - ein
liebend Herz entschwingt sich feindseligem Los.
                                     * * *
Ich soll Dir erzählen von den Zeiten, wo ich Deinen Namen noch nicht hatte
nennen lernen? Gewiss, Du hast recht, wissen zu wollen, was mich auf Dich
vorbereitete, ich sagte Dir, dass Blumen und Kräuter zuerst mich ansahen, dass ich
erkannte, im Blick sei eine Frage, eine Forderung, die ich nur mit zärtlichen
Tränen beantworten konnte, dann lockte mich die Nachtigall, ihr selbständig
Handeln, ihr Gesang, ihr Annähern und Zurückziehen lockte mich noch mehr als das
Leben der Blumen, ich war ihr näher im Gemüt, ihr Umgang hatte etwas Reizendes;
aus meinem Bettchen konnte ich ihr nächtlich Lied hören, ihr melodisch Stöhnen
weckte mich, ich seufzte mit ihr und legte ihrem Gesang Gedanken unter, auf die
ich tröstende Antworten erfand. Ich erinnere mich, dass ich damals unter
blühenden Bäumen Ball spielte, ein junger Mann, der ihn fing, brachte mir ihn
und sagte: »Du bist schön!« - Dies Wort brachte mir Feuer ins Herz, es glühte
auf wie meine Wangen, aber ich dachte auf die Nachtigall, deren Gesang mich
wahrscheinlich nächtlich verschöne, und in diesem Augenblick brach die heilige
Wahrheit in meinem Geiste auf, dass alles, was über das Irdische erhebt,
Schönheit erzeugt, und ich widmete mich der Nachtigall mit mehr Eifer, mein Herz
hielt pochend still und liess sich von ihren Tönen berühren wie von göttlichem
Finger - ich wollte schön sein, und Schönheit war mir göttlich, ich neigte mich
vor dem Gefühl der Schönheit und überlegte nicht, ob es äusserlich war oder
innen. - Indessen hab ich bis heute immer in der Schönheit, wo sie sich mir
zeigte, eine nahe Verwandtschaft gefühlt, in Bildern, in Statuen, in Gegenden,
in schlanken Bäumen. Obschon ich nun nicht schlank bin, so regt sich doch etwas
in meinem Geist, was dieser Schlankheit entspricht, und ob Du auch lächelst, ich
sage Dir, während ich mit dem Blick ihre himmelanstrebenden Wipfel verfolge,
scheinen mir meine Eingebungen auch himmelanstrebend, und wie im Windesrauschen
die weichen Zweige hin und her wogen, so wogt ein Gefühl gleichsam als belaubtes
Gezweig eines hohen Gedankenstammes in mir. Und so wollte ich nur sagen, dass
alle Schönheit erzieht, und dass der Geist, der wie ein treuer Spiegel die
Schönheit fasset, hierdurch auch zu dem höheren Aufschwung kommt, der geistig
diese selbe Schönheit ist, nämlich allemal ihre göttliche Offenbarung. - So
denke denn Du, wie Du mir einleuchten musst, da Du schön bist. Schönheit ist
Erlösung. Schönheit ist Befreiung vom Zauber, Schönheit ist Freiheit,
himmlische; hat Flügel und durchschneidet den Äter. - Schönheit ist ohne
Gesetz, vor ihr schwindet jede Grenze, sie löst sich auf in alles, was ihren
Reiz zu empfinden vermag, sie befreit vom Buchstaben; denn sie ist Geist. - Du
bist empfunden von mir, Du machst mich frei vom Buchstaben und vom Gesetz. -
Sieh diese Schauer, die mich überwogen, es ist der Reiz Deiner Schönheit, der
sich auflöst, mir im Gefühl, dass ich selber schön bin und Deiner würdig.
                                     * * *
Der Sommer geht vorüber, und die Nachtigall schweigt, sie schweigt, sie ist
stumm und lässt sich auch nicht mehr sehen. Ich lebte da ohne Zerstreuung die
Tage hindurch; ihre Nähe war mir eine liebe Gewohnheit, es schmerzt mich, sie zu
entbehren, hätte ich doch etwas, was sie mir ersetzt! Vielleicht ein ander Tier,
- an die Menschen dachte ich nicht, im Nachbargarten ist ein Reh in einer
Umzäunung, es läuft hin und her an der Bretterwand und seufzt, ich mache ihm
eine Öffnung, wo es den Kopf durchstecken kann. Der Winter hat alles mit Schnee
bedeckt, ich suche ihm Moos von den Bäumen: wir kennen uns, wie schön sind seine
Augen; welche tiefe Seele sieht mich aus diesen an, wie wahr, wie warm! Es legt
gern den Kopf in meine Hand und sieht mich an, ich bin ihm auch gut, ich komme,
sooft es mich ruft; in den kalten hellen Mondnächten hör ich seine Stimme, ich
springe aus dem Bett, mit blossen Füssen lauf ich durch den Schnee, um dich zu
beschwichtigen. Dann bist du ruhig, wenn du mich gesehen hast, wunderbares Tier,
das mich ansieht, anschreit, als wenn es um Erlösung bäte. Welch festes
Vertrauen hat es auf mich, die ich nicht seinesgleichen bin! Armes Tier, du und
ich sind getrennt von unsersgleichen, wir sind beide einsam, und wir teilen dies
Gefühl der Einsamkeit; o wie oft hab ich für dich in den Wald gedacht, wo du
lang auslaufen konntest, und nicht ewig in die Runde, wie hier in deinem
Verschlag; dort liefst du doch deines Weges immerzu und konntest mit jedem
Schritte hoffen, endlich einen Gefährten zu treffen, hier aber war deines Ziels
kein Ende, und doch war alle Hoffnung abgeschnitten. Armes Tier! Wie schaudert
mich dein Geschick, und wie nah verwandt mag es dem meinen sein! Ich auch lauf
in die Runde, da oben seh ich die Sterne schimmern, aber sie halten alle fest,
keiner senkt sich herab, und von hier aus ist es so weit bis zu ihnen, und was
sich lieben lassen will, das soll mir nah kommen; aber so war's mir in der Wiege
gesungen, dass ich musste einen Stern lieben, und der Stern blieb mir fern; lange
Zeit hab ich nach ihm gestrebt, und meine Sinne waren aufgegangen in diesem
Streben, so dass ich nichts sah, nichts hörte und auch nichts dachte als nur
meinen Stern, der sich nicht vom Firmament losreissen werde, um sich mir zu
neigen. - Mir träumt, der Stern senkt sich tiefer und tiefer, schon kann ich
sein Antlitz erkennen, sein Strahlen wird zum Auge, es sieht mich an, und meine
Augen spiegeln sich in ihm. Sein Glanz umbreitet mich, von allem auf Erden,
soweit ich denken kann, soweit mich meine Sinne tragen, bin ich getrennt durch
meinen Stern.
                                     * * *
Nichts hab ich zu verlieren, nichts hab ich zu gewinnen, zwischen mir und jedem
Gewinn schwebst Du, der, göttlich strahlend im Geist, alles Glück überbietet;
zwischen mir und jedem Verlust bist Du, der sich mir menschlich herabneigt.
    Ich verstehe nur das Eine, an Deinem Busen die Zeit zu verträumen; - ich
verstehe nicht Deiner Schwingen Bewegung, die Dich in den Äter tragen, droben
in schwindelnder Höhe über mir, im ewigen Blau Dich schwebend erhalten.
                                     * * *
Mich und die Welt umkleidet Dein Glanz, Dein Licht ist Traumlicht der höheren
Welt, wir atmen ihre Luft, wir erwachen im Duft der Erinnerung; ja sie duftet
uns, sie hebt uns und trägt unser schwankendes Los auf ihren spiegelnden Fluten
der Götter allumfassenden Armen entgegen.
    Du aber hast's mir in der Wiege gesungen, dass ich Deinem Gesang, der in
Träumen mich wiegt über das Los meiner Tage, träumend auch lausche bis ans End
meiner Tage.
                                     * * *
Einmal schon, im Kloster, hatten mich die Geister bewogen, mich ihnen zu
gesellen, in den hellen Mondnächten lockten sie mich; ich durchwanderte
wunderliche dunkle Gänge, in denen ich die Wasser rauschen hörte, ich folgte
beklemmt, bis zum Springbrunnen kam ich; der Mond schien in sein bewegtes Wasser
und gewandete die Geister, die auf seinem wogenden Spiegel sich mir zeigten, in
Silberglanz; - sie kamen, sie bedeuteten mein fragendes Herz und verschwanden
wieder, es kamen andere, sie legten Geheimnisse auf meine Zunge, berührten alle
Lebenskeime in meiner Brust, bezeichneten mich mit ihrem Siegel, sie verhüllten
meinen Willen, meine Neigungen und die Kraft, die von ihnen auf mich ausgegangen
war. Wie war das? - Wie berieten sie mich? - Durch welche Sprache gab sich ihre
Lehre kund? - Und wie soll ich Dir darlegen, dass es so war? - Und was sie mir
lehrten? -
    Die Mondnacht deckte mich im süssen, tiefen Kindesschlaf, dann trat sie aus
sich selbst hervor und berührte mich an meinen Augen, dass sie ihrem Licht
erwachten, und senkte sich mit magnetischer Gewalt in meine Brust, dass ich alle
Furcht bezwang, auf Wegen, die nicht geheuer waren, forteilte in tiefer,
regungsloser Nacht, bis ich zum Springbrunnen kam zwischen Blumenbeeten, wo jede
Blume, jedes Kraut in täuschender Dämmerung ein Traumgesicht ausdrückte, wo sie
buhlten und stritten mit der Phantasie. Dort stand ich und sah, wie der von den
Lüften bewegte Wasserstrahl hinüber und herüber schwankte, und wie die
Mondstrahlen das bewegte Wasser durchwebten, und wie der Blitz mit zingelnder
Eile silberne Hieroglyphen in die wogenden Kreise schrieb; da kniete ich in den
feuchten Sand und beugte mich über dies schwindelnde Lichtweben und lauschte mit
allen Sinnen, und mein Herz hielt still, und ich nahm es an, als ob mir diese
schwindenden Strahlenzüge etwas hinschrieben, und mein Herz war freudig, als ob
ich sie verstanden hätte, dass ihr Inhalt mir Glück andeute; ich ging zurück
durch die langen, dunklen, labyrintischen Gänge, vorüber an Bildern von
wunderlichen Heiligen in gelassener Ruhe, bis zu meinem Bettchen, das im Erker
am Fenster eingeklemmt war, da öffnete ich leise das Fenster dem Mondlicht und
liess es meine Brust anstrahlen; - ja, mich umarmte in jenen glücklichen,
glückbringenden Momenten ein freudegeistiges Gefühl, gross, allumfassend; es
umarmte von aussen mein Herz, mein Herz fühlte sich umfasst von einer liebenden
Gewalt, der es sich anschmiegte im Schlummer, der von dieser Gewalt aus über
mich kam. Wie soll ich diese Gewalt nennen? - Lebensgeist? - Ich weiss es nicht,
- ich weiss nicht, was ich erfahren hatte, aber ein Begegnis war es mir, ein
wichtiges Ereignis, und ich war im Herzen als wie der Keim, der aus erster
Verhüllung ans Licht hervorbricht; ich saugte Licht mit dem Geist und sah mit
diesem, was ich vorher mit leiblichem Auge nicht gesehen haben würde, alles was
die Natur mir spielend darbot, gab mir eine Erinnerung an ein Verborgenes in
mir, die Farben und Formen der Pflanzenwelt sah ich mit tiefem, geniessendem,
verzehrendem Blick, durch den die Nahrung in meinen Geist übergehe.
    Ach, wir wollen schweigen, wir wollen leisen Nebelflor über dies Geheimnis
ziehen, durch den uns sein Inhalt ahnungsweise durchschimmert, ja wir wollen
schweigen, Freund! Wir können's ja doch nicht in Worten entüllen. Aber pflanzt
doch der irdische Mensch und säet in den Busen der Erde, die vorher unbefruchtet
war, dass ihre nährenden Kräfte eindringen in die Frucht ihrer Erzeugnisse. Hätte
sie Bewusstsein ihres sinnlichen Gefühls, dann würde dies Gefühl zu Geist in ihr
werden; - so vergleiche ich den Menschengeist mit ihr, ein vom himmlischen
Geistesäter umschwebtes Eiland; es wird aufgelockert und urbar gemacht, und
göttlicher Same wird seinen sinnlichen Kräften vertraut, und diese Kräfte regen
sich und spriessen in ein höheres Leben, das dem Licht angehört, welches Geist
ist; und die Frucht, die dieser göttliche Same trägt, ist die Erkenntnis, die
wir geniessen, damit unsere der Seligkeit zuwachsenden Kräfte gedeihen.
    Wie soll ich's noch darlegen, dass dieses leise Schauern und Spielen der
Lüfte, des Wassers, des Mondlichts mir wirklich Berührung mit der Geisterwelt
war? - Wie Gott die Schöpfung dachte, da ward der einzige Gedanke: »Es werde«,
ein Baum, der alle Welten trägt und sie reift. So ist auch dieser Hauch, dies
Gelispel der Natur in nächtlicher Stille ein leiser Geisterhauch, der den Geist
weckt und ihn besäet mit allen Gedanken, die ewig währen.
    Ich sah ein Inneres in mir, ein Höheres, dem ich mich unterworfen fühlte,
dem ich alles opfern sollte, und wo ich's nicht tat, da fühlte ich mich aus der
Bahn der Erkenntnis herausgeworfen, und noch heute muss ich diese Macht
anerkennen, sie spricht allen selbstischen Genuss ab, sie trennt von den
Ansprüchen an das allgemeine Leben und hebt über diese hinweg. Es ist sonderbar,
dass das, was wir für uns selbst fordern, gewöhnlich auch das ist, was uns
unserer Freiheit beraubt; wir wollen gebunden sein mit Banden, die uns süss
deuchten und unserer Schwachheit eine Stütze, eine Versicherung sind; wir wollen
getragen sein, gehoben durch Anerkenntnis, durch Ruhm, und ahnen nicht, dass wir
dieser Forderung das Ruhmwürdige und die Nahrung des Höheren aufopfern; wir
wollen geliebt sein, wo wir Anregung zur Liebe haben, und erkennen's nicht, dass
wir den liebenden Genius darum in uns verdrängen. Wo bleibt die Freiheit, wenn
die Seele Bedürfnisse hat und sie befriedigt wissen will durch äussere
Vermittlung? -
    Was ist die Forderung, die wir ausser uns machen, anders, als der Beweis
eines Mangels in uns? Und was bewirkt ihre Befriedigung, als nur die Beförderung
dieser Schwäche, die Gebundenheit unserer Freiheit in dieser? Der Genius will,
dass die Seele lieber entbehre, als dass sie von der Befriedigung eines Triebes,
einer Neigung, eines Bedürfnisses abhänge.
    Wir alle sollen Könige sein; und je widerspenstiger, je herrischer der
Knecht in uns, je herrlicher wird sich die Herrscherwürde entfalten, je kühner
und gewaltiger der Geist, der überwindet.
    Der Genius, der selbst die Flügel regt, sich in den blauen Äter erhebt und
Lichtstrahlen aussendet, der Macht hat, die Seligkeit durch eigne Kräfte zu
erzeugen; wie schön, wenn der sich vor Dir beugt und Dich lieben will, der nicht
um Liebe klagt, nicht sie fordert, sondern sie gibt. - Ja, schön und herrlich:
übergehen ineinander, in den Lichtsphären des Geistes, in aller Glorie der
Freiheit aus eignem, kräftigem Willen.
    Die Erde liegt im Äter wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im
Mutterschoss, die Liebe ist der Mutterschoss des Geistes.
    Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die
Liebe zu ihr.
    Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.
    Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen.
    Je allseitiger, je individueller.
    Nur der Geist kann von Sünden freimachen.
    Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.
    Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in
ihm.
    Du erwirbst, Du hast Dich selbst - wo Du liebst; wo Du nicht liebst,
entbehrst Du Dich.
    Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.
    Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.
    Gott lieben, ist Gott geniessen; wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du
Deinem Genius ein Gastmahl.
    Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.
    Eine Kunst erwerben, heisst dem Genius einen sinnlichen Leib geben.
    Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem
Vater eines bedeutenden Kindes. - Die Seele war da, und der Geist hat sie in die
sichtbare, fühlbare Welt geboren.
    Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fühlst Du wohl, es ist
Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich
bewegen zur Leidenschaft für ihn.
    Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist
Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen.
    Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.
    Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst
- es ist das Ideal Deiner eignen höheren Natur, was Du im Geliebten berührst.
    Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den
Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.
    Geist ist göttlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als
unberührtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als
Kunststoff benützt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.
    Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, - und jeder Irrtum ist
Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die
himmlischen Elemente blühen und Früchte tragen wird. Darum sollen wir die
Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches
unsere sinnlichen Kräfte in ein höheres Element hinüberblühen.
    Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die
Fülle des Geistes nie ausgehen.
    Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen
Schönheit. Schönheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.
    Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.
    Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht über Deinen Geist
gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten über sich einräumt.
    Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List,
jede Ausdauer; er muss sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch
seine idealische Natur.
    Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.
    Du berührst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben über Dich
fühlst.
    Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.
    Nichts soll Dich trennen von diesem göttlichen Selbst, alles, was eine Kluft
zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sünde.
    Nichts ist Sünde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill,
jede Kühnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die göttliche Freiheit in uns.
    Wer sich durch die Äusserung dieser göttlichen Freiheit beleidigt fühlt, der
lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist
Afterweisheit.
    Die Erkenntnis des Bösen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen
Liebe; die Sünde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.
    Du saugst göttliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius
strahlt göttliche Freiheit. -
    Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgründe schweift, den
göttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes,
kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschliesst.
    Wer die Tugend übt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner
kurzsichtigen Bildungsanstalt; - wer dem Genius vertraut, der atmet göttliche
Freiheit, dessen Fähigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich
überall wiederfinden im göttlichen Element.
    Ich habe oft mit dem Genius gespielt in der Nacht, statt zu schlafen, und
ich war müde, und er weckte mich zu vertraulichen Gesprächen und liess mich nicht
schlafen.
    So sprach der Dämon heute nacht mit mir, da ich versuchte, Dir deutlich zu
machen, in welchen wunderlichen Mitteilungen ich in diesen Kinderjahren
begriffen war; er setzte Gedanken in mir ab, ich erwog sie nicht, ich glaubte an
sie, sie waren wohl andrer Art, aber das Eigene hatten sie, wie auch noch jetzt,
dass ich sie nicht als Selbstgedachtes, sondern als Mitgeteiltes empfinde.
                                     * * *
Du bist gut, Du willst nicht, dass ich dies süsse Geschwätz mit Dir abbreche, es
ist doch allenfalls so schön und so verständlich wie das Blinken der Sterne, was
ich Dir hier sage; und wenn es auch nur wär eine Melodie, die sich durch meinen
Geist Luft machte - sie ist äusserst lieblich, diese Melodie, und lehrt Dich
träumen.
    O lerne schöne Träume durch mein Geschwätz, die Dich beflügeln und mit Dir
den kühlen Äter durchschiffen.
    Wie herrlich schreitest Du auf diesen Traumteppichen! Wie wühlst Du Dich
durch die tausendfältigen Schleier der Phantasie und wirst immer klarer und
deutlicher, Du selber, der da verdient geliebt zu sein; da begegnest Du mir und
wunderst Dich über mich und gönnst es mir, dass ich zuerst Dich fand.
    Schlafe! Senke Deine Wimpern ineinander, lasse Dich umweben so leise wie mit
Sommerfäden auf der Wiese. Umweben lasse Dich mit Zauberfäden, die Dich ins
Traumland bannen, schlafe! Und gib vom weichen Pfühle träumend ein halb Gehör.
                                     * * *
Am Weihnachtmorgen - das waren drei Jahre, eh ich Dich gesehen habe, - gingen
wir bei früher Zeit in die Kirche; es war noch Nacht, eine Laterne leuchtete
voran, um durch den Schnee den Fusspfad zu finden, wir kamen an einer verödeten,
verfallnen Klosterkirche vorüber, der Wind pfiff durch die zerbrochnen Fenster
und klapperte mit den losen Dachziegeln; »in diesem Gemäuer hausen die Geister«,
sagte der Laternenträger, »da ist es unsicher!« - Am Abend, im Zimmer der
Grossmutter, wo eine ebenso verödete und verfallene Gesellschaft eine Spielpartie
machte, erinnerte ich mich dieser Bemerkung; ich dachte, wie schauerlich es sein
müsse, da allein zu sein, und wie ich um alles in der Welt jetzt nicht dort sein
möchte. Kaum hatte ich mir dies überlegt, so war die Frage innerlich, ob ich's
nicht wagen möchte? - Ich schüttelte den Gedanken ab, er kam wieder, immer
furchtsamer war ich, immer mehr wehrte ich mich gegen diesen unausführbaren
Einfall, immer dringender wurde die Aufforderung dazu. Ich wollte ihr entgehen
und setzte mich in eine andere Ecke des wohlerleuchteten Zimmers, aber da war's
grade der offnen Tür eines dunklen Raumes gegenüber, nun spielten und zingelten
Winke in der Finsternis, sie webten und schwebten bis an mich heran. Ich
wickelte mich in den Fenstervorhang vor diesen Scheinwesen in der dunklen
Kammer, ich drückte die Augen zu und träumte in mich hinein, da war ein
freundlich Zureden in mir, ich solle an die Klostermauer gehen, wo die Geister
spuken. Es war acht Uhr abends, ich überlegte, wie ich's wagen solle, in dieser
Stunde einen einsamen weiten Weg zu gehen, den ich nicht genau kannte und den
ich selbst bei Tag nicht allein machen würde. - Es zog mich immer tiefer in
einen vertrauten, abgeschlossenen Kreis; die Stimmen der Spielenden vernahm ich
wie aus weiter Ferne, wie eine fremde Welt, die ausser meinem Kreis sich rege.
    Ich öffnete die Augen und sah die wunderlichen, unauflösbaren
Rätselgesichter der Spielenden dort sitzen, vom hellen Kerzenschein beleuchtet;
ich hörte die Ausrufungen des L'Hombrespiels wie Bannsprüche und Zauberformeln;
diese Menschen mit ihrem wunderlichen Beginnen waren gespensterhaft; ihre
Kleidung, ihre Gebärden unverständlich, grausenerregend; der Spuk war mir zu
nahegekommen - ich schlich mich leise hinaus. Auf der Hoftreppe atmete ich
wieder frei; da lag der reine Schneeteppich zu meinen Füssen und deckte sanft
anschwellend alle Unebenheiten; da breiteten die bereiften Bäume ihre silbernen
Zweige unter dem wandelnden Mondlicht aus. Diese Kälte war so warm, so
freundlich, hier war nichts unverständlich, nichts zu fürchten, es war, als sei
ich den bösen Geistern da drinnen entwischt; hier draussen sprachen die guten um
so vernehmlicher zu mir, ich zauderte keinen Augenblick mehr, ihrem Geheiss zu
folgen. Wie es auch werden mag, leise und behend klettere ich über das Hoftor,
jenseits werf ich mein Kleid über den Kopf, um mich zu verhüllen, und in
flüchtigen Sprüngen setz ich über den Schnee. Manches begegnet mir, dem ich
ausbeuge, mit gesteigerter Angst und klopfendem Herzen komme ich an, scheu und
furchtsam seh ich mich um, aber ich zaudere nicht, den öden Platz zu betreten;
ich bahne mir einen Weg durch das zusammengefallne, überschneite Gestein bis zur
Kirchenmauer, an die ich den Kopf anlehne. Ich lausche, ich höre das Klappern
der Ziegeln im Dach, und wie der Wind in dem losen Sparrwerk rasselt; ich denke:
»Ob das die Geister sind?« - Sie senken sich herab, - ich suche meine Angst zu
bekämpfen - sie schweben in geringer Höhe über mir, - die Furcht beschwichtigt
sich allmählich; es war, als ob ich die offne Brust dem Hauch des Freundes
biete, den ich kurz vorher noch für meinen Feind gehalten hatte.
    Wie ich zum erstenmal vor Dir stand - es war im Winter 1807 - da erblasste
ich und zitterte, aber an Deiner Brust, von Deinen Armen umschlossen, kam ich so
zu seliger Ruhe, dass mir die Augenlider zufielen und ich einschlief.
    So ist's, wenn wir Nektar trinken, die Sinne sind dieser Kost nicht
gewachsen. Da mildert der Schlaf den Sturm der Beseligung und vermittelt und
schützt die gebrochnen Kräfte; könnten wir umfassen, was uns in einem Moment
geboten ist, könnten wir sein verklärendes Anschauen ertragen, so wären wir
hellsehend; könnte sich die Macht des Glückes in uns ausbreiten, so wären wir
allmächtig; drum bitte ich Dich, wenn es wahr ist, dass Du mich liebst, begrabe
mich in Deinem Denken, decke mir Herz und Geist mit Schlaf, weil sie zu schwach
sind, um ihr Glück zu tragen. Ja Glück! Wer sich mit ihm verständigte, wie mit
einem Geist, dem er sich gewachsen fühlte, der müsste durch es seine irdische
Natur zur göttlichen verklären.
    Gestern kam ein Brief von Dir, ich sah das blaue Kuvert auf dem Tisch liegen
und erkannte ihn von weitem, ich verbarg ihn im Busen und eilte in mein einsames
Zimmer an den Schreibtisch, ich wollte Dir gleich beim ersten Lesen die Fülle
der Begeistrung niederschreiben. Da sass ich und faltete die Hände über dem
Schatz und mochte ihn nicht vom warmen Herzen herunternehmen. Du weisst, so hab
ich mich auch nie aus Deinen Armen losgemacht; Du warst immer der erste und
liessest die Arme sinken und sagtest: »Nun geh!« - Und ich folgte dem Befehl
Deiner Lippen. Hätte ich dem Deiner Augen gefolgt, so wär ich bei Dir geblieben;
denn die sagten: »Komm her!«
    Ich schlief also ein über dem Bewachen meines Kleinods im Busen, und da ich
erwachte, las ich die zwei Zeilen von Deiner Hand geschrieben: »Ich war auch
einmal so närrisch wie Du, und damals war ich besser als jetzt.«
    O Du! - Von Dir sagt die öffentliche Stimme, Du seist glücklich, sie preisen
Deinen Ruhm, und dass an den Strahlen Deines Geistes Dein Jahrhundert sich zum
Ätergeschlecht ausbrüte, zum Fliegen und Schweben über Höhen und den Flug nach
Deinen Winken zu richten; aber doch sagen sie, Dein Glück übersteige noch Deinen
Geist. O wahrlich, Du bist Deines Glückes Schmied, der es mit kühnem, kräftigem
Schlag eines Helden zurechtschmiedet; was Dir auch begegne, es muss sich fügen,
die Form auszufüllen, die Dein Glück bedarf, der Schmerz, der andre zum Missmut
und zur Klage bewegen würde, der wird ein Stachel für Deine Begeistrung. Was
andre niederschlägt, das entfaltet Deinen Flug, der Dich den Bedrängnissen
entebt, wo Du den reinen Äter trinkst und die Empfindung des Elends Dich nicht
verdirbt. Du nimmst Dein Geschick als Kost nur aus den Händen der Götter und
trinkst den bitteren Kelch wie den süssen mit dem Gefühl der Überlegenheit. Du
lässt Dich nicht berauschen, wie ich mich berauschen lasse auf dem Weg, der zu
Dir führt. Du würdest nicht, wie ich, der Verzweiflung hingegeben sein, wenn ein
Abgrund Dich von Deinem Glück trennte. Und so hat Unglück nichts mit Dir zu
schaffen. Du weisst es zu schaffen, Dein Glück, in jedem kleinen Ereignis, wie
die allselige Natur auch der geringsten Blume eine Blütezeit gewährt, in der sie
duftet und die Sonne ihr in den Kelch scheint.
    Du gibst jedem Stoff, jedem Moment alles, was sich von Seligkeit in ihn
bilden lässt, und so hast Du mir gegeben, da ich doch zu Deinen Füssen hingegeben
bin; und so hab auch ich einen Moment Deines Glückes erfüllt. Was will ich mehr!
Da in ihm eine Aufgabe liegt bis zum letzten Atemzug.
                                     * * *
Ich vergleiche Dich mit Recht jener freundlichen, kalten Winternacht, in der
sich die Geister meiner bemächtigten, in Dir leuchtet mir nicht die Sonne, in
Dir funkeln mir tausend Sterne, und alles Kleinliche, was der Tag beleuchtet,
schmilzt mir unberührt in seinen vieleckigen Widerwärtigkeiten in erhabenen
Massen zusammen.
    Du bist kalt und freundlich und klar und ruhig wie die helle Winternacht;
Deine Anziehungskraft liegt in der idealischen Reinheit, mit der Du die
hingebende Liebe aufnimmst und aussprichst. Du bist wie der Reif jener
Winternacht, der die Bäume und Sträucher mit allen kleinen Zweigen, Sprossen und
Knospen zukünftiger Blüte mit weicher Silberdecke umkleidet. Wie jene Nacht,
wechselnd mit Mond- und Sternenlicht, so beleuchtest Du Dein Begreifen und
Belehren in tausend sich durchkreuzenden Lichtern und deckst mit milder
Dämmerung und verschmilzst im Schatten; die aufgeregten Gefühle übergiessest Du
mit idealischen Formen, jede Stimmung wird durch Dein liebendes Verstehen
individueller und reizender, und durch Dein sanftes Beschwichtigen wird die
heftige Leidenschaft zum Genie.
                                     * * *
Von jenen abenteuerlichen Geister-Nachtwegen kam ich mit durchnässten Kleidern
zurück, vom geschmolzenen Schnee; man glaubte, ich sei im Garten gewesen. Über
Nacht vergass ich alles, erst am andern Abend um dieselbe Stunde fiel mir's
wieder ein und die Angst, die ich ausgestanden hatte; ich begriff nicht, wie ich
hatte wagen können, diesen öden Weg in der Nacht allein zu gehen und auf dem
wüsten, schaurigen Platz zu verweilen; ich stand an die Hoftüre gelehnt, heute
war's nicht so milde und still wie gestern, die Winde hoben sich und brausten
dahin, sie seufzten auf zu meinen Füssen und eilten nach jener Seite, die
schwankenden Pappeln im Garten beugten sich und warfen die Schneelast ab, die
Wolken trieben mit ungeheurer Eile, was festgewurzelt war, schwankte hinüber,
was sich ablösen konnte, das nahmen die jagenden Winde unaufhaltsam mit sich. -
In einem Nu war auch ich über die Hoftür und im flüchtigen Lauf atemlos bis an
die Kirche gekommen, und nun war ich so froh, dass ich da war; ich lehnte mich an
das Gemäuer, bis der Atem beschwichtigt war, es war, als ob Leib und Seele in
dieser Verborgenheit geläutert würden, ich fühlte die Liebkosungen von meinem
Genius in der Brust, ich fühlte sie als echte Mitteilungen im Geist. Alles ist
göttliche Mitteilung, was wir erfahren, alles Erkennen ist Aufnehmen des
Göttlichen, es kommt nur auf die zweifellose unschuldige Empfängnis unseres
Geistes an, dass wir auch den Gott in uns empfinden. Wie ich zum erstenmal vor
Dir stand und mich Dein Blick wie ein Zauberstab berührte, da verwandeltest Du
allen Willen in Unterwerfung, es kam mir nicht in den Sinn, etwas anders zu
verlangen, als in dieser Lichtatmosphäre in die mich Deine Gegenwart aufnahm, zu
verweilen, sie war mein Element; ich bin oft aus ihm verdrängt worden, immer
durch eigene Schuld. Die ganze Aufgabe des Lebens ist ja das Beharren in ihm,
und die Sünde ist das, was uns daraus verdrängt.
                                     * * *
So erlangen wir Seligkeit, wenn wir auf dem Weg uns zu erhalten wissen, auf dem
wir sie ahnen. Nie hatte ich eine bestimmtere Überzeugung von ihr, als wenn ich
glaubte, von Dir geliebt zu sein. Und was ist sie denn, diese Seligkeit? - Du
bist fern, wenn Du Dich der Geliebten erinnerst, so schmilzt Deine Seele in
diese Erinnerung ein und berührt so liebend die Geliebte, wie die Sonnenstrahlen
wärmend den Fluss berühren; wie die leisen Frühlingslüfte, die den Duft und den
Blütenstaub zu dem Fluss tragen, der diese schönen Geschenke des Frühlings mit
seinen Wellen vermischt. Wenn alles Wirken in der Natur sich geistig in sich
selbst fühlt, so empfindet der Fluss diese liebkosenden Berührungen als ein
innerlichstes Wesentlichstes. - Warum sollte ich dies bezweifeln? - Warum
empfinden wir die Entzückungen des Frühlings, als nur weil er den Rhytmus
angibt, mit dem der Geist sich aufzuschwingen vermag? - Also, wenn Du meiner
gedenkst, so gibst Du den Rhytmus an, mit dem meine Begeistrung sich zu dem
Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag.
    Ach, ich fühl's! Mich durchzücken leise Schauer, dass Du meiner gedenken
solltest in der Ferne, dass das Behagen, die Lust Deiner Tage einen Augenblick
erhöht wird durch meine Liebe. Sieh, so schön ist das Geweb meiner innern
Gedankenwelt, wer möchte es zerstören! Musik! Jeder Ton in ihr ist wesentlich,
ist der Keim einer Modulation, in die die ganze Seele sich fügt, und so
verschieden, so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind, in die diese
Gedankenwelt sich ergiesst: so umfasst sie doch und vernimmt die Harmonie, wie der
Ozean alle Strömungen in sich aufnimmt.
                                     * * *
So gehört denn auch zu unserm vögelsingenden, blüteschneienden Frühling, wo der
Fluss zwischen duftenden Kräutern tanzt und ein Herz im andern lebt, jener kalte,
vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter, wo die eisige Luft mir den Atem an den
Haaren zu Reif ansetzte, wo ich so wenig wusste, was mich in den Wintersturm
hinausjagte, als wo der Wind herkam, und wo er hineilte. Ach, Herz und Sturmwind
eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft, also Dir entgegen. - Darum riss es
mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schönen Augenblick entgegen,
der mein Leben in allen seinen Aspirationen entwickeln und in Musik auflösen
sollte.
                                     * * *
Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Frühling, der unter seiner
eisigen Decke der Zukunft harrt; es kann dem im Samen verschlossnen, in der Erde
verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht, und doch ist es seine
einzige Richtung; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor, um sich mit dem
Licht zu vermählen. -
    Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt, dies Vertrauen auf die geheime
Stimme, die mich so seltsame Wege leitete, die mir nur leise Winke gab, - was
war es anders als ein unwillkürliches Folgen dem Geist, der mich reizte, wie das
Licht das Leben!
                                     * * *
Meine verödete Kirche stand diesseits an der Höhe, einer Mauer, die tief
hinabging, einen Bleichplatz umschloss, der jenseits vom Mainfluss begrenzt war.
Während mir vor der Höhe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen
wollte, hatte ich mich unwillkürlich hinübergeschwungen, und so fand ich im
nächtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer, in die ich Hände und Füsse
einklemmte und hervorragende Steine, auf denen ich mir hinabhalf; ohne zu
bedenken, ob und wie ich wieder hinaufkommen werde, hatte ich den Boden
erreicht; eine Wanne, die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im
Herbst war vergessen worden, rollte ich bis zum Ufer, stellte sie da auf und
setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu; es war mir eine behagliche,
befriedigende Empfindung, so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins
Antlitz zu schauen. Es war, als habe ich einer geheimen Anforderung Genüge
geleistet. - Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lücken und Steine unter
Händen und Füssen, wie ich sie brauchte. - - Von nun an konnte kein Wetter, kein
Zufall mich abhalten, ich überwand alle Schwierigkeiten; ohne zu wissen wie,
fand ich mich an meiner Geistermauer, an der ich jeden Abend hinabkletterte und
in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah. Eine stiess ans Ufer,
ich sträubte mich nicht mehr gegen die dämonischen Eingebungen, zuversichtlich
sprang ich drauf und liess mich eine Weile forttreiben. Dann sprang ich auf die
nächste, bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte. - Es war eine
wunderbare Nacht! Warum? - Jeder Naturmoment ist wunderbar, ist ungeheuer, wo er
in seiner Freiheit waltet über den Menschengeist, ich habe mich ihm
preisgegeben, und so wirkte er als höchstes Ereignis. - Am fernen Horizont
schimmerte ein dunkles Rot, ein trübes Gelb und milderte die Finsternis zur
Dämmerung, das Licht, gefesselt in den Umarmungen der Nacht; dahin schaute ich,
dahin trug mich mein eisiger Seelenverkäufer, und der Wind, der sich kaum über
die Höhe des Flusses hob, spielte und klatschte zu meinen Füssen mit den Falten
meiner Kleider. Noch heute empfinde ich den königlichen Stolz in meiner Brust,
noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Füssen,
noch heute durchglüht mich die Begeistrung jener kühnen nächtlichen Fahrt, als
wenn es nicht vor sechs Jahren, sondern in dieser kalten Winternacht wär, in der
ich hier sitze, um Dir zulieb und meiner Liebe zum Gedächtnis alles
aufzuschreiben. Eine gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen, da war
ich ebenso willenlos, als ich den Fluss hinabgeschwommen war, wieder umgekehrt,
ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern, bis ich mich
glücklich am Ufer befand. Zu Hause im Bette überlegte ich, wo mich wohl noch
diese Wege hinführen möchten; es ahnte mir wie ein Weg, der immer weiter, aber
nicht zurückführen werde, und ich war neugierig auf das Abenteuer der nächsten
Nacht. Am andern Tag unterbrach eine zufällige Reise in die Stadt meine
nächtlichen Geisterwanderungen. Da ich nach drei Wochen zurückkehrte, war dieser
mächtige Reiz aufgehoben, und nichts hätte mich bewegen können, sie aus eigener
Willkür zu wagen. - Sie lenkten freilich einen Weg, diese freundlichen
Nachtgeister, der nicht wieder umlenkt, sie belehrten mich, wollten mich lehren
der Tiefe, dem Ernst, der Weisheit meines Glückes nachzugehen und seine
Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten. So machen es die Menschen;
während ihr Geschick ihnen einen vorübergehenden Genuss darbietet, wollen sie
ewig dabei verweilen und versäumen so, sich ihrem Glück, das vorwärts schreitet,
zu vertrauen, und ahnen nicht, dass sie den Genuss verlassen müssen, um dem Glück
nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen.
                                     * * *
Nur das eine ist Glück, was den idealischen Menschen in uns entwickelt, und nur
insofern ihn Genuss in den Äter hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten
Regionen, ist er ihm wahre Beseligung. - Gewiss, ich möchte immer bei Dir sein,
in Dein Antlitz schauen, Rede mit Dir wechseln, die Lust würde nimmer versiegen:
aber doch sagt mir eine geheime Stimme, dass es Deiner nicht würdig sein würde,
mir dies als Glück zu setzen. Vorwärtseilen in den ewigen Ozean, das sind die
Wege, die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben, auf denen ich Dich
gewiss nicht verlieren werde, da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir
vorüberschreiten werde, und so ist gewiss das einzige Ziel alles Begehrens die
Ewigkeit.
                                     * * *
Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlasst. Wir flüchteten vor dem
Getümmel der Österreicher mit den Franzosen; es war zu fürchten, dass unser
kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nächstens unter den
Hufen kämpfender Reiterei zertrümmert werde. Der Feind war nur flüchtig durch
Feld und Wald gesprengt, hatte über den Fluss gesetzt, und die heimliche Ruh des
beginnenden Frühjahrs lagerte schützend über den Saatfeldern, deren junges Grün
schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte, da wir wieder zurückkehrten.
    Die kräftigen Stämme der Kastanienallee, Du kennst sie wohl! Manche Träume
Deiner Frühlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die
Wette, wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond
entgegengeschlendert! Ich mag nicht daran denken; Du wirst Dich der heiteren
Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Fluss am Tag, seiner ruheflüsternden
Schilfgestade in warmen Sommernächten und seiner ringsum blühenden Gärten,
zwischen denen sich die reinlichen Strassen verteilen, noch gar wohl erinnern und
auch seiner Bequemheit für Deine Liebesangelegenheiten. Seitdem hat sich die
Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevölkerung ins Wunderbare gespielt, und
keiner würde es glauben, der's nicht gesehen hat, und jeder, der mit seinem
Reisejournal in der Tasche von seiner Reise um die Welt hier durchkäm, würde
glauben, in die Stadt der Märchen versetzt zu sein12; eine mystische Nation
wandelt in bunter, wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch; die Greise
und Männer mit langen Bärten in Purpur und grün und gelben Talaren, die Hälfte
des Gewandes immer von verschiedener Farbe, die wunderschönen Jünglinge und
Knaben in enganliegendem Wams, mit Gold verbrämt, die eine Hose grün, die andre
gelb oder rot, dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glöckchen am
Hals, oder am Abend durch die Strasse auf der Gitarre und Flöte präludierend, bis
sie vor Liebchens Fenster Halt machen! Denke Dir dies alles und den milden
Sommerhimmel, der sich darüber wölbt und dessen Grenzen eine blühende, tanzende
und musizierende Welt umfliesst; denke Dir den Fürsten jenes Volkes mit silbernem
Bart, weissem Gewand, der vor dem Tor seines Palastes auf öffentlicher Strasse auf
prächtigen Teppichen und Polstern lagert, umgeben von seinem Hofstaat, wo jeder
einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Würde an seiner fabelhaften
Kleidung hat. Da speist er unter freiem Himmel gegenüber den lustigen Gärten,
hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden blühender Gewächse aufgestellt
sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren, wo der Goldfasan und der Pfau
zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singevögel
jubeln, alles von zartem, grünem Rasen umschlossen, wo mancher Wasserstrahl
emporschiesst; die Knaben in verbrämten Kleidern goldne Schüsseln bringen,
indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt. Wir Kinder
machten manchmal im Vorübergehen da Halt und sahen und hörten dem Verein schöner
Jünglinge im Gesang, Flöte und Gitarre zu; aber damals wusste ich nicht, dass
nicht überall die Welt so heiter lieblich, so reinen Genusses sich ausbreite;
und so fand ich es auch nicht wunderbar, wenn die Nacht einbrach und aus dem
Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien herüberschallten, von einem Orchester
der ersten Künstler aufgeführt, wenn die herrlichen grossen Bäume mit so viel
bunten Lampen geschmückt waren, als Sterne sich am Himmel blicken liessen; da
suchte ich einen einsamen Weg und sah den glühenden Johanniswürmchen zu, wie
sich die im Flug durchkreuzten, und ich war überrascht von dem wunderbaren
Leuchten, ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern
Abend, um sie wiederzusehen, auf die Menschen aber freute ich mich nicht, - sie
leuchteten mir nicht ein, ich verstand und ahnte nicht, dass man sich mit ihnen
verständigen könne; - manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden
Instrumenten auf dem Main, bald hinab und hinauf, begleitet von vielen Nachen,
auf denen sich kaum ein Flüstern hören liess, so tiefernst hörten sie der Musik
zu. Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die
wechselnden Schatten, Lichter und Mondstrahlen und liess das kühle Wasser über
meine Hände laufen. So war das Sommerleben, das plötzlich durch die
rückkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward. Da war an kein Flüchten zu denken,
am Morgen, da wir erwachten, hiess es: »Hinab in den Keller! Die Stadt wird
beschossen, die Franzosen haben sich hereingeworfen, die Rotmäntel und die
Totenköpfe sprengen von allen Seiten heran, um sie herauszujagen!« Da war ein
Zusammenlaufen auf den Strassen, da erzählte man sich von den Rotmänteln, dass die
kein Pardon gäben, alles zusammenhauen, dass sie fürchterliche Schnurrbärte
haben, rollende Augen, blutrote Mäntel, damit das vergossene Blut nicht so
leicht zu bemerken sei. Allmählich wurden die Fensterladen geschlossen, die
Strassen leer, die erste Kugel, die durch die Strassen flog, eilte alles in die
Keller, auch wir, Grossmutter, Tante, eine alte Cousine von achtzig Jahren, die
Köchin, die Kammerjungfer, ein männlicher Hausgenosse. Da sassen wir, die Zeit
wurde uns lang, wir lauschten - eine Bombe flog in unsern Hof, sie platzte. Das
war doch eine Diversion, aber nun stand zu erwarten, dass Feuer ausbrechen könne.
Allerlei, was meiner Grossmutter unendlich wichtig war von Büchern, von Bildern,
fiel ihr ein, sie hätte es gern in den Keller gerettet. Der männliche
Hausgenosse demonstrierte, wie es eine Unmöglichkeit sei, den heiligen Johannes,
ein Bild, was die wunderbare Eigenschaft hatte, die Fabel geltend zu machen, er
sei ein Raffael, jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen, indem es viel zu
schwer sei; ich entfernte mich leise, stieg zum Saal, hob das schwere Bild ab,
nahm es an der Schnur über den Rücken, und so kam ich, noch eh die Verhandlung
beendigt war, zum Erstaunen aller und zur grossen Freude der Grossmutter, zur
Kellertreppe herabgepoltert, ich meldete noch, wie ich aus dem Saalfenster
gesehen und alles still sei; ich bekam die Erlaubnis, noch mehr zu retten, ich
bekam die Schlüssel zur Bibliotek, um Kupferwerke zu holen, mit freudiger Eile
sprang ich die Treppe hinauf, in die Bibliotek hätt ich längst gern mich
eingestohlen, da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln, wunderbarer Steine,
getrockneter Pflanzen, da hingen Strausseneier an den Wänden, Kokusnüsse, da
lagen alte Waffen, ein Magnetstein, an dem alle Näh- und Stricknadeln hängen
blieben, da standen Schachteln voll Briefschaften, Toiletten mit wunderlichem
alten Geschirr und Geschmeide, Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen, o
ich freute mich, den Schlüssel zu haben, ich holte herunter, was man verlangte,
zog den Schlüssel ab, ohne abzuschliessen, und dachte mir eine stille, einsame
Nacht, in der ich, alles durchsuchend und betrachtend, schwelgen wolle. Das
Schiessen hatte wieder angefangen, einzelne Reiter hörte man in gestrecktem
Galopp die furchtbare Stille der Strasse unterbrechen, die Furcht im Keller
stieg, man dachte jedoch nicht daran, dass ich verletzt werden könne, und ich
auch nicht; ich sprach nicht aus, dass ich mich nicht fürchte, und fühlte auch
nicht, dass ich Gefahr lief, und so überkam ich das schöne Amt, alle zu bedienen,
für alle Bedürfnisse zu sorgen. Ich hörte verschiedentlich die Reiter
vorübersprengen. »Das mag ein Rotmantel sein!« dachte ich, lief eilig ans
Fenster des unteren Geschosses, riss den Laden auf - siehe, - da hielt er in der
mitten Strasse mit gezogenem Säbel, langem fliegenden Schnurrbart, dicken,
schwarzen, geflochtenen Haarzöpfen, die unter der roten Pelzmütze hervorhingen,
der rote Mantel schwebte in den Lüften, wie er die Strasse hinabflog, - alles
wieder totenstill! - Ein junger Mensch in Hemdärmeln, blossem Kopf, totenblass,
blutbesprjetzt, rennt verzweiflungsvoll hin und wieder, rasselt an den Haustüren,
klopft an den Läden, keiner tut sich auf, mir klopft das Herz, ich winke - er
sieht es nicht. Jetzt eilt er auf mich zu, bittend, - da ertönt der Schall eines
Pferdes; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors, der Reiter, der ihn
suchend verfolgt, sprengt an ihm vorbei, hält einen Augenblick, späht in die
Ferne, wendet um und - fort. O, jeder Blick, jede Bewegung des Reiters und des
Pferdes haben sich tief in mein Gehirn geprägt, und der arme Angsterfüllte eilt
hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wände,
aber kaum, - da ist der Reiter schon wieder, er sprengt an mich heran, ich rühr
mich nicht vom Fenster, er verlangt Wasser, - ich eile in die Küche, es ihm zu
holen, nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Strasse hinabreiten gesehen
erst, mache ich meinen Laden zu, und nun sehe ich mich nach meiner geretteten
Beute um. Hätte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbügel gestellt,
so hätte er meinen Geretteten entdeckt, dieser küsste mir zitternd die Hände und
sagte mit leiser Stimme: »O mon dieu! mon dieu!«. Ich lachte vor Freuden, aber
dann brach ich in Tränen aus; denn es rührte mich, der Retter eines Menschen
geworden zu sein, so ohne mich zu besinnen, so ohne zu wissen wie. - Und Du
auch! - Rührt es Dich nicht? - Freut es Dich nicht, dass es mir gelungen ist? -
Mehr als alle Schmeichelreden, die ich Dir sagen könnte? - »Sauvez-moi!
Cachez-moi!« sagte er, »mon père et ma mère prieront pour vous.«. Ich fasste ihn
bei der Hand und führte ihn schweigend leise über den Hof nach dem Holzstall:
dort untersuchte ich seine Wunde, das Blut abwaschen konnte ich nicht, ich hatte
kein Wasser, holen mochte ich auch keins, der Nachbar Andree, dessen Du Dich
auch erinnern musst, war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen,
um das Kriegswesen zu beobachten, er konnte mich bemerken. Ein einzig Mittel
hatte ich erfunden; ich leckte ihm das Blut ab, - denn es ihm so mit Speichel
abzuwaschen, schien mir zu unbescheiden; er liess mich gewähren, ich zog leise
und sanft die anklebenden Haare zurück, - da flog ein Huhn mit grossem Geschrei
vom oberen Holz herunter, wir hatten es verscheucht von dem Ort, wo es seine
Eier zu legen pflegte, ich kletterte hinauf, um das Ei zu holen, die innere
weisse Haut legte ich über die Wunde - es mag wohl geheilt haben, ich will's
hoffen! - Nun eilte ich wieder in den Keller, die eine Schwester schlief, die
andere betete vor Angst, die Grossmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht
ihr Testament, die Tante hatte den Tee bereitet, ich bekam die Schlüssel zur
Speisekammer, um Wein und kalte Speisen zu holen, da dachte ich auch an den
Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot. So ging der Tag
vorüber und die Gefahr, der Keller wurde verlassen, mein Geheimnis fing an mich
zu beklemmen; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen, der Köchin half
ich in der Küche, ich holte ihr Wasser und Holz, unter dem Vorwand, dass es doch
noch gefährlich sein könne unter freiem Himmel, sie liess sich's gefallen; -
endlich und endlich kam die Nacht, der Nachbar hatte Rapport gebracht, dass
nichts zu fürchten sei vor der Hand, und so legte man sich zur Ruhe, deren man
so sehr bedurfte. Ich hatte meine Schlafstätte im Nebenzimmer der Grossmutter,
von da konnte ich den Holzstall, der vom Mond beschienen war, beobachten, ich
ordnete nun meinen Plan: fürs erste mussten Kleider geschafft werden, die den
Soldaten verleugneten. Wie gut, dass ich die Bibliotek offen gelassen! Da oben
hing ein Jagdkleid und Mütze - von welchem Schnitt, ob alt- oder neumodisch -
wusst ich nicht. Wie ein Geist schlich ich auf blossen Strümpfen an der Tante
Zimmer vorbei, schwebend trug ich's herunter, damit die metallnen Knöpfe nicht
rasselten, er zog es an, es sass wie angegossen - Gott hat es ihm angepasst und
die Jagdmütze dazu! Ich hatte das Geld, was man mir schenkte, immer in das
Kissen eines ledernen Sessels gesteckt, weil ich keine Gelegenheit hatte, es zu
brauchen. Jetzt durchsuchte ich den Sessel, und es fand sich eine ziemliche
Barschaft zusammen, die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhändigte. Nun
führte ich ihn durch den mondbeschienenen, blüteduftenden Garten; wir gingen
langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand, an die Mauer, wo
alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute, es war grade die
Zeit, was half's - dies Jahr musste sie gestört werden. Da wollte er mir danken,
da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch, er warf die Mütze ab und legte
den verbundenen Kopf auf meine Brust, was hatte ich zu tun? Ich hatte die Arme
frei, ich faltete sie über seinem Kopf zum Gebet; er küsste mich, stieg über die
Rosenheckenmauer in einen Garten, der zum Main führte, da konnte er sich
übersetzen; denn es waren Nachen am Ufer.
    Es gibt unerwartete Erfahrungen, die sind vergessen, gleich als ob sie nicht
erlebt wären, und erst dann, wenn sie wieder aus dem Gedächtnisbrunnen
heraufsteigen, ergibt sich ihre Bedeutung - es ist, als ob eine Lebenserfahrung
dazu gehörte, ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen; es sind andre Begebnisse,
auf die man mit Begeistrung harrt, und die schwimmen so gleichgültig vorüber wie
das fliessende Wasser. - Wie Du mich fragtest, wer mir den ersten Kuss gegeben
habe, dessen ich mich deutlich erinnere, da schweifte mein Besinnen hin und her
wie ein Weberschiffchen, bis allmählich dies Bild des Erretteten lebhaft und
deutlich hervortrat, und in diesem Widerhall des Gefühls erst werde ich gewahr,
welche tiefe Spuren sie in mir zurückgelassen! - So gibt es Gedanken wie
Lichtstrahlen, die einen Augenblick nur das Gefühl der Helle geben und dann
verschwinden, aber ich glaube gewiss, dass sie ewig sind und uns wieder berühren
in dem Augenblick, wo unsere sittliche Kraft auf die Höhe steigt, mit der allein
wir sie zu fassen vermögen. Ich glaube: mit uns selbst ins Gericht gehen, oder
wenn Du willst, Krieg führen mit allen Mächten, ist das beste Mittel, höherer
Gedanken teilhaftig zu werden. Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist,
das alle Befähigung zur Inspiration unterdrückt und sich wuchernd ausbreitet;
dahin gehören die Ansprüche aller Art nach aussen: wer etwas von aussen erwartet,
dem wird es in dem Innern nicht kommen, aller Reiz, der nach aussen zur
Versündigung wird, kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden; - das
Gefühl, das, sowie es sich mit der Oberfläche des Lebens berührt, gleich zur
Eitelkeit anschliesst: in der innersten Seele festgehalten, wird sich zu einer
demütigen Unterwerfung an die Schönheit ausbilden. Und so könnte wohl jede
Verkehrteit daher entstehen, weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung.
Alle Ansprüche, aller Reiz, alle Leidenschaft soll befriedigt werden, aber nur
durch das Göttliche, und so nicht der Sklave der Leidenschaft, sondern unserer
höheren Natur werden.
    Wenn ich mich über mich selbst stelle und über mein Tun und Treiben, dann
kommen mir gleich Gedanken, von denen empfinde ich, sie haben eine bestimmte
Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir, wie gewiss auch bei den
verschiedenen Epochen in dem Pflanzenleben die Nahrung eine verschiedne geistige
Richtung annimmt; dass zum Beispiel beim Blühen der Nahrungsstoff, der doch aus
denselben Elementen besteht, eine in sich selbst erhöhte geistige Verwandlung
vornimmt; denn er äussert sich ja nicht mehr bloss vegetierend in dem Leben der
Pflanze, sondern duftend, wissend, in ihrem Geist. Gedanken dieser Art beglücken
mich, wenn ich Frieden mit mir schliesse und den Schlaf gleichsam annehme als
Versöhnung mit mir selbst; so gestern abend fühlte ich vor dem Einschlafen, als
ob mich mein Inneres in Liebe aufgenommen habe, und da schlief ich die Ruhe bis
tief in meine Seele hinein und wachte von Zeit zu Zeit auf und hatte Gedanken.
Ich schrieb sie, ohne sie weiter zu spinnen oder ihren Gehalt zu wägen, ja
selbst manche, ohne sie ganz zu verstehen, mit Bleistift auf - und schlief dann
gleich wieder fort, aber bald weckte mich's wieder auf; diese Gedanken waren wie
Ausrufungen meiner Seele in der Empfindung von Behagen. Ich will sie hier
abschreiben, wie ich sie nacheinander erfahren. Ob sie Wert und Gehalt haben,
lasse ich unberührt, aber immer werden sie ein Beweis sein, dass der Geist auch
im Schlaf lebendig wirkt.
    Ich glaub, dass jede Handlung ihre unendlichen Folgen hat; dass uns die
Wahrheit Genuss gewährt, dass also jeder Genuss eine Wahrheit zum tiefsten Grunde
hat, dass also jeder Genuss durch seine Wahrheit legitimiert ist.
    Ich glaube, dass alle Ahnungen Spiegelungen der Wahrheit sind.
    Der Geist ist Auge, je schärfer er sieht, je deutlicher wird die Ahnung, je
reiner tritt das Spiegelbild der Wahrheit in der Empfindung auf. Die Vielheit
soll zur Einheit führen, der Spiegel fasset alles in einen Strahl zusammen.
    Das Licht gebärt das allseitige Leben und Streben in die Einheit, in das
Reich des Göttlichen.
    Die Philosophie ist Symbol der Leidenschaft zwischen Gott und dem Menschen.
    Die Liebe ist eine Metamorphose der Gotteit.
    Jeder Gedanke ist die Blüte einer Pflanze; was ist dann aber ihre Frucht? -
Die Wirkung auf unser Inneres ist ihre Frucht.
    Zum Denken des wahren Geistes gehört die Unschuld. Nur mit der unschuldigen
Psyche beredet sich der Geist.
    Der Geist stellt die erkrankte Unschuld her. Die Frucht des Geistes
geniessen, macht unschuldig, das ist die Wirkung der Frucht.
    Das Sinnliche ist Symbol des Geistigen, ist Spiegel einer noch nicht in die
geistige Erfahrung getretnen Wahrheit.
    Geistige Erfahrung ist gebornes Leben. Wenn wir Besitzer der geistigen
Wahrheit sind, dann ist das Sinnliche aufgelöst.
    Alles Sinnliche ist unverstanden, durch sein Verstehen wird es geistig.
    Geistige Entwicklung macht grosse Schmerzen, sie ist der Beweis, wie sehr der
Geist mit dem Physischen zusammenhängt.
    Der Geist, der keine Schmerzen macht, ist Leben nach der Geburt.
    Oft stirbt der Geist, sein Tod ist Sünde. Aber er ersteht wieder zum Leben;
die Auferstehung von den Toten macht Schmerzen.
    Der Geist ist ein Zauberer, er kann alles! Wenn ich mit dem vollen Gefühl
der Liebe vor Dich hintrete, dann bist Du da.
    Was ist denn Zauberei? Die Wahrheit des Gefühls geltend machen. -
    Die Sehnsucht hat allemal recht, aber der Mensch verkennt sie oft.
    Der Mensch hat einen sinnlichen Leib angenommen, damit er in ihm zur
Wahrheit komme; das Irdische ist da, damit sich in ihm das Göttliche
manifestiere.
    Das ganze Wirken der Natur ist nur ein Trieb, der Wahrheit nachzugehen. Die
Wahrheit hat keinen Leib, aber das sinnliche Leben ist die Spur ihres Wegs.
    Manchmal hab ich den Trieb, mich von Dir, wie ich Dich sinnlich erkenne,
abzuwenden und an das göttliche Geheimnis Deines Daseins zu appellieren, dann
fühl ich, dass sich alle verschiedenen Neigungen in einer auflösen.
    Gewiss! Die Liebe ist Instinkt einer höheren Gemeinschaft, einer göttlichen
Natur mit dem Geliebten. Drum schliesst Liebe alle verschiedenen Neigungen aus.
    Wenn wir erst wissen, dass alle äusseren Augen ein inneres Auge sind, das uns
sieht, so tun wir alles dem inneren Auge zulieb, denn wir wollen in unserer
geheimen Handlung der Schönheit gesehen sein.
    Unser Trieb, schön zu handeln, ist der Trieb, dem innern Auge wohlgefällig
zu erscheinen. Drum ist der Trieb nach Anerkenntnis, nach Ruhm eine verkehrte
Befriedigung dieser angebornen, unvertilgbaren Neigung, weil ihr Ursprung
göttlich ist. - Was haben wir von allem äusseren Glanz, von dem Gaukelspiel des
Beifalls einer unwissenden Menge, wenn wir vor dem Auge des inneren Genius nicht
bestehen, wenn unsere Schönheit vor ihm zerrüttet ist! ich will nur für meine
Schönheit leben, ich will nur ihr huldigen; denn sie ist der Geliebte selbst. -
    Wenn wir den Blick des inneren Auges umschreiben, so haben wir die Kunst und
das Wissen.
    Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben, es soll ebenso unschuldig die
Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst, und so wird sie ein Spiegel der
Wahrheit, ein Bild, in dem wir sie erkennen.
    Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit, es ist nicht sie
selbst, sie hat keinen Leib, sie hat nur eine Erscheinung.
    Suche nur die Wahrheit in Deinem Innern, so hast Du den Vorteil, sie zu
finden und Dich zugleich in sie aufzulösen.
    In Deinem Innern wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen, wie das Bewegen
des Wassers, es ist nichts als ein Bewegen, sich in die Wahrheit aufzulösen.
    Alles Leben löst sich in eine höhere Wahrheit auf, geht in eine höhere
Wahrheit über, wär es anders, so wär es Sterben.
    Schönheit ist eine Auflösung der sinnlichen Anschauung in eine höhere
Wahrheit; Schönheit stirbt nicht, sie ist Geist.
    Alle Disharmonie ist Unwahrheit.
    Wenn Du schlafen willst, so ergib Dich Deinem innern Mond. Schlaf in dem
Mondlicht Deiner Natur! Ich glaub, das erzieht und nährt Deinen inneren
Menschen, wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernährt und befördert. Wer von
selbst seinen Geist der Natur unterwirft, für den gibt es keinen Tod.
    Der Geist muss so mächtig werden, dass er den Tod des Leibes nicht empfindet.
    Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch mächtig sein, bloss durch die
Reinheit des Willens.
    In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben, dann ist
der Geist mächtig.
    Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden, dass er ein geistiger
Balsam sei.
    Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtümer wie die irdischen,
vielleicht verteilen die Geister ihre Fähigkeiten auf ihre Nachkommen! »Ich
erkenne an dem Gedanken, wes Geistes Kind du bist.« Dies Sprichwort beurkundet
meine Bemerkung.
    Wachsen ist das Gefühl, dass das Uranfänglichste zu seinem Ursprung in die
Ewigkeit dringt.
    Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen. O komm, Genius,
und befriede Dich mit mir!
    Hier übermannte mich ein tieferer Schlaf. - Am Morgen fand ich mein
beschriebenes Papier, ich erinnerte mich seiner kaum, aber sehr deutlich
erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht, und dass es eine Empfindung war,
wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein muss, und ich dachte, dass ich oft so
träumen möchte. -
    Nun will ich Dir auch gleich die Geschichte meines zweiten Kusses erzählen;
er folgte beinah unmittelbar auf den ersten, und was denkst Du von Deinem
Mädchen, dass es so leichtfertig geworden! Ja diesmal wurde ich leichtfertig, und
zwar mit einem Freund von Dir. - Es klingelt, hastig springe ich an die Haustür,
um zu öffnen; ein Mann in schwarzer Kleidung, ernsten Ansehens, etwas erhitzen
Augen tritt ein, - noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt, was sein
Verlangen ist, küsst er mich; noch ehe ich mich besinnen konnte, geb ich ihm eine
Ohrfeige, und dann erst seh ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein
freundliches Gesicht, das gar nicht erschreckt und nicht erbittert über mein
Verfahren zu sein scheint; um meiner Verlegenheit zu entgehen - denn ich wusste
nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan hatte - öffne ich ihm rasch die Türen zu
den Zimmern der Grossmutter. Da war nun meine Überraschung bald in Schrecken
umgewandelt, da diese mit der höchsten Begeistrung ausrief, einmal über das
andre: »Ist es möglich? Herder, mein Herder! Dass euer Weg euch zu dieser
Grillentür führt? - Seid tausendmal umarmt!« Und hier folgten diese tausend
Umarmungen, während denen ich mich leise davonschlich und wünschte, es möge in
diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen, die ihm mit einer Ohrfeige
war beantwortet worden. Allein, dem nicht so, er vergass weder Kuss noch Ohrfeige,
er schielte, an das Herz der Grossmutter von ihren umfassenden Armen gefesselt,
über ihre Achsel hinaus, nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden
Vorwurf. Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verständlich, er
sollte mich nicht verklagen, sonst wolle ich mich rächen, und schlich hinter die
Vorzimmer. Allein Herder hatte keine Andacht mehr für die Grossmutter, für ihre
schönen Erinnerungen aus der Schweiz, für ihre Mitteilungen aus den Briefen von
Julie Bondeli, für ihre Schmeichelreden und begeisterte Lobsprüche, für ihre
Reden von gelehrten Dingen. Er fragte, ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle
zeigen? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgeführt und von der
Grossmutter zugleich belehrt, wie glücklich wir seien, ihn zu sehen und von ihm
gesegnet zu sein. Er war auch gar nicht faul, ging rasch auf mich zu, legte mir
die Hand auf den Kopf, unter welcher ich ihn drohend ansah, und sagte langsam
und feierlich: »Diese da scheint sehr selbständig, wenn Gott ihr diese Gabe als
eine Waffe für ihr Glück zugeteilt hat, so möge sie sich ihrer ungefährdet
bedienen, dass alle sich ihrem kühnen Willen fügen und niemand ihren Sinn zu
brechen gedenke.« Ziemlich verwundert war die Grossmutter über diesen
wunderlichen Segen, noch mehr aber, dass er die Schwestern nicht segnete, die
doch ihre Lieblinge waren. Wir wurden entlassen und gingen in den Garten; - wir
trugen damals breite Schärpen von blau und weiss geflammter Seide, auf dem Rücken
waren sie in Schleifen gebunden, die in der vollen Breite, welche wohl eine Elle
betrug, ausgebreitet waren, so dass sie gleichsam Schmetterlingsflügel bildeten.
Während ich in meinem Blumenbeet arbeitete, haschte mich einer an diesen
Flügeln; es war Herder. »Siehst du, kleine Psyche«, sagte er, »mit den Flügeln
geniesst man wohl die Freiheit, wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen weiss,
aber an den Flügeln wird man auch gefangen, und was gibst du, dass ich dich
wieder loslasse?« - Er verlangte einen Kuss, ich verneigte mich und küsste ihn,
ohne das Geringste einzuwenden.
    Der Kuss des geretteten Franzosen war ganz im Einverständnis meiner
Empfindung, ich kam ihm auf halbem Weg entgegen, und doch war er unmittelbar
darauf vergessen, und jetzt erst, nach sechs Jahren, tauchte er aus meiner
Erinnerung auf als eine neue Erscheinung. Herders Kuss war von meiner Seite ganz
willenlos oder eher unwillig angenommen, und doch hab ich ihn nicht vergessen;
ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden, er verfolgte mich im
Traum; bald war mir's, als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt, bald
überraschte es mich, dass dieser grosse bedeutende Mann mich so dringend
aufgefordert hatte, ihn zu küssen, dies war mir eine rätselhafte Erfahrung.
Herder sah mich so feierlich an, nachdem er mich geküsst hatte, dass mich ein
Schauer befiel; der rätselhafte Name Psyche, dessen Bedeutung ich nicht
verstand, versöhnte mich einigermassen mit ihm, und wie denn manches Zufällige,
was vielen unscheinbar vorüberschweift, einen tief rührt und eine währende
Bedeutung für ihn gewinnt, so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman,
der mich einer unsichtbaren Welt zuführte, in der ich mich unter diesem Namen
begriffen dachte.
    So lehrte mir Amor das Abc, und in meiner Geisblattlaube, in der die Spinnen
rund um mich her dem beflügelten Insektenvolk Netze stellten, seufzte die kleine
beflügelte Psyche über dieser problematischen Lektion.
    Ach Herr! - Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild, sie schmeichelt den
jungen Trieben, dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender, die
geöffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kühle Kammer bewusstloser
Dunkelheit verschliessen, ihre Blüte fällt dem glühenden Strahl, der sie erst
lockte, als Opfer.
 
                                  Dritter Kuss
Der blinde Herzog vom Aremberg, der schöne, dessen Zügen die geheiligte Würde
der Legitimität aufgeprägt war, wollte gegen meinen Willen mir diesen Kuss geben,
ich aber war wie die schwankende Blume im Winde, die der Schmetterling
vergeblich umtanzt. Lass Dir's erzählen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus
dem Muschelkasten des Kindes, mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und
sie verstand, und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen, dass Du mit mir in
den Spiegel siehst, in dem ich mich erkenne und den Genius, der mich zu Dir
lenkt.
    Er war schön, der Herzog! - Schön für das grossgewölbte Kinderauge, das noch
kein Menschenantlitz erblickt hatte, dessen Züge Geist ausströmten. Wenn er
stundenlang bei der Grossmutter sass und sich von ihr erzählen liess, stand ich
neben ihm und starrte ihn an: ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen
Züge versunken, die dem gewöhnlichen Menschen nie geschenkt werden.
    Die reine, starke Stirn, deren Mitte eine Feuerstelle hatte für den
göttlichen Brand des Zorns, diese Nase, höher, kühner, trotzbietender als sein
schauerliches Schicksal, diese feinen feuchten Lippen, die mehr als alles andre
Befehl und Herrscherwürde aussprachen, die Luft tranken und ausseufzten die
tiefste Melancholie, diese feinen Schläfe, sich an den Wangen niederschmiegend
zum aufgeworfnen Kinn, wie der metallne Helm der Minerva! - Lass mich malen,
Goete, aus meinem kleinen Muschelkasten, es wird so schön! Sieh sie an, die
grellen abstechenden Farben, die der philosophische Maler vermeidet, aber ich,
das Kind, ich male so; und Du, der dem Kinde lächelt wie den Sternen, und in
dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen,
freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie.
    So war er, der schöne, blinde Herzog, so ist er noch jetzt in dem
Zauberspiegel der Erinnerung, der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt hält,
der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Füssen legt; so war seine Gestalt
oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend, dann stolz erstreckt,
sich aufrichtend, heiter verächtlich ironisch lächelnd, wenn er die
tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete. Da stand ich und starrte ihn
an, wie der Schäferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes, den an
den einsamen Felsen geschmiedeten, von der abgewendeten Welt unbeklagten
Prometeus anstarrt; da stand ich und saugte den reinen Tau, den die tragische
Muse aus ihrer Urne sprengt, um den Staub der Gemeinheit zu dämpfen, indem ich
in tiefer, bewusstloser Betrachtung über ihn versunken war. - Es war in seinem
zwanzigsten Jahr, im tollen, glühenden Übermut der Jugend, im Gefühl seiner
überwiegenden Schönheit und im geheimen Bewusstsein alles dessen, was dieser zu
Gebot stand, dass er am Tag der Jagd über die gedeckte Tafel sprang, mit seinen
Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde riss und am Boden
zerschmetterte, um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen, ihn zu
umarmen, mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen. Sie teilten sich auf der Jagd,
und der erste Schuss, den der Freund tat, war in beide Augensterne des Herzogs.
    Ich habe den Herzog nie bedauert, ich bin nie zum Bewusstsein über sein
Unglück gekommen; so wie ich ihn sah, erschien er mir ganz zu sich und seinem
Schicksal sich verhaltend, ohne Mangel; wenn ich andre hörte sagen: »Wie schade,
wie traurig, dass der Herzog blind ist!« so fühlte ich's nicht mit, im Gegenteil
dachte ich: »Wie schade, dass ihr nicht alle blind seid, um die Gemeinheit eurer
Züge nicht mit diesen vergleichen zu dürfen!« Ja Goete! Schönheit ist ja das
sehende Aug Gottes, Gottes Auge, auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen
ruht, erzieht die Schönheit, und ob der Herzog auch nicht gesehen habe, - er war
dem göttlichen Licht vermählt durch die Schönheit, und dies war allemal nicht
das bitterste Schicksal.
    Wenn ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte, da
fragte er »Qui est là? - Bettine! Amie viens que je tauche tes traits, pour les
apprendre par coeur!« Und so nahm er mich auf den Schoss und fuhr mit dem
Zeigefinger über meine Stirn, Nase und Lippen und sagte mir Schönes über meine
Züge, über das Feuer meiner Augen, als ob er sie sehen könne. Einmal fuhr ich
mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Grossmutter, ich sass neben ihm, er
fragte, ob wir noch in der Stadt seien, ob Häuser da seien und Menschen? - Ich
verneinte es, wir waren auf dem Land, da verwandelte sich plötzlich sein
Gesicht, er griff nach mir, er wollte mich ans Herz ziehen, ich erschrak;
schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner Arme entzogen und
duckte nieder in der Ecke des Wagens; er suchte mich, ich lachte heimlich, dass
er mich nicht fand, da sagte er: »Ton coeur est-il si méchant pour mépriser,
pour se jouer d'un pauvre aveugle?« Da fürchtete ich mich der Sünde meines
Mutwillens, ich setzte mich wieder an seine Seite und liess ihn gewähren, mich an
sich ziehen, mich heftig an sein Herz drücken, nur mit dem Gesicht beugte ich
aus und gab ihm die Wange, wenn er nach dem Mund suchte. Er fragte, ob ich einen
Beichtvater habe? - Ob ich diesem erzählen werde, dass er mich geküsst habe? Ich
sagte naiv schalkhaft: wenn er glaube, dass dies dem Beichtvater Vergnügen machen
werde, so wolle ich's ihm erzählen. »Non, mon amie, cela ne lui plaira pas, il
n'en faut rien dire, cela ne lui plaira absolument pas, n'en dites rien à
personne.« In Offenbach erzählte ich's der Grossmutter, die sah mich an und
sagte: »Mein Kind! Ein blinder Mann, ein armer Mann!« - Im Nachhausefahren
fragte er, ob ich der Grossmutter gesagt habe, dass er mich geküsst habe; ich sagte
»ja«. »Nun, war die Grossmutter bös?« - »Nein«, »Et bien? Est ce quelle n'a rien
dit?«. - »Oui!«. - Et quoi?« - »Ein blinder Mann, ein armer Mann!« »O qui!« rief
er, »elle a bien raison! Ein blinder Mann, ein armer Mann!« und so rief er
einmal ums andre: »Ein blinder Mann, ein armer Mann!« bis er endlich in einen
lauten Schrei der Klage ausbrach, der mir wie ein Schwert durchs Herz drang,
aber meine Augen blieben trocken, während seinen erstorbenen Tränen entfielen.
Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet.
                                     * * *
Wir hatten einen schönen Garten am Haus, Ebenmass und Reinlichkeit war seine
Hauptzierde, an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit ausländischen
Fruchtbäumen, im mitten Gang standen diese Bäume so edel, so hoch, so frei von
jedem Fehl, sie hingen ihre schlanken Äste schwertragend im Herbst an den Boden,
es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel, im Eingang waren auf
beiden Seiten zwei gleichmässige Teiche, in deren Mitte Blumeninseln waren, hohe
Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Bäumen in den
angrenzenden Gärten. Denke doch, wie es mir da erging, wie da alles so einfach
war und wie ich Deiner bewusst ward.
    Warum wühlt's mir im Herzen, wenn ich mich dran erinnere, dass die
Blütenkätzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den
Knospen mich beregneten, wie ich da so still in der Mittagsstunde sass und dem
Streben der jungen Weinranken nachspürte, wie die Sonnenstrahlen mich umwebten,
die Bienen mich umsummten, die Käfer hin und her schwirrten, die Spinne ihr Netz
ins Gitter der Laube hing? - In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal
innegeworden. - Da lauschte ich, da hörte ich in der Ferne den Lärm der Welt, da
dachte ich: du bist ausser dieser Welt, aber mit wem bist du? - Wer ist bei dir?
- Da besann ich mich auf nah und fern, da war nichts, was mir angehörte. Da
konnte ich nichts erfassen, mir nichts denken, was mein sein könne. Da trat
zufällig, oder war's in den Wolken geschrieben, Deine Gestalt hervor; ich hatte
von Dir nichts weiter gehört als Tadel, man hatte in meiner Gegenwart gesagt:
Goete ist nicht mehr so wie sonst, er ist stolz und hochmütig, er kennt die
alten Freunde nicht mehr, seine Schönheit hat gewaltig abgenommen, und er sieht
nicht mehr so edel aus wie sonst; noch manches wurde von der Tante und
Grossmutter über Dich gesprochen, was zu Deinem Nachteil war. Ich hatte es nur im
Vergessen angehört; denn ich wusste nicht, wer Du seist. - Jetzt in dieser
Einsamkeit und abgeschlossnen Stille unter den Bäumen, die eben blühen wollten,
da kamen diese Reden mir wieder ins Gedächtnis, da sah ich im Geist, wie die
Menschen, die über Dich urteilen wollten, unrecht hatten, ich sagte zu mir
selbst: Nein! Er ist nicht unschön, er ist ganz edel, er ist nicht übermütig
gegen mich. Trotzig ist er nur gegen die Welt, die da draussen lärmt, aber mir,
die freundlich von ihm denkt, ist er gewogen, und zugleich fühlte ich, als ob Du
mir gut seist, und ich dachte mich von Deinem Arm umfasst und getrennt durch Dich
von der ganzen Welt, und im Herzen spürte ich Dir nach und führte freundliche
Gespräche in Gedanken mit Dir, da kam nachher meine Eifersucht, wenn man von Dir
sprach oder Deinen Namen sagte, es war, als habe man Dich aus meiner Brust
gerufen. Vergesse nicht, Goete, wie ich Dich lieben lernte, dass ich nichts von
Dir wusste, als dass man Dich in meiner Gegenwart böslich erwähnt hatte; die Tante
sprach von Deiner Freigeisterei, und dass Du nicht an den Teufel glaubst, ich
glaubte auf der Stelle auch nicht an den Teufel und war ganz Dein und liebte
Dich, ohne zu wissen, dass Du der Dichter seist, von dem die Welt so Grosses
spreche und erwarte, das kam alles später; damals wusst ich nur, dass die Leute
Dich tadelten, und mein Herz sagte: Nein, er ist grösser und schöner als alle,
und da liebte ich Dich mit heisser Liebe bis auf heut und trotzte der ganzen Welt
bis auf heut, und wer über Dich sprach, von dem wendete ich mich ab, ich konnte
es nicht anhören. Wie ich aber endlich Deine Herrlichkeit fassen sollte, da
dehnten mir grosse Schmerzen die Brust aus, ich legte in Tränen mein Angesicht
auf das erste Buch, was ich von Dir in Händen bekam, es war der Meister, mein
Bruder Clemens hatte es mir gebracht. Wie ich allein war, da schlug ich das Buch
auf, da las ich Deinen Namen gedruckt, den sah ich an als wie Dich selber. Dort
auf der Rasenbank, wo ich wenig Tage vorher zum erstenmal Deiner gedacht und
Dich im Herzen in Schutz nahm, da strömte mir eine von Dir geschaffne Welt
entgegen, bald fand ich die Mignon, wie sie mit dem Freund redet, wie er sich
ihrer annimmt, da fühlte ich Deine Gegenwart, ich legte die Hand auf das Buch,
und es war mir in Gedanken, als stehe ich vor Dir und berühre Deine Hand, es war
immer so still und feierlich, wenn ich allein mit dem Buch war, und nun gingen
die Tage vorüber, und ich blieb Dir treu, ich hab an nichts anders mehr gedacht,
womit ich mir die Zeit ausfüllen solle. Deine Lieder waren die ersten, die ich
kennen lernte, o wie reichlich hast Du mich beschenkt für diese Neigung zu Dir,
wie war ich erstaunt und ergriffen von der Schönheit des Klangs, und der Inhalt,
den ich damals nicht gleich fassen konnte, wie ich den allmählich verstehen
lernte, was hat dies alles in mir angeregt, was hab ich erfahren und genossen
und welche Geschicke hab ich erlebt, wie oft hat Eifersucht gegen diese Lieder
mich erregt, und in manchen, da fühlte ich mich besungen und beglückt. - Ja,
warum sollte ich mich nicht glücklich träumen? - Welche höhere Wirklichkeit gibt
es denn als den Traum? - Du wirst nie im Schoss des ersehnten Glückes finden, was
Du von ihm geträumt hattest. - Jahre gehen dahin, dass einer dem andern sich nahe
wähnt, und doch wird sich nie die eigentümliche Natur ans Licht wagen, der erste
Augenblick freier unbedingter Bewegung trennt Freundschaft und Liebe. Die ewige
unversiegbare Quelle der Liebe ist ja eben, dass sie Geheimnisse in ihren klaren
Wellen führt. Das Unendliche, der Sehnsucht Begehrliche des Geistes ist aber,
dass er ewige Rätsel darlege. Drum mein Freund, träume ich, und keine Lehren der
Weisheit gehen so tief in mich ein und begeistern mich zu immer neuen
Anschauungen wie diese Träume; denn sie sind nicht gebaut auf Missverständnisse,
sondern auf das heilige Bedürfnis der Liebe. - Mein erstes Lesen Deiner Bücher!
Ich verstand sie nicht, aber der Klang, der Rhytmus, die Wahl der Worte, denen
Du Deinen Geist vertrautest, die rissen mich hin, ohne dass ich den Inhalt
begriff, ja, ich möchte sagen, dass ich viel zu tief mit Dir beschäftigt war, als
dass die Geschichte Deiner Dichtungen sich hätte zwischen uns drängen können;
ach, es hatte mir niemand von Dir gesagt, er ist der grösste, der einzige Mensch
unter allen, ich musste es alles selbst erfahren, wie ich Deine Bücher allmählich
verstehen lernte, wie oft fühlte ich mich beschämt durch diese machtausübenden
Begeistrungen, da stand ich und redete im Spiegel mit mir: »Er weiss von dir
nichts, in dieser Stunde läuten ihm andere Glocken, die ihn da- und dortin
rufen, er ist heiter, der Gegenwärtige ist ihm der Liebste, armes Kind! Dich
nennt sein Herz nicht«, da flossen meine Tränen, da hab ich mich getröstet und
hatte Ehrfurcht vor dieser Liebe als vor etwas ganz Erhabnem. Ja, es ist wahr,
es ist ein höherer Mensch innewohnend, dem sollen wir immer nachgehen, seinem
Willen Folge leistend, und keinem andern sollen wir Altäre bauen und Opfer
bringen, nichts soll ausser ihm geschehen, wir sollen von keinem Glück wissen als
nur in ihm.
    So hab ich Dich geliebt, indem ich dieser inneren Stimme willfahrte, blind
war ich und taub für alles, kein Frühlingsfest und kein Winterfest feierte ich
mit, auf Deine Bücher, die ich immer lesen wollte, legte ich den Kopf und schloss
mit meinen Armen einen Kreis um sie, und so schlief ich einen süssen Schlaf,
während die Geschwister in schönen Kleidern die Bälle besuchten, und ich sehnte
mich, immer früher zum Schlafen zu kommen, bloss um da zu sein, wo ich Dir näher
war. So ging die Zeit zwischen sechzehn und achtzehn Jahren hin, dann kam ich zu
Deiner Mutter, mit der ich von Dir sprach, als ob Du mitten unter uns seist,
dann kam ich zu Dir und seitdem weisst Du ja, dass ich nie aufgehört habe, mit Dir
innerhalb dieses Kreises zu wohnen, den ein mächtiger Zauber um uns zieht. Und
Du weisst von da an alles, was in meinem Herzen und Geist vorgeht, drum kann ich
Dir nichts anders mehr sagen, als zieh mich an Dein Herz und bewahr mich an
demselben Dein Leben lang.
    Gute Nacht, morgen reise ich in die Wetterau.
                                     * * *
 
                             Reise in die Wetterau
Wie es hier aussieht, das muss ich Dir beschreiben. Eine weite Ebne, lauter Korn,
von allen Seiten, als wär die Erde ein runder Teller, aber doch mit einem Rand;
denn sanft schwillt die Fläche in die Runde bergan, abwechselnd umkränzt von
Wald und Berggipfeln. Da stehe ich in der Mitte im wogenden Korn! Hätte ich
Pfeil und Bogen und schösse nach allen Richtungen vom Mittelpunkt aus, so würde
mein Pfeil einer alten Burg zufliegen, ich lauf nach allen Seiten, und wo eine
auftaucht, da wandre ich hin; da hab ich manchen Graben zu überspringen, manch
Wasser zu durchwaten, Wälder zu durchkreuzen, steile Klippen zu erklettern;
wären's Abgründe, reissende Ströme, Wüsteneien und schwindelhohe Felswände, so
wär ich der kühnste Abenteurer. - An jeder alten Ruine ein kleines Schwalbennest
von Menschenwohnung angemörtelt, wo wunderliche steinalte Leute wohnen, abgelöst
von den meisten Beziehungen mit ihresgleichen, und doch mit einem herzrührenden
wolkendurchbljetzten Blick versehen. - Gestern gingen wir wohl eine gute Stunde
durch schön geordnete Traubengänge, bis wir an die steile Höhe kamen, wo die
Festungsmauern beginnen und das Hinansteigen nur durch Geübteit oder
Kunstsprünge erleichtert wird. Da oben haben sich ein paar mitleidige Birnbäume
erhalten und Eichen mit grossem, breitem Laubdach und eine Linde im schwimmenden,
heissen Dampf ihrer Blüte. Mitten in dieser ehrwürdigen Gesellschaft, den Zeugen
früherer Tage, lag auf spärlichem Rasen ein alter Mann mit silbernem Haar und
schlief. Das unreife Obst, was von den Bäumen gefallen war, lag gesammelt an
seiner Seite, seinen Händen war wahrscheinlich das danebenliegende, sehr
zerlesene offene Gesangbuch entfallen, auf das ein schwarzer Hund mit glühenden
Augen die Schnauze gelegt hatte; er machte Miene zu bellen, allein um seinen
Herrn nicht zu wecken, hielt er an sich, wir auch gingen im weiteren Kreise um
das kleine Revier, um dem Hund zu zeigen, dass wir keine böse Absicht hatten. Aus
dem Speisekorb nahm ich ein weisses Brot und Wein, ich wagte mich, so nah mir der
Hund erlaubte, und legte es hin, dann ging ich nach der andern Seite und übersah
mir das Tal; es war geziert mit Silberbändern, die ins Kreuz die grünen Matten
einschnürten, der schwarze Wald umarmte es, die fernen Bergkuppen umwachten es,
die Herden wandelten über die Wiesen, die Wolkenherde zog der Sonne nach, von
ihrem Glanz durchschimmert, und liess die blasse Mondessichel allein stehen, dort
über dem schwarzen Tannenhorst; so umwandelte ich rund meine Burg und sah hinab
und hinauf, überall wunderliche Bilder, hörte schwermütige Töne und fühlte
leises, schauerliches Atmen der Natur, sie seufzte, sie umschmeichelte mich
wehmütig, als wolle sie sagen: »Weine mit mir!« - Ach, was steht in meiner
Macht? - Was kann ich ihr geben!
    Da ich zurückkehrte, sah ich im Vorübergehen den Alten unter dem Baum mit
dem Hund, der aufrecht vor ihm sass und ihm in den Mund sah, das weisse Brot
verzehren, was ich bei ihn gelegt hatte.
                                     * * *
Gegenüber liegt eine andre Burg, da wohnt als Gegenstück eine alte Frau, umgeben
von drei blonden Enkel-Engelsköpfchen, wovon das älteste drei Jahr und das
jüngste sechs Monate ist. Sie ist nah an siebenzig Jahre und geht an Krücken; im
vorigen Jahr war sie noch rüstig, erzählte sie, und hatte vom Schulmeister den
Dienst, die Glocken zu läuten, weil die Kirche höher lag wie das Dorf und näher
an der alten Burgruine; ihr Sohn war Zimmermann, er ging in der kalten
Weihnachtszeit in den Wald, um Holz zu fällen und zum Bau zu behauen, er kam
nicht wieder, - er war erfroren im Wald. Da man ihr die Nachricht brachte, ging
sie hinab in den Wald, um ihn noch einmal zu sehen, und da fiel sie zusammen und
erlahmte, man musste sie wieder die steilste Anhöhe hinauftragen, von der sie nun
nicht wieder herabkommt. »Ich sehe alle Abend die Sterne, die auf mein Grab
scheinen werden, und das freut mich«, sagte sie, »ich habe Friede geschlossen
mit allen Menschen und mit allem Schicksal, der Wind mag brausend daherfahren,
wie in der Bibel stehet, und den alten Eichen den Hals umdrehen, oder die Sonne
mag meine alten Glieder erwärmen, - ich nehme alles dahin. Friede mit allen
Dingen macht den Geist mächtig - der wahre Friede hat Flügel und trägt den
Menschen noch bei Leibes Leben hoch über die Erde dem Himmel zu, denn er ist ein
himmlischer Bote und zeigt den kürzesten Weg; er sagt, wir sollen uns nirgendwo
aufhalten, denn das ist Unfriede; der grade Weg zum Himmel ist Geist, das ist
die Strasse, die hinüber führt, dass man alles versteht und begreift, wer gegen
sein Schicksal murrt, der begreift es nicht, wer es aber in Frieden dahinnimmt,
der lernt es auch bald verstehen; was man erfahren und gelernt hat, das ist
allemal eine Station, die man auf der Himmelsstrasse zurückgelegt; ja, ja! Das
Schicksal des Menschen entält alle Erkenntnis, und wenn man erst alles
verstanden hat auf dieser irdischen Welt, dann wird man ja doch wohl den lieben
Gott können begreifen lernen. Niemand lernt begreifen, denn durch Eingebung vom
heiligen Geist; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen; - ich
erkenne gleich in jedes Menschen Herz, was ihn sticht und was ihn brennt, und
weiss auch, wann die Zeit kommt, die ihn heilt; ja ich muss noch täglich weinen
über meinen lieben Sohn, der erfroren ist, aber weil ich weiss, dass er die
irdische Strasse zurückgelegt hat, so hab ich nichts dawider, ich lese auch
täglich in diesem Buch, da stehen diese grossen Wahrheiten alle geschrieben.« Sie
gab uns einen alten Gesang zu lesen: »O Herr! Du führst mich dunkle Wege, am
Ende aber seh ich Licht«; in diesem stand zwar nichts von dem, was sie uns
mitgeteilt hatte, als nur einzelne Hauptworte.
    Im Nachhausegehen vertrieben uns die Giessener Studenten die Grillen, sie
hatten sich am Abhang des Berges in grossen Weinlauben gelagert, sie sangen, sie
jauchzten, Gläser und Flaschen flogen hinab, sie tanzten, walzten und wälzten
sich den Berg hinunter und durchschallten das Tal mit ihrem grausamen Gebrüll.
                                     * * *
 
                                 Die Ammenburg
So nenne ich die kleine Wohnung, die grade so gross ist, den einfachsten
Bedürfnissen eines einzelnen Menschen in schöner wohltuender Ordnung zu genügen,
sie ist mit roten Steinen oben auf eine mit samtnen Rasen bekleidete, kegelrunde
Bergkuppe aufgemauert. Vor drei Jahren stand sie noch nicht hier, da war die
Liebe der einzige Schutz gegen Wind und Wetter, da kamen sie häufig zusammen vom
Frühling bis zum Herbst, von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang lagen sie, vom
Mond belacht, auf Blumenrasen zwischen silbernen Bergquellen, im Winter rief ihn
die Kriegstrompete, Armide blieb allein, aber nicht lange, da kam Amor das Kind,
sie legte ihn in die Wiege, sie nährte es mit der Milch ihrer Brüste und noch
ein anderes dazu. Für den Ammenlohn kaufte sie sich diesen Fleck und baute das
kleine Haus und wohnt jetzt mit ihren goldlockigen Bübchen hier oben, wo sie
weit durchs Tal in die Ferne sieht und bei Windstille auch hören kann, wenn die
Trommel sich rührt oder die Trompete zwischen den Felswänden schmettert.
Vielleicht kehrt er zurück und erkennt an dem lustigen, buntbemalten
Schornstein, der auf das Häuschen aufgepflanzt ist, dass das freudige Liebesglück
nicht in Reue zerschmolzen ist.
                                     * * *
Heute zogen wir nach einer andern Burg. Sie liegt vier Meilen entfernt, ihre
stolzen, wohlerhaltenen Türme streckt sie gen Himmel, als ob sie sie zum Schwur
emporhebe; man sieht sie schon von mehreren Meilen, jede Viertelstunde macht sie
eine andere Miene, bald treten Wälder hervor, die sie umkleiden, bald weiche
Hügel, oft auch schwimmen Dörfer in den fruchtreichen Bahnen ihres langen und
weiten Flurengewandes, die aber bald in seinen Falten wieder versinken. Wir
waren alle beritten und zur Jagd gewappnet. Im Wald machten wir Mittag, ein
Fuchs wurde verfolgt, das hielt unsere Reise auf. Da wir ankamen, stieg der Mond
zwischen beiden Türmen herauf, wir aber ritten im finstern Tal durch die kleine
Stadt mit holperigen Strassen; in einer grossen Eisengiesserei übernachteten wir.
Am Morgen, vor Tag, eilte ich hinaus, ich wollte meine Schöne, die Natur, noch
mit verschlossnen Augen überraschen, ich wollte sehen, wie sie auf dieser Seite,
in dieser süssen Lage sich ausnähme. O Freund, alle Blumenkelche voll Tauspiegel,
ein Gräschen malt sich im Perlenschmuck des andern, ein Blümchen trinkt sein
Bild aus dem Kelche des Nachbarn, und Du! - und Dein Geist, der erquickende, was
kann er mehr sein, was kann er anders sein als reiner Himmelstau, in dem sich
alles in reinster Urschönheit spiegelt; Spiegel! - Tiefe weisheitsvolle
Erkenntnis ist Dein Geist, in dem selbst Du nur Dich spiegelst, und alles Liebe,
was der Menschheit durch Dich angetan, ist Spiegel ihrer (Idealität) reinsten
unverkümmerten Natur. Und nun kam ich von meinem Weg um die Burg, die ich
zweimal in beflügeltem Lauf, wie Pindar sagt, umkreist habe, sie liegt auf
runder kurzbegraster Kuppe, die Schafherde drängte sich wie ein Pelzkragen um
ihre Zwinger: ein blökender Pelzkragen! Ich hatte Brot bei mir, das ich unter
sie teilte, wie Deutschlands Kaiser unter die Tiroler, aber sie drängten mich
auch wie jene den Kaiser und schrien: »Mehr Brot! Mehr Brot! - blä! blä!« - Ich
hatte keins mehr wie der Kaiser auch; ich war in Gefahr, umgerissen zu werden
wie er; ich riss mich durch und im vollen Galopp den Berg hinunter, die ganze
Herde hinter mir drein, mitsamt dem bellenden Hund kam ich am Fuss des Berges vor
dem Wirtshaus an, dort weckten sie die ganze Reisegesellschaft mit ihrem Geblök,
und ich sage Dir, sie wollten mit Gewalt in die Wirtsstube, ich musste sie
zuriegeln, ich glaub, der Bock hätte sie sonst mit seinen Hörnern aufgeklemmt.
Ei, hätten's die Tiroler auch so gemacht, der Kaiser hätte Brot schaffen müssen;
die machten's aber wie der Schäfer, der blieb verdattert auf dem Berge stehen
und sah seine Herde davoneilen. »Du kannst tausend Dummheiten in einen kleinen
Raum einpferchen, wie der Schäfer die Herde«, sagte der Bruder Franz, da er mich
mit der nachgeeilten Herde angekommen sah.
    Bis alles sich reisefertig gemacht hatte, ging ich in den Kuhställen umher.
Das Gehöfte ist unendlich gross, man könnte ein Vorwerk drin anlegen, sie rufen
von der entferntesten Scheune zur andern mit einem Sprachrohr. Der Kuhstall
inmitten bildet ein Amphiteater, ein Halbkreis von spiegelglatten Kühen, an
jedem Ende durch einen Bullen abgeschlossen. An dem Ende, wo ich eintrat, ist
der Ochs so freundlich, zärtlich, dass er jeden, der ihm nahe kommt, mit der
Zunge zu erreichen sucht, um ihn zu belecken; er muhte mich an in hohem Ton, ich
wollte ihn nicht vergeblich bitten lassen, musste mein Gesicht von seiner
schaumigen Zunge belecken lassen; das schmeckte ihm so gut, er konnte nicht
fertig werden, er verkleisterte mir alle Locken, die Deine Hand immer in so
schöne Ordnung streichelt. -
    Jetzt beschreib ich Dir die Burg, aber flüchtig; denn wo ich nicht in Worten
liebkosen kann, da verweile ich nicht lange. - Sie ist besser erhalten wie alle
andern, auch selbst die Gelnhäuser ist lange nicht so ganz mehr, und ich
begreife nicht, dass man keine Rücksicht darauf nimmt. Sie gehörte ehemals den
Herren von Griesheim, jetzt ist sie an die Grafen Stolberg gefallen. - Die Burg
ist in ihrem Hauptgemäuer noch erhalten, nur innen ist manches eingestürzt, der
Söller ist noch ganz, auf diesem kann man rund um die Burg gehen. Nach allen
Seiten sieht man ins Fruchtland, das in der Weite wieder an andern Burgruinen
hinaufsteigt. So blüht und reift der ewige Segen zwischen Gräbern und verlassnem
Gemäuer, und der Mensch braucht nur sich einzufinden, so ist er auch da und
umwandelt und umkleidet ihn. Die Sonne schmeichelt's dem lieben Herrgott ab, dass
er seinen Menschenkindern hundertfältige Ähren reifen lässt; die Sonne und der
Gott liebkosen einander, und dabei haben die Menschen gutes Spiel, und wer
liebt, der stimmt ein in die Liebe Gottes, und durch ihn und in ihm reift auch
der göttliche Segen.
    In der Kapelle stehen noch etliche Säulen mit ihren gotischen Kapitalen;
etliche liegen an der Erde, aber noch ganz erhalten, eins, was ich nur
unvollkommen Dir hier abzeichne. Die Mondessichel hebt das Wappen in der Luft
und bildet so das Kapitäl, unter ihr zwei Drachen, die sich verschlingen. Die
Leute sagen, sie haben goldne Schaumünzen im Rachen gehabt, so sind sie in einer
alten Chronik verzeichnet. Ein anderes ist noch viel schöner; ich wollt es auch
abzeichnen, aber es war so kalt und feucht da unten; Rosen, wunderschön in Stein
gehauen, bilden einen Kranz, Schlangen winden sich durch und strecken ihre
gekrönte Köpfchen aus und bilden so einen zweiten Kranz; es ist gar zu schön,
hätt ich's mitnehmen können, ich hätte Dir's gebracht! Während ich's
durchzeichnen wollte, kam eine kleine Schlange unter dem Gras hervor und
richtete sich vor mir auf, als wollte sie zusehen, wie ich das Bild ihrer Ahnen
nachzeichnete, und das erschreckte mich in der Einsamkeit, so dass ich mit einem
Schauder davoneilte.
    In dem äusseren Burgtor sind noch die Türangeln, über dem innersten Burgtor
auf dem Söller ist ein Steinherd mit einer kleinen Brandmauer umgeben, die wie
eine Nische gebildet ist. Da haben sie das Pech glühend gemacht und durch ein
Loch über der Mitte des Tores durchgegossen; alles wurde betrachtet, beachtet,
erklärt, zurechtgerückt, noch manches blieb unerklärt, die Verwundrung über
vorige Zeiten, und dass sie mit ihren Resten noch so derb in unsre
hineinreichten, machte uns zu einfältigen Leuten; ja, mir ward angst, diese alte
grobknochige Zeit könne plötzlich über den Augenblick der Gegenwart kommen und
ihn verschlingen. O Goete, mir ist nur eins wichtig, mein Dasein in Dir! Und
nach diesem komme das End aller Dinge.
    Soll ich Dich denn noch weiter mitnehmen auf meinen Streifzügen, oder ist's
genug der eingefallnen Mauern, der Wildnis, die alles überwuchert, des Efeus,
der aus dem kalten Boden hervorspriesst, unermüdlich hinaufklettert an der öden
Mauer, bis er die Sonne erblickt, und dann gleich wieder hinabsteigt, mit weit
reichenden Ranken nach der feuchten, düsteren Tiefe verlangt? Gestern war der
Himmel blau, heute rubinfarb und smaragden, und dort im Westen, wo er die Erde
deckt, jagt er das Licht im Safrangewand vor sich her aus der Schlafstätte.
Einen Augenblick kann sich die sehnende Liebe ergötzen daran, dass die ganze
Natur schlummernd saugt; ja, ich fühl's: wenn die Nacht einbricht, dass jedes
Würzelchen trinkt, in jedem liegt Begierde, Sehnsucht nach Nahrung, und diese
Anziehungskraft zwingt die Erde, die ihre Nahrung nicht versagt jedem lebenden
Keim; und so liegt in jedem Blumenhaupt schwärmende Begeistrung, die aus dem
Licht der Sterne Träume herabzieht, die es umweben; geh über einen Wiesenteppich
in stiller sternenflimmernder Nacht, da wirst Du, wenn Du Dich herabbeugst zur
Flur, die Millionen Traumbilder gewahr werden, die da wimmeln, wo eins oft vom
andern Eigenheiten, Farben und Stimmungen entlehnt; da wirst Du es fühlen, dass
diese Traumwelt sich hinaufschwingt in den Busen des Beschauenden und in Deinem
Geist sich als Offenbarung spiegelt; ja, die schöne Blume des Gedankens hat eine
Wurzel, die saugt aus dem warmen, verborgnen Boden der Sinne ihre Nahrung und
steigt aufwärts zum göttlichen Licht, dem sie ihr Auge öffnet und es trinkt und
ihm ihren Duft zuströmt; ja die Geistesblume ersehnt sich die Natur und die
Gotteit, wie jede Erdenblume.
 
           Bruchstücke aus Briefen in Goetes Gartenhaus geschrieben.
                                                                         Anno 18
Ich habe Dich heute nur wenig Augenblicke gesehen, und mir deucht, das ganze
Leben gehöre dazu, um Dir alles zu sagen. Musik und Kunst und Sprache, alles
möcht ich beherrschen, um mich drin auszusprechen.
    Ich sehne mich nach Offenbarung; Du bist's! - Nach Deinem Innern strebt die
Liebe, sie will sich in seinen Tiefen empfinden.
    Deine Gegenwart erschüttert mich, weil ich die Möglichkeit empfinde, Dir
eine Ahnung meiner Sehnsucht zu geben.
    Deine Nähe verändert alles äusserlich und innerlich, dass der Atem, den Du
aushauchst, sich mit der Luft mische, die auch meine Brust trinkt, das macht sie
zum Element einer höheren Welt; so die Wände, die Dich umfassen, sind
magnetisch; der Spiegel, der Dein Bild aufnimmt, die Lichtstrahlen, die an Dir
hinstreifen, Dein Sitz, alles hat eine Magie; Du bist weg, aber diese bleibt und
vertritt Deine Stelle, ich lege mich an die Erde, wo Deine Füsse standen, an
diesem Fleck und an keinem andern ist mir wohl. - Ist das Einbildung? - Tränen
fühl ich in der Brust, Deiner so zu denken, wie ich jetzt denke, und diese
Wehmut ist mir Wollust, ich fühle mich in ihr erhoben über's ganze Erdenleben,
und das ist meine Religion. - Gewiss! Der Geliebte ist das Element meines
zukünftigen Lebens, aus dem es sich erzeugt, und in dem es lebt und sich nährt.
- O hätte ich Geist! - Hätt ich den, was für Geheimnisse wollt ich Dir
mitteilen!
    Offenbarung ist das einzige Bedürfnis des Geistes; denn das Höchste ist
allemal das einzigste Bedürfnis.
    Geist kann nur durch Offenbarung berührt werden, oder vielmehr: alles wird
zur Offenbarung an ihm.
    So muss sich der Geist sein Paradies begründen. - Nichts ausser dem Geist. -
Himmel und Seligkeit in ihm. - Wie hoch steigt Begeistrung, bis sie zum Himmel
sich steigert!
    Wenn das ganze Leben des Geistes Element wird, so hat er Gewalt über den
Himmel.
    Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe, sie bereitet vor zur
Freiheit. - Freiheit ist Geisterleben.
    Denken ist Inspiration der Freiheit. -
    Der hat Geist oder ist geistig, der mit sich selbst zusammenkommt.
Inspiration dringt darauf, dass der Mensch zu sich selbst komme. - Wenn Du mich
begeisterst, so forderst Du Dich selber von mir, und meine Begeistrung geht
darauf aus, Dich Dir selber zu geben. - Wahre Liebe gibt dem Geliebten sich
selber. - Wie wahr ist dies, da ich Dich nur denken kann und doch Dir alles
geben muss.
    Was ist Lieben? - Der Wächter auf der Zinne ruft die nahe Morgenstunde. Der
regsame Geist ahnet schlummernd den Tag, er bricht aus seiner Traumwelt hervor,
und der junge Tag umfängt ihn mit seinem Licht, - und das ist die Gewalt der
Liebe, dass alles Wirklichkeit ist, was vorher Traum war, und dass ein göttlicher
Geist dem in der Liebe Erwachten das Leben erleuchte, wie der junge Tag dem aus
der Traumwelt Erwachten.
    Liebe ist Erkenntnis, und die ist Besitz.
    Liegt der Same in der Erde, so bedarf er der Erde. Nun er zum Leben angeregt
ist, müsste er sterben, wenn er ihr entnommen würde. In der Erde erst wandelt
sich der Same um ins Leben, und die Erde wird erst Geist im Samen. - Wenn Du
liebst, dringst Du ans Licht wie der Same, der in der Erde verborgen war. -
Warum verbirgt die Natur den Samen im Schoss der Erde, eh sie sein Leben ans
Licht entlässt? - Auch das Leben liegt im geheimen Schoss des Geistes verborgen,
ehe es als Liebe ans Licht dringt. - Der Boden, aus dem die Liebe entsteigt, ist
Geheimnis.
    Geheimnis ist Instinkt der Phantasie; wessen Geist diesen Instinkt hat, der
hat den befruchtenden Boden für den Samen der Liebe. - Phantasie ist die freie
Kunst der Wahrheit.
    Und hier wär ein Gewaltiges mitzuteilen, wenn die Müdigkeit mich nicht
überwältigte; es muss mir genügen, dass ich's empfinde, wie die Phantasie die
Vermittlerin ist zwischen der himmlischen Weisheit und dem irdischen Geist.
    Jeder Gedanke hat Flügel und fliegt zu dem, der ihn eingibt; jeder Atemzug
ein Gedanke, der zum Geliebten fliegt, nur was liebt, ist Gedanke und fliegt. -
Ja, Gedanken sind geistige Vögel.
    Wenn ich nicht im Bett wär, so schrieb ich noch mehr, aber so zieht mich das
Kopfkissen nieder.
    In Deinem Garten ist's so schön! Alle meine Gedanken sind Bienen, sie kommen
aus Deinem duftenden Garten zum Fenster hereingeflogen, das ich mir geöffnet
habe, und setzen da ihren Honig ab, den sie in Deinem blütenreichen Garten
gesammelt haben. - Und so spät es ist, nach Mitternacht schon, so kommen sie
doch noch einzeln und umsummen mich und wecken mich aus dem Schlaf; und die
Bienen Deines Gartens und die Bienen Deines Geistes summen untereinander.
    Liebe ist Erkenntnis, Schönheit ist das Geheimnis ihrer Erkenntnis, und so
tief ist dies Geheimnis, dass es sich keinem mitteilt als nur dem Liebenden.
Glaub's nur! Keiner besitzt das Geheimnis von Dir, wie ich es besitze, das
heisst: keiner liebt Dich, wie ich Dich liebe.
    Wieder ein Bienchen! - Deine Schönheit ist Dein Leben - es wollte noch mehr
summen, aber der Wind jagte es wieder zum Fenster hinaus. - Dass ich in Deinem
Garten schlafe eine Nacht, das ist wohl ein gross Ereignis. - Du hast oft hier
herrliche Stunden verlebt, allein und mit Freunden; und nun bin ich allein hier
und denke dem allen nach und seh im Geist dem allen zu. Ach, und wie ich heute,
eh ich ins stille verlassene Haus eintrat, noch den Berg hinaufging zum obersten
Baum, der so mit mannigfachem Grün umwachsen ist, das all von Deiner Hand
geleitet wurde, der seine Äste schützend über den Stein verbreitet, in den die
Weihe der Erinnerung eingegraben ist! - Dort oben stand ich ganz allein, ein
wenig Mondlicht stahl sich durch den Baum, ich fühlte an der Rinde des Baumes
nach den eingeschnittenen Buchstaben. Ach, gute Nacht. -
    Stehle ich dem Schlaf noch länger die Träume, so werden meine Gedanken
Schäume.
                                     * * *
Da oben sah ich Dein Haus erleuchtet. Ich dachte: wenn Du bei diesem Licht
meiner harrtest, und ich käm herab den frischen Mondscheinweg mit so wohl
vorbereitetem Herzen, und ich träte ein bei Dir, wie freundlich Du mich
aufnehmen würdest. Bis ich herabkam, hatte mir meine Einbildungskraft
weisgemacht, es könne möglich sein, dass Du da seist, und obschon ich wusste, dass
dies Licht allein in meiner Kammer brenne, denn ich hatte es ja selber
angezündet, so öffnete ich doch mit Zagen die Tür; und wie ich diese stille
Einsamkeit gewahrte, auf dem Tisch die getrockneten Pflanzen, und an den Wänden
die Steine und die Muscheln, und die Schmetterlinge, und das erhabene Dunkel,
was mit den Strahlen der Lampe spielte; und wie ich da eintrat, da blieb ich am
Türpfosten angelehnt stehen und holte erst Atem.
    Und nun lieg ich in diesem Bettchen zum Schlafen, es ist hart, das Bett, ein
einziger Strohsack und eine wollne Decke drüber, und zum Zudecken eine graue
Decke mit bunten Blumen, und kein Mensch weiss, dass ich die Nacht hier zubringe,
als nur Du.
    Irdische Jugend ist bewusstlos, sie steigt aus ihrer Knospe, ihre Entfaltung
ist ihr Ziel. Bewusstsein der Jugend ist schon übersinnliche Jugend.
    In Dir bin ich meiner Jugend bewusst. Ich sehe sie alle, die goldnen Tage,
die ich in Dir verlebte, gekrönt ein jeder mit wunderbaren Blüten. Stolz erhaben
einherschreitend feurigen raschen Geistes; unberührt, keusch, vor der Gemeinheit
sich flüchtend in höhere Regionen; ein milder Schimmer durchglänzt sie, es ist
der Abendschein Deines Lebens. Ach, und der heutige Tag ist auch ein solcher, er
schliesst sich an die Reihe der verflossenen an, majestätisch, triumphierend;
obzwar ich allein bin hier im verlassenen Haus, ohne Einrichtung, mich zu
empfangen, hier sind noch die Spuren des vergangenen Winters.
    Der Geist taucht unter in der Jugend als in einem Meer. Jugend wird sein
Element, in ihm wird der Geist zur Liebe. Jugend bereitet den Geist vor zur
Ewigkeit, die ewige Jugend ist.
    Ich glaub an Deine Gegenwart in diesem einsamen Gemach, ich glaub, dass Du
mich hörst, mich empfindest; ich spreche mit Dir. Du fragst, ich antworte Dir.
    Jeder strebt nach Jugend, weil das Bedürfnis des Geistes Entwicklung in der
Liebe ist.
    Nachdem ich schon ein Weilchen geschlafen habe:
    Nichts ist dem Genius neu, alles ist ihm Element. In der Liebe ist einer dem
andern Genius und wird einer dem andern Element.
    Du bist mir Element, und ich kann die Flügel regen in Dir, und das ist das
einzige Erkennen, das einzige Empfinden, das einzige Haben.
    Und Du magst Dich tausendfach aus Dir heraussehnen, nie wirst Du Dich selbst
finden, als indem Du Dich in einen andern ergiessest; nie wirst Du im andern
sein, als wenn er in Dir ist.
    Denken sieht und berührt, es ist innigste Berührung mit dem Geist des
Bedachten.
    Wenn der Geist zur Musik wird, dann wird Philosophie zur Empfindung.
    Schon hundertmal hab ich mich in die graue Decke eingehüllt, und wollte ich
schlafen, so muss ich die Hand ausstrecken, um eine Zeile zu schreiben. Wenn es
wahr ist, dass es eine Magie des Lebens gibt, die vermöge der Selbsterleuchtung
sich erzeugt, wer wollte dann ausser ihren Kreisen stehen?
    Gute Nacht! - Zu Deinen Füssen verschlaf ich sie.
    Ja, ich will glauben, dass Du da bist, und will keine Hand nach Dir
ausstrecken, damit ich Dich nicht verscheuche, und doch berührst Du mich, die
Luft verändert sich, der Schimmer der Lampe, die Schatten, alles gewinnt
Bedeutung.
                                     * * *
                                                                   Am 28. August
Den übergehen wir mit Stillschweigen. Du bist mir von Ewigkeit her. Wer wollte
leugnen, dass die Sterne uns regieren. Du warst ihrem Einfluss willig, und so
haben sie Dich zu sich erhoben, ich weiss alles: heimlich regieren sie Dich auch,
dass Du mir geneigt bist. Ich seh's an Deinem Blick, Du bist mit mir zufrieden.
Du sagst nichts. Du schliesst Deine Lippen so fest, als habest Du Furcht, sie
mögen gegen Deinen Willen plaudern. Goete! Es ist mir genügend, was Dein Blick
sagt, auch wenn er nicht auf mir weilt. Gestern, wie ich hinter Dir stand und
mit dem Papier rauschte, da sahest Du Dich um, ich merkte es wohl; ich ging leise
hinaus und schob die Tür nicht ganz zu, da sah ich Dich rasch den Brief
ergreifen, dann ging ich weg, ich wollte Dich nicht länger belauschen, mich
überlief ein leises Frösteln, wie ich mir vorstellte, dass Du jetzt lesen
werdest, was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht. - Wie selig,
Goete! - denken: jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf, jetzt spricht sein
Geist freundlich nach, was ich für ihn erdacht habe. Es ist schön, was ich Dir
sage, es sind die Liebesgeister, die mit Dir sprechen, sie umkreisen jubelnd
Dein Haupt.
    Weisst Du, wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag? - Am
Meeresstrand, auf goldnem Tronsessel im weissen wollnen Gewand, den Purpur
untergebreitet; in der Ferne die weissen Segel auf hoher See, geschwellt vom
Wind, rasch aneinander vorüberfliehend, und Du, ruhend im Morgenlicht, gekrönt
mit heiligem Laub, mich aber seh ich zu Deinen Füssen, mit der reinen Flut, die
ich am Meer geschöpft, um sie zu waschen. - So denk ich mich zu Deinem Dienst in
tausend Bildern, und es ist, als sei dies die Reife meines Daseins.
    Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen, wenn sie schon milder
leuchtet, so dass ein scharfes Aug von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird? -
Hast Du da schon gesehen, wie sich ihr eigen Bild von ihr ablöst und vor ihr am
Horizont niedertaucht in die rote Flut, und nach diesem Bild immer wieder ein
anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders färbt? -
Meine Seele, wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so
stark blendet und die Ferne sanfte Schleier über Dich webt, sieht solche Bilder,
die eins nach dem andern von Dir abstrahlen, sie tauchen alle unter in meiner
Begeistrung wie im Feuerschoss der Natur, und ich kann mich nicht sättigen in
dieser schönen Fülle.
                                     * * *
                                                                Den 3. September
So müde wie ich war am späten Abend, so fest wie ich schlief am frühen Morgen,
hab ich drei Tage nicht geschrieben. Du hast nicht nach mir gefragt in dieser
Zeit, und heut am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und überlege hier
auf der Bank, dass Du mich vergisst. Die Vögel sind schon gewohnt, dass ich hier
sitze unbeweglich still. - Wie ist's doch so wunderlich hier im fremden Land! -
Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort, um tief in mich selbst zu
versinken. Da seh ich Bilder, Erinnerungen früherer Tage, die sich an den
heutigen anschliessen. Heute, wie sie in der frühen Morgenstunde vor dem
römischen Haus Musik machten, und wie der Herzog hervortrat und die grossen Hunde
ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen, das kam mir so
feierlich vor, wie er sich freundlich ihren ungestümen Liebkosungen preisgab und
über sie hinaus dem Volk winkte, das ihn mit Jauchzen begrüsste. Da teiltest Du
plötzlich die Menge, das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung; die
beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen, hoch an Geist
und Milde, das war dem Volk ein heilig Schauspiel, und sie sagten alle: »Welch
seltnes Paar!« - Und viel Schönes wurde von Euch gesprochen, jede Eurer
Bewegungen wurde beachtet: Er lächelt, er wendet sich, der Herzog stützt sich
auf ihn! Sie reichen einander die Hände! Jetzt lassen sie sich nieder! - So
wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles, was zwischen Euch beiden
vorging. Ach, mit Recht, denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Glück
hervor, das wissen sie alle; und wie Ihr lange miteinander Rede führtet, da
harrte die Menge schweigend, als ob der Segen von Jahrhunderten auf es
herabgerufen werde. Ich auch, Goete! - Ich glaub dran, dass Euch beiden als
Wesen höherer Geschlechter Macht gegeben ist, Segen für die Zukunft zu
versichern, denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht
gereift, das hast Du selbst gesagt, und Dein Geist strömt Licht aus, Licht der
Weisheit, die Gnade ist und alles gedeihen lässt.
    Als Du weg warst, da liess der Herzog mich rufen, er fragte, ob Du mich
gesehen und begrüsst habest, das musste ich verneinen, denn Du hattest mich ja
übersehen. Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag? - Am Abend, wo ich hinter
dem Pfeiler stand, Du suchtest mich mit dem Blick und fandest mich auch, ach,
wie durchglühte das mein Herz, wie ich Dein Spähen belauschte, da reichtest Du
mir Dein Glas, dass ich draus trinken sollte, und keiner merkte es in der Menge.
- Heute bin ich allein, viele Tage sind seitdem vergangen, dort liegt Dein Haus,
ich könnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen, doch zieh
ich's vor, hier allein in Deinem Garten Dich zu beschwören: o hilf mir Dich
denken, Dich empfinden; mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaff ich
meine Welt, ausser welcher mir alles fremd ist, und ich hege keinen Zweifel, dass
ich nur in ihr wirklich lebe. Mein Denken ist wundertätig: ich spreche mit Dir,
ich seh in Dich hinein, mein Gebet ist, dass ich meinen Willen stärke, Dich zu
denken.
                                     * * *
 
                               In Goetes Garten
Die ganze Welt umher beleuchtet von einer Sonne! Du in mir allein beleuchtet,
alles andre im Dunkel. Wie das die Liebe entflammt, wenn das Licht nur auf einen
Gegenstand fällt!
    Das waren Deine Worte gestern: ich solle schreiben, und wenn es Folianten
wären, es sei Dir nicht zu viel. Ach, und Du weisst doch, dass meine Sprache nur
einen kleinen Umfang an Kenntnis hat. Dass ich zwar glaube, jedesmal neu zu
empfinden, was ich Dir zu sagen habe, aber doch ist es ewig dasselbe. Und Dir?
Ist es Dir nicht zu viel? - Ich hab's versucht, wie ein Maulwurf mich durchs
eigne Herz gewühlt und habe gehofft, einen Schatz zu entdecken, der im Dunkeln
leuchte, den wollte ich Dir heraufbringen, aber vergeblich! - Es sind keine
gewaltigen Dinge, die ich Dir zu sagen habe, es ist nichts als nur lieblich zu
gestehen, und unwiderstehlich dieses Nichts. Liebkosungen bestehen ja in der
Mitteilung. - Wenn Du am Bach ruhst unter duftigen Kräutern und die Libelle mit
ihren kristallnen Augen lässt sich auf Dir nieder, sie fächelt Deine Lippen mit
ihren Flügeln, wirst Du ihr böse? - Wenn ein kleiner Käfer an Deinem Gewand
hinaufklettert und endlich sich im Busen verirrt, nennst Du das allzu keck? -
Das kleine Tierchen, so unbekannt mit dem schlagenden Herzen unter seinen
Füsschen? - Und ich! Bekannt mit diesem erhöhten Takt Deiner Gefühle, bin ich zu
tadeln, dass ich mich Dir ans Herz dränge? - Siehst Du! Das ist alles, was ich
Dir zu sagen habe. - Der Abendwind eilt flüchtig über die Gräser bis zu mir
herab, die ich am Fuss des Hügels sitze und daran denke, wie ich Dir diese
Folianten ausfüllen soll.
                                     * * *
Denk ich an Dich, so mag ich nicht am Boden weilen. Gleich regt Psyche die
Flügel, sie fühlt die irdische Schwere, fühlt sich befangen in manchem, was
nicht zu ihrem himmlischen Beruf gehört, das macht Schmerz, das macht wehmütig.
    Das Licht der Weisheit leuchtet nur in uns selbst. Was nicht innere
Offenbarung ist, wird nie Früchte der Erkenntnis tragen. Die Seele kommt sich
selber entgegen in der Liebe, sie findet sich und nimmt sich auf im Geliebten;
so finde ich mich in Dir. Was kann mir Beglückenderes widerfahren? - Und ist es
ein Wunder, dass ich Deine Knie umfasse? - Ich möchte Dir alles mitteilen, was
ich von Dir lerne. - Wenn der Geist wäre, was das Wort wiederholen kann, so
hätte der Begriff einen kleinen Umfang. Es ist noch was anders Geist, als was in
dem Netz der Sprache gefangen wird. Geist ist das alles in sich verwandelnde
Leben; auch die Liebe muss Geist werden. Mein Geist ist fortwährend geschäftig,
diese Liebe in sich umzusetzen, daraus wird und muss mein unsterblich Leben
hervorgehen, oder ich geh unter. -
                                     * * *
Die Sonne geht unter, ihr Purpurzelt breitet sich über Deinen Garten, ich sitze
hier allein und übersehe die Wege, die Du durch diese Auen geleitet hast, alle
sind verlassen, nirgends wandelt einer, - so einsam ist's, so ganz bis in die
Ferne, und so lange schon hab ich darauf gewartet, alles soll schweigen, dann
wollt ich mich besinnen und mit Dir sprechen - und jetzt fühl ich mich so
verzagt in der allmächtigen Stille. - Den Vogel im Busch hab ich verscheucht,
die Glockenblumen schlafen. Der Mond und der Abendstern winken einander, wo soll
ich mich hinwenden? Der Baum, in dessen Rinde Du manchen Namen eingeschnitten
hast, den hab ich verlassen und bin herabgegangen zur Haustür und hab die Stirne
auf das Schloss gelegt, das Deine Hand wie oft aufgedrückt, und hast mit Freunden
dagesessen und auch einsame Stunden verbracht. Du allein mit Deinem Genius
hast's nicht gefühlt, das Schauervolle der Einsamkeit, glorreich triumphierend
im Wettgefühl der Empfindung und Begeistrung gingen sie vorüber, diese stillen
Abende. O Goete, was denkst Du von meiner Liebe? - Die so ewig an Dich
heranbraust wie die Flut ans Ufer, und möchte mit Dir sprechen und kann nichts
sagen als nur seufzen. Ja! Sage doch: was meinst Du, das diese Liebe will? - Ich
selber erstaune oft, wie erwachend aus dem Traum, dass dieser Traum herrsche über
mich. Aber bald beuge ich mich wieder unter das Schattendach seiner Wölbungen
und schmiege mich seinem Flüstern und lasse die Sinne bewältigen durch das
Flügelrauschen unbekannter Geister. - Göttlich will ich sein! Göttlich und gross
wie Du, frei über den Menschen nur in Deinem Lichte stehend, nur von Dir
verstanden. Pfeile will ich senden: Gedanken, Dich sollen sie treffen und keinen
andern, Du sollst ihre Schärfe prüfen, und in diesem heimlichen Verkehr sollen
meine Sinne gedeihen; sie sollen herzhaft sein, gesund, rasch, freudig, ewig
aufwärts, nicht sinkend die Lebensgeister, - ihrem Erzeuger zuströmend.
    Es ist Nacht, ich schreib beim Sternenlicht. - Weisheit ist wie ein Baum,
der seine Äste durch das ganze Firmament verbreitet, die goldnen Früchte, die
ihr Gezweig zieren, sind Sterne. Wenn nun eine Begierde sich regt, die die
Früchte vom Baum der Weisheit geniessen möchte? Wie komme ich dazu, diese goldnen
Früchte zu erlangen? - »Die Sterne sind Welten«, sagt man: ist der Kuss nicht
auch eine Welt? - Und ist der Stern grösser Deinem Auge als der Umfang eines
Kusses? - Und ist der Kuss geringer Deinem Gefühl als das Umfassen einer Welt? -
Drum: - die Weisheit ist Liebe! Und ihre Früchte sind Welten, und der täuscht
sich nicht, der im Kuss eine Welt empfindet; ihm ist eine reife Frucht, ein an
dem Lichte der Weisheit gereifter Stern in den Busen gesunken. - Der aber,
Freund, - der von solcher Himmelskost genährt wird, zählt er noch für vollgültig
unter den Menschen? -
    Ich gehe nun schlafen, die Stille der Nacht, die heimliche Zeit verwendet
Psyche, um zu Dir zu dringen. Oft führt sie der Traum zu Dir, sie findet Dich
vielleicht durchkreuzt von tausend Gedanken, deren keiner ihrer erwähnt. Doch
sie senkt die Flügel und küsst den Staub Deiner Füsse, bis Dein Blick sich ihr
neigt.
                                     * * *
Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet,
Das weisse Haus inmitten aufgestellt,
Was ist's, worin sich hier der Sinn gefällt?
Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Erstieg ich auch der Länder steilste Höhen,
Von wo ich könnt die Schiffe fahren sehen
Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist's, was mir den Blick gefesselt hält.
Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Und könnt ich Paradiese überschauen,
Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.
Gereimt und ungereimt sag ich Dir dasselbe, und Du ermüdest nicht, mich
anzuhören. Ich sitze hier auf der Bank in der Dämmerung, wo der sinkende Tag vom
aufgehenden Mond noch das Licht borgt, und freue mich, meine Welt im Zwielicht
zu überschauen. Vor wenig Minuten lag alles noch im Sonnenglanz, da war ich
unruhig, ob ich bleiben oder gehen solle. Jetzt, seit der Mond gestiegen ist,
weiss ich, dass ich bleibe; in seinem Licht erkenn ich meine Welt, seine Strahlen
ziehen mich in ihren Zauberkreis, und was ich auch Unglaubliches für wahr halte,
das verneint er nicht wie das Sonnenlicht. Er schmiegt sich schmeichelnd in den
Schoss der Täler, und ich fühle deutlich, wie sie ihn liebt, die Natur, und wie
er ihr geneigt ist, der Mond.
    Wär ich Dir, was die ganze Natur dem Mond ist, der lebenerregend in ihren
Pulsen spielt, der leise Lüfte als Boten aussendet, der die samenbeflockten
Schwingen des Abendwindes niederbannt ins tauige Gras und seinem befruchtenden
Licht ihre Kraft aufregt: dann wär mein ganzes Sein ein Empfängnis Deiner
Schönheit. Soviel Blüten sich ihm erschliessen, soviel Schmeichelreden Dir von
meinen Lippen fliessen, soviel Tautropfen in seinem Licht glänzen, soviel Tränen
der Luft sich sammeln unter dem Einfluss Deines Geistes.
                                     * * *
Ich danke Dir, dass Du gekommen bist, es war so grau und trüb, ich sah mich in
der weiten Ferne um und dachte schon, es würde mich überkommen wie das Wetter,
wo sparsame Tränen aus den Wolken träufelten und der Himmel schwer und traurig
war und viel düsterer aussah, als wenn es noch so sehr geregnet hätte. - Da
kamst Du. - Du hast nichts gesagt vom Abschied und hast mich beschämt; denn ich
hatte es auf der Zunge zu klagen, ja, es war schöner so, dass wir nicht Abschied
nahmen; - wir beide nicht. - Wie hab ich diese Zeit verbracht? - Gar zu
glücklich! - Das Gefühl Deiner Nähe hat jeden Atemzug beseligt, das nenne ich
mir himmlische Luft - und Du? - Hab ich Dir auch nicht missfallen? - Ach beschäme
mich nicht, vergesse, was Dir nicht zusagte, wenn ich manchmal zu heftig war und
Deine leisen Winke nicht verstand. Meine leidenschaftlichen Stimmungen sind ohne
Ansprüche, sie sind wie Musik, auch die verlangt keinen irdischen Besitz, aber
sie stimmt den Geist, der ihr Gehör gibt, zum Mitgefühl, zur Nachempfindung, ja
kling's in Deinen Ohren, in Deinem Herzen noch eine Weile nach, alles, was ich
Dir sagen durfte. Leidenschaft ist Musik, ein Werk höchster Mächte, nicht ausser,
sondern tief in uns, sie führt uns mit dem idealischen Ich zusammen, um
dessentwillen der Geist in den Leib geboren ist: dies Ich, das allein
Leidenschaft entzünden, sie gestalten und bilden kann. Der Mensch wird von der
Begeistrung erzogen, das ganze irdische Leben verhält sich dann zu diesem
Geistigen wie der Boden zum Fruchtkorn, das aus ihm emporsteigt, um
tausendfältig zu tragen.
    Nur die Ewigkeit gibt Wirklichkeit; denn was einmal zugrunde geht, mag's
gleich zugrunde gehn, ob heute oder morgen, das ist einerlei; aber die Liebe
trägt alles zum himmlischen Reich, sie ist allumfassend, alldurchdringend wie
die Sonne, und doch bildet sie jeden geistigen Reiz zu einem in sich
abgeschlossnen, sich selber anheimgegebenen Eigentum, sie bewegt den Geist, dass
er ganz eigentümlich das Eigentümliche fasse. So macht's die Liebe mit mir, in
Dir werd ich meines Geistes mächtig, - und Du? - Das leuchtende Grün, was der
Baum in erneuter Frühlingskraft hervortreibt, das gibt Zeugnis, dass die Sonne
ihm ins Mark dringt. - Und Du bist erfrischt durch diese Liebe, nicht wahr? -
    Wer Dich mit leiblichen Augen sieht und sieht Dich nicht durch die Liebe,
der sieht Dich nicht, Du erscheinst nur durch sie dem liebenden beschwörenden
Geist. Je feuriger, je kräftiger die Beschwörung: je herrlicher Deine
Erscheinung, je mächtiger Deine Einwirkung. Lieber Freund! Meiner Beschwörung
hast Du Dich aufs innigste vergegenwärtigt, ich habe Dich in jedem Gedanken als
in einem magischen Kreis umfasst, und der Inhalt mag sein, welcher er wolle, Du
durchwaltest ihn und wohnst in jeder Gestalt, die mein Geist ausspricht. -
    Es ist wahr, Zauber ist Zauber, er hebt sich in sich selber auf, und darum
leugnen sie seine Wirklichkeit; sie glauben: nur was sinnlichen Leib habe, sei
wirklich, und ihnen muss Verstand nur als sinnlicher Boden gelten.
    Das Werk Gottes aber ist Magie, die Liebe in unserer Brust, die
Unsterblichkeit, die Freiheit sind magische Erzeugnisse Gottes, sie werden nur
durch die Kraft seiner Beschwörung in uns erhalten, sein Hauch ist ihr Leben,
sie sind unser Element, und in diesem verewigen wir uns, und ob auch Zauber ins
Nichts verschwinden könnte, wie leicht! - so ist er doch die einzige Basis der
Wirklichkeit; denn er ist Wirkung des göttlichen Geistes.
    Das Geborenwerden der göttlichen Natur ins irdische Leben und sein Sterben
im vorbereiteten Schmerz ist magische Beschwörungsformel. Schmerz liegt in der
Natur als der mächtige Übergang aus dem Nichts ins magische Leben.
    Leben ist Schmerz, aber da wir nur so viel Leben haben, als unser Geist
verträgt, so empfinden wir diesen Schmerz gleichgültig, wär unser Geist stark,
so wär der stärkste Schmerz die höchste Wollust.
    In meiner Liebe, sei's Abschied oder Willkomm, schwankt mein Geist immer
zwischen Lust und Schmerz, denn Du machst meinen Geist stark, und doch kann er's
kaum ertragen. Übergehen ins Göttliche ist immer schmerzlich, aber es ist Leben.
    Jedes Aneignen im Geist ist schmerzlich, alles, was wir erlernen, erkennen,
macht uns Schmerz im Erwerben, so wie es in uns übergegangen ist, so hat es
unsern Geist erhöht und befähigt, dies Leben kräftiger zu fassen, und was uns
früher weh tat, das wird jetzt Genuss.
    Die Kunst ist auch Magie, sie beschwört auch den Geist in eine erhöhte
sichtbare Erscheinung, und der Geist geht auch über die Schmerzensbrücke bis
innerhalb des magischen Kreises.
    Genie ist der vorgreifende, wollustahnende, durstende Instinkt, sein Trieb
überwindet das schmerzliche Zagen und reizt den Geist zu ewig neuer Energie. -
Je leidenschaftlicher der Genius im Menschen, je mehr wird ihm Seligkeit
Bedürfnis, je gewaltiger überwindet er, je gewisser ist er seiner Befriedigung;
- dies bejahest Du mir. - Ich stehe in meiner Liebe zu Dir zwischen diesem
Schmerz und dieser genialischen Begierde, die Trägheit meines Geistes zu
überwinden und Beseligung zu empfinden. Manchmal fühlt sich der Geist ganz
verlassen, und ein Nichts nimmt die Stelle dieser entusiastischen Begeistrung
ein, und alles ist verschwunden. Aber wie könnte ich mir dies gefallen lassen.
Nein, Du musst Dich verzaubern lassen. Wenn Gott mich aus dem Nichts
hervorberufen hat, wenn er mein Wesen gebildet hat als reinen Anspruch an die
Seligkeit, so erwerb ich diese in der Magie der Liebe; und aus Bedürfnis, aus
göttlich eingeprägter Sehnsucht nach dem Schönen erhebt der Genius immer wieder
die ermüdeten Flügel und hält treu und fest dies Herz zu Deiner Wohnung und die
Seele, Dich zu empfinden, und den Geist, Dich zu fassen und zu bekennen, alles
wie Du bist in Deiner innern Wesenheit.
    Und wenn dies alles wahr ist, was ich hier sage, und wir werden einst uns
wiedersehen in einem höheren Leben, dann denke, dass mein Genie Deinem Geist
gewachsen sein werde.
                                     * * *
 
                                  An Goete13
                                                                   22. März 1832
Hier aus den Bergesschluchten hervor wag ich's und komme ungerufen, unerwartet,
wie manchmal sonst auf Deinen Wegen. Im Böhmer Gebirg, wo ich wie ein Stossvogel
auf dem vorragenden Gefels über Dir hing, weisst Du noch? - Und wie ich dann
niederkletterte ganz erhitzt, dass mir alle Adern im Kopf klopften, und wie Deine
Hand meine Augenwimper vom Staub reinigte, und Du die kleinen Reiser und Moose
aus meinen Flechten sammeltest und legtest es sanft neben Dich auf den Sitz? Du
weisst's nicht mehr. Scharen sind an Dir vorübergezogen, die Dich begrüssten mit
lautem Ehrenruf, Kränze haben sie vor Dir hergetragen, die Fahnen haben sie vor
Dir geschwenkt, die Könige kamen und berührten den Saum Deines Mantels und
brachten Dir goldne Gefässe und legten Ehrenketten um Deine freie Brust. Du
weisst's nicht mehr, dass ich Dir die gesammelten Blumen, die wilden Kräuter alle
in den Busen pflanzte und die Hand darauf legte, um sie fester zu drücken. Du
weisst's nicht mehr, dass meine Hand gefangen lag inmitten Deiner Brust, und dass
Du mich den wilden Hopfen nanntest, der Wurzel fasse da und dann hinauf sich
ranke und Dich überschlinge und umwachse, dass nichts mehr an Dir zu kennen sei
als bloss der wilde Hopfen. Sieh, in dieser Doppelwand von Fels- und
Bergesschluchten, da haust des Widerhalles froher Ruf; sieh, meine Brust ist
eine so kunstreich gebildete Doppelwand, dass ewig und ewig tausendfältig der
freudige Schall so süsser Märe sich durchkreuzt. Wo sollte es ein Ende nehmen,
dies Leben jugendlicher Lust? - Es liegt ja bewahrt und umgeben vom reinsten
Entusiasmus - die Nahrung meiner Wiegezeit. Dein Hauch, dem der Gott
Unsterblichkeit einblies, hat ja mir den Atem der Begeistrung eingeblasen. Lasse
es Dir gefallen, dass ich Dir noch einmal die Melodien meiner schönsten
Lebenswege vorsinge und zwar im begeisterten Rhytmus des augenblicklichen
Genusses, wo die Lebensquellen von Geist und Sinne ineinanderströmen und so
einander erhöhen, dass alles Bedeutung gewinne, dass nicht allein das Erfahrne
sichtbar fühlbar werde, sondern auch das Unsichtbare, Ungehörte erkannt und
erhört werde.
    Sind's Pauken und Posaunen, die feierlichen Jubelschlag an die Wolken
dröhnen? - Sind's Harfen und Zimbeln? - Ist's das Gewirr von tausend
Instrumenten, das aufs Kommandowort sich ordnend löst, in reiner Linie Takt sich
bildend wendet, die Sprache himmlischer Influenzen redet, eindringt in den
Menschengeist mit Farb und Licht, die Sinne mit dem Geist vermählt? - Ist's
dieser Erzeugung Kraft, die durch die Adern rinnt, das Blut beschwörend, das
Irdische auszustossen und die reine Frucht himmlischer Liebe, himmlischen Lichtes
zu nähren, zu gebären? - Hast Du's nicht vollbracht in mir, wenn es noch
leuchtet in meiner Seele? - Ja, es leuchtet, wenn ich Deiner gedenke; - oder
sind es nur Schalmeien sinnig und wähnend, nur an Phantasie streifend, nicht von
ihrer Offenbarung ergriffen, was ich diesen Blättern zu vertrauen habe? - Was es
auch sei! - Bis in den Tod geleite mich der ersten Liebe Musik. Zu Deinen Füssen
pflanze ich den Grundbass ein, er wachse Dir zum Palmenhain auf, in dessen
Schatten Du wandelst. Alles Liebe und Süsse, was Du mir gesagt hast, flüstre von
Zweig zu Zweig wie leise Melodien zwitschernder Vögel; - die Küsse, die
Liebkosungen zwischen uns seien die honigtriefenden Früchte dieses Haines; das
Element meines Lebens aber: die Harmonie mit Dir, mit der Natur, mit Gott, aus
deren Schoss die Fülle der Erzeugung steigt, aufwärts ans Licht, ins Licht, im
Lichte vergehend: das sei der Strom, der gewaltige, der diesen Hain umzingelt,
ihn einsam macht mit mir und Dir.
    Weisst Du's noch, wie Du in der Dämmerung mich wieder bestelltest? - Du weisst
nichts, ich weiss alles, ich bin das Blatt, auf das die Erinnerung aller
Seligkeit geätzt ist. Ja ich ging um Dein Haus herum und wartete auf die
Dämmerung und dachte, wenn ich an die Pforte kam: »Ob's wohl schon dunkel genug
ist? - Und ob er dies wohl für die Dämmerung hält?« - Und aus Furcht, Deinen
Befehl zu verfehlen, ging ich noch einmal um das Haus, und wie ich nun eintrat,
da schmältest Du, dass ich zu spät gekommen, es sei schon lange dämmerig. Du
habest lange schon auf mich gewartet. Dann liessest Du Dir ein weisses wollnes
Gewand bringen und zogst das Tagskleid aus und sagtest: »Nun es gar Nacht
geworden über dem Harren auf dich, so wollen wir recht nächtlich und bequem sein
und recht feinwollig will ich gegen dich sein; denn du sollst mir heute
beichten.« Da kniete ich vor Dir auf dem Schemel und umfasste Dich und Du mich.
Da sagtest Du: »Vertrau mir doch und sag mir alles, was in deinem Herzen Gewalt
geübt hat, du weisst, ich hab dich nie verraten, kein Wort, kein Laut von dem,
was deine Leidenschaft zu mir gerast hat, ist je über meine Lippen gekommen, so
sag mir doch, denn es ist nicht möglich, dass dein Herz diese ganze Zeit über so
ruhig war, sag mir doch, wer war's, kenne ich ihn? - Und wie war's? Was hast du
noch alles gelernt und erfahren, was dich meiner vergessen machte?« -
    Damals, lieber Freund, sagte ich Dir die Wahrheit, wie ich Dir beteuerte,
dass mein Herz ganz still gewesen sei, dass nichts seitdem mich berührt habe; denn
in demselben Augenblick war mir alles Wahn gegen Dich, und bleiches Schattenbild
die ganze Welt, und abgeschiednes Totes schien mir des Schicksals Los in Deiner
Nähe, ich konnte es sagen in vollem Bewusstsein, dass ich Deiner Schönheit
gebunden sei; denn ich sah Dich ja an. - Du aber ruhtest nicht und wolltest
durchaus wissen die Geschichte, die ich mich vergebens bemühte zu erfinden; denn
ich schämte mich beinah, dass mir gar keine Liebesgeschichte widerfahren war.
Jetzt besann ich mich auf eine und wollte eben erzählen und hub an: »Ja! Aber
glaube nicht, dass Dir die Liebe in den Weg gekommen, damals wandelte ich im
Traum, jetzt wache ich wieder; hier im Mondschein an Deiner Brust weiss ich, wer
ich bin, und was Du mir bist, wie ich nur Dir angehöre, wie Du mich bezauberst;
aber einmal« - da begann ich meine Liebesgeschichte, von der ich nichts mehr
weiss. Und Du, Herrlicher, liessest mich nicht weiter sprechen und riefst: »Nein,
nein! Du bist mein! - Du bist meine Muse! - Kein andrer soll sagen können, dass
du ihm so zugetan warst wie mir, dass er deiner Liebe so versichert war wie ich,
ich habe dich geliebt, ich habe dich geschont, die Biene trägt nicht
sorgfältiger und behutsamer den Honig aus allen Blüten zusammen, wie ich aus
deinen tausendfältigen Liebesergüssen mir Genuss sammelte.« - Da fielen meine
Haarflechten nieder, Du nahmst sie und nanntest sie braune Schlangen und
stecktest sie in Dein Gewand und zogst so meinen Kopf an Deine Brust, an der ich
von Ewigkeit zu Ewigkeit ruhen sollte und des Denkens und des Treibens mich
überheben, das wär schön, das wär wahr, das wär so die rechte süsse Faulheit
meines Daseins, das ist die Paradiesesfrucht, nach der ich schmachte, ruhen und
schlafen in dem Bewusstsein, dass ich dem Herrlichsten nahe bin.
                                     * * *
 
                                An meinen Freund
Soweit hatte ich gestern geschrieben, dann ging ich abends spät noch in
Gesellschaft, ich hatte den Vorsatz gefasst, alles Liebliche und Tiefbedeutende,
was ich mit Goete erlebt, ihm in einem Zyklus solcher Briefe noch einmal
darzulegen; jetzt stand mir alles so klar und deutlich vor Augen, als wenn mir's
eben erst widerfahren wäre. Meine Seele war tief bewegt von diesen Erinnerungen
und fern den Menschen wie der Mond, wenn er jenseits ist. Bei solchen Stimmungen
bin ich immer auf eine sonderbare Spitze gehoben, nämlich zum Übermut. - Man war
in der Gesellschaft schon von Goetes Tode unterrichtet, ich erzählte, dass ich
eben nach Jahren zum erstenmal wieder an ihn geschrieben, sie machten alle trübe
Gesichter, aber keiner teilte mir die Nachricht mit. Nachts um ein Uhr nach
Haus; die Zeitung lag an meinem Bett, ich las die Anzeige seines Todes, ich war
allein, ich brauchte keinem Red und Antwort zu geben über mein Gefühl; ich
konnte so ruhig dabei sein und entgegensehen allem, was es mir bringen werde; da
war's ganz deutlich, dass diese Liebesquelle mir nicht versiegt sei mit dem Tod,
ich schlief ein und träumte von ihm und erwachte, um mich zu freuen, dass ich ihn
eben im Traum gesehen, und ich schlief wieder ein, um weiter von ihm zu träumen,
und so verging mir diese Nacht voll süssem Trost, und ich war gewiss, sein Geist
habe sich mit mir versöhnt, und nichts sei mir verloren.
    Wem sollte ich nun wohl dies verwaiste Blatt vererben als dem Freund, der
mit so innigem Anteil mich von ihm sprechen hörte, und wenn es ihm auch nur wär,
was ein falbes Blatt ist, das der Wind vor seinen Füssen hinwirbelt, er wird doch
erkennen, dass es am edlen Stamm gewachsen ist. -
    Ich will den Ausgang jenes Abends mit Goete hier auserzählen: Als ich
wegging, begleitete er mit der Kerze mich ins zweite Zimmer, indem er mich
umfasste, fiel das brennende Licht an die Erde, ich wollte es aufheben, er aber
litt es nicht. »Lass es liegen«, sagte er, »es soll mir ein Mal in den Boden
brennen, wo ich dich zuletzt gesehen habe, sooft ich dran vorübergehe, will ich
deiner lieben Erscheinung gedenken. Bleib mir treu, bleib mein«, sagte er; so
küsste er mich auf die Stirn und schob mich zur Tür hinaus.
    Wär es nicht unrecht, dass am Fest der Verklärung die Nebel geheimer Vorwürfe
aufstiegen und den sonnenhellen Horizont verdunkelten, so würde ich dem Freund
hier verklagen, grade die, von der er weiss, dass sie gern rein und frei von jedem
Fehl in der Liebe erscheinen möchte, ja dies beschämte Herz! Sieh, wie gross
seine Vergehen sind gegen die Liebe, der nicht bloss ein Zweig vom heiligen Baum
des Ruhms anvertraut war, nein, der Baum selbst, der diese Sprossen sich ewig
verjüngend treibt, war ihr zur Pflege befohlen, und sie hat sein nicht geachtet,
ist nicht geblieben im Schutze dieses Baumes, der ohne sie fortgrünte.
                                     * * *
 
                                   An Goete
Aufgefahren gen Himmel! Die Welt leer, die Triften öde; denn gewiss ist's, dass
Dein Fuss hier nicht mehr wandert. Mag auch Sonnenschein die Wipfel jener Bäume
beglänzen, die Du gepflanzt hast! Mag sich das Gewölk teilen und der blaue
Himmel sich ihnen auftun: sie wachsen nicht hinein; aber die Liebe? - Wie wär's,
wenn die ihre Blütenkrone da oben als Teppich zu Deinen Füssen ausbreite? Wenn
sie hinaufstrebte fort und fort, bis ihr Wipfel anstiess an den Schemel Deiner
Füsse und dort alle Blüten entfaltend, ihren Duft um Dich schwenkend: - wär das
nicht auch zu den Himmelsfreuden zu zählen? - Ich hab Vertrauen, dass Du mich
hörst, dass mein Ruf aufwärts gehe zu Dir. - Hier auf Erden, da war's nicht
möglich. Das Marktgewühl des alltäglichen Lebens liess die Sehnsucht nicht
durchdringen, keine einsame vertrauliche Zeit kam ihr zu Hilfe, ich selbst sagte
mir hundertmal: »Es ist alles verloren.« - Herr! Der mich hört, dem ich
vertraue, dass er mich höre: gib Antwort. - Seit sie Dich tot sagen, klopft mir
das Herz vor heimlicher Erwartung. Es ist, als hättest Du mich dahin bestellt,
um mich zu überraschen wie sonst im Garten, wo Du aus umbuschten Nebenwegen
hervortratst, den reifen Apfel in der Hand, den ich dann vor Dir herwarf, um
Dich den Weg zu lenken in die Laube, wo die grosse Kugel am Boden lag. Da sagtest
Du: »Da liegt die Welt zu deinen Füssen, und doch liegst du mir zu Füssen.« - Ja,
die Welt und ich, wir lagen zu Deinen Füssen, jene kalte Welt, über der erhaben
Du standest, und ich, die zu Dir hinaufstrebte. So kam's auch: die Welt blieb
liegen, und mich zogst Du ans Herz. An Deinem Herzen, mein Freund, das warm
schlug, wer kann ermessen, wie selig das war. Herr! Ist das alles wieder zu
erwerben, mit süssem Bewusstsein noch einmal zu durchleben? -
    O der falschen Welt, die uns trennte und mich wegführte, mich armes blindes
Kind von meinem Herrn! Was hab ich gesucht? - Was hab ich gefunden? - Wer hat
mich freudig angelächelt? - Wessen Umarmung hab ich ausgefüllt mit der liebenden
Gewissheit, dass er nichts Seligeres umfassen könne? - Du warst zufrieden mit mir.
Dich freute es zu sehen, wie aus dem Kinderherzen die Quelle der Begeistrung für
Dich hervorbrach, warum musste diese Quelle versiegen? - Konnte, sollte nicht der
ganze Lebensstrom Deinem Lächeln, Deinem Grüssen und Nicken dahinfliessen? - Wo
war es schön als nur bei Dir? - Du kanntest die Grazien, ihr ferner Schritt
schon gab den Rhytmus Deiner Begeisterung. - Das stille Feuer Deiner dunklen
Augen, die Ruhe Deiner Glieder, Dein kindlich Lächeln zu meiner List im
Erzählen, Deine gelehrige Andacht für meine Begeistrung. Ja, und Du senktest
Dein heilig Haupt zu mir herab und sahest mich an, die ich geweiht war durch
Deine Nähe.
                                     * * *
 
                                 An den Freund
Vielleicht verscherz ich Dein bisschen Andacht zu mir, dass ich Dich so tief in
den Schacht meines Herzens einsenke, wo es so wunderlich hergeht, dass die Leute
sagen würden, es sei Narrheit. - Ja, Narrheit ist die rechte Scheidewand
zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergänglichen. Es scheue
keiner, die irdischen Gewande zu versehren am göttlichen Feuer. Du bist mein
Freund, oder bist Du's auch nicht, ich weiss es nicht, immer muss ich Dich so
annehmen, da Du mitten im Geheimnis meiner Brust stehst wie ein Pfeiler, an den
ich mich anlehne, und wie der gewandte Schwimmer von gefährlicher Höhe sich in
die Fluten stürzt vor solchen Augen, denen er seine Kühnheit bewähren möchte, so
wage ich, weil Du mir Zeuge bist, diesen dämonischen Gewalten mich anheim zu
geben, diese Tränenflut, in der ich spiele, diese Frühlingsbegeistrung meiner
Liebeszeit zu Goete und die Vorwürfe, die in mir aufsteigen würden, mir das
Herz zerreissen, wenn ich nicht den Freund hätte, der zuhörte und nachempfände,
was ich hier ausspreche.
    Der letzte Akt der Blütezeit ist, dass sie ihren befruchtenden Staub mit dem
Samen in ihrem Kelch mische, dann tragen die Lüfte sich spielend mit ihren
gelösten Blättern und gaukeln eine Weile mit dem Schmuck der Begeistrung. Bald
sieht kein Auge mehr von ihrem Glanz, ihre Zeit ist vorüber; der Same aber
quillt und offenbart in der Frucht das Geheimnis der Erzeugung. Vielleicht, wenn
diese Blätter der Begeistrung vom Stamme gelöst dahinwirbeln und wie jene
kleinen Blütenkronen, nachdem sie ihren Duft ausgehaucht, vom irdischen Staub
beschwert, flügellahm sich endlich unter die Erde betten, dass es dann in dem
Herzen des Freundes, dem sie duften, auch quillt und der Segen dieser schönen
Liebe zwischen dem Dichter und dem Kinde sich an seinem Geist bewähre und ihn zu
der Schönheit befruchte, deren Abbild in seinen edlen Zügen sich malt.
                                     * * *
 
                                   An Goete
Wie begierig nach Liebe warst Du! Wie begierig warst Du, geliebt zu sein! -
»Nicht wahr, du liebst mich? Nicht wahr, es ist dein Ernst, du betrügst mich
nicht?« - so fragtest Du, und ich sah Dich an und schwieg. »Ich bin leicht zu
betrügen, mich kann jeder betrügen, betrüge mich nicht, mir ist lieber die
Wahrheit, und wenn sie auch schmerzt, als dass ich umgangen werde.« Wenn ich dann
aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach, da sagtest Du: »Ja, du
bist wahr, so was kann nur die Liebe sagen.« - Goete, hör mich an! - Heute
spricht auch die Liebe aus mir; heute am dreissigsten März, acht Tage nach dem,
welchen man als den Tag Deines Todes bezeichnet, seit welchem Tag alle Deine
Rechte mir im Busen sich geltend machen, als läg ich noch zu Deinen Füssen; heute
will die Liebe Dir klagen: Du! Oben - über den Wolken, nicht getrübt durch ihre
Schwere, nicht gestört durch ihre Tränen; können Klagen in Dein Ohr dringen? - O
löse meine Klagen auf und erlöse mich, mache mich frei von dieser Sehnsucht,
erkannt zu werden, und dass man meiner auch bedürfen möge, - hast Du nicht mich
erkannt? - ja, mit prophetischer Stimme schlummernde Kräfte der Begeistrung in
mir geweckt, die mir ewige Jugend zusagen, die mich weit über die Fähigkeit der
Menschen, sich mir zu nähern, hinwegtragen? Hast Du mir nicht reichlich ersetzt
im ersten Einklang mit meinem Herzen alles, was je mir konnte entzogen werden?
Du, an den zu denken mir leises Gewittern im Herzen erregt, wo's gleich
elektrisch schauert durch den Geist, wo gleich Schlummer befällt das äussere
Leben - und keine Erkenntnis mehr von den Ansprüchen der äusseren Welt. - Wer hat
je mein Herz gefragt? - Wer hat sich geneigt zur Blume, um ihre Farbe zu
erkennen und ihren Duft zu atmen? - Wem hätte der Klang meiner Stimme (von der
Du sagtest: Du fühlest, was Echo fühlen müsse, wenn die Stimme eines Liebenden
an ihrer Brust widerhalle) eine Ahnung gegeben, welche Geheimnisse kraft Deiner
dichterischen Segnungen sie auszusprechen vermöge? O Goete! Du allein hast den
Schemel Deiner Füsse mir hingerückt und mir erlaubt, in Deiner Nähe meine
Begeistrung auszuströmen. - Was jammere ich denn? - Dass es so still ist um mich?
- Dass ich so einsam bin? - Nun wohl! - In dieser einsamen Weite, wenn es einen
Widerhall meiner Gefühle gibt, kannst nur Du es sein; wenn eine Tröstung mir
zuweht aus freier Luft, so ist es der Atem Deines Geistes. Wer würde auch
verstehen, was wir hier miteinander sprechen, wer würde sich feierlich fügen dem
Gespräch Deines Geistes mit mir. - Goete! - Es ist nicht mehr süss, unser
Zusammensein! Es ist kein Kosen, kein Scherzen; die Grazien räumen nicht mehr um
Dich her auf und ordnen jede Liebeslaune, jede Spielerei des Witzes zu heiteren
Gedichten. - Die Küsse, die Seufzer, Tränen und Lächeln jagen und necken
einander nicht mehr, es ist feierliche Stille, es ist feierliche Wehmut, die
mich ganz durchgreift. In meiner Brust ordnen sich die Harmonien, die Tonarten
lösen sich voneinander, jede fühlt die Organe ihrer Verwandtschaften in sich
mächtig, und was sie vermag. So ist es in meiner Brust, weil ich's wage, mich
vor Dich zu stellen, mitten in Deinen Weg, den Du eilend durchjagst, und Dich zu
fragen: Kennst Du mich noch? - die ausser Dir niemand kennt? - Siehe, inmitten
dieser Brust steht der reine Kelch der Liebe, gefüllt bis zum Rand mit herbem
Trank, mit bitteren Tränen schmerzlichen Entbehrens. Wenn die Harmonien
übergehen ineinander, dann wird der Kelch erschüttert, dann strömen die Tränen;
sie fliessen Dir, der Du die Totenopfer liebst, der Du sagtest: »Unsterblich
sein, um nach dem Tode tausendfach in jedem Busen zu erwachen.« Ja! Damals
wollte ich: allein in meinem Busen solltest Du erwachen; und es ist wahr
geworden, und dicht hinter mir und Dir ist das Leben abgeschlossen. Ach, ich bin
Deiner heiligen Gegenwart nicht gewachsen, ich wage zu viel und stürze zusammen
und sehne mich nach einer Brust, die lebt unter den Lebenden, die meine
Geheimnisse aufnimmt und mich wärmt; denn: vor Dir stehen gibt schauerliche
Kälte; und die Hände muss ich ringen, dass ich Deiner so verinnigt zu denken wage.
Nein! - Nicht Dich rufen! - Nicht die Hände nach Dir ausstrecken, in dieser
seltsamen schauerlichen Stunde nach Dir forschen über den Sternen, hinaufsehen,
Deinen Namen rufen? - Ich wage es nicht! - O ich fürchte mich! - Besser
bescheiden den Blick senken auf das Grab, was Dich deckt; Blumen sammeln, sie
Dir hinstreuen; ja, die süssen Blumen der Erinnerung, alle wollen wir sammeln,
sie duften so geistig, mag sie einer bewahren zu Deinem und meinem Gedenken,
oder mag sie der Zufall verwehen, einmal will ich die süssen Geschichten der
Vergangenheit noch durchgehen.
Heute erzähle ich Dir, wie Du mich in dunkler Nacht unbekannte Wege führtest,
das war in Weimar auf dem Markt, als wir an eine Treppe kamen und Du zuerst
niederstiegst und als ich unsicher zu folgen versuchte, mich in Deinen Mantel
gehüllt dahin trugst; Herr! Ist es wahr? - Hast mich in beiden Armen schwebend
getragen? Wie schön warst Du da, wie gross und edel, wie leuchtete Dein
durchdringender Blick dunkel im Glanz der Sterne mich an. Da oben mit beiden
Armen Dich umschlingend, wie war ich selig! Wie lächeltest Du, dass ich so selig
war, wie freute es Dich, dass Du mich hattest, über Dir schwebend mich trugst,
wie freute ich mich, und dann schwang ich mich hinüber auf die rechte Schulter,
um die linke nicht zu ermüden. Du liesst mich durch die erleuchteten Fenster
sehen, eine Reihe friedlicher Abende von alt und jung, bei Lampenschein oder bei
hellem Küchenfeuer, auch der kleine Hund und das Kätzchen waren dabei. Du
sagtest: »Ist das nicht eine allerliebste Bildergalerie?« - So kamen wir von
einer Wohnung zur andern aus den finstern Strassen hervor unter die hohen Bäume,
ich reichte an die Äste, da rauschten die Vögel auf, da freuten wir uns, wir
beide, - Kinder, ich und Du. Und nun? - Du ein Geist, aufgefahren zu den
Himmeln, und ich? - Unerleuchtet, unerfüllt, unerwartet, unverstanden,
ungeliebt, ja sie könnten mich fragen: »Wer bist du und was willst du?« Und wenn
ich Antwort gäbe, würden sie sagen: »Wir verstehen dich nicht.« Du aber
erkanntest mich und öffnetest mir die Arme und das Herz, und jede Frage war
gelöst und jeder Schmerz beschwichtigt. - Dort im Park zu Weimar gingen wir Hand
in Hand unter den dichtbelaubten Bäumen, das Mondlicht fiel ein, Du gabst mir
viele süsse Namen, es klingt noch in meinen Ohren: »Lieb Herz! Mein artig Kind!«
Wie war ich erfreut zu wissen, wie ich Dir heisse; dann führtest Du mich an die
Quelle, sie kam mitten aus dem Rasen hervor, wie eine grüne kristallne Kugel, da
standen wir eine Weile und hörten ihrem Getön zu. »Sie ruft der Nachtigall«,
sagtest Du, »denn die heisst auf Persisch Bulbul, sie ruft dich, du bist meine
Nachtigall, der ich gern zuhöre.« Dann gingen wir nach Hause, ich sass an Deiner
Seite, da war's so stille, nah an Deinem Herzen; ich hörte es klopfen, ich hörte
Dich atmen, da lauschte ich und hatte keine Gedanken als bloss Deinem Leben
zuzuhören. - O Du! - Hier lang nach Mitternacht, allein mit Dir im Angedenken
jener Stunde vor vielen Jahren, durchdrungen von Deiner Liebe, dass meine Tränen
fliessen; und Du! Nicht auf Erden, jenseits! - Wo ich Dich nicht mehr erreiche. -
Ja, Tränen! - Alles umsonst. - So verging die Zeit an Deiner Brust, keine
Ahnung, dass sie verging, es war alles für die Ewigkeit eingerichtet. Dämmerung -
die Lampe warf einen ungewissen Schein an die Decke, die Flamme knisterte und
leuchtete auf, das weckte Dich aus Deinem tiefen Sinnen. - Du wendetest Dich
nach mir und sahest mich lange an, dann lehntest Du mich sanft aus Deinen Armen
und sagtest: »Ich will gehen, sieh, wie unsicher das Nachtlicht brennt, wie
beweglich die Flamme an der Decke spielt, grade so unsicher brennt eine Flamme
in meiner Brust, ich bin ihrer nicht gewiss, ob sie nicht auflodere und dich und
mich versehre.« Du drücktest meine Hände, Du gingst, ohne mich zu küssen. Ich
blieb allein; erst, wie es sonderbar mit Liebenden ist, war ich ruhig, ich
fühlte mich von Glanz umgeben und vom Glanz erfüllt, aber plötzlich durchdrang
mich der Schmerz, dass Du gegangen warst. Wem sollte ich's klagen, dass ich Dich
nicht mehr hatte? Ich trat vor den Spiegel, da sah mein blasses Antlitz heraus,
so schmerzlich sah das Auge mich an, dass ich vor Mitleid gegen mich selbst in
Tränen ausbrach.
                                     * * *
 
                                   Dem Freund
Es ist, als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe, was ich
vergessen zu haben glaubte, greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue
das Feuer verhaltner Schmerzen.
    So weit habe ich in der Nacht geschrieben, heut am Tag schreibe ich noch als
psychologische Merkwürdigkeit her, auf welche wunderbare Weise ich mich
beschwichtigte, wie die geängstete, mit aller Willenskraft der Jugend
ausgerüstete Seele sich half. - Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend, bei dem
unsicheren Flackern der Nachtlampe, hilfesuchend im eignen Auge, das mir mit
Tränen antwortete, die Lippen zuckten, die Hände so festgefaltet auf der Brust,
die bedrängt, erfüllt war von Seufzern. Siehe da! - Wie oft hatte ich gewünscht,
auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu dürfen, plötzlich fielen
mir die grossen gewaltigen Eichen ein, wie die vor wenig Stunden im Mondlicht
über uns gerauscht hatten, und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris,
der so beginnt: »Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heiligen
dichtbelaubten Haines.« - Ich stand aufrecht vor dem Spiegel, es war mir, als ob
Goete zuhöre, ich sagte den ganzen Monolog her, laut, mit einer gewiss zum
höchsten Grad des Kunstgefühls gesteigerten Begeistrung. Oft musste ich
innehalten, das leise verhaltne Beben der Stimme gab mir die Pausen ein, die in
diesem Monolog so wesentlich sind, weil unmöglich die nach allen Seiten sich
scharfrichtenden Blicke auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die seinen
Inhalt ausmachen, alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen können. Meine
Rührung, mein tief von Goetes Geist erschütterter Geist waren also
Veranlassung, mein dramatisches Kunstgefühl zu steigern; ich empfand deutlich
die Begeistrung der Begeistrung. - Ich fühlte mich wie in einer Wolke gebettet
aufwärts schwebend, eine göttliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem
Ersehnten und zwar in der Verklärung seines eignen Werkes, welche schönere
Apoteose seiner Einwirkung auf mich war zu erleben? - So waren denn alle
Schmerzen der Sehnsucht gelöst in freudiges Flügelrauschen des Geistes. Wie ein
junger Adler mit den Flügeln der Sonne zuwinkt, ohne sich emporzuschwingen, und
im Gefühl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich genügen lässt: so war
ich heiter und froh. - Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel über mich her wie
ein erquickender Gewitterregen.
    So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren
durch Kunstgefühl aufgelöst worden. Jedes in der heiligen Natur begründete
sinnliche Gefühl, alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu
der Sehnsucht, überzugehen in eine höhere Welt, wo das Sinnliche auch Geist
wird.
                                     * * *
Ich danke Dir, Freund, dass ich Dir alles sagen darf, unter allen Menschen weiss
ich keinen zweiten, dem ich diese Blätter hätte vertrauen mögen, ich will nicht
zweifeln, dass Du ihren Wert erkennst, sie entalten das Heiligtum von Goetes
Pietät, aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war, der den Feuergeist
des Lieblings sanft zu lenken verstand, dass er sich stets glücklich fühlte und
in vollkommner Harmonie mit ihm. Mein Freund! - Dir ist's geschenkt, dass zutage
komme, was sonst nie, nicht einmal in meinen einsamen Träumen sich wiederholt
haben dürfte. Ich kann nicht über mich selbst entscheiden, was in mir vorgehe,
ich fühle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen
durch diese tiefen Erinnerungen, so dass ich sogar das Wehen der Luft von damals
mit zu empfinden glaube, dass ich mich umsehe, als stände er hinter mir, und dass
ich jeden Augenblick empfinde, wie durch die Berührung des irdischen Geistes von
einem himmlischen überirdischen Geist alles Denken in mir entsteht. So will ich
denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen
Nachtgespenstern, die Du mir entgegenscheuchst, dennoch fortfahren, Dir
mitzuteilen, wozu nur erprobte Treue berechtigt.
                                     * * *
Von ungemessner Höhe strömt das Licht der Sterne herab zur Erde, und die Erde
ergrünt und blüht in tausend Blumen den Sternen entgegen. Der Geist der Liebe
strömt auch aus ungemessner göttlicher Höhe herab in die Brust, und diesem Geist
entgegen lächeln auch die Liebkosungen eines blühenden Frühlings empor! Du! Wie
sich's die Sterne gefallen lassen, dass ihr Widerschein am frisch begrünten Boden
im goldnen Blumenfeld erblüht, so lasse auch Dir es gefallen, dass Dein höherer
Geist Dir tausendfältige Blüten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe.
Ewige Träume umspinnen die Brust, Träume sind Schäume, ja sie schäumen und
brausen die Lebensflut himmelan. Sieh, er kommt! - Ungeheure Stille in der
weiten Natur, - es regt sich kein Lüftchen, es regt sich kein Gedanke; willenlos
zu seinen Füssen der ihm gebundne Geist. - Kann ich lieben, - ihn, der so erhaben
über mir steht? - Welt, wie bist Du enge? - Nicht einmal dehnt der Geist die
Flügel, so breitet er sie weit über Deine Grenze. Ich verlasse Wald und Aue, den
Spielplatz seiner dichterischen Lust, ich glaube den Saum seines Gewandes zu
berühren, - ich strecke die Hände aus nach ihm! - Es war mir, als fühle ich
seine Gegenwart im blendenden Schimmer, der sich zwischen Tränen malt. - Es ist
ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch, warum soll ich ihn nicht kühn
wandeln? - Siehe, der Äter trägt mich so gut wie der Rasen, - ich eile ihm
nach, wenn ich ihn auch nicht erreiche, kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig
gewandelt, sein Atem verträgt sich noch mit dem Luftstrom, mag ich ihn doch
trinken.
    Nimm mich zurück, hilf mir herab, - das Herz bricht mir, ja das Herz ist
nicht stark genug, die leidenschaftliche Gewalt, die sich über die Grenze bäumt,
zu tragen. Führ mich zurück auf die Ebne, wo mein Genius mich ihm einst
entgegenführte in der blühenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend, wo sich der
Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob, und wo er mit vollen Strahlen mir den
Blick einnahm und jedes andere Licht mir wegdunkelte.
                                     * * *
O komm herein, wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden,
verstummten, dem Verhängnis der Liebe folgenden Kindes, wie es da zusammensank,
da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah, wie Du es auffingst in
Deinen Armen, die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male
lösend. Der Friede, der mich überkam an Deiner Brust! Der süsse Schlaf, einen
Augenblick, oder war's Betäubung? - Das weiss ich nicht. Es war tiefe Ruhe, wie
Du den Kopf über mich beugtest, als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen,
und wie ich erwachte, sagtest Du: »Du hast geschlafen!« »Lange?« - fragte ich.
»Nun, Saiten, die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben, fühlt ich
berührt, so ist mir die Zeit schnell genug vergangen.« Wie sahest Du mich so mild
an! - Wie war mir alles so neu! - Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt,
angestaunt in der Liebe. Dein Antlitz, o Goete, das keinem andern vergleichbar
war, zum erstenmal mir in die Seele leuchtend. - O, Herrlicher! - Noch einmal
knie ich hier zu Deinen Füssen, ich weiss, Deine Lippen träufeln Tau auf mich
herab aus den Wolken, ich fühle mich wie belastet mit Früchten der Seligkeit,
die all Dein Feuergeist in mir gezeitigt, ja, ich fühl's, Du siehst auf mich
herab aus himmlischen Höhen, lasse mich bewusstlos sein, denn ich vertrag's
nicht, Du hast mich aus den Angeln gehoben, wo steh ich fest? - Der Boden wankt,
schweben soll ich fortan, denn weil ich mich nicht mehr auf Erden fühle; keinen
kenne ich mehr, keine Neigung, keinen Zweck, als nur schlafen, schlafen auf
Wolken gebettet an den Stufen Deines himmlischen Trones, Dein Auge Feuerwache
haltend über mir, Dein allbeherrschender Geist sich über mich beugend im
Blütenrausch der Liebeslieder. Du! Säuselnd über mir, Nachtigall flötend: das
Gestöhn meiner Sehnsucht. - Du! Stürmend über mir, wetterbrausend: die Raserei
meiner Leidenschaft. Du! - Aufjauchzend, himmelandringend die ewigen Hymnen
beglückender Liebe, dass der Widerhall ans Herz schmettert, ja, zu Deinen Füssen
will ich schlafen, Gewaltiger! Dichter! Fürst! Über den Wolken, während Du die
Harmonien ausbreitest, deren Keime zuerst Wurzel fassten in meinem Herzen.
                                     * * *
 
                                   Dem Freund
Gebete steigen gen Himmel, was ist er, der auch himmelan steigt? - Er ist auch
Gebet, gereift unter dem Schutz der Musen. - Eros, der himmlische, leuchtet
vorauf und teilt ihm die Wolken, - ich aber kann's nicht sehen, ich muss mich
verbergen.
    Sein Stolz! - Sein heiliger Stolz in seiner Schönheit. Heute sagte jemand,
das sei nicht möglich, er sei sechzig Jahre alt gewesen, wie ich ihn zum
erstenmal gesehen, und ich eine frische Rose. O, es ist ein Unterschied zwischen
Frische der Jugend und der Schönheit, die der göttliche Geist den menschlichen
Zügen einprägt, Schönheit ist ein von der Gemeinheit abgeschlossnes Dasein, sie
verwelkt nicht, sie löst sich nur von dem Stamm, der ihre Blüte trug, aber ihre
Blüte sinkt nicht in den Staub, sie ist beflügelt und steigt himmelan. Goete,
Du bist schön! Ich will Dich nicht zum zweitenmal in Versuchung führen, wie
damals in der Bibliotek, Deiner Büste gegenüber, die in Deinem vierzigsten Jahr
das vollkommne Ebenmass Deiner höchsten Schönheit ausdrückte; da standst Du im
grünen Mantel gewickelt an den Pfeiler gelehnt, forschend, ob ich doch endlich
in diesen verjüngten Zügen den gegenwärtigen Freund erkenne, ich aber tat nicht
dergleichen, ach, Scherz und geheime Lust liessen mir's nicht über die Lippen.
»Nun?« - fragte er ungeduldig. »Der muss ein schöner Mann gewesen sein,« sagte
ich. - »Ja wahrlich! Dieser konnte wohl sagen zu seiner Zeit, er sei ein schöner
Mann,« sagte er erzürnt; ich wollte an ihn herangehen, er wies mich ab, einen
Augenblick war ich betroffen; - »halte stand wie dies Bild,« rief ich, »so will
ich Dich wieder sanft schmeicheln, willst Du nicht? - Nun, so lass ich den
Lebenden und küsse den Stein so lange, bis Du eifersüchtig wirst.« - Ich umfasste
die Büste und küsste diese erhabene Stirn und diese Marmorlippen, ich lehnte Wang
an Wange, da hob er mich plötzlich weg und hielt mich hoch in seinen Armen über
seiner Brust, dieser Mann von sechzig Jahren sah an mir hinauf und gab mir süsse
Namen und sagte die schönen Worte: »Liebstes Kind, du liegst in der Wiege meiner
Brust«14, dann liess er mich an die Erde, er wickelte meinen Arm in seinen Mantel
und hielt mir die Hand an sein klopfend Herz und so gingen wir langsamen
Schrittes nach Haus; ich sagte: wie schlägt Dein Herz! - »Die Sekunden, die mit
solchem Klopfen mir an die Brust stürmen,« sagte er, »sie stürzen mit übereilter
Leidenschaft dir zu, auch du jagst mir die unwiederbringliche Zeit vorwärts.« -
So schön fing er die Bewegung seines Herzens in süssen Worten ein, der heilige
unwidersprechliche Dichter. -
    Mein Freund, ich sage Dir gute Nacht. Weine mit mir einen Augenblick - schon
ist Mitternacht vorüber, die Mitternacht, die ihn weggenommen hat.
                                     * * *
Gestern hab ich noch viel an Goete gedacht, nein, nicht gedacht: mit ihm
verkehrt. Schmerz ist bei mir, nicht Empfinden, es ist Denken, ich werde nicht
berührt, ich werde erregt. Ich fühle mich nicht schmerzlich behandelt, ich
handle selbst schmerzlich. - Das hat also weh getan, wie ich gestern mit ihm
war. - Ich hab auch von ihm geträumt. - Er führte mich längs dem Ufer eines
Flusses schweigend und ruhig und bedeutsam, ich weiss auch, dass er sprach,
einzelne Worte, aber nicht was. Die Dämmerung schwärmte wie vom Wind gejagte
zerrissene Nebelwolken, ich sah das zitternde Blinken der Sterne im Wasser, mein
gleichmässiger Schritt an seiner Hand machte mir das Bewegte, Irrende in der
Natur um so fühlbarer, das rührte mich und berührt mich jetzt, während ich
schreibe. Was ist Rührung? - Ist das nicht göttliche Gewalt, die eingeht durch
meine Seele wie durch eine Pforte in meinem Geist, eindringt, sich mischt und
verbindet mit einer Natur, die vorher unberührt war, mit ihr neue Gefühle, neue
Gedanken, neue Fähigkeiten erzeugt! - Ist es nicht auch ein Traum, der den
grünen Teppich unter Deinen Füssen ausbreitet und ihn mit goldnen Blumen stickt?
- Und alle Schönheit, die Dich rührt, ist sie nicht Traum? Alles, was Du haben
möchtest, träumst Du nicht gleich Dich in seinen Besitz? - Ach, und wenn Du so
geträumt hast, musst Du dann es nicht wahr machen oder sterben vor Sehnsucht? -
Und ist der Traum im Traum nicht jene freie Willkür unseres Geistes, die alles
gibt, was die Seele fordert? Der Spiegel dem Spiegel gegenüber, die Seele
inmitten, er zeigt ihre Unendlichkeit in ewiger Verklärung.
                                     * * *
 
                                   Dem Freund
Du willst, ich soll Dir mehr noch von ihm sagen, alles? - Wie kann ich's? - Gar
zu schmerzlich wär's, von ihm getrennt, alle Liebe zu wiederholen; nein! Wenn
mir's wird, dass ich ihn selbst seh und spreche, wie mir's in diesen beiden Tagen
erging, wenn ich zu ihm bitten kann wie sonst, wenn ich hoffen kann, dass er mir
wieder die ewige heilige Rede seines Blickes zuwendet, dann will ich die
Erinnerungen, die aus diesem Blick mir zuwinken, Dir mitteilen. So wird's auch
kommen: es ist nicht möglich, dass, bloss weil die leichte Hülle von ihm gesunken,
dies alles nicht mehr sein oder sich ändern sollte. Ich will vertrauen, und was
andre für unmöglich halten, das soll mir möglich werden. Was wär die Liebe, wenn
sie nichts anders wär, als was die unregsame Menschheit an sich erfährt; ach,
sie erfährt nichts als ihren Ablauf. Schon in dem Augenblick, wo wir kühn genug
sind, die Ewigkeit zum Zeuge unseres Glückes aufzufordern, haben wir die Ahnung,
dass wir ihr nicht gewachsen sind, ach und nicht einmal: wir wissen vielmehr gar
nichts von ihr. Von ihr wissen und in ihr sein ist zweierlei; gewusst hab ich von
ihr, wie ich nicht mehr in ihr war. Dies ist der Unterschied: in ihr leben, da
lebt man im Geheimnis, der innere Mensch umfasst, begreift nicht die Wirkung, die
es auf ihn hat. Von ihr leben: da lebt man in der Offenbarung, man wird gewahr,
wie eine höhere Welt uns einst in sich aufgenommen hatte, man fühlt die
Merkzeichen früherer göttlicher Berührung - das, was Scherz der Liebe schien,
erkennen wir nun als himmlische Weisheit, wir sind erschüttert, dass der Gott uns
so nah war, dass unser irdisch Teil in ihm sich nicht verzehrte, dass wir noch
leben, noch sind, noch denken, dass wir nicht auf ewig aufgegeben haben, was man
so gern in glücklicher Stunde, am Busen des Freundes aufgibt, nämlich, was
anders zu sein als tief empfunden von dem Geliebten.
    Einmal stand ich am Fenster mit ihm, es war Mondschein, die Blätter der
Reben schatteten sich ab auf seinem Antlitz, der Wind bewegte sie, so dass sein
Aug bald in Schatten kam, bald wieder im Mondlicht glänzte. Ich fragt: »Was sagt
dein Aug?« - Weil mir's schien, als plaudre es. - »Du gefällst mir!« - »Was
sagen deine Blicke?« - »Du gefällst mir wie keine andre mir gefällt«, sagte er;
»o ich bitte, sage doch, was willst du mit deinem durchdringenden Blick?« fragte
ich; denn ich hielt seine Rede für keine Antwort auf meine Frage. - »Er
beteuert«, sagte er, »was ich sage, und beschwört, was ich nicht wage, dass kein
Frühling, Sommer, Herbst und Winter meinen Blick dir soll verlocken. Denn du
lächelst mir ja zu, wie der Welt du niemals lächelst, soll ich dir da nicht
beschwören, was der Welt ich nie geschworen?«
    Es ist mir häufig nur gleich einem Lichtstreif, der mir durch die Sinne
fährt und Erinnerungen in mir erhellt, von denen ich kaum weiss, ob sie bedeutend
genug sind, dass man sie als etwas Erlebtes bezeichne. - In der Natur ist's auch
so, was spiegeln kann, das gibt wider die Schrift der Liebe, der See malt die
hohen Bäume, die ihn umgeben, grade die höchsten Wipfel in die tiefste Tiefe,
und die erhabenen Sterne finden noch tiefere Tiefe in ihm, und die Liebe, die
alles erzeugte, bildet zu allem den Grund, und so kann ich mit Recht sagen:
unergründlich Geheimnis lockt alles zum Spiegel der Liebe, sei es auch noch so
gering, sei es auch noch so entfernt.
    Wie ich ihn zum erstenmal sah, da erzählte ich ihm, wie mich die Eifersucht
gequält habe, seit ich von ihm wisse; es waren nicht seine Gedichte, nicht seine
Bücher, die mich so ganz leidenschaftlich stimmten, ich war viel zu bewegt, noch
eh ich ihn gesehen hatte, meine Sinne waren viel zu verwirrt, um den Inhalt der
Bücher zu fassen, ich war im Kloster erzogen und hatte noch nicht Poesie
verstehen lernen: aber ich war schon im sechzehnten Jahr so von ihm hingerissen,
dass, wenn man seinen Namen nannte, man mochte ihn loben oder tadeln, so befiel
mich Herzklopfen; ich glaub, es war Eifersucht, ich ward schwindlig, war es bei
Tisch, wo meine Grossmutter manchmal von ihm sprach, so konnt ich nicht mehr
essen, währte das Gespräch länger, so vergingen mir die Sinne, ich ward nichts
mehr gewahr, es brauste um mich her, und wenn ich allein war, dann brach ich in
Tränen aus, ich konnte die Bücher nicht lesen, ich war viel zu bewegt, da war's
gleichsam, als erstürzte der Strom meines Lebens über Fels und Geklüft in
tausend Kaskaden herab, und es dauerte lang, ehe er sich wieder zur Ruh
sammelte. - Da kam nun einer, der trug einen Siegelring am Finger und sagte, den
habe Goete ihm geschenkt. Das klagte ich ihm, wie ich ihn zum erstenmal sah,
wie sehr mich das geschmerzt habe, dass er einen Ring so leichtsinnig habe
verschenken können, noch ehe er mich gekannt. Goete lächelte zu diesen
seltsamen Liebesklagen nicht, er sah milde auf mich herab, die zutraulich an
seinen Knien auf dem Schemel sass. Beim Weggehen steckte er mir den Ring an den
Finger und sagte: »Wenn einer sagt, er habe einen Ring von mir, so sage du:
Goete erinnert sich an keinen wie an diesen.« - Nachher nahm er mich sanft an
sein Herz, ich zählte die Schläge. - »Ich hoffe, du vergisst mich nicht,« sagte
er, »es wäre undankbar, ich habe ohne Bedingungen alle deine Forderungen soviel
wie möglich befriedigt.« - »Also liebst Du mich«, sagte ich, »und ewig; denn
sonst bin ich ärmer wie je, ja ich muss verzweifeln.«
                                     * * *
Heute morgen hab ich einen Brief vom Kanzler Müller erhalten, der folgendes über
Goete schrieb: »Er starb den seligsten Tod, selbstbewusst, heiter, ohne
Todesahnung bis zum letzten Hauch, ganz schmerzlos. Es war ein allmählich
sanftes Sinken und Verlöschen der Lebensflamme, ohne Kampf. Licht war seine
letzte Forderung, eine halbe Stunde vor dem Ende befahl er: Die Fensterladen
auf, damit mehr Licht eindringe.«
                                     * * *
 
                                   An Goete
Heute wollen wir der Leier andre Saiten aufziehen! Heute bin ich so glücklich!
Herr und Meister! Heute ist mir ein so herrlicher überraschender Entschluss aus
der Seele hervorgegangen, der mich Dir so nah bringen wird. Du hast mich wie ein
läuterndes Feuer durchgriffen und alles Überflüssige, alles Unwesentliche
weggezehrt. Es rauscht so selig durch mich - keine lustvollere, keine
jugendlichere Zeit von heut an bis zu Dir hinüber.
    Wer kann sich mit mir messen? - Was wollen die? - die über mich urteilen? -
Wer mich kennt, wer mich fühlt, will nicht urteilen. - Wie die Sonne freundlich
mit ihren Streiflichtern auf Deinem Antlitz spielt, so spielt die Liebe, die
Laune mir am Herzen, und wen ich liebe, dem bringt es Ehre, und wen ich Freund
nenne, der kann sich darüber freuen, dem hab ich Ehre erzeugt, denn er kam
gleich nach Dir. Wenn's in mir klopfte und tobte, dann strömte mir die
Liebeslust die Melodien dazu, und die Begeistrung nahm sie in den
allumrauschenden Ozean der Harmonien auf. Du hörtest mir zu und liessest die
andern den Verstand haben, sich meiner Narrheit zu entsetzen; unterdessen
strömte Ewiges durch Deine Lieder, und der Eifersucht Brand teilte die
Nebelschauer auseinander, der Sonne kräftiger Strahl lockte Blüte und Frucht.
    Ja, ewiger Rausch der Liebe und Nüchternheit des Verstandes, Ihr stört
einander nicht, die eine jauchzt Musik, die andre liest den Text. - Bildet euch,
urteilt, macht euch Namen, nützlich, herrlich und gross. Habt Launen und was ihr
versäumt? - erkennt es nie! Denn ich und er, der mir im ungemessnen Leben
zuströmte, ersetzt mir alles.
    Du bist oben, Du lächelst herab! O dieses Jahres Frühlingsregen, die
Gewitter seiner Sommerzeit, sie kommen aus Deinem Bereich. Du wirst mir
zudonnern, Du wirst Deine gewaltige tiefe Natur mir ans Herz schmettern, und ich
jauchze mich hinauf.
    Wenn die Begeistrung den Weg zum Himmel nimmt, dann schwingt sie sich
tanzend im Flug, und die Götterjünglinge stehen gereiht und freuen sich ihrer
Kühnheit. - Und Du? - Du bist stolz, dass sie der Liebling Deiner irdischen Tage
ist, die den Luftozean mit luftbrausender Ungeduld durchrudert, aufspringt mit
gleichen Füssen am Himmelsbord und mit hochauflodernder Fackel Dir
entgegenfliegt, sie über Dir schwingend, dann sie hinschleudernd in die
hallenden Himmelsräume, dass sie dem Zufall leuchte zum Dienst, ihr ist's
einerlei wie; sie liegt im Schoss des Geliebten, und Eros, der Eifersüchtige,
hält Wache, dass nicht ähnliche Flammen in ihrer Nähe sich zünden.
    In Böhmen, am Waldesrand auf der Höhe, da harrtest Du meiner, und wie ich
Dir entgegenkam, den steileren kürzeren Weg kletternd, da standest Du fest und
ruhig wie eine Säule; der Wind aber, der Bote des heranrückenden Wetters, raste
gewaltig und wühlte in den Falten Deines Mantels und hob ihn und warf ihn Dir
übers Haupt und wieder herab und wehte an beiden Seiten ihn mir entgegen, als
wolle er Dich mit herabziehen zu mir, die ich ein kleines Weilchen unweit Deiner
Höhe ausruhte vom Steigen, um die klopfenden Schläfen und die erhitzen Wangen
zu kühlen, und dann kam ich zu Dir, Du nahmst mich vor Dich an die Brust und
schlugst die Arme um mich, in Deinen Mantel mich einhüllend. Da standen wir im
leisen Regen, der sich durch das dickbelaubte Gezweig stahl, dass hie und da die
warmen Tropfen auf uns fielen. Da kamen die Wetter von Osten und Westen, wenig
wurde geredet. Wir waren einsilbig. - »Es wird sich verziehen jenseits«, so
sagtest Du, »wenn es nur nicht da unten so schwarz heraufkäme.« - Und die
Scharen der Wolken ritten am Horizont herauf, - es ward dunkel, - der Wind hob
kleine Staubwirbel um uns her. Deine linke Hand deutete auf die Ferne, während
die rechte das Gekräut und die bunten Pflanzen hielt, die ich unterwegs
gesammelt hatte. - »Sieh, dort gibt's Krieg! - Diese werden jene verjagen; wenn
meine Ahnung und Erfahrungen im Wetter nicht trügen, so haben wir ihrer
Streitsucht den Frieden zu danken.« - Kaum hattest Du diese Worte ausgesagt, so
blitzte es und brach wie von allen Seiten der Donner los; - ich sah über mich
und streckte die Arme nach Dir, Du beugtest Dich über mein Gesicht und legtest
Deinen Mund auf meinen, und die Donner krachten, prallten aneinander, stürzten
von Stufe zu Stufe den Olympos herab, und leise rollend flüchteten sie in die
Ferne, kein zweiter Schlag folgte. -
    »Hält man das Liebchen im Arm: lässt man die Wetter überm Haupt sich ergehen!
« Das waren Deine letzten Worte da oben, wir gingen hinab, Hand in Hand. - Die
Nacht brach ein, in der Stadt zündete die Obstfrau eben ihr Licht an, um ihre
Äpfel zu beleuchten, Du bliebst stehen und sahest mich lange an. - »So benützt
Amor die Leuchte der Alten, und man betrachtet bei einer Laterne seine Äpfel und
sein Liebchen.« - Dann führtest Du mich schweigend bis zu meiner Wohnung,
küsstest mich auf die Stirn und schobst mich zur Haustür hinein. Süsser Friede war
die Wiege meiner träumenden Lust bis zum andern Morgen.
                                     * * *
 
                                 An den Freund
Nach zehn Jahren ward dies schöne Ereignis, was so deutlich in meinem Gedächtnis
eingeprägt blieb, Veranlassung zur Erfindung von Goetes Monument. Moritz
Betmann aus Frankfurt am Main hatte es bestellt, er wünschte, der
unwidersprechliche Charakter des Dichters möge drin ausgedrückt werden. Er
traute mir das Talent zu, dass ich die Idee dazu finden würde, obschon ich damals
noch nichts mit der Kunst zu schaffen gehabt hatte. - In demselben Augenblick
fiel mir Goete ein, wie er damals am Rand des Berges gestanden, den Mantel
unter den Armen hervor zusammengeworfen, ich an seiner Brust. - Das
Erfindungsfieber ergriff mich, oft musst ich mich zerstreuen, um nur nicht mich
ganz überlassen zu dürfen dem Gebrause der Imagination und den Erschütterungen
der Begeistrung. Nachdem ich die Nächte nicht geschlafen und am Tag nichts
genossen, war meine Idee gereinigt vom Überflüssigen und entschieden fürs
Wesentliche.
    Ein verklärtes Erzeugnis meiner Liebe, eine Apoteose meiner Begeistrung und
seines Ruhms; so nannte es Goete, wie er es zum erstenmal sah. Goete in halber
Nische auf dem Tron sitzend, sein Haupt über die Nische, welche oben nicht
geschlossen, sondern abgeschnitten ist, erhaben, wie der Mond sich über den
Bergesrand heraufhebt. Mit nackter Brust und Armen. Den Mantel, der am Hals
zugeknöpft ist, über die Schultern zurück, unter den Armen wieder hervor, im
Schosse zusammengeworfen, die linke Hand, welche damals nach den Gewittern
deutete, hebt sich jetzt über der Leier ruhend, die auf dem linken Knie steht;
die rechte Hand, welche meine Blumen hielt, ist in derselben Art gesenkt und
hält, nachlässig seines Ruhms vergessend, den vollen Lorbeerkranz gesenkt, sein
Blick ist nach den Wolken gerichtet, die junge Psyche steht vor ihm wie ich
damals, sie hebt sich auf ihren Fussspitzen, um in die Saiten der Leier zu
greifen, und er lässt's geschehen, in Begeistrung versunken. Auf der einen Seite
der Tronlehne ist Mignon als Engel gekleidet mit der Überschrift: »So lasst mich
scheinen, bis ich werde«, jenseits Bettina, wie sie, zierliche kindliche Mänade,
auf dem Köpfchen steht, mit der Inschrift: »Wende die Füsschen zum Himmel nur
ohne Sorge! Wir strecken Arme betend empor, aber nicht schuldlos wie Du.«
    Es sind jetzt acht Jahre her, dass ein hiesiger Künstler15 die Gefälligkeit
hatte, mit mir eine Skizze in Ton von diesem Monument zu machen, es steht in
Frankfurt auf dem Museum, man war sehr geneigt, es in Ton ausführen zu lassen,
da gab Goete das Frankfurter Bürgerrecht auf, dies verminderte zu sehr das
Interesse für ihn, als dass man noch mit der Energie, die dazu nötig war, die
Sache betrieben hätte, und so ist's bis heute unterblieben. Ich selbst hab oft
in mich hineingedacht, was meine Liebe zu ihm denn wohl bedeute, und was daraus
entspringen könne, oder ob sie denn ganz umsonst gewesen sein solle, da fiel
mir's in diesen letzten Tagen ein, dass ich so oft schon als Kind überlegte, wenn
er gestorben wär, was ich da anfangen solle, was aus mir werden solle, und dass
ich da immer mir dachte, auf seinem Grab möchte ich ein Plätzchen haben, bei
seinem Denkmal möchte ich versteinert sein wie jene Steinbilder, die man zu
seinem ewigen Nachruhm aufstellen werde; ja, ich sah im Geist mich in ein
solches Hündchen, das gewöhnlich zu Füssen hoher Männer und Helden als Sinnbild
der Treue ausgehauen liegt, darein möcht ich mich verwandeln. Heute nacht dachte
ich daran, dass ich früher öfter in solche Visionen versunken war, und da war
mir's so klar, dass dies der Keim sei zu seinem Monument, und dass es mir obliege,
seine Entstehung zu bewirken. Seit ich diesen Gedanken erfasst habe, bin ich ganz
freudig und habe grosse Zuversicht, dass es mir gelingen werde. Goete sagte mir
einmal folgende goldne Worte: »Sei beständig, und was einmal göttlicher Beschluss
in dir bedungen, daran setze alle Kräfte, dass du es zur Reife bringest. Wenn die
Früchte auch nicht derart ausfallen, wie du sie erwartest, so sind es doch immer
Früchte höherer Empfindung, und die allseitig erzeugende lebenernährende Natur
kann und soll von der ewigen göttlichen Kraft der Liebe noch übertroffen
werden.« - Dieser Worte gedenkend, die er damals auf unsre Liebe bezog, und
ihnen vertrauend, dass sie noch heute meine schwache Natur zum Ziel leiten, werde
ich verharren in diesem Beschluss; denn solche Früchte erzeugt die Liebe: wenn es
auch die nicht sind, die ich damals erwartete, so traue ich doch seiner
Verheissung, es werde mir gelingen.
    Zur Geschichte des Monuments gehört noch, dass ich es selbst zu Goete
brachte. Nachdem er es lange angesehen hatte, brach er in lautes Lachen aus; ich
fragte: »Nun! Mehr kannst du nicht als lachen?« - Und Tränen erstickten meine
Stimme. - »Kind! Mein liebstes Kind!« rief er mit Wehmut, »es ist die Freude,
die laut aus mir aufjauchzt, dass du liebst, mich liebst; denn so was konnte nur
die Liebe tun.« - Und feierlich mir die Hände auf den Kopf legend: »Wenn die
Kraft meines Segens etwas vermag, so sei sie dieser Liebe zum Dank auf dich
übertragen.« - Es war das einzigemal, wo er mich segnete, anno 24 am 5.
September.
                                     * * *
Der Freund weiss, dass die Sehnsucht nicht ist, wie der Mensch sich von ihr denkt,
wie von dem Brausen des Windes und von beiden falsch; nämlich, dass beide so sind
und auch wohl wieder vergehen; und die Frage: Warum und woher und wohin, ist
ihnen bei der Sehnsucht wie bei dem Wind. Aber: wie hoch herab senken sich wohl
diese Kräfte, die das junge Gras aus dem Boden hervorlocken? - Und wie hoch
hinauf steigen wohl diese Düfte, die sich den Blumen entschwingen? - Ist da eine
Leiter angelegt? - Oder steigen alle Gewalten der Natur aus dem Schoss der
Gotteit herab und ihre einfachsten Erzeugnisse wieder zu ihrem Erzeuger hinauf?
- Ja gewiss! - Alles, was aus göttlichem Segen entspringt, kehrt zu ihm hinauf!
Und die Sehnsucht nach Ihm, der erst niedersank wie Tau auf den durstigen Boden
des menschlichen Geistes, der hier in seine herrlichste Blüte sich entfaltete,
der aufstieg im Duft seiner eigenen Verklärung: sollte diese Sehnsucht nicht
auch himmelan steigen? - Sollte sie den Weg zu ihm hinauf nicht finden? -
 
                       Dieses Fleisch ist Geist geworden
Diese Worte habe ich als Inschrift des Monuments erwählt. Was der Liebende dir
zuruft, Goete, es bleibt nicht ohne Antwort. Du belehrst, du erfreust, du
durchdringst, du machst fühlbar, dass das Wort Fleisch annimmt in des Liebenden
Herz.
    Wie der Ton hervorbricht aus dem Nichts und wieder hinein verhallt, der das
Wort trug, was nie verhallt, was in der Seele klingt und alle verwandten
Harmonien ausruft: so bricht auch die Begeisterung hervor aus dem Nichts und
trägt das Wort ins Fleisch und verhallt dann wieder. - Der Geist aber, der sich
vermählt mit der Weisheit des Wortes, wie jene himmlischen Kräfte sich im Boden
vermählen mit dem Samen, aus dessen Blumen sie im Duft wieder aufsteigen zu
ihrem Erzeuger, der wird auch emporsteigen, und ihm wird Antwort ertönen vom
himmlischen Äter herab.
    Der Zug der Lüfte, die auch aufseufzen und daherbrausen wie die Sehnsucht,
von denen wir nicht wissen, von wannen, die haben auch keine Gestalt; sie können
nicht sagen: »Das bin ich!« Oder: »Das ist mein!« - Aber der Atem der Gotteit
durchströmt sie, der gibt ihnen Gestalt; denn er gebärt sie durch das Wort ins
Fleisch. - Du weisst, dass die Liebe die einzige Gebärerin ist; - dass, was sie
nicht darbringt dem himmlischen Erzeuger, nicht zur ewigen Sippschaft gehöre? -
Was ist Wissen, das nicht von der Liebe ausgeht? - Was ist Erfahrung, die sie
nicht gibt? - Was ist Bedürfnis, das nicht nach ihr strebt? - Was ist Handeln,
das nicht sie übt? - Wenn Du die Hand ausstreckst und hast den Willen nicht, die
Liebe zu erreichen, was hast Du da? - Oder was erfassest Du? - Der Baum, den Du
mit allen Wurzeln in die Grube einbettest, dem Du die fruchtbare Erde zuträgst,
die Bäche zuleitest, damit er, der nicht wandern kann, alles habe, was ihn
gedeihen macht, der blüht Dir und Deine Sorge schenkst Du ihm darum; ich auch
tue alles, damit sein Andenken mir blühe. - Die Liebe tut alles sich zu lieb,
und doch verlässt der Liebende sich selber und geht der Liebe nach.
                               Ende des Tagebuchs
 
                                    Fussnoten
1
Warum ich wieder zum Papier mich wende?
Das musst du, Liebster, so bestimmt nicht fragen:
Denn eigentlich hab ich dir nichts zu sagen;
Doch kommt's zuletzt in deine lieben Hände.
Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende
Mein ungeteiltes Herz hinübertragen
Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen:
Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.
Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts vertrauen,
Wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, Wollen
Mein treues Herz zu dir hinüber wendet:
So stand ich einst vor dir, dich anzuschauen,
Und sagte nichts. Was hätt ich sagen sollen?
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.
                                               (Goetes Werke, 2. Band Seite 11)
2
Ein Blick von deinen Augen in die meinen,
Ein Kuss von deinem Mund auf meinem Munde,
Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde,
Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?
Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen,
Führ ich stets die Gedanken in die Runde,
Und immer treffen sie auf jene Stunde,
Die einzige; da fang ich an zu weinen.
Die Träne trocknet wieder unversehens:
Er liebt ja, denk ich, her in diese Stille,
Und solltest du nicht in die Ferne reichen?
Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens;
Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille,
Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!
                                              (Goetes Werke, 2. Band, Seite 10)
3
Wenn ich nun gleich das weisse Blatt dir schickte,
Anstatt dass ich's mit Lettern erst beschreibe,
Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.
Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte;
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
Riss ich ihn auf, dass nichts verborgen bleibe;
Da les ich, was mich mündlich sonst entzückte:
Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit süssem Wort und mich so ganz verwöhntest,
Sogar dein Lispeln glaubt ich auch zu lesen,
Womit du liebend meine Seele fülltest
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.
                                              (Goetes Werke, 2. Band, Seite 12)
4 Goetes Werke, 2. Band, Seite 7
5
Als ich auf dem Euphrat schiffte,
Streifte sich der goldne Ring
Fingerab in Wasserklüfte,
Den ich jüngst von dir empfing.
Also träumt ich. Morgenröte
Bljetzt ins Auge durch den Baum,
Sag Poete, sag Prophete!
Was bedeutet dieser Traum?
Dies zu deuten bin erbötig!
Hab ich dir nicht oft erzählt,
Wie der Doge von Venedig
Mit dem Meere sich vermählt?
So von deinen Fingergliedern
Fiel der Ring dem Euphrat zu.
Ach, zu tausend Himmelsliedern,
Süsser Traum, begeisterst du!
Mich, der von den Indostanen
Streifte bis Damaskus hin,
Um mit neuen Karawanen
Bis ans Rote Meer zu ziehn,
Mich vermählst du deinem Flusse,
Der Terrasse, diesem Hain,
Hier soll bis zum letzten Kusse
Dir mein Geist gewidmet sein.
                                     (Goetes Werke, 5. Band, Seite 147 und 148)
6 Divan, Buch Suleika.
7 Buch Suleika.
8 Suleika 180
9 Hier ist eine Lücke in der Korrespondenz
10 Briefe und Blätter fehlen
11 Die Blätter fehlen
12 Hierher gehört eine Note
13 Mit einer Gebirgslandschaft als Vignette
14
Du siehst so ernst. Geliebter! Deinem Bilde
Von Marmor hier möcht ich dich wohl vergleichen;
Wie dieses gibst du mir kein Lebenszeichen;
Mit dir verglichen zeigt der Stein sich milde.
Der Feind verbirgt sich hinter seinem Schilde,
Der Freund soll offen seine Stirn uns reichen.
Ich suche dich, du suchst mir zu entweichen;
Doch halte stand, wie dieses Kunstgebilde.
An wen von beiden soll ich nun mich wenden?
Sollt ich von beiden Kälte leiden müssen,
Da dieser tot und du lebendig heissest?
Kurz, um der Worte mehr nicht zu verschwenden,
So will ich diesen Stein so lange küssen,
Bis eifersüchtig du mich ihm entreissest.
                                               (Goetes Werke, 2. Band, Seite 6)
15 Der jüngere Wichmann.
 
    