
        
                         Alexander von Ungern-Sternberg
                                Die Zerrissenen
                                  Dem Freiherrn
                          Otto Magnus von Stackelberg
                                    gewidmet
                                                                   vom Verfasser
 
                        Verehrter Landsmann und Freund!
Nicht als eine Gabe, deren Gehalt Ihrem Geiste und Ihren Vorzügen schmeichelt,
vielmehr als ein geringes Zeichen meiner hohen Achtung und Liebe für Ihre Person
empfangen Sie dieses Buch, das sich mit Ihrem Namen schmückt. Stets unvergesslich
wird mir der Winter bleiben, wo es mir vergönnt war, in Ihrer Nähe zu leben, und
der Schätze teilhaftig zu werden, die Sie in erleuchteter Wissenschaft und
Kunst während eines so reichen Lebens gesammelt haben; möchte ich mich auch
fernerhin Ihres Andenkens freuen dürfen, und ein Wohlwollen mich beglücken, das
ich stets als den schönsten Erfolg meiner Bestrebungen ansehen werde.
    Mannheim, im Frühling 1831.
                                                             A. Baron Sternberg.
Es war ein kühler Herbstabend, als der Herzog Lotar seine Geliebte, die in der
Vorstadt ein kleines Häuschen besass, zu besuchen ging. Er schritt
stillschweigend durch die öden Gassen in Gesellschaft eines Mannes, der unter
dem Mantel eine Ziter trug, auf der er manchmal einzelne Töne anschlug und
selbst dazu vor sich hinlachte, als überdenke er eine komische Geschichte. Als
der Torwächter sie anrief und um ihre Namen fragte, rief er laut und zänkisch:
»Wer denn anders, als der Herzog Lotar und Massiello sein Musiker!« Der Soldat
lachte und sagte: »Ja doch, Ihr seid auch der rechte Herzog! wohl mögt Ihr zwei
lustige Vögel sein, die in die nächste Schenke schleichen - nun immerhin, ich
komme Euch nach, wenn meine Stunde um ist.« - »Tor, der Du bist,« brummte der
Herzog, »wer hiess Dich meinen Namen nennen? Du weisst, dass mich Niemand kennen
soll.« »Nun,« entgegnete der lachende Begleiter, »Ihr seht ja, gerade die
Wahrheit hat uns am trefflichsten durchgeholfen; dass ich dem Soldaten offen
gestanden, wer wir sind, das hat ihn gerade am sichersten überzeugt, dass wir es
nicht sein können.«
    Sie kamen jezt an die lezten Häuser, meistenteils elende, halbverfallene
Hütten, die von Fischern und Strandbauern bewohnt wurden; vor einer derselben,
die ein wenig besser aussah, als die übrigen, standen die Beiden und klopften
an. Eine alte Magd öffnete leise und leuchtete vorsichtig mit der Laterne in die
Nacht hinaus; als sie den Herzog erkannte, wich sie demütig zurück, die Beiden
traten gebückt hinein und hinter ihnen schloss sich die kleine Türe wieder. Im
Innern des ärmlichen Hüttchens öffnete sich wider Erwarten eine Reihe, wenn auch
nicht prachtvoller, doch auf das zierlichste ausgestatteter Zimmer, die auf eine
kluge Weise nach der Strasse dem Auge verdeckt lagen und sich nur gegen den
einsamen Hof, der sorgfältig verschlossen gehalten wurde, ausdehnten. Helle,
glänzend gefärbte Wände prangten in reizenden pariser Wandgemälden, die
tropischen Gewächse einer heissen Zone darstellend, nebst Badescenen, wo schwarze
afrikanische Schönen sich in silberhelle Gewässer tauchten. Ein mit Gold und
Ketten geschmückter Armleuchter schwebte von der Decke nieder und strömte das
klare Licht von schlanken Wachskerzen auf die purpurnen Sammetsessel und Divans,
welche längs den Wänden in orientalischem Luxus aufgestellt waren. Grosse, üppige
Rosen und Astern hingen aus blitzenden Kristallschaalen, passend verteilt, ihre
Blumenhäupter nieder, und über dem eleganten Pianoforte hing ein süsses Bild von
Carlo Dolce, einen schönen Heiligen darstellend, dessen weichen Jünglingskörper
blutige Märtyrwunden mehr schmückten als entstellten.
    Der Fuss dess Herzogs schritt leicht und siegreich über die feinen, persischen
Teppiche hin; er war eben im Begriff, die Reihe der schönen Gemächer zu
durcheilen, um den Gegenstand seines Wunsches zu suchen, als dieser ihm schon
aus einer Seitentüre mehr entgegen flog als trat. Ein helles, lächelndes
Mädchen, das goldne Haar kunstlos auf den Nacken niederflatternd, das
strahlende, grosse Auge mit einer Freudenträne gefüllt, warf sich mit entzückter
Hast an die breite Brust des Geliebten; hinter ihr trat eine Dienerin ein, die
sich mit dem spasshaften Musiker auf das ceremoniöseste begrüsste. Das Fräulein
hatte sich geschmückt, denn sie hatte um diese Stunde den Herzog erwartet, doch
ihr Putz bestand darin, ungeputzt zu scheinen. Das Köpfchen, das sich an die
Schulter des Freundes lehnte, trug weder Perlen noch Gold, sondern nur ein
blasses Rosenknöspchen, das kaum bemerkbar in dem hellgelben Haar sich verbarg,
der Schnitt des seidenen Gewandes lief ohne Garnitur von Spitzen oder Blumen um
die Fülle des weissen Nackens und Halses herum, und nur um den weichen
Marmorglanz des leztern zu heben, schmiegte sich ein Halsband von schwarzem
Sammet, mit einem Demant fest gehalten, um die schöne Form. -
    Wer das freundliche, liebliche Mädchen sah, den leichten Schmuck der
Gemächer, und damit den unfreundlichen Eingang von aussen in eine niedre
Fischerhütte verglich, der mochte wohl an Zauberei denken, wenigstens an die
natürliche Zauberei, die ein grosser Herr sich mit dem Gegenstand seiner
heimlichen Neigung zu bereiten sucht, um dem Gefühl seines Herzens die
Beimischung des Wunderbaren und Hochpoetischen zu geben, welches bei den
alltäglich ihn umgebenden Dingen, in der gewohnten Folge der fürstlichen
Gemächer und Livréen-Gesichter gänzlich zu fehlen pflegt. Doch Jokonde schien
diese Gesinsinnung nicht zu teilen, sie war ein gewöhnliches Mädchen, das gerne
ihren Putz und ihren Liebhaber, so wenig Ehre das Dasein eines solchen ihr
eigentlich machte, der Welt zeigen wollte. Es war ihrem mutwilligen Wesen etwas
höchst langweiliges, sich in der einsamen Wohnung den ganzen Tag über
eingesperrt zu erhalten, um ihren Geist mit Musikalien und Büchern zu nähren;
die altklugen Gesichter des Papageis und der alten Dienerin waren eben auch
nicht ergözlich, und erst am Abend kam Gesellschaft, gewöhnlich der Herzog, der
einige Freunde mitbrachte, und wo dann gelacht, gesprochen und gescherzt wurde.
Heute, da der Herzog heiterer als gewöhnlich schien, nahm sich also das schöne
Mädchen den Mut, ihm mit einem zärtlichen Geflüster die Bitte vorzutragen, sie
aus ihrem Fischer-Pallaste zu entlassen, und in die Residenz oder irgend eine
Stadt zu schicken. - »Ein schöner Vorschlag,« sagte der Herzog etwas trocken,
»Du hast in der lezten Stadt, wo Du Dich aufgehalten, kindisches Mädchen, so
viel Schulden gemacht, dass ich mir über meine Schwachheit, mit der ich immer
wieder diese törichten Ausgaben besiritt, öfters Vorwürfe gemacht habe. Hier
kann sich Deine Verschwendungssucht ein weit grösseres Feld verschaffen, Du
kannst Tausende von Fischen einkaufen, von allen Sorten, und sie dann
meinetalben wieder in's Meer zurückwerfen oder die Armen mit ihnen speisen.« -
Jokonde zog eine düstre Miene, die aber sogleich in ein Lächeln überging. -
»Ueberdies,« sagte der Fürst, »bin ich jezt an eine Braut versprochen, und da
geht dergleichen, wie Du wünschest, durchaus nicht. Tröste Dich, meine Liebe,
und suche ein wenig mehr Gefallen an Büchern Dir anzueignen, Du glaubst nicht,
wie deinem Geschlechte geistige Ausbildung zahllose Reize mehr verleiht.« - »Nun
schön,« rief die Zurechtgewiesene, »wenn Du das meinst, Geliebter, so will ich
morgen gleich das grosse Geschichtswerk zu studiren anfangen, das auf meinem Pult
eingestäubt liegt, und das der galante, gelehrte Herr, der es geschrieben, die
Güte gehabt hat, mir zuzueignen.«
    Dieses Gespräch wurde unterbrochen durch ein leises Klopfen, welches vom
Saale aus sich hören liess. Massiello war hingeschlichen, und als die Türe sich
öffnete, sah ein breites, äusserst freundliches Gesicht hinein und sagte: »Ist
es einigen alten Fischern erlaubt einzutreten?« - »Aha!« rief der Fürst, »da
kommen unsre Freunde, nur herein!« Die Tür ging jezt weit auf und zwei elegant
gekleidete Jünglinge und eine dicke Figur in der Kleidung eines Weltgeistlichen
traten ein. Sie begrüssten die freundliche Wirtin auf das artigste, und der
ältere von den jungen Männern, ein bildschöner, aber bleicher Jüngling, nahm den
andern an der Hand, indem er zu Jokonde sagte: »Dieser, mein Fräulein, ist der
neue Freund und Schützling unseres Fürsten, dem die Erlaubnis erteilt worden
ist, dem schönsten Mädchen in dieser Stadt die Hand zu küssen.« Eduard, so hiess
der Vorgestellte, neigte seine Lippen auf die dargebotenen, zarten Finger, und
der Herzog, über die Schulter seiner Freundin gebeugt, sah dem errötenden
Jünglinge mit Huld in's blühende Antlitz. Die alte Aufwärterin und das junge
Kammermädchen, beide ein wenig aufgeputzt, reichten Erfrischungen umher; Jokonde
stand am duftenden, zierlichen Teetisch, die Tassen und das glänzende Geräte
ordnend. Der Abt Siegwart war eine jener behaglichen Erscheinungen, die eine
innere joviale Weltanschauung nach aussenhin immer weiter und behaglicher
ausrundet, auf dessen vollen Zügen immer ein heimliches Lachen nur auf den
Moment zu lauern scheint, um in ein lautes auszuplatzen. Er wusste tausend
Anekdötchen, mit denen er Markt machte und in den Häusern herumging, dabei
spielte er trefflich das Pianoforte, und tanzte auch zu Zeiten, wobei er zu
behaupten pflegte, dass es ihm gelungen sei, gewisse neue französische Tänze mit
aller ihnen gebührenden leichten Grazie aufzufassen und darzustellen. Jezt, da
er eine heisse, dampfende Tasse am Mund hatte, lächelte er höchst vergnügt und
sagte: »Sollte man nicht glauben, teurer Prinz, diese unscheinbare Hütte sei
die Zauberwohnung, in der die liebliche Undine, nach unsers Fouqué's Zeugnis,
ihr tolles Wesen mit den anständigsten und vornehmsten Leuten treibt?« - »Wer
ist diese Undine,« fragte Jokonde, »vielleicht die Frau des Herrn Fouqué?« Der
Herzog lachte: »Schon wieder ein Irrtum,« rief er, »Du siehst, wie Du noch
zurück bist; geh morgen sogleich und hole Dir das Buch aus Deiner Bibliotek!«
    Der ältere der jungen Männer, den wir Robert nennen wollen, trat jezt zum
Fürsten und sagte: »Dem alten Fleackwout habe ich heute auf das Heiligste
versprechen müssen, seinen Leichnam einst an den Galgen hängen zu lassen. Ich
will nicht in die Erde - in die Luft, hinauf in die Luft; da wird mir wohl
werden, und jener satte Überdruss, jener Erdgeschmack wird sich endlich aus
meinem Gaumen verlieren. Am liebsten, meinte er, ginge ich als todter Mensch mit
einem Luftballon einsam in die Lüfte hinauf, und triebe dann zwischen Wolken und
Gestirnen, von träumerischen Winden hin und her geschaukelt, Jahrelang dort oben
herum.« - »Eine sonderbare Idee!« rief der Fürst, »vollkommen dieses alten,
wunderlichen Mannes würdig, der seinen Spleen noch mit sich in ein anderes
Dasein nehmen will. Ist er etwa wirklich gefährlich krank?« - »O, ganz und gar
nicht,« erwiderte der Abt, »ich habe ihn noch gestern gesprochen; doch, da ich
den alten Toren kenne, hüte ich mich wohl, ihn nach seiner Gesundheit zu
fragen, vielmehr erkundige ich mich angelegentlich, wann er sein Begräbnis zu
veranstalten gedenke.« Dann lächelt er gewöhnlich still vor sich hin und ruft
sehr bestimmt: »Das sollen Sie schon erfahren.« - »Jene Worte des Alten,« nahm
Robert das Wort, »mahnen mich an einen finstern, eiskalten Traum, den einst
meine junge Seele träumte. Es war mir, als erwachte ich in dem Stübchen, wo ich
mit meinem Vater zusammen schlief. Es war ein kalter Wintermorgen, und ich
bemerkte, wie der lange, etwas dürre Mann gebückt am Schreibtische sass, und,
unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd, einzelne Notizen in ein grosses Buch
eintrug. Jezt schlug er dieses zu, und der dumpfe Ton, der dabei durchs Zimmer
ging, füllte mich mit einem tiefen Grausen. Mein Vater trat zur Wanduhr, und ich
sah, wie er die Gewichte vorsichtig abnahm, und hörte die Worte: Jezt ist
endlich das Ende da! alle Erscheinungen haben sich schon zu Millionenmalen
wiederholt, die Welt ist reif zum Untergang, die jüngste Stunde ist vor der
Tür. Ich kann es nicht beschreiben, wie diese, ruhig hingesprochenen, fast
tonlosen Worte mein Innerstes erschütterten; ich krümmte mich auf meinem Lager
zusammen, meine Glieder bebten, Frost durchrieselte mein Gebein. Also jezt -
jezt, rief ich bei mir - jezt ist die lezte Stunde da! Als ich mich aufrichten
wollte, bemerkte ich den Kirchendiener, welcher die Schlüssel des Gotteshauses
abgab, die mein Vater, sammt den abgelösten Gewichten, tönend in eine Ecke des
Gemachs hinwarf. Die Leute aus dem Dorfe kamen mit Laternen, um in der
Finsternis des Morgens den Weg zur Kirche zu finden; als die verschlossene Türe
sie nicht einliess, schüttelten sie die Häupter, und ich sah mit Entsetzen in
ihre blassen Gesichter. Man brachte eine Leiche, und mein Vater trat an's
Fenster und rief: Stellt, guten Leute, Euren Todten nur hierher, in mein
Vorzimmer, es lohnt nicht, ihn zu beerdigen, denn bald werden doch alle Todten
auferstehn. Die Knechte gingen, und ich hörte, wie der Sarg mit dumpfem Geräusch
im Vorzimmer hingestellt wurde. Jezt lehnte sich mein Vater weit zum Fenster
hinaus, und schnitt mit einem langen, blitzenden Messer die Sonne und den Mond,
die blassrot am Horizont standen, vom Himmel ab, und zog sie, wie alberne, bunte
Bilder, ins Zimmer hinein. Ich erschrack bis zum Tode; jezt war das kleine
Licht, welches in unsrer Stube brannte, das einzige der weiten, kalten, dunkeln
Schöpfung; ein mitternächtlicher Sturm wehte ins Zimmer, und drohte, es zu
verlöschen; ich sah, wie mein Vater heftig zitterte. Er blickte mich starr an,
und schien in Erwartung eines mächtigen Ereignisses dazustehn. Jezt verlöschte
ein Windstoss das Licht, und in dem Augenblick hörte ich, wie die Leiche im
Nebenzimmer in ihrem Sarge sich aufrichtete. Der Schreck, der mich befiel, war
so mächtig, dass ich erwachte, und lange nicht zur Besinnung kommen konnte. Wie
gross war mein Entzücken, als ich die Sonne am Himmel stehen sah, wie sie ihre
freundlichsten Strahlen zu mir auf's Lager sandte: nie hat mich ihr Anblick so
erwärmt und beseligt.«
    Die Freunde hörten diese Erzählung ruhig an, und nur Eduard erwiderte: »Was
mich betrifft, so stelle ich mir einen Weltuntergang weit grossartiger vor; viel
lieber will ich mit einem zerplatzenden Feuerball in die Ewigkeit hineinfliegen,
als an einem kalten Wintermorgen verkümmern.« - »Sie haben Recht,« nahm der Abt
das Wort, »auch mir geht es so; ist nun einmal unser armer Leib dazu ersehen, an
jenem merkwürdigen Tage zu erfrieren oder zu verbrennen, so will ich doch das
leztere gewählt haben. Das Feuer ist an und für sich schon Leben und Poesie, aus
einer tüchtigen Winterkälte kann ich aber, trotz alles Grübelns und Deutens,
keine nur einigermassen dichterische Bedeutung herausfinden.« - »Jeder muss auf
seine Weise untergehn können,« rief Robert, »so wie Jeder auf seine Weise in den
Himmel steigt; ich will nun einmal auf keine andre Art abhanden kommen. Mir ist
jenes Erstarren das finsterste Bild der Vernichtung; alles, alles schwindet -
jeder die Seele wärmende Gedanke flieht - das Meer des Lebens erstarrt langsam,
bis es endlich in seinen Grundtiefen bezwungen da liegt. Ich kann mir denken,
dass in diesem fürchterlichen Zustande der Gedanke an eine durch Feuer erzeugte
Pein noch ein Labsal ist, dass die Seele dürstet nach Verzweiflung, ja, dass die
kälteste Resignation für sie noch zu warm ist, um sie zu fassen.« -
»Abscheulich,« rief der Herzog, »und doch wahr! Ist denn unsre Zeit mit ihren
Wirkungen etwas anders, als ein langsames, bis zum Herzen vorrückendes
Erstarren?« Er warf sich auf einen Sessel und stützte sein Haupt auf die Rechte.
Jokonde ging unruhig hin und her; es war ihr unlieb, dass das Gespräch eine
Wendung genommen hatte, welche die heitre Stimmung des Geliebten, mit welcher er
heute Abend erschienen war, zu vernichten drohte. Sie wurde noch unzufriedener,
als Robert sich jezt erhob um Abschied zu nehmen, da eine kleine Reise, die er
vorhabe, sich nicht länger aufschieben lasse; der Abt begleitete ihn. »So
verlässt mich denn alles,« rief der verstimmte Fürst; »ich soll es lernen, wie
elend und traurig es ist, allein im Leben dazustehn.« Jokonde schmiegte sich an
feine Brust; sie hatte den jungen Eduard gebeten, die Harfe zu ergreifen und ein
erheiterndes Liedchen vorzutragen. Massiello war auch fortgeschlichen, unter dem
Vorwand, er wäre zu einer Leichenbestattung gebeten, von der er unmöglich
ausbleiben könne. So blieb der Herzog mit Jokonde und Eduard allein. Eine lange
Pause herrschte, der Fürst hatte sich am Kamin hingeworfen, sein Blick verfolgte
die züngelnden Flammen, Eduard lehnte an der Harfe, auf welcher er, wie im
Traume, einzelne Akkorde anschlug; auf einer Fussbank beim Herzog, das Köpfchen
an seine Kniee gelehnt, lag Jokonde. Am Himmel stand der Mond und glänzte im
Fluge hinter flatternden Fetzen des zerrissenen Mantels der Nacht hervor, der
Herbstwind warf die nackten Zweige des Baumes am Fenster an einander und zog in
hohlen Tönen im Kamine auf und ab. »Das Leben ist so arm,« rief der Herzog, »und
doch vermag eine liebliche Schwärmerei es reich zu machen!« - Eduard sang das
Lied vom König von Tule. - »Ja, ja,« seufzte der Fürst, »so möcht' ich enden!
Jokonde, prüfe Dich, Du gutes Mädchen, könntest Du wohl eben so handeln, wie
jene Buhle?« - »Noch mehr, noch mehr für Dich!« rief sie, und ihr Lockenkopf hob
sich, die Züge ihres engelschönen Angesichts im Ausdruck der reinsten
Zärtlichkeit zu entüllen. Es lag auf ihrem Antlitz die sinnliche Andacht eines
Raphaelischen Engels, der vor einer Heiligen kniet; der Herzog zog sie entzückt
an sich, sein Auge flammte, und Eduards Lied jubelte in hellen Tönen auf. »Du
mein Geliebter, Du mein angebetener König,« lächelte das liebliche Kind weiter,
»Du schönster unter den Männern, nicht wahr, Du bezahlst doch morgen meine
Schulden? Neun hundert Gulden, mein Geliebter!« Der Herzog nickte ihr zu, wand
sich aber aus ihrer Umarmung plötzlich los, schlug die Falten seines Mantels
schnell über's Gesicht, stand auf und warf einen zornigen Blick Eduarden zu, der
sein begeistertes Lied eben mit einigen schreiend albernen Noten abspringen
lies. Beide verliessen das Gemach und Jokonde blieb ohne Antwort, verstimmt und
verwundert am Kamine stehen.
    Draussen war eben der erste Schnee gefallen, der Himmel hatte sich umzogen
und lag wie ein kaltes, enges Gefängnis-Gewölbe über der Erde, nur von dem
matten, trüben Mond, wie von der zurückgelassenen Laterne des Gefangnen-Wärters,
erleuchtet. Der Sturm hatte sich gelegt. Die Strasse, wo die lezten Häuser
aufhörten und das weite, öde Meer sich ausdehnte, lag in Schnee und Nebel
gehüllt, kein Luftzug rührte sich, alles war todt und stille. Da kam die Strasse
daher ein einsamer Wagen, mühsam von einem alten Gaul geschleppt, der von den
dumpfen Tönen des Fuhrmanns von Zeit zu Zeit angespornt wurde, hinten drein
gingen zwei Männer, hängenden Hauptes, in weite Mäntel geschlagen. Auf dem
Wagen, als er näher kam, bemerkte man, etwas erhöht, einen kleinen Sarg mit
einer Kinderleiche. Der Herzog und Eduard standen bei diesem Anblicke tief
ergriffen stille, und bemühten sich, den wunderlichen Zug aufzuhalten; endlich
gelang es ihnen, einem der schwarzen Begleiter Antwort abzugewinnen, er schlug
den Mantel vom Antlitz, und der Herzog erkannte den alten Fleackwout, neben ihm
stand Massiello. »He, was treibt Ihr hier, Leute?« fragte der Fürst, »was ist es
mit dem Kinde; ist es etwa eines von deinen vielen, Massiello, die Du jezt mit
dem ersten Schnee abzuschütteln gedenkst?« Der Alte sah den Herzog mit einem
schmerzlichen, fast weinerlichen Ernst an und sagte hohl: »O, ich bitte Euch -
nur jezt keine Scherze, nur jezt nicht; haltet mich auch nicht auf, denn ich
trage jezt meine Jugend zu Grabe, und dieser treffliche Mann hier folgt mit mir
der schönen Leiche.« - »Ja, ja,« rief Massiello, »so ist's, lasst uns gehn, damit
wir anlangen, ehe der Kirchhofwächter die Tore seiner Stadt schliesst, und wir
keinen anständigen Gastof zur Verwesung mehr offen finden.« Der Herzog sah den
Alten starr an, ein Schauer schien ihn zu durchfrösteln, er sah in die neblichte
Nacht hinaus, dann auf den stillen, gespenstigen Zug und auf die blasse
Kinderleiche, und stöhnte: »Seine Jugend begräbt er! Ja wohl, ja wohl ist es
dann erst Zeit, dass das ganze alberne Fastnachtsspiel des Lebens zu Ende gehe?«
Eduard hatte sich indes an die Leiche gemacht und rief: »O, seht Prinz, ein
Kinderkopf aus Wachs geformt, mit weissen Tüchern sauber umwickelt, und diese
Puppe lässt der Alte wahrhaftig als Leiche vor sich hin tragen!« - »Lasst ihn,
lasst ihn!« gebot der Herzog leise und kurz. Der Zug sezte sich wieder in
Bewegung, und Massiello sang mit lauter, kreischender Stimme ein Lied aus einer
Kinderfibel nach einer frommen Melodie, so dass die Töne aus dem fallenden
Schneegestöber hervortönten, als der Zug schon längst den Blicken entschwunden
war. »So,« rief der Herzog, indem er, in seinen Mantel geschlagen, von einer
trüb leuchtenden Laterne beschienen, einsam dastand, »so trägt jeder am Ende
seine Jugend heim; einmal im Leben muss dies trübselige Leichenfest vor sich
gehen! Ach, die süsse, göttliche Jugend! Da hatte der seltsame Alte nun alle jene
traulichen Pfänder der Lust, Bänder und Tücher der verstorbenen Geliebten seiner
Jugend, dem Püppchen umgebunden, mit dem zärtlichen Andenken jeder glücklichen
geschwundenen Stunde es umhangen, und geht nun mit der kleinen Leiche hinaus.
Auf dem Grabe, das diese Schätze in sich aufnimmt, sizt nun der arme, alte
Mensch und legt den kalten, versteinerten, von Jugend und Liebe verlassenen
Körper als Leichenstein auf den Hügel.« Der junge Eduard sah den grossen, schönen
Mann schweigend und betrübt an; er wollte eben einige Worte des Trostes
vorbringen, als jener mit einer leidenschaftlichen Bewegung seine Rechte auf die
Schulter des Jünglings stüzte und mit einem Tone des tiefsten Jammers ausrief:
»Schenke mir Deine Jugend, fülle diesen Busen mit Wärme, und Du sollst über mich
gebieten!« Eduard schmiegte sich an die edle Gestalt, ein geheimnisvolles Bangen
erfasste sein ganzes Wesen, es herrschte eine minutenlange Pause, und langsam
fielen die Flocken auf die beiden finstern Gestalten herab. »Lassen Sie uns
gehen,« rief der Herzog, »die Nacht wird kalt.« - Sie gingen um die Ecke und
verschwanden bald in der Finsternis. -
    In die Malerstube des alten Hofmalers Gottold hatte seine Tochter Emilie
ihren Verlobten hinbeschieden, weil der junge Eduard ihr zu wissen gegeben, es
drücke seine Brust ein Geheimnis, und zwar ein freudiges, welches sein Mädchen
erfahren müsse. Dem aufhorchenden, schönen Kinde berichtete jezt der, durch die
Eile noch fast atemlose Jüngling sein sich immer fester knüpfendes Verhältnis
mit dem Herzog und dessen Freunden, die Ereignisse des gestrigen Abends; er
beschrieb das freundliche Wesen der fürstlichen Geliebten, und ihre zarte
Beachtung jedes Fremden, der sich ihrem Zirkel nähere; zulezt fragte er das zu
Boden sehende Mädchen um ihre Meinung. »Was soll ich zu dem allen sagen,«
entgegnete sie mit sanfter Stimme, »Du hast es ja gewollt, Dein Bestreben ging
ja immer dahin, mit diesen höhern Ständen in Berührung zu treten; jezt hast Du
es.« - »Freilich hab' ich, was ich wollte,« rief der begeisterte Jüngling,
»doch, freue Dich mit mir: das fehlt mir noch.« - »Freuen?« entgegnete das
besorgte Mädchen, »die Zeit wird lehren, ob ich dazu Ursache habe. Ich bin nur
zufrieden, Dich deinen dicken Folianten und der pressenden Kante deines
Schreibpults entzogen zu haben. Mir kam es öfters vor, als stählen jene kleinen
schwarzen Zeichen, deren Du so viele täglich auf das blendende Papier maltest,
allmählig das schöne leuchtende Rot auf deinen Lippen und Wangen.« - »Wie
poetisch!« rief der Jüngling. »Nicht das,« entgegnete unwillig das Mädchen, »ich
will nichts Poetisches sagen; etwas Wahres, meine Empfindung habe ich Dir
ausdrücken wollen.« - »Nun ja - und ist es nicht hübsch, dass deine Empfindungen
poetisch sind?« - Emilie sah ihn mit einem langen, fragenden Blick in die Augen,
dann sagte sie etwas leiser und stockend: »Ich habe eine Furcht vor der heutigen
Poesie; ich glaube, dass deswegen die Leute so bleich und hohläugig - und wieder
auf der andern Seite so elend und jämmerlich herumlaufen, weil sie so poetisch
sind. Der Vater wird Dir meine eigentliche Meinung besser erklären, ich muss
immer fürchten, ausgelacht zu werden, wenn meine ungelenke und unwissende Zunge
dergleichen Dinge berührt.« - Eduard küsste seine errötende und schmerzlich
lächelnde Geliebte. Indem trat der Vater herein, und packte einige mitgebrachte
Bilder aus; er wurde sogleich ins Interesse gezogen, und um seine Meinung,
rücksichtlich des Fürsten und seiner Freunde, befragt. Gottold schob seine
Brille auf die Stirne hinauf, die von einem Rest des silberhellen Greisenhaares
spärlich bekleidet wurde, und sagte zu dem am Fenster lehnenden Jüngling: »Ich
denke, Du kennst meine Ansicht rücksichtlich dieser Herren; es sind Zeitbilder,
elegante Herren. Der eine schreibt bittersüsse Verse, der andere bringt ganz
unerhörte Noten zusammen; aus dem dritten, dem Dicken, bin ich noch nicht recht
klug geworden; der berühmte Mann scheint in ihm noch nicht reif geworden zu
sein, gleichsam noch in der Hülse zu stecken. Sie sind alle aber sehr
unzufrieden, nicht allein über ihren übel zugeschnittenen schwarzen Frack,
sondern auch sogar über das Leben. Vielleicht haben sie auch Recht; prüfe
selbst, mein Sohn. Du hast zu deinem Wissen einen tüchtigen Grund gelegt; die
Meinungen der alten Weisen und Dichter haben deinen Geist bilden helfen, nun
richte den Blick in's Leben, besuche die weltverbesserlichen Tee's, die
Diner's, wo die vornehme Zerknirschung, der zahme Egoismus und die kalte
Resignation sammt der Sinnlichkeit Tafel halten und sich bei den Gerüchen der
Schüsseln aus fremden Zonen betäuben. Mir ist nach vielem Streit unerwartet und
wider mein Verdienst ein schöner Friede geschenkt worden.«
    Als Eduard am Abend sich entfernte, um am andern Morgen zum Herzog zu gehn,
winkte ihm das blaue Auge seines Mädchens in die tiefe Fensternische hinein. Sie
sprach nicht, sie zwang sich zum Lächeln, doch eine Träne fiel über dies
falsche Lachen hinweg. Jezt hatte sie Eduarden geschwind etwas umgehängt und in
den Rock gesteckt. »Nicht jezt gesehen,« rief sie, »nicht jezt - erst auf der
Treppe, wenn Du fort bist; es ist ein kleines Geschenk, und Du musst nicht über
mich lachen.« Sie wandte sich weg, ergriff das Licht und leuchtete ihm herab.
Als er unten war, trat er an eine Laterne, zog die Gabe aus dem Busen, und
erkannte ein kleines, goldnes Kruzifix. »Wie sie heimlich und beschämt ihren
Gott wegschenkt,« dachte er mit Lächeln bei sich; »damit er mir folge, wohin ihr
Auge nicht folgen kann, gibt sie ihn.« -
    Zu der bevorstehenden Vermählung des Prinzen war, nebst andern Gästen, auch
der Graf Eberhard angelangt, ein Mann, den man fürchtete, weil er im Rufe stand,
geheime Verbindungen zu leiten. Eduard sah ihn beim Herzog, und den nächsten Tag
erfuhr auch seine Emilie die neue Bekanntschaft. »Er hat die ganze Welt
umreist,« erzählte der Jüngling, »alles gesehen. Auf den Trümmern von Aten hat
er melancholische Nächte einsam durchwacht; vor den Königsgräbern zu Memphis hat
er fragend gestanden; an die Cateder unsrer grössten Philosophen hat er
zerschmetternde Teses angeschlagen; in Schottlands Gebirgen hat er mit Ossians
Schatten verkehrt, und, ein zweiter Manfred, hat er die Gipfel himmelstürmender
Alpen bestiegen, um in grässlicher Einsamkeit dem nahen Himmel Fragen vorzulegen,
die das Blut eines Geschaffenen starren machen.« - »Halt ein,« rief das
erschrockene Mädchen, »was will der wahnsinnige Mensch bei uns? was bei Dir?« -
Eduard musste lächeln, aber Emilie sah ihn bittend an: »Sprich von etwas Anderm,«
sagte sie rasch; »wie erscheint Dir diese Jokonde, wie benimmt sie sich, wenn so
viele Herren sie umkreisen? Man sagt mir, sie soll schön und freundlich sein?« -
»Das ist sie,« erwiderte der Gefragte, »sie kann, wie ein Kind, scherzen und
mutwillig lachen; wie ein Kind schuldlos, unbefangen die frischen Lippen öffnet
und die leuchtenden weissen Zähnchen entüllt. Ihre Kleidung ist, glaub' ich,
immer nach der neuesten Mode, und ein vielfach gewundener Schawl läuft ihr
manchmal durch beide Arme durch.« - »Das ist nicht möglich,« rief Emilie, »von
einer so sonderbaren Mode steht nichts im Journal.« - Eduard entzog sich
geschickt einem Examen, dem er so wenig gewachsen war. -
    Wieder schimmerten die zauberhaft erleuchteten Fenster des stillen
Fischerhäuschens in den Hof hinein, wieder trieb Massiello, gleich einem bunten,
abenteuerlichen Kobold die Gruppen der Gäste durch einander mit der
geschwungenen Geissel seiner Laune. Vor dem leuchtenden Teetisch aber sass die
Graziengestalt in den faltigen, breiten Aermeln, mit dem Köpfchen, dessen
Goldgeringel diesesmal, auf modische Weise in einen Apolloknoten geschürzt, in
zwei Psycheflügel sich spaltete gegenüber stand der Graf Eberhard in einer eckig
halbzusammengebrochenen Stellung und redete in unheimlicher Tiefe mit dem
schönen Kinde über die Kerzen herüber. Eduard konnte sein Auge nicht von der
Gestalt fortbewegen, seine Seele war in der grössten Spannung, denn der Graf
hatte versprochen, heute ein kleines Manuscript vorzulesen. Als er jezt die
Worte: Italien, Schweiz hörte, riss er sich fast gewaltsam vom sprechenden Abt
los und trat an den Teetisch, eben als der Erzähler langsam und mit zuckenden
Lippen die Worte sprach: »Es geht mir nichts über die pikante Fäulnis Roms,
dieses ewigen Juden unter den Städten, diese Stadt, die nicht sterben kann, so
tief sie auch von der Last des menschlichen Elends gebeugt worden. Die
Geschichte dieser armen Roma ist die Geschichte eines Menschen, der an einen
Gott geglaubt hat, und dem nun jede Stunde spottend zuruft: du hast geirrt, es
gibt keinen!« Diese Worte fielen brennend in Eduards Seele, er fuhr lebhaft auf,
um etwas zu erwidern, als Jokonde ihm eine Tasse Tee hinreichte, und zum Grafen
sagte: »Hier ist ein junger Mann, der auch in Rom gewesen ist, und dem, so wie
mir, die Makaroni's vortrefflich geschmeckt haben.« Der Graf warf einen kurzen,
matten Blick auf den Jüngling, und dieser hätte vor Verdruss weinen mögen, dass
das dienstwillige Fräulein ihm so täppisch die Makaroni in den Mund schob. Der
Herzog trug jezt Stühle herbei, und der Graf, indem er ein paar Blätter aus dem
Busen zog, sagte zu diesem:
    »Eure Durchlaucht haben es Ihrer grossen Gnade, mit der Sie mich beehren,
zuzuschreiben, wenn diese Mitteilungen Sie etwa belästigen sollten. Es sind
Bekenntnisse eines Freundes, von dem ich nicht entscheiden will, ob ich ihn für
glücklich oder unglücklich halte. Das Lebensrätsel lässt viele Deutungen zu.
Mein Freund war bestimmt, ein Geistlicher zu werden, und in diesem Aufsatz wird
sein Eintritt in's Klosterleben geschildert.« - Eine Pause herrschte, und der
Graf erhob seine Stimme indem er folgende Worte las:
    »Alle menschliche Grösse ist Lüge, alles Hohe und Heilige ein läppischer
Selbstbetrug! Die wilde Naturflamme der Sinnlichkeit bläst üppige farbige Kugeln
vor sich hin, die wir Tugend, Glauben, Wahrheit nennen, und die im nächsten
Augenblick zerplatzen. Die Seele ist die Krankheit des Leibes, die Lügnerin, die
ihm einen Himmel vorspottet, und ihn aus sich und seiner Bestimmung reisst; diese
Bestimmung aber ist, zu keimen, zu wachsen, tierisch hinzuträumen und wieder
spurlos zu vergehn; jeder Glaube an ein anderes Ziel, an einen andern Zweck ist
der lächerrlichste Betrug. Ich bin frühe zur Wahrheit hindurchgedrungen, und
meine Lippen tranken aus dem Giftbecher als sie noch jung waren. - - Mein Oheim,
der die Wünsche der Eltern erfüllte, brachte mich als siebzehnjährigen Knaben
in's Kloster der schwarzen Brüder. Schauerlich finster lag dieses Asyl
menschlichen Elends; zwischen Felsenwände eingeklemmt ragten die Türme des
alten Baues in die Luft, und um dem Strahl des Lichts den lezten Zugang fast zu
rauben, warf ein Kranz finstrer Buchen und Tannen von oben herab seinen
bläulichen, kalten Schatten in den dämmernden Klosterhof. Hier schlich ich mit
ängstlich fragenden Blicken herum, wenn die schwarzen Gestalten der Brüder sich
an mir vorbeibewegten, wenn ich ihre wankenden Schritte hörte, mit welchen sie
in die Nacht der hohen, von einem spärlichen Lämpchen erhellten Kreuzgänge
verschwanden, hier sann ich den trüben Wundern nach, die die Knie meiner Brüder
beugen machten. Ein langer, dürrer Mönch, mit einem Gesichte, wie eine kalte
Steintafel, ging mir nach und hütete die Einsamkeit meiner kleinen Zelle. Oft
wenn ich ihn um Mitternacht durch die Kirche aufrecht, wie ein im Sarge
erkalteter Körper, schreiten sah, fiel der Schatten seines vorüber wandelnden
Leibes wie eine schwarze, stille Gottesläugnung auf die Bilder der göttlichen
Helfer. Er war nie aus der dunkeln Kellertiefe des Klosters an den warmen Mittag
oben hinaufgestiegen, nie mochte er lächeln, nie eine bunte Blume, einen grünen
Baum sehen, ein grauer Vorhang verhüllte auf immer die Aussicht seines kleinen
Zellenfensters. Dieser Mann war es, der mir seine nähere Aufmerksamkeit
schenkte; er gab mir eines Tages ein Buch, in welchem sich schöne Abbildungen
jener frommen Helden der Kirche befanden, deren Geschichte meine junge Brust
entflammt hatte. Wie selig war ich im Besitz eines solchen Schatzes. Wenn die
mitternächtliche Glocke ihre einsamen Laute durch die Nacht tönen liess, wenn
alles im Kloster ruhte, dann fand ich Mittel von meinem Lager mich zu erheben,
dem Corridor entlang, dem heiligen Muttergottesbilde vorbei, leise schleichend
eine kleine, versteckte Tür zu öffnen, die mich in ein hochgelegenes
Turmstübchen leitete, wo sich eine Bank und ein Tisch von Stein befand. Hier
hörte ich nun die Bäume auf den Felsen dicht über mir rauschen, hier konnte ich
den Himmel mit seinen Sternen sehen, hier fuhr oft der Sturm, der unten schwieg,
mit tönendem Brausen durch die Gitterstäbe meines kleinen Fensters und drohte
das flackernde Lämpchen zu verlöschen, welches vor mir auf der Steinplatte seine
unruhigen Lichter und Schatten warf. Ach, ich kann die Seligkeit, den
herzzerreissenden Schmerz, die ahnende Wonne, die träumerische Begeisterung und
die trunkene Entzückung nicht beschreiben, die in jenen wunderbaren Nächten mein
armes Knabenherz befiel. Ich lag auf beide Hände gestützt, das Buch auf meinen
Knieen, die blonden Locken meines Hauptes drüber hin fliessend - stundenlang auf
den kalten Steinen und hing mit verzehrender Glut an den Bildern meines Buches.
Der Gedanke ging endlich in mir auf, dass auch ich ähnliche Wunder wirken könne,
dass auch mein schwacher Körper die Glut des Himmlischen durchströmen und weihen
könne. Nicht achtend auf die Vermessenheit solcher Gedanken, flog meine jubelnde
Phantasie immer höher; bald zweifelte ich nicht mehr an meinem hohen Beruf;
konnte wohl Gott ein Herz, das so brünstig sich ihm näherte, verstossen? Ich
fasste die ganze Stärke meiner Seele, niederstürzend lag ich im Staube vor ihm,
und erbat unter strömenden Tränen ein Wunder. Gleich dem heiligen Faustinus
wollte ich die Stäbe meines Fensters schütteln und sie wie Rohrstäbe brechen.
Busse und Geisselung huben jezt an, und sollten jeden Funken der irdischen
Begehrlichkeit in mir ersticken. In der Einsamkeit meiner Turmzelle floss mein
Blut unter Geisselstreichen und färbte den Steinboden; kein Gebet, keine Fürbitte
wurde verabsäumt, Hunger und Nachtwachen hatten meine Glieder der Fülle der
Jugend entkleidet; endlich glaubte ich reif zu sein, für das mächtige Werk. In
einer Nacht, wo ein fürchterliches Wetter sich über unserem Kloster entladete,
fasste ich im Wahnsinn jene Eisenstäbe, raste in Entzükung und wandte alle Kraft
an, sie zu brechen, - sie brachen nicht - und ohnmächtig stürzte ich auf die
Steine des Bodens. Als mich die Brüder oben fanden, erhielt ich eine strenge
Züchtigung und mein geliebter Turm blieb mir auf immer verschlossen. Wenige
Tage nach diesem Ereignis hatte ich den Mut, aus den Klostermauern
hinauszuschleichen, um in den nahen Forst mich zu verlieren. Meine Seele, die in
Betäubung lag, dürstete nach Einsamkeit. Rastlos forteilend geriet ich bald in
viele Waldpartien, und kaum hatte ich ein finsteres Rasenplätzchen mir
ausersehen, um mich mit meinem Wunderbuch dort niederzulassen, als ein Geräusch
in meiner Nähe mich plötzlich emporschreckte. Wer beschreibt mein Entsetzen, als
ich dicht vor mir ein Ungeheuer erblickte, welches den heisshungrigen Rachen
schon aufsperrte, um meine zitternden Glieder zu verschlingen. Tränen stürzten
aus meinen Augen, in der Angst und Verwirrung stürzte ich auf meine Knie und
meine Arme hielten, einem dunkeln Triebe folgend, dem Wolfe die Blätter meines
aufgeschlagenen Wunderbuches entgegen. Nicht so bald hatten die grünen
funkelnden Augen des Scheusals die geweihten Schriftzüge erschaut, als die
fürchterliche Gestalt langsam zu weichen begann; ich rutschte auf den Knien ihr
nach, immer das Buch gerade vor mich hin haltend und, o dreimal herrliches
Wunder, das mörderische Tier heulte laut auf und entfloh furchtsam ins
Dickicht. Ich blieb noch, auf meinen Knien liegend, ein heisser Strom der
Entzückung überstürzte mein Gebein; meine Besinnung drohte zu schwinden, und
mein umherschauender Blick glaubte Gesträuch und Bäume, Himmel und Wolken in
einem überirdischen Glanze leuchten zu sehen. Grüne züngelnde Flammen lösten
sich von den Spitzen der Bäume, rote Lichter entsprangen dem Schosse der
Waldrosen, Sonnenflocken träufelten von oben herab und diese bunten Lichter
vereinigten sich und flossen zu einer hellen Krone um die gelben Locken meines
Hauptes, mein Gewand ward Licht - ich selbst war in einen Heiligen verwandelt.
Mir war ein Wunder gelungen, der Himmel hatte meine Gebete erhört; schon sah ich
im Geiste eine gläubige Menge zu meinen Füssen knieen. Als ich im Kloster wieder
ankam, hatte Niemand meine Abwesenheit bemerkt, dem blassen Bruder, der mich
besuchte, warf ich mich an den Hals, mit der Glut meines jungen Busens erwärmte
ich seine eiskalte knöcherne Brust, - mein göttliches Geheimnis ward das
seinige. Er sagte nichts, doch zuckte es um seine bleichen Lippen. An einem
Nachmittage rief er mich zu sich in seine Zelle. Ich zweifle nicht, mein junger
Bruder, sprach er, an deine wundertätige Kraft, doch treibt der Lügengeist mich
an, dich zu versuchen, komm, überzeuge, erleuchte mich. Mit diesen Worten
brachte er den wilden Hund des Klosterhofes herbei, und indem er das
wutschnaubende Untier an der Kette festielt, sagte er zu mir: Nun, mein
Bruder, jezt nimm dein Buch, halte es gegen dieses Tier, und wenn du anders
wahr geredet, und an den Himmel glaubst, so wird die Wut des Hundes nichts
gegen dich vermögen. Du sagst es, rief ich mit starker Stimme, so wahr der
Glaube an des Himmels Kraft kein Spott ist, so wahr wird mir der Hund nichts
Böses antun können. Jezt sank ich auf meine Kniee und entblätterte mein Buch -
in dem Augenblick entsprang das Tier seiner aufgeknüpften Kette und - o, es ist
lächerrlich, - die Bögen meiner Schrift lagen zerrissen vor mir und ich fühlte
die jähen Schmerzen, wie die grimmigen Zähne des Hundes sich tief in mein
Fleisch einbohrten. Als ich am andern Tage aus meiner Ohnmacht erwachte, lag ich
in meiner Zelle, der bleiche Bruder stand neben mir, und ich bemerkte im hellen
scharfen Strahl des Mondlichtes, wie sich sein blasses Gesicht in einem
grinsenden, tonlosen Lachen weit spaltete, und sich dicht über mich beugend, so
dass sein kalter Otem an meiner heissen Fieberwange erwarmte, sagte er leicht und
immer fortlachend: Albernes, warmes Kind, dein Fleisch hat dich betört, es gibt
keinen Himmel! Merkst du nun endlich, dass es ein böser Geist ist, der mit uns
spielt. Ich hörte diese Worte nicht mehr, mein Herz brach und in einem
Blutstrahl, den ich ausspie, schwanden mir die Sinne von neuem. In einem
Fiebertraum, der mich zwischen Tod und Leben schwebend erhielt, sah ich den
blassen Bruder öfters, wie er in der Kirche herumging und mit dem weiten Aermel
seiner Kutte die Bilder der Heiligen auslöschte; dann leuchtete er hin und auf
dem matten, schwärzlichen Grund zeigten sich nun scheussliche, ekelhafte Fratzen,
die Menge aber kam und kniete andächtig nieder und sah die entsetzliche
Verwandlung nicht. Schuldlos lächelnde Knabengesichter, blühende Mädchenköpfe
blickten vom Chor hernieder; vor dem Allerheiligsten stand jedoch der
fürchterliche Blasse und sang schamlos wahnsinnige Lieder in andächtigen Tönen
ab. Eine dreimonatliche Krankheit hielt mich am Lager fest, in den
fürchterlichsten Krämpfen drohten meine entzündeten Sinne unterzugehen, als
endlich die aufstrebende Natur siegte, die Krisis vorüberging, lag ich auch,
eine kalte Leiche, da, mit einem Herzen, das nichts mehr bewundern, nichts mehr
lieben konnte. Mein Auge war entsiegelt, was Tausende von Menschen in ihrer
Blindheit fesselte, hatte auf mich seine Macht ewig verloren; ich sah das
höhnende Gerippe durch die bunten Fratzen durch, mit denen die schmeichelnden
Sinne, der Wahnsinn und die Torheit es umkleiden. Als ich genesen, führte der
bleiche Bruder mich nun immer weiter auf die eisige Höhe der Erkenntnis; ich sog
von seinen Lippen den schneidenden Spott, die kalte Verachtung, den schlafmüden
gähnenden Überdruss mit Begierde ein; ich verachtete die schwachen Seelen,
welche dem Wurme gleich sich krümmten unter den Tritten eines tyrannischen
Geschicks; mich mochte sein plumper eiserner Fuss zertreten, was lag daran, wusste
ich doch, dass ich dann auf ewig dem Nichts wieder dahingegeben war, aus dem ich
wider meinen Willen zu Qualen hervorgerufen worden. Ich konnte in meiner
Ueberzeugung mich nicht einmal zu dem Glauben eines Lehrers zwingen, als
beherrsche den Menschen ein böses, tückisches Wesen; wie möchte ein solches
Freude daran haben, mit einem Geschöpfe zu spielen, das wie ein läppisches
Uhrwerk sich selbst überlassen, zeitig genug an seiner eigenen Erbärmlichkeit
sich aufrieb und vernichtete. Die Träne der glühendsten Andacht, ist sie mehr
als das Werk eines durch Sinnlichkeit und Eitelkeit hervorgekitzelten Nervs, ist
sie etwas edleres, als das Lächeln auf der Lippe eines Wollusttrunkenen?« -
    Der Graf hatte geendet und lag zusammengesunken da, der Herzog träumte vor
sich hin; Eduards Seele war ganz Leben und Bewegung, er glaubte einen Blick in
das Innere des wunderbaren Mannes getan zu haben, und seine Ueberzeugung war,
dass der Graf seine eigene Geschichte vorgetragen habe, er wollte ihn mit einer
Rede voll Glauben und Frühlingswärme ansprechen, da richtete jener das Auge auf
ihn und jener matte, Überdruss blickende Strahl fiel entkräftigend in seine
Seele. Selbst Jokonde erschrack vor diesem Blicke, und fragte schnell, ob der
Graf nicht noch eine Tasse Tee befehle, oder ob sie, um die Gesellschaft zu
erheitern, etwas spielen solle. Der Graf nickte und der Herzog sprang auf, um
einen dankenden Kuss auf die Stirne des schönen Mädchens zu drücken. Massiello
nahm förmlich Abschied, und führte zur Entschuldigung an, wie er jezt gerade ein
altes, höchst seltsames Liebeslied dichten wolle, welches in seiner ganzen
Lebendigkeit in ihm aufgegangen sei, als der edle Graf von der absoluten
Tierheit so vortrefflich gesprochen, und da wolle er zwei recht gesunde Leute,
denen es gelungen war, auch das lezte Restchen von Seele, Tugend und
Unsterblichkeit wegzuschleudern, in recht kräftiger Naturfreude zusammenführen.
Der Herzog liess ihn gehen, und auch der Graf nahm Abschied. Ein freudiges
Ereignis war, dass jezt die Tür sich öffnete, und die beiden Flüchtlinge, Robert
und der Abt, hineintraten. Man hörte nicht viel auf ihre Reiseberichte, der
Herzog umarmte leidenschaftlich einen um den andern, Jokonde brachte allerlei
Possen vor, und endlich musste der Abt sich an das Pianoforte setzen, um einen
seiner französischen Tänze zu spielen. Er protestirte heftig, indem er
behauptete, dass sein Verlangen, unter den Tanzenden eine Stelle einzunehmen,
viel zu mächtig sei, besonders wenn sein Glück es ihm gestatten wolle, an der
Seite des schönen Fräuleins seine Geschicklichkeit zu zeigen. Man kam seinen
Wünschen zuvor, Eduard setzte sich zum Spiel und lächelnd folgte das reizende
Mädchen seinem alten Grazioso, indes der Fürst und Robert sich
gegenüberstellten. Jokonde machte jene leichten Sprünge, die ihr durch ihre
natürliche Anmut immer das Entzücken der Zuschauer erwarben, indes der Abt, ihr
schief gegenüberhängend, sich in künstlichen Tanzfiguren erschöpfte und endlich
damit endete, mit einem bösartigen keuchenden Husten einzugestehen, dass er sein
schönes Vorbild unmöglich erreichen könne. Ein leises Gelächter wurde hörbar,
als er abtrat; und jezt stellte sich der schöne Robert an seine Stelle. Die
Musik floss wie mit Inbrunst in die reizenden Verschlingungen und hob auf
klingenden Wogen die schönen Tänzer wie im Triumph auf und nieder. Der Herzog
glaubte zu bemerken, dass Jokonde die dunklen Augen des jungen Engländers suchte
und hustete verstimmt. Als man geendet hatte, trat die Dienerin herein und
meldete, es stehe im Vorzimmer ein kleiner verdriesslicher Mann mit einer spitzen,
äusserst saubern Nachtmütze, er habe kurz und ungeduldig anbefohlen ihn zu
melden. Die Gesellschaft trat neugierig zusammen, die Türe ging auf und eine
seltsame Figur mit rückwärts flatterndem Schlafrock eilte herein, bemächtigte
sich eines Stuhles, bestieg ihn und sich leise räuspernd und bückend hub sie mit
feiner Stimme zu sprechen an: »O meine Herrn, wenn Sie wüssten, wie krank ich
bin; man beobachtet mich und hält meine arme kleine Person in einem
weitläuftigen Gebäude verschlossen, so weit ist es mit der Despotie des Pöbels
gekommen; sie sezt die Zeit selbst gefangen, indem sie vorgibt, mich zu
befreien. Ach, es ist etwas beklagenswertes um die Ehre, der Gott der Zeit zu
sein! Ja, Madame, lächeln Sie nicht, ich bin die Zeit. Eigentlich sollte ich Sie
verspeisen, da Sie mein Kind sind, aber diese Untugend habe ich mir schon längst
abgewöhnt. Du lieber Gott, meine Kinder heut zu Tage schmecken erbärmlich
schlecht, es ist eine grenzenlos fade Speise, die den besten Magen verdirbt -
freilich wäre ich jung - ach damals, damals! still, still! das ist der Wurm -
ganz im Geheim, lieben Freunde, ich bin alt, sehr, sehr alt. Sehen sie dieses
altgermanische blonde Lockenhaar, das unter meiner Mütze auf die Schulter
herabwallt, es ist falsch und deckt meinen nackten Scheitel, der sonst ganz
erbärmlich frieren würde; der lederne Koller, den mir Götz von Verlichingen
geliehen, ist nicht genug, die enge kalte Brust zu wärmen, unter ihm trage ich
eine Jacke von Flanell, die ich aber sorgfältig verstecke; den Werterfrack
ziehe ich manchmal noch drüber, ich liebe ihn, weil er so stark nach Pulver und
Lebensüberdruss riecht. Uebrigens ist mein Gebein von der Studierlampe durch und
durch gedörrt, mein Körper hat allerlei seltsame Einbeugungen und Auswüchse von
den Ecken und Kanten des Schreibtisches erhalten und die innern Teile sind vom
beständigen Nachtsitzen jämmerlich zusammengewachsen. Ach, Madame, Madame! oft
überfällt es mich wie der Tod in Tränen, wenn ich daran denke, wie ich einst im
alten Hellas als Jüngling ewige Hymnen absang, zu den Füssen Aspasiens lag; wie
ich als Knabe Alcibiades an den Lippen des Sokrates hing, der so schön war, weil
er so weise; wie ich in ausgelassener sinnverwirrter Jugend den trunkenen
Bacchus auf meinen Schultern durch den jauchzenden Sturm der mitternächtlichen
Orgien führte. O Himmel, Himmel! und wie ich später an der Tafel des Mäcenas das
beste Glas Wein in meinem Leben trank, und der alte Flaccus mir zur Seite mit
lächelndem Munde, im Gefühl eines üppigen Lebens, die Reize ländlicher
Einsamkeit pries, wie mir als Antonius die ägyptische Königin in afrikanischer
Liebesglut die Wange bleich küsste; wie ich in stürmischer Jugendbrust als
Hannibal dem völkerwimmelnden Erdkreis Verderben schwur! Und später - Freunde,
Euer Auge wird feucht - Ihr ahnet, wovon ich sprechen will - ach, von der Zeit
meiner ersten Liebe. Die stürmische Jugend war vorüber; aus dem Orient, vom
Grabe des Erlösers kam ich zurück, in meinem schwarzen Auge lag die dunkle, süsse
Elegie der Liebe, meine Wange war bleich, der Tod Jesu hatte einen finstern
Schatten auf die Welt geworfen. Die üppige, feurige Blume der Sinnlichkeit
schloss sich, eine heilige, ewige Mondnacht der Liebe ging über die Erde auf, und
die Schatten gewaltiger, ernster, gotischer Türme fielen kalt auf die bunten
Marktplätze des Lebens. Damals, Madame, damals liebte ich - hatte ein krankes,
schwaches, doch unendlich liebenswürdiges Mädchen entdeckt, es war meine eigne
Seele. Kennen Sie, Madame, dies seltsame Geschöpf? Die wahre Liebe zu ihr ist,
wie jede Liebe, mit ewigen Schmerzen verbunden, doch diese Schmerzen sind süss.
Nun trachtete ich nicht mehr nach den Genüssen meiner raschen Jugend, sondern
sass die stillen Nächte bei meiner Liebe, sie in den Schlaf wiegend mit süssen
Liedern; in den goldnen Gärten der Provence gingen wir tändelnd mit einander, an
den Altären prangender Münster knieten wir mit einander, in den Minnehöfen bei
den Sprüchen schöner Frauen, ewiger Sänger, wurde uns das Rätsel unsrer eignen
Glut klar, und in dem Zusammenklang göttlicher Harmonien, in den stürmischen
Gebeten glühender Andacht, in Farben, Tönen, Frühlingsglanz und Todesgrauen
schlug der goldene Kelch unserer Liebesblume seine prangenden Blätter mit Gesang
auseinander, und wankte, von Sonnenglanz umträufelt, in den ewigen Himmel
hinein! - Ach, Freunde, vergebt eine Träne! o meine Jugend, meine Jugend!
Seitdem, Madame, seitdem - es muss heraus - bin ich alt geworden, die Geliebte
auch. Wir heurateten uns und bewohnen jetzt verschiedene Seiten. Wir arbeiten
jetzt tüchtig an unsrer Vervollkommnung - ach, was habe ich für Schriften und
Schriftchen lesen müssen, Bücher, Bücher und immer Bücher! dabei tönt mir oft in
der Nacht bei der Arbeit das alte sehnsüchtige Lied meiner Jugend in die Ohren;
es ist entsetzlich, mir wird dann so erbärmlich zu Mute wie einer armen
zergangenen Semmel in einer kaltgewordenen Kaffeetasse! Oh, oh! ich klagte meine
Leiden einem Arzte, der lächelte und sagte, er wüsste schon lange, dass die Zeit
krank sei, er verbot mir das lange Nachtsitzen, die antiken Versmasse, und gebot
mir dagegen, von den neuen Tagblättern täglich ein Dutzend zu mir zu nehmen.
Meiner Frau geht's nicht besser, bei der treiben die Philosophen und Frommen ihr
Wesen, und sie fühlt sich auch täglich kränker und gibt in matter Leutseligkeit
alles zu, was man von ihr verlangt. Ja, es ist Zeit, Freunde, es ist Zeit,
Madame, dass wir endlich alle schlafen gehen. Gute Nacht!«
    Die Gestalt stieg jetzt vom Stuhl und wollte entschlüpfen, doch sie wurde im
Triumph wieder eingeholt. Man hatte Massiello erkannt, und als er jetzt seine
seltsame Kleidung näher vorwies, lachte alles, der Herzog am meisten. Die gute
Stimmung schien vollkommen wieder hergestellt. Jokonde allein hatte sich im
Sessel zurückgelehnt und spielte mit ihren Locken, sie mochte nicht mitlachen,
weil sie nicht begriff, worin der Scherz bei der sonderbaren Rede lag, doch war
sie am tollen Massiello dergleichen gewöhnt. Sie wusste, dass der Herzog ihn
liebte und nicht ohne seinen Humor, wie er es nannte, leben konnte. Die
Klostergeschichte des Grafen, sagte der Fürst, lässt noch immer ihre Bitterkeit
spüren, da müssen wir schon zu der Musik unsre Zuflucht nehmen, um durchaus jede
Spur zu vertilgen. Jokonde und der Abt traten ans Pianoforte und Massiello, der
in den Notenblätter wühlte, rief: »Wenn wir Deutschen nur nicht alle Dinge so
ernstaft nähmen; so besitzen wir auch keine durchaus fröhliche Musik. Wir
kennen die kleinen seltsamen Geschöpfe, wie sie da aufs Blatt gezeichnet sind,
noch lange nicht von ihrer schalkhaften Seite; wie es uns an einer Musik fehlt,
die den geistreichen Konversationston nachahmt, so ist uns auch jene fremd,
welche im bacchantischen Strudel das ganze Füllhorn des Momus umstürzt und auf
der Tonleiter bis in die schallenden possenhaften Laute hinauffliegt. Ich wollte
einmal alle Torheiten der Jugend in einem wunderlichen Liede zusammenfassen, es
müsste ein höchst ergötzliches Lied werden; die Musik dazu wäre ein anhaltendes
ausgelassenes Gelächter. Ich glaube, damit könnte ich alle Greise und alte
Mütterchen wieder jung machen.« - »Ein sonderbarer Gedanke, rief der Herzog,
doch nicht ganz ohne Wahrheit; warum bewegt uns ein herzlich Lachender immerdar
zum Mitlachen, wenn wir auch die Ursache des Gelächters nicht kennen, offenbar
ist es der Zauber jener hüpfenden, rollenden, schrillenden breitzerplatzenden
Töne, die so mächtig auf uns wirken. Unsere Musik entfernt sich zu sehr von der
Natur, sie sollte mehr Naturlaute in sich aufnehmen, und weniger Regel und
Combination.« -
    Robert, Massiello und Eduard entfernten sich, um eine Gesellschaft von
Freunden zu besuchen, die in zwangloser Laune in einem bekannten Weinhause
zusammen zu kommen pflegten. Jokonde und der Abt hatten vor den Notenblättern
Platz genommen; nebenbei lag der Herzog im Armsessel, und spiele mit den Ohren
des kleinen Bolognesers. Die Musik hub im weichesten Moll an, die Töne gingen
wie fromme Einsiedler ins Gebirge, dann rauschte und lärmte es, wilde
Gebirgswasser stürzten in den Weg, plötzlich tönte das laute Gespräch der
Einsiedler dazwischen, die sich eine alte verblichene, aber grossartige Sage
erzählten, alles war dunkel und trübe, endlich zerriss der Wolkenflor, lachende
Passagen zogen in die Höhe und ganz oben im Diskant erklang eine alberne Posse
und frische Mädchenkörper schüttelten sich im anmutig kichernden Gelächter
dabei; plötzlich trat im Bass ein alter wahnsinniger König auf und warf ganze
Händevoll schwarzer Tulpen und glühender Feuerlilien in den Kreis der Mädchen;
sie flohen erschreckt auseinander, und der alte Wahnsinnige begann, mit Krone
und Zepter geziert, einen unheimlich wankenden Tanz in den tiefsten Tönen, so
dass sich der wehende traumartige Mantel Mal auf Mal in die benachbarten Gebüsche
verfing. Allen wandelte ein Schauer und Entsetzen an und es war gut, dass der Abt
die Sprünge des Alten schnell mit einem hellen Lichtakkord abschnitt, der
plötzlich ernst lieblich in einen vollen, mit andächtigen Menschen und singenden
Priestern angefüllten Morgengottesdienst im Schiffe einer kühnen gotischen
Katedrale fiel und das Allerheiligste drinnen sanft beleuchtete. Nun war alles
Friede und hohe Duldung, sanfter Ernst und heilige Bedeutsamkeit. Die tiefen
Brustseufzer der Orgel hörte man nur die menschliche Sünde tönen, Engel wehten
mit azurnen Fittigen kühle Frühlingsluft der Vergebung, der Busse herab, in den
Beichtstühlen lagen auf den rotsammetnen Kissen schöner Mädchenlippen kostbare
Festungsschlüssel, die die festesten Plätze dem Himmel offen gaben.
    Der Herzog lächelte bei dieser Stelle sanft in sich hinein, er legte sich
über, als zöge er mit dem Munde die Töne in sich und seine Lippen sammt dem
warmen wehenden Atem drängten sich an Jokondens Wange, die davon befangen wurde
und stockte. Als sich Jokonde zum Kuss neigte, warf sich der Herzog lachend
zurück, und das gekränkte Mädchen spielte mit zwei brennenden Zorn- und
Schaamröten weiter, indem ihre Hände wie in geknickten Blumen wühlten. -
    Die Freunde hatten sich beim alten Fleakwout versammelt, um in später Nacht
zu helfen und zu ratschlagen, denn der Alte war durch die halbgelungene
Ausführung eines seltsamen Versuches dem Tode nahe gebracht worden. Massiello,
der gekommen war, ihn zu besuchen, hatte ihn in seinem Armstuhl ohnmächtig, und
mit Blut bespritzt gefunden, in der herabgesunkenen Rechten ein Pistol
eingeklemmt. Die alte Haushälterin war, durch einen Schuss herbeigerufen,
erschreckt in's Zimmer gestürzt, wo sie dann vor einer halben Stunde schon den
Herrn in dem bedaurungswerten Zustand entdeckte. Ein Arzt, den die Freunde
herbeigerufen, erklärte jedoch die starke Verwundung am Haupte nicht für
tödtlich; es wurden sogleich Umschläge besorgt, Arzneimittel eingerührt, und als
der Kranke mit den Zeichen eines dumpfen Bewusstseins das Auge öffnete, ward er
auf's Bett gebracht und der Ruhe überlassen, indes der Doktor und die Freunde
sich in das abgeschlossene Seitenzimmer begaben, um über den wunderlichen
Vorfall sich zu verständigen.
    »Ich kenne den alten, halb wahnsinnigen Freund,« sagte der Doktor, »so viel
derlei finstere Charaktere sich erkennen und durchschauen lassen, und so habe
ich schon lange eine Ahnung gehegt, er werde sein Leben nicht auf dem
natürlichen Wege beschliessen. Besonders hat mir das Pistolenstückchen, wie er es
zu nennen pflegte, immer, wenn er davon sprach, Grausen und Entsetzen eingejagt.
Es liegt in dem Gedanken etwas ganz Fürchterliches, den letzten Lebenreiz noch
in einem Spiel mit dem Tode zu finden.«
    »Wie meinen Sie das?« fragte Eduard, »was ist es mit jenem
Pistolenstückchen?«
    Der Arzt fuhr in seiner Rede fort. »In einer zwanzigjährigen Bekanntschaft
bin ich oft Zeuge der finstersten und drohendsten Anfälle der Melancholie des
Alten gewesen. So traf ich ihn eines Abends allein im Gemach, eine kleine Lampe
brannte vor ihm, sein bleiches Haupt war auf beide Arme gestützt, und den vor
ihm liegenden Raum des Tisches nahm eine Pistole ein, die er mit weitgeöffneten,
starren Augen betrachtete. Er bemerkte mein Eintreten nicht, obgleich die Flamme
des Lämpchens im Zuge der geöffneten Türe aufloderte, und mein Schattenbild
riesiggross an der gegenüberstehenden Wand hinauffuhr.« Als ich nun dicht hinter
ihm stand, vernahm ich mit Entsetzen, wie er folgende Worte leise, doch deutlich
vor sich hinsprach: »Die Ladung ist drin, aber auf der Pfanne kein Pulver, -
richte ich nun den Lauf gegen meine Stirne und drücke los, so erfolgt wohl kein
Schuss - doch - es kann sich ja fügen - ein Körnchen von der schwarzen grässlichen
Masse blieb irgendwo in einem Ritzchen des Schlosses hängen, es springt ein
Funke hinzu - die Ladung entzündet sich und - - - O wie süss und lieblich -
wahrlich, den Witz muss ich loben! Welch ein Kitzel von Wollust liegt in der
kurzen unbedeutenden Frage: Wird es zünden, wird's nicht? Wie süss und zärtlich
umarmt sich Tod und Leben in dem kurzen, flüchtigen Zeitpunkt einer Sekunde. O
der herrlichen Spannung, des markdurchrieselnden Schauers. Der gekrümmte Finger
klopft an die Pforten der Ewigkeit und horcht, ob ein Herein! ertöne oder
nicht.«
    »Wahrhaft grässlich!« rief Robert und rieb sich die Hände, »ich hätte den
Alten doch nicht für so originell gehalten.« Eduard fühlte diese Worte wie einen
Stich in seine warme Brust; es stöhnte im Nebenzimmer und die Freunde stürzten
hin. Der Alte war erwacht und hatte sich vollkommen auf seinem Lager
angerichtet. Als er die bekannten Gesichter gemustert hatte, sagte er
vedriesslich: »Also noch immer die alte Waare, nichts Neues, nichts Besseres -
und da hat man mir etwas um den Kopf gebunden, einen neuen Reif um das alte
baufällige Fass. Gebt Acht, Freunde, der Wein, der drinnen gährt, ist so böser
Natur, dass er die morsche Tonne wohl noch einmal ganz zersprengen wird.« -
Massiello trat dem angeschossenen Silberhaupte nahe, schob die greisen
ehrwürdigen Locken vom Ohr und rief leise hinein: »Das war Selbstmord, was Ihr
versucht habt, Alter, schämt Euch!« »Warum,« war die Antwort, »ein Jeglicher hat
sein Steckenpferd, ich zum Beispiel liebe nun den Selbstmord.« »Alter, Alter,«
rief Robert, »wenn Du gesund wirst, so geh in die Kirche, da wird man Dir gute
Sitten lehren.« - »Kirche?« entgegnete der Greis, und sein zahnloser Mund
lachte, »was ist das? Trifft man da lustige Gesellen, gute Unterhaltung? Fast
muss ich's glauben, Söhnchen, da Du es mir anrätst. Ja, ja Freundchen, lass uns
einmal um Mitternacht hingehen, ich nehme das abgeschossene Stückchen Schädel
mit, und wir spielen damit Fangball, Freund Massiello lässt sich auf der Orgel
hören! - Hu, hu, das schmerzt ordentlich! ich glaube, einige alte wunderliche
Gedanken haben schon etwas reden hören vom Einsturz des Leibes und wollen nur
gradeswegs in die Unsterblichkeit schlüpfen! Zu früh, zu früh! - binden Sie
wieder fester, liebster Doktor, lassen Sie durchaus nichts von meiner
Persönlichkeit eschappiren.« - Robert hatte sich auf das Bett gesetzt und sah
mit seinen grossen schönen Augen dem Alten in's Gesicht. »Ich könnte,« sagte
dieser, »jetzt als ein Sterbender, denn hoffentlich bin ich doch ein solcher,
recht viele schöne Worte zu Euch, Freunde, sprechen, ja es wäre gar nicht
unmöglich, dass ich sogar rührend würde und Euren ganz unwürdigen Wandel zu etwas
recht Würdigem umkehrte, doch ich weiss schon, Du, Robert, denkst nun schon
daran, wie sich meine beschädigte Person in einem Trauerspiel ausnehmen würde;
Ihr Poeten liebt die Sünde und ohne sie könntet Ihr nichts machen; das
allereinfachste Schüsselchen würde unschmackhaft werden; wenn der spanische
Pfeffer der Hölle fehlte, suche nur von Zeit zu Zeit etwas weniger zu spielen,
etwas schwächeren Punsch zu trinken, etwas weniger Leute um ihren ehrlichen
Namen zu bringen, und jährlich ein hundert Mädchen weniger zu verführen, so
wächst Dir allmählich etwas Christentum an. Es kann nicht schaden, ich habe es
mit allen Dingen im Leben versucht, und alle haben, so lang sie neu sind, etwas
Ergötzliches - doch, Freunde, das grösste Elend, der entsetzlichste Jammer, dem
Ihr nicht entgeht mit allen Grübeleien des Verstandes - das ist die
Notwendigkeit, alle Morgen euren Rock anzuziehen, alle Abend ihn abzustreifen.
O fürchterliches Elend, Marter über Marter!« - Er sank in seine Kissen zurück
und seine Lippen wurden bleich. - »O Himmel,« stammelte er, »welche Seligkeit,
da meldet sich etwas bei meiner Seele, ein Gefühl, das mir ganz neu ist, ich
sage Euch, ganz neu. Etwas so Kaltes, Lachendes, Spitzes! Sollte es vielleicht
der Tod sein? - Nein, o nein, doch nicht, es ist ein altes bekanntes Etwas, ich
glaube, es ist die Reue, doch freilich tritt sie diesmal besonders kräftig auf;
nun immerhin, ich werde mich auch von ihr etwas durchkitzeln lassen.« - Der Arzt
trat jetzt an's Lager und verbat das weitere Sprechen, die Freunde entfernten
sich still in's Nebenzimmer, und der Alte blieb allein, indem man ihn von Zeit
zu Zeit murmeln und lachen hörte.
    Massiello warf sich weinend an Eduards Brust: »Lass uns umkehren, schöner,
reicher Knabe,« rief er, »umkehren zu der einfachen, hölzernen, läppischen
Jugend. O, über das Gift der heutigen Poesie und aller Poesie! Der Alte hat
Recht. Ein Menschenkind, das seinen Gott liebt, das einen Kalender hat, wo der
Mond und die Sonne rot gemalt drin stehen, und ein Weib, das nach diesem
Kalender sieht, wenn Butter geschlagen und Leinwand gebleicht werden soll, ist
solch ein Kind nicht glücklich?« Er trat an das Fenster und sang in die Nacht
hinaus. Die Turmuhr schlug drei Uhr Morgens. Der Abt hatte sich davongemacht,
um den Morgenschlummer, so wie den Morgenkaffee nicht zu versäumen. Robert
sprach finster vor sich hin: »Der arme Fürst, seine Lage ist wahrhaft
schrecklich; er liebt seine Braut nicht, kann sie nicht lieben und sieht nun
ihrer Ankunft und der Verbindung, die ihn ewig in Fesseln schlagen soll,
stündlich entgegen. Sein Herz, mit allen Genüssen schon frühe überhäuft, fühlt
eine kalte Leere, die Flamme der Sinnlichkeit befriedigt und erwärmt es nicht,
und diese Jokonde, Himmel! diese duftlose, schöne Tulpe, kann sie geben, was sie
nicht hat? - Er sucht einen Freund und geht herum, mit bebendem Finger an jede
Brust klopfend, die ihm verwandt scheint, und auch hier findet er nicht, was er
sucht. Mit einem gewissen coquetten Stolz will er bei mir durchdringen, und weiss
doch, dass jede Pretension mich unleidlich bindet und zwingt - da zürnt er, da
verzweifelt er und sinkt kraftlos in sich selbst zusammen; doch so geht's dem
Geiste, der sich nicht selbst zu genügen weiss.« - Eduard fühlte sich so bitter
gestimmt, dass er hierauf nichts erwidern wollte und konnte; er entfernte sich,
als er hörte, dass der Kranke in einen ruhigen Schlaf verfallen sei, und schlich
am Hause Emiliens vorbei, ohne zu ihren Fenstern aufzublicken.
    Der Herzog hatte mehrere Gäste zu seiner schönen Jokonde geladen.
Baumeister, Tapezierer und Maler waren in der Stille versammelt gewesen, um das
kleine Fischerhäuschen in der einsamen Gasse mit einem neuen versteckten Anbau
zu versehen, der der Bewohnerin verborgen blieb, so sehr die Neugierde das
schöne Mädchen plagte, zu erfahren, was im Werke sei. Robert, Massiello, Eduard
und der Herzog hatten gedichtet, componirt, gemalt und Pläne entworfen zu dem
Feste, dessen eingentlicher Grund ein Erröten auf Jokondens Wangen lockte, denn
es galt den Jahrestag oder eigentlich die Jahresnacht zu feiern, wo der Herzog
das schöne Kind von der Hand der Verschwiegenheit und Liebe sich antrauen liess.
Er war damals als ein junger, unbedeutender Mensch in's Haus ihrer Eltern
getreten, ermüdet durch eine Fussreise in die Alpen und fast bis zum Tode
ermattet, dazu ohne Geld und mit einem angenommenen Bauernnamen, so dass Jokonde
dem armen Burschen seiner schönen Augen wegen einen, dem Vater abgezwungenen
Kronentaler in's Ränzchen steckte und ihn heimlich fragte: Wie heisst Er denn,
mein Freund? Da hatte der Fürst sich lächelnd umgewendet und im Styl eines
altgriechischen Göttermytos höchst patetisch gerufen: Lotar, Erbprinz von -.
Den Kronentaler hatte das hübsche Mädchen bald wieder, und die Reise des armen
Burschen in das Gebirge war für sie eine Reise auf's Gebirge der Hoheit und des
Erdenglücks geworden. Als der Herzog sich jene ersten Liebesmomente
vergegenwärtigte, sah er seine Jokonde mit einem so innigen Blick an, dass diese
vor der Fülle von Seele erschrack, die in einer Männerbrust liegen kann; sie
konnte nichts dagegen geben, als die gewöhnliche Dekoration - Sonnenschein,
blauer Himmel, Lächeln, rechts im Vorgrunde ein Grübchen; der Soufleur ihres
kleinen Herzchens lispelte die alten verbrauchten Worte hinauf. Der Herzog
führte seine geputzte Schöne durch den Kreis der Gäste in jene bis jetzt
verschlossenen Gemächer. Strahlende Helle goss aus bunten Krystalltulpen und
weissen Lilien ihr Feuermeer in ein zierliches Zelt, das von der Liebesgöttin
geordnet und hier und da mit einzelnen goldenen Pfeilen festgesteckt war. Es
zeigte sich eine kleine Bühne und vor derselben sass Massiello mit zwei Musikern
und blies eine sonderbare Musik ab deren Composition Lachen erregte, aber
zugleich auch Verdruss und Aerger. Jokonde freute sich kindisch, sie war über
alle Beschreibung reizend: ein Brautkleid von weisser Seide umspannte den süssen
Leib, goldene Schnüre hielten unten einige volle Myrtenbouquets gefesselt, in
ihren gelben weichen Locken lag ein Kranz, dessen klares Diamantenband auf der
hohen weissen Stirne festschloss. Sie blickte nun nach Robert, doch er war nicht
da, indem endigte die Musik, und Massiello stieg mit einem langen Schritt auf
die Bühne hinauf, deren Vorhang sich gehoben hatte.
    Man erblickte eine zauberhelle, prächtige Blumenlaube, wie sie so seltsam
und herrlich nur aus der Phantasie aufblühen mag. Aus dem Boden empor flammten
dunkle Feuerlilien in dichter Ueppigkeit und bildeten gleichsam den Grund,
hochgefärbte Rosenkelche schlossen sich an sie, und immer heller und geläuterter
erschien die Glut, bis sie in stets blasser werdende Rosen, und endlich in weisse
Centifolien endete, deren letzte Sprosse hinauf silberhelle Sternblumen und
weisse Frühlingsglocken bildeten. Ein mächtiges Blumenaroma überströmte das
Gemach beim Aufrollen des Vorhangs. Die Landschaft hinter der Laube zeigte ferne
Bläue, eine einsame Pinie stützte sich, wie in Gedanken verloren, auf die
Schultern einer breiten Eiche, ein Paradiesvogel zog schweren, langsamen Flugs
fern und immer ferner in die Landschaft hinein. Jetzt flog ein schöner,
geflügelter Knabe auf die Bühne, er trug eine Lyra im Arm, und senkte sich wie
im jauchzenden Entzücken der Jugend tief in die roten Blumen und schwankenden
Rosenkelche hinein; dann begann er ein wunderlich feuriges Lied, das eine
abenteuerliche, aber liebliche Sage behandelte: es war die Geschichte der
Liebe. - »Gott liebte einst, liebte menschlich, liebte ein Weib, aber ein
Götterweib, wie er ein Gott. Ihr Lächeln schuf den ersten Frühlingskeim und nach
ihren Träumen bildete Gott die Blumen; sie aber liebte einen Raum im flutenden
Meere der Schöpfung besonders und bat einst den Ewigen: Schaffe mir hierher ein
Gestirn und schenke es mir, hier muss es köstlich sein zu wohnen, mild flammt das
Licht des nächsten Firsterns herüber und süss fliesst der Strom der Lüfte dahin.
Sie hatte den Wunsch kaum ausgesprochen, als in dem Momente die neugeschasfene
Erde ihre Bahn dahinrollte - die kleine Erde, und der höchste Geist sprach mit
Lächeln: da ist sie! nimm sie, schasse sie zu einem Paradiese um, sie sei dein
Brautgeschenk, schalte mit ihr, wie es deiner Laune gefällt. Da sah die
Gottgeliebte auf die kleine Erde mit rührender Freundlichkeit nieder, und dachte
über Pläne nach, wie sie sie am zierlichsten schmücken solle. Endlich schuf sie
ein sonderbares Wesen mit einem Barte, einem krausen Lockenkopf und in der Brust
mit einem rotenklopfenden Herzen, und ihm zur Seite, nach ihrem eigenen Bilde,
ein süsses kränkliches Püppchen, voll Sehnsucht und Tränen und voll Lächeln und
Narrenspossen. Diese Beiden, sagte sie, sollen sich nun gegenseitig freuen und
betrüben, beides bis zum Tode; es soll eines die Lippen des andern suchen und
nicht wissen, was es tun will, und so entstehe der erste Kuss; sie sollen viel
tolles, einfältiges Zeug sprechen und über die albernsten Dinge zusammen weinen;
sie sollen in den Mond blicken und lachen und weinen, und weinen und lachen
durcheinander. Er soll fluchen und zürnen, wenn sie geht, sie aber soll tanzen,
wenn er sich ärgerlich fortschleicht, lachen, wenn er weint, innerlich aber
ersticken wollen an zurückgehaltenen Tränen, und all der neckende Unmut, das
weinende Entzücken der Liebe soll bei ihnen wohnen und Hütten bauen in ihren
Herzen. - Sie sprach es, und die ersten Menschenherzen fingen ihr unruhiges
Geklopfe an. Ein schöner Garten war erbaut, mit düstern heimlichen Gängen, wie
der quälende Dämon der Liebe es verlangt, und die Gottgeliebte freute sich der
Genüsse und Qualen ihrer lieben Puppen. Aber ach, sie selbst musste untergehen,
ihre Natur war zu schön, um ewig zu sein, sie starb am Geruch einer Blume. Als
sie nicht mehr war, fand der höchste Gott kein Gefallen mehr an der Erde, er
mochte den Schauplatz, der ihn an sein verlorenes Glück mahnte, nicht mehr
schauen, einsam liess er die arme Erde in die Nacht hinrollen und sie kam unter
den Pöbel der übrigen Gestirne. Alljährig aber, o Himmel, welch Entzücken! wirft
er einen Blick auf sie, und ein seliges Liebeserinnern giesst sich dann über sie
aus. Dann sagen wir Menschen, der Frühling ist da und freuen uns innig; der hohe
Gottestraum der Liebe geht in den Blicken unserer Knaben und Mädchen, in unsern
Blumen und klaren Brunnen auf.« -
    Er schwieg und Massiello hob den schönen Pagen mit einem Kuss aus dem
Blumenbecken, und trocknete ihm die Tränen von den vollen roten Wangen und
sprach: »Tröste Dich, mein Enzio, wenn jene Frühlinge und Götterträume immer
kürzer werden, so haben wir jetzt so viel Erziehung und Bildung, dass wir das gar
nicht bemerken, ja man kann bei einem wärmenden Schlückchen Magentee, bei einem
Stümpfchen Licht und bei der Abendzeitung auf die alleranständigste Weise aller
Frühlinge entbehren! Ist man nun auch so glücklich, dass man von einem soliden
Frauenzimmer ein Paar grauer wollener Strümpfe zum Winter erhält, dazu sich die
Füsse und den Kopf warm hält, so kann ein Billigdenkender die übertriebenen
Anstrengungen der Sonne und all das farbige Gras ganz entbehren.« Er sprach die
letzten Worte mit fast kreischender Stimme, indem er den weinenden Knaben an
sich drückte, und wenig fehlte, dass er nicht selbst in Tränen ausbrach. Jokonde
lachte, weil sie glaubte, der Herzog wünsche das, als dieser aber ihr sehr ernst
in die Augen sah, wusste sie nicht, was sie denken und tun sollte.
    Der Vorhang rauschte jetzt von Neuem auf. Die Bühne hatte sich gänzlich
verändert, sie stellte eine dunkle Höhle vor in tiefer Nacht. Eine düstre
niedergebrannte Ampel erhellte phantastisch die dicken Steinwände, dunkles
Gebüsch, dessen Enden vom Lichte smaragdgrün anliefen, wehte im Nachtwinde. Zwei
rohe, aber schöne Buben sassen an einem Steintisch und würfelten, ein schlankes
volles Mädchen lehnte zwischen beiden, und ihr Antlitz, besonders zwei grosse
schwarze Augen, sogen das Licht ein und starrten in glänzender Pracht. Es gab
einen warmen Streit, jeder der Buben wollte die volle Schöne für sich, sie
redeten heftig und das Mädchen trat mit einem lustigen Vorschlag hervor. »Nun,
Ihr Gesellen, so will ich mich teilen, wenn Ihr anders Frieden halten wollt;
bis hierher, - sie zeigte auf den goldenen Gürtel, - gehöre ich mit dem obern
Teil, mit Mund, Kuss und Rede dem Einen, mit dem übrigen muss der Andere
zufrieden sein! Nun würfelt!« »Guten Dank,« rief der Schwarze, »ich soll also
die Füsse erhalten, die zu nichts weiter dienen, als zum Davonlaufen?« Sie
würfelten, und der Blonde erhielt den Oberleib, der Schwarze lachte, dass der
volle Lockenkopf schüttelte und die dunkeln sinnlichen Augen blitzten im
höchsten Feuer, das sonderbare Mädchen aber lehnte sich mit verschränkten Armen
zurück, und sah gedankenvoll vor sich hin. »Nun gut,« rief der Blonde, und
strich sich die goldenen Locken aus der hellen Stirne, »ich bin zufrieden, ich
will von Küssen, Seufzern, holden Blicken und süssen Träumen leben, meine Seele
soll im Gesang aufblühen und diese Blüte soll Liebe heissen, von der heissen,
reifen Frucht der Sinnlichkeit will ich nichts wissen.« Der Schwarze lachte aber
noch wilder und leerte einen hohen Becher mit Wein, indem er die Schöne zu sich
auf den Schoss zog, - sie aber blickte mit sehnsüchtigen Augen hinüber zum
Blonden, und der hatte eine Ziter hervorgeholt, auf der er weiche, rührende
Lieder sang, die sich draussen mit dem stillen Lispeln der Gebüsche, mit dem
ruhigen Walten der Mitternacht mischten.
    »Das ist die Liebe im Mittelalter,« erklärte der Herzog, zu seiner Nachbarin
gewendet, »so teilen sich in dieser wunderbaren Zeit Sinnlichkeit und Andacht
in ihre Flammen, und die Feuerrosen der Poesie blühen mit den reinen Lilien
edler Sitte gepaart.« Als sich die Scene von Neuem gestaltete, sass Massiello im
Schlafpelz, mit dem Almanach der Liebe und Freundschaft, vor dem Ofen. An den
Wänden hingen in saubern Stahlstichen zwölf politische Küpferchen, den übel
abgelaufenen Freiheitskampf der Griechen, Polen und noch etlicher unterdrückter
Völker und Völkchen darstellend, mit unterschriebenen liberalen Phrasen, um
Feuer zu wecken, verziert. Die Büsten des Temistokles und Brutus lagen
zertrümmert auf dem Boden. Ein altes Ritterschwert diente zur Kamingabel, und
auf einem Schilde wurden Kastanien mit etwas Butter gebraten. In einer kleinen
Bibliotek sah man die Memoiren des Casanova und ein paar frivole Kupferwerke
hervorleuchten. Es wurde nichts gesprochen, sondern leise, aber immerwährend
gegähnt, zwischendurch hörte man den Mops schnarchen. Der Vorhang fiel schnell,
und verbreitete durch sein Niederschiessen einen kalten Luftzug über das
Parterre. Der Fürst erhob sich, und die alberne Musik ging wieder an. Eduard und
der Abt schlichen verstimmt herum, der Graf liess sich nicht blicken, der Herzog
lag mit Jokonden in den Polstern einer Fensternische. Mit Unmut sprang er auf,
als ein Kammerjunker vom Hof sich melden liess; er wechselte mit diesem einige
Worte und kehrte dann höchst vedriesslich zu seinem Platz zurück. Es verbreitete
sich augenblicklich das Gerücht, die Prinzessin Braut sei nur wenige Stunden von
der Residenz entfernt, und wünsche und erwarte ihren hohen Geliebten zu sehen.
Ueber Jokondens Antlitz zuckte es wie ein Schmerz, sie hing in einem langen
Kusse an der Lippe ihres Freundes, dann sank sie in die Polster zurück, und die
Wellen ihrer Atlasrobe rauschten über sie zusammen. -
    Der Herzog ging, die Gäste zerstreuten sich und Eduard stand unschlüssig in
seinen Mantel gehüllt vor der Türe der Hütte. Der Sturm wehte, die Wolken
flogen auf der Himmelsbühne wie wimmernde Schatten durcheinander, ziemlich hoher
Schnee lag auf den niedern Dächern wie auf der Gasse, hier und da leuchtete ein
dünnes Lichtlein, an dem ein altes Fischerweib die schadhaft gewordenen Netze
besserte. Jetzt näherten sich zwei Männergestalten dem Hause, ohne Eduard zu
bemerken. »Er ist fort,« rief eine Stimme, die Roberten angehörte, »kommen Sie,
er darf, er wird heute nicht wiederkehren.« Eduard trat hervor und Robert eilte
auf ihn zu. »Bist Du es? Schön, komme mit uns, Du Jugendlicher, ich will Dich
mit einem hübschen Menschen bekannt machen; komm, das Wetter ist kalt, wir
trinken ein Glas Punsch.« Eduard folgte und bemerkte jetzt, dass ein bildschöner,
erhitzter Jüngling, in einen engen Ueberrock geknüpft, mit ihm zur Türe sich
eindrängte. Ein heisser Atem berührte seine Wange, und ein offener Mund mit zwei
vollen Lippen kam ihm so nahe, dass eine elektrische Bewegung ihn durchzuckte. Es
ist ein Mädchen, rief es in ihm, das mystische Geheimnis der Form, die im
Gedränge und in der Hitze seine Hüften berührte, jagte sein Blut in Bewegung.
Als der Fremde eingetreten war, nahm er den Hut von einem schwarzen Lockenkopf,
und blieb verlegen und befangen an der Türe stehen. Jokonde begrüsste Robert mit
einem Freudenruf, und im Entzücken duldete sie seinen Kuss auf ihren weichen
Oberarm. Der Abt und Massiello betrachteten den vollen Jüngling an der Türe
durch ihre Gläser und winkten sich einander zu; der schöne Page Enzio ordnete
mit Jokondens, Mädchen den Tisch, und beide schütteten wie übermütige
Frühlingsgötter den ganzen Raum voll Früchte, Blumen und Zuckerwerk,
zwischendurch schwankte das schwere goldne und purpurne Nass der köstlichsten
Weine in Krystallvasen. Jetzt riss Robert den Fremden rasch zu sich nieder auf
den Teppich, und beide knieten vor Jokonden, die erstaunt und fast kindisch
verlegen aufsah. »Glänzende Leere, liebenswürdige Unbedeutenheit,« rief Robert
zu ihr hinauf, »erlaube, dass ich Dir hier meinen Freund vorstelle, oder wie Du
willst, eine Freundin, oder noch besser, einen geschlechtslosen Engel, der nicht
freit und sich nicht freien lässt, mit Einem Worte, die Gräfin Eva. Sie hat in
Göttingen studirt, in Bonn sich geschlagen, in London wettgerannt, in Spanien
gebetet, für die Polen Charpie gezupft und in Rom einen dicken Abbate in die
Tiber gestürzt; sie ist eine Katolikin und man sagt, sie werde den Papst
heiraten und im zweispännigen Wienerwagen gen Himmel fahren.«
    Jokonde empfing das wunderliche Mädchen in ihren Armen, und Massiello machte
seitwärts die Bemerkung, dass wenn ein Weib das andere umarme, eine gewisse
diplomatische Feinheit und Kälte herrsche, die auch die täuschendste Maske der
Leidenschaft durchbreche, indes wenn Mann dem Manne an die Brust falle, eine
trockene, unendlich biedere, langweilige Ehrlichkeit sich zeige, und ein
Männerkuss gleichsam eine Travestie des wahren männlich-weiblichen - gleichsam
nur ein fruchtloses Lippenhaut-Rauschen und künstliches Zungenschnalzen, oft nur
ein mühsames Erwärmen der kaltgewordenen Wangen und Lippen sei. - Die Gräfin
sprang vor den Spiegel und ordnete ihre Halsbinde, sie warf den Ueberrock weg,
und stand in einer kleinen engen Husaren-Jacke da, die sie mit verliebter
kindisch-zärtlicher Hast zu verdecken strebte und noch lange mit dem Ueberrock
spielte, ehe er ihr ganz entfiel, und sie in der Nackteit der enganschliessenden
Bubenkleidung dastand. Enzio stand von fern, und ein errötendes Erstaunen lief
seine vollen Wangen hinauf bis zur Stirne, Massiello neigte sich, andächtig die
Hände faltend, und rief halb singend: »O du Adam, Eva und Schlange zugleich!«
Der Abt schlug vor, sich auf die Polster um den Tisch niederzulassen, um doch
endlich Ruhe und Elegie in die bunte Posse zu bringen. »Ihr werdet sonst
nimmermehr bekannt und der schöne Wein verduftet.« Die beiden Mädchen liessen
sich auf den Divan nieder und Romeo, so wollte die Gräfin während ihres Exils
in's Männerreich heissen, umschloss mit kecker Umarmung die lachende
frischerrötende Jokonde; Robert warf beiden eine Handvoll buntes Zuckerwerk in
den Schoss. »Schön,« rief Romeo, »der Einfall ist trefflich, diese ganz gemeinen
und wohlbekannten Dinge will ich mir von Neuem erklären lassen, doch wer falsch
oder langweilig erklärt, hört es Unsterbliche! der verfällt in Strafe. Da, was
ist das?« Sie hielt ein Zettelchen empor, auf dem ein Pärchen gemalt war,
welches sich vor dem Priester die Hände gab. Der Abt ergriff es und rief: »O,
das sind Eheleute!« »Was sind aber Eheleute, törichter Vater!« riefen beide
Mädchen. »Ach,« sagte der Abt, »es sind zwei Geschöpfe, denen in Gastäusern
immer nur Ein Bett angewiesen wird, die gemeinschaftlich eine Quarantaine der
Treue aushalten müssen, und die alle Dinge mit einander teilen, ausgenommen das
Herz und den - Sarg.« »Gut, trefflich!« rief Romeo, »Ihr fallt nie aus Eurer
Rolle, teurer Vater. Was ist dies?« fragte sie weiter Eduarden, indem sie aus
Jokondens Schoss einen Zettel aushob, der mit zwei umgestürzten Altären die
Unterschrift verband »Unglückliche.« »Unglückliche,« rief Eduard stockend, und
warf einen glühenden Blick auf das reizende Knabenmädchen, »Unglückliche sind
solche, die, wenn man ihnen Mandeln anbietet, immer die bittern herausfinden,
denen das Butterbrod stets auf die rechte Seite fällt und die, wenn sie einmal
an ihren Tränen ersticken, auf dem Kirchhof im ärmlichsten, dunkelsten Winkel
begraben werden.« »O schön,« triumphirten Robert und Massiello, »das war in
unserem Styl gesprochen.« »Nur still, die Reibe kommt an Eure Hoheit,« lachte
Romeo und wühlte unter dem Tuche, sie zog eine Rose hervor und hielt sie dem
Componisten hin. Er erschrack: »Erbarmen! was lässt sich Neues hier sagen!« Dann
zuckte aber ein schwindender Glanz über sein Antlitz und er lispelte vor sich
hin: »Rosen sind Blumen mit sechs Staubfäden, die schönsten findet man auf
Wangen von Mädchen, die zum erstenmal gestehen, dass sie aus einfachen Blumen
gern in doppelte oder gefüllte verwandelt sein möchten.« Eine Stille herrschte,
alle Wangen erröteten, ausgenommen die Enzios und des Abts, erstere, weil sie
noch zu jung und zart, letztere, weil sie schon zu gelb und dickhäutig geworden.
Die Gräfin warf die Blume fast zürnend dem Musiker hin, und glitt schnell zu
einer neuen Frage; sie wandte sich an Robert, doch der entriss ihr mit einer
geschickten Wendung das Tuch mit den Devisen, und streute sie bunt auf den Tisch
aus; als Romeo zürnte, küsste er ihr mit leidenschaftlichem Entzücken die Hand.
»Sie eingehen uns nicht,« rief Jokonde dazwischen, »Massiello und Robert sind in
Strafe verfallen, ersterer, weil er zu viel, letzterer, weil er zu wenig gesagt,
beide müssen uns etwas erzählen oder dichten, oder beides zusammen, wie Ihr
wollt.« Sie war aufgesprungen und Enzio brachte ihr ein Glas Wasser, sie standen
im Augenblick nebeneinander. »Himmel!« rief Massiello, »welch ein himmlisches
Ebenmaass bei beiden und doch welche Verschiedenheit. - Stehen Sie, gräfliches
Mädchen, und Du Enzio, halte Dich gerade neben ihr, nicht auf die Zehe erhoben,
den Kopf in die Höh! - knöpfe deine Jacke fester, wahrlich, Ihr könntet Brüder
sein, oder Schwestern, so lieblich variirt die Natur in den lüsternsten,
süssesten Linien dasselbe Tema, nur das kernige Dur der Rückenlinie bei ihm
gegen den Moll-Wellenschlag der reizendsten Form dort, dennoch aber beide
ineinanderspielend, weiblich sehnsüchtig bei dem Buben, knabenhaft trotzig bei
ihr. Sein grosses blaues Auge sucht durch den Nebel das Rätsel der Form zu
ergründen, es ahnet Geheimnis auf Geheimnis und schrickt immer wieder zurück,
sie zu entüllen, indes die jungfräuliche Psyche den blinden tappenden Amor gern
mit einemmal an's Ziel führen möchte, um sich mit einem Triumphlächeln an seinem
Entzücken zu laben.« Enzio errötete und richtete seinen Blick verstohlen aber
mit Glut auf Romeo, als ihm dieser die Hand reichte, drückte er seine Wangen so
heftig darauf, dass die blonden glänzenden Locken über sein Antlitz
niederstürzten und es einhüllten. Als er wieder aufblickte, füllten Tränen sein
Auge; Massiello schloss ihn in seine Arme und wünschte dem Gesunden heimlich
Glück zu seinem aufdämmernden Liebesmorgen. Robert und Jokonde winkten und
riefen schon lange, der erstere wollte etwas erzählen und hub jetzt an:
    »Ich wohnte in Rom in einer Villa bei einem ehrlichen Pächter aus der
Campagna. Der Sommer war heiss, doch vor meinem Fenster, das ein dichtes
Laubgewebe umspann, und wo mein Arbeitstisch stand, war es kühl, und wenn ich
dichtete, pflegten die Blumen stärker zu duften. Meine Stube war klein; ein
Bett, ein Tisch, auf dem ein Kruzifix stand, und eine Kopie der Schule von Aten
an der Wand - dies war alles; über der Türe hing meine Flinte und auf einem
Schränkchen stand eine Bronce-Büste Byrons. Mein Wirt war aus Albano und seine
Tochter Lucia in der Tat ein schönes Mädchen; ihr Antlitz, ihr Hals umspann
jenes süsse geheimnisvolle Blass-gelb das die ilalienischen Mädchen der Nacht
ähnlicher macht als dem Tage, nur ihre Lippen waren vom lebhaftesten Rot; die
Augen schwarz, die Wimper lang. Die Haare trug sie mit einem Knoten
hinaufgezogen, so dass der Contour des kleinen Ohres sich klar darstellte. Nie
sah ich sie lächeln, wenig sprechen, ihr Gang war langsam aber fest, männlich
fest. Sie kam öfters in meine Stube, und wir redeten mit einander von den
Heiligen und Märtyrern, als ich aber einmal von Liebe sprach, und ihre runde
Schulter küsste, blieb sie weg, und schickte ihren kleinen Bruder, wenn ich etwas
nötig hatte. Wo ist Lucia, fragte ich diesen eines Morgens, warum kommt sie
nicht? hat der Vater es ihr verboten? Nein, sagte Matteo, der Vater verbietet
der Lucia nichts. - Warum kommt sie nicht? - Weiss nicht, Signor. - Liebt deine
Schwester? - Ja, mich und den Vater. - Sonst Niemand? - Und die Heiligen. -
Sonst Keinen? - Nein! - Hat sie einen Bräutigam? Matteo sah mich mit grossen
offnen Augen an und sagte: Ich glaube es nicht, die heilige Mutter zu St. Marco
weiss am besten, wenn die Mädchen sich einen Buben ins Herz schliessen; Lucia ist
noch nie in St. Marco gewesen. - Er ging und liess mich allein. Ein Unmut befiel
mein Herz, ich war zu stolz, um mir zu gestehen, dass ich Lucia liebe, und doch
kränkte mich ihre übermütige Kälte; ich suchte sie 'zu vergessen, allein in
meinen Liedern lebte das braune, wunderliche Mädchen wieder auf. Freunde aus Rom
kamen, ich gab mich ihnen hin, sie sollten mich zerstreuen; doch auch sie
sprachen von Lucia und ihrer Schönheit. Jezt schloss ich mich ein und wählte die
Sehnsucht zu meiner Gesellschafterin. Schlaflos brachte ich die kurzen
italienischen Nächte auf dem Lager zu; ach! es stiess dicht an Lucias Bette, nur
durch eine Wand geschieden. Ich schrieb Briefe, schenkte Heiligenbilder und gab
Matteo mündliche Aufträge, die er richtig besorgte; Lucia nahm nichts,
beantwortete nichts, sie tat, als wenn ich nicht auf der Welt wäre. Ich
durchlief alle Künste der wagenden Liebespolitik, ich erprobte sie alle, und sah
jeden Pfeil abgleiten, machtlos zu Boden sinken. Wahrlich, Lucia ist kein
Mädchen, hinter diesen braungelben Wangen fliesst kein Blut! sie ist dem
Belvedere entsprungen, ein kalter, griechischer, marmorner Traum, eine lebendig
gewordene Demeter, die ihre herbe Keuschheit unter den üppigen Leib einer
achtzehnjährigen Albaneserin verbirgt. - Auf seiner Wanderung ins Gebirgskloster
von St. Geovanni pflegte ein korpulenter Barfüssler mich zu besuchen, ein
Fallstaff unter den Mönchen, eine Figur voll Wunderlaune und behaglicher
Unwissenheit. An seinem stämmigen roten Halse hing ein grotesker Rosenkranz und
an diesem zahllose Bündelchen, Abbildungen heiliger Leute und ihrer Geschichten.
Fra Bartolo handelte mit diesen und hatte mir mit heiserer, erstickter Stimme
alle jene schaurigen Legenden erzählt, welche Lucia aus meinem Munde wieder
erfuhr. Jetzt kam er, liess sich keuchend nieder und auf seine Fragen musste ich
ihm nun begreiflich machen, dass ich verliebt sei. Er sah mich an, zog ein sehr
ernstes Gesicht, brachte die Augenbraunen dem struppigen Haarkranze fast nahe,
schlüpfte mit dem Kinn in die Kutte hinein, hob sich dann langsam und
gravitätisch, so weit es der rote dicke Hals erlaubte, und sagte - nichts. Wir
sassen lange Zeit stumm bei einander und tranken eine Flasche Orvieto leer, dann
ging er ins Gebirge, indem er versprach, nach zwei Tagen wieder zu kommen, um
mir seinen Rat zu erteilen. Er kam auch wirklich und sein Rat war eben so neu
als seltsam. Don Roberto, sagte er, geht auf euer Lager, stellt euch an, als
wäret ihr krank; lasset der Lucia sagen, die heilige Teresia sei euch im Traume
erschienen und habe euch angedeutet, dass euer Tod nahe sei, wenn ihr nicht drei
Oliven auf einer Schaale von der Hand der Signora Lucia erhieltet. Bruder
Bartolo, rief ich, ihr habt die Absicht, ein lustiger Vogel zu werden; so sagt
denn, wozu sollen mir die drei Oliven nützen? Bartolo lächelte in den Bart: Die
nicht, rief er, die nützen dir nichts, Söhnchen, sie sind nur da, um Lucien zu
bewegen, dich zu sehen! Bedenke nun aber, welchen Eindruck das auf ihr Herz
machen wird, wenn sie dich, den sie bis jetzt stark und vielleicht nur zu
übermütig gesehen hat, nun schwach und ihrer Hülfe bedürftig erblickt; o,
Bruder Bartolo kennt auch das Herz der Weiber. Er suchte jetzt in seinem
Bettelsack und zog ein Büchelchen hervor, das er aufschlug und mir hinhielt. Es
war das alte Testament und die bezeichnete Stelle beschrieb die List, die Amnon,
der Sohn Davids, ausübte, um seine Stiefschwester Tamar zu gewinnen. Ich
umarmte meinen dicken Freund; nicht wahr, rief er mit schalkhaft blinzelnden
Augen zu mir hinauf, nicht wahr, Söhnchen, du bist eben so schön und listig als
Amnon, und Lucia ist ein Mädchen wie Tamar? Er holte drei Feigen hervor und
sagte: soviel Dublonen gibst du deinem guten Bruder, wenn er wahr geredet. Er
ging und ich brachte eine unruhige Nacht zu, in der ich die heilige Teresia zu
erblicken glaubte, wie sie ihre Hand auf meine heisse Stirne legte, so dass
augenblicklich ein böses Fieber in mir aufkochte. Ich sah mich im Geiste
todtkrank auf dem Lager, die Türe öffnete sich und Lucia schwankte hinein; die
Sonne brannte hinter den niedergelassenen Vorhängen, eine dumpfe, heisse,
sehnsüchtig süsse Stille herrschte im Gemach. Das erschreckte Mädchen zitterte
vor der Glut, die meine halbgeöffneten fieberheissen Lippen atmeten, ihr Blick,
schamhast gesenkt, verirrte sich auf eine entblöste Schulter, die ein warmer
Pulsschlag mit einem erhitzen durchsichtigen Rot färbte; kaum vermag es ihre
Hand, mir die Oliven zu reichen, ihr Arm bebt, ich komme ihr zu Hülfe und meine
Berührung jagt die wahnsinnige Glut des Fiebers auch in ihre Adern. Sie sieht
mir ins Auge und die rührendste Bitte klagt in dem halbgebrochenen Strahl, es
ist die Seele selbst, die für den armen, in ungeheurem Verlangen dahinsterbenden
Körper fleht. Ist es möglich, da zu widerstehen? wer kann dies süsse Auge, diese
weichen Lippen erkalten sehen zum Tode, da ein Kuss sie retten kann, ein einziger
Kuss! Sie beugt sich nieder, Lippe auf Lippe wurzelt fest, ein Busen, in dem die
Glut des Aetna kocht, pocht an dem ihrigen! - Arme Lucia!
    Den Morgen darauf lag ich wirklich im Fieber. Eine Nacht voll Sinnlichkeit
und trunkener Träume hatte mich zum Katoliken gemacht; ein wilder
phantastischer Himmel brannte in meinem Gehirn, ich glaubte an jedes Wunder,
Lucia war mir eine Heilige, von ihren Lippen erwartete ich Genesung. Durch
Matteo erfuhr sie meinen angeblichen Traum und das andächtige Mädchen glaubte an
ihn und versprach zu kommen. Sie kam.« -
    Robert blickte mit einem dunkeln, bedeutsamen Blicke hinauf. »Meine
Erzählung ist aus,« rief er dann kurz und schnell. »Ja wohl,« sagte der Abt mit
Lächeln, »nur die drei Dublonen fehlen, die Fra Bartolo bekam.« - »Dergleichen
Geschichten,« sagte Massiello, »will ich mir einmal nur von meinem Freunde
Boccaz vorerzählen lassen; in ihm allein herrscht eine gesunde Sinnlichkeit,
überall anderswo mischt sich was krankhaftes bei.« Beide Mädchen sahen
schweigend und verstimmt vor sich hin. In Eduards Seele war ein Funke jenes
Feuers gefallen, das von Roberts Lippen gesprüht, seine Blicke suchten Romeo,
langsam glitten sie herab und blieben an dem Goldnetz der Husarenjacke hängen.
Massiello lockte den Abt aus Piano, beide stürzten sich in eine dunkle sinnliche
Tonflut, aus welcher nur hier und da einzelne Spotttöne, wie nackende badende
Knabenköpfe, auftauchten. Robert war ganz Mutwille, er schlürfte aus dem Becher
an der Stelle, wo Romeo's Lippen den Rand berührt, er flocht Jokondens Goldlocke
mit Romeo's schwarzem Haar zusammen, und sprach über beide einen wunderlichen
Segen aus. Als sich die Gräfin dem schönen Engländer zuneigte, fühlte sie ihren
Fuss umklammert; es war Enzio, der unter dem Tisch auf seinen Knien lag und die
heisse Wange an den Schuh drückte, so dass seine glühenden Tränen den Strumpf
durchdrangen und auf dem kleinen Fuss brannten. »Was ist Dir,« rief Romeo und
zuckte mit dem Fuss, »steh auf, wunderlicher Knabe, was soll das, wozu das?« Er
erhob sich und indem er fortschlich, trocknete er sich mit den langen seidnen
Locken die Augen.
    Der Wagen der Gräfin fuhr vor, Massiello trieb zum Fortgehen und die
Gesellschaft zerstreute sich. -
    Eduard, Gottold und der Fürst führten ein Gespräch über die Schönheit in
der Kunst. Massiello hatte Abgüsse von den Bildsäulen der Apostel von Bernini
gesehen, und in seiner Weise kurz geäussert, sie seien ihm zu vornehm. Der Fürst
griff diesen Tadel begierig auf und brachte ihn zum Diskurs. »Und ist er nicht
vollkommen gegründet?« fragte er lebhaft, »kann wohl ein gerechterer Vorwurf dem
Maler oder Bildner gemacht werden, der uns jene armen, verkannten und
misshandelten Männer, die nichts anderes waren als Bettler, Taglöhner oder
Fischer, als schöne prächtige Leute, gleichsam als irdische Fürsten hinstellt?«
Der Graf trat hinzu und sagte: »Freilich, das ist christlich gesprochen, der
alte Adam, der uns in den Nacken schlägt.« »Und doch wie natürlich,« rief der
Fürst, »was der Mensch liebt, verehrt, das stellt er so hoch, wie er es vermag,
dem wirft er den Purpurmantel um, er legt ihm gleichsam die süssesten
Schmeicheleien in Ton und Farbe zu Füssen, und liebkost ihm mit den zärtlichsten,
schönsten Lauten seiner Sprache; liegt darin eine Verwirrung?« »Doch wohl,« nahm
Gottold das Wort, »denn der Mensch zieht, obwohl unbewusst, das Hohe herab und
stellt sein Ich in kecker Vertraulichkeit nebenan. Hier scheidet sich Heidentum
vom Christentum, oder noch strenger, Protestantismus und Katolizismus.« Der
Fürst: »Wir Protestanten sollten also eigentlich gar keine Bilder vom Höchsten
haben?« Gottold: »Eigentlich nicht, denn wir sollen ihn anbeten im Geist und in
der Wahrheit.« Der Fürst: »Das verstehe ich nicht; heisst das nicht eben so viel
als: der unendliche, prachtvolle Himmel mit seinen zahllosen Sternen breitet
sich vor uns aus, der menschliche Geist erschrickt vor der Grösse, um sie zu
fassen, um den Himmel menschlich zu umgrenzen, fasst er die Sterne in einzelne
Bilder zusammen; nun weiss er sich zu finden, jetzt hat er gleichsam den Himmel
gewonnen, da kommt eine Hand und raubt ihm die Bilder, und lässt ihm den
bilderlosen, unverständlichen Himmel und gebietet ihm, an den fernen, zu fernen
Stern zu glauben.« Gottold: »Nicht unrichtig, das Licht des Sternes ist das
Symbol des Unauffassbaren, Unbegreiflichen.« Der Fürst: »Wie kalt, wie streng!«
Gottold: »Doch soll die Malerei es immer wagen, in Demut und Selbsterkenntnis
nach einem sichtbaren Bilde des Ewigen zu streben, da er auftrat in sichtbarer
Gestalt unter uns. Hemling, Schoreel, Van Eyck, auch Dürer sind Christusmaler,
und Bilder, wie sie sie gemalt, befahl Luter in unsern Kirchen Aufzuhängen.«
Der Graf und der Fürst drehten sich unwillig weg, und Gottold sagte eifriger:
»Auch wir haben eine Schönheit, doch sie ist nicht jene falsche, gleisnerische,
die Kupplerin des Lasters, die Schmeichlerin der Welt, sondern eine ernste,
grosse, durch Schmerzen verherrlichte. Die Magdalena des Coreggio fährt fort zu
verführen, indes sie bekehren sollte.« »O diese rührende Gestalt,« sagte der
Fürst lebhaft, »dieses süsse bleiche Antlitz, über das die herbe Träne rollt,
dieser schöne Busen, in dem ein Herz schlägt, das im bittern Schmerze mit sich
selbst und seiner Fülle im Kampfe ist! Das vornehme und glänzend erzogene
Mädchen irrt barfuss im Walde herum, ihr seidnes Haar, früher mir köstlichen
Salben getränkt, flattert dem Winde preisgegeben, sie leidet vielleicht Hunger!«
Gottold: »Wie sinnlich ist dieses Mitleid; ihr Hunger, ihre verlassene Lage
bewegt nicht mein Herz, aber wohl fühle ich innige Rührung um sie, da sie in
Schwelgerei und Vollgenuss schwer an den ewigen Schätzen darbte, ihr Inneres so
traurig verwahrlost ward.« - Eduard brachte das Gespräch wieder auf die
Schönheit zurück. »So ist es ausgemacht,« sagte der Fürst, »dass im Altertum die
Quelle künstlerischer Schöpfung die Natur in ihrer sich selbst genügenden Fülle
war, indes sie bei uns in der Offenbarung besteht.« Gottold: »Ein vielsinniges,
oft missverstandenes Wort!« Der Fürst: »Wollen wir dafür setzen: Traum,
Eingebung, Abstraktion, kurz, ein geistiges Prinzip, das, wenn der Künstler
seine Aufgabe recht bedenkt, eigentlich dem Meissel wie dem Pinsel ganz
entschlüpft.« Der Graf: »Durchaus; denn wo Körper ist, ist Sünde, und die
Abzeichen einer gefallenen Natur dürfen wir dem Gotte nicht zusprechen; die
Begriffe von Schönheit sind alle viel zu sinnlich, um da Stand zu halten, wo das
Uebersinnliche eintritt. Blut, Leben, Leib, Sünde, hat immerdar den Körper der
Poesie ausgemacht. - Mit einer Berechnung lässt sich nichts anfangen, das Symbol
ist nur Zahl, der abstrakte Begriff ein Fazit, das ein geschickter logischer
Rechenschüler seinem Meister nachrechnet; die Gestalt aber ist ein vom Himmel
gefallener Funke, zündend, gewaltig, geheimnisvoll, wie der verschleierte Gott
selbst, aller menschlichen Forschung verborgen, die Schöpfung eines lebenden
Nervs, das Ergebniss des bewegten Bluts! Träumer, Schwärmer, Fanatiker haben eine
Kirche, Philosophen keine; ein wahrer Künstler gehört aber immer mehr zu den
erstern, zu den leztern nie.« Er wandte sich und ging, und Gottold sagte: »Auch
ein trauriger Irrtum, dem unsere Zeit sich zuwendet.« Der Fürst: »Der Graf hat
Recht; ich sehe den Verfall der Kunst in ihrer Vergeistigung.« Gottold
erwiderte: »Freilich sollen wir den Geist wiederum erlösen, den die Alten in
Bande, wenn gleich in schöne, fesselten; auch wir müssen die Natur studieren,
doch nicht sie allein, da sie zugleich mit dem Menschen eine gefallene und
verderbte ist.« Ein leiser Hohn zuckte hier über die Lippen des Herzogs, er
brach das Gespräch schnell ab und ging auf rein religiöse Gegenstände über;
Gottold sprach warm und kräftig, und Eduard bemerkte, wie ein aufdämmerndes,
ernstes Nachdenken die Stirn des Herzogs umschattete. Erst spät trennte man
sich. -
    Robert hatte vom Fürsten die Erlaubnis erhalten, Eduarden der Prinzessin
Braut vorzustellen. Sie fanden Massiello dort und die Fürstin war eben mit
diesem in einem Gespräch über altitalienische Musik begriffen; Eduard
betrachtete sie mit neugierigen Blicken - sie war nicht schön, auch nicht mehr
jung, doch in ihren Augen lag eine unbeschreibliche Klarheit und Güte, ihre
Haltung war gezwungen, ihr Anzug kostbar, aber ohne Geschmack. Neben ihr im
Sessel lag, wie eine träumende, trunkene Bacchantin, Gräfin Eva, wie gewöhnlich
in schwarzer Seide gehüllt, mit dem grossen katolischen Kreuze auf der Brust.
Sie blickte nicht auf, sie hob nicht den träumenden Lockenkopf und doch zeigte
ein feines Lächeln um ihren Mund, dass sie alles sah und hörte. Der Fürstin zur
Linken sass ein junges blasses Fräulein mit einer ziemlich starken Nase, neben
dieser, tief im Schatten, eine Gestalt, die mehr der Nacht als dem Tage
anzugehören schien - unbeweglich starr, nicht mit einer Sylbe sich ins Gespräch
mischend; ein Schleier deckte ihr Antlitz, unter dem weit verhüllenden Gewande
sahen nur zwei kleine niedliche Füsse hervor. Als der Herzog sich zu ihr setzte,
wandte sich der schwarze verschleierte Kopf langsam zu ihm um und schien einige
sibyllinische Weissagungen zu murmeln, so ernst und schroff wurden die Züge des
Fürsten ihr gegenüber.
    Im Herausgehen trafen beide junge Männer auf der Treppe mit Massiello
zusammen. »Nun, wie gefällt Euch, ihr Genialen, das fürstliche Mädchen,« fragte
er mit mezza voce; »nicht wahr, so etwas kirchenverbesserliches,
augsburgisch-konfessionsartiges, protestirend und refüsirend, ein Eis von Tugend
und Ceremoniel, das einen gesunden Magen bis zum Tode erkälten kann, und neben
ihr das Büchlein voll buhlerischer Lieder, welches ein Schalk, des Kontrastes
wegen, in schwarz Maroquin mit Goldschnitt gleich einem Gesangbuch hat binden
lassen, mit einer frommen Titelvignette.« »Wer war das junge Mädchen und ihre
verschleierte Nachbarin?« fragte Eduard. »Die Schwarze,« entgegnete Massiello,
»ist eine vagabondirende Hoffrau - beide Damen sind vom prophetischen Geiste
durchdrungen, und die Grossnasige gehört zu den Gescheuten, die nie der Alkoran
sagt, sondern der Koran, weil sie genugsam weiss, das Al nichts geringeres ist,
als der arabische Artikel; sie heisst Magdalena.«
    Als Eduard auf seiner Stube angelangt war, erhielt er ein Briefchen von
Jokondens Hand, das ihn einlud, heute Abend zu ihr zu kommen ins
Fischerhäuschen, der Fürst wünsche es. Zugleich kam ein blosses Papierchen
angeflogen mit leisen Bleistiftzügen: »Komm heute Abend zu mir - zu uns - mein
Eduard! ich bin krank und Du kannst trösten deine Emilie; komm bei unsrer Liebe
gewiss.« Eduard schob in quälender Ungewissheit seinen lezten Entschluss auf die
lezte Minute, doch als diese schlug, war er am Fischerhäuschen, und
beschwichtigte sein Herz mit dem Versprechen, nach ein paar Minuten sogleich zum
Maler hinüber zu fliegen.
    Von einer einsamen Lampe beleuchtet, in die Ecke des Sopha's gedrückt, sass -
Gräfin Eva.
    Mitternacht war vorüber, als Eduard über die dunkle Gasse zu seinem Hause
zurück schlich. In Emiliens Wohnung war ein Fenster erhellt, der Vorhang war
herabgelassen und dunkle Schatten glitten drüber hin. In dem Augenblick rief
eine Stimme: »Jesus Maria - so sind Sie da! - und wie hab' ich Sie gesucht!«
Gottolds Diener stand vor Eduarden, doch dieser hatte sein Haupt in den Mantel
gehüllt, lehnte an dem eisernen Geländer der Treppe und gab kein Laut zur
Antwort. »Was fehlt Euch, Herr!« rief der Erschreckte; »Ihr seid ja taub und
stumm, und Eure Hand, Gott, wie kalt! so kommt doch herauf, das Fräulein wird
sich sogleich erholen wenn, sie Euch wieder sieht; sie hat lange, lange auf Euch
gewartet.« Er lief in Eile die Treppe hinauf, als er mit dem alten Gottold
zurückkehrte, war Eduard verschwunden, der schneidend kalte Nachtwind blies die
Lichter aus, und ein dichtes Schneegestöber trieb vom Himmel herab.
    Diese Nacht hatten die Freunde bestimmt, um die wunderlichen Gebote des
alten Fleackwout zu erfüllen. Er war nämlich an den Folgen seiner Verwundung
wirklich gestorben und Robert hatte erklärt, er wolle durch nichts von seiner
Pflicht, den Alten an den Galgen zu schaffen, sich entbinden lassen. Massiello
hatte der Polizei im Stillen Kenntnis von dem Vorhaben gegeben, und da ausser ihr
Niemand als die Freunde um die wunderliche Feierlichkeit wussten, so war, als der
Zug sich ordnete, die ganze Nachbarschaft im tiefsten Schlafe begraben, und
Niemand sah es, wie sie im Schneegestöber und in der Nacht mit einer einzigen
trüben Fackel hinauszogen. Als man mit der Leiche noch beschäftigt war, trat
Eduard hinein, und Robert sah seinen leuchtenden Augen, seinen erhitzen Wangen
an, von wo er kam. Er trat stürmisch auf ihn zu, drückte ihn an seine Brust und
rief: »Du Seliger, wie beneide ich Dich um diesen göttlichen Contrast; eben den
Becher der Lust von den Lippen gesetzt, und nun jener strengen, kalten
Weltgerichts-Larve dort gegenüber. Ein bluterhjetzter Frühlingsleib und hier ein
schon verstäubender! Wahrlich, schnell muss die Traube deines Dichter-Genius sich
zeitigen, wenn solche Sonnen sie bescheinen, solche schwüle Blitze sie
umspielen.« »Wahnsinniger,« rief Eduard, »so kannst Du bei allem diesem nichts
denken, als wie ein Verslein daraus entstehen mag? Dort Treubruch, hier
Selbstmord und Du -« Robert lachte laut auf: »So alterire Dich doch nicht,
schöner Bube, das ist ja eben der haut-goût des Lebens, so ein zerschossener
Schädel ist das delikateste Wildpret für einen Poetenmagen. So lerne doch einmal
den Humor verstehen, der da witzelt, wo er ohnmächtig zusammen brechen möchte
vor ungeheurem Schmerz! O göttlich, wo der Blitz des Genies so riesenkräftig
alle elende Verhecke der alten Mutter Tugend und Moral zusammensplittert. Ich
denke mir nichts Süsseres, als einmal mit einem humoristischen Knalleffekt,
unsterblich wie nur irgend ein grosser Geist, in den Himmel einzugehen, nämlich
auf die Weise, dass ich, während die Pistole in meiner rechten Hand zum
Selbstmorde bereit ruht, zu meinem Kammerdiener süss lächelnd spreche: o sein Sie
so gut, teurer Dienender, und halten Sie mir gefälligst beide Ohren zu, damit
ich nicht zu sehr erschrecke bei dem vielleicht etwas zu lauten Knall.« - Am
Ausgang fühlte sich Eduard von zwei stürmischen Armen umschlossen, es war
Massiello. »Sie kommen doch, mein teurer Eduard, mit uns zum Galgen? Die
Polizei erlaubt gütig, dass wir diesen frühern Bewohner von Alt-England
hinausführen; hat er ein halbes Stündchen gehangen und meine Rede mit angehört,
so sorge ich für ein gutes Begräbnis. Die Sache ist wirklich ein kleinwenig
entsetzlich und ich will in meiner Rede die Kumpane, und besonders den Robert
ermahnen, Religion anzunehmen, das heisst, etwas Solides zu treiben und an etwas
Solides zu glauben.« Er sprach noch weiter, doch der Wind verwehte seine Worte.
Eduard bog um die Ecke, indes der Zug ein Seitengässchen einschlug und sich bald
darauf in der Nacht verlor. Die Turm-Uhr schlug ein donnerndes Eins.
    Vierzehn Tage waren vergangen, die Anstalten zu den
Vermählungs-Feierlichkeiten beschäftigten die Stadt. Eduard hatte sich einen
freiwilligen Arrest gegeben und sein einsames Zimmer nicht verlassen; die
Freunde wussten nicht anders, als dass er krank sei, seine Seele war es auch
wirklich. Während der Einsamkeit beschäftigte er sich, ein Bild zu componiren,
welches den Zustand seines Gemüts ausdrücken sollte. Am fünfzehnten Tage
öffnete sich leise die Türe, und der Abt trat in's Zimmer, »Ich gehe, wie die
Braut im hohen Liede, herum,« sagte er freundlich, »um meinen Freund zu suchen,
denn der Weinstock gewinnt Knoten, die Granatblüte duftet - wo weilst Du,
schönster unter den Männern, meine Seele ist krank vor Liebe. O wer mir das
herrliche Lied nur einmal malen könnte, aber bei Leibe nicht im streng
dogmatischen Styl, wo Braut und Bräutigam in zwei symbolische Schnörkel sich
auflösen, und das heisse duftende Aroma höchster Liebessehnsucht auf den simpeln
Weihteller einer kleinen Dorfkirche geschüttet wird, um als ortodoxes
Räucherpulver in die knöchernen Dorfnasen zu ziehen! Aber, aber auf der letzten
verstecktesten Bank in der dunkeln Kirche sitzt ein armer, blasser,
zusammengebrochener Jüngling, der schüttelt die weissgelben langen Locken, wenn
das ortodoxe Pulver sich ihm naht, in seine Seele schlägt eine laute Nachtigall
hinein, Granat- und Mandelblüte brechen in Frühlingshast auf, und die Zeder
Libanons hebt ihr Haupt, und der ganze orientalische Himmel mit seiner
Liebesglut dämmert im Busen des stillen Knaben auf; er begreift die wundersame
zärtliche Sage, und er sieht das Mädchen weinen im Keller bei den Krügen, seine
bleiche Wange errötet, wenn er an den Leib denkt, gleich einem schimmernden
Weizenhaufen, an den Busen, gleich zwei Rehzwillingen. Er belauscht das Gespräch
der Töchter Jerusalems, und in seiner Brust tönt leise die Stimme: Eine aber ist
meine Auserwählte, meine Taube - komm, du Schönste unter den Jungfrauen, komm
und weile bei mir!« - »Was macht man bei Hofe?« fragte Eduard ziemlich prosaisch
dazwischen, was macht - er stockte und eine Röte überflog sein Antlitz - er
bezwang sich und nannte kalt den Namen der Gräfin Eva. - »Man sieht sie wenig,
sie ist fromm, Massiello ist immer am Hof, er musizirt mit dem Fräulein
Magdalena, Robert hat eine Liebschaft auf dem Lande und eine Zankangelegenheit
in der Stadt, die der Fürst vergeblich zu vertuschen strebt. Der Treffliche,
nämlich unser Principe, geht einer Crisis entgegen, man sagt, dass er den neuen
Weibern anheimfällt. - Fräulein Magdalena ist Schwärmerin und Pietistin, die
Arntal hat übernatürliche Zusammenkünfte und Erscheinungen - es sind einige
mystische Tees gehalten worden, zu denen unser Einer keinen Zutritt erhält. Die
kleine blonde Jokonde ist fast vergessen, nur ich schleiche manchen Abend zu
ihr, und wir weinen in Mollakkorden und regnigten Nokturno's unsere Tränen hin.
Das arme Kind dauert mich, sie steht oft vor ihrem Spiegel und scheint sich zu
fragen, für wen zieh' ich ein neues Kleidchen an, für die Meereswellen, die da
draussen rauschen? oder für den Sturm, der an mein Hüttendach schüttelt? für den
alten Haushahn im Hofe? Sie sehen, Freund, es hat sich manches geändert, während
Sie in ihrer kleinen Bastille steckten.« Er ging wieder, und Eduard war so
zerstreut, dass er das breite freundliche Gesicht noch vor sich sprechend
glaubte, indes der Abt schon längst um die Strassenecke gebogen war und einem
schmackhaften Souper entgegenging. Mögen sie doch treiben, was sie wollen, rief
er in sich hinein, immer bunter, immer toller, meinetalben - ich will heiraten
und zwar meine Emilie; es gibt doch nichts Solideres auf der Welt, als eine Ehe!
-
    Er warf seinen Mantel um und schritt in die Dunkelheit hinaus. Der
fürstliche Pallast war erleuchtet, und sein aufschauendes Auge glaubte am hellen
Fenster Massiello's kleine elegante Figur hinstreifen zu sehen. Die
Franziskaner-Kirche lag wie ein schwarzer Riese vor ihm - die Türe war
angelehnt, er trat hinein. Ganz am Ende der hinabwandelnden Steinsäulen
flimmerte ein Licht, als er darauf zuging, bewegte es sich ihm entgegen den Gang
hinauf. Es war eine Dame, in schwarze, schleppende Gewänder gehüllt, vor ihr ein
Knabe mit einer Fackel. Eduard staunte die roten Blumenwangen des schönen
Knaben an, dessen Blicke im Strahl der Fackel blitzend über die Schulter sahen
und auf zwei dunkle Liebessterne trafen; es war Enzio und Gräfin Eva. Ihr
schwebender sinnlicher Gang floss wunderbar schwankend dahin, das goldne Kreuz
schlug bei jedem Schritt an die Brust, - ihr Auge blickte unverwandt auf den
rückschauenden Knaben; so ging sie dahin in die Nacht, die Andacht von der
Sinnlichkeit geführt - Amor und Venus Urania! Das Steinbild eines alten
Heiligen, an dem sie vorüberschritten, sah sich verwundert nach dem schönen
Mädchen um, und eine heilige Magdalena blickte aus einem Bilde von ihrer
Busspredigt auf nach dem schlanken Pagen. Eduard trat aus seinem Dunkel hervor
und schritt auf die wandelnde Gruppe zu; die Gräfin wich erschreckt aus, doch
als sie den Jüngling erkannte, glitt ein bittendes Lächeln über ihre schönen
Züge - sie winkte Schweigen und hob den Rosenkranz in die Höhe. Als sie
vorübergegangen, sah sich ihr Auge noch einmal nach ihm um, sie wollte sprechen,
doch der Page schritt so schnell, dass sie im selben Augenblicke mit ihm in der
Torhalle verschwand. Bald rasselte der Wagen mit seiner schönen Beute davon.
Voll Sehnsucht streckte Eduard seine Arme nach der Entschwundenen in die Nacht
hinaus, dann erschrack er über sich selbst, er lenkte in die Gasse ein, wo
Emilie wohnte, doch willenlos blieb er an der Ecke stehen. Er hätte die
Vorübergehenden fragen mögen, wohin sie so eilig gingen, ihm schien in der Welt
nichts mehr so wichtig, dass er deshalb den Fuss zum Weitergehen aufsetzen möchte.
In der Dunkelheit trat eine Gestalt ihm nach, es war der alte Gottold. »Wo
gehen Sie hin?« fragte Eduard. »In den Abendzirkel zur Fürstin,« war die kurze
und schnelle Antwort. »Sie? dortin?« rief der Erstaunte, doch der alte Mann war
schon verschwunden. Ein Wagen fuhr vorbei und die Stimme des jungen Arztes, den
Eduard bei dem tollen-Fleackwout gesehen, rief: »Guten Abend, Freund, nehmen
Sie doch Platz neben mir und fahren Sie, wenn Ihnen nichts Besseres obliegt, mit
mir in's nahe Dorf, wo unser Freund Robert sich aufhält. Mich rufen Geschäfte,
aber Sie können bei der Gelegenheit dem beginnenden Frühling entgegenlauschen.«
    In diesem Moment war unserem Träumenden nichts willkommener, als eine solche
Einladung, schnell setzte er sich ein, und in ein paar Stunden hatte man das
Dorf erreicht, dessen Lichter durch das nackte schwarze Gesträuch
durchschimmerten. Der Doktor verliess unsern Freund bei einem Kreuzwege, nachdem
er ihm umständlich beschrieben, welche Richtung er einschlagen müsse, um zu
Roberts Häuschen zu kommen. Eduard drückte seinen Hut in die Stirne, schlug
seinen Mantel fester und schritt langsam die Dorfgasse hinauf; am Ende derselben
fand sich ein Häuschen, mit der einen Seite an die Kirchhofmauer angebaut, ein
kleiner dunkler Hofraum schloss ein paar Nebengebäude ein, und das erleuchtete
Fensterchen nach der Gasse war der einzige Lichtpunkt in dem finstern Gemälde.
Eduard stellte sich vor das Fenster und spähte durch die Spalten der
festgezogenen weissen Vorhänge. Er konnte nichts als eine rote Wange sehen und
etwas blondes Haar, das an einem schöngeformten kleinen Ohr herabfiel; nicht
lange, so kam eine Hand und spielte mit diesem Haar, zugleich tönte ein
Gelächter aus der kleinen Stube hervor. Jetzt musste man ihn bemerkt haben, denn
der Vorhang wurde fortgeschoben und Roberts Antlitz sah in die Nacht hinaus, das
Fenster ward leise geöffnet und der blonde Kopf zeigte sich mit zwei grossen
blauen Augen in die Finsternis starrend. Eduard drückte sich zur Seite, und die
Beiden zogen sich wieder zurück. Er bestieg jetzt die niedrige Kirchhofmauer,
und indem er sich auf ein Grab niederliess, blickte er, den Kopf in die Hand
gestützt, unverwandt in das kleine erhellte Fenster. Unerhört, rief er bei sich,
da bringt er nun seine vornehme Verderbteit, seine vergifteten Gedanken und
Bilder, seine geschwächten Küsse und entkräfteten Liebkosungen dem jungen Leben
dar und hängt sie einem Busen um, der kalt, frisch und glänzend sich eben der
Knospe entdrängt. Er muss ja überall siegen, denn schön, wie er, ward nicht
leicht Einer geschaffen.
    Der Mond erhob sich jetzt voll und schwimmend über das schwarze Schieferdach
der Dorfkirche, er ging leise mit seinem Licht immer vorwärts, als überzähle er
die Gräber, ob seit gestern kein neues hinzugekommen, die halbversunkenen Kreuze
sahen wie schwarze seltsame Blumen aus, die jedem darunter schlafenden
verstäubenden Schädel entwachsen zu sein schienen. Vom Nachbardorfe kamen die
Strasse herab einzelne Spielleute, sie blieben vor dem Hause des Amtmanns stehen
und bliesen so lange und bittend, bis sie eine spitze Nachtmütze aus einem der
obern Fenster herausgeblasen hatten. Es wurde gedankt, Geld fiel herab und die
Bande zog weiter. Eine Stille trat ein, dann fing ein entfernter Hund zu bellen
an, aus einer andern Gegend antwortete ihm ein Kamerad, dann liess sich in der
Nähe ein heiserer Kettenhund vernehmen, und nicht lange, so bellten alle Hunde
im Dorfe, zwischendurch hörte man das elegische Knarren eines Ziehbrunnens und
dann die hüpfenden Töne des wieder niederfahrenden Eimers. Eduard sah jetzt
mehrere Männergestalten, die langsam um die Ecke bogen und sich dem Hause mit
dem hellen Fensterchen näherten; sie waren im Streit mit einander, ein ältlicher
Mann, wie es schien, wollte die drei jüngern zurückhalten, er hatte den einen
derselben am Arm, den andern am Rockschooss, den dritten bei der Hand gefasst, und
von den vielen Worten, die er bald bittend bald drohend ausstiess, konnte Eduard
nur folgende vernehmen: »So nimm doch Rat und Vernunft an, Caspar; wir können
ja offenbar weit mehr ausrichten, wenn wir den Schulzen wecken und ihn
herbringen, damit er mit eigenen Augen den Spitzbuben bei ihr entdeckt!« -
»Einfältiges Zeug, rief einer der jungen Leute, ich soll wohl warten bis der
träge Schulze sich aus den Federn hebt, die Nachtmütze abwirft und in die
Kleider fährt, unterdess könnte wohl allerlei geschehen, was du und der Schulze
nicht wieder gut machen können, nein, nein, lasst mich los, es ist am besten, ich
verlasse mich auf meinen starken Arm und diesen Knüttel; mag nachher geschehen
was da will, hab' ich nur erst mein Mütchen gekühlt, und dem Burschen drinnen
bewiesen, dass es geraten ist, ein ehrliches Mädchen und dazu meine Braut in
Frieden zu lassen.« Eduard begriff jetzt die ganze Intrigue; ihm wurde für
Robert bange, wenn er die drei kräftigen Gestalten betrachtete, die jetzt auf
das Haus leise zuschritten, nachdem sich der Alte von ihnen getrennt hatte und
zurückgeblieben war. Sie gingen behutsam vorwärts und indem einer sich als Wache
am Fenster hinstellte, drangen die zwei andern in den dunkeln Hofraum, um von
dort wahrscheinlich in die Haustür zu gelangen. Eine Zeitlang blieb es ganz
stille, die Gestalt am Fenster gab nicht das mindeste Zeichen von Bewegung, und
aus dem Stübchen tönte von Zeit zu Zeit eine lachende Stimme. Plötzlich fing ein
Hund zu bellen an, man hörte Jemanden stolpern und fallen, dann fluchen, zu
gleicher Zeit ward eine Tür aufgestossen, und mehrere Stimmen wurden laut. Der
Vorhang am Fenster flog fort, das Fenster ward aufgerissen und ein heftiges,
anhaltendes Geschrei, Gepolter, Zank und Handgemenge tönte auf den ruhigen
Kirchhof hinaus. Der Bauerbursche, der sich als Bräutigam genannt, lehnte weit
aus dem Fenster heraus und rief seinem Kameraden zu, hereinzukommen um das
Mädchen einzufangen, welches im Gedränge entschlüpft sei, und sich
wahrscheinlich irgendwo versteckt halte. Der Aufgeforderte sprang auch sogleich
ohne weiters mit einem Satze ins Fenster hinein. Jetzt sah man viele schwarze
Gestalten sich im Handgemenge durcheinander bewegen, das Licht wurde umgestossen
und fiel zu dem Fenster hinaus in das Gesträuch vor demselben, ein Häuflein
Stroh fing sogleich Feuer und bald schlugen die lichten Flammen hinauf. Ein noch
heftigeres Geschrei ertönte, - in dem Moment sah Eduard eine schlanke Gestalt
sich mit graziöser Biegung aus dem Fenster stürzen und mitten durch die Flammen
durchspringen. Es war Robert, der sich vor den derben Fäusten nicht anders zu
retten wusste; er eilte jetzt mit glimmenden Rockstössen die Strasse hinab, von
einer Menge Hunde verfolgt die ihm nachbellten. Die Bauern hatten genug zu tun,
die Flamme wieder zu dämpfen; als dies geschehen war, standen sie verblüfft da
und guckten in den Mond, denn weder Robert noch das Mädchen waren in ihrer
Gewalt. Murrend und scheltend gingen sie endlich miteinander fort, und noch von
fern hörte man sie zanken. Nach und nach hörte man jetzt im Dorfe die Haustüren
öffnen, hier und da auch die Fenster, es wurde in der Ferne und Nähe gesprochen,
gefragt, allmählig hörte dies auf und die tiefe klare Stille der Mondnacht lag
wieder mit glänzender Meisse über dem Schauplatz so wunderlicher Ereignisse.
    »Du hast da,« sagte Robert zu unserm Freunde, als sie am andern Tage im
ärmlichen Wirtshause bei einem Schoppen schlechten Landweins beisammen sassen,
»ein Histörchen mit angeschaut, das, glaub' ich, im Sinn des Boccaz angefangen
und beendet wurde, denn bei einer guten Novelle dieses Meisters dürfen die
Prügel eben so wenig fehlen als die Küsse. Nur hätte ich von deiner Kraft und
Freundschaft etwas anderes erwartet, als ein ruhiges Hocken auf der
Kirchhofmauer, indes ich die Schattenseite eines Idylls kennen lernte.« Eduard
brachte einige Entschuldigungen vor, doch Robert unterbrach sie und sagte
lachend: »Lass dass, mir sind diese Kraftäusserungen ganz gelegen, ich werde jetzt
um so begieriger den Zarteiten nachgehen, wie sie in den Solons uns geboten
werden; mein Wunsch ist nur, dass Du auch die Kleine kennen lernst, um deren
willen diese Lärmtrommel geschlagen wurde. Sie ist nicht sonderlich schön, und
ich habe mich eigentlich nur in ihr Lachen verliebt; das versteht sie
meisterlich, eine reihe Zähne und ein Grübchen kommen dabei zum Vorschein, wie
sie nie reizender gebildet worden. Ueberhaupt wie selten versteht ein Mädchen
schön zu lachen, die meisten schneiden unleidliche Grimassen. Das eigentliche
süsse Lachen muss den ganzen Körper lieblich durchschütteln, und Wange, Kinn,
Busen und Hals mit hastig aufgeblühten Rosen überschütten; am reizendsten lachen
in der Regel Blondinen, denn bei denen treibt das Blut jenen durchsichtigen
Rosenschleier sogleich über die zarte blendende Haut, und sie erröten bis unter
die goldnen Locken hinauf. Wer anmutig zu lachen versteht, der wird nie alt;
ich habe eine bejahrte Frau gekannt, die durch ihr frisches Gelächter sich in
die früheste Jugend hinauflachte und so viele altlachende junge Mädchen
beschämte. Das Lachen ist recht eigentlich ein Volkslied, es muss aus dem innern
Menschen, gleichsam wie die wahre Poesie herauftönen, die Regeln der Schönheit
und des vornehmen Anstandes werden nie ersetzen können, was von der Natur
versagt worden. Ich hab' ein sehr gescheutes Mädchen gekannt, die sehr
geistreich lachte, das heisst, nur bei passender Gelegenheit, und wieder ein
halbblödsinniges Geschöpf, das alle Augenblicke und stets über nichts lachte,
dabei aber die süsseste Jugend entfaltete, und ich zog sie unbedingt der erstern
vor.«
    Beide gingen jetzt die Gasse hinauf, zu dem Häuschen an der Kirchhofmauer.
Wie ganz alltäglich und prosaisch erschien der Platz am Tage. Robert klopfte
gähnend an die kleine Pforte, sie wurde von einem feisten Bauerburschen
aufgetan, den der Bräutigam als Wache bei dem Mädchen gelassen hatte. Marie, so
hiess diese, begrüsste ihre Gäste mit einem verschämten Lächeln. Eduard band sich
sein neues Halstuch ab und knüpfte es ihr um den hübschen Hals; sie fand alles,
was man tat und sagte, äusserst lächerrlich, und machte tausend ungeschickte
Bewegungen. Es wurde abgemacht, dass Eduard wenigstens eine Woche im Dorfe
bleiben sollte, ein Stübchen in der Nähe war bald gefunden. Als das Gespräch
eben am lebhaftesten war, erschien plötzlich der Bräutigam und fing auf seine
Weise zu fluchen und zu lärmen an, zugleich zeigte sich eine verknöcherte alte
Ehrenwächterin, die sich ihres Amtes mit grossem Eifer annahm. Die Freunde
entfernten sich missmutig, und es wurden Pläne geschmiedet, wie man die Kleine
mitten aus ihrer Ehrenwache entführen könne.
    Eduard, der sich noch immer nicht mit Leichtigkeit in gewisse Ansichten des
Lebens finden konnte, ging gewöhnlich seinen Weg für sich und zeigte nur zu
deutlich den innern Zwiespalt. Er wollte diese ländliche Einsamkeit, die ihm wie
ein plötzliches Geschenk zu Teil geworden, mit ernsten und würdigen
Beschäftigungen hinbringen, doch eine verworrene Unbehaglichkeit hatte sich
seines Gemüts schon in dem Grade bemeistert, dass er es für bequem fand, sich
Roberten immer mehr und mehr hinzugeben. »Ist es nicht töricht,« sagte er
einmal zu ihm, »dass wir unser Leben und dessen schnell vergängliche Blüte alten
grauen Irrtümern, verjährten Meinungen, zahmen und missgestalteten Gesetzen,
albernen Grillen zum Opfer bringen, die nichts für sich haben, als dass ein paar
tausend Menschen, die gerade der Zufall mit uns in Eine Zeit warf, jene
Irrtümer, Meinungen, Lehren und Gesetze als Norm und Regel aufgestellt haben.
Zwängen wir nicht auf diese Weise den jungen aufsprossenden Baum früh in ein
steifes Gerüst, damit er mit den übrigen Bäumen und Pflanzen im Garten ein
seltsam geregeltes Ganze ausmache. Du aber, mein Robert, stehst in diesem
holländischen Garten als ein selbstständig keck auffliegendes Bäumchen da,
dessen Saat wohl ein wundervoller Zugvogel aus fremden Ländern holte und fallen
liess; mit einem gewissen übermütigen Wahnsinn weinst und lachst Du deine hellen
Blüten heraus, Du erzwingst mit Hast einen Frühlingshimmel über Dir und bist
zufrieden, wenn auf diese schnellen glänzenden Sonnenflocken ein jäher Tod
deinem Leben ein Ende macht. Und verdient das Leben denn auch Ernst und Sorge?
Ich kann mir denken, wie alte prächtige Könige aus grauer Vorzeit müde und
überdrüssig in ihr Grab gingen, ja dass sie ganze Pyramiden darauf wälzen liessen,
um sich die Rückkehr in das Leben, das sie verachteten, zu verbauen. Wie
machtlos brach sich denn das nichtige Geräusch drauf folgender Jahrhunderte an
den gigantischen Mauern, worunter die alten Uebelgelaunten schliefen.« - Robert
ergötzte sich an der letzten Bemerkung sehr und meinte, von diesem Standpunkt
angesehen, erschienen ihm jene ungeheuern Leichensteine wahrhaft grausig.
    »Unerhörte Dinge, Freund!« rief der Abt Eduarden zu, als dieser nach einigen
Wochen wieder in der Stadt erschien, und dem dicken freundlichen Gesichte auf
dem Wege zum fürstlichen Pallaste begegnete; »unerhörte Dinge sind geschehen,
Liebwertester! wo haben Sie denn in aller Welt gesteckt? Es hat köstliche
Diners, Soupers gegeben, zu denen man Sie eingeladen hat. O die Frommen essen
auch und wissen eine Trüffelpastete sehr gut von einem Grützkuchen zu
unterscheiden. Aber wo waren Sie, teuerster Jüngling? - wie gesagt, grosse Dinge
sind im Werke - kommen Sie, - o es gibt eine lange Erzählung! - mir nach, mir
nach!« - Er zog den sich Sträubenden fast mit Gewalt in eine nahe Restauration,
dort liess er Chokolade serviren, und mit der dampfenden Tasse am Mund setzte er
seine Rede fort, wiewohl mit leiser Stimme. »Für's Erste erfahren Sie nur, dass
Serenissimus, unser allergnädigster Principe, ganz des Teufels ist; man raunt
sich für gewiss in's Ohr, dass der Treffliche den Tron quittiren will, um mit
Fräulein Magdalenen eine kleine mystische Sekte zu formiren, der Himmel weiss,
wo. Er sperrt sich Tagelang mit ihr ein, die Teater und Gesellschaften stocken,
die Vermählung geht einen Schneckengang, die Fürstin Braut ist in einer höchst
peinlichen Lage, Fräulein Magdalena liegt Tag und Nacht clairvoyant da, und ein
paar andere Damen haben die Offenbarungen und Prophezeihungen auf ihren Teil
genommen, und leisten in der kurzen Zeit etwas Erstaunliches. Man vermutet, dass
das ganze Schauspiel vom Nachbarhofe eingeleitet worden ist, um die Verbindung
des Herzogs rückgängig zu machen, und ihn vom Trone zu verdrängen. Und das
Seltsamste ist noch - wen glauben Sie wohl an der Spitze der heiligen
Sippschaft? - raten Sie einmal! - den alten Gottold, in den alle ganz verliebt
sind.«
    Eduard war über diese Mitteilungen ganz erstaunt und nahm sich vor, mit
eigenen Augen zu prüfen so bald als möglich, indes schwatzte sein dicker
Gefährte weiter, indem er die geleerte Tasse auf den Tisch setzte, und sich
lächelnd die Lippen reinigte. »Mir haben Sie wahrhaft satanisch mitgespielt,
hören Sie nur, süsses Wesen! Ich komme einen Abend, um Serenissimus zu sprechen;
meine Seele ahnet nicht, dass Fräulein Magdalena wieder ein magnetisches Solo
spielen will; leise trete ich in's Gemach und sehe beim Scheine der trüben
Mondlampe ein liegendes Frauenzimmer auf den Polstern des Divans, um sie herum
einige stille Gruppen, die bei meinem Eintritt wie Pagoden mit den Köpfen
nicken; der Fürst legt den Finger auf den Mund, natürlich schweige ich und
bleibe stehen - was geschieht? - plötzlich zuckt es im Antlitz des liegenden
Frauenzimmers, ihre Brust hebt sich, die Arme fahren auf und sie stösst einen
Schrei aus, Alles stürzt hin - Bestürzung, Furcht, Besorgnis in allen Blicken! -
man frägt leise, was ihr fehle, da ruft die Gnädige mit recht clairvoyanter
Grobheit: Fort! Hinaus! - Es ist ein Ungeweihter in's Zimmer getreten, dessen
Seele befleckt und sinnlich ist, treibt den unreinen Geist hinaus oder ich
sterbe! - Verdammte Affaire! Alles sieht mich drohend an, und ich stehe da, wie
ein gescholtener Schulbube. Nun, was warten Sie noch - fort, entfernen Sie sich!
- rief jetzt der Allergnädigste, und eine alte Dame gab mir den Arm, um mich
hinauszuführen. Hinter mir sah ich zwei Kammerjungfern mit Rauchfässern in's
Heiligtum stürzen, und meine alte Führerin, nachdem sie mich in den Vorsaal
gebracht, liess mich dastehen und verlor sich in die blauen Wolken des
Räucherpulvers hinein. O du alter Kirchenstuhl, zürnte ich ihr nach, wandle nur
immerhin in deine Conferenz zurück, mich soll keine Herrlichkeit mehr
hineinlocken und wäre es selbst eine Pastete von lauter Pfauenzungen! Seht doch
- ich, ein unreiner Geist! - ich möchte doch sehen, wie viel reiner
Serenissimus, unser Durchlauchtigster ist, oder Massiello und tausend andre, die
seit Adam's Fall noch nicht wieder aufgestanden sind. Aber ich weiss schon,
einmal habe ich leise, leise von Fräulein Magdalenens ein klein wenig zu
bedeutender Nase gesprochen, flugs wurde ihr mein unreines Wesen in seiner
ganzen Abscheulichkeit klar.« Eduard musste lächeln bei diesem tragischen
Bericht, obgleich seine ganze Seele voll war von jenen Ereignissen, die er eben
vernommen; er hätte gerne noch diesen Abend den Fürsten gesehen. Als beide auf
die Strasse kamen, tritt ihnen ein fürstlicher Läufer nach, und als er Eduarden
erkennt, bringt er diesem die Einladung, sich sogleich in's Schloss zu verfügen.
Was konnte Erwünschteres kommen; schleunig flog er nach Hause, wechselte seinen
Anzug, und stieg, die breite Marmortreppe zu den Gemächern des Fürsten hinauf.
Auf dem Portale sah ihm die wohlbekannte Statue der badenden Venus entgegen:
»Also Du stehst noch hier, griechisches Göttermädchen,« rief er leise bei sich,
»hat man dir nicht den Abschied gegeben, und weisst du nichts von dem, was
drinnen geschieht?« - Er schritt leise über den Vorsaal und öffnete eine der
hohen Türen, sie ging geräuschlos auf, und die Teppiche, auf welche sein Fuss
trat, liessen seine Gegenwart von den im Gemache befindlichen Personen durchaus
nicht bemerken. Eine hohe Frauengestalt, die Eduard sogleich für die Fürstin
erkannte, stand, den Rücken gegen ihn gekehrt, im Gespräche mit dem alten
Gottold vor einem Bilde. »Nein, nein,« rief die Prinzessin fast heftig, »ich
begreife Sie durchaus nicht! Anfangs bei unserer Bekanntschaft schien es mir,
als wenn Sie meine Ansicht teilten, und für die wahre Erkenntnis kein Uebel für
so gefährlich hielten, als jene dumpfe blinde Frömmelei, die ich wahrhaft
abgöttisch nennen möchte, weil sie den Menschen verführt, statt der klaren
vernünftigen Idee vom göttlichen Wesen das trübe Abbild seines eigenen
verfinsterten, durch Irrtum und Sinnlichkeit besteckten Innern zu halten. Wir
sehen, in welche tiefe Verirrungen die Gemeine versank nach dem Tode des Grafen,
wie sie, die die reine Lehre Luters noch geistiger und lebendiger auszubilden
gedachte, dem niedrigsten Geiste der Erde anheimfiel! und nun höre ich mit
Schreck, Sie reden und streiten in denselben Grundsätzen, die ich bis zum Tode
verabscheuen werde.« - »Nicht also, Gnädigste,« rief der Maler, »Sie sind zu
hart; wenn Sie mich zu den Frömmlern und Pietisten oder zu den Anhängern jener,
mir ehrenwerten Sekte rechnen, so sind Sie im Irrtum; dass ich aber zu der
absoluten Verstandeskälte, in der Sie atmen, Gnädigste, nicht hinaufreichen
kann und will, das gestehe ich gerne. Lieber will ich verführt werden durch ein
Übermass von Liebe, als durch gänzlichen Mangel derselben von jeder Möglichkeit
des Falls geschützt dastehen.« »Mann!« rief die Fürstin mit einer unendlich
weichen Stimme, »wer sagt Ihnen, dass ich nicht liebe; aber er, den ich liebe,
ist ja die ewige Reinheit und Klarheit selbst, meine Liebe ist das schwache,
aber unermüdliche Ringen, klar, hell und rein zu sein nach seinem Bilde; aber
wohl mag sie kalt erscheinen, diese Liebe, weil keine Erdenliebe sich zu ihr
gesellt, denn was ich irdisch und sinnlich geliebt habe, hat sich mir als
unwürdig ausgewiesen.« Sie schwieg und schien eine Rührung zu verbergen, dann
fuhr sie fort, indem sie den Arm des Malers mit Heftigkeit fasste: »Stehen Sie
mir bei, verlassen Sie mich nicht, teurer Mann! retten wir den unglücklichen
Prinzen, noch ist's möglich - bald könnte es zu spät sein.« Der Greis sah der
hohen Frau ernst in's Antlitz: »Sie täuschen sich, Gnädigste! - Das Fräulein -
die Baronesse -« »Nichts von ihnen,« rief die Fürstin heftiger. Eduard glaubte
bei längerem Verweilen bemerkt zu werden und zog sich, nachdenkend über das
Vernommene, leise zurück. Die Klingel des Herzogs rief ihn den Corridor entlang,
und als er sich dem Gemach näherte, trat ihm der Prinz schon entgegen.
    »Willkommen, Freund,« rief der Gnädige freundlich - - »mir ist's lieb, dass
Sie auf dem lande gewesen, und so die Quellen der Einfachheit und Natur gesucht,
vielleicht folge ich bald Ihrem Beispiel, - der Frühling naht mit grossen
Schritten.« Eduard bemerkte in des Fürsten Aeusserem eine Veränderung, die ihm
auffiel, das Haar war schlichter gekämmt, die Kleidung einfacher, und an den
Wänden des Gemachs fehlten einige Gemälde von Rubens und Jordone, statt dessen
hing ein kleines Bildchen da, von dem man nicht sagen konnte, was es darstellte.
Der Fürst bemerkte den fragenden Blick des Jünglings und sagte flüchtig: »Die
Gemälde habe ich fortgeschickt, weil jetzt häufig Damen meine Zimmer besuchen,
und man dem schwachen, noch nicht genug künstlerisch gebildeten Geschlechte kein
Ärgernis geben soll; - doch junger Mann,« fuhr er fort, »was hab ich hören
müssen, Sie haben eine Braut und vernachlässigen das Mädchen - Sie sollen sogar,
was ich nicht glauben will, der Gräfin Eva den Hof machen; teurer Freund - wenn
das wahr wäre! und Sie könnten auf diesem Wege uns verloren gehen, ich selbst
würde mir die bittersten Vorwürfe machen, Sie nicht väterlich gewarnt und zum
Heile zurückgewiesen zu haben.« Eduard errötete vor Unwillen und Beschämung.
»Sollte Robert vielleicht Eure Durchlaucht« - »Reden Sie mir nicht von diesem
Unwürdigen,« rief der Fürst und sein Auge blitzte zürnend; »sein Name, wie sein
Fuss kommt nie wieder über diese Schwelle, er ist ein verlorener Mensch, hüten
Sie sich vor seinem Umgange. Nicht allein, dass er auf das Gewissenloseste eine
Menge armer betrogener Mädchen seinem Rausche geopfert, die Unglücklichen in
zeitliches und ewiges Verderben gestürzt hat, er mordete auch rücksichtslos die
Ehre von Männern, die die Welt achtet und die meine Liebe besessen haben. Er ist
so tief gesunken, dass ich ihn einer öffentlichen Beschimpfung, der er nur zu
nahe war, mit Mühe entrissen habe, und Undank ist stets mein Lohn gewesen. So
gefährlich, mein Freund, sind die glänzenden Eigenschaften, die unser Auge
bestechen und das Herz zugleich einer schmerzlichen Enttäuschung entgegen
führen. Hier lesen Sie einen Zettel, in dem er beiläufig auch sein Urteil über
Sie ausgesprochen hat.«
    Eduard empfing das Papier und steckte es zerstreut zu sich; er war durch all
das Gehörte und Gesehene so befangen gemacht, dass ihm kaum Achtsamkeit genug
übrig blieb, um die Baronesse und das Fräulein, die eben eintraten, zu begrüssen.
Der Fürst ging auf die Eintretenden zu und beugte sich über Magdalenens Hand,
diese lispelte aber: »Keinen Kuss, Prinz, Sie wissen, dass ich solches nicht
liebe, ein Händedruck genügt mir, wovon Sie schon heute in -« »Sie schauen in
meine Seele, wunderbares Mädchen,« sagte der Fürst leise, »brauche ich noch zu
antworten?« - Das Fräulein schüttelte wie zürnend das Haupt, dann weilten aber
ihre grossen blauen Augen fragend auf dem Jüngling, der, immer noch heftige Röte
im Gesicht, stumm vor sich hinsah. Der Fürst fasste ihn an der Hand und stellte
ihn nochmals den beiden Damen vor; es wurden einige gleichgültige Worte
gewechselt, und Eduard fühlte sich wieder leicht, als er, die Treppe
herabsteigend, die Gasse betrat. Sein Busen war zu voll, er musste die Einsamkeit
suchen, um mit der Welt zu grollen. Vor allen war ihm der Fürst ordentlich recht
verhasst. Kann man, rief er bei sich, wohl den Glauben und die Erkenntnis wie
eine Schlafmütze über die Ohren ziehen, wenn einem der durch Jugendsünden nackt
gewordene Scheitel zu frieren anfängt? Fratze über Fratze! Und was soll der
Vorwurf rücksichtlich Emiliens - hat sie über mich geklagt oder hat es der Vater
getan? Wie schwächlich und elend, wie kleinbürgerlich und alttugendhaft; will
man mich durch Ruten an die Schulbank zurückzwängen? Freiheit und
Selbstständigkeit sind die atemholenden Lungen des geistigen Lebens, soll ich
mit Schwindsüchtigen umgehen, um selbst schwindsüchtig zu werden?
    Aus diesen Gedunken schreckte ihn plötzlich ein Gelächter, das neben ihm
erscholl; er hörte, dass über seinen Regenschirm gespottet wurde, und eine Stimme
rief: »Geben Sie Acht, wenn diese tropfende Glockenhaube sich hebt, so schaut
gewiss das sehr ehrwürdige Antlitz des Vikar von Wakefield uns entgegen.« Eduard
glaubte die Stimme zu erkennen, hob seinen allerdings etwas baufälligen Schirm,
und erblickte an dem halbgeöffneten Fensterchen die Gräfin Eva mit Jokonden.
Ueber die beiden Mädchen sah Massiello's lächelndes Antlitz hervor. »O, ein
guter Freund!« riefen jetzt die drei Stimmen, und Eduard musste sich selbst
fragen, wie er denn an das einsame Fischerhäuschen gekommen sei. Träumerisch,
wie er den ganzen Weg gemacht, kehrte er auch jetzt ein, und wurde von den
Dreien mit herzlichem Jubel empfangen. Jokonde war schöner wie jemals, das
Gefühl ihrer verlassenen Lage warf über ihre kindische Heiterkeit einen leichten
Schleier von Melancholie, der die Seele ersetzte, und sie unendlich
liebenswürdig kleidete. Beide Freundinnen hatten auf Anstiften Eva's sich streng
bereitete Fastenspeisen zurichten lassen; für die Ungläubigen oder
Schwergläubigen stand ein zweites Tischchen bereit mit leckern Speisen von
allerlei Art, und Massiello hatte schon Platz daran genommen und bereits einige
Flaschen entsiegelt. Wegen Eduard entstand der Streit, zu welchem Tisch er
gehöre. Die Mädchen wollten ihn durchaus auf ihrer Seite und auf Seite der
Religion haben, Massiello zeigte dagegen nur auf die Flaschen und öffnete mit
kluger Weltlockung die Schüssel mit einer dampfenden Pastete. Jokonde stand auf,
und präsentirte in unendlich anmutiger Haltung als Herodias den Kopf ihres
ungewöhnlich grossen Fastenhechts, Gräfin Eva versicherte aber vollen Ernstes,
dass hier durchaus nicht zu spassen sei, und sie wolle Eduarden nimmermehr
freundlich ansehen, wenn er zu der Pastete überliefe. Dieses entschied und der
Jüngling wurde von den mutwilligen Mädchen im Triumph zu der Fischtafel
gebracht. In dem Augenblicke ging die Türe leise auf und ein volles rotes
Gesicht ward hineingesteckt. »Aha, ha! ha! schrieen alle, Signore Abbato,
carissimo padre - bona seria, bona seria!« - Der Abt war jetzt mit einer
geschwinden Bewegung im Gemach, und seine Lippen ruhten zu gleicher Zeit auf
beiden zarten Händchen der Mädchen. Drei schimmernde Astrallampen wurden
hereingebracht, und die kleine Gesellschaft trieb sich in glänzender Helle unter
Küssen und Lachen bunt durcheinander. Den Abt gaben beide Mädchen sogleich für
die Sache der Religion verloren, er erhielt einen Stuhl neben Massiello, und Eva
versicherte ihm, dass er zu ihrem Vereine eben so wenig gehöre, wie ein
gebratener Kapaunflügel in ein Bouquet weisser Rosen. - Massiello hatte den
Kapaunflügel gefasst und ihn drohend erhoben, ein Teil des Tischtuches floss über
seine Gestalt wie ein Mantel nieder, indem er den Stuhl bestiegen hatte und mit
donnernder Stimme seine Fastenpredigt anhub: »O ihr Gottlosen, ist's nicht
genug, dass eure Passionszeit dauert, so lange ihr jung und hübsch seid, wollt
ihr nicht zuweilen im Alter noch Passionen haben, die Niemand erwiedern kann?
Wohl nehmt ihr euer Kreuz auf euch und schleppt es, aber nur, wenn es modern
gefasst ist, à quatre couleurs, und wenn es schwer von Gold ist. O Himmel - noch
heutzutage lasst ihr euch steinigen, aber nur mit ächten, nicht mit böhmischen
Steinen. Vigilien und Nachtwachen zu halten, ist euch was Leichtes, nämlich wenn
die Gesellschaft gut, der Tanz lebhaft, das Soupé auserlesen, und der Punsch nur
einigermassen erträglich ist. Noch heute kleidet ihr die Nackenden, nämlich wenn
diese schön gewachsen sind, und wer anklopfet, dem tut ihr auf, wenn es nur
nicht der Ehemann ist!«
    Der Abt lachte laut und schallend, Jokonde aber ergriff die Rose, die dem
gekochten Hechtkopf im Munde steckte und warf sie über beide Tische herüber in
Massiello's blitzende Augen, indes Eva ihr Haupt andächtig über die gefalteten
Hände hinabneigte, und unter den überstürzenden schwarzen Locken hervorseufzte:
»Pax nobiscum Domine.« Der Abt trug eine ganze Schüssel von Zuckerwerk zum
Pianoforte, um unter dem Spielen zu naschen und unter dem Naschen zu spielen,
indem er behauptete, die kränkliche Süssigkeit der Töne könne nur durch die
gesunde der Kuchen aufgehoben werden. Eduard's Seele trieb und blühte in einem
fieberischen Ungestümm, er glaubte die Schätze der Jugend und Lust nicht teuer
genug von der gegenwärtigen Minute kaufen zu müssen; die beiden Mädchen nahmen
ihn in ihrer Mitte auf, und um ihn, über ihn schlangen sich die Blumenketten
ihrer Scherze und Küsse, flogen die glänzenden Feuerbälle des Mutwillens,
stöberten die kalten, spitzen Flocken der Neckerei, und auf seinen offenen Busen
fielen und brannten die langen glühenden Balsamtropfen der Sehnsucht. Er fühlte
sich durch und durch krank, doch wie ein fallendes Herbstblatt, nur um desto
glänzender gefärbt. Jokonde sagte ihm tausend hübsche Dinge über seine Augen,
und er ihr seltsam verworrene Ansichten über Weiber und Leben, die sie belachte,
weil sie sie nicht verstand. Der Abt spielte die Ouvertüre aus dem Don Juan,
zwischendurch tönten die Klagen Elvirens, die Drohungen Don Antonio's, - die
ganze antike Schmerzensfülle der Anna, über alle herüber warf ein jäh
auffahrender Glanz seine Strahlenkronen, Don Juan tändelte, Leporello machte
seine Possen; dann drohten einzelne Laute und zuckten wie mattlaufende Blitze am
Horizont nieder, der Donner rollte ihnen nach und es erklang die Stimme des
ersten Mahners aus der Tiefe; wilde gellend ateistische Töne flatterten ihm
entgegen und fielen zerquetscht an der marmornen Brust nieder, ein roter
breiter Glanz schloss Himmel und Hölle plötzlich. Eduard und Jokonde
verständigten sich über die Göttlichkeit des Gedichts durch einen Kuss. Massiello
war beschäftigt, einem jungen Mädchen, das erschienen war und sich stumm in eine
Ecke drückte, einige Rede abzugewinnen. Die Gräfin Eva sprang auf und rief: »Ah,
da ist meine Aimée; hier, meine Herrn, stelle ich Ihnen meine Nichte vor, nicht
wahr, ein nicht ganz übles Geschöpf?« Sie fuhr dem Mädchen, das immer stärker
errötete, unter's Kinn und hob den Lockenkopf; der Abt und Eduard sagten einige
Artigkeiten, Massiello rang nach einem Kuss hinter dem Rücken der Gräfin, und
versicherte, die vollen weichen Lippen, die frischen Zähne seien unendlich
reizend, vor allen aber dieser wilde finstere Unwillen, der aus den Augen
spräche, der rote Zorn, der die gewölbte Wange färbe. Man entschloss sich, eine
vollständige Musik aufzuführen, die Gräfin liess; sich ihre Harfe geben,
Massiello stimmte, Notenblätter wurden hin- und hergeschleppt, der Abt zankte
und die Dienerinnen hatten vollauf zu tun, die Reste der Mahlzeit
hinwegzuschaffen, und statt deren Blumen und Früchte auf die Tische zu setzen.
Unser Freund zog Jokonden sanft bittend nach sich, und die Gefällige entschloss
sich, ihm zu einem Bildchen zu sitzen, das er schon lange angefangen, und das
das reizende Mädchen als Cleopatra darstellte, mit der Schlange an der Brust.
Die Idee war vom Herzog ausgegangen, doch hatte dieser sich weiter nicht um die
Ausführung bekümmert, und jetzt wäre ihm der ganze Gedanke wahrscheinlich
verwerflich vorgekommen. Ein Kabinet wurde ausgewählt, die Lampe
zurechtgeschoben, Jokonde hatte mit Hülfe von ein paar Tüchern eine graziöse
Drapperie hervorgebracht, welche sie mit ihrer gewöhnlichen Anmut und
Geschicklichkeit ordnete. Jetzt war sie fertig und warf sich in die Ecke des
Sopha's. Als Eduard darauf drang, einen Teil des schönen Busens frei zu sehen,
gab sie nach, verhüllte sich aber augenblicklich wieder, als Jemand in's Zimmer
trat; Eduard sah sich um und entdeckte das junge Mädchen, das schüchtern
eingetreten war, und glühende Blicke auf Jokonden richtete. Sie verschwand
wieder und die Liebenden blieben allein. Die rauschenden Ströme der Musik
ergossen sich indes im Vorgemach, doch bald trat Stille ein; der Abt behauptete,
Massiello mit Eva begingen Fehler auf Fehler, die Gräfin lachte, der Musiker gab
nichts zu; von Worten ging es auf Töne über, jeder Teil griff zu seinem
Instrument und führte den Streit fort. Ein wildbrausender Sturm erscholl,
zwischendurch gellte ein helles Harfencapriccio, dann lachten alle zu gleicher
Zeit auf, und der Abt warf die Noten zusammen. »Es geht heute nicht,« rief
Massiello, »die Noten behaupten ihre Sinn, wie alle Leute von Kopf.« Man wollte
sich trennen, als ein fürchterlicher Schrei aus dem Nebenzimmer hervorbrach;
alle fuhren entsetzt zusammen, zu gleicher Zeit ward die Türe aufgerissen und
Aimée sprang heraus. Sie hatte ein Messer in der Hand, ihre Augen funkelten und
an dem weissen Gewande brannten Blutspuren. »Alle Götter!« schrie der Abt, »was
gibt's da!« - Man stürzte in's Zimmer - der Tisch mit dem Zeichengerät lag
umgeworfen mitten im Gemach - Jokonde ruhte auf dem Sopha, Hals, Arme und Kleid
in Blut getaucht. Eva war auf den Teppich hingesunken und rang die Hände; in dem
Moment trat Eduard hinein, und zerrte das seltsame entsprungene Mädchen am Arme
nach sich. Als er den Schreck der Freunde sah, rief er: »Nur keine Besorgnis,
Ihr Lieben, der Vorfall ist höchst unbedeutend, was Ihr dort seht, ist nicht
Blut, sondern bloss roter Wein, mir aber hat der bösartige Knabe eine leichte
Verwundung am Arme beigebracht.« - »Knabe?!« rief Massiello, und aller Blicke
richteten sich auf den Gefangenen, der sich jetzt von Eduard's Arm losmachte, in
die Ecke eilte, den dort stehenden Degen ergriff, und, mit der andern Hand in
Geschwindigkeit den Frauenrock abstreifend, nun in seinen Pagenbeinkleidern
dastand. Mit einem vor Zorn leichenblassen Gesicht und zitternden Lippen
stammelte er, indem er sich trotzig in die Mitte des Gemachs hinstellte: »Nun
ja, was seht Ihr mich an? - ich gehöre nicht zum lumpigen Weibsgesindel! ich bin
ein Mann und Kavalier, wie der da, und habe meinen Degen, wie jeder ehrliche
Junge, dem man zu nahe tritt.« Halbentkleidet, wie er da stand, den vollen
Lockenkopf schüttelnd, im blassen Antlitz die rollenden schwarzen Augen, die
brennend roten Lippen und blitzenden Zähne; er sah einem jungen zürnenden Apoll
ähnlich. Massiello eilte auf ihn zu und schloss; ihn in seine Arme, Enzio aber
riss sich los und kniete vor der noch immer leblos daliegenden Jokonde; indem er
sein Haupt an ihre Knie drückte, schluchzte er so heftig, dass die Betäubte
erwachte, und mit einem Angstruf vom Ruhebette sprang und Eduarden zueilte.
»Bringt den Wahnsinnigen fort,« kreischte sie, »er wird ihn und mich morden!« -
»Ich werde nicht,« rief der Knabe, »Ihr seid vor mir ganz sicher, Mademoiselle
Jokonde; liebt immerhin wen und wie Ihr wollt, für Euch mag ich wohl noch zu
jung und unbedeutend sein, da will ich warten bis ich das Offizierspatent in der
Tasche habe.« Er entfernte sich mit diesen Worten, ohne die Gesellschaft eines
Grusses zu würdigen; im Vorzimmer fand er seine Jacke, die er anzog, den Mantel
überwarf, und so hörte man ihn den Gang entlang in der Finsternis kappen.
Eduards Wunde brannte ziemlich heftig, Jokonde lag weinend im Arme der Gräfin,
die Männer trennten sich und ein jeder schlich verstimmt und unangenehm berührt
nach Hause.
    Eduard kam, innerlich auf das heftigste zerrüttet, in sein Zimmer; er
erriet nur zu schnell den Zusammenhang des ganzen Vorfalls und den Grund von
Enzio's Zorn. Er verabscheute Jokonde und Eva, dass sie sich einem Knaben
hingeben konnten, seine eigene Leidenschaft erschien ihm im schwärzesten Lichte,
das Gewissen presste ihn von neuem wegen des Treubruchs an Emilien. Er nahm sich
vor, nie mehr die Schwelle des Fischerhäuschens zu betreten. Der Diener
erschien, um ihn zu entkleiden, als der Rock behutsam abgezogen wurde, fiel ein
Blättchen zur Erde, welches Eduard sogleich für das vom Herzoge ihm
eingehändigte Schreiben Roberts erkannte; er liess es sich geben und las folgende
Zeilen: »Ihr deutet an, Prinz, dass unser Verhältnis sich lösen könne, ich möchte
Euch versichern, dass es nie bestanden; Ihr sucht bei mir jene schwächlichen
Tugenden, die charakterlose Menschen aneinanderknüpfen, die besitze ich nicht
und meine grossen Eigenschaften fangen an in Euren Augen als Laster zu
erscheinen! immerhin, ich forme mein Inneres nicht nach dem Urteil der
Menschen. Ihr fabelt von Verführung und stellt mir das Bild des jungen Eduards
vor - was soll ich damit? der Mensch ist mir immer gleichgültig gewesen, er war
eine kurze Zeit meine Puppe, mit der ich spielte; macht er Ansprüche auf mich,
so lasse ich ihn fallen, denn meine Freiheit soll Niemand beeinträchtigen.«
    
    Eduards Wunde brannte heftig, als er diese Worte las; er fühlte in diesem
Moment die Bande losgerissen, so heftig tobte das unruhige Blut, dann legte sich
eine beängstigende Kälte auf Stirn und Brust, er fühlte sich einer Ohnmacht nahe
und stützte sich an's Bette, indes die Wunde neu umbunden wurde. Jezt tönten
Schritte im Vorzimmer, die Türe flog auf und Robert stand vor dem tief
Beleidigten. Die Stimmung beider Jünglinge drängte zu einem furchtbaren,
entscheidenden Moment. Eduard zeigte den Brief vor, Robert entschuldigte sich
nur halb, antwortete kalt und verächtlich - Eduards Fieberhitze ward zur Flamme,
er griff mit dem rechten gesunden Arm zum Degen, Robert stellte sich ihm ruhig
gegenüber und der Kampf begann. Robert, empfing eine Verwundung an der Seite,
Eduard, kaum dies gewahrend, warf sich ihm mit Tränen an die Brust; doch in
demselben Moment schwanden seine Sinne und Finsternis umhüllte das Auge. - Als
er wieder erwachte, fand er sich allein im Zimmer; im Nebengemach lag der Diener
eingeschlummert im Sessel, die Lichter waren tief herabgebrannt, und der
aufdämmernde Morgen lag mit farblosem Grau hinter den niedergelassenen
Fenstervorhängen.
    So war durch eine rasche Handlung, durch Blut, Entsetzen, tiefe Erniedrigung
der trügerische Himmel, in dem unser Freund so lange herumgeirrt war, plötzlich
geschlossen; Massiello's Fastenpredigt tönte in seinen Ohren, Jokondens Küsse
drückten noch seine Lippen, Roberts Herzblut klebte an seiner Weste, doch alle
diese Zeichen und Erinnerungen dünkten ihn durch eine weite Kluft von der
gegenwärtigen Minute geschieden. Die Stille und Abgeschiedenheit, in der er sich
jezt durch seine Krankheit versetzt sah, lähmte jede Wirksamkeit nach aussen, und
er hätte Zeit und Gelegenheit genug gehabt, seine frühern Irrtümer zu bereuen,
wenn seine Seele noch mit jener frischen jugendlichen Spannkraft begabt gewesen
wäre, die einen grossen Entschluss fasst und ausführt; je mehr er strebte, Klarheit
und Gewissheit zu erlangen, desto gewaltiger bemächtigte sich seiner die innere
Verworrenheit. Bald entschloss er sich Emilien aufzusuchen, durch ein
offenherziges Bekenntnis seiner Schuld sein Loos in ihre Hände zu legen, bald
schreckte ihn wieder der Gedanke ab, dass sie es war, die mit ihrem Vater und dem
Fürsten vereint dahin strebte, seine Freiheit zu beeinträchtigen. In diesem
Augenblick sah er die Unwürdigkeit derer ein, mit denen er bis jezt Umgang
geflogen, im nächsten Moment erschienen ihm dieselben Personen höchst
liebenswürdig, und nur sein eigenes Selbst fand er zu verdammen, indem die
Schwäche ihn zu Missbrauch und Verirrung hingezogen. Die Wissenschaft und ihre
Schätze erschienen im ebenfalls in einem zweifelhaften Lichte; die rege
Lebenskraft, die, wenn sie gesund ist, mir ihrem Atem jedes Verhältnis, alles
Wissen mit Wärme und Lust füllt, war in seinem Busen gebrochen, und Zweifel und
Kälte waren eingetreten. So lag er oft Nächte lang auf seinem Lager, und sah mit
unermüdetem Geiste eine Fläche vor sich, die, in Nebel gehüllt, sich in eine
unbestimmte Ferne zu verlieren schien. In dieser Stimmung traf ihn ein Besuch,
den er nicht erwarten konnte. Eines Abends, als er aus einem unruhigen Schlummer
erwachte, stand der Graf Eberhard vor ihm, der zur Ursache seines Kommens die
Besorgnis um seine Gesundheit anführte. Eduard hatte ihn über die mancherlei
Begebenheiten fast ganz vergessen; auch in den Zimmern des Herzogs war der Graf,
als die Abendgesellschaften anfingen, nicht erschienen, und so war die Meinung
natürlich, dass er die Stadt verlassen habe. Jezt, da er so unvermutet erschien,
da die lange, dürre, in Schwarz gekleidete Gestalt vor dem Ruhebette des
Jünglings stand, erwachte bei diesem plötzlich das Bild jenes Abends im
Fischerhäuschen, wo er den wunderbaren Mann zum erstenmal gesehen. Er besann
sich, dass Jokonde ihn versichert hatte, dass sie den unüberwindlichsten Abscheu
gegen den Seltsamen fühle, ja, dass er ihr oft in seiner starren, gebietenden
Grösse, in der Unbeugsamkeit seiner steinernen Gesichtszüge vorkomme, als könne
er niemand Anders wie der ewige Jude sein. Ein leiser Schauder überflog ihn, als
jezt der Graf seine Hand fasste und sie eine Zeitlang in der eiskalten Rechte
ruhen liess. »Wir haben uns lange nicht gesehen,« rief er dann; »Sie haben indes
Erfahrungen gemacht, und jede derselben ist schon ein Schritt näher zu mir.« -
»Zum Tode« - entgegnete Eduard in einer sonderbaren Spannung.
    »Vielleicht ist das gleichbedeutend,« fuhr der Graf fort und lächelte wie
über einen besondern Einfall, dem er selbst mit Vergnügen länger nachdachte -
»allein dieser Tod ist das Leben und die Freiheit, obgleich ein verblendeter
Hause ihn die tiefste Knechtschaft nennt; doch wir werden nicht mit Worten
spielen, die Sache bleibt wahr, so sehr sich auch unsere Eitelkeit dagegen
sträubt. Nichts Elenderes gibt es, als den Glauben, wir könnten etwas Grosses
leisten, etwas Edles und Erhabenes darstellen. Wir wollen Bürger des Himmels
sein und sind Sklaven des bewegten Nervs, der jede Minute anders erzittert. Eine
reichlichere, schmackhaftere Tafel verrückt die Ansicht der Dinge um ein
Ungeheures, und der Kuss eines schönen Mädchens hilft den Himmel anders bauen.
Wenn es uns der Körper nicht sagte, dass das Verbrennen schmerze, so hätten
Millionen Menschen nie eine Hölle gefürchtet, und die Dichters hätten den
Gegensatz derselben, den Himmel, nicht erdichten können. Das Grundübel der Welt
liegt im Dasein streitender Gegensätze; gelingt es uns, diesen Streit zu lösen,
so sind wir geheilt, denn nur da herrscht Ordnung, Ruhe, Gesundheit, wo kein
Widerspruch sich zeigt, je höher der Widerspruch wächst, desto kränker ist der
Mensch, desto kränker ein ganzes Volk. Tritt der Mensch freiwillig in seine
Schranken zurück, ist er im vollen Begriff des Worts gesundsinnlich, so hört
augenblicklich der schreiende Misston in ihm auf, und er ist weder Betrüger, noch
Betrogener mehr und alle jene Weltverbesserungs-Anstalten fallen von selbst
weg.«
    »Mich schwindelt vor einer solchen Ansicht,« rief Eduard.
    »Weil Sie noch nicht zur Gesundheit sich durchgerungen haben,« versetzte der
Graf; »ich habe es und befinde mich ganz wohl. Ehe man von einem Tron
herabsteigt, dessen Flitter uns blendeten, kostet es manchen Kampf. Die
Geschichte aller Religionen ist eine Geschichte der Krankheiten des menschlichen
Geistes. Besuchen Sie die Lehrsäle der Philosophen, saugen Sie an dem Marke
alter und neuer Weisheit, lassen Sie sich in dunkeln gotischen Hallen, in
griechischen Tempeln, in jüdischen Sinagogen, in türkischen Moscheen das
unverständliche Etwas predigen, das die Menschenköpfe verrückt macht, welches
das menschliche Fleisch vergiftet hat von Anbeginn an, das den Wahnsinn auf die
Erde gerufen und alle Kammern des Elends und Gräuels geöffnet hat.«
    Eduards Wunde brannte heftig, der Graf brach das Gespräch kurz ab; bald
darauf entfernte er sich. Es vergingen einige Tage, ehe er wieder kam. Er sprach
von seiner nahen Reise und gab zu verstehen, dass er es gerne sehe, wenn Eduard
ihn begleitete. Unmittelbar berührte er nie wieder jene zuerst geäusserten
Grundsätze, doch blickten sie bei jedem Gespräche durch, so mild und anscheinend
verträglich es auch geführt wurde. »Wenn ich von Kunst spreche,« sagte er eines
Tages, »so habe ich immer nur die griechische im Sinn; sie allein ist es, die
unverhohlen dem Menschen dient, nicht einem Gespenste. Wenn ich die Reize eines
schönen Jünglings, eines vollen Mädchens sehe, so habe ich da etwas Wirkliches;
der lachende Faun, der drohende Zeus, wer verstände sie nicht? wer labte sich
nicht an der schönen frei ausgesprochenen Form; das Colorit des Titian ist
ebenfalls wirklich - gesund, doch ein Bildchen von Fiesole ist eine Krankheit,
mit Pinsel und Farbe beschrieben. Poesie und Musik dulden ebenfalls kein anderes
Element, als die Sinnlichkeit, wenn sie sich nicht in ein Nichts auflösen
sollen. Die meisten Legenden sind unter den Händen ihrer Bearbeiter
Liebesgeschichten geworden, wo der Heilige den Liebhaber, die Heilige die
Geliebte spielt. Die Rigoristen, die Bilder und Lieder verbannen wollen, fallen
in noch gröbere Verirrungen.«
    Eines Tages holte der Graf ein Buch aus der Tasche, es waren Wilhelm
Meisters Lehrjahre. »Ein sonderbares Buch,« rief er, »da ist nun ein Mensch, der
durch das Leben geht, ohne sich um das Schwarz und Weiss zu kümmern, mit welchen
wir alle Dinge um uns bemalen.« Eduard meinte, dass das Buch geschrieben sei, um
die Bühnenkunst auf eine höhere Stufe zu heben; der Graf lächelte und kam mit
einer Wendung wieder auf seine eigentümlichen Meinungen und Ansichten zurück.
»Dieses und ähnliche Bücher,« sagte er, »sind mir lebende Zeugnisse, dass eine
gesunde sinnliche Entfaltung das Höchste in der Poesie leistet. Den Tumult der
Leidenschaften, das rote Pulsiren eines heissen Herzens, das lechzende Verlangen
sinnlicher Glut, und das höhnende Gespött über die Anmassungen des Geistes, das
ist der heftige Lebensatem, der die Brust der Göteschen Muse schwillt;
nirgends Krankheit, überall Muskelfülle eines Laokoon und süsser Aphroditenreiz.«
    Eduard wandte kleinlaut ein, dass eine solche Ansicht ihm gefährlich schiene,
indem dadurch der Unterschied zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Sünde sich
verdunkle. Der Graf rief dazwischen: »Es gibt keine Sünde, wie es keine Tugend
gibt. Nennen wir den Orkan, der Bäume entwurzelt und Felsen erschüttert, Sünde?
er ist ein und dasselbe, mit dem Frühlingsgesäusel - eine Naturkraft, eine blosse
Erscheinung; nur unsere kurzsichtigen Begriffe nennen das Eine verderblich, das
Andere beglückend. Ein durch sinnlichen Uebergenuss sich hinrichtender Mensch,
ist mir nichts als eine Erscheinung; ich tadle oder lobe ihn eben so wenig, als
ich einen Baum lobe oder tadle, der durch Blütenfülle hinwelkt. Sonnenschein,
früher Regen, zu fetter Boden waren die Ursache seines Falls, dagegen gibt es
Tausende, die anders gestellt, günstigere Strahlen saugen; aber ich bedaure das
arme krüppelhafte Gewächs, das ein Ziergärtner frühe in ein trocknes Gerippe
einsperrte. Es wird eine Zeit kommen, wo alle Religionen, alle Philosopheme in
den Staub sinken und die Menschen, von aller Krankteit, von allem Elend
genesen, wieder nackend in die ewigen Quellen des Paradieses tauchen.«
    Nach einer Weile setzte der Graf hinzu: »Da ist nun der Herzog; anstatt sich
gesund auszubilden, wie er Anfangs versprach, nährt er den geheimen Schaden und
jetzt ist die Krankheit da. Schade um die schönen Anlagen. Mit einem am Felsen
angeschlossenen Prometeus, der mit seinen Ketten gen Himmel zürnt, kann ich
Mittleid haben, nicht aber mit einem Knaben, der aus Furcht vor der Rute auf
die Worte seines läppischen Lehrers schwört.«
    Eduards Krankheit brach immer dergleichen Gespräche ab, doch liess der Graf
es sich nicht nehmen, täglich am Lager des Jünglings zu erscheinen, ja er wachte
sogar Nächte hindurch und horchte den Fieberphantasien. Oefters zog er ein
Manuscript aus der Tasche und las die Geschichte seines Lebens, die sich in
finstern Bildern um das Kloster in den Apenninen bewegte. Einst entschlief unser
Freund, und ein seltsamer Traum neigte sich auf ihn herab. Wie aus weiter Ferne
tönte ein altes vergessenes Wiegenliedchen, das er seine verstorbene. Mutter
singen gehört zu haben sich erinnerte. Die Töne rannen wunderbar in ein Bild
zusammen und er sah sich selbst in der Kinderstube, wo er aufgewachsen, wieder;
eine Gestalt sass abgekehrt von ihm am Fenster: am Band der Haube, am Contour der
Wange erkannte er seine Mutter. Ein Schauer der Rührung befiel ihn, es trieb
ihn, das Antlitz zu sehen, aus dessen süssen Liebesaugen sich einst der Himmel in
seiner Brust entzündet hatte; doch ein inneres Grauen, dessen Grund er sich
nicht erklären konnte, bannte ihn fest an seinen Sitz. Er betrachtete einen
Tisch vor sich; er lag voll Spielzeug, wohlbekannte Püppchen, doch die
Vergoldung an den Soldaten war matt geworden und ein dicker Staub lag auf jedem
Dinge. In seinem Herzen brachen die Knospen der ersten Jugend auf, seine Seele
trank jene frühe Unschuld und Engelsfreudigkeit, die Töne der Wiegenlieder
drangen mit Ungestüm in seine Brust, und weiteten mit kühlendem Flügelschlage
sein Inneres aus. Vergnügt schob er jetzt die Sachen zusammen, und sie in eine
bunte Reihe ordnend, konnte sein Auge sich nicht satt sehen an dem bunten
Schmucke der Puppen. Sie alle waren ihm bekannt, er wusste den Namen einer jeden,
doch während er sie, eine nach der andern, aus dem Kästchen hervorholte, riess
sich sein Finger von ungefähr an ein hervorragendes Nägelchen, das Blut tropfte
heftig, und befleckte die zarten Gestalten. Wie er im Schmerze nun die Puppen
von sich warf, bemerkte er, wie jedes Figürchen auf dem Boden sich krampfhaft
herumwand, wie sie immer grösser wuchsen, und endlich ihn und seinen Stuhl
umringten, indem sie die bleichen, verzerrten Gesichter über seine Schulter
senkten. Es waren Robert, Massiello, der Herzog, der Abt, Jokonde und Eva, auch
Enzio und der alte Fleackwout fehlten nicht, doch allen klebte ein schwarzer,
riesiger Blutstropfe im Gesicht und an der Kleidung. Ein ungeheures Entsetzen
erfasste den Armen; er fühlte, wie er zum Spotte dasitze am Kindertischchen als
siebenundzwanzigjähriger Jüngling, er schrie laut auf, und rief den Namen seiner
Mutter; da - o, es war schrecklich - zitterte das Bild am Fenster, wie ein
wankender Schatten, den die Laterne eines Vorübergehenden auf die Wand eines
gegenüberstehenden Hauses wirft, das Antlitz wandte sich langsam um und Eduard
erkannte ein seltsames fremdes Gesicht. Die Haube war verschwunden, statt ihrer
zog sich ein weisses Tuch halb über die Stirne, und eine Seitenlocke, die sich
gelöst, hing auf den Hals herab. Die Gestalt hob die Arme, als wollte sie den
Jüngling zu sich winken, ein ernstes Lächeln lag wie ein schwindender Glanz auf
den stolzen Zügen. Mit Gewalt wollte er zu ihr, da fühlte er seine Hand gefasst
von einer kalten Berührung, zugleich schob ein voller Mädchenarm über die
Schulter ihn ein Billet in den Busen. Ein stechender Schmerz stieg wie ein
Misston in die feinsten Nervengänge seines Gehirns hinauf, er fühlte, wie die
Mädchengestalt sich über ihn beugte und ihre Lippen seine offene Brust glühend
berührten. Er erwachte, die Wunde auf der Brust war aufgesprungen, der Graf sass
an seinem Lager und hielt die Rechte des Kranken gefasst. »Wo ist meine Mutter!«
schrie dieser und warf den irren Blick in das dämmernde Gemach - »wo ist sie!
sie hat mir etwas sagen wollen.« Der Graf beugte sich über ihn, er hatte den
Zustand der Wunde bemerkt, und indem er die Tücher neu ordnete, fiel ein
zusammengefaltetes Papier ihm in die Hände, Eduard griff darnach; »ich weiss,«
rief er, »eine Gestalt, die mir bekannt schien, hat es mir eben in den Busen
gesteckt.« Der Graf sah ihn mit grossen Augen an - »Sie träumen noch,« rief er,
»es ist Niemand im Zimmer gewesen als ich, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,
dass ich nichts von diesem Papier weiss.« Eduard hatte es entfaltet und las die
Worte mit einer zierlichen Hand geschrieben: »Überdruss, Kälte und Verachtung
umklammern ein Herz, das für Liebe, Freiheit und Tugend geschaffen ward! O wenn
Du mir folgtest, Jüngling!« - In Eduards Kopfe vermischte sich Traum und
Wirklichkeit, mit dumpfer Beharrlichkeit dachte er den rätselhaften Gestalten
nach, ohne zu einem Resultat kommen zu können, bis er endlich erschöpft in die
Polster seines Lagers zurücksank; der Graf ergriff jene Zeilen, die der Hand des
Erschöpften entglitten, und rief, nachdem er sie flüchtig durchlaufen: »Nun
wahrlich, hasste ich nicht ohnedies alles Geheimnisvolle, so würde ich mich
dennoch schämen, der Beförderer solcher Gemeinplätze und abgeschmackter Phrasen
zu sein. Wo dergleichen Torheiten beginnen, hört sogleich alle gesunde Vernunft
auf. Lassen wir den Spuck, junger Freund, wahrscheinlich hat ein verschmitzter
Bote, von irgend einem schönen Kinde gesandt, Mittel gefunden, das läppische
Geheimnis Euch unvermerkt aufs Lager zu schleudern.« Eduard antwortete nicht,
sein inneres Auge war auf die Gebilde des Traums geheftet, besonders auf die
Gestalt, die seine Mutter vorstellte und dennoch nicht war. Er hätte weinen
mögen, als er leise jenes alte Jugendlied vor sich hinsang, und nur die
Gegenwart des Grasen drängte Tränen wie Worte in seine Brust zurück. Als jener
fortging, verfiel er in einen langen, wohltätigen Schlummer.
    Mehrere Wochen waren auf diese Weise dahingegangen; die Nachricht war
eingelaufen, dass die fürstliche Braut bedeutend krank liege und sich auf ein
nahe gelegenes Lustschloss zurückgezogen habe; der Herzog war verreist, man wusste
nicht wohin; es herrschte in der Residenz Trübsal und Verwirrung, im Geheim
erzählte man sich von der Ankunft eines Mannes, welcher als Haupt einer
weitumfassenden Verbindung politische Reformen zur Absicht habe. Es hatte sich
ein Kreis von Missvergnügten um ihn gebildet, und die Gestalt der Dinge war durch
die mannigfaltigsten Umstände schon wesentlich verändert worden. In diesen Tagen
erhielt unser Eduard ein Schreiben von der Oberhofmeisterin, in dem sie ihn
aufforderte, das Bild des Fräuleins Magdalena, welches er einmal dem Fürsten
versprochen hatte, zu malen. Als er eben diese Zeilen las, traten der Abt und
Massiello herein. Sie freuten sich, ihren Freund so gesund zu sehen, und es
wurde von nichts als von Reiseplänen gesprochen. Eduard konnte sein Missbehagen
nur schlecht verbergen; er hatte sich vorgenommen, den Fürsten, das Fräulein,
den ganzen Hof nicht wieder zu sehen und nun wurde er durch jenen Brief wieder
in den verhassten Kreis hineingezogen. »Auch wir reisen,« rief Massiello in einer
exaltirten Laune; »ich will doch wirklich sehen, ob alles so gut und trefflich
ist, wie Gott seine Schöpfung rühmt im ersten Buch Mose; heutzutage muss man
durchaus keiner gegebenen Versicherung glauben beimessen; übrigens will ich
diesen jungen Menschen - er zeigte auf den Abt - in die Welt einführen.« Der Abt
lächelte und sagte: »Wir entfliehen eigentlich nur dieser
Stillen-Freitag-Stimmung, welche sich hier Platz gemacht hat. Man redet und isst
seit langer Zeit nichts Gutes mehr.« »Vielleicht,« rief Massiello, »treffen wir
Dich, Du Süsser, in irgend einer kapitalen Stadt, wo Du mit deinem Prinzip der
reinen Bestialität herumwandelst, indessen wir als ein paar essende und singende
Menschen hinein und wieder durchschwärmen. Es ist in diesen Tagen mir auch ein
ganz neuer Stoff zu Oper und Ballet gekommen, und zwar aus einer erz-frommen
Zeit, wo jeder auftretende Vater gleich von vorn herein ein Erz-Vater ist,
nämlich aus Abrahams Zeit, durch welches Stück ich mir dereinst einen sehr
warmen, bequemen Platz im Schosse dieses Mannes im Himmel zu bereiten gedenke.
Die Oper führt den Titel: Die Bitte um Fruchtbarkeit. Zuerst erscheint Abraham
und tanzt ein etwas frivoles Solo, im Hintergrunde sekundirt ihn Sara mit
einigen Hirtinnen des Tals Mamre, dann tritt eine Hirtin vor, und gesteht unter
Begleitung von Janitscharenmusik, vermischt mit Trompeten und Pauken, in zarter
Verschämteit, dass sie sich Mutter fühle, wobei sie einige decente Sprünge macht
und sich entfernt. Abraham hat sie verstanden und wütet, indem er sein Loos
beklagt; es folgt ein Pas de deux mit Sara, das in leidenschaftlichen kurzen
Sätzen von der Musik begleitet wird. Der Erzvater lässt sich offenbar zu
zürnender Ungerechtigkeit verleiten, Sara spielt im gekränkten Selbstgefühl das
leidende Weib, und bleibt zuletzt, mit dem rechten Fuss radschlagend und es
wagerecht stolz gegen Abraham hinschleudernd, auf dem linken drei Minuten lang
stehen, mit dem vollen glänzenden Lächeln gekränkter Unschuld. Ungeheures
Applaudissement; der Vorhang fällt. Den zweiten Akt eröffnet ein Engel, mir der
Arie di tanti palpiti - er zieht sich in ein Gebüsch zurück; Sara erscheint,
indem sie ihre Bitten vorträgt; man bemerkt im Hintergrunde einige moralisch
verdorbene Hirten, welche sich moquiren. Die Musik ist bei dieser Stelle
durchaus unfruchtbar und deshalb aus einigen beliebten neuen Componisten
entlehnt. Jetzt tritt der Engel hervor, und Sara tanzt mit ihm, doch merkt man
schon, dass es ihr schwer wird. Abraham hat sich indes bei den Hirten erkundigt,
wer der junge Mann sei, und da er nichts hat erfahren können, stürzt er
eifersüchtig in den Vorgrund. Sara lächelte still, und spielt in einer artigen
naiven Arie auf ihr fast hundertjähriges Alter an; der Engel erklärt sich und
seine Sendung, Abraham jauchzt auf, Hirten und Hirtinnen füllen die Bühne, und
die Scene schliesst mit der Menuet aus dem Don Juan. Im dritten und letzten Akt
erscheint Isaak; er macht eine anständige Verbeugung gegen das Publikum, und
gesteht, dass er es selbst nicht geglaubt habe, dass er noch erscheinen werde. Er
nimmt darauf Unterricht im Tanz und leistet etwas Unglaubliches, die gerührten
Eltern und das ganze Tal Mamre klatscht Beifall. Die moralisch verdorbenen
Hirten sind zu ihren Verwandten in die Städte Sodom und Gomorrha gegangen, und
man sieht diese beiden verdammten Residenzen im Hintergrunde aufbrennen. In der
Schlussscene erscheint Adam als Harlekin, Eva als Colombine, der böse Geist als
Dottore, die Gegend verwandelt sich in das Paradies; ein Orangoutang tanzt mit
einer jungen Aeffin ein komisches Pas de deux, Löwen und Kameele gehen über das
Teater, ihnen folgt der Hund des Aubri und der Kater Murr; alles treibt sich
bunt durcheinander, ein militärisches Manöver und der marseiller Marsch
beschliessen das Ganze. Nicht wahr, Freunde, eine grossartige Composition?« -
    Eduard und der Abt hatten gelacht, doch der letzte lenkte schnell ab und
sprach vom Grafen. »Haben Sie bemerkt, Teurer, dass dieser Mann sich nichts
geringeres vorgesetzt hat, als der Zeit eine Richtung zu geben. Wenn ich nur
dergleichen nicht fände; was soll das, wozu führt das? Da sitzt eine halbe
Million Menschen auf dem Erdboden verteilt, und horcht und lauscht an den Boden
gedrückt, ob sie nicht den Schritt der Zeit vernehmen. Mit lauter Entwürfen, die
Zeit einzurichten und zu gestalten, geht sie ihnen selbst ganz ungenützt dahin;
sie gleichen einem Kinde, das so viele weitläufige Anstalten zu einem Spiele
trifft, dass darüber die Spielstunde zu Ende läuft. Doch an dieser Krankheit
liegt jezt die ganze Welt nieder. Wir ahnen Grosses und Entsetzliches, und
stämmen Hände und Leiber vor, als wollte eine Wand einstürzen, und nachher, wenn
nichts stürzt, so stehen die tausend gehobenen-Arme und gebückten Leiber äusserst
possirlich da. Ein kluger Mann muss, wie in einem übelgebauten Wagen, so auch in
einer schlimmen Zeit, immer noch ein Plätzchen ausfinden können, wo es sich
leidlich bequem sitzen und träumen lässt.« - Massiello hatte sich auf einen
Lehnsessel geworfen und indem er beide Hände vors Gesicht schlug, stiess er einen
tiefen und durchdringenden Seufzer aus. »O, ich bin müde zu leben,« rief er;
»ich finde keine Worte, für den Ekel, der mich ergreift! Alle Erscheinungen
haben sich schon bis zum Überdruss in mir wiederholt, und ich bin jeder
Erbärmlichkeit vertraut geworden. Es ist alles nichts, alles fad, alles todt,
staubig, verkohlt - erbärmlich!« -
    Eine lange Pause entstand, dann gingen die Freunde still auseinander, keiner
vom Wesen des andern erbaut und erkräftigt.
    Eine Frist, die unser Freund vom Arzte sich hatte vorschreiben lassen, war
verlaufen und es fand sich keine Entschuldigung mehr, die den längern Aufschub
des Besuches im Schloss hätte möglich machen können; so trat er denn eines
Abends zu Pferde, von einem Diener begleitet, die Reise an. Der Frühling war in
seinem vollen Glanze erwacht, die lezten rauhen Atemzüge des Winters
verhauchten in dampfende Nebel, der die tiefsten Täler noch einhüllte, goldne
Strahlen entzündeten die Welt, und leichte süsse Gesänge wiegten sich auf den
sprossenden Zweigen. Gegen die Nacht kam ein Gewitter herauf und ein warmer
qualmender Brodem stieg mit einem betäubenden Geruch aus dem Boden des Waldes,
einige dumpfe Schläge ertönten, dann herrschte tiefe Stille und während der
matte Glanz der Blitze um die Blüten herumfuhr, tropfte ein warmer Regen
nieder. Eduard hatte sich mit seinem Diener unter einem Baume niedergelassen und
den Rock aufgeknüpft; zum erstenmal wieder schmerzte ihn seine Wunde
empfindlich, und er musste gebückt sitzen, die Hand auf dem entblössten Busen. Das
geheimnisvolle Blatt kam ihm wieder in die Hände, er heftete in der Dunkelheit
sein Auge drauf, und es war ihm, als sähe er wieder jene blendend weisse Hand
über seine Schulter reichen, um ihm das Papier zu entreissen, heftiger schloss er
es an sich und blickte um. Tiefe Finsternis hüllte jezt den Wald, heftig
rauschte der Regen und leuchtende Blitze schossen nieder. Eine Unruhe, die er
sich nicht erklären konnte, trieb ihn an, das Pferd zu besteigen und in die
Nacht hinein sein Ziel zu verfolgen. Das Wetter liess bald nach, und als unser
Reiter bei den ersten frischen Morgenstrahlen aus dem Walde herausritt, zeigte
sich ihm das Schloss und seine Umgebungen. Es lag in romantischer Wildheit am
Abhang eines Berges und ein Teil desselben lehnte sich in starren Umrissen an
eine schroff emporsteigende Felswand. Brücken, hier und da noch mit dem
altertümlichen Schmuck früher Jahrhunderte versehen, liefen über Abgründe und
verbanden die schweren Massen mit einander, sicher und zierlich aufsteigende
Türme und Türmchen umstellten den Bau wie schützend nach allen Weltgegenden
hin und auf den spitzigen Dächern blitzten im Abendlicht die blanken Knöpfchen.
Weiter unten, halb im Tal, erhob sich ein modernes Gebäude, zierlich
ausgestattet, vom hellen Grün schön geordneter Baumgruppen umschlossen. Eduard
stieg hier vom Pferde und auf seine Frage nach dem Schlossintendanten wies man
ihn hinauf in die fürstlichen Zimmer. Alsobald machte er sich auch auf den Weg.
Oben auf der altertümlichen Stiege kam ihm ein Diener der Oberhofmeisterin
entgegen, ihm den Eingang in den Saal öffnend. Bei seinem Eintritt erblickt er
ein Frauenzimmer, welches am lezten Fenster mit dem Rücken gegen ihn sass und
sein Erscheinen nicht zu bemerken schien. Bestürzt blieb er stehen und strich
sich über die Stirne - es war nur zu deutlich, die Gestalt aus seinem Traume sass
vor ihm. Der voraneilende Diener meldete ihn, in dem Augenblick erhob sich die
Dame und Eduard erkannte die Fürstin, die ihn huldreich begrüsste. Von ihrem
Schosse fiel, indem sie aufstand, ein Stickmuster zur Erde und als sie sich
bückte es wieder aufzuheben, löste sich die eine Seitenlocke und sank auf den
Hals nieder. Eduard starrte die Prinzessin an, einige Worte stammelnd, welche
nur zu deutlich seine innere Bewegung verrieten, in dem Moment öffnete sich
eine Tür und Fräulein Magdalena trat herein. Ein ausgewählter Morgenanzug
schloss sich ihrem schönen Wuchse an, in ihrem Gesichte lag eine ungewöhnliche
Blässe, mit der das volle rötlich braune Haar contrastirte. »Werden Sie mir
vergeben,« nahm die Fürstin zu Eduard gewendet das Wort, »wenn ich die
Veranlassung bin, dass Sie aus dem Kreise ihrer Freunde, aus den bunten Zirkeln
der Residenz sich haben losreissen müssen, um meinem Wunsche zu genügen, das Bild
meiner lieben Freundin,« sie zeigte auf das Fräulein, »zu malen; sie will uns
verlassen, meine zärtlichsten Wünsche haben nichts über ihren unbeugsamen Willen
vermocht, als nur die eine Vergünstigung, ihr Bild mir ausbitten zu dürfen.« Das
Fräulein neigte sich bei diesen Worten mit einem Kusse auf die Hand der Fürstin
nieder. Diese Handlung gab Eduarden plötzlich seine ganze Fassung wieder, er
glaubte die Heuchlerin zu entdecken, der kein Mittel zu gering war, sich in die
Gunst der durch sie beleidigten Fürstin wieder einzudrängen, ja er meinte, das
Feuer dieser grossen blauen Augen, die eine Zeitlang auf ihm geruht hatten, zu
verstehen, das Rätsel jener geheimnisvollen Worte löste sich - sie, sie, rief
er bei sich, sie hat dich hergerufen - ihr entschlüpften jene Drohungen und
Winke. Eine Kälte erfüllte seinen Busen, das Gespräch, die Umgebung, die Wände
des Gemachs, ja das ganze finstere Schloss drängte jetzt beängstigend auf ihn
ein. Der Widerwille, der Hass gegen das Fräulein stieg so hoch, dass er jeden
Augenblick fürchten musste, dass sein offener Charakter an ihm zum Verräter
werden möchte; nur der Anblick der Fürstin, die ihn immer von Neuem an seine
Mutter erinnerte, war im Stande, ihm den Gedanken an einen längern Aufentalt in
dieser Umgebung nicht zur Marter zu machen.
    Als unser Freund später zur Abendtafel erschien, trat mit ihm ein ältlicher
Mann mit ehrwürdigen Zügen, den die Fürstin als Freiherrn von Werner, den
Intendanten des Schlosses, vorstellte, wo Eduard seinen Wohnort aufschlagen
sollte, ein. Das Fräulein sprach wenig, ein grüner Schirm bedeckte ihre Augen
vor dem Glanze der Kerzen, und da sie den Kopf gesenkt hielt, gewahrte der Blick
nur die zarte Rundung und Weisse des Kinnes, so wie ein schön gebildetes
blassrotes Lippenpaar. Oefters reichte ihr die Fürstin die Hand über den Tisch
und sagte: »Nun Liebe? - so traurig!« Eduard höhnte im Innern die welke Zarteit
und spröde Resignation; alles an diesem Wesen erschien ihm falsch, er sehnte
sich nach der heissen, offenen Sinnlichkeit Era's. Mit Entzücken vernahm er den
Abschiedsgruss der Damen, Ketten sanken von seiner Brust, und er eilte mit dem
Baron über die vielen Brücken und Stiegen dem neuen lichten Gebäude zu, in dem
er die erste Nacht nun zubringen sollte. Hier hatten alle Gegenstände ein
durchaus verschiedenes Äussere; im Wohnzimmer, in welches der Freiherr ihn
führte, war die Familie versammelt und begrüsste den Ankömmling offen und
freundlich. Der Baron war Wittwer, seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter und
einen Sohn geschenkt. Die erste war ein kleines lebendiges Wesen mit
hellbraunen, unstäten Augen; sie besorgte die Wirtschaft, es zeigte sich jedoch
bald, dass sie bei diesem Geschäft mit der grössten Eilfertigkeit und
Zerstreuteit zu Werke ging, und hundert Dinge vergass oder falsch ausrichtete;
man sah ihr den Wunsch an, immer wieder so schnell als möglich ihren Platz
einzunehmen bei einem Manne in den mittleren Jahren, der sich unserem Freunde
als einen Journalisten aus der Residenz ankündigte. Den Bruder Sophiens, ein
junger Mensch von blühendem Aussehen, bezeichnete seine Kleidung als einen
Forstzögling aus einem nahen Waldstädtchen. Bei seiner kräftigen Jugend und
männlichem Geschäfte trat eine grosse Weichheit seltsam contrastirend bei seinem
Benehmen, so wie bei der Gesichtsbildung, deutlich hervor. Er stand lange,
während ein munteres Gespräch in der Stube durcheinanderkreuzte, stillschweigend
an's Fenster gelehnt und blickte hinaus auf das einsam erleuchtete Zimmer im
Schloss, welches in die Nacht herab glänzte; sein Vater trat endlich zu ihm,
und indem er etwas unsanft in die blonden Haare des Träumers fuhr, fasste er ihn
um den Leib und zog ihn in die Stube hinein. »Mein Sohn August,« rief er
Eduarden zu, den Jüngling vorstellend - »Forstkadet in R -.« Man setzte sich zum
Nachtische, den Sophie besorgt hatte, und in dem Moment trat ein ältlicher Mann
ein, den der Hausherr Ottfried nannte und als seinen jüngsten Bruder
bezeichnete. »Ich bin mit meiner Familie,« fuhr der Baron fort, »in eine
sonderbare Verwirrung geraten; ein Teil, zu dem mein Bruder auch gehört, ist
offenbar zu alt, der andere - dort meine lieben Kinder, möchten fast ein wenig
zu jung sein, es fehlt an einem gewissen Mittelstand.« - »Den bildet doch wohl
unser Freund dort,« sagte Ottfried, indem er auf den Journalisten zeigte. -
»Gott behüte,« rief dieser, »ich gehöre unbedingt der neuen und neuesten Zeit
an, es gibt kein Bündnis mit alten Irrtümern; Krieg, offener Krieg und keine
Vermittelung ist mein Wahlspruch.« Er sprach diese Worte wie im Scherze leicht
hin, dennoch war es nicht zu verkennen, dass seine wahre Ansicht sich nur dürftig
maskirte, um in Gegenwart eines Fremden, dessen Gesinnungen ihm noch ein
Geheimnis waren, nicht zu entscheidend aufzutreten. Sophie liess sich angelegen
sein, ihrem Freund allerlei Leckerbissen zuzuwenden, und dieser zog endlich zum
Dank für diese zarte Aufmerksamkeit die neuesten politischen Blätter hervor,
indem er sich anschickte, Einiges daraus vorzulesen. »Halt, halt, Teuerster,«
rief der Baron, »lassen wir unsern jungen Freund nicht gleich zum Willkommen die
alten kreischenden Trompeterstückchen hören, die jetzt alle Ohren gellen machen
- nachher, nachher findet sich wohl ein Stündchen; besser wird es sein, etwas
über unsere Bekannten in der Residenz zu vernehmen.« Der Doktor schlug seine
Blätter mit merklichem Unwillen zusammen, und Eduard ward aufgefordert, zu
erzählen. Das Gespräch kam auf die Poesie und die neuesten Erscheinungen in
diesem Fach. »Wenn wir davon reden sollen,« nahm der Journalist wieder das Wort,
»so ist die erste und wichtigste Frage, was suchen wir heutzutage in der
Poesie?« - »Zerstreuung, Erheiterung, Erhebung aus der verwirrten dumpfen Zeit,«
rief der Baron mit Nachdruck. - »Freilich wohl,« nahm der Erstere wieder das
Wort, »Erhebung - das soll sie uns geben und das wird sie. Gottlob, die Zeit ist
vorüber, wo diese edle Kunst, wie alle übrigen, nur dem Kitzel der Höfe diente,
und ein paar tausend Menschen mit ihr wie mit der Puppe spielten. Drum nichts
von Zerstreuung, Erheiterung - wir sollen nicht zerstreut, erheitert werden;
eine finstere, tatendrängende Zeit fordert Arbeit, Mühe, schnelle begeisterte
Wirksamkeit. Der Brand umgestürzter Reiche, der alten Gerüste und Satzungen hat,
so wie das Blut untergegangener Generationen, den Boden gedüngt, und die
hellstrahlende Sonne ächter Aufklärung zeitigt jetzt in jäher Schnelle die
aufkeimende Saat; alles ist Regung und Bewegung; der scharfe tragische Dolch der
Muse, mit dem die Hand früher gespielt, jetzt gilt es, in einer Männerfaust
seine Schärfe, seine hartgeschliffene Spitze zu erproben. Hinweg mit der
markausspülenden Weichlichkeit jener Poeten, deren Faunsgesichter, von
Perückenlocken umschattet, mit lüsterner Gier in den Falten des alten
Paradebetts lauschen, wo die alte buhlerische Koquette der Despotie sich ziert
und winkt. Die morschen Pendülen mit den Porzellanmöpschen und Schäferinnen
haben ihre letzte Stunde gewispert; ein wunderbarer Sturm rauscht hinter jenen
Tapeten und rüttelt an den versteckten Türen, durch welche Wollust und Verrat
einschlichen. Ein flammenschöner, in jungfräulicher Herbigkeit felsenharter
Joseph reisst sich die junge Freiheit aus den verfolgenden Armen der alten
Koquette, welche in welker Ohnmacht zurückbleibt; gerne opfert er den Mantel,
alles irdische Gut, wenn er nur das himmlische seines Busens rettet.«
    Ein Schweigen trat ein nach diesen lebendigen Worten, Sophie schmiegte sich
an den Sprecher und sah ihm in die funkelnden Augen. Der Baron nahm das Wort und
sagte: »Ihr habt vollkommen recht, Doktor, unter den grauen mittelalterlichen
Schutt von zerbröckelten Kirchtürmen, den altmodischen Porzellanmöpschen und
Perücken gehören auch jene albernen gotischen Irrtümer von Andacht, Liebe,
Begeisterung, und Ihr tut wohl daran, wenn Ihr drauf besteht, dass alles
miteinander ausgekehrt werde, damit aus der alten wunderlichen Kinderstube des
Menschengeschlechts, voll summender Mährchen und Kindergebete, ein feiner
offener Salon werde, wo politische Zeitschriften gelesen werden können, und man
über den neuesten Wechselcours verständige Betrachtungen austauschen kann.« -
»Wir werden uns nimmermehr verstehen,« fuhr der Journalist auf, »und es wäre
besser, es käme nie zu einem so unfruchtbaren Austausch; desto besser hat mich
hier meine junge Freundin verstanden, nicht wahr?« - Sophie errötete und neigte
ihr Antlitz tief herab, dann hob sie es langsam, und ein Blick auf den Vater
zeigte, dass ihre Zunge es nicht wagen dürfe, offen den Beifall zu äussern, den
sie im Geheimen den Worten des Redners gab. - »Ich erlebe es noch,« fuhr der
Baron fort, »Sie, Herr Doktor, im offenen Kampf mit Fürst und Tron zu sehen;
vielleicht treffen wir uns noch in einem engen Gewahrsam wieder, wo wir beide
Zeit genug behalten, einer an dem andern Proselyten zu machen.« - »Ich stehe
überall meinem Mann,« erwiderte der Angegriffene, »und gehe, wie Jeder
heutzutage, gewappnet umher; doch möchte mir gerade das tätliche Eingreifen
nicht als Beruf gegeben worden sein, es gibt im Felde der Ideen noch zahllose
rühmliche Kämpfe zu bestehen. Hier, wie in jeder kräftigen Weltsache, gehen der
falschen Apostel in Menge herum, und es fehlt am Judas nicht, der die Freiheit
um dreissig Silberlinge verläugnet. Zahllose Meinungen schweifen in der Irre
umher und bekämpfen im Irrtum und in der Finsternis sich selber, der Taumel
wächst hier zum frechen Übermut, indes der Eifer für die gute Sache dort im
trägen Indifferentismus unterzusinken droht, dort ist also Zaum, hier sind
Sporen nötig, und so gibt's für einen Kopf, dem Ernst und Klarheit geworden,
genug zu tun, Einheit und Richtung in die wogende, drängende Masse zu bringen.
Gab es einmal eine Zeit, wo es lieblich, erlaubt und schön war, den Geist in
eine poetische Ferne zu tauchen, am verklärten Schmerz und Entzücken sich zu
berauschen, im Reiche der Phantasie zu leben, so muss das jetzige Geschlecht
diesen Genuss aufgeben und dafür die Ehre haben, Taten auszustreuen, die den
kommenden Geschlechtern Stoff zu Liedern und Hymnen geben. Es genügt nicht, in
Ruhe die kunstreichen Gebilde auf dem Schilde der Minerva zu betrachten, sondern
es gilt, ihn zu führen im Streite.«
    Der Baron erhob sich und auch die Andern brachen auf, man trennte sich, um
zu Bette zu gehen. Ottfried kam auf unsern Freund zu, und indem er ihm die Hand
drückte, bat er ihn, sich in das Profil zu stellen. Eduard tat es, und der
freundliche Mann sagte nach einer Pause, während deren er ihn aufmerksam
beobachtet hatte: »Nicht wahr, Sie sind ein Dichter? gestehen Sie es nur, ich
trüge mich nicht.« Eduard gestand, dass er Verse niedergeschrieben. »Ja, ja,«
rief Ottfried, »o mein Freund, ich habe Ihnen viel zu vertrauen, doch das zur
gelegenern Stunde.«
    Als Eduard sein Zimmer erreicht hatte, löschte er schnell die Kerzen aus,
und liess den vollen silbernen Strom des Mondlichts über den Schreibtisch und
Armstuhl auf den Boden fallen, er trat an's Fenster und es öffnend, blickte er
auf das gegen die finstere Wolkenwand weisslich hervortretende Schlossgemäuer. Die
Fenster schillerten im Mondglanz und es sah aus, als gäbe es drinnen ein
prächtiges Fest. Alles umher war Ruhe und Stille; noch eben hatten
leidenschaftliche Worte einer Menschenrede an sein Ohr getönt, sie waren
verhallt, und durch das Schweigen des Grabes tönte das leise Geflüster der
Blätter der unter seinem Fenster aufstrebenden Baumgipfel. Jetzt strich ein
Luftzug durch's Gemach, und die Papiere auf dem Tische flogen auf, er sah im
Schloss ein einsam wandelndes Licht die lange Fensterreihe durchstreifen, und
die Uhr im nahen Dorfe schlug die zwölfte Stunde. Er suchte das Bett und sank
bald in einen tiefen Schlaf.
    Als er am Morgen sich zum Frühstücke einfand, sass Sophie allein da, und
beschäftigte sich mit den Tassen. Sie stand sogleich auf, und nach einigen
gleichgültigen Reden sagte sie: »Die Augenblicke sind selten, wo es einem
gestattet wird, Blicke in das Innere eines Menschen zu tun. Sie, mein Herr,
haben zufällig gestern den wunden Fleck offen gesehen, der, nach Innen zehrend,
das Unglück unserer sonst so zufriedenen Gesellschaft macht. Ich kann es nicht
läugnen, ich hege den tiefsten Hass gegen die alten Formen und den Dünkel einer
Kaste, die dem Übermut und der Tyrannei keine Gränzen zu setzen weiss; offen
bekenne ich, dass mir die höhere philosophische Entwickelung der Ideen, um die es
sich handelt, gänzlich fremd ist, und dass zur Bildung meiner Ansichten gekränkte
Eitelkeit einen grossen, wenn auch nicht den grössten Teil beiträgt. Ist es Ihnen
recht, so benutze ich das halbe Stündchen, wo mein guter Vater noch zu
erscheinen zögert, um Ihnen eine Begebenheit zu erzählen, die die plötzliche
Aenderung meiner Ideen bewirkt hat, und an die ich nie ohne Bewegung
zurückdenken kann.« Eduard setzte sich zu ihr, und sie fuhr fort: »Meine gute
Mutter war nicht von adeliger Abkunft, sie hatte durch Tugenden, die eines
leeren Schimmers nicht bedürfen, das Herz meines Vaters an sich zu fesseln
verstanden; ihr früher Tod liess ihn ihren Wert auf das schmerzhafteste
empfinden. Man veranstaltete ein ehrenvolles Leichenbegängnis; und die
gewöhnlichen Festlichkeiten gingen vor sich, die, noch ein Erbteil einer
steifen, törichten Zeit, eben so drückend als belästigend für die armen
Hinterbliebenen sind. Meine Mutter besass ein kleines Ordenskreuz, welches sie
von einer teuren Freundin, die Stiftsdame gewesen, als ein Andenken erhalten
hatte, und welches immer auf ihrer Brust zu ruhen pflegte; auch jetzt befand es
sich dort, obgleich das Herz, welches in diesem Busen schlug, schon erkaltet
war. Wer hätte es wagen können, dieses Zeichen einer zärtlichen Erinnerung zu
entreissen? Und dennoch geschah es. Eine Dame von Adel, die sich mit unter den
Trauergästen befand und noch zu jenem Fräuleinstift gehörte, bemerkte nicht
sobald das Kreuz, als sie an den Sarg trat, um es abzulösen. Fast mit kindischer
Hast sprang ich hinzu, umklammerte ihren Arm, indem ich sie bat und beschwor,
von diesem Vorhaben nachzulassen, ja, ich besinne mich, dass ich in ohnmächtiger
Wut nahe daran war, ihr in den Arm zu beissen, allein sie drängte mich von sich,
indem sie leise und mit schneidender Kälte sagte: Mademoiselle, soll ich Ihre
Bonne rufen, um Sie zu züchtigen? Dann wandte sie sich zu einer nebenstehenden
Dame und sagte spottend: Das ist nun eine Erziehung, wie sie eine Bürgerliche
geben kann. Mein ganzes Wesen war Erbitterung, ich verstand jene Worte sehr
wohl, und ein grelles Licht drang in mein Inneres. O Himmel, ich glaubte die
arme Mutter jetzt jedes Schmuckes beraubt zu sehen, mein einziges Verlangen war,
mich nur gleich zu ihr in's kalte einsame Grab zu legen. In der Folge gab es
Kränkungen der Art eine Menge. So besinne ich mich, dass ich die schmerzlichsten
Tränen vergoss an einem Abende, wo alle meine Gespielinnen tanzten und jubelten;
man hatte meine vertrauteste Freundin, ein Mädchen von bürgerlicher Abkunft, auf
das Empfindlichste gekränkt, und da ich mich lebhaft ihrer annahm, musste auch
ich erfahren, dass man mir den Stand meiner Mutter vorwarf. Dies empörte mich, es
kam auf's Äusserste, und als mir, die Gescholtene zu rechtfertigen, im Eifer der
Rede die hellen Tränen über die Wangen liefen, musste ich ein schadenfrohes
tückisches Lachen hören, welches mir das Herz vollends zerschnitt. Mein guter
Vater verliess mit mir den Saal, und als ich zu Hause anlangte, musste der Arzt an
meinem Bette erscheinen, denn die Symptome eines bösartigen Fiebers zeigten
sich, welches mich auch später drei volle Monate am Krankenlager fesselte. Als
ich genas, blieb ein Stachel in meiner Brust zurück, und zum erstenmale empfand
ich eine Art von Genugtuung, als es in meine Hand gegeben ward, einem jungen
Mann von adeliger Geburt, der um meinen Besitz sich bewarb, eine abschlägige
Antwort mit aller Bitterkeit meines gekränkten Herzens zu erteilen. Bald
suchten nun Spötter auszubreiten, meine liberalen Ideen brächten den Tron in
Gefahr und was des Geschwätzes mehr war; indes fühlte ich nur zu deutlich, dass
mein Geist zur Selbstständigkeit gereift war, meine natürliche Offenheit trat
zurück, und während des Kampfes in mir beobachtete ich die strengste Kälte nach
aussen. In jener Zeit ward der Doktor, den Sie gestern kennen gelernt, in unserm
Hause bekannt, und ich kann wohl sagen, dass er mich über mich selbst völlig in's
Klare setzte. Ich gelangte immer weiter, bis zuletzt die Nähe eines so hohen und
schönen Wesens, deren Erscheinung der Doktor wie eine göttliche Sendung
betrachtet, mir eine Festigkeit, ja einen Trotz verliehen hat, mit dem ich gegen
eine ganze Welt mit den Waffen meiner Ueberzeugung anzukämpfen im Stande sein
könnte. Dies, mein Herr, sind in der Kürze die Beweggründe meiner veränderten
Sinnesart, welche ich Ihnen gestern, glaube ich, nicht undeutlich an den Tag
gelegt habe.«
    Eduard hatte dem geläufigen Fluss der Rede, so wie den sonderbaren
Erfahrungen des kleinen Wesens ruhig zugehört, und dabei seine Morgentasse
geleert. Auf der einen Seite konnte er ihr seine Achtung nicht versagen, auf der
andern musste er herzlich bedauern, dass seine offenherzige Vertraute nur zu gewiss
den Schranken entrückt sei, für die sie bestimmt war. Er erkundigte sich nach
jener wundervollen Erscheinung, deren sie am Schlusse ihrer Worte erwähnt hatte.
»Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen,« entgegnete Sophie, »es ist ihr Wille,
im Verborgenen zu wirken, gleich einer Priesterin im Allerheiligsten, wie mein
Doktor sich ausdrückt.« - »Doch nicht Fräulein Magdalena,« sagte Eduard halb
gedankenlos vor sich hin, und wunderte sich nicht wenig, als hohe Röte die
Wangen seiner kleinen Freundin übergoss. - »Sie ist's,« rief sie mit leiser
Stimme, »ich kann nun einmal kein Geheimnis auf meiner Zunge bewahren, ja, Sie
haben's erraten, Fräulein Magdalena ist's; nur bitte ich - Verschwiegenheit,
teurer Mann, Sie könnten mich sonst beim Doktor auf ewig in Misskredit stürzen.«
- »Dacht' ich's doch,« rief Eduard bei sich, »Priesterin, Sonnambüle,
Jakobinerin, Buhlerin, Alles in Allem!« Sophie wollte in ihren Erörterungen und
Geständnissen von Neuem beginnen, als die Türe sich öffnete und der Baron
eintrat. Er grüsste und nahm Platz, indem er seine Tochter aufmerksam von der
Seite in's Auge fasste; sie tat unbefangen und fing sogar an, ein Liedchen zu
singen, das durch seine falschen Töne Eduard's Ohr nicht wenig beleidigte. »Ich
wette,« sagte der Alte zu ihr, »Du hast wieder allerlei Bekenntnisse zu Markte
gebracht und nach deiner Art räsonnirt, der Kaffee ist kalt geworden und ein
Teil der Sahne ist auf's Tuch verschüttet.« Sie begütigte mit einem Handkuss den
Scheltenden und schlüpfte zur Türe hinaus. »Wenn ich doch den Unfug in meinen
alten Tagen nicht noch zu erleben brauchte,« rief der Baron, indem er ihr
nachsah; »wahrlich, in die Tiefen des Meeres möchte ich mich betten, die Kammern
der Felsen möchte ich aufschliessen, um mich vor dem Unsinn, dem leeren
polternden Treiben zu verstecken. Ich weiss, dass es nur ein Schwindel, ein Traum
ist, worin die heutige Welt befangen ist, dass dieser jammervolle Zustand bald
vorübergehen wird und muss - doch dauert er mir jetzt schon viel zu lange.« Er
sass grimmig da, und erst dann gelang es Eduarden, ihn in eine bessere Stimmung
zu bringen, als er einen Gang in die würzige Frische des Morgens vorschlug.
Unser Freund konnte sich nicht entschliessen, auf's Schloss zu gehen, um sein Werk
anzufangen. Als man den Garten entlang ging, wurde Sophie bemerkbar, die
Küchenkräuter einsammelte. »Das wird eine ächt liberale Suppe werden,« spöttelte
der Alte, »da sie wiederum es sich nicht nehmen lässt, selbst die Ingredienzen
einzusammeln; wir werden uns wohl, teurer Freund, den Hunger heute vergehen
lassen müssen.« Nach einer Pause fragte er: »Kennen Sie das Fräulein Magdalena
oben im Schloss?« - Eduard schüttelte das Haupt. »Ein treffliches Geschöpf,« fuhr
der Baron fort, »ich könnte Ihnen von Wohltaten erzählen, von in der Stille
verübten trefflichen Handlungen, doch lassen wir das, man muss seinem
Nebenmenschen auch nichts Gutes hinter dem Rücken nachsagen.« Er schwieg und
Eduard empfand durchaus keine Neigung, den Discurs fortzusetzen; in dem
Augenblick holte sie ein Diener vom Schloss ein, und brachte von der Fürstin
eine Einladung an Eduard, auf's Schloss zu kommen. Der Alte trennte sich von ihm,
und sobald er fort war, erschien Sophie mit dem Bündel gepflückter Kräuter.
»Nicht wahr,« sagte sie, »der treffliche Alte hat schon wieder über mich
gelästert? o ich bin oft der Verzweiflung nahe; wie schwer wird es uns doch, den
Schatz zu verbergen, den wir über Nacht gehoben haben! Er will mich nun einem
vernünftigen kalten Mann verbinden, einem eingefleischten Altgläubigen, der sich
nicht scheut, noch eine Perücke zu tragen und den Uz und Gleim zu lesen, mit
einem Worte, er will mich einem Pfarrer vermählen, der im nächsten Städtchen
wohnt, und von Zeit zu Zeit seine dürren aristokratischen Beine hierher in
Bewegung setzt, um mir seine Person anzutragen. Wahrlich, man kann einen Abscheu
gegen jede Verbindung bekommen, wenn man sieht, wie Ihr Geschlecht sich
vereinigt, das unserige in ein unbedeutendes läppisches Nichts hinab zu drücken.
Kindische Tändeleien füllen unsere Jugend, Sitte, Vorurteil, Männerstolz
beraubt uns nach und nach jeder höhern Wirksamkeit, und indem die Eitelkeit
Ihres Geschlechts einen Kitzel darin findet, mit unserer Erscheinung wie mit
einer geputzten Puppe zu spielen, so lange dieser der Flitter vergänglicher
Jugend und Schönheit anklebt, so findet zugleich der Stolz der Männer seine
Berechnung dabei, durch eine so unwürdige Verweichlichung unsere Teilnahme den
Angelegenheiten des Gemeinwesens zu entziehen, und unsern Geist zur Führung der
Staatsgeschäfte untauglich zu machen. Was sind wir Weiber jetzt und was könnten
wir sein? Wer mag heutzutage an Tusnelden erinnern, ohne fürchten zu müssen,
lächerrlich zu werden? und doch ist nicht Liebe, Vaterland, Freiheit ein und
dasselbe im Busen eines jeden edleren Weibes, kann sie den Mann lieben, der
unwürdigem Joche seinen Nacken beugt?« - Aus ihrem Auge stürzten, als sie dieses
sprach, Tränen, zugleich entfielen ihr die Küchenkräuter, und ein Hündchen,
welches sie begleitete, stürzte sogleich über den grünen Haufen her, und
verschleppte unter Gebell und Sprüngen die farbigen Wurzeln; die neue Tusnelde
hatte Mühe, indem sie ihm nachjagte, ihre Schätze wieder zu erlangen, als sie
zurückkehrte, war Eduard schon auf dem Wege nach dem Schloss begriffen, ein
Diener trug ihm das Malergerät nach.
    Eine Woche war vergangen, während er ziemlich eifrig an dem Bilde arbeitete,
doch mit innerem Widerstreben. Magdalena schien seine eisige Kälte zu empfinden,
manchmal zog sich ein bittendes Lächeln über ihre Züge, doch lag sie stumm in
ihrem sammetnen Lehnsessel. Die Fürstin ging ab und zu, die Oberhofmeisterin las
zuweilen ein kleines französisches Lustspiel vor. Eduard hatte nie eine ähnliche
Qual empfunden; er sah, wie unter seinen Händen die Arbeit verkümmerte, wie jede
volle Linie, jede warme Form ermattete und erstarrte, dennoch konnte er sich
einen gewissen Triumph nicht verhehlen, der in der Ueberzeugung bestand, dass es
ihm gelungen sei, auch jeden Reiz aus einer Gestalt zu verbannen, den diese nur
anwendete, um verderblich zu wirken. Er bat sich jetzt eine Ruhezeit aus, und
das Bild wurde auf sein einsames Zimmer gebracht, wo er es verhüllte und tief in
einen Winkel stellte, dann riss er das Fenster auf und lehnte sich weit in die
Dämmerung des Abends hinaus. Der Hollunder hing seine Blüte dicht am Fenster
nieder und flüsternde Pappeln ragten in den rosigen Schein hinein. In seltsame
Träume versenkt, griff er nach dem Papier und entwarf eine Zeichnung, welche er,
durch die eintretende Dunkelheit verhindert, liegen lassen musste; er lehnte
wieder zum Fenster hinaus, und sein Blick verlor sich in der unermesslichen Bläue
über ihm, dann sah er am Gebirge den ersten Stern mit rätselhaftem Glanze
aufgehen. Es war ihm unmöglich, in dieser Stimmung zur Gesellschaft hinabzugehen
oder überhaupt Menschen aufzusuchen; seine Türe verschliessend, warf er sich
auf's Lager und in wunderbaren Bildern zog eine ferne Zeit an seiner Seele
vorüber; ein nagender Schmerz bemächtigte sich seiner, zugleich gab ihm das
Bewusstsein dieses Schmerzes ein seliges Gefühl, das er in diesem Grade noch nie
empfunden hatte; so sank er zuletzt in einen wohltätigen Schlummer, durch das
offengebliebene Fenster strömte Kühlung über seine heisse Stirne.
    Als er sich am Morgen erhob, fühlte er sich abgespannt und verstört; einen
Teil der Nacht hatten Träume gefüllt, die ihm durchaus kein klares Bild
hinterliessen. Missmutig setzte er sich an den Tisch und wühlte unter den
Papieren, da kam ihm das Blatt von gestern in die Hände, er betrachtete es
aufmerksam und war nicht wenig verwundert über die Zeichnung, die es entielt.
Sie stellte einen Wald vor; ein Mann im Jägerkleide stand im Vorgrund, durch die
Bäume wurde im Hintergrunde eine fliehende weibliche Gestalt bemerkbar, die das
Antlitz mit einem schmerzlich fragenden Ausdruck umwandte und die Worte zu rufen
schien: »Warum verfolgst du mich?« Er führte das Bild vollends aus, und schrieb
jene Worte unter dasselbe.
    Als er in das Familienzimmer hinunter ging, fand er darin den Journalisten
allein, der die Arme auf der Brust verschränkt mit langen Schritten auf und
nieder ging und durch die Brillengläser feurige und unstäte Blicke umherwarf.
Als er Eduarden bemerkte, rief er freudig: »Schön, dass Sie kommen; ich muss
meinen Geist, der unerhört glüht, durch einige heitere, gleichgültige Gespräche
abkühlen, lassen Sie uns von Kunst, von Malerei sprechen. Sie malen jezt das
Fräulein; nicht wahr, eine geistreiche Physiognomie? o, das ist ein weiblicher
Marquis Posa! Man sagt, Sie werden auch vielleich die Prinzessin Braut malen -
ein anderes Geschöpf! wert eine schlichte Bürgerin zu sein - und wie wird sie
behandelt; doch klagt sie nicht, so gibt es andere Zungen, welche klagen, - es
ist weit gekommen, sage ich Ihnen, das Land - die Stände -« Er hielt inne,
schlug sich vor die Stirne und rief: »Doch wir wollten ja leichte und kühlende
Dinge sprechen;« hiermit zog er einen Pack Zeitungen hervor und schrie Eduarden
in's Ohr: »Haben Sie schon gelesen, Freund? - doch still, still.« Eduard musste
lächeln; er nahm einen Vorwand, sich zu entfernen und stieg in den Park hinab.
Sein Wunsch war, Niemanden zu begegnen, dennoch verging keine halbe Stunde, als
er einen Mann auf sich zu wandeln sah, der ihn durch ein Glas fixirte und
endlich mit einem herzlichen Gruss zu ihm trat; es war Ottfried. »Oh, sieh da,
unser Maler,« rief der freundliche Mann, »so bringt uns eine günstige Stunde im
Tempel der schönen Natur zusammen.« Sie gingen jezt beide den Gang hinab und
über einen romantischen, hoch gelegenen Pfad, der zu einer einsamen Talmühle
führte, welche im Gebüsche lieblich und idyllisch geschmückt da lag. Ottfried
erzählte, wie er hier seine früheste Jugend verlebt, wie er alle Blumen und
Bäume kenne und liebe; er sprach mit Wärme und Begeisterung von der Einsamkeit
und jener Stille des Gemüts, in der es den süssesten, beglückendsten Gefühlen
allein möglich werde, zu keimen. »Doch glaube ich,« fuhr er fort, »dass
Beschaulichkeit und Andacht nicht allein den Dichter so wie den ächten
Religiösen bilden; es gibt einen Zustand, der hier wie überall, wo etwas
Tüchtiges sich gestalten soll, dem Menschen gleichsam die erste und heiligste
Weihe gibt.« Eine Pause entstand und Eduard sah seinen Begleiter fragend an. »Es
ist der Schmerz,« sagte dieser; »glauben Sie einem Manne, der aus Ueberzeugung
spricht; der Schmerz, die Träne bringt uns dem Gott wieder nah, wenn wir durch
Witz und Lachen uns von ihm entfernt haben; ebenso in der Poesie, ohne Unglück
keine Grösse, ohne Kampf kein Sieg, ohne Erniedrigung keine Erhöhung; wen die
Musen lieben, den züchtigen sie. Wem nicht das Hindernis von Aussen kommt, der
findet im Innern ein's. Eine grosse Seele findet überall Schmerz, weil sie gross
ist, und der Kampf mit dem Schmerz ist Poesie.« Eduard sah dem seltsamen Manne
in's Auge und bemerkte, dass dieses sich mit Tränen füllte. »Ja,« fuhr er fort,
»mein ganzes Unglück besteht darin, dass ich die Zeit meines Lebens über
glücklich gewesen bin! o Freund, lächeln Sie nicht, ich spreche im heiligsten
Ernst: ich fühle, ich bin zum Dichter geboren, allein es sollte trotz dessen
nicht sein, deswegen ging es mir überall wohl. O, meine Caroline, warum musstest
du mich auch gleich mit deinem Jawort beglücken, gab es denn durchaus kein
Hindernis, das uns, wenn auch nicht ganz hemmte, doch wenigstens mit Hemmung
bedrohte. Nein, es sollte durchaus glücklich gehen, ich bekam nicht Raum zur
kleinsten Beschwerde. Ach, und so ging es überall; ich hatte Hoffnungen, mein
Vermögen einzubüssen, arm und elend zu werden, welche Aussicht! da tritt mein
Freund auf und rettet mit eigener Ausopferung mein Geld, und es bleibt mir
gesicherter als jemals. Ein Jugendgespiele, an dem mein Herz hing, schien
plötzlich den Verräter gegen mich spielen zu wollen; schon spitzte ich die
Feder, ein poetischer Schmerz über die Unbeständigkeit alles menschlichen, edlen
Gefühls erfasste mich: da, in dem Moment, stürzt der Verkannte in meine Stube, es
tut sich der Irrtum kund, mein Freund ist meiner Liebe doppelt würdig, und mit
dem Gedichte war's aus. Ein Kaufmann oder sonstiger praktischer Weltmensch
könnte sich nichts Besseres wünschen, als an meiner Stelle zu sein, allein für
mich, ich fühle es nur zu deutlich, ist dieses Glück ein Fluch, der den
innersten Keim meines Wesens vergiftet. Ich gehe herum wie einer, der an
Gespenster glaubt und dem sich wider Willen unter der Hand alles natürlich und
prosaisch auflöst. O wie trefflich ist die Antwort, die die Königin Elisabet
einem jungen törichten Dichterling gegeben haben soll, als er ihr seine Verse
vorgelesen: Sir, ich werde dafür sorgen, dass ihr auf ein paar Monate in den
Tower kommt, damit eure Verse Tiefe erlangen! - Und so gibt es der dunkeln
Kammern im Leben viele, wo der Dichter zum Bewusstsein erwacht - mir nur, nur mir
ist keine aufgeschlossen worden.«
    Man langte jezt bei der Mühle an und die freundliche Müllerin erschien,
ihren Gästen einige ländliche Erfrischungen zu reichen. Ottfried liess sich in
seinen Betrachtungen nicht stören. »Erst durch Schmerz,« fuhr er fort, »wird
jedes Gut unser wahres Eigentum; die erste Träne löst das Siegel vom Herzen,
an dem gewöhnliche Behaglichkeit vielleicht Jahrelang vergebens sich abgemüht
hat. Lange wandeln wir herum und glauben zu lieben, zu verehren, zu empfinden -
da, in der lezten Minute vielleicht unseres Lebens, beugt sich unser Herz einem
endlosen Jammer, es spaltet sich, die erste Träne stürzt heraus - und wir
lieben! Geht es mit den Wundern der Andacht, des Glaubens anders? So schreitet
auch unsere Zeit jezt einem grossen Schmerze entgegen und dieser wird erst jenen
heiligen Ernst gebären, mit dem unsere junge Reformatoren so voreilig schon
prahlen. Mir fällt bei derlei Gedanken immer ein kleines Gedicht ein, welches
ich einst in Begeisterung für jene Ideen niederschrieb; es lautet
folgendermassen:
Der nur lebt das wahre Leben,
Der nur Eines ewig denkt,
Der mit glüh'nden Liebesarmen
Sich an's Eine brünstig hängt.
Der ist nimmer nah' dem Ziele,
Der noch andre Lust vermisst;
Nein, nur der, der alles, alles
Um das Einzige vergisst.
Der in dunkeln Kummernächten
Tief gebeugt am Lager weint,
Dem die weite Welt so öde,
Oed sein eignes Herze scheint.
Der sich ganz verwalset achtet,
Der sich ganz verloren gibt,
Der im bittern Leid verschmachtet,
Der bis zum Sterben sich betrübt.
Ja, zu dem neigt es sich nieder,
In dessen Herzen zieht es ein,
Dem will es sich zu eigen geben,
Ja, dessen Tröster will es sein.«
    Eduard war tief bewegt, und bemühte sich nicht, seine Rührung zu verbergen;
Ottfried sah ihn lange an, dann schloss er ihn heftig in seine Arme und sagte:
»Mögen Sie, teurer Freund, glücklicher sein als ich! Ihr Auge, Ihr ganzes Wesen
sagt mir immer, dass Sie schon diesen heilbringenden Schmerz gekostet haben - o
seien Sie stark, wenn nun die ganze Fülle des Leids auf Sie einbrechen sollte,
um Sie durch Nacht und Dunkel zur Verklärung zu bringen. Ja, ich wusste es wohl,
dass Sie mich verstehen würden; so genügen oft wenige Worte, um ein festes Band
zu schliessen zwischen zwei Menschen, die sich sonst rücksichtslos vorbeigegangen
wären auf dieser weiten Erde.« Eduard suchte die Hand des Mannes und drückte sie
warm, dann erhob er sich und trat zurück, denn es nahte der Baron mit zwei
fremden Gestalten. Er ging auf sein einsames Zimmer, und zeichnete die Verse
auf, welche ihn so sehr gefesselt hatten. Als sie auf dem Papier dastanden,
wollte er sich wiederum jeden Eindruck ableugnen, sie kamen ihm höchst
gewöhnlich vor und das Geheimnis, welches sie ihm früher entalten zu haben
schienen, war am Ende eine Bemerkung, die ihm äusserst bekannt dünkte. Er schalt
sich, dass er von Ottfried's Wesen sich so gleich habe einnehmen lassen, die
Worte desselben erschienen ihm jezt fast lächerrlich, besonders das Verlangen
nach Missgeschick. In diesem Zwiespalt, der sich seines Wesens gewöhnlich nach
jedem stärkern Eindruck zu bemächtigen pflegte, brachte er den übrigen Teil des
Tages zu; am andern Morgen vermied er Ottfried und suchte geflissentlich Sophien
auf, um sich auf ihre Kosten zu ergötzen. Des Grafen erinnerte er sich auf's
lebhafteste und wünschte ihn und seine Gespräche zurück; so arbeitete er an
sich, bis wieder die alte Kälte an die Stelle der aufkeimenden Wärme getreten
war.
    Zu dieser Zeit kam Sophien's Bestimmter auf's Schloss; es war ein langer,
ziemlich wohl aussehender Mann in einem schwarzen Ueberrock, der ihm bis auf die
Fersen reichte, und den er, als er den Schlossberg hinausschritt, hoch
aufgeschürzt und um den Leib festgebunden hatte, so dass er auf den ersten Blick
fast wie ein Jägerbursche aussah. Der Journalist nahm ihn sogleich bei Seite und
examinirte den Ermüdeten scharf über seine politische Ansicht. »Lassen Sie
mich;« rief der Pastor, indem er atemlos auf einem der breiten Lehnsessel Platz
nahm, »das Bündnis, das ein redlicher Mann mit dem Staate schliesst, ist eben so
zart wie eine Herzenssache, und wer spricht gern von seiner Braut mit Leuten,
die über ihren Wert anders denken könnten; übrigens bin ich ja da, Friede und
Eintracht zu predigen allezeit, und schon deswegen würden Sie nichts aus meinem
Munde erfahren, was zu Ihrem Kram passt.« -
    »Himmel,« rief der Journalist, »wie kann man sich nur so ganz simpel
ausdrücken! von welchem Kram reden Sie? Mann, Mann, wissen Sie nicht, dass Ihre
Kirche selbst auf blutgedüngtem Boden aufspross und sich festigte.« - »Wohl,«
entgegnete der Geistliche, »das Ärgernis muss kommen, doch wehe dem, durch
welchen es kommt; es wäre besser, ihm hinge ein Mühlstein am Halse und läge im
Meere, da wo es am tiefsten ist.« Der Baron warf einige Bemerkungen dazwischen,
die einen ernsten Streit verhinderten, und wirklich gelang es ihm, den Pastor zu
einem gutmütigen Lächeln zu bringen. »Uns Landprediger,« sagte er, »sieht man
gewöhnlich im Leben als die beschränkte, leidlich-gesunde Mittelmässigkeit an,
und als solche treten wir auch in Büchern, Romanen und Novellen auf, wenn es
sich um Glauben, Philosophie und Lebensgenuss handelt. Eben so weit entfernt von
den herrschenden Zepterträgern der hohen Aufklärung, wie sie zur Verzierung
grosser Residenzen hie und da gefordert und verschickt werden, als von den
überirdischen Schwärmern und Wundertätern, geht unsre Einsicht und Lehre Hand
in Hand mit den niedern, immer wiederkehrenden Bedürfnissen des einfachen
Menschen. Der liebe Gott auf dem Lande, der Pfarrer im schwarzen Rock und der
Bauer in der roten Sonntagsweste sind drei Personen, die nicht zu trennen sind,
und die sich gegenseitig ehrlich lieb haben, und zusammen bedenken, was zum Bau
des Ackers, zur Saat und Erndte nötig. Wenn einer von ihnen stirbt, so muss
notwendig der andere seine Stelle ersetzen; ja mir sagte einmal ein Bauerbursch
in aller gutmütigen Einfalt: Herr Pfarrer, wenn der liebe Herr Gott krank wird
und stirbt, so wird man gewiss im Himmel Euch zum lieben Gott machen. Der Baron
lachte herzlich über diese Worte, und jener fuhr fort: Doch möchte ich die hohe
Stelle dort oben heutzutage am wenigsten einnehmen, wo es so bunt in der Welt
zugeht und Niemand weiss, was er will. Wie leicht könnte es sein, dass ich meinen
lieben französischen Kindern ein Schicksal gebe, worüber sie in allen Journalen
lästerten, und indes ich eilte, es ihnen recht zu machen, verdürbe ich es mit
einer andern Partei. Aus Furcht nun, ja keinen dummen Streich zu machen, würde
ich recht viele begehen, denn ich muss bedenken, dass Leute wie der König Salomo,
der alte Plato und der Imperator August im Himmel hinter mir stehen und mir auf
die Finger sehen. O ganz verdammt böse Sache! Da könnte ich wohl in der
Uebereilung, wenn das Ding nicht gleich ginge, wiederum das alte Meer über den
ganzen Wirwarr hinspülen lassen, wo dann freilich geholfen wäre. Nein, nein, es
bleibe beim Alten, und es herrsche der, vor dem alle Kreatur fleucht und dessen
Fussschemel die Erde ist. - Als ich noch studirte, und die erste Kunde von den
fürchterlichen, ewig denkwürdigen Revolutionstagen aus Frankreich an unser Ohr
scholl, da war keine Seele, die sich nicht empört auflehnte gegen die frechen
Satzungen, mit denen der bandenlose Übermut gegen die bestehenden Formen
ankämpfte. Der Deutsche war in Liebe und Einigkeit mit seinem Lande verwachsen,
in Verehrung für sein Fürstenhaus; die gränzenlose Albernheit und die frivolen
Formen, die aus jenem Lande der Unnatur und des Leichtsinns kamen, hatten nur
eine höchst geringe Anzahl Bekenner für sich, und unter diesen traten nur solche
als Sprecher auf, die entweder den deutschen Charakter nie begriffen hatten,
oder die Ehrgeiz und Leidenschaft zu Verrätern stempelten; wir Uebrigen liessen
es geduldig geschehen, dass man unsere Köpfe puderte und frisirte, unsere Röcke
nach französischen Mustern verschnitt, doch Herz und Hirn blieben unverrückt und
unverfälscht dem Lande, das wir liebten und das unsere Liebe verdiente, getreu.
Es mochte wohl schwerlich damals in allen deutschen Gauen ein Deutscher gefunden
werden, der an einem so anti-deutschen Charakter, wie der jenes grossen Mannes
war, Gefallen gefunden, geschweige denn, zu dieser perfiden Abgötterei sich
herabgelassen hatte, in der jetzt ein sich selbst und alles Wahre und Edle
verkennender Hause wahrhaft wütet. Schlimm, sehr schlimm steht es, wenn ein
Mann der Held einer Nation werden kann, dessen Charakter eine kalte, folgerechte
Verknüpfung von Lüge und Selbstsucht war, und dieser Missgriff konnte von einem
Volke getan werden, welches zu Grundzügen seines Wesens Treue, Anhänglichkeit,
Wahrheit und Liebe hat. Zwar der Götze ist gestürzt, doch es fehlt nicht an
neuen Ausgeburten eines kranken Geistes, die auf den Altar gehoben werden, um
die verführte und verblendete Menge in immer regem Taumel zu erhalten.« Der
Journalist hatte sich erhoben, und drohte mit der Rolle Zeitungsblätter, wie
entrüstet, dem Sprecher, der ruhig in seiner Rede fortfuhr: »Es tut wahrlich
Not, dass wir den Himmel bitten, dass er uns demütige, damit die Welt wieder
glauben lerne; denn wo keine Andacht, keine Verehrung mehr herrscht, wo dreiste
Klügelei jede Autorität wegspottete, darf, kann man wohl da etwas anders
erwarten, als Elend, Verderben, tiefe Erniedrigung? In meiner Jugendzeit
vereinigte sich Schule und Erziehung, jene Einheit zu befestigen, in der das
Leben seinen Stützpunkt findet; es wurde vor allen Dingen ein guter ökonomischer
Haushalt mit dem Leben gelehrt, dass man nicht zu frühe mit der Lebenslust fertig
werden möchte; auf der hohen Schule zeigte man dem Jünglinge die Wissenschaft
und Kunst in ihrer spröden jungfräulichen Herbigkeit, und liess erst nach und
nach ihre Süsse ahnen; Strenge und Arbeit waren Gesetz - die grossen Poeten und
Philosophen tronten, gleich Königen, unzugänglich für den grossen Haufen, im
Heiligtum ihrer Studierstube, und dort reichten sie dem demütig nach Belehrung
dürstenden Schüler kostbare goldene Aepfel in silbernen Schalen dar.«
    »Ach ja - freilich wohl!« nahm der Baron das Wort mit gerührter Freudigkeit
- »damals - damals hatten wir ja unsern grossen einzigen Dichter noch - er war
der Mann unsrer Liebe und Verehrung. Damals ging am Hofe der Fürsten ein feines
Gespräch um. Ich weiss es ja noch, und wenn ich daran denke, muss ich noch lächeln
- damals, als der Treffliche seinen Faust geschrieben hatte, der alle deutschen
Gauen in Flammen setzte, schrieb ich ihm im Namen von fünfzig engverbrüderten
Jünglingen, er möchte doch den Mephistopheles die tolle Wette nicht gewinnen
lassen; demütig baten wir darum, denn es sei zu herrlich anzuschauen, wie der
himmlischteuflische Kampf vom genialen Meister siegend zum Lichte hinaufgeführt
werde. Was erfolgte? - nach einigen Wochen lief ein eigenhändiges Schreiben vom
Dichter ein, worin er uns scherzhaft versicherte, dass er uns zu Liebe in einer
so bösen Sache nichts entscheiden könne, und dass er es für's Geratenste halte,
wenn ein jeder Leser nach seiner Eigentümlichkeit sich das Ende selbst hinzu
dächte. Und so ist es auch geblieben - der Herrliche hat sein Schauspiel nicht
beendet.«
    »Kann es wohl etwas Trostloseres geben, als den Werter?« rief der
Journalist heftig; »ist es wohl möglich, die Verirrung so weit zu treiben, den
Leuten glauben machen zu wollen, solch ein Charakter sei edel, stark, wahr? Ich
finde nur Einen Gesichtspunkt, in welchem betrachtet dieses Produkt Leben und
Wahrheit einigermassen erhält, nämlich der Leser muss annehmen, der junge Mann
tödte sich nicht aus Liebes-Verzweiflung, diese hat meinetwegen auch einen
grossen Teil an seinem Tode, sondern der eigentliche Grund desselben sei die
bewusst gewordene Ohnmacht, das uns allen vor Augen stehende ewige Rätsel
unseres Daseins zu lösen. Aus innerem Zwiespalt und Lebensüberdruss flüchtet er
in's Nichts. So nur kann ich Seelengrösse und Selbstmord vereinigt denken, und
von dieser Seite angesehen, gewinnt die Fabel Bedeutung, indem durch sie jene
Stürme angedeutet worden sind, die bald darauf durch alle Länder dahinbrausen
sollten, und die zu beschwören die heutige Welt berufen scheint. Das gewöhnlich
angenommene Motiv des Werter'schen Mordes ist aber so siegwartisch
schwindsüchtig-weichlich, dass sich im Ernst kein poetisch kräftiges Gemüt
darein verlieben kann.« Ottfried war hinzugetreten und rief: »Wenn Sie doch,
Teuerster, nicht von Poesie reden wollten, deren Wesen und Gehalt Sie nun
einmal durchaus nicht begriffen haben! Wie ein schöner Park nicht dazu dienen
kann, eine Stadt zu befestigen und Türme und Mauern entbehrlich zu machen, eben
so wenig sollte ein Politiker von Poesie reden; genug, dass man ihm zugibt, dass
seine Kanonen, Mörser, Säbelklingen und Deputirten-Kammern, sammt allem
kriegerischen Löschpapier notwendige Uebel sind, da sollte man sich doch
zufrieden geben, und uns unsern Teil lassen.« - - »Schon wieder ein grosser
Irrtum,« rief der Zurechtgewiesene; »nur die höchste Einseitigkeit kann das
Leben und seine Erscheinungen in starre Klassen teilen wollen. Dieses ist die
Quelle so vielen Streits und Elends unsrer Tage, dass nämlich ein Teil der Menge
sich ausschliesst und behauptet, die Sache gehe ihn nichts an. Jeder und alle
müssen vereint wirken, wenn die Aufgabe genügend gelöst werden soll.« - »Tun
Sie, was Sie wollen,« sagte Ottfried empfindlich; »nur kann ich es nicht leiden,
dass unser grosser Dichter getadelt wird, und von Leuten, die nicht wert sind,
ihm die Schuhriemen aufzulösen.« - »Mit einer einseitigen Bewunderung,« nahm der
Journalist das Wort, »kommen wir heutzutage nicht weit. Das Repräsentiren
einzelner Geister hat aufgehört, und an die Stelle ist die begeisterte
Wirksamkeit Aller getreten; die Gesammteit hat Stimme erhalten, und in dieser
findet die Poesie, wenn sie sich aussprechen will, ihr würdiges Organ. Fragen
wir doch, was denn jener grosse Geist, dem es vergönnt war, in so mancherlei
Beziehungen auf's Ganze zu wirken, was er denn Treffliches geleistet? Wo sind
die löblichen Einrichtungen, die der Staat ihm, seinem ersten Staatsmanne,
verdankt, was hat eine Generation, die bittend zu ihm hinaufsah, von ihm zur
Förderung und Feststellung der edelsten und schönsten Menschenrechte gewonnen?
Auf welche Weise wucherte er mit dem Schatze, der in erläuterter Wissenschaft
und Kunst ihm anvertraut worden? Die Antwort ist: um sein eigenes Selbst zu
verherrlichen, um seinem Haupte die Krone aufzusetzen, tat er Alles, was er
tat. Selber der Fürst seines Fürsten, übte er die heilloseste Geistesdespotie
über seine ganze Zeit aus, die zu schwach und verweichlicht war, um dieses Joch
zu fühlen und abzuschütteln.« Eine Pause entstand, während welcher Ottfried
sich, im höchsten Grade verstimmt, abgewendet hatte; endlich sagte er: »Es hört
ja aller Streit sogleich auf, wenn man die Poesie als eine milchende Kuh
betrachtet, und dafür sieht unsere Zeit freilich alles Edle und Grosse an.«
    Zum Glück trat jetzt der junge August herein; er kam aus der Residenz und
brachte Nachrichten und politische Blätter mit. Der Journalist eilte auf ihn zu;
der Geistliche wollte den Zeitpunkt benutzen, und mit seiner kleinen Braut
einige herzliche Worte wechseln, doch sie fand Gelegenheit, ihm zu entschlüpfen
und der Gruppe zuzufliegen, die sich um ihren Bruder bildete. Der Pastor nahm
mit einer Miene der Resignation eine Priese und tat einen mächtigen Zug aus der
Kaffeetasse.
    Den nächsten Tag hatte Eduard dazu bestimmt, an dem Bilde fortzuarbeiten; er
nahm es hervor und erschrack davor, wie vor einer Erscheinung. Aus bleichen
schroffen Zügen sahen ihn in einem kranken Antlitz zwei erloschene Augen mit dem
höchsten Ausdruck des Schmerzes an. War das das schöne achtzehnjährige Mädchen,
waren das die Formen, denen er Anmut und edle Grösse nicht absprechen konnte.
Sorgsam verdeckte er das Bild und liess er sich nachtragen auf's Schloss. Er wurde
in's bestimmte Gemach geführt, es war leer; nach ein paar Sekunden erschien eine
Kammerfrau und führte ihn zur Fürstin hinüber, diese empfing ihn freundlich und
bedauerte, dass eine kleine Unpässlichkeit das Fräulein verhindere, zu erscheinen.
Unschlüssig, was er tun solle, ging unser Freund in den Saal zurück. Er setzte
sich an's Bild, um daran zu ändern, doch je mehr er versuchte und übermalte,
desto lebhafter fühlte er, wie er vom Urbilde sich entfernte; missmutig legte er
den Pinsel nieder. Tiefe Stille herrschte im Gemache; Magdalenens
Lieblings-Papagei hing im goldenen Käficht und sah ihn mit klugen Augen an,
indem er sich langsam in seinem Ringe hin- und herbewegte, und zuweilen durch
die warme Stille des Gemachs einen lauten Schrei tat. Der Mittag lag auf den
geöffneten hohen Fenstern, und nur von Zeit zu Zeit wölbte ein Luftzug die
schweren rotseidenen Falten der niedergelassenen Vorhänge. Eduard stand am
Pfeiler gelehnt und schaute auf die in der Schwüle daliegende Natur, dann
verliess er den Saal, und betrat, in Gedanken vertieft, die daran stossenden
Gemächer. Immer weiter und weiter wandelnd, gelangte er in ein mit
Sammetteppichen bekleidetes Eckzimmer, eine in der Tiefe des Gemachs ertönende
Spieluhr zog ihn weiter, und endlich blieb er vor einem Bilde stehen, welches
die Prinzessin darstellte, von einem vorzüglichen Künstler gemalt. Eine Uhr
schlug in den inneren Gemächern, Eduard hörte nichts, jetzt wandte er sich aus
seinen Träumen nach der Türe um, da stand sie - Magdalena - gross, in weicher
Stellung gebogen an die Türe gelehnt. Einen Moment blieben sich beide stumm
gegenüber; Eduard konnte den Blick des grossen blauen Auges, das mit einem
unaussprechlichen Ausdruck auf ihm ruhte, nicht ertragen, er erhob seine Stimme,
um sie anzureden, da plötzlich stürzte mit einem kurzen, kaum hörbaren Laut das
schöne Bild zusammen, und lag leblos da auf dem roten Teppich des Bodens. Der
dumpfe Ton, mit dem das Haupt auf dem Absatz der Schwelle niederschlug, hallte
durch die tiefe Stille, und presste dem erstarrten Jünglinge einen Schrei des
Entsetzens aus; er stürzte nieder, fing den Busen und das von den aufgelösten
bleichen Locken umspielte Antlitz in seinen Armen auf, und schaute in trostlosem
Schmerze auf die gebrochene Gestalt nieder. Endlich hob sich die leblose Brust
wieder, ein langer, aus der Tiefe des gepressten Herzens aufzitternder Seufzer
brachte das entflohene Leben zurück, doch noch lag auf den geschlossenen Augen,
auf den marmorgleichen Zügen der Ausdruck eines unendlichen Schmerzes. Die
Bewegungen des Busens wurden heftiger und liessen den Ausbruch eines Krampfes
fürchten; in Besorgnis und Angst presste Eduard seine heisse Hand ihr unter die
Brust. Jetzt erwachte die Arme, und ein Strom von Tränen rann auf die weisse
Atlasrobe herab; der besorgte Jüngling leitete sie zu dem nächsten Armstuhl,
dort lispelte sie einige Worte des Danks, und ein bittender Wink sprach den
Wunsch aus, sich allein zu sehen. Er gehorchte augenblicklich, im Vorbeigehen
hob er ein kleines einfaches Kreuz auf, welches sich von einer Kette am Busen
des Fräuleins gelöst hatte; betäubt und an allen Sinnen erregt, langte er auf
seiner einsamen Stube an. Seiner Aufmerksamkeit entging es, dass alles im Hause
wild durcheinander lief, dass Verwirrung und Bestürzung der Gemüter, selbst des
Barons sich bemächtigt hatte; die Türe hinter sich abschliessend, warf er sich
auf sein Ruhebett, und Tränen quollen unwillkürlich aus seinem Auge. Wie ein
zündender Strahl kam ihm jetzt der Gedanke, jenes kleine Bild auszuführen. Er
arbeitete bis in den sinkenden Abend unausgesetzt, und als er es vollendet
hatte, waren es Magdalenens Züge, die jene umschauende Gestalt zeigte; sie war
es - der hohe siegreiche Wuchs, die Fülle der hellen Locken, dem Nacken
entflatternd, so eilte sie dahin, und in dem rückschauenden Auge lag jener
wunderbar schmerzliche und doch beseligende Blick angedeutet, den sie auf ihn
geheftet hatte. Ein tiefes Weh zog durch seine Brust, er presste beide Hände
gegen das Antlitz, und eine Stimme, leise, aber durch alle seine Pulse zuckend,
klang: »Warum verfolgst du mich?« Ja, er fühlte es, er liebte, liebte das
Mädchen, das er mit so schneidender Kälte verfolgt - sich selbst marternd, hatte
er ihren weichen Busen gemartert, ihr edles Herz zerfleischt. Ottfried's Worte
vom Schmerz, jenes Liedchen, die bewusstlosen Träume und Bilder, die ihn bis
jetzt verfolgt, endlich der fürchterliche Augenblick, wo er das angebetete
Mädchen in der Qual ihres gebrochenen Herzens niederstürzen sah - Alles stürmte
jetzt auf ihn ein, und wie ein Kind weinend, warf er sich in seinen Stuhl, und
zitternd, im ungemessenen Ausbruche des ersten tiefen Gefühls, flogen seine
Glieder. Immer und immer tönten die Worte:
    »Warum verfolgst du mich?« Immer wieder traf jener Blick in sein Herz, immer
von Neuem vernahm sein Ohr den dumpfen gebrochenen Laut, mir dem sie
niederstürzte; seine Marter erstieg den höchsten Gipfel. Die Nacht kam auf
leisen Fittichen, die Sterne zogen hinauf, noch immer lag er im Sessel. Armes,
armes, süsses Mädchen! Du konntest in der gemisshandelten warmen Brust das Bohren
des kalten Dolches nicht länger erdulden, es warf die Kälte des Freundes dich,
eine Leiche, zu Leichen, dein schöner Leib schlug zu seinen Füssen nieder! Wider
deinen Willen sollte dein brechendes Auge das seinige öffnen. Wie kalt, wie arm,
wie dürftig lagst du da, und dennoch gegen deine Engelglorie wie höflich, wie
elend stand ich da in der Verzerrung meines Innern, ausgehöhlt von kalten Hohn
gegen alles Edle und Schöne, was die Erde trägt. Ich Tor, erschlossen glaubte
ich mir schon jede Erdenseligkeit, auf den Höhen des Lebens meinte ich gewandelt
zu haben, und stehe als Neuling geblendet vor den ausfliegenden Toren eines nie
geahneten Paradieses. Sie liebt mich! Du liebst sie! O seltsames, schmerzliches
Rätsel - habe ich nicht oft geträumt, zu lieben? in süsser Trunkenheit suchten
im Kusse sich die Lippen, Auge entzündete sich im Auge, und ein kurzer Schmerz
drückte das Erwachen aus; - hier aber greift der Schmerz zuerst in das Leben,
vernichtend, entsetzlich! o Magdalena, Magdalena! -
    Sturmwolken trieben am Himmel hinauf und verhüllten den Glanz der Gestirne,
ein Gewitter liess sich in leisen, dumpfen Schlägen vernehmen, und gestaltlos
feurige Scheine flogen am Horizonte hin. Eduard hatte seinen Blick fest auf's
Schloss gerichtet, er suchte eifrig das Fenster des Gemachs, wo ihn heute das
Schicksal erfasst hatte, um sein ganzes Leben plötzlich umzugestalten. Die Zimmer
waren dunkel, doch weit davon, wo die Gemächer der Prinzessin begannen,
leuchtete noch ein einsames Licht durch rote Vorhänge, wie ein feuriges Auge
durch die Nacht, herüber. An diesem Lichte sitzt sie, in Träume versenkt, rief
er bei sich, auch ihre Seele flieht der Schlaf, die süsse Ruhe auf immerdar! Auch
ihr geht in Ahnungen dein erwachender Liebesmorgen auf. Das Wetter zog näher,
und die schwülen Töne rollten jetzt dumpf die tiefe Leiter hinab, heller zuckten
die breiten zerfliessenden Strahlen. Die Gerüche der Blüten unter dem Fenster,
von der Schwüle entzündet, verbreiteten fast betäubende Düfte, die Luft selbst
war ein heisser Atem, der sich vergeblich zu kühlen strebte an der Stirn, dem
Busen des armen Jünglings. Die Erschütterung seines Wesens ging jetzt in tiefe
Ermattung über; er entschlief auf dem Ruhebette, und indes die Gewitter sich
über seinem Haupte entladeten, glaubte er im Traume finster drohende Stimmen
über sich zu vernehmen. Er erblickte Gestalten über sich, die zusammentraten, um
über ihn Gericht zu halten; es erschien Emiliens Bild, dann schütterte ein
ungeheures Krachen dicht neben ihm nieder, ein gelber Schein füllte das Gemach!
Entsetzen fasste ihn, er sah das Schloss in vollen Flammen stehn. Mit der
Schnelligkeit des Sturmwindes flog er die wohlbekannten Wege hinauf, durchlief
die Gemächer, welche von einem ungeheuern Angstruf widerhallten, und drang
mitten in's Getümmel. Wehende Schleier, fliehende Gestalten, zugeschleuderte
Türen, qualmende Rauchwolken und züngelnde Flammen warfen sich ihm in den Weg;
durch sie alle fand sein Fuss den Weg - und dort, dort im roten Gemach - dort
lag sie noch auf dem Sessel, wo er sie verlassen, eine bleiche niedergeknickte
Lilie, das Haupt in die Arme geschlossen, von der Glut der Flammen blassrot
angehaucht. Mit riesiger Kraft umfing er den schönen Leib, der süsse Busen, von
einem Gott mit dreifacher Glut durchströmt, küsste auffliegend seine heisse Wange,
sein Auge trank Reize, die sein innerstes Mark berauschten, und der Wahnsinn der
höchsten Leidenschaft spielte mit dem Moment des Todes. Nirgends ein Ausgang!
Flammen wie Säulen umstanden, zu einem Tempelrund geschlossen, das trunkene Paar
- da war es ihm vergönnt, in einem Kusse zu sterben. - Geständnis und Erhörung
krönten sich gegenseitig; in dem Moment krachten die Balken der Decke zusammen,
und unser Freund erwachte aus seinem Traum. Die abgekühlte nasse Luft strich
durch's Gemach - der Mond, aus dem zerissenen Wolkenmeer sich erhebend, warf
seinen Blick auf das ruhig daliegende Schloss und die friedliche Gegend.
    Als Eduard hinunter zur Familie kam, erfuhr er den Grund des gestrigen
Aufruhrs, - Sophie war mit dem Journalisten entsprungen, und man musste glauben,
dass die Flüchtlinge ihren Weg nach der Residenz genommen; doch war es eben so
wahrscheinlich, der Zeitungsschreiber habe seine Beute mit in sein Vaterland, in
die Schweiz, entführen wollen, wo, wie man wusste, seine Familie einige
Besitzungen inne hatte. August war beauftragt worden, mit einigen Knechten den
Flüchtlingen nachzusetzen, denn es liess sich erwarten, dass das ungewöhnlich
starke Gewitter in der Nacht ihre beschleunigte Reise bedeutend aufgehalten
haben musste. - Der Baron hatte anfangs lebhaft gezürnt, doch jetzt schien ihm
die Hoffnung gewiss, die Entflohenen wieder einzuhaschen; er sass in seinem
Armstuhl am Fenster, und begrüsste unsern Freund mit einem trüben Lächeln. »Das
ist,« rief er, »ein Stückchen vom neuen Regime, so äussert sich diese
interessante Wut: wahrlich, ich werde noch müssen für meine alten Tage eine
bezahlte Pflegerin annehmen, um nicht elend zu verkümmern, denn meine eigene
Tochter läuft als Marketenderin in die Reihen der Unsinnigen.« Der Geistliche
ging ebenfalls mit bekümmerter Miene im Gemach auf und ab, indem er von Zeit zu
Zeit das Haupt schüttelte; nach einer Pause begann er: »Höchst seltsam! das
Uebel fing so gering an, sie zupfte Charpie für die armen unterdrückten
Freiheitler; zwar bemerkte ich, dass allemal die Woche ein Pfund mehr von diesen
heilsamen Fäden durch ihre artigen Finger zerzaust wurde, allein welcher
prophetische Geist hätte dergleichen Dinge vorher sagen mögen!« - »Trösten Sie
sich,« rief der Baron seinem alten Freunde zu; »besser, dass sie jetzt entlief,
als dass sie als ihre Gattin sich in die weite Welt flüchtete, wo sie dann
vielleicht noch gar ihre Perücke mitgenommen hätte, die sie nie hat leiden
mögen.« Der Pastor sah seinen Freund und Gönner mit grossen Augen an, erwiderte
aber nichts, sondern sah wiederum mit bekümmerten Blicken hinaus auf die
vorbeiführende Landstrasse. Eduard liess die beiden Alten bald allein, seine
glühende Seele vernahm nur halb, was um ihn vorging, es trieb ihn die Sehnsucht
in's Schloss. Die Fürstin liess ihn vor sich und teilte ihm mit, dass Magdalena
seit gestern sich unpässlich fühle, und daher die heutige Malerstunde aufgegeben
werden müsse. Eduard stand wie vernichtet, er entfernte sich mit einer stummen
Verbeugung; auf dem Zimmer angelangt, vertraute er seines Herzens Geheimnis
einem Papier, welches Magdalenens Zofe zur heimlichen und sicheren Bestellung
erhielt. Jetzt waren die Pforten des Tempels gesprengt, und Glanz und Segen
überströmte den Glücklichen; eine neue Sonne stieg am Horizonte empor, und
verklärte sein verarmtes Leben. Am Abend erschien die treue Zofe, und leitete
unsern Freund auf einem verborgenen Pfade in das Zimmer ihrer Gebieterin. Da sass
sie, auf den Polstern des Divans hingegossen, das goldene Haar aufgelöst, in ein
fast klösterliches weisses Gewand eingehüllt, dessen reiche Falten auf den Boden
niederflossen, eine Träne blinkte in ihrem Auge, als sie den Glücklichen
hereintreten sah. Auf einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tische stand ein
Kruzifix, von zwei hohen Wachskerzen eingefasst, deren Flammen im Abendwinde
spielten. »Magdalena,« rief Eduard und stürzte zu ihren Füssen, »wunderbares,
heiliges Mädchen, warum hast Du mich nicht früher in deinen Himmel schauen
lassen, warum gegen mich diese Kälte, diese Verachtung? - Doch, ich
Wahnsinniger, verdiente ich etwas Anderes? War ich es nicht, der verblendet und
verführt, dieses überreiche Herz von mir stiess, war ich es nicht, der den
nichtswürdigsten Verläumdungen mein Ohr lieh?« - »Eduard!« flüsterte Magdalena
und neigte sich zu dem Verzweifelnden herab, »keine Selbstanklage! es ist genug,
die Prüfungszeit ist vorüber, der Himmel wollte, dass ich auch den letzten
bittersten Trank bis auf die Hefe leeren sollte; ach, ich Elende, ich vermochte
es nicht, meine Kraft brach, und ich zeigte Dir ein schwaches Herz. Ja, mein
edler Freund, auch Du solltest mich verkennen, auch von Dir sollte ich verdammt
werden, gleich wie die Welt mich verdammt und lästert! Doch es ist vorbei, und
meine Seele fliegt im jubelnden Gebete himmelwärts.« Sie beugte sich nieder, und
der entzückte Jüngling, keines Wortes mächtig, umschloss mit glühenden Armen die
jungfräulich Erbebende. Der Nachtwind spielte in den rauschenden Falten der
Vorhänge, und drohte die Kerzen auf dem Tische zu verlöschen. Magdalena entzog
sich dem Kusse des Freundes, die leidenschaftliche Glut des Moments glitt an der
reinen Höhe ihres Wesens nieder. Hoch aufgerichtet, die Hand auf den Tisch
gestützt, stand sie da, und staunend sah der Jüngling an ihr hinauf. »Eduard,«
rief sie nach einer Pause mit einer ernsten feierlichen Stimme, »Eduard, folgen
Sie nicht dem Erdgeiste, der uns beide umstricken will, der Augenblick ist
heilig, er giesst die Weihe über zwei Menschenleben aus! Eduard, bei dem
Erkennungskusse, den unsere Seelen sich heute zugehaucht, bei dem Siegesfeste
unserer Liebe! - bei den ewigen Gestirnen, die ihre prophetischen Kreise in
diesem Moment über unser Haupt beschreiben, und endlich bei diesem Bilde, das
hier aufgerichtet zwischen uns steht - geloben Sie mir einen teuren Eid -
geloben Sie mir, hinfort nur für Gott und die Freiheit zu leben! Eduard! Die
Stimme unterdrückter Völker tönt an Ihr Ohr! Die edelsten Rechte der Menschheit
fordern Ihren Arm zum Verteidiger, die unterdrückte Unschuld fleht zu Ihrem
Männerherzen; Sie sind ein Mann, in Ihre Rechte gehört das Schwert; Feigheit
wäre es, sich mit taubem Ohr wegzuwenden vom allgemeinen Jammer. Eduard, geloben
Sie es mir, hinführo für Gott und die Freiheit zu leben, und wenn ein Dank eines
Weibes Sie beglücken kann, so soll es der meinige.« Sie schwieg und mit einem
seligen Lächeln blickte sie auf den Freund nieder. »Magdalena,« rief dieser,
»mein früheres Leben sinkt in diesem Augenblick vor mir herab; alles, was ich
hoch und schön genannt, es hat seinen trügerischen Glanz verloren, die junge
Sonne dieser Stunde gibt mich einem neuen Leben hin, führt mich in die Arme der
reinsten Liebe, des Glaubens, der Tugend: soll ich da noch anstehen, ihren
segensreichen Strahlen zu folgen, wohin sie mich auch immer rufen? Ja,
göttliches Mädchen, Dir will ich gehorchen, ein tatenloses armes Dasein möge
sich in ein kräftiges reges Wirken umgestalten, an Deiner Hand, durch Deine
Leitung. Ich schwöre für Freiheit, Gott und mein Vaterland zu leben.« Magdalena
war niedergesunken, das weisse, sie umfliessende Gewand breitete sich in weiten
Falten um sie herum, sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände, eine tiefe
Pause herrschte im Gemach; Eduard beugte sich zu ihr herab, sie leise, aber
innig umfassend, wandte er das zarte, goldgelockte Oval sanft zu sich über. Mit
niedergeschlagenen Augen und noch gefaltenen Händen duldete die schöne Gestalt
den glühenden Verlobungskuss, den er ihr aufdrückte.
    Unser Freund verlebte jetzt paradiesische Tage; es war ihm ein Bedürfnis,
glückliche Menschen um sich zu sehen, und deshalb bekümmerte es ihn, dass im
Hause des Barons noch immer keine befriedigende Nachrichten wegen der
Flüchtlinge eingelaufen waren. Es schien, als wenn ihre Spur sich plötzlich
unter die Erde verloren hätte, denn im ganzen Umkreis des Schlosses sowohl als
auf den Stationen der verschiedenen Strassen hatte man sie weder beherbergt, noch
ihnen begegnet. Es neigte sich der dritte Tag schon zu Ende und ein paar
abgeschickte Boten kamen ebenfalls unverrichteter Sache zurück, da zeigte sich
August, der von seinen gewöhnlichen Streifereien im Forste heimgekehrt war, mit
besonders heiterer Miene. Er winkte Eduarden zu sich, und flüsterte ihm in's
Ohr, dass er sich jetzt getraue, die Schwester zu finden, er wüsste gar wohl, wo
man sie verborgen habe, und wenn Eduard die Entdeckungsreise mitmachen wolle, so
stehe er ihm für den besten Erfolg und ausserdem für vielen Spass. Unser Freund
entschloss sich, dem jungen Kadetten zu willfahren; es wurden noch an demselben
Nachmittag Anstalten ingeheim getroffen, der Pastor, der von der neuen Hoffnung
etwas erlauscht hatte, schloss sich den beiden Jünglingen an, und so gingen sie
in den benachbarten Forst. Unterwegs tat der lebhafte August sein Geheimnis
kund, er hatte es nämlich vor dem Vater verbergen müssen, dass er auf seinen
Gängen im Walde ein hübsches Bauermädchen entdeckt habe, mit welcher es dem
bildschönen lustigen Jägerburschen eben nicht schwer geworden war, ein
Liebesverständniss anzuknüpfen. »Es war damit,« erzählte er, »ganz so, wie es in
jenem Liedchen von der schönen Müllerin heisst, sie kam auch, in des Morgens
Frische ihr liebes Angesicht zu baden, indes ich hinter dem nächsten Baum auf
meine Flinte gelehnt dastand, und ihr zusah. Ich werde es nie vergessen, wie ich
damals den ersten Kuss von einem Mädchen erhielt, wie ich mit meinen Lippen ihre
vom Bade nassen und kalten Wangen erwärmte, und ihre volle kleine Gestalt mit
meinem Arm umschloss; es ist wahrlich schade, dass ich sie euch nicht zeigen kann,
doch pflegt sie mit ihrem Vater erst später nach Hause zu kommen. Von ihr nun
hab' ich es erfahren, dass meine gute Schwester hier im Walde sich verbirgt, und
der Journalist mit seinen Freunden in der Residenz correspondirt, um einen Wagen
herkommen zu lassen, in welchem es ihm dann leicht möglich wird, die nahe Gränze
zu erreichen, ohne die Stadt und die bekannten Wege zu passiren. So gut als
gewiss ist es, dass heute der Wagen angelangt ist, und wenn er nun aus dem Walde
eilen will, so muss er hier vorüber und läuft uns dann gerade in die Arme. Es
gilt also nur, ein Stündchen hier zu warten, wozu der freundliche, schöne, von
Sonnenschein und Vogelgesang belebte Waldplatz ohnedies einladet. Aber was
geschieht da unserm Pastor?« Der Prediger war während des Gesprächs
vorausgeeilt, an einen kleinen Abhang geraten und trotz seiner grossen Vorsicht
hingestürzt, jedoch ziemlich glücklich bei nachgleitenden Rockschössen auf dem
Sande in die Tiefe niedergefahren; als Eduard und August dem verschwindenden
Manne nacheilten, fanden sie ihn schon unten angelangt und zwei Bauerburschen
beschäftigt, die ehrwürdigen Amtskleider auszuklopfen und auszustäuben. Jetzt
war man im Tale, wo die geschwätzige Mühle ihre Räder mit einem heimlichen
Rauschen trieb, als erzähle sie den jungen Waldbäumen uralte wundersame
Mährchen; das Häuslein selbst lehnte so schmeichelnd zärtlich mit seinen grünen
umsponnenen Fenstern an der hellen Felswand, dass den beiden Jünglingen das Herz
aufging und sie ihre Arme dagegen ausbreiteten. Der Kadet warf sich an die Brust
seines älteren Freundes, und zog ihn auf die kleine Bank nieder, auf der er mit
seiner Marie so oft gesessen hatte; indes liess sich der Pastor von seinen beiden
klopfenden und stäubenden Dienern in ein nahes Gebüsch führen, wo neue
Reinigungsversuche mit frischen Baumzweigen vorgenommen werden sollten. Der
Abend war entzückend schön; das Gold der niederflammenden Sonne lag im matten
Purpurglanz auf dem klaren Spiegel des Baches, hier und da zogen sich brennend
rote Streifen über den dunkeln Waldteppich, und noch ferne spielten die bunten
Lichter wie hinflatternde Vögel auf den zurücktretenden Baumstämmen. »Lassen Sie
uns ein Bad nehmen,« rief August, »das Wasser muss äusserst erfrischend sein, mich
dürstet nach der Flut.« - Eduard liess sich bereden, beide Jünglinge warfen ihre
Kleider ab, und wählten sich den tauglichsten Platz zum Einsteigen. Endlich
entdeckten sie ein Plätzchen, auf dem ein paar junge Pferde weideten und sich
das gute Futter trefflich schmecken liessen. Kaum hatte sich August dem Wasser
vertraut, und die frischen Wellen flogen im Schaum gespalten um seinen Leib, als
der Pastor, welcher, unter einem Baum ruhend, zurückgeblieben war, ein
Zetergeschrei erhob. In dem Moment hörte man das Gerassel eines Wagens, den Huf
der Pferde, und es zeigte sich eine leichte Reisechaise, die dem Ausgange des
Waldes mit grosser Eile zuflog; ein Herr und eine Dame hatten drinnen Platz
genommen. »Sie sind's!« schrie der Kadet, und mit einem Sprunge an's Ufer
setzend, schwang er sich im Augenblick auf eines der Pferde und jagte, ohne
Umhüllung, wie er war, in die Waldnacht hinein, dem fliehenden Wagen nach. Er
holte ihn bald ein, zwang die Rosse, still zu stehen, und hielt nun von seinem
Pferde herab eine Strafpredigt der wiedergefundenen Schwester: »Wie war es Dir
möglich, Sophie, uns alle in Schreck und Bestürzung zu versetzen? War es denn
nicht viel natürlicher und passender, dass Du Deiner Stellung als Tochter
eingedenk, dem Vater Dein Herz ausschüttetest, oder mir, Deinem Bruder, der Dir
doch, wie Du weisst, auf das treueste zugetan ist; und Sie, Herr Doktor, wir
hätten uns viel eher des Himmels Einsturz vermutet, als diesen Schritt von
einem Manne, der so viel von Recht und Gerechtigkeit spricht.« Sophie fand für
gut, während dieser Worte ihr Gesicht mit beiden Händen zu verhüllen, sei es nun
aus Bestürzung, Schmerz und Busse, oder um sich dem Anblick ihres nackenden
Bruders zu entziehen, der in seinem Eifer gänzlich den Zustand, in dem er sich
befand, vergessen zu haben schien. Auf der andern Seite des Wagens hatte sich
der Pastor aufgeschwungen, und drang ebenfalls mit glühenden Worten auf die
beiden Schuldigen, so dass der Journalist, der lange mit der Lorgnette bald
links, bald rechts hinausgeschaut hatte, endlich sich überwunden gab und
versicherte, er wolle nun umkehren, um sein Schicksal und das seiner Braut in
die Hände des Alten zu legen, der im Ernste nicht ihrem Glücke entgegen sein
könne. Nach dieser Erklärung ward dem Kutscher befohlen, umzukehren, der Pastor
bat um einen Platz im Wagen, und August, der unterdess schleunig in die Kleider
geschlüpft war, stieg hinten auf. So ging der Zug wie im Triumphe zurück in's
Schloss, wo er natürlich höchst unerwartet eintraf.
    Eduard machte den Weg zu Fuss; es war ihm ein Bedürfnis, in der Einsamkeit
über die plötzliche Umgestaltung seines Innern einen klaren Blick zu gewinnen.
Magdalenens Wünsche, die für ihn Gebote waren, schienen ihn jetzt in eine
öffentliche Wirksamkeit rufen zu wollen. Er fühlte Kraft und Mut zu einer
solchen in seinem Busen keimen, seine im müssigen Gefühlswechsel dahingebrachte
Jugend drückte ihn mit dem Bewusstsein der Schaam: dennoch wurde ihm der Beruf,
den er jetzt wählen sollte, nach allen seinen Richtungen hin nicht klar. Die
herrschenden, zum Teil sehr dunkeln Ideen, welche ihm aus Jedermanns Munde
entgegentönten; die Worte Freiheit, Volksrecht, Deutschtum, und die Ansichten
darüber, welche an der Tagesordnung waren, hatte er bis jetzt als Quelle so
vielen Elends, so allgemeiner Verirrung immer möglichst weit umgangen; jetzt,
schien es, wurde es erforderlich, sich eng mit ihnen vertraut zu machen, ja
sogar selbst tätig bei dem Streite mitzuwirken, den man leider vor Augen sah.
Er hoffte aus Magdalenens Munde nähere Erläuterungen ihrer Ansichten und Wünsche
in Betreff seiner zu erfahren, ihm genügte das süsse Bewusstsein, dass ein edles
hohes Wesen sich des Inhalts seines Lebens bemächtigt hatte, um aus diesem
Stoffe ein würdiges Gebilde zu formen.
    Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen weckte ihn Ottfried's Erscheinen, der
ihm am Ausgange des Waldes entgegentrat. Nach einigen flüchtigen Bemerkungen
über die wiedereingeholten Reisenden teilte der ältere besonnenere Freund die
Empfindungen, die den Busen des jüngeren bewegten. »Sie sind glücklich, Eduard,«
rief er mit einem warmen Händedrucke; »wer gönnt Ihnen dieses Glück wohl mehr,
als ich? dennoch, Geliebter, ist mein Herz nicht frei von Besorgnissen für Sie.
Erlauben Sie mir nur eine Frage, missdeuten Sie mir diese nicht: Kennen Sie auch
dieses wundersame Mädchen?« - »Welche Frage;« rief Eduard bestürzt, »dass ich Sie
liebe, glühend liebe, beweist ja wohl, dass ich sie kennen muss! O nur zu lange
habe ich diesen Engel verkannt.« Ottfried schwieg und blickte zur Erde. Eduard
fasste ihn scharf in's Auge: »Sie wollen mir etwas sagen, Freund, Ihre Zunge,
scheint es, weigert sich, das Wort auszusprechen - reden Sie frei, nichts
Schlimmeres können Sie von diesem Mädchen sagen, was ich nicht selbst in meinem
Wahn von ihr geglaubt, gesagt habe, drum reden Sie frei!« - »Nun wohl,«
entgegnete Ottfried, »man sagt mit ziemlicher Gewissheit, dass das Fräulein des
Fürsten -« Eduard unterbrach seinen Freund: »Still,« rief er, »still - Mann der
Wahrheit, auch Sie können einem so elenden Gerüchte Glauben beimessen, auch
Ihnen ist die Heilige, die sich zum Sünder herablässt, nichts als eine gemeine
Buhlerin? Ist's möglich!« Ottfried blieb kalt bei diesen Vorwürfen des Freundes,
stumm wandelte er an seiner Seite, und liess den leidenschaftlichen Jüngling
seinem begeisterten Gefühl Worte leihen; dann entgegnete er mit gleicher Ruhe:
»Wenn ich jetzt rede, so tue ich es mit schwerem Herzen, denn ich muss fürchten,
von dem Gegenstand meiner Neigung und Achtung verkannt zu werden, dennoch rede
ich. Hören Sie, was man noch für gewiss behauptet: Das Fräulein ist ein Werkzeug
in den Händen politischer Schwärmer; sie ist in geheimer Mission am Hofe, um den
Fürsten und seine Anhänger zu stürzen, sie in dem Ansehen beim Volke
herabzusetzen, und den ersten, vom Tron zu entfernen.« - »Genug,« rief Eduard,
»genug von den tollen Missverständnissen und finstern Verläumdungen, die von
Unverständigen dem unruhigen Haufen mitgeteilt werden. Lassen Sie mich
dergleichen nie wieder hören, teurer Freund, ich verachte dies Geschwätz. Wie,
ist nicht die Wiedervereinigung des Fürsten mit seiner Braut ein Werk des
Fräuleins? ist die moralische Wiedergeburt jenes gewissenlosen Mannes nicht
durch sie erzeugt? Sind Milde, Aufopferung, Güte, Geduld, Glaube und Andacht die
Eigenschaften eines verderbten Sinnes, der sich zum Werkzeug niedriger Zwecke
brauchen lässt? Ottfried, o wenn Sie in dieses klare Auge sehen dürften, so
hineinschauen dürften, wie ich es darf, nie würden Worte der Art mehr über Ihre
Lippen kommen! glauben Sie mir!« Die Freunde hatten jetzt das Schloss erreicht,
und indem sie im Begriff waren, hinaufzusteigen, wandte sich Ottfried noch
einmal zu seinem jungen Begleiter um; eine Träne glänzte in seinem Auge, seine
Stimme zitterte, als er die Worte sprach: »Erinnern Sie sich der Stelle im
Liede: Nur wer sich ganz verwaiset achtet, nur wer sich ganz verloren gibt, nur
wer im heissen Weh verschmachtet, wer bis zum Sterben sich betrübt, nur bei dem
zieht die ewige Verklärung ein; o Freund, wenn einmal dieser furchtbarste aller
Schmerzen über sie einbricht, wird ihre junge Seele ihn ertragen können? wird
sie Kraft genug behalten, um dann sich dem ewigen Lichte zuzuschwingen?« Er
umarmte Eduarden, und entfernte sich dann schnell. Als der Gewarnte sich auf
seinem einsamen Zimmer befand, dachte er über jene Worte nach, doch sie schienen
ihm ein Rätsel zu sein, dessen Lösung er in Ottfried's trüber, oft seltsamer
Stimmung suchen zu müssen glaubte.
    Sophie und ihr Geliebter waren vom Baron über alle Erwartung gnädig
aufgenommen worden, und es hatte allerdings den Anschein, als habe der
Journalist auf die Willfährigkeit des Alten in Betreff der Erfüllung seiner
kühnen Plane nicht mit Unrecht gezählt. Alles im Hause liess sich wiederum zu
Freude und Lust an, als ein neuer unerwarteter Vorfall die grösste Bestürzung
erregte. Man erfuhr nämlich, dass sich die Prinzessin rüste, so bald als möglich
das Schloss zu verlassen und das, wie es schien, auf immer. - Die Beweggründe
dieser Abreise, die wie eine Flucht aussah, wusste Niemand mit Bestimmteit
anzugeben, doch gab es hier und da Vermutungen, die nur leise ausgesprochen
werden durften; man raunte sich in die Ohren, die fürstliche Verbindung gehe
zurück, der Herzog habe seine erwählte Braut auf das Empfindlichste gekränkt,
und sie eile jetzt den Ihrigen zu, welche gewiss nicht unterlassen würden, die
erwiesene Schmach auf das Strengste zu rächen. Zur Verbreitung dieser Meinung
hatte der Journalist viel beigetragen, denn er gab vor, die genauesten
Nachrichten von seinen Freunden erhalten zu haben; man mass ihm völligen Glauben
bei, um so mehr, da das geheimnisvolle Wesen, welches jetzt auf dem Schloss
umging, ein Unheil dieser Art nur zu deutlich zu bekunden schien. Zwei fremde
Kavaliere, anscheinend von sehr hohem Range, waren angekommen, und die von ihnen
mitgeteilten Briefe und Aufträge mussten in dem Entschluss der Fürstin jene
auffallende Aenderung bewirkt haben, welche die ganze Umgegend, die mit Liebe
und Verehrung an der so höchst liebenswürdigen Dame hing, in Trauer versetzte.
Der Leibarzt war zu der plötzlich Erkrankten gerufen worden, und so viel Mühe
man anwandte, alle diese Ereignisse der Umgebung zu verschweigen, hatte doch
Neugier und Teilnahme Mittel gefunden, hinter den verhüllenden Schleier zu
dringen. Eduard war natürlich einer der Ersten gewesen, der an der Seite seiner
angebeteten Magdalena nach der Lösung des Rätsels geforscht, doch die Geliebte
selbst zeigte ein durch diese trüben Vorfälle so verwundetes Gemüt, sie war
augenscheinlich so heftig erschüttert und bewegt, bat ihren Freund so zärtlich,
ihrem Busen nicht ein Geheimnis entwinden zu wollen, an dessen Bewahrung sie so
schwer trage, dass dieser nicht weiter in sie drang, sondern sich begnügte, mit
ihr zusammen das Schicksal anzuklagen, das sie einer teilnehmenden edlen
Freundin beraubte, in dem Moment, wo beide sich entschlossen hatten, aus dem
Bunde ihrer Herzen kein Geheimnis mehr zu machen. Es war festgesetzt worden, dass
die Oberhofmeisterin und zwei junge Damen die Prinzessin begleiteten, Magdalena
jedoch sollte in Gesellschaft ihrer Tante noch einige Tage zurückbleiben.
    Die endlich erfolgende Abreise war ein allgemeines Trauerfest; obgleich die
Anstalten so getroffen worden, dass man in der Stille den Pallast verlassen
konnte, so hatte sich trotz dessen eine grosse Menge Landvolks eingefunden,
welches mit Gewalt darauf bestand, des Anblicks der hohen Frau teilhaftig zu
werden. Einige Männer vom Amt aus dem nächsten Städtchen, die ehrwürdigsten
Greise des Dorfes umstanden den Reisewagen, den Schlosshof; und als nach Verlauf
einer Stunde die Prinzessin erschien, begrüsste sie allgemeiner froher Zuruf; man
ging so weit, sie daran verhindern zu wollen, den Wagen zu besteigen; Greise,
Männer, Kinder und Frauen drängten sich um die hohe Gestalt, ihr Gewand zu
küssen und sie mit den rührendsten Bitten zu beschwören, das Schloss nicht zu
verlassen, denn es hätte sich das Gerücht verbreitet, sie wolle auf immer
scheiden. Die Fürstin zeigte sich innig bewegt bei den Beweisen so herzlicher
Anhänglichkeit, sie liess Geschenke austeilen, nahm auf das Huldvollste
Abschied, und konnte nur so zu ihrem Zwecke gelangen, indem sie laut erklärte,
dass sie bald wieder zu kommen hoffe. Der alte Freiherr stand mit entblösstem
Haupte zur Seite des Wagens, und sie hineinhebend, benutzte er die Gelegenheit,
die ihm gereichte Hand mit dankbaren Küssen zu bedecken. Ottfried, Sophie und
der Journalist erhielten ebenfalls freundliche Zeichen der Huld und Gnade;
August hatte es sich nicht nehmen lassen, in seiner glänzenden Forstuniform auf
einem schönen Rosse die edle Fürstin bis aus dem Dorf hinaus zu begleiten, und
so ging endlich der Zug der Wägen, von einem Schwarm der Landbewohner gefolgt,
durch das Dorf der nahen Gränze zu. Eduard, dem die Abreisende sich besonders
freundlich bezeigt, empfand es schmerzlich, dass seine geliebte Magdalena sich im
Augenblick der Trennung nicht blicken liess; der Schmerz, die Unruhe dieser Tage
hatte sie jedoch so angegriffen, dass sie das Zimmer nicht verlassen zu dürfen
behauptete. Der Baron, Ottfried, Sophie und der Journalist gingen in tiefster
Niedergeschlagenheit ihrer Wohnung wieder zu, die ihnen jetzt so verwaiset und
verödet vorkam. - »Muss denn jede schöne Hoffnung auf Glück und Frieden
heutzutage zu Grunde gehen!« rief der alte Freiherr, indem er sich eine Träne
aus dem Auge drückte; »ich glaubte nun in meiner Einfalt, im Dienste dieser über
Alles teuren und verehrten Frau meine Tage zu beschliessen, und nun wird sie uns
so plötzlich und auf eine so dunkle, seltsame Weise geraubt. Wer bürgt uns
dafür, dass sie wiederkommt; sie selbst schien daran nicht zu glauben, als ihr
Mund mit schmerzlichem Lächeln es uns versicherte. Ach, wer zählt die Leiden,
die sie in ihrem Leben schon erfahren, und die sie mit vieler Fassung, mit so
edler Geduld trägt; ich habe das Recht, über sie ein Wort zu sprechen, denn mir
war es vergönnt, schon an ihrer Wiege zu stehen, der Zeuge ihrer aufkeimenden
Tugenden zu sein; freilich, die Gabe irdischer Schönheit war ihr nicht gegeben,
auch nicht jener gefällige Glanz, der den Sinnen schmeichelt, aber die
himmlischen Schätze der Demut und Liebe lagen wie reines Gold in ihrer Brust.«
- »Zum Glück,« rief der Journalist, »bleibt uns das Edelfräulein, die wohl
würdig ist, ihre Stelle zu vertreten!« - »Auch sie dauert nicht lange bei uns
aus,« seufzte der Baron, »auch sie geht!« Ottfried schwieg, er wollte seine
Ansicht über des Fräuleins Charakter nicht laut werden lassen, obgleich ihr
Nichterscheinen bei'm Abschied ihm ein Beweis mehr schien, dass diese Abreise und
die Trennung des schon angeknüpften Bundes ihr Werk war. »Wer weiss es uns zu
sagen,« nahm der Journalist wieder das Wort, »wen diese Mauern jetzt wieder in
ihrer Mitte empfangen werden? Beim Alten bleibt es nun einmal gewiss nicht,
möchte nur das Neuere auch das Bessere sein; wir gehen einer ungewissen Zeit
entgegen.«
    Eduards einsame Stunden füllten jetzt die reizendsten Pläne, die
entzückendsten Aussichten; er dachte daran, wie er sein Leben gestalten wolle,
um es würdig zu führen an der Seite seiner Magdalena. An Emilien, an Gottold
waren Briefe geschrieben worden, die das schon längst als aufgelöst betrachtete.
Verhältnis vollends zernichteten. Er war willens, in Civil- oder Militärdienste
zu treten, je nachdem die Lage der Dinge ihn überzeugt haben würde, an welchem
Platze er schicklicher die Ideen, die ihn jetzt beseelten, in Wirksamkeit
übertragen könnte. Magdalena sah mit gerührter Teilnahme den Eifer, den der
Geliebte zeigte, ihren Anforderungen Genüge zu leisten, doch zeigte sich stets
in den Stunden, die Eduard seine glücklichsten nannte, eine seltsame
Befangenheit bei ihr. Der Jüngling glaubte das Beben dieser schönen Seele zu
erraten, wenn er bedachte, dass sie seinetwillen einen verhüllenden Schleier
dulde, dessen die Tadellose stets in ihrem Leben für ihre reinen Handlungen nie
bedurft hatte.
    In diese Träume versenkt, störte ihn eines Abends der junge Forsikadet, der
in sein Zimmer stürzte: »Eine Neuigkeit!« rief er, »eine saubre Neuigkeit - es
spukt oben im Schloss! ja, ja, Sie können es nur glauben, Eduard, es spukt, und
schon heisst es allgemein, dass des Gespenstes wegen die Fürstin so schleunig
fortgegangen sei.« Der muntre Jüngling liess sich jetzt in einen umständlichen
Bericht ein, dessen Schluss war, dass er den Geist in Gestalt eines, in ein graues
Wamms gekleideten Mannes selbst erschaut, als er in der Dämmerung heute den
Schlossverwalter, der in den obern Gemächern zu schaffen gehabt, aufgesucht. »Er
wandelte an mir dicht vorbei,« erzählte der Geisterseher, »ohne dass ich das
leiseste Geräusch eines Trittes wahrnehmen konnte, und verschwand im Corridor,
der zu den Gemächern des Fräuleins und ihrer Tante führt. Schon vor einigen
Tagen habe ich von den Schlossknechten dergleichen erzählen gehört, doch lachte
ich darüber; heute aber, versichere ich Sie, wandelte mich ordentlich ein
kleines Grausen an, ich gestehe es zu meiner Schande, denn wenn wir es
untersuchen, so wette ich, dass sich der Spuk in eine blosse und vielleicht recht
läppische Täuschung auflöst.« Eduard musste ihm versprechen, eines Abends in
seiner Gesellschaft dem seltsamen Wandler aufzulauern und ihn zur Rede zu
stellen.
    Als beide Jünglinge hinuntergingen, kam ihnen Sophie mit einem besonders
heitern Gesichte entgegen. »Sie haben, mein Freund,« sagte sie zu Eduard, »die
Epoche meiner Trauer, meiner kleinen Verirrungen mit erlebt, es ist billig, dass
Ihnen der freudige Schluss des Romans nicht verborgen bleibe: ich heirate,
heirate den Doktor, der gute Alte hat eben seine Zustimmung gegeben; wir
bleiben für's Erste hier wohnend, doch unter der Bedingung, dass nicht von
Politik die Rede sei.« Eduard ergriff Sophiens Hand und drückte sie herzlich,
indem er seinen Glückwunsch aussprach. »Sie sind sehr teilnehmend und gütig,«
fuhr die Braut fort, »ich nehme Ihren Glückwunsch geradezu als eine
Prophezeihung an, denn welchem Missgeschick sollte ich jetzt wohl noch
entgegengehen? Der Geliebte, dem ich angehöre, zählt sich zu der Klasse von
Menschen, bei denen heutzutage offenbar die richtige entscheidende Ansicht zu
treffen ist, und so bin ich ruhig; meine Stellung im Leben und gegen die
Gesellschaft ist gesichert und festgestellt, meine Achtung für mich selbst ist
durchaus begründet, denn ich hätte es mir nie vergeben können, wenn ich anders
gehandelt hätte.« - »Und was wird aus dem Pastor?« fragte Eduard. »Es ist ein
trefflicher Mann,« erwiderte Sophie, »dem ich mich herzlich verpflichtet fühle;
treu jenen alten biedern Gesinnungen seiner Tage hat er auch jetzt, da er
deutlich wahrnahm, dass es meinem Glücke gelte, nicht einen Moment gezögert, mit
seinen Ansprüchen zurückzutreten, und denen meines Bräutigams noch das Wort zu
reden; er selbst wird unsere Trauung verrichten, die in diesen Tagen vor sich
gehen soll.« Kaum hatte Sophie diese Worte geendet, als Ottfried, der Journalist
und der Prediger im heftigen Zank hervortraten. Der Journalist hatte wiederum
Angriffe auf Ottfrieds gefeierten Dichter gemacht, und durch diese den Poeten
und den Pastor in Zorn gesetzt. - »Was wollen Sie mit Ihrem ächtdeutschen
Charakter?« schrie Ottfried, »was soll ich unter dem vagen Begriff von
Deutschheit, Deutschtum verstehen? Ist unser grosser Dichter kein Deutscher?
Kein vaterländischer?« - »Nein,« entgegnete der Journalist ruhig, »denn er hat
kein Vaterland!« - »Eine neue, seltsame Behauptung!« rief der Pastor
kopfschüttelnd. - »Und nennen Sie es mir,« setzte der Doktor eben so ruhig
hinzu, »wie heisst es, wo liegt es? Ist's etwa das kleine Ländchen, in dessen
Hauptstadt er ein Haus, einen Garten besass, ist's das Gebiet jener Stadt, in der
er das Licht der Welt erblickte? Ist nicht eben so gut Frankreich, Italien, das
alte Griechenland, England, der Norden wie der Süden Europa's, sammt dem Orient,
sein Vaterland?« - »Ich fasse Ihre Ansicht,« rief Ottfried, »Sie zielen auf die
grosse Objektivität unsres Poeten, und ist es nicht diese gerade, mit deren Hülfe
es ihm gelang, so mächtig zu wirken, wie er gewirkt hat, indem er, mit einem
Bilde zu reden, die Perlen aus dem Meere, das bunte Geflügel der Luft, die
schimmernden Erze der Tiefe, die Gewächse fremder Zonen alle zusammen vereinigt
hat, um sie aus seinem goldenen Füllhorn dem mit ihm lebenden Geschlechte
vorzuschütten. Alles Schöne und Treffliche einer Zeit, ja diese Zeit selbst
kommt nur durch den Mund der Dichter auf die Nachwelt; sie sind das Organ, und
die mannigfaltigsten Richtungen des Geistes vereinigen sich hier, um in einem
tönenden Prophetenspruche offenbart zu werden. In dieser Beziehung schreiben
Dichter die Geschichte, und in diesem Sinn wird für das entfesselte Verständnis
die Geschichte zum Gedicht.« - »Ich trete vollkommen Ihrer Ansicht bei,« rief
der Journalist, »doch um den Poeten mit einer solchen weltgeschichtlichen Würde
zu bekleiden, muss er einen festen Standpunkt haben, von welchem aus es ihm
möglich wird, seine Bestimmung nach allen Seiten hin zu erfüllen; er muss sich
als Glied einer Kette fühlen, aus der er nicht herausstrebt, sondern die er nur
fester verbinden hilft; mit einem Wort, der Poet muss ein Vaterland haben.
Geziemt es dem Denker, frei von umschränkenden Verhältnissen der Gegenwart, dem
Ziele, das er sich über alle Zeit hinausgesteckt hat, auf dem Wege einsam
grübelnder Betrachtung nachzugehen; so sitzt der Dichter, ein Genosse seiner
Zeit, auf dem bunten Markte des Lebens da; er leidet, kämpft und siegt mit den
Leidenden, er jubelt mit den Jubelnden, und beständig wandelt der bewegte Zug
vor seinem Auge vorüber; Wolken, Sonne, die ganze vaterländische Natur sieht man
als Hintergrund zu seinen Gemälden; er ist eben so wenig von dem Lande, wo er
geboren, zu trennen, als Duft und Farbe von der Rose zu scheiden ist, denn die
Liebe, die Achtung seiner Mitbürger ist die Nahrung, mit der die Wurzel seines
Daseins sich sättigt, der feste Grund der allgemeinen Wohlfahrt ist der sichere
Boden, auf dem er fusst. Nähme man dem Poeten sein Vaterland, so nähme man seiner
Harfe den Klang. Erscheinen nicht die grossen Epiker und Dramatiker der Griechen,
von diesem Standpunkt aus gesehen, so grossartig? Stehen nicht Ariost, Dante, der
Dichter der Nibelungen, der grosse Britte und endlich unser deutscher Sänger des
Messias hierin als Muster da? - Der letztere ist der Dichter der Nation, bei ihm
findet man deutsches Wort, deutschen Glauben, deutsche Vaterlandsliebe und
Innigkeit.« - »Sie mögen Recht haben,« nahm Ottfried das Wort, »die Poesie wie
alle andern freien Künste sagten sich in unserer Zeit von dem nächsten Bedürfnis
der gegenwärtigen Zeit los, sie will keinem vorgeschriebenen Zwecke dienen, und
verlangt, selbstständig dazustehen, und diese Selbstständigkeit hat sie erlangt,
seitdem sie aus dem Stande unbewusster Kraft herausgetreten, und an der Hand der
Kritik sich auf ihren jetzigen Standpunkt geschwungen hat. Heutzutage muss nun
natürlich die Stellung eines grossen Dichters eine andere sein; er findet bei
seinem Erscheinen eine völlig eingerichtete Welt, die seiner nicht bedarf, er
muss also, um auf seine Weise wirksam einzutreten, sich der Laune Einzelner
anschliessen, abgesehen davon, ob diese Einzelnen sich in seinem Geburtslande
oder am entfernten Pol befinden; um seine innere Unabhängigkeit zu behaupten,
muss er in eine äussere Abhängigkeit sich fügen, und statt des kleinen Bodens, den
er früher in Liebe und Treue mit seinen Mitbrüdern teilte, öffnet sich jetzt
ihm die ganze Welt. Der sinnliche, mit Gesang begabte Naturmensch, der früher
den Dichter machte, vereint sich heutzutage mit dem forschenden Denker, und
diese Beiden, im Bunde mit der Kritik, bringen jene grosse Weltanschauung hervor,
die wir bei'm Genius unseres grossen Dichters bewundern, und durch die er auch
bei allen kommenden Jahrhunderten leben wird, indes der Poet, der die
vorüberrauschenden Interessen der Zeit nur auffasst, längst vergessen ist. Und am
Ende, was bleibt dem Dichter, wenn es ihm nicht erlaubt wird, über den kleinen
Streit die niedrigen Armseligkeiten, mit denen der Bürger der Staatsgesellschaft
sich abquälen muss, hinweg zu fliegen und hinauf zu streben?« - »Wem alle diese
Dinge nur Erbärmlichkeiten scheinen,« rief der Doktor heftig, »wem der Glaube
seiner Väter, der Heerd seiner Ahnen, die Liebe seiner Zeitgenossen nur
Gegenstände der Reflexion, nicht des Herzens sind, freilich, der hat Recht, sich
von Allem loszusagen, und von der kalten Höhe des Berges herab zu erklären, dass
er die Dinge zu seinen Füssen nur höchst klein und unbedeutend finde.« - Der
Pastor nahm das Wort und sagte: »Ich habe, so sehr ich auch den Sänger des
Messias verehre, doch nie rechtes Gefallen an seinen spröden, kalten
Vaterlandsliedern finden können, ja sogar, Gott verzeih mir die Sünde, der gute
Herrmann und seine Cherusker sind mir ordentlich etwas abgeschmackt erschienen,
und Gleim hat für mich weit mehr Wärme und Begeisterung.« - »Ich sehe,« rief der
Journalist, »für die Poesie nur Ein Heil, nämlich sie muss sich entschliessen, den
eingebildeten hohen Standpunkt, die kalte Höhe, auf der sie sich doch nicht wird
erhalten können, zu verlassen, um sich wieder an die einfachen Bedürfnisse der
Menschen anzuschliessen, sonst geschieht, was durchaus nicht ausbleiben kann: dass
sie entweder auf dem Wege der Reflexion sich selber zerstört, oder dem kalten
Indifferentismus anheimfällt, der sie schonungslos zernichtet. Sehen wir sie
nicht in den Versen unserer neuesten Dichter diesem drohenden Verderben schon
ganz nahe? - Wir, wir eilen, ihr wieder Haus und Vaterland zu geben, der
hülfelos herumirrenden bieten wir die sichere Stätte, das schützende Obdach.«
    Sophie unterbrach den Diskurs, indem sie ihren Bräutigam zu einem
Spaziergange aufforderte, Ottfried gesellte sich mit dem Pastor zum Baron, und
Eduard eilte, von der vertrauten Zofe gerufen, hinauf in Magdalenens Zimmer, wo
die Geliebte ihn bereits einige Zeit erwartet hatte. Sie kam ihm mit einem
bezaubernden Lächeln entgegen, in ihrer Hand schwebte ein Papier, welches sie
auf einen der Tische niederlegte und den Jüngling zu sich auf's Sopha zog.
»Schelten Sie nicht, teurer Eduard,« lispelte sie, »wenn ich jetzt eile, meine
schwärmenden Träume in Wirklichkeit zu verwandeln; die Zeit ist reif für unsere
Pläne, es könnte leicht ein günstiger Augenblick versäumt werden; entschliessen
Sie sich, mein Freund, dieses Papier hier dem General Erlfeld, der sich jetzt
gerade in der Residenz befindet, zu überbringen; erforschen Sie dessen Inhalt
nicht, ersparen Sie mir ein Erröten, wenn Sie erführen, wie kindisch besorgt um
Ihr Wohl die zaghafte Seele Ihrer Magdalena ist. Versprechen Sie mir, die Bogen
nicht zu entfalten, bei unsrer Liebe, bei diesem Kruzifix versprechen Sie mir
das.« - »Magdalena,« erwiderte Eduard, »Sie wissen ja, dass Ihr Wunsch ein Befehl
ist, wozu also noch ein Gelöbnis, ich reise, und wann darf ich wiederkommen?«
Das Fräulein sank mit einem Kuss an die Wange des Jünglings, sie schien ganz
Zärtlichkeit und Rührung, und eine Pause verging, ehe sie sich fassen konnte.
»Wir müssen uns trennen, auf wenige Tage, Freund meiner Seele!« hauchte sie in
schmachtenden Tönen, »das erste Wort, welches Sie mit meinem Verwandten, dem
General Erlfeld, sprechen werden, wird Sie überzeugen, dass ich ein paar
schmerzliche Tage ihre Gegenwart entbehren muss, doch verspreche ich Ihnen, Sie
hier zu erwarten.« Eduard erfasste ihre Hand, und seine in weiche Stimmung sich
ergiessende Seele gab ihm die süssesten, schmeichelndsten Worte des Danks und der
Zärtlichkeit ein; Magdalena erwiederte seine Liebkosungen, doch war in ihrem
Wesen heute mehr, wie jemals, die Befangenheit zu spüren, die störend auf den
Geliebten zurückwirkte; er blickte manchmal wie fragend in's grosse blaue Auge,
wie zu einem rätselhaften Stern hinauf. Als die Abschiedstunde schlug, zog er,
von wunderlichen Träumen getrieben, die zarte schöne Gestalt mit sich an's
offene Fenster, vor dem die ganze Landschaft sich im Mondenglanz verklärend
ausbreitete. »Mädchen meiner Liebe,« rief er mit Ernst und doch mit
schmerzlichem Lächeln, »wisse, dass, wenn Du mich täuschtest, mein Leben ein
verlorenes wäre; nur einmal vermag es der Mensch, mit voller, jugendlicher Kraft
und Zuversicht den Glauben zu erfassen, irrt ihn da ein Trugbild, so sinkt er
auf ewig in Ohnmacht dahin!« - »Eduard!« rief Magdalena, und sah den Jüngling
mit befremdetem, fast zürnendem Blicke an; »es ist nichts,« rief dieser, und
warf sich, wie in Reue vergehend, an ihre Brust, dann stürzte er fort.
    Beim Herausgehen traf er in den unrechten Corridor, als er ihn hinabeilte,
sah er bei ungewissem Lichte eine Gestalt ihm entgegen kommen, er hielt Stand
und liess sie an sich heran, denn er meinte, es sei Ottfried; doch als die
wandelnde Figur gerade den Streifen des Mondlichts durchschnitt, sah er eine
fremde seltsame Kleidung, die keinem Bewohner der heutigen Welt anzugehören
schien. Eduard kannte keine Furcht; er trat beherzt näher, da glitt die Gestalt
rasch an der Mauer hin, und dem Bestürzten war es, als blickten aus der
Mantelumhüllung die Züge des Herzogs ihn an. Als er sich von seinem Befremden
ermannte, war der nächtliche Wandler schon in der Tiefe des Ganges verschwunden.
    Von den Furien eines fürchterlichen Argwohns erfasst, konnte der arme
Jüngling nicht lange in der dumpfen Stille seines Zimmers ausdauern; Ottfried's
Winke, die Erzählungen August's vom Gespenste, die plötzliche Abreise der
Fürstin, Magdalenens seltsames Betragen, Alles schien auf eine finstere,
entsetzliche Katastrophe hinzuarbeiten; der Unglückliche entschloss sich, die
gegenwärtige Stunde zur Entscheidung zu rufen. Mit einem Gefühl, das ihm das
Herz zusammenschnürte, stieg er leise den wohlbekannten Gang hinauf in's Schloss,
und nach wenigen Augenblicken stand er vor der geheimen Tapetentür, durch die
er stets in den Tempel seines Glücks eingeschritten war. Noch einen Moment
zögerte er, sie zu öffnen, da glaubte er deutlich eine fremde Stimme im Gemach
zu vernehmen, von einem Tritt seines Fusses flog die Wand zurück, und - der
Herzog ward sichtbar, der sich aus den Armen des Fräuleins loswand. -
    Der Sommer war dahingegangen, der Herbst streute seine falben Blätter in
Garten und Flur, da hielt ein zierlicher Reisewagen vor dem Schloss des
Freiherrn, und Massiello zeigte sich darin, der gekommen war, den aus einer
schweren Krankheit kaum genesenen Eduard zurück in die Residenz, zu seinen
Freunden zu bringen. Man traf alle Anstalten, die blasse, zusammengesunkene
Gestalt des sonst so blühenden jungen Mannes mit aller ersinnlichen Schonung und
Sorgfalt zu hüten. August wollte sich von seinem Freunde durchaus nicht trennen,
und bat sich darum einen Sitz im Wagen aus, den der Musiker auch mit Vergnügen
ihm einräumte; der alte Baron und Ottfried vergossen Tränen, als sie den
liebgewonnenen, unglücklichen Jüngling von ihren Fluren scheiden sahen, die
nunmehr gänzlich verwaiset blieben, da einige Zeit vorher der Journalist und
seine junge Frau sie auch verlassen hatten, um in die Schweiz zu ziehen.
Fräulein Magdalena und ihre Tante waren aus der Gegend verschwunden, man wusste
nicht wohin.
    Massiello's Plan mit seinem leidenden Freunde war, diesen der Residenz und
allen jenen Plätzen, die alte schmerzhafte Erinnerungen wecken könnten,
vorbeizuführen, und die Waldeinsamkeit aufzusuchen, wohin der Abt sich
zurückgezogen hatte. Die Verwirrung in der Residenz, der Umsturz bestehender
Verhältnisse, ja sogar der Wechsel der Regierung, indem es nunmehr bestimmt
ausgemacht war, dass Fürst Lotar den Tron verliess, hatten den Musiker und
seinen Freund von der Ausführung ihres Reiseplans bis jetzt zurückgehalten,
dafür sollte er jedoch nun, da sich die Aussicht zeigte, Eduarden zum
Reisegesellschafter zu haben, die ernstlichsten Anstalten zum Aufbruch getroffen
werden.
    Es war Mittag, als das bestimmte Wäldchen erreicht wurde. Massiello gab an,
in welcher Richtung man es durchschneiden müsse. - Der Tag war ungewöhnlich
heiss, erst als man tiefer in Schatten hineingeriet, wehte eine angenehme
Kühlung, vermischt mit dem würzigen Dufte des Waldharzes, den Fahrenden
entgegen; hier und da fielen einzelne Sonnenstrahlen durch die grüne Nacht, und
spielten im Smaragdlichte auf dem Boden, Vögel flogen mit lachendem Gezwitscher
über den Weg, die Rosse zogen den leichten Wagen wie im Spiel die Krümmungen des
harten Waldweges fort. Jetzt hielt der Kutscher, und die Freunde stiegen aus, um
auf einem Fusswege tiefer in's Dickicht zu dringen. Man vernahm rollende Passagen
auf dem Fortepiano, und zugleich ward die Einsiedlerhütte bemerkbar, deren Türe
offen stand. Oben an der Hütte war ein purpurglänzender Papagei in seinem
Goldringe aufgehängt, unten spielten im Sonnenstrahl zwei weisse Kaninchen. Der
Abt sass in einem braunen herabfliessenden Gewande, mit dem Rücken gegen den
Eingang, am Instrumente, und spielte eine Sonate von Betoven. Als er den
Ankommenden entgegentrat, bemerkten die Freunde, dass er sich hatte einen Bart
wachsen lassen, der seinem Gesichte nicht übel stand. »Carissimo padre!« rief
Massiello, und schloss sich in die Arme des Erfreuten, indem er einige flüchtige
Küsse auf den neuangeschossenen Bart drückte, »wie geht's? welches Befinden?« er
trat gleich darauf an's Klavier, und spielte die fehlenden Bögen der Sonate
vollends ab, indes der Abt Eduard und seinen jungen Freund herzlich begrüsste.
»Gewiss,« sagte er zu dem erstern, »wird dieser kühle Waldschatten sich wie eine
liebe Vergessenheit auf Ihren Busen legen, und dem empörten Blute Milde lehren -
und dann tun Reisen, Postäuser, italienische Villen und neue
Liebesbekanntschaften das Uebrige.« Eduard äusserte, dass er, seinem Schwure
getreu, Dienste suchen wolle, und dass der Militärstand stets für ihn etwas
Anziehendes gehabt habe. August jubelte über diesen Ausspruch und meinte, in dem
Falle wolle auch er ein Bajonet an seine Flinte schrauben lassen. Man machte
einen kleinen Spaziergang in den Wald hinein, indes der Abt Einrichtungen
treffen liess, um seinen Gästen eine anständige Mahlzeit und ein gutes Nachtlager
anbieten zu können. Eduard, der den andern etwas vorausgeeilt war, betrat nicht
sobald die Landstrasse, als er einen Wagen heranrollen sah, in dem ein Offizier
und eine junge Dame sassen; sie waren so eifrig im Gespräch begriffen, dass sie
den einsamen Wanderer nicht bemerkten, er aber erkannte ihre Physiognomien wohl:
es war Robert und die Gräfin Eva. Massiello lief ihnen nach, indem er schrie und
mit dem Tuch winkte, doch schon war der Wagen um die Ecke gebogen und
verschwunden. »Da eilen Sie nun hin!« rief der Atemlose, »ihr Bestreben ist,
uns in der Stadt aufzusuchen, um Abschied zu nehmen, und jetzt hören die
zerstreuten Leute auf kein abmahnendes Wort; nun meinetalben, so mögen sie denn
das leere Haus finden.« Eduard erkundigte sich nach Robert's Schicksalen und
erfuhr, dass der Poet eine reiche Erbschaft getan, und jetzt an der Seite der
Gräfin, in der Uniform eines Malteserritters, London zueile, wo er sich
anzusiedeln gedenke. - »Die Erbschaft,« lächelte der Componist, »kam so zur
rechten Zeit, dass unser Held ohne sie, von seinem vornehmen Beschützer
verlassen, notwendig in eine üble Lage hätte geraten müssen; so aber scheinen
die äusseren Schätze ihm immer voller zuzuströmen, je tiefer sein Gemüt in
innere Zerrüttung und Armut sinkt; ich sehe das verzweifelte Ende voraus, das
er notwendig nehmen muss.« - »Und wie geht's der kleinen Jokonde?« fragte
Eduard, von einer wehmütigen Erinnerung angehaucht. »Fragen Sie nicht nach
ihr,« sagte Massiello mit weicher Stimme, indem er zu Boden blickte; »wollte der
Himmel, ich könnte von ihr sagen, dass man sie eines Morgens todt am Strande des
Meeres gefunden.« Eduard wurde merklich blässer bei dieser Antwort, er schwieg
und eine tiefe Stille herrschte, während die drei Freunde den Weg zurück in die
Einsiedlerhütte nahmen.
    Man brachte den Abend trübe zu und ging zeitig zur Ruhe; als am andern
Morgen sich die Freunde versammelten, fehlte Eduard in ihrer Mitte, er hatte
sich in der Nacht leise fortbegeben, der Abt fand sein Taschenbuch, in dem ein
kurzer Abschied eingezeichnet war, dann zog er ein Papier hervor, und es fand
sich, dass es Magdalenens Brief war, den der Unglückliche bis jetzt bei sich
getragen; Massiello entfaltete es, und las die Worte: »Teurer Oheim! den
Ueberbringer dieses schicke ich Ihnen als einen Menschen zu, den ich für unsere
Sache gewonnen habe, und den Sie überall brauchen können, nur nicht da, wo es
Künste der Klugheit gilt, denn er hat die Offenheit und Ungeschicklichkeit eines
Kindes. Der Fürst ist vom Trone und der Prinzessin geschieden, und geht in ein
Asyl, wo er uns nicht mehr schädlich sein kann. Fällt dieser Brief in unrechte
Hände, so sind wir schon längst gesichert, und ich bin einen Ueberlästigen los,
dessen Neigung, jetzt, da ich sie gewonnen, mich schon zu langweilen anfängt;
mich dürstet nach einem neuen Wirkungskreis.«
    Die Freunde legten das unglückliche Blatt hin und sahen einander mit
schmerzlichen Blicken an. August lehnte, das Antlitz auf den Arm gebeugt, am
nächsten Baum; er wollte es den beiden Männern verbergen, dass seine jugendliche
Wange von Tränen befeuchtet war.
 
    