
        
                                 Eduard Mörike
                                  Maler Nolten
                             Novelle in zwei Teilen
                                   Erster Teil
Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Strassen der Residenzstadt. Der
ältliche Baron Jassfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem
Maler Tillsen, und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen, führte ihn
diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich
nach Tische, mit seiner jungen Frau in dem kleinen, ebenso geschmackvollen als
einfachen Saale, dessen antike Dekoration sich gar harmonisch mit den
gewöhnlichen Gegenständen des Gebrauchs und der Mode ausnahm. Man sprach zuerst
in heiterm Tone über verschiedene Dinge, bis die Frau sich in Angelegenheiten
der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein liess.
    Der Baron sass bequemlich mit übereinandergeschlagenen Beinen im weichen
Fauteuil, und indes die Wange in der rechten Hand ruhte, schien er während der
eingetretenen Pause den Maler in freundlichem Nachsinnen mit der neuen Ansicht
zu vergleichen, die sich ihm seit gestern über dessen Werke aufgedrungen. »Mein
Lieber!« fing er jetzt an, »dass ich Ihnen nur sage, warum ich vornehmlich hieher
komme. Ich bin kürzlich bei dem Grafen von Zarlin gewesen und habe dort ein
Gemälde gesehen, wieder und wieder gesehen und des Sehens kaum genug gekriegt.
Ich fragte nach dem Meister, der Graf liess mich raten, ich riet und sagte:
Tillsen! - schüttelte aber unwillkürlich den Kopf dabei, weil mir zugleich war,
es könne doch nicht wohl sein; ich sagte abermals: Tillsen, und sagte zum
zweitenmal: Nein!«
    Bei diesen Worten zeigte sich eine Spur von Verdruss und Verlegenheit auf des
Malers Gesicht; er wusste sie jedoch schnell zu verbergen und fragte mit guter
Laune: »Nun! das schöne Wunderwerk, das meinen armen Pinsel bereits zweimal
verleugnet hat - was ist es denn eigentlich?«
    »Stellen Sie sich nicht, Bester«, erwiderte der Alte aufstehend, mit
herzlicher Fröhlichkeit und glänzenden Augen, »Ihnen ist wohl bekannt, wovon ich
rede. Der von Zarlin hat Ihnen das Bild abgekauft und Sie sind nach seiner
Versicherung der Mann, der es gemacht. Hören Sie, Tillsen«, hier ergriff er
seine Hand, »hören Sie! ich bin nun einmal eben ein aufrichtiger Bursche, und
mag, wo ich meine Leute zu kennen glaube, nicht übertrieben viel Vorsicht
brauchen, also platzte ich Ihnen gleich damit heraus, wie mir's mit Ihrem Bilde
ergangen; es entält unverkennbar so manches Ihrer Kunst, besonders was Farbe
was Schönheit im einzelnen, was namentlich auch die Landschaft betrifft aber es
entält - nein, es ist sogar durchaus wieder etwas anderes, als was Sie bisher
waren, und indem ich zugebe, dass die überraschende Entdeckung gewisser Ihnen in
minderem Grade eigenen Vorzüge mich irregemacht, so liegt hierin ein Vorwurf
gegen Ihre früheren Arbeiten, den Sie immer von mir gehört haben, ohne darum zu
zweifeln, dass ich Sie für einen in seiner Art trefflichen Künstler halte. Ich
fand jetzt aber eine Keckheit und Grösse der Komposition von Figuren, eine
Freiheit überall, wie Sie meines Wissens der Welt niemals gezeigt hatten; und
was mir schlechterdings als ein Rätsel erschien, ist die auffallende Abweichung
in der poetischen Denkungsart, in der Wahl der Gegenstände. Dies gilt
insbesondere von zwei Skizzen, deren ich noch gar nicht erwähnte und die Sie dem
Grafen in Öl auszuführen versprochen haben.
    Hier ist eine durchaus seltene Richtung der Phantasie, wunderbar,
phantastisch, zum Teil verwegen und in einem angenehmen Sinne bizarr. Ich denke
dabei an die Gespenstermusik im Walde und Mondschein, an den Traum des
verliebten Riesen. Tillsen! um Gottes willen, sagen Sie, wann ist diese
ungeheure Veränderung vorgegangen? wie erklären Sie mir sie? Man weiss und hat es
bedauert, dass Tillsen in andertalb Jahren keine Farbe angerührt; warum sagten
Sie mir während der letzten zwei Monate nicht eine Silbe vom Wiederanfange Ihrer
Arbeiten? Sie haben heimlich gemalt, Sie wollten uns überraschen, und wahrlich,
teuerster, unbegreiflicher Freund, das ist Ihnen gelungen.« Hier schüttelte der
feurige Redner den stummen Hörer kräftig bei den Schultern, schmunzelte und sah
ihm nahezu unter die Augen.
    »Ich bin wahrhaftig«, begann der andere ganz ruhig, aber lächelnd, »um den
Ausdruck verlegen, Ihnen meine Verwunderung über Ihre Worte zu bezeugen, wovon
ich das mindeste nicht verstehe. Weder kann ich mich zu jenem Gemälde, zu jenen
Zeichnungen bekennen, noch überhaupt fass ich Ihre Worte. Das Ganze scheint ein
Streich von Zarlin zu sein, den er uns wohl hätte ersparen mögen. Wie stehen wir
einander nun seltsam beschämt gegenüber! Sie sind gezwungen, ein mir nicht
gebührendes Lob zurückzunehmen, und der Tadel, den Sie vergnügt schon auf die
alte Rechnung setzten, bleibt wo er hingehört. Das muss uns aber ja nicht
genieren, Baron, wir bleiben hoff ich, die besten Freunde. Geben Sie mir aber
doch, ich bitte Sie, einen deutlichen Begriff von den bewussten Stücken. Setzen
Sie sich!«
    Jassfeld hatte diese Rede bis zur Hälfte mit offenstehendem Munde, beinahe
ohne Atemzug angehört, während der andern Hälfte trippelte er im Zickzack durch
den Saal, stand nun plötzlich still und sagte: »Der Teufelskerl von Zarlin! Wenn
ja der - aber es ist impossibel, ich behaupte trotz allen himmlischen
Heerscharen, Sie sind der Maler, kein anderer; auch lässt sich nicht annehmen,
dass es etwa nur zum Teil Ihre Produktion wäre; Sie haben sich in Ihrem Leben nie
auf Fremdes verlegt.« Der Maler bat wiederholt um die Schilderung der befragten
Stücke.
    »Ich beschreibe Ihnen also, weil Sie es verlangen, Ihr eigen Werk«, hub der
alte Herr, sich niedersetzend, an, »aber kurz, und korrigieren Sie mich gleich,
wenn ich wo fehle. - Das ausgeführte Ölgemälde zeigt uns, wie einer Wassernymphe
ein schöner Knabe auf dem Kahn von einem Satyr zugeführt wird. Jene bildet neben
einigen Meerfelsen linker Hand die vorderste Figur. Sie drückt sich, vorgeneigt
und bis an die Hüften im Wasser, fest an den Rand des Nachens, indem sie mit
erhobenen Armen den reizenden Gegenstand ihrer Wünsche zu empfangen sucht. Der
schlanke Knabe beugt sich angstvoll zurück und streckt, doch unwillkürlich,
einen Arm entgegen; hauptsächlich mag es der Zauber ihrer Stimme sein, was ihn
unwiderstehlich anzieht, denn ihr freundlicher Mund ist halb geöffnet und stimmt
rührend zu dem Verlangen des warmen Blicks. Hier erkannte ich Ihren Pinsel, Ihr
Kolorit, Ihren unnachahmlichen Hauch, o Tillsen, hier rief ich Ihren Namen aus.
Das Gesicht der Nymphe ist fast nur Profil, der schiefe Rücken und eine Brust
ist sichtbar; unvergleichlich das nasse, blonde Haar. Bei der Senkung einer
Welle zeigt sich wenig der Ansatz des geschuppten Fischkörpers, in der Nähe
schlägt der tierische Schwanz aus dem grünen Wasser, aber man vergisst das
Ungeheuer über der Schönheit des menschlichen Teils und der Knabe vergeht in dem
Liebreiz dieses Angesichts; er versäumt das leichte, nur noch über die Schulter
geschlungene Tuch, das der Wind als schmalen Streif in die Höhe flattern lässt.
Eine Figur von grosser Bedeutung ist der Satyr als Zuschauer. Die muskulose Figur
steht, auf das Ruder gelehnt, etwas seitwärts im Schiffe, und überragt, obgleich
nicht ganz aufrecht, die übrigen. Eine stumme Leidenschaft spricht aus seinen
Zügen, denn obgleich er der Nymphe durch den Raub und die Herbeischaffung des
herrlichen Lieblings einen Dienst erweisen wollte, so straft ihn jetzt seine
heftige Liebe zu ihr mit unverhoffter Eifersucht. Er möchte sich lieber mit Wut
von dieser Szene abkehren, allein er zwingt sich zu ruhiger Betrachtung, er
sucht einen bittern Genuss darin. Das Ganze rundet sich vortrefflich ab und mit
Klugheit wusste der Maler das eine leere Ende des Nachens rechter Hand hinter
hohe Seegewächse zu verstecken. Übrigens ist vollkommene Meeraussicht und man
befindet sich mit den Personen einsam und ziemlich unheimlich auf dem hülflosen
Bereiche. Ich sage Ihnen nichts weiter, mein Freund. Ihre gelassene Miene verrät
mir eine hinlängliche Bekanntschaft mit der Sache, Sie dürften übrigens, wenn
keine Verwunderung, doch wahrlich ein wenig gerechten Stolz auf ihr Werk blicken
lassen, wofern nicht eben in diesem Anscheine von Gleichgültigkeit schon der
höchste Stolz liegt.«
    »Die Skizzen, wenn ich bitten darf!« erwiderte der andere; »wie verhält es
sich damit? Sie haben mich sehr neugierig gemacht.«
    Der Baron holte frisch Atem, lächelte und begann doch bald ernstaft:
»Federzeichnung, mit Wasserfarbe ziemlich ausgeführt, nach Ihrer gewöhnlichen
Weise. Das Blatt, wovon jetzt die Rede ist, hat einen tiefen, und besonders als
ich es zum zweitenmal bei Lichte sah, einen fast schauderhaften Eindruck auf
mich gemacht. Es ist nichts weiter als eine nächtliche Versammlung
musikliebender Gespenster. Man sieht einen grasigen, etwas hüglichten Waldplatz,
ringsum, bis auf eine Seite, eingeschlossen Jene offene Seite rechts lässt einen
Teil der tiefliegenden, in Nebel glänzenden Ebene übersehen; dagegen erhebt sich
zur Linken im Vordergrunde eine nasse Felswand, unter der sich ein lebhafter
Quell bildet und in deren Vertiefung eine gotisch verzierte Orgel von mässiger
Grösse gestellt ist; vor ihr auf einem bemoosten Blocke sitzt im Spiele begriffen
gleich eine Hauptfigur, während die übrigen teils ruhig mit ihren Instrumenten
beschäftigt, teils im Ringel tanzend oder sonst in Gruppen umher zerstreut sind.
Die wunderlichen Wesen sind meist in schleppende, zur Not aufgeschürzte Gewande
von grauer oder sonst einer bescheidenen Farbe gehüllt, blasse mitunter sehr
angenehme Totengesichter, selten etwas Grasses, noch seltener das geschälte
hässliche Totenbein. Sie haben sich, um nach ihrer Weise sich gütlich zu tun,
ohne Zweifel aus einem unfernen Kirchhof hieher gemacht. Dies ist schon durch
die Kapelle rechts angedeutet, welche man unten in einiger Nähe, jedoch nur
halb, erblickt, denn sie wird durch den vordersten Grabhügel abgeschnitten, an
dessen eingesunkenem Kreuze von Stein ein Flötenspieler mit bemerkenswerter
Haltung und trefflich drapiertem Gewande sich hingelagert hat. Ich wende mich
aber jetzt wieder auf die entgegengesetzte Seite zu der anziehenden Organistin.
Sie ist eine edle Jungfrau mit gesenktem Haupte; sie scheint mehr auf den Gesang
der zu ihren Füssen strömenden Quelle, als auf das eigene Spiel zu horchen. Das
schwarze, seelenvolle Auge taucht nur träumerisch aus der Tiefe des inneren
Geisterlebens, ergreift keinen Gegenstand mit Aufmerksamkeit, ruht nicht auf den
Tasten, nicht auf der schönen runden Hand, ein wehmütig Lächeln schwimmt kaum
sichtbar um den Mundwinkel und es ist, als sinne dieser Geist im jetzigen
Augenblicke auf die Möglichkeit einer Scheidung von seinem zweiten leiblichen
Leben. An der Orgel lehnt ein schlummertrunkener Jüngling mit geschlossenen
Augen und leidenden Zügen, eine brennende Fackel haltend; ein grosser
goldenbrauner Nachtfalter sitzt ihm in den Seitenlocken. Zwischen der Wand und
dem Kasten scheint sich der Tod als Kalkant zu befinden, denn eine knöcherne
Hand und ein vorstehender Fuss des Gerippes wird bemerkt. Unter den Gestalten im
Mittelgrunde zeichnet sich namentlich eine Gruppe von Tanzenden aus, zwei
kräftige Männer und ebensoviel Frauen in anmutigen und kunstvollen Bewegungen,
mit hochgehaltener Handreichung, wobei zuweilen nackte Körperteile edel und
schön zum Vorschein kommen. Indessen, der Tanz scheint langsam und den ernsten,
ja traurigen Mienen derjenigen zu entsprechen, welche ihn aufführen. Diesen zu
beiden Seiten und dann mehr gegen den Hintergrund entfaltet sich ein
vergnügteres Leben; man gewahrt muntere Stellungen, endlich possenhafte und
neckische Spiele. Etwas fiel mir besonders auf. Ein Knabengerippe im leichten
Scharlachmäntelchen sitzt da und wollte sich gern von einem andern den Schuh
ausziehen lassen, aber das Bein bis zum Knie ging mit und der ungeschickte
Bursche will sich zu Tode lachen. Hingegen ein anderer Zug ist folgender: Vorn
bei dem Flötenspieler befindet sich ein Gesträuche, woraus eine magere Hand ein
Nestchen bietet, während ein hingekauerter Greis sein Söhnchen bei der
hingehaltenen Kerze bereits einem Vogel in die verwundert unschuldigen Äuglein
blicken lässt; der Bursche hat übrigens schon eine zappelnde Fledermaus am
Fittich. Es gibt mehrere Züge der Art; es gäbe überhaupt noch gar vieles
anzuführen. Die Beleuchtung, der wundervolle Wechsel zwischen Mond- und
Kerzenlicht, wie dies einst beim Ölgemälde, besonders in der Wirkung aufs Grün,
sich zauberisch darstellen wird, ist überall bereits effektvoll angedeutet und
mit grosser Kenntnis behandelt. Doch genug! der Henker mag so was beschreiben.«
    Tillsen hatte schon seit einer Weile zerstreut und brütend gesessen. Jetzt
da das Schweigen des Barons ihn zu sich selbst gebracht, erhob er sich rasch mit
glühender Stirn vom Sessel und sprach entschlossen: »Ja, mein Herr, ich darf es
sagen, von meiner Hand ist, was Sie gesehen haben, doch« - hier brach er in ein
gezwungenes Gelächter aus. »Gott sei Dank!« unterbrach ihn der Baron, entzückt
aufspringend, »nun hab ich genug; lassen Sie sich küssen, umarmen,
Charmantester! die andertalb Jahre Fastenzeit, worin Sie die Palette
vertrocknen liessen, haben Wunder an Ihnen gereift, eine Periode entwickelt, über
deren Früchte die Welt staunen wird. Nun geht es Schlag auf Schlag, geben Sie
acht, seitdem der neue, starke Frühling für Ihre Kunst durchbrochen hat, und in
dieser Stunde prophezei ich Ihnen die Fülle eines Ruhmes, der vielleicht
Hunderte begeistern wird, das ganze Mark der Kräfte an die edelste Kunst zu
wenden, aber auch Tausende zwingen muss, in mutlosem Neide sie abzuschwören. Ach
lieber, bescheidener Mann, Sie sind bewegt, ich bin es nicht weniger von
herzlicher Freude. Lassen Sie uns in diesem glücklichen Moment mit einem warmen
Händedruck auseinandergehen, und kein Wort weiter. Ich gehe zum Grafen. Leben
Sie wohl! auf Wiedersehen.« Damit war er zur Türe hinaus.
    Der Maler, unbeweglich, sah ihm nach. Es wollte ihn jetzt fortreissen, dem
Baron zu folgen, ihm eine plötzliche Aufklärung zu geben, aber ein
unwillkürlicher trockener Entschluss hielt ihn wie an den Boden gefesselt. Erst
nach einer langen Stille brach er, beinahe schmerzlich lächelnd, in die Worte
aus: »O betrogener redlicher Mann! wie hast du dich unnötig über mich verjubelt,
mir arglos meine ganze Blösse gezeigt! Ich musste ein Lob anhören, das nicht mir,
sondern einem andern gehört und das just alles das heraushob, was mir zum
rechten Maler abgeht, ewig abgehen wird!« Es ist wahr, fuhr er in Gedanken fort,
die Ausführung jener Kompositionen ist mein und ist nicht das Schlechteste am
Ganzen; sie dient, jenen Erfindungen die rechte Bedeutung zu geben; ohne mein
Zutun wären vielleicht die Skizzen des armen Zeichners gleichgültig übersehen
worden. Aber nur auf der Spur seines Geistes stärkte, belebte sich der meinige,
und nur von jenem ermutigt konnte ich sogar auf eine Höhe des Ausdrucks kommen,
bis zu welcher ich mich nie erhoben hatte. Wie arm, wie nichts erschein ich mir
diesem unbekannten Zeichner gegenüber! Wie würf ich mit Freuden alles hin, was
sonst an mir gerühmt wird, für die Gabe, solche Umrisse, solche Linien, solche
Anordnungen zu schaffen! Ein Crayon, ein dürftig Papier ist ihm genug, damit er
mich über den Haufen stürze. Wüssten nur erst die Herren, dass es die Werke eines
Wahnsinnigen sind, welche sie bewundern, eines unscheinbaren verdorbenen
Menschen, ihr Staunen würde noch grösser sein, als da sie in mir den Meister
gefunden zu haben glauben. Noch kennt ausser mir niemand den wahren Erfinder,
aber gesetzt, ich wollte auf die Gefahr, dass dieser sein eigensinniges Inkognito
brechen kann, mir dennoch den Ruhm seiner Schöpfung erhalten, ich fände einen
weit stärkeren Grund dagegen in dem eigenen innern Bewusstsein. Darum muss es an
den Tag, lieber heute als morgen, ich sei keineswegs der Rechte.
    Das waren ungefähr die Gedanken des lebhaft aufgeregten Mannes. Indessen war
er, was den letzten Punkt betrifft, noch nicht so ganz entschieden. Hatte er
bisher die Meinung der Freunde so hinhängen lassen, ohne sie eben zu bestärken,
ohne zu widerlegen, indem er sich mit zweideutigem Scherz in der Mitte hielt, so
dachte er jetzt, er könne unbeschadet seines Gewissens noch eine Zeitlang
zuwarten mit der Entüllung, und er wolle sein Benehmen nachher, wenn es nötig
sei, schon auf ehrenvolle Art rechtfertigen.
    Soeben trat die junge Frau wieder ins Zimmer: sie bemerkte die auffallende
Bewegung an ihrem Manne, sie fragte erschrocken, er leugnete und herzte sie mit
einer ungewohnten Inbrunst. Dann ging er auf sein Zimmer.
    Es verstrichen mehrere Wochen, ohne dass unser Maler gegen irgend jemanden
sich über den wahren Zusammenhang der Sache erklärte, seinen Schwager, den Major
v. R., ausgenommen, dem er folgende auffallende Eröffnung machte. »Es mag nun
bald ein Jahr sein, als mich eines Abends ein verwahrloster Mensch von
schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen, eine spindeldünne
Schneiderfigur, in meiner Werkstätte besuchte. Er gab sich für einen eifrigen
Dilettanten in der Malerei aus. Aber die windige Art seines Benehmens, das
Verworrene seines Gesprächs über Kunstgegenstände war ebenso verdächtig, als mir
überhaupt der ganze Besuch fatal und rätselhaft sein musste. Ich hielt ihn zum
wenigsten für einen aufdringlichen Schwätzer, wo nicht gar für einen Schelmen,
wie sie gewöhnlich in fremden Häusern umherschleichen, die Leute zu bestehlen
und zu betrügen. Hingegen wie gross war meine Verwunderung, als er einige Blätter
hervorzog, die er mit vieler Bescheidenheit für leichte Proben von seiner Hand
ausgab. Es waren reinliche Entwürfe mit Bleistift und Kreide voll Geist und
Leben, wenn auch manche Mängel an der Zeichnung sogleich ins Auge fielen. Ich
verbarg meinen Beifall absichtlich, um meinen Mann erst auszuforschen, mich zu
überzeugen, ob das alles nicht etwa fremdes Gut wäre. Er schien mein Misstrauen
zu bemerken und lächelte beleidigt, während er die Papiere wieder
zusammenrollte. Sein Blick fiel inzwischen auf eine von mir angefangene Tafel,
die an der Wand lehnte, und wenn kurz vorher einige seiner Urteile so
abgeschmackt und lächerrlich als möglich klangen, so ward ich jetzt durch einige
bedeutungsvolle Worte aus seinem Munde überrascht, welche mir ewig unvergesslich
bleiben werden, denn sie bezeichneten auf die treffendste Weise das
Charakteristische meiner Manier und lösten mir das Geheimnis eines Fehlers, den
ich bisher nur dunkel empfunden hatte. Der wunderliche Mensch wollte mein
Erstaunen nicht bemerken, er griff eben nach dem Hute, als ich ihn lebhaft zu
mir auf einen Sitz niederzog und zu einer weiteren Erörterung aufforderte. Es
übersteigt jedoch alle Beschreibung, in welch sonderbarem Gemische des fadesten
und unsinnigsten Galimatias mit einzelnen äusserst pikanten Streiflichtern von
Scharfsinn sich der Mensch in einer süsslich wispernden Sprache nun gegen mich
vernehmen liess. Dies alles zusammengenommen und das unpassende Kichern, womit er
sich selber und mich gleichsam zu verhöhnen schien, liess keinen Zweifel übrig,
dass ich hier das seltenste Beispiel von Verrückteit vor mir habe, welches mir
je begegnet war. Ich brach ab, lenkte das Gespräch auf gewöhnliche Dinge und er
schien sich in seinem stutzerhaft affektierten Betragen nur immer mehr zu
gefallen. Dies elegante Vornehmtun machte mit seinem notdürftigen Äussern, einem
abgetragenen, hellgrünen Fräckchen und schlechten Nankingbeinkleidern einen
höchst komischen, affreusen Kontrast. Bald zupfte er mit zierlichem Finger an
seinem ziemlich ungewaschenen Hemdstrich, bald liess er sein Bambusröhrchen auf
dem schmalen Rücken tänzeln, indem er zugleich bemüht war, durch Einziehung der
Arme mir die schmähliche Kürze des grünen Fräckchens zu verbergen. Mit alle
diesem erregte er meine aufrichtige Teilnahme. Musst ich mir nicht einen Menschen
denken, der mit seinem ausserordentlichen Talente, vielleicht durch gekränkte
Eitelkeit, vielleicht durch Liederlichkeit, dergestalt in Zerfall geraten war,
dass zuletzt nur dieser jämmerliche Schatten übrigblieb? Auch waren jene
Zeichnungen, wie er selbst bekannte, aus einer längst vergangenen, bessern Zeit
seines Lebens. Auf die Frage, womit er sich denn gegenwärtig beschäftige,
antwortete er hastig und kurz: er privatisiere; und als ich von weitem die
Absicht blicken liess, jene Blätter von ihm zu erstehen, schien er trotz eines
preziösen Lächelns nicht wenig erleichtert und vergnügt. Ich bot ihm drei
Dukaten, die er mit dem Versprechen zu sich steckte, mich bald wiederzusehen.
Nach vier Wochen erschien er abermals und zwar schon in merklich besserem
Aufzuge. Er brachte mehrere Skizzen mit: sie waren womöglich noch interessanter,
noch geistreicher. Indessen hatt ich beschlossen, ihm vorderhand nichts weiter
abzunehmen, bis ich über die Rechtmässigkeit eines solchen Erwerbs völlig ins
reine gekommen wäre, etwa dadurch, dass er veranlasst würde, gleichsam unter
meinen Augen eine Aufgabe zu lösen, die ich ihm unter einem unverfänglichen
Vorwande zuschieben wollte. Ich hatte meine Gedanken hiezu schriftlich
angedeutet, erklärte mich ihm auch mündlich darüber, und er eilte sogleich mit
der Hoffnung weg, mir seinen Versuch in einigen Tagen zu zeigen. Aber wer
schildert meine Freude, als schon am Abende des folgenden Tages die edelsten
Umrisse zu der angegebenen Gruppe aus dem Statius vor mir lagen, in der ganzen
Auffassung des Gedankens weit kühner und sinnreicher als der Umfang meiner
Imagination jemals reichte. Manche flüchtige Bemerkung des närrischen Menschen
bewies überdies unwidersprechlich, dass er mit Leib und Seele bei der Zeichnung
gewesen. Auch dieser Entwurf und in der Folge noch der eine und andere ward mein
Eigentum; allein plötzlich blieb der Fremde aus und eigensinnigerweise hatte er
mir weder Namen noch sonstige Adresse zurückgelassen. Nach und nach fühlte ich
unwiderstehliche Lust, drei bis vier der vorhandenen Blätter vergrössert in
Wasserfarbe aufs neue zu skizzieren und sofort in Öl darzustellen, wobei denn
bald die liebevollste wechselseitige Durchdringung meiner Manier und jenes
fremden Genius stattfand, so dass die Entscheidung so leicht nicht sein möchte,
wenn nunmehr bei den völlig ausgemalten Tableaus ein zwiefaches und getrenntes
Verdienst gegeneinander abgewogen werden sollte. Vor einem Freunde und Schwager
darf ich dieses selbstgefällige Bekenntnis gar wohl tun, und vielleicht wird das
Publikum mir nicht mindere Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn ich ihm
demnächst bei der öffentlichen Ausstellung jene Bilder vorführen werde, ohne
ihren doppelten Ursprung im mindesten zu verleugnen; denn dies war längst mein
fester Entschluss.«
    »Das sieht dir ähnlich«, erwiderte hierauf der Major, welcher bisher mit
gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte; »es bedarf, dünkt mich, bei einem
Künstler von deinem Rufe nicht einmal grosser Resignation zu einer solchen
Aufrichtigkeit, ja man wird in dem ganzen Unternehmen eine Art Herablassung
finden, wodurch du jenes unbekannte Talent zu würdigen und zu ehren dachtest.
Aber, um wieder auf den armen Tropfen zu kommen, hast du ihn denn auf keine
Weise ausfindig machen können?«
    »Auf keine Weise. Einmal glaubte mein Bedienter seine Spur zu haben, allein
sie verschwand ihm wieder.«
    »Es wäre doch des Teufels«, rief der Major aus, »wenn meine Spürhunde mich
hier im Stiche liessen! Schwager, lass mich nur machen. Die Sache ist zu
merkwürdig, um sie ganz hängen zu lassen. Du magst mich vor aller Welt nur
selbst für den geheimnisvollen Narren ausgeben, wenn ich dir ihn nicht binnen
vierundzwanzig Tagen aus irgendeiner Spelunke, Dachstube oder dem Narrenhause
selbst hervorziehe!«
Diese vierundzwanzig Tage waren noch nicht um, so geschah es, dass Tillsen über
die wahre Bewandtnis der Sache auf einem ganz anderen Wege aufgeklärt wurde, als
er je vermuten konnte.
    In seiner Abwesenheit meldete sich eines Morgens ein wohlgekleideter junger
Mann im Tillsenschen Hause an, und die Frau führte ihn indes in ein
Seitenzimmer, wo er ihren Gemahl erwarten möchte. Sie selbst, obgleich durch
seine sehr vielversprechende und auffallend angenehme Gesichtsbildung nicht
wenig interessiert, entfernte sich sogleich wieder, weil die zerstreute Unruhe
seiner Miene ihr hinlänglich sagte, dass eine weitere Ansprache hier nicht am
Platze sein würde. Nach einer Viertelstunde erst trat der Maler in das
bezeichnete Kabinett. Er fand den jungen Mann nachdenkend, den Kopf in beide
Hände gestützt, auf einem Stuhle sitzen, den Rücken ihm zugewandt und dem grossen
Gemälde gegenüber, das, bis auf die breit goldene Rahme, verhüllt an der Wand
dahing. Der Maler, einigermassen verwundert, trat stillschweigend näher, worauf
dann der andere erschrocken auffuhr, indem er zugleich hinter einer angenehmen,
verlegenen Freundlichkeit die Tränen zu verstecken suchte, worin er sichtbar
überrascht worden war. »Ich komme«, fing er jetzt mit heiterem Freimute an, »ich
komme in der wunderlichsten und zugleich in der erfreulichsten Angelegenheit vor
Ihr Angesicht, verehrter Mann! Meine Person ist Ihnen unbekannt, dennoch haben
Sie, wie ich weiss, mein eigentliches Selbst bereits dergestalt kennengelernt und
bis auf einen gewissen Grad sogar liebgewonnen, dass ich mich nun mit
unabweislichem Vertrauen unter Ihre Stirne dränge. Doch, lassen Sie mich
deutlich reden. Ich heisse Teobald Nolten und studiere in hiesiger Stadt
ziemlich unbekannt die Malerei. Nun fand ich gestern in der aufgestellten
Galerie unter andern ein Gemälde, das Opfer der Polyxena vorstellend, das mir
auf den ersten Blick als eine innig vertraute Erscheinung entgegentrat. Es war,
als stünde durch Zauberwerk hier ein früher Traum lebendig verkörpert vor meinem
schwindelnden Auge. Diese schmerzvolle Königstochter schien mich so
schwesterlich bekannt zu grüssen, ihre ganze Umgebung deuchte mir so gar nicht
fremd, und doch, über das Ganze war ein Licht, ein Reiz gegossen, der nicht aus
meinem Innern, der von einer höhern Macht, von den Olympischen selbst
herabgestrahlt schien; ich zitterte, bei Gott! ich -«
    »Was?« unterbrach ihn Tillsen, »Sie wären - ja Sie sind der wunderbare
Künstler, dem ich so vieles abzubitten -«
    »Nicht doch«, entgegnete jener feurig, »nein! der Ihnen Unendliches zu
danken hat. O edelster Mann! Sie haben mich mir selbst entüllt, indem Sie mich
hoch über mich hinausgerückt und getragen. Sie weckten mich mit Freundeshand aus
einem Zustande der dunkeln Ohnmacht, rissen mich auf die Sonnenhöhe der Kunst,
da ich im Begriffe war, an meinen Kräften zu verzweifeln. Ein Elender musste mich
bestehlen, damit Sie Gelegenheit hätten, mir in Ihrem klaren Spiegel meine
wahre, meine künftige Gestalt zu zeigen. So empfangen Sie denn Ihren Schüler an
das väterliche Herz! Lassen Sie mich sie küssen, die gelassene Hand, welche auf
ewig die verworrenen Fäden meines Wesens ordnete - mein Meister! mein Erretter!«
    So lagen sich beide Männer einige Sekunden lang fest in den Armen und von
diesem Augenblicke an war eine lebhafte Freundschaft geschlossen, wie sie wohl
in so kurzer Zeit zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich zum ersten Male im
Leben begegnen, selten möglich sein wird.
    »Erlauben Sie, mein Lieber«, sagte Tillsen, »dass ich erst zur Besinnung
komme. Noch weiss ich nicht, bin ich mehr beschämt oder mehr erfreut durch Ihre
herzlichen Worte. Ich werde Sie in der Folge noch besser verstehen. So sagen Sie
fürs erste nur, wie verhält sich's denn mit dem diebischen Schufte, dem
wenigstens das Verdienst bleiben muss, uns zusammengeführt zu haben?«
    »Wohl! Hören Sie! Nach meiner Rückkehr aus Italien, es ist nun über ein
Jahr, traf ich auf der Reise hieher, wo ich völlig fremd war, einen Hasenfuss,
Barbier seiner Profession - er nannte sich Wispel -, der mir seine Dienste als
Bedienter antrug, und ich nahm ihn aus einem humoristischen Interesse an seiner
Seltsamkeit um so lieber auf, da er neben einem, dass ich so sage,
universal-entusiastischen Hieb, neben einem badermässigen Hochmut, immer eine
gewisse Gutmütigkeit zeigte, die in der Folge nur der borniertesten Eitelkeit
weichen konnte; denn so wollt ich darauf schwören, er hatte mit jenen
entwendeten Konzepten anfangs keine andere Absicht, als vor Ihnen den Mann zu
machen.«
    »Allein er nahm doch Geld dagegen an?«
    »Und wenn auch; diese Spekulation ward sicherlich erst durch Ihr Anerbieten
bei ihm erweckt.«
    »Aber er stellte sich völlig närrisch!«
    »Ich zweifle sehr, dass er es darauf anlegte, oder gesetzt, er legte es
darauf an, so geschah es nur, nachdem er Ihnen bereits den interessanten
Verdacht abgelauscht. Seiner Dummheit kam übrigens die List beinahe gleich; so
wusste er mich unter einem ausgesuchten Vorwande zu einer Zeichnung aus dem
Stegreife zu bewegen, die ohne Zweifel auch für Sie bestimmt war, und wozu ich
mich selbst durch den angenehm proponierten Gegenstand angereizt fühlte. Wenn er
Sie ferner durch den Schein eigener Bildung irregeführt hat, so begreif ich nur
um so besser, warum er sich bei den Unterhaltungen, welche gelegentlich zwischen
mir und einem Freunde vorkamen, immer viel im Zimmer zu schaffen machte. Er mag
Ihnen auf diese Art manchen schlecht verdauten Brocken hingeworfen haben.«
    »Ach«, sagte Tillsen nicht ohne einige Beschämung, »freilich, dergleichen
Äusserungen sahen mir dann immer verdächtig genug aus, wie Hieroglyphen auf einem
Marktbrunnenstein, ich wusste nicht, woher sie kamen. Aber ein abgefeimter
Bursche ist es doch! Und wo steckt denn der Schurke jetzt?«
    »Das weiss Gott. Seit einem halben Jahre hat er sich ohne Abschied von mir
beurlaubt; etliche Wochen später entdeckt ich die grosse Lücke in meinem
Portefeuille.«
    »Ich will sie wieder ausfüllen!« erwiderte Tillsen mit Heiterkeit, indem er
den Freund vor das verhängte Bild führte. »Ich wollte es diesen Morgen noch zur
öffentlichen Ausstellung wegtragen lassen; doch, es ist nun Ihr Eigentum. Lassen
Sie sehen, ob Sie auch hinter diesem Tuche Ihre Bekannten erkennen.«
    Nolten hielt die Hand des Malers an, während er das Geständnis ablegte, dass
er vorhin der Versuchung nicht widerstanden, den Vorhang um einige Spannen
zurückzustreifen, dass er ihn aber, wie von dem Gespenste eines Doppelgängers
erschreckt, sogleich wieder habe fallen lassen, ohne die Überblickung des Ganzen
zu wagen.
    Jetzt schlug Tillsen mit einem Male die Hülle zurück und trat seitwärts, um
den Eindruck des Stückes auf den Maler zu beobachten. Wir sagen nichts von der
unbeschreiblichen Empfindung des letztern und erinnern den Leser an das
wunderliche Geisterkonzert, wovon ihm der alte Baron früher einen Begriff
gegeben. Bewegt und feierlich gingen die Freunde auseinander.
Die umständlichere Erzählung dieser Begebenheit musste vorangeschickt werden, um
die rasche und erfreuliche Entwicklung desto begreiflicher zu machen, welche es
von nun an mit der ganzen Existenz des jungen Künstlers nahm. War es ein
gewisser Kleinmut oder Eigensinn, grillenhafter Grundsatz, was ihn bisher
bewegen mochte, mit seinem Talente unbeschrieen hinter dem Berge zu halten, bis
er dereinst mit einem höhern Grade von Vollendung hervortreten könnte: soviel
ist gewiss, dass die Behandlung der Ölfarbe ihm bisher grosse Schwierigkeiten
entgegensetzte, jedoch, wie Tillsen fand, nicht so grosse, als unser bescheidener
Freund sich gleichsam selbst gemacht hatte. Vielmehr entdeckte jener auch
diesfalls an den Versuchen des letztern die überraschendsten Fortschritte, und
gerne fasste er den Entschluss zur förderlichen Mitteilung einzelner Vorteile. In
kurzem stand Nolten, was Geschicklichkeit betrifft jedem braven Künstler gleich,
und in Absicht auf grossartigen Geist hoch über allen. Seine Werke, sowie seine
Empfehlung durch Tillsen, verschaften ihm sehr schätzbare Verbindungen, und
namentlich erwies der Herzog Adolph, Bruder des Königs, sich gar bald als einen
freundschaftlichen Gönner gegen ihn.
    War Teobald auf diese Weise durch die rasche und glänzende Veränderung
seines bisherigen Zustandes gewissermassen selbst überrascht und anfänglich sogar
verlegen, so verwunderte er sich in der Folge beinahe noch mehr über die
Leichtigkeit, womit er sich in seine jetzige Stellung gewöhnte und darin
behauptete. Allerdings brauchte er die Achtung, durch die er sich vor andern
ausgezeichnet sah, nur als etwas Verdientes hinzunehmen, so kam sie ihm auch
ganz natürlich zu.
    Durch die Vermittlung des Herzogs erhielt er Zutritt im Hause des Grafen von
Zarlin, der sich ohne eigene Einsichten, und wie mehrere behaupteten, aus blosser
Eitelkeit als einen leidenschaftlichen Freund jeder Gattung von Kunst hervortat,
und dem es wirklich gelang, einen Zirkel edler Männer und Frauen um sich zu
versammeln, worin geistige Unterhaltung aller Art, namentlich Lektüre guter
Dichterwerke vorkam. Die lebendig machende Seele des Ganzen jedoch war, ohne es
zu wollen, die schöne Schwester des Grafen, Constanze von Armond, die junge
Witwe eines vor wenigen Jahren gestorbenen Generals. Ihre Liebenswürdigkeit wäre
mächtig genug gewesen, den Kreis der Männer zu beherrschen und Gesetze
vorzuschreiben, aber die angenehme Frau blieb mit der sanften Wirkung zufrieden,
welche von ihrer Person auf alle übrigen Gemüter ausging, und sich allgemein in
der erwärmteren Teilnahme an den Unterhaltungsgegenständen offenbarte; ja,
Constanze schien ihrer natürlichen Lebendigkeit öfters einige Gewalt anzutun, um
die Huldigung von sich abzuleiten, womit die Herren sie nicht undeutlich für die
Königin der Gesellschaft erklärten. Auch Teobald fühlte sich insgeheim zu ihr
hingezogen, und während der andertalb Monate, worin er jede Woche drei Abende
in ihrer Nähe zubringen durfte, entwickelte sich dies heitere Wohlgefallen zu
einem stärkeren Grade von Zuneigung, als er sich selbst eingestehen durfte. Die
Reize ihrer Person, die Feinheit ihres gebildeten Geistes, verbunden mit einem
lebhaften, selbst ausübenden Interesse für seine Kunst, hatten ihn zu ihrem
leidenschaftlichen Bewunderer gemacht, und wenn sein Verstand, wenn die
oberflächlichste Betrachtung der äussern Verhältnisse ihm jeden entfernten Wunsch
niederschlugen, so wiederholte er sich auf der andern Seite doch so manche leise
Spur ihrer besondern Gunst mit unermüdeter Selbstüberredung, wobei er freilich
nicht vergessen durfte, dass er in dem Herzog einen sehr geistreichen Nebenbuhler
zu fürchten habe, der ihm überdies, was Gewandteit und schmeichelhaften Ton des
Umgangs betrifft, bei weitem überlegen war. Die Leidenschaft des Herzogs war
Teobalden desto drückender, je inniger sonst ihr beiderseitiges Verhältnis
hätte sein können, dagegen nun der letztere seinem arglosen fürstlichen Freunde
gegenüber eine heimliche Spannung nur mit Mühe verleugnete.
    Übrigens hatte er wohl Grund, sich über seine wachsende Neigung so gut wie
möglich zu mystifizieren, denn eine früher geknüpfte Verbindung machte noch
immer ihre stillen Rechte an sein Herz geltend, obwohl er dieselben mit einiger
Überredung des Gewissens bereits entschieden zu verwerfen angefangen hatte Das
reine Glück, welches der unverdorbene Jüngling erstmals in der Liebe zu einem
höchst unschuldigen Geschöpfe gefunden, war ihm seit kurzem durch einen
unglückseligen Umstand gestört worden, der für das reizbare Gemüt alsbald die
Ursache zu ebenso verzeihlichem als hartnäckigem Misstrauen ward. Die Sache hatte
wirklich so vielen Schein, dass er das entfernt wohnende Mädchen keines Wortes,
keines Zeichens mehr würdigte, ihr selbst nicht im geringsten den Grund dieser
Veränderung zu erkennen gab. Mit unversöhnlichem Schmerz verhärtete er sich
schnell in dem Wahne, dass der edle Boden dieses schönen Verhältnisses für
immerdar erschüttert sei, und dass er sich noch glücklich schätzen müsse, wenn es
ihm gelänge, mit der Bitterkeit seines gekränkten Bewusstseins jeden Rest von
Sehnsucht in sich zu ertöten und zu vergiften. In der Tat blieb aber dieser
traurige Verlust nicht ohne gute Folgen für sein ganzes Wesen denn offenbar half
diese Erfahrung nicht wenig seinen Eifer für die Kunst beleben, welche ihm
nunmehr ein und alles, das höchste Ziel seiner Wünsche sein sollte. Vermochte er
nun aber nach und nach über eine schmerzliche Empfindung, die ihn zu verzehren
drohte, Herr zu werden, so war auf der andern Seite das Mädchen indessen nicht
schlimmer daran. Agnes glaubte sich noch immer geliebt, und dieser glückliche
Glaube ward, wie wir später erfahren werden, auf eine wunderliche Art, ganz ohne
Zutun Teobalds, unterhalten, während er schon eine freiwillige Auflösung des
Bündnisses von ihrer Seite zu hoffen begann, denn das Ausbleiben ihrer Briefe
nahm er ohne weiteres für ein Zeichen ihres eigenen Schuldbewusstseins. In dieser
halbfreien, noch immer etwas wunden Stimmung fand er die Bekanntschaft mit der
Gräfin Constanze, und nun lässt sich die Innigkeit um so leichter begreifen,
womit die gereizten Organe seiner Seele sich nach diesem neuen Lichte
hinzuwenden strebten.
Im Spanischen Hofe, so hiess das bedeutendste Hotel der Stadt, war es am Abende
des letzten Dezembers, wo die vornehme Welt sich bereits eifrig zur Maskerade zu
rüsten hatte, ungewöhnlich stille. In dem hintersten grünen Eckzimmer leuchteten
die beiden hellbrennenden Hängelampen nur zweien Gästen, wovon der eine, wie es
schien, ein regelmässiger, mit Welt und feinerer Gastofsitte wohlvertrauter
Besuch, ein pensionierter Staatsdiener von Range, der andere ein junger
Bildhauer war, der erst vor wenig Stunden in der Stadt anlangte. Sie
unterhielten sich, in ziemlicher Entfernung auseinander sitzend, über
alltägliche Dinge, wobei sich Leopold, so nennen wir den Reisenden, bald über
die zerstreute Einsilbigkeit des Alten heimlich ärgerte, bald mit einem gewissen
Mitleiden auf die krankhaften Verzerrungen seines Gesichts, auf die rastlose
Geschäftigkeit seiner Hände blicken musste, die jetzt ein Fältchen am fein
schwarzen Kleide auszuglätten, jetzt eine Partie Whistkarten zu mischen, oder
eine Prise Spaniol aus der achatnen Dose zu greifen hatten. Das Gespräch war auf
diese Weise ganz ins Stocken geraten, und um ihm wieder einigermassen
aufzuhelfen, fing der Bildhauer an: »Unter den Künstlern dieser Stadt und des
Vaterlandes soll, wie ich mit Vergnügen höre, der junge Maler Nolten gegenwärtig
grosse Aufmerksamkeit erregen?«
    Diese Worte schienen den alten Herrn gleichsam zu sich selber zu bringen.
Seine Augen funkelten lebhaft unter ihrer grauen Bedeckung hervor. Da er jedoch
noch wie gespannt stille schwieg und eine Antwort nur erst unter den schlaffen
Lippen zurechtkaute, fuhr der andere fort: »Ich habe seit drei Jahren nichts von
seiner Hand gesehen und bin nun äusserst begierig, mich zu überzeugen, was an
diesem ausschweifenden Lobe, wie an den heftigen Urteilen der Kritiker Wahres
sein mag.«
    »Befehlen Sie«, sagte der Alte fast höhnisch, »dass ich nun mit einem
hübschen Sätzchen antworte, wie etwa vielleicht in der Mitte liegt das
fürtreffliche Talent, das seine bestimmte Richtung erst sucht - oder: es ist das
Grösste von ihm zu hoffen, wie das Schlimmste zu fürchten - und was dergleichen
dünnen Windes mehr ist? Nein! ich sage Ihnen vielmehr geradezu, dieser Nolten
ist der verdorbenste und gefährlichste Ketzer unter den Malern, einer von den
halsbrecherischen Seiltänzern, welche die Kunst auf den Kopf stellen, weil das
ordinäre Gehen auf zwei Beinen anfängt langweilig zu werden; der widerwärtigste
Phantasie-Renommiste! Was malt er denn? eine trübe Welt voll Gespenstern,
Zauberern, Elfen und dergleichen Fratzen, das ist's, was er kultiviert! Er ist
recht verliebt in das Abgeschmackte, in Dinge, bei denen keinem Menschen wohl
wird. Die gesunde, lautere Milch des Einfach-Schönen verschmäht er und braut
einen Schwindeltrank auf Kreuzwegen und unterm Galgen; apropos, mein Herr!«
(hier lächelte er ganz geheimnisvoll) »haben Sie schon Gelegenheit gehabt, eine
der köstlichen Anstalten zu sehen, worein man die armen Teufel logiert, die so,
verstehn mich schon, einen krummen Docht im Lichte brennen - nun? Kam Ihnen da
nicht auch schon der Gedanke, wie es wäre, wenn sich etwa der Ideendunst, der
von diesen Köpfen aufsteigen muss, oben an der Decke ansetzte, welche Figuren da
in Fresko zum Vorschein kommen müssten? Was sagen Sie? Nolten hat sie alle
kopiert, hä hä hä, hat sie sämtlich kopiert!«
    »Sie scheinen«, erwiderte Leopold gelassen, »wenn ich Sie anders recht
fasse, mehr die Gegenstände zu tadeln, unter denen sich dieser Künstler, nur
vielleicht etwas zu vorliebig, bewegt, als dass Sie sein Talent angreifen
wollten; nun lässt sich aber ohne Zweifel auf dem angedeuteten Felde so gut als
auf irgendeinem das Charakteristische und das Rein-Schöne mit grossem Glücke
zeigen, abgeschmackte und hässliche Formen jedoch, geflissentliches Aufsuchen
sinnwidriger Zusammenstellungen kann man von Nolten nicht erwarten, ich kenne
sein Wesen von früher und kam in der Absicht hieher, ihn mit einem
gemeinschaftlichen Freunde, der auch Maler ist, zu besuchen und uns an seiner
bisherigen Ausbildung zu erfreuen.«
    Der alte Herr hatte diese Worte wahrscheinlich ganz überhört, denn er ging
mit lautem Kichern nur wieder in den Refrain seines vorhin Gesagten über: »Hat
sie sämtlich kopiert, ja ja, zum Totlachen! Ei, das muss er täglich von mir
selber hören.«
    In diesem Augenblicke trat Ferdinand, der Reisegefährte des Bildhauers, ein
und rief diesem mit einem glänzenden Blicke voll Freude zu: »Er kommt! er folgt
mir auf dem Fusse nach! Er ist der gute Nolten noch, sag ich dir! o gar nicht der
achselblickende junge Glückspilz, wie man ihn schildern wollte. Stelle dir vor,
er vergass vorhin im Jubel über unsre Ankunft eine Einladung zum Herzog, mit dem
er trefflich stehen muss, und eilte nur von der Strasse weg, sich zu
entschuldigen.«
    Nach einiger Zeit erschien, in Begleitung eines andern, der Erwartete
wirklich. Es war ein herzerfreuendes Wiedersehen, ein immer neu erstauntes
trunkenes Begrüssen und Frohlocken unter den dreien. Wie ergötzten sich die
Freunde an dem stattlichen Ansehen Teobalds, an dem reinen Anstande, den ihm
das Leben in höherer Gesellschaft unvermerkt angehaucht hatte nur verbargen sie
ihm nicht, dass die kräftige Röte seiner Wangen in Zeit von wenigen Jahren um ein
Merkliches verschwunden sei. Er sah jedoch immer noch gesund und frisch genug
neben seinem hageren Begleiter, dem Schauspieler Larkens, aus, den er soeben
freundschaftlich produzieren wollte, als dieser sofort mit der angenehmsten Art
sich selber empfahl und mit den Worten schloss: »Nun setz dich, liebes Kleeblatt!
Ich werde mich mit eurer Erlaubnis bald auch zu euch gesellen, aber den ersten
Perl- und Brauseschaum des Wiederfindens müsst ihr durchaus miteinander
wegschlürfen! Ich sehe dort ein paar Spielerhände konvulsivisch fingern, das ist
auf mich abgesehen.«
    Damit setzte er sich zu dem alten Herrn in der Ecke, den unser Nolten erst
jetzt gewahr wurde und nicht ohne Achtung begrüsste. »Sag mir doch«, fragte
Leopold heimlich, »was für eine Art von Kenner das ist? Er hat die
wunderlichsten Begriffe von dir.«
    »Ach«, lächelte der Freund, »da kann ich dir wenig dienen. Das ist ein sehr
kurioser Kauz, voll griesgrämischer Eigenheiten, übrigens von viel Verstand, und
mir immer ein lieber Mann. Er besitzt gute Kenntnisse von Gemälden, ist aber auf
diesen Punkt von den einseitigsten Teorieen eingenommen. Aus einigen meiner
Stücke soll er eine eigene Vorliebe und zugleich den unverhohlensten Widerwillen
gegen mich gefasst haben, den ich mir kaum zu enträtseln weiss. Denn dass ich es
bloss als Künstler mit ihm verdorben habe, ist nicht wohl möglich, wenigstens
täte er mir sehr Unrecht, indem der Vorwurf des Phantastischen, den er mir zu
machen scheint, nur den kleinsten Teil meiner Erfindungen träfe, wenn es je ein
Vorwurf heissen soll. Die meisten meiner Arbeiten bezeichnen in der Tat eine ganz
andere Gattung. Ich vermute, der Mann hat irgendein geheimes Aber an meiner
Person entdeckt, und ich muss ihn, ohne mir das geringste bewusst zu sein, mit
irgend etwas beleidigt haben, das er mir nicht vergessen kann, so gern er
möchte, denn es ist auffallend, sooft er mich ansieht, sträubt sich's auf seinem
Gesicht wie Sauer und Süss.«
    Auf diese Weise waren jene leidenschaftlichen Äusserungen einigermassen
erklärt, und es gab nun Veranlassung genug, sich gegenseitig über Geschäfte,
Schicksale und mancherlei Erfahrungen auszutauschen. Sie durchliefen die
Vergangenheit, erinnerten sich des Aufentalts in Italien, wo sich vor drei
Jahren ihre Bekanntschaft entsponnen hatte. Endlich fing Ferdinand an: »Du
errätst wohl kaum, wo wir heute vor sechs Tagen um diese Stunde zu Gaste
gesessen sind; in welchem Dörfchen, in welchem Stübchen und wer uns bewirtete?«
»Nein!« sagte Nolten; aber ein aufmerksamer Beobachter würde in dieser
kleinlauten Verneinung ein sehr schnell erratendes Ja gewittert haben.
»Neuburg«, flüsterte Leopold freudig zuvorkommend und von der anderen Seite flog
der Name »Agnes« über Ferdinands Mund. »Ich dank euch«, sagte Nolten, wie
abbrechend, und verbarg eine unangenehme Empfindung.
    »Was danken? du hast ja den Gruss noch nicht einmal in der Hand, den wir dir
zu bringen haben!« - und hiemit sah er sich einen Brief entgegengehalten, den er
mit erzwungenem Wohlgefallen zu sich steckte, indem er die beiden durch einen
Vorsicht gebietenden Blick auf die Spieler für jetzt zum Stillschweigen zu
vermögen suchte.
    »So lass mich«, fuhr Ferdinand fort, »wenigstens des anmutigen Örtchens, lass
mich des Försterhauses gedenken, wo du deine Knabenjahre bei einem zweiten Vater
verlebtest, bis der benachbarte Baron auf dem Schloss, der gute lebendige Mann,
für die Förderung deines Talents sorgte. Er lebt noch in frischem Marke, der
ehrliche Veteran, er und der fromme Förster erinnerten sich mit Herzlichkeit
jenes glücklichen Tages, da du mich, es sind nun drei Jahre her, nach unserer
Rückkunft von der italienischen Reise, bei ihnen einführtest. Wahrlich, es hätte
wenig gefehlt, so hätten die Alten geweint wie die Kinder bei deinem Namen, ein
Paar anderer Augen nicht zu gedenken, die auch dabeistanden, und von denen es
schien, als wollten sie sich im voraus recht satt sehen an mir und meinem
Gefährten, an unsern Kleidern und Bündeln, weil das alles in fünf Tagen mit dem
Geliebten in Berührung kommen sollte. Du pflegtest das Mädchen sonst immer dein
blondes Reh zu nennen; wie treffend fand ich diesen Ausdruck wieder! ja, und das
ist sie noch im lieblichsten rührendsten Sinne des Worts. Wie hätt ich
gewünscht, den Umriss ihrer niedlichen Figur mit dem Bleistift in mein
Portefeuille für dich wegzustehlen, wie ich sie so durch die halboffene Tür des
Nebenzimmers am Tischchen sitzen und den Brief schreiben sah, den Rücken gegen
uns gewendet, von der Seite kaum ein wenig sichtbar, allein der Baron war allzu
gesprächig.«
    »Du bist es auch«, erwiderte Nolten freundlich-böse, indem er aufstand und
sich gegen den soeben herbeitretenden Larkens wandte. Dieser sagte: »Nun, wirst
du die Herren nicht bewegen, sich diesen Abend in Dominos zu stecken und ein
paar Stunden mit närrischen Leuten närrisch zu sein? oder machen wir's wie dort
der Herr Hofrat, der an solchen Abenden hier im Gastofe zu Nacht speist, und
sich dann ein Zimmer vom Kellner anweisen lässt, um fünf Strassen weit vom Lärm
des Redoutenhauses zu schlafen, das zum Unglücke seiner Wohnung gegenüberliegt?
Ich dächte, ihr Herren, bevor Sie in den nächsten Tagen mit den hübschen
Realitäten unserer Stadt Bekanntschaft machen, müsste es unterhaltend für Sie
sein, heute im Maskensaale, sozusagen, die Fata morgana der hiesigen Menschheit
zu sehen. - Verzeihen Sie mein hinkendes Gleichnis und folgen Sie meinem
Vorschlage.« Es kostete Überredung, aber man entschloss sich und wünschte dem
seltsamen Hofrate gute Nacht.
Nachdenklich, unbehaglich, ja traurig war Nolten mit den anderen vor den Türen
des grossen hellerleuchteten Gebäudes angekommen, worin schon das mannigfaltigste
Leben wogte und wühlte. Alle möglichen Gestalten, zum Teil in auffallendem
Kontraste, drehten sich stumm, feierlich, fremde oder leise summend, kopfnickend
und tanzend durcheinander. Unser trübe gestimmter Freund, schneller als er
vermutete, von seinen Begleitern verloren, fühlte nach und nach in seiner
Vermummung eine Art von dumpfem Troste, und wie mit seiner Umgebung, so spielte
er gewissermassen mit dem eigenen Herzen Versteckens, wobei er sich kaum
bekannte, welche besondere Hoffnung ihn zwang, die Reihen der weiblichen Masken
sorgfältiger zu mustern, als er sonst wohl getan haben würde. Das bescheidene
Bild Agnesens, das ihn aus weiter Ferne sehnsüchtig und bittend anzulocken
schien, trat mehr und mehr in den Hintergrund seiner Seele zurück, um einem ganz
anderen Platz zu machen, das mit jeder neuen Entfaltung der glänzenden Gruppen
leibhaftig aus der Menge hervortreten sollte. Constanze! sprach er für sich, wer
entdeckt mir sie? Und doch wie wäre es möglich, dass ich aus tausend Drahtpuppen
das einzige Wesen nicht sollte herausfinden können, das in der einfachsten,
unwillkürlichsten Bewegung jene angeborene Grazie, jenen stets lächelnden Zauber
verrät, den nur die ewig wahrhaftige Natur, den nur die Unschuld selber zu geben
und so reizend und leicht mit der anerzogenen Sitte zu verschmelzen vermag! Ist
nicht alles, was an ihr sich regt und bewegt, der unbewusste Ausdruck des Engels,
der in ihr atmet? ist nicht alles nur Hauch, nur Geist an ihr? Und heute, eben
heute, wie wohl täte mir ihr Anblick! wie wollte ich mich drei Sekunden mit
allen Sinnen und Gedanken an dieser tröstlichen Erscheinung festklammern und
davoneilen und mir zufrieden sagen, dass mein Auge sie sah, dass ihr Fuss einen und
denselben Boden mit mir betrat, dass eine gemeinschaftliche Luft meine und ihre
Lippen berührte!
    Unter diesen und ähnlichen Gedanken hatte er sich endlich ermüdet auf einen
Sitz in einem Fenster geworfen, als der Glockenschlag zehn Uhr ihn mahnte, sich
mit den drei Freunden in einem zuvor abgeredeten leeren Zimmer des Hauses
zusammenzufinden. Sie erschienen fast alle zu gleicher Zeit, und Larkens mit
einer guten Ladung warmen Getränkes. Man freute sich aufs neue des Wiedersehens;
jeder brachte seine eigenen Bemerkungen aus dem Saale mit, nur Nolten schien
wenig oder nichts gesehen zu haben. Es war beinahe komisch, wie er auf die
Fragen über eine oder die andere interessante Erscheinung immer mit einem
kleinlauten »ich weiss nicht« antwortete und zuletzt, um sich nicht gar auslachen
zu lassen, nur so tat, als erinnerte er sich. »Wie gefiel dir der König Richard
und der Herzog von Friedland?« »Recht gut«, war die Antwort, »sehr artig, bei
meiner Seele! der bucklichte König hätte können besser sein.« - Larkens, indem
er den andern mit den Augen winkte, machte den Schalk und sagte:
    »Ein Stückchen ist aber doch wohl allen entgangen. Ein Riese in altdeutscher
Tracht, ohne Zweifel einen Studenten vorstellend, geht mit langen Sporen und der
Tabakspfeife schwerfällig auf und ab; endlich, da er in einer Ecke stehenbleibt,
eilt ein winziges Kerlchen herbei, ein kleiner Schornsteinfeger in einer Art von
Hanswursttracht, schwarz und weiss gewürfelten Beinkleidern und Wämschen, bindet
den Riesen, legt das schwarze Leiterchen an den breiten Rücken des Mannes an,
klettert flink mit Scharreisen und Besen hinauf, hebt ihm vorsichtig den
Scheitel wie einen Deckel ab, und fängt nach allerlei bedenklichen Grimassen an,
den Kopf recht wacker auszufegen, indem er einen ganzen Plunder symbolischer
Ingredienzien herauszieht, z.B. einen täuschend nachgemachten Wurm von
erstaunlicher Länge, ein seltsam gezeichnetes Kärtchen von Deutschland, eine
ganze und dann mehrere zerbrochene Kronen, kleine Dolche, Biergläser, Bänder und
dergleichen. Dagegen wurden andere Sächelchen hineingelegt, worunter man ein
griechisches ABC-Buch zu erkennen glaubte; der Kopf wurde geschlossen, dann
bekam der ganze Mann ein wenig Streiche und nach einer Weile kroch ein ganz
vergnügtes, bescheidenes, rundes Pfäfflein aus der prahlerischen Hülle hervor.«
    Die Freunde lachten im stillen über die echt Larkenssche Lüge (die
eigentlich nur ein versteckter Hieb auf den Übermut burschikoser Studenten
überhaupt war, deren einer vorhin im Saale sich durch Streitsucht prostituiert
hatte), und man genoss heimlich den Triumph, dass Nolten ganz die Miene annahm,
als hätte er die Farce gar wohl gesehen, obgleich nicht von weitem etwas
Ähnliches vorgekommen war.
    Indessen wurde die Aufmerksamkeit der Freunde durch eine wirkliche Maske
angezogen, welche sich unversehens im Zimmer befand. Es war eine hohe Gestalt,
einfach in ein grob braunes schweres Gewand gehüllt, eine Laterne und einen
Stock in der Hand, den Kopf bedeckte eine Kapuze. Haltung, Anstand und der tief
herabfallende weisse Bart, alles gab der Person etwas Ehrwürdiges,
Staunenerweckendes. Wie sie so eine Zeitlang gestanden, ohne dass von beiden
Seiten ein Wort fiel, begann die Maske mit angenehmer Stimme, worin man jedoch
trotz einer gewissen Dumpfheit gar bald das Frauenzimmer unterscheiden konnte,
folgendermassen:
    »Ihr kennet mich nicht, meine Herren, aber euer Aussehen sagt mir, ich sei
in keiner frivolen Gesellschaft. Schwerlich seid ihr gesonnen, diese ernste
Nacht, die Geburtsstunde eines neuen Jahres, in gedankenlosem Rausche
hinzubringen. Wollte es euch gefallen, ein Stündchen mit mir in frommer
Unterhaltung zusammenzusitzen, so bezeichne ich euch einen traulichen Ort. In
meiner Kleidung erkennet ihr den Wächter der Nacht. Es stosse sich niemand an dem
sonst verachteten Titel. Ich bin der Geist dieser Zunft, ich nenne mich den
König der Wächter dieses Landes. Mancher fromme Angehörige meines nächtlichen
Staats wird euch von meinem Dasein, meinem Tun und Treiben erzählt haben. Heute
mit dem zwölften Glockenschlage wird es hundert Jahre, seit ich die Dörfer und
Städte des Reiches besuche, unter heiterem Sternenhimmel, wie im wilden
Wintersturme. Vor Mitternacht werd ich im Wächterstübchen auf dem Turme der
Albanikirche sein.«
    Hiemit neigte er sich und ging mit kaum vernehmlichem Tritte hinweg.
    Einstimmig war man geneigt, der sonderbaren Einladung zu folgen, was ihr
auch immer zugrunde liegen möge; an einen bösartigen Scherz oder ein gemeines
Abenteuer sei hier auf keinen Fall zu denken, und auf einen vergeblichen Gang
könne man sich ja gefasst halten. Ohne die treuherzige Miene und die grosse
Neugierde, womit auch Larkens die Sache aufnahm, hätte leicht der Verdacht einer
Mystifikation auf ihn fallen können, denn sein Humor war bekannt genug, er hatte
ihn mit Unrecht in den Ruf eines bösartigen Spötters und Intriganten gebracht,
wozu mitunter auch sein Äusseres beitrug, sowenig eben eine gelbe Hautfarbe und
ein paar schwarze blitzende Augen hässlich, oder das lauernde Lächeln um den Mund
gefährlich war. Es war einer von den Menschen, die man auf den Grund kennen muss,
um sie nicht zu fürchten. Als Schauspieler und Sänger schätzte man ihn sehr, er
wäre der Liebling des Publikums gewesen, hätte er nicht die rätselhafte und
hartnäckige Grille gehabt, das Fach des Komischen, wozu er durchaus geboren war,
mit ernsten Rollen zu vertauschen, die er, ohne es selbst zu fühlen, nur
mittelmässig ausfüllte. Zuweilen schien sich die unterdrückte Neigung seiner
Natur durch eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Lustspiele rächen zu
wollen, und es war immer eine Festtagsbeute für die Kasse, wenn der Name Larkens
bei einer Holbergschen oder Shakespeareschen Komödie auf dem Zettel stand. Dann
hatte es aber auch das Ansehen, als wäre der Gott des Scherzes selbst in den
entzückten Mann gefahren. Der Beifall der Verständigen und zuletzt auch des
gemeinen Volks war ihm um so gewisser, je bescheidener die strotzende Ader der
komischen Kraft innerhalb der feinen Schönheitslinie blieb, die nur der echte
Künstler, vom richtigsten Takte geleitet, zwischen Begeisterung und Weisheit
hinzuziehen weiss. Statt, wie so mancher an seinem Platze, immer gleichsam auf
erhitztem Boden zu gehen, schien Meister Larkens nur von einer sanften Wärme
belebt, die ihm die Grazien angehaucht, und die Funken des Genies, welche er
auswarf, entzündeten keineswegs ihn selber. Masshaltung blieb immer die Seele
seines Spiels, aber sie verdiente um so mehr Bewunderung, wenn es wahr ist, was
genauere Freunde behaupteten, dass seine humoristische Stimmung jederzeit nur die
günstige Krise eines schmerzhaft bewegten und gedrückten Gemütes war. Wie dem
auch sein mag, die Direktion besoldete ihn eigentlich nur um dieser
aussergewöhnlichen Darstellungen willen, und liess ihn im übrigen, weil er nicht
gezwungen werden konnte, gewähren.
    Die viere waren schon nach eilf Uhr auf dem Albaniturme angekommen. Ausser
dem Türmer, seiner Frau und Kindern sassen in dem Stübchen um die einzige Lampe
her noch einige junge Stadtmusiker, die nach altergebrachter Sitte um
Mitternacht ein Lied auf der Galerie abzublasen hatten. Die neuen Gäste wurden
gar freundlich aufgenommen, zumal sie für eine Kollation mit Wein gesorgt
hatten. Nach einem allgemeinen Gespräche fanden die Freunde durch einige
beiläufige Fragen zu ihrer nicht geringen Verwunderung, dass die Sage von einem
gespensterhaften Nachtwächter dem Aberglauben dieser Leute längst nichts Fremdes
war, wiewohl sie die Versicherung, man habe heute einen Besuch der Art zu
erwarten, bloss für einen angelegten Spass der Herren nehmen wollten. Indessen kam
die Unterhaltung auf ähnliche Märchen und Geschichten, wahre Leckerbissen für
Larkens, und selbst Nolten konnte sich seine Musterkarte phantastischer Stoffe
mit manchem neuen Zuge bereichern, wäre er weniger stumpf gegen alles gewesen,
was seiner gegenwärtigen Laune keine Nahrung gab. Desto aufmerksamer waren die
übrigen, die in solchen Erzählungen gleichsam einen abenteuerlichen Widerschein
jener bunten Gaukelbilder des Maskensaals zu finden glaubten. Ein solches
Geschichtchen aus dem Munde eines jungen hübschen Burschen aus der Gesellschaft
war auch folgendes:
    »In der Lohgasse, wenn sie den Herren bekannt ist, wo noch zwei Reihen der
urältesten Gebäude unserer Stadt stehen, sieht man ein kleines Haus, schmal und
spitz und neuerdings ganz baufällig; es ist die Werkstatt eines Schlossers. Im
obersten Teile desselben soll aber ehmals ein junger Mann, nur allein, gewohnt
haben, dessen Lebensweise niemandem näher bekannt gewesen, der sich auch niemals
blicken lassen, ausser jedesmal vor dem Ausbruche einer Feuersbrunst. Da sah man
ihn in einer scharlachroten, netzartigen Mütze, welche ihm gar wundersam zu
seinem todbleichen Gesichte stand, unruhig am kleinen Fenster auf und ab
schreiten, zum sichersten Vorzeichen, dass das Unglück nahe bevorstehe. Eh noch
der erste Feuerlärm entstand, eh ein Mensch wusste, dass es wo brenne, kam er auf
seinem mageren Klepper unten aus dem Stalle hervorgesprengt und wie der Satan
davongejagt, unfehlbar nach dem Orte des Brandes hin, als hätt er's im Geist
gefühlt. Nun geschah's -«
    »Ei, so lass dein langweilig Geschwätz!« fiel dem Erzähler ein Kamerade in
die Rede, »und sing das Stückchen lieber in dem Liede, das du davon hast, laut't
ja viel besser so und hat gar eine schöne schauerliche Weise. Sing, Christoph!«
    Der Bursche sah die Gäste verlegen an, und da sie ihm begierig zusprachen,
begann er alsbald mit einer klangreichen, kraftvollen Stimme:
»Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Mütze wieder?
Muss nicht ganz geheuer sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und was für ein toll Gewühle
Plötzlich, auf den Gassen schwillt -
Horch! das Jammerglöcklein grillt:
Hinterm Berg, hinterm Berg
Brennt's in einer Mühle!
Schaut, da sprengt er, wütend schier,
Durch das Tor, der Feuerreiter
Auf dem rippendürren Tier,
Als auf einer Feuerleiter;
Durch den Qualm und durch die Schwüle
Rennt er schon wie Windesbraut,
Aus der Stadt da ruft es laut:
Hinterm Berg, hinterm Berg
Brennt's in einer Mühle!
Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer,
Und den wilden Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer;
Darauf stille das Gewühle
Kehret wiederum nach Haus,
Auch das Glöcklein klinget aus:
Hinterm Berg, hinterm Berg
Brennt's! -
Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe samt der Mützen,
Ruhig an der Kellerwand
Auf der beinern' Mähre sitzen.
Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt's in Asche ab -
Ruhe wohl, ruhe wohl,
Drunten in der Mühle!«
Schon vor dem Schlusse des Gesanges öffnete sich die Tür und leise trat die
Gestalt des Nachtwächters herein. Er blieb unbeweglich an der Wand hingepflanzt
stehen, während der erschrockene Sänger, im Begriffe abzubrechen, auf einen Wink
des Larkens mit der letzten Strophe fortfuhr, deren Eindruck durch die Gegenwart
dieses fremden Wesens entweder nur um so mehr erhöht wurde oder ganz
verlorenging.
    Jetzt begrüsste der sonderbare Gast mit Würde die Anwesenden, und wenn sich
auch anfangs einige Verlegenheit von seiten der Freunde bemerken liess, so war
doch bald eine ebenso natürliche als eigentümliche Unterhaltung eingeleitet. Man
sprach vom geheimnisvollen Reize des Wohnens auf Türmen, von dem frommen und
grossen Sinn des Mittelalters, wie er sich in den Formen der Baukunst, der
heiligen besonders, offenbarte, und dergleichen mehr. Die Gegenwart des
Unbekannten, so sparsam bis jetzt seine Worte waren, übte dennoch den grössten
Einfluss auf die Bedeutung und die steigende Wärme des Gesprächs. Die hohl aus
der Maske tönende Sprache und der ruhige Ernst der durchblickenden, dunkel
feurigen Augen konnte sogar ein vorübergehendes Grauen erregen und einen
momentanen Glauben an etwas Übermenschliches aufkommen lassen.
    Auf einmal erhob sich der Unbekannte, öffnete ein Fenster und sah in die
klare Winterluft hinaus, indem er sagte: »Noch eine kurze Weile, so ist der Sand
verlaufen, hoch emporgehalten schwebe der Faden der Zeit. Kommt hieher und
fühlet, wie es schon frisch herüberduftet aus der nahen Zukunft!«
    Jetzt schlug das letzte Viertel vor zwölf Uhr. Die Zinkenisten schlichen mit
ihren Instrumenten auf die Galerie, und schon liessen sich von der entfernten
Paulskirche herüber einige sanfte, fast klagende Töne vernehmen, die von unserer
Seite anfänglich in schwachen, dann in immer stärkeren Akkorden erwidert wurden;
jene bezeichneten das scheidende, diese das erwachende Jahr, und beide
begegneten sich in einer Art von Wechselgesang, der am lebhaftesten wurde, als
endlich die Glocken von verschiedenen Seiten her die Stunde ausschlugen; die
diesseitige Partie ging in freudige Melodien über, während es von drüben immer
schmerzlicher und wehmütiger klang, bis mit dem fernsten Glöckchen, das wie
silbern durch die reine Luft erzitterte, die traurigen Klarinetten den letzten
sterbenden Hauch versandten. Nun erfolgte eine Pause, und jetzt erst trat das
vorhandene Jahr im siegreichsten Triumphe hervor.
    Nachdem alles still geworden und die Gesellschaft wieder traulich um den
Tisch versammelt war, ergriff man das freundliche Anerbieten des idealistischen
Wächters, etwas aus seinem Tag- oder Nachtbuch vom vorigen Jahre mitzuteilen,
mit allgemeinem Beifalle. Er zog ein mit sonderbaren Charakteren geschriebenes
Heft hervor, welches unter regelmässigen Daten, abgerissene Bemerkungen und
Gedanken zu entalten schien, wie sie ihm auf seinen nächtlichen Wanderungen,
auf den Strassen der Städte und Dörfer sich dargeboten haben mochten;
charakteristische Bilder aus den verschiedensten Verhältnissen und Zuständen der
Menschen. Wir übergehen den grössten Teil seiner Vorlesung und führen bloss eine
Stelle an, die auf Nolten um so tiefern Eindruck machte, je vielsagender der
Blick war, womit Larkens ihn darauf aufmerksam zu machen suchte.
                                       *
                                     »Nacht vom 7. auf den 8. Januar im Dorfe *.
- - Ich trete vor ein reinlich gebautes Haus; ich kenne es wohl; es wohnen
glückliche Menschen darin. In harmloser Stille blühet hier eine Braut, deren
Verlobter ferne lebt. Vergönne mir, du Haus des Friedens, einen Blick in deine
Gemächer. Mein Auge ist geheiligt wie das eines Priesters; hundert Jahre schon
belauscht es die Nächte der Könige dieses Landes und die Schlummerstätten der
Armen im Volk, und meine Gebete erzählen dem Himmel, was ich gesehen. Sieh da!
was zeigt mir mein magischer Spiegel? Es ist die Kammer des Mädchens. Wie ruhig
atmet die Schlafende dort! Ihr liebliches Haupt ist hinabgesunken nach der Seite
des Lagers. Der Mond schaut durch das kleine Fenster; mit einem Strahle berührt
er eben das unschuldige Kinn der Schläferin. Eine Hyazinte neigt ihre blauen
Glocken gegen das Kissen her und mischt ihren Duft in die Frühlingsträume der
Braut, indes der Winter diese Scheiben mit Eise beblümt. Wo mögen ihre Gedanken
jetzo sein? Auf diesem Teppiche sind seltsame Figuren eingewoben, hundert
segelnde Schiffe. Vielleicht auf diesen Bildern ruhte ihr sinnendes Auge noch
kurz, eh sie die Lampe löschte, nun träumt sie den Geliebten in die wilde See
hinaus verschlagen und ihre Stimme kann ihn nicht erreichen. O besser, dass er in
die Tiefe des Meeres versänke, als dass du ihn treulos fändest, gutes Kind! Aber
du lächelst ja auf einmal so selig, träumst ihn im Arme zu halten, seinen Kuss zu
fühlen. Vielleicht in dem Augenblicke, da du mit seinem Schatten spielest, sucht
er wachend ein verbotenes Glück und treibt schändlichen Verrat mit deiner Liebe.
Aber immer noch seh ich dich freundlich; du arglose Seele, ach wohl, es ist auch
unerhört und fast unglaublich; was sucht er denn, das er bei dir nicht fände?
Schönheit und Jugendreiz? ich weiss nicht, was die Sterblichen so nennen, aber
hier darf selbst der Himmel wohlgefällig über seine Schöpfung lächeln. Verstand
und Geist? O schlüge sich dies Auge auf! aus seiner dunkelblauen Tiefe leuchtet
mit Kindesblick die Ahnung jedes höchsten Gedankens. Wie, oder Frömmigkeit? die
Frage klingt wie Spott auf ihn. Ihr bescheidnen Wände zeuget, wie oft ihr sie
habt knieen sehn im brünstigen Gebet, wenn alles rundum schlief! - - Bist ernst
geworden, mein Töchterchen; wie seltsam wechselt dein Traum! Ach, nur zu bald
wirst du weinen. Gott helfe dir. Gute Nacht.«
                                       *
Dies war die auffallende Stelle, die Nolten mit heimlichem Unmute gegen Larkens
anhörte, denn nun zweifelte er nicht mehr, dass dieser das Ganze veranstaltet
hatte. Was noch weiter aus dem Hefte vorgetragen wurde, war ohne besondere
Beziehung, und der Vorleser hörte eben zur rechten Zeit auf, als die Ungeduld
Noltens am höchsten war. Der letztere konnte kaum erwarten, bis man
auseinanderging und er Gelegenheit fand, dem Larkens einige Worte zuzuflüstern,
die ihm wenigstens andeuten sollten, wie wenig jener Wink am Platze gewesen.
»Ich danke dir«, sagte er mit beleidigtem Tone, indem sie die Treppen des Turmes
hinabstiegen, »ich danke dir für deine wohlgemeinte Zurechtweisung in einer
Sache, worin ich übrigens füglich mein eigener Richter sein könnte. Ich habe
mich dir schon früher im allgemeinen darüber erklärt, du scheinst mich aber
nicht verstanden zu haben. Verlang es, und ich will mich weitläufiger vor dir
rechtfertigen.«
    »Fürs erste«, antwortete der Freund halb lächelnd, »berg ich dir meine
Freude darüber keineswegs, dass du meinen versteckten Ausfall auf dein Gewissen
nicht spasshaft aufgenommen, so seltsam auch die Komödie war; aber es täte mir
auf der andern Seite ebenso leid, wenn du einen Popanz oder selbstgefälligen
Sittenrichter in mir erblicken wolltest. Niemand würde sich mit weniger Recht
hiezu aufwerfen, als ich, der ich selber erst vor kurzem dem Teufel entlaufen
bin und drei Viertel meines Seelenheils an ihn verloren habe, aber ich schwör
ihm auch das letzte teure Restchen vollends zu, wenn ich daran lügen sollte, dass
ein uneigennützig Mitleid mit jenem liebenswürdigen Geschöpfe, ja mit euch
beiden, mich zwinge alles aufzubieten, was deine unselige Entfremdung von dem
Mädchen hintertreiben kann.«
    »Gut, wir sprechen uns bald mehr darüber«, sagte Nolten, und wollte ihm
freundlich die Hand drücken, was jedoch Larkens nach seiner Art schnell abtat,
weil ihn der geringste Anschein von Sentiment zwischen Freunden immer verlegen
und ärgerlich machte.
    Nachdem man die beiden auswärtigen Freunde bis zu ihrem Quartiere begleitet
und die nächste Zusammenkunft abgeredet hatte, gingen die andern, welche in
einem Hause und auf demselben Boden wohnten, ziemlich einsilbig ihre
gemeinschaftliche Strasse.
Unser Maler fand zwischen den eigenen Wänden jene Wohltat ungestörter
Einsamkeit, nach welcher er sich vor wenigen Minuten so ungeduldig hingedrängt
hatte, keineswegs. Die Eindrücke dieser letzten Stunden waren zu mannigfaltig,
zu mächtig, zu entgegengesetzt, als dass er hoffen konnte, sie zu ordnen, sich
ihrer mit Vernunft zu bemeistern. Er schickte den Bedienten, der ihn auskleiden
sollte, zu Bette, und sass eine Weile unschlüssig, den Kopf in die Hand gestützt,
den Blick auf die ruhige Flamme der vor ihm brennenden Kerze geheftet. Erst der
Anblick jenes unwillkommenen Briefs (er lag noch uneröffnet auf dem Tische)
schien seinem Unmut, seinem Grame eine entschiedene Gestalt zu geben. »Oh!«
brach er aus, »muss heute sich alles herzudrängen, mich zu peinigen? soll ich
nicht zu mir selbst kommen? Was kann sie wollen mit dem Briefe? muss sie nicht
fühlen, wir sind getrennt auf immer, muss sie's nicht? Ja, wenn dies wirklich der
Inhalt dieses Blattes wäre! Könnt ich's nur ahnen aus den Zügen dieser
Aufschrift! Doch, die sind treu und gut, und blicken schmeichelhaft wie in den
glücklichen Tagen - Nein, nein, ich wag es nicht, dies Siegel zu erbrechen.«
    Er stand plötzlich auf und suchte die Gesellschaft des Freundes. Zu seinem
Troste traf er ihn noch wach am Kamine sitzend und nicht minder geneigt, die
wenigen Stunden bis zum Tagesanbruch vollends in vertrautem Gespräche
zuzubringen. »Recht, dass du kommst!« hiess es, »du triffst mich mit ernstaften
Betrachtungen über dich, beschäftigt. Es wäre gar schön von dir, wolltest du
mich jetzt ein wenig tiefer in deine Karten schauen lassen, denn nach dem, was
du heute gemunkelt, sollte man ja beinahe glauben, dass deine Erkältung gegen
Agnes noch ihre absonderlichen Ursachen habe, wiewohl ich immer bloss die
Symptome eines ganz ordinären Liebesfrosts an dir zu bemerken meinte, der sich
selten anders erklären lässt, als im allgemeinen aus einem gewissen Defizit von
Wärme. In der Folge mag denn auch Gräfin Constanze einigen Einfluss gehabt haben;
was? oder hätte sie wirklich schon alles wie mit Besemen gekehrt in deinem
Herzschrank angetroffen?«
    »Lass uns nicht leichtsinnig von einer ernstaften Sache reden!« versetzte
Nolten, »nein, glaub es, Alter, mein Verhältnis zu Agnes fand den Grund seiner
Zerstörung nicht ebenda, wo ihn dein Scharfsinn mit soviel Zuversicht entdecken
will. Du hättest mir die Ursache längst abmerken können; eine ausführliche
Entwicklung der verhaften Geschichte war mir zu verdriesslich, und zudem mag mich
eine dumme Scham abgehalten haben, über die ich nicht gebieten konnte. Mich von
einem kindischen Geschöpfe so genarrt, so gekränkt zu wissen! mich selber so zu
narren, so zu täuschen! Höre nun; du weisst, was mich an das Mädchen gefesselt
hatte, was ich alles in ihr suchte, tausendfach fand; aber dir ist nicht
bekannt, wie sehr mich meine Rechnung zuletzt betrog. Siehst du, wenn äusserste
Reinheit der Gesinnung, wenn kindliche Bescheidenheit und eine unbegrenzte
Ergebung von jeher in meinen Augen für die Summe desjenigen galt, was ich von
einem weiblichen Wesen verlangen müsse, das ich immer sollte lieben können, so
ist der Eigensinn begreiflich und verzeihlich, womit sich mein Herz verschloss,
sobald jene Eigenschaften anfingen, sich im geringsten zu verleugnen; denn je
gemässigter meine Ansprüche in jedem andern Sinne waren, desto beharrlicher
durften sie sein in dieser einzigen Rücksicht, mit welcher nach meinem Gefühle
der schönste und bleibendste Reiz aller Weiblichkeit wegfällt.«
    »Ha ha ha!« lachte der Freund, »deine Forderungen sind bescheiden, und doch
auch impertinent gross von Weibern der jetzigen Welt!«
    »Oh«, fuhr der andere fort, »o Larkens! ja verlache mich, denn ich
verdien's! dass ich der Tor sein konnte, zu glauben an die Unwandelbarkeit jener
ursprünglichen Einfalt, die mir unendlichen Ersatz für jeden glänzenden Vorzug
der Erziehung gab! Wo blieb doch jener fromm genügsame Sinn, den auch die leise
Ahnung nie beschlich, dass es ausser dem Geliebten noch etwas Wünschenswertes
geben könne? jene ungefärbte Wahrheit, welche auch den kleinsten Rückhalt nicht
in sich duldet, jene Demut, die sich selbst Geheimnis ist? Das alles lag einst
in dem Mädchen! Wie heimlich und entzückt belauscht ich nicht zu tausend Malen
das reine Aderspiel ihres verborgensten Lebens! Durchsichtig wie Kristall schien
der ganze Umfang ihres Daseins vor mir aufgeschlossen und auch nicht ein
unebener Zug liess sich entdecken. Sprich! musste darum nicht der erste Schatten
weiblicher Falschheit mich auf ewig von ihr schrecken? Mein Paradies, gesteh
ich, Larkens! war vergiftet von diesem Augenblicke. Kann ich es ändern? kann sie
es ändern? Sie selbst mag zu entschuldigen sein, auch ich entschuldige sie, aber
die Bedeutung des Ganzen ist mir verloren, ist weg, unwiderbringlich. Und wenn
ihre Liebe, göttlich neugeboren, mir entgegenweinte, ich müsste die Hände sinken
lassen, sie fände ihre alte Wohnung nicht mehr.«
    Larkens schwieg einige Zeit nachdenklich. »Aber«, fing er nun an, »was
verbrach denn das Mädchen eigentlich? wo streckte denn der Satan, der in sie
gefahren sein soll, zuerst sein Horn heraus? wo sind die Indizia?«
    »Meinst du«, fuhr Nolten fort, »es sei mir nicht schon fatal gewesen, da es
bereits vor einem Jahre bei meinem letzten Besuch in Neuburg sehr deutlich das
Ansehen hatte, als ob dem Närrchen bange würde um eine genügende Versorgung
durch mich? und wenn mir der Vater mit kritischem Gesichte zu verstehen gab, es
wolle nirgends recht fort mit meiner Kunst, mit meinem Erwerbe, er selber könne
uns nur wenig unter die Arme greifen, ich möge mich doch wohl bedenken, ob ich
mir eine Familie zu nähren getraue, und was des Geschwätzes mehr war, so nahm
das Töchterchen mich zwar zärtlich genug in eine Ecke, küsste mir die Runzeln von
der Stirn, lächelte und verbarg doch nur mit Müh und Not ihre Sorgen, ihre
Tränen. Das liess ich denn so gehen und hielt's ihnen zugute. Aber bald nachher,
verflucht! die garstige Niederträchtigkeit!«
    »Nun?«
    »Ein zierlicher Laffe kam ins Haus, Geometer, oder was er ist, ein
weitläufiger Vetter aus der benachbarten Stadt. Mir ward von freundschaftlicher
Hand ein Wink gegeben, dass man sich in dem Burschen, nur auf gewisse Fälle, ein
Schwiegersöhnchen reservieren wolle.«
    »Ist nicht möglich das!« rief Larkens erschrocken aufspringend.
    »Und ist gewiss. Zwar Agnes wusst anfangs nicht um den saubern Plan, man wollt
abwarten, ob ihr's Mäulchen nicht selber überliefe, man steckte die Leutchen
recht geflissentlich zusammen, dass dem Mädel zuletzt wirklich schwindlig ward
denn mein Rival trug ohne Zweifel eine brillante Vorstecknadel, wusste treffliche
Dinge von Bällen und dergleichen zu erzählen, wunderte sich recht mitleidig, dass
Fräulein Agnes an solchen Herrlichkeiten keinen Teil nehme, worauf denn das gute
Schäfchen sich ebenfalls im stillen verwunderte, sich ganz tiefsinnig in die
neue prächtige Welt verguckte, von welcher sie auf ihrem stillen Waldhäuschen
bisher das mindeste nicht geahnt. Mir entdeckten jedoch ihre sehr liebreichen,
wiewohl etwas sparsamen, Briefe nichts von diesen Visionen, die Wischchen waren
lieb und simpel und treuherzig, wie sonst auch, rochen weder nach eau de
Portugal noch de mille fleurs, sondern es war genau der alte echte Maiblumen-
und Erdbeernduft - aber den höllischen Gestank brachten mir die Briefe sehr
ehrenwerter Personen unter die Nase; dort ist von musikalischen und andern
Notturnis, von Rendezvous im Gärtchen, kurz von allerliebsten Sachen die Rede,
die ich zuerst unglaublich und bis zur Desperation abscheulich, dann aber ganz
natürlich und zum Totlachen plausibel fand.«
    »Die Briefe, von wem denn?«
    »Sie sind - gleichviel.«
    »Das nun eben nicht, mein Bester!«
    »Nun ja, ich bin den Personen eine gewisse Diskretion schuldig.«
    »Nur ungefähr; männlich? weiblich? oho! nun rar ich den Pfeffer; die
Episteln hat der Neid diktiert.«
    »Unwürdiger Verdacht! Und ich hab ausserdem Beweise, die - o lass mich
schweigen, lass mich vergessen! nur jetzt verschone mich, du siehst ja, wie
mich's martert!«
    »Aber was sagte Agnes zur Entschuldigung?«
    »Nichts, und ich macht ihr keinen Vorhalt.«
    »Alle Teufel! bist du verrückt? du stelltest sie nicht zur Rede?«
    »Mit keiner Silbe. Der Herr Papa, in Furcht, ich habe Wind erhalten von dem
Spass, kam mir mit Rechtfertigungen zuvor, vielleicht weil ihm der Reukauf
angekommen. Da versteigt er sich nun in den rührendsten psychologischen
Subtilitäten, als gälte es eine Preisaufgabe, den Leichtsinn einer läppischen
Dirne wieder zu Ehren zu bringen. Er ruft sogar die Medizin zu Hülfe; es ist
wahr, das Mädchen war kurz vorher krank, aber was, zum Henker! hatten die Nerven
meiner Braut mit dem Geometer zu schaffen? Kurzum, ich weiss nun, was ich von
allem zu glauben habe. Ich schrieb ihr, wie du weisst, seit sechs Monaten nicht
mehr, und hoffte zuletzt, auch sie habe stillschweigend resigniert, allein der
Alte mag von Verbesserung meiner Umstände gehört haben: nun erhalt ich gestern
unerwartet einen Wisch durch Ferdinand - da!«
    Larkens griff hastig nach dem Briefe, und zwar mit einer Bestürzung, die nur
in diesem Augenblicke dem Freunde entgehen konnte. Nolten drang ihm die Papiere
beinahe bittend auf, indem er wiederholt sagte: »Behalt es, vergrab es bei dir,
bester einziger Larkens! und wenn es möglich ist, verschone mich mit seinem
Inhalt, antworte statt meiner, nicht wahr, du tust mir die Liebe? O wie mir nun
wieder leicht ist, seit ich des Quarks los bin! - Alter, komm, lass Wein bringen!
Wollen uns einmal wieder lustig machen. Der Tag schläft noch fest. Lass diese
trübe Lampe mit unsern verdüsterten Geistern sich im Karfunkel des Burgunders
spiegeln!«
    In kurzem stand eine kühle Flasche auf dem Tische. Man suchte einige
Lieblingsmaterien der Kunst auf und war bald im Feuer des Gesprächs. Mit der
Morgendämmerung trennte man sich, um noch eine kurze Ruhe nachzuholen.
    »Noch eins!« rief Teobald unter der Tür, »wer war denn der Vermummte auf
dem Albaniturm?«
    »Frag mich jetzt nicht; es ist gleichgültig; du sollst's ein andermal
erfahren. Schlaf wohl.«
    Nolten war auf seinem, vom Frühlichte blass erhellten Schlafzimmer
angekommen. Er will sich soeben aufs Bette werfen als ihm an dem spanischen
Hute, welchen er gestern auf dem Balle gebraucht, eine Zierde auffällt, die ihm
völlig fremd ist; die rote Blüte einer Granate, der Natur täuschend nachgemacht.
Das Blut steigt ihm in die Wange, eine plötzliche Ahnung schiesst ihm durch den
Kopf - »von ihr! von ihr! o sicherlich von dir, Constanze!« rief er aus. »Die
Liebe deutet mir das rätselhafte Wort, das du vor wenig Tagen, halb Scherz, halb
Ernst, gegen mich hast fallenlassen. Die Blüte der Granate - war's nicht so? Ja,
so war's! Und nun heute nacht - stutzte mein Auge nicht mehr als einmal an der
Blumen austeilenden Gärtnerin und ihrem kleinen Diener? So ist sie's doch
gewesen! gewiss, der Junge hat mir's angesteckt, wie ich verdriesslich in jenem
Fenster sass. Sie muss ihm den Wink gegeben haben. So erkannte sie mich doch. Du
Engel! Engel! Und du, mein seliges Herz! ja hoffe nur und hoffe kühn! das ist
ein teures, unschätzbares Merkzeichen. Mir beginnt ein neues Leben! Herauf, du
schläfriger Morgen! O warum stürzt die Sonne sich nicht prächtig und entzückt
mit einemmal über den schattenden Berg, da mich ein Wunder glücklich macht? Du
grauer Tag, wie blickst du seltsam in die glühende Blätterkrone dieses
geborstenen Kelchs! Lieber, grauer Tag, wahrsage mir nicht Schlimmes mit dieser
gelassenen Miene! und willst du neidisch sein, so wiss es nur und ärgre dich -
sie liebt mich! Mich! Ja, sie - mich!«
Indessen hatte Larkens das ihm übergebene Briefchen Agnesens geöffnet und
gelesen, es war ein einfacher Gruss, wobei sie Teobalden aufs lebhafteste dankt
für sein letztes Schreiben, welches jedoch, die Wahrheit zu sagen, von ganz
anderer Hand, und, wie so manche frühere Sendung, bloss unterschoben war.
    »Du bittest mich«, sagte Larkens nach einer Pause gerührten Nachdenkens vor
sich hin, »du bittest mich, armer Freund, ich soll das Blättchen bei mir
vergraben, soll den Knoten zerhauen, soll deine ganze verleidete Sache über Hals
und Kopf der Vergessenheit überliefern, und so alles mit einem Male gutmachen.
Ich will gutmachen, aber auf ganz andere Art als du denkst, und Gott sei Dank,
dass mir nicht jetzt erst einfällt, diese Sorge auf mich zu nehmen. Wie preis ich
den Genius, der mir gleich anfangs das Mittel eingab, dem guten Kinde deinen
Wankelmut zu verbergen, ihm durch eine leichte Täuschung allen Schmerz, alle
Angst zu ersparen, und, wenigstens solange sich noch Heilung für den
Verblendeten hoffen lässt, das holde Geschöpf im schönen Traum seiner Liebe zu
lassen. Aus einem Verhältnisse zu der Gräfin kann offenbar nichts werden,
tausend Umstände sind dagegen; Constanze selber, wie ich sie kenne, hat nicht
den entfernten Gedanken an so etwas, kann ihn gar nicht haben. Teobald wird
müssen seiner Leidenschaft entsagen lernen, ich seh alles voraus, es wird tief
bei ihm einschneiden - schad't nichts, das soll mir ihn zu sich selbst bringen,
soll mir ihn weich machen für Agnes; er wird dem Himmel danken, wenn ihm das
weggeworfene Kleinod erhalten blieb. Für jetzt wär's Unsinn, ihm die Gräfin
gewaltsam vom Herzen reissen zu wollen; ich hoffe, es ist nur ein Übergang, und
ich müsst ihn schlecht kennen, oder es kann ihm in die Länge selbst nicht
schmecken. Auf jeden Fall lässt er mich ja an allem teilnehmen, was etwa mit ihm
und Constanzen vorgeht, und Larkens ist bei der Hand, wenn Feuer im Dach
auskommen sollte; überdies will ich meinen Leuten so genau aufpassen, dass mir
nichts in die Quere laufen soll. Das erste ist nun, ich muss wissen, was an dem
Märchen mit Agnes ist; gewiss irgendeine verleumderische Teufelei, und mein
vortrefflichster Nolten hat in der blinden Hitze einmal wieder
danebengeschossen; ich lasse mich rädern, das ist's. - Hm! freilich, hätt ich
nur ein einzig Mal das Mädel mit diesen meinen Augen gesehen! aber so, was bürgt
mir für sie? Man hat Beispiele, dass so ein Engelchen auch einmal einen
schlechten Streich macht, oder, was bei ihnen geradesoviel ist, einen dummen.
Nein, zum Henker, ich kann's wieder nicht denken! Sind mir ihre Briefe nicht
Zeugnis genug? So schreibt doch wahrlich keine Galgenfeder! Und gesetzt, sie
hätt einmal ein paar Tage einen Wurm im Kopf gehabt und ein bissel nebenaus
geschielt, etwas Gift mag so was immer ansetzen beim Liebhaber, doch im ganzen
was tut's? Ein verdammter Egoismus, dass wir Männer uns alles lieber verzeihen,
als so einem lieben Närrchen; eben als hätten wir allein das Privilegium, uns
zuweilen vom Leibhaftigen den Pelz ein wenig streicheln zu lassen, ohne ihn just
zu verbrennen. Wetter! diese frommen Hexchen haben so gut Fleisch und Blut wie
unsereiner, und der nächste Blick auf die Person des Alleinzigen wirft den
Hundertstels-Gedanken von Untreue und das gewagteste Luftschloss wieder übern
Haufen; dann gibt es nichts pikanter Wollüstiges für so eine süsse Krabbe, als
die Tränchen, womit sie gleich drauf die Verirrung ihrer Phantasie am bärtigen
Halse des Liebsten unter tausend Küssen stillschweigend abbüsset. Aber auch nicht
einmal dieser leichten Seitensprünge halt ich Agnesen fähig; wenigstens wär mir
leid um das goldreine Christengelsbild, das ich mir so nach und nach von dem
Mädchen konstruierte. Mord und Tod! dass man doch gar, gar nichts in der Welt
soll denken können, wobei einem der alte Verderber nicht wieder ein Eselsohr
drehte! Ich möcht mich in Stücke reissen vor Wut! nicht um meinetwillen - für
mich ist nichts mehr zu verlieren: nein, nur um Noltens willen, der so ehrlich,
gut knabenartig sein Ideal in einer Dorflaube salviert glaubte und nun eben auch
in faule Äpfel beissen soll. So geht's - ei, und am Ende haben wir's all nicht
besser verdient. Aber lass sehen, es fragt sich ja immer noch - Verflucht! was
doch das Misstrauen ansteckt! Stand nicht bis den Augenblick mein Glaube an das
Mädchen fest wie ein Fels? und, sachte beim Licht besehn, steht er noch wie vor.
So lass mich denn meine Maschinen getrost fortspielen! meine Maskenkorrespondenz
mit dem Liebchen mag dauern solang sich's tut. Bin ich durch diese sechs Monat
lange Übung im Stil der Liebe, im Ausdruck und individueller Gedankenweise nicht
so ganz und gar zum andern Nolten geworden, dass ich fast fürchten muss, das
Mädchen, wenn heut oder morgen der Spuk an Tag käme, könnte sich in mich
verlieben? was denn ceteris paribus auch so übel nicht wäre. Doch, soviel ist
gewiss, ich glaube für hundert galante Schurkereien, wozu ich ehedem meine
gewandte Handschrift missbrauchte, mir hinlängliche Absolution dadurch erworben
zu haben, dass ich die Kunst, ehrlichen Leuten ihre Züge abzustehlen, endlich
einmal für einen guten Zweck nütze. Du liebes betrogenes Kind! und hast du denn
niemals beim innigen vertieften Anschaun meiner Lügenschrift etwas Unheimliches
verspürt, wenn du das Blatt mit dankbarem Entzücken an deine Lippen drücktest?
hat nicht der Engel deiner Liebe dir zugeflüstert: halt, eine fremde Hand
schiebt der des Geliebten sich unter? Nein doch! dein Schutzengel wird sich ja
eher mit mir verschwören, als dass er dich mit der unzeitigen Wahrheit betrüben
sollte, die dir zugleich den Geliebten raubt! Immerhin also lass mich gewähren.
Und hat es mir zeiter an Vorwänden nicht gefehlt, dich über das immer
verschobene Wiedersehn deines Teobalds und die langentbehrte Umarmung zu
trösten, so wird es mir, denk ich, noch gelingen, dir ihn bald als einen völlig
Neuen entgegenzuführen, und du wirst nicht einmal wissen, dass es ein
strafwürdiger, aber bekehrter Flüchtling ist, der zu deinen Füssen weint.«
    Dies war so ziemlich das bald leise, bald laute Selbstgespräch Larkens'.
Indem wir es wiederzugeben suchten, weihten wir den Leser in das Geheimnis ein,
das ihm gegenwärtig vor allem am Herzen lag. Es versteht sich von selbst, dass er
gleich beim Beginn seines wunderlichen Briefwechsels mit Agnes alle Vorsicht
gebrauchte und jene namentlich unter irgendeinem Vorwand aufforderte, ihre
Briefe immer unter der Larkensschen Adresse laufen zu lassen. Dies geschah
indessen auch pflichtlich, nur das letzte Billett machte eine Ausnahme, weil
Agnes die Gelegenheit durch die Freunde ohne Umschweif nützen zu können meinte,
und so war das Papier wirklich zu anfangs nicht geringem Schrecken des
heimlichen Korrespondenten in die Hände desjenigen gelangt, für den es am
wenigsten gehörte, und dem sein Inhalt das ganze hübsche Gewebe hätte verraten
müssen. Eine geschärfte Instruktion für die Briefstellerin war die einzige Folge
dieser glücklich abgeleiteten Gefahr, aber einen weit wichtigern Grund,
ungesäumt an Agnes, sowie auch an den Förster, zu schreiben, fand Larkens in der
Ungewissheit über die bewusste Ehrensache. Er setzte sich noch in dieser Stunde
nieder, doch mit dem Vorsatze, seine Sorge nur so gelinde als möglich reden zu
lassen, und seine Erkundigungen ganz im Allgemeinen zu halten, damit nicht etwa
ein Verstoss gegen frühere Verhandlungen, die ihm unbekannt waren, zum Vorschein
komme.
Um aber die Stellung Noltens gegen die Braut ganz anschaulich zu machen, müssen
wir in der Zeit etwas zurückschreiten und Folgendes erzählen.
    Das Verhältnis der Verlobten stand in der wünschenswertesten Blüte, als
Agnes durch eine heftige Nervenkrankheit dem Tode nahe gebracht war. Der
kritische Zeitpunkt ging indessen gegen Erwartung glücklich vorüber, und mehrere
Wochen verstrichen, ohne dass es mit der allmählichen Genesung des Mädchens
irgendeinen auffallenden Anstoss gegeben hätte. Jetzt aber konnte es dem Vater,
und wer ihn sonst besuchen mochte, nimmer entgehen, dass mit der Tochter eine
Veränderung, und zwar eine sehr bedeutende, vorgegangen sei. Offenbar war sie
tief am Gemüte angegriffen, auch körperlich bemerkte man die sonderbarste
Reizbarkeit an ihr, im ganzen war sie sanft, meist niedergeschlagen, zuweilen
ungewöhnlich heiter und gegen ihr sonstiges Wesen zu allerlei Possen geneigt.
Oft machte sie ihrem Herzen durch heftige Tränen Luft, brach in Klagen aus um
den entfernten Geliebten, den sie mit Sehnsucht zu sich wünschte. Zugleich
äusserte sie eine leidenschaftliche Liebe zur Musik, verlangte nichts so sehr als
irgendein Instrument spielen zu können, und setzte jedesmal hinzu, sie wünsche
dies nur um Noltens willen, damit er künftig doch wenigstens ein Vergnügen von
ihr haben möge. »Ich bin ein gar zu bäurisches einfältiges Geschöpf, und solch
ein Mann! O werden wir denn auch jemals füreinander taugen?« Und wollte man sie
nun beruhigen, setzte der Vater den schlichten treuen Sinn des Bräutigams recht
fasslich auseinander, so konnte sie nur um desto heftiger ausrufen: »Das ist eben
der Jammer, dass er sich selber so betrügt! ihr alle betrügt euch, und ich mich
selbst in mancher törichten Viertelstunde. Meint ihr denn, wie er im vorigen
Herbste da war, ich hätte nicht gemerkt, dass er oft Langeweile bei mir hatte,
dass ihn etwas beengte, stocken machte? Seht, wenn er bei mir sass, mir seine Hand
hinhielt und ich verstummte, nichts in der Welt begehrte, als ihm nur immer in
die Augen zu sehn, dann lächelt' er wohl - ach, und wie lieb, wie treulich!
nein, das macht ihm kein anderer nach! Und hab ich dann nicht oft mitten in der
hellen Freude, bestürzt mich weggewandt und das Gesicht mit beiden Händen
zugedeckt, geweint und ihm verhehlt, was eben an mich kam? - ach, denn ich
fürchtete, er könnte mir im stillen rechtgeben, ich wollt ihm nicht selber
draufhelfen, wie ungleich wir uns seien, wie übel er im Grunde mit mir beraten
sei.« So fuhr sie eine Zeitlang fort und endete zuletzt mit bittern Tränen; dann
konnte es geschehn, dass sie sich schnell zusammennahm, gleichsam gegen den Strom
ihres Gefühls zu schwimmen strebte, und mit dem Ton des liebenswürdigsten
Stolzes fing das schöne Kind nun an, sich zu rechtfertigen, sich zu vergleichen;
die blasse Wange färbte sich ein wenig, ihr Auge leuchtete, es war der
rührendste Streit von leidender Demut und edlem Selbstbewusstsein.
    Diese sonderbare Unzufriedenheit, ja dies Verzweifeln an allem eigenen Werte
fiel desto stärker auf, da Teobald in der Tat nicht die geringste Ursache zu
dergleichen gegeben, man auch früher kaum die Spur von einer solchen
Ängstlichkeit an ihr entdeckte. Jetzt ward es freilich aus manchen ihrer
Äusserungen klar, dass sie schon in gesunden Tagen diese Sorge heimlich genährt
und wieder unterdrückt hatte, dass ein krankes Gefühl, das von jenem Nervenübel
bei ihr zurückgeblieben war, sich mit Gewalt auf den verletzbarsten Teil des
zarten Gemütes geworfen haben müsse.
    Damit wir jedoch sogleich über das Ganze ein hinreichendes Licht verbreiten,
sind wir die Erzählung einer Tatsache schuldig, welche jenen Symptomen von
Schwermut vorausging, und wodurch das, was vielleicht nur vorübergehende Grille
war eine weit schwierigere Gestalt annahm.
    Zwei Wochen, nachdem Agnes vom Krankenlager freigesprochen war, hatte sie
vom Arzte die Erlaubnis erhalten, zum erstenmal wieder die freie Luft zu kosten.
Es war an jenem Tage eben ein weitläuftiger Verwandter, dessen eigentliche
Bekanntschaft man jetzt erst machte, im Hause gegenwärtig; der junge Mann war
seit kurzem in der benachbarten Stadt bei der Landesvermessung angestellt und
bei dem Förster ein um so willkommnerer Gast, als er neben einem angenehmen
Äussern manches schöne gesellige Talent bewies. Man speiste fröhlich zu Mittag
und Agnes durfte den Vetter Otto nach Tisch beim wärmsten Sonnenschein eine
Strecke gegen die Stadt hin begleiten. Das Mädchen, wie neugeboren unterm
offenen Himmel, genoss ganz das erhebende Vergnügen neugeschenkter Gesundheit,
das sich mit nichts vergleichen lässt, sie sprach wenig, eine stille, gegen Gott
gewendete Freude schien ihr den Mund zu verschliessen und ihren Fuss im leichten
Gang vom Boden aufzuheben; ihr war, als sei ihr Inneres nur Licht und Sonne; ein
deutliches Gefühl von körperlicher Kraft schien sich mit einem kleinen Rest von
Schwäche angenehm bei ihr zu mischen; sie kehrte früher um und nahm Abschied von
Otto, damit sie völlig ungestört sich dem Überflusse des Entzückens und des
Dankes hingeben könne.
    Ihr Weg führte sie durch ein Birkenwäldchen, bei dessen letzten Büschen sie
eine Zigeunerin allein am Rasen sitzen fand eine Person von ansprechendem und
trotz ihres gesetzten Alters noch immer von jungfräulichem Aussehen. Man grüsst
sich, Agnes geht weiter, und hat kaum fünfzehn Schritte zurückgelegt, als sie
bereuet, die Unbekannte nicht angeredet zu haben, deren ganzes Wesen und
freundlich bedeutender Blick doch sogleich den grössten Eindruck auf sie gemacht
hatte. Sie besinnt sich, sie lenkt um und eine Unterredung wird angeknüpft. Nach
einer Weile, während der man gleichgültige Dinge gesprochen, pflückt das braune
Mädchen gleichsam spielend einige Gräser, knüpft sie in eine regelmässige Figur
zusammen, löst sodann kopfschüttelnd den einen oder andern Knoten wieder auf und
sagt: »Setzt Euch zu mir. - Der Herr, dem Ihr da vorhin ausgefolgt, ist Euer
Schatz zwar nicht, doch denkt an mich, er wird es werden.«
    Agnes, obgleich etwas betreten, scherzt anfangs über eine so unglaubliche
Prophezeiung, verwickelt sich aber immer angelegentlicher und hastiger ins
Gespräch, und da die Äusserungen und Fragen der Fremden eine ganz unbegreifliche
Bekanntschaft mit den eigentlichen Verhältnissen der Braut vorauszusetzen
scheinen, so kommt sie den Worten der Zigeunerin unvermerkt entgegen. Das
gutmütige Benehmen derselben entfernt zugleich fast jedes Misstrauen bei Agnesen.
Wie schmerzhaft aber und wie unvermutet wird ihr geheimstes Herz mit einem Male
aufgedeckt, da sie aus jenem ahnungsvollen Munde unter andern die Worte
vernimmt: »Was Euern jetzigen Verlobten anbelangt, so wär es grausam Unrecht,
Euch zu verbergen, dass ihr auch allerdings nicht geboren seid füreinander. Seht
hier die schiefe Linie! das ist verwünscht; stimmt doch das Ganze sonst gar
hübsch zusammen! Aber die Geister necken sich und machen Krieg mit den Herzen,
die freilich jetzt noch fest zusammenhalten. Ei närrisch, närrisch! mir kam so
was noch wenig vor.«
    Agnes fand Sinn in diesen dunkeln Reden, denn sie erklärten ihr nur ihre
eigene Furcht. »Wie?« sagte sie leise und starrte lange denkend in den Schoss,
»so ist's - so ist's! ja Ihr habt recht.«
    »Nicht ich, mein Töchterchen, nur Stern und Gras behalten recht. Vergib, dass
ich die Wahrheit sagte, aber Wermut kann auch Arznei sein, und sei versichert,
Zeit bringt Rosen.«
    Hier stand die Fremde auf. Agnes, im Innern wie gelähmt und an den Gliedern
wie gebunden, vermochte kaum sich zu erheben, sie hatte nicht den Mut, die Augen
aufzuschlagen, es war ihr leid, dass sie verriet, wie sehr sie sich getroffen
fühlte. Und doch, indem sie aufs neue in das Gesicht der Unbekannten sah,
glaubte sie etwas unbeschreiblich Hohes, Vertrauenerweckendes, ja
Längstbekanntes zu entdecken, in dessen seelenvollem Anblicke der Geist sich von
der Last des gegenwärtigen Schmerzens befreie, ja selbst die Angst der Zukunft
überwinde.
    »Behüt dich Gott, mein Täubchen! und hab immerhin guten Mut. Lässt dich die
Liebe mit einer Hand los, so fasst sie dich gleich wieder mit der andern. Und
stosse nur dein neues Glück nicht eigensinnig von dir; es ist gefährlich, dem
Gestirn Trotz bieten. Nun noch das letzte: bevor ein Jahr um ist, wirst du
niemand verraten, was ich dir gesagt; es möchte schlimm ausfallen, hörst du
wohl?«
    Dies letztere hatte die Zigeunerin mit besonderem Nachdrucke gesprochen.
Aufs äusserste ergriffen dankte das Mädchen beim Abschiede und reichte der
Fremden ein feines Tuch zum Angedenken hin.
    Agnes war allein und vermochte kaum sich selber wiederzuerkennen; sie
glaubte einer fremden, entsetzlichen Macht anzugehören, sie hatte etwas
erfahren, was sie nicht wissen sollte, sie hatte eine Frucht gekostet, die
unreif von dem Baume des Schicksals abgerissen, nur Unheil und Verzweiflung
bringen müsse. Ihr Busen stritt mit hundertfältigen Entschlüssen und ihre
Phantasie stand im Begriffe, den Rand zu übersteigen. Sie hätte sterben mögen,
oder sollte Gott ihrer Neugierde verzeihen und schnell das fürchterliche
Bewusstsein jener Worte von ihr nehmen, die sich wie Feuer immer tiefer in ihre
Seele gruben, und deren Wahrheit sie nicht umstossen konnte.
    Erschöpft kam sie nach Hause und legte sich sogleich mit einem starken
Froste; der Alte befürchtete einen Rückfall in das kürzlich erst besiegte Übel,
allein vom wahren Grunde ihres Zustandes kam keine Silbe über ihre Lippen. Sie
liess sich ältere und neuere Briefe Teobalds aufs Bette bringen, aber statt des
gehofften Trostes fand sie beinahe das Gegenteil; das liebevollste Wort, die
zärtlichsten Versicherungen, schon gleichsam angeweht vom vergiftenden Hauche
der Zukunft, betrachtete sie mit Wehmut, wie man getrocknete Blumen betrachtet,
die wir als Zeichen vergangener schöner Augenblicke aufbewahrten: ihr Wohlgeruch
ist weg und bald wird jede Farbenspur daran verbleichen.
    Dergleichen traurige Ahnungen erfüllten sie mit desto ungeduldigerem
Schmerz, je mehr sie Teobalden noch in dem vollen Irrtum seiner Liebe befangen
denken musste - in einem Irrtum, den sie nicht länger mit ihm teilen durfte noch
wollte, der ihr abscheulich und beneidenswert zugleich vorkam.
    Jener Fieberanfall ging indes vorüber und ausser einer gewissen Überspannung
hielt man das Mädchen für gesund. Die Ungewissheit ihres Schicksals beschäftigte
sie Tag und Nacht. Suchte sie auch einen Augenblick jene drohenden Aussprüche
mit ruhigem Verstande zu bestreiten, schalt sie sich abergläubisch, töricht,
schwach, sie fand doch immer zwanzig Gründe gegen einen, und selbst im Fall die
unerhörteste Täuschung des Weibes mit im Spiele war, so schien dieser seltsame
Zufall ihr wenigstens eine früher gefühlte Wahrheit aufs wunderbarste zu
bestätigen. Denn freilich hatte sie bei dem Gespräch im Walde nicht bemerkt,
wieviel ihr die Zigeunerin, nachdem das erste aufs Ungefähr keck hingeworfene
Wort einmal gezündet, mit leisem Tasten abzulauschen wusste, noch weniger liess
sie sich träumen, dass ebendiese Person auf sehr natürlichem Wege von der äusseren
Lage der Dinge im allgemeinen unterrichtet, mit Teobald nicht unbekannt, und,
wie sich späterhin entdecken wird, überhaupt gar sehr bei der Sache interessiert
war. Was aber immer die geheime Absicht dabei sein mochte, genug, das arme Kind
war schon geneigt, einen höheren Wink in jenem Auftritte zu erblicken.
    Indessen, es gehen zuweilen Veränderungen in unserer Seele vor, von welchen
wir uns eigentlich keine Rechenschaft geben und denen wir nicht widerstehen
können, wir machen den Obergang vom Wachen zum Schlaf ohne Bewusstsein und sind
nachher ihn zu bezeichnen nicht imstande: so ward in Agnes nach und nach die
Überzeugung von der Unvereinbarkeit ihres Schicksals und Noltens befestigt, ohne
dass sie genau wusste wann und wodurch dieser Gedanke eine unwiderstehliche Gewalt
bei ihr gewonnen. Ihre Grundempfindung war Mitleid mit einem geliebten und
verehrten Manne, hinter dessen Geist sie sich weit zurückstellte, den sie durch
ihre Hand nur unglücklich zu machen fürchtete, weil es in der Folge doch auch
ihm selbst nicht mehr verborgen bleiben könne, wie wenig sie ihm als Gattin
genüge. Allein wenn dies Gefühl, das unstreitig aus dem reinsten Grunde
uneigennütziger Liebe hervorging das gute Geschöpf allmählich einer frommen und
in sich selber trostvollen Resignation entgegendrängte, so wurde der Entschluss
freiwilliger Trennung auf der andern Seite wieder durch eine Idee verkümmert,
welche sich sehr natürlich aufdrang: ein künftiges Missverhältnis war ja nur in
dem Falle gedenkbar, wenn Nolten überhaupt seine ursprüngliche Gesinnung
verleugnete, wenn er dem ersten reinen Zuge seines Herzens untreu würde; und so
betrachtete sich nun Agnes schon zum voraus aufs tiefste gekränkt von dem
Verlobten, sie war versucht, ihm dasjenige bereits als Schuld anzurechnen, wovon
er selbst noch keine Ahnung hatte, was aber unvermeidlich kommen müsse. So
sonderbar es klingen mag, so ist es doch gewiss, es traten Augenblicke ein, wo
ihre Empfindung gegen Teobald nicht fern von Widerwillen, ja von Abscheu war,
allein dergleichen feindliche Regungen widerstrebten dergestalt ihrer innersten
Natur, sie selbst kam sich dabei als ein so hassenswürdiges, entstelltes Wesen
vor, dass sie mit Absicht alles und jedes vorkehrte, was den Bräutigam, auch im
äussersten Falle, rechtfertigen könnte. Es kam eine tödliche Angst über sie, wenn
ihr zuweilen die Möglichkeit erschien, dass sie von dem, der ihr noch jüngst das
Teuerste der Welt gewesen, jemals geringer denken oder dass er ihr gar sollte
gleichgültig werden können, es war ihr, wenn es dahin kommen sollte, als
zerstöre sie ihr eigen Selbst, als sei die innerste Wurzel ihres Lebens
angegriffen, als müsste sie jedem schönen Glauben, allem, was würdig, hoch und
heilig sei, für immerdar entsagen. Sie nahm in dieser äussersten Not ihre
Zuflucht zum Gebet, und flehte mit Inbrunst, Gott möge die Liebe zu Nolten stets
frisch bei ihr erhalten, er möge ihr nur helfen, alles, was leidenschaftlich an
dieser Neigung sei, aus ihrem Herzen wegzuscheiden.
    Bemerkenswert ist es, dass das treffliche Mädchen, von einem richtigen Takte
geleitet, sich mitunter alle Gewalt antat, ganz unabhängig von jener
verdächtigen Prophetenstimme zu denken und zu handeln, so wie sie sich auch
leicht beredete, die Verzichtleistung auf den Verlobten sei in Betracht der
ersten Gründe doch immer aus ihr selbst hervorgegangen. Vielleicht sie
unterschied hierin nicht scharf genug, und jene dunkle Stimme behielt auf
Agnesens Tun und Lassen den mächtigsten Einfluss; nur verscheuchte sie jede
Erinnerung an den verhassten Fingerzeig des Weibes, der so entschieden auf ein
neues Bündnis hindeutete; nicht ohne heimliches Schaudern konnte sie in diesem
Sinne an den Vetter denken, ja sie vermied seinen Anblick eine Zeitlang
geflissentlich, nur um dieser unerträglichen Vorstellung loszuwerden.
    Wie sehr das Mädchen unter solchen Umständen litt, von wieviel Seiten ihr
Gemüt im stillen zerrissen und gepeinigt war, lässt sich wohl besser fühlen als
beschreiben. Unglaublich erscheint bei diesem allen der Wechsel ihrer Stimmung;
denn während sie jede Hoffnung auf Teobald verbannte und in den nüchternsten
Stunden sogar die Fähigkeit bei sich entdeckte, ihn seinem bessern Schicksale
freizugeben, fehlte es mitunter nicht an Augenblicken, wo alle jene düstern
Bilder gleich Gespenstern vor der aufgehenden Sonne zurückflohen, wo ihre Liebe
mit einemmal wieder indem heitersten Lichte vor ihr stand und eine Vereinigung
mit Nolten ihr, allen Orakeln der Welt zum Trotze, notwendiger, natürlicher,
harmloser deuchte, als jemals. Mit Entzücken ergriff sie dann eilig die Feder,
dem teuren Freund ein liebevolles Wort zu senden, und sich im Schreiben
gleichsam selbst des überglücklichen Bewusstseins zu versichern, dass sie und
Nolten ewig unzertrennlich seien.
    In solchen Stimmungen mochte sie auch Ottos Gegenwart nicht ungern leiden,
sie behandelte ihn noch immer mit einiger Zurückhaltung und hatte auch diese
schon halb überwunden; nur als der Vater gelegentlich dem Vetter, der die
Mandoline fertig spielte, den Vorschlag machte, das Bäschen in die Lehre zu
nehmen, ward sie einigermassen verlegen und zauderte, wiewohl sie den Wunsch
früher selbst geäussert hatte und noch jetzt in gewisser Hinsicht Lust dazu
empfand. Auf das freundlichste Zureden Ottos entschloss sie sich wirklich, und
sogleich wurde die Probe gemacht, die denn auch ganz munter vonstatten ging;
Agnes bewies den grössten Eifer, denn es galt, den Geliebten später mit diesem
neuen Talent zu überraschen, und das kleine Geheimnis machte sie glückselig.
    Aber dergleichen lichte Zwischenräume waren vorübergehend jene schwermütigen
Zweifel kehrten nur um desto angstvoller zurück, und ein solcher alle Kraft der
Seele anspannender Wechsel diente nur, eine Epoche vorzubereiten, worin die
geistige Natur der Armen unter der Last einer schrecklichen Einbildung und eines
unseligen Geheimnisses unterlag.
    Noch immer beobachtete Agnes das tiefste Stillschweigen über die Begebenheit
im Walde, bloss im allgemeinen gab sich ihr Gram in lauten Klagen zu erkennen,
wovon wir gleich anfangs ein Beispiel gegeben.
    Die musikalischen Lektionen wurden ausgesetzt und fingen wieder an, weil es
der Vater verlangte, der in solchen Unterhaltungen eine willkommene Zerstreuung
für seine Tochter sah. Diese zeigte nunmehr eine sonderbare stille
Gleichgültigkeit, liess mit sich anfangen, was man wollte, oder ging ihr lebloses
träumerisches Wesen sprungweise in jene zweideutige Munterkeit über, wovon wir
oben gesprochen. Der Alte sah es gern, wenn sie mit Otto sich lustig machte, nur
stutzte er oft über die Ausgelassenheit, ja Keckheit seines Mädchens, wenn es
nach beendigter Lektion an ein Spassen, Lachen und Necken zwischen den jungen
Leuten ging, wenn die Schülerin dem Lehrmeister blitzschnell in die Locken fuhr
und auch wohl einen lebhaften Kuss auf die Stirne drückte, so dass Freund Otto
selbst etwas verlegen ward und mit all seiner sonstigen Gewandteit sich zum
erstenmal ein wenig linkisch der reizenden Kusine gegenüber ausnahm. »Bist doch
mein lieber Vetter«, lachte sie dann »was zierst du dich so närrisch? Aber
fürwahr, ich wollte, wir wären Brautleute! mit dir könnt ich leben, du bist ganz
darnach gemacht, dass man dich nicht zuviel und nicht zuwenig lieben kann!«
    Diese und ähnliche Reden, so arglos sie auch hingeworfen waren, klangen dem
Alten bedenklich, und vollends finden wir sein Erstaunen gerecht, als er einmal
beim Weggehen Ottos, welcher Agnesen wie sonst auf der Schwelle die Hand gab,
eine Träne in ihrem klaren Auge bemerkte. »Was soll doch das, mein Kind?« fragte
der Vater, nachdem sie allein waren, betroffen. »Nichts«, erwiderte sie mit
einigem Erröten und drehte sich zur Seite; »sein Anblick rührt mich oft, er
gefällt mir nun einmal.« Dann ging sie sorglos, wie es schien, und singend in
der Stube auf und nieder.
    Vorübergehende Auftritte der Art brachten den Förster auf mancherlei
Gedanken, und es ist zu begreifen, wenn er es endlich mehr als wahrscheinlich
fand, dass hinter diesem unnatürlichen Zustande eine aufkeimende Leidenschaft für
Otto sich verstecke, die er nur einer krankhafter Reizbarkeit des Mädchens
schuld geben konnte. Der Zeit nach, worein die ersten Besuche des Vetters und
jene ersten grillenhaften Äusserungen Agnesens fielen, widersprach jener
Vermutung nichts. Der Leser aber kann über den wahren Zusammenhang des
wunderlichen Gewebes wohl nimmer im Zweifel sein.
    Der Verstand des guten Wesens hatte das Gleichgewicht verloren, und der
traurige Riss war kaum geschehen, als die Schatten des Aberglaubens mit
verstärkter Wut aus ihrem Hinterhalte brachen, um sich der wehrlosen Seele
völlig zu bemächtigen. Jene Idee von Otto fixierte sich gleichsam künstlich im
Gemüte der Armen, und die eingebildete Notwendigkeit fing an, den Widerwillen
gegen ihn zu überbieten.
    Die Art jedoch, wie sich Agnes äusserlich betrug, liess in der Tat nicht auf
eine so bedeutende Störung ihres Innern schliessen, und der Vater glaubte nicht
an eigentlichen Wahnsinn. Der sonderbare Hang zur Lustigkeit verlor sich ganz
und machte einer gesetzten Ruhe, einem liebenswürdigen Gleichmute Platz, der dem
Gespräche sowie dem ordentlichen Gange der häuslichen Geschäfte gleich günstig
war, man bemerkte nichts Verkehrtes in ihrem Tun und Reden, nichts
Schwärmerisches in Miene und Gebärde; aber an Teobald wollte sie nicht erinnert
sein, selbst Ottos Namen berührte sie kaum, solange er abwesend war, nur wenn er
kam, sah man sie ihre ganze Aufmerksamkeit, alle Anmut und Freundlichkeit an ihn
verschwenden.
    Wenn nun der Alte, durch ein so unerhörtes Benehmen zur Verzweiflung
gebracht, sie zur Rede stellte, sie bald mit Sanftmut, bald mit drohenden
Vorwürfen an ihre Pflicht, an ihr Gewissen mahnte, so zeigte sie entweder eine
stumme Gelassenheit, oder sie lief weinend aus dem Zimmer und schloss sich ein.
    Der Vater hatte indessen auf die Entfernung des jungen Menschen gedacht und
ihm bereits einige leise Winke gegeben, die aber bis jetzt ganz ohne Wirkung
blieben; er war in der peinlichsten Not, zumal er Ursache hatte, zu befürchten,
dass die Reize des Mädchens auch nicht ohne Eindruck auf Otto geblieben sein
möchten. Und wirklich, wie erstaunte nicht der gute Mann, als er eines Tages dem
Vetter unter vier Augen seine Bitte so schonend als möglich vortrug, und dieser
mit dem unumwundenen Geständnisse hervortrat: er sei von der Neigung Agnesens
für ihn vollkommen überzeugt und nichts halte ihn ab, sie offen zu erwidern,
wenn er vom Vater die Zustimmung erhalten würde, die er ohnehin in diesen Tagen
zu erbitten entschlossen gewesen sei; es komme nun freilich auf ihn an, ob er
dem innigsten Wunsche seiner Tochter Gehör schenken oder auf Kosten ihrer Ruhe
und ihrer Gesundheit eine Verbindung erzwingen wolle, welche man, alle Vorzüge
Noltens in Ehren gehalten, nun einmal durchaus für den gröbsten Missgriff halten
müsse.
    Der Förster, über eine so kühne Sprache wie billig empört unterdrückte
dennoch seinen Unmut und wies den vorschnellen Freier mit Mässigung zurecht,
indem er ihn vorderhand zur Geduld ermahnte und wenigstens für die nächste Zeit
das Haus zu meiden bat, worauf denn jener willig zusagte und nicht ohne geheime
Hoffnung wegging.
    Nun überlegte der Alte, was zu tun sei. Bald ward er mit sich einig, dass
unter so misslichen Umständen Veränderung des Orts, eine starke Distraktion, das
Rätlichste sein dürfte. Zwar dachte er anfangs daran, ob nicht gerade eine Reise
zu dem Bräutigam das kürzeste Mittel zur Ausgleichung des Ganzen wäre, allein
die geringste Erwähnung des Planes bei Agnesen versetzte diese in den grössten
Jammer, sie beschwor den Vater auf den Knien, von dem Vorhaben abzustehen, das
ihr gewiss den Tod bringen würde. Da nun überhaupt von einer Reise, gleichviel
wohin, die Rede war, schien sie viel mehr erfreut als abgeneigt, und gerne liess
der Förster sich's gefallen bei dieser Gelegenheit einen ziemlich entfernten
Freund, den er seit vielen Jahren nicht gesehen, heimzusuchen.
    In kurzem befanden Vater und Tochter sich unterwegs in einem wohlgepackten
Gefährt. Das Wetter war das schönste, nach wenig Stationen sah man schon völlig
neue Gegenden. Das Mädchen war zufrieden, ohne gerade lebhafter zu sein.
    Mit dem Aufentalte in dem kleinen Städtchen Wiedecke, wo der vieljährige
Bekannte des Försters, ein jovialer behaglicher Sechziger, als Verwalter eines
edelmännischen Guts wohlhabend wie ein kleiner Fürst lebte, begann für Agnes
bald eine ganz andere Art den Tag hinzubringen, als sie es bisher gewohnt war.
Der lebensfrohe Mann machte sich's zur Pflicht, seine Gäste auf die
mannigfaltigste Weise zu vergnügen, und im eigentlichen Sinne des Worts keine
Stunde ruhen zu lassen. Sie musste die Güter der gräflichen Herrschaft, Gärten,
Waldungen, Parks und Fischplätze mustern, gelegentlich die Ordnung des
Verwalters und seine Einsichten bewundern, man durfte mit keinem seiner Freunde
im Städtchen und der Umgegend unbekannt bleiben, eine ländliche Partie
verdrängte die andere, kurz der Förster sah seine Wünsche, die im stillen
hauptsächlich nur auf Zerstreuung der Tochter gingen, beinahe über alles Mass und
mehr als sie ertragen konnte, erfüllt; eigentlich gab sie sich mehr nur aus
Gutmütigkeit zu all der geräuschvollen Lustbarkeit her, als dass sie mit ganzem
Herzen teilgenommen hätte.
    Grossen und schönen Eindruck machte bei ihr eines Abends der erstmalige
Anblick eines Teaters, wozu eine wandernde Truppe das Wiedecker Publikum lud.
Das Stück war von der leichten, heitern Gattung und wurde überdies sehr brav
gespielt. Agnes lachte zum erstenmal wieder recht herzlich und ging ganz
aufgeräumt zu Bette. Doch in der Nacht kam sie in das Schlafzimmer des Vaters
geschlichen, weckte ihn, und wollte anfangs auf die Frage, was ihr zugestossen
sei, lange mit der Sprache nicht heraus. Sie habe, gestand sie endlich, von
Teobalden so lebhaft, so deutlich geträumt; er sei trostlos gewesen und habe
sie um Gottes willen gebeten, ihn nicht zu verlassen, zuletzt sei sie
aufgewacht, erstickt von seinen Küssen. »Nun seht, Vater«, fuhr sie unter heissen
Tränen fort, »Euch darf ich wohl bekennen, dass er mich unbeschreiblich dauert,
ob ich ihn gleich nicht mehr liebe; er wird sein Glück gewiss bei einer andern
finden, aber das sieht er jetzt nicht ein, und es wäre vergeblich, ihn überreden
zu wollen; man muss nur abwarten, bis er von selbst zur Oberzeugung kommt. Aber«
(hier brach sie in lautes Schluchzen aus) »wenn er während der Zeit
verzweifelte! wenn er sich ein Leid antäte - nein! nein! das wird er nicht, das
kann er nicht! nicht wahr, Vater, so weit kann es unmöglich kommen? Ach, könnt
ich ihn über diese Zwischenzeit nur schnell wegheben, ihn mit irgendwas
beruhigen, ihm einen Trost zusenden!«
    Der Alte vernahm diese Worte mit heimlicher Zufriedenheit, denn sie waren
ihm nichts anders als das Zeichen der wiedererwachten Neigung für den Bräutigam.
»Wenn du es über dich vermöchtest«, sagte er, »ihm deine volle Liebe
wiederzuschenken, da wäre freilich am besten geholfen. Siehst du, noch ist im
Grunde nichts verloren, noch verdorben; ja, prüfe dich, mein Kind! sei mein
verständiges Mädchen wieder! nimm aufs neue meinen Segen mit Teobald hin;
schreib ihm gleich morgen einen unbefangenen heitern Brief, so wie dein letzter
vor drei Wochen war, das wird ihn freuen.«
    Nach einigem Nachdenken antwortete Agnes: »Ihr wisst nicht, Vater, wie es um
die Zukunft steht, drum mögt Ihr wohl so sprechen. Aber seht, ich denke nun,
Teobald muss ja mein Mann nicht eben sein, und ich darf ihn dennoch
liebbehalten. Ist's ja doch ohnehin noch nicht an der Zeit, dass wir uns die
Brautschaft förmlich aufsagen, und warum soll ich ihn eher als nötig ist, aus
seinem guten Glauben reissen, da er die Wahrheit jetzt noch nicht begriffe, warum
nicht immerfort so an ihn schreiben, wie er's bisher an mir gewohnt war? Ach,
ganz gewiss, ich sündige daran nicht, mein Herz sagt mir's er soll, er darf noch
nicht erfahren, was ihm blüht, und, Vater, wenn Ihr ihn liebhabt, wenn Euch an
seinem Frieden etwas liegt, sagt Ihr ihm auch nichts! Dagegen aber kann ich Euch
versprechen, ich will vorderhand mit Otto nichts mehr gemein haben. Die Zeit
wird ja das übrige schon lehren.«
    Der Förster wusste nicht so recht, was er aus diesen Reden machen sollte, er
schüttelte den Kopf, nahm sich aber vor, das Beste zu hoffen, und entliess
Agnesen, die sich ruhig wieder niederlegte.
    Wie gross war seine Freude, als er sie des andern Morgens in aller Frühe mit
einem Brief an Teobald beschäftigt fand den sie ihm auch nachher zur Durchsicht
reichte, wiewohl mit Widerstreben und ohne gegenwärtig zu bleiben, solange der
Alte las. Aber welch köstliche, hinreissende, und doch wohlbedachte Worte waren
das! So kann bloss ein Mädchen schreiben, das völlig ungeteilt in dem Geliebten
lebt und webt. Nur die absichtliche Leichtigkeit, womit jene ernsten und tiefen
Bewegungen in Agnesens innerm Leben hier gänzlich übergangen waren, frappierte
den Vater an dem sonst so redlichen Kinde. Er selber hatte noch geschwankt, ob
die Pflicht von ihm fordere, Teobalden von diesen Dingen in Kenntnis zu setzen,
oder ob es nicht vielmehr geraten sei, jenem die Sorge und der Braut die
Beschämung über eine Sache zu ersparen, die am Ende doch nur unwillkürliche und
vorübergehende Folge eines sonderbaren Krankheitszustandes sei. Und nun, da
offenbare Hoffnung war, dass alles sich von selbst ausgleiche, bereute er um so
weniger, in seinem letzten Schreiben bloss im allgemeinen von wiederholten
Gesundheitsstörungen gesprochen zu haben. Er sah bereits die schöne Zeit voraus,
wo er dem Schwiegersohne den ganzen Verlauf der seltsamen Begebenheiten in einer
traulichen Abendstunde ruhig und wohlgemut wie ein glücklich überstandenes
Abenteuer würde erzählen können.
    Die Rückreise nach Neuburg wurde endlich angetreten. Man begrüsste die Heimat
nach längerer Abwesenheit mit doppelter Liebe. Agnes ward allgemein blühender,
ansprechender, geselliger gefunden, als man sie vor vier Wochen hatte abreisen
sehen; was aber der Vater mit besonderem Wohlgefallen bemerkte, war, dass ihr die
alte Nähe des Vetters gar nicht einzufallen schien. Dieser wurde indessen durch
seine Geschäfte ganz ausserhalb der Gegend festgehalten, und der Förster durfte
einen Überfall, worauf er sich bereits gefasst gemacht, so bald noch nicht
befürchten.
    Übrigens musste es nach und nach befremden, dass Nolten seit einem vollen
Monat und darüber nichts von sich hören liess. Der Alte fand es unerklärlich,
denn eine Irrung, welche etwa durch die fatale Geschichte entstanden sein
möchte, war kaum gedenkbar, da weiter niemand darum wissen konnte; möglicher
schien es, dass Nolten krank, dass Briefe verlorengegangen seien. Agnes hatte
dabei ihre besonderen Gedanken und schwieg nur immer, indem sie auf etwas
Entscheidendes zu spannen schien.
    Wirklich hatte sich inzwischen nicht wenig Bedeutendes in der Ferne
zugetragen.
    Es waren, bald nachdem der Vetter die Bekanntschaft des Försterhauses
gemacht, von zwei verschiedenen Seiten und von sehr wohlmeinenden Personen
Briefe an Nolten gelangt, worin er auf ein sehr zweideutiges Benehmen des Alten
und seiner Tochter in betreff des jungen Menschen aufmerksam gemacht wurde. Eine
dieser Warnungen kam sogar von dem guten Baron auf dem Schloss bei Neuburg,
welcher sonst mit dem Förster in freundlichem Vernehmen stand, und von dessen
Rechtlichkeit und vorsichtigem Urteil sich weder Übereilung noch Parteilichkeit
erwarten liess. Schon diese ersten Laute des Verdachts, obgleich sie unsern Maler
noch keineswegs zu überzeugen vermochten, erschütterten und lähmten, ja
vernichteten ihn doch dergestalt, dass er sich lange nicht entschliessen konnte,
auch nur eine Zeile nach Neuburg zu richten, seinen väterlichen Freund, den
Baron, ausgenommen, dem er eine nochmalige Nachforschung dringendst empfahl.
Allein nach mehreren Wochen erhielt er auf eine höchst unerwartete Weise die
vollkommenste Bestätigung seines Argwohns, und zwar durch das ausführliche
Schreiben Otto Lienharts - ein Name, den er früher einmal gelegentlich von Agnes
gehört zu haben sich sogleich erinnerte. Dass dies eine und dieselbe Person mit
dem mehrerwähnten Vetter sei, brauchen wir kaum anzumerken.
    Der Eingang des Briefes nimmt auf eine ebenso bescheidene als verständige
Art das Vertrauen Teobalds in Anspruch; der Unbekannte bittet um ruhiges und
männliches Gehör für dasjenige, was er vorzutragen habe; es sei, versichert er,
so sonderbar und so feindselig gar nicht, als es wohl in dem ersten Augenblicke
erscheinen könnte. Nun geht er auf das innere Missverhältnis der Verlobten über,
wie die Natur der Charaktere ein solches wesentlich und notwendig begründe, ohne
dass einem der beiden Teile das geringste dabei zur Schuld falle. Sodann wird die
Neigung des Mädchens zu ihm, dem Vetter, entwickelt, gerechtfertigt und endlich
wird ohne Anmassung erklärt, in welchem Sinne er Agnesen ihren ersten Freund,
dessen eigentümlichen Wert sie noch immer verehre, zu ersetzen hoffen dürfe.
Wenn nun die angeführten Gründe hinreichen würden, um Nolten zu freiwilliger
Abtretung seiner Ansprüche zu bewegen, so hänge am Ende alles nur vom Vater ab.
Es scheine, dass dieser im stillen einen solchen Wechsel guteisse und sich nur
vor Nolten scheue, deswegen halte er die Sache mit schwankendem Entschlusse hin
und sorge in der Tat für keinen Teil sehr vorteilhaft, wenn er Teobalden noch
immer in einer Hoffnung lasse, auf welche er selber insgeheim verzichte; er tue
Unrecht, dass er die Tochter stets aufs neue irrezumachen suche und sie nötige,
in ihren Briefen unredlich gegen Teobald zu sein. Ihr Herz habe für immer
entschieden. Einige Briefe von Agnesens eigener Hand an den Cousin werden ihre
Gesinnung hinreichend beweisen. (Die Blätter lagen bei, und man hat sich Briefe
zu denken, welche die Unglückliche ohne Vorwissen des Försters an Otto gesandt.)
Er habe diese Eröffnungen für Pflicht gehalten, und Nolten möge seine Massregeln
darnach ergreifen. Sollte der Förster, was jedoch wenig Wahrscheinlichkeit habe,
zuletzt eigensinnig und grausam die Rechte des Vaters geltend machen, oder
Teobald die des Verlobten, so könne nur ein vollendetes Unglück für alle daraus
entspringen, während im andern Falle Nolten wenigstens den Trost für sich
behalte, den der Mann im Bewusstsein einer ungemein und grossherzig erfüllten
Pflicht von jeher gefunden.
    Ein schallendes, verzweiflungsvolles Gelächter war das erste Lebenszeichen,
das unser Maler, nachdem er einige Sekunden wie besinnungslos gestanden, von
sich gab. Wir schildern nicht, in welchem Kreislaufe von Zerknirschung, Wut,
Verachtung und Wehmut er sich nun wechselnd umgetrieben sah. Was blieb hier zu
denken, was zu unternehmen übrig? Hass, Liebe, Eifersucht zerrissen seine Brust,
er fasste und verwarf Entschluss auf Entschluss, und hatte er die wirbelnden
Gedanken bis ins Unmögliche und Ungeheure matt gehetzt, so liess er plötzlich
mutlos jeden Vorsatz wieder fallen und blickte nur in eine grenzenlose Leere.
    Nach Verfluss einiger Tage war er so weit mit sich im reinen, dass er
stillschweigend allem und jedem seinen Lauf lassen und etwa zusehen wollte, wie
man in Neuburg sich weiter gebärden würde. Seinem Larkens, der indessen von
einer kleinen Reise zurückgekommen war, und dem sein Kummer bald auffiel,
entdeckte er sich keineswegs; denn einmal wollte er sich in seinem Benehmen in
der Sache durch fremdes Urteil nicht geirrt wissen, er fürchtete die
Geschäftigkeit, welche sein lebhafter und unternehmender Freund in solchem Falle
sicherlich nicht würde verleugnen können, und dann hielt ihn ein sonderbares
Gefühl von Scham zurück, wie es denn seinem Charakter eigen war, fremdes
Mitleid, und käme es auch vom geliebtesten Freunde soviel möglich zu
verschmähen.
    Gewisse weggeworfene Äusserungen des Malers, sowie eine Menge kleiner
Umstände, liessen jedoch dem Schauspieler keinen Zweifel mehr übrig, wen die
Verstimmung betreffe; aber weit entfernt, den Fehler auf seiten Agnesens zu
suchen, sah er an seinem Freunde im stillen nur den seichten Überdruss, die
undankbare Laune eines Liebhabers, und es musste ihn die kleinlaute Verlegenheit
Teobalds, wenn darauf die Rede kam, in der Meinung bestärken, dieser fühle sein
Unrecht. Dem Maler war ein solcher Irrtum gewissermassen nicht zuwider, er mochte
lieber den Schein der Untreue haben, als sein wahres Elend täglich in den Augen
des Schauspielers lesen.
    Dem letztern konnte es nicht entgehen, dass die gewöhnlichen Briefe nach
Neuburg seit einiger Zeit stockten, obwohl von dorter immer welche einliefen,
und so entstand denn in dem sonderbaren Manne der Entschluss, Noltens Pflicht in
diesem Punkte zu versehen. Allerdings nahm er sogleich das Unsichere und
Zufällige mit in Rechnung, doch zu befürchten war ja eigentlich nichts, auch
wenn das kecke Spiel früher oder später an den Tag käme.
    In der Zwischenzeit aber, d.h. vor der heimlichen Einrichtung, in deren
Folge nachher alles vom Försterhause an den Bräutigam Geschriebene in die Hände
des unechten Korrespondenten gelangte, waren mehrere Briefe teils von seiten des
Alten, teils von Agnesen selbst an Nolten gekommen, und sie waren von der Art,
dass Teobalds Urteil, insofern es bis jetzt unbedingt verwerfend gewesen, sich
gewissermassen modifizieren musste. Der Alte ersucht nämlich seinen Schwiegersohn
in einem ebenso herzlichen als wahrhaftigen Ton, er möchte von gewissen
Gerüchten, welche sich zu Neuburg durch die Zudringlichkeit eines eingebildeten
jungen Menschen verbreitet hätten, und die vielleicht auch - was wohl der Grund
seines langen Stillschweigens sei - bis zu ihm gedrungen sein könnten, auf keine
Weise Notiz nehmen. Der Alte setzt die Verwirrung des Mädchens nach seinen
Begriffen auseinander, macht, ohne das Rechte zu treffen, eine nicht eben
unwahrscheinliche Erklärung davon, wobei alles am Ende auf eine seltsame
Skrupulosität, melancholische Überspannung und zuletzt auf alberne Kinderei
reduziert wird. Nolten möchte der Jugend, der Unerfahrenheit des Mädchens
vergeben; er als Vater beteuere, dass der Vorgang in keinem Sinne störende Folgen
nach sich ziehen werde, Agnes habe sich gefasst, ihr Herz sei rein und hänge mit
doppelter Innigkeit an ihm. Indessen, fährt der Vater von sich fort, sei er so
unbillig nicht, es dem Bräutigam zu verdenken, wenn die Sache ihn erschreckt
habe, wenn er der Zeit die Probe überlasse, ob die Braut seiner nicht unwert
geworden, nur wäre zu wünschen, dass er sich persönlich überzeugte, und er sei
deshalb aufs freundlichste nach Neuburg eingeladen. Übrigens möchte er, wenn er
Agnesen schreibe, ihr tief gebeugtes Gemüt soviel wie möglich schonen, sie wisse
nichts von diesen Mitteilungen und scheine sich vorzubehalten, ihm bald mündlich
die treueste Rechenschaft zu geben. Schliesslich möge er sich doch wohl bedenken,
ehe er ein Geschöpf, dessen ganzes Glück an ihn gebunden sei, um eines immerhin
rätselhaften und darum schwer zu richtenden Vergehens willen, ohne weitere
Prüfung verstosse.
    Diese Nachricht versetzte den Maler in die sonderbarste Unruhe. Er war
während des Lesens weich geworden, er musste wider Willen seinen entschiedenen
Hass mit einem tiefen Verdruss und ärgerlichen Mitleid vertauschen, und er fühlte
sich dabei fast unglücklicher als zuvor.
    Wenn er freilich Agnesens ursprüngliche, so äusserst reine Natur mit ihrem
neuesten Betragen verglich, so schien ihm der Absprung so grässlich widersinnig,
dass er sich jetzt wunderte, wie er eine Weile an die Möglichkeit einer Untreue
im gewöhnlichen Sinne des Worts hatte glauben können; der Fall stritt dergestalt
gegen alle Erfahrung, dass eben das Ausserordentliche des Vergehens zugleich
dessen Entschuldigung sein musste. »Aber was auch immer die Ursache sei« - rief
Teobald aufs neue verzweifelnd aus -, »wie tief der Grund auch liegen mag, die
Tatsache bleibt - um den ersten heiligen Begriff von Reinheit, Demut,
ungefärbter Neigung bin ich für immer bestohlen! Was soll mir eine verschraubte,
kindische Kreatur? Werd ich nun meine schönsten Hoffnungen zerbrochen als
kümmerliche Trümmer, halb knirschend, halb weinend, am Boden aufsammeln und mir
einbilden, was ich zusammenstückle, sei mein altes köstliches Kleinod wieder? O
hätt ich den bübisschen Fratzen zur Stelle, der mir an meine süsse Lilie rührte!
könnt ich die Augen ausreissen, die mir das treuste Herz verlockt! dürft ich den
heillosen Schwätzer zertreten, der in die stille Dämmerung meiner Blume den
frechen Sonnenschein des eiteln, breiten Tages fallen liess! - Unmündig,
unerfahren, noch ganz ein Kind, ach wohl, das war sie freilich, das könnte sie
entschuldigen bei dem und jenem, vielleicht auch bei mir, aber bin ich darum
weniger betrogen, hilft mir das ihr entstelltes Bild herstellen, hilft es meiner
verbluteten Liebe das Leben wieder einhauchen? Ich fühl's, hier ist an kein
Ausgleichen mehr zu denken. Vergessen, was ich einst besass, das bleibt das
einzige, was ich versuchen kann.«
    Dies waren die Empfindungen des Malers und sie blieben noch immer dieselben,
während im Försterhause zu Neuburg durch Larkens' Vermittlung längst alles
wieder einen friedlichen Gang angenommen hatte. Zwar wunderte es den Alten, dass
jene vertrauten Eröffnungen ganz mit Stillschweigen übergangen wurden, doch
hielt er zuletzt dafür, es geschehe mit Absicht und der Schwiegersohn wolle den
gehässigen Gegenstand für jetzt nicht berührt wissen. Was Agnesens inneres Leben
betrifft, so verhüllte sich jener hoffnungslose Wahn, der die Unglückliche noch
immer beherrschte, vor dem Vater und gewissermassen vor ihr selbst unter dem
Eifer, womit sie Noltens Liebe durch schriftlichen Verkehr noch eine Zeitlang
nähren zu müssen glaubte, und während sie sich einzig nur auf seine Ruhe bedacht
schien, wollte sie keineswegs gewahr werden, wie begierig das eigene Herz bei
diesem süssen Geschäfte sein Teil für sich wegnahm, wie gerne es, den Willen des
Schicksals gleichsam hintergehend, den holden Tönen lauschte, welche Larkens
täuschend genug dem wirklichen Geliebten nachzuspielen wusste. Übrigens blieb
Vetter Otto immer das gefürchtete Augenmerk ihrer kranken Einbildung; er selbst
hatte sich, nachdem ihn der Förster in aller Stille ernstlich abgewiesen,
beschämt und ärgerlich zurückgezogen.
    Die Zigeunerin war inzwischen auch wieder zum Vorschein gekommen; Agnes
offenbarte ihr bei einer heimlichen Zusammenkunft den Plan ihrer Entsagung,
womit die Betrügerin sehr zufrieden schien, und sogar einen Brief an Nolten zu
besorgen versprach.
    Auf diese Weise standen die Personen eine geraume Zeit in der wunderlichsten
Situation gegeneinander, indem eines das andere mit mehr oder weniger
Falschheit, mit mehr oder weniger Leidenschaft zu hintergehen bemüht war.
    Nolten kam um so weniger in Versuchung, dem Schauspieler den wahren Grund
seiner Entfremdung von der Braut zu entdecken, da dieser nicht weiter in ihn
drang, indem er, vielleicht von eigenen Erfahrungen in der Liebe ausgehend,
alles nur einer ekeln Lauheit zuschrieb, wogegen kein anderes Heilmittel sei als
die Zeit, von der er denn auch mit grösster Zuversicht das Beste hoffte, wenn nur
sein Freund, erst anderwärts durch leichten Schaden klug geworden, die Ansicht
mit ihm teilen gelernt hätte, dass die verfeinertsten Reize der weiblichen Welt
keinen Ersatz für ein so seltenes Gut gewähren, als jenes einfache Mädchen nach
der Überzeugung des Schauspielers war.
    Wenn also zwischen beiden Freunden die Sache nur sehr wenig berührt wurde,
so fehlte es gleichwohl nicht an Auftritten wie der, dessen sich der Leser
vielleicht noch von jener Neujahrsnacht erinnert, wo übrigens unser Maler von
einer offenen Darlegung der Umstände nur noch durch die Furcht abgehalten ward,
der Schauspieler möchte ihm ins Gewissen reden, und das zur höchsten Unzeit, da
ihm in Constanzen ein neues herrliches Gestirn aufging.
Länger als gewöhnlich entbehrte Teobald die Gelegenheit das Zarlinsche Haus zu
besuchen. Der Graf und Constanze hatten eine längst vorgehabte Reise zu einer
Verwandten ausgeführt. Zwölf Tage verstrichen ihm unter leeren Zerstreuungen,
unter der peinlichsten Unruhe, denn frühe genug hatten sich verschiedene Zweifel
über das hohe Glück bei ihm eingestellt, das er sich vielleicht zu voreilig aus
dem sonderbaren Vorfall in jener Ballnacht gedeutet haben konnte. Dass Constanze
unlängst in seiner und anderer Freunde Gegenwart, als eben von der Blumensprache
die Rede war, aus Gelegenheit eines blühenden Granatbaums das feurige Rot
desselben für das Symbol lebhafter Neigung erklärt hatte, indem sie sich dabei
schalkhaft geheimnisvoll auf das Urteil Noltens als »besonders passionierten
Kenners« vorzugsweise berief, und dass ihm eine Woche später von unbekannter Hand
ein solcher Strauss war angeheftet worden, konnte sehr leicht blosse Neckerei des
Zufalls sein, oder wohl gar - und dieser Meinung sind wir selbst - der
Schelmstreich einer lustigen Person, welche nicht nur jenen Ausdruck der Gräfin
mit angehört, sondern auch dem Maler seine schwache Seite längst mochte
abgelauscht haben. Er befand sich deshalb in der grössten Ungewissheit; nur soviel
schien ihm bisher ausgemacht, dass die Gräfin damals auf dem Balle gewesen, und
jetzt erst fiel ihm ein, sich näher zu erkundigen. Aber auch wenn er manchmal
sich selbst geflissentlich die vielverheissende Bedeutung jenes Zeichens
ausredete, wenn er alles verwarf, was er sich sonst zu seinem Vorteil ausgelegt,
so konnte er am Ende bei jedem Blick in sein Inneres bemerken, dass ein
unerklärlicher Glaube, eine stille Zuversicht in ihm zurückgeblieben war, und er
nahm sodann diese wundersame Hoffnung gleichsam wieder als ein neues Orakel, dem
er unbedingt zu vertrauen habe. So eigen pflegt der Geist mit sich selber zu
spielen, wenn jene träumerische Leidenschaft uns beherrscht.
    Endlich kam der Abend, der den auserlesenen Zirkel wieder in das Haus des
Grafen lud. Mit bangen Empfindungen schritt Nolten, gegen die kalte Winterluft
dicht in den Mantel gehüllt, an der Seite seines Freundes Larkens nach der
geliebten Strasse zu. Aber sie sahen die Jalousiefenster, deren sanft
durchscheinendes Licht den kommenden Gästen sonst schon von weitem ein wohl
erwärmtes, fröhlich belebtes Zimmer versprach, diesmal nicht erhellt, und schon
besorgten sie eine widrige Täuschung, als der Bediente, der im untern Hausflur
die Mäntel, Degen und Stöcke der Herren abzunehmen hatte, sie hinten durch den
Garten nach dem Pavillon wies, dessen erleuchtete Glastüren auch wirklich schon
von ferne die glänzende Gesellschaft zeigten.
    Sie traten in einen angenehmen, geräumigen, halbrunden Saal, dessen Wände
rings mit Spiegellampen versehen waren. Maler Tillsen und der wunderliche Herr
Hofrat sind die ersten, von welchen unser Freund sogleich ins Gespräch gezogen
wird. Die schöne Hauswirtin, von einer Menge Damen umringt, schien sein
Eintreten anfangs nicht zu bemerken, aber während Teobald zuweilen mit rechter
Ungeduld hinüberschielte nach den freundlich beredten Lippen, nach dem stets
gefällig mitnickenden Köpfchen, glitt zufällig ihr Blick über die versammelten
Gruppen hin und eine gütige Verbeugung gegen Nolten setzte dessen Lebensgeister
auf einmal in eine muntere, mit aller Welt ausgesöhnte Bewegung. Der Graf kam
indessen mit einer Rolle Papier herbei und flüsterte: »Hier meine Herren - wir
könnten später nicht mehr so leicht dazu kommen - eine neue Zeichnung in Tusch
von unserer eigensinnigen Künstlerin, die uns gerne alles versteckte und
verschöbe - aber diesmal hab ich selbst einigen Anteil an dem Lobe, das Sie ihr
gönnen werden; die Idee ist, sozusagen, hälftig mein.« Er wollte eben das Blatt
entrollen, als ihm von hinten eine zarte Hand in die Finger griff - »Erlauben
meine Herren!« sagte die herbeigeeilte Schwester, merklich errötend, »es ist
billig, dass ich die Sache selbst vorzeige: - zu seiner Zeit, heisst das!« setzte
sie lachend hinzu und eilte mit dem Blatte nach dem Schrank, wo sie es trotz
aller Einsprache der Anwesenden rasch verschloss. Sie verschwand in einem
Kabinett, nach dem Tee zu sehen.
    Wenn sie so auf Augenblicke abwesend war, so mochte Teobald gerne im
ruhigsten Anschauen ihres geistigen Bildes das Auge auf irgendeinen der leblosen
Gegenstände heften, mit dem ihre Person noch soeben in Berührung gekommen war.
So stand auf einem schmalen Mahagonipfeiler an der Wand eine offene Kalla in
buntgemaltem Topfe, der den goldenen Buchstaben C. im blauen Schilde trug. Diese
Pflanze, dachte er bei sich, nimmt sie nicht in meiner Einbildung einen Teil von
Constanzens eigenem Wesen an? Ja, dieser herrliche Kelch, der aus seiner
schneeigen Tiefe die mildesten Geister entlässt, diese dunkeln Blätter, die sich
schützend und geschützt unter das stille Heiligtum der Blume breiten, wie schön
wird durch das alles die Geliebte bezeichnet und was sie umgibt! wie vertritt
die Pflanze mir durch ihre ahnungsvolle Gegenwart die himmlische Gestalt!
    Unversehens war Constanze wieder da, die Gesellschaft diesmal allein
bedienend. Sie brachte endlich Teobalden die Tasse, und indes Larkens eine neue
Anekdote zu allgemeiner Belustigung preisgab, nahm jener Anlass, sich scherzhaft
gegen Constanze wegen der vorentaltenen Tuscharbeit zu beschweren.
    »Ei«, war die Antwort, »Sie haben's nicht um mich verdient, Sie haben mir
neulich einen übeln Schrecken zugefügt, der mir wohl das Leben hätte kosten
können, zwar bloss im Traume.«
    »Wie? meine Gnädige, ich wäre so unglücklich gewesen? und so glücklich doch,
dass mein Bild im kleinsten Ihrer Träume -?«
    »Das eben nicht - doch ja, Ihr Bild, ein Bild aus Ihrer Phantasie.«
    »Wieso, wenn ich fragen darf?«
    »So hören Sie und lachen mich aus! Vorige Nacht beliebte es Ihrer
gespensterhaften Orgelspielerin, ungebührlicherweise aus dem Rahmen des
schauerlichen Gemäldes herauszuschreiten und leibhaftig vor mich hinzutreten.«
    Nolten war bestürzt, ohne eigentlich zu wissen, warum.
    »Ja, ja, mein Herr! mit recht kuriosen, hämischen Augen starrte sie mir tief
ins Gesicht und sagte - nein! das sollen Sie jetzt nicht hören.«
    »Ich bitte!«
    »Nehmen Sie sich in acht -«
    »Sagte sie?«
    »Nicht doch, das sag ich; eben gleitet Ihnen ja die Tasse aus der Hand!«
    »Wirklich fast - Aber was sprach der Geist?« fragte Nolten dringend aufs
neue, und nach einer Pause brachte die schöne Frau mit kaum unterdrückter
Verwirrung die Worte hervor: »Constanze Josephine Armond wird auch bald die
Orgel mit uns spielen« -
    »Aber, mein Gott«, erwiderte Nolten, »doch hat der Traum Sie nicht
erschrecken können?«
    »Bis zum Erwachen doch; übrigens dank ich ihm, dass er mir Anlass gibt, meinem
etwaigen Berufe zu dieser Gattung von Musik, sowie meiner Aufnahme in so ernste
Gesellschaft, auch ein wenig nachzudenken.«
    Teobald, wie er nun wieder allein stand, wusste nicht, was er aus den
letzten Worten machen sollte; dem Tone nach konnten sie nur für Scherz gelten,
aber das Ganze hatte einen störenden Eindruck bei ihm zurückgelassen. Warum denn
just diese Figur? Er wusste zu gut, dass er gerade in ihr das getreue Porträt
eines Zigeunermädchens, einer Person dargestellt hatte, welche einst
verhängnisvoll genug in sein eigenes Leben eingegriffen hatte. Auf der andern
Seite liess sich alles und jedes ganz natürlich aus dem starken Eindruck
erklären, welchen das Gemälde auf eine sehr empfängliche Einbildungskraft machen
musste.
    Was übrigens den Mut unsers Freundes noch weit mehr niederschlug, das war
die aus dem Verfolg des allgemeinen Gesprächs für ihn hervorgegangene Gewissheit,
dass Constanze damals wirklich nicht an der Maskerade teilgenommen, sondern
bereits auf der Reise begriffen gewesen.
    Die nicht mehr erwartete Ankunft des Herzogs verursachte eine plötzliche
Bewegung. Nolten aber, statt durch die Gegenwart seines Rivals nur immer trüber
und unmächtiger in sich selbst zu versinken, fühlte sich dadurch zu einem
gewissen Kraftaufwande genötigt, der, obgleich anfangs nur erkünstelt, doch
bald, von Larkens' ehrlicher Munterkeit unterstützt, eine wohltätige Wirkung auf
das Ganze ausübte. Vorzüglich willkommen war es Teobalden, als man endlich auf
den Wunsch des Herzogs selbst Anstalt machte, ein gewisses Spiel vorzunehmen,
das auf eine sinnreiche Art drei verschiedene Künste in Verbindung brachte, den
Tanz, die Malerei oder Zeichnung, und untergeordneterweise die Musik. Dies setzt
jedoch folgende Bemerkung voraus. Constanze, bekannt als fertige und geistreiche
Zeichnerin, war zugleich eine grosse Freundin des schönen künstlichen Tanzes und
entwickelte namentlich bei Solopartien eine hohe Grazie. Nun hatte Nolten einmal
gelegentlich den Einfall geäussert, es müsste eine artige Unterhaltung abgeben,
wenn einige Personen in Zeit von einer kleinen Stunde zusammen ein Tableau,
irgendeine Szene zeichneten, indem sie den Kreidenstift von Hand zu Hand gebend,
nach einer langsamen Melodie tanzend, abwechslungsweise vor eine aufgerichtete
Tafel träten und den darzustellenden Gegenstand immer nur um einige Striche
weiter förderten, bis zuletzt eine harmonische Komposition zum Vorschein käme,
über die man sich zuvor im allgemeinen verständigt, deren Einzelheiten aber der
augenblicklichen Eingebung eines jeden überlassen war. Der Gedanke fand Beifall,
und nach einigem Besprechen zeigte sich die Möglichkeit seiner Ausführung
vollkommen, obwohl man anfangs verlegen war, die gehörige Anzahl von Tänzern,
die auch zugleich gute Zeichner wären, und umgekehrt, zu finden. Doch hiezu
wusste man Rat. Nolten selbst, obgleich ein abgesagter Feind alles des
Schlendrians, um den sich unsere Ballbelustigungen gewöhnlich zu drehen pflegen,
besass doch Leichtigkeit der Glieder und reinen Sinn genug für eine edle
rhytmische Bewegung. Die dritte Rolle musste notwendig Herrn Tillsen übergeben
werden, denn wenn vielleicht auch der ungeübteste Tänzer immer noch besser
gewesen wäre als er, so blieb doch die andere Eigenschaft die wichtigere. »Und«,
sagte er verbindlich zu der Gräfin, »neben Ihnen würde ein Vestris übersehen
werden, glücklicherweise also auch Tillsen, der ich in diesem Stück zum voraus
allem Neid und jedem Ruhm entsage.«
    Seitdem hatte man diese Unterhaltung schon etliche Abende mit Glück
versucht. So liess man denn auch jetzt die eigens hiezu bestimmte grosse Tafel
aufstellen, deren angenehm graulackierte Fläche recht eigentlich einladend sich
dem schwarzen Stifte darbot. Ein schöner Fussteppich lag unmittelbar davor auf
dem Boden gebreitet, für eine stärkere Beleuchtung war ebenfalls gesorgt. Die
drei Virtuosen kamen heimlich in der Wahl eines anziehenden Sujets überein
Larkens nahm die Violine zur Hand und eröffnete das Spiel mit einer gewissen
Feierlichkeit, dadurch die Erwartung nur noch mehr gespannt wurde. Jetzt trat
Constanze, im weissen Atlaskleide, mit ernstem Schritt hervor, stellte sich
einige Momente sinnend der Tafel gegenüber, allmählich fing ihre Gestalt an mit
der Musik sich zu heben, in mässiger Bewegung bald nach beiden Seiten schwebend,
bald der Tafel entgegen. Sie schien dabei noch immer den ersten entscheidenden
Strich zu überlegen, jetzt hielt sie vor dem Brette still, indem sie leicht
vorgebeugt auf dem rechten Fusse fest stehend, den linken rückwärts auf die Zehe
gestützt, die Kreide ansetzte. Das begleitende Adagio der Violine schien die
Hand gefällig auf der glatten Fläche hinzuführen. Bald erkannte man die Umrisse
eines lieblichen Knabenkopfs, welcher mit dringenden Blicken bittend an etwas
hinaufsieht. Dieser Ausdruck des Affekts war von der Art, dass er in der
vorgreifenden Phantasie des Zuschauers beinahe jetzt schon ein paar flehend
ausgestreckte Arme und Hände hervorrufen musste. Doch die Zeichnerin hielt inne,
und unter einem Allegro zurücktretend, beobachtete sie, während ihr reizender
Leib sich hin und her wiegte, das angefangene Werk noch eine kleine Weile. Mit
einer Verbeugung empfing Tillsen die Kreide aus ihrer Hand und ohne viel
Umstände stellte dieser Meister mit raschen Zügen den oberen kraftvollen Körper
eines Mannes in drohender Gebärde dem Mitleid fordernden Gesichtchen gegenüber.
Die Begierde der Gesellschaft wuchs mit jeder Linie, es liessen sich schon einige
Beifall rufende Stimmen vernehmen, es hiess: der junge Prinz Artur ist's, wie er
vor seinem Mörder steht! Aber der freudigste Applaus entstand als Constanze
nachdem Tillsen für Teobald den Platz geräumt, vom Eifer ihres Gedankens
hingerissen, dem letztern in den Weg sprang und nun die beiden grossen Gestalten
mit trefflich mimischer Heftigkeit um das Vorrecht der Kreide rangen, die denn
zuletzt in zwei geschickte Teile brach, worauf das Paar bei lebhafter Musik ein
verschlungenes Duo tanzte, um dann vereinigt vor die Tafel zu schreiten. Die
Hauptsache war in kurzer Zeit getan, die Versammlung drängte sich herbei,
inzwischen Tillsen noch mit einigen derben Strichen nachhalf. Man lobte,
tadelte, lachte, bewunderte, wie es auch bei einer solchen Stegreifproduktion
nicht fehlen konnte, dass neben den glücklichsten Spuren eines umfassenden,
gleichartigen Geistes doch immer etwas Inkorrektes oder Halbes hervorsprang. Im
ganzen war die Szene so wohlgeraten, dass Tillsen der Aufforderung gerne nachgab,
sie gelegentlich für das kleine Gesellschaftsarchiv zu kopieren.
    In der Hitze des Hin- und Widerredens war indessen kaum jemandem
aufgefallen, wie Constanze mit jedem Augenblicke blass und blässer wurde. Sie
entfernt sich in ein Seitenzimmer man flüstert, die Damen eilen nach, alles wird
aufmerksam, der Herzog lässt sich nicht halten, sie selbst zu sehen, er klagt
sich an, dass er den anstrengenden Tanz verlangt, am meisten ist Nolten bestürzt.
Es konnte ihm nicht entgehen, dass unter der Türe noch Constanzes letzter Blick
mit einem matten sonderbaren Lächeln auf ihm ruhte. Endlich geht man auseinander
nachdem der Graf, aus dem Kabinette tretend, die Versicherung gegeben, man habe
von dem Anfall keine Folgen zu befürchten.
    In den folgenden Tagen erging vom Grafen eine Einladung an Teobald,
gemeinschaftlich das unfern der Stadt gelegene Lustschloss des Königs,
Wetterswyl, zu besuchen, wo man eben im Begriff war, mehrere kürzlich vom
Ausland angekommene Statuen aufzustellen. Der italienische Künstler musste selbst
dabei zugegen sein, und sowohl die Persönlichkeit des letztern als jene Werke
lockten manchen Gebildeten und manchen Neugierigen heraus Unserem Freunde war
die Gelegenheit nicht minder erwünscht, doch zog er es vor, den angenehmen, auch
zur Winterszeit immer noch gar mannigfaltigen Weg dahin allein zu Pferde zu
machen, während der Graf im Schlitten fuhr. Der heiterste Januarmorgen
begünstigte den Ausflug; die Sonne war kaum aufgegangen, als Teobald schon, in
lebhaftem Trabe sich erwärmend, von der Strasse ab, den schönen einsamen Gründen
zustrich, welche, grösstenteils von Fichten und Niederwald besetzt, allmählich
der Höhe des königlichen Parks zuführten. Rings gewährte die Landschaft, in
dichter Schneehülle und nur von dunkeln Waldstrecken durchbrochen, ein
vollständiges Wintergemälde, und die Gemütsstimmung Noltens nahm diese stillen
Eindrücke heute ganz besonders willig auf. Eine unbestimmte Mischung von
Lebenslust und Wehmut lag allen seinen Betrachtungen zugrunde, wobei er anfangs
deutlich zu fühlen glaubte, dass die Neigung zu Constanzen keinen oder doch nur
einen sehr entfernten Anteil daran habe, bis ihm mitten unter seinen Träumereien
ein längst vergessenes Lied von Larkens wieder vor der Seele aufging, welches
ihm seinen gegenwärtigen Zustand wunderbar zu erklären schien. Er wiederholte
sich die Verse seines Freundes, und konnte zuletzt nicht umhin, sie laut für
sich zu singen.
In dieser Winterfrühe,
Wie ist mir doch zumut?
O Morgenrot! ich glühe
Von deinem Jugendblut.
Es glüht der alte Felsen,
Die Wälder Funken sprühn;
Berauschte Nebel wälzen
Sich in dem Tale hin.
Wie von der Höhe nieder
Der reinste Himmel flimmt,
Der nun um Rosenglieder
Entzückter Engel schwimmt!
Und Wunderkräfte spielen
Mir fröhlich durch die Brust,
In taumelnden Gefühlen
Kaum bin ich mir bewusst.
Mit tatenlustger Eile
Erhebt sich Geist und Sinn,
Und flügelt goldne Pfeile
Durch alle Ferne hin.
Wo denk ich hinzuschweifen?
Fasst mich ein Zauberschwarm?
Will ich die Welt ergreifen
Mit diesem jungen Arm?
Auf Zinnen möcht ich springen,
In alter Fürsten Schloss,
Möcht hohe Lieder singen,
Mich schwingen auf das Ross;
Und stolzen Siegeswagen
Stürzt ich mich brausend nach,
Die Harfe wird zerschlagen,
Die nur von Liebe sprach.
- Wie? schwärmst du so vermessen,
Herz! hast du nicht bedacht,
Hast, Närrchen, ganz vergessen,
Was dich so trunken macht?
Ach wohl, was aus mir singet
Ist nur der Liebe Glück;
Die wirren Töne schlinget
Sie sanft in sich zurück.
Was hilft, was hilft mein Sehnen!
Geliebte, wärst du hier!
In tausend Freudetränen
Verging' die Erde mir.
Bei seiner Ankunft im Schloss fand er den Italiener, einen lebhaften Mann von
mittleren Jahren, in komisch leidenschaftlichem Kommando mit den Leuten
begriffen, welche die marmornen Kunstwerke in dem Hauptsaale aufzustellen
hatten. Zwischen Zorn und Spass schrie und lachte der Strudelkopf auf das
grellste und brauchte zuweilen auch wohl den Stock gegen einen der Arbeiter,
wovon keiner seine Sprache verstand. Teobald, nach einer sorgfältigen Beachtung
der in ihrer Art einzigen Skulpturen, redete den Fremden italienisch an, und
würde sich bei seiner Unterhaltung hinlänglich interessiert gefunden haben, wäre
das Bestreben des Fremden, immer nur recht paradox zu sein und das Ernstafte
ins Lächerliche zu ziehen, nicht allzu widrig aufgefallen. Ja, am Ende, als der
künstlerische Charakter Teobalds zur Sprache kam, konnte der Mann eine gewisse
tückische Neckerei nicht lassen. Halb gekränkt und unwillig entzog sich unser
Freund, um auf die spätere Ankunft des Grafen ein frugales Mittagsmahl in der
Meierei zu bestellen. Müssig wie er war, besah er sich sodann die Umgebungen und
die innere Einrichtung des fürstlichen Aufentalts. Mehrere Zimmer gewährten
eine reiche und belehrende Unterhaltung an ausgesuchten Malereien; es war
leicht, sich in diesen geschmackvollen Räumen auf einige Zeit selber zu
vergessen, und so stand er eben betrachtend mit sich allein, als ihm der
entfernte Spiegel eines dritten Zimmers zwei von der entgegengesetzten Seite
herbeikommende Personen zeigte, in denen er bei genauerem Hinblicken endlich den
Grafen, und gegen alle seine Erwartung, Constanzen selbst erkennen konnte. Ganz
ausser Fassung gebracht schaute er unverrückt mit klopfendem Herzen noch immer
auf die nah und näher im Spiegel herbeischwebenden Gestalten, bis die Tritte
hinter ihm rauschten, und seinerseits ein ziemlich verwirrtes, andererseits ein
durchaus unbefangenes und fröhliches Willkommen stattfand. Nie war ihm die
Gräfin so reizend, so anmutig vorgekommen, sie trug ein mild graues Kleid mit
roten Schnüren, Gürtel und Schleifen, deren Faltung und Farbe ihm flüchtig die
Granatblüte wieder in das Gedächtnis rief; an die zarte Wange, von der frischen
Luft mit einem leisen Karmin überhaucht, legte sich ein weisser Pelz, und der
zurückgeschlagene Schleier liess dem Beschauer den Anblick des holdesten
Gesichtes frei. Man kehrte fürs erste zu den neuen Sehenswürdigkeiten und ihrem
tollen Meister zurück, an dessen Art und Weise der Graf sich dergestalt erbaute,
dass die Schwester, sich mit einiger Ungeduld nach anderem umsehend, den
Vorschlag Noltens, in den mannigfaltigen Sälen hin und wieder zu wandeln, nicht
ungerne annahm. Gar bald ging ihre Unterhaltung auf eigene Verhältnisse und
Persönlichkeiten über, denn Noltens leidenschaftlich beengte und zurückhaltende
Stimmung gab Constanzen Anlass, einen leichten Vorwurf gegen ihn auszusprechen,
den er sogleich ergriff und ins Allgemeine über sich ausdehnte.
    »Sie haben recht!« sagte er, »und nicht heute, nicht in gewissen
Augenblicken bloss bemächtigt sich meiner dieser lästige, mir selbst verhafte
Missmut; es ist keine Laune, die nur kommt und geht, es ist ein stetes unruhiges
Gefühl, dass es anders mit mir sein sollte und könnte, als es ist.«
    »Wie meinen Sie das? Sollte Ihnen Ihre Lage nicht genügen? Das wäre mir doch
kaum gedenkbar.«
    »Sprechen Sie's geradezu aus, gnädige Frau: Es wäre unbillig. Wohl, es ist
wahr, ich könnte glücklich sein, aber ich weiss nicht eigentlich zu sagen, warum
ich es nicht bin. Ich wäre undankbar, wollte ich nicht gerne bekennen, dass
während meines ganzen Lebens sich alle Umstände vereinigten, mich endlich bis zu
dem Punkte zu führen, auf dem ich jetzt stehe, in eine Lage, die mancher andere
und würdigere Mann vergebens suchte. Ein günstiges Schicksal, so grillenhaft und
misswollend es mitunter scheinen mochte, trug nur dazu bei, ein Talent in mir zu
fördern, in dessen freier Ausübung ich von jeher das einzige Ziel meiner Wünsche
erblickt hatte. Manche Arbeit ist mir gelungen, ich habe, wenn ich meinen
Freunden glauben darf, den höheren Forderungen der Kunst einiges Genüge getan,
und, was mir fast ebenso lieb sein sollte, man hat von der Zukunft grössere
Erwartungen, ohne dass mir vor ihrer Erfüllung bange wäre. Ein unendliches Feld
dehnt sich vor mir aus, und wenn ich sonst an der Möglichkeit verzweifelte, die
Welt, welche sich in mir drängte, jemals in heiterer Gestaltung an das Licht
hervorzuführen, so seh ich, dass sie jetzt, sobald ich recht will, von selber
leicht und zwanglos unter meinem Pinsel sich befreit. Aber wie kommt es, dass
eben jetzt mein Fleiss und meine Lust nachlässt? Warum so manche Arbeit
angefangen, ohne sie zu vollenden? Woher die Ungeduld, sich auswärts umzutun,
überall, nur nicht in meinen vier Pfählen vor meiner Staffelei mich zu
befriedigen? Was den Künstler sonst wohl reizt und treibt und ermuntert, das ist
die Hoffnung auf die ruhmvolle Anerkennung der Verständigen, die rege Teilnahme
zunächst seiner Freunde; auch mir war dies Gefühl nicht fremd, jetzt vermag es
nichts mehr auf mich. Ungenützt und trocken und verdriesslich gehn mir die Wochen
dahin, und nur die Stunden glaub ich wirklich gelebt zu haben, die mir in Ihrem
Hause vergönnt sind. Aber nun, für einen Mann, welcher seine Pflicht so gut
fühlt, als ein jeder andere, sagen Sie mir, ist so ein Leben nicht ein
unerträgliches? Und sehen Sie ein Mittel, es zu ändern? Könnten Sie auch nur den
kranken Fleck entdecken, wovon mir all dies Unheil kommt, das mich so gänzlich
von mir selber trennt und scheidet?«
    »Mit Verwunderung, Nolten, hör ich Sie an«, erwiderte die Gräfin, »und Ihre
Klagen, ich gestehe es, missfallen mir mehr, als dass mein Mitleid dadurch rege
würde. Ich verstehe Sie nicht ganz, nur glaub ich fast zu sehen, die Schuld
liegt meist an Ihnen. Gern dacht ich Sie mir diese ganze Zeit her tätig, frisch
und aller Hoffnung voll. Liessen nicht Ihre Gespräche nur den wärmsten Eifer
blicken für Ihren Beruf und alles, was dahin gehört? War Ihr Benehmen denn nicht
weit mehr heiter als zerstreut und unbefriedigt? Wie angenehm für unsern kleinen
Kreis, wenn Sie des Abends als ein mehr und mehr unentbehrlich werdender Gast
bei uns erschienen, munter, gefällig, teilnehmend an allem, erfinderisch für
jede Art von Unterhaltung, dabei bescheiden und ohne viel Worte. Dann, was soll
ich's Ihnen bergen, so wie auf diese Weise wir Ihnen manches schuldig wurden, so
mochten wir uns gerne überreden, dass eben in unserem Hause eine Zuflucht für
Nolten gefunden sei, wo der Künstler das vielfach bewegte Leben seines Innern
harmlos und ruhig mit der Gesellschaft zu vermitteln imstande wäre, um immer
wieder mit freigeklärter Stirne in den Ernst seiner Werkstätte zurückzukehren
und sich mit mehr Gelassenheit alles desjenigen zu bemeistern, was sonst mit
verworrener Übermacht betäubend und niederschlagend auf ihn eindrang. Ja, mein
Freund, Sie mögen im stillen meiner spotten, ich leugne nicht, so weit gingen
meine Hoffnungen.«
    »Verhüte Gott es, edle vortreffliche Frau, dass ich verkennen sollte, was Sie
mit unverdienter Güte für mich dachten! Mehr weit mehr als Sie soeben angedeutet
haben, könnte der herrliche Kreis mir gewähren, wofern ich den Segen zu nutzen
verstünde, den er mir bietet. Aber, meine Gnädige, wenn gerade der neue Reiz
dieser schönen Sphäre einen Zwiespalt in mir hervorbrächte, wenn der innige
Anteil, den das Herz hier nehmen muss, dem weit allgemeineren Interesse des
Geistes im Wege stünde, wenn ich, statt beruhigt und gestärkt zu mir selbst
zurückzukehren, immer das leidenschaftliche Verlangen fühlte, in den Mittelpunkt
eines so lieblichen Vereins alle Strahlen meines menschlichen und künstlerischen
Daseins zu versammeln, sie ewig dort festzuhalten, und so meinem Bestreben einen
um so wärmeren Schwung, einen unmittelbareren Lohn zu verschaffen, als der
zerstreute Beifall der Welt jemals gewähren kann?«
    »Es liegt«, antwortete die Gräfin nach einigem Nachsinnen mit Heiterkeit,
»es liegt in der Natur von Männern Ihresgleichen, alles nur einseitig zu nehmen,
von einer Seite her alles zu erwarten, und zwar je unmöglicher, je schädlicher
es wäre. Indessen, mein lieber Maler, ich bin für jetzt nicht gefasst, noch
geneigt, in Ihren gegenwärtigen Zustand, in Ihr Wünschen und Wollen
augenblicklich ratend und helfend einzugehen. Die erhabenen Grillen dieses
Geschlechts von Künstlern sind schwer zu fassen, und wir scharfsinnigen Frauen
haben jedesmal Mühe, um bei dergleichen subtilen Erörterungen, wo wir nur
lauschen, nur tasten und halb erwidern können, nicht unsern Blödsinn, unsre
Einfalt zu verraten. Am Ende möchten wir bei einem Menschen, welchem wir doch
einmal herzlich wohlwollen, alles gerne mit einem Schlage gutmachen, und, dem
Unnatürlichen zum Trotz, mit der natürlichsten Auskunft dazwischenfahren. Gar
oft sind wir aber selbst um eine solche Zauberformel verlegen, ja wenn wir sie
gefunden zu haben glauben, will es uns manchmal gefährlich dünken, davon
Gebrauch zu machen, und so können wir zuletzt nichts Besseres tun, als - mit
Bedeutung schweigen und die Herren an ihren Genius verweisen.«
    Teobald machten diese Worte nachdenklich; sie schienen ein Verständnis der
Absicht, welche er vorhin halb versteckt Constanzen nahegelegt, ebenso
zweideutig zu verhüllen, und obgleich sich bereits ein guter Schluss auf die
Gesinnungen der liebenswürdigen Frau daraus machen liess, so hatte der muntere
ablehnende Ton ihn doch etwas erschreckt, sogar verletzt.
    Die Gräfin sah sich im Vorbeigehen nach den beiden Herren um; da jedoch der
Italiener soeben in einer lustigen und langen Erzählung begriffen war, welche
für ein weibliches Ohr nicht eben von der delikatesten Art sein mochte, so zog
sich Constanze wieder zurück, und Teobald verfehlte keineswegs, ihr
Gesellschaft zu leisten.
    Sie stiegen die breiten Stufen zur Gartenanlage hinab, und die Gräfin
bezeugte auf eine drollige und neckische Art ihre Freude über die Leichtigkeit,
womit sie auf der gefrorenen Schneedecke hinschlüpfen konnte, indes ihr
Begleiter zuweilen unversehens mit dem Fusse einsank. Aber all ihr munteres Wesen
vermochte kaum etwas gegen den sinnenden Ernst des Malers. Sie kamen vor eine
dunkle Gruppe hoher Forchen, welche den Eingang zu der sogenannten schönen
Grotte vorbereiteten. Diese zog sich eine beträchtliche Länge unter einem
reichbewachsenen Felsen fort und führte unmittelbar in den grossen Saal der
Orangerie. Nicht ohne vielen Sinn war die Sache so angelegt worden, um dem
Spaziergänger eine höchst überraschende Szene zu bereiten, wenn man, besonders
zu dieser Jahreszeit, aus dem toten Wintergarten in eine schauerliche Nacht
eingetreten, nach etlichen hundert Schritten mit einem Male einen hellgrünen,
warmen Frühling zauberhaft aus breiten Glastüren sich entgegenleuchten sah.
    Teobald forderte zu einem Gang durch die Höhle auf, und die Gräfin, die den
Ort noch nicht kannte, nahm nach kurzem Zaudern den Arm ihres Begleiters an. Ein
eisernes Geländer, woran man fortlief, leitete sicher an den Wänden hin, und so
waren beide mit vorsichtigen Tritten eine Strecke weit gewandert, als Constanze,
das Ende des dunkeln Ganges vergeblich erwartend, bereits ängstlich die Umkehr
verlangte. Nolten bat dringend, vollends auszuhalten, und überredete sie
endlich. Aber in steter Furcht, einen Misstritt zu tun, oder gegen einen
Vorsprung des Felsen zu stossen, hielt sich die zarte Frau fest und fester an
ihren Führer, und indes beide schweigend und sachte nebeneinander gingen, wie
seltsam war es unserem Freunde, so viel Schönheit und Jugend in voller und doch
unsichtbarer Gegenwart leis atmend an seiner Seite! Sein Herz pochte
gewaltsamer, und wie schon das Wunderbare und Grossartige eines solchen Ortes
erhöhend auf die Sinne wirkt, so steigerte sich jetzt seine Phantasie bis zu
einer gewissen Feierlichkeit, alles schien ihm etwas Ausserordentliches, etwas
Entscheidendes ankündigen zu wollen.
    Dies trat auch nur zu bald und auf ganz andere Weise ein, als er sich hätte
je vermuten können; denn in dem Augenblick, wo ihm vorne ein dämmernd
hereinfallendes Licht den nahen Ausgang verheisst, glaubt er von derselben Seite
her eine Stimme zu vernehmen, deren wohlbekannter Ton ihn plötzlich starr wie
eingewurzelt stehenbleiben macht. Constanze fühlt, wie er zusammenschrickt, wie
sein Atem ungestüm sich hebt, wie er mit der Faust gegen die Brust fährt, »Was
ist das? um Gottes willen Nolten, was haben Sie?« Er schweigt. »Wird Ihnen nicht
wohl? Ich beschwöre, reden Sie doch!«
    »Keine Furcht, edle Frau Besorgen Sie nichts - aber ich gehe nicht weiter -
keinen Schritt - denken Sie was Sie wollen, nur fragen Sie mich nicht!«
    »Nolten!« entgegnete die Gräfin mit Heftigkeit, »was soll der unsinnige
Auftritt? kommen Sie! Soll ich mich etwa krank hier frieren? Was haben Sie vor?
Den Augenblick verlass ich diesen Ort - werden Sie mir folgen oder geh ich
allein? Lassen Sie mich los! ich befehl es Ihnen.« - Er hält sie fester.
»Nolten! ich rufe laut, wenn Sie beharren!«
    »Ja, rufen Sie! rufen Sie ihn herbei - er ist nicht weit von uns - ich habe
seine Stimme gehört, meines schlimmsten, meines tödlichsten Feindes - Herzog
Adolph ist in der Nähe!«
    Nun erst schien Constanze zu begreifen; sie stand sprachlos, ohne Bewegung.
    »Der Augenblick ist da!« rief Teobald, »ich fühl es, jetzt, oder niemals
muss es heraus, das Geheimnis, das seit Monaten an meinem Leben zehrt und frisst,
das mich zugrunde richten wird, wenn ich's nicht endlich darf aus der Brust
stossen - Constanze! ahnest du es nicht? O dass ich dir ins Auge blicken, dir's
von der Stirne lesen könnte, du habest längst erraten!«
    »Still, Nolten! schweigen Sie - um meiner Ruhe willen, kein Wort weiter!
Kommen Sie vorwärts, dort an das Licht -«
    »Dortin? nein, nimmermehr! sein Sie barmherzig - Nicht dass ich mich
fürchtete vor ihm, dem Übermütigen - sein Anblick nur ist mir unerträglich -
Jetzt, eben jetzt, als hätte die Hölle ihn bestellt, mir jede meiner kurzen
Seligkeiten zu vergiften! Ich hass ihn, hass ihn, weil er um deine Liebe schleicht
Constanze! Ist's nicht so? kannst du's leugnen? und dürft er hoffen? Er? Gib
einen Laut! Lass mich's erfahren! Alles weisst du, weisst, was ich leide, mein
Herz, mein Verlangen kann dir nicht unbekannt sein; Engel! o himmlischer, gib
mir ein Zeichen! Lass mir ein Lispeln, mir einen schwachen Händedruck bekennen,
was du im stillen mir zudenkst, was deine Güte schüchtern mir gewähren möchte!
Glaub mir, ein Gott hat uns hieher geführt, mein Innerstes erst bitter aufgeregt
und alles, alles - Hass, Verzweiflung, Angst, die unbegrenzte Wonne deiner Nähe
zusammengedrängt hier in diesen verborgenen Winkel, um endlich mein Herz
hervorzurufen, mir das Bekenntnis zu entreissen, und auch deine Lippen
aufzuschliessen - So sprich denn, o sprich! die Minuten sind kostbar!« Er zog die
Zitternde, Verstummte an sich. Ihr Haupt sinkt unwillkürlich an seine Brust,
indes ihre Tränen fliessen und sein Kuss auf ihrem Halse brennt. Den Mund in die
dichte Lockenfülle drückend, hätte er ersticken mögen vom süss betäubenden Dufte
dieser üppigen Haare - der Boden schien sich zu teilen unter den Füssen
Constanzens - Erd und Himmel zu taumeln vor ihrem geschlossenen Auge - in eine
unendliche Nacht voll seliger Qualen stürzt ihr Gedanke hinab - liebliche Bilder
in flammendem Rosenschein, wechselnd mit drohenden, grünaugigen Larven, dringen
auf sie ein - aber noch immer halten ihre Kniee sich aufrecht, noch immer
entfahrt ihr kein Laut, kein Seufzer, nur von einem flüchtigen Schauder zuckt
augenblicklich ihr Körper zusammen. Mächtiger, kecker fühlt das herrliche Weib
sich umschlungen; da rauscht auf einmal der Tritt eines Menschen unfern von
ihnen, jäher Schrecken fasst Teobald an, und eh er noch seitwärts ausbeugen
kann, streift schon das Kleid des Vorübergehenden an ihnen hin. Glücklich war
die Gefahr überstanden. Niemand als der Herzog kann es gewesen sein. Teobald
schöpft wieder Atem. Constanze, regungslos in seinen Armen, scheint von allem
nichts bemerkt zu haben. Nach einer Weile fährt sie wie aus einem Traume empor
und - »Fort! fort!« ruft sie mit durchdringender Stimme - »Wo bin ich? Was soll
ich hier? Hinweg, hinweg!« Sie riss sich heftig los und eilte voran, so dass
Teobald kaum mehr folgen konnte. Ein blendendes Meer von Sonnenschein empfängt
die Eilenden an der Schwelle des blühenden Saales. Nolten will soeben die Gräfin
erreichen, aber die grosse Glastüre schlägt klirrend hinter ihr zu, ohne dass er
sie wieder öffnen könnte. Er sieht die geliebte Gestalt zwischen dem Laub der
Orangen verschwinden. Trunken an allen Sinnen, ratlos, verwirrt, in
schmerzlicher Furcht steht er allein. Noch einmal versucht er das verwünschte
Schloss - umsonst, er sieht sich gezwungen, rückwärts zu gehen. Wütend rennt er
eine Strecke fort bis in die Gegend der verhängnisvollen Stelle, wo er
stehenbleibt, sich fragt, ob es Blendwerk, ob es Wirklichkeit gewesen, was hier
vorgegangen? Unmöglich schien es, dass noch soeben Constanze hier zwischen diesen
Felsen gestanden, dass er sie, sie selber in seinen Armen gehalten, ihren Busen
an dem seinigen klopfen gehört. Wie kalt und teilnahmlos lag jetzt diese
Finsternis um ihn her, wie so gar nicht schienen diese rohen Massen von jener
holden Gegenwart zu wissen, deren Gotteit noch soeben rings die Nacht
purpurisch glühen machte! Hier klang das Rufen der Geliebten hier fiel der
Tropfe aus dem schönen Auge! O lässt kein leiser Geisterton sich hören, der mir
versichere: ja, hier war es, hier geschah's! Begreife denn dein Glück, ungläubig
Herz! umfass, umspanne den vollen Gedanken, wenn du es kannst, denn ohne Grenzen
ist dein Glück, auch dann, wenn du sie nimmer sehen solltest, wenn dich ihr
Zorn, ihr Stolz auch auf immer verbannte! War sie nicht dein, dir hingegeben
einen vollen, unerschöpflichen Moment? O dieser Augenblick sollte eine
bettelarme leere Ewigkeit reich machen können!
    Glühend aufgeregt verliess der Freund den Ort, und um sich, so gut es gehen
mochte, noch zu sammeln, nahm er absichtlich einen weiten Umweg nach dem Saale,
wo die Gesellschaft beieinander war.
    »Sie bleiben lange aus!« rief ihm der Graf entgegen, »und haben dadurch den
Herzog versäumt, welcher diesen Morgen auf eine Stunde hier gewesen, aber
bereits wieder weg ist.«
    Die Unbefangenheit dieses Empfangs, den er mit einer leichten Entschuldigung
erwiderte, und die Ruhe, welche sich in Constanzens Benehmen aussprach,
überzeugte Teobald hinlänglich, dass ihre und seine Abwesenheit nicht
aufgefallen war. Dennoch wollte ihn die Art, wie die schöne Frau sich anliess
befremden: sie kam ihm beinahe wie ein anderes Wesen vor, ernst ohne
niedergeschlagen, zurückhaltend und höflich, ohne abstossend zu sein; eine
gleichgültige Frage, die er an sie richtete, beantwortete sie mit mehr
Natürlichkeit und Geistesgegenwart, als der Frager in diesem Augenblicke selbst
besass. Bei alledem schien ihre Miene das, was vorgefallen war, eher
stillschweigend zu verzeihen als zu billigen, ja es hatte das Ansehen, als
verleugnete sie die Erinnerung daran ganz und gar.
    Nicht mehr lange, so wurde das Mittagessen angesagt, wozu der Graf ohne
weiteres auch den Italiener geladen hatte, zu nicht geringem Verdrusse Noltens,
der es denn auch geduldig geschehen lassen musste, als jener sich die Gnade
erbat, Eccellenza der Frau Gräfin seinen Arm zum Gange nach dem Meierhause
leihen zu dürfen.
    Die kleine Tafel fiel reichlicher aus, als man erwartet hatte, denn ausser
dem fremden Weine, der im Schlitten des Grafen mitgekommen war, fand sich ein
schmackhafter und seltener Bissen Geflügel ein, bei dessen Auftischung der Graf
zu bemerken nicht unterliess, dass man den trefflichen Seevogel der Galanterie
seiner Hoheit verdanke, der Herr Herzog haben ihn vorhin am grossen Teiche
geschossen.
    Der Italiener hielt sich besonders an den feinen Roussillon und schwatzte
kunterbuntes Zeug durcheinander, was indessen für Teobald zu jeder andern Zeit
ärgerlicher gewesen wäre, als jetzt, wo er seine Zerstreuung gerne hinter diesen
Lärm verbarg. Man redete dem Ausländer zuliebe, der kein Deutsch verstand, und
Constanzen, der das Italienische nicht geläufig war, französisch, und unser
Freund fand in dieser fremden Sprache eine willkommene Art von Scheidewand
zwischen sich selber und seinem gegenwärtigen Gefühl; aber sonderbarerweise
rückte sich ihm auch die lebhafte Szene von heute morgen nur um desto mehr in
das Unglaubliche, ja Constanze selbst verschwand ihm in eine zweifelhafte Ferne,
so nahe ihm ihre äussere Gestalt auch war. Er sah die jetzt verflossenen Stunden,
wenn er je sie wirklich verlebt haben sollte, wie eine längst entflohene
Vergangenheit an, aber die Gegenwart deuchte ihm deshalb um nichts wahrhafter
und gegenwärtiger und die Zukunft völlig ein Unding.
    So leidlich auf diese Art die Stimmung Teobalds war, so bitter sollte sie
bald gestört werden. Der fremde Künstler nahm nach und nach Anlass, seine gute
Laune an dem Manne zu üben, welchen er doch in keinem Betracht als Nebenbuhler
ansehen konnte. Erst waren es leichte Spötteleien, dann höchst indiskrete
Fragen, worauf Nolten anfangs mit gutmütigem Spasse, zuletzt mit einiger Schärfe
antwortete, ohne jedoch seinen Gegner zu dem Grade von Wut reizen zu wollen,
welcher sich alsbald sehr ungesittet hervortat, so dass Nolten schnelle aufstand
und dem Schreier den Vorschlag machte, den Streit ausserhalb des Zimmers mit ihm
abzutun, damit wenigstens das Ohr der übrigen nicht beleidigt würde. Constanze
hatte bereits den Tisch verlassen.
    »Sie sind Zeuge!« rief der jähzornige Mann dem Grafen zu, »Sie gestehen, dass
Signor meinen Scherz absichtlich böse missverstand, um mich beleidigen zu können!
Aber es soll ihm nicht hingehen, so wahr ich lebe, Signor wird mir Genugtuung
verschaffen!«
    »Sehr gern!« erwiderte Teobald, »doch dünkt mich, wer dies am ersten
fordern könnte, das wäre ich; indessen hätte ich für meine Person darauf
verzichtet, weil Sie durch Ihre Reden meine Ehre nicht zu kränken vermochten,
weder in meinen noch in den Augen der Anwesenden. Sollten Sie aber die Rettung
der Ihrigen noch auf irgendeine Art versuchen wollen, so will ich alles dazu
beitragen, wiewohl ich mir fast lächerrlich dabei vorkomme.«
    »Lächerlich, Signor?« triumphierte der Italiener, das Wort falsch deutend,
mit entsetzlichem Lachen, »lächerrlich? ja, ja, nun ja, da haben Sie recht! ich
kann beinahe zufrieden sein mit diesem Geständnis, hi, hi, hi!«
    Nolten wollte sich dem Unverschämten mit derber Wahrheit erklären, aber ein
Wink des Grafen bat ihn um Zurückhaltung, und er folgte um so williger, je mehr
er dabei an Constanzen und ihre entschiedene Abneigung gegen dergleichen
Ehrenerörterungen dachte. Doch der Italiener wollte sich seines Siegs noch
weiter freuen, er wandte sich gegen seinen Mann mit den Worten: »Gratulieren Sie
sich, dass Sie so wegkommen, mein Herr Maler! Künftig etwas bescheidener, will
ich geraten haben! Sie dürften sonst eine deutsche Klinge mit einer welschen
messen, oder dass ich es recht sage, ich möchte mir leicht einmal den Spass
machen, und mein scarpello aufheben gegen einen deutschen - Pinsel; verstanden?«
    »Wohl, mein Herr«, versetzte Nolten ruhig, »ich bin der Meinung, Sie machten
die Probe je eher je lieber; ich werde mich diesfalls heute noch in bester Form
eines nähern bei Ihnen vernehmen lassen. Was inzwischen den deutschen Pinsel
betrifft, so mögen Sie immerhin den Maler in mir verachten, und zwar noch ehe
Sie ihn kennengelernt haben, ich bin gegen den Bildhauer gerecht, dessen Werke
ich vorhin gesehen habe; sie sind vortrefflich, und sind es so sehr, dass es der
frechsten Lüge gleichsieht, wenn Sie, mein Herr, sich den Schöpfer derselben
nennen.«
    Dieser letzte Ausfall machte den Fremden offenbar ein wenig betroffen,
obgleich er getan, als hörte er nichts; aber er wurde noch verlegener, da Nolten
ihm tiefer ins Gesicht schaute, den Kopf schüttelte und mit einem zweifelnden
Lächeln dem Grafen zuwinkte; - noch einen prüfenden Blick auf die seltsame
Physiognomie des Italieners, noch einen, und wieder einen und - »Gemach, mein
Freund!« rief Teobald, den Burschen am Schnurrbart packend, da er eben aus der
Tür schlüpfen wollte, »ich glaube, wir kennen uns!« - Wunder! der falsche
Schnurrbart blieb Nolten in den Fingern, der arme Teufel selber fiel zitternd
auf seine Kniee, es war kein anderer Mensch als - Barbier Wispel, der entlaufene
Bediente Noltens.
    Der Graf traute seinen Augen kaum bei dieser Szene, und unser Freund,
ungewiss, sollte er lachen oder zürnen, rief: »Du unterstehst dich, Elender,
nachdem du mich einmal schändlich bestohlen, aufs neue deinen Betrug, deine
Narrheit an mir und in dieser Gegend auszuüben, wo dich das Zuchtaus erwartet?
Wie kommst du nur zu diesen Kleidern, wie kommst du überhaupt dazu, diese
apokryphische Rolle zu spielen?«
    In der Tat konnte Nolten trotz aller angenommenen und wirklichen Indignation
ein herzliches Lachen kaum zurückdrängen. Es nahm ihn nun gar nicht mehr wunder,
wie er sich eine Zeitlang wirklich in der Person dieses Menschen täuschen
konnte; denn es war bei weitem nicht der magere, splitterdünne Wispel mehr, es
musste ihm auf seinen neuen Reisen ganz besonders wohl ergangen sein, auch von
seinen früheren Manieren hatte sich vieles verwischt, oder legte er sie auf
einige Stunden ab, und dann die künstlich braun gefärbte Haut, veränderte
Stimme, verstellte Frisur, Bart und sonstige Ausstattung, alles half zu diesem
närrischen Quiproquo. Aus seinen Bekenntnissen ergab sich nach und nach, dass er
in die Dienste des fremden Künstlers ungefähr auf dieselbe Weise gekommen war,
wie einst in Teobalds; es ging dies um so leichter an, da ihm von seinen
früheren Landstreichereien noch einige Kenntnis der Sprache seines Herrn
geblieben war, und er diesem als Dolmetscher auf seiner Reise nach Deutschland,
an dessen Grenze sie sich kennengelernt, gar oft nützlich sein konnte. Die guten
Kleider, die er am Leibe trug, waren teils Geschenk seines Herrn, teils hatte er
sich zur Ausführung des gegenwärtigen Prunkstückchens die Garderobe des
Künstlers heimlich zunutze gemacht. Der Italiener, erst vorgestern angelangt,
hielt sich in der Stadt auf, und sollte erst diesen Abend zu Anordnung der
Bildwerke herauskommen, weil aber durch ein Missverständnis die Handlanger schon
in der Frühe vergeblich hiehergesprengt worden, so empfand Wispel einen
unüberwindlichen Reiz, vor diesen Leuten und den etwa sich einfindenden Fremden
jenen berühmten Mann vorzustellen, dessen bizarres Wesen er zwar mit
Übertreibung, doch nicht ganz unglücklich, nachzuahmen wusste. Es sei ihm selber,
gestand er nun, sehr leid gewesen, als ihm Nolten, sein ehemaliger Gebieter, so
unerwartet in den Wurf gekommen, und noch jetzt wisse er nicht recht, was ihn
verführt habe, augenblicklich eine offensive Stellung gegen ihn anzunehmen.
    »Aber Mensch, wie konntest du so unbegreiflich grob, so frech gegen mich
sein? Weisst du, was du noch im Rest bei mir sitzen hast?«
    »Ach, mein charmantester, mein göttlicher Herr, wie sollt ich's nicht
wissen? aber das steht ja in guter Hand - es mag etwa eine halbe Carolin sein,
was Sie mir an meinem Lohn noch schulden - Bagatell - wenn Sie gelegentlich,
aber wohlverstanden, nur ganz gelegentlich, das Pöstchen -«
    Hier bekam Wispel unversehens einen Backenstreich von Teobalds Hand, dass
ihm die Haut feuerte. »Schandbube! eine Anweisung ins Spinnhaus bin ich dir
schuldig! Aber gib Rechenschaft über das, was ich eben frage: wie warst du
fähig, gegen deinen ehemaligen Wohltäter dich so zu vergessen?«
    »Ach«, antwortete er, ganz wieder mit seiner gewohnten Affektation, mit
jenem Hüsteln und Blinzeln, »dem Himmel ist es bewusst, wie das zuging, ich
wollte mich durch solch ein Betragen gleichsam unkenntlich machen, mich gegen
meine eigene Rührung verschanzen, daher meine Wut, meine Malice, auch leugn' ich
nicht, es war vielleicht ein - ein - vielleicht ein Kitzel, das heisse Blut des
Südens an mir selbst zu bewundern, und so - und dann - aber gewiss werden Sie mir
zugeben, Monsieur, ich habe den höhern Ton der Schikane und den eigentlichen
vornehmen Takt, womit das point d'honneur behandelt werden muss, mir so ziemlich
angeeignet. Wie? ich bitte, sagen Sie, was denken Sie?«
    Mit diesem letzten Zusatz war es seiner Eitelkeit so völlig Ernst, er war so
gespannt auf ein schmeichelhaftes Urteil Noltens, dass dieser und der Graf nur
staunten über die unsinnigste Art von Ehrgeiz, womit dieses Subjekt wie mit
einer Krankheit gestraft war Erinnerte man sich vollends der einzelnen Momente,
in denen der Mensch seit heute früh sich stufenweise, zuerst bei der Ankunft
Teobalds, dann beim Grafen, endlich als Weltmann bei der Gräfin geltend
gemacht, so hätte man sich beinahe schämen müssen, wäre die Sache weniger lustig
und neu gewesen. Sogar Constanze, welche vom Bruder herbeigerufen ward, konnte,
nachdem sie den unglaublichen Betrug eingesehen, sich des Lächelns nicht
entalten, obgleich sie den Entlarvten, dessen Beschämung sie sich schmerzlicher
als billig vorstellte, mit einem fast peinlichen Gefühl, wie einen armen
Verrückten, betrachtete. Die Fragen, welche sie etwa an ihn tat, bildeten durch
ihre wahrhaft naive Delikatesse einen fast komisch rührenden Kontrast zwischen
der edlen Frau und der verächtlichen Kreatur. Teobald fand sich hiedurch auch
wirklich zu einem gewissen Grad von Mitleid mit dem ärmlichen Sünder bewogen,
und als Wispel auf das beredteste ihn um Wiederaufnahme in sein Haus ersuchte,
konnte er sich zwar hiezu nicht verstehen, aber er versprach, ihm ausser einer
Warnung, die man dem Italiener schuldig sei, keineswegs schaden zu wollen.
Hierauf verabschiedete sich Wispel mit gehörigem Anstand, er wollte Constanzen
die Hand küssen, was jedoch höflich verbeten wurde.
    Die Gesellschaft verhehlte sich den im ganzen versöhnenden Eindruck nicht,
welchen der letzte Auftritt bei ihr zurückgelassen hatte. Bei der Gräfin selbst
war der Rückblick auf den heutigen Morgen leichter, weil seine Wirkung
wenigstens äusserlich durch so manches andere in etwas war verdrängt worden; nur
sobald Nolten ihr näher kommen wollte, wich sie schüchtern und unbehaglich aus.
Im allgemeinen, dies durfte er sich mit Recht sagen, liess ihr Benehmen sich gar
nicht zu seinen Ungunsten auslegen, ja er konnte den tief gegründeten Keim
wirklicher Liebe nicht mehr an ihr verkennen, er hoffte eine zwar langsame, aber
unaufhaltsame Entwicklung. Nur jede Voreiligkeit, alles dringend Heftige, so
sehr dies in seinem Temperamente lag, beschloss er zu vermeiden, und wir selber
sind der Meinung, dass er dabei seinen Vorteil und die Sinnesart der Frauen von
Constanzens Werte fein genug zu schätzen gewusst.
    Man hätte gerne noch den echten Italiener gesehen, allein der Abend nahte
stark heran, es war unwahrscheinlich, dass der Künstler noch käme, überdies
verlangte Constanze nach Haus, und so schickte man sich denn zum Aufbruch an.
    Nolten, der den Schlitten des Grafen eine Weile rasch verfolgte, blieb mit
seinem Pferde doch bald zurück. Er hatte Zeit seinen Gedanken über den heutigen
Tag, seinen Besorgnissen und Hoffnungen stille nachzuhängen, indes der Mond mit
immer hellerem Lichte die dämmernde Schneelandschaft überschien. Was hatte sich
doch verändert in den wenigen Stunden seit er diese Wege hergeritten! um wieviel
näher war er gegen alles Denken und Vermuten seinem ersehntesten Ziele gekommen,
ja, das er wirklich schon erreicht, das er schon mit kühnen Armen umschlungen
und auf alle Zukunft für sich geweiht hatte! Je verwunderter er diese rasche
Wendung bei sich überlegte, desto stärker drang sich ihm der alte Glaube auf,
dass es Augenblicke gebe, wo ein innerer Gott den Menschen unwiderstehlich
besinnungslos vorwärts stosse, einer grossen Entscheidung entgegen, so dass er, dass
sein Schicksal und sein Glück sich selber gleichsam übertreffen müssen. Er
schauderte im Innersten, er drang mit weit offenem Aug in das tiefe Blau des
nächtlichen Himmels und forderte die Gestirne heraus, seine Seligkeit
mitzuempfinden. Was doch jetzt in Constanzen vorgehen mag! - er hätte die Welt
verschenken mögen, um dieses Einzige zu wissen, und doch pries er wieder seine
Ungewissheit, weil sie ihm vergönnte, alles zu glauben, was er wünschte. Sollte
jetzt nicht auch in ihrem Busen der wonnevollste Tumult von Freude, Furcht und
Hoffnung laut sein? und ist nicht der Grund ihrer Seele, wie die Tiefe eines
stillen Meeres, jetzt von jener unendlichen Ruhe beherrscht, welche im
Bewusstsein hoher Liebe liegt? - So dachte er, so durchlief er noch manches, was
ihn mächtig emporhob, kräftig gab er seinem Pferde die Sporen, als gälte es,
noch heute allen seinen Wünschen die Krone aufzusetzen.
In derselben Woche kamen Briefe aus Neuburg an Teobald, wie gewöhnlich unter
der Aufschrift an Larkens. Voll Begierde nach dem Inhalte, welcher ihm, wie er
zuverlässig hoffte, jeden Zweifel über Agnes benehmen sollte, riss er das Kuvert
auf. Jedesmal ergriff ihn die eigenste Rührung, wenn er solche treuherzige
Linien ansah, die nach des Mädchens Meinung der Geliebte lesen sollte, und die
unser Schauspieler doch wiederum nur sich selber zueignen konnte, da es nur
Antworten auf dasjenige waren, was er zwar ganz im früheren Sinne Noltens
geschrieben, aber doch gleichsam durch alle Fasern des eigenen innigsten Gefühls
übertragend, empfunden hatte. In der Tat, er kam sich dann immer wie ein
gedoppeltes Wesen vor, und nicht selten kostete es ihn Mühe, sein Ich von der
Teilnahme an diesem zärtlichen Verhältnis auszuschliessen.
    Was Agnesens gegenwärtigen Brief betrifft, so klangen ihm die Worte anfangs
einigermassen rätselhaft, bis ihm ein grösseres Schreiben vom Vater in die Hände
fiel, das er auch zugleich von Blatt zu Blatt mit immer steigendem Erstaunen
hastig durchlas. Der Alte beruft sich auf seinen frühern Brief an Teobald,
worin die sonderbare Verirrung des Mädchens, soweit es damals möglich gewesen,
bereits entwickelt worden sei; er wolle aber, da einige erst neuerdings
entdeckte Umstände die Ansicht des Ganzen bedeutend verändert hätten, alles von
vornherein erzählen, und so setzt er denn dasjenige weitläufig auseinander, was
wir dem Leser schon mitgeteilt haben. Mehrere auffallende Vorgänge hatten dem
Förster zuletzt über das Dasein eines stillen Wahnsinns keinen Zweifel mehr
übriggelassen. Es ward ein Arzt zu Rat gezogen, und mit Hülfe dieses
einsichtsvollen Mannes gelang es gar bald, den eigentlichen Grund des Unheils
aus dem Mädchen hervorzulocken. Hiebei musste es für den aufmerksamen Beobachter
solcher abnormen Zustände von dem grössten Interesse sein, zu bemerken, dass schon
das Aussprechen des Geheimnisses an und für sich entscheidend für die Heilung
war. Denn von dem Augenblicke, da der Auftritt mit der Zigeunerin über Agnesens
Lippen kam, schien der Dämon, der die Seele des armen Geschöpfes umstrickt
hielt, seine Beute fahrenzulassen, und ein herzzerschneidender Strom der
heftigsten Tränen schien die Rückkehr der Vernunft anzukündigen. Die Entdeckung
jener geheimen Ursache fand aber um so weniger Schwierigkeit, da das Mädchen
selbst seit der zweiten Unterredung mit der Zigeunerin ein gewisses Misstrauen
gegen dieselbe nährte, worin sie sich nun eben nicht ungerne bestärken liess.
Wirklich rührend war es anzusehen, mit welcher Begierde sie jedes Wort
einschluckte, das man zum Beweis eines offenbaren Betrugs vorbringen mochte. Auf
ihrem zwischen Angst und dankbarer Freude wechselnden Gesichte malten sich die
letzten Zuckungen des abergläubischen Gewissens, dem die vernünftige
Beredsamkeit des Vaters nun den Todesstoss gab. Dennoch fühlte sie noch immer
eine Art von Zwiespalt im Innern, sie fand sich schwer zurecht, und wie der
Blindgewesene sich nur langsam wieder an das Licht gewöhnt, das alle Welt
erfreut, so dauerte es einige Zeit, bis Agnes ihr Glück zu fassen vermochte, bis
sie es wagte, sich den andern Menschen wieder gleichzustellen. Oft kam es ihr
noch vor, als ob irgendein finsterer Zeuge ihres Schicksals hinter ihrem Rücken
lauschte und auf Rache denke, weil sie seinen Banden entsprungen. Aber der
Verbrecher, der durch eine feierliche Absolution aus dem Munde des Heiligen
Vaters mit einemmal sich einer ganzen Hölle entbunden fühlt, kann nicht leichter
atmen als Agnes, nachdem endlich das düstere Phantom für immer verabschiedet
war. Wie ganz anders konnte sie nun an Nolten denken! Wie herzhaft prüfte ihre
Liebe wieder die alte Freiheit ihrer Flügel! Wie ungewohnt erschien ihr alles,
was in bezug auf ihn gesagt oder getan ward! Sprach jemand seinen Namen aus, so
konnte sie den Namen mit seligem Befremden vor sich wiederholen und mit
Entzücken rief sie ihn dann laut aus, so dass man sie kaum begreifen wollte. Kam
ihr zufällig seine Handschrift vors Auge, so deuchten ihr die Züge wie
sprechend, sie betrachtete sie mit einem völlig neuen Sinn - kurz, es schien,
als sei er ihr erst heute geschenkt, als heisse sie jetzt zum ersten Male Noltens
Braut.
    Dieselbe unschuldige Trunkenheit atmete aus ihrem Briefe, den Larkens jetzt
in der Hand hielt. Sie vermied soviel möglich jede Berührung jener störenden
Ereignisse, und ihre Worte verrieten nicht die geringste Unruhe darüber, wie
Teobald die Geschichte ihrer Krankheit aufnehmen werde, welche der Vater mit
ihrem Vorwissen, jedoch ohne der Tochter sie lesen zu lassen, ihm aufrichtig
mitteilte.
    Mit Staunen und Rührung legte Larkens die Blätter auf den Tisch, nachdem er
sie zwei - und dreimal mit der grössten Sorgfalt durchgelesen hatte. Er hatte
Mühe, sich die Fäden dieser unerhörten Verwirrung klarzumachen, sich zu sammeln
und ein ruhiges Bild vom Ganzen zu gewinnen, um hierauf seine Entschliessung zu
fassen. An der getreuen Darstellung der Begebenheiten zweifelte er keinen
Augenblick, alles trug zu sehr das Gepräge der inneren Wahrheit. Aber was ihn
bei der Sache besonders nachdenklich machte, das war die Einmischung der
Zigeunerin. Denn auf der Stelle war es wie ein Blitz in ihn geschlagen, dass er
die Person kenne, dass ihm ihr sonderbarer Bezug zu Nolten nicht unbekannt sei.
Nach dem sehr bestimmten Bilde, das er von ihrem Charakter hatte, befremdete ihn
einigermassen ihr falsches Spiel gegen Agnes, dennoch hatte er guten Grund, sie
deshalb keineswegs mit den gemeinen Betrügerinnen ihrer Nation zu verwechseln,
ja ihn ergriff das tiefste Mitleid, wenn er bedachte, dass eben dieses
unbegreifliche Wesen, das an Agnesens Verrückung Schuld war, selbst ein
trauriges Opfer des Wahnsinns sei. So verhielt es sich wirklich und in diesen
Zustand mischte sich eine Leidenschaft für Teobald, von deren wunderbarer
Entstehung wir dem Leser in der Folge Rechenschaft geben werden. Die
Unglückliche glaubte sich in Agnes von einer Nebenbuhlerin befreien zu müssen,
und leider kam der Zufall, wie wir gesehen haben, ihrer Absicht gar sehr zu
Hülfe. Ihre List mochte übrigens leicht von der Art sein, wie sie sich bei
Verrückten häufig mit der höchsten Gutmütigkeit gepaart findet, und Larkens
entschuldigte sie um so mehr, da er Elisabet (so hiess das Mädchen) immer von
einer äusserst arglosen, ja kindlichen Seite kennengelernt hatte. Wieviel
eigentliche Lüge und wieviel Selbstbetrug an jener verhängnisvollen Prophezeiung
Anteil gehabt, wäre daher nicht wohl zu entscheiden, nur wird es jetzt um so
begreiflicher, dass die Erscheinung und der ganze Ausdruck der Prophetin eine so
gewaltsame und hinreissende Wirkung auf das kränklich reizbare Gemüt Agnesens
machen konnte.
    Einige Augenblicke war der Schauspieler entschlossen, sogleich mit dem
ganzen Paket zu seinem Freunde zu eilen. Aber die Sache näher betrachtet verbot
solches die Klugheit. Nolten wäre im gegenwärtigen Zeitpunkt zu einer
unbefangenen Ansicht der Dinge nicht fähig gewesen und es war zu befürchten, dass
ihm die Oberzeugung von der Tadellosigkeit des Mädchens jetzt eben nicht
willkommen wäre, dass er, von zweien Seiten aufs äusserste gedrängt, an einen
Abgrund widersprechender Leidenschaften gezerrt, nichts übrig hätte, als an
allem zu verzweifeln. Larkens sah dies deutlich ein, und stand wirklich eine
Zeitlang ratlos, was zu tun sei. »Ich muss auf einen Kapitalstreich sinnen«, rief
er aus, »das Zögern wird mir gefährlich, es ist Zeit, dass man dem Teufel ein
Bein breche!«
    Vor allem wollte er suchen, es gelte was es wolle, einen Bruch mit der
Gräfin vorzubereiten. Aus einzelnen Spuren hatte er neuerdings von der Neigung
Noltens doch ernstlichere Begriffe bekommen, und er fing an, mehr und mehr an
der Offenheit seines Freundes in diesem Punkte zu zweifeln, wie denn auch
wirklich der Vorfall im Parke bisher ganz und gar ein Geheimnis für Larkens
geblieben war. Für jetzt dachte dieser nur auf schleunige Beruhigung des
Mädchens durch einen abermaligen Brief, den er auch sogleich, und mit
ungewöhnlicher Wärme und Heiterkeit des Ausdrucks, niederschrieb.
Es gingen, bis Nolten wieder eine Einladung zu Zarlins erhielt, zwei volle
Wochen auf, und wenn diese lange Zwischenzeit unserem Freunde desto
unausstehlicher vorkam, je bedeutender seine gegenwärtige Stellung zu Constanzen
war, so stand er nun doch betroffen und unentschieden, ob Furcht oder Freude
mächtiger in ihm sei. Aber als er sich nun an dem bestimmten Abende mit Larkens
wieder in jenen geliebten Wänden, in jener edlen Umgebung fühlte, als die Gräfin
nun die Versammlung bewillkommte und auch ihn mit einer Fröhlichkeit begrüsste,
wie man sie sonst kaum an ihr wahrnahm, da schien sich um ihn und über sein
ganzes Dasein ein Lichtglanz herzugiessen, in welchem sich alle Vergangenheit und
Zukunft seines Lebens wie durch Magie verklärte: und doch war es nur die
Sorglosigkeit ihrer Miene, es war die edle Freiheit ihres Benehmens, was ihn so
tief erquickte, und was ihm, auch abgesehen von jeder andern Vorbedeutung, die
uneigennützigste Rührung hätte abgewinnen müssen, indem es ihm die
Wiederherstellung des schönen Friedens ihrer Seele verbürgte, welchen gestört zu
haben er sich zum Verbrechen rechnete.
    Von ähnlicher Munterkeit wurde denn auch die übrige Gesellschaft belebt, und
die letzte beengende Rücksicht bei Nolten fiel vollends weg mit der Nachricht,
Herzog Adolph werde heute nicht gegenwärtig sein.
    Herren und Damen sassen bereits in bunter Ordnung, als die Gräfin sich mit
den Worten an Larkens wandte: »Sie sagten ja von etwas ganz Besonderem, das Sie
uns diesmal zum besten geben wollten, machen Sie doch die Gesellschaft mit Ihrem
Vorhaben bekannt, ich zweifle nicht, wir dürfen uns etwas recht Hübsches, zum
mindesten etwas Ungewöhnliches versprechen.«
    »Es liegt«, antwortete Larkens mit guter Laune, »in diesem Komplimente etwas
so verzweifelt Bedingtes, dass ich nun erst schüchtern werde, mit meinem Schatz
hervorzutreten. Wirklich, es ist immer gewagt, wenn ein einzelner oder wenn zwei
Mitglieder eines gebildeten Kreises die Unterhaltung ausschliesslich über sich
nehmen wollen, und obendrein ist mein Gegenstand von der Beschaffenheit, dass ihm
ein allgemeines Interesse sehr schwerlich zukommen möchte, wenigstens insoweit
ich dabei betätigt bin. Aber was mich tröstet, ist einzig die Unterstützung
durch meinen Freund Nolten, der Ihnen bei dieser Gelegenheit ein ganz neues
Genre seiner Kunst vorführen wird.«
    »Ich meines Teils«, erwiderte der Maler, »muss die Gesellschaft untertänigst
bitten, auf diese Bedingung hin von ihren Forderungen an Larkens nicht
nagelsgross nachzulassen, da mein Beitrag als blosse Verzierung und Erläuterung
der Hauptsache an und für sich nicht in Betracht kommen kann.« -
    »Kurz, meine Gnädigsten«, fiel der Schauspieler ihm ins Wort »was wir Ihnen
diesmal zeigen, ist nichts anderes, als ein Schattenspiel.«
    »Ein Schattenspiel!« riefen die Damen in die Hände klatschend, »ach, das ist
ja ganz unvergleichlich! wirklich ein ordentliches, chinesisches werden wir
sehen?«
    »Allerdings«, sagte der Graf, »und zwar ein ganz neu eingerichtetes, wozu
Herr Nolten die Bilder auf Glas gemalt, und dieser Herr, der als Dichter noch
allzuwenig von sich hören liess, den Text geliefert hat. Soviel ich weiss, besteht
der letztere durchaus in einer dramatisierten Fabel, rein von der Erfindung des
Herrn Larkens.«
    »Diese Fabel«, bemerkte der Schauspieler, »und der Ort, wo sie vorgeht, ist
freilich närrisch genug, und es bedarf einer kleinen Vorerinnerung, wenn man den
Poeten nicht über alle Häuser wegwerfen soll.
    Ich hatte in der Zeit, da ich noch auf der Schule studierte einen Freund,
dessen Denkart und ästetisches Bestreben mit dem meinigen Hand in Hand ging;
wir trieben in den Freistunden unser Wesen miteinander, wir bildeten uns bald
eine eigene Sphäre von Poesie, und noch jetzt kann ich nur mit Rührung daran
zurückdenken. Was man auch zu dem Nachfolgenden sagen mag, ich bekenne gern,
damals die schönste Zeit meines Lebens genossen zu haben. Lebendig, ernst und
wahrhaft stehen sie noch alle vor meinem Geiste, die Gestalten unserer
Einbildung, und wem ich nur einen Strahl der dichterischen Sonne, die uns damals
erwärmte, so recht gülden, wie sie war, in die Seele spielen könnte, der würde
mir wenigstens ein heiteres Wohlgefallen nicht versagen, er würde selbst dem
reiferen Manne es verzeihen, wenn er noch einen müssigen Spaziergang in die
duftige Landschaft jener Poesie machte und sogar ein Stückchen alten Gesteins
von der geliebten Ruine mitbrachte Doch zur Sache. Wir erfanden für unsere
Dichtung einen ausserhalb der bekannten Welt gelegenen Boden, eine abgeschlossene
Insel, worauf ein kräftiges Heldenvolk, doch in verschiedene Stämme, Grenzen und
Charakterabstufungen geteilt, aber mit so ziemlich gleichförmiger Religion,
gewohnt haben soll. Die Insel hiess Orplid, und ihre Lage dachte man sich in dem
Stillen Ozean zwischen Neuseeland und Südamerika. Orplid hiess vorzugsweise die
Stadt des bedeutendsten Königreichs: sie soll von göttlicher Gründung gewesen
sein und die Göttin Weila, von welcher auch der Hauptfluss des Eilands den Namen
hatte, war ihre besondere Beschützerin. Stückweise und nach den wichtigsten
Zeiträumen erzählten wir uns die Geschichte dieser Völker. An merkwürdigen
Kriegen und Abenteuern fehlte es nicht. Unsere Götterlehre streifte hie und da
an die griechische, behielt aber im ganzen ihr Eigentümliches; auch die
untergeordnete Welt von Elfen, Feen und Kobolden war nicht ausgeschlossen.
    Orplid, einst der Augapfel der Himmlischen, musste endlich ihrem Zorne
erliegen, als die alte Einfalt nach und nach einer verderblichen Verfeinerung
der Denkweise und der Sitten zu weichen begann. Ein schreckliches Verhängnis
raffte die lebende Menschheit dahin, selbst ihre Wohnungen sanken, nur das
Lieblingskind Weilas, nämlich Burg und Stadt Orplid, durfte, obgleich
ausgestorben und öde, als ein traurig schönes Denkmal vergangener Hoheit stehen
bleiben. Die Götter wandten sich auf ewig ab von diesem Schauplatz, kaum dass
jene erhabene Herrscherin zuweilen ihm noch einen Blick vergönnte, und auch
diesen nur um eines einzigen Sterblichen willen, der, einem höheren Willen
zufolge, die allgemeine Zerstörung weit überleben sollte.
    Neuerer Zeiten, immerhin nach einem Zwischenraum von beinahe tausend Jahren,
geschah es, dass eine Anzahl europäischer Leute, meist aus der niedern
Volksklasse, durch Zufall die Insel entdeckte und sich darauf ansiedelte. Wir
Freunde durchstöberten mit ihnen die herrlichen Reste des Altertums, ein
gelehrter Archäologe, ein Engländer, mit Namen Harry, war zum Glück auf dem
Schiffe mitgekommen, seine kleine Bibliotek und sonst Materialien verschiedenen
Gebrauchs waren gerettet worden; Nahrung aller Art zollte die Natur im Überfluss,
die neue Kolonie gestaltete sich mit jedem Tage besser und bereits blüht eine
zweite Generation in dem Zeitpunkte, wo unser heutiges Schauspiel sich eröffnet.
    Was nun diese dramatische, oder vielmehr sehr undramatische Kleinigkeit
betrifft, so sind meine Wünsche erfüllt, wenn die verehrten Zuschauer sich mit
einiger Teilnahme in die geistige Temperatur meiner Insel sollten finden können,
wenn sie für die willkürliche Ökonomie meines Stückes einen freundschaftlichen
Massstab mitbringen und sich mehr nur an den Charakter, an das Patologische der
Sache halten. Das ganze Ding machte sich, ich weiss nicht wie, vor kurzem erst,
nachdem mir seit langer Zeit wieder einmal eines Abends die alten Erinnerungen
in den Ohren summten. Eine längst gehegte tragische Lieblingsvorstellung drang
sich vorzüglich in dem Charakter des letzten Königs von Orplid auf; dagegen gab
es Veranlassung, zwei moderne, aus dem Leben gegriffene Nebenfiguren lustig
einzuflechten, wovon die eine in der Laufbahn meines Freundes Nolten dergestalt
Epoche gemacht, dass diese Person - und sie soll ja neuerdings wieder in unserer
Stadt spuken - sogar einigen der Anwesenden als eine nicht ganz unbekannte
Fratze wiederbegegnen wird.«
    Hier steckten sich einige begierige Köpfe zusammen, und als es hiess, dass
jener diebische Bediente Noltens im Schattenspiel seine Aufwartung machen werde,
verlautete allgemein ein herzliches Vergnügen; man machte sich überhaupt auf
eine ergötzliche Unterhaltung gefasst, nur Tillsen fühlte sich im stillen durch
jene komische Berührung verletzt, wiewohl niemand an etwas Beleidigendes dachte.
    »In einem andern Subjekt«, fuhr der Schauspieler fort, »in dem Kameraden des
vorigen zeig ich Ihnen meinen eigenen ehmaligen Sancho; es machte mir Freude,
diese beiden Tröpfe einmal treulich zu kopieren, Nolten verfehlte keinen Zug,
und die Gesellschaft muss uns schon vergeben, wenn wir sie auf einen Augenblick
in das Dachstübchen dieser Schmutzbärte zu schauen zwingen.«
    Indessen hatte Larkens den erforderlichen Apparat aus seinem Hause holen
lassen; der Diener brachte ein braunes Kästchen, worin das Zaubergeräte
verschlossen war; zugleich zog der Schauspieler ein Manuskript hervor, blätterte
und sagte: »In Absicht auf die Art und Weise, wie die Tableaux den Text
begleiten, versteht sich von selbst, dass der Schauplatz zuweilen, wiewohl nur
selten, leer bleiben wird, dass für den Maler nicht jede Szene gleich brauchbar
sein konnte, dass er von einer Szene meist nur einen Moment, eine hervorstechende
Gruppe darstellen konnte, dass jedoch so viel Varietät als nur immer möglich in
die Bilder gebracht wurde. Nun hab ich nur noch eine Bitte, den Vortrag des
Dialogs betreffend. Ich werde zwar sämtliche männliche Personen aus meinem Munde
mit abwechselnder Stimme unter sich sprechen lassen, für die weiblichen aber und
für die Kinderkehlen sollte mir doch eins und das andre der Fräulein zur Seite
stehen und mit mir aus der Rolle lesen. Welche von den Damen würde wohl die
Gefälligkeit haben? Sie, Fräulein von R. und von G. erfreuten uns schon auf dem
Liebhaberteater, an Sie richt ich meine Bitte im Namen aller.«
    Die Schönen mussten sich's gefallen lassen, sie traten mit dem dargereichten
Hefte beiseit, es vorläufig zu durchsehen, während Larkens sich von der Gräfin
einen geheizten Saal mit weissen Wänden ausbat und seine Einrichtung traf.
    Nach kurzer Zeit ertönte sein Glöckchen, das die Gesellschaft hinüber lud in
den verdunkelten Saal. Hinter einer spanischen Wand, die nach einer Seite offen
war, befanden sich Larkens und seine Gehülfinnen neben der magischen Laterne,
welche inzwischen nur einen runden hellen Schein an die Zimmerdecke warf. Man
nahm im Halbkreise Platz, und Nolten hatte sich so gesetzt, dass er Constanzen
ins Auge fassen konnte.
    Nachdem alles stille geworden, begann hinter der Gardine eine einleitende
Symphonie auf dem Klavier von einem Mitgliede der Gesellschaft gespielt und von
Larkens mit dem Violoncello begleitet. Unter den letzten Akkorden erschien an
der breitesten, völlig freien Wandseite des Saales in bedeutender Grösse die
Ansicht einer fremdartigen Stadt und Burg, im Mondschein, vom See bespült, links
im Vorgrund drei sitzende Personen und der Dialog nahm seinen Anfang.
    Wir bedenken uns nicht, den Leser an dem Spiele teilnehmen zu lassen, da es
nachher in den Gang unserer Geschichte einschlägt und die wichtigsten Folgen
hat. Zugleich mag es einen lebhaften Begriff von dem inneren Leben jenes
Schauspielers geben, welcher bereits unsere Aufmerksamkeit erregte und noch mehr
künftig unsere Teilnahme gewinnen wird.
 
                          Der letzte König von Orplid
                      Ein phantasmagorisches Zwischenspiel
                                  Erste Szene
 Anblick der Stadt Orplid mit dem Schloss; vorn noch ein Teil vom See. Es wird
  eben Nacht. Drei Einwohner sitzen vor einem Haus der unteren Stadt auf einer
  Bank im Gespräch. Suntrard, der Fischer, mit seinem Knaben, und Löwener, der
                                    Schmied.
SUNTRARD. Lasset uns hieher sitzen, so werden wir nach einer kleinen Weile den
    Mond dort zwischen den zwei Dächern heraufkommen sehen.
KNABE. Vater, haben denn vor alters in all den vielen Häusern dort hinauf auch
    Menschen gewohnt?
SUNTRARD. Jawohl. Als unsere Väter, vom Meersturm verschlagen, vor sechzig
    Jahren zufälligerweise an dem Ufer dieser Insel, was das Einhorn heisst,
    anlangten, und tiefer landeinwärts dringend sich rings umschauten, da trafen
    sie nur eine leere steinerne Stadt an; das Volk und das Menschengeschlecht,
    welches diese Wohnungen und Keller für sich gebauet, ist wohl schon bald
    tausend Jahr ausgestorben, durch ein besonderes Gerichte der Götter, meint
    man, denn weder Hungersnot noch allzu schwere Krankheit entsteht auf dieser
    Insel.
LÖWENER. Tausend Jahr, sagst du, Suntrard? Gedenk ich so an diese alten
    Einwohner, so wird mir's, mein Seel, nicht anders, als wie wenn man das
    Klingen kriegt im linken Ohr.
SUNTRARD. Mein Vater erzählt, wie er, ein Knabe damals noch, mit wenigen Leuten,
    fünfundsiebzig an der Zahl, auf einem zerbrochenen Schiffe angelangt, und
    wie er sich mit den Genossen verwunderte über eine solche Schönheit von
    Gebirgen, Tälern, Flüssen und Wachstum, wie sie darauf fünf, sechs Tage
    herumgezogen, bis von ferne sich auf einem blanken, spiegelklaren See etwas
    Dunkeles gezeigt, welches etwan ausgesehen, wie ein steinernes
    Wundergewächs, oder auch wie die Krone der grauen Zackenblume. Als sie aber
    mit zweien Kähnen darauf zugefahren, war es eine felsige Stadt von fremder
    und grosser Bauart.
KNABE. Eine Stadt, Vater?
SUNTRARD. Wie fragst du, Kind? Ebendiese, in der du wohnest. - Des erschraken
    sie nicht wenig, vermeinend, man käme übel an; lagen auch die ganze Nacht,
    wo es in einem fort regnete, vor den Mauern ruhig, denn sie getrauten sich
    nicht. Nun es aber gegen Morgen dämmerte, kam sie beinahe noch ein ärger
    Grauen an; es kräheten keine Hähne, kein Wagen liess sich hören, kein Bäcker
    schlug den Laden auf, es stieg kein Rauch aus dem Schornstein. Es brauchte
    dazumal jemand das Gleichnis, der Himmel habe über der Stadt gelegen, wie
    eine graue Augbraun über einem erstarrten und toten Auge. Endlich traten sie
    alle durch die Wölbung der offenen Tore; man vernahm keinen Sterbenslaut als
    den des eigenen Fusstritts und den Regen, der von den Dächern niederstrollte,
    obgleich nunmehr die Sonne schon hell und goldig in den Strassen lag. Nichts
    regte sich auch im Innern der Häuser.
KNABE. Nicht einmal Mäuse?
SUNTRARD. Nun, Mäuse wohl vielleicht, mein Kind. Er küsst den Knaben.
LÖWENER. Ja, aber Nachbar, ich bin zwar, wie du, geboren hier und gross geworden,
    allein es wird einem doch alleweil noch sonderlich zumut, wenn man so des
    Nachts noch durch eine von den leeren Gassen geht und es tut, als klopfte
    man an hohle Fässer an.
KNABE. Aber warum doch wohnen wir neuen Leute fast alle wie ein Häuflein so am
    Ende der Stadt und nicht oben in den weitläuftigen schönen Gebäuden?
SUNTRARD. Weiss selber nicht so recht; ist so herkommen von unsern Eltern. Auch
    wäre dort nicht so vertraut zusammennisten.
LÖWENER. Wo wir wohnen, das heisst die untere Stadt, hier waren vor alters
    wahrscheinlich die Buden der Krämer und Handwerker. Die ganze Stadt aber
    beträgt wohl sechs Stunden im Ring.
SUNTRARD. Wenn der Mond vollends oben ist, lasst uns noch eine Strecke aufwärts
    gehen, bis wo die Sonnenkeile1 ist. Nachbar, als ein kleiner Junge, wenn wir
    Buben noch abends spät durch die unheimlichen Plätze streiften bis zur
    Sonnenkeile, so trieb und plagte mich's immer, den Stein mit dem Finger zu
    berühren, weil ein Glauben in mir war, dass er den warmen Strahl der Sonne
    angeschluckt, wie ein Schwamm, und Funken fahren lasse, welches im
    Mondschein so wunderlich aussehen müsse.
LÖWENER. Hört, was weiss man denn auch neuerdings von dem Königsgespenst, das an
    der Nordküste umgeht?
SUNTRARD. Kein Gespenst! wie ich dir schon oft versicherte. Es ist der
    tausendjährige König, welcher dieser Insel einst Gesetze gab. Der Tod ging
    ihn vorbei; man sagt, die Götter wollten ihn in dieser langen Probezeit und
    Einsamkeit geschickt machen, dass er nachher ihrer einer würde, wegen seiner
    sonstigen grossen Tugend und Tapferkeit. Ich weiss das nicht; doch er ist
    Fleisch und Bein, wie wir.
LÖWENER. Glaub das nicht, Fischer.
SUNTRARD. Ich hab es sicher und gewiss, dass ihn der Kollmer, der Richter ist in
    Elnedorf, jeweilig insgeheim besucht; sonst sieht ihn kein sterblicher
    Mensch.
KNABE. Gelt, Vater, er trägt einen Mantel und trägt ein eisern spitzig Krönlein
    in den Haaren?
SUNTRARD. Ganz recht, und seine Locken sind noch braun, sie welken nicht.
LÖWENER. Lasst's gut sein! ist schon spät. Das Licht dort in der äussersten Ecke
    vom Schloss ist auch schon aus. Dort wohnt Herr Harry, der bleibt am längsten
    auf. Will noch eine Weile in die Schenke. Gut Nacht!
SUNTRARD. Schlaf wohl, Freund Löwener. Komm Knabe, gehen zur Mutter.
 
                                  Zweite Szene
                            Öder Strand. Im Norden.
KOLLMER allein. Hier pflegt er umzugehn, dies ist der Strand.
    Den er einförmig mit den Schritten misst.
        Mich wundert, wo er bleiben mag. Vielleicht
    Trieb ihn sein irrer Sinn auf andre Pfade,
    Denn oft konnt ich gewahren, dass sein Geist
    Und Körper auf verschiedner Fährte gehn.
        O wunderbar! mich jammert sein Geschick,
    Denk ich daran, was doch kaum glaublich scheint,
    Dass die Natur in einem Sterblichen
    Sich um Jahrhunderte selbst überlebt -
    Wie? tausend Jahre? - tausend - ja nun wird mir
    Zum ersten Male plötzlich angst und enge,
    Als müsst ich's zählen auf der Stell, durchleben
    In einem Atemzug - Hinweg! man wird zum Narren!
        Hm, tausend Jahr; ein König einst! - o eine Zeit
    So langsam, als man sagt, dass Steine wachsen.
    Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft -
    Gäb es für die Vernunft ein drittes noch,
    So müsst er dort verweilen in Gedanken.
        Sind's aber einmal tausend, ja, so können
    Unzählige noch kommen; sagt man nicht
    Dass auch ein Ball, geworfen über die Grenze
    Der Luft, bis wo der Erde Atem nicht mehr hinreicht,
    Nicht wieder rückwärts fallen könne, nein
    Er müsse kreisen, ewig, wie ein Stern.
    So, fürcht ich, ist es hier.
        Auch spricht man von der Inselgöttin Weila,
    Dass sie ein Blümlein liebgewann von seltner
    Und nie gesehner Art, ein einzig Wunder,
    Dies schloss die Göttin in das klare Wasser
    Des härtsten Diamants ein, dass es daure
    Mit Farben und Gestalt; wahrhaftig nein,
    Ich möchte so geliebt nicht sein von Weila,
    Doch diesem König hat sie's angetan.
        Oft ahnte mir, er selber sei ein Gott,
    So anmutsvoll ist sein verfinstert Antlitz;
    Das ist sein grösstes Unglück, darum ward,
    Wie ich wohl deutlich merke, eine Fee
    Von heisser Liebe gegen ihn entzündet,
    Und er kann ihrem Dienste nicht entgehn,
    Sie hat die Macht schon über ihn, dass er,
    Sooft sich ihr Gedanke nach ihm sehnt,
    Tag oder Nacht, und aus der fernsten Gegend,
    Nach ihrem Wohnsitz plötzlich eilen muss.
    Wenn dieser Ruf an ihn ergeht, so reisst
    Der Faden seines jetzigen Gedankens
    Auf einmal voneinander, ganz verändert
    Erscheint sein Wesen, hellres Licht durchwittert
    Des Geistes Nacht, der längst verschüttete Brunn
    Der rauhen und gedämpften Rede klingt
    Mit einmal hell und sanft, sogar die Miene
    Scheint jugendlicher, doch auch schmerzlicher:
    Denn greulich ist verhasster Liebe Qual.
        Drum sinnt er sicherlich in schwerem Gram,
    Wie er sich ledig mache dieser Pein;
    Dahin auch deut ich jene Worte mir,
    Die er einst fallenlassen gegen mich:
    »Willst du mir dienstbar sein, so gehe hin
    Zur Stadt, dort liegt in einem unerforschten Winkel
    Ein längst verloren Buch von seltner Schrill,
    Das ist geschrieben auf die breiten Blätter
    Der Tranuspflanze, so man göttlich nennt,
    Das suche du ohn Unterlass, und bring es.«
    Drauf lächelt' er mitleidig, gleich als hätt er
    Unmögliches verlangt, und redete
    Zeiter auch weiter nicht davon. Nun aber
    Kam mir zufällig jüngst etwas zu Ohren
    Von ein paar schmutzigen, unwissenden Burschen,
    Die hätten der Art einen alten Schatz
    Bestäubt und ungebraucht im Hause liegen.
    Vielleicht, es träfe sich; so will ich denn
    Vom König nähere Bezeichnung hören;
    Doch aber zweifl' ich, zweifle sehr - Horch! ja, dort kommt er
    Den Hügel vor. O trauervoller Anblick!
    Sein Gang ist müde. Horch, er spricht mit sich.
KÖNIG. O Meer! Du der Sonne
    Grüner Palast mit goldenen Zinnen!
    Wo hinab zu deiner kühlen Treppe?
KOLLMER. (Ob ich es wagen darf, ihn anzurufen?)
    Mein teurer König!
KÖNIG. Wer warf meinen Schlüssel in die See?
KOLLMER. Mein hoher Herr, vergönnt -
KÖNIG ihn erblickend.
    Was willst du hier? Wer bist du? Fort! Hinweg!
    Fort! willst du nicht fort? Fluch auf dich!
KOLLMER. Kennst du mich nicht mehr? dem du manches Mal
    Dein gnädig Antlitz zugewendet hast?
KÖNIG. Du bist's, ich kenne dich. So sag mir an,
    Wovon die Rede zwischen uns gewesen
    Das letztemal. Mein Kopf ist alt und krank.
KOLLMER. Nach jenem Buche hiessest du mich suchen.
KÖNIG. Wohl, wohl, mein Knecht. Doch suchet man umsonst,
    Was Weila hat verscharrt, die kluge Jungfrau,
    Nicht wahr?
KOLLMER. Gewiss, wenn nicht ihr Finger selbst
    Mich führt; wir aber hoffen das, mein König.
    Für jetzt entdeck mir mehr vom heilgen Buche.
KÖNIG. Mehr noch, mein Knecht? das kann schon sein, kann sein,
    Will mich bedenken; wart, ich weiss sehr gut -
    - Wär vor der Stirn die Wolke nicht! merkst du?
    Elend! Elend! hier, hier, merkst du? die Zeit
    Hat mein Gehirn mit zäher Haut bezogen.
    Manchmal doch hab ich gutes Licht...
KOLLMER. Ach Armer!
    Lass, lass es nur, sei ruhig! Herr, was seh ich?
    Was wirfst du deine Arme so gen Himmel,
    Ballst ihm die Fäust ins Angesicht? Mir graut.
KÖNIG. Ha! mein Gebet! meine Morgenandacht! Was?
    Willst einen König lehren, er soll knien?
    Seit hundert Jahren sind ihm wund die Kniee -
    Was hundert -? o ich bin ein Kind! Komm her,
    Und lehr mich zählen - Alte Finger! Pfui!
    Auf, Sklave, auf! Ruf deine Brüder all!
    Sag an, wie man der Götter Wohnung stürmt!
    Sei mir was nütze, feiger Schurke du!
    Die Hölle lass uns stürmen, und den Tod,
    Das faule Scheusal, das die Zeit verschläft,
    Herauf zur Erde zerren ans Geschäft!
    Es leben noch viel Menschen; Narre du,
    Mir ist es auch um dich! willst doch nicht ewig
    Am schalen Lichte saugen?
KOLLMER. Weh! er raset.
KÖNIG. Still, still! Ich sinne was. Es tut nicht gut,
    Dass man die Götter schmähe. Sag, mein Bursch,
    Ist dir bekannt, was, wie die Weisen meinen,
    Am meisten ist verhasst den sel'gen Göttern?
KOLLMER. Lehr mich's, o König.
KÖNIG. Das verhüte Weila,
    Dass meine Zunge nennt was auch zu denken
    Schon Fluch kann bringen. - Hast du wohl ein Schwert?
KOLLMER. Ich habe eins.
KÖNIG. So schone deines Lebens,
    Und lass uns allezeit die Götter fürchten! -
    Was hülf es auch, zu trotzen? Das Geschick
    Liegt festgebunden in der Weissagung,
    So deins wie meines. Nun - wohlan, wie lautet
    Der alte Götterspruch? ein Priester sang
    Ihn an der Wiege mir, und drauf am Tag
    Der Krönung wieder.
KOLLMER. Gleich sollst du ihn hören;
    Du selber hast ihn neulich mir vertraut.
Ein Mensch lebt seiner Jahre Zahl:
Ulmon allein wird sehen
Den Sommer kommen und gehen
Zehnhundertmal.
Einst eine schwarze Weide blüht,
Ein Kindlein muss sie fällen,
Dann rauschen die Todeswellen,
Drin Ulmons Herz verglüht.
Auf Weilas Mondenstrahl
Sich Ulmon soll erheben,
Sein Götterleib dann schweben
Zum blauen Saal.
KÖNIG. Du sagst es recht, mein Mann; ein süsser Spruch!
    Mich dünkt, die wen'gen Worte sättigen rings
    Die irdische Luft mit Weilas Veilchenhauch.
KOLLMER. Ergründest du der Worte Sinn, o Herr?
KÖNIG. Ein König, ist er nicht ein Priester auch?
    Still, meine heil'ge Seele kräuselt sich,
    Dem Meere gleich, bevor der Sturm erscheint,
    Und wie ein Seher möcht ich Wunder künden,
    So rege wird der Geist in mir.
    - Freilich, zu trüb, zu trüb ist noch mein Aug -
    Ha, Sklave, schaff das Buch! mein lieber Sklave!
KOLLMER. Beschreib es mir erst besser.
KÖNIG. Nur Geduld.
    Ich sah es nie und kein gemeiner Mensch.
    Von Priesterhand verzeichnet steht darin,
    Was Götter einst Geweihten offenbarten,
    Zukünftger Dinge Wachstum und Verknüpfung;
    Auch wie der Knoten meines armen Daseins
    Dereinst entwirrt soll werden, deutet es.
    (Lass mich vollenden, weil die Rede fliesst -)
    Im Tempel Nidru-Haddin hütete
    Die weise Schlange solches Heiligtum,
    Bis dass die grosse Zeit erfüllet war,
    Und alle Menschen starben; sieh, da nahm
    Die Göttin jenes Buch, und trug es weg
    An andern Ort, wer wollte den erkunden?
    Auch meinen Schlüssel nahmen sie hinweg,
    Die Himmlischen, und warfen ihn ins Meer.
KOLLMER. Herr, welchen Schlüssel?
KÖNIG. Der zum Grabe führt
    Der Könige.
KOLLMER. Was zitterst du? erbleichst?
KÖNIG. Die Zaubrin lockt - Tereile reisst an mir -
    Leb wohl! Ich muss -
                      Beide nach verschiedenen Seiten ab.
 
                                  Dritte Szene
                                     Nacht.
   Ein offener, grüner Platz an einem sanften Waldabhang beim Schmettenberg,
                           ohnweit des Flusses Weila.
 Tereile, eine junge Feenfürstin. Kleine Feen um sie her. König an der Seite,
                               mehr im Vorgrund.
THEREILE. Seid ihr alle da?
MORRY. Zähl nur, Schwester, ja!
THEREILE. Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben.
    Silpelitt ist ausgeblieben!
    Hat doch stets besondre Nester!
    Nun, so sucht, ihr faulen Dinger,
    Steckt euch Lichtlein an die Finger!
                              Kinder eilen davon.
MORRY die heimlich zurückbleibt, leise.
    Weite!
WEITHE. Was?
MORRY. Siehst du nicht dort
    Ihren Buhlen bei der Schwester?
    Darum schickt sie uns nun fort,
    Dieses hat was zu bedeuten.
WEITHE. Ei, sie mag ihn gar nicht leiden.
MORRY. Bleibe doch! und lass uns lauschen,
    Wie sie wieder Küsse tauschen.
    Guck, wie spröd sie tut zum Scheine,
    Trutzig ihre Zöpfe flicht!
    Sie nur immer ist die Feine,
    Unsereins besieht man nicht.
WEITHE. Aber wir sind auch noch kleine.
MORRY. Nun, so sag, ist dieses Paar
    Nicht so dumm wie eines war?
    Darf sich süsse Feenbrut
    Einem Sterblichen wohl gatten?
    Beide zwar sind Fleisch und Blut
    Doch die Braut wirft keinen Schatten.
WEITHE. Ja, das ist doch unanständig.
MORRY. Aber stets war sie unbändig.
WEITHE. Morry, lass uns lieber fort!
    Mir wird angst an diesem Ort
MORRY. Wie sich wohl dies Spiel noch endet!
    Beide stehen abgewendet;
    Wahrlich, wie im tiefsten Schlummer
    Steht der König, unbeweglich.
WEITHE. Ach, wie traurig scheint der Mann!
    Liebe Schwester, ist's nur möglich,
    Dass man so betrübt sein kann?
MORRY. Seine Stirne, voller Kummer,
    Seine Arme sind gesenkt!
WEITHE. Was nur unsre Schwester denkt!
MORRY. Wär er mir wie ihr so gut,
    Ich liess mich küssen wohlgemut.
WEITHE. Bitte, komm und lass uns gehn!
    Wollen nach dem Walde sehn,
    Ob die holden Nachtigallen
    Bald in unsre Netze fallen. Beide ab.
 
                                  Vierte Szene
                           König und Tereile allein.
KÖNIG für sich.
    Still, sachte nur, mein Geist; gib dich zur Ruhe!
    Lagst mir so lang in ungestörter Dumpfheit,
    Hinträumend allgemach ins Nichts dahin,
    Was weckt dich wieder aus so gutem Schlummer?
    Lieg stille nur ein Weilchen noch!
        Umsonst! umsonst! es schwingt das alte Rad
    Der glühenden Gedanken unerbittlich
    Sich vor dem armen Haupte mir!
    Will das nicht enden? musst du staunend immer
    Aufs neue dich erkennen? musst dich fragen,
    Was leb ich noch? was bin ich? und was war
    Vor dieser Zeit mit mir? - Ein König einst,
    Ulmon mein Name; Orplid hiess die Insel;
    Wohl, wohl, mein Geist, das hast du schlau behalten;
    Und doch misstrau ich dir; Ulmon - Orplid -
    Ich kenne diese Worte kaum, ich staune
    Dem Klange dieser Worte - Unergründlich
    Klafft's da hinab - O wehe, schwindle nicht!
        Ein Fürst war ich? So sei getrost und glaub es.
    Die edle Kraft der Rückerinnerung
    Ermattete nur in dem tiefen Sand
    Des langen Weges, den ich hab durchmessen;
    Kaum dass manchmal durch seltne Wolkenrisse
    Ein flüchtges Blitzen mir den alten Schauplatz
    Versunkner Tage wundersam erleuchtet.
    Dann seh ich auf dem Trone einen Mann
    Von meinem Ansehn, doch er ist mir fremd,
    Ein glänzend Weib bei ihm, es ist mein Weib.
    Halt an, o mein Gedächtnis, halt ein wenig!
    Es tut mir wohl, das schöne Bild begleitet
    Den König durch die Stadt und zu den Schiffen.
    Ja, ja, so war's; doch jetzt wird wieder Nacht. -
    Seltsam! durch diese schwanken Luftgestalten
    Winkt stets der Turm von einem alten Schloss,
    Ganz so, wie jener, der sich wirklich dort
    Gen Himmel hebt. - - Vielleicht ist alles Trug
    Und Einbildung und ich bin selber Schein.
                Er sinkt in Nachdenken; blickt dann wieder auf.
    Horch! auf der Erde feuchtem Bauch gelegen
    Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen,
    Indessen dort, in blauer Luft gezogen,
    Die Fäden leicht, kaum hörbar fliessen,
    Und hin und wieder mit gestähltem Bogen
    Die lustgen Sterne goldne Pfeile schiessen.
THEREILE noch immer in einiger Entfernung.
    Wie süss der Nachtwind nun die Wiese streift,
    Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft!
    Da noch der freche Tag verstummt,
    Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge,
    Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge
    Der reingestimmten Lüfte summt.
KÖNIG. Vernehm ich doch die wunderbarsten Stimmen
    Vom lauen Wind wollüstig hingeschleift,
    Indes mit ungewissem Licht gestreift
    Der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen.
THEREILE. Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal,
    Durchsichtiger und heller aufzuwehen,
    Dazwischen hört man weiche Töne gehen
    Von sel'gen Elfen, die im blauen Saal
    Zum Sphärenklang,
    Und fleissig mit Gesang,
    Silberne Spindeln hin und wieder drehen.
KÖNIG. O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt
    Auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet,
    Und luftig schwirrender Musik bedienet
    Sich nun dein Fuss zum leichten Schritt,
    Womit du Stund um Stunde missest,
    Dich lieblich in dir selbst vergissest -
    Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit!
                      Tereile legt sich auf einen Rasen,
                das Auge sehnsüchtig nach dem Könige gerichtet.
                    Er fährt fort, mit sich selbst zu reden.
    Im Schoss der Erd, im Hain und auf der Flur
    Wie wühlt es jetzo rings in der Natur
    Von nimmersatter Kräfte Gärung!
    Und welche Ruhe doch, und welch ein Wohlbedacht!
    Dadurch in unsrer eignen Brust erwacht
    Ein gleiches Widerspiel von Fülle und Entbehrung.
    In meiner Brust, die kämpft und ruht,
    Welch eine Ebbe, welche Flut!
                                     Pause.
    Almissa - -! Wie? Wer flüstert mir den Namen,
    Den langvergessnen, zu?
    Hiess nicht mein Weib
    Almissa? Warum kommt mir's jetzt in Sinn?
    Die heilge Nacht, gebückt auf ihre Harfe,
    Stiess träumend mit dem
    Finger an die Saiten,
    Da gab es diesen Ton.
    Vielleicht genoss ich
    In solcher Stunde einst der Liebe Glück - -
                               Langes Schweigen.
                   Aufschauend endlich gewahrt er Tereilen,
                      die sich ihm liebevoll genähert hat.
    Ha! bin ich noch hier? Stehst du immer da?
    So tief versank ich in die stummen Täler,
    Die mir Erinnrung grub in mein Gehirn,
    Dass mir jetzt ist, ich säh zum erstenmal
    Dich, die verhafte Zeugin meiner Qual.
    O warf ein Gott mich aus der Menschheit Schranken,
    Damit mich deine fluchenswerte Gunst
    Gefesselt hält in seligem Erkranken,
    Mich sättigend mit schwülem Zauberdunst,
    Mir zeigend aller Liebesreize Kunst,
    Indes du dich in stillem Gram verzehrst
    Um den Genuss, den du dir selbst verwehrst?
    Denn dieser Leib, trotz deinen Mitteln allen,
    Ist noch dem Blut, das ihn gezeugt, verfallen;
    Umsonst, dass ich den deinen an mich drücke,
    Vergebens diese durstig schöne Brust,
    So bleiben unsre Küsse, unsre Blicke
    Fruchtlose Boten unbegrenzter Lust!
                                   Für sich.
    Weh! muss ich eitle Liebesklage heucheln,
    Mir Mitleid und Erlösung zu erschmeicheln? -
    Darum, unsterblich Weib, ich bitte sehr,
    Verkenne dich und mich nicht länger mehr!
    Verbanne mich aus deinem Angesicht,
    So endigst du dies jammervolle Schwanken,
    Mein unwert Bildnis trage länger nicht
    Im goldnen Netze liebender Gedanken!
THEREILE. Ganz recht! was ungleich ist, wer kann es paaren?
    Wann wäre Hochzeit zwischen Hund und Katze?
    Und doch, sie sind sich gleich bis auf die Tatze.
    Wie soll, obwohl er Flossen hat, der Pfeil
    Alsbald, dem Fische gleich, den See befahren?
    Hat ja ein jedes Ding sein zugemessen Teil;
    Doch weiss ich nichts, das wie des Menschen Mund
    So viel verschiedne Dienste je bestund.
    Ei, der kann alles trennen und vereinen,
    Kann essen, küssen, lachen oder weinen,
    Nicht selten spricht er, wenn er küssen soll;
    Muss aber einmal doch gesprochen sein,
    So ist es Wahrheit, sollt ich meinen,
    Schön Dank! da ist er aller Lügen voll.
    Denn sieh, mit welcher Stirn wirfst du mir ein,
    Wir glichen uns nur halb, und nur zum Schein?
    Kann der von Bitter sagen oder Süss
    Den ich den Rand noch nicht des Bechers kosten liess?
    Still, still! ich will nichts hören, nicht ein Wort!
    So wenig lohnt es sich mit dir zu rechten,
    Als wollt ich einem Bären Zöpfe flechten.
    Tu, was du magst. Geh, trolle dich nur fort!
    Ich bin des Schnickeschnackens müde.
KÖNIG. Ist es dein Ernst?
THEREILE. Ernst? o behüte!
    Jetzt überfällt mich erst die wahre Lust,
    Dir zum Verdruss dich recht zu lieben.
    Komm, lass uns tanzen! Komm, mein Freund, du musst!
                            Sie fängt an zu tanzen.
KÖNIG für sich. Wie hass ich sie! und doch, wie schön ist sie!
    Hinweg! mir wird auf einmal angst und bange
    Bei dieser kleinen golden-grünen Schlange.
    Von ihren roten Lippen träuft
    Ein Lächeln, wie drei Tropfen süsses Gift,
    Das in dem Kuss mit halbem Tode trifft.
    Ha! wie sie Kreise zieht, Anmut auf Anmut häuft!
    Doch stösst's mich ab von ihr, ich weiss nicht wie.
               Es ruft etwas entfernt: »Tereile! Ach Tereile!«
KÖNIG. Horch!
THEREILE. Die Kinder kommen: welch Geschrei!
 
                                  Fünfte Szene
                   Die Vorigen und die Kinder mit Silpelitt.
THEREILE. Was habt ihr denn? was ist geschehn? sprich, Malwy! Talpe, oder du!
MALWY. Ach Schwester!
THEREILE. Nun! Der Atem steht euch still. Wo habt ihr Silpelitt?
SILPELITT hervortretend. Hie bin ich.
MALWY. Als wir Silpelitt suchten, konnten wir sie gar nicht finden. Wir rannten
    wohl neun Elfenmeilen, darfst glauben, und stöberten in dem Schilf herum, wo
    sie zu sitzen pflegt, wenn sie sich verlaufen hat. Auf einmal an dem Fels,
    wo das Gras aus den mauligen Löchern wächst, steht Talpe still und sagt:
    »Hört ihr nicht Silpelitts Stimme, sie redet mit jemand und lacht.« Da
    löschten wir die Laternlein aus und liefen zu. Ach du mein! Tereile, da ist
    ein grosser, grausam starker Mann gewesen, dem sass Silpelitt auf dem Stiefel
    und liess sich schaukeln. Er lachte auch dazu, aber mit einem so tückischen
    Gesicht -
TALPE. Schwester, ich weiss wohl, das ist der Riese, er heisst der sichere Mann.
THEREILE. Über das verwegene, ungeratene Kind! Warte nur, du böses,
    duckmäuseriges Ding! Weisst du nicht, dass dieses Ungeheuer die Kinder alle
    umbringt?
TALPE. Bewahre, er spielt nur mit ihnen, er knetet sie unter seiner Sohle auf
    dem Boden herum und lacht und grunzt so artig dabei und schmunzelt so gütig.
THEREILE zum König. Mir tötete er einst den schönsten Elfen durch diese heillose
    Beschäftigung. Er ist ein wahrer Sumpf an Langerweile.
TALPE zu einem andern Kind. Gelt? ich und du wir haben ihn einmal belauscht, wie
    er bis über die Brust im Brulla-Sumpf gestanden, samt den Kleidern; da sang
    er so laut und brummelte dazwischen: ich bin eine Wasserorgel, ich bin die
    allerschönste Wassernachtigall!
THEREILE. Hast du dieses Ungetüm schon öfter besucht, Silpelitt? Ich will nicht
    hoffen.
SILPELITT. Er tut mir nichts zuleide.
KÖNIG für sich. Wer ist das Kind? Es gleicht den andern nicht.
    Mit sonderbarem Anstand trägt es sich,
    Und ernstaft ist sein Blick. Nein, dieses ist
    Kein Feenkind, vielleicht die Fürstin hat
    Es grausam aus der Wiege einst entführt.
                  Man hört in der Ferne eine gewaltige Stimme.
            Trallirra - a - aa - aü - ü -
            Pfuldararaddada - -!
                       Die Anwesenden erschrecken heftig.
                 Die Kinder hängen sich schreiend an Tereile.
THEREILE. Seid stille! seid doch ruhig! Er kommt gar nicht daher, es geht gar
    nicht auf uns. Zum König: Es ist die Stimme dessen, von dem wir vorhin
    sprachen.
KÖNIG. Horch!
THEREILE. Horcht! ...
KÖNIG. Dies ist der Widerhall davon; das Echo, das durch die Krümmen des Bergs
    herumläuft.
THEREILE. Habt gute Ruhe, Kinder. Jetzt muss er schon um die Ecke des Gebirges
    gewendet haben.
    Nun auf und fort ihr närrischen Dinger alle!
    Und sammelt tausend wilde Rosen ein;
    In jeder soll mit grünem Dämmerschein
    Ein Glühwurm, wie ein Licht, gebettet sein,
    Und damit schmückt, noch eh der Morgen wach,
    Mein unterirdisch Schlafgemach
    Im kühlen Bergkristalle!
                            Die Kinder hüpfen davon.
                   Tereile wendet sich wieder an den König.
    Du bist heut nicht gelaunt zum Tanz,
    Den alten Trotzkopf seh ich wieder ganz.
    Was möcht ich doch nicht alles tun,
    Dir nur die kleinste Freude zu bereiten!
    Lass uns in sanfter Wechselrede ruhn,
    Zwei Kähnen gleich, die aneinander gleiten.
    Sieh, wie die Weide ihre grünen Locken
    Tief in die feuchte Nacht der Wasser hängt,
    Indessen dort der erste Morgenwind
    Ihr ihre keuschen Blütenflocken
    Mutwillig zu entführen schon beginnt.
KÖNIG. Und siehst du nicht dies hohe Feenkind,
    Vom Atemzug der lauen Nacht beglückt,
    Nicht ahnend, welche schmeichelnde Gefahr
    Auf ihre Tugend nah und näher rückt?
THEREILE. Du bist ein Schalk! Dies ist nicht wahr!
KÖNIG. Gestatte wenigstens, dass wir nun scheiden,
    Und, möcht es sein, für immerdar;
    Ich sehe keine Rettung sonst uns beiden,
    Wenn nicht dein Herz, verbotner Liebe voll,
    So wie das meine, ganz verzweifeln soll.
THEREILE. O Gimpel! ich muss lachen über dich.
    Leb wohl für heute. Morgen siehst du mich.
                              Sie stösst ihn fort.
 
                                 Sechste Szene
THEREILE allein; nach einer Pause, auffahrend.
    O Lügner, Lügner! schau mir ins Gesicht!
    Sprich frei und frech, du liebst Tereile nicht!
    Dies nur zu denken zitterte mein Herz,
    Und hinterlegte sich's mit kümmerlichem Scherz.
    Nun steh mir, Rache, bei...! Doch dies ist so:
    Von nun an wird Tereile nimmer froh.
    Hätt ich den Hunger eines Tigers nur,
    Dein falsches Blut auf einmal auszusaugen!
    Ha, triumphiere nur, du Scheusal der Natur,
    Ich sah es wohl - allein mit blinden Augen.
    Doch, bleibt mir nicht die Macht, ihn festzuhalten?
    Ist er gefesselt nicht durch ein geheimes Wort?
    Ich bann ihn jeden Augenblick,
    Wenn ich nur will, zu mir zurück.
    So fliehe denn, ja stiehl dich immer fort,
    Ich martre dich in tausend Spukgestalten!
                             Sie sinnt wieder nach.
    Oft in der Miene seines Angesichts
    Ahnt ich schon halb mein jetziges Verderben;
    Ich hatte Wunden, doch sie taten nichts:
    Da ich sie sehe, muss ich daran sterben!
                                      Ab.
 
                                 Siebente Szene
Wirtsstube in der Stadt Orplid. Kollmer aus Elne und einige Bürger sitzen an den
                    Tischen umher, trinkend und schwatzend.
EIN WEBER. Hört, Kollmer! Ihr habt ja neulich wieder nach den beiden
    Lumpenhunden gefragt, von denen ich Euch sagte, dass sie gern die alte
    Chronik an Euch los wären, die kein Mensch lesen kann. Wenn Ihr noch Lust
    habt, so mögt Ihr dazutun, sie wollen's aufs Schloss dem gelehrten Herrn
    bringen, dem Harry; der ist Euch wie besessen auf dergleichen
    Schnurrpfeifereien aus.
KOLLMER. Seid ausser Sorgen, ich hab den Schatz schon in Händen und wir sind
    bereits halb handelseinig. Diesen Abend wird es vollends abgemacht.
GLASBRENNER. Wenn ich Euch raten darf, lasst Euch nicht zu tief mit den saubern
    Kameraden ein; Ihr habt sie sonst immer aufm Hals.
MÜLLER. Mir denkt's kaum, dass ich sie einmal sah.
WEBER. O sie liegen ganze Nachmittage im lieben Sonnenschein aufm Markt, haben
    Maulaffen feil, schlagen Fliegen und Bremsen tot und erdenken allerlei
    Pfiffe, wie sie mit Stehlen und Betrügen ihr täglich Brot gewinnen. Es sind
    die einzigen Taugenichtse, die wir auf der Insel haben; Schmach genug, dass
    man sie nur duldet. Wenn's nicht den Anschein hätte, als ob die Götter
    selbst sie aus irgendeiner spasshaften Grille ordentlich durch ein Wunder an
    unsern Strand geworfen, so sollte man sie lange ersäuft haben. Nehmt nur
    einmal: Unsere Kolonie besteht schon sechzig Jahre hier, ohne dass ausser den
    Störchen und Wachteln auch nur ein lebend Wesen aus einem fremden Weltteil
    sich übers Meer hieher verirrt hätte. Die ganze übrige Menschheit ist,
    sozusagen, eine Fabel für unsereinen; wenn wir's von unsern Vätern her nicht
    wüssten, wir glaubten kaum, dass es sonst noch Kreaturen gäbe, die uns
    gleichen. Da muss nun von ungefähr einem tollen Nordwind einfallen, die paar
    Tröpfe, den Unrat fremder Völker, an diese Küsten zu schmeissen. Ist's nicht
    unerhört?
SCHMIED. Wohl, wohl! Ich weiss noch als wär's von gestern, wie eines Morgens ein
    Johlen und Zusammenrennen war, es seien Landsleute da aus Deutschland. All
    das Fragen und Verwundern hätt kaum ärger sein können, wenn einer warm vom
    Mond gefallen wär. Die armen Teufel standen keuchend und schwitzend vor der
    gaffenden Menge, sie hielten uns für Menschenfresser, die zufällig auch
    deutsch redeten. Mit Not bracht man aus ihnen heraus, wie sie mit einer
    Ausrüstung von Dingsda, von - wie heisst das grosse Land? nun, von Amerika
    aus, beinah zugrund gegangen, wie sie, auf Booten weiter und weiter
    getrieben, endlich von den andern verloren, sich noch zuletzt auf einigen
    Planken hieher gerettet sahen.
GLASBRENNER. Hätt doch ein Walfisch sie gefressen! Der eine ist ohnehin ein
    Hering, der winddürre lange Flederwisch, der sich immer für einen gewesenen
    Informator ausgibt, oder wie er sagt, Professor. - Der Henker behalt alle
    die ausländischen Wörter, welche die Kerls mitbrachten. Ein Barbier mag er
    gewesen sein. Sein Gesicht ist wie Seife und er blinzelt immer aus triefigen
    Augen.
SCHMIED. Ja, und er trägt jahraus jahrein ein knappes Fräcklein aus Nanking, wie
    er's nennt, und grasgrüne Beinkleider, die ihm nicht bis an die Knöchel
    reichen, aber er tut euch doch so zierlich und schnicklich, wie von Zucker
    und bläst sich jedes Stäubchen vom Ärmel weg.
WEBER. Ich hab ihn nie gesehen, wo er nicht ängstliche, halbfreundliche
    Gesichter gemacht hätte, wie wenn er bei jedem Atemzug besorgte, dass ihm
    sein Freund, der Buchdrucker, eins hinters Ohr schlüge. Ich war Zeuge, als
    ihm dieser von hinten eine Tabakspfeife mit dem Saft auf seine Häupten
    ausleerte, um einen Anlass zu Händeln zu haben.
GLASBRENNER. Richtig, der mit dem roten schwammigten Aussehen, das ist erst der
    rechte; so keinen Säufer sah ich in meinem Leben. Sein Verstand ist ganz
    verschlammt, er redt langsam und gebrochen, auf zehn Schritte riecht er nach
    Branntwein.
WEBER. So haltet nur die Nase zu, denn dort seh ich beide edle Männer an der
    Tür.
KOLLMER. Sie werden mich suchen wegen des Kaufs. Auf Wiedersehn, ihr Herren!
                                      Ab.
SCHMIED. Was will denn der Kollmer mit dem unnützen Zeug, dem Buch, oder was es
    ist?
WEBER. Er sagt, er lege vielleicht eine Sammlung an von dergleichen alten
    Stücken.
SCHMIED. Ein sonderbarer Kauz. Es heisst auch, er gehe mit Gespenstern um.
WEBER. Man redt nicht gern davon. Was geht's mich an!
 
                                  Achte Szene
                          Eine kleine schlechte Stube.
BUCHDRUCKER allein; er steht an die Wand gelehnt mit geschlossenen Augen. Den
    Fund hab ich getan, nicht du! So ist die Sache. Du hast keinen Teil an der
    Sache, miserable Kreatur! Ich hab die Rarität entdeckt, ich hab im alten
    Keller im Schloss, hab ich das eiserne Kistel - alle Wetter! hab ich's nicht
    aufgebrochen? Willst gleich mein Stemmeisen an Kopf, Nickel verfluchter?
                        Er schaut auf und kommt zu sich.
    Wieder einmal geschlafen. Ah! - Der Musje Kollmer wird jetzt bald dasein.
    Muss ihn der Teufel just herführen, wenn ich besoffen bin? Nimm dich
    zusammen, Buchdrucker, halt die Augen offen, lieber Drucker. - Und der
    Tropf, der Wispel muss weg, wenn mein Besuch kommt, er geniert mich nur; der
    Affe würde tun, als gehörte der Profit ihm und die Ehre.
WISPEL kommt hastig herein. Durchaus mit Affektation. Bruder, geschwind! Wir
    wollen aufräumen, wir wollen uns ankleiden. Der Herr wird gleich kommen, er
    will Bunkt ein Uhr kommen. Jetzt haben wir gerade zwölf.
BUCHDRUCKER. Ja, man muss sich ein wenig einrichten. Ich will mich etwas putzen.
    Wenn ich mich heut mit lauem Wasser wasche, kann er zufrieden sein; er wird
    es zu rühmen wissen.
WISPEL geschäftig hin und her. Es kömmt darauf an dass ich in grösster Eile meine
    Toilette rangiere oder embelliere.
BUCHDRUCKER. Wo wirst du dich indessen aufhalten, während mich der Fremde
    spricht?
WISPEL schnell. Ich bleibe, Guter, ich bleibe. Wo ist das Zähnebürstchen, das
    Zäh - - die Schuhbürste wollt ich sagen. - Aber meine Zähne sind ebenfalls
    hässlich und teilweise ausgefallen. - Ei, was tut's aber? ich bekomme dadurch
    eine sehr weiche Aussprache, eine Diktion, die mich besonders bei den Damen
    sehr empfehlen muss, denn, verstehst du, weil der Buchstabe R in seiner
    ganzen Roheit gar nicht ohne die Zähne ausgesprochen werden kann, so darf
    ich von meinen ausgefallenen Zähnen füglich sagen, es seien lauter elidierte
    Erre. Durch dergleichen Elisionen gewinnt aber eine Sprache unendlich an
    süssem italienischem Charakter. Aber, mein Gott, dieses Hemd ist gar zu
    schmutzig - Nun!
BUCHDRUCKER stellt sich dicht neben ihn. Wo willst du denn hingehen, solang der
    Herr mich abfertigt, mich honoriert?
WISPEL. - und meine Kamaschen ebenfalls etwas abgetragen. Wie? Ich bleibe, ich
    bleibe, Bester.
BUCHDRUCKER. Vielleicht machst du in dieser Zeit einen Gang um die Stadt,
    Bruder? Geh, führ dich ab!
WISPEL. Freilich, wir sollten ihn eher an einem dritten Ort empfangen, du hast
    recht. Es ist doch gar zu unreinlich in unserm Zimmerchen, in unserm kleinen
    Appartementchen. Eine unsäuberliche Mansarde präsentiert sich nicht gut -
    malpropre.
BUCHDRUCKER für sich. Er muss fort - er muss fort. Wie er sich putzt! Ich würde
    wie ein Schwein aussehen neben ihm; neben seiner geläufigen Zunge müsste ich
    wie ein einfältiger unwissender Weinzapf dastehn. Ich kann es nicht
    ertragen, dass er zusehn soll, wie ich meinen Profit einstreiche, er würde
    gleich auch seine knöcherne Tatze dazwischenstrecken, mein Seel, er wär
    imstand und bedankte sich mit allerhand Ausdrücken für die Bezahlung. Laut.
    Was hast du denn in dem grossen Hafen da?
WISPEL. Es is nur ein Schmalznäpfchen, Bruder. Ich habe das Näpfchen unterwegs -
    ä - ä - entlehnt, um meine Haare ein wenig zu befetten, weil wir keine
    Pomade haben für unsre beiderseitigen Kapillen. Es is nur - e - nämlich, dass
    man nicht ohne alle Elegance erscheint vor dem Manne; mein Gott!
BUCHDRUCKER. Das ischt ja aber eine wahre Schweinerei!
WISPEL. Nämlich - ä - nein, es is -
BUCHDRUCKER für sich. Aber er wird sich doch gut damit herausstaffieren, er wird
    für einen Prinzen neben mir gelten. Herr Gott! was sich diese Spitzmaus
    einreibt! was sich dieser unscheinbare weisse Ferkel auf einmal
    herausstriegelt!
Der Buchdrucker taucht jetzt die Hand auch in den Topf und streicht sich's auf.
              Es stehen beide um den Tisch; in der Mitte der Topf.
WISPEL. Hör mal, Bruder, es soll gar ein kurioser Mann sein, auf Ehre; ganz
    eichen, welcher seine Liebhaberei an abenteuerlichen, seltsamen, dunkeln
    Redensarten und Ideen hat. Ich denke recht in ihn einzugehen, recht mit ihm
    zu konservieren. Ich freue mich sehr, wahrhaftig.
BUCHDRUCKER. Nein, nein, nein! bitt dich! just das Gegenteil! Je weniger man
    redt, je stummer und verstockter man ist, desto mehr nimmt man an Achtung
    bei diesem eigenen, allerdings raren Manne zu.
WISPEL. Gottlob, dass mich mein beseligter Vater in der Erziehung nicht
    vernachlässigte. Ich werde ihm z.B. von dem eigentlichen sinnigen Wesen der
    unterirdischen Quellen oder Fontänen, von den Kristallen unterhalten.
BUCHDRUCKER für sich. So wahr ich lebe, Kristallknöpfe trägt er wirklich an
    seinem Rock. Ich werde ihm auch von Korallen und Steinen allerhand sagen.
WISPEL im Ankleiden. Seit meiner berühmten Seefahrt hab ich gewiss allen Anspruch
    auf Distinktion, ich werde mich erbieten, ein praktisches Kollegium über
    Nautik und höhere Schwimmkunst vorzutragen; ich werde dem guten Kollmer
    überhaupt dieses und jenes Phantom kommunizieren. Und was das seltene Buch
    betrifft, so überlass nur mir, zu handeln. Man muss etwa folgendergestalt
    auftreten: Mein Herr! Es is'n Band, der, wie er einmal vor uns liegt, ohne
    Eigendünkel zu reden, in der Tat ein antiquarisches Interesse, eine
    antiquarische Gestalt annimmt. Wenn Sie zu dem bereits festgesetzten
    Kaufpreis, nämlich zu den drei Butten Mehl, dem Fässchen Honig und dem
    goldenen Kettlein, etwa noch eine Kleinigkeit, eine Hemdkrause eine
    Busennadel oder dergleichen - ä - hinzufügen wollten, so möcht es gehen. Nun
    macht er entweder Basta oder macht nicht Basta; ich werde jedoch auf jeden
    Fall delikat genug sein, um schnell abzubrechen; es wäre gemein, werd ich
    sagen, zu wuchern um etwas ganz Triwiales; transilieren wir auf andere
    Materie. Ich habe oft eigene Gedanken und Ideen, mein Herr, auch weiss ich,
    dass Sie nicht minder Liebhaber sind. So z.B. fällt mir hier ein, es wäre
    eichen, wenn sich ä - wart, ich hab es sogleich - Ja, nun eben stösst mir's
    auf, ich hab es: - nämlich in der Natur, wie sie einmal vor uns liegt,
    scheint mir alles belebt, rein alles, obgleich in scheinbarer Ruhe
    schlummernd und fantatisierend; so par exemple, wenn sich einmal die
    Strassensteine zu einem Aufruhr gegen die stolzen Gebäude verschwüren, sich
    zusammenrotteten, die Häuser stürzten, um selbst Häuser zu bilden? Wie?
    heisst das nicht eine geniale Fantaisie? Comment?
BUCHDRUCKER. Esel! So? Wenn sich die Finger meiner Hand auch zusammenrottieren
    und machen eine Faust und schlagen dir deinen Schafskopf entzwei? Comment?
WISPEL lächelt. Ä hä hä hä! ja das wäre meine Idee etwas zu weit ausgeführt,
    Bester. - Aber was treibst du -? Ciel! Deine Haare werden ja so starr wie
    ein Seil! Dein Haupt ist ja wie eine Blechhaube! Du leertest ja die Hälfte
    des Topfes aus!
BUCHDRUCKER. Alle Milliarden Hagel Donnerwetter! Warum sagst du's nicht gleich!
    du hundsföttischer neidischer Blitz!
                                Misshandelt ihn.
WISPEL. Himmel! wie konnt ich es früher äussern, da ich es in diesem Moment erst
    gewahre? so wahr ich lebe, Bruder - Himmel! du beschmutzest ja mein
    Fräckchen völlig - schlag auf die Wange, lieber auf die Wange! um deiner
    Freundschaft willen -
BUCHDRUCKER. Dass dich das höllische Pech! Du Krötenlaich! Du Stinktier!
    Schwerenot! die Brüh läuft mir den Hals runter! Ein' Kamm her! Ein' Kamm!
WISPEL trocknet ihn mit einem Tuch. So. So. Es is ja alles wieder gut und hübsch
    - Ich habe dich nie so glänzend gesehen, auf Ehre. So. Jetzt sind wir ja fix
    und fertig. Geht vor ein kleines Spiegelchen und hüpft freudig empor. Ach
    alle Engel! Ich sehe aus wie gemalt. Singt:
Das Bräutlein schön zu grüssen
Stürz ich vor ihre Füssen -
    Sieh her, du hättest eben freilich auch solche kleine Löckchen zwirbeln
    sollen - Schau - ich hab hier mehrere Dutzende auf der Stirn; allein du
    siehst, wie gesagt, nicht so übel aus, gar nicht so übel aus - Horch! Es
    klopft doch nicht?
BUCHDRUCKER. Lass es klopfen!
WISPEL. Schön gesagt! das erinnert treffend an Don Giovanni, wo der Geist
    auftreten muss - Eine treffliche Oper.
BUCHDRUCKER gibt ihm eine Ohrfeige. Da hast du einen Schiowanni und eine Ooper.
    Und jetzt gehst du auf der Stell, weil mich jemand sprechen will, weil ich
    einen Wert von drei Louisdor einnehmen will - Geh spazieren!
                              Man hört anklopfen.
WISPEL. Er kömmt! - Bruder - Was stösst mir auf - wir sind noch nicht balbiert!
BUCHDRUCKER. Lass dich vom Henker einseifen, Chinese!
WISPEL. Soll ich durch den Spalt wispern und sagen: er soll in einer halben
    Stunde wiederkommen, wir seien zwar schon rasiert, aber wir hätten - ä noch
    einen Brief zu schreiben?
BUCHDRUCKER. Dummer Hund! - Herein!
EIN MÄDCHEN des Wirts tritt herein. Drunten hat ein Knecht von Elne einige
    Sachen gebracht, und einen Gruss von Herrn Kollmer.
WISPEL. Mein! Will denn der Herr nicht selbst kommen?
MÄDCHEN. Scheint nicht.
WISPEL. Ich bin des Todes! Mich so um nichts und wieder nichts präpariert - mich
    bei zwei Stunden - o himmelschreiend! Denke nur, gutes Kind, ich hatte ihm
    die wichtigsten Eröffnungen zu machen!
MÄDCHEN. Mein Vater, der Wirt, lässt die Herren ersuchen, Sie möchten bei dieser
    Gelegenheit auch an die halbjährige Rechnung denken.
WISPEL. Ja Mädchen, ich wollte Herrn Kollmern sogar den Plan zur Grundlegung
    einer gelehrten Gesellschaft mitteilen. So was wie die Académie française.
MÄDCHEN. Der Vater lässt fragen, ob er Ihre Schuldigkeit nicht lieber gleich von
    den bei uns niedergelegten Sachen abziehen soll, die der Knecht gebracht
    hat.
WISPEL. So manche Erfindungen der gebildeten Europa dachte ich auch auf unserer
    armen Insel einzuführen! z.B. die Buchdruckerkunst, welch ein herrlicher
    Wirkungskreis gleich für dich, mein Bruder! - sodann die Fabrikation des
    Schiesspulvers - das Münzwesen - ein Nationalteater - ein hôtel d'amour -
    ich wollte der Schöpfer eines neuen Paris werden.
MÄDCHEN. Was sag ich denn meinem Vater als Antwort?
WISPEL. Und dieser Monsieur Kollmer wäre offenbar der einzige Mann, den ich mir
    assoziieren könnte.
MÄDCHEN. Ade, ihr Herren!
BUCHDRUCKER. Bleibe sie ein wenig bei uns, lieber Schatz. Vertreibe sie uns ein
    wenig die Zeit!
WISPEL. Ja, lassen Sie uns einiger Zärtlichkeit frönen!
                       Mädchen macht sich schnell davon.
BUCHDRUCKER nach einem Stillschweigen. Jetzt muss eine ganz besondere Massregel
    ergriffen werden, und ergib dich nur gutmütig drein.
WISPEL. Was soll dieser Strick, Bruder?
BUCHDRUCKER. Bei meiner armen Seele, und so wahr ich selig werden will, ich
    drehe dir den Kragen um, wenn du nicht alles stillschweigend mit dir
    anfangen lässt, was ich mit diesem Strick vorhabe.
WISPEL. Grand Dieu! o Himmel! nur schone mein bisschen Leben, nur juguliere mich
    nicht! bedenke, was ein Brudermord besagt!
BUCHDRUCKER. Schweig, sag ich! Er bindet ihm beide Füsse an einen Pfosten und
    knebelt ihn fest. So. Ich will nur nicht haben, dass du beim Auspacken meines
    Profits die Nase überall voraus habest, Racker! Addio indessen.
              Ab. Wispel wimmert und seufzt, dann fängt er in der
    Langeweile an, mit dem Saft seines Mundes künstliche Blasen nach Art der
     Seifenblasen zu bilden. Der Buchdrucker sieht ihm eine Zeitlang durchs
                 Schlüsselloch zu. Endlich schläft Wispel ein.
 
                                  Neunte Szene
                               Nacht. Mondschein.
 Waldiges Tal. Mummelsee. Im Hintergrunde den Berg herab gegen den See schwebt
ein Leichenzug von beweglichen Nebel gestalten. Vorne auf einem Hügel der König,
   starr nach dem Zuge blickend. Auf der andern Seite, unten, den König nicht
                          bemerkend, zwei Feenkinder.
DIE FEENKINDER im Zwiegespräch.
    Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät
    Mit Fackeln so prächtig herunter?
    Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
    Mir klingen die Lieder so munter.
                        Ach nein!
    So sage, was mag es wohl sein?
    Das was du da siehest ist Totengeleit,
    Und was du da hörest sind Klagen;
    Gewiss einem Könige gilt es zu Leid,
    Doch Geister nur sind's, die ihn tragen.
                        Ach wohl!
    Sie singen so traurig und hohl.
    Sie schweben hernieder ins Mummelseetal,
    Sie haben den See schon betreten,
    Sie rühren und netzen den Fuss nicht einmal,
    Sie schwirren in leisen Gebeten.
                        O schau!
    Am Sarge die glänzende Frau!
    Nun öffnet der See das grünspiegelnde Tor
    Gib acht, nun tauchen sie nieder!
    Es schwankt eine lebende Treppe hervor
    Und - drunten schon summen die Lieder.
                        Hörst du?
    Sie singen ihn unten zur Ruh.
    Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
    Sie spielen in grünendem Feuer,
    Es geisten die Nebel am Ufer dahin,
    Zum Meere verzieht sich der Weiher.
                        Nur still,
    Ob dort sich nichts rühren will? -
    Es zuckt in der Mitte! O Himmel, ach hilf!
    Ich glaube, sie nahen, sie kommen!
    Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
    Nur hurtig, die Flucht nur genommen!
                        Davon!
    Sie wittern, sie haschen mich schon!
   Die Kinder entfliehen. Der Zug streicht wieder den Berg hinan. Während er
          verschwindet, ruft der König mit ausgestreckten Armen nach.
KÖNIG. Halt! Haltet! Steht! Hier ist der König Ulmon!
    Ihr habt den leeren Sarg versenkt, o kommt!
    Ich, der ihn füllen sollte, bin noch hier.
    Almissa, Königin! hier ist dein Gatte!
    Hörst du nicht meine Stimme? kennst sie nimmer?
    Nein, kennst sie nimmer. Weh, o weh mir, weh!
    Könnt ich zur Leiche werden, sie vergönnten
    Mir auch so kühles Grab. Leb ich denn noch?
    Wach ich denn stets?
    Mir deucht, ich lag in dem kristallnen Sarge,
    Mein Weib, die göttliche Gestalt, sie beugte
    Sich über mich mit Lächeln; wohl erkannt ich
    Sie wieder und ihr liebes Angesicht.
    Fluch! wenn sie einen anderen begraben,
    Wenn einem Fremden sie so freundlich tat!
    Wie? so starb Lieb und Treue vor mir hin?
    Freilich, zu lange säumt ich hier im Leben -
    O Weila, hilf! lass schnell den Tod mich haben!
    Auf kurze Weile nur führ mich hinab
    Ins Reich der Abgeschiedenen, dass ich eilig
    Mein Weib befragen mag, ob sie mir Treue
    Bewahrt, bis dass ich komme.
    Und wenn dem nicht so wäre, wenn ich ganz
    Vergessen wäre bei den sel'gen Toten?
    O Weila hilf! Lass dieses Ärgste mich
    Nicht schauen, dies nur nicht! Denn eher fleh ich,
    Wenn deine Gotteit keinen Ausweg weiss,
    Lass lieber hier mich an der irdschen Sonne,
    Die traurgen Tage durch die Ewigkeit
    Fortspinnend, leben, fern gebannt von jenen,
    Die meine königliche Seele so Gekränkt.
    O schändlich, schändlich! unbegreiflich!
    Almissa, du mein Kind? Sollt ich das glauben?
                   Man hört eine besänftigende Musik. Pause.
    Das Nachtgesichte, das ich vorhin sah,
    Ich wag es nun zu deuten - Ja, mir sagt's
    Der tiefe Geist.
    Die Götter zeigten wohlgesinnt und gütig
    Im Schattenbilde mir das baldge Ende
    All meiner Not. Es war das holde Vorspiel
    Des Todes, der mir zubereitet ist.
    Vor Freude stürmt mein Herz!
    Und schwärmt schon an des Sees Ufern hin
    Wo endlich mir die dunkle Blume duftet.
    Oh, eilet, Götter, jetzt mit mir! Lasst bald
    Mich euren Kuss empfangen! sei es nun
    Im Wetterstrahl, der schlängelnd mich verzehre,
    Sei es im Windbauch, der die stillen Gräser
    Vorüberwandelnd neigt und weht die Seele
    Ulmons dahin.
                                      Ab.
 
                                  Zehnte Szene
                                    Mittag.
                            In der Nähe des Meeres.
KOLLMER allein.
    Welch Wunder wird geschehen durch dies Buch!
    Ja, welch ein Wunder hat sich schon ereignet
    In meiner Gegenwart! Denn als ich ihm,
    Dem König, jene Blätter übergab,
    Warf er sein Haupt empor mit solchem Blick,
    Als sollt es kommen, dass vom Himmel ein Stern
    Herniederschiessend rückwärts würde prallen
    Vorm Sterne dieses siegestrunknen Auges.
    Dann, alsbald meiner Gegenwart vergessend,
    Lief er mit schnellem Schritt davon. Gewiss
    Ist jenes dunkle Buch die Weissagung
    Und Lösung seines Lebens, es entüllet
    Das Rätsel der Befreiung - Horch,
    Es donnert! Horch! Die Insel zittert rings,
    Sie hüpfet wie ein neugebornes Kind
    In den Windeln des Meers!
    Neugierige Delphine fahren rauschend
    Am Strand herauf, zu Scharen kommen sie!
    Ha! welch ein lieblich Sommerungewitter
    Flammt rosenhell in kühlungsvoller Luft
    Und färbt dies grüne Eiland morgenfrisch!
    Ihr Götter, was ist dies? Mich wundert' nicht,
    Wenn nun, am hellen Tag, aus ihren Gräbern
    Gespenster stiegen, wenn um alle Ufer
    In grauen Wolken sich die Vorzeit lagerte!
                   Ein heftiger Donnerschlag. Kollmer flieht.
 
                                  Eilfte Szene
                                Mondnacht. Wald.
                 König tritt herein. Silpelitt springt voraus.
SILPELITT. Hier ist der Baum, o König, den du meinst,
    Den meine Schwester manche Nacht besucht;
    Das Haupt anlehnend pflegt sie dann zu schlummern.
KÖNIG. Von gelber Farbe ist der glatte Stamm,
    Sehr schlank erhebt er sich, und, sonderbar,
    Die schwarzen Zweige senken sich zur Erde,
    Wie schwere Seide anzufühlen. Kind,
    Wir sind am Ziel. Sei mir bedankt, du hast
    Mich mühsam den versteckten Pfad geleitet,
    Die zarten Füsse hat der Dorn geritzt,
    Doch sind wir noch zu Ende nicht. Sag mir -
SILPELITT. Ich will dir alles sagen, nichts verschweigen -
KÖNIG. Was hast du? Warum fängst du an zu zittern?
    Nicht dich zu ängstigen kam ich hieher.
SILPELITT. Nein, du musst alles wissen, aber nur
    Der Schwester sage nichts -
KÖNIG. Gewisslich nicht.
SILPELITT. Schon seit der Zeit, als ich mich kann besinnen,
    War ich Tereilen untertan, der Fürstin;
    Doch nur bei Nacht (dies ist der Feen Zeit)
    War ich gehorsam, gleich den andern Kindern;
    Allein am Morgen, wenn sie schlafen gingen,
    Band ich die Sohlen wieder heimlich unter,
    Nach Elnedorf zu wandern, und im Nebel
    Schlüpft ich dahin, von allen unbemerkt.
    Dort wohnt ein Mann, heisst Kollmer, dieser nennt
    Mich seine Tochter, warum? weiss ich nicht.
    Er meint, ich wäre gar kein Feenkind.
    Er ist gar gütig gegen mich. Bei Tag
    Sitz ich an seinem Tisch, geh aus und ein
    Mit andern Hausgenossen, spiele dann
    Mit Nachbarkindern in dem Hofe, oder
    Wenn ich nicht mag, so zerren sie mich her
    Und schelten mich ein stolzes Ding; ei aber
    Sie sind zuweilen auch einfältig gar.
    Zur Nachtzeit geh ich wieder fort und tue,
    Als lief ich nach der obern Kammertür,
    So glaubt der Vater auch, denn droben steht
    Mein Bettlein, wo ich schlafen soll. Allein
    Ich eile hinten übern Gartenzaun
    Durch Wald und Wiesen flugs zum Schmettenberg,
    Damit Tereile meiner nicht entbehre;
    Auch hat sie's nie gemerkt, doch einmal fast.
KÖNIG. Besorge nichts; vertraue mir; bald hörst du weiter.
         Silpelitt verliert sich während des Folgenden etwas im Walde.
KÖNIG. Dies ist die Frucht von einem seltnen Bund,
    Den vor elf Jahren eine schöne Fee
    Mit einem Sterblichen geschlossen hat;
    Nachher verliess sie ihn, ja sie benahm
    Ihm das Gedächtnis dessen, was geschah,
    Vermittelst einer langen Krankenzeit;
    Nur dieses Kind sollt ihm als wie ein eignes
    Lieb werden und vertraut. Ja, sonder Zweifel
    Ist es der Mann, der, wenn mein Geist nicht irrt,
    Mich oft besucht und mir das Buch verschafte.
    So also ward der Vater Silpelitts
    Zum ersten Werkzeug meiner Rettung weislich
    Erlesen von den Göttern, doch das Kind
    Soll noch das Werk vollenden, aber beide
    Erwartet gleicher Lohn. Dies liebliche Geschöpf
    Wird eine Handlung feierlicher Art
    Nach Ordnung dieses Buchs mit mir begehen,
    Und in dem Augenblicke, wo der Zauber
    Tereilens von mir weicht durch dieses Kinds
    Unschuldge Hand, ist auch das Kind befreit;
    Ein süss Vergessen kommt auf seine Sinne,
    Und der geliebte Vater wird in ihm
    Die eigne Tochter freudevoll umarmen.
    Zum ersten Male morgen, Silpelitt,
    Wirst du den Fuss ins kleine Bettlein setzen,
    Das noch bis jetzt dein reiner Leib nicht hat
    Berühren dürfen; dennoch sollst du glauben,
    Du wärst es so gewohnt, Tereile aber
    Wird dir ein fabelhafter Name sein.
    - Wo bleibst du, Mädchen?
SILPELITT kommend. Sieh, hier bin ich schon.
    Ich war den Felsen dort hinangeklettert,
    Mein' Schwester Morry hat einmal auf ihm
    'nen roten Schuh verloren.
KÖNIG. Sei bereit,
    Hier rechter Hand die Schlucht hinabzusteigen.
    Dort wirst du eine Grotte finden -
SILPELITT. Wohl.
    Ich kenne sie. Noch gestern hat der Riese,
    Der starke Mann, den Felsen weggeschoben.
    Jetzt ist der Eingang frei. Ich sah ihm zu
    Bei seiner Arbeit. Herr, die Erde krachte,
    Da er den Block umwarf, ihm stund der Schweiss
    Auf seiner Stirn, doch sang er Trallira!
    Und sagte: dies wär nur ein Kinderspiel.
    Dann nahm er mich und setzt' mich auf den Gipfel;
    Ich bat und weint, er aber liess mich zappeln,
    Bis ich ihm oben ein hübsch Liedchen sang.
    Nun trollt er weg und brummt: ich soll dich grüssen,
    Wenn du ihn wieder brauchest, sollst's nur sagen.
    Verzeih, dass ich's vergass.
KÖNIG. Schon gut; nun höre!
    Durch jene schmale Öffnung dringest du
    Zu einer Höhle, deren Innerstes
    Ein Schiessgerät mit einem Pfeil verwahrt.
    Dies beides hole mir.
                                   Sie geht.
    So lehret mich
    Das Buch des Schicksals, so heisst mich ein Gott.
    Dort lehnt ein uralt schwer Geschoss, zeiter
    Von keines Menschen Hand berührt, nur heute
    Soll dieser Bogen an das Tageslicht,
    Den Pfeil zu schleudern in den giftgen Auswuchs
    Reizvoller Liebe, die nach kurzem Schmerz
    Zur Heilung sich erholet. O Tereile,
    Ich nehme bittern Abschied, denn es fährt
    Die feige Schneide, die uns trennen soll,
    Bald rücklings in dein treues Herz; hier steht
    Der träumerische Baum, in dessen Saft
    Du unser beider Blut vor wenig Monden
    Hast eingeimpft.
    Jetzt kreiset es in süsser Gärung noch
    Im Innern dieses Stammes auf und nieder.
    Wie sehr die Nacht auch stille sei, mein Ohr
    Bestrebet sich vergeblich, zu vernehmen
    Den leisen Takt in diesem Webestuhl
    Der Liebe, die mit holden Träumen oft
    Dein angelehnet Haupt betört hat.
    Bald aber rinnet von dem goldnen Pfeil
    Der Liebe Purpur aus des Baumes Adern,
    Und alsbald aus der Ferne spürt dein Herz
    Die Qual der schrecklichen Veränderung,
    Doch nach vertobtem Wahnsinn wird im Schlummer
    Sich Ruhe senken auf dein Augenlid.
    O Himmel! wie verlangt mich nach Erlösung!
    Die Senne jenes göttlichen Geschosses
    Zu spannen, fordert tausendjährge Stärke,
    Ich habe sie; doch wahrlich, o wahrhaftig,
    Auch ohnedem fühl ich die Kraft in mir,
    Gleich jenem Gott, der den demant'nen Pfeil
    Zum höchsten Himmel schnellte, dass er knirschend
    Der Sonne Kern durchschnitt und weiterflog,
    Bis wo des Lichtes letzter Strahl verlöschte.
  Das Kind kommt zurück mit einer Art von Armbrust. Er spannt sie mit leichter
   Mühe, legt auf, und reicht sie dem Mädchen in der Richtung nach dem Baume.
               Silpelitt drückt ab und in dem Augenblicke wird es
ganz finster. Man hört ein Seufzen von der getroffenen Stelle her. Beide schnell
                                      ab.
 
                                 Zwölfte Szene
                               Vor Tagesanbruch.
                                      Tal.
                           Die Feenkinder treten auf.
MORRY. Hurtig! nur schnelle!
    Entspringt und versteckt euch
    Da hier ins Gebüsche!
    Lass keine sich blicken!
    Los bricht schon das Wetter.
TALPE. Was hast du? Was schnakst du,
MORRY. Gift speit die Schwester!
    Sie raset, sie heulet
    Mit Wahnsinnsgebärde
    Dort hinter dem Felsen
    Durchs Wäldchen daher.
WEITHE. Was ist ihr begegnet?
    Ach lasst uns ihr helfen!
    Hat Dorn sie gestochen?
    Eidechslein gebissen?
MORRY. Dummköpfige Ratte,
    Halt's Maul und versteck dich!
    Das ist ihre Stimme -
    Die Kniee mir zittern.
                   Alle ducken sich zur Seite ins Gesträuch.
THEREILE tritt auf.
    Sieh her! Sieh her, o Himmel!
    Seht an, seht an, ihr Bäume,
    Tereile, die Fürstin,
    Die Jammergestalt!
        Die Freud hin auf immer!
    Verraten die Treue!
    Und weh! nicht erreichen,
    Und weh! nicht bestrafen
    Kann ich den Verräter,
    Entflohen ist er.
        O armer Zorn!
    Noch ärmere Liebe!
    Zornwut und Liebe
    Verzweifelnd aneinandergehetzt,
    Beiden das Auge voll Tränen,
    Und Mitleid dazwischen,
    Ein flehendes Kind.
        Hinweg! kein Erbarmen!
    Ich muss ihn verderben!
    Ha! möcht ich sein Blut sehn,
    Ihn sterben sehen,
    Gemartert sterben
    Von diesen Händen,
    Die einst ihm gekoset,
    Die Stirn ist ihm gestreichelt -
    Wie zuckt mir die Faust!
        Vergebliche Rachlust!
    So reiss ich zerfleischend
    Hier, hier mit den Nägeln
    Die eigenen Wangen,
    Die seidenen Haare -
    Du hast sie geküsset,
    O garstiger Heuchler!
        Weh! Schönheit und Anmut -
    Was frag ich nach diesen!
    Ist Freud hin auf immer,
    Ist brochen die Liebe,
    Was hilft mir die Schönheit
    Was frag ich darnach!
        Und bleibt nichts zu hoffen?
    Ach leider, ach nimmer!
    Der Riss ist geschehen,
    Er traf aus der Ferne
    Mir jählings das Leben,
    Mein Zauber ist aus.
WEITHE hervorstürzend. Ich halt mich nicht -
O liebe süsse Schwester!
THEREILE. Du hier? und ihr? Was ist's, verdammte Fratzen?
WEITHE. Gewiss nicht lauschen wollten wir; sie fürchten
    Sich nur vor deiner argen Miene so,
    Da steckten wir uns neben ins Gebüsch.
THEREILE. Was glotzt ihr so, gefällt euch mein Gesicht?
    Könnt's auch so haben, wenn ihr wollt.
    Wo habt ihr Silpelitt? Antwort! ich will's!
WEITHE. Sei gütig, Schwester, wir verschulden's nicht;
    Sie fehlt uns schon seit gestern.
THEREILE. Wirklich? So?
    Ihr falschen Kröten! Ungeziefer! Was?
    Ich will euch lehren, eure Augen brauchen.
                                Misshandelt sie.
    Dass euch die schwarze Pest! Ja, wimmert nur!
    Ich brech euch Arm und Bein, ihr sollt's noch büssen!
                                    Alle ab.
 
                                Dreizehnte Szene
                        Nacht. Wald. Bezauberte Stelle.
                                  Feenkinder.
TALPE. Dies ist der Platz; dort steht die schwarze Weide.
    Was nun? sagt, wie befahl die Fürstin uns?
WINDIGAL. Was kümmert's mich? Ich rühre keine Hand.
TALPE. Hast du die Püffe schon versaust von gestern?
WINDIGAL. Pfui! Bückel und Beulen übern ganzen Leib!
    Ich lege mich ins weiche Moos; kommt nur,
    Wir ruhen noch ein Stündchen aus und plaudern;
    Zur Arbeit ist noch Zeit; die andern sind
    Auch noch nicht da. - Seht' eine feine Nacht!
MALWY. Vollmond fast gar.
WINDIGAL. Wir singen eins; passt auf!
                                  Sie singen.
        Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:
        Elfe!
        Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief;
        Elfe!
        Und meint', es rief ihm aus dem Tal
        Bei seinem Namen die Nachtigall,
        Oder Silpelitt hätt ihm gerufen.
        Drauf schlüpft's an einer Mauer hin,
        Daran viel Feuerwürmchen glühn:
        »Was sind das helle Fensterlein!
        Da drin wird eine Hochzeit sein,
        Die Kleinen sitzen beim Mahle
        Und treiben's in dem Saale;
        Da guck ich wohl ein wenig 'nein -«
        Ei, stösst den Kopf an harten Stein!
        Elfe, gelt, du hast genug?
        Gukuk! Gukuk!
MORRY kommt mit den andern.
    Ei brav. So? tut sich's? Nun, das ist ein Fleiss;
    Wollt ihr nicht lieber schnarchen gar? Tereile
    Wird euch fein wecken. Das vertrackte Volk,
    Noch bluten Maul und Nasen ihm, und doch
    Um nichts gebessert.
TALPE leise. Schaut, wie sie sich spreizt!
    Sie äfft der Schwester nach, als wenn sie nicht
    So gut wie wir voll blauer Mäler wäre.
MORRY. Den Baum sollt ihr umgraben, rings ein Loch,
    Bis tief zur Wurzel, dann wird er gefällt.
    Dies alles muss geschehen sein, bevor
    Die erste Lerche noch den Tag verkündet.
    Rasch, sputet euch, fasst Hacken an und Schaufel!
WINDIGAL. Hört ihr nicht donnern dort?
TALPE. Beim Käuzchen, ja.
    Es wetterleuchtet blau vom Häupfelberg,
    Der Mond packt eilig ein; gleich wird es regnen.
MORRY. Dann habt ihr leidlich graben. Frisch daran!
THEREILE tritt auf in Trauerkleidern, für sich.
    Zum letztenmal betritt mein scheuer Fuss
    Den Ort der Liebe, den ich hassen muss.
    Vor diesem Abschied wehret sich mein Herz
    Und krümmt sich wimmernd im verwaisten Schmerz!
    Verblutet hast du, vielgeliebter Baum,
    Vom goldnen Pfeil, zerronnen ist dein Traum.
    Wie grausam du es auch mit mir geschickt,
    Seist du zu guter Letzte doch geschmückt!
    Ach, mit dem Schönsten, was Tereile hat,
    Bekränzet sie der Liebe Leichenstatt:
    Ihr süssen Haargeflechte, glänzend reich,
    Mit dieser Schärfe langsam lös ich euch
    Umwickelt sanft die Wunde dort am Stamm!
    Noch quillt die Sehnsucht nach dem Bräutigam.
    Mit euch verwese Liebeslust und Leiden
    Auf solche will ich keine neuen Freuden!
    Und du, verwünschtes, mördrisches Geschoss,
    Um das die Träne schon zu häufig floss,
    Mein Liebling hat dich wohl zuletzt berührt,
    So nimm den Kuss, ach, der dir nicht gebührt!
    Und nun, ihr kleinen Schwestern, macht ein Grab,
    Und berget Stamm und Zweige tief hinab.
    Seid ohne Furcht, und wenn ich sonsten gar
    Zu hart und ungestüm und mürrisch war -
    Von heute an, geliebte Kinder mein,
    Wird euch Tereile hold und freundlich sein.
                                      Ab.
 
                                Vierzehnte Szene
                                    Morgen.
               Mummelsee. König steht auf einem Felsen überm See.
KÖNIG.
»Ein Mensch lebt seiner Jahre Zahl,
Ulmon allein wird sehen
Den Sommer kommen und gehen
Zehnhundertmal.
Einst eine schwarze Weide blüht,
Ein Kindlein muss sie fällen,
Dann rauschen die Todeswellen,
Drin Ulmons Herz verglüht.
Auf Weilas Mondenstrahl
Sich Ulmon soll erheben,
Sein Götterleib dann schweben
Zum blauen Saal.«
    So kam es und so wird es kommen. Rasch
    Vollendet sich der Götter Wille nun.
    Noch einmal tiefaufatmend in der Luft,
    Die mich so lang genährt, ruf ich mein Letztes
    Der Erde zu, der Sonne und euch Wassern,
    Die ihr dies Land umgebet und erfüllt.
    Doch du, verschwiegner See, empfängst den Leib,
    Und wie du grundlos, unterirdisch, dich
    Dem weiten Meer verbindest, so wirst du
    Mich flutend führen ins Unendliche,
    Mein Geist wird bei den Göttern sein; ich darf
    Mit Weila teilen bald das ros'ge Licht.
    Gehab dich wohl, du wunderbare Insel!
    Von diesem Tage lieb ich dich; so lass
    Mich kindlich deinen Boden küssen; zwar
    Kenn ich dich wenig als mein Vaterland,
    So stumpf, so blind gemacht durch lange Jahre
    Kenn ich nicht meine Wiege mehr; gleichviel,
    Du warst zum wenigsten Stiefmutter mir,
    Ich bin dein treustes Kind - Leb wohl, Orplid!
    Wie wird mir frei und leicht! wie gleitet mir
    Die alte Last der Jahre von dem Rücken!
    O Zeit, blutsaugendes Gespenst!
    Hast du mich endlich satt? so ekelsatt
    Wie ich dich habe? Ist es möglich? ist
    Das Ende nun vorhanden? Freudeschauer
    Zuckt durch die Brust! Und soll ich's fassen das?
    Und schwindelt nicht das Auge meines Geistes
    Noch stets hinunter in den jähen Trichter
    Der Zeit? - Zeit, was heisst dieses Wort?
    Ein hohles Wort, das ich um nichts gehasst;
    Unschuldig ist die Zeit; sie tat mir nichts.
    Sie wirft die Larve ab und steht auf einmal
    Als Ewigkeit vor mir, dem Staunenden.
    Wie neugeboren sieht der müde Wandrer
    Am Ziele sich.
    Er blickt noch rückwärts auf die leidenvoll
    Durchlaufne Bahn; er sieht die hohen Berge
    Fern hinter sich, voll Wehmut lässt er sie,
    Die stummen Zeugen seines bittern Gangs:
    Und so hat meine Seele jetzo Schmerz
    Und Heiterkeit zugleich. Ha! fühl ich mir
    Nicht plötzlich Kräfte gnug, aufs neu den Kreis
    Des schwülen Daseins zu durchrennen - Wie?
    Was sagt ich da? Nein! Nein! o gütge Götter,
    Hört nimmer, was ich nur im Wahnsinn sprach!
    Lasst sterben mich! O sterben, sterben! Nehmt,
    Reisst mich dahin! Du Gott der Nacht, kommst du?
    Was rauscht der See? was locken mich die Wellen -
    Was für ein Bild? Ulmon, erkennst du dich?
    Fahr hin! Du bist ein Gott! ...
 (Bei den letzten Worten stieg Silpelitt in der Mitte des Sees mit einem grossen
  Spiegel hervor, den sie ihm entgegenhielt. Wie der König sich im Bildnis als
 Knaben und dann als gekrönten Fürsten erblickt, stürzt er unmächtig vom Felsen
                             und versinkt im See.)
Das Spiel war beendigt. Das Pianoforte machte nach einigen erhebenden
Triumphpassagen zuletzt einen wehmütig beruhigenden Schluss, der den
übriggebliebenen Eindruck vom Grame Tereilens mild verklingen lassen sollte.
Die Gesellschaft erhob sich unter sehr geteilten Empfindungen. Einige, besonders
die Männer, klatschten den herzlichsten Beifall, drei oder vier Gesichter sahen
zweifelhaft aus und erwartungsvoll, was andere urteilen würden. Schon während
der Vorstellung war hin und wieder ein befremdetes, deutelndes Flüstern
entstanden, jetzt schienen ein paar hochweise unglückverkündende Frauennasen nur
auf Constanzens Miene und Äusserung gespannt, aber sie zogen sich eilig wieder
ein, als die liebenswürdige Frau ganz munter und arglos, bald dem Schauspieler,
bald Teobalden das ungeheucheltste Lob erteilte, wobei die Mehrzahl der Männer
und Damen fröhlich mit einstimmte Endlich konnten die Bedenklichen sich doch der
bescheidenen Frage nicht entalten, ob nicht irgend etwas Politisches,
Satirisches, Persönliches dem Stücke zugrunde liege? irgendein versteckter Sinn?
denn für das, was es nur obenhin an Poesie prätendiere, könne man es doch nicht
einzig nehmen.
    »Und warum denn nicht, meine Gnädigste?« fragte Larkens die Hofdame, indem
er jenes schneidend scharfe Gesicht zeigte, das einem durch die Seele ging.
    »Weil - weil - ich meinte nur -«
    »Aber wie? wenn ich Sie alles Meinens und Vermutens überhebe, wenn ich Sie
versichere, es ist ein reines Kindermärchen, womit ich Sie zu unterhalten wagte?
Doch Sie vermissen die Pointe dabei - ja, so ist der Dichter eben ein ruinierter
Mann!«
    »Er mag nur sorgen, dass er kein solcher wird, wenn man die Pointe wirklich
herausgefunden haben sollte«, raunte der Baron von Vesten einem Geheimenrat ins
Ohr und zog ihn beiseite »merken Sie denn nicht, dass das Ganze ein Pasquill auf
unsern verewigten König und seine Geschichte mit der Fürstin Viktorie ist?«
    »Was sagen Sie? Ja, wahrlich, jetzt geht mir ein Licht auf! Mir deucht, die
Figur im Schauspiel hatte Ähnlichkeit mit den Zügen des Höchstseligen -«
    »Allerdings! allerdings! nun? ist das aber nicht ein ungeziemender Spass? ist
es nicht impertinent von diesem Larkens? aber ich hielt ihn von jeher für einen
maliziösen Menschen.«
    »Fein und edel wär's auf keinen Fall, ich muss sagen, wenn es sich wirklich
so verhielte. Denn, was man auch behaupten mag, der Verewigte war doch ein
geistreicher, vortrefflicher Mann. Es ist seine Schuld nicht, dass er in der
Folge krank und elend wurde, dass er zum Verdruss gewisser Patrioten ein
übermässiges Alter erreichte, dass ihn die Fürstin - nun! könnten wir uns aber
nicht etwa täuschen, wenn wir diese Beziehungen -«
    »Täuschen? täuschen? Gerechter Gott! Sind Sie blind, Exzellenz? Stiess ich
denn nicht nach dem zweiten Auftritt gleich meine Frau an? und fiel es ihr nicht
auch plötzlich auf? Treffen nicht die meisten Umstände zu? Dass der Vogel sich
dann wieder hinter andere unwesentliche Züge versteckte, das hat er schlau genug
gemacht, aber er mag sich wahren; es gibt Leute, die die Lunte riechen, und ich
tue mir in der Tat etwas darauf zugute, dass ich die Bemerkung zuerst gemacht.«
    »Jedoch, nur das noch, Baron! mir deuchte doch, der alte Narr in der Piece
da, er benimmt sich, wenigstens der Absicht des Poeten nach, immer recht nobel,
besonders vis-à-vis der Hexe oder was es ist, und es widerfährt ihm, wie mir's
vorkam, zuletzt noch gleichsam göttliche Ehre.«
    »Spott! Spott! lauter infame Ironie! ich will mich lebendig verbrennen
lassen, wenn es was anders ist.« »Und wie gemein mitunter«, lispelte die
bleichsüchtige Tochter Vestins, hinzutretend, »wie pöbelhaft!«
    Die übrigen hatten sich inzwischen wieder in das vordere Zimmer begeben. Man
unterhielt sich noch eine Weile über das sonderbare Stück, allein bald stockte
das Gespräch ein vorsichtiges Ansichhalten, eine gewisse Verlegenheit teilte
sich auch dem Unbefangensten mit, es glaubten endlich mehrere, es müsse jemand
aus der Gesellschaft beleidigt worden sein, und man sah einander lauschend an.
Wer sich allein nicht irremachen liess, das war die schöne Wirtin des Hauses, und
dann Larkens selbst, welcher nur desto mehr schwatzte, lachte, dem Wein
zusprach, je kälter das Benehmen der übrigen war, das er im stillen gutmütig
mehr nur als eine verzeihliche Gleichgültigkeit gegen sein fremdartiges Produkt,
denn als Spannung auslegte.
    Da es übrigens schon spät war, ging man in kurzem auseinander. Constanze
beehrte den verkannten Schauspieler noch auf der Schwelle mit der Bitte, sein
Manuskript zu nochmaliger Erbauung dagelassen zu dürfen, und Freund Nolten bekam
eine, wie ihm schien, ungewöhnlich freundliche »Gute Nacht« mit auf den Weg.
Im Heimgehen machte Teobald seinen Begleiter auf jene Störung aufmerksam. »Gott
weiss«, antwortete Larkens, »was die Fratzen im Kopfe hatten! Am Ende war's nur
Unbeholfenheit, was sie zu dem exotischen Ding sagen sollten; wären wir doch
lieber damit zu Hause geblieben oder hätten ihnen eine gutbürgerliche Komödie
gegeben - Ei aber ein verdammter Streich müsst es doch sein, wenn sie eine
Neckerei mit der alten Majestät darunter suchten!«
    »Das fürcht ich«, erwiderte Nolten, »und riet ich dir nicht damals schon,
wie du mich mit der Sache bekannt machtest, es lieber bei dir zu behalten, weil
für keine Missdeutung zu stehen sei? Es war vorauszusehen. Denn dass dir der alte
Nikolaus und die Mätresse bei der ganzen Komposition vorgeschwebt, gestehst du
selber und hat sich heute nur zu sehr gerechtfertigt -«
    »Zumal«, unterbrach der andere ihn mit Gelächter, »zumal, wenn es wahr sein
sollte, dass dir selbst der Teufel auch einigemal in den Pinsel gefahren ist,
weil du, wie du sagtest, den herrlichen Kopf des Alten auf dem Porträt über
meinem Schreibtisch länger als rätlich war, ins Auge gefasst!«
    »Leid genug auf alle Fälle sollte mir's sein«, gestand Nolten nach einigem
Besinnen, »man weiss nicht, wie so was umkommt und sich in der Leute Mund
verunstaltet.«
    »Was da!« rief der andere, »wer wird so abgeschmackt sein und etwas Böses da
herauskombinieren wollen? weisst du mir was Tolleres? Gar zu klein fänd ich es
schon, wenn diese Kreaturen, die sich Gebildete nennen, überhaupt einem fremden
Gedanken dabei Raum geben und über das Poetische der schlichten Fabel
hinausgehen konnten. Aber das ist ganz in der Art eines schöngeistigen Klubs,
das weiss man ja lange. Lassen wir's halt gut sein; werden uns den Prozess nicht
machen.«
    So kamen die beiden in ihrer Wohnung an. Teobald, ganz nur in der heimlich
entzückten Erinnerung an die Güte der Geliebten schwelgend, liess sich den
ärgerlichen Gegenstand wenig anfechten, er freute sich auf die Stille seines
Zimmers, wo er ungestört mit seinem Herzen weiterreden konnte. Larkens pfiff wie
gewöhnlich, wenn er bei der Nachhausekunft den Schlüssel in die Türe steckte,
seine fröhliche Arie, und so überliess sich denn jeder sich selber.
    Dem Leser aber mag zum Verständnisse des Obigen Folgendes dienen.
    Der seit etwa zwei Jahren mit Tod abgegangene König Nikolaus, Vater und
Vorfahrer des regierenden, galt bis in sein späteres Alter für einen ausnehmend
schönen und auch sonst sehr begabten Mann. Er hatte mit einer ungleich jüngeren
Dame aus einem anverwandten Fürstenhause ein zärtliches Verhältnis, das die
letztere mit einiger Aufdringlichkeit und - so glaubte man - aus eigennützigen,
politischen Absichten auch dann noch fortzusetzen wusste, als der Monarch für die
Reize der Jugend bereits abgestorben sein sollte, oder ihnen auch wirklich schon
entsagt hatte. Aber Schwäche des Charakters, oder eine Verbindlichkeit, der er
nicht ausweichen konnte, machten ihn gegen die Zauberin nachgiebiger, als wohl
seinem Rufe dienlich war. Eine beschwerliche Nervenkrankheit, aber mehr noch die
Sorge, er genüge als Regent seinem Volke nimmer, verbitterte ihm vollends das
Leben, er sehnte sich mit einer Ungeduld, deren Ausbrüche oft schauerlich
gewesen sein sollen, dem Tod entgegen, und man wollte wissen, dass er einen
misslungenen Versuch zum Selbstmorde gemacht. Bekannt genug war die Anekdote,
wonach er einst in einem Anfall von Verzweiflung bitter scherzend ausgerufen.
»Der Himmel will einen neuen Metusalah aus mir haben, und Viktorie zerrt mich
mit Gewalt in die Jünglingsjahre zurück.« Diese Worte klangen um so komischer,
je mehr man der boshaften Meinung einiger Spötter trauen wollte, dass die
schneeweissen Locken Seiner Majestät sich noch immer nicht ungerne von den Rosen
der jungen Fürstin schmeicheln liessen. Wie dem auch gewesen sein mag - unter
denjenigen, welchen das Gedächtnis dieses merkwürdigen, früher sehr wohltätigen
Regenten höchst ehrwürdig, ja heilig blieb, war auch unser Larkens, und zwar
abgesehen von der persönlichen Gunst des Königs gegen ihn als Schauspieler, war
Nikolaus in seinen Augen ein grossartiges tragisches Rätsel der Menschennatur,
eine mächtige graue Trümmer an dem uralten Königspalast. Geschmäht von dem
Geschmacke einer frivolen Zeit, angestaunt von wenigen edleren Geistern, hätte
sich die herrliche Säule, wie sie bereits mit halbem Leibe schon in die Erde
eingesunken war, gramvoll lieber vollends unter den Boden verborgen mit ihren
für dieses Geschlecht unlesbar gewordenen Chiffern, aber es war anders mit ihr
beschlossen, und so konnte oder wollte sie auch den Trost nicht von sich
abwehren, dass ein jugendlicher Efeu sich liebevoll an ihr hinanschlinge.
    Zu entschuldigen ist es nun, wenn der Freund einen Teil jener Idee mit
frommem Sinne auf ein Gebilde seiner Phantasie übertrug, und gewissermassen eine
Apoteose jenes unglücklichen Fürsten liefern wollte, ohne weder zu hoffen noch
zu fürchten, dass andere, denen er seinen Versuch vorgeführt, auch nur
entfernterweise geneigt sein könnten, irgendeine - würdige oder unwürdige -
Deutung zu machen.
Es war eine überaus klare und schöne Winternacht. Die Glocke schlug soeben eilf.
Im Zarlinschen Hause war alles schon stille geworden, nur das Schlafzimmer der
Gräfin finden wir noch erhellt. Constanze, im weissen Nachtgewande, allein vor
einem Tischchen bei dem Bette sitzend, ist beschäftigt, die schönen Haare
loszuwickeln, das Ohrgehänge und die schmale Perlschnur abzulegen, die ihrem
Halse immer so einfach reizend gestanden. Sie hob die Schnur nachdenklich
spielend am kleinen Finger gegen das Licht, und wenn wir recht auf ihrer Stirne
lesen, so ist es Teobald, an den sie gegenwärtig denkt. Scheint es doch, als
wüsste sie, dass sie ihm diese Gabe verdanke, dass das Geschenk nur vermittelst
eines künstlichen Umwegs aus seiner Hand durch eine dritte in die ihre gelangt
war! - aber, in der Tat, sie wusste es nicht; und doch wiederholte sie sich heute
nicht zum erstenmal jene Worte, die er einst, im Anschaun ihrer Gestalt
verloren, gegen sie hatte fallenlassen. »Perlen«, sagte er, »haben von jeher
etwas eigen Sinn - und Gedankenvolles in ihrem Wesen für mich gehabt, und
wahrlich, diese hier hängen um diesen Hals, wie eine Reihe verkörperter
Gedanken, aus einer trüben Seele hervorgequollen. Ich wollte, dass ich es hätte
sein dürfen, der das Glück hatte, Ihnen das Andenken umzuknüpfen. Es liegt ein
natürliches unschuldiges Vergnügen darin, zu wissen, dass eine Person, die wir
verehren, der wir stets nahe sein möchten, irgendeine Kleinigkeit von uns bei
sich trage, wodurch unser Bild sich ihr vergegenwärtigen muss. Warum dürfen doch
Freunde, warum dürfen entferntere Bekannte sich einander nicht allemal in diesem
Sinne beschenken? muss das edlere Gefühl überall der Konvenienz weichen?«
    Constanze erinnerte sich gar wohl, wie sie damals errötete, und was sie
scherzhaft zur Antwort gab. Ach, seufzte sie jetzt vor sich hin, wüsste er, wie
tief ich sein Bild im Innersten des Herzens bewahre, er würde den Geber dieser
armen Zierde nicht beneiden.
    Unruhig stand sie auf, unruhig trat sie ans Fenster und liess den herrlich
erleuchteten Himmel mit aller seiner Ahnung, mit all seiner Hoheit auf ihre
Seele wirken. Die Liebe zu jenem Manne, von ihren ersten unmerklichen Pulsen bis
zu dem bestürzten Zustande des völligen Bewusstseins, von der Zeit an, wo ihr
Gefühl bereits zur Sehnsucht, zum Verlangen ward, bis zu dem Gipfel der
mächtigsten Leidenschaft - alles durchlief sie in Gedanken wieder und alles
schien ihr unbegreiflich. Sie sah unter leisem Kopfschütteln, mit schauderndem
Lächeln in die reizende Kluft des Schicksals hinab. Die Augen traten ihr über
wie damals in der Grotte, wo die noch getrennten Elemente ihrer Liebe, durch
Noltens unwiderstehliche Glut aufgereizt, zum erstenmal in volle süsse Gärung
überschlugen und alle Sinne umhüllten. Sie hatte nichts zu beweinen, nichts zu
bereuen, es waren die Tränen, die dem Menschen so willig kommen, wenn er, sich
selbst anschauend, das Haupt geduldig in den Mutterschoss eines allwaltenden
Geschicks verbirgt, das die Waage über ihm schweben lässt; er betrachtet sich in
solchen Momenten mit einer Art gerührter Selbstachtung, die höhere Bedeutsamkeit
einer Lebensepoche macht ihn in seinen eigenen Augen gleichsam zu einem seltenen
Pflegekinde der Gotteit, es ist, als fühlte er sich hoch an die Seite seines
Genius gehoben.
    Lange, lange noch starrte Constanze, stillversunken, einer Bildsäule gleich
an die Fensterpfoste angelehnt, hinaus in die schöne Nacht. Jetzt überwältigte
sie der Drang ihrer Gefühle; sie sank unwillkürlich auf die Kniee nieder, und
indem sie die Hände faltete, wusste sie kaum, was alles in ihrem Innern
durcheinanderflutete; und doch, ihr Mund bewegte sich leise zu Worten des
brünstigen Dankes, der innigsten Bitten.
    Nachdem sie sich wieder erhoben, glaubte sie, der Himmel wolle ihr in der
ruhigen Heiterkeit, wovon ihre Seele jetzt wie getragen war, Erhörung ihres
Gebets ankündigen. In der Tat, jetzt war sie auch beherzt genug, um endlich
nicht länger die Frage abzuweisen: was denn zuletzt von dieser Liebe zu hoffen
oder zu fürchten sei? was es mit Teobald, was es mit ihr werden solle? Sie
stellte sich aufrichtig alle Verhältnisse vor, sie verschwieg sich keine
Bedenken, keine Schwierigkeit, sie wog jegliches gegeneinander ab, und mehr und
mehr vertraute sie der Möglichkeit einer ehrenvollen und glücklichen
Vereinigung, ja, wenn sie sich genauer prüfte, so fand sie diese Hoffnung längst
vorbereitet im Hintergrund ihrer Seele gelegen. Aber nicht allzukühn durfte sie
ihr sich überlassen, denn schon der nächste Augenblick wies ihr so manches
Hindernis, worunter der Adelstolz der Familie keineswegs das geringste war, in
einem strengeren Lichte, als es ihr noch kaum vorher erschien. Es bemächtigte
sich ihrer eine nie empfundene Angst; sie wollte sich für heute der Sache ganz
entschlagen, sie griff nach einem Buche: umsonst, kein Gedanke wollte haften;
Mitternacht war vorüber; sollte sie sich niederlegen, schlafen? Es wäre
unmöglich gewesen, so bang, so heiss und unbehaglich wie ihr war.
    Ich will Emilien wecken, fiel ihr endlich ein, das Mädchen soll mit mir
plaudern. Sie bedachte sich um so weniger, die Gesellschaft des Kammermädchens
zu suchen, da zu ihrer Verwunderung wirklich noch der Schein eines Lichtes in
dem Erker zu sehen war, wo jene schlief. Sie ging leise über den Gang, öffnete
das Kabinett und fand das Mädchen fest eingeschlafen im Bette, daneben das
Licht, ausflammend in den Leuchter hinabgesunken. Eine offene Brieftasche und
eine Anzahl zerstreuter Blätter lag unter den Händen der Schlafenden. Auf einen
Anruf erwachte diese, heftig erschrocken, und ihre erste Bewegung war, schnell
Tasche und Papiere zu verbergen, so dass Constanze dadurch aufmerksam gemacht,
gelassen fragte: was sie hier gelesen?
    »Ach!« war die bebende Antwort, »zürnen Sie nicht, gnädige Frau! es sind
alte Briefe, die ich nach langer Zeit einmal wieder vornahm, und darüber muss der
Schlaf mich überrascht haben - wieviel Uhr ist es doch?«
    »Wieviel?« sagte Constanze, sie scharf ansehend, »ich denke es ist halb -
gelogen, was du da sprichst. Lass doch sehen!«
    »O bitte, liebste, süsse gnädige Frau! ich habe ja gewiss nichts Unrechtes -
aber erlassen Sie's mir!«
    »Nichts weiter, mein Kind, verlang ich, als einen Blick, mich zu
überzeugen.«
    So reichte denn Emilie mit Zittern alles hin, indem sie in lautes Weinen
ausbrach. Aber Constanze, wie musste sie erschrecken, als der Anblick der Tasche,
als die goldgedruckten Lettern T. N. auf der dunkelblauen Saffiandecke zur
Genüge den Eigentümer bezeichneten.
    »Wie kommst du zu diesem?« fragte sie, mit Mühe ihre Verlegenheit bergend.
    »Drüben«, schluchzte das Mädchen, »wo die Herren heute das Spiel machten,
lag die Tasche hinter dem Schattenspielkästchen, ich wollte mir nur die bunten
Gläser ein wenig besehen, und da - nun da nahm ich -«
    »Hinter dem Kästchen, sagst du?«
    »Ja ja, gnädige Frau! ich sage nun die reine Wahrheit, es hälfe mir ja doch
nichts mehr, und aufgeschlagen lag sie da, ganz nachlässig, als hätte man sie
eben erst gebraucht und dann vergessen; - richtig! die Bleifeder war auch
herausgenommen, sie muss noch auf dem Tischchen zu finden sein. Wahrhaftig, wäre
nicht alles so offen dagelegen, ich hätte mich nicht unterstanden.«
    »Eine Entschuldigung ist das in keinem Falle. Indessen - blieb nichts mehr
zurück? Sieh im Bette nach!«
    »Sie haben das letzte Papierchen.«
    »Ich werde das zu mir nehmen bis morgen. Lösche dein Licht. Gute Nacht!« -
Unwillig und ängstlich eilte sie auf ihr Zimmer. Dass das, was sie in Händen
hielt, Nolten zugehöre, zweifelte sie keinen Augenblick; auch wie es zu dem
Larkensschen Apparate gekommen, erklärte sie sich leicht daher, dass Teobald
einmal hinter die Gardine getreten war, um mit irgend etwas auszuhelfen, wobei
er vielleicht der Tasche bedurfte. Aber die Möglichkeit, es könnte ausser dem
Mädchen sonst noch jemand neugierig auf den Inhalt derselben gewesen sein,
beunruhigte sie um so stärker, je mehr sie Ursache hatte zu der Vermutung, dass
auch ihr Name und damit ein gefährliches Geheimnis darin berührt sein könnte.
Diese Rücksicht und vielleicht mitunter ein verzeihliches Interesse des eigenen
Herzens bewog sie, zwar mit beklommenem Atem, erst nur einen halben Blick, dann
einen ganzen, endlich mehrere und immer gierigere Blicke in die Blätter zu
werfen. Aber mitten im wärmsten Zuge riss ihr das Gefühl von etwas Unerlaubtem,
Verächtlichen die Tasche wieder aus der Hand. Vor lauter ängstlicher Hast hatte
sie bis jetzt nichts Zusammenhängendes lesen können, und sie sagte das ihrem
Gewissen zum Troste, während sie, dennoch mit einiger Überwindung, den Schatz
beiseite legte Allein plötzlich steigt ihr eine Besorgnis auf, die alles Blut in
ihre Wangen jagt. Sie hatte vorhin nur oberflächlich einige Briefe von zarter,
unbekannter Schrift gesehen, und, ohne zu wissen warum, an eine Schwester
Teobalds dabei gedacht; jetzt meldete sich noch ein ganz anderer Gedanke.
Entschlossen kehrte sie zu dem Gegenstande ihres Verdachts zurück und griff
einiges Geschriebene heraus, sie las und las, errötend, erblassend; ihr Busen
kämpfte mit lauten Schlägen; jetzt entfällt das Papier ihren Fingern, sie sinkt
auf das Lager, einer Leiche gleich, keines Lautes, keiner Träne mächtig.
    Ein Pochen an der Tür bringt sie endlich zu sich, sie fährt auf, und indem
sie verworren umherblickt, lächelt die Arme, wie fragend, ob jenes Entsetzliche
ihr bloss im Schlummer begegnet sei, und lächelt wieder, aber wie eine
Verzweifelte, da das Blatt auf dem Boden ihr die traurige Wahrheit bezeugt.
    Es klopfte von neuem an und eine klägliche Mädchenstimme liess sich hören:
»Nein! ich kann nicht ruhen, ich will erfrieren hier, bis ich sie gesprochen
habe, bis sie mir vergeben hat! - Gnädige Frau! Liebe! Gute!«
    Da keine Antwort erfolgte, bat es wiederholt im flehentlichsten Tone: »Um
Gottes willen, lassen Sie Emilien ein, nur auf zwei Minuten, nur auf zwei Worte!
Vergeben Sie mir!«
    »Ja, ja doch! geh nur, mein Kind!« erwiderte Constanze kaum hörbar, und das
Mädchen schlich getröstet weg, ohne alle Ahnung, welchen Schmerz sie ihrer
Herrin bereitet. Wir wagen es nicht, diesen Schmerz zu schildern. Aber wie alles
zum Äussersten und Unnatürlichen Gesteigerte sich nicht lange auf dieser Höhe
erhält, so fiel alsbald ein unwiderstehlicher tiefer Schlaf über die Erschöpfte
her und versenkte sie in ein wohltätiges Vergessen ihres mitleidswerten
Zustandes.
    Ebenso ruhig und gelassen wie vor einer Stunde, da der Blick der Sterne das
Gebet einer Glücklichen zu segnen schien, funkelten sie jetzt auf das Lager des
unglücklichsten Weibes herab. So rasch kann sich an die höchste irdische Wonne
das Dasein unübersehbaren Jammers drängen.
Noch ehe es vollkommen Tag geworden, erwachte Constanze, und leider schnell
genug besann sie sich auf den betäubenden Schlag. Sie bat Gott um Stärkung und
Fassung, stand ermattet auf und ordnete mit trockenem Aug die Brieftasche,
woraus ihr zum Überflusse noch eine Haarlocke, ohne Zweifel von der unbekannten
Briefstellerin, entgegenfiel.
    Sie erschien sich selber im Spiegel wie ein verändertes Wesen, das, seitdem
etwas Ungeheures mit ihm vorgegangen, gar nicht mehr in die bisherigen
Umgebungen, in diese Wände, unter diese Geräte passen wolle, es schien sie alles
umher wie einen lange entfernten Gast, ja als eine Abgeschiedene anzublicken,
und sie selbst kam sich mit ihrem schwanken Tritt, mit ihrem schmerzverklärten,
stillen Gefühl beinahe wie ein erst kurz aus dem Grabe Entlassenes vor, das noch
nicht festen Fuss gefasst und den Eindruck des letzten Todeskrampfes nur nach und
nach loswerden kann.
    Indessen sie sich langsam ankleidete, wunderte sie selbst ihre Ruhe, die
freilich mehr Stumpfheit zu nennen war. Sie eilte aus dem traurigen Gemach und
hinüber in die vorderen Zimmer, wo noch niemand war. Bald erschien die
Morgensonne in den Fenstern und lud zu Heiterkeit und Leben ein. Gedankenlos
schaute Constanze durch die Scheiben, und um nur etwas zu tun, rieb sie die
Meubles mit dem Staubtuch ab, wobei sie manchmal zerstreut innehielt. - Emilie
trat herein, voll Erstaunen, ihre Gebieterin schon hier zu treffen. »Ich habe
dir dein Geschäft abgenommen!« sagte die Gräfin freundlich, »siehst du, zum
Zeichen, dass ich wieder gut bin. Aber den Gefallen tu mir und rede kein Wort
weiter darüber.« Ein warmer Handkuss dankte der Gütigen.
    Sehr willkommen war es der sonderbar gestimmten Frau, als jetzt auch ihr
Bruder erschien. »Guten Tag, mein Schwesterchen! So früh wie der Vogel schon
auf? Die Sorge um das Gewächshaus trieb mich aus den Federn; das war eine
grimmkalte Nacht, mein Termometer zeigt fast fünfundzwanzig; ich muss nur
nachsehen, ob unten nichts gelitten hat.« »Ich darf dich begleiten!« sagte die
Gräfin und warf die Saloppe um. Ihr Wesen, erzwungen munter und verstört, machte
den Bruder einen Augenblick stutzig, aber er hatte fast keine Augen vor lauter
Erwartung, wie es im Garten stehe.
    Die streng frische Luft tat Constanzen wohl. In gereizten Stimmungen, wie
die ihrige jetzt war, hat der Mensch auf einige Sekunden vielleicht die höchste
Empfänglichkeit für die Natur, in welcher Gestalt sie ihm auch entgegentreten
mag; er möchte mit einem Sprung sich ganz nur ihrer Freundschaft, ihres göttlich
stillen Lebens bemächtigen, um auf einmal eine Last von alten Zuständen
abzuwerfen und zu vergessen. Aber dieses schnell aufflackernde Gefühl ist nur
der Sonnenblick, dem alsbald wieder die vorige Wolkentrübe folgt. Constanze
erwehrte sich so gut wie möglich. Doch als der Graf zu seiner grössten Freude die
Gewächse meist unverletzt fand, und bei jedem neuen Stocke bemüht war, die
Schwester von seinem Glück zu überzeugen, da konnte sie den wehmütigen Gedanken
nicht bei sich unterdrücken: wie war mir zumute in der Stunde, als diesen
Pflanzen, diesen edlen Stämmchen der Frost das Verderben drohte? Sie grünen noch
und blühen, wie auch ich noch aufrecht stehe, mir selber zum Wunder; aber
vielleicht der innerste Lebenskeim dieser zarten Staude ist doch angegriffen, es
wird sich zeigen, ob sie uns nicht mit dem blossen Scheine von Gesundheit
täuscht, ob nicht heute abend schon diese Knospe erstorben dahängt, und - -
    Constanzens künstliche Fassung war weg, sie eilte, ihr Gesicht bedeckend,
mit schnellen Schritten nach dem Hause zu. Bei dem Wiedersehen ihres Zimmers,
dessen Türe sie sogleich hinter sich zuriegelte, brach aller verhaltene Schmerz
mit doppelter und dreifacher Gewalt hervor, und sie überliess sich ihm ohne
Schonung. Nun erst überdachte sie, was geschehen war, nun erst wagte sie ganz in
den Abgrund ihres Elends hinabzutauchen. Wie begierig auch ihr Verstand mitunter
nach einer Auskunft, nach einem Troste umhertastete, wie scharfsinnig auch
selbst die Verzweiflung noch war, um einen erträglichen Zusammenhang der Sache
zu entdecken, um den ungeheuren Widerspruch, worin Nolten in dem
Doppelverhältnis zu ihr und einer Unbekannten erschien, beruhigend zu lösen oder
doch zu erklären, sie fand keinen Ausweg, keinen Schimmer von Licht. Verglich
sie alles dasjenige, wodurch er ihr die unzweideutigste Leidenschaft an den Tag
gelegt, mit den fremden Briefen, deren ganzer Ausdruck ein längst begründetes
und sehr blühendes Verlobtenverhältnis verriet, so blieb nichts übrig als
Teobalden für den ruchlosesten Heuchler zu erkennen, der zwei Geschöpfe
zugleich betrog, oder für einen Wahnsinnigen, Charakterlosen, welcher mit sich
selber in unerhörtem Zwiespalte lebt. Beides aber ist mit der ganzen Art und
Weise, wie Nolten sonst sich gab, schlechterdings nicht zu reimen. Denn selbst
die Spuren exzentrischen Wesens an ihm waren bei weitem gemässigter, als sie
zuweilen sogar an geachteten Männern von verwandtem Talente und Bestreben
hervorzutreten pflegen. Am wenigsten konnte Constanze die Güte seines Herzens
aufgeben. Jeder einzelne Moment, den sie sich zurückrief und worin sie in die
Falten seines eigensten Denkens und Empfindens geblickt zu haben glaubte, so
mancher Anlass, wo in wenigen treffend ausgesprochenen Worten über Leben, über
Kunst, ein gedrungener Strahl seines Gemüts aufgestiegen war und auf eine ganze
Versammlung anregend wirkte, endlich der ganze erschöpfende Begriff, den sie
sich nach so langem Umgange von ihm abgezogen hatte - alles stritt mit dem
finstern, unheimlichen Zerrbilde, das vielleicht ein blinder Zufall ihr
aufdringen wollte, sie zu schrecken, zu ängstigen, und worüber der Geliebte, der
wahre unverfälschte, wohl selbst verwundert lächeln würde. Ein Funke von
Hoffnung beschleicht sie, sie schaut aufs neue nach dem Datum der Briefe, sie
rechnet schnell Monate, Wochen, Tage, aber das Resultat ist immer nicht
tröstlich, immerhin fällt ein Teil der zärtlichen Korrespondenz in die Zeit, wo
Teobald Constanzen bereits unverkennbare Zeichen seiner Absichten gegeben. Und
gesetzt auch, die Neigung, wovon jene Briefe zeugen, wäre bloss eine einseitige -
was jedoch den Anschein gar nicht hat -, gesetzt, Nolten hätte, den Glauben des
Mädchens hinhaltend, sich indessen heimlich einer unglaublichen Veränderung
schuldig gemacht, was würde das Constanzen helfen? was hätte sie von einem
solchen Manne zu gewarten? wie möchte sie ein anderes Geschöpf um seine
teuersten Hoffnungen bestehlen? und ein Geschöpf, das sie wirklich nicht hassen
konnte, das allem nach das rührendste Bild der Unschuld, der hingebenden Liebe
ist? ja, wie konnte ihr die heisseste Liebe Teobalds nur im entfernten noch
schmeicheln, wenn diese der sündige Raub an einem fremden guten Wesen wäre?
    Aber noch immer war ja die Frage nicht überwunden, wie nur Nolten eines so
beispiellosen Betrugs fähig sein konnte?
    Constanzens Auge stand weit, gross, nachdenkend in einen Winkel des Zimmers
gerichtet, während ihr Geist sich nach und nach den unglückseligen Gedanken
zurechtarbeitete: es könne denn doch wohl einen Menschen geben, der aus
Schwäche, frevelhafter Selbstsucht und gelegentlich aus einem Rest
ursprünglicher Gutmütigkeit zusammengesetzt, vor andern, wie zum Teil auch vor
sich selber, einen Schein von Vortrefflichkeit zu erhalten und vor dem eigenen
Gewissen jede Untat zu rechtfertigen wisse, es lasse sich ein Grad von
Verstellung denken, der alle gewöhnlichen Begriffe übersteige. Der genaue Umgang
Teobalds mit Larkens, so wenig sie dem letztern bis jetzt misstraut hatte,
konnte sie nun, wenn sie sich der Meinungen anderer erinnerte, in ihrem Urteile
nur bestärken, und sie glaubte in ihm den Verführer entdeckt zu haben.
    Teilnehmend blickte sie aufs neue nach den Briefen Agnesens, sie entielt
sich nicht, den reinen harmonischen Sinn zu bewundern, welcher sich in jedem
Worte des Mädchens aussprach. »Arme Agnes!« sagte sie, »armes betrogenes Kind!
Ist es möglich? sollte er sich nicht der Sünde gefürchtet haben, diese Seele zu
hintergehen, wenn er sie auch nur so weit kennengelernt hatte, als ich sie aus
diesen Blättern kennenlernte? Gütiger Gott! solch ein Lamm und solch eine
Schlange, wie kommen sie zusammen? Mich hat Gottes Finger noch zu rechter Zeit
gewarnt, aber sie - tue ich recht, wenn ich sie ihrem Schicksal überlasse? ist's
nun nicht an mir, zu warnen? Ja, wahrlich, das kommt mir zu - - Und doch, es
könnte übereilt sein; wer weiss, ob ich Schlimmes nicht schlimmer machte, ob der
Verräter, wenn der Himmel ihn noch retten will, nicht einzig durch die Liebe
dieses Engels zu retten ist?«
    Der letzte Zweifel über die Gesinnungen Noltens verschwand vollends, als ein
Dokument von seiner eigenen Hand zum Vorschein kam - das Konzept eines
Schreibens an die Braut, das erst gestern entworfen worden war. Mit einem tiefen
Gefühle von Unwillen, von Wehmut, von Verachtung, ja von Schauder vernahm sie
hier die Sprache der beredtesten Liebe und einen sehr redlichen, männlich
klingenden Ton. Eine Stelle aber war ihr besonders merkwürdig. »Ich befand
mich«, hiess es, »diese letzte Zeit her in einem vielleicht nicht ganz löblichen
Rausche von Zerstreuungen aller Art, wobei denn die geistige Gestalt meiner
Agnes doch immer aufs lebendigste durchblickte. Ja, ich darf dir wohl gestehen,
dass ich seit der glücklichen Beilegung jenes argwöhnischen Skrupels mit
doppelter Innigkeit in dir lebe.«
    Die Äusserung sah fast aus wie ein verstecktes Geständnis seiner
Herzensverirrung, das ihm vielleicht sein Gewissen notdürftig abgedrungen. Diese
Verirrung selbst konnte nunmehr in Constanzens Augen, wenn auch keinen
Entschuldigungsgrund, doch eine Art Erklärung für Noltens Betragen abgeben, wenn
sie annahm, dass das Missverständnis, wovon sie auch in einem Briefe Agnesens eine
Spur gefunden, der Anlass zu einer heftigen und nachhaltigen Verstimmung für
Teobald geworden, dass er, seinem extremen Charakter nicht ungemäss, sich in
einen desperaten Wechsel gestürzt habe, und dass sie als das Opfer dienen müssen.
Seine Bekehrung war natürlich in die Zeit zwischen gestern und jener Lustpartie
gefallen, und allem nach unterzog er sich ihr sehr willig.
    Soviel Wahrscheinliches diese Schlüsse hatten, und sosehr sie auch geeignet
schienen, ein wenigstens erträgliches Licht auf Noltens Benehmen zu werfen, so
wenig Trost gaben sie der schönen Frau. Denn von dem Augenblicke an, wo ihre
Achtung für ihn sich einigermassen erholte, begann auch ihre Liebe wieder zu
atmen, und nun war sie fast übler daran, als solange sie ihn getrost
verabscheuen konnte. Also Noltens Glück war wiederhergestellt, das Mädchen selig
in seinem Besitz und - sie selbst hatte nur auf eine kurze Zeit die Lücke
gebüsst, um jetzt wieder allein, verlassen, vergessen dazustehen, den bittern
Stachel im Herzen. Eine Regung von Zorn flammte in ihr auf, sie fühlte ihre
weibliche Würde beleidigt, mit Füssen getreten, sie fühlte alle Qual verschmähter
Liebe. Und hatte sie vorhin einen reinen Zug schwesterlicher Neigung zu Agnes
empfunden, so konnte sie nun einer Anwandlung von schmerzlicher Missgunst nicht
widerstehen, so lebhaft sie sich auch darüber anklagte. Aber auch indem es ihr
gelang, allen Groll von der Unschuldigen ab und auf den geliebten Überläufer zu
werfen - es blieb nur das Bewusstsein ihrer Unmacht, ihrer Kränkung übrig. Jede
Erinnerung an das Vergangene, das kleinste Zeichen, womit sie ihm ihre Gunst
verraten haben mochte, versetzte jetzt ihrem Stolze, ihrem Ehrgefühle Stich auf
Stich. Noch gestern beim Abschied unter der Türe hatte sie ihn mit
bedeutungsvoller Freundlichkeit entlassen und - so kam es ihr jetzt vor - ihm
beliebte kaum ein kalter Dank darauf. Am meisten demütigte und beschämte sie der
Auftritt in der Grotte, sie bedeckte bei diesem Gedanken ihr glühendes Gesicht
mit dem Tuche, weinend und schluchzend.
    Kein Wunder, wenn ihr jetzt die kläglichen Worte Tereilens aus dem
gestrigen Schauspiele einkamen, das gleichsam weissagend von ihr gesprochen;
kein Wunder, gab sie auf einen Augenblick dem widersinnigen Gedanken Raum, als
hätte Larkens einigemal eine boshafte Anspielung auf sie im Sinne gehabt. Aber
ganz ist ihr gegenwärtiger Zustand durch die leidenschaftlichen Zeilen
bezeichnet:
O armer Zorn!
Noch ärmere Liebe!
Zornwut und Liebe
Verzweifelnd aneinandergehetzt
Beiden das Auge voll Tränen,
Und Mitleid dazwischen,
Ein flehendes Kind!
Desselben Morgens gegen zehn Uhr, als Larkens eben von einem Ausgange nach Hause
kam, übergab sein Bedienter ihm das braune Kästchen, das die Laterna magica
verwahrte; man habe es vor einer Viertelstunde aus dem Zarlinschen Hause
hiehergebracht nebst dem Danke der gnädigen Frau. Unser Schauspieler öffnete den
Deckel, zog begierig die zuoberst liegende Brieftasche heraus, untersuchte sie
von allen Seiten und sein Mund verzog sich zu einem vergnügten, doch
gewissermassen befremdeten Lächeln, indem er ausrief: »Beim Himmel! die Falle hat
gelockt, der Speck ist angebissen, und das wacker! kein Zettelchen blieb
unverrückt. Ich sorge nur, der Spass ist in plumpere Hände geraten, als ich
gewollt hatte. Sei's drum; durch die Finger von Madame ist die Tasche auf jeden
Fall auch gekommen, und ich müsste mich übel auf Evas Geschlecht verstehen, wenn
diese Finger mehr Diskretion gehabt hätten, als mir für den Kasus lieb wäre.
Genug; es wird sich zeigen, die Wirkung kann nicht ausbleiben. Diesmal hättest
du fürwahr meisterlich kalkuliert, Bruder Larkens, der Herr gebe seinen Segen
dazu.«
    Wirklich war es die Absicht des Freundes gewesen, dass Constanze die Tasche
finden und sich ihrer Geheimnisse nicht entalten möge; er konnte darauf zählen,
dass man sie für das Eigentum Noltens erkennen würde, in der Tat aber war sie nur
ein Geschenk, das dieser dem Freunde zu der Zeit gemacht hatte, wo er alles, was
ihn an Agnes erinnern konnte, Briefe, Haare und hundert andere Kleinigkeiten,
auf immer loswerden wollte.
    Larkens hoffte durch jenen ausgedachten, wohlgemeinten Streich teils bei der
Gräfin jeder möglichen Neigung gegen Teobald vorzubeugen, teils glaubte er, sie
müsste von nun an, eingedenk des Verhältnisses mit Agnes, durch ihr Betragen
unzugänglich für Nolten selber werden. Nun hatte zwar Larkens, zufolge der
misstrauischen Verschlossenheit seines Freundes mit der wahren Lage der Dinge
unbekannt, sich in seinem Plane etwas geirrt; er hätte, wäre er besser
unterrichtet gewesen, vielleicht einen ganz andern Weg eingeschlagen, aber auch
auf diesem erreichte er, wie wir gesehen haben, seinen Hauptzweck vollständig,
nur freilich auf eine grausamere Art, als er sich vorgestellt hatte. Sehr
übereilt und tadelnswert würden wir seine eigenmächtige Handlungsweise nennen
müssen, wenn er eine Ahnung von den grossen Fortschritten gehabt hätte, welche
Teobalds neue Liebe bereits gemacht hatte, weil Larkens jene Rechte der Braut
nur auf grosse Kosten der Ehrlichkeit seines Freundes aufdecken konnte; übereilt
und unsicher müssten wir sein einseitiges Verfahren auch insofern schelten, als
er ja nicht wissen konnte, ob Nolten, wenn er sich auch bis jetzt noch gegen
Constanze zurückgehalten, doch in kurzem nicht vielleicht ihr sein Herz anbieten
werde, da er dann notwendig im zweideutigsten Lichte vor ihr erscheinen müsste;
allein fürs erste hatte Larkens nicht die mindeste Vermutung davon, wie weit
bereits das Verständnis der beiden gediehen war, und fürs zweite, was die
Zukunft betrifft, ging er neuerdings ernstlich mit dem Gedanken um, Teobalden
die Zeugnisse für Agnesens Unschuld vorzulegen, ihn zu näherer Prüfung der Sache
zu vermögen, ihn im Notfall damit zu bedrohen, dass er die Gräfin selbst zur
freundschaftlichen Schiedsrichterin darüber aufrufen werde.
    Vor allen Dingen widmete er der Frage, inwiefern es geraten sei, Teobalden
schon jetzt seine Pflichten für die Verlobte aufzudringen, eine reifliche
Überlegung. - Wir überlassen ihn jetzt seinen Gedanken und kehren in das
Zarlinsche Haus zurück.
    Dort meldete sich des andern Tages gegen Abend ein vornehmer Besuch. Herzog
Adolph erschien, und Constanze, in Abwesenheit ihres Bruders, empfing ihn
allein. Das ungewöhnlich blasse und verstörte Aussehen der schönen Frau mochte
ihm sogleich auffallen, er erkundigte sich auf das angelegentlichste nach ihrem
Befinden, ging dann mit einer leichten Wendung auf sein eigenes Anliegen über
und erzählte mit sichtbarem Verdrusse, was ihm gestern von einer höchst
ärgerlichen Sache bekannt geworden, wobei er bedaure, dass sie gerade in diesem,
ihm so höchst schätzbaren, Hause habe vorfallen müssen. Der König, sein Bruder,
dessen Ehre dabei beteiligt wäre, sei auf das genaueste davon unterrichtet und
aus dessen eigenem Munde habe er es gehört.
    Constanze erschrak, erklärte, wie sie zwar an jenem Abende die allgemeine
Bewegung der Gesellschaft wahrgenommen, wie auch sie nachher den Grund davon
erfahren, wie sie aber an einen solchen Frevel von solchen Männern nicht
sogleich habe glauben können. Sie bat, man möge doch wenigstens sie aller Stimme
dabei überheben, da Leute von besserer Einsicht, von bedeutenderem Urteil
zugegen gewesen. Aber der Herzog gestand, dass der König die vorläufige
Ausmittelung der Sache ihm anbefohlen, dass er das Manuskript und was dazugehöre,
bereits in Beschlag genommen, dass er aber nach wiederholtem Lesen und genauer
Prüfung alles einzelnen noch nicht ganz habe mit sich einig werden können. Er
sei zuletzt auf den Einfall geraten, alles von der Entscheidung einer »ebenso
scharfsinnigen, als unbefangenen Dame« abhängen zu lassen, und er werde
diesfalls auf seiner Bitte beharren, ihrem Ausspruch werde er unbedingt
vertrauen. »Freilich«, setzte er mit einem pikanten Akzente hinzu, »freilich,
wenn meine getroste Voraussetzung von der gänzlichen Unbefangenheit meiner
geliebten Freundin mich denn doch etwas trügte, wenn ihr einer oder der andere
von den Beklagten mehr als billig am Herzen läge, dann, meine Gnädige, wäre es
wirklich höchst undelikat, trotz Ihrer Weigerung einen gerechten Spruch aus
Ihrem Munde zu verlangen.«
    Gelassen schaute die Gräfin ihn an und erwiderte: »Beide Männer waren mir
sehr viel wert; Sie selbst haben diesen Nolten begünstigt, und schon um
Ihretwillen, Adolph, sollte es mir leid sein, wenn Ihnen ein Freund unschuldig
gekränkt würde. Was aber jenen Fehler, ich sagte füglich, jenes Verbrechen,
betrifft, das man diesen Leuten schuld gibt, so will ich keineswegs der
Gerechtigkeit im Wege stehen, nur sie zu befördern bin ich ausserstande. Sie
selbst können, dünkt mich, doch wohl am besten wissen, was Ihrem Freunde
allenfalls zuzutrauen wäre, Sie dürfen von ihm aus dann getrost auf die
Gesinnungen des Schauspielers schliessen, denn beide sind ja ein Sinn und ein
Gedanke. Richten Sie also. Sie waren zwar nicht Zeuge jenes Abends, aber die
Dokumente liegen in Ihren Händen, was hätt ich demnach vor Ihnen voraus, das
mich zu einem Urteil geschickter machte?«
    Der Herzog stand auf, machte einige Schritte und sagte dann im
freundlichsten Tone: »Ich tat Ihren Unrecht, meine Liebe! vergeben Sie's. Ich
sehe, wir sind beide in einer und derselben Verlegenheit, und wären so ziemlich
gleich geneigt, das Ganze zu entschuldigen, wenigstens zum Guten zu wenden. Ich
finde nun erst, wie unbillig es von meinem Bruder war, mich in diesen schlimmen
Fall zu setzen, wie töricht von mir, den Auftrag anzunehmen. Zwar auch meine
Ehre musste dabei interessiert sein, aber je leidenschaftlicher ich die Sache
aufnahm, um so weniger konnt ich hoffen, klar darin zu sehen, und meinem
Unwillen hielt auf der andern Seite die Neigung für Nolten kaum das
Gleichgewicht, da diese, in der letzten Zeit gar zu lässig von ihm gepflegt, so
gut wie eingeschlafen war; um so schlimmer für Noltens Recht, wenn ich ohnehin
Ursache hatte, ihm böse zu sein. Bei Ihnen, Beste, spricht ein reines
menschliches Gefühl zugunsten des übrigens so braven Künstlerpaares, und ich
gestehe Ihnen, auch mich will in Ihrer Nähe die alte Vorliebe für diesen Maler
wieder einnehmen, ohne dass Sie noch ein Wort zu seiner Verteidigung vorgebracht
- aber vielleicht gerade darum könnt ich ihm verzeihen, weil Sie ihn nicht
verteidigen. Könnte ich bei dem Lärm, bei der Erbitterung, die der tolle Vorfall
schon bei Hofe veranlasst hat, ganz ruhig sein, mich vor dem Verdachte der
Parteilichkeit bei meinem Bruder sichern, ich möchte die Herren wohl
freisprechen und alles zu vertuschen suchen; so aber bin ich der Sorge doch
nicht los, und meiner Stellung zu dem guten Maler erwächst aus der dummen
Geschichte auf alle Fälle eine bleibende Schwierigkeit. Doch, was beschwere ich
Sie mit diesen Unbilden - Lassen Sie uns davon schweigen. Am artigsten wär's«,
setzte er scherzend hinzu, »man setzte ein Gericht nieder, bestehend aus einem
Archäologen, einem Professor der Ästetik und einem Advokaten, die sich über das
Manuskript und die Bilder hermachen sollten. Nicht wahr, meine Schönste?«
    Die wahre Gesinnung des Herzogs und seine schwierige Lage lässt sich übrigens
leicht aus folgenden Bemerkungen erkennen.
    Weit entfernt von der Torheit, in der fabelhaften Figur jenes
tausendjährigen Königs eine ehrenrührige Beziehung zu entdecken, fand er diese
Beziehung eher schön und wohlgemeint; dagegen ihm die Ähnlichkeit jener
Feenfürstin mit Viktorien um so bedenklicher vorkam. Denn wenn gleich das wahre
Verhältnis dieser Person zum verstorbenen Regenten nicht ganz getroffen sein
mochte, so war die scheinbarste Seite davon doch so charakteristisch
herausgehoben, dass man nicht leugnen konnte, ein sehr frappantes Bild von
Viktoriens Erscheinung vor sich zu haben. Die Zeichnung des selbstsüchtigen
schalkhaften und doch wieder so innigen Wesens ahmte wirklich die leisesten
Nuancen nach. Das alles hätte noch hingehen mögen. Aber diese Dame glänzte noch
am Hofe, das Vertrauen, das Nikolaus ihr geschenkt hatte, ward noch vom Sohne
geehrt. Insoferne müssen wir jenes Spiel höchst unbedachtsam nennen. Dennoch
hätte es vielleicht dem Herzog nicht schwer sein müssen, den möglichen Schaden
abzulenken, wäre nicht der König selbst in einer müssigen Stunde auf das
verschrieene Manuskript neugierig gewesen. Hier entging ihm denn so manche
Verwandtschaft keineswegs, er äusserte sich mit grosser Unzufriedenheit über eine
so unschickliche Anspielung, namentlich die leichtfertige oder ernste Einführung
der bewussten wertgeschätzten Frau empörte ihn als eine unverzeihliche
Vermessenheit. Der Herzog besänftigte ihn vorläufig, indem er dieses und jenes
noch problematisch darstellte, versprach, das Ganze nochmals genau zu
durchgehen, sowie auch nähere Erkundigungen einzuziehen; weil er aber doch ein
gerechtes Gefühl des Bruders nicht schlechterdings umgehen und das Zutrauen
nicht missbrauchen wollte, womit dieser ihm die Entscheidung des keineswegs
gleichgültigen Gegenstandes überliess, so kam er wirklich mit einer doppelten
Pflicht ins Gedränge, er hätte ebensogerne den Maler geschont als dem Bruder
Genüge getan; daher denn auch jene Anfrage bei Constanze nichts weniger als
blosse Pantomime war, er dachte sie bei dieser Gelegenheit ein wenig zu
schrauben, fand aber ein solches Frauenorakel wirklich bequem für seine
Unschlüssigkeit, nur glaubte er auf den Fall, dass die Geschichte Rumor machen
könnte, aus Diskretion gegen Viktorie den eigentlichen Grund des Ärgernisses
verstecken und mehr das Allgemeine vorkehren zu müssen.
    Constanze blickte noch immer ernst vor sich nieder, ohne eine Miene zu
ändern. Den Herzog rührte ihr Anblick, worin er von jetzt an wirklich nur die
edelste Teilnahme an dem Schicksale zweier Hausfreunde zu lesen glaubte; ihr
ganzes Wesen von diesem Kummer leicht beschattet, deuchte ihm nie so reizend, so
weich gewesen zu sein. Er setzte sich an ihre Seite und gab dem Gespräch eine
andere Richtung, sie ging soviel möglich darauf ein, und der Zwang, den sie sich
mitunter dabei antat, machte sie nur immer liebenswürdiger, kindlicher,
unwiderstehlicher. Dazu kam die einladende Ruhe dieser Stunde, von zweien auf
dem Tische brennenden Kerzen traulich verklärt. Der Herzog ergriff in der
Unterhaltung die Hand seiner schweigsamen Nebensitzerin, er liess die
schmeichelhaftesten Vorwürfe gegen sie spielen über die karge Art, womit sie
seiner Zärtlichkeit immer entgegne, auch jetzt erfuhr diese noch einigen
Widerstand, doch - so schien es dem schlauen Manne - mehr einen anständigen als
strenge zurückweisenden Widerstand.
    Aber als ihr gepresster Schmerz, ihre Unruhe, ihr Missbehagen sich immer
weniger verbarg, als der wärmer gewordene Liebhaber aufs neue misstrauisch werden
wollte, bald mit dringenden Worten, bald mit den lebhaftesten Liebkosungen zu
einer Erklärung nötigte, da war es seltsam, jammervoll anzusehen, wie die arme
Frau ganz ausser sich geriet, in dem Augenblick, wo sie von ihrem unseligen
Geheimnis aufs höchste bewegt, an die verlorene Liebe doppelt schmerzlich
erinnert werden musste, indem eine andere, bisher verhafte, sich hülfreich
stürmisch aufdrang. Jetzt stösst sie den Herzog heftig weg, jetzt gibt sie sich
seiner Kühnheit unerhört willig hin, dem bängsten Seufzer, dem heissesten Gusse
von Tränen folgt plötzlich ein Lachen, dessen kindische Lieblichkeit, dessen
herzlicher Klang unter jeden andern Umständen hätte bezaubernd sein müssen. Der
Herzog sah in alle diesem nur den unbeschreiblich rührenden Ausdruck einer bis
jetzt verhüllten Leidenschaft für ihn, welche sich endlich verraten und noch im
entzückten Momente der ersten Umarmung mit holder Scham und süsser Reue kämpfe,
ihn selber jedoch zum seligsten der Menschen mache. Wie ganz anders sah es im
Busen Constanzens aus! Oft war es ihr, als sässe sie, von einem Dämon, von einem
höllischen Wesen umschlungen, in entsetzlicher Unmacht festgebannt; Lust und
Unlust empörten sich wechselseitig in ihrem Innern, sie überliess sich seinem
Kusse mit einem schneidenden Gefühle von Widerwillen, ja von Ekel, sie empfand
es unerträglich, wie elend sie sich verirrt, wie töricht rasend ihre Einbildung
sei, als ob sie auf diese Art an jenem Verräter heimlich Rache üben könnte! Er -
(so rief, so wimmerte es in ihrer Seele) ja er allein hat es verschuldet, dass
Constanze so sich verleugnet, dass ich tue, was ich sonst verabscheut hätte, und
doch - wie wird alles werden? wie soll das enden? wohl, wohl - mag es, wie es
kann! - Sie rang sich los, drückte den Kopf in die Purpurkissen des Sofa, ihr
Schluchzen zerriss dem Herzog das Herz, er berührte sie schüchtern, er bat, er
beschwor sie um Fassung; sie möge sich doch besinnen, warum sie denn eigentlich
verzweifle, ob das unfreiwillige Bekenntnis einer Neigung, die ihn auf ewig zu
einem guten, mit Welt und Himmel glücklich ausgesöhnten Menschen zu machen
bestimmt sei, ob die Furcht, dass dieses schöne Verständnis jemals dem rohen
Urteil der Menschen blossgestellt werden könne, ob ein Zweifel an seiner
Verschwiegenheit, an seiner Treue, ein Zweifel an seiner Ehrfurcht vor ihrer
Tugend sie quäle? »Constanze! Teure! Geliebte! blicken Sie auf! sagen Sie, dass
ich für heute, für jetzt, mich entfernen soll, fordern Sie, dass ich Sie mein
Leben lang durch nichts, durch kein halbes Wort, mit keiner Miene, keinem leisen
Wunsche mehr an diesen Abend mahne! Mir aber darf er unvergesslich bleiben, so
wie jetzt wird auf ewig dieses Zimmer, wird das Licht dieser Kerze und wovon es
Zeuge gewesen, vor meiner Erinnerung stehen - o Gott! und so, in dieser traurig
abgewendeten Lage muss die Gestalt der edelsten Frau vor mir erscheinen, um allen
himmlischen Reiz des vorigen Augenblicks wieder auszulöschen! ich werde
vergehen, verzweifeln, wenn Sie sich nicht aufrichten, wenn ich Sie so verlassen
muss.«
    Er fasste sie schonend an beiden Schultern, und sanft rückwärts gebeugt
lehnte sie den Kopf an ihn, so dass die offenen schwimmenden Augen unter seinem
Kinne aufblickten. Freundlich gedankenlos schaut sie hinan, freundlich senkt er
die Lippen auf die klare Stirne nieder.
    Lang unterbrach die atmende Stille nichts. Endlich sagt er heiter: »Ist's
nicht ein artig Sprichwort, wenn man bei der eingetretenen Pause eines lange
gemütlich fortgesetzten Gesprächs zu sagen pflegt: es geht ein Engel durch die
Stube?«
    Constanze schüttelte, als wollte sie sagen: der vorige, der gegenwärtige
Auftritt habe doch wohl einen so friedsamen Geist nicht herbeilocken können.
    Abermals versagt ihm ein weiteres Wort; er sinnt über den Zustand der Gräfin
nach, der ihm aufs neue verschiedenes zu bedenken gibt. Nicht ohne Absicht kommt
er daher spielend wieder auf Nolten und Larkens zurück. »Nein«, sagt er zuletzt,
»es würde mir sehr angenehm sein, wenn Sie, meine Liebe, mir über den bösen
Punkt Ihre Ansicht offenbaren wollten. Ganz gewiss sind Sie längst darüber im
reinen, zum wenigsten haben Sie eine Meinung. Reden Sie mir, ich bitte recht
ernstlich - Halten Sie die beiden für schuldig?«
    Die Befragte bedenkt sich eine Weile und sagt mit einer sonderbar zuckenden
Bewegung: »Schuldig? - er ist's!«
    »Wer doch?«
    »Nun, der Nolten -«
    »Ich erstaune! - und Larkens?«
    »Wohl ebensogut. Ja, mein Herr, darauf verlassen Sie sich.«
    »Und sind strafbar?«
    »So denk ich.«
    »Nun, auf mein Wort! so sollen sie's bereuen.«
    Der Herzog stand auf; Constanze blieb wie angefesselt. Er hatte dies strenge
Urteil aus Constanzens Munde am wenigsten erwartet, um so gegründeter musste es
sein. Er fragte einiges, was ihre Ansicht näher bestimmen sollte, sie
versicherte, nichts weiter zu wissen: er möge sich damit begnügen und auf keinen
Fall sie verraten. Nun erst, da er Gewissheit zu haben glaubte, da selbst diese
billig denkende Frau von solcher Ungebühr bewegt, entrüstet schien, erwachte
Ärger und Verdruss in ihm, er entielt sich der empfindlichsten Ausdrücke nicht,
wiederholt dankte er der Geliebten ihre Aufrichtigkeit, die er als natürliche
Folge einer zärtlich aufgeschlossenen Stimmung auslegte. Ihm ahnte nicht, von
welchem Aufruhr widersprechender Gefühle die Gräfin innerlich zerrissen war,
seitdem sie das Entscheidende ausgesprochen. Wie versteinert vor sich
hinstarrend, blieb sie auf einer Stelle sitzen, war mehr als einmal versucht zu
Milderung, zu völliger Widerrufung des Gesagten, aber ein unbegreiflich Etwas
band ihr die Zunge. Plötzlich hört man den Wagen des Grafen vor dem Haus
anrollen, ein eiliger Kuss, ein schmeichelhaft Wort versiegelt von seiten des
Herzogs das Geheimnis dieser Stunde.
Ehe wir noch auf die Folgen zu reden kommen, welche diese Vorgänge rasch genug
nach sich gezogen, entalten wir uns nicht, einen allgemeinen Blick auf die
Gemüter zu werfen, zwischen denen sich durch die fatalste Verschränkung der
Umstände, durch ein doppeltes und dreifaches Missverständnis eine so ungeheure
Kluft gebildet hatte.
    Indem unser Maler sich den Aussichten eines unbegrenzten Glückes überlässt,
mit jedem Tage der völligen Entscheidung desselben entgegenblickt und soeben
beschäftigt ist, der Gräfin seine Wünsche, seine Anerbietungen in einem ruhig
besonnenen Briefe frei und edel hinzulegen, spinnt ihm die Liebe selbst durch
Constanze ein verräterisches Netz. Der redliche Wille eines Freundes, der im
dunkeln seinen Zweck hartnäckig verfolgte ward zum Spiel eines schlimmer oder
besser gesinnten Schicksals: die sorgsam aber grillenhaft angelegte Mine, womit
Larkens einen gefährlichen Standpunkt der Personen nur leicht
auseinanderzusprengen dachte, hat sich tückisch entladen und ist im Begriff,
ihrer viere, und darunter ihn selber, mit bitterm Unheil zu treffen, so dass man
kaum wüsste, wer von allen am meisten zu bedauern sei, wenn es nicht jenes
unschuldige Mädchen ist, um dessen gerechtes Wohl es sich von Anfang an
handelte. Aber, scheint Constanze unser Mitleid verscherzt zu haben, seitdem sie
sich zu einer heftigen Rache hinreissen liess und derselben einen falschen Grund
unterzuschieben wusste, ja seitdem es den Anschein hat, als wolle sie sich an
einen zweideutigen Verehrer wegwerfen, so werden wir doch billig genug sein, uns
den Zustand eines weiblichen Herzens zu vergegenwärtigen, das aufs grausamste
getäuscht, von der Höhe eines herrlichen Gefühls herabgestürzt, an sich selber,
wie an der Menschheit, auf einen Augenblick irrewerden musste. Was Teobalden
selbst betrifft, so sehen wir schon jetzt, wie sich ein zwar sehr verzeihliches,
aber dennoch übereiltes Misstrauen in der Liebe durch ein ganz ähnliches an ihm
bestraft, und wir wollen erwarten, ob diese harte Züchtigung mehr zu seinem
Unglück oder zu seinem Heile ausschlagen soll.
    Die auf Befehl des Herzogs geschehene Konfiskation des verdächtigen
Spielkästchens war den Freunden schon kein gutes Zeichen. Larkens geriet in Wut
über diesen abgeschmackten Gewaltstreich, wie er's nannte. »Mögen sie sich
doch«, rief er dem Maler zu, »die Zähne ausbeissen an diesen armseligen
verklecksten Gläsern! und dem ersten Schöpsen, der die Nase in mein argloses
Machwerk stecken wird, schlage der Geist des alten Nikolaus nur tüchtig hinters
Ohr, zur Erleichterung des kritischen Verständnisses!«
    Teobald wollte den Herzog selbst belehren, der Schauspieler gab es nicht
zu, indem er behauptete, man müsse dem Pack den Gefallen nicht tun, man müsse
abwarten, bis die Maus selbst aus dem unheilschwangeren Berg hervorspringe und
die Dummheit sich prostituiere. Da demungeachtet der Maler in seiner gütlichen
Absicht den fürstlichen Gönner aufsuchte, ward er zu seiner grössten Bestürzung
und Verdruss nicht vorgelassen. Ganz trostlos aber machte es ihn, als er sich
seine letzte Zuflucht zu Zarlins auf gleiche unerhörte Weise abgeschnitten sah.
Er wusste sich nicht zu helfen, nicht zu raten, er hätte mit Freuden den Hass des
ganzen Hofes auf sich geladen, wenn er nur über Constanze hätte ruhig sein
können.
    Inzwischen ward jene missliche Sache durch einen hinzugetretenen Umstand gar
sehr verschlimmert, ja sie bekam eine völlig veränderte Gestalt. Wie immer ein
Übel das andere erzeugt und in solchen Fällen des Unheils kein Ende ist, so
hatten einige Stimmen nicht ermangelt, bei dieser Gelegenheit an gewisse vor
längerer Zeit anhängig gemachte und zum Teil wirklich erhobene Kriminalfälle,
geheime Umtriebe betreffend, zu erinnern, und obgleich diese Dinge bereits für
abgetan galten, so glaubte man doch keinen unbedeutenden Nachtrag hinter dem
Schauspieler suchen zu müssen.
    Der unruhige Geist, welcher, von gewissen politischen Freiheitsideen
ausgehend, eine Zeitlang die Jugend Deutschlands, der Universitäten besonders,
ergriffen hatte, ist bekannt. Die Regierung, von welcher hier die Rede ist,
behandelte dergleichen Gegenstände mit um so grösserer Aufmerksamkeit, als sich
entdeckte, dass immer auch einige durch reiferes Alter, Geist und übrigens
unbescholtenen Charakter ausgezeichnete Männer nicht verschmäht hatten, an
solchen Geheimverbindungen, im weiteren oder engeren Sinne, teilzunehmen. So
hegten denn namentlich zwei genaue Bekannte unseres Schauspielers diese
gefährliche Tendenz mit vieler Vorliebe, und der letztere, weit entfernt von
jedem ernstlichen Interesse an der Sache, verbarg diesen Leuten gegenüber seine
Gleichgültigkeit und Geringschätzung hinter der Maske des feurigsten
Entusiasten, indem er sich das Vergnügen nicht versagen konnte, seine Genossen
auf eine jedenfalls unverantwortliche Weise zum besten zu haben. Er schrieb
ihnen Briefe voll schwärmerischen Schwungs, machte die absurdesten Vorschläge
und wusste den Verdacht einer blossen Äfferei durch eine kunstvolle ironische
Einkleidung, durch abwechselnd vernünftige Gedanken, sowie durch die höchste
Konsequenz in der persönlichen und mündlichen Darstellung zu entfernen, so dass
ihn die Gesellschaft zwar für ein seltsam überspanntes, doch aber höchst
talentvolles Mitglied ansprach, wenn es gleich an einzelnen klugen Köpfen nicht
fehlte, die ihm heimlich misstrauten und scharf auf die Finger sahen; er bemerkte
dies, spielte den Gekränkten, zog sich noch eben zu rechter Zeit zurück und
erhielt gegen das Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit seine schriftlichen
Aufsätze sämtlich zurück Als es zwei Jahre nachher von Staats wegen zur
Untersuchung und Aufhebung der Verbrüderten kam, und entfernterweise auch seiner
erwähnt ward, konnte es ihm bei der Diskretion der Bundesgenossenschaft wirklich
gelingen, sich wie ein Aal aus der Klemme zu winden, während andre, zum Teil
schon in öffentlichen Ämtern stehende, Männer zu nachdrücklicher Bestrafung
gezogen wurden. So erfreute er sich geraume Zeit einer guten Sicherheit, aber
sein frevelhafter Mutwille sollte nicht ungerächt bleiben. Das berüchtigte
Schauspiel rief die alten Erinnerungen wieder hervor, übelwollende,
wichtigtuende Aufklauber übten sogleich ihre ganze Geschäftigkeit, und der König
sah sich bewogen, einen so verhaften Gegenstand abermals in öffentliche Anregung
zu bringen. Der Herzog, seinerseits an die Erheblichkeit dieses neuen Verdachtes
keineswegs glaubend, bedauerte diese höchst verdriessliche Wendung der ohnehin so
schief gedrehten Geschichte um so aufrichtiger, je weniger Freund Nolten
ungefährdet dabei bleiben konnte, und je weniger er selbst sich verhehlte, dass
vielleicht einige glücklich angebrachte Winke von ihm hingereicht haben würden,
den ersten schwierigen Eindruck des bewussten Gedichtes zu vernichten, und so
jedem weiteren Nachhalle vorzubeugen. Er sah nur zu deutlich ein, wie es am Ende
doch jenes einzige Wort aus Constanzens Munde gewesen, was seine Schritte geirrt
und seine versöhnliche Gesinnung mit einem geheimen Aber angesteckt habe. Jetzt
konnte an eine Vertuschung nicht mehr gedacht werden, und alles nahm seinen
strengen, gesetzlichen Gang.
    Wie ein Donnerschlag traf es die Freunde, als ihre Verhaftung nun wirklich
erfolgte. Eine Kommission ward beauftragt, ihre Papiere zu durchsuchen, und zum
Unglück kam dies alles so rasch, so unvermutet, beide hatten so gar keine Ahnung
von den neuesten Gerüchten, dass Larkens nicht von weitem daran dachte, jene
verfänglichen Briefe auf die Seite zu schaffen; denn leider waren sie noch
vorhanden, er hatte die Vertilgung so merkwürdiger Aktenstücke nicht über sich
vermocht, vielmehr lagen sie über die Zeit der ersten Untersuchung als geheimes
Depositum in dem Hause eines unverdächtigen Bekannten, später nahm sie der
Verfasser wieder zu sich und ein versiegeltes Portefeuille in seinem Pult
verwahrte den verräterischen Schatz. Wie sehr der Umstand unsern Schauspieler
beunruhigen musste in dem Augenblick, als ihm die Festnehmung seiner eigenen
Person das Ernstliche der Absicht genugsam bewies, lässt sich denken; denn dass
man die Briefe finden würde, dass der Inhalt, obwohl höchst komischer Natur, gar
sehr gegen ihn zeugen müsse, war zu erwarten.
    Die beiden wussten kaum, wie ihnen geschah, als sie sich eines Morgens in
zwei abgesonderte Zimmer des sogenannten alten Schlosses zu trauriger Einsamkeit
verwiesen sahen. Leopold und Ferdinand waren teilnehmende Begleiter auf dem
verhassten Gange. Beim Abschied konnte Nolten kein Wort vorbringen, kaum fand er
Gelegenheit, dem Bildhauer ein kurzes Billett an den Grafen nochmals zu
empfehlen. Larkens' Benehmen drückte einen knirschenden Schmerz aus, er kehrte
das Gesicht ab, während er Noltens Hand zum letztenmal fasste.
    Wenn der Mensch von einem unerwarteten Streiche des ungerechtesten
Geschickes betäubt stille steht und sich allein betrachtet, abgeschlossen von
allen äusseren mitwirkenden Ursachen, wenn das verworrene Geschrei so vieler
Stimmen immer leiser und matter im Ohre summt, so geschieht es wohl, dass
plötzlich ein zuversichtliches, fröhliches Licht in unserm Innern aufsteigt, und
mit Heiterkeit sagen wir uns, es ist ja nicht möglich, dass dies alles wirklich
mit mir geschieht, ungeheurer Schein und Lüge ist es! Wir fühlen uns mit Händen
an, wir erwarten, dass jeden Augenblick der Nebel zerreisse, der uns umwickelt.
Aber diese Mauern, diese sorgsam verriegelte Tür wiesen dem armen Maler mit
frecher Miene ihr festes unbezwingliches Dasein. Erschüttert, mit lautem Seufzen
liess er sich auf den nächsten Stuhl nieder, ohne einmal an das Fenster zu
treten, das ihm eine weite Aussicht ins Freie und seitwärts einen kleinen Teil
der Stadt freundlich und tröstlich hätte zeigen können. In der Tat hatte das
Zimmer eine angenehme Lage, in dem obersten Teil des ohnehin hochgelegenen,
altertümlichen, hie und da noch befestigten Gebäudes. Dieser eine Flügel war,
die Wohnung des Kommandanten und des Wärters ausgenommen, ganz unbewohnt, von
einer andern Seite, wo Garnison lag, tönte zuweilen ein munterer militärischer
Klang, Trommel und Musik nicht allzu geräuschvoll. Auch die nächsten Umgebungen
Teobalds nahmen sich eben nicht sehr düster aus, die Wände rein geweisst und
trocken, die Eisenstäbe vor den Fenstern weit genug, um nichts zu verdunkeln,
die Heizung regelmässig, soweit die herankommende Frühlingszeit sie nicht gar
entbehrlich machte. Aber an der notdürftigsten Unterhaltung mit Büchern,
Schreibzeug und dergleichen fehlte es, und jede Art von Material für den
Künstler insbesondere schien ausdrücklich verwehrt. Auch dachte unser Gefangener
für jetzt noch an alle das keineswegs; vielmehr liefen seine Gedanken mit der
Geliebten, mit dem ganzen zerrissenen und verhüllten Bilde seiner Zukunft
beschäftigt, immer in demselben Schwindelkreise, wie an einem unübersteiglichen,
von keiner Seite zugänglichen Walle, verzweifelnd hin und her. Und wenn er sich
das Ärgste, das Äusserste vorgehalten, so kam ihm doch stets wieder der Glaube an
Constanzens richtiges Gefühl, an ihre Klarheit, ihre treue Gesinnung mutig
entgegen. Sie mochte ihn damals abgewiesen haben, weil ihre Stellung zum Hofe
ihr diesen Zwang auflegte, sie mochte selbst, auf kurze Zeit vom allgemeinen
Irrtum angesteckt, einigen Unwillen hegen, aber ihr Herz werde ihn freisprechen,
werde mit ihm leiden, sie selbst werde eine Milderung des gegenwärtigen Übels zu
befördern wissen. Diese seine Hoffnung gewann nach und nach so viel Stärke, dass
ihm die Gestalt der schönen Frau nicht anders als mit dem Ausdruck mitleidiger
Liebe wie ein Friedensbote vorschwebte, ja zuletzt mit dem reizenden Ungestüm
einer angstvollen Braut, welche die Befreiung des Verlobten fordert. Aber
furchtbar lastete die Zeit der Ungewissheit auf ihm, bis er den ersten gütigen
Laut von ihr vernehmen könnte! Jenes Billett an den Grafen - kaum erinnerte er
sich der hastig hingeworfenen Worte - drückte eigentlich nur eine lebhafte
Beteurung seiner Unschuld, einen schmerzlichen Klageton aus, der hauptsächlich
auf das Gemüt Constanzens berechnet sein mochte. Ein früher entworfenes
Schreiben an die letztere, wovon wir oben etwas gesagt, hatte er mit sich
hiehergebracht; er las jetzt diese gemässigten, freudig hoffenden, kühn
versprechenden Linien aufs neue; er glaubte die Teure vor Augen zu haben, ihre
zarte Hand zu ergreifen, ihre Zusage zu hören, den Hauch ihres Mundes zu fühlen,
und ach! wie stumpfte dann wieder der Anblick dieser Zelle gegen den
lebendigsten Traum!
    Larkens an seinem Orte quälte sich nicht weniger mit Zweifeln und Sorgen auf
und nieder. Es entbehrte seine Phantasie der immer noch lieblichen Hintergründe,
womit jener Leidensbruder sich seinen Zustand aufschmeichelte. Überdies musste er
nach einer Äusserung, die ihm privatim zugekommen war, und die er schonungsvoll
für sich allein behalten, die Aussicht auf baldige Lossprechung viel weiter
hinaus denken, als man sonst geneigt war; und er empfand dies um so peinlicher,
je mehr er alle Schuld dieses doppelten Missgeschicks auf sich zurückführte. Für
die auswärtigen Angelegenheiten seines Freundes glaubte er indessen vorläufig
dadurch gesorgt zu haben, dass er, auf den Fall eines längeren Stillstandes im
schriftlichen Verkehr mit Agnes, diese unter Vorschützung einer Geschäftsreise
beruhigte. Einigen Vorteil für seinen geheimen Plan fand er in der Entfernung
Noltens von der Person Constanzens. Aber dieser kleine Gewinn, wie teuer
erkauft! Und bedachte er vollends, was er selbst entbehre durch die Trennung von
Teobald, was in solcher Widerwärtigkeit der Trost eines gemeinsamen Gespräches
wäre, erwog er die Unmöglichkeit, sich auch nur durch einen Buchstaben von Zeit
zu Zeit wechselsweise mitzuteilen und anzufrischen, so hätte er laut toben, er
hätte aufschreien mögen über die Einförmigkeit eines Daseins, wovon er, der
ungebundene, keck verwöhnte und reizbare Mensch nie einen Begriff gehabt. Die
einzige Hoffnung setzte er auf ein Verhör.
    Schon waren einige Tage verstrichen, als die Lage der beiden durch die
zugestandene Erholung mit Lektüre bereits erträglicher zu werden versprach, doch
Larkens wies dergleichen starrsinnig von sich, und während Nolten bei allem
erdenklichen Leidwesen doch den Vorzug genoss, dass ihm teils die Liebe, teils ein
zu Hülfe gerufener Künstlersinn immer neuen Stoff zu innerlicher Belebung
zuführte, so versank der Schauspieler gar bald in die Finsternis seines eigenen
Selbst, er wurde die freiwillige Beute eines feindseligen Geistes, den wir
bisher nur wenig an ihm kennengelernt, weil er ihn selber bis auf einen gewissen
Grad glücklich genug bekämpft hatte. Um uns übrigens hierin ganz verständlich zu
machen, wird folgender Aufschluss hinreichen.
    Von vermögenden Eltern herkommend, ohne sorgfältige Erziehung von Hause aus,
bezog er sehr jung die Akademie, wo er, keinen festen Plan im Auge, neben einem
lustigen kameradschaflichen Treiben dennoch schöne philosophische und
ästetische Studien machte. Eine Reise nach England und die Höhe des dortigen
Schauspielwesens bekräftigte den Entschluss, sich mit höchstem Ernste dieser
Kunst zu weihen. Seine erste teatralische Schule begleiteten bereits
öffentliche Proben auf einem der angesehensten Schauplätze, und die
Aufmerksamkeit des Publikums wurde zur Bewunderung, als er, obwohl ungerne, dem
Rate eines erfahrenen Mannes folgend, sich eine Zeitlang in durchaus komischen
Repräsentationen erging. In dem Masse, wie er, einem sonderbaren Naturzwang
zufolge, wieder zum Ernstaften einlenkte, nahm der allgemeine Beifall ab, und
so schwankte er unbefriedigt, misslaunisch ein volles Jahr hin und her, ohne
einsehen zu wollen, welchem von beiden Fächern er sein Talent zuwenden müsse.
Dazu kam der Übelstand, dass dem praktischen Künstler seine poetische
Produktivität viel mehr hinderlich als förderlich war; er wollte im Reiche
seiner eigenen Dichtung leben und empfand es übel, wenn ihn mitten in der
schaffenden Lust das Handwerk störte, was um so unvermeidlicher war, da seine
Arbeiten ganz ausser der allgemeinen Bühnensphäre lagen und nur von einem engen
Freundeskreise gefasst und geschätzt werden konnten. Dieser widrige Konflikt des
Dichters und des Brotmenschen brachte die ersten Stockungen und Unordnungen in
seinem Leben hervor; aus Verdruss über die Unausführbarkeit seiner höhern
Geisteswelt warf er sich in den Strudel der gemeinen, und die Leidenschaften,
welche er durch kunstmässige Darstellung im schönen Gleichgewichte mit seinem
bessern Selbst zu erhalten gedacht hatte, liess er jetzt in zügelloser
Wirklichkeit rasen.
    Um jene Zeit hatte sich unter seinen Freunden die eigene Sucht hervorgetan,
sich durch Erfindung und Durchführung fein angelegter Intrigen zu zeigen.
Larkens spielte in einem gutartigen Sinne hierin gerne den Meister, aber leider
verwickelte ihn dies Unwesen bald mit einer, als schön und witzig
gleichbekannten, Schauspielerin, ein Umgang, der ihn bald in einen Wirbel der
verderblichsten Genüsse niederzog. Sein Beruf ward ihm leidige Nebensache, und,
mehr als einmal im Begriffe, verabschiedet zu werden, erhielt er sich nur
dadurch, dass er von Zeit zu Zeit durch eine Vorstellung, worin er allem Genie
aufbot, die Gunst seiner Leute gewaltsam an sich riss. Mit Schmerzen blickte man
ihm nach, als er freiwillig den Ort verliess, welcher Zeuge seiner traurigen
Versunkenheit gewesen. Er entsagte dem unwürdigen Leben, raffte sich zu neuer
Tätigkeit auf, und ward ein erfreulicher Gewinn für die Stadt, worin wir ihn
später als Noltens Freund kennenlernten Aber jene fleckenvolle Zeit seines
Lebens hinterliess auch dann noch eine unüberwindliche Unruhe, eine Leere bei
ihm, als er seine sittliche und physische Natur längst mit den besten Hoffnungen
aus dem Schiffbruch gerettet hatte. Des heiteren geistreichen Mannes bemächtigte
sich eine tiefe Hypochondrie, er glaubte seinen Körper zerrüttet, er glaubte die
ursprüngliche Stärke seines Geistes für immer eingebüsst zu haben, obgleich er
den zwiefachen Irrtum durch tägliche Proben widerlegte. Wie oft hielt er
Teobalden, wenn dieser bemüht war, seine Grillen zu verjagen, mit wehmütigem
Lachen das traurige Argument entgegen: »Das bisschen, was noch aus mir glänzt und
flimmt, ist nur ein desparates Vexierlichtchen, durch optischen Betrug in euren
Augen vergrössert und verschönert, weil sich's im trüben Hexendunste meiner
Katzenmelancholien bricht.« Mit solchen Ausdrücken konnte er sich ganze Stunden
gegen Teobald erhitzen, und erst nachdem er sich gleichsam völlig zerfetzt und
vernichtet hatte, gewann er einige Ruhe, eine natürliche Heiterkeit wieder,
wobei er, nach dem Zeugnis aller, die ihn umgaben, unglaublich sanft und
liebenswürdig gewesen sein soll. Ausser Teobald und etwa einem andern früheren
Vertrauten kannte ihn jedoch keine Seele von dieser schwermütigen Seite, er
wusste sie trefflich zu verbergen, und sein Betragen auf diesen Punkt gab selbst
dem Menschenkenner niemals eine Blösse. Inzwischen war der gute Einfluss nicht zu
misskennen, den Noltens Umgang, sein kräftiger Sinn, auf jenes verdunkelte
Temperament ausübte, denn wenngleich unser Maler selbst an einer gewissen
Einseitigkeit leiden mochte, so war doch sein sittlicher Grundcharakter
unerschütterlich, und ein Streben nach voller geistiger Gesundheit beurkundete
sich zeitig in der mehr und mehr zum Allgemeinen aufsteigenden Richtung seiner
Kunst, mit Bereinigung alles dessen, was ihm von einer phantastischen
Entwicklungsperiode noch anklebte. Larkens schöpfte mit Lust aus dieser Quelle
ein reines Wasser auf sein dürres Land, er hielt sich leidenschaftlich an den
neuerworbenen Freund, ohne doch diese Inbrunst stürmisch im Worte zu verraten;
vielmehr geriet er unwillkürlich in die gemässigte Rolle eines Mentors hinein,
eines Meisters, welcher durch eigenen unsäglichen Schaden klug geworden, dem
Jüngern gar wohl gelegentlich auf die rechte Spur helfen zu können glaubt. Und
indem er so am raschen Strom eines in jugendlicher Fülle strebenden Geistes
teilnahm, erwuchs ihm ein neues Zutrauen zu sich selber, die Schuppen seines
veralteten Wesens fielen ab, eine frische Bildung erschien darunter. Immer
seltener wurden jene selbstquälerischen Ausbrüche, ja sie verschwanden zuletzt
völlig; was Wunder, dass nun ein Gefühl von Dankbarkeit ihn unserem Freunde auf
ewig verband, dass er sich's zur Pflicht machte, mit aller Kraft für das Wohl des
Geliebten zu arbeiten? Mögen wir auch an einem auffallenden Beispiele, das er
von diesem warmen Eifer gab, einen Hang zum Seltsamen keineswegs verkennen, so
war die Intention dennoch die lauterste brüderlichste, und wer wollte ihm
verargen, wenn er bei der zarten Pflege, die er einem gebrochenen
Liebesverhältnis widmete, zugleich seinem Herzen den Triumph bereitete, welcher
in dem Zeugnis lag, dass er als ein vielversuchter Abenteurer sich dennoch mit
unschuldiger Innigkeit an der eingebildeten Liebe eines engelreinen Wesens
erfreuen konnte, eines Mädchens, das er nie mit Augen gesehen und an dessen
Besitz er niemals gedacht hatte, so wünschenswert er auch erscheinen mochte.
Gerne begnügte er sich mit der Fähigkeit, ein schönes Ideal noch in sich
aufnehmen und ausser sich fortbilden zu können; er fing an, mit sich selber, mit
der Welt sich zu versöhnen. So weit war alles in gutem Geleise: nun aber
herausgerissen aus aller Tätigkeit, aus einem gesellig zerstreuenden Leben, dem
Elemente seines Daseins, gefoltert überdies von dem Gedanken, einem teuren
Freunde Veranlassung zu bedenklichem Unfalle geworden zu sein, erwehrte er sich
eines allgemeinen Trübsinnes nicht mehr, die alten Wunden brachen wieder auf,
geschäftig wühlte er darin, Vergangenheit und Gegenwart flossen in ein
grinzendes Bild vor ihn zusammen, er betrachtete sich als den elendesten der
Menschen, er verlor sich mit Wollust in der Vorstellung, dass dem Manne, durch
Schuld und Jammer überreif, die Macht gegeben sei, das Leben eigenwillig
abzuschütteln. Je gewisser er im äussersten Falle auf diese letzte Freistatt
rechnen konnte, und je ruhiger er nach und nach den entsetzlichen Gedanken
beherrschen lernte, desto mehr gewann sein Gemüt auf der andern Seite an
Freiheit und an Mut, die nächste Zukunft duldend abzuwarten; sein Zustand wurde
milder, sogar heiterer.
    Eine unerwartete Unterbrechung dieses brütenden Stillesitzens, so angenehm
sie erschien, wollte ihn doch beinahe störend überraschen, da er die ersten
Fäden einer allmählichen Verpuppung durch den Zudrang frischen Lebenshauches
wieder zerrissen, und sich selbst zu neuer Hoffnung aufgemuntert sah. Denn eines
Morgens, in der vierten Woche der Gefangenschaft, trat der Kommandant ins
Zimmer, mit der Nachricht: es solle beiden Herren erlaubt sein, zuweilen einen
und den andern Freund bei sich zu sehen, doch jeder nur auf seinem eigenen
Zimmer und ohne dass die Gefangenen selbst zusammengeführt würden Larkens dankte
so gut er konnte, besonders verdross ihn die letzte Bedingung; auch hatte der
Offizier einem weiteren guten Vorurteil, das man aus dieser Vergünstigung ziehen
mochte, nicht undeutlich vorgebeugt, und überdies vermutete Larkens, dass man
diese Gunst nur der besonderen Attention des Herzogs gegen Nolten zu verdanken
habe.
    Den ersten Abend brachten Ferdinand und Leopold bei Teobald zu, den
folgenden bei dem Schauspieler, wozu sich noch ein dritter Freund anschloss. So
lebhaft ein solches Wiedersehen sein musste, so freundlich die lieben Gäste mit
Neuigkeiten aller Art und mit dem besten Weine zu Belebung der Gemüter das
Ihrige taten, so war es doch nur erzwungene Freude, und Teobald wusste sich um
so weniger zu lassen, da er gleich anfangs hören musste, dass sein Billett an
Zarlin zwar angenommen worden, dass jedoch bei einem Besuche, welchen Leopold im
Hause gemacht, der Graf bloss ein allgemeines, ziemlich kühles Bedauern geäussert
habe. Insofern Leopold nichts von der wahren Beziehung wissen sollte, welche
Noltens Interesse für jene Familie hatte, so konnte dieser nur durch entfernte
Fragen herauslauschen, dass Constanze gar nicht sichtbar, auch keine Rede von ihr
gewesen sei.
    Diese Lage der Dinge drückte nun freilich schwer auf das Herz des
geängstigten Liebhabers, aber wie ward ihm vollends zumute, als der Bildhauer
sein vor einigen Wochen schon gemachtes Anerbieten wiederholte, einen Brief an
Agnes zu besorgen, ja als er gutmütig äusserte, wie er die ganze Zeit her im
Zweifel gewesen, ob er nicht selbst diese Pflicht übernehmen und dem Vater des
Mädchens die leidigen Begebenheiten schonungsvoll beibringen solle, wie ihn aber
ein Wort, das Larkens gleich anfangs hierüber fallenlassen, dennoch beruhigt
habe. »Jawohl«, sagte Nolten, »dafür ist schon Rat geschafft!« und verdrängte
diese Materie, während er im stillen aus der ablehnenden Äusserung, welche der
Schauspieler getan haben sollte, nicht ganz klug werden konnte, und überhaupt
auf die traurigsten Kombinationen verfiel.
    Die Art, wie Larkens die Besuche aufnahm, war im Grunde ansprechender, denn
er setzte von jeher einen Vorzug darein, sich vor Menschen zusammenzunehmen und
eine wohlwollende Annäherung, auch wenn sie zur Unzeit kam, gutmütig, zart und
gefällig zu erwidern. Die Nachricht aber, womit man ihn besonders zu erfreuen
dachte, dass das Teater und dessen Liebhaber herzlich und laut um ihren besten
Liebling trauern, nahm er gleichgültig auf und wollte nichts davon hören. Die
Urteile der Stadt im allgemeinen betreffend, hiess es, man trage sich mit
allerlei übertriebenen Meinungen von dem Vergehen der Verhafteten; die
Vernünftigen zucken die Achsel, niemand wolle an eine gänzliche Unschuld der
beiden glauben. Auch hatten indessen drei Verhöre stattgefunden, ohne dass man
dadurch einer glücklichen Entscheidung um vieles nähergerückt wäre.
    War der Zustand unseres Paares unter diesen Umständen beklagenswert genug,
so sollte noch die schwerste Prüfung über den Maler ergehen, indem sich auf alle
die heftigen Erschütterungen ein Fieber bei ihm ankündigte, das der Arzt
sogleich für bedeutend erkannte. Der Kranke verliess seit drei Tagen das Bett
nicht mehr, häufig lag er ohne Bewusstsein da und in freieren Stunden war das
Gefühl seines Elends nur um so stärker; die Phantasien der Fieberhitze setzten
ihr grelles Spiel auch im Wachen fort und schleuderten den Gequälten in
unbarmherzigem Wechsel hin und her. Bald nahte sich Constanze seinem Lager, und
wenn sein inniger Klageton ihr Mitleid, ihre Liebe ansprach, wenn sich die edle
Gestalt soeben über den Leidenden herzusenken schien, floh sie entsetzt und
zürnend wieder weg; bald zeigte sich die verstossene Agnes an der Tür, den
stillen Blick betrübt auf ihn gerichtet, bis sie sich nicht mehr hielt und
lautweinend neben ihm auf die Kniee stürzte, seine Hand mit tausend Küssen
bedeckte und er die arme Reuevolle gleichfalls liebreich an sich herzuziehen
genötigt war.
    Dergleichen Vorstellungen, worin sich der Rest seiner Neigung zu jenem
verkannten liebenswürdigen Kinde nun auf dem durch Krankheit und Schwäche
erweichten Grunde seines Gemütes sonderbar und lebhaft abspiegelte, wiederholten
sich immer häufiger und waren um so weniger abzuweisen, da sie ihm zunächst
durch einen seltsamen Zufall von aussen aufgedrungen worden waren. Denn eines
Morgens erwachte er vor Tag aus einem unruhigen Halbschlafe an einem weiblichen
Gesang, der aus der Küche des Wärters unter seinem Fenster zu kommen schien. Der
Inhalt des Lieds, sowenig es ihm selber gelten konnte, traf ihn im Innersten der
Seele, und die Melodie klang unendlich rührend durch das Schweigen der dunkeln
Frühe, ja die Töne selber nahmen in seiner Einbildung eine wunderbare
Ähnlichkeit mit der Stimme Agnesens an.
Früh, wenn die Hähne krähn,
Eh die Sternlein verschwinden,
Muss ich am Herde stehn
Muss Feuer zünden.
Schön ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken,
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.
Plötzlich da kommt es mir,
Treuloser Knabe!
Dass ich die Nacht von dir
Geträumet habe.
Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder,
So kommt der Tag heran -
O ging' er wieder!
Zum ersten Male seit undenklicher Zeit fühlte Teobald wieder die Wohltat
unaufhaltsamer Tränen. Die Stimme schwieg, nichts unterbrach die Ruhe des
langsam andämmernden Morgens. Der Kranke barg das Gesicht in die Kissen, ganz
der Süssigkeit eines - dennoch so bittern! Schmerzens geniessend.
An demselben Morgen bekam Larkens, da er kaum das Bett verlassen hatte, von
Leopold, dem Bildhauer, einen Besuch, der eigentlich Teobalden bestimmt war;
auf die Nachricht vom Pförtner jedoch, dass der Kranke nach einer erträglichen
Nacht soeben noch ruhig schlummere, wagte der Freund keine Störung und liess sich
das Zimmer des Schauspielers aufschliessen. Er fand den letztern in der
traurigsten Stimmung, worein ihn die Sorge um Nolten versetzte, und Leopold,
gleichfalls heftig bewegt, hatte Mühe, ihn zu trösten.
    Nach einiger Zeit fing der Bildhauer an: »Nun muss ich Ihnen eine Eröffnung
machen, die freilich zunächst für Nolten gehörte, sie betrifft einen Vorfall,
womit ich mich schon drei Tage herumtrage, ohne dass ich Gelegenheit erhalten
konnte, ihn einem oder dem andern von Ihnen mitzuteilen; denn der Obrist schlug
mir die Bitte zweimal ab, zumal da der Arzt den Kranken sowenig als möglich
durch Gesellschaft beunruhigt wissen will; gestern bekam ich mit Not auf eine
Stunde Erlaubnis; die Angst um Nolten und, ich darf wohl sagen, auch meine
Neuigkeit liess mir nicht Rast noch Ruhe mehr. Das was ich mitzuteilen habe, ist
unerhört, ist ganz unbegreiflich, für Nolten taugt es unter gegenwärtigen
Umständen auf keinen Fall.«
    »Nun, nur um Gottes willen kein Unglück!« sagte der Schauspieler
verdriesslich lächelnd über den langen Eingang; »ich meine schon von einer neuen
Resolution hören zu müssen, dass wir armen Tropfen am Ende noch Karren schieben
werden bei Wasser und Brot?«
    »Nichts! Setzen wir uns, und hören Sie. Es war an dem Abend unserer
neulichen Zusammenkunft; ich und Ferdinand hatten Sie kaum verlassen, das Schloss
lag hinter uns, ich wollte soeben in die Prinzenstrasse einlenken, so zeigt mir
ein zufälliger Seitenblick in die leere Kastanienallee, wo wir vorüber mussten,
ein weibliches Wesen ganz ruhig an einen der Bäume gelehnt. Das Auge der
Unbekannten begegnete dem meinigen. Ich kam fast von Sinnen beim Anblick dieser
Physiognomie, denn - doch zuvor muss ich fragen - Sie erinnern sich wohl des
tollen Gemäldes von Nolten?«
    »Welches?«
    »Der Organistin.«
    »Ganz wohl.«
    »Und wenn ich Ihnen nun sage, diese war's, werden Sie mir glauben?«
    »Nicht, bis ich erst ausgerechnet, wie viel Bouteillen wir damals
getrunken.«
    »Spassen Sie; es war heller Mondschein, ich sah das Gesicht deutlich wie am
Tage, und was meine Nüchternheit betrifft -«
    »Schon gut!« unterbrach ihn Larkens aufstehend und ging einigemal
nachdenklich auf und ab, indessen Leopold fortfuhr. »Noch muss ich Ihnen gleich
eine Schwachheit bekennen, lieber Larkens, und Sie mögen mich immerhin darüber
ausschelten, aber wer in aller Welt ist ganz vorm Aberglauben sicher, sonderlich
unter solchen Umständen? Kaum war mir vorgestern gesagt worden, Teobald habe
sich gefährlich krank gelegt, so deutete ich mein Begegnis mit der
gespenstischen Orgelspielerin urplötzlich als ein Omen aus, denn mir fiel ein,
was man von Trauerfällen sagt, welche auf ähnliche Weise angekündigt worden. Und
dieser dummen Furcht bin ich noch heute nicht ganz los, obwohl ich recht gut
weiss, dass die Erscheinung keine Vision, noch Gespenst oder dergleichen, sondern
ein ordentliches Menschenkind gewesen.«
    »Aufrichtig gesprochen, mein Bester«, sagte Larkens, »ich zweifle an dieser
Apparition so gar nicht im mindesten, dass ich Ihnen vielleicht selber den
Schlüssel zu dem Rätsel geben kann. Doch, schweigen Sie darüber gegen unsern
Freund, versprechen Sie mir reinen Mund zu halten.«
    »Gewiss, wenn Sie's für nötig finden.«
    »Nun denn - aber zuvor wär ich begierig, wie Ihr Abenteuer abgelaufen. Sie
sprachen die Person?«
    »Mein Gott, nicht doch! denn (beinahe schäme ich mich, es zu bekennen) die
Erscheinung bestürzte mich dergestalt, dass ich mich wohl drei - viermal im Ring
herumwirbelte, und während ich nach meinem zurückgebliebenen Begleiter umsah,
war das Nachtbild schon verschwunden, auch mit aller Mühe nicht mehr
aufzufinden. Das einzige erfuhren wir des andern Tages zufällig von Teobalds
Bedientem, dass eine Bettlerin, deren Beschreibung mit jener Person vollkommen
zusammenstimmte, sich tags vorher in Noltens Hause eingefunden und auf die
Versicherung, er sei auf längere Zeit abwesend, sich wieder fortgeschlichen.
Alles mein Fragen und Forschen blieb fruchtlos.«
    »Also« - fing Larkens an - »merken Sie auf. Zwei Tage vor der letzten
Neujahrsnacht, die Ihnen hoffentlich noch im Gedächtnis ist, traf ich auf meinem
Hausflur ein Mädchen an dessen Äusseres mich gleich frappierte, und zwar eben
auch in der von Ihnen angegebenen Beziehung. Es war eine Zigeunerin, hoch,
schlank gewachsen, nicht mehr ganz jung, aber immer noch eine wirkliche
Schönheit, kurz die Ähnlichkeit mit jenem Bilde bis auf wenig zwischenliegende
Jahre vollkommen Ein Korb mit hölzerner Schnitzware hing ihr am Arme, allein
meine erste Ahnung, dass sie wohl in anderer Absicht als des Verkaufs wegen
hiehergekommen, bestätigte mir bald ihre Frage nach einem Maler, der hier wohnen
sollte; sie zog einen Brief hervor, es war die Handschrift von Noltens Braut,
doch lautete die Adresse, ich weiss nicht mehr warum, an mich, die Sendung selbst
gehörte für Nolten. Es hatte nämlich die Zigeunerin auf ihren Streifzügen auch
Neuburg berührt und einen Gruss mit hiehergenommen. Mir war die Person nach
mehrfältigen Erzählungen Teobalds nichts weniger als fremd, aber je genauer ich
um ihre frühere Berührung mit unserm Freunde wusste, desto bedenklicher fand
ich's, so ohne weiteres zur Erfüllung ihres Wunsches beizutragen, welcher dahin
ging, den schönen herrlichen Jungen, wie sie ihn nannte, einmal wiederzusehen.
Wenigstens, dacht ich, müsste der herrliche Junge vorbereitet werden, und bei
näherer Betrachtung schien mir die Hintertreibung einer solchen Zusammenkunft
das Sicherste und Zweckmässigste. Ich gebrauchte allerlei Finten, sie ein für
allemal von jedem Versuche abzuschrecken; da indessen das närrische Ding darauf
bestand und ihr Verlangen ebenso gerecht als arglos und treuherzig erschien, so
sann ich auf Mittel, wie Nolten ihr gezeigt werden könnte, ohne dass jedoch er
sie gewahr würde. Das liess sich nun wohl auf verschiedene Weise machen. Mir
gefiel aber, wie ich gern gestehen will, ein etwas romantisch seltsamer Weg
besser als etwa ein simples Gucken durch Spalt und Schlüsselloch, kurz, die
Neujahrsmaskerade kam mir eben recht zu statten und -«
    »Was?« rief Leopold verwundert, »am Ende wird noch der Nachtwächter vom
Albaniturm aus der Geschichte hervorspringen!«
    »Das errät sich nun leicht; so hören Sie kurz noch den Hergang. Nachdem ich
das Mädchen mit meinem Plane bekannt gemacht, den sie anfangs freilich gar nicht
fassen wollte, nachdem sie mir ferner auf eine mir unvergesslich rührende Weise
das Versprechen gegeben, mit Willen schlechterdings nichts gegen meine genaue
Instruktion zu tun oder merken zu lassen so diktiert ich ihr einige Seiten,
welche sie zu meiner grössten Freude mit fremden Zeichen schrieb, da sie unsere
Buchstaben nur sehr schlecht zu machen wusste. Aber es kostete immer noch Mühe
genug, bis ich ihr meine Worte geschickt in die Feder gegeben und noch mehr, bis
sie sich die Rolle einigermassen angeeignet hatte. Sodann schafft ich die nötige
Kleidung, und wahres Vergnügen gewährte mir die naive Miene, womit sie sich
selbst in ihrer idealischen Vermummung betrachtete. Sie behandelte das Ganze mit
einer gewissen Feierlichkeit und gefiel sich gar wohl dabei; ihre Rezitation
freilich war hart und trocken, allein ihr Begriff von dieser poetischen Figur so
ziemlich richtig. Sämtliche Vorbereitungen geschahen in einem abgelegenen Zimmer
ausser dem Hause, wo ich Schauspielern beiderlei Geschlechts zuweilen Unterricht
erteilte, so dass mein jetziges Geschäft niemandem auffiel. Wie anständig das
Mädchen seine Sache machte, haben Sie ja gesehen, und ich selbst verwunderte
mich im stillen über die glückliche Ausführung.«
    Leopold ward kaum fertig, sein Erstaunen auszudrücken, indem er sich die
Einzelheiten der Neujahrsfeier auf dem Turme zurückrief. Da er nun um so mehr
Verlangen bezeugte, über die sonderbare Person der Zigeunerin und ihr früheres
Verhältnis zu Teobald eines näheren belehrt zu werden, zeigte sich der
Schauspieler nicht ungerne bereit; er wollte soeben seine Erzählung beginnen,
als er sich bedenkend innehielt und endlich sagte: »Wissen Sie was, mein Lieber?
Sie erfahren die kurze Geschichte am besten aus einigen Blättern, worin ich
dasjenige, was mir Nolten im Anfange unserer Bekanntschaft vertraute, treulich
darzustellen gesucht habe, da mir die Begebenheit gar wohl der Aufbewahrung wert
geschienen; besonders merkwürdig ist das mit dem Ganzen verflochtene Schicksal
eines gewissen längst gestorbenen Verwandten der Noltenschen Familie, in dessen
Leben überhaupt ich die prototypische Erklärung zur Geschichte unseres Freundes
zu finden glaube. Vor mehreren Wochen entlehnte ein Bekannter das Heft von mir,
ich gebe Ihnen einige Zeilen an ihn mit und er wird es Ihnen einhändigen.
Durchläuft man dies Bruchstück aus unsers Noltens Leben mit Bedacht, und
vergleicht man damit seine spätere Entwicklung bis auf die Gegenwart, so erwehrt
man sich kaum, den wunderlichen Bahnen tiefer nachzusinnen, worin oft eine
unbekannte höhere Macht den Gang des Menschen planvoll zu leiten scheint. Der
meist unergründlich verhüllte, innere Schicksalskern, aus welchem sich ein
ganzes Menschenleben herauswickelt, das geheime Band, das sich durch eine Reihe
von Wahlverwandtschaften hindurchschlingt, jene eigensinnigen Kreise, worin sich
gewisse Erscheinungen wiederholen, die auffallenden Ähnlichkeiten, welche sich
aus einer genauen Vergleichung zwischen früheren und späteren Familiengliedern
in ihren Charakteren, Erlebnissen, Physiognomieen hie und da ergeben (so wie man
zuweilen unvermutet eine und dieselbe Melodie, nur mit veränderter Tonart, in
demselben Stücke wiederklingen hört), sodann das seltsame Verhängnis, dass oft
ein Nachkomme die unvollendete Rolle eines längst modernden Vorfahren ausspielen
muss - dies alles springt uns offener, überraschender als bei hundert andern
Individuen hier am Beispiel unseres Freundes in das Auge. Dennoch werden Sie bei
diesen Verhältnissen nichts Unbegreifliches, Grobfatalistisches, vielmehr nur
die natürlichste Entfaltung des Notwendigen entdecken. Die Spitze des Ganzen
besteht aber in der Art und Weise, wie unser Freund als Knabe zur innigsten
Vermählung mit der Kunst geleitet worden, deren ursprünglicher Charakter sich
noch heute in einem grossen Teil seiner Gemälde erkennen lässt. Genug, Sie mögen
selbst urteilen. Aber ach! was werden Sie bei dieser Lektüre fühlen, wenn Sie
denken, dass eben derjenige, dessen ahnungsvolle Knabengestalt Ihnen in den
Blättern begegnet, nunmehr als Mann von der sinnlosen Faust eines fremdartigen
Geschickes aus seiner eigenen Sphäre herausgestossen, und noch ehe er die Hälfte
seiner Rechnung abgeschlossen, hier in diesen Mauern eilig verwelken und
vergehen soll! Denn, o mein Freund! ich fürchte alles, und dieser Kummer wird
mich aufreiben, wird mich noch vor ihm töten - und möchte er nur! Sehen Sie mich
an; ich glaube zu fühlen und mein Spiegel sagt es mir, dass der Gram dieser drei
Tage mich um doppelt soviel Jahre älter gemacht hat. Still; ich muss abbrechen,
wenn ich nicht von Sinnen kommen will. Gehen Sie hinüber zu dem Armen und
drücken ihm die Hand im Namen des Larkens. Ach, möchte ich ihn wenigstens einmal
wieder von Angesicht sehen! und doch - ich fürchtete mich davor.«
    Leopold griff nach dem Hute und erbat sich noch die Anweisung zu dem
merkwürdigen Heft; da eben der Schliesser eintrat, säumte er nicht länger, um vor
allem den geliebten Patienten zu besuchen. Mit heissen Blicken sah ihm der
Schauspieler nach, eine unbegrenzte Sehnsucht nach Teobald übermannte ihn, aber
umsonst, die Türe zog sich zu und drüben hörte er das Schloss zum Zimmer des
Geliebten rauschen.
    So stand nun der Bildhauer vor dem Bette Noltens, und heimlich entsetzt über
das äusserst elende Aussehen des Kranken musste er alle Fassung aufbieten, um
seine Bewegung nicht zu verraten. Den Gemütszustand Noltens konnte er im ganzen
nicht gewahr werden, er sprach wenig und nur angestrengt mit matter Stimme.
Einmal fragte er den Wärter, wer doch des Morgens in aller Frühe unten in der
Küche so hübsch zu singen pflege? Etwas kleinlaut erwiderte der Alte: »Meine
Tochter. Ich will's ihr aber untersagen, es schickt sich nicht, und ach! das
Gesinge ist noch ihr einzig Leben.« Teobald bat sehr, man möge das Mädchen ja
nicht irremachen in diesen Unterhaltungen; er fragte, wie es komme, dass sie nur
ernste traurige Lieder zu kennen scheine? »Der Henker weiss«, war die Antwort,
»woher sie all das Zeug herkriegt; sie war von Kindheit auf ein närrisches Ding,
nicht auch lustig und rasch wie die andere Jugend, aber fleissig und verständig,
und besorgt mir alles in der Haushaltung seit ihrer Mutter Tod.« Da der Alte
sofort über den Verlust seiner Frau, deren Tugend er nicht genug rühmen konnte,
in die beweglichsten Klagen ausbrach, auch zuletzt immer wärmer und aufrichtiger
werdend eine unglückliche Liebschaft seines Kindes auseinanderzusetzen anfing,
konnte man leicht bemerken, wie angreifend solche Dinge auf Nolten wirkten,
daher Leopold dem Erzähler einen Wink gab. Endlich schied der Bildhauer mit
ungewissem beklommenem Herzen. Er eilte, nachdem er sich zuvor das bewusste
Manuskript verschafft, allein aus dem Geräusche der Stadt, einen selten
betretenen Weg verfolgend. Ein warmer, sonnenheller Tag schmolz vollends die
letzten Reste Schnee und Eis hinweg, eine erquickende Luft schmeichelte bereits
mit Vorgefühlen des Frühlings. So gelangt unser ernster Fussgänger, eh er sich's
versah, in die ländlichste Umgebung, ein freundliches Dorf lacht ihm entgegen.
Dort sucht er nach einem stillen Garten hinter dem nächsten besten Wirtshause
und findet auch bald ein hübsches erhöhtes Plätzchen zwischen Weinbergen mit
Tisch und Bank, von wo man die angenehmste Aussicht hat. Er bestellt eine
Flasche Wein, setzt sich und holt jene Schrift hervor, deren Inhalt wir dem
Leser nicht vorentalten können.
                        Ein Tag aus Noltens Jugendleben
Die Zeit war wieder erschienen, wo der sechszehnjährige Teobald von der Schule
der Hauptstadt aus die Seinigen auf zwei Wochen besuchen durfte. In dem
Pfarrhause zu Wolfsbühl war daher gegenwärtig grosse Freude, denn Vater und
Schwestern (die Mutter lebte nicht mehr) hingen an dem jungen blühenden Menschen
mit ganzem Herzen. Ein besonders inniges Verhältnis fand aber zwischen Adelheid
und dem nur wenig jüngeren Bruder statt. Sie hatten ihre eigenen Gegenstände der
Unterhaltung, worein sonst niemand eingeweiht werden konnte sie hatten hundert
kleine Geheimnisse, ja zuweilen ihre eigene Sprache. Es beruhte dies zarte
Einverständnis vornehmlich auf einer gleichartigen Phantasie, welche in den
Tagen der Kindheit unter dem Einfluss eines märchenreichen, fast abergläubischen
Dorfes und einer merkwürdigen Gegend die erste Nahrung empfangen und sich nach
und nach auf eine eigentümliche und sehr gereinigte Weise ihren bestimmten Kreis
gezogen hatte. Von der Richtung, welche die beiden jugendlichen Gemüter
genommen, war also, wie es schien, nichts zu befürchten, und selbst äusserlich
wurde das Verhältnis keineswegs einseitig auf Kosten der übrigen drei minder
empfänglichen Schwestern unterhalten. Es herrschte eine gutmütige heitere
Verträglichkeit; nur die ältere Tochter, Ernestine, deren Sorge vorzüglich das
Hauswesen überlassen blieb, zeigte mitunter ein finsteres, gebieterisches Wesen,
und sie hatte den Vater bereits mehr als billig war auf ihre Seite gebracht.
    An einem trüben Morgen in der letzten Zeit des Oktobers spazierten Teobald
und seine Vertraute zusammen im Gärtchen hinter dem Hause. Er erzählte soeben
seinen Traum von heute nacht und die Schwester schien ernstaft zuzuhören, indes
sie unverwandt nach der Seite hinüberblickte, wo die alte Ruine, der Rehstock
genannt, tief in Nebel gesteckt liegen musste.
    »Aber du gibst nicht acht, Adelheid! Ich habe vorhin, um dich zu prüfen,
absichtlich den tollen Unsinn in meinen sonst vernünftigen Traum hineingebracht
und du nahmst es so natürlich wie zweimal zwei vier.«
    Das Mädchen erschrak ein wenig über die Ertappung, lachte sich jedoch
sogleich herzlich selber aus und sagte: »Ja, richtig! ich hab nur mit halbem Ohr
gehört, wie du unaufhörlich von einer grossen grossen, unterirdischen Kellertür
schwatztest welche endlich mit beiden Hinterfüssen nach dem armen Mann
ausgeschlagen habe. Indessen, was ist im Traum nicht alles möglich? Gib mir aber
keck eine Ohrfeige! ich hatte fürwahr ganz andere Gedanken. Höre! und dass du es
nur weisst, wir gehen heute auf den Rehstock. Noch nie hab ich ihn an einem Tag
gesehen, wie der heutige ist, und mich deucht, da muss sich das alte Gemäuer, die
herbstliche Waldung ganz absonderlich ausnehmen; mir ist, als könnten wir heut
einmal die Freude haben, so ein paar stille heimliche Wolken zu belauschen und
zu überraschen, wenn sie sich eben recht breit in die hohlen Fenster lagern
wollen. Wie meinst du? Schlag ein. Wir werden's vom Papa schon erhalten, dass mir
Johann das Pferd satteln darf, und du selbst bist ja rüstig auf den Füssen. Wir
gehen gleich nach dem Frühstück womöglich ganz allein, und kommen erst mit dem
Abend wieder.«
    Dem Bruder war der Vorschlag recht; es wurde verabredet, man wolle alles
Erdenkliche von Gefälligkeit tun, um die übrigen günstig zu stimmen. Adelheid
flocht der ältern Schwester, der eiteln Ernestine, diesmal den Zopf mit
ungewöhnlichem Fleisse, verlangte nicht einmal den Gegendienst, und der Kuss den
sie dafür erhielt, war für die beiden ungefähr dasselbe gute Zeichen, was für
andere, wenn sie ein gleiches Vorhaben gehabt hätten, der erste Sonnenblick
gewesen wäre. Ehe man es dachte, hat Teobald die Sache bereits beim Vater
vermittelt und bald stand der Braune mit dem bequemen Frauensattel ausgerüstet
im Hofe. Man liess das Pärchen ungehindert ziehen. Der Alte brummte unter dem
Fenster mit einem geschmeichelten Blick auf die schlanke Reiterfigur seines
Mädchens bloss vor sich hin: »Narrheiten!« Ernestine kreischte nur etwas weniges
zur Empfehlung der zerbrechlichen, mit Mundvorrat gefüllten Gefässe nach, welche
der Knecht in einer Ledertasche nebst den Schirmen hinten nachtrug, und die
ehrlichen Wolfsbühler, an das berittene Frauenzimmer längst gewöhnt, grüssten
durchs ganze Dorf auf das freundlichste.
    
    Die Sonne hielt sich brav hinter ihrem Versteck und der Tag behielt zu
Adelheids grösster Zufriedenheit »sein mockiges Gesicht« bei.
    »Indem ich«, hob sie nach einer Weile an, »wohl gute Lust hätte, recht
wehmütig zu sein, wie dieser graue Tag es selber ist, so rührt sich doch fast
wider meinen Willen ein wunderlicher Jubel in einem kleinen feinen Winkel meines
Innersten, eine Freudigkeit, deren Grund mir nicht einfällt. Es ist am Ende doch
nur die verkehrte Wirkung dieses melancholischen Herbstanblicks, welche sich von
Kindheit an gar oft bei mir gezeigt hat. Mir kommt es vor, an solchen
trauerfarbnen Tagen werde die Seele am meisten ihrer selbst bewusst; es wandelt
sie ein Heimweh an, sie weiss nicht wornach, und sie bekommt plötzlich wieder
einen Schwung zur Fröhlichkeit, sie kann nicht sagen woher. Ich freue mich der
Freiheit auf meinem guten Pferde, ich wickle mich mit kindischem Vergnügen in
mein Mäntelchen gegen die rauhe Luft, die da auf uns zustreicht, und halte mir
das sichre Herze warm und wiege mich in meinen Gedanken. Aber nicht wahr, als
wir noch in Risstal wohnten da war es ein anderes, auszureiten? Enges Tal,
dichter Wald, wohin man immer sah. Hier das platte Feld und lauter Fruchtbaum.
Wir haben andertalb gute Stunden, bis es ein wenig krauser hergeht. Glücklich,
dass wir wenigstens die Landstrasse nicht brauchen.«
    Beide Geschwister durchliefen jetzt in unerschöpflichen Gesprächen die
Lichtpunkte ihres früheren Lebens in Risstal, einem dürftigen Orte, wo der Vater
zwölf Jahre lang Pfarrer gewesen. Sie begegneten sich mit der innigsten Freude
bei so mancher angenehmen, kaum noch in schwachen Anklängen vorhandenen
Erinnerung, es wagten sich nach und nach gegenseitige Worte der Rührung und
Frömmigkeit über die Lippen, wie sie sonst, von einer Art falscher Scham
bewacht, zwischen jungen Leuten nicht gewechselt werden.
    Endlich sagte der Bruder: »Indem wir da so offenherzig plaudern, lässt mich's
nicht ruhen, dir zu gestehen, dass ich doch ein Geheimnis auch vor dir habe,
Adelheid! Es ist nichts Verdächtiges, nichts, was ich verheimlichen müsste, eine
Grille hat mich bisher abgehalten, dir es mitzuteilen. Aber heute sollst du es
hören, und zwar unter den Mauern des alten Rehstocks damit du künftig daran
denken magst, wenn du hinaufsiehst.«
    »Gut!« erwiderte die Schwester, »ich freue mich, und für jetzt kein Wörtchen
weiter davon!«
    Unter hundert Wendungen des Gesprächs war man in weniger als zwei Stunden
unvermerkt dem erwünschten Ziele ziemlich nahe gekommen. Deutlich und deutlicher
traten die Umrisse der hohen Trümmer hervor; in kurzer Zeit stand man am Fusse
des wenig bewachsenen Bergs, an dessen Rückseite sich jedoch die lange
Fortsetzung eines waldreichen Gebirgs anschloss. Hier ward gerastet und die fast
vergessene Provianttasche mit weniger Gleichgültigkeit geöffnet, als man sie am
Morgen hatte füllen sehen. Dann ging es langsam die Krümmung des Weges hinan,
nachdem das Pferd an Johann abgegeben war, um es in einem nahe gelegenen
Meierhof unterzubringen und zur bestimmten Zeit wieder hier mit ihm
einzutreffen. Auf der Höhe angelangt schweiften die Glücklichen zuerst Hand in
Hand dann zerstreut durch die weitläuftigen Räume über Wälle und Graben, durch
zerfallene Gemächer, feuchte Gänge, verworrenes Gesträuch. Man verlor sich
freiwillig und traf sich wieder unvermutet an verschiedenen Seiten. So geschah
es, dass Adelheid eben allein mit der Entzifferung einer unverständlichen
Inschrift beschäftigt war, als auf einmal sich die verlorenen Töne eines, wie es
schien, weiblichen Gesanges vernehmen liessen. Das Mädchen erschrak, ohne zu
wissen warum. Ein besorgter Gedanke an ihren Bruder, an Hülferufen, an ein
Unglück hatte sie flüchtig ergriffen. Sie horchte mit geschärftem Ohr, sie
glaubte schon sich getäuscht zu haben, aber in diesem Augenblick hörte sie
dieselbe Stimme deutlicher und allem Anscheine nach innerhalb des Mauerwerks
aufs neue sich erheben, den schwermütigen Klängen einer Äolsharfe nicht
unähnlich. In einem gemischten Gefühle von feierlicher Rührung und einer
unbestimmten Furcht, als wären Geisterlaute hier wach geworden, wagte die
Überraschte kaum einige Schritte vorwärts und stand wieder still bei jedem neuen
Anschwellen des immer reizendern Gesanges, und während unwillkürlich ihre Lippen
sich zu dem Lächeln einer angenehmen Verwunderung bewegten, fühlte sie doch fast
zu gleicher Zeit ihren Körper von leisem Schauder überlaufen. Jetzt verstummte
die rätselhafte Stimme nur das Rauschen des Windes in dem dürren Laube, der
leise Fall eines da und dort losbröckelnden Gesteins, oder der Flug eines Vogels
unterbrach die tatenhafte Stille des Orts. Das Mädchen stand eine geraume Zeit
nachdenklich, unentschlossen, stets in bänglicher Erwartung, dass die unsichtbare
Sängerin jeden Augenblick an einer Ecke hervorkommen werde, ja sie machte sich
bereits auf eine kecke Anrede gefasst, wenn die Erscheinung sich blicken lassen
sollte. Da rauschten plötzlich starke, hastige, aber wohlbekannte Tritte.
Teobald kam atemlos einen Schuttügel heraufgeklommen, war froh, die Schwester
wiedergefunden zu haben und sagte: »Höre nur! mir ist etwas Sonderbares begegnet
-«
    »Mir auch; hast du den wunderlichen Gesang gehört?«
    »Nein, welchen? - aber bei dem Eingang in die Kasematte, wo der verschüttete
Brunnen ist, sitzt eine Gestalt in brauner Frauenkleidung und mit verhülltem
Haupt. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt, ich konnte nichts weiter erkennen und
lief bald, dich zu suchen.«
    Die Schwester erzählte ihrerseits auch, was vorgegangen, und beide kamen
bald dahin überein, man müsse sich die Person genauer besehen, man müsse sie
anreden, sei es auch wer es wolle. »Ein ähnliches Gelüsten, wie das unsrige, hat
diesen Besuch wohl schwerlich veranlasst«, meinte Adelheid; »das heutige Wetter
findet ausser mir und dir gewiss jedermann gar unlustig zu solchen Partien; ich
vermute eine Unglückliche, Verirrte, Vertriebene, welche zu trösten vielleicht
eben wir bestimmt sind.« - »Und lass es ein Gespenst sein!« rief Teobald, »wir
gehen darauf zu!«
    So eilte man nach der bezeichneten Stelle hin. Sie fanden eine Jungfrau,
deren fremdartiges, aber keineswegs unangenehmes Aussehen auf den ersten Blick
eine Zigeunerin zu verraten schien. Bildung des Gesichts, Miene und Anstand
hatte ein auffallendes Gepräge von Schönheit und Kraft, alles war geeignet,
Ehrfurcht, ja selbst Vertrauen einzuflössen, wenn man einem gewissen kummervollen
Ausdruck des Gesichts nachging. Bis zu dem Grusse Adelheids hatte die Unbekannte
die Annäherung der beiden nicht bemerkt, oder nicht beachten wollen; jetzt aber
hielt sie die schwarzen Augen gross und ruhig auf die jungen Leute gespannt und
erst nach einer Pause erwiderte sie in wohlklingendem Deutsch: »Guten Abend!«
wobei ein Schimmer von Freundlichkeit ihren gelassenen Ernst beschlich.
Adelheid, hiedurch schnell ermutigt, war soeben im Begriff, ein Wörtchen weiter
zu sprechen, als ein erschrockener Blick der Zigeunerin auf Teobald sie mitten
in der Rede unterbrach. Sie sah, wie er zitterte, erbleichte, wie ihm die Kniee
wankten. »Der junge Herr ist unwohl! Lassen Sie ihn niedersitzen!« sagte die
Fremde, und war selbst beschäftigt, ihn in eine erträgliche Lage zu bringen und
ihr Bündel unter seinen Kopf zu legen. »Gewiss eine Erkältung in den ungesunden
Gewölben?« setzte sie fragend gegen das Mädchen hinzu, das sprachlos in zagender
Unruhe über dem ohnmächtig Gewordenen hing und nun in lautes Jammern ausbrach.
»Kind! Kind! was machst du? der Unfall hat ja, will ich hoffen, wenig zu
bedeuten, wart ein Weilchen, ich will schon helfen!« tröstete die Fremde, indem
sie in ihrer Tasche suchte und ein Fläschchen mit starkriechender Essenz
hervorholte, das sich gar bald recht kräftig erweisen sollte an dem hübschen
guten Jungen, wie sie sich ausdrückte. Als aber nach wiederholten Versuchen die
Augen des Bruders geschlossen blieben und Adelheid untröstlich davongehen
wollte, verwies ihr die Zigeunerin das Benehmen durch einen unwiderstehlich Ruhe
gebietenden Wink, so dass das Mädchen unbeweglich und gleichsam gelähmt nur von
der Seite zusah, wie die seltsame Tochter des Waldes ihre flache Hand auf die
Stirne des Kranken legte und ihr Haupt mit leisem Flüstern gegen sein Gesicht
heruntersenkte. Dieser stumme Akt dauerte mehrere Minuten, ohne dass eines von
den dreien sich rührte. Siehe, da erhub sich weit und helle der Blick des Knaben
und blieb lange fest, aber wie bewusstlos, an den zwei dunkeln Sternen geheftet,
welche ihm in dichter Nähe begegneten. Und als er sich wieder geschlossen, um
bald sich aufs neue zu öffnen, und nun er klar erwachte, da begegnete ihm ein
blaues Auge statt des schwarzen; er sah die Freudetränen der Schwester. Die
Unbekannte stand seitwärts, er konnte sie nicht sogleich bemerken, aber er
richtete sich auf und lächelte befriedigt, da er sie gefunden. Es trat nun
einige Heiterkeit überhaupt auf die Gesichter, und Teobald erholte sich mehr
mit jedem Atemzug.
    Indes Adelheid nach dem innersten Hofraum der Burg eilte, wo die Reisetasche
lag, um Wein für den Bruder herbeizuholen, entspann sich zwischen den
Zurückgebliebenen ein sonderbares Gespräch. Teobald nämlich begann nach einigem
Stillschweigen mit bewegter Stimme: »Sagt mir doch, ich bitte Euch sehr, wisst
Ihr, warum das mit mir geschehen ist, was Ihr vorhin mit angesehen habt?«
    »Nein!« war die Antwort.
    »Wie? Ihr habt nicht in meiner Seele gelesen?«
    »Ich verstehe Euch nicht, lieber Herr!«
    »Seht nur«, fuhr jener fort, »als ich Euch ansah, da war es, als versänk ich
tief in mich selbst, wie in einen Abgrund, als schwindelte ich, von Tiefe zu
Tiefe stürzend, durch alle die Nächte hindurch, wo ich Euch in hundert Träumen
gesehen habe, so, wie Ihr da vor mir stehet; ich flog im Wirbel herunter durch
alle die Zeiträume meines Lebens und sah mich als Knaben und sah mich als Kind
neben Eurer Gestalt, so wie sie jetzt wieder vor mir aufgerichtet ist; ja ich
kam bis an die Dunkelheit, wo meine Wiege stand, und sah Euch den Schleier
halten, welcher mich bedeckte: da verging das Bewusstsein mir, ich habe
vielleicht lange geschlafen, aber wie sich meine Augen aufhoben von selber,
schaut ich in die Eurigen, als in einen unendlichen Brunnen, darin das Rätsel
meines Lebens lag.«
    Er schwieg und ruhte in ihrer Betrachtung, dann sagte er lebhaft: »Lasst mich
Eure Rechte einmal fassen!« Die Fremde gab es zu, und eine schöngebildete braune
Hand wog er mit seligem Nachdenken in der seinigen, als hielte er ein Wunder
gefasst; nur wie endlich ein warmer Tropfen nach dem andern auf die hingeliehenen
Finger zu fallen begann, zogen diese sich schnell zurück, die Jungfrau selber
entfernte sich mit auffallender Gebärde nach einer andern Seite, wo sie hinter
den Mauern verschwand. In diesem Augenblick kam Adelheid rüstig den Wall
heruntergesprungen, allein sie hielt mit einemmal betroffen an, denn der alte
Gesang schwang sich mächtig, durchdringend, anders als vorhin, wild wie ein
flatternd schwarzes Tuch, in die Luft. Die Worte konnte man nicht unterscheiden.
Ein leidenschaftlicher, ein düsterer Geist beseelte diese unregelmässig auf- und
absteigenden Melodien, so fromm und lieblich auch zuweilen einige Töne waren.
Erstaunt erhob sich Teobald von seinem Sitz, mit Entsetzen trat ihm die
Schwester nahe. »Wir haben eine Wahnsinnige gefunden«, sagte sie, »mache, dass
wir fortkommen.« »Um Gottes willen bleib!« rief Teobald, durch das
Ungewöhnliche des Auftritts zu einer ausserordentlichen Kraft gesteigert: »Liebe
Schwester, du warst doch sonst keine von denen, die für das Seltene, was sie
nicht begreifen, gleich einen verpönenden Namen wissen. Ja, und wär es auch eine
Wahnsinnige, sie wird uns nicht schaden. Ich kenne sie und sie kennt mich. Du
sollst noch vieles hören.« Damit ging er nach dem Orte hin, von wo der Gesang
gekommen war, welcher indessen wieder aufgehört hatte. Die Schwester, ihren
Ohren kaum trauend, sah ihm nach, unter verworrenen Ahnungen, in äusserster
Besorgnis. So blieb sie eine geraume Weile, dann rief sie, von unerträglicher
Angst ergriffen, mehrmals und laut den Namen ihres Bruders.
    Er kam, und zwar Hand in Hand mit der Fremden, traulich und langsam heran.
Es schien, dass unter der Zeit eine entschiedene Verständigung zwischen den
beiden stattgefunden haben müsse. Wenn die Miene Teobalds nur eine
tiefbefriedigte, entzückte Hingebung ausdrückte, so brach zwar aus der Jungfrau
noch ein matter Rest des vorigen Aufruhrs ihrer Sinne wie Wetterleuchten hervor,
aber um so reizender und rührender war der Obergang ihres Blickes zur sanften,
gefälligen Ruhe, wozu sie sich gleichsam Gewalt antat. Adelheid begriff nichts
von allem; doch milderte der jetzige Anblick der Unbekannten ihre Furcht um
vieles, erweckte ihre Teilnahme, ihr Mitleid. »Sie geht mit uns nach Hause,
Schwester, damit du es nur weisst!« fing Teobald an, »ich habe schon meinen Plan
ausgedacht. Nicht wahr, Elisabet, du gehst?« Ihr Kopfschütteln auf diese Frage
schien bloss das schüchterne Verneinen von jemand, der bereits im stillen
zugesagt hat. »Lasst uns aber lieber gleich aufbrechen, es will schon Abend
werden!« setzte jener hinzu; und so rüstete man sich, packte zusammen und ging.
    »Ich sehe nicht«, flüsterte Adelheid in einem günstigen Augenblick, während
Elisabet weit vorauslief, dem Bruder zu, »ich begreife nicht, was daraus werden
kann! Hast du denn überlegt, wie der Vater dies Abenteuer aufnehmen wird? Wenn
du die Absicht hast, dass diese Person heute nacht eine Unterkunft bei uns finde,
was kann ihr dieses viel nützen? oder was trägst du sonst im Sinne? Um des
Himmels willen, gib mir nur erst Aufschluss über dein rätselhaftes Benehmen!
Welche Bewegung! welche Leidenschaft! Wie hängt denn alles zusammen? du handelst
wie ein Träumender vor mir!«
    »Da magst du wohl recht haben«, war die Antwort, »ja, wie ein Träumender!
weiss ich doch kaum, wie alles kam. Ich zweifle zuweilen an der Wirklichkeit
dessen, was da vorging. Aber doppelt wunderbar ist es, dass dasjenige, was ich
dir heute auf dem Rehstock offenbaren wollte und was nirgends als in meiner
Einbildung lebte, uns beiden in leibhafter Gestalt hat erscheinen müssen.«
    Nach und nach erklärte er, dass ihm das Mädchen über sich selbst nichts
weiter zu sagen gewusst, als: sie habe sich vor vier Tagen heimlich von ihrer
Gesellschaft, einer übrigens öffentlich geduldeten Zigeunerhorde, getrennt, weil
sie ihre Heimat habe wiedersuchen wollen, der man sie in jungen Jahren
entrissen, deren sie sich auch nur schwach mehr erinnere. Diese Nachricht diente
keineswegs, die Teilnahme Adelheids sehr zu vermehren, vielmehr erregte der
angegebene Grund der Entweichung ihren Verdacht in hohem Grade als
unwahrscheinlich. Indessen war das vernünftige Mädchen in der Voraussicht, dass
eine Zurechtweisung des Bruders für jetzt schlechterdings vergeblich wäre, nur
darauf bedacht, unter misslichen Umständen wenigstens grösseres Unheil zu
verhüten. Teobalds körperlicher Zustand, der nach einer unnatürlichen
Anspannung eine gefährliche Schwäche befürchten liess, war das nächste, was sie
beunruhigte, und ihr Vorschlag, man wolle den benachbarten Rittmeister um sein
Gefährt ansprechen, fand bei dem Bruder nur insoferne Widerspruch, als Elisabet
ihrerseits darauf beharrte, den Weg zu Fuss zu machen. Johann, welcher inzwischen
treulich gewartet hatte, ward jedoch mit den geeigneten Aufträgen nach dem
nächsten Hofe zu dem alten Herrn Rittmeister, einem guten Bekannten des
Pfarrers, abgeschickt. Während einer peinlichen halben Stunde des Wartens fand
Adelheid Veranlassung, den Gegenstand ihres Unmuts und ihres Misstrauens von
einer wenigstens unschuldigen Seite kennenzulernen. Elisabet äusserte auf die
unzweideutigste Weise eine fast kindliche Reue darüber, dass sie sich von ihrer
Bande weggestohlen, wo man sie nun recht mit Sorgen vermisse, wo ihr nie ein
Leid geschehen sei, wo sie, sooft sie krank gewesen, immer guten Trost und
geschickte Pflege bei gar muntern und redlichen Leuten gefunden habe. Bei dem
Wörtchen »krank« legte sie mit einer traurig lächerlichen Grimasse den
Zeigefinger an die Stirn, und gab auf diese Art ganz unverhohlen ein
freiwilliges Bekenntnis dessen, was Adelheid anfangs gefürchtet hatte. Aber sie
fügte sogar noch den naiven Trost hinzu: »Seid nur nicht bang, ihr guten Kinder,
dass ich jemand Übels zufüge, wenn mein Leid mich übernimmt. Da sorgt nur nicht.
Ich gehe dann immer allein beiseite und singe das Lied, welches Frau Faggatin,
die Grossmutter, mich gelehrt, da wird mir wieder gut. Du, armer Junge, du sollst
auch das Lied noch lernen, du hast gar viel zu leiden; ich habe das wohl bald
bemerkt, darum geh ich mit dir, bis du zu Hause bist, doch behalten könnt ihr
mich nicht. Auch schlaf ich heute nicht bei euch. Diese Nacht noch zieht
Elisabet weiter, woher sie gekommen, denn die Heimat ist nicht mehr zu finden.
Man hat mir sie verstellt die Berge, das Haus und den grünen See, mir alles
verstellt Wie das nur möglich ist! Ich muss lachen!«
    Der Knecht kam jetzt mit der verlangten Aushülfe; nicht mehr zu frühe, denn
schon war es dunkel geworden. Um so weniger wollte Teobald und selbst Adelheid
es geschehen lassen, dass Elisabet neben dem Gefährt herging. Allein sie war
nicht zu überreden, und so rückte man immerhin rasch genug vorwärts.
    Indes die Geschwister nun unter sehr verschiedenen Empfindungen, jedoch
einverstanden über die nächsten Massregeln, sich auf diese Weise dem väterlichen
Orte nähern und Teobald endlich der Schwester die ganze wundersame Bedeutung
des heutigen Tags entdeckt, ist man zu Hause schon in grosser Erwartung der
beiden, und der Vater machte seine Verstimmung wegen des längern Ausbleibens der
jungen Leute bereits auf seine Art fühlbar. Um übrigens einen richtigen Begriff
von der gegenwärtigen Stimmung im Pfarrhause zu geben, müssen wir, so ungerne es
geschieht, schlechterdings eine gewisse Gewohnheit des Hausvaters anführen,
welche soeben jetzt wieder in Ausübung gebracht wurde. Der Pfarrer nämlich, ein
Mann von den widersprechendsten Launen, wohlwollend und tückisch, menschenscheu,
hypochondrisch, und dabei oft ein beliebter Gesellschafter, hatte neben manchen
höchst widrigen Eigenheiten den Fehler der Trägheit in einem fast abscheulichen
Grade und sie verleitete ihn zu den abgeschmacktesten Liebhabereien. Konnte es
ihm gefallen, mit gesundem Leibe ganze Tage im Bette zuzubringen und über ein
und dasselbe Zeitungsblatt hinzugähnen, so machte dieses wenigstens niemanden
unglücklich. Nun aber fand er, der in früheren Tagen gelegentlich ein Jagdfreund
gewesen war, eine Art von Zeitvertreib darin, vom Bette aus nach allen Seiten
des Zimmers hin mit dem Vogelrohr zu schiessen. Zu diesem Behuf knetete er mit
eigenen Fingern kleine Kugeln aus einem Stücke Lehm, das stets auf seinem
Nachttisch liegen musste. Er selbst war so gelegen, dass er von seinem
Schlafgemach aus fast das ganze Wohnzimmer mit seinem Rohr beherrschen konnte.
Das Ziel seiner Übungen blieb jedoch nicht immer der grosse Essigkrug auf dem
Ofen, oder das Türchen des Vogelkäfigs, oder das alte Portrait Friedrichs von
Preussen, sondern der Pfarrherr betrachtete es mitunter als den angenehmsten Teil
seiner Kinderzucht, gewisse Unarten, die er an den Töchtern bemerken wollte,
durch dergleichen Schüsse zu verweisen. Jungfer Nantchen, bei Licht am Nähtische
beschäftigt, brauchte z.B. vorhin etwas längere Zeit, als dem Vater billig
vorkam, um ihren Faden durch das Nadelöhr zu schleifen, und unerwartet klebte
eine Kugel an ihrem blossen Arm, die denn auch so derb gewesen sein muss, dass das
gute Kind recht schmerzhaft aufseufzte. Es kamen diesen Abend noch einige Fälle
der Art vor, wobei doch Jungfer Ernestine verschont blieb, ein Vorzug, welchen
gewöhnlich auch Adelheid, Teobald ohnehin, mit ihr teilen durfte Allein welchen
Empfang können wir den letztern unter solchen Umständen versprechen? Es wurde
acht Uhr, bis sie gegen das Dorf herfuhren. Sie waren inzwischen
übereingekommen, man wolle Elisabet, welche jedes Nachtquartier fortwährend mit
Hartnäckigkeit ausschlug, zum wenigsten über Tisch behalten, wozu sie sich
zuletzt auch verstand.
    Die endliche Ankunft der Vermissten war indessen im Pfarrhause schon durch
einen Burschen hinterbracht, den man entgegengesandt und welchem der ehrliche
Johann im Vertrauen das Merkwürdigste zugeraunt hatte. Dies veranlasste denn ein
gross Verwundern, ein gewaltig Geschrei im Haus. Dem Pfarrer sank das Spielzeug
aus der Hand, da von einer Zigeunerin, von der Chaise des Rittmeisters, von
Unpässlichkeit seines Sohns verlautete. Er stand vom Bette auf und warf den
Schlafrock um unter den Worten: »Was? eine Kartenschlägerin? eine Landfährerin?
alle Satan! eine Hexe? und deswegen mein Sohn plötzlich unwohl geworden? - und
ein Fuhrwerk - eine Heidin, was? Ich will sie bekehren, ich will ihr die
Nativität stellen! gebt mir mein Rohr her! nicht das - mein spanisches! Wie hat
Johann gesagt? Die Pferde seien scheu geworden, wenn die Zigeunerin neben ihnen
hergelaufen?«
    Die Tür ging auf. Adelheid und Teobald standen im Zimmer; jene mit
stockender Stimme, an ihrer Angst schluckend, dieser mehr beschämt und vor
bitterem Unwillen glühend über das unwürdige Benehmen seines Vaters. Umsonst
stellte er sich dem hitzigen Manne beschwörend in den Weg, als er mit dem Licht
in den Hausflur treten wollte, wo Elisabet in einer Ecke unbeweglich
hingepflanzt stand und ihm nun gross und unerschrocken entgegenschaute. Jetzt
aber folgte eine den gespannten Erwartungen aller Umstehenden völlig
entgegengesetzte Szene. Denn Pfarrer erstickt die rauhe Anrede auf der Zunge,
wie er die Gesichtszüge der Fremden ins Auge fasst, und mit dem Ausdruck des
höchsten Erstaunens tritt er einige Schritte zurück. Auf der Schwelle des
Zimmers wirft er noch einen Blick auf die Gestalt, und in lächerlicher
Verwirrung läuft er nun durch alle Stuben. »Wie kommt sie denn zu euch? was wisst
ihr von dem Weibsbild?« fragt er Adelheiden, während Teobald sich auf den Gang
hinausschleicht. Das Mädchen berichtete, was es wusste, und setzte zuletzt noch
hinzu, dass der Bruder von einem Bilde gesagt, welches er schon als Kind öfters
in einer Dachkammer gesehen und das die wunderbarste Ähnlichkeit mit dem Mädchen
habe. Der Pfarrer winkte verdriesslich mit der Hand und seufzte laut. Er schien
in der Tat über die Person der Fremden mehr im reinen zu sein, als ihm selber
lieb sein mochte, und der letzte Zweifel verschwand vollends während einer
Unterredung, welche er, so gut es gehen mochte, mit Elisabet unter vier Augen
auf seiner Studierstube vornahm. Er ward überzeugt, dass er hier die traurige
Frucht eines längst mit Stillschweigen zugedeckten Verhältnisses vor sich habe,
das einst unabsehbares Ärgernis und unsäglichen Jammer in seiner Familie
angerichtet hatte. Was jedoch Elisabet jetzt über ihr bisheriges Schicksal
vorbrachte, war nicht viel mehr, als was die andern bereits von ihr wussten, und
der Pfarrer fand nicht für gut, sie über das Geheimnis ihrer Geburt und somit
über die nahe Beziehung aufzuklären, worin sie dadurch zu seinem Hause stand.
Den auffallenden Umstand aber, dass die Flüchtige just in diese Gegend geriet,
machten einige Äusserungen des Mädchens klar, aus welchen hervorging, dass ein
unzufriedenes Mitglied jener Bande sich an dem Anführer durch die Entfernung
Elisabets rächen wollte, wozu ihm die letztere selbst durch die häufige Bitte
Gelegenheit gegeben haben musste, er möchte sie doch einmal in ihre Heimat zu
Besuche führen, und allerdings war der Mensch, wie sich später ergab, von der
eigentlichen Herkunft des Mädchens, sowie von dem Dasein einiger Verwandten
ihres Vaters vollkommen unterrichtet; er beabsichtigte, sie nach Wolfsbühl zu
bringen, wo er sich nicht geringen Dank versprach, aber wenige Stunden von dem
Orte traf er auf die Spur von Zigeunern, welche ohne Zweifel ihm nachzusetzen
kamen. Er liess das Mädchen im Stiche und setzte seine Flucht alleine fort.
    Jungfer Ernestine mahnte bereits zum dritten Male an das ohnehin verspätete
Nachtessen; man schickte sich also an, und wohl selten mag eine Mahlzeit einen
sonderbarern Anblick dargeboten haben. Sie ging ziemlich einsilbig vonstatten.
Der fremde Gast war natürlich unausgesetzt von neugierigen zweifelhaften Blicken
verfolgt, die nur, wenn zuweilen ein Strahl aus jenen dunkeln Wimpern auf sie
traf, pfeilschnell und schüchtern auf den Teller zurückfuhren.
    Elisabet ersah sich nach Tische den schicklichsten Zeitpunkt, um aus der
Tür und sofort geschwinde aus dem Haus zu entschlüpfen, ohne auch nachher, als
man sie vermisste, wiederaufgefunden werden zu können. Der Vater schien dadurch
eher erleichtert als bekümmert. Sie hatte jedoch, wie man jetzt erst bemerkte,
ihr Bündel zurückgelassen; sie musste also wahrscheinlich wiedererscheinen, und
Teobald tröstete sich mit dieser Hoffnung.
    Eine mächtige und tiefgegründete Leidenschaft, soviel sehen wir wohl schon
jetzt, hat sich dieses reizbaren Gemütes bemeistert, eine Leidenschaft, deren
Ursprung vielleicht ohne Beispiel ist und deren Gefahr dadurch um nichts
geringer wird, dass eine reine Glut in ihr zu liegen scheint. Der junge Mensch
befand sich, seit das rätselhafte Wesen verschwunden war, in dem Zustand eines
stillen dumpfen Schmerzens, wobei er, sooft Adelheid ihn mitleidig ansah, Mühe
hatte, die Tränen zurückzuhalten. Sie nötigte ihn auf seine Schlafkammer, wo sie
ihm bald gute Nacht sagte. Der Pfarrer war durch das unerwartete Ereignis des
heutigen Abends in seinem gewohnten Gleichmute dergestalt gestört, dass er jetzt
noch an keine Ruhe denken konnte. Die Erinnerung an eine bedeutende
Vergangenheit, an das unglückliche Schicksal eines leiblichen Bruders wurde nach
langer Zeit wieder zum ersten Male heftig in ihm aufgeregt, er fühlte ein
Bedürfnis, sich seiner ältesten Tochter mitzuteilen, und Ernestine, von jeher
nur wenig unterrichtet über jenes merkwürdige Familienverhältnis, sah jetzt mit
neugieriger Miene den Vater ein bestäubtes Manuskript hervorholen, worin die
Geschichte ihres Oheims grösstenteils von dessen eigener Hand verzeichnet stand.
Alle übrigen im Hause hatten sich zu Bette begeben, nur Adelheid sass
nachdenklich in einem Winkel des Zimmers und hörte bescheiden zu, indes der
Vater aus dem Gedächtnis erzählte, nachdem er die vor ihm liegende Handschrift
mit Wehmut, ja mit Grauen, bald wieder auf die Seite geschoben hatte.
    »Mein jüngerer Bruder Friedrich«, fing er an, »dein seliger Oheim, war ein
Genie, wie man zu sagen pflegt, und leider bei aller Herzensgüte ein
überspannter Kopf, welcher schon in der frühesten Jugend nichts wollte und
nichts vornahm, was in der Ordnung gewesen wäre. Er bewies ein ausserordentliches
Geschick zur Malerkunst und mit der Zeit unterstützte ihn der Fürst auf das
grossmütigste. Er liess ihn auf sechs Jahre nach Italien reisen, gab ihm auch nach
seiner Zurückkunft ungemeine Zeichen seiner Gnade. Anfänglich nahm er seinen
Aufentalt in der Hauptstadt, später kaufte er sich das etwa fünf Stunden von
Risstal und drei von hier entfernte Gütchen F. wo er, noch immer unverheiratet,
bloss für sein Geschäft lebte. In dieser Zeit habe ich ihn gar oft gesehen. Es
war ein grosser schöner Mann und gar munter, wenn es an ihn kam. Er hätte
glücklich sein können, aber eine Reise hat ihn in sein Verderben geführt. Er
entschloss sich nämlich im Frühjahr 17** auf den Rat der Ärzte, seiner Erholung
wegen, einen Freund in Böhmen zu besuchen, mit dem er zu gleicher Zeit in Rom
gewesen war. Ach, er ahnete nicht, welchem Verhängnis er entgegenging!«
    So sprach der Pfarrer und nun folgte die Erzählung einer Geschichte, welche
der Leser besser aus dem Tagebuche des Malers selbst erfährt.
                                               In der Gegend von H** den 22. Mai
Schon seit Wochen fühle ich meine Gesundheit kräftiger als jemals; aber seit
wenigen Tagen streckt auch der Geist seine erschlafft gewesenen Organe so
begierig und arbeitsdurstig wieder aus, dass ich ordentlich über mich selbst
erstaune. Ich spüre, es will sich ein neues Leben hervordrängen, es will ein
Wunder in mir werden. Ich wüsste niemanden, dem ich die Ursache dieser mächtigen
Revolution, die Geschichte der letzten vier Tage, so vertraulich mitteilen
könnte, als diesen verschwiegenen Blättern. Aber fürwahr, ich tue es beinahe
bloss in der grillenhaften Besorgnis, dass mein gegenwärtiges Glück, ja dass mir
selbst die Erinnerung an diese ausserordentliche Zeit entrissen werden könne.
    Am 17. Mai trat ich von G. aus eine kleine Exkursion an und zwar allein,
weil mein Freund verhindert war. Ich fand etwas Reizendes in dem Gedanken, so
wie zuweilen im Vaterland, jetzt auch auf böhmischem Boden einmal ohne
bestimmtes Ziel und besondere Absicht auszufliegen, nur dachte ich an das schöne
Gebirge gegen *** zu, das ich vom Fenster aus als dunkelblauen Streif gesehen
hatte. Ich schlug also ungefähr diese Richtung ein und liess mich nach
Bequemlichkeit vom nächsten besten Wege fortziehen, verweilte bei allem, was mir
neu und merkwürdig war, machte meine Beobachtungen an Menschen und Natur, zog
mein Skizzenbuch hervor, zeichnete oder las wie mir's einkam, und liess es mir
mitunter in den dürftigsten Dorfschenken aufs beste gefallen. Am zweiten Abend
meiner Wanderung befand ich mich bereits in einer anziehenden Gebirgsgegend und
der darauf folgende Mittag sah mich schon tief in den herrlichsten Waldungen
herumschwärmen, wo ich nach Herzenslust den wilden Atem der Natur kostete, die
Schauer der Einsamkeit empfand, mich hundert Zerstreuungen überliess. Unvermerkt
sank die Dämmerung herein, da es mir denn erst einfiel, den Fusssteig wieder
aufzusuchen, der, wie man mir gesagt hatte, nach einer guten, mitten im Walde
gelegenen Herberge führen musste. Das ging aber nicht so leicht; eine volle halbe
Stunde quälte ich mich ab, ohne eine Spur zu entdecken. Jetzt war es fast Nacht.
Meine Wahl ging nahe zusammen. Auf gut Glück lief ich noch eine Zeitlang
vorwärts, bis das dicker werdende Gesträuch und eine grosse Müdigkeit mich
verdrossen stille stehen machte. Ungeduld und Ärger über meine Unvorsichtigkeit
waren aufs äusserste gestiegen, da überraschte mich mit einemmal der Gedanke, dass
ich mir ehedem oft eine solche Situation gewünscht, und dass dieser scheinbar
widerwärtige Zufall recht eigentlich im Charakter meiner Reise sei. Hiemit gab
ich mich denn auch wirklich zufrieden. Unbequem genug lagerte ich mich unter
einer hohen Eiche, murmelte etwas von der Lieblichkeit der warmen Sommernacht,
vom baldigen Aufgang des Mondes und konnte doch nicht verhüten dass meine
Gedanken einigemal in dem verfehlten Wirtshaus einkehrten, wo ein ordentliches
Abendbrot und ein leidlicheres Bette auf mich gewartet haben würden. Mit solchen
Bildern beschäftigt, bemerkte ich jetzt in einiger Entfernung durch das Gezweige
hindurch den Glanz eines Feuers. Meine ganze Einbildungskraft entzündete sich in
diesem Anblick unter tausend mehr oder weniger angenehmen Vermutungen; aber bald
entschloss ich mich zu einer genauern Untersuchung. Nach einer mühsam
zurückgelegten Strecke von etwa fünfzehn Schritten unterschied ich eine bunte
Gesellschaft von Männern, Weibern und Kindern auf einem etwas freien Platz um
ein Feuer herumsitzend und zum Teil von einer Art unordentlichen Gezeltes
bedeckt; sie führten, soviel ich hörte, ein zufriedenes aber lebhaftes Gespräch.
    Das Herz hüpfte mir vor Freuden, hier einen Trupp von Zigeunern anzutreffen,
denn ein altes Vorurteil für dies eigentümliche Volk wurde selbst durch das
Bewusstsein meiner gänzlichen Schutzlosigkeit nicht eingeschreckt. Ich weiss
nicht, welches rasche zuversichtliche Gefühl mich überredete, dass wenigstens bei
dieser Versammlung durch eine offene Ansprache nichts zu wagen sei. Mein kleiner
Tubus trug in keinem Fall etwas dazu bei, denn bei einer physiognomischen
Untersuchung der vom roten Schein der Flamme beleuchteten Köpfe hätte mein
Urteil unentschieden bleiben müssen, trotz der frappantesten Deutlichkeit, womit
jeder Zug sich vor mein Auge stellte. Ich trat hervor, ich grüsste treuherzig und
erfuhr ganz die gehoffte Aufnahme, nachdem ich mich durch das erste barsche Wort
des Häuptlings nicht hatte irremachen lassen. Meine unbefangene Keckheit schien
ihm plötzlich zu gefallen, auch meinen Anzug musterte er jetzt mit sichtbarem
Respekt. Man lud mich ein, auf einen Teppich niederzusitzen, und bot mir zu
essen an. Ich gab mir ein mehr und mehr treuherziges und redseliges Wesen,
dessen gute Wirkung sich gar bald an meinen Leuten zeigte, die mit
Aufmerksamkeit meinen Schilderungen aus fremden Ländern zuhörten, während ich
mich nebenher an den merkwürdigen Gesichtern und köstlichen Gruppen in die Runde
erquicken konnte.
    Dies dauerte ungestört eine ganze Zeit. Jetzt liess sich ein ferner Donner
vernehmen und man machte sich auf ein Gewitter gefasst, das auch wirklich
unvermutet schnell herbeikam. Jedes schützte sich so gut wie möglich.
    Bei dieser allgemeinen Bewegung, indes der Regen unter heftigen
Donnerschlägen stromweise niedergoss und eines der seitwärts stehenden Pferde
scheu wurde, war mir mein Portefeuille entfallen. Ich suchte es in der dicksten
Finsternis am Boden und hatte es soeben glücklich aufgehoben, als ich plötzlich
beim jähen Licht eines starken Blitzes hart an meiner Seite ein weibliches
Gesicht erblickte, das freilich derselbe Moment, welcher es mir gezeigt, wieder
in die vorige Nacht verschlang. Aber noch stand ich geblendet wie in einem Meere
von Feuer und vor meinem innern Sinne blieb jenes Gesicht mit bestimmter
Zeichnung wie eine feste Maske hingebannt, in grünflammender Umgebung des nassen
glänzenden Gezweigs. Nichts in meinem Leben hat einen solchen Eindruck auf mich
gemacht, als die Erscheinung dieses Nu. Unwillkürlich streckte sich mein Arm
aus, um mich zu überzeugen, aber es rauschte schon an mir vorüber und eine
längere Zeit, als meine Ungeduld wollte, verging, bis ich ins klare kommen
sollte. Doch das blieb nicht aus.
    Ein Mädchen, das anfangs in dem Zelt verborgen gewesen sein mochte, und das
man mit dem Namen Loskine rief, zeigte sich jetzt auch unter den andern, als man
bei nachlassendem Regen wieder Feuer anmachte und sich unter wechselnden Scherz-
und Scheltworten auf den störenden Oberfall wieder in Ordnung brachte. Das
Mädchen ist die Nichte des Hauptmanns. - Loskine - wie soll ich sie beschreiben?
Sind doch seit jener Nacht vier volle Tage hingegangen, in denen ich dies
Gebilde der eigensten Schönheit stündlich Aug in Auge vor mir hatte, ohne dass
dem Maler in mir eingefallen wäre, sich ihrer durch das elende Medium von Linien
und Strichen zu bemächtigen! O diese wenigen Tage, wie reich an Entdeckungen,
wie unermesslich in ihren Folgen für meine ganze Art zu existieren!
    Ich bin seiter der freiwillige Begleiter dieser streifenden Gesellschaft.
Ja, das bin ich und ich erröte keineswegs über diesen Einfall, den mir auch kein
Professor ordinarius der schönen Künste beachselzucken soll, weil ich ihn einem
Professori ordinario sicherlich nicht erzählen werde. Oder schändet es in der
Tat einen vernünftigen Mann, den sein Beruf selber auf Entdeckung originaler
Formen hinweiset, eine Zeitlang der Beobachter von wilden Leuten zu sein, wenn
er unter ihnen unerschöpflichen Stoff, die überraschendsten Züge, den Menschen
in seiner gesundesten physischen Entwicklung findet, und dabei die übrige Natur
wie mit neuen Augen, mit doppelter Empfänglichkeit anschaut? Ich lerne mit jeder
Stunde und die Leute sind die Gefälligkeit selbst gegen mich. Einiger Eigennutz
ist freilich immer dabei; meine Freigebigkeit behagt ihnen, aber mich wird sie
nie gereuen.
                                                                Einen Tag später
Ich muss lächeln, wenn ich mein gestriges Räsonnement von Malerstudium und
Kunstgewinn wieder lese. Es mag seine Richtigkeit damit haben, aber wie käme
diese hochtrabende Selbstrechtfertigung hieher, wenn nicht noch etwas anderes
dahinterstäke, um was ich mir mit guter Art einen Lappen hängen wollte? Doch ich
gestehe ja, dass Loskine schon an und für sich allein die Mühe verlohnen könnte,
sich eine Woche lang mit dem Zug herumzutreiben. Ich kann dies Geschöpf nicht
ansehen, ohne die Bewunderung immer neuer geistiger, wie körperlicher Reize. Sie
fesselt mich unwiderstehlich, und wäre es auch nur durch das Interesse an der
ungewöhnlichen Mischung dieses Charakters.
    Äusserungen eines feinen Verstandes und einer kindischen Unschuld, trockener
Ernst und plötzliche Anwandlung ausgelassener Munterkeit wechseln in einem
durchaus ungesuchten und höchst anmutigen Kontraste miteinander ab und machen
das bezauberndste Farbenspiel. Das Unbegreifliche dieser Komposition und dieser
Übergänge ist auch bloss scheinbar; für mich hat das alles bereits die notwendige
Ordnung einer schönen Harmonie angenommen. Erstaunlich ist zuweilen die
Behendigkeit ihrer äussern Bewegungen und herrlich das Lächeln der Überlegenheit,
wenn es ihr mitunter gefällt, die Gefahr gleichsam zu necken. Mit Zittern seh
ich zu, wie sie einen jähen Abhang hinunterrennt und so von Baum zu Baum
stürzend sich nur einen kurzen Anhalt gibt; oder wenn sie sich auf den Rücken
eines am Boden ruhenden Pferdes wirft und es durch Schläge zum plötzlichen
Aufstehen zwingt. Unter den übrigen bildet sie indessen eine ziemlich isolierte
Figur; man lässt sie auch gehen, weil man ihre Art schon kennt, und doch hängen
alle mit einer gewissen Vorliebe an ihr. Besonders scheint der Sohn des
Anführers, ein gescheiter männlich schöner Kerl, grössere Aufmerksamkeit für sie
zu haben, als ich leiden mag, wobei mich zwar einesteils ihre Kälte freut, auf
der andern Seite aber sein heimlicher Verdruss doch wieder herzlich rührt. Mich
mag sie gerne um sich dulden, allein ich scheue mich fast vor Marwin, so heisst
jener Mensch, und bin schon daran gewöhnt, vorzüglich nur die Gelegenheit zu
benützen, wann er eben auf Rekognoszierung oder sonst in einem Geschäft
ausgeschickt wird, was häufig vorkommt. Ich habe ihr schon manche kleine
Geschenke gekauft, deren Absichtlichkeit ich durch ähnliche Gaben an die andern
zu bemänteln weiss. - Aber, mein Gott! was will ich denn eigentlich? Noch treffe
ich nicht die Spur eines Gedankens an die Umkehr bei mir an. Vorgestern schrieb
ich, unter einem nicht sehr wahrscheinlichen Vorwand und ohne das geringste von
meinem jetzigen Leben verlauten zu lassen, an Freund S., er möchte mir meine
ganze Barschaft nach dem Städtchen G*** senden, wo wir, wie der Hauptmann sagt,
in vier Tagen zur Marktzeit eintreffen werden. Dieser Marsch bringt mich dem
Orte, von dem ich ausgegangen, wieder um fünf Meilen näher. Aber doch welche
Entfernungen immer noch! Gut, dass ich in diesen Gegenden nicht fürchten muss, auf
irgendein bekanntes Gesicht zu stossen, wofern ich anders in meinem gegenwärtigen
Zustand noch kenntlich wäre. Ich habe meinem Anzug durch einige geborgte
Kleidungsstücke ein etwas freieres Wesen gegeben, um mich meinen Gesellen
einigermassen zu konformieren. Eine violett und rote Zipfelmütze auf dem Kopf,
ein breiter Gürtel um den Leib tun wahrlich schon viel.
                                                                         26. Mai
Einen artigen Auftritt hat es gegeben. Wir rasteten nach einem ermüdenden Strich
mittags in einem Tannengehölze. Marwin war abwesend und sonst überliess sich fast
alles dem Schlafe. Loskine suchte ihre Lieblingsspeise, das durstlöschende,
angenehme Blatt des Sauerklees, der dort in grosser Menge wächst. Ich begleitete
sie und wir setzten uns endlich hinter einem Hügel an einer schattigen Stelle
auf den von abgefallenen Nadeln ganz übersäeten Moosboden. Ich weiss nicht, wie
wir auf allerlei Märchen und wunderbare Dinge zu sprechen kamen, woran sie bei
weitem reicher war als ich. Unter anderem wusste sie von der spinnenden Waldfrau
zu sagen, die im Frühen, wenn der herbstliche Wald von der Morgenröte glühet,
unter den Bäumen hergehe und das Laub, wie vom Rocken, in grün und goldnen Fäden
abspinne, indes die Spindel neben ihr hertanze. Auch vertraute sie mir vieles
von der heimlichen Kraft der Kräuter und Wurzeln, was nicht wiederholt werden
kann, ohne zugleich ihre eigenen Worte zu haben. Dazwischen arbeitete sie mit
dem Schnitzmesser sehr fertig an einem niedlichen Geräte, dergleichen die
Zigeuner aus einem gelben Holze zum Verkauf machen. Ich hatte zuletzt beinahe
kein Ohr mehr für ihre Erzählungen ob der Aufmerksamkeit auf die Bewegung der
Lippen, auf das Spiel ihrer Miene, und endlich von stille glühenden Wünschen
innerlich bestürmt und aufgeregt, wandte ich mich von ihr ab, so dass ich etwas
tiefer sitzend ihr Gesicht im Rücken und ihren nackten Fuss - denn so geht sie
gar häufig - dicht vor meinem Auge hatte. Wie trunken an allen Sinnen und meiner
nicht mehr mächtig ergriff ich den Fuss und drückte meinen Mund fest auf die
feine braune Haut. In diesem Augenblick gab Loskine mir lachend einen derben
Stoss, wir standen beide auf und ich bemerkte eine hohe Röte auf ihrer Wange,
eine Verwirrung, die ich schnell zu deuten wusste. Dadurch kühn gemacht schlang
ich ohne Besinnen die Arme um die treffliche Gestalt, und sie widerstand mir
nicht. Heiss brannten ihre Lippen und ihr Blick sprühte in den meinigen sein
schwarzes Feuer. Aber kurz nur, denn jetzt kehrte er sich verworren ab, und der
nächste Gegenstand, auf den er zugleich mit dem meinigen fällt, ist - Marwin,
welcher ruhig an einen unfernen Baum gelehnt ein Zeuge dieser Szene war. Loskine
stand wie vom Schlage gerührt. Ich suchte, ohne Marwin bemerken zu wollen, ihn
über den Vorfall zu täuschen, indem ich laut und scherzhaft mich über
Sprödigkeit beklagte und dass sie mir das Gesicht schändlich zerkratzt hätte. Bei
dieser Komödie leistete mir das Mädchen nicht die geringste Unterstützung. Sie
starrte schweigend vor sich hin und unter stille hervorstürzenden Tränen
entfernte sie sich langsam. Nun erst grüsste ich ganz verwundert meinen
Nebenbuhler, ging auf ihn zu und wollte in meiner Rolle fortfahren, allein er
sah mich ein paar Sekunden lang verächtlich an, dann liess er mich stehen und
ging.
    Es sind seitdem sechzehn Stunden verflossen, ohne dass sich bisher die
mindeste Folge gezeigt hätte, ausser dass Loskine mir überall ausweicht.
                                                     In einer Bauernhütte zu ***
Ich bin getrennt von meiner Bande, aber um welchen Preis getrennt!
    An demselben Morgen, da ich das letzte schrieb, nahm der Hauptmann mich
beiseite und erklärte mir mit Mässigung, aber mit finsterm Unmut, dass ich ihn
verlassen müsste oder mich ganz so verhalten, als ob Loskine gar nicht vorhanden
wäre. Sein Sohn wünscht sie als Weib zu besitzen, er selber habe sie ihm
versprochen, sie werde sich auch jetzt nicht länger weigern. Ich möchte
überhaupt auf meiner Hut sein, Marwin wolle mir sehr übel, nur die Furcht vor
ihm, seinem Vater, habe ihn im Zaum gehalten, dass er sich nicht an mir
vergriffen. Ich erwiderte, wenn mein argloses Wohlgefallen an dem Mädchen
Verdruss errege, so wäre es mir ein leichtes, künftig behutsam zu sein; wenn aber
Marwin überhaupt durch meine Gegenwart beunruhigt werde, so würde ich auch diese
aufheben. Der Hauptmann, im Bewusstsein der nicht unbeträchtlichen Vorteile, die
ihm meine Gesellschaft brachte, lenkte ein. Ich antwortete darauf wieder in
unbestimmten Ausdrücken und so beruhte die Sache auf sich. Aber bald kam ich zu
einer herzzerschneidenden Szene, woran ich sogleich selber teilnehmen sollte.
Loskine, mit dem Strickzeug auf dem Schosse, sass an der Erde, das Gesicht mit
beiden Händen bedeckend, indes ihr Liebhaber unter grässlichen Verwünschungen und
im heftigsten Schmerz ihr ein offenes Geständnis über jenen Vorfall auszupressen
suchte. Wie er mich gewahr wurde, sprang er gleich einem Wütenden auf mich los,
fasste mich an der Brust und forderte von mir, was jene ihm vorentalte. Er zog
das Messer und drohte mir noch immer, als wir schon von fünf bis sechs Personen,
die herbeieilten, umringt waren. Der Vater entwaffnete ihn auf der Stelle. Aber
erst Loskine, welche sich jetzt mit einem mir unvergesslichen Ausdruck von
würdevoller Ruhe aufhob, machte dem Lärmen ein Ende; sie fasste, ohne ein Wort zu
sprechen, Marwin mit einem vielsagenden Blicke bei der Hand und er, der von der
Bedeutung ihrer feierlichen Gebärde so mächtig ergriffen zu sein schien, wie
ich, folgte wie ein Lamm, als sie ihn tief mit sich in das Gebüsche führte.
    Nach einer Weile kehrte sie allein zurück, ging mit entschiedenem Schritt
auf mich zu, den sie gleichfalls aus der Mitte der übrigen hinwegwinkte.
    »Ich habe ihm versprochen«, fing sie, da wir weit genug entfernt waren und
stillestanden, in ernstem Tone an, »ich hab ihm versprochen, dir zu sagen, dass
ich dich hasse wie meinen ärgsten Feind und bis in den Tod. Ich sage dir also
dieses. Doch du weisst es anders. Ich sage dir für mich, dass ich dich vielmehr
liebe wie meinen liebsten Freund, und das solange ein Atem in mir sein wird.
Aber du musst fort von uns, auch das hab ich ihm gesagt. Mach es kurz, ich darf
nicht lange ausbleiben. Küsse mich!«
    »Muss ich fort«, antwortete ich, durch das Grossartige dieses Augenblicks fast
über allen Affekt hinausgehoben, »muss ich fort, und ist es wahr, dass du mich
mehr liebest als alles, so lass uns zusammen gehen.«
    Sie sah mich staunend an, dann schüttelte sie gedankenvoll das schöne Haupt:
    »Loskine!« rief ich, »wolle nur, und was dir unmöglich scheint, soll gewiss
möglich gemacht werden. Aber noch eins zuvor beantworte mir: Kannst du Marwins
Verlangen nicht gutwillig erfüllen? Kannst du nicht die Seinige werden?«
    Sie schwieg. Ich tat dieselbe Frage wieder, worauf sie ein bestimmtes: Nein!
ausstiess. Mir fiel ein Berg vom Herzen und zugleich war mein Entschluss gefasst.
Mit Blitzesschnelle ordnete sich ein Plan in meinem Kopfe, dessen Unsicherheit
ich freilich sogleich fühlte. Er lief darauf hinaus, dass ich nach meiner
unverzüglichen Trennung von ihren Leuten allein bis G*** vorausreisen wolle, dem
Städtchen, wo sie, wie ich ja wusste, nächstens auch eintreffen würden. Dort
sollte sie sich alsdann von den Ihrigen verlieren, sich unter der Hand und mit
kluger Art nach dem angesehensten Gastaus erkundigen, wo ich mich unfehlbar
bereits befinden und alle Anstalten zur schnellen Flucht getroffen haben würde.
Loskine hatte meinen Vorschlag kaum vernommen, so entriss sie sich mir eilig,
denn wir hörten Geräusch. In einem Gewirre von ängstlich sich durchkreuzenden
Gedanken über die Ungewissheit, in welcher ich in mehr als einer Hinsicht mit
meinem Plane stand, blieb ich mir selber überlassen. Hat das Mädchen mich
verstanden? Werde ich Gelegenheit finden, sie noch einmal darüber zu vernehmen?
oder wenn sie mich gefasst hat, wird sie sich zu dem Schritte entschliessen? ist
der letztere überhaupt ausführbar? Diese Zweifel beunruhigen mich nicht wenig,
bis mir der glückliche Einfall kam, alles dem Willen des Schicksals
anheimzustellen und zuletzt das Glücken oder Misslingen meiner Absichten als
Probe ihrer Güte oder Verwerflichkeit anzusehen. Mit dieser Idee schmeichelte
ich mir ordentlich, sowie durch den strengen Vorsatz, Loskinen für jetzt nicht
mehr aufzusuchen, mich wenigstens nicht näher mit ihr darüber zu verständigen.
Um wieviel bedeutender - dies schwebte im Hintergrund meiner Seele - um wieviel
glänzender wird nachher die Erfüllung deiner Erwartungen sein! Aber auch selbst
in ihrem Fehlschlagen sah ich einen für mich reizenden Schmerz und eine schöne
Entsagung voraus.
    Jetzt begab ich mich zu meiner Gesellschaft, zog den Hauptmann beiseite und
erklärte ihm die Notwendigkeit meiner Entfernung, die ich ihm durch einen
letzten Beweis meiner Erkenntlichkeit um so leichter verschmerzen machte. Er
empfing mein immer ansehnliches Geschenk mit einer Miene von Stolz und
Freundlichkeit, erbot sich zu einem Ehrengeleite, was ich aber ausschlug, und er
versprach, meiner Bitte gemäss, die andern in meinem Namen zu grüssen, da ich aus
Schonung für Marwin einen allgemeinen Abschied vermeiden wolle. Im Grunde aber
unterliess ich den Abschied aus Schonung für mich selber, aus einem eigenen
Schamgefühl, das mich nicht vor den Menschen treten liess, den ich um seine
schönste Hoffnung zu betrügen gedachte. Ich suchte mich damit zu trösten, dass
ich mir sagte, er werde um nichts beraubt, das er je besessen hätte oder jemals
besitzen könnte, denn Loskinens Herz war weit von ihm entfernt.
    In kurzer Zeit befand ich mich wieder allein und in meinen ordentlichen
Kleidern. Ich verfolgte zu Pferde mit einem gleichfalls berittenen Begleiter aus
dem nächsten Dorfe einen Umweg nach G*** welchen, wie zu vermuten war, der
Hauptmann nicht einschlug. Diese Vorsicht gebrauchte ich auf alle Fälle, so wie
ich ihm auch die Richtung meiner Reise falsch angab.
    In G. langt ich beizeiten an und nahm mein Absteigequartier gemäss dem
Loskinen gegebenen Worte. Was meine Absicht weiter fördern konnte ward
unverzüglich eingeleitet. Einige neue Kleidungsstücke, vor allem ein anständiger
Mantel lag für die Geliebte bereit. Es fand sich ein bequemer verschlossener
Wagen, dessen Anblick mich mit abwechselnd glücklichen und bekümmerten Ahnungen
erfüllte; doch erhielt sich meine Hoffnung um so aufrechter, je weiter ich die
Zeit hinaussetzte, wo meiner Berechnung nach die Ankunft des Trupps erfolgen
konnte. Dies war auf den folgenden Morgen, als den eigentlichen Markttag. Ganz
gelassen schaute ich soeben von meinem Zimmer auf die Strasse hinab und
überlegte, nicht ohne einige bedenkliche Rücksicht auf den sehr herabgesunkenen
Zustand meiner Börse, die Art und Weise, wie ich das in den nächsten Tagen
unfehlbar hier auf der Post einlaufende Paket von S. wollte am zweckmässigsten
heimwärts mir nachschicken lassen. Ich sah unter diesen Betrachtungen ruhig zu,
wie unter meinem Fenster ein Junge vom Haus mit einer neuen hölzernen Armbrust
spielte, wobei ein dunkles, gleichgültiges Gefühl in mir war, als wäre mir ein
gleiches Instrument während der letzten Zeit irgendwo vorgekommen. Wie ein Blitz
durchzückt mich plötzlich der Gedanke, dass ich noch vor zwei Tagen dergleichen
Schnitzarbeit in den Händen Loskinens gesehen, dass sie bereits in der Nähe sein
müsse, dass sie jeden Augenblick in das Haus treten könne. Ich war ausser mir vor
Freude, vor Erwartung und Angst. Aber dieser peinvolle Zustand sollte nicht
lange dauern. O Gott! wer schildert den Augenblick, da die herrliche Gestalt in
mein Zimmer schlüpfte, diese Arme sie empfingen und sie mit ersticktem Atem
rief: »Da bin ich! da bin ich Unglückliche! beginne mit mir, was du willst!«
    In kurzem sassen wir im Wagen; erst fuhr ich allein eine Strecke weit vor die
Stadt und erwartete sie dort. Wir reisten den Tag und die Nacht hindurch und
sind vorderhand weit genug, um nichts mehr zu fürchten. Aber welche Not, welche
süsse Not hatt' ich, den Jammer des holden Geschöpfs zu mässigen. Sie schien jetzt
erst den ungeheuren Schritt zu überdenken, den sie für mich gewagt, sie quälte
sich mit den bittersten Vorwürfen und dann wieder lachte sie mitten durch
Tränen, mit Leidenschaft mich an sich pressend. So kamen wir gegen Tagesanbruch
im Grenzorte B. ermüdet an. Ich schreibe dies in einem elenden Gastof, indessen
Loskine nicht weit von mir auf schlechtem Lager eines kurzen Schlafs geniesst.
Getrost, gutes Herz, in wenig Tagen zeig ich dir eine Heimat. Du sollst die
Fürstin meines Hauses sein, wir wollen zusammen ein Himmelreich gründen, und die
Meinung der Welt soll mich nicht hindern, der Seligste unter den Menschen zu
sein.
                                       *
Hier brach das Tagebuch des Malers ab. Der Pfarrer machte eine Pause und Jungfer
Ernestine sagte: »Er brachte sie also ins Vaterland und nahm sie förmlich zum
Weibe?« »Ja, leider dass Gott erbarm! er setzt' es durch. Er verleugnete die
abscheuliche Herkunft der Person, doch man merkte sogleich Unrat, und wer von
der Familie hätte sich nicht davor bekreuzen sollen, so eine wildfremde
Verwandtschaft einzugehen? Alles riet dem Bruder ab, alles verschwor sich gegen
eine Verbindung, ich selbst, Gott vergebe mir's, habe mich verfeindet mit ihm,
so lieb ich ihn hatte. Umsonst, der Fürst war auf seiner Seite, er ward in der
Stille getraut und lebte mit dem Weibsbild einsam genug auf seinem kleinen Gute.
Seine Kunst nährte ihn vollauf, aber es konnte kein Segen dabei sein; beide
Eheleute, sagt man, hätten sich geliebt, abgöttisch geliebt, und doch, heisst es,
sei sie in den ersten Monaten krank geworden vor Heimweh nach ihren Wäldern,
nach ihren Freunden. Man sage mir was man will, ich behaupte, so ein Gesindel
kann das Vagieren nicht lassen, und mein armer Bruder muss tausendfachen Jammer
erduldet haben. Es dauerte kein Jahr, so schlug der Tod sich ins Mittel, die
Frau starb in dem ersten Kindbett. Euer Onkel statt, wie man hoffte, dem Himmel
auf den Knieen zu danken, tat über den Verlust wie ein Verzweifelnder; er lebte
eine Zeitlang nicht viel besser als ein Einsiedler; sein einziger Trost war noch
das Kind, das am Leben erhalten war und in der Folge eine unglaubliche
Ähnlichkeit mit der Mutter zeigte. Er liess das Mädchen sorgfältig bei sich
erziehen bis in sein siebentes Jahr. Da strafte Gott den hart Gezüchtigten mit
einem neuen Unglück. Das Kind ward eines Tags vermisst, niemand begriff, wohin es
geraten sein konnte. Später fand man Ursache, zu glauben, dass die verruchte
Bande den Aufentalt meines Bruders entdeckt, und weil die Frau nicht mehr zu
stehlen war, sich durch den Raub des Mädchens an dem Vater gerächt habe. Sein
halb Vermögen liess dieser es sich kosten, seinen Augapfel wieder an sich zu
bekommen, vergebens, er musste die Tochter verlorengeben, und nie vernahm man
weiter etwas von ihr. Und heute nun - es ist ja unfasslich, es ist rein zum
Tollwerden, mir wirbelt der Verstand, wenn ich's denke, heute muss ich es
erleben, dass der Bastard mir durch meine eigenen Kinder über die Schwelle
gebracht wird. Mir ist nur wohl, seit sie wieder aus dem Haus ist! Wenn sie sich
nur nicht irgendwo versteckt! dort liegt ja ihr Bündel noch; wenn nur nicht der
ganze Trupp hier in der Nähe umherschleicht! Heiliger Gott! wenn sie mir das
Haus anzündeten, die Mordbrenner - Auf, Kinder! mir läuft es siedend über den
Rücken, mir ahnet ein Unglück! Durchsucht jeden Winkel - der Knecht soll den
Schulteiss wecken - man soll Lärm machen im Dorfe -«
    »Um Gottes willen, Vater was denken Sie?« riefen die Mädchen, »besinnen Sie
sich doch! die Zigeuner sind ja meilenweit von uns entfernt und das Mädchen wird
uns nicht schaden.«
    »Was? nicht schaden? wisst ihr das? Ist sie nicht von Sinnen? Was ist von
einer Närrin nicht alles zu fürchten!«
    »So kann ja Johann die Nacht wachen, wir alle wollen wachen.«
    »Keinen Augenblick hab ich Ruh, bis ich mich überzeugt, dass nicht irgendwo
Feuer eingelegt ist. Kommt! ich habe nun einmal die Grille; begleitet mich.«
    So tappte man denn zu dreien ohne Licht durch das ganze Haus; die Gänge, die
Ställe, die Bühne, alles wurde sorgfältig untersucht. Als man in die Dachkammer
kam, wo sich das merkwürdige Bild befand, empfanden die Mädchen einen
heimlichen, jedoch reizenden Schauder; es war so aufgehängt, dass soeben der Mond
sein starkes Licht darauf fallen liess, und selbst der Pfarrer ward wider Willen
von der dämonischen Schönheit des Gesichtes festgehalten, man hätte es wirklich
für ein Porträt Elisabets halten können; von ganz eigenem, nicht weiter zu
beschreibendem Ausdruck waren besonders die braunen durchdringenden Augen.
Keines von den dreien wollte ein lautes Wort sprechen, nur Adelheid fragte den
Vater, ob der Onkel es gemalt? ob es seine Frau vorstelle? Der Pfarrer nickte,
nahm das Bild seufzend von der Wand und versteckte es in die hinterste Ecke.
    Im Vorbeigehen traten sie in Teobalds Schlafkammer, er schlief ruhig, die
Hände lagen gefaltet über der Decke.
    Mitternacht war vorüber. Der Alte hatte wenig Lust sich zur Ruhe zu begeben,
die Töchter sollten ihm Gesellschaft leisten, und um sie wach zu erhalten musste
er den Rest der traurigen Geschichte erzählen. »Dieser geht nahe zusammen«,
sagte er. »Der Unfall mit dem Kinde vernichtete den Oheim ganz; der Aufentalt
im Vaterlande ward ihm unerträglich, er ging auf Reisen, nach Frankreich und
England, soll aber in steter Verbindung mit seinem Fürsten geblieben sein und
fortwährend für ihn gearbeitet haben, bis er aus unbekannten Gründen mit dem
Hofe zerfiel. Auf einmal verscholl er und man weiss bloss, dass er mit einem
Schiffe zwischen England und Norwegen umgekommen. Den grössten Teil seines
Vermögens hatte er bei sich, aber aus dem, was er zurückliess, zu schliessen,
schien er eine Heimkehr nicht aufgegeben zu haben. Seine Güter fielen der
Herrschaft zu, welche Anspruch darauf machte. Ausser einem kleinen Vorrat von
Effekten, worunter auch jenes Gemälde und das Diarium sich befand, kam nichts an
uns. - So endete der Bruder eures Vaters. Ich sage, Friede sei mit ihm! Ich
werde ihn aufrichtig beweinen bis an meinen Tod, ob ich gleich was er tat nicht
billigen kann und jeden warnen muss, dem Gott ein so gefährlich Temperament
verlieh, dass er den Fallstrick des Versuchers vermeide und nie die Bahn
heilsamer Ordnung verlasse. Ich denke hier an meinen eigenen Sohn, an Teobald.
Der Junge hat, so fromm und sanft er ist, mich manchmal schon erschreckt. So
ganz das Gegenteil von mir! So manches Übertriebene, Unnatürliche! So heute
wieder - mir läuft die Galle über, wenn ich's denke - was soll die dumme
Neugierde auf die Fremde? nichts, als dass seine Phantasie toll wird! Und du,
Adelheid, machst oft gemeinschaftliche Sache mit ihm, statt ihn zu leiten - Er
lässt sich nicht wie andere Knaben seines Alters an. Da - stundenlang oben im
Glockenstuhl sitzen, wie ein Träumer, Spinnen ätzen und aufziehen, einfältige
Geheimnisse, Zettel, Münzen unter die Erde vergraben - was sind mir das für
Bizarrerien? Und dass ich einen Maler aus ihm mache, soll er sich nur nicht
einbilden. Das ist das ewige Zeichnen und Pinseln! wo man hinsieht, ärgert man
sich über so ein Fratzengesicht, das er gekritzelt hat, und wär's auch nur auf
dem Zinnteller. Wenn er einmal sonntags nachmittag zur Erholung sich eine Stunde
hinsetzte und machte einen ordentlichen Baum, ein Haus und dergleichen nach
einem braven Original, so hätt ich nichts dagegen, aber da sind es nur immer
seine eigenen Grillen, hexenhafte Karikaturen und was weiss ich. Bei Gott! gerade
solche Possen hat Onkel Friedrich in seiner Jugend gehabt. Nein, bei meiner
armen Seele, mein Sohn soll mir kein Maler werden! Solange ich lebe und gebiete,
soll er's nicht!«
    Die Mädchen machten grosse Augen zu diesen Worten, denn es war beinahe das
erstemal, dass der Vater über seinen Liebling entrüstet schien, und doch war auch
dies nur der ängstliche Ausdruck seiner grenzenlosen Vorliebe für ihn. Endlich
brach er auf und noch während des Auskleidens redete er nach seiner heftigen
Gewohnheit laut mit sich selber über den störenden Vorfall des Abends.
    Am folgenden Morgen meldete der Knecht, dass, als er mit Tagesanbruch
aufgestanden und in den Hof getreten, um Wasser zu schöpfen, das Zigeunermädchen
ihm dort in die Hände gelaufen sei; sie hätte sich nur ihr Kleiderbündel von ihm
bringen lassen, um sogleich weiterzugehen. Sie habe ihm einen freundlichen Gruss
an Adelheid, besonders aber an den jungen Herren befohlen. Ein Medaillon, das
sie vom Halse losgeknüpft, soll man ihm als Angebinde von ihr einhändigen.
    Der Vater nahm das Kleinod sogleich in Empfang; es war von feinem Golde,
blau emailliert, mit einer unverständlichen orientalischen Inschrift; er
verschloss es und verbot jedermann aufs strengste, seinem Sohn etwas von diesem
Auftrage kundzutun.
    Der junge Mensch hatte ausser Adelheiden keine Seele, der er sein Inneres
hätte offenbaren mögen. Er wandelte, seitdem er Elisabeten gesehen, eine
Zeitlang wie im Traume.
    Wenn er seit seinen Kinderjahren, in Risstal schon, so manchen verstohlenen
Augenblick mit der Betrachtung jenes unwiderstehlichen Bildes zugebracht hatte,
wenn sich hieraus allmählich ein schwärmerisch religiöser Umgang wie mit dem
geliebten Idol eines Schutzgeistes entspann, wenn die Treue, womit der Knabe
sein Geheimnis verschwieg, den Reiz desselben unglaublich erhöhte, so musste der
Moment, worin das Wunderbild ihm lebendig entgegentrat, ein ungeheurer und
unauslöschlicher sein. Es war, als erleuchtete ein zauberhaftes Licht die
hintersten Schachten seiner inneren Welt, als bräche der unterirdische Strom
seines Daseins plötzlich lautrauschend zu seinen Füssen hervor aus der Tiefe, als
wäre das Siegel vom Evangelium seines Schicksals gesprungen.
    Niemand war Zeuge von dem seltsamen Bündnis, welches der Knabe in einer Art
von Verzückung mit seiner angebeteten Freundin dort unter den Ruinen schloss,
aber nach dem, was er Adelheiden darüber zu verstehen gab, sollte man glauben,
dass ein gegenseitiges Gelübde der geistigen Liebe stattgefunden, deren
geheimnisvolles Band, an eine wunderbare Naturnotwendigkeit geknüpft, beide
Gemüter, aller Entfernung zum Trotze, auf immer vereinigen sollte.
    Doch dauerte es lang, bis Teobald die tiefe Sehnsucht nach der Entfernten
überwand. Sein ganzes Wesen war in Wehmut aufgelöst, mit doppelter Inbrunst
hielt er sich an jenes teure Bild; der Trieb zu bilden und zu malen ward jetzt
unwiderstehlich und sein Beruf zum Künstler war entschieden.
    In kurzem starb der Vater am Schlagflusse. Die Kinder wurden zerstreut.
Teobald ward einem wackern Manne (dem Förster zu Neuburg) in die Kost gegeben,
von dessen Hause aus er die benachbarte Malerschule zu *** besuchte. Nach
fünftalb Jahren fleissiger Studien fand ein reicher Gönner sich bewogen, dem
jungen Manne die Mittel zu seiner weiteren Bildung im Auslande zu reichen. In
hohem Grade fruchtbar ward ihm der Aufentalt zu Rom und Florenz, aber selbst
die mannigfaltigen Anschauungen dieser herrlichen Kunstwelt vermochten den
Grundton jener früheren Eindrücke nie völlig zu verdrängen, deren mysteriöser
Charakter zunächst in der Idee des Christlichen eine analoge Befriedigung fand.
    Elisabeten hat er nie wiedergesehen.
 
                                  Zweiter Teil
Leopold ging unter tiefer Betrachtungen nach der Stadt zurück. Er kommt an dem
Garten des wunderlichen Hofrats vorbei. Der Liebling des letztern, ein zahmer
Star, sitzt auf dem Spitzdache eines Pumpbrunnens, über den sich eine
Trauerweide neigt. Der Vogel stimmt, eben wie Leopold vorüber will, sein
Stückchen an, mit einem spöttischen Zwischenruf, der offenbar ihm gilt: »Es
reiten drei - Spitzbub - zum Tore hinaus«; zugleich wird das gepuderte Haupt des
Hofrats sichtbar; derselbe ersucht den Bildhauer, einen Augenblick
hereinzutreten. »Ich habe eine Neuigkeit«, sagte er, »über deren angenehmen
Inhalt Sie wohl dem Flegel da oben seine Unart vergessen werden. Monsieur
Larkens wurde den Morgen schnell zu einem Verhöre berufen. Man darf sich auf ein
erwünschtes Resultat gefasst halten; mir ward nur en passant und ganz im
allgemeinen, jedoch von sicherer Hand ein Wink gegeben. Bringen Sie den Leutchen
diesen Trost, sagen es aber nicht weiter.« Voll Freuden dankte der Bildhauer und
wollte eilends gehn, als der Hofrat, der heute seinen schönen Tag hatte, ihn
noch am Rockknopf festielt und sagte: »Widmen Sie doch dem Burschen da droben
noch einen Blick! Bemerken Sie die philosophische Klarheit, den feinen
Sarkasmus, womit dieser Schnabel in die Welt hinaussticht! Stellen wir uns nun
etwa unter der Brunnenpyramide ein Monument, ein Grabmal vor, so wäre es dem
elegischen Geschmack ohne Zweifel gemässer, in den hängenden Weidenzweigen sich
Philomelen, die süsse Sängerin der Wehmut und der Liebe, zu denken, als den
gebildetsten Staren, dessen blosse Figur schon viel vom Weltmann hat. Indessen,
dünkt mich, wäre ein Hanswurst, gedankenvoll auf einem Sarkophagen sitzend, eine
üble Vorstellung auch nicht, vielleicht ein Gegenstand für einen Hogart. Man
gäbe dem Kujon etwa ein schlafendes Kind auf den Schoss und hinter seinem Rücken
würde, halb zürnend halb lächelnd, ein eisgrauer Alter am Stabe das sonderbare
Selbstgespräch belauschen. Des Narren Gesicht müsste zeigen, wie er sich Mühe
gibt, recht tiefsinnig und ernstaft zu sein; aber es geht nicht, und das
bedeutendste Kopfschütteln wird jedesmal von der Schellenkappe begleitet. Was
meinen Sie nun? der geflügelte Schlingel dort, welcher gestern das Unglück
gehabt, ich weiss weder wo noch wie, in einen Topf mit gelber Ölfarbe zu fallen,
davon er die Spuren noch trägt - gleicht er denn nicht aufs Haar so einem
buntscheckigen Allerweltsspötter? Ist es nicht ein unvergleichlicher Junge?«
    Der Bildhauer musste dem Vogel eine Lobrede halten, war aber endlich nur
froh, loszukommen und sich bei den Freunden seiner glücklichen Zeitung zu
entledigen.
    Wirklich gingen nicht vier Tage hin, als den Gefangenen bereits ihre
Lossprechung eröffnet ward. Man hatte bei keinem von beiden eine bösliche
Absicht, wohl aber eine strafbare Unziemlichkeit in ihrer Handlungsweise
entdeckt, wofür ihnen die Gnade des Königs Verzeihung zuerkannte.
    Sämtliche Freunde fanden dies ganz in der Regel, nur den Schauspieler schien
die schnelle Wendung der Sache zu befremden, er schüttelte den Kopf, indem er
nicht undeutlich zu verstehen gab, dass dahinter irgend etwas stecken müsse;
übrigens äusserte er weiter keine Vermutung und teilte von Herzen den allgemeinen
Jubel.
    Der Augenblick, in dem er Nolten zum ersten Male wieder, obgleich am
Krankenbett begrüsste, riss jeden, der zugegen war, zu Rührung und Freude hin. Nie
hatte man eine leidenschaftlichere Freundschaft gesehen, und wenn sonst Larkens
die Vermeidung jedes Anscheins von Empfindsamkeit beinahe bis zur Härte trieb,
so ward er jetzt nicht satt, den Kranken zu umarmen und zu küssen, ihm aufs
beweglichste den Unfall abzubitten, dessen er sich allein anklagte. Zum Glück
versprach der Arzt, dass Nolten in kurzer Zeit völligen Gebrauch von seiner
Freiheit würde machen können, ja der Kranke selber schwur, es fehle gar nicht
viel, so hätte er wohl Lust, sich heute schon auf die Füsse zu richten; zum
wenigsten wollte er aus dem traurigen Arrestzimmer erlöst sein und müsste man ihn
auch samt dem Bette wegtragen. Larkens nahm gleich den Schliesser auf die Seite,
liess sich die nächstgelegenen Zimmer weisen und kam bald mit der lustigen
Botschaft wieder, er habe nur wenige Schritte von Teobalds Zelle ein Lokal
entdeckt, darüber in der Welt nichts gehe: einen kleinen getäfelten Rittersaal
mit einem Erker, der die schönste Aussicht im ganzen Schloss darbiete. Sodann
beschrieb er den altertümlichen Reiz der vielfach verzierten eichenen Wände,
eine Reihe von lebensgross in Holz geschnitzten Grafen und Herzogen mit ihren
Wappenschildern und Sinnsprüchen, die hölzerne Decke, auf welcher, in gleiche
Quadrate geteilt, die halbe biblische Historie in rührender Geschmacklosigkeit
gemalt zu schauen, zwei riesenhafte Ofen, die man im Notfall beide heizen würde;
daneben in einer Ecke lehne ein Haufen rostiger Waffen, an deren Schwere der
Patient von Tag zu Tage seine zunehmenden Kräfte prüfen müsse; auch stünden ein
paar kleine Feuerspritzen bereit, und er behalte sich vor, dieselben an dem
Tage, wo man Befreiung und Genesung festlich begehen würde, mit Tokaier füllen
zu lassen, denn da müsse der Wein recht eigentlich in Strömen fliessen. Sprach er
das letztere im Scherz, so war es ihm mit der Verlegung Noltens in den
bezeichneten Saal so vollkommen Ernst dass er noch jenen Morgen die Erlaubnis
hiezu von seiten des Verwalters einholte und Anstalt machte, alles recht sauber
und reinlich herzustellen. Der Umzug ging des andern Tages vor sich, und Nolten
musste gestehen, er fühle sich wahrhaft erleichtert und erhoben durch eine so
heitere als eindrucksvolle Umgebung. Fenster an Fenster reihten sich die langen
Wände entlang und die ehemalige Pracht erstreckte sich selbst bis auf die
kleinen runden Scheiben, deren Blei noch überall die Spuren guter Vergoldung
zeigte. Es soll der Saal vorzeiten seiner Kostbarkeit und ausserordentlichen
Helle wegen, »die goldene Laterne« geheissen haben.
    Einer der ersten Besuche, deren unser Freund in seiner neuen Wohnung eine
grosse Anzahl erhielt, war Tillsen und der alte Baron von Jassfeld. Beide hatten
während der Gefangenschaft, vermutlich aus Rücksicht gegen den Hof, Anstand
genommen, diese Pflicht zu erfüllen. Der Schauspieler konnte eine spöttische
Bemerkung deshalb nicht unterdrücken, für Teobald aber war wenigstens der
gegenwärtige Beweis von Aufmerksamkeit um so wichtiger, als er eine günstige
Folgerung auf die Gesinnungen der Zarlinschen daraus zog. Allein hierin irrte er
sich, denn gar bald liess man ihn merken, dass in jenem Hause noch immer eine
auffallende Verstimmung herrsche, dass er wohltun würde, sich vorderhand durchaus
entfernt zu halten. Hiezu war er nun wirklich fest entschlossen, besonders da
auch in den folgenden Tagen von seiten des Grafen nicht einmal ein trockener
Glückwunsch, geschweige denn, wie doch zu erwarten gewesen wäre, ein freundlich
Wort an ihn erging.
    Unter andern Umständen vielleicht hätten diese Aussichten ihn trostlos
gemacht, aber so ward sein Stolz empfindlich gereizt, er sah sich unfreundlich,
schnöde zurückgestossen, und da er wusste, wie wenig von jeher die Gräfin gewohnt
gewesen, sich ihre Gefühle und Handlungen durch den Bruder oder sonst jemanden
vorschreiben zu lassen, so konnte er auch ihr jetziges Benehmen keineswegs auf
fremde Rechnung setzen Er glaubte sich in seinen Vorstellungen von der
ungemeinen Denkart dieses Weibes entschieden getäuscht, zum erstenmal fand er an
Constanzen die Kleinlichkeit ihres Geschlechts, die engherzige Pretiosität ihres
Standes, ja was noch mehr als dies, er überzeugte sich, dass sie ihn niemals
eigentlich geliebt haben könne. Er war traurig, allein er wunderte sich, dass er
es nicht in höherem Grade sei.
    Auf diese Art hatte nun freilich der Schauspieler, dem sehr darum zu tun
sein musste, die Eindrücke dieser Leidenschaft bei Nolten von Grund aus zu
vertilgen, bei weitem leichtere Arbeit, als er immer gefürchtet. Er wunderte
sich im stillen höchlich über die vernünftige Gelassenheit seines Freundes, und
gab dem Wunsche desselben gerne nach, dass von der Sache nicht weiter die Rede
sein solle.
    Übrigens gab es für Larkens gar mancherlei zu bedenken und auszumitteln.
Gleich nach der Haftsentlassung war es eine seiner ersten Sorgen gewesen, ob
jene seltsame Elisabet, welche vor wenig Tagen von Leopold war auf der Strasse
gesehen worden, nicht etwa noch in der Nähe sich befinde: mehrere Gründe setzten
es jedoch ausser Zweifel, dass sie die Stadt bereits wieder verlassen. Jetzt
wünschte er sich über den Zustand der Gemüter im Zarlinschen Hause, sowie über
den wahren Grund der eilfertigen Erledigung jener anfänglich so ernstaft
behandelten Rechtssache genauer zu unterrichten. Er war um so begieriger, als
einige heimliche Stimmen sich verlauten liessen Herzog Adolph habe sich mit
seinem fürstlichen Worte für die Gefangenen verbürgt und so den Knoten mit
einemmal zerschnitten. Dies fand der Schauspieler so unwahrscheinlich nicht,
obgleich der Herzog, wie es schien, seine Grossmut öffentlich nicht Wort haben
wollte und sich übrigens jeder Berührung mit seinen Schützlingen entzog. Höchst
peinlich empfand daher Larkens seine Ungewissheit über diesen Punkt, sowie die
Unmöglichkeit, dem Wohltäter ausdrücklich zu danken, wenn dieser sich wirklich
in der Person des Herzogs versteckt haben sollte. Letzteres ward er je länger je
mehr überzeugt, und bald gesellte sich hiezu noch eine weitere, obgleich noch
sehr entfernte Mutmassung, welche er jedenfalls vor Nolten auf das sorgfältigste
zu verbergen guten Grund haben mochte. Der Gedanke stieg nämlich bei ihm auf, ob
nicht Gräfin Constanze selbst als geheime Triebfeder, zunächst zugunsten
Teobalds, durch den Herzog könnte gewirkt haben? Er wusste nicht eigentlich, was
ihn auf diese Vorstellung führte, im allgemeinen aber setzte er bei Constanzen
noch immer eine stille, sehr nachhaltige Neigung für Teobald voraus, und es war
ihm unmöglich, sie anders als in einem leidenden Zustande zu denken.
    Eines Morgens findet er seinen Freund ausser dem Bette unter dem halboffenen
Fenster sitzen und sich im kräftigen Strahl der Frühlingssonne wärmen. Der
Schauspieler drückte laut seine Freude über die glücklichen Fortschritte des
Rekonvaleszenten aus, während Teobald ihm lächelnd mit der Hand Stillschweigen
zuwinkte, denn der lieblichste Gesang tönte soeben aus dem Zwinger herauf, wo
die Tochter des Wärters mit den ersten Gartenarbeiten beschäftigt war. Sie
selbst konnte wegen eines Vorsprungs am Gebäude nicht gesehen werden, desto
vernehmlicher war ihr Liedchen, wovon wir wenigstens einen Vers anführen wollen.
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süsse wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen;
Horch, von fern ein leiser Harfenton! - -
Frühling, ja du bist's!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
Die Strophen bezeichneten ganz jene zärtlich aufgeregte Stimmung, womit die neue
Jahreszeit den Menschen, und den Genesenden weit inniger als den Gesunden,
heimzusuchen pflegt. Eine seltene Heiterkeit belebte das Gespräch der beiden
Männer, während ihre Blicke sich fern auf der keimenden Landschaft ergingen. Nie
war Nolten so beredt wie heute, nie der Schauspieler so menschlich und
liebenswürdig gewesen. Auf einmal stand der Maler auf, sah dem Freunde lang und
ernst, wie mit abwesenden Gedanken, ins Gesicht, und sagte dann, indem er seine
Hände auf die Schultern des andern legte, im ruhigsten Tone: »Soll ich dir
gestehen, Alter, dass dies der glücklichste Tag meines Lebens ist, ja dass mir
vorkommt, erst heute fang ich eigentlich zu leben an? Begreife mich aber. Nicht
diese erquickende Sonne ist es allein, nicht dieser junge Hauch der Welt und
nicht deine belebende Gegenwart. Sieh, das Gefühl, wovon ich rede, lag in der
letzten Zeit schon beinahe reif in mir; ich kann nicht sagen, dass es die Folge
langer Überlegung sei, doch ruht es auf dem klarsten und nüchternsten Bewusstsein
und ist so wahr als ich nur selber wirklich bin. Es hat sich mir in diesen Tagen
die Gestalt meiner Vergangenheit, mein inneres und äusseres Geschick, von selber
wie im Spiegel aufgedrungen und es war das erstemal, dass mir die Bedeutung
meines Lebens, von seinen ersten Anfängen an, so unzweideutig vor Augen lag.
Auch konnte das und durfte nicht wohl früher sein. Ich musste gewisse Zeiträume
wie blindlings durchleben, vielleicht geht es mit den folgenden nicht anders und
vielleicht ist das bei den meisten Menschen so; aber auf den kurzen Moment, wo
die Richtung meiner Bahn sich verändert, wurde mir die Binde abgenommen, ich
darf mich frei umschauen, als wie zu eigner Wahl, und freue mich, dass, indem
eine Gotteit mich führt, ich doch eigentlich nur meines Willens, meines
Gedankens mir bewusst bin. Die Macht, welche mich nötigt, steht nicht als
eigensinniger Treiber unsichtbar hinter mir, sie schwebt vor mir, in mir ist
sie, mir deucht, als hätt ich von Ewigkeit her mich mit ihr darüber verständigt,
wohin wir zusammen gehen wollen, als wäre mir dieser Plan nur durch die endliche
Beschränkung meines Daseins weit aus dem Gedächtnis gerückt worden, und nur
zuweilen käme mir mit tiefem Staunen die dunkle wunderbare Erinnerung daran
zurück. Der Mensch rollt seinen Wagen wohin es ihm beliebt, aber unter den
Rädern dreht sich unmerklich die Kugel, die er befährt. So sehe ich mich jetzt
an einem Ziele, wonach ich nie gestrebt hatte, und das ich mir niemals hatte
träumen lassen. Vor wenig Wochen noch schien ich so weit davon entfernt!
Manches, was mir so lang als notwendige Bedingung meines Glücks, meines
vollendeten Wesens erschienen war, was ich mit unglaublicher Leidenschaft
genährt und gepflegt hatte, liegt nun wie tote Schale von mir abgefallen; so ist
Constanze mir nicht viel mehr als noch ein blosser Name, so ist mir schon früher
jene Agnes untergesunken.
    Grosse Verluste sind es hauptsächlich, welche dem Menschen die höhere Aufgabe
seines Daseins unwiderstehlich nahebringen, durch sie lernt er dasjenige kennen
und schätzen, was wesentlich zu seinem Frieden dient. Ich habe viel verloren,
ich fühle mich unsäglich arm, und eben in dieser Armut fühle ich mir einen
unendlichen Reichtum. Nichts bleibt mir übrig, als die Kunst, aber ganz erfahr
ich nun auch ihren heiligen Wert. Nachdem so lange ein fremdes Feuer mein
Inneres durchtobt und mich von Grunde aus gereinigt hat, ist es tief still in
mir geworden, und langsam spannen alle meine Kräfte sich an, in feierlicher
Erwartung der Dinge, die nun kommen sollen. Eine neue Epoche ist für mich
angebrochen, und, so Gott will, wird die Welt die Früchte bald erleben. Siehst
du, ich könnte dir die hellen Freudetränen weinen, wenn ich dran denke, wie ich
mit nächstem zum ersten Male wieder den Pinsel ergreifen werde. Viel hundert
neue, nie gesehene Gestalten entwickeln sich in mir, ein seliges Gewühle, und
wecken die Sehnsucht nach tüchtiger Arbeit. Befreit von der Herzensnot jeder
ängstlichen Leidenschaft, besitzt mich nur ein einziger gewaltiger Affekt. Fast
glaub ich wieder der Knabe zu sein, der auf des Vaters Bühne vor jenem
wunderbaren Gemälde wie vor dem Genius der Kunst geknieet, so jung und fromm und
ungeteilt ist jetzt meine Inbrunst für diesen göttlichen Beruf. Es bleibt mir
nichts zu wünschen übrig, da ich das Allgenügende der Kunst und jene hohe
Einsamkeit empfunden, worin ihr Jünger sich für immerdar versenken muss. Ich habe
der Welt entsagt, das heisst, sie darf mir mehr nicht angehören, als mir die
Wolke angehört, deren Anblick mir eine alte Sehnsucht immer neu erzeugt. Ich
sage nicht, dass jeder Künstler ebenso empfinden müsse, ich sage nur, dass mir
nichts anderes gemäss sein kann. Auf diese Resignation hat jede meiner Prüfungen
hingedeutet, dies war der Fingerzeig meines ganzen bisherigen Lebens; es wird
mich von nun an nichts mehr irre machen.«
    Der Maler schwieg, seine blassen Wangen waren von einer leichten Röte
überzogen, er war aufs äusserste bewegt und bemerkte mit Unwillen die Befremdung
seines Freundes, sowie sein zweifelhaftes Lächeln, das jedoch weniger Spott als
die Verlegenheit ausdrückte, was er auf Teobalds höchst unerwartete Erklärung
erwidern sollte.
    »Darf ich«, fing Larkens an, »darf ich aufrichtig sein, so leugne ich nicht,
mir kommt es vor, mein Nolten habe sich zu keiner andern Zeit weniger auf sich
selber verstanden, als gerade jetzt, da er plötzlich wie durch Inspiration zum
einzig wahren Begriff sein selbst gelangt zu sein glaubt. Weiss ich es doch aus
eigener Erfahrung, wie gerne sich der Mensch, der alte Taschenspieler, eine
falsche Idee, das Schosskind seines Egoismus die Grille seiner Feigheit oder
seines Trotzes, durch ein willkürlich System sanktioniert, und wie leicht es ihm
wird, einen schiefen oder halbwahren Gedanken durch das Wort komplett zu machen.
Denn du gibst mir doch zu -«
    »Hör auf! ich bitte dich«, rief Teobald lebhaft, »hör auf mit diesem Ton!
du machst, dass ich bereue, dir mein Innerstes aufgeschlossen, dir das heiligste
Gefühl blossgestellt zu haben, das mir kein Mensch unter der Sonne von den Lippen
gelockt hätte, wenn es der Freund nicht wäre, von dem ich eine liebevolle
Teilnahme an meiner Sinnesart erwarten durfte, selbst wenn sie der seinigen
zuwiderliefe. Höre, ich kenne dich als einen verständigen und klugen Mann, nur
was gewisse Dinge anbelangt, gewisse Eigenheiten eines treuen Gemüts, so hätt
ich nicht vergessen sollen, dass wir von jeher vergeblich drüber disputierten.
Lass uns von diesem Punkte lieber gleich abgehn und tun, als wäre von nichts die
Rede gewesen, es braucht's auch nicht, da ich meinen Weg verfolgen kann,
unbeschadet unseres bisherigen Verhältnisses.«
    »Doch wirst du mir nicht zumuten« antwortete Larkens »ich soll dich
stillschweigend einer Grille überlassen, die dir nur schädlich werden kann. -
Vorderhand finde ich deinen Irrtum verzeihlich; das Unglück macht den Menschen
einsam und hypochondrisch, er zieht den Zaun dann gern so knapp wie möglich um
sein Häuschen. Ich selber könnte wohl einmal in diesen Fall geraten, nur wär es
dann ein Kasus - wahrhaftig ganz verschieden von dem deinen. Der Herr führt
seine Heiligen wunderlich. Unstreitig hat dein Leben viel Bedeutung, allein du
nimmst seine Lehren in einem viel zu engen Sinn: du legst ihm eine Art
dämonischen Charakter bei, oder, ich weiss nicht was? - glaubst dich gegängelt
von einem wunderlichen Spiritus familiaris, der in deines Vaters Rumpelkammer
spukt. Ich will mich in diese Mysterien nicht mischen; was Vernünftiges dran
ist, leuchtet mir ein, so gut wie dir: nur sage mir, mein Lieber du hast vorhin
von Einsamkeit, von Unabhängigkeit gesprochen: je nachdem du das Wort nimmst,
bin ich ganz einverstanden. In allem Ernst, ich glaube, dass deine künstlerische
Natur, um ihren ungeschwächten Nerv zu bewahren, ein sehr bewegtes
gesellschaftliches Leben nicht verträgt. Eben die edelsten Keime deiner
Originalität erforderten von jeher eine gewisse stete Temperatur, deren Wechsel
soviel möglich nur von dir abhängen musste, eine heimlich melancholische
Beschränkung, als graue Folie jener unerklärbar tiefen Herzensfreudigkeit, die
so recht aus dem innigen Gefühl unseres Selbst hervorquillt. Im ganzen ist das
so bei jedem Künstler von Genie, ich meine bei jedem Künstler deines Faches, nur
weiss der eine mehr, als der andere seine Stimmung in die Welt zu teilen. Was
aber namentlich die Berührung mit der sogenannten grossen Welt anbelangt, so war
es mir gleich anfangs eine ausgemachte Sache, dass du dich nie dortin verlieren
würdest. Der plötzliche Anlauf, den du mit der Bekanntschaft des Herzogs
genommen, schien mir deshalb der grösste Widerspruch mit dir selber. Gewohnt,
dich als einen seltnen Knaben zu betrachten, der ausgerüstet mit erhabnen
Kräften sich auf einmal ungeschickt und fast unmächtig fühlen müsse, sobald man
ihn in jene blendenden Zirkel hineinzöge, war mir die Geschmeidigkeit, womit du
dich in kurzem assimiliertest, beinah, wie soll ich sagen? nicht verdächtig,
doch höchst auffallend, und mir ahnete, es würde in die Länge nicht wohl dauern.
Wie leicht, so meint ich, wär es möglich, dass unter solchen Influenzen sich dies
und jenes von seiner ursprünglichen Farbe verwischte, dass sein Ehrgeiz eine
falsche Richtung nähme, dass er an der Treue gegen seinen Genius etwas
aufopferte! Kurzum, mich peinigte etwas, und wär's auch nur das törichte
Mitleid, das einen anwandeln kann, wenn der Kristall, losgerissen aus seiner
mütterlichen Nacht, die sein Wachstum förderte, in die unkeuschen Hände der
Menschen fällt. Doch das sind Possen. Aber du siehst nur daraus, ich bin weder
borniert, noch anmassend, noch leichtsinnig genug, dir dein eigentliches Esse zu
bestreiten und den stillen Boden aufzulockern, worin dein Wesen seit frühester
Zeit so liebevoll Wurzel geschlagen. Gewiss, ich habe die herrlichsten Früchte
daraus hervorgehn sehen; und - Nolten! siehst du, es hat dich nicht befremdet
noch verdrossen, wenn du seit der ganzen Zeit, als wir uns kennen, nichts von
überschwenglichem Lobe, von entusiastischen Diskursen über den Gang deines
Geistes und dergleichen aus meinem Munde vernahmst; ich bin nun einmal wie ich
bin. Aber in diesem Augenblick, wo sich so viel ernste Betrachtung von selbst
aufdringt, du deine Sache gleichsam auf die Spitze stellst, jetzt möcht ich
wohl, dass die Zunge sich mir löste, dass ich dir sagen könnte, wie ich von Anfang
an mit einer stillen Rührung, mit einer bewundernden Freude deiner Entwicklung
zugeschaut, ja gewiss mit mehr Pietät und Sorgfalt, als du mir zuzutrauen
scheinst.«
    Nolten hörte mit zunehmendem Staunen die Bekenntnisse seines Freundes,
wodurch er sich wirklich höher geehrt und herzlicher gestärkt fühlte, als durch
das ruhmvollste Lob, das ihm irgendein mächtiger Gönner hätte spenden mögen. Er
wollte soeben etwas erwidern, als der Schauspieler fortfuhr:
    »Lass mich dir eins anführen. Du erinnerst dich des Gesprächs, das wir bei
einem Spazierritt nach L. zusammen hatten. Es war der köstlichste Abend mitten
im Juli, die untergehende Sonne warf ihren roten Schein auf unsere Gesichter,
wir schwatzten ein weites und breites über die Kunst. Mit jedem Worte schlossest
du, ohne es zu wollen, mir die Bildung deiner Natur vollständiger auf, zum
erstenmal durft ich mich freudig in den innern Kelch deines Wesens vertiefen. Es
frug sich, weisst du über das Verhältnis des tief religiösen und namentlich des
christlichen Künstlergemüts zum Geist der Antike und der poetischen
Empfindungsweise des Altertums, über die Möglichkeit einer beinahe gleich
liebevollen Ausbildung beider Richtungen in einem und demselben Subjekte. Ich
gestand dir eine hohe und seltne Universalität zu, wie denn hierüber auch nur
eine Stimme sein kann. Ich überzeugte mich, es sei für deine Kunst von seiten
deines christlichen Gefühlslebens, das immerhin doch überwiegend bleibt, nichts
zu befürchten, selbst wenn zuletzt der Argwohn gewisser Zeloten sich noch
rechtfertigen sollte, die einen heimlichen Anhänger der katolischen Kirche und
den künftigen Apostaten in dir wittern. Du hast, so dacht ich, ein für allemal
die Blume der Alten rein vom schön schlanken Stengel abgepflückt, sie blüht dir
unverwelklich am Busen und mischt ihren stärkenden Geruch in deine Phantasie, du
magst nun malen was du willst; nichts Enges, nichts Verzwicktes wird jemals von
dir ausgehn. Siehst du, das war mir längst so klar geworden! und seh ich nun all
den glücklichen Zusammenklang deiner Kräfte, und wie willig sich deine Natur
finden liess, jeden herben Gegensatz in dir zu schmelzen, denk ich das
unschätzbare einzige Glück, dass dir die Kunst so frühe, fast ohne dein Zutun,
als reife Frucht aus den Händen gütiger Götter zufiel, die sich es vorgesetzt zu
haben scheinen, in dir ein Beispiel des glücklichsten Menschen aufzustellen -
sag mir, soll mich's nicht kränken, toller Junge, soll mir's die Galle nicht
schütteln, wenn du, vom seltsamsten Wahne getrieben, mit Gewalt Einseitigkeit
erzwingen willst, wo keine ist, keine sein darf! Ich rede nicht von deiner
Stellung zur allgemeinen Welt, darüber kann ja, wie gesagt, kein Streit mehr
sein, aber dass du der freundlichsten Seite des Lebens absterben und einem Glück
entsagen willst, das dir doch so natürlich wäre, als irgendeinem braven Kerl,
das ist's, was mich empört. Zwar geb ich gerne zu, dir hat die Liebe nicht ganz
zum besten mitgespielt, ich leugne nicht, dass du seit Agnes -«
    »Ach, so?« rief Nolten auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, »dahinaus?
das war die Absicht, die du bisher mit soviel schmeichelhafter Beredsamkeit
glaubtest vorbereiten zu müssen?«
    »Sei nicht unbillig, guter Freund! Was ich bisher zu deinem Ruhm gesprochen
haben mag, war mein aufrichtiger barer Ernst, und es bedarf wohl der Beteurung
nicht erst zwischen uns. Übrigens magst du immerhin den Kuppler in mir sehen,
ich halte dies Geschäft im gegenwärtigen Falle für ein sehr löbliches und
ehrenwertes. - Wo dich eigentlich der Schuh drückt, ist mir ganz wohlbekannt.
Deine Liebeskalamitäten haben dich auf den Punkt ein wenig revoltiert, nun
ziehst du dich schmerzhaft und gekränkt ins Schneckenhaus zurück und sagst dir
unterwegs zum Troste: du bringest deiner Kunst ein Opfer. Du fürchtest den
Schmerz der Leidenschaft, sowie das Überschwengliche in ihren Freuden. Zum
Teufel aber! was soll man von dem Künstler halten, der zu feige ist, dies beides
in seinem höchsten Mass auf sich zu laden? Wie? du, ein Maler, willst eine Welt
hinstellen mit all ihrer tausendfachen Wonne und Pein, und steckst dir
vorsichtig die Grenzen aus, wie weit du wolltest dich mitfreun und leiden? Ich
sage dir, das heisst die See befahren und sein Schiff nicht wollen vom Wasser
netzen lassen!«
    »Wie du dich übertreibst!« rief Nolten, »wie du mir Unrecht tust! eben als
ob ich mir eine Diätetik des Entusiasmus erfunden hätte, als ob ich den
Künstler und den Menschen in zwei Stücke schnitte! Der letztere, glaub mir, er
mag sich drehen, wie er will, wird immerhin entbehren müssen, und ohne das - -
wer triebe da die Kunst? Ist sie denn was anders als ein Versuch, das zu
ersetzen, zu ergänzen, was uns die Wirklichkeit versagt, zum wenigsten dasjenige
doppelt und gereinigt zu geniessen, was jene in der Tat gewährt? Muss demnach
Sehnsucht nun einmal das Element des Künstlers sein, warum bin ich zu tadeln,
wenn ich drauf denke, mir dies Gefühl so ungetrübt und jung als möglich zu
bewahren, indem ich freiwillig verzichte, eh ich verliere, eh ich's zum zweiten
und zum dritten Male dahin kommen lasse, dass die gemeine Erfahrung mir mein
blühend Ideal zerpflückt, dass ich, ersättigt und enttäuscht am Gegenstande
meiner Liebe, zuletzt dastehe - arm - mit welkem Herzen? Du merkst, ich rede
hier zunächst von dem gepriesenen Glück der Ehe: denn dies ist's doch, um was
deine ganze Demonstration sich dreht.«
    »Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte wenn ich nur erst deine
tollen Prätensionen herabgestimmt habe! Wer heisst dich Ideale im Kopf tragen, wo
von Liebe die Rede ist? Bei allen Grazien und Musen! ein gutes natürliches
Geschöpf, das dir einen Himmel voll Zärtlichkeit, voll aufopfernder Treu
entgegenbringt, dir den gesunden Mut erhält, den frischen Blick in die Welt,
dich freundlich losspannt von der wühlenden Begier einer geschäftigen Einbildung
und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle Alltagssonne, die doch dem
Weisen wie dem Toren gleich unentbehrlich ist - was willst du weiter?«
    Nolten sah schweigend vor sich nieder und sagte endlich: »Es gab eine Zeit,
wo ich ebenso dachte.« Er wandte sich erschüttert auf die Seite, ging mit
lebhaften Schritten durch den Saal und liess sich dann erschöpft auf einen
entfernten Stuhl nieder.
    Der Schauspieler, nachdem er die Erörterung des ihm über alles wichtigen
Gegenstands nicht ohne Klugheit und Nachdruck bis hieher geführt, war voll
Begierde, den Augenblick zu nutzen, und jetzt mit dem Gedanken an Agnes
entschiedener hervorzutreten, musste jedoch von diesem Wagnis ganz abstehen, da
er bemerkte, wie heftig Nolten angegriffen war; er suchte deshalb das Gespräch
zu wenden, allein es wollte nichts mehr weiterrücken, man war verstimmt, man
musste zuletzt höchst unbefriedigt scheiden.
Seit seiner Haftsentlassung hatte Larkens einen Entschluss gefasst, wovon er bis
jetzt noch gegen Nolten nichts laut werden liess. Er wollte auf unbestimmte Zeit
die Stadt verlassen und ins Ausland gehen. In mehr als einer Hinsicht schien
dies wünschenswert und notwendig. Sein Schauspielkontrakt war seit kurzem zu
Ende, der hiesige Aufentalt war ihm durch die öffentlichen Vorfälle verbittert,
der Hof selber schien seine Entfernung, auf eine Zeit wenigstens, nicht ungerne
zu sehen. Aber dringender als dieses alles empfand er das eigene Bedürfnis,
durch Zerstreuung, ja durch völlige Entäusserung von seiner bisherigen
Lebensweise sich innerlich auszubessern und auszuheilen. Er entdeckte Teobalden
seine Absicht, soweit er vorderhand für rätlich fand, und dieser, obgleich
höchst unangenehm dadurch überrascht und fast gekränkt, konnte bei genauerer
Betrachtung nichts dagegen sagen.
    Wie man aber, ehe an die Zukunft gedacht wird, vor allen Dingen der
Gegenwart und der Vergangenheit ihr Recht erzeigen muss, so hatte Larkens im
stillen einen Abend ausersehen an dem man die Erlösung von so mancherlei Unlust
und Fährlichkeit recht fröhlich miteinander feiern wollte. Er besorgte ein
ausgewähltes Abendessen und machte sich's besonders zum Vergnügen, die kleine,
für ein Dutzend Gäste berechnete Tafel auf alle Art mit den frühesten Blumen und
Treibhauspflanzen, sowie mit den verschiedenen Geschenken aufzuputzen, deren
sich eine ziemlich bunte Sammlung von teilnehmenden Freunden und Gratulanten
eingefunden. Was unter diesen hübschen und zum Teil kostbaren Dingen am meisten
figurierte, war eine grosse Alabastervase von höchst zierlicher Arbeit, welche
für Nolten bestimmt, in der Mitte des Tisches mit üppigen Gewächsen prangte. Sie
war eine Gabe des Malers Tillsen, der sich heute überhaupt als einen der
herzlichsten und redseligsten erwies. Der wunderliche Hofrat hatte nach seiner
Weise die Einladung nicht angenommen und sich entschuldigt, doch zum Beweis, dass
er an anderer Wohlsein Anteil nehme, einen Korb mit frischen Austern
eingeschickt. Die übrige Gesellschaft bestand meist aus Künstlern.
    Unser Maler, von soviel ehrenden Beweisen der Freundschaft gleich anfangs
überrascht und bewegt, hatte gegen eine wehmütige Empfindung anzukämpfen, die
er, eingedenk der heitern Forderung des Augenblicks, für jetzt abweisen musste.
Die Unterhaltung im ganzen war mehr munter und scherzhaft abspringend, als ernst
und bedeutend; ja es nahmen die Spässe eines gewissen Akteurs und Sängers
dergestalt überhand, dass jeder eine Weile lang vergass, selbst etwas Weiteres zur
allgemeinen Ergötzlichkeit beizutragen, als dass er aus voller Brust mitlachte.
Larkens, der Laune seines teatralischen Kollegen zuerst nur von weitem die Hand
bietend, wiegte sich lächelnd auf seinem Stuhle, während er zuweilen ein Wort
als neuen Zündstoff zuwarf; bald aber kam auch er in den Zug, und indem er nach
seiner Gewohnheit einen paradoxen Satz aufstellte, der jedermann zum Angriff
reizte, wusste er durch den lustigen Scharfsinn, womit er ihn verfocht, die
lebendigste Bewegung unter den sämtlichen Gästen zu bewirken, und immer das
Beste, was in der Natur des einzelnen verborgen lag, war es Gemüt, Erfahrung
oder Witz, mit Leichtigkeit hervorzulocken, wodurch denn unvermerkt das
Interesse des Gesprächs sich auf das höchste vermannigfaltigen musste. Zuletzt
als man dem Frohsinn ein äusserstes Genüge geleistet, ward Larkens zusehends
stiller und trüber; er nahm, da man ihn damit aufzog, keinen Anstand, zu
erklären, dass er der glücklichen Bedeutung dieses Abends im stillen noch eine
andere für sich gegeben habe, und dass er sich die Bitte vorbehalten, es möge nun
auch die Gesellschaft in ebendem besondern Sinne die letzten Gläser mit ihm
leeren; er werde auf längere oder kürzere Zeit aus der Gegend scheiden, um
einige lang nicht gesehene Verwandte aufzusuchen. - Der Vorsatz, so natürlich er
unter den bekannten Umständen war, erregte gleichwohl grosses, beinahe
stürmisches Bedauern, und um so mehr, als einige vermuteten, man werde den
geschätzten Künstler, den sich die ganze Stadt seit kurzem erst gleichsam aufs
neue wiedergeschenkt glaubte, bei dieser Gelegenheit wohl gar für immerdar
verlieren, aber Nolten verbürgte sich für die treuen Gesinnungen des
Flüchtlings. So wurden denn die Kelche nochmals angefüllt, und unter mancherlei
glückwünschenden Toasten beschloss man endlich spät in der Nacht das muntere
Fest.
Die Ungeduld, mit welcher von jetzt an Larkens seinen Abgang betrieb,
verhinderte ihn nicht, das fernere Schicksal seines Freundes zu bedenken,
vielmehr wenn er sich bisher zur ernstlichsten Aufgabe gemacht hatte, die
Neigung Noltens wieder auf die Braut zurückzulenken, wenn er sich vermittelst
jenes fromm täuschenden Verkehrs mit Agnesen fortwährend von der
Liebenswürdigkeit des Mädchens, von ihrem reinen und schönen Verstande, aber
auch von dem natürlichen Verlangen überzeugte, womit, wie billig, ein zärtliches
Kind sich den Geliebten bald für immer in die Arme wünscht, wenn er Teobalds
ganze Verfassung, die noch immer drohende Nähe Constanzens bedachte, so konnte
ihm nichts angelegener sein, als diesem zweifelhaften Schwanken einen raschen
und kräftigen Ausschlag zu geben. Sein Plan deshalb stand fest, aber er sollte
erst nach seiner Abreise in Wirkung treten, ja es war der günstige Erfolg,
dessen er sich vollkommen versichert hielt, gewissermassen auf seine Entfernung
berechnet.
    Nun schrieb er an Agnesen, und wirklich, er dachte nur ungerne daran, dass es
zum letzten Male sei. »Was für ein Tor man doch ist!« rief er aus, indem er
nachdenklich die Feder weglegte. »Mitunter hat es mich ergötzt, von der
innersten Seele dieses lieblichen Wesens gleichsam Besitz zu nehmen, und um so
grösser war mein Glück, je mehr ich's unerkannt und wie ein Dieb geniessen konnte.
Ich bilde mir ein, das Mädchen wolle mir wohl, während ich ihr in der Tat soviel
wie nichts bedeute; ich schütte unter angenommener Firma die ganze Glut, die
letzte, mühsam angefachte Kohle meines abgelebten Herzens auf dies Papier und
schmeichle mir was Rechts bei dem Gedanken, dass dieses Blatt sie wiederum für
mich erwärme. O närrischer Teufel du! kannst du nicht morgen verschollen,
gestorben, begraben sein, und wächst der Schönen drum auch nur ein Härchen
anders? Bei alledem hat mir die Täuschung wohlgetan, sie half mir in hundert
schwülen Augenblicken den Glauben an mich selbst aufrechterhalten. Es fragt
sich, ob es nicht ähnliche Täuschungen gibt, eben in bezug auf unsre
herrlichsten Gefühle? Und doch, es scheint in allen etwas zu liegen, das ihnen
einen ewigen Wert verleiht. Gesetzt, ich werde diesem wackern Kinde an keinem
Orte der Welt von Angesicht zu Angesicht begegnen, gesetzt, es bliebe ihr all
meine warme Teilnahme für immerdar verborgen, soll das der Höhe meines
glücklichen Gefühls das mindeste benehmen können? Wird denn die Freude reiner
Zuneigung, wird das Bewusstsein einer braven Tat nicht dann erst ein wahrhaft
Unendliches und Unveräusserliches, wenn du damit ganz auf dich selbst
zurückgewiesen bist?«
    Er nahm jetzt in Gedanken den herzlichsten Abschied von dem Mädchen, und
weil nach seiner Berechnung schon ihr nächster Brief wieder unmittelbar an
Nolten kommen sollte, so gab er ihr deshalb die nötige Weisung, jedoch so, dass
sie dabei nichts weiter denken konnte.
    Verriet nun das Benehmen des Schauspielers in diesen letzten Tagen überhaupt
eine gewisse Unruhe und Beklommenheit, so war er bei dem Abschied von Teobald
noch weniger imstande, eine heftige Bewegung zu verbergen, welche,
zusammengehalten mit einigen seiner Äusserungen, auf ein geheimes Vorhaben
hinzudeuten schien und unserm Maler wirklich auf Augenblicke ein unheimliches
Gefühl gab, das denn Larkens nach seiner Art, wobei man oft nicht sagen konnte,
ob es Ernst oder Spass sei, schnell wieder zu zerstreuen wusste.
    Übrigens fühlte Nolten die grosse Lücke, welche durch des Schauspielers
Entfernung notwendig nach innen und aussen bei ihm entstehen musste, nur
allzubald, und die vielfachen Nachfragen der Leute zeigten ihm genugsam, dass er
nicht als der einzige bei dieser Veränderung entbehre. Die beiden Freunde
Leopold und Ferdinand reisten indessen auch ab, und doppelt und dreifach ward
jetzt des Malers Verlangen geschärft, das Gleichgewicht seines Wesens vollkommen
herzustellen. Der Entwurf eines neuen Werkes, wozu die erste Idee während der
Gefangenschaft bei ihm entstanden war, lag auf dem Papier, und nun ging es an
die Ausführung mit einer Lust, mit einem Selbstvertrauen, dergleichen er nur in
den glücklichsten Jahren seines ersten Strebens gehabt zu haben sich erinnerte.
Dennoch musste er nach und nach bemerken, dass ihm zu einer völligen Freiheit der
Seele noch vieles fehlte; er ward verdriesslich, er stellte die Arbeit unwillig
zurück, er wusste nicht, was ihn hindere.
    Eines Morgens bringt man ihm die Schlüssel zu den Zimmern des Schauspielers.
Dieser hatte sie bei seiner Abreise einem dritten Freunde mit dem ausdrücklichen
Wunsche hinterlassen, dass er sie erst nach Verfluss einiger Tage an den Maler
ausliefere, welcher dann nicht säumen möge, die Zimmer aufzuschliessen und was
darin sich vorfinde, teils in Empfang zu nehmen, teils zu besorgen Zugleich
erhielt Nolten ein Verzeichnis der sämtlichen Effekten, nebst Angabe ihrer
Bestimmung. Er stutzte nicht wenig über diese sonderbare Kommission und befragte
jene Mittelsperson mit einiger Ängstlichkeit: Was denn das alles zu bedeuten
hätte? Der junge Mensch aber wusste nicht viel weiter Bescheid zu geben und
entfernte sich bald. Sogleich öffnete Nolten die Zimmer, wo er Mobilien, Bücher,
Kupferstiche, Uhren und dergleichen wie sonst in der besten Ordnung fand.
Alsbald aber zogen einige an ihn überschriebene Pakete, die auf einem Tischchen
besonders hingerüstet waren, seine Augen auf sich. Hastig riss er den Brief auf,
welcher obenan lag. Gleich bei den ersten Linien geriet Nolten in die grösste
Bewegung, es zitterte das Blatt in seiner Hand er musste innehalten, er las aufs
neue, bald von vorne, bald aus der Mitte, bald von hinten herein, als müsste er
die ganze bittere Ladung auf einmal in sich schlingen. Inzwischen fiel sein
Blick auf die übrigen Pakete, deren eines die Überschriften hatte: »Briefe von
Agnes. Von deren Vater. Meine Briefkonzepte an Agnes.« Ein anderes zeigte den
Titel: »Fragmente meines Tagebuchs.« Ohne recht zu wissen was er tat, griff er
nochmals nach dem einzelnen Schreiben, er durchlief es ohne Besinnung, indem er
sich von einem Zimmer, von einem Fenster zum andern rastlos bewegte; er wollte
sich fassen, wollte begreifen, nachdem er schon alles begriffen, alles erraten
hatte. Er warf sich aufs Sofa nieder, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, das
Gesicht in beide Hände gedrückt, sprang wieder auf und stürzte wie ein
Unsinniger umher.
    Sein Bedienter hatte soeben das Pferd zum Spazierritt vorgeführt und meldete
es ihm. Er befahl, es wegzuführen, er befahl, noch zu warten, er widersprach
sich zehnmal in einem Atem. Der Bursche ging, ohne seinen Herrn verstanden zu
haben. Nach einer halben Stunde, während welcher Nolten, weder die übrigen
Papiere anzusehen, noch sich einigermassen zu beruhigen vermocht hatte,
wiederholte der Diener seine Anfrage. Rasch nahm der Maler Hut und Gerte,
steckte die nötigsten Papiere zu sich und entkam wie betrunken der Stadt. Wir
wenden uns auf kurze Zeit von ihm und seinem traurigen Zustande weg und sehen
inzwischen nach jenem wichtigen Schreiben.
                               Larkens an Nolten
»Indem Du diese Zeilen liesest, ist der, der sie geschrieben, schon viele Meilen
weit von Dir entfernt, und wenn er Dir denn die Absicht gesteht, dass er sich
fortgestohlen, um so bald nicht wiederzukehren, dass er seinen bisherigen
Verhältnissen auf immer und auch Dir, dem einzigen Freunde, vielleicht auf Jahre
sich entziehen will, so soll folgendes wenige diesen Schritt, so gut es kann,
rechtfertigen.
    Gewiss klingt es Dir selber bald nicht mehr wie ein hohles und frevelhaft
übertriebenes Wort, was Du wohl sonst manchmal von mir hast hören müssen: mein
Leben hat ausgespielt, ich habe angefangen, mich selber zu überleben. Das ist
mir so klar geworden in der letzten Zeit, wo ja unsereiner wahrhaftig schöne
Gelegenheit hatte, die Resultate von dreissig Jahren wie Fäden mit den Fingern
auszuziehn. Ich mag Dir die alte Litanei nicht vorsingen; genug, mir ist in
meiner eigenen Haut nimmer wohl. Ich will mir weismachen, dass ich sie abstreife,
indem ich von mir tue, was bisher unzertrennlich von meinem Wesen schien, vor
allem den Teaterrock, und dann noch das eine und andere, was ich nicht zu sagen
brauche. Mancher grillenhafte Heilige ging in die Wüste und bildete sich ein,
dort seine Tagedieberei gottgefälliger zu treiben Ich habe noch immer etwas
Besseres wie das im Sinn. Am End ist's freilich nur eine neue Fratze, worin ich
mich selber hintergehen möchte; und fruchtet's nicht, nun so geruht vielleicht
der Himmel, der armen Seele den letzten Dienst zu erweisen, davor mir denn auch
gar nicht bang sein soll.
    Den Abschied, Lieber, erlass mir! O ich darf nicht denken was ich mit Dir
verliere, herrlicher Junge! Aber still; Du weisst, wie ich Dich am Herzen gehegt
habe, und so ist auch mir Deine Liebe wohlbewusst. Das ist kein geringer Trost
auf meinen Weg. Auch kann es ja gar wohl werden, dass wir uns an irgendeinem
Fleck der Erde die Hände wieder reichen. Aber wir tun auf alle Fälle gut, diese
Möglichkeit als keine zu betrachten. Übrigens forsche nicht nach mir, es würde
gewiss vergeblich sein.
    Und nun die Hauptsache.
    Mit den Paketen übergeb ich Dir ein wichtiges, ich darf sagen, ein heiliges
Vermächtnis. Es betrifft Deine Sache mit Agnesen, die mich diese letzten zehn
Monate fast einzig beschäftigte. Mein Lieber! ich bitte dich, höre mich ruhig
und vernünftig an.
    In der gewissesten Überzeugung, dass die Zeit kommen müsse, wo Dein heissestes
Gebet sein werde, mit diesem Mädchen verbunden zu sein, ergriff ich ein gewagtes
Mittel, Dir den Weg zu diesem Heiligtum offenzuhalten. Vergib den Betrug! nur
meine Hand war falsch, mein Herz gewisslich nicht: ich glaubte das Deine treulich
abzuschreiben; straf mich nicht Lügen! Lasst mich den Propheten eurer Liebe
gewesen sein! Ihr Märtyrer war ich ohnehin; denn indem ich Deiner Liebe
Rosenkränze flocht, meinst du, es habe sich nicht manchmal ein Dorn in mein
eigen Fleisch gedrückt? Doch das gehört ja nicht hieher genug, wenn meine
Episteln ihren Dienst getan. Fahre Du nun mit der Wahrheit fort, wo ich die
Täuschung liess. O Teobald - wenn ich jemals etwas über Dich vermochte, wenn je
der Name Larkens den Klang der lautern Freundschaft für Dich hatte, wenn Dir
irgend das Urteil eines Menschen richtiger, besser scheinen konnte als Dein
eignes, so folge mir diesmal! Hätt ich Worte von durchdringendem Feuer, hätt ich
die goldne Rede eines Gottes, jetzt würd ich sie gebrauchen, um Dein Innerstes
zu rühren, Freund, Liebling meiner Seele! - So aber kann ich's nicht; mein Kiel
ist stumpf, mein Ausdruck matt Du weisst ja, es ist alle Schönheit von mir
gewichen; die dürre nackte Wahrheit blieb mir allein, sie und - die Reue. Vor
dieser möcht ich Dich bewahren. Ich bin Dein guter Genius, und indem ich von Dir
scheide, sei Dir ein andrer, besserer, empfohlen. Ich meine Agnesen. Setze das
Mädchen in seine alten Rechte wieder ein. Du findest auf der Welt nichts
Himmlischers, als die Seele dieses Kindes ist. Glaub mir das, Nolten, so gewiss
als schwür ich's auf dem Totenbette. - Du hast Dich in Deinem Argwohn garstig
geirrt. Lies diese Briefe, namentlich des Vaters, und es wird Dir wie Schuppen
von den Augen fallen. Dann aber zaudre auch nicht länger; fasse Dich! Eile zu
ihr, tritt sorglos unter ihre Augen, sie wird nichts Fremdes an Dir wittern, sie
weiss nichts von einer Zeit, da Teobald ihr minder angehört als sonst; das Feld
ist durchaus frei und rein zwischen euch.
    Es steht bei Dir, ob der gute Tropf das Intermezzo erfahren soll oder nicht;
bevor ein paar Jahre vorüber, würd ich kaum dazu raten. Dann aber wird euch
sein, als hättet ihr einmal in einem Sommernachtstraum mitgespielt, und Puck,
der täuschende Elfe, lacht noch ins Fäustchen über dem wohlgelungenen
Zauberspass. Dann gedenket auch meiner mit Liebe, so wie man ruhig eines
Abgeschiednen denkt, nach welchem man sich wohl zuweilen sehnen mag, doch dessen
Schicksal wir nicht beklagen dürfen.«
                                       *
Auf einem besondern Zettel befand sich noch folgende
                                  Nachschrift
»Schon war mein Brief geschlossen, als es mir nachgerade gewaltigen Skrupel
machte, Dir einen Umstand verschwiegen zu haben, der Dich vielleicht verdriessen
mag, mir aber ad inclinandam rem nicht wenig dienen konnte. Ein Winkelzug gegen
die Gräfin. So höre denn, und fluche mir die ganze Hölle auf den Hals und heiss
mich einen Schurken, wenn Du das Herz hast - ich weiss doch, was ich zu tun
hatte. Constanze wurde durch mich, oder vielmehr durch einen angelegten
Zufall(hinter welchem sie weder mich noch sonst jemand vermuten kann) avertiert,
dass ein gewisser Freund bereits irgendwo auf der Liste der glücklichen
Bräutigame stehe. - Ich hoffe nicht, Dich durch den Coup zu stark kompromittiert
zu haben, und ein weniges war schon zu wagen. Wenn ihr die Neuigkeit nicht
schmeckte, so ist das in der Regel; nicht, weil sie in Dich verliebt, sondern
weil sie ein Weib ist. Wir haben die Ungnade, worein sie uns gleich auf jenes
Possenspiel hat fallen lassen, einer elenden Konvenienz gegen die Hofsippschaft
zugeschrieben, und einesteils bin ich noch jetzt der Meinung; gesteh ich Dir nun
aber zugleich, dass sie um die nämliche Zeit auch die Agnesiana zu schlucken
bekam, so seh ich schon im Geist voraus, an was für neuen verzweifelten
Hypotesen nun plötzlich Dein armer Kopf anrennen wird. Wie, wenn Madam sich mit
ganz andern Gründen zum Zorne hinters allgemeine Zeter ihrer Schranzen versteckt
hätte? Holla! das läuft dem guten Jungen heiss und kalt über die Leber! Auch will
ich ein Rhinozeros von Propheten sein, wenn sich Dir nicht in diesem Augenblick
die rührende Gestalt von der Ferne zeigt, den schwarzen Lockenkopf in Trauer
hingesenkt, weinend um Deine Liebe. Ein verführerisch Bild, fürwahr, dem schon
Dein Herz entgegenzuckt, Doch halt, ich weise Dir ein anderes. - In dem sonnigen
Gärtchen hinter des Vaters Haus betrachte mir das schlichte Kind, wie es ein
fröhlich Liedchen summt, seine Veilchen, seine Myrten begiesst. Man sieht ihr an,
sie hat den Strauss im Sinne, den ihr heimkehrender Verlobter bald unter tausend
tausend Küssen zum Willkomm haben soll; jeden Tag, jede Stunde erwartet sie ihn
- -
    Was nun? wohin, Kamerade? Nicht wahr, ein bittrer Scheideweg! Hier wollt ich
Dich haben! so weit muss ich's führen. Der Rückweg zu Constanzen - vielleicht er
steht noch offen, ich zeig ihn Dir, nachdem Du ihn schon für immer verschlossen
geglaubt. Du solltest freie Wahl haben; das war ich Dir schuldig. Inzwischen
hast Du gelernt, es sei auch möglich, ohne eine Constanze zu leben, und damit
mein ich, ist unendlich viel gewonnen.
    Teobald! noch einmal: denk an den Garten! Neulich hat sie die Laube
zurechtgeputzt, die Bank, wo der Liebste bei ihr sitzen soll. Wirst Du bald
kommen? wirst Du nicht? - Wag es sie zu betrügen! Den hellen süssen Sommertag
dieser schuldlosen Seele mit einem verzweifelten Streiche hinzustürzen in eine
dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde Geschöpf! Tu's, und erlebe, dass ich in wenigen
Monden, ein einsamer Wallfahrer, auf des Mädchens Grabhügel die kraftlose Posse,
das Nichts unsrer Freundschaft, und die zerschlagene Hoffnung beweine dass mein
elendes Leben, kurz eh ich's ende, doch wenigstens noch so viel nutz sein
möchte, zwei gute Menschen glücklich zu machen.«
                                       *
Wer war unglücklicher als der Maler? und wer hätte glücklicher sein können als
er, wäre er sogleich fähig gewesen, seinem Geiste nur so viel Schwung zu geben,
als nötig, um einigermassen sich über die Umstände, deren Forderungen ihm
furchtbar über das Haupt hinauswuchsen, zu erheben und eine klare Übersicht
seiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm selbst
verwundersamen, traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langsam, bald
hitzig einen einsamen Feldweg, und statt dass er, wie er einigemal versuchte,
wenigstens die Punkte, worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken können,
sah er sich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lächerlichen Melodie
verfolgt, womit ihm irgendein Kobold zur höchsten Unzeit neckisch in den Ohren
lag. Mochte er sich Gewalt antun so viel und wie er wollte, die ärmliche Leier
kehrte immer wieder und schnurrte, vom Takte des Reitens unterstützt,
unbarmherzig in ihm fort. Weder im Zusammenhange zu denken, noch lebhaft zu
empfinden war ihm gegönnt; ein unerträglicher Zustand. »Um Gottes willen, was
ist doch das?« rief er zähneknirschend, indem er seinem Pferde die Sporen heftig
in die Seiten drückte, dass es schmerzhaft auffuhr und unaufhaltsam
dahinsprengte. »Bin ich's denn noch? kann ich diesen Krampf nicht abschütteln,
der mich so schnürt? Und was ist's denn weiter? wie, darf diese Entdeckung so
ganz mich vernichten? was ist mir denn verloren, seit ich das alles weiss? genau
besehen - nichts, gewonnen - nichts - ei ja doch, ein Mädchen, von dem mir
jemand schreibt, sie sei ein wahres Gotteslamm, ein Sanspareil, ein Angelus!« Er
lachte herzlich über sich selbst, er jauchzte hell auf und lachte über seine
eignen Töne, die ganz ein andres Ich aus ihm herauszustossen schien.
    Indem er noch so schwindelt und schwärmt, stellt sich statt jener
musikalischen Spukerei eine andere Sucht bei ihm ein, die wenigstens keine Plage
war. Seine aufgeregte Einbildungskraft führte ihm mit unbegreiflicher
Schnelligkeit eine ganze Schar malerischer Situationen zu, die er sich in
fragmentarisch - dramatischer Form, von dichterischen Worten lebhaft begleitet,
vorstellen und in grossen Konturen hastig ausmalen musste. Das Wunderlichste dabei
war, dass diese Bilder nicht die mindeste Beziehung auf seine eigene Lage hatten,
es waren vielmehr, wenn man so will, reine Vorarbeiten für den Maler, als
solchen. Er glaubte niemals geistreichere Konzeptionen gehabt zu haben, und noch
in der Folge erinnerte er sich mit Vergnügen an diese sonderbar inspirierte
Stunde. Wir selbst preisen es mit Recht als einen himmlischen Vorzug, welchen
die Muse vor allen andern Menschen dem Künstler dadurch gewährt dass sie ihn bei
ungeheuren Übergängen des Geschickes mit einem holden energischen Wahnsinn
umwickelt und ihm die Wirklichkeit so lange mit einer Zaubertapete bedeckt, bis
der erste gefährliche Augenblick vorüber ist.
    Auf diese Weise hat sich unser Freund beträchtlich von der Stadt entfernt,
und ehe er ihr von einer andern Seite wieder näher kommt, sieht er unfern in
einer anmutigen Kluft die sogenannte Heermühle liegen, einen ihm wohlbekannten,
durch manchen Spaziergang wert gewordenen Ort. Er war ein stets gerne gesehener
Gast bei dem Müller, welcher zu derjenigen Gattung von Pietisten gehörte, mit
denen jedermann gut auskommt. In gewisser Art konnte der Mann für unterrichtet
gelten, nur hatte er Ursache, manche Eigenheiten zu verbergen deren er sich
mitunter schämte; so hatte er, da er anfänglich zur Schreiberei bestimmt, in
alten Sprachen nicht ganz unwissend war, sich noch bei vorgerücktem Alter in den
Kopf gesetzt die heiligen Schriften alten und neuen Testaments im Urtexte zu
lesen, wobei es hauptsächlich auf chiliastische Zwecke mochte abgesehen sein.
Nach einem sehr mühsamen und wenig geordneten Studium von mehreren Jahren sah er
sich ungern überzeugt, dass alles eitel Stückwerk bei ihm sei und das ganze
schöne Unternehmen auf nichts hinauslaufe. Aus Verdruss über die verlorene Zeit
warf er sich in kecke ökonomische Spekulationen, dabei er denn zwar keinen
Schaden, doch auch nicht ganz seine Rechnung fand. Seine Frau, eine kluge und
stille Haushälterin, wusste ihn mit guter Art zu lenken und zu leiten, niemals
rückte sie ihm seinen Irrtum ausdrücklich vor, auch wenn sie ihn denselben
fühlen liess, und da ihm nichts Unangenehmeres begegnen konnte, als wenn er
irgendwie an die Nichtigkeit jenes wissenschaftlichen Treibens erinnert ward, ja
da er, um nur kein Unrecht einzugestehen, sich auch wohl die Miene gab, als
würden ihm jene Forschungen seinerzeit noch die reichlichsten Zinsen abwerfen,
so schonte das Weib diese Schwachheit gerne und war heimlich zufrieden, wenn sie
ihm eine neue falsche Idee vergessen machen konnte. Übrigens kannte man ihn als
einen muntern, redseligen Gesellschafter, als den besten Gatten und Vater seiner
grösstenteils schon wohlversorgten Familie.
    Nolten sehnte sich nach der harmlosen Gegenwart eines menschlichen Wesens
ebensosehr, als er sich ungeschickt fühlte, an irgend einer Gesellschaft
teilzunehmen; er überlegte deshalb soeben, ob er den Pfad nach der Mühle
hinunter einschlagen oder nach der Stadt zurückkehren werde, als ihm ein
Müllerknecht begegnet, der ihm sagt, Herr und Frau wären über Feld und kämen vor
Abend nicht nach Hause. Wie erwünscht war dem Maler die Nachricht! eigentlich
wollte er ja nur sein trauliches Plätzchen in des Müllers Wohnstube aufsuchen:
es schien ihm dies der einzige Ort der Welt, der seiner gegenwärtigen Verfassung
tauge. Und er hatte recht; denn wer machte nicht schon die Erfahrung, dass man
einen verwickelten Gemütszustand, gewisse Schmerzen, Überraschungen und
Verlegenheiten weit leichter in irgendeiner fremden ungestörten Umgebung, als
innerhalb der eignen Wände bei sich verarbeite? Nolten gab sein Pferd in den
Stall, wo man ihn schon kannte, und trat in die reinliche braungetäfelte Stube,
wo er niemanden traf, nur in der Kammer neben sass auf dem Schemel ein
zehnjähriges Mädchen, das ein kleineres Brüderchen im Schosse hatte. Eine ältere
Tochter Justine, eine Prachtdirne, schlank und rotwangig mit kohlschwarzen
Augen, trat herein unter dem gewöhnlichen treuherzigen Gruss, bedauerte, dass die
Eltern abwesend seien, lief gleich nach den Kellerschlüsseln und freute sich,
als Nolten ihr erlaubte, weil man im Hause schon gegessen hatte, ihm wenigstens
ein Stückchen Kuchen bringen zu dürfen. Er nahm sogleich seine alte Bank und das
Fenster ein, von wo man unmittelbar auf die Wassersperre hinunter und weiter
hinaus auf das erquickendste Wiesengrün und runde Hügel sah. Um wieviel
lieblicher, eigener kam ihm an dieser beschränkten Stelle Frühling und
Sonnenschein vor, als da ihn dieser noch im Freien und Weiten umgab! Lange
blickte er so auf den Spiegel des Wassers, er fühlte sich sonderbar beklommen,
bange vor der Zukunft, und zugleich sicher in dieser eingeschlossnen Gegenwart.
Auf einmal zog er die Papiere aus der Tasche, das nächste, was ihm in die Hände
kam, wollte er ohne Wahl zuerst öffnen: es waren Briefe seiner Braut,
vermeintlich an Teobald geschrieben. Er sieht hinein und augenblicklich hat ihn
eine Stelle gefesselt, bei der sein Inneres von einer ihm längst fremd gewordnen
Empfindung anzuschwellen beginnt; er will zu lesen fortfahren, als er Justinen
mit Gläsern kommen hört; ganz unnötigerweise verbirgt er schnell den Schatz,
aber ihm ist wie einem Diebe zumut, der eine Beute vom höchsten, ihm selber noch
nicht ganz bekannten Wert, bei jedem Geräusche erschrocken zu verstecken eilt.
Das Mädchen kam und fing lebhaft und heiter zu schwatzen an, in dessen
Erwiderung Nolten sein möglichstes tat. Sie mochte merken, dass sie überflüssig
sei, genug, sie entfernte sich geschäftig und liess den Gast allein. Er ist
zufällig vor einen kleinen schlechten Kupferstich getreten, der unter dem
Spiegel hängt und eine kniende Figur vorstellt; unten stehn ein paar fromme
Verse, die er in frühester Jugend manchmal im Munde seiner verstorbenen Mutter
gehört zu haben sich sogleich erinnert. Wie es nun zu geschehen pflegt, dass oft
der geringste Gegenstand, dass die leichteste Erschütterung dazugehört, um eine
ganze Masse von Gefühlen, die im Grunde des Gemüts gefesselt lagen, plötzlich
gewaltsam zu entbinden, so war Noltens Innerstes auf einmal aufgebrochen und
schmolz und strömte in einer unbeschreiblich süssen Flut von Schmerz dahin. Er
sass, die Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf darauf herabgelassen. Es war, als
wühlten Messer in seiner Brust mit tausendfachem Wohl und Weh. Er weinte
heftiger und wusste nicht, wem diese Tränen galten. Die Vergangenheit steht vor
ihm, Agnes schwebt heran, ein Schauer ihres Wesens berührt ihn, er fühlt, dass
das Unmögliche möglich, dass Altes neu werden könne.
    Dies sind die Augenblicke, wo der Mensch willig darauf verzichtet, sich
selber zu begreifen, sich mit den bekannten Gesetzen seines bisherigen Seins und
Empfindens übereinstimmend zu vergleichen; man überlässt sich getrost dem
göttlichen Elemente, das uns trägt, und ist gewiss, man werde wohlbehalten an ein
bestimmtes Ziel gelangen.
    Nolten hatte keine Ruhe mehr an diesem Ort, er nahm schnell Abschied und
ritt gedankenvoll im Schritt nach Hause.
    Wie er den Rest des Tages hingebracht, was alles in ihm sich hin und wieder
bewegte, was er dachte, fürchtete, hoffte, wie er sich im ganzen empfunden, dies
zu bezeichnen wäre ihm vielleicht so unmöglich gewesen als uns, zumal er die
ganze Zeit von sich selbst wie abgeschnitten war durch einen unausweichlichen
Besuch, den er zwar endlich an einen öffentlichen Ort, wo man viele Gesellschaft
traf, glücklich abzuleiten wusste, ohne sich jedoch ganz entziehen zu dürfen.
    Entschieden war er nun freilich so weit, dass er Agnesen aufsuchen müsse und
wolle. Noch hatte er die schriftliche Darstellung der Tatsachen, welche so sehr
zur Rechtfertigung des teuren Kindes dienten, gar nicht angesehn; ein stiller
Glaube, der das Wunderbarste voraussetzte und keinen Zweifel mehr zuliess, war
diese letzten Stunden in ihm erzeugt worden, er wusste selbst nicht wie. Doch als
er in der Nacht die merkwürdigen Berichte des Försters las, als ihm Larkens'
Tagebuch so manchen erklärenden Wink hiezu gab, wie sehr musste er staunen! wie
graute ihm, jener schrecklichen Elisabet überall zu begegnen! mit welcher
Rührung, welchem Schmerz durchlief er die Krankheitsgeschichte des ärmsten der
Mädchen, dem die Liebe zu ihm den bittern Leidenskelch mischte! Und ihre Briefe
nun selbst, in denen das schöne Gemüt sich wie verjüngt darstellte! - Der ganz
unfassliche Gedanke, dies einzige Geschöpf, wann und sobald es ihm beliebe, als
Eigentum an seinen Busen schliessen zu können, durchschütterte wechselnd alle
Nerven Teobalds. Auf einmal überschattete ein unbekanntes Etwas die Seligkeit
seines Herzens. Diese zärtlichen Worte Agnesens, wem anders galten sie, als ihm?
und doch will ihm auf Augenblicke dünken, er sei es nicht: ein Luftbild habe
sich zwischen ihn und die Schreiberin gedrungen, habe den Geist dieser Worte
voraus sich zugeeignet, ihm nur die toten Buchstaben zurücklassend. Ja, wie es
nicht selten im Traume begegnet, dass uns eine Person bekannt und nicht bekannt,
zugleich entfernt und nahe scheint, so sah er die Gestalt des lieben Mädchens
gleichsam immer einige Schritte vor sich, aber leider nur vom Rücken; der
Anblick ihrer Augen, die ihm das treueste Zeugnis geben sollten, war ihm
versagt; von allen Seiten sucht er sie zu umgehn, umsonst, sie weicht ihm aus:
ihres eigentlichen Selbsts kann er nicht habhaft werden.
    Zu diesen Gefühlen von ängstlicher Halbheit, wovon ihn, wie er wohl
voraussah, nur die unmittelbare Nähe Agnesens lossprechen konnte, gesellten sich
noch Sorgen andrer Art. Das unbegreifliche Verhängnis, dass die rätselhafte
Person der Zigeunerin aufs neue die Bahn seines Lebens, und auf so absichtlich
gefahrdrohende Weise durchkreuzen musste, der Gedanke, wie nahe er selbst ihr,
ohn es zu wissen, neuerdings wieder gekommen (denn des Schauspielers Tagebuch
entdeckte ihm ihre zweimalige Anwesenheit), dies alles gab ihm mancherlei zu
sinnen und weckte die Besorgnis, es möchte die Verrückte über kurz oder lang ihm
in den Weg treten, oder hinter seinem Rücken, vielleicht in diesem Augenblick,
zu Neuburg wiederholte Verwirrung anstiften. Ein weiterer Gegenstand seiner
Unruhe war Larkens, er wusste die treffliche Absicht des Freundes wenn er gleich
die einzelnen Schritte nicht billigen konnte, ja zum Teil sie bitter zu schelten
geneigt war, doch von der rechten Seite zu nehmen und dankbar zu schätzen; er
erkannte auch darin eine kluge Vorsicht desselben, wenn er durch seine eigene
Entfernung alles weitere Unterhandeln über die Pflicht, über Neigung oder
Abneigung Noltens in dieser zweifelhaften Sache völlig zwischen sich und ihm
abschneiden und den Maler, indem er ihn ganz auf sich selber stellte, zwingen
wollte, das Gute, Notwendige frisch zu ergreifen - Aber was sollte man überhaupt
von der eiligen Flucht des Schauspielers denken? welchem Schicksal ging der
unfassliche Mann entgegen? Beinahe seiner sämtlichen häuslichen Habe hat er sich
entäussert, ein grosser Teil war ohne Zweifel ins Geld gesetzt, ein anderer, der
hier zurückblieb, entweder zu Geschenken bestimmt, oder sollte er durch Nolten
verwertet und zu Befriedigung der Gläubiger verwendet werden. Mangel für Larkens
selber war nicht zu fürchten. Aber wenn aus allem hervorging, dass eine tiefe
Erschöpfung, ein verjährter Schmerz ihn in die Weite trieb, wenn sogar einige
Stellen seines Briefs auf eine freiwillig gewaltsame Erfüllung seines Schicksals
gedeutet werden konnten - so frage man, wie Nolten dabei zumute gewesen! Eine
dritte und nicht die kleinste Sorge war ihm die schlimme und selbst verächtliche
Meinung, womit die Gräfin, seit sie durch Larkens einseitig und falsch von dem
Verhältnis zu Agnesen unterrichtet worden, ihn notwendig ansehen musste Nicht als
ob er fürchtete, es hätte sie eine solche Entdeckung irgend unglücklich gemacht,
denn in der Tat war seine Vorstellung von der Leidenschaft Constanzens bedeutend
herabgestimmt, und höchstens wollte er glauben, dass ihr seine Liebe einigermassen
habe schmeicheln können, aber da er ihr doch seine Absicht damals so dringend,
so entschieden bekannt hatte, wie elend, wie verrucht musste er als Verlobter vor
ihr erscheinen, wie tückisch und planvoll sein Schweigen über diese Verbindung!
Musste sie sich, abgesehn von jedem eignen leidenschaftlichen Interesse, nicht
insofern persönlich für beleidigt halten, als schon der Versuch, sie mit zum
Gegenstande eines so zweideutigen Spieles zu machen, einen Mangel der Achtung
bewies, deren sie sich von Nolten hätte versichert halten dürfen? Schien in
diesem Sinne der Zorn und die Kälte, womit sie ihn seit jenem Abende keines
Blicks mehr würdigte, nicht sehr verzeihlich und gerecht? Unser Maler fühlte das
Beschämende, die ganze Pein dieses Verdachts: keine Stunde mehr konnte er ruhen,
der Boden brannte unter seinen Füssen, er wollte eilen, wollte sich reinigen, es
koste was es wolle Aber das ging so schnell nicht an. Wie sollte er an
Constanzen gelangen? wie war es möglich, sich zu rechtfertigen und doch zugleich
die höchste Delikatesse zu beobachten? Denn gar leicht konnte die Gräfin ihn
dergestalt missverstehn, als wenn er gekränkte Liebe bei ihr voraussetzte, ein
Irrtum, der ihn, wie er meinte, zum lächerlichsten Menschen in den Augen der
schönen Frau machen müsste. Er überlegte sich die Sache fleissig, und wollte
warten, bis ihm ein glücklicher Weg erschiene.
Am folgenden Tage fiel ihm ein, von dem Hofrat, dem er ohnehin einen Besuch
schuldig war, die Stimmung der Zarlinschen zu erlauschen, und sogleich machte er
sich auf den Weg.
    Bei der Wohnung des Hofrats angelangt, fand er zufällig die Haustüre nur
angelehnt, was ihn sehr wundernahm, da es einen der ersten Grundsätze in der
Hausordnung dieses Mannes ausmachte, die Eingänge jederzeit geschlossen zu
halten. Ausser dem Briefträger und einer alten Magd, welche auswärts wohnte, und
zu gesetzten Stunden mit dem Essen erschien, betrat nur selten ein Besuch die
Schwelle, und wenn jemals, so musste die Glocke gezogen werden, worauf ein grauer
Diener, das einzige lebende Wesen, das den Hofrat umgab, bedächtig aus dem
Fenster schaute und öffnete. Im untern Hausflur, wo sich sogleich der Geschmack
und die Kunstliebhaberei des Hausherrn in gut aufgestellten Gipsfiguren
ankündigte, findet Teobald einen unscheinbar gekleideten Knaben auf der Treppe
sitzen und Zuckerwerk aus seiner Mütze naschen, der übrigens ganz hier zu Hause
zu sein scheint. Eine unglaublich angenehme Gesichtsbildung, die hellsten Augen,
sehr mutwillig, lachen dem Maler entgegen, dem besonders die zierlich gelockten
Haare auffallen. Der Knabe, nachdem er unsern Freund ruhig vom Kopf bis zum Fusse
gemessen, stand auf und gab der Türe einen tüchtigen Tritt, dass sie schmetternd
zuschlug. »Kannst du sagen, artiger Junge, ob der Herr Hofrat daheim ist?« Der
Kleine antwortete nicht, sondern indem er die Treppe hinaufging, winkte er
Teobalden, zu folgen. Oben öffnet er leis eine schmale Türe und deutet
schalkhaft hinein. Nolten befand sich allein in einem kleinen Vorzimmer, wollte
eben an einem zweiten Eingang klopfen, als ihm ein kleines Seitenfenster, dessen
Vorhang von innen schlecht zugezogen ist, die wunderbarste stumme Szene im
Nebenzimmer zeigt. In einer gespannten Beleuchtung, fast nur im Dämmerlichte,
sitzt weiss gekleidet ein Frauenzimmer, bis an den Gürtel entblösst. Ihre Stellung
ist sinnend, das Haupt etwas zur Seite geneigt, eine Hand oder vielmehr nur den
Zeigefinger hat sie unterm Kinne, dies kaum damit berührend. Ihr Sessel steht
auf einem dunkelroten Teppich, auf welchen herab die reichen Falten des Gewandes
und der Tücher sich prächtig ergiessen. Ein Bein, das über das andre geschlagen
ist, lässt den Fuss nur bis über die Knöchel blicken, wo ihn die andre Hand bequem
zu halten scheint. Aber welch ein herrlicher Kopf! musste Teobald unwillkürlich
für sich ausrufen; die römische Krass im Schwunge des Hinterhaupts vom starken
Nacken an kontrastierte so rührend gegen das Kindliche des Angesichts, dessen
Ausdruck nur lautre Scham verriete, wenn sich die letztere nicht soeben zur
liebevollsten Ergebung in die Notwendigkeit des Augenblicks zu neigen schiene.
Offenbar war das Frauenzimmer nicht gewohnt, als Modell zu dienen. Und in des
Hofrats Hause? Sollte der alte Narr etwa selbst den Pfuscher machen? Leider war
es unmöglich, eine zweite Person, die sich gewiss im Zimmer befinden musste, zu
entdecken auch hörte man keinen Laut: die Schöne verharrte wie ein Marmor in
derselben Stellung, nur die leisen Bebungen der Brust verrieten, dass sie atme,
auch schien es einmal, als ob sie einen müden Blick gegen das Fenster hinüber
wagte, von wo das Licht hereinfiel. Nolten hätte geschworen, dort sitze der
Hofrat Sagte nicht ein Gerücht, dass der alte Herr früher wirklich die Kunst
getrieben? und wollten nicht einige behaupten, er habe den Meissel noch in seinem
Alter insgeheim ergriffen? Wie überraschte es daher unsern Maler, als auf ein
Geräusch, das in der Ecke entstand, die Jungfrau sich erhob und ein schlanker,
schwarzbärtiger Mann anständig auf sie zutrat, ihr mit einem Kusse auf die
Lippen dankte, so herzlich und unbefangen, als wenn es eine Schwester wäre.
Teobald erkannte in dem Krauskopf auf der Stelle einen Bildhauer, Raymund, den
er öfters und namentlich bei dem Larkensschen Abschiedsschmause gesehen, ohne
ihm irgend nähergekommen zu sein. Doch es war endlich Zeit zum Rückzuge, so
schwer er sich von diesem Anblick trennen konnte, der ihm ebenso rührend und
schuldlos deuchte, als er reizend und erhebend war. Kaum hat er die Tür hinter
sich zugezogen und sich gefreut, dass der verräterische kleine Schelm nicht etwa
wieder um den Weg war, um Zeuge seiner gestillten Neugierde zu sein - so streckt
der Hofrat den Kopf aus dem Saale, und beide begrüssen sich mit merklicher
Verlegenheit, die denn auch noch eine Weile fortdauerte, nachdem das Gespräch
bereits in Gang gekommen. Teobald war durchaus zerstreut von seinem schönen
Abenteuer; auf seinem Gesicht, in seinen Augen lag eine ungewöhnliche Glut,
deren Grunde der Alte schlau genug nachkam. »Ich merke, merke was!« schmunzelte
er und klopfte dem Freund auf die Achsel; »nur lassen Sie ja sich sonst nichts
anmerken! es ist ein wilder Eber, der Raymund, und nicht mit ihm zu spassen.«
Nolten gestand offenherzig den sonderbaren Zufall. »Unter uns«, sagte der
Hofrat, »Sie sollen wissen, wie alles zusammenhängt. Der junge Mann, furios in
seiner Kunst so wie im Leben, verlangte von seiner Braut, an der er ausser einem
hübschen Wuchs lange keinen Vorzug mochte gekannt haben, dass sie ihm sitze,
stehe, wie er's als Künstler brauche. Das Mädchen konnte sich nicht überwinden,
es kam zum Verdruss, der bald so ernstlich wurde, dass Raymund das störrige Ding
gar nicht mehr ansah. So dauert es ein halb Jahr und das Mädchen, sonst ein
sanftes, verständiges Geschöpf, das ihn unbändig liebt, überdies armer Leute
Kind ist, fängt an im stillen zu verzweifeln. Überdem bekömmt sie einen
vorteilhaften Antrag, sich fürs Teater zu bilden, da sie sehr gut singen soll.
Sie schlägt es standhaft aus, und diese wackere Resignation bringt den Trotzkopf
von Bräutigam plötzlich auf ganz andere Gedanken von dem Werte des Mädchens, so
dass er sie vor etlichen Tagen zum erstenmal wieder besuchte. Auf beiden Seiten
soll die Freude des Wiedersehens ohne Grenzen gewesen sein, und gleich in der
ersten Viertelstunde, so erzählt er mir, habe sie ihm die Gewährung seiner
artistischen Grille freiwillig zugesagt. Da nun Raymund durch sein
Zusammenwohnen mit einem andern Künstler um ein Lokal verlegen war, so fand er
bei mir, der ich ihm auch sonst zuweilen nützlich zu sein suche, gerne den
erforderlichen Raum. Heut ist die zweite Sitzung. Das Närrische dabei ist, dass
er sich nicht entschliessen kann, was er eigentlich machen soll. Er behauptet,
wenn man eine Weile ins Blaue hinein versuche und den Zufall mitunter walten
lasse, so gerate man häufig auf die besten Ideen.«
    »Er hat recht!« sagte Teobald.
    »Er hat nicht unrecht«, versetzte der Alte; »wenn mir aber solch ein
Verfahren am Ende nur nicht gar zu dilettantisch würde! So fängt er neulich
einen Amor in Ton zu formen an, wozu er das Muster auf der Gasse unter den
Betteljungen aufgriff, wirklich ein delikates Füllen, schmutzig, jedoch zum
Küssen die Gestalt. Seitdem nun aber die Geliebte sich eingestellt, durfte der
Liebesgott springen; jetzt liegt ihm die aufdringliche Kröte, die sich gar gut
bei dem Handel gestanden, tagtäglich auf dem Hals, und dass der Bursche nicht
schon im Hemdchen unters Haus kömmt, ist alles; neulich ward er gar boshaft und
passte der Braut mit einem Prügel auf; recht ein Cupido dirus!«
    »Ein Anteros!« rief Teobald lachend.
    »Suchen Sie doch einiges Verhältnis zu Raymund«, fuhr der Hofrat fort, »es
wird Ihnen leicht werden: er respektiert Sie höchlich, und das will bei dem
stolzen Menschen schon etwas heissen. Sie finden das ehrlichste Blut in ihm und
ein eminentes, leider noch wildes Talent. Es ärgert manches an ihm,
Kleinigkeiten vielleicht, die indessen doch einen Mangel an Bildung verraten,
genug, mich indignieren sie; nur ein Beispiel und Sie werden mir beistimmen. Man
traut mir billig zu, dass ich kein Pedant bin mit archäologischer Vielwisserei,
insofern sie dem Künstler nichts hilft. Stellt mir einer eine lobenswerte
Ariadne hin, so frag ich den Henker darnach, ob er wisse, dass die Gemahlin des
Bacchus auch Libera heisst. Macht es einen Mann aber nicht lächerrlich, wenn er
von Göttern und Halbgöttern nur eben wie ein Dragoner spricht? Werden es ihm
diejenigen vergeben, die auf den ersten Blick unmöglich wissen können, dass
dieser Mensch, so gut als einer, Charakteristik der Myten versteht und
plastischen Sinn genug in Aug und Fingern sitzen hat? Nun stellen Sie sich vor,
neulich abends im Spanischen Hofe, es waren lauter gründliche Leute da, kömmt
auf ein paar Kunstwerke die Rede, Raymund fällt in seinen begeisterten Schuss und
sagt wirklich vortreffliche Dinge, aber er spricht statt von Panen und Satyrn,
mir nichts dir nichts, und in vollem Ernste immer von Waldteufeln! Ist so was
auch erhört? Ich sass wie auf Nadeln, schämte mich in sein Herz hinein, trat ihm
fast die Zehen weg und wollt ihm helfen; nichts da! ein Waldteufel um den
andern! und merkte das Lächeln nicht einmal, das hie und da auf die Gesichter
schlich. Nachher verwies ich ihm die Unschicklichkeit, und was ist seine
Antwort? Er lacht; nun, alter Papa, rief er, es muss mir doch erlaubt sein,
mitunter so zu sprechen, wie die Niederländer malen durften!« Der Hofrat lachte
selber aufs herzlichste, und man sah ihm an, wie lieb er den hatte, den er
soeben schalt. »Ein stupender Eigensinn! Mich dauert nur die Braut.«
    »Wer ist sie denn eigentlich?« fragte Nolten.
    »Des Schlosswärters F. Tochter.«
    »Was? hör ich recht?« rief Nolten voll Verwunderung aus. »O gute Henriette!
Wie manchmal hat dein wehmütiger Gesang unter meinen Gittern mich getröstet!«
    »Ja ja«, versetzte der Hofrat, »das war noch zur Zeit der liebekranken
Nachtigall!«
    Der Maler fiel auf einige Augenblicke in süsse Gedanken. Die glückliche
Vereinigung dieser Liebenden war ihm von guter Vorbedeutung für sich; denn hatte
nicht jene Verlassene in seiner kranken Einbildung einigemal die Stimme Agnesens
geborgt? und war er nicht auf dem Wege, der letztern auch den Bräutigam
zurückzugeben?
    Nun aber fand er erst Zeit, den Hofrat in der Angelegenheit zu befragen, um
derentwillen er eigentlich gekommen war. Der alte Herr bedachte sich und zuckte
die Achseln. »Ich weiss nicht, an Ihrer Stelle ging' ich geradezu selbst hin -
die Gräfin zwar soll unpass sein, den Grafen können Sie immer sprechen. Mein
Gott, was sollten denn diese Leute eigentlich gegen Sie haben?« Soviel indessen
Teobald aus dem weitern Gespräch entnehmen konnte, war es geratener, sich nicht
persönlich auszusetzen. Der beste Ausweg fiel ihm aber ein. Eine Frau von
Nietelm, die intimste Freundin Constanzens, eine feine hochbegabte Dame, deren
Zeit und Talent vorzüglich der Bildung zweier Prinzessen gewidmet war, hatte
sich ihm von jeher gewogen gezeigt; ihrer hoffte er sich nun als Mittelsperson
zu bedienen, und der glückliche Gedanke erfüllte ihn augenblicklich dergestalt,
dass er den Hofrat eilends verlassen wollte, als eben Raymund hereintrat. Der
feurige Mann umarmte ihn alsbald mit Entusiasmus, und suchte ihm seine Achtung
auf jede Art zu bezeugen Um nicht unfreundlich zu erscheinen, verweilte Nolten
noch eine Viertelstunde, worauf er sich bestens empfahl.
    Gegen Abend trat er den Gang zur Gouvernantin an, nachdem er auf sein
Anmelden eine höfliche Einladung erhalten hatte. Unterwegs erst fiel ihm auf,
wie wenig er auf das, was zu sagen und wie es zu sagen war, vorbereitet sei; er
nahm sich schnell zusammen; eh er sich's versah, stand er im Zimmer der
Gouvernantin.
    Die zarte Dame empfing ihn im ganzen freundlich genug, und wenn dennoch
etwas von Zurückhaltung fühlbar war, So schien es, als ob sie nur ungerne und
mit Rücksicht auf Constanzen sich einigen Zwang auflegte.
    »Ich bin«, begann Nolten, als er der liebenswürdigen Frau gegenüber Platz
genommen hatte, »ich bin veranlasst, in kurzem dieser Stadt und Gegend Lebewohl
zu sagen; Pflicht und Neigung führen mich auswärts; aber wie sehr muss ich
wünschen, mit vollkommen beruhigtem Sinne scheiden zu können! Es ist so schön
und tröstlich, sich im Andenken seiner Freunde gesichert wissen! Die Liebe, die
Neigung, die wir an einem Orte zurücklassen, gibt uns eine stille Gewähr, dass
uns auch anderswo ein guter Stern erwarte. Möchte denn auch ich diesen Trost mit
mir nehmen dürfen! möchten Sie, meine Gnädige, mich in dieser frohen Zuversicht
bestärken können! - Indem sich mir in diesen Tagen eine Reihe ausgezeichneter
Personen, deren Bekanntschaft ich mich im Laufe dreier Jahre vielfach zu
erfreuen hatte, doppelt lebendig vor dem Geiste aufstellt, und indem ich mich
anschicke, den einzelnen noch ein herzliches Wort zu sagen, muss ich vor allen
jenes verehrten Hauses gedenken, dessen Gastfreundschaft mir unvergesslich
bleibt, das mit den Edelsten dieser Stadt, und, wie freudig spreche ich es aus!
auch mit Ihnen, gnädige Frau, mich in freundliche Verbindung setzte. Leider hat
das schöne Verhältnis zuletzt eine Störung erlitten, die mir das ganze Glück
einer dankbaren Erinnerung für alle Zukunft trüben muss, und um so schmerzlicher,
da man mir aus den Gründen meines Missgeschicks, insofern ich dieses selbst
verschuldet haben soll, ein Geheimnis macht. Sollte nun auch Ihnen, Verehrteste,
nicht erlaubt sein, meine Zweifel zu lösen, so gestatten Sie doch, dass ich die
Versicherung bei Ihnen niederlege, ich sei mir, Ihrer teuren Freundin, sowie dem
Herrn Grafen gegenüber, eines solchen Vergehens nicht bewusst; vergönnen Sie, dass
ich den Freunden, die mich nicht mehr zu sehen wünschen, die Aufrichtigkeit
meiner Gesinnungen durch Ihren Mund beteuere.«
    Die Gouvernantin, die in den Mienen des Malers, solange er sprach, mit
Aufmerksamkeit zu lesen gesucht hatte, schien keineswegs ungerührt; zwar
erwiderte sie nur das Allgemeinste, doch sah man ihr an, sie hätte herzlich
gerne mehr gesagt. Nolten gewann nun Mut, folgendergestalt fortzufahren: »Wie
wäre Ihnen zu verargen, gnädige Frau, wenn sich Ihnen, so wie wir uns jetzt
einander gegenüber befinden, und nach dem, was indessen alles zur Sprache
gekommen sein mag, ein unüberwindliches Misstrauen gegen mich im Herzen aufwerfen
sollte! Ich fühle wohl, und Sie selber verbergen sich's nicht, wie fremde in
ganz kurzer Zeit Ihnen ein Mann geworden sei, der Ihnen früher nicht ganz unwert
gewesen. Sonst war es uns willkommener Genuss, Erfahrung und Empfindung in
heiteren Gesprächen auszuwechseln, Entferntes und Nächstgelegenes lebendig
durcheinanderzumischen; stets schenkten Sie mir nachsichtsvolles Gehör, wenn,
wie es wohl dem jüngeren Manne, der eben erst in eine völlig neue Welt eintrat
und vielfach Ursache findet, unzufrieden mit sich selbst zu sein, natürlich zu
geschehen pflegt, sich auch bei mir ein inniges Bedürfnis regte, mich einer
gemütvollen, geistreichen Frau bescheiden mitzuteilen, Ihnen meine Verehrung für
jenes edle Haus im ersten glücklichen Erstaunen auszudrücken. Nun heute wieder,
wie gerne möcht ich den Zustand meines Innern offen und gläubig vor Ihnen
entüllen, doch Ihr Verstummen verschüchtert mir das Wort auf meinen Lippen! wie
gerne würden Sie meiner Unruhe hülfreich entgegenkommen, doch wird es schwer,
den Faden des Vertrauens so schnell wiederaufzunehmen. Wohlan, meine teure,
meine hochverehrte Freundin, lassen Sie mich wenigstens einige Augenblicke der
schönen Täuschung leben, als sässen wir noch so wie ehmals gegeneinander über!
Erlauben Sie, dass ich erzähle, was in der Zwischenzeit sich mit mir begeben, in
mir verändert hat. Lassen Sie mich keine Absicht nennen, wozu dies Bekenntnis
dienen soll. Es soll nur sein, als spräche ich zu einer Dame, von der ich weiss,
sie nehme an meinem Schicksale allgemeinen heitern Anteil, und aus deren Munde
eine günstige Divination meines künftigen Geschickes zu vernehmen mich hoch
beglücken würde.«
    Mit sanftem Lächeln forderte sie den Maler zu reden auf indem sie sagte:
»Sie sollen eine emsige Zuhörerin haben, und was ihr an Prophetengabe mangelt,
werden die redlichsten Wünsche für Ihr Wohl ergänzen.« Somit war Teobald im
Begriff, seine Sache mit Agnesen, und wie sie sich durch Larkens' Tätigkeit
neuerdings umgestaltet, weitläufig darzulegen, und ebendamit auf indirekte Weise
sich gegen Constanze zu rechtfertigen. Aber in dem Augenblick, da er beginnen
will, überrascht ihn die ganze Schwierigkeit seiner Aufgabe und es tat wahrlich
not, dass ihm der gute Geist noch schnell genug ein bequemes Mittel, sich aus
dieser Verlegenheit zu retten, eingab, worauf er sagte: »So vermessen es sein
würde, in Rätseln zu Ihnen reden zu wollen, so wenig kann es schaden, wenn ich
zuvörderst, um die Kluft, welche sich zwischen uns gelegt hat, erst nach und
nach und nur von weitem auszufüllen, dasjenige, was nun zu sagen ist, mit
veränderten Namen in eine allgemeine Darstellung einkleide; so werde ich
unbefangner reden, ohne deshalb unverständlicher oder der Wahrheit ungetreu zu
sein.« Sofort wurde denn das Verlobtenverhältnis eines Antonio zu Clementinen,
von seiner ersten Entstehung bis zu dem drohenden Zerfall, es wurde das
ungeheure Irrsal, wozu Elisabet Veranlassung gegeben, in allen seinen Wendungen
entwickelt. Einer Cornelia ward gedacht, Antonios Leidenschaft für diese nicht
verhehlt, jedoch nur als einseitig zugegeben. Ein Mime Hippolyt löst heimlich
den fatalen Knoten, doch dass er dies und wie er es auch bei Cornelien tat, davon
schweigt Nolten mit Bedacht, als wenn er selbst nicht darum wüsste. Er hatte sich
Zeit zu seiner Erzählung genommen, um so mehr, als er das gespannteste Interesse
bei seiner Nebensitzerin wahrnahm; auch wurde er, wie wohl zu merken war,
vollkommen gut verstanden. Die ganze Geschichte, an sich abenteuerlich und
unglaublich, gewann durch einen gewandten und lebhaften Vortrag die höchste
Wahrheit. Endlich war er fertig, und nach einigem Stillschweigen versetzte die
Gouvernantin (während sie ihn mit einem Blick ansah, worin er ihren Dank für die
zarte Schonung lesen sollte, die er gegen ihre Freundin und gewissermassen gegen
sie selbst mit seiner Fabel beobachtet hatte): »Meint man doch wahrlich ein
Märchen zu hören, so bunt ist alles hier gewoben!«
    »Es stehen Beweise für die Wahrheit zu Dienste«, erwiderte Teobald; »ja ich
erbitte mir ausdrücklich die Erlaubnis, Ihnen dieser Tage einige Papiere
vorlegen zu dürfen, welche Sie jedenfalls mit Interesse durchlaufen werden.«
    »Vielleicht«, antwortete die Gouvernantin, »kann ich anderwärts Gebrauch
davon machen, der Ihnen wünschenswert sein dürfte.«
    »Was Sie tun werden, Gnädigste, habe meinen innigsten Dank voraus!«
versetzte Nolten mit einiger Hast, indem er ihr die Hand mit Ehrfurcht küsste.
Sie war indessen nachdenklich geworden. Unvermerkt lenkte sie das Gespräch auf
die Gräfin und es traten ihr Tränen in die Augen. »Leider muss ich Ihnen sagen,
lieber Nolten«, fuhr sie fort, »es ist bei Zarlins seit einiger Zeit gar viel
anders geworden; auch unsre Kränzchen haben aufgehört. Constanze ist nicht mehr
die sie war, ein seltsamer Gram wirft sie nieder. Lange wusste niemand die
Ursache, selbst ich nicht, und mit Unrecht schrieb man alles körperlichem Leiden
zu, denn freilich leidet ihre Gesundheit mehr als je. Aber Gott weiss, wie alles
zusammenhängt. Vorgestern nachts, als ich allein vor ihrem Bette sass, sprach sie
halb in der Hitze des Fiebers, halb mit Bewusstsein dasjenige aus, wovon ich
glauben muss, dass es wo nicht der einzige, doch immer ein Grund ihres angstvollen
Zustandes sei.«
    Nolten, den diese Worte eine rasche und voreilige Ahnung erweckten, tat sehr
wohl, noch an sich zu halten, denn sogleich kam es ganz anders, als er erwartet
haben mochte.
    »Ich bin überzeugt«, fuhr die Gouvernantin fort, »es handelt sich bloss um
einen wunderlichen Zufall, um eine Kleinigkeit, worüber mancher lächeln würde;
gleichwohl ist jetzt sehr viel daran gelegen, und - werden mich völlig darüber
aufklären können. - Sie haben ein Gemälde, worauf eine Frau abgebildet sein
soll, welche die Orgel spielt?«
    »Ganz recht.«
    »Sagen Sie doch, welche Bewandtnis hat es mit dem Bilde?
    Kennen Sie eine solche Person? Ist sie in der Wirklichkeit vorhanden?«
    Nolten war durch die Frage natürlich frappiert. Er hatte, wie der Leser
weiss, in der Skizze, die bei dem Gemälde zugrunde gelegen, jene Wahnsinnige
kenntlich genug gezeichnet, ja er hatte noch auf Tillsens ausgeführtem Tableau
dem merkwürdigen Kopfe durch wenig beigefügte Striche die äusserste Ähnlichkeit
gegeben. Constanzen war das Bild immer sehr wichtig gewesen und Nolten erinnerte
sich jetzt plötzlich des Traumes, den sie ihm damals mit so grosser Bewegung
entdeckt. Er sagte nun der Gouvernantin: dass, wenn er vorhin in seiner Erzählung
von einer Zigeunerin gesprochen, ebendiese das Original zum Bilde des weiblichen
Gespenstes sei.
    »Sonderbar!« sagte die Gouvernantin, »sehr sonderbar! - Wissen Sie nicht, ob
die Person sich neuerdings in hiesiger Stadt gezeigt hat?«
    »Vor etwa einem Monat wollen meine Freunde sie hier gesehen haben.«
    »Nun, Gott sei Dank!« rief die Gouvernantin aus, »so ist es doch wie zu
vermuten war; so darf mir doch nun die Arme Trost und Vernunft nicht länger
bestreiten!«
    »Wer?« fragte Teobald, »wer sah denn -? doch nicht die Gräfin?«
    »Nun ja!«
    »Himmel, und wo?«
    »In der Kirche.«
    Jetzt rief der Maler sich auf einmal einen Umstand ins Gedächtnis, den man
sich vor mehreren Wochen in der Stadt erzählte und woraus er damals nicht eben
sonderlich viel zu machen wusste. Constanze hatte nämlich, bei nicht völligem
Wohlsein, sonntags die Frühkirche besucht und während des Gottesdienstes den
sonderbaren Zufall gehabt, dass sie plötzlich mit einem für die Zunächstsitzenden
sehr vernehmlichen Laut des heftigsten Schreckens bewusstlos niedersank. Sie
musste nach Hause getragen werden, wo sie sich in kurzem zu erholen schien. Die
wahre Ursache des Unfalls blieb durchaus Geheimnis. In der Kirche selbst wollten
einige bemerkt haben, dass die Gräfin unmittelbar, bevor sie ohnmächtig geworden,
den Blick starr nach dem offenstehenden Haupteingang gerichtet, wo sich mehreres
gemeine Gassenvolk unter die Türen gepflanzt hatte. Niemand aber gewahrte unter
dieser bunten Gruppe den Gegenstand einer so ausserordentlichen Apprehension,
niemand war versucht, denselben in der gleichwohl stark genug hervorragenden
Gestalt einer Zigeunerin zu suchen.
    Es war bei Teobald nun gar kein Zweifel mehr, dass jenes ungeheure Wesen, so
wie einst bei Agnesen mit Absicht, so nun hier bei der Gräfin unwillkürlich ihn
abermals verfolgte. Es fing dieser Eigensinn des Schicksals ihm nachgerade
ängstlich zu werden an. Er hatte Mühe, seine Gedanken davon loszumachen, und auf
die Gegenwart, auf Constanzen zurückzulenken. Ihr Zustand bekümmerte ihn sehr;
denn aus allem, was die Gouvernantin von eigenen Äusserungen Constanzens
wiederholte, ging hervor, dass das Entsetzen über die Erscheinung in der Kirche
unmittelbar mit jenem Traume zusammenhing, und dass die Gräfin seit diesem
Auftritte mit heimlichen Gedanken an einen frühen Tod umgehe. Der Maler versank
in stilles Nachdenken, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust. Wie
vieles, dachte er, muss hier zusammengewirkt haben, um den hellen und festen
Geist dieses Weibes zu betören! Wie sehr ist nicht zu glauben, dass dies Gemüt
lange zuvor mit sich selbst uneins gewesen sein müsse, eh solche Träume es
gefangennehmen konnten! Er entielt sich nicht, dergleichen gegen die
Gouvernantin zu äussern, die ihm mit traurigem Kopfnicken beistimmte. Sie sah ihn
an, und sagte: »Vergessen wir nicht, unsre Freundin ist krank, und - krank in
mehr als einem Sinne.«
    Ein Besuch, welcher in dem Augenblick angesagt wurde, nötigte Teobalden zum
Aufbruch. Er empfahl sich mit der Bitte, in diesen Tagen nochmals erscheinen zu
dürfen. Die versprochenen Papiere sandte er noch denselben Abend nach, jedoch
mit Auswahl, und namentlich ward jene Nachschrift zu Larkens' Brief mit
schonendem Bedacht zurückbehalten.
Obgleich er sich die Unterredung mit der Gouvernantin in gewissem Betracht nicht
besser hätte wünschen können, denn eine vollständige Ausgleichung des
widerwärtigsten Missverständnisses war damit auf das sicherste eingeleitet, so
war er doch seitdem von einer unbegreiflichen Unruhe umgetrieben. Er konnte den
Tag nicht erwarten, an dem er endlich die Stadt würde verlassen können.
Unverzüglich fing er daher an, seine Anstalten zur Abreise zu treffen, besorgte
die Angelegenheiten seines Freundes, und machte nur die notwendigsten Besuche
ab, da ihm ein ungehöriges, obwohl aufrichtiges Mitleid, womit man überall den
Scheidenden betrachten zu müssen glaubte, allzu verdriesslich fiel. An den Herzog
richtete er ein allgemein verbindliches Billett, das er nicht ohne ein Lächeln
zusammenfalten konnte, weil es ihm diesmal gelungen war, mit mehreren Worten so
viel wie nichts zu sagen. Am herzlichsten entliess ihn Tillsen und der Hofrat,
welch letzterer ihm in den wunderbarsten Ausdrücken eine nie genugsam
ausgesprochene Neigung auf einmal verraten zu wollen schien, indem er zugleich
auf ein besonderes Verhältnis anspielte, das längst zwischen ihnen beiden
bestünde, und welches zu entdecken er sich bis auf diese Stunde nicht habe
entschliessen können; auch jetzt überrasche ihn der Abschied des Malers
dergestalt, dass er notwendig eine andere Zeit abwarten müsse. Teobald, welcher
den Alten von jeher im Verdacht gehabt, als ob er mit einiger Schalkheit gerne
den Geheimnisvollen spiele, achtete wenig auf diese dunkeln Winke, obgleich dem
guten Manne die Rührung sichtlich aus den Augen sprach.
    Sein letzter Ausgang am Schluss der vielgeschäftigen Woche war zu der
Gouvernantin. Unglücklicherweise war eben Gesellschaft dort und die
liebenswürdige Frau konnte ihm nur wenige Augenblicke allein auf ihrem Zimmer
schenken. Sie zog einen versiegelten Brief hervor und sagte: »Ihre neulichen
Mitteilungen haben der Gräfin ein unerwartetes Licht gegeben, von dessen erster
erschütternder Wirkung ich jetzt nichts sage. Ich danke Gott, dass dieser Kampf
vorüber ist. Empfangen Sie hier das letzte Wort von unsrer Freundin. Seitdem sie
den Entschluss gefasst, sich Ihnen zu offenbaren, ist endlich ein Schimmer von
Frieden bei ihr eingetreten, den zu befestigen ich mir nach Kräften angelegen
sein lasse. Nur was dies Blatt betrifft, so darf ich nicht verschweigen, dass es
im ersten Schmerz geschrieben wurde, wo es schien, als ob sie nur im
ungemessensten Ausdrucke ihrer Schuld einige Erhebung und ein willkommenes
Mittel gegen völlige Verzweiflung habe finden können. Schliessen Sie also aus
diesem Briefe nicht auf ihren Zustand überhaupt, den sicherlich die Zeit auch
heilen wird. Vielleicht erkennen Sie in diesen Linien, deren Inhalt ich wohl
ahnen kann, noch jetzt das schöne Herz, das sein Vergehn mehr als genug
empfindet. Gewiss, ich darf das sagen, ohne eben entschuldigen zu wollen - ach
leider, dass ich es nicht kann! Aber wie gerne wollen wir der Armen alles
vergessen, wenn sie nur erst ihre Ruhe wiedergewonnen hätte! O wüssten Sie,
Nolten, welche traurige Besorgnisse mir die Richtung einflösste, der sich ihr
Geist starrsinnig hinzugeben drohte. Und noch bin ich nicht aller Sorge los. Zu
oft noch seh ich ihren Blick nach jener trüben Seite hingekehrt, von wo sie sich
ein frühes Grab verkündigt glaubte. Denn selbst durch Ihre freundschaftlichen
Aufschlüsse, sosehr sie uns zustatten kamen, konnte diese Vorstellung nicht ganz
zerstört werden. Freilich sieht sie nun alles bis auf einen gewissen Grad
natürlich an, weil aber doch etwas Ausserordentliches an dem Zusammentreffen der
Begebenheiten nicht zu leugnen und jener frühere Eindruck auch nicht so schnell
auszutilgen ist, so kann sie den Gedanken an eine solche Vorbedeutung nicht von
sich wegbringen. Aber lassen Sie mich abbrechen, eh ich weich werde, und ins
Klagen falle. Wie sehr bedaure ich, dass Sie eben jetzt so eilig von uns müssen -
und doch, es wird auch wieder gut für beide Teile sein. Und nun« (sie ging an
einen Schrank und holte ein schönes Futteral hervor, das sie ihm in die Hand
drückte), »zwei Freundinnen bitten, dies zu dem Hochzeitsschmuck der lieben
Braut zu legen und ihr zu sagen, wie sehr sie in der Ferne gekannt, wie
schwesterlich geliebt sie sei. Leben Sie wohl, und denken gerne mein.«
    Ehe Teobald noch recht zu danken wusste, hatte sie sich bereits, ihre
steigende Bewegung zu verbergen, leise zurückgezogen. Eilig ging er nach seiner
Wohnung, aufs höchste erstaunt über die rätselhaften Dinge, die er soeben
gehört. War es denn nicht, als sollte ihm ein Verbrechen Constanzens entdeckt
werden? Sprach nicht die Gouvernantin so, als wüsste er bereits darum? - Auf
seinem Zimmer angekommen, verschloss er hinter sich die Tür und las wie folgt:
    »Nicht einen letzten Blick der Neigung, kein Auge des Mitleids sollen Sie
diesem Blatte gönnen, das von dem jammervollsten, ach zugleich von dem
unwürdigsten Weibe kommt; denn (davon hatten Sie bis diesen Augenblick noch
keine Ahnung) so wie mein Unglück, ist auch meine Schuld ohne Grenzen. Nie kann
ich hoffen, Sie mir zu versöhnen, ja wäre das möglich, ich kann keine Vergebung,
auf ewig keine, von mir erhalten. Aber die Strafe, die ich schrecklich genug im
eigenen Bewusstsein trage, bin ich im Begriff aufs höchste zu schärfen, indem ich
meinen Frevel vor Ihnen entülle, indem ich freiwillig Ihre ganze Verachtung,
Ihren gerechtesten Hass auf mich ziehe. Was hält mich ab vom entehrendsten
Bekenntnis? Ist man noch eitel, ist man noch klug, sucht man ängstlich noch
einigen Schein für sich zu bewahren, wenn man einmal sich selbst zu verachten
einen verzweifelten Anfang gemacht hat? Gleichgültig verzicht ich auf die
kleinen Künste, womit wir Armen sonst in solchen Fällen der Bedrängnis uns vor
uns selbst und vor Ihrem Geschlechte beschönigen. Hinweg damit! Dem besten, dem
edelsten Manne zeige sich, ganz wie es ist, das elende Geschöpf, das ihn so
unerhört betrogen. - Erfahren Sie's also, Constanze war's, durch deren Tücke
Ihnen Ihr harmloser Anteil an jener letzten Abendunterhaltung in unserem Hause
so schwer zu stehen kam, und - so wollte es die Wut eines Weibes, dessen
entschiedene Liebe sich beispiellos hintergangen wähnte - ich hätte vielleicht,
o ich hätte gewiss, wär es in meiner Macht gestanden, die Grausamkeit aufs
äusserste getrieben. Der Himmel fand noch zeitig ein wunderbares Mittel, mich
einzuschrecken, mich zu züchtigen. Nun auf einmal zum törichten Kinde
verwandelt, von Göttern und Geistern verfolgt, eilt ich in meiner Herzensnot,
Sie zu befreien. Es gelang, und durch dieselbe Hand zwar, an die ich Sie zuerst
verraten. O Schande, Schande mein kurz gemessnes Leben reicht nicht hin, sie zu
beweinen, wie sie es verdient, und - nein ich schweige; dass Sie nicht etwa
denken, ich gehe darauf aus, durch übertriebne Selbstanklagen mir einen Funken
gerührter Teilnahme zu erschleichen, so entsag ich der Wollust, mich jetzt im
Staube vor Ihnen zu winden. Aber hassen Sie, verdammen Sie mich keck, ja dürft
ich mein ganzes Geschlecht wider mich aufrufen, möchten die Besten desselben
mich fremd aus ihrer Mitte weisen! das härteste Gericht, dürft ich's erdulden,
damit ich doch den einzigen Trost genösse, meine Busse vollendet zu sehen, eh
mein beflecktes Dasein sein Ende erreicht! Gott, du Gerechter, weisst, ob ich
mich solcher Missetat je fähig halten konnte, bevor du mir diese Versuchung
bereitet! Doch dass ich sie so schlecht bestand, das öffnet mir schaudernd die
Augen über mich selbst, über mein gesamtes Wesen. Die schönen Stunden auch, wo
mich die Liebe mit Hoffnungen der glücklichsten Zukunft täuschte und eine fromme
Weihe über mein kommendes Leben harmonisch zu verbreiten schien - mit Tränen sag
ich mir, dass selbst der Wert so reiner Augenblicke, so himmlischer Entschlüsse,
nichtswürdig in jenem ungeheuern Abgrunde verschwindet, den dieses Herz, sein
selbst unkundig, mir bis daher verbarg. Nun ich mich aber kenne, nun, Gott sei
gepriesen, weiss ich auch, wohin mein Trachten gehen muss. Doch davon red ich
Ihnen nicht, ich habe das mit einem Höhern.
    Nehmen Sie meinen Dank für die Mitteilungen an die Nietelm; sie sind mir
treulich zugekommen. Ich wäre verloren gewesen ohne sie; drum tausend, tausend
Dank für die Barmherzigkeit!
    Aber mit welchen Empfindungen hab ich zugleich in die Wege blicken müssen,
in denen Ihr Geschick Sie führte! Nur eine Heilige wie Agnes, wird mit
Kinderhänden den wunderbaren Schieier lüpfen, der über Ihrem Schicksal liegt. In
diesem herrlichen Geschöpf fürwahr ist Ihnen die Befriedigung Ihres höchsten
Strebens aufbehalten. - Leben Sie wohl! wohl! Ach aus dem tiefsten Grund der
Seele wünsch ich, fleh ich, es möge Ihnen wohl ergehen. Welch einen Trost ich
darin für mich suche, ahnet Ihnen kaum. Und dürft ich nur einmal im Leben
Agnesen umarmen, den Engel, den ich preise! Sie ist die Glücklichste auf Erden,
ich aber bin die erste, die dieses Glück ihr gönnt. Lebt beide wohl, Ihr Teuren,
und lasst mich; Ärmste für Euch beten.«
Wir lassen nun über dem bisherigen Schauplatze von Noltens Leben den Vorhang
fallen, und wenn er jetzt sich aufs neue hebt, so treffen wir den Maler bereits
seit zweien Tagen auf der Reise begriffen. Wohin er seinen Weg nehme, fragen wir
nicht erst. Wir denken uns übrigens wohl, dass eben nicht die leidenschaftliche
Wonne des Liebhabers, wie man sie sonst bei solchen Fahrten zu schildern gewohnt
ist, auch nicht die blosse kühle Pflicht es sei, was ihn nach Neuburg führt; es
ist vielmehr eine stille Notwendigkeit, die ihn ein Glück nur leise hoffen
heisst, welches leider jetzt noch ein sehr ungewisses für ihn ist. Denn
eigentlich weiss er selbst nicht, wie alles werden und sich fügen soll.
Beharrlich schweigt sein Herz, ohne irgend etwas zu begehren, und nur
augenblicklich, wenn er sich das Ziel seiner Reise vergegenwärtigt, kann ein
süsses Erschrecken ihn befallen.
    Er hat mit seinem muntern Pferde schon in der vierten Tagreise das Ende des
Gebirgs erreicht, das die Landesgrenze bezeichnet und von dessen Höhe aus man
eine weite Fläche vor sich verbreitet sieht. Es war ein warmer Nachmittag.
Gemächlich ritt er die lange Steige hinunter und machte am Fuss derselben Halt.
Er führte sein Pferd seitwärts von der Strasse, band es an eine der letzten
Buchen des Waldes, wo zwischen kleinem Felsgestein ein frisches Wasser vorquoll.
Er selber setzte sich auf eine erhöhte, mit jungem Moos bewachsene Stelle und
schaute auf die reiche Ebene, welche in grösserer und kleinerer Entfernung
verschiedene Ortschaften und die glänzende Krümmung eines ansehnlichen Flusses
zeigte. Ein Schäfer zog pfeifend unten über die Flur, überall wirbelten Lerchen,
und Schlüsselblumen dufteten in nächster Nähe.
    Den Maler übernahm eine mächtige Sehnsucht, worein sich, wie ihm deuchte,
weder Neuburg, noch irgendeine bekannte Persönlichkeit mischte, ein süsser Drang
nach einem namenlosen Gute, das ihn allentalben aus den rührenden Gestalten der
Natur so zärtlich anzulocken und doch wieder in eine unendliche Ferne sich ihm
zu entziehen schien. So hing er seinen Träumen nach und wir wollen ihnen, da sie
sich von selbst in Melodieen auflösen würden, mit einem liebevollen Klang zu
Hülfe kommen.
Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel,
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
- Ach sag mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, dass ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte haben kein Haus.
Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend
Sich dehnend
In Lieben und in Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?
Die Wolke seh ich wandeln und den Fluss,
Es dringt der Sonne goldner Kuss
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.
Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und weiss nicht recht, nach was;
Halb ist es Lust, halb ist es Klage.
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
Alte, unnennbare Tage!
Aber nicht allzulange konnte sich das Gefühl unseres Freundes in so allgemeinem
Zuge halten. Er nahm eine alte Locke Agnesens vor sich, es lag neben ihm im
Grase blitzend das kostbare Kollier der Gräfin (denn dies war der Inhalt jenes
zierlichen Futterals), der Brief des Schauspielers ruhte auf seiner Brust.
Zärtlich drückte er alle diese Gegenstände an seinen Mund, als hätten sie
sämtlich gleiches Recht an ihn.
    Ein leichter Regen begann zu fallen und Teobald erhob sich. Wir lassen ihn
seine Strasse ungestört fortziehn und sehen ihn nicht eher wieder, bis er mit dem
vierten Sonnenuntergang im letzten Dorfe angelangt ist, wo man ihn versichert,
dass er von hier nur noch drei kleine Stündchen nach Neuburg habe. Auf dieser
letzten Station wollte er übernachten, sich zu stärken, sich zu sammeln. Er tat
dies nach seiner Art mit der Feder in der Hand und legte sich sodann beruhigt
nieder. Der Morgen graute kaum und der Mond schien noch kräftig wie um
Mitternacht, als Teobald den Ort verliess. So wie der Tag nun unaufhaltsam
vordrang, zog sich die Brust des Freundes enger und enger zusammen; aber der
erste Blitz der Sonne zuckt jetzt im roten Osten auf und entschlossen wirft er
allen Kleinmut von sich. Mit einer unvermuteten Wendung des Wegs öffnet sich ein
stilles Tal, das gar kein Ende nehmen will, aus ihm entwickelt sich ein zweites
und drittes, so dass der Maler zweifelt, ob er das rechte wähle; doch ritt er zu,
und die Berge traten endlich ein wenig auseinander. »Herz, halte fest!« ruft er
laut aus, da er auf einmal den Rauch von Häusern zu entdecken glaubt. Er irrte
nicht, schon konnte man des Försters heitere einstockige Wohnung mit ihren
grünen Läden, einzeln an die Seite des Bergs hinaufgerückt, unweit der Kirche,
liegen sehn. »Herz, halte fest!« klingt es zum zweitenmal in seinem Innern nach,
da ihn die Gassen endlich aufnahmen. Er gab sein Pferd im Gastof ab, er eilte
zum Forstaus.
    »Herein!« rief eine männliche Stimme aufs Klopfen an der Tür. Der Alte sass,
die Füsse in Kissen gewickelt, im Lehnstuhl und konnte vor Freudeschrecken nicht
aufstehn, selbst wenn das Podagra es erlaubt hätte. Wir sagen nichts vom hellen
Tränenjubel dieses ersten Empfangs und fragen mit Nolten sogleich nach der
Tochter.
    »Sie wird wohl«, ist die Antwort, »ein Stückchen Tuch drüben auf den
Kirchhof zur Bleiche getragen haben; die Sonne ist gar herrlich aussen; gehn Sie
ihr nach und machen ihr gleich die köstliche Überraschung! Ich kann nicht
erwarten, euch beieinander zu sehn! Ach mein Sohn! mein lieber trefflicher Herr
Sohn! sind Sie denn auch noch ganz der alte? Wie so gar stattlich und vornehm
Sie mir aussehen! Agnes wird Augen machen! Gehn Sie, gehn Sie! Das Kind hat
keine Ahnung. Diesen Morgen beim Frühstück sprachen wir zusammen davon, dass
heute wohl ein Brief kommen würde, und nun!« - Teobald umarmte den guten Mann
wiederholt und so entliess ihn der Alte. Im Vorbeigehn fiel sein Blick zufällig
in die Kammer der Geliebten, er sah ein schlichtes Kleid von ihr, das er
sogleich wiedererkannte, übern Sessel hängen; der Anblick durchzückte ihn mit
stechender Wehmut, und schaudernd musste sein Geist über die ganze Kluft der
Zeiten hinwegsetzen.
    Der Weg zum Kirchhof hinter dem Pfarrhaus zwischen den Haselhecken hin, wie
bekannt und fremd war ihm alles! Das kleine Pförtchen in der Mauer stand offen;
er trat in den stille grünenden Raum, der mit seinen ländlichen Gräbern und
Kreuzen die bescheidene Kirche umgab. Begierig und schüchtern sucht er die
Gestalt Agnesens; hinter jedem Baum und Busch glaubt er sie zu erspähen;
umsonst; seine Ungeduld wächst mit jedem Atemzug; ermüdet setzt er sich auf eine
hölzerne Bank unter den breiten Nussbaum und überschaut den friedsamen Platz. Die
Turmuhr lässt ihren festen Perpendikeltakt vernehmen, einsame Bienen summen um
die jungen Kräuter, die Turteltaube gurret hie und da, und, wie es immer keinen
unerfreulichen Eindruck macht, wenn sich unmittelbar an die traurigen Bilder des
Todes und der Zerstörung die heitere Vorstellung eines tätig regsamen Lebens
anknüpft, so war es auch hier wohltuend für den Beschauer, mitten auf dem Felde
der Verwesung einzelne Spuren des alltäglichen lebendigen Daseins anzutreffen.
Dort hatte der benachbarte Tischler ein paar frisch aufgefärbte Bretter an einen
verwitterten Grabstein zum Trocknen angelehnt, weiter oben blähten sich ein paar
Streifen Leinwand in der lustigen Frühlingsluft auf dem Grasboden, und von ganz
eigener Rührung musste Teobald ergriffen werden, wenn er dachte, welche Hände
dieses Garn gesponnen und sorglich es hieher getragen, wie manche Stunde des
langen Tages und der langen Nacht das treuste der Mädchen unter wechselnden
Gedanken an den Entfernten, in hoffnungsreichem Fleisse, mit dieser Arbeit
hingebracht, während er, in übereiltem Wahne, mit sündiger Glut eine fremde
Neigung pflegte.
    Jetzt hatte er kein Bleibens mehr an diesem Ort, und doch konnte er den Mut
auch nicht finden, Agnesen geradezu aufzusuchen; er trat unschlüssig in den
Eingang der Kirche, wo ihn eine angenehme Kühle und, trotz der armseligen
Ausstattung, ein feierlicher Geist empfing. Haftete doch an diesen braunen
abgenützten Stühlen, an diesen Pfeilern und Bildern eine unendliche Reihe
frommer Jugendeindrücke, hatte doch diese kleine Orgel mit ihren einfachen Tönen
einst den ganzen Umfang seines Gemüts erfüllt und es ahnungsvoll zum Höchsten
aufgehoben, war doch dort, der Kanzel gegenüber, noch derselbe Stuhl, wo Agnes
als ein Kind gesessen, ja den schmalen Goldstreifen Sonne, der soeben die
Rücklehne beschien, erinnerte er sich wohl an manchen Sonntagmorgen gerade so
gesehen zu haben; in jedem Winkel schien ein holdes Gespenst der Vergangenheit
neugierig dem Halbfremden aufzulauschen und ihm zuzuflüstern: Siehe, hier ist
sich am Ende alles gleichgeblieben, wie ist's indessen mit dir gegangen?
    Zur Emporkirche stieg er nun auf; er sah ein altes Bleistiftzeichen wieder,
das er einst in einem bedeutenden Zeitpunkt, abergläubisch, gleichsam als Frage
an die Zukunft, hingekritzelt hatte - aber wie schnell bestürzt wendet seine
Aufmerksamkeit sich ab, als ihm durch die bestäubten Glasscheiben aussen eine
weibliche Figur auffällt, über die er keinen Augenblick im Zweifel bleiben kann.
Agnes ist es wirklich. Sein Busen zieht sich atemlos zusammen, er vermag sich
nicht von der Stelle zu bewegen, und um so weniger, je treffender, je rührender
die Stellung ist, worin eben jetzt ihm das Mädchen erscheint. Er öffnet behutsam
den Fensterflügel um etwas und steht wie eingewurzelt.
    Die den Kirchhof umschliessende Mauer bildet etwa in der Hälfte ihrer Höhe
ein breites fortlaufendes Gesimse, worauf sich ein Kreuz von alter
Steinhauerarbeit freistehend erhebt; an dessen Fusse auf dem Gesimse sitzt, noch
immer in beträchtlicher Höhe über dem Boden, das liebliche Geschöpf mit dem
Strickzeug und im Hauskleide, so dass dem Freunde das Profil des Gesichts
vollkommen gegönnt ist; an einem Arm des Kreuzes über dem Kopfe der Sitzenden
hängt ein frischer Kranz von Immergrün, sie selber bückt sich soeben aufmerksam,
die Nadel leise an die Lippen haltend, gegen eine Staude vorwärts, worauf ein
Papillon die glänzenden Flügel wählig auf- und zuzieht; jetzt, indem er
auffliegt, gleitet ihr Blick flüchtig am Fenster Teobalds hin, dass diesem vor
entzücktem Schrecken beinahe ein Ausruf entfahren wäre; aber das Köpfchen hing
schon wieder ruhig über dem geschäftigen Spiele der Finger. Schichtweise kam
einigemal der süsseste Blumengeruch gegen den Lauscher herübergeweht, um den
geistigen Nerv seiner Erinnerung nur immer reizender, betäubender zu spannen,
denn diese eigentümliche Würze, meint er, habe das Veilchen von jeher an keinem
Orte der Welt ausgehaucht, als hier, wo sich sein Duft mit den frühen Gefühlen
einer reinen Liebe vermischte.
    Er dachte jetzt ernstlich darauf, wie er am schicklichsten aus seinem
Versteck hervortreten, und sich dem ahnungslosen Mädchen zeigen wolle; aber,
durfte er bisher in schönem Vorgenuss die Gestalt und alle das Regen und Bewegen
der Geliebten unbemerkt beobachten, so wollte ein artiger Zufall ihn auch den
langentbehrten Ton ihrer Stimme noch hören lassen. Der Storch, der seit uralter
Zeit sein Nest auf dem Kirchdache gehabt, spazierte mit sehr vieler Gravität
erst unten im Gras, dann auf der Mauerzinne umher, als gälte es eine
Morgenvisite bei Agnes. »Hast schon gefrühstückt, Alter? komm, geh her!« rief
sie und schnalzte mit dem Finger; der langbeinige Bursche aber nahm wenig Notiz
von dem herzlichen Grusse und marschierte gelassen hinten vorüber. Jetzt streckte
plötzlich der alte Förster den Kopf schalkhaft durchs Pförtchen: »Muss doch auch
ein bisschen nach dem verliebten Paare schauen, das seine Freude so ganz aparte
haben will - Nun, mein Herzchen? dein Besuch? was läuft er denn wieder weg?«
Agnes, diese Worte auf den Storch ziehend, deutet mit Lachen seitwärts nach dem
fortstolzierenden Vogel: allein bevor der Förster sich näher mit ihr erklärt und
ehe das Mädchen die Mauerstufen ganz herunter ist, erscheint Nolten unter der
Kirchtür: Agnes, ihn erblickend, fällt mit einem leichten Schrei dem
zunächststehenden Vater um den Hals, wo sie ihr glühendes Gesicht verbirgt,
während unser Freund, der sich diese erschüttert abgewandte Bewegung
blitzschnell durch sein böses Gewissen erklären lässt mit einiger Verlegenheit
sich heranschmiegt, bis ein verstohlener, halbaufgerichteter Blick des Mädchens
über des Alten Schulter hinweg ihm sagte, dass Freude, nicht Abscheu oder Schmerz
es sei, was hier am Vaterherzen schluchze. Aber als das herrliche Kind sich nun
plötzlich gegen ihn herumwandte, ihm mit aller Gewalt leidenschaftlicher Liebe
sich um den Leib warf und nur die Worte vorbrachte: »Mein! Mein!« da hätte auch
er laut ausbrechen mögen, wenn die Übermacht solcher Augenblicke nicht die Lust
selbst der glücklichsten Tränen erstarren machte.
Indem man nach dem Hause zurückging, bedauerte man sehr, dass Teobald den guten
Baron vor einigen Tagen nicht würde begrüssen können, da er seit einer Woche
verreist sei.
    »Ich bin noch ganz freudewirr und dumm«, sagte Agnes, wie sie in die Stube
traten, »lass mich erst zu mir selber kommen!« Und so standen sie einander in
glücklicher Verwunderung gegenüber, sahen sich an, lächelten, und zogen aufs
neue sich lebhaft in die Arme.
    »Und was es schön geworden ist, mein Kind, Papa!« rief Teobald, als er sie
recht eigens um ihre Gestalt betrachtete; »was es zugenommen hat! Vergib, und
lass mich immer nur staunen!«
    Wirklich war ihre ganze Figur entschiedener, mächtiger, ja wie Teobald
meinte, selbst grösser geworden. Aber auch alle die Reize, die der Bräutigam ihr
von jeher so hoch angerechnet hatte, erkannte er wieder. Jenes tiefe Dunkelblau
der Augen, jene eigene Form der Augbraunen, die von allen übrigen sich dadurch
unterschieden, dass sie gegen die Schläfe hin in einem kleinen Winkel absprangen,
der in der Tat etwas Bezauberndes hatte. Dann stellten sich noch immer,
besonders beim Lachen, die vollkommensten Zahnreihen dar, wodurch das Gesicht
ungemein viel kräftige Anmut gewann.
    »Indessen das Wundersamste, und worauf ich mir selber etwas einbilden
möchte, das will der Herr, scheint's, absichtlich gar nicht entdecken!« sagte
Agnes, indem eine köstliche Röte sich über ihre Wangen zog. Wohl wusste er, was
sie meine. Ihre Haare, die er bei seiner letzten Anwesenheit noch beinah blond
gesehen hatte, waren durchaus in ein schönes glänzendes Kastanienbraun
übergegangen. Teobalden war es beim ersten Blicke aufgefallen, aber auch
sogleich hatte sich ihm die sonderbare Ahnung aufgedrungen, Krankheit und
dunkler Kummer hätten Teil an diesem schönen Wunder. Agnes selber schien nicht
im entfernten dergleichen zu denken, vielmehr sie fuhr ganz heiter fort: »Und
meinst du wohl, es habe sonderlich viel Zeit dazu gebraucht? Nicht doch! fast
zusehends, in weniger als zwanzig Wochen war ich so umgefärbt. Die
Pastorstöchter und ich, wir haben heut noch unsern Scherz darüber.«
    Am Abend sollte Nolten erzählen. Allein dabei konnte wenig Ordentliches
herauskommen; denn wenn er sich gleich aus Larkens' Konzepten überzeugt hatte,
wie treulich ihm der Freund bereits in bezug auf gewisse Verlegenheitspunkte, so
namentlich auch wegen der Verhaftsgeschichte, zur Beruhigung der guten Leutchen
vorgearbeitet, so fand er sich nun doch durch die Erinnerung an jene gefährliche
Epoche dem unvergleichlichen Mädchen gegenüber im Herzen beengt und verlegen; er
verfuhr deshalb in seinen Erzählungen nur sehr fragmentarisch und willkürlich,
und übrigens, wie es bei Liebenden, die sich nach langer wechselvoller Zeit zum
ersten Male wieder Aug in Auge besitzen, natürlich zu geschehen pflegt,
verschlang die reine Lust der Gegenwart mit Ernst und Scherz und Lachen es
verschlang ein stummes Entzücken, wenn eins das andere ansah, jedes übrige
Interesse und alle folgerechte Betrachtung. Wenn nun das junge Paar nichts, gar
nichts in der Welt vermisste, ja wenn zuweilen ein herzlicher Seufzer bekannte,
man habe des Glückes auf einmal zu viel, man werde, da die ersten Stunden so
reich und überschwenglich seien, die Wonne der folgenden Zeit gar nicht
erschwingen können, so war der Alte an seinem Teil nicht eben ganz so zufrieden.
Er sass nach aufgehobenem Abendessen (Tischtuch und Gläser mussten bleiben)
geruhig zu einer Pfeife Tabak im Sorgensessel, er erwartete mancherlei Neues von
der Reise, vom Ausland und namentlich von Bekanntschaften des Schwiegersohns
dies und jenes Angenehme oder Ruhmvolle behaglich zu vernehmen. Agnes, den
Fehler wohl bemerkend, stiess deshalb den Bräutigam ein paarmal heimlich an, der
denn nach Kräften schwatzend, gar bald den Vater in den besten Humor zu
versetzen und einigemal zum herzlichsten Gelächter anzuregen wusste. Es fiel dem
ganz jugendlich auflebenden Greise noch ein, eine Flasche echten Kapweins,
welche der Baron verehrt, vom Keller bringen zu lassen, und immer wurde man
munterer.
    Von dem Vater, den wir im allgemeinen schon kennen, sagen wir bei dieser
Gelegenheit nur soviel: Es war ein Mann von gutem geraden Verstande, sein ganzes
Wesen vom besten Korn, und während die eigensinnige Strenge seines Charakters
durch die äusserste Zärtlichkeit für seine Tochter auf eine liebenswürdige Weise
gemildert schien, so war dagegen der Schwiegersohn beinahe der einzige Mensch,
vor dem er einen unbegrenzten Respekt fühlte. Denn eigentlich pflegte der Alte
etwas auf sich zu halten, und da er als Forstmann, zumal in frühern Zeiten, mit
einem hohen Jagdpersonal in vielfache Berührung kam, als erfahrner und
gründlicher Mann gesucht und geschätzt war so durfte er sich zu einer solchen
Meinung gar wohl berechtigt glauben.
    Als man nach eilf Uhr sich endlich erhob, versicherten alle drei, es werde
vor freudiger Bewegung keins schlafen können. »Kann ich's doch ohne das nicht!«
seufzte der Förster, »hab ich doch in jungen Jahren bei Tag und Nacht in Nässe
und Kälte hantierend, mich um den wohlverdienten Schlaf meines Alters bestohlen!
nun hab ich's an den Füssen. Doch mag's! Es denkt und lernt sich manches so von
Mitternacht bis an den lieben hellen Tag. Und wenn man sich dann so im guten
Bette sagen kann, dass Haus und Eigentum von allen Seiten wohl gesichert und
geriegelt, kein heimlich Feuer nirgend ist, und so weit all das Ding wohl steht,
und dann der Mond in meine Scheiben fällt, so stell ich mir dann Tausenderlei
vor, stelle das Wild mir vor, wie's draussen im Dämmerschein aufm Waldwasen
wandelt und Fried und Freud auch hat von seinem Schöpfer ich denke der alten
Zeit, der vorigen Jahre - sagt der Psalmist -, ich denke des Nachts an mein
Saitenspiel (denn das ist dem Weidmann seine Büchse), und rede mit meinem
Herzen, mein Geist muss forschen. Ja ja, Herr Sohn, lächeln Sie nur, ich kann
auch sentimentalisch sein, wie ihr das so nennt, ihr junges Volk. Nun, schlafen
Sie wohl!« Er lüpfte freundlich seine Zipfelmütze und Agnes durfte dem Bräutigam
leuchten.
Es glänzte wieder die herrlichste Sonne in die Fenster des Forstauses, um die
Bewohner zeitig zu versammeln.
    Agnes, seit lange gewohnt, die Stelle der Hausfrau zu behaupten, war am
ersten rege. Und aufs neue wie trat sie den Augen des Liebsten entgegen! Ein
ander Kleid als gestern, eher noch ein einfacheres, hatte sie angelegt, aber wie
alle das auch passte, sich innig schmiegte an ihr wahrstes Wesen, ja völlig eines
mit demselben ward! Gleich diesem neuen Tag war sie für Nolten durchaus eine
Neue; gewiss, wir sagen nicht zuviel, sie war der goldne Morgen selber. Soeben
hatte sie den Stöcken Wasser gegeben, und es hing ihr ein heller Tropfen an der
Stirn; mit welcher Wollust küsst' er ihn weg, küsst' er die glatt und rein an
beiden Seiten heruntergescheitelten Haare!
    Er machte eine Bemerkung, die ihm das Mädchen nach einigem Widerspruch doch
endlich gelten lassen musste. Bräute, deren Väter vom Forstwesen sind, haben vor
andern in der Einbildung des Liebenden immer einen Reiz voraus, entweder durch
den Gegensatz von zarter Weiblichkeit mit einem mutigen, nicht selten
gefahrbringenden Leben, oder weil selbst an den Töchtern noch der frische freie
Hauch des Waldes zu haften scheint; es sucht überdies die gemeinschaftliche
Farbe Grün solche Ideen gar gefällig zu vermitteln. Nur das letztere litt eine
Ausnahme bei Agnesen, welche die Eigenheit hatte, dass sie diese muntre Farbe in
der Regel nicht, und nur sehr sparsam an sich leiden mochte.
    Sie ging, das Frühstück zu besorgen, und Nolten unterhielt sich mit dem
Förster. Das Gespräch kam auf Agnesens Krankheit und weil kein Teil dabei
verweilen mochte, sehr bald auf einen Gegenstand, wovon der Alte mit
Begeisterung, der Sohn mit einem stillen, fast scheuen Vergnügen sprach - seine
Hochzeit. Man dürfe nun damit nicht lange mehr zögern, meinte der Vater, meinte
auch Nolten, selbst Agnes hatte sich mit dem ernsten Gedanken mehr vertraut
gemacht. Eine Haupt frage war noch unentschieden: wo der Herr Sohn sich
niederlassen werde? Nun eben sprachen die Männer darüber. Auf einmal fragt
Nolten, den Kopf aufrichtend und horchend: »Wer ist so musikalisch in der Küche?
wer pfeift denn?« »Sie tut's, die Agnes«, antwortete der Alte gleichgültig,
indem er die Tür einen Augenblick öffnet, und fährt gelassen in seiner Rede
fort. Man hörte das Mädchen mit der Magd verhandeln, Geschirre hin und her
stellen und dazwischen wohlgemut, wie unter Gedanken, trillern und pfeifen.
Unwillkürlich musste Nolten laut auflachen: die unbedeutendste Sache von der Welt
hat ihn überrascht. Es gibt unschuldige Kleinigkeiten, die mit unserm Begriffe
von einer Person, wenn er nur einigermassen etwas Idealisches hat,
schlechterdings zu streiten scheinen, ja ihn beinahe verletzen. Sogleich ward
Nolten von dieser Empfindung berührt, von einer unangenehmen, wenn man will, und
sogleich fühlte er dieselbe in eine ganz entgegengesetzte, oder vielmehr in eine
gemischte, umschlagen, wobei ein pikanter Reiz unwiderstehlich war. Er hätte
aufspringen mögen, die gespitzten Lippen zu küssen und zu beissen, doch verharrte
er auf seinem Sitz, bis das Kind unbefangen hereintrat, da er denn nicht
umhinkonnte, ihr den Mund tüchtig zu zerdrücken, ohne jedoch (er wusste nicht,
was es ihm verbot) den närrischen Grund seiner verliebten Laune zu verraten.
»Ei«, rief der Vater dazwischen, »bis wir trinken, hole doch die Mandoline! das
ist dir, glaub ich, noch gar nicht eingefallen.« Wie Feuer so rot wurde das
schöne Kind bei diesem Wort. Es gibt einen Grad von Verlegenheit, der wirklich
furchtbar ist und das höchste Mitleid fordert; er kam bei Agnes selten vor, war
es aber der Fall, so wurden ihre Augen, ohne eigentlich zu tränen, plötzlich
schwimmend und öffneten sich mächtig weit, wie man etwa bei Somnambülen dies
bemerkt; es war unmöglich, sie dann anzusehn, denn man ward innig bange, sie
stehe auf dem Punkt, wie durch ein Wunder zu zerfliessen, wie eine leichte Wolke
sich völlig aufzulösen. Sie trat ängstlich hinter Teobalds Stuhl und ihr Finger
spielte hastig in seinem Haar. Niemand wagte weiter etwas zu sagen und so
entstand eine drückende Pause. »Ein andermal!« sagte sie kleinlaut und eilte in
die Küche.
    »Der Vetter, der Lehrmeister, irrt sie, merk ich wohl, Ihnen gegenüber. Doch
hätt ich das nicht mehr erwartet, aufrichtig zu sagen.«
    »Wir wollen sie ja nicht stören!« versetzte Teobald, »lassen Sie uns ja
vorsichtig sein. Ich denke mich recht gut in ihr Gefühl. Des Mädchens Anblick
aber hat mich erstaunt, erschreckt beinah! Merkten Sie nicht, wie sie beim Wegen
die Farbe zum zweitenmal wechselte und schneebleich wurde?«
    »Sonderbar!« sagte der Vater, mehr unmutig als besorgt, »in jener
schwermütigen Periode konnte man dasselbe manchmal an ihr sehn und inzwischen
nie wieder, bis diesen Augenblick.« Beide Männer wollten nachdenklich werden,
aber Agnes brachte die Tassen.
    Beim Frühstück hielt man Rat, was heute begonnen werden sollte. »Eh ich an
irgend etwas weiter denken kann, eh wir den Papa zum Wort kommen lassen mit
Besuchen, die zu machen, mit Rücksichten, die zu nehmen sind, erlauben Sie uns
das Vergnügen, dass Agnes mir zuvörderst das Haus vom Giebel bis zum Keller, von
der Scheune bis zum Garten, und alles nach der Reihe wieder zeige, was mich als
Knaben glücklich machte. Was waren das doch schöne Zeiten! Sie hatten ihrer vier
Jungen im Hause, lieber Vater, die beiden Z., diese wilden Brüder, mich und
Amandus, der ja nun Pfarrer drüben ist in Halmedorf. Wie freu ich mich, ihn
wiederzusehn! wir müssen hinüber gleich in den nächsten Tagen, hörst du mein
Schatz? hört Ihr Papa? da muss dann jedes sein Häufchen Erinnerung herzubringen,
und es wird ein gross Stück Vergangenheit zusammen geben.« »Leider«, sagte Agnes,
»kann aus dieser Zeit von mir noch nicht die Rede sein; ich hatte nur erst
sieben Jahre, wie du zu uns kamst.« »Was? nicht die Rede? meinst du, der Tag,
der verhängnisvolle, schwarze Unglücks-Sonntagnachmittag werde nicht aufgeführt
in unsern Schulannalen, wo du mein Exerzitienheft zur Hand kriegtest, es auf dem
Schemel hinter den Ofen nahmst und unmittelbar hinter das rote Pessime des
Rektors hin mit ungelenker Feder, in bester Meinung, eine ganze Front langer
hakiger P's und V's maltest? Welch ein Jammer, da ich das Skandal gewahr wurde!
Ich nahm dich, Gott verzeih mir's, bei den Ohren, und die andern auch über dich
her, wie ein ergrimmter Bienentrupp wenn ein Feind einbrechen will! - Ach, und
was das immer ein saurer Gang war morgens mit dem Bücherriemen nach der Stadt
ins Lyzeum! denn der gute Rektor lag mir besonders scharf an. Aber, kam dann der
Samstag heran, der ersehnte Wochenschluss! wir sagten: im Himmel müsste es immer
Samstagabend sein, denn selbst der Sonntag sei so lieblich nicht mehr. O ich muss
den Boden wiedersehn, wo wir das Heu durchwühlten, das Garbenseil, an welchem
wir uns schaukelten, den Teich im Hofe, wo man Fische grosszog!« »Kirch und
Kirchhof«, lachte der Vater, »diese Herrlichkeiten haben Sie schon in
Augenschein genommen; zu den Glocken hinauf wird auch wohl noch der Steg zu
finden sein.« »Ei, und«, warf Agnes dazwischen, »deinen alten Günstling, deinen
Geschaggien hast du auch schon gehört!« Teobald begriff nicht gleich, was sie
damit wollte, plötzlich fiel ihm mit hellem Lachen bei, sie meine einen alten
Nachtwächter, über den sie sich lustig zu machen pflegten, weil er die letzten
Silben seines Stundenrufs auf eine eigne, besonders schön sein sollende Manier
entstellte.
    Soeben brachte der Bote von der Stadt die neuesten Zeitungen, die der Vater
schon eine Weile zu erwarten schien, denn er sparte seinen Kaffee und die zweite
Pfeife lag nur zum Anzünden parat. Höflich, nach seiner Art, gab er dem Sohn die
Hälfte der Blätter hin, der sie indessen neben sich ruhen liess. »Nein«, sagte
er, wieder heimlich zu Agnesen gewendet, während der Alte schon in Politik
vertieft sass, »ich habe Käsperchen die Nacht nicht gehört.« »Ich habe!«
versetzte sie, »um drei Uhr, es war noch dunkel, rief er den Tag an; und«,
setzte sie leise hinzu, »an dich hab ich gedacht! aber wie! eben war ich
erwache, mich überfiel's auf einmal, du wärst hier, wirst mit mir unter einem
Dache! ich musste die Hände falten, ein Krampf der Freude drückte sie mir
ineinander, so dankbar, froh und leicht hab ich mein Tage nicht gebetet.« -
»Gebt mal acht, Kinder«, hub der Vater an: »das ist ein Einfall vom russischen
Kaiser! superb, ganz excellent! Da hört nur.« Und nun ward ein langer Artikel
vorgelesen, wobei der Alte seine Wölkchen heftiger vom Mund abstiess. Nolten
vernahm kaum den Anfang des Edikts, er ist noch hingerissen von den letzten
Worten Agnesens, woraus ihm alles Gold ihrer Seele entgegenschimmert
durchdringend ruht sein Blick auf ihr und zugleich ergreift ihn das Andenken an
Larkens auf das lebhafteste. »Oh«, hätte er ausrufen mögen, »warum muss er mir
jetzo fehlen? Er, dem ich diese Seligkeit verdanke, warum verschmäht er, selbst
Zeuge zu sein, wie herrlich die Saat aufgegangen ist, die seine treue Hand im
stillen ausgestreut! Und ich soll hier geniessen, indes ein freudelos Geschick,
ach, das eigne unersättliche Herz, ihn in die Ferne irren heisst, verlechzend in
sich selber, ohn eine hülfreiche teilnehmende Seele, die seine heimlichen
Schmerzen bespräche, in die Tiefe seines Elends bescheidnen Trost hinunterleiten
könnte! Ihn so zu denken! und keine Spur, keine Ahnung, welcher Winkel der Erde
mir ihn verbirgt. Und wenn ich ihn nimmer fände? Gott! wenn er bereits, wenn er
in diesem Augenblick dasjenige verzweifelt ausgeführt hätte, womit er sich und
mich so oft bedrohte -!« Eine Sorge, die nur erst als schwacher Punkt zuweilen
vor uns aufgestiegen und immer glücklich wieder verscheucht worden war, pflegt
tückischerweise gerade in solchen Momenten uns am hartnäckigsten zu verfolgen,
wo alles übrige sich zur freundlichen Stimmung um uns vereinigen will. Im
heftigen Zugwinde einer aufgescheuchten Einbildungskraft drängt sich schnell
Wolke auf Wolke, bis es vollkommen Nacht um uns wird. So ballte mitten in der
lieblichsten Umgebung das riesenhafte Gespenst eines abwesenden Geschickes seine
drohende Faust vor Teobalds Stirn, und so war plötzlich eine sonderbare
Gewissheit in ihm aufgegangen, dass Larkens für ihn verloren sei, dass er auf eine
schreckliche Art geendigt habe. Er ertrug's nicht mehr, stand auf von seinem
Sitze, und ging im Zimmer umher. Die süsse Nähe Agnesens beklemmt ihn wunderbar,
eine unerklärliche Angst befällt ihn, ihm ist, als wenn ihn diese reine
Gegenwart mit stillem Vorwurf wie einen Fremden, Unwürdigen, ausstiesse. Dies
Zimmer, der Alte mit seiner Tochter, die ganze Szene, die ihm ein Blitz des
Gedankens im vollen überraschenden Kontraste mit der Vergangenheit aufreisst und
erhellt, dünkt ihm auf einmal Duft und Traum zu sein, ja, wäre das, was er hier
um sich her mit Augen sah, durch einen mächtigen Zauber urplötzlich vor ihm
versunken und verschwunden, er hätte darin nur die natürliche Auflösung einer
ungeheuren Illusion gesehen.
    Glücklicherweise war die Aufmerksamkeit Agnesens während dieser heftigen
Bewegung Teobalds völlig auf den Vater gespannt, der es liebte, mit seiner
Tochter über politische Begebenheiten zu räsonieren und ihr Urteil daran zu
prüfen und zu üben.
    Unser Freund kam sich ganz verstossen und verlassen vor, und wenn sein Blick
auf das liebe Mädchen fiel, so schien sie ihm gar nicht mehr anzugehören, ihn
niemals etwas angegangen zu haben.
    Wie nun aber unser Herz, durch die Dazwischenkunft eines kleinen Umstandes
sich von einem Äussersten zur natürlichen Empfindung geschwind umschwenken zu
lassen, eine wohltätige Fertigkeit besitzt, so war, als nun die Türe aufging und
unerwartet der gute alte Baron eintrat, unser Freund alsbald sich selbst
zurückgegeben, und nicht die Erscheinung einer Gotteit hätte ihm wohler tun
können. Mit ausgestreckten Armen eilt er auf ihn zu und liegt schluchzend, als
ein Kind, am Halse des ehrwürdigen Mannes, dessen weissgelockten Scheitel er mit
Küssen deckt. Auch bei den übrigen war Freude und Verwunderung gross; sie hatten
den gnädigen Herrn noch hinter Berg und Tal gedacht, und er erzählte nun, wie
ein Ungefähr ihn früher heimgeführt, wie man ihm gestern abend spät bei seiner
Ankunft gesagt, dass der Maler angekommen, und wie er denn kaum habe erwarten
können, denselben zu begrüssen.
    Es macht bei solchen Veranlassungen eine besonders angenehme Empfindung, zu
bemerken, wie Freunde, zumal ältere Personen, welche man geraume Zeit nicht
gesehn, gewisse äusserliche Eigentümlichkeiten, gewohnte Liebhabereien,
unverändert beibehielten; dies Beharren gewährt uns eine Art von Versicherung
für unser eignes Dasein, denn indem wir in den Alten das Leben, das diese so
eifrig festalten, doppelt liebgewinnen, finden wir Jüngere uns zugleich in
unsern Ansprüchen darauf und in einem herzhaften Genusse desselben bestärkt. So
hatte der Baron bei diesem Besuche seinen gewohnten Morgenspaziergang, den er
seit vielen Jahren immer zur selben Stunde machte, im Aug, so stellte er sein
Rohr noch wie sonst in die Ecke zwischen den Ofen und den Gewehrschrank, noch
immer hatte er die unmodisch steifen Halsbinden, die an seine frühere
militärische Haltung erinnerten, nicht abgeschafft. Aber zum peinlichen
Mitleiden wird unsre frohe Rührung umgestimmt, wenn man wahrnehmen muss, dass
dergleichen alles nur noch der Schein des frühern Zustandes ist, dass Alter und
Gebrechlichkeit diesen überbliebenen Zeichen einer bessern Zeit widersprechen.
Und so betrübte auch Nolten sich im stillen, da er den guten Mann genauer
betrachtete. Er ging um vieles gebückter, sein faltiges Gesicht war bedeutend
blässer und schmaler geworden, nur die wohlwollende Freundlichkeit seines Mundes
und das geistreiche Feuer seiner Augen konnte diese Betrachtungen vergessen
machen.
    Während nun zwischen den vier Personen das Gespräch heiter und gefällig hin
und her spielt, kann es bei aller äussern Unbefangenheit nicht fehlen, dass Nolten
und der Baron durch Blick und Miene, noch mehr aber durch gewisse zufällige,
unbeschreibliche Merkmale des Ideengangs sich einander unwillkürlich verraten,
was jeder von beiden bei diesem Zusammentreffen besonders denken und empfinden
mochte, und unser Freund glaubte den Baron vollkommen zu verstehen, als dieser
mit ganz eignem Wohlgefallen und einer Art von Feierlichkeit seine Hand auf das
schöne Haupt Agnesens legte, indem er einen Blick auf den Bräutigam
hinüberlaufen liess. Nolten fand einen Trost darin, dass er den heimlichen
Vorwurf, das teure Geschöpf so tief verkannt zu haben, mit einem Manne teilen
durfte, den er so sehr verehrte; ja es war diese Idee, wiewohl vielleicht nur
dunkel, eben dasjenige gewesen, was ihm gleich bei des Barons Eintritt ins
Zimmer die grösste Last vom Herzen weggenommen. Der feine Greis mochte übrigens
recht haben, jene verdeckte Zwiesprache der Gedanken sogleich abzuschneiden,
indem er in allgemeinen heitern Umrissen von Teobalds Glück, wie es von unten
herauf mit ihm verfahren, eine Darstellung machte, und man so auf die Jugendzeit
Teobalds zu sprechen kam. Agnes inzwischen hatte sich in Geschäften entfernt.
    »Man sagt mir noch auf den heutigen Tag ins Gesicht«, begann der Maler, »und
selbst mein wertester Herr Papa gibt zuweilen zu verstehen, ich sei länger als
billig ein Knabe geblieben. Zu leugnen ist nun nicht, meine Streiche als Bursche
von sechzehn Jahren sind um kein Haar besser gewesen, als eines Eilfjährigen, ja
meine Liebhabereien sahen vielleicht bornierter aus, wenigstens hatten sie die
praktische Bedeutung nicht, um derentwillen man diesem Alter manche Spiele,
wären sie auch leidenschaftlich und zeitvergeudend, noch allenfalls verzeihen
kann. Bei meiner Art sich zu unterhalten, wurde der Körper wenig geübt;
Klettern, Springen, Voltigieren, Reiten und Schwimmen reizten mich kaum; meine
Neigung ging auf die stilleren Beschäftigungen, öfters auf gewisse Kuriositäten
und Sonderbarkeiten. Ich gab mich an irgendeinem beschränkten Winkel, wo ich
gewiss sein konnte, von niemanden gefunden zu werden, an der Kirchhofmauer, oder
auf dem obersten Boden des Hauses zwischen aufgeschütteten Saatfrüchten, oder im
Freien unter einem herbstlichen Baume, gerne einer Beschaulichkeit hin, die man
fromm hätte nennen können, wenn eine innige Richtung der Seele auf die Natur und
die nächste Aussenwelt in ihren kleinsten Erscheinungen diese Benennung verdiente
denn dass ausdrücklich religiöse Gefühle dabei wirkten, wüsste ich nicht,
ausgeschlossen waren sie auf keinen Fall. Ich unterhielt zuzeiten eine
unbestimmte Wehmut bei mir, welche der Freude verwandt ist, und deren
eigentümlichen Kreis, Geruchskreis möcht ich sagen, ich, wie den Ort, woran sie
sich knüpfte, willkürlich betreten oder lassen konnte. Mit welchem
unaussprechlichen Vergnügen konnte ich, wenn die andern im Hofe sich tummelten,
oben an einer Dachlücke sitzen, mein Vesperbrot verzehren, eine neue Zeichnung
ohne Musterblatt vornehmen! Dort nämlich ist ein Verschlag von Brettern, schmal
und niedrig, wo mir die Sonne immer einen besondern Glanz, überhaupt ein ganz
ander Wesen zu haben schien, auch konnte ich völlig Nacht machen, und (dies war
die höchste Lust), während aussen heller Tag, eine Kerze anzünden, die ich mir
heimlich zu verschaffen und wohl zu verstecken wusste.« »Herr Gott, du namenlose
Güte!« rief der Förster aus, »hätt ich und meine selige Frau damals gewusst, was
für ein gefährlich Feuerspiel -« »So verging eine Stunde«, fuhr Nolten fort, der
ungern unterbrochen war, »bis mich doch auch die Gesellschaft reizte, da ich
denn ein Räuberfangspiel, das mich unter allen am meisten anzog, so lebhaft wie
nur irgendeiner, mitmachte. Jüngere Kinder, darunter auch Agnes, hörten des
Abends gern meine Märchen von dienstbaren Geistern, die mir mit Hülfe und
Schrecken jederzeit zu Gebote standen. Sie durften dabei an einer hölzernen
Treppenwand zwei Astlöcher sehen, wo jene zarten Gesellen eingesperrt waren; das
eine, vor das ich ein dunkles Läppchen genagelt hatte, verwahrte die bösen, ein
anderes (oder das vielmehr keines war, denn der runde Knoten stak noch natürlich
ins Holz geschlossen) die freundlichen Geister; wenn nun zu gewissen Tageszeiten
eben die Sonne dahinter schien, so war der Pfropf vom schönsten Purpur brennend
rot erleuchtet; diesen Eingang, solange die Rundung noch so glühend durchsichtig
schien, konnten die luftigen Wesen gar leicht aus und ein durchschweben;
unmittelbar dahinter dachte man sich in sehr verjüngtem Massstab eine ziemlich
weit verbreitete See mit lieblichen, duftigen Inseln. Nun war das eine Freude,
die Kinder, die andächtig um mich herstanden, ein Köpfchen ums andre
hinaufzulüpfen, um all die Pracht so nahe wie möglich zu sehn, und jedes glaubte
in der schönen Glut die wunderbarsten Dinge zu entdecken; natürlich! hab ich's
doch beinah selbst geglaubt! - Jedoch, es ist nicht schicklich, so lange von
sich selbst zu reden, nur wenn Sie das Bekenntnis belustigen kann, Papa, so will
ich gern gestehn, dass der alte Teobald noch jetzt zuweilen sich über einer Spur
von diesen Kindereien ertappt.«
    Der Förster schüttelte den Kopf und liess nach seiner Gewohnheit, wenn ihn
etwas sehr wunderte, ein langes »sss - t!« vernehmen. Der Baron dagegen hatte
mit einem ununterbrochenen lieben Lächeln zugehört und sagte jetzt: »Ähnliche
Dinge habe ich von andern teils gehört, teils gelesen, und alles, was Sie
sagten, trifft mit der Vorstellung überein, die ich von Ihrer Individualität
seit früh gehabt. Oberhaupt preis ich den jungen Menschen glücklich, der, ohne
träge oder dumm zu sein, hinter seinen Jahren, wie man so spricht, weit
zurückbleibt; er trägt gewöhnlich einen ungemeinen Keim in sich, der nur durch
die Umstände glücklich entwickelt werden muss. Hier ist jede Absurdität Anfang
und Äusserung einer edeln Kraft, und dieses Brüten, wobei man nichts herauskommen
sieht, das kein Stück gibt, ist die rechte Sammelzeit des eigentlichen innern
Menschen, der freilich eben nicht viel in die Welt ist. Ich kann es mir nicht
reizend und rührend genug vorstellen, das stille gedämpfte Licht, worin dem
Knaben dann die Welt noch schwebt, wo man geneigt ist, den gewöhnlichsten
Gegenständen ein fremdes, oft unheimliches Gepräge aufzudrücken, und ein
Geheimnis damit zu verbinden, nur damit sie der Phantasie etwas bedeuten, wo
hinter jedem sichtbaren Dinge, es sei dies, was es wolle - ein Holz, ein Stein,
oder der Hahn und Knopf auf dem Turme - ein Unsichtbares, hinter jeder toten
Sache ein geistig Etwas steckt, das sein eignes, in sich verborgnes Leben
andächtig abgeschlossen hegt, wo alles Ausdruck, alles Physiognomie annimmt.«
    »Nur werden Sie mir zugeben«, versetzte Nolten, »dass dergleichen Eigenheiten
auch gefährlich werden können, wenn ich Ihnen den freilich nur sehr schwachen
Anfang einer fixen Idee in einem Kindergemüt vortrage, einen Fall, den Sie
wenigstens bei diesem Alter nicht gesucht haben würden. Ich rede von meiner
Braut, von Agnesen. Da das gute Kind es nicht hört, so können wir offen davon
sprechen; es ist zugleich ein Beweis, wie ein unheimlicher Hang bei ihrer
übrigens so reinen und schönen Natur doch frühzeitig vorhanden war, und wie sehr
man seit den Vorfällen vom vorigen Jahre Ursache haben mag, sich bei ihr in acht
zu nehmen. Erzählen Sie's dem Herrn Baron, Vater, da ich's ja auch nur von Ihnen
erfuhr, wissen Sie, die frühere Grille des Mädchens bei Gelegenheit als vom
Auslande, von fremden Städten, die Rede war.«
    »Nun, meine Tochter war etwa zehn Jahre, zur Zeit, da Ihr Herr Bruder, der
Herr Oberforstmeister, von Ihren Reisen zurückkamen, und die Gnade hatten,
manchmal in meinem Hause davon zu erzählen. Dieser Herr, nachdenklich und
ernstaft, aber freundlich und gut gegen Kinder, machte auf das Mädchen einen
besondern Eindruck, der ihr lange geblieben ist. Nun kommt sie einmal (die
Gesellschaft war gerade weggegangen) von ihrem Sitz hinter dem Ofen, wo sie eine
Zeitlang ganz still gesessen und gestrickt hatte, hervor, stellt sich vor mich
hin, sieht mir scharf ins Gesicht und lacht mich an, wie über etwas das mir
schon bewusst sein müsste, und dabei fährt sie mir mit der Stricknadel schalkhaft
über die Stirn. Auf meine Frage, was dies zu bedeuten habe, gibt sie keine
deutliche Antwort und geht wieder an ihren Platz. So treibt sie's zu
verschiedenen Zeiten ein paarmal. Zuletzt ward ich doch ungeduldig und fuhr sie
etwas hart an, da fiel sie in ein Weinen, indem sie sagte: Gesteht es nur Papa,
dass es die Länder und Städte gar nicht gibt, von denen Ihr alls redet mit dem
Herrn; ich merke wohl, man tut nur so, wenn ich um den Weg bin, ich soll wunder
glauben, was alles vorgehe draussen in der Welt, und was doch nicht ist; deswegen
lasst Ihr mich auch nie weiter als bis nach Weil, nach Grebenheim und Neitze.
Zwar dass unsers Königs Land sehr gross ist, und dass die Welt noch viel viel
weiter geht auch noch andre Völker sind, weiss ich wohl, aber Paris, das ist
gewiss kein Wort, und London, so gibt es keine Stadt; Ihr habt es nur erdacht und
tut so bekannt damit, dass ich mir alles vorstellen soll. - So ungefähr schwatzte
das einfältige Ding; halb ärgert's mich, halb musst ich lachen. Ich gab mir Mühe,
ihr alles klar auseinanderzusetzen, wies ihr auch die Karten, die sie übrigens
schon oft gesehen hatte; dabei lauschte sie immer auf meine Miene, und der
kleinste Zug von Lachen brachte sie fast zur Verzweiflung. Nun, die Kaprice
verlor sich bald, und als ich sie vor etlichen Jahren wieder dran erinnerte,
lachte sie sich herzlich selber drüber aus, erklärte deutlicher, wie's ihr
gewesen, und sagte - ich weiss nicht was alles.« »Kurz«, nahm Teobald das Wort,
»es läuft darauf hinaus, dass sie sich als Mittelpunkt und Zweck einer grossen
Erziehungsanstalt betrachtete, die auf jene Weise allerlei lebhafte Ideen in des
Kindes Kopfe habe in Umlauf setzen und seinen Gesichtskreis durch eine Täuschung
erweitern wollen, deren Nutzen sie zu ahnen glaubte, doch nicht begriff. Sie
vermutete, man wisse überall, wohin sie komme, wer ihr da und dort begegnen
werde, und da seien alle Worte abgekartet, alles auf das sorgfältigste
hinterlegt, damit sie auf keinen Widerspruch stosse. Übrigens hatte sich die
Grille durchaus nicht so festgesetzt, dass sie nicht dazwischen hinein wieder
längere Zeit ganz frei davon gewesen wäre, sie schien sich selbst nicht recht
dabei zu trauen. Ich habe sie nie darüber fragen mögen.«
    »Indessen«, sagte der Baron nach einigem Besinnen, »bei näherer Betrachtung
zeigt sich doch, es gehört dieser skeptische Kasus, der allerdings höchst
merkwürdig bleibt, nicht ganz in unser voriges Kapitel. Lassen Sie uns noch
einen Augenblick zu jenem glücklichen Mystizism des Knabenalters zurückkehren!
denn eigentlich sind es doch nur die Knaben, nicht aber die Mädchen, bei denen
er sich findet. Das wollt ich noch sagen: denken Sie wohl, dass Subjekte von
dieser angenehm phantastischen Komplexion - wozu ich überdies, was nicht
notwendig dabeisein muss und bei den wenigsten ist, eine grössere Portion Geist
überhaupt zusetze - dass, sag ich, solche Individuen jedesmal zu Dichtern und
Künstlern geboren sind? ich sollte nicht meinen.«
    »Keineswegs!« versetzte Nolten. »Ich habe mir bei einem Manne, der scheinbar
nicht hieher gehört, bei Napoleon, einige geheime Eigenschaften gemerkt, welche
sich sehr gut an gewisse Fädchen von Lichtenbergs eigenster Natur anknüpfen
lassen; sie berühren zwar nicht eben das, wovon wir jetzo reden, aber sie hängen
mit einer Gattung Aberglauben zusammen, der ein Grenznachbar aller
Idiosynkrasien ist.«
    »Napoleon!« rief der Baron aus, »als wenn nicht auch sein Aberglaube nur
angenommene Maske wäre!«
    »Machen Sie mir ihn nicht vollends zum seichten Verbrecher!« entgegnete
Nolten. »Er war nüchtern überall, nur nicht in dem tiefsten Schachte seines
Busens. Nehmen Sie ihm nicht vollends die einzige Religion, die er hatte, die
Anbetung seiner selbst oder des Schicksals, das mit göttlicher Hand ihm einen
Spiegel vorzuhalten schien, worin er sich und die Notwendigkeit seiner Taten
erblickte.«
    »Wir lassen das gut sein«, versetzte der Baron, »soweit ich Sie aber
verstehe, haben Sie vollkommen recht. Das Schicksal verwendet die Kräfte, welche
verschränkt in einem Menschen liegen können, gar mannigfaltig, und aus einer
Mischung von Poesie, bald mit politischem Verstand, bald mit philosophischem
Talent, mit matematischem Sinn u.s.f., in einem und demselben Subjekte springen
die wunderbarsten, die grössten Resultate hervor, vor denen die Gelehrten gaffend
und kopfschüttelnd stehn und wodurch das lahme Rad der Welt auf lange hinein
wieder einen tüchtigen Schwung erhält. Da scheint denn die Natur vor unsern
eingeschränkten Augen sich auf einmal selbst zu widersprechen, oder wenigstens
zu übertreffen, sie tut aber keines von beiden. Zwei heterogen scheinende Kräfte
können sich wunderbar einander stärken, und das Trefflichste hervorbringen. Doch
ich verirre mich. - Ich wollte von Ihren kindischen Geständnissen aus nur auf
den Punkt kommen, wo der Philister und der Künstler sich scheiden. Wenn dem
letztern als Kind die Welt zur schönen Fabel ward, so wird sie's ihm in seinen
glücklichsten Stunden auch noch als Mann sein, darum bleibt sie ihm von allen
Seiten so neu, so lieblich befremdend.
    Am meisten als Entusiast hat Novalis (der mir übrigens dabei nicht ganz
wohl macht) dieses ausgesprochen, soweit es den Dichter angeht -«
    »Ganz recht!« fiel Nolten ein; »aber wenn dem wahren Dichter bei dieser
besondern Anschauungsweise der Aussenwelt jene holde Befremdung durchaus eigen
sein muss, selbst im Falle sie sich in seinen Produktionen nicht ausdrücklich
verraten sollte so kann dagegen die Vorstellungsart des bildenden Künstlers ganz
entfernt davon sein, ja sie ist es notwendig. Auch der Geist, in welchem die
Griechen alles personifizierten, scheint mir völlig verschieden von demjenigen
zu sein, was wir soeben besprechen. Ihre Phantasie ist mir hiefür viel zu frei,
zu schön und, möcht ich sagen, viel zu wenig hypochondrisch. Ein Totes,
Abgestorbenes, Fragmentarisches konnte in seiner Naturwesenheit nichts Inniges
mehr für sie haben. Ich müsste mich sehr irren, oder man stösst hier wiederum auf
den Unterschied von Antikem und Romantischem.«
    Nun kam das Gespräch auf Teobalds neuste Arbeiten, und da es hierauf
abermals eine gewisse allgemeine Wendung nehmen wollte, sagte der Baron, indem
er auf die Uhr sah: »Damit wir nun aber nicht unversehens in den
unfruchtbarsten aller Dispute hineingeraten, denn wir sind auf dem Wege, was
nämlich stärkender sei, ionische Luft einzuatmen, oder den süssesten Himmel, wo
er den Umriss einer Madonnawange berührt, so entlassen Sie mich, damit ich meinen
gewohnten Marsch antrete. Auf den Abend hoffe ich Sie bei mir zu sehn, und Sie
sagen mir dann mehr von Ihrem angefangenen Narziss.« Da Nolten wusste, dass der
alte Herr morgens gerne allein auf seinen Gütern herumging, so drang er seine
Begleitung nicht auf. Er bat Agnesen zu einem Gang ins Gärtchen; sie befahl der
Magd einige Geschäfte, ging in ihre Kammer, ein Halstuch zu holen, und Teobald
folgte ihr dahin.
    »Hier sieh auch einen Mädchenkram!« sagt sie, indem sie die Schublade
herauszieht, wo eine Menge Kästchen, Schächtelchen, allerlei bescheidner Schmuck
bunt und nett beieinanderlag. Sie nahm ein rotes Schatullchen auf, drückte es an
die Brust, legte die Wange darauf und sah Teobalden zärtlich an: »Deine Briefe
sind's! mein bestes Gut! Einmal hast du mich diesen Trost lange entbehren
lassen, und dann, als du gefangen warst, wieder; aber gewiss, ich habe mich nicht
zu beklagen.« Unserm Freund ging ein Stich durchs Herz und er erwiderte nichts.
    »Dein neuestes Geschenk« (es war eine kleine Uhr), »siehst du«, fuhr sie
fort, indem sie eine zweite Schublade zog, »soll hier seinen Platz nehmen, es
gehört ihm eine vornehme Nachbarschaft. Aber, Seele! was hast du damals gedacht?
Das ist der Putz für eine Gräfin, nicht für unsereine!« (Sie zeigte einen
geschmackvollen Spenzer von dunkelgrünem Sammet, reich mit goldnen Knöpfchen und
zarten Ketten, statt der Litzen, besetzt; Larkens hatte ihr das Mass auf eine
feine Weise abzulisten gewusst, und so das Kleidungsstück ganz fertig gesendet.)
Teobald stand geblendet, vernichtet von der Grossmut seines Freundes. Er spielte
in Gedanken mit einem Strauss italienischer Blumen, ohne zu merken, wie
jämmerlich seine Finger ihn zerknitterten; Agnes zog ihm das Bouquet sachte aus
der Hand: er lächelte, die Tränen standen ihm näher. Das Kollier der Gräfin fiel
ihm ein; er wagte immer noch nicht, damit hervorzurücken. Wie alles, alles ihn
verletzte, quälte, entzückte! ja selbst der reizende Duft, der den Putzschränken
der Mädchen so eigen zu sein pflegt, schien ihm auf einmal den Atem zu
erschweren; es war Zeit, dass er sich losmachte und auf sein Zimmer ging, wo er
sich elend auf den Boden warf, und allen verdrungenen Schmerzen Tür und Tor
willig eröffnete.
    In kurzem klopft Agnes aussen: er kann nicht aufschliessen, er darf sich in
diesem Zustand nicht vor ihr sehen lassen. »Ich kleide mich an, mein Kind!« ruft
er, und leise geht sie wieder den Gang zurück.
    Nach einer Weile, da er sich gefasst hatte, kam der Vater. »Auf ein Wort!«
sagte er, als sie allein waren, »das wunderliche Ding, das Mädchen, jetzt geht
es ihr im Kopf herum, sie hätte Ihnen vorhin spielen sollen; sie fürchtet sich
davor und wird sich fürchten, bis es einmal überwunden ist; nun fiel's ihr ein,
sie wolle sich geschwinde entschliessen« - »Nur jetzt nicht!« rief Nolten, »ich
bitte Sie um Gottes willen, Papa, nur diesen Morgen nicht!« »Warum denn?«
versetzte der Alte, in der Meinung, Teobald wolle nur das Mädchen geschont
wissen, »wir müssen den Augenblick ergreifen, sonst machen wir sie stutzig; sie
ist ganz guten Muts: ich riet ihr, zugleich in dem neuen Anzug zu erscheinen und
Sie zu überraschen, das schien ihr die Aufgabe zu erleichtern, denn sie kann
sich einbilden, das wäre nun die Hauptsache. Lassen Sie's zu diesmal! Sie wird
gleich fertig sein und Sie kommen dann hinüber.« So musste Nolten nachgeben, der
Alte ging und rief ihn in kurzem.
    Da stand sie nun wirklich! glänzend, schön, einer jungen Fürstin zu
vergleichen. Innig verwundert und erfreut ward Teobald durch den Anblick. Es
war ihm so fremd, sie so geschmückt zu sehen, und doch schien ein solcher Anzug
ihrer einzig würdig zu sein. Ein weisses Kleid stand gar gut zu dem prächtigen
Spenzer und einige Blumen zierten das Haar. Wie lebhaft empfängt er die
Verschämte in seinen Arm! wie selig blickt sie ihm in die Augen!
    »Nun aber lache mich nicht aus!« sprach sie, während sie sich nach der
Mandoline umsah und man sich setzte. »Ich will dir erzählen, wie es eigentlich
zuging, dass ich's lernte. Ich habe dich einmal, weisst du noch? an dem Abend, wo
wir die Johanniskäfer in das gläserne Körbchen sammelten, da hab ich dich von
ungefähr gefragt, ob es dir nicht leid wäre, dass ich so gar nichts von den
hübschen Künsten verstehe, die dir so wert und wichtig sind, nicht auch ein
bisschen von Musik oder eine Blume hübsch zu malen oder dergleichen, was wohl
andre Mädchen können. Du sagtest: das vermissest du an deiner Braut gar nicht.
Ich glaubt's auch, wie ich dir denn alles glaube, und dankte dir im Herzen für
deine Liebe. Weiter sagtest du dann: die paar Jägerliedchen, die ich zuweilen
sänge, die wären dir lieber als alles. Zwei Tage darauf kamen wir nach Tisch ins
Pfarrhaus zu Besuch. Die älteste Tochter spielte den Flügel, und so schön, dass
wir uns kaum satt hörten, du besonders. Aber eins hat mich damals verdrossen, an
der jüngern, an Augusten. Du musst dich erinnern. Lisette war kaum aufgestanden
vom Klavier, so fordert die Schwester mich auf, meine Stimme auch hören zu
lassen, ich ahnte nichts Unfeins von dem Mädchen und fing das nächste beste an.
Aber auf einmal werd ich befangen und rot, denn Auguste hält sich ein
Notenpapier vor den Mund, ihr Lachen zu verbergen; der Ton zitterte mir in der
Kehle, und wie ich mich wenigstens zum letzten Verse noch ermannen will, guckt
Auguste spottend durch die Rolle wie durch ein Fernrohr auf mich, dass ich
vollends konfus ward und mit kleiner Stimme kaum noch zum Ende schwankte. Indes
ihr andern weiter spieltet und sangt, hatt ich am Fenster genug zu tun und zu
wischen mit Weinen. Später, du warst schon fort, fing mich der Vorfall an zu
wurmen; ich hätte gern auch etwas gegolten, ich grämte mich innig um
deinetwillen; überdem kam meine Krankheit; ich glaube noch bis auf die Stunde,
ich wäre schneller genesen, hätt ich mir mit Musik manchmal die Zeit vertreiben
können; indessen ging's gottlob auch so vorüber. Um diese Zeit besuchte uns der
Vetter zuweilen aus der Stadt und« - (sie stockte und streifte verlegen über das
Instrument hin) »nun, also dieser lehrte mich's.«
    »Eins von den lustigen zuerst!« fiel der Vater, schnell zu Hülfe kommend,
ein. Rasch und herzhaft fing sie nun an, mit einer Stimme, die kräftig und zart,
sich doch stets lieber in die Tiefe als in die Höhe bewegte. Ihr Gesang wurde
nach und nach immer einschmeichelnder, immer kecker. »Der Herr darf mich wohl
ansehn!« sagte sie einmal dazwischen zu Teobald hinüber, der ihren Anblick
bisher vermieden hatte. Er zeigte, als das Lied geendigt war, auf ein anderes in
ihrem Notenhefte, »der Jäger« überschrieben, dessen Text ihm gefiel, und obwohl
es Agnesen nicht ebenso ging, stimmte sie doch sogleich damit an.
»Drei Tage Regen fort und fort,
Kein Sonnenschein zur Stunde,
Drei Tage lang kein gutes Wort
Aus meiner Liebsten Munde!
Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
So hat sie's haben wollen;
Mir aber nagt's am Herzen hier,
Das Schmollen und das Grollen.
Willkommen denn, des Jägers Lust,
Gewittersturm und Regen!
Fest zugeknöpft die heisse Brust,
Und jauchzend euch entgegen!
Nun sitzt sie wohl daheim und lacht,
Und scherzt mit den Geschwistern;
Ich höre in des Waldes Nacht
Die alten Blätter flüstern.
Nun sitzt sie wohl und weinet laut
Im Kämmerlein, in Sorgen;
Mir ist es wie dem Wilde traut,
In Finsternis geborgen.
Kein Hirsch und Rehlein überall!
Ein Schuss zum Zeitvertreibe!
Gesunder Knall und Widerhall
Erfrischt das Mark im Leibe -
Doch wie der Donner nun verhallt
In Tälern in die Runde,
Ein plötzlich Weh mich überwallt,
Mir sinkt das Herz zugrunde.
Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
So hat sie's haben wollen,
Mir aber frisst's das Herze schier
Das Schmollen und das Grollen.
- Und auf! und nach der Liebsten Haus!
Und sie gefasst ums Mieder!
Drück mir die nassen Locken aus,
Und küss und hab mich wieder!«
Beide Männer klatschten lauten Beifall. Sie wollte aufstehn. »Aller guten Dinge
- weisst du?« rief der Alte, »noch eines!« Also blätterte sie abermals im Heft,
unschlüssig, keines war ihr recht; über dem Suchen und Wählen war der Vater aus
der Stube gegangen; sie klappte das Buch zu und sprach mit Teobalden, während
sie hin und wieder einen Akkord griff. Auf einmal fiel sie in ein Vorspiel ein,
bedeutender als alle frühern; es drückte die tiefste rührendste Klage aus.
Agnesens Blick ruhte ernst, wie unter abwesenden Gedanken, auf Nolten, bis sie
sanft anhob zu singen.
    Wir teilen das kleine Lied noch mit, und denken, der Leser werde sich aus
den einfachen Versen vielleicht einen entfernten Begriff von der Musik machen
können, besonders aus dem zweiten Refrain, bei welchem die Melodie jedesmal eine
unbeschreibliche Wendung nahm, die alles herauszusagen schien, was irgend von
Schmerz und Wehmut sich in dem Busen eines unglücklichen Geschöpfs verbergen
kann.
Rosenzeit! wie schnell vorbei,
Schnell vorbei,
Bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb nur blieben treu,
Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.
In der Ernte wohlgemut
Wohlgemut,
Schnitterinnen singen;
Aber ach, mir kranken Blut,
Mir kranken Blut,
Will nichts mehr gelingen.
Schleiche so durchs Wiesental,
So durchs Tal,
Als im Traum verloren
Nach dem Berg, da tausendmal,
Tausendmal,
Er mir Treu geschworen.
Oben auf des Hügels Rand,
Abgewandt
Wein ich bei der Linde:
An dem Hut mein Rosenband,
Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.
Agnesen hatte der Ton zuletzt vor Bewegung fast versagt; jetzt warf sie das
Instrument weg und stürzte heftig an die Brust des Geliebten. »Treu! Treu!«
stammelte sie unter unendlichen Tränen, indem ihr ganzer Leib zuckte und
zitterte, »du bist mir's, ich bin dir's geblieben!« - »Ich bleibe dir's!« mehr
konnte Teobald, mehr durfte er nicht sagen.
An einem der folgenden schönen Tage wollte man den schon mehrmals zur Sprache
gekommenen Ausflug nach Halmedorf zu den jungen Pfarrleutchen machen, denen man
sich bereits hatte ansagen lassen. Die beiden alten Herren, der Förster und der
Baron, versprachen im Wagen des letztern zu fahren; denn immerhin war es drei
Stunden dahin. Die Jugend, nämlich unser Paar, ein Sohn und zwei Töchter des
Pastors, welche man trotz einigen Einwendungen Noltens zuletzt auf Agnesens
beharrliche Vorstellungen hinzubitten müssen, diese wollten zu Fusse gehn; die
eine Partie sollte morgens bei guter Tageszeit sich auf den Weg machen, die
Fahrenden erst nach Tische. Leider aber war der Baron indessen bedeutend unpass
geworden, er musste, was in langer Zeit nicht erhört worden, das Bett hüten, die
Reise hatte ihm zugesetzt, wie er nun selber eingestand. Also beschloss auch der
Förster zurückzubleiben, dem verehrten Freunde zur Gesellschaft.
    So wanderte denn der kleine Zug und gelangte bald aus dem Tälchen auf die
fruchtbare höher gelegene Ebene, die sich abermals um ein weniges senkte, wo
ihnen denn der reinliche, etwas steil heraufgebaute Ort entgegensah. Lange zuvor
hatte man den Hügel vor sich, der unter dem Namen Geigenspiel bekannt, an seinem
Fusse unbedeutend anzusehn, oben mit einer ausserordentlichen Aussicht überrascht.
    »Schön! schön! das heiss ich doch die Stunde eingehalten!« rief der Pfarrer,
der sie hatte kommen sehen und bis an die nächsten Äcker entgegengegangen war.
»Seht da, mein Dachs will den Gruss vor mir wegschnappen! Der Narre kennt dich
noch von vier Jahren her; aber sein Herr fürwahr hätte dich bald nicht
wiedererkannt - Komm an mein Herz, alter Kamerad! Ad pectus manum, sagte der
Rektor, wenn wir gelogen hatten: manum ad pectus, ich liebe dich und habe nicht
gelogen. O ich möchte schreien, dass die Berge aufhüpften, möcht alle Glocken
zusammenläuten lassen, durchs ganze Ort möcht ich posaunen und duten, wäre ich
just nicht der Seelenhirt, der sich im Respekt erhalten muss, sondern ein
anderer.«
    In diesem Tone fuhr Amandus fort, eins nach dem andern zu salutieren, und
noch als man bereits vor dem Pfarrhause stand, war er nicht fertig. Jetzt
sprang, so leicht und zierlich wie ein achtzehnjähriges Mädchen unter der Haube,
die Pastorin entgegen, aber auch sie konnte über dem Mutwillen ihres Manns nicht
zum Worte kommen. Mit Jubel betritt man endlich die Stube, die hell und neu,
recht eigentlich ein Bild ihrer Bewohner darstellte. Kaum über die Schwelle
getreten, kann man sogleich bemerken, wie der Pfarrer in eiliger Verlegenheit
einen grünen Uniformrock, der an der Wand hing, zu entfernen sucht; er bleibt
jedoch, da er seine Absicht verraten sieht, mitten auf dem Wege stehn: »Dass
dich!« rief er, gegen Nolten gewendet - »nun Freundchen, ist mir's herzlich
leid, da du eine Heimlichkeit doch einmal gewittert hast, so will ich lieber gar
mit der sonderbaren Geschichte herausrücken.« (Er zupfte heimlich seine Frau und
fuhr mit verstelltem Ernst und vieler Gutmütigkeit fort.) »Seit gestern haben
wir einen fremden Offizier einen Obrist, im Hause, der eigentlich bloss dich hier
erwartet, er ist nur eben ausgeritten, wird aber nicht bis Abend ausbleiben. Er
langte gestern spät hier an, und weil wir kein anständiges Wirtshaus im Dorf
haben, lud er sich auf das höflichste bei mir zu Gaste, das mir denn um so
grössere Ehre war, als ich einen Freund von dir in ihm vermutete. Allein ich
merkte bald, dass es mit der Freundschaft nicht so recht sein müsse; er nannte
deinen Namen kaum, und verstummte nachdenklich, beinahe finster, wenn ich von
dir anfing; im übrigen zeigte sein Gespräch viel Welterfahrung und alle die
Anmut, die man bei gebildeten Militärs zuweilen findet. Meine Frau zwar gab mir
gleich bei seinem Empfang nicht undeutlich zu verstehen, er habe ihr so ein
visage de contrebande, und in der Tat, ich weiss nicht - das Geheimnisvolle in
Beziehung auf dich - er könnte - wenn er dir nur nichts anhaben will -«
    »Wie heisst er denn?«
    »Ja, gehorsamer Diener, das hat er mir nicht gesagt.«
    »Woher denn? in welchen Diensten?« fragte Nolten dringender und nicht ohne
einige Bewegung, denn augenblicklich, er wusste nicht warum, fiel ihm ein Bruder
Constanzens ein, der noch in der letzten Zeit von des Malers Aufentalt in jener
Residenz, bei der Gräfin zu Besuch gewesen sein sollte. Er selbst hatte ihn
nicht gesehn und konnte die Schilderung, welche Amandus von dem Fremden machte,
auch sonst mit niemandem vergleichen. Die Heimat des Gastes indessen, wie der
Pfarrer sie zufällig angab, widersprach jener besorglichen Vermutung nicht. -
»Gern«, fuhr Amandus fort, »hätt ich dir das Abenteuer noch verschwiegen, das
einmal doch nichts Angenehmes verspricht; es wäre Nachmittag noch Zeit gewesen,
und die Delikatesse des Fremden, dass er uns unser erstes Beisammensein über
Tisch nicht stören wollte, war in der Tat zu loben, er gab mir diese freundliche
Absicht beim Wegreiten sehr deutlich zu verstehn. Nun freilich wär's fast
besser, er wäre gleich zugegen und du dieser verteufelten Ungewissheit überhoben.
Höre, wenn es am Ende nur keine odiöse Ehrensache ist! Du weisst, die Herren
Offiziers - Du hast doch keine Händel gehabt?« »Ich wüsste doch nicht«, sagte
Nolten und ging einigemal still die Stube auf und ab.
    Indessen war die Pfarrerin sachte mit der Uniform in die Kammer gegangen.
Auf einmal tat sich die Tür weit auf, ein hoher schöner Mann trat heraus und lag
blitzschnell in Teobalds Armen. Es war kein anderer Mensch, als sein getreuer
Schwager S., der Gatte Adelheids, die wir ja schon als Mädchen kennenlernten.
»Der Tausend!« rief der Pfarrer, während alles der herzlichsten Umarmung zusah,
»so ganz feindselig, wie ich dachte, so auf Leben und Tod ist die Rencontre nun
doch nicht, es wäre denn, sie brächen sich einander vor Liebe die Hälse. Nun!
hab ich es nicht schön gemacht? Sorge voraus, Freud gleich hinterdrein, wird
erst ein wahrer Jubel sein. - Also« (brummte er für sich in den Bart) »das wäre
Numero 1.« Seine Schalkheit ward jetzt wacker gescholten. Doppelt und dreifach
musste Nolten erstaunen, denn S. war, seitdem sie sich nicht mehr gesehen, zum
Obristen avanciert, deswegen jener auch aus der Uniform nicht klug werden
konnte. Triumphierend erzählte der Pfarrer, wie er, nachdem die Nachricht von
Teobalds Ankunft in Neuburg bei ihm eingelaufen, sogleich den herrlichen
Einfall gehabt, den Schwager, den er in Geschäften für sein Regiment nur auf
fünf Stunden in der Nähe gewusst, durch eine Staffette herbeizukriegen.
    Aufs fröhlichste speiste man gleich zu Mittag. Es war eine ansehnliche
Tafel. Sohn und Töchter des Neuburger Pastors sassen halb bänglich, halb entzückt
in einem für sie so neuen Freudenkreise trefflicher Menschen. Unser Maler,
zwischen Agnes und den Schwager gesetzt, wollte die Hände der beiden gar nicht
aus den seinigen lassen, er fühlte seit langer Zeit einmal wieder alles
Drückende und Schwere rein von sich abgetan und ein übers andre Mal traten ihm
die Augen über.
    An dem Pfarrer wurde nach und nach eine prickelnde Unmüssigkeit sichtbar; er
entfernte sich öfters, gab vor der Tür geheime Befehle und sah mit Vergnügen die
letzte Schüssel auftragen. Eh man zum Nachtisch kam, stand er auf und sagte: »Es
beginne nun die Symphonie zum zweiten Aktus, mit etwelchem Gläsergeklingel,
wenn's beliebt. Sofort erhebe sich eine werte Gesellschaft, greife nach Hüten
und Sonnenschirmen und verfüge sich allgemach aus meinem Hause, woselbst für
jetzt nichts mehr abgereicht wird. Zuvor aber richten Sie gefälligst noch die
Blicke hier nach dem Fenster und bemerken dort drüben den sonnigen Gipfel.« Man
erblickte auf einem vor dem Walde gelegenen Hügel, den wir schon als das
Geigenspiel bezeichnet haben, ein grosses linnenes Schirmdach mit bunter Flagge
aufgerichtet, das einen runden weissgedeckten Tisch zu beschatten schien. Die
dichten Laubgewinde, die an fünf Seiten des Schirms herunterliefen, gaben dem
Ganzen das Ansehn eines leichten Pavillons. Amandus hatte diese bewegliche
Einrichtung schon seit einiger Zeit für die jährlichen Kinderfeste sowie zur
Bequemlichkeit der Fremden machen lassen, weil die daneben stehende Linde dem
Platze mehr Zierde als Kühlung verlieh. - Die Gesellschaft kam ausser sich vor
Freude; man machte sich auch unverzüglich auf den Weg, denn jedes sehnte sich,
sein glückliches Gefühl in freiester Weite noch leichter auszulassen. Die
Jüngern waren schon vorausgegangen.
    Unterwegs wurden Nolten und die Braut nicht satt, sich von Adelheiden
erzählen zu lassen. Wir wissen die fast mehr als brüderliche Neigung, welche den
Maler an die Schwester band, deren stille Tiefe sich, wie behauptet wird und wir
gern glauben mögen, inzwischen zu einem höchst liebenswerten und seltenen
Charakter entwickelt und befestigt hatte; zum wenigsten fand Agnes nach ihrer
demütig liebevollen Weise sogleich im stillen ein Musterbild der echten Frauen
in dieser Schwägerin für sich aus, obgleich sich beide nur erst einmal gesehen
hatten. Jetzt gedachte man der Entfernten mit desto innigerer Rührung, da man
gleich anfangs gehört, sie sei vor kurzem zum ersten Male Mutter, und eine
höchst beglückte, geworden. - Noch sagen wir bei dieser Gelegenheit, dass eine
ältere Schwester, Ernestine, auch längst verheiratet war, jedoch, soviel man
wissen wollte, nicht sehr zufrieden, da sie auch in der Tat nicht geschaffen
schien, einen Mann für immer zu fesseln. Die Jüngste, Nantchen, stand eben in
der schönsten Jugendblüte und lebte bei einer Tante.
    Man kam an einem Tannengehölze vorüber, das Reiherwäldchen genannt, dessen
Echo berühmt war. Der Pfarrer rief, mit den gehörigen Pausen, hinein:
»Frau Adelheid,
Zu dieser Zeit
In ihrem Bettlein reine,
Muss ferne sein,
Muss ferne sein,
Doch ist sie nicht alleine.
Herr Storch hat ihr Besuch gemacht,
Darob ihr süsses Herze lacht,
Ob auch das Bürschlein greine.
- Frau Echo, sprich,
Noch weiss ich nicht:
Was herzet denn das Liebchen,
Ein Mädchen oder Bübchen?«
»Büb;gsl;chen!«
In kurzem befand man sich auf dem Berg, tief atemholend und erstaunt über die
unbegrenzte Aussicht. »Bei Frauenzimmern«, fing Amandus an, »wenn sie den
letzten herben Schritt überwunden haben und jetzt sich umsehn, unterscheide ich
jedesmal zweierlei Gattungen Seufzer. Der eine ist ganz gemein materieller
Natur, kein Lüftchen ist imstand, ihn von der Rosenlippe aufzunehmen und über
die glänzende Gegend selig hinwegzutragen, sondern sogleich fällt er plump,
schwer zu Boden, prosaisch wie das Schnupftuch, womit man sich die Stirn
abtrocknet. Billig sollten die Schönen sich seiner ganz entalten, ihn
wenigstens unterdrücken, denn gewissermassen muss er den Wirt beleidigen, den
Cicerone der Gesellschaft, der alle diese Herrlichkeit mit Entusiasmus wie sein
Eigentum vorzeigt und nicht begreifen kann, wie man in solchem Augenblicke nur
noch das mindeste Gefühl von der armseligen Mühe haben kann, womit man sich so
einen Anblick erkaufte. Ja, Damen hab ich gesehen, die gaben sich Mühe, diesen
Seufzer recht reizend schwindsüchtig und äterisch hervorzubringen, und ein
mitleidflehendes Gesicht zu machen, als würde gleich die Ohnmacht kommen. Man
entält sich kaum dabei recht schmachtend zu fragen: Ist Ihnen nicht ein Schluck
Affentaler gefällig, Fräulein, oder dergleichen? Kurz also, wenn jene erste
Gattung nichts weiter sagen will als: Gottlob, dies wäre überstanden! so ist
dagegen die zweite« - Er hatte noch nicht ausgeredet, so kam erst Agnes, bis
jetzt von niemand eigentlich vermisst, mit einem Kinde des Pfarrers, das nicht
mehr hatte fortquackeln können und das sie sich auf den Rücken geladen, den
steilen Rand von der Seite heraufgeklommen; sie setzte atemlos das Kind auf die
Erde und ein »Gottlob!« entfuhr ihr halblaut. Bei diesem Wort sah man sich um,
ein allgemeines Gelächter war unwiderstehlich, aber auch rührender konnte nichts
sein, als die erschrocken fragende Miene des lieben Mädchens. Herzlich umarmte
und küsste sie Amandus, indem er rief: »Diesmal, wahrhaftig, ist Martas Mühe
schöner als selbst das eine, das hier oben not ist.«
    Welch ein Genuss nun aber, sich mit durstigem Auge in dieses Glanzmeer der
Landschaft hinunterzustürzen, das Violett der fernsten Berge einzuschlürfen,
dann wieder über die nächsten Ortschaften, Wälder und Felder, Landstrassen und
Wasser, in unerschöpflichen Wechsel von Linien und Farben, hinzugleiten!
    Hier schaute, gar nicht allzuweit entfernt, eine langgedehnte Albtraufe
ernstaft und gross herüber2; sie verschloss beinah die ganze Ostseite, Berg
hinter Berg verschiebend und ineinanderwickelnd, so doch, dass man zuweilen ein
ganz entlegnes Tal, wie es stellenweise von der Sonne beschienen war, mit oder
ohne Fernrohr erspähen und sich einander freudig zeigen konnte. Besonders lang
verweilte Agnes auf den Falten der vorderen Gebirgsseite, worein der schwüle
Dunst des Mittags sich so reizend lagerte, die ahnungsvolle Beleuchtung mit
vorrückendem Abend immer verändernd, bald dunkel, bald stahlblau, bald licht,
bald schwarzlich anzusehn. Es schienen Nebelgeister in jenen feuchtwarmen
Gründen irgendein goldenes Geheimnis zu hüten. Eine bedeutende Ruine krönte die
lange Kette des Gebirgs und selbst durch einen schwächern Tubus glaubte man ihre
Mauern mit Händen greifen zu können, dagegen ganz hinten in der Ferne vom
Rehstock nur der Abfall des Waldrückens sichtbar war, auf dem er ruhen musste.
    Indes war von gar muntern Händen ein Feuer zwischen Steinen angemacht
worden, der Kaffee fing an zu sieden, die Tassen klirrten, und der Pfarrer gebot
ein allgemeines Niedersitzen; niemand aber wollte sich noch des schönen Zeltes
bedienen, welches bis jetzt nur für eine Art Speiseküche galt; man sass in
willkürlichen Gruppen auf dem Boden umher, ein jedes liess sich schmecken was ihm
beliebte, nur rückte man etwas näher zusammen, als Amandus folgendermassen das
Wort nahm:
    »Es darf, meine Lieben, der schöne Platz, worauf wir gegenwärtig ruhen,
nicht leicht besucht werden, ohne dass man das Andenken des Helden erneuert, dem
er seinen Namen verdankt. Gewiss ist keines von Ihnen völlig unbekannt mit der
merkwürdigen Sage, aber die wenigsten hatten wohl Gelegenheit sich aus den
verschiedenen, zum Teil einander scheinbar widersprechenden Erzählungen des
Volks, ein vollständiges Bild von dem Charakter des wundersamen Wesens zu
machen, von welchem hier die Rede ist; es kann also niemanden unangenehm sein,
jetzt eine genauere Schilderung zu hören, wobei ich mir weniger angelegen sein
lassen will, alle einzelnen Geschichten und Anekdoten anzubringen, als vielmehr
nur die Hauptzüge anschaulich zu machen. Vielleicht kann ich dadurch Freund
Nolten veranlassen, meinen seltsamen Geiger zum Gegenstand einer malerischen
Komposition zu nehmen, ein lang von mir gehegter Wunsch, den er mir einmal
feierlich zugesagt und noch bis heut nicht erfüllt hat. Sie, lieber Oberst,
werden mich in meiner Bitte gewiss kräftig unterstützen, da Sie sich selbst für
die poetische Figur des Spielmanus so lebhaft interessieren und noch heute sich
emsig um die Vervollständigung seiner Geschichte bekümmert haben. Ei, eben
recht, dass mir das beifällt; Sie sollen auch jetzt zuerst die Ehre haben und die
Ergebnisse Ihrer staubigen Forschungen uns in einem lebendigen und heiteren
Gemälde vorlegen, ich aber will etwa nachhelfen, wo Sie eine Lücke lassen
sollten.« Der Oberst liess sich nicht lang bitten und die Gesellschaft merkte
wacker auf.
    »In dieser Gegend soll vor alters gar häufig ein Räuber, Marmetin, sein
Wesen getrieben haben, den jedermann unter dem Namen Jung Volker kannte. Räuber
sag ich? Behüte Gott, dass ich ihm diesen abscheulichen Namen gebe, dem Lieblinge
des Glücks, dem lustigsten aller Waghälse, Abenteurer und Schelme, die sich
jemals von fremder Leute Hab und Gut gefüttert haben. Wahr ist's, er stand an
der Spitze von etwa siebenzehn bis zwanzig Kerls, die der Schrecken aller
reichen Knicker waren. Aber, beim Himmel, die pedantische Göttin der
Gerechtigkeit selbst musste, dünkt mich, mit wohlgefälligem Lächeln zusehn, wie
das verrufenste Gewerbe unter dieses Volkers Händen einen Schein von
Liebenswürdigkeit gewann. Der Prasser, der übermütige Edelmann und ehrlose
Vasallen waren nicht sicher vor meinem Helden und seiner verwegenen Bande, aber
dem Bauern füllte er Küchen und Ställe. Voll körperlicher Anmut, tapfer,
besonnen, leutselig und doch rätselhaft in allen Stücken, galt er bei seinen
Gesellen fast für ein überirdisches Wesen, und sein durchdringender Blick
mässigte ihr Benehmen bis zur Bescheidenheit herunter. Wär ich damals im Lande
Herzog gewesen, wer weiss, ob ich ihn nicht geduldet, nicht ein Auge zugedrückt
hätte gegen seine Hantierung. Es war, als führte er seine Leute nur zu
fröhlichen Kampfspielen an. Seht, hier dieser herrliche Hügel war sein
Lieblingsplatz, wo er ausruhte, wenn er einen guten Fang getan hatte; und wie er
denn immer eine besondere Passion für gewisse Gegenden hegte, so gängelt' er
seine Truppe richtig alle Jahr, wenn's Frühling ward, in dies Revier, damit er
den ferndigen Gukuk wieder höre an demselben Ort. Ein Spielmann war er wie
keiner, und zwar nicht etwa auf der Ziter oder dergleichen, nein, eine alte
abgemagerte Geige war sein Instrument. Da sass er nun, indes die andern sich im
Wald, in der Schenke des Dorfs zerstreuten, allein auf dieser Höhe unterm lieben
Firmament, musizierte den vier Winden vor und drehte sich wie eine Wetterfahne
aufm Absatz herum, die Welt und ihren Segen musternd. Der Hügel heisst daher noch
heutzutag das Geigenspiel, auch wohl des Geigers Bühl. - Und dann, wenn er zu
Pferde sass, mit den hundertfarbigen Bändern auf dem Hute und an der Brust, immer
geputzt wie eine Schäfersbraut, wie reizend mag er ausgesehn haben! Ein
Paradiesvogel unter einer Herde wilder Raben. Etwas eitel denk ich mir ihn gern,
aber auf die Mädchen wenigstens ging sein Absehn nicht; diese Leidenschaft blieb
ihm fremd sein ganzes Leben; er sah die schönen Kinder nur so wie märchenhafte
Wesen an, im Vorübergehn, wie man ausländische Vögel sieht im Käfig. Keine Art
von Sorge kam ihm bei; es war, als spielt' er mit den Stunden seines Tages wie
er wohl zuweilen gerne mit bunten Bällen spielte, die er, mit flachen Händen
schlagend, nach der Musik harmonisch in der Luft auf und nieder steigen liess.
Sein Inneres bespiegelte die Welt wie die Sonne einen Becher goldnen Weines.
Mitten selbst in der Gefahr pflegte er zu scherzen und hatte doch sein Auge
allerorten; ja, wäre er bei einem Löwenhetzen gewesen, wo es drunter und drüber
geht, ich glaube, er hätte mit der einen Faust das reissende Tier bekämpft und
mit der Linken den Sperling geschossen, der ihm just überm Haupt wegflog.
Hundert Geschichtchen hat man von seiner Freigebigkeit. So begegnet er einmal
einem armen Bäuerlein, das, ihn erblickend, plötzlich Reif aus nimmt. Den
Hauptmann jammert des Mannes, ihn verdriesst die schlimme Meinung, die man von
ihm zu haben scheint, er holt den Fliehenden alsbald mit seinem schnellen Rosse
ein, bringt ihn mit freundlichen Worten zum Stehen und wundert sich, dass der
Alte in der strengsten Kälte mit unbedecktem Kahlkopf ging. Dann sprach er: Vor
dem Kaiser nimmt Volker den Hut nicht ab, jedoch dem Armen kann er ihn schenken!
Damit reicht er ihm den reichbebänderten Filz vom Pferde herunter, nur eine hohe
Reiherfeder machte er zuvor los und steckte sie in den Koller, weil er diese um
alles nicht missen wollte; man sagt, sie habe eine zauberische Eigenschaft
besessen, den der sie trug in allerlei Fährlichkeit zu schützen. - Jetzt käme
ich auf Volkers Frömmigkeit und wunderliche Bekehrung, da dies aber eine Art von
Legende ist, so wird sie sich am besten im Munde Seiner Hochehrwürden geziemen.«
    »Ich zweifle nur«, erwiderte Amandus, »ob ich meine Aufgabe so zierlich
lösen werde, wie mein beredter Vorgänger sich aus der seinigen zog. Aber ich
rufe den Schatten des Helden an und sage treulich was ich weiss, und auch nicht
weiss. Also: in den Gehölzen, die da vor uns liegen, kam man einsmals einem
seltenen Wilde auf die Spur, einem Hirsch mit milchweissem Felle. Kein Weidmann
konnte seiner habhaft werden. Des Hauptmanns Ehrgeiz ward erregt, eine
unwiderstehliche Lust, sich dieses edlen Tieres zu bemächtigen, trieb ihn an,
ganze Nächte mit der Büchse durch den Forst zu streifen. Endlich an einem Morgen
vor Sonnenaufgang erscheint ihm der Gegenstand seiner Wünsche. Nur auf ein
funfzig Schritte steht das prächtige Geschöpf vor seinen Augen. Ihm klopft das
Herz; noch hält Mitleid und Bewunderung seine Hand, aber die Hitze des Jägers
überwiegt, er drückt los und triff. Kaum hat er das Opfer von nahem betrachtet,
so ist er untröstlich, dies muntere Leben, das schönste Bild der Freiheit
zerstört zu haben. Nun stand an der Ecke des Waldes eine Kapelle, dort überliess
er sich den wehmütigsten Gedanken. Zum erstenmal fühlt er eine grosse
Unzufriedenheit über sein ungebundenes Leben überhaupt, und indes die Morgenröte
hinter den Bergen anbrach und nun die Sonne in aller stillen Pracht aufging,
schien es, als flüstere die Mutter Gottes vernehmliche Worte an sein Herz. Ein
Entschluss entstand in ihm, und nach wenig Tagen las man auf einer Tafel, die in
der Kapelle aufgehängt war, mit zierlicher Schrift folgendes Bekenntnis (ich
habe es der Merkwürdigkeit Wort für Wort auswendig gelernt):
                              Dies täflein weihe3
                             unserer lieben frauen
                                      ich
                         Marmetin, gennent Jung Volker
zum dauernden gedächtnuss eines gelübds. und wer da solches lieset mög nur
erfahren und inne werden was wunderbaren massen Gott der Herr ein menschlich
gemüete mit gar geringem dinge rühren mag. denn als ich hier ohn allen fug und
recht im wald die weisse hirschkuh gejaget auch selbige sehr wohl troffen mit
meiner gueten Büchs da hat der Herr es also gefüget dass mir ein sonderlich
verbarmen kam mit so fein sanftem tierlin, ein rechte angst für einer grossen
sünden da dacht ich: itzund trauret ringsumbher der ganz wald mich an und ist
als wie ein ring daraus ein dieb die perl hat brochen. ein seiden bette so noch
warm vom süessen leib der erst gestolenen braut. zu meinen füessen sank das
lieblich wunderwerk. verhauchend sank es ein als wie ein flocken schnee am boden
hinschmilzt und lag als wie ein mägdlin so vom liechten mond gefallen.
    Aber zu deme allen hab ich noch müessen mit grossem schrecken merken ein
seltsamlichs zeichen auf des arm tierlins seim rucken. nämlich ein schön
akkurat kreuzlin von schwarz haar. also dass ich kunt erkennen ich hab mich
freventlich vergriffen an eim eigentumb der muetter Gottes selbs. nunmehr mein
herze so erweichet gewesen nahm Gott der stunden wahr und dacht wohl er muss das
eisen schmieden weil es glühend und zeigete mir im geist all mein frech
unchristlich treiben und lose hantierung dieser ganzer sechs Jahr und redete zu
mir die muetter Jesu in gar holdseliger weiss und das ich nit nachsagen kann noch
will. verständige bitten als wie ein muetterlin in schmerzen mahnet ihr verloren
kind. da hab ich beuget meine knie allhier auf diesen stäfflin und hab betet und
gelobet dass ich ein frumm leben wöllt anfangen. und wunderte mich schier ob
einem gnadenreichen schein und klarheit so ringsumbher ausgossen war. stand ich
nach einer gueten weil auf, mich zu bergen im tiefen wald mit himmlischem
betrachten den ganzen Tag bis dass es nacht worden und kamen die stern. sammlete
dann meine knecht auf dem hügel und hielte ihne alles für, was mit dem volker
geschehen sagt auch dass ich müess von ihne lassen. da huben sie mit wehklagen an
und mit geschrei und ihrer etlich weineten. ich aber hab ihne den eid abnommen
sie wöllten auseinander gehn und ein sittsam leben fürder führen. wo ich denn
selbs mein bleibens haben werd dess soll sich niemand kümmern noch grämen oder
gelüsten lassen dass er mich fahe. ich steh in eins andern handen als derer
menschen. dies täflein aber gebe von dem volker ein frumm bescheidentlich
zeugnuss und sage dank auf immerdar der himmlischen huldreichen jungfrauen Marien
als deren segen frisch mög bleiben an mir und allen gläubigen kindern. so
gestift am 3. des brachmonds im jahr nach unsers Herren geburt 1591.
    Leider«, fuhr der Pfarrer gegen die Gesellschaft fort, welche mit sichtbarer
Teilnahme zuhörte, »leider ist das Original dieser Votivtafel verlorengegangen;
eine alte Kopie auf Pergament liegt auf dem Halmedorfer Ratause. Auch die
Kapelle ist längst verschwunden; die ältesten Leute erzählen, ihre Urgrossväter
hätten sie noch gesehn. Wo aber Volker damals sich hingewendet, blieb unbekannt.
Einige vermuten einen Pilgerzug nach dem gelobten Land, wo er dann in ein
Kloster gegangen sein soll.«
    »Eine andere Sage«, nahm der Obrist wieder das Wort, »lässt ihn auf dem Wege
nach Jerusalem von seiner Mutter, einer Zauberin, entführt werden und ich
gedenke hier nur noch einiger alten Verse, weiche wahrscheinlich den Schluss
eines grössern Lieds ausmachten. Sie weisen auf die fabelhafte Geburt Volkers hin
und machen ihn, wie mich deucht, gar charakteristisch für den freien kräftigen
Mann, zu einem Sohne des Windes. Er selber soll das Lied zuweilen gesungen
haben.
Und die mich trug in Mutterleib,
Die durft ich niemals schauen,
Sie war ein schön, frech, braunes Weib,
Wollt keinem Manne trauen.
Und lachte hell und scherzte laut:
Ei, lass mich gehn und stehen!
Möcht lieber sein des Windes Braut,
Denn in die Ehe gehen.
Da kam der Wind, da nahm der Wind
Als Buhle sie gefangen,
Von dem hat sie ein lustig Kind
In ihren Schoss empfangen.«
»Wird mir doch in diesem Augenblick«, sagte die Pfarrerin, indem sie ein
heimliches Auge an der Linde hinauflaufen liess, »mir wird von all dem
Zauberwesen so kurios zumute, dass ich mich eben nicht sehr entsetzen würde, wenn
jetzt noch die Fabel vom singenden Baum wahr würde, ja wenn Herr Volker
leibhaftig als lustiges Gespenst in unsre Mitte träte.«
    »Noch ein anderes Lied«, sagte der Obrist, »ist mir im Gedächtnis geblieben,
das man sich im Munde von Volkers Bande denken muss. Ich will, wenn die
Frauenzimmer nicht schon durch das vorige - -«
    Plötzlich wurde der Erzähler von den Tönen eines Saiteninstruments
unterbrochen, welche ganz nahe aus dem Gipfel der dichtbelaubten Linde
hervorzukommen schienen. Die Anwesenden erschraken und aller Augen waren nach
dem Baume gerichtet. Niemand bewegte sich vom Platze; tiefe Stille herrschte,
während die Musik in den Zweigen von neuem begann und der unsichtbare Spielmann
mit lebhafter Stimme Folgendes sang:
Jung Volker das ist der Räuberhauptmann
Mit Fiedel und mit Flinte,
Damit er geigen und schiessen kann
Nachdem just Wetter und Winde,
Ja Winde!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
Volker spielt auf!
Ich sah ihn hoch im Sonnenschein
Auf seinem Hügel sitzen;
Da spielt er die Geig und schluckt roten Wein,
Seine blauen Augen ihm blitzen,
Ja blitzen!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
Volker spielt auf!
Ich sah ihn schleudern die Geig in die Luft,
Ich sah ihn sich werfen zu Pferde,
Da hörten wir alle wie er ruft:
Brecht los wie der Wolf in die Herde!
Ja Herde!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
Volker spielt auf!
Die Saiten klangen aus. Es war ein allgemeines Schweigen. Die Gesellschaft sah
sich lächelnd an, und schon während des Gesangs verkündigten einige schlaue
Gesichter eine angenehme Überraschung, wobei es mit ganz natürlichen Dingen
zugehen dürfte. Es rauschte jetzt und knackte in den Zweigen, zwischen denen
jemand behutsam herunterzusteigen schien. Ein Fuss stand bereits auf dem letzten
Aste; ein kecker Sprung noch, und, wen man am wenigsten erwartete, den auch die
wenigsten kannten - Raymund, der Bildhauer, stand mit der Ziter, sich tief
verneigend, vor der verblüfft-erfreuten Versammlung. Amandus und der Obrist
klatschten, Bravo rufend, in die Hände. Raymund sprang auf den Maler zu, der wie
aus den Wolken gefallen dastand; die übrigen hörten inzwischen von der
Pfarrerin, wer der Herr wäre. Agnes hatte den Schauspieler Larkens vermutet, ja
Nolten selbst, als die Musik anfing, bebte das Herz bei dem gleichen Gedanken,
und es dauerte eine ganze Zeit, bis er sich wieder fassen konnte.
    Man nahm nun ordentlich am runden Tisch unter dem Schirme Platz; mit dem
bester Weine füllten die Gläser sich frisch, und während die Frauenzimmer das
Strickzeug vornahmen, begann der Bildhauer: »Zuvörderst ist es meine Pflicht,
mit wenig Worten den Schein des Greulichen und Ungeheuren von meiner Hieherkunft
zu entfernen, besonders um der Damen willen, denen der Schreck noch nicht ganz
aus den Gliedern gewichen sein muss, weil bis jetzt keine sich getraute, mich
auch ein wenig freundlich anzuschauen. Nun also: zwei Tage, bevor Sie, lieber
Nolten, die Rückkehr in ihr Vaterland antraten, die ich mir so nahe gar nicht
vermutend sein konnte, war ich genötigt, in nicht sehr erfreulichen
Angelegenheiten eines Bruders nach K* zu reisen, was kaum sechs Meilen von hier
liegt. Ich wusste damals noch nichts von Ihren Verbindungen in dieser Gegend, und
weder ein Neuburg noch ein Halmedorf existierte für mich in der Welt, sonst hätt
ich wohl um Aufträge bei Ihnen angefragt und wäre vielleicht nicht so schmählich
um Ihren Abschied gekommen Doch wider Hoffen und Vermuten sollt ich um vieles
glücklicher werden. Ich war bereits acht Tage in K*, so kommt ein Brief,
pressant, an mich dortin - (von wem? das raten Sie wohl nicht!) mit dem
dringenden Auftrage, im Rückweg einen kleinen Abstecher zu Ihnen zu machen und
ein beigelegtes Schreiben eigens in Ihre Hände zu überliefern.« (Er gab
Teobalden den Brief und wandte sich gegen die andern.) »Dem schönen Zufall muss
ich noch besonders lobpreisende Gerechtigkeit widerfahren lassen, der mich zwei
Stunden von hier mit dem Herrn Obrist zusammenführte; wir gesellten uns als
fremde Passagiere zueinander und wären beinahe ebenso wieder geschieden, als
kaum noch zu rechter Zeit sich entdeckte, dass wir die gleiche Absicht hätten.
Wer weiss mir eine artigere Fügung? Ich war's zufrieden, sogleich nach Halmedorf
mitzureiten. Dort hiess man mich denn freundlich bleiben, und Herr Pastor war
ganz glückselig, eine doppelte Überraschung veranstalten zu können. Der Plan zu
diesen Spässen ward heute früh entworfen, und gerne liess ich mir's gefallen, mein
Mittagsmahl hier unter freiem Himmel zu verzehren, von Volkers rotem Wein zu
trinken und meine Rolle einzuüben. Auch hab ich, wenn man Lust hätte, den Geiger
zu malen, diesem Hügel vorläufig eine Ansicht abgemerkt, wo er sich als ein
Hintergrund ganz unvergleichlich ausnehmen müsste.«
    Indessen spiegelte sich auf Noltens Angesicht die erhaltene Botschaft mit
leserlicher Freude: ja so mächtig ergriffen war er, dass er Agnesen das Blatt nur
still hinbieten und Raymunden die Hand nur mit einem leuchtenden Blicke des
Dankes über den Tisch reichen konnte. »Nun«, sagte jener, »ich darf der erste
sein, der Ihnen Glück wünscht.« »So sind wir nicht die letzten!« rief der Obrist
mit dem Pfarrer, indem man die Gläser erhob. Agnesen stürzte eine Träne aus den
schönen Augen und auch sie hob ihr Glas. Es wurde sofort erklärt: dass Nolten und
Raymund einen sehr vorteilhaften Ruf in die Dienste eines hochgebildeten und
verehrten Fürsten des nördlichen Deutschlands erhalten haben, zunächst um bei
einer gewissen Privatunternehmung des kunstliebenden Regenten verwendet zu
werden, doch sollte die Anstellung auf zeitlebens sein. Die Sache ging durch den
Maler Tillsen und den alten Hofrat, deren Empfehlung man, wie es schien, das
Ganze eigentlich zu danken hatte. Etwas Geheimnisvolles war immer dabei, und
Nolten hatte Ursache zu glauben, dass noch ganz andere Hebel gewirkt haben
müssten. Jenes Schreiben selbst war von dem Hofrat. Er gibt sich alle Mühe, dem
Freunde dies Offert so einleuchtend als möglich zu schildern, er hatte zum
Überfluss Raymundens mündliche Beredsamkeit noch in Reserve gestellt, wenn Nolten
je Bedenken tragen sollte, die Stelle anzunehmen, ein Zweifel, dessen nur der
Hofrat fähig sein konnte, weil er immer von seiner eignen Seltsamkeit ausging.
Was übrigens die Sendung Raymunds anbelangt, so verhielt sich's wirklich so, wie
er vorhin erklärte; er selber hatte beim Antritt seiner Reise noch keine Ahnung
von den Dingen, die im Werke waren.
    Die beiden Künstler schlossen jetzt in der Aussicht auf ihr
gemeinschaftliches Ziel sogleich Brüderschaft, und wer hätte nicht Teil an ihrem
Glücke nehmen sollen? Alle sprachen durcheinander aufs lebhafteste von der Sache
hin und her.
    »Ja«, fragte die Pfarrerin, »und der Zug geht wohl bald vor sich?«
    »Bald oder nicht! wie man's nimmt; jeder Tag später macht mir Langeweile!«
rief Raymund, indem er sich ungeduldig auf dem Absatz herumwarf. »In zwei
Monaten ist der Termin.«
    »Da wird man erst ein Pärchen aus euch machen müssen?« sagte der Pfarrer zu
Agnes hin.
    »Dacht ich es doch!« rief Raymund, »bleibt mir nur, ihr schwarzen Herrn, mit
euren Weitläufigkeiten fort! Soviel ihr aus den beiden machen könnt, sind sie ja
schon.« Er sprach dies halb im Scherz, doch hätte der Pfarrer nicht wissen
dürfen, dass er die Geistlichen für etwas Überflüssiges hielt und nie recht hatte
leiden mögen.
    »Wie?« rief Amandus, »Sie sind, wie ich höre, auch Bräutigam: Sie lassen
sich wohl gar nicht kopulieren?«
    »Bewahre Gott mich davor!« antwortete der Bildhauer. »Die Kopula ist schon
gefunden.«
    »So sind Sie ein Heide?«
    »Und zwar ein frommer!«
    »Doch was sagt Ihre Braut zu Ihrem Vorsatz?«
    »Ich habe sie noch nicht gefragt.«
    »Und«, sagte der Pfarrer, leicht abbrechend, »was spricht lieb Agneschen?«
Sie schaute auf, sie hatte nicht gehört, wovon die Rede war, da sie sich
angelegentlich mit Nolten unterhielt. Nach der sonderbaren, beinahe
verdriesslichen Wendung, welche das Gespräch der beiden Männer genommen, war es
natürlich, dass die Frauen im stillen schon das arme Mädchen bedauerten, das an
einen so närrischen und wilden Menschen geraten müssen, und dies Mitleiden
verbarg sich endlich gar nicht mehr, als Teobald sich eifriger nach Henrietten
erkundigte, und Raymund anfing, mit aller ihm eigenen treuherzigen Lebhaftigkeit
zu erzählen, auf welchem guten Fuss er mit ihr lebe, wie sie sich unterhielten,
welche Untugenden und »Dummheiten« er ihr schon abgewöhnt, was für Talente an
ihr entwickelt habe. Da er zum Beispiel ein leidenschaftlicher Freund vom
Kegelschieben sei und es für die gesundeste Motion halte, so habe er sich in den
Kopf gesetzt, seine Braut müsse es aus dem Fundamente lernen. Er habe den
Unterricht, auf einer unbesuchten Bahn, auch sogleich mit ihr begonnen; es
geschehe ihr zwar einigermassen sauer, doch zeige sie den besten Willen und werde
es mit der Zeit sehr weit bringen. Ferner, weil er wahrgenommen, dass sie mit
einer törichten Furcht vor allem Feuergewehr und Schiessen gestraft sei, und ihm
solche übertriebene Alterationen in den Tod zuwider seien, so habe er sie von
dem Lächerlichen dieses Benehmens zuerst teoretisch überzeugt, ihr den
Mechanismus einer Flinte, die Wirkung des Pulvers ruhig und ordentlich erklärt
und endlich einen praktischen Anfang im Schlossgraben bei der Scheibe gemacht,
der aber leider bis jetzt den gehofften Erfolg noch nicht bewiesen. Im Fall es
nun, wie das ungeschickte Ding ihn mit Tränen versichert habe, er aber noch
nicht glaube, wirkliche Nervenschwäche wäre, so würde er freilich davon abstehen
müssen, doch hoffe er es noch durchzusetzen.
    Die Frauenzimmer, sowie die Männer, konnten nicht umhin, ihr Missfallen
auszudrücken, es gab einen allgemeinen Streit, und Agnes fing an dem Bildhauer
im Herzen recht gram zu werden, sie kannte ihn nicht genug und hielt ihn für
boshaft; wie nun ihr ganzes Wesen seit jener Botschaft gewaltsam aufgeregt war,
so nahm sie auch den gegenwärtigen Fall heftiger auf als sie sonst getan haben
würde, sie glaubte eine ihrer Schwestern von einem Barbaren misshandelt, die
Wange glühte ihr vor Unwillen und ihre Stimme zitterte, so dass Teobald, der
diese Ausbrüche an ihr fürchtete, sie sanft bei der Hand nahm und beiseite
führte.
    Raymund hatte, wie ernst es mit den Vorwürfen besonders der Frauenzimmer
gemeint sei, gar nicht bemerkt, weil es ihm in der Gesellschaft durchaus an
allem Takte gebrach. Sein unruhiger von einem aufs andere springender Sinn war
schon ganz anderswo mit den Gedanken, während man ihn über seinen Fehler
nachdenklich gemacht und fast verletzt zu haben meinte. Er blickte durch den
Tubus in die Ferne und schüttelte zuweilen mit dem Kopf; auf einmal stampft er
heftig auf den Boden. »Ums Himmels willen, was ist Ihnen?« fragte der Oberst.
»Nichts!« lachte Raymund, aus seinem Traum erwachend, »es ist nur so verflucht,
dass ich die Jette jetzt nicht da haben soll! sie nicht am Schopfe fassen kann
und recht derb abküssen! Sehn Sie, lieber Oberst, eigentlich ist's nur die
Unmöglichkeit, was mich foltert, die plumpe, physische Unmöglichkeit, dass der
einfältige Raum, der zwischen zweien Menschen liegt, nicht urplötzlich
verschwindet, wenn einer den Willen recht gründlich hat, dass dies Gesetz nicht
fällt, wenn auch mein Geist mit allem Verlangen sich dagegen stemmt! Ist so was
nicht, um sich die Haare auszuraufen und mit beiden Füssen wider sich selber zu
rennen? Wie dort der Berg, der Mollkopf, glotzt und prahlt, recht dreist die
Fäuste in die Wampen presst, dass er so breit sei!« Hier schlug Raymund ein
schallendes Gelächter auf, machte einen Satz in die Höhe und sprang wie toll den
Abhang hinunter.
    »Nun ja, Gott steh uns bei! so etwas ist noch nicht erhört!« hiess es mit
einem Munde. Aber Nolten nahm sich des Bildhauers mit Wärme an; er schilderte
ihn als einen unverbesserlichen Naturmenschen, als einen Mann, der seine Kräfte
fühle, und übrigens von aller Tücke, wie von Affektation gleich weit entfernt
sei, und wirklich gelang es ihm durch einige auffallende Anekdoten von der
Herzensgüte seiner Sansfaçon die Gesellschaft so weit auszusöhnen, dass man
zuletzt nur noch lächelnd die Köpfe schüttelte. Alle gesellige Lust flammte noch
einmal auf; man sprach nun erst recht kordial von Noltens und Agnesens Zukunft;
der Bildhauer hatte sich auch wiedereingefunden, unvermerkt verflossen ein paar
Stunden und einige Stimmen erinnerten endlich nur leise an den Heimweg. Die
Sonne neigte sich zum Untergang. Das herrlichste Abendrot entbrannte am Himmel
und das Gespräch verstummte nach und nach in der Betrachtung dieses Schauspiels.
Agnes lehnt mit dem Haupt an der Brust des Geliebten, und wie die Blicke beider
beruhigt in der Glut des Horizonts versinken, ist ihm, als feire die Natur die
endliche Verklärung seines Schicksals. Er drückt Agnesen fester an sein Herz; er
sieht sich mit ihr auf eine Höhe des Lebens gehoben, über welche hinaus ihm kein
Glück weiter möglich scheint. Wie nun in solche Momente sich gern ein leichter
Aberglaube spielend mischt, so geschah es auch hier, als der helle Doppelstrahl,
der von dem Mittelpunkt des roten Luftgewebes ausging, sich nach und nach in
vier zerteilte. Was lag, wenn man hier deuten wollte, der Hoffnung unseres
Freundes näher, als einen Teil des wonnevoll gespaltnen Lichts auf zwei
geliebte, weit entfernte Gestalten fallen zu lassen, deren wehmütige Erinnerung
sich jeden Abend einige Male bei ihm gemeldet hatte. Allein wie sonderbar, wie
schmerzlich muss er es eben jetzt empfinden, dass er dem treusten Kinde, das hier
in seinen Armen geschmiegt mit leisen Küssen seine Hand bedeckte, und dann ein
Auge aller Himmel voll, gegen ihn aufrichtete - nunmehr nicht seinen ganzen
Busen öffnen durfte! Er musste den Kreis seines Glücks, seiner Wünsche im stillen
für sich abschliessen und segnen, doch in die Mitte desselben darf er Agnesen als
schützenden Engel aufstellen.
    Die übrigen waren aufgestanden, man wollte gehen. Teobald trennte sich
schwer von diesem glücklichen Orte, noch einmal überblickt' er die Runde der
Landschaft und schied dann mit völlig befriedigter Seele.
    Alsbald bewegte sich der Zug munter den Hügel hinab. Am Wäldchen wurde nicht
versäumt, das Echo wieder anzurufen Raymund brachte allerlei wilde Tierstimmen
hervor und stellte mit Hussa-Ruf und Hundegekläff das Toben einer Jagd
vollkommen dar; die Frauenzimmer sangen manches Lied, und gemächlich erreicht
man das Pfarrhaus, wo die von Neuburg sich sogleich zum Abschied wenden wollen,
trotz den Vorstellungen des Pfarrers, der einen Plan, die sämtlichen Gäste diese
Nacht in Halmedorf unterzubringen, komisch genug vorlegte. Raymund schloss sich
der Partie des Malers an, um morgen von Neuburg aus weiterzureisen. Wenigstens
müsse man den Mond noch abwarten, meinte Amandus, und er wollte seine Kalesche,
ein uraltes aber höchst bequemes Familienerbstück, inzwischen parat halten
lassen. So verweilte man sich aufs neue; den Männern schien erst jetzt der Wein
recht zu schmecken, und Nolten selbst überschritt sein gewöhnliches Ziel.
Währenddem hat der Himmel sich umzogen, es wurde völlig Nacht, und Agnes, von
seltsamer Unruhe befallen, liess mit Bitten und Treiben nicht nach, bis man
endlich zum letzten Wort gekommen war und die beschwerte Kutsche vom Haus
wegrollte. Raymund ritt vor den Pferden her und kaum hatten sie das Dorf im
Rücken, so fing er herzhaft an zu singen. Er nahm in seinem frohen Übermut dem
Bauernburschen, der nebenher leuchtete, die beiden Fackeln ab und schwang sie
rechts und links in weiten Kreisen, indem er sich an den wunderlichen Schatten
höchlich ergötzte, die er durch verschiedene Bewegung der Brände in eine
riesenhafte Länge, bald vor-, bald rückwärts, schleudern konnte. Sooft es anging
kam er an den Schlag und brachte die Gesellschaft durch allerlei phantastische
Vergleichungen über seine Reiterfigur zum innigen Lachen. Er war wirklich höchst
liebenswürdig in dieser Laune, selbst Agnes liess ihm Gerechtigkeit widerfahren.
Der Maler wetteiferte mit ihm, teils schauerliche, teils liebliche Märchen aus
dem Stegreife zu erzählen, wobei sich Teobald ganz unerschöpflich zeigte. Als
sie im Wald an einer öden Strecke Ried vorüberkamen, hiess es, hier sei vor
vielen hundert Jahren das Herz eines Zauberers nach dessen Tode in die Erde
gegraben worden, das dann, zum schwarzen Moos verwachsen, als ein unendliches
Gespinst rings unterm Boden fortgewuchert habe. Daraus wäre von dem Riesen
Flömer eine unermessliche Strickleiter gemacht worden, die er gegen den halben
Mond geworfen; das eine Ende sei mit der Schleife am silbernen Horne hängen
blieben und nun sei der Riese triumphierend zum Himmel hinaufgeklettert. Agnes
erinnerte, im Gegensatz zu solchen Ungeheuern, an eine kleine anmutige
Elfengeschichte, die Nolten als Knabe ihr vorgemacht hatte, und so gab jedes
einen Beitrag her; auch die drei andern jungen Leute blieben nicht zurück,
vielmehr diese trauliche Dunkelheit schien sie nun erst mehr aufzuwecken. Der
Bildhauer fand den Gedanken Noltens, dass, um die romantische Fahrt vollkommen zu
machen, Raymund notwendig Henrietten auf seinem Rappen hinter sich haben sollte,
ganz zum Entzücken, und sogleich fing er an, die sämtlichen Balladen, welche von
nächtlichen Entführungen, Gespensterbräuten usw. handeln, mit Patos zu
rezitieren. Nun war es aber für unsre beiden Liebenden der süsseste Genuss,
zwischen alle diesen Spielen einer unstet umherflackernden Einbildung auf
Augenblicke heimlich im stilleren Herzen einzukehren und die Gedanken auf das
Bild der nächsten reizenden Zukunft zu richten, sich einander mit einem halben
Wort ins Ohr, mit einem Händedruck zu sagen, wie man sich fühle, was eines am
andern besitze, wieviel man sich erst künftig noch zu werden hoffe.
    Schon eine Zeitlang hatte Raymund von ferne ein Fuhrwerk zu hören geglaubt;
es kam jetzt näher und eine Laterne lief mit. Es war der Wagen des Barons. Der
Herr Förster schicke ihn entgegen, sagte der Knecht mit einem Tone, der eine
schlimme Nachricht fürchten liess. Der gnädige Herr, hiess es, sei schnell
dahingefallen, von einem Nervenschlag spreche der Arzt, vor zwei Stunden habe
man ihm auf das Ende gewartet, sie möchten eilen, um ihn noch am Leben zu sehn.
Welche Bestürzung! welche Verwandlung der frohen Gemüter! Schnell wurden die
Wagen gewechselt, der eine fuhr zurück, der andre eilte Neuburg zu.
    Der Baron erkannte bereits den Maler nicht mehr, er lag wie schlummernd mit
hastigem Atem. Teobald kam nicht von seinem Bette, er und die einzige Schwester
des Sterbenden, eine achtungswürdige Matrone, und ein alter Kammerdiener waren
zugegen, als der verehrte Greis gegen Morgen verschied.
So hatte Nolten einen andern Vater, es hatte der Förster den würdigsten Freund
verloren; ja dieser durch und durch erschütterte Mann, da ihm zugleich ein neues
Glück in seinen Kindern tröstlich aufgegangen war, gewann doch seinem ersten
Schmerzgefühl kaum so viel ab, als billig schien, um, wie es sonst in seiner
frommen Art gewesen wäre, dankbar und laut eine Wohltat zu preisen, die ihm der
Himmel mit der einen Hand als reichlichen Ersatz nicht minder unerwartet
schenkte, als er ihm unerwartet mit der andern ein teures Gut entrissen hatte.
    Was Teobald betrifft, so war ein solcher Verlust für ihn noch von
besonderer Bedeutung. Wenn uns unvermutet eine Person wegstirbt, deren innige
und verständige Teilnahme uns von Jugend an begleitete, deren ununterbrochene
Neigung uns gleichsam eine stille Bürgschaft für ein dauerndes Wohlergehn
geworden war, so ist es immer, als stockte plötzlich unser eignes Leben, als sei
im Gangwerk unseres Schicksals ein Rad gebrochen, das, ob es gleich auf seinem
Platze beinah entbehrlich scheinen konnte, nun durch den Stillestand des Ganzen
erst seine wahre Bedeutung verriete. Wenn aber gar der Fall eintritt, dass sich
ein solches Auge schliesst, indem uns eben die wichtigste Lebensepoche sich
öffnet, und ehe den Freund die frohe Nachricht noch erreichen konnte, so will
der Mut uns gänzlich fehlen, eine Bahn zu beschreiten, welche des besten Segens
zu ermangeln, uns fremd und traurig anzublicken scheint.
    Wer dieser trüben Stimmung Teobalds am wenigsten aufhelfen konnte, war
Agnes selbst, deren Benehmen in der Tat den sonderbarsten Anblick darbot. Sie
war seit gestern wie verstummt, sie liess die andern reden, klagen oder trösten,
liess um sich her geschehen was da wollte, eben als ginge sie's am wenigsten an,
als werde sie nicht von dieser allgemeinen Trauer, sondern von etwas ganz
anderem bewegt. Sie kämpfte mit Erhebung gegen ein Gefühl, das sie mit niemand
teilen zu können schien. Dann wieder war ihr Wesen auf einmal feierlich gehoben;
sie griff die gewöhnlichen häuslichen Geschäfte mit aller äussern Ruhe an, wie
sonst, aber nur der Körper, nicht der Geist, schien gegenwärtig zu sein. Auf
mitleidiges Zudringen des Bräutigams und Vaters bekannte sie zuletzt, dass eine
unerklärliche Angst seit gestern an ihr sei, ein unbekannter Drang, der ihr
Brust und Kehle zuschnüre. »Ich seh euch alle weinen«, rief sie aus, »und mir
ist es nicht möglich. Ach Teobald, ach Vater, was für ein Zustand ist doch das!
Mir ist, als würde jede andere Empfindung von dieser einzigen, von dieser
Feuerpein der Angst verzehrt. O wenn es wahr wäre, dass ich meine Tränen auf
grösseres Unglück aufsparen soll, das erst im Anzug ist!« Sie hatte dieses noch
nicht ausgesagt, als sie in das fürchterlichste Weinen ausbrach, worauf sie sich
auch bald erleichtert fühlte. Sie ging allein ins Gärtchen, und als Teobald
nach einer Weile sie dort aufsuchte, kam sie ihm mit einer weichen Heiterkeit
auf dem Gesicht, nur ungewöhnlich blass, entgegen. Der Maler im stillen war über
ihre Schönheit verwundert, die er vollkommener nie gesehen hatte. Sie fing
gleich an, jene traurigen Ahnungen zu widerrufen, und nannte es sündhafte
Schwäche, dergleichen bösen Zweifeln nachzugeben, die man durch aufrichtiges
Gebet jederzeit am sichersten loswerde, und es sei auch gewiss das letzte Mal,
dass Nolten sie so kindisch gesehen. Mit der natürlichen Beredsamkeit eines
frommen Gemüts empfahl sie ihm Vertrauen auf Gottes Macht und Liebe, von welcher
sie nach solcher Anfechtung nur um so freudigeres Zeugnis in ihrem Innersten
empfangen habe. - So wahr ihr auch dies alles aus dem Herzen floss, so wich sie
Noltens Fragen, was denn eigentlich der Grund jenes Verzagens gewesen sei, mit
einiger Unruhe aus. Sie glaubte ihn mit dem Bekenntnisse verschonen zu müssen,
dass, als sie gestern den Brief des Hofrats gelesen, ihre Freude hierüber auf der
Stelle mit einer dunkeln Furcht vor diesem Glück, vielleicht gerade weil es ihr
zu gross gedeucht, seltsam gemischt gewesen war.
    Den folgenden Tag war die Beisetzung des Barons. Alle, auch Agnes, die ihm
die Totenkrone flocht, hatten ihn noch im Sarge gesehen, und einen durchaus
reinen und erhebenden Eindruck von seinem Liebe-Bild zurückbehalten. Raymund,
mit einem dankbaren Schreiben Teobalds an den Hofrat, war zeitig
weitergegangen. Zur festgesetzten Zeit wollten beide Künstler sich an dem neuen
Orte ihrer Bestimmung fröhlicher wieder begrüssen, als sie sich jetzo trennten.
    Zunächst nun folgte in dem Forstaus eine stille, doch wohltätige
Trauerwoche. In traulichen, öfters bis tief in die Nacht fortgesetzten
Gesprächen vergegenwärtigte man sich die eigentümliche Sinnesart des
Verstorbenen auf alle Weise. Erinnerungen aus frühester und neuester Zeit traten
hervor. Entwürfe eines Denkmals, das Grab des Toten einfach und edel zu zieren
wurden verschiedentlich versucht, Umrisse der freundlichen Gesichtsbildung
wurden gezeichnet, nach Ansicht eines jeden sorgfältig verändert und wieder
gezeichnet. Jetzt langten Noltens Effekten an. Er fand unter seinen Papieren
eine Sammlung älterer Briefe des Barons (denn in dem letzten Jahre schrieb er
fast nichts mehr, und alle Verbindung zwischen ihm und dem Maler war nur
gelegentlich durch das Forstaus). Meistens fiel diese Korrespondenz in die Zeit
da sich Teobald in Rom aufhielt, man bekam die Gegenblätter vollständig aus dem
Nachlasse des Barons zusammen und sie gewährten jetzt eine ebenso lehrreiche als
erbauliche Unterhaltung.
    Von einem solchen, dem teuren Abgeschiedenen mit frommer Neigung gewidmeten
Andenken war dann der Übergang zum lebendigen Genusse der Gegenwart in jedem
Augenblicke leicht gefunden. Grössere und kleinere Spaziergänge, Besuche aus der
Nachbarschaft erwidert, hundert kleine Beschäftigungen in Haus und Feld und
Garten wechselten ab, die Tage schnell und harmlos abzuspinnen. Nolten versäumte
dabei nicht, wenn von der grossen Veränderung die Rede war, die ihm und den
Seinigen bevorstand, gelegentlich einen Plan erst nur entfernterweise und wie im
Scherze blicken zu lassen, womit er aber eines Abends, als alle drei beim
traulichen Lichte versammelt sassen, ernstaft hervortrat und den Vater wie
Agnesen nicht wenig überraschte. Er sei entschlossen, sagte er, seinen künftigen
Wohnort auf einem kleinen Umweg über einige sehenswerte Städte Deutschlands zu
erreichen, und nicht nur die Geliebte werde ihn begleiten, sondern, wie er halb
hoffe, auch der Vater, den er auf jeden Fall als bleibenden Genossen seines
künftigen Hauses schon längst im stillen angesehn und nunmehr, von Agnesen
unterstützt, um seine Einwilligung herzlich und kindlich bitte. Gerührt
versprach der Alte, der Sache nachzudenken; »was aber«, setzte er hinzu, »diese
nächste Reise betrifft, so taugt ein alter gebrechlicher Kamerade wie ich zu
dergleichen Seitensprüngen nicht mehr. Und überdies« (er hatte die Landkarte auf
dem Tisch ausgebreitet) »so ganz unbeträchtlich find ich den Umweg des Herrn
Sohns eben nicht. Sehn Sie, dies Dreieck, man mag es nehmen wie man will, macht
immer einen ziemlich spitzen Winkel hier bei P*, wo Sie dann gegen Norden lenken
wollten. Nein, liebe Kinder, vorderhand bleib ich hier. Euch so lange
hinzusperren, bis ich Haus und Hof beschickt und abgegeben hätte, wäre unsinnig,
und doch muss man sich zu so etwas Zeit nehmen können; dass ich aber für jetzt nur
abbräche, um wiederzukommen und dann die Sachen in Ordnung zu bringen, wäre
womöglich noch ungeschickter. Kommt ihr nur erst an Ort und Stelle an, wir
wollen sehen, was sich dann weiter schickt und ob es Gottes Wille ist, dass ich
euch folge.«
    Agnes konnte dem Vater nicht Unrecht geben; am liebsten freilich hätte sie
Teobalden jenen Nebenplan ausreden mögen, der ihr und, wie sie wohl bemerkte,
noch mehr dem Vater, der bedeutenden Kosten wegen, bedenklich vorkam. Sie hielt
auch diese Einwendung nicht ganz zurück, doch da man sah, wie vielen Wert der
Maler auf die Sache legte, so dachte man sie ihm nicht zu verkümmern. Man fing
also zu rechnen an, und Teobald erklärte, dass er, so günstig wie nunmehr die
Dinge für ihn lägen, eine Schuld ohne Gefahr aufnehmen könne, ja er gestand, er
habe dies Geschäft schon abgetan und bereits die Wechsel in Händen. Dies gab ihm
einen kleinen Zank, doch musste man es ihm wohl gelten lassen.
    Nun aber kam ganz unvermeidlich die Hochzeit zur Sprache. Es war ein Punkt,
der diese letzten Tage her Agnesen im stillen vieles mochte zu schaffen gemacht
haben; sie fasste sich daher ein Herz und fing von selbst davon zu reden an,
jedoch nur um zu bitten, dass man damit nicht eilen, dass man diesen und den
nächsten Monat noch abwarten möge. »Was soll das heissen?« rief der Vater und
traute seinen Ohren kaum. »Wir reisen ja die nächste Woche schon, mein Kind!«
rief Nolten. Das hindere nichts, behauptete Agnes; sie müssten sich ja nicht
notwendig im Lande trauen lassen, was ihr freilich, an sich betrachtet, ungleich
lieber wäre, es könne aber auch in W* geschehn (dies war der Ort, wo sie sich
niederlassen sollten), und noch besser in H* (hier lebte ein naher Verwandter
des Försters und die Reisenden mussten das Städtchen passieren, das nur wenige
Meilen von W* gelegen war); dort würden sie in einer festzusetzenden Woche mit
dem Vater zusammentreffen, und so alle miteinander aufziehn. - Der Alte hielt
seinen Verdruss noch an sich, um erst die Gründe der Tochter zu hören, allein da
diese rein innerlich, dem guten Mädchen selber nicht ganz klar und überhaupt gar
nicht geeignet waren, eine gemein verständige Prüfung auszuhalten, so geriet der
Vater in Hitze und es kam zu einem Auftritt, den wir dem Leser gern ersparen.
Genug, der Förster, nachdem er seine Meinung über solchen Eigensinn mit
Bitterkeit von sich geschüttet hatte, verliess ganz ausser sich das Zimmer. Die
Arme warf sich voller Schmerz aufs Bette, und Teobald, dem sie nur rückwärts
ihre Hand hinlieh, sass lange schweigend neben ihr. Sie wurde ruhiger, sie rührte
sich nicht mehr, ein leiser Schlaf umdämmerte ihre Sinne.
    Unserem Freunde drangen sich in dieser stummen sonderbaren Lage verschiedene
Betrachtungen auf, die er seit jenem Morgen, an dem er die Geliebte von neuem an
sein Herz empfing, nimmermehr für möglich gehalten hätte, doch jetzt, wer möchte
ihm verargen, wenn ihn der Zweifel überschlich, ob denn das Rätselwesen, das
hier trostlos vor seinen Augen lag, dazu bestimmt sein könne, durch ihn
glücklich zu werden, oder ihm ein dauerndes Glück zu gründen, ob er es für ein
wünschenswertes und nicht vielmehr für ein höchst gewagtes Bündnis halten müsse,
wodurch er sich fürs ganze Leben an dies wunderbare Geschöpf gefesselt sähe?
Aber zu fragen brauchte er sich wenigstens das eine nicht: ob er sie wirklich
liebe, ob seine Neigung nicht etwa nur eine künstlich übertragene sei? vielmehr
durchdrang ihn das Gefühl derselben nie so vollglühend als eben jetzt. Er dachte
weiter nach und musste finden, dass eben jene dunkle Klippe, woran Agnesens sonst
so gleichgewiegtes Leben zum erstenmal sich brach, dieselbe sei, nach der auch
sein Magnet von früh an unablässig strebte, ja dass (man gönne uns immer das
Gleichnis) die schlimme Zauberblume, worin des Mädchens Geist zuerst mit
unheilvollen Ahnungen sich berauschte, nur auf dem Grund und Boden seines eignen
Schicksals aufgeschossen war. Notwendig daher und auf ewig ist er mit ihr
verbunden, Böses oder Gutes kann für sie beide nur in einer Schale gewogen sein.
    Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch
ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit
überschwenglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gotteit, deren
geweihtes Kind er sich empfindet. Er hätte eine Ewigkeit so sitzen können, nur
diese Schlafende neben sich, nur diese ruhige Kerze vor Augen. - Er neigt sich
über Agnes her und rührt mit leisen Lippen ihre Wange; sie schrickt zusammen und
starrt ihm lange ins Gesicht, bis sie sich endlich findet. Stillschweigend
treten beide ans offene Fenster, eine balsamische Luft haucht ihnen entgegen;
der volle Mond war eben aufgegangen und setzte die Gegend, das Gärtchen, ins
Licht. Sie deutet hinab, ob er noch einen Gang zu machen Lust hätte. Man
zauderte nicht. Der Vater war zu Bette gegangen, das ganze Dorf in Ruhe. Sie
wandelten den mittlern Weg vom Haus zur Laube, zwischen aufblühenden
Rosengehegen, Hand in Hand auf und nieder. Keins konnte die ersten Worte recht
finden. Er fing endlich damit an, den Vater zu entschuldigen, und rückte so dem
Gegenstand des Streites näher, um zu erfahren, woher ihr diese Scheu, dies
Widerstreben gegen ein so natürliches als erfreuliches Vorhaben kam, von dem sie
noch vor wenig Wochen mit aller Unbefangenheit, ja ganz im Sinn des echten
Mädchens gesprochen hatte, dem auch die äusseren Erfordernisse eines solchen
Tags, die Musterung und Wahl des Putzes, ein reizender Gegenstand der Sorgfalt
und der Mühe sind. Mit welcher Rührung hatte sie neulich (wir versäumten bis
jetzt, es zu erwähnen), mit welcher Bewunderung das schöne Angebinde der
unbekannten Freundinnen aus Teobalds Händen empfangen und gegen das schwarze
Festkleid gehalten! »Sieh«, sagte der Bräutigam jetzt, und streichelte ihr
freundlich Kinn und Wangen, indem sein Ton zwischen Wehmut und einer
ermutigenden Munterkeit wechselte, »dort schaut das Kirchlein her und tut wie
traurig dass es die Freude deines Tags nicht sehen soll! kannst du ihm seinen
Willen denn nicht tun? - Gewiss, Agnes, ich will dich nicht bestürmen: hier meine
Hand darauf, dass du mit keinem Wort, mit keiner unfreundlichen Miene, auch vom
Vater nicht, es künftig entgelten sollst, wenn du, was wir verlangen, nun einmal
nicht über dich vermöchtest, nur überleg es noch einmal. Ich will alles beiseite
setzen, was der Vater hauptsächlich für seine Absicht anführt, ich will davon
nichts sagen, dass es jedermann auffallen müsste, Stoff zu Vermutungen gäbe, und
dergleichen. Aber ob du der Heimat, in deren Schoss du deine frohe Jugend
lebtest, von der du nun für immer Abschied nimmst, ob du ihr dies Fest nicht
schuldig bist, worauf sie so gerne stolz sein möchte? Der Ort, das Haus, das
Tal, wo man erzogen wurde, dünkt uns von einem eigenen Engel behütet, der hier
zurückbleibt, indem wir uns in die weite Welt zerstreuen: es ist dies wenigstens
das liebste Bild für ein natürliches Gefühl in uns; bedenke nun, ob dieser
fromme Wächter deiner Kindheit dir's je verzeihen könnte, wenn du ihm nicht
vergönnen wolltest, dir noch den Kranz aufs Haupt zu setzen, dich auf der
Schwelle deines elterlichen Hauses mit seinem schönsten Segen zu entlassen. Es
hoffen alle deine Gespielen, jung und alt hofft dich vor dem Altar zu sehen, das
ganze Dorf hat die Augen auf dich gerichtet. Und darf ich noch mehr sagen?
Zweier Personen muss ich gedenken, die diesen Tag nicht mehr mit uns begehen
sollten, deine teure Mutter und unser kürzlich vollendeter Freund: ihr Gruss wird
uns an jenem Morgen schmerzlich fehlen, aber doch eine Spur ihres Wesens wird
uns an der Stätte begegnen, wo sie einst mit uns waren, von ihrer Ruhestätte
wird -«
    »Um Jesu willen, Teobald, nicht weiter!« ruft Agnes, ihrer nicht mehr
mächtig, und wirft sich schluchzend vor ihm auf die Kniee - »Du bringst mich um
- Es kann nicht sein - Erlasset mir's!« Bestürzt hebt er sie auf, liebkost,
beschwichtigt, tröstet sie: man sei ja weit entfernt, sagt er, ihrem Herzen
Gewalt anzutun, er habe sich nun überzeugt, wie unmöglich es ihr sei, auch liege
ja so sehr viel nicht an der Sache, er werde es dem Vater vorstellen, es werde
alles gut gehn. Sie kamen vor die Laube, sie musste sich setzen, ein schmaler
Streif des Mondes fiel durchs Gezweige auf ihr Gesicht und Teobald sah ihre
Tränen in hellen Tropfen fallen. Er solle die Reise allein machen, verlangte
sie, er solle wieder zurückkommen, indessen sei die Zeit vorüber, vor welcher
sie sich fürchte, dann wolle sie gern alles tun, was man wünsche und wo man es
wünsche. Auf die Frage, ob es also nicht die Reise selbst sei, was sie
beängstige, erwiderte sie: nein, sie könne nur das Gefühl nicht überwinden, als
ob ihr überhaupt in der nächsten Zeit etwas Besonderes bevorstünde - es warne
sie unaufhörlich etwas vor dieser schnellen Hochzeit. »Was aber dies Besondere
sei, das wüsstest du mir nicht zu sagen, liebes Herz?« Sie schwieg ein Weilchen
und gab dann zurück: »Wenn der Zeitpunkt vorüber ist, sollst du es erfahren.«
Nolten vermied nun, weiter davon zu reden. Er war weniger wegen irgend eines
bevorstehenden äussern Übels, als um das Gemüt des Mädchens besorgt; er nahm sich
vor, sie auf alle Art zu schonen und zu hüten. Was ihm aber eine solche Vorsicht
noch besonders nahelegte, war eine Äusserung Agnesens selbst. Nachdem nämlich das
Gespräch bereits wieder einen ruhigen und durch Teobalds leise, verständige
Behandlung, selbst einen heitern Ton angenommen hatte, gingen beide, da es schon
gegen Mitternacht war, ins Haus zurück. Sie zündete Licht für ihn an, und man
hatte sich schon gute Nacht gesagt, als sie seine Hand noch festielt, ihr
Gesicht an seinem Halse verbarg und kaum hörbar sagte: »Nicht wahr, das Weib
wird nimmer kommen?« »Welches?« fragt er betroffen. »Du weisst es«, erwiderte
sie, als getraue sie sich nicht, das Wort in den Mund zu nehmen. Es war das
erstemal, dass sie ihm gegenüber die Zigeunerin berührte. Er beruhigte sie mit
wenigen aber entschiedenen Worten.
    Auf seinem Zimmer angekommen untersucht er eifrig den Verschlag, worin unter
andern Malereien auch das fatale Bild vergraben war; eine augenblickliche
Besorgnis, die Kiste möchte aus Irrtum geöffnet worden sein, war durch Agnesens
Worte in ihm aufgestiegen; doch fand sich alles unversehrt.
    Den andern Morgen, noch ehe Agnes aufgestanden war, erzählte er die gestrige
Szene dem Vater, den er schon wider Erwarten milde gestimmt fand. Der Alte
gestand ihm, dass bald nachdem er die beiden verlassen, er etwas Ähnliches, wo
nicht noch Schlimmeres, zu befürchten angefangen habe, und seine Heftigkeit
bereue. Es bleibe nichts übrig, als man gebe nach; dass sie aber am Ende nicht
auch die Reise verweigere, müsse man ja vorbauen. - »Lass uns Frieden schliessen!«
sagte er beim Frühstück zu der Tochter und bot ihr die Wange zum Kuss; »ich habe
mir den Handel überschlafen, und es soll dir noch so hingehn; man muss eben auf
einen Vorwand denken, wegen der Leute. Aber soviel merk ich schon«, setzte er
scherzhaft gegen den Schwiegersohn hinzu, »der Pantoffel steht Ihnen gut an, von
der Bösen da.« Die Böse schämte sich ein wenig, und der Zwist war vergessen. Zu
der Reise liess sie sich willig finden und mit den Vorbereitungen ward noch heute
der Anfang gemacht. Zur erheiternden Begleitung wollte man unterwegs Nannetten,
Teobalds jüngste Schwester, aufnehmen, die er ohnedies vorderhand zu sich zu
nehmen entschlossen war.
Nunmehr überspringen wir einen Zeitraum von wenigen Wochen, in denen der Wagen
unsrer beiden Liebenden schon eine gute Strecke weit auf landfremden Wegen
fortgerollt sein mag. Man war um zwei muntere Augen vermehre und in der Tat um
so viel reicher geworden. Denn wenn das Glück eines Paares, welchem vergönnt
ist, auf unabhängige und bequeme Weise ein grösseres Stück Welt miteinander zu
sehen, schon an sich für den seligsten Gipfel des mit zarten Sorgen und Freuden
so vielfach durchflochtenen Brautstandes mit Recht gehalten wird, so gewinnt
diese glückliche Zweiheit gar sehr an herzinnigem Reiz durch das Hinzutreten
einer engbefreundeten jüngern Person, deren lebendige, mehr nach aussen
gerichtete Aufmerksamkeit den beiden die vorüberfliegende Welt in erhöhter
Wirklichkeit zuführt, und jene wortlose Beschaulichkeit, worein Liebende in
solcher Lage sich sonst so gerne einwiegen lassen, immer wieder wohltätig
aufschüttelt. Eine solche Ableitung nun war unserm Paare um so nötiger, als
gewisse schwere Stoffe auf dem Grunde der Gemüter, sowenig man es einander
eingestand, sich anfangs nicht sogleich zerteilen wollten. Diesen Vorteil aber
gewährte Nannettens Gegenwart vollkommen. Sowohl im Gefährte, wo sie sich mit
Konrad, dem Kutscher einem treuherzigen Burschen aus Neuburg, gleich auf den
lustigsten Fuss zu setzen wusste, als in den Gastöfen, wo sie die Eigenheiten der
Fremden genau zu beobachten, auf alle Gespräche zu horchen und die
Merkwürdigkeiten einer Stadt immer zuerst auszukundschaften pflegte - überall
zeigte sie eine rasche und praktische Beweglichkeit, und wo man hinkam, erwarb
sie sich durch ein ansprechendes Äussere, durch ihren naiven und schnellen
Verstand die charmantesten Lobsprüche. - Das Wetter, das in den ersten Tagen
meist Regen brachte, hatte sich gefasst und versprach beständig zu bleiben. So
langte man eines Abends ganz wohlgemut in einer ehemaligen Reichsstadt an, wo
übernachtet werden musste. Unsere Gesellschaft war in dem besten Gastofe
untergebracht, und während diese sich auf ihre Weise gütlich tut, möge der Leser
es nicht verschmähen, auf kurze Zeit an einer entfernten Trinkgesellschaft aus
der niedern Volksklasse teilzunehmen. Konrad hofft seine Rechnung dort besser
als an jedem andern Orte zu finden; man hat ihn auf ein grosses Brauereigebäude,
den Kapuzinerkeller, neugierig gemacht und er wird uns den Weg dahin zeigen.
    Es lag der genannte Keller in einem ziemlich düstern und schmutzigen Winkel
der Altstadt und bildete den Schluss einer Sackgasse, die meist von Küfern,
Gerbern und dergleichen bewohnt ward. Konrad sitzt in dem vordern allgemeinen
Trinkzimmer, hart an der offnen Tür einer Nebenstube, der er seine ganze
Aufmerksamkeit schenkt. Dort hat nämlich ein Zirkel von fünf bis sechs
regelmässigen Gästen seinen Tisch, dessen schmale Seite von einem
breitschultrigen Manne mit pockennarbigem Gesicht besetzt ist, einem
aufgeweckten und, wie es scheint, etwas verwilderten Burschen. Aus seinen
kleinen schwarzen Augen blitzte die helle Spottlustigkeit, eine zu allerlei
Sprüngen und Possen aufgelegte Einbildungskraft. Er trug seine Scherze übrigens
mit trockener Miene vor, und machte die Seele der Gesellschaft aus. Man nannte
ihn den Büchsenmacher, auch wohl Stelzfuss, denn er hatte ein hölzernes Bein.
Zwei Mann unter ihm sass ein Mensch von etwa sechsunddreissig Jahren. Es war keine
besonders feine Beobachtungsgabe nötig, um in dieser Gestalt, diesem Kopfe etwas
Bedeutenderes und durchaus Edleres zu entdecken, als man sonst in einem solchen
Kreis erwarten würde. Ein schmales, ziemlich verwittertes und tiefgefurchtes
Gesicht, das unstete feurige Auge, eine leidenschaftliche Hast in den
anständigen Bewegungen zeugten offenbar von ungewöhnlichen Stürmen, die der Mann
im Leben mochte erfahren haben. Er sprach wenig, sah meist zerstreut vor sich
nieder, und doch, je nachdem ihm die Laune ankam, konnte er an Einfällen den
Stelzfuss sogar überbieten, nur dass dies immer auf eine feinere Weise geschah,
und ohne sich das geringste zu vergeben. Alle betrachteten ihn mit auffallender
Distinktion, ja mit einer gewissen Scheu, obgleich er nur Joseph, der Tischler,
hiess. Ihm gegenüber hatte ein jüngerer Geselle, namens Perse, ein Goldarbeiter,
sein Glas stehen. Es war der einzige, mit dem Joseph auch ausserhalb dem
Wirtshaus einigen Umgang pflegen mochte. Von den übrigen wüssten wir nichts
weiter zu sagen, als dass es aufgeweckte Leute und ehrbare Handwerker waren.
    »Mir fehlt heut etwas«, sagte der Büchsenmacher, »ich weiss nicht was. Ich
hab das Licht nun schon viermal hintereinander geputzt, in der Meinung, derweil
ein frisches Trumm in meinem Kopf zu finden, denn euer einerlei Geschwätz da von
Meistern, Kunden, Herrschaften ist mir ganz und gar zum Ekel, ich weiss von
diesem Quark lange nichts mehr und will vorderhand auch nichts davon hören. Die
Lichtputze noch einmal! und jetzt was Neues, ihr Herrn! Mir schnurrt eine Grille
im Oberhaus. Es wäre nicht übel, der Mensch hätte für seinen Kopf, wenn der
Docht zu lang wird, auch so eine Gattung Instrumente oder Vorrichtung am Ohr, um
sich wieder einen frischen Gedankenansatz zu geben. Zwar hat man mir schon in
der Schule versichert, dass seit Erfindung der Ohrfeigen in diesem Punkte nichts
mehr zu wünschen übrig sei; das mag vielleicht für junge Köpfe gelten, aber ich
bin bald vierzig; nur in diesem köstlichen Öl, ich meine diesen goldnen Trank
aus Malz und Hopfen, find ich ein kleines Surrogat für -«
    »Spass beiseit!« rief Perse ihn unterbrechend, »ich kann mir überhaupt nicht
denken, Lörmer, wie dir's nur eine Stunde wohl sein mag bei dem unnützen Leben,
das du in den zwei Monaten führst, seit du Hamburg verlassen hast. Bei Gott, ich
wollt dich schon mehrmals auf dies Kapitel bringen und dir zureden, denn mich
dauert's in der Seele, wenn sie davon erzählen, wie du ein geschickter Arbeiter
gewesen, wie du Grütz und Gaben hättest, dich den ersten Meistern in deinem
Fache gleichzustellen und dein Glück zu machen auf Zeitlebens - und nun! sich
hier auf die faule Haut legen, höchstens um Taglohn für Hungersterben da und
dort ein Stück Arbeit annehmen in einer fremden Werkstatt und dich schlecht
bezahlen lassen für gute Ware, wie sie dem Geübtesten nicht aus der Hand geht!
Heisst das aber nicht gesündigt an dir selber? ist das nicht himmelschreiend?«
    Der Angeredete schaute verwundert auf über diese unerwartete Lektion und
lauerte einigermassen beschämt nach Joseph hinüber, als wollte er dessen Gedanken
belauschen; aber dieser traf ihn mit einem finstern, bedeutungsvollen Blick,
wobei sich die übrigen allerlei zu denken schienen.
    »Was?« nahm Perse wieder das Wort, »will dem Kerl niemand die Wahrheit
sagen? hat keiner das Herz, ihm den Leviten zu lesen, wie's recht ist? Redet
doch auch ihr andern!«
    »Redet nicht ihr andern!« entgegnete ernstaft der Büchsenmacher; »das ist,
hol mich der Teufel, kein Text für diesen Abend und für die Schenke, wo man
Fried haben will. Ich sag euch, und das ist mein letzt Wort in der Sache: gar
gut weiss ich, woran ich bin mit mir selber, und soviel ist auch gewiss, wenn ich
will hat dies tolle Leben ein End über Nacht. Der Lörmer wird sich vom Kopf bis
zum Fuss das alte Fell abziehen mit einemmal, wie man einen Handschuh abreisst.
Ihr sollt sehen. Lasst mich aber indes mit eurer Predigt in Ruh, sie richtet in
zwei Jahren nicht aus, was der ungefähre Windstoss eines frischen Augenblicks bei
mir aufjagt. - Muss aber heut ja von Lumperei die Rede sein, so will ich euch
und« - hiemit nahm der Sprecher plötzlich seine wohlbehagliche, muntere Haltung
wieder an - »will ich euch ein Rätsel vorlegen in betreff eines Lumpen, der sich
auf unbegreifliche Weise innerhalb vierundzwanzig Stunden zum flotten Mann
poussiert hat, und zwar ist es einer aus unserer Gesellschaft.« »Wie? Was?«
riefen einige. »Ohne Zweifel«, erwiderte der Büchsenmacher; »er befindet sich
zwar gegenwärtig nicht unter uns und schon mehrere Tage nicht, aber er rechnet
sich zur Kompanie, er versprach heute zu kommen, und es wäre unbarmherzig, wenn
ihr ihn nicht wenigstens als Anhängsel, als ein Schwänzchen von mir wolltet
mitzählen lassen.« »Ah!« rief man lachend, »die Figur! die Figur! er meint die
Figur!«
    »Allerdings«, fuhr der andere fort, »ich meine das spindeldünne
bleichsüchtige Wesen, das mir von Hamburg an, ungebetenerweise und ohne
vorausgegangene genauere Bekanntschaft hieher folgte, um, wie er sagte, in
meinen Armen den Tod seines unvergesslichen Freundes und Bruders, des
Buchdruckers Murschel, zu beweinen. Nun wisst ihr, ich bewohne seit einiger Zeit
mit diesem zärtlichen Barbier, Sigismund Wispeln, eine Stube, er isst mit mir und
ich teile aus christlicher Milde alles mit ihm bis auf das Bett, das ich mir aus
billigen Gründen allein vorbehalten. Man hat aber keinen Begriff, was ich für
ein Leiden mit dieser Gesellschaft habe. Schon sein blosser Anblick kann einen
alterieren. Eine Menge kurioser Angewohnheiten, eine unermüdliche Sorgfalt,
seine Milbenhaut zu reiben und zu hätscheln, seine rötlichen Haare mit allerlei
gemeinem Fette zu beträufeln, seine Nägel bis aufs Blut zu schneiden und zu
schaben - ich bekomme Gichter beim blossen Gedanken! und wenn er nun die Lippen
so süss zuspjetzt und mit den Augen blinzt, weil er, wie er zu sagen pflegt, an
der Wimper kränkelt, oder wenn er sich mit den tausend Liebkosungen und Gesten
an mich anschmiegt, da dreht sich der Magen in mir um und ich hab ihn wegen
dieser Freundschaftsbezeugungen mehr als einmal wie einen Flederwisch an die
Wand fliegen lassen. Nun ging ich neulich damit um, mir das Geschöpf mit guter
Art vom Hals zu schaffen. Vielleicht ist euch nicht unbekannt, dass der Kerl an
Händ und Füssen, besonders aber zwischen den Zehen, wirkliche Schwimmhäute hat,
auch lebe ich der festen Überzeugung, man würde aus seinen Gliedmassen lauter
schmale Stäbe von Fischbein, statt der Knochen, ziehen und überhaupt die
wunderbarsten Dinge bei ihm entdecken. Mein Rat war also, sich zuvörderst von
einem Professor besichtigen und dann dem Fürsten empfehlen zu lassen, vor allen
Dingen aber sich aus meinem Logis zu verlegen. Dieser mein Vorschlag kam
freilich etwas unerwartet, und ich musste ihm schon einige Tage Zeit gönnen, um
sich zu fassen. Gestern morgen aber stand er ungewöhnlich früh vom Bette auf;
ich lag noch halbschlafend mit geschlossenen Augen, musste aber im Geist jede
Gebärde verfolgen, die der Widerwart während des Ankleidens machte, jede Miene,
nein, ich sage passender, jeden Gesichtsschnörkel, der sich während des Waschens
zwanzig- und dreissigfältig bei ihm formierte Jetzt griff er nach seinem
ordinären Frühstück, einem vollen Glas mit kaltem Brunnenwasser, jetzt hört ich
ihn seine beinernen Finger auf den Tisch setzen und knackend abdrucken, dass die
Wände gellten, das gewöhnliche Manöver, wodurch er mich zum Erwachen, zum
Gespräch zu bringen sucht, und Guten Morgen, Bruder! wie schlief sich's lispelt
er, aber ich rühre mich nicht. Er wiederholt den Gruss noch einigemal, ohne
Erfolg; endlich fühle ich meine Nase zärtlich von zwei eiskalten Fingerspitzen
gehalten, ich fahre auf und der Freund hat eben noch Zeit, sich meinem Zorn
durch eine schnelle Ausbeugung zu entziehen. Allein wie gross war mein Erstaunen,
als ich den Hundsfott im neuen schwarzen Frack, mit neumodisch hoher Halsbinde
und süperbem Hemdstrich in der Ecke stehen sah. Die mir wohlbekannte verblichene
Hose aus Nanking und die abgenutzten Schuhe zeugten zwar noch von gestern und
ehegestern, aber die übrige Pracht, woher kam sie an solchen Schuft? Gestohlen
oder entlehnt waren wenigstens die Kleider nicht, denn bald fand ich die
quittierten Rechnungen von Tuchhändler und Schneider mit Stecknadeln wie
Schmetterlinge an das bekannte armselige Hütchen gesteckt, das naseweis von dem
hohen Bettstollen auf seinen veränderten Herrn blickte. Vergebens waren alle
meine Fragen über diese glücklich begonnene Besserung der Umstände meines
Tropfen; ich erhielt nur ein geheimnisvolles Lächeln und noch heute ist mir das
Rätsel nicht gelöst. Der Schuft muss auch bare Münze haben; er sprach von einer
Schadloshaltung, von einem Kostgeld und dergleichen. Übrigens speist er, wie ich
höre, jetzt regelmässig im Goldenen Schwan. Nun! sagt mir, ist einer unter euch,
der mir beweist, es gehe so was mit natürlichen, oder doch ehrlichen Dingen zu?
Sagt, muss man den Menschen nicht in ein freundschaftliches Verhör nehmen, ehe
die Obrigkeit Verdacht schöpft und unsern Bruder einsteckt?«
    Man sprach, man riet, man lachte herüber und hinüber. Endlich nahm der
Stelzfuss das Wort wieder, indem er sagte: »Weil wir ohnedem jetzt an dem Kapitel
von den Mirakeln sind, so sollt ihr noch eine kleine Geschichte hören. Sie hat
sich erst heute zugetragen, steht aber hoffentlich in keinem Zusammenhang mit
der vorigen. Diesen Morgen kommt ein Jude zu mir, hat einen Sack unterm Arm und
fragt, ob ich nichts zu schachern hätte, er habe da einen guten Rock zu
verhandeln. Der Kerl muss die schwache Seite an dem meinigen entdeckt haben; das
verdross mich und ich war dem Spitzbuben ohnedies spinnefeind. Während ich also
im stillen überlege, auf was Art ich den Sünder am zweckmässigsten die Treppe
hinunterwerfe, fällt mir zufällig meine Taschenuhr ins Aug. Nun weiss ich nicht,
war es ein weichherziger Gedanke an meinen seligen Vater, von welchem mir das
Erbstück kam, oder was war es, dass ich plötzlich in mitleidige Gesinnungen
überging. Ich dachte, ein Jud ist doch gleichsam auch eine Kreatur Gottes und
dergleichen; kurz, ich nahm die Uhr höchst gerührt vom Nagel an meinem Bette,
besah sie noch einmal und fragte: was sie gelten soll? Der Schurke schlug sie
nun für ein wahres Spottgeld an und ich gab ihm einen Backenstreich, den schlug
er aber gar nicht an, und endlich wurden wir doch handelseinig.«
    Alles lachte über diese sonderbare Erzählung, nur dem Joseph schien sie im
stillen weh getan zu haben.
    »Wartet doch«, fuhr der Stelzfuss fort, »das Beste kommt noch. Ich ging mit
meinen zwei Talern, die ich ungesehn, wie Sündengeld in die Tasche steckte, aus
dem Haus, ohne recht zu wissen wohin. Soviel ist sicher, ich langte endlich vor
dem besten Weinhaus an und nahm dort ein mässiges Frühstück zu mir. Da mir aber,
wie gesagt, ein Jude meinen Zeitweiser gestohlen, so wusst ich schlechterdings
nicht, woran ich eigentlich mit dem Tag sei; kurz, es wurde Abend, eh mir der
Kellner die letzte Flasche brachte. Ich gehe endlich heim, ich komme auf meiner
Kammer an und spaziere in der Dämmerung auf und ab; zuweilen blinzl' ich nach
dem leeren Nagel hinüber und pfeife dazu, wie einer, der kein gut Gewissen hat.
Auf einmal ist mir, es lasse sich etwas hören wie das Picken eines solchen
Dings, dergleichen ich heute eins verlor; ganz erschrocken spitz ich die Ohren.
Das tut wohl der Holzwurm in meinem Stelzfuss, denk ich, und stosse den Stelzen
gegen die Wand, wie immer geschieht, wenn mir's die Bestie drin zu arg macht.
Aber Pinke Pink, Pinke Pink, immerfort und zwar nur etliche Schritte von mir
weg. Bei meiner armen Seele, ich dacht einen Augenblick an den Geist meines
guten Vaters. Indessen kommt mir ein Päckel unter die Hand, ich reiss es auf und,
dass ich's kurz mache, da lag meine alte Genferin drin! Weiss nicht, wie mir dabei
zumut wurde; ich war ein veritabler Narr für Freuden, sprach französisch und
kalmukisch untereinander mit meiner Genferin, mir war, als hätten wir uns zehn
Jahre nicht gesehn. Jetzt fiel mir ein Zettel in die Finger, der - nun, das
gehört nicht zur Sache. Schaut, hier ist das gute Tier!« und hiemit legte er die
Uhr auf den Tisch.
    »Aber der Zettel?« fragte einer, »was stand darauf? wer schickte das Paket?«
- Der Büchsenmacher griff stillschweigend nach dem vollen Glas, drückte nach
einem guten Schluck martialisch die Lippen zusammen und sagte kopfschüttelnd:
»Weiss nicht, will's auch nicht wissen.« »Aber dein ist die Uhr wieder?« »Und
bleibt mein«, war die Antwort, »bis ins Grab, das schwör ich euch.«
    Während dieser Erzählung hatte Perse etlichemal einen pfiffigen Blick gegen
den Tischler hinüberlaufen lassen, und er und alle merkten wohl, dass Joseph der
unbekannte Wohltäter gewesen war.
    Jetzt hob der Büchsenmacher sachte seinen hölzernen Fuss in die Höhe und
legte ihn mitten auf den Tisch dabei sagte er mit angenommenem Ernst: »Seht,
meine Herren, da drinne haust ein Wurm; es ist meine Totenuhr hat der Bursche
das Holz durchgefressen und das Bein knackt einmal, eben wenn ich zum Exempel
über den Stadtgraben zu einem Schoppen Roten spaziere, so schlägt mein letztes
Stündlein. Das ist nun nicht anders zu machen, Freunde. Ich denke gar häufig an
meinen Stelzen, d.h. an den Tod, wie einem guten Christen ziemt. Er ist mein
Memento mori, wie der Lateiner zu sagen pflegt. So werden einst die Würmer auch
an euren fleischernen Stötzchen sich erlustigen. Prosit Mahlzeit, und euch ein
selig Ende! Aber wir gedenken bis dahin noch manchen Gang nach dem
Kapuzinerkeller zu tun und beim Heimgang über manchen Stein wegzustolpern,
bis das Stelzlein bricht, juhe!
bricht, juhe!
bis das Stelzlein bricht!«
So sang der Büchsenmacher mit einer Anwandlung von Roheit, die ihm sonst nicht
eigen war, und von einer desperaten Lustigkeit begeistert, womit er sich selbst,
noch mehr aber dem Joseph wehe tat. - Auf einmal schlug Lörmer den Fuss dreimal
so heftig auf das Tischblatt, dass alle Gläser zusammenfuhren, und zugleich
entstand ein helles Gelächter, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür,
und eine Figur trat ein, in welcher der elegante Barbier Wispel keineswegs zu
verkennen war.
    Er schwebte einigemal vornehm hüstelnd in der vordern Stube auf und ab,
strich sich den Titus vor dem Spiegel und schielte im Vorübergehen nach unserer
Gesellschaft.
    »O Span der Menschheit!« brummte Joseph leise in den Bart, denn Lörmer hatte
den andern gleich anfangs ein Zeichen gegeben, man müsse tun, als bemerke man
Sigismund gar nicht. Dieser liess sich indessen mit vieler Grazie an Konrads
Tisch nieder, wo er die Freunde auf vier Schritte im Aug hatte. Er nippte
zimpferlich aus einem Kelche Schnaps, warf wichtige Blicke umher, klimperte mit
dem Messer auf dem Teller und suchte sich auf alle Art bemerklich zu machen.
    »Habt ihr«, fing der Büchsenmacher gegen die andern gewendet an, »ei, habt
ihr von dem Joko, dem brasilianischen Affen, auch schon gehört, von dem wirklich
in allen Zeitungen steht?«
    »Ja«, erwiderte Joseph, »aber er soll sich flüchtig gemacht haben; man
vermutet, dass er einer Teatergarderobe ein und anderes entwendet, sich Gesicht
und Hände rasiert und so gänzlich unkennbar, beschlossen habe, sich die Welt ein
wenig zu mustern.«
    Diese Rede gab Wispeln Gelegenheit, über das bekannte Ballett ein
kunstverständiges Gespräch mit seinem nächsten Nachbar, dem Kutscher unserer
drei Reisenden, anzubinden. Konrad, die hochtrabenden Floskeln des Windbeutels
keineswegs zu erwidern imstande, nahm seinen ganzen Witz zusammen, ihn
seinerseits zum besten zu haben, woran denn die Gesellschaft ihren köstlichen
Spass hatte. Je länger aber der Kutscher sich seinen Mann betrachtet, desto mehr
kommt ihm vor, als hätte er den Menschen schon irgendwo gesehen, ja zuletzt geht
ihm wirklich ein Licht auf: zu Neuburg selbst war es gewesen, wo Nolten vor drei
Jahren diesen Wicht als dienendes Subjekt bei sich gehabt. Kaum hat ihm Konrad
seinen Gedanken zugeraunt und etwas von der Anwesenheit seines ehemaligen Herrn
fallenlassen, so springt Wispel wie besessen auf, nimmt Hut und Stock, und
fliegt, über Stühle und Bänke wegsetzend, davon, indem der Kutscher ihm ebenso
flugfertig auf dem Fusse nachfolgt, eh die verblüffte Gesellschaft nur fragen
kann, was der tolle Auftritt bedeute.
    Eben kommt Konrad noch zu der erstaunlichen Szene, wo Wispel sich dem Maler
zu erkennen gegeben hat. Dieser sass eben mit den beiden Mädchen auf seinem
Zimmer beim Nachtessen und jedes ergötzte sich nun von ganzem Herzen an dieser
lächerlichen Erscheinung. »Aber«, fängt der Barbier nach einer Weile mit
geheimnisvoller Preziosität zu lispeln an, »wenn mich nicht alles trügt, so war
Ihnen, mein Wertester, bis jetzt noch völlig unbewusst, welche seltene
Connaissancen Sie in hiesiger Stadt zu erneuern Gelegenheit finden würden.«
    »Wirklich?« antwortete der Maler; »es fiel mir nicht im Traume ein, dass mir
dein edles Angesicht hier wieder begegnen sollte, aber Berg und Tal kommen
zusammen und das nächste Mal seh ich dich, so Gott will, am Galgen.«
    »Aye! je vous rends mille graces! Sie scherzen, mein Bester. Doch ich sprach
soeben nicht sowohl von meiner Wenigkeit, als vielmehr von einer gewissen
Person, die früher sehr an Sie attachiert, gegenwärtig in unsern Mauern
habitiert, freilich unter so prekären Umständen, dass ich zweifle, ob ein Mann
wie Sie, es anständig findet, sich einer solchen liaison auch nur zu erinnern.
Auch muss ich gestehn, das Individuum, wovon ich eben rede, machte es mir
gewissermassen zur Pflicht, sein Inkognito unter allen Umständen -«
    »Ei so packe dich doch zum Henker, du heilloser, unerträglicher Schwätzer!«
    »Aha, da haben wir's ja! Sie merken, aus welcher Hecke der Vogel pfeift, und
mögen nichts davon hören. O amitié, oh fille d'Avril - so heisst ein altes Lied.
Waren Sie beide doch einst wie Kastor und Pollux! Aber - loin des yeux, loin du
coeur!«
    Jetzt wird Nolten plötzlich aufmerksam, eine schnelle Ahnung schauert in ihm
auf, er schüttelt den Barbier wie ausser sich an der Brust, und nach hundert
unausstehlichen Umschweifen flüstert der Mensch endlich Teobalden einen Namen
ins Ohr, worauf dieser sich entfärbt und mit Heftigkeit ausruft: »Ist das
möglich? Lügst du mir nicht, Elender? Wo - - wo ist er? Kann ich ihn sehen, kann
ich ihn sprechen? jetzt? um Gottes willen, jetzt im Augenblick?«
    »Quelle émotion Monsieur!« krächzt Wispel, »tout-beau! Ecoutez moi!« Jetzt
nimmt er eine seriöse Stellung an, räuspert sich ganz zart und sagt: »Kennen Sie
vielleicht, mein Wertester, den sogenannten Kapuzinerkeller? le caveau des
capucins, ein Gebäude, das seines klösterlichen Ursprungs wegen in der Tat
historisches Moment hat; es soll nämlich bereits zu Anfange des neunten Siècle
-«
    »Schweig mir, du Teufel, und führ mich zu ihm«, schreit Nolten, indem er den
Burschen mit sich fortreisst. Agnes, am ganzen Leibe zitternd, begreift nichts
von allem und fleht mit Nannetten vergebens um eine Erklärung; Teobald wirft
ihr wie von Sinnen einige unverständliche Worte zu und stürmt mit Wispeln die
Treppe hinunter.
    Sie kommen vor den erwähnten Gastof und treten in die grosse Wirtsstube
vorn, die sich unterdessen ganz gefüllt hatte. Der Dampf, das Gewühl und
Geschwirre der Gäste ist so unmässig, dass niemand die Eintretenden bemerkt. Jetzt
klopft Wispel unserm Maler sachte auf die Schulter und deutet zwischen einigen
Köpfen hindurch auf den Mann, den wir vorhin als Joseph, den Tischler,
bezeichneten. Nolten, wie er hinschaut, wie er das Gesicht des Fremden erkennt,
glaubt in die Erde zu sinken, seine Brust krampft sich zusammen im
entsetzlichsten Drang der Freude und des Schmerzens, er wagt nicht zum
zweitenmal hinzusehn, und doch, er wagt's und - ja! es ist sein Larkens! er
ist's, aber Gott! in welcher unseligen Verwandlung! Wie mit umstrickten Füssen
bleibt Teobald an eine Säule gelehnt stehen, die Hände vors Auge gedeckt und
glühende Tränen entstürzen ihm. So verharrt er eine Weile. Ihm ist, als wenn er,
von einer Riesenhand im Flug einer Sekunde durch den Raum der tosenden Hölle
getragen, die Gestalt des teuersten Freunds erblickt hätte, mitten im Kreis der
Verworfenen sitzend. Noch schwankt das fürchterliche Bild vor seiner Seele, und
sinkt und sinkt, und will doch nicht versinken - da klopft ihn wieder jemand auf
den Arm und Wispel flüstert ihm hastig die Worte zu: »Sacre-bleu, mein Herr, er
muss Sie gesehen haben, soeben steht er blass wie die Wand von seinem Sitz auf,
und wie ich meine, er will auf Sie zugehen, reisst er die Seitentür auf und - weg
ist er, als hätt ihn der Leibhaftige gejagt. Kommen Sie plötzlich ihm nach - er
kann nicht weit sein, ich weiss seine Gänge, fassen Sie sich!«
    Nolten, wie taub, starrt nach dem leeren Stuhle hin, indessen Wispel immer
schwatzt und lacht und treibt. Jetzt eilt der Maler in ein Kabinett, lässt sich
Papier und Schreibzeug bringen, wirft drei Linien auf ein Blatt, das Wispel um
jeden Preis dem Schauspieler zustellen soll. Wie ein Pfeil schiesst der Barbier
davon. Nolten kehrt in sein Quartier zurück, wo er die Frauenzimmer aus der
schrecklichsten Ungewissheit erlöst und ihnen, freilich verwirrt und abgebrochen
genug, die Hauptsache erklärt.
    Es dauert eine Stunde, bis der Abgesandte endlich kommt, und was das
schlimmste war, ganz unverrichteter Dinge. Er habe, sagte er, den Flüchtling
allerorten gesucht, wo nur irgendeine Möglichkeit gedenkbar gewesen; in seiner
Wohnung wisse man nichts von ihm, doch wäre zu vermuten, dass er sich
eingeriegelt hätte, denn ein Nachbar wolle ihn haben in das Haus gehen sehn.
    Da es schon sehr spät war, musste man für heute jeden weitern Versuch
aufgeben. Man verabredete das Nötige für den folgenden Tag und die auf morgen
früh festgesetzte Abreise ward verschoben. Unsere Reisenden begaben sich zur
Ruhe; alle verbrachten eine schlaflose Nacht.
    Des andern Morgens, die Sonne war eben herrlich aufgegangen, erhob sich
unser Freund in aller Stille und suchte sein erhitztes Blut im Freien
abzukühlen. Erst durchstrich er einige Strassen der noch wenig belebten Stadt, wo
er die fremden Häuser, die Plätze, das Pflaster, jeden unbedeutenden Gegenstand
mit stiller Aufmerksamkeit betrachten musste, weil sich alles mit dem Bilde
seines Freundes in eine wehmütige Verbindung zu setzen schien. Sooft er wieder
um eine Ecke beugte, sollte ihm, wie er meinte, der Zufall Larkens in die Hände
führen. Aber da war keine bekannte Seele weit und breit. Die Schwalben
zwitscherten und schwirrten fröhlich durch den Morgenduft, und Teobald konnte
nicht umhin, diese glücklichen Geschöpfe zu beneiden. Wie hätte er so gerne die
Erscheinung von gestern als einen schwülen, wüsten Traum auf einmal vor dem
Gehirn wegstäuben mögen! In einer der hohen Strassenlaternen brannte das
nächtliche Lämpchen, seine gemessene Zeit überlebend, mit sonderbarem
Zwitterlichte noch in den hellen Tag hinein: so und nicht anders spukte in
Teobalds Erinnerung ein düsterer Rest jener schrecklichen Nachtszene, die ihm
mit jedem Augenblick unglaublicher vorkam.
    Ungeduld und Furcht trieben ihn endlich zu seinem Gastof zurück. Wie
rührend kam ihm Agnes schon auf der Schwelle mit schüchternem Gruss und Kuss
entgegen! wie leise forschte sie an ihm, nach seiner Hoffnung, seiner Sorge, die
zu zerstreuen sie nicht wagen durfte! So verging eine bange, leere Stunde, es
vergingen zwei und drei, ohne dass ein Mensch erschien, der auch nur eine
Nachricht überbracht hätte. Sooft jemand die Treppe herankam, schlug Nolten das
Herz bis an die Kehle; unbegreiflich war es, dass selbst Wispel nichts von sich
sehen liess; die Unruhe, worin die drei Reisenden einsilbig, untätig,
verdriesslich umeinander standen, sassen und gingen, wäre nicht zu beschreiben.
    Nannette hatte soeben ein Buch ergriffen und sich erboten, etwas vorzulesen,
als man plötzlich durch einen immer näher kommenden Tumult auf dem Gange
zusammengeschreckt von den Stühlen auffuhr, zu sehen was es gibt. Der Barbier,
ausser Atem mit kreischender Stimme, stürzt in das Zimmer und während er
vergeblich nach Worten sucht, um etwas Entsetzliches anzukündigen, ist der
Ausdruck von unverstelltem Schmerz und Abscheu auf dem verzerrten Gesichte
dieses Menschen wahrhaft schauerlich für alle Anwesenden.
    »Wissen Sie's denn noch nicht?« stottert er - »heiliger barmherziger Gott!
es ist zu grässlich - der Joseph da - der Larkens, werden Sie's glauben - er hat
sich einen Tod angetan - heute nacht - wer hätte das auch denken können - Gift!
Gift hat er genommen - Gehn Sie, mein Herr, gehn Sie nur und sehen mit eignen
Augen, wenn Sie noch zweifeln! Die Polizei und die Doktoren und was weiss ich?
sind schon dort, es ist ein Zusammenrennen vor dem Haus und ein Geschrei, dass
mir ganz übel ward. Bald hätt ich Sie vergessen über dem Schreck, da lief ich
denn, soviel die Füsse vermochten, und -«
    Nolten war stumm auf den Sessel niedergesunken. Agnes schloss sich tröstend
an ihn, während Nannette die eingetretene Totenstille mit der Frage unterbrach:
ob denn keine Rettung möglich sei?
    »Ach nein, Mademoiselle!« ist die stockende Antwort, »die Ärzte sagen, zum
wenigsten sei er seit vier Stunden verschieden Ich kann's nicht alles
wiederholen, was sie schwatzten. - O liebster, bester Herr, vergeben Sie, was
ich gestern in der Torheit sprach Sie waren sein Freund, Ihnen geht sein
Schicksal so sehr zu Herzen, so entreissen Sie ihn den Blicken, den Händen der
Doktoren, eh diese seinen armen Leib verletzen! Ich bin ein elender,
nichtswürdiger, hündischer Schuft, hab Ihren Freund so schändlich missbraucht und
verdiene nicht, hier vor Ihnen zu stehen, aber möge Gott mich ewig verdammen,
wenn ich jetzt fühllos bin, wenn ich nicht hundertfach den Tod ausstehen könnte
für diesen Mann, der seinesgleichen auf der Welt nimmer hat. Und nun soll man
ihn traktieren dürfen wie einen gemeinen Sünder! Hätten Sie gehört, was für
unchristliche Reden der Medikus führte, der S. -, ich hätt ihn zerreissen mögen
als er mit dem Finger auf das Gläschen hinwies, worin das Operment gewesen, und
er mit lachender Miene zu einem andern sagte: Der Narr wollte recht sichergehen,
dass ihn ja der Teufel nicht auf halbem Weg wieder zurückschicke, ich wette die
Phiole da war voll, aber solche Lümmel rechnen alles nach der Masskalme! - nicht
wahr Herr Hofrat, wer par force tot sein will, kann doch wohl weder im
comparativo noch superlativo tot sein wollen? Und dabei nahm der dicke,
hochweise Perückenkopf eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere, so kaltblütig,
so vornehm, dass ich - ja glauben Sie, das hat Wispeln weh getan, weher als alles
- Wispel hat auch Gefühl, dass Sie's nur wissen, ich habe auch noch ein Herz!«
Hier weinte der Barbier wirklich wie ein Kind. Aber da er nun mit geläufiger
Zunge fortfahren wollte, das Aussehen des Toten zu beschreiben, wehrte der Maler
heftig mit der Hand, schlang die Arme wütend um den Leib Agnesens und schluchzte
laut. »O Allmächtiger!« rief er vom Stuhle aufstehend und mit gerungenen Händen
durchs Zimmer stürmend, »also dazu musst ich hieher kommen! Mein armer, armer,
teurer Freund! Ich, ja ich habe seinen fürchterlichen Entschluss befördert, mein
Erscheinen war ihm das Zeichen zum tödlichen Aufbruch. Aber welch unglückseliger
Wahn gab ihm ein, dass er vor mir fliehen müsse? und so auf ewig, so ohne ein
liebevolles Wort des Abschieds, der Versöhnung! Sah ich denn darnach aus, als ob
ich käme, ihn zur Verzweiflung zu bringen? Und wenn auf meiner Stirn die
Jammerfrage stand, warum mein Larkens doch so tief gefallen sei, gerechter Gott!
war's nicht natürlich? konnt ich mit lachendem Gesicht, mit offnen Armen, als
wäre nichts geschehen ihn begrüssen? konnt ich gefasst sein auf ein solches
Wiedersehen? Und doch, war ich es denn nicht längst gewohnt, das Unerhörte für
bekannt anzunehmen, wenn er es tat? das Unerlaubte zu entschuldigen, wenn es von
ihm ausging? Es hat mich überrascht, auf Augenblicke stieg ein arger Zweifel in
mir auf, und in der nächsten Minute straft' ich mich selber Lügen: gewiss, mein
Larkens ist sich selber treu und gleich geblieben, sein grosses Herz, der
tiefverborgene edle Demant seines Wesens blieb unberührt vom Schlamme, worein
der Arme sich verlor!«
    Schon zu Anfang dieser heftigen Selbstanklage hatte sich sachte die Tür
geöffnet, kleinmütig und mit stummem Grusse, einen gesiegelten Brief in der Hand,
war der Büchsenmacher eingetreten, ohne dass der Maler ihn wahrgenommen hätte.
Starr vor sich hinschauend stand der Stelzfuss an der Seite des Ofens und
jedermann fiel es auf, wie er bei den letzten Worten Teobalds zuweilen die
buschigen Augbraunen finster bewegte und zornglühende Funken nach dem Manne
hinüberschickte, der mitten im Jammer beinahe ehrenrührig von dem Verstorbenen
und dessen gewohnter Umgebung zu sprechen schien.
    Kaum hatte Nolten geendigt, so trat der Büchsenmacher gelassen hervor mit
den Worten: »Lieber Herr! es ist für uns beide recht gut, dass Sie gerade selber
aufhören, denn ich stand auf heissen Kohlen im Winkel dort, weil's fast aussehen
konnte, als wollt ich horchen; das ist aber meine Sache nicht, sonderlich wenn
es mein eigenes oder meiner Kameraden Lob oder Schande gilt, und davon war just
eben die Rede. Ihre Worte in Ehren, Herr, Sie müssen ein genauer Freund von
meinem wackern Joseph gewesen sein, also sei's Ihnen zugut gehalten. Werden
späterhin wohl selber innewerden, dass Sie dato nicht so ganz recht berichtet
sind, was für eine Bewandtnis es mit dem Joseph und seiner Genossenschaft habe.
Ich sollte meinen, er hatte sich seiner Leute nicht eben zu schämen. Nun, das
mag ruhen vorderhand; zuvörderst ist es meine Pflicht und Schuldigkeit, dass ich
Ihnen gegenwärtiges Schreiben übermache, denn es wird wohl für Sie gehören; man
fand es, wie es ist, auf dem Tisch in Josephs Stube liegen.«
    Begierig nahm Teobald den dargebotenen Brief und eilte damit in ein anderes
Zimmer. Als er nach einer ziemlichen Weile wieder zurückkam, konnte man auf
seinem Gesicht eine gewisse feierliche Ruhe bemerken, er sprach gelassener,
gefasster, und wusste namentlich den gekränkten Handwerker bald wieder zu
beruhigen. Übrigens entliess er für jetzt die beiden Kameraden, um mit Agnesen
und der Schwester allein zu sein und ihnen das Wesentlichste vom Zusammenhang
der Sache zu eröffnen. Oft unterbrach ihn der Schmerz, er stockte, und seine
Blicke wühlten verworren am Boden.
    Von dem Inhalt jenes hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das
Allgemeinste, da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte. Soviel wir darüber
erfahren konnten, war es eine kurze, nüchterne, ja für das Gefühl der
Hinterbliebenen gewissermassen versöhnende Rechtfertigung der schauderhaften Tat,
welche seit längerer Zeit im stillen vorbereitet gewesen sein musste, und deren
Ausführung allerdings durch Noltens Erscheinen beschleunigt worden war, wiewohl
in einem Sinne, der für Nolten selbst keinen Vorwurf entielt. Auch wäre die
Meinung irrig, dass nur das Beschämende der Überraschung den Schauspieler
blindlings zu einem übereilten Entschluss hingerissen habe, denn wirklich hat
sich nachher zur Genüge gezeigt, wie wenig ihm seine neuerliche Lebensweise, so
seltsam sie auch gewählt sein mochte, zu eigentlicher Unehre gereichen konnte.
Begreiflich aber wird man es finden, wenn bei der Begegnung des geliebtesten
Freundes der Gedanke an eine zerrissene Vergangenheit mit überwältigender
Schwere auf das Gemüt des Unglücklichen hereinstürzte, wenn er sich ein für
allemal von demjenigen abwenden wollte, mit dem er in keinem Betracht mehr
gleichen Schritt zu halten hoffen durfte, und aus dessen reiner Glücksnähe ihn
der Fluch seines eigenen Schicksals für immer zu verbannen schien.
    (Einige Jahre nachher hörten wir von Bekannten des Malers die Behauptung
geltend machen, dass den Schauspieler eine geheime Leidenschaft für die Braut
seines Freundes zu dem verzweifelten Entschlusse gebracht habe. Wir wären weit
entfernt, diese Sage, wozu eine Äusserung Noltens selbst Veranlassung gegeben
haben soll, schlechtin zu verwerfen, wenn wirklich zu erweisen wäre, dass
Larkens, wie allerdings vorgegeben wird, kurz nachdem er seine Laufbahn
geändert, Agnesen bei einer öffentlichen Gelegenheit, und unerkannt von ihr, zu
Neuburg gesehen habe. - Getraut man sich also nicht, hierin eine sichere
Entscheidung zu geben, so müssen wir das harte Urteil derjenigen, welche dem
Unglücklichen selbst im Tode noch eine eitle Bizarrerie schuld geben möchten,
desto entschiedener abweisen.)
    »O wenn du wüsstest«, rief Teobald Agnesen zu, »was dieser Mann mir gewesen,
hätt ich dir nur erst entdeckt, was auch du ihm schuldig bist, du würdest mich
fürwahr nicht schelten, wenn mein Schmerz ohne Grenzen ist!« Agnes wagte
gegenwärtig nicht zu fragen, was mit diesen Worten gemeint sei, und sie konnte
ihm nicht widersprechen, als er das unruhigste Verlangen bezeigte, den
Verstorbenen selber zu sehen. Zugleich ward ihm die Sorge für den Nachlass, für
die Bestattung seines Freundes zur wichtigsten Pflicht. Larkens selbst hatte ihm
diesfalls schriftlich mehreres angedeutet und empfohlen, und Teobald musste auf
einen sehr wohlgeordneten Zustand seiner Vermögensangelegenheiten schliessen. Vor
allen Dingen nahm er Rücksprache mit der obrigkeitlichen Behörde, und einiger
Papiere glaubte er sich ohne weiteres versichern zu müssen.
    Indessen war es bereits spät am Tage und so trat er in einer Art von
Betäubung den Weg nach der Stätte an, wo der traurigste Anblick seiner wartete.
    Ein Knabe führte ihn durch eine Menge enger Gässchen vor das Haus eines
Tischlers, bei welchem sich Larkens seit einigen Monaten förmlich in die Arbeit
gegeben hatte. Der Meister, ein würdig aussehender, stiller Mann, empfing ihn
mit vielem Anteil, beantwortete gutmütig die eine und andere Frage und wies ihn
sodann einige steinerne Stufen zum unteren Geschoss hinab, indem er auf eine Tür
hinzeigte. Hier stand unser Freund eine Zeitlang mit klopfendem Herzen allein,
ohne zu öffnen. Jetzt nahm er sich plötzlich zusammen und trat in eine sauber
aufgeräumte, übrigens armselige Kammer. Niemand war zugegen. In einer Ecke
befand sich ein niedriges Bett, worauf die Leiche mit einem Tuch völlig
überdeckt lag. Teobald, in ziemlicher Entfernung, getraute sich kaum von der
Seite hinzusehen, Gedanken und Gefühle verstockten ihm zu Eis und seine einzige
Empfindung in diesem Augenblicke war, dass er sich selber hasste über die
unbegreiflichste innere Kälte, die in solchen Fällen peinlicher zu sein pflegt,
als das lebhafteste Gefühl unseres Elends. Er ertrug diesen Zustand nicht
länger, eilte auf das Bette zu, riss die Hülle weg und sank laut weinend über den
Leichnam hin.
    Endlich, da es schon dunkel geworden, trat Perse, der Goldarbeiter, mit
Licht herein. Nur ungern sah Teobald sich durch ein fremdes Gesicht gestört,
aber das bescheidene Benehmen des Menschen fiel ihm sogleich auf und hielt ihn
um so fester, da derselbe mit der edelsten Art zu erkennen gab, dass auch er
einiges Recht habe mit den Freunden des Toten zu trauern, dass ihm derselbe,
besonders in der letzten Zeit, viel Vertrauen geschenkt. »Ich sah«, fuhr er
fort, »dass an diesem wundersamen Manne ein tiefer Kummer nagen müsse, dessen
Grund er jedoch sorgfältig verbarg; nur konnte man aus manchem eine übertriebene
Furche für seine Gesundheit erkennen, so wie er mir auch selbst gestand, dass er
eine so anstrengende Handarbeit, wie das Tischlerwesen, ausser einer gewissen
Liebhaberei, die er etwa für dies Geschäft haben mochte, hauptsächlich nur zur
Stärkung seines Körpers unternommen. Auch begriff ich gar wohl, wie wenig ihn
Mangel und Not zu dergleichen bestimmt hatte, denn er war ja gewiss ein Mann von
den schönsten Gaben und Kenntnissen; desto grösser war mein Mitleiden, als ich
sah, wie sauer ihm ein so ungewohntes Leben ankam, wie unwohl es ihm in unserer
Gesellschaft war und dass er körperlich zusehends abnahm. Das konnte auch kaum
anders sein, denn nach dem Zeugnis des Meisters tat er immer weit über seine
Kräfte und man musste ihn oft mit Gewalt abhalten.« Hier decke er die Hände des
Toten auf, wie sie von grober Arbeit gehärtet und zerrissen waren. - Jetzt
öffnete sich die Türe und ein hagerer Mann mit edlem Anstande trat herein, vor
welchem sich der Goldarbeiter ehrerbietig zurückzog und dessen stille Verbeugung
Nolten ebenso schweigend erwiderte. Er hielt den Fremden für eine offizielle
Person, bis Perse ihm beiseite den Präsidenten von K* nannte, den keine amtliche
Verrichtung hieher geführt haben könne. So stand man eine Zeitlang ohne weitere
Erklärung umeinander und jeder schien die Leiche nur in seinem eignen Sinne zu
betrachten.
    »Ihr Schmerz sagt mir«, nahm der Präsident das Wort, nachdem Perse sich
entferne hatte, »wie nahe Ihnen dieser teure Mann im Leben müsse gestanden
haben. Ich kann mich eines näheren Verhältnisses zu ihm nicht rühmen, doch ist
meine Teilnahme an diesem ungeheuren Fall so wahr und innig, dass ich nicht
fürchten darf, es möchte Ihnen meine Gegenware -« »O seien Sie mir willkommen!«
rief der Maler, durch eine so unverhoffte Annäherung in tiefster Seele erquicke,
»ich bin hier fremd, ich suche Mitgefühl - und ach, wie rühre, wie überrascht es
mich, solch eine Stimme und aus solchem Munde hier in diesem Winkel zu
vernehmen, den der Unglückliche nicht dunkel genug wählen konnte, um sich und
seinen ganzen Wert und alle Lieb und Treue, die er andern schuldig war, auf
immer zu vergraben.«
    Des Präsidenten Auge hing einige Sekunden schweigend an Teobalds Gesicht
und kehrte dann nachdenklich zu dem Toten zurück.
    »Ist's möglich?« sprach er endlich, »seh ich hier die Reste eines Mannes,
der eine Welt voll Scherz und Lust in sich bewegte und zauberhelle
Frühlingsgärten der Phantasie sinnvoll vor uns entfaltete! Ach, wenn ein Geist,
den doch der Genius der Kunst mit treuem Flügel über all die kleine Not des
Lebens wegzuheben schien, so frühe schon ein ekles Auge auf dieses Treiben
werfen kann, was bleibt alsdann so manchem andern zum Troste übrig, der ungleich
ärmer ausgestattet, sich in der Niederung des Erdenlebens hinschleppt? Und wenn
das vortreffliche Talent selbst, womit Ihr Freund die Welt entzückte, so harmlos
nicht war, als es schien, wenn die heitere Geistesflamme sich vielleicht vom
besten Öl des innerlichen Menschen schmerzhaft nährte, wer sagt mir dann, warum
jenes namenlose Weh, das alle Mannheit, alle Lust und Kraft der Seele, bald
bänglich schmelzend untergräbt, bald zornig aus den Grenzen treibt, warum doch
jene Heimatlosigkeit des Geistes, dies Fort- und Nirgendhin-Verlangen, inmitten
eines reichen, menschlich schönen Daseins, so oft das Erbteil herrlicher Naturen
sein muss? - Das Rätsel eines solchen Unglücks aber völlig zu machen, muss noch
der Körper helfen, um, wenn die wahre Krankheit fehlt, mit einem nur um desto
grässlicheren Schein die arme Seele abzuängstigen und vollends irre an sich
selber zu machen!«
    Auf diese Weise wechselten nun beide Männer, beinahe mehr den Toten als
einander selbst anredend und oft von einer längern Pause unterbrochen, ihre
Klagen und Betrachtungen. Erst ganz zuletzt, bevor sie auseinandergingen,
veranlasste der Fremde, indem er seinen Namen nannte, den Maler, ein Gleiches zu
tun, sowie den Gastof zu bezeichnen, wo jener ihn morgen aufsuchen wollte.
»Denn es ist billig«, sagte er, »dass wir nach einer solchen Begegnung uns näher
kennenlernen. Sie sollen alsdann hören, welcher Zufall mir noch erst vor wenigen
Wochen die wunderbare Existenz Ihres Freundes verriet, den bis auf diesen Tag,
soviel ich weiss, noch keine Seele hier erkannte. Meine Sorge bleibt es indessen,
dass ihm die letzte Ehre, die wir den Toten geben können, ohne zu grosses Aufsehn
bei der Menge, von einer Gesellschaft würdiger Kunstverwandten morgen abend
erwiesen werden könne. Ich habe die Sache vorläufig eingeleitet. Aber nun noch
eine Bitte um Ihrer selbst willen: verweilen Sie nicht allzulange an diesem
traurigen Orte mehr. Es ist das schönste Vorrecht und der edelste Stolz des
Mannes, dass er das Unabänderliche mit festem Sinn zu tragen weiss. Schlafen Sie
wohl. Lieben Sie mich! Wir sehn uns wieder.« Der Maler konnte nicht sprechen,
und drückte stammelnd beide Hände des Präsidenten.
    Als er sich wieder allein sah, flossen seine Tränen reichlicher, jedoch auch
sanfter und zum erstenmal wohltuend. Er fühlte sich mit dieser Last von Schmerz
nicht mehr so einsam, so entsetzlich fremd in diesen Wänden, dieser Stadt, ja
Larkens' Anblick selber deuchte ihm so jämmerlich nicht mehr; eben als wenn der
Schatte des Entschlafenen mit ihm die ehrenvolle Anerkennung fühlen müsste, die
er noch jetzt erfuhr.
    Nun aber drang es Teobalden mächtig, am Busen der Geliebten auszuruhen. Er
steckte ein Nachtlicht an, welches für die Leichenwache bereitlag, er sagte
unwillkürlich seinem Freund halblaut eine gute Nacht, und war schon auf der
Schwelle, als Lörmer, der Büchsenmacher, ihm den Weg vertrat. Der Mensch bot
einen Anblick dar, der Ekel, Grauen und Mitleid zugleich erwecken musste. Von
Wein furchtbar erhitzt, mit stieren Augen, einen grässlichen Zug von Lächeln um
den herabhängenden Mund, so war er im Begriff, das Heiligtum des Todes zu
betreten. Nolten, ganz ausser sich vor Schmerz und Zorn, stösst ihn zurück und
reisst den Schlüssel aus der Tür, Lörmer wird wütend, der Maler braucht Gewalt
und kann nicht verhüten, dass das Scheusal vor ihm niederstürzt und mit dem Kopf
am Boden aufschlägt. »Ich bitte Sie«, lallt er, indem er sich vergebens
aufzurichten sucht, und nicht bemerkt, dass Nolten schon verschwunden ist, um die
Hausleute von dem Skandal zu benachrichtigen, »um Gottes Barmherzigkeit willen!
lassen Sie mich hinein! mich! ich bin noch allein der Mann, ihm zu helfen - Sie
müssen wissen, Herr, er pflegte gelegentlich auf den Lörmer was zu halten, Herr
- Sehn Sie, diese Uhr hab ich von ihm - aber sie ist stehengeblieben - Wir
standen du und du, mein guter Herr, ich und der Komödiant - Hiess er mich nicht
immerdar sein liebes Vieh? hat er je einen andern so geheissen? und - - Hol euch
der Teufel alle zusammen - Sehn muss ich ihn, da hilfe kein Gott und keine
Polizei - Ihr wisst den Henker zu distinguieren, ob ein Mensch in der Tat und
Wahrheit k...iert ist oder nicht - Soll ich dir etwas im Vertrauen sagen? Da
drinne liegt er munter und gesund und hat euch alle am Narrenseil. Denn das ist
einer, sag ich euch, der weiss wie man den Mäusen pfeift. Und - aber - - wenn es
je wahr wäre -« (hier fing er an zu heulen) »wenn er mir das Herzeleid antun
wollte, und aufpacken und seinen Stelzer verlassen - wenn das - Jesu Maria! Auf!
auf! schlag die Tür ein! ich muss ihm noch beichten - Jagt Papst und Pfaff und
Bischöf, die ganze Klerisei zum Teufel! ich will dem Komödianten beichten,
trotzdem dass er ein Ketzer ist - Er muss alles wissen, was ich seit meiner
Firmelung an Gott und Welt gesündigt! Auf! hört ihr nicht? Ich will die ganze
Baracke in Trümmer schmeissen, ich will ein solches Jüngstes Gericht antrommeln,
dass es eine Art hat! - Alter! lieber Schreiner, lass mich hinein -« Das Schloss
sprang auf, und Lörmer stürzte einige Stufen hinab in das Zimmer, wo man ihn,
als die Leute kamen, bewusstlos am Fuss des Bettes liegen fand.
Am Morgen kam ein Billett des Präsidenten und lud den Maler mit den
Frauenzimmern zu einem einfachen Mittagmahl. Nolten war diese Ableitung
besonders um der Mädchen willen sehr erwünscht, mit deren verlassenem Zustande,
weil er jeden Augenblick veranlasst ward, bald aus dem Hause zu gehen, bald sich
mit Schreibereien zu befassen, man in der Tat Bedauern haben musste. Agnes und
ihr Benehmen war indes zu loben. Bei allen Zeichen des aufrichtigsten Anteils
bewies sie durchaus eine schöne, vernünftige Ruhe, sogar schien sie natürlicher,
und sicherer in sich selbst, als es auf der ganzen Reise der Fall gewesen sein
mochte; nicht nur dem Maler, auch Nannetten fiel das auf. Es hatte aber diese
sonderbare Verwandlung ihren guten Grund, nur dass das Mädchen zu bescheiden war,
ihn zu entdecken, oder zu schüchtern vielmehr, um an ihre alten
»Wunderlichkeiten« (wie Teobald zuweilen sagte) in dem Augenblicke zu mahnen,
wo es sich um eine ernste und schaudervolle Wirklichkeit handelte. Allein auch
ihr war es ein hoher Ernst mit dem, was sie für jetzt zurückzuhalten ratsam
fand. Denn in der ganzen schrecklichen Begebenheit mit Larkens erblickte sie
nichts anderes als die gewisse Erfüllung eines ungewissen Vorgefühls, und so
vermochte sie ein offenbares und geschehenes Übel mit leichterem Herzen zu
beweinen, als ein gedrohtes zu erwarten.
    Nolten erkundigte sich bei dem Wirt nach den Verhältnissen des Präsidenten,
und erfuhr, dass derselbe, obgleich seit Jahr und Tag mit seiner Frau gespannt,
eines der angesehensten Häuser hier bilde, sich aber als ein leidenschaftlicher
Mann vor kurzem auch mit der Regierung entzweit habe, und bis auf weiteres von
seinem Amte abgetreten sei. Er wohnte selten in der Stadt und neuerdings fast
einzig auf seinen Gütern in der Nähe.
    Perse, der Goldarbeiter, kam einiger Bestellungen wegen, welche die Leiche
betrafen. Beiläufig erzählte er, dass der Barbier, als mehrerer Diebstähle
verdächtig, seit heute früh im Turme sitze. Er habe gestern in der öffentlichen
Wirtsstube sich aus Alteration und Reue wegen ähnlicher an Larkens verübter
Schändlichkeiten selber verschwatzt. Die grösste Niederträchtigkeit an dem
Schauspieler habe der Taugenichts dadurch begangen, dass er sich von jenem das
Stillschweigen über seinen wahren Charakter mit schwerem Gelde habe bezahlen
lassen, indem er ihm täglich gedroht, alles auszuplaudern. - Teobald fragte bei
dieser Gelegenheit nach dem Büchsenmacher, und konnte aus Perses umständlichem
Berichte soviel entnehmen, dass Larkens dem Menschen, weil es ein gescheiter
Kopf, einiges Interesse geschenkt, das übrigens so gut als weggeworfen gewesen,
da die deutliche Absicht des Schauspielers, ihn zu korrigieren bloss dem Übermut
des Burschen geschmeichelt habe, zumal die Art, wie Larkens zu Werke gegangen,
bei weitem zu delikat gewesen. Übrigens habe sich Larkens nicht nur dem Zirkel,
sondern besonders auch vielen Armen als unbekannter Wohltäter unvergesslich
gemacht.
    Mittagszeit war da, die Mädchen angekleidet und Nolten bereit, mit ihnen zu
gehen. Eine Tochter des Präsidenten empfing sie auf das artigste, und nach
einiger Zeit erschien der Vater; ausserdem kam niemand von der Familie zum
Vorschein. Die Frau, mit dreien andern Kindern, einem ältern Sohne und zwei
Töchtern, wurde erst heute abend vom Lande erwartet, und zwar, wie man überall
wusste, nur um ihren Aufentalt wieder auf einige Monate mit dem Gemahl zu
wechseln.
    Während der Präsident sich, bis man zu Tische ging, eifrig mit dem Maler
unterhielt, gesellte sich Margot zu den beiden Frauenzimmern. Sie war immer der
Liebling des Vaters gewesen und bildete, weil es ihrer innersten Natur
widersprach, ausschliessende Partei zu nehmen, eine Art von leichtem Mittelglied
zwischen den zwei getrennten Teilen.
    Es war serviert, man setzte sich. Für jetzt betraf die Unterhaltung nur
Dinge von allgemeinerem Interesse. Ein zartes Einverständnis der Gemüter schloss
von selbst den Gegenstand geweihter Trauer für diese Stunde aus. Dagegen war der
Augenblick, wo endlich das Gefühl sein Recht erhielt, einem jeden desto inniger
willkommen. Wir sind genötigt, hier so manches bemerkenswerte Wort der
wechselseitigen Aufklärung über die Eigentümlichkeit und allmähliche
Verkümmerung von Larkens' Wesen zu übergehen, und erzählen dafür mit den eignen
Worten des Präsidenten, auf welche Art er zur Bekanntschaft des Schauspielers
gelangte.
    »Vor einem Vierteljahr machte die hiesige Bühne den bis daher in Deutschland
noch nicht erhörten Versuch, Ludwig Tiecks Lustspiele aufzuführen. Die Idee war
von dem berühmten S** - ausgegangen, welcher als Gast hier einige Monate spielte
und für jenes entusiastische Projekt weniger die Intendanz, als vielmehr die
höheren Privatzirkel des gebildeten Publikums, denen er Vorlesungen hielt, zu
elektrisieren wusste. Nach einer sehr gründlichen Vorbereitung unserer Akteurs,
und nachdem er durch eine Reihe anderer, gewohnter Vorstellungen sich vorweg das
Zutrauen sämtlicher Teaterliebhaber im höchsten Grade gewonnen hatte, ward
endlich Die verkehrte Welt angekündigt. Die wenigen, welche diese geistvolle
Dichtung kannten und schätzten, wollten freilich voraussehn, dass bei der
Stumpfsinnigkeit, nicht nur der Menge, auf die man im voraus verzichtete,
sondern der sogenannten Gebildeten die schöne Absicht im ganzen verunglücken
müsse; ja S** selbst soll dies vorhergesehen haben, und man glaubt, er habe
diesmal teils auf Kosten des grossen Publikums, teils seines eigenen Rufs, einer
Privatvorliebe zu viel nachgegeben. Auf der andern Seite ist seine
Uneigennützigkeit zu bewundern, da ihm offenbar mehr daran lag, das Genie des
Dichters vor den Einsichtsvollen zu verherrlichen, als ihn zur Folie seiner
persönlichen Kunst zu gebrauchen. Da inzwischen auch die Eingeweihten das
mögliche raten, um eine allgemeine Erwartung zu erregen, den Philistern eins
anzuhängen und ihnen die Köpfe im voraus zu verrücken, so versprachen sich
diese, vom Titel des Stückes verführt, ein recht handgreifliches Spektakelstück
und alles ging glücklich in die Falle. Die Aufführung, ich darf es sagen, war
meisterhaft. Aber, Gott verzeihe mir, noch heute, wenn ich an den Eindruck
denke, weiss ich mich nicht zu fassen. Diese Gesichter, unten und auf den
Galerien, hätten Sie sehen müssen! Tieck selbst würde die Physiognomie des
Haufens, als mitspielender Person, neben den unter die Zuschauer verteilten
Rollen, sich nicht köstlicher haben denken können. Diese unwillkürliche
Selbstpersiflage, dies fünf- und zehnfach reflektierte Spiegelbild der Ironie
beschreibt kein Mensch. In meiner Loge befand sich der Legitationsrat U., einer
der wärmsten Verehrer Tiecks wir sprachen und lachten nach Herzenslust während
eines langen Zwischenakts (denn eine ganze Viertelstunde lang war der Direktor
in Verzweiflung, ob er weiterspielen lasse oder aufhöre). Während dieses tollen
Tumultes nun, während dieses Summens, Zischens, Bravorufens und Pochens hörten
wir neben uns, nur durch ein dünnes Drahtgitter getrennt, eine Stimme ungemein
lebhaft auf jemanden losschwatzen: O sehn Sie doch nur um Gottes willen da aufs
Parterre hinunter! und dort! und hier! der Spott hüpft wie aus einem Sieb ein
Heer von Flöhen an allen Ecken und Enden hin und her - Jeder reibt sich die
Augen, klar zu sehen, jeder will dem Nachbar den Floh aus dem Ohre ziehen und
von der andern Seite springen ihm sechse hinein - Immer ärger! - ein Teufel hat
alle Köpfe verdreht - es ist wie ein Traum auf dem Blocksberg - es wandelt alles
im Schlaf - Herrn und Damen bekomplimentieren sich, im Hemde voreinander
stehend, glauben sich auf der Assemblee, sagen: Waren Sie gestern auch in der
verkehrten Welt? Gottlob nun wäre man doch wieder bei sich selbst usw. - Der
alte Geck dort aus der Kanzlei, o vortrefflich! bietet einer muntern Blondine
seine Bonbonniere mit grossmächtigen Reichssiegeloblaten an und versichert, sie
wären sehr gut gegen Vapeurs und Beängstigungen. Hier - sehn Sie doch, gerade
unterm Kronleuchter - steht ein Ladendiener vor einem Fräulein und lispelt Gros
de Naples-Band? Sogleich. Wieviel Ellen befehlen Sie wohl? Er greift an sein
Ohr, zieht es in eine erstaunliche Länge, misst ein Stück und schneidet's ab.
Aber bemerken Sie nicht den Inkroyable am dritten Pfeiler vom Orchester an? wie
er sich langsam über die Stirne fährt und auf einmal den Poeten embrassiert O
Freund! ich habe schön geträumt diese Nacht! Ich habe ein winzig kleines
Spieldöschen gehabt, das ich hier, schaun Sie, hier in meinen hohlen Zahn legte,
ich durfte nur ein wenig darauf beissen und die ganze Zauberflöte, sag ich Ihnen,
die ganze Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, spielte drei Stunden en suite fort.
Eine Dame, die neben mir stand, behauptete, es wäre ja Rataplan, der kleine
Tambour, was ich spiele - Himmel! sagt ich, ich kenne ja doch die Bären und die
Affen und diese heilgen Hallen! O göttlich war's - Nein! - Aber da drüben, ich
bitte Sie - - Erlauben Sie, unterbrach hier eine tiefe Bassstimme die Rede des
Schalks mitten im Fluss erlauben Sie, mein lustiger, unbekannter Herr, dass ich
endlich frage: wollen Sie mich foppen, oder wollen sie andere ehrliche Leute mit
diesem Unsinn foppen? Ach ganz und gar nicht, war die Antwort keins von beiden,
ich bitte tausendmal um Vergebung - Aber was ist denn unserm Herrn Nachbar da
zugestossen? der weint ja erschrecklich - Mit Erlaubnis haben Sie den
Wadenkrampf? - In diesem Augenblick öffnet sich unser Gitter, ein langes
weinerliches Gesicht beugt sich herein mit den erbärmlichen Worten Ach, liebe
Herren, ist es denn nicht möglich, dass ich durch Ihre Loge hinaus, fort aus
diesem Narrenhaus, ins Freie kommen könnte? Oder wenn das nicht ist - so sein
Sie so gütig - nur eine kleine Bitte - Wie heisst denn das Indigo Perfektum von
obstupesco, ich bin betäubt, verwirrt, bin ein Mondskalb geworden? das Perfektum
Indikativi wollt ich sagen - O lachen Sie nicht - ich bin der unglückseligste
Mann, bin seit einiger Zeit am hiesigen Lyzeo Präzeptor der lateinischen
Sprache, habe mir's recht sauer werden lassen - auch hatte es bis jetzt keine
Gefahr, man war mit mir zufrieden - allein seit einer halben Stunde, bei dem
verkehrten verfluchten Zeug da - ich weiss nicht - mein Gedächtnis - die
gemeinsten Wörter - ich mache von Minute zu Minute eine Probe mit mir, examino
memoriam meam - es ist mir, wie wenn mein Schulsack ein Löchlein, rimulam,
bekommen hätte, zuerst nur ein ganz geringes, aber es wird immer grösser, ich
kann schon mit der Faust - o entsetzlich! es rinnt mir schockweise alles bei den
Stiefeln hinaus, praeceps fertur omnis eruditio, quasi ein Nachlass der Natur - o
himmelschreiend, in einer halben Stunde bin ich rein ausgebeutelt, bin meinem
schlechtesten Trivialschüler gleich - Lassen Sie mich hinaus, hinaus! ich
sprenge die Verzäunung -
    Ich und der Legationsrat kamen ganz ausser uns. Der Mensch aber, empört durch
unser Lachen, schlug uns das Gitter vor der Nase zu und wir sahen ihn eine ganze
Weile nicht wieder. Wir glaubten anfangs, es wäre etwa eine komische Figur aus
dem Lustspiele, der Legationsrat schwur scherzend, gar Tieck selber müsse es
gewesen sein. Indessen ging der letzte Aufzug an und ging gleich den ersten
herrlich vorüber. Der Vorhang fiel. Das alterierte Publikum drängte sich murrend
und drohend nach den Türen, einige wollten auf der Stelle Rechenschaft haben
Sieh da! rief der Legationsrat mir zu, ein Beispiel, ein erstes und letztes für
ganz Deutschland, ein Wahrzeichen für alle Direktionen, welche auf Sinn und
guten Geschmack bei uns rechnen! Plötzlich antwortete eine ganz gelassene Stimme
am Gitter mit den Worten Cäsars Pro ostento non ducendum si pecudi cor defuit.
Und zugleich streckte sich wieder jenes Präzeptorsgesicht herein, aber ohne die
vorige Grimasse und daher fast kaum mehr zu erkennen Glauben Sie mir, meine
Herren (denn ich habe mich unterdessen erholt und ein wunderbares Licht ging mir
auf) dieses Stück wird vergöttert werden bei unsern Landsleuten, und die
Direktionen können für solche Abende das Entree getrost auf das Dreifache
steigern, um den Pöbel zu verschmerzen. Denken Sie an mich. Ihr Diener. Während
er das sagte, glaubte ich mich dunkel zu erinnern, dass mir dieses Gesicht nicht
zum erstenmal begegne, ich wollte ihn schnell anreden, aber wie weggeblasen war
er unter dem Gewühl. Ich und mein guter U., nachdem wir von unserm Erstaunen
einigermassen zurückgekommen waren, beschlossen diesen Mann, wenn er sich anders
hier aufhalte, was zu bezweifeln war, auszukundschaften, es koste was es wolle.
Umsonst sahen wir uns auf den Treppen, an den Ausgängen überall um, fragten die
Personen, denen er zunächst gesessen, niemand wusste von ihm. Nach acht Tagen
dacht ich nicht mehr an den Vorfall und hielt den Unbekannten für einen
Auswärtigen. - Ich befinde mich eines Morgens mit mehreren Bekannten auf dem
Kaffeehause. Im Auf- und Abgehen klopf ich meine Zigarre am offenen Fenster aus
und werfe zufällig einen Blick auf die Strasse; ein Handwerker mit Brettern
unterm Arm geht hart am Hause vorüber, meine Asche kann ihn getroffen haben,
kurz, er schaut rasch auf und bietet mir das ganze Gesicht entgegen, mit einem
Ausdruck mit einer Beugung des Körpers, wie ich das in meinem Leben nur von
einem Menschen gesehen hatte, und - genug, in diesem Momente wusst ich auch, wer
er sei: der Komiker, den ich vor fünf Jahren im Geizigen des Molière bewunderte,
Larkens. Unverzüglich schickt ich ihm nach, ohne mir gegen irgend jemand das
geringste merken zu lassen. Er kam, in der Meinung, man verlange seine Dienste
als Handwerker, ich ging ihm entgegen und liess ihn in ein leeres Zimmer treten.
Es gab nun, wie man denken kann, eine sehr sonderbare Unterredung, von welcher
ich nur sage, dass ich mich ungewisser stellte als ich war, nur entfernt von
grosser Ähnlichkeit mit einem früheren Bekannten sprach, um ihm auf den Fall er
sein Geheimnis lieber bewahren wollte, den Vorteil der Verleugnung ohne weiteres
zu lassen. Hier aber erkannte man nun erst den wahren Meister! Eine solche
köstliche Zunftmiene, so eine rechtfertige Zähheit - kein Flamänder malt diesen
Ausdruck mit solcher Wahrheit. Man glaubte einen Burschen zu sehen, auf dessen
Stirne sich bereits die Behaglichkeit zeichne, womit er am ruhigen Abend beim
Bierkrug und schlechten Tabak den Auftritt seinen Kameraden auftischen wollte,
nachdem er ihre Neugierde durch etwas unnötig längeres Feuerschlagen gehörig zu
schärfen für dienlich erachtet. Wie hätte ich nun nach allem diesen es noch
übers Herz bringen können, dem unvergleichlichen Mann sein Spiel zu verderben
oder länger in ihn zu dringen? Ich entliess ihn also, konnte aber freilich nicht
ganz ohne lachenden Mund mein Adieu, guter Freund, und nehm Er's nicht übel!
hervorbringen. Er sah mir's um die Lippen zucken, kehrte sich unter der Tür noch
einmal um und sagte im liebenswürdigsten Ton Ich sehe wohl, der Schulmeister von
neulich hat mir einen Streich gespielt, ich bitte, Euer Exz. mögen diese meine
gegenwärtige Figur noch zur verkehrten Welt schlagen. Dürft ich aber vollends
hoffen, dass dieser Auftritt unter uns bliebe, so würde ich Ew. Exz. sehr
verpflichtet sein, und Sie haben hiemit mein Ehrenwort, dass mein Geheimnis ohne
das mindeste Arge ist; aber für jetzt liegt mir alles dran, das zu scheinen, was
ich lieber gar sein möchte. Jetzt nahm ich länger keinen Anstand, ihn bei seinem
Namen herzlich willkommen zu heissen. Da er natürlich geniert war, in seinem
gegenwärtigen Aufzuge einen Diskurs fortzusetzen, und doch mein Interesse ihm
nicht entging, so hiess er mich Zeit und Ort bestimmen, wo wir uns gelegener
sprechen könnten, und so verabschiedete er sich mit einem unwillkürlichen
Anstande, der ihm selbst in diesen Kleidern trefflich liess.
    Um mir nun die ganze sonderbare Erscheinung einigermassen zu erklären, lag
freilich der Gedanke am nächsten, es habe dem Künstler gefallen, die niedrige
Natur eine Zeitlang an der Quelle selbst zu studieren, wiewohl derselbe Zweck
gewiss auf andre Art bequemer zu erreichen war. Als wir kurz nachher auf meinem
Gute zusammenkamen, schien er mich auch wirklich auf meinem Glauben lassen zu
wollen; doch dachte er zu redlich, um nicht die wahre Absicht, deren er sich
vielleicht schämen mochte, wenigstens als ein Nebenmotiv bemerklich zu machen,
und da überdies eine hypochondrische Seite in seinem Gespräche mehrmals anklang,
so erriet ich leicht, dass dies wohl der einzige Beweggrund sein müsse. Ich
vermied natürlich von nun an die Materie gerne, aber auffallend war es mir, dass
Larkens, wenn ich das Gespräch auf Kunst und dergleichen hinlenkte, nur einen
zerstreuten und beinahe erzwungenen Anteil zeigte. Er zog praktische oder
ökonomische Gegenstände, auch die unbedeutendsten, jedesmal vor. Mit wahrer
Freude untersuchte er meine Baumschule und jede Art von Feldwerkzeug, zugleich
suchte er sich beim Gärtner über alle diese Dinge gelegentlich zu unterrichten
und gab mitunter die sinnreichsten Vorteile an, die ihm weder Handbuch noch
Erfahrung, sondern nur sein glücklicher Blick gezeigt haben kann. Übrigens waren
unserer Zusammenkünfte leider nicht mehr als drei; vor sechs Tagen speiste er
das letzte Mal bei mir.«
    Der Präsident war fertig. Eine tiefe Wehmut war auf alle Gesichter
ausgegossen und keines wollte reden. Hatte man während dieser Erzählung,
wenigstens in der Mitte derselben, nur das rege Bild eines Mannes vor sich
gehabt, welcher, obgleich nicht im reinsten und glücklichsten Sinne, doch durch
die feurige Art, wie er die höchsten Glanzerscheinungen des Lebens und der Kunst
in sich aufnehmen konnte, mit Leib und Seele dieser Welt anzugehören schien, und
konnte man also auf Augenblicke völlig vergessen, es sei hier von einem
Verstorbenen die Rede, so überfiel nun der Gedanke, dass man in wenig Stunden
werde seinen Sarg in die Erde senken sehen, alle Gemüter mit einer
unerträglichen Pein, mit einer ganz eigenen Angst, und unsern Freund durchdrang
ein nie gefühlter brennender Schmerz der ungeduldigsten Sehnsucht. Sekundenlang
konnte er sich einbilden, sogleich werde die Türe sich auftun, es werde jemand
hereinkommen, mit freundlichem Gesicht erklären, es sei alles ein Irrtum,
Larkens komme frisch, und gesund unverzüglich hieher. Aber ach! kein Wunder gibt
es und keine Allmacht, um Geschehenes ungeschehen zu machen.
    Der Präsident trat stille auf Teobald zu, legte die Hand auf seine Schulter
und sprach: »Mein Lieber! es ist nun Zeit, dass ich eine Bitte, eine rechte
Herzensbitte an Sie bringe, mit der ich seit gestern abend umgehe und welche Sie
mir ja nicht abschlagen müssen. Bleiben Sie einige Tage bei uns. Es ist uns
beiden unerlässliches Bedürfnis, des teuren Freundes Gedächtnis eine Zeitlang
miteinander zu tragen und zu feiern. Wir werden, indem wir uns beruhigen, auch
seinen Geist mit sich selber zu versöhnen glauben. Wir müssen, wenn ich so
sprechen darf, dem Boden, welchem er seine unglückliche Asche aufdrang, die
fromme Weihe erst erteilen, damit diese Erde den Fremdling mütterlich
einschliessen könne. Wenn Sie uns verlassen haben, so ist hier keine Seele ausser
mir, die Ihren Larkens kennte und schätzte wie er es verdient, und doch sollen
zum wenigsten stets ihrer zwei beisammen sein, um das Andenken eines
Abgeschiedenen zu heiligen. Ja, geben Sie meiner Bitte nach, überlegen Sie nicht
- Ihre Hand! Morgen reisen wir alle aufs Gut und wollen, traurig und froh, eines
dem andern sein was wir können.«
    Nolten liess den in Tränen schimmernden Blick freundlich auf Agnesen
hinübergleiten, die denn, zum Zeichen was sie denke, mit Innigkeit die Hand
Margots ergriff, welch letztere, diese Meinung liebreich zu erwidern, sich
alsbald gegen beide Mädchen hinbeugte und sie küsste.
    »Wer könnte hier noch länger widerstehn!« rief Nolten aus. »Ihre Güte,
teurer Mann, ist fast zu gross für mich, ich nehme sie aber, wenn auch nur
schüchtern, im Namen unseres Toten an. - Unsere Reise, meine guten Kinder«,
setzte er gegen die Seinigen hinzu, »insofern sie dem Vergnügen gelten sollte,
war ich seit gestern ohnehin entschlossen abzukürzen, ich wollte ungesäumt dem
Orte unseres künftigen Bleibens und meiner Pflicht entgegengehn. Unvermutet hat
sich uns nun eine dritte Aussicht eröffnet, die selbst mit ihrer schmerzlichen
Bedeutung bei weitem den schönsten Genuss und die lieblichste Zuflucht
verspricht.«
    Ein Bedienter kam und meldete einige Herren, welche der Präsident auf diese
Stunde zu sich gebeten hatte. Es war der Regisseur des Teaters und drei andere
Künstler, die sich für Nolten nicht weniger, als für den Verstorbenen
interessierten, da ihnen der Maler durch Renommee schon längst nicht fremd mehr
war. Der Regisseur kam vor Jahren einmal mit Larkens in persönliche Berührung.
Er wollte, auf Anregung des Präsidenten und darum ohne Widerspruch von seiten
der Geistlichkeit, ein Wort am Grabe reden; Teobald hatte ihm hiezu die nötigen
Notizen schon am Morgen zusammengeschrieben. Man beredete noch einiges wegen der
Feierlichkeit.
    Indessen hatte sich der Tag schon ziemlich geneigt, und seine ahnungsvolle
Dämmerung wälzte mit den ersten Trauerschlägen von dem Turme her langsam und
feierlich das letzte grösste Schmerzgewicht auf die Brust unsrer Freunde. Die
Leiche musste vor dem Hause des Präsidenten vorüberkommen, wo denn die
ordentliche Begleitung mit einbrechender Nacht, Punkt neun Uhr sich aufstellen
und ein Fackelzug von Künstlern und Schauspielern die Leiche abholen sollte,
währenddessen die übrigen Fussgänger und die Wagen hier zu warten angewiesen
waren.
    Nolten suchte noch einen Augenblick loszukommen, um in aller Stille einen
letzten Gang nach des Tischlers Hause zu tun. Dort traf er bereits eine Menge
Neugieriger in der engen Gasse versammelt, doch wagte niemand, ihm zu folgen,
als der alte Meister ihm den Schlüssel zu der bekannten, weit nach hinten zu
gelegenen Kammer reichte. Ein weisser, mit frischen Blumen behängter Sarg stand
auf dem Gange. Köstliches Rauchwerk kam ihm aus dem Zimmer entgegen, als er
eintrat. Aber aufs schönste ward er überrascht und gerührt durch einen Schmuck,
den eine unbekannte Hand dem Toten hatte angedeihen lassen. Nicht nur war der
Körper mit einem langen, feinen Sterbekleid und schwarzer Schärpe reinlich
umgeben, sondern ein grosser, blendend weisser Schleier, mit Silber schwer
gestickt, bedeckte das Antlitz und liess einen grünen Lorbeerkranz, der um die
hohe Stirne lag, und selbst die Züge des Gesichts gar milde durchschimmern.
    Der Maler blieb nicht länger vor dem Bette stehn, als eben hinreichte, um
jenes stumme, langgedehnte Lebewohl - sei es auf Wiedersehn, ach! oder auch auf
ewig Nimmersehn - durch das Tiefinnerste der Seele ziehn zu lassen und jeden
stillen Winkel seiner Brust mit diesem Liebesecho schmerzlich anzufüllen.
    Er hörte Tritte auf dem Gang, schnell riss er sich los, in Eifersucht, dass
diesen Ruheanblick, den er auf alle Zeiten mit sich nehmen wollte, kein anderer
mit ihm teile.
Wir sehen einen frischen Tag über der Stadt aufgehn, und sagen von dem gestrigen
Abende nicht mehr, als dass die ganze Feier schön und würdig vollzogen wurde.
    Der heutige Morgen, es war ein Sonntag, ging mit Einpacken, oder mit
Besuchen hin, die Nolten in der Stadt zu machen und zu erwidern hatte. Die
ausserordentliche Begebenheit erwarb ihm eine grosse Anzahl teils neugieriger,
teils aufrichtiger Freunde, es kam nun eine Einladung nach der andern, darunter
sehr ehrenvolle, die er nicht ablehnen durfte. Es wurde deshalb beschlossen, dass
man nicht heute abend, wie anfangs verabredet gewesen, sondern morgen auf das
Landgut fahre. Die Familie des Präsidenten war indessen in aller Frühe schon
hier eingetroffen, und Nolten sah die Präsidentin auf kurze Zeit, neben dem
Gemahl, doch war es ebendarum bei aller möglichen Artigkeit von ihrer Seite eine
ziemlich frostige Bekanntschaft. Nannette, welche auch dabei zugegen, konnte
sich nicht genug verwundern über die hohle Zärtlichkeit des vornehmen Ehepaars
und sie machte gleich hernach Agnesen die ganze Szene vor, wie sich beide
geküsst, wie zierlich die Frau ihr Sprüchlein gelispelt habe.
    Als Teobald wegen des dem armen Freunde gewidmeten Ehrenschmucks ein
dankbares Wort an das Fräulein richtete - denn er vermutete sonst niemanden
darunter - vernahm er, dass zwar der Schleier von ihr, das übrige jedoch von
einer edlen Dame gekommen, welche den Schauspieler vor mehreren Jahren in
einigen seiner vorzüglichsten Rollen gesehen habe. Margot nannte ihren Namen mit
Achtung und erzählte, dass sie dieselbe Frau noch vor ganz kurzer Zeit
gelegentlich in einer Gesellschaft sehr munter von jenen Vorstellungen habe
erzählen hören.
    Montag mittag endlich verliessen die Freunde erleichterten Mutes die Stadt.
Die Neuburger Chaise mit einem Teil des Gepäcks sollte hier zurückbleiben. Unsre
Gesellschaft teilte sich in zwei Gefährte des Präsidenten, so dass die Herren in
dem einen, die drei Frauenzimmer in dem andern für sich allein waren.
    Nach einer Stunde schon sah man das Schloss vor sich auf der flachen Anhöhe
liegen, am Fusse derselben ein kleines Landstädtchen, dessen Marken durch manches
Betaus am Wege, durch manches hölzerne Kreuz die katolische Einwohnerschaft im
voraus verkündigen. Das Schloss selber ist ein altertümliches Gebäude, massiv von
Stein, in zwei gleich lange Flügel gebaut, welche nach unsrer Seite her in einen
stumpfen Winkel zusammenlaufen, so, dass der eine, mehr seitwärts gelegene, sich,
je näher man dem Hauptportale kam, hinter den andern zurücklegen musste. Das
ernste und würdige Ansehn des Ganzen verlor nur wenig durch die moderne
gelbbraune Verblendung. Überall bemerkte man vorspringende Erker und schmale
Altane, ziemlich unregelmässig, aber bequem und auf die Aussicht ins Weite
berechnet. Man fuhr in den Schlosshof ein, der hinten durch eine im Halbkreis
gezogene Kastanienallee gar schön geschlossen ist, indem dieselbe rechts und
links auf beide Flügelenden zugeht. Die Mitte des Halbzirkels nimmt ein
achteckig gefasster See mit Springbrunnen ein, deren altfränkische Delphine nach
vier Seiten hin ihr Wasser strahlen. Die Allee wird durch geradlinige Wege
dreimal durchschnitten, um in die zunächst hinterliegenden Anlagen zu gelangen;
der mittlere Ausgang führt nach der Schnur auf ein ansehnliches Gartenhaus zu.
    Von der Herrschaft wurden im ganzen Schloss bloss die beiden Etagen des
einen Flügels bewohnt, die obern vom Präsidenten, unten befanden sich die Zimmer
der Frau, wo nun auch die beiden Mädchen mit dem Fräulein einquartiert werden
sollten. Das alles war, wenige Piecen ausgenommen, nach neuerem Geschmacke. An
Bedienung, weiblicher sowohl als männlicher, fehlte es nicht.
    Nachdem die neuen Gäste einigermassen eingerichtet waren, trank man den
Kaffee in einem der vielen Bosketts im Garten und wandelte sodann, in zwei
Partien abermals getrennt, die ganze Anlage durch. Ihr Umfang war, obgleich
beträchtlich, doch kleiner als es von innen der Anschein gab, weil Bäume und
Gebüsch die Mauer überall verbargen.
    Agnes und Nannette, ihre gefällige Freundin in der Mitte, empfanden sich in
einem völlig neuen Elemente; jedoch sein Fremdes ward ihnen durch Margots höchst
umgängliches und ungeniertes Wesen mit jeder Viertelstunde mehr zu eigen.
Überhaupt finden wir nun Zeit von der Tochter zu reden, und sie verdient, dass
man sie näher kennenlerne. Das munterste Herz, verbunden mit einem scharfen
Verstande, der unter dem unmittelbaren Einflusse des Vaters, verschiedene, sonst
nur dem männlichen Geschlecht zukommende Fächer der Wissenschaft, man darf
kecklich sagen, mit angeborener Leidenschaft und ohne den geringsten Zug von
gelehrter Koketterie ergriffen hatte, schienen hinreichende Eigenschaften, um
mit einem Äussern zu versöhnen, das wenigstens für ein gewöhnliches Auge nicht
viel Einnehmendes, oder um es recht zu sagen, bei viel Einnehmendem, manches
unangenehm Auffallende hatte. Die Figur war ausserordentlich schön, obgleich nur
mässig hoch, der Kopf an sich von dem edelsten Umriss, und das ovale Gesicht
hätte, ohne den aufgequollenen Mund und die Stumpfnase, nicht zärter geformt
sein können; dazu kam eine braune, wenngleich sehr frische Haut, und ein Paar
grosse dunkle Augen. Es gab, freilich nur unter den Männern, immer einige, denen
eine so eigene Zusammensetzung gefiel; sie behaupteten, es werden die
widersprechenden Teile dieses Gesichts durch den vollen Ausdruck von Seele in
ein unzertrennliches Ganzes auf die reizendste Art verschmolzen. Man hatte
deshalb den Bewunderern Margots den Spottnamen der afrikanischen Fremd- und
Feinschmecker aufgetrieben, und wenn hieran gewisse allgemein verehrte
Schönheiten der Stadt sich nicht wenig erbauten, so war es doch verdriesslich,
dass eben die geistreichsten Jünglinge sich am liebsten um diese Afrikanerin
versammelten. Die Spässe der ballgerechten Stutzer waren indes, der Eifersucht
zum Troste, unerschöpflich. So hatte ein Lieutenant, der sonst eben nicht im
Geruche des witzigsten Kopfes stand, den köstlichen Einfall ausgeheckt: man
bemerke an des Präsidenten Tochter, bei genauerer Betrachtung, ein feines
Bärtchen um die Lippen, welches wohl daher komme, dass sie als Kind sich schon
von den alten Knasterbärten, den Ciceros und Xenophons habe küssen lassen, und
vergessen, sich den Mund rein zu wischen. Das Schönste war, dass Margot
dergleichen Armseligkeiten, auch wenn sie darum wusste, im geringsten nicht
bitter empfand; sie erschien bei den öffentlichen Vergnügungen, wozu freilich
mehr die Mutter als das eigene Bedürfnis sie trieb, immer mit gleich
unbefangener Heiterkeit, sogar gehörte sie bei Spiel und Tanz zu den eigentlich
Lustigen; aber indem sie Wohlgesinnte und Zweideutige ganz auf einerlei Weise
behandelte, zeigte sie, ohne es zu wollen, dass sie den einen wie den andern
missen könne. Allein auch diese unschuldigste Indifferenz legte man entweder als
Herzlosigkeit, oder Stolz aus. Agnes und selbst die leichter gesinnte junge
Schwägerin huldigten dem guten Wesen von ganzem Herzen, ohne erst noch seine
glänzendste Seite zu kennen.
    Die Mädchen sassen im Gespräch auf einer Bank und sahen jetzt einen jungen
Menschen von etwa sechszehn Jahren, gewöhnlich aber rein gekleidet und einige
Bäumchen im Scherben tragend, den breiten Weg herunterlaufen. Wie er an ihnen
vorüberkam, nickte er nur schnell und trocken mit dem Kopfe vor sich hin, ohne
sie anzusehn. Die zarte Bildung seines Gesichts, die ganze Haltung des Knaben
machte Nannetten aufmerksam, und Margot sagte: »Es ist der blinde Sohn des
Gärtners. Sie haben ihn mitleidig angesehn und es geht anfänglich jedermann so,
man glaubt ihn leidend, doch ist er es nicht, er hält sich für den glücklichsten
Menschen. Wir lieben ihn alle. Er hilft seinem Vater und verrichtet eine Menge
Gartengeschäfte mit einer Leichtigkeit, dass es eine Lust ist, ihm zuzusehn, wenn
ihm einmal die Sachen hingerüstet und bedeutet sind. Nichts kommt ihm falsch in
die Hand, kein Blättchen knickt ihm unter den Fingern, eben als wenn die
Gegenstände Augen hätten statt seiner und kämen ihm von selbst entgegen. Dies
gibt nun einen so rührenden Begriff von der Neigung, dem stillen Einverständnis
zwischen der äussern Natur und der Natur dieses sonderbaren Menschen. Da er nicht
von Geburt, sondern etwa seit seinem fünften Jahre blind ist, so kann er sich
Farben und Gestalten vorstellen, aber wunderlich klingt es, wenn man ihn die
Farben gewisser Blumen mit grosser Bestimmteit, aber oft grundfalsch so oder so
angeben hört; er lässt sich seine Idee nicht nehmen, da er sie ein für allemal
aus einem unerklärlichen Instinkt, hauptsächlich aus dem verschiedenen Geruche,
dann auch aus dem eigentümlichen Klange eines Namens vorgefasst hat. Das erstere
kann man ihm noch hingehn lassen, der Zufall tut viel, und wirklich hat er es
einigemal bei sehr unbekannten Blumen auffallend getroffen.«
    »Wäre aber«, sagte Agnes, »doch etwas Wahres daran, so sollte man auch wohl
die Gabe haben können, etwa aus der Stimme eines Menschen auf sein Wesen zu
schliessen, wenn auch nicht auf den Namen, denn gesetzt, man schöpfte diesen für
die Blumen wirklich aus einem bestimmten Gefühl, oder, wie soll ich sagen? aus
einer natürlichen Ähnlichkeit, so kämen wir auf jeden Fall zu kurz neben diesen
Frühlingskindern, die man doch gewiss erst, nachdem sie vollkommen ausgewachsen
waren, getauft hat, um ihnen nicht Unrecht zu tun mit einem unpassenden Namen,
während wir den unsrigen erhalten, ehe wir noch den geringsten Ausdruck zeigen.«
    Margot war über diese artige Bemerkung erfreut und Nannette erinnerte
gelegentlich an die sogenannte Blumensprache, woraus man seit einiger Zeit
ordentlich kleine Handbücher mache. »Was mir an dieser Lehre besonders gefällt,
das ist, dass wir Mädchen bei all ihrer Willkürlichkeit doch gleich durch die
Bedeutung, die dem armen nichtswissenden Ding im Buche beigelegt ist, unser
Gefühl bestimmen und umstimmen lassen können, weil wir dem Menschen, der sich
untersteht, so was ein für allemal zu stempeln, doch einen Sinn dabei zutrauen
müssen, oder weil eine gedruckte Lüge doch immer etwas Unwiderstehlicheres hat
als jede andere.«
    »Oder«, versetzte Margot, »weil wir ängstlich sind, durch unser vieles Um-
und Wiedertaufen eine böse Verwirrung in das hübsche Reich zu bringen, so dass
uns die armen Blumen am Ende gar nichts Gewisses mehr sagen möchten.«
    »Wie närrisch ich früher über Namen der Menschen gedacht habe und zuweilen
noch denken muss, kann ich bei der Gelegenheit nicht verschweigen«, sagte Agnes.
»Sollten denn, meint ich, die Namen, welche wir als Kinder bekommen, zumal die
weniger verbrauchten, nicht einen kleinen Einfluss darauf haben, wie der Mensch
sich später sein innerliches Leben formt, wie er andern gegenüber sich fühlt?
ich meine, dass sein Wesen einen besondern Hauch von seinem Namen annähme?«
    »Dergleichen angenehmen Selbsttäuschungen«, erwiderte das Fräulein, »entgeht
wohl niemand, der tiefern Sinn für Charakter überhaupt hat, und da sie so
gefahrlos als lieblich sind, so wollen wir sie uns einander ja nicht ausreden.«
    Nannette war beiseite getreten und kam mit einem kleinen Strauss zurück.
Während sie ihn in der Stille zurechtfügte, schien ihr ein komischer Gedanke
durch den Kopf zu gehn, der sie unwiderstehlich laut lachen machte. »Was hat nun
der Schelm?« fragte Margot, »es geht auf eins von uns beiden - nur heraus
damit!« »Es geht auf Sie!« lachte das Mädchen, »ist aber nichts zum Übelnehmen.
Ich suchte da nach einer Blume, die sich für Ihren Sinn und Namen passen könnte,
nun heisst doch wohl Margot nicht weniger noch mehr als Margarete, natürlich fiel
mir also ein, wie leichtfertig es lassen müsste, wie dumm und ungeschickt, wenn
Ihnen jemand hier dies Gretchen im Busch verehren wollte.« Alle lachten herzlich
über diese Zusammenstellung, die freilich nicht abgeschmackter hätte sein
können.
    »Im Ernst aber«, sagte Nannette und sprach damit wirklich ihres Herzens
Meinung aus, »für Sie, bestes Fräulein, könnte ich wohl einen Sommer lang mit
dem Katalogen in der Hand durch alle Kaisergärten suchen, eh mir endlich das
begegnete, was Ihrer Person, oder weil dies einerlei ist, Ihres Namens
vollkommen würdig wäre.« »So?« lachte Margot, »also bleib ich, eben bis auf
weiteres brav Gretel im Busch! Zum Beweis aber« (hier stand sie auf und trat vor
ein Rondell mit blühenden Stöcken) »dass ich glücklicher bin im Finden als Sie,
Böse und Schöne, steck ich Ihnen gleich diese niedliche Rose ins Haar, Agnes
hingegen diese blauliche Blüte mit dem würzigen Vanilleduft!«
    Man ging nun scherzend weiter und das Fräulein fing wieder an: »Vom guten
Henni sind wir ganz abgekommen, so heisst der Blinde, eigentlich Heinrich. Weil
seine vorhin genannten Talente einigermassen zweideutig sind, so muss man ihm bei
den andern desto mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat viel mechanisches
Geschick und seltne musikalische Anlagen. In einer leeren Kammer des linken
Schlossflügels, welche vor nicht sehr langer Zeit noch zur Hauskapelle der
frühern Besitzer eingerichtet war, steht eine Orgel, die lange kein Mensch
ansah. Sie befand sich im schlechtesten Zustande, bis Henni vor andertalb
Jahren sie entdeckte. Er hatte nun nicht Rast noch Ruhe, das verwahrloste
staubige Werk, Klaviatur, Pedal und Blasbälge, samt den fehlenden und
zerbrochenen Stäbchen, Klappen und Drähten, deren Zahl beiläufig hundert und
eines sein mag, wieder ordentlich herzurichten. Oft hörte man ihn bei Nacht
operieren, klopfen und sägen, und es war sonderbar, ihn dann so ohne alles Licht
in der einsamen Kammer bei seiner Arbeit zu denken. Was ihm aber kein Mensch
geglaubt hätte: nach weniger als vier Wochen war er wirklich mit allem zustande
gekommen. Sie müssen ihn einmal, und ohne dass er's weiss, auf der Orgel
phantasieren hören; er behandelt sie auf eine eigene Art und nicht leicht würde
ein anderes Instrument das eigentliche Wesen dieses Menschen so rein und
vollständig ausdrücken können. Ich hätte billig unter seinen Vorzügen zuerst von
seiner Frömmigkeit gesprochen, doch wird Ihnen diese nach dem bisher Gesagten um
so wahrer und zärter erscheinen, und ich brauche jetzt desto weniger Worte davon
zu machen. - Klavierspielen hatte er schon früher ohne Anleitung auf einem
schlechten Pantalon gelernt, mein Vater versprach, ihm auf seinen Geburtstag ein
ordentliches Instrument zu schenken. Solange wir in der Stadt wohnen, lass ich
auch wohl zuweilen den Schlüssel in dem meinigen stecken und mag mir gerne
denken, dass er sich ein Stündchen nach Herzenslust darauf ergehe, derweil seine
Mutter die Zimmer reinigt. Er lobte mir neulich den Ton des Flügels mit solchem
Feuer, dass er sich mit seinem Geheimnis verschnappte, er wurde plötzlich blutrot
und ich hätte fürwahr viel gegeben, um einen Augenblick selbst zu erblinden und
kein Zeuge dieser Beschämung zu sein. Es blieb nichts übrig, als ihn
aufzufordern, sogleich eine Sonate mit mir zu probieren, die er mir und meinem
Bruder abgehört hatte. Nichts geht ihm über das Vergnügen, vierhändig zu
spielen. Das Stück, wovon ich rede, ist eines von den schwerern, allein es ging
durchweg fast ohne Anstoss.«
    Der Präsident stand eben mit dem Maler auf der rechten Seite des Schlosses,
als die Mädchen gegen den Hof herkamen; sie sprachen dort über eine gewisse
Baukuriosität, der wir gelegentlich auch einen Blick schenken müssen. Es endigte
sich nämlich jener Flügel mit einer breitstufigen Steintreppe, welche vor den
Fenstern des oberen Stocks ein Belvedere ansetzte und, hüben und drüben mit
einem Geländer versehen, auf steinernen Bogen herablief. Mit der letzten Stufe
an der Erde trat man in ein niedliches Rosengärtchen, welches im Viereck von
einer niedern, künstlich ausgehauenen Balustrade umgeben, einerseits auf den
Abhang des Schlossbergs hinuntersah, andererseits durch ein eisernes Gatter in
die Allee einführte. Alles das fand sich in den gleichen Verhältnissen auch auf
der entgegengesetzten Flanke des Gebäudes, jedoch meist nur von Holz und auf den
Schein berechnet. Altan und Treppe waren dort verwittert und ohne Gefahr nicht
mehr zu betreten.
    Die Gesellschaft begab sich ins Innere des Hauses, und bis zum Abendessen
trieb ein jedes was ihm beliebte. Der Präsident liess seinen Gästen Zeit, es sich
bequem zu machen. Gleich anfangs hatte er den Grundsatz erklärt, es müsse neben
den Stunden der gemeinsamen Unterhaltung und des unmittelbaren Beieinanderseins
durchaus auch eine Menge Augenblicke geben, die, sozusagen, den zweiten und
indirekten, gewiss nicht minder lieblichen Teil der Geselligkeit ausmachen, wo es
erfreulich genug sei, sich miteinander unter einem Dache zu wissen, sich
zufällig zu begegnen und ebenso nach Laune festzuhalten. Unseren beiden
Frauenzimmern, welche dem Hausherrn gegenüber doch immer etwas von
Schüchternheit bei sich verspürten, kam eine solche Freiheit zu ganz besonderm
Troste, dem Maler war sie ohnehin Bedürfnis, und sogleich gab der Präsident das
Beispiel, indem er sich noch auf ein Stündchen ins Arbeitskabinett zurückzog.
    Die Tischzeit versammelte alle aufs neue, und als man sich zuletzt gute
Nacht sagte, trat jedem der Gedanke erstaunend vor die Seele, durch was für eine
ungeheure Fügung sich die fremdesten Menschen dergestalt haben zusammenfinden
können, dass es schon heute schien, als hätte man sich immerdar gekannt, als wäre
man zusammengekommen, um niemals wieder Abschied zu nehmen.
    Nachdem wir von der Stellung der Personen, sowie von deren häuslicher und
ländlicher Umgebung insoweit den Begriff gegeben haben, besorgen wir noch kaum,
dass unsre Leser ein vollständiges Journal von den Unterhaltungen der nächsten
Tage von uns erwarten möchten.
    Was ausserhalb des Schlossbezirks nur immer Anlockendes zu Pferd und Wagen zu
erreichen war, und was das Eigentum des Präsidenten, zumal eine sehr
reichhaltige Bibliotek, zur Unterhaltung darbot, ward abwechselnd genossen und
versucht. Der Präsident liebte die Jagd, und obgleich Teobald weder die
mindeste Übung, noch auch bis jetzt einigen Geschmack daran hatte, so war ihm in
seiner gegenwärtigen Verfassung der Vorteil dieser Art sich zu bewegen, wobei
sowohl Leib als Seele in kräftiger Spannung erhalten wird, gar bald sehr fühlbar
und bei einigem Glück mit den ersten Versuchen sogar ergötzlich geworden. Er
kehrte an so einem Abend auffallend erheitert und lebhaft nach Hause. Auch
hatten die Mädchen bereits ihren Scherz mit ihm, indem Margot behauptete: es
könnte wohl nicht leicht ein Maler die schönste Galerie der seltensten
Kunstwerke mit grösserem Interesse durchlaufen, als er die Gewehrkammer ihres
Vaters, worin er wirklich stundenlang verweilte. Gewiss aber war auch weit und
breit eine solche Sammlung nicht anzutreffen. Gewehre aller Art, vom ersten
Anfang dieser Erfindung bis zu den neuesten Formen des englischen und
französischen Kunstfleisses, konnte man hier aufs schönste geordnet in fünf hohen
Glaskästen sehen. Die Freunde bemerkten mit Lächeln, wie Nolten jedesmal eine
andere Flinte für sich aussuchte, denn mit jeder hoffte er glücklicher zu sein,
und endlich griff er gar nach einem alten türkischen Geschoss, welches zwar
prächtig und gut, doch für den Zweck nicht passend und deshalb von dem
schlechtesten Erfolg begleitet war.
    Besonders angenehm erschienen immer nach dem Abendessen die ruhigen
gemeinschaftlichen Lesestunden. Der Maler hatte anfangs unmassgeblich eine
Lektüre vorgeschlagen, welche man in doppelter Hinsicht willkommen hiess. Unter
den schriftlichen Sachen, die er vorläufig aus Larkens' Nachlasse an sich
gezogen, befand sich zufälligerweise ein dünner, italienischer Quartband, die
»Rosemonde« des Ruccelai entaltend, wovon ihm der Schauspieler, teils wegen der
Seltenheit der alten ursprünglichen Venezianer-Ausgabe, teils weil eine
angenehme Erinnerung für ihn dabei war, vormals mit besonderer Liebe gesprochen
und gelegentlich erzählt hatte, dass er als fünfzehnjähriger Knabe das Buch aus
der Sammlung eines Grossonkels nebst einigen andern Werken verschleppt habe,
natürlich ohne es zu verstehen, nur weil die schön vergoldete Pergamentdecke ihn
gereizt. Einige Zeit hernach habe von ungefähr ein Kenner es bei ihm erblickt
und es für einen ausserordentlichen Schatz erklärt; hiedurch sei er auf den
Inhalt neugierig worden, um so mehr, da seine Neigung zu Schauspielen und
Tragödien schon damals bis zur Wut entzündet gewesen. Nun habe er der Rosemonde
- der unbekannten Geliebten - zu Gefallen mit wahrhaft ritterlichem Eifer sich
stracks dem Italienischen ergeben, und nachdem er die Süssigkeit der Sprache erst
verschmeckt, für gar nichts anderes mehr Aug und Ohr gehabt, in kurzem auch, ein
zweiter Almachilde (so hiess Rosemondens Liebhaber und Retter), der armen
Königstochter sich völlig bemächtigt.
    War aber dieses Stück, als ein verehrter Zeuge der schönen Kindheit des
tragischen Teaters der Italiener schon an und für sich merkwürdig genug, so
setzte sich nun unser Zirkel, des Mannes eingedenk, von dem es herkam, mit einer
Art von Andacht zu dem Trauerspiel, wiewohl es während des Lesens und
Verdeutschens an munteren Bemerkungen nicht fehlte, entweder weil die
Übersetzung zuweilen stocken wollte, oder weil man nicht umhin konnte, die im
ganzen herrliche Charakteristik in der Dichtung mitunter etwas hart und
holzschnittartig zu finden. Ausser Agnes und Nannetten war allen die Sprache
bekannt; man übersetzte wechselsweise, am liebsten aber sah man immer das Buch
in Margots Hände zurückkehren, welche mit eigener Gewandteit die Verse in Prosa
umlegte und meistens ein paar Szenen im voraus zu Papier gebracht hatte, da denn
wirklich der Ausdruck an Kraft, Erhabenheit und Rundung nichts mehr zu wünschen
übrig liess, so dass man, obgleich alles sehr treu gegeben war, etwas ganz Neues
zu hören glaubte und den Dichter in seiner ursprünglich grandiosen Natur
vollkommen gerechtfertigt sah. Dem in gewisser Hinsicht unbefriedigenden
Schlusse der Handlung half das Fräulein, einem glücklichen Fingerzeig ihres
Vaters folgend, durch Einschaltung einer kurzen Szene auf, worin die Vereinigung
des liebenden Paares, welche der Dichter nur anzudeuten, bei seinem höhern
Zwecke kaum für der Mühe wert gehalten, zum Troste jedes zart besorgten Lesers
klärlich motiviert war. Man bedauerte nur, mit der Lektüre so schnelle fertig
geworden zu sein, und weil jedermanns Ohr nun schon von den südlichen Klängen
gereizt und hingerissen war, so brachte der Präsident einen italienischen
Novellisten hervor, indessen der Maler gereimte Gedichte gern vorgezogen hätte,
aus einem Grunde zwar, den er nicht allzu lebhaft geltend machen wollte: er war
entzückt, wie Margot Verse las; er glaubte einen solchen Wohllaut kaum je von
Eingeborenen gehört zu haben, und wenn es manchen Personen als ein
liebenswürdiger Fehler angerechnet wird, dass sie das R nur gurgelnd aussprechen
können, wie denn dies eben bei dem Fräulein der Fall war, so schien diese
Eigentümlichkeit der Anmut jenes fremden Idioms noch eine Würze weiter zu
verleihen. Agnes entging es nicht, mit welchem Wohlbehagen Freund Teobald am
Munde der Leserin hing, allein auch sie vermochte demselben Zauber nicht zu
widerstehen.
    Überhaupt lernten die Mädchen nach und nach immer neue Talente an dieser
Margot kennen; das meiste brachte nur der Zufall an den Tag, und weit entfernt,
es auf eine falsche Bescheidenheit anzulegen, oder im Gefühl ihrer Meisterschaft
den Unkundigen gegenüber die Unterhaltung über gewisse Gegenstände vornehm
abzulehnen, teilte sie vielmehr die Hauptbegriffe sogleich auf die einfachste
Weise mit und machte durch die Leichtigkeit, womit sie alles behandelte, den
andern wirklich glauben, dass das so schwere Sachen gar nicht wären, als es im
Anfang schien; sogar legte sie einmal das liebenswürdige Geständnis ab: »Wir
Frauen, wenn uns der Fürwitz mit den Wissenschaften plagt, krebsen mitunter
bloss, wenn wir zu fischen meinen, und freilich ist es dann ein Trost, dass es den
Herren Philosophen zuweilen auch nicht besser geht. - Sehn Sie aber«, rief sie
aus und schob die spanische Wand zurück, die in der Ecke ihres Zimmers einen
grossmächtigen Globus verbarg, »sehn Sie, das bleibt denn doch eine
Lieblingsbeschäftigung, wo man auf sicherem Grund und Boden wandelt. Der Vater
hat mich drauf geführt, er liess die hohle hölzerne Kugel mit Gips und feiner
Farbe weiss überziehen, ich zeichne die neuesten Karten darauf ab und mache ohne
Schiff und Wagen mit Freuden nach und nach die Reise durch die ganze Welt. Die
eine Hälfte wird bald fertig sein, und hier die neue Welt steigt auch schon ein
wenig aus dem leeren Ozean.« Agnes bewunderte die Schönheit und Genauigkeit der
Zeichnung, die zierliche Schrift bei den Namen, die breit lavierte Schattierung
des Meers an den Küsten herunter; Nannette aber rief: »Will man den Weibern
einmal nichts anderes lassen, als das beliebte Nähen, Stricken, Bandmalen oder
Sticken, und was damit verwandt sein mag, so sollte man mir gegen eine Arbeit
wie diese, wenn ich es je bis dahin brächte, die Nase wahrhaftig nicht rümpfen,
denn die Strickerin wollt ich doch sehen, die schönere Maschen und künstlichere
Filets vorweisen könnte, als Sie, mein Fräulein, hier bei diesen Linien und
Graden gemacht haben!«
    Sofort erklärte Margot dies und jenes, und wenngleich Nannette immer
diejenige war, welche die Sachen am begierigsten auffasste, am schnellsten
begriff, und am besten zu schmeicheln verstand, so blieb doch Margots
Aufmerksamkeit, obwohl nicht unmittelbar, denn sie fürchtete durch eine direkte
und vorzugsweise Belehrung Agnesen zu verletzen, dennoch am ersten auf diese
gerichtet. Überhaupt hatte ihre Neigung zu dem stillen Mädchen etwas
Wunderbares, man darf wohl sagen, Leidenschaftliches. Man sah sie, zumal auf dem
Spaziergange, nicht leicht neben Agnes, ohne dass sie einen Arm um sie
geschlagen, oder die Finger in die ihrigen hätte gefaltet gehabt. Zuweilen
machte diese Innigkeit, dies unbegreiflich zuvorkommende Wesen das anspruchlose
Kind recht sehr verlegen, wie sie sich zu benehmen, wie sie es zu erwidern habe.
    Inzwischen hatte man die Nachbarschaft des Guts ziemlich kennengelernt, die
Stadt ohnehin schon mehrmals besucht. Unter anderm rief Teobalden die
Publikation des Larkensschen Testaments dahin. Es fand sich ein bedeutendes
Vermögen. Ohne alle Rücksicht auf entferntere Familienglieder (nähere aber
lebten überall nicht mehr), hatte der Verstorbene vorerst einige öffentliche
Benefizien zumal für seinen Geburtsort gestiftet; sodann betrafen einzelne
Legate nur eine kleine Zahl von Freunden, darunter eine Dame, deren Name und
Charakter ausser dem Maler niemand erfuhr. Der letztere selbst und seine Braut
waren keineswegs vergessen. Bemerkenswert ist die ausdrückliche Verfügung des
Schauspielers, dass niemand sich beigehen lassen solle, sein Grab - gleichgültig
übrigens wo es sei - auf irgendeine Weise ehrend auszuzeichnen.
    Am Abende desselben Tags, da diese Dinge in der Stadt bereinigt werden
mussten, gab ein Konzert, von welchem alle Freunde der Musik lange vorher mit
grosser Erwartung gesprochen, einen höchst seltenen Genuss. Es war der Händelsche
Messias. Der Maler, dem ein hiesiger Aufentalt oft eine Art von Überwindung
kostete, weil er sich eine reine Totentrauer durch unvermeidliche Zerstreuung
fast jedes Mal vereitelt und zersplittert sah, fand heute in dem frommen Geist
eines der herrlichsten Tonstücke den übervollen Widerklang derjenigen
Empfindungen, mit denen er vom Grabe des Geliebten kommend unmittelbar in den
Musiksaal eintrat. Er hatte sich etwas verspätet und musste ganz entfernt von
seiner Gesellschaft, in einer der hintersten Ecken sich mit dem bescheidensten
Platze begnügen, den er jedoch mit aller Wahl nicht besser hätte treffen können.
Denn ihn verlangte herzlich, die süsse Wehmut dieser Stunde bis auf den letzten
Tropfen rein für sich auszuschöpfen, er sehnte sich, dem Sturme gottgeweihter
Schmerzen den ganzen Busen ohne Schonung preiszugeben. - Spät in der Nacht fuhr
er mit den drei Frauenzimmern (der Präsident war diesmal nicht dabei) im
schönsten Mondenschein nach Hause. Es hatte jenes Meisterwerk dermassen auf alle
gewirkt, dass es in der ersten Viertelstunde, wo sie sich wieder im Gefährt
befanden, beinahe aussah, als hätte man ein Gelübde getan, auf alles und jedes
Gespräch darüber zu verzichten; und als das Wort endlich gefunden war, galt es
dem teuren Larkens fast ausschliesslich. Das Fräulein offenbarte sich bei der
Gelegenheit zum erstenmal entschiedener von seiten des Gefühls, was wenigstens
dem Maler gewissermassen etwas Neues war, da es ihn manchmal deuchte, als stünde
diese Eigenschaft bei ihr unter einer etwas zu strengen und jedenfalls zu sehr
bewussten Vormundschaft des mächtigern Verstandes. Das Wahre aber ist: Margot
verbot sich, bei aller übrigen Lebendigkeit, von jeher den kecken Ausdruck
tieferer Empfindung, vielmehr - er verbot sich von selber bei ihr, da sie ihr
Leben lang nie einen Umgang gehabt, wie ihn das Herz bedurfte. Es wäre nicht
leicht zu bezeichnen, was es eigentlich war, das einem so trefflichen Wesen von
Kindheit an die Gemüter der Menschen, oder doch ihres Geschlechts, entfremden
konnte. In der Tat aber, so wenig kannte sie das Glück der Freundschaft, dass sie
ihre eigene Armut auch nur dunkel empfand, und dass ihr von dem Augenblick ein
durchaus neues Leben, ja ein ganz anderes Verständnis ihrer selbst aufgegangen
zu sein schien, da sie in Agnesen vielleicht die erste weibliche Kreatur
erblickte, welche sie von Grund des Herzens lieben konnte und von der sie
wiedergeliebt zu werden wünschte. Nolten las heute recht in ihrer Seele,
obgleich auch jetzt noch ihre Worte etwas Gehaltenes und Ängstliches behielten,
so dass sie, was niemals erhört gewesen, mitten in der Rede ein paarmal stockte,
oder gar abbrach.
    Zu Hause angekommen, glaubten alle aus der lichten Wolke eines frommen und
lieblichen Traumes unvermutet wieder auf die platte Erde zu treten, doch fühlte
jedes im sanft und freudig bewegten Innern, dass dieser Abend nicht ohne
bedeutende Spuren, sowohl in dem Verhältnis zueinander als im Leben des
einzelnen werde bleiben können.
Der Präsident nahm dieser Tage eine Reise vor, und in Geschäften, wie er sagte;
doch eigentlich war seine Absicht, dem bevorstehenden Geburtsfeste seiner Frau
auszuweichen. Der Maler mit den Mädchen war anstandshalber gleichfalls geladen
und diese Höflichkeit musste angenommen werden. Der Präsident war schon fort, als
die Botschaft einlief, die Feier unterbleibe wegen Unpässlichkeit der Frau.
Vermutlich lag nur eine Empfindlichkeit gegen den Gatten zugrunde. Margot indes
fuhr am Morgen allein nach der Stadt, verhiess jedoch, am Abend wieder
hierzusein. So blieben unsre Leute einen vollen Tag sich selbst überlassen, was
zur Abwechslung vergnüglich genug schien. Sie konnten sich so lange als die
Herren dieser Besitzung denken; Nannettens rosenfarbener Humor erfreute sich
einmal wieder des freiesten Spielraums, selbst Agnes behauptete, so behagliche
Stunden in langer Zeit nicht mehr gelebt zu haben, Nolten bemühte sich zum
wenigsten, einen unzeitig auf ihm lastenden Ernst zu verleugnen. Nach Tische
schickten sich die Mädchen an, Briefe nach Haus zu schreiben. Der Maler aber
nahm eine Partie hinterlassener Schriften seines Freundes in den Garten.
    Es war ein schwüler Nachmittag. Nolten trat in ein sogenanntes Labyrint. So
heissen bekanntlich in der altfranzösischen Gartenkunst gewisse planmässig, aber
scheinbar willkürlich ineinandergeschlungene Laubgänge, mit einem einzigen
Eingang, welcher sich schwer wiederfinden lässt, wenn man erst eine Strecke weit
ins Innere gedrungen ist, weil die grünen, meist spiralförmig umeinander
laufenden und durch unzählige Zugänge unter sich verbundenen Gemächer fast alle
einander gleichen. Die Wege sind sehr reinlich gehalten, die Wände glatt mit der
Schere geschnitten, ziemlich hoch und oben gemeiniglich offen. Der Maler schritt
in diesen angenehmen Schatten, seinen Gedanken nachhängend, von Zelle zu Zelle,
und nachdem er lange vergeblich auf das Zentrum zu treffen gehofft hat, verfolgt
er endlich eine bestimmte Richtung und gelangt auch bald in ein grösseres rundes
Gemach, worauf die verschiedenen Wege von allen Seiten zuführen; es ist oben bis
auf eine schmale Öffnung überwölbt, und diese sanfte Dämmerung, die Einsamkeit
des Plätzchens, wo kaum das Summen einer Fliege die tiefe süsse Mittagstille
unterbrach, alles stimmte vollkommen zu den Gefühlen unseres Freundes. Er setzte
sich auf eine Bank und schlug die Mappe auf. Verschiedene Aufsätze fanden sich
da, meistens persönlichen Inhalts, Poesien, kleine Diarien, abgerissene
Gedanken. Sehr viel schien sich auf Teobald selbst zu beziehen, anderes war
durchaus unverständlich, auf frühere Lebensepochen hindeutend. Besonders
anziehend aber war ein dünnes Heft mit kleinen Gedichten, fast lauter Sonette
»an L.«, sehr sauber geschrieben. Nolten erriet, wem sie galten, denn der
Verstorbene hatte ihm selbst von einer frühen Liebe zu der Tochter eines
Geistlichen gesprochen. Es war allem nach ein höchst vortreffliches Mädchen, das
in der schönsten Jugend gestorben. Wahrscheinlich fiel das Verhältnis in den
Anfang von Larkens' Universitätsjahren; wie heilig ihm aber noch in der
spätesten Zeit ihr Andenken gewesen, erkannte Teobald teils aus der Art, wie
Larkens sich darüber äusserte (er sprach ganz selten und auch dann nie ohne
Rückhalt von der Sache), teils auch aus andern Zeichen, die er erst jetzt
verstand. So lag z.B. in den zierlich geschriebenen Blättern ein hochrotes Band
mit schmaler Goldverbrämung, das der Schauspieler von Zeit zu Zeit und, wie
Nolten sich bestimmt erinnerte, immer nur an Freitagen, unter der Weste zu
tragen pflegte; der Maler legte die Gedichte zurück, um sie später mit Agnes zu
geniessen. Jetzt aber ward er durch die Aufschrift einiger andern Bogen aufs
äusserste frappiert und eigentlich erschreckt. »Peregrinens Vermählung mit *.«
Eine Note am Rand sagte deutlich, wer gemeint war; er blätterte und entdeckte im
ganzen eine unschuldige Phantasie über seine frühere Berührung mit Elisabet. -
Von jeher war es dem Schauspieler gewohntes Bedürfnis gewesen, alles, was ihn
auf länger oder kürzere Zeit interessierte die Eigentümlichkeiten seines
nächsten Umgangs, das ganze Leben mancher Freunde, durch Zutat seiner Einbildung
mit einem magischen Firnis aufzuhöhen, sich näherzubringen und so alles auf
zweifache Art zu geniessen. Er trieb diesen idealen Unterschleif nicht leicht in
solchem Masse, dass ihm dadurch die natürliche Ansicht von Dingen und Personen
verrückt oder unschmackhaft geworden wäre, er beurteilte namentlich Teobalds
Wesen bei alledem auf die nüchternste Weise und pflegte jener phantastischen
Neigung so wenig auf Kosten der Freundschaft, dass er vielmehr mit ängstlicher
Sorgfalt alles und jedes vor ihm versteckte, was auf die Gesundheit seines
Gemüts irgend nachteilig von dorter hätte wirken können. So liess er sich denn
insbesondere von seiner Vorliebe für Elisabet nichts gegen Teobald merken. Er
beschäftigte sich lange Zeit mit dem Schicksale dieser Person, doch ausser den
getreu nach der Wahrheit verfassten Memoiren, welche der Leser längst kennt, kam
Nolten keine Zeile von den dahin einschlagenden Versuchen zu Gesicht. Ohne
Zweifel hatte Larkens einmal die Absicht gehabt, die Geschichte mit der
Zigeunerin für sich zu erweitern und ins Fabelhafte hinüberzuspielen; dasjenige,
was der Maler in Händen hielt, waren teils Fingerzeige zu Gedichten, teils
ausgeführte Stücke, welche in loser und schwebender Verknüpfung, wie es der
mytischen Komposition angemessen schien, zuletzt einen gewissen Lebenskreis
erschöpfen sollten. Freilich geschah diese wunderliche Amplifikation der an sich
schon wunderbaren Tatsachen mehr in seiner eignen als Noltens Sinnesweise. Der
Maler konnte sich an der Fiktion als solcher ergötzen, doch brachte diese Reihe
von seltsamen Bildern alsbald eine solche Beklemmung, Unruhe und Schwere über
ihn, dass er die Blätter mehr als einmal ungeduldig wegwarf.
    Indem hier einige Stücke ausgehoben werden mögen, ist zum Verständnis des
ersten Gedichts einer Randbemerkung zu erwähnen, wodurch auf eine gewisse
Zeichnung hingewiesen wird, welche von Nolten zur Zeit, als er die Schule zu **
besuchte, entworfen, Elisabets Gestalt in asiatischem Kostüm, mit Szenerie im
ähnlichen Geschmack, darstellte; später sah Larkens das Blatt und bat sich's
aus, doch lag es nicht hier bei.
                                 Die Hochzeit4
Aufgeschmückt ist der Freudensaal;
Lichterhell, bunt, in laulicher Sommernacht
Stehet das offene Gartengezelte;
Säulengleich steigen,
Reichlich durchwirket mit Laubwerk,
Die stolzen Leiber
Sechs gezähmter, riesiger Schlangen,
Tragend und stützend das
Leicht gegitterte Dach.
Aber die Braut noch wartet bescheiden
In dem Kämmerlein ihres Hauses.
Endlich bewegt sich der Zug der Hochzeit,
Fackeln tragend, Feierlich stumm.
Und in der Mitte,
Mich an der linken Hand,
Schwarzgekleidet geht einfach die Braut;
Schöngefaltet ein Scharlachtuch
Liegt um den zierlichen Kopf geschlagen,
Lächelnd geht sie dahin;
Das Mahl schon duftet.
Später, im Lärmen des Fests,
Stahlen wir seitwärts uns beide
Weg, nach den Schatten des Gartens wandelnd,
Wo im Gebüsche die Rosen brannten,
Wo der Mondstrahl um Lilien zuckte,
Wo die Bäume vom Nachttau troffen.
Und nun strich sie mir, stillestehend,
Seltsamen Blicks mit dem Finger die Schläfe:
Jählings versank ich in tiefen Schlummer.
Aber gestärkt vom Wunderschlafe
Bin ich erwacht zu glückseligen Tagen,
Führte die seltsame Braut in mein Haus ein.
                                    Warnung
Der Spiegel dieser treuen braunen Augen
Ist wie von innrem Gold ein Widerschein;
Tief aus dem Busen scheint er's anzusaugen,
Dort mag solch Gold in heilgem Gram gedeihn.
In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen,
Unschuldig Kind, du selber lädst mich ein,
Willst, ich soll kecklich dich und mich entzünden -
Reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden!
                                Scheiden von ihr
Ein Irrsal kam in die Mondscheinsgärten
Einer einst heiligen Liebe,
Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug;
Und mit weinendem Blick, doch grausam
Hiess ich das schlanke,
Zauberhafte Mädchen
Ferne gehen von mir.
Ach, ihre hohe Stirn,
Drin ein schöner, sündhafter Wahnsinn
Aus dem dunkelen Auge blickte,
War gesenkt, denn sie liebte mich.
Aber sie zog mit Schweigen
Fort in die graue,
Stille Welt hinaus.
Von der Zeit an
Kamen mir Träume voll schöner Trübe,
Wie gesponnen auf Nebelgrund,
Wusste nimmer, wie mir geschah,
War nur schmachtend, seliger Krankheit voll.
Oft in den Träumen zog sich ein Vorhang
Finster und gross ins Unendliche,
Zwischen mich und die dunkle Welt.
Hinter ihm ahnt ich ein Heideland,
Hinter ihm hört ich's wie Nachtwind sausen;
Auch die Falten des Vorhangs
Fingen bald an, sich im Sturme zu regen,
Gleich einer Ahnung strich er dahinten,
Ruhig blieb ich und bange doch,
Immer leiser wurde der Heidesturm -
Siehe, da kam's!
Aus einer Spalte des Vorhangs guckte
Plötzlich der Kopf des Zaubermädchens,
Lieblich war er und doch so beängstend.
Sollt ich die Hand ihr nicht geben
In ihre liebe Hand? Bat denn ihr Auge nicht,
Sagend: da bin ich wieder
Hergekommen aus weiter Welt!
                                   Und wieder
Die treuste Liebe steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, verlassen, unbeschuht,
Dies kranke Haupt hat nicht mehr wo es ruht,
Mit ihren Tränen netzt sie bittre Wunden.
Ach, Peregrinen hab ich so gefunden!
Wie Fieber wallte ihrer Wangen Glut,
Sie scherzte mit der Frühlingsstürme Wut,
Verwelkte Kränze in das Haar gewunden.
Wie? Solche Schönheit konnt ich einst verlassen? -
- So kehrt nun doppelt schön das alte Glück!
O komm! in diese Arme dich zu fassen!
Doch wehe! welche Miene, welch ein Blick!
Sie küsst mich zwischen Lieben, zwischen Hassen,
Und wendet sich und - kehrt mir nie zurück.
Wie sonderbar ist Nolten von dieser Schilderung ergriffen! wie lebhaft erkennt
er sich und Elisabet selbst noch in einem so bunt ausschweifenden Gemälde! und
diese Wehmut der Vergangenheit, wie vielfach ist sie bei ihm gemischt! -
Mechanisch steht er endlich auf und lässt sich von der träumerischen Wirrung der
grünen Schattengänge eine Zeitlang willenlos hin und wider ziehen. So lieblich
war die schmerzhafte Betäubung seiner Seele, so sehr hat er sich in den
Wundergärten der Einbildung vertieft, dass, als er nun ganz unvermutet sich am
Ausgange des Labyrints dem hellen nüchternen Tageslichte zurückgegeben sah,
dies ihm das unbehaglichste Erwachen war. Mit verdüstertem Kopfe schleicht er
nun da und dort umher, und als endlich Agnes mit untergehender Sonne, vergnügt
vom Schreibtische kommend, nach dem Geliebten suchte, fand sie ihn einsam auf
dem Kanapee des grossen Gartenhauses. Sie sehnte sich nach frischer Abendluft,
nach dem erholenden Gespräch. Kaum waren einige Gänge gemacht, so hörten sie in
der Entfernung donnern; das Gewitter zog Herberts. Der Gärtner, welcher diese
schwülen Tage her immer nach Regen geseufzt, lief jetzt - und Henni hinterdrein
- mit schnellen Schritten nach Frühbeet und Gewächshaus, beide bezeugten laut
ihren Jubel über den kommenden Segen, dem ein paar Windstösse kräftig
vorangingen. Die Liebenden waren unter das hölzerne Dach des Belvedere getreten,
Nannette trug einige Stühle hinaus. Sie bemerkten ein zwiefaches Wetter, davon
die Hauptmacht vorne nach der Stadt zu lag, ein schwächeres spielte im Rücken
des Schlosses. Die ganze Gegend hat sich schnell vernachtet. Da und dort zucken
Blitze, der Donner kracht und wälzt seinen Groll mit Majestät fernab und weckt
ihn dort aufs neue mit verstärktem Knall. Auf der Ebene unten scheint es schon
herzhaft zu regnen. Hier oben herrscht noch eine dumpfe Stille, kaum hört man
einzelne Tropfen auf dem nächsten Kastanienbaum aufschlagen, der seine breiten
Blätter bis an das Geländer des Altans erhebt. Jetzt aber rauscht auch hier der
Segen mächtig los. - Ein solcher Aufruhr der Natur pflegte den Maler sonst wohl
zu einer mutigen Fröhlichkeit emporzuspannen; auch jetzt hing er mit Wollust an
dem kühnen Anblicke des feurig aufgeregten Elements, doch blieb er stille und in
sich gekehrt. Agnes verstand seinen Kummer und leise nannte sie einigemal den
Namen Larkens, doch konnte sie dem Schweigenden nicht mehr als ein Seufzen
entlocken.
    Der Himmel hatte sich erschöpft, der Regen hörte auf, hie und da traten die
Sterne hervor. Die angenehme Luft, das Tropfen der erquickten Bäume, ein sanftes
Wetterleuchten am dunkeln Horizont machte die Szene nun erst recht einladend.
Die junge Schwägerin, nach ihrer unsteten Art, war indes weggelaufen, um mit des
Fräuleins Zofe zu kurzweilen, einer muntern Französin, in der sie einen
unerschöpflichen Schatz von Geschichten und Spässen, eine wahre Adelschronik
entdeckt hatte. Agnes bemühte sich, in Noltens Gedanken einzugehen, sein
Schweigen tröstlich aufzulösen. Sie erinnerte sich jener Worte, welche der Maler
im ersten Schmerz auf die entsetzliche Todesnachricht im Gastof etwas
vorschnell gegen sie hatte fallenlassen, wornach sie sich dem Toten auf eine
besondere Weise persönlich verpflichtet glauben musste. Ihre Fragen deshalb hatte
Nolten nachher nur ausweichend und so allgemein wie möglich beantwortet, auch
diesmal ging er schnell darüber hin und sie beharrte nicht darauf. Nun aber
sprach sie überhaupt so ruhig, so verständig von dem Gegenstand, aus ihren
einfachen Worten leuchtete so ein reines und sicheres Urteil über die innerste
Gestalt jenes verunglückten Geistes hervor, dass Teobald ihr mit Verwunderung
zuhörte. Zugleich tat sie ihm aber weh, in aller Unschuld. Denn freilich musste
sich in einem weiblichen Gemüt, auch in dem liebevollsten, die Denk- und
Handlungsweise eines Mannes wie Larkens, nach ihrem letzten sittlichen Grunde,
um gar viel anders spiegeln als in den Augen seines nächsten Freundes, und
Nolten konnte im Räsonnement des Mädchens, wie zart und herzlich es auch war,
doch leicht etwas entdecken, wodurch er dem Verstorbenen zu nahgetreten sah,
ohne dass er Agnesen auf ihrem Standpunkt zu widerlegen hoffen, ja dieses auch
nur wagen durfte. »Du kennst, du kennst ihn nicht!« rief er zuletzt mit Eifer
aus, »es ist unmöglich! O dass er dir nur einmal so erschienen wäre, wie er mir
in zwei Jahren jeden Tag erschien, du würdest einen andern Massstab für ihn
finden, vielmehr du würdest jedes hergebrachte Mass unwillig auf die Seite
werfen. Ja, liebstes Herz« (er stockte, sich besinnend, dann rief er
ungeduldig:) »Warum es dir verhalten? was ängstigt mich? O Gott, bin ich es ihm
nicht schuldig? Du sollst, Agnes, ich will's, du musst ihn lieben lernen! dies
ist der Augenblick, um dir das rührendste Geheimnis aufzudecken. Du bist gefasst,
gib deine Hand, und höre, was dich jetzt, versteh mich Liebste, jetzt, da wir
uns ganz - so selig ungeteilt besitzen, nicht mehr erschrecken kann. Wie? hat
denn das Gewitter, das mit entsetzlichen Schlägen noch eben jetzt erschütternd
ob deinem Haupte stand, uns etwas anderes zurückgelassen, als den erhebenden
Nachhall seiner Grösse, der noch durch deine erweiterte Seele läuft? und überall
die Spuren göttlicher Fruchtbarkeit? die süsse, rein verkühlte Luft? Wir können
vom Vergangenen gelassen reden, ohne Furcht, dass es deshalb mit seiner alten
Pein aufs neue gegen uns aufstehen werde. Wär es nur Tag, nun würde rings die
Gegend vom tausendfachen Glanz der Sonne widerleuchten! Doch, sei es immer
Nacht! Mit tiefer Wehmut weihe sie ein jedes meiner Worte, wenn ich nunmehr von
alten Zeiten zu dir rede, wenn ich längst heimgeschickte Stürme vom sichern
Hafen der Gegenwart aus anbetend segne, hier an deiner Seite, du Einzige, du
Teure, ach schon zum zweitenmal und nun auf ewig Mein-Gewordene! Ja, in den
seligen Triumph so schwer geprüfter Liebe mische ich die sanfte Trauer um den
Freund, der uns - du wirst es hören - zu diesem schönen Ziel geleitet hat.
    Agnes! nimm diesen Kuss! gib ihn mir zurück! Er sei statt eines Schwurs, dass
unser Bund ewig und unantastbar, erhaben über jeden Argwohn, in deinem wie in
meinem Herzen stehe dass du, was ich auch sagen möge, nicht etwa rückwärts
sorgend, dir den rein und hell gekehrten Boden unsrer Liebe verstören und
verkümmern wollest.
    Ein anderer an meinem Platz würde mit Schweigen und Verhehlen am sichersten
zu gehen glauben, mir ist's nicht möglich, ich muss das verachten, o und - nicht
wahr? meine Agnes wird mich verstehen! - Was ich von eigner Schuld zu beichten
habe, kann in den Augen des gerechten Himmels selbst, ich weiss das sicher, den
Namen kaum der Schuld verdienen; und doch, so leicht wird die rechtfertige
Vernunft von dem schreckhaften Gewissen angesteckt, dass noch in tausend
Augenblicken und eben dann, wenn ich den Himmel deiner Liebe in vollen Zügen in
mich trinke, am grausamsten, mich das Gedächtnis meines Irrtums, wie eines
Verbrechens befällt. Ja, wenn ich anders mich selbst recht verstehe, so ist's am
Ende nur diese sonderbare Herzensnot, was mich zu dem Bekenntnis unwiderstehlich
treibt. Ich kann nicht ruhn, bis ich's in deiner liebevollen Brust begraben, bis
ich durch deinen Mund mich freudig und auf immer losgesprochen weiss.«
    Der Maler wurde nicht gewahr, wie dieser Eingang schon die Arme innig beben
machte. In wenigen, nur schnell hervorgestossenen Sätzen war endlich ein Teil der
unseligen Beichte heraus. Aber das Wort erstirbt ihm plötzlich auf der Zunge.
»Vollende nur!« sagt sie mit sanftem Schmeichelton, mit künstlicher
Gelassenheit, indem sie zitternd seine Hände bald küsst, bald streichelt. Er
schwankt und hängt besinnungslos an einem Absturz angstvoll kreisender Gedanken,
er kann nicht rückwärts, nicht voran, unwiderstehlich drängt und zerrt es ihn,
er hält sich länger nicht, er zuckt und - lässt sich fallen. Nun wird ein jedes
Wort zum Dolchstich für Agnesens Herz. Otto - die unterschobenen Briefe - die
Verirrung zu der Gräfin - alles ist herausgesagt, nur die Zigeunerin, ist er so
klug, völlig zu übergehn.
    Er war zu Ende. Sanft drückt er ihre Hand an seinen Mund sie aber, stumm und
kalt und versteinert, gibt nicht das kleinste Zeichen von sich.
    »Mein Kind! o liebes Kind!« ruft er, »hab ich zuviel gesagt? hab ich? Um
Gottes willen, rede nur ein Wort! was ist dir?«
    Sie scheint nicht zu hören, wie verschlossen sind all ihre Sinne. An ihrer
Hand nur kann er fühlen, wie sonderbar ein wiederholtes Grausen durch ihren
Körper giesst. dabei murmelt sie nachdenklich ein unverständliches Wort. Nicht
lang, so springt sie heftig auf - »O unglückselig! unglückselig!« ruft sie, die
Hände überm Haupt zusammenschlagend, und stürzt, den Maler weit wegstossend, in
das Haus. Vor seinem Geiste wird es Nacht - er folgt ihr langsam nach, sich
selbst und diese Stunde verwünschend.
Margot kam erst den andern Vormittag zurück von der Stadt. Sie war verwundert,
eine auffallende Verstimmung unter ihren Gästen sogleich wahrnehmen zu müssen.
Bescheiden forschte sie bei Nannetten, doch diese selbst war in der bängsten
Ungewissheit. Agnes hielt sich auf ihrem Zimmer, blieb taub auf alle Fragen, alle
Bitten, und wollte keinen Menschen sehn. Das Fräulein eilt hinüber und findet
sie angekleidet auf dem Bett, den Bleistift in der Hand, sinnend und schreibend.
Sie ist sehr wortarm, nach allen Teilen wie verwandelt, ihr Aussehn dergestalt
verstört, dass Margot im Herzen erschrickt und sich gerne wieder entfernt, nicht
wissend, was sie denken soll. - Nannette bestürmt den Bruder mit Fragen, er aber
zeigt nur eine still in sich knirschende Verzweiflung. Zu deutlich sieht er die
ganze Gefahr seiner Lage; er fühlt, wie in dem Augenblick das Herz des Mädchens
aus tausend alten Wunden blutet, die seine Unbesonnenheit aufriss: und nun soll
er dastehn, untätig, gefesselt, sie rettungslos dem fürchterlichen Wahne
überlassend? er soll die Türe nicht augenblicklich sprengen, die ihn von ihr
absperrt! Einmal übers andre schleicht er an ihre Schwelle; ihm wird nicht
aufgetan. Zuletzt erhält er ein Billett von ihr durch seine Schwester; der
Inhalt gibt ihm zweideutigen Trost; sie bittet vorderhand nur Ruhe und Geduld
von ihm. Sie sei, hinterbrachte Nannette, mit einem grösseren Briefe beschäftigt,
gestehe aber nicht, an wen er gehe.
    Dem Maler bleibt nichts übrig, als ebenfalls die Feder zu ergreifen. Er
bietet allem auf, was ruhige Vernunft und was die treueste Liebe mit
herzgewinnenden Tönen in solchem äussersten Falle nur irgend zu sagen vermag.
dabei spricht er als Mann zum krank verwöhnten Kinde, er rührt mit sanftem
Vorwurf an ihr Gewissen und schickt jedwedem leisen Tadel die kräftigsten
Schwüre, die rührendsten Klagen verkannter Zärtlichkeit nach.
    Am Abend kam der Präsident. Zum Glück traf er schon etwas hellere Gesichter,
als er vor wenig Stunden noch gefunden haben würde. Die Mädchen hatten dem Maler
berichtet: Agnes sei ruhig, anredsam und freundlich und habe nur gebeten, dass
man sie heute noch sich selber überlasse; es sei ihr vor, vielmehr, sie wisse
sicher und gewiss, dass diese Nacht sich alles bei ihr lösen werde.
    Der Präsident, der manches zu erzählen wusste, bemerkte etwas von Zerstreuung
in den Mienen seiner Zuhörer und vermisste Agnesen. »Schon gut«, gab er Nolten
mit Lächeln zur Antwort, als dieser ihm nur leichtin von einem kleinen
Verdrusse sprach, den er sich zugezogen, »recht so! das ist das unentbehrlichste
Ferment der Brautzeit, das macht den süssen Most etwas rezent. Der Wein des
Ehestands wird Ihnen dadurch um nichts schlimmer geraten.«
    Das Abendessen war vorbei. Man merkte nicht, wie spät es bereits geworden.
Die beiden Herren sassen im Diskurs auf dem Sofa. Nannette und Margot lasen
zusammen in einem kleinen Kabinett, das nur durch eine Tür von dem Zimmer
geschieden war, wo Agnes schlief.
    Die Unterhaltung der Männer geriet indes auf einen seltnen Gegenstand. Der
Präsident nämlich hatte gelegentlich von einem üblen Streich gesprochen, den ihm
der Aberglaube des Volks und die List eines Pachters hätte spielen können. Es
handelte sich um ein sehr wohlerhaltenes Wohnhaus auf einem Bauernhofe, den er,
als Bestandherr, noch gestern eingesehn. Das Haus war wegen Spukerei verrufen,
so dass niemand mehr drin wohnen wollte. Der kluge Pachter sah seinen Vorteil bei
dieser Torheit, er hatte dem Gebäude längst eine andere Bestimmung zugedacht,
die der Präsident nicht zugeben konnte, und nährte deshalb unter der Hand die
Angst der Bewohner. Mit sehr vieler Laune erzählte nun jener, auf welche Art er
die Köpfe samt und sonders zurechtgesetzt und wie er die ganze Sache
niedergeschlagen. Dies gab sofort Veranlassung, den Glauben an Erscheinungen,
inwieweit Vernunft und Erfahrung dafür und dagegen wären, mit Lebhaftigkeit zu
besprechen. Der Maler fand es durchaus nicht wider die Natur, vielmehr
vollkommen in der Ordnung, dass manche Verstorbene sich auf verschiedentliche
sinnliche Weise den Lebenden zu erkennen geben sollten. Der Präsident schien
dieser Meinung im Herzen weit weniger abhold zu sein, als er gestehen wollte;
vielleicht auch war ihm nur darum zu tun, das Interesse des Gesprächs durch
Widerspruch zu steigern.
    »Ich will Ihnen doch«, sagt er endlich, »eine kleine Geschichte mitteilen,
für deren Wahrheit ich Bürge bin. Noch aber weiss ich selber nicht, für welchen
von uns beiden sie am meisten spricht.
    Ich wohnte in England bei einer Verwandten, einer Witwe ohne Kinder. Sie war
mit ihrem Manne gegen den Willen beider verheiratet worden, sie lebten nur
wenige Monate zusammen und er starb nach einigen Jahren im Auslande. Mein
Aufentalt in London fiel eben in die Zeit, als die schöne Frau sich zum zweiten
Male, und entschieden nach Neigung mit einem reichen Kaufmann aus Deutschland
verlobte. Religiöse Schwärmerei, eben dasjenige, wodurch sie in der ersten Ehe
so unglücklich gewesen, machte hier neben einer natürlichen Leidenschaft das
wesentliche Band der Herzen aus. Ich erinnere mich seiner noch ganz wohl, als
eines Mannes von hoher und zugleich sehr zarter Gestalt, anziehend und
geheimnisvoll in seinen Manieren. Er ging lange Zeit im Haus der Witwe aus und
ein, sie sollen gemeinschaftlich die heimlichen Versammlungen einer gewissen
Sekte besucht haben, deren Grundsätze man eigentlich nicht kannte, kurz, er war
erklärter Bräutigam; aber niemand begriff, warum es mit der Hochzeit nicht
vorangehn wollte, von der sich die Familie eines der glänzendsten Feste
versprach. Indessen ward er veranlasst eine sehr weit aussehende Reise in
Geschäften nach Nordamerika zu tun, und nun zweifelte man gar nicht mehr, dass er
die Verbindung in der Stille werde ausgehn lassen; man bemitleidete die Braut,
die ihn jedoch ganz ruhig und getrost sich einschiffen sah, und soviel man
bemerken konnte, bald einen lebhaften Briefwechsel mit ihm unterhielt. Ich war
zugegen, als einsmals eine Kiste mit ausgewählten Geschenken anlangte, welche
die Lady mit einem feierlichen Wohlgefallen ausbreitete, wobei sie mir
vertraute: es wäre dies die Morgengabe ihres Gatten. Ich verstand sie nicht und
sie erklärte sich auch nicht deutlicher. Späterhin erst ward mir das Rätsel
gelöst. Das wundersame Paar hatte sich nämlich verpflichtet, die Vermählung auf
eine höchst mysteriöse und völlig geistige Weise vollziehen zu lassen. Indem sie
so viele hundert Meilen durch Land und Meer geschieden waren, sollte jedes in
seinem eignen Hause, zu einer und derselben Stunde, hier zwischen Aufgang, dort
zwischen Untergang der Sonne, feierlich von zwei besondern Priestern eingesegnet
werden. Nachdem also die Braut ganz im geheimen aufs festlichste gekleidet und
mit Blumen geschmückt, welche man gegen die Morgendämmerung im Garten gebrochen,
die halbe Nacht sich mit Gebet auf die wichtige Handlung vorbereitet hatte,
erschien der Geistliche, von dreien Glaubensbrüdern begleitet. Ein kleiner Saal
war sparsam erleuchtet, ein Tisch, worauf zwei Kerzen brannten, zum Altare
aufgeputzt. Als nun der Geistliche in seiner Liturgie an die Stelle kam, wo im
Namen des Abwesenden mit dem Ja geantwortet werden sollte, verlöschte plötzlich
eins der Lichter von selbst, zum Erstaunen der Gegenwärtigen und zum grössten
Schrecken der Braut, die indessen dadurch getröstet wurde, dass man sie in diesem
Zufall ein erfreuliches Zeichen sehen liess; sie richtete sich beruhigt von ihren
Knieen auf und fühlte sich mit dem Geliebten innig und geheimnisvoll verbunden.
Als man sie sofort allein gelassen, bestieg sie, der Vorschrift gemäss, ein
hochzeitlich verziertes, mit süssen Wohlgerüchen besprengtes Lager, worin sie den
Vormittag hinter dicht verschlossnen Fensterladen zubrachte. Mit was für Bildern
sich ihre Träume beschäftigten, ob sie mit dem himmlischen Bräutigam oder dem
irdischen verkehrt habe, lass ich dahingestellt sein - wahrscheinlich mit beiden
zugleich, und keiner hatte somit Ursache zur Eifersucht. Genug von dieser tollen
Zeremonie, deren raffiniert sinnliche Heiligkeit jeden empört. Merkwürdig bleibt
nur, dass bald nachher die Nachricht vom Tode des Kaufmanns einlief. Er war, nach
kurzem Krankenlager, einige Tage vor der Hochzeit gestorben, an welcher er, wenn
man der armen Wachskerze glauben will, wenigstens geistweise teilgenommen. Was
halten Sie von dieser Manifestation eines Abgeschiedenen, mein lieber Maler?«
    Teobald lächelte und war im Begriff, zu antworten, als Margot und Nannette
mit grosser Bewegung ins Zimmer gelaufen kamen, und hastig ein Fenster öffneten,
das gegen die Gartenallee hinaussah. »Um Gottes willen, hören Sie doch«, rief
das Fräulein den beiden Männern zu, »was für ein seltsamer Gesang das ist!«
Während der Präsident, ganz erstaunt, sich mit den Mädchen stritt, ob die Stimme
im Garten oder ausserhalb desselben sei, war Nolten in der Mitte des Zimmers
sprachlos stehen geblieben: er kannte diese Töne, die Ruine vom Rehstock stand
urplötzlich vor seinem Geist, ihm war, als schlüge das Totenlied einer Furie
weissagend an sein Ohr, er zog seine Schwester vom Fenster hinweg und mit hastig
verworrenen Worten fordert er sie auf, mit ihm nach Agnesen zu sehn. Sie fanden
Schlafzimmer und Bett des Mädchens leer. Unter dem Wehruf eines Verzweifelten
eilt Nolten hinunter, den Anlagen zu. Bediente mit Laternen waren bereits dort
angekommen. Der Präsident vom Fenster aus gab ungefähr die Richtung an, von wo
die Stimme hergekommen, denn schon war kein Laut mehr zu hören. Das ganze Schloss
war in Bewegung und in dem weitläufigen Garten sah man bald so viele Lichter hin
und her schweben, als nur Personen aufzutreiben waren. Der Präsident selbst half
jetzt eifrig mitsuchen. Es war eine laue Nacht, der Himmel überzogen, kein
Lüftchen bewegte die Zweige. Alle grössern und kleinern Wege, Schlangenpfade,
Gänge, Lauben, Pavillons und Treibhäuser hat man in kurzem vergeblich
durchlaufen, einige steigen über die Mauer, andre eilen ohne Schonung der
Gewächse und Beete, das Gebüsch und die tiefern Schatten zu beleuchten. Nicht
lange, so winkt der Jäger des Präsidenten diesen mit einem traurigen Blicke
hinweg, der Maler und die Frauenzimmer folgen. Wenige Schritte vom Haus, hart
unter den Fenstern Agnesens, sehn sie das schöne Kind unter einigen
Weimutsfichten, regungslos ausgestreckt, im weissen Nachtkleide liegen, die Füsse
bloss, die Haare auf dem Boden und über die nackten Schultern zerstreut. Nolten
sank neben dem Körper in die Kniee, fühlte nach Atem, den er nicht fand, er
brach in lauten Jammer aus, indem er die Hände der Armen an seine heissen Lippen
drückte. Die übrigen standen erschrocken umher, nach und nach sammelten die
Lichter sich leise um den unglücklichen Platz, ein banges Stillschweigen
herrschte, während andere eine Trage herbeizuholen eilten, und Margot die Füsse
der Erstarrten in ihr Halstuch einhüllte. »Lassen Sie uns«, sagt jetzt der
Präsident zu Nolten, welcher noch immer ohne Besinnung an der Erde kauerte,
»lassen Sie uns vernünftig und gefasst schnelle Hülfe anwenden, Ihre Braut wird
in kurzem die Augen wieder öffnen!« Also hob man vorsichtig die Scheinleiche auf
das Polster und alle setzten sich in Bewegung, als auf einmal eine fremde
Weiberstimme, welche ganz in der Nähe aus dichtem Gezweige hervordrang, einen
plötzlichen Stillstand veranlasste. Unwillkürlich ballte sich Teobalds Faust, da
er die majestätische Gestalt der Zigeunerin mit keckem Schritt in die Mitte
treten sah, aber die Gegenwart einer unnahbaren Macht schien alle seine Kraft in
Bande zu schlagen.
    Indes man Agnesen, von den Mädchen geschäftig begleitet, hinwegtrug, sagte
Elisabet mit ruhigem Ernst: »Wecket das Töchterchen ja nicht mehr auf! Entlasst
in Frieden ihren Geist, damit er nicht unwillig, gleich dem verscheuchten Vogel,
in der unteren Nacht ankomme, verwundert, dass es so balde geschah. Denn sonst
kehrt ächzend ihre Seele zurück, mich zu quälen und meinen Freund; es eifert,
ich fürchte, die Liebe selber im Tode noch fort. Ich bin die Erwählte! mein ist
dieser Mann! Aber er blickt mich nicht an, der Blöde! Lasst uns allein, damit er
mich freundlich begrüsse!«
    Sie tritt auf Teobalden zu, der ihre Hand, wie sie ihn sanft anfassen will,
mit Heftigkeit wegwirft. »Aus meinen Augen Verderberin! verhasstes, freches
Gespenst! das mir den Fluch nachschleppt, wohin ich immer trete! Auf ewig
verwünscht, in die Hölle beschworen sei der Tag, da du mir zum ersten Male
begegnet! Wie muss ich es büssen, dass mich als arglosen Knaben das heiligste
Gefühl zu dir, zu deinem Unglück mitleidig hinzog, in welche schändliche Wut hat
deine schwesterliche Neigung, in was für teuflische Bosheit hat deine
geheuchelte Herzensgüte sich verkehrt! Aber ich konnte wissen, ich kindischer,
rasender Tor, mit wem ich handeln ging! - Herr Gott im Himmel! nur diese Strafe
ist zu hart - Elend auf Elend, unerhört und unglaublich, stürzt auf mich ein - O
ihr, deren Blicke halb mit Erbarmen, halb mit entehrendem Argwohn auf mich, auf
dieses Weib gerichtet sind, glaubt nicht, dass meine Schuld dem Jammer gleich
sei, der mein Gehirn zerrüttet! Das Elend dieser Heimatlosen lest ihr auf ihrer
Stirn - aus dieser Quelle floss mir schon ein übervolles Meer von Kummer und
Verwirrung. Keine Verbrecherin darf ich sie nennen - sie verdiente mein Mitleid,
ach, nicht meinen Hass! Doch wer kann billig sein, wer bleibt noch Mensch, wenn
der barmherzige Himmel sich in Grausamkeiten erschöpft? Was? wär's ein Wunder,
wenn hier auf der Stelle mich selbst ein tobender Wahnsinn ergriffe, mich
fühllos machte gegen das Äusserste, Letzte, das - o ich seh es unaufhaltsam näher
kommen! Was klag ich hier? was stehn wir alle hier? und droben der Engel ringt
zwischen Leben und Tod - Sie stirbt! Sie stirbt! Soll ich sie sehn? kann ich sie
noch retten? O folgt mir! - Wohin? dort kommt Margot eben von ihr! Ja - ja - auf
ihrer Miene kann ich es lesen - Es ist geschehen - mit Agnes, mit Agnes ist es
vorbei! - Hinweg! lasst mich fliehen! fliehen ans Ende der Welt -« Kraftvoll hält
ihn Elisabet fest, er stösst im ungeheuren Schmerz ein entsetzliches Wort gegen
sie aus, aber sie umfasst mit Geschrei seine Kniee und er kann sich nicht rühren.
Der Präsident wendet das Auge von der herzzerreissenden Szene. »Weh! Wehe!« ruft
Elisabet, »wenn mein Geliebter mir flucht, so zittert der Stern, unter dem er
geboren! Erkennst du mich denn nicht? Liebster! erkenne mich! Was hat mich
hergetrieben? was hat mich die weiten Wege gelehrt? Schau an, diese blutenden
Sohlen! Die Liebe, du böser, undankbarer Junge, war allwärts hinter mir her. Im
gelben Sonnenbrand, durch Nacht und Ungewitter, durch Dorn und Sumpf keucht
sehnende Liebe, ist unermüdlich, ist unertötlich, das arme Leben! und freut sich
so süsser, so wilder Plage, und läuft und erkundet die Spuren des leidigen
Flüchtlings von Ort zu Ort, bis sie ihn gefunden - Sie hat ihn gefunden - da
steht er und will sie nicht kennen. Weh mir! wie hab ich freudigern Empfang
gehofft, da ich dir so lange verloren gewesen, und, Liebster, du mir! - So gar
nicht achtest du meines herzlichen Grames, stössest mich von dir wie ein räudiges
Tier, - das aber leckt mit der Zunge die Füsse des Herrn, das aber will von
seinem Herrn nicht lassen. - - Ihr Leute, was soll's? Warum hilft mir niemand zu
meinem Recht? Sei Zeuge du Himmel, du frommes Gewölbe, dass dieser Jüngling mir
zugehört! Er hat mir's geschworen vorlängst auf der Höhe, da er mich fand. Die
herbstlichen Winde ums alte Gemäuer vernahmen den Schwur; alljährlich noch reden
die Winde von dem glückseligen Tag. Ich war wieder dort, und sie sagten: Schön
war er als Knabe, wär er so fromm auch geblieben! Aber die Kinder allein sind
wahrhaftig. - Agnes, was geht sie dich an? Ihr konntest du dein Wort nicht
halten, du selbst hast's ihr bekannt, das hat sie krank gemacht, sie klagte
mir's den Abend. Warst du ihr ungetreu, ei sieh, dann bist du mir's doppelt
gewesen.«
    Diese letzten Worte fielen dem Maler wie Donner aufs Herz Er wütete gegen
sich selbst, und jammervoll war es zu sehen, wie dieser Mann, taub gegen alle
Vernunft, womit der Präsident ihm zusprach, sich im eigentlichen Sinne des
Worts, die Haare raufte und Worte ausstiess, die nur der Verzweiflung zu vergeben
sind. Endlich stürzt er dem Schloss zu, der Präsident, voll Teilnahme, eilt
nach. Auf seinen Wink wollen einige Leute sich der Verrückten bemächtigen, aber
mit einer Schnelligkeit, als hätte sie es aus der Luft gehascht, schwingt sie
ein blankes Messer drohend in der Faust, dass niemand sich zu nähern wagt. Dann
stand sie eine ganze Weile ruhig, und nach einer unbeschreiblich schmerzvollen
Gebärde des Abschieds, indem sie ihre beiden Arme nach der Seite auswarf, wo
Nolten sich entfernt hat, wandte sie sich und verschwand zögernden Schritts in
der Finsternis.
Die Nacht ging ruhig vorüber. Agnes hatte sich gestern, noch eh der Arzt
erschienen war, unter den Bemühungen so vieler zärtlichen Hände sehr bald
erholt. Das Fräulein und die Schwägerin wichen die ganze Nacht nicht von ihrem
Bette: von Stunde zu Stunde war Nolten an die Tür getreten, zu hören, wie es
drinne stand. Gesprochen hatte das Mädchen seit gestern fast nichts, nur in
einem wenig unterbrochenen Schlummer hörte man sie einigemal leise wimmern. Am
Morgen aber nahm sie das Frühstück mit einer erfreulichen Heiterkeit aus Margots
Hand, verlangte, dass diese und Nannette sich niederlegen, und ausruhn, für sich
selber wünschte sie nichts, als allein bleiben zu dürfen. Da man ihr dies nicht
weigern durfte, so ward eine Person ins Nebenzimmer gesetzt, von welcher sie auf
der Stelle gehört und allenfalls beobachtet werden konnte.
    Noltens Unruhe und Verzagteit, solange man in Agnesens Zustand noch nicht
klar sehen konnte, ist nicht auszusprechen. Es trieb ihn im Schloss, es trieb
ihn im Freien umher, nicht anders als einen Menschen, der jeden Augenblick sein
Todesurteil kommen sieht. dabei sagt er sich wohl, dass vor allem der Präsident
eine befriedigende Erklärung des Vorfalls erwarten könne, dass er diese sich
selbst und seiner eigenen Ehre schuldig sei. Jedoch mit der edelsten Schonung
verweist ihn jener auf einen ruhigeren Zeitpunkt und gönnt ihm gerne die
Wohltat, sich in der Einsamkeit erst selbst zurechte zu finden.
    Ach, aber leider überall erstarren ihm Sinn und Gedanke, wo und wie er auch
immer das fürchterliche Angstbild in sich zu drehen und zu wenden versucht, er
sieht nicht Grund noch Boden dieser Verwirrungen ab; auf sich selbst wälzt er
die ganze Schuld, auf jenen Abend, da er die arme Seele so tödlich erschüttert
und für die wahnsinnigen Angriffe des Weibs erst empfänglich gemacht.
    Unglücklicherweise kam nachmittags Besuch von der Stadt, Herren vom
Kollegium des Präsidenten mit Frauen und Kindern. Der Maler liess sich
verleugnen, seine Schwester half Margoten treulich die Hausehre retten.
    Gegen Abend fand sich eine günstige Stunde, dem Präsidenten die gedachte
Aufklärung zu geben. An ihrem Vater bemerkte Margot, als er und der Maler, nach
einer langen Unterredung im Garten, endlich ins Zimmer traten, eine auffallende
Bewegung; er mochte nicht reden, man setzte sich schweigend zu Tische und doch
wollte man sich nachher nicht sogleich trennen; es war, als bedürften sie alle
einander, obgleich keins dem andern etwas zu sagen oder abzufragen Miene machte.
Die Mädchen griffen in der Not zu einer gleichgültigen Arbeit. Der Präsident sah
ein grosses Paket Kupferstiche, noch uneröffnet, an der Seite liegen; es war das
prächtige Denonsche Werk zu der französischen Expedition nach Agypten (er hatte
es Nolten zuliebe von der Stadt bringen lassen), es wurde ausgepackt, doch
niemand hielt sich lange dabei auf.
    Noch lasten auf jedem die Schrecken des gestrigen Abends; bald muss man
mitleidig die flüchtige Gestalt Elisabets auf finsteren Pfaden verfolgen, bald
stehen die Gedanken wieder vor dem einsamen Bette Agnesens still, welche durch
eine wunderbare Scheidewand auf immer von der Gesellschaft abgeschnitten
scheint.
    Der Präsident kann sich sowenig als der Maler es verbergen, dass das Mädchen
auf dem geraden Wege sei, sich durch eine falsche Idee von Grund aus zu
zerstören. Das Unerträgliche, das Fürchterliche dabei ist für die Freunde das
Gefühl, dass weder Vernunft noch Gewalt, noch Überredung hier irgend etwas tun
können, um eine Aussöhnung mit Nolten zu bewirken: denn dies muss entscheiden,
und zwar unverzüglich, ein jeder Augenblick früher ist, wie bei tödlicher
Vergiftung, mit Gold nicht aufzuwiegen. Aber Agnes verriet den unbezwinglichsten
Widerwillen gegen ihren Verlobten; man wusste nicht, war Furcht oder Abscheu
grösser bei ihr. Wieviel Elisabet mitgewirkt, stand nicht zu berechnen,
vermutlich sehr viel; genug ein zweimaliger, erst bittender, dann stürmischer
Versuch, den Teobald heute gemacht, sich Zutritt bei der Braut zu verschaffen,
hätte sie eher bis zu Konvulsionen getrieben, als dass sie diesem sehnlichsten
Verlangen würde nachgegeben haben. So musste man der Zeit und dem leidigen Zufall
die Entwicklung fast ganz überlassen.
    Die sonderbar verlegene Spannung der vier im Zimmer sitzenden Personen
isolierte nun ein jedes auf seltsame Weise. Es war, als könnte man gar nicht
reden, als müsste jeder Laut, wie in luftleerem Raume, kraftlos und unhörbar an
den Lippen verschwinden, ja, als verhindere ein undurchdringlicher Nebel, dass
eins das andere recht gewahr werden könne.
    Nannette war die Unbefangenste. Sie stellte der Reihe nach ihre
Betrachtungen an. Es kam ihr so närrisch vor, dass niemand den Mund öffnen wolle,
um der Sache rasch und beherzt auf den Grund zu gehn, dass man nicht Anstalt
treffe, so oder so Agnesen beizukommen sie fühlte sich wenigstens Mannes genug,
den bösen Geist, welchen Namen er auch haben, in was für einem Winkel er auch
stecken möge, kurz und gut auszutreiben, wenn sie nur erst wüsste, wovon es sich
handelte, wenn nur der Bruder sie eines Winkes würdigen wollte. Ihre ganze
Aufmerksamkeit war auf den Präsidenten gerichtet, als dieser anfing, in
Beziehung auf Agnesen der Gesellschaft einige Verhaltungsregeln ans Herz zu
legen, welche hauptsächlich darauf hinausliefen: man müsse, so schwer es auch
falle, durchaus sein Gefühl verleugnen, in allen Stücken tun, als wäre nichts
Besonderes vorgefallen, man müsse bei dem Mädchen durch kein Wort, keine Miene
den Grund ihres Kummers, ihrer Absonderung anerkennen; man solle Noltens bei
jeder schicklichen Gelegenheit und in Verbindung mit den alltäglichsten Dingen
bei ihr erwähnen, usw. der gute Mann bedachte nicht, dass die Frauenzimmer zu
wenig von dem wahren Standpunkte wussten, um den Sinn dieser Vorschriften ganz
einzusehn. - Nannetten war es gewissermassen behaglich, den Präsidenten unter so
bedenklichen Umständen zu beobachten. Wir sprechen, was das Mädchen hiebei
empfand, in einer allgemeinen Bemerkung aus.
    Es gibt Männer, deren ganze Erscheinung uns sogleich den angenehmen Eindruck
vollkommener Sicherheit erweckt. Das Übergewicht einer kräftigen, mehr
verneinenden als bejahenden Natur, die Rechtlichkeit eines resoluten Charakters,
sogar die eigentümliche Atmosphäre, welche Rang und Vermögen um sie verbreiten,
dies alles scheint nicht nur sie selber zu Herren jedes bösen Zufalls zu machen,
sondern ihre Gegenwart wirkt auch auf andere, die sich ihres Wohlwollens nur
einigermassen bewusst sind, mit der Magie eines kräftigen Talismans: herzlich gern
möchten wir solch einen Glücksmann immer auch ein wenig in unsere Sorge und
Gefahr verflochten sehn, denn nicht nur etwas Tröstliches, sondern wirklich
Reizendes liegt darin, sich eine Person, die uns in jedem Betracht überlegen und
unzugänglich scheint, nun durch gemeinsame Not auf einmal so menschlich nahe zu
fühlen. Das kleinste Wort aus diesem Munde, der unbedeutendste Trost tut Wunder;
ja einige wollen behaupten, dass selbst die körperliche Berührung durch die
weichere Hand, durch das weichere Kleid eines dieser Vornehmen zuweilen etwas
Unwiderstehliches habe, und desto mehr, je seltener sie vorkomme. Dies nun
empfand Nannette wirklich, als der Präsident vorhin - einer lange still
fortgesetzten Gedankenkette gleichsam den letzten Ring anschliessend - mit etwas
ermuntertem Gesicht von seinem Stuhle aufstand und so im Vorbeigehn mit einer
wehmütigen Freundlichkeit das Mädchen unterm Kinn anfasste; sie war von diesem
kleinen Lichtblick so sonderbar gerührt, dass sie eine Sekunde lang meinte, nun
sei die ganze Not am Ende und alles wieder gut.
    Man ging jetzt auseinander. Eine Person musste die Nacht wachen; übrigens kam
die ganz anfänglich getroffene Einrichtung, dass Nannette mit Agnes in einem
Zimmer schlief, nun freilich sehr zustatten.
Die tiefe Pause, welche wie durch einen furchtbaren Zauberschlag im Leben
unserer Gesellschaft eingetreten war, bezeichnete auch die nächstfolgenden Tage.
Nannette und Margot waren indes von dem Zusammenhang des Übels unterrichtet
worden. Alles hatte einen andern Gang im Schloss angenommen. Es war nicht
anders, als es läge ein Todkrankes im Hause; unwillkürlich vermied man jede Art
von Geräusch, auch an Orten, von wo nicht leicht etwas in Agnesens
Abgeschiedenheit hätte dringen können; es schien, das müsse nun einmal so sein,
und wahrlich, wer auch nur den Maler ansah, das leidende Entsagen, den stumpfen
Schmerz in seiner gesunkenen Haltung, der glaubte nicht leise, nicht zart genug
auftreten zu können, um durch jede Bewegung, durch jede kleine Zuvorkommenheit
das Unglück zu ehren, das uns in solchem Fall eine Art von Ehrfurcht abnötigt.
Der Präsident jedoch tadelte mit Ernst diese Ängstlichkeit, welche sich selbst
auf die Dienerschaft erstreckte; dergleichen, behauptete er, sei auf die Kranke
vom übelsten Einfluss, indem sie sich dadurch in ihrem eingebildeten Elend, in
ihrer Mitleidswürdigkeit nur immer mehr müsse bestärkt fühlen.
    Inzwischen erreichte man doch mehrere Vorteile über sie. Die Mädchen durften
ungehindert bei ihr aus und ein gehn; nur gegen das Fräulein, trotz der
schwesterlichsten Liebe, womit diese ihr stets nahe zu sein wünschte, verriet
sie ein deutliches Misstrauen. Sie verliess ihr Zimmer manchmal und ging an die
frische Luft, wenn sie versichert sein konnte, Teobalden nicht zu begegnen. Ihn
aber hie und da von der Ferne zu beobachten, war ihr offenbar nicht zuwider, ja
man wollte bemerken, dass sie sich die Gelegenheit hiezu geflissentlich ersehe.
Stundenlang las der Präsident ihr vor; sie bezeugte sich immer sehr ernst, doch
gefällig und dankbar. Ein Hinterhalt in ihren Gedanken, ein schlaues Ausweichen,
je nachdem ein Gegenstand zur Sprache kam, war unverkennbar; sie führte irgend
etwas im Schilde und schien nur den günstigen Zeitpunkt abzuwarten.
    Diese geheime Absicht offenbarte sich denn auch gar bald. Der alte Gärtner
machte eines Tags dem Präsidenten in aller Stille die Entdeckung: Agnes habe ihn
auf das flehentlichste beschworen, dass er ihr Gelegenheit verschaffe, aus dem
Schloss zu entkommen und nach ihrer Heimat zu reisen. dabei habe sie ihm alles
mögliche versprochen, auch selbst die Mittel sehr geschickt angegeben, wie seine
Beihülfe völlig verschwiegen bleiben könnte. - Ein solches Verlangen war nun,
die Heimlichkeit abgerechnet, so unverzeihlich nicht, der Maler hatte neulich
selbst den Gedanken für sie gehabt, man ging jetzt ernstlich darüber zu Rate,
verdoppelte indes die Wachsamkeit.
    Sowenig es bei diesem allen jemanden im Schloss einfiel, den armen Freund
sein lästiges Gastrecht empfinden zu lassen so war ihm eine solche Grossmut doch
nichtsdestoweniger drückend. Dann rückte der Termin herbei, wo er jene Stelle in
W* antreten sollte. Er dachte mit Schaudern der Zukunft, mit doppelt und
dreifach blutendem Herzen des alten Vaters in Neuburg, der nichts von dem
drohenden Umsturz der lieblichsten Hoffnungen ahnte.
    An einem Morgen kommt Nolten wie gewöhnlich zum Frühstück auf den Saal.
Nannette und Margot fliehen bei seinem Eintritt erschrocken auseinander, sie
grüssen ihn mit abgewandtem Gesicht, ihr Weinen verbergend. »Was ist geschehen?«
fragt er voll Ahnung, »was ist Agnesen zugestossen?« Er will hinaus, sich
überzeugen, im selben Augenblick tritt der Präsident eilfertig herein. »Ich bin
auf alles gefasst!« ruft Nolten ihm zu: »Ums Himmels willen, schnell! was hat es
gegeben?« »Gelassen! ruhig! Mein teurer Freund, noch ist nicht alles verloren.
Was wir längst fürchten mussten, das frühere Übel, wovon Sie mir sagten, scheint
leider eingetreten - Aber fassen Sie sich, o sein Sie ein Mann! Wie es damals
vorübergegangen, so wird es auch diesmal.« »Nein, nimmer, nimmermehr! Sie ist
das Opfer meiner Tollheit! - Also das noch! Zu schrecklich! zu grässlich! - Was?
und das soll ich mit ansehn? mit diesen Augen das sehn und soll leben? - Nun,
sei's! Sei's drum; es geht mit uns beiden zur Neige. Ich bin es gewärtig, bin's
völlig zufrieden, dass morgen jemand kommt und mir sagt: Deine Braut hat Ruhe,
Agnes ist gestorben.« Er schwieg eine Weile, fuhr auf und riss im unbändigsten
Ausbruch von Zorn und von Tränen, nicht wissend, was er wollte oder tat, die
Schwester wild an sich her - »Wie stehst du da? was gaffst du da?« »Herr, nicht
so! das ist grausam«, ruft Margot entrüstet und nimmt die Zitternde in Schutz,
die er wie rasend von sich weggeschleudert hat. »Oh«, ruft er, die Faust vor die
Stirne geschlagen, »warum wütet niemand gegen mich? warum steh ich so ruhig, so
matt und erbärmlich in kalter Vernichtung? Ha, würfe mir irgendein grimmiger
Feind meinen Schmerz ins Gesicht, vor die Füsse! und schölte mich den
gottverlassnen Toren, der ich bin, den dummen Mörder, der ich bin! streute mir
Salz und Glut in die Wunde - das sollte mir wohltun, das sollte mich stärken -«
    »Wir überlassen Sie sich selbst, mein Freund«, versetzte ganz ruhig der
Präsident, »und wollen Ihnen dadurch zeigen, dass wir nicht glauben, einen Mann,
denn dafür hielt ich Sie bis jetzt, vor sich selber hüten zu müssen.«
    So stand nun der Maler allein in dem Saale. Es war der schrecklichste Moment
seines Lebens.
    Wenn uns ganz unerwartet im ausgelassensten Jammer ein beschämender Vorwurf
aus verehrtem Munde trifft, so ist dies immerhin die grausamste Abkühlung, die
wir erfahren können. Es wird auf einmal totenstill in dir, du siehst dann deinen
eigenen Schmerz, dem Raubvogel gleich, den in der kühnsten Höhe ein Blitz
berührt hat, langsam aus der Luft herunterfallen und halbtot zu deinen Füssen
zucken.
    Der Maler hatte sich auf einen Sitz geworfen. Er sah mit kalter
Selbstbetrachtung geruhig auf den Grund seines Innern herab, wie man oft lange
dem Rinnen einer Sanduhr zusehn kann, wo Korn an Korn sich unablässig legt und
schiebt und fällt. Er bröckelte spielend seine Gedanken, der Reihe nach
auseinander und lächelte zu diesem Spiel. Dazwischen quoll es ihm, ein übers
andre Mal, ganz wohl und leicht ums Herz, als entfalte soeben ein Engel der
Freuden nur sachte, ganz sachte die goldnen Schwingen über ihm, um dann
leibhaftig vor ihn hinzutreten!
    Erschrocken schaut er auf, ihm deucht, es komme jemand, wie auf Socken,
durch die drei offen ineinandergehenden Zimmer herbei. Er staunt - Agnes ist's,
die sich nähert. Sie geht barfuss; sonst aber nicht nachlässig angetan; nur eine
Flechte ihres Haars hängt vorn herab, davon sie das äusserste Ende gedankenvoll
lauschend ans Kinn hält. Ein ganzer Himmel voll Erbarmung scheint mit stummer
Klagegebärde ihren schleichenden Gang zu begleiten, die Falten selber ihres
Kleids mitleidend die liebe Gestalt zu umfliessen.
    Nolten ist aufgestanden; doch ihr entgegenzugehen darf er nicht wagen; all
seine Seele hält den Atem an. Das Mädchen ist bis unter die Türe des Saals
vorgeschritten, hier bleibt sie stehen und lehnt sich in bequem-gefälliger
Stellung mit dem Kopf an die Pfoste. So schaut sie aufmerksam zu ihm hinüber.
Der rührende Umriss ihrer Figur, sowie die Blässe des Gesichts wird noch
reizender, süsser durch die Dämmerung des grünen Zimmers bei den gegen die
schwüle Morgensonne verschlossenen Fensterladen. So ihn betrachtend, spricht sie
erst für sich: »Er gleicht ihm sehr, er hat ihn gut gefasst, ein Ei gleicht dem
andern nicht so, aber eines von beiden ist hohl.« Dann sagte sie laut und
höhnisch: »Guten Morgen, Heideläufer! Guten Morgen Höllenbrand! Nun, stell Er
sich nicht so einfältig! Schon gut, schon gut! ich bin unbeschreiblich gerührt.
Er bekommt ein Trinkgeld fürs Hokuspokus. - Bleib Er nur - bitte gehorsamst, ich
seh's recht gut, nur immer zwölf Schritt vom Leibe. Was macht denn seine liebe
braune Otter? - haha, nicht wahr? Mein kleiner Finger sagt mir nur zuweilen auch
etwas. Nun, ich muss weiter. Kurze Aufwartungen, das ist so Mode in der vornehmen
Welt. Und bemüh Er sich nur nie wegen meiner, wir nehmen das nicht so genau.«
    Sie neigte sich und ging.
    Wenn man - sprach Teobald erschüttert bei sich selbst - wenn man etwa so
träumt, wie dieses wirklich ist, so schüttelt sich der Träumende vor Schmerz und
ruft sich selber zu: hurtig erwecke dich, es wird dich töten! Schnell dreht er
die nächtliche Scheibe seines Geistes dem wahren Tageslichte zu - Noch mehr! er
greift mit Geisterarmen entschlossen durch die dicke Mauer, hinter der sein
Körper gefangen steht, und öffnet wunderbar sich selber von aussen die Riegel.
Mir schiesst in der wachsenden Todesnot kein Götterflügel aus den Schultern
hervor und entreisst mich dem Dunstkreis, der mich erstickt, denn dies ist
wirklich, dies ist da, kein Gott wird's ändern!
Soviel man nach und nach aus Agnesens verworrenen Gesprächen zusammenreimen
konnte, so schien die sonderbarste Personenverwechslung zwischen Nolten und
Larkens in ihr vorgegangen zu sein; vielmehr es waren diese beiden in ihrer Idee
auf gewisse Weise zu einer Person geworden. Den Maler schien sie zwar als den
Geliebten zu betrachten, aber keineswegs in der Gestalt, wie sie ihn hier vor
Augen sah. Die Briefe des Schauspielers trug sie wie ein Heiligtum jederzeit bei
sich, ihn selbst erwartete sie mit der stillen Sehnsucht einer Braut, und doch
war es eigentlich nur wieder Nolten, den sie erwartete. Man wird, wie dies
gemeint sei, in kurzem deutlicher einsehn.
    Inzwischen hielt sie sich am liebsten an den blinden Henni; sie nannte ihn
ihren frommen Knecht, gab ihm allerlei Aufträge, sang mit ihm zum Klavier oder
zur Orgel, beredete ihn, sie da- und dortin zu begleiten, wobei sie ihn
gewöhnlich mit der Hand am Arm zu leiten pflegte. Man glaubte nur eben ein Paar
Geschwister zu sehen, so vollkommen verstanden sich beide. Der Präsident und
Nolten versäumten deshalb nicht, dem jungen Menschen gewisse Regeln
einzuschärfen, damit eine zweckmässige Unterhaltung ihren Ideen womöglich eine
wünschenswerte Richtung gebe. Der gute, verständige Junge liess sich's auch
wirklich mit ganzer Seele angelegen sein. Er verfuhr auf die zärteste Weise und
wusste die Absicht gar klug zu verstecken. Sie selbst hatte die religiösen
Gespräche geführt, da er sich denn recht eigentlich zu Hause fand und aus dem
stillen Schatze seines Herzens mit Freuden alles mitteilte, was eben das Tema
gab. Am glücklichsten war er, wenn sie in irgendeinen Gegenstand so weit
hineingeführt werden konnte, dass sie von selbst darin fortfuhr, und wirklich
verfolgte sie dann die Materie nicht nur sehr lange, mit ziemlicher Stetigkeit,
sondern er musste sich häufig auch über den Reichtum ihrer Gedanken, über die
tiefe Wahrheit ihrer innern religiösen Erfahrung verwundern, die freilich mehr
nur durch Erinnerung aus dem gesunden Zustand hergenommen sein mochte und mehr
historisch von ihr vorgebracht wurde, als dass sie jetzt noch rein und innig
darin gelebt hätte; nichtsdestoweniger war die Fähigkeit unschätzbar, sich diese
Gefühle lebendig zu vergegenwärtigen, so wie der Vorteil, solche befestigen und
Neues daran knüpfen zu können, dem treuen Henni höchst willkommen war. Gegen
einige grelle, aus Missverständnis der Bibelsprache entstandene Vorstellungen,
welche zwar von Hause aus Glaubensartikel bei ihr gewesen sein mochten, in
reiferen Jahren aber glücklich verdrungen, jetzt wieder, auf eine närrische Art
erweitert, zum Vorschein kamen, hatte Henni vorzüglich zu kämpfen. Besonders kam
er mit ihrer falschen Anwendung des Dämonenglaubens ins Gedränge, weil er diese
Lehre, als eine an sich selber wahre und in der Schrift gegründete, unmöglich
verwerfen konnte.
    Allein im höchsten Grad betrübend war es ihm, wenn sie, mitten aus der
schönsten Ordnung heraus, entweder in eine auffallende Begriffsverwirrung fiel,
oder auch wohl plötzlich auf ganz andere Dinge absprang.
    So sassen sie neulich an ihrem Lieblingsplatz unter den Akazienbäumen vor dem
Gewächshaus. Sie las aus dem Neuen Testamente vor. Auf einmal hält sie inne und
fragt: »Weisst du auch, warum Teobald, mein Liebster, ein Schauspieler geworden
ist? Ich will dir's anvertraun, aber sag es niemand, besonders nicht Margot, der
Schmeichelkatze, sie plaudert's dem Falschen, dem Heideläufer. Vor dem muss mein
Schatz sich eben verbergen. Drum nimmt er verschiedene Trachten an, ich sage
dir, alle Tage eine andere Gestalt, damit ihn der Läufer nicht nachmachen kann
und nicht weiss, welches von allen die rechte ist. Vor ein paar Jahren kam Nolten
in den Vetter Otto verkleidet zu mir; ich kannte ihn nicht und hab ihn arg
betrübt. Das kann ich mir in Ewigkeit nicht vergeben. Aber wer soll auch die
Komödianten ganz auslernen! Die können eben alles. Sie sind dir imstande und
stellen sich tot, völlig tot. Unter uns, mein Schatz tat es auch, um dem Lügner
für immer das Handwerk niederzulegen. Ich war bei der Leiche damals in der
Stadt. Ich sage dir - verstehst du, dir allein Henni! - der leere Sarg liegt in
der Grube, nur ein paar lumpige Kleiderfetzen drin!«
    Sie verfiel einige Sekunden in Nachdenken und klatschte dann fröhlich in die
Hände: »O Henni! süsser Junge! in sechs Wochen kommt mein Bräutigam und nimmt
mich mit und wir haben gleich Hochzeit.« Sie stand auf und fing an, auf dem
freien Platz vor Henni aufs niedlichste zu tanzen, indem sie ihr Kleid hüben und
drüben mit spitzen Fingern fasste und sich mit Gesang begleitete. »Könntest du
nur sehn«, rief sie ihm zu, »wie hübsch ich's mache! fürwahr solche Füsschen
sieht man nicht leicht. Vögel von allen Arten und Farben kommen auf die
äussersten Baumzweige vor und schaun mir gar naseweis zu.« Sie lachte boshaft und
sagte: »Ich rede das eigentlich nur, weil du mir immer Eitelkeit vorwirfst, ich
kann dein Predigen nicht leiden. Warte doch, du musst noch ein bisschen Eigenlob
hören. Aber ich will einen andern für mich sprechen lassen.« Sie zog einen Brief
des Schauspielers aus dem Gürtel und las:
    »Oft kann ich mir aber mit aller Anstrengung dein Bild nicht vorstellen, ich
meine, die Züge deines Gesichts, wenn sie mir einzeln auch deutlich genug
vorschweben, kann ich nicht so recht zusammenbringen. Dann wieder in andern
Augenblicken bist du mir so nahe, so greifbar gegenwärtig mit jeder Bewegung!
sogar deine Stimme, das Lachen besonders, dringt mir dann so hell und natürlich
ans Ohr. Dein Lachen! Warum eben das? Nun ja! behaupten doch auch die Poeten, es
gebe nichts Lieblichers von Melodie, als so ein herzliches Mädchengekicher. Ein
Gleichnis, liebes Kind. In meiner Jugend, weisst du, hatt ich immer sehr viel von
zarten Elfen zu erzählen. Dieselben pflegen sich bei Nacht mit allerlei
lieblichen Dingen, und unter anderm auch mit einem kleinen Kegelspiel die Zeit
zu verkürzen. Dies Spielzeug ist vom pursten Golde, und drum wenn alle neune
fallen, so heissen sie's ein goldenes Gelächter, weil der Klang dabei gar hell
und lustig ist. Gerade so dünkt mich, lacht nun mein Schätzchen.
    Henni, was meinst du dazu? Zum Glück hab ich so schnell gelesen, dass du
nicht einmal Zeit bekamst, dich drüber zu ärgern. Hör du, als Kind da hatt ich
einen Schulmeister, der fand dir gar eine sonderliche Metode, einem das
Schnell-Lesen abzugewöhnen, er gab einem das Buch verkehrt in die Hand, dass es
von der Rechten zur Linken ging - So, rief er dann, jetzt lass den Rappen laufen!
ich will auch beizeit Hebräisch lehren. Recht, dass mir der Schulmeister beifällt
- ich bitte dich, mache doch deinen guten Vater aufmerksam, dass er nicht mehr
chinesisches Gartenhaus sagen soll, sondern chinesisches; er würde mich dauern,
wenn man ihn spöttisch drum ansähe, es hat mich schon recht beschäftigt; heut
hab ich gar davon geträumt, da gab er mir die Erklärung Jungfer, ich pflege mit
dem Wort zu wechseln, und zwar nicht ohne Grund: zur Winterszeit, wo alles starr
und hartgefroren ist, sprech ich Chinesisch, im Frühjahr wird mein G schon
weicher, im Sommer aber bin ich ganz und gar Chinese. Fürwahr, das ist er auch:
er trägt ein Zöpfchen. Im Ernst, ich hätte gute Lust, einmal mit der Schere
hinter ihm herzukommen; es ist doch gar zu leichtfertig und altväterisch.«
    Eine Magd lief über den Weg, Agnes kehrte ihr zornig den Rücken und sagte,
nachdem sie weg war: »Mir wird ganz übel, seh ich die Käte. Gestern hört ich
sie dort über die Mauer einem Bauerburschen zurufen Weisst du schon, dass die
fremde Mamsell bei uns zur Närrin worden ist? Das erzdumme Mensch. Wer ist
verrückt? Niemand ist verrückt. Die Vorsehung ist gnädig Deswegen heisst es auch
in meinem heutigen Morgengebet:
Wollest mit Freuden,
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
Ja, nichts geht über die Zufriedenheit. Gottlob, diese hab ich; fehlt nur noch
eins, fehlt leider nur noch eins!«
    So ging es denn oft lange fort. Und wenn nun Henni, vom Maler täglich
einigemal aufgefordert, nichts Tröstlicheres zu berichten hatte, so brach dem
armen Manne fast das Herz.
    Die Ärzte, die man befragt, gaben bloss Regeln an, die sich von selber
verstanden und überdies bei dem Eigensinn der Kranken schwer anzuwenden waren.
Zum Beispiel liess sie sich um keinen Preis bewegen, an der allgemeinen Tafel zu
speisen; und nur etwa wenn man beim Nachtisch noch auf dem Saale beisammen sass,
erschien sie zuweilen unvermutet in der offenen Tür des Nebenzimmers, mit
ruhigen Augen rings auf der Gesellschaft verweilend, ganz wieder in der
angenehmen Stellung, worin wir sie oben dem Maler gegenüber gesehen. Versuchte
aber Teobald, sich ihr zu nähern, so wich sie geräuschlos zurück und kam so
leicht nicht wieder.
    Es war indes aufs neue davon die Rede geworden, dass man vielleicht am besten
täte, sie geradezu nach Hause zurückzubringen. Der Antrag ward ihr durch
Nannetten mit aller Zarteit gestellt, allein statt dass sie ihn, wie man
erwartete, mit beiden Händen ergriffen hätte, bedachte sie sich ernstlich und
schüttelte den Kopf. Es war, als wenn sie ihren Zustand fühlte und ihrem Vater
zu begegnen fürchtete.
    Es sprach jemand die Meinung aus, dass Nolten sich entweder ganz entfernen,
oder seine Entfernung wenigstens der Braut sollte glauben gemacht werden, da
seine Gegenwart sie offenbar beunruhige und ihrem Wahne täglich Nahrung gebe,
dagegen, wenn er ginge, wohl gar ein Verlangen nach ihm bei ihr rege werden
dürfte, wo nicht, so könnte man zuletzt Veranlassung nehmen, ihn als den
erwarteten wahren Geliebten ihr förmlich vorzuführen, oder sie, wie ein Kind,
den frohen Fund gleichsam selbst tun zu lassen; gelänge diese List und wisse man
sie kühn und klüglich durchzuführen, so sei Hoffnung zur Kur vorhanden. - Diese
Ansicht schien so ganz nicht zu verwerfen. Doch Teobald behauptete zuletzt: er
müsse bleiben, sie müsse ihn von Zeit zu Zeit vor Augen haben, ein ruhiges,
bescheidenes Benehmen, der Anblick seines stillen Kummers werde günstig auf sie
wirken, er halte nichts auf künstliche Anschläge und Täuschungen, er denke, wenn
irgend noch etwas zu hoffen sei, auf seine Weise eine weit gründlichere und
dauerhaftere Heilung zu erzielen.
    Nunmehr aber würden wir es unter der Würde des Gegenstands halten und das
Gefühl des Lesers zu verletzen glauben, wenn wir ihn mit den Leiden des Mädchens
ausführlicher als nötig, auf eine peinliche Art unterhalten wollten, so viele
Anmut ihr Gespräch auch selbst in dieser traurigen Zerstörung noch immer
offenbaren mochte. Deshalb beschränkt sich unsere Schilderung einzig auf das,
was zum Verständnis der Sache selbst gehört.
    »Fräulein, du kannst ja Lateinisch«, sagte sie einmal zu Margot, »was heisst
der Funke auf lateinisch?« »Scintilla«, war die gutmütige Antwort. »So, so; das
ist ein musterhaftes Wort, es gibt ordentlich Funken; aber du wirst es nur
geschwind erdacht haben? Tut auch nichts, desto besser vielmehr: ich will
künftig, wenn ich dir etwas über die Augen des Bewussten zu sagen habe, in seiner
Gegenwart nur bloss Scintilla sagen, dann merk aufs grüne Flämmchen - Bst! hörst
du nichts? er regt sich hinterm Ofenschirm - nämlich, er kann sich unsichtbar
machen - Ei das weisst du besser wie ich. Und, Fräulein, wenn du wieder mit ihm
buhlst, mir kann es ja eins sein, aber gewarnt hab ich dich.« »Was soll mir das
- Liebe Agnes!« »O ihr habt einander flugs im Arm, wenn niemand um den Weg ist!
Ich bitte dich, sag mir, wie küsst sich's denn mit ihm? ist er recht hässlich süss?
merkt man ihm an, dass er den Teufel im Leib hat? - Fräulein, weil dir doch
nichts dran liegt, ob er hie und da noch andre Galanterien neben dir hat, so
will ich dir gleich einige nennen kannst ihn damit necken: Erstlich ist da: eine
schöne Komtesse - fürnehm, ah fürnehm! Sieh, so ist ihr Anstand -« (hier machte
sie eine graziöse Figur durchs Zimmer) »Zieh ihn nur damit auf! Aber angeführt
seid ihr im Grund doch alle miteinander. Du willst mir nicht glauben, dass er mit
der Zigeunerin verlobt ist? Wenn ich Lust hätte, könnt ich den Ort wohl nennen,
wo der Verspruch gehalten wurde und wer den Segen dazu sprach, aber fromme
Christen beschreien so was nicht. Überhaupt, ich werde jetzt zur Schlittenfahrt
müssen. Du leihst mir deinen Zobel doch wieder?« Margot verstand, was sie im
Sinne hatte, und gab ihr das Kleidungsstück. Nach einiger Zeit kam sie sehr
artig geputzt, wie der Frühling und Winter, aus ihrem Zimmer hervor, ging in den
Garten und zum Karussell, wo sie sich dann gewöhnlich in einen mit hölzernen
Pferden bespannten Schlitten setzte. Der Boden durfte nicht gedreht werden, sie
behauptete, es komme alles von selbst in Gang, wenn sie die im Kreise
springenden Rosse eine Zeitlang ansehe, und es mache ihr einen angenehmen
Schwindel.
    Nannette setzte sich mit ihrer Arbeit in den Schatten der nächsten Laube.
Bald gesellte sich Agnes zu ihr, forderte sie auf, nicht traurig zu sein und
verhiess: ihr Bruder werde nun bald ankommen und sie beide entführen »Nicht wahr,
wir wollen fest zusammenhalten? Du bist im Grund so übel dran wie ich mit diesen
Lügengesichtern. Ja, ja, auch dir gehn die Augen nach und nach auf, ich merkte
es neulich, wie dir grauste, als dich der Bösewicht Schwester hiess. Zwinge dich
nur nicht bei ihm, er kann uns doch nicht schaden. - Jetzt aber sollst du etwas
Liebes sehen, das wird dich freuen: Lies diese Blätter, du kennst die Hand
nicht, aber den Schreiber. Sie sind mein höchster Schatz, mehr, mehr als Gold
und Perlen und Rubinen! Ich musste sie dem Höllenbrand abführen, er hatte sie mir
unterschlagen. Nimm sie drum fein in acht und lies ganz in der Stille, recht in
herzinniger Stille.« Sie ging und liess Nannetten das Liederheft zurück, dessen
wir schon bei Gelegenheit der hinterlassenen Papiere des Schauspielers erwähnt
haben.
    Da diese Gedichte »An L.« überschrieben waren und Agnes unter ihren Namen
eine Luise hatte, so eignete sie sich dieselben völlig zu, nicht anders als sie
wären von Teobald an sie gerichtet worden. Überdies hatte sie eine Silhouette
in jenen Blättern gefunden, von der sie sich beredete, es sei ihr Bild. Man traf
sie etliche Male darüber an, dass sie zwei Spiegel gegeneinanderhielt, um ihr
Profil mit dem andern zu vergleichen.
    Vielleicht ist es dem Leser angenehm, von jenen Gedichten etwas zu sehen und
sich dabei des Mannes zu erinnern, der, wie einst im Leben, so jetzt noch im
Tode, das Herz des unglücklichen Kindes so innig beschäftigen musste.
                                       *
Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte,
Ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen,
Die starre Welt zerfliesst in Liebessegen,
Und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte.
Wenn ich den Blick nun zu den Bergen richte,
Die duftig meiner Liebe Tal umhegen -
O Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen,
Dass all der Wonne herber Streit sich schlichte!
Du, Liebe, hilf den süssen Zauber lösen,
Womit Natur in meinem Innern wühlet!
Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!
Lisch aus, o Tag! Lass mich in Nacht genesen!
Indes ihr, sanften Sterne, göttlich kühlet,
Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.
                                       *
Wahr ist's, mein Kind, wo ich bei dir nicht bin
Geleitet Sehnsucht alle meine Wege,
Zu Berg und Wald, durch einsame Gehege
Treibt mich ein irrer, ungeduldger Sinn.
In deinem Arm! o seliger Gewinn!
Doch wird auch hier die alte Wehmut rege,
Ich schwindle trunken auf dem Himmelsstege,
Die Gegenwart flieht taumelnd vor mir hin.
So denk ich oft: dies schnell bewegte Herz,
Vom Überglück der Liebe stets beklommen,
Wird wohl auf Erden nie zur Ruhe kommen;
Im ewgen Lichte löst sich jeder Schmerz,
Und all die schwülen Leidenschaften fliessen
Wie ros'ge Wolken, träumend, uns zu Füssen.
                                       *
Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge,
Da hör ich oft die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.
Und ein erstaunt, ein selig Lächeln quillt
Auf meinen Mund, ob mich kein Traum betrüge,
Dass nun in dir, zu himmlischer Genüge,
Mein kühnster Wunsch, mein einzger, sich erfüllt.
Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,
Ich höre aus der Gotteit nächtger Ferne
Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen;
Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin,
Zum Himmel auf - da lächeln alle Sterne!
Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.
                                       *
Schön prangt im Silbertau die junge Rose,
Den ihr der Morgen in den Busen rollte,
Sie blüht, als ob sie nie verblühen sollte,
Sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose.
Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose,
Sein Auge trinkt sich voll von sprühndem Golde,
Er ist der Tor nicht, dass er fragen wollte,
Ob er das Haupt nicht an die Wölbung stosse.
Mag einst der Jugend Blume uns verbleichen,
So war die Täuschung doch so himmlisch süsse,
Wir wollen ihr vorzeitig nicht entsagen.
Und unsre Liebe muss dem Adler gleichen:
Ob alles, was die Welt gab, uns verliesse -
Die Liebe darf den Flug ins Ewge wagen.
                                       *
Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen,
Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.
Da ist mir wohl; und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.
Und wenn die feinen Leute nur erst dächten
Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden.
Denn des Sonetts vielfältge Kränze flechten
Sich wie von selber unter meinen Händen,
Indes die Augen in der Ferne weiden.
                                In der Karwoche
O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Und breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes dunklen Schatten auf die Erde.
Du hängest schweigend deine Flöre nieder,
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen,
Und alle Vöglein singen Jubellieder.
O schweigt, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!
Es tönen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge,
O schweiget, Vöglein auf den grünen Auen!
Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strausse,
Ihr wandert mit zum stillen Gotteshause,
Dort sollt ihr welken auf des Herrn Altare.
Wird sie sich dann in Andachtslust versenken,
Und sehnsuchtsvoll in süsse Liebesmassen
Den Himmel und die Welt zusammenfassen
So soll sie mein - auch mein! dabei gedenken.
                                       *
Agnes war inzwischen mit Henni spazierengegangen. Sie führte ihn ins freie Feld
hinaus, ohne recht zu sagen, wohin es ginge, ein nicht seltener Fall, wo ihr
jedesmal eine dritte zuverlässige Person unbemerkt in einiger Entfernung hinten
nachzufolgen pflegte. Agnes brachte seit einiger Zeit die schöne Sammetjacke,
das Geschenk ihres vermeintlichen Liebhabers, kaum mehr vom Leibe; so trug sie
dieselbe auch jetzt, und sah trotz einiger Nachlässigkeit im Anzug sehr reizend
darin aus. Unter ordentlichen Gesprächen gelangten beide zu dem nächsten
Wäldchen und in der Mitte desselben auf einen breiten Rasenplatz, worauf eine
grosse Eiche einzeln stand, die einen offenen Brunnen sehr malerisch beschattete.
Agnes hatte von diesem Brunnen, als von einer bekannten Merkwürdigkeit,
gelegentlich erzählen gehört. Es ist dies wirklich ein sehenswertes Überbleibsel
aus dem höchsten Altertum und äusserlich noch wohlerhalten. Die runde Mauer ragt
etwa eine halbe Mannshöhe über den Erdboden vor, die Tiefe, obgleich zum Teil
verschüttet, ist noch immer beträchtlich, man konnte mit mässiger Schnelle auf
sechszehn zählen, eh der hineingeworfene Stein unten auf dem Wasser aufschlug.
Sein Name »Alexis-Brunn« bezog sich auf eine Legende. Agnes verlangte die Sage
ausführlich von Henni zu hören, und er erzählte wie folgt.
    »Vor vielen hundert Jahren, eh noch das Christentum in deutschen Landen
verbreitet gewesen, lebte ein Graf, der besass eine Tochter, Belsore, die hatte
er eines Herzogs Sohn, mit Namen Alexis, zur Ehe versprochen. Diese liebten
einander treulich und rein; über ein Jahr sollte Alexis sie heimführen dürfen.
Mittlerweile aber musste er einen Zug tun mit seinem Vater, weit weg, nach
Konstantinopel. Dort hörte er zum erstenmal in seinem Leben das Evangelium von
Christo predigen, was ihn und seinen Vater bewog, diesen Glauben besser
kennenzulernen. Sie blieben einen Monat in der gedachten Stadt und kamen mit
Freuden zuletzt überein, dass sie sich wollten taufen lassen. Bevor sie wieder
heimreisten, liess der Vater von einem griechischen Goldschmied zwei Fingerringe
machen, worauf das Kreuzeszeichen in kostbaren Edelstein gegraben war; der eine
gehörte Belsoren, der andere Alexis. Als sie nach Hause kamen und der Graf
vernahm, was mit ihnen geschehen, und dass seine Tochter sollte zur Christin
werden, verwandelte sich seine Freude in Zorn und giftigen Hass, er schwur, dass
er sein Kind lieber würde mit eigner Hand umbringen, eh ein solcher sie heiraten
dürfe, und könnte sie dadurch zu einer Königin werden. Belsore verging für
Jammer, zumal sie nach dem, was ihr Alexis vom neuen Glauben ans Herz gelegt,
ihre Seligkeit auch nur auf diesem Weg zu finden meinte. Sie wechselten heimlich
die Ringe und gelobten sich Treue bis in den Tod, was auch immer über sie
ergehen würde. Der Graf bot Alexis Bedenkzeit an, ob er etwa seinen Irrtum
abschwören möchte, da er ihn denn aufs neue als lieben Schwiegersohn umarmen
wolle. Der Jüngling aber verwarf den frevelhaften Antrag, nahm Abschied von
Belsoren, und griff zum Wanderstab, um in geringer Tracht bald da bald dort als
ein Bote des Evangeliums umherzureisen. Da er nun überall verständig und kräftig
zu reden gewusst, auch lieblich von Gestalt gewesen, so blieb seine Arbeit nicht
ohne vielfältigen Segen. Aber oft, wenn er so allein seine Strasse fortlief, bei
Schäfern auf dem Felde, bei Köhlern im Walde übernachten blieb und neben soviel
Ungemach auch wohl den Spott und die Verachtung der Welt erfahren musste, war er
vor innerer Anfechtung nicht sicher und zweifelte zuweilen ob er auch selbst die
Wahrheit habe, ob Christus der Sohn Gottes sei, und würdig, dass man um
seinetwillen alles verlasse. Dazu gesellte sich die Sehnsucht nach Belsoren, mit
der er jetzt wohl längst in Glück und Freuden leben könnte. Indes war er auf
seinen Wanderungen auch in diese Gegend gekommen. Hier, wo nunmehr der Brunnen
ist, soll damals nur eine tiefe Felskluft, dabei ein Quell gewesen sein, daran
Alexis seinen Durst gelöscht. Hier flehte er brünstig zu Gott um ein Zeichen, ob
er den rechten Glauben habe; doch dachte er sich dieser Gnade erst durch ein
Geduldjahr würdiger zu machen, währenddessen er zu Haus beim Herzog, seinem
Vater, geruhig leben und seine Seele auf göttliche Dinge richten wolle. Werde er
in dieser Zeit seiner Sache nicht gewisser und komme er auf den nächsten
Frühling wiederum hieher, so soll der Rosenstock entscheiden, an dessen völlig
abgestorbenes Holz er jetzt den Ring der Belsore feststeckte: blühe bis dahin
der Stock und trage er noch den goldenen Reif, so soll ihm das bedeuten, dass er
das Heil seiner Seele bisher auf dem rechten Wege gesucht und dass auch seine
Liebe zu der Braut dem Himmel wohlgefällig sei. So trat er nun den Rückweg an.
Der Herzog war inzwischen dem Erlöser treu geblieben, und von Belsoren erhielt
Alexis durch heimliche Botschaft die gleiche Versicherung. Sosehr ihn dies
erfreute, so blieb ihm doch sein eigener Zweifelmut; zugleich betrübte er sich,
weil es im Brief der Braut beinah den Anschein hatte, als ob sie bei aller
treuen Zärtlichkeit für ihn, doch ihrer heissen Liebe zum Heiland die seinige in
etwas nachgesetzt. Er konnte kaum erwarten, bis bald das Jahr um war. Da macht
er sich also zu Fusse, wie er's gelobt, auf den Weg. Er findet den Wald wieder
aus, er kennt schon von weitem die Stelle, er fällt, bevor er näher tritt, noch
einmal auf die Knie und eilt mit angstvollem Herzen hinzu. O Wunder! drei Rosen,
die schönsten, hängen am Strauch. Aber ach, es fehlte der Ring. Sein Glaube also
galt, aber Belsore war ihm verloren. Voll Verzweiflung reisst er den Strauch aus
der Erde und wirft ihn in die tiefe Felskluft. Gleich nachher reut ihn die
Untat; als ein Büssender kehrt er zurück ins Vaterland, dessen Einwohner durch
die Bemühungen des Herzogs bereits zum grossen Teil waren bekehrt worden. Alexis
versank in eine finstere Schwermut; doch Gott verliess ihn nicht, Gott gab ihm
den Frieden in seinem wahrhaftigen Worte. Nur über einen Punkt, über seine Liebe
zu der frommen Jungfrau, war er noch nicht beruhigt. Eine heimliche Hoffnung
lebte in ihm, dass er an jenem wunderbaren Orte noch völlig müsse getröstet
werden. Zum drittenmal machte er die weite Wallfahrt, und gücklich kommt er ans
Ziel. Aber leider trifft er hier alles nur eben wie er's verlassen. Mit Wehmut
erkennt er die nackte Stelle, wo er den Stock entwurzelt hatte. Kein Wunder will
erscheinen, kein Gebet hilft ihm zu einer fröhlichen Gewissheit. In solcher Not
und Hoffnungslosigkeit überfiel ihn die Nacht, als er noch immer auf dem Felsen
hingestreckt lag, welcher sich über die Kluft herbückte. In Gedanken sah er so
hinunter in die Finsternis und überlegte, wie er mit anbrechendem Morgen in
Gottes Namen wieder wandern und seiner Liebsten ein Abschiedsschreiben schicken
wolle. Auf einmal bemerkt er, dass es tief unten auf dem ruhigen Spiegel des
Wassers als wie ein Gold- und Rosenschimmer zuckt und flimmt. Anfänglich traut
er seinen Augen nicht, allein von Zeit zu Zeit kommt der liebliche Schein
wieder. Ein frohes Ahnen geht ihm auf. Wie der Tag kommt, klimmt er die Felsen
hinab, und siehe da! der weggeworfene Rosenstock hatte zwischen dem Gestein,
kaum eine Spanne überm Wasser, Wurzel geschlagen und blühte gar herrlich.
Behutsam macht Alexis ihn los, bringt ihn ans Tageslicht herauf und findet an
derselben Stelle, wo er vor zweien Jahren den Reif angesteckt, ringsum eine
frische Rinde darüber gequollen, die ihn so dicht einschloss, dass kaum durch eine
winzige Ritze das helle Gold herausglänzte. Noch voriges Jahr müsste Alexis den
Ring, wäre er nicht so übereilt und sein Vertrauen zu Gott grösser gewesen, weit
leichter entdeckt haben. Wie dankbar warf er nun sich im Gebet zur Erde! Mit
welchen Tränen küsste er den Stock, der ausser vielen aufgegangenen Rosen noch
eine Menge Knospen zeigte. Gerne hätte er ihn mitgenommen, allein er glaubte ihn
dem heiligen Orte, wo er zuvor gestanden, wieder einverleiben zu müssen. Unter
lautem Preise der göttlichen Allmacht kehrte er, wie ein verwandelter Mensch,
ins väterliche Haus zurück. Dort empfängt ihn zugleich eine Freuden- und
Trauerbotschaft: der alte Graf war gestorben, auf dem Totenbett hatte er sich,
durch die Belehrung seiner Tochter gewonnen, zum Christentum bekannt und seine
Härte aufrichtig bereut. Alexis und Belsore wurden zum glücklichsten Paare
verbunden. Ihr erstes hierauf war, dass sie miteinander eine Wallfahrt an den
Wunderquell machten und denselben in einen schöngemauerten Brunn fassen liessen.
Viele Jahrhunderte lang soll es ein Gebrauch gewesen sein, dass weit aus der
Umgegend die Brautleute vor der Hochzeit hieherreisten, um einen gesegneten
Trunk von diesem klaren Wasser zu tun, welches der Rosentrunk geheissen;
gewöhnlich reichte ihn ein Pater Einsiedler, der hier in dem Walde gewohnt. Das
ist nun freilich abgegangen, doch sagen die Leute, die Schäfer und Feldhüter,
dass noch jetzt in der Karfreitag- und Christnacht das rosenfarbene Leuchten auf
dem Grund des Brunnens zu sehen sei.«
    Agnes betrachtete einen vorstehenden Mauerstein, worauf noch ziemlich
deutlich drei ausgehauene Rosen und ein Kreuz zu bemerken waren. Henni leitete
aus der Geschichte mehrere Lehren für seine arme Schutzbefohlene ab; sie merkte
aber sehr wenig darauf und zog ihn bald von dem Platze weg, um nahebei einen
kleinen Berggipfel zu besteigen, welcher sich kahl und kegelförmig über das
Wäldchen erhob. »Der Wind weht dort! Ich muss das Windlied singen; es ist sehr
ratsam heute«, rief Agnes, voraneilend.
    Sie standen oben und sie sang in einer freien Weise die folgenden Verse,
indem sie bei Frag und Antwort jedesmal sehr artig mit der Stimme wechselte,
dabei sehr lebhaft in die Luft agierte.
»Sausewind! Brausewind!
Dort und hier,
Deine Heimat sage mir!
Kindlein, wir fahren
Seit vielen Jahren
Durch die weit weite Welt,
Und wollen's erfragen,
Die Antwort erjagen,
Bei den Bergen, den Meeren,
Bei des Himmels klingenden Heeren -
Die wissen es nie,
Bist du klüger als sie,
Magst du es sagen.
- Fort! Wohlauf!
Halt uns nicht auf!
Kommen andre nach,
Unsre Brüder,
Da frag wieder.
Halt an! Gemach,
Eine kleine Frist!
Sagt, wo der Liebe Heimat ist,
Ihr Anfang, ihr Ende!
Wer's nennen könnte!
Schelmisches Kind,
Lieb ist wie Wind,
Rasch und lebendig,
Ruhet nie,
Ewig ist sie,
Aber nicht immer beständig.
- Fort! Wohlauf auf!
Halt uns nicht auf!
Fort über Stoppel, und Wälder, und Wiesen!
Wenn ich dein Schätzchen seh,
Will ich es grüssen;
Kindlein, ade!«
Gegen Abend hatte sich Agnes ermüdet zu Bette gelegt; der Präsident war eine
Zeitlang bei ihr gewesen, auf einmal kam er freudig aus ihrem Schlafzimmer und
sagte eilfertig zu Teobald hin: »Sie verlangt nach Ihnen, gehn Sie geschwinde!«
Er gehorchte unverzüglich, die andern blieben zurück und er zog die Türe hinter
sich zu. Agnes lag ruhig auf der Seite, den Kopf auf einem Arm gestützt.
Bescheiden setzte er sich mit einem freundlichen Gruss auf den Stuhl an ihrem
Bette; durchaus gelassen, doch einigermassen zweifelhaft sah sie ihn lange an; es
schien als dämmerte eine angenehme Erinnerung bei ihr auf, welche sie an seinen
Gesichtszügen zu prüfen suchte. Aber heisser, schmelzender wird ihr Blick, ihr
Atem steigt, es hebt sich ihre Brust, und jetzt - indem sie mit der Linken sich
beide Augen zuhält - streckt sie den rechten Arm entschlossen gegen ihn, fasst
leidenschaftlich seine Hand und drückt sie fest an ihren Busen; der Maler liegt,
eh er sich's selbst versieht, an ihrem Halse und saugt von ihren Lippen eine
Glut, die von der Angst des Moments eine schaudernde Würze erhält; der Wahnsinn
funkelt frohlockend aus ihren Augen, Verzweiflung presst dem Freunde das
himmlische Gut, eh sich's ihm ganz entfremde, noch einmal - ja er fühlt's, zum
letztenmal, in die zitternden Arme.
    Aber Agnes fängt schon an unruhig zu werden, sich seinen Küssen leise zu
entziehen, sie hebt ängstlich den Kopf in die Höhe: »Was flüstert denn bei dir?
was spricht aus dir? ich höre zweierlei Stimmen - Hülfe! zu Hülfe! du tückischer
Satan, hinweg -! Wie bin ich, wie bin ich betrogen! - O nun ist alles, alles mit
mir aus. - Der Lügner wird hingehn, mich zu beschimpfen bei meinem Geliebten,
als wär ich kein ehrliches Mädchen, als hätt ich mit Wissen und Willen dies
Scheusal geküsst - O Teobald! wärest du hier, dass ich dir alles sagte! Du weisst
nicht, wie's die Schlangen machten! und dass man mir den Kopf verrückte, mir,
deinem unerfahrnen, armen, verlassenen Kind!« Sie kniete aufrecht im Bette,
weinte bitterlich und ihre losgegangenen Haare bedeckten ihr die glühende Wange.
Nolten ertrug den Anblick nicht, er eilte weinend hinaus: »Ja lache nur in deine
Faust und geh und mach dich lustig mit den andern - es wird nicht allzu lange
mehr so dauern, denn es ist gottvergessen und die Engel im Himmel erbarmt's, wie
ihr ein krankes Mädchen quält!«
    Die Schwägerin kam und setzte sich zu ihr, sie beteten; so ward sie ruhiger.
    »Nicht wahr?« sprach sie nachher, »ein selig Ende, das ist's doch, was sich
zuletzt ein jeder wünscht; einen leichten Tod, recht sanft, nur so wie eines
Knaben Knie sich beugt; wie komm ich zu dem Ausdruck? ich denke an den Henni;
mit diesem müsste sich gut sterben lassen.«
    In diesem Ton sprach sie eine Weile fort, vergass sich nach und nach, ward
munterer, endlich gar scherzhaft, und zwar so, dass Nannetten dieser Sprung
missfiel. Agnes bemerkte es, schien wirklich durch sich selbst überrascht und
beschämt, und sie entschuldigte alsbald ihr Benehmen auf eine Art, welche
genugsam zeigt, wie klar sie sich auf Augenblicke war: »Siehst du«, sagte sie
mit dem holdesten Lächeln der Wehmut, »ich bin nur eben wie das Schiff, das leck
an einer Sandbank hängt und dem nicht mehr zu helfen ist; das mag nun wohl sehr
kläglich sein, was kann aber das arme Schiff dafür, wenn mittlerweile noch die
roten Wimpel oben ihr Schelmenspiel im Wind forttreiben, als wäre nichts
geschehn? Lass gehen wie es gehen kann. Wenn erst Gras auf mir wächst, hat's
damit auch ein Ende.«
Der Maler verliess den folgenden Tag in aller Frühe das Schloss: der Präsident
selbst hatte dazu geraten und ihm eines seiner Pferde geliehen. Es war
vorderhand nur um einen Versuch mit einigen Tagen zu tun, wie das Mädchen sich
anliesse, wenn Teobald ihr aus den Augen wäre. Er selbst schien bei seiner
Abreise noch unentschlossen, wohin er sich wende. Auf alle Fälle ward ein
dritter Ort bestimmt, um zur Not Botschaft für ihn hinterlegen zu können. Von W*
war nicht die Rede noch kürzlich hatte er dortin um Frist geschrieben, im
Herzen übrigens gleichgültig, ob sie ihm gewährt würde oder die ganze Sache sich
zerschlüge.
    Die grössere Ruhe, die man bei Agnes, seit der Gegenstand ihrer Furcht
verschwunden ist, alsbald wahrnehmen kann, wird nach und nach zur stillen
Schwermut, ihre Geschwätzigkeit nimmt ab, sie ist sich ihres Übels zuzeiten
bewusst und der kleinste Zufall, der sie daran erinnert, ein Wort, ein Blick von
seiten ihrer Umgebung kann sie empfindlich kränken. Auffallend ist in dieser
Hinsicht folgender Zug. Der Präsident, oder Margot vielmehr, besass ein grosses
Windspiel, dem man, seiner ausgezeichneten Schönheit wegen, den Namen Merveille
gegeben. Der Hund erzeigte sich Agnesen früher nicht abgeneigt, seit einiger
Zeit aber floh er sie offenbar, verkroch sich ordentlich vor ihr. Ohne Zweifel
hatte diese Scheu einen sehr natürlichen Grund, Agnes mochte ihn unwissentlich
geärgert haben - genug, sie selber schien zu glauben, es fühle das Tier das
Unheimliche ihrer Nähe. Sie schmeichelte dem Hund auf alle Weise, ja gar mit
Tränen, und liess zuletzt, da nichts verfangen wollte, betrübt und ärgerlich von
ihm ab, ohne ihn weiter ansehn zu wollen.
    Seit kurzem bemerkte man, dass sie ihren Trauring nicht mehr trug. Als man
sie um die Ursache fragte, gab sie zur Antwort: »Meine Mutter hat ihn genommen.«
»Deine Mutter ist aber tot, willst du sie denn gesehen haben?« »Nein; dennoch
weiss ich, sie hat den Ring mit fort; ich kenne den Platz, wo er liegt, und ich
muss ihn selbst dort abholen. O wäre das schon überstanden! Es ist ein
ängstlicher Ort, aber einer frommen Braut kann er nichts anhaben; ein schöner
Engel wird da stehn, wird fragen, was ich suche, und mir's einhändigen. Auch
sagt er mir sogleich, wo mein Geliebter ist und wann er kommt.«
    Ein andermal liess sie gegen Henni die Worte fallen: »Mir kam gestern so der
Gedanke, weil der Nolten doch gar zu lange ausbleibt, gib acht, er hat mich
aufgegeben! Und, recht beim Licht besehn, es ist ihm nicht sehr zu verdenken;
was tät er mit der Törin? er hätte seine liebe Not im Hause. Und überdies, o
Henni - welk, welk, welk, es geht zum Welken! Siehst du, wie es nun gut ist, dass
noch die Hochzeit nicht war; ich dachte wohl immer so was. Nun mag es enden wann
es will mir ist doch mein Mädchenkranz sicher, ich nehm ihn ins Grab - Unter uns
gesagt, Junge, ich habe mir immer gewünscht, so und nicht anders in Himmel zu
kommen. Aber den Ring muss ich erst haben, ich muss ihn vorweisen können.«
    Noch eines freundlichen und frommen Auftritts soll hier gedacht werden,
zumal es das letzte ist, was wir von des Mädchens traurigem Leben zu erzählen
haben.
    Nannette kam einsmals in aller Eile herbeigesprungen und ersuchte das
Fräulein und deren Vater, ihr in ein Zimmer des untern Stocks herab zu folgen,
um an der angelehnten Türe der alten Kammer, wo die Orgel stand, einen
Augenblick Zeuge der musikalischen Unterhaltung Hennis und Agnesens zu sein. So
gingen sie zu dreien leise an den bezeichneten Ort und belauschten einen überaus
rührenden Gesang, in welchen die Orgel ihre Flötentöne schmolz. Bald herrschte
des Knaben und bald des Mädchens Stimme vor. Es schien alt-katolische Musik zu
sein. Ganz wundersam ergreifend waren besonders die kraftvollen Strophen eines
lateinischen Bussliedes aus E-dur. Hier steht nur der Anfang.
Jesu, benigne!
A cuius igne
Opto flagrare,
Et the amare; -
Cur non flagravi?
Cur non amavi
Te, Jesu Christe?
- O frigus triste!5
Es folgten noch zwei dergleichen Verse, worauf Henni sich in ein langes
Nachspiel vertiefte, dann aber in ein anderes Lied überging, welches die
ähnlichen Empfindungen ausdrückte. Agnes sang dies allein und der Knabe spielte.
Eine Liebe kenn ich, die ist treu,
War getreu, seitdem ich sie gefunden,
Hat mit tiefem Seufzen immer neu,
Stets versöhnlich, sich mit mir verbunden.
Welcher einst mit himmlischem Gedulden
Bitter bittern Todestropfen trank,
Hing am Kreuz und büsste mein Verschulden,
Bis es in ein Meer von Gnade sank.
Und was ist's, dass ich doch traurig bin?
Dass ich angstvoll mich am Boden winde?
Frage: Hüter, ist die Nacht bald hin?
Und: was rettet mich von Tod und Sünde?
Arges Herze! ja gesteh' es nur,
Du hast wieder böse Lust empfangen;
Frommer Liebe, alter Treue Spur -
Ach, das ist auf lange nun vergangen!
Darum ist's auch, dass ich traurig bin,
Dass ich angstvoll mich am Boden winde -
Hüter! Hüter! ist die Nacht bald hin?
Und was rettet mich von Tod und Sünde?
Bei den letzten Worten fiel Margot Nannetten mit heissen Tränen um den Hals. Der
Präsident ging leise ab und zu. Noch immer klang die Orgel alleine fort, als
könnte sie im Wohllaut unendlicher Schmerzen zu keinem Schlusse mehr kommen.
Endlich blieb alles still. Die Türe ging auf, ein artiges Mädchen, Hennis kleine
Schwester, welche die Bälge gezogen, kam auf den Zehen geschlichen heraus,
entfernte sich bescheiden und liess die Türe hinter sich offen. Nun aber hatte
man ein wahres Friedensbild vor Augen. Der blinde Knabe nämlich sass,
gedankenvoll in sich gebückt, vor der offnen Tastatur, Agnes, leicht
eingeschlafen, auf dem Boden neben ihm, den Kopf an sein Knie gelehnt, ein
Notenblatt auf ihrem Schosse. Die Abendsonne brach durch die bestäubten
Fensterscheiben und übergoss die ruhende Gruppe mit goldenem Licht. Das grosse
Kruzifix an der Wand sah mitleidsvoll auf sie herab.
    Nachdem die Freunde eine Zeitlang in stiller Betrachtung gestanden, traten
sie schweigend zurück und lehnten die Türe sacht an.
Am folgenden Morgen ward Agnes vermisst. Nannette hatte beim Aufstehn ihr Bette
leer gefunden und voller Schrecken sogleich Lärm gemacht. Niemand begriff im
ersten Augenblick, wie sie nur irgend aus dem Schlafzimmer entkommen können, da
man dasselbe aus verschiedenen Gründen seit einiger Zeit von dem untern Stock in
den obern verlegt hatte, die Türen nachts sorgfältig geschlossen, auch wirklich
am Morgen noch verschlossen gefunden wurden. Aber vor einem Seitenfenster, das
neben dem Belvedere hinausführte, entdeckte man zwischen den Bäumen eine hohe
Leiter, welche der Gartenknecht, nach seinem eigenen Geständnis, gestern abends
angelegt, weil Agnes durchaus ein altes Vogelnest verlangt habe, das oben aus
einer der Lücken im steinernen Fries hervorgesehen. Nachher war die Leiter
vergessen worden, was ohne Zweifel die Absicht des Mädchens gewesen.
    Der Vormittag verflog unter den angestrengtesten Nachforschungen, unter
endlosem Hin- und Herraten, Fragen, Boten-Aussenden und - Empfangen. Innerhalb
des Schlossbezirks war bereits alles um- und umgekehrt. Es wurde Abend und noch
erschien von keiner Seite die mindeste Nachricht, der mindeste Trost. Eine
falsche Spur, wozu die irrige Aussage eines Feldhüters Veranlassung gegeben,
machte überdies den grössten Aufentalt.
    Die Sonne war seit zwei Stunden untergegangen und noch blieb alles Laufen
und Schicken fruchtlos; die Freunde kamen ausser sich. Nach Mitternacht kehrten
die letzten Fackeln zurück, nur der alte Gärtner und selbst der blinde Henni
waren noch immer aussen, so dass man endlich um diese besorgt zu werden anfing.
Niemand im Schloss dachte daran, sich schlafen zu legen. Der Präsident stellte
die Mutmassung auf, dass Agnes irgendeinen Weg nach ihrer Heimat eingeschlagen
und, je nachdem sie zeitig genug sich von hier weggemacht hätte, bereits einen
bedeutenden Vorsprung gewonnen haben dürfte, ehe die Späher ausgegangen; für ihr
Leben zu fürchten, sei kein Grund vorhanden, es stünde vielmehr zu erwarten, dass
sie unterwegs als verdächtig aufgegriffen und öffentlich Anstalt würde getroffen
werden, sie in ihren Geburtsort zu bringen. Nannette dachte sich in diesem Fall
die Ankunft der Unglücklichen im väterlichen Hause beinahe schrecklicher als
alles; und doch, wenn man sie nur übrigens wohlbehalten den Armen des Vaters
überliefert denken durfte, so liess sich ja von hier an wieder neue Hoffnung
schöpfen. Allein mit welchem Herzen musste man der Rückkehr des Malers
entgegensehen, wenn sich bis dahin nichts entschieden haben sollte! - Margot
hielt die Vermutung nicht zurück, dass die Zigeunerin auch diesmal die
verderbliche Hand mit im Spiele habe. Dies alles sprach und wog man hin und her,
bis keine Möglichkeit mehr übrig zu sein schien, das Schlimmste aber getraute
man sich kaum zu denken, geschweige auszusprechen. Zuletzt entstand eine düstere
Stille. In den verschiedenen Zimmern brannte hie und da eine vergessene Kerze
mit mattem Scheine; die Zimmer stellten selbst ein Bild der Angst und Zerstörung
dar, denn alle Dinge lagen und standen, wie man sie gestern morgen im ersten
Schrecken liegen lassen, unordentlich umher. Die Schlossuhr liess von Zeit zu Zeit
ihren weinerlichen Klang vernehmen, von den Anlagen her schlug eine Nachtigall
in vollen, herrlichen Tönen.
    Auf ein Zeichen des Präsidenten erhob man sich endlich, zu Bette zu gehen.
Ein Teil der Dienerschaft blieb wach.
    Gegen drei Uhr des Morgens, da eben der Tag zu grauen begann, gaben im Hofe
die Hunde Laut, verstummten jedoch sogleich wieder. Margot öffnet indes ihr
Fenster und sieht in der blassen Dämmerung eine Anzahl Männer, darunter den
Gärtner und seinen Sohn, mit halb erloschenen Laternen am Schlosstor stehen,
welches nur angelehnt war und sich leise auftat. Eine plötzliche Ahnung
durchschneidet dem Fräulein das Herz und laut aufschreiend wirft sie das Fenster
zu, denn ihr schien, als wären zwei jener Leute bemüht, einen entsetzlichen Fund
ins Haus zu tragen. Gleich darauf hört sie die Glocke vom Schlafzimmer ihres
Vaters. Alles stürzt, nur halb angekleidet, von allen Ecken und Enden herbei.
    Die Verlorene war wirklich aufgefunden worden, doch leider tot und ohne
Rettung. Vor einer Stunde wurde der Körper nach langen mühsamen Versuchen aus
jenem Brunnen im Walde gezogen. Es hatte sich der Gärtner, von seinem Sohne auf
diesen Platz aufmerksam gemacht, noch spät in der Nacht dortin begeben, und ein
aufgefundener Handschuh bestätigte sogleich die Vermutung. Alsbald war der Alte
ins nächste Städtchen geeilt, um Mannschaft mit Werkzeugen, Strickleiter und
Haken, sowie einen Wundarzt herbeizuholen.
    Der Leichnam war, ausser den völlig durchnässten und zerrissenen Kleidern, nur
wenig verletzt; das schneeweisse Gesicht um welches die nassen Haare verworren
hingen, sah sich noch jetzt vollkommen gleich; der halbgeöffnete Mund schien
schmerzlich zu lächeln; die Augen fest geschlossen. Offenbar war sie, mit dem
Kopfe vorwärts stürzend, ertrunken; nur eine leichte Wunde entdeckte man rechts
über den Schläfen. Bemerkenswert ist noch, dass sie in Larkens' grüner Jacke,
woran man sie gestern eine Kleinigkeit, jedoch sehr emsig und wichtig, hatte
verändern sehn, den Tod gefunden.
    Der Wundarzt machte zum Überfluss noch den einen und andern vergeblichen
Versuch. Vom grenzenlosen Jammer der sämtlichen Umstehenden sagen wir nichts.
Nach Nolten hatte man ausgesendet, doch traf ihn weder Bote noch Brief. Den
zweiten Tag nach dem Tode der Braut erschien er unvermutet von einer andern
Seite her. Sein ganzes Eintreten, das sonderbar Gehaltene, matt Resignierte in
seiner Miene, seinem Gruss war von der Art, dass er, was vorgefallen, entweder
schon zu wissen oder zu vermuten, aber nicht näher hören zu wollen schien.
Sonach war denn auch andrerseits der Empfang beklommen, einsilbig. Nannette, die
bei der ersten Begrüssung nicht gleich zugegen gewesen, stürzt, da sie des
Bruders ansichtig wird, mit lautem Geschrei auf ihn zu. Sein Anblick war nicht
nur im höchsten Grade mitleidswert, sondern wirklich zum Erschrecken. Er sah
verwildert, sonnverbrannt und um viele Jahre älter aus. Sein lebloser gläserner
Blick verriet nicht sowohl einen gewaltigen Schmerz, als vielmehr eine
schläfrige Übersättigung von langen Leiden. Das Unglück, das die andern noch als
ein gegenwärtiges in seiner ganzen Stärke fühlten, schien, wenn man ihn ansah,
ein längst vergangenes zu sein. Er sprach nur gezwungen und zeigte eine blöde
seltsame Verlegenheit in allem, was er tat. Er hatte sich, wie man nur nach und
nach von ihm erfuhr, während der letzten sechs Tage verschiedenen Streifereien
in unbekannten Gegenden überlassen, zwecklos und einsam nur seinem Grame lebend;
kaum dass er's über sich vermocht, einmal nach Neuburg zu schreiben.
    Indem nun von Agnesen noch immer nicht bestimmt die Rede wurde und man
durchaus nicht wusste, wie man deshalb bei Nolten sich zu benehmen habe, so wurde
jedermann nicht wenig überrascht, als er mit aller Gelassenheit die Frage
stellte: auf wann die Beerdigung festgesetzt sei, und wohin man diesfalls
gedenke? - Mit gleicher Ruhe fand er hierauf von selbst den Weg zum Zimmer, wo
die Tote lag. Er verweilte allein und lange daselbst. Erst diese Anschauung gab
ihm das ganze, deutliche Gefühl seines Verlustes, er weinte heftig, als er zu
den andern auf den Saal zurückkam.
    »Unglücklicher, geliebter Freund«, nahm jetzt der Präsident das Wort und
umarmte den Maler, »es ist mir vorlängst einmal der Spruch irgendwo vorgekommen:
wir sollen selbst da noch hoffen, wo nichts mehr zu hoffen steht. Gewiss ist das
ein herrliches Wort, wer's nur verstehen will; mir hat es einst in grosser Not
den wunderbarsten Trost in der Seele erweckt, einen leuchtenden Goldblick des
Glaubens; und nur auf den Entschluss kommt es an, sich dieses Glaubens freudig zu
bemächtigen. O dass Sie dies vermöchten! Ein Mensch, den das Schicksal so
ängstlich mit eisernen Händen umklammert, der muss am Ende doch sein Liebling
sein und diese grausame Gunst wird sich ihm eines Tags als die ewige Güte und
Wahrheit entüllen. Ich habe oft gefunden, dass die Geächteten des Himmels seine
ersten Heiligen waren. Eine Feuertaufe ist über Sie ergangen und ein höheres,
ein gottbewussteres Leben wird sich von Stund an in Ihnen entfalten.«
    »Ich kann«, erwiderte Nolten nach einer kleinen Stille, »ich kann zur Not
verstehen, was Sie meinen, und doch - das Unglück macht so träge, dass Ihre
liebevollen Worte nur halb mein dumpfes Ohr noch treffen - O dass ein Schlaf sich
auf mich legte, wie Berge so schwer und so dumpf! Dass ich nichts wüsste von
gestern und heute und morgen! Dass eine Gotteit diesen mattgehetzten Geist,
weichbettend, in das alte Nichts hinfallen liesse! ein unermesslich Glück - -!« Er
überliess sich einen Augenblick diesem Gedanken, dann fuhr er fort: »Ja, läge zum
wenigsten nur diese erste Stufe hinter mir! Und doch, wer kann wissen, ob sich
dort nicht der Knoten nochmals verschlingt? - - O Leben! o Tod! Rätsel aus
Rätseln! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten, da liegt er so
selten, und wo man ihn nicht suchte, da gibt er sich auf einmal halb und von
ferne zu erkennen, und verschwindet, eh man ihn festalten kann!«
Agnesens Begräbnis ist auf den morgenden Sonntag beschlossen.
    Die Nacht zuvor schläft Nolten ruhig wie seit langer Zeit nicht mehr. Der
ehrliche Gärtner mutet sich zu, noch einmal bei der geliebten Leiche zu wachen,
ihm leistet der Sohn Gesellschaft, und da der Alte endlich einnickt, ist Henni
die einzig wache Person in dem Schloss. - Der gute Junge war recht wie
verwaist, seit ihm die Freundin und Gebieterin fehlte. Er war ihr so nahe, so
eigen geworden, er hatte insgeheim die schüchterne Hoffnung genährt - eine
Hoffnung, deren er sich jetzt innig schämte - Gott könnte ihm vielleicht die
Freude aufbehalten haben, die arme Seele mit der Kraft des evangelischen Wortes
zu der Erkenntnis ihrer selbst, zum Lichte der Wahrheit zurückzuführen; sein
ganzes Trachten und Sinnen, alle seine Gebete gingen zuletzt nur dahin, und
wieviel schrecklicher als er je fürchten konnte, ward nun sein frommes Vertrauen
getäuscht! - Er hält und drückt eine teure kalte Hand, die er nicht sieht, in
seinen Händen, und lispelt heisse Segensworte drüber; er denkt über die
erziehende Weisheit Desjenigen nach, an welchen er von ganzer Seele glaubt, vor
dessen durchdringendem Blick das Buch aller Zeiten aufgeschlagen liegt, der die
Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche, in welchem wir leben, weben und sind.
Er schrickt augenblicklich zusammen vor seligem Schrecken, indem er bedenkt, dass
das, was vor ihm liegt, was er mit glühenden Tränen anredet, ein taubes Nichts,
ein wertloses Scheinbild ist, dass der entflohene Geist, viel lieblicher
gestaltet, vielleicht in dieser Stunde am hellen Strome des Paradieses kniee
und, das irre Auge mit lauterer Klarheit auswaschend, unter befremdetem Lächeln
sich glücklich wiedererkenne und - finde. - Henni stand sachte auf, von einer
unbekannten süssen Unruhe bewegt; unbeschreibliche Sehnsucht ergriff ihn, doch
diese Sehnsucht selbst war nur das überglückliche Gefühl, die unfassliche Ahnung
einer himmlischen Zukunft welche auch seiner warte. Er trat ans Fenster und
öffnete es. Die Nacht war sehr unfreundlich; ein heftiger Sturm wiegte und
schwang die hohen Gipfel der Bäume, und auf dem Dache klirrten die Fahnen
zusammen. Des Knaben wunderbar erregte Seele überliess sich diesem Tumulte mit
heimlichem Jauchzen, er liess den Sturm seine Locken durchwühlen und lauschte mit
Wollust dem hundertstimmigen Winde. Es deuchten ihm seufzende Geisterchöre der
gebundenen Kreatur zu sein, die auch mit Ungeduld einer herrlichen Offenbarung
entgegenharre. Sein ganzes Denken und Empfinden war nur ein trunkenes Loblied
auf Tod und Verwesung und ewiges Verjüngen. Mit Gewalt muss er den Flug seiner
Gedanken rückwärts lenken, der Demut eingedenk, die Gott nicht vorzugreifen
wagt. Aber, wie er nun wieder zu Agnesens Hülle tritt, ist ihm wie einem, der zu
lange in das Feuerbild der Sonne geschaut, er sinkt in doppelt schmerzliche
Blindheit zurück. Still setzt er sich nieder, und schickt sich an, einen Kranz
von Rosen und Myrten zu Ende zu flechten.
    Nach Mitternacht erweckt indes den Maler ein sonderbarer Klang, den er
anfänglich bloss im Traum gehört zu haben glaubt, bald aber kann er sich völlig
überzeugen, dass es Musik ist, welche von dem linken Schlossflügel herüberzutönen
scheint. Es war als spielte man sehr feierlich die Orgel, dann wieder klang es
wie ein ganz anderes Instrument, immer nur abgebrochen, mit längeren und
kürzeren Pausen, bald widerwärtig hart und grell, bald sanft und rührend.
Betroffen springt er aus dem Bette, unschlüssig was er tun, wo er zuerst sich
hinwenden soll. Er horcht und horcht, und - abermals dieselben unbegreiflichen
Töne! Leis auf den Socken, den Schlafrock umgeworfen, geht er vor seine Tür, und
schleicht, mit den Händen an der Wand forttastend, den finstern Gang hin, bis in
die Nähe des Zimmers, wo sich der Gärtner und Henni befinden. Er ruft um Licht,
der Gärtner eilt heraus, verwundert, den Maler zu dieser Stunde hier zu sehn. Da
nun weder Vater noch Sohn irgend etwas anderes gehört haben wollen, als das
wechselnde Pfeifen des Windes, welcher auf dieser Seite heftiger gegen das Haus
herstiess, so entfernte sich Nolten, scheinbar beruhigt, mit Licht, gab übrigens
nicht zu, dass man ihn zurückbegleitete.
    Keine volle Minute verging, so vernahm der Alte und Henni vollkommen
deutlich die oben beschriebenen Töne und gleich darauf einen starken Fall samt
einem lauten Aufschrei.
    Kaum sind sie vor die alte Kapelle gelangt kaum sah der Gärtner drei
Schritte vor sich den Maler der Länge nach unter der offenstehenden Tür ohne
Lebenszeichen liegen, so ruft schon Henni, sich angstvoll an den Vater klammernd
und ihn nicht weiter lassend »Halt, Vater, halt! um Gottes willen seht Ihr nicht
- dort in der Kammer -«
    »Was?« ruft der Alte ungeduldig, da ihn der Knabe aufhält, »so lass mich
doch! Hier, vor uns liegt, was mich erschreckt - der Maler, leblos am Boden!«
    »Dort aber - dort steht er ja auch und - o seht Ihr, noch jemand -«
    »Bist du von Sinnen? du bist blind! was ist mit dir?«
    »So wahr Gott lebt, ich sehe!« versetzte der Knabe mit leiser, von Angst
erstickter Stimme und deutet fortwährend nach der Tiefe der Kammer, auf die
Orgel, wo für den Gärtner nichts zu sehen ist; dieser will nur immer dem Maler
beispringen, über welchen Henni weit wegschaut. »Vater! jetzt - jetzt - sie
schleichen auf uns zu - Schrecklich! o flieht -« Hier versagt ihm die Sprache,
er hängt ohnmächtig dem Alten im Arm, der jetzt ein verzweifeltes Notgeschrei
erhebt. Von allentalben ruft es und rennt es herbei, der Hausherr selbst
erscheint mit den ersten und schon ist der Wundarzt zur Hand, der diese letzten
Tage das Schloss nicht verliess; er läuft von Nolten zu Henni, von Henni zu
Nolten. Beide trägt man hinauf, ein jedes will helfen, mit raten, mit ansehn,
man hindert, tritt und stösst einander, der Präsident entfernt daher alles bis
auf wenige Personen. Ein Reitender sprengt nach der Stadt, den zweiten Arzt zu
holen, indes der gegenwärtige, ein ruhiger, tüchtiger Mann, fortfährt, das
Nötige mit Einreibung und warmen Tüchern nach der Ordnung zu tun; schon füllte
schauerlicher Duft der stärksten Mittel das Zimmer. Mit Henni hat es keine
Gefahr, obgleich ihm die volle Besinnung noch ausbleibt. An Nolten muss nach
stundenlanger Anstrengung, so Kunst wie Hoffnung erliegen. Bescheiden äusserte
der Wundarzt seinen Zweifel und als endlich der Medikus ankam, erklärte dieser
auf den dritten Blick, dass keine Spur von Leben hier mehr zu suchen sei.
Hatte Agnesens Krankheit und Tod überall in der Gegend das grösste Aufsehn und
die lebhafteste Teilnahme erregt, so machte dieser neue Trauerfall einen
wahrhaft panischen Eindruck auf die Gemüter der Menschen, zumal bis jetzt noch
kein hinreichender Erklärungsgrund am Tage lag. Da indes doch irgendein heftiger
Schrecken die tödliche Ursache gewesen sein muss, so lag allerdings bei der von
Kummer und Verzweiflung erschöpften Natur des Malers die Annahme sehr nahe, dass
hier die Einbildung, wie man mehr Beispiele hat, ihr Äusserstes getan. Dieser
Meinung waren die Ärzte, sowie der Präsident. Doch fehlte es im Schloss, je
nachdem man auf gewisse Umstände einen ängstlichern Wert legen wollte, auch
nicht an andern Vermutungen, die, anfänglich nur leise angedeutet, von den
Vernünftigen belächelt oder streng verwiesen, in kurzem gleichwohl mehr
Beachtung und endlich stillschweigenden Glauben fanden.
    Der Schwester liess sich das Unglück nicht lange verbergen; es warf sie
nieder als wär es ihr eigener Tod. Margot hielt treulich bei ihr aus, doch
freilich blieb hier wenig oder nichts zu trösten.
    Henni befindet sich, zum wenigsten äusserlich, wieder wohl. Er scheint über
einem ungeheuern Eindruck zu brüten, dessen er nicht Herr werden kann. Ein
regungsloses Vor-sich-Hinstaunen verschlingt den eigentlichen Schmerz bei ihm.
Er weiss sich nicht zu helfen vor Ungeduld, sobald man ihn über sein gestriges
Benehmen befragt; er flieht die Gesellschaft, aber sogleich scheucht ihn eine
Angst in die Nähe der Seinen zurück.
    Der Präsident, in Hoffnung irgendeines neuen Aufschlusses über die traurige
Begebenheit, befiehlt dem Knaben in Beisein des Gärtners, zu reden. Auch dann
noch immer zaudernd und mit einer Art von trotzigem Unwillen, der an dem sanften
Menschen auffiel, gab Henni, erst mit dürren Worten, dann aber in immer
steigender Bewegung, ein seltsames Bekenntnis, das den Präsidenten in sichtbare
Verlegenheit setzte, wie er es aufzunehmen habe.
    »Als ich«, sprach nämlich der Befragte, »gestern nacht mit meinem Vater auf
den Lärm, den wir im untern Hausflur hörten, nach der Kapelle lief - die Tür
stand offen, und die Laterne aussen auf dem Gang warf einen hellen Schein in die
Kammer - sah ich tief hinten bei der Orgel eine Frau, wie einen Schatten, stehn,
ihr gegenüber in kleiner Entfernung stand ein zweiter Schatten, ein Mann in
dunkelm Kleide, und dieses war Herr Nolten.«
    »Sonderbarer Mensch!« versetzte der Präsident, »wie magst du denn behaupten,
dies gesehen zu haben?«
    »Ich kann nichts sagen, als: vor meinen Augen war es licht geworden, ich
konnte sehn, und das ist so gewiss, als ich jetzt nicht mehr sehe.«
    »Jenes Frauenbild« - fragte der Präsident mit List, »verglichst du es
jemandem?«
    »Damals noch nicht. Erst heute musst ich an die verrückte Fremde denken, ich
liess mir sie daher beschreiben und kann die Ähnlichkeit nicht leugnen.«
    »Herrn Nolten aber, wie konntest du diesen sogleich erkennen?«
    »Mein Vater zeigte auf den Boden und nannte dabei den Herrn Maler, da merkt
ich erst, dass dieser, welcher vor uns lag, und jener, welcher drüben stand, sich
durchaus glichen und einer und derselbe wären.«
    »Warum brauchst du den Ausdruck Schatten?«
    »So deuchte mir's eben; doch liessen sich Gesicht und Miene und Farben der
Kleidung wohl unterscheiden. Als beide sich umfassten, sich die Arme gaben und so
der Tür zu wollten, da bogen sie wie eine Rauchsäule leicht um den hölzernen
Pfeiler, der in der Mitte der Kammer steht.«
    »Arm in Arm, sagst du?«
    »Dicht, dicht aneinandergeschlossen; sie machte den Anfang, er tat's ihr nur
wie gezwungen nach und traurig. Hierauf - aber o allmächtiger Gott! wie soll
ich, wie kann ich aussprechen, was keine Zunge vermag, was doch niemand glaubt
und niemand glauben kann, am wenigsten mir, mir armen Jungen!« Er schöpfte tief
Atem und fuhr sodann fort: »Sie schlüpften unhörbar über die Schwelle, er glitt
über sein Ebenbild hin, gleichgültig, als kennt er es nicht mehr. Da wirft er
auf einmal sein Auge auf mich, o ein Auge voll Elend! und doch so ein scharfer,
durchbohrender Blick! und zögert im Gehn, schaut immer auf mich und bewegt die
Lippen, wie kraftlos zur Rede - da hielt ich's nimmer aus und weiss auch von hier
an nichts weiter zu sagen.«
    Der Präsident verschonte den jungen Menschen mit jeder weitern Frage,
beruhigte ihn und empfahl endlich Vater und Sohn, die Sache bei sich zu
behalten, indem er zu verstehen gab, dass er nichts weiter als eine ungeheure
Selbsttäuschung darunter denke. Der alte Gärtner aber schien sehr ernst und mass
selbst seinem Herrn im Innern eine andre Meinung bei, als ihm nun eben zu äussern
beliebe.
Nachdem die beiden Leichen auf dem katolischen Gottesacker des nächsten
Städtchens, jedoch mit Zuziehung eines protestantischen Geistlichen, zur Erde
bestattet worden, traf der edelmütige Mann, durch den es vornehmlich gelang,
diese letzte Pflicht mit allem wünschenswerten Anstande und unter einem
ansehnlichen Geleite vollzogen zu sehen, ungesäumt Anstalt, der Freundschaft und
der Menschenliebe ein neues Opfer zu bringen. Weder konnte er zugeben, dass die
arme überbliebene Schwester des Malers sich einer so traurigen Heimreise, als
ihr jetzt bevorstand, allein unterziehe, noch sollte der Förster den Verlust
seiner Kinder auf andere Weise, als aus dem Munde des Gastfreundes vernehmen,
dessen Haus der unschuldige Schauplatz so schwerer Verhängnisse ward.
    Bald sass daher der Präsident mit Nannetten und Margot im Wagen. Übrigens war
es bei ihm schon im stillen beschlossene Sache, das Mädchen, wenn es ihr und den
Ihrigen gefiele, wieder zurückzunehmen und für ihr künftiges Glück zu sorgen.
Der Gedanke war eigentlich von Margot ausgegangen und kaum entielt sie sich,
Nannetten nicht schon unterwegs die Einwilligung abzudringen.
    Der Schmerz des Alten in Neuburg übersteigt allen Ausdruck; doch verfehlte
die Persönlichkeit des hohen Gastes ihre gute Wirkung nicht.
    Noch in der Anwesenheit des Präsidenten kam ein Brief des Hofrats im
Forstause an, mit der Überschrift an Nolten und mit der ausdrücklichen Bitte um
schleunigste Beförderung. Der Förster erbrach ihn, las und reichte das Blatt mit
stummer Verwunderung dem Präsidenten. Der Brief lautete folgendermassen:
»Soeben erfahre durch Freundeshand den grausamen Verlust, der Sie mit dem Tode
einer geliebten Braut betroffen. Auch die näheren Umstände und was alles dazu
mitgewirkt, weiss ich. Ihr Unglück, welches mit dem meinigen so nah
zusammenfällt, ja recht vom Unglücksstamme meines Daseins ausging, erschüttert
mich und zwingt mich zu reden.
    Wie oft, als Sie noch bei uns waren, hat mir das Herz gebrannt, Ihnen um den
Hals zu fallen! Wie presste, peinigte mich mein Geheimnis! Aber - wie soll man es
heissen - Furcht, Grille, Scham, Feigheit - ich konnte nicht, verschob die
Entdeckung von Tag zu Tag, mich schauderte davor, in Ihnen, in dem Sohne eines
Bruders, mein zweites Ich, meine ganze Vergangenheit wiederzufinden, dies
Labyrint, wenn auch nur im Gespräch, in der Erinnerung, aufs neue zu
durchlaufen!
    Seit Ihrem Abgang war ich für solchen Eigensinn, Gott sei mein Zeuge, recht
gestraft mit einer wunderbaren Sehnsucht nach Ihnen, Wertester! Nun aber
vollends dürstet mich nach Ihrem Anblick innig, wir haben einander sehr, sehr
viel zu sagen. Meine Gedanken stehn übrigens so: Zu einer so gemessnen Tätigkeit,
als Sie in W* erwarten würde, dürfte Ihnen der Mut jetzt wohl fehlen, um so
leichter werden Sie es daher verschmerzen, dass dort, wie mir geschrieben wird,
gewisse Leute, auf Ihr Zögern, bereits geschäftig sind, Sie auszustechen. Wir
wollen, dächt ich, selbigen zuvorkommen und erst dabei nichts einbüssen. Hören
Sie meinen Vorschlag: Wir beide ziehn zusammen! sei es nun hier, oder besser an
einem anderen Plätzchen, wo sich's fein stille hausen lässt, gerade wie es zweien
Leuten ziemt, wovon zum wenigsten der eine der Welt nichts mehr nachfragt, der
andere, soviel mir bekannt, von jeher starken Trieb empfunden, mit der Kunst in
eine Einsiedelei zu flüchten. Was mich betrifft, ich habe noch wenige Jahre zu
leben. Wie glücklich aber, könnt ich das, was etwa noch grün an mir sein mag,
auf Sie, mein teurer Neffe, übertragen. Ja schleppen wir unsere Trümmer aus dem
Schiffbruch mutig zusammen! Ich will tun, als wär ich auch noch ein Junger. Mit
Stolz und Wehmut sei's gesagt, wir sind zwei Stücke eines Baums, den der Blitz
in der Mitte gespalten, und ist vielleicht ein schöner Lorbeer zuschanden
gegangen. Sie müssen ihn noch retten und ich helfe mit.
    Sehn Sie, wir gehören ja recht füreinander, als Zwillingsbrüder des
Geschicks! Mit dreifachen ehernen Banden haben freundlich-feindselige Götter
dies Paar zusammengeschmiedet - ein seltenes Schauspiel für die Welt, wenn man's
ihr gönnen möchte; doch das sei ferne; das Grab soll unsern Gram dereinst nicht
besser decken, als wir dies Geheimnis bewahren wollen, nicht wahr? - Aber so
kommen Sie! kommen Sie gleich!
    Schliesslich noch eine kleine Bitte: dass Sie mir vor den Menschen immerhin
den Namen lassen, unter dem Sie zu ** meine arme Person haben kennengelernt.
    Für Sie aber heiss ich, der ich bin
                                     Ihr treuer Oheim Friedrich Nolten, Hofrat.«
Der Präsident wollte in die Erde sinken vor Staunen. Er hatte durch Teobald von
diesem Verwandten als dem verstorbenen Vater Elisabets gehört und nun - er
glaubte zu träumen.
    Die beiden Männer sahen sich lange schweigend an und blickten in einen
unermesslichen Abgrund des Schicksals hinab.
    Der Präsident verweilte sich noch einen Tag und schied sodann mit grosser
Rührung. Es war natürlich, dass Nannette den Alten nicht verliess. Später
entschlossen sich beide auf unwiderstehliches Bitten des Hofrats, mit diesem in
einem dritten Orte einer kleinen Landstadt unfern Neuburg, zusammenzuwohnen. Der
Oheim ward fast rasend, als er den Tod des Neffen vernahm und dass nicht
wenigstens noch sein Bekenntnis ihn hatte erreichen sollen! Mit grösserer Ruhe
empfing er die Nachricht von dem, vielleicht nur wenige Tage vor Teobalds Ende
eingetretenen Tod seiner wahnsinnigen Tochter. Man hatte sie, wie der Präsident
sogleich bei seiner Heimkunft Meldung tat, etliche Meilen von seinem Gute
entseelt auf öffentlicher Strasse gefunden, wo sie ohne Zweifel vor blosser
Entkräftung liegen geblieben. - Ihr Vater war von ihrer jammervollen Existenz
seit Jahren unterrichtet. Er hatte früher unter der Hand einige Versuche
gemacht, sie in einer geordneten Familie unterzubringen; aber sie fing, ihrer
gewohnten Freiheit beraubt, wie ehmals ihre Mutter, augenscheinlich zu welken
an, sie ergriff zu wiederholten Malen die Flucht mit grosser List und da überdies
ihr melancholisches Wesen, mit der Muttermilch eingesogen, durchaus unheilbar
schien, so gab man sich zuletzt nicht Mühe mehr, sie einzufangen.
    Noch ist nur übrig zu erwähnen, dass Gräfin Armond, seit lange krank und
aller Welt abgestorben, jedoch mit Noltens Glück noch bis auf die letzte Zeit,
und zwar in Verbindung mit dem Hofrat, insgeheim beschäftigt, jene kläglichen
Schicksale nur wenige Monate überlebte.
                                    Fussnoten
1 Sonnenkeile - so nannte man drei eigentümlich gegeneinandergestellte steinerne
Spitzsäulen, welche durch den Schatten, den sie werfen, den Ureinwohnern als
eine Art von Sonnenuhr gedient haben sollen.
2 Die kurze Beschreibung dieser Gegend ist, soviel es möglich war, nach der
Natur entworfen. Der Punkt, auf welchen man hier ausdrücklich aufmerksam machen
will, befindet sich im Württembergischen, im Oberamt Nürtingen, zunächst bei dem
Pfarrdorfe Gross-Bettlingen.
3 Möglicher Irrung zuvorzukommen, weil es sich hier um ein bestimmtes Lokal
handelt, wird erinnert, dass man dort weder ein solches Denkmal, noch überhaupt
diese Sage zu suchen hat, wozu übrigens der wirkliche Name des gedachten Hügels
dem Verf. Veranlassung gegeben.
4 Im Munde des Bräutigams gedacht.
5 Diese Zeilen finden sich wirklich in einem uralten, wohl längst vergriffenen
Andachtsbuch Sie sind unnachahmlich schön; indessen fügen wir, um einiger Leser
willen, diese Übersetzung bei:
Dein Liebesfeuer,
Ach Herr! wie teuer
Wolle ich es hegen,
Wollt ich es pflegen -
Hab's nicht geheget,
Und nicht gepfleget,
War Eis im Herzen,
- O Höllenschmerzen!
 
    