
        
                          Caroline de la Motte Fouqué
                                  Resignation
                                   Ein Roman
                                   Erster Teil
                                 Elise an Sophie
Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt. Der erwartete Gast ist wirklich
auf dem Schloss des alten Comtur angekommen. Gestern, bei unserer Rückkehr von
Ihnen, sahen wir, während das Schiffchen den Strom hinabglitt, die Fenster im
obern Stockwerk der Burg erleuchtet. Dort brannte seit ewigen Zeiten kein Licht.
    Mein kleiner Georg, der unter dem Vorwande der Müdigkeit, sich von mir auf
dem Schoos hätscheln liess, machte mich zuerst aufmerksam darauf, denn, indem er
die allerliebsten Augen bald zusammen kniff, als wollte er schlafen, bald von
hunderterlei, das um ihn vorging, angeregt, sie wieder öffnete, streckte
plötzlich das Händchen aus, und rief: »ein grosser Stern, Mama!« Ich musste
lachen, als ich, der Richtung seiner kleinen Finger folgend, den
zusammengezogenen Lichtstrahl hinter den Bäumen entdeckte, und mich dabei
Walters Wichtigtun, bei Erwähnung des unbekannten Fremden, erinnerte, der
Gevatterinnen und Gastwirten ein erwünschtes Rätsel sein wird, über das ich
schon viele die Köpfe zusammen stecken sehe. Nun ich merke, ich, ich mache es
nicht besser, als jene! Die Neugier gehört gewiss zu den Erbsünden; denn es
teilen sie meist alle Menschen mit einander. Und was man gleich für Mährchen
zusammen spinnt. Unten im Amtofe hat man in vorletzter Nacht eine sechsspännige
Kutsche, von mehreren Leuten zu Pferde begleitet, vorbei fahren sehen. Sie
nahmen die Richtung nach den Bergen zu. Höchstwahrscheinlich waren es die
Schlossgäste. Denke ich nun an Georgs grossen Stern und die geheimen Anstalten auf
der Burg, so haben wir das intrikanteste Abenteuer von der Welt ganz in der
Nähe.
    Ich schreibe Ihnen das in aller Eile! teils um Recht von Ihnen zu behalten,
in Bezug unsers gestrigen Streites über des Comtur bizarre Hypochondrie, teils
um die Anwesenheit unsers Merkurs, des flinken Walters, zu benutzen, der
stehenden Fusses zu Ihnen hinüber will, um seinen neu auf der Frankfurter Messe
erhandelten Kram, vor Ihnen auszulegen. Beiläufig gesagt, solche umherstreifende
Hausirer sind doch bequeme Werkzeuge für den Verkehr auf dem Lande! Mit den
Waaren tragen sie auch gelegentlich Bestellungen, Briefchen und diese und jene
Botschaft zu ihrer Behörde. So schaffen sie Teilnehmer für Freude und Leid.
    Nach dieser Lobrede auf Walters Beruf, die eigentlich ihm selbst, und dem
Zufalle galt, der mir ihn gerade heute in den Weg wirft, will ich denn nun auch
mit dem Bekenntnisse schliessen, dass mir die Unvorsichtigkeit, so spät durch die
Nacht mit dem Kinde über den Fluss gefahren zu sein, einen kleinen Verweis von
Eduard zugezogen hat, der mich weniger verletzt, als ihn verstimmt, was denn
immer wie Wolken an meinem Himmel vorübergeht.
    Liebe Sophie, es wäre noch Manches über das rasche Umschlagen der Laune, und
das Aetzende der Uebel zu sagen, die alles, am liebsten aber die Süssigkeit des
Friedens wegzehrt, führte das Eine nicht zu vielem Andern, was keine Erörterung
erlaubt. Leugnen kann ich mir es aber nicht, dass ein Instrument, welches den Ton
nicht mehr halten kann, an dem die Wirbel zu lose wurden, um die schlaffen
Saiten wieder straff anzuziehen, vergeblich vor jeder Berührung bewahrt wird,
die äussere Lebensluft dringt hinein und reisst disharmonische Töne heraus.
    Ganz mag das mein langes Aussenbleiben gestern wohl nicht entschuldigen, aber
glauben Sie nur, zu manchen Zeiten kann der Wind so oder so herkommen, es gibt
immer Gewitter! Nun, auf baldiges gutes Wetter! was wir auch in gewöhnlichem
Sinne gebrauchen können, denn ich möchte Ihnen wohl auf morgen eine Partie auf
den Burgwall, bei der Tannenhäuserin, vorschlagen. Die Frau hat eine saubere
Wirtschaft, und ihre wohleingerichtete Wohnung am See ist vielfach von Gästen
besucht. Bedenken Sie, den Sonnabend bin ich frei. Eduard hat Vortrag, und muss
zur Stadt, wo er bis zum folgenden Tage bleibt. Also - -
    Und bringen Sie mit, wen Sie werben können. Ich, meiner Seits, werde alles
anordnen. Sie denken wohl, dass ich mich für die kleine Mühe reichlich durch die
Unterhaltung mit der ehemaligen Schaffnerin des Comtur wieder bezahlt machen
will! Merken Sie jetzt die Absicht? - Lachen Sie mich immer aus. Man lebte nur
halb, bekümmerte sich nicht Einer um den Andern, und gäbe es nicht Geschwätz und
Geschichten.
                                                                              E.
N. S.
    Zur Steuer der Wahrheit kann ich das Blatt nicht ohne Commentar abschicken.
Die sechsspännige Kutsche hat sich in eine offne leere Chaise, mit vier Pferden
bespannt, verwandelt, welcher ein Reuter, in einiger Entfernung, folgte. Ob der
nun zu der Equipage gehörte oder nicht? das steht dahin. So schrumpft meist
alles zur Unbedeutenheit zusammen, was einem, Wunder wie wichtig, zur Behauptung
einer abenteuerlichen Grille dünkte! Adieu, liebe Sophie!
 
                                    Antwort
Für diesmal muss ich ihre Nachsicht in Anspruch nehmen, liebste Elise. Briefe
einer ältern Bekannten geben mir heute und morgen zu tun, wodurch ich
verhindert werde, Ihren Vorschlag anzunehmen.
    Mir ist das Letztere doppelt leid, da Sie Freude davon erwarteten, und ich
in Ihrer Gesellschaft immer die frohesten Stunden verlebe. Denn, erlaube ich mir
auch manchmal den leichten Mut, zu tadeln, der Sie, liebe, angenehme Elise, so
schnell über das Hemmende im Leben wegsehen lässt, so ist es doch gerade der
helle Blick, das Bequeme und Behende in Ihrem Umgange, was diesen so anziehend
macht. Man kann bei Ihnen niemals an Störung oder Gefahr denken, weil Sie nicht
daran glauben. Deshalb fiel mir es auch nicht eher ein, Ihre letzte
Nachhausefahrt für ein Wagnis zu halten, bis Sie mich selbst daran erinnern, und
ich gezwungen werde, dem verständigen Eduard Recht zu geben, und mich zu
schelten, ihm diese Unruhe nicht erspart zu haben. Wie leicht wäre unser
gegenseitiges Interesse vermittelt worden, hätte ich Sie, wie es Ihr Plan war,
um einige Stunden früher zurückbegleitet, und die Nacht in Ihrem schönen
Landhause zugebracht!
    Meine beschränkte Stiftswohnung bot Ihnen nicht dieselbe Bequemlichkeit,
auch durfte ich Sie nicht bei mir zurückhalten wollen.
    Nun, künftig werden wir beide verständiger, und Eduard nachsichtsvoller
sein.
    Wissen Sie, dass ich eitel genug bin, mir einzubilden, Sie werden nun, da ich
nicht daran Teil nehmen kann, die ganze Partie nach dem Tannenhause für heute
aufgegeben haben? Diese Voraussetzung klingt indes schlimmer, als sie ist. Ich
hänge mich nur deshalb an das Gewicht, das den Ausschlag geben soll, weil ich
mit allen denen zusammen hänge, welche Sie allenfalls zu Ihrer Gesellschaft
gewählt hätten, obgleich es mir unmöglich war, sie in Zeiten von den Projecten
in Kenntnis zu setzen.
    Da nun der Hauptzweck, die gesellige Belebung des hübschen Lustortes,
wegfällt, so entschliessen Sie sich vielleicht, Eduard nach der Stadt zu
begleiten.
    Die wenigen Stunden auf der Chaussee, leicht hingerollt, geben Ihnen weniger
Beschwerde als dem armen Freunde Erleichterung, indem Sie ihm die kranke Laune
tragen helfen. Denn glauben Sie zuverlässig, ist der Missmut schon für die
Umgebungen ein Druck, so ist er eine noch weit schwerere Last für den, welcher
daran trägt, sich dessen bewusst ist, und doch dem Beengenden nirgend Raum zu
schaffen weiss. In einem Gespräche zu Zweien lässt man sich leichter einen Teil
der herben Ergüsse gefallen. Die Freude, einem guten Menschen wohlzutun, geht
mildernd darüber hin. Man stimmt ihn unwillkührlich nach dem Tone, den man in
sich bewahrt, das anfänglich Einanderwidersprechende eint sich befriedigend für
beide Teile. Vielleicht hatten Sie denselben Gedanken! In dem Falle erzählen
Sie mir nächstens, was Sie während des kurzen städtischen Aufentalts, den Sie
immer vortrefflich zu benutzen pflegen, Interessantes sahen und hörten.
    Leben Sie recht wohl, beste Elise, und vergeben Sie Ihrer Freundin, wenn Sie
Ihnen diesmal weniger gefällig, als sie es wünscht, erscheint.
 
                                Elise an Sophie
Was in aller Welt haben Sie vor? Mich wollen Sie von hier entfernen, Sie selbst
verstecken sich hinter Geschäfte, die Sie nicht näher bezeichnen, und von dem
Schlossgaste, so wie von allem, was darauf Bezug hat, kein Wort! - Wie sonderbar!
Ja, wie unnatürlich, möchte ich sagen, da Sie mich kennen, und es wissen
sollten, dass ich erstaunt leicht Contrebande spüre.
    Ihr Brief ist himmlisch gut, voll Geist und Wohlwollen. Aber es klingt mir
alles, wie hinter einem Vorhange. Ich sehe Sie nicht, ich höre Sie bloss, und
deshalb üben Sie auch keine Gewalt über mich. Lassen Sie sichs nun nicht
wundern, dass ich von dem, was Sie von mir fordern, ohne es mir offen zu sagen,
auch nicht das Geringste getan habe. Erstlich ist Eduard in Gottes Namen allein
nach der Stadt gefahren, und zweitens habe ich Milch und Früchte bei der
Tannenhäuserin, ohne Sie, Eigensinnige, gegessen, und mir viel von der
gesprächigen Wirtin erzählen lassen. Doch in der Hauptsache bin ich so klug wie
vorher. Die Frau scheint mir durch mancherlei Erfahrungen gewitzigt, sie ist auf
ihrer Hut. Ueber eine gewisse Grenze kommt man mit ihr nicht hinaus. Es
unterhielt mich ungemein, wie sie meine Fragen so geschickt unterlief, und den
Gegenstand von einer ganz andern Seite erfasste. Meistens führte sie alles auf
sich selbst zurück, wer sie ist, was sie leistete und noch jetzt schafft und
erhält, das erfuhr ich genau. Hier standen wir denn fest, und blieben stehen.
»Der Gewinn, werden Sie sagen, war nicht gross.« Freilich nicht, allein ich hatte
die Familie des Amtmanns mit mir; die Frau, welche sich nur selten eine Erholung
gönnt, und die Kinder eben auch nicht verwöhnen kann, sah sich in die Tage
sorgenfreier Jugend versetzt, wo sie mit ihren Eltern solche Lustorte besuchen,
sich putzen, frei von Geschäften bequem lustwandeln, die Natur, ohne
Nebenbeziehung auf Ertrag und Nutzen, bewundern durfte. Sie war so recht aus
Grund der Seele froh, und sagte, was ihr in den Mund kam. Ich habe unglaublich
über sie gelacht.
    Zuletzt kam noch eine Schüssel mit Backwerk, bei der sich meine Raben
gütlich taten. Ich stopfte sie tüchtig, und spielte dann zu allgemeinem
Entzücken blinde Kuh, Katze und Maus und den Dritten abschlagen mit ihnen.
    Ich weiss nicht, ob Sie den hübschen, blumigen Wiesenplan zwischen dem See
und dem Waldsaum kennen? Die herrlichen Buchen, welche diesen in drei doppelten
Reihen einfassen, wölben ihr breites Blätterdach über den Rasen. Man hat hier
Schatten, Schutz vor dem Winde und dem feuchten Luftauch des Wassers. Keinen
bessern Spielplatz gibt es unter der Sonne. Die Amtmännin durfte nicht
zurückstehen. Auch ging sie gutwillig daran; bald gaben wir den Jungen nichts an
Ausgelassenheit nach. Das nahm denn aber für mich ein beschämendes Ende. Während
dem Hin- und Herlaufen hatte sich mir, unten am Kleide, der Saum abgetrennt. Ich
bemerkte es nicht. Jetzt verwickelte ich mich bei einer Wendung darin. Ich wäre
gefallen, hätte ich nicht kurzen Prozess gemacht, das Stück abgerissen und
dieses, mit sammt dem Schuhe, um welchen der Streifen geschlungen war, von mir
geworfen; ein Ausweg, der mich auf der Stelle wieder auf die Beine, jedoch um
meinen Schuh brachte. Dieser war tief in das Gebüsch hineingeflogen. Ich teile
dasselbe unter lautem Lachen, da steht ein fremder Mann, halb von den Zweigen
verdeckt, vor mir. Er mochte hier schon eine Weile gestanden, und unser
ausgelassenes Treiben mit angesehen haben. Das verdross mich, ich tat, als sehe
ich ihn nicht; auch trat er sogleich zurück. Ehe ich noch zu den Uebrigen
gelangte, war er verschwunden. Ich weiss von dem ganzen Menschen nichts, als dass
er blau oder grün angezogen war und eine Flinte auf dem Rücken trug. Erst
nachher fiel mir ein, was Ihnen, Sophie, eben auch einfällt. Sehen Sie, ich kann
von hier aus in Ihren Zügen lesen, dass Sie mich ohne Worte verstehen. Sie denken
wie ich, an den Schlossgast, und der war es auch ohne alle Frage, obgleich die
Wirtin diesen nicht kennen will, die Sache bei Seite wirft, den vermeinten,
vornehmen Fremden für einen neuen Sekretär des Comtur ausgibt, so weiss sie
doch mehr von allen dem, und glaublich ist es, dass jener bei ihr im Hause war,
indes wir uns mit ihr unterhielten. Dies mag nun sein wie es will. Solche
Dazwischenkunft eines Dritten unterbricht immer, und gibt andere Gedanken.
Zudem waren wir müde. Die Sonne ging unter. Gerade über dem See stand die
glühende Scheibe. Wir setzten uns am Ufer nieder. Es war der köstlichste Abend.
Die Kinder pflückten Vergissmeinnicht und gelbe Wasserlilien. Zu unsern Füssen
perlte der weisse Wellenschaum. Die kleinen Bläschen zerrannen geräuschlos
zwischen Rohr und Calmus. Ich folgte mit den Augen ihrem raschen Verschwinden.
Die Amtmännin war still, ja andächtig geworden. Sie sass mit gefaltenen Händen
neben mir, sah in die steigende Dämmerung, und gedachte ihrer verstorbenen
Eltern. Sie mochten ihr in der Dunkelheit mehr gegenwärtig sein. Sie sprach viel
von ihnen. Ich hörte ihr mit Innigkeit zu. Der Vater besonders schien ihr teuer
gewesen. In der Jugend begleitete er als Feldprediger sein Regiment auf manchen
Zügen, und wohnte mehr als einer Schlacht bei, verlor aber sein Amt wegen einer
unvorsichtigen Trauung, zu welcher er sich aus Liebe für einen jungen
leidenschaftlichen Offizier verleiten liess. Nach dem Tode des Fürsten bekam er
zwar den Posten seines Schwiegervaters, an der Hofkirche, allein die übereilte
Handlung, die zum Unglück des Ehepaars ausschlug, blieb ihm ein störender
Vorwurf für sein Leben. Die Tochter rühmte überall die grosse Zarteit seines
Gewissens, und wusste noch mehrere rührende Züge davon anzuführen.
    Anfänglich flossen ihr die Worte nicht ganz natürlich, wie das wohl bei
Leuten der Fall ist, die von dem gewohnten äussern Treiben in die innere Welt
zurücktreten. Ihre Sprache klang wie aus einer Putzstube heraus. Aber das währte
nicht lange, Gefühle, die ihr stets vertraut blieben, rissen sie, wie alte
Bekannte, mit sich fort. Ich empfand aufs neue, was nur einzig wahre Bildung
gibt. Rührt der Genius die Flügel der Seele, so hebt er alle Fähigkeit des
Innern mit aufwärts.
    Sehen Sie, liebe Sophie, die Frau, die ich mir doch immer nur als Notbehelf
mit auf die Fahrt nahm, musste mir so zur Erbauung dienen! Ich glaube, wir sässen
noch da beisammen und plauderten, wären die Kinder nicht müde, der Abend dunkel,
und die Amtmännin wegen ihres Mannes unruhig geworden.
    Ich war bei meiner Nachhausekunft sehr froh, keine eheherrliche Kritik
fürchten zu dürfen. Georg ass seine Suppe so vergnügt um neun als um sieben, und
ich schrieb dies Alles ungestört an Sie.
    Hierauf werden Sie nun wohl denken, dass ich es nicht bereue, von der Fahrt
nach der Stadt zurückgeblieben zu sein.
    Aufrichtig gesagt, gute Sophie, versteh' ich nicht, was Sie mit dem
Vorschlage wollen? Entweder Sie beabsichtigen etwas Verborgenes damit, oder Sie
beweisen mir, was ich immer schon dachte, dass jedes Urteil über Verhältnisse,
zu denen man ausserhalb steht, eben so schwankend ist, wie es unmöglich wird,
aus der Ferne einen Massstab für dasjenige zu finden, was in solchen
Verhältnissen getan oder unterlassen werden muss. Teorien abstrahiren sich wohl
im Allgemeinen, aber das Leben steht nicht einen Augenblick still. Den
Widerstand oder die Nachhülfe, die es auf einer Stelle fordert, verwirft es auf
der andern.
    Mein Gott! was hätte es dem guten Eduard in seiner momentanen Verdrossenheit
geholfen, wenn ich an seiner Seite vor Staub und Hitze erstickt wäre, und ihn
dadurch gezwungen hätte, auf mich zu merken? Meinen Sie, dass es ihn würde
erheitert haben, mich um nichts und wieder nichts gequält zu sehen? Ganz im
Gegenteil, er wäre ausser sich geraten, hätte sich tausend Vorwürfe gemacht,
sich den unglücklichsten Menschen der Erde geglaubt, und sinnreich in eigener
Qual herausgefunden, dass er es anfangen möge, wie er wolle, er beglücke niemand.
Leute seiner Art, die an völlige Isolation und in ihren Geschäften an etwas
Mechanisches gewöhnt sind, werden gleich ungeduldig, wenn sie irgend etwas
Fremdes durchkreuzt.
    Seit vier Jahren, dass wir verheiratet sind, habe ich den Sommer immer still
hier verlebt. Eduard würde sehr frappirt über den Gedanken gewesen sein, ihn auf
seiner Sonnabendsfahrt begleiten zu wollen. Das geschah nie. Warum jetzt? Fühlen
Sie nicht, wie der Einsame das zum Gegenstande misstrauender Grübeleien gemacht
hätte?
    Nein, Sophie, Sie heben auch nur Menschen nach vorausgesetzten Annahmen
heraus. Das hindert Sie, zu sehen, was Sie sonst sehen würden.
    Ich hoffe, Ihre Geschäfte sind beendet, und Sie kommen morgen, mich zu
versöhnen.
 
                                Eduard an Elise
Arbeiten dringender Art zwingen mich, meinen hiesigen Aufentalt um mehrere Tage
zu verlängern. Ich ergreife eine schickliche Gelegenheit, welche sich mir in der
Amtsreise unsers Justizrats darbietet, Dich, liebe Elise, in Zeiten davon zu
benachrichtigen. Sein Weg nach dem Schloss des Comtur geht bei unserm
Landsitze vorbei, und so passt sich alles genau zu meinem Zwecke. Du wirst noch
diesen Abend von meiner verspäteten Rückkehr unterrichtet, bevor Du im mindesten
in Ungewissheit über deren Veranlassung sein kannst. Ich nehme diese
Vorsichtsmaassregeln mehr in meiner als in Deiner Seele, weil mir der Gedanke
jeder Unbestimmteit zuwider und der tätigen Wirksamkeit so überaus hemmend
ist.
    Auch benutze ich diese Veranlassung, Dich in ähnlichen Fällen zu derselben
Aufmerksamkeit zu verpflichten. Vergebliches Warten hat immer den peinlichsten
Zeitverlust zur Folge; und einmal aus dem Gleise, in dem man sich bequem fühlt,
herausgerissen, werden wir zuletzt auch für das stumpf, was wir herbei
wünschten, und das uns nun in einer gewissen Unordnung der Empfindungen
überrascht, ohne doch zu befriedigen. Wenn es Dir schwer werden sollte, hierin
meinem Beispiele zu folgen, so wird Dich vielleicht die Betrachtung williger
dazu machen, dass die meisten Verdriesslichkeiten und Missverständnisse im Umgange,
aus Mangel rücksichtlicher Beachtung der Lebensordnung herrühren, wodurch, mit
der einen Störung, welche Diesen oder Jenen empfindlicher als Andere trifft,
zugleich eine allgemeine Erschütterung und eine ganze Kette häuslicher Unbilden
hervorgeht. Mit dem Wunsche, Dich und Georg bei meiner Rückkehr wohl zu finden,
umarme ich Euch beide zärtlichst.
 
                                Elise an Sophie
Können Sie sich denn keinen Augenblick abmüssigen? - Ich sitze hier in tausend
Aengsten, von Gewissensbissen und Sorgen gemartert. Fort kann ich nicht, allein
wird mirs zu viel, und Sie schweigen und kommen nicht.
    Denken Sie nur ums Himmels Villen, die gute kleine Amtmannsfrau ist tödlich
erkrankt. Erhitzung, Erkältung, Gott weiss, ob on später her oder jetzt erst
veranlasst? hat sie mit einem Fieber niedergeworfen, das selbst den Arzt für ihr
Leben zittern lässt.
    Gestern Abend ward ich hinüber gerufen. Die Leute wussten nichts mehr mit dem
Manne anzufangen. Ich war im Augenblicke dort. Schon von aussen hörte ich die
Kranke laut und hell sprechen. Mir schlug das Herz, die Kniee zitterten mir, ich
öffnete zögernd die Türe.
    Vorn, in der Wohnstube, sassen die ältesten Knaben und weinten still in ihrem
Winkelchen. Ein allerliebstes kleines Mädchen ass in seliger Unbewussteit unter
Lachen und Kreischen die Abendsuppe. Der rüstige starke Amtmann schwankte mit
gefaltenen Händen, ganz zusammengebrochen, von einer Türe zur andern, wollte
Dies und Jenes bestellen, holen, wusste nicht, was er sagte, was er tat; die
Augen waren ihm, von der ungewohnten Tränenflut, wie erloschen, die Stimme
bebte, unaussprechlicher Jammer sprach aus den schlaffen Zügen.
    Als er mich gewahr wurde, brach er von neuem in Tränen aus. Ach! stöhnte
er, meine Hand in der seinen pressend, und sie krampfhaft festaltend! »Wer
hätte das gedacht.« Es war alles, was er hervorbringen konnte. Während dem rief
ihn die Kranke wiederholt. Er stürzte an ihr Bett. Sie schien unruhig. Es waren
aber nur wirtschaftliche Erinnerungen, die sie zu machen hatte. In diesem
Augenblick war sie gewiss besonnen. Es hatte alles Zusammenhang, und Hand und
Fuss, was sie sagte. Ich näherte mich ihr. Sie bemerkte es. Ganz verständig sagte
sie mir guten Abend. Ich drückte bloss ihre Hand, die sie mir reichte, ohne etwas
zu sagen, aus Furcht, sie durch fremde Vorstellungen zu verwirren. Allein die
Vorsicht war unnütz. Mein blosser Anblick zog sie in ein Zwielicht schwankender
Erinnerungen zurück. Sie lächelte, sprach von ihrem Vater, und sagte dann noch
etwas, das mir recht auffiel. Es war, als rede sie vom Comtur, indem sie des
Fremden auf dem Schloss erwähnte und hinzu fügte: Jetzt bereuet er alles! was
wird's helfen! der Bruder ist todt! Der junge Mensch! - - Sie warf den Kopf in
die Höhe, so, als gehe sie der nicht sonderlich viel an. Hernach fragte sie
etwas, das ich nicht verstand. Das ging alles durch einander. Allein jedesmal,
wenn ihr die Besonnenheit zurückkehrte, war sie mit den Gedanken in ihrer
Wirtschaft und den häuslichen Angelegenheiten. Sie hatte recht freundliche
Worte für ihren Mann. Der Kinder gedachte sie nur, in Hinsicht ihrer Pflege und
Wartung, auch Einiges zu erinnern. Verfiel sie dann wieder in Phantasien, so
hatte sie eine ganz andere Sprache, erhöhte Gefühle, confuse, aber doch
besondere Bilder. Es war Vater und Mutter, und eine schöne Zeit der Jugend, von
der sie mit Liebe träumte.
    Sophie! in welcher von beiden Welten leben wir denn eigentlich? in der
sichtbaren oder unsichtbaren? Wenn es gerade umgekehrt wäre, und wir hier
träumten und dort wachten!
    Die meisten Menschen, und wir selbst vielleicht, würden es übel nehmen, wenn
man zu behaupten wagte, wir gingen wie Nachtwandler umher. Der Ernst, den wir an
unsre kluge Geschäftigkeit setzen, bedeute am Ende nicht mehr, als der im
Traume, worüber wir beim Erwachen so vielen Spass haben.
    Doch, was sollen die bizarren Reflexionen hier, wo die einfache Wahrnehmung
so traurig ist! Wir blieben in grosser Spannung über die Kranke. Es konnte nichts
für sie geschehen, bis der Arzt kam. Endlich ward er herbeigeschaft. Er trat in
das Haus, ohne dass der Amtmann das Herz hatte, ihm entgegen zu gehen. Ich tat
es an seiner Stelle. Sie wissen, ich glaube nicht leicht das Schlimmste. Ich
zitterte daher nicht vor dem Ausspruche des Einzigen, der hier, mit der
richtigen Einsicht, auch Hülfe bringen konnte. Ich beeilte mich nur, dem Manne,
der mir übrigens fremd, und hier in der Familie nur wenig bekannt war, eine
allgemeine Uebersicht von dem vorliegenden Falle zu verschaffen. Er hörte mehr
höflich als beachtend zu, zeigte sich eilig, nahm von allem Aeusserlichen
obenhin Notiz, und flösste mir eher Misstrauen als Glauben an seine Fähigkeit ein.
Ich wandte mich daher ab, als er sich dem Bette der Kranken nahte. Des Amtmanns
ganze Seele hing indes an seinen Blicken. Auch die armen Kinder standen
lauschend in der Türe. Es war indes auf dem, plötzlich ganz Auge und Ohr
gewordenen Gesichte des Arztes, nichts als fortgesetztes Forschen, aber keine
Spur eines Urteils zu lesen.
    Mit demselben Ausdrucke in der Miene stand er jetzt von seinem Platze, an
dem Krankenbette, auf, indem er sehr bestimmt sagte: »Nun, ich werde etwas
verordnen;« worauf er Feder, Dinte und Papier forderte, rasch zwei Worte
aufschrieb, und einen reitenden Boten nach der Stadt sandte, dem er Eile
empfahl.
    Niemand befragte ihn. Er verstand das. »Ich kann nichts entscheiden,«
äusserte er nach einer stummen Pause. Für die kurze Zeit der Krankheit hat sich
das Uebel so sehr ausgebildet, dass man nicht wissen kann, ob es schon ganz da,
oder nur der Vorläufer von etwas ist, das noch dahinter steckt. Er ging von nun
an sogleich zu Fragen und Erkundigungen über, und sah es jetzt recht gern, dass
ich im Stande war, ihm gehörige Auskunft zu geben.
    Seine Art fing an, mir zu gefallen. Erst wollte er sehen und dann hören, was
ihm nötig dünkte, um weiter vorzudringen. Mein rasches Entgegenfahren war ihm
unbequem. Er hatte recht. Es half ihm zu nichts.
    Ich gewinne leicht Achtung für Leute, die ihre eigene Art haben und
behaupten. Deshalb ward ich auch hier ruhiger, und tröstete die Familie, die des
Doctors Zurückhaltung peinigend drückte.
    Die Nacht ging auf diese Art hin. Die Kinder schliefen endlich ein. Am
Morgen fanden sich unwillkührlich alle Gemüter mehr im Gleichgewicht. Man
hoffte nichts Bestimmtes, aber das Gefürchtete stand doch ferner.
    Es ist ohngefähr noch so. Indes fühle ich dem Arzt an, er greift behutsam,
aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrint. Wenn die
Frau stürbe! Mein Gott! die Kinder, der Mann! - Sophie, es ist doch etwas sehr
Tiefsinniges um Familienbande. Welch geheimnisvoller Verein! Und was heilt den
Riss, den hier der Tod machen kann! Das Leben? - Ja, es gleicht äusserlich alles
aus, aber die Kinder ohne die Mutter! Die Welt ist nicht reich genug, die Lücke
zu füllen.
    Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder vorüber. Wir stehen auf dem alten
Fleck.
    Mir ist so beklommen, als läge ein Fels auf meiner Brust.
    Was daraus werden wird!
    Der Arzt ist jetzt in der Stadt. Er kommt erst spät Abends.
    Ich bin unaufhörlich auf den Beinen, entweder hinunter nach dem Amtofe oder
hierher zurückzugehen. Deshalb flüchte ich mich auch nur auf Momente mit der
Feder zu Ihnen. Ich täte es gern mit Leib und Seele. Allein, fort kann ich
nicht von hier, so sehr mich auch alles presst und klemmt. Ich hielte es nicht in
der Ungewissheit anderwärts aus. Die Familie ist zu unglücklich.
    Walter war eben hier. Er kam von Ihnen. Ist es wahr, was er behauptet? Sie
verreisen? Ihre Leute haben es ihm anvertraut, und Sie selbst es angedeutet,
indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel, und einen grünen Schleier von ihm
kauften.
    Was gehen Sie denn für Umwege mit mir, Sophie? Ein Fremder war bei Ihnen.
Ein junger, feiner Herr, wie Walter versichert. Im Hause wusste man seinen Namen
nicht. Wenn es der wäre, den ich meine.
    Es ist mehr als wahrscheinlich. Ihr plötzliches Verstummen und Abwehren
führt auf seltsame Schlüsse.
    Leben Sie wohl! Ich bin betrübt und vedriesslich, seit Sie die Geheimnisvolle
gegen mich spielen.
 
                                    Antwort
Ziehen Sie keine voreilige Schlüsse, liebste Elise. Denken Sie auch nicht, ich
wähle verborgene Wege, um Ihnen zu entgehen.
    Bei Ihrer Billigkeit, Ihrer freien, natürlichen Weise, braucht es nichts,
als das offene Geständnis, dass ich etwas zu verschweigen habe, was mir von
Freunden anvertraut ward, die meine Teilnahme wie meinen Beistand in Anspruch
nehmen.
    Sie sind gewiss weit entfernt, nach fremdem Eigentum Verlangen zu tragen;
aus demselben Grunde würden Sie auch die Erste sein, eine Mitteilung zu
wünschen, die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen könnte.
    Lassen Sie sich nicht darnach verlangen, meine Liebe! Es ist eine verjährte,
abgestorbene Geschichte, in die, wie ich fürchte, niemals sonderlich viel
gesundes Leben hineinzubringen sein wird.
    Das Schlimmste ist, ich sehe mich genötigt, eine beschwerliche Reise zu
machen, zu der ich in keiner Art vorbereitet bin, und die mir jetzt doppelt
unwillkommen ist, weil ich Sie, liebste Elise, in trüber Bedrängnis zurück
lasse.
    Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken. Der
Arzt hat sich andern Orts weniger zurückhaltend gezeigt. Sein Ausspruch ist eben
nicht tröstlich. Es herrschen bösartige Fieber in der Gegend, und er fürchtet,
hier ein Opfer daran fallen zu sehen.
    Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Hut, liebe Elise! Solche
Krankheiten teilen sich den Umstehenden mit. Sie sind so erregbar, so
selbstvergessend, und bereit, fremde Lasten auf sich zu nehmen. Sie werden als
Pflegerin weit mehr tun, wie Sie sollten, und die Gefahr wird sich gegen Sie
kehren. Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg. Tausendmal umarme ich das liebe
Kind. O vergessen Sie es nicht, dass Sie seine Mutter sind, und sein kleines
Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhängt.
    Ich bitte Gott, Sie beide in seinen Schutz zu nehmen. Mein Herz ist schwer,
Elise! Ich reise recht ungern von hier fort. Sein Sie vorsichtig, liebe, liebe,
schöne Seele! Weiss der Himmel, ich fürchte immer so viel für Sie.
    Ist es, weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin? oder stehen Sie wirklich zu
sorglos, zu unbewaffnet in der Welt.
    Aber Sie können nicht anders! Das ist eben meine Angst.
    Nun, Ihr guter Engel verlasse Sie nicht.
 
                                Elise an Sophie
Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herüber kommen, um Abschied von mir
zu nehmen, das liegt am Tage. Sie fürchteten, trotz aller schönen Worte, mich
unbescheiden zu finden, und wollten Ihr Geheimnis keiner Gefahr aussetzen. Ach!
Sie hätten immer kommen können. Ich bin nicht begierig, das Verborgene zu
entüllen. Wie vieles ist doch über den Menschen verhängt, wovon er keine
Ahndung hat. Diese Familie! - vor acht Tagen noch so glücklich, und nun - Ja, es
ist vorbei! Sie ist todt! Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen.
Seit Eduard wieder hier ist, durfte ich nicht das Haus verlassen. Er mag recht
haben, nach seiner Art. Ich hatte es nach der meinigen auch. Es ist wahr, die
Krankheit teilt sich mit. Die Magd und der älteste Knabe klagen sich seitdem
auch.
    Wir sollten erst alle nach der Stadt zurück. Allein, dort ist es noch viel
schlimmer, die grosse Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt.
Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht.
    Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden, dass nur das Leben in freier Luft
ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei.
    Seitdem treibt mich Eduard schon früh am Morgen zu Fuss oder zu Wagen mit
Georg hinaus. Ich lasse mich auch nicht lange dazu nötigen. Mir ist wohler im
Freien. Sonst fühle ich mich matt, und so betrübt, dass ich noch zur Zeit an
nichts in der Welt Teil nehmen kann.
    Die schönen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten. Hier suchte
ich die letzten Spuren der Verstorbenen. Wie ich die dunklen Reihen der Bäume
entlang ging, glaubte ich die leise, etwas schüchterne Frau, mit ihren kurzen,
eiligen Schritten neben mir gehen zu hören. Ich stand still und sah betrübt
umher. »Weisst du wohl?« sagte Georg, indem er wichtig mit dem Köpfchen nickte.
Er machte eine so gerührte Miene dazu, dass ich mich der Tränen nicht entalten
konnte. Nun fing er auch an zu weinen. Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen.
Warum soll er nicht frühe das Traurige traurig nehmen. Man findet sich nur zu
leicht darin.
    Nach einer Weile tröstete er sich ganz von selbst. Er sprang umher, machte
die erste beste Gerte zum Reitpferd, und sagte nur noch einmal, während er sein
hölzernes Pferdchen anhielt, und flüchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte:
»Hier haben wir so hübsch gespielt!«
    Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht, gleich wieder recht hübsch zu
spielen; das Vergangene war nun vergangen!
    Wir machen es Alle nicht anders, liebe Sophie. Kinder sind kleine Menschen.
Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den grössern liegt im Bewusstsein der
Wandelbarkeit des Innern und der Schaam darüber.
    Warum schämen wir uns aber? Da das Festalten der Gefühle uns doch nur elend
macht. Denken Sie selbst, was käme dabei heraus, wollte man bei dem verweilen,
was Einem völlig mit der Gegenwart entzweien müsste? In den meisten Fällen ist es
besser, mit dem Leben zu gehen, als stehen zu bleiben, und seinen Lauf
anzuhalten.
    Und denn, wie jeder kann!
    Es ist wahr, wir ärgern uns, wenn gewisse, mit der Seele eins geglaubte
Stimmungen uns plötzlich verklungen scheinen, und oft kein Ton mehr davon zu
finden ist. Ich glaube, wir verwechseln den Beruf zur Ewigkeit, mit der
Fähigkeit des Herzens, ihr schon diesseits angehören zu können.
    Aus der einen Täuschung, welche fortgeerbter Wahn heilig spricht, geht das
ganze Heer gezierter Selbstbetrügereien hervor, die das wahre Gefühl mehr
entweihen als in Ehren halten.
    Ich war erst böse, als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen
Arbeitern sah. Ich hatte unrecht. Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung
wieder in seine alte Ordnung. Man muss da mit hinein.
    So lange ein Gefürchtetes noch dunkel herannaht, stehen wir in lähmender
Spannung auf der Folter der Angst, unfähig etwas Anderes zu empfinden. Ist der
Schlag geschehen, so fallen wir entweder mit, oder wir werfen einen wehmütigen
Blick in den Abgrund, der das Liebste verschlang, verschütten ihn, und säen in
der aufgelockerten Erde neue Saaten.
    Georgs Wünschelrute hilft einem Jeden über die Trauer hinaus. Irgend wo
schlägt sie immer ein, wo man Gold, oder doch diesem ähnliches Metall findet.
    Mir ist, Sophie, als schüttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf. Sie freilich
wollen es nicht Wort haben, dass man verschmerzen könne, was das Herz brach. Nun,
und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen, und haben noch überdies
etwas, das Sie stets auf das Angenehmste begleitet. Sehen Sie, so verwandelt
sich alles, auch der Kummer in sich selbst, und nimmt von der Farbe und dem
Lichte der Welt, in der wir leben, unwillkührlich mehr und mehr an. Wir schaffen
uns das Verlorne noch einmal, und söhnen uns auf diese Weise mit dem
Geschiedenen aus.
    Ich lasse diese Blätter unabgeschickt liegen. Sie entalten zur Zeit wenig,
das der Mühe verlohnte, sie einen weiten Weg machen zu lassen. Ich bin gewöhnt,
jeden flüchtigen Gedanken zu Ihnen hinüber zu schicken; ich bin jetzt so allein,
- Sie fehlen mir an jeder Stelle, ich schreibe also, wie ich schreiben würde,
wären Sie in Ihrem Stift, oder wie ich Ihnen gegenüber sprechen würde.
    Mit dem Letztern ist es indes doch etwas anders. Es schreibt niemand wie er
redet; schon deshalb nicht, weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere
Verbindung der Sätze, ja, eine consequentere Gedanken-und Wortfolge heischt, als
die mündliche Mitteilung, welche unwillkührlicher und schöpferischer ihre lose
Fäden auf gut Glück auswirft, und ein Ganzes, mehr durch die Harmonie des
Zusammenklingens, als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen
hervorbringt.
    Mein Gott! Sophie, wie gelehrt klingt das! - Ich glaube, das Alleinsein
taugt mir nicht. Ich werde eine ganz andere Person. So grübelnd und motivirend.
Versicherte mich der Arzt nicht, ich sei gesund, so würde ich mich krank
glauben. Es ist mir viel schwerer als sonst. Man sagt von gewissen Gegenden und
Orten, sie hätten Einfluss auf die Gemütsstimmung. Fast möchte ich denken, das
Plätzchen unten am See, in dem melancholischen Schatten der Buchen, so voll
dunkeln, geheimen Lebens, rege allzu ernste Gedanken in mir auf. Ich horche
Stunden lang auf das sonderbare Rauschen über mir in dem hohen Blätterdach, und
sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bäumen
hinfliessen, ohne dass ich Lust hätte, andere Gesellschaft, als die der einsamen
Natur, aufzusuchen. So etwas ist mir fremd. Ich bin nicht für sentimentale
Spiele der Einbildungskraft. Sie entzweien mit der Wirklichkeit. Auch scheue ich
das wehmütige Dämmerlicht, was sie den Gegenständen zurücklassen. Und dennoch
übt der Platz unwiderstehliche Gewalt über mich aus. Ich werde ihn meiden
müssen. Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknüpfungen des Daseins
nicht. Man sieht doch nur bis auf einen gewissen Punkt, und wird unsicher.
    Ueberdies bin ich dort nicht mehr völlig allein. Ich habe, glaube ich,
vergessen, Ihnen zu sagen, dass der Fremde zuweilen hier umher streift. Entweder
er fährt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorüber, oder seine Gestalt
erschreckt mich plötzlich zwischen der Umbüschung am Ufer. Die Eile, mit welcher
er sich entfernt, scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu
sollen, indes fällt mir die Störung immer unbequem; um so mehr, da Georg
jedesmal ganz verschüchtert zu mir gelaufen kommt, und mich mit Fragen quält,
wer der unartige Mann sei, der so nahe an das Wasser gehe?
    Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah, so
scheint er mir doch für einen gewöhnlichen Sekretär oder Geschäftsführer eine
allzu edle Haltung zu haben, ja, eine zu vornehme Art, die Dinge anzufassen und
zu nehmen. So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch, die Arme
über einander geschlagen, den Kopf gehoben, in dem Kahn, wenn er diesen, durch
ein Paar gewaltsame Ruderschläge, in das Getriebe der Flut gebracht hat, und
ihn nun lässig auf dieser fortschwimmen lässt. Die Arme liegen auf dem ruhenden
Holze, das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt, aufwärts
hält, als gebiete er den Wellen.
    Neulich hatte er im Vorüberfahren, auf solche Weise stehend, das Ruder
weggeworfen, und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservögel angelegt. Er drückte
indes nicht ab. Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen. Vielleicht hatte er
das Kind bemerkt, und wollte es nicht erschrecken. Ich nahm bei dieser
Gelegenheit indes wahr, dass er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann
von Metier trieb, vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte.
Und trotz alledem, wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretärposten seine
Richtigkeit haben. Er kennt seine Stellung, und sucht mit Leuten gleichen
Standes Bekanntschaft zu machen. Den Tag nach der Beerdigung der Amtmännin kam
er spät Abends, der Familie einen Besuch zu machen. Er trat unerwartet ins Haus,
klopfte an die erste beste Türe, und eilte, als der betrübte Hausherr sein
gastliches »Herein« gesprochen hatte, mit so bekümmerter Miene auf diesen zu,
als habe er eine nahe Anverwandtin in der Todten zu beweinen. Ich bin hier
fremd, sagte er, indem er des Amtmanns Hand ergriff, und sie schüttelte, aber
ich habe von Ihrem Unglück gehört und kann Ihnen meine Teilnahme nicht länger
verbergen.
    Er schwieg darauf, ohne weiter etwas über sich, seinen Namen, Stand und
Aufentalt hinzuzusetzen. Der Amtmann bat ihn, niederzusitzen. Er lehnte es
höflich ab. Seine Augen suchten die Kinder. Der älteste Knabe war nur
gegenwärtig. Er legte ihm die Hand, mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids auf den
krausen Lockenkopf, und sah ihm eine Weile schweigend, aber tief in die Augen.
Gleicht er der Mutter? fragte er darauf. Der Vater schüttelte den Kopf.
Hervorstürzende Tränen hinderten ihn, sogleich Worte zu finden.
    »Sie war die Tochter des Hofpredigers S-? hub der Fremde nach einer Weile
an. Ich bin dem Manne viel schuldig,« setzte er hinzu. Um seine Lippen zuckte es
schmerzlich. Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurück, und ging einigemal in
sichtbarer Bewegung auf und ab. Sein ganzes Wesen, wie auffallend auch immer
sein Erscheinen sein mochte, drückte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden
aus.
    Wie er gekommen war, so ging er. Unvorbereitet, schnell. Er war fort, ehe
man es dachte. »Nun, wir sehen uns bald wieder,« sagte er, leichtin grüssend.
Und damit war er zur Stube hinaus.
    Ich weiss dies Alles von unserm Arzt, der unter die Zahl meiner Freunde
gehört, und mich oft besucht. Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen, und
konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben.
    Sophie, das Prädicat als Sekretär tut ihm doch einigen Schaden bei mir.
Dies klingt schlimmer als es ist. Denn, wahr bleibt es einmal, was hat man von
der Nachbarschaft eines Menschen, der nie zu unserer Gesellschaft gehören wird.
So lieb mir der Arzt ist, so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher
Justizrat, der mit Eduard Geschäfte hat, und mich sehr langweilt. Der Mensch
gibt so viel zu verstehen, und plaudert so gern aus der Schule, dass ich ihm,
fast wider meinen Willen, aus dem Wege gehen muss, um nur keinen Anteil an einer
Indiscretion zu haben, die Eduard weder ihm noch mir verzeihen würde. Gewiss aber
ist es, er hat die Hände mit im Spiele, was auf des Comturs Heerde geschmiedet
wird.
    Nun werde ich bald mehr erfahren. Die Gräfin kommt mit ihrer Familie aus dem
Bade zurück, und bezieht noch für die Sommermonate ihren Landsitz. Die gewandte
Frau weiss sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem, was hier vorgeht, als
wir in einem halben Jahre.
 
                                Hugo an Heinrich
Ich bin hier im Schloss des Oheims. Das erschöpft eigentlich alles, was ich Dir
Interessantes von meinen gegenwärtigen Verhältnissen sagen kann, lieber
Heinrich, denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhältnisse
überhaupt darin. Da es nun einmal dahin gekommen ist, so mag es darum sein. Mir
lag niemals sonderlich viel daran. Ich hätte mir auch so durchgeholfen, und wäre
freier geblieben.
    Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger. Er steckt so voll Vorurteilen
und verbrauchter Ansichten, dass es schwer hält, bis zu dem eigentlichen Kern in
ihn zu dringen. Dieser ist gut, so viel ich davon entdecken konnte; aber die
kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon
erschrecklich daran genagt.
    Glaubst Du, dass ihm sein früheres Verfahren leid ist? Ganz im Gegenteil! Er
tut sich etwas darauf zu gut.
    Sieh, solch ein Sclave ist das Gewissen! Es trägt die Livree jeder modernen
Grille, die den augenblicklichen Herrn über unsere gesunden Gefühle spielt!
    Uebrigens, einmal so ausstaffirt von der Zeit, in der ihm seine Rolle
überkam, nimmt sich der Comtur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsätze weder
lächerrlich noch dürftig aus. Er imponirt und zieht, wegen der unverkennbaren
Wahrheit einer zweiten, angebildeten und angewöhnten Natur, wie ein Rätsel, aus
dem man klug werden möchte, jedweden an. Was würde deine psychologische
Spurkraft hier nicht alles von Originalität und bizarren Elementar-Mischungen
träumen.
    Ich, für meinen Teil, hege einen andern Glauben. Originell ist in solchem
Wirrwarr nichts. Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit, die
das Leben so lange beschweren, bis dieses sie wieder auswirft.
    Grundsätze sind nur dann originell, wenn sie durch starke, eigentümlich
herrschende Gefühle erzeugt, eine Rechtfertigung derselben werden. Was die ganze
übrige Welt verwirft, findet in der anders gestellten Ueberzeugung Schutz, und
deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam.
    Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland
werfen, so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam
eroberten Bodens, und gründet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich, eine neue
Heimat, welcher Not und Willkühr den Zauber der ursprünglichen leihen müssen.
    Ohne Umsprung des Geschicks, ohne Gewitter der Leidenschaft, zerfällt
Niemand mit der Ordnung der Natur.
    Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen. Es gibt so
selten starke Gefühle, wie starke Menschen. Das Geschick der Meisten gleicht
sich auf ein Haar. Dadurch kommt nichts Neues in das Leben. Es ist immer das
Alte, das nur dann überrascht, wenn es um ein Jahrzehend zurück, den vergessenen
Rock zwischen einem modernen Costüm blicken lässt. Da ist es alt!
    Der arme Comtur ist übrigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf
Rosen gegangen. Es ist nicht leicht, das Unnatürliche mit sich selbst in
Uebereinstimmung zu bringen. Der Mann weiss heute zur Stunde noch nicht, was er
auch sagen mag, ob er recht oder unrecht daran getan hat, den Bruder aus der
väterlichen Erbfolge auszuschliessen. Deshalb mein Besuch hier.
    Mir ist die ganze Geschichte fatal. Ohne dies Verhältnis zu Emma und die
unruhige Geschäftigkeit ihrer Mutter, die sehr geschickt die Musse und den
Verstand einer Stiftsdame zu ihren Zwecken benutzte, wäre es niemals dahin
gekommen.
    Noch einmal, ich bin hier! und werde der Erbe eines reichen Mannes auf
Kosten entfernter Vettern, die gewiss eine andere Rechnung gemacht hatten.
    Meine Ankunft, wie mein Aufentalt, ruht eben dieser Vettern wegen unter
einer Art geheimnissvollem Schleier. Ich zog in der Nacht hier ein. Den Wagen,
der mir entgegen geschickt wurde, benutzte ich nicht. Ich blieb zu Pferde und
ritt bescheiden hinter des Oheims Equipage. So ist auch ungefähr mein Benehmen
geblieben. Das heisst, ich stelle nichts vor und lasse mich vorstellen.
    Unsere erste Zusammenkunft war von beiden Teilen steif. Das konnte nicht
anders sein. Der Comtur ist von Natur ein wenig allzu hoch, für einen Sinn, wie
der meinige. Ich bin immer ich selbst. Wir fanden uns gegenseitig nicht
besonders befriedigt. Indes hege ich niemals Groll gegen einen Menschen. Meine
Brust hat keinen Raum für ein rein gehässiges Gefühl. Und Gründe, es zu
erzeugen, fallen stets durch ruhige Betrachtung des Zusammenhangs feindlicher
Verhältnisse, in Nichts zusammen. Ich sehe die Dinge wie sie sind. Damit hat in
der Regel die Critik ein Ende. Ich bin fertig in mir, und lasse es gut sein.
    Diese ruhige Stimmung macht mich unbefangen. Ich streite nicht mit dem alten
Manne. Wir nähern uns durch Gewohnheit.
    An Emma habe ich geschrieben. Das vermittelnde Stiftsfräulein ist zu ihrer
Mutter gereis't. An dem ganzen Gewebe fehlt nichts mehr, als dass es aufgerollt
wird. Der Comtur hat schon Hand daran gelegt, und ich bin nun mit meinem
Geschick am Ziele.
    Das wäre ja wohl ungefähr das Wesentliche, was ich von mir zu melden hätte!
Historisch betrachtet, ganz erstaunt viel! Für mich selbst, unglaublich wenig.
Ich kann Dir nicht sagen, wie lächerrlich mir zuweilen all die Anstalten für das
Leben erscheinen. Dies selbst geht darüber hin. Das Lästige bleibt auf den
Schultern liegen. Der unbefangene Genuss verflog, ehe man ihn kennen durfte.
    Ich wünsche Dir Glück zu Deiner Freiheit. Halte sie in Ehren. Verschleudre
sie um kein Schaugericht. Man wird nicht satt davon.
 
                                Elise an Sophie
Ihr Geheimnis ist am Tage. Es verlohnte nicht der Mühe, die Maske anzulegen.
Eine Heirat bringt man auch wohl sonst zu Stande. War der Roman seinem Ende so
nahe, wozu die Aufmerksamkeit, durch den Schein des Besondern, auf höchst
gewöhnliche Verhältnisse lenken? Es hat mich verdrossen, dass ich mich anführen
liess. Zuletzt lachte mich die Gräfin, mit ihrer gewöhnlichen guten Laune,
darüber aus. Ich lache mit; eigentlich ist es mir aber nicht so ums Herz.
    Sie hat richtig, wie ich's dachte, den ganzen Zusammenhang ausgespürt.
    Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der Stadt,
Eduard entgegen, der früher als sonst von dort zurückzukommen gedachte.
    Es währte auch nicht lange, so entdeckten wir in der Ferne einen Wagen, der
auf uns zukam. Ich setzte mich mit dem Kinde auf die Steinbank, seitwärts unter
den Kastanien, nieder. In einer Wolke von Staub gehüllt, rasselte die offene
Chaise heran. Allein, statt Eduards grauem Reisemantel und lederner Schirmmütze,
leuchteten mir so viel bunte Bänder, flatternde Swahls und modische Sommerhüte
entgegen, dass ich nicht länger an meinen ehrbaren Präsidenten in seiner
preoccupirten Vortragslaune denken konnte, sondern neugierig den
Vorüberfliegenden nachsah, die sich weit aus dem Schlage herauslegten, und mich
in ihren lebhaften Begrüssungen, meine Nachbarinnen erkennen liessen.
    Ich musste lachen, wie diese Leute die Residenz mit allem modischen Zwange
auf jedem Fleck der Erde, auf Reisen, wie in das freie Landleben hinter sich her
schleppen. Indes flimmerten die bunten Schmetterlingsflügel doch ganz lustig an
dem melancholischen Abendhimmel vorüber, und mit einer Art von Freude, fühlte
ich, durch ihre Nähe, meine Einsamkeit unterbrochen.
    Am folgenden Morgen erhielt ich denn auch schon von der Hand der Gräfin in
zwei eben so flüchtigen als verbindlichen Zeilen, die Anzeige ihrer Rückkehr,
und das Versprechen ihres nahen Besuchs. Ich kam diesem zuvor, und war gestern
in dem grünen Ulmenstein, wo alles lacht, der Garten mit seinen hellen Teichen,
das Schloss, die moderne Einrichtung, die eleganten Besitzer, die flinke
Dienerschaft, bis auf den Papagei im Messingbauer auf der Terrasse.
    Die Gräfin war entzückt über die allerliebste Leichtigkeit, wie sie sich
ausdrückte, mit der ich Rücksichten bei Seite zu schieben und Verhältnisse nach
Gefallen zu handhaben wisse. »Sie beschämen und ehren mich zugleich, sagte sie,
denn indem sie mich aufsuchen, lassen sie mich mit meinem Unrecht ihre Nachsicht
empfinden, die nur den schmeichelhaften Grund freundschaftlicher Vorliebe haben
kann, und sie zum Engel und mich zu ihrer Sclavin macht.«
    Ich kenne ihre extravagante Art, sich auszudrücken. Sie gehört zu ihr. Gehe
ich auch nicht in den Ton ein, so verstehen wir einander vielleicht darum um so
besser. Sie weiss, wie ich's nehme, und ich, wie sie es gibt.
    Als sie mein einfaches, percale Kleid und den Strohhut mit gelbem Bande, wie
ich beides Tag für Tag auf dem Lande trage, reizend genannt, den Fall der
Locken, den Schnitt der Halskrause durch alle Prädicate gelobt hatte, gab ich
ihr für so viel unverdienten Beifall, durch das ungeheuchelte Erstaunen über die
vorteilhafte Veränderung ihrer beiden Töchter, meinen Dank zu erkennen.
    In der Tat hätte ich es für unmöglich gehalten, dass einzig der Wechsel
äusserer Beziehungen, in einem Zeitraume von zwei Monaten diese Umwandlung
hervorbringen könnte. Ich musste mir jetzt die bleichen, nüchternen Gesichtchen
zurückrufen, die so lang und so unbedeutend zwischen dem gescheitelten hellen
Haar hervor sahen, die so characterlos schienen, dass ich immer Eins mit dem
Andern verwechselte. Zwei ganz andere Personen standen in der frischen Toilette,
den reich und modisch geordneten Locken, in dem besondern Hauch, warm
zurückstrahlender Lebensverhältnisse, frei und gefällig vor mir. Die schüchtern
gesenkten Augen hoben sich lachend aufwärts. Es spiegelte sich Bewusstsein und
Erwartung darin. Sie fassten ihren Gegenstand und hatten Farbe und Glanz.
    Auch die Lippen blieben nicht länger verschlossen. Die Mutter horchte
lächelnd auf das, was sie sagten. Die Anerkennung der Gesellschaft hatte
augenscheinlich das Maass der ihrigen bestimmt. Es war nicht mehr sie allein,
sondern sie in den Töchtern, welche Aufmerksamkeit und Bewunderung erwartet.
    Solch Untergehen einer Persönlichkeit in die andere, lässt die Eitelkeit
nichts in den Tagen entbehren, wo sie sonst nur empfindliche Kränkungen erfährt.
    Die Gräfin schien mir mehr als je mit der Welt zufrieden. Ueberall fasste sie
nur die Lichtseiten derselben auf, und wusste so viel Leben und Interesse hinein
zu legen, dass sie Nahes und Fernes, in einer gewissen gemütlichen
Beweglichkeit, durch ihre Unterhaltung fliessen liess.
    Hierbei kommen denn auch die Neuigkeiten der Nachbarschaft zur Sprache.
»Mein Gott!« rief sie plötzlich, wie von der Wichtigkeit des Gegenstandes auf
Vorwurfs ähnliche Weise an ein unverzeihliches Vergessen erinnert. »Mein Gott,
und nicht ein Wort von dem Neffen des Comtur, und den geschickten Machinationen
ihrer Freundin Sophie?«
    »Von welcher Art sind diese?« fragte ich, in höchster Unwissenheit alles
dessen, was hierauf Bezug hatte.
    »O gehen Sie! gehen Sie! lachte die Gräfin. Spielen Sie doch nicht die
Zurückhaltende gegen mich. Die Geschichte ist ja die Neuigkeit des Tages.« »Bis
zu mir kam sie nicht,« versicherte ich sie. »Und doch ist Ihr Mann um nichts
Geringes dabei im Spiele, versetzte sie spöttisch. Wie pflichttreu der ehrliche
Präsident auch sein mag, fügte sie hinzu, so wird er doch seiner allerliebsten
kleinen Frau nicht die Mitteilung eines sehr besondern Romans vorentalten
haben?«
    Als ich sie vom Gegenteil auf eine Weise überzeugte, die ihr keinen Zweifel
liess, rief sie lachend: »Von was in aller Welt, spricht denn der ernstafte Mann
mit Ihnen, wenn ihm auch seine Geschäfte nicht Stoff dazu bieten dürfen?«
    Ich umging die Antwort durch ein Paar allgemeine Epigramme, gegen die
Ehemänner. Sie fand das köstlich, Agate und Rosalie wollten sich halb todt
lachen, und ich kam wieder auf den Neffen und den Oheim zurück.
    »Nun, fiel die Gräfin schnell ein, mit dem hat es folgende Bewandtnis: Sein
Vater, als der ältere Bruder unsers Nachbars, war der Erbe eines ansehnlichen
Majorats, um das er sich durch eine voreilige und heimlich vollzogene Heirat,
mit einem protestantischen Fräulein, brachte.«
    »Heimliche Heirat!« unterbrach ich sie. Mir fiel die Erzählung der
Amtmännin ein. Jetzt verstand ich den wehmütigen Anteil des Schlossgastes, an
ihrem Tode. Die Gräfin mochte die verwundernde Ausrufung anders deuten. »Nun,
nun, lächelte sie, erschrickt Ihre strenge Tugend selbst vor dem gesetzlichen
Auswege aus dem Labyrint der Leidenschaft? wie werden Sie erst den Stab über
diejenigen brechen, welche sich auf immer in demselben verirrten.«
    »Ich breche über Niemand den Stab, entgegnete ich. Ich bedauere im
Gegenteil alle, welche sich aus Vorliebe für träumerische Einbildungen auf eine
Art täuschen, die ihnen Nachteil bringt, denn ich glaube nicht an ein
Ueberschwängliches, das den Meister über uns spielen kann, die Wirklichkeit
zeigt es uns nur in karikirten Kopien verführerischer Romane, aus denen immer
bei weitem mehr Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen als lebendige Wahrheit
spricht.«
    »Im Grunde haben Sie vollkommen recht, stimmte die Gräfin mir bei, aber
sagen Sie, was Sie wollen, Romane unterhalten ausserordentlich, und die kleinen
Kopien davon im Leben sind hübsch, wie viel Torheit und Selbstbetrug dabei auch
im Spiel sein mag.«
    Sie lachte bei diesen Worten, wie durch angenehme Erinnerungen erheitert.
Die jungen Mädchen lachten mit ihr. Ich musste über die Unbefangenheit erstaunen,
mit der die allzu jugendlich gebliebene Frau, sich in Gegenwart ihrer Töchter,
rücksichtslos äusserte.
    Allein, sie lässt niemand lange auf demselben Fleck stehen. Sogleich war sie
wieder bei dem neuen Ankömmling, bei den Verwirrungen und Aussöhnungen in seiner
Familie, die sie weit mehr beschäftigten, als jene Betrachtungen.
    »Es bestehen, fuhr sie dann fort, von den Voreltern des Comtur,
testamentliche Verträge, nach welchen jeder Majoratserbe, bei Verlust seines
Besitztums, gezwungen ist, sich mit einer katolischen Glaubensverwandtin zu
verbinden. Der junge Mann, welcher diese Bedingung unbeachtet gelassen hatte,
sollte nach seines Vaters Tode in dessen Rechte treten. Er hatte nur einen
einzigen Bruder, der ihm diese Rechte streitig machen konnte.
    Beide Brüder liebten sich auf das Innigste. Der Aeltere hegte keinen Zweifel
über die rücksichtslose Zustimmung des Andern. Indes, sei es aus Vorsicht, oder
auch aus Unsicherheit, er hielt auch vor ihm die geschlossene Verbindung bei des
Vaters Leben geheim. Jetzt stirbt dieser. Der neue Gutsherr tritt mit der jungen
Gemahlin, einer armen Waise, das Pflegkind reicher Anverwandten, hervor. Er
führt sie zuerst dem Bruder zu, in der Hoffnung der besten Aufnahme. Allein das
Herz des Letztern scheint plötzlich gewendet. Unerbittlich widersetzt er sich
der Anerkennung der Heirat, und lässt dem erstaunten Grafen die Wahl zwischen
dem Opfer der Liebe, oder des Erbrechts. Dieser willigt in Keines von beiden.
Ein Prozess soll entscheiden. Es kam nicht dazu. Das Gesetz entschied von vorn
herein für den Verlust des Majorats, sobald die Gültigkeit der geschlossenen Ehe
bewiesen und behauptet werde. Sonderbar genug tat der jüngere Bruder, ganz
gegen sein Interesse, alles Mögliche, um Gründe für die Ungesetzlichkeit einer
Trauung anzuführen, die ohne väterliche und oberherrliche Zustimmung vollzogen
worden sei.
    Allein der leidenschaftliche Gatte schlug alle diese Einwürfe dadurch
nieder, dass er dartat, sich nicht eher vermählt zu haben, bis der verlangte
Abschied aus fürstlichem Dienst ihm zugekommen, und er durch erreichte
Volljährigkeit jedweder Rechenschaft der Art entbunden worden sei. Nunmehr blieb
kein Zweifel, er musste dem Majorat entsagen, und da er zu erbittert, und zu
stolz war, um selbst, den ihm gebührenden Anteil des väterlichen Vermögens
anzunehmen, so lebte und starb er in Armut.«
    »Und der unnatürliche Bruder, unterbrach ich sie ungeduldig, tat nichts, um
ihn zu versöhnen? liess ihn in Verzweiflung darben?«
    »Ja, sehen Sie, fiel die Gräfin hastig ein, aus diesem Bruder kann niemand
klug werden. Denken Sie, dass er eine sehr zärtliche Neigung aufgab, niemals
heiratete, in einen geistlichen Orden trat, die grossen Güter gewissenhaft
verwalten, ihren Betrag unberührt liess, und jetzt so lange an der Beweisführung
gearbeitet hat, dass der Sohn einer protestantischen Mutter, insofern er im
Glauben der wahren Kirche erzogen ward, nicht von der Erbfolge ausgeschlossen
ist, bis er dem Neffen, dem einzigen Sohn des unglücklichen Grafen, zum Besitz
eines Vermögens verholfen hat, dem er, zu seinen Gunsten entsagt. Kurz, meine
Liebe, fuhr die Gräfin mit ungewissem Lächeln fort, der Comtur beweis't durch
Alles, dass er der bizarrste Mensch von der Welt, und niemals zu verstehen ist.
Bei seinen letzten wohltätigen Absichten war ihm besonders der Präsident, Ihr
Mann, sehr nützlich. Seine grosse Kenntnis aller Familienurkunden hat es
ermittelt, dass wenigstens im Testament dieses besondern. Falles keine Erwähnung
geschieht, und dem richterlichen Ausspruch die Freiheit bleibt, alle gemachte
Einwendungen aus dem Felde zu schlagen. Erst, da alles besiegt war, ist der
überraschte junge Mann hierher berufen, und von seinem Glücke unterrichtet
worden.«
    »Von seinem Glücke! entgegnete ich. Wer sagt denn, dass er es so nimmt?«
    »Wer? fragte die Gräfin. Mein Gott! liebes Kind, er selbst, und recht aus
Herzensgrunde, denn er benutzt sogleich die günstige Lage, seine Hand einem sehr
hübschen Mädchen zu geben. Er ist schon abgereist, die Tochter der
Oberhofmeisterin desselben Hofes, an welchem Fräulein Sophie Hofdame war,
heimzuführen. Sehen Sie, lachte sie bedeutsam, so mischen sich die Karten
geschickt in einander.«
    Da ich einigermassen verwundert schwieg, rief die Gräfin mutwillig: »O! ich
könnte Ihnen noch viel mehr erzählen, was Sie überraschen würde.« »Tun Sie es,«
bat ich, sie bei der Hand fassend. »Nein, nein!« entgegnete Sie bestimmt, »ich
habe auch meine kleinen Geheimnisse.«
    Sie stand hier von ihrem Platze neben mir auf, als fliehe sie meine
Ueberredung, und eilte einigen ankommenden Gästen aus der Stadt entgegen. Im
Weitergehen wandte sie sich noch einmal mit den Worten zurück: »Mein
allerliebster, geschwätziger Justizrat hat mir das Alles im Vertrauen
gebeichtet.«
    Ich sann noch über ihre Mitwirkung in dieser Angelegenheit nach, und
beschloss Sophie unverzüglich zu befragen, ob sich wirklich alles so verhalte,
wie es die Gräfin dem indiscreten Geschäftsführer abgelauscht hatte, als zu
meiner nicht geringen Verwunderung die ganze Sache noch einmal in dem
erweiterten Gesellschaftszirkel verhandelt ward.
    Die Rückkehr der Gräfin, mit ihren ins Licht getretenen, schimmernden
Töchtern, zog sogleich die elegante Welt der Residenz zu ihrem angenehmen
Landsitz. Es ward immer bunter in dem Garten. Der Teetisch stand auf einem
hübschen, frischen Rasenplatz. Agate schlüpfte behend auf einen bereitstehenden
Sessel, den mehrere Herren mit grossem Eifer, ihrer Bequemlichkeit wegen, näher
heran schoben. Sie zog die Handschuhe, mit einem kleinen Anstrich nicht übel
kleidender Verlegenheit aus, entblösste die niedlichen, vielleicht allzureich mit
Ringen und Spangen geschmückten Hände und Arme, und bewegte diese sehr reizend
in der Bereitung des Tees. Rosalie machte sich mit den gerösteten Brödchen, den
Melonen, die sie zerteilte, und anderm Zubehör zu tun, wobei sie kurz und
abgebrochen, doch mit einer gewissen nachlässigen Extase, die vorzüglich in
vielen Worten besteht, von dem Badeaufentalt sprach.
    Die Mutter schien sehr aufmerksam und begierig auf den Eindruck, welchen die
hübschen Mädchen auch hier machen würden, und war nur mit halbem Blick und
halbem Wort für alle diejenigen da, welche ihr in dieser Beziehung unbedeutend
schienen. Doch bald einigermassen in ihren Erwartungen geschmeichelt, hub sie
ungefähr eben so, wie kurz zuvor, gegen mich an: »Nun, und unser neuer Nachbar,
hat ihn schon Einer aus der Gesellschaft gesehen? Er soll ein interessantes
Äussere und viel Verstand haben!«
    Es musste mich, nach allem Vorhergegangenen mit Recht befremden, dass die
Meisten sogleich vollkommen zu Haus waren, und Einer, sogar den Vornamen des
Unbekannten wissend, vom Grafen Hugo, wie von einem ganz vertrauten Freunde
sprach.
    »Hugo!« wiederholte ich, gegen meinen Vetter Curd gewendet, »man hört den
Namen nicht oft, er klingt so tief.«
    »Rasend tief,« lachte er auf seine leichtfertige, neckende Weise. »Aber
Cousine, was wollen Sie eigentlich damit sagen?«
    Ich wusste es ihm nicht auszudrücken.
    »Denken Sie sich vielleicht einen melancholischen Sonderling dabei? fragte
er. Nun, da kann was dran sein; denn recht richtig ist es mit Keinem, der sich
aus einem ungeheuren Vermögen nichts macht, wie ein Misantrop in den Wäldern
herumwandert, und mit vier und zwanzig Jahren ins Ehejoch kriecht.«
    »Alle diese Details wissen Sie schon, lieber Rittmeister? lachte die Gräfin.
O! kommen Sie her, setzen Sie sich zu mir, erzählen Sie mir ein Bischen von dem
mürrischen Menschen. Er interessirt durch seine Originalität, obgleich eine
kleine coquette Absicht dabei im Spiele sein mag.«
    »Gewiss! hörte ich sagen, Gewiss! er fühlt, dass er, als Emporkömmling oder
adoptirter Erbe, vielleicht mancher beschämenden Kritik blosgestellt sein muss.
Er will im Voraus imponiren. Der Ausweg, den er wählt, zeigt von Gewandteit und
List. Er muss nicht ganz unerfahren in den Nuancen der Weltverhältnisse sein.«
    »Er ist hübsch und elegant, Mama! rief Agate ihrer Mutter zu. Die Herren
hier haben ihn im Bade zu Aachen, im vergangenen Sommer, gesehen. Er war dort
ausgezeichnet durch seine Figur und grosse Kühnheit im Reiten, und viele andere
Talente.«
    »So!« entgegnete die Gräfin gespannt und ungeduldig, da sie nicht wusste, was
sie alles gleich hören sollte. »War denn die Braut mit ihrer Mutter auch da?«
fragte sie.
    Die Herren bejahten es.
    »Die Emma soll charmant sein! fuhr sie fort, indem ihre Blicke unsicher und
gewissermassen vergleichend an den Töchtern hinfuhren. Charmant! wiederholte sie,
zerstreut und gedehnt. Ach! die Mutter war wunderschön, fügte sie von frühern
Erinnerungen plötzlich fortgerissen, hinzu. Ich habe sie gekannt, ob sie gleich
erstaunt viel älter ist, als ich. Jetzt, höre ich, hat sie entsetzlich verloren.
Ihre Züge waren immer scharf wie ihre Zunge,« setzte sie lächelnd hinzu.
    Sehen Sie, Sophie, so schilderte man mir Ihre Freunde. Bewundern Sie es
nicht, wie ich so lange bei einem Gegenstande verweilte? da das Neue selten
meine Aufmerksamkeit sonderlich erregt. Ich glaube, es ist auch nur der Anteil,
den Sie an diesen Menschen nehmen, der mir sie bedeutend macht.
    Von Emma spricht niemand. Ist nichts von ihr zu sagen? Armer Hugo! -
    Leben Sie wohl! Zeigen Sie mir bald mehr Vertrauen. Sophie! die Ihrige, wie
immer.
 
                      Die Oberhofmeisterin an den Comtur
Endlich ist die Entscheidung ganz nahe. In wenigen Stunden werden sie getraut.
Dann sind die lang gehegten Wünsche erfüllt. Die unruhige Sorge findet ihr Ziel.
Das Geschick muss seinen Gang gehen.
    Zum letztenmale habe ich heute über meine Tochter bestimmt, für sie gedacht,
gehandelt, ihren Willen gelenkt, wie es ihrem Vorteile, ihrer Zufriedenheit
angemessen war. Von jetzt an nimmt ein Anderer, mehr oder weniger ein Fremder,
das Band, an dem ich sie, ihr selbst unbewusst, leise führte, aus meiner Hand.
Ich lasse es zu. Die Ordnung der Natur will es so. Alle Mütter machen spät oder
frühe dieselbe Erfahrung. Aber gestehen Sie, dass man sehr resignirt sein muss, um
sich ohne innere Verzweiflung, so gleichsam entfernt zu sehen.
    Emma scheint glücklich. Ich sage scheint, denn was weiss sie, ob sie es ist.
Mir erregt ihre Heiterkeit die unbezwinglichste Eifersucht. Ist es denn etwas
anders als Wankelmut, dass sie ihr Heil von einem ungekannten Verhältnisse
erwartet, von dem sie sich weit eher abwenden, als darauf hinsehen sollte; da es
sie von allem, was ihr wert und teuer sein muss, losreist. Vielleicht kann man
es ein Glück nennen, dass die Unerfahrne wie mit Blindheit geschlagen, nur von
goldenen Ketten träumt, und so lange damit spielt, bis der Druck der Fessel ihr
zur andern Natur geworden ist.
    Wenn ich indes einer Seits diese Täuschung segne, so drängt mich auch von
der andern unendlich vieles, sie aufzuheben.
    Um aufrichtig zu sein, Ihr Neffe selbst fordert mich dazu auf. Ihre Gunst
hat ihn nicht liebenswürdiger gemacht. Jener Anstrich von Wehmut, der sich
früher so gut zu seiner Verlassenheit, und den anscheinenden Unbilden des
Geschicks passte, ist ein stehender Zug seines Temperaments geworden, und zu
einer Art schmerzlicher Resignation ausgeartet, die ans Beleidigende gränzt.
    Alles lässt er geschehen. Er selbst bestimmt nichts, als dass er Emma sogleich
nach der Trauung auf eine Ausflucht in die Schweiz entführt. Denn nur darin,
wovon er gewiss sein kann, dass es mir wehe tut, in dem allein ist er fest, und
mit so viel abweisender Kälte unerschütterlich, dass ich aus Erbitterung
schweige. Er übersieht meine Unzufriedenheit, wie er denn überhaupt auch Weniges
zu sehen scheint, und in schwärmerische Träume versunken, vor dem wirklichen
Leben zurücktritt.
    Die glänzenden Brautgeschenke, so blendend in ihrer Art, als geschmackvoll
in der Wahl, lässt er in Emma's Zimmer tragen, ohne auch nur durch ein Wort
seinen Anteil daran zu verraten. Als das überraschte Kind ihm danken wollte,
lächelte er, auf seine schwermütige Weise, indem er halb spöttisch, halb
mitleidig mit sich selber, sagte: »Ich habe kein anderes Verdienst bei der
Sache, als dass ich des Oheims Befehle erfülle, indem ich Ihnen seine Gaben
bringe. Von mir, fügte er hinzu, die Hand der Braut inniger als sonst wohl
drückend, besitzen Sie nichts, als diesen schmalen kleinen Ring, zu dessen
Anschaffung meines Vaters Erbe mir die dürftigen Mittel bot. - Wollen Sie mir
indes, lächelte er angenehm, einen Anteil an den Gaben des Reichtums gönnen,
so sei es dieser: Ihre Freude darüber mitzuempfinden.«
    Emma sieht nur das Liebenswürdige an ihm, was sie verletzen sollte, ist für
sie nicht da.
    Soll ich nun noch zweifeln, dass sie blind sei?
    Sie wissen, ich habe diese Heirat nur gelitten, nicht gewünscht, noch
weniger gesucht, und ohne die Dazwischenkunft der vermittelnden Sophie, wäre die
damalige Stockung bei Ihres Neffen Werbung, wohl ein ewiges Hindernis jeder
denkbaren Annäherung zwischen ihm und mir geblieben.
    Sie haben dies Hindernis vielleicht mit mehr grossmütiger Eile, als
prüfender Besonnenheit gehoben. Ob Sie gut daran taten? - Es ist nicht mehr
Zeit, diese Frage aufzuwerfen. Indes regt sie sich unwillkührlich in mir, je
unaufhaltsamer der Zeiger meiner Uhr die Stunde näher rückt, welche durch
unwiderrufliche Gelübde zwei Menschen an einander knüpfen wird, die nicht für
einander geschaffen zu sein scheinen.
    Wenn Sie mich über dies Geständnis tadeln, so denken Sie zugleich, wie gross
meine Unruhe sein muss, da ich sie Ihnen nicht verbergen kann.
    Sie hätten an diesem Tage nicht unter uns fehlen sollen. Ich begreife, warum
Sie zurückbleiben. Gleichwohl werden Sie dem Kampfe auch in der Ferne nicht
entgehen, dem Sie auszuweichen gedenken. - Sie gewinnen wenig, und schaden viel.
Es hat etwas Unschickliches, dass der Mann, welcher bei Hugo Vaterstelle
vertritt, sich in dem wichtigsten Lebensmomente von diesem wegwendet. Ueberdem
hätte Ihre Gegenwart vielleicht dazu gedient, den Jüngling aus seiner Traumwelt
herauszureissen. Wir verstehen einander zu wenig, als dass ich gleichen Einfluss
auf ihn ausüben könnte. Sophie ist auch unsicher geworden, sie weiss nicht, wie
sie diesem besondern Charakter beikommen soll.
    Und die zärtliche Emma würde wo möglich, noch unscheinbarer und
anspruchloser zurücktreten, um nur keines der tiefsinnigen Gedankenspiele ihres
erhabenen Freundes zu stören.
    Wäre ihre Liebe weniger abgöttisch, hätte sie mehr Gefühl für ihre eigene
Würde, ich könnte ruhiger über die kommenden Tage sein. Aber so!
    Es schlägt zwei. Wir fahren nach dem Lustschlosse der Fürstin hinaus. Dort
in der Kapelle werden sie getraut; dann besteigen beide den Reisewagen! - Es ist
alles so abgerissen, so ohne fortgehende innere Begleitung! Einer treibt den
Andern. Die Fürstin schickte schon zweimal. Ihre Gegenwart legt vielen Zwang
auf. Vielleicht ist das gut so! Ich weiss es nicht! Ich weiss nichts! -
    Ich lasse Sie jetzt. Mir schwirrt es vor den Augen. Man läuft hin und her
durch meine Zimmer. Leben Sie wohl. Ich schliesse. Nichts mehr für heute! - Mir
ist das Herz so voll. - Ein Wort noch, und es fliesst über! - Gott befohlen! -
N. S.
    Noch einmal öffne ich den Umschlag. Sophie hatte Emma geschmückt. Sie sank
zusammen unter der Last der Juwelen, welche die Fürstin ihr anzulegen befahl.
Der Kopf schmerzte sie, sie sah blass aus. Ihre Augen waren trübe. Ich
betrachtete sie voll unruhiger Teilnahme. Sie zitterte im vergeblichen Bemühen,
ihre Tränen zurückzuhalten. Da öffneten sich die Türen. Hugo trat mit einigem
Geräusch herein. Aus der Hast, mit der er sich nahete, sprach die Besorgnis, zu
spät zu kommen. Er äusserte dies auch. Seine schönen Züge waren ungewöhnlich
belebt, den Schleier, der sich so oft über die dunklen Augen senkte,
durchbljetzten rasche und feurige Lichter Er sah sehr ungewöhnlich und imposant
aus, in der reichen Uniform des Regiments, in welchem er ehemals diente. Der
grosse Orden, den ihm der Fürst diesen Morgen sandte, glänzte stattlich auf
seiner Brust. Emma war wie geblendet. Es durchzuckte sie feurige Ueberraschung.
Sie hatte nun kein Kopfweh mehr. Leuchtend vor Bewunderung, reichte sie ihm die
Hand. Alle Unbequemlichkeit des lästigen Putzes ist vergessen. Sie sieht nichts
als ihn in der Welt. Undankbare! - musste dich Leidenschaft so zur Sclavin
machen! Warum auch Leidenschaft, wo ruhige Neigung genügt, und dir die eigene
Selbstständigkeit bewahrt hätte! -
    Sie sehen, ich zögere in den Wagen zu steigen, die letzten Schritte zu tun,
die der kurze Raum zwischen jetzt und künftig durchmessen soll. Alle warten,
selbst die Fürstin! Ich halte Alle auf! O! könnte ich die Zeit aufhalten!
 
                                Elise an Sophie
Sie antworten mir nicht. Sie schweigen wie eine plötzlich Stummgewordene. Warum
das? Ich sehe keinen Grund, warum Sie über die älteren Freunde, jüngere
vergessen!
    Mir ist diese Ungleichheit fremd an Ihnen! Beschäftigt Sie die Hochzeit der
Gräfin Emma so sehr? Lassen Sie das gute Kind ihr Loos erfüllen, sie wird früh
genug Maiblumen und Veilchen gegen das Heu getrockneter Herbstblüten
vertauschen müssen.
    Ihr seid dort alle sehr eilig, die Sache abzumachen, und die jungen Leute
aus dem Paradiese des Frühlings hinauszustossen.
    Ist es die unruhige Mutter, die so das Kind von ihrem Herzen wegschleudert?
weiss sie auch, wohin es fällt?
    Ich ward in diesen Tagen, auch ohne Sie, durch eine angenehme Bekanntschaft,
in den Abendzirkeln der Gräfin, von der vollzogenen Heirat jenes besprochenen
Paares unterrichtet.
    Ich weiss nicht, ob der Mund, der es sagte, oder das Ereignis an sich, meine
Teilnahme erregte? genug, ich denke unwillkührlich öfter daran, als es die
allergewöhnlichste Begebenheit im Leben verdient.
    Die halbe Stadt war wieder draussen in Ulmenstein. Es ward geschwatzt, wie
man immer schwatzt. Vernünftiges und Unsinn. Auch über Musik! Der ewige Streit,
neue und alte Componisten betreffend, kam wieder auf's Tapet. Sie wissen, ich
habe keinen Ton, und auch das Gehör öffnet sich mir nur in dem Echo der Seele.
Urteil, wie man es nennt, darf ich mir nicht anmassen wollen. Ich hüte mich auch
davor. Doch liess man nicht ab, in mich hinein zu reden. Beide Parteien zeigten
sich einseitig. Ich bekannte zuletzt, dass ich von Natur, den künstlerisch könne
ich es nicht motiviren, mehr zu den vollen, erhabenen Meisterwerken der frühern
Schule neige, und lieber in Entzücken erbebe, als mich durch Anmut und
Tändeleien verstrickt zu sehen. Doch anerkennen müsse ich das Liebliche, wo es
sich zeige.
    »Vortrefflich!« rief die Gräfin, indem sie beifällig in die Hände klatschte,
»das nenne ich, sich auf die charmanteste Weise von der Welt aus der Affaire
ziehen. So stimmen Sie niemanden bei, beleidigen keine Meinung, wollen hier ein
Bischen ab, dort ein Bischen zugetan haben, und bringen ungefähr den ganzen
Streit auf Nichts heraus. Allerliebst! das sieht Ihnen ganz ähnlich!« Ich
fühlte, dass man mich so missverstehen konnte. Ich hatte es anders gemeint.
Erklären mochte ich mich darüber weiter nicht. Es wäre auch überflüssig gewesen.
Wer mich nicht errät, dem kann ich einmal nicht helfen. Entwickeln mag ich
nichts. Das kommt confus heraus. Ich war sehr einfältig in meiner Ueberklugheit
gewesen. Das machte mich vedriesslich und einsam in dem Gewirr.
    Die Fräuleins sollten jetzt ein Duett aus einer unserer neuen Opern singen.
Man zog sie zu dem Fortepiano. Die Flügeltüren des Saales standen nach der
Terrasse hin offen. Ich blieb mit Mehreren, welche die Zimmerhitze scheuten, im
Freien.
    Im Hin- und Hergehen sahen wir eine sehr glänzende Equipage die Anhöhe
heraufkommen. Die Pracht der Livree, wie des Geschirrs der Pferde, erhielt noch
dadurch etwas Auffallendes, dass Schnitt und Formen veraltet waren, wie frisch
und neu auch der Stoff selbst war. Der Wagen, dessen helle Spiegelfenster schon
von fern in der Abendsonne leuchteten, ebenfalls mit aufwärts stehenden
Zierraten in reicher Vergoldung eingefasst, erinnerte an fürstliche
Staatskutschen aus früherer Zeit.
    »Wer in aller Welt,« lachte Curd, »sitzt in dem verruchten alten Kasten!
Schade um die prächtigen Pferde, die solche Last ziehen müssen!«
    Jetzt nahete und hielt das seltsame Prachtwerk. Ein Piqueur sprengte in den
Hof.
    »Cousine!« flüsterte Curd mir ins Ohr, »das ist gewiss ein Abgesandter irgend
eines grossen Potentaten, der von der Schönheit der beiden Töchter des Hauses
gehört hat, und um Eine wenigstens werben soll! Gott!« rief er, sich vor
Vergnügen die Hände reibend, »wenn wir doch das der Gräfin einbilden könnten!«
    Ehe ich noch Zeit behielt, ein Wort hierauf zu erwiedern, hörte ich unsere
leichtbewegliche Wirtin schon innerhalb ausrufen: »Wo denn? Wo denn?« Im
Augenblick darauf stand sie neben mir auf der Terrasse. Sie sah neugierig nach
der Strasse hinunter. Die Hand schirmend gegen die Augen haltend, welche die
scharfen Strahlen der Abendsonne blendeten, sagte sie überrascht und enttäuscht
zugleich: »Mein Gott! der Comtur, und in grosser Galla! Er kommt wohl, mir den
neuen Majoratsherrn zu präsentiren.«
    Die Reihe des neugierigen Herzueilens kam nun an mehrere Andere aus der
Gesellschaft. Auch an mich, ich leugne es nicht, obgleich ich wissen konnte, dass
Hugo nicht in der Nähe war.
    Agate und Rosalie liessen Gesang und Musik im Stich, und sahen mit den
niedlichen Köpfchen lauschend aus der Türe.
    Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet. »O viel, viel Ehre!« rief die Gräfin
dem eintretenden Bedienten entgegen. Gleich darauf hielt der Wagen an der andern
Seite des Hauses vor der Haupttüre. Unwillkührlich blickten alle Augen auf den
Eingang des Salons. »Sie kennen unsern Nachbar?« sagte die Gräfin zu mir
gewendet. »Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen,« erwiederte ich.
»Unmöglich!« versetzte sie, »war er denn nie bei dem Präsidenten?« Ich wusste
gewiss, dass das nicht der Fall gewesen.
    »Ach!« versicherte sie, mit einer Art Respekt in Ton und Miene, »da werden
Sie eine interessante Bekanntschaft machen.«
    Der, von welchem die Rede war, stand indes schon mitten im Zimmer. Die
Gräfin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Berücksichtigung auf ihn zu. Beide
begrüssten sich unter mancherlei Hin- und Herreden.
    Ich behielt Zeit, die Anmut und Würde einer Ehrfurcht gebietenden und
rührenden Erscheinung, die ich jemals sah, ungestört zu bewundern.
    Die zwanglose, vornehme Art, mit welcher der Comtur eingetreten war, hatte
nichts von der veralteten Förmlichkeit, die seine Umgebungen ankündigten. Er
bewies mir, dass der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehört.
    Agate hing sich mir, während ihre Mutter beschäftigt war, an den Arm, indem
sie voll Extase flüsterte: »Er sieht superbe aus! Mein Gott! welch elegante
Tournure, und die prächtigen Augen! Wie schade, dass die Haare schon weisslich
schimmern! Die Augenbraunen zeichnen sich ganz köstlich gegen die Stirne aus.
Sehen Sie, ich bitte Sie, wenn er sich so gegen Mama herunter beugt, mit welcher
einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt.«
    »Ein Glück,« lachte Rosalie, welche herzu getreten war, »dass der himmlische
Mann nicht zwanzig Jahre jünger ist, wir stritten uns beide bis aufs Blut um
ihn.«
    »Dann müsste ich mich ja mit ihm schlagen,« fiel Curd schnell ein. »Ich
könnte ihm doch den Sieg über die beiden schönen Schwestern nicht einräumen.
Aber auf Ehre.« fügte er hinzu, »zu seiner Zeit ein gewandter und gefährlicher
Gegner! Was das noch für eine Gestalt ist, selbst in dem verwünscht altmodischen
schwarzen Rock! Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang, und doch
trägt er sich so hoch, und sieht so schlank aus, dass man ihn beneiden könnte.
Aber welch eine Toilette, mir wird angst und bange. Der Ordensstern sitzt unter
der Brust, statt oben an der Schulter. Das Halstuch -«
    »O schweigen Sie! ich bitte Sie,« rief ich ärgerlich. »Der Mann ist ja nicht
von heute und gestern, das dächte ich, sähen Sie.«
    »Das ging wohl auf mich? Cousine,« bemerkte Curd harmlos. »Nun, bin ich
gleich keine respectable Antique, so bin ich doch kein Brudermörder. -« Ich sah
ihn entsetzt an. »Ja! auf Ehre,« beteuerte er, »an dem ist kein gutes Haar. Hat
er nicht auf die schändlichste Weise von der Welt den rechtmässigen Erben um
Alles gebracht?«
    »Auf die schändlichste Weise?« wiederholte ich, als die Gräfin mit dem
Comtur an der Hand zu mir heran trat, und dadurch unwillkührlich die kleine
Gruppe teilte.
    »Ich stelle Sie einander nicht erst vor,« sagte die gewandte Frau. »Zwei so
liebenswürdige Nachbarn,« lächelte sie verbindlich, »sind durch den
beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet, um nicht auf den ersten Blick über
jeden Zweifel hinaus zu sein.«
    »Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft, gnädige Frau,« entgegnete
der Comtur, indem ein höchst angenehmes Lächeln sein ernstes Gesicht erhellte,
»so darf ich mir nicht schmeicheln, die Aufmerksamkeit der Jugend und Schönheit
zu verdienen. Nennen Sie daher der Dame gütigst meinen unbedeutenden Namen.«
    »Er ist mir nicht fremd,« versicherte ich, in einem unbegreiflichen Gemisch
von Teilnahme und Beklemmung. Ich errötete, als ich das sagte. Mir kam es vor,
als habe ich dadurch verraten, auf welche nachteilige Weise ich zu seiner
Bekanntschaft gekommen war.
    Der Comtur heftete nun forschende Blicke auf mich! Sein Gesicht hatte den
Ausdruck schmerzlicher Unruhe. Mund und Augen verrieten den Kampf peinlicher
Erinnerung. Es tat mir leid; denn ob er sich gleich zu lächeln zwang, so
glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen, das dem Bekenntnis
früherer Schuld und dem Tünch eines erkünstelten Gleichmuts ziemlich nahe kam.
    Wir blieben mehrere Secunden stumm einander gegenüber, bemüht, wie ich
glaube, dasjenige zu erraten, was wir gegenseitig verschwiegen.
    »Ich muss mich doppelt glücklich nennen,« hub er zuerst wieder an, »heute
auch Ihre Nachsicht, gnädige Frau, für eine junge Anverwandtin erbitten zu
dürfen, deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte. Mein Neffe, Graf
Hugo, verheiratet sich, wie ich glaube, heute. Die jungen Eheleute werden bis
zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen. Wollen Sie der
Fremden, hier völlig Unbekannten, eine gütige Beschützerin sein?« fragte er mit
einem Tone, der zugleich der Eitelkeit schmeichelte, und die Teilnahme
unwiderstehlich in Anspruch nahm.
    Während ich ziemlich verlegen, und in dem Gefühle hiervon, wie ich glaube,
weniger natürlich als sonst, etwas Unbedeutendes sagte, rief die Gräfin: »Wie!
heute ist die Hochzeit des Grafen, und Sie sind hier? Mein Gott! wer soll die
Braut anders zum Altar geleiten, als das Haupt der Familie! Ich würde an der
kleinen Emma Stelle untröstlich sein, gerade Sie unter den Hochzeitsgästen zu
vermissen.«
    »Es ist besser, ein Fest zu meiden, als es zu verderben,« entgegnete der
Comtur, kurz und entschieden, so, als werfe er rasch eine lästige Empfindung
bei Seite.
    Ich erschrack unwillkührlich vor dem veränderten Tone seiner Stimme. Es lag
etwas Schroffes darin, das sich zugleich in seiner völlig verfinsterten Miene
zurückspiegelte.
    Wie sehr er sich auch gleich darauf bezwang, er gewann die vorige, freie und
leichte Stimmung nicht wieder, und ob er auch mit Gefühl, ja mit Wärme von der
nahen Aussicht sprach, ein ungehofftes Familienglück in der eigenen Häuslichkeit
aufblühen zu sehen, so geschah es doch nicht ohne Anstrengung, davon zu
sprechen.
    Sonderbar genug, er wandte sich fast immer in der Unterhaltung an mich. Es
befremdete und verwirrte mich anfangs. Ich glaubte, er habe mich erraten und
wolle mir eine bessere Meinung von sich geben. Nachher aber sagte ich mir, es
geschieht, weil er mich durch Eduard vom dem Gange der ganzen Verhandlung
unterrichtet glaubt, und am leichtesten hier anknüpfen mag.
    Sei es so oder so! der Mann hat mir ein undeutliches Bild gelassen, das mich
anzieht und ängstigt zugleich. Ist der Neffe ihm gleich, oder nehmen die
Verhältnisse der neuen Familie dieselbe schwankende Farbe an, so wird es mit den
nachbarlichen Beziehungen wohl nicht zu einer besondern Intimität kommen.
    Sie sehen, Sophie, Ihr Schweigen ist so unnütz als betrübend. Sie bezwecken
nichts dadurch für Ihre dortigen Freunde, und verletzen die hiesigen. - Wenn Sie
mich noch liebten, wie ehemals, hätte ich bereits eine weitläuftige
Hochzeitsrelation. Seit Sie so bedenklich und berechnend sind, hören Sie auf,
verbindlich zu sein. Leben Sie wohl!
 
                      Der Comtur an die Oberhofmeisterin
Undankbare! Dies harte Wort, mit dem Sie die Tochter aus Ihren Armen lassen,
möchte ich Ihnen zurückgeben.
    Ja, Undankbare! können Sie es vergessen, dass Emma dem Leben gehört, dem Sie
sie entgegen führen durften? Soll sie darum niemals allein stehen, weil Ihre
Hand sie noch länger festalten möchte?
    Haben die Jahre Ihnen so viel von der Uneigennützigkeit früherer Liebe
geraubt, dass Sie heute anders empfinden, wie in jener Stunde, da das schwankende
Kind zum erstenmale dem Leitband der Wärterin entlief, und ein eignes, freies,
kleines Wesen vor Ihnen stand, die gewonnene Kraft prüfend?
    War sie Ihrem Herzen darum fremd, weil sie glücklicher war?
    Und jetzt? - Gewiss, Sie haben Unrecht, grosses Unrecht!
    Wollten Sie es anders, weshalb überhaupt die weltlichen Beziehungen? Warum
bestimmten Sie die Tochter nicht für das Kloster, wenn Sie ihr Herz zu schön für
den Wechseltausch menschlicher Empfindungen nennen?
    Aber es schien Ihnen grausam, das junge Leben in der Knospe verhüllt zu
lassen. Auch jetzt bin ich überzeugt, verwerfen Sie mit Abscheu den blossen
Gedanken daran. Nun, ich streite darüber nicht. Ich habe indes die Ueberzeugung,
dass der Mensch sich immer auf die eine oder die andere Art zum Opfer bringen
muss. Tut er es nicht freiwillig, so zwingen ihn die Umstände, fremdes oder
eignes Wohl, die Ruhe des Gewissens, oft auch der Überdruss des Lebens dazu.
    Es ist nicht abzusehen, welchen von allen diesen Beweggründen die Ansprüche
Ihrer Tochter werden erliegen müssen! Doch, es gibt überall nur einen Faden
durch das Labyrint des Lebens, und den muss ein jeder selbst finden. Fremde
Brillen passen selten. Sie trüben nur den Blick.
    Deshalb Geduld! liebe gnädige Frau. Geduld! Sie waren früher so eilig, das
Verhältnis zwischen beiden jungen Leuten zu begründen, lassen Sie ihnen nun
Zeit, in Harmonie mit der innern und äussern Welt zu treten.
    Ich würde mir selbst anmassend erscheinen, wollte ich ein Urteil über meines
Neffen Charakter aussprechen. Die Elemente seiner Natur sind mir meistenteils
fremd. Auf das erste Empfinden hin, scheinen alle zu verflüchtigt, um es in ihm
selbst, bei der glücklichsten Mischung, zu irgend einer vollständigen Gestaltung
der Ideen kommen zu lassen. Es zieht das beobachtende Auge in eine unermessliche
Weite hinaus, aber man findet keine Ruhestätte, um zu verweilen. So, sage ich,
würde das Selbstgefühl, das eben kein Echo hier findet, sprechen. Doch das
Selbstgefühl hat nicht mitzureden, wenn ein fremdes Bild in das Bewusstsein
treten soll. Ausserdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns. Er kann sie
überfliegen, das traue ich ihm zu, allein, ob er mich dabei findet? ist eine
andere Frage. Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht, den härtesten Stein
aufzulösen. So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstosses weg! Es
ist nicht leicht zu entscheiden, ob solche Glut Hugo's Seele ausfüllt? oder ob
diese nicht leere und kalte Stellen birgt, in denen gerade wir beide
zusammentreffen? -
    Ich sage Ihnen das, gnädige Frau! damit Sie bei Zeiten meinen Einfluss auf
Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemüt in das rechte Licht stellen, und hier
keine Wunder erwarten.
    Das ist überhaupt selten von grosser Wichtigkeit, was ein Mensch vom Andern
augenblicklich erwirbt. Und irre ich nicht, so wird Hugo in Allem sehr leicht
nachgeben, doch nie ein Anderer sein.
    Sie haben ihn gekannt, gnädige Frau, als Sie die Neigung der schönen Emma
billigten. Wenn er Ursache gibt, Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen, so bin ich
hierbei doch gewiss ausser Schuld.
    Aber, weshalb auch Besorgnisse! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu? Wir
wollen keine andern hegen, als solche, die der Wandel alles Zeitlichen dem
Nachdenkenden von selbst aufdringt, dann kommt man nie vom rechten Wege.
    Es scheint mir gut, dass die jungen Leute sogleich eine kurze rasche
Ausflucht in die Schweiz machen. Dies heimatlose Hinziehen durch unbekannte
Gegenden, das Abreissen von allen Gewohnheitsbanden, die Einsamkeit in der Fremde
führt näher zusammen, und schafft in dem, was die Seele gemeinschaftlich traf,
einen eigentümlichen Quell der Erinnerung. Man schöpft immer eine Weile daraus,
und belebt in der Gegenwart dasjenige, was diese anfangs einfarbig und unbequem
erscheinen lässt.
    Um indes meinerseits auch nicht ganz müssig zu sein, habe ich gesucht, Emma
eine heitere Geselligkeit für die, immer etwas trüben Herbsttage zu gewinnen.
Das Haus der muntern Gräfin von Ulmenstein versammelt eine regsame, mitteilende
und empfängliche junge Welt. Hier sind die blühenden Töchter des Hauses, und mit
ihnen alles, was städtischer Verkehr an ihre Schritte bindet. Tanz, Musik,
Conversation, Geist und Gefühl, kurz, das gute und richtige Gemisch
übereinstimmender und widerstreitender Elemente, aus denen die Gesellschaft
bestehen muss, soll sie überhaupt bestehen. Ich warf mich vor einigen Abenden,
ganz meiner Gewohnheit entgegen, in das bunte Gewühl, und ward nicht unangenehm
durch Fremdes und Neues, das mir entgegentrat, überrascht. Vorzüglich gefiel ich
mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes, des
Präsidenten. Sie wissen, wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines
Neffen schuldig sind. Den Zutritt in seinem Hause nachzusuchen, schien mir daher
für die Neuvermählten eine Pflicht, an welche ich gern durch die anziehende
Einfachheit und Grazie der schönen Frau erinnert ward. Sie stand in einem Kreise
lachender und schwatzender Modepüppchen, unter denen sie sehr vorteilhaft,
durch Gestalt und Wesen, hervortrat. Es war nicht Nachlässigkeit, nicht Absicht
in Tracht oder Benehmen zu spüren.
    Das frische, weisse Kleid, ohne entstellende Verzierungen, stand sehr wohl zu
dem reichen, kastanienbraunen Haare, und dem reinen, tiefen Blick der schönsten
blauen Augen, die je eine lange, dunkle Wimper beschattete. Als ich mich ihr
nahete, trat sie mir zwanglos entgegen, empfing meinen Gruss, wie eine
Schuldigkeit, und würdigte, was davon ihrer Anmut galt, mit verständigem
Gleichmut. Sie hatte von dem jungen Paare, das ich ihr zuzuführen, um die
Erlaubnis bat, gehört, sie fragte mit Teilnahme nach beiden, und zeigte sich,
ohne affectirte Uebertreibung des Ausdrucks, bereit, ihnen den Eintritt in die
fremde Welt zu erleichtern. Es liegt Natur und Wärme in ihrem ganzen Wesen, das
ein feiner Geist, mehr unbewusst begleitet, als bewusst beherrscht. Wie sie ist,
hat sie mir gefallen, auch geniesst sie allgemeine Achtung, die weniger ihrer
Stellung in der Welt, als ihrer Person gilt. Irre ich nicht, so wird Emma in ihr
eine Freundin finden.
    Und nun getrost, gnädige Frau! lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen
Lauf. Es kehrt sich wenig an unsere Launen. Auf eine, oder die andere Art macht
sichs immer wieder Bahn. Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht
weiter als zu Anfang, und bringen nur müde Füsse mit nach Hause. Vergeben Sie es
mir, wenn ich Sie hier frage, ob Sie jemals durch die Ausführung irgend eines
Planes völlig befriedigt wurden? oder, ob Sie nicht über den Moment des
Erlangens hinaus, lieber alles umgeworfen, und die Sache von neuem und anders
angefangen hätten? Glauben Sie mir, Sie sind es nicht allein, es ist der Mensch
überhaupt, der so empfindet. Wir kennen keinen Genuss. Was wir so nennen, ist nur
das rote Läppchen an der Angel, die uns fortzieht. Das Ziel täte es, und nicht
das Streben darnach allein.
    Ich küsse Ihre Hände, und lege diese auf die Häupter Ihrer Kinder, dass Sie
sie in Freudigkeit segnen mögen.
                                                                Ganz der Ihrige.
 
                                Hugo an Heinrich
Ich will Dich nicht glauben lassen, die Flitterwochen vermöchten so viel über
mich, dass ich die übrige Welt darüber vergässe. Ich bin in meinem Leben nicht
geneigter gewesen, da Unterhaltung zu suchen, wo sie sich mir bietet, als eben
jetzt. Ehrlich gestanden, dieser Nachhall des ausgesprochenen Ja, ist ein wenig
eintönig! Was sagt man sich noch, wenn alles beantwortet ist? Missverstehe mich
nicht. Emma's Nähe ist wie der Frühling. Sie überkleidet alles mit jenen
Lichtfarben, die uns anlächeln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen.
Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen. Aber - doch genug! - Ich
brauche scharfe Schatten, und verliere mich gern in die Tiefe zackiger,
unförmlicher Schlüfte, aus denen der wilde Schrei der Natur meine träumende
Seele wie ein Echo anruft.
    Wir sind moderne Reisende, Heinrich. Wir fahren die gebahnte, geebnete
Strasse, verweilen, wo Alle verweilen, und bewundern, was Alle bewundern. Emma
ist entzückt. Ich begleite sie willig, aber sie kann mir auf meinen einsamen
Wanderungen durch das Labyrint grossartiger Verwilderung nicht folgen.
    Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise. Nenne es, wie Du
willst. - So viel weiss ich wohl, dass man sich auf der einen wie auf der andern,
allein, am freiesten bewegt.
    Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt. Wie jener sich beschränkt,
muss dieser sich über Vermögen anstrengen. Man mag die Kräfte gegenseitig
abwägen, wie man will, jede Probe zeigt, dass die Berechnung falsch war.
    Doch genug! wir reisen!
    Es war bei alledem gut, dass wir aus der Klemme der Hofetiquette und
Familienrücksichten herauskamen. Ich war wie zwischen zwei Mühlräder zermalmt.
Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lächerlicher, als der Wahn, dass ein
Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt. Die Gewohnheit ist hierin, wie
in so Vielem, die grösste Gauklerin. Sie macht die Fabel zur Historie.
    Du kennst indes meine Art. Ich mag Niemanden Ärgernis geben. Lieber, wie
Atlas, die Welt tragen, als einen Wurm in ihr wissentlich kränken. Wer an dem
Spiele seine Freude hat, dem spiele ich zu Gefallen mit. Ueberdem, die Maske war
einmal angelegt, ich musste ihrem Charakter treu bleiben. So liess ich mir ein
Ordensband umhängen, und meine Schwiegermutter hierauf Pläne und Hoffnungen für
die Zukunft bauen. Sie hat etwas darin getan, Pläne zu machen! Nun, ihr ist es
Bedürfnis! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone. Alles, was sie mit Blicken
erreichen kann, muss dem Glanze dieses einzigen, das Wert für sie hat, als Folie
dienen. Du kannst Dir vorstellen, was sie den übrigen Menschen ist, und diese
ihr unter solchen Umständen sein können?
    Wir passen wenig für einander. Meine Teorie von leben und leben lassen,
findet hier keinen Eingang. Sie hat sich in mir verrechnet, und das verzeiht sie
dem Geschick so wenig, als mir.
    Ich bin ihr bei alledem gut. Mir verschlagen ihre Irrtümer nichts. Sie hat
Verstand, und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefühl, dennoch eine
ausserordentliche Regsamkeit des Geistes. Mit solchen Leuten kommt man immer
zurecht, wenn sie uns auch zu schaffen machen.
    Unter meine Geduldproben zähle ich die Hochzeitfeier. Es war ein
alltägliches Hoffest daraus gemacht worden. Zum Glück, wissen fürstliche
Personen dergleichen schnell abzumachen. Trauung, Gratulation, Diner,
Entlassung, alles ging in einer Hetze fort, so dass wir uns im Wagen, aus der
Stadt, auf dem Wege hierher, befanden, ehe ich noch Zeit behielt, das Geschehene
mit Gelassenheit zu überdenken. Emma hatte sich mehr betäubt als gefasst aus den
Armen ihrer Mutter gerissen, und es vielleicht kaum wahrgenommen, dass diese das
Scharfe, was ihren Empfindungen etwas Aetzendes gibt, ganz auf mich übertrug.
Ich war ihr in der Seele zuwider. Sie konnte und wollte das auch nicht
verbergen. Mir tat es wehe. Ich blieb lange auf das Innigste erschüttert;
während Emma ruhig, ohne sichtbare Gemütsbewegung neben mir sass.
    Ich konnte mich nicht erwehren, sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem
Erstaunen anzusehen. Es schien, als entgehe ihr das gänzlich. Es lag ein
Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte, welcher der
abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war, und auf mich ungefähr denselben
Eindruck machte.
    Nach einer Weile bemerkte ich, dass sie leise betete, und den Beistand eines
höhern Wesens anrief, mit welchem sie sich in liebendem, natürlichem
Einverständnisse befand.
    Seitdem fand ich sie öfters so. Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung
noch nicht völlig klar in ihr auffinden. Ich trage auch eine gewisse Scheu vor
jedem erläuternden Schritt. Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier
von einander, und die Gewissheit darüber könnte sie stören. Mich stört so leicht
Niemand in dem, was in mir feststeht; aber gegen Formen rennt man an, ohne es zu
wissen.
    Erst gestern machte ich die Erfahrung. Wir krochen am Simplon herum. Ich
liess Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trägern. Sie blickte von hier
ruhig nach den Tälern hinunter, indes ich, von innerer Unruhe getrieben, froh,
mir einen Augenblick selbst anzugehören, alle Mühseligkeit verachtend, die
zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm, und jetzt auf
einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah. Allein, die
Atmosphäre hing, von Dünsten verdeckt, wie ein wallender Vorhang, zwischen der
Stelle, wo ich stand, und den nächsten hundert Schritten unter mir. »Alles ist
anders, als man es denkt!« rief ich, und wollte den Rückweg antreten. Es war
indes leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne, die Vorbereitung
einer Explosion der Elemente wahrzunehmen. Ich wollte das abwarten, und folgte
nun mit steigendem Anteil dem Kampfe der Natur. Blauschwarze, electrische
Ballen wälzten sich unförmlich, und von ihrem eignen Luftzuge gedrängt,
übereinander zu einem schauerlichen Chaos. Es ward dunkler und dunkler, zuletzt
ganz finster, die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehüllt. Da
fuhr der Stoss einer kreuzenden Luftschicht, wie ein langer weisser Strahl in den
aufgetürmten Knäuel, und, als sollten Himmel und Erde untergehen, so fasste und
riss ein Wirbelwind, der die Welt aus ihren Fugen zu reissen Miene machte, in das
Gewölk. Ein Augenblick noch, und die gährenden Stoffe stürzten krachend und
schäumend unter Donner und Blitz und Wogenströmen in die Tiefen hinab, über mir
ward es hell wie in einer azurnen Kugel. Ich blickte überrascht und sprachlos um
mich. Die majestätische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrückt auf
demselben Fleck. Doch, ich dachte an Emma, und arbeitete mich nun durch das
Unwetter, das vor mir herging, hindurch, zu der Stelle, wo ich sie gelassen
hatte. Sie war nicht mehr dort. Ihre Träger kamen mir indes, durch sie
abgeschickt, bereits entgegen. Ich erfuhr, dass eine nahe Hütte ihr Obdach gebe,
und eilte nun dahin. Es stürmte und regnete noch in einem fort. Sie flog mir in
die Arme. Der Gedanke, dass die zerstörende Macht der Elemente uns plötzlich hier
am Eingange eines neuen Lebens hätte trennen können, erschütterte mich
unwillkührlich. Ich war bewegt, und zeigte es ihr. Sie sah mich mit ihrem
stillen, festen Blicke an. »Ich wusste es wohl,« sagte sie, »dass Dir nichts
begegnen würde.« »Bist Du so zuversichtlich?« entgegnete ich, vielleicht ein
wenig kühler als zuvor. »Ich bin es nur in einer Art,« versicherte sie mit
abgewandtem Gesicht, indem sie, ohne weiter etwas hinzuzusetzen, an das kleine
Hüttenfensterchen trat. Ich folgte ihr dahin. Das Gewitter zog immer tiefer
abwärts. Die jenseitige Bergwand färbte sich schon wieder im rötlichen Licht
der Abendsonne, ein feiner Sprühregen flimmerte silbern zwischen den Steinen.
Eine Heerde weisser Ziegen und buntgefleckter Kühe zog einzeln und lautlos
vorüber. Der junge Hirtenknabe folgte ihnen, sein Liedchen pfeifend. »Sieh,«
rief Emma, mit einem Lächeln, das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte.
»Sieh, wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat. Die Sonnenlichter
drüben gehen wie seine Friedensboten über die Berge.« Ich bemerkte, indem sie
sprach, ein kleines silbernes Cruzifix, das sie sonst verborgen an einer Schnur
um den Hals trägt, über ihre gefaltenen Hände herabhängen. Gewiss hatte sie, in
der Angst ihrer Seele, ihre Zuflucht dazu genommen.
    Ein jeder hat seine Art, dachte ich, und liess sie. Doch erwiederte ich:
»Hier ist Ruhe und Ordnung, allein dort oben war es, als rolle der feurige Wagen
des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin, und schleudere
seine Wetter auf die Erde. Nichts,« fuhr ich fort, »füllt meine Brust mit so
heiligen Schauern göttlicher Erhabenheit, als die grossen Erscheinungen der
Natur. Das sind lebendige Symbole. Sie reden mit andern Zungen, als todte
Bilder.«
    »Die Natur ist auch ein todtes Bild,« meinte sie, »ohne das Leben in dem
Glauben des Christen.«
    Ich lächelte. Sie war ernst geworden. Zum erstenmale sah ich den Schatten
einer Wolke auf ihrer Stirne. Sie sagte nichts. Aber es war ganz klar, ich hatte
ihr wehe getan. Es wird gewiss nie wieder geschehen. Aber da siehst Du, es sind
immer nur Formen, die zwischen die Herzen treten. Das ist der Fluch der
Menschheit!
    Lebe wohl, Heinrich! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite! Man muss doch
wieder in die gezogenen Schranken zurück.
    Nun! ich komme auch zurück. Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen.
- Den Meinigen? Wer sind sie? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache, ohne
viel darüber nachzudenken, angenommen, und damit die Begriffe gewaltig auf den
Kopf gestellt.
    Aber! Lebe wohl! Lebe wohl!
 
                                Sophie an Elise
Sie sollten mir ohne Worte und Gründe verzeihen, geliebte Elise, die Freude des
Wiedersehens, hoffte ich, werde meine Verteidigerin sein. Alles war vorbereitet
zur Abreise. Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes, gerührtes Lächeln, im Kampfe
mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit, der mehr und mehr an der Wärme
aufflammender Freundschaft wegschmolz. Das alles sind nur Gedankenbilder
geworden. Ich werde Sie sehr lange nicht sehen! Lassen Sie mich alle
Empfindungen unterdrücken, die hierbei in mir laut werden. Schelten, urteilen
Sie auch nicht, ehe Sie es wissen, dass ich ein Opfer bringe, und dabei leide.
    Liebste Elise, die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand
versetzt, von dem nur diejenigen einen Begriff haben, welche diese merkwürdige,
in allen ihren Eigenschaften so eigentümliche Frau kennen. Vielen mag sie
unzusammenhängend vorkommen, da sich im Gegenteil alles scheinbar Abweichende
in einer Richtung bei ihr fortbewegt, und ein und dasselbe Ziel hat.
    Es ist Emma, Emma allein, welche die Saiten ihres Innern so oder so
anschlägt. Der jedesmalige Ton hängt hiervon ab. Liebe zu dem Herzen ihres
Herzens bedingt die ungestüme oder verhaltene Pulsschläge desselben. Wie die
Aussenwelt hierauf einwirkt, oder sie diese, in der einzigen Lebensbeziehung,
die sie kennt, umschaffen oder beherrschen will, das ist die einzige Aufgabe
ihrer Gedanken und Empfindungen. Die Lösung derselben ist schwierig, sie gibt
sie vielen Widersprüchen preis.
    Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen. Ein Anderer übernimmt das
Geschäft, für sie zu denken und zu handeln. Ein Dritter, nach ihrem Gefühl ein
unberufener Dritter, bestimmt über das Wohl und Weh der Teuren. - Es ist nicht
Trauer, nicht Schmerz - Selbstvernichtung, verzehrende Eifersucht, Verzweiflung
ist es, die ihre hohl gewordene Brust zerreisst. Die Wahl der Tochter war nicht
die ihrige. Alles widerstrebte ihren Wünschen in dem Manne, der auf
unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefühle in Emma erschüttert, und
aus dem verborgenen Grunde der fügsamsten Seele eine so starke und
ausschliessende Neigung heraufgelockt hat, dass hier nichts mehr zu unterdrücken
war, sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden musste.
    Die Mutter hat es gebracht. Aber, anders ist es mit dem Augenblick der
Begeisterung, anders mit dem ruhig fortgehenden Leben! Den ersten überfliegt der
Gesammtmensch in uns, dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen
Steigerung empfundener Unbequemlichkeit.
    Die kluge Weltfrau hat an dem unerwünschten Geschick ihrer Tochter gedreht,
geschoben und gehalten, was sie nur daran handhaben konnte, allein das
Verschobene gleicht sich nicht aus. Sie erkennt das schärfer als Andere. Deshalb
ist sie innerlich gebrochen, und kann nichts mit Haltung kommen sehen.
    Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, wo sie mir als stärkere und weisere
Gefährtin kräftig zur Seite stand, und, wenn auch nicht mein Herz zu heilen,
doch Ruhe und äussere Verhältnisse der Hoffnungslosen zu bewahren wusste. Ich
verdanke ihr die sanfte Ausgleichung unzähliger Widersprüche, die Stille und
Freudigkeit meines jetzigen Berufs, einen ruhigen Abend und viele selige Träume
vom neuen Tage.
    Elise, würden Sie es gut heissen, wenn ich die Freundin jetzt verliesse, wo
ich ihr vergelten kann, was sie an mir tat.
    Sie würden es nicht gut heissen, das darf ich zuversichtlich behaupten. Ich
sage Ihnen daher auch ohne alle Furcht vor Missbilligung, dass ich den Winter über
nicht nach meinem Stift zurückkehre, ja, dass ich nicht einmal in Deutschland
bleibe, sondern die bekümmerte Frau nach Italien begleite, wohin sie, in
Aufträgen ihrer Prinzessin, reist, die, wie Sie wissen, aus dem toskanischen
Hause entspross.
    Ich irre wohl schwerlich, wenn ich die Absicht der grossmütigen Fürstin in
dieser Sendung zu erkennen glaube. Sie will etwas Fremdes in die Seele ihrer
betrübten Dienerin schieben, und sie durch andere Gegenstände auf andere
Gedanken bringen. Gleichwohl fürchte ich, wird sie hiermit ganz ihren Zweck
verfehlen. Es gibt Stimmungen, in welchen das Ableiten nur heftiger und
unwilliger auf das eigene Interesse zurückdrängt, und das Uebel ärger macht.
    Das Letzte zu verhüten, hauptsächlich aber die Reise selbst nur möglich zu
machen, was bei dem schlaffen, schwankenden Gemütszustand der wahrhaft
Erkrankten sehr schwer halten würde, habe ich mich zu ihrer Gesellschafterin
aufgeworfen. Die Fürstin billigt, ja wünscht es.
    So werden wir denn schon in wenigen Tagen auf dem Wege nach Florenz sein.
Gott ist überall! und ich gehorche seinem Willen, hier oder dort.
    Dies reicht hin, jede andere Frage des Innern abzuweisen. Machen Sie es auch
so, liebe, zärtliche Elise. Ich weiss, Sie missen mich ungern. Sie haben auch
sonst Niemand, dem Sie sich, in den vielen unbeschäftigten Augenblicken eines
einsamen Tages, mitteilen können. Allein, eben deshalb ist es vielleicht gut,
dass ich eine Zeitlang zurücktrete. Es bringt Sie wohl dahin, Andere aufzusuchen.
Es kann Ihnen nicht entgangen sein, dass man Sie ohnehin des Hochmuts
beschuldigt, und darin etwas Gesuchtes, ja Anmassendes finden will. Zudem ist
Ihnen Emma in Kurzem nahe. Liebe Elise, was soll ich Ihnen weiter sagen? - Ich
fürchte für dies arme Herz. Sie war es, die Hugo ihre Hand gab, er hat sie
angenommen! aber er hält sie so lose, so furchtsam, möchte ich sagen, in der
seinen, als ängstige es ihn, dass er diese nun nicht besser gebrauchen kann. Der
Ernst, die Gewalt ihrer Gefühle, hat das leichte Spiel jugendlicher Empfindungen
in einem festen Verhältnis gefangen genommen. Mir ahndet, die Ketten, welche sie
arglos um sein wie ihr Geschick legte, werden mit dem vollen Gewicht ihrer Last
auf sie allein zurückfallen.
    Doch, wozu die nutzlosen und trügerischen Blicke in eine ungewisse Zukunft.
Liebe, liebe Elise, sein Sie der Schutzengel der Unerfahrnen. Ich lege sie Ihnen
ans Herz. Es ist so schön, das Störende abwenden oder doch mildern helfen.
    Indem ich Ihnen auf solche Weise einen Teil meiner eignen Verpflichtungen,
die ich nur gegen andere vertausche, zurücklasse, und somit mein Andenken auf
die lebendigste Weise bei Ihnen gesichert weiss, verlasse ich Sie ruhiger.
    Könnten Sie in meinem Herzen lesen, Sie würden deutlicher verstehen, was ich
kaum anzudeuten vermag.
    Sein Sie glücklich, beste Elise! und machen Sie Alle durch Ihre Nähe so
glücklich, wie ich es mehrere Jahre hindurch war!
                                                            Auf ewig die Ihrige.
 
                      Die Oberhofmeisterin an den Comtur
Sie tun sehr wohl, dass Sie Ihren Neffen in Schutz nehmen. Ich kenne auch kaum
zwei Menschen, die einander so ähnlich wären, als Sie beide.
    Dies mag Sie befremden. Ich glaube es. Sie wissen vielleicht selbst nicht
warum. Aber ich bitte, erlassen Sie mir die Beweisführung. Mein Kopf, mein
Geist, sind so schwach in diesem Augenblick, dass es vergebliche Mühe wäre, mich
auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen. Nur so viel: Verschiedene Umstände
bilden dieselben Grundzüge des Charakters, hier so, dort anders aus. Die
Familienähnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar.
    Dass Ihre und Hugo's Ansichten von einander abweichen, beweist nichts.
Systeme macht man, die Natur hat man. Sie haben beide keine glückliche. Ich
empfinde es. Mich friert in der lauen Atmosphäre, die Sie umgibt. Ich könnte
lachen über alles, was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen, hätte ich das
seit Emma's Abreise nicht verlernt. Was wissen Sie von den zarten Fäden, die von
dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern.
    Einsiedler, in der Welt wie im Gefühl, predigen Sie in der Wüste, aber nicht
am Hausaltar liebender Familien; dies Heiligtum bleibt Ihnen unzugänglich.
    Ihr Trost wird Zurechtweisung. Ich forderte den einen nicht, und bin wenig
gestimmt, die andere zu ertragen.
    Mir werfen Sie es vor, die Verbindung beschleunigt zu haben, welche ich
jetzt ungeschehen wünsche. Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung. Das,
dächte ich, wissen Sie. Doch einmal, bis auf einen gewissen Punkt gedrängt,
wollte ich Licht sehen, und machte daher Tag. Sie zwangen mich zu handeln, das
ist es, was Sie meine Ungeduld nennen. Sie verstehen nicht, wie eine Mutter,
auch mit widerstrebendem Herzen, an die Erfüllung der Wünsche ihrer Kinder
denken kann!
    Aber ich werde ganz krank, bei den vielen unnützen Worten, die Sie doch
wieder falsch auslegen werden. Darum lassen wir es gut sein!
    Ich bin auf dem Wege nach Florenz. Es ist eine von den vielen Reisen,
bestimmt, eine Lücke im Leben auszufüllen, sonst zwecklos, und daher unbequem.
    Ich füge mich ohne Widerrede in die Anordnung der Prinzess, teils, weil sie
es so wollte, teils, weil ich einen Augenblick glaubte, unterwegs mit Emma
zusammenzutreffen. Es reizte mich die Vorstellung, sie zu überraschen. Allein
Hugo hat, wie er sich ausdrückt, so grosse Ungeduld, die Herbstjagden im
heimatlichen Gebirge mitzumachen, und Emma die grünen Wellen des
vaterländischen Stroms in dem Lichte der vollen Septembersonne zu zeigen, dass
beid schon auf dem Wege zu Ihnen sind. Es mag auch sein! Ich lasse mich nun um
so ruhiger fortschieben. Doch bin ich, ich gestehe es, über die Eile Ihres
Neffen verwundert. Was zieht ihn denn so mächtig zu Ihnen zurück? Der Gedanke,
ein Eigentum, einen Heerd zu besitzen, und dort als freier Mann zu gebieten, zu
handeln? - Nimmermehr! Er dünkte sich wohl freier als jetzt, da er Niemanden
verpflichtet war. Ist er des Umherstreifens müde? Nun! so scheut er doch das
Bleiben an einem Orte noch mehr. Oder, ist es Emma's Begleitung, die ihm die
Lust am Reisen verdirbt? Unter allem ist gerade das Schlimmste das
Wahrscheinlichste.
    Dem Vogel sind die Flügel beschnitten, und für den, welcher gern den Adler
gespielt, auf steilen Höhen gehorstet, den freien Flug eifersüchtig bewahrt
hätte, für den ist die Rolle des Haushahns im abgegränzten Zwinger anstössig.
Mein Gott! warum genügten die Luftregionen nicht. Möchte er immerhin in seiner
erhabenen Einsamkeit, auf starrer Klippe, dem Stolz mit prächtigen Träumen
schmeicheln, ich hätte nichts dawider gehabt. Aber ihm gelüstete nach den
Früchten des Tales. Er liess sich zu ihnen herab. Der Traum ist aus, das ist
sein Unglück.
    Doch, da ich daran denke! Von Früchten des Tales oder der Welt, mir
gleichviel. Es kommt mir vor, auch Sie haben noch nicht den Geschmack daran
verloren. Sonderbar genug, ist das einzige Lebendige in Ihrem Briefe, die
Schilderung der artigen Frau, welche Sie höchst grossmütig zu Emma's Freundin
bestimmen. Bis auf das weisse Kleid und dessen nachlässige Eleganz, zeichnen Sie
die neue Dame Ihrer Gedanken auf das Papier. Mein guter Comtur! Sie haben nicht
wohl daran getan. Wie sie dort steht, trägt sie alle Züge der gefeierten
Herrscherin eines engen und flachen Kreises, welchen die Gräfin überall um sich
versammelt, und den Sie gute Gesellschaft zu nennen belieben. Ich weiss es seit
lange, dass Männer kein Urteil über Frauen haben, und die Grade des geselligen
guten Tones nur nach dem Termometer ihrer Eitelkeit anzugeben wissen. Wie der
Ihrigen durch das zuverlässig einfältige Erstaunen der Kleingeister zu
Ulmenstein, bei dem unerwarteten Auftreten eines bekannten Sonderlings,
geschmeichelt ward, ist mir gar nicht zweifelhaft.
    Es ist in der Ordnung, ich tadle Sie deshalb nicht. Aber begreiflich wird es
mir, dass die Bizarrerie ganz gewöhnlicher Pretention, die auf besonderem Wege
ihrem Ziele nachläuft, Sie bestach. Der Präsident ist kein gewöhnlicher Mensch.
Sein Charakter ist der eines Mannes, der seinen Weg bestimmt geht. Durch den
Flitter der Mode war der nicht zu erobern, eben so wenig führt eine bequeme
Strasse zu seinem Herzen. Und wenn es vielleicht auch nur um die Hand zu tun
war, so musste doch dieses in Beschlag genommen werden. In solchem Dylemma wählt
man denn schon einen ungebahnten Pfad, auf dem sich die jugendliche Gestalt
ohnehin um so überraschender und in die Augen springender ausnimmt. Dergleichen
Coquetterien sind sehr wohlfeil, und bei der Leichtgläubigkeit der Männer
ausserordentlich belohnend.
    Dem sei nun wie ihm wolle, ich hege gegen jede ausgezeichnete Art und Weise
der Frauen Argwohn. Was ächt ist, fordert keine besondere Fassung!
    Ueberdem bedaure ich Ihre Mühe, für Emma eine Wahl getroffen zu haben. Die
wählt selbst! Das liegt ja nur zu sehr am Tage.
    Leben Sie wohl. Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin bis in den Tod betrübt.
Deshalb vergessen Sie, wenn ich heftige und ungleiche Worte sprach. Ich weiss
kaum, was ich denke und empfinde.
    Es ist gut, dass Sophie mit mir geht. Ihnen verschlägt das wohl weiter nicht
viel, und ihr ist es notwendig.
    Leben Sie wohl!
 
                                Elise an Sophie
Nein, ich schelte, ich urteile nicht über Sie. Es ist zu viel Wehmut in mir,
um der Galle Raum zu geben! Könnte ich es bis zum Unwillen bringen, ich wäre
einer grossen Last überhoben! Der Kummer schwächt mich. Ich habe ungern mit ihm
zu schaffen.
    Mein Gott! wie hängt Eines am Andern! Ich dachte es gleich, als Sie
abreisten. Es war der erste Riss in dem sanften, beruhigenden Gewohnheitsleben.
Ich dachte es gleich, dabei bleibt es nicht!
    Solche Erschütterungen machen gewöhnlich einen Abschnitt in den
Verhältnissen. Die unterbrochene Zeit scheidet sich in zwei Stücke. Das erste
ist durchlebt, es liegt hinter uns. Von dem, was kommen wird, wissen wir nichts.
Aber haben Sie schon gesehen, dass ein geschürzter Faden keine Spur des Knotens
zurückliesse? Geben Sie Acht, an dem Absatz oder Höcker im Gewebe geht viel, viel
von der bisherigen Uebereinstimmung verloren.
    Sie haben eine seltene Gabe, sich Ihren Freunden unentbehrlich zu machen! Es
ist eine Leere um mich entstanden, die der ganzen Gegend die unfreundlichste
Kälte gibt. Ich weiss nicht, wo ich mit mir selber hin soll. Werden Sie es
glauben? Die Zeit wird mir lang! Und das ist mir so neu, so unbequem, dass ich,
aus Schaam und Mitleid mit mir selbst, weine.
    Kennen Sie wohl die Stimmung, wo Einem Musse und Beschäftigung, beide gleich
lästig sind. Ich kenne und verabscheue sie, und doch werde ich sie nicht los.
    Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher
ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres Innern auf, und lassen
mich gleichwohl nichts anders als den rätselhaften Titel eines langen Romans
lesen. Ich weiss es jetzt gewiss, Sophie, eine tiefe, noch jetzt fortdauernde
Leidenschaft brachte Sie in die Mauern Ihres Stiftes. Die Gräfin gab längst
etwas Aehnliches zu verstehen, und ihre Schuld ist es auch wahrhaftig nicht,
wenn ich den Gegenstand nicht kenne. Ich gestehe Ihnen, es war nicht sowohl
Bescheidenheit, als unüberwindliche Scheu, was mich ihre Mitteilungen vermeiden
liess. Von Ihnen konnte ich nur durch Sie selbst hören. Solche verstimmte
Bruchstücke aus der Geschichte eines Herzens sind mir immer ein Gräuel gewesen.
    Die Gräfin lachte mich aus. Sie glaubte mich von allem unterrichtet, und
behauptete, ich spiele die Unwissende aus Verschwiegenheit. Ich gab das weder
zu, noch bestritt ich ihre Meinung. »Gehen Sie, kleine listige Katze,« rief sie
mir mit dem aufgehobenen Finger drohend, »Sie haben sich neulich bei dem Besuch
des Comtur verraten.« - Ich sah sie überrascht an. Das Blut trat mir, mit
einem plötzlich aufschliessenden Gedanken, in die Wangen. Die Gräfin bemerkte es
nicht sobald, als sie auf meine verwunderte Frage: »bei dem Besuche des
Comtur?« vor Entzücken, mich ertappt zu haben, laut jubelte, sich abwandt, und
mich stehen liess.
    Sophie! auch Ihnen möchte ich wiederholen: »bei dem Besuche des Comtur.«
Weshalb erwähnen Sie in Ihrem Briefe gar nichts von allem, was der meinige
entielt? Warum schweigen Sie jetzt bei dem Namen eines Mannes, den Sie
verteidigten, wenn ich ihn angriff, ohne ihn zu kennen?
    Es ist überall solch schwankendes Andeuten, jene unselige Allgemeinheit der
Gefühle, die mich immer ungeduldig macht, in dem, was Sie sagen und
verschweigen, dass ich schon deshalb nicht anders als unbefriedigt, geängstet und
missmutig sein kann.
    Georg ist ein Engel! Er sass mir gegenüber, als ich schrieb, und schnitzte
sein hölzernes Pferdchen aus einer Fliedergerte zurecht. Ich hatte die Feder in
der Hand, und heftete, wie ich es öfter tue, den Blick auf irgend einen
Gegenstand meiner Gedanken. »Warum schreibst Du denn nicht?« fragte er, während
er Rute und Messer sinken liess, und mich klug und prüfend ansah. »Vater
schreibt immer, wenn er einmal dabei ist,« fuhr er nachsinnend fort. Ich
lächelte. Er sprang mir schnell auf den Schoss, schlang beide Arme heftig und
fest um meinen Hals, und fing an zu weinen. »Sei nicht so traurig!« schluchzte
er, »Du siehst so traurig aus, warum lachst Du denn nicht? Lache doch! bitte,
lache doch!« rief er immer dringender. Ich war fast erschrocken. Wie hat das
kleine Seelchen so schnell und ahndungsvoll das Gegenbild der meinigen
aufgefasst! Denken Sie doch, Sophie! ich sah ihn ja freundlich an, als er zu mir
sprach. Und doch! und doch! Wie anders liest der Knabe in meinen Blicken als -
Doch genug! er wenigstens wird mich verstehen, und hierin ist unendlicher Trost.
    Ich komme von des Amtmanns Gut, und habe dort ein Paar angenehme Stunden
zugebracht.
    Georg war einmal aus seinem Spiel heraus. Die Tränen der Kinder sind an
manchen Tagen schneller erregt, als gestillt. Der Rührung folgte Unwillen, und
ich musste nun ein Uebriges tun, um ihn aufzuheitern. Die Weintrauben drüben am
Spalier, dachte ich, werden ihn wohl auf andere Gedanken bringen.
    Ich gab ihm die Hand, nahm das schlanke Pferdchen in die andere, so gingen
wir beide, immer noch ein wenig verstimmt, bis an das grüne Gittertor mit den
weissen Spitzen. Es war offen. Die Kinder des Amtmanns fuhren auf einem kleinen
Wagen, den ein geduldiger Esel zog. Körbe mit abgeschnittenen Trauben standen
darauf. Der Weg ging nach dem Winzerhause, unten am Berge. Georg riss sich
sogleich von mir los, und fort ging es mit ihm und den Andern in einem Trabe.
Ich blieb stehen, während ich ihm, nicht ohne Besorgnis, nachsah, und dem
Aeltesten der Knaben zurief, achtsam auf die Kleinern zu sein. »Fürchten Sie
nichts, gnädige Frau!« sagte eine angenehme Stimme hinter mir, »der Wilhelm ist
verständig für seine Jahre, man darf ihm trauen.« Ich wandte mich um. Eine
kleine, feine Matrone, in einem grauen Röckchen und schwarzem Shwal, stand
einige Schritte von der Geisblattlaube, aus der sie nun so eben herausgetreten
sein mochte. Sie hielt die schmale Hand schirmend gegen die Stirne, und sah
unter dem breiten, herausgerollten Strich ihrer Haube klug und achtsam auf das
Treiben der Kinder, verbeugte sich indes sogleich sehr artig, als sie meinem
Blick begegnete. Ich eilte auf sie zu. Wir begrüssten einander. Ihr weisses,
sanftes Gesichtchen flösste mir Vertrauen ein. »Wäre Ihnen nicht gefällig,« sagte
sie, mir den Platz auf ihrem gepolsterten Armstuhl anbietend, während sie ein
hölzernes Schemelchen für sich heranzog. Nichts in der Welt hätte mich dazu
vermocht, ihr den bequemen Sessel, der ganz zu ihr gehörte, und in welchem sie
sich auch nachher vortrefflich ausnahm, zu rauben. »Bewahre! Bewahre!« rief ich,
und kam jeder Einrede dadurch zuvor, dass ich ohne Weiteres das Schemelchen in
Besitz nahm. Sie errötete verschämt, knixte, und wiederholte fast ängstlich:
»Darf ich nicht bitten?« Doch es blieb dabei, und wir sassen einander bald an
einem Tischchen gegenüber, das mit glänzender grüner Wachsleinwand überzogen,
von einer weissen Leiste eingefasst, so fleckenlos und sauber, wie sie selbst, vor
ihr stand. Ein Korb mit Spielzeug und einem Strickstrumpfe, neben diesem ein
Deckelglas, dessen klares Wasser eine feine Rinde Brod färbte, war alles, was
sich darauf befand. Wir waren einander fremd. Es entstand eine Pause. Sie wusste
noch nicht sogleich, wen sie sich vorstellen sollte. Ich dachte hieran nicht.
Mir fiel die Luft des Gärtchens, die vielen Herbstblumen, und die
abgeblätterten, gebräunten Sterne der weissen und roten Rosen, an den hohen
Stöcken, aufs Herz. Seit dem Tode der Amtmännin war ich heute zum erstenmale
hier. Als wir zuletzt in der Laube sassen, blühten die Büsche so voll und
prächtig. Sie schnitt mir, zum Abschied, mit grosser Emsigkeit, einen Straus der
schönsten Rosen ab. Es waren ganz purpurfarbene darunter. Ich verglich diese
noch mit ihren Lippen, die sich lächelnd teilten, und um so frischer gegen die
weissen Zähne abstachen. Gute, gute, hübsche Frau! dachte ich, wie schnell ist
dein junger Morgen durch eine lange, finstere Nacht verhüllt worden.
    Mein graues Mütterchen wandte in diesem Augenblicke den Kopf über die
Schulter, und sagte, heiter zurücksehend, mit herzlichem Lächeln: »Komm nur
immer hervor, Annchen! die gnädige Frau tut dir nichts.«
    Ich bemerkte erst jetzt das allerliebste Kind, das ganz in die Zweige hinein
gekrochen, dennoch den Kopf neugierig zwischen den Blättern hervor steckte.
    Ich nickte ihr verstohlen zu, winkte ihr hervor, und liess Ringe und
Armbänder in der Sonne glänzen, um sie anzuziehen. Sie kicherte heimlich mit
abgewandtem Gesicht, wollte lange von nichts wissen, plötzlich stand sie neben
mir, und spielte mit den angebotenen Schätzen. Ich fasste sie unters Kinn, sah
ihr in die scheuen Augen. »Wie gleicht sie der Mutter!« rief ich überrascht.
»Finden Sie das auch?« entgegnete meine Nachbarin, in einem leisen, von Rührung
gedämpften Tone, der mir ein gepresstes Herz verriet. Mir drängten sich die
Tränen herauf. Ich nickte bejahend. Sie wischte, fast unmerklich, ihre feucht
werdenden Augen, und die andere Hand auf den Kopf der Kleinen legend, sagte sie:
»Ja, mein Sohn hat einen unersetzlichen Verlust erlitten, aber die armen Kinder
sind doch weit übler daran.«
    Ich wusste jetzt, wer sie war, und erwiederte: »freilich wohl, aber es bleibt
ihnen doch die Grossmutter.« »Ach, was will das sagen!« wandte sie kopfschüttelnd
ein. »Mangelt es ihnen auch nicht an Pflege, und liebe ich sie vielleicht nur zu
sehr, es artet sich doch alles anders. Der Mut, der jugendliche Sinn fehlt, dem
sich die Kinder näher verwandt fühlen. Wir Alten sind ängstlich, wir peinigen
durch stete Vorsicht, und glauben die Gefahr abzuwenden, wenn wir sie scheuen.
Eine Mutter hegt besseres Vertrauen, und ist meist immer beglückt durch den
Erfolg; überhaupt, was soll den Waisen die Mutter ersetzen!« seufzte sie, in den
Anblick der kleinen Anna verloren. Ich fühlte, dass sie wahr spreche. Mir schlug
das Herz heftiger, als rege sich, um Georgs willen, die Furcht vor dem Tode in
mir. Aber es war dies auch wohl nicht! Ich weiss nicht, welche Bangigkeit mich
befiel. Der kleine, wilde Trupp stürmte hier wieder in den Garten herein. Mit
den stillen Nachgedanken hatte es nun ein Ende. Den Knaben war es nicht
anzumerken, dass sie irgend etwas in der Welt vermissten, und Georg sah auch nicht
aus, als ahne ihm nahes Unglück. Gleichwohl fand ich die Ersteren roher, und
nichtachtender in Worten und Gebehrden, wie ehemals.
    Ich verstand, was die Grossmutter vorher sagte. Sie kann sie nicht begleiten
in ihrem Sinn, sie steht ihnen zu fern, und darum fahren sie flüchtig und
unbekümmert über sie weg. Es war ein anderes Wesen in der Familie. Ich ward
lebhaft davon ergriffen. Es schien mir, wie nach einer Feuersbrunst. Man bauet
sich wohl wieder auf, aber die Erinnerungen liegen unter der Asche begraben. Die
verständige alte Frau fühlte vielleicht etwas Aehnliches. »Solche
Veränderungen,« hob sie gleichsam entschuldigend an, »lassen immer zerstörende
Spuren zurück. Mein Sohn ist auch nicht mehr derselbe. Sein Haus ist verödet. Er
hält nicht lange darin aus. Es ist nicht gut,« setzte sie bekümmert hinzu. »Die
Wirtschaft stockt. Die wilden Jungen bleiben sich selbst überlassen, und am
Ende fällt doch die Last der schlimmen Folgen auf seine Schultern zurück.« Ich
konnte hierzu nichts sagen. »Das macht,« fuhr sie fort, »er hat die Frau zu sehr
geliebt. Seit der frühesten Jugend lag ihm nichts, als ihr Besitz im Sinne. Wir
waren Nachbarn des Hofpredigers in der Stadt. Mein Mann stand im Dienste des
Fürsten. Dieser beschützte ihn und seine Kinder. Er wollte glückliche Menschen
aus ihnen machen, darum gab er dem Aeltesten späterhin das Amt hier, das seinen
Mann nährt, und eine Frau obendrein, um die es dem leidenschaftlichen Jünglinge
hauptsächlich zu tun war. Alles fügte sich wie von selbst. Zufriedenheit und
Wohlstand zogen mit dem jungen Paare ein.« Sie schwieg einige Sekunden. Ihr
Blick lag am Boden. Als sie wieder aufsah, rollten Tränen über ihr Gesicht. »So
schnell,« sagte sie, »folgt Nacht auf Tag. Ist die Sonne eines Hauses
untergegangen, so wird es dunkel und verworren im Innern.«
    »Ja,« entgegnete ich, »das Glück ist nur ein Gast auf Erden.« »Oder,«
bemerkte sie lächelnd, »ein Bote,« gnädige Frau, »der die Gäste einladen soll.«
Die Worte fielen mir auf. Ich sann mehrere Augenblicke darüber nach. Sie fügte
nichts weiter hinzu. Vielleicht dachten wir beide etwas ganz Verschiedenes
dabei. Mir ist immer das Glück eine Aufforderung zu grösserer Klarheit, zu
freierem und erhöhetem Aufschwung der Gedanken gewesen. Der Geist scheint
dadurch Flügel zu bekommen. Ich verliere mich in Dank und Anbetung. In dem Sinne
ergeht wirklich eine Botschaft an mich, die ich, doppelt froh, willkommen heisse.
Allein, dem flüchtigen Gruss des himmlischen folgt Abschied und Trauer, wie aller
Glanz die Dunkelheit noch dunkler macht.
    Ich empfand in meiner Welt, Sophie. Die gute, kleine Alte deutete offenbar
nach einer andern hin, die mir ein so erhabenes Geheimnis ist, dass ich dem Spiel
der Vorstellungen und Begriffe hierüber niemals Raum gebe. Doch rührte mich ihr
Auge und der Ausdruck stiller Zuversicht in den gelassenen Mienen. Sie ward auch
wieder heiter, spielte mit der kleinen Anna, und als sie unsern Freund Walter am
Gittertor gewahr ward, stand sie geschäftig auf, fragte nach diesem und jenem,
und zögerte sichtlich nur aus Rücksicht für mich, ihn eintreten zu lassen. Ich
kam ihrer Unsicherheit zu Hülfe, indem ich den Handelsmann, der, mit geforderten
Waaren versehen, hierher bestellt war, aufs Beste begrüsste, worauf er denn auch
unverzüglich näher kam. Er packte Kisten und Kästchen aus, wir beschauten seine
Schätze. Er lobte und pries sie an. Wir liessen uns dabei die Neuigkeiten des
Tages erzählen. Urteilen Sie, ob ich nicht ganz Ohr war, als er anhub: »Diesen
Morgen trug sich ein Unglück mit dem grossen Marktschiffe zu. Es schlug um. Ein
junges Weib mit zwei Kindern stürzte in die Flut. Der Strudel unterhalb dem
Wehr riss sie fort, ehe ihnen Hülfe werden konnte.«
    »Gott! mein Gott!« rief ich, entsetzt aufspringend, »so sind sie rettungslos
umgekommen?« »Sie wären es,« entgegnete Walter mit Nachdruck, »wenn nicht die
Tollkühnheit eines Fremden, der sich am Strande zeigte, als das Schiff abfahren
wollte, Eins nach dem Andern dem Verderben entriss.« »Ein Fremder?« versetzte
ich, seinen Arm mit unruhiger Neugier fassend! Er sah mich gross an. »Ja wohl,«
erwiederte er, »oder wissen Sie, wer der Mann war?« Ich schüttelte den Kopf,
ohnerachtet mir es innerlich vorkam, als müsse ich ihn kennen. »Die Leute,« fuhr
Walter lächelnd fort, »wollen wohl sagen, es sei der junge Herr von der Burg
gewesen. Mehrere versichern, ihn erkannt zu haben. Aber Niemand weiss es gewiss.
Denn schnell wie der Blitz, hatte er die lästigen Kleider abgeworfen, und hinein
sprang er, ins Wasser bis an's Kinn, ehe sich diejenigen, welche herzuliefen und
eine Strecke davon, mit den andern Verunglückten zu tun hatten, noch besinnen
konnten.«
    »Was ward denn nun aber aus der Frau und ihren Kindern?« unterbrach ihn des
Amtmanns Mutter. Walter entgegnete gelassen, indem er seinen Kram auslegte: »O
mit denen hatte es nachher keine Not. Wie sie ihr Retter ans Land gebracht
hatte, so sorgte er denn auch für das Uebrige.
    Ehe das kleine Häufchen noch das Vorgefallene fassen konnte, sassen alle drei
schon in warmen Kleidern, bei hellem Feuer droben in einer der
Lachsfängerhütten, eine gute Suppe kochte lustig vor ihren Augen, sie hatten,
was sie brauchten, der, welchem sie es verdankten, war über alle Berge.«
    Sophie, mir klopfte das Herz vor Freude und Ungeduld. Nichts Erhebenderes,
als eine kühne und anspruchlose Tat! Meine kleine Alte forschte indes
umständlich nach dem Hergange der Sache. Walter wusste nur im Allgemeinen
hierüber Auskunft zu geben. Der Schiffsraum, meinte er, sei schon überfüllt
gewesen; zuletzt, als die Frau mit den Kindern hereintrat, wären Alle, am
meisten der Schiffer, unwillig geworden. Scheltend und brummend stiess er vom
Ufer ab. Sein Gesicht weissagte nichts Gutes. Wir verstanden hierbei nur nicht,
weshalb man die Frau einliess, wenn Gefahr dabei war?
    »Wie es wohl so in der Welt kommt!« sagte Walter, den Kopf nachlässig
aufwerfend. »Es muss sich denn immer alles gerade so fügen, wie es sein soll.«
    Bewundern Sie nicht, liebe Sophie, dass dieselbe unabänderliche
Notwendigkeit zu allen Zeiten, bei allen Völkern, in jeder Glaubenslehre
vorherrscht? Die Einen nennen es Geschick oder Verhängnis, was den Andern das
gewaltige Schicksal ist. Wir wechseln die Worte, der Begriff ist derselbe!
    Ich hatte nicht lange Zeit, hierüber nachzugrübeln. Der Amtmann kam von
einem Ritt über Feld zurück und meldete mir, dass mehrere Herren und Damen bei
mir angefahren seien.
    Ich brach sogleich auf, doch hörte ich noch die Begebenheit mit dem
Marktschiff und der Rettung der Verunglückten vom Amtmann bestätigen. Er fügte
hinzu, das Fahrzeug sei schon losgebunden gewesen und habe bereits über seine
Anzahl Passagiere geladen, als jenes junge Weib atemlos, ein Kind auf dem Arme,
das andere bei der Hand, gelaufen kam, und mit dem Ton verzweiflungsvoller Angst
den Schiffer anflehte, sie aufzunehmen.
    Ihr Mann, schluchzte sie, sei bei einem Bau in der Stadt als Zimmergeselle
angestellt, und dort von einer tödtlichen Krankheit befallen worden. Erst in
diesem Augenblicke komme ihr die Kunde hiervon; sie wisse sich nicht vor Angst
zu fassen, und bitte und beschwöre die Männer im Kahn, wenn sie ein menschliches
Herz in der Brust trügen, sie nicht zurückzuweisen. Die hastige Zuversicht, mit
der sie sich während dem anschickte, das Fahrzeug zu besteigen, der Schmerz in
ihren Zügen, das Schneidende einer gepressten und doch gewissermassen um Hülfe
schreienden Stimme, überraschte die Besonnenheit der Schiffer. Sie liessen es
geschehen, dass Jene im Schiffe Platz nahm. Ward nun dieses wirklich hierdurch
aus dem Gleichgewicht gebracht, oder ist das Geschehene einem andern Umstande
zuzuschreiben? genug der Erfolg war, wie ihn Walter zuerst berichtete. Die
leidenschaftliche Heftigkeit, mit welcher die Frau ihre Kinder ergriff und sie
zu retten strebte, riss sie wahrscheinlich zuerst dem Verderben entgegen! Sie
soll sogleich über Bord gestürzt sein. Ihr Angstgeschrei: »Herr Jesus hilf!«
ward noch gehört, als man sie schon nicht mehr sah. Doch in demselben Augenblick
sprang ein Mann in Jagdkleidung hinter niederm Buschwerk am Ufer hervor, und wie
er die Verunglückten errettete? und wer er war? darüber blieb keinem unter allen
Augenzeugen ein Zweifel.
    Voll von den Vorstellungen, die sich an das erschütternde Ereignis reiheten,
ging ich jetzt nach Hause, fest überzeugt, meine Gäste könnten Niemand anders
als der Comtur und seine jungen Anverwandten sein. Mir schlug das Herz
unwillkührlich vor innerer Bewegung. Nennen Sie es Neugierde, Sophie, oder
Teilnahme, ich weiss nicht, welcher von beiden Regungen meine Ungeduld
angehörte, allein ich ging so schnell, dass mich Georg selbst aufmerksam machen
musste, wie schwer es ihm werde, mir zu folgen. Ich erschrack über die unzeitige
Eile. Doch urteilen Sie, wie doppelt beschämt ich war, als ich im Hofe Curds
wunderliches Cabriolet mit den zwei hintereinander gespannten Pferden und neben
diesem, die Equipage der Gräfin erblickte. »Sie also sind es, die mich
erwarten!« sagte ich kleinlaut, und ging die Anhöhe hinauf. Agate und Rosalie
hatten mich schon von weitem kommen sehen. Sie flogen mir entgegen. Beide
redeten zugleich. Sie waren voll von irgend einer Neuigkeit, und brannten vor
Ungeduld, mich in aller Eile durch Gruss und Umarmung in soweit abzufertigen, dass
sie erzählen konnten, und ich hören musste. So hing sich mir dann jede an einen
Arm. Wir eilten dem Vorsaal zu, während beide mir sagten: »Wir haben die junge
Emma, im Vorbeifahren, am Gitter des Tiergartens stehen sehen! Sie glauben
nicht, wie sie uns in dem Grün, unter den hohen Bäumen, überraschte! Eine
Hirschkuh mit zwei allerliebsten Kälbchen stand vor ihr. Sie hielt ihnen
Blätter, die sie aus einem Korbe nahm, ohne alle Furcht entgegen; die Hand
schien allerliebst! Ein Jäger mit einem Waldhorn stand neben ihr. Er war gross,
und sah vornehm aus. Mama behauptete, es sei der Graf selbst gewesen. Wir
grüssten, die Gräfin dankte etwas fremd, doch mit vielem Anstande. Ihrer Haltung
sieht man es gleich an, dass sie bei Hofe erzogen ist.« »Sie hatte ein schwarzes
Kleid an,« fiel Rosalie ein, »mit langen, weiten Aermeln, ich wette, es war ihr
Reisekleid, und in Wien gearbeitet. Es hatte ganz den Schnitt, die Taille so
sehr lang, die krausen Falten nach unten so breit ausfallend. Es sass
allerliebst!«
    Mit diesen Worten traten wir in den Salon. Die Mutter verwies es den
Töchtern, mich mit ihrem Geschwätz aufgehalten zu haben, indem sie auf ihre
höfliche Weise hinzusetzte, dass sie mit jeder Minute geize, die sie meiner
Unterhaltung abstehlen könne. »Aber ich weiss schon,« fuhr sie fort, »Sie sind
auch ein Bischen neugierig auf unsere neue Nachbarin; es macht Ihnen Spass, von
ihr zu hören, und wirklich lässt ihr erstes Erscheinen einen recht bizarren
Eindruck zurück. Die junge Person nahm sich ordentlich pitoresk unter den
uralten Bäumen aus. Es ist etwas Dunkles und Fremdes in ihrem Gesichte. Sie
hatte den Hut, im Schatten der Bäume, aus den Augen gerückt. Ihr Teint erinnert
an den feinen, bräunlichen Farbenton der Italiener. Auch ist das Haar ganz
schwarz. Sie trägt es gescheitelt, wodurch das allerliebste Oval des kleinen
Gesichtchens sehr vorteilhaft bezeichnet wird.«
    »Mein Gott!« lachte ich unwillkührlich, »Sie haben mit dem vorüberfliegenden
Blick die ganze Person aufgefasst! Sie steht, wie sie lebt und webt, vor mir.« -
»Wahrhaftig!« entgegnete die Gräfin geschmeichelt; nun, ich bin auch nicht
gerade vorüber geflogen. Unter uns gestanden, ich wusste, dass die jungen Leute
gestern angekommen waren, und da ich mich immer, was man auch gegen den Comtur
sagen mag, für ihn interessire, so fühlte ich mich gespannt auf die
Bekanntschaft seiner Hausgenossen. Ich ging deshalb den Talweg, der an die Burg
hinführt, überzeugt, bei dem schönen Wetter die Gesellschaft im Park zu finden.
Wie Sie sahen, ist mir meine kleine List gelungen!« lächelte sie
selbstzufrieden.
    Ich lächelte auch über die Naivetät, mit der die gute Frau den Zweck ihres
Besuches aussprach. Sie war indes so voll von dem einen Gegenstande, dass sie
ganz arglos blieb, und wirklich, wie so oft in der Welt, mit offnen Karten
spielte, ohne eine Ahndung davon zu haben. Curd flüsterte mir zu, alles dies sei
geschehen, um sich sogleich zu überzeugen, ob die hübsche Nachbarin wohl den
Sieg über Rosalie und Agate davon tragen werde? - Der Umstand, dass jener ein
glänzender Ruf voranging, habe die Eitelkeit der Mutter und der Töchter erregt.
Er sei bloss mitgefahren, um alle drei zur Verzweiflung zu bringen, ich möge nun
Acht geben, wie ängstlich sie jedes lobende Wort begleiteten, und durch welche
Gründe sie sich zu trösten wüssten. Ich war gar nicht geneigt, ihn in so
hinterlistigen Plänen zu unterstützen. Im Gegenteile warf ich den Pfeil auf ihn
selbst dadurch zurück, dass ich erklärte: er habe seine Begleiterinnen nur
deshalb die steinige Strasse geführt, weil er hoffte, die Aufmerksamkeit der Dame
des Schlosses auf ein so tolles Fuhrwerk zu lenken. - »Sie tun ganz recht,«
setzte ich hinzu, »denn seit es keine Originalität des Charakters mehr gibt,
reicht es vollkommen aus, die Ordnung umzukehren, damit man bizarr erscheine.
Wie witzlose Leute gewöhnlich Worte oder Sätze umdrehen, um die Lacher zu
flüchtigem Beifall zu zwingen.«
    »Cousine,« flüsterte Curd halb empfindlich, halb gutmütig neckend, »ich
räche mich, ich kenne auch schon das Werkzeug hierzu. Sein Sie gewiss, Sie büssen
den Mutwillen über kurz oder lang.« Und als wolle er sogleich Wort halten, fuhr
er dann lauter redend fort: »Wenn Sie mir den Wunsch zutrauen, von einer
reizenden Frau beachtet zu werden, so bin ich meiner Seits gewiss, dass Sie nicht
gleichgültiger gegen die ächte Originalität eines genialen Sonderlings sein
können, der aus dem Schlamme unserer verächtlichen Zeit sehr glücklich auf den
Schauplatz der Welt auftaucht. Graf Hugo hat seine Probe diesen Morgen gemacht.
Er ist es wert, den Ritterschlag zu empfangen.«
    Mit vielem Patos erzählte Curd jetzt die Begebenheit mit dem Marktschiff,
und schloss den Bericht damit, dass er versicherte, später habe der Graf die Frau
und ihre Kinder selbst in einem kleinen Fischerkahn zur Stadt gerudert, und sie
dort bis an das Krankenlager des Mannes begleitet.
    Agate überschrie sich vor Entzücken und Bewunderung. Sie hielt das zierlich
gestickte Batisttuch einigemal vor die Augen, und wirklich wurden diese auch
feucht. Rosalie lachte sie deshalb eben nicht gar zu rücksichtsvoll aus, doch
fand auch sie die Begebenheit einzig und den Grafen sehr interessant.
    Die Mutter horchte lächelnd auf die Äusserungen der Töchter, dann sich zu
mir wendend, flüsterte sie: »die Kleine ist ganz wie ich, das Herz läuft mit dem
Kopf davon, ich schwöre Ihnen, ich habe Mühe, mich der Tränen zu entalten. Es
ist wahr, Graf Hugo muss allerliebst sein! Es ist so viel Herz in allem, was er
tut, und so erstaunlich viel originelle Energie! Aber ein Bischen bange bin ich
doch, dass er zu weit geht in seiner angenommenen Manier. Die Welt vergibt eher
das zu Wenig als das zu Viel. Man wird das Geniale darin seiner beschränkten
Beziehung und dem Mangel an Kenntnis der Formen zuschreiben. Und ehrlich
gesprochen, ich glaube, dass auch etwas daran ist. Aber ums Himmelswillen, kein
lautes Wort hierüber. Sie fühlen wie ich, man muss gewisse Saiten nicht zuerst
anschlagen!«
    Sie hatte sie indes angeschlagen, und hörbar oder nicht, sie klangen bald
hell und schneidend durch einen immer grösser werdenden Kreis hinzukommender
Gäste hindurch, die der Gräfin auf dem Fuss folgten, und meine kleine Villa zu
einem andern Ulmenstein machten.
    Curd wiederholte bis zum Ertödten aller Anwesenden Hugo's Abenteuer.
Sichtlich gefiel er sich, das Urteil eines Jeden herauszufordern.
    Man wünschte dem Grafen Glück, mit einer poetischen Farce aufgetreten zu
sein; schmeckte diese gleich nach veralteten Romanen, so gab sie doch
Veranlassung, von sich sprechen zu machen. Es ward wirklich viel gesprochen. Ich
aber konnte kein einziges Wort finden. Es war nichts in mir, was sich an diese
Fäden anknüpfen liess. Das Schlimmste dabei ist, dass auch ich über den Menschen
selbst Anfangs confus geworden bin. Mein früheres Bild von ihm ist mir
verwischt. Unwillkührlich schlüpft so etwas von provinzieller Abenteuerlichkeit
in meine Vorstellung hinein. Ich will das weg haben. Ich bin ärgerlich, und
komme nicht mit mir zurecht.
    Nun, ich werde ja selbst sehen und urteilen! Sie fühlen aber auch aus allem
dem, welche Aufgabe Ihre Schützlinge hier zu lösen haben. Ich wünsche, dass es
Ihnen damit glücken möge.
    Leben Sie wohl, Sophie! und glückliche Reise! Ich bin betrübt und verstimmt,
ich verlasse Sie, um nicht noch trüber zu werden.
 
                                Heinrich an Hugo
Man glaubt immer, man könne einem Andern etwas Wichtiges, für ihn selbst
Bedeutendes, sagen. Es ist eine Täuschung. Entweder weiss er es schon, oder er
hört es nicht. Das innere Ohr ist eine Sensitive. Es verschliesst sich, so wie
man ihm nahe kommt.
    Ich hatte mir in der vergangenen Nacht, die ich schlaflos zubrachte,
vielerlei ersonnen, was ich Dir mitteilen zu müssen glaubte. Nun es dazu kommt,
lasse ich es lieber. Dir hilft es nichts, und mich verleitet es vielleicht zu
einer Uebereilung.
    Hugo! wir verstehen uns ohne Worte. Aber ich fürchte, es kommt für Dich, wie
für mich, wenig dabei heraus. In der Hauptsache macht es uns beide nicht klüger;
denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein
Rätsel. Die Alten kehrten das Inwendige nach Aussen. Das schöne Ungeheuer, die
Sphinx, war selbst das Symbol ihrer unaufgelösten Aufgabe. Der Kopf wickelt sich
wohl heraus aus der Hölle der Nacht, aber bis der Leib aufsteht, und sich nach
eignen Gesetzen bewegt, bis der Gedanke ein Dasein hat, da müssen die Zeiten
ihren Kreislauf vollenden, und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei
werden!
    Du bist gefesselt, Hugo, was klagst Du mehr, als ein Anderer?
    Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner frühern Stellung zufrieden.
Hättest Du Dir genügen lassen an dem Besitz der Idee, wäre Dir das Eigentum
höherer Freiheit über alles lieb gewesen, und könntest Du Deinen ganzen Stolz
darin finden, über die Köpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg, mit
den Flügeln des Geistes, die Nebel um Dich her zu zerteilen, Du lebtest freier.
Doch, Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter
Vorurteile auch noch im Blute, Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus.
Trage, was Du nicht los werden kannst. Du wirst es lernen! Am Ende versöhnst Du
Dich doch wohl noch mit der neuen Weise.
    Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher, wenn es etwas gibt, die
Zwischenräume auszufüllen, und Glanz, Reichtum, Ansehen und Bequemlichkeit
ändern Vieles.
    Wenn Du ein gewöhnlicher, nichtiger, schlaffer Alltagsmensch würdest!
Unmöglich! So beschwichtigt sich der heisse Durst der Seele nicht. Die Welt giesst
wohl Wasser in die Flamme, aber, wo das Oel aus dem Mark und Saft des Innern
quillt, da belebt sich die Glut durch sich selbst.
    Ich erinnere mich jetzt oft einer Äusserung von Dir. Du warst noch sehr
jung. Wir standen im Begriff, die Akademie zu verlassen. Die Pläne Deines
Vaters, im Betreff Deiner militärischen Laufbahn, wollten Dir nicht einleuchten.
Du hattest den Gedanken, in einem andern Weltteile zu suchen, was Du hier nicht
zu finden glaubtest. Wir lasen gerade Le Vaillant's Reisen in Afrika. Dich
stachelte der Trieb, das geheimnisvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stückes
Erde zu durchdringen. Es entstanden Dir, wie jedem Jünglinge, über alles, was er
nicht kennt, phantastische Bilder. Tritt dergleichen erst in die Anschauung, so
hat es auch Leben und Wirklichkeit. Man ist davon überzeugt, und will es auch
Andern beweisen. Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausführung. Ich
setzte Dir alles das entgegen, was auf Verhältnisse einer abhängigen Lage Bezug
hat. Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pause bliebst
Du vor mir stehen, in einer Hand das Buch haltend, worin wir gelesen, legtest Du
die andere auf meinen Arm, indem Du noch in Nachsinnen vertieft, ausriefst: »Ich
will Dir etwas sagen, entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen.
    Im letzten Falle lässt man sich beherrschen, im ersten bedeuten die
angelegten Ketten wenig.
    Conventionelle Verträge sind eben auch nur conventionell. Sie sind etwas,
insofern sie einer Idee entsprechen; geht diese über sie hinaus, so zerfallen
sie in sich selbst. Deshalb, wie unbeweglich der behende Wettläufer auch
dasteht, bis das erwartete Zeichen gegeben wird, der Fuss ist schon gehoben, das
Auge fasst sein Ziel, und er misst in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen
einander ab. Jetzt erschallt der Ruf. Im Fluge ist die Ferne durchmessen, die
einen Augenblick zuvor unabsehbar schien. Glaube mir, der Mensch wurzelt nur da
fest, wo ihn Trägheit bindet, oder Mangel eigner Kraft zum Nachgeben an eine
fremde, überwiegende zwingt. Der Erdenfleck, wo er steht, verschlägt hierzu
nichts.«
    Diese Worte, Hugo, sind mir unvergesslich geblieben, nicht sowohl ihrer
Bedeutung wegen, denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau, und
vieles klingt nur, weil es schallt, allein Dein Gesicht, Deine Gestalt machte in
dem Augenblick einen besondern Eindruck auf mich. Die Augen flammten Dir, Deine
Stirn glänzte, um die Lippen spielte ein geistig Lächeln, Du schienst mir
grösser; ich glaubte, der Boden trüge Dich nicht mehr, und sah Dich schon in
Gedanken in weiter Ferne, über die Berge, den Strom und das ganze Festland
wegfliegen. Nun bist Du doch wohl eingewurzelt. Die Zeit hat Dir, wie manchen
andern Freiheitskindern, die Flügel beschnitten. Dir ahndet selbst so etwas. Der
Ton Deiner Briefe ist melancholisch. Du hattest immer einen gewissen Hang zu
dieser Richtung der Empfindungen, die, wie alle Blüten eines schönen Frühlings,
die Köpfe neigen, wenn der hohe Sommer heraufzieht. Bei Dir stand die Sonne
schon sehr frühe in ihrem Culminationspunkte. Sonderbar! der kalte Norden drängt
die Uebergangsperioden alljährlicher Entwickelung fast in einen Zeitmoment
zusammen. Wäre auch in Dir mehr Glut als Wärme, und der Winter Dir nahe, wenn
Du noch Rosen zu brechen gedenkst?
    Es waltet eine gewisse, laue Ergebung in Allem, was Du sagst, die mich
ängstigt. Sie erinnert eben nicht tröstlich an das Senken der Flügel, ehe man
weiss, dass diese gebrochen sind. Lieber Hugo! Dir steht eine fatale Zwischenzeit
bevor, und wohin Dich diese auch führe, ohne harte Kämpfe kann das nicht
abgehen. Rüste Dich immer im Stillen dazu. Ueber Eins bin ich nur unsicher
geworden. Hattest Du jemals einen eigentümlichen Lebenszweck? und warst Du
völlig im Klaren darüber? Sage mir das aufrichtig in Deinem nächsten Briefe. Das
Maass der Deutlichkeit unserer Vorstellungen hierüber bestimmt wohl zumeist das
Notwendige oder Zufällige einer Richtung.
    Ich bin begierig auf Deine Antwort, lieber Hugo. Lebe bis dahin recht
glücklich. Ganz der Deinige.
 
                           Emma an einen Geistlichen
Wenn ich aus Gründen, die Sie, teuerster Lehrer, heller durchschauen, als ich
sie angeben darf, in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der
verflossenen Tage, der neuen Verhältnisse, der Personen, welche diese bilden,
hinwerfe, so will ich Ihnen in dem Allen mich selbst mit meinen innigsten
Gefühlen, mit meinen geheimsten Gedanken ungeteilt geben. Sie sollen niemals
aufhören, mich in jedem Zuge der Seele, in den bangen Regungen, wie in der
stillen, sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten. Durch Sie
will ich mich und Andere verstehen lernen.
    Lieber, väterlicher, verehrter Freund! es ist nicht alles mehr so einig in
mir wie sonst. Jeder Schritt vorwärts in das Leben hinein öffnet neue Ansichten,
teilt den Blick, vervielfältigt die Eindrücke. Ich werde nicht irren, aber
vielleicht unbillig sein, und hierüber bin ich ängstlich.
    Erschrecken Sie nicht. Es ist nichts vorgefallen, es hat sich nichts
verändert, ich, ich allein muss anders geworden sein!
    Das Leben hört auf, dasselbe zu bleiben, seit die leichten Umrisse sich
plötzlich körperlich gestalten, die Dinge zwei Seiten gewannen, ein jedes Dasein
für sich, wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will. Meine einfache
Weise es zu nehmen, passt nicht mehr. Es wird so voll, so laut um mich. Weder die
innere noch die äussere Stimme reicht aus, mich meiner Welt verständlich zu
machen. Ich werde in dem Maasse sprachloser, als mir die rechten Worte fehlen. In
dieser Einsamkeit der Seele quält mich ein entsetzlicher Zweifel. Ich fürchte,
nicht im Einverständnis mit Gott gewünscht, gewollt, und in der Gebetserhörung
nur eine Prüfung erstürmt zu haben, die um so schwerer zu bestehen sein wird,
als sie mich nicht allein trifft.
    Sehen Sie, das ist es, das ist es hauptsächlich, was mich beugt. Ach Gott!
und ich kann mich fast nicht länger täuschen, dass ich unbewusst zwar, doch nicht
unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt, einen Vorwurf auf
sein grosses Herz geladen habe! Hugo's kühner Gang wird durch mich gehemmt.
    So kann und darf ich nicht einmal versuchen, seinen Weg zu gehen. Ich
erschrecke oft, wenn es mir klar wird, dass er den Kampf allein hätte ausfechten,
ich aber im Verborgenen, beschränkt und entsagend, für ihn beten sollen, ohne
unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen.
    Vielleicht war ich überhaupt nur für das Kloster geboren. In der Dunkelheit
entfaltet sich das Geheimnis des Innern am besten.
    Hier, unter so verschiedenen Menschen, zwischen die entgegengesetztesten
Richtungen geschoben, wie kann ich, ohne anzustossen, mich frei bewegen?
    Der Comtur, der mir eigentlich eine Stütze sein müsste, verletzt mich durch
sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo. Er misstraut diesem, und scheint auf der
Hut gegen Angriffe, welche gleichwohl nie erfolgen. Mich betrachtet er oft
bedenklich. Sein ernster, hoher Blick wird dann von unverkennbarer Rührung
gemildert, er findet immer ein inniges Wort für mich. Der Ton der Stimme, das
Herabbeugen des stolzen Nackens, die stumme Sprache seiner Mienen, alles an ihm
atmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Wärme, ich glaube, wir
verstehen uns dann vollkommen, allein wir gleiten beide über das hinweg. Ich
wüsste nicht, wie ich es anfinge, ihm gegenüber gewisse Saiten zu berühren, die
nur den Misston zwischen Oheim und Neffe noch schärfer herausheben würden. Ich
fühle ja ohnehin deutlich genug, dass Hugo niemals darin gewilligt haben würde,
sich mit dem Urheber so grosser Familienstörungen auf eine Weise zu vergleichen,
die ihm drückende Verpflichtungen auflegt, wäre es nicht in Bezug auf die
Verbindung mit mir geschehen. Auch hierin glaube ich ein Werkzeug höhern Willens
zu sein. Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich, als unverkennbare
Vermittlerin verjährter, gehässiger Missverständnisse. Allein auch hier diente
ich nur, den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurückzudrücken.
Was vergessen, oder unbeachtet, mit der Zeit seine Schärfe verliert, das wetzt
sich an den täglichen, unmerklichen Reibungen so schneidend heraus, dass jede
Berührung verwundet. Ich fühle Hugo etwas Aehnliches an. Er wird immer
einsilbiger. Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslöschlicher Schwermut,
selbst wenn er lacht, verdunkelt sich sein Auge, als schelte es die Lippen, dass
sie sich so leichtsinnig öffneten.
    So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin. Der
Comtur mag wohl denken, die Einsamkeit drücke auf uns. Er sinnt daher auf
Veränderung. Wir durchstreifen die Gegend um das Schloss nach allen Richtungen,
ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen. Gestern endlich führte er uns bei einer
Dame der Nachbarschaft ein. Ich hatte seit meiner Verheiratung wenig von der
geselligen Welt gesehen. Mir fiel jetzt Manches auf, woran ich sonst gewöhnt
war. Ich kam mir hier sehr einsam vor. Der Abend war auf diese Art ziemlich
langweilig hingegangen. Wir sassen noch spät im Freien. Der Mond stand hell am
Himmel, sein liebes, ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich sass
ganz im Schatten, vor mir dehnte sich ein runder Platz, über den die breiten
Lichtstreifen ausgegossen lagen. Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns
zukommen. Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr, als sie mit den
Worten aufsprang: »Ach! da ist sie ja dennoch! Willkommen, willkommen, liebe
Elise.« Meine Aufmerksamkeit wurde sehr natürlich auf diese gerichtet; sie ging
mit leichtem, freiem Schritt über den erhellten Rasensitz, ihre Gestalt schwamm
im Schein des Mondes, es war, als umfliesse sie ein durchsichtiger Glanz. Sie kam
mir ausserordentlich schön vor, ich betrachtete sie mit grosser Ueberraschung, und
als sie anfing zu sprechen, klopfte mir das Herz, wie beim Tone unsichtbarer
Musik. Wir waren einander jetzt ganz nahe. Unsere Wirtin stellte uns
gegenseitig vor. Ich konnte nichts sagen, meine Zunge stockte wie gebunden. Die
Fremde blieb unbefangener. In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit.
Sie sah umher, und schien jemand zu suchen. Hugo stand ihr in demselben
Augenblicke zur Seite. Er war durch ihren Anblick eben so sehr überrascht.
»Aha!« rief sie aus, als er ihr genannt ward. Beide betrachteten sich
aufmerksam. Mich überfiel eine unbegreifliche Angst. Es war, als müsse ich
zwischen sie und Hugo treten. Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden.
Seitdem bekämpfe ich vergebens ein banges Vorgefühl, dass an jener Minute die
Wendung meines Erdengeschicks hänge. Ich schelte mich darüber, ich verbanne es
als sträflichen Aberglauben, aber ich kann es nicht los werden.
    Später, da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zurückgingen, der
Einfluss geheimnisvoller Dämmerung vor einer bestimmten Klarheit verschwand, die
Formen des Herkömmlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten, geriet
ich dem allem ohnerachtet in einen hässlichen Widerspruch mit mir selbst, als
jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte, fast vertraut mit mir redete, ihre
Freundschaft für das Stiftsfräulein erwähnte, sich dadurch in Beziehung zu uns
allen setzte, Bekannte und meine Willfährigkeit in Anspruch nahm, solches
Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten. Werden Sie es glauben? ich
fühlte mich zugleich hingerissen und erstaunt. Mein Auge, meine Gedanken, mein
Gefühl lag fest, wie gebannt durch einen Zauber, auf dem Ausdruck des schönsten,
ja rührendsten Gesichtes, das ich jemals sah. Alles spricht darin, der Blick,
das Lächeln, der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut, die wechselnden
Mienen, die Harmonie vollkommen gebildeter Züge. Ich sah mehr, als ich hörte.
Sie errötete oftmals wie beschämt über mein stummes Anstarren. Ich besann mich.
Wir sprachen seitdem wie Menschen, deren Bekanntschaft durch Anderer
Vermittelung vorbereitet ist. Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger
Besuche. Der Comtur zeigte sich galant und liebenswürdig. Hugo trat aus seiner
Verschlossenheit hervor. Nie sah ich ihn bereitwilliger die Fäden des Gesprächs
aufnehmen, zusammenwerfen, um Gefühle und Anschauungen daraus hervorgehen zu
lassen. Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin. Sie weiss mit Anmut einen
leichten Streit geistreich zu führen. Sichtlich wollten beide vor einander
glänzen. Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt, der
wirklich blendende Funken über den ganzen Kreis ausstreute. Der Wettkampf hatte
sie, wie durch eine Reihe electrischer Schläge, mit einander in Berührung
gebracht. Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen. Sie kannten
sich schon von früher. Niemand war Sieger geblieben, aber keinem von beiden war
es entgangen, wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte. Ich
hatte mit gelacht, geredet, sie durch Widerspruch gestachelt; doch es war nicht
unbewusster Trieb, es war Stolz, Unruhe, Furcht, hier unbedeutend zu erscheinen,
die mir Worte gab, mich zur Teilnahme fortriss. Sehen Sie, und nun ist mir das
unbehaglichste Gefühl, eine Art Verlegenheit gegen Elise, gegen Hugo, ja gegen
die ganze Gesellschaft geblieben, die mich zugleich demütigt und erkältet.
    Was ist das? Ist es Demut? Eifersucht? Nicht wahr, ich, ich bin anders
geworden. Musste so bald der ruhige Einklang bescheidner Ansprüche an dem
Wechselverkehr des Lebens scheitern? Ist es auch denkbar, am Hofe erzogen,
bringt eine Abendversammlung auf dem Lande mein Gemüt in Verwirrung. Ich bin
entschlossen, mich selbst für so viele Torheit zu strafen. Noch heute will ich
die gefährliche Elise aufsuchen! Es ist doch sonderbar, dass mich das so viel
kostet.
    Wie beneide ich jetzt die Menschen, die durch Orden und Gelübde in einer
bezeichneten Gränze gehalten, sich selbst treu bleiben! Niemals war es mir
begreiflicher, dass man der Welt gern entsagt, um das Gewissen zu retten. Ach!
eher ein Glück aufgeben, als es unter Vorwurf und Zweifel halb sein nennen.
    Sie, Sie, mein einziger Vertrauter, sollen mir helfen, mich wieder zu
finden. Werden Sie anstehen, mir die Wahrheit zu sagen? Kann auch die
zärtlichste Schonung zögern, Wunden zu schlagen, um das Gift aus der Seele zu
ziehen?
 
                                Hugo an Heinrich
Ich habe recht sehr über Deinen Brief gelacht. Du hast immer noch die alte
Gewohnheit, bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock über das
Hauskleid anzuziehen. Wozu der Prunk mit mir? Ich kenne die Gelegenheit, und
weiss, was diese täglichen Redensarten bedeuten. Gerade herausgesprochen, Du bist
irre an mir geworden, und willst wissen, woran Du bist.
    Ich kann Dir es nicht verdenken, wenn Du Dir überhaupt etwas Besonderes bei
mir gedacht hast. Lieber Heinrich! es geht Freunden, wie Eltern und Verwandten,
die immer das Ausserordentliche von denen erwarten, die ihrem Gefühle am nächsten
stehen. Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende, in das Blaue
hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Berühmteit. Ich brauche Dir nicht
zu sagen, wie uns da die Eitelkeit ein X für ein U vormacht.
    Deine Frage, auf die es Dir hauptsächlich ankommt, und die eigentlich nichts
anders heisst, als ob ich wirklich jemals gewusst habe, was ich wollte? sagt mir,
dass es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist, was ich soll?
    Wir waren beide einmal jung, wie andere Jünglinge. Lass es dabei, Heinrich,
und frage nicht weiter. Ich bitte Dich, sieh' um Dich! da lernt man schweigen,
und den Narrenspossen den Abschied geben.
    Hast Du nicht mehr Achtung für die Idee, als dass Du sie abhängig glaubst von
dieser oder jener Stellung im Leben? - Sie stirbt nicht, da sei Gott vor! Er
weiss, wenn die Sonne scheinen oder Dünste sie verhüllen sollen. Man muss warten
können, Doch diese Kunst ist nicht leicht. Basta! hierüber! Worte tuns nicht.
Eins ist indes eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe, die muss ich doch
rügen. Du tust ja, als habe ich mich von meinem Oheim für bequemen Lebensgenuss
erkaufen lassen und ihm meine bessere Ueberzeugung mit in den Handel gegeben.
Wärest Du ohne so viel Umstände geradezu in meine Stube gekommen, und hättest
Dich darin umgesehen, so würdest Du Bescheid wissen.
    Das Verhältnis zu dem Comtur ist Folgendes:
    Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig, die Du kennst, sein
Bruder trat in seine Rechte. Er wird Geistlicher, der Zweig ist todt. Nun
entsteht die Frage, rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran? oder ist der
junge Schössling, der aus der Wurzel heraustreibt, durch Saft und Blut mit jenem
eins geblieben? und wert erkannt, das Ganze zu beleben? - Diese Frage entstand
immer einmal. Ob nach dem Tode des Oheims? oder bei dessen Lebzeiten? Der ganze
Unterschied ist der, dass sie jetzt schneller entschieden ward.
    Kam mir das Erbe zu, sollte ich es wegstossen? Weshalb? wozu? Sage doch,
glaubst Du, dass man Flügel bekommt, wenn man dem Glück ein Schnippchen schlägt
und sich in seine Armut hüllt. Wem die Flügel gewachsen, den tragen sie wohl,
wohin er Lust hat. Die Metapher hat überdem seit der Geschichte des Ikarus einen
Stoss weg. Brauche sie nicht mehr, es liegt etwas Lächerliches darin.
    Und nun zu andern Dingen.
    Es mag Dich unterhalten, wie wir hier leben.
    Recht erträglich, ich versichere es Dich. Die schönen Waldungen, welche
unmittelbar hinterm Schlossbezirk anheben, die Höhen bekränzen, spiegelhelle Seen
umschliessen, und sich bis an den Strom ausbreiten, würden hinreichen, eine
mannigfaltige Unterhaltung zu geben. Ich hause hier Tage lang. Wege und Stege
sind mir überall bekannt. So manches kleine Abenteuer mit Menschen und Tieren
stösst mir hier auf. Jäger, Reisende, Arbeiter und Bettler, alle geben mir Stoff
zu Beobachtungen, mit allen gerate ich in Berührung, schwatze, verkehre mit
ihnen. Ich kenne nach gerade ihre Art. Es wird mir leicht, ihnen in ihrem
Ideengange zu folgen. Wir sind sehr eitel, Heinrich, wenn wir uns einbilden, auf
solche Leute herabzusehen. Ich weiss, man hat das schon oft gesagt, aber ich
denke mir vielleicht etwas anders dabei. Es ist nicht sowohl, dass sie auch
öfters Geist, Gemüt, Verstand haben wie Andre, mir fällt besonders auf, dass sie
diesen Verstand so scharf auszubilden, so gerade zu richten, und so fest zu
halten verstehen. Bei grösserer Lebensfrische bleibt ihnen auch länger die
gesunde Art des Gebrauches. Der Kreis, in dem sie sich bewegen, ist eng, das ist
wahr, aber sie sind Herr darin, und was hinein fällt, verfällt ihrem Urteil,
das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Füsse stellt, und sie zeigt,
wie sie sind. So flach hin sehen sie nichts an, bis auf den rohen Frevler, fasst
jeder seinen Gegenstand ganz und tüchtig. Man kommt auf besondere Resultate im
Umgange mit ihnen. Sie sind doch wenigstens etwas. Was sind wir? Wir werfen
ihnen die Rohheit ihrer Laster vor, und nennen deren Quell: tierische
Selbstliebe. Die Sünde, ohne Deckmantel erregt ungefähr das nämliche Entsetzen,
als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht. Es ist die Phisiognomie,
es sind die Grundzüge, nur durch zufällige Bedingungen verschoben. Verfeinerter
Egoismus geht unterhalb der Formen weg, ohne diese sichtbar zu erschüttern, er
gräbt nach Innen, und verwüstet da unmerklich so viel, als sein frecher
Zwillingsbruder äusserlich zu Stande bringen kann. Menschen aus den untern
Klassen stehen, wie das Wild der Forsten, in einer Art Krieg mit der Welt. Darum
ist so viel List und Spürkraft in ihnen. Ihre Taktik macht meine Bewunderung
aus. Nenne diese immerhin beschränkt. Wer sieht denn viel rechts und links, wenn
er auf etwas Bestimmtes los geht? Der Instinkt findet seine Schranken
vorgezeichnet. Die Erfahrung muss sie erst ziehen lernen.
    Und lieber will ich blind geboren sein, als blind werden!
    Mein loses Gesindel im Walde hat, ich versichere Dich, eher die Gabe, das
Unsichtbare zu fühlen, als wir andern, an den Block vornehmer Einseitigkeit
Geschmiedete. Die Begriffe der Letztern, die nicht mehr Anschauungen sind,
machen sie ganz aberwitzig. Ich bin nun einmal auf die Natur jeder Gestalt
angewiesen. Es ist so viel Wehmut in ihrer Entstellung. Mir erscheint sie oft,
wie ein schönes Kind, das die Blattern verzerrte. Die Augen sind doch wenigstens
geblieben. Zuweilen blinkt eine Träne darin, und dann spiegelt sich der Himmel
zurück.
    Meine gegenwärtige Lage passt auch wohl noch am meisten für mich. Ich bin
freier, als irgendwo. Emma ist das beste Herz. Sie lässt mich tun, was ich will.
Ich danke es ihr, und freue mich, dass sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft
einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat, ja einer seltenen Frau,
Heinrich, wie ich glaube. Sie ist sehr geistreich, und scheint es nicht zu
ahnden. Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit. Mir gefällt sie
ungemein. Ich kenne nichts Einfacheres als sie. Ihr Mann ist eine ziemlich
gewöhnliche Figur, nicht ohne Verstand, doch auf den ersten Blick hat man das
Zunftmässige an ihm weg. Er gehört zu den Leuten, deren Meinungen sich den
Verhältnissen so anpassen, dass sie bald nicht einen Funken Eigentümlichkeit
mehr haben. Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen. Je trockner sie dann
werden, je reifer glaubt man sie. Du kennst wohl diese Art Menschen, die bis auf
das stumme Lächeln immer ein Urteil aussprechen. Ich lasse sie gern bei Seite.
Dieser liess mich aber nicht. Wahrscheinlich wollte er sehen, ob ich wisse, wie
sehr ich ihm verpflichtet. Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit
grossen Teil. Wir sprachen darüber. Ich weiss selten viel zu sagen, insbesondere
wenn ein Anderer mich hören will. Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im
Sinne. Ich suchte mir es deutlich zu machen, wie der Mann zu einer solchen Frau
kommen konnte? In einem Haare hätte ich laut aufgelacht! Man zeichnet keine
ärgeren Karikaturen, als die, welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden!
    Darin liegt der Witz der grossen Welt, durch den sie sich über sich selbst
lustig macht. Wer diese Seite an ihr weg hat, der kennt keine Langeweile. Ich
fürchte dies Gespenst sonst mehr als die geträumten, und sah mit einer Art
heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Partie im Grünen, zu der uns
die Gräfin Ulmenstein bei sich einlud. Da nun das Grün jetzt schon ziemlich gelb
ist, die modernen Gärten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und dürr
aussehen, die Gesellschaft mir fremd war, unsere Wirtin ohne Jugendreiz, den
Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt, welche ihr das Prädikat:
die Seele der Gesellschaft erwarb, so hegte ich grosses Misstrauen gegen den
versprochenen Zauber der Abendversammlung.
    Aber siehst Du, alles das waren falsche Schlüsse. Denn erstlich nahmen sich
die geputzten, städtischen Figuren unter dem herbstlichen Blätterdache, von
manchem scharfen Windstoss getroffen, in ihrer Toilette derangirt, und auf diese
achtend, so gezwungen, so unsicher, so sichtlich unbequem aus, dass ihre Mühe,
sich und Andern hierin zu entgehen, allein schon eine komische Unterhaltung bot.
Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Gräfin ungemein. Die Sicherheit,
mit der sie das Gewöhnliche für etwas Besonderes ausgibt, und wirklich ihren
Zweck erreicht, niemals um eine Antwort verlegen ist, jede Einwendung
berichtigt. Ich sage Dir, es ist zum Todtlachen! Und Viele lassen sich belehren,
obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angeführten Gründen ist.
Wie geht das zu? Solche Probleme machen mir sehr viel Spass! Ich bin diesem indes
ziemlich auf der Spur. Die Frau rückt gleich mit ganz ausserordentlicher
Höflichkeit ins Feld. Dadurch stumpft sie, von Hause aus, die Waffen ihrer
Gegner ab, dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden, den sie überzeugen
will, mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knäuel, in welchem die gemischten
Fäden zusammen laufen. Niemand ist im Stande, einen einzigen festzuhalten. Mit
dem Letzten schürzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf
gut Glück in die Luft. Man sieht ihn fliegen, und lässt es gut sein! Sie ist
fertig. Die Wenigsten denken daran, dass sie es nicht sein können. Dadurch
behauptet sie ihren Ruf. Selbst der Comtur glaubt einigermassen an sie. Sein
Benehmen drückt eine Berücksichtigung aus, die eigentlich nichts rechtfertigen
kann, als eben dieser Ruf. Ueberhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer
viel leichter bestochen und über die Gegenstände der Anerkennung getäuscht, als
unsers Gleichen. Dem galanten Manne aus jener Zeit fällt es nicht ein, dass eine
Frau von Ton anders als bedeutend sein könne. Der Onkel beweist mir übrigens
täglich mehr, dass die Abgeschlossenheit, in der er so streng verharrt, nichts
als ein enger Rock ist, der ihn tausendmal kneift, und ihn gleichwohl nicht
ablegt, weil er einmal der Welt darin bekannt ist. Zuweilen knöpft er ihn auf.
Dann schlägt sein Herz frei, die Worte gehen von selbst über die Lippen, er wird
ein anderer Mensch. Unsere Nachbarin, die schöne Elise, gilt viel bei ihm, und
er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen, geistvollen
Unterhaltung. Ich sehe aus allem dem, dass wir mit dem Hause des Präsidenten in
ein freundschaftliches Verhältnis treten werden. Die wenigen Monate, die wir auf
dem Lande noch zuzubringen gedenken, mag, wie gesagt, ganz angenehm für Emma
sein. Ich bin wenig dabei interessirt. Die hübsche Frau müsste es sonderbar
anfangen, wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse! Dort geben mir meine
Landstreicher etwas auf zu raten. Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von
Rätsel ist, so würde sie Mühe haben, mich zu fesseln. Zur Zeit ist mir nichts
an ihr unbegreiflich, als ihre Heirat. Doch über dies Kapitel kann man bis zum
Wahnsinn grübeln, und man kommt damit nicht aufs Reine.
    Lebe wohl? Solche Gedanken verweht ein rascher, scharfer Nachtwind am
besten! Ich gehe auf die Jagd. Noch einmal, Lebe wohl!
 
                               Rosalie an Agate
Warum Du auch gerade in den Paar Tagen, die wir in der Stadt zubringen wollen,
den fatalen roten Fleck auf die Backe kriegen musstest! Er entstellt Dich
eigentlich gar nicht, und wer es nicht wüsste, hätte es kaum bemerkt. Aber Mama
sagte noch unterweges: Eine junge Person könne nicht ängstlich genug sein, sich
jeden Augenblick auf das Vorteilhafteste zu zeigen. Oft reiche ein einziger,
ungünstiger Eindruck hin, ihre ganze Zukunft zu untergraben. Und darum sei es
recht gut, dass Du zurückbleiben, und Dich auf dem Lande verstecken könntest.
Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung! Ueberhaupt ist sie unglaublich klug.
Denke Dir, sie hat es richtig dahin gebracht, dass ihr gestern der neue englische
Gesandte und seine Frau die erste Visite machen mussten. Es war übrigens einmal
wieder so voll in unserem Salon, wie mitten im Carnaval. Ich hatte das neue
Pariser Linonkleid an, und die Haare von Charles arrangirt, Du kennst seine
einzige Art. Curd sagte, ich sähe gerade aus, als hätte man mich aus dem
hübschen Wiener Modejournal herausgeschnitten. Ich fand, dass er Recht hatte.
Meine Toilette war äusserst modern, und sehr gelungen, denn der Lord und die
Lady fixirten mich mehrmals, und sagten dann zur Mama: ob ich in Paris erzogen
sei? Mama lächelte geschmeichelt, musste aber die Wahrheit bekennen, was ihr,
denke ich, sehr zur Ehre gereicht, da wir doch allein durch sie sind, was wir
sind.
    Stelle Dir vor, der Nachbar der Tante, Baron Wildenau, liess sich mit seinem
Sohne melden, gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war. Ich
hatte bald den Tod vor Schreck. Erinnerst Du Dich wohl noch den langen, dünnen,
ungelenken, verdriesslichen Leontin, der so oft, während unsers langweiligen
Aufentalts bei der guten Tante, auf einem abscheulich hässlichen Schimmel
geritten kam, einen schiefen Diener machte, an der Türe stehen blieb, und kein
Wort sagte? Mir war die Figur unvergesslich geblieben. Es sind vier Jahre her,
wir waren beide ziemlich klein, aber ich sah uns noch verstohlen hinter der
Gardine, so oft die Visite im Anzuge war. Nun mache Dir einen Begriff von Mama's
Verlegenheit, wie der Name Wildenau genannt ward! Sie behielt keine Zeit, etwas
zu erwiedern, die Türen gingen auf, Vater und Sohn standen vor uns. Es ging
aber Gottlob besser, als ich dachte. Der Baron sieht am Ende aus, wie viele
Leute seines Alters, und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet, seit er von
seinen Reisen zurück ist. Mama sagt auch, er sei allenfalls zu produciren, ob er
gleich ausserordentlich zurückhaltend ist, auch viel steifes Wesen behalten hat.
Ob er sprechen kann? weiss ich nicht, ich glaube aber, damit ist es noch so, wie
sonst. Im Ganzen nimmt er sich aber, ich versichere Dich, ganz leidlich aus, und
wenn er nur einen ordentlichen Contretanz in Paris einstudirte, so werde ich es
auf dem nächsten Balle nicht ausschlagen, mit ihm zu tanzen, denn, wirst Du es
glauben? die Lady beteuerte, sie habe den Herrn für einen Engländer gehalten.
Ich musste beinahe laut auflachen, dachte ich an unsere frühere Bekanntschaft
zurück.
    Weisst Du, Agate, ich wäre rasend gern eine Lady. Es klingt so erstaunt
appart. Diese hier ist zwar gar nicht auffallend. Ich hätte es ihr nicht
angemerkt, dass sie übers Meer kam. Ja, um aufrichtig zu sein, ich würde sie eher
für eine Dame aus der Provinz gehalten haben. Sie zieht sich geschmacklos und
doch übertrieben kostbar an, sitzt ganz grade, und bewegt sich nur selten, wenn
sie spricht. Es klingt immer, als wenn sie blöde und unsicher wäre; das schadet
ihr aber alles nicht, sie wird doch ausgezeichnet, da sie eine Fremde ist. Das
tut gar zu viel in der Welt. Mein Gott, warum kann ich nicht für einen Winter
nur, eine Fremde sein!
    Der Baron hat Mama gebeten, Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu
verschaffen. Mama warf einen ihrer prüfenden Blicke auf den jungen Menschen, als
wenn sie sehen wollte, ob es sich der Mühe verlohne? Er stand vor ihr, liess den
Vater für sich sprechen, setzte nicht eine Sylbe hinzu, und wandte sich, mit dem
gleichgültigsten Gesicht von der Welt, wieder ab, als beide aufhörten, von der
Sache zu reden. Mich betrachtete er ein paarmal, ohne indes eine Miene zu
verziehen. Curd lachte mich darüber aus, ich musste wohl oder übel, mit lachen,
unser stumme Gast ging eben vorüber. Ich hörte, wie ihn Curd ziemlich spöttisch
fragte, weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses
erneuere? Leontin sah ihn verwundert an, indem er kurz und trocken erwiederte:
»ich fand noch keine Veranlassung dazu!« Findest Du das nicht höchst sonderbar?
Mir scheint es unhöflich.
    Stelle Dir vor, alle Leute sind hier voll von der Schönheit unserer neuen
Nachbarin. Man übertreibt wieder einmal auf das Lächerrlichste. Mama sagt, es
tue ihr leid um die kleine Frau. Wenn sie erscheinen werde, dann sei es Jeder
schon müde, von ihr zu sprechen, und sie werde damit enden, gar nicht zu
gefallen. Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings. Ich werde von
aller Welt über ihn befragt. Es ist wahr, er ist der schönste Mann, den ich
kenne.
    Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten. Der Hof wird
auch da sein. Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet.
Ich freue mich unmenschlich darauf. Arme Agate, wenn Du doch auch hier wärest!
    Ich schicke Dir diesen Boten, um Dich zu bitten, dass Du mir Deinen
allerliebsten Bastut mit den Veilchen leihen möchtest. Tue mir den einzigen
Gefallen, liebe Schwester. Siehst Du, meiner hat auf dem Transport einen Kniff
in der Krempe gekriegt, und seit ihn die Nettencourt in die Hände genommen hat,
um ihn wieder zurecht zu machen, ist er total verdorben. Mama schwört, dass sie
es absichtlich getan hat, aus Aerger über die französische Waare. Nicht wahr,
Du leihst mir Deinen? Ich rechne bestimmt darauf. Es wäre auch unglaublich
unfreundlich, wenn Du mirs abschlügst. Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht
gebrauchen. Mit dem enormen Fleck auf der Backe, würdest Du doch nicht
erscheinen können, und Mama gäbe es auch gar nicht zu, könnte es um Deinetwillen
nicht zugeben. Siehst Du, und im Winter ist er aus der Mode, dann schenke ich
Dir einen neuen. Ich spare schon Geld dazu. Vielleicht brauche ich das nicht
einmal zu tun. Es kann sich wohl bis dahin Vieles ändern! - Weisst Du, die Tante
ist sehr krank, Baron Wildenau sagte es gestern. Wenn sie stirbt, sind wir die
reichsten Partien im Lande. Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten!
Das Dümmste wäre nur, wenn sich die Krankheit noch lange hinzöge, und der Tod
uns die Trauer mitten im Carnaval auflegte. Wer will aber so weit vorausdenken?
Und nicht wahr, Agate! Du schickst mir den Hut?
    Adieu, liebe Schwester! Ich umarme Dich tausendmal.
 
                                    Antwort
Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Prätentionen. Niemals hast Du was, und
doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen. Den Hut hast Du
Dir ja mutwillig, durch das unaufhörliche Aufprobiren verdorben. Standest Du
denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel, und schobst und rücktest daran,
und drehtest den Kopf hin und her, unter lauter Trillern und Singen, dass mir
noch die Ohren davon wehe tun. Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder
zurechtmachen. Du hast Dich wohl gehütet, Mama zu bekennen, was eigentlich damit
vorgegangen war; und nun muss die arme Person die Schuld auf sich nehmen. So
machst Du es immer.
    Wenn Du ein gutes Herz hättest, so würdest Du wohl daran denken, was es mich
kosten muss, hier so allein zu sitzen, während Du Dich göttlich unterhältst. Du
würdest Mitleid mit mir haben, und nicht noch eine Gefälligkeit obendrein von
mir fordern. Es ist wahrhaftig kein geringes Opfer, was ich bringe, wenn ich
Deinen Wunsch erfülle. Ich tue es aber recht ungern, das versichere ich Dich,
denn dass ich den Hut niemals wieder werde aufsetzen können, davon bin ich
überzeugt. Du verdirbst ja gleich alles, was Du anfasst. Und wiederkaufen kannst
Du mir auch keinen andern. Mein Gott, Rosalie! Dein Taschengeld reicht ja
niemals aus.
    Was Du von dem Tode der Tante sagst, ist recht sündlich. Ueber dergleichen
muss man niemals leichtsinnig reden. Und wer weiss denn auch, ob sie so reich ist?
    Ein rechter Querstrich wäre es doch bei allem dem, wenn mir auch noch die
Wintervergnügungen verdorben würden! Wäre dies der Fall, ich würde noch mehr
weinen, als ich es jetzt schon tue!
    Ja gewiss, ich schwimme in Tränen, während Du Dich mit meinen Sachen
putzest, und zu den Festen fährst. Morgen bleibe ich gewiss bis Mittag im Bette.
Ich will nicht sehen, ob es Nacht oder Tag ist.
    Mama mag sehr klug sein, aber sie ist auch sehr sonderbar. Um solche
Kleinigkeit so viel ängstliche Rücksicht! Glaube mir, mit meiner Figur, mit
meinen Augen, hätte Niemand auf ein Bischen unruhige Haut gesehen. Aber ich weiss
schon - - -
    Sage mir doch, ist noch Niemand in der Stadt angekommen? Er wollte doch
schon Ende vorigen Monats dort sein. Statt von dem langweiligen Leontin zu
schreiben, hättest Du mir etwas Interessanteres mitteilen können.
    Verbrenne um Gotteswillen dies Blatt, damit es kein Mensch sieht, am
wenigsten - Du verstehst mich wohl.
    Ich schliesse hier, der Bote eilt. Mein Himmel, Du wirst ja doch noch zeitig
genug zu Deinem brillanten Dejeuner fertig werden.
    Geh nur! geh! Du bist nicht halb so gefühlvoll, als ich. Das ist auch mein
einziger Trost. Die Besten müssen immer am meisten leiden! Adieu!
 
                                Elise an Sophie
Ich schreibe Ihnen mit Bleistift auf einer sehr lustigen Jagdpartie zwei Worte
durch Curd, der durch alle erdenkliche Mittel imponiren will, in der
Geschwindigkeit eine Reise nach Italien macht, und noch diesen Abend dahin
abgeht. Er trifft Sie in Florenz, und bringt Ihnen mit tausend warmen,
zärtlichen Grüssen dies Blatt. Mögen Sie lesen können, was es entält. Ich
fürchte, die Schriftzüge werden ziemlich verwischt zu Ihnen gelangen.
    Nun auf gut Glück!
    Zuerst, was Sie interessirt. Ihre jungen Freunde sind hier, gefallen beide,
sind liebenswürdig, und scheinen glücklich. Ich bin ihnen von Herzen ergeben.
Emma bezwingt mich durch etwas Unwiderstehliches, das ich nicht nennen kann. Es
ist viel stille, geistige Fühlbarkeit in ihr. Die dunkeln Augen werden eben so
oft feucht, wie der allerliebste Mund lächelt. Alles an ihr ist leise,
unkörperlich möchte ich sagen.
    Der dicht umschlossene, ruhig bewegte Waldsee, an dem ich hier sitze, gibt
mir das beste Bild von ihr. So erscheint sie mir.
    Dem sonderbaren Hugo fällt das Meiste im Leben von selbst zu. Er bemüht sich
nicht darum. Er hat es. So auch die Aufmerksamkeit, die Teilnahme, die
Bewunderung der hiesigen Gesellschaft. Ich hatte Unrecht getan, Absicht bei ihm
vorauszusetzen. Was er sagt und tut, ist immer unwillkührlich. Das
Ausserordentliche liegt ihm vielleicht näher, als Andern! Ich kann nicht eben
finden, dass er mich blende. Im Gegenteile, es ist das Unscheinbare in seiner
Art und Weise, wodurch er die Gedanken frei an sich heraustreten, und sie in
ihrer Natürlichkeit jedem verwandt, empfinden lässt. Es liegt hierin eine Magie,
das ist wahr! Aber der Genius der Natur gibt sie allein. Gewöhnliche
Taschenspielerkünste würden es nicht so weit bringen.
    Ich gerate zu tief in den Text hinein. Das Blatt ist zu Ende. Leben Sie
wohl, geliebte Ungetreue! Sein Sie gewiss, Sie fehlen mir gerade jetzt am
meisten.
    Apropos, Eduard lässt Sie grüssen. Auch Georg, der allerliebste kleine Junge!
Beide trugen es mir schon längst auf. Noch einmal, leben Sie wohl!
 
                             Der Geistliche an Emma
Vor allem, meine gnädige Frau, empfangen Sie den innigsten Glückwunsch zu Ihrer
Rückkehr in die Heimat. Ich weiss Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung. Es ist
mir so gewiss, dass Sie dort, wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten, auch
Zufriedenheit finden werden, dass ich gern noch einen zweiten Brief kommen liesse,
ehe ich den ersten beantwortete. Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort, als
etwas entgegen zu sehen, von dem Sie besondere Aufschlüsse über sich und Ihre
Verhältnisse erwarten.
    Sie misstrauen Empfindungen, bei denen Sie gleichwohl viel zu lange
verweilen, wenn Sie Ihnen gefährlich dünken. Kurz, Sie sind noch von den
Erschütterungen der Reise aufgeregt, und wünschen wieder in Ruhe zu kommen.
    Liebe, gnädige Frau, ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken.
Das Zimmer, in welchem sie sich befand, war so dunkel, dass man sich nur mühsam
darin zurecht fand. Gleichwohl warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen
Schein auf naheliegende Gegenstände, welche bei der leisesten Verrückung scharfe
Lichtstrahlen zurückspiegelten, und den Sehenerv schneidend trafen. Die Kranke
schrie, so oft der Fall eintrat, unwillkührlich hell auf; besonders übermannte
sie der empfindlichste Schmerz, wenn die weisslakirte Türe eines Seitenzimmers
aufging, und die Bewegung des hellen Körpers blendend die Nacht umher teilte.
Ich litt um so mehr mit der Armen, als mein gesundes Auge von dem jähen,
durchfahrenden Schimmer afficirt ward. Mit der innigsten Teilnahme verliess ich
sie später. Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend
denken. Wie gross war deshalb meine Freude, als ich, nach nicht gar langer Zeit,
fast um die nämliche Stunde, vor dem Hause vorbeigehe, und die Fenster desselben
erleuchtet finde. Ueberrascht bleibe ich stehen, betrachte mir die Lage des
Krankenzimmers, und kann nicht zweifeln, dass ein, im Mittelpunkt desselben
angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhüllt flammen lasse. Ich
eile nun hinauf, gewiss, das Uebel gehoben zu sehen. Allein ich fand meine
Erwartung getäuscht. Meine arme Freundin sass noch mit dem grünen Augenschirm,
unfähig, den Blick frei zu bewegen. Ihr Zustand war leider ungefähr derselbe,
doch mit dem Unterschiede, dass sie in einem gleichmässigeren Empfinden des
Schmerzes, seiner mehr Herr ward, ja, in der ruhigen Helle des Gemaches den
wohltuenden Einfluss des Lichts im Allgemeinen genoss, ohne den leidenden Teil
dadurch verletzt zu fühlen. Ich äusserte ihr meine Verwunderung hierüber,
hinzusetzend, dass mich eben diese Helle getäuscht habe, indem ich sie nicht mit
der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewusst hätte.
    »Das macht,« entgegnete sie, »das Licht kommt von oben, so ergiesst es sich
ohne Abschattung nach allen Seiten, ich bin mitten darin, wie am Tage unter
freiem Himmel.«
    Gnädige Frau, Sie empfinden, wie ich in diesem Augenblicke empfand. Die
Wahrheit ist so einfach, dass sie uns auf die einfachste Weise am nächsten liegt.
    Lassen Sie das Licht von oben in Ihre Welt hineinfallen. Sie werden sich
darin zurechtfinden, ohne überall auf Ecken zu stossen.
    Weiter wüsste ich Ihnen für jetzt nichts zu sagen, nichts zu raten. Alle
Verhältnisse des Lebens sind kraus und bunt. Es hilft nicht viel, äusserlich
daran zu rücken oder darüber zu klügeln. Man muss hindurch. Deshalb bewahren Sie
sich Klarheit und Mut. Sie haben, ich will es glauben, mit ungewöhnlichen
Menschen zu tun. Lassen Sie sich das nicht irren. Bleiben Sie Ihrem Gott und
Ihrem Herzen getreu. Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an. Wie viele
ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschütterlicher Gesinnung ab.
Der Fels steht, wenn die Woge zerrinnt.
    Lassen Sie das Licht von oben kommen. Sie finden den Pfad durch das
Labyrint von selbst.
    Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhüllt. Das ist das Gebet, mit
dem ich Sie einem höhern Schutze empfehle.
 
                                 Hugo an Elise
Hier ist das befohlene Buch. Ich hätte es Ihnen lieber gebracht als geschickt.
Aber Sie wollten mich nicht hören, ehe Sie lasen. Es ist auch meine Art, fremdes
Urteil zu entfernen, ehe ich mit dem Gegenstand bekannt werde, von dem es sich
handelt. Ich bin neugierig, wie wir hier zusammentreffen werden? Es bleibt doch
morgen bei der Partie nach dem Vogelheerd? Heute ist es trauriges Wetter! Es
regnet. Der Tag ist für mich so gut wie verloren. Er fesselt mich unbarmherzig
zu Hause. Bedauern Sie mich ein Bischen.
    Ganz Ihr untertäniger Hugo.
 
                                    Antwort
Der Regen dauert fort! Es ist zum verzweifeln! Natürlich wird aus dem Frühstücke
im Walde nichts! Morgen vielleicht! Man sagt das so hin, und gibt auf, weil man
schon an den Ersatz denkt. Was sichert uns diesen?
    Ich glaube, Ihr Buch hat mich ganz umgestimmt! Mir ist etwas davon in der
Seele geblieben, das schwer wiegt. Fragen Sie mich nicht, ob es mir gefällt? Das
weiss ich nicht, auch ist das eigentlich gar kein Ausdruck für Gefühle und
Zustände des Innern. Genug, ich habe in einem Zuge fortgelesen, bis zu Ende, und
bleibe mitten darin. Wollen Sie noch ein anderes Urteil? Ich kann mich sonst
auf nichts Bestimmteres einlassen. Aber so viel ist gewiss, die Bücher werden
immer seltener, die Einem empfinden lassen, dass es noch eine Welt gibt, ausser
der, von heute und gestern. Eine andere Frage wäre, ob die Welt, in die ich mich
hineingelesen habe, meine Heimat sein darf oder nicht? Ist sie es, was fange
ich denn mit dem Aussenleben an.
    Ich wollte heute mit Ihnen über das Alles weitläufig sprechen. Aber es
regnet. - Der Himmel sagt zu Vielem Nein, was der Wille anders will. Leben Sie
wohl!
 
                                 Hugo an Elise
Ich bestreite den letzten Satz Ihres Billets, gnädige Frau! Der Himmel sagt zu
Wenigem Nein, was der Wille recht will. Wäre es wirklich Ihre Absicht gewesen,
mir mehr mitzuteilen, als die flüchtigen Zeilen entalten, Sie hätten die
Sonnenblicke am Mittage zu einer Spatzierfahrt im Walde benutzt. Mich, waren Sie
gewiss, dort zu treffen. Auch hatte die Tannenhäuserin Befehl, mich sogleich von
Ihrer Ankunft zu benachrichtigen. Jetzt ist es zu spät, und Sie fürchten morgen
wohl auch die feuchte Luft.
    Wäre der Präsident nicht in Geschäften abwesend, und ich dreist genug, ohne
Emma's Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen, Sie würden mich schon frühe
am Tage an Ihrem Gartenpförtchen sehen. Allein Sie äusserten einmal: Nur unter
Frauen könne zwangloser, nachbarlicher Verkehr stattfinden. Nun, und die meinige
ist am Krankenbette des Onkels gefesselt, dem das Podagra viel zu schaffen
macht, sonst hätte ich ihre Fürsprache bei Ihnen nachgesucht, denn gewiss, mich
verlangt, mehr über ein Tema zu hören, das viele Streitfragen in sich fasst.
    Gnädige Frau! ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um: »Was finge ich
mit dem innern Leben an, wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimat
wäre?« Sagen Sie selbst, hört man nicht auf, ein Fremdling zu sein, wenn man es
hier ist?
 
                                    Antwort
Kommen Sie immer, wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann. Ich habe grosse
Lust, mit Ihnen zu streiten.
 
                            Emma an den Geistlichen
Sie hatten ganz recht! Die Ruhe nach der Reise machte mich krank. Wie wünsche
ich mir Glück, Niemanden als Ihnen, ehrwürdiger Herr, meine Schwachheit
anvertraut zu haben! Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte. Ich weiss nicht,
ob dieses von oben kommt? Allein, es ist überall Tag, es ängstigt mich länger
kein trüglicher Schatten, ich atme frisch und lebe heiter.
    Es war vielleicht ein Glück, dass der Oheim seine gewöhnlichen Gichtanfälle
dieses Jahr früher, als sonst, bekam. Wir naheten uns einander dadurch
schneller. Seine Bedürftigkeit und mein Wunsch, ihn diese weniger empfinden zu
lassen, setzten uns über unzählige kleine Zwischenräume hinweg, welche der
geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt.
    Mit steigender Freude fühlte ich, wie notwendig ihm meine Pflege ward.
Hiermit regten sich Kräfte und Wille wie neu beseelt in mir. Gottlob! es ist so
geblieben. Ich bin auf meinem Platz. Von da aus sieht es sich klarer, bestimmter
auf die Gegenstände hin, welche unsere Welt bilden. Ich glaube, des Oheims Auge
hat auch erst einen Blick für mich gewonnen. Er betrachtet mich nicht mehr so
prüfend. Wenn er mich ansieht, lese ich Vertrauen und wohlwollende Güte in
seiner Miene. Es gibt nichts Einfacheres, aber auch nichts Friedlicheres, als
unser Leben. Und wissen Sie wohl, wer zumeist den stillen Geist hineingetragen
hat? Jene schöne, liebe Frau, deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den
beschwichtigenden Eindruck machte, den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir
zurücklässt. Von dieser Leichtigkeit des Umganges, dieser Seele und Wärme in
jedem Worte, können Sie sich keinen Begriff machen. Oft überrascht mich ihre Art
und Weise so, dass ich sie staunend ansehe, ohne zu wissen, wie ich das
Unwillkührliche dieses fessellosen Innern mit der steten Berücksichtigung alles
dessen, was andere betrifft, vereinen soll. Sie sieht mich dann wieder an, und
die Miene, mit der sie fragt: »Was ist Ihnen, Liebe?« hat solchen Zauber
kindlicher Neugier, dass jeder Gedanke an Absicht oder Künstelei davor
verschwindet. Seit mich des Oheims Kränklichkeit im Schloss fesselt, ist sie
täglich, wenigstens auf ein paar Stunden hier. Sie kommt und geht wie ein
anmutiges Feenkind, das durch allerlei Zaubereien die alltägliche Gegenwart
umher verwandelt. Immer hat sie etwas zu erzählen. Wie unbedeutend das auch sein
mag, sie weiss es so eigentümlich vorzutragen, dass es nie ohne Interesse bleibt.
Der Kranke vergisst Schmerz und Unbequemlichkeit, wenn er sie nur sieht.
Vorzüglich unterhält es ihn, wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann. Das
geschieht, so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist, zu deren
Gunsten Elise mancherlei anführt, was jener mit Witz und Laune widerspricht. Sie
endet häufig damit, ihn über sein nichtiges, abweisendes Benehmen gegen Fremde,
die er weder kennt noch kennen lernen will, auszuschelten, und ihm Stolz oder
Trägheit vorzuwerfen. Der Comtur stimmt hierin mit ein. Er reizt und neckt den
Neffen. Dieser gibt sich willig her, lacht, widerspricht ohne sich zu
rechtfertigen, erzählt dann schnell ein paar Jagdabenteuer, schiebt irgend ein
fremdes, anziehendes Bild hinein, wodurch er die Teilnahme seiner Gegner anders
lenkt und ihnen entschlüpft. Elise bemerkt seine List zu spät. Es ärgert sie,
doch weiss sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen. Sie ist allerliebst, wenn
sie zankt. Ihr Eifer, mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist,
trägt ein eigenes Gepräge von Natur und Wahrheit. Ich glaube, sie erscheint
vorzüglich deshalb so unendlich liebenswürdig. Der Oheim nannte gestern ihren
Unwillen gefährlich. Er warnte Hugo, ihn zu reizen. Ich weiss nicht, wie es kam,
dass gerade in diesem Moment Hugo's Blick dem meinigen begegnete. Es lag etwas
Gezwungenes in seinem Lächeln. Ich ward unwillkührlich wie mit Blut übergossen.
Es war wohl die Erinnerung meiner frühern Schwäche, die mich beschämte, allein
Hugo? Hat er mich schon damals erraten? Die unbefangene Elise blieb sich
gleich. Sie ist zu grossartig, um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen.
    Bald darauf nahm sie, ohne alle weitere Rücksicht, Hugo's Arm, und hiess ihn,
sie zur Strafe, dass er sie so lange durch unnütze Worte aufgehalten habe, den
Berg hinab zu ihren Wagen führen. »Mein armer, kleiner Georg,« setzte sie, fast
erschrocken über die Erinnerung an diesen, hinzu, »wird gewiss schon recht
ungeduldig über mein Aussenbleiben geworden sein.« »Wie,« entgegnete ich
überrascht, »der Kleine begleitete Sie, und Sie liessen ihn die ganze Zeit
draussen in der nasskalten Herbstluft?«
    »Ganz so arg,« lächelte sie sorglos, »habe ich es nicht gemacht. Das Kind
ist mir mit sammt dem Wagen späterhin gefolgt. Ich bin den Fusspfad durch den
Wald gegangen, meine Absicht war bloss, nach dem Befinden unsers Kranken zu
fragen, und dann den Rückweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden. Ich habe mich
einmal wieder hier vergessen,« fügte sie achselzuckend hinzu. »Aber nun auch
keine Minute länger!«
    Sie grüsste flüchtig. Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte, war sie mit Hugo die
Treppe hinunter, zum Schloss hinaus? Ich trat ans Fenster. Es dunkelte schon.
Mir schien es gewagt, sie und das Kind noch so spät der Gefahr des Umwerfens
auszusetzen. Ich sprach das gegen den Oheim aus. Er erwiederte nichts. Als ich
vom Fenster zurück trat, und wieder neben ihm niedersass, fand ich ihn, den Kopf
in die Hand gelehnt, vor sich hinsehend. Sein plötzliches Schweigen fiel mir
auf, ja es ängstigte mich. Litt er körperlich, oder war etwas geschehen, das ihm
missfiel? Mein fragender Blick drückte wohl aus, was ich dachte. Er richtete den
Kopf in die Höhe, doch ohne sich weiter zu erklären, sagte er zerstreut und
durch Anderes beschäftigt: »Ja, ja, Sie haben ganz recht, es ist zu spät!« -
Nachher besann er sich, wir redeten über Mancherlei, doch unsrer Nachbarin
gedachte er weiter nicht, es kam mir sogar vor, als vermeide er alles, was auf
sie Bezug hatte. Weshalb das? glaubt er mich unfähig, den Wert der seltenen
Frau zu empfinden? und hat ihn die flüchtige Äusserung über sie, aus meinem
Munde, verdrossen? - Ich dachte seitdem oft darüber nach. Auch würde ich
glauben, hierin nicht zu irren, machte er es gegen Hugo anders. Als dieser nach
mehreren Stunden zurück kam, fragte der Oheim weder nach dem, was ihn ausserhalb
beschäftigte, noch wie und wo er seine Dame verlassen habe?
    Seine Dame! Es ist doch eigentlich seltsam, wie die kleinen
Lebensverhältnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen.
Dieser kann ihr nicht den Arm bieten, ohne sich für ihren Beschützer zu
erklären, was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt. Wie mir dies gerade
hierbei auffällt? Ich schäme mich, es einzugestehen. Allein ich glaube, es sind
noch dumpfe Nachklänge des ersten, unreinen Tones, den Elisens Erscheinen in mir
weckte. Ich werde darauf nicht wieder hören. Ich verspreche es Ihnen.
    Ueber Eins möchte ich doch Ihre Meinung wissen. In einem unserer kleinen
Abendzirkel war von einem Buche die Rede, das Hugo sehr lebhaft gegen die
Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm. Diese nannte es hinreissend schön,
doch abirrend für die Phantasie, welche das Gebiet melancholischer
Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe. »Das unbefriedigte Innere,«
sagte sie lebhaft, »versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte
Unbestimmteit, die den Besitz des Daseins erschüttert, alle schöne Gaben
desselben bleicht, und das Herz mit nichtzustillender Wehmut füllt.«
    Hugo lächelte, indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster
zusammenzog. »Ist, wie Sie es sagen,« entgegnete er, »dies die unbezwingliche
Neigung der Menschenbrust, lockt uns so Vieles, und am meisten das eigene Gefühl
in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinüber, was sperren wir uns gegen
den Andrang der Wogen, wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen? Was büssen wir
Grosses dabei ein, wenn nun auch wirklich Alles um uns und in uns in flüchtige
Atome zerflösse? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu
fürchten, dürfen wir es bedauern, wenn das Unbeständige erbleicht? wer beklagt
den Verlust eingebildeter Güter??«
    »Wie,« unterbrach ihn Elise, »zum trügerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir
die frische, blühende, kräftige Welt, in der ich atme, und mich wirklich
fühle?« -
    »Und dennoch,« versetzte Hugo mit neckender Zuversicht, indem er das
besprochene Buch vom Tische nehmend, es gewichtig auf der flachen Hand ruhen
liess; »Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit für solche Träume hin. Ich weiss
gewiss,« fuhr er lächelnd fort, »Sie vergassen alles Andere, während Sie lasen.«
    Elise errötete in sichtlicher Verwirrung.
    »Von jeher,« nahm Hugo das Wort, »flüchtete der Mensch mit seinen Gefühlen
in eine andere Heimat, als die ihm angewiesene. Da war er Herr und Schöpfer
einer unermesslichen Welt. In ihr hatte und besass er, was die vergängliche ihm
versagte. Aus höherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht, Mutter der Dinge.
Erst wenn sie, die Königin, im geheimnisvollen Dunkel heraufzieht, am Saume
ihres Mantels duftige Träume spielen, und Schlaf und Tod aus den schwarzen
Falten hervor treten, erst dann gestaltet sich ein Dasein, das uns gehört,
dessen Herrscher der träumende Gedanke ist.« Er sagte das Letzte mit seltsam
erschütternder Melancholie in Ton und Miene. Im Sessel zurückgelehnt, die Arme
über einander geschlagen, wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin, die ihn
überrascht, wie es schien, ungewiss betrachtete.
    »Man wirft so oft den Christen vor,« unterbrach ich die augenblickliche
Stille, »dass sie sich den Genuss des Lebens verkümmern, die Schöpfung, durch
trübe Betrachtungen über den Wechsel der Dinge, ihres Reizes entkleiden, ja das
Gemüt durch Abtödtung in unerfreuliches Entsagen zwingen; doch so unbarmherzig
in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geängstete Seele nicht, wie
jene Heiden, deren Du erwähnst, Hugo. Sage doch, welche andere, als traurige,
unbestimmte Bilder können der Phantasie in solchen Nebeldünsten entsteigen?«
    »Mein liebes Kind,« entgegnete er etwas trocken, »es ist hier nicht von
Glaubenssätzen verschiedener Religionsansichten die Rede, sondern von allgemein
menschlichen Naturzuständen, die sich in ihren Bedingungen, wie in ihren
Anforderungen, von jeher auf ein Haar glichen. Immer wollte das Herz, was es
nicht hat, immer suchte es sich im Unermesslichen zu genügen. Die Formen, in
welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete, tun zur
Sache wenig.«
    »Ich meine doch,« entgegnete ich, »der Christ denkt nicht allein, er fühlt
auch anders, wie der Heide.« Hugo schwieg. Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen.
Sie schien in sich das Gehörte zu erwägen.
    »Wir sollten,« hub jener nach einer Pause an, »den wüsten Sturm einer
Gigantenbrust nicht zum Maassstabe unsrer Empfindungen machen wollen. Dort ist
der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben. Der
Fluss sucht erst sein Bett. Das Gefühl hat keine Worte. Grosse Natursymbole werden
ihr unwillkührlicher Ausdruck. Für uns sind das verbrauchte Spielereien. Wir
gefallen uns darin, weil es so tönend klingt, und über die Ungenügsamkeit
verwöhnter Herzen täuscht. Wir schwärmen aus Schwäche, und träumen aus Trägheit.
Schwermut ist der trübe Schatten entflohener Lebenskraft.«
    An Hugo's Lippen zuckte ein zweideutiges Lächeln. Er öffnete sie, als wolle
er etwas sagen, doch unterliess er es.
    »Deshalb,« fuhr der Oheim fort, »stimme ich dem Urteil unserer Freundin
bei, welches Schriften, die dem kranken Zuge der Seele Vorschub leihen, abirrend
nennt.«
    »Und somit,« entgegnete Hugo, bedacht und leise, »somit wären alle Fäden
zerschnitten, durch die unser Sein mit höherer Ahndung zusammen hängt, und diese
selbst zum schwerfälligen Phantom dickblütiger Fieberphantasie herabgesunken!
Lieber Onkel,« fuhr er, näher sich zu ihm wendend, die Hand freundlich auf
seinen Arm gelegt, fort, »Sie fühlen es anders. Sie haben die Einsamkeit lieb.
Sie kennen die Stunden wohl, wo der Blick nichts sieht, nichts sucht, wie in
einem Abgrund versinkt, die Brust immer voller wird, der Wunsch stockt, die
Sehnsucht das All umfasst, unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert, wir
uns fühlen und nicht fühlen! dann plötzlich reisst der Geist sich aus den Banden
los, wir glühen, eine, nur eine Tat zu tun, die das heisse Streben stille.
Nein! O nein! Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Trägheit, sie ist
die trauernde Gefährtin des Menschen, der, ein stets erneuerter Prometeus, sich
und seine Schöpferkraft in Ketten geschlagen fühlt.«
    Des Comturs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder. Er hielt zuckend die
Hand gegen den leidenden Fuss, indem er mit Anstrengung sagte: »Ich verstehe
wohl, wie Du es meinst, allein auch Prometeus war aus seiner Bahn gewichen, und
wenn auch göttlicher Wahnsinn, so ist Wahnsinn immer Krankheit. Uebrigens
täuschen wir uns gern mit prometeischer Schöpferkraft, wenn uns das Nächste zu
schlecht dünkt, oder zu mühsam, es anzufassen.«
    »Ja wohl,« rief Elise, indem sie mit komischem Eifer von ihrem Stuhle
aufsprang und an des Comturs Lager eilte. »Während wir hier um des Kaisers Bart
streiten, versäumen wir, Ihnen die Kissen zurecht zu legen. Es ist da etwas, das
Sie drückt. Wir hätten es gewiss längst bemerkt, wären wir nicht so unverzeihlich
mit uns selbst beschäftigt gewesen.«
    »Da haben Sie die Moral von der Fabel,« sagte sie, gegen Hugo gewendet. »Das
gesunde Auge wird blind, wenn man durch Künstliche sieht.«
    Der Oheim küsste ihr die Hand, die sich auf leichte und gefällige Weise um
ihn zu tun machte. Schafte sie ihm wirklich Erleichterung, oder war der
unbequeme Anfall rasch vorüber gegangen? Genug, er fand seine frohe Stimmung
sogleich wieder, er scherzte, lachte Hugo aus, während er dessen Gegnerin, in
der klugen Nutzanwendung des Streites, lobte. Diesen hatte man fallen lassen. Es
blieb, soviel mir klar ward, Alles unentschieden. Auch bei mir. Deshalb wünschte
ich Ihre Ansicht darüber zu hören. Elise war, sie mochte sich dagegen immer
sträuben, nicht sowohl durch die Süssigkeit ahndungsvoller Wehmut in sich
zurückgezogen, als sie vielmehr Hugo's düstere Begeisterung überraschte! Sie
fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region. Der Oheim hat immer
viel Kraft und Selbstüberwindung von sich und Andern gefordert. Hierin setzt er
den ganzen Wert des Mannes. In Opfern aller Art zeichnete er sich aus. Ja, man
erzählt, er warf alle Lebensansprüche hin, zerriss eine Verbindung, die, im
Begriff vollzogen zu werden, seinem Herzen das schönste Glück verhiess, weihete
sich stillem Entsagen, suchte und fand Trost in der Tätigkeit für Andre. Dem
Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft
entgegen gestellt, sich selbst dafür zu strafen, das Missverhältnis
auszugleichen, ward er Geistlicher. In diesem Bewusstsein betrachtet er das
Leben, wie ein Feld streitender Kräfte, auf dem Niemand müde werden darf. Am
wenigsten kann er das Vonsichdrängen des Kampfes, das Flüchten in die Labyrinte
müssiger Betrachtungen, dulden. Er will immer Gewappnete um sich sehen,
überzeugt, dass jeder Augenblick eine Tat mit sich heraufträgt. Genuss kennt er
nicht, in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt. Sehen Sie, ehrwürdiger Herr, so
gesinnt, dünken ihm Hugo's Äusserungen lauter Misstöne. Ich finde gleichwohl
Harmonie darin. Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele über! diese füllt
heisser, ungestillter Durst nach dem, was die Welt nicht hat. Oft denke ich mir,
Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze Natur zum Priesterstande
bestimmt. Er würde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt, aus
dem verborgenen Quell geschöpft haben. Und doch, finden wir nicht auch unter den
Gläubigen dunkle Seher? Ist der tiefe Blick nicht oft der trübe? Bleibt die
Sonne darum weniger sie selbst, weil sie hinter dunkeln Wolken weilt? Und eben
so, ist Finsternis darum wirklich Finsternis, weil wir das Licht nicht sehen?
Ich kann mir in einem Menschen alles anders denken, als er nach Aussen erscheint.
Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verständlich, ich traure nur mit ihm.
Ein Glück, dass die heitre Elise so viel duftige Farben über das Leben zu
verbreiten weiss! ihre Nähe ist uns Allen gewiss recht wohltätig.
    Irre ich in meiner Ansicht, geehrter Freund, so lassen Sie mich recht bald
in Ihrer gütigen Antwort den Irrtum einsehen.
 
                                Elise an Sophie
Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlängerten
Aufentalt auf dem Lande sehen. Die vorgerückte Jahrszeit fand mich niemals
hier. Es wäre auch jetzt nicht der Fall, hielt eine unvorhergesehene
Geschäftsreise Eduard nicht von uns entfernt, wodurch ich Freiheit gewinne, über
mein Gehen und Bleiben zu bestimmen. Sie wissen, liebste Sophie, ich reisse mich
immer schwer von dem Orte los, wo ich eben bin. Im Frühling möchte ich die
Stadt, im Herbst den lieben, wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine, die Blumen
und Fruchtkörbe nicht verlassen. Ich kann Ihnen sagen, mir ist recht innerlich
wohl, so hier zu sitzen, als brauche ich gar nicht aufzustehen, weder von
Einpacken, noch Fortschicken der Wagen, noch von Reisen sprechen zu hören, und
Stunden und Tage gehen zu lassen, ohne der Zukunft zu gedenken! Dazu nehmen Sie
noch, dass ich im mindesten nichts an fröhlicher Gesellschaft einbüsse. Meine
Nachbarn folgen meinem Beispiel. Die Eine aus Notwendigkeit, die Andere aus
Grille. Auf der Burg hält das Podagra den Comtur, die Pflicht ihn zu pflegen,
die jungen Leute, zurück; in Ulmenstein erinnerte sich die Gräfin, dass man in
England immer erst spät nach der Stadt zurückkehrt; zudem ist es pikant, sich
erwarten zu lassen. Diesen Triumph vorzubereiten, bietet sie jedes Mittel auf,
dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhöheter Fröhlichkeit das
Wünschenswerteste hinzuzusetzen. Man jagt in ihrem Park, spielt Comödie, stellt
lebende Bilder dar, sitzt in grossen Kreisen und am gastlichen Kamin, und erzählt
schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein. Von fern und nahe
strömen müssige, neugierige, oft lebensfrohe Genossen herzu. Es ist, ich
versichere Sie, ein sonderbares, konfuses Treiben dort, das eben, in seiner
Anarchie, etwas Berauschendes hat, und dem ich mich zu Zeiten gern überlasse.
Einen seltsamern Contrast gibt es nicht, als wenn nun Einzelne, des ewigen
Wirrwarrs müde, nach der ernsten Burg, oder mit dessen Bewohnern, hierher zu mir
flüchten, wir zu zweien oder vieren in einem kleinen, geschlossenen Kabinet
sitzen, die Welt drüben ganz vergessen, nichts wollen, als stilles Genügen im
Beisammensein, ruhigen Gesprächs, warme, beseelende Mitteilung. Und wie sich
die Brust dann plötzlich erweitert, ein rascher Blitz das Gemüt trifft, und
schnell ein Funke den andern fasst, bis alles hell und durchsichtig um uns ist! -
O Liebe! - Oft noch spät, nach einem durchschwärmten Tage kommen wir Abends so
zusammen. Dann ist es, als haben die wechselnden Berührungen von Aussen die
Saiten in uns nur angeschlagen, damit ein lang verhaltenes, geheimnisvolles Echo
die Töne schwer, aber tief zurückgebe, und so das Missgestimmte in Akkorden
zusammenfliesse.
    Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes
von *** bei. Eines von jenen Teaterstücken, die am häufigsten auf Privat-Bühnen
gegeben werden, und viel zu schwer für die augenblickliche Belustigung sind. Der
junge Leontin, Sohn des Baron Wildenau, machte die Rolle des spleenkranken
Engländers. Agate hatte man zu seiner Gattin erwählt. Sie spielte maniirt, war
mehr mit ihrer kleinen Person, als mit dem Charakter derjenigen beschäftigt, die
sie vorstellen sollte, kurz sie war, was die meisten Püppchen, die man so
figuriren lässt, zu sein pflegen. Dies stach auffallend, und nicht zum Nachteile
Leontins, gegen dessen düsteres Spiel ab. Es lag erschütternde Wahrheit darin,
und wenn er auch, wie nicht zu läugnen, den Ort, den Zweck, ja vielleicht den
Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht liess, so weckte er auch dafür
Empfindungen, die weit über den flüchtigen Zeitvertreib hinausgingen. Ich sah
mir den Mann zum erstenmale genauer an. Er hatte sich uns früher mit nachlässiger
Hingebung angeschlossen, doch meist nur den stummen Zuhörer bei unserer
Unterhaltung abgegeben. Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zurückgezogenheit.
Ich schwankte in meinem Urteile, doch war ich geneigt, von Beiden etwas
anzunehmen. Jetzt, auf den Brettern, schien er plötzlich den Ausdruck seines
verhüllten Selbsts gefunden zu haben. Ich ward aufmerksam auf ihn. Den folgenden
Abend trafen wir auf der Burg zusammen. Er hatte seinen schwarzen Rock nicht
mehr an. Der hellfarbige Frack, nach englischer Sitte, mit weit über die
Handknöchel hervorgezogenem Hemde, die künstlich gelegte, steife Cravatte, das
bauschige Jabot, erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen, und rief mir es
zurück, dass man ihn allgemein in diese Categorie setze. Ich hasse ein für
allemal jede Copie. Er musste indes die fremde Manier gut aufgefasst haben, wenn
in seinem Spiel nicht eigentümlicher Charakter lag. Ich brachte das Gespräch
darauf. Hugo persiflirte das Stück. Wir sind selten einer Meinung. Ich wollte
doch tiefere Anklänge darin finden. Leontin sagte wie gewöhnlich nichts. Als nun
aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf, dieser Engländer sei, wie
die meisten Figuren der Art auf unserer Bühne, eine Puppe, nach todten Formen
gebildet, mit abgerissenen Lappen, schlecht abstrahirten Raisonnements
ausgestopft, ein Ding, das sein Pensum hersage, und zuletzt durch eine
unmodivirte Catastrophe zu einem stillen, guten Manne aus der bürgerlichen Welt
gemacht werde: da wandte ich mich ärgerlich gegen Leontin, und rief ihn auf, ein
Geschöpf der Phantasie zu verteidigen, in das er sich so vollkommen hinein
gedacht, das er verwirklicht habe.
    Er blickte ein wenig finster auf, indem er ruhig erwiederte: »Nun, mein
Gott, der schwarze Mann ist ein Sceptiker, der eine Seele hat, ohne sie zu
fühlen, und plötzlich eine andere findet, durch die er zu sich selber kommt.«
    Es war augenscheinlich, Hugo überraschte die Antwort. Er sah mich lächelnd
an. War es nun, um Recht zu behalten, oder wollte er Leontin leise verspotten,
er fragte, ob er dem Schreckschuss zu guterletzt die Gewalt zutraue, eine, auf
Grundsätzen basirte Sinnesart so mit einemmale, wie Spreu, zu zerstäuben? Er,
seiner Seits, wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld aller Gefühle,
und den wahren Tod, den man zum Scheintod habe machen wollen.
    Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Wärme, als ich ihm zugetraut hätte:
»Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel! um es bei einem
geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen, kann wohl erschüttern, und auf
Gedanken bringen, die man früher nicht hatte.«
    Er erzählte hierauf, nach einer kleinen Pause, wie er im nördlichen England
einem Manne begegnet sei, welcher durch völlige Entäusserung alles
selbstbestimmten Handelns, den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe, ob er
gleich, in jeder andern Beziehung, einen klaren, folgerechten Geist bewährte.
»Dieser Sonderling,« fuhr der Baron fort, »kam und ging wie Jemand, der ohne
Zweck des Daseins lebt. Er verlangte weder Speise, Trank noch Ruhestätte, genoss
indes, was man ihm bot, ohne Widerstand, wie ohne Verlangen. Im Mittelstande
geboren, hatte er sich früher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet, doch irrte
er schon lange geschäftslos umher. Die welke Hingebung seines Wesens, der
nachlässige Anzug, das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen,
bildete einen rätselhaften Contrast mit dem grossen, feurigen Auge, einer
blühenden Gesichtsfarbe, und raschen, oft launigen Ergüssen des Witzes. Man war
verlegen, ob man den Mann für krank, oder absichtlich maniirt halten sollte?
Allein, weder von dem Einen noch dem Andern liess sich eine Spur entdecken.
    Ich ward,« setzte der Baron seine Erzählung fort, »durch diese originelle
Erscheinung an der Wirtstafel eines kleinen Städtchens lebhaft angezogen.
Täglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstattaften Vermutungen, in
Gesellschaft eines, ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes, wiederkehren.
Denn Letzterm schien daran gelegen, seinen Schützling allmählig in mannigfachen
Beziehungen einzuspinnen, woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen, in
Gedanken entstehen und den trüben Wahn des Gemütskranken schwinden sah. Er liess
dies mehr durch sein Benehmen, als durch unmittelbare Äusserungen abnehmen. Er
vermied im Gegenteil alles fremde Zudringen. Man hörte ihn immer nur
ausweichend über den Freund reden. Was er indes auch hoffte, und wie er die
Erfüllung vorbereitete, es sollte anders kommen.
    Eines Tages, als die Tischgenossen länger wie gewöhnlich beisammen blieben,
viel erzählt und viel getrunken ward, ohne gerade sonderlich auf ein starkes
Gewitter zu achten, das über den Ort hinzog, fuhr plötzlich der Blitz nieder,
und zündete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht, aus
Fachwerk erbauten Hauses. Dampf und Geschrei, das Brausen der Flamme, so wie die
Furcht vor ihrer Annäherung, jagten die Sorglosen von ihren Plätzen auf. Es
stürzten alle durch einander hin. Man ergriff, fasste, was zu retten stand,
mindestens sich selbst, da bald jeder Einzelne hier bedroht war. Den Advokaten
hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermisst. Sein Freund glaubte jedoch ihn an
seiner Seite zum Hause hinausgehend, gesehen zu haben. Er rief ihn deshalb mit
lauter Stimme; da jener aber keine Antwort gab, wandte sich der Erschrockene
wiederum nach der Brandstätte. Hier prallte er vor der Glut des
zusammenstürzenden Gebäudes zurück. Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel
verhüllt, zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wut prasselten. Ein
kürzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk, in welchem sich das Esszimmer
befand, war freilich durch davorstehende Bäume geschützt, und bis jetzt ziemlich
ausser Gefahr geblieben. Allein, den Weg von Innen dahin zu betreten, lag ausser
dem Bereich denkbarer Möglichkeit; denn ward auch allenfalls durch den Garten
der schmale Hof erreicht, in welchen die Fenster des neuen Flügels hinausgingen,
so durchdrang die innere, wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem
Maasse, dass der Vorrat aufgestapelten Brennholzes, welcher sich hier befand,
durch ein inneres Knistern und Dampfen, das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu
furchtbar verkündete, weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Löschgerät
hierher wagte, aus Furcht, in dem Dunste zu ersticken. Alles dieses hielt indes
den treuen Freund nicht zurück. Mit einer niedern Gartenleiter versehen, drang
er glücklich bis zu der Fensterbrüstung des Gemaches, in welchem er den
Vermissten zu finden hoffte. Die Mauer glühete wie eine Feueresse, alle Scheiben
waren bereits gesprungen. Der heldenmütige Mann glaubte mitten in Flammen zu
stehen. Dem ungeachtet gelang es ihm, jedem Hindernisse zu trotzen. Er war jetzt
mitten im Saale. Seiner kaum noch bewusst, fiel gleichwohl sein erster Blick auf
den ruhig dasitzenden Advokaten, der ihn verwundert anstarrte.
    Um Gottes Willen, rief der Eintretende, was machst Du hier? Geschwind,
besinne Dich nicht lange! Folge mir, sonst sind wir beide verloren!
    Der Andere winkte abwehrend mit der Hand. Geh! bat er, ohne sich von der
Stelle zu rühren, geh! ehe es zu spät wird! Mich lass hier, setzte er hinzu. Ich
entfliehe dem Verderben nicht, glaube mir, am wenigsten, wenn ich dabei tätig
sein wollte.
    Torheiten!« versetzte jener, ist es jetzt Zeit, albernen Grillen Raum zu
geben?
    Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Träumer, riss ihn vom Stuhle
auf, schleppte ihn zum Fenster, und ohne die kreisenden Funkenwirbel zu achten,
die jetzt den Hof erfüllten, ohne die prasselnden Holzhaufen zu fürchten,
bestieg er die Leiter, den Advokaten auf dem Rücken tragend. Doch, kaum hatte er
die ersten Sprossen betreten, so fühlte er sich unter seiner Last erliegen, er
schwankte, die Glut um ihn her raubte ihm die Besinnung, er widerstand einem
jähen Schwindel nicht, der ihn und den unglücklichen Freund mit einem
fürchterlichen Fall zu Boden stürzte. Der Advokat fiel auf seinen Retter. Einen
Augenblick harrte jener, was nun geschehen würde? Da aber der Andere kein
Zeichen des Lebens gab, so durchzuckte die entsetzliche Ahndung der Wahrheit den
Kranken. Er sprang empor, umfasste und trug seinen Wohltäter durch den Garten,
über die Strasse, zu seinem Hause hinein, rief Aerzte herbei, ordnete mit kluger
Besonnenheit jedes erdenkliche Rettungsmittel an; nichts lähmte seinen Eifer,
selbst der niederschlagende Ausspruch des Arztes nicht, der alle angewandte Mühe
für vergeblich erklärte. Noch einmal schlug der treueste der Freunde die Augen
auf, ein kurzer Kampf vollendete das Opfer seines Lebens.
    Jedweder zitterte nun für das Geschick des Zurückbleibenden. Laut weinend
stand dieser am Grabe des Einzigen, der ihn so geliebt. Als die herabrollende
Erde jetzt die Gruft füllte, ein kleiner Hügel die Stelle bezeichnete, seufzte
der Advokat tief, sein dunkles Auge lag fest am Boden. Träumerisch sagte er nach
einer Weile: »So oder so! Es ist alles Eins! Man muss, was man soll! O!« rief er
plötzlich mit dem Ausdruck des bittersten Schmerzes: »Sei ruhig, lieber Freund,
da unten in Deinem Bette, ich will, ja ich will arbeiten hier auf Erden,
vielleicht erliege ich wie Du, Unvergesslicher!«
    Er hielt in so weit, was er versprochen, dass man ihn von jetzt seinen
früheren Beruf mit Eifer erfüllen sah. Noch in den ersten Tagen heftiger
Erschütterung teilte er mehreren neugewonnenen Bekannten den Grund seiner
frühern Seltsamkeit mit. Schon als Kind hörte er seine Wärterin sagen: »Was der
anrührt, zerbricht.« Sie hatte recht, deshalb schmerzte es ihn. Er ward
ängstlich. Spielte er mit den Geschwistern, so traf er wohl Diesen unglücklich
mit dem Balle ins Auge, oder stiess im Laufen einen Andern, dass er fiel, und sich
verletzte. Bald verlor er die Lust am Spiel. Zurückgezogen und einsam, lernte er
aus Langweile mehr, als die Gefährten. Weniger zerstreut als sie, vergass er
selten das Erlernte.
    Das blieb nicht unbemerkt, allein es diente nur, seine Mitschüler zu
beschämen. Eifrige und lebhafte Lehrer taten das oft schonungslos. Der Träumer,
den Niemand leiden mochte, ward vollends verhasst. So fühlte er nur Qualen in
dem, was Andere erfreut hätte.
    Als er die Universität von Cambridge bezog, war er mit den glänzendsten
Zeugnissen ausgerüstet. Er wagte nur schüchtern davon Gebrauch zu machen. Die
Art seines Benehmens dabei teilte sogleich die Meinung über ihn. Er stellte
sich, und stand unbestimmt. Spott über den linkischen Neuling konnte nicht
ausbleiben. Er ertrug das, so lange es zu ertragen war. Dann folgten ernste
Händel. Er focht sie glänzend aus, allein auf Kosten eines bildschönen
Jünglings, den er durch einen Hieb übers Gesicht für die Zeit seines Lebens
entstellte. Jetzt war es vollends um seinen Ruf getan. Man beschuldigte ihn,
den Streich absichtlich so geführt zu haben. Dies verwundete seine Seele mehr,
als Alles Vorhergehende. Er verliess Cambridge.
    Gleichwohl konnte es bei seinen Kenntnissen nicht fehlen, dass er schnell in
seiner Bahn vorrückte, und in Amt und Wirksamkeit trat. Von der übrigen Welt
zurückgezogen, weihete er sich nun ganz seinem Berufe. In Kurzem hörte man
seinen Namen bei Lösung verwickelter Rechtshändel mit Achtung nennen. Vorzüglich
gewann ihm die Entscheidung eines vieljährigen Prozesses allgemeine
Aufmerksamkeit. Allein, eben der Ausgang desselben füllte seine Brust mit
Kummer, denn indem er dem lang bestrittenen Rechte alle Gültigkeit verschafte,
und es siegreich aus dem Labyrint unzähliger Irrungen hervor hob, führte er nur
den Sturz einer angesehenen Familie, ja den Selbstmord ihres gesunkenen
Oberhauptes herbei. Der Advokat schauderte vor dem Anteil, den sein unseliges
Mitwirken in der Sache hatte, und als ein Jahr später eine jugendliche
Verbrecherin, durch ihn zum Bekenntnis ihrer Schuld gebracht, der gerichtlichen
Strafe überliefert ward, traten die prophetischen Worte der alten Wärterin: »Was
der anfasst, zerbricht!« wieder in seine Erinnerung.
    Er beschloss, dem feindlichen Geschick ein Ziel zu setzen. So ward er ein
müssiger Grübler, zuletzt ein Automat aus Grundsatz. Er glaubte abwenden zu
können, was überwunden sein will.«
    Leontin schwieg. Hugo war indes leise mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und
abgegangen, ohne uns in seinen Mienen den Anteil lesen zu lassen, den ihm diese
sonderbare Erzählung einflösste. Jetzt stand er still, sah auf, indem er Leontin
fragte: »Und hat er es überwunden?«
    »Ich denke ja!« war die Antwort. Hugo schüttelte den Kopf. »Ich fürchte Nein
,« entgegnete er. »Rufen Sie sich nur zurück, was ihm unbewusst am Grabe des
Freundes über die Lippen flog, das war die innere Anschauung seiner Bestimmung.
Wem die einmal klar ward, der ist nicht mehr zu täuschen. Der Mann wusste auf ein
Haar, was er zu erwarten hatte, verlassen Sie sich darauf. So oder so! Es ist
alles Eins! -«
    Emma heftete einen sonderbar fragenden Blick auf ihn.
    Liebste Sophie, vergeben Sie mir meine Offenheit; allein diese Frau sieht
zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein, als wäre gar kein Schlüssel in
ihr, zu den Rätseln eines grossartigen Charakters. Ich weiss nicht, ob Hugo
dieselbe Empfindung hatte, allein er mied jetzt ihr Auge, das ihn nicht verliess.
Anders war es mit Leontin. Dieser sass mit untergeschlagenen Armen der schönen
Frau gegenüber, ohne Teilnahme für das, was fernerhin gesprochen wurde, ganz
versunken in Gedanken, welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben musste,
was Emma's Seele beschäftigte, denn, ob er gleich nur flüchtig, und wie unter
melancholischen Wolken, aufsah, so verriet doch sein Gesicht, was in ihm
vorging. Es ist nicht zum erstenmale, dass ich diese fliegende Schatten von ihm
zu ihr hinübergleiten sehe. Ich weiss nicht, weshalb mich das so erschüttert?
Auch jetzt. Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn. In einer
Art Verlegenheit, in die ich wohl gerate, wenn das Gespräch plötzlich stockt,
trat ich zum Clavier. Erst schlug ich auf gut Glück einzelne Töne an, dann
spielte ich die Melodie von Göte's Fischerliede. Hugo setzte sich zu mir. Er
hat eine volle, schöne Stimme, ich höre ihn gern, und liess mir seine Begleitung
gefallen. In den Worten:
»Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm,
Da war's um ihn gescheh'n;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr geseh'n«
lag seine ganze Seele. Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf. Er war
ungewöhnlich bewegt. Mir ward auf einmal klar, wie er dürste, sich mit einer
unbekannten Gewalt zu messen, wie geisterhaft ihn diese locken, und was er tun
und leiden könne, um sich nur selbst in dem erhöheten Gefühl zu entgehen.
    Sophie! mich dauert jeder, dem man Fesseln anlegt. Dieser, vor vielen
Andern, war es wert, frei zu bleiben.
    
    Ich schüttelte unwillkührlich den Kopf, als das Lied geendet war. Er bog
sich näher zu mir, indem er leise fragte: Ob ich ihn auch missverstehe, wie die
Meisten, auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese?
    »Was kümmert Sie die Meinung Anderer?« entgegnete ich rasch. »Sie achten
Niemand genug, um viel auf ein Urteil zu hören.«
    »Sie tun mir wehe,« entgegnete er verletzt. »Ich bin nicht starr und
dünkelhaft, glauben Sie mir. Wie ich mich zu den Menschen stelle, so stehen
gemeinhin alle, ohne es zu wissen. Ihr eigentliches Selbst bleibt ein
unentüllbares Geheimnis. Der Schleier zerreisst nur durch den zündenden Blitz
zusammenfallender Gefühle. Der Blitz« - - - er hielt inne. Ich mochte nicht
weiter in ihn dringen. Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge. Solch ein
Vertrauen, das geahndete Missverhältnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen
ausspricht, ist um so peinlicher, wenn, wie hier, der Druck gerade von der Seite
am stärksten empfunden wird, wo mit der grössten Kraft auch die Fähigkeit liegt,
ihn abzuschütteln. In solchen Fällen ist das Wort schon halbe Tat, und wenn
diese auch nicht ausbleiben wird, so mag ich auf keine Weise Teil daran haben.
    Ich war aufgestanden, ich wollte fort, mir war es entgangen, dass Sturm und
Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten. Ich musste endlich darein
willigen, den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten. Leontin liess sich indes
nicht zurückhalten. Er bestieg, trotz des wilden Aufruhrs der Elemente, sein
Pferd. Wir Alle traten ans Fenster, und baten ihn, umzukehren. Er entgegnete
wenig, grüsste, und ritt seines Weges. Wie er sich so unter dem heftigen Regen,
der zwischen den Bäumen herabfiel, allmählig in den schwarzen Hintergrund der
Bergwände verlor, liess er mir ein undeutliches, unbequemes Gefühl zurück. Mir
ward beklommen, wie bei einem angekündigten Geheimnis, dessen Bedeutung man noch
nicht kennt. Ich weiss nicht, wie dieser eintönige Mensch so schwere und tiefe
Klänge in der Seele anschlagen kann! Alles dies irrt und quält mich in seiner
Nähe, und doch möchte ich ihn in unserm Kreise nicht missen.
    Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer. Alle träumerischen
Grillen waren wie verflogen. Ich lachte mich aus, eilte in das Frühstückzimmer,
und wollte nun alles Ernstes machen, dass ich nach Hause käme. Es war indes hier
leer. Ich suchte Emma. Man wies mich nach dem Tiergarten. Ich sah sie schon von
ferne, zwischen den entlaubten Bäumen, in einen grauen Mantel gehüllt, einsam
stehen. Gemächlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie
zu. Sie naheten ihr, und standen nun scheu und erwartend da, bis sie die Hand
nach einem Gefäss ausstreckte, was eben ein Jägerknabe brachte. Jetzt drängte das
Wild sich in dichten Rudeln um sie her. Sie streute ihnen Futter in kleine, zu
dem Ende angebrachte Krippen. Der Knabe ging, da sein Geschäft abgetan war.
Emma blieb, an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt, allein zurück. Sie hatte
noch ihre Lust an den Tieren. Doch lag etwas in ihrer Stellung, in dem
winterlich verödeten Hain, ja, in dem Gedanken, dass sie hierher ihre Liebe
tragen müsse, was mich unbeschreiblich rührte. Mir fiel allerlei Trauriges, alte
Mährchen, das Gedicht der Genovefa ein, ich flog auf sie zu, ich schloss sie in
die Arme, mir traten Tränen in die Augen, sie verstand meine Rührung nicht, ihr
Wesen ist ruhig, doch gefühlvoll, so drückte sie mir die Hand, und ohne mich um
das zu befragen, was ihr auffallen musste, begleitete sie mich nach dem Schloss.
Mit uns zugleich nahete sich Hugo diesem. Er kam von der Jagd. Mehrere Jäger
folgten ihm. Sie gingen den jenseitigen Rand des Burggrabens entlang. Als uns
der Graf gewahr ward, gab er Flinte und Jagdtasche weg, und sprang mit grosser
Leichtigkeit über den Graben. Emma erschrack, die Jäger murmelten beifällig,
Hugo lachte, als ich ihm vorwarf, uns um eine coquette Bizarrerie willen
beunruhigt zu haben. Er mochte sich getroffen fühlen, denn er liess es hierbei
bewenden, ihm lag etwas Anderes im Sinn. Durch Jagdlust und Morgenfrische
angenehm erregt, hatten sich ihm allerlei belustigende Bilder erzeugt. »Wir
sollten,« sagte er, »das Leben in Ulmenstein einmal durch phantastische
Zwischenspiele auffrischen. Mir ist eingefallen, die Neigung der Gräfin fürs
Teater auf andere Weise zu benutzen. Wie wäre es, wenn sich eine muntere
Gesellschaft vereinte, unerkannt, unter der Firma einer reisenden
Schauspielertruppe auf dem Schloss Zutritt zu suchen, und irgend eine wirkliche
Posse auf das dortige Teater brächte?« Mich ergötzte der Einfall, ich stimmte
ihm fröhlich bei. »Was sagen Sie zu einzelnen Scenen aus dem Sommernachtstraum
von Shakespeare?« fragte er, ganz mit seinem Plane beschäftigt. »Es ist gerade
so viel Spass dabei, um zu belustigen, und mehr Tiefsinn, als die Seele tragen
kann, wenn sie nicht Spott damit treibt.«
    Wir waren bald einig. Der Morgen verfloss unter Entwürfen, Vorkehrungen und
all dem Unterhaltenden, was der Verwirklichung eines Projectes vorangeht. Wir
hatten beschlossen, zuerst die plumpen Gesellen in der Probe des Pyranus und
Tisbe auftreten zu lassen, und dann die Elfenscenen zwischen Oberon und Titania,
sammt der Bezauberung Zettels folgen zu lassen. Die Aufgabe war nicht klein.
Doch, einmal mit dem Gedanken vertraut, übernahm ich es, die zierlichen Geister
zu suchen, und für unsern Zweck zu gewinnen. Emma lächelte über meinen Eifer.
Darauf fragte sie, ob mir nicht etwas unheimlich bei einem Spiele sei, das fast
zu schauerlich die Täuschbarkeit des Herzens verhöhne? »Weshalb?« fiel Hugo
rasch ein, »es gibt keinen köstlichern Spiegel, als die Ironie. Wo alles auf
dem Kopfe steht, nimmt man es mit sich selber nicht allzu genau.«
    Emma entfärbte sich. »Es ist nur ein Glück,« hob sie nach einer Weile an,
»dass zuletzt ein zärtlicheres Empfinden ausgleicht, was mutwillige Neckerei
verwirrte.« »Wer weiss,« lachte Hugo, »hat der schlaue Oberon nicht dennoch einen
trügerischen Frieden geschlossen; in dem Falle wäre der letzte Betrug der
ärgste!« »Wie meinst Du das?« fragte Emma. »Nun,« entgegnete er, »dass im
Gelingen oft das Misslingen liegt.« Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich
nieder. »So gäbe es keinen Faden aus dem Labyrint der Träume,« seufzte sie.
»Der eine straft nur den andern Lügen, und Wahrheit -« »Ist der Stein der
Weisen,« ergänzte Hugo, ihre Hand ergreifend, »wir suchen alle darnach, mein
Kind! -« Sie schüttelte den Kopf. Nach einigen Augenblicken verliess sie das
Zimmer. Mich dünkte, ihre Augen waren feucht. Es tat mir wehe. »Sonderbar,«
rief der Graf, »Hausfrauen haben jedem luftigen Spinngewebe, auch dem der
Phantasie, den Tod geschworen. Sie stossen gleich mit einer handwerksmässigen
Waffe dagegen. Ihr Nützlichkeitsgefühl leidet gar zu sehr, dass sich aus den
Fäden nichts Haltbares drehen und weben lässt!«
    »Das ist freilich ein entsetzliches Unrecht in den Augen derer,« rief ich
aus, »die sich nicht gern halten lassen, und so auf den Wechsel gestellt sind,
dass ihnen der geordnete Sinn und das beständige Herz untergeordnete Gaben
dünken, über die sie lustig hinfahren können!« Hugo sah mich überrascht an.
»Elise!« sagte er leise. Es lag etwas Geheimnisvolles in dem gedämpften Laute
seiner Stimme. Ich wollte lachen, um meine Bewegung zu verbergen, aber ein Blick
auf ihn nahm mir den Mut. Ich weiss nicht, wie ich es nennen soll, was aus
seinen Zügen so ängstigend und rührend zugleich sprach. Ich mochte nicht dabei
verweilen, ich flog zu Emma. Die liebe Frau! - Gewiss, Sophie! sie ist bei
alledem ein Engel. Wäre ich an ihrer Stelle! - Mein Gott! welch ein toller
Gedanke! -
    Leben Sie wohl! Ich will nun den ewig langen Brief schliessen. Noch einmal,
leben Sie wohl, liebe Sophie! Ich habe oft die lebhafteste Sehnsucht, Sie zu
sprechen. Wären Sie doch hier! Zuweilen komme ich mir ganz verlassen vor. Ich
werde verstimmt, schwermütig, es liegt mir wie eine Schuld auf der Brust, und
doch weiss ich nichts, was ich mir vorwerfen sollte.
    Kommen Sie bald, recht bald zurück! Sie haben unrecht, um einer Einzigen
willen, Alle, die Sie lieben, zu vergessen. Erwägen Sie das wohl, Sophie!
 
                                Sophie an Elise
Die flüchtigen Zeilen, welche Sie mir von den Ufern des kleinen Waldsees
schrieben, sind richtig in meine Hände gekommen. Wollte ich den Inhalt nach der
Zahl der Worte messen, liebe Elise, so würde ich Ihre Eile anklagen, und etwas
eifersüchtig auf das neue Verhältnis zu Ihren jungen Nachbarn drein sehen
müssen. Allein Sie dachten an mich, Ihr liebes, offnes Herz suchte die Entfernte
mitten in dem frohen Aufrufe angenehm bewegter Gefühle! Auch dass Sie mit dem
Blättchen zu dem still umgränzten Wasser flüchteten, dass Sie hier, mit der
Freundin allein sein wollten; gerade das, Liebste, gibt dem Briefchen
unschätzbaren Wert. Nur wünschte ich, Sie hätten einen andern Boten gewählt.
Dieser unstäte Neuigkeitsjäger, den die Langweile durch das Leben hetzt, der
arglos heisst, weil er unbedeutend ist, und eine ehrliche Seele genannt wird,
weil er zu flach und zu bequem ist, sich anders zu zeigen, als er ist; kurz, Ihr
Vetter Curd ist zu keiner guten Stunde hier aufgetreten. Erst freuten wir uns,
den Landsmann, den Bekannten wieder zu sehen. Er ward mit Fragen bestürmt.
Aufmerksam horchten wir auf jedes seiner Worte, wir liessen es uns gefallen, dass
er deren mehr machte, als nötig war; doch der Zügel ward ihm zur Unzeit
gelassen. Er schwatzte das Hundertste ins Tausendste. Bald wusste er nicht mehr,
wo und zu wem er sprach. Zweideutige Anspielungen, triviale Anekdoten, aus
müssiger Beobachtung und geistloser Spottsucht zusammengetragen, tauchten erst
versteckt auf, wagten sich dann dreister hervor, und reichten eben hin, die
reizbare Verletzlichkeit meiner lebhaften Freundin auf das Unangenehmste in
Bewegung zu setzen. Denn, wurden auch nicht Namen genannt, so waren doch
Verhältnisse bezeichnet, und ohne den Schlüssel zu dieser eigentümlichen
Chiffresprache der Klätscherei zu besitzen, liess sich leicht combiniren, was und
wie es gemeint war.
    Von jetzt an sieht die Oberhofmeisterin mit gespanntem, feurigem Blick in
das innerste Familienleben ihrer Tochter hinein. Was sie immer unter wachsendem
Unwillen geahndet, wird ihr Gewissheit.
    Sie glaubt, Emma's Unglück als ausgemacht annehmen zu müssen. Für sie ist
länger keine Ruhe hier. Zwischen Furcht, jenen Argwohn bestätigt zu finden, und
dem brennenden Verlangen, die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen,
treibt sie zur Abreise, und zögert mit dieser. Indes beschwichtigen Emma's
Briefe, die den vollen Frieden ruhiger Uebereinstimmung mit sich und der Welt
atmen, von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter. Allein das sind
Augenblicke, die nicht vollwichtig genug sind, peinliche Zwischenräume zu
füllen, in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschäftigt
bleiben könnte.
    So bewährt es sich denn aufs Neue, dass ein leeres Gefäss, welches die
Gelegenheit mit ihren zufälligen Gaben füllte, gewöhnlich mehr Gift entält, als
das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag; gewiss, Klätscherei ist
eine ärgere Feindin des Familienfriedens, als Verläumdung!
    Ich gestehe es, ich bin bekümmert, auch um das, was nicht ist, und
gleichwohl scheint. Der Ruf ist darum so heilig, weil er den Weg zu menschlichem
Vertrauen bahnt oder verschliesst.
    Dass eine Gesinnung, wie die des Grafen, in Widerspruch mit den Anforderungen
der Gesellschaft geraten musste, war von Anfang nicht zu verkennen. Vieles davon
musste, früh oder spät, störend ins Leben treten. Ich war darauf gefasst, ich
erwartete für Emma nur in sofern Zufriedenheit, als ich fest auf die grossartige
Selbstentäusserung ihrer frommen, frühgereiften Sinnesart baute. Allein, es ist
etwas, ausser der allgemeinen Freigeisterei, in Hugo's Benehmen, das über jene
ein zweideutiges Licht wirft, und es dahin gestellt sein lässt, ob ein kranker,
unstäter Sinn, ob herzloser Egoismus, Unfähigkeit, irgend einen Gegenstand ganz
zu umfassen, oder kühner, jugendlicher Trieb, das All sein zu nennen, den
grössern Anteil an seinem kalten Entschlüpfen innigerer Bande hat?
    Sie sehen, liebste Elise, das Gift hat mich auch nicht unangefochten
gelassen! Ich schäme mich fast, keine kräftigere Gegenmittel angewendet zu
haben; allein, man tue, was man wolle, es bleibt immer etwas von dem Gehörten
zurück. Dann weiss ich auch sehr wohl, wie viel ich von dem zu halten habe, was
mir Curd, im Vertrauen auf ein williges Ohr, heimlich zuflüsterte, auch kann ich
leicht abnehmen, wie Gerüchte entstanden, die den geistvollen, feingebildeten
Grafen edlere Gesellschaft verschmähen, Tage und Nächte bei umhertreibendem
Gesindel in Wäldern und Feldern weilen, mit ihnen auf müssige Abenteuer
ausziehen lassen, so liegt doch dem Allen die Wahrheit zum Grunde, dass Hugo
unbeschäftigt, lässig und zwecklos umherstreift, die wilden Forsten, seiner
Häuslichkeit vorzieht, Emma unbeachtet lässt, in nichts verrät, dass er ernsten
Anteil an der Welt wie an seinem Berufe nimmt. Nicht der Bau des neuen
Schlosses auf den angränzenden Gütern, noch diese selbst, wie unbeschränkt sie
ihm auch schon jetzt als Eigentum überlassen wurden, nehmen seine
Aufmerksamkeit in Anspruch. Es scheint, er habe sich in das ihm unbekannte
Verhältnis, ohne Wunsch und Wille, hineinziehen lassen, und verharre nun auch so
in ihm. Was aber füllt sein Inneres? womit täuscht er den strebenden Geist,
dessen Fittige noch jüngst so unruhig rauschten und höhern Flug verhiessen?
    Ich frage Sie, liebe Elise, da Sie ihn fast täglich, wie ich glaube, sehen
und sprechen. Sie sind unbefangen und offen. Ihrem Urteile vertraue ich gern,
Sie werden mir sagen, wie er Ihnen erscheint. Ich bedarf in der Tat einige
Sicherheit, um den wechselnden Stimmungen meiner armen Freundin zu begegnen. Sie
ist durchaus unfähig, ein Bild aus der Ferne festzuhalten. Ihre Empfindungen
sind viel zu beweglich, um die Phantasie irgend etwas vollenden zu lassen. Sie
erträgt die Anschauung des Unglücks nicht, und misstrauet dem Geschick zu sehr,
um tröstlichen Verheissungen geduldigen Glauben zu schenken. Deshalb treibe ich
unablässig zur Rückkehr in die Heimat. Es hält uns auch in der Tat nur die
vorgerückte Jahrszeit, welche der Gesundheit meiner Gefährtin nachteilig werden
könnte, vor der Hand hier fest. Wir leben gleichwohl mit unsern Gedanken und
Gefühlen mehr im Vaterlande, als an den blühenden Ufern des Arno. Denn wo die
Seele ihren Frieden nicht findet, wird der Anblick des Schönen nur eine trübe
Mahnung an den Druck, der uns so beugt, dass wir unempfindlich gegen die vielen
Gaben der Natur und Kunst bleiben. Sie begreifen mich vielleicht nicht in dieser
Verstimmung, die Ihnen fremd an mir sein muss. Ich selbst, liebe Elise, würde mir
unverständlich werden, schöbe ich nicht etwas von so viel Mutlosigkeit auf
Rechnung der stets leidenschaftlich wogenden Unterhaltung mit einer Frau, die
mir Mitleid wie peinliche Besorgnis einflösst. Und dann - es liegt etwas
Tragisches in dem Gedanken, dass kein Opfer, das einmal zertrümmerte Glück eines
Hauses wieder herstellen kann. Meine schöne, junge Freundin, wenn Sie mich von
dieser immer wachsenden Ueberzeugung mehr ergriffen sehen, als es sich mit
meinen isolirten Verhältnissen im Leben verträgt, so suchen Sie den Grund davon
in der Teilnahme für Andere. Diese warme Teilnahme, die auch Ihr Geschick
liebend umfasst, lässt es nicht zu, dass ich ruhig bleibe, wenn ich für die Ruhe
allzu sicherer Freunde zittere.
    Uebersehen Sie das nicht, Beste, und verzeihen Sie mir, wenn ich zu weit
gehe!
 
                                Hugo an Heinrich
Wenn Du Dir, wie ich nicht zweifle, die alte Gewohnheit bewahrt hast, lieber
Heinrich, mich auf gute Manier auszulachen, so biete ich Dir heute die
willkommenste Veranlassung dazu. Nichts Lächerrlicheres als ein abgebljetzter
Spass, und keine ärgere Zielscheibe des Witzes, als der unglückliche Urheber
desselben!
    Siehst Du, ich wollte den Leuten zeigen, was gesellige Unterhaltung sei,
welchen Schwung eine Posse nehmen, wie der Geist sich mitten im Wechsel der
Belustigung erheben könne. Ich wusste mir etwas mit diesem Plane, ich tat gross
damit vor mir und wichtig vor Andern. Nun, und das Ende war, die ganze Sache
fiel platt zu Boden. Kein Mensch wusste, was ich wollte, Niemanden hat es
unterhalten, geschweige denn ergötzt, der Abend ging auf die miserabelste Weise
hin, und das Schlimmste ist, Spott und Tadel folgten mir.
    Das ist des Menschen Klugheit.
    Um Dir den Vorgang zu erklären, müsste ich weit ausholen, Dich an eine Gräfin
Ulmenstein erinnern, deren Nachbarschaft uns von Zeit zu Zeit in ihre bewegliche
Lebensweise hineinzieht. Vielleicht besinnst Du Dich auf sie. In einem meiner
Briefe glaube ich von ihr gesprochen zu haben; anfänglich war mir das Treiben in
ihrem Hause, wie sie selbst, neu, es überraschte mich Manches, ich bildete mir
ein, neue Fäden des innern Lebenszusammenhanges zu entdecken. Nachher war es
damit, wie mit dem Meisten, nichts. Das flache Wesen fing mich an unglaublich zu
langweilen. Indes hatte sie mich einmal mit vieler Emphase als ein
ausgezeichnetes Genie gepriesen, mich ihrem Kreise so empfohlen. Sie und ich,
wir mussten Wort halten. Deshalb war nicht von ihr loszukommen. Die Töchter, so
vergnügungssüchtig wie die Mutter, ziehen einen Schwarm nüchterner Gecken hinter
sich her. Unter gewissen Menschen muss immer etwas vorgenommen werden, um die
Langweile zu bannen. Gesellschafts-Teater bilden sich überall, wo man am
bequemsten durch Andere sprechen und antworten kann. Eine Weile unterhält das,
was aber gemeinhin für die Darstellung ungeübter Dilettanten gewählt wird,
gleicht deren alltäglichem Treiben auf ein Haar. Es ist immer heute und gestern,
macht denselben Effekt, lässt denselben Eindruck zurück. Man ist damit fertig,
sobald die Schminke abgewischt, das umgestaltende Costüm weggeworfen, und das
Teater einem andern Schauplatze, im Ball- oder Speisesaal gewichen ist. Ich
hatte das bald weg. Mehrere waren eben so klug; das Ding fing an, matt zu
werden. Jetzt stachelte mich die Eitelkeit. Mein Plan war gemacht. Eine neue
kleine Welt stand mir zu Gebot. Die Fee, welche mir ihren Beistand lieh, rief
Kobolde und Geister von fern und nahe herbei. Ein wandernder Schauspielertrupp,
verteilten wir uns, auf abenteuerliche, ausstaffirte Karren und Wagen,
versteckten uns hinter Larven und tollen Putz, und nahmen so den Weg nach
Ulmenstein. Bis dahin ging alles gut. Wir lebten in der Posse, Witz, Humor, die
schellenkappige Torheit mit ihrem buntscheckigen Mantel, waren unsere
Reisegefährten. Plötzlich erhebt sich, wie aus heiterm Himmel, aus einer
einzigen Wolke, der heftigste Sturm, den ich je hörte. Regenströme stürzten
nieder, wir konnten uns kaum bergen; die bunten Decken, dass übergespannte
Linnen, Mäntel, Hüte und Schleier, nichts widerstand der Wut der Elemente. So
übel zugerichtet, steuerten wir mit abgetakeltem Fahrzeuge mühsam in den
Schlosshof der Gräfin. Hier hatte man vor dem Unwetter Türe und Tore
geschlossen. Keine Seele liess sich an den Fenstern sehen. Wir lenkten unter den
Schutz einiger schirmenden Bäume. Unser Häufchen drängte sich dicht zusammen.
Lange konnte die Prüfung nicht dauern, der blaue Himmel schimmerte bereits
zwischen dem zerrissenen Wolkenberg hindurch. Indes wog in diesem Zustande jede
Minute schwer. Die Nässe hatte einen merklichen Teil des phantastischen Feuers
ausgelöscht. Ungeduldig regte sich Dieser und Jener. Einige murrten laut, Andere
verwünschten im Stillen den ganzen Einfall. Ich hätte mich ausschütten mögen,
vor Lachen, warf ich einen Blick auf die trübseligen Gestalten in der närrischen
Verkappung. Indes unterdrückte ich jeden Ausbruch des Mutwillens, den mir meine
übelgelaunten Gefährten wohl um so weniger verziehen hätten, als sie im Geheim
die Schuld ihrer misslichen Lage auf mich warfen, und nun erwarteten, ich solle
derselben ein Ende machen. Ich säumte denn auch nicht. Ein neugieriger
Stallbube, der sehr verwundert aus einer Lucke auf die bunten Puppenspieler, für
die er den fremden Tross hielt, hinstarrte, ward sogleich herbeigerufen. Ich
übergab ihm eine Botschaft an die Gräfin. Als Direktor kündigte ich dieser meine
dramatischen Vorstellungen an, bat um die Erlaubnis, Scenen aus dem Shakespeare
auf ihrem Teater geben zu dürfen u.s.w. Leute von Welt sind selten durch
Fremdartiges oder Ungewöhnliches zu täuschen. Das tritt nicht in den Bilderkreis
ihrer Vorstellungen. Wenn es ihnen naht, suchen sie etwas dahinter, gespielten
oder wirklichen Betrug! Die Gräfin war sogleich entschlossen. Ihre Türen wurden
uns geöffnet, sie selbst eilte uns entgegen. Doch wie das Bedürftige in der
menschlichen Natur sogleich allem Scherz ein Ende macht, so zerstörten auch hier
die nassen Kleider, die Furcht vor Erkältung, und was es sonst noch alles zu
bedenken gab, den letzten Rest mühsam bewahrter Illusion. Kurz, wir standen
entlarvt da, und hatten Niemand als uns selbst gequält. Glücklich genug, wenn es
damit sein Bewenden gehabt hätte! Allein, nachdem sich jedweder in seinem
gewohnten Rocke warm und bequem fühlte, sollte er diesen wieder abwerfen, und
das versprochene Spiel beginnen. Ich wich dem Anliegen aus, das ich weit mehr
einer gewissen vorschriftsmässigen Höflichkeit, als dem Wunsche, uns figuriren zu
sehen, zuschrieb. Wir waren aus dem Charakter gefallen, die Stimmung war eine
andere geworden, es lag eine Lächerlichkeit darin, sich bei völliger
Nüchternheit berauscht zu stellen. Doch die Meinung Einiger, dass man nicht so
umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht, sich in Unkosten gesteckt,
die Gesundheit daran gewagt habe, trieb uns am Ende Alle auf die Bretter. Jetzt
erst, da es zu einer wahrhaften Ausführung meines Entwurfs kam, fühlte ich die
ganze Schwierigkeit davon. - Denke Dir den Sommernachtstraum - die Rüpel- und
Elfenscenen - und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln! -
Unglücklicherweise hatte die lebhafte schöne Elise, unsre liebenswürdige
Nachbarin, nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht; sie war es, die ein Paar
schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen, zierlichen Mädchen die der
Elfen zuteilte, junge Leute aus der Nachbarschaft für Zettels Schaar warb, ihm
selbst, dem Heros aller witzigen Eselsköpfe, sein Pensum einstudirte, kurz, die
Puppen an ihren Drähtchen lenkte, und feenartig ein Feenspiel schuf. Aber was
wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten, fertig gestalteten Erde? - Sie
sind so sehr aus der Mode, dass selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist.
Lieber Heinrich, es gibt ein Feld, wo der beste Witz, wie taube Nüsse zu Boden
fällt, und Niemand ihn aufhebt. Nun, wir standen mit unsern Bemühungen auf einem
solchen Felde. Um uns herum lauter müde und matte Blicke, lange Gesichter,
gezwungene Aufmerksamkeit, ängstliche Wiederholung aller Regeln der guten
Erziehung, um nur nicht die tödtliche Langweile blicken zu lassen, und nachher
die Ausrufungen: »Und wie gespielt! Aber wie vollendet!« Und Zettel! der ist nun
meine ganze Passion! Siehst Du, Heinrich, mein innerer Mensch zuckt vor
abgedroschenen Redensarten zusammen. Die Lüge des Hergebrachten presst mir
Angstschweiss auf die Stirn! sie nimmt sich so lumpicht aus, und macht sich so
breit mit dem abgetragenen Plunder. Kennst Du die Empfindung, wenn fremde
Dürftigkeit uns zu Boden drückt? Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten
Anderer spielen. Ich will glauben, dass der Aufwand, mit dem ich aufzutreten
meinte, wie veralteter Prunk, zu schwer wog; auch, dass ich unrecht hatte, mich
darauf zu stützen, allein denken sollte man doch, Gold halte immer die Probe,
wie lange es auch im Winkel verborgen stand. Das ist aber nicht wahr. Kein
Mensch glaubt Dir, dass es welches ist; und Niemand stellt die Probe an. Genug,
wie dem auch sei, ich zog geschlagen aus dem Felde. Ich hatte mich verrechnet,
das lag am Tage. Es blieb auch so eine gewisse, verlegene Aengstlichkeit nach
geendigtem Spiele zurück; dann sprach man gar nicht mehr davon. Es war, wie
nicht geschehen, ich hatte Zeit, Betrachtungen anzustellen.
    Nach dem ersten kleinen Verdruss über meine eigene Einfalt, machte ich es,
wie Du jetzt tun wirst, ich lachte den Narren im Menschen aus! Mein Dünkel, der
Eifer, mit dem ich ihn einige Tage gefüttert, alle die Mühe und Not, ehe es zu
dem Haupteffekt und der Beschämung kam, das Nachspiel hinter den Coulissen, war,
ich versichere Dich, sehr drollig. Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges
zum Trost. Unter anderm, dass es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein
eignes Ding sei. Sie muss sententiös oder materiell auftreten, wenn sie Eingang
finden soll. Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach Hause nehmen oder
sich durch illusorische Anschauungen so getäuscht finden, dass man wirklich in
China oder Mexico, in einem schlechten Gastofe mit gemeinen Gesellen, in der
alten, oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt, und
dies alles, bloss um zu wissen, wie es die Kerls da treiben? Die Töne einer
göttlichen Sprache zerrinnen in der untern Atmosphäre zu Begriffen. Davon, dass
es eine Region gibt, in deren feinen, leichten Luftschwingungen die Seele
unwillkührlich gehoben wird, so dass sie die Spiegelbilder der Erde nur im
Widerschein, aber dafür in jener magischen Beleuchtung eines wärmern und
glänzendern Gestirns, der Sonne des Dichters sieht, davon redet man wohl, aber
man kennt es nicht mehr.
    Nein, Heinrich, man kennt es nicht mehr! Auch Du, und ich, die wir in
einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes, der innern Verzweiflung, des
gänzlichen Zerfallens mit der Welt, davon träumen, vergessen es wieder, müssen
es in einer so gestalteten Welt vergessen! Das ist der Widerspruch, in dem wir
leben. Wir wollen, was wir nicht können! Begreifst Du, wie zerrissen, wie
fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird?
    Doch wieder auf mein Abenteuer zu kommen. Es hat mich der liebenswürdigen
Elise auf immer zum Freunde gemacht. Leichter, gutmütiger nimmt keine Frau auf
Erden ähnliche Kränkungen der Eitelkeit auf. Ihr klarer, milder Sinn fand
sogleich den Gesichtspunkt, aus welchem unser Missgeschick natürlich erschien.
Sie tadelte weder sich noch Andere. »Es passte nicht!« sagte sie, und damit
behielt jeder sein Recht.
    Es passt so Vieles nicht, Heinrich. Wird darum das, was in Uebereinstimmung
zu einander tritt, nicht unauflöslich Eins werden?
    Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympatie der Freundschaft. Sie
scheint mir gegründeter, als die der Liebe. Von dem was man so nennt, halte ich
überall wenig. Das sind Selbsttäuschungen, mit denen der Mensch gross von sich
selber tut, wenn er am kleinsten ist. In der Regel bleibt nach dem poetischen
Wahnsinn eine Armut des Innern zurück, die den Rest des Lebens dürftiger, als
billig gestaltet, während die Freundschaft wie ein mächtiger Strom unzählige
Arme ausbreitend, die Steppen und Wüsten des Daseins umfasst, den Hauch der
Belebung ausatmet, und eine veränderte, frische, fortbildende Welt schafft.
    Ich empfinde das in Elisens Nähe. Diese Frau hat einen freien, ja männlichen
Geist, der mit seltner Kühnheit Verhältnisse durchschaut und lenkt. Und dabei so
viel Regsamkeit des Verstehens, solche Fülle und Wärme in allen
Lebensbeziehungen! Eines Engels Güte, eines Helden Mut! Niemals lässt sie das
zärtere Geschlecht in sich vergessen, und doch fühlst Du ihr gegenüber nur den
Einfluss einer höheren Seele, die keinem Geschlechte, keinen Bedingungen der Erde
angehört. Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu. Wir reden, wir lesen mit
einander. Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen. Es peinigt sie wie
mich, alles Enge, Abgeschlossene. Ein freier Flug der Ideen trägt uns oft, wie
die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen, in unermessliche
Fernen, aus denen wir, inniger verschwistert, in die beschränkende Gegenwart
zurückkehren.
    Niemand versteht mich, wie sie! Wenn es wahr ist, dass die menschliche
Gesellschaft nur da sei, damit Einer den Andern ergänze; so ward Elise geboren,
alle Lücken und Mängel meiner unvollkommenen Natur durch den Reichtum ihres
schönen Selbsts auszugleichen.
    Schade, dass sie auf den Einfall kam, sich zu verheiraten! Sie musste für
sich allein ihre Bahn durchlaufen. - Der Begleitung konnte sie entraten. Mich
stört der Mann entsetzlich! Er kommt jetzt von einer langen Geschäftsreise
zurück. Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben notwendig einengen.
Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf.
Elise ist gefällig, fügsam, ihr verschlägt es nichts, sich in die Art und Weise
derer zu schicken, denen sie ein Recht über ihren Willen zuschreibt, sie ist
immer sie selbst. Ich kann nicht so denken, nicht so empfinden, ich ertrage das
Hofmeistern pedantischer Rechtaberei nicht leicht, und wenn ich auch Jedem gern
seine Art lasse, so bleibe ich doch da weg, wo Vorurteil und Dünkel die Luft
verdicken. Zudem ist der Dritte immer zu viel, in einem Verhältnisse, wo sich
zwei genügen.
    Ich sehe daher ruhig zu, wie drüben im Hause gepackt, geräumt wird, man sich
anschickt, das Land zu verlassen, und nach der Stadt aufzubrechen. Ich werde
ihnen nicht folgen! Um unsere stillen Abende ist es doch getan! Ich werde ein
Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen, und aufwachen, wenn die
Frühlingssonne hell über den Strom in meine Fenster sieht! Lebe bis dahin wohl,
lieber Heinrich!
 
                         Die Gräfin Ulmenstein an Curd
Es ist äusserst liebenswürdig von Ihnen, dass Sie sich meiner in den interessanten
Umgebungen, die Sie so richtig zu schätzen wissen, erinnern wollten!
    Ihr Briefchen mit den italienischen Carricaturen, den Zeichnungen, den
Nationaltrachten, des Mailändischen Doms, der Peterskirche und andere
Herrlichkeiten, nach deren Anblick meine Seele seit Jahren dürstet, haben nicht
allein meine Töchter und mich entzückt, sie wurden auch die Quelle unserer
Abendunterhaltung am Teetisch. Der junge Leontin, Sie sahen ihn vielleicht noch
vor Ihrer Abreise bei mir, der sehr unterrichtet und überall gewesen ist,
erklärte die flüchtigen Skizzen meines gütigen Correspondenten. Agate hatte
sich ein geschmackvolles Costüm für das nächste Maskenfest in der Residenz
ausgesucht. Sie bat Leontin, es ihr genau in den kleinsten Details zu
bezeichnen. Alles dies belebte die Unterhaltung. Sie glauben nicht, welchen
allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben, fast so bunt und lustig, als wären
Sie mitten unter uns. Ich sage Ihnen nicht, wie Sie zurückgewünscht werden. Ohne
Uebertreibung, Sie fehlen uns vorzüglich bei demjenigen, was wir hier auf dem
Lande vornehmen, um die schlechte Jahreszeit, so wie die Stadt zu vergessen. Die
letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz für uns, da eine ziemlich
ernste Familientrauer, der Tod einer Tante, meine Töchter wie mich, vom
geselligen Vergnügen ausschliesst. Man überdauert solche Prüfungszeit am
bequemsten da, wo das Leben unbeachtet, ungefähr eben so hingeht, wie die
Convenienz es verbietet, öffentlich zu geniessen.
    Unter dem Anschein völliger Zurückgezogenheit, bleibt mein Saal allen
Freunden und Bekannten geöffnet. Es geht, ich versichere Sie, so fröhlich darin
zu, als würfe kein schwarzes Kleid einen trüben Schatten auf die lachenden
Gesichter. Aufrichtig gestanden, die gute, alte Person hat mir auch gar nicht
Ursache gegeben, ihr Andenken zu ehren. Sie war meine nächste Anverwandte, die
Schwester meines Vaters, kinderlose Wittwe, ausserordentlich reich, und starb,
ohne ihren rechtmässigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen. Ihr Vermögen
zersplittert sich in Stiftungen und Legate. Das Bedeutendste von den letztern
ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen, der sehr in ihrer Gunst stand. Es
wäre unbegreiflich, weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer
Angehörigen begünstigte, hätte sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht
gehabt, gerade hierdurch ihrer Vorliebe, wie den gesetzlichen Verpflichtungen,
ein Genüge zu leisten, indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte, einer
meiner Töchter seine Hand anzubieten. Eine alte Vertraute der Tante, die
Castellanin des Schlosses, welches Leontin bald als Eigentum beziehen wird,
eröffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim. Es wäre auch
lächerrlich, wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken, welchen insbesondere
Agate auf das Herz des Neulings gemacht hat. Allein er ist von einer so
lächerlichen Zurückhaltung, und ein solcher Misantrop, dass er öfters unsern
heitern Zirkel flieht, und sich drüben zu dem podagraischen, missgelaunten
Comtur und seiner stummen, trübseligen Nichte flüchtet, um nur nicht zu
verraten, was ihm doch sichtlich das Herz abdrückt. Mag er sich stellen, wie er
will, ewig wird er nicht schweigen! Doch wünsche ich ihm, dass er nicht zu spät
das Wort finde, wonach er sucht. Es gibt andere Leute, die beweglichere Zungen
haben, und meine Töchter besitzen ein Teilchen von dem Stolz und dem Eigensinne
ihrer Mutter. Die eintönigen Abendunterhaltungen im Cabinet der Burgfrau könnten
dem bedächtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten. Uebrigens missgönne ich
der armen, kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz
keineswegs. Denken Sie sich, ihr Mann hat neben hundert andern lächerlichen
Einfällen, auch den, den ganzen Winter auf dem Lande zubringen zu wollen, das
heisst, er lässt sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort, nimmt selbst das
Ansehn, als sei er einheimisch, während er unaufhörlich hin- und hergeht,
niemals auf der Burg anzutreffen ist, halbe Tage in der Residenz bei seiner
Freundin zubringt, diese nur verlässt, wenn sie, durch ihre Verhältnisse
gezwungen, Gesellschaften beiwohnt, die nicht von seiner Höhe sind, und die er
verschmäht.
    Sie sehen, das Spiel ist gut berechnet. Es geht einen raschen Gang! Mir ist
solche Freimütigkeit, bei so unerlaubter Intimität in meinem Leben nicht
vorgekommen. Die Leute treiben das Alles mit einer Miene, als verstehe sich ihr
auffallendes Benehmen von selbst. Nach gerade wurde indes die unbegreifliche
Dreistigkeit doch sehr peinlich. Man hatte ungefähr das Gefühl dabei, als wenn
Jemand durch eine unbewusste Unordnung in der Toilette, das Auge Anderer
verletzt, und im vollen Gefühl schicklicher Haltung, die ungeahndete Indecenz
noch mehr heraushebt. Ich bin deshalb froh, dass der Präsident zu rechter Zeit
kam, seine Frau nach der Stadt zu führen. Die geselligen Beziehungen der
Nachbarschaft brachten mich, ich versichere Sie, in fatale Collisionen. Ganz
offenbar nahm der Graf von dem leichtern, bequemern Ton, der in meinem Hause
herrscht, Veranlassung, seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen. In
diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Bühne, und brachte ein
plumpes, licencieuses Ding zum Vorschein, das allenfalls in einer Dorfschenke,
von Puppenspielern dargestellt, das dortige Publikum ergötzt haben würde, für
uns aber ganz unschmackhaft blieb. Es soll von dem jetzt oft genannten, von
Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein, dessen Name ich immer
vergesse, weil er mir die Kinnbacken zerbricht, wenn ich ihn aussprechen will.
Mag indes Teil daran haben, wer nur will, dieser Mischmasch von platter
Trivialität und bilderreichem Unsinn, von langweiligen Tiraden und pöbelhafter
Gemeinheit, gehört vor ein anderes Publikum, als vor das unserige. Auch bin ich
überzeugt, der Graf war nicht einen Augenblick im Irrtum über den Wert des
Stückes. Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf, weil es für den
übrigen Plan passte, und geschickt war, der zwanglosen Gemeinschaft einer
zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen. Die
List war ziemlich grob eingefädelt. Ich war gleich auf der rechten Spur. In
Wahrheit, die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt. Mit einem bisschen
Vertrauen liesse sich viel übersehen. Doch sie sind so stolz und anmassend,
beteuere ich Ihnen, auf den Schwung ihrer Gefühle, dass sie alle Zungen mit
Pfeilen bewaffnen. Aus diesem Grunde danke ich es ordentlich der guten Tante,
dass sie gerade diesen Zeitpunkt wählte, um zu sterben. Ihr Tod fesselt mich
hier, und setzt mich ausser Verbindung mit zwei Familien, denen ich gleiche
Rücksichten schuldig bin, und die mich demungeachtet beide gezwungen haben
würden, öffentlich zu brechen, um auch den Schatten von Teilnahme an einem
unerlaubten Handel von mir zu entfernen. Eine Mutter kann gar nicht delikat
genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein.
    Mich dauert die stille, schüchterne Emma ganz ausserordentlich. Man sagt, sie
erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Rückreise aus Italien. Nun, das wird
hübschen Lärm geben, wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime
Verbindungen kommt!
    Leben Sie wohl bis dahin! Wenn etwas, des Berichtens wert, unter uns
vorfällt, rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin.
 
                            Emma an den Geistlichen
Ihr letzter Brief, ehrwürdiger Freund, fordert mich mit fast beschämender Güte
auf, Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten, Alles, was darin vorgeht,
Ihrer Teilnahme zu vertrauen, jeden Zweifel in der freien Mitteilung
aufzuhellen und überall rücksichtslos wahr zu sein.
    Ach! mein gütiger Lehrer, was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen, was
ich mir selbst eingestehe! Ich glaube, ich könnte der Worte entbehren, Sie
errieten mich dennoch.
    Dem Himmel sei Dank, noch scheue ich den Blick nicht, der die Tiefen meiner
Seele durchdringt. Ich weiss, Sie sehen bis auf den Grund, und nichts verwirrt
Sie, was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberfläche erscheinen
lässt.
    Anders ist das mit meiner Mutter. Die ruhige Begleitung eines Freundes, der
nichts will, als dem Gefährten zur Seite bleiben, lässt dessen Gang frei, doch
ängstliche Sorge hemmt den Schritt. Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden,
irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen. Nur in den
stillsten, ruhigsten Stimmungen, bei allem Frieden der innern und äussern Welt
um mich her, schrieb ich meine Briefe an Sie. Nie ist mir ein Wort entschlüpft,
das sie doppelsinnig deuten könnte; warm und zärtlich sprach ich die
Empfindungen meines befriedigten Herzens aus, wie kommt es dennoch, dass sie dem
allen keinen Glauben schenkt? Unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe, mit
leidenschaftlicher Besorgnis dringt sie auf mich ein, und strebt, mir ein
Geheimnis zu entreissen, das mir fremd ist, dessen undeutliche Erwähnung mich
unaussprechlich ängstigt. Sie wirft mir Zurückhaltung, ja Heuchelei vor, und
schwört, Licht in der Sache haben zu wollen, um einer Verblendung ein Ziel zu
setzen, die sie für die Würde ihres Kindes beeinträchtigend hält. Von diesem
brennenden Wunsche getrieben, nimmt sie ihren Rückweg aus Italien gerade
hierher. Sie kommt! sie kommt in den nächsten Wochen! und wenn mein Herz vor
Freude zittert, sie wieder zu sehen, so stockt es auch vor Bangigkeit und
Furcht, als sei das Ende aller Glückseligkeit, ja das Ende meines Lebens nahe!
    Die Unnatur solcher Widersprüche macht mich völlig irre an mir selbst, an
meinen Verhältnissen, ach! an den liebsten Menschen. Ich frage mich
unzähligemal: was ich fürchte? für wen ich fürchte? Und wenn mir dann eine
ängstigende Antwort nahe tritt, und ich sie nicht hören will, dann ist es, als
sähe ich in ein unabsehbares Gewirre von Missverständnissen hinein, von denen ich
den Blick erschrocken abwende.
    Mein Gott! ich war so ruhig, ich genoss die unaussprechliche Freude, Hugo
völlig zufrieden und heiter zu sehen. Ich empfand, dass er den einzigen Wunsch
meines Herzens, ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten, erkannte, er
genoss seine Freiheit, und kehrte lebensfrischer, klarer, oft wärmer, als er
ging, zurück. Wie hätte ich fürchten sollen, dass gerade dasjenige, was mir das
Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien, Hingebung
und Liebe, den Samen unseliger Missverhältnisse ausstreuen würde!
    Wie ist man nur so eilig, Gegenstände zu beurteilen, die man nicht kennt.
Niemand weiss ja, was in der Brust des Andern vorgeht. Ich war glücklich, ich
versichere Sie, seit es stiller um uns ward, die Nachbarn die Gegend verliessen,
oder die misslichen Gebirgsschlüfte mieden. Die Einsamkeit auf der Burg ist mir
erwünscht, ich liebe das ernste, grossartige Gebäude überaus. Das Gewöhnlichste
im Leben gestaltet sich hier anders. Es geht ein Geist durch Häuser und
Gemächer, den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen. Im Gegenteil, sieht
man diese wohl unwillkührlich dem verborgenen Einflusse nachgeben, Geschmack und
Neigung dem gebietenden Zuge unterwerfen; ja, sich selbst, wie die gewohnte
Weise, in eine andere Form fügen.
    Hier, unter den festgewölbten Bogengängen, den kräftigen Sinnbildern
gegenüber, findet weder Langweile Raum, noch kleinliches Gelüst Eingang. Hier
ist alles bleibend, ruhig, das Gemüt erhebend; und wenn ich in Hugo's
Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze, mir es so unaussprechlich wohl in den
schönen, hohen Räumen ist, ich mich in die Kissen seines Sopha's schmiege, seine
Nähe täuschend empfinde, mein Blick dann, durch die Glastüren, über den Altan
weg, in die reizende Landschaft sieht, der breite Strom so still und
majestätisch vorüberfliesst, die dunklen Talwände hinter ihm riesenhaft
aufsteigen, Dörfer und Städte aus ihrem bläulichen Dunst hervortreten, dann
fühle ich, wie die Seele des kräftigen, kühnen Mannes sich da hinaussehnt, und
teile seinen Unmut wie sein Streben. Ich selbst möchte ihm das Tor öffnen,
den Weg bahnen! Gedanken, die ihn beschäftigen, umringen mich! ich werde ganz er
selbst, fühle, wünsche wie er, und atme frei, wenn ich mich besinne, dass er
fern von hier, wenigstens auf Stunden und Tage, jetzt sich selbst angehört,
seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genüge tut. Lange,
lange sitze ich dann so, begleite ihn auf Wegen und Stegen, bilde mir ein,
seinen Schritten zu folgen, und während ein zärtlicher Wahn die Zwischenräume
durchmisst, bin ich weder allein, noch entbehre ich das Glück der Gegenwart.
    Nein, lassen Sie michs bekennen, ich kann, mir selbst überlassen, weit
ungestörter Hugo's Bild betrachten, als ihm gegenüber. Ja, mir steht er fest,
rein, unberührt von dem, was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt. Es ist der
wahre Hugo, den ich ungeteilt mein nenne, den ich liebe, den ich liebkose, zu
dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede.
    O! wer mag zweifeln, dass ich eben in den Stunden, die mir falsches Mitleid
rauben will, glücklich bin!
    Lieber Freund, wenn nur meine Mutter das so wüsste, wenn es sie beruhigen
könnte, dass mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist, dass ich sie um
Vieles nicht wechseln möchte, dass ich vor jeder Veränderung zittre. Manchmal
habe ich ihr ganz rücksichtslos schreiben, sie bitten wollen, ja an nichts zu
rühren, was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt. Allein, wozu
würde es nützen? Sie misst mein Glück nach ihrem Empfinden. So freilich muss sie
hier unzufrieden sein! Und wenn ich mir nun denke, wie mit heisser Sehnsucht sie
sich her zu mir wünscht, wie ihre unbegränzte Liebe mich nie verliess, ich ihr
Alles auf Erden bin, sie keinen, auch nicht den kleinsten Wunsch hegt, der nicht
ihrer Emma Wohl beträfe, dann sinkt mir der Mut, dann weiss ich nicht, wie ich
ihr das Unabänderliche anders darstellen, das Mangelnde, was allein der Fortgang
des Lebens ergänzt, im Augenblicke verhüllen soll.
    Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge. Er sagte mir noch diesen Morgen:
»Liebes Kind, Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein, sie wird sich hier
missfallen. Wäre es nicht besser, Sie folgten Hugo nach der Residenz, und
empfingen sie dort?«
    Ich war verlegen, was ich ihm erwiedern sollte. Hugo hat mich nie
aufgefordert, ihn nach der Stadt zu begleiten; er vermeidet es wohl, weil es
nicht das Ansehen haben soll, dort einen längern Aufentalt zu wählen. Seine
Stellung bleibt auf solche Weise freier. Er sichert sich das Gehen wie das
Kommen, wenn er über Beides nur mit dem Augenblicke zu beraten hat. Es wäre mir
nicht möglich, ihn gerade hierin hemmen zu wollen. Auch bin ich nicht des Oheims
Meinung. Aus vielen Gründen ist es mir lieb, die Mutter hier auf dem prächtigen
Familiensitze bei mir zu sehen. Das Schloss, seine Umgebungen, der Zuschnitt der
Verhältnisse, die ganze Lebensweise, werden ihr in gewisser Hinsicht genügen.
Der Glanz, wenn er nicht blendet, ergötzt immer das Auge, und macht es williger,
Unebenheiten zu übersehen. Und dann - gleichförmige Ruhe hält Störungen
entfernt.
    Dies alles bei mir überdenkend, schwieg ich einige Augenblicke, ohne meinen
wohlwollenden Beschützer zu beruhigen.
    Er ergriff meine Hand, drückte sie fest in der seinen, indem er zärtlich
sagte: »Machen Sie es, wie Sie wollen. Ihr klarer Geist gibt Ihnen von selbst
den Faden durch dies Labyrint in die Hand.«
    Er ging. O! hätte er gewusst, in welcher Unsicherheit er mich zurückliess, wie
orakelhaft seine Worte klangen, was er in mir verworren, was er geweckt hat!
    Ich sehe es nun wohl, die Welt tadelt Hugo, beklagt mich, erfindet und
spinnt das Erfundene emsig zusammen. Wie ich diese müssige Geschäftigkeit hasse!
wie mich eine Teilnahme drückt, die ohne Herz und Gemüt, nur das Fremde an
sich reissen, es durchschauen möchte.
    Die Menschen wissen nicht, wie wehe sie mir tun! Ist es denn nicht möglich,
anders zu sein, als Andere, und doch für sich recht zu behalten? Ich bin so
ängstlich, seitdem der Oheim ging. Ich weiss nicht, was ich tun oder lassen
soll? Der Brief meiner Mutter ist in grosser Leidenschaft geschrieben. Er klingt
fast drohend. Die wenigen Zeilen, welche das Stiftsfräulein ins Couvert
hineinschrieb, sollen mich wohl beruhigen, allein sie entalten die
niederschlagende Nachricht, dass beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt
der Reise trennen, und während die Eine dieser Gegend zueilt, die Andere sich
zurück, zu der Fürstin wendet, um dieser erwartete Briefe und Berichte zu
überbringen. So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie. Von ihr hätte ich
erfahren, wer all die Leidenschaft, die ängstliche Hast erregt? Sie würde mir
geholfen haben, mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen, und zugleich die
Zärtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen. Jetzt bin ich ganz allein,
Hugo ahndet nicht, was mich quält, auch ist er nicht anwesend. Und wäre ers, was
dürfte ich ihm sagen?
    Ich lese in Ihrem klaren, frommen Auge, was ich vergessen zu haben scheine.
Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens. Ja, ich verstehe, ich
verstehe, wozu Sie mich anmahnen. Ich werde ja auch den Weg nicht verloren
haben, auf dem Mut und Besonnenheit zu finden ist. Ich bin nur so erschrocken!
ich weiss selbst nicht, wovor? Ich sehe nicht, was ich fürchte, und doch fühle
ich es. Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen, denken Sie, ich finde
mich so am ersten zurecht, wenn ich nach des Lehrers, des Freundes Hand greife,
wenn ich schwach, doch willig, mich aufzurichten, Ihren Beistand suche. - - -
                                                                    Abends spät.
O es ist Alles anders, Alles gut! Hugo ist hier! Er kam in Nacht und Dunkelheit.
Er fand mich in seinem Zimmer. Es überraschte ihn. Er war bewegt, als ich ihm
gestand, dass mir hier allein wohl sei. Sein Auge hatte den schönen, tiefen
Blick, vor dem meine Seele immer so innerlich bebt. Er sah mich mit dem Blicke
an. Eine Welt lag darin! und ich war mitten in dieser, in seiner Welt! Jetzt, -
was habe ich zu fürchten. Meine Mutter wird uns so finden. Hugo weiss, dass sie
kommt. Er freut sich von ganzem Herzen, sie hier zu sehen. Wir wollen ihr beide
eine Tagreise entgegen fahren. Wie anders nun dies Wiedersehen! - Wie der Mensch
schwach ist! Wie zaghaft, wie kleingläubig!
    Geehrter Freund, soll ich es Ihnen bekennen? Sahen Sie nicht etwas Trübes,
Unreines im Hintergrunde meiner Angst sich verbergen? O guter Gott, wie gern
will ich mich eines Gefühls schämen, das mich doppelt zerreisst, weil es dem
geliebtesten Menschen zu nahe tritt!
    Heiterer, als ich zu Ihnen kam, verlasse ich Sie jetzt. Möge mich ihr Segen
aufrecht gegen so schlimme Anfechtungen halten!
 
                                Elise an Sophie
Was lag Ihnen im Sinn, Liebe! dass Sie so aus dem Charakter fallen, so
unverzeihlich von dem nüchternen Gerede meines albernen Vetters eingenommen
werden konnten?
    Gewiss, Sophie, ich erkenne Sie nicht in der Heftigkeit, mit der sich
Gedanken und Empfindungen auf jenem Blatte jagen. Ist die Luft in dem schönen
Italien so entzündbar, dass auch der Tau im Kelche einer Lilie aufbraust?
    Ihr Blut schien mir bis dahin von anderer Natur, als das der übrigen
Menschen. Sein milder Lauf verirrte sich nie zu ungleicher Wallung. Man empfand
immer, dass es nur den einen Weg, den zum Herzen kannte; dessen sanfter Schlag,
wie der Atem der Liebe, Sie selbst, das was Sie umgab, die Welt mit ihren
Verirrungen, in Uebereinstimmung zu bringen wusste. Und jetzt! -
    Sophie, Entfernung und Trennung sind doch etwas! Man sage, was man wolle,
der Raum trennt die Körper nicht allein. Sie hätten mir von Ihrem Stift aus
nicht diesen dürren, heftigen Brief geschrieben, der Ihren Unwillen ins Blaue
hinein rief und durch nichts verriet, dass Sie zu mir sprachen.
    Ihre ganze Reise war mir vom Anfange zuwider. Jetzt setzen Sie diesem Gefühl
die Krone auf.
    Welche Gewalt übt denn diese furchtbare Frau über Sie aus, dass sie Sie nicht
allein dem gewohnten Kreise entführt, dass sie auch Ihr Inneres umwandelt! Und
nun schicken Sie sie uns noch gar hierher. Sie droht jeden Tag mit ihrem Besuch.
Zum erstenmale bin ich froh, in der Stadt zu sein! Hier kann ich ihr aus dem
Wege gehen! Ich werde es tun, denn ich sehe immer ihr Bild auf Emma's
Schreibtisch mit Widerstreben an. Es ist etwas in den schönen, regelmässigen
Zügen, in den durchdringenden Augen, was mich schon darum erbittert, weil in dem
Gesicht Ihr ganzer letzter Brief, Sophie! geschrieben steht. So beurteilt, so
fasst ein herrschsüchtiges, einseitig beziehendes Gemüt Menschen und Handlungen
auf. Ich kann mir denken, was Sie täglich aus einem Munde hören müssen, dessen
schmerzlich verzogene Winkel mehr Unzufriedenheit als Schwermut ausdrücken. Wo
sich so viel strenge Absonderung offenbart, da kann nichts in natürlichem
Zusammenhange, in notwendiger Folge gedacht werden.
    Sagen Sie doch, wenn Ihre Freundin weniger abhängig von gewissen
Erdenvorteilen war, würde sie es übersehen haben, dass sich Niemand weniger als
Hugo zu ihrem Schwiegersohn passte? Wem wirft sie nun den Missgriff vor? dem
Grafen? Emma? Mein Gott! wann war die Jugend frei von Verblendung? Und nun, da
die Schiefgestellten schief stehen, was zeigt sie mit Fingern darauf, und macht
die Welt zum Zeugen ihrer Verkehrteit?
    Es ist nicht zu läugnen, es ist wahr, es ist nicht wie es sein sollte mit
dem ungleich zusammengewürfelten Paare. Aber, wenn dies Beide fühlen, und sich
die peinliche Gemeinschaft, Jeder wie er kann, erleichtern, soll man sie nicht
gewähren lassen? Geht die Oberhofmeisterin von dem Grundsatz aus, sie könne auch
Gemüter nach ihrem Willen umschaffen, so wird sie hier viel Unheil stiften. Der
Graf verehrt sie, aber er ist unbiegsam gegen ihre Eingriffe.
    Sie sehen hieraus, liebe Sophie! so wie aus frühern Mitteilungen, dass ich
mit den Verhältnissen, wie mit der Sinnesart Ihrer jungen Freunde sehr vertraut
bin. Ich hielt nie mit meinem Urteile zurück. Ich verschwieg Ihnen nicht, dass
mir Hugo den Eindruck umfassender, grossartiger Geisteskraft, ungewöhnlicher
Tiefe und Klarheit gemacht hat, dass ich ihn bewundern, verehren, und auch da an
ihn glauben muss, wo ich ihn nicht immer verstehe. Dies sagte ich Ihnen längst.
Meine Briefe sind voll von ihm und Emma. Noch kürzlich müssen Sie die
ausführlichsten Berichte über jeden Umstand in dem Leben auf der Burg erhalten
haben, was sollen nach dem Allen, Ihre dringend an mich gerichteten Fragen? Was
rufen Sie mich auf, unbefangen und offen zu sein? Weshalb gedenken Sie meinem
letzten Ausspruche mehr Glauben zu schenken, als dem frühern?
    Ist denn irgend etwas Verstecktes, Zweideutiges in meinen Worten? Warum
sucht man bei mir nach etwas Anderm, als ich gebe?
    Ich werde mir selbst ganz unverständlich. Auch Eduard wägt, misst und
ergründet, was ich tue und sage. Er ist von übler Laune, seit der letzten
Reise. Mein verlängerter Aufentalt auf dem Lande war ihm nicht recht. Und dann
die misslungene Darstellung auf dem Teater zu Ulmenstein! Der Schatten einer
Lächerlichkeit reicht hin, ihm den Himmel zu trüben. Die Gräfin hat ihm den Spass
ungeschickt vorgetragen, ob absichtlich? oder durch Zufall? ich weiss es nicht,
aber gewiss ist es, ihre Gunst für mich hat einen Stoss erlitten, und in dem Falle
kratzen Leute ihres Schlages, wenn sie liebkosen. So finden sich denn viele
Unannehmlichkeiten auf meinem Wege, denen ich nicht mit der gewohnten Heiterkeit
begegnen kann, da es nicht schwer ist, abzusehen, wo sie hinaus laufen werden.
Eduard sucht Ursache an mir, um Georg fremder Leitung übergeben zu können. Er
hat das längst gewünscht, doch traut er nicht, damit hervor zu treten. Jetzt ist
er unzufrieden mit dem Kinde, er findet es vernachlässigt, er sucht den Grund
davon in meinem geteilten Leben auf dem Lande.
    Ein Geistlicher ist schon gefunden, der bei uns einziehen, und mir den
Knaben abnehmen soll, wie Eduard sich ausdrückt. Abnehmen! Das Wort konnte nur
ein Geschäftsmann finden, dessen lastende Wirksamkeit die Liebe ausschliesst.
    Ich habe nichts darauf erwiedert, ich lasse es geschehen. Aber ich weiss, dass
mit dem Riss das Leben vollends auseinander fallen wird!
    Und in diesem Augenblick Ihr Brief! Sophie! Sie dachten nicht, da Sie ihn
schrieben, dass er in schlimmer Stunde bei mir eintreffen würde!
    Ich habe seitdem gegen einen fatalen Unwillen in mir gekämpft. Es ist nicht
so leicht, als es die Philosophie vorschreibt, sich verkannt zu wissen, und es
grossmütig zu übersehen!
    Doch jetzt, da ich wieder einmal Abschied nehmen soll, mein Herz mir wehe
tut, ich mich unbeschreiblich nach Ihnen sehne, jetzt wird es mir leicht;
Sophie, ich weiss nichts mehr von Allem, wodurch Sie mich kränkten.
 
                                Hugo an Heinrich
Du hast mich öfters abergläubisch gehalten, weil ich auf gewisse prophetische
Winke in der Natur achte, sie in der Erinnerung festalte, mit spätern
Ereignissen zusammenfüge, und neue Belege für meine Teorie der innern
Verwandtschaften darin suche. Unsere Discussionen bekehrten weder Dich noch
mich. Du hast keine Vorstellung in Dir von der Herrschaft verborgener Wirkungen.
Das Organ dazu fehlt manchem Menschen. Ich kann es Dir nicht geben, eben so
wenig, wie Du mir die Ueberzeugung von einem Dualismus des Weltregiments
wegraisonniren kannst. Mein Gefühl sagt mir es nur zu deutlich, dass ich
abwechselnd Sclav und Herrscher bin, dass ausser meinem Willen noch ein anderer
Wille über mich bestimmt. Ob der Streit immer Streit bleiben soll? Ob er eine
Vermittlung finden kann? und welche das sein wird? Mein Teurer! das ist die
Region des Unerforschlichen. Wir streifen daran, aber wir können nicht hinein.
In manchen Augenblicken zwar, wenn Du ein Wesen so recht, so überschwenglich
liebst, dann ist, dann muss Dir sein, als wäre die Vermittlung längst geschehen.
Doch lass das! lass das!
    Ich will Dich auch nicht für meine Ansicht gewinnen, ich will Dir nur etwas
erzählen, was mir auffiel, was mich beschäftigt. Vor ein Paar Tagen kehrte ich
Abends allein zu Pferde von einer Ausflucht nach der Stadt zur Burg zurück. Es
war noch nicht eben allzu spät, doch der Jahreszeit gemäss, dunkel. Als ich mich
dem Walde, durch den mein Weg führt, nahte, ging, wie bestellt, der Mond auf. Er
stand im bläulichen Nachtdunst voll und feurig auf dem Scheitel hoher
Wolkenberge. Ich ritt langsam. Die Luft war mild. Eine dünne Schneedecke lag am
Boden. Unter den Bäumen, tiefer ins Dickicht hinein, entdeckte ich Spuren von
Wild. Ich lenkte einer schmalen Hügelreihe am See, der Wall benannt, zu. Dort
hat sich aus einem einsiedlerischen Plätzchen des Comturs, zwischen dichten
Schwarztannen versteckt, erst ein Haus, dann eine Meierei, zuletzt das
Besitztum einer ehemaligen Vertrauten gebildet.
    Landleute, Reisende, auch das benachbarte Jägervolk besuchen von Zeit zu
Zeit die Tannenhäuserin. Ich ziehe öfters ohne Umstände mein Pferd dort in den
Stall, wenn ich Lust habe, mich auf Rehe und Hirsche einige Stunden auf den
Anstand zu stellen. So geschah es auch heute.
    Als ich über den Hof zurück ging, begegnete ich dem Burschen, der mit zwei
andern Pferden an mir vorüber tappte. Ich rief ihm zu, das Meinige gut zu
warten, ohne mich um sonst etwas zu bekümmern. Nachher fiel mir's wohl ein, wer
noch so spät hier angekommen sein möchte? aber es beschäftigte mich weiter
nicht. Eine Strecke weiter hin ist der Wall, wo er das eigentliche Ufer des
See's bildet, mit uralten Buchen besetzt. Die dichtgereihten Bäume verschlingen
ihre hochgewölbten Kronen zu einem weiten, hallenartigen Dome zusammen. Gewisse
Ideenverbindungen legen den Gegenständen oft eine Art Heiligkeit bei. Ich bin
hier jedesmal auf unwiderstehliche Weise wie festgebannt. Es gibt da eine
Stelle - kurz nach meiner Ankunft in dieser Gegend sah ich hier - genug! die
Stelle ist mir lieb. Ich suchte sie unvorzüglich auf, blieb an einen der
Baumstämme gelehnt, und dachte, meine Beute kommen zu lassen.
    Indes vergass ich bald Jagd und Wild und was damit zusammen hängt.
    Der See lag zwischen den schneeigen Ufern blau und klar vor mir. In seinen
leise bewegten Spiegel tauchte der Mond, wie eine herabgefallene Feuerkugel.
Unwillkührlich suchte der Blick oberhalb nach dem ruhigeren Lichte. Die
aufgetürmten Wolkenschichten hatten sich auseinander getan. Ein schwarzer
Streif umsäumte die Gränze des Horizonts, während leichte Dünste, in allerlei
Gestalten zerfliessend, den Himmel mit unzähligen Bildern besäeten. Es ist nicht
zu glauben, was das Auge Alles sieht, wenn es, sich völlig selbst überlassen,
bei einem Gegenstande verweilt!
    Heinrich, ich liess so Unsägliches an mir vorübergehen. Die duftigen Umrisse
schrieben eine ganze Geschichte auf das blaue Feld über mir nieder.
    Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken! Ich hätte
stundenlang so stehen und die Riesenköpfe mit unförmlichem Bart und Nase, die
fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten, mächtigen Fittigen, die monstruösen
Tierlarven betrachten, belachen, bewundern können! Gott weiss, weshalb mir ein
Ding, das wie ein vierrädriger Wagen aussah, so besonders auffiel! Er rollte,
wie aus tiefem Abgrunde, hinter den schwarzen Streifen hervor, und fuhr, von
schneidendem Windzuge getrieben, sausend über das leuchtende Firmament an dem
Monde vorüber, der zerschnitten und zermalmt unter den Rädern verschwand.
    Es war ganz deutlich ein Wagen. Ob Pferde oder andere fabelhafte Kreaturen
ihn zogen, kann ich Dir nicht sagen, allein, eine Gestalt mit gehobenem Arme,
drohend, oder auch nur das Fahrzeug lenkend, stand mehr über als in demselben.
Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier. Je höher das Wolkenbild
heraufzog, je mehr dehnten sich die Massen ins Ungeheuere. Wagen, Schleier und
menschliche Gestalt türmten sich bald zu einem Gebirge zusammen, durch dessen
duftige Kuppe der Mond plötzlich wie ein grosses, gewaltiges Auge hindurch sah.
    Mein Blick heftete sich immer fester auf die majestätische Erscheinung.
Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir? genug, ich glaubte mitten
in dem Dunstknäuel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen. Aber dieser
war jetzt dunkel und scharf, und sah eher wie ein Kasten, ja fast wie ein Sarg
aus. Ich schauderte unwillkührlich bei dem Gedanken; da sagte eine Stimme unter
mir: »Um Gottes Willen, mache er, dass wir anlegen.« Zugleich hörte ich den
verdoppelten Schlag nahender Ruderer. Nicht lange, so rauschte es im Rohr. Ein
Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor. Ein Mann mit schwerer Bürde auf
dem Rücken stieg zuerst ans Land. Ein keifendes, zorniges Weib folgte ihm mit
einiger Schüchternheit. »Komme Sie nur getrost, alte Marte!« sagte der Mann.
»Sie sieht, wir sind auf dem Trocknen. Was will Sie mehr? Hier herum ist auch
ein gutes Wirtshaus, worin es immer Narren genug gibt, denen Sie Ihre
Hexenkünste vormachen kann.« »St! St!« flüsterte das Weib, den Kopf in die
Schultern gezogen, den Finger drohend gehoben. »Bei Leibe nichts von Hexen,«
sagte sie heimlich. »Den Leuten würde sonst bange vor mir.« »Der Name tut es
Ihr nicht, Marte,« lachte ihr Begleiter, indem er den schweren Kasten, den er
trug, gegen einen Baum stemmte, und einen Augenblick ausruhte. »Laufen doch so
schon die Kinder, wo Sie sich nur sehen lässt, drum fliegt Sie auch mit den Eulen
erst Nachts aus.« Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden. »So treffen wir
doch einmal zusammen,« entgegnete sie spitz. »Es war gut, dass Er noch spät bei
den Comtessen in Ulmenstein zu tun hatte. Nun machen wir den Weg mit einander.«
    »Hat Sie denn der Mutter und den Töchtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht?«
fragte der Mann, in welchem ich jetzt einen, in der Gegend umherstreifenden
Hausirer, mit Namen Walter, erkannte. »Oder,« fuhr dieser fort, musste Sie ihnen
die Karten legen und die Freier anrücken lassen?« »Nichts von allem dem,«
brummte jene kopfschüttelnd. »Und wär's auch, was geht es Ihn an! Die Paar alten
Kleider, die ich von den hübschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil
wieder verkaufe, die tun seinem Verkehr keinen Abbruch.«
    »Spottwohlfeil,« höhnte sie Walter. »Geh' Sie doch, Alte! wir kennen uns!
Ihre Schliche sind weltbekannt. Aber erzähle Sie einmal, hat Sie es nicht
auspunktirt, wird aus der Heirat mit dem jungen Baron etwas?«
    »Hm!« entgegnete Marte, in einem Tone, als wolle sie sagen, dass ich eine
Närrin wäre, und es ihm wissen liesse. Sie wandte sich zugleich ab, und ging ein
Paar Schritte tiefer in den Wald hinein.
    »Bleibe Sie doch!« rief Walter. »Sie weiss ja hier herum keinen Bescheid, und
die schmucke, feine Tannenhäuserin lässt Sie in dem Aufzuge schwerlich ein, wenn
ich Sie nicht begleite.«
    Dieser letzte Zusatz machte, dass ich die Frau genauer ins Auge fasste. Ein
grosser Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht. Doch war dem
Hute selbst, mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen,
eingeknickten Federn, das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den
ersten Blick anzusehen. Wahrscheinlich mochte sie die, in Ulmenstein erhandelten
Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen können, als auf dem eigenen
Körper. So hatte sie dann den fremden Staat übergeworfen, und streckte nun die
nackten, gemeinen Hände, die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten, aus Flor,
Stoff und anderm farbigen Modetand hervor. Eben so ragten ihre schlecht und grob
beschuheten Beine weit unter den kurzen, auf zierliche Figürchen angepassten
Röcken heraus. Es war ein rasender Anblick! Sie blieb auf Walters Ruf stehen. Er
schickte sich an, ihr zu folgen. Ich schlich hinten drein.
    Im Stalle drüben, wo ich mein Pferd abholen wollte, fand ich jetzt noch die
beiden Vorerwähnten. »Wer ist von Fremden drinnen im Hause?« fragte ich den
Burschen. »Der junge Baron von Wildenau,« war die Antwort. »Der Baron?« rief
ich, »was will der hier?« »O er besucht uns öfter,« entgegnete jener. »Er macht
es, wie der Herr Graf, er lässt sein Pferd hier, und streift in der Gegend
umher.« Sonderbar! dachte ich, dass wir uns nie begegneten. Ich ging mechanisch
nach dem Hause. Die Wirtin kam mir entgegen. Sie hat immer ein eigenes
Zimmerchen für mich frei. Heute waren zwei Gäste darin, jener Leontin von
Wildenau und ein Geistlicher. Ich begrüsste beide, und sagte, um etwas zu sagen:
»Hier neben im Zimmer befindet sich eine Carricatur, wie sie nicht toller
ersonnen wird!«
    Das Ungewöhnliche reizt in Jedem die Neugier. Der Baron öffnete in demselben
Augenblick die Türe nach der anstossenden Gaststube. Hier sass nun die alte
Marte so buntscheckig ausstaffirt, dass ich sie mit lautem Gelächter begrüsste.
Auf das Geräusch wandte sie den Kopf nach mir hin. Sie sah nur aus einem Auge,
mit halb wahnwitzigem, halb pfiffigem Blick, der Mund war nach einer Seite
verzogen, so, als lächelte sie schalkhaft, während das graue, verschrumpfte
Gesicht etwas Weinerliches hatte. Ich stand mit unterschlagenen Armen dem
widrigen Geschöpfe gegenüber. Sie kam mir wie ein Spuk vor, der dem Sarge
entschlüpft, mit den Lappen der Narrheit geschmückt, von der Welt nicht
loskommen kann.
    Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten: »Ich kenne das!« zu dem
Geistlichen zurück gewandt.
    
    Der Hausirer näherte sich mir. Mein festgewurzelter Blick auf die fremde
Erscheinung mochte ihn zu einer Erklärung über diese auffordern. »Es ist zu
Zeiten nicht richtig mit ihr,« flüsterte er mir ins Ohr. »Eine Liebschaft, aus
der nichts ward, späterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestört.«
    »Wer ist sie?« fragte ich, eben so leise, ohne gleichwohl die Augen von ihr
abzuwenden. »Was treibt sie sich Nachts so unstät umher? hat sie kein bleibendes
Obdach?«
    Walter belehrte mich: sie sei eines Gärtners Tochter aus der Residenz, habe
Blumen ausgetragen, und durch diese und ein hübsches Gesicht, Zutritt in
vornehmen Häusern gefunden. Was sie dort sah und hörte, reizte sie über die
Maassen. Reichtum und Glanz dünkten ihr beneidenswerte Güter. Sie fing an, sich
herauszuputzen. Ein Teil ihres Verdienstes ging damit hin. Die Eltern verdross
das; sie zankten mit ihr. Aus Aerger, und da sie längst auf ein besseres Glück
hoffte, hing sie sich vollends an einen Mann, der ihr Kleider, Ringe, Bänder und
andere Narrenspossen, aber nie seine Hand gab. Plötzlich war er fort. Sie hörte
nichts weiter von ihm. Die Eltern hatten aus Schaam über die Tochter Stadt und
Gegend verlassen. Marte blieb, wie ausgesetzt in die Welt, allein zurück.
Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen. Ihr
verräterischer Putz, von dem sie nicht lassen konnte, erweckte Misstrauen, die
Türen blieben ihr verschlossen. Gram und Not hatten sie angegriffen. Sie
wollte sich zu den Eltern hinbetteln. Aber sie vermochte es nicht, die Kräfte
versagten ihr, auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden
Geräusch, den Kutschen und Pferden, prächtigen Häusern und geputzten Leuten,
fest. Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin, und nährte sich von
Almosen. An einem heissen Sommermorgen sank sie erschöpft auf die Stufen eines
kleinen Ladens nieder. Eine Jüdin, welche Trödelkram führte, von Versatz und
Borg lebte, verschmitzt war, Jegliches zu benutzen wusste, und eben eine Magd
brauchte, die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein musste, hatte
nicht sobald den Fuss auf die Treppe gesetzt, und die ohnmächtige Person
erblickt, als sie diese aufrüttelte, sie angebrannte Federn und Knoblauch
riechen liess, und mit Hülfe eines Handlangers von der Strasse in ihre Wohnung
trug.
    »Hier,« so schloss Walter, »ist Marte so lange geblieben, bis sie, nach dem
Tode der Israelitin, deren Gewerbe allein fortführte, und, obgleich nach jener
Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszügen und wirren Gedanken einhergehend, hat sie
doch den Ruf einer klugen Frau, oder gar Prophetin in solchem Maasse behauptet,
dass sie von Vornehmen besucht, in angesehene Häuser beschieden, und oft ihre
List zu geheimen Zwecken benutzt wird.«
    »Was macht sie denn so berühmt?« fragte ich, mit dem Scheine der
Unwissenheit über die verbotenen Künste des Weibes. Der Hausirer zuckte die
Achseln. Er wiederholte, was er dieser schon im Walde vorgeworfen hatte. In
einem Anfall guter Laune sagte ich: »Nun, so kann sie ja gleich ihr Talent
zeigen.« Walter sah mich überrascht an. »Um Ihren Spass damit zu haben,« lächelte
er. »Natürlich!« entgegnete ich, ob mir gleich der Gedanke an etwas Spasshaftes
ganz unverträglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort drüben am Tische
schien.
    »Hier geht es aber nicht,« raunte mir mein Nachbar zu. »So öffentlich darf
sie es nicht treiben. Befehlen Sie, so will ich sie nach einer Weile in das
kleine Zimmerchen hier neben führen, Sie schliessen dann die Türe ab, und« - -
    Es ist ein Kobold in uns, Heinrich, der lustig aufspringt, wenn man ihn von
Aussen anruft! Der grillenhafte Schelm war gleich in mir bereit, Walters
Vorschlag einzugehen. Er hatte »Ja« gesagt, ehe ich noch die nächsten
Schwierigkeiten überlegte. Der Baron und sein Begleiter waren lästige Zeugen bei
dem Possenspiel. Entfernen konnte ich sie einmal nicht, und sie in mein
Interesse zu ziehen, schien mir zu langweilig für die geringe Ausbeute des
Spasses. Gleichwohl musste das letzte versucht werden. Ich trat daher mit den
Worten zu Leontin: »Sie haben ohne Zweifel von den Künsten gehört, die der
Närrin drinnen den Ruf einer Prophetin erwarben. Ihr verrücktes Wesen ist mir
verdächtig. Ich wittre dahinter mehr Absicht als Krankheit. Ich wäre neugierig
zu sehen, wie sie es anfängt, gescheute Leute hinters Licht zu führen. Deshalb
habe ich sie hierher zu uns ins Zimmer beschieden. Geben Sie Acht, wie verblüfft
sie sein wird, wenn ihre List nicht glückt.«
    Ich hatte kaum geendet, so trat Walter mit seiner Begleiterin herein. Der
Geistliche schien verlegen. Dem Baron war die Sache lästig, das sah man ihm an;
doch wusste er nicht sogleich loszukommen. Indes fragte Marte ziemlich mürrisch:
was sie hier solle? Ich sagte es ihr. Sie lachte. Ich bemerkte, dass sie unruhig
nach dem Geistlichen hinschielte. Dieser sah ernstaft, doch nicht unwillig aus.
Jetzt stellte ich mich an einen Tisch neben die zaudernde Pytia. Sie zog darauf
ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche, das sie Mühe hatte, mit ihren
dürren, krummen Fingern auseinander zu bringen. Ich empfand grossen Eckel daran,
und bat sie, das Schicksal auf andere Weise zu befragen. Es schien ihr nicht
recht. Indes sagte sie auf kurze und abstossende Weise: »Gleichviel!« worauf sie
ein Ei und ein Glas Wasser forderte. Als ihr beides gebracht ward, gab sie mir
das Ei, hiess mich, es gegen das Glas zerschlagen, und den Dotter
hineinzuschütten. Ich tat, wie ich geheissen ward. Im Augenblick bildeten sich
allerlei Gestalten im Wasser, die mir meine heutigen Himmelsbeobachtungen
lebhaft hervorriefen; neugieriger als zuvor, was die Sibylle daraus machen
würde, sah ich mich forschend nach ihr um. Sie war sehr rot im Gesicht, eine
finstere, hässliche Falte auf der Stirne zog sich immer tiefer zusammen,
ungeduldig wischte sie das blitzende, wilde Auge, sah mich dann zornig an, und
sagte halb verwundert, halb böse: »das sind lauter Teufeleien! Was soll das
vorstellen, he? war das Wasser unrein? Oder« - sie stellte die Lichter anders.
»Sind das geweihte Kerzen? Wollt ihr mich zum Narren haben?«
    Walter beruhigte Marte über alle geäusserte Zweifel. Sie schüttelte den
Kopf. Der Baron war sehr aufmerksam geworden. Er trat näher zum Tisch. Ich
winkte ihm lachend zu, dass sie mit ihrem Latein zu Ende sei. Marte bemerkte es.
Sie schob mit verbissenem Ingrimm das Glas von sich, und machte Miene, das
Zimmer zu verlassen.
    »So wird es also heute nichts?« sagte ich. Sie antwortete nicht. Ich hielt
ihr einen Taler hin, hiess sie einpacken, und ihrer Wege gehen.
    Sie drückte aber meine Hand und das Geld ärgerlich zurück. »Geduld!« rief
sie. »Ich werde es schon sagen, wenns Zeit ist.«
    Leontin kämpfte mit Neugier und Unwillen zugleich. Der Geistliche blieb ohne
alle Teilnahme. Er hatte ein Fenster geöffnet, und sah, als ob er Jemand
erwarte, nach der Strasse hinaus. Marte räusperte sich jetzt. »Nun,« lachte sie
triumphirend, »da haben wir es ja, wollen Sie es hören?«
    Sie sah erst Leontin, dann mich an. Es schien, als ob sie uns beide
verwechselte, denn ohne, dass ich etwas erwiederte, fuhr sie ausschliessend gegen
mich gewendet, fort: »Es ist nichts als Unruhe und Wechsel in Ihrem
Schicksalszeichen. Nehmen Sie sich in Acht. Es steht Ihnen eine grosse
Veränderung bevor. Sie werden das Ihrige über kurz oder lang mit dem Rücken
ansehen, und wie Sie mit Kutsch' und Pferden früher in ein grosses Schloss
einzogen, so flüchten Sie dann unstäten Fusses daraus. Der Wittwerflor hängt an
Ihrem Hute, und doch haben Sie zwei Frauen zugleich. Wenn das Gestirn des Wagens
über Ihrem Hause steht, dann ist die Entscheidung nahe. Die, welche Ihnen die
Nächsten sind -«
    »Genug!« rief ich unangenehm erschüttert, »ich will nichts mehr hören.« Sie
blickte mürrisch nach mir um, runzelte die Stirne, sah dann wieder in das Glas,
und brummte: »Es ist ohnedies vorbei. Alles fliesst wieder zusammen. Ich kann
nichts mehr unterscheiden. Aber, was gewiss ist, bleibt doch gewiss, die
Zwietracht sitzt an Ihrem Heerde, und wenn Sie die Glocke wieder neun schlagen
hören, wie jetzt, hat sie Ihnen schon manches Lied gesungen.«
    Der Baron hatte seit einer ganzen Weile über die Schultern der Alten weg, in
das flockige Gebräue hinein gesehen. Sie bemerkte es erst jetzt. »Was machen Sie
hier?« rief sie scheltend. »Sie haben auch wohl Ihre Hände mit im Spiele?«
    Ich lachte unwillkührlich über seine Verlegenheit. »Lachen Sie nicht!«
schrie sie widrig, mit einem verwünscht pfiffigen Gesicht.
    In dem Augenblick ward eine fremde Stimme im Nebenzimmer laut. Der
Geistliche schloss das Fenster, und sagte, indem er mit freundlicher Verbeugung
an uns vorüber ging: »Verzeihen Sie, es erwartet mich hier Jemand.«
    Marte hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt, meinen Taler
genommen, und sich aus dem Staube gemacht.
    So blieben Leontin und ich allein. Wir waren beide unbequem mit einander. Er
ist niemals von vielen Worten, und jetzt, sichtlich durch meine Gegenwart
gedrückt, fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten. Mich hatte sein Anteil an
dem ganzen Vorgange frappirt. Ich war begierig, den Grund davon herauszubringen,
und deshalb auf dem Punkt, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als ich den
Präsidenten, Elisens Gatten, dicht nebenan sagen hörte: »Hier also? Nun, lassen
Sie mich ihm meinen Dank abstatten.« Somit öffnete er die Türe, und stand, in
Begleitung des Geistlichen, vor mir. Meine Anwesenheit mochte ihn überraschen,
er grüsste flüchtig, fast obenhin, wandte sich dann zum Baron, gegen den er mit
Wärme eines Dienstes erwähnte, welchen ihm dieser so eben geleistet haben musste.
Aus dem Verfolg des Gesprächs erfuhr ich sodann, dass der Geistliche ein längst
erwarteter Aufseher und Führer von Elisens schönem Knaben, Georg, war; dass
Leontin diesen empfohlen, hierher begleitet, und dem Präsidenten zugeführt
hatte.
    Des Barons Mitwirken in einer Angelegenheit, die Elisen Kummer machte, fiel
mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf, als bis jetzt hiervon nichts
verlautete, folglich geheim getrieben ward, und ziemlich nach einer
Vertraulichkeit mit dem Manne, auf Kosten der Frau schmeckte. Mich kümmert
dergleichen sonst sehr wenig. Häusliche Angelegenheiten, so oder so gestellt,
gehören immer zu den Plackereien, die getragen sein wollen, es verschlägt daher
eben nichts, ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt. Es war auch
nicht das, es waren, ich wette, die letzten Worte des Weibes, die etwas Fremdes
in meine Seele geworfen hatte. Ich fühlte dies wie einen Stachel darin stecken.
Es brannte mir heiss im Herzen, als ich den Vater, mit aller Umständlichkeit
eines weitschweifigen Pedanten, von dem Knaben sprechen, und sein Dasein von dem
der Mutter ablösen hörte.
    Ich sage Dir, Heinrich, es wurden hier Grundsätze der Erziehung entwickelt,
die einen Menschen rasend machen können. Meine arme Freundin wird darüber
untergehen! Ihr zartes Innere, durch die materiellen Handhaben abstrakter
Pädagogik verletzt, kann dem Gedanken nicht Raum lassen, dass, je ärger das Joch
presst, je schneller rüstige Schultern es abwerfen. Sie selbst bewegt sich so
leicht und frei in der hellen Sphäre schuldloser Gefühle, ihre Gedanken
schwingen sich zu seltener Höhe, nirgends beengt eine der tausend künstlichen
Gränzen den Flug ihres schönen, reichen Gemütes; und wie sie unbewusst die
angewiesene Bahn verfolgt, so lässt sie auch, auf die natürlichste Weise von der
Welt, das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Räume mit durchfliegen.
Der Knabe ist ein Seraph, und so zu ihr gehörig, wie das Morgenlüftchen, das die
goldene Aurora umspielt. Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen
Klammern harter Regeln umspannt. Denke Dir das abgeschlossene Muss und Soll,
gegen den freien Flügelschlag harmloser Willkühr. Atme nur einen Augenblick in
der Region der Güte und Liebe, und siehe dann das Chaos auf einander getürmter
Gebote unter Dir, betrachte den finstern Führer, der am harten Strick das müde
Lämmchen durch all die Windungen sich nachzieht, höre die tonlosen, leiernden
Worte von brechen des Eigenwillens, von Demut, blindem Gehorsam; lass den
Geistlichen noch über das Tema zerknirschter Herzen und Abtödtungen des
Fleisches sein Pensum hersagen, und dann begreife, wie mich das Alles zur Türe
hinaus, unter Gottes freien Himmel jagen, die Brust mit Wehmut, den Kopf mit
unruhigen Bildern füllen musste. In dieser Stimmung stosse ich auf die
Tannenhäuserin, die mir vor dem Hause begegnete. Sie grüsste, fragte nach dem
Befinden des Comturs, und setzte hinzu, wie ihr der Baron über dasselbe gute
Nachricht gegeben.
    »Der Baron war also heute drüben auf der Burg?« unterbrach ich sie.
»Allerdings!« war die Antwort. »Und, wie ich höre, sind der geistliche Herr von
dort in des gnädigen Herrn Begleitung hierher gekommen. Die Frau Gräfin haben
denselben empfohlen, verschrieben, wie ich nicht anders weiss.«
    Heinrich, mir stieg das Blut nach dem Kopfe. Emma, dachte ich. Hat sie ihre
reinen Hände in dem heimlichen Spiele? Wie kommt sie dazu, mit Leontin
gemeinschaftlich gegen den Wunsch der armen Elise zu wirken. Es sah alles so
abgekartet, so versteckt aus. Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in
dem entlegenen Winkel hier, man wollte das Ansehen der Teilnahme vermeiden. Der
Präsident musste bei Nacht und Nebel den Aufseher über Frau und Kind auf
geheimnisvolle Weise in Empfang nehmen. Ich war dabei ein sehr unberufener, ja
unbequemer Zeuge. Ging Leontins überraschter Blick etwa hierauf, als Marte ihm
vorwarf, die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben? »Hexe!« rief ich in mir,
indem ich mich vedriesslich aufs Pferd schwang, und nach der Burg ritt.
    Ich weiss nicht, was mir Alles während meines Rittes durch den Wald im Kopf
spukte? Genug, ich sah zum erstenmale um mich, als ich etwa tausend Schritte vom
Schloss, am Fusse des Berges, anhielt. Der breite Weg, welcher in
Schlangenwindungen auswärts führt, ward scharf vom Mondlichte bezeichnet, bis
ihn zuletzt eine dunkle Tannengruppe verdeckt, und man seiner erst dicht an der
Terrasse des Gebäudes wieder ansichtig wird. Sehr natürlich fiel mein Blick, als
auf den hellsten Punkt der Landschaft, dahin, doch mit seltsamem Schreck fuhr
ich zusammen, da gerade in demselben Moment ein Wagen hinter der schwarzen Decke
der Bäume hervorrollte, und vor der Burg hielt. Ich wusste sogleich, wer darin
sass, eben deshalb schallten mir Martens Worte: »Die Zwietracht sitzt an ihrem
eigenen Heerde,« wie ein Echo aus dem Walde zurück. Ich raffte mich zusammen,
eilte nach Hause, fand meine Schwiegermutter, und mit ihr ein Heer ängstlicher
Rücksichten, kalten Formen und lauernden Anspielungen. Ich bin wie gelähmt, das
Dach des Schlosses drückt mit Centnerlast auf mich.
    Es ist eine Schwüle in den Mauern, als müsse die Flamme jeden Augenblick
aufschlagen.
    So war es heute und gestern! Wer weiss, wie es morgen sein wird?
    Heinrich! Heinrich! die Fäden, die unser Geschick lenken, laufen wahrhaftig
nicht so einzeln durch das Leben.
    Lebe wohl! ich sehe einem Unwetter entgegen.
 
                                 Elise an Hugo
Sagen Sie, was Sie wollen. Sie waren gestern nicht natürlich! Wenn ich vor so
manchem Gesicht eine Maske dulden mag, so ist sie mir bei Ihnen unerträglich.
    Was wollten Sie mit der erzwungenen Redseligkeit, mit der ironischen,
frostigen Laune sagen, die Niemand, am wenigsten die Klugen der Welt täuscht?
Für wen spielten Sie Comödie? Hugo!
    Es hat mich verdrossen. Ich wollte mit Ihnen reden. Deshalb trat ich zu
Ihnen ins Fenster. Sie wichen mir aus. Ihr Gehirn war in jener hüpfenden
Bewegung, die den Witz überall Seitensprünge machen lässt, und das Gespräch in
Brocken zerstückelt. Eine Stimmung, die zu der meinigen durchaus nicht passte.
Fühlten Sie nicht, oder wollten Sie es nicht fühlen, dass mir etwas auf dem
Herzen lag, was herunter musste?
    Was ist ein Freund, wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen
Luftzuge, ohne Echohall, zu uns zurückschickt?
    Ich habe Kummer. Sie sollten es wissen. Der dünne, blasse, stumme Caplan,
der mir wie ein Gespenst nachschleicht, und auf den Fersen sitzt, sobald sich
Georg zu mir flüchtet. Eduards blindes Vertrauen zu ihm, die peinlichen
Tischgespräche, der Zwang, mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen, seine
Begleitung auf Spatziergängen und Fahrten dulden zu müssen, wenn ich das
geängstete Kind nicht martern lassen will; dies und noch unendlich Vieles, was
damit zusammenhängt, was auf die Zukunft hindeutet, was mir nur zu gegründete
Sorge gibt, sollten Sie von mir hören. Ich kann nicht mit Ihnen lachen. Sie,
hoffte ich, würden mit mir denken, wie dem frostigen, pressenden Einflusse auf
das frohsinnige Kind, so wie auf mich, entgegen zu wirken sei? Aber mit nichts
konnte ich Sie fassen, Hugo! nicht meine Bitten, nicht mein Unwille. Wo waren
Sie mit Ihrem Selbst, dass ich Sie nicht zu finden wusste? Es gibt einmal nichts
Unbequemeres für mich, als Besorgnisse hegen zu müssen. Mit dem Schmerz nehme
ich es eine Weile auf. Entweder ich besiege ihn, oder ich ergebe mich darin, und
will nichts mehr, als die Dinge so gehen lassen, wie sie wollen.
    Ehe es aber so weit kommt, gibt es viele Mittelzustände, in denen dem
Menschen allerlei zugemutet wird, was er sich nicht gefallen lassen darf;
Widersprüche aus Unsinn und Vorurteil erzeugt, an denen sich unser Scharfsinn,
wie die Kraft des Stärkern prüfen soll. Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb
alles auf, dem Steine auszuweichen, den mir das Geschick entgegen rollt, und
stosse ich doch darauf, so überspringe ich ihn. Stehen bleiben und müssig klagen,
kann ich nicht. Die Ueberzeugung, dass gegen jedwedes Uebel ein Mittel zu finden
sein müsse, hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen.
Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit? Den Caplan
entfernen, hiess gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen. Ihn
dulden und unschädlich machen, dazu gehört ein anderer Charakter, als der
meinige. Wen ich nicht von selbst gewinne, der bleibt für mich verloren.
Berechnen kann ich weder mich noch Andere. Das Leben gehen lassen, ist in vielen
Stücken gut, allein hier kann zu Vieles untergehen, ehe die Natur ihr stilles
Recht behauptet.
    Was ist also zu tun?
    Schaffen Sie Rat, Hugo! Auf Sie zähle ich in meiner Angst. Wissen Sie auch,
von woher mir der Schlag kam? Aus Ihrem Hause! Dem Oheim und der Nichte verdanke
ich diese Zugabe meines Hauskreuzes. Tadeln Sie indes Niemand. Beide handelten
nach bester Ueberzeugung. Ihnen fiel es nicht ein, meiner Ueberzeugung zu nahe
treten zu wollen.
    Emma schrieb mir zugleich das hübscheste Briefchen von der Welt über die
Schritte, welche in der Sache geschehen waren. Ich lege es Ihnen hier bei,
hinzusetzend, dass es mir übrigens so spät überkam, dass für mich nichts mehr zu
tun blieb.
    Sehen Sie! so sündigt Emma gegen mich, ohne eine Ahndung davon zu haben.
    Wie Vieles wäre noch darüber, wie Vieles über das Nichtverstehen der
Menschen zu sagen. Allein, ich muss Ihnen ja dies schon schreiben. Sie sind nicht
zu erreichen, seit Sie den Weltmann in der Stadt und den vornehmen Schlossherrn
auf der Burg spielen. Wie Ihnen das schlecht steht, und wie fremd Sie mir
erscheinen!
    Könnten Sie einen Augenblick finden, der Sie, in Ihren grauen Mantel
gehüllt, unscheinbar und bescheiden zu meiner Türe brächte, ich würde glauben,
Sie seien wieder Sie selbst, um mit Ihnen reden, denken, überlegen und ruhig
sein zu können, wie sonst.
    Gute Nacht! Ich bin müde, ich habe geweint, und doch weiss ich, ich werde
nicht schlafen. Mir liegt Vieles im Sinn.
 
                                 Emma an Elise
                      (Im vorigen Briefe eingeschlossen.)
Ich ward verhindert, diesen Morgen zu Ihnen zu kommen und Ihnen mitzuteilen,
was Sie vor allem Andern wissen sollen.
    Liebe Elise, es war gestern in den Zimmern des Comtur die Rede von Eduard's
Wunsche, einen Erzieher für ihren lieben Knaben zu finden. Er hatte dem Baron
Wildenau den Auftrag gegeben, ihm einen solchen suchen zu helfen. Die Wahl
dünkte diesem schwer. Der Oheim wandte sich an mich, und rief mir einen Mann ins
Gedächtnis, der mir von dem Lehrer und Freunde meiner Jugend empfohlen worden.
Einen bessern Fürsprecher konnte sich so leicht Niemand rühmen. Ich erwog einen
Augenblick, in wie fern ihre Anforderungen mit den Leistungen jenes jungen
Geistlichen zusammen treffen möchten? fand gleichwohl, dass eine edle Geburt,
feine Erziehung, frühere günstige Stellung zur Welt, Bekanntschaft mit dieser,
wie mit den Wissenschaften, der junge Mann zu Georgs Begleiter sich eigene, und
schwerlich ein passenderer in diesem Augenblicke zu finden sei. Deshalb nur, und
weil der Baron selbst der Ueberbringer meines Schreibens sein wollte, entschloss
ich mich, ohne erst Ihre Einwilligung abzuwarten, der des Präsidenten war ich
gewiss, den Schüler meines alten Lehrers hierher zu bescheiden, und es dann Ihrer
Bestimmung zu überlassen, auf welche Weise er bei Ihnen eingeführt werden soll?
    Bin ich voreilig gewesen, so verzeihen Sie es dem Eifer, Ihnen und dem
lieben Georg, von den wenigen wahrhaften Diensten, die in der Gewalt
wohlmeinender Freunde stehen, den Wesentlichsten leisten zu wollen.
N. S.
    Eduard war bei mir. Er wusste schon Alles durch Leontin, und übernimmt es,
Ihnen dies Briefchen zuzustellen.
 
                                 Hugo an Elise
Sie schelten mich. Sie sind unzufrieden mit mir. Hier lobt man mich. Emma's Auge
strahlt vor Freude, sie sieht mit einer Art Triumph von mir zu ihrer Mutter hin.
    Wer von Beiden kennt mich nun am besten?
    O lassen Sie diese Frage unbeantwortet! Es hängen an der einen, unzählige
andere, die, einmal ausgesprochen, Herz und Seele mit herausreissen, dem Leben
ein Ende machen, oder es anders gestalten müssten!
    Ich komme nicht zu Ihnen, Elise. Auch nicht auf Ihr dringendes Gebot.
Urteilen Sie darnach, wie unmöglich es mir sein muss. Unmöglich! ja ja! Belachen
Sie den Ausdruck nicht. Ich spreche nicht in Rätseln. Noch ein einziger, kurzer
Schritt, und die Flut treibt mich, wohin ich nicht will, wohin kein Auge
reicht, was kein Maass, keine Gränze kennt. Elise, hörten Sie nie - Gott nein! -
Der bodenlose Abgrund verworrener Begriffe liegt tief, tief unter der Region, in
der Sie atmen. Genug, ich komme nicht. Ich schreibe Ihnen. Endlich ist Ruhe um
mich. Sie schlafen, die mich müde hetzten, und mir nicht einmal den Schlaf
lassen können. Sie haben ihn mir schon lange, lange geraubt!
    Es ist tiefe Nacht. Sind wir endlich allein, Ganz allein, Elise? dunkle
Schatten liegen, wie Wächter, um die Freistatt der Gedanken. Sind wir auch hier
der Welt und ihren Gesetzen verfallen? Giebt es keine Ewigkeit in der Zeit, und
kann die Sehnsucht niemals, niemals den Kerker sprengen, der Geister von
Geistern trennt? Wie ertragen wir denn den Tod unserer Lieben? was schleichen
wir zu ihren Gräbern und rufen Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart zurück?
Ist das stille Hinübergleiten von einer Welt in die andere nichts, als ein
suptileres Phantom der Einbildungskraft? Stossen wir überall, auch in uns nur auf
Täuschungen, die den Drang des Innern mit Phantasmen hinhalten, wie Kinder in
einer gespielten, die erwartete Welt vorausleben?
    Sei es, ich träume denn also, und sehe Sie, und rede mit Ihnen im Traum.
    Was aber darf ich Ihnen sagen?
    Die Nacht verwirrt mich. Ich will den Morgen abwarten, der Brief soll
unvollendet bleiben.
    Er wird kein Ende finden! Wo soll ich aufhören? Vielleicht hätte ich besser
getan, niemals anzufangen. Jetzt! - Ja so, Sie wollten wissen, was ich von dem
Caplan halte? Mein Gott! lassen Sie den guten Mann nur immer machen. Weder
dieser noch ein anderer, ich versichere Sie, erzieht den Menschen. Das sind
alles handwerksmässige Uebungen. Lehrjahre hat ein Jeder. Das muss sein. Der
Künstler wird geboren. Das Genie gibt und nimmt sich nicht. Und was das Wecken
und Ersticken desselben betrifft, so halte ich von dem nicht viel, das nicht
stärker wäre, als ein mechanisches Band. - Der Widerspruch lehrt zuerst
sprechen, und zugleich denken. Gleichviel, was augenblicklich für Resultate
daraus entstehen! Man muss dabei nicht allzupeinlich verweilen. Ein wenig Trotz
hebt Kopf und Nacken in die Höhe. Der Blick lernt dieselbe Richtung finden.
Zuletzt fällt dann das eigene Maass kurz genug aus, wenn man es vergleichend an
Ideale legt. Man lernt Andere dulden, weil man sich Vieles verzeihen muss. Sie
kennen ja meine Teorie über die einzigen Ausgleichungsmittel im Leben. Güte und
wohlwollende Achtung für die Freiheit Anderer. Ich büsse lieber von der meinigen
ein, als jene zu beschränken. Machen Sie es auch so. In der Regel kann man, bis
zu einem gewissen Punkt, über Vieles lachen und es gut sein lassen.
    Ich lache jetzt oft, und deshalb auch letztin bei unsrer lauernden
Nachbarin. Danken Sie mir das, Elise. Hätte ich dem Ernst sein Recht eingeräumt,
jener gewisse Punkt wäre vielleicht nicht unberührt geblieben, und dann wäre
mehr, als die losen Schlingen des Scherzes zerrissen worden.
    Hüten Sie sich, schöne, arglose Seele, aus der Region heiterer Unbewussteit
herauszutreten. Noch bewache ich die Gränzen. Drängen Sie mich nicht von meiner
Stelle. Ich bitte Sie, fragen Sie nicht zuviel. Ich habe schon mehr erfahren,
als gut ist; die Binde ist mir von den Augen genommen, und kein Gott kann den
Traum seliger Blindheit wieder herstellen.
    So weit hatte ich geschrieben. Ich wollte Ihnen das Blatt mit dem Frühesten
schicken. Die Gelegenheit mit dem Marktschiffe dünkte mir zu langsam. Einen
Augenblick hatte ich den Gedanken, selbst nach der Stadt zu reiten und den Brief
in Ihrem Hause abzugeben. Ich liess auch wirklich mein Pferd vorführen, warf mich
darauf und sprengte davon. Doch war ich noch nicht weit gekommen, als ein mir
nacheilender Reitknecht ein Billet von Emma überbrachte, in welchem sie mir
anzeigt, dass, gleich nachdem ich die Burg verlassen, ein fürstlicher Jäger mit
der Meldung dort eingetroffen sei, der Fürst hege den Wunsch, in den umliegenden
Forsten zu jagen, und sage sich zu dem Ende, zu einem Frühstücke auf dem
Schloss an.
    Mir blieb natürlich nichts anders übrig, als umzukehren und die
erforderlichen Vorkehrungen zu treffen.
    Sehen Sie, Elise! Fesseln, die den Menschen zum Sclaven gemacht haben, ehe
er es noch einmal recht weiss, werden immer durch unabwendbare Verhältnisse
geschmiedet. Was diese entstehen lässt? was sie durch einander bedingt? das liegt
ausserhalb menschlicher Berechnung. Es hat sich eins auf ungefähre Weise
gebildet, und der Ring ist sogleich geschlossen, der unsere Freiheit umspannt!
    Die Jagd ist nichts als ein Vorwand. Der Fürst sucht die Oberhofmeisterin
hier auf, weil es nicht das Ansehen persönlicher Beziehung zu ihm haben soll.
Und doch existirt diese Beziehung. Sie hat etwas vor. Sie nimmt den Einfluss des
längst gekannten Freundes in Anspruch. Mit mir will sie etwas. Ich sehe sie von
Weitem kommen! Schon lange dreht sie das Seil. Jetzt hofft sie, die Schlinge zu
schürzen!
    Von hier fort, in Tätigkeit will sie mich wissen? deshalb die vertrauliche
Annäherung des Fürsten, das zwanglose ländliche Beisammensein! Der Weg soll
gefunden werden, der geradezu auf meine Eitelkeit losgeht. In das eigene Netz
will man mich verwickeln. Sie hat sich verrechnet. Der Springer im Schachspiel
durchkreuzt wohl auch einmal den Gang der Königin. Ich weiss das! ich fühle mich!
und dennoch, wenn es zu einer offnen Erklärung käme - wenn ich reden müsste - was
würde da Alles laut werden? wohin kann ein Wort das andere führen!
    Und Sie werfen mir vor, den Weltmann in der Stadt, den Schlossherrn auf der
Burg zu spielen. Ahnden Sie denn gar nicht, was mein Spiel verdeckt und abwehrt?
- - - -
    Ein Tag voll unruhigen Umhertreibens, voll lästiger Geschäftigkeit ist nun
vorüber! Es ist wieder Nacht, die Stunden laufen ab, die Zeit wechselt, das
Leben rückt nicht vor, ich stehe auf dem alten Fleck. Entsetzliches Bewusstsein!
Es jagt mir das Blut mit Höllenangst durch die Adern! Wie das noch werden soll!
Der Fürst mass mich heute ein Paarmal mit seinem seitwärts fallenden Blick, der,
bei aller Flüchtigkeit doch auf Kundschaft ausging. Welche Spur hat man ihm nur
gegeben, dass er so zuversichtlich darauf fortgeht? Im Uebrigen tat er ganz
unbefangen, war gesprächig, und ganz auf der Jagd. Er ist ein gewandter Schütze.
Ich äusserte das mit bescheidenem Lobe. Er lächelte. »Ja,« sagte er darauf, »es
war immer mein Lieblingsvergnügen, deshalb erlaube ich mir es nur selten. Es
kann leicht zur Leidenschaft werden; und vor nichts hege ich mehr Furcht, als
vor einer solchen Haustyrannin, die man am eignen Heerde gross zieht!«
    Er schwieg, allein hier eben war es, wo sein Blick mich suchte. Ich tat,
als bemerke ich es nicht, indem ich den Gegenstand fallen liess, und nur neue
Veranlassung suchte, der eingestandenen Neigung Vorschub zu leihen. Er ging
einen Augenblick in meinen erweiterten Jagdplan ein, doch bald nachher bemerkte
er, das führe zu weit. Man dürfe nicht so allein an sich denken. Oben auf der
Burg erwarteten uns die Damen und der würdige Comtur, wir seien ihnen
Rücksichten schuldig, er wolle nicht das Ansehen haben, solche gering zu achten.
Elise, ich biss mir in die Lippen, so lächerrlich war mir der fürstliche
Sittenprediger, den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt
hatte.
    Es mochte indes hingehen. Wir fuhren nach Hause. Unterwegs lobte er den
Wald, die Gegend, fragte nach dem neuen Bau drüben auf Wehrheim, drang deshalb
in mich, wollte Alles wissen, und schloss dann unter lautem Lachen mit der
Bemerkung, dass ich schlecht bei mir selbst zu Hause sei. Ich fühlte den Stich,
verschmerzte ihn aber, da er nichts Wesentliches in mir verletzte. So lachte ich
mit ihm, vielleicht mehr von Herzen, als er. Nach und nach rückte er denn heran,
sprach von umfassender Tätigkeit, öffentlichem Leben, dem Interesse an
Staatsverhältnissen, nannte das grosse Lügennetz: die Politik, das eigentliche
Gewebe des Scharfsinns, und meinte, der schlaue Jäger finde hier erst ein
geräumiges Feld, sein Wild aufs Korn zu nehmen.
    Jetzt wusste ich, wo man hinaus wollte. Zum Glück hielten wir bereits an der
Schlosstreppe. Meine Antwort blieb ich ihm schuldig. Er wird sie mir schon noch
abfordern. Doch sei es wann und wo es wolle, die Wahrheit soll er gewiss hören.
    Gott behüte mich vor neuen Ketten! Als wenn ich nicht schon an den jetzigen
schwer genug zu tragen hätte. Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten
Laune. Sie geht in Jedes ein, was ich sage, gibt mir Recht, teilt ganz meine
Ansichten. Was hat das anders zu bedeuten, als dass mein Urteil gesprochen ist,
und sie dem harten Ausspruch einen milden, bestechlichen Klang einhauchen
möchte. Elise! geben Sie Acht, das ist der Stein, an dem Vieles zerschellen
wird!
    Ich breche kurz ab. Es hat sich ein Bote gezeigt, der das Schreiben noch vor
Ihrem Erwachen zur Stadt trägt. Ich lag im Fenster. Es dämmerte kaum. Da hörte
ich schon von ferne die weit ausgreifenden, taktmässigen Tritte eines geübten
Fussgängers. Nicht lange, so ging Jemand dicht an dem Hause entlang. Ich beugte
mich vor. »Walter!« rief ich halblaut. Die grosse, gebückte Gestalt für diesen
haltend. »Ja!« antwortete der Wandrer, »was gibts?« »Seid Ihr's, Walter?«
fragte ich noch einmal. Dieser nickte mit dem Kopfe, ohne etwas zu erwiedern.
    »Was habt Ihr denn Eiliges hier zu tun?« lachte ich, ohne mir etwas dabei
zu denken. »Hier schläft noch Alles, Handel und Wandel wird um diese Stunde
nicht getrieben.« »Ist auch nicht meine Absicht,« entgegnete der Hausirer. »Ich
gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Gräfin ab. Ich komme drüben von
der Tannenhäuserin, und gehe hinunter nach Wehrheim, um von dort mit dem
Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen. Das Schreiben ist von dem Herrn Caplan,
er hat es, ich weiss nicht wie, unsrer Wirtin zur weitern Beförderung zustellen
lassen.«
    Walter hatte sich während dem auf einen Stein gesetzt. Ich hiess ihn da
warten, bis ich hinunter kommen würde. Ich habe nun diese Zeilen
niedergeschrieben, ich füge nichts hinzu; aber - wie ein Zug dunkler Nachtvögel,
schwirren widerwärtige, verworrene Vermutungen an mir vorüber. Emma! - der
Caplan! - Der geheimnisvolle Weg ihrer Mitteilung! - O die Geistlichen sind so
verschlagen, und die Tauben so zahm! so zum Abrichten gemacht!
    Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung. Nein, Elise! nein, ich
verlasse Sie nicht, niemals, ich bin Ihr Freund, mehr als jemals! Ich begleite
Sie wie Ihr Schatten. Sein Sie ruhig, ich bitte Sie! Es ist nichts! Ich bin bei
Ihnen, verlassen Sie sich darauf.
    Ich eile zu Walter hinunter. Ich werde ihm den Brief vom Caplan abnehmen,
ich will ihn Emma selbst geben! Sie ist wahr, sie kann - doch leben Sie wohl!
Leben Sie wohl, Elise!
 
                        Die Oberhofmeisterin an Sophie!
Wundern Sie sich nicht, dass ich mir so viel Zeit liess, ehe ich an Sie schrieb?
Nur wenn Sie hier wären, würden Sie es verstehen, wie ich zu dieser
Entaltsamkeit kommen konnte.
    Es ist nicht leicht, Worte zu finden, wenn man nicht weiss, was man denkt
oder fühlt? Sehen Sie, jede andere wie ich, würde hier ruhig, und leidlich
zufrieden sein. Ich bin es nicht, ich kann es nicht sein, ob ich gleich gestehen
muss, dass ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe, noch etwas Bestimmtes tadeln
kann. In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich völlig geblendet.
Hätte ich Ihnen da geschrieben, Sie würden triumphiren. Es war Nacht, als ich
den Fels hinan, zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr. Die grosse Ampel über dem
Steinbrunnen, die hohen Tannen, zwischen denen sie schwebt, das Licht selbst so
magisch über die besondere Architektur ausgegossen, und Emma endlich, schöner
als je, unter den gotischen Bogen, auf der gewundenen Treppe stehend, hinter
ihr der Comtur, imposant wie immer, durch Gestalt und Haltung, ich sage Ihnen,
ich war überrascht, durch das Neue und Sonderbare des Anblicks. Mich selbst, und
was mich hierher trieb vergessend, rief ich schon, ehe man mich hören konnte:
»Willkommen, willkommen, liebe Kinder!« Bei dem ersten Laut meiner Stimme füllt
sich der Hof mit Menschen und Lichtern; Emma stürzte an den Schlag des Wagens,
sprang auf den Tritt desselben, und lag in meinen Armen, in einer Bewegung, die
ihr Sprache und Besinnung raubte. Ich fühlte, ich hörte die Schläge ihres lieben
Herzens, das meinige brach fast vor Entzücken. Indes war Hugo auch
herabgekommen, er hob mich aus dem Wagen, und führte mich und Emma zum Schloss
hinein.
    Mit stummer Rührung drückte er unsere Hände in den seinen. Es erschütterte
ihn sichtbar, uns so einander wiedergegeben zu sehen. Er hat an Behutsamkeit, an
Feinheit des Betragens gewonnen, man fühlt, er kennt seine Stellung, und dabei
hat er nichts von jenem Besondern verloren, das unsre Fürstin, die Schwingung
eines tiefen, melancholischen Accordes nennt. Sie wissen! ich bin nicht für
Schwärmereien der Art, indes musste ich mir, wenn auch widerstrebend,
eingestehen, dass man Hugo nicht nahet, ohne in eine ungewöhnliche, denkende und
nachempfindende Stimmung zu versinken. So flohen die ersten Stunden hin, indes
mich, was ich sah und hörte, immer mehr erregte, immer williger machte, die
neuen Eindrücke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen. Ich fordere auch
Besonnenere als ich bin, auf, ungeblendet von dem Reiz des rührendsten,
lieblichsten Wesens, der einzigen, über alles geliebten, nach langer Trennung
wiedergefundenen Tochter zu bleiben. Sie selbst, von Freude strahlend, mitten im
Glanz der sonderbarsten, erhabensten Umgebung glücklich, die Fürstin ihres
Kreises, darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee; sie so zu
sehen, und auf die Plackereien, das Gezänk und Gewäsch miserabler Flachheit
zurück zu blicken, den Massstab der Beurteilung von da herzuholen, kurz, zu
wissen, was man früher wollte! Ach ich atme nun, wie in andrer Luft! Ich hätte
schwören können, mir wäre nie ein Zweifel über die vollkommene Zufriedenheit
Emma's in den Sinn gekommen.
    Der feierliche Ernst des Comtur, zu welchem er schon in der Jugend eine
leichte Anlage hatte, und der ihm nun zur andern Natur geworden sein mag,
stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbrüche meiner sorgenfreien Laune. Ich
stiess mich so zu sagen an ihm, und in der unangenehmen Empfindung, die auf so
etwas folgt, sah ich mir den Mann, den Ort, die Menschen bestimmter an. Ich
spürte leicht die Spannung heraus, die sich an gewissen Tagen über häusliche
Verhältnisse, über Personen und deren Art und Weise verbreitet. Emma kam mir
ängstlich, Hugo nicht natürlich, der Oheim unsicher zwischen beiden vor. Es ist
unglaublich, wie das leiseste Verrücken des Gesichtspunktes, sogleich Blick,
Gedanken, Gefühl, Stimmung in uns anders macht! Ich wurde nachdenkend wie der
Comtur. Es half diesem wenig, dass er gleichgültige Gespräche mit Feinheit und
Anmut zu beleben suchte, als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch, ich
hatte es bald weg, man war bemüht, mich zu unterhalten, und jedweder hatte dazu
seinen Festtagsrock angezogen.
    Das ist im Ganzen auch so geblieben, nur werden wir nach gerade der
Spielereien überdrüssig. Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung.
Emma überbietet sich dann in Gesprächigkeit und launigen Anekdoten, sie lacht
und erzählt, aber ihr Lachen jagt mir das Blut ins Gesicht, ich schäme mich in
ihre Seele, dass sie gezwungen ist, eine Rolle vor mir zu spielen, die ihres
Mannes hölzerne Leblosigkeit sehr schlecht unterstützt. Und ich, Sophie, soll
unschuldig genug sein, dahinter nichts anders zu suchen, als Eigensinn und
Laune? Nein, ich spiele mit! und gehe, wie alle Andere, frei hinter den
Coulissen hin und her. Es steht da noch Mancher, der frühe oder spät in die
Scene treten wird. Bis zur Entwickelung sind wir noch nicht gelangt, denn die
Fäden der Intrigue laufen kraus durch einander.
    Der Intrigue? Ja, ja! ich bin gewiss, dass sie existirt, dass sie sich unter
Emma's Augen angesponnen und gebildet hat, dass sie es sieht, es weiss und duldet,
um nur den Undankbaren nicht zu stören, der unser Aller Elend machen wird. Darin
liegt der Schlüssel ihres Betragens, deshalb die Anstrengungen unheimlicher
Fröhlichkeit, denen weder ihre innere noch äussere Kraft gewachsen ist.
    Das ist es, Sophie, was ich herausfühlte. Zu bemerken, zu entdecken ist hier
nichts. Dazu sind Alle in stillschweigender Uebereinkunft zu einig, denn sie
wissen, dass man demjenigen, den man ans Licht ziehen will, unter der
künstlichsten Verkappung nachspürt. Doch finden sich auch willige Hände, die
unversehens den Finger ausstrecken, und hinzeigen, wo man sehen soll.
    Unsere Gräfin in Ulmenstein ist in solchen Fällen von unzuberechnender
Dienstfertigkeit. Ich war kaum auf der Burg angekommen, so kam sie auch. Meine
Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch. Musste ich hier gleich auf eines der
lästigen Geschöpfe stossen, die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Plätze
am Hofe und in der Stadt einnehmen! Mit der stummen Höflichkeit, die Sie mir
unzählige Male vorwarfen, parirte ich den Andrang unbequemer Geschwätzigkeit,
mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte. Sie ward nicht einen Augenblick
irre. Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen, hatte sie mich in Kurzem, zu
meiner Strafe und ihrem Triumph, in das Netz ihrer Worte verstrickt. Ich büsste
jetzt meine frühere Gleichgültigkeit durch die stechendste Neugier. Urteilen
Sie nur, wie ich aufhorchte, als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern
auf die spasshafteste Weise von der Welt bemerkte: Es sei ein wahres Werk der
Barmherzigkeit, dass ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei; ihre
Trauer um die arme, liebe Tante, wie sie mit plötzlich veränderter Miene und
einem kleinen Anflug süsslicher Wehmut hinzusetzte, ihre Trauer fessle sie jetzt,
als verständige und alles überlegende Frau, in Ulmenstein, die ganze
Nachbarschaft sei verödet ohne sie, die Burg ebenfalls ausgestorben, da die
häusliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe, um selbst nur ihren Mann nach der
Residenz begleiten zu wollen, wohin ihn doch sehr natürlich unzählig kleine und
grössere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen.
    Ihre lächelnde Stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus. Ich
arbeitete an meinem Tapisserie, wühlte unter den bunten Knäueln, hielt die
Farben zusammen, zählte und berechnete Stiche und Fäden, während das Blut schon
unruhiger in mir wogte, doch hielt ich es zurück, ich lächelte ebenfalls, und
erwiederte in demselben Tone: »Es ist auch sehr schön hier im Schloss, ich
begreife, dass man sich sehr ungern daraus entfernt.«
    »Ja, bei Gott! sehr schön,« rief sie emphatisch aus. »Wer weiss das nicht?
Aber man muss doch auch ein klein Bischen uneigennützig denken, und die übrige
Welt nicht ganz über seine Lieblingsgenüsse vergessen. Werden Sie es glauben,«
lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art, »dass die böse kleine Frau über
einen Monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat? Immer war
entweder der Graf im Begriff, abzureisen, oder er sollte eben an diesem Tage
wieder kommen, und so geizt die zärtliche Gattin mit jeder Minute, die sie der
Musse ihres beschäftigten Freundes abstehlen kann, dass sie uns andern armen
Leuten auch keine einzige davon aufopfern will.«
    »Sie sind sehr gütig,« erwiederte ich, über meine Arbeit gebeugt, und die
Augen auf dieser hin- und hergehen lassend, um nur die Schwätzerin nicht
anzusehen. »Sie sind sehr gütig, meine liebe Gräfin, sich soviel um die
Undankbare zu bekümmern, die nur einer alten, bösen Gewohnheit der
Bequemlichkeit nachgibt, wenn sie die rücksichtsvolle Ehefrau spielt. Wie oft
mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten, um
nur ihre Trägheit zu entschuldigen.«
    »Das nicht! das nicht!« fiel die Gräfin lebhaft ein. »O! ums Himmels Willen,
demütigen Sie mich doch nicht so sehr, hier eine blosse Ausflucht zu suchen, wo
ich ein besseres Motiv voraussetze, das meiner Eitelkeit weniger empfindlich
ist. Nein, ich weiss, die liebenswürdige Emma weicht meinen Einladungen nicht
ohne Grund aus.«
    Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses, rasches, gelbes Licht aus
ihren kleinen, beweglichen Augen, dass ich, unwillkührlich zu ihr aufsehend,
davon auf das Unangenehmste überrascht wurde. Es war keine Frage, sie deutete
auf etwas hin, das sie nicht gesonnen war, mir verbergen zu wollen. Mir lag aber
daran, es nicht durch sie zu erfahren, deshalb drückte ich meine Hand leise auf
ihren Arm, indem ich so wenig trocken als möglich sagte: »Ich sehe wohl, Ihre
Freundschaft für Emma macht Sie eifersüchtig! Sie rechten selbst mit Hugo, dem
Sie die Minuten nachzählen, welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt.«
    Die Gräfin ward hier sehr rot, und half sich mit ihrem gewohnten Lachen.
Nach einer Weile trat der Comtur ins Zimmer. Die Gräfin war honigsüss mit ihm.
Er liess sich das nicht ungern gefallen. Es ist keine Angelrute so abgenutzt,
dass nicht die Eitelkeit der gescheutesten Männer zu gewissen Zeiten anbisse.
Jetzt wurden wir neu bestürmt, in den nächsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen.
Ich verwahrte mich dagegen wie ich wusste und konnte, doch zuletzt musste ich es
geschehen lassen, dass die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward.
    Man hat ein Vorgefühl von dem, was einem treffen wird. Ich hatte es, als ich
in den Wagen stieg, um die Fahrt zu machen. Mir war diese an sich höchst fatal.
Ein Diner auf dem Lande gehört zu dem Widersinnigsten, was ich kenne. Da, wo
alle Ostentation entfernt sein sollte, erscheint sie doppelt lächerrlich. Man ist
nicht geneigt, sie sich gefallen zu lassen. Man will und verlangt etwas anders,
und wird vedriesslich, immer das Alte zu finden.
    Es liess sich, nach der Persönlichkeit der Gräfin, auf die Prätentionen ihrer
häuslichen Einrichtung schliessen. So etwas stösst mich ab. Ich legte in keiner
Epoche meines Lebens Wert auf das Vorübergehende, und wenn ich übertriebene
Modesucht schon bei der Jugend unnatürlich finde, so dünkt sie mir im Alter die
Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein.
    Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser
natürlichen Abneigung gegen unpassende Künsteleien. Wir sassen auch schon eine
Weile bei Tisch, ehe ich mich besinnen konnte, und bewusst ward, was mich
eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme. Zufällig begegnete ich Emma's
Blicken, welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden, bald auf Hugo,
bald auf Ihrer Freundin, der soviel besprochenen, schönen Präsidentin ruhten.
Schneller wie der Blitz stand das Gespenst vor mir, dessen dunkle Nähe mich
geängstigt hatte. Sie war es, diese pomphaft angekündigte, gepriesene Dame der
Gedanken des Oheims, und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen. Dieser hatte
seinen Platz weit von ihr, auf derselben Seite der Tafel genommen, wo ich mich
befand, sie sass mir gegenüber. Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander
gewechselt. Emma hingegen überhäufte sie mit Herzlichkeit. Was bedeutete das
Alles? Was sollten die langen, fragenden Blicke jetzt entdecken?
    Ich fasste, von da, den verdächtigen Gegenstand schärfer ins Auge. Die Frau
ist schön, und fast bis zum Unscheinbaren einfach. Sie hatte den Comtur an
ihrer Seite. Er unterhielt sie mit grosser Lebhaftigkeit, ohne gleichwohl ihre
Aufmerksamkeit fesseln zu können. Sie schien zerstreut, und wie mir es vorkam,
in einer nachdenkenden, bekümmerten Stimmung. Hugo, der alle Schleusen seines
witzigen Humors öffnete, hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemächtigt. Er
beherrschte, wie es ihm wohl zuweilen glückt, die ganze Gesellschaft, und liess
sie nach Gefallen lachen und sich verwundern. Elise sah ein paarmal mit grossem
Ernst nach ihm hin. Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher
Ungewissheit.
    Ich ward immer gespannter. Das Herz klopfte mir laut in der Brust. Mein
Gesicht verrät augenblicklich, was in mir vorgeht. Emma hatte schon alles
darauf gelesen, ich sah es ihr an, auch bemühte sie sich, mich anderweitig zu
beschäftigen. Ein junger Baron Wildenau dünkte ihr wert, von mir beachtet zu
werden. Sie verflocht uns in ein Gespräch, wozu meine Rückkehr aus Italien und
seine früheren Reisen dahin, natürlich Veranlassung gaben. Ohne unhöflich zu
sein, konnte ich mich dem nicht entziehen. Der junge Mensch hat überdem so was
Ungewöhnliches, das interessirt. Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch
Regelmässigkeit der Züge, und lange, schwarze Augenwimpern aus, die wie ein
Schleier das ernste Gesicht beschatten, und zu der stummen Zurückgezogenheit
seines Wesens passen. Er spricht leise, bis zur Undeutlichkeit, so dass ich mich
ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhören musste, wollte ich nichts von dem
verlieren, was er Gutes und Gescheutes sagte. Hierzu kam, dass die Gräfin auf
jedes seiner Worte lauschte, sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete,
und öfters ihre anderswo beschäftigten Töchter zu gleicher Teilnahme aufrief,
weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den Blick senkte, und mehr
allgemeinhin, als zu mir redete, was der Conversation etwas Drückendes gab.
Hierüber hatte ich das, was mir eigentlich viel näher lag, aus den Augen
verloren.
    Die Tafel ward aufgehoben. Man zerstreute sich in den Nebenzimmern. Die
Gräfin hielt mich bald beim Fortepiano fest. Ich sollte ihre Töchter singen
hören. Der Baron Wildenau, im ganzen Hause auf vertraute Weise, Leontin genannt,
musste diese begleiten. Er hat Kraft und Weichheit der Stimme, einen
italienischen Vortrag, Sinn und Gefühl, so dass ich bei meiner unbegränzten Liebe
für Musik unwillkührlich gefesselt ward. Die Gräfin schwelgte in meinem Beifall.
Leontin soll ein Stückchen Erbschaft, das ihr entgangen, auf ihr Haus
übertragen, deshalb projectirt sie eine Heirat zwischen ihm und einer ihrer
Töchter. So lange er nicht Nein sagt, nimmt sie das Ja als entschieden an, und
fühlt sich in ihm geschmeichelt. Wie immer, überbot sie sich auch heute im
Eifer. Das Singen nahm kein Ende. Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer.
Emma und Elise wurden aufgerufen. Die Letztere fehlte in dem Kreise, der sich
nach und nach um das Instrument gebildet hatte. Emma sprang mit einer Eile auf,
sie zu suchen, die ich an ihr sonst nicht kenne. Verwundert folgte ich ihr mit
den Augen. Sie schlüpfte in eine Fenstervertiefung des nächsten Zimmers. Hugo
trat eben aus dieser heraus. Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen.
Die Gräfin warf einen Blick des Einverständnisses auf ihre Töchter, alle drei
lächelten verstohlen, sie umringten darauf Elise, zogen sie zum Clavier, und
hiessen sie Emma und Hugo accompagniren. Mechanisch tat jene, was man wollte.
Sie war weder verlegen, noch bemüht, sich zu verbergen. Ganz mit sich und was in
ihr vorging beschäftigt, liess sie die Finger Töne anschlagen, das Auge Noten
lesen, und andere daraus machen, was sie wollten. Emma stand indes mit
Fieberröte auf den Wangen, hinter ihrem Stuhl; Hugo etwas weiter vor, mehr mit
den umzuschlagenden Blättern als dem Gesange beschäftigt, hatte eines der
komischen italienischen Duos aufgesucht, das er zu allgemeinem Ergötzen auf das
Lustigste vortrug, worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandteit
begleitete, die mich einen Augenblick zweifelhaft liess, was ich hier am meisten
bewundern sollte. Von allen Seiten ergossen sich Lobsprüche und schmeichelhafte
Ausrufungen. Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lächeln, trat dann,
wie Jemand, der sein Kunststück gemacht hat und abgefertigt ist, von dem
Instrument zurück. Leontin hatte nicht aufgesehen. Es lag etwas in seiner Miene,
zu dem ich wohl den Schlüssel haben möchte.
    Von jetzt an war es um meine Ruhe getan. Alle Kunst der Gräfin reichte
nicht hin, die Verstimmung, welche immer ansteckender um sich griff, wieder zu
entfernen. In den Veilchenaugen der Präsidentin standen Tränen. Sie blieb
befangen, ich fand sie weder so anziehend noch so ungewöhnlich, als sie mir
geschildert ist. Ich sagte das der Gräfin, als diese mich um mein Urteil über
sie befragte.
    »Sie haben recht,« entgegnete sie, »es ist aber auch eine Veränderung mit
der Frau vorgegangen, von der man keine Vorstellung hat. Ich glaube,« setzte sie
vertraulich hinzu, »es sind häusliche Unannehmlichkeiten, die jetzt manchen
Sturm veranlassen. Der Präsident hat ein Bischen den Herrn gespielt, und der
Fahrlosigkeit mit dem einzigen Kinde, einem bildschönen, aber unleidlich
verzogenen Knaben, ein Ziel gesetzt. Ein strenger Aufseher für Mama und Sohn ist
angekommen, und irre ich nicht, so lockt dieser die Tränen aus den schönen
Augen.«
    »Ach!« entgegnete ich gelangweilt, »es sind nicht die Domesticalien einer
fremden Familie, die meine Wissbegier reizen, ich verweile einzig bei dem, was
ich sah, darüber darf ich reden, das Uebrige interessirt mich wenig.« »Nun,«
versetzte die Gräfin, den Stich verschmerzend, »ich möchte wohl wetten, sie
betrachten die Person nicht so angelegentlich um der blossen Persönlichkeit
willen, man denkt immer noch was hinzu, und bei dieser fällt einem Mancherlei
ein.«
    Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewöhnlichen Lächeln. Ich war nur
zu gewiss, sie verstanden zu haben.
    Elise hatte sich indes entfernt. Sie eilte nach der Stadt zurück. Auch wir
brachen nun auf. Hugo war zu Pferde. Ich sah ihn den Abend nicht mehr. Er blieb
auf seinem Zimmer, doch erfuhr ich, dass er mit uns zugleich im Schloss
angekommen war. Es ist Bewusstsein und Ueberlegung in dem Allen, und das ist ein
gefährliches Zeichen.
    Die Nacht liess mich schlaflos in meinem Armsessel. Sie wissen, ich scheue
bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett, wie eine Marterbank. In den
Falten der Vorhänge, in den Decken lauern all die hüpfenden, beweglichen
Gedanken, die immer dichter, immer näher gegen mich anrücken, und mich zuletzt
ganz toll und verwirrt machen, bis ich aufspringe, und ein Lager fliehe, das
eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen.
    Unzähligemale rief ich mir zurück, was ich heute gesehen und gehört hatte.
Ich bemühte mich, es ruhig zu betrachten. Es konnte sein, dass ich auf ohngefähre
Andeutungen zuviel gegeben, dass ich Zufälliges in falschen Zusammenhang gebracht
hatte, es konnte aber auch anders sein. Und was denn? Sagen Sie doch, Sophie!
was denn? Ich gestehe Ihnen, es öffnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Füssen.
Vielleicht deshalb, vielleicht auch, weil mein Gefühl, mein Stolz, meine ganze
Natur widerstrebt, das Demütigendste, was es gibt, zu denken, denke ich es
noch nicht deutlich. Aber, aber! wenn -!
    Es ward mir aus Manchem klar, dass ich meinen Verdacht hier sorgfältig
verbergen, und eben so unbefangen scheinen müsse, als man es um mich her zu sein
bemüht ist. Denn ein Wort, ein einziges Wort reicht hin, das ganze Gebäude
künstlicher Harmonie zusammen zu stürzen. Und wenn mein Argwohn grundlos wäre,
Sophie! - Im Stillen arbeiten will ich indes, einen möglichen Ausweg zu bahnen.
Ich habe an den Fürsten geschrieben. Selbst mochte ich ihn nicht in seiner
Residenz aufsuchen. Ich werde keinen Schritt tun, der in die Augen fallen
könnte. Man gibt mir ja in diesem Hause das beste Beispiel rücksichtsvoller
Besonnenheit, denn das wenigstens ist gewiss, dass Hugo seine ganze Lebensweise,
seit ich hier bin, verändert hat. Denken Sie doch nur, nicht ein einzigesmal hat
er das Schloss in dieser ganzen Zeit verlassen. Wie kommt er zu dieser
Stätigkeit, wenn er mich nicht irre zu machen gedächte?
    Wüsste ich nur, was er die Nächte über treibt. Seine Zimmer sind unter den
meinigen. Ich höre ihn stundenlang gehen, die Fenster öffnen und schliessen,
zuweilen sprechen. Mit wem spricht er? Irre ich nicht, so sah ich ihn neulich
über die Brücke dem Walde zuschreiten. O die geheimen Wege haben nur ein dunkles
Ziel.
                                                            Mehrere Tage darauf.
Der Fürst war hier. Er ging sehr geschickt in das ein, was ich ihm nur andeuten
konnte. Eine Jagd in den hiesigen Forsten musste ihm zum Vorwande seines Besuches
dienen. So kam er denn Allen unerwartet, ausser mir. Haben Sie eine Vorstellung
meines Schreckens? Er weiss, er weiss mehr, als ich zu ahnden wagte. Ja, ja,
Sophie! Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt. Jedes Kind kennt ihr
Verhältnis zu Hugo. Man lacht darüber, wie man immer den pfiffigen Betrug als
einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet. Alles in mir glüht! ich habe die
witzigen Ausfälle des Fürsten bestritten, weil ich das Ridicul wohl fühle, das
auf mich und Emma dadurch fällt. Aber fort muss Hugo von hier! Und wäre es auch
nur des Anstandes wegen. Der Fürst sieht das ein. Der Schlag wird nächstens
geschehen. Unvorbereitet soll er Alle treffen. Den Comtur denke ich indes zu
schonen. Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm.
    Dass ich krank bin, dass ich Zimmer und Bett hüte, denken Sie wohl von selbst.
Doch sterben, sterben werde ich jetzt nicht, das darf nicht sein. Tavanelli, der
junge Caplan, von dem ich Ihnen einmal schrieb, ist hier, ist im Hause der
berühmten Circe. Emma ist seine Beschützerin. Wünschen Sie mir Glück zu dem
Funde. Ich will ihn nicht ungenutzt lassen.
    Leben Sie wohl. Mein Gott! wie wird das enden!
 
                                 Elise an Hugo
Der Einfall, mir durch den Hausirer zu schreiben, war recht glücklich. Ich
empfing Ihren Brief zu einer Stunde, wo ich allein war, und Vieles mit mir
abmachen konnte. Sie haben recht, da wo ich Sie verstehe. Allein ich glaube, Sie
reden klarer, als Sie schreiben. Ich kann mir wohl vorstellen, dass Sie
geschriebene Auseinandersetzungen scheuen. Es wird einem damit unter der Hand
anders, als man will! für Leute, wie Sie und ich, die nicht anders als wahr sein
können, ist eine solche Künstelei unerträglich. Allein halbe Andeutungen können
auch eine Sünde gegen die Wahrheit werden.
    Ich bin nicht gewohnt, meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu
sehen. Das hilft auch zu nichts. Ich höre sie kommen, und bin nicht eher ruhig,
bis ich weiss, was mir naht. Sie, Hugo, treten an manchen Stellen Ihres Briefes
dreist genug hervor. Es kann nicht Ihre Absicht sein, mir zu entschlüpfen. Sie
wollen sich eine Mühe ersparen, und ich soll Ihre Aphorismen ergänzen.
    Ich verstehe das nicht. Mir sind dergleichen Rätsel eine Qual. Kurz und
gut, sagen Sie, in einfacher Prosa, ohne Ausrufungen und Phrasen, wie die Gefahr
heisst, die Sie heranrücken sehen. Ist sie mehr als ein Luftbild, das in Ihren
Burgnebeln schwimmt, so haben Sie unrecht, sich nicht bestimmter darüber
auszulassen.
    Es ist so viel Fremdes in Ihrer patetischen Beschwörung, nicht weiter
forschen zu wollen, dass ich mich erst auf Sie besinnen musste, ehe ich Sie wieder
erkannte.
    Sie waren zu gespannt, als Sie schrieben, um zu bedenken, was Sie forderten.
Genügen soll ich mir lassen, dass Sie wissen, was Sie mir verbergen, ohne es
abwehren zu können?
    Nun, beruhigen Sie sich. Ich weiss es, und verliere weder Fassung noch Mut.
    Konnten Sie glauben, man werde mich schonen, wenn man überhaupt den Sinn für
Zarteit verläugnet? Wo die Fähigkeit des Verstehens fehlt, können verletzende
Missgriffe nicht ausbleiben. Es ist viel schwerer, als man denkt, mit gutem
Gewissen durch die Welt zu kommen. Die Menschen nehmen an Allem Ärgernis, und
ein Herz, wie das meine, möchte das gern Jedem ersparen. Aber das ist vergebene
Mühe!
    Ich bin unbefangen, und gebe mich so. Die Wenigsten wollen das glauben. Es
mag auch wohl für alle diejenigen schwer sein, welche Zwecke und Absichten
haben. Ich hatte niemals andre, als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben,
das heisst, dem innern Gefühle nicht entgegen zu handeln, das mich zu Offenheit
und Wahrheit zwingt. Ich sagte das gestern, bei irgend einer Gelegenheit in des
Caplans Gegenwart. Er sah mich überrascht an, ohne etwas zu erwiedern. »Nun?«
fragte ich, aus guten Gründen bemüht, mich mit ihm zu verständigen. »Ich
zweifle,« äusserte er bescheiden, »dass es uns gerade durch das Gefühl klar werden
könne, was das eigentliche Wahre in uns sei.«
    »Gerade im Gefühl!« entgegnete ich lebhaft, »wo dies unverdorben ist, hat es
eine Stimme, die uns leise und hörbar zuruft: du belügst dich selbst! hüte
dich!« »Wo das Gefühl unverdorben ist?« wiederholte der bleiche Tavanelli. »Wo
ist das? werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen, wir folgen
den Geboten eigentümlicher Wahrheit, da es doch nur die Lüge geblendeter Sinne
ist, die uns eine andere Natur aufzwingt?«
    »Ich halte nicht viel,« erwiederte ich kalt, »von den zwei Naturen, zwischen
denen man uns herumhetzt, ohne dass das gequälte Gemüt jemals zur Ruhe kommen
kann. Das sind Bilder, um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen. Es
geht damit, wie mit allem Bildlichen, man hält dieses fest, und lässt den
Gedanken fahren.« -
    »Wie?« unterbrach mich mein Gegner erstaunt. »Sie glauben nicht an ein
Doppelwesen in uns, dessen wechselndem Regimente wir erliegen würden, hätten wir
nicht eine höhere Vermittlung?« »Sprechen Sie Ihr Anatema nicht all zu eilig
über mich aus,« lächelte ich vertraulich. »Ich bin keine so grosse Ketzerin, um
den Einfluss des Bösen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu
wollen. Allein ich halte dafür, beides entspringe aus einer Natur, die, ihrem
Wesen nach, göttlicher Art ist, und nur durch falsche Beziehungen des Lebens
verzerrt und entstellt wird.« Er schüttelte den Kopf. »Wäre es auch so,« sagte
er ernst, »was sichert uns, dass wir, unter den unzähligen Trugbildern der Sinne,
diese ursprüngliche Natur in uns finden?« -
    »Wir drehen uns im Kreise herum,« rief ich aus. »Ihre Frage ist schon durch
meine erste Annahme beantwortet. Jenes instinktartige Gefühl, das wir den
himmlischen Teil unsers Selbsts nennen sollten, das warnende Wort einer
unsichtbaren Stimme, das sichert uns vor aller trügerischen Verwechselung.«
    Der Caplan wollte mich hier unterbrechen, allein wir verstummten beide vor
Eduards Dazwischenkunft. Ihnen aber, Hugo, habe ich das mitgeteilt, um Ihnen zu
zeigen, was mich gegen Angriffe stählt, denen Sie nicht sonderlich zu begegnen
wissen. Ein Paar schlechte Epigramme aus der Ulmensteiner Klike, eine Wolke auf
der Stirne Ihrer Schwiegermutter reichen hin, Sie ausser Fassung zu setzen. Sind
das Ursachen, um einer Melancholie Raum zu geben, die Sie in der Freundschaft
schwankend, in allen andern Verhältnissen schwach und ängstlich erscheinen lässt?
Während Sie sich einbilden, die Gränzen einer Region bewacht zu haben, welche
Sie meinem schwachen Vermögen anweisen, vergessen Sie, dass Ihr Eifer ziemlich
ins Schrankenlose ausartet, und ich viel Mut haben muss, um einen Brief zu
beantworten, der so auf Schrauben steht und nichts oder zu viel sagt.
    Ich wiederhole es Ihnen, ich bin unbefangen, und gebe mich so. Auf dieser
Unbefangenheit beruht mein Vertrauen zu Ihnen, mein Verhältnis zu Ihrem Hause.
Zeigen Sie sich ängstlich, so haben Sie mich nie gekannt.
    Deutlicher mag ich hier nicht reden. Genug, ich wünsche nicht, dass auch Sie
dem ganz Natürlichen künstliche Farben anlegen. Die häusliche Unzufriedenheit,
die Sie jetzt wohl zu Zeiten drückt, macht Sie zum Sclaven Ihrer Stimmung. Der
Unwille darüber steigert die Empfindlichkeit in Ihnen bis zur Leidenschaft. Ich
kann das begreifen und verzeihen. Allein so weit dürfen Sie sich nicht
vergessen, dass Sie Emma's Weg durchkreuzen. Sind Sie unbillig genug, ihrer
Freiheit zu nahe zu treten, während Sie eifersüchtig über die eigene wachen?
    Lassen Sie sie gehen, wie sie kann. Ich verstehe Ihre Unruhe über einen
Briefwechsel nicht, der ganz natürlich auf dem Verhältnis gegenseitiger
Uebereinstimmung beruht. Wollen Sie den Austausch aller Ansichten hemmen, die
nicht die Ihrigen sind, wen nennen Sie denn noch Tyrann in Ihrem Geschlechte,
wenn Sie es nicht sind? Ich habe mich geschämt in Ihre Seele, dass Sie eine
Zufälligkeit bloss darum so hoch anschlagen, weil sie zu ungewöhnlicher Stunde
Ihre kranke Phantasie erschütterte. Wie, wenn der hausirende Walter Ihnen heute
Abend meinen Brief eben so unerwartet überbrächte, wäre er auf verbotenem Wege
zu Ihnen gelangt?
    Emma mag glauben und denken wie sie will, sie hat einen hohen Sinn, und
kleinliche Machinationen sind Niemand fremder als ihr.
    Fürchten Sie übrigens nichts von Tavanelli. Leute seiner Art, sind entweder
bei näherer Beleuchtung anders, als wir sie uns denken, oder dieser ist zu weich
und erregbar, um sich in strenger Abgeschlossenheit bewahren zu können. Er wird
nie meinen Rechten auf Georg zu nahe treten, und nicht um die Welt, könnte er
mich in dem Knaben verletzen. Ich denke, wir werden uns wohl verständigen. Ueber
den ersten Schreck hinaus, konnte es auch nicht fehlen, dass mich ein
ordentlicher Entschluss zu gewünschten Resultaten führen musste. Taugte der Mann
nur etwas, so liess sich leicht abnehmen, dass wir auf gemeinschaftlichem Wege
einander nicht fremd bleiben würden. Und nun ich Sie gescholten und beruhigt
habe, mein armer Freund! will ich Sie auch bedauern, und Ihnen die Last
unvermeidlicher Widersprüche tragen helfen, die zu gewissen Zeiten, und in
manchen Stimmungen geringern Widerstand als sonst in uns finden. Man kann da mit
Niemanden rechten, warum er die Dinge so und nicht anders sieht? Es gibt nur
einen Gesichtspunkt für ihn.
    Hugo, Sie haben sich selbst bei dem Kauf um Ruhe und Frieden gebracht. Jetzt
reuet Sie der Handel; zumal, da man nicht müde werden wird, zu fordern, und Sie
doch einmal »Halt!« rufen müssen.
    Das kommt von dem gleichgültigen Geschehen lassen. Man wusste es hier gleich,
dass der Fürst bei Ihnen war, und fabelt davon allerlei. Können Sie denn nicht
einen Augenblick stehlen, um zu mir zu kommen? Ich habe Ihnen tausenderlei zu
sagen, was sich nicht schreiben lässt, was ich wenigstens nicht weitläuftig
abhandeln mag. Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermesslichem Werte!
Bedenken Sie dieses!
 
                                    Antwort
Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermesslichem Werte. Ja, Elise, ja, ich
habe es bedacht. Sie haben recht. Es ist allerdings notwendig, dass wir uns
sprechen. Ich komme. Aber nicht zu Ihnen, nicht nach der Stadt. Ich kann, ich
darf nicht. Ich werde Ihnen das Alles erklären, wenn wir uns sehen. Wann? wo das
sein wird? Morgen, Elise, morgen bei der Tannenhäuserin, eine Spatzierfahrt
gibt Ihnen leicht den Vorwand. Ich bitte Sie, schlagen Sie Ihrem Freunde den
Wunsch, an welchem seine Ruhe hängt, nicht ab. Nur ein Paar flüchtige Minuten
sollen Sie mir schenken. Ich muss, hören Sie wohl! ich muss mit Ihnen reden. Sie
wissen nicht, wie es hier steht. O, wenn Sie meine Freundin sind, werden Sie
anstehen, es mir zu beweisen? Ich zähle auf Sie, und zweifle nicht, Sie bei dem
milden Frühlingswetter im Walde zu treffen.
 
                        Der Caplan Tavanelli an Leontin
Ihr Schutz, mein lieber Herr Baron, geleitete mich in dies Haus. Ihre
wohlwollende Teilnahme half meine Schüchternheit überwinden. Sie sind so gut,
ich habe Sie so lieb, dass mich mein Herz treibt, Ihnen eine Schwäche, und meine
Angst darüber, zu entdecken. Bester Herr Baron, was ist es doch mit dem
Menschen, dass er nicht eine Stunde seiner selbst gewiss sein darf!
    Es war so still in mir. Jedes schien auf seinem Platze, in einfacher,
natürlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken. Ich fühlte mich
leicht, mit meinem Gewissen in Ruhe. Alle erlittenen Drangsale, die Stürme
früher Jugend, die unaussprechlichen Kämpfe des schwachen, ringenden Innern, es
trat mir der ganzen Vergangenheit, wie gesunkener Nebel, zurück. Der frei
gewordene Himmel, die milde Klarheit um mich her, mein besänftigtes, gestilltes
Herz - ich glaubte fest zu sein, weil mich nichts erschütterte, ich hielt mich
für einen Andern, weil mein Auge nur die Bilder der Welt sah, in der ich ganz
ausschliessend lebte. Was ich so vollkommen empfand, was so innig Eins mit mir
schien, wie sollte ich ihm nicht gleichen! Welch ein Wahn täuscht so das
Bewusstsein!
    Seit ich diese Schwelle hier betrat, bin ich in einer Unruhe, die mich von
Widerspruch zu Widerspruch treibt.
    Ist es der Dunstkreis, dieser einander ganz unähnlichen Menschen, der mich
beengt? sind es die Reflexe ihrer Seelen, die in undeutlichen Umrissen meine
Phantasie quälen? Was ist's, das in der schöpferischen Fortbewegung, die wir
Leben nennen, plötzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir vorüberjagt?
oder gibt es ansteckende Einflüsse in der moralischen, wie in der physischen
Atmosphäre, von denen uns nichts träumt? Genug, ich fühle es mit Schaam, ich bin
nicht mehr derselbe. Es steigen Fragen in mir auf, Fragen, lieber Herr Baron,
die mehr an die Hölle als an den Himmel gerichtet sind, da sie eine verneinende
Antwort erwarten lassen.
    Damals, als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden, der Herr Graf
herein trat, und mit der Landstreicherin seinen Spass hatte, ward ich auf eine
Weise beklommen, als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundsätze
und Ueberzeugungen. Es regten sich, mitten durch den Widerwillen gegen verbotene
Künste, heimliche Zweifel über den Grund solches Verbotes in mir. Das elende
Geschöpf weckte meinen Zorn wie meine Neugier. Ich hörte ihre Worte, ohne sie
hören zu wollen. Sie dünkten mir Unsinn, und doch beschäftigten sie mich. Als
nun endlich zu meiner Freude der Herr Präsident erschienen, glaubte ich mich
gerettet. In seiner Nähe fühlte ich mich ruhiger. Ich dankte meinem Gott
aufrichtig, als ich neben ihm im Wagen sass. Er nahm sogleich das Wort, um mir
seine Ansichten zu entwickeln. Ich hörte aufmerksam zu, und konnte nicht anders,
als sie vernünftig finden. Allein nach einer Weile bemächtigte sich meiner eine
mir sonst fremde Ungeduld über die Langsamkeit des Fahrens. Ich sah erwartend in
der Gegend umher. Sie dünkte mir traurig. Ich ward es auch. Nicht, dass ich etwas
vermisst hätte, ich wollte es nur anders. Bald empfand ich, dass es mein neuer
Hausherr war, der mich ermüdete. Ich ward ganz beschämt vor mir selber. Wir
redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen. Er hatte seine Meinung gesagt, ich
hatte sie gehört, damit war er zufrieden. Der Hochmut flüsterte mir Manches zu,
was mir vollends zur Last viel. Als wir nun in der Stadt angekommen waren, und
ich vor die Mutter meines kleinen Zöglings trat, empfing mich diese nicht sowohl
kalt als misstrauisch. Das Kind sah mich gross an, ich wusste nicht, wie ich dieser
gespannten Verwunderung begegnen sollte. Mir ward unsäglich bange ums Herz, die
Worte versagten mir. Wir blieben so. Ich hätte den Abend auf meinem Lager in
Tränen zerfliessen mögen. Des andern Tages sah ich den schönen Knaben nur
flüchtig. Die Eltern gar nicht. Es schien, man wolle sich erst an den Gedanken
gewöhnen, mich im Hause zu haben. Ich war damit nicht unzufrieden. Mir lag
selbst daran, das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden. Ich merkte indes
bald, dass dies nicht leicht sein werde. Denn, gestaltete sich auch späterhin das
gegenseitige Verhältnis nach und nach gefälliger, so wuchs gerade daraus der
Samen aller meiner jetzigen Qual.
    Die gütige und geistreiche Dame, welche von der Natur mit den
bewundrungswürdigsten Gaben beschenkt ward, zählt unter diesen, als eine der
ersten, die liebenswürdigste Aufrichtigkeit. Von dieser geleitet, eröffnete sie
mir, wie sie in Bezug auf mich und meinen Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes
denke. Sie hält mit nichts zurück und entüllt eine Sinnesweise, die ich
einerseits verehren, und von der andern Seite verdammen muss. Das Letztere
ängstigte mich unbeschreiblich, da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will.
Werden Sie es glauben, der Wunsch, ihr gefällig zu sein, liess mich meine
Gesinnungen, wenn auch nicht verläugnen, doch so umhüllen, dass sie nichts
geradezu Verletzendes für sie entielten. Seitdem stehen wir nun auf dem Fusse
des gegenseitigen Austausches der Ansichten. Aber, mein Gott! wie fühle ich oft
die meinigen angegriffen, erschüttert! Mit welcher Todesangst muss ich dann zu
ihrer Wurzel zurück flüchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen
krümmen, um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden. Bin
ich in den Zimmern des Herrn Präsidenten, so erhole ich mich wohl wieder, und
fühle mich mehr als ein blosses Werkzeug trockener Systematik. Doch ihr, der
beschwingten Psyche gegenüber, im Gespräch mit dem grossartigen Ketzer, dem
Grafen, regen sich die alten Zweifel, und meine Brust wird der Kampfplatz
verderblicher Einflüsse.
    Es würde mir wenig helfen, wollte ich mich meinem würdigen Beschützer, dem
geistlichen Herrn in *** entdecken. Er pflegt zu dergleichen wenig zu sagen.
Seine Art, die Menschen zu führen, besteht vornehmlich darin, dass solche selbst
die Wegweiser sind, die Richtung gibt er. Im Uebrigen, meint er, müsse jeder
sich selbst versuchen. Er macht auch nicht viel aus Fehltritten, noch sucht er
die Unruhe darüber zu beschwichtigen. Meine Bangnisse würden ihm kindisch
dünken. Ich sehe ihn gutmütig darüber lächeln. Wenn mir das einerseits
Zuversicht geben könnte, so macht es mich auch wieder schüchtern. Was mir am
Herzen liegt, es ganz erfüllt und einnimmt, will ich bestritten oder anerkannt
wissen.
    Bedächte ich nicht mehr, ich gäbe meine gegenwärtige Stellung auf, und
entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande. Es ist zudem so Manches hier,
was mich wegtreibt. Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die
Frau Gräfin auf der Burg geschrieben, und sie um ihren Rat gebeten, allein sie
macht es, entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer, dem sie wohl näher
stehen mag als ich, oder sie ist verlegen um der Frau Präsidentin willen, und
schweigt. Lass ich mir erst lange Zeit, so werde ich unwillkührlich in solche
Verbindlichkeiten verstrickt, die mir das Gehen unmöglich machen.
    Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir, und bat mich, mit ihm zu
seiner Mutter zu kommen, die jetzt immer so betrübt sei und gar nicht spreche;
sie werde gewiss wieder vergnügt werden, wenn ich ihr eine von den hübschen
Geschichten vorlesen wolle, die da vor mir in dem grossen Buche ständen. Er wies
dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen, die mit schönen Holzschnitten geziert,
eine Quelle angenehmer Unterhaltung für ihn waren. Ich wagte nicht, des Kleinen
Aufforderung zu folgen. Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile
versammelt blieben, fragte mich die gnädige Frau nach dem Buche, von dem ihr
Georg gesprochen hatte. Ich holte es auf ihren Befehl herbei. Sie blätterte mit
Achtsamkeit darin. Darauf schloss sie es wieder, und sagte, indem sie mir es
zurück gab: »es geht ein stiller, einfacher Sinn durch diese Gattung von
Dichtungen, allein es ist nicht mehr der unsrige. Wir werden davon gerührt, aber
nicht befriedigt.«
    »Dichtungen!« rief ich ganz bestürzt, »Sie zweifeln an der Aechteit der
Ueberlieferung?«
    »Nun, so oder so!« entgegnete sie leicht. »Ob innerlich oder äusserlich
erlebt, es sind Erscheinungen einer Zeit, die hinter uns liegt. Wir wenden uns
wohl dahin zurück, allein das Leben lässt sich nichts aufbinden. Es hat seine
eigene Bedingungen, man schraubt es nicht zusammen. Zum Verweilen findet Niemand
mehr Raum da.«
    Ich war so erschrocken und verlegen, dass ich sie sprachlos anstarrte.
    Sie mochte nicht wissen, was sie aus meinem Schweigen machen sollte.
    »Glauben Sie mir,« fuhr sie, vielleicht deshalb lebhafter, fort, »nur das
Naturgemässe bewegt sich zu freier und erhöheter Entwickelung fort. Künstliche
Zustände der Seele lassen uns, wie bei gezwungenen Stellungen des Körpers, jeden
äussern Anstoss fürchten, der dem Spiel ein Ende machen könnte.«
    »O!« rief ich, mit vor Schmerz zusammengefalteten Händen, »die Verehrung des
Höchsten und Heiligen, das brünstige Hingeben heisser Anbetung ist wahrlich
unabhängig von der Farbe der Zeit, und wie die Gemeinschaft der Geister nicht
wechselt, und die Liebe nicht altert, so hat auch ihre Sprache eine ewige
Jugend; sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen, und wird
mein Ohr offen finden.«
    Die Augen meiner schönen Gegnerin ruhten prüfend auf mir. Sie schwieg eine
Weile, dann sagte sie: »Wir reden nächstens mehr hierüber. Ich bin heute durch
Vieles befangen. Ich fühle wohl, was auf Ihre Einwürfe zu antworten wäre, allein
ich kann mich nicht zusammenfassen. Es fliegt mir so kraus durch den Sinn.
Nächstens! hören Sie wohl, nächstens noch recht viel über diesen Gegenstand!«
    Sie sagte dies mit grossem Ernst, indem sie sich abwandt, und mich stehen
liess. Ich war erschrocken über meine Heftigkeit. Ich sah ihr verlegen nach.
Seitdem kann ich es nicht hindern, dass mir mein leidenschaftlicher Eifer
verdächtig scheint. Sie war so ruhig, so fest. Welche von beiden Ueberzeugungen,
ihre oder die meine, hat den festesten Grund?
    Herr Gott! wenn ich ein Gefangener, kein Geretteter wäre, wenn ich
knechtisch unter das Gesetz flüchtete, und nur wähnte, in der Wahrheit zu leben!
Ich darf sie nicht fragen, ich werde ganz irre.
    Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht. Ich entschlage
mich ihrer gern. Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen, dass es
keine Rettung gibt.
    Und doch sind es diese Gespräche gerade, die mich nötigen, zu bleiben. Soll
ich verschmähen, mir selbst klar zu werden? Sagen Sie doch, kann ein
Feldflüchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen?
    Lieber Herr Baron, wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch
den Wald machen könnten! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin
auf die Burg beschieden. Ich zähle diese vortreffliche Dame unter meine
Beschützerinnen. Ihr meine Aufwartung machen zu dürfen, gereicht mir zu grosser
Ehre. Vielleicht bin ich so glücklich, Sie, mein bester Herr Baron, auf dem
Schloss anzutreffen. Von welchem Trost würde mir Ihr gütiger, beruhigender
Zuspruch sein!
 
                            Emma an den Geistlichen
Ich fürchte, ehrwürdiger Herr, ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens
allzurasch gefolgt. Mich quält der leise Vorwurf, Hugo beunruhigt, ihn unsicher
gemacht, ein freundliches, natürliches Verhältnis gestört zu haben. Ich sehe das
Hugo an. Er sagt nichts, aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir.
    Sehen Sie, es kam so unwillkührlich. An einem von den Abenden, an welchen
wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten, ich gespannt auf jedes Geräusch
horchte, mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhörte, lächelte Hugo über meine
Unruhe. »Wer Dich so sieht, Emma, der muss glauben, dass mehr Bangigkeit als
Freude Deine grosse Unruhe veranlasst.« Das Blut stieg mir ins Gesicht. Er hatte
den rechten Fleck getroffen. Es fuhr ein Stich durch meine Seele. Leutselig, und
vielleicht die flüchtige Äusserung bereuend, fasste mich der gute Mann bei der
Hand, indem er, in mein Auge sehend, auf seine leise und eindringliche Weise
fragte: »Was fürchtest Du denn, liebe Emma?« Ich fiel ihm schweigend um den
Hals. Mir ward mit einemmale so beklommen. Alles, Alles, was ich mir selbst
verschwiegen hatte, sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir. Ich war wie
betäubt, und weiss auch wahrhaftig nicht, wie es kam, dass ich zuletzt sagte: »Für
Dich, Liebster, fürchte ich allein.«
    Er liess mich langsam aus seinen Armen gleiten, ohne etwas zu erwiedern. Die
Falte auf seiner Stirn war dunkler. Ich erschrack. »Nimm es nicht so hoch,« bat
ich. Er versetzte aber mit grossem Ernst: »Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung
zur Besorgnis?« Ich empfand so sehr in seiner Seele, dass ich mich sogleich
selbst anklagte, und ihn um Verzeihung bat, wenn eine innere Aehnlichkeit mit
meiner Mutter, mich zum Voraus erraten lasse, was diese tadeln könne. »Tadeln?«
fragte er scharf. »Nun! und das wäre?« »Grosser Gott!« rief ich, seine Hände
ergreifend, »ich erwähne es nicht, um Dich zu kränken; allein, da einmal die
Rede davon ist, und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschliesst, so soll es
wohl so sein, dass Dir nichts darin verborgen bleibe.«
    Er ward im höchsten Grade aufmerksam. Näher zu mir heranrückend, sah er mich
an, als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen. Das verwirrte mich. Ich
stockte. Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zurück, schlug die Arme über
einander, und richtete den kummervollen Blick nach dem Fenster. Jetzt, da ich
nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte, fuhr ich mit mehr Mut fort: »Ich
berge Dir es nicht, es gibt Stunden, in denen ich die glückliche Elise beneide,
der es Gott gegeben hat, Dich auf leichte und gefällige Weise zu beschäftigen.«
Es zuckte hier etwas um seinen Mund, das ich nicht Spott nennen möchte; es war
wohl überall nur ein Zucken, vielleicht aus Verlegenheit. »Wenn sich,« fuhr ich
fort, »solch selbstsüchtiges Gefühl in mir regt, lieber Hugo! so glaube gewiss,
dass es mich beschämt, und ich um keinen Preis Deine Freiheit kränken möchte.
Allein -« ich hielt hier inne. Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner
Miene. Tausendmal bereuete ich das Gesagte. Allein, die Saite war angeschlagen.
Sie hatte den Ton verstimmt zurückgegeben. So verletzend durfte sie nicht
verklingen. »Allein,« hub ich wieder an, »wenn ich Dich auch weit mehr liebe,
als mich selbst, und nur froh bin, wenn Du es bist, so kann ich mir vorstellen,
dass meine Mutter« - »Aha!« unterbrach mich Hugo, indem er vom Stuhle aufstand,
und die Hände auf dem Rücken, mit gesenktem Kopf im Zimmer auf- und abging.
    »Missverstehen wir uns denn heute ganz?« fragte ich betrübt.
    Er trat an meinen Stuhl, legte seine Hand auf die meinige, und sagte: »Sei
ruhig, Emma! Deine Mutter soll nicht über mich klagen dürfen. Ich verspreche Dir
das. Kann es Deinen Frieden sichern, und ihr eine unwillige Minute ersparen, so
meide ich alle andere Gemeinschaft, und bleibe, wo Ihr mich haben wollt.«
    »Du guter Mann!« rief ich bewegt, »wie kannst Du glauben, dass ich ein
solches Opfer von Dir fordere? Nein! gehe, und komme nur. -«
    »Nur?« lächelte er ironisch. »Was denn, Emma, heisst Dein nur? bleibe nicht
länger, als es uns passend scheint? Spare Dir und mir den Nachsatz. Meinst Du,
ein Vogel habe was davon, wenn Du ihm die Türe des Käfigs aufmachst, ihn
flattern lässt, und doch den Fuss in einer Schlinge hältst, und so den Flug
regierest? Besser, er sitzt still auf seiner Stange, und vergisst, dass es über
ihm ein Luftmeer gibt und muntre Segler, die es behend durchschneiden.«
    Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte. Was hatte ich getan? Musste
ich ihn so reizen? so das Verborgene aus seiner Brust reissen? Ich fühle, er
müsse, er werde es verwünschen, dass ich es war, die ihn dazu verleitete! sagen
liess sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas. Wir empfanden das Beide. Eine
lange, ernste Pause zerriss vollends alle Fäden der Mitteilung unter uns. Die
schwüle Stille drückte unaussprechlich auf mich. Hugo verliess das Zimmer nicht.
Er ging darin auf und ab. Ich war ebenfalls aufgestanden. Es peinigte mich, ihn
so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu können.
    Er brach zuerst das Stillschweigen. »Eins sage mir,« bat er, »kam, was Du
eben äussertest, ganz aus Dir selbst, Emma? oder halfen Dir Andere darauf?«
    »Ueber Dich, Hugo, und was Dich betrifft,« entgegnete ich schnell, »sei
gewiss, traue ich nur meinem Herzen. Wenn es eitel ist, Dich allein besitzen zu
wollen, so vergieb ihm diese zärtliche Schwäche.«
    »Besitzen! besitzen!« wiederholte er ein paarmal kopfschüttelnd. »Ihr
betrachtet alles wie Eigentum und Waare. Ich schlage den Menschen höher an, er
ist mir eben soviel, als die ganze Welt; ich kenne keinen Kaufpreis für ihn.
Doch sei ruhig,« fügte er hinzu, »ich besitze mich zum Glück noch selbst. Du
hast Niemand zu beneiden.«
    Er wollte hier das Zimmer verlassen. »Sage mir ein gütigeres Wort!« rief ich
ihm flehend nach. »Du solltest mich nicht so verkennen. Wenn ich Dir meine
Schwäche bekannte, so geschah es nur, weil ich sie auch bei Dir voraussetzte,
und Dir ersparen wollte, dadurch verhetzt zu werden.«
    »Ich danke Dir,« sagte er, einen kurzen Augenblick zu mir zurücksehend. »Ich
kann mir denken, wie alles steht, und werde auf meiner Hut sein. Verlass Dich
darauf.« Er ging. Ich sehe nun wohl, dass er sich gerade da gekränkt fühlt, wo er
unangefochten zu bleiben verlangt; eifersüchtig bewacht er die innere Freiheit.
Er hält mich für anmassender, als ich bin; das gerade verzeiht er mir am
Wenigsten. Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heissen Tränen beweint. -
- - -
                                                          Mehrere Wochen darauf.
Seit meine Mutter hier ist, lebe ich in einer Spannung, die mich innerlich
aufreibt. Wo sollte ich anfangen, wollte ich Ihnen, mein lieber, lieber Freund!
alle die tausend Uebergänge quälender Besorgnis, trügerischer Freude und herber
Enttäuschungen aufzählen!
    Sie wissen, wie ich das Alles voraussehe. Aber, lieber Gott! man sieht doch
nur im Allgemeinen! Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren.
    Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird, je drängender nahen sich
Gefahren, denen nicht mehr auszuweichen ist.
    Nein, nein, es gibt hier keinen Ausweg! Ein jeder führt zu dem Opfer meines
Herzens. Ich hatte längst diese Ueberzeugung.
    Hugo liebt! liebt zum erstenmale. Urteilen Sie, von welcher Stärke eine
Leidenschaft sein muss, die seiner Herr war, ehe er sie noch ahndete.
    O! ich habe es immer gedacht! Wenn sich diese Brust einmal einem Einzigen
öffnen könnte, es würde eine Sonne darin aufgehen, vor der die kleinen Monde der
Erdennacht in sich verdämmern müssten.
    Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzählen, ehrwürdiger Herr, was sich Alles
hier zugetragen hat. Es kam nach und nach, und war dann mit einemmale da.
Anfangs schien meine Mutter ruhig. Hugo wich nicht aus der Burg. Sie hatte das
Ansehen, als genüge ihr das. Ich nahm es so. Wir glitten beide über unsere wahre
Empfindungen weg. Mir war dabei innerlich so unheimlich, dass ich es nicht
aussprechen kann. Hugo's stetes Verweilen drückte mich wie die schwerste Last.
Die ausgelassene Laune, mit welcher er sich zu Zeiten überbot, presste mir im
Geheim Tränen aus. Indes entging meiner Mutter nichts. Ein Paar unselige
Stunden im Hause der Gräfin Ulmenstein gaben den Ausschlag. Bald darauf machte
uns der Fürst einen Besuch auf der Burg. Hugo lächelte. Er empfand schnell, was
dies bedeutete. Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen. Uns nahte ein
entscheidender Schlag. Indes standen wir Alle, wie unter einer Gewitterwolke,
stumm, gespannt, unser Geschick erwartend.
    Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein. Sein
Gesicht kündigte mir etwas Ungewöhnliches an. Die Unruhe, in welcher ich seiter
lebte, gab dem Geringfügigsten eine Bedeutung. »Was hast Du da?« fragte ich
hastig, indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte. Ich hatte wohl
unwillkührlich die Farbe gewechselt und mochte ängstlich aussehen. Hugo's
scharfer Blick setzte mich in Verlegenheit.
    »Was ich da habe?« sagte er kalt. »Ein Bote hat Nachts das Schreiben für
Dich abgegeben.«
    Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte. Die Handschrift war mir nicht
sogleich erinnerlich.
    »Vom Caplan Tavanelli!« berichtigte Hugo meinen Zweifel, da er sah, dass ich
die Addresse mehrmals las.
    »Von Tavanelli?« wiederholte ich, indem ich das Siegel erbrach. »Was kann
der wollen?«
    »Das musst Du wissen!« war die etwas spöttische Antwort.
    Nicht ohne grosse Bangigkeit überflog ich die eng geschriebenen Zeilen.
Leider ergoss sich der junge Mann in bittre Klagen über das Peinliche seiner
neuen Verhältnisse. Er zeichnete mit scharfen Strichen, und verweilte
hauptsächlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von
Seiten der Präsidentin. Wie dieser Brief war, konnte ich ihn Hugo nicht
mitteilen. Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite: »Sie verstehen dort
einander noch nicht recht. Der Caplan ist unerfahren und deshalb ängstlich.«
    »Sie werden sich niemals verstehen,« versetzte Hugo obenhin. »Das war zu
denken.«
    »Ich meinte es gut!« erwiederte ich, vielleicht ein wenig empfindlich.
    »Du meintest etwas anders!« bemerkte Hugo, »und dachtest nicht richtig.«
    Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton. »Ueberhaupt,« fuhr er fort,
»sind Einmischungen der Art, Eingriffe in die Rechte Anderer. Es ist Eitelkeit
und Vorwitz, das Steuerruder lenken zu wollen, wenn das Fahrzeug seine Richtung
schon genommen hat.«
    Ich erschrack, dass mir die Tränen aus den Augen strömten. In demselben
Augenblick wurde Hugo ein grossgesiegelter Brief, den ich sogleich für einen
fürstlichen erkannte, eingehändigt. Er riss ihn auf. Dann brach er in lautes
Lachen aus, und verliess, ohne weiter etwas zu sagen, mein Zimmer.
    Seitdem sind mehrere Tage verflossen. Er beobachtet das tiefste
Stillschweigen. Meine Mutter verlässt das Zimmer nicht. Mich sieht und spricht
sie nur flüchtig. Der Comtur hat allein freien Zutritt bei ihr.
    Ich stehe wie auf Kohlen. Fragen kann ich Niemand. Ich fürchte die Antwort;
und von selbst spricht Niemand frei zu mir.
    Gott! Gott! wodurch habe ich Hugo's Zutrauen verscherzt! Er glaubt mich
gegen ihn verbündet; er hält absichtlich mit etwas, das ihn ärgert, gegen mich
zurück.
    Um das Maass meiner Unruhe voll zu machen, muss die arme Elise am Hofe eine
Kränkung erfahren haben. Die Stadt ist voll davon. Hugo und mein Name werden
dabei genannt. Der junge Wildenau war hier. Ich hörte ihn mit dem Oheim auf
einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden, ohne dass ich das
Nähere deutlich verstehen konnte noch wollte.
    Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen Blick in meine verworrene Welt, und
sagen Sie mir bald, wie ich es anfange, klar und beruhigend für Andere zu denken
und zu handeln. Was hilft es, fände ich auch mich selbst ganz und vollständig
wieder, kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen!
 
                                 Elise an Hugo
Nein, ich wanke nicht, verlassen Sie sich darauf. Ich kann Vieles aufgeben, nur
mich selbst nicht. Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug, das verwächst mit
ihr, und ist ewig wie sie! Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft, die
den Umständen weicht.
    Was ist, das ist! Die Welt kann davon nichts ab, nichts hinzu tun. Diese
freilich wird jetzt eine andere für uns.
    Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Körper vorangeht, so höre ich um mich
jenes dumpfe Dröhnen, das innere Zittern und Anklingen, was mit heimlicher
Geschäftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet.
    Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden, Hugo! Sehr unheimlich!
    Ich fasse es oft nicht, wie der heitre, frische Lebensbach mit seinen
hüpfenden, leicht bewegten Wellchen plötzlich solch dunkler Strom werden konnte.
    Und dabei ist nichts geschehen. - Kein Umsturz der Verhältnisse, keine
Erschütterung des Daseins hat an dem Bestehenden gerüttelt.
    Alles blieb, wie es war. Nur das Leben! das Leben, ist auf unbegreifliche
Weise anders geworden.
    Sagen Sie mir, haben Sie den Schlüssel zum Geheimnis? Bin ich denn ganz
verblendet gewesen? Bin ich es noch, dass ich nicht sehen kann, was Andern so
grosses Ärgernis gibt? Mein Gott! liegt denn die Idee innerer Harmonie so tief,
dass sie die Leute nicht finden können? Müssen sie ihre kleinen, geselligen
Bedingungen dem unterlegen, was in sich bedingungslos ist?
    Wäre ich eine phantastisch Ueberbildete, ich könnte glauben, von künstlichen
Netzen umsponnen zu sein. Aber, meine ganze Natur ist dem fremd. Ich atme nur
frei, wo ich Wahrheit finde. Und gäbe es eine andere Wahrheit für mich, wie für
diejenigen, welche mich richten?
    Man beschuldigt mich, einen Raub an Emma begangen, Sie dieser entrissen zu
haben. Es fehlt nicht viel, so wirft man mich mit allen müssigen Törinnen in
eine Klasse, und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines
Einverständnisses, das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war, ehe an seine
Existenz gedacht ward.
    Giebt es denn auch Klausen und Zellchen für die Geister, dass sie einander
nicht nahen dürfen? und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke
gezogen, die selbst des Himmels Macht nicht sprengen soll? Es verschlüge mir
wenig, Toren darüber schwatzen zu lassen, aber auch gute Menschen, solche, die
mir zugetan sind, fällen ein hartes Urteil. Sie wissen, welche Veranlassung
die Zungen löste! Es hat mir wehe getan. Und wie Eduard darunter leidet! Gott!
der Mann, dem die Stimme der Welt viel mehr, als die des eignen Herzens gilt,
wie schwer erträgt er die Ueberzeugung, diese gegen mich zu wissen.
    Auch hat er in vielen Stücken recht. Es ist nicht gleichgültig, wie wir zu
den Menschen stehen. Ich fühle das sehr gut. Es ist schon eine Weile her, da
schrieb mir Sophie, diese bedeutungsvollen Worte, welche ich damals weit
entfernt war, auf mich zu beziehen.
    »Der Ruf ist darum so heilig,« sagte sie, »weil er den Weg zum menschlichen
Vertrauen bahnt oder verschliesst.« Sehen Sie, man mag sich dem Angewöhnenden
gegenüber so oder so stellen, man steht nicht mehr unbefangen und frei.
    Ich sagte das Eduard. Er ist billig genug, es einzusehen. Zum Glück bot der
erwachende Frühling einen schicklichen Vorwand, die Stadt zu verlassen. Wir sind
nun hier auf dem Lande. Es war eine traurige Rückkehr, Hugo! Das Haus sieht so
nüchtern aus den unbelaubten, kaum erst knospenden Bäumen hervor. Die Zimmer
sind unfreundlich, der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen, Blumen und
Staudengewächse bleiben vor der Hand in den Treibhäusern eingeschlossen. Als
wäre aller Schmuck von dem Leben abgestreift, gehe ich an den leeren Gestellen,
zwischen kahlen Brettern einher, und suche den Herbst mit seinen langen,
glühenden Abendlichtern, dem goldenen Blätterdach und purpurnen Wolkenbergen.
Wie reich war die Natur! welche Fülle des Daseins strömte die warme, lieblich
scheinende Sonne zuletzt noch in unsere frohen Herzen! Als ich jetzt hier
eintrat - ich sank in den nächsten Stuhl und weinte, weinte ohne aufhören zu
können. Ich habe auch meiner Seits versprochen, Sie nicht hier zu sehen, Hugo!
    Welch' wahnsinnige Gewalt übt der Missverstand über die Freiheit Anderer aus!
Und zu was? Ich könnte über die Täuschung lachen, dass es nur die Hohlspiegel der
Augen sind, die einen Gegenstand sehen! Aber ich lache nicht mehr. Es bedeutet
mir nichts Gutes. Ich lachte im vorigen Herbst so viel, und nun hat die junge
Frühlingssonne solchen blassen, fahlen Wasserring!
    Mein allerliebster Georg kränkelt seit einiger Zeit. Er kann den Caplan
nicht gewohnt werden. Der fremde, schüchterne Mann ängstigt das arme Kind
unbeschreiblich. Wenn er zu ihm gehen, bei ihm bleiben soll, schlägt das liebe
kleine Herz so bange und heftig, dass ich weinen möchte. Und doch ist Tavanelli
gut mit dem Knaben. Er verzärtelt ihn fast zu sehr. Was ist es denn, das die
Liebe hier erschreckt und nicht rührt? Weshalb zieht sich die unbestochene Natur
davor zurück? Ach, es bleibt zu wahr, auch die himmlischen Mächte reden nur
durch irdische Organe zu uns, und was diese bedingt, und wie sie uns fremd oder
verwandt berühren, davon hängt Verstehen oder Missverstehen ab.
                                                             Einige Tage später.
Hören Sie, Hugo, hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe! Meine Seele ist voll
davon. Es war eine erschütternde Stunde! fast zu gewaltig für das beschränkte
Erdenleben! Aber, Ruhe! Ruhe! Sie sollen Alles wissen. Sie vor Allen, müssen es
erfahren.
    So lassen Sie sich denn erzählen: Georg schien mir kränker. Er sah erhitzt
aus, und war ungewöhnlich aufgeregt. Ich erschrack. Eine Krankheit geliebter
Menschen, steht gleich wie ein Unglück bringendes Gespenst vor mir. Ich nahm das
unruhige Kind in meine Arme, trug es auf mein Bette, suchte es durch
Lieblingsgeschichtchen zum Schweigen, vielleicht auch zum Schlafen zu bringen.
    Bei zugezogenen Vorhängen, bei einer kleinen Lampe setzte ich mich auf den
Rand des Bettes. Ich erzählte langsam und flüsternd, alte, tausendmal
wiederholte Histörchen. Es war fast ganz dunkel um uns. Der Kleine nahm die
Bilder mit in seine Träume, und schlummerte, mit halbgeschlossenen Augen, eine
Weile fort. Allein sein Schlaf war unruhig. Er warf sich hin und her, sprach,
nannte fremde Namen, schrie hell: »Tavanelli! fort! fort!« lachte dann wohl
dazwischen, kurz, erfüllte mich mit Todesangst. Ich weckte ihn. Er blieb in dem
nämlichen Taumel. Ich schickte jetzt eilig nach der Stadt zu Eduard, zum Arzt.
Indes vergingen ein paar Stunden auf dieselbe Weise. Den Caplan hatte ich gleich
anfangs entfernen müssen. Seine Nähe reizte den Unwillen des Kindes. Neun Uhr
Abends war unter wachsender Besorgnis herbeigekommen. Ich lauschte am Fenster
auf den rückkehrenden Boten. Da fuhr ein Wagen in den Hof. Der Vater! dachte
ich, mit dem Doktor! In der Erwartung öffnete ich leise die Tür, und trat in
den Vorsaal. Ich hielt die Lampe in der Hand. Ihr schwacher Schein erhellte nur
einen kleinen Teil des Gemachs, doch gerade den, in welchem ich den
Eintretenden entgegen sah. Urteilen Sie von meiner Ueberraschung, als Emma mit
schnellen Schritten auf mich zueilte.
    Ich weiss nicht, war es Verlegenheit oder Ueberspannung des Geistes? dass ich
in demselben Augenblicke ausrief: »Wie gut, dass Sie kommen, Sie finden mich in
grosser Bestürzung.« Ich habe nachher über die Worte, und was ich damit meinte,
nachgedacht. Als ich sie sagte, wusste ich nichts davon. Sie gingen mir wie ein
Seufzer über die Lippen.
    Emma schloss meine Hände in die ihrigen. Weich und seelenvoll, wie ein Engel,
entgegnete sie: »Ich habe es schon draussen gehört, Georg ist krank. Arme Elise!
Und gerade, nun sie hier auf dem Lande sind!« Ich sagte ihr, dass ich nach Hülfe
geschickt hätte. Wir waren indes zurück an das Bett des Kleinen getreten. Sie
beugte sich über ihn. Ich hielt die Lampe so, dass sie dem Kinde ins Gesicht
sehen konnte. Sie blieb eine Weile in der Stellung; darauf erhob sie sich, ohne
etwas zu sagen, aber ihr Auge fiel mit einem Blick auf mich, in welchem ich
deutlich las: »So reich bist Du, Glückliche! und dennoch!« Es durchlief mich
heiss vom Scheitel bis zur Zehe.
    Wir setzten uns auf einen kleinen Sopha, ganz im Winkel, nahe bei Georg.
    »Ich komme zu einer unbequemen Stunde?« brach Emma endlich das Schweigen.
»Aber,« fuhr sie fort, »man muss die Zeit nehmen, wie sie sich uns gibt.«
    Sie hielt inne. Vielleicht erwartete sie meine Antwort. Allein mir zog sich
die Brust beklommen zusammen. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Jetzt sassen
wir mit verschlungenen Händen einander so nahe, rings um uns die unsichere
Dämmerung. In meinem Herzen, Sorgen um mein Kind, überall ängstliche Erwartung,
ich fand keinen deutlichen Gedanken in mir. Ich drückte ihr leise die Hand.
»Liebe Elise,« sagte sie, »vielleicht sollte man gewisse Dunkelheiten im Leben
nicht aufklären wollen. Man zerreisst mit dem Nebel wohl noch mehr, als diesen.«
    »O nicht weiter!« flüsterte ich ängstlich. »Jetzt nicht! in diesem
Augenblicke, wo ein einziges Gefühl mich mit so grosser Bangigkeit erfüllt!«
    »Fürchten Sie denn,« lächelte Emma sanft, »ich wolle etwas anders, als uns
Allen Ruhe schaffen? Mein Gott! ich würde gewiss schweigen, aber wir sind in eine
allzugrosse Verwickelung hinein geraten, und es hilft wenig, dass Jeder heimlich
und allein seinen Weg geht. Dadurch werden uns Vertrauen und Zuneigung vollends
getödtet.«
    »Liebe!« unterbrach ich sie. »Wäre von Anfang mehr Vertrauen unter uns
gewesen, dies könnte jetzt nicht so unbegreiflich erschüttert sein.«
    »Ich glaube es selbst,« entgegnete sie nachdenkend. »Aber was hilft es,
darauf zurückzukommen. Jetzt müssen wir rasch vorwärts eilen, um über die
hemmende Stelle hinwegzuschreiten. Ich, ich will die Erste sein,« sagte sie
leise und schneller als zuvor, »die Erste, die das entscheidende Wort spricht.
Ich weiss es, ich weiss es besser, dass Sie Hugo liebt, dass diese Liebe seine Brust
durchströmt, dass er keine Stelle in sich findet, wo er verweilen, ja nur stille
stehen kann. So soll es mit ihm nicht bleiben, wir beide dürfen ihn nicht in
Ungewissheit über sich, über uns lassen. Was ihn reizt und ängstigt, das falle
weg! meine Ansprüche an ihn, Elise! die Vorstellung davon, wir müssen sie durch
gegenseitiges Einverständnis wegräumen. Ich will, mein Gott! ich will Euern Bund
nicht stören, ich nicht dazwischen treten. Oeffnet mir Eure Herzen, seid frei
und wahr mit mir. Ich habe eine Seele, Euch zu begleiten, stosst mich nicht
zurück, zerreisst Euch selbst nicht!«
    Sie hatte sich aus der halbliegenden Stellung aufgerichtet. Unangelehnt sass
sie fast knieend vor mir, die gefaltenen Hände hoben sich, während sie sprach,
öfters leise in die Höhe, die Worte folgten einander mit beschwörender Hast. Es
war nicht Leidenschaft, es war Seelenangst, die aus ihr redete. Ich war so
erschüttert, dass ich unter einem Strom von Tränen an ihre Brust sank. Werden
Sie es glauben, Hugo! es fehlte mir an aller Fähigkeit, ihr zu antworten. Sie
missdeutete das, sie sah in meinen Tränen das schweigende Bekenntnis dessen, was
sie voraussetzte. In dem Sinne fuhr sie fort, in mich zu dringen. Die innere
Qual gab mir endlich Worte. »Liebe, Gute,« rief ich lebhaft, »lassen Sie doch
einen Wahn, der ja alles Unglück anrichtete, nicht so ausschliessend über sich
herrschen. Es ist nicht, wie Sie denken, es ist ganz anders. Sie sahen es auch
früher so. Verwandtes Begegnen, Gewohnheit, sich gerade auf gewisse Weise
verstanden zu fühlen, Ineinanderschlingen des Gedachten und Empfundenen, Sie
wissen, wie hieraus Vertraulichkeit, Teilnahme entsteht. Hugo braucht es, sich
vielfältig mitzuteilen. O könnte die Welt das so sehen, hätte sie nichts anders
sehen wollen!«
    Emma achtete gespannt auf jedes meiner Worte. »Wenn Sie sich nicht täuschen,
liebe Elise,« lächelte sie fast heiter, »so bin ich doch gewiss, dass Sie mich
nicht täuschen wollen. Es wäre möglich,« fuhr sie nach kurzem Besinnen fort,
»dass sich Alles verhält, wie sie sagen. Wir verwickeln uns so oft in Irrtümer.
Ich habe es wohl auch schon gedacht. Aber« - seufzte sie - »Hugo! was drückt ihn
so zu Boden?« »Der Despotism des Misstrauens,« fiel ich schnell ein. »Die engen
Rücksichten, in welche ihn dieser hineintreibt, er findet hierin eine
unerträgliche Anmassung.«
    »Sagte er Ihnen das?« fragte sie schwermütig. »Ja!« entgegnete ich, im
Begriff noch mehr hinzuzusetzen, als sie ausrief: »Weshalb Ihnen? wenn er mich
nicht aufgab! Erwartet er nur durch Sie den Trost, den er bei mir nicht sucht?«
»Sie sind ungerecht, Emma,« fiel ich ein. »Vergessen Sie, dass er sich durch Sie
missverstanden glaubt?« »Hat er auch von mir verstanden sein wollen?« fragte sie.
»Nein, nein, so durchaus blosser Wahn ist es nicht, was unsern Frieden stört!«
setzte sie eilig hinzu. »Deshalb eine Bitte. Versprechen Sie nur das Eine, kein
Geheimnis in Bezug auf Hugo für mich zu haben. Ich fordere auch nicht, dass Sie
ihm Eins aus meinem Anliegen machen, denn ich bin Willens, dasselbe Gesuch an
ihn zu richten. Können Sie, wollen Sie das? so bin ich ruhig, und Sie dürfen es
ebenfalls sein, wie auch der äussere Gang der Dinge gehen möge.«
    Hugo, ich habe es versprochen, und werde dies Wort nur mit meinem Leben
brechen.
    Wir brachten nachdem nur noch wenige stumme Minuten mit einander zu. Die
Ankunft des Arztes erinnerte mich erst, dass Georg die ganze Zeit sanft
geschlafen hatte, dass meine Sorge übertrieben, und der Zustand des Kindes nicht
so beunruhigend war, als ich fürchtete.
    Emma's Anwesenheit versetzte Eduard späterhin, der nun auch gekommen war, in
die beste Laune; und so hat dieser Engel ein Licht zurückgelassen, das noch
meine Einsamkeit erhellet. Georg ist wieder wohl. Ich danke dem Himmel, und sehe
still zu, wie sich die Erde allmählig vergrünt und der volle Strom des Daseins
durch alle Adern des Lebens quillt!
    Hugo, die Menschen mögen es anfangen, wie sie wollen, das Lebendige lebt
fort! Was kümmert uns das Uebrige!
 
                        Die Oberhofmeisterin an Sophie!
Was ich wollte, ist geschehen. Schlag auf Schlag ist gefallen, und Alles steht
wie es stand! Ich bin erschöpft. Eine höhere Hand muss hier Ordnung machen. Mein
Einfluss ist zu Ende!
    Und wie sie sich betrügen, wie Einer den Andern, wie jeder sich selbst
täuscht!
    Wenn die Leute erst von der Welt in ihrer Brust, dem Schwunge und dem
Umfange ihrer Empfindungen faseln, dann bin ich gleich fertig. Das ist freilich
eine fremde Region! Da untersteht sich kein vernünftiger Mensch mit spazieren
zu gehen.
    Emma ist so gut in die Höhe geschraubt, wie Alles, was den bahnlosen
Schwärmern anhängt. Ich höre ihr oft mit Staunen zu, mit welcher ehrlichen Miene
sie uns die unsinnigsten Lügen auftischt.
    Freundschaft! Freundschaft! das ist hier das dritte Wort, und Keiner, wette
ich, weiss, was das Wort in sich fasst.
    Die heitre, klare, unbegehrliche, immer empfängliche, immer tätige
Gemeinschaft der Seele, gleicht diesem hypochondrischen Versinken, der
eifersüchtigen Scheu, dem schwärmerischen Selbstbespiegeln, wie Sonnenschein und
Gewitterluft.
    Sie haben sich verständigt, heisst es, sie sind ruhig! Aber das ist eine
Ruhe, die an künstliche Einschläfrungsmittel erinnert, und nicht eine Spur von
lebendiger Wahrheit in sich trägt.
    Die Spannung war auf das Höchste gestiegen. Der Knoten zog sich immer enger
zusammen. Lange konnte die Absichtlichkeit, durch die man mich, durch die man
sich selbst zu täuschen bemüht war, nicht mehr dauern. Da machte ein Antrag des
Fürsten, indem er Hugo zum Gesandten an unsern Hof ernannte, dem Spiel ein Ende.
Unverstellt brach jetzt die Leidenschaft hervor.
    Stolz und wegwerfend bezeigte Hugo seine Verwunderung über die lächerliche
Wahl, forderte Emma, forderte mich durch unerträgliche Sarcasmen heraus, riss
mich zu offner Erklärung hin, schlug ziemlich trocken das Anerbieten aus, und
bewaffnete dadurch Hof und Stadt gegen sich und Ihre Freundin. Die Letztere
musste dies am Geburtstage der Fürstin Mutter erfahren. Die strenge Frau empfing
sie bei der Morgencour mit beleidigender Verwunderung, indem sie sagte: Sie habe
erwartet, es werde sich ihr an diesem Tage kein trübes Gesicht nahen wollen, und
ein heiteres dürften ihr die nicht zeigen, über welche soviel schmerzliche
Tränen flössen. Sie wandte sich bei diesen Worten ab, indem sie sich gegen eine
nahe stehende Dame laut äusserte: »Man hört nichts als beunruhigende Neuigkeiten
von dem Schloss des Baron, dem alten Comtur. Das hat der Mann davon, einen
Undankbaren zu sich heraufzuziehen!«
    Der Auftritt machte unglaubliches Aufsehen. Der Fürst litt in der Seele des
Präsidenten. Es tat ihm auch um des äussern Anstandes willen leid. Er wollte es
wieder gut machen. Er näherte sich Elise. Seine Mutter rief ihn in diesem
Augenblicke zu sich. Sie sprach lebhaft mit ihm. Kurz darauf entliess sie die
Versammlung. Die Schwergekränkte hielt standhaft aus. Ihre stille und gesammelte
Haltung imponirte für den Augenblick Allen. Sie blieb, und war die Letzte in den
fürstlichen Sälen. Dann entfernte sie sich langsam, am Arme ihres Mannes, mit
dem man sie gelassen, scheinbar gleichgültig sprechen sah. Doch diese glückliche
Gegenwart des Geistes hinderte nicht, dass der Stab über sie gebrochen, und sie
gezwungen ward, unter einem schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen.
    Sie kennen mich zu gut, um nur einen Augenblick glauben zu wollen, dass ich
mich an der Kränkung der Unglücklichen weidete. Einmal, bin ich nichts weniger
als boshaft! und wäre ichs auch, so müsste ich doch dies Verletzen aller äussern
Sitte schon darum tadeln, weil es unpolitisch ist, die Meinung teilt, das
Mitleid in Anspruch nimmt, und denen, welche im Recht sind, das Ansehen des
Unrechts gibt. Emma fühlt dies wie ich. Sie verdoppelt ihren Eifer, Elise mit
jedem Tage zu verbinden. Die Intimität beider Häuser ist völlig hergestellt. Der
Präsident sieht darin eine Art Ehrenerklärung für seine Frau, wie es überhaupt
das Ansehen hat, den ganzen Vorfall bei Hofe den Faseleien einer kindisch
gewordenen alten Dame zuzuschreiben, wodurch wir, als glückliche Ausbeute bei
dem ganzen Handel, die Genugtuung geniessen, die gefährliche Feindin unserer
Ruhe recht oft hier zu sehen.
    So weit sind wir nun! - Das sind die Resultate meines Hierseins! O Sie haben
recht, ganz bestimmt recht! zum Laufen hilft nicht schnell sein. Am
allerwenigsten bringt man eine Sache ins Klare, wenn man darin rührt. Ich habe
auch meine Hände zurückgezogen. Ich sehe zu. Aber Sophie, ich sehe, ich sehe!
Sein Sie gewiss, mir entgeht nichts. Es wird schon der Tag kommen, wo ich werde
hervortreten und sagen können: »Das war es! wisst Ihrs nun?«
                                                             Einige Tage später.
Das fehlte noch! Emma ist krank! nicht bedeutend, nicht gefährlich, aber immer
genug, um mich unsäglich zu beunruhigen.
    Dahin musste es kommen? wenn ihr Zustand schlimmer würde? wenn - wenn - Gott!
mein Gott! lass mich deine Hand nicht schwerer fühlen, als ich tragen kann! Sie
werden wieder denken, ich übertreibe, ich sehe mit leidenschaftlichem Blick,
Emma habe vielleicht nur flüchtig geklagt. - Nein, nein! Sie hat gar nicht
geklagt! Das ist es ja eben. Wüsste sie zu sagen, was ihr fehlte, man könnte
helfen. Aber so! Der Arzt meint, ein wenig Ruhe stelle das Gleichgewicht wohl
wieder her. Ruhe! - Ein armes, kleines, leicht über die Lippen gleitendes
Wörtchen, und welche Tiefe und Höhe himmlischer und irdischer Bedingungen fasst
es zugleich in sich!
    Wer ist ruhig in dieser Welt des Unbestandes? Wer darf sagen, er sei es,
wenn er nur irgend etwas auf Erden liebt? Emma, und ruhig sein! Wenn sie da
liegt, nicht fort kann, nicht fragen, an nichts ausser sich Teil nehmen darf,
und er sich im Kahne schaukelt, Wasserhühner schiesst, die Wolken ziehen, und den
Abendstern über dem Hause des Präsidenten aufgehen sieht, hinüber rudert,
zwischen Schilf und Calmus im Versteck liegt, und die schlaue Circe belauscht,
die niemals ohne den Knaben und Tavanelli erscheint, aus dem sie auch einen
Esel, oder noch ein ärgeres Tier gemacht hat. Nun, Gott sei dem Verstande der
Menschen hier gnädig! Ich fürchte, auch den meinigen zu verlieren. Wüssten Sie,
Sophie, was ich jetzt weiss! Wie es hätte anders kommen können! wie glücklich
Emma, wie zufrieden ich jetzt wäre, wenn der unselige Badeaufentalt uns Hugo
nicht zugeführt hätte! -
    Dieser Leontin, von dem ich Ihnen schon einmal schrieb, der ernste,
bescheidene, entschlossene junge Mann, er liebt, ich zweifle nicht einen
Augenblick länger, er liebt meine Tochter. Eine Mutter ist hierüber selten im
Irrtum, und er ist zu arglos, zu rein, um ausser sich selbst noch irgend Jemand
zu täuschen. Wie anders bewacht er indes sein Gefühl, als Hugo! Nur selten
erlaubt er sich den Zutritt in diesem Hause, und reitet er auch fast täglich
hier vorüber, so lenkt er doch stets nach Ulmenstein hin, als folge er nur einem
verwandtlichen Zuge. Die Meisten nehmen es auch so, doch ich erriet ihn, und er
fühlte es!
    Gestern war es, da kam er in grosser Unruhe herauf zu mir. Er hatte von
Emma's Unwohlsein gehört. Blass, erschüttert vom raschen Ritt, die feinen Lippen
kaum zu einer bangen Frage geöffnet, stammelte er, mit abwärtsgewandtem Blicke,
erzwungen gleichgültig: »Hoffentlich doch Alles unbedeutend? - nichts als ein
vorübergehendes Uebel - so hörte ich wenigstens,« setzte er leiser, fast
unverständlich hinzu. Ich beruhigte ihn, doch ergriff mich der blosse Gedanke an
die Möglichkeit einer Gefahr so unwiderstehlich, dass ich mit den Worten: »Es
wäre ja auch zu schrecklich!« in meinen Sessel zurücksank, das Tuch vor die
Augen drückte und in Tränen zerfloss.
    Er blieb mir gegenüber lautlos stehen. Ein gewisses Wiegen seiner schlanken
Gestalt, der zurückgezogene, furchtsame, auf mich geheftete Blick sagte mir, als
ich wieder zu ihm aufsehen konnte, dass er meine kummervolle Bewegung in
schmerzlicher Angst begleitete. Er äusserte kein Wort weiter, allein er blieb so
leise, so weich, so innerlich; sein ganzes Betragen gegen mich trug das Gepräge
eines wehmütigen Geheimnisses. Ich ergriff seine Hand mit Herzlichkeit, als
könne ich ihm sein Mitgefühl nicht genug danken. Er schien überrascht. Es flog
wie ein Strahl über seine Stirne, die Lippen zuckten, allein, dabei blieb es. Er
liess meine Hand an der seinen abgleiten, er sagte nichts, er schien sehr
betroffen, eine Träne, eine einzige, rollte langsam über sein marmorbleiches
Gesicht. - O Gott! er hätte Emma anders zu würdigen gewusst!
    Ich darf das nicht denken. Ich mag es auch nicht denken! Und doch! Der
Mensch hat mir einen sonderbaren Eindruck zurückgelassen. Wie er nun, nach einer
fast stummen halben Stunde, zögernd ging, und noch im Hofe eine Weile an dem
Steinbrunnen in sich gekehrt stand, dann sein Pferd am Zügel führend, in seinen
weissen Mantel gehüllt, so gross und schlank, und wie fast alle Hochgewachsene,
etwas gebeugt, den Bergpfad entlang ging, erinnerte er mich an Bilder pilgernder
Kreuzritter. Die Mühen des Lebens lasteten auf dieser Gestalt, aber der Blick
kannte das Ziel, und der Fuss ging den Weg mit festem Tritt.
    Schlafen Sie wohl, Sophie! Ich bin von ganzer Seele betrübt, was soll ich
Ihnen sonst noch sagen? -
 
                             Rosalie an ihre Mutter
Erlaube, liebe Mama, dass ich Dir diese flüchtigen Zeilen noch vor Deiner Ankunft
in der Stadt entgegenschicke.
    Ich war kaum mit unserer guten, alten Schweitzerin in das Haus getreten, und
hatte, wie Du es befohlen, einen Blick auf die neue Einrichtung der Zimmer
geworfen, deren Beurteilung Du meinem Geschmack anvertrautest, als schon eine
Menge Menschen, die Licht in den Fenstern sahen, herbeirannten und wissen
wollten, ob wir angekommen wären? Du kannst Dir wohl denken, dass ich Niemand
annahm, ausser Deinen nächsten Bekannten, zu denen der gute Hofmarschall ja von
jeher gehört. Ich schreibe Dir hauptsächlich seinetwegen, denn es drückt mir das
Herz ab, was er mir alles in den wenigen Minuten sagte. Denke Dir, dass die
Fürstin Mutter es so unglaublich vernünftig von uns findet, die Trauer so lange
gehalten und nicht eher den ländlichen Aufentalt verlassen zu haben. Sie hat
öffentlich darüber gesprochen, Dich als gescheute und pflichtvolle Frau gerühmt,
und versichert, sie sei im Voraus überzeugt, uns vollkommen gut erzogen zu
finden. Als der Hofmarschall das bestätigte, sagte sie: »Es ist nur Schade, die
hübschen Kinder werden uns nicht lange bleiben. Das Vorzügliche wird immer
gesucht. Solche Mädchen verheiraten sich bald. Ich möchte sie hier fixiren.«
    Und nun stelle Dir vor, darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt,
der ihr kürzlich vorgestellt ward, indem sie hinzusetzte: »Ich hoffe, er wird so
viel Verstand haben, und mit meinen Augen sehen.«
    Du kannst wohl glauben, liebe Mama, dass ich an so etwas weiter nicht denke;
aber lachen würde ich doch, wenn der steife, unentschlossene Leontin auf diese
Art zu einer Erklärung gezwungen würde.
    Apropos! von Leontin, und was damit zusammenhängt. Es ist doch
ausserordentlich, wie lächerrlich die Leute werden, wenn sie etwas Besonderes sein
wollen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was man sich hier Alles über die
fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhäuser sagt. Ich kann es Dich nur
erraten lassen, denn es zu wiederholen, erlaubt die Schicklichkeit nicht. Hätte
sich die gute Präsidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschäftigt, als mit den
albernen, romanhaften Grillen! Was helfen der sentimentalen Närrin nun Verstand
und überspannte Gefühle? Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft. Ich
für meinen Teil bin gewiss, dass ich nicht in ähnliche Torheiten verfallen
könnte. Wer bescheiden von sich denkt, der ist leicht befriedigt.
    Adieu, liebe Mama! Ich küsse Dir die Hand. Es ist doch fatal, dass die Tante
uns nichts vermacht hat. Die kleine Französin war heute früh hier. Sie hat mir
wunderschöne Ballroben und himmlische Blumen gezeigt. Ich verwies sie auf Deine
gränzenlose Güte. Wenn Du erst hier bist - nicht wahr, sie darf wiederkommen?
                                                                  Deine Rosalie.
 
                             Der Comtur an Sophie
Sie wollen es von mir hören, geliebte Sophie, was eigentlich für Ihre und meine
Freunde zu fürchten sei? Ach! leider Alles! denn sie stehen auf einem Krater,
und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam. Möchte das entscheidende Wort
Ihr weiches Herz, teure, unvergessliche Freundin! nicht härter treffen, als es
meine Liebe ertragen kann. Sie wollten es hören. Aus meinem Munde, sagten Sie,
werde es Ihnen weniger verletzend klingen. Glauben Sie das? Wie wehe muss es uns
beide tun, auf den Trümmern unsers Glückes, wieder nur Trümmer aufgeschichtet
zu sehen.
    Es ist Niemand dadurch reicher geworden, dass ich arm blieb. Doch, weg mit
den eigennützigen Rückblicken! Es reicht hin, das Gewissen gerettet, die Absicht
einer ehrwürdigen Institution unverletzt erhalten zu haben. Erfolge sind nicht
zu berechnen! Glauben Sie mir, oft muss sich alles vereinigen, um einer Handlung,
welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte, noch in ihren Folgen den
Krieg machen zu können. Gehört das zu der speciellen Prüfung des Handelnden?
oder liegt es in der Natur des auffallenden Schrittes überhaupt, dass jede
Handbreit Weges erkämpft sein will? Vielleicht beides zugleich; denn eine reine
Tat muss sich vielfach bewähren, um mit dem eigenen Bewusstsein zurecht zu
kommen.
    Ihnen, Sophie! mag ich es nicht bergen, dass ich grosse, innere Anfechtungen
zu erdulden habe.
    Wenn ich die sonderbare Richtung bei Hugo, im Widerspruch mit dem
Bestehenden des Lebens, so bis zur Unnatur leidenschaftlich losbrechen, ihn
rechts und links nur zerstören, und nichts an die Stelle setzen sah, als
Scherben und Splitter, wenn ich es ihm anfühle, dass es ihm auch nur um diese
Siegestropheen der Willkühr zu tun ist; dann sage ich mir: das ist der ätzende
Bodensatz bitterer Gährung. Der gekränkte Vater, die betrübte Mutter, das
bewegte Jugendleben, das hat den Stolz entflammt, den weichen Sinn gehärtet, den
ganzen Menschen zu einer Waffe der Selbstverteidigung geformt! Hätte ich das
einmal Geschehene seinen Gang gehen, es sich mit der Zeit fortbewegen lassen, es
ist kein Zweifel, diese hätte mit neuen Ansichten auch neue Gründe gefunden, das
Verletzte zeitgemäss und natürlich zu ergänzen. Mein Bruder wäre im Besitz des
väterlichen Erbes geblieben, so lange ich nicht protestirte. Er lebte vielleicht
noch, und hätte es erlangt, sich mit spätern Agnaten über die Stiftungsacte des
Majorats zu vereinen, denn es wiegen sich momentane Vorteile sehr schnell gegen
spätere Ansprüche auf. Der Mensch der Gegenwart hält es gewöhnlich mit dem
Sprüchwort vom Sperlinge in der Hand und den zehn andern auf dem Dache. An
historische Existenz denkt und kann der nicht denken, dessen augenblickliche
bedroht ist.
    So würde sich dann auf andere Weise gestaltet haben, was jetzt auf Umsturz
hinarbeitet, und über kurz oder lang zerfallen muss. Denn es ist keine Frage, was
ich tat, einer frivolen, selbstsüchtigen, gewissenlosen Richtung entgegen zu
wirken, hat diese nur gefördert. Hugo ist das Kind empörter Elemente. Er steht
gewaffnet gegen mich auf, und wird das Recht, welches die Jugend gegen das Alter
mit so leichter Scheinbarkeit behauptet, aufbewahren. Meine Tage sind ihrem Ende
nahe, der neue Tag, der mit ihm beginnt, führt keine wohltätige Sonne herauf.
Ich ahnde das Ungewitter und die Ausbrüche vulkanischer Gährung, die das lang
Bewahrte, langsam Geschaffene, in raschen Stössen zerstören werden.
    Bei dem Allen ist es mein Trost, nach innigster Ueberzeugung festgestanden,
und dem gemäss, der Gefahr entgegengetreten zu sein.
    Es bleibt mein Trost, sage ich, es ist der wiederkehrende, beruhigende
Gedanke, wenn tausend Erschütterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz
zerdrücken, meine Seele zerreissen.
    Sehe ich auf meine nächsten Umgebungen, was erblicke ich? den Neffen, den
Erben meines Namens, meiner Güter, den Sohn meiner Wahl, trocken, kalt, von
einer Leidenschaft verzehrt, welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten
scheint. So geht er an dem Leben hin, als habe es keinen Teil an ihm. Und Emma?
die schöne, starke Seele, sinkt ermattend in sich zusammen. Ruht sie nur aus von
den Kämpfen, oder lastet die Erde zu schwer auf ihr, und kann sie sich nicht
mehr frei machen von der harten Decke? Ist es wirklich vorbei für diese Welt?
Sie scheint es zu glauben, mit fast an Stumpfheit gränzender Abspannung, lässt
sie geschehen, was sie allein noch hindern könnte. Seit sie schwach und matt das
Zimmer hütet, kümmert sie sich wenig um Dinge, die ausserhalb vorgehen. Sie hat
das Ansehn, Niemand zu vermissen, und bemerkt es kaum, dass Hugo ganze Tage ausser
dem Hause zubringt. Uns Alle ängstigt diese Gleichgültigkeit. Die Mutter setzt
sie in Verzweiflung. Der Arzt sagt wenig dazu. Hugo scheint nicht zu wissen oder
nicht zu glauben, dass man anders als vor Alter sterben könne. Und kennt er auch
gefährliche Krankheiten, so ist ihm doch das Kranksein zu fremd, um seine
Bedeutung recht einzusehen.
    Kurz, es ist unmöglich, Ihnen, liebste Sophie! einen Begriff von den
peinlichen Widersprüchen zu geben, die hier einander durchkreuzen. Die Spannung
wächst täglich. Die einzige Vermittlerin schweigt. Umstände und Leidenschaft
werden den entscheidenden Schlag herbeiführen. Halten Sie sich bereit, geliebte
Freundin! uns auf den ersten Ruf zu Hülfe zu eilen. Ich bin gewiss, dass der
Augenblick nicht mehr fern ist.
    Gestern, in aller Frühe, hat Tavanelli dem Prior drüben bei den
Remonstratensern gebeichtet.
    Es war noch dunkel, als er sich an dem Klostertor zeigte. Der Pförtner
glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen. Mit sonderbarer Hast, mit
unstätem, verwildertem Blick forderte er Einlass. Er gab vor, ein Kranker
verlange geistlichen Beistand. Hierauf wurde ihm geöffnet. Nach einer Weile sah
man ihn, in Begleitung des Sacristan, nach der Kirche gehen. Nicht lange, so
folgte der Prior. Dieser blieb geraume Zeit mit dem Jünglinge im Beichtstuhl
verschlossen; als Tavanelli den Rückweg späterhin antrat, lagen Bangigkeit und
Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht. Seitdem ist er schon zweimal an
Emma's wie auch an meiner Türe gewesen, ohne gleichwohl Zutritt zu finden. Ich
hege eine Scheu vor ihm, wie vor allen überspannten Menschen, die sich in
Momenten der Exaltation nicht angehören, und Worte über ihre Lippen fliegen
lassen, die sie vielleicht späterhin mit ihrem Leben zurückkaufen möchten.
    Zum Glück hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen
erfahren. Sie schlief noch, oder war spazieren gefahren, als der Geistliche
hier war. Ich habe ein Vorgefühl von dem, was er uns bringen will! Aber wenn es
das ist - wenn das Unglück einmal auf dem Wege zu uns ist, werden wir hindern
können, dass es irgendwo bei uns eindringt?
    Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe, als weise, mit mehr Unwillen, als recht
ist. Ich weiss nicht, wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln
soll? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden. Auch nicht mit mir. Ich
verehre, ich bewundere Emma, ich beweine ihr Geschick; doch kann ich nicht
aufhören, mit zärtlicher Hinneigung an Elisen zu denken. Ich würde die Hand zu
lähmen wünschen, die es versuchte, einen Stein gegen sie aufzuheben. Und doch,
wenn ich die Tränen der Mutter sehe, wenn ich an Emma's Bett sitze! -
    Gott allein ist hier Richter. Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit
sein. Deshalb, meine Sophie! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten.
Eilen Sie, so bald Sie können, grösserem Uebel vorzubeugen. Elise bedarf Ihrer,
so viel ist ausgemacht. Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der
Welt. Was sie in dieser Stimmung zu tun im Stande ist? welche Veranlassung sie
müssigen Lauschern geben könnte, mit ihr, uns Alle zu verderben? Beste! Liebe!
eilen Sie, eilen Sie zu uns!
 
                              Leontin an Tavanelli
Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf. Sie waren nicht darin. Doch
stand es offen. Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen. Ueber den Stuhl
vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock. Hut und Handschuh fand ich hier
und dortin geschleudert, der Spatzierstock lag quer über dem Sopha, alles trug
die Spuren einer Unachtsamkeit, die ich sonst nie an Ihnen bemerkte. Es fiel mir
auf, dass die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren, da
sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten. Die Vermutung, Sie vielleicht unten
im Garten zu treffen, entstand nun ganz natürlich in mir. Ich ging, und kam bis
an die Bucht am See, ohne einem Menschen begegnet zu sein. Hier spielte, zu
meiner grossen Verwunderung, Georg mit einer Ziege, die er von seinem kleinen
Wagen losspannte, und sie Gras fressen liess. »Wo ist Dein Freund Tavanelli?
Kind!« fragte ich, ahndend, dass Sie in der Nähe sein müssten. Der Kleine
antwortete erst gar nicht; später, als ich meine Frage wiederholte, sagte er
gleichgültig, ohne von seinem Spiele aufzusehen: »Tavanelli? Ja, das weiss ich
nicht. Der läuft immer umher.« »Und Dich, armes Kind!« sagte ich, »lässt er so
allein? Es ist ja fast schon dunkel, bekümmert sich denn Niemand um Dich?« »Um
mich braucht sich auch Keiner zu bekümmern,« entgegnete er zuversichtlich. »Ich
ziehe die Liese hier in den Stall, und dann gehe ich auch zu Bett. Das ist immer
so!« »Immer so?« wiederholte ich, »und Deine Mutter weiss -« »Ach!« lachte Georg,
»die weiss von gar nichts, die glaubt, der Caplan ist bei mir, aber der denkt
nicht an mich!«
    »Komm,« sagte ich, »wir wollen zu Deiner Mutter gehen.« »Da könnten wir
schön laufen, ehe wir die fänden,« versicherte Georg, indem er sich halb
unwillig von mir losmachte. »Mutter,« fuhr er fort, »geht alle Abend am See.
spazieren, und manchmal fährt sie auch im Kahn auf dem Wasser.« »Wer sagt Dir
das?« unterbrach ich ihn schnell. »Tavanelli!« erwiederte er, als wenn sich das
von selbst verstände. »O! der ist manchmal so böse, so böse, wenn sie gar nicht
wieder nach Hause kommt. Er rennt durch alle Zimmer und schilt, und ächzt! Ich
höre dies bisweilen wohl, wenn es auch so aussieht, als schliefe ich.«
    Ich liess das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen. Ich
mischte mich in sein Spiel, ging mit ihm nach dem Stall, und blieb so lange bei
ihm, bis er schläfrig ward, worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten
überliess, der wohl beauftragt war, sich seiner anzunehmen
    Aber Sie Unglücklicher, wohin führte Sie der eigennützige Wunsch, sich
selbst genügen zu wollen? Kommt es auf Ihre Ruhe an, wenn Sie die Pflicht, für
die Ruhe Anderer zu sorgen, übernehmen? Was gehen Sie fremde Irrtümer an?
Genügt es nicht, das zarte Gefühl, dem Sie Ihr Streben widmeten, davor zu
bewahren? Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen, die Ihnen nicht fremd
sind? deren Schlingen Sie sehr wohl kennen? Glauben Sie ein Heiliger zu sein?
Hofften Sie wirklich, der blosse Entschluss reiche zur gänzlichen Umwandlung hin?
Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher
Widersprüche empört. Es dünkt Ihnen unbegreiflich, dass sich dergleichen bis zu
Ihnen wagen. In der verlegenen Entrüstung darüber, durchkreuzen Sie den
Kampfplatz mit feiger Scheu, ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen.
    Ja, ich schelte Sie feige, denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des
Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft.
    Wo suchen Sie ein Schild, fest genug, den zaghaft Zitternden zu schützen?
    Sie haben es weggeworfen, Tavanelli! Es lag Ihnen ganz nahe. In der Liebe
und Tätigkeit für das Kind, das man Ihren Händen anvertraute, fanden Sie Ihren
Beruf; da, da hätten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt. Jetzt -? Sehen
Sie auf das, was Sie taten. Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen. Es
wird nachwirken, verlassen Sie sich darauf.
    In das Kloster zu dem Prior flüchten Sie, und beichten. Was beichten Sie
denn? Auch die Sünde, die Sie in dem Augenblick begehen, da Sie sich selbst
untreu werden? das Kind verlassen? die Zunge des Gesindes beflügeln, den Ruf der
Mutter preis geben? O! zurück, zurück in Ihre Kammer, auf den Knien vor dem, der
überall ist, der Ihren Mut beflügeln, Ihren Willen stählen kann. Halten Sie
aus, Tavanelli! der Friede ist bei Gott. Auf Erden ringen seine Streiter. Hier
gibt es keine andere Ruhe, als in der Zuversicht heiligen Ausganges. Ich
wiederhole es Ihnen, weichen Sie nicht von Ihrem Platz. Es ist die höchste
Pflicht, damit nicht noch grösseres Unglück geschehe.
    Ich weiss nicht, welche Unruhe ich dieserhalb hege. Ihr Zimmer - das Kind -
der Garten - es hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen.
    Könnten Sie doch fühlen, dass Sie nicht der einzige Unglückliche auf der Welt
sind! Es gibt Schmerzen! Schmerzen! - Aber ich klage nicht! Die nächste Stunde
kann die entscheidende sein, und diese fordert den ganzen Menschen in all seiner
Kraft! Erwägen Sie das, und halten Sie aus.
 
                                 Elise an Hugo
Wir haben uns, wir haben Emma betrogen. Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner
Seele! Ein rasches, offnes Geständnis soll die grossmütige Frau zu unserer
Richterin machen. Durfte ich es mir bekennen, dass ich Sie liebe, Hugo! konnte
ich es Ihnen gestehen, so habe ich keine zweite Demütigung zu scheuen. Mein
Gott! war es möglich? trägt das Leben solches Gift in sich, dass die
allereinfachsten, natürlichsten Beziehungen, die harmloseste Mitteilung, die
ruhige Freude angenehmen Umganges, ein Netz um uns spinnen konnten, in dem
Alles, bis auf den Willen, frei zu sein, gefangen ist?
    Ich verstehe weder Sie noch mich, noch was wir beide empfinden! In diesem
dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch, als dass Emma wisse, wie mir ums
Herz ist. Morgen, heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen, morgen liege ich auf
meinen Knien vor ihrem Bette, und beschwöre sie, mir zu glauben, dass ich
unwissend fehlte!
    O Hugo! Hugo! wo ist mein heiterer Mut, mein klarer, fester Blick! Ich bin
gefangen, und keine Macht der Erde spricht mich frei!
 
                                    Antwort
Uebereilen Sie nichts. Der Augenblick ist unpassend. Emma leidet. Die Seele ist
so abhängig vom Körper! Warum sie durch unvorgesehene Stürme aufs neue
erschüttern? Und wozu? Was ist es denn, das Sie ihr sagen wollen? Fürchten Sie
nicht, durch laute, bestimmte Worte dem Geheimnis in sich zu nahe zu treten?
Zittern Sie nicht, die Wahrheit zu verletzen, indem Sie durch ihren Schein das
Gewissen hintergehen? Können Sie sagen: »so ist! so war es!« ohne zu empfinden,
dass es ganz, ganz anders war? Lässt sich der Hauch des Lebens, der Atem der
Seele, wie ein Ding fassen, das man halten und geben kann, wie das Bedürfnis der
Verständigung es fordert? - Es ist vergebens! Sie werden Emma nichts entdeckt
haben, wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblössen, und sie zwingen, das
strafende Auge verletzend darauf zu richten.
    O Elise! wollen Sie denn gleich den Frost strenger, kalter Erörterung auf
die Blüte eines neuen Daseins werfen? Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie
vollkommen. Aber Sie täuschen sich! Es geht nicht! Die Sprache gibt den Begriff
wohl wieder, doch das Unbegreifliche durchdringt uns, wie der Strahl des Lichts!
Er ist überall, und weder das Bewusstsein, noch irgend eine Kraft des Geistes
vermag das Unaussprechliche unentweiht in die Gränzen der Anschauung zu zwingen.
    Warten Sie wenigstens noch einen Tag, ehe Sie Ihr Vorhaben ausführen.
Ueberlegen Sie, was Sie tun wollen. Zähmen Sie den unruhigen Durst, sich in
einer ungewöhnlichen Aufopferung zu genügen.
    Ich komme, Elise. Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten. Eilen
Sie, eilen Sie, dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen! Gegen
acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen. Gute, liebe Elise! Verwickeln Sie Ihren
freien Sinn nicht in jene nachschleppenden, hinkenden Gedanken, die das Gefühl
lähmen und den Wunsch doch nicht tödten können. Sein Sie auch diesmal die
starke, kräftige Frau, die sich selbst ihre Bahn zeichnet!
 
                              Tavanelli an Leontin
Zu spät! Zu spät! Ihre Warnung verfliegt in den Wind! Ich kann nichts
ungeschehen machen. Ich darf es auch nicht. Sie wissen nicht, was Sie fordern.
Sie kennen die Qualen nicht, die mich foltern. Sie werden es auch nicht fassen,
wenn ich Ihnen sage, dass, um Elise zu retten, ich sie verderben musste. Ja, sie
muss zeitlich untergehen, um ewig zu leben. Niemand liebt sie, wie ich sie liebe.
Niemand! Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen. Auch das ihrige
wird bluten. Aber Gott weiss, es geht nicht anders! Meine Füsse tragen mich nicht
mehr, und doch muss ich unstät umherlaufen, bis! - Er kömmt gewiss! Walter bringt
ihm diese Zeilen. Heute Abend - o ich zittre an allen Gliedern! Gottes Gericht
ist fürchterlich.
 
                              Leontin an den Arzt
Säumen Sie nicht eine Sekunde. Fliegen Sie, wenn Ihnen der Wunsch, ein Leben zu
retten, Flügel geben kann!
    Kaum atmet noch der schöne, liebe Knabe. Sein guter Engel führte mich ans
Ufer, ehe es auf immer um ihn geschehen war.
    Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins! Ewiger Richter im
Himmel! lass dies das einzige Opfer sein! Ich fürchte, auf der Burg wird diese
Nachricht den Ausschlag geben! Ja, ja! finsterer Tavanelli, Gottes Gericht ist
fürchterlich!
 
                             Der Comtur an Sophie
Bleiben Sie, arme Sophie, bleiben Sie, wo Sie sind. Hier können Sie Niemanden
mehr nützen.
    Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen, der ihr die
Fähigkeit nahm, über sich selbst zu bestimmen.
    Dahin ist es gekommen! Ich tadle Niemand! Der Fall war von der Art, dass er
ein Gemüt, wie das der Oberhofmeisterin, zum Äussersten treiben musste.
    Was soll ich Ihnen weiter sagen? Alles ist entdeckt, der Riss geschehen! Eine
geschickte Hand könnte wohl zusammenhalten - aber Leben gibt nur Leben, und das
ist an der Wurzel erschüttert.
    Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen. Mir widersteht die
gewaltsame Verwüstung ruhig geordneter Verhältnisse. Ich wende mich betrübt
davon ab, um soviel als möglich nicht wieder darauf hinzusehen. Unser Freund,
der Arzt, übernimmt es, Ihnen alle Umstände eines Vorfalles mitzuteilen, bei
welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward. Er
rede, wenn ich schweigend in mich selbst zurücktrete und hier die Welt aufsuche,
in der wir, Liebste, unzertrennlich bleiben! -
    Der Arzt zur Fortsetzung. - Am Mittwoch Abend sass ich am Ruhebett der Frau
Gräfin. Ich fand ihren Zustand besser. Wir redeten von gleichgültigen Dingen,
als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehändigt wurde: der Reitknecht sei
beauftragt, mir sein Pferd zu überlassen, um mich schneller nach dem Landhause
des Herrn Präsidenten zu bringen, woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart
notwendig mache.
    Ich erschrack um so mehr, da mich ein flüchtiger Blick auf die ersten Worte
des Schreibens ein Unglück ahnden liess. Dies, und die grosse Reizbarkeit meiner
teuren Kranken bedenkend, bemühte ich mich, mit so viel Gleichmut, als mir nur
zu Gebot stand, meinem schnellen Aufbruch durch die Äusserung, dass man drüben
sehr ängstlich sei, das Beunruhigende zu nehmen. So stand ich noch ein paar
Minuten neben der Frau Gräfin, die Finger an ihren Puls gelegt, als ich diesen
stocken fühlte, und sie die eiskalte Hand losmachend, krampfhaft die meinige mit
den Worten umschloss: »Ich beschwöre Sie, halten Sie sich nicht mit mir auf. Ich
bin ja ganz wohl! aber dort, - Sie werden sehen - es ist gewiss etwas
Entsetzliches vorgefallen.«
    Ich wollte ihr das ausreden, aber sie liess mir keine Zeit dazu. »Um
Gotteswillen!« rief sie, indem sie aufstand und mich bis zur Türe begleitete,
»verlieren Sie keine Zeit.«
    Ich folgte ihrem Befehl. Wie ich indes die Türe öffne, tritt mir die Frau
Oberhofmeisterin mit ganz verstörtem Gesicht entgegen; und, lebhaft wie sie ist,
auch wohl in dem Gedanken, dass ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts
von dem hören könne, was hier gesprochen werde, flüsterte sie eilig: »Bleiben
Sie, drüben kommen Sie ohnehin zu spät, das Kind ist todt; und hier sind Sie
nötig, Hugo ist verwundet. Gehen Sie zu ihm!«
    Ein heller Schrei, und ein Fall dicht hinter mir, liessen es ausser Zweifel,
dass die unseligen Worte von der Gräfin gehört wurden. Ich befand mich in der
schrecklichsten Verlegenheit. Wohin nun zuerst meine Schritte lenken! Ich wandte
mich nach dem Zimmer zurück, als die gebieterische Dame mit einer Fassung, die
mich in Verwunderung setzte, schnell entschied: »Diese überlassen Sie mir. Zu
ihm müssen Sie hinunter, und mich sogleich wissen lassen, ob Gefahr zu fürchten
ist?«
    Ich flog nach des Grafen Cabinett. Im Hause herrschte die grösste Bestürzung.
Aus einzelnen, flüchtigen Äusserungen der Leute, die sie mir so im Vorbeigehen
zuwarfen, fasste ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses.
Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein. Er lag in
einem Winkel des Sopha's, den einen Arm auf mehrere, über einander getürmte
Kissen gelegt. Er hatte den Rock abgeworfen. Das Hemd und ein starkes um den Arm
gebundenes Tuch trieften von Blut. Es war Niemand sonst im Zimmer. Der
Blutverlust schien mir sehr gross zu sein, ich rief daher unwillkührlich
erschrocken: »Herr Gott! in welchem Zustande finde ich Sie!« der Graf fuhr aus
seinem Kissen in die Höhe. Er sah entsetzlich bleich aus. »Was wollen Sie bei
mir?« fragte er unwillig. »Mir fehlt nichts! Mit dem Ritz da,« fuhr er,
verächtlich auf den Arm deutend, fort, »werde ich bald fertig werden.« Als ich
gleichwohl Miene machte, die Wunde näher zu besichtigen, widersetzte er sich
sehr bestimmt, versicherte, der Dorfbarbier könne das auch heilen! ich solle
nicht länger ein Leben auf das Spiel setzen, an welchem so unendlich viel liege.
Er riss bei diesen Worten, in fieberhaftem Zorn, den Verband vom Arme, und mir in
der Tat nur eine blosse Fleischverletzung zeigend, klingelte er, um den
berufenen Chirurgus eintreten zu lassen. Da ich nun sah, dass hier für mich
nichts zu tun war, begnügte ich mich, die Frau Oberhofmeisterin über den
Zustand des Grafen zu beruhigen, und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem
nachbarlichen Landsitze.
    Die Sonne war schon hinter die Berge. Das rote Abendlicht durchschnitt den
Himmel in langen Streifen. Es war schwül und still in der Luft. Man hörte
nichts, als das schrillende Säuseln der Aehren in den Kornfeldern und das Gezirp
der Heimchen.
    Mir schlug das Herz immer ängstlicher in der beklommenen Brust. Einzelne
Arbeiter, die auf das Gerücht eines Unfalles, ihr Tagewerk verlassen hatten, um
zu sehen, was es gäbe, kamen jetzt zurück, Gerät und Kleidungsstücke aus dem
Felde abzuholen. Sie sahen betrübt aus und wiederholten Alle dasselbe. Das Kind
der Herrschaft drüben sei verunglückt und für todt aus dem Wasser gezogen
worden. Es müsse wohl einer daran Schuld sein, den man sich nicht zu nennen
getraue. Es wäre grosser Zank und Streit darüber entstanden, und viele wollten
sagen, es seien zwei Schüsse gefallen. Wer geschossen? wisse jedoch Keiner. So
kam ich, von den unheimlichen Gerüchten gejagt, endlich bis zu dem Gehege des
Gartens. Es war hier und da eingerissen, um den Zudringlichen Bahn zu machen.
Diese standen und sassen, vom Gaffen und Schwatzen müde, auf dem Boden umher.
Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm, jammerten über den kläglichen Anblick des
bläulich angeschwollenen kleinen Leichnams, indes Andere mit giftiger Zunge der
Sünde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen, und diese mit Schmähreden
überschütteten. Ich sprang vom Pferde, und mir durch das Gewühl Platz machend,
stiess ich auf einen Mann, der versicherte, in dem Knaben sei noch Leben. Er
selbst habe das Herz schlagen fühlen. Auch wäre die Rettung zu schnell gekommen,
als dass der Tod schon volle Gewalt geübt habe. Der brave Herr da unten, von
Wildenau, sei ja gleich bei der Hand gewesen, setzte er hinzu. Ich atmete auf.
Die Andern mochten es nicht Wort haben, dass man irgend Hoffnung hegen dürfe. Sie
liessen sich nichts von dem vollen Maasse des Entsetzlichen streitig machen. Ihr
Widerspruch gab mir Mut. Dieser sank gleichwohl, als ich in den Gartensaal
trat, der erschütternde Eindruck des Jammers, der hier so plötzlich Alles
umgewandelt hatte, nahm mir alle Fassung.
    Gleich der Türe gegenüber lag der bleiche Georg, ganz in Betten und Decken
gehüllt, so, dass nur das seitwärts, auf die Brust hängende blonde Lockenköpfchen
sichtbar war. Neben ihm sass des Amtmanns Mutter, die sanften, feuchten Augen auf
die geschlossenen des Kindes gerichtet; zu ihren Füssen kniete eine unkenntliche
Gestalt, dem Tode ähnlicher als den Lebendigen, bewusstlos, regungslos,
verrieten nur die starken und raschen Atemzüge, dass der Schmerz wenigstens
diese arbeitende Brust bewege. Es war die schöne, unglückliche Präsidentin.
    Der bunte Zierrat des Zimmers, die hohen Blumenkübel, das frische Rot
unzähliger, in Körben und Schaalen umher stehender Rosen, all der Schmuck
jugendlicher Sinnenlust, stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe
der tiefsten Trauer ab.
    Ich näherte mich leise. Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf
mich zu. Wir drückten einander schweigend die Hände. »Ich fürchte,« flüsterte
er, »ein Schlagfluss hat hier schneller geendet, als meine rasche Hülfe es sonst
begreiflich macht. Das Kind lag nicht über einige Minuten im Wasser.«
    Ich erwiederte nichts. Mein Blick lag fest auf dem kleinen Bettchen, an
dessen oberstem Rande, da, wo es die Wange des Schlummernden berührte, eine
Feder leise hin und her zu wehen schien. Der Baron folgte meinem Blicke. Ich bog
mich über das Bett. Ich hörte schwache Atemzüge. Ohne mich weiter zu bedenken,
öffnete ich dem Kind eine Ader. Das Blut tropfte erst langsam, dann sprang es in
einem Bogen über die weisse Decke auf die gefaltenen Hände der Mutter, die mit
einem Schrei aus ihrer Betäubung auffuhr. Sie sah irre und verstört umher. »Er
hat mich geküsst!« flüsterte sie, kaum hörbar. »Wahrhaftig, er hat mich geküsst!
Er lebt!«
    »Ja,« versetzte ich zuversichtlich. »Er lebt. Aber jetzt erschrecken Sie die
rückkehrende Besinnung nicht. Schweigen Sie, um Ihres eignen Friedens Willen,
nur noch wenige Augenblicke.«
    Sie sah mich schüchtern an. Auf ihren Zügen lag dumpfe Ungewissheit. Doch
tat sie, was man ihr sagte. Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand, so
schob sie sich doch auf diesen seitwärts in einen Winkel des Zimmers, von wo
sie, angstvoll zusammengesunken, auf Georg sah.
    Der Umschwung in dem kleinen Körper war schnell geschehen. Von der Betäubung
zum Erwachen brauchte es, sobald die Springfedern innerer Tätigkeit in Bewegung
gesetzt waren, nur wenige Minuten. Ein paar Tropfen Aeter, der flüchtige Geist
scharfer Essenzen, und das Anwehen frischer Luftzüge durch die geöffneten
Fenster, vollendeten das Werk völliger Wiederbelebung in Kurzem. Das erste
vollständige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche, dann wiederholte Ruf
nach der Mutter.
    Diese schauerte vor dem Tone, als komme er aus einer andern Welt. Sie hatte
kaum die Kraft, sich zu erheben. Ich eilte auf sie zu. Alle Glieder flogen ihr,
wie im stärksten Fieberfrost. Sie schwankte, die fragenden Augen bittend umher
gesandt, nach dem Bette des Kleinen. Wie dieser aber jetzt aufsah, die Aermchen
matt hob, und mit dem rührendsten Tone: »Liebe Mutter!« sagte, da sank sie laut
schluchzend über ihn hin, und vielleicht waren es ihre Tränen, die seine Brust
vollends erwärmten, die Schläge seines Herzens schneller hoben. Hier war jetzt
die gestörte Ordnung unter die Gesetze des Daseins zurückgetreten. Die Natur
stellte sich durch sich selbst her. Des Kindes Rettung beflügelte die Seele der
Mutter. Gehoben und gesammelt, stand diese nach einer Weile wieder unter uns.
Sie schien nichts gelitten, nichts empfunden zu haben. Mit einer Wärme und
Innigkeit, wie sie nur dieser reichbegabten, unwiderstehlichen Frau inwohnt,
liess sie uns ihr Entzücken teilen. Sie sagte wenig, tat nichts, aber aus jeder
Miene, aus den rührenden Blicken, aus dem stillen, tiefsinnigen Versinken über
ihr unbegreifliches Glück, atmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen.
    Leider! sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden.
    Der Präsident stürzte, nach einer kurzen Abwesenheit, ungestüm ins Zimmer.
Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen
gedrungen. Die grosse Erschütterung plötzlicher Freude erhöhte den
leidenschaftlichen Zustand seines Gemüts, der heute zum erstenmal, in reifern
Jahren, aus den Grundsätzen beherrschender Mässigung, in die dammlose Flut
empörter Gefühle hineingeraten war. Seine unzusammenhängenden Worte, das
Heftige, ja Stürmische in ihm, erschreckte den Knaben. Er ward blöde, schwieg
oder weinte, und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters, ihn zwar lebend,
doch krank und leidend wiedergefunden zu haben. In seiner unbemeisterten
Besorgnis äusserte dieser das unverhohlen, wie er überhaupt, ganz im Gegensatz
sonstiger Rücksicht, jetzt nur laut dachte und empfand, was die Umstehenden in
grosse Verlegenheit setzte. Die Verwirrung stieg auf das Höchste, als der
Präsident, nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheissen,
sich, ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten, zu der Mutter des
Amtmanns mit den Worten wandte: »Nun dann, Madame Lindhof, so übertrage ich
Ihnen die Sorge für des armen Knaben Gesundheit, bis ich von einer unerlässlich
gewordenen Reise zurückkehre.« Er nahm hierauf die verlegen dastehende,
ängstlich überraschte Frau bei der Hand, führte sie in ein anderes Zimmer, um
das Nähere seiner Anordnungen zu bestimmen. Ich hatte nicht den Mut, vom Boden
aufzusehen. Der Baron gab mir einen Wink, das Zimmer zu verlassen. Wir eilten in
den Garten.
    »Gott!« rief ich hier, unter die Last unerträglicher Gefühle gepresst,
aufseufzend, »muss denn dies Haus zusammen brechen! Und ist keine Klarheit nach
dem Gewitter zu hoffen?«
    »Keine!« entgegnete der Baron, der noch bleicher und melancholischer aussah,
als sonst.
    »O,« sagte ich lebhaft, »warum wurdest du denn ins Leben zurückgerufen,
armes Kind! Besser wäre es gewesen, du hättest den unnatürlichen Riss häuslicher
Eintracht still verschlafen! dein kleines Herz wäre gebrochen, ehe Unwille und
Bitterkeit darin keimten.«
    Der Baron sah mich schmerzlich an, ohne etwas zu erwiedern. Wir gingen mit
raschen Schritten tiefer in das Gebüsch. Meine Seele war voll Kummer. Ich sah
nicht, wohin uns der Weg führte, als mich das zertretene Gras und der Anblick
des Sees plötzlich aufschreckte.
    »Hier also?« fragte ich stillstehend. Mein Begleiter nickte bejahend,
während sein betrübtes Auge langsam über die Wellen glitt.
    »Wie kam es nur,« fragte ich zögernd, »und was trug sich sonst noch
Unseliges zu, das solche Folgen haben konnte?«
    Der Baron schien mit der Antwort zu kämpfen. Ich hatte bis jetzt eine Scheu
gehegt, deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen. Die schonungslose Härte des
Präsidenten erschütterte und empörte mich. Ich wollte ihn allein schuldig
wissen. Die Frage sprang mir über die Lippen.
    Was ich von ihm erfuhr, war Folgendes: Der Präsident kam gegen Abend auf
seinem Landhause unerwartet an, fand Niemand dort, fragte hierauf seine
Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus; doch ihre
Antwort nicht erwartend, stürzte er eilig dem Garten zu. Hier sah man ihn
ungestüm hin- und herlaufen, hörte ihn laut rufen, und bemerkte nicht ohne
Besorgnis, dass er in einen Kahn sprang, diesen losmachte und nach dem
jenseitigen Ufer des Sees hinüberfuhr. Die unmässige Heftigkeit, welche
affectlose Menschen zu Zeiten, wie mit triumphirender Gewalt, befällt, musste die
bestürzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfüllen, als das
sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon längst an ihr zum Verräter
ward. Niemanden unter allen Leuten des Hauses, blieb der Zweck jener langen,
nach der Wohnung der Tannenhäuserin führenden Spatziergänge, ein Geheimnis.
Hierher flüchtete die schöne Frau, und beruhigte ihr Gewissen, wenn der Graf in
seinem schmalen Boot stehend, mit ihr redete, während sie am Ufer sass, und es
das Ansehen hatte, dem Freunde zufällig begegnet zu sein. Jäger und Fischer,
welche Abends des Weges kamen, hatten sie oft so gesehen. Es ward hier und da
darüber gesprochen. Mehrere weissagten längst nichts Gutes davon. Jetzt war es
klar, dem Präsidenten musste Jemand die Augen geöffnet haben. Auf Tavanelli
fielen Alle. Er liess sich seitdem, ganze Tage nicht sehen. Den Knaben, hiess es,
habe er mitgenommen. Andere wollten versichern, dieser spiele im Garten. Er sei
mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen.
    Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte, hörten
sie ein kurzes, wiederholtes, helles Angstgeschrei von der Seite her, wo sie
Georg zuletzt gesehen hatten. Es war ein herzzerschneidender Ton, den das Echo
über den See gellend zurückschallte. »Das Kind! das Kind!« sagten Alle voller
Entsetzen, indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten. Ehe sie gleichwohl die
Stelle erreichen konnten, wo das Unglück geschehen war, hatte der Baron
Wildenau, von bangem Vorgefühl getrieben, und in der Absicht, den verstörten,
unstäten Tavanelli aufzusuchen, sich in den Garten begeben. Seine
Entschlossenheit rettete den schönen Knaben. Er entriss ihn den Wellen, doch trug
er ihn leblos ans Land.
    Indes war der fürchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen. »Georg!« sagten
alle Stimmen der Seele zugleich in ihm. Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder
nach dem Garten zurück. Ungeübt, mit dem Kahne zu fahren, erreicht er erst das
Ufer, als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt.
Sprachlos vor Angst teilt er die Menge. Sein erster Blick begegnet der atemlos
herbeistürzenden Mutter, die das bleiche Kind an sich reisst, es umschlingt,
küsst, mit Entsetzen in die Höhe gegen das Licht hält, und da sie die Augen
geschlossen sieht, kein Leben spürt, zu den Füssen ihres Mannes sinkt, mit der
Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt, und laut ruft: »Er und ich! -«
    Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen. Die Zunge versagte ihr. Aber
in Blick und Miene lag eine schwerere, eine zermalmende Anschuldigung.
    Der Präsident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung.
Er mochte sein Geschick nicht fassen. Diese Stille, dies Verstummen tiefster
Natur in dem Manne, der als Richter hier vor ihr stand, löste ihr ganzes Wesen
in leidenschaftliche Verzweiflung auf. Sie klagte sich jetzt laut und
fürchterlich an, bekannte ihre heisse Liebe für den Grafen, gesteht, dass, um ihn
zu sehen, sie das Kind beredet, hier im Garten zu spielen, während sie die weite
Strecke bis zur Tannenhäuserin in kurzer Zeit zurückzulegen gedachte; nannte
sich im Aufruhr aller Sinne, des Knaben Mörderin, und flehte den strafenden
Himmel nur um die erbarmende Gnade an, ihrem sündlichen Leben ein Ende zu
machen.
    Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast über ihre Lippen,
ohne dass die Umstehenden es hindern konnten. Der Präsident starrte sie lange
ungewiss an. Endlich, als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder,
zuckte er zusammen, und wandte sich rasch nach dem Grafen hin. Der Moment war
entscheidend. Jener empfand sogleich, worauf es ankam. Er trat dem schwer
Beleidigten mit wehmütiger Ruhe entgegen, indem er leise sagte: »Sie haben
keine Minute zu verlieren, um das Leben Ihres Kindes zu retten. Das ist jetzt
das Nächste. Später wie und wann Sie wollen.«
    Die Mahnung an Georgs Gefahr, die Furcht, ihn vielleicht schon verloren zu
haben, drückte für einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglücklichen
Vater nieder. Er flog auf den Kleinen zu, entriss ihn der Mutter, setzte alles in
Bewegung, um Hülfe herbei zu holen. Er selbst ging und kam, klagte, schalt,
trieb und drängte die geängstigte Dienerschaft hin und her, so dass diese es kaum
wusste, als er, vielleicht in der Absicht, selbst ärztlichen Beistand zu suchen,
unter den Umstehenden verschwand. Jedermann war so betäubt von dem Schreck, so
vertieft in dem eifrigen Bemühen, den Tod von des Knaben Schläfen zu
verscheuchen, dass selbst der nahe Knall zweier Schüsse bei Niemanden Sorge
erweckte, und man sich erst besann, den Präsidenten vermisst zu haben, als dieser
zurückkehrte.
    »Es sind,« hub Baron Wildenau, nachdem er mir soviel mitgeteilt hatte, nach
einer Pause wieder an. »Es sind hier dunkle Schattenstellen, die uns einen Teil
des Zusammenhanges verhüllen. Lassen wir sie, ohne daran zu rühren. Die Zeit
wird Alles aufklären.«
    Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren, als wir, durch das
Geräusch eines vorüberrollenden Wagens aufmerksam gemacht, uns umsahn. Auf das
Höchste überrascht, erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin. Die grosse
Reisekutsche, die beiden, in dunkelrot und schwarz gekleideten Bedienten auf
dem Bock. Es liess sich nicht verkennen. »Mein Gott, Emma!« rief der Baron, beide
Hände, wie von einem grossen Schreck überwältigt, zusammenschlagend! »Was ist mit
ihr?« fragte ich unruhig. »Die Mutter entführt sie gewaltsam,« entgegnete er.
»Sehen Sie doch nur, ihr Wagen schlägt den Weg ein, welcher auf die grosse Strasse
führt. Sie kehrt nach der Heimat zurück. Wie würde sie das tun, begleitete sie
die Tochter nicht. Nimmermehr würde sie solche jetzt zurücklassen.«
    »Bei dem Gesundheitszustand der Gräfin?« warf ich ihm ein. »Eben deshalb!«
versetzte der Baron. »Eben diese Schwäche gibt der entschlossenen Mutter volle
Gewalt über sie.«
    Aus der Ungewissheit zu kommen, eilte ich nach der Burg zurück, da mich
länger keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte, und mich ohnehin hier
nichts band. Ich fand den Comtur einsam in seinem Zimmer. Es war geschehen, wie
es Baron Wildenau voraussagte. Die Betäubung der Gräfin, die Verwirrung im
Hause, alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen, heimlichen
Abreise. Wie sie die Tochter überrascht, wie sie sie überredet hat, ist noch ein
Geheimnis. Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts, als: »Wir verlassen
die Burg! dass ein Dach uns nicht länger beschirmen kann, ist klar. Geniessen Sie
nun Ihre Freiheit, wie Sie können.«
    Das Blatt fiel in des Oheims Hände. Er zögerte noch, es dem Neffen
zuzustellen. Dieser lässt Niemand vor sich. Ich versuchte vergebens, zu ihm zu
dringen.
    Weiter wüsste ich dem treuen Bericht, in Bezug der unglücklichen
Familienverwirrung beider verehrten Häuser, nichts hinzuzufügen.
    Der Präsident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten. Seine
Gemahlin verliess die Gegend. Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein.
Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns. Er erzählt jedem, der es hören will,
seinen Unfall, mit dem Zusatze: dass er sich aus Furcht vor dem Vater, der so
laut und lärmend nach ihm gerufen, im Rohr versteckt, nachher aber nicht wieder
an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt hätte, in der Angst ausgegleitet und
ins Wasser gefallen sei.
    Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen.
 
                                 Zweiter Teil
                                 Sophie an Elise
Nicht ohne Bangigkeit richte ich endlich diese Zeilen an Sie, liebe, arme
Freundin! Werden Sie denn aber auch noch etwas von dem hören wollen, was unter
den Schauern der Vergangenheit, hinter Ihnen liegt? Vielleicht legen Sie den
Brief bei Seite, dessen Siegel Ihnen verrät, von wem er kommt! Der Name meines
Stifts ruft zugleich andere, schmerzliche Namen zurück. Ach, meine Gute! wie
traurig, dass Ihnen diese so wehe tun müssen!
    Nein, es ist kein Vorwurf, was ich hier sage.
    Es ist nur eine von den unzähligen Klagen, die mir das Geschick der
liebsten, besten Menschen auspresst.
    Gewiss, ich habe kein anderes Gefühl in meiner Brust, als Mitleid und
Teilnahme für Sie Alle!
    Für Sie Alle! Ja, glauben Sie es nur. Dasselbe Gewebe, das Ihr argloses Herz
umspannt, hat seine Fäden so weit gezogen, so sonderbar verschlungen, dass die
schönsten Kräfte dadurch gefesselt, die reichsten Gemüter ohnmächtig geworden
sind, und statt des bewegten Lebens, schwarze Melancholie durch die vereinzelten
Kreise der Freunde zieht.
    Wer nach kurzer Abwesenheit hierher zurückkam; wer, wie ich, das Bild warmer
Vertraulichkeit und sanfter Zuneigung im tiefsten Innern festielt, wer den
freien Horizont und die leichte, elastische Luft der Heimat wieder zu finden
dachte, und nun überall auf verschlossene Häuser, auf abgebrochene Verhältnisse
stösst, stumme Trauer, undurchdringliche Nebel ihn umgeben, und schneidende,
zusammenpressende Kälte allein ihn erinnert, dass er ein Herz hat, der könnte
versucht werden, an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bösen Geistern zu
glauben.
    Ich bin wieder in meine Wohnung eingezogen. Die Wände der Zimmer, das
Gerät, die Bäume vor den Fenstern, alles ist unverändert, aber es macht nur den
Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener. Ich fühle mit unsäglichem Kummer,
dass der Inhalt verschwunden, der lebendige Geist entflohen ist. Die Räume sind
leer. Der Gedanke verliert sich in die unergänzten Lücken.
    Beste Freundin! Was waren es für Stunden, die wir mit einander zubrachten;
so friedliche, harmlose Stunden! O, der Mensch achtet die Stille nicht hoch
genug, die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren, feinern Geistesblüten
vergönnt ist! Der Frühling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch flüchtiger, als
der der äusseren, an uns vorüber, und wir besinnen uns erst nachher, wie reich
wir waren, wenn die Blütezeit vorüber ist, und neue Entwickelungen sich unter
mannigfachen Kämpfen vorbereiten.
    Wohin ich jetzt den Fuss setze, tönt mir Störendes entgegen. Jeder Gegenstand
erinnert an das, was nicht mehr ist, jeder Besuch ängstigt, jede Frage verletzt
mich. Auch komme ich zu Niemanden. Die Burg bleibt Jedem unzugänglich. Der
Comtur fürchtet, wie alle Männer, durch lebhafte Erschütterungen, aus dem
äussern Gleichgewicht zu geraten. Er hat mir ein Paar gute, treue Worte
geschrieben, doch vermeidet er, tiefer in den Gegenstand einzugeben, den ich nur
leise berühren mochte. So verstummt dann die Gegenwart völlig. Der einzige
Genuss, den ich mir zuweilen erlaube, ist der, Ihre früheren kleinen Briefchen zu
lesen, die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon überbrachte. Wie
erkenne ich, wie höre und sehe ich Sie in jedem Worte wieder, liebenswürdige
Elise! Ja, Sie sind unverändert dieselbe geblieben. Wie Sie in Nichts Arges
suchen, so rein blieben auch Ihre eignen Gefühle. Sie glaubten nie an das Böse,
Sie suchten es nicht in sich, und treu der Wahrheit, die Sie erkannten,
heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt, seit Gottes Finger die Wolke
teilte. Wie viel hiervon dem Bewusstsein, wie viel der Natur in Ihnen angehört?
möchte wohl schwer zu entscheiden sein. Genug, Sie konnten nicht anders! Wie
sollte ich Sie nun misskennen und tadeln, weil das Ihr Unglück gemacht, was stets
die Eigentümlichkeit Ihres Wesens begründete. Freimütig bis zum
Selbstvergessen, ein losgebundenes Kind der Natur, spielten Sie mit den Fesseln,
die Sie sich abgestreift, ohne einen andern Halt zu suchen, als Ihr kühnes
Wollen. So zeigten Sie sich von je, und immer begleitete ich Sie mit Sorgen. Wer
aber hätte Sie warnen können? wem würden Sie geglaubt haben? Göttliche Gewalt
hat nur das Göttliche. Erschrecken Sie nicht zu sehr, Sie, das möchte ich
beschwören, finden Ihren Weg wieder. Dulden Sie doch die Freundin zur Seite.
Lassen Sie mich es wissen, wie und wo Sie Trost suchen? Was Sie ergriffen, wie
Sie leben?
    Hier, denken Sie wohl, erfahre ich nichts von Ihnen. Wen dürfte ich deshalb
befragen? Zuweilen hatte ich den Gedanken, Madame Lindhof einen Besuch zu
machen. Aber ich bin nicht im Stande, den Weg dahin anzutreten! Wie sollte ich
jetzt schon den Anblick Ihres Hauses, des Gartens - Nein, Elise, nein! meine
Seele ist zu wund, um sie den schneidenden Luftzügen in den ausgekälteten Räumen
so frühe bloszustellen. Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Tränen, am
Grabe ihres Glückes empört sich das Gefühl gegen die Ohnmacht, Geschehenes nicht
ungeschehen machen zu können. Ich habe so genug mit mir zu tun, die ängstigende
Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten: Ob es auch recht
war, dass ich die Oberhofmeisterin reisen liess, da ich damals schon ahndete, wie
sehr Sie der Freundin bedurfte? Es ist nicht immer leicht, von zweien Pflichten
die dringendere zu wählen, vollends aber wird es denen erschwert, die, in
unabhängiger Beziehung zur Welt, sich selbst im entscheidenden Augenblicke
bestimmen sollen. Ich glaubte damals das Unerfreuliche tun zu müssen, und
dachte mir in dem Opfer eigner Wünsche zu genügen. Vieles wäre wohl
unterblieben, willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen
Freundin! Doch wie ist das Leben zu berechnen! durfte ich hoffen, es mit einem
so mächtigen Feinde, als Ihr eigenes Herz, beste Elise, aufnehmen zu dürfen?
    Sehen Sie aber hieraus, wie schwach ich bin, und wie wenig es mir einfällt,
bei Ihnen die Starke spielen zu wollen. Gewiss, Beste! Sie können mich dreist in
die Falten Ihres Innern sehen lassen, ich bin gewiss, nur die eignen, verborgen
gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen. Kann Sie auch das nicht
bewegen, mir wieder die liebe, vertrauende Elise zu werden?
 
                                Elise an Sophie
Gütige Freundin! Ja, Sie sind die Alte geblieben! Sie verläugneten sich nie. Das
tut der Mensch überhaupt selten. Wir täuschen uns nur über ihn. Wie ich der
Welt jetzt erscheine, lässt sich denken. Jede geschäftige Hand sucht wohl die
dunkelsten Tinten aufzutragen, um das Bild, wie aus Nacht und Hölle heraussehen
zu lassen! Es war sehr albern von mir, dass ich denken konnte, Sie würden sich
durch solche Karrikatur irre machen lassen, und mich verkennend zu erkennen
glauben
    Sie sehen, Sophie! ich halte nicht mit meinen Bekenntnissen hinter dem
Berge. Ich gestehe Ihnen, dass ich aus diesem unbilligen Misstrauen nicht an Sie
schrieb, und vielleicht auch weniger an Sie dachte. Ich habe darunter gelitten,
denn nichts tut so wehe, als eine kalte Stelle in der Brust, die uns
unaufhörlich an den erloschenen Funken erinnert.
    Sie haben diesen wieder angehaucht, Sophie, und ein Verhältnis neu belebt,
das ich, mit so vielem Andern, zerrissen wähnte. Tausend, tausend Dank, treue,
feste Freundin! die Klarheit Ihrer Empfindungen beschämt mich schon darum, weil
sie mir beweist, dass Sie das Unvergängliche wahrer Zuneigung in höherem Grade
besitzen, als ich zu glauben wagte. Und doch beruht anderer Seits mein ganzes
Dasein gerade auf diesem Glauben!
    Es ist wohl immer die Folge ungewöhnlicher Zustände, dass wir ein wenig
zittern, ehe wir uns zu fassen im Stande sind. Ich habe grosse Erschütterungen
erduldet. Kein Wunder, wenn mir es dunkel vor den Augen ward, und ich die
treuesten Menschen undeutlich sah!
    Ueber Eins, liebe Sophie, kann ich gleichwohl in Ihrem Briefe nicht hinaus!
Wie geht es zu, dass Sie mich, bei so festem, ruhigem Auffassen meiner tiefsten
Eigentümlichkeit, dennoch in der Hauptsache ganz missverstehen? Sie halten mich
nämlich in meiner gegenwärtigen Stellung zur Welt für höchst bedauernswürdig.
Sie sehen mein Geschick gebrochen, mich in den Staub gebeugt. Sie verzweifeln,
das Geschehene nicht ungeschehen machen zu können, und setzen voraus, ich sei
nur durch einen eben so übereilten, als gewaltigen Stoss aus dem geordneten Gang
der Natur herausgehoben, in den sich mein zerrüttetes Verhältnis zurücksehne.
Ja, Sophie, ja, ich bin wie von einem fürchterlichen Schlage getroffen, ganz
zusammengeschreckt, ganz durchbebt, in eine fremde, Grauen erregende Wildnis
geworfen. Wohin ich blicke, zeigt sich mir kein Ausweg. Alles ist übereinander
gefallen. Selbst der Reichtum des überfüllten Daseins dient nur, die Sinne zu
verwirren. Aber nicht erst jenes äusserlich umwandelnde Ereignis war es, was
mich so stellte; das plötzliche Erwachen meiner Seele, der jähe Blitz, der diese
durchzuckte, die Schauer verborgener Wahrheit, die ganze Last ihres Gewichts,
die hatte mich aus meinem Himmel gerissen. Können Sie mir denn zutrauen, ich
würde nach der Entdeckung den Selbstbetrug genährt, oder einen weit ärgern
geduldet haben? Ist es Ihnen möglich, an die Dauer solcher Verhältnisse zu
glauben, die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Höhe erreicht
hatten? O Sophie, das Göttliche im Menschen ist da, ohne dass er es weiss. Es
kommt ihm im Schlaf, er trägt es mit sich in das Leben hinein, es wird ihm ein
zweites Leben, er selbst erfährt es eben nur dann, wenn ihm das Andere entgegen
tritt. So ist es auch mit der Liebe. Das Paradies bleibt nur Paradies, bis die
Schlange das Bewusstsein weckt. Ich war bis zum Tode erschrocken, als ich
empfand, was mir Hugo sei. Gleich damals stand es fest in mir, den Verrat an
der Treue, die Verletzung des gegebenen Wortes durch offnes Geständnis meiner
Schuld zu büssen. Ich sagte es Hugo. Er hielt mich zurück. Er bat mich, den
entscheidenden Schritt zu prüfen. Wir stritten hin und her. Mein schwaches Herz
wankte, es gefiel sich einen Augenblick in dem kurzen Aufschub. Da schrien
tausend Schmerzensstimmen zugleich auf mich ein. Ich zerriss alle Schranken, und
vernichtete mich selbst mit dem unseligen Irrtum.
    Ich würde es ohnehin getan haben! doch später; vielleicht zu spät! Jetzt
ist nur geschehen, was geschehen musste. Es ist wahr, ich bin für die Welt im
Allgemeinen todt; und dies Losreissen, wie leicht es gesagt ist, vollbringt sich
nie ohne Kampf. Die blühende Hülle des Daseins hält den Blick in seinem kühnen
Fluge zur Unendlichkeit freundlich an, und zähmt den höchsten Wunsch durch die
Erfüllung unzähliger kleiner Wünsche. Ich empfand das sehr frühe. Ich liebte
daher die Wirklichkeit in allen ihren streitenden Bedingungen. Mich führte mein
leichter Mut ohne Anstoss durch sie hin. Es schlang sich hier und da ein Band um
mein Herz, ich liess es damit verwachsen, und sah mein Leben mannigfach
verzweigt. Jetzt habe ich Abschied genommen von allem, was ich liebte, von jeder
Hoffnung, die ich bis dahin genährt; niemals kann sich das völlig Umgestaltete
wieder herstellen. Eduard kann nicht verzeihen, was er nicht begreift. Der Bruch
zwischen ihm und mir geschah mit dem ersten Laut, der meiner Gewissensangst
entfuhr. Ich habe seine Verachtung mit Wehmut, den stummen, kalten Abschied,
den letzten vernichtenden Blick mit grossem Schmerz erduldet; was aber schildert
Ihnen mein Gefühl bei der Trennung von dem einzigen, von dem über allen Ausdruck
heissgeliebten Kinde? O Sophie, weg! weg von der Erinnerung dieses Augenblicks.
Tausendfachen Tod zugleich stirbt das Herz, wenn der Mensch gleichwohl noch
lebt! - -
    Ja, ich lebe! und ich lebe mit Mut! Ich bin ganz aufgestanden von dem
gewaltigen Sturz. Ich sehe mir diese strenge Beherrscherin, die Willkühr achtsam
an. Sie trägt Fesseln in den Händen, und bindet, was sich ihren Gesetzen
entziehen will. Soll ich verzweifeln, weil mich das Loos mit vielen Andern traf?
Kann ich tadeln, dass ist, was sein muss? Der Zusammenhang meines Geschicks liegt
so klar vor mir, dass ich diesem rück- und vorwärts in allen seinen Verzweigungen
folgen kann. Hätte ich nicht immer die unverfälschte Wahrheit des Bewusstseins so
hoch gehalten, hätte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefürchtet, und
künstliche Spiele gemachter Poesie für ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild
angesehen, ich würde, weniger misstrauisch, die innere Stimme in mir beachtet
haben, deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte.
    Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung über die Natur meiner Gefühle für
Hugo. Ich schalt mich selbst romanhaft, verlachte die Sucht, das Gewöhnliche
ungewöhnlich finden zu wollen, mit schonungslosem Spott, und errötete zuletzt
beschämt bei dem Vorwurf, einer Grille wegen, die schöne, beseelende
Freundschaft aufopfern zu wollen.
    Die kleinen Häckeleien häuslicher und menschlicher Missverständnisse taten
mir nur darum wehe, weil sie andern, weniger unabhängigen Gemütern zu schaffen
machten. Ich sah wohl Störungen voraus, doch in mir blieb noch Alles ruhig.
    Der Vorfall am Hofe erschreckte mich. Es ward mir dadurch klar, welche
Wichtigkeit man auf ein Verhältnis legte, das sich so von selbst, so natürlich,
ja so notwendig gemacht hatte. Ich sprach mit Eduard darüber. Er litt, aber er
glaubte mir. Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an.
Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin musste eine Ehe stören, in welche sie
nur widerstrebend willigte. Eduards kluge Menschenkenntnis gab mir noch manchen
Aufschluss, der mich völlig über mich selbst beruhigte. Doch Hugo machte mich
irre. Er zeigte sich mir ungleich heftiger. Ich zitterte, dass seine Phantasie
sich verirrt, dass er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe.
Tavanelli's Winke, sein zudringliches Einmischen in die innern Angelegenheiten
meines Glaubens störten mich. Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd. Ich
flüchtete in dieser Unruhe zu Hugo. Ich richtete mich an ihm auf. Aber ich
lernte zugleich einsehen, dass ich ohne ihn nichts mehr war, dass ich nur noch in
ihm dachte und empfand. Was von da an geschah, was mich traf, was noch geschehen
kann: es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens.
    Ja, ich habe aufgehört, dieselbe zu sein. Und da die Umwandlung nun doch
einmal geschehen ist, so konnte ich mich auch länger nicht in erborgter Gestalt
dulden. Die einzige Möglichkeit, ferner zu existiren, liegt darin, dass ich mich
selbst verstehe, und mich zeige, wie ich bin. Diese Freiheit hat mir mein
lebendiger Tod genommen. Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewusst. Sophie,
ich gestehe es, wahr sein zu dürfen, ist bei dem Wahrheitsliebenden ein
unschätzbares Gut.
    So lebe ich denn, und liebe in meiner Welt, auf meine Weise. Niemand ist mir
um ein Haar breit ferner gerückt, als er früher zu mir stand. Der Gedanke, das
Gefühl erreicht jeden Gegenstand mit unermüdeter Innigkeit. Hier, wo mich nichts
daran erinnert, dass es noch ein anderes Dasein gibt, als das, was ich in mir
trage, hier, wie in höherer Region, findet keine Trennung statt. Georg - - mein
süsses Kind! und du, armer, guter Eduard! - ich darf euch mit dem Freunde
zusammen denken, der mich aus euern Armen riss.
    Sehen Sie, Sophie, so gibt es dennoch eine Art Leben für mich, um das mich
wenige beneiden werden, in welchem ich gleichwohl denke, empfinde und handle.
    Ich bin, wie in frühern Jahren, im Hause meiner Tante, einer guten,
arglosen, überaus einfachen, vielleicht beschränkten Frau. Sie ist gerade, was
ich jetzt brauche, eine teilnehmende Seele. Immer nur das Allernächste mit
empfindend, von unbedeutenden, aber dafür auch wenigen Worten, und tätig im
Hause. Vielerlei, meist Kleinliches vornehmend, und so beschäftigt, dass mir viel
Zeit, und ihr das Bedauern bleibt, mich so wenig geniessen zu können. Das stille
Dorf, der kleine Garten, mein Stübchen im Erker, liebe Sophie! die äussere
Beschränkung hat zu gewissen Zeiten einen eignen Reiz. Man ist so eingeschlossen
in sich selbst. Es fällt gar nichts Fremdes da hinein.
    Ich weiss nicht, wie lange die gute Tante mich bei sich behalten kann. Sie
erwartet ihren Sohn Curd, der von seiner Reise nach Italien zurückkommt. Ich
möchte nicht mit ihm zusammentreffen, überall ist auch wohl von keinem langen
Verweilen vor der Hand bei mir die Rede. Ich bin ja hier erst wieder zu mir
selbst gekommen. Noch brauche ich Zeit, mich zu besinnen.
    Sophie! ich bitte Sie nicht, meiner zu gedenken. Sie werden mich gewiss nicht
vergessen. Aber schreiben! darum ersuche ich Sie, schreiben Sie mir. Durch die
gute Lindhof höre ich wöchentlich zweimal von meinem Georg. Aber all die
Uebrigen - Sophie - sein Sie menschlich, schreiben Sie mir von ihm. Ich selbst
hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, wo ich mich hinbegäbe. Ist denn Emma
wirklich mit ihrer Mutter gegangen? War es möglich, konnte sie ihn in dem
Augenblick verlassen. O diese Mutter übt eine fürchterliche Gewalt über sie aus!
    Leben Sie wohl, teure, grossmütige Freundin! Ich gehe, einen Augenblick
Luft zu schöpfen. Hinter dem Garten führt ein Fussweg am grünen Wiesengrunde hin,
unter schattige Bäume.
    Mittags rasten die Schaafe hier und suchen Schutz vor der Sonne unter den
Aesten einer mächtigen Eiche. Da hat sich der Schäfer seinen Sitz von Rasen
gemacht. Ich sah des Abends von hier aus, die Sonne hinter das freundliche Dorf
niedersinken, und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des
Kirchturms widerleuchten, die Heerden über die Wiesen ziehn, der Hirt ein
frommes Lied auf seiner Schalmei bläst, die Abenddünste einen leichten Flor über
die Gipfel der Bäume weben und alles so still wird, die Erde in Schlummer sinkt,
dann - O dann -! Gute Nacht, Sophie! gute Nacht!
 
                                Hugo an Heinrich
Zwei Deiner Briefe liegen vor mir. Ich habe den ersten noch nicht gelesen, und
würde keinen beantworten, fiele mir nicht ein, mein Schweigen könne Dir
wunderliche Gedanken machen, und Dir den Einfall geben, hierher zu kommen und
mich aufzusuchen. Tue das nicht, Heinrich! Bilde Dir auch nichts Besonderes von
mir ein. Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken. Darum rede ich
lieber nichts, und mag auch nicht viel hören. Ich versichere Dich, das Wort ist
sehr roh. Hauche ihm die tiefste Seele ein, und es gibt Dir von dieser nichts,
als die verpuppte Larve. Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der
Lippe. Wie dürr, wie entkleidet von allem Duft innerer Wärme steht so ein
ausgesprochenes Gefühl da. Und wie starrt die Welt es an! wie unkenntlich wird
es selbst Dir, dessen Innerm es sich in Entzücken oder Schmerz entwandt!
    Darum, Heinrich, höre auf, das Senkblei prüfender Fragen in meine Brust
fallen zu lassen.
    Du hast ja längst Grund darin gefunden. Was willst Du denn sonst noch
wissen? Die alte, todtgesprochene Geschichte von Emma und Eduards Unglück, von
meiner Schuld, und dem tragischen Heroismus der schönen Sünderin, die musst Du ja
wohl auswendig können. Das Historische solcher Haupt- und Staatsactionen singen
Dir mit Nächstem die Jungen auf der Strasse vor. Erlass mir das Sprechen darüber.
    Ja, ja mein Freund, das wäre auch vorbei! Die Menschen können das Natürliche
und Wahre nicht natürlich und wahr nehmen. Sie zerren so lange daran, bis sie
wirklich das Greuelbild daraus machen, was sie sich darunter denken. Es ist ein
niedriges Gelüst in den Meisten! ein Vernichtungstrieb, der selbst den
Schwächling kitzelt, seinen Fuss zu heben und in den Staub zu treten, was ihm
über den Kopf wächst! Das ist der gemeine Gang der Dinge! Es scheint uns nur
ungewöhnlich, wenn wir darunter leiden. Gäbe es keine Tyrannei, so hätte sich
der Gedanke wohl niemals frei gemacht.
    Ich habe viel mit mir zu tun gehabt, ehe ich den Zorn überwand, der sich
meiner zu bemeistern drohte. Mich hatte der Auftritt empört. Alles sehe ich
entweiht. Das Heiligste und Geheimste. Mir widersteht jede Verletzung zarterer
Rücksicht. Ich fuhr zurück vor der Verwilderung des Schmerzes, und sah mit
Unwillen das Edelste von der dammlosen Flut der Gemeinheit fortgerissen. Die
rohen Hände waren gehoben, um das Geheimnis zu entüllen. Ich hörte die
schneidenden Töne des Schreckens, und Alles, selbst die Geliebte ward mir fremd.
    Nachher musste ich mich tadeln, so einseitig empfunden zu haben. Aber wahr
blieb es doch, ich hatte die Blüte zerstäuben sehen, und konnte die kahlen
Staubfäden nicht wieder mit ihrer duftigen Krone umschliessen.
    Heinrich, ich bin aus meinem Himmel gefallen, und das ist von allem das
Schlimmste.
    Ich mochte deshalb immer noch nicht an Elisen schreiben. Mich dünkt, der
natürliche Vermittler unserer Gefühle, der Schlüssel zu jener Zeichensprache des
Herzens sei nicht mehr in ihren Händen. Ich fürchte, ihr nicht ganz verständlich
zu sein. Es ist etwas in mir verletzt, das ich weder verbergen noch auch angeben
kann. Siehst Du, wir wurden einen Augenblick, jeder in die eigne, besondere Welt
zurückgeworfen. Der Augenblick liess eine Lücke. Ich bin verlegen, bei dieser zu
verweilen, oder sie zu überspringen. Die Zeit mag sie füllen! Die Zeit mag
überhaupt hier walten. Ich lasse sie machen! - - - -
Wir sind geboren, unsere eigene Narren zu sein. Da nehme ich dies Blatt nach
mehreren Tagen wieder zur Hand, und muss mich gleich in den ersten Zeilen auf
einer gewissen coquettirenden Misantropie ertappen, die gar nicht zu meiner
jetzigen Stimmung passt. Lieber Heinrich! wenn ich mich anders recht verstehe,
suchte ich längst eine Veranlassung, Dir mit guter Manier Nachricht von mir zu
geben. Ich scheute dieses, wie ich auch Deine Ankunft scheue, und doch Beides
wünsche. Was aber vor Allem lächerrlich herauskommt, ist meine Verachtung gegen
das gesprochene Wort, indes ich mehrere, als gescheut ist, darüber mache.
    Du siehst, dass ich noch nicht zur Ruhe in mir gekommen bin, und von einem
Äussersten zum andern übergehe.
    Diese Widersprüche machen mich zuweilen mutlos. Ich war auch zeiter nicht
wohl. Der Streifschuss am Arm machte mir doch mehr zu schaffen, als ich Anfangs
dachte. Ich habe gelitten, und, des Kränkelns ungewohnt, geriet ich in einen
gereizten, ärgerlichen Zustand, aus dem ich noch nicht heraus kann.
    Vorzüglich verdross mich die ungeschickte und einfältige Art, eine
ernstafte, auf die stille, innere Ueberzeugung des Menschen, beruhende
Handlung, wie einen brutalen Anfall behandelt zu sehen. Das Sühnofer der Ehre,
wie diese auch immer verstanden werden mag, muss ehrenvoll gefordert und gebracht
werden. Es ist denn auch nicht mit einem Bischen Pulverdampf und ein Paar
Blutstropfen abgetan. Die Leidenschaft genügt sich schnell. Das gekränkte
Selbstgefühl aber muss sich wieder herstellen oder erliegen.
    Der ausser sich geratene Mann lief mir wie ein Rasender in den Weg, drang
mir ein Pistol auf, und, ganz achtlos gegen Duellgesetze, schrie er mir zu, in
beliebiger Nähe loszudrücken, wenn er es tun würde. Ohne einen andern als den
höchsten Zeugen über uns, schnell mit mir einverstanden, stand ich ihm, schoss in
die Luft, und erhielt die leichte Wunde. Zufällig floss mein Blut rascher und
häufiger, als es die unbedeutende Verletzung sonst wohl vermuten liess. Ich
musste in der Tat lachen, wie erschrocken und stolz mein Gegner um sich sah. Es
fiel augenscheinlich eine Last von seiner Seele, während er doch nicht ganz
sicher vor den Folgen schien. Ich beruhigte ihn völlig über mich. In der
Ueberraschung, die Angelegenheit so schnell beendigt, und sich selbst vor der
Welt behauptet zu haben, sagte er ziemlich unbewacht: »Nun, so gehen Sie, mein
Herr, gehen Sie, sich heilen zu lassen! Ich will Ihr Leben nicht länger in
Gefahr setzen. Ich habe, glaube ich, gezeigt, dass ich nicht zu den Elenden
gehöre, die ungestraft mit sich spielen lassen.«
    Er ging bei diesen Worten nach seiner Wohnung zurück, fragte aber doch noch
einmal, ob er mir Jemand zu schnellerm Fortkommen schicken solle? Ich dankte
ihm, indem ich stehen blieb, und ihm unter den seltsamsten Gefühlen nachsah. Es
war kein Groll darunter, ich versichere Dich. Im Gegenteil rührte mich der Mann
in seiner harmlosen Selbstzufriedenheit. Mein Blut hatte ihn losgekauft von
Spott und Tadel. Alle Stimmen waren für ihn gewonnen. Er stand rein gewaschen
vor den eigenen, wie vor den Augen der Gesellschaft da. Und damit war es gut!
Elisens Verlust kann er verschmerzen. Seine bisherige glänzende Stellung hat er
gegen eine andere, nicht minder ausgezeichnete, vertauscht. Der Fürst ernannte
ihn zum Gesandten in P ... Er wird die beste Aufnahme dort finden. Die
Geschichte läuft vor ihm her. So ein vom Schicksal Gezeichneter ist sicher,
allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Während man das Anatem über die Werkzeuge
seiner Adversität spricht, gebietet die Tugend, die Unbilden des trügerischen
Glückes an ihm gut zu machen. Zudem ist der Fall von der Art, dass selbst unsere
Kirche die Scheidung gestattet, Elisens eigene Anklage duldet keinen Zweifel.
Eduard kann zu einer zweiten Wahl schreiten. Er wird, ich bin es gewiss, nicht
lange zu wählen brauchen. Das Vergangene ist dann in Nacht begraben. Niemand
spricht weiter davon. Das Meiste in der Welt gleicht sich auf ähnliche Weise
aus. Nur, wo die innern Saiten zersprangen, und die ganze Harmonie mit einem
einzigen Missgriff zerstört ward, da flickt und knüpft und zieht man sein
Lebelang dran, und nichts als falsche Töne in der Seele. - - -
    Ich komme von einer langen Wanderung durch Feld und Wald zurück. Zu den
alten, lieben Stellen mochte ich nicht hingehen. Es ist noch soviel Krankes in
mir, das geschont sein will. Ich ging weiter hinauf, nach der grossen Heerstrasse
zu. In einiger Entfernung von mir zieht sich die Chaussee an den Bergen hin. Ich
folgte dem weissen Streif in seinen Krümmungen, und mass die Ferne, unter
beengenden Gefühlen. Die kleinen Staubwirbel, welche die Forteilenden
zurückliessen, umhüllten die Wipfel der Pappeln in aschgrauen Schleier, während
unterhalb die flache, fahle Strasse öde da lag. Das ist das Leben! seufzte ich.
So verwischen sich seine Spuren! So zerrinnt jede Erinnerung in die grosse,
allgemeine Auflösung der Dinge!
    Ich gestehe Dir, Heinrich, mir schauderte vor dem Gedanken! Allein, und
losgerissen, wie eins dieser schwirrenden Stäubchen, fühlte ich mich mehr als je
überflüssig auf der Erde; das Leben schien mir unnütz, und der Schmerz so
bedeutungslos, wie die Freude.
    Nenne es Zufall, oder wie Du willst, dass gerade jetzt der frische Gesang
eines Wanderers aus dem Tale, zu mir heraufschallte, ein dunkler Zug mir etwas
Bekanntes zurückrief, und mich zwang, den Ton zu begleiten. Was ich hörte, war
die Melodie eines unsrer Regimentslieder. Ich hatte sie unzähligemal gehört.
Jetzt besann ich mich darauf. In demselben Augenblick trat auch ein junger
Bursche in der wohlbekannten Dragoneruniform, Pallasch und Helm auf der Schulter
tragend, aus dem Gebüsch. Er trällerte sein Liedchen, während er, von
ungewohntem Gehen wohl ein wenig ermüdet, in lässiger Weile, über den Wiesengrund
schlenderte. Die Exerzierzeit war nun überstanden, das braun gebrannte Gesicht
trug noch die Spuren von Hitze und Anstrengung, aber der kriegerische Schmuck,
und die scharfe Waffe ruhten friedlich auf dem Nacken, der sie doch mit Stolz in
die Heimat zurücktrug. Das Metall blinkte hell in der Sonne, es war, als
tanzten goldne Fünkchen neben dem guten Jungen her, ihm die Mühen des Lebens zu
überglänzen.
    Ich kann Dir nicht sagen, was alles zugleich in mir wach ward. Freude, das
Alte wieder zu sehen, Erinnerung an Gemeinschaft und Verbrüderung, an die Zeit,
wo all der Sturm und Drang im Innern etwas wollte, wo kein Zweifel über die
grosse Absicht des Daseins entstehen konnte, die Brust weit, der Wille stark, das
Herz offen und frei war. Heinrich, ich sehe Dich, die Freunde, mich selbst,
jünger, besser wieder. Ich wurde jung, wie damals, ich rief den Dragoner an. Er
stand stille und sah herauf zu mir. Ich nannte ihm meinen Namen. Er wusste nichts
von mir. Er war nach mir zum Regiment gekommen, gleichwohl traten wir
cameradschaftlich zusammen. In seinen Augen blitzte angenehme Ueberraschung,
hier Anhang und Schutz zu finden. Er betrug sich gegen mich mit ehrfurchtsvoller
Zurückhaltung. Ich kann Dich versichern, mir war seit lange einmal wieder wohl.
Eine Weile gingen wir mit einander, dann teilte sich unser Weg. Er ist nicht
weit von hier zu Hause. Ich beschenkte ihn, was er mit jener Beschämung stolzen
Selbstgefühls, nicht ohne einiges Erröten, und, wie er sagte, nur von einem
ehemaligen Herrn Offizier seines Regiments annahm. Als er nun mit erfrischtem
Mute weiter ging, und mehrmals, unter wiederholten Begrüssungen, nach mir
zurücksah, da ward mir, als trennte sich ein Bekannter von mir. Ich sah ihm
gerührt nach. Ist es das? fragte ich mich. Ruft das Leben aus diesem Ton? Will
es mich dahin zurück haben?
    Ich fragte mich das seitdem öfter. Heinrich! wahr ist es, Etwas muss der
Mensch doch wollen, oder er geht unter. Was soll ich aber? Und dann. - So kann
es doch nicht wieder werden! Alles ist dagegen. Es passt auch nicht.
    Wirst Du mich verstehen, Heinrich, wenn ich Dir sage, dass es Emma ist, die
mich hier festält? Sie ist so plötzlich, so unnatürlich, möchte ich sagen, von
mir losgerissen worden. So lässt es ihr Herz, so lässt es das Leben nicht. Ich
weiss das gewiss. Ich bleibe deshalb, und warte, bis sie mir sagt, was sie will,
was ich soll. Erkläre mir, wenn Du kannst, die unbegreiflichen Widersprüche des
Herzens. Ich gehe nie an ihrem Fenster vorüber, ohne dass es mich heiss
durchrieselt, ohne dass mein nasses Auge sie hinter den Scheiben sucht. Heute bei
meiner Heimkehr erschütterte es mich unaussprechlich, als ich die Fenster
ausgehoben, die Vorhänge aufgeschlagen fand, und das tiefe Zimmer so dunkel und
öde nach Aussen heraustrat. Ich stand lange davor. Drüben auf dem Altane sass der
Oheim. Er hatte den Kopf in die Hand gelegt, und betrachtete mich gedankenvoll.
Ich fühlte, was in ihm vorging. O wäre Emma in diesem Augenblick - nun und was
dann? wirst Du fragen. Ja, dies dann, ist eine lange, unbestimmte Zukunft, und
der Mensch, Heinrich, ist ein Mensch.
    Lebe wohl! Ich will morgen zu meinen Dragonern hinüber reiten, und mich
wieder jung schwatzen.
 
                         Curd an die Gräfin Ulmenstein
Wie beschämen Sie mich, gnädige Frau! Sie lassen sich herab, mir zuerst wieder
zu schreiben, mich willkommen zu heissen in der Heimat! mir zu sagen, dass ich
erwartet werde, dass ich nur eilen soll, mich der grossmütigsten Beschützerin zu
Füssen zu legen, die ihren reichen Vorrat launiger, unterhaltender Mitteilungen
für mich in Bereitschaft hält.
    Wahrhaftig, kann mich etwas mit dem Gedanken versöhnen, wieder in unsere
gute, alte Stadt zurückzukehren, so ist es allein Ihre Gnade, Ihre
liebenswürdige Gesellschaft, das elegante Haus der einzigen Frau in Deutschland,
die Hoffnung, den Zirkel dort wieder zu finden, der sich allein um solchen
Mittelpunkt versammelt.
    Sie, Gnädigste, könnten den Aufentalt in Paris allein vergessen machen!
Welche Ansprüche auf die Dankbarkeit des deutschen Reisenden haben sie nun
vollends dadurch, dass er bei Ihnen nichts von Allem vermisst, was er im Auslande
zurückliess! Wüsste ich nur, was ich tun könnte, um mich einigermassen eines
solchen Glückes würdig zu zeigen! die schwachen Beiträge, welche ich zu Ihrer
Unterhaltung liefern kann, sind nicht von der Art, um mir ein Recht auf die mir
so vielfach bewiesene Aufmerksamkeit zu geben. Kleine Reiseabenteuer, in denen
sich mein unbedeutendes Selbst verflochten findet, war ich schon so dreist,
Ihnen vorzulegen. Leider ist mir aber nichts Bedeutendes begegnet. Ehrlich
gesprochen, gnädige Gräfin, Leute, die nichts Besonderes sein wollen, erfahren
sehr selten etwas Ausserordentliches. Die gebildete Gesellschaft duldet nirgends
auffallende Ereignisse. Ueberall gibt es einander ähnlich sehende Gesetze,
strenge Polizei, geebnete Strassen, über die man pfeilschnell hinfliegt, grosse
Städte, grosse Welt, und fast nur eine Sprache, ob diese französisch, englisch
oder deutsch heisst, Menschen von Erziehung reden alle aus einem Tone. Das
bestätigen uns die neuesten Reisebeschreibungen. Sie sagen immer dasselbe, wenn
sich nicht so ein guter, wandernder Künstler auf die Beine macht, und uns sein
Abenteuer zum Besten gibt. Ich versichere Sie, der Parmesankäse schmeckt in
Parma nicht anders als in unsrer Residenz, der ächte Syllerie wird überall nur
ächt geschätzt, französische Köche an jedem Orte gut bezahlt, Trüffeln aus
Perigord, so wie Strasburger Pasteten machen die Reise bis nach Neapel, der Mann
von Geschmack isst im Norden und Süden gern gut, und die Frauen dürfen nur die
Augen in den Spiegel werfen, um zu unterscheiden, ob eine Pariser Toilette sie
kleide? Uebrigens wissen Alle, was ein hübscher Fuss in der Welt gilt, wie er am
zierlichsten beschuhet, wie am vorteilhaftesten gesetzt wird. Wer sucht, der
wird finden, heisst es. Es suchen die Klügsten dasselbe, und Einige finden es
überall. Der ganze Unterschied besteht darin, dass dies mit mehr oder weniger
Grazie geschieht. Indes, gute Tanzmeister finden sich dann doch an den meisten
bedeutenden Orten. Selbst in Deutschland ist, Gott sei's gedankt! die Erziehung
hierin soweit vorgeschritten, dass man dreist eine Comtesse Ulmenstein neben die
gewandtèste Pariserin stellen darf. Sie sehen, gnädige Frau, etwas Neuem
begegnete ich eben nicht. Wie sehr muss ich auch hierin gegen Sie zurückstehen,
Sie, die mir den aller reichhaltigsten Brief, voll der bizarrsten Katastrophen
mitzuteilen die Gnade hatten. Welch ein Wahnsinn befiel denn Ihre Nachbarn! Die
Tragi-Komödie am See beschreibt Ihre meisterhafte Feder im Styl einer Seriguee.
Ich war dadurch so überrascht, dass ich Anfangs die ganze Sache für eine Fiction
Ihrer scherzhaften Laune hielt. Die ausserordentliche Wahrheit, mit der Sie das
Gemälde hinstellen, konnte mich auch nicht so leicht irre machen, da ich wohl
schon öfter Gelegenheit hatte, ein Talent zu bewundern, das eben so täuschend
trifft, als glücklich malt. Indes sollte ich in Kurzem durch den Augenschein
über jene Zweifel belehrt werden.
    Ja, gnädigste Frau, durch den Augenschein. Die schöne Elise hält sich im
Hause meiner Mutter auf. Denken Sie sich die Ueberraschung, als ich hier ankam,
und die Verbannte unter einem Dache mit mir fand! Es mochte sie wohl nicht
weniger überraschen; denn ich eilte dem Briefe, der meine Ankunft bestimmt
meldete, fast um acht Tage voraus, und verhinderte sie so an der Ausführung des
Vorsatzes, mir das Feld zu räumen. Ich gestehe, ich wusste es ihr Dank, dass sie
nicht eben begierig auf meinen Anblick war. Es setzte mich in grosse
Verlegenheit, ihr gerade an diesem Orte zu begegnen. Ueberhaupt macht man immer
ein einfältiges Gesicht, wenn man Jemand nach einem Unfall oder sonstiger
Veränderung seiner Lage, wiedersieht. Hier war nun vollends etwas Beleidigendes
im Spiel, das mir das verwandte Blut ziemlich warm durch die Adern jagte. Ich
konnte es weder mir noch meiner Mutter verbergen, dass, nach der einfältigen
Geschichte, Elisens Aufentalt hier im Hause einen Teil des Ridiculs auf uns
zurückwerfe, das sie auf sich lud. Ich stritt lange mit der nachsichtsvollen
Frau, die zu fern von der Welt lebt, um das Gewicht ihres Urteils zu kennen. Es
verdross mich, gleich beim Wiedersehen gerade hierdurch gestört zu werden. Leider
gibt es ohnehin bei jeder Nachhausekunft Störungen, die auf der gänzlichen
Verschiedenheit der Verhältnisse beruhen, und die noch erhöht werden, wenn zu
den eigenen Unannehmlichkeiten, fremde hinzukommen.
    In solcher totalen Verstimmung machte ich den nächsten Morgen, ganz gegen
meine Gewohnheit, in aller Frühe einen weiten Spatziergang, querfeldein durch
Wald und Wiesen. Ich hetzte mich gewissermassen müde, in dem Gedanken, zahmer und
williger das Ungemach über mich ergehen zu lassen. Es gelang mir auch. Die freie
Luft hatte mich um Vieles abgekühlt, der Anblick einer ganz hübschen Besitzung,
mit angenehmen Aussichten für die Zukunft erfüllt. Vorzüglich verhiess der Wald,
mit seinen starken, lang geschonten Holzungen, die letzten Reisekosten zu
decken. In Gedanken dieses schnell berechnend, nahm ich meinen Rückweg nach
Hause. Ich ging rasch, wie man unter dem Entwerfen vorteilhafter Pläne geht,
ohne rechts und links zu sehen. Plötzlich stehe ich vor meiner hübschen Cousine.
Sie ruhte ganz idillisch, wie man sonst Figuren auf Tassen malte, unter einer
Eiche am Wiesenrande, vor ihr weideten die Schafe. Ein grosser Strohhut
beschirmte ihr Gesicht, sie lehnte sich seitwärts gegen den aufgestemmten Arm,
so dass sie halb liegend den Rasensitz einnahm. Sie sah allerliebst aus. Ich
blieb eine Weile stehen, um sie genauer zu betrachten. Als sie mich bemerkte,
richtete sie sich schnell in die Höhe. Sie sah mich verwundert an. »Wie?« fragte
sie, ohne Verlegenheit oder Affectation, ganz in ihrem gewöhnlichen Tone: »sind
Sie es, Curd? So frühe? das ist wohl etwas Neues, was Sie von Reisen
mitbringen?«
    Sie lächelte bei diesen Worten, und zeigte zwischen den frischen Lippen die
schönen, weissen Zähne, die ich so oft an ihr bewunderte.
    Weiss der Himmel, ich gerate doch sonst nicht leicht aus der Fassung, aber
diese unbefangene Art, mich zu bespötteln, verwirrte mich. Sie bemerkte es.
»Nun,« sagte sie, »was stocken Sie denn so? Haben Sie es verlernt, mit mir zu
reden? oder scheuen Sie es etwa?«
    »Ich sehe,« erwiederte ich schnell gesammelt, indem ich Platz neben ihr
nahm. »Ich sehe, Sie fangen es da wieder mit mir an, wo Sie es gelassen haben,
Sie machen sich sogleich wieder über mich lustig.«
    »Ach, mein lieber Curd,« seufzte sie mit ganz unveränderter Miene. »Es fängt
sich im Leben niemals, wie in einem Buche, auf der Stelle wieder an, wo man
stehen blieb; und das Lustigmachen hängt genau mit der Lust zum Lachen zusammen.
Aber kommen Sie,« fuhr sie fort, »wir sind wohl hiermit fertig. Sie haben den
Schreck überwunden, mich zu sehen. Ich habe Ihnen über die Verlegenheit der
ersten Anrede weggeholfen, weiter möchten wir doch nicht leicht kommen, und Ihre
Mutter will frühstücken.«
    Sie stand hier von ihrem Sitze auf, band die Hutschleife unter dem Kinn
fester, und ging, diesen vor dem anhebenden Wind mit der einen Hand haltend, so
leicht und frei vor mir her, als könne weder Vorwurf noch Kummer ihr etwas
anhaben.
    Gerade in solchem Morgenanzuge, mit demselben feinen florentinischen Hute
hatte ich sie auf der Jagdpartie am Tage meiner Abreise das Letztemal im vollen
Glanze der glücklichsten Stellung bewundert, verehrt, gesucht, gesehen; neben
ihr auf dem Rasen gesessen, mit ihr gelacht, und alle Ausfälle neckender Laune
über mein Reiseproject erduldet. Und nun! Ich konnte mich nicht einer Aufwallung
von Mitleid mit der jungen, reizenden Frau erwehren. Es war mir ganz
unbegreiflich, wie gerade sie zu der sentimentalen Schwärmerei kam!
    Viel nachsichtiger als zuvor gegen sie gestimmt, bot ich ihr den Arm. »Ich
danke Ihnen,« sagte sie mit kurzem Kopfnicken, mehr höflich als freundlich. »Sie
wissen wohl von unsern ehemaligen Spatziergängen her,« fügte sie hinzu, »ich
gehe lieber allein, man ist so freier.«
    Ich lächelte. Sie tat nicht, als wenn sie es bemerkte. Ihr lag sichtlich
daran, eilig nach Hause zu kommen. Sie sprang auch eine Strecke vor mir her die
Treppe hinauf. Ihre Eile musste meine Mutter befremden, die schon im Vorsaale
stand, uns zu empfangen. Sie machte ein peinliches Gesicht, und sah verlegen
nach mir hin, als fürchte sie, ich könne Elise gekränkt haben. Doch diese sah
sich nicht sobald von einem tête-à-tête mit mir befreit, als sie unbefangen an
dem Frühstück Teil nahm, und sich von Italien erzählen liess. Man merkte aber
nicht, dass sie sich Gewalt antue; doch nach einer Weile ward sie zerstreut. Sie
rückte sich tiefer in das Sopha hinein, schlug die Arme übereinander, lehnte den
Kopf zurück, ohne länger das Ansehen haben zu wollen, als interessire sie, was
gesprochen ward. Auf eben diese Art wandte sie sich auch, während einer Pause,
wie plötzlich von einer Empfindung getrieben, zu meiner Mutter, fasste sie bei
der Hand, indem sie gerührt sagte: »Liebe Tante, es war mein Vorsatz von Anfang
an, Sie meinetwegen in keine Verlegenheit zu setzen. Deshalb wollte ich Ihr Haus
vor Curds Ankunft verlassen. Glauben Sie nur, ich weiss genau, wie unsicher er
mit mir ist, und wie Sie das ängstigt. Ich würde mich auch jetzt gleich auf den
Weg machen, und nicht so schwankend zwischen Mutter und Sohn, bei dem ersten
Wiedersehen nach langer Trennung, stehen bleiben. Allein, ehrlich gesagt, weiss
ich nicht recht, wohin ich mich sogleich schicklicher Weise wenden könnte? und
dann fürchte ich auch, Ihnen, liebe Tante, wehe zu tun.«
    Wir hatten vergeblich gesucht, sie zu unterbrechen. »O!« rief sie aus, »ich
fühle wohl, was Sie mir erwiedern müssen, was Sie auch in dieser Minute aus
Ueberzeugung erwiedern werden, allein das ist doch alles nicht von Bestand. Es
können tausend unzuberechnende Zufälligkeiten eintreten, von denen eine einzige
hinreicht, Verdruss zu erregen. Wer Ärgernis gegeben hat, darf sich nicht
wundern, wenn man sich über ihn ärgert, und besonders ein Weltmensch, wie Ihr
Sohn, liebe Tante, der verzeiht nichts so schwer, als einen Eclat, der nicht
niederzuschlagen ist. Ich habe die ganze Nacht die Sache hin und her erwogen,
ohne etwas anders auszumitteln, als dass wir einander aus gegenseitiger Rücksicht
soviel als möglich aus dem Wege gehen müssen.«
    »Um Alles in der Welt, Kind!« fiel meine Mutter ihr ins Wort, »wie verstehst
Du das? Soll es von mir heissen, ich habe einen Gast in meinem Hause, und
vernachlässige meine Schuldigkeit gegen ihn? oder wollen mich die Leute glauben
machen, Deine Familie habe Dich auch verstossen, weil Du zu gewissenhaft und zu
lebhaft warst, da zu schweigen, wo es keinen andern Kläger gegen Dich gab, als
Dich selbst? Einander aus dem Wege gehen! auf dem Lande in einem Hause! Du
bedenkst die Unmöglichkeit nicht.«
    Elise umarmte sie begütigend. »Gute, beste Tante,« sagte sie, »missverstehen
Sie mich nicht, als wolle ich mich Ihrer Gesellschaft völlig entziehen. Bewahre
mich der Himmel vor solcher Undankbarkeit. Allein jetzt, da Sie bessere
Unterhaltung haben, geben Sie nicht allzu genau darauf Acht, wenn ich einmal an
Ihrem Tische fehle, mein Zimmer Ihnen verschlossen bleibt, oder ein langer
Spatziergang mich weiter von hier entfernt, als es gewöhnlich geschieht. Lassen
Sie mich kommen und gehen, ohne Arges dabei zu haben. Begegnen wir einander, so
verdenken Sie mir's nicht, wenn ich zurückbleibe, oder nicht Ihren Weg nehme.
Denken Sie dann, dass ich es scheue, Ihnen lästig zu werden, und auch unfähig
sei, mich gerade jetzt zu beherrschen.«
    Ich versicherte sogleich, ihre Äusserungen möglichst leicht nehmend, dass
sie von mir keine Belästigung zu fürchten habe, und da mein Aufentalt überhaupt
nur von kurzer Dauer sei, so hoffe ich, solle sie der nicht belästigen. Sie sah
bei diesen Worten überrascht und ungewiss zu mir auf. Doch liess sie es dabei. Auf
ihrem klugen Gesicht lag allerlei, was ich nicht sogleich entziffern konnte.
Meine Mutter war nun froh, dass sie nicht mehr an die Abreise dachte. Sie sagte
ihr in meinem und ihrem Namen jede Bedingung zu, worauf sie, ein häusliches
Geschäft zu besorgen, das Zimmer auf einen Augenblick verliess.
    Kaum dass sie sich entfernt hatte, so wandte sich Elise rasch zu mir. »Hören
Sie, Curd,« sagte sie, in allem ihrem frühern überlegenen Ernst, »ich will
annehmen, Sie meinen es gut mit mir. Es kann ja sein! Was hätten Sie auch davon,
mich zu kränken! Deshalb verderben Sie mir nicht durch wohlfeile Witzeleien und
magern Spott, über sentimentale Bizarrerie, meinen Lieblingsplatz unter den
Eichen. Lassen Sie mich da machen, was ich will, und kümmern Sie sich nicht
darum, wenn es Ihnen auch lächerrlich vorkommt, dass ich meine Freude an den
Tieren habe, die dort weiden. Manch armes Lämmchen, das auch keine Mutter hat,
wie mein - -«
    Sie stand hier, von innerer Rührung überwältigt, vom Stuhle auf, und trat,
mir den Rücken wendend, ans Fenster. Sie weinte bitterlich. Mir tat es im
Herzen wehe; ich hatte nicht den Mut, sie anzureden.
    Kurz darauf war sie gefasst genug, mich zu fragen, ob ich ihr versprechen
wolle, auf die vorgeschlagene Weise, hier in Frieden mit ihr zu leben? ihre Ruhe
zu ehren, und nicht den Späher und Critiker gegen sie zu spielen?
    Es versteht sich, dass ich mir in der Stimmung, worin wir gerade waren,
keinen unzeitigen Scherz erlaubte, ganz ihren Befehlen zu gehorchen versprach,
und zum Beweis meiner Willfährigkeit ihr nicht folgte, als sie, zufrieden mit
meiner Zusage, in den Garten ging.
    Sie hätte auch wirklich in dem Augenblick von mir fordern können, dass ich
sogleich aufbrechen und das elterliche Haus ihretwegen räumen sollte, ich wäre
nicht im Stande gewesen, »Nein« zu sagen. Sie hatte mir's angetan, ich war wie
bezaubert von ihr. Wahrhaftig, ein bisschen Sünde, ein bisschen Unglück macht die
Frauen erst reizend, begegnet man ihnen nun noch dazu, ausgestossen von der Welt,
in irgend einem entlegenen Winkel auf dem Lande, wer kommt da nicht auf den
Einfall, einem gefallenen Engel wieder aufhelfen zu müssen?
    Ihnen gnädige Gräfin, darf man dergleichen flüchtige Empfindungen schon
anvertrauen, ohne Furcht, missverstanden zu werden, und so gehe ich denn noch
weiter, und bekenne Ihnen, dass ich den ganzen Tag eine gewisse unruhige
Verwirrung nicht los werden konnte, und noch spät Abends ein Paar Pferde müde
reiten musste, ehe ich hoffen durfte, es zu Hause auszuhalten. Mein heisses Blut
sollte indes durch eine ungeheure Mistification abgekühlt werden. Hören Sie nur,
gnädige Frau! Es war voller Abend, als ich endlich zurückkehrte. Meinem
Versprechen getreu, umritt ich den Anger, die Bäume, Elisens Ruheplatz, in
weitem Kreise. Gleichwohl zog es mich, zu sehen, ob sie wieder da sässe. Ich
hielt auf einer kleinen Anhöhe. Der schöne, grüne Teppich lag unter mir, ich
wäre vor mein Leben gern darüber weggesprengt, zu der lockenden weissen Gestalt
hin, die mit raschen, kurzen Schritten am Rande der Erlenbüsche auf- und abging,
zuweilen still stand, umhersah, und dann, wie nach vergeblichem Warten, ihren
Spatziergang aufs Neue fortsetzte.
    Ich wurde, je länger ich dies unstäte Umherwandeln beobachtete, immer
gespannter. Es fing an zu dunkeln. Bald sah ich nichts mehr als Elisens Kleid
durch die schwarzen Nachtschatten hin und wieder gleiten. Jetzt mit einemmale
kam mir's vor, als verdopple sich dieser Schatten, und gehe auf der andern Seite
neben ihr. Doch blieb er nicht immer sichtbar. Zuweilen verlor er sich im
Gebüsch, dann mit einemmale sank er ganz zusammen, und schien nur bis an ihre
Kniee zu reichen.
    Was ist das? fragte ich mich, halb und halb meiner Sache gewiss. Ein Mann! so
wahr Gott lebt! ein Mann! rief ich, gab meinem Pferde die Sporen, und war, wie
der Blitz, bei den Erlen. Indem sprang Jemand zwischen den knisternden Zweigen
hindurch. Elise eilte pfeilschnell nach dem Garten zurück. Dort ereilte ich sie,
nachdem ich mich vergeblich bemüht hatte, jenen Flüchtling zu erhaschen. Er war,
wie vom Erdboden verschwunden. Das Gartentor musste von der andern Seite ins
Schloss gesprungen sein. Elise quälte sich umsonst, es zu öffnen, als ich vom
Pferde stieg, und dieses am Zügel haltend, mit den Worten zu ihr trat: »Warten
Sie, Cousine, ich will Ihnen helfen.« »Ich danke, ich danke Ihnen,« entgegnete
sie mit abgebrochener Stimme und schnellem, kurzem Atemzuge. Ich hatte ihre
Hand beim Drehen am Schloss berührt. Sie bebte wie von Fieberfrost geschüttelt.
»Mein Gott,« rief ich bestürzt, »Elise, was ist Ihnen?«
    »Lassen Sie es gut sein,« flehte sie kaum hörbar, »halten Sie Wort, Curd,
forschen Sie nicht, es hilft zu nichts mehr! Mein Gott!« seufzte sie, einen
Augenblick auf meinen Arm gestützt. »Bin ich doch bis zum Tode erschrocken!«
Doch gleich darauf nahm sie sich zusammen. »Es ist jetzt ganz vorüber,« lächelte
sie. »Reiten Sie nun ruhig weiter, ich bin ja zu Hause.«
    Sie machte sich los, und ging hinein. Ich sah sie den Abend nicht wieder.
Heute Morgen erschien sie auch nicht beim Frühstück. Ich höre, sie habe Briefe
erhalten. Ihre Kammerjungfer versichert, die arme Dame bade sich in ihren
Tränen.
    Ich bin geheilt, Gnädigste! Ich weiss, was diese Tränen bedeuten. Ohne allen
Zweifel war Hugo hier. Hätte ich ihn zu der Stunde, auf dem Gebiet meiner Mutter
gefasst, er wäre nicht lebend von der Stelle gekommen! Vergeben Sie, Frau Gräfin,
dass ich soviel und so Unbedeutendes schwatze. Die neuesten Tagsbegebenheiten,
selbst aus einem armen Dorfe, reissen stets die Feder wie die Gedanken mit sich
fort. Ueberdem greift das hier Vorgefallene in das Gewebe der letzten
Residenzgeschichten mit ein, und erhält dadurch einiges Interesse. Ich hoffe
deshalb auf Ihre Verzeihung.
    Gewähren Sie diese
                                                           Ihrem untertänigsten
                                                                           Curd.
 
                             Leontin an den Comtur
Alles vergebens! Ich kann sie nicht mehr auffinden! Es ist, als wären sie von
der Erde verschwunden. Bis hierher folgte ich einer Spur, die ich für die ihrige
hielt, und die mich auch wirklich nicht betrog. Es war natürlich, meine Richtung
nach der Heimat der Frau Oberhofmeisterin zu nehmen. Wir waren hierüber einig,
wie Sie sich erinnern werden. Ich durfte gleichwohl nicht auf der grossen Strasse
bleiben, gewiss, den Reisenden am wenigsten zu begegnen, wenn diesen, wie es das
Ansehen hatte, daran lag, Widerspruch und Gegenrede auszuweichen. Ich fand auch
bald in Gebirgshütten, in versteckten Taldörfern oder in entlegenen Klöstern
Nachricht von einer schönen, vornehmen Kranken, die, in Begleitung ihrer Mutter,
schnell und geheimnisvoll durch diese Orte reiste, wenige Stunden der Ruhe
gönnte, selten nur irgendwo an einem Orte übernachtete. Diese Eile, die
glänzende Equipage, das Incognito, alles erregte meine Aufmerksamkeit. Die Leute
erzählten gern davon, und vielleicht mehr und umständlicher, als es im Verfolg
gewohnter Weise auf gewöhnlichem Wege geschehen wäre. Ich erkannte indes hierin
die vorgreifende Hand der Oberhofmeisterin, die das Wie so oft über das Was in
ihrem leidenschaftlichen Wollen vergisst.
    So durchzog ich den Schwarzwald. Ich kam eines Abends bis zum Fusse eines der
höchsten Berge. Der Weg über denselben war in der Dunkelheit nicht mehr zu
finden. Ich kehrte in einem freundlichen Hof, bei wackern Leuten ein. Das
geräumige Haus, die geordneten Umgebungen liessen auf gastliche Bewohner
schliessen. Ich konnte nicht zweifeln, dass diese, an ähnlichen Besuch gewöhnt,
niemals durch denselben überrascht oder gestört werden würden. Gleichwohl nahm
ich nach dem ersten treuherzigen Grusse einige Befangenheit auf den ehrlichen
Gesichtern wahr, die mich verlegen machte. Es musste irgend ein besonderer Fall
sie persönlich getroffen, ihrer wohlwollenden Offenheit Zwang angelegt haben.
Ich ward in ein grosses, hallenartiges Gemach geführt, das eher einem
Vorratsgewölbe als einem Wohnzimmer ähnlich sah. Es standen offne und
verschlossene Schränke, Kisten und Kasten, auch Handwerksgerät und andere
Gegenstände umher. Als ich mich ein wenig verwundert hier umsah, lächelte der
Wirt, der allein bei mir geblieben, und ängstlich bemüht war, mir
Bequemlichkeiten zu verschaffen, welche der, zur Aufnahme von Fremden wenig
eingerichtete Raum, entbehrte. »Wir haben drüben einen Bau vorgenommen,« sagte
er, indem sein Auge verschämt zu Boden sah. »Das Kämmerchen, in welchem wir fürs
Erste eingeklemmt sind, hat nicht Platz für Gäste,« fuhr er mit abgewandtem
Gesicht fort. »Wir hätten uns deshalb auch gar nicht unterstanden, einem
vornehmen Herrn unser schlechtes Obdach anzubieten, wäre es nicht unrecht,
irgend Jemand von der Türe zu weisen, an die er geklopft hat.«
    Er sprach die letzten Worte lauter und zwangloser, als die frühern. Sie
kamen ihm aus dem Herzen. Er hatte dieses nun erleichtert, und bezeigte sich
während dem Herzutragen von Stühlen und Tischen, Speise und Trank, sehr herzlich
und gesprächig.
    Nach einer Weile blieb er indes weg. Es währte lange, ehe die Frau seine
Stelle einnahm. Ich behielt Zeit, bei mir über aufsteigende Zweifel
nachzudenken, welche diese sonderbare Aufnahme bei mir erregten.
    Wahr ist es, dachte ich, ich habe draussen ein Baugerüst, und auf der Flur
Leiter, Karren, Maurer- und Zimmergerät bemerkt, es mag mit dem Baue seine
Richtigkeit haben, allein wenn ich nicht irre, so ist die ganze vordere Seite
des Hauses überhaupt neu, und dieses Gewölbe, im Zusammenhange mit mehrern
andern, tiefer hineingehenden Gemächern, gehört zu dem eigentlichen
Hauptgebäude, das ziemlich geräumig sein, und ein wohnlicheres Unterkommen
bieten musste. Der redliche Mann stockte auch bei seiner Entschuldigung, als
schäme er sich einer Lüge. Was steckt nur dahinter verborgen?
    Die eintretende Wirtin unterbrach dies Selbstgespräch. Sie tat sehr emsig,
kehrte und wischte im Zimmer umher, ohne meine Fragen, in Betreff der jüngst
hier Vorübergereisten sonderlich zu beachten. Sie hatte darauf nur allgemeine
Antworten, meinte, so manch' Einer ergehe sich, oder werde die Berge hinauf oder
herab getragen, spreche bei ihnen ein, lasse auch wohl den stillen Hof bei Seite
liegen, ohne dass sie es sonderlich wahrnähmen. Sie sah dabei gleichgültig die
Zimmerwände an, und klagte, dass zwischen dem Schnitzwerk über der Türe die
Spinnen Jahr aus Jahr ein ihre Fäden zögen. Ich war den hausmütterlichen Blicken
gefolgt, der ernste und grossartige Charakter meiner Wohnung fiel mir aufs Neue
auf. Ich äusserte dies, zugleich über den Ursprung und die frühere Bedeutung des
ältern Teils des Hauses Erkundigungen einziehend. Die Frau gab keine
befriedigende Auskunft, wusste nur Allgemeines von einer ehemaligen Abtei zu
sagen, die hier gestanden, und über die umliegenden Klöster geherrscht habe.
Dies Zimmer solle eine Capelle gewesen sein. Alle die Aecker und Wiesen, die
Mühle und das ganze fruchtbare Tal habe dazu gehört. Später, als die Klöster
zerstört und wieder erbaut worden, wäre eine neue Ordnung an die Stelle der
alten getreten, die Abtei sei verödet und verfallen, an den Meistbietenden
verkauft worden, und der Besitz ihrer Familie durch Erbschaft verblieben.
    Ich hatte ihr aufmerksam zugehört, doch entging mir eine sonderbare Unruhe
im Hofe nicht, an welcher auch sie Anteil nahm, ohne es merken lassen zu
wollen. Im Gegenteil, redete sie lauter, je achtsamer sie meine Blicke nach dem
Fenster gerichtet sah. Ich konnte indes hier nichts entdecken, die Nacht war
sehr dunkel, oder schien mir doch so, da stark hervorspringende Mauerpfeiler und
hohe, alte Bäume die nächsten Gegenstände draussen verdeckten.
    Es ängstigte mich dies, und überhaupt, hier wie eingesperrt sitzen zu
müssen. Deshalb fragte ich, ob mich Niemand späterhin, wenn der Mond aufgegangen
sei, über den Berg geleiten wolle? Die Frau schüttelte den Kopf. »Es regnet,«
sagte sie, »und der unsichere Schimmer hinter dem Gewölk macht die Führer nur
irre.« Sie rate mir im Gegenteil, dass ich jetzt ein Paar Stunden zu schlafen
versuchen möchte. Frühe, mit Tagesanbruch, da lasse sich denn schon eher ein
Bote finden.
    Sie machte sich während dem daran, mein Lager zu bereiten. Matratzen,
Betttücher und Decken fanden sich in den Schränken vor. Sie ordnete alles aufs
Beste, stellte die Lampe zurecht, und wünschte mir mit dem Zusatze eine gute
Nacht, dass, wenn ich gegen Morgen aufbrechen wolle, ich den Schieber dort in der
Mauerblende wegziehen sollte. Man sehe unmittelbar einem langen Gang hinunter,
der zu ihrer Kammer führe. Ich brauche dann nur zu rufen, sie oder ihr Mann
würden mich schon hören. Sie ging mit diesen Worten zu der gegenüber
befindlichen Türe hinaus, die sie hinter sich verschloss.
    Ihre behende Eile machte es mir unmöglich, sie hieran zu hindern. Indes war
mir diese sonderbare Vorsichtsmassregel in dem anscheinend wohlgeordneten,
ruhigen Haushalte höchst auffallend; ich geriet in allerlei widersprechende
Besorgnisse, mit denen ich mich lange quälte, ohne an Schlaf zu denken.
    So, in dem altertümlichen Gemache auf- und abgehend, fiel mir der Schieber
in der Mauer, und die Möglichkeit wieder ein, Jemand errufen zu können.
Unwillkührlich näherte ich mich der bezeichneten Stelle, um einen vorläufigen
Versuch zu machen. Es gelang damit auch in so weit, als sich wirklich die
Öffnung in der Mauer vorfand, durch welche ich einem langen Gang hinuntersah.
Allein es war dabei noch nichts sonderlich gewonnen, da es ungewiss blieb, in
wiefern mich derselbe mit den Hausbewohnern in Verbindung setze? Immer war ich
sehr entfernt von den Letztern, denn es zeigte sich nur am äussersten Ende des
Ganges eine einzige Türe, und da ich diese, eben deshalb, weil es die einzige
war, genauer betrachtete, und der Zugwind sie auf- und zuschlug, blieb mir kein
Zweifel, dass sie nach einem mit Bäumen bewachsenen Vorhof oder Garten führe.
    Ich behielt keine Zeit, mir selbst in der ersten, unangenehmen Empfindung
entdeckter Täuschung recht klar zu werden, denn, indem ich nachsinnend so stand,
fiel ein schwacher Lichtstrahl durch jene Tür. Sie ward von Aussen völlig
aufgestossen; der Wirt, eine Laterne in der Hand haltend, trat herein, ihm
folgten ein Paar rüstige Männer. Sie schoben etwas bei Seite, das ich nicht
unterscheiden konnte. Dann stellten sie sich dicht zusammen, die Laterne ward
höher gehalten, ich konnte ihnen ins Gesicht sehen, sie lachten, und schienen
sich über einen Gegenstand, den sie einander zeigten, zu freuen. Bald hörte ich,
dass sie Geld zählten. Mir gingen widrige Vorstellungen durch den Kopf. Ich hatte
Leute und Wagen auf der nächsten Station zurückgelassen, und war, wie so oft in
dieser Zeit, mit einem Mietpferde die Gegend durchstrichen. Bis hierher war mir
nie das geringste Verdächtige aufgestossen. Das Volk umher ist so offen, auch die
Leute hier fand ich nicht anders, selbst in diesem zweideutigen Augenblick
schüttelten sie sich treuherzig die Hände mit einer Miene, die auf nichts
weniger als heimtückischen Raub schliessen liess. So trennten sie sich auch. Zwei
gingen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Der Hausherr verschwand an der
Stelle, wo ich die Seitenwand zu Ende glaubte.
    Unschlüssig, ob ich gleich jetzt Lärm machen, ob ich Jemand herbeirufen und
aufbrechen solle? besann ich mich, dass bei wirklich böser Absicht diese dadurch
nicht verhindert, der Augenblick nur beschleunigt, und meine Lage misslicher
werden müsste, da sich ohnfehlbar Alles gegen mich bewaffnen würde. Auf jeden
Fall, dünkte es mir, wäre meiner würdiger, den Ausgang ruhig abzuwarten, wodurch
ich mir denn auch die Beschämung möglichen Irrtums ersparte.
    Es blieb bei allem dem eine peinliche Nacht, die ich durchwachte.
    Ich sass lange vor einem Tischchen, auf welchem die Lampe stand. Müde und
doch gespannt, kämpfte ich zwischen Schlafen und Wachen, schloss und öffnete die
Augen, die ich nur unter unsäglicher Anstrengung offen erhielt. Oefter musste ich
sie fest auf einen Gegenstand heften, um sie nur nicht zufallen zu lassen.
    In solchem Moment sehe ich zwei verschlungene Buchstaben, die mit scharfer
Nadel in die glatt polirte Tischplatte hinein gezeichnet sind. Sichtlich ein
Gedankenspiel, das sich mehrmals wiederholte. Es war ein E und ein H. Es war
Emma's Hand, die mechanisch den stummen Gedanken des Herzens hingezeichnet
hatte. Weg war jetzt aller Schlaf. Ich starrte die wohlbekannten Schriftzüge an,
als könnten sie mir die lang gewünschte Auskunft geben.
    Hier war sie also gewesen! Vor diesem Tischchen hatte sie gesessen!
Vielleicht wie ich, den Kopf in die eine Hand gestützt, während die Andere jene
Zeichen malte! Aber wann? wann war das? Wohl ganz kürzlich erst! Wohl gar heute!
in dieser Nacht! -
    Ein entsetzlicher Gedanke flog an mir vorüber. Wenn sie es waren, wenn man
sie auf dem gefahrvollen Bergübergange beraubt, misshandelt, erschlagen! - Meine
Sinne verwirrten sich! Ich stürzte ans Fenster, ich rüttelte an der Türe, ich
rief donnernd dem langen, unheimlichen Gang hinunter. Es währte einige Minuten,
ehe man mich vernehmen mochte, dann eilten aber von allen Seiten Herr und Frau
und Knechte und Mägde herbei. Alle zeigten sich eben so betroffen als besorgt um
mich. Einen Augenblick stand ich ihnen verlegen gegenüber. Die Todesangst um
Emma riss mich indes in den vorigen Ungestüm zurück. Ich fragte gebieterisch, was
aus den Reisenden geworden sei, die hier verweilt, hier gewohnt hätten, die erst
kürzlich aufgebrochen seien, deren Handschrift, deren Namenszug ich hier auf dem
Tischchen wiedergefunden? Ich weiss es gewiss, setzte ich leidenschaftlicher
hinzu, erst in dieser Nacht verliessen sie dies Haus. Ich habe alles gesehen und
gehört, was sich zugetragen hat.
    Der Wirt stutzte, sah seine Frau an, dann lächelte er sorglos, legte mir
die Hand auf die Schulter, und meinte: »Was kann das Alles helfen, wahr bleibt
wahr. Aber lassen Sie es gut sein. Die Herrschaften wollten nicht, dass man ihnen
folge. Sie haben hier rasten müssen, weil die junge Dame nicht weiter
fortkonnte. Nun, wir räumten ihnen unsere ganze Wohnung ein. Das währte so einen
Tag nach dem andern. Besser ward es mit der Kranken nicht. Da meinte die Mutter,
sie wollten in aller Stille ihren Weg fortsetzen. Den nächsten Morgen sollte es
geschehen. Nun kamen Sie gestern Abend hier an, lieber Herr! Wegweisen durften
wir Sie nicht. Wir brachten Sie darum hierher, in die alte Rumpelkammer. Es war
uns peinlich genug, aber die alte, gnädige Frau befahl es so. Nachher forschte
sie uns genau über Sie aus. Wir mussten ihr Alles sagen. Ich weiss nicht, was ihr
in der Beschreibung so auffiel, dass sie ihrer Tochter ängstlich zuwinkte, dann
mit ihr heimlich redete, sie leise bat und bestürmte, und nach einer Weile
erklärte, sie wolle gleich abreisen. Ich solle ganz im Geheim für ein Paar
sichere Träger und Boten mit Laternen sorgen. Unsere Gegenvorstellungen führten
zu nichts. Sie blieb unbeweglich, sparte weder Geld noch Ueberredung, und war in
einer Stunde auf und davon. Es ging Alles glücklich. Ich begleitete sie. Jetzt
muss sie schon eine bedeutende Strecke über das Gebirge hinaus sein.«
    »Wohin ging ihr Weg?« fragte ich innerlich froh, ihnen so nahe zu sein. Ich
erhielt unbestimmten Bescheid. »Es teilen sich dort unten verschiedene Wege,«
hiess es, man könne nicht wissen, welchem die Reisenden gefolgt wären. Ich merkte
wohl, dass die Oberhofmeisterin Sorge getragen hatte, sich der Verschwiegenheit
ihrer redlichen Wirte zu versichern. Deshalb eilte ich fortzukommen.
    Während mein Pferd gesattelt ward, ging ich mit der Wirtin, Emma's Zimmer
zu besehen. Es trug noch die Spuren ganz neuerlicher Bewohnung. Am Boden lagen
getrocknete Blumen, Papierschnitzelchen, Haarnadeln. Ich sammelte, was ich in
der Eile bekommen konnte, und die Stühle, worauf der Koffer gestanden, die
übereinandergeworfenen Bettdecken, die leeren Tassen, ein kleines
Medizinfläschchen mit unbeschreiblicher Rührung anstarrend, zerknitterte ich
krampfhaft die in den Händen haltende Papiere, als mir einfiel, ob keines
derselben mir vielleicht ein hindeutendes Wort verraten könnte. Ich trat zum
Fenster, ich rollte Eins nach dem Andern auf, nur ein einziges war beschrieben,
und entielt folgende Worte:
    »So lange Dein Sommer währt - da! ja da! Wenn aber der Winter kommt, die
Natur todt, der Boden starr, die Luft schneidend wird, dürre Halme, von Reif
überglast, in Deiner Hand zerbrechen, Einsamer! wie wirst Du frieren! wie wird
Dein Herz verschmachten!«
    Giebt auch die Treue jemals sich selber auf? Ich bin der Gräfin Tag und
Nacht nachgeeilt, ehrwürdiger Herr! - Niemand weiss von ihr. Am Wohnorte der
Oberhofmeisterin ist man so unwissend über sie, als ich es bin.
    Morgen werde ich Audienz beim Fürsten und seiner Gemahlin erhalten.
Vielleicht dass dort!
                                                                         Abends.
Sie sind über Basel nach der Schweiz gegangen, und von da nach Italien. Ich
folge ihnen sogleich. Gott leite meine Schritte! -
 
                         Madame Lindhof an den Amtmann
Du schickst den Fritz allein mit der Kalesche zurück. Du kommst also immer noch
nicht nach Hause? Mich dünkt, lieber Sohn, Deine Gegenwart wäre hier sehr
nötig. Der Regen hält so lange an. Die Arbeit liegt. Ohne Dich wissen sich die
Leute nicht zu helfen. Ich fürchte, Du wirst in diesem Jahre einen grossen
Schaden in Deiner Wirtschaft erleiden.
    Wenn nur Deine Wünsche bei allem dem noch erfüllt würden, und die ungelegene
Reise zu etwas führte! Ich gestehe Dir, mich ängstigt der verlängerte Aufentalt
in der Residenz aus tausend Gründen. Der Fürst kann leicht Dein Gesuch übel
aufnehmen, und es müde werden, Dich zu begünstigen. Und am Ende ist es doch auch
wohl mehr Unbestand, als der Verlust Deiner guten Frau, was Dich hier wegtreibt!
Lass Dir die offenherzige Bemerkung nicht missfallen, lieber Sohn. Ich sage es,
wie ich denke; und denke es, weil ich Dich kenne. Glaube mir, in der Jugend
sucht der Mensch gar zu gerne nach einem Vorwande in sich, um das zu wollen, was
er gerne wollen möchte. Du wirst nun wohl sehen, dass es der Ort nicht tut, wenn
man den rechten Sinn nicht mitbringt.
    Du stützest Dich auf die letzten traurigen Ereignisse, und behauptest, hier
gehe alles Familienglück zu Grunde. Es sei, als walte ein finsterer Geist in
unserm Umkreis, der bald auf diesen, bald auf jenen niederfalle. Ich kann
solchen Aberglauben nicht billigen, lieber Sohn, Gottes Gnade lässt sich nicht
bannen. Wer auf sie baut, der mag stehen, wo er will, er steht in seiner Hand.
    Es ist wahr, es kann einem manchmal erschrecken, wie sich das Missgeschick
einnistet, und Leid und Trübsal unsere Tisch- und Bettgenossen werden, man immer
nur traurigen Gesichtern begegnet, und selbst die Kinder sich ängstlich umsehen,
ob auch kein neues Unglück im Winkel laure? Es ist so, lieber Sohn! wir erfuhren
es Alle, und erfahren es wohl noch. Allein jedes hat seine Zeit, und ich denke,
wäre man herzhafter, liesse man sich nicht beugen, sähe man mehr auf Gott, es
würde uns nicht so dunkel vor den Augen und so gepresst ums Herz bleiben.
    Was hilft das aber Alles! Du hast nun doch einmal Deinen Sinn auf
Veränderung gestellt. Du hältst hier nicht aus. Ich kann nicht sagen, ob Du
recht oder unrecht daran tust? Wenn es erst so weit ist; wenn man einmal ein
Gefühl ausgesprochen, einen Widerwillen, eine Besorgnis mitgeteilt hat, dann
freilich kommt der rechte Mut nicht wieder. Das Missvergnügen ist ansteckend wie
die Furchtsamkeit. Ich sagte vorhin, auch den Kindern werde es unheimlich hier.
Gestern Abend musste ich das wieder erfahren. Wenn die Scheu und Bangniss allein
schon ein Uebel ist, so zieht sie immer noch neue herbei.
    Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die grosse Stube ist kühl, und scheint die
Sonne nicht, so machen es die alten Linden trübe und feucht darinnen. Kinder
frieren leicht, wenn sie einmal nicht draussen im Freien sein können. Ich hatte
gegen Abend Feuer ins Kamin machen lassen. So lange die Flamme hell brannte, war
es eine Lust für die Kleinen. Wie sich aber das Holz verkohlte, und die Glut
matter und dunkler ward, dann die Dämmerung eintrat, da drängte sich der kleine
Kreis enger zusammen.
    Sie erzählten einander Hexengeschichten und andern tollen Schwank. Annchen
sass auf meinem Schoss im Winkel am Kamin. Sie hatte das Köpfchen an mich
angelehnt, und sah zuweilen, mit den klugen Augen blinzelnd in die meinigen. Ich
küsste sie, indem ich, von der Aehnlichkeit mit der Verstorbenen getroffen, leise
sagte: »Ganz wie die Mutter!« Der arme, kleine Georg hatte unterdessen sein
Fussbänkchen dicht zu mir herangezogen, die Aermchen um meine Kniee geschlungen,
das Gesicht hineingedrückt, als wolle er schlafen. Jetzt hörte ich ihn
schluchzen, und da ich sanft seinen Kopf in die Höhe richte, bricht es wie ein
Schrei aus dem kleinen, gepressten Herzen: »Mutter! Mutter kommt auch gar nicht
wieder!« Mir ging das durch die Seele, und vollends, als Annchen altklug
versicherte: »Mutter ist todt, ja gewiss, sie ist todt!« Georg sah entsetzt auf,
seine Tränen stockten. Es war, als wolle er mir das Ja oder Nein auf den Lippen
lesen. Ich hatte Mühe, ihm die Bedeutung von Annchens Äusserung begreiflich zu
machen. Er seufzte tief, kam zu mir herauf, und sagte mir leise ins Ohr: »Darf
ich denn nicht mehr in unser Haus gehen? Ich möchte doch so gern!« Er brachte
das Letzte nur unter vielen Tränen stockend heraus. »Vater,« flüsterte ich eben
so leise, »hat den Schlüssel mitgenommen. Du weisst ja, die Türen sind
verschlossen, wir können sie nicht aufmachen.«
    »Wir können sie nicht aufmachen?« wiederholte er, das Köpfchen nachdenkend
in die Höhe richtend. »Und Mutter auch nicht, wenn sie wiederkommt?« setzte er
hinzu. Ich küsste ihn, mit der Bitte, nur bis dahin Geduld zu haben. Allein er
wiederholte bittend: »aber ich möchte doch so gern, so gern in unser Haus gehen!
komm doch, komm!« bis ich ihn zuletzt ermahnen musste, artig und folgsam zu sein.
Annchen gab hier, wie immer, ihr Wort dazu, und drohte mit dem schwarzen Manne,
wenn er noch länger weinen würde. Im nämlichen Augenblick stiess der Wind ein
Fenster auf, die Kammertür gegenüber sprang aus dem Schloss, der Wind fuhr
heulend durchs Zimmer, die ältern Kinder flüchteten sich ängstlich ans Kamin.
Franz stiess mit dem Fuss die Glut zusammen, warf frisches Holz hinein, und als
dieses prasselnd aufflackerte und der Schein den nächsten Umkreis erhellte,
sagte er, es sei was Schwarzes durch die Stube gegangen.
    Die Kleinen fingen nun laut an zu schreien. Ich schalt ihn töricht, rief
die Magd, hiess sie Licht bringen, und suchte in der Zwischenzeit die
erschrockenen Kinder zu beruhigen.
    Allein auch ich sollte ein wenig ausser Fassung geraten, als wirklich eine
Figur auf mich zuschritt, und ich erst nach einer Weile den halb verwirrten,
unglücklichen Caplan erkannte, der von der Gartenseite durch die Kammer
hereingekommen war. Bei dem ersten Laut seiner Stimme zitterte Georg so heftig,
dass ich, alle Gastlichkeit bei Seite lassend, zuerst das Kind entfernen, und es
der Obhut seines alten Dieners einstweilen überlassen musste. Als ich zurückkam,
war der unstäte Tavanelli schon wieder verschwunden. Ich war nahe daran, ihn für
einen Spuck zu halten, hätte mich Franz nicht versichert, er sei wirklich hier
gewesen, habe mir und Georg finster nachgesehen, und mit Unwillen ausgerufen:
»So hassen, so fliehen sie mich Alle! Ich meinte es gut! Sie verstehen es nicht
besser!« Worauf er nach der Türe eilte, und im Hinausgehen, ohne sich
umzusehen, hinzufügte: »Sagt der Grossmutter, ich würde wiederkommen, ich müsste
sie sprechen!«
    Mir machte das Letztere angst und bange. Der ganze Abend war mir verdorben.
Bei jedem Windstosse, bei dem Rascheln der Blätter an den Scheiben, bei dem
Knarren der Türe, fuhr ich in die Höhe, und glaubte, jetzt komme er ganz gewiss.
Doch eine Stunde nach der andern verging, ohne dass er weiter etwas von sich
hören liess. Ich wachte die ganze Nacht, aus Furcht, Georg könne aufs Neue durch
ungestümes Pochen oder Anrufen des wüsten Menschen gestört werden. Der arme
Kleine ist durch all die erschütternden Auftritte so erregt, so gespannt, dass er
wie im Fieber bis zum Morgen unruhig träumt. Ich war nur froh, dass gegen Mittag
das Wetter hell ward, und ich mit ihm drüben im Schlossgarten umhergehen konnte.
Er sprang ganz munter vor mir her, und war so freudig, dass mir das Herz wehe
tat; er mochte glauben, heute werde die Mutter kommen. Er sah mich öfter so
recht listig forschend an, als ahnde er irgend eine heimliche Ueberraschung.
Armes, armes Kind! um was haben Dich nicht die Menschen gebracht! Er merkte dann
wohl, dass es mit seinen Erwartungen nichts sei. Er ward still, und schlich
endlich müde neben mir her. Zuletzt kletterte er noch an dem Fenstergesims
hinan, klammerte sich mit beiden Händen an das Kreuzholz, und bemühte sich
augenscheinlich, durch die Spalte der geschlossenen Läden in das Innere des
Hauses hineinzusehen. Ich liess ihn tun, was er wollte. Nach einer Weile drehte
er das Köpfchen seitwärts zu mir herum, indem er, mit weinerlichem Verziehen der
Lippen, sagte: »Hier hat Mutter geschlafen und ich auch! Schläft Mutter wieder
hier, wenn sie kommt?«
    Ich nickte bejahend, ohne etwas erwiedern zu können. Tränen traten mir in
die Augen.
    Mein Gott! was wird aus dem Knaben werden, wenn er es endlich erfährt, dass
ihm die Mutter verloren ist! Könnte er noch hier unter Bekannten bleiben, allein
ich fürchte, der Präsident wird ihn abholen, sobald er in seinem neuen
Aufentaltsorte eingerichtet ist. Dann sterben wohl alle die Erinnerungen; und
das liebe, weiche, sehnsüchtige Kind wird ganz ein anderer Mensch, als es
geworden wäre, wenn alles natürlich und glücklich blieb.
    Siehst Du, lieber Sohn! aus ähnlichen Gründen habe ich solche Scheu vor der
ruhelosen Sucht, an sich und seinem Geschick zu ändern. Was man erst viel hin-
und herrückt, das wird wackeligt. Es steht zuletzt nirgend recht fest. Und
vollends Kinder! Sie gewöhnen sich wohl, aber einmal aus ihrem Gange
herausgerissen, neigen sie sich hierhin und dortin. Der frische, gerade,
natürliche Wuchs der Seele, der bleibt es doch nicht.
    Du weisst, was ich sagen will. Bedenke, was Du tust!
    Ich wollte hier schliessen. Aber ich habe Dir noch etwas zu erzählen, was
gewiss recht sonderbar ist. Es betrifft den Caplan.
    Glücklicherweise hatte er nicht Wort gehalten. Meine Angst war vergeblich.
Bis jetzt hörte ich nichts weiter von ihm. Nun ich mich sicher glaubte, fiel mir
doch ein, dass es kindisch gewesen, ihm so auszuweichen. Vielleicht hatte er mir
wirklich etwas zu sagen. Der Präsident konnte ihn geschickt, mit irgend einer
Bestellung an mich beauftragt haben; meine Eile, die erschrockene Hast, mit der
ich Georg entfernte, verdross ihn wohl deshalb doppelt, und aus gerechter
Empfindlichkeit blieb er lieber ganz weg, als sich einem ähnlichen Empfange
auszusetzen. Mein Gewissen sprach mich nicht ganz frei von Vorwürfen. Ich fragte
mich ernstlich, weshalb ich denn eigentlich seinen Anblick so scheute? Es kam
denn am Ende doch nur auf unheimliches Grauen, auf geheimen Widerwillen heraus,
den man sich niemals gegen einen Menschen in dem Masse erlauben sollte. Mein
strenges Examen gab mir den Mut, im Hause nachzufragen, ob Herr Tavanelli nicht
wieder hier gewesen, oder vielleicht noch drüben im Schloss sei? Die Arbeiter
kamen vom Feld, als ich diese Erkundigungen einzog. Sie hörten es, und
versetzten lachend, noch vor Sonnenaufgang hätten sie ihn mit grossen Schritten
neben der tollen Landstreicherin, der einäugigen Marte, über die Kalkhöhen der
Talheide zuschreiten sehen. Die tiefe, dunkle Schlucht versteckte sie bald
darauf, allein gegen Mittag sei die Magd unten aus der Mühle herauf gekommen,
und die habe erzählt: Als sie frühe ihre Ziegen über den Steg am Bache, den
Buchen und Erlen entlang trieb, da fand sie ganz zufällig den bunten Plunder der
alten Trödlerin auf dem Rasen verstreut. Ein aufgerissenes Packet lag daneben.
Sie betrachtete einen Augenblick die fremden Dinge, und wie sie so Eins und das
Andere in die Hand nimmt, findet sie auch noch ein beschriebenes Papier, in
welchem etwas eingewickelt war. Sie macht es auf, ein goldener Ring lag darin.
Mein Gott! denkt das Mädchen, wer lässt hier so etwas liegen? Gewissenhaft eilt
sie damit zur Mühle. Der Müller ist gerade beschäftigt, die Schaufeln zu
stellen. Die Frau nimmt ihr den Fund ab, besieht den Ring von allen Seiten, kann
aber von dem Geschriebenen auf dem Blättchen nichts lesen. Sie verschliesst
gleichwohl beides, und heisst das Mädchen nur wieder gehen. Als diese, ganz in
Gedanken, zurückkehrt, und sich nach ihren Ziegen umsieht, bemerkt sie zwischen
den Bäumen auf der Höhe etwas Schwarzes, das sich eilig durch das Dickicht
windet, zugleich lacht Jemand hell auf, und kreischt mit Hohn: »Sei kein Narr,
Caspar! eine Mutter findest Du nicht alle Tage!« Es sei die alte Marte gewesen,
versicherte das Mädchen, sie habe sie wohl erkannt an dem hellen Ton. Da sie
solche aber anrufen wollte, verlor sie sich schnell immer weiter zwischen den
Bergen. Nicht lange darauf stand der Caplan vor der Mühle. Er klopfte ängstlich
an die Türe, sah todtenblass aus und zitterte in heftigem Fieberfrost. Die
Müllerin liess ihn sogleich ein. Er konnte nicht ein Wort hervorbringen, sank
matt und krank auf einen Schemel, und liegt noch krank, wie im Fieber rasend.
    »Ei!« sagte ich, als ich das hörte, »da muss ich gleich hin, und sorgen, dass
dem Unglücklichen geholfen wird.«
    »Was wollen Sie denn noch lange helfen, Madame?« antwortete mir der alte
Klaus. »Der ist reif. Lassen Sie ihn immer das Bad ausbaden. Hat er es doch
nicht besser gewollt.«
    Ich verwies ihm die unbilligen Worte. Aber er schüttelte den Kopf und sagte
so viel, um mich in dem lang gehegten Verdacht zu bestärken, dass ein Brief des
Caplan, vielleicht durch Klaus bestellt, den Präsidenten an jenem Unglücksabend
hierher berief. Nichts desto weniger hielt ich es doch für meine Pflicht, dem
ganz Verlassenen beizustehen. Ich fuhr daher sogleich nach der Mühle. Allein,
lieber Sohn, was ich dort hören und sehen musste, überstieg weit meine Erwartung.
Anfangs war es nur der Kranke, der uns Sorge machte. Was der in den
Fieberphantasien sprach, durfte man eben nicht sonderlich achten. Doch nun, als
gegen Abend die rohe Stimme der herantobenden Marte sich vernehmen liess, die
Verwilderte, mit ihren aufgerafften Lumpen im Arm, ungestüm in die Stube trat,
mit stotternder Zunge nach dem vermissten Ringe und nach Tavanelli forschte; ihn
bald Sohn, bald verwünschte Teufelsbrut nannte - ach! lieber Franz, Du kennst
Deine Mutter, Du wirst Dir einbilden, wie mich solch' widriger Auftritt
ängstigte.
    Ich sass erst ganz still in einem Winkel, an das Krankenbett gedrückt, ohne
Mut zu haben, der Frechen den Eintritt zu verwehren. Doch, wie sie die Türe
endlich halb erstürmte, den armen Schlummernden laut anschrie, ihren Ring von
ihm forderte, da fasste ich mir ein Herz, nahm sie beim Arm und führte sie
hinaus, indem ich ihr leise zuflüsterte, mir zu folgen, ich wollte ihr alles
Verlorne wieder zustellen. Sie sah mich ungewiss an, tat aber, was ich ihr
sagte. Als die Müllerin das Päckchen aus dem Schranke herausnahm, griff Marte
mit hässlicher, tierischer Gier darnach, ihr schiefliegendes Auge blitzte hell.
»Da!« rief sie, mir den Ring und das Blatt hinhaltend, »lesen Sie, lesen Sie! Er
will es nicht glauben. Aber, es ist, so wahr Gott lebt, wahr! Sein Vater hat mir
die Ehe versprochen. Hier steht es, und den Ring gab er mir, da ich seine - -«
    Sie lachte hell auf. Ich schlug beschämt die Augen nieder, ohne ihr zu
widersprechen. Ich glaubte, sie fasele. Aber, lieber Franz, sie sprach wahr. Sie
liess nicht ab, ich musste die betrügerische Verschreibung lesen. Es war
Tavanelli's Vater, der sie verführt und verlassen hatte. Gott weiss, durch welche
Künste sie dem Caplan seinen weltlichen Namen entlockte, unter dem sein Vater
vor fünf und zwanzig Jahren als Geschäftsführer in einem grossen Handelshause
unserer Residenz lebte. Er verschwand dann mit einemmale, kehrte nach seinem
Vaterlande, dem Voralbergischen zurück, wo er heiratete, und dem
Bedaurungswerten ein Dasein gab, dessen blosse Möglichkeit zu denken, Martens
wildem Sinn tausend Flüche entlockte.
    Dies und noch viel mehr, was meine Feder nicht aufzeichnen kann, vertraute
sie mir auf eine rohe, stürmische Weise. In ihrer Brust stritten Hass und Liebe
für den Sohn des Treulosen. Sie gestand unter lautem Lachen, dass sie nicht von
ihm lassen könne, dass sie ihm, seit sie die Entdeckung gemacht, zu der die grosse
Aehnlichkeit mit dem unvergesslichen Geliebten ihr den Weg gezeigt, auf Tritt und
Schritt folge, und seine Flucht sie heute vor Tagesanbruch durch die Berge
gejagt habe.
    Auf meine Versicherung, dass er ernstlich, vielleicht gefährlich krank sei,
ward sie stille. Ihre harten Züge milderten sich, ihr Auge hatte fast einen
rührenden Ausdruck. Sie setzte sich auf die Schwelle der Türe, welche zu dem
Caplan führte. Ich bewachte sie sorgsam, bis der Arzt kam. Sie tat nichts, als
von Zeit zu Zeit den Ring besehen, ihn an den Finger stecken, wieder abziehen,
in das Blatt wickeln, und beides im Busen verbergen, bis sie nach einer Weile
dasselbe Spiel wieder von Neuem anfing. Zuletzt schlief sie ein. Ich war froh,
als unser guter Doctor kam. Dem habe ich nun Beide übergeben. Er wird Sorge
tragen, dass der Caplan zum Prior in unser Kloster, und Marte in eine
Verpflegungsanstalt gebracht wird.
    O Franz, Franz! mir schaudert vor dem, was dem übertretenen Gebote folgt.
    Ich kann den Anblick der elend gewordenen Frau nicht vergessen! So tief, so
ganz tief musste sie sinken! Ach! sie war doch auch einmal ein schuldloses,
frohes Mädchen, und gewiss auch ein gutes Kind, von dem die Mutter Freude und
Segen erwartete. Wie oft mag das Lächeln dieses verzerrten Mundes Entzücken in
dem Herzen der Mutter geweckt haben! Und jetzt -
    Eins ist mir nachher erst eingefallen. Tavanilli klagte in seiner Phantasie
oft und ängstlich über eine Gestorbene. Wer kann sie sein? Ich finde sie nicht
in meinen Gedanken.
    Siehst Du, was es ist, wenn man einem unbequemen Begegniss in der Welt aus
dem Wege gehen will. Hätte ich gestern Georg gezeigt, wie man sich überwinden
und bezwingen müsse, um Andern nicht wehe zu tun, ich hätte Tavanelli gehört,
all das Störende wäre wohl unterblieben, und mich ängstigten weder Vorwürfe noch
geheime Sorge um die Todte, von der ich nichts weiss, von der ich mehr zu
erfahren, peinlich zittre.
    Komm bald, lieber Sohn; Du siehst, es geht hier Alles wunderlich
durcheinander, ohne Deine Gegenwart.
 
                                Heinrich an Hugo
Endlich ein Brief! Ich atme auf. Du hältst Dich noch einigermassen im
Gleichgewicht, Du wirst nicht umschlagen! Die kleine Liebelei konnte Dich
berühren, doch nicht erschüttern. Was sollte Dir auch der Roman? Das ist nicht
Deine Welt, Hugo! Glaube nur, Dein weitstrebender Sinn überfliegt die Phantasie
einer Frau. Jede wird sich in Dir verrechnen, Du eine jede überschätzen, und sie
dann fallen lassen. Dies Geschlecht tändelt nur mit dem Namen Freundschaft, um
der Liebe desto freiern Spielraum zu verschaffen. Die steten Bebungen
kleinlicher Gefühle dulden keinen ruhigen Widerschein der Idee. Es ist
vergebens, die weibliche Brust fasst das colossale Bild des Universums niemals.
Deshalb, Hugo! ängstige Dich nicht, dass der Rausch verflog, und Du etwas
nüchtern um Dich siehst. Die Täuschung hält bei Dir nicht lange an, Du greifst
zu weit aus, um nicht das lose Gespinnst sentimentaler Träume über kurz oder
lang zu zerreissen. Deine schöne, freigeisterische Amazone, Hugo! ist doch nur
ein leidenschaftlich bewegtes Weib, von weit mehr keckem Trotz, als starkem
Mut. Am Ende bereuen Alle, was sie unvorsichtig wollten und kraftlos halb
vollbrachten. Lass sie, wie sie ist. Kümmere Dich nicht darum, dass Du sie Dir
anders dachtest. Es war ein Irrtum. Wer wird um ein Nichts trauern! Man belacht
sich bald, wenn man nur erst über sich hinaus ist. Und auf dem Wege bist Du.
    Ich gestehe Dir, dass ich Deine Versöhnung mit Emma wünsche. So gewisse, lose
Bande kannst Du brauchen, um einigermassen im Gleichgewicht zu bleiben. Im
Allgemeinen ist die Ehe ein Unding für Dich. Aber die bescheidene Frau, die
nichts will, als nur nicht gerade einer Andern nachstehen, die in allem Uebrigen
zurücktritt, Dich verehrt und willig gewähren lässt, die kannst Du leiten. Sie
wird Dir überall folgen, ohne Dich zu hindern. Und wenn dabei auch nichts anders
herauskommt, als dass Dir selbst klarer bewusst wird, indem Du Deinen Willen auf
einen Andern übertrügst. Schüler, Hugo! machen erst Meister.
    Auch ist man dem Rufe immer etwas schuldig. Du kannst nicht wohl aus einem
Bündnis heraustreten, dem die verjährte Meinung Heiligkeit beilegt. Stösst man
erst die Welt vor den Kopf, so entstehen tausend und tausend andere Köpfe, die
Arme und Beine, und Füsse und Hände kriegen, und den Weg durch sie hin
unbeschreiblich unbequem machen.
    Entschliesse Dich daher schnell. Mache Deinen Frieden mit Emma. Im Grunde
verlangst Du selbst darnach. Es wird Dir eben nicht schwer werden. Herrschest Du
doch immer noch in dem allzu abhängigen Herzen. Deine Ueberredung bringt die
Mutter ohne Weiteres zum Schweigen, daran ist kein Zweifel. Und was will denn
diese hoch und stark gesinnte Mutter anders, als ihr einziges Kind in seinen
Rechten ungekränkt, frei und würdig bewahrt wissen. Ich gestehe Dir, diese Frau
scheint mir unter denen, die Du nennst, die Bedeutendere. Ist ihr Weg auch ein
ziemlich alltäglicher, so ist er doch scharf und bestimmt gezeichnet. Sie kann
sich nie um einen Schritt verirren, und erreicht sie ihr Ziel nicht, so kommt es
ihr gleichwohl nicht aus den Augen. Sie wird Deiner Wiedervereinigung mit Emma
nicht hinderlich sein, sobald sie nur die Nebenbuhlerin entfernt weiss. Dass diese
sich entfernen liess, dass sie Dich aufgab, dass der Schrecken sie von dem dreisten
Fluge zurück auf die Erde schleudern konnte, dass sie sich da winselnd krümmte -
weg, Hugo! Weg von dem charakterlosen Wesen, das zu der kühnen Luftfahrt alles,
nur keine Schwingen mitbrachte!
    Eine Besorgnis anderer Art, die mich an die Wiederherstellung Deiner frühern
Verhältnisse denken lässt, ist die äussere Unabhängigkeit. Du weisst, lieber Hugo!
wie sehr ich Anfangs gegen die Vorschläge des Comtur war, wie es mich ärgerte,
dass man Dich durch eine veränderte Stellung erhöhen zu können glaubte, wie
kindisch mir all der verwickelte Rechtskram dünkte, und was ich von solchen
Institutionen halte, an welchen Ruhe und Glück eines Menschen scheitern müssen.
Du wirst nicht glauben, dass ich der zufälligen Form mehr einräume, als sie wert
ist. Gleichwohl gibt es gewisse Bedingungen zu einem würdigen Dasein, die nicht
aus der Acht zu lassen sind. Der Oheim lebt noch, Hugo! denke daran, Du wurdest
sein Erbe, weil er es wollte. Er könnte es auch einmal anders wollen. Die
Trennung von Emma, die gänzliche Störung des kaum Begründeten, muss ihn sehr
verletzen. Es ist ein zäher, hartnäckiger Sinn in ihm, wie Du ihn mir früher
schildertest. Nimm Dich in Acht, erbittere ihn nicht. - Die militärischen
Reminiscenzen, und was damit zusammenhängt, erschrecken mich aus diesem Grunde
besonders. Was willst Du auch damit? das sind wohl Anklänge aus Deinem alten
Rittersitz! Ich dachte den Wust hättest Du hinter Dir! Muss ich Dich noch auf so
rohem Pfade treffen, da hellere Bahnen vor Dir offen liegen?
    Gehe in Dich, Hugo! und schreibe mir bald an Emma's Seite, dass Du ruhig,
weise, und Dir selbst zurückgegeben bist.
 
                             Sophie an den Comtur
Erlaubt es Ihre Gesundheit, lieber Freund! so bitte ich Sie, kommen Sie heute
noch auf eine Stunde zu mir. Es ist sehr notwendig, dass ich Sie spreche.
 
                                    Antwort
Das Podagra hält mich wieder einmal gefangen, beste Sophie! Ich bediene mich,
selbst für diese Paar Worte, einer fremden Hand. Scheuen Sie sich aber deshalb
nicht, mir Alles zu schreiben, was Sie der Mitteilung wert halten. Das Auge
Ihres alten Freundes ist so wenig stumpf, wie seine Seele. Haben Sie Nachricht
aus Italien?
 
                                   Von Sophie
                                                                Desselben Tages.
Ja, ich habe Nachricht; aber nicht aus Italien. Sie sind nicht bis dahin
gekommen! - Lieber Freund! was brauche ich noch weiter hinzuzusetzen. Sie
ahndeten es immer! Das arme Herz ist gebrochen! Alle Schmerzen, alle Klagen
blieben in ihm verschlossen. Wie hätte die innere Qual es nicht zerdrückt! Ich
weiss nicht, sollen wir es ein Unglück nennen, dass es so schnell mit ihr endete?
Das Leben wird dem Einsamen sehr lang? und die Gewohnheit ist nichts als eine
einschläfernde Begleiterin!
    Der Arzt, zu dem ich in der Eile schickte, bringt Ihnen diese Zeilen. Er
wird Alles ergänzen, was Sie darin vermissen könnten. Ich gestehe, ich bin in
einiger Verwirrung. Der Tod überrascht auch da, wo er laut genug anrückte. Der
Riss vom Leben war hier freilich geschehen, aber das sinnliche Band verbirgt uns
diesen gern noch eine Weile. Und dann die Mutter! die Mutter! O mein Gott, was
senkt sie Alles in dies eine Grab!
    Von ihr nicht ein Wort! nicht eine Silbe! Sie ist bei den Nonnen in dem
Waldkloster, unweit Freiburg geblieben, Emma starb in den heiligen Mauern. Der
dortige Abt hat unserm Nachbar, dem Prior der Premonstratenser, den Todtesfall
berichtet, mit dem Bedeuten, mich davon in Kenntnis zu setzen. Es ist ein
trockener Bericht, den ich Ihnen erspare. Schon einige Zeit vorher hatte
Tavanelli hier und da dunkle Winke von dem früh beendeten Geschick der Gräfin
gegeben. Man erzählte sich davon, doch glaubte Niemand dem unstäten,
herumstreichenden Flüchtling, der überall war, nirgends verweilte und eben so
verworren als vermessen redete. Gleichwohl scheint er in einer Art Verkehr mit
den Reisenden gestanden zu haben. Es ist sogar wahrscheinlich, dass ihn die
Oberhofmeisterin in Aufträgen versandte. Vielleicht folgte er ihr auch nur in
seiner Verzweiflung, da er hier nicht auszuhalten vermochte. Der Zustand, in
welchem er sich darauf wieder zeigte, die Vorgänge in der Mühle, die wilden
Phantasien, denen er fast erlag, deuteten auf gewaltsame Erschütterungen des
Gemüts, die jede seiner Äusserungen verdächtig machen. Die Tannenhäuserin sagte
mir zuerst davon, auch dass er Hugo im Walde getroffen, als dieser mit dem Gewehr
auf dem Rücken den Forst durchstrich; erschrocken sei er erst geflohen, dem
Grafen jedoch später in den Weg getreten und den Hut abziehend, stotterte er
hastig und furchtsam unverständliche Worte vom Tode der Gräfin.
    Hugo, von unaussprechlichem Schmerz ergriffen, stierte dem wahnsinnigen
Tavanelli unbeweglich nach, als dieser schnell wie der Blitz davon eilte.
Todtenblass, sagte mir die Frau, sei der Graf zu ihr eingetreten, habe ihr den
Vorgang erzählt, sogleich aber hinzugesetzt: Er wisse wohl, was von Faseleien
eines kranken Menschen zu halten sei, doch gestehe er, könne er des gehabten
Schreckens noch nicht Herr werden.
    Es ist hierdurch so viel gewonnen, dass die Wahrheit ihn nicht ganz
unvorbereitet trifft. Doch wird sie ihn gewaltig fassen. Es ist unmöglich, dass
seine jetzige Freiheit ihm nicht die Qual solcher Träume gäbe, in denen man
fliegt und fliegt, und plötzlich fällt und erwacht. Ich weiss nicht, wie er mit
sich selber steht? Was er sich sagen, wie er sich beruhigen wird? Der erste
Augenblick wird schrecklich sein! Doch die Notwendigkeit, vor sich zu bestehen,
leihet dem Willen sehr vieler Menschen so beruhigende Gründe, dass die Phantasie
blass und das Gefühl stumm wird. Auch heilen die Schmerzen des Gewissens am
schnellsten, weil sie die unbequemsten sind. Wer weiss, regen sich selbst diese
Schmerzen in ihm! Die Umstände müssen Vieles auf sich nehmen, was die
verzärtelte Brust nicht tragen kann. Der Schreck macht bald genug mattem
Bedauern Platz.
    Nein, ich will nicht bitter sein! Gewiss nicht! Doch sonderbar genug,
verletzt mich dieser Tod mehr, als er mich rührt; ihn wie eine Tat, nicht wie
eine Schickung betrachtend, suche ich seine Urheber ausserhalb, und ohne irgend
eine Seele anklagen zu wollen, zürne ich mit dem Leben, dass es solche Lücken
lassen kann!
    Ich hatte immer noch gehofft! das sehe ich nun wohl! Aber dass Sie, lieber
Freund! Sie allein, hierdurch am Tiefsten leiden werden, das ists, was mich
diese Zeilen so starr und spröde anfangen, und jetzt so überwältigt schliessen
lässt. Kalt wollte ich über das Verlorne reden, und tun, als sei es längst
eingebüsst; aber man fühlt es erst, was der leise Hauch zweier warmen Lippen
beleben kann; wenn aber das Eis des Todes solche auf ewig geschlossen hat? - -
Dann, doch lassen Sie mich abbrechen! Wir ziehen Trauerkleider an, wie die Erde,
wenn es Winter wird, und bis die neue Sonne kommt, muss Vieles, Vieles in uns
sterben! - Ich bin zu unruhig, von mehr als einer Seite zu bewegt, um Ihnen
jetzt viel sagen zu können. Denken Sie doch an Elise - Gemüter wie das ihrige
werden im Unglück höher und stärker, aber auch zuversichtlicher und bewusster. Es
taugt nicht, sich selbst soviel zu verdanken zu haben! Wenn sich die beiden
Menschen jetzt auf ihrem Wege begegnen, wenn der Schlag, der sie
gemeinschaftlich trifft, sie zwingt, einander zu halten, was wird aus Elise
werden, wenn sie dann nicht vereinigt bleiben? Und denken Sie an die
Möglichkeit, dass Hugo zum zweitenmal, jetzt -? Unmöglich! Wie ich ihn kenne,
unmöglich.
    Ich schreibe Ihnen nächstens wieder, lieber Freund. Lassen Sie mich durch
den Arzt wissen, wie Ihr Gesundheitszustand ist? und ob ich hoffen darf, Sie in
den warmen Tagen schneller hergestellt, hier bei mir zu sehen? -
    Werden Sie Hugo sprechen? Wollen Sie ihm die erschütternde Nachricht zuerst
mitteilen? Wäre es nicht besser, der Arzt übernähme die traurige Pflicht? oder
ich sagte ihm, was er wissen muss? Ja, schicken Sie ihn mir. Ich bin darauf
gefasst. Ich will ihn erwarten. Sein Sie unbesorgt, ich werde ihn in seinem
Schmerz ehren. Der Unglückliche ist mir heilig. Wie könnte ich, ihm gegenüber,
daran denken, dass er der Todten nicht wert war. Ich will es lieber auch so
nicht denken, denn wer weiss auch, ob es so ist? Im Urteil fühlt der Mensch erst
seinen unermesslichen Abstand von dem Allsehenden.
    Gute Nacht, armer Freund! Wie wird Ihr schönes Herz trauern!
 
                                Elise an Sophie
Ist es wahr? Ist es? - O sagen Sie Nein. Ich beschwöre Sie, Sophie, sagen Sie
Nein. Ich vergehe vor Angst!
    Verstehen Sie mich nicht? - Gottlob! dann ist es nichts! dann hat er nur
gefaselt! dann habe ich Vieles, Vieles mit dem entsetzlichsten Schrecken
abgebüsst.
    Ach, Liebe! fragen Sie mich nicht. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es will
nicht über meine Lippen, nicht in meine Feder.
    Ich weiss nicht mehr, was ich tue! Erst sollte Ihnen ein fliegender Bote
meinen Brief bringen. Ich konnte nicht eilig genug Antwort darauf erhalten.
Jetzt zögere ich, und zögere! Was werden Sie mir denn sagen, Sophie?
    Wenn es, hören Sie, Liebe! bedenken Sie wohl, dass Ihr Ja mich zerschmettern
müsste. Es wäre zu schrecklich! -
    Mein Gott, ich war ja in mein Geschick ergeben. Ich tat auf jede
Lebensfreude Verzicht. Ganz still, ganz verborgen, wollte ich ihn nur denken.
Die Freistatt des Gedankens, die, glaubte ich, dürfe mir bleiben. Ich trat ja
hier Niemanden zu nahe, ich war ja so klein, so gebeugt! weshalb sucht mich mein
unversöhnliches Geschick auf dem engen, dürren Fleckchen Erde auf, warum schickt
es solche Botschaft an mich?
    Jenen Abend werde ich nie vergessen, er steht wie ein Blick in die Hölle,
schwarz, kalt und auch siedend heiss, voll unglaublichen Qualen, Tag und Nacht
vor mir.
    Denken Sie nur, ich befand mich ganz allein auf einem abendlichen
Spatziergang. Die Sonne war längst untergegangen. Dünste stiegen auf. Ich sah
die Sterne, einen nach dem andern zwischen feinen Wölkchen hervortreten. Es war
da oben so weit, so erleuchtet. Die Lüfte schwirrten wie Fittige über mir, ich
glaubte das Schreiten der Geister zu hören, ich fühlte den Geist aller Geister
mit unnennbarem, mit bebendem Entzücken. Hugo war mir nahe, wie in den
untergegangenen Tagen. Es gab keine Trennung mehr! So, so! dachte ich, wird es
sein. So ist es schon! Was soll erst werden? rief ich. Hat je die Seele etwas
verloren? Kann sie sagen, es sei ihr fern, was sie liebt? Kennt sie eine Zeit?
Undankbares Geschlecht! so reich bist du ausgestattet, und du klagst, wenn die
rollenden Stunden ablaufen, als behieltest du deine Gegenwart nicht ewig
lebendig in Dir?
    Sophie, liebe Sophie! die freiere Bewegung meiner Brust liess mich nicht
ruhig auf einer Stelle bleiben. Ich ging hin und her. Ich ging mit Ihnen, mit
Hugo, Georg sprang vor mir her. Zweifeln Sie, dass ich im Himmel war? Da, mit
einemmale stürzt in der Dunkelheit ein Mensch auf mich zu, ohne Hut, mit weit
aufgerissenem Kleide; er atmet schwer, und streckt die Hände nach mir aus, als
wolle er mich im Weitergehen aufhalten. Ich erschrack, dass mir's durch alle
Glieder fuhr, und bog schnell von der Seite in ein Gebüsch hinein. Doch, ehe ich
es erreichte, stand Tavanelli neben mir. »Was machen Sie hier?« fragte ich
entschlossen. Mein Herz schlug heftig. Mir ahndete ein Unglück. Mein erster
Gedanke war Georg. »Reden Sie,« drang ich unruhig in ihn. Er stürzte mir zu
Füssen, brach in Tränen aus, bekannte, dass er an mir zum Verräter ward,
vermengte Schuld und Pflicht, Gefühl und Reue, verlor den Faden seiner Gedanken,
und liess, aus dem Wust wahnsinniger Leidenschaft, die schreckliche Nachricht in
mein zitterndes Herz fallen.
    Ich sah und hörte nichts mehr. Mit Entsetzen floh ich vor ihm. Ich dachte
der Todesangst zu entrinnen. War er nur erst hinter mir, dann glaubte ich frei
zu atmen. Aber ich kann mich nicht erholen, liebe Sophie! Ich komme nicht
wieder zu mir selbst. Es ist der Schrecken! nicht wahr, es ist gewiss nur der
Schrecken? Wenn wir krank sind, sind wir auch schwach, voller Einbildungen, das
Bewusstsein selbst wird bestochen.
    Haben Sie Mitleid mit meinem Zustande. Sagen Sie Ihr Nein oder Ja gleich zu
Anfang des Briefes.
    Ja? wenn es ein Ja wäre! Hugo! unglückseliger Hugo!
 
                                    Antwort
Sie wissen jetzt Alles, liebste Elise. Die gütige, sanfte Madame Lindhof hatte
es schon früher übernommen, an Sie zu schreiben, ehe noch Ihr Brief zu mir
gelangte. Ich danke es ihr. Sie würden mir es schwer gemacht haben, wahr zu
sein!
    Arme Elise! so schonungslos musste Sie diese Nachricht treffen! Man wird
zuweilen versucht, zu denken, das Schicksal könnte milder mit dem Menschen
verfahren. Aber was weiss man von diesen geheimnisvollen Wegen!
    Tavanelli ist wie ein Gewitterstrahl in Ihr Haus gefahren. Alles hat er
übereinander geworfen, die ganze Ordnung des Lebens gestört. Dass das so ein
Mensch kann, ohne es zu wissen und zu wollen!
    Lieber Gott! er dachte jetzt auch nicht an das, was er tat. Er trägt auch
keine andere Schuld, als dass er ist, wie er ist. Sie beide hätten einander nicht
begegnen müssen! Sie rissen ihn aus seiner stillen Welt, er hat die Ihrige
verwüstet. Seine unwillkommene Erscheinung ward stets von Widerwärtigem für Sie
begleitet.
    Aber, lassen wir ihn! Möge seine Nähe Sie nie wieder ängstigen.
    Von Hugo wollte ich mit Ihnen sprechen. Seinetwegen müssen Sie jetzt doppelt
leiden. Die Ungewissheit, was in ihm vorgeht, lässt es in Ihnen zu keiner Fassung
kommen.
    Er war gestern Morgen bei mir. Ich hatte ihn zu sprechen gewünscht. Er trat
mit seiner wehmütigen Gelassenheit, wie sonst, zu mir ein. Ich glaubte ihn noch
unwissend über Emma's schnelles Ende. Er war es nicht. Ich las das nach den
ersten Minuten in seinem Auge. Er richtete es mit einem Blick nach mir, der zu
sagen schien: »Kein Wort! kein Wort jetzt! Der Todten weiches Flüstern allein
will ich hören. Gönnen Sie mir das stille Gespräch.«
    Ich sah von ihm weg zu Boden. Wir setzten uns. Er versank in tiefe Gedanken.
Eine ganze Weile ging so schweigend hin. Wahrscheinlich vergass er völlig, wo er
sich befand. Mechanisch war er gekommen, hatte seinen Platz neben mir gefunden,
und liess nun die Seele weiter in ihrem Traume schimmern. Ich ergriff endlich
seine Hand. Er erschrack. »Nun?« fragte er, näher zu mir rückend. Es mochte ihm
einfallen, dass Sie mir vielleicht einen Auftrag für ihn gegeben hätten, denn er
setzte, ins Sopha zurücksinkend, betrübt hinzu: »Ich kann mir denken, was sie
leidet! Hat sie Ihnen geschrieben?« fragte er hierauf. Ich bejahte es.
    »Emma hat ihr auch geschrieben,« sagte er leise, mit bebender, von Tränen
erstickter Stimme. Sein Schmerz brach gewaltsam, ihn ganz mit sich fortreissend,
hervor.
    Ich begriff, wie er diese Erschütterung fürchten, wie er sich durch Abwehren
jedes fremden Berührens bis dahin zurückhalten musste. Er tat mir
unaussprechlich leid, denn der Kampf zitterte durch sein ganzes Wesen.
    Ich sagte ihm nichts. Er konnte jetzt nur mit sich selber zurecht kommen. Er
fasste sich denn auch. »Ich werde es mir niemals verzeihen,« hub er nach einer
Pause an, »dass ich sie von ihrer stillen Bahn auf meinen Weg herüber riss. Die
Ordnung der Natur verschmerzt niemals eine Verletzung.«
    Ich verstand ihn nur halb, unwissend, ob er über Sie oder Emma rede. Er
meinte eben die Letztere, denn er erwähnte die Mutter, indem er behauptete,
diese allein habe recht gehabt. Ihre Abneigung gegen ihn sei aus dem Vorwurf
entsprungen, den sie sich, der Tochter nachgegeben zu haben, gemacht. »Ich
erriet dieses bald,« seufzte er tief. Und das Auge aufwärts gerichtet, als sehe
er die, von der er sprach, sagte er: »Das war ein Gestirn, das seinen Lichtkreis
unvermischt, in ruhiger Klarheit ausgiessen musste. Emma war bestimmt, einzeln da
zu stehen. Sie leuchtete am Saume des Tages, wie Abschied und Verkündigung. Der
Tag selbst, in seiner ruhelosen Arbeit verschlang sie.«
    »Die Stunden,« entgegnete ich, von dem Bilde getroffen, »wogen zwischen
Abend und Morgen auf und ab, und der liebe Stern ist an jedem Wendepunkt
derselbe.«
    Hugo sah mich an, ohne etwas zu erwiedern. »Ja, ja!« rief er, mich auf seine
Weise missverstehend. »Sie hat Erwachen und Aufhören in mir ziemlich nahe
gerückt. Ich tauge zu nichts mehr. Ein Schlag der Art lähmt die beste Kraft.
Wozu,« lächelte er schmerzlich, »lebt man auch? Es ergänzt sich die Welt, wie
man es träumt! Die Besten verkennen einander! Sie hat mich auch verkannt!«
    Er stand hier von seinem Platze auf, und ging mit leisen, weit ausgreifenden
Schritten das Zimmer auf und ab, ohne das gesenkte Auge aufzuschlagen.
    »Emma hätte Sie missverstanden?« fragte ich jetzt, das Gespräch wieder
anknüpfend.
    Er blieb vor mir stehen. »Ja, ja!« erwiederte er mit liebevollem Lächeln.
»Gott weiss,« fuhr er fort, »wie dies auf meinen Tisch kam?« Er zog einen Brief
aus dem Busen und gab ihn mir. Es war Emma's Hand. »Soll ich?« fragte ich, das
Schreiben aus dem Couvert ziehend. Er nickte bejahend. Ich las, während er
seinen Gang durchs Zimmer fortsetzte, folgende erschütternde Worte, die ich
abzuschreiben späterhin von ihm die Erlaubnis erhielt:
    »Unbewusst, wie ich Dich fand, geliebter Mann, werde ich Dir entrissen. Ich
verliess Dich nicht, das glaube mir. Ich verlasse Dich auch jetzt nicht. Aber die
Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lässt ihn niederfallen. Du bleibst
diesseits, ich bin bestimmt, jenseits lange zu warten, bis der Tag des Erwachens
kommt. Dann werden wir uns ja doch wiederfinden! Lieber Hugo! das Scheiden wird
mir sehr schwer! Ich nehme wohl Dein Bild - Dein ganzes Selbst mit hinüber in
meine Welt, aber es ist doch viel, viel anders, als wenn ich Dich noch sehen und
hören könnte. Wenigstens scheint es den sterblichen Sinnen so! Die Lebendigen
vergessen so oft, wie viel diese warme, bewegliche Gemeinschaft des Daseins ist!
Ich schaudre doch ein wenig vor der langen, langen Trennung! - Die Hand wird
vertrocknen, die in der Deinen lag, das Auge verlöschen, das nur im Glanze
Deines lieben Blickes sich spiegeln mochte! Hugo! - O Gott! Es ist eine
sonderbare Empfindung, sich das so sagen zu müssen! Wir sind recht schwach! Sei
Du es nicht! Betrübe Dich nicht so sehr! Ich weiss, dass Du in der ersten Zeit
nicht anders kannst. Es ist ja natürlich! denn war ich Dir auch wohl oft
hinderlich, so ist Dein Herz zu gross, um meine Liebe zu verwerfen. Der Gedanke,
Dich leidend zu wissen, durch das leidend, was Dir von mir kommt! - Lieber,
guter Mann! es tut mir noch weher, als der Abschied von Dir. Du wirst es dann
aber auch einsehen, wie es doch im Grunde das Beste für uns Beide ist.
    Es ist der einzige Weg, ewige Trennung zwischen uns zu verhüten. Deine Seele
wäre hart, die meine schwankend geworden. Gott weiss, wohin das führen konnte!
    In wenig Augenblicken bin ich - Ach Hugo! Hugo! - Ich starb Dir schon so
lange. Darum weine nicht! Hörst Du, lieber Mann! weine nicht um mich! Wenn Du
nun frei wirst, mein Freund! so erschrick weiter nicht. Was Dich im Augenblick
mit Schauder erfüllt, es war der stille Gedanke Deiner Seele. Ihr seid für
einander geschaffen. Wolle nicht weiser sein, wie der Schöpfer selbst. Er hatte
es so bestimmt, ich drängte mich zwischen Euch. Guter Hugo, Du hast recht viel
gelitten! Wie werde ich mich freuen, wenn ich Dich endlich glücklich weiss!
    Ich hätte Dir wohl noch etwas zu sagen. Aber es klingt Dir fremd. Es ist
Deine Sprache nicht. Von mir hättest Du sie auch wohl niemals gelernt. Das aber
darf ich Dir vertrauen, und weil es wahr ist, so wird es auch Dein Herz finden.
Ohne meinen Glauben könnte ich Dich nicht ruhig verlassen, könnte ich Elise
nicht lieben. - Und doch liebe ich Dich, schöner Engel! der Du bestimmt warst,
das Gewebe süsser, quälender Täuschungen zu zerreissen. Du wusstest, was Du
widerstrebend tatest. Sei überzeugt, meine Elise! ich fühle, was Dich
beherrschte. Ich am wenigsten kann Dich tadeln. O sei und mache glücklich, mir
raubst Du nichts mehr! Höheres wie menschliches Gesetz öffnet Euch die Wege zur
ruhigen Vereinigung. - Bleibt Euch treu! die Welt wird verzeihen, was Gott
beschützt. Seinem Schutz empfiehlt Euch mein Gebet. - Hugo! lieber Hugo! Der
Vorhang fällt - vergieb Deiner Emma.«
    Ich habe keins von den an Sie gerichteten Worten ausgelassen, liebe Elise!
Hugo wollte es so. Ich las sie damals unter heissen Tränen. Ihr Freund weinte
nicht. Er war sehr ernst. Es schien, sein Gemüt sammle sich zu einem bestimmten
Entschluss. Ich mochte ihn nicht stören. Doch er hub selbst mit bleichen,
erschütternden Zügen an: »Es ist unbegreiflich, auf welchem Wege diese Zeilen in
mein Zimmer, auf meinen Tisch gelangten. Kein Mensch im Schloss weiss eine Silbe
davon.«
    Sie kennen seinen Hang, an Uebernatürliches zu glauben, und sagten mir
einmal, dass ihn die Möglichkeit geheimnisvoller Gemeinschaft mit der Geisterwelt
unwiderstehlich durchschauere, dass eine unverkennbare Sehnsucht darnach, ihn bei
dem zweifelnden Verstande allerlei Scheingründe von der Phantasie erbetteln
lasse.
    Ich las jetzt auf seinem Gesicht irgend eine unheimliche Vermutung, der ich
dadurch zu begegnen glaubte, dass ich Tavanelli nannte, und bemerkte, wie wohl
durch ihn die Botschaft an Alle zugleich ergangen sei.
    Der Graf schüttelte den Kopf. »Unmöglich!« sagte er. »Ich begegnete dem
Unglücklichen im Walde. Die wahnsinnige Weise seines Betragens lässt auf keine
Consequenz und Besonnenheit irgend einer Art schliessen. Und weshalb hätte er mir
nicht damals den Brief gegeben, wenn er in dessen Besitz war?«
    Ich erwiederte Alles das hierauf, was so nahe liegt, und in ruhiger Stimmung
von Niemanden übersehen werden kann, ich führte gerade den gestörten Verstand
des Caplan als Beweis listiger Geheimhaltung und kindischem Ausplaudern seiner
Aufträge, an, indem ich mich auf andere Widersprüche seines letztern Benehmens
berief. Allein Hugo lag daran, das Wunderbare nicht erklärt wissen zu wollen. Er
blieb immer bei der Frage: wie Tavanelli unbemerkt in sein Zimmer gekommen, wie
er hätte wissen können, ihn nicht dort zu finden? Ich liess es dahingestellt
sein. Wir sprachen nicht weiter davon, aber ich dachte wohl an die
Oberhofmeisterin, der es nirgends, und daher auch hier im Schloss nicht an
verborgenem Anhang fehlt. Plötzlich, schonungslos, fern von menschlicher
Teilnahme, hat sie das Herz des verhasstesten aller Menschen treffen, es
zermalmen wollen, ehe noch irgend Jemand um sein Unglück wusste. Es ist Alles
gelungen, wenn man das Gelingen nennen kann, was eines Andern Pein vermehrt.
    Ich besah, mit diesen Gedanken beschäftigt, den Umschlag des Briefs, und
fand, unterhalb der Addresse, Stunde und Tag bemerkt, an welchem die Gräfin
gestorben war, so dass diese Nachricht ihrem Gatten zuerst in die Augen fallen,
und den Eindruck der Abschiedsworte noch erschütternder machen musste. In den
undeutlichen Schriftzügen war die Hand des Schreibers übrigens nicht zu
erkennen.
    Hugo bemerkte die Aufmerksamkeit, mit welcher ich das Äussere des Briefs
betrachtete. Er fragte: »Was fällt Ihnen hier auf?« »Nichts,« lächelte ich, als
dass ein geistiger Bote so materieller Bescheinigung nicht bedürfe. Und wie viel
sanfter und friedlicher würde das Wehen der scheidenden Seele die Ihrige berührt
haben, wenn ein Durchfliegen der Räume möglich wäre!«
    Er sah mich ungewiss an. »Sie haben wohl recht,« hub er tiefsinnig an,
»allein es lag etwas Tröstliches darin, dass ich an Emma's Nähe, in dem Zimmer,
das sie so liebte, glauben konnte. Ich war deshalb an die Burg gefesselt, die
sonst auf mich drückt.«
    »Warum,« fragte ich, »wollen Sie die geliebte Nähe da bezweifeln, wo Sie sie
warm und lebendig empfinden? Die Erinnerung hat beselende Kraft, und es gibt
geweihte Plätze, an denen sie mächtiger ist, als an andern. Wenn ich das
Gespenstische bestreite, so lasse ich darum dem Geistigen sein volles Recht.«
    »Gewiss! Gewiss!« erwiederte er zerstreut. Sein Blick hatte Ihr Miniaturbild,
Elise! in der Fenstervertiefung entdeckt. Es ängstigte ihn augenscheinlich, dass
er öfter darauf hinsehen musste. Er griff nach seinem Hut. »Leben Sie wohl!«
sagte er voll Innigkeit. Ich reichte ihm die Hand. Er schüttelte sie bewegt aber
eilig, und ging mit den Worten: »Ich komme wieder! Bald! Morgen vielleicht!«
    Er war fort. Ich behielt einen undeutlichen Eindruck von ihm. Glauben Sie
mir, er ist sich selbst nicht klar. Die Tannenhäuserin war vor einer Stunde
hier. Sie erzählte, gestern Abend sei Walter zu ihr gekommen, und habe gesagt:
Als er ohnlängst am neuen Bau bei Wehrheim vorüber ging, die halbaufgeführten
Mauern, die Steine am Wasser, die grossen Quader zur Treppe und was sonst noch an
Material herbeigeschaft war, bedauernd ansah, und bei sich dachte, dass nun
diese Mühe auch umsonst gewesen, die grossen Anstalten zu nichts führten, und
alle gemachten Pläne der Besitzer, wie die kurze Ehe und das häusliche Glück, in
Stücken umherlägen, da sei Jemand durch das alte Tor, was noch stehen
geblieben, hindurch, auf die Baustelle geritten. Dort stieg der Reiter vom
Pferde, und dieses am Zügel haltend, stand er eine Weile vor dem angefangenen
Gebäude, als durchlaufe er mit den Augen die Umrisse, wie den ganzen Entwurf
desselben.
    Walter erkannte, trotz der Dämmerung und dem bewölkten Himmel, den Grafen.
Er wollte ihn nicht stören, trat deshalb zurück hinter die Stützen des Gerüstes.
Jener glaubte sich allein, er machte eine heftige Bewegung mit dem Arm, indem er
sich abwandte, als wolle er das Nichtige und Vergebliche menschlicher Vorsätze
ausdrücken. Der Trauerhandschuh, den er abgezogen hatte und nicht fest zwischen
den Fingern hielt, flog hierbei seitwärts auf die Spitze einer Stange oben am
Gerüst, der Graf sah in die Höhe. Die schwarze Hand, welche gleichsam in der
Luft zu schweben schien, und wie ein Wahrzeichen herabdrohte, mochte ihn
erschrecken; er warf sich eilig auf's Pferd und sprengte davon.
    Walter gestand, dass auch ihm die schwarzen, herüberhängenden Finger, vom
Winde bewegt, ein Grauen eingejagt, und er sich rasch auf und davon gemacht
hätte.
    Beide, die Tannenhäuserin und er, redeten noch mancherlei über die
Umwandlungen in der gräflichen Familie, als es an's Fenster pochte und eine
bekannte Stimme fragte, ob der Graf hier sei? Die Wirtin öffnete das Haus.
Birkner, Hugo's Kammerdiener war es. Einige Schritte weiter hielt dessen
Jagdwagen. Er war bepackt und die Laternen angesteckt.
    »Ihr Herr ist nicht hier,« sagte die Tannenhäuserin, »allein, mein lieber
Birkner, Sie scheinen reisefertig, wollen Sie den Grafen nur abholen, um ihn von
hieraus auf längerer Fahrt zu begleiten?«
    »Das weiss der Himmel,« versetzte jener, »ob heute endlich etwas daraus wird.
Wir packen seit ein Paar Tagen Abends und Morgens, und kommen nicht von der
Stelle.«
    Es pfiff hier hell durch den Wald. »Aha!« rief der ungeduldig Wartende, »da
ist er! nun wollen wir sehen, wohin wir unsere Schritte lenken werden?«
    Hugo kam langsam von der Seite herbei geritten. »Kehre nur um!« sagte er
halblaut. »Ein andermal! Ich reite voraus.«
    Er grüsste nach dem Hause zu, in welchem er Jemand stehen sah.
    »Da haben wir's!« flüsterte Birkner, mit den Achseln zuckend. »Das ist ein
Elend! kein Wille und kein Entschluss! Wozu denn nur die unnützen Befehle und die
Plackerei? Zur Ausführung kommt es doch nicht!«
    Hugo wandte hier sein Pferd, und kam gerade auf das Haus zu. »Sind Sie noch
auf den Beinen?« sagte er, bei seiner alten Freundin anhaltend. »Guten Abend!
guten Abend!« fügte er leutselig hinzu. »Ich konnte doch nicht ohne Gruss
vorüberreiten.«
    Es entspann sich nun bald ein Gespräch zwischen Beiden, das freilich von
seiner Seite einsilbig, wie immer, blieb; doch veranlassten ihn die Fragen der
dreistgemachten Frau, ob er denn wirklich verreisen wolle? und wohin? was am
Ende aus den schönen Gütern und dem angefangenen Hausbau werden solle? ob er es
mit ansehen könne, dass Alles unvollendet liegen, und Mühe und Arbeit umsonst
bliebe? Zu der schmerzlichen Wiederholung der Worte, dass Alles unvollendet
liegen bliebe! »Ja, ja, meine gute Frau!« setzte er schwermütig hinzu, »das
geht im Leben nicht anders! Es zerstört unsere Arbeit, wie uns selbst. Gute
Nacht!« sagte er dann weich, und im Wegreiten bemerkte er: »Ich bin noch nicht
weg! Wer weiss! Gute Nacht! gute Nacht!« Und damit ritt er fort.
    Liebe Elise, das ist Alles, was ich Ihnen über Hugo mitzuteilen weiss. Ich
habe ihn vor Ihnen sprechen und handeln lassen. Sie selbst werden ihn
beurteilen. Sagen Sie mir doch nur recht bald, wie Sie in sich Ruhe und Mut
wiederfanden? Ihr letzter Brief hat mich sehr erschreckt.
 
                                 Elise an Hugo
Wenn es möglich wäre, dass ein Brief von mir Sie störte, wenn ich denken müsste,
die Erinnerung an mich sei Ihnen jetzt peinlich, ich würde weder Sie noch mich
verstehen!
    Man will mir etwas Aehnliches glauben machen. Aber ich glaube es nicht.
    Ihr Schweigen, das jene Mutmassung rechtfertigen könnte, beweist mir nichts,
als dass Sie meiner nicht so gewiss sind, als ich Ihrer. Das ist freilich schlimm.
Mein Gott! sollten wir uns in dem Augenblick missverstehen, wo ein entsetzliches
Unglück uns aus der Welt hinaus stösst, und zu gemeinschaftlichem Schmerz
verbindet?
    Klügeln wir nicht, Hugo! die Zeit der Täuschung ist vorbei, es hilft nichts,
unschuldiger sein zu wollen, als das Bewusstsein es erlaubt; wir, wir tödteten
Emma.
    Können Sie noch in ein anderes Auge sehen, als das meinige, das allein Ihr
Elend und Ihre Reue zurückspiegelt?
    Nein, wir sind unzertrennlich!
    Was Sie auch tun, was Sie den Freunden, den Nächstgebliebenen auch sagen
mögen, es kennt Niemand wie ich den Faden, von dessen ersten Verknüpfung,
Schlinge in Schlinge sich schürzte, bis das ganze, unzerreissbare Netz über uns
alle ausgespannt lag.
    Wer wird es Ihnen, wer wird es mir glauben, dass wir unwissend fehlten?
    Keiner! Keiner! ich bin es gewiss.
    Mit wem wollen Sie denn sprechen, wenn Sie auch den Ton meiner Stimme
scheuen? In wessen Herz suchen Sie Antwort auf tausend ängstliche Fragen, die
Entsetzen und Schmerz in Ihnen heraufrufen? Seit wann fürchten Sie die Liebe?
Wissen Sie sonst noch etwas auf der Welt, das Sie ihr an Grösse und Herrlichkeit
zur Seite stellen könnten? Haben wir es denn nicht eben jetzt erst erfahren, dass
man aus Liebe sterben, doch die nicht missverstehen kann, die man liebt?
    O Hugo! wie sollen wir vereinzelt auf dem schwebenden Erdball stehen, der
uns auf- und abwärts schnellt? Und stehen, in sich bestehen will doch der
Mensch. Sie wollen es auch. Sie sind nur mit der innern Heimat zerfallen.
Können Sie den Weg zu ihr nicht wiederfinden?
    Dass jener erste Riss uns auseinander hielt, das war natürlich. Sie hatten
Manches gut zu machen. Sie konnten es vielleicht, so lange Emma atmete, lag der
Friede dieser schönen Seele auf Ihrem Gewissen. Sie durften annehmen, dass ich
Sie hierin verstand. Ich hatte Ihnen auch damals nichts zu sagen, denn von dem
Augenblick an, da ich mich selber erkannte, suchte ich Sie nicht mehr auf dem
betrüglichen Schauplatz, wo wir uns beide verirrten. Wo ich Sie suchte, da
blieben Sie mir unverloren.
    Jetzt, jetzt ist alles anders! Es gibt nichts mehr zu schonen, nichts mehr
zu tun! Keines Menschen Verzeihung zu gewinnen. Jedes Band ist zerrissen. Wir
lösen uns auf in Nichts, wenn wir nicht aneinander halten.
    Das werden Sie mir nicht sagen, das werden Sie nicht denken wollen, dass
Alles, Alles, das kurze, warme, helle Leben Lüge war. Und wenn die innige
Zuneigung, die zärtliche Verehrung - ach! wenn das, was ich nicht nennen kann,
dies einzig Wahre bleibt in dem schaudervollen Wechsel des Daseins, wie dürfen
Sie es verleugnen in dem Wahne, die Vollendete dadurch zu beleidigen?
    Antworten Sie mir, Hugo! Sagen Sie mir, ob ich auch von Ihnen geträumt habe?
Sophie wird mir Ihren Brief zuschicken.
 
                                    Antwort
Ich weiss es nicht, Elise, ob wir beide geträumt haben? ich weiss auch nicht, ob
ich nicht noch träume? Oder jetzt, und damals vielleicht nicht?
    Vergeben Sie mir, wenn es dumpf und öde in mir ist. Es bleibt nicht immer
so, aber ich halte diese Stimmung fest, denn eine andere! - -
    Haben Sie gelesen, Elise! die stillen, bescheidenen, zärtlichen Worte? Ja
wohl, die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lässt ihn fallen! Was
sollte auch der Engel an meiner Seite? Ich hatte keinen Sinn für diese einfache
Güte. Erkennen musste ich sie wohl, doch empfinden - empfinden -! wer empfindet
den Andern in seinem geheimnisvollen Selbst?
    Die Liebe könnte es! Die Liebe? Ist mir doch, als wäre sie auch ein Traum! -
    Ich glaube, es ist von allen Seiten ein Vorhang zwischen mir und dem Himmel
gefallen! Es fehlt viel, sehr viel, dass uns die Sonne allgegenwärtig bliebe. Es
gibt lange, lange Nächte in unserm Leben. Wir wissen darin nichts von Licht und
Wärme, und sind so eingehüllt in Finsternis, so träge, so schläfrig, dass wir uns
auch nicht einmal darnach sehnen.
    Lassen Sie mich so, liebe Freundin. Besser nichts von sich zu wissen, als zu
viel.
    Sehen Sie wohl, ich hatte Ihnen gar nichts Neues zu sagen. Darum schwieg ich
auch. Sie müssen wissen, ich bin ganz mit den Worten überhaupt zerfallen,
seitdem ich einsah, dass der Mensch ihrer nicht immer Herr ist. Sie strafen mich
nun dafür. Ich finde selten eins, das ich gebrauchen könnte, mich verständlich
zu machen. Mich dünkt auch, Sie, Elise! sollten ihnen misstrauen! Auch in Ihnen
spricht die Seele anders, als es die Lippen auszudrücken vermögen. Warum, ach
warum bleibt Vieles nicht ungesagt! - Auch jetzt! - Es ergänzt das Gefühl
lieber, als dass es den scharfen Klang vernimmt!
    Vergeben Sie. Mein Inneres ist wund, der Hauch des zartesten Grusses verletzt
mich. Wie muss doch Alles anders sein, denn ehemals - nicht wahr, wir verstanden
einander immer?
    Ich will hinaus ins Freie gehen. Ich will mich besinnen. Vielleicht wird es
wieder wie ehemals - - - -
O Elise, was haben Sie getan! Sie haben gerufen, und ich bin dem Tone gefolgt.
Nun bin ich elender als vorher.
    Ich war bei Ihnen drüben in Ihrem Hause, in Ihrem Garten, zum erstenmale
seit langer, langer Zeit. Sonst, wenn ich das Dorf von fern liegen sah, dann
schreckte mich die Oede drinnen. Ich wandte das Auge ab, wie man es einst beim
Scheiden von der Welt wenden wird, mit sonderbar entzücktem Grauen. Was war auch
hier geschehen! Was hatte ich nicht erfahren! Vom Jüngling alterte ich zum
Greis. Hier sah ich mein Glück versinken.
    Heute widerstand ich nicht. Es lockte mich, ich weiss nicht was? Ich ging den
Pfad, der durch die Wiesen führt; der schmale Graben mit seinem grünen Rande und
den tausend Vergissmeinnicht, vom Grase halb verdeckt, die roten Federnelken,
der feuchte Hauch des rinnenden Gewässers, es duftete wie an den kühlen Abenden,
wo ich Sie von der Burg zurückgeleitete. Nun stand ich unter der alten,
breitgewipfelten Weide, rechts schlängelte sich der Bach, jenseits winkten die
Erlen. Da ist der kleine Steg! noch ein Schritt, und ich bin in Ihrem Garten.
    Kommen Sie, o kommen Sie nie wieder hierher! Erst Monate sind es, und schon
verwildert, verwachsen, mit Gestripp überzogen, kaum die Wege noch kenntlich, wo
Ihr Fuss gewandelt!
    So schnell ist das Leben im Zerstören, so geschwind verwischen sich Spuren!
    Ich war ganz irre geworden. Ich bog die Zweige auseinander, ich wandt mich
hindurch. Da lag das Haus. Türen und Laden geschlossen, hohes Gras auf der
Terrasse, keine Ihrer Blumen mehr zu sehen, die Kübel leer. Georgs kleine
Giesskanne umgestürzt in einem Winkel unter der Tonne am Giebel. Spaden und Hacke
daneben, nichts lebte hier, als die alte Ziege und der Pfau, den man beiden
vergönnte, die blumenlosen Beete zu berupfen.
    Ausgestorben! ausgestorben! das war das einzige Wort, das mir aus allen
Ecken entgegen schallte. Ich setzte mich auf die steinerne Bank vor dem Hause.
Ich sass so lange. Es ward spät. Da hustete etwas und schurrte langsam mit
stolperndem Schritte heran. Es war der alte Gartenknecht Karl, der so oft das
Tor hinter mir schloss, wenn ich Abends spät wegritt. Er erschrack, da er mich
sah, so fremd war ich ihm geworden. Das Leben macht die Zeit kurz oder lang.
Hier war kein Leben mehr. Ich grüsste ihn. »Wer hat die Schlüssel zum Hause,
lieber Mann?« fragte ich. Er entgegnete: »Sie sind auf dem Amte, aber ich
schlafe hier unten, und kann durch die Seitentüre hinein, und so sind alle
Zimmer zugängig.« Er merkte wohl, was ich wollte, und ich, dass er mich
verstanden. »Wollt Ihr so gut sein, Alter?« sagte ich, »Gern,« erwiederte er.
Wir traten in die untern Gewölbe. »Warten Sie,« bat er, »ich muss erst ein Licht
anzünden, oben sind die Laden geschlossen, es dunkelt schon, und man sieht da
nicht, wo man hintritt.« So gingen wir die Seitentreppen rechts hinauf, jener
voran, ich hintendrein. Wie unsere Tritte durch das leere Haus schallten, wie
jedes gesprochene Wort so hohl klang! Er öffnete Ihr kleines Gartencabinett,
Elise! Das kleine Lichtstümpfchen, das wir hineintrugen, warf nur fahlen
Schimmer umher. »Lass Er,« rief ich, und drängte den Mann und das Licht hinaus.
»Wie Sie befehlen,« entgegnete er. Ich zog die Türe hinter mir zu. Ich war
allein. Der Duft Ihrer Blumen, Ihre englischen Bücher, die bekannten Gegenstände
auf Ihrem Schreibtisch, kurz, der Atem Ihrer Welt, Ihrer lebendigen Nähe, wehte
mir entgegen. Ich warf mich auf das kleine Sopha am Ofen. Die Kissen lagen noch
so zusammengeschoben, wie Sie solche zur grössern Bequemlichkeit gewöhnlich
legten.
    Was soll ich viel von dem Schmerze reden, der mich ganz, ganz gefangen nahm!
Einen Augenblick vergass ich Alles. Ich wusste nicht ein Wort von der Welt, ausser
uns. Dann kamen andere Gedanken, andere Vorstellungen. Ich sprang auf. Ich
verliess das liebe, kleine Gemach mit einer Angst, als läge die Hölle auf mir.
Der gute, alte Mann draussen sah mich halb verwundert, halb befremdet an. Ich
mochte geweint haben. Ich weiss es wahrhaftig nicht. Ich gab ihm Geld. Wir
schieden. Er sagte mir beim Hinausgehen: »Wenn Sie sonst wollen, das Pförtchen
ist niemals verschlossen, auch kommt sonst Niemand hierher.« Ich dankte ihm
herzlich.
    Nein! Elise, nein! dahin gehe ich nicht wieder. Den ganzen Rückweg über
musste ich mir immer wiederholen: »Alles todt! Alles todt! Und Die auch! Du hast
sie beide auf deinem Gewissen!«
    So ist es! gewiss, so ist es! Wie ward Ihr Geschick so unheilbar zerstört!
Und war ich es nicht, hatte ich denn Ruhe, bis meine unselige Hand den Wahn
zerriss, der Ihr Bewusstsein verhüllte? Konnte ich noch zweifeln! Empfand ich es
nicht, was Ihre schönen Lippen mir unter belebendem Entzücken endlich bekannten?
O es war doch ein seliger, ein unvergesslicher Augenblick! - Was wundern wir uns,
wenn eine Welt untergeht, während eine andere sich Raum schafft. Wie Sie, liebe
Freundin! mir jetzt so deutlich aus der Erinnerung heraufsteigen!
»Ungrossmütiger!« sagten Sie im ersten Augenblicke, zürnend. »Sie wussten es
lange! Musste Ihnen erst das Opfer meiner Ruhe die Gewissheit besiegeln?« Sie
verliessen mich voll Unmut. Ich war beschämt, Sie hatten recht. Eine Weile stand
ich verlegen vor mir selber. Ich ahndete, dass diese Minute viele andere geweiht
hatte, die allmählig das Bisherige umgestalten würden. Aber ich war zu
glücklich, um bereuen zu können. So roh ist der Mensch und so läppisch! Immer
greift er aus dem Traume heraus, und was ihm die innere Offenbarung gibt, das
soll das Leben erst wahr machen.
    Ja, es macht eine Wahrheit daraus! Aber eine entsetzliche, vor der man den
Verstand verlieren kann!
    Nein, es taugt mir nicht, wenn ich die Burg verlasse. Ich kann die Luft
ausserhalb nicht mehr ertragen. Darum bleibe ich. Erst wollte ich gleich fort.
Wohin? wusste ich freilich nicht. Aber der Kranke sucht die Stelle, wo er besser,
stiller zu liegen glaubt. Es kam anders! Eine Kleinigkeit, vielleicht ein
Zufall, gewiss ein Zufall, genug ich blieb. Der gute Oheim braucht mich doch wohl
noch. So lange er lebt, baut er seine alten Pläne von Begründung und Forterben
des Begründeten weiter in die Zukunft hinein. Nun, ich werde ihm bauen helfen,
das neue Schloss in Wehrheim darf so nicht liegen bleiben. Ich werde Sorge
tragen, dass die Arbeit vorwärts geht. Was dann daraus wird? Mir einerlei! An
mich denke ich nicht, das sehen Sie wohl, da ich bleibe und baue.
    Was treiben Sie denn, Liebe? Wie betrügen Sie die Zeit um ihren trägen Lauf?
Sind Sie noch bei der Dame, von der Sie einmal sagten: »Sie trüge wie eine
Ameise immer ein Stückchen Dasein zum andern, und hätte so einen Vorrat von
Brocken. Zum Geniessen aber bliebe ihr keine Musse.«
    Sie sehen, ich habe ein gutes Gedächtnis, und wiederhole mir gern, was ich
von Ihnen hörte.
    Seit ich in Ihrem Cabinett sass, kommen mir soviel der frühern Gedanken und
Worte. Aber hier in der Burg schallt es, und es ist zwölf Uhr Mittags; die
Glocken läuten eine volle Stunde. In der Capelle liest der Prior Emma's
Todtenmesse! -
    Ich versichere Sie, unter solchen Klängen kann sich ein Herz tropfenweis
verbluten!
 
                                 Elise an Hugo
Ich danke Ihnen, lieber Hugo! Sie geben mir den alten Glauben wieder. Sie sind
nicht kleiner geworden im Unglück. Sie verleugnen weder Ihr Herz, um dem
Gewissen zu entlaufen, noch denken Sie daran, beide durch Vergessen auszusöhnen.
Sie sind wahr, wie immer, selbst in der matten Lauheit, mit der Sie auf mich,
wie auf den Frühling Ihrer Gefühle zurücksehen. Wie viel lieber ist mir der
schlummernde Hugo, als der klügelnde, sich und mich verhöhnende.
    Lassen Sie es immer sein, dass Ihnen jetzt die Brust so leer scheint. Wenn
ein Freund uns verlässt, so sehen wir die andern nicht gleich, aber begegnen wir
Ihnen, so fühlen wir, dass die Freundschaft uns immer nahe blieb.
    Ihr Brief würde Manchem bange machen. Aber mir ist er so wert, so teuer!
Er ist wie Sie selbst. Was Sie berührt, das ergreift Sie ganz, und Sie fassen es
wieder so. Ich habe Sie immer geliebt in dieser Vollständigkeit Ihres
Empfindens. Lässt denn am Ende auch die Begeisterung nach, spurlos zieht nichts
durch sie hin.
    Sie sagen mir, dass Sie auf der Burg bleiben. Sie dürfen sie auch nicht
verlassen, jetzt nicht. Könnten Sie wohl den kummervollen Greis dort einsam
wissen, und umherziehn, ohne Absicht, ohne Zweck? Was zöge Sie in die Ferne? was
reizte Ihre Tätigkeit? Ist es dort nicht wie hier? und entgehen Sie sich
irgendwo?
    Hierin sind Sie zu beneiden, Hugo. Sie wissen doch wenigstens, weshalb Sie
an diesem und an keinem andern Orte sind. Ich weiss es nicht. Das drückt mich am
schwersten, dass ich so zwecklos gehe und komme, dieses will und jenes lasse. Es
bleibt am Ende ganz einerlei, und mir kann es das ebenfalls sein.
    Ja, ich bin noch bei der guten, geschäftigen Tante; die immer weiss, weshalb
sie aufsteht und niedersjetzt, die Schlüssel in die Hand nimmt, klingelt,
bestellt und abbestellt. Die Welt liegt auf ihren Schultern, und schwerlich
erwacht der Herrscher grosser Staaten am Morgen mit so viel unruhiger Besorgnis,
als sie, bis ihre Küche bestellt, das Erforderliche ausgegeben und die
Besichtigung und Berechnung aller Vorräte geschehen ist. Lachen Sie nicht,
Hugo! Mich rührt die unermüdete Tätigkeit, und die eingebildete Grösse ihres
Zweckes. Glauben Sie mir, es liegt viel Beruhigendes in solcher Beschränkung.
    Ich spüre das in meiner jetzigen Lage. Sie ist eng, oft pressend, aber man
wird so still darin. Vielleicht matt! Wozu hilft auch den Frauen die Kraft und
der freie, umherschauende Sinn? Sie werden doch nur, frühe oder spät, in ein
Zellchen über oder unter die Erde zurückgeschleudert.
    Ich habe hier alle meine Schmerzen verweint, und bin darüber eingeschlafen.
Das Ableiern tagtäglicher Gewohnheitsworte, die Fragen nach Wind und Wetter,
nach gutem oder schlechtem Schlaf, nach dem Gedeihen der Früchte, dem Befinden
nützlicher Haus-und Hoftiere, die Verwunderung über die Nachlässigkeit eines
Domestiken, und was sonst noch das beschränkte Leben hier bietet, ich versichere
Sie, es lässt wenig Anderes in der Phantasie aufkommen. Allmählig nimmt man an
dergleichem Teil; man spricht und hört so lange davon, bis man sich damit
beschäftigt, und es mit einer Art Beruhigung wahrnimmt, dass weibliches Tun
nicht mit Unrecht dem Treiben der Bienen verglichen wird. Solch' Sumsen und
Wirren betäubt für den trügerischen Ruf nach hellern, weitern Regionen!
    Der Sohn des Hauses war eine Zeitlang hier, jener Vetter Curd, den Sie in
Ulmenstein und bei mir müssen gesehen haben. Vielleicht wissen Sie nichts mehr
von ihm. Es ist auch nicht viel von ihm zu wissen, er selbst weiss am wenigsten
von sich. Nun sehen Sie, hier war er Etwas, ein Sohn und ein Hausherr. Sehr
viele Menschen, die sich in der Welt verlieren, nehmen ein Wesen und eine
Gestalt an, wenn sie in die Umzäunung ihrer Grenze zurücktreten. Ich mache nicht
viel aus den Geschöpfen, die nur in einem Element atmen können und nirgends
anderwärts existiren; indes urteilen Sie, wie bescheiden mich mein jetziges
Loos macht, ich sah den Vetter Curd nicht ungern hier. Sein Anblick rief mir
andere Tage, andere Personen, andere Verhältnisse zurück, und vollends seine
Pferde! - Mein armer Georg ritt sogar auf des Vetters Pferde. - Jetzt hat das
arme Herz wohl nichts, nichts mehr, woran sich ein fröhlicher Knabe erfreut!
    Sein kleines Gartengerät sahen Sie umherliegen, Hugo? O sähe ich das
wenigstens! Ich würde auch das runde Händchen zu sehen glauben, das sich so
dicht um den Reif der Kanne zusammenpresste, und doch die Hälfte des Wassers
verschüttete, ehe noch die Stelle erreicht war, wo es einen künstlichen Graben
füllen, oder eingesteckte Reiser geschwind zu grossen Bäumen wachsen lassen
wollte. - Abgeschnittene Stückchen ohne Wurzeln in den steinigten Boden
verpflanzt, waren Deine Wälder, armes Kind! Du träumtest Dich schon in ihren
Schatten, und rittest auf der Haselgerte zwischen ihnen durch, Hirsche und Rehe
zu jagen! Wird Dein ganzes Dasein so wurzellos auf undankbarem Boden vergehen?
    Wie kam es, Hugo, dass Sie, an Georg erinnert, ihn nicht aufsuchten? Sehen
Sie, das dumpfe Träumen in dem verwilderten Garten, auf der verlassenen Stätte
im Hause passt nicht für Sie. Wie anders könnten Sie der Freundin dienen, würden
Sie der gute Engel des Kleinen. Ich habe etwas Aehnliches wohl lange im Stillen
gedacht, aber da Sie mir nichts zu sagen hatten, so konnte ich Ihnen auch nichts
sagen, und bat darum Curd, zuweilen hinaus nach dem Amtof zu reiten, und mir zu
schreiben, wie es um das Kind stehe. Es wird denn nun freilich an seinen
Berichten nicht viel sein. Ich dachte aber, immer ist es ein verwandtes Gesicht,
nur eine Erinnerung aus der frühern Zeit, die dem Verlassenen in dem ungewohnten
Leben Freude machen muss. Und kann ich doch sonst nichts mehr für meinen Liebling
tun!
    O wie das Kind auf meine Seele drückt. Die weiche, liebreiche Madame Lindhof
teilt mir Alles mit, was ihren Pflegling betrifft; allein, sie sieht ihn
täglich mit ältern Knaben, Georg verliert sich unter diesen. Auch ist er stumm,
wo er sich fremd fühlt, und fremd werden ihm diese Kreise immer bleiben! Manches
mag auch als Unart erscheinen, was er nur nicht verständlich machen kann, was
Niemand dort verstehen wird! Es quält mich, all den Widerspruch zu denken, der
mit Tavanelli's Eintritt begann und immer verwirrender fortgehen muss!
    Wenn Sie wollten - sehen Sie zu, Hugo, wie Sie es machen, was Sie tun
können!
    Wie mich's hebt und entzückt, Sie und das Kind auf den Bahnen zu denken, die
mir verschlossen sind. Von Eduard kein Wort! Auch an die Lindhof nicht. Er weiss,
fürchtet diese, um deren Briefwechsel mit mir. Der Prior kommt zuweilen nach dem
Amt. Wenn mir von daher neue Leiden drohten. Es ist doch ein Punkt unsers
gegenseitigen Vertrags, dass der Knabe bis zum siebenten Jahre seiner jetzigen
Pflegerin verbleibe. - Wenn -! Umsonst macht der geistliche Herr seine
Spatziergänge nicht so oft durch die Erlen am Bache und in den Amtsgarten. Der
Einfluss von daher wäre mir unaussprechlich peinlich! Haben Sie ein wachsames
Auge, lieber, geliebter Hugo! Sie, der Sie alle Schläge dieses Herzens mit dem
Engel teilen, der auch Ihr Liebling war. Dulden Sie es nicht, dass man dies
helle Gemüt verfinstere, den aufrichtigen, klaren Sinn zur Versteckteit und
Lüge reize!
    Bin ich doch ganz wieder erwacht, seit ich an Sie schreibe! Regen sich doch
tausend fremdgewordene Wünsche und Gedanken in mir! O Herz, wie würde Dir sein,
dürftest Du Dich nur einmal wieder - -
    Aber weg, weg mit solchen Bildern! Die Tante rasselt mit den Schlüsseln, die
Bodentüre knarrt. Es regnet, und die Wäsche muss trotz der Jahreszeit im Hause
getrocknet werden, die Mägde und Weiber jammern beim Hinaufschleppen der Last!
Was wird der ausserordentliche Fall uns nicht heute alles bei Tisch reden lassen!
 
                       Der Justizrat an den Präsidenten
Indem ich die Ehre habe, Denenselben die Ausfertigung der Scheidungsakte hiermit
ganz gehorsamst zu übersenden, bemerkte ich gleichzeitig, dass der Rechtsanwald
Dero gewesenen Frau Gemahlin diese ebenfalls von der gerichtlichen Auflösung
ihrer stattgehabten ehelichen Verbindung in Kenntnis setzte, so dass Sie
beiderseits, nach Ablauf vorgezeichneter Frist, zu einer zweiten Wahl zu
schreiten gesetzlich berechtigt sind.
    Die schnelle Beendigung eines, jeden Falls störenden Prozesses, darf allein
Ihrer grossmütigen Aufopferung zugeschrieben werden, da diese Alles überging,
was Leichtsinn und Unbestand an dem Selbstgefühl des beleidigten Gatten
verschuldeten.
    Befriedigt in diesem Bewusstsein, werden Sie, geehrter Herr Präsident! nichts
vermissen, was Ihnen eine glänzende Laufbahn, die Anerkennung der Welt und die
Verehrung der Bessern in dieser nicht vollwichtig ersetzen könnte. In tiefster
Ergebenheit verharrend etc.
 
                                 Hugo an Elise
Sorgen Sie nicht, Liebe! Ich träume nicht mehr. Ich habe die einschläfernde
Trauer abgeworfen. Der Schmerz ist kein Wahn, aber die Klage ist eine Schwäche.
Man beklagt Niemand als sich selbst. Das Liebkosen der Seele nimmt dem Leid
seinen aufregenden Stachel. Unter die Füsse mit dem Geschick, und frei gehoben
das Auge in die Welt hinaus, die unser ist und die der Mensch gestaltet, wenn er
sich nicht durch sie gestalten lässt! -
    Ich fange wieder an zu leben, Elise! Der Bau in Wehrheim schreitet zum
Erstaunen vor. Er soll beendet sein, ehe der Winter uns überfällt. Täglich bin
ich dort. Die Leute jubeln über meinen Eifer. Abends fahre ich auf kleinem
Fischerboot den raschen Strom hinunter. Ich durchschneide pfeilschnell die
Flut. Komme ich dann an Ihrem Garten vorbei, dann lege ich dort an, gehe eilig
nach dem Amtofe und hole mir Georg, der schon die Stunden bis zu meiner Ankunft
zählt. Wir sitzen dann Beide in dem kleinen Cabinett auf dem Sopha, der Tisch
mit Baukasten und Soldaten steht vor uns. Ich muss ihm erzählen, während er das
neue Haus drüben in Wehrheim noch baut. Gestern nahm ich ihn mit herüber im
Kahn. Er sprang und klopfte vor Freude in die Hände. Die ganze Zeit sprach er
von Ihnen, und meine Gedanken erratend, sagte er seitdem zuversichtlich: »Für
Mutter ist das schöne Schloss drüben, da will ich zu ihr reisen.«
    Sehen Sie, Elise! das ist es, was mich beseelt, was meinem Mute Flügel
gibt. Verstehen Sie mich, Liebe? Denken Sie sichs einen Augenblick. Sie dort
wohnend, das Kind in Ihrer Nähe, ich auf der Burg, jeder Augenblick unser! Ich
komme, ich gehe, wir gehen mit einander, wir besuchen die gute Madame Lindhof,
sie besucht Sie wieder, Georg mit ihr wie natürlich, unsere Gespräche, unsere
Beschäftigungen begegnen sich wie ehemals. Der Garten in Wehrheim wird ganz Ihre
Schöpfung. Sie pflanzen, räumen weg, was Ihren Plänen entgegen ist. Ich helfe
Ihnen; bald fassen Blumen ohne Zahl den frischen Rasen ein, Springbrunnen,
leicht von dem Strom herbeigeleitet, nässen den grünen Abhang. Hier findet Georg
seinen Spielplatz. Sie sitzen vor dem Hause unter schattigen Arcaden, und haben
ihn stets unter Augen; ich lese Ihnen vor, zeichne, was Sie Neues in Gedanken
entwarfen. Wir sprechen darüber, ich werfe Ihnen Dies und Jenes ein, Sie
widerlegen meine Gründe, der Streit gibt der Unterhaltung neues Leben, ich kann
nicht nachgeben, und Sie tun doch, was Sie wollen, denn ich ende damit, die
Ausführung in Ihre Hände zu legen.
    Oder Sie sind allein. Sie erwarten mich. Ich bleibe lange aus. Ihr liebes
Auge liegt unruhig auf dem silberhellen Fluss. Vom jenseitigen Ufer soll ich
herüberkommen. Kein dunkler Punkt bewegt sich auf den glänzenden Wellen. Sie
sehen und sehen, und werden ungeduldig. Da macht Sie naher Ruderschlag von der
Seite des Dorfs aufmerksam, Sie gehen hinunter bis zum Ufer, dort rechts, wo die
Birken am Vorsprunge der kleinen Insel ihre wallende Zweige niedersenken,
rauscht mein kleines Fahrzeug heran. Ich sehe Sie, und bin Ihnen nun im
Augenblick ganz nahe. Scheltend empfangen Sie den Freund, doch müssen Sie ihm
verzeihen, denn Sie kennen ihn zu gut, Sie wollen ihn auch nicht anders, als er
ist, ängstigend darf ihn keine Rücksicht befangen, und könnte er die Freiheit im
Handeln opfern, er wäre nicht mehr derselbe. Deshalb war auch die Ungeduld nicht
Zorn, gesteigerte Erwartung nenne ich sie lieber, und wie nun der Erwartete
kommt, ist das Wölkchen verschwunden.
    Denken Sie sich das Alles in dem Verhältnis einziger, grosser, umfassender
Zuneigung, sehen Sie die tiefe Ahndung solchen Bundes, wie wir ihn immer
gedacht, wie er uns in unzähligen Gesprächen vorgeschwebt, fragen Sie sich, ob
irgend eine, von den gewöhnlichen Armseligkeiten, die den Menschen gefangen
halten, dagegen ausreiche?
    Sind Sie doch frei, Elise! Ich weiss es. Keine Notwendigkeit bindet Sie an
den Ort Ihres jetzigen Aufentaltes. Und welch' ein Aufentalt! Wollen Sie sich
wirklich so hart strafen, den edlen, klaren Geist an der gemeinen Alltäglichkeit
des Lebens abzustumpfen? Geben Sie doch den Torheiten des Vorurteils nicht in
dem groben Irrtume nach, als könne die Ertödtung dessen, was uns Gott ähnlich
macht, Gott gefallen. Was heisst denn Busse? Fragen Sie einmal die Weisen, die
soviel davon reden, ob ihnen je der Begriff klar aufgegangen ist?
    Glauben Sie mir, ich habe in dieser langen, gedrückten Zeit viel hierüber
mit mir zu tun gehabt. Alles Leere, Nichtige, Abgerissene und darum
Selbstische, büsst der Mensch durch Erfüllung oder Nichterfüllung seiner Wünsche.
Beides kann Strafe werden. Doch, was das Eigentum seiner heiligsten
Ueberzeugung, was sein frei gewordenes Dasein, was der Ursprung, wie der Zweck
seiner Erdenlaufbahn ist, das gibt er nur zum Scheine den Umständen hin. Der
Trieb, der ihn zum zweitenmale im Bewusstsein erschuf, der stirbt nicht, den
verhüllt die Gewalt andrängender Ereignisse wohl eine Weile; aber, was ist, das
ist! Es lassen sich nur Abkömmnisse mit ihm schliessen, zu besiegen finden wir im
Kampf der Wahrheit nichts als die Lüge.
    Es wäre himmelschreiend, wollten Sie sich glauben machen, Sie seien von dem
Gott, der Ihnen diese Seele einhauchte, verdammt, sich in die Knechtschaft der
Bedürftigkeit zu schmiegen, um es zu büssen, dass Sie dachten und empfanden, wie
das Kind seiner Gedanken! Ich habe Ihren Brief, Elise! in demselben Zimmer
gelesen, auf derselben Stelle, wo Sie mir sagten: »Ich kann alles hingeben, was
man von mir fordert, doch die Fähigkeit, Sie in Ihrem innern und äussern Tun zu
begleiten, die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurteils rauben.«
    Glauben Sie in der willkührlichen Haft den Gebrauch jener Fähigkeit zu
bewahren?
    Elise! sein Sie gewiss, wie Strick und Band den Gliedern ihre geschmeidige
Beweglichkeit rauben, so geht es dem Geist, der unterdrückt ist, und den Käfig
über sich zufallen lässt.
    Und nun noch ein Wort über Georg. Das zarte, besondere Kind fordert Ihre
ganze Aufmerksamkeit. Er ist, ich leugne es Ihnen nicht, er ist anders geworden,
langsam, stille, abgesondert, schliesst er sich nur selten, und dann heimlich und
nur für Augenblicke auf. Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden,
köstlichen Blume, die, in einen Gemüsgarten verpflanzt, die grobe Erde und die
wuchernden Nachbarpflanzen zurückhalten. Seine gute, treue Pflegerin ist von
jener weichlichen Sorgfalt für ihn, die Alles tut, aber das Rechte nicht
trifft. Sie wacht mit steter Sorgfalt über jeden seiner Schritte, er wagt
deshalb selten einen ungewöhnlichen, ja, ich finde ihn ängstlich, die Augen
fragend auf die Grossmutter, was Madame Lindhof auch für ihn ist, gerichtet. Als
ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete, ward er ganz rot, tat blöde, und
antwortete mir gar nicht. Ich überliess ihn sich selbst. Nach einer Weile schlich
er um mich herum, ging neben mir, fasste meine Hand, und als es Niemand hörte,
fragte er nach Ihnen. Ich erwiederte, dass ich Sie lange nicht gesehen hätte, er
wisse ja, Sie seien verreist. Ich, im Gegenteil, wolle von ihm hören, wann Sie
wiederkommen würden? Ich bereute, das Letztere gesagt zu haben, denn der arme
Kleine sah zu Boden und blieb eine Strecke hinter uns zurück, um unbemerkt
weinen zu können. Es musste ihm sehr wehe tun, sich wieder einmal in seinen
Erwartungen getäuscht zu finden.
    Er tröstete sich aber, als wir jetzt in das Haus traten, welches er so lange
nicht besuchen durfte, weil die gute, ängstliche Frau den Eindruck scheute, den
das Wiedersehen der geliebten Stätte auf ihn machen könnte. Sie hatte ganz
falsch vorausgesehen. Das Kind lebte hier auf. Es war seine Welt, in die es
zurückkehrte. Er sprang und jubelte in den Zimmern umher, und war nur durch das
Versprechen, morgen wieder mit mir hierher zurückzukommen, zum Weggehen zu
bewegen.
    Liebste Elise! können Sie säumen, den schönen Knaben aus seiner wunderlichen
Abspannung herauszureissen?
Bis hierher hatte ich geschrieben. Mir war das Herz warm und bewegt geworden.
Ich hielt nicht mit mir allein aus. Das Wetter war unfreundlich, die Sonne schon
untergegangen, ich trat ans Fenster. Drüben im andern Flügel brannte der grosse
Camin hell in des Oheims Zimmer. Der Schatten von Jemand, der auf-und
niederging, verdeckte die Flamme augenblicklich. Das ist er! dachte ich, der
einsam wie du, die Stunden an sich hinziehen lässt. Ich eilte zu ihm hinüber. Er
lächelte angenehm überrascht, als ich die Türe öffnete. »Guten Abend,« sagte er
sehr weich, indem er mir die Hand entgegen streckte. Er rückte mir selbst den
Armstuhl dem seinigen gegenüber am Camin zurecht. Wir setzten uns. »Ich war
heute in Wehrheim,« hub er nach einer Weile an. »Die Arbeit rückt ja gewaltig
vor. Ich freue mich, dass Dich das beschäftigt,« setzte er hinzu. »Nun,«
entgegnete ich, »es ist eine Aufgabe, so lange man sie zu lösen bemüht ist,
beschäftigt es freilich.«
    »Du hast eine Absicht dabei,« sagte er, und einen Augenblick innehaltend,
fuhr er fort: »Ich begreife es sehr wohl, dass Du, Deiner Neigung gemäss, frei und
eigentümlich zu wohnen und zu leben gedenkst. Wir werden ja darum doch nicht
geschieden sein?« lächelte er, mir aufs neue die Hand reichend. Ich beugte mich
über die väterliche Hand, die mich so schonend in Schmerz und Widerwärtigkeit
berührt hatte, ihn fest versichernd, dass ich gar nicht daran denke, die Burg zu
verlassen, und nur beenden wolle, was er mir anzufangen erlaubte. Er sah mich
überrascht an. Wieder im Sessel zurückgelehnt, meinte er: ich gliche doch oft
meinem seligen Vater ausserordentlich.
    Er hätte mich an diesen gerade jetzt nicht erinnern sollen. Es erkältete
mich unwillkührlich, dass er der Aehnlichkeit so nebenbei erwähnen konnte.
Wahrscheinlich erriet er mich, denn, war es nun das Feuer, oder trieb ihm das
Blut vom Herzen nach dem Kopfe? genug, er schien zu erröten, da er jetzt die
Hand vor die Augen hielt, als schirme er diese vor der Flamme.
    »Sage mir doch,« bat er hierauf, »was ist denn an dem Gerede, das unter den
Leuten umherläuft, von einer schwarzen Hand, die den Vorübergehenden eines
Morgens von dem Gerüste herabgewinkt und sie von der Stelle weggescheucht haben
soll? Nach einer stürmischen Gewitternacht, setzt man hinzu, sei sie sichtbar
geworden, so, als schleudre sie der Blitz herab; was denn für ein drohendes
Zeichen angesehen, und dem Bau nichts Gutes geweissagt wird, insbesondere, da
man Deinen erwachten Eifer, ihn zu vollenden, für Trotz hält, und ihn frech
schilt.«
    Ich lachte, ob mir gleich die Sache an sich, und wie sie sich zugetragen,
einen ganz andern Eindruck zurückgelassen hatte. »Sie sehen wohl,« sagte ich mit
leichtem Achselzucken, »dass eine blosse Zufälligkeit dem Verlangen nach
Spukereien Vorschub leisten musste. Unsere Geistergeschichten haben einen sehr
materiellen Boden; es wird mit aller Mühe nichts Geistiges daraus.« Ich erzählte
ihm nun, dass mir auf einem nächtlichen Ritte nach Wehrheim, bei einer heftigen
Bewegung mit dem Arme, der abgezogene, lose in der Hand gehaltene schwarze
Handschuh entfahren, und auf einer Stange des Gerüstes hängen geblieben sei. »Es
ist wahr,« fuhr ich fort, »es hatte etwas Erschreckendes, und ich trug auch
Sorge, am folgenden Tage in aller Frühe den Handschuh von der Stange herabnehmen
zu lassen, was vielleicht nur dazu diente, die Sache unaufgeklärt zu lassen.«
    »Ich dachte es wohl!« erwiederte der Comtur. Aber er ward still, und es
fiel mir auf, als er nach einer kurzen Pause, während welcher wir beide, jeder
auf eine eigene Art beschäftigt, in das Feuer sahen, äusserte: »Das
Zusammentreffen offenbarer oder verborgener Umstände hat seine Bedeutung, die
der Mensch voraus empfinden will, und deshalb übereilt er sich im Urteil, oder
quält sich mit Ahndungen.«
    Er war hier aufgestanden, und ging, den Kopf gebeugt, die Hände auf dem
Rücken, wie Sie seine Art kennen, in dem grossen, hohen, grauen Zimmer auf und
ab. Ich folgte ihm mit den Augen, der Raum, den er durchschnitt, war mir noch
nie so weit, so leer, wir beide einsame Menschen nie so vereinzelt vorgekommen.
»Wollen wir eine Partie Schach spielen?« fragte ich, ebenfalls meinen Platz
verlassend.
    »Gern, sehr gern!« war die Antwort. Ich suchte den kleinen Tisch mit der
gefächerten Platte, an dem wir sonst so oft spielten. Er müsse im Nebenzimmer
stehen, meinte der Comtur. Ich ging dahin, fand ihn aber nicht. »Ach! ich
besinne mich jetzt,« rief ich, und stutzte unwillkührlich.
    In Emma's Zimmer hatten wir das Letztemal gespielt. Der Oheim verstand mich.
»Lass es,« sagte er, »ich will - -!« »Bewahre!« versetzte ich beschämt. Ich
zündete ein Licht an, und eilte durch den Seitengang, die kleine Wendeltreppe
hinauf, in das vordere Turmzimmer. Elise! hier sassen wir, wenige Tage vor
Emma's Abreise; sie lag in dem anstossenden Cabinett auf ihrem Ruhebette, die
Mutter las ihr vor, der Arzt und ich führten Krieg auf den schwarzen und weissen
Feldern, der Comtur, auf- und abgehend, wie heute, begleitete mit klugem Blick
unsre Züge. Es war sehr heiss im Zimmer, man durfte, der feuchten Luft wegen, die
Fenster nicht öffnen. Ich hörte Emma sagen: »nehmen Sie mir den Shawl ab, ich
verbrenne.«
    Mein Gott! die verschlossene Luft war wieder so drückend und gepresst, sie
lag zentnerschwer auf meiner Brust. Ich sah umher nach dem Tischchen. Man hatte
ohnlängst hier geräumt, und die Gemächer gereinigt, das Gerät stand
zusammengeschoben in den Winkeln. Ich fand endlich, was mich hierher führte;
doch neben Emma's Ruhebett, den Shawl, jener amarantfarbene, den ich ihr
geschenkt, und den sie so liebte, dass sie ihn immer trug, hing über die Kissen
der Rücklehne. Das grelle Rot schnitt mir durch die Seele. Ich sah das bleiche
Gesichtchen, an das sich die Falten des Tuches einst schmiegten, ich hörte das
»Ich verbrenne!« mit dem Ausdruck des Unvermögens, es länger ertragen zu können,
wieder, und fühlte die Gluten, die das beste Herz verzehrt hatten.
    Den Shawl über dem Arm, das Tischchen in der Hand, eilte ich hinunter zum
Oheim. Er sah mich erst verwundert an, dann wurden seine Züge sehr weich, er
umarmte mich, ich fühlte seine Tränen auf meiner Wange. Leise, als scheute er
sich, ein Heiligtum zu entweihen, berührte er mit den Spitzen der Finger das
traurige Andenken. »Es ist dies ein heller Gruss, Hugo!« sagte er, »ein
leuchtender Lebensschmuck, und recht ein Gegenstück zu der schwarzen Hand,
welche die Leute gerne dem Zorne der Abgeschiedenen zuschreiben möchten.« Ich
drückte die seinige, als er hinzusetzte: »Zorn war nicht in dieser Seele, und so
wollen wir denn lieber dem freundlichen, als dem drohenden Anzeichen für die
Zukunft trauen.«
    Wir hatten eben unser Spiel angefangen, als der alte Baron Wildenau gemeldet
ward. Der Mann ist von unleidlicher Beschränkteit und Breite. Ich hatte ihn in
Ewigkeit nicht gesehen, konnte mir denken, dass er der Unglücksfälle des Hauses
ungeschickt erwähnen würde, stellte mir vor, es sei ein Trauerbesuch, auf den er
sich seit sechs Monaten bis heute am späten Abend besonnen habe, und geriet in
innere Verzweiflung.
    Es war aber anders.
    Der Baron trat gebeugt, mit kummervoller Miene und gesenktem Blick zu uns
ein. Gegen seine Gewohnheit in Stiefeln und Ueberrock, zeigte der etwas
vernachlässigte Reiseanzug, dass weder die Burg, noch ein formeller Besuch der
Zweck seiner späten Abendfahrt sein konnten.
    »Ich komme,« sagte er, nach der ersten Begrüssung neben uns niedersitzend,
»zur ungewöhnlichen Stunde, und muss recht sehr um Verzeihung bitten, wenn ich
beschwerlich falle.«
    Er dehnte die letzten Worte, und sah, unter schiefem Neigen des Kopfes,
fragend zu uns auf. Ich hatte grosse Lust zu lachen, allein, wie er jetzt
fortfuhr, und uns eröffnete, er sei auf dem Wege zu seinem Sohne, der auf einer
Reise, von welcher wir vielleicht mehr wüssten als er, noch nicht ein Einzigesmal
geschrieben noch schreiben lassen, wie er sich eigentlich befinde, und ob er
krank oder gesund sei? Da verging mir das Lachen. Schneller wie der Blitz reihen
sich im Menschen Gedanken an Gedanken. Ich sah Leontin, ich sah Emma, ich dachte
Unzähliges zugleich. Der stumme, düstre, tiefsinnige Leontin, wo war er? wo
hatte er die niederschlagende Nachricht erhalten? Er liebte Emma. Er war ihr
gefolgt, er sollte sie in des Oheims Namen beschwören, zu uns zurückzukommen.
Sehen Sie, Elise! wie Vieles floss da zusammen, was für entgegengesetzte Elemente
mischen sich; und wir fordern, dass das Leben klar und still hinfliessen soll.
    Alles das stand vor meiner Seele. Ich hatte nicht auf das Gespräch der
beiden Alten gehört, da erschütterte mich die klagende Stimme des Barons, ich
wandte mich aufmerksam zu ihm, er sagte: »Ich habe doch nur das einzige Kind,
das ich gern glücklich auf der Welt zurückliesse. Es ist nicht recht, dass er mich
so ganz vergisst. Wenn man alt wird, so lebt man nur noch in seinen Kindern; er
sollte das bedenken, aber die Jugend ist jetzt zu verschieden von uns. Sie hat
ganz andere Begriffe von Recht und Unrecht. Ich verstehe meinen Sohn nicht. Er
ist so tugendhaft, dass ich oft erschrecke, und ihn wie etwas Höheres verehre.
Und dann fehlt er doch wieder gegen die natürlichsten Gebote, und erscheint mir
sehr tadelnswert.«
    Es war Sinn in den Worten, sie überraschten mich. Ich behielt aber wenig
Zeit, darüber nachzudenken, denn auf des Oheims begütigende Einwendungen und das
leise Hindeuten, dass Leontin vielleicht krank geworden, schüttelte der Baron den
Kopf. »Das nicht eigentlich,« erwiederte er, »ich habe wohl soviel
ausgekundschaftet, dass er sich im Schwarzwalde in einem Baueroder Meierhofe
aufhält, diesen kaufen und dort eine Capelle bauen will. Wenn es auch nicht
Wahnsinn oder Fieberhitze ist, die solche Pläne fassen lässt,« fuhr er fort, »so
ist es doch grosse Ueberspannung. Wem wäre wohl vordem so etwas eingefallen? Er
hat die schöne Erbschaft hier gemacht, die prächtigen Güter! und will da Geld
und Zeit an eine Grille opfern.«
    Er hielt inne. Mir fuhrs durch die Seele. Ihr baut er die Capelle! auf der
Stelle, die ihr Fuss vielleicht betreten! Er lebt nur noch in ihrem Andenken! -
    »Ich gehe,« sagte der Baron, »ihn von dem Gedanken abzubringen. Ich habe
hier keine Ruhe, und kann mir den guten, einfachen Leontin gar nicht so
übertrieben und unnatürlich vorstellen.«
    Er war aufgestanden, redete noch Eins und das Andere mit dem Comtur, und
ging in die Nacht hinaus, den verlornen Sohn aufzusuchen. Auch der, seufzte ich,
als ich ihn mit ganz andern Empfindungen wie vorher, zum Wagen begleitete.
    Auch der, Elise! Werden sich alle die zerrissenen Stückchen Leben jemals
wieder zusammenfügen? Wird etwas Ganzes daraus werden? und für wen?
    Ein trüber, unleidlicher Druck liegt seitdem auf meiner Seele.
    Schlafen Sie wohl, liebe, geliebte Elise!
 
                               Agate an Rosalie
Das sind schöne Geschichten! Ich schreibe Dir gleich Alles, weil ich weiss, dass
Du Dich halb todt freuen wirst, Deiner Prinzess etwas erzählen zu können. Danke
Du Gott, dass Du am Hofe bist, und suche Dich da unentbehrlich zu machen, denn
hier auf dem Lande bei Mama, bis spät in den Winter hinein -! Ich sage Dir, es
ist zum Sterben. Wir haben freilich die schöne Reise gemacht, aber ich gestehe
Dir aufrichtig, solch' Herumreisen und Angaffen von fremden Gegenden hat kein
sonderliches Interesse für mich. Und dann glaube ich, hat Mama auch nicht in
ihren Plänen reussirt. Es ist nichts gegen das Testament der Tante zu tun.
Leontin behält die Güter. Du kannst denken, in welcher Laune wir durch die
Wälder und die üppigen Feldmarken hinfuhren! Zuweilen sprachen wir halbe Tage
kein Wort, Mama las im Wagen oder schlief, und ich wurde von der
fürchterlichsten Langweile geplagt.
    Und nun sitzen wir Ende November hier in Ulmenstein! Nein, Du machst Dir
keinen Begriff von dem Eindruck, den so ein Landhaus unter kahlen Bäumen, leeren
Blumenbeeten und gelben Terrassen, beim ersten Wiedersehen nach langer
Abwesenheit macht. Wenn wir sonst aus der Stadt hierher zurückkommen, dann ist
alles schon weit vorgerückt mit der Jahreszeit. Man denkt an Sommertoiletten und
kleine Spiele auf den Rasenplätzen, an Milch und Obst, Gesellschaft im Garten,
an Ausreiten und Partien zu Wagen. Jetzt? - Ich möchte wohl wissen, an was man
in dem ausgekälteten Salon und dem feuchten Wetter denken sollte!
    Es ist unglaublich, wie ein Jahr solche Veränderungen machen kann! Ich
schwöre Dir, die Gegend ist wie ausgestorben. Wir haben noch keine Seele
gesehen! Und wie glänzend war es im vorigen Herbst!
    Bilde Dir nicht ein, dass Deine Abwesenheit die Ursache davon ist. O nein,
mein Kind! das ist die dumme Liebesgeschichte, die hat alle Leute entzweit. Mama
ist sehr gespannt mit dem Comtur und mit Allen, die ihm anhängen. Das gibt
denn tausend Verdriesslichkeiten, ganz unerhörte Klatschereien! und die bringen
die Leute auseinander. Im Vertrauen zu Dir, Mama hat sich wohl manchmal ein
Bischen zu scharf ausgelassen. Vorzüglich, wie es zur Scheidung kam. So was wird
bekannt und Niemand leidet darunter mehr als wir, denn das gestehe ich Dir, die
Pruderie, für alle kleine Intriguen in seinem Salon responsable sein zu wollen,
und es darum mit der Gesellschaft zu verderben, das muss die Menschen
verscheuchen! Wer will denn auch immer einer Kritik ausgesetzt sein, wenn man zu
seinem Vergnügen fremde Häuser besucht? Jetzt bereut sie es auch. Sie möchte
gerne Schritte tun, aber sie weiss nur nicht, wie sie es anfangen soll.
    Denke Dir, und das wollte ich Dir eigentlich erzählen, das neue Haus in
Wehrheim ist über Hals und Kopf fertig gemacht worden, und man sagt, die
geschiedene Präsidentin werde mit Nächstem dort einziehen. Ich bitte Dich,
welch' unerhörter Scandal! Geschieden ist sie, das ist wahr, aber wieder
verheiraten kann sie sich nicht ohne Dispensation, und dass sie diese nicht
erhält, dafür sorgt die Oberhofmeisterin, die wieder auf der Scene erschienen
ist, und ihre Hände überall im Spiel hat.
    Ja, ja, mein Kind! in Wehrheim will sie wohnen, die schöne Büssende! nachdem
sie in der Wüste auch eben nicht viel Busse getan hat. Denn weisst Du nicht die
grosse Neuigkeit! Curd ist zum Sterben in sie verliebt. Er hat zwar früher sich
nachteilig über sie geäussert. Nachher wollte er es wohl wieder gut machen,
lachte sich selbst aus, sagte ein Paar Dummheiten, und machte sich dadurch
lächerrlich; und sein erstes Geschäft bei unserm flüchtigen Begegnen auf der
Reise durch die Residenz war, alles das Ueble, was er sich zu schreiben erlaubt
hatte, wieder zurückzunehmen, und Elise so hitzig, so übertrieben zu
verteidigen, dass man gleich sah, wie ihn die Koquette verstrickt hat.
    Mir ist es einerlei! Aber es gab doch eine Zeit, wo er ganz, gewiss ganz
anders fühlte. Mama sagt, er wäre sehr bornirt, und wie ein Blatt Papier, auf
das ein Jeder schreiben kann, was er will. Im Grunde hat sie recht, aber sie
fand ihn sonst doch sehr interessant.
    Erzähle doch das Alles gelegentlich, wenn die Herrschaften bei Laune sind.
Der Fürstin Mutter wird es willkommen sein. Es ist dies Wasser auf ihre Mühle,
denn man sagt, sie hasse Elise, seitdem sie sich ihretwegen einmal mit dem
regierenden Fürsten, nach der bekannten Cour, entzweit hat. Noch Eins. Es sind
immer noch keine Nachrichten von Leontin eingelaufen. Der alte Baron kehrte vor
einigen Tagen zurück. Man weiss nicht, ob er den Sohn aufgefunden hat? Er sieht
Niemand. Mama erkundigt sich sehr genau nach Allem, was hierauf Bezug hat, denn
wie Du weisst, fällt die Erbschaft der Tante, im Fall Leontin ohne Nachkommen
stirbt, seinen nächsten Verwandten von mütterlicher Seite zu, und das sind wir,
denke ich.
    Es sollte mir aber doch leid tun, um den hübschen, jungen Menschen, wenn er
stürbe. Lieber hätte ich ihn noch geheiratet, ob er gleich wie der steinerne
Gast im Don Juan aussieht.
    Der Justizrat war eben bei Mama. Er behauptet, Elise heirate den Grafen
gewiss, für den Dispens würde der Comtur schon sorgen, dem Alles daran liege,
dass der Neffe sich fixire und den Namen der Familie erhalte. Mein Gott! als wenn
es nicht mehr Partien im Lande gäbe, als solch' durchaus unschickliche. Mama
glaubt auch nicht, dass es wahr ist, sie behauptet, der Comtur besitze zu viel
Delicatesse.
    Nun genug, da hast Du Stoff, aus dem sich in der Stadt etwas machen lässt, um
die Conversation zu beleben.
    Lebe wohl, Du Glückliche! Ich vergehe hier vor Langweile.
 
                        Der Präsident an den Justizrat
In aller Eile bitte ich Sie, geehrter Herr! mit dem Verkauf meines Landhauses zu
eilen. Ich habe Gründe, weshalb ich es, sobald als möglich, in andern Händen
wissen möchte. Nur empfehle ich Ihnen Behutsamkeit und Stille. So geheim wie
möglich, verstehen Sie wohl! Keinen Termin, keine öffentliche Anzeige. Ein
sichrer Käufer, gleichviel wess Standes und Ortes! Nur fort damit. Und Garten und
Haus mit allen Mobilien ohne Vorbehalt. Bis es so weit ist, wünsche ich, dass der
Gartenknecht verabschiedet, und die innere Bewachung Jemanden Ihrer Leute
überlassen bliebe. Man sagt mir, der fürstliche Domainen-Amtmann im Orte suche
eine andere Anstellung. Betreiben Sie doch das Gelingen seines Wunsches. Sobald
er bestimmte Aussicht dazu hat, würden Sie mich durch gefällige Benachrichtigung
deshalb verpflichten.
    Die Einlage an den Prior des Premonstratenser Klosters übergebe ich, wie
immer, Ihren Händen.
    Der Caplan Tavanelli, schreibt man mir, sei geheilt. Ich hielt sein Uebel
immer für nichts anders, als eine hitzige Krankheit. Der Erfolg hat es bewährt.
Ein Jahr Erhohlung und Reisen ins Ausland würden ihn völlig herstellen; ich darf
sodann nicht anstehen, ihn als Gesandschaftsprediger hierher kommen zu lassen,
wo er der zweckmässigsten Wirksamkeit gewiss sein kann. Was die Zahlungen
betrifft, so bleiben sie, nach wie vor, dieselben. Es müsste denn der zu
fürchtende Fall eintreten, dann hört natürlich jede fernere Beziehung auf.
    Versäumen Sie ja nichts, um den gedachten Verkauf zu beschleunigen. Ich
ziehe es vor, mir eine ehemalige Wohnung verändert, als in ihrer frühern
Beschaffenheit, und dennoch für mich umgewandelt zu denken.
    Meiner steten Dankbarkeit können Sie, geehrter Herr! im Voraus versichert
sein.
 
                                    Antwort
Dem geehrten Auftrage zufolge, bin ich so frei, Denenselben zu berichten, dass es
mir zur Zeit mit dem Verkauf des Landgutes zwar noch nicht gelungen, inzwischen
der Geschäftsträger einer italienischen Dame mir Vorschläge in Betreff einer
monatlichen Vermietung der Villa gemacht hat, welche annehmlich zu sein
scheinen, und immer dem eigentlichen Zweck der Entäusserung nahe kommen würden.
Es wünscht die erwähnte Dame, Wittwe, kinderlos und kränklich, für einen Teil
des Jahres einen ruhigen Aufentalt im nördlichen Deutschland, nicht unmittelbar
in einer Stadt, doch in der Nähe derselben, ärztlichen Beistandes halber.
    Bewilligen Dieselben den gemachten Antrag, so werde ich um bestimmte Angabe
der Bedingungen untertänigst bitten, und den Contract sofort abschliessen.
 
                                 Elise an Hugo
Ihre beiden kurzen Briefchen, die mir anzeigen, dass Alles zu meinem Empfange in
Wehrheim bereit sei, die Zimmer im alten Flügel völlig eingerichtet, heizbar,
trocken, nur mich erwarten, um auch Sie dort, wenigstens für Stunden, heimisch
zu sehen, die beiden Briefchen, liebster Hugo! liess ich bis heute unbeantwortet,
weil ich verlegen bin, wie ich Ihnen den Zustand meines Gemütes schildern soll,
der mich hindert, irgend einen Entschluss zu fassen.
    Sehen Sie, nun es so weit ist, und die Koffer gepackt sind, der Wagen
herausgezogen, besichtigt, ausgestäubt und zur Reise in Stand gesetzt ist, nun
kann ich nicht gehen, nicht bleiben.
    Werden Sie nicht unwillig, verzweifeln Sie auch nicht gleich an der
Ausführung irgend eines freien und schönen Gedankens, wenn sich Ihnen
Hindernisse in den Weg stellen, schelten Sie mich vor allen Dingen nicht
undankbar. Ich bin es nicht! Folgte ich dem raschen, leidenschaftlichen Zuge des
Herzens, ich wäre, trotz Schnee und schlechte Wege, vielleicht schon jetzt bei
Ihnen in Wehrheim.
    Fragen Sie, warum ich diesem unbestochenen, einzig wahren Zuge nicht folge?
so frage ich Sie wieder, darf ich es auch? hat er mich nie über mein Ziel hinaus
geführt? Ich sehe Ihre ungeduldige, missbilligende Miene von hier, Sie legen das
Blatt aus der Hand und denken, sie ist wie jede Andere! Keine wird frei von dem
Leitbande ängstlicher Rücksichten. Nun gut! Denken Sie, es sei so. Was hülfe es
Ihnen, wenn ich mich losrisse und haltungslos schwankte?
    Besser, ich gestehe es ein. Ja, es gibt Rücksichten, die wir ehren müssen,
nicht unsertwegen, doch um der Ruhe Anderer. Sagen Sie mir doch, was legen Sie
mir Georgs Geschick an's Herz, wenn Sie in diesem nur den Knaben, nicht den
Jüngling, nicht den Mann denken? Oder meinen Sie, die Welt würde ihm den Massstab
der Beurteilung nie in die Hand geben? Hoffen Sie wirklich, Vertrauen könne in
jedem Augenblick vor ängstigendem Zweifel schützen? Lassen Sie dem zärtlichen
Kinde die Mutter, wie er sie kannte. Was ist sie ihm, sieht er sie in
verdächtigem Licht?
    Kinder stehen der göttlichen Einfalt näher, als wir es ahnden. Sie haben ein
zartes Empfinden für das Ungehörige, Widersprechende im Leben.
    Glauben Sie mir, ich würde Georgs verschwiegene Fragen erraten, und mich
abhärmen, sie unbeantwortet lassen zu müssen.
    Sind Sie es denn noch nicht inne geworden, Lieber! dass die innere und äussere
Tat himmelweit von einander unterschieden ist? Himmelweit, sage ich! denn die
Eine ist oft dort oben, wenn die Andere hineinfällt in die Region roher Gesetze.
Die Erde gestaltet nach ihrer Weise, was der Gedanke gestaltet denkt. Es ist ein
Unterschied, Hugo! und hier nichts weiter zu tun, als den Schritt nach dem
Gange Anderer freundlich und liebreich einzurichten.
    Also Sie bleiben, wo Sie sind? höre ich Sie fragen.
    Lassen Sie mich erst ganz offen sein, ehe ich entscheide. Sie wissen, wie
mich Ihr Vorschlag entzückte, wie mich die Vorstellung davon ergriff, wie ich es
nicht eilig genug haben konnte! Nun sehen Sie, ich hatte denn auch keine Ruhe,
ich machte meine Anstalten ohne alles Hehl. Ich sagte es der Tante, dass ich sie
nun endlich von einem unbequemen, eigensinnigen Gaste befreien würde, der nur
ihre Güte in Anspruch zu nehmen gewusst, ohne dieser durch irgend eine angenehme
Leistung zu lohnen. Die Tante hörte mich ruhig an, drückte dann ihr Bedauern
aufrichtig aus, vermied aber, da sie mich entschlossen sah, für jetzt alle
weitere Einwendung. So verging ein Tag nach dem andern. Das böse Wetter trat
ein. Erst Schnee und Frost, dann das Tauwetter. Die Posten blieben aus. Ihre
Briefe, die mich endlich bestimmen sollten, kamen nicht, wie ich es erwartet
hatte. Ich ward unruhig. Die Tante bemerkte es. »Was ängstigst Du Dich denn so?«
fragte sie teilnehmend. »Solche Eile wird es ja doch nicht mit der Reise
haben.« Ich war verlegen, denn im Grunde lag die Ursache der Eile nur in meiner
Ungeduld. »Sieh' mal, Kind,« bemerkte sie eindringlich, »jetzt kannst Du doch
nicht fort. Du machst Dir keinen Begriff hier im Hause, wie es draussen auf der
Heerstrasse aussieht. Leute und Pferde fallen ja in die ausgefahrnen Gründe
hinein, dass man denkt, sie könnten im Leben nicht wieder aufstehen.« - »Sie
stehen aber wieder auf, Tantchen!« unterbrach ich sie lachend. »Nicht alle, und
nicht immer!« versicherte sie. »Und noch dazu bist Du allein mit der Johanna.
Was fangt ihr zwei Frauen denn in solcher Not in unbekannter Gegend, allein, zu
jeder Tagesstunde an? Ist es denn weit von hier, Kind,« fragte sie nach kurzer
Pause, »wo Du hin willst?« Ich bejahte es, noch immer sorglos und mutig in
meinem Innern. »Wie heisst denn der Ort?« Hugo! ich errötete, ob aus Freude oder
Scham? das weiss ich nicht, als ich »Wehrheim,« sagte! »Wehrheim! Wehrheim!«
besann sie sich ungewiss. »Hast Du mir nicht den Ort genannt? Ist es nicht? -
Liebes Kind, was willst Du da machen?« rief sie erschrocken. »Ei mein Gott, wie
kommst Du dahin? Hast Du Niemand in Deiner Familie, dem Du vertrauest? Musst Du
bei den Leuten Schutz suchen, die Dich in so schlimmes Gerede brachten?«
    Sie setzte sich hier, der Schreck hatte sie übermannt, sie sah ganz blass
aus. Ich wollte ihre gutmütige Schwäche belächeln, aber es war, als habe sie
mich angesteckt. Ich konnte ihr umwölktes, feuchtes Auge nicht sehen, mit dem
sie mich zu fragen schien: Ist es möglich? Hast Du Alles vergessen? Sieh' Kind,
wenn ich es tadle, was hoffst Du denn von andern Menschen? Ich nahm mich
gleichwohl zusammen, ich sagte ihr, dass ich in ein leeres, unbewohntes Haus
einzöge, und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen dürfe.
    »Nicht eben so gut wie jeder Andere!« fiel sie ein. »Herr Gott! mein
Engelchen! sage das doch nicht. Du weisst ja recht gut, dass es in der Welt nicht
ist, wie es in Deinem Kopfe aussieht. Denke einmal selbst: auf dem Gute, in der
Abhängigkeit von dem Manne -! ach, mein Herz! Du hast es auch längst eingesehen,
dass es unschicklich ist, darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts.«
    Diese Worte, Hugo, diese Paar Worte trafen mich. Sie hatte recht. Weshalb
nannte ich früher den Namen nicht, der jetzt nur sträubend über meine Lippen
ging.
    Unschicklich! Unschicklich! ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei
mir. Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemäntelt, er verletzte mich,
allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit. Ich musste mir sagen:
freilich, es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken. Ich sagte das
auch der Tante, mit dem Zusatze, dass ich meine Abreise noch verschieben, und wir
weiter darüber sprechen wollten.
    »Nein,« rief sie aus, fasste meine beiden Hände mit grosser Bangigkeit, und
sah mir dabei scharf in die Augen: »Nein, jetzt, hier auf der Stelle, musst Du es
mir fest geloben, dass Du diesen Gedanken aufgiebst.« Ich suchte mich ungeduldig
loszumachen. »Elise,« fuhr sie bittend fort, »ich hoffe zu Gott, Du bist
unschuldig in Allem, was die Welt von Dir sagt! aber wenn auch nichts, gar
nichts davon wahr ist, kannst Du Dich entschliessen, so kurze Zeit nach dem
betrübten Tode der Gräfin in das Haus ihres Mannes zu ziehen? Vergisst Du, was Du
dem Andenken der Frau, was Du Georgs Vater schuldig bist, dessen Namen Du noch
immer trägst? Mein lieber Gott! Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode
gekommen sein, und der Ruf, ob man sich darüber wegsetzt oder nicht, bezwingt
doch immer zuletzt den Trotz der Frauen.«
    »Liebe Tante,« erwiederte ich, im Innern zitternd und bebend, »Sie tun mir
Gewalt an.«
    »Das will ich auch,« sagte sie fest. »Ja, das will ich! und ehe ich Dich
nach Wehrheim gehen sehe, werde ich Dir lieber zu Füssen fallen, und Dich so
lange bitten, bis Du Deiner alten Tante guten Rat nicht länger verwirfst, und
Dir ihre Treue zu Herzen nimmst.«
    Hugo! ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau. Ich fragte mich: wer
ist denn das? wer spricht so zu mir? Ich hatte Mühe, die peinliche, unsichre,
unstäte Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen. Sie, die ein
Regenschauer zur unrechten Zeit bestürzt und eine zerbrochene Fensterscheibe
betrübt macht, die nicht weiss, darf sie einen Entschluss fassen? oder muss sie den
Gedanken daran aufgeben? die hundertmal fragt und doch nur schüchtern dem
empfangenen Rate folgt, sie wusste mit einemmale, was sie wollte, was ich sollte
, und behend, wie eine gewandte Fee, hatte sie die verborgenen Fäden meines
Innern zum Lenkseile ihres Willens gemacht!
    Ich brach in Tränen aus. Ich war innerlich empört, dass mir Jemand seine
Meinung aufzwingen wollte, ich stiess diese Meinung von mir, sie sollte nicht
Herr über mich werden. Sie ward es doch! - Ich brach matt in mir zusammen, ich
weinte, wie ein gescholtenes Kind, ich versprach Alles, und bin noch hier!
    Warum kam auch Ihr Brief nicht zu rechter Zeit, Hugo? Ich wäre längst von
hier fort gewesen, ehe die Aengstliche, durch das schlechte Wetter noch
ängstlicher gemacht, auf alle die Einwendungen und Fragen verfallen wäre. Es
wäre nun geschehen, und ich in meiner Unbesonnenheit wohl noch unwissend und
glücklich! Nun, da mir die Gefahr gezeigt ward, fehlt es mir freilich an Mut,
sie zu bestehen, denn ich bin nicht herzhafter, als uns Frauen der Himmel
machte, nur blinder, wie die Meisten. Ich schwanke noch über die Frage, ob
kurzsichtiger oder überhinsehender? Es ist ein Unglück, Hugo! wenn Gesichtskreis
und Standpunkt nicht recht für einander passen.
    Ich sollte eigentlich hier schweigen, und es erwarten, dass Sie mich tadeln,
ohne weitern Versuch, Sie mit meinem Unbestand auszusöhnen. Doch Eins will ich
Ihnen noch sagen. Hier bleibe ich einmal nicht. Das steht fest. Ich ertrage den
Widerspruch in mir selbst kaum noch, deshalb will ich vor der Hand zuerst mehr
Freiheit gewinnen, ehe ich über mich bestimme. Bei Sophie denke ich diese zu
finden. Sobald das Wetter nur einigermassen erträglich wird, eile ich zu ihr ins
Stift. Und dann! - und dann! - O mein Gott! wie schlägt mir das Herz vor
Entzücken; glauben Sie mir, das Verständigere ist auch am Ende das Beste. So wie
es war, wäre es doch nicht wieder geworden! Die Unbefangenheit ist hin! Der
frische Hauch verduftet. Im Sommer werden die Schatten auch dichter, und die
Natur ernster. Die hohen Blumen entwickeln sich langsamer, aber sie blühen
länger.
    Der Frühling zaubert mit lachendem Übermut seine üppige Welt zu unsern
Füssen. Doch Zeit und Menschen gehen rasch darüber hin. Der Augenblick der Jugend
muss rauhen Uebergängen und mühevoller Gestaltung weichen.
    Oft bleibt auch diese unvollkommen, und der lange Kampf war vergeblich. Man
erndtet dann die sparsamen Früchte mit um so grösserer Sorgfalt, und will keine
verlieren.
    Sehen Sie es so an, Hugo! gleichviel, ob das Bild Ihnen passend dünkt. Mir
scheint es so.
    Bei Sophie also? Nicht wahr? Sagen Sie mir Ihre Meinung, sprechen Sie mit
der Verständigen, und schreiben Sie mir bald.
    Ich bin ruhiger, nun ich Alles vom Herzen habe, was mich so unaussprechlich
quälte. Im Grunde fürchte ich doch, Ihnen dadurch zu missfallen. Sie werden es
nicht so einsehen, wie es ist. Der Widerspruch muss Sie gerade jetzt, wo Sie ihn
nicht mehr erwarteten, verdriessen. Es ist natürlich, ich würde auch so
empfinden. Mir steht Ihre Miene, Ihre Stimmung, Ihr trübes Versinken, Aufgeben,
Zagen und Verachten so deutlich vor der Seele! Ich weiss es, ja, ich weiss es
gewiss, Sie verachten die Berücksichtigung, die mich leitet. Es ängstigt mich mit
jedem Augenblicke mehr, da sich die Absendung dieser Zeilen naht. Und doch! -
Ich kann es ja nicht ändern! O! sein Sie billig -! oder sein Sie nichts als gut
und zärtlich, und fühlen Sie, dass ich leide.
 
                                 Hugo an Elise
Es müssen Briefe verloren gegangen sein. Sie antworten mir nicht, und doch sagte
ich Ihnen, dass ich Sie in den ersten Tagen dieses Monats bestimmt erwarten, dass
ich Ihnen in dieser Erwartung entgegenkommen, und Sie in Ihre neue Wohnung
einführen würde.
    Nun, ich bin denn auch wirklich bis zu dem letzten Gebirgsdörfchen, zehn
Stunden von hier, bei schlechtem Wetter Ihnen entgegen gereist, und habe acht
und vierzig Stunden in dem schlechtesten Gastofe, der auf Erden ist, unter
Besorgnis und Ungeduld zugebracht. Der Sturm, welcher auf einer Linie von
mehreren hundert Meilen in Ost und West zugleich wütete, machte den Aufentalt
mitten im Winter, in der Waldschlucht, zwischen herabrollenden Felsstücken und
zusammenkrachenden Baumstämmen, zu dem abenteuerlichsten, den ich noch erlebte.
Auch blieb ich nicht ohne Abenteuer. Das furchtbare Wetter steigerte nur meine
Angst um Sie. Ich glaubte Sie so gewiss auf der Reise. Ich sah Ihrer Ankunft
jeden Augenblick entgegen. Ich hatte nirgends Ruhe. Am Tage ging es noch
leidlich, man konnte wenigstens um sich sehen, die Menschen waren wach,
aufmerksam, bei der Hand. Gegen Abend, und der brach hier schon um drei Uhr
Nachmittags völlig ein, fielen die ersten Schneeflocken. Sie kreisten einzeln in
der Luft, ohne den Boden zu berühren, jetzt begann ein Brausen über uns, als
rollte der Donner unablässig, ohne irgend einen Zwischenraum, von scharfem Sausen
und ängstlichem Wimmern begleitet. Schnee und Regen strichen, in horizontaler
Lage, über das Tal weg, unterhalb, in diesem war es ganz stille; die Natur
schien hier nicht zu atmen, in regungsloser Erstarrung sah sie dem wilden
Aufruhr der Elemente entgegen. Allmählig schwankten die äussersten Spitzen der
Föhrenwipfel, bald wurde diese Bewegung stärker, die Wolken senkten sich, und
schneller wie der Gedanke, brachen die Bäume krachend in ihren Wurzeln, rechts
und links fielen sie nieder, grosse Zweige, vom Sturm gehoben, flogen in weiten
Strecken umher, wie weisse Tücher wallte der Schnee zwischen den Schlüften, man
sah nicht einen Schritt vor sich, der Stärkste erhielt sich länger nicht auf den
Füssen. Alles flüchtete in die Häuser, das Vieh wurde unruhig in den Ställen, die
Schaafe und Rinder blöckten und brüllten, wie während einer Feuersbrunst, Pferde
hörte man wild stampfen, und fürchterlich, als ginge die Welt unter, heulten
Haus- und Hofhunde. Niemand fand sich sicher in der leicht gebauten Wohnung,
Dächer wurden abgerissen, Sparren und Schieferplatten flogen umher, das
Hausgerät bebte, es war auch hier nicht auszuhalten. Ich warf einen Mantel
über, liess die hindernde Kopfbedeckung zurück, und trat hinaus auf die Strasse.
    »Wo wollen Sie hin?« rief mir der Wirt nach, »Sie können leicht erschlagen
werden.« »Das kann ich hier auch,« entgegnete ich, auf die wankenden Pfeiler und
zerbrochenen Türen zeigend. Ich kehrte mich nicht daran, und ging. Der Regen
stürzte jetzt nieder, als habe der Himmel alle seine Schleusen geöffnet, doch
ward der Sturm schwächer.
    »Nun auch Wasser in die Häuser!« sagte ein Mann, der, sich umschauend, ein
Paar Schritte von einer Anhöhe herunter kam. »Der Bach schwillt mit jeder
Minute, die Brücke ist weggerissen, und die Furt weiterhin auch nicht mehr zu
passiren. Gnade Gott dem, der heute unterwegs ist! Hier kann er sein Grab
finden.«
    Elise! brauch' ich Ihnen zu sagen, dass mein Blut still stand, und ich einen
Augenblick, wie gelähmt, den Mann anstarrte.
    »Das Lämpchen,« fuhr dieser, immer nach der verhängnisvollen Stelle
hindeutend, fort, »das Lämpchen brennt zwar oben am Warnungspfahl in der
Laterne, aber die Postillone hier bei uns sind verwegene Kerls, bis diese an
Gefahr glauben, da muss ihnen schon der Abgrund vor den Füssen liegen. Sie stützen
sich auf ihre Erfahrung und trauen der Furt, die freilich festen Grund hat,
aber heute sollen sie wohl die rechte Stelle suchen. Ich bin gewiss,« lachte er
zuversichtlich, »da liegt Baumstamm auf Baumstamm über einander, und Felsstücke,
die der Regen vollends von oben herabgerissen hat.«
    »Was stehen wir denn hier!« rief ich ungeduldig, Sie, Sie! geliebte
Freundin, mit allen Stimmen meiner Seele zurückzuweisen, zu warnen. »Kommen Sie
doch,« forderte ich Jenen auf. »Lassen Sie uns Acht haben, dass Niemand
verunglücke.«
    »Acht haben, dass Niemand verunglücke?« wiederholte jener ein wenig
spöttisch. »Wodurch sollten wir's wohl hindern?« fragte er, zu mir gewendet.
»Hinüber auf die andere Seite kann doch Niemand jetzt, das sehen Sie ein.«
    »Ich sehe es nicht ein,« unterbrach ich ihn. »Im Kahne, und auch so, kommt
man durch die Flut, und ist drüben auf der Wacht, und verhütet, dass kein
Anderer sich auf gut Glück wage.«
    »Tun Sie's!« versetzte der Mann gelassen, »wenn es Ihnen so leicht dünkt.«
Er machte eine Bewegung, sich von mir zu entfernen. »Aber das muss ich Ihnen noch
sagen,« fügte er, um ein Paar Schritte näher tretend, hinzu, »mit dem Bach ist
nicht zu spassen. Das Wasser ist verteufelt schnell, und vollends heute, wo der
Wind die Flut in lauter Wirbel zusammen peitscht; wenn Sie nicht Ihrer Sache
sehr gewiss sind -«
    »Das bin ich! Hören Sie,« rief ich, ihn beim Arm fassend. »Begleiten können
Sie mich doch wenigstens bis ohngefähr zu der gefährlichen Stelle, und ein Paar
rüstige Bursche mit Laternen werden sich doch auch zusammen bringen lassen, die
im Fall der Not zur Hand sind und retten helfen?« Ich klingelte mit meiner
Börse, und liess ihn gute Bezahlung voraussehen.
    »Es ist nicht darum,« sagte er, mich recht gut verstehend, »denn kann ich
Jemand behülflich sein, so tue ich es auch ohne Lohn. Aber die Wahrheit zu
gestehen, ich glaube, ich leiste Ihnen einen schlechten Dienst, wenn ich Ihnen
den Willen tue. Was geschehen ist, das ist geschehen, und ein Dummer macht zehn
Andere klug.«
    »Was soll das heissen?« fuhr ich ungestüm auf ihn zu. »Das soll heissen,«
beantwortete er meine heftige Frage, »dass, wenn ich nicht sehr irre, vorhin ein
lauter Schrei von dort herüber drang, und wer nun drinnen im Wasser liegt, doch
nicht wieder heraus kann!«
    »Allmächtiger Gott! Allmächtiger Gott!« schriee ich, beide Hände über dem
Kopf zusammenschlagend, und fort, nach dem Bache stürzend.
    Aber es ward mir nicht leicht, zu finden, wo dieser sein eigentliches Bett
habe. Auf funfzig Schritte umher war Alles überschwemmt. Ich konnte keine
Uferhöhe unterscheiden, ich fand mich nicht in der Richtung, nicht in den
nächsten Gegenständen zurecht. Luft und Wasser waren so bewegt, dass Letzteres
schäumte, sich in grossen Massen vorüberwälzend, wie ein breiter, ungeheurer
Strom. Ich stand eine Weile sinnend. Das Unwetter tobte noch immer, doch
vertoste es seinen Ingrimm mehr abwärts, und gestattete dem Blick hin und her,
die graubleiche Atmosphäre zu durchdringen. Zu meiner Linken brannte das Licht
am Pfahl, der mitten in den Wellen stand und nur ohngefähr andeutete, wie weit
ich unter mir Grund suchen könne. Rechts, eine Strecke hinauf, musste die Furt
sein. Ich hatte das Auge fest dahin gerichtet, als mir vorkam, es bewege sich
etwas Weisses über die Wasserfläche empor. Vielleicht war Jemand auf einen Baum,
oder einen abgebrochenen Stamm geklettert, um so ein Zeichen seiner Verlegenheit
zu geben. Ich wurde immer achtsamer. Jetzt schallte deutlich ein heller Ruf
durch die Windstösse. Hinüber! Hinüber! sagte Alles in mir; den Mantel abwerfend,
schwamm ich in Gottes Namen, dem weissen Schimmer entgegen. Es ging leichter als
ich dachte. Die innerliche, heftige Bewegung gab mir ungewöhnliche Kraft. Ich
war drüben. Ein sonderbares Rasseln und Schnauben ohnweit der Stelle, wo ich auf
das Trockne gelangte, zog meine ganze Aufmerksamkeit sogleich dahin. Wagen und
Pferde, sagte ich mir, sind in falscher Richtung der Furt zugelenkt, in den
moorigen Tiefen eingesunken, oder zwischen Steinen und Baumwurzeln umgeschlagen,
zerschellt und vielleicht nur der unvorsichtige Fuhrmann am Leben geblieben.
»Wer rief hier um Hülfe?« schrie ich aus Leibeskräften.
    »Ach Jesus, Hülfe, Hülfe!« entgegnete mir eine Stimme in grösster Angst. »Wo?
wo?« rief ich zurück. »Hier!« war die Antwort. Im Augenblick standen wir bei
einander. Ich erkannte an den Farben der Bekleidung in Jenem einen Postillon.
»Wen hast Du gefahren?« fragte ich zitternd. »Eine Dame,« sagte er in
sichtlicher Angst, »dort liegt der Wagen zerbrochen,« setzte er eilig hinzu. Das
möchte drum sein! denn es hat eben Niemand Schaden genommen, aber die Pferde!
die Pferde! die liegen bis an die Bäuche im Schlamm, und kein Peitschen, kein
Treiben bringt sie heraus. Sie können auch nicht, so lange sie angesträngt sind,
und ich kriege den Blitzkasten nicht in die Höhe, der ganz von der Seite
eingeklemmt, da liegt.«
    »Eine Dame!« Weiter brauchte es nichts, um mich meiner Sache gewiss zu
machen. Ich flog auf den verunglückten Wagen zu. Aber noch ehe ich bis dahin
kam, sah ich eine weibliche Gestalt ganz zusammengesunken auf einem Stein
sitzen, eine Andere, die neben ihr stand, schien um sie beschäftigt. »Elise!
Elise!« rief ich, im Begriff, die Erstere zu umfassen. Eine fremde Stimme sagte
Italienisch-Französisch: »Mein Herr, die Frau Aebtissin ist ohnmächtig vor Nässe
und Kälte in meine Arme gesunken, können wir sie nicht bald von hier
fortschaffen, so stirbt sie.« Die Andere lispelte in demselben Augenblick ein
Paar Worte, die ich nicht verstehen konnte, so leise wurden sie gesprochen. Doch
glaubte ich ein heftiges Zittern und krampfhaftes Klappern der Zähne an der
Unbekannten wahrzunehmen. Ob ich nun gleich in meiner Erwartung getäuscht war,
so durfte ich dies unter diesen Umständen doch nicht anders als ein Glück
nennen. Mit einer Art Dankbarkeit im Herzen, Sie, geliebte Freundin! nicht in
solcher Gefahr zu wissen, erbot ich mich, die Dame in einem Fischerkahn, welchen
ich, an einer umgestürzten Weide geknüpft, im Schilfe entdeckt hatte, hinüber zu
fahren, wenn sie sich mir anvertrauen wolle.
    Jene stand mit seltsamer Heftigkeit von ihrem Platze auf, und ohne etwas zu
sagen, versuchte sie, dahin zu folgen, wohin ich sie geleitete. Es zeigte sich
aber bald, dass sie unfähig war, einen Schritt zu tun; ich nahm sie daher auf
meinen Arm, und setzte sie sanft in das flache Boot, das der Postillon und ein
alter italienischer Diener mit Mäntel und Decken belegt hatten. Ich ergriff das
Ruder, und stiess, mit der Versicherung, den Zurückbleibenden bald Hülfe
zuzusenden, vom Ufer ab. Sonderbarer war nicht leicht eines Menschen Lage!
Mitten auf dem unwillig gehorchenden Elemente, allein mit einem unbekannten
Wesen, das lautlos, dicht in Mantel und Schleier gehüllt, geisterartig da sass,
und durch Nichts ein lebendiges Dasein verriet, als durch jenes fieberhafte
Zittern, und von Zeit zu Zeit durch einen tief aus dem Herzen gehenden Seufzer.
Sie kennen meine Empfänglichkeit für grauenhafte, geheimnisvolle Eindrücke. Ich
fühlte meine Brust beklemmt, und war doppelt froh, als ich sah, dass mein
Beispiel Mehrere im Ort anfeuerte, und man mit Kähnen und Laternen
herbeiruderte; die Leute der Dame erreichten uns, als wir angelegt hatten. Beide
Frauen dankten flüchtiger, als es meine Bemühungen wohl verdient hätten. Ich
machte nichts daraus, zufrieden, sie gerettet, und in einem abgelegenen
Kämmerchen in Sicherheit zu wissen. Des andern Morgens waren sie, ehe ich noch
erwachte, auf und davon. Schmid und Stellmacher mussten die ganze Nacht arbeiten,
um den Wagen wieder herzustellen. Sie dachten an nichts, als nur fortzukommen.
    So ist die Welt! Jedweder in ihr sieht sich und was ihm eben wichtig dünkt.
Elise! ich dachte an Sie, und vergass bald das Vorübergehende. lohnen Sie mich
für die Prüfungen dieser Stunden durch Ihre baldige Ankunft an einem schönen,
sonnenhellen Tage.
 
                         Sophie an die Oberhofmeisterin
Sie untersagen mir, liebe Freundin! den verhaltenen Ton Ihrer Seele auch nur
entfernt anzurühren. Und doch schreiben Sie mir, und wollen, dass ich Ihnen
antworte?
    Sie haben im Grunde recht, so widersprechend es scheint. Kenne ich Sie doch
bis in die kleinste Bewegung Ihres Innern! und Sie wissen, dass ich Sie so kenne.
    Der Ton bedarf keiner Berührung, um zu klingen. Jeder Laut, jeder Atemzug
in Ihnen geht aus ihm hervor!
    Doch wozu auch diese Worte!
    Sie sind zurückgekehrt an den Hof! Sie wollen dort bleiben! Es überraschte
mich, als ich es erfuhr. Sie wollen sein, wie Sie sind? oder erscheinen, wie Sie
sich geben? Vielleicht beides. Dem sei nun, wie ihm wolle, so viel
Selbstüberwindung ist erstaunenswert. Was mich indes noch mehr überrascht, ist
Ihr Interesse an dem, was Sie nur schmerzlich bewegen, und in die Heiligkeit der
Trauer, bittere, herbe Empfindungen zu mischen droht.
    Ich erschrack fast, da ich Ihre Fragen nach Hugo und Elise, nach dem
Verhältnis beider, und ihren Plänen für die Zukunft, las.
    Ist das ein Gegenstand, der Sie beschäftigen kann? Verzeihen Sie mir, wenn
ich den Grund dieser Teilnahme nicht sanftern Gefühlen zuschreibe.
    Wenn ich vielmehr fürchte, es lebe darin noch ganz die leidenschaftliche
Eifersucht fort, die keine schönere Sorge mehr rechtfertigt, und weniger der
Liebe als dem Hasse angehört.
    Ja, gestehen Sie sichs nur immer selbst, es verlangt Sie, von dem
peinlichen, ungünstigen Geschick der hart Gedemütigten, von Elisens zerstörtem
Frieden, ihrer früh gewelkten Jugend, von Hugo's schwankendem Umhergreifen,
seinen Kämpfen und inneren Plagen zu hören.
    Was wollen Sie damit? Die Ueberzeugung gewinnen, dass hier das Leben nichts
ausgeglichen, nichts anders gemacht hätte? und der Tod zu segnen sei, der das
reinste Opfer auf einen Streich fallen liess? Die Ueberzeugung hatten Sie lange.
Nein, Sie wollen nicht ruhiger werden, Sie stacheln die unbequemste aller
Regungen, die Missgunst in sich wach. Vergessen Sie, dass Niemand mehr, als Sie
selbst darunter leiden?
    Und wenn sich nun Alles anders fände, als Sie es finden möchten? Wenn Hugo's
unstäter Trieb nach äusserer Beschäftigung sich in geordneter Wirksamkeit
befriedigte, er auf seinem Platze feststehend, die Pflichten übte, die Welt und
Beruf von ihm fordern? Wenn er dem Wohltäter dankbar, jeden andern Wunsch
opfernd, nun bemüht wäre, sein einsames Alter zu erheitern? Wenn stille, ernste
Trauer jene unfruchtbare Melancholie verscheucht, und die unselige Heftigkeit
ungehöriger Liebe sich in Beiden zu ruhig entsagender Freundschaft umgewandelt
hätte? Würde es Ihnen genügen? würde es Ihnen den Trost geben, den es doch geben
sollte, dass ein heftiger Stoss Alle wieder ins Gleichgewicht brachte? Und in
Wahrheit, liebe Freundin! es kann so sein, es sieht fast darnach aus. Wenigstens
verhält es sich mit Hugo's äusserm Tun, wie ich Ihnen sagte. Er baut, pflanzt,
verschönt auf seinen Gütern, was diese verbessern, und den Ansprüchen an
Veredlung Genüge tun kann. Er entfernt sich nur auf kurze Zeit von der Burg,
spielt Abends Schach mit dem Oheim, besucht die Nachbarn, und hat sonst mit
Niemanden Verkehr. Elise ist bei ihrer Tante. Man weiss nichts von ihr zu sagen.
Ganz kürzlich erzählte man, für sie sei der Bau in Wehrheim, sie werde dort
einziehen. Auch das hat sich nicht bestätigt; ob man gleich Tag und Stunde ihrer
Ankunft bestimmte, sind Wochen vergangen, ohne dass sie kam, und das Gerücht
schweigt allmählig. Selbst ich hatte lange keine Nachricht von ihr. Es scheint,
sie beschränke sich ganz auf die einförmige Tätigkeit häuslichen Stilllebens,
und zeige, dass sie kann, was sie will.
    Wie geringe Ausbeute wird mein Bericht Ihren Nachforschungen geben, liebe
Freundin! Werden Sie es nicht bereuen, sich deshalb an mich gewendet zu haben?
    Eins, gleichwohl muss ich hier noch erwähnen, das in seiner lustigen Naivetät
weit eher geeignet ist, Ihren Witz als Ihre Galle zu reizen.
    Die bewegliche Gräfin Ulmenstein ist jetzt unsere eifrigste Anhängerin
geworden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem armen, guten Comtur in
seiner tödtenden Einsamkeit Gesellschaft zu leisten, ihn aufzuheitern, sein
Vertrauen mit allen Waffen liebkosender Schmeichelei zu erobern, Hugo zu
interessiren und mich zu überraschen. Der Eifer, mit dem sie dies Vorhaben ins
Werk richtet, lässt sie vergessen, dass man sie kommen hört, und Niemand getäuscht
wird. Ich musste lachen, als sie, gleich nach ihrer verspäteten Ankunft auf dem
Lande, zu mir eilte, fragte und weinte, tröstete und sich hoch und teuer
vermass, die unerhörte Bosheit der Welt durch die allerlebhafteste Darstellung
der Wahrheit zu Schanden zu machen. Sie entwickelte dabei so viel zärtliches
Mitgefühl, so scharfsinnige Billigkeit, sie steigerte sich in den vertrauenden
Herzensergiessungen von Moment zu Moment mehr, und verliess die Scene mit so viel
Wärme, dass sie, über sich selbst getäuscht, auch mich getäuscht zu haben
glaubte.
    Leichter, gesellig anziehender, hat sie es auf der Burg getrieben, wo sie
als gute, alte Nachbarin, als Frau von gar keinem Gewicht, und hinaus über alle
Rücksichten, ohne alle Umstände einen Ueberfall wagen durfte, sich fest sprach,
Niemand los liess, und damit endete, sich die Erlaubnis zu nehmen, Nächstens, und
nach diesem Nächstens, öfter und immer wiederkommen zu dürfen.
    Sie war auch in Wehrheim. Sie spricht mit Extase von dem neuen Schloss. Ein
junger Architekt, der sie umherführte, ward andern Tages ihr Gast zu Mittage.
Sie ging in jede Einzelnheit mit lebhafter Aufmerksamkeit ein. Nichts schien ihr
zu gering, um es nicht herauszuheben.
    Auf der andern Seite wollte sie es indes auch nicht mit dem Präsidenten, mit
dem Hofe, und ganz besonders mit der Fürstin Mutter verderben, deshalb versäumte
sie nicht, den kleinen Georg bei seiner Pflegerin aufzusuchen. Die Art, wie sie
sich über das liebe Kind erweichte, es einen Engel nannte, dabei bald weinte,
bald lachte, muss etwas Teatralisches gehabt haben, denn die Kinder des Amtmanns
spielen seitdem immer Gräfin Ulmenstein, putzen sich auf das Tollste heraus, und
verdrehen zum Hauptspass der Erwachsenen, Mienen und Geberden unter dem Sprechen.
Was Kinder nicht alles herausfühlen! denn geradezu zur Schau hat sich die Gräfin
bei dem Allen nicht gestellt. Dazu ist sie in der Welt zu gut zu Hause. Es muss
daher in der Unwahrheit liegen, die immer ihre Widersacher in dem natürlichen
Menschen findet. Weiter reicht mein Neuigkeitsvorrat nicht. Wenn ich vielleicht
ungeschickt im Beobachten und Combiniren bin, so lassen Sie mich's nicht
entgelten. Entziehen Sie mir nicht ganz Ihr Vertrauen.
 
                                 Hugo an Elise
Ist es möglich? - O es ist mehr als das, es ist wirklich!
    Sie waren schon völlig entschlossen, meine Hoffnungen zu zerstören, als ich
deren Erfüllung in der Unschuld des Herzens ganz gewiss zu sein glaubte?
    Nein, das ist wahr, daran hatte ich nicht gedacht, dass Sie der Meinung,
diesem Vexirspiegel der Vernunft, so grosse Rücksichten schuldig wären. Verzeihen
Sie mir dies; sehen Sie, es liegt wohl daran, dass ich keine Tante zur Seite
habe, die solche Feenkünste mit mir treibt. Es ist zu bewundern, wie diese Frau
ihre Gaben versteckt hält! Wahrhaftig, sie hat Sie ganz bezaubert.
    Nur schade, dass ausserhalb dem geweihten Kreise solche Beschwörungsformeln
leicht etwas Albernes und Triviales bekommen. Ich erschrack fast, da ich sie
las, doch mehr über mich, als über die Worte, denn ich konnte keinen Sinn darin
finden.
    Sie hätten mich vorbereiten sollen. In meiner Unbefangenheit war ich nicht
zu bestechen!
    O Elise! auch Sie, auch Sie! - Welch' unseliger Hang zur Sklaverei liegt
denn im Menschen, dass die erste, die beste geläufige Weiberzunge Sie aus Ihrer
Ueberzeugung hinausschwatzen, und Ihre klare Festigkeit, Ihre Erkenntnis,
kleinlichen, krausen Irrtümern unterliegen konnte!
    Zum zweitenmale opfern Sie, aus missverstandener Mutterliebe, die heilige
Wahrheit Ihres Herzens, und glauben sich einen Sieg abzugewinnen, wenn Sie
besiegt werden.
    Weshalb ich den Knaben Georg an Ihr Herz und Gewissen legte? sonderbare
Frage! weil ich ihn liebe, weil ich daran denke, dass er ein Mann werden, und es
nicht begreife, wie aus verzärtelter Schonung ein starker Gedanke entspringen
kann.
    Was haben Sie denn für das Kind getan, als Sie Alles, ausser der beengenden
Furcht vor des Himmels Strafe, vergassen, und diese Furcht die Wortführerin Ihrer
eigenen Anklage sein liessen?
    Unseliger Augenblick! Sie zerrissen mein Herz, wie das Ihrige, und des
Knaben Geschick! Den Himmel werfen Sie auf die Erde, und gönnen dieser, ein Ding
nach ihrem Gefallen daraus zu machen. Wie hart hat sie die rohen Hände angelegt,
und den reinen Hauch zweier Seelen zu einem Schreckbild der Sünde
zusammengeballt!
    Nach dieser entscheidenden Stunde war nichts mehr für die Meinung zu tun,
die war mit dem Geschehenen zugleich da. Zu vernichten ist sie so wenig, als
jenes ungeschehen zu machen.
    Was erwarten Sie nun von dem Jüngling, dem Manne Georg, wenn Sie ihn in
kränkliche Vorurteile einwiegen, beschränktem Eifer Zeit lassen, seinem Auge
die Richtung zu geben, auf welcher es Ihnen, Elise! nicht ohne Befremden
begegnen kann? Gesund und hell, würde der Kleine noch jetzt gelernt haben, die
Dinge zu sehen, wie sie Wahrheit und Natur ihm zeigen, hätte er die Mutter
wiedergefunden, so wiedergefunden, wie sie ist, nicht wie die armselige Klugheit
des Vorurteils sie umzuschaffen droht.
    Ist es möglich! wiederhole ich noch einmal, liegt gleich die Wirklichkeit
durch Brief und Siegel vor mir. Auch Sie also! Glauben Sie mir, Sie werfen das
ganze Leben, Ihr Leben weg! Und was geben Ihnen die klugen Freunde dafür?
    Es ist eine verbrauchte Art, sein unwilliges Erstaunen über irgend eine
Enttäuschung auszudrücken, wenn man sagt: Ich bin aus allen meinen Himmeln
gefallen! Aber Vieles, das verbraucht und abgenutzt ist, passt dennoch bei
Gelegenheit. Ich bin wahrhaftig aus meinem Himmel heraus!
    Daher kommt es auch wohl, dass ich Ihre jetzige Sprache nicht recht verstehe,
und das Bild von Frühling und Sommer, von Blüte und Erndte, und was Sie von
sparsamen Früchten, in Bezug auf die Augenblicke unseres Beisammenseins, sagen,
nicht recht anzuwenden weiss. Ich habe immer die Unart gehabt, unvollkommen
gebliebene, in den Sand gefallene Früchte unbeachtet liegen zu lassen,
vielleicht, weil mir die glänzenden, goldenen Aepfel des Paradieses vor Augen
schwebten.
    Arme Freundin! welchen Ersatz bieten Sie sich, wie mir! Zu dem
Stiftsfräulein ins Kloster nötigen Sie mich! Da, zwischen den doppelten Mauern
alter und neuer Vorurteile, denken Sie den göttlichen Traum freier Gemeinschaft
heiliger, umfassender Freundschaft ins Leben zu rufen? Da hoffen Sie mich, da
hoffen Sie sich wieder zu finden? Von den schief hineinfallenden Strahlen der
gesunkenen Sonne sollen wir Lebenswärme betteln? O tausendmal lieber das
Vergangene träumen, als an dieser entzauberten Wirklichkeit erfrieren!
    Alles ist hier entzaubert! Alles! darum, wenn ich Ihnen raten soll, bleiben
Sie, wo Sie sind. Sie würden sich nur herbe Eindrücke bereiten.
    Ihr ehemaliges Eigentum finden Sie in fremden Händen. Es ist verkauft, oder
was sonst mit geschah! Genug, wie ich neulich vorüber ritt, standen die Fenster
offen, ich sah überrascht hinein. Ein fremdes, scharfes Gesicht blickte zu mir
auf. Es gehörte einer ältlichen, kranken Italienerin. Die wohnt hier, liess ich
mir im nächsten Dorfe erzählen. Mein alter Freund, der Gartenknecht, ist
verabschiedet; ein kleiner, krummer, verschmitzter Franzose ist an seiner
Stelle; die Gartenwege sind so eben, so geschnörkelt, dass man gleich sieht,
keines Menschen Fuss betritt sie den ganzen Tag.
    Ich musste lachen, wie ich die Fratzen sah! Giebt es eine tollere Ironie auf
die vergangenen Tage, als diese neuen Bewohner Ihrer Zimmer, Elise?
    Ich lache noch darüber, und in dieser spasshaften Stimmung kann ich Ihnen
nichts Besseres wünschen, als dass Sie es auch nicht schwerer nehmen. Es ist eine
Welt darnach, glauben Sie mir.
 
                                    Antwort
Sie sind ein Mann wie Alle! Hart, wenn ein anderes Empfinden dem Ihrigen
entgegentritt, klein und verzweifelnd im Augenblick des Misslingens gefasster
Pläne, unfähig, Widerspruch zu ertragen, noch unfähiger, ihn zu verstehen.
    Was Sie mir sagen, kann wahr sein. Wie Sie mir's sagen, haben Sie mir auf
unverzeihliche Weise wehe getan.
    Ich werde das verzeihen, ich weiss es. Doch zu vergessen ist solch' Misskennen
nicht. Wäre das möglich, wenn Sie zu lieben wüssten? Hatten Sie auch nur grosse
Worte und enge Gefühle, Hugo? Ist Freundschaft für Sie, wie für Andere, nichts
als klingende Schellen und tönendes Erz? Wo ist das Vertrauen und die Hingebung
von dem, wie wir Beide träumten?
    O Sie haben vollkommen recht. Besser, die Erinnerung zur Gegenwart machen,
als der entzauberten Wirklichkeit gegenüberstehen.
 
                                 Curd an Elise
Sie haben mich fortgeschickt. Klüger, verständiger, wenigstens hofften Sie,
werde mich die Entfernung machen. Cousine, Sie hofften das nicht. Sie wollten
mich nur weit weg wissen, um das Uebrige kümmern Sie sich wenig.
    Ich begreife gar nicht, was Ihnen die Vorstellung von mir, wie von einem
leichtsinnigen Menschen gibt. Weil ich ein sorgenloses Leben, lustige
Gesellschaft liebe, unnütze Grübeleien hasse, die Dinge sehe, wie sie sind, mir
und Andern nichts vorlüge, deshalb werfen Sie mich bei Seite, und tun, als wenn
ich kein Herz und kein Gefühl in der Brust hätte. Wahrhaftig, Sie vergessen, dass
ich doch auch ein Mensch bin, und so gut wie ein Anderer, meine Ansprüche auf
Achtung mache.
    »Gehen Sie, guter Curd!« sagten Sie mit dem fatalen Gleichmut, der mich
toll machen könnte. »Gehen Sie nur wieder zurück nach der Stadt, das wird sich
Alles geben.«
    Was darin für ein hochmütiges Wegwerfen, für eine Anmassung liegt!
    Als wenn Sie sich auch jemals die Mühe gegeben hätten, zu erfahren, wie es
in mir aussieht! Sehen Sie, darin sind Sie gerade so stolz und vornehm, Elise!
wie die grosse Welt, die Sie verachten. Es nennt keiner dem andern seines
Gleichen, der nicht von seiner Farbe ist. Ob das uns Weltkindern nun wörtlich
gilt, und bei Ihnen figürlich, dies kommt auf eins heraus. Was haben Sie denn
jetzt wohl Gutes an mir getan, dass Sie mich in den Strudel zurückschicken, von
dem Sie doch eigentlich so grosse Gefahr für mich fürchten? Glauben Sie wirklich,
dass mich jedes Aeusserliche unwiderstehlich fortreisst, ist es denn recht, mich
dem Preis zu geben? Gestehen Sie es nur, es wäre ein Triumph für Sie, wenn ich
darin umkäme!
    O Sie sind härter und egoistischer, als die, welche Sie verdammen!
    Darin haben Sie recht, man wird am Bequemsten mit den Leuten fertig, wenn
man sie so niedrig stellt, dass man über sie wegsieht. Aber das können Sie bei
allem dem nicht, wahrhaftig nicht, Cousine! Ich will es Ihnen beweisen. Wie?
wenn solch' ephemeres Geschöpf nur einen einzigen Augenblick den Kopf erhübe,
und Sie fragte: Ist dein Stolz Würde oder Dünkel? müssten Sie nicht antworten?
und was würden Sie antworten?
    Früher beleidigten Sie mich sehr oft, jetzt kränken Sie mich. Sie waren
schön, ich verzieh' Ihnen. Sie sind vielleicht noch schöner, ich kann Ihnen
nicht mehr verzeihen. Was liegt denn auch so Unerhörtes, so Vermessenes darin,
dass ich mir's einfallen lasse, Sie zu lieben? dass ich mir's gestehe? und bei dem
natürlich vertrauten Umgange unter nahen Verwandten, im einsamen, ländlichen
Beisammensein, Ihnen davon mehr verrate, als Sie hören wollen? Sagen Sie doch,
verdient das Spott? Verachtung?
    Sie würden unvorsichtig handeln, wenn ich wäre, wofür Sie mich halten. Ich
bin ganz anders. Sie tun mir wehe, ohne sich zu schaden.
    Hier haben Sie immer einmal unrecht. Entweder Sie sind so scharfsinnig, als
Sie es zu sein glauben, dann hören Sie auf, consequent zu handeln, oder Sie
unterstützen mich, und dann läuft Ihre Güte Gefahr, verkannt zu werden.
    »Ich mache Verstand!« werden Sie einmal wieder gelangweilt sagen. Es kann
sein. Aber wie soll ich denn mit Ihnen sprechen? »Gar nicht!« höre ich Sie
schnell einfallen. Sie lachen dabei, und reichen mir gutmütig die Hand. Ach
Cousine! wenn Sie lachen - Sie wissen, der Himmel liegt dann auf Ihrem Antlitz.
    Es ist zum Verzweifeln, dass ich gerade immer dies Lächeln sehe.
    Wäre meine Mutter nicht gewesen! Die hat mich zum vollendeten Toren
gemacht! Wüssten Sie, Elise! was die denkt, wünscht, zu hoffen wagt! - Hoffen!
Mein Himmel, wer das vermöchte!
    Sie hätte es nicht aussprechen sollen! Solch' lautes, vollständiges Wort, es
kann einem ganz irre machen. Man wird es nicht wieder los.
    Ich wollte es nicht hören. Ich drängte es zurück. »Warum denn aber nicht?«
fragte die gute, liebevolle Frau. Cousine, dies warum denn aber nicht, klingt
mir immerfort in den Ohren, es fährt wie ein Ton aus der Luft, wenn ich gar
nicht daran denke, plötzlich vorüber, und scheint immer ernstafter meine
Vernunft, mein Urteil, mein Gefühl zu befragen.
    Liebe Elise, Sie stehen allein! Die ganze Welt ist gegen Sie. Wer Sie halten
könnte und sollte, der verweist Sie auf Ihre eigene Festigkeit und Stärke, aber
es ist einer Frau nicht möglich, alle die Pfeile abzuwehren, die von nahe und
fern auf sie gerichtet sind. Sie denken das nicht so. Wenn es indes nun noch
dahin käme, wenn Sie es nicht länger ertrügen, wenn Sie sich vergeblich nach
Hülfe sehnten, wenn Sie fliehen, und verfolgt, erkannt, fremden Beistand suchen
müssten? Cousine! Cousine! bedenken Sie es wohl, es kann dahin kommen! würde
Ihnen meine Hand dann nicht eben so lieb sein, wie die eines Andern?
 
                                Elise an Sophie
Räumen Sie mir, Beste! ein Winkelchen in Ihrer Wohnung ein. Lassen Sie mich
verborgen, heimlich, vor aller Welt versteckt, da leben, bis es aus ist mit dem
Leben, bis Alles vorbei, oder Alles gross und frei wieder geboren ist. Hier kann
ich nicht länger bleiben! Auch allein kann ich mich nicht ertragen!
    Ich schreibe Ihnen nur dies, und dass ich komme! Die Tante! - Curd! - Werden
Sie es glauben? Aber hiervon mündlich, es ist gerade so viel, um das Mass voll
und die Pflegerin unerträglich zu machen.
    Doch Hugo! Hugo! Ich lese den tiefen, versteckten Argwohn in seiner Seele. -
Er fürchtet -! Kann er glauben, dass ich ihn, wie unsere Bestimmung, so verkenne!
- Nein, hiervon kein Gedanke in meiner Seele. Und wenn auch er - es bliebe doch
unmöglich!
    Hält er mich eines Kunstgriffs fähig, um ihm eine Erklärung abzugewinnen? -
Gott! mein Gott! so niedrig denkt er von mir!
    Wenn ich es einrichten kann, bin ich in spätestens vierzehn Tagen bei Ihnen.
Bis dahin - bis dahin? - Was das für Worte sind! was da eine Zeit, mit allen
ihren Bedingungen darin liegt! Ich fürchte jetzt Augenblicke. Ein Jeder dehnt
sich, und wird an Gewicht inhaltschwerer! Und dann, das dahin! wie doppelsinnig!
es zeigt vor und zurück!
    Ja wohl, dahin! dahin!
 
                             Sophie an den Comtur
Ich konnte Ihnen gestern Abend nichts mehr über meine Unterredung mit Ihrem
Neffen sagen. Sie waren zu eilig, die Gräfin zu geschwätzig, ich, weder
aufgelegt noch unbefangen genug, Gelegenheit zu besonderer Mitteilung zu
suchen. Sie erfahren ohnehin nicht viel Erwünschtes. Es blieb ein verfehltes
Unternehmen. Hugo, einsilbig und unzugängig, wie Sie ihn kennen, wenn er etwas
anders im Sinn hat, hörte mich nicht kommen, und ich durfte mich durch nichts
verraten.
    Dass er bei mir war in Ihrem Auftrage, mit der Einladung: Sie Abends in
Ulmenstein zu treffen, gab mir Veranlassung, von Ihnen zu sprechen. Ich freute
mich Ihres Wohlseins, und dass er so liebevoll die Pflege des Oheims übernommen
habe. Er lächelte mit halbem Munde, liess mich reden, und hub, während einer sehr
natürlich eintretenden Pause, an: »Sagen Sie mir doch, wissen Sie nichts Näheres
von den Leuten drüben, die in des Präsidenten Hause wohnen?«
    »Nicht ein Wort,« entgegnete ich. Er versank in stummes Nachsinnen. »Wie
kommen Sie hierauf?« fragte ich, überzeugt, hier unmittelbar an seine
Gedankenreihe anknüpfen, und das Gespräch auf Elise führen zu können.
    »Durch eine Zufälligkeit,« versetzte er gleichgültig. Ich sah ihn ungewiss
an. »Ach mein Gott!« fuhr er in seiner matten Lauheit fort: »Es ist in der Welt
Gottes nichts, als der flüchtige Zufall, dass ich kürzlich auf ziemlich besondere
Weise jenen Unbekannten begegnet sein könnte.«
    Er vermied, sich deutlicher zu erklären, indem er eilig hinzusetzte. »Es war
während dem letzten grossen Sturm, wo ich Gelegenheit fand, Reisenden einen
Dienst zu leisten, Ausländer, einer vornehmen, geistlichen Dame, die durch den
Schreck des misslichen Augenblicks oder durch Krankheit, in fast abwesender
Gemütsverfassung zu sein schien.
    Heute hörte ich, drüben sei eine menschenscheue Italienerin eingezogen,
welche Nachts, und nur bei Mondenlicht, ihr Zimmer verlasse, und auch dann nur
verschleiert umher gehe. Man habe sie nach nördlichen Climaten geschickt, und
mit einem Aufentalte in hiesiger Gegend angefangen, um sie nach und nach an
rauhere Uebergänge zu gewöhnen. Vor wenigen Tagen sei ein alter Geistlicher dort
gewesen, der hierauf zu den Remonstratensern ging, mit denen die Dame wohl auch
in Verkehr stehe. Ich kombinirte Manches aus der Erinnerung des Reiseabenteuers
und -« er zog die Schultern mit einigem Selbstbespötteln in die Höhe. »Und,«
lächelte er, »ward neugierig auf die fremden Gäste.« Er schwieg hier, ein wenig
düster vor sich hinsehend.
    Diese kleine Episode hatte mich völlig von dem eingeschlagenen Wege
abgebracht, ich weiss nicht, weshalb mir Hugo heute überall finsterer und
befangener, als seit langer Zeit vorkam. Ist es Elise, die ihn beschäftigt?
dachte ich, so wird er mich verstehen, wo nicht, so lässt er es gut sein und
denkt nicht weiter daran.
    »Das Schloss in Wehrheim,« hub ich deshalb ohne sonstige Einleitung an, »es
ist nun vollkommen fertig?« »Bis auf einige Kleinigkeiten im Innern, ja,«
entgegnete er. »Wissen Sie,« sagte ich lachend, »dass man Sie schon mit einer
zweiten Gattin dort einziehen sieht?« Eine unwillige Falte flog auf seine
Stirne, als er mit der Antwort zögernd, durch ein kurzes, abstossendes »Hm!« die
Äusserung bei Seite warf.
    »Halten Sie das für so unmöglich?« fragte ich hierauf. »Unmöglich! ganz
unmöglich!« entgegnete er bestimmt. Er sagte das mit mehr Wärme und Heftigkeit,
als er sonst in das gesellige Gespräch hineinträgt. Die Ungeduld hatte ihn von
seinem bisherigen Platze aufgejagt. Er ging einigemale durch das Zimmer, dann
wandte er sich, blieb vor mir stehen, und meine Hand ergreifend, lächelte er ein
wenig scharf, wie mich dünkte, indem er äusserte: Er wolle nicht forschen, wie
ich zu der Frage komme! doch hätte ich unrecht, das möchte ich glauben.
    Er ging. Ich rief ihm nach, sich deutlicher zu erklären, ich verstehe ihn
nicht. Schon in der Türe trat er ein Paar Schritte zurück. »Liebe!« bat er,
»verhüten Sie, dass irgend Jemand an dies verschobene Geschick rühre. Ich bin
nicht glücklich zu machen,« setzte er ernstaft hinzu. »Wie ich es sein könnte,
begreift Niemand, darum bleibt es ein Ideal! Und Ideale,« lachte er, »das ist ja
schon oft gesagt, die passen nicht in die Wirklichkeit.«
    Es lag Bitterkeit in seiner Miene, wie in dem Ton der Stimme. Darum hielt
ich ihn auch nicht länger, als er mich ziemlich eilend verliess.
    Sie sehen, lieber Freund! ich bin nicht glücklich in meinem Versuch gewesen.
Ich fürchte auch, wir dürfen ihn nicht wiederholen, wenn wir uns nicht um alles
Vertrauen bei Ihrem Neffen bringen wollen. Und ehrlich gesprochen, was hoffen
Sie im Grunde Ihrer Seele? Ich weiss nicht, die Zukunft kann mir bei Hugo niemals
einfallen. Es ist, als wenn er keine hätte. Wenigstens suche ich den Faden
vergebens, durch den sich Fortgang und Reife im Leben entwickeln.
    Sie wollen hier die Eigentümlichkeit nicht berücksichtigt wissen.
Notwendig nennen Sie den Schritt, den die voreilige Störung wieder mit
gesetzlicher Ordnung ausgleicht. Hugo sei Elisen ein Opfer schuldig. Er müsse
sich durch sie vor der Welt herstellen.
    Lieber! anders denkt der Mann, anders fühlt die Frau. Glauben Sie mir, Elise
passt noch weniger, als Emma für ihn; und leicht könnte das zweite Ärgernis
durch die Leidenschaftliche schlimmer werden, als das erste. Ich mag hierin
irren. Doch lassen wir der Zeit ihren Lauf. Zudem ist für jetzt in der Sache um
so weniger etwas zu tun, als ich Ihrem Neffen eine gewisse, geheimnisvolle
Unruhe anfühle, die ich nicht zu erklären weiss. Elise ist es nicht, die ihn
beschäftigt. Ueber sie scheint er in sich uneins. Er vermeidet, von ihr zu
reden, vielleicht deutlich über sie zu denken. Wir könnten ihn wohl gar von ihr
entfernen, indem wir Beide zu vereinen streben.
    Wenn ihm aber die augenscheinliche Unruhe nicht durch sie kommt, was hat er
denn?
 
                                Sophie an Elise
In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Zeilen. Liebste, Beste! wie schmerzt es
mich, Sie um Aufschub Ihrer Herreise bitten zu müssen. Mein Gott! Sie werden das
fühlen. Ich kann nicht fürchten, dass Sie mich missverstehen, ja, ich sollte es
fordern dürfen, dass Sie mir ohne Weiteres vertrauten, wenn ich mir's abgewönne,
Ihnen zu sagen, es sei jetzt kein Zeitpunkt für Ihre Anwesenheit bei mir. Doch,
Sie würden nur forschen, grübeln, und sich quälen, also - die Oberhofmeisterin
droht mit ihrer Ankunft. Sie will - ich weiss nicht was? Ich kann ihren Brief
nicht verstehen. Er ist dunkel, unruhig, schroff, wie sie selbst. Genug aber,
sie will kommen, zu mir kommen! In einem Auftrage, wie sie sagt.
    Es ist unmöglich, dass Sie beide hier zusammen treffen. Niemanden wird das
mehr einleuchten, als Ihnen. Es wäre deshalb auch nicht ein Wort weiter über
meine zurückweisende Antwort Ihres Briefes zu sagen, wäre dieser Brief nicht,
wie er ist.
    Nein, in keinem Augenblick Ihres erschütterten Lebens haben Sie mir so ganz
vernichtet, so fassungslos, so - lassen Sie mich's sagen, so herabgeworfen von
Ihrer klaren Höhe, geschrieben. Ist es denn wahr, dass auch Ihnen der Mut sinkt,
und die Schwungkraft des Geistes weniger dem Sturm als der entnervenden Schwüle
erliegt.
    »Es reicht hin, das Mass voll und die Pflegerin unerträglich zu machen,«
sagen Sie in einem Tone unwilliger Kraftlosigkeit, die mich erschreckt.
    Liebe! Gute! wo sind Sie hingeraten mit Ihrem Geschick, mit sich, mit den
nächsten Freunden? Die Tante meinen Sie, und Curd und Hugo. Sie deuten Alles nur
leise an, aber es lässt sich erraten, was die einfache, redliche Verwandte
wünscht, was der beschränkte Sohn möchte - doch Hugo? - Nur er hat Sie wohl so
ganz aus dem Gleichgewicht gerissen. Mit den beiden Andern, dächte ich, würden
Sie leicht fertig. Wenn er aber! - Was wollen Sie denn hier, Elise? Sind Sie
nicht einig mit dem Freunde, so sind Sie es noch weniger mit sich. Leicht möchte
dann der unerwünschte Aufschub ein Gewinn sein. Betrachten Sie es so. Befreien
Sie die befangene Seele von den Banden des Augenblicks. Sehen Sie über diesen
weg. Sammlen Sie, o sammlen Sie den lieben, hellen, schönen Geist, senken Sie
ihn nur einmal in den heiligen Quell zurück, von dem er ein armes, kleines
Tröpfchen ist, das so oft der Erneuerung bedarf.
    Meine beste Elise! ich sage Ihnen nichts mehr, kein Wort, aber heisse Tränen
kosten Sie mich! Musste denn die heitere Jugend so frühe altern?
 
                                    Antwort
Zu spät! Ihr Brief trifft mich hier in *** wo er mit mehrern andern gemachten
Vorkehrungen zufolge, auf der Post meiner Abholung wartete. Umkehren? jetzt
noch? hier? Ich kann es unmöglich! Würden Sie es können? würden Sie? Denken Sie
doch nur, so nahe bei ihm, so nahe bei Georg! Nein, unmöglich! unmöglich!
    Dass ich Ihre Gastfreundschaft unter solchen Umständen nicht in Anspruch
nehmen werde, versteht sich von selbst. Aber wohin sonst? Ich sitze hier und
sitze -
    Nein, ich sitze nicht einen Augenblick auf einer Stelle. Das Blut kocht mir
in den Adern, mein Herz schlägt ungestüm. Ich laufe im Zimmer umher. Gedanken
habe ich nicht. Gefühle! unaussprechlich beglückende, unaussprechlich
ängstigende.
    Man fragte mich, wohin ich die Postpferde wolle? Ja, wohin? Sagen Sie doch,
Sophie! wohin? Ich weiss wahrhaftig - - - - -
                                                                         Abends.
Hier bin ich, gute, liebe, einzige Freundin! Walter bringt Ihnen, wie sonst,
diese Zeilen. Ich schreibe Ihnen aus dem Schlafkämmerchen der Tannenhäuserin.
Hier! Hier! O mein Gott! was dringt hier alles auf mich ein.
    Die brave Frau war so gerührt, so überrascht bei meinem Anblick. Ich hielt
ein Paar hundert Schritt vom Hause. Es war finstre Nacht. Ich wollte den Wald,
die Bäume, den fürchterlichen See nicht sehen. Der Postillon musste absteigen,
die Wirtin herauszurufen. Es währte eine Weile, ehe sie kam. Johanna und ich
sassen währenddem stumm neben einander. Das arme Mädchen fürchtete sich. Sie
hielt die Leine der Pferde lose und ängstlich in der Hand. Es war todtenstill um
uns, wir hörten nichts als den schnaubenden Atem und das Schütteln der müden
Gäule in dem lästigen Geschirr. Mir wurde immer beklommner, immer voller ums
Herz. Weinen konnte ich nicht, kaum mich regen. Indem ritt Jemand schnell
vorüber. Ein Anderer, der ihm folgte, fluchte über das Fuhrwerk, das hier mitten
im Wege hielt, und gab dem einen Pferde einen Schlag mit der Faust, dass es
seitwärts taumelte. Johanna schrie, jener lachte und sprengte davon. Es war die
rohe Stimme und das gemeine Wesen eines Reitknechts, aber wer war sein Herr? wer
war der flüchtige Reiter, der so stürmisch an uns vorüber flog?
    O Herz! Herz! du nanntest ihn, und gewiss, es war kein Anderer!
    Als nun der Postillon mit seiner Begleiterin kam, diese die kleine
Handlaterne ein wenig hob, um mir ins Gesicht zu sehen, zitterte ich und konnte
nicht sprechen, nicht aussteigen, mich nicht auf den Füssen halten. Ich winkte
nur der erschrocknen Frau, auch zu schweigen. Sie seufzte schwer. Mit ihrer und
Johanna's Hülfe verliess ich den Wagen.
    »Können Sie ein oder zwei Nächte?« brachte ich endlich heraus. »Lieber Gott!
warum denn nicht,« erwiederte sie. »Aber beste, gnädige Frau! Sie sind krank,
bei mir ist es unruhig, Sie werden Ihre Bequemlichkeit nicht haben,« bemerkte
sie ängstlich. Ich liess sie reden, und ging, statt aller Erwiederung, auf das
Haus zu.
    »Es ist Gesellschaft drinnen,« sagte sie, und mich behutsam durch die Küche
und einen kleinen Vorhof führend, brachte sie mich in ein Zimmer.
    »Nur so lange Geduld,« bat sie, »bis die Gäste auseinander gehen. Dann werde
ich für mehr Bequemlichkeit sorgen. Es ist heute eben recht voll hier, ich habe
Alles, bis auf dies Kämmerchen, einräumen müssen,« lächelte sie im Hinausgehen.
    Ich setzte mich in den hintersten Winkel auf ein Schemelchen nieder. Der
Lärm wirrte undeutlich aus den anstossenden Gemächern herüber. Ich konnte weder
Worte noch Stimmen unterscheiden. Ich hätte sie auch in dem Augenblick nicht
unterschieden. Wie viel tausend andere Stimmen schrieen jetzt laut in mir auf.
    Hier war ich nun also, flüchtend, versteckt! Nacht um mich, Nacht in mir;
nicht der kürzeste Blick über die nächsten Paar Schritte kenntlich, alles dumpf
und dunkel wie im Kerker.
    So sitze ich noch, so schreibe ich Ihnen bei einem Lämpchen. Sie sehen den
Worten wohl den Aufruhr der Seele an. Neben mir an braust und tobt es immer
wüster.
    Walter, der alle Gelegenheiten des Hauses kennt, und die Wirtin sprechen
wollte, trat vor einer Weile unerwartet hier herein. Die Tür war ungeschickt
und nur halb verriegelt, so dass sie bei dem Ruck seines starken Armes aufsprang.
Ich fuhr erschrocken in die Höhe. Er blieb betroffen stehen. Dann trat er
schüchtern zurück, und zog die Tür leise nach sich. Ich schickte Johanna, ihn
um die Besorgung eines Schreibens an Sie zu bitten. Er zeigte sich sehr
bereitwillig, fragte teilnehmend nach mir, bat, seines unvorsichtigen Eintritts
wegen, um Verzeihung, mit dem Zusatze: dass, wenn er hätte ahnden können, mich zu
erschrecken, er ja lieber dem Kämmerchen auf hundert Schritte nicht genahet
wäre. Er lächelte gerührt und wischte sich verstohlen die Augen.
    Er also, Sophie! und vielleicht noch mancher Andere bewahrten mir ein
freundliches Andenken in dieser verödeten, umgewandelten Gegend.
    Die Tannenhäuserin ist nicht einen Augenblick festzuhalten! Noch nicht ein
Wort von Georg. Hugo's Name wage ich nicht zu nennen.
                                                                   In der Nacht.
Hören Sie doch, Sophie! Hören Sie doch! es ist nun still im Hause. Aber hier,
hier in mir ist ein Tumult, eine Angst! Sie müssen morgen frühe zu mir kommen.
Walter wartet auf meinen Brief. Er geht, so wie der Tag grauet, damit zu Ihnen
hinüber.
    Johanna's Neugier hat allein Schuld. Ich dankte Gott, nichts von der rohen
Unterhaltung meiner Nachbarn zu verstehen. Nun war es vorbei! Ich hätte ja taub
sein müssen. Sie hatte Langeweile. Bald stand sie stille, bald ging sie in der
Kammer umher, öffnete Fenster, Schubladen und Schränke. Jetzt zieht sie an einem
rot- und weissgewürfelten Vorhange. Ein Fenster wird sichtbar, es ist mit einem
Laden versetzt. Sie macht diesen ein klein wenig auf, ihr erster Blick fällt in
das anstossende Gastzimmer. Ich gebe nicht Acht auf sie. Nun stürzt das
angelehnte, eichene Brett, das sie aus der Lage gebracht und nicht zu regieren
versteht, herab auf den Boden. »Mein Himmel, Johanna! was machst Du?« rief ich
unwillig. Sie zieht eilig den Vorhang wieder zu, und lautlos auf mich zurennend,
flüstert sie: »St! dass sie uns nicht hören! Sie sitzen bei Würfeln und Karten,
und die Wirtin steht bei einer Bowle Punsch, aus der sie ihnen fleissig
einschenkt.«
    Die genauere Bezeichnung dessen, was neben mir an, getrieben ward, flösste
mir Widerwillen und Bangigkeit ein. Die Scheidewand, welche mir bis jetzt
unmittelbare Störungen abhielt, war eingefallen; das Fensterchen mochte
aufgesprungen sein, genug, ich unterschied plötzlich des Amtmanns Stimme, die
durch Punsch und Spiel gehoben, etwas unbeschreiblich Verletzendes hatte. Die
Karten schienen ihm unglücklich zu fallen. Er stiess mehr als einen Fluch aus.
Mir war nicht anders, als müsse jeden Augenblick Einer von den wilden Gesellen
zu mir hereintreten. Ich wollte fort, zu Fuss, in den Wald, nur hier nicht länger
bleiben! Johanna beschwor mich, ruhig zu sein. Ich stand zitternd an sie
gelehnt, als ich den Amtmann zornig auffahren, und einen Knaben weinerlich sagen
hörte: »Ich wollte Dich ja nur erinnern, dass es spät sei. Grossmutter weint.«
»Ach, geh' zum Teufel mit deiner Grossmutter und deinem Erinnern!« schrie der
Vater ganz ausser sich. »Aber wartet nur, ich werde dem Dinge ein Ende machen! Du
musst mir auf die Schule,« fuhr er hitzig fort. »Nun der kranke Wurm nicht länger
bei uns bleibt, bekommt das Ding so eine Wendung!«
    Sophie! ich glaubte in die Erde zu sinken. Er redete von Georg! Krank nannte
er ihn, und jämmerlich, wie ein Wurm, dünkt ihm das blühende Kind! Es war das
erstemal, dass ich das hörte; Niemand hatte mir früher eine Ahndung davon
gegeben.
    Gespannt horchte ich, als die Fragen der Andere mir mehr Licht zu geben
versprachen. Allein der Amtmann war in seiner Punschlaune ganz verwildert, er
vermass sich hoch und teuer, dass er sein halbes Leben darum schuldig sein wolle,
wenn er nie an den vermaledeiten Ort gekommen wäre, wo sich das Unglück
einquartirt habe. Viele der Anwesenden lachten ihn aus. Er schlug aber auf den
Tisch, dass die Gläser klirrten, indem er schriee: »Lacht nur! ich weiss doch, was
ich weiss.« »Nun?« fragten Einige, »was weisst Du denn?« »Das weiss ich,«
entgegnete er heftig, »dass mit dem Grafen alles Elend über uns gekommen ist. Wie
der hier einzog, da starb mein Hannchen; sie hatte ihn kaum gesehen, hernach -!
nun, das lässt sich ja an den Fingern abzählen,« bekräftigte er seine Aussage,
ohne weitere Beweise anführen zu wollen. »Es wird noch Alles sterben,« fuhr der
wilde Mann nach kurzer Pause fort, »Alles, was er verhext hat. Die Eine ist
schon todt, die Andere so gut wie gestorben, und der arme Junge, der hat auch
etwas weg, das wird gewiss kein Mensch leugnen.«
    Schrecklich! Schrecklich! wimmerte ich, die Hände ringend. Ich schrack
zusammen, als die Gäste ungestüm nach Punsch und auch nach der Wirtin riefen.
    Sie musste einen Augenblick hinausgegangen sein.
    »Sie ist dort in der Kammer,« sagte Einer, »hinter der Gardine schimmert ja
Licht!«
    »Holla!« rief dieser zwischen dem Fensterflügel hindurch, den Vorhang
aufhebend. »Ach! gehorsamer Diener!« setzte er verblüfft und blöde hinzu, indem
er, mit dem Fusse scharrend, eine Verbeugung machte.
    Ich verbarg mein Gesicht an Johanna's Brust, doch hatten sich im Augenblick
Mehrere an das Fenster gedrängt. Ich hörte sie zischeln: »Es ist die
Präsidentin, da wird er auch nicht weit sein!« »Nein!« meinte ein Anderer, »es
ist wegen dem Kleinen, der nun fort soll. Weiss man doch, wie sie ihn liebt.«
»Ja, ja,« flüsterte der Amtmann, »und vollends die unversöhnliche Todtfeindin!«
    Sophie! ich hörte nichts mehr. Ich habe wohl eine Stunde in völliger
Betäubung da gesessen. Ich bin wie verwirrt! Hier kann oder will mir Niemand
Auskunft geben. Sie müssen es. Ich beschwöre Sie auf meinen Knieen darum. Morgen
frühe! So bald Sie können. Hören Sie wohl. Denken Sie, dass die Nacht lang, dass
jede Minute in der Angst verlebt, eine Ewigkeit ist; dass ich auf der Folter bin,
und Sie mich retten können, oder -! Nein, das wird nicht sein, das darf nicht
sein!
 
                                 Sophie an Hugo
Ich kann nicht einen Augenblick anstehen, Ihren Beistand für Elise in Anspruch
zu nehmen. Ein höchst unangenehmer Vorfall hat die, nur allzuleicht mit sich
einige, immer zum Äussersten entschlossene Frau zu Schritten verleitet, die
ärgerliche Folgen haben können. Lesen Sie Ihren letzten Brief an mich. Ich
schicke Ihnen diesen, wie er ist. Er allein mag das Folgende erklären.
    Es war wohl natürlich, dass ich gleich nach Empfang desselben die Arme in
ihrem Versteck aufsuchte. Nichts, selbst die Gegenwart der Oberhofmeisterin
konnte mich daran verhindern. Wer hätte ahnden sollen, dass gerade diese Eile die
widrigen Ereignisse beschleunigen, die Verwirrung vollständig machen würde!
    Noch vor dem Frühstück hatte ich mich in den Wagen geworfen, und ohne Ihre
Schwiegermutter zu sprechen, mich begnügt, ihr sagen zu lassen, ein dringendes
Geschäft zwinge mich zu kurzer Abwesenheit, gegen Mittag würde ich gleichwohl
unfehlbar zurückgekehrt sein. Tausend Sorgen im Herzen, komme ich nach dem
Waldhäuschen. Ich steige aus, ich gehe hinein. Niemand begegnet mir. Sie ist
krank, denke ich. Die Wirtin, ihre Leute sind um sie beschäftigt. Vorsichtig
öffne ich die Tür nach dem hintern Zimmer. »Ach, Ihr Gnaden! da sind Sie ja
doch noch gekommen!« ruft Johanna. Die Tannenhäuserin und sie standen zugleich
vor mir und sahen teils verwundert, teils bestürzt aus.
    Ich fragte ängstlich nach Elisen. »Ach mein Gott!« entgegnete das
erschrockene Mädchen. »Ist denn die gnädige Frau nicht bei Ihnen? Sie sagte
doch, sie wolle sich bei Wehrheim übersetzen lassen und nach dem Stifte gehen.«
    »Wann war das?« fragte ich, »wann ging sie von hier fort?« Beide sahen sich
an, und meinten, ein Paar Stunden sei es wohl her. Da müsste sie ja, dachte ich,
Weg und Länge der Zeit gegen einander abmessend, schon dort gewesen sein, ehe
ich noch von Hause ging. Doch fiel mir Wehrheim, und alles was sich daran
knüpft, bei. Sie wird sich dort aufhalten, den neuen Bau besehen.
    Ich beschloss sogleich dahin zu fahren. Eilig forschte ich nur noch bei
Johanna, wie das Befinden und die Stimmung ihrer Herrschaft gewesen sei? Wie sie
die Nacht zugebracht habe? Und ob sie nicht geäussert, weshalb sie mich nicht
hier abwartete, da sie doch gewiss sein konnte, ich würde nicht ausbleiben? Was
ich erfuhr, mehrte nur meine Besorgnis. Elise hatte in ungleicher, fieberhafter
Ueberspannung bis zum Morgen geschrieben, das Geschriebene zerrissen, die
Papierschnitzel verbrannt, dann aufs neue, und in grösserer Lebhaftigkeit, ein
Blatt gebrochen, ihre Gedanken eilig in grossen Schriftzügen darauf hingeworfen.
Bis sie es zuletzt zu sich steckte, damit zum Fenster trat, als warte sie nur
den ab, dem sie es anvertrauen dürfe. Die Wirtin erbot sich unaufgefordert zu
jeder ihrer Bestellungen. Elise sah sie gerührt an. »Ich danke,« lächelte sie,
so weich und schmerzlich, dass Jener die Tränen noch jetzt von tiefer Rührung in
die Augen traten. Darauf legte sie beide Hände auf der Tannenhäuserin Arm, und
zog diese näher zum Fenster. Die Hände hätten gebrannt, wie Kohlen, und die
Stimme sei stockend gewesen, als sie sagte: »Wissen Sie wohl noch, wie wir, die
selige Amtmannsfrau und all die Kinder und ich hier Blindekuh spielten?« Ich
verband der lieben Seligen die Augen, da klagte sie: »Nicht so fest, nicht so
fest!« Ich lachte und neckte sie, als könne sie die Finger sehen, die ich ihr
vorhalte. »Nicht einen Stich,« beteuerte sie, »es ist so dunkel wie im Grabe um
mich.« Elise verzog das Gesicht sonderbar, als sie wiederholte: »Dunkel wie im
Grabe!« und dann hinzusetzte: »Nun liegt sie schon lange darin! Nachher ward ich
Blindekuh! Und -« sie drückte das Gesicht gegen die Scheiben. Sie weinte aber
nicht, doch flog ihr die Brust heftig, als unterdrücke sie ihre Tränen.
    Nach einer Weile soll sie gesagt haben: sie wolle nun gehen. Es komme doch
Niemand. Johanna bezog das auf mich, und entgegnete: ich könne ja kaum erst den
Brief haben. Elise schüttelte aber den Kopf, forderte Mantel und Handschuhe, zog
den Schleier über den Hut herunter, und verliess mit den Worten das Haus: »seid
unbesorgt, ich kenne hier Weg und Steg.«
    Liebster Hugo! ich bin darum so weitläufig in Wiederholung aller dieser
Äusserungen, und ihrer begleitenden Nebenumstände, um mein damaliges Dafürhalten
zu modiviren, dass jenes erwähnte Blatt an Sie gerichtet, Elise zu dem Gedanken
gebracht haben könne, es Ihnen selbst nach Wehrheim hinzutragen, in der
Hoffnung, Sie vielleicht dort zu treffen, oder doch Gelegenheit zu schnellerer
Besorgung finden zu können.
    Wenn man einmal auf einer falschen Spur ist, so rennt man blindlings darauf
fort. Meine gewonnene Ueberzeugung jagte mich um so eiliger nach Wehrheim, als
ich Elisens Besonnenheit mehr als jemals misstraute. Aufs Äusserste betroffen,
erfuhr ich indes hier, dass weder unsere arme Freundin, noch sonst jemand Fremdes
seit mehreren Tagen im Orte gewesen sei.
    Sollte sie wirklich bei mir sein, dachte ich ganz entsetzt bei der
Vorstellung möglichen Zusammentreffens mit der Oberhofmeisterin!
    Es lag soviel Unwahrscheinliches hierin. Und doch! Ihre Ungeduld, Nachricht
zu haben, die wachsende Angst, der fieberhafte Zustand! Ich ging eilig, mit
meiner eigenen Meinung streitend, am Ufer auf und ab. Die Sonne schien warm. Es
wehte eine angenehme Luft. Einen Augenblick stehe ich stille, ich sah umher
Dörfer und Schlösser liegen jenseits des Stromes. Das neue Dach von des Amtmanns
Hause leuchtet besonders hell in dem frischen Morgenlicht. Des Amtmanns Haus! -
Gott! wie Schuppen fiel mir's von den Augen. Da ist sie! nirgends sonst wo. In
der Nähe von dem Tannenhause, das Kind leidend. - Es war unbegreiflich, dass es
mir nicht gleich im Augenblick einfiel.
    »Zurück! zurück!« rief ich dem Kutscher zu, jetzt doppelt ein unglückliches
Missverstehen und gehässige Eindrücke für Elise fürchtend.
    Es war über das Alles später geworden, als ich es in der innern Erregung
voraussetzte. Die unseligen Irrfahrten, die Erkundigungen und Berichte hatten
viel Zeit weggenommen. Als ich vor dem Amtofe hielt, sass die Familie schon bei
Tisch. Madame Lindhof kam mir entgegen. Sie sah ungewöhnlich erhitzt aus.
Aengstlich vermied sie meinen fragenden Blick. »Ist die Frau Präsidentin hier?«
flüsterte ich ihr im Aussteigen zu. »Nicht mehr,« lispelte sie leise. »Mein
Gott, auch hier nicht mehr!« rief ich ungeduldig. »Verweilt sie denn nirgend so
lange, dass ihre Freunde sie treffen!« »Dafür,« entgegnete die sanfte Frau mit
bebender Stimme, »wissen Andere, als Freunde, sie zu treffen!« Ich fuhr
erschrocken zusammen. »Wo,« fragte ich zögernd, »ist Elise jetzt?« »Mit meinem
Sohne nach der Stadt gefahren,« war ihre Antwort.
    Verwirrte Ahndungen blitzten mir durch die Seele. Wir traten in das
Esszimmer, Georg sprang auf mich zu. »Wissen Sie schon? Mama ist wieder hier!«
jubelte er, die hellen Freudentränen in den Augen. »Ich reise nun mit Mama,«
plauderte er lebhaft fort. »Nicht mit der grossen, alten Dame, die Papa
schickte.«
    Ich nahm die gute Lindhof unter dem Arm, und sie in ein Nebenzimmer führend,
bat ich sie, mir ruhig und zusammenhängend zu erzählen, was sich hier zugetragen
habe.
    Ich erfuhr nun leider, dass gerade das, was ich verhüten wollte, dennoch
geschehen war. Elise und die Oberhofmeisterin trafen hier zusammen. Die
Letztere, die Zeit meiner Abwesenheit auszufüllen, fuhr hierher, um das Nötige
wegen des Knaben Abholung mit seiner Pflegerin zu bereden. Sie fand Elise dort.
Wie sich Beide begrüssten, was verletztes Muttergefühl Beide sagen liess, wie sie
schieden, wozu die Unglückliche jetzt verleitet ward? Ich dränge es in die
wenigen Worte zusammen: Elise ist auf dem Wege, eine Klage gegen Eduard, wegen
Bruch des Scheidungsvertrags, gerichtlich einzugeben.
    Dies Ärgernis muss um jeden Preis hintertrieben werden. Ich beschwöre Sie
deshalb, die Unbesonnene aus den Händen ihres schlechten Ratgebers, des
Amtmanns, zu retten, sie zur Besinnung, zur Güte und Sanftmut zurückzuführen.
Sie oder Niemand, vermögen es über sie, dass sie nur erst stille stehe, sich
sammle, und betrachte, was sie darf, wenn sie auch nicht aufhört zu wollen. Und
auch Wollen wird sie nichts Unschickliches, nichts Gewaltsames, da sich wirklich
Alles anders verhält, als es sie ihr rasch und heftiges Empfinden erkennen lässt.
    Sehen Sie, Eduard hat sich nie des Rechts, über Georg zu bestimmen,
vergeben, nur der Mutter Wunsch, ihn bis zum siebenten Jahre der freien und
sanften Leitung unserer Nachbarin zu überlassen, in soweit bewilligt, als dies
nicht zum Nachteil des Kleinen auszuschlagen drohe. Jetzt nun, da genaue
Erkundigungen den Vater von der wüsten und rohen Lebensweise des Amtmanns in
Kenntnis setzten, er hören muss, wie in jenem Hause schlechte Gesellschaft ein-
und ausgehe, und auch Georgs Gesundheit sich nicht wieder herstelle, jetzt
entschliesst er sich, den Knaben zurückzufordern. Er schrieb mir deshalb, setzte
alle seine Gründe auseinander, und bat mich, die Mutter darauf vorzubereiten.
Ehe ich dies noch vermag, entfernt sich Elise von ihrem bisherigen
Aufentaltsort, sie ist schon auf der Reise, als die Oberhofmeisterin hier
ankommt. Geschäfte, den Nachlass ihrer Tochter betreffend, führen diese zu mir.
Der Präsident, genau mit ihren Angelegenheiten bekannt, weiss von ihrem Vorhaben,
er benutzt die sichere und bequeme Gelegenheit, das Kind in eine vortreffliche,
auf ihrem Weg gelegene Anstalt zu bringen. Sie verspricht es, und trifft ihre
Vorkehrungen, ohne Elise kränken zu wollen, ohne selbst von ihrem geglaubten
Rechte zu wissen.
    Ich lege Ihnen natürlich und einfach vor Augen, was sich eben so natürlich
und einfach zutrug, und nur auf der Oberfläche die gemischte, störende Farbe
trägt.
    Ich gestehe, dass wie die Sache unter dem ungünstigsten Zusammentreffen von
Umständen erscheint, Elise Härte und Willkühr darin finden kann. Allein wäre dem
auch so, sie muss es dulden. Sie darf durch keine öffentliche Handlung
hervortreten, am wenigsten durch einen Schritt gegen Eduard, um die Welt nicht
auf's Neue an sich zu erinnern.
    Ich weiss nicht, ob Sie diese Meinung teilen? Das aber darf ich versichert
sein, Sie werden das Laute, Ungeziemende jeder Handlungsweise missbilligen, und
gern behülflich sein, kranke Leidenschaftlichkeit in die Gränzen sanften
Widerstandes zurückzuführen.
                                    Antwort
Ein Geschäft hielt mich bis jetzt von der Burg entfernt. Ich kehre zurück, finde
Ihren Brief, gütige Sophie! und eile, unbesonnene Massregeln zu hintertreiben.
 
                               Der Arzt an Sophie
Zu manchen Zeiten sollte man wirklich glauben, es mischen sich böse Geister in
unsere verständigsten Absichten, um sie zu Schanden und uns Kummer zu machen.
    Es geht auch hier so. Alle Ihre Vorsicht, verehrtes Fräulein! hat es nicht
hindern können, dass die übereilte Klage wenigstens abgefasst, unangenehme Worte
darüber gesprochen, feindliche Gesinnungen erregt worden sind. In dieser
unseligen Stimmung aufs Höchste gereizt, durch die eigennützigen Einflüsterungen
des Amtmanns gestachelt, krank, in heftiger Fieberwallung, verlässt die Frau
Präsidentin die Stadt. Es dunkelte bereits. Der Abend war lau, sie litt durch
innere Hitze. So befahl sie, den Wagen herunter zu schlagen. Noch dünkten ihr
Hut und Schleier genügend. Frei und leicht sass sie ohne weitere Verhüllung, und
schien, selbst dem bösen Einfluss der Nachtluft zu trotzen. So kommen sie an die
Brücke, die jetzt ausgebessert wird, und nur eine schmale Ueberfahrt gestattet.
Wagen, die einander begegnen, müssen dann anhalten, und sich über das Recht des
Vorfahrens vereinen. Des Amtmanns Calesche, von zwei Pferden gezogen, bleibt
billig bei der Annäherung einer grossen, sechsspännigen Reisekutsche zurück.
Diese rollt nun über die Brücke. Neugierig biegt sich ein Kinderköpfchen zum
Schlage heraus. »Mama! Mama! da ist sie ja!« ruft eine herzzerschneidende
Stimme. Und gleich darauf: »O bitte, liebe Mama, komm doch mit! O bitte, bitte!«
Zerrissen, verwirrt, von wilden Empfindungen um Bewusstsein und Fassung gebracht,
stürzt die unglückliche Mutter zum Wagen heraus, dem rasch Vorüberfahrenden
nachschreiend, händeringend sinkt sie in die Kniee, dicke Staubwirbel, und
Georgs Klagen, ziehen vor ihr her, sonst ist es Nacht um sie. Sie sieht nichts
mehr! -
    In diesem Zustande trifft sie der Graf, welcher auf Ihr Geheiss, mein
Fräulein! nach der Stadt eilte.
    Sie erkannte ihn nicht. Seine Verzweiflung, wie mir der Amtmann sagte, war
unbeschreiblich. Er trug die Ohnmächtige in den Wagen, und während seine Leute
mich zu holen eilten, begleitete er jene nach dem Amtof.
    Ich kam in der Nacht hier an. Ich fand bedenkliche Anzeichen, und darf es
nicht verschweigen, dass die Natur wohl einen harten Kampf vorbereitet. Der Graf
sitzt stumm an dem Bette der Kranken. Er fragt nicht, er äussert nicht Angst noch
Sorge. Doch wird die Falte zwischen seinen Augen immer tiefer, sein Blick immer
finsterer, das Gesicht starrer, der Schmerz hat all das Fürchterliche bei ihm,
was Diejenigen ihm geben, die ihn auf Kosten ihrer Existenz in sich erdrücken,
und Gewalt gegen Gewalt anrücken lassen.
    Hier im Hause herrscht die grösste Bestürzung. Der Umstand, dass die Symptome
der Krankheit sich ungefähr wie bei der verstorbenen Amtmannsfrau äussern, ruft
alle schmerzliche Erinnerungen in die Herzen der Umstehenden zurück. Man gibt
in der Regel der einmal gemachten Erfahrung bei ähnlicher Veranlassung
unumschränkte Gewalt über die Gefühle. Niemand glaubt deshalb an Rettung, Alle
beweinen die Kranke schon wie eine Todte, man hat dies kein Hehl, und selbst die
ruhige, gelassene Madame Lindhof, durch so viele widrige Ereignisse nicht gleich
so furchtsam, kann sich dennoch zu keiner Hoffnung erheben.
    Diese lähmende Trostlosigkeit ist indes für Pflege und Aufsicht nachteilig.
Ich wage daher, Sie, mein Fräulein! hieherzurufen, und hoffe um so mehr auf Sie,
als ich nur kluger Umsicht und gefasstem Gemüt fernere Verhaltungsregeln
anvertrauen kann, von deren Beobachtung während meiner unaufschieblichen
Rückkehr nach der Stadt, sehr viel abhängt.
    Unheimlich ist es, und ich leugne nicht, auch für Stärkere möchte es
peinlich sein, dass die Fremde, welche hier eingezogen ist, und die bei den
Leuten unter dem Namen: das graue Nönnchen, (der Farbe ihrer Kleidung wegen)
bekannt ist, gerade bei der Ankunft der Kranken ihren nächtlichen Umgang hielt,
und bei dem Wagen stehen blieb, als dieser vor dem Hofe einen Augenblick hielt,
bis die Torflügel geöffnet waren. Selbst der Graf soll zusammengezuckt und
ängstlich gestöhnt haben. Einige wollen deshalb gar nicht zugeben, dass es die
Fremde gewesen sei; sie halten die Gestalt für den Geist der verstorbenen
Amtmännin, und vermehren dadurch nur die dumpfe Bestürzung.
    Alles dies, mein bestes Fräulein! möge Ihre Ankunft beschleunigen. Ich
erwarte Sie in wenigen Stunden.
 
                           Der Geistliche an Leontin
Das Vertrauen eines Menschen ist ein unschätzbares Gut. Er gibt sich uns in
diesem überströmenden Augenblicke selbst. Das will viel sagen. Solch Geschenk
kann nicht bescheiden, nicht berücksichtigend genug angenommen werden.
    Aus diesem Grunde allein, mein würdiger und verehrter Herr Baron! liess ich
Ihren schönen, rührenden Brief bis heute unbeantwortet. Wäre ich unmittelbar
meinem Herzen gefolgt, ich hätte Ihnen gleich gesagt, was dieses durch und durch
erschütterte. Wäre ich späterhin meinem Kopfe gefolgt, ich hätte mehr und
anderes gesagt, und doch wohl nicht das Rechte.
    Heute will ich nun nichts, als Ihnen danken, Sie um Vergebung bitten, und
mich bei Ihnen entschuldigen, dass ich lieber schweigen, als zur unrechten Zeit
reden mochte. Der Grund meiner grössern Zaghaftigkeit lag wohl hauptsächlich
darin, dass ich vor nicht allzu geraumer Zeit erst von der Nutzlosigkeit
warnender Worte eine traurige Erfahrung machen musste. Wo das Gefühl vorwaltet,
verletzt jeder Laut, der diesem Gefühl Einhalt tut. Es ist gewiss nichts
schwerer, als hier den rechten Ton zu treffen.
    Eine Äusserung Ihres geehrten Schreibens getraue ich mir gleichwohl
aufzunehmen, und was ich darüber denke, frei auszusprechen.
    Es betrifft die Selbstwahl der Busse, und den Loskauf der Sünde durch Opfer.
Sie bestätigen Ihre Ueberzeugung, mein Herr Baron! durch den Entschluss, der
Welt, wie dem äussern Wirken in dieser, entsagen, auf jedes Vorrecht grösserer
Freiheit, auf häusliches Glück, auf Familienfreude verzichten zu wollen. Sie
entwerfen den Plan einer heiligen Stiftung, Sie denken sich der kleinern, enger
erwählten Gemeine anzuschliessen, und im Verborgenen das heilige Licht der
Verklärung ruhiger und reiner wirken zu lassen.
    Es soll gewiss Punkte auf den vielbewegten Planeten geben, die dem
aufwärtssteigenden Strahl des Gedankens Schutz, der Zusammenziehung der
Lichtstoffe Stille, ihrer Rückwirkung auf die Erde Raum sichern. Es liegt jedem
ob, diesen Punkt nach dem Masse seines Dafürhaltens zu suchen. Niemand möchte dem
Andern füglich sagen: »Hier ist er!« Die innere Freiheit findet demnach ihre
schönste Beglaubigung in dieser Wahl.
    Sie, mein Herr Baron! hoffen gefunden zu haben, was Ihrem Streben notwendig
dünkt. Die Ertödtung der Wünsche, die Abgezogenheit des Blickes, die Scheidung
von dem Ehemals und Jetzt.
    Nun, Schmerz und Verzweiflung waren die Pförtner zu diesem Asyl! Möge
sanfter Trost Ihr Begleiter darin bleiben!
    Sie erwarten das wohl gewiss. Weshalb aber, wenn ich fragen darf, nennen Sie
denn Busse und Opfer, was eher Lohn des 7Sieges und Frucht höheren Genusses
heissen sollte?
    Ich denke, wenn dies anders in meiner Macht steht, mir Ihren Zustand, wie
den eines Menschen, der auf der grossen Heerstrasse von Räubern angefallen,
geplündert ward, diesen entflieht, einen verborgenen Pfad entdeckt, ihm folgt,
ein heimlich, stilles Tal erreicht, erschöpft auf seine Kniee sinkt, und zum
erstenmal aus tiefer Brust ruhig aufatmet: »Hier ist Sicherheit!« Mit
gehobener, dankerfüllter Seele seufzt er dann: »Hier will ich leben und
sterben!«
    Erschrickt er vielleicht dennoch, nachdem er das rasche Wort gesprochen!
Bedenkt er, dass das Leben lang, das Sterben fern sein könne! Treten die Bilder
teurer Verlassenen, die Erinnerungen alles dessen, was dunkle Talwände, starre
Felsen, dichte Waldungen ihm verdecken, vor das innere Auge, und empfindet er
das lastende Gewicht voreiliger Entschliessung! was macht er länger hier? Was
bürdet er sich im eitlen Selbstgefühl das willkührliche Opfer auf? da er wohl
nur nicht stark genug ist, das über ihn Verhängte, der Armut und Entbehrung,
nach dem Verlust seiner liebsten Güter, zu ertragen? Denkt er diese Schwäche da,
wo ihn nichts demütigt, nichts mit falschem Besitz neckt, abzubüssen? Und
vergisst er die schönere Busse, für Andere freudig dulden zu können? Was heisst es
überhaupt, sich selbst eine Busse auflegen? Ich bekenne, dies nicht ganz zu
fassen. In wessen Dienst steht man auch da? Wer den Befehlen seines Herrn
gewärtig bleiben will, der macht sich nicht viel unnütz zu schaffen.
    Sie fürchten, mein junger, gewissenhafter Freund! die Frau Gräfin allzusehr
geliebt, die beherrschende Neigung nicht genug gezügelt zu haben? Nun, sie ist
nicht mehr unter uns, die Sie fliehen. Durch sie kommt Ihnen da länger keine
Gefahr. Wenn es nun aber gerade das wäre, was Sie hinaustriebe? Wenn Sie die
verlorne Geliebte ungestörter, eigner wiederfänden, wohin Sie in schüchterner
Reue zu fliehen gedenken? Vergessen Sie denn aber Ihren alten, einsamen Vater,
den Beruf des Standes, das Gebot menschlicher Verhältnisse, die Gott geordnet,
die der Erlöser alle geheiligt, alle geweiht hat?
    Einen Orden wollen Sie auf der Stelle stiften, die Ihre leidenschaftlichen
Tränen Tag und Nacht fruchtlos benetzen? Hier, wo Ihnen das Nichtige des
irdischen Daseins so schreckend entgegen trat, hier wollen Sie die Bande
brechen, die Sie an dies Dasein knüpft? Aus der vernichteten Welt soll Ihnen die
neue aufgehen, und warnend und beschützend gedenken Sie unerfahrne Jünglinge vor
den Täuschungen zu bewahren, denen Sie fast erlegen wären?
    Wie sind Sie denn aber eigentlich getäuscht worden? Was haben Sie verloren,
wenn Sie nichts besitzen konnten?
    Mich dünkt, eine schöne, menschliche Liebe heilige uns die Menschheit aufs
Neue, und die Welt, zu welcher das teuerste Wesen in unzerreissbaren Beziehungen
stand, müsse uns teuer bleiben. Sollte man eine Ewigkeit in der Brust tragen
können, und überall nur das Endliche empfinden? Ich würde für die geträumte
Ewigkeit zittern, oder viel für das Endliche hoffen müssen.
    Ich erinnere mich eines Ihrer Briefe an Tavanelli, Sie ermunterten ihn zur
Tat, zur Rückkehr unter die Menschen, zur Teilnahme an ihrem geschichtlichen
Fortleben, und verhiessen ihm hier zuerst Heilung und Ruhe. Damals hegten Sie
eine andere Ueberzeugung. Prüfen Sie doch wenigstens die jetzige. Ich möchte
noch aus der eigenen Erfahrung erwähnen, das nämlich alles Bittere, was uns
trifft, ungewöhnlich, und wir uns selbst leicht besonders erscheinen. So wird
ein Ereignis zum Wunder der Leidende zum Märtirer, seine Bestimmung, Beruf der
Auserwählten, und was er tut und sagt, unmittelbare Eingebung. Ich habe eine
schöne Seele so auf einem argen Irrwege lassen müssen. Das Schlimmste ist, dass
man dabei nicht allein irrt, sondern viel, viel Treffliche in sich entzweit.
Mein geehrter Herr Baron! ich bin nicht über meine Gränzen hinausgegangen, wenn
Ihr Herz mich nicht verkannte. Möge es uns zu fernerer Verständigung dienen, dass
ich das Ihrige immer zu verstehen streben werde.
 
                              Curd an seine Mutter
Nein, sagen Sie doch ums Himmelswillen, auf und davon! Auf Ehre fort! Es ist um
zu verzweifeln!
    Aber nehmen Sie mir's nicht übel, liebe Mutter! ein Bischen ist das Ihre
Schuld. Wie zum Tausend wäre sie denn auf den Einfall gekommen, wenn Sie, statt
ihr da viel Vorstellungen zu machen, die sie nur erbitterten, gar nichts von mir
sagten, die Sache gehen liessen, und durch allerlei kleine Hemmungen und
Hindernisse ihr den Gedanken an Entfernung und Reise verleideten. Eine Frau ist
wie ein Pferd, voll Eigensinn und stätisch, wenn man auf brutale Weise ihrem
Willen entgegen tritt, sie lenken will, und sie es merkt. Aber langweilen,
langweilen, durch ewige Wiederholungen ermüden, und dann, so wie von ungefähr,
einen Zügel über den Kopf geworfen, dann sind sie schon im halben Traum, dann
führt man sie zu dem entscheidenden Punkte heran. Ich war, ich versichere Sie,
auf gutem Wege. Ich sagte ihr immer dasselbe, zuletzt hätte sie sich an die
Worte gewöhnt, die ihr anfangs sehr dreist und lächerrlich vorkamen. Das
Zweitemal klingt so etwas schon besser, und in der Einsamkeit, wo kein Anderer
spricht -! Nun, Eitelkeit bleibt Eitelkeit, und wer ihr schmeichelt, behält doch
am Ende recht!
    Soll ichs Ihnen aufrichtig gestehen, so ist es mir um Elise noch mehr leid,
als um mich selber, dass sie sich wieder in die Welt wagt. Sie kann nicht allein
darin bestehen. Ich hätte sie wahrhaftig mit Anstand wieder hineingeführt. Es
gibt gewisse Beschwörungsworte, die die Menschen erstaunt respektiren, und die
Urteile und Meinungen ganz merkwürdig im Zaume halten. Nun geht die alte
Geschichte wieder los, das ist klar, und wer wird sie denn öffentlich vertreten?
wem gibt sie ein Recht dazu? Ganz und gar lächerrlich kann man sich doch auch
nicht machen, und als ihr Peladin auftreten, und eine Lanze für sie brechen. Sie
würde es Einem noch dazu schlecht danken, und sich einbilden, es verdürbe ihren
Handel mit dem Grafen.
    Ja der! - Nun, ich habe den vornehmtuenden, abweisenden,
unzusammenhängenden, kalten Menschen nie leiden können, und führt uns der Zufall
einmal an einander, ich würde es ihm beweisen, was ein ordentlicher,
vernünftiger Hass und ein tüchtiger Kerl ist.
    Letztin begegnete ich ihm auf der Strasse. Er grüsste flüchtig. Ich dankte
eben so. Als ich eine Strecke an ihm vorüber war, drehte ich mich um. Ich wollte
sehen, wohin er hier, wo ihn kein Mensch leiden kann, seinen Weg nehmen würde.
Er war stehen geblieben. Ein beissender Zug spielte ihm um den Mund, da er meinem
Blick begegnete. Ich hatte Lust, gleich auf ihn zuzufahren und ihn zur Rede zu
stellen. Aber was wäre daraus geworden? Nichts! in der Welt Gottes Nichts! Er
hätte halb freundlich, halb verwundert gelächelt, getan, als wäre ich ihm nicht
auf tausend Meilen in die Gedanken gekommen, er würde das höflich und gelassen
erklärt, und mich, wie einen tölpischen, rohen Burschen vor mir selbst rot
gemacht haben. Er vermeidet gern Aufsehen, und hat es eigentlich Elisen niemals
vergeben, dass sie den Lärm veranlasste. Wenn es ihm nach ginge, so stände noch
Alles wie es stand, der Roman spielte sich langsam fort. Während er seine
Verpflichtungen gegen die Eine auf leichte Achseln nahm, legte er sich keine
neuen für die Andere auf. Er hat sich verrechnet, und darum sieht er jetzt aus,
wie ein Halbgott incognito. Die schlechte Laune und das stumme, verdriessliche
Wesen, das legt er wie altes, graues Civilzeug auf. Innerlich kitzelt er sich
mit dem Gedanken, dass die Welt nicht im Stande ist, den grossen Mann in ihm zu
erkennen. Das Stück hat schon gar zu oft gespielt, damit macht er Keinen dumm.
    Ich breche hier ab, liebe Mutter! ohne den Brief zu schliessen. Mir liegt
eigentlich erschrecklich viel auf dem Herzen. Ich schreibe gern Alles gleich
frisch weg herunter. Aber die Gräfin Ulmenstein schickt nach mir, mit der
dringenden Bitte, eilig zu ihr zu kommen. Was kann die wollen? - - - -
Da haben wir's! ich dachte es gleich! Es war wegen Elisen. Die alte, boshafte
Elster musste ja auf der Stelle ausschwatzen, was ihr zu Ohren gekommen war. -
Verwünscht! wie sie das einkleidet! so teilnehmend, so entschuldigend, so
natürlich! Und dabei lügt sie wie gedruckt. Schon lange war sie davon
unterrichtet, dass Elise ihren bisherigen Aufentalt verlassen hatte. Schon
lange? Dumme Lüge! Erst vor ein Paar Stunden kam die Post hier an. Freilich, was
zwischen dem Tage der Abreise und heute liegt, das mögen ihre Zuträger wohl bald
genug ausgekundschaftet haben. Und das eben, was dazwischen liegt, das ist zum
toll werden!
    »Da sind Sie ja!« rief mir die Gräfin entgegen. Man sah es ihr an, sie hatte
auf Kohlen gesessen, bis ich wirklich da war, und sie ihr Mütchen kühlen
konnte.
    »Ich glaubte schon,« fuhr sie sogleich fort, Sie wären bei Ihrer armen
Cousine.« »Bei meiner armen Cousine?« fragte ich halb ärgerlich, halb
erschrocken, da ich nicht wusste, ob ich das Beiwort auf vergangenes oder neues
Unglück beziehen sollte.
    »Ja, wahrhaftig!« entgegnete sie, indem alle Züge ihres Gesichts herunter
hingen, und die Stimme fiel. »Sein Sie versichert, dass ich den innigsten Anteil
nehme.«
    »Gnädige Frau!« sagte ich jetzt, kaum meiner Ungeduld Herr, »ich verstehe
nicht ein Wort von dem, was Ihre Güte mir wahrscheinlich nur verbergen will.«
    Mutter und Tochter sahen einander hier mit bedeutendem Blick und mitleidigem
Lächeln an.
    »Gott! er weiss es nicht!« bedauerte die Letztere.
    »Nein! nein!« fuhr ich rasch dazwischen. »Auf Ehre! ich weiss nichts. Was ist
denn Neues vorgefallen?«
    »Sie wissen es nicht?« dehnte die Mutter ihre Frage, als besinne sie sich
eines Bessern. »Nun, dann ist es auch nicht so arg,« setzte sie, wie ermuntert
und getröstet, hinzu. »Ich habe einen tödtlichen Schreck gehabt, man sagte mir,
die kleine, allerliebste Frau sei wahnsinnig geworden, in diesem Zustande zu Fuss
hierher gekommen, zu dem Sachwalter des Präsidenten eingedrungen, habe von ihm
die Revocation des Scheidungsprozesses gefordert, und erklärt, sie wolle nicht
geschieden sein, und werde deshalb ihrem Manne folgen, wo er sich auch befinde.«
    Ich unterbrach hier die Gräfin durch lautes Lachen. Diese Fabel kam mir doch
zu kindisch vor.
    Sie machte ein empfindliches Gesicht. »Nun!« meinte sie, »lächerrlich ist bei
der Sache nichts. Sie müssten es denn komisch finden, dass Ihre Cousine unterwegs
in der fameusen Waldschenke, den Ort ihrer früheren Zusammenkünfte, einen
ärgerlichen Auftritt mit einer lustigen Punschgesellschaft hatte, und höchst
derangirt dort auftrat, denn hier ist sie gewesen,« beteuerte sie feierlich, »
sur cela, je vous engage ma parole d'honneur. Sie wurde am Ende halb mit Gewalt
nach dem Amtause gebracht, nachdem sie auf öffentlicher Landstrasse des
histoires d'autre monde aufführte. Wenn Sie das so sehr amüsirt, mein lieber
Rittmeister! mache ich Ihnen einen Knix, und sage kein Wörtchen mehr.«
    Die französischen Floskeln verrieten mir die hämische Absicht und die
zügellose Bosheit, mit der mich die Gräfin beleidigen wollte, denn sie redet nur
modern, (wie sie reines Deutsch nennt) wenn sie sich bewacht und verbindlich
sein will. Ich strich daher einen guten Teil von dem Inhalte ihres Berichtes.
Doch auch so musste ich mich zusammennehmen, um dem Geschwätz mit Fassung auf den
Grund zu kommen.
    Eine Zeitlang spielte die ungezogene Frau, die mich eigentlich in der
nächsten Anverwandtin impertinent beleidigt hatte, die Empfindliche. Sie wollte
mit keiner ihrer tausend Anekdoten, von denen ich eigentlich mehr Licht über die
Sache zu erhalten dachte, herausrücken. Zuletzt brannten sie ihr aber doch auf
der Seele. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, zu schweigen. Ich erfuhr
genug, um anderwärts nähere Erkundigungen einzuziehen.
    Ich kann nur so viel mit Bestimmteit sagen, dass Elise wirklich Schritte
gegen Eduard getan haben soll, dass diese aber auf Rechnung einer ausgebrochenen
Krankheit geschoben werden, welche sie dem Tode nahe brachte. Sie liegt in ihrem
ehemaligen Wohnort, im Hause des Amtmanns, ohne alle Hoffnung. Hugo verlässt sie
keinen Augenblick, und die Stiftsdame Sophie wird sie ohnfehlbar, wenn nicht dem
Grabe, doch dem Traualtare zuführen.
    Das kommt von dieser unseligen Reise, die Sie hintertreiben mussten, wenn Sie
Ihren Sohn nicht über die verzogene Nichte vergassen. Unsere Hoffnungen, gute
Mutter! sind nun auf die eine oder die andere Art dahin! Noch zittre ich für
Elisens Leben. Aber es kann ein Augenblick kommen, wo ich sie lieber todt, als
in den Armen des verhasstesten aller Menschen wissen möchte! Im Grunde meiner
Seele fürchte ich diesen Augenblick am meisten!
    Ich sage Ihnen heute ein trauriges Lebewohl. Arme Mutter! Sie werden sehr
betrübt sein. Ich bin es auch!
    Ich will hinaus zum Förster. Wir jagen zuweilen mit einander, vielleicht
erfahre ich da etwas von ihr.
    Nächsten Posttag schreibe ich wieder.
 
                             Sophie an den Comtur
Ich habe Ihnen, lieber Freund! heute viel, sehr viel zu sagen!
    Sie erwarten Nachricht von unserer Kranken. Walter wartet darauf, sie Ihnen
zu bringen. Ich bin hierdurch, wie durch die Ungeduld, Ihnen Alles mitzuteilen,
was mir das Herz erfüllt, gedrängt, und doch kann ich meiner Gewohnheit nach,
nur gesammelt und nach einander meine Berichte machen.
    Zügeln Sie also Ihre Ungeduld ein wenig. Auch unser flinker Bote muss sich
gedulden.
    Ohne dass ichs Ihnen erst melde, sehen Sie es diesem Briefe schon an, dass
Elise seit dem entscheidenden neunten Tage in der Besserung vorschreitet. Sie
hatte, wenn auch eine schlaflose, doch eine ruhige Nacht.
    Allein, eben von der Nacht habe ich Ihnen zu erzählen. Ich durchwachte sie
mit Hugo im Nebenzimmer. Er war wie ein Mensch, an dem ein grosses Unglück
vorüber gegangen ist, weich, dankbar, inniglich, bis auf den Laut der Stimme und
den schwimmenden Glanz des Auges. Gang und Sprache, Alles war leise. Es bebte
noch die heftige Erschütterung hindurch. Selige, unaussprechliche Stimmung, in
der sich der niedergebeugte Geist schüchtern und ehrfurchtsvoll zur Hoffnung
erhebt.
    Hugo sah die Welt in anderer Gestalt. Die Freude färbte ihm das Leben
heller. Auch auf mich trug er einen Teil der grössern Wärme über.
    Wir sassen neben einander, wir sprachen so tonlos, dass kein Wispern und
Flüstern die gereizten Nerven der Kranken berührte. Das matte Lämpchen, noch
durch einen Schirm geschwächt, schimmerte ganz fahl. Wir hörten jeden Atemzug
unserer Freundin. Er war gleichmässig, und würde uns über ihre Schlaflosigkeit
getäuscht haben, wenn das Rascheln der seidenen Decke und die Bewegung der
Gardinen es nicht verraten hätten, dass sie wache.
    »Sie erkannte Sie gleich, als ihr das Bewusstsein wiederkehrte?« fragte ich
Hugo. Er bejahte es mit sichtbarer Rührung. »Was sagte sie denn?« hub ich nach
einer Pause wieder an. »Sie nannte meinen Namen,« entgegnete er. »Und -« er
stockte einen Augenblick. »Dann,« fuhr er fort, »hob sie beide Arme zum Himmel
hinauf, und begleitete diese Bewegung mit einem langen Blick, den sie lächelnd
auf mich niederfallen liess.«
    »Ja,« erwiederte ich, »sie wäre auch wohl nicht erwacht, hätte sie Ihr
schmerzlicher Ruf nicht geweckt.«
    Er sah lange schweigend vor sich hin. »Ich also, meinen Sie,« nahm er
endlich das Wort, »habe sie ins Leben zurückgerufen! Wie wird das Leben für sie
aussehen?« Er lächelte auf seine schmerzliche Weise. Mich erschreckte das. Ich
wollte es zu keinem innern Verlieren bei ihm kommen lassen. »Seh'n wir nicht
weiter,« bat ich, »als der Augenblick es uns gestattet. Wir haben noch keine
Sicherheit für die nächste Zukunft.«
    Er sah mich erschrocken an. »Wie?« fragte er, »Sie fürchten noch?« Ich
drückte ihm stumm die Hand, denn die Kranke schien sich im Bette zu erheben. Er
sah unruhig nach ihr hin. »Sophie!« rief sie schwach. Ich eilte zu ihr. Sie gab
mir die Hand. Ich musste mich auf einen Stuhl neben sie setzen. »Er schläft
wohl?« fragte sie. Ich nickte ihr zu, und wendete mich so, dass sie Hugo nicht
sehen konnte, der in der offnen Türe stehend, ängstlich auf jede ihrer
Bewegungen sah.
    »Das ist mir lieb,« versicherte sie. »Ich will, ich muss mit Ihnen reden.«
»Jetzt nicht,« bat ich sie. »Sein Sie unbesorgt, es ist nötig, gewiss, liebe
Sophie!« fuhr sie dringend fort, »ich werde gefasster sterben, wenn ich dies vom
Herzen habe.« »Sie werden jetzt nicht sterben,« unterbrach ich sie, von dem
Ernst und der Feierlichkeit ihres Wesens peinlich erschreckt. »Es kann sein,«
sagte sie, »es kann auch anders sein!« Sie sah in die Höhe. Ihr liebes Auge war
von dem Flor der Krankheit noch nicht befreit, es dämmerte so umwölkt, und hatte
dadurch etwas unbeschreiblich Zärtliches.
    »Schreiben Sie,« hub sie gleich darauf an, »auf jeden Fall an Eduard,
Liebste! Sagen Sie ihm, dass ich jetzt nichts, als seinen gestörten Frieden vor
Augen hätte, und Alles darum geben möchte, ihn glücklich zu wissen. Bitten Sie
ihn, mir zu verzeihen, dass ich seine Ruhe leichtsinnig durch unsere Verbindung
aufs Spiel setzte. Das ist mein grösstes Unrecht!« seufzte sie. »Ich liebte ihn
nicht. Guter Gott! ich wusste nicht, dass es anders sein könnte!«
    Sie sank matt auf ihre Kissen zurück. Ich wollte nichts mehr hören; ich
beschwor sie, alle Anstrengung zu vermeiden. Sie lächelte. »Was sind Sie so
ängstlich?« fragte sie. »Der Tod ist nicht das Schlimmste, was mir droht.«
    Ich tat nicht, als ob ich sie verstehe. Hugo hatte sich indes leise
hereingeschlichen. Er stand mit dem Haupt seitwärts gegen den Schirm gelehnt,
der das Bett der Kranken teilweise umgab. Diese, einmal den Gegenstand
berührend, der sie wohl meistens beschäftigte, achtete nicht auf mein Schweigen,
sondern sagte: »Denken Sie doch nur, Sophie! wie jung ich bin, drei und zwanzig
Jahr, und schon mit dem Leben abgeschlossen! Nichts, nichts mehr darin, was mir
gehört; keine Pflichten! kein Beruf! kaum ein Plätzchen, das mir vergönnt, den
langen, unfruchtbaren Weg, ohne Unterbrechung, ohne Schatten und Licht, kahl und
grau, bis an's Ende zu übersehen. Und ich war so froh wie Emma,« klagte sie, »so
recht jugendfroh. Was nimmt mir jetzt der Tod? Nichts! wahrhaftig nichts!«
    Ich erinnerte sie an Georg, der ihr doch immer bliebe, den sie auch aus der
Ferne begleiten könne.
    »Aus der Ferne!« wiederholte sie schmerzlich. »Ja, fern! fern! das passt auf
Alles, was mir angehört. Es bleibt mir nichts nahe. O bitte!« rief sie, nach
meiner Hand fassend, »beziehen Sie's nicht auf sich, Liebste! Denken Sie nicht,
ich sei ausgeartet genug, um Ihre Freundschaft mit Undank zu lohnen. Ich fühle
sie, ach, ich fühle sie! Aber -!« Sie stockte. »Und?« fragte ich. »Sie haben
auch eine Andere in mir geliebt, Sophie, als ich bin,« erwiederte sie sinnend.
»Das ist wohl Vielen so gegangen,« setzte sie hinzu, »auch Hugo! Er hat recht,
ich kenne mich selbst nicht mehr!«
    Dieser, vielleicht mehr durch Elisens klagende Stimme, als durch den Sinn
ihrer Worte getroffen, mochte einer unwillkührlichen Bewegung nicht Herr sein.
Ein leises Geräusch verriet seine Nähe. Die Kranke fuhr in die Höhe. Sie
fragte. Sie rief ihn. Er trat zu ihr. Tränen bedeckten sein Gesicht. Er war
sichtlich in grosser Erschütterung. So ergriff er ihre Hand, so gelobte er mit
leisen, heissen Worten, sie nie zu verlassen, sein Geschick unwiederruflich an
das ihrige zu knüpfen, und ihrer Verbindung die Heiligkeit auch äusserlich zu
geben, die sie für ihn ewig habe.
    Lieber Freund! das war es, was ich Ihnen in seinem unwillkührlichen Kommen
und Geschehen hinstellen wollte. Sie haben es in Ihrer Klarheit begleiten
können. Der Eindruck ist frei, durch Nichts vorher bestimmt. Sie werden in sich
fühlen, wie viel Raum wir der Freude geben dürfen!
    Beide sind jetzt glücklich! Elise ist in der Genesung wie durch einen
Zauberschlag vorgerückt. Nur eins hätte mich fast diesen Morgen hierüber irre
gemacht. »Sagt mir doch,« hob sie nach kurzem Schlafe an, »was ist denn das für
ein graues, verschleiertes Geschöpf, das während meiner Krankheit Nachts immer
durch das Fenster dort herein sah?«
    Ich erschrack. Ich fürchtete, sie rede aufs neue im Fieber. Ich entfernte
deshalb jene Vorstellung, ohne sie zu bestreiten. Sie lachte. »Ich weiss wohl,
was Sie denken, Sophie, aber es ist ganz bestimmt, wie ich es Ihnen sage,«
versicherte sie. Ich war verlegen, auf welche Weise ich es ihr ausreden sollte.
Zum Glück erinnerte mich Madame Lindhof an die Italienerin. Ich schwieg davon,
doch Johanna wusste hierüber noch manche Anekdote, was zu meinem Verdruss, Elise
nachdenkend machte. Es war wohl die Erinnerung an die fremde Bewohnerin ihres
Hauses, denn sie sagte bald darauf: »also auch eine ruhelose Unglückliche!« Wir
liessen es dabei. Sie aber fragte noch mehrmals nach der Unheimlichen.
    Nun, der Eindruck wird sie weiter nicht stören. Sie ist zu glücklich!
 
                               Elise an die Tante
Wie soll ich es denn anstellen, recht aus dem Herzen, recht frei, ganz wie ich
bin und denke, zu Ihnen, meine Wohltäterin, meine beste, liebste, mütterliche
Beschützerin, zu reden, ohne Sie zu betrüben, ohne Ihnen von einer Seite wehe zu
tun, wo ich Sie immer mit Besorgnis verletzlich fand. Ich weiss wohl, dass Sie
himmlisch gut sind, dass Sie Ihr eigenes Interesse willig für Andere opfern.
Allein, gute, arme Tante, Sie haben nur den einen Sohn, Sie dachten, Sie hofften
für ihn, und machten es, wie man es immer tut, wenn man hofft. Sie waren Ihrer
Sache im Stillen gewiss. Es hat mich sehr gequält, Sie in dem Irrtum, dreister
als Sie es sonst pflegen, der Zukunft vorauseilen zu sehen. Sie liessen mich es
merken, und wenn ich Ihnen widersprach, lächelten Sie mit einer Ruhe, die so
aussah, als hätten Sie Gründe und Mittel, meinen Entschluss zu bestimmen, die Sie
nur noch geheim hielten. Ich wurde ganz irre an mir, an Ihnen, an meinem
Geschick.
    Die Angst, liebe Tante, hat mich auch aus Ihrem Hause getrieben. Nachher bin
ich tödtlich krank geworden. In der Zeit ist Vieles vorgefallen. Jetzt bin ich
mit Hugo verlobt! - O sein Sie nicht böse! Entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht.
Ich bin so glücklich! wie könnte ich es bleiben, wenn ich Ihren Unwillen zu
fürchten hätte?
    Sehen Sie, meine beste Tante! mit Curd und mir wäre es doch in meinem Leben
zu keiner Verbindung gekommen. Wir passen wirklich nicht für einander. Ich bin
ihm gut! O Gott, ja, recht herzlich gut! Aber - nein! - das war unmöglich! Ach,
Sie sehen das auch im Grunde wohl ein. Ich bin zu alt für ihn, und dann, eine
geschiedene Frau! - Sagen Sie, was Sie wollen, Curd dünkt Ihnen wohl gut genug
für eine bessere, die nicht den Tadel der Welt auf sich lud, Niemand erst zu
vergessen hat, und froh und stolz an seiner Seite in Gesellschaften auftreten,
den Blicken der Menschen gern begegnen mag. Was hätte er nicht Alles meinetwegen
bekämpfen müssen! Und wie peinlich wäre Ihnen das gewesen, Sie, gute, sanfte
Tante! Ich darf hoffen, dass ähnliche Vorstellungen Ihnen nach und nach kommen,
und Sie über meinen Verlust trösten werden. Allein, es ist noch etwas dabei, was
Sie und auch Curd nicht verschmerzen werden; das ist der Mann, dem ich meine
Hand gebe. Sie haben ihn nie leiden mögen, und wenn ich späterhin seiner
erwähnte, so hörten Sie mir stets mit verbissenem Aerger zu.
    Das kommt aber nicht aus Ihrem guten Herzen. Sie sind weit entfernt, irgend
ein Geschöpf Gottes zu hassen, geschweige denn einen Menschen, den Sie niemals
mit Augen sahen. Ich will es ununtersucht lassen, weshalb Sie, zum erstenmale in
Ihrem Leben, unbillig erscheinen? das ist eine kitzliche Frage, die zwischen uns
unbeantwortet bleiben muss. Allein, weil Ihr Herz doch eigentlich von dem
Widerwillen nichts weiss, so schmeichle ich mir, die Zeit und meine Bitten werden
ihn überwinden. Sie werden Ihre arme Elise, die soviel litt, soviel bei Ihnen
geweint hat, die Sie nicht weinen sehen konnten, Sie werden ihr keine neuen
Tränen auspressen wollen!
    Nun, ich will Sie auch nicht bestürmen. Ich will geduldig warten, bis Sie
mir's endlich einmal sagen: »Sei nur ruhig, Kind. Ich sehe es nun wohl ein, er
ist ein braver Mann, und ich wünsche Dir aufrichtig Glück zu der Heirat mit
ihm.«
    Ach gute Tante! wenn Sie das sagen wollten, Aber Sie können es jetzt noch
nicht. Und darum fürchte ich unbescheiden zu sein, wenn ich Ihnen alle Umstände
auseinandersetzen, wenn ich Ihnen erzählen wollte, wie es eigentlich so anders,
so entscheidend gekommen ist. Zuweilen ist es mir selbst wie ein Traum!
    Was Sie doch einigermassen beruhigen sollte, ist, dass der alte, würdige
Comtur so aufrichtigen Anteil an unserm Geschick nimmt, dass er schon lange den
Wunsch hegte, ja selbst ihn aussprach, es so versöhnt zu wissen. Er und die
Freundin, deren Briefe Ihnen, gute Tante! immer so viel Achtung für die
Schreiberin einflössten, die sind es, welche jetzt Hugo's und meinen Frieden mit
den unversöhnlich Gesinntesten machen. Der vortreffliche Oheim hat Eduard
geschrieben, ihm in die Seele geredet, und mir wenigstens eine verzeihende
Äusserung von ihm gewonnen. Auch in der Stadt, am Hofe, zeigte sich der würdige
Mann unsertwegen. Ihm ward eine lange Unterredung mit der Fürstin Mutter, in
welcher diese zuletzt eingestand: Es sei so viel für die Bewahrung der Sitten
gewonnen, dass nun jedes andere Gerücht zum Schweigen gebracht werde. Auch hat
sie mich grüssen lassen, und geäussert: Der Zutritt an Hof stehe mir frei, wenn
ich ihn suchen wollte.
    Alles dies schreibe ich Ihnen, weil es auch Sie vielleicht gütiger stimmt.
Werden Sie mir wohl antworten? Und sollte ich diese Antwort fürchten müssen?
Oder - ich weiss es nicht, aber ich denke manchmal, mein Glück muss Sie rühren!
und am Ende, wenn Alle aufhören, mich zu schelten, wollen Sie, die früher Andere
, ihrer Strenge wegen, tadelte, jetzt erst anfangen, es diesen gleich zu tun?
    Geben Sie mir Ihre Hand, lassen Sie mich sie küssen. Sein Sie wie immer, die
Gütige, die nicht zürnen kann.
 
                                 Hugo an Elise
Der Einfall, den schönen Frühlingstag in Wehrheim zubringen zu wollen, ist
vortrefflich. Wissen Sie, dass der gestrige, warme Regen alle Knospen der
Mandelblüten geöffnet hat? Wie ein rotes Wölkchen zieht es sich unten an den
Bergen hin! Und am Boden, der frische Rasenteppich! und darüber, den Glanz der
klaren, milden Merzsonne! Ich sage Ihnen, Elise! das helle Wehrheim tritt wie
ein Zaubergarten aus den blauen Wellen unsers Stroms herauf.
    Nun, Sie werden ja sehen! Ich kam eben von dort, als ich Ihr Billet fand.
Wir hatten einen Gedanken! Es ist sonderbar, sagen Sie mir, wie die Natur oft in
so frappantem Zusammenhange mit dem Geschick der Menschen zu stehen scheint!
Dieses hat auch seine Abschnitte, und nicht selten correspondiren Jahreszeiten
und Lebensepochen höchst wunderbar! Ich erinnerte mich auch heute der starren,
verwilderten Stimmung, in der ich den lieben Ort, unter Winterstürmen und
Eisnebeln, vor wenigen Monaten durchstrich, und freute mich, den schönen
Frühling in ruhiger Brust aufnehmen zu können.
    Lassen Sie es uns vergessen, dass die Stunden zeitlich und auch der Frühling
vergänglich ist! Wir wollen heute tun, als könne weder ihm noch uns der Wechsel
etwas anhaben!
    Sophie begleitet Sie doch? Sie gehört so sehr zu uns. Der Oheim kommt auch,
vielleicht später! immer indes vor Abend. Sie haben auch die Nachtluft zu
scheuen. Ob mir gleich nichts über das Hineindämmern in die geheimnisvollen
Dunstbilder des Taues und die breiter fallenden Schatten geht. Könnten wir die
Rückfahrt nicht zu Wasser machen? Aber ich besinne mich! Nein! Nein! Sie scheuen
das. So fahren Sie mit dem Oheim, und ich bringe Ihnen Sophie nach. Guten
Morgen, Liebe!
 
                                 Elise an Hugo
Welch' einen Tag haben wir verlebt! Ich kann noch nicht schlafen gehen. Es ist
Alles wach in mir! Haben Sie es denn empfunden, wie mir ward, als mich der
Comtur die Treppe zum Schloss hinauf führte? Und ich nun eintrat, nun da war,
da sein durfte, in der neuen Heimat. - Ich hatte früher das nie gedacht, nie
geträumt, die Empfindung überwältigte mich, man ist sich fremd in den ganz neuen
Lebensbeziehungen, ich zitterte, ob aus Schwäche, aus Freude oder einer höhern
Macht, die mich bis hierher führte? ich weiss es nicht zu sagen. Mein sanfter
Begleiter schien mir über alles, so wie über die Stufen der Treppe weg, und nur
vorwärts helfen zu wollen. Dann liess er mich, und trat einige Schritte
seitwärts, als wir innerhalb standen, und ich gleichsam eingeweiht war, und
Besitz von meiner künftigen Wohnung genommen hatte!
    Hugo! wie ist es denn möglich, dass plötzlich alles so anders werden, die
Vergangenheit versinken, und eine Gegenwart da sein kann, die mit dem schon
gelebten Teil des Daseins in keiner äussern Verbindung steht, und doch ganz da
ist, vollständig, bindungslos, wie die Ewigkeit ihr unbegreifliches Leben um uns
verbreitet?
    Ich habe den ganzen Tag über diese Frage nicht hinausgekonnt. Dass ich das
nur fragen musste! Es waren überschwengliche Stunden, in denen ein Menschenherz
brechen könnte, weil es das nicht fasst, was es zu reich beseligt!
    Sehen Sie, wie wir nun nach und nach häuslicher in dem unbewohnten Schloss
wurden, wir bei einander sassen, das Auge mit allen Gegenständen ausser uns
vertraut ward, Niemand gerade sprechen mochte, der Fluss so eintönig rauschte,
als sage er uns seit Jahren dasselbe, unsere Hände in einander lagen, die Blicke
über die Landschaft hinglitten, die Mandelbäume ihre roten Kronen leise
bewegten, und das Wasser frische Lüftchen heraufschickte, um uns den milden
Blütenduft näher zu bringen, ich hätte denken können, es sei immer so gewesen!
Und dann erschrack ich doch wieder, und fragte mich, ist es denn nun erlaubt,
dass ich hier bin? dass ich seine Hand in die meine schliesse? dass ich es zeige und
sage, wie ich ihn liebe? Diese innere Ruhe, diese Sicherheit ist kein Traum!
Hugo, lieber Hugo! Der Himmel hat mir viel Mut, und durch lange Zeit Kraft im
Unglück gegeben; aber für das Glück habe ich noch nicht Freiheit, nicht Raum
genug in mir. Es macht mich schüchtern, ich werde so klein vor dieser Grossmut
des Himmels, ja ich sinke in mir selbst, wie in einem engen Winkelchen,
zusammen.
    Das war es auch wohl, was der Comtur meinte, als er mir zuflüsterte: »Ich
erkenne die heitere Freundin von ehemals nicht wieder. Wo hat Elise die
jugendlichen Schwingen gelassen, mit denen sie das blaue Luftmeer mutwilliger
Laune so oft durchschiffte?«
    Ich drückte seine gute, liebe Hand. »Fragen Sie nicht,« bat ich. »Sie müssen
Geduld haben mit einer Genesenden. Wenn auch schon die Fähigkeit zur Bewegung da
ist, man getraut sich nicht, die lang entwöhnten Kräfte zu gebrauchen.«
    Er lächelte wohl, doch sah er auch ernstaft aus, und schien mich erforschen
zu wollen. Mag er das! Es liegt nichts im Grunde meiner Seele, das seinen Blick
scheuen müsste. O Liebster! fassen Sie doch die Seligkeit, dass ich das sagen
darf!
    Wissen Sie wohl, dass es innere Uebereinstimmung allein ist, die uns billig
und herzlich gegen andere macht. Wäre der brave, alte Baron Wildenau zu jeder
andern Zeit so unerwartet an einem Tag, wie der heutige, hineingefallen, wir
würden ihn unwillig und trocken abgewiesen oder bei Seite gelassen haben. Nun
empfingen wir ihn bescheidener, und fühlten ohne Störung, dass unsere Wärme ihn
auch erwärmte, und er sein Herz aufschloss. Nachher brauchten wir uns nicht
weiter grosse Gewalt anzutun, um ihn zu hören. Es interessirte uns wirklich, was
er über Leontin sagte, dessen letzter Brief merkwürdig genug sein mag; wenn man
ihn nur zu lesen bekäme! Die wenigen Fragmente, in die Sprache des Vaters
übertragen, geben nur confusse Vorstellungen. Der Gedanke, statt eines strengen
Mönchklosters, wie es der tiefsinnige Mensch früher gewollt, eine weltliche
Erziehungs-Anstalt für Knaben zu stiften, hat mich besonders gerührt. Wunderbar,
dass uns gerade heute Nachricht von dem dunkeln, ganz aus dem Gesicht verlornen
Freunde kommen musste!
    Gestehen Sie, dass ich wenig eitel sein muss, um es dem ungalanten Baron nicht
nachzutragen, dass er mich erst nach einer ganzen Weile wieder erkannte. Ich
fürchte, lieber Hugo! die Veränderung, welche der Oheim nur an meiner Laune zu
finden glaubt, wird sich auch wohl auf meine ganze Person erstrecken. Armer
Hugo! so ist der Herbst des Alters doch wohl vor der Tür! und der Frühling der
Jahreszeiten leihet uns nur ein Stückchen von seinem Leben!
    Ich will mit dem traurigen Schluss nicht auch den Brief schliessen. Deshalb
frage ich Sie noch, was haben Sie denn mit Sophie angefangen? Die kam ja von
ihrer Wasserfahrt so ernst und wortkarg zurück, als sei etwas vorgefallen, das
ihr die Lust des Tages trübte? Ihr habt wohl sehr tiefsinnige Gespräche geführt,
und Euch in feierliche Betrachtungen hinein vertieft? Mir geht nach gerade die
Sprache aus! Gute Nacht, Hugo! Ich nehme all mein Glück mit mir in den Schlaf,
und will davon träumen. Gute Nacht! gute Nacht!
 
                                 Sophie an Hugo
Ich vergass Sie zu erinnern, Elisen unser Begegnen mit der gespenstigen Fremden
nicht zu erzählen. Es wirft immer einen Schatten auf den hellen Tag zurück, und
sie hat diesen so rein genossen! Ich fand sie noch in grosser Bewegung am
Schreibtisch. Die Augen leuchteten ihr vor Freude, als sie die schönen, langen
Wimpern zurückschlug, und mich halb gerührt, halb triumphirend, mit einer Miene
ansah, die wohl sagen sollte: Nun, Zweiflerin? ist nicht dennoch Alles gut
geworden? Bin ich nicht das glücklichste Geschöpf auf Erden?
    Wie wenig passt zu dem warmen Rot, das in dem Augenblick ihre Wangen färbte,
ja wie ein Rosenhauch über sie ausgegossen schien, die blasse Trauergestalt, die
so einsam in ihrer Gondel aus der buschigen Erdzunge von Wehrheim hinaus fuhr,
und zwischen dem säuselnden Schilf hindurch, unsere Bahn durchschnitt.
Schauerlich, sagten Sie, sei Ihnen die Nähe dieser Gemütskranken. Mir hat ihr
unerwarteter Anblick eine kältende Angst in der Seele gelassen, und wirklich muss
ich es ein Glück nennen, dass Sie in dem gekrümmten, kleinen Fährmann den
Bedienten der Dame erkannten, und dadurch alle Gedanken an Geistererscheinung,
von vorn herein verscheuchten, denn in der Tat, dies plötzliche Erscheinen und
an uns Hingleiten, dies Fortbewegen auf dem Wasser ohne hörbaren Ruderschlag,
das wispernde Rascheln der Rohrhalme, es hatte viel Spukhaftes! Zudem - ich
wette, wurden auch Sie an etwas erinnert, das mir die Brust zusammen zog. Es war
eine Aehnlichkeit in der Bewegung der Arme, in der Art, den Schleier rasch
zusammenzuschlagen, sich ganz hinein zu wickeln, dieselbe Neigung des Kopfes,
ein wenig auf die Seite, und dann nach vorne gebückt. Das nämliche
Zusammenziehen des Körpers, so in sich hinein, wie Jemand, der friert. Ich weiss,
sie ist leidend! aber es trifft mit der Gestalt zusammen! und dann der Abend,
das Halbdunkel! heute gerade! Ich wollte, die Unerfreuliche verliesse diese
Gegend bald! Ich fragte neulich den Arzt nach ihr. Elise achtete sehr aufmerksam
darauf.
    Er wusste nicht viel von ihr. Es behandelt sie ein französischer Doktor. Er
ist bei der Legation. Er kommt wöchentlich mehrmals aus der Residenz hierher,
und geht sodann über das Kloster der frommen Premonstratenser Mönche zurück. Er
zeigt nur gleichgültiges Nichtachten bei allen Erkundigungen über die sonderbare
Fremde, die ihn wenig zu interessiren scheint, und uns so unbequem ist. Ich
schelte mich deshalb. Allein, wenn ich von mir auf Elise schliessen darf, so
verbergen wir dieser wohl klüglich unser kleines Nachtabenteuer.
 
                                 Hugo an Elise
Ich schicke Ihnen, Liebste! in aller Frühe einen kleinen, grünen Papagay, der
mir diesen Morgen zum Kauf angeboten ward. Es reise ein Mann mit fremden Tieren
hier vorbei, sagte mir der kleine, braune Knabe, in gebrochenem Italienisch,
welcher den Vogel herauf brachte. Es war ein hübsches Bild, das gewandte, fremd
gekleidete Kind mit dem bunten Papagay auf der Hand, beide wechselsweise
schwatzend, sich küssend und einander liebkosende Grüsse zurufend. Wir wurden
bald Handels eins. Ich hatte gezahlt, jener ging, der Vogel sass auf seiner
Stange, sah umher, drehte sich hin und wieder und rief mit einemmale hell und
deutlich Georg. Ist der Zufall nicht artig, dass, aller Wahrscheinlichkeit nach,
der Knabe so heisst? dass ihn das verlassene Tier so ruft, und dass ich meiner
Freundin so das Echo eines geliebten Namens zu vertrauter Unterhaltung bieten
darf?
    Hier, Elise, sprechen Sie dem niedlichen Plaudrer immer vor, was er sagen
soll, und was Niemand sonst zu wissen braucht. Schwatzt er auch, so verrät er
doch nur halb das Geheimgehaltene. Guten Morgen! Guten Morgen, Liebe!
 
                                    Antwort
O, weg mit dem Ohngefähr! weg, mit der Fabel vom braunen Knaben! Niemand als Sie
kann so zart fühlen, kein Zufall kann mich so in meinem Innern finden! den Namen
lehrte das Tier kein Wärter, nicht das Bedürfnis nach Futter. Er nennt ihn so
weich, so sehnsuchtsvoll. O, den hat ihn die mitempfindende Liebe gelehrt.
    Mein bester Hugo, wie rührt mich dies Geschenk! O bitte, verstecken Sie sich
doch nicht hinter das schlecht ersonnene Mährchen, und lassen Sie das vom Himmel
gekommene Feenkind weg, das solche Zauberkünste mit dem Enträtseln geheimer
Wünsche treibt! Ich kenne wohl einen Zauberer, der tief, tief in meiner Seele
liest, doch, ausser ihm Niemand, der kleine, welsche Elfe weiss nichts von mir.
 
                       Hugo durch den rückkehrenden Boten
Ich versichere Sie, ich sagte Ihnen die Wahrheit. Ich ersinne nichts, um nachher
aus meinem Verstand hervorzutreten. Gewiss, es ist, wie ich Ihnen schrieb.
    Nehmen Sie es einfach, Liebe! und freuen Sie sich, dass uns jetzt überall das
Angenehme auf halbem Wege entgegenkommt.
    In einer Stunde bin ich bei Ihnen, Sie werden nicht länger meine Worte
bezweifeln, wenn Sie mir in die Augen sehen, die Sie nie täuschen konnten.
 
                               Die Tante an Elise
Ich antworte Dir gleich, liebes Kind! damit Du nicht glaubst, ich wolle Böses
mit Bösem vergelten, denn das ist wahr, betrübter bin ich lange nicht gewesen,
wie den Tag vor Deiner heimlichen Abreise, und hernach, wie Dein Brief kam. Man
sorgt und quält sich das halbe Leben für seine Kinder, und Glück und Frieden
schafft kein Mensch. Der arme Curd! Ich dachte es nun gewiss, und sage, was Du
willst, es wäre am Ende doch wohl geschehen, denn es ist schwer, seinen Bitten
zu widerstehen. Ach, ich weiss das ja am Besten! Er kann so niedliche Augen
machen, gerade so, als er noch klein war, und mir was abbettelte. Wenn er Dich
so ansah, Elischen! Du lächeltest auch, und warst ihm auch gut! der arme Junge!
Ich kann nicht ohne Tränen an ihn denken.
    Aber das könnten wir am Ende noch verschmerzen, wenn es nur der Mühe wert
wäre. Nein! Ich kann mir es nicht möglich denken, dass Du den Mann heiraten
wirst, um dessentwillen Du Dich mit dem achtungswerten Präsidenten entzweitest,
mit dem Mann, der nichts als Kummer und Schimpf über Dich und Deine Familie
verhängte, der Dich von Haus und Hof verjagt, und Deinen allerliebsten Georg um
die Mutter gebracht hat, und der nachher gar nicht tat, als wärest Du in der
Welt, bis Du Alles, Alles vergisst, und gerade dahin gehst, wo Du gewiss sein
konntest, ihn zu treffen.
    Siehst Du, ich hätte das nicht tun können, um alle Schätze der Erde nicht.
Niemals würde ich's mir vergeben haben, den kalten Menschen sehen zu lassen, wie
viel mir an ihm liege! Lieber sterben, als mein Herz so wegwerfen!
    Nun, Du wärest ja doch beinahe darüber gestorben. Da, freilich, wie es denn
so weit kam, da schlug ihn wohl das Gewissen, und er bot Dir seine Hand.
    Ich weiss Alles durch Curd, der immer in Deiner Nähe blieb, wie Du so elend
warst, und hernach auch noch. Er kennt den Förster aus dem Orte. Bei dem hatte
er sich Tag und Nacht einquartirt, ohne dass es ein Mensch wusste. Der redliche
Junge! so wie der Dich liebt, Elischen! so liebt Dich doch kein Anderer. Das
kannst Du gewiss glauben, und ich will wünschen, dass Du Deine unbesonnene Flucht
aus meinem stillen Hause einmal bereuen mögest. Denn sage mal aufrichtig, Kind,
was kann Dir nun eigentlich alles das helfen? Es ist schon gar zu viel Wind über
Eure Liebe hingegangen, bei den Männern hat so etwas immer Folgen. Der Tod der
Frau kam auch noch dazwischen. Er hat sie doch wohl lieb gehabt, und sich
hernach im Stillen Vorwürfe genug machen müssen! Dir ehrlich gestanden, mir
kommt es so vor, als wäre sein Antrag nur so ein Angst- und Notgeschrei
gewesen. Er fürchtete, es würde ihm eben so mit Dir gehen, und die Welt noch
scheeler dazu sehen, als das Erstemal. An Deiner Stelle hätte ich gar nicht
darauf geachtet. Er war dann beruhigt, und über alle Nackenschläge weg. Du
konntest Dich wieder selbst respektiren, und vor den Menschen, da kriegte Alles
ein ganz anderes Ansehen. Ich begreife die Leute gar nicht, die Du um Dich hast!
ob das keiner einsieht oder Dir nur nicht sagen will? Die Freude und der Jubel
über solche unschickliche Verbindung ist mir ganz unverständlich. Denke Dir mal
selbst die Sache so recht deutlich, wie sie sich wirklich begeben hat, und dann
frage Dich, ob es Dich nicht beleidigen würde, wenn Du es bei Andern so zugehen
sähest?
    Ich stelle mir manchmal vor, der würdige, alte Herr und die kluge Stiftsdame
könnten gar nicht im Irrtum sein, dazu besitzen sie wohl viel zu viel wahre
Delicatesse. Allein der Umstand, Elischen, dass Du so sehr daran hängst, und dass
sie wohl sehen, Du willst Dich sonst nicht auf andere Art vor der Welt wieder
herstellen, Dir fehle es ganz an Mut und Entschluss, Deine Partie zu nehmen,
und Deine unbegreifliche Leidenschaft werde Dich noch unzählig viel
unvorsichtige Schritte begehen lassen, das macht es, dass sie denken, lieber ein
Uebel als so viel ärgerliches Aufsehen. Nun sieh' mal, bist Du es denn nicht,
deren Schwäche sie nachgeben? Habe ich unrecht, wenn ich jetzt schelte, indes
Andere Dich loben? Was dabei zu loben ist, das kann doch wohl kein gescheuter
Mensch einsehen!
    Nein, mein Kind, darin irrst Du sehr, gut geheissen habe ich früher auch
nicht, was die Welt tadelte, tadeln musste. Aber, es schien mir barbarisch, eine
Gefallene vollends niederzutreten. Und dann kam auch damals die Weisheit
hintendrein. Doch jetzt ist es noch Zeit. Wenn Du wolltest ... wahrhaftig, ich
schweige ganz von Curd, ich will nicht einmal an ihn denken, ob ich gleich gewiss
bin, er wäre ganz der Mann darnach, alles Geschehene vergessen zu machen. - Doch
Gott bewahre mich! Nein, ganz abgesehen davon, um Dich allein, mein Herzchen. Du
sonnest Dich jetzt so recht bequem und ruhig in Deinem Glück, aber, aber! Die
Herbstsonne, die leihet uns nur ihre Strahlen, das hat keine Art mehr! Das
Gewölk fliegt drüber hin, ehe man es denkt, und Sturm und Regen sind da.
    Ueberlege dies, liebe Elise! Ich meine es gut. Du kennst mich, aber Dich
selbst kennst Du nicht.
 
                                 Elise an Hugo
Stellen Sie sich vor, die Gräfin Ulmenstein liess sich vor einer Stunde bei mir
ansagen, eben fährt sie wieder weg.
    Was in dieser Stunde alles hier in dem kleinen Zimmerchen geschwatzt worden
ist, das möchte ich nicht behalten können, und Ihnen auch nicht wiederholen.
Doch der grosse Gegenstand dieses formellen Besuchs war eine Verlobungsanzeige.
Curd und Agate! Ich hatte Mühe, nicht zu lachen.
    Lieber Freund, mir ist ein Stein vom Herzen. Nun bin ich ihn und die
redliche Mutter los. Die weiss noch nicht ein Wort von der Geschichte. Sie wird
Augen machen. Mag sie sehen, was sie mit ihm anfängt.
    Ach, er ist ein sogenannter guter Mensch! Man ist gegen diese Sorte in der
letzten, überklugen Zeit oft sehr unbillig gewesen, Sophie ist es noch. Ich
streite mit ihr darüber. Sie behauptet, da liege das Gegengewicht alles höhern
Strebens. Die plumpe Masse hänge sich unversehens an, und ziehe Andere herunter.
Ich leugne ihr überall das Wagerecht ab. Wer hält die Schaale? Man soll nicht so
den Richter spielen. Aufgeblasene Leerheit hat freilich etwas Lächerliches. Nun,
so lache man! Ich bin eher hierzu, als zum Unwillen gestimmt, und wahrhaftig,
wenn mir Curd auch lästig war, Sophie tut ihm doch zu viel.
    Aber wie breit und stolz und wichtig unsere Nachbarin hier vorfuhr! Ich
musste mir in die Lippen beissen über diesen Triumphzug.
    Der Bräutigam hat sich begnügt, mir eine Karte zu schicken. Mein Gott,
warum? dass die Menschen aus Verlegenheit so oft unnatürlich werden! Hätte der
gute Vetter seine Blödigkeit überwunden, wir würden im Augenblick unser
Verhältnis festgestellt, und uns später unvermeidliche Verdriesslichkeiten erspart
haben; denn ich kann einmal das stramme Nichtachten und Fremdtun unter
Menschen, die sich besser kennen, nicht leiden. Der Unwille springt mir über die
Lippen und es gibt Auftritte.
    Apropos! wissen Sie, dass unser Rätsel hier in Eduards Hause, eine Verwandte
vom *** schen Hofe sein soll! Man weiss ganz gewiss, dass sie in Verbindung mit
diesem steht. Die Oberhofmeisterin correspondirt mit der Kammerfrau oder
Gesellschafterin. So viel hat Walter ausspionirt. Sie ist Aebtissin eines
Florentinischen Klosters. Das Geheimnis, das sie umgibt, soll politische
Ursachen haben, so wie ihre Entfernung aus Italien; die Gräfin wusste auch davon,
und gab zu verstehen, eine aufgelöste Heirat aus Familienrücksichten,
Hof-Intriguen, Vergiftung, und Gott weiss, welches romanhafte Quodlibet, habe sie
um den Verstand gebracht. Ihrer Aehnlichkeit mit der Fürstin von *** schreibt
man es zu, dass sie stets verschleiert umhergeht.
    Ich möchte sie wohl einmal sehen.
    Ich meine, ich habe Ihnen genug zu Dank geschrieben, dass Sie den ganzen Tag
in Geschäften mit Gerichtshalter und Amtleuten zubringen wollen, ohne einen
Augenblick für Ihre ungeduldige Freundin abmüssigen zu können.
    Wüsste ich es nur über mich zu gewinnen, ich hätte auch schweigen, und Sie
mit Ihren Acten in so trockner Unterhaltung lassen sollen, wie Sie es gestern
für gut fanden, uns solche kosten zu lassen.
    Nein, Hugo! einsilbiger habe ich Sie lange nicht gesehen. Ums Himmelswillen,
macht diese unglückliche Rechtspflege alle Männer hölzern und eingebildet auf
ihre Wichtigkeit? Sie zogen auch die Stirne kraus und sahen auf einen Fleck,
rechneten und balancirten das Für und Wider mit kaltem Ernst, wie gewisse andere
Leute, die ich nicht gegen Sie, am wenigsten im Schlimmen erwähnen will. Aber
Lieber, sein Sie weniger respectabel und ein Bischen liebenswürdiger.
 
                                    Antwort
Ich sollte Ihnen danken, Elise! bereuen und Aenderung geloben. Das kann ich
Alles nicht. Im Gegenteil muss ich Sie schelten, dass Sie mich kennen und doch so
beobachten, als wäre an mir etwas anders als unwillkührlich.
    Haben Sie ja Nachsicht mit mir, und vor allem lassen Sie sich nicht auf
vieles Erklären und Motiviren ein. Sie verderben nur Ihre Zeit; denn wahrhaftig,
es würde mir schwer werden, mich immer selbst zu verstehen.
    Machen Sie auch den Geschäften nicht den Krieg. Geschäfte sind ein guter
Ableiter in den Gewittertagen der Seele. Und in wessen Leben finden sich solche
Tage nicht?
    Ich denke, der Humor wird bei dem heutigen Gerichtstage nicht erst lange um
Stoff betteln müssen. Will's Gott und der witzige Kauz, der Actuarius, so bringe
ich Ihnen heute Abend eine freie Stirn, und einen ganzen Sack voll Anekdoten
mit.
 
                         Die Oberhofmeisterin an Sophie
Wie soll ich Sie nennen? unbesonnen? Das Wort passt niemals auf Sie. Treulos? Ich
kenne Sie so lange als wahr und zuverlässig. Betört also? Betört auf
unbegreifliche Weise.
    War es möglich? Bei Ihnen fand sich das Pärchen zusammen? Unter Ihrem Schutz
glich sich alles so glatt und eben aus, als habe die Torheit nur die Hand der
Weisheit bedurft, um ihr gleich zu werden!
    Sophie, dazu haben Sie Ja gesagt? So wenig ehrten Sie in der Freundin die
tödtlich gekränkte Mutter? Haben Sie denn kein menschliches Ahndungsvermögen?
fiel es Ihnen nicht auf tausend Meilen ein, wie es mir in der Seele zuwider sein
musste, diese verführerische Schlange mit Hugo verheiratet zu sehen. Sie mit dem
Namen nennen zu hören, den Emma, die Unglückliche, Gemarterte, mir und der Welt
Entrissene, trug? Haben Sie gar keine Vorstellung von der Eifersucht einer
Mutter für die Rechte der einzigen, angebeteten Tochter? Ist es Ihnen wirklich
unmöglich, die bittere Kränkung zu bezweifeln, die mir aus dieser unwürdigen
Heirat erwächst?
    O fragen Sie nicht mit der verwunderten Ruhe, die mich zu Zeiten, Ihnen
gegenüber, um alle Fassung bringt, ob ich denn gewollt, dass der Graf nie wieder
an eine zweite Ehe denken sollte? Ja, ja, ich habe das gewollt! Ich will es
noch! Wem darf er seine Hand bieten, wenn ihn das sanfte Joch an Emma's Seite
drückte? Wem? ich frage Sie. Und wenn auch das nicht wäre, sagen Sie einmal,
kann er diese Unruhestifterin, diese Störerin seines Familienfriedens, diese
doppelte -! O lassen Sie mich wegwenden von dem Gedanken, dass sie es ist, die er
in sein ehrbares Stammhaus führt, die ihr entweihtes Wappen an den Schild hängen
darf, der sich mit dem meinigen verschlang; dass sie da gehen, stehen, sitzen
wird, wo Emma sass; dass ihre Stimme frei und keck erschallen wird, wo jene
demütig und leise ihr bescheidenes Wort aussprach, dass sie - o mein Gott! da
lachen wird, wo mein armes Kind so viel, so heiss weinte!
    Gehen Sie, Sophie! Ihre Klugheit ist dem flachen Spiel empfindsamer
Modetändelei erlegen. Während Sie sündliche Tränen trocknen helfen, pressen Sie
meinen brennenden Augen gerechte und allzu bittre aus.
    Ich wusste nicht, sollte ich die Leute Lügen strafen, die mir die Geschichte
dieser Komödien-Versöhnung erzählten! Ein falsches Gerücht nannte ich sie, doch
glauben, das war mir nicht möglich, glauben konnte ich sie nicht.
    Nun bestätigen Sie es selbst, und verlangen, ich soll es gut heissen.
    Verblendete! mit Ihnen ist nicht zu streiten. Aber der Himmel, das weiss ich,
der Himmel wird Euch die Augen öffnen. Das duldet er nicht, wie auch Wahn und
Ueberspannung seine Absicht missverstehe. Und sollte, und dürfte ich auch nicht
-! Nein! verlassen Sie sich darauf, das wird niemals geschehen!
 
                                Hugo an Heinrich
Du bist ein guter Mensch, Heinrich! aber Du hast das Unglück, selten zu wissen,
wie Andern zu Mut ist. Das kommt von Deinen abgezogenen Begriffen. Du giebst
nicht genug auf das Leben Acht. Mein liebes Kind! das ist ein Proteus, das macht
Dir ein X für ein U vor, ehe Du Dich versiehst.
    Ich hätte Dir längst einmal wieder geschrieben, allein ich fürchte mich vor
Deinen hohen Worten. Du hast so viel mit Idealen, mit Streben u.s.w. zu tun,
und das Alles schrumpft, bei ordentlichem Tageslicht besehen, zu solcher Misere
zusammen, dass mir's erschrecklich ist, wenn man davon viel Lärmens macht.
    Soll ich Dich nun auf meine Weise unterhalten, so hörst Du nichts
Gescheuteres, und glaubst noch dazu, es bestreiten zu müssen. Tue das ja nicht.
Es kommt nichts dabei heraus. Es geht doch alles seinen Gang fort. Man vermag zu
wenig gegen das Vorurteil! Den Feind besiegst Du mit allen Fechterkünsten der
Dialektik nicht.
    Es wäre ein Gegenstand zu scharfsinnigen Entdeckungsreisen, den verborgenen
Gängen dieses Kobolds nachzuspüren. Was der für Sprünge macht, wie der die Dinge
in den Köpfen der Menschen unter einander wirft, und wie sie geschickt sind,
immer das Dümmste und Einfältigste, was oben auf liegt, zu fassen, davon liesse
sich ein drolliges Lustspiel schreiben, presste es nur dem Dichter nicht unter
der Arbeit Angstschweiss aus; denn es will Einem an die Haut gegangen sein, um
die rasenden Mistificationen solcher Teufeleien zu verstehen.
    Die Zeitung von meiner zweiten Heirat hast Du wohl schon, lieber Heinrich!
Tue Dir keine Gewalt an, lache dreist, ich lache mit. Lächerrlicher hat sich
nicht leicht ein Mensch gemacht, als ich. Die zweite Heirat!! - Ja, ja! das ist
so ein Stückchen von dem Einfluss des Vorurteils! Was da gesprochen, getan,
gelitten wird, um die einfachste Sache von der Welt confus zu machen. Ich sage
Dir, kein Mensch denkt über den Augenblick hinaus, wenn ihn der gerade packt.
Alle stehen in Gedanken darüber, aber - aber -! Ach! es ist eine erbärmliche
Historie, die Weltgeschichte.
    Ich bin wie Alle! gefangen, da ich frei sein könnte. Ja, Heinrich! mir ist
gerade, als wenn mir ein Ambos an den Füssen hinge! Und dazu klatscht man um mich
herum in die Hände vor Entzücken, und lacht und freut sich taub und blind in den
Tag hinein.
    Ich fürchte, das Lachen wird ihnen vergehen, mein steinernes Gesicht muss sie
zuletzt doch aus der Fassung bringen.
    Du schreiest über Inconsequenz! Lieber Heinrich, das ist ein Wort, das, wie
die meisten, ohne allen Sinn angewendet, oder überhaupt gar nicht verstanden
wird. Gerade, weil das Unwillkührliche, der wahre Mensch in uns, sich nur
folgerecht entwickelt, und keine andere, als falsch ausgelegte Untreuen begehen
kann, weil er wohl für Augenblicke etwas mit sich machen lässt, doch selbst, das
heisst mit Seele und Herz, nur das ihm Eigentümliche tut, deshalb fällt der
Schein davon nach aussen ungleich, und beleidigt das Auge durch schillernde
Bewegung.
    Siehst Du, das ist es! Meiner Ueberzeugung nach sind es die
unbestechlichsten, klarsten, wahrhaftigsten Gemüter, die zumeist der
Treulosigkeit beschuldigt werden.
    Was hilft so ein conventionelles Machtgebot, wenn sich die ganze menschliche
Natur dagegen empört? Glaube mir, die Rohheit im Leben, die ist es, die das
Flüchtige, das Behende, das Geistige des Daseins, bei Einigen zerstört, bei
Andern in die tiefsten Winkel der Brust zurückdrückt. So wie Dir nun etwas recht
eigen, recht heilig ist, so fahren rechts und links ungeschickte Hände in Dich
hinein, und reissen Dir das Geheimnis aus Licht. Da stellen, und drehen, und
pressen sie's so lange, bis es in die unpassendste Form hineingezwängt ist, und
wenn es ihnen entschlüpft, oder Du sagst, das ist nicht, was mir gehört; was Ihr
da habt, das ist ein zerrissenes, todtes Stück meines Herzens, macht damit, was
Ihr könnt, aber lasst die wunde Stelle in mir heilen und vernarben, und quält
mich nicht, das Leblose wieder einpassen zu wollen, die Natur leidet es nicht;
wenn Du das sagst, dann fängt das Toben und Schelten an. Du bist verfehmt, und
kannst sicher sein, mit jedem Bösewicht in eine Klasse geworfen zu werden.
    Es ist ein Jammer, wie die Menschen das Vertrauen unter einander schwächen.
Wolltest Du es aussprechen, wie Dir zu Mute ist, das liebste Wesen würde Dich
nicht hören wollen, vielleicht auch nicht hören können!
    So ziehe ich meinen Strang in der Welt, so lange die Kräfte aushalten. Ich
wäre gerne einmal zu Dir gekommen. Aber es ist besser, ich bleibe hier. Es ist
nicht gut, die Flügel viel zu rühren, wenn man einmal im Käfig sitzt. Die Lust,
weiter zu fliegen, könnte zu verzweifelten Versuchen verleiten.
    Und dann -! Es ist sonderbar -! Ich kann hier nicht weg. Es ist etwas in
diesen Mauern, in dieser Atmosphäre, in -! ich weiss nicht, soll ich sagen, in
dem unsichtbaren Wehen der Luft? was mich an diese Gegend bannt. Genug, ich
möchte nicht einmal anderswo sein, wenn es sich auch fügte.
    So etwas Tolles setzt sich der Träge, der Unsichergewordene in den Kopf. Das
Geschick hat uns nicht allein zum Narren, es macht uns auch dazu.
    Aber das ist doch wahr, der Ort, an welchem man lange ein innerliches Leben
führte, der wandelt sich nach und nach um. Er nimmt die Farbe unserer Welt an,
die Gegenstände treten in eine Beziehung zu uns, die sie beseelt. Es ist nicht
mehr der wirkliche Wald, der wirkliche Strom, in und auf welchem sich Andere
bewegen; was uns umgibt, das gehört zu der Heimat, von welcher Niemand ausser
dem verborgenen, geheimen Gedankenleben in uns, etwas erraten wird.
    Und weiss der Himmel! es trifft wirklich auch immer so viel zu, was den Wahn
nährt. So kam vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an. Ich
erzähle Dir wohl einmal mehr von ihr. Sie ist krank, unglücklich, wahnsinnig,
weiss der Himmel, was nicht alles! genug, es ist so etwas Verhülltes, das mich
fasst, mich an sie zieht. Du kennst mich ja. Moralische Rätsel finden an mir
ihren Mann. Je verschlungener der Knoten ist, desto erpichter bin ich darauf,
den Fäden nachzuspüren. Das ist meine Aufgabe. Es ist eine unerquickliche
Begleitung, nebenher zu laufen. Aber das Keimen und Werden, eine Hülle nach der
andern abwerfen, und immer freier und freier hervortreten -!
    Wie das spannt, Heinrich! Was die Phantasie da arbeitet, wie man
vorausschliesst, sich irrt, die Richtung ganz verliert, und dann plötzlich wieder
auf der natürlichsten, einfachsten Spur ist! Man wird nicht müde, man weiss
nichts von der Zeit. Gottlob! dass einem immer wieder solche Probleme aufstossen.
Sie sind der einzige Sporn zum Leben!
    Nun, die Kranke ist eine solche Aufgabe. Ich weiss nicht, ist sie jung oder
alt? Ihr Gesicht sah Niemand. Darüber gibt es nun Fabeln ohne Ende. Es ist aber
kein Grund für irgend eine vorhanden, darum sind sie alle bodenlos, und das ist
es eben, was mich dabei stachelt. Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang, wie
ein Dunstbild, in dem weiten Umkreis der Mutmassungen schwebt, desto mehr treibt
sie zur Forschung und spannt die Fähigkeiten des Verstehens. Es ist keine
Komödie, die sie spielt, wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt,
und ruhelos die Gegend durchstreift. Sie ist auch keine Mondsüchtige, wie man
anfangs sagte, ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet, und,
beim Himmel! wenn sie so am See, unter den Weiden, in ihrem Garten sitzt, und in
der Hoffnung, dass sie hier Niemand belauscht, laut und herzzerreissend weint,
dann spüre ich nichts von Bewusstlosigkeit in ihr; diese Tränen presst ein
heisses, bitteres Gefühl aus.
    Du wirfst es mir vor, ihr so unbescheiden zu folgen! Ich sage Dir aber, ich
suche sie nicht. Wir begegnen einander so, als wenn es sein müsste. Das war schon
früher der Fall, auf ihrer Reise in einer fürchterlichen, stürmischen Nacht, in
einem Augenblick, wo eine heisse, ungeduldige Erwartung mir kaum den Blick für
etwas Fremdes liess. Und doch! und doch! Ich meide sie seitdem. Zuweilen vergesse
ich sie, wie mich, bin in meinen eigenen Gedanken, und gerade dann, eben als
wenn es sein müsste! Gewiss ist es, irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann
den Strom hinauf nach dem See hin, der sich in diesen ergisst. Und wäre es auch
nur eine unbewusste, magnetische Beziehung.
Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen. Sie lachte mich aus. Wir stritten
darüber. Es kam nicht viel heraus. Sie war zuletzt empfindlich. So sind die
Frauen! Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich, und vollends, wenn
sie ein Recht auf uns zu haben meinen. Muss denn Alles rechtskräftig hier auf
Erden sein, um Ansprüche auf freie Existenz zu gewinnen? Auch die Liebe? Wenn
sie doch der nicht das häusliche Matronenkleid über die glänzenden Flügel
ziehen, und sie wieder zur Puppe machen wollten, was sie war, als die Seele
heraustrat! - - - -
Es sind aufs neue Wochen hingegangen. Ich hatte Dir eben nichts zu sagen. Ich
war verdriesslicher, als ich es rechtfertigen kann. Der Oheim erinnerte so oft,
dass es Zeit werde, an meine Verbindung mit Elisen zu denken. Die Welt, sie
selbst erwarte es vielleicht. Ich konnte ihm nicht unrecht geben. Aber, nenne
es, wie Du willst, erkläre es, wie Du kannst, mich befiel jedesmal ein Grauen,
das mich kalt durchrieselte, so oft ich an die entscheidende Minute dachte.
Gestern Abend endlich versprach ich, mich in den nächsten Tagen ganz in der
Stille trauen zu lassen. Ich schreibe hinüber nach dem Kloster. Ein Geistlicher
von dort soll die Handlung verrichten, und zuvörderst das Aufgebot von der
Kanzel lesen. Der Brief geht fort.
    Unwohl, frierend, mit heissem Kopf und klopfender Brust rette ich mich, vor
unnützen Nachgedanken ins Bett, unter verhüllende Decken. Nicht von einem
Traume, nicht durch ein Geräusch, ich besinne mich keines Tones, keiner
deutlichen Empfindung, genug aber, ich erwachte. Es lag mir wie ein Band um die
Brust. Kaum kannte ich früher eine ähnliche Angst.
    Lange in solchem Zustande auszuhalten, ist nicht meine Sache. Ich warf mich
hin und her. Endlich sprang ich aus dem Bette, nahm meinen Mantel um, und trat
ans Fenster. Es war eine schöne Nacht, heller Mondschein! Ein Gang durch den
Garten, sagte ich mir, wird die Nebel verjagen. In wenigen Augenblicken war ich
an der Tür. Sie war verschlossen. Wieder umkehren, Jemand wecken, aufschliessen
lassen, war mir zu umständlich. Am andern Ende des Coridors führt ein Fenster
nach dem Wildzwinger! von da kommt man durch eine Allee in den Park. Der
kürzeste Weg der beste! dachte ich, und bin im Begriff, jenes Fenster zu öffnen
- da sitzt - Herr des Himmels! ich denke in die Erde zu sinken - da sitzt eine
verschleierte Frau auf Emma's Sitz in der Allee, Hirsche und Rehe stehen um sie,
eine schneeweisse Hand reicht ihnen ihr Futter, die Tiere scheinen sie zu
kennen, sie drücken sich dicht an sie. Ich stehe wie eingewurzelt, dann schlage
ich das Fenster zu, und stürze zurück in mein Zimmer.
    Es währte lange, ehe ich mich fassen konnte. Nachher besann ich mich wohl.
Es war die Nachtwandlerin, die ich gesehen hatte. Ich erinnerte mich ihrer
genau. Aber was war damit gewonnen? Ist so etwas Zufall? Traf Alles nur von
ungefähr zusammen? Nein, Heinrich! ich sage Dir, das war kein Ungefähr! Eine
Warnung war es, dafür habe ich es auch genommen, und in aller Frühe einen
Widerruf meines gestrigen Schreibens nach dem Kloster geschickt.
    Was ich dem Comtur, was ich Elisen sagen soll? Ich weiss es nicht. Aber es
wird mir schon beifallen, wenn ich nur erst wieder zu mir selbst komme. Ein Ritt
im Freien mag das bewirken. Ich will doch sehen, ob nichts von der Kranken zu
entdecken ist. - - - -
Sie ist fort! Abgereist! Diesen Morgen. Das Haus ist leer, keine lebende Seele
darin. Warum das? Wie so plötzlich! Wenn es doch ein Spuk wäre! wenn sie es gar
nicht war! Ich glaube, sie hat mich angesteckt, und ich verliere auch den
Verstand.
    Unbegreiflich! unbegreiflich! Die Gegend ist mir wie ausgestorben. Wohin sie
nur gegangen sein mag?
 
                              Curd an seine Mutter
Nicht wahr, das blieb das Klügste, was ich tun konnte. Was hilft das unnütze
Bestehen auf einer Sache, die doch nun vorbei sein musste. Es ist mir nahe
gegangen, das leugne ich nicht, aber einmal mit mir fertig, kostet es mich nun
auch keine unruhige Minute mehr.
    Geben Sie sich nun immer auch darein, gute Mutter! Was geschehen ist, das
ist geschehen. Verheiratet bin ich einmal. Agate ist Ihre Schwiegertochter,
und kann sie uns freilich Elise nicht vergessen machen, so ist sie doch eine
hübsche, elegante Person, zieht sich allerliebst an, tanzt, wie eine Puppe, und
ist so wohlerzogen, dass sie es gewiss niemals an Aufmerksamkeit gegen Sie wird
fehlen lassen. Bis jetzt kann ich nur meinen Entschluss loben. Wir werden überall
mit der ausgezeichnetesten Zuvorkommenheit empfangen, der Platz, den die Gräfin
in der Gesellschaft einnimmt, gibt ihrer Tochter, wie mir, die angenehmste
Stellung. Von der Seite muss ich gestehen, habe ich Vorteil von dem Tausch bei
meiner Wahl gehabt, denn, wie man sich auch bemüht, aus Achtung für den Comtur,
das Urteil über unsere Verwandtin zu mildern, so wird sie doch nie wieder eine
Rolle in den ersten Zirkeln spielen. Es ist zum Erstaunen, wie man gegen sie
eingenommen ist. Jetzt, da man mich weniger empfindlich dagegen glaubt, äussert
man seinen Tadel unverholen, und ich habe Gelegenheit, zu bemerken, dass es einem
Mann von feinem Takt äusserst verletzend gewesen sein müsste, sie so vernachlässigt
und isolirt unter Leuten von Ton zu sehen.
Sie werden finden, dass ich meine Hochzeit sehr beschleunigt habe. Ja, liebe
Mutter! die reine Wahrheit zu sagen, so lag mir daran, eher verheiratet zu
sein, als Elise. Es ging damals das Gerücht, man eile sich auf der Burg mit den
Anstalten zum Empfange der neuen Gräfin. Mir stieg das Blut bei der Nachricht
ins Gesicht. Ich mochte nicht aufsehen, und als Agate mich auslachte, mich mit
meiner Cousine neckte, wusste ich auf meine Ehre nicht ein Wort hervorzubringen.
Halt! dachte ich, nun ist es Zeit! Ich muss mich vor ähnlichen Ueberraschungen
sicher stellen. Acht Tage darauf stand ich mit meiner Braut vor dem Altar. Ein
Mensch von Willenskraft nimmt bei jeder Gelegenheit seine Partie. Elise soll
doch frappirt gewesen sein, als sie es hörte. Um so mehr, da man vom Aufschube
ihrer Verheiratung wieder allerlei murmelt, und Hugo's Laune unerträglich sein
soll.
    Nun, wenn er jetzt wieder Ausflüchte suchte, wenn er zum zweitenmale die
Ruhe der unglücklichen Elise aufs Spiel setzte, so wahr ich lebe! alles Andere
bei Seite gesetzt, ich zöge ihn zur Rechenschaft, und wäre er am Ende der Welt.
Noch will ich glauben, es haben sich wirklich Hindernisse zwischen seine Pläne
geschoben. Es kann sein, es muss sein, ich darf und will es nicht anders
annehmen, doch erfahre ich das Mindeste, was einer Treulosigkeit entfernt
ähnlich sieht - er soll mir's sagen, er soll mir's dann selbst sagen, weshalb er
die Unglückliche täuschte, warum er mir mein Glück zertrümmerte, das Herz
zerbrach und - doch ich will schweigen! Ich werde schweigen bis an mein Ende. Es
ist nun auch vorbei, ich weiss das recht gut, daran braucht mich Niemand zu
erinnern. Ich meine nur soviel, dass ich nicht umsonst und um nichts ein Opfer
gebracht haben will, dass ich mich nicht anführen lasse, und Elise doch meine
Cousine bleibt. Wenn Alle sie verlassen, so gehört ihr immer noch mein Arm und
mein Leben!
    Verzeihen Sie, gute Mutter! ich wollte Ihnen von meiner neuen Wohnung,
meiner Einrichtung, unserm täglichen Leben, von der Aussicht erzählen, die mir
eröffnet ist, ins Jagddepartement mit Vorteil versetzt zu werden, allein wenn
ich einmal im Schreiben oder Sprechen auf dies Kapitel komme, dann gehen mir
alle andere Gedanken aus. Gott im Himmel weiss auch, wie es zugeht, dass ich immer
heftiger und zorniger bei der Erinnerung an Elisens verfehltes Leben werde, und
meine Seele ordentlich darnach dürstet, mit dem Grafen anzubinden!
    Fürchten Sie indes keine Unbesonnenheit, gute Mutter! Ich vermeide es,
selbst nur nach der Gegend hinauszureiten, wo Wehrheim und die Burg liegen. Ich
meide die Einsamkeit, ich meide mich, meine eigenen Gedanken. Könnte nur die
Gräfin schweigen, und wollte Agate mich nicht durch hässliche Gesichter
demütigen. Es gelingt mir mit vieler Mühe, kaum an mich zu halten.
    Nun lassen wir's, wie es ist! Der Himmel verhüte Unglück!
 
                                    Antwort
Lieber Sohn! Du erschreckst mich. Du weisst gar nicht, wie sonderbar Dein Brief
lautet.
    Mein Gott! was ereiferst Du Dich denn über fremde Angelegenheiten! Lass doch
den Grafen tun, was er will. Bist Du denn dazu gesetzt, ihn zur Rechenschaft zu
ziehen? Was das für Begriffe sind, die Du Dir von Dir selbst und von Deinen
Pflichten machst!
    Eben erst verheiratet, und für eine Andere den Ritter spielen zu wollen! Du
darfst gar nicht mehr an Elise denken. Stelle Dir einmal vor, was Deine Frau
sagen würde, wenn ihr solch' Gerücht zu Ohren käme!
    Nein, lieber Sohn! jedes Wort, was Du mir sagst, ist mir durch Mark und Bein
gegangen. Ei mein Gott! das fehlte noch. Und alles das um das Unglückskind, die
Elise!
    Die arme Seele! Ja, darin hast Du recht, wenn er sie jetzt täuscht, wenn er
sie noch einmal ins Verderben brächte -! Der Himmel müsste ihn strafen. Ich habe
es immer gesagt, die erstaunlich klugen Leute, die machen ihre Nebenmenschen nur
unglücklich. Hat der Graf nun wohl ein Herz, und kann es mit ansehen, dass die
Person, die ihm ihr ganzes zeitliches, und wer weiss, auch ihr ewiges Glück,
aufgeopfert hat, sich abhärmt, und vor der Welt die Heitere nur darum spielt,
damit man ihn nicht tadeln soll? Sie hat mir vor ein Paar Tagen einen solchen
sorglosen, gleichgültigen, kleinen Zettel geschrieben, lieber Sohn! wie Du wohl
von sonst her noch von ihr kennst. Ich lege ihn Dir hier bei, Du wirst wohl
gleich fühlen, was es damit ist. Mir ward recht beklommen seitdem. Ich glaube
aber, es kommt doch hauptsächlich von Deinem Brief, Curd. Gieb ja auf Dich Acht.
Ich weiss nicht, Du kommst mir darin ganz anders vor. Ich finde, Du kriegst jetzt
etwas von Deinem seligen Vater. Du hast ihn nicht gekannt, und was man so von
ihm erzählt, darnach kommt er Dir vielleicht ein Bischen laut und wild, gar
nicht so vornehm wie die heutige Jugend, vor. Nun, das ist wahr, mehr Erziehung
hast Du, und von dem modischen Wesen, wie jetzt in der Stadt und auf dem Lande
getrieben wird, davon hatte seine Seele keine Ahndung. Er war immer draussen auf
dem Felde und auf der Jagd, und wenn ich es so deutsch ausdrücken soll, zuweilen
war er wohl roh zu nennen. Feinere Manieren hast Du, das ist keine Frage. Aber
eine feinere Seele, solch' zärtlich Gemüt, und so gar nicht vergessen können,
was er liebte, das hattest Du bis jetzt noch nicht gezeigt. Ich werde ewig daran
denken, wie mein seliges Lottchen starb! hat der Mann das wohl je verschmerzen
können? Das kleine Bettchen musste immer bei ihm in der Kammer stehen, und wenn
er manchmal noch so lärmend von einer missglückten Jagd nach Hause kam, und er
hing in der Kammer seine Flinte und Jagdtasche an die Wand, dann blieb er wohl
bei der leeren Bettstelle stehen, setzte beide Arme in die Seiten, bückte den
Kopf, und starrte hinein, als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen.
»Hm!« sagte er dann vor sich in Gedanken, halb stöhnend, halb ungeduldig,
schnippte mit den Fingern, (was er immer sehr laut und schallend zu tun
pflegte) und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus. Es währte eine
Weile, ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach. Ja, er hatte ein weiches
Herz und ein treues, bis in den Tod. Aber das ist wahr, dem Doktor wurde er
nicht wieder gut, seit er ihm das Kind hatte sterben lassen. Er sah ihn nachdem
niemals in seinem Hause, und wo er wusste und konnte, ging er ihm aus dem Wege.
Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen. Ich mag nicht daran
denken, es war ein schlimmer Tag. - Daher weiss ich, dass er unversöhnlich und
nachtragend war, wie Du es jetzt auch zu sein scheinst. Das ist aber nicht das
beste Erbstück von Deinem Vater. Sei ja auf Deiner Hut. Man kann sich da etwas
auf das Gewissen laden, und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter. Nicht
lange nach dem Kindtaufsschmausse starb der Doktor. Es glaubten Viele, und ich
auch, er sei vor Aerger gestorben. Dein Vater tat nicht, als denke er weiter
daran; aber er ist ihm bald gefolgt. So zieht Eins das Andere nach sich.
    Lebe recht wohl, mein lieber Sohn! Bedenke Alles, was ich Dir gesagt habe,
und grüsse Deine Frau, die ich sehr begierig bin, kennen zu lernen.
 
                               Elise an die Tante
Sie sind wieder gut und freundlich! Ich wusste es wohl. Lange konnten Sie auf Ihr
Pflegkind nicht böse sein. Nun, und der Curd, Tantchen! der hat eine ganz andere
Frau bekommen, als Ihre blasse, hagere, kränkelnde Elise. Ich versichere Sie, so
ein zierliches, frisches Persönchen, so grelle Augen, und einen Anzug, wie ihn
die Prinzessinnen nicht allerliebster haben können. Wenn Beide in Curds
niedlicher Equipage durch die Strassen fahren, die braune Muschel, das rote
Gestell, die schönen englischen Pferde, und der Piqueur, der so gewandt voraus
reitet, - Ihr Mutterherz würde doch vergnügt schlagen, nicht wahr?
    Sie sind so sorglich in der Nachsendung meiner Sachen, beste Tante! Es ist
Alles aufs Beste eingepackt, hier angekommen. Da steht es nun um mich her. Auch
die Kisten und Koffer aus meiner ehemaligen Wohnung in der Stadt. So eine ganze
Vergangenheit! Neulich wollte ich mich einmal putzen. Ich liess ein Paar Paquete
öffnen. Ich musste lachen über den zerknitterten Staat von ehemals! Und wie mir
die Kleider sitzen! Nein, Ehre hätten Sie mit mir nicht vor der Welt eingelegt!
Da ist Agate ein anderer Schmuck Ihrer Familie. Ich soll recht glänzend an
meinem Hochzeitstage erscheinen. Der Oheim will das. Er ist feierlich in Allem,
und hält viel darauf. Nun sehen Sie, ich bin eine gute Wirtin, ich meinte,
unter meinen ehemaligen Hoftoiletten, da würde sich wohl genug finden, um auf
der Burg die nötige Figur zu machen. Ich bin aber sehr unglücklich im Suchen,
und dann wie Alle, wenn sie nur etwas haben wollen, so treffen sie immer das
Unrechte, mir ging es eben so. Ich fand in einer der Kisten Georgs abgelegte
Kleidchen, sein Taufzeug und meinen Brautkranz Ich habe seitdem nicht weiter
gesucht! Ich denke, kommt Zeit, kommt Rat. Wir haben auch Zeit, Tantchen! Die
Erwartung mag leicht das Beste vom Leben sein. Wir nehmen es so. - Ueberdem
wissen Sie ja, ich lasse gern Andere für mich sorgen! Ruhe und Bequemlichkeit
gehen mir über Alles.
    Ich wurde hier unterbrochen. Ich weiss wahrhaftig nicht mehr, was ich noch
sagen wollte. Nehmen Sie es für gesagt, beste Tante! und denken Sie, es könne
nichts anders gewesen sein, als die erneuerte Versicherung meiner dankbaren
Liebe.
 
                                Hugo an Heinrich
Was das noch werden soll! Wie das enden wird! Ich nehme mich zusammen, ich denke
nur, was ich denken will, ich arbeite angestrengt. Eine Menge aritmetischer
Aufgaben liegen um mich her. Ich biete Scharfsinn und Combinationsvermögen auf,
mich von jedem fremden Gegenstande abzuziehen. Aber wenn mir endlich Nachts die
Augen über der Arbeit zufallen, wenn ich träume - Heinrich, ein Traum kann unser
Herr werden - schämst Du Dich nicht, von der Kraft des Menschen zu sprechen?
Immer sitzt sie da, da auf demselben Fleck unter ihren Tieren. Sie gibt ihnen
das Futter mit der kleinen, weissen Hand, die gelbe Hirschkuh legt das Köpfchen
an ihre Kniee. Die Fremde meine ich. O, denke nicht, ich fasele von dummem Spuk,
das abgedroschene Geschwätz aller modernen Tages- und Monatsblätter. Nein, von
ihr, von der Fremden rede ich. Was übt dies Wesen für eine unbegreifliche Gewalt
über mich aus! Siehst Du, dies ist viel tiefsinniger, viel grauenhafter, viel
verzweigter in der geheimnisvollen Verwandtschaft der Seelen, als solch
phantasmagorisches Gespenst; unbewusst verwandt mit dem melancholisch wimmernden,
ruhelos umherstreifenden Weibe! Denke es Dir, Heinrich! was zieht sie mir nach?
was brachte sie auf die Stelle? was wollte sie da unter den Tieren? Ist der Zug
dahin Instinkt? und können so willenlos zwei Menschen zu einander gezogen
werden?
    Gab es je ein Rätsel, meiner Entzifferung wert, so ist es dies! Aber ich
gestehe Dir auch, vor dem ich schüchtern zurücktrete.
    Und doch lässt es mich nicht!
    Wirst Du es glauben, dass ich mich nur mit Mühe zurückhalte, ihr nicht zu
folgen? Folgen, dazu gehört, dass ich wüsste, wo sie geblieben ist. Ja, wer das
wüsste! Verschwunden, sage ich Dir. Spurlos! und gerade an dem Morgen! Gieb mir
zu, es könnte einem Ruhigern etwas in den Kopf setzen.
    Ich bin ein Paar Tage recht krank gewesen. Seitdem ist, wie durch ein
stillschweigendes Uebereinkommen, noch nicht wieder die Rede von der Anberaumung
meines Hochzeitstages gewesen. Elise - sage mir, Heinrich, hat sie aufgehört,
mich zu verstehen? oder will sie es nicht? Leicht, heiter, unbesonnen wie
ehemals, schweift sie durch alle Regionen der guten Laune umher, neckt, reizt
mich, bis ein Wort, eines von den unwillkührlichen, die zuweilen aus uns
herausschreien, plötzlich an die bunten Flügel ihres Leichtsinns streichen, und
diese, wie verbrannt, sinken. Sie wird dann stumm, wir sitzen ängstlich bei
einander, bis ich gehe. Komme ich andern Tags wieder, so scheint das nicht
gewesen. Es fängt wie gestern an, und endet so.
    Freiheit Freiheit! - Ich muss es bewundern, wie dem Menschen der Begriff kam,
da er zum Sclaven einmal bestimmt ist. Sieh' Dir doch nur seinen innern und
äussern Zustand an, und dann prahle mit hohen Vorrechten, die nicht Leben, nicht
Bestimmung bestätigen. Es ist wenig damit getan, dass man sagt, man lasse jedem
seine Weise. Was kommt dabei heraus? einmal, und gerade, wenn Dir am meisten
daran liegt, unberührt zu bleiben, reiben sich die Freiheitsansprüche gewaltig
an einander. Richtungen stossen gegen Richtungen, der Krieg ist da, und
conventionelle Aussprüche machen den Frieden. Du knirscht mit den Zähnen, und
bist nichts als Dein eigner Narr.
    Wieder auf aritmetische Aufgaben zu kommen; meinst Du, es sei der Mühe
wert, den Verstand daran zu schärfen? wirst Du jemals den Menschen in Dir
berechnen lernen? Und kannst Du das nicht, was willst Du mit dem Plunder von
Wissenschaft?
    In diesem Augenblick berechne ich, wann Walter wiederkommen wird. Ich habe
ihn ausgeschickt, der Kerl ist pfiffig, er wird es ermitteln, wo sie hinging!
    Sie! sie! Lache nicht, Heinrich! Ich kann keine Ruhe finden, so lange ich
nicht weiss, was dieses Wesen an mir hat.
    Warum ich nicht selbst? Ihr nach? Fragst Du! Ja, wenn es erst dahin mit mir
ist - dann!
    Sonderbar! Der Oheim lässt sich auf seine feierliche Manier in diesem
Augenblick bei mir ansagen. Er muss etwas wollen, und seinen Sinn gerade auf
diese Stunde gestellt haben. Ich bin doch neugierig!
    Heinrich, der Onkel hat sich verrechnet. Von der Seite fasst er mich nicht.
Ich habe hier keine Zugänge.
    Das Opfer eines Lebens um einer Chimäre willen! Mich lässt das kalt, weil ich
den ganzen Gedanken nicht begreife.
    Uebrigens sagt er mir nichts Neues. Ich bin nur neugierig, weshalb er mir es
sagt. Unnütze Mühe! Ich werde ja frühe genug tun, was sie wollen.
    Nun, er trat ein. Man sah ihm gleich an, dass er nicht ohne Absicht da war.
Er fragte nach meinem Befinden. Ich musste innerlich lachen. Meine Antwort
beruhigte ihn vollkommen. Er stand und blätterte in einem Heft Kupferstiche. Ich
ging auf und nieder. Leicht mochte ich's ihm nicht machen, darum schwieg ich.
Endlich setzte er sich. Ich auch. Es begegnet uns oft, so eine Weile stumm neben
einander zu sein, ohne dass uns dabei etwas auffällt. Heute schien es ihm
peinlich. Er war in seiner hohen und trockenen Stimmung. »Lieber Hugo!« brach er
jetzt das Schweigen, »Du zwingst mich, etwas zu tun, was ich sonst nicht leicht
tue, von mir selbst zu sprechen.«
    Der Eingang schnitt plötzlich ein. Ich stutzte, und sah verwundert zu ihm
hin.
    »Schon lange,« fuhr er fort, »gehen wir an einander hin, ohne dasjenige
berühren zu wollen, was zwischen uns liegt.«
    So weit, dachte ich, holt er aus! Ich seufzte. Er mochte das anders deuten.
»Du hast recht,« versicherte er. »Es ist allein meine Schuld. Schiebe das aber
auf eine unüberwindliche Blödigkeit, die in meinem Charakter liegt, und die mir
es auch jetzt schwer macht, mit Dir über diesen Gegenstand zu sprechen.«
    Jetzt hatte er mich ganz. Er rührte mich. Niemals widerstehe ich dem
verschämten Bekenntnisse eigener Schwäche! Und hier! das Alter der Jugend
gegenüber! Wie gesagt, ich war sein. Er hätte viel mit mir machen können. Aber
meine sichtliche Bewegung täuschte ihn über sein Uebergewicht. Er handelte jetzt
mit mehr Selbstbewusstsein als Klugheit die alte Geschichte mit meinem Vater ab,
er entwickelte Grundsätze, die nicht die meinigen sind, und tat sich etwas
darauf zu gut, dass er nicht geheiratet hatte. »Wirst Du es mich bereuen
lassen,« setzte er dann als Moral von der Fabel hinzu, »dass ich auf ein Glück
verzichtete, von dem Du doch auch einmal eine lebhafte Vorstellung zu haben
scheinst, das Glück erfüllter Liebe?« Ich lächelte. »Willst Du mich erröten
lassen?« sagte er lebhafter, »eine teure Gefährtin von mir gewiesen, ihr grosses
Herz zu stetem Entsagen verdammt zu haben, aus Rücksichten, die Niemand
anerkannt, aus Vorsorge, die Eigensinn und Wankelmut zu Schanden machen? Soll
die edle Sophie täglich Zeuge von der Nutzlosigkeit einer Entsagung bleiben, die
nur zerrissene Verhältnisse zur Folge hatte?«
    Ich wollte etwas erwiedern. »Lass mich ausreden,« bat er, im Eifer erglühend,
»lass mich ausreden. Als wir beide das Ordenskreuz auf die Brust hefteten,
verdammten wir diese zu immerwährendem Verstummen. Wir haben Jahre hindurch
geschwiegen, uns gemieden, und nur dem Alter ein Paar Sonnenblicke vor dem
Abscheiden gegönnt. Ist es recht, dass Du auf diese kurzen Stunden noch einen
Schatten wirfst? Ich habe geduldig gelitten, als auch Du littest. Es war ein
schmerzliches, doch vielleicht auch unvermeidliches Geschick. Ich trug es so,
und liess Dich's nicht empfinden. Jetzt aber, ein zweitesmal, jetzt, wo mehr als
Glück, mehr als Ehre und gerettetes Bewusstsein auf dem Spiele steht, wo die
rechtliche Handlung versöhnen, ihre Unterlassung den Namen beflecken muss, den
ich der Nachwelt erhalten, ihn ihr rein überliefern wollte, jetzt, wo es
unwiderruflich notwendig wird, vor den Menschen zu bestehen, oder mit ihnen,
mit sich, mit dem Himmel zu zerfallen; jetzt frage ich Dich, zu was bestimmst Du
Dich? Es könnte sein,« fuhr er mit erhöhter Stimme, meiner Antwort begegnend,
fort, »Du wähltest in Deinem finstern Unmute das Letzte, doch lass mich Dich
erinnern, dass sich ein gegebenes Wort niemals einseitig löst, dass es sein Recht
durch alle Ewigkeiten erheischt, und dass Elise Dir das Deine niemals zurück
geben will, darüber ist sie mit sich einig.«
    »Darüber ist sie mit sich einig?« erwiederte ich fragend.
    »Fest!« entgegnete der Comtur.
    Der letzte Hebel warf das ganze Gebäude über den Haufen. Verabredet also,
rief eine Stimme in mir. Sie trauen dem Herzen nicht, das sie künstlich
einsargen, und mit Gewalt begraben wollen! Was ist aus Elise geworden, wenn sie
dazu ihre Hand bietet? Ist es, wie jene denken? - Ungrossmütige, wie konntest
du! - Ich brauchte Zeit, mich zu fassen. Der Comtur betrachtete mich staunend.
Ich liess ihn eine kleine Weile. Dann sagte ich gelassen: »Habe ich doch Elise
nicht um die Rückgabe meines Wortes gebeten, wie kommt sie dazu, mir im voraus
es zu verweigern?« Er errötete, ich aber fühlte einen hässlichen Frost durch
meine Adern gehen, und setzte deshalb auch kalt hinzu: »das Unwiderrufliche
denke ich ja nicht zu widerrufen, weshalb drängt man mich denn? und zu was?«
    »Ich könnte eher fragen,« fiel er, sich aus seiner liegenden Stellung mehr
als sonst in die Höhe richtend, etwas gebieterisch ein, »warum Du Dich drängen
lässt? Worauf wartest Du denn noch? Was soll geschehen, um Deine Verpflichtung
unerlässlicher, die Lage der gekränkten Frau noch demütigender, Dich selbst
endlich entschlossener zu machen?«
    »Von allen diesen Fragen,« entgegnete ich leise, mit halbem Lächeln, »kann
nur die letzte an mich gerichtet sein, und darauf, lieber Onkel! gibt es wohl
in mir eine Antwort, doch halte ich sie für Andere nicht verständlich, darum
vermag ich sie nicht laut werden zu lassen.«
    »Du vermagst oder Du willst vielmehr nicht,« sagte er empfindlich.
    »Was hilft das Eine ohne das Andere?« warf ich ihm entgegen.
    Er stand auf. »Wir sind uns nur selten,« hob er, gedankenvoll vor sich
hinsehend, an, »in unsern Meinungen und Urteilen begegnet, wir scheinen auch
jetzt sehr verschiedener Ansicht zu sein. Verschiedener Ansicht!« wiederholte
er, um nicht zu sagen Gefühl. »Denn ich denke nicht, dass Dir das zartere
Empfinden der Ehe, in welchem wir notwendig zusammentreffen müssten, fremd sein
könnte, wenn nicht eine andere Art, diese zu betrachten, sich zwischen unsern
Gesichtspunkt schöbe.«
    »Meine Art,« versicherte ich gelassen, »ist ganz einfach die, mit
möglichster Freiheit das zu tun, was geschehen muss. Man ist aber nicht jeden
Augenblick frei in sich. Bis der rechte kommt, bitte ich Sie, mich nicht zu
verkennen und sich nicht beunruhigen zu wollen.«
    »Und Elise?« fragte der Comtur.
    »Da wir noch lange einen Weg zu gehen haben,« erwiederte ich bestimmt, »so
wird sie wohl nicht verschmähen, ihren Schritt nach dem meinen zu richten, und
sich nicht treiben lassen, wenn ich sie bitte, länger, als es die Welt gut
heisst, mit mir still zu stehen.«
    Der stolze Mann mass mich mit funkelndem Blick. Doch hielt er an sich. Er
ging einigemal an mir vorüber, im Zimmer auf und ab, ohne, wie es schien,
sogleich ein passendes Wort finden zu können.
    »Hugo!« sagte er darauf, sanft die Hand auf meinen Arm legend, »Du bist
sonst weder hart noch herrisch, was ist es, dass Dich jetzt dazu macht? Ich
überlasse Dir, den Grund davon zu finden. Ich glaube aber, wer im Rechten ist,
der braucht sich eben nicht gegen weichere Gefühle zu steifen, noch kalt zu
tun, damit man nur nicht an den Sommer denke, und frage, wo denn plötzlich das
frühere Leben hingekommen sei? Geh nur! geh!« setzte er hinzu, »Du bist in der
Liebe ein Egoist! und das kann sie am wenigsten vertragen.«
    Er verliess das Zimmer. Ich blieb in Gedanken zurück. Ich schrieb darauf
Alles das nieder. Er hat unrecht, ich versichere Dich. Es klingt wohl, als wäre
es was, aber die Menschen verderben es immer, dass sie den Menschen in Worte
übersetzen wollen. Es fasst sich das gemischte Leben niemals im Einzelnen heraus;
und was die ganze Seele füllt, davon behält der Andere nur ein Stück in der
Hand.
    Ich kann es einmal nicht ertragen, dass man der Meinung wegen, auch das in
Fesseln schlägt, worüber man viel meinen, doch schwerlich mehr wissen kann, als
sich jedem Einzelnen auf seine Weise offenbart.
    Fragt man, wie Du es immer hören wirst, was denn aus der Welt werden soll,
wenn man dieser geheimen Offenbarung vertrauen und fremder Bestimmung kein Recht
darüber gönnen wolle? Dann bitte ich, mir zu sagen, ob man wisse, was denn jetzt
daraus wird?
    Nein, der Onkel hat nicht Recht. Ein Egoist! ein Egoist! Weil ich nicht wie
ein Handschuh auf jede Hand passe!
    Und was ist er denn? Woran lag ihm zumeist, als er jenes viel berühmte
Doppelopfer brachte und bringen liess. Rettete er nicht auf Unkosten des
Mädchens, dem er sich verlobte, was ihm mehr als das Mädchen galt? Neben des
Gesetzes Vollziehung den Ruf, für den er ja heute noch allein lebt. Ein Egoist!
was das gleich Worte sind! Der Zehnte weiss nicht, was er dabei denkt! - - - -
Walter kommt nicht! Könnte ich nur die fatale Unruhe los werden! Glaubst Du
nicht auch, dass der Mensch sehr vom Blute abhängt? Ich spüre eine Beklemmung,
ein Pochen in den Pulsen! alle Gegenstände, die ich denke, stehen wie hinter
einem dichten Flor. Je schärfer ich den Willen darauf richte, je deutlicher ich
sehen möchte, desto dunkler ballen sich Schatten auf Schatten, zuletzt ist es
völlig Nacht in mir. Auch sie! Ihr Bild geht in dem dunkeln Gewoge unter. Heute
wollte ich mir's zurückrufen, ich hatte eine ordentliche Unruhe darnach. Es
plagte mich, dass die Erinnerung nicht weichen, und ich doch die Anschauung nicht
festalten konnte. Ich strebte, mir das Mondlicht, den Glanz, den es verbreitet,
die Bäume, die bekannte Stelle, das sonderbare, kranke Wesen, jedes einzeln
recht vorzustellen. Umsonst! Immer das Hin- und Herbewegen vorüberfliegender
Dunstberge. Es ist das Blut! weiter nichts!
    Ich sei abergläubisch, beschuldigtest Du mich einmal. Denkst Du, ich
fürchte, die Erscheinung neulich Nachts bedeute mir etwas? Ich sage Dir ja, ich
erkannte die Fremde wieder. Was liegt da weiter für eine Bedeutung verborgen. Es
ist mir bloss darum, zu wissen, wer sie ist?
    Es wird wohl das Gescheuteste sein, dass ich Walter aufsuche. So hetzt Einer
den Andern. Alle suchen! Was werden wir finden?
 
                             Der Comtur an Sophie
Ich war bei Ihnen, Liebe! Sie sind in der Messe, sagte man mir. Ich wollte Ihnen
sagen, was ich mich nun genötigt sehe, Ihnen zu schreiben. Es ist mir leid. Sie
hätten mich wohl beruhigt, und wären sich selbst dadurch klarer geworden, statt
dass ich Ihnen nun alles Unangenehme so über den Hals schicken und es dem Himmel
überlassen muss, wie Sie damit fertig werden.
    Sie brauchen in Ihren Mutmassungen nicht weit zu gehen, um sogleich auf Hugo
zu stossen. Ich weiss wohl, dass Sie längst seinetwegen Besorgnisse hegten, ohne
diese eingestehen zu wollen. Es konnte Ihnen, so wenig wie Elisen, die Spannung
seines verstörten, unstäten Wesens entgehen. Er selbst glaubt sich krank. Der
Arzt fand sein Blut aufgeregt, doch sonst keine Spur gestörter Gesundheit. Sein
Kammerdiener Birkner sagte uns darauf, sein Herr bringe alle Nächte ausser dem
Bette, beim Schreibtisch, zu; soviel er bemerkt, bleibe er indes müssig vor
demselben sitzen, halte die Feder in der Hand, sehe angestrengt bald auf dieses,
bald auf jenes beschriebene Blatt, scheine aber nichts zu lesen. Wenn ihm
endlich die Augen zufielen, dann fahre er in die Höhe, stürze aus Fenster, oder
laufe auch hinunter in den Garten, von wo er häufig erst beim Anbruch des Tages
mit allen Zeichen innerer Erschütterung zurückkomme.
    Dies nun, und Mehreres, was ich sonst noch im Hause erfuhr, bewies mir, dass
etwas Fremdes, nicht in sein früheres Geschick Verflochtenes, ihn in
unnatürliche Kämpfe verstrickt halte. Ich wollte dem auf die Spur kommen,
deshalb ging ich zu ihm auf's Zimmer. Er mochte eine Ahndung meiner Absicht
haben. Verschlossen, und mit einer Eisrinde überzogen, trat er mir entgegen. Wir
hatten eine seltsame Unterredung, während welcher er in dem Masse zurückgezogener
ward, als ich mich in meinem Eifer fortgerissen fühlte. So sagte ich zu viel und
er zu wenig, was mich verdross, weil ich ihn eigentlich stacheln und zu
Eröffnungen zwingen wollte. Ich wäre zu weit gegangen, hätte ich mich nicht
gefasst, hätte ich nicht dem Verlaufe nachgedacht. Da konnte es denn nicht
fehlen, dass mir Eins und das Andere in Hugo's Worten besonders auffiel, und ich
eine fremde Härte, eine Sprödigkeit darin wahrnahm, die mich auf gänzliches
Verlieren an einen neuen, ihn durchaus beherrschenden Gegenstand seines Herzens,
oder seiner Phantasie schliessen liess.
    Ich erschrack, und warf ihm noch eine ernste Warnung ins Gewissen, ehe ich
ging. Er tat nichts, mich eines Bessern zu überzeugen. So stolz stand er mir
niemals gegenüber. Ich war sehr geneigt, dies hochfahrende Benehmen auf Rechnung
eines beunruhigten Gewissens zu schieben, und ward hierin bestärkt, als ich
erfuhr, Hugo habe den schlauen Walter in geheimen Aufträgen versandt. Nehmen Sie
hierzu, das Umherschweifen bei Nacht, rechnen Sie den plötzlichen Aufschub
seiner Heirat, mit vielen andern Nebenumständen zusammen, und sagen Sie selbst,
ob der Verdacht, dass eine neue Liebe, eine heimliche Verbindung ihn von Elisen
abziehe, wie diese ihn früher von Emma abzog, etwas Undenkbares sei?
    Aber wo den Gegenstand dieser finstern, unseligen Leidenschaft suchen? Ich
verlor mich in Mutmassungen.
    Jetzt, Sophie! ist der Graf seit zwei Tagen fort, mit Post abgereist, ohne
vorhergegangene Anstalten, ohne hinterlassene Befehle, ohne irgend eine
Massregel, die auf besonnenen Entschluss deutet, und - kaum getraue ich mir's zu
denken, geschweige denn auszusprechen. Doch auffallend muss es sein, dass auch die
Fremde in unserer Nachbarschaft mit einemmale verschwunden ist. Ich wage keine
bestimmte Beziehung hier festzustellen, allein - wenn es wäre, wenn Alles
verabredet, wenn die Intrigue vollkommen zu machen, der Schein der
Gemütskrankheit eine Komödie wäre? - Liebe! ich überlasse Ihrem Scharfsinn das
Uebrige.
    Was meinen Sie aber, dass wir Elisen sagen? Ich wollte das an diesem Morgen
mit Ihnen verabreden. Es war zu einer Stunde, in der ich Sie allein zu finden
hoffen durfte, da unsere Freundin lange schläft, oder doch wenigstens das Bett
erst spät verlässt. Es muss ihr auffallen, nichts von Hugo zu sehen und zu hören.
Was können wir aber gescheuter Weise ersinnen, das ihr genügen würde? Das Herz
ist in solchen Fällen klüger als der Kopf, wenn Verstand verstehen heisst. Ich
fürchte, die Arme ist nicht lange mehr zu täuschen!
    Bestimmen Sie, liebe Sophie! über mich. Ich versichere Sie, wie immer,
meines Gehorsams.
 
                                    Antwort
Sie haben mir die Augen geöffnet! Das war es auch! O wagen Sie es, wagen Sie es
dreist, da an eine Beziehung zu glauben, wo sie ein Blinder entdecken würde.
    Sie wissen, ich bin von Natur lebhafter, als ich gewöhnlich erscheine. Ich
habe es gelernt, diese Lebhaftigkeit in dem Masse zu beherrschen, als ich der
Gelassenheit bedurfte. Vielleicht macht mich das Erworbene zuversichtlicher, als
ich es zu sein Ursache habe, vielleicht halte ich mich nur für gefasst und
überlegt, weil mich Andere dafür halten. Ich weiss es nicht genau. Ich weiss daher
auch nicht, ob mich Leidenschaft oder klare Einsicht in diesem Augenblicke
leitet? Aber das weiss ich, dass ich den Zusammenhang des unerhörtesten Betrugs
ganz deutlich, ganz in seinen Einzelnheiten bedingt, schreiend wahr zu erkennen
glaube, und es kaum begreife, wie erst jetzt die Bedeutung unzählig auffallender
Umstände mir entging.
    Ich erinnere Sie hier nur an das Eintreffen der Unbekannten in dieser
Gegend, gerade, nachdem Hugo von einer mehrtägigen Abwesenheit zurückkehrte, von
welcher Niemand den Zweck, noch die Veranlassung kannte. Dann, das stete,
unerwartete Zusammentreffen jener mit dem Grafen, in Augenblicken, wo sie ihn
mit Elisen beschäftigt wusste. Trat sie nicht den Abend an den Wagen der
Ohnmächtigen, als diese in das Amtaus getragen ward? Sah man sie nicht in jener
Nacht vor dem Fenster der Kranken umherschleichen und erlauschen, was im Zimmer
vorging, während Rührung und überraschtes Mitgefühl Ihrem Neffen das neue,
unbesonnene Gelübde entrissen? Trafen wir sie nicht Abends bei der
Nachhausefahrt von Wehrheim, dicht vor dem Orte im Kahne? Und sah ich nicht, dass
Hugo die Unruhe, die mich so unerklärbar befiel, in erhöhetem Masse teilte? Soll
ich Ihnen nun noch sagen, dass die rätselhafte Verkappung und das Spukhafte in
dem Betragen der Fremden nur dazu diente, Unberufene aus ihrer Nähe zu
entfernen, ihr aber die Freiheit verschafte, Nachts die Gegend zu
durchstreifen, den Grafen auf seinen Jagdritten zu treffen, ja sich im
Burgbezirk, im Schlossgarten, im Wildzwinger, auf Emma's Bank unter ihren
Lieblingen sehen zu lassen!
    Ich schaudre, tritt mir Alles in seiner unleugbaren Wirklichkeit vor die
Seele. Und nun fort! Und auch er!
    Unglückliche Elise! so dreist, so sündhaft wurdest Du betrogen! Ja, was
sagen wir ihr aber? was wir fürchten? Ich wage es nicht. Denn hege ich gleich
keinen Zweifel über meinen Verdacht, so besitzen wir doch nicht hinreichende
Beweise, um auf eine Mutmassung hin, ein Herz unbarmherzig zu zerreissen.
    Wir müssen sie noch hinhalten. Ist es, wie ich mir's vorstelle, so kann es
kein Geheimnis bleiben. Wir sind dann vorbereitet, haben uns gesammelt, und
können sie besser aufrecht halten, als jetzt, wo mein Blut kocht, und das Gefühl
zwischen bitterer Empörung und heissem Schmerze hin- und hergetrieben wird.
    Wachsam müssen wir bleiben. Keinen Augenblick darf sie ohne mich sein, denn
es teilen auch Andere unsern Argwohn, und mehr als eine Stimme sagt, was wir
noch zu denken zögern. Also für jetzt Behutsamkeit und Schweigen, lieber Freund!
 
                             Der Comtur an Sophie
Zu rechter Zeit, Liebste! haben Sie es in Zweifel gestellt, ob die angeborne
Lebhaftigkeit Sie nicht dennoch öfter übereile, als Sie glauben. Ich meine, wir
haben Beide rascher empfunden, als das Rechte gefunden. Muss ich auch Sie, wie
mich selbst daran erinnern, dass die Oberhofmeisterin um die Fremde wusste? dass
diese mit ihr und dem Kloster in Verbindung steht? dass sie ärztliche Besuche
hatte, dass ihr Krankheitszustand folglich anerkannt und mit Sorgfalt beobachtet
wurde? Hierin also, ist wenigstens keine List zu vermuten, und wie diese
einzelne Widerlegung alles andere widerlegt, leuchtet Ihnen gewiss so gut ein,
wie mir.
    Ein Glück daher, dass die Freundschaft zaghaft macht, und Sie weise handeln,
weil Sie zärtlich empfinden. Freilich, liebe Freundin! freilich, »Behutsamkeit
und Schweigen!« Elise darf nichts von unsern voreiligen Schlüssen ahnden.
    Vielleicht hilft uns Hugo bald über alle Zweifel hinaus.
    Noch wissen wir nichts von ihm. Auch Walter zeigt sich nicht, und mir liegt
dazu ob, keine Unruhe zu verraten, ich muss über die Schritte meines Neffen
vollkommen unterrichtet scheinen. Meine Haltung hält ihn in der Meinung
aufrecht. Möchte er bald die peinliche Anstrengung enden!
 
                                    Antwort
Sie haben recht. Und doch - ich weiss nicht, wie Alles zusammenhängt, aber - er
ist der Fremden gefolgt. Sein Sie dessen gewiss. Elise weiss es. Der alte
Gartenknecht Carl hat es ihr verraten. Hugo war bei ihm. Er hatte ihn über
jeden kleinen Umstand im Betreff der schleunigen Abreise der Dame befragt. Er
soll sehr blass, sehr matt und angegriffen dabei ausgesehen haben, so, als laste
ein schweres Unglück auf ihm. Zweimal, sagte Carl, sei der Graf in einem Wagen
bei ihm gewesen. Er durchlief das leere Haus, sah sich wild und unstät darin um,
und jagte dann mit einem gemieteten Bauernpferde bis zur nächsten Station, von
wo er das Pferd zurückschickte. Der Bote, der es gebracht, erzählte, der gnädige
Herr habe sich durch denselben Postillon weiter fahren lassen, der die Spukdame
gefahren habe. Dort im Städtchen spreche man wunderliches Zeug darüber. Die alte
Marte, der man längst wieder die Freiheit gab, sass gerade auf einem Steine vor
dem Postause, als der Graf so eilig drängte, fortzukommen. Sie lachte, und
schüttelte den Kopf. Nachher hat sie gemeint: sie kenne die Dame wohl, der er
nachziehe, sie seien einander auf ihren Nachtwanderungen begegnet, aber sie
dürfe sie gegen Niemand nennen, auch wisse sie nicht, ob sie lebendig sei?
    Urteilen Sie, liebster Freund! in welchen Zustand dies wüste Geschwätz,
zusammengenommen mit dem, was wirklich ist, die unglückliche Elise versetzt.
Einen kurzen Augenblick schien sie mir beherrscht von dem Gewicht ihres
Geschicks. Ich fürchtete aufs Neue für ihre Gesundheit. Jetzt drückt sie Zweifel
und Sorge hinunter. Sie will nichts fürchten oder doch nicht das Ansehen davon
haben. Mir dünkt das so unnatürlich, dass es mich, mehr als laute Verzweiflung,
peinigt. Die Sache ist ruchtbar geworden, Curd schreibt in diesem Augenblick an
mich. Der Brief hat einen sehr ernsten, gespannten Ton. Ich weiss nicht recht,
wie ich ihn verstehen soll? Kommen Sie heute noch zu uns, Sie sollen mir Ihre
Meinung darüber sagen.
    Ach kommen Sie ja! Wir bedürfen Ihres Beistandes alle Beide.
 
                        Agate an die Gräfin Ulmenstein
Ich bin die glücklichste Person von der Welt, liebste Mama! Denken Sie doch,
eben schickt mir Rosalie durch einen Lakaien von Mariental, wo der Hof jetzt
ist, zwei, in aller Eile mit Bleistift geschriebene Zeilen, in denen sie mir
sagt: der Fürst habe ihr bei der Tafel aufgetragen, mich zu avertiren, dass die
Cabinets-Ordre so eben ausgefertigt sei, durch welche Curd vom Militär ins Civil
versetzt, und als Jägermeister mit angemessener Gehaltserhöhung angestellt sei.
Ich dachte, ich solle närrisch vor Freude werden. Gesprungen, gejauchzt habe
ich! Stellen Sie sich doch nur die enorme Auszeichnung vor! Das wird wieder
lange Gesichter anderwärts geben! Schade nur, dass Curd gerade auf den Einfall
kam, einen Abstecher zu seiner Mutter zu machen, und nun nicht hier ist, dem
Fürsten seine Danksagung zu Füssen zu legen. Er setzt mich dadurch in ganz
ungeheure Verlegenheit. Was soll ich nun Rosalie antworten, da sie mir doch auf
höchsten Befehl die erwiesene Gnade mitgeteilt, und ich folglich gegen sie
nicht erwähnen darf, dass Curd ohne Urlaub verreiste? Noch ein grosses Glück, dass
ich wenigstens den Vorschlag, Curd zu begleiten, ablehnte. Im Vertrauen, die
brave Landdame soll unglaublich langweilig, und Ort und Haus sehr einfach sein,
deshalb wollte ich meine Visite lieber zur gelegenern Zeit verschieben, wenn man
einmal eine Partie mit recht vielen lustigen, jungen Leuten aufs Land machen,
und sich um jeden Preis amusiren möchte. Diese kluge Ueberlegung bringt mir den
Vorteil, die Nachricht weit früher erfahren zu haben, um Ihnen, beste Mama! die
Stafette, da es noch Zeit ist, Ihren Rat zu benutzen, nach Ulmenstein schicken
zu können. Sagen Sie mir nun, bitte, recht genau, wie ich nach Mariental
schreiben soll? Machen Sie mir lieber den Brief. Der Fürst verlangt sicher, ihn
zu sehen. Er interessirt sich sehr für mich, und ich hätte den Tod davon, wenn
ich irgend einen Fehler machte, und er bemerkte es.
    Ich küsse Ihnen die Hand schon im Voraus, beste Mama! Ihre glückliche
                                                                         Agate.
 
                                    Antwort
Ich erwartete die endliche Erfüllung meiner wiederholten Bitten seit mehreren
Tagen, mein Kind! Es ist mir sehr lieb, dass man nicht länger damit säumte. Ich
lief Gefahr, compromittirt zu werden. Curd hatte viele Mitbewerber. Es brauchte
aller meiner Tenacität, um mich nicht irre machen zu lassen. Ich bin nicht müde
geworden, immer dasselbe zu wiederholen, und habe Andere so müde gemacht, dass
sie aus Verdruss Ja sagten. So ist Dein Mann Jägermeister geworden, mein
Herzchen! Aber das muss ich Dir gestehen, eine deplacirtere Aufwallung von
kindlicher Zärtlichkeit habe ich auch in meinem Leben nicht gesehen, als die, in
einem moment de crise eine Wallfahrt zu dem älterlichen Heerde zu machen. Der
gute Curd wusste ja ganz genau, wovon es sich handelte, und dass die Entscheidung
vor der Tür war. Was fiel ihm denn ein? Es embarassirt mich wirklich erstaunt,
dass er abwesend ist.
    Dummes Ding! Schreiben darfst Du gar nicht. Das wäre sehr ungeschickt. Setze
Dich nur gleich in den Wagen und fahre hinaus nach Mariental, schütze eine
Krankheit Deines Mannes vor, und bitte um die Erlaubnis, statt seiner, Deinen
Dank an den Tag legen zu dürfen.
    Du hast sehr recht, ohne mich, würdet Ihr Euch nie zu helfen wissen. Guten
Abend, liebe Agate! Sei ja vorsichtig in Deiner Freude. Die Zunge geht so oft
mit Dir durch, und nichts ist nötiger, als diese zu rechter Zeit zügeln zu
können.
    Wann kommt denn Curd zurück?
    Weisst Du? Leontin war diesen Morgen bei mir. Er hat mir recht sehr gefallen.
Er sieht unglaublich interessant aus. Er hatte immer eine charmante
Phisiognomie, aber seitdem ihm die Liebe, ce regard voilé gab, finde ich ihn
unwiderstehlich.
    Lebe wohl, mein Kind! Ich denke immer noch, er und Rosalie werden frühe oder
spät ein Paar. Es gibt gewisse Leute mit einem Bischen Verstand, und erstaunt
viel Courage! Ich weiss nicht, ob Du die Leute kennst, und erfahren hast, dass sie
nur eine Sache zu denken brauchen, um sie auszuführen. Adieu, kleine Katze!
 
                               Die Tante an Elise
Es geht etwas vor, liebe Seele! Ich weiss nicht was? auch nicht wo? Aber es wird
so unruhig um mich; und wenn ich erst die Leute viel hin und herreisen sehe, und
sie nirgend bleiben, nirgend ausruhen können, dann habe ich schon genug.
    Ich bin von Natur ängstlich, das ist wahr, sehr ängstlich, ich kann mich
deshalb auch wohl irren, und darum will ich nicht mit Bestimmteit sagen, was
ich fürchte. Doch fürchte ich, dass es auch Dich mit betrifft.
    Sieh' mal, den Curd kennst Du. Er ist wild und störrisch. Wenn auch die
feine Welt ihn erst glatt geschliffen und ihm dann ein modisches Wesen angewöhnt
hat, so steckt doch der alte Kern in der neuen Schale, und der Kern ist fest, ja
herbe, aber wenn man auf die rechte Stelle kommt, da wird er süss, ich versichere
Dich, recht lieblich. Das ist unsers Landes Art so. Der Vater war auch von dem
Schlage, und viele aus der Familie. Nun siehst Du, um wieder auf meine
Mutmassungen zu kommen. Ich weiss, dass Curd nicht vergessen kann, nicht im Guten,
nicht im Schlimmen. Vor ein Paar Tagen kommt er hier her. Mein Gott! wie finster
sah er aus! Die Falte zwischen der Stirn ward schwarz, wenn er in Gedanken vor
sich hin sah. Ich kenne das an allen Männern seines Stammes, so wie sie über
irgend ein Vorhaben brüten.
    »Curd!« warnte ich ihn. Er wusste gleich, was ich sagen wollte. »Sein Sie
unbesorgt, liebe Mutter!« lächelte er. Ich war aber nicht ohne Sorge, konnte es
auch nicht sein, ob er sich gleich zusammen nahm, und tat, als sei er Geschäfte
halber hierher gekommen, die die Wirtschaft angingen. Das Ding sah aber anders
aus. Der Gerichtshalter musste noch spät des andern Abends kommen, nachdem mein
Sohn den ganzen Tag in seinem Zimmer geschrieben hatte.
    Er machte sein Testament. Ich merkte es recht gut, und wusste auch weshalb?
Ich liess aber alles gehen, wie es wollte. Ich mochte mich in nichts mischen. Den
folgenden Morgen war er weggefahren, ehe ich erwachte. Zu seinem gewesenen
Vormunde, dem alten Deichhauptmann, liess er mir sagen. Der Förster und der junge
Amtsschreiber waren mit ihm in den Wagen gestiegen.
    Es konnte ja sein, dass er zum Deichhauptmann fuhr. Ich hätte auch nicht
daran gezweifelt, wäre so mancherlei nicht vorhergegangen. Nun stutzte ich doch,
und schwankte in mir.
    Die ersten vier und zwanzig Stunden, die brachte ich leidlich genug hin. Als
aber der zweite Abend kam, es acht, neun, zehn Uhr schlug, und die Leute nach
unserer stillen Weise im Hause schlafen gingen, wusste ich vor Angst meines
Bleibens nicht. Ans Bett konnte ich nicht denken. Ich ging aus einer Stube in
die andere. Es war kühles Wetter. Ich sass endlich in meinem kleinen
Eckkämmerchen vor dem Kamin, der treue Waldmann neben mir auf dem Stuhl und die
alte, knurrende Mise auf meinem Schoss. Katzen und Hunde, dachte ich bei mir,
lernen sich vertragen, und wärmen sich an einem Feuer, und das Herz muss mir
wegen zwei vernünftigen Menschen zum Zerspringen schlagen.
    Du weisst wohl, wenn Einem so recht angst und wehe in der Seele ist, dann
hört man in allen Ecken etwas gehen und sprechen. Mir kam es so vor, als wäre
der ganze Hof voll Leute. Ich lief wohl zehnmal ans Fenster. Es rührte und regte
sich nichts draussen.
    Wieder nicht! seufzte ich. Denn heute hatte ich meinen Sohn bestimmt zurück
erwartet.
    Ich wurde nun auch müde. Nun so will ich nur immer auch schlafen gehen, nahm
ich mir vor. Die silberne Wachsstockscheere hielt ich schon in der Hand, da
winselte Waldmann, wie er wohl Nachts zu tun pflegt, ehe er bellt. Mir ward mit
einemmale wieder bange. Ich setzte den Wachsstock auf den Tisch, ohne ihn
anzustecken. Vor dem Hause regte sich etwas. Waldmann sprang jetzt vom Stuhl und
schnupperte umher. Ich rief ihm zu, da schlug er laut und heulend an. Es fuhr
mir durch alle Glieder. Im Hof sprachen Mehrere leise. »Es ist ja noch Licht
drinnen,« hörte ich Curd ganz deutlich sagen. Gottlob! da ist er! rief ich, und
im selben Augenblick kratzte der ungeduldige Hund auch, wie ausser sich, an die
Tür, und kam dann zu mir gelaufen, blaffte und sprang wieder zurück; kurz,
zeigte, dass er den Herrn wittre.
    Mein Sohn öffnete während dem die Tür, Er kam mir so todtenblass vor, dass
ich ihn nicht gleich erkannte. »Liebe Mutter,« sagte er, und sah aus, als wenn
er spasshaft sein wollte, aber seine Stimme war heiser und zitterte auch. »Liebe
Mutter, ich habe mich ganz verrechnet! Ich dachte nicht daran, dass hier die
Leute wieder aufstehen, wenn unsereins in der Stadt zu Bette geht. In meiner
neuen Wirtschaft bin ich's so gewohnt, und da Sie sich wohl vorstellen können,
dass ein junger Ehemann immer mit seinen Gedanken da ist, wo er sein möchte, so
werden Sie's schon verzeihen müssen, dass ich mir einbildete, zu Hause
anzukommen, indes ich nun hier doch erst ausschlafen muss.«
    »Hm!« entgegnete ich, und tat, als wenn ich ihm glaubte; aber ich konnte es
doch nicht lassen, ihm fest ins Auge zu sehen. Er wurde rot! »Komm nur, komm!«
fuhr ich fort, »Du wirst doch noch zu Nacht essen wollen, es ist ja erst halb
Eins, das ist die rechte Stunde für Euch Weltkinder?«
    »Bewahre der Himmel!« rief er so recht widerwillig. »Ich wäre nicht im
Stande, einen Bissen hinunter zu bringen.«
    Mich überlief es ganz eisig. Mein Gott! woher kommt ihm denn der Ekel vor
Speise und Trank? dachte ich im Stillen. Ihm fehlte, soviel ich sah, körperlich
nichts. Was widerstand ihm denn so bei dem Anerbieten?
    Ich hatte oft gehört, dass, wenn ein Mensch von der Hand eines Andern
gefallen wäre, dieser nach der unglücklichen Tat lange nichts geniessen könne,
was ihn an Fleisch und Blut erinnere.
    Das fiel mir jetzt wie Blei auf die Brust. Ich blieb in meinem Stuhle
sitzen. Ich konnte die Füsse nicht heben. Ich zitterte an allen Gliedern.
    Mein Sohn merkte nicht sehr darauf. Er war ganz verstört. Nach einer Weile
sagte er dann aber doch: »Sie sehen recht angegriffen aus, liebe Mutter! Gehen
Sie doch ja noch ein Paar Stunden schlafen. Ich will mich auch niederlegen.«
»Wenn Du nur wirst schlafen können!« entgegnete ich, und sah ihn scharf an. Er
küsste mir die Hand. »Ich denke doch,« meinte er. Er war schon an der Tür, als
er noch einmal umkehrte, und, mit den Fingern leicht gegen die Stirn fahrend,
als strafe er sich wegen einer Vergessenheit, ausrief: »Habe ich doch gar nicht
daran gedacht, Sie um ein Nachtlager für meinen Reisegefährten zu bitten, der so
todtmüde, wie er von der heutigen Jagd zurückkommt, nicht daran denken konnte,
sich Ihnen vorzustellen. Darf ich?« fuhr er fort, die Tür in der Hand, rasch
und ohne mir Zeit zu lassen, nach Namen und Stand zu fragen, »darf ich draussen
das Nötige besorgen?« Und fort war er.
    Ein Verwundeter, sagte ich leise zu mir. Deshalb kamen sie in Nacht und
Dunkelheit, deshalb musste der Wagen im Dorfe halten. Gewiss wurde der arme Mensch
ganz still ins Haus und hinten nach Curds Zimmer getragen! Nun, der Himmel
beschütze ihn! seufzte ich aus aufrichtigem Herzen. Ach Elischen! ich war so
froh, dass es nur den Curd nicht getroffen hatte!
    Wie aber die Freude darüber sich etwas mässigte, dachte ich doch auch an die
Folgen. Wenn nun der Unglückliche hier stürbe? Mein lieber Gott! das wäre doch
auch schrecklich, musste ich mir gestehen. Und dann, siehst Du Kind, ich hatte
nur einen einzigen Menschen in den Gedanken, mit dem mein Sohn Händel gehabt
haben konnte. Und wenn der - ich weiss nicht, wie mir's möglich gewesen ist,
nicht gleich auf der Stelle im Hause Erkundigungen nach dem Fremden einzuziehen?
aber ich glaube, ich war zu schüchtern dazu. Ich fürchtete wohl, die Wahrheit zu
erfahren. Und dann wollte ich auch nicht Lärm machen, und die gemeinen Leute
früher auf die rechte Spur bringen.
    Ich blieb also ganz still in meinem Armstuhle sitzen, gab keine Befehle, und
machte keine Anordnungen, sondern überliess es Curd, was er bestellen werde. Du
kannst daraus sehen, liebe Elise, in welchem unnatürlichen Zustande ich in
dieser Nacht war, so mein ganzes Hauswesen aus der Acht zu lassen, und die Ehre
einer guten, sorgsamen Wirtin. Kurz, ich schlich still zu Bette, um nur nichts
mehr zu hören und zu erfahren. Kaum liege ich aber ein halbes Stündchen darin,
so bläst ein Postillon im Dorfe. Ich richte mich in die Höhe. Es schmettert
immer fort, aber kein Wagen folgt. Der Ton kommt näher und näher. Ein Pferd
trabt in den Hof. Gott! eine Stafette, schrie ich auf. Sie schicken schon nach
Curd. Das Duell ist ruchtbar geworden, er wird festgesetzt werden, man wird ihm
ans Leben gehen!
    Ich zog mit Gewalt an der Klingel, aber ehe noch Jemand kommen konnte, war
ich am Fenster, riss es auf, und rief hinunter in den Hof: »Wer bläst denn da?«
»Eine Stafette,« war die Antwort. »Woher?« brachte ich zitternd heraus. Wie ward
mir nun, als ich hörte: »Auf Allerhöchsten Befehl aus der Residenz,« das kann
ich keinem Menschen sagen. Ich war in einen Stuhl gesunken, als Caspar, der
Jäger, mit einem Brief in der Hand, hereintrat.
    »Gebe Er her! gebe Er her!« befahl ich ihm. »Um Verzeihung,« sagte er, mir
die Addresse hinhaltend. »Das Schreiben ist an Jemand, den ich nicht kenne, und
der sich, so viel ich weiss, auch hier nicht aufhält.«
    Ich wagte, einen Blick darauf zu werfen. Es war eine kleine, kritzliche
Frauenhand, und die Aufschrift ... dem fürstlichen Jägermeister, Herrn Curd von
... Ich atmete auf. »Wecke Er meinen Sohn, Caspar!« sagte ich, »der Brief ist
von seiner Frau, ich erkenne es jetzt an dem doppelten Wappen.«
    Es war auch so. Mein Sohn erwartete schon früher eine Versetzung aus dem
Militair ins Forstdepartement. Der Fall war nun eingetreten. Die Gräfin und ihre
Tochter fanden es nötig, ihn eilig davon zu benachrichtigen; um das schneller
zu bewerkstelligen, hatten sie auf den Brief geschrieben: auf Allerhöchsten
Befehl. Das klärte sich nun wohl über Erwarten gut auf. Allein das Andere lag
mir immer schwer genug auf der Seele. Ich konnte mich deshalb auch nicht über
die Vorteile in Curds neuer Lage freuen. Er nahm es nicht viel anders. Seine
Miene blieb ernst, sein Wesen zerstreut. Wir redeten wenig darüber. Es schien
ihm sogar verdriesslich, dass er seine Abreise so übereilen müsse. Da er nun auch
gleich darauf das Anspannen befahl, fragte ich ihn, ob sein Reisegefährte ihn
begleiten würde?
    »Der, liebe Mutter!« entgegnete Curd, »hat sich eben nur so lange hier
aufgehalten, um den Amtmann zu vermögen, dass er ihm rasche Pferde und Wagen gab,
und wieder zurückfahren lasse, woher wir kamen. Er war schon fort, als ich von
Ihnen in mein Zimmer ging.«
    »Also nicht tödtlich verwundet?« seufzte ich. »Vielleicht gar nicht einmal
ein Duell?«
    »Ein Duell?« fragte mein Sohn, sich schnell nach mir umwendend, »wie kommen
Sie darauf?« Ich teilte ihm alle meine Besorgnisse mit. Er hörte mir sehr
aufmerksam zu. »Nein!« sagte er, »auf meine Ehre, ich komme von keinem
Zweikampf. Darüber können Sie in dieser Angelegenheit überhaupt ganz ausser Sorge
sein.«
    »Gewiss?« fragte ich, denn mir schien, als halte er mit irgend etwas zurück.
Sein ganzes Wesen war anders, wie sonst; bestürzt und traurig zugleich hätte ich
es nennen mögen.
    »Gewiss!« versicherte er, auf eben die verschlossene Weise.
    »Nun!« sagte ich, »dann kann mir schon alles Andere recht sein. Allein
wissen möchte ich doch, wer der Fremde war, der in meinem Hause Obdach suchte,
ohne mir auch nur dem Namen nach bekannt zu sein.«
    Curd ward verlegen. Er nahm mich bei der Hand, und suchte mich auf andere
Gedanken zu bringen. Da ich aber empfindlich ward, entdeckte er mir, dass es Hugo
gewesen sei. Ich ward blass vor Schrecken, glaube ich, tat indes, als sei es vor
Aerger, und äusserte meine Verwunderung, dass der Graf es vermeide, der nächsten
Verwandtin seiner Braut bekannt zu werden.
    »Ach!« rief Curd ein wenig ärgerlich, »denken Sie doch an dergleichen
Rücksichten jetzt nicht, liebe Mutter! Sie können sich wohl vorstellen, dass
etwas Ausserordentliches vorgefallen sein müsse, was uns Beide in so gutem
Vernehmen zusammen hierher führte. Ich habe kein Recht, Ihnen mehr zu sagen. Es
ist in keiner Art mein Geheimnis, und nur, um Sie wegen ferneren Besorgnissen,
in Betreff meiner und des Grafen, zu beruhigen, entdeckte ich Ihnen, dass dieser
hier war, was denn übrigens alle Welt wissen mag.«
    Damit, liebes Kind! musste ich nun zufrieden sein. Curd reiste kurz darauf
ab, und mir blieb der Stachel wegen des undurchdringlichen Geheimnisses in der
Brust stecken.
    Etwas Ausserordentliches, sagte er, müsse vorgefallen sein, was sie Beide in
gutem Vernehmen zusammen führte. Das könne ich einsehen. Freilich lässt sich das
einsehen. Aber was ist dies Ausserordentliche? Erst glaubte ich, Du wärest
gestorben, Herzenskind! und Curd wolle mir dies nur nicht so plötzlich, ohne
alle Vorbereitung sagen. Aber er beteuerte, das sei es nicht. Nun, sei es, was
es wolle, etwas Gutes ist es nicht, darnach sah Curd nicht aus.
    Es quält mich über alle Beschreibung. Ich will mir den jungen Amtsschreiber
kommen lassen. Er soll mir wenigstens erzählen, was er gesehen und gehört hat.
Das wird dem doch hoffentlich kein Geheimnis sein.
    Begreife es, wer es kann! Du sollst Alles wissen, liebe Elise! vielleicht
bringst Du was Zusammenhängendes heraus. Erschrick und ärgere Dich auch nicht,
Kind! wenn Du gewisse Dinge liest, die Dir wohl anstössig sein müssen, die aber
auch anders sein können, als sie auf den ersten Blick scheinen.
    Du kennst den Philipp Arendt von klein auf. Der Hellste ist er eben nicht,
und wenn er nicht mit Curd, so zu sagen, auferzogen wäre, so würde er wohl nicht
den Posten begleiten, den ihm dieser verschafft hat Dafür kann sich aber auch
mein Sohn auf seine Treue und Ergebenheit verlassen, weshalb er ihn denn
wahrscheinlich mit sich nahm.
    »Diese Fahrt,« sagte Philipp, »ging sechs und dreissig Stunden Tag und Nacht
fort. Gleich hier, in unserm Städtchen, liessen wir Pferde und Wagen stehen,
nahmen Extrapost, und gönnten uns nicht Schlaf, nicht Mittags noch Abends eine
Mahlzeit zu halten. Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Gränzdorf.
Das Zoll- und Mautwesen bringt dem Orte grossen Verkehr; auch liegt beständig
ein Jägerdetachement hier, um die Pässe und Schleichwege durchs Gebirge
abzupatrouilliren. Deshalb ist hier ein stattlicher Gastof seit vielen Jahren
etablirt, vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Gränzwächter ihre
Untersuchungen und Abschätzungen in aller Ruhe machen lassen, als vor dem
Zollhause, hinter der vorgezogenen Kette, stundenlang unangenehme Dinge zu
hören.«
    Als Curd seine Kalesche dort stehen liess, erzählte Philipp weiter, und dem
Wirtshause zuging, sah dieser einen schönen, grossen Mann in demselben
Augenblick langsam auf sie zukommen. Er grüsste, ohne dass mein Sohn, der in
Gedanken vor sich niedersah, darauf achtete. Philipp machte es ihm bemerklich.
Curd blickte auf. »Ach! da ist er schon,« rief er. Das Blut stieg ihm dabei ins
Gesicht und die Augen blitzten. »Höre,« flüsterte er seinem Begleiter zu, indem
er die Schritte beeilte, »ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen. Du
verstehst mich. Ich habe ihn hierher bestellt. Kommt es zu etwas, endet es auf
eine oder die andere Art schlimm, so nimm hier meine Brieftasche, und reise so
geschwind du kannst zu meiner Mutter zurück, damit kein voreiliges Gerücht sie
erschrecke.«
    Der gute Junge, Elischen! wie er doch immer zuerst an mich denkt. Mich
schauderte bei der Erzählung, und doch musste ich vor Freuden weinen.
    Aber, höre nur weiter! Philipp sah nun, wie Beide in das Haus, die Treppe
hinauf und oben in ein Zimmer gingen, das sie hinter sich abschlossen. Der arme
Mensch hatte keine Ruhe. Er schlich langsam hinterdrein. In dem Coridor, rechts,
waren beide verschwunden. Er liess die Nummer der Tür nicht aus den Augen.
Horchen wollte er nicht, doch ohngefähr beobachten, was drinnen vorging. Er
hielt also Wache, und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand, so dass er das Schloss
der Tür im Auge behielt, während er mehr dem nächstanstossenden Zimmer
zugewendet schien. Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise. Philipp hörte
sogar ein Paar Mal lachen, aber es war nur Einer, der lachte. Nach und nach
hoben sich denn die Stimmen. Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch
das Zimmer, und zählte dabei laut. Dann ward einen Augenblick alles ganz stille.
Nun rief eine Stimme im Nebenzimmer so weich, so zärtlich und so
verzweiflungsvoll: »Mein Gott! Mein Gott!« dass Philipp einen Schritt zurücktrat.
Doch kaum waren die Worte halb weinend, halb schreiend ausgestossen, so fiel
etwas, als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlägt, und eine andere Stimme stiess
in fremder Sprache laute und ängstliche Töne aus. Schneller, wie der überraschte
Amtsschreiber es fassen konnte, flog die Tür neben ihm auf, der fremde Herr und
mein Sohn stürzten heraus, rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf, ob es gleich
verschlossen war, und wie ein Blitz auf ein ohnmächtig daliegendes Frauenzimmer
zufahrend, das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag, sank der
Unbekannte mit einem fürchterlichen Schrei zur Erde, und Curd, beide Hände über
den Kopf zusammen schlagend, rief ebenfalls ganz ausser sich: »Herr Gott! das ist
entsetzlich.«
    Was weiter vorging, wer das Frauenzimmer war, von dem allen weiss der
Amtsschreiber nichts, denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung, um die Tür
aufs neue fest von Innen zu verriegeln.
    Niemand kam heraus. Ueber zwei Stunden währte das so. Philipp, der nun
nichts mehr für seinen Herrn fürchtete, ging ab und zu. Oft war es ihm, als
würde drinnen viel geweint. Eine sehr sanfte Stimme sprach ein paarmal lange,
doch immer so leise, dass kein Wort zu verstehen war. Den Ton, sagte mir Philipp,
würde er in seinem Leben nicht vergessen. Er wäre ihm so ans Herz gegangen, dass
ihm die Tränen aus den Augen stürzten.
    Schon ganz tief in der Nacht kam endlich mein Sohn herunter, bestellte, dass
Alles zur Abreise fertig sein sollte, ging dann wieder hinauf, kehrte alsdann an
des Fremden Arm zurück, bestieg mit diesem die Postchaise; sie fuhren und fuhren
bis hierher, ohne dass ihr Reisegefährte ein Wort sprach, ausser ein einzigesmal
sagte er halblaut: »eine Nonne!« Er schüttelte den Kopf, und sank dann mit
geschlossenen Augen ganz zusammen, als wolle er Alles verschlafen.
    Nun sage mir um Gottes Willen, Kind! was ist das? Ich kann nicht klug daraus
werden, und wenn ich mir den Kopf zerbreche. Hast Du denn eine Ahndung, wer die
Person sein kann, aus der sie solch' Geheimnis machen, als gälte es des Reiches
Wohlfahrt?
    Gieb nur Acht, es wird nichts sein, als ein dummer Roman, der ihnen die
Köpfe verrückt. Das ist jetzt Mode. Ich beklage Dich, armes Kind! Du musst es
entgelten. Hättest Du den Curd geheiratet, wie anders stände es mit Dir!
 
                                Hugo an Heinrich
Emma lebt! Ich habe sie gesehen, gesprochen! Fasst Du es, Heinrich? Ich nicht!
»Mein Gott! mein Gott!« rief sie, mit einem Tone -! Was das für ein Ton war!
Engel mögen so flötend klagen über das Elend der Menschen! Elend - ja wohl! Nun
bin ich es ganz.
    Heinrich! wie sie so am Boden lag, den Schleier weit zurückgeschlagen, das
himmlische Gesicht weisser wie Schnee, die Augen geschlossen, der Mund voll Güte
und Liebe, schmerzlich zum Weinen verzogen, beide Hände im tiefsten Jammer
zusammen geschlagen! -
    Sieh weg! Sieh weg! ich bitte Dich. Ich verliere den Verstand, sehe ich sie
in Gedanken so vor mir liegen.
    Wer spricht mir noch von Liebe? Wer weiss denn, was Lieben ist? Niemand! das
sage ich Dir. Auch sie nicht! das ist das Tollste. Auch sie nicht! bei dem
ganzen Umfange ihres Opfers, wusste sie nicht, was Liebe ist.
    Wie hätte sie sonst die Lüge zwischen uns geschoben, und Früchte von solcher
Saat gehofft?
    Nun sind die Teufel alle losgebunden, und ein zerbrochenes Gelübde erzeugt
den Wunsch, die andern auch zu brechen.
    Frage sie doch, was sie aus mir machen wird? und wie sie die rebellischen
Wünsche in der eignen, stürmenden Brust zu bändigen gedenkt? »Zurück! zurück ins
Kloster,« klagte sie leise, und weinte dabei.
    Entsagen wollte sie! O hätte sie Geduld mit mir gehabt, und nicht grösser
sein wollen, als die Natur vom Menschen es verlangt.
    Siehst Du, Heinrich! ich sagte es Dir schon einmal, die eigentlichen
Gespenster, die springen aus dem verhetzten Gehirn der Menschen hervor. Den Wahn
gebirt er selbst, wie jeden, um den er leiden muss.
    Sie ist sehr unglücklich, das glaube mir! Hier! hier an diesem Herzen hat
sie alle ihre Seelenangst bekannt! Hier an diesem Altar konnte sie beichten! So
treibt sie noch der alte Götzendienst zur Abgötterei, und sie darf glauben, ihn
abgeschworen zu haben?
    O hilf mir aus dem Labyrint heraus, in dem ich auch sie verlieren könnte.
Glaubst Du, ich spreche im Fieber? Weisst Du so von gar nichts, dass Du nicht
merkest, sie sei die Nonne, die mich seit Monaten, wachend und träumend,
begleitet! Die Nonne! Ja wohl! sie ward es, und galt für todt. Wollte dafür
gelten, um mich glücklich zu wissen.
    Verstehst Du wohl, um mich glücklich zu wissen. Du ewiger Himmel! wie
schlecht berechnet sich das Glück, und wie irrt sich der Mensch, wenn er es zu
schaffen gedenkt!
    Irren und immer irren, das ist das Motto, das am Ein- und Ausgange unserer
Lebensbahn steht. Wir kennen nur die verschlungenen Schriftzüge nicht, und
machen Jeder ein beliebiges Wort daraus.
    Wie sie sich mir bei allem dem immer nahte, wie ich sie zuletzt finden, und
den -! Nennst Du es Betrug? Sage die Täuschung, es klingt besser - entdecken
musste?
    Ja, mein Freund! das ist es eben. Die Wahrheit ist eine mächtige Gotteit,
sie rächt jede Verletzung ihrer Gesetze. Es muss dann alles so kommen, wie es
kommen soll! Wie das Haupt der Medusa schreckt sie das Menschenauge!
    O! es ist eine weitläuftige Geschichte. Ich erzähle sie Dir einmal. Einmal?
es ist gut, seine Vorsätze so ins Ungewisse zu stellen. Wer sagt gut für die
Erfüllung?
    Wüsste ich nur darüber hinaus, dass sie irre an mir werden, dass sie mich
aufgeben konnte! Ist denn die Liebe nicht die Wahrheit, und lehrt sie nicht wahr
sein?
    Ach! so still wie ein Lamm schlich sie sich abwärts, und wollte verloren
heissen, damit ich ihr nur nicht begegne, und ihr Anblick mich nicht störe. Sage,
ich bitte Dich, ist das nicht dennoch Liebe? O! hättest Du sie gesehen, das
liebe, sanfte, blasse Leidensgesicht, und immer, immer schön wie der Friede.
    Ich will Dir etwas sagen - doch Nein! Du verstehst mich nicht. Es versteht
Keiner den Andern! Ich werde sie noch um eine Unterredung in ihrem Kloster
bitten. Hier, in dem nahegelegenen Waldkloster, wo man sie begraben sagte, da
begrub sie sich auch. Da nahm sie den Schleier. Unselige Betörung! Sie soll mir
sagen, was kein Anderer weiss, was sie nur, oder Niemand beantworten kann, warum
-! O weg! weg! tolle, rasende Gedanken. Wäre sie auch eitel, und hätte sie sich
selbst einen Triumph bereitet? Abscheulich! Die Welt ekelt mich an. Ueberall nur
das Echo-Wort - Ich! Ich! und sonst hohler Schall!
    Ich komme von ihr! Unaussprechlich! ich sage Dir, Heinrich! unaussprechlich
ist der Zauber ihrer sanften Nähe. Wie der Hauch von einem Blumenbeet, im Tau
der Abendwolken, so süsse Tränen perlten auf den lilienblassen Wangen.
    Und doch hat sie sich von mir losgesagt! und doch hat sie das eiserne Gitter
zwischen sich und mir aufgezogen! Dahinter steht sie, und unerreichbar!
unerreichbar! Was das für ein entsetzliches Wort ist.
    Ich fürchte, ich fürchte -! Was denn? Was soll noch kommen? Siehst Du, das
ist es! Es ist alles aus!
 
                      Die Oberhofmeisterin an den Comtur
Das Geheimnis ist also entdeckt! Es kam, wie ich immer fürchtete. Sie hat sich
zuletzt selbst verraten. Sein Leben durfte nicht auf dem Spiel stehen. Daran
scheiterte ihre geträumte Festigkeit. Jetzt ist das ganze Phantom in Nichts
aufgelöst, und die nüchterne Wahrheit bringt Alle ausser Fassung.
    Auch Sie, Ihr Gefühl, sagen Sie mir, empört sich gegen das gewagte Spiel
missverstandener Selbstverleugnung. Sie fragen mich, wie ich jemals darein
willigen konnte? Sie tadeln mich, weniger durch das, was Sie laut werden lassen,
als durch das, was Sie verschweigen; die Spannung Ihres Briefs verrät, wie sehr
Sie sich zu beherrschen streben.
    Sein Sie ganz offen. Ich kann es ertragen. Mein guter Comtur! seit ich in
die unselige Verbindung zwischen Emma und Ihrem Neffen willigte, handelte es
sich nicht mehr um das, was ich zugeben oder hindern wollte; die beiden
unglücklich Gepaarten mussten ihr Loos erfüllen.
    Sie irren sehr, wenn Sie sich einbilden, ich habe durch Emma's plötzliche
Entfernung von der Burg dies Alles verschuldet. Schon lange war Emma mit sich
einig, Hugo frei zu geben. Ihr glühendes Herz flammte in lauter feurigen Bildern
auf, die von innern Stürmen schnell gejagt, eine Wolkendecke über das wirkliche
Leben breiteten. Sich für ihn zu opfern, das war der Stolz ihrer
verschmachtenden Seele, das war das Geschäft ihrer kranken Phantasie. Wie wenig
kennen Sie den Menschen, wenn Sie wähnen, bis dahin dringe fremder Wille.
    Es ist wahr! nachdem, was im Hause des Präsidenten vorging, konnte ich an
die Dauer solch schmählich entweihten Ehebundes nicht mehr denken.
    Was weiter folgte, darüber fordern Sie wohl von mir keine Rechenschaft. Das
Kloster im Schwarzwalde war unsere erste Zuflucht. Einsamkeit und abgezogenes
Denken gestalten das Gemüt nach anderer Form. Es scheint uns in diesem
Augenblicke alles beschlossen und vollendet, was heute nur ruhen muss, um morgen
weiter leben zu können.
    Emma ward schnell in ihrer Begeisterung mit dem fertig, was sie allein noch
für Hugo tun konnte. Nach kurzer Zeit nahm sie den Schleier, und liess das
Gerücht ihres Todes sie von dem Manne scheiden, dem sie ihr Dasein bei weitem
mehr, als den Heiligen des Klosters weihte.
    Was ich hierbei litt, doppelt litt, weil ich die Nutzlosigkeit dieses Opfers
längst einsah, wie heiss ich das zertrümmerte Geschick, die Selbsttäuschung, die
unnatürliche Verirrung der einzigen Tochter beweinte, wie sie mir anfangs in
ihrer Umwandlung gestorben schien, und ich schwankte, ob ich sie nicht eben so
gern unter der dichten Hülle des Sarges als hinter diesen Mauern wissen möchte?
das Alles sagt sich nicht, das fasst mit dem besten Willen Keiner, am wenigsten
ein Mann!
    Als darauf aber der Wurm in dem Herzen der Unglücklichen stärker nagte, sie,
vollends hinwelkend, wahr zu machen drohte, was sie zum Scheine gespielt, da
dachte ich darauf, durch Versetzung in eine andere geistliche Gemeine, ein
wärmeres Clima, in ganz veränderte Umgebungen, sie mir noch lebend zu erhalten.
Durch eine Verwendung meiner Prinzess, ward Emma Aebtissin in einem
florentinischen Kloster. Sie erschrack heftig bei der Nachricht. Ihre Gesundheit
schien den Schmerzen der Trennung aus der Heimat nicht gewachsen. Nur einmal
noch, auf kurze Zeit, wollte sie in der Nähe ihres alten Wohnsitzes atmen,
leben dürfen; sie forderte dies, als das einzige Mittel, den letzten Riss der
Vergangenheit zu überwinden. Ihr Arzt riet selbst dazu. Sie erhielt
unbestimmten Urlaub, sie benutzte diesen - und das Aufziehen eines
Pistolen-Schlosses reichte hin, die ganze künstliche Leiter unter ihren Füssen
wegzuziehen!
    Ich bin bei weitem hierüber nicht so erschüttert, wie Sie. Was die Welt
denken und urteilen wird? gilt mir in dieser Hinsicht gleich. Die hat ihr
Urteil längst ausgesprochen. Nun sagt sie es noch einmal anders vielleicht,
doch nicht klüger. Emma ist ausserhalb ihrem Bereich, ich gehe ihr aus dem Wege,
und Hugo - Nun das verlangen Sie nicht, dass mir dessen Geschick, wie dessen Ruf
am Herzen liegen solle! Was hofften Sie wohl von einer neuen Verbindung für ihn?
Was blendet Sie denn jetzt mit einemmale über den glaubensleeren, unklaren,
unsichern Klügler, dass Sie Ihre Tränen in die seinen mischen? -
    Meinen Sie, weil ihn das Ausserordentliche erschütterte, weil ihn der Anblick
der Todtgeglaubten übermannend niederwarf, er sei nun für immer in dem Kern des
Daseins gebrochen? Er könne das gespaltene Leben nicht wieder ergänzen? nur in
bejammernswertem Ringen müssen ihm Tage und Jahre hingehen.
    Mein Gott, bester Freund! tragen Sie doch Ihre Empfindungen nicht auf einen
Menschen über, der keines bleibenden Eindrucks fähig ist.
    Wie schnell tauschte er ein Gut für das andere ein, wie noch schneller warf
er dieses wieder von sich, und was wäre es denn jetzt mit ihm gewesen, hätte er
auch die Vergessene nicht wiedergefunden? Nein, glücklich war der niemals zu
machen! denn sehen Sie, mit allen schimmernden Gaben des Scharfsinns, des
Witzes, der angenehmen Laune, bei dem milden Ausgleichen fremder Schwäche, der
duldsamen Gelassenheit und den Aufwallungen liebender Gefühle, fehlt Ihrem
Neffen ein innerer Mittelpunkt. Er ist wie ein schönes, reich ausgestattetes
Haus, in dem Sie alles finden, nur keinen Heerd! drum frieren Sie, und hungern
und dursten, und werden niemals erquickt, wie viele Vorräte auch überall
befindlich sind. Der Heerd, der ihm im Innern fehlt, den verschmähet er auch im
Äußern. Naschen will er überall, doch gesammelt geniessen, das kann er nicht.
Fürchten Sie doch ja nicht für sein Herz, nennen Sie auch nicht die bebenden,
confus ineinander gewirrten Fäserchen, ein Herz. Auf der Stelle mag es sonderbar
bei ihm aussehen!
    Vor allem aber schelten Sie Niemand, als ihn selbst, wenn Sie's beklagen
müssen, dass von allen Ihren Hoffnungen keine erfüllt ward.
    Von der betrogenen Dame seiner Gedanken durfte ich erwarten, dass Sie mit mir
nicht reden würden. Für sie weiss ich wahrhaftig nichts Besseres, als dass sie die
schwierige Aufgabe übernimmt, dem Irrstern auf seiner regellosen Bahn zu folgen.
Trösten Sie sich, lieber Comtur! wie Sie können. Am Ende haben Sie doch die
grössere Hälfte des Lebens zurückgelegt. Was wollen wir um die letzten Paar
Stunden noch so viel Aufhebens machen!
    Ich bin im Begriff, zu Emma zu gehen. Die Reise nach Italien wird ihr jetzt
wohl selbst notwendig dünken.
    Noch einmal, nehmen Sie es nicht zu schwer. Hugo ist nicht der Mensch
darnach, die Seele eines besonnenen Mannes mit Sorgen zu füllen.
 
                                    Antwort
Nein, niemals hätten Sie sich erlauben sollen, über Hugo dies unbillige Urteil
auszusprechen. Sie nicht. Keine Partei darf die andere richten. Ihr Unglück
macht Sie hart. - Tadeln Sie Handlungen, verwerfen Sie die Tat, wenden Sie sich
mit Unwillen von dem ungeliebten Menschen ab, doch zerlegen Sie ihn nicht wie
ein Wild, das man kunstgerecht durchschneidet, und sich etwas damit weiss, jeden
einzelnen Teil geschickt von dem andern lösen zu können. O, hielten wir im
Menschen Gott höher, wir würden begreifen, dass keiner zu berechnen ist.
    Die Mischungen, aus denen ein Inneres sich bildet, sind gar zu fein für
unser kritisches Auge. Ein zärtliches Empfinden unterscheidet sie wohl, doch
hinkt der Verstand dem flüchtigen Hauche vergeblich nach, bettelt er nicht von
der Seele die Flügel?
    Sie haben Hugo nie geliebt. Wie können Sie glauben, ihn zu verstehen? - Ich
war ihm oft sehr bös, und schwerlich gibt es noch zwei Menschen, einander
unähnlicher in Grundsatz und Richtung. Doch er ist meines Bruders Sohn, mein
Blut, mein nächster, mein einziger Verwandter, ich kann ihn schelten, doch
ungerührt dies Auge weinen sehen, in dem sich einst des Vaters ganzes Herz
sonnte, es weinen sehen, und kalt bedenken, die Zeit werde es ja auch trocknen,
wie schon manches andere getrocknet worden, nein! das kann ich nicht, und schäme
mich auch nicht, es zu bekennen; ich mische meine Tränen mit den seinen. Wie
wenig dürfen Sie hoffen, mit so feindlicher Gesinnung die arme Emma aufrecht zu
erhalten. Waren Sie nicht von jeher die Widersacherin des geliebten Mannes, Sie
hätten Ihren übereilten Eifer anders geleitet. Nur zu bereitwillig nahmen Sie
den Plan der Flucht aus der Burg auf, und, lassen Sie michs sagen, gern schieden
Sie das blühende Kind von der Welt, um es nur von dem Feinde Ihrer Ruhe scheiden
zu können. Niemals hätten Sie Emma den Gedanken ans Kloster verziehen, doch
lieber begruben Sie sie, als sie in seinen Armen zu wissen. Und noch heute
triumphirt Ihr blutendes Herz über die Schmerzen, die Sie so über Hugo
verhängten.
    Unversöhnliche! Was ist denn zumeist in Ihnen beleidigt, das zärtliche oder
das allein herrschende, stolze Mutterherz? Ich verzeihe Ihnen, aber ich beuge
mich nicht Ihrem Urteil.
 
                             Sophie an den Comtur
Sie erwarten in jedem Augenblick Hugo? schreiben Sie mir! Sie denken, er werde
endlich von Wehrheim zu Ihnen herüber kommen, und wollen ihn nicht verfehlen.
Sie besuchen uns deshalb heute nicht, und möchten doch wissen, ob Elise ihre
feste, klare Stimmung bewahrt? ob sie noch so einverstanden mit ihrem Geschick,
es ruhig trägt? ob sie auch nicht körperlich leidet?
    Nun, ich kann Ihnen sagen, dass wir bis jetzt nichts für sie zu fürchten
haben. Ja, ich finde sie freier, mehr sie selbst, als in der ganzen letzten
Zeit. Ich äusserte ihr dies vorlängst beim Frühstück. Sie sann einen Augenblick
nach. »Ich glaube, Sie haben recht,« sagte sie darauf. »Wenn der Schlag gefallen
ist, so weiss man, ob man lebt, oder man weiss nichts mehr. - Aber die Angst
vorher macht uns kindisch, oft verächtlich. Ich fürchte,« setzte sie nach einer
langen, stummen Pause hinzu, »Hugo's grösste Plage hebt von meiner Krankheit an.
Er hat mich so schwach gesehen, und Gott weiss es, diese Schwäche wollte nicht
weichen. Ich hatte das Gefühl davon, ich schämte mich vor mir selbst, vor Hugo,
aber es blieb vergeblich, ich kann nicht drüber weg. Und es ist doch keine
Frage, dass nur in meiner Hand sein Glück lag.«
    Ich konnte das nur zur Hälfte zugeben. Ich führte sie auf die Unfähigkeit
bei Hugo zurück, sich irgend eines ruhigen Besitzes freuen zu können, auf den
raschen Wechsel seiner Stimmung, auf das schnelle Ermatten jedes Gefühls in ihm.
    »So ist er nun aber einmal!« unterbrach sie mich. »Ich wusste es. Er war mir
über Alles lieb, gerade in seiner Eigentümlichkeit. Weshalb hörte ich auf,
diese zu ehren, da es nichts mehr galt, als äussere Rücksichten geltend zu
machen?«
    »Wie,« fragte ich unangenehm überrascht, »Sie bereuen den ganz natürlichen
Wunsch, auf die einfachste Weise von der Welt einer ungehörigen Verbindung,
sittliche Gültigkeit und göttliche Weihe geben zu dürfen?«
    »Ja,« erwiederte sie, »das bereue ich.«
    Mir stieg das Blut ins Gesicht.
    »Missverstehen Sie mich nicht,« fuhr sie schnell fort. »Das bereue ich,
überhaupt an die Dauer dieser Verbindung gedacht zu haben, seit ich sie zerriss,
indem ich ihr Dasein aussprach. Hugo's tiefste Seele war in dem Augenblick
verletzt, unheilbar verletzt! und die wunde Stelle blutete, so oft er mich
wieder sah. Ich war ihm eine Andere geworden, die Welt, die Zeit, die Liebe, von
der er nichts, als den Vorwurf empfand, sie so platt in die breite Gewohnheit
des Lebens hineingeworfen zu sehen.«
    »Sie raisonniren über Hugo,« lächelte ich. »Sie sind kälter, und begreifen
jetzt, was Ihnen früher die Leidenschaft verbarg.«
    »Leidenschaft!« seufzte sie gedankenvoll. »Ich möchte sie niemals gekannt
haben. Es ist ein taumelnder, unbewusster Rausch, in dem man weder sich, noch den
Gegenstand des heissen Wahnsinns besitzt. Doch das Feuer muss auch erst ungleich
flackern und flammen, ehe die stille Glut sich bildet.«
    Wir waren während dem im Garten auf- und abgegangen, dann hatten wir unter
den Kastanien gesessen und uns später im Gespräch nach dem Rasenplatz gewendet,
um den unser Spatziergang führte. Die Sonne schien hell. Elise sah hinauf zu
ihr. »Das ist auch Glut!« sagte sie. »Ewige. Sie dringt bis in den Kern der
Dinge. Meinen Sie, die Hitze täte es allein? Das Licht! das Licht!« wiederholte
sie mehreremale. »Wir vergessen immer das Beste bei Allem, auch bei der Liebe.«
    Mit grosser Lebhaftigkeit fasste hier die bewegte Frau meine Hand. »Glauben
Sie mir,« sagte sie, »es ist ein falscher Schluss, wenn man die Gewalt eines
Gefühls von dessen enger Zusammenziehung herleitet. Das Leben macht nicht eng.
Je weiter der Umfang, je kräftiger das Wesen. Die Liebe, die ihren Gegenstand
denken kann, ist göttlicher Art, sie erleuchtet, was sie berührt.«
    Ich empfand wohl, sie verteidigte sich gegen den Vorwurf des Kälterwerdens.
Ich liess das auf sich beruhen. Mich freute es, sie so aufgerichtet, so ganz die
Alte zu sehen. Ihr Auge hatte einen besondern Glanz, es verweilte mit stillem
Blick auf der entfalteten, blühenden Natur. Sie wissen, wie sie Blumen liebt.
Die Rosen sind jetzt in ihrer vollen Pracht. Unser Stiftsgarten hat deren viel
und von seltener Schönheit. Elise brach einen vollen Strauss davon. »Diese
Jahreszeit,« lächelte sie anmutig, wie im Wetteifer mit den Blumen, »diese
Jahreszeit erinnert mich immer zumeist an das entflohene Glück. Sehen Sie,
Sophie! so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsere Gräber!«
    Ich sah gerührt in ihr weiches, liebes Gesicht. »Wissen Sie noch,« fuhr sie
fort, »wie es auch überall so schimmerte und duftete, als ich mit der seligen
Amtmannsfrau zu der Tannenhäuserin ging, Sie uns nicht begleiten wollten und Er
- das erstemal! Ich sehe ihn noch zwischen den Büschen stehen, auf seine Flinte
gelehnt, halb lächelnd, halb ernstaft, und in sich gekehrt. Damals! Mein Gott!
wie hell, wie leicht war das Leben!«
    »O bitte,« rief sie rasch zu mir gewendet, »haben Sie noch meine Briefe von
damals?«
    Ich bejahte es. »Sophie,« sagte sie mit ihrer flehenden Stimme, »geben Sie
mir nur auf eine Stunde diese Briefe.«
    Ich zögerte. »Was ist Ihnen dabei bedenklich?« fragte sie. »Halten Sie die
Wehmut, die uns der Frühling gibt, für so störend? Gute Sophie! schelten Sie
mir die Wehmut nicht!« - Lieber Freund! sie sagte das so sonderbar, so
bedeutungsvoll. Ich ging, und brachte ihr die Briefe.
    Sie setzte sich damit unter die Bäume an den Tisch, vor welchem wir
gefrühstückt hatten. Ich musste ihr eine Schaale mit Wasser schicken, in welche
sie die vielen gepflückten Rosen stellte. War es das dunkle Kastanienlaub, was
sie so blass machte? oder das frische Rot der Blumen? genug, sie fiel mir in
ihrem weissen Morgenanzuge, zwischen dichten Laubschatten hineingedrückt,
ausserordentlich auf. Ich wandte mich mehrmals nach ihr um, als ich ins Haus
zurückging. Doch sie sah mich nicht. Sie war in die Briefe vertieft. Einmal, da
sie unter dem Lesen in Gedanken eine der vor ihr stehenden Rosen zerpflückte,
und die Blüten auf das Papier fielen, kamen mir ihre eigene Worte wieder in den
Sinn. »Sehen Sie, Sophie!« hatte sie vor wenigen Minuten gesagt, »so streut der
Himmel seinen farbigen Putz auf unsre Gräber.« Sie selbst sah aus, wie die
bleiche Vergangenheit.
    Als ich nach einer Weile wiederkam, fand ich sie, die Briefe weit von sich
geschoben, beide Arme auf den Tisch gestemmt, und das Gesicht in die gefaltenen
Hände gedrückt. An der Bewegung ihrer Brust sah ich, dass sie heftig weinte. Ich
wollte mich entfernen. Sie hatte mich aber bemerkt. »Sophie,« rief sie, »o
Beste, nehmen Sie, nehmen Sie alles das wieder zurück. Nein, man glaubt
wahnsinnig zu werden, wenn man sich lachen hört, während die geängstigte Seele
um ein Paar lindernde Tränen fleht!« Sie wandte das Gesicht ab und trocknete
die nassen Augen. Ich packte die zerstreut umher liegenden Heftchen zusammen.
Sie ergriff meine Hände. »Gott,« sagte sie, »was haben die Menschen aus der
harmlosesten, unbefangensten Zuneigung gemacht! Wenn ich so das fröhliche,
heitere Leben wieder überblicke, wenn ich mich so ohne alles Vorgefühl von
Gefahr, mit leichtem, sorglosem Schritt vorwärts gehen sehe, und Hugo's
Wohlgefallen an meinem Umgang, das freie Zusammenkommen, die nachbarliche
Teilnahme, Emma's später gewonnene Freundschaft, wenn ich das wiederfinde,
fühle, und keinen Schatten der Unwahrheit, keine Selbsttäuschung darin entdecke,
dann empört sich doch mit einigem Recht meine Seele gegen die harte und rohe
Hand der Welt, die das Missverstandene so missgestaltete! Wie hat diese Hand nicht
auf uns gedrückt, was hat sie nicht Alles zerrissen!«
    Ich machte sie aufmerksam auf die Arglosigkeit jeder entstehenden Neigung,
und erinnerte sie, dass stets die Liebenden zu spät bemerkten, was Andere längst
vor ihnen gewusst.
    Sie nahm das ohne Widerspruch auf, und blieb eine Weile still. »Hören Sie,«
hub sie darauf an, »ich will Ihnen einmal etwas sagen. Ich glaube, Hugo hätte
niemals den Einfall gehabt, eine Leidenschaft für mich zu hegen, wenn es ihm
Eifersucht und häusliche Häkeleien nicht überredeten.«
    Ich sah sie überrascht an. Sie stand in grosser Erschütterung von ihrem
Platze auf. »Sie hatten recht,« erinnerte sie sich später, »ich wünschte, ich
hätte die Briefe nicht gelesen! Sie tun mir wehe. Es sieht mir darin ganz nach
einer ungeheuren Mistification des Geschicks aus. Und ich bin die Angeführte.
Denn,« rief sie, die Hände heftig zusammenschlagend, »ich liebe ihn, das weiss
Gott! mit unsäglichem Schmerz!«
    Sie war ein Paar Schritte vorwärts gegangen. Ich folgte ihr. Das Wetter war
den ganzen Tag so leicht, so schön gewesen. Ich schlug ihr vor, ein wenig
ausserhalb des Gartens, im angränzenden Waldbruch, spazieren zu gehen. »Nein,«
erwiederte sie, »lassen Sie uns nicht jenseits dieses Bezirks den Fuss setzen.
Ich bin nur hier ruhig. Ich sehe es wohl, ich darf, selbst in Gedanken, nicht
das Ferne heranziehen.«
    Es tat mir leid, sie so erschüttert zu finden. Wir gingen lange umher. Wir
sprachen Allerlei. Sie war aus dem Gleichgewicht heraus. Es fasste nichts. Wir
setzten uns zuletzt, müde und matt, ganz im Freien, auf die kleine Erhöhung, von
wo man den Strom sieht. Ich bemerkte, dass sie das Auge unsicher umherschickte,
und es mit Bangigkeit senkte. »Ist Ihnen nicht wohl?« fragte ich besorgt. »Ich
gestehe Ihnen,« sagte sie beklommen, »die sonnenhelle Gegend, der blinkende
Wasserspiegel bildet heute einen sonderbaren Contrast mit meiner Stimmung. Ich
kann mich nicht damit vertragen. Mir wird nicht wohl hier. Kommen Sie, wir
wollen nach Hause gehen!«
    Ich war ihr gern gefällig. Unterwegs äusserte sie plötzlich, und ohne nachher
weiter daran zu denken: Wenn ihr nur nicht ein neues Unglück drohe! Ich liess das
gänzlich fallen. Sie gewann auch späterhin ihre frühere Fassung wieder, so dass
ich mich überzeugt hatte, ohne meine Unvorsichtigkeit, sie jene Briefe lesen zu
lassen, wäre ihr der Morgen in stillen Betrachtungen ruhig vergangen. Wenn Ihr
Neffe wirklich noch heute zu Ihnen kommt, so sagen Sie mir doch, wie Sie ihn
fanden.
    Ich gestehe Ihnen aber, ich zweifle, dass er die Burg wieder betritt. Man
sagte mir, er verlasse die kleine Insel, rechts, unterhalb des neuen Schlosses
in Wehrheim, nur selten. Er hatte früher einmal den Gedanken, Emma hier ein
Denkmal setzen zu lassen.
 
                                 Hugo an Elise
Wissen Sie noch, Liebe! wenn ich sonst zu Ihnen kam, wir neben einander sassen,
keines sprach, jedes das Seine dachte, und dann ein Wort, ein launiger Einfall,
ein Blitz des Geistes hervorbrach, und im Augenblick, Eins in dem Andern zu
Hause war. Wie die Antwort mir fehlte, oft nur eine halbe, und doch so ganz,
durch und durch verstanden. Keine Wolke an dem Himmel! Alles helle,
durchsichtige Bläue! Wir dachten nicht, dass das anders werden könnte, wir hatten
nichts Arges dabei. Und nun! - Gott! dass man den Tag so deutlich denken kann,
wenn es Nacht ist. Man ist ein grosser Narr, wenn man über den Wechsel der äussern
Gestalten im Leben klagt. Das beruht auf Naturgesetzen, deren Zweck man nach
Belieben vermitteln mag; ich an meinem Teil, denke mir das Meinige dabei, und
lasse es gehen.
    Aber dass auch das Innere so willenlos den Tribut der Endlichkeit zollt, dass
die Seele in ihrer prahlerischen Gottähnlichkeit nichts wie ein winziges
Flämmchen auf dem irrdischen Heerde ist, und noch eher erlischt, als dieser
zerbricht! Das vollendet das Gaukelspiel, und rechtfertigt den Ekel am Leben!
    Dies Leben! - Wie ein ausgeleerter Becher, hohl, kalt, überflüssig liegt es
zu meinen Füssen! Ich stosse es weg, da ich aufgehört, durstig zu sein. Wornach
sollte ich dürsten? Ich habe den Atem der Liebe getrunken. Er hat mich nicht
gelabt. Was gibt es denn auch noch Kräftigeres? So matt, so matt sinkt zuletzt
der Mensch in sich zusammen!
    Ihr beiden lieben, armen Frauen! Wie habt auch Ihr Euch getäuscht! Du
wolltest mich retten, Emma? Ach! hätte sich Niemand mit meinem Geschick befasst.
Das Glücklichmachen ist ein arger Missverstand. Das Glück macht sich nicht, darum
-! Aber bereuet nichts, Keine von Euch bereue das Geschehene. Wir haben gelitten
und gelebt. Es lebt sich im Leide und in der Freude, wenn das Herz dabei fühlt
und der Geist denkt. Doch, wenn auch das aufhört, wenn die Glut kalt und der
Brand Kohle ist -! Sagt doch, Ihr beiden schönen, rührenden Wesen, was finge ich
auch an, wenn ich noch lieben könnte? Euch lieben müsste! Es ist Barmherzigkeit,
dass Alles vergeht! Selbst der Verstand. Wie eine Scheibe dreht er sich. Das Weiss
und Schwarz kreist in immer schnelleren, immer engeren Ringen um sich herum,
zuletzt ist es Eins. Alles läuft auf Eins hinaus.
    Liebe Elise! lassen Sie Georg Mönch werden. Er glaubt dann wenigstens zu
wissen, wofür er lebt. Und das ist sehr viel, so lange es währt.
    Ich habe mancherlei geträumt. Sehen Sie, mir tut es das frühe Aufwachen. Es
ist Einem so nüchtern, so kalt, wenn man vor der Zeit von den Träumen lassen
muss. Der Faden bleibt abgerissen. Die Phantasie eines Wachen ist eine arme
Stümperin, glauben Sie mir das.
    Mein letzter glücklicher Augenblick war, als ich bewusstlos zu Emma's Füssen
stürzte. Gott! welch eine Welt war da in meiner Brust. Ich hätte sie so gern, so
gern noch einmal wieder gesehen. Allein, sie will es nicht. Was in der Seele für
Kräfte liegen! Wie viel wird sie leiden müssen, ehe das Alles stumpf wird! Sie
sind schon matter, Elise!
    Sie bricht wohl ein tüchtiger Sturm über kurz oder lang.
    Ade! Ade! sagen unsre alte Romanzen, wenn der Dichter nichts mehr zu sagen
weiss, und das Ende nicht finden kann.
    Wenn er das Ende nicht finden kann! -
    Ade! Ade! Warum wird mir dabei so traurig, so weich, so zum Weinen voll ums
Herz? Was hat der tändelnde Singsang für Gewalt über mich.
    Bin ich vielleicht blödsinnig geworden? geht der Geist leise aus? und lallt
das sterbende Gefühl kindische Töne?
    O dann! Ade! Ade! -
 
                             Sophie an den Comtur
Kaum war mein Brief von heute Morgen an Sie, lieber Freund! abgeschickt, so fuhr
Birkner, mit der leeren Jagdkalesche des Grafen, in den Hof.
    Er glaubte, seinen Herrn hier zu finden, der ihn schon seit sieben Uhr
Morgens nach dem Walde bestellt hatte, worin er Willens gewesen war, zu jagen.
    »Vielleicht,« sagte ich, »hat er sich anders besonnen, und darüber
vergessen, dass Sie ihn erwarten.«
    Jener, an dergleichen gewöhnt, lachte, die Achseln leicht zuckend. Meine
Gründe mochten ihm einleuchten. Er empfahl sich, und war schon im Begriff,
zurück nach Wehrheim zu fahren, als es ihm einfiel, es könne sich doch wohl
anders verhalten. Der Graf habe doch wohl wirklich die Absicht gehabt, auf die
Jagd zu gehen. Er sei in aller Frühe bei der Tannenhäuserin gewesen, welcher er
einen Brief zu baldiger Besorgung hierher, an die Frau Präsidentin, eingehändigt
habe. Da sich nun keine frühere Gelegenheit hierzu dargeboten, so schicke jene
das Schreiben durch ihn.
    Ich liess mir es geben, ersuchte Birkner, ein wenig zu verziehen, und eilte
damit zu Elisen. Sie erschrack bei meinem Eintritt. »Ist etwas vorgefallen?«
rief sie mir hastig entgegen. Ich bat sie, ruhig zu sein, und sich des Freundes
Gruss zu freuen. Sie nahm den Brief furchtsam aus meiner Hand. Ihn von allen
Seiten gedankenlos betrachtend, seufzte sie, das Auge zu mir gewandt, ohne ihn
zu erbrechen.
    »Ich gehe,« sagte ich, »lesen Sie, wenn Sie sich gesammelt haben.«
    Als ich das Zimmer verliess, eilte sie hinter mir drein, und verriegelte die
Tür.
    Ich wollte Birkner Anfangs nicht eher fortlassen, bis ich erfahren, ob Elise
keine Bestellung für ihn habe. Es währte ihm indes zu lange. Er war ungewiss über
seines Herrn Rückkehr. Mir schien er sogar ängstlich. Ich musste endlich
nachgeben und ihn ohne Antwort fahren lassen.
    Es blieb alles still bei Elise. Ich wollte sie nicht stören, und doch
trieben mich Teilnahme und Besorgnis immer wieder zu ihrer Tür. Ich klopfte
verschiedentlich ganz leise an. Sie mochte es nicht beachten. Sie öffnete nicht.
    Endlich rufe ich sie bei Namen. »Ja!« erwiederte sie, wie aus dem Schlafe
erwachend. »Was gibt es?«
    Ich bat sie, mir aufzumachen. »Ja so!« hörte ich sie sagen. Sie kommt, sie
zieht den Riegel weg, ich trete ein, aber ich glaubte vor Schrecken in die Kniee
zu sinken, als ich die todtenbleichen, verzerrten Züge der armen Elise
erblickte.
    Sprachlos starrte ich sie an. »Er hat Abschied genommen,« lächelte sie. »Er
ist fort! Gott weiss, wohin?« setzte sie langsam hinzu, und mir den Brief
hinhaltend, sagte sie, »da lesen Sie einmal.«
    Ich durchflog die Zeilen, ich blickte in ein Gewebe verworrener
Verzweiflung, in den wüsten Kampf widersprechender Gefühle, mir schwindelte, mir
bebte es in der Seele, doch konnte ich nichts von einem entscheidenden
Entschluss, keine Hinweisung auf Abreise und Entfernung herauslesen. Ich sagte
das Elisen. Sie bestritt es nicht, sie äusserte keine Meinung. Allein in sich
schien sie nicht im mindesten zu zweifeln. Wie ich sie auch zu beruhigen
strebte, sie sah mit gebeugtem Haupte und halb geschlossenen Augen vor sich hin,
und ein still verzweifelndes »Hm!« war alles, was sie hervorbrachte.
    Wir sassen lange so, als Johanna eintrat, sich ein Geschäft im Zimmer machte,
und, indem sie sich vor dem Tischchen, auf dem jetzt die am heutigen Morgen
gepflückten Rosen standen, bückte, um die herabgefallenen Blätter aufzuheben,
flüsterte sie mir zu: »Birkner ist wieder da. Kommen Sie doch einen Augenblick
heraus.«
    Ich winkte ihr, zu schweigen. Und genau beobachtend, ob Elise auch nichts
gehört habe, sagte ich dieser, ich gehe, nach Wehrheim zu schicken, um ihr
später sagen zu können, ob Hugo wirklich abwesend sei. Sie nickte mir zu, und
folgte mir ängstlich mit den Augen.
    Ich fand den treuen Menschen, das schäumende Pferd, auf welchem er hierher
zurückgesprengt war, am Zügel vor dem Hause hin- und herführend. Er war sehr
erhitzt. Seine Miene, als er mich erblickte, weissagte nichts Gutes.
    »Nun!« fragte ich kleinlaut. Er zuckte die Achseln, und machte mit der Hand
eine abwehrende, verzweifelnde Bewegung. »Nirgend zu finden!« flüsterte er mir
zu. »Niemand hat ihn gesehen. Im Gebüsch auf der Insel liegen Hut und Rock, und
die Brieftasche mit Banknoten.«
    »Das bedeutet nichts,« entgegnete ich schnell. »Gar nichts! Sie wissen, der
Graf badet oft um diese Zeit, und bringt dann Stundenlang im Wasser zu. Reiten
Sie nur,« bat ich, »gleich wieder zurück, setzen Sie sich in einen Kahn, und
fahren Sie zu den Fischern hinüber, die werden ihn gewiss irgendwo getroffen
haben.«
    Birkner schüttelte ungläubig den Kopf. Ich liess ihn nicht zu Wort kommen,
ich trieb ihn fort, ich empfahl ihm möglichste Behutsamkeit, und vornehmlich
Stille und scheinbaren Gleichmut. Ich wollte nicht wissen, was er denke, denn
ich weiss, dass ich nichts Schlimmes glauben kann. Deshalb teile ich Ihnen auch
die Vorgänge dieses Tages so umständlich mit. Sie sollen nicht unnütz
erschreckt, zu keinen voreiligen Massregeln verleitet werden.
    Ich vertraue Ihrer Fassung, Ihrer Klugheit völlig. Ich glaube, wir können
nicht vorsichtig genug zu Werke gehen. Aus dem Grunde entalten Sie sich wohl am
besten aller unmittelbaren Nachforschungen. Es darf von hier der Schein nicht
ausgehen, als sei das Entsetzlichste denkbar.
    Vielleicht sind Sie auch jetzt, da ich Ihnen schreibe, vollkommen ruhig über
Hugo; er ist bei Ihnen, wie er es gewollt. Die umherliegenden Kleidungsstücke
sagen im Grunde gar nichts. Er ist ja so zerstreut! Wie leicht, dass er vom Baden
zurückgekehrt, jene vergessend, im Schloss andere anlegte, und später zu Ihnen
ging. Sind doch ausser Birkner nur noch ein Paar Stallleute bei ihm in Wehrheim,
und was werden die sonderlich auf ihn Acht gegeben haben.
    Elise fragte mich schon, ob ich noch keine Nachricht vom Grafen habe? Ich
teilte ihr meine Vermutung mit, dass er bei Ihnen sei, oder Sie ihn wenigstens
gewiss erwartet hätten.
    »Erwartet?« seufzte sie.
    Ich mochte mich weiter nicht auf ein langes Gespräch einlassen. Sie mied es
auch. Wenn nur Johanna nicht schon etwas hörte! Oder doch aus des Kammerdieners
schnellem Wiederkommen Verdacht schöpfte. Ich muss Elise genau bewachen, denn,
ein vorschnelles Wort -!
    Herr Gott! was es für Augenblicke im Leben gibt.
    Schlafen werden Sie diese Nacht nicht; der Wunsch einer guten Nacht ist
daher leer und bedeutungslos.
    Lassen Sie uns nur den Mut nicht verlieren. Ich wette noch, es ist Alles
besser, wie wir glauben.
 
                                    Antwort
Wie könnte ich ruhig sein, was soll verborgen bleiben? Hugo wird vermisst. Die
Anzeichen sind beunruhigend. Eine einzige geäusserte Besorgnis reicht hin, Jedem
das Schreckliche gewiss zu machen. Birkner war eben bei mir. Seine Nachfragen
blieben vergeblich. Die Fischer wussten keine Auskunft zu geben. Ich fuhr noch
spät in der Nacht hinüber nach Wehrheim. In der Mittagsstunde ist Hugo dort
gewesen. Er trug den hellgrauen Oberrock, der am Ufer gefunden ward, und hatte,
wider seine Gewohnheit, diesen und die Weste weit aufgerissen, als leide er an
Hitze. Den Hut hielt er in der Hand. Seine Laune war heiter. Er scherzte mit des
armen Zimmermanns Frau und Kinder, die er, gleich nach seiner Ankunft auf der
Burg, aus dem Wasser zog, und die Familie dann hinüber nach der Stadt zu dem
todtkranken Vater fuhr. Die Leute fanden nachher bei dem Schlossbau ihr Brod, sie
sind dem Grafen mit Leib und Seele ergeben, vorzüglich die Kleinen, die immer
dreist mit ihm taten, und sich gern von ihm necken liessen. Heute nahm er das
Kleinste auf den Arm, und sah ihm lange und tief in die grossen, klaren Augen.
»So kristallhell wie das Wasser dort,« sagte er, nach dem Fluss zeigend, indem er
der Mutter das Kind zurückgab. Dieses konnte nicht sogleich von ihm los. Es
hatte die Fingerchen in ein blaues Band verwickelt, das um Hugo's Hals
geschlungen war, und, in der Unordnung seines Anzugs, hervorsah. Er riss das Band
entzwei, da das Kind weinte, und steckte die Enden unter das Hemd, indem er vor
sich niedersah und errötete. Die Frau hat das bemerkt, es fiel ihr auf. Er nahm
darauf den Hut, den er aus der Hand gelegt hatte, vom Boden, setzte ihn auf, und
soll so eine Weile unschlüssig vor den Leuten gestanden haben, als besinne er
sich auf etwas. Dann wandte er sich aber kurz von ihnen ab, und ging eine
Strecke rechts hinunter, nach dem Walde zurück, aus dem er gekommen war. Doch
kehrte er bald darauf um, rief der Frau zu, sie möge so gut sein, und drinnen im
Schloss sagen, er komme zum Essen nicht wieder, er speise drüben auf der Burg.
    Diesen Vorsatz muss er auch gehabt haben, denn er bestellte einen
Geschäftsmann, der ihn am Morgen vergeblich erwartete, herüber zu mir.
    Nachher sah man ihn noch eine ganze Zeit auf der Insel hin- und hergehen.
Später achtete Niemand auf ihn.
    Das ist Alles, was ich erfuhr. In seinem Zimmer standen und lagen die Sachen
frei da, wie das stets seine Art ist. Briefe verbrennt er, oder verbirgt sie in
einem geheimen Fache seines Schreibtisches. Ich mochte an Nichts rühren, was
nicht offen für Jedermann geblieben. Hieraus war nichts zu ersehen. Ich habe
lange mit mir gerungen, was ich glauben dürfe. Soll ich wahr sein, so steigt die
Vermutung in mir auf, Hugo wolle uns durch den Schein irre führen. Er will für
uns todt sein, indes er für immer aus dieser Gegend, vielleicht aus diesem
Teile der Welt verschwindet.
    O! lassen Sie mich hieran festalten. Ich bin nicht im Stande, das Andere,
das Grauenerregende, das Unselige zu denken!
 
                             Sophie an den Comtur
Sie haben Recht, das ist ein Gedanke, den Ihr Neffe hätte haben können. Nur weiss
ich nicht, weshalb er sein Vorhaben hinter eine so schauerliche List verstecken
sollte, da er ohne alle Umstände weggehen konnte, und nur nicht wiederzukommen
brauchte. Was würde ihn daran gehindert haben? Er war schon einmal fort! Wir
wussten nicht, wohin. Niemand rief ihn zurück, Niemand erinnerte ihn an verletzte
Pflichten, Keiner wollte ihm Fesseln anlegen. Er allein brachte sein unstätes
Selbst zu uns zurück. Fürchtete er nicht vielleicht sich mehr als Andere? Das
sind Vermutungen, Schlüsse ins Blaue hinein. Ich bin unfähig, irgend etwas
Bestimmtes ins Auge zu fassen. Ich sehe nichts deutlich. Die Angst vor Elisens
Erwachen, vor ihren Fragen, ihren Blicken, benimmt mir alle Fassung Möchte uns
doch dieser Tag irgend eine Beruhigung geben!
 
                                    Antwort
Was Sie auch sagen mögen. Alles bestärkt mich in meinen Vermutungen. Trotz dem
mühseligsten Suchen, keine Spur von ihm! Verschwunden! völlig verschwunden! sage
ich Ihnen. Keine Bucht, keine Stelle von beiden Ufern blieb undurchforscht. Mehr
als zwanzig Kähne fuhren den Strom hinauf, die ruhige Flut liess oft bis in den
Grund hinunter sehen. Nichts, gar nichts war zu entdecken!
    Er wollte sich uns entziehen. Niemand auf Erden sollte ferner Ansprüche an
ihn haben, das war es, glauben Sie mir!
 
                            Madame Lindhof an Sophie
Im Begriff, diese Gegend auf immer zu verlassen, da mein Sohn eine Anstellung in
der Residenz erhielt, bleibt mir noch eine traurige Pflicht zu erfüllen; recht,
als solle ich hier enden, wie ich anfing, nämlich Glück und Hoffnung zu Grabe
tragen zu helfen.
    Den Tag, da meine Schwiegertochter beerdigt ward, traf ich in diesem Hause
ein, und ist es auch keine Leichenfeier, zu der ich gegenwärtig verpflichtet
bin, so ist es doch wohl nicht viel besser.
    Ach! gnädiges Fräulein, die wahrscheinliche Bestätigung von dem, was wir
fürchten, senkt die Seele in tiefe Trauer. Wie schwer wird es mir, solche über
Sie zu verhängen. Doch darf ich kaum mit dem zurückhalten, was ich ohnlängst
erfuhr.
    Sehen Ihr Gnaden, um Alles im Zusammenhange zu berichten, der Umzug einer
Familie, der Transport des vielfachen Gerätes, macht grosse Sorge und Unruhe. Es
mir zu erleichtern, mietete ich einen Raum im Marktschiffe, und liess diesen mit
mancherlei unserer Sachen beladen.
    Das Fahrzeug legt gewöhnlich bei Wehrheim an. Die gewandte Frau des
Zimmermanns dort, die arbeitsam ist, und sich gern etwas verdient, war mir in
den Tagen des Packens zur Hand gegangen, und besorgte auch jetzt das Laden und
die Zusammenstellung der Ballen auf dem Schiffe. Passagiere und Fährmann waren
ins Dorf gegangen. Die Frau blieb mit ihren Kindern im Schiffe. Diese
unterhielten sich nach Kinderart, und während die Mutter das Wehr, von dem sie
keine zwanzig Schritte entfernt sind, gedankenvoll betrachtet, es sich
zurückruft, wie sie mit demselben Schiffe hier umschlug, und der kühne Graf sie
rettete, sagte das älteste Töchterchen: »Ach! wie viel, wie viel schöne
Vergissmeinnicht!« Und tritt auf den Steg, der an das Ufer führt, die Blumen zu
pflücken. Die andern Kinder folgen. »Es ist ganz blau da,« sagen sie. Die Mutter
geht ihnen nach. Sie sieht mit Vergnügen ihrer Arbeit zu. »Ein Band! ein
blauseidenes Band hängt da an den Vergissmeinnicht,« ruft das Mädchen. Sie hat es
schon, sie zeigt es der Mutter. Eine hellbraune Haarlocke, leicht mit einem
Fädchen umwunden, hängt daran. »Gott im Himmel!« seufzt die erschrockene Frau,
»das ist des Grafen Band, er trug es noch den letzten Tag um den Hals.«
    Gnädiges Fräulein! was soll ich weiter hinzusetzen! Sie denken wohl wie
Jene, die mir den Vorgang erzählte, und wie ich leider auch fürchten muss.
    Hier also! Bei der schnellen Strömung. Er kannte die Stelle wohl. Was diese
fasst, reisst sie pfeilschnell mit sich fort. Leider sagt das Band, dass der Graf
hier war, und dass er von hier nicht wieder zurück ging.
    Fürchtete ich nicht beschwerlich zu fallen, so würde ich es mir nicht nehmen
lassen, Ihnen das schmerzliche Andenken selbst zu überbringen; so habe ich es
dem Kammerdiener Birkner zugestellt, um es Ihnen, wenn Sie es zu besitzen
befehlen, einzuhändigen.
    Ich scheide in Tränen, wie ich kam; wie Vieles habe ich hier untergehen
sehen!
    Des Herrn Präsidenten Besitzung ist nun auch verkauft. Alles ist anders
geworden! Nur meine Gesinnungen für Sie, verehrtes Fräulein! und die teuren
Personen, die Sie, wie ich, lieben, verändern sich nie.
 
                            Sophie an Madame Lindhof
Gute, treffliche Frau! wie sanft haben Sie uns bisher auf rauher Bahn begleitet,
die wir zu gehen hatten. Ich drücke Ihre Hand, und sage Ihnen mit Wehmut
Lebewohl!
    Alles scheidet von hier! Wie öde wird das Alter! Doch, es ist nicht an mir,
zu klagen. Das verblichne Band, Liebe! ist schon in meinem Besitz; Birkner
brachte es mir, ganz so wie es gefunden ward, in die Blumen verwickelt, um die
es die Wellen geschlungen hatten.
    Wie es dahin kam -? Lassen wir es auf sich beruhen. Es liegt ein Dunkel
darauf, was wir auch sagen mögen!
    Von Elisen wusste ich Ihnen bis jetzt nichts zu schreiben. Sie blieb während
zwei Tagen in ihrem Zimmer eingeschlossen, ohne Nahrung zu nehmen, noch Kleider
zu wechseln. Ich hatte ihr von dem, was nur aus Vermutungen zu entnehmen war,
nichts mitgeteilt. Doch muss ich fürchten, Johanna ist nicht so behutsam
gewesen. Ich befragte sie deshalb, brachte aber nur Unzusammenhängendes heraus.
Mein Bemühen, zu Elisen zu dringen, blieb ebenfalls vergeblich. Ich geriet in
immer grössere Besorgnis. Stunden reihten sich an Stunden; so durfte es nicht
länger fortgehen, das Leben der Unglücklichen schien mir gefährdet, und doch
scheute ich, sie durch einen Gewaltschritt zu verletzen.
    In dieser Nacht nun, zog hier, und wohl auch bei Ihnen, ein starkes Gewitter
herauf. Der Sturm, welcher es begleitete, heulte zwischen dem Donner hindurch,
und schien dessen prasselndes Knattern mit wildem Geheul zu unterbrechen.
    Die freie Seite nach dem Wasser zu, war seinem ängstigenden Andringen
besonders ausgesetzt. Die Läden vor dem Fenster zitterten, als rüttle sie eine
starke Hand. Ich liess deshalb die meines Schlafzimmers öffnen, wodurch die volle
Glut der Blitze blendend herein fiel.
    Ich besitze gerade soviel von weiblicher Zaghaftigkeit, um
Naturerschütterungen der Art nicht ohne inneres Bangen sehen zu können.
Vielleicht strenge ich mich aber deshalb jedesmal um so mehr an, den Zug der
Wolken zu beobachten, den Grad der Gefahr darnach abmessend. Vom Fenster kann
ich nicht lange wegbleiben. Ich trete immer wieder hinzu, wenn mich auch das
starke Wetterleuchten zurückschreckt. So stand ich denn auch, mit dem Rücken
gegen die Tür, das Auge auf einen weisslichen Streif gerichtet, von dem ich im
Augenblick nicht wusste, ob es der Saum des heller werdenden Horizonts, oder der
unruhig gepeitschte Fluss war, der höher als sonst zwischen den Gartenhecken
durchschimmerte? »Hier kann ich es nicht länger aushalten!« sagte Jemand hinter
mir. Ich wandte mich schnell um. Elise, ein Licht in der Hand, mehr einem
Schatten, als sich selbst ähnlich, schwankte nach meinem Bette. Sie setzte sich
auf dessen Rand, und das Licht noch immer vor sich haltend, als könne sie es
nicht hell genug um sich haben, sagte sie, mit sehr matter Stimme: »Wie die
Wellen brausen! Wie das Wasser rauscht!«
    »Es ist der Regen,« erwiederte ich, indem ich das Fenster ein wenig öffnete,
um sie diesen deutlicher hören zu lassen.
    »O Gott bewahre!« rief sie empfindlich. »Ich kann das wohl unterscheiden.«
Sie horchte jetzt gespannt. In ihrer Stimme lag etwas Verwildertes und Scheues,
was mir tödtlichen Schreck einjagte. Unglücklicherweise trieb der Sturm die
herabfallenden Güsse immer dichter zusammen, so dass die starke Wassermasse in
ihrer heftigen Bewegung wirklich den schäumenden Wogen der Flut ähnlich ward.
    Elise war wieder aufgestanden. Sie hatte das Licht auf den Boden gestellt,
und ging, die Hände ringend, stumm, mit allen Zeichen unaussprechlicher Angst,
im Zimmer auf und ab.
    Ich wusste nicht, was ich sagen sollte? wie ihr beizukommen sei? die Pein
dieses Augenblicks war schrecklich.
    »O, wie die Wellen brausen! wie die Wellen brausen!« wimmerte sie jetzt,
»liege still, liege still, armes Herz!« flüsterte sie darauf ganz leise.
    Ich zitterte an allen Gliedern. »Beste,« sagte ich, zu ihr herantretend,
»denken Sie an Gott! beten Sie, für ihn! für ihn! Hören Sie wohl?«
    Sie sah mich erst starr an. Ich nahm ihre kalten Hände in die meinigen. Das
Ungewisse ihrer Gedanken zuckte hin und wieder auf dem schönen, entstellten
Gesicht. »O Sophie!« brach sie jetzt schluchzend aus, und stürzte mir an die
Brust. »Ist es denn wahr? Ist es nun ganz gewiss? Liegt er da unten?« -
    »Nichts ist gewiss,« entgegnete ich schnell, »Vermutungen! voreilige
Vermutungen! sonst in der Welt keine nähere Bestätigung. Beste Elise, warum
fragten Sie denn nicht mich!« setzte ich in der Hoffnung hinzu, sie beruhigen zu
können. Aber sie sah und hörte nicht. Es war als habe ihre erstarrte Seele nur
die Stimme liebender Teilnahme erwartet, um sich in Tränen aufzulösen.
    Das Gewitter tobte fort. Die Nacht ging so in entsetzlicher Bangigkeit hin.
»Ich habe es wohl, wie im Vorübergehen, zuweilen gedacht,« sagte sie, nachdem
sie stiller geworden, und in dumpfem Ermatten eine Weile vor sich hinstarrte.
»Ich habe es gedacht und auch nicht, denn zu fassen ist so etwas nicht.«
    »Nein,« unterbrach ich sie. Und darum haben wir auch kein Recht, es zu
glauben.« Sie schien achtsam auf meine Worte.
    »Weshalb,« fuhr ich fort, »sollen äussere Zufälligkeiten hier allein eine
Stimme haben? Dürfen wir ihnen die innere Ueberzeugung nicht entgegen stellen?«
    Elise seufzte. »Also ist nichts erwiesen?« fragte sie. Ich versicherte es
ihr. »Was wissen Sie denn?« hub sie nach einer Pause leise und schüchtern an.
Ich teilte ihr jetzt Alles mit, überzeugt, dass ihr die volle Wahrheit nötig
sei, um mit sich und dem, was sie glauben dürfe oder müsse, einig zu werden.
    Sie verlangte das Band zu sehen. Ich brachte es ihr. Sie starrte es lange
an. »Er hat es zerrissen!« lächelte sie, dann steckte sie es in den Busen. Ich
fand sie in diesen Augenblicken mehr dumpf als gefasst. Sehr ermattet schlief sie
auf meinem Bett ein Paar Stunden, trotz des anhaltenden Gewitters. Als sie am
Morgen erwachte, es wieder still in der Natur und diese beruhigt war, setzte ich
mich zu ihr. Wir sprachen lange mit einander. Ihre Kenntnis von Hugo's Charakter
lässt sie weniger ungewiss über den letzten, zweifelhaften Schritt, als uns; die
erste grosse Erschütterung abgerechnet, glaube ich, weiss sie ihn lieber in dem
kühlen Bett, als unstät auf der Erde.
    Bei allem dem erklärte sie, hier nicht bleiben zu können. Ich begriff das
ohne Weiteres. Wir wollten gleichwohl beide jetzt noch nicht an eine neue
Trennung denken. Wir fühlten die Notwendigkeit, uns gegenseitig schonen zu
müssen, und schwiegen. Es entstand eine lange Pause. »Arme Emma!« - seufzte
jetzt Elise. »Nun hat ihn Keine, oder es haben ihn Beide!«
    »Ist sie noch in ihrem Waldkloster?« fragte sie darauf. Ich bejahte dies.
    Sie versank wieder in tiefes Sinnen. Ich liess sie so, und ging, Ihnen, beste
Madame Lindhof! alles das zu schreiben, einen Teil von Elisens Dankbarkeit
gegen Sie mit übernehmend, indem ich diese gleichsam zu Ihnen sprechen und Sie
in das Innere des beklagenswertesten Herzens blicken lasse.
    Sie werden uns nicht vergessen, wenn auch für lange alle Beziehungen
zwischen uns zerrissen sein sollten.
 
                              Tavanelli an Leontin
Ich habe sie gesehen, gesprochen. Ich war bei ihr. Ueber eine Stunde durfte ich
ihr zur Seite sitzen. Sie sah, wenn ich das Auge senkte und nichts wahrzunehmen
schien, fragend zu mir auf. Ich empfand das Streifen ihres forschenden Blicks.
Es war weder Misstrauen, Unwillen noch Kälte darin. Gütig verweilten ihre
Gedanken bei mir. Nicht mich, die Zeit, da ich auch neben ihr sass, die
hingewelkte, versunkene Zeit betrachtete sie in mir. Selbst die peinvolle
Vergangenheit rührt uns unbeschreiblich. Ist doch die Pein vorüber, und der
dunkle Hintergrund zeigt zurück auf Gefühle, die jetzt etwas Geheimnisvolles
haben.
    »Sind Sie nunmehr mit sich einig?« fragte sie mich. Ich versicherte es ihr.
»Und Ihr Glaube war es, der sie rettete?« fuhr sie, ernster werdend, fort.
    »Was ist auch der Mensch ohne Glauben?« entgegnete ich. Sie errötete. »Wie
kam es denn,« fiel sie schnell ein, »dass sich der Ihrige nicht besser bewährte?«
    »Mich irrten Zweifel,« bekannte ich mit gesenktem Blick.
    »Und darum,« sagte sie, klug und scharf in sich hineinsehend, »erzwangen Sie
die rauhe, spröde Stimmung, den wilden Sinn, die harte Abgeschlossenheit, und
zerrissen Ihre gute Seele, die den Himmel so nicht finden konnte!«
    Ich wollte etwas erwiedern. »Lassen wir das jetzt,« bat sie. Sie legte die
Hand an die Stirn. »Ich begreife das Zuviel und das Zuwenig, und wie Eins das
Andere erzeugt. Aber ich kann es nicht ausdrücken,« klagte sie. »Ein andermal!
Ein andermal!« Ich stand auf. »Kommen Sie bald wieder,« bat sie, »und bringen
Sie Leontin mit. Ich habe eine grosse Sehnsucht nach ihm.«
    Ich ging, und schrieb Ihnen das.
    Fragen Sie nun, wie es geschah, dass ich vorgelassen ward? wie ich es wagte,
ihr zu nahen? Mein bester Herr Baron! Sie wissen, dass ich immer noch zögerte,
das Kloster zu verlassen, dass ich mich nicht entschliessen konnte, den vielfachen
Aufforderungen des Herrn Präsidenten, in Betreff des Amts, welches er mir
zudachte, Folge zu leisten. Sie wissen auch warum? Ich gestehe es Ihnen, ich
habe die verehrte Frau nie aus den Augen verloren. In ihrer Krankheit gelang es
mir, einmal Zutritt in dem Amtause zu erhalten. Ich glaubte sie sterbend, ich
war entschlossen, sie in den letzten Augenblicken nicht zu verlassen. Die Angst
um ihre Seele liess mich jede anderweitige Rücksicht hintansetzen. Ich entdeckte
mich der gütigen Madame Lindhof, ich erklärte ihr meinen festen Willen. Sie
hörte mich gelassen an, beruhigte mich für den Augenblick, und versprach, bei
wachsender Gefahr mir in Zeiten Nachricht zu geben.
    Ich kehrte jeden Tag nach dem Amte zurück. Mein Gebet trug stündlich die
teure Seele der Bewusstlosen zu dem Trone des Höchsten, ich flehte um ihre
Rettung. Sie genass. Vermutlich erfuhr sie späterhin, was während dem vorging.
Diesen Morgen liess sie mir sagen, zu ihr zu kommen. Ich glaubte, es nicht recht
zu verstehen. Ich folgte indes augenblicklich ihrem Befehl. Sie will etwas. Dies
ist mir nicht zweifelhaft. Ihr Gemüt ist in Unruhe. Sie möchte, was sie nicht
kann, sie greift umher, sie denkt an mich. Als ich indes nun kam, und sie mich
sah, ward sie ungewiss. Sie vermochte es nicht, Vertrauen zu mir zu gewinnen. Ein
paarmal hub sie verlegen an: »Sie meinen es gewiss gut. Sie meinten es immer
gut.« - Sie hielt dann inne. Weiter kam sie nicht. Ich meinerseits wagte kaum
anders, als leidend hierbei zu bleiben. Es ist so schwer, weise zu sein, wenn es
einem treibt, sich hülfreich und tätig zu zeigen. Ich empfand auch, dass sie
nur in der Angst des Augenblicks auf mich verfiel. Und dann - es ist etwas in
der Art, in dem Blick, dem Ton der Dame, was mich lähmt. Fürchten Sie nicht, es
könne mich dies aufs Neue unsicher machen. Im Gegenteil, es zwingt mich, zu
denken. Aber ich brauche Zeit, dem Moment habe ich nicht sogleich Besonnenheit
entgegenzusetzen. Deshalb säumen Sie, verehrter Herr Baron! doch nicht, sie
aufzusuchen.
    Ach, wenn wir diesem schönen Herzen Frieden erflehen könnten!
 
                                    Antwort
Unternehmen Sie nichts! Tun Sie so wenig als möglich von dem Ihrigen hinzu.
Eifer ist selten ohne Hitze, und es gibt Menschen, welche sich kühl halten
müssen. Unter hundertmal, gilt es neun und neunzigmal zu schweigen, um einmal zu
rechter Zeit zu reden. Den Augenblick haben wir zu erwarten. Unsere Weisheit
ist: hören zu können. Um die Antwort, wenn es Not tut, brauchen wir dann nicht
verlegen zu sein. Streiten wir nicht allzuviel über die Wege? Wir wissen von
keinem mit Sicherheit, ob er der kürzte sei?
    Ich selbst kann jetzt nicht kommen. Aber ich werde einen andern für mich an
Elise schicken, der ihr meine Aufträge bringt. Er wird auch Sie besuchen.
    Mein Vater begleitet mich auf einer Reise. Wir haben ein Geschäft zu
beenden. Treten Sie ja zurück, wenn Sie fühlen, zu rasch zu handeln.
 
                              Curd an seine Mutter
Ich könnte mich in Stücke zerreissen und meine Uebereilung durch alle ersinnliche
Plagen abbüssen, dächte ich nicht, dass es so hätte sein sollen. Dieser Rest von
Glauben, den ich Ihnen, gute Mutter, verdanke, rettet mich jetzt vor
Verzweiflung. Denn sonst, - sagen Sie selbst, wäre ohne mich, ohne meinen Hass
gegen Hugo, jemals die Entdeckung des unglücklichen Geheimnisses ans Licht
gekommen? Presste die Angst für sein Leben der armen Frau nicht den Schrei aus?
Und folgt das Uebrige nicht, wie ein Uebel dem andern?
    Ich mag gar nicht an Elise denken, nicht nach ihr fragen!
    Sie erkundigen sich noch, ob es denn auch ganz gewiss sei? Nun, beim Himmel!
wenn es das nicht wäre, gäbe es denn noch einen erbärmlichern Menschen auf der
weiten Gotteswelt, als einen, der nicht sterben kann, und für Niemand, als sich
selbst leben mag?
    Nein, wie fremd mir auch immer der kalte Philosoph blieb, so bin ich ihm
doch nie so gram gewesen, um solch' arges Misstrauen in ihn zu setzen.
    Todt ist er! darauf schwöre ich.
    Man ersinnt jetzt allerlei, dem Dinge einen Mantel umzuhängen. Er soll beim
Schwimmen durch einen Krampf unfähig geworden sein, dem raschen Strudel beim
Wehr zu widerstehen. Wissen kann das Niemand, und ist es der Familie ein Trost,
es zu glauben, so lasse man sie dabei. Ich denke aber, wie er einmal war, hatte
er hier nichts mehr zu tun. Das wusste kein Mensch besser als er selbst. Solch'
verdorbenes Genie, Gott verzeihe mir's, dass ich das von einem Todten sage, aber
wahr ist es, solch' verdorbenes Genie ist nicht im Himmel, nicht auf der Erde zu
Hause, und doch, hätte ihn nur das Wiedersehen der Frau, der erste Schreck bei
ihrem Anblick, und dann, dass sie Nonne geworden ist, nicht so ausser aller
Fassung gebracht, er wäre am Ende von meiner oder einer andern Kugel im
Zweikampf oder auf dem Schlachtfelde, wie ein Mann gefallen, der sich vor
nichts, auch vor dem Leben nicht fürchtet.
    Das aber machte ihn confus. Der Fall lag ausser seiner Berechnung, das
Geschick hatte ihn überlistet. Er wusste nicht mehr aus noch ein. Ich wette
meinen Kopf gegen die schlechteste Kupfermünze, wäre Emma frei gewesen, hätte er
sie ohne Schwierigkeit mit sich zurück nach der Burg führen können, er würde das
Spiel höchst abgeschmackt und die ganze Geschichte eine tragische Farce genannt
haben, die ihm noch dazu die Freiheit liess, von da seinen Weg allein zu gehen.
So aber! dass er musste, was er eigentlich nicht wollte, das machte ihm das Dasein
verhasst. Er suchte einen andern, einen ungewissen Ausweg.
    Wohin er nur gekommen sein mag? Ich frage mich das hundertmal, und dann regt
sich mir's im Gewissen. Du hast ihn dahin gebracht! Elise wird das auch glauben.
Es tut einem doch wehe, verkannt zu sein. Ich weiss das wohl von sonst her. Es
ärgerte mich immer. Jetzt - nun, es wird sich auch geben. Es ist das grösste
Glück auf Erden, dass sich Alles vergisst, Alles verschmerzt. Was würde auch sonst
aus der Welt?
    Schreiben Sie mir ja gleich, liebe Mutter! wenn Elise etwas von sich hören
lässt. Ich habe keinen Begriff davon, wohin sie sich wenden, was sie nun mit sich
selbst anfangen wird. Die verwünschten Romanenstreiche!
 
                                    Antwort
Wie kann es Dir nur einfallen, lieber Sohn! dass Du an all' dem verruchten
Wirrwarr schuld bist?
    Du gerechter Gott! Mir schwindelt es im Kopfe, wenn ich denke, dass Menschen
auf dergleichen Abwege geraten!
    Ich habe in meinem Leben immer eine grosse Furcht vor Narren gehabt, und bin
gerannt, was ich nur konnte, wenn ich Einem auf tausend Schritt nahe kam. Aber
jetzt, ich sollte es wohl nicht sagen, denn es klingt vermessen, doch mir kommt
es so vor, als wäre die ganze Welt wie ein Irrenhaus zu betrachten. Was hört man
nicht für Dinge! was erlebt man nicht! Und wie die Leute unsern Herr Gott immer
im Munde führen, von Opfer und Entsagung, und weiss der Himmel Alles raisonniren,
und nun läuft eine christlich getraute Ehefrau mir nichts, dir nichts, von ihrem
Manne fort, stellt sich todt, lässt ihn in dem sündlichen Glauben, er dürfe nun
dem Gelüsten seines Herzens nachgehen, und kann doch selbst nicht von ihm
lassen, windet sich um ihn herum, bis es so weit kommt, dass er sie wiederfindet,
und erfährt, wie sie ihn zu einer doppelten Ehe verleiten wollte.
    Ei, da kann einem wohl die Haut schaudern, und der gesunde Menschenverstand
ausgehen! Ich bin sonst nicht die Lobrednerin des Grafen, aber hier muss ich doch
der Wahrheit die Ehre geben, ihm ist schlimm mitgespielt worden.
    Ueber die Art, wie er ein Ende genommen hat, sollen wir auch nicht richten.
Wir tappen hier im Finstern. Viel Kluges habe ich von ihm nie erwartet, denn
warum? Er glaubte an Nichts. Das habe ich Elisen wohl angemerkt. Eine Frau singt
immer in dem Ton, den ihr Liebster anstimmt. Es hat mich Tränen genug gekostet.
Von daher also sah ich Gottes Gericht wohl anrücken. Aber drüben - von dem
grünen Holze - da war ich mir besserer Früchte gewärtig. - Wie das Alles klug
tut und über seine Kräfte hinaus will! Ich weiss es am besten, man hat in den
engen vier Pfählen, auf gerader Diele schlechtweg, einen Tag wie den andern
denselben Weg gegangen, und hat sich vorzusehen, dass man nicht einmal über die
eigenen Füsse fällt. Und die da wollen die feste Erde gar wegstossen, und in der
Schwebe bei Sinn und Verstand bleiben. Ja, siehst Du, wenn das nicht verrückt
sein heisst, so weiss ich es nicht.
    Kurz und gut, soll ich die Menschen nicht mit Krankheit geschlagen, nicht
für verwirrt und aberwitzig halten, dann kann ich mir gar keinen Begriff von
unserer Zeit machen.
    Du, Curd, darfst auch nicht soviel nach Elisen fragen. Das schickt sich
nicht für Dich. Ja, hättest Du sie nicht heiraten wollen, und Dir allerlei
darüber in den Kopf gesetzt. In Gottes Namen! Du bist ihr Vetter. Verwandte
sollen zu einander halten. Aber so! - Schilt nicht so strenge auf
Romanenstreiche, Du möchtest auch Deinen Teil mit dran haben.
    Nun will ich Dir dann aber doch sagen, ich reise selbst zu Elisen. Ich muss
wissen, wie es dem armen Kinde geht? sie mag daraus abnehmen, wie lieb ich sie
habe, dass ich mich mit meiner Aengstlichkeit auf einen so weiten Weg mache,
alles hinter mir lasse, Haus und Hof und Wirtschaft, bloss um sie zu sehen, sie
da wegzuholen, wo ihr so schwer ums Herz sein muss! Ja, wenn sie auch ganz, ganz
anders wie ich, und auch nicht so denkt, wie sie sollte, kann ich dann aufhören,
ihr gut zu sein? Ich wüsste nicht, wie ich es anfinge. Lebe wohl, lieber Sohn!
Von dem Stifte aus, schreibe ich Dir wieder.
 
                             Sophie an den Comtur
Der Anblick meiner Schriftzüge wird Sie nach gerade unruhig machen. Seit lange
hörten Sie nur traurige Berichte durch mich bestätigen, oder Sie darauf
vorbereiten. Ich eile deshalb um so mehr, Sie im Voraus zu beruhigen, ja, Ihnen
Erfreuliches zu verheissen.
    Elise, hoffe ich, ist ihrer ängstlichen Unsicherheit, dem kranken Hin- und
Hergreifen, der ganzen schmerzlichen Trostlosigkeit, in die wir sie mit
Betrübnis kraftlos versinken sahen, entrissen; oder vielmehr, alles dies führte
ihre Rettung herbei. Ich sagte Ihnen, dass sie Tavanelli kommen liess, auch an
Leontin schrieb, dass sie überall hinhörte, etwas wollte, sich gleichwohl nirgend
verständigen konnte, und bald nach dem Austausch innerer Ueberzeugung verlangte,
bald mit dem Seufzer: »Er allein hatte meine ganze Seele!« davon abstand. Eben
so war sie immer im Begriff, von hier abzureisen, ohne gleichwohl jemals zur
Ausführung ihres Entschlusses gekommen zu sein. Kurz, sie konnte nicht
schweigen, nicht reden, nicht bleiben, nicht gehen, nicht leben, nicht sterben.
Die Bemühungen ihrer Tante wurden ihr, wie Sie, lieber, berücksichtigender
Freund! es selbst mit Pein empfunden, unangenehm. Die einfache Frau ging gerade
zu. Sie glaubte durchaus die Vernunft und das gute Herz ihrer Nichte in Anspruch
nehmen zu müssen. Sie begriff gar nicht, wie ihre Gründe nicht entscheidend, und
andere Vorstellungen dagegen haftend sein könnten. Ich hatte viele Mühe mit ihr,
und war nur froh, dass Curd sie endlich von hier abholte.
    Die arme Frau jammerte mich. Sie hatte wirklich ein Opfer mit dieser Reise
gebracht. Sie war sich dessen bewusst. Es tat ihr wehe, so vielen guten Willen
nicht erkannt zu sehen; denn, trug sie Elise auch auf den Händen, so ging sie
doch nicht in ihre Vorstellungen ein, noch weniger war es ihr möglich, der
trefflichen, aber ermüdenden Verwandtin in ihre Einsamkeit zu folgen.
    Jene gab sie endlich mit heissen Tränen auf, und es blieb, wie es war.
    Diesen Morgen werde ich nun mit der Nachricht geweckt, ein Fremder wünsche
mir aufzuwarten. Ich frage nach Stand, Namen, Persönlichkeit. Ueber die beiden
ersten Punkte hatte sich der Angekommene nicht erklärt. Ueber die letztere
erfuhr ich indes, dass sie einnehmend sei, und dem stattlichen, wohlgebildeten
Manne von ungefähr fünfzig Jahren zur Empfehlung diene.
    Ich war begierig, ihn zu sehen.
    Schnell zu dem Empfange eines Gastes bereit, trete ich in den Vorsaal. Mit
unterdrücktem Freudengeschrei fliegt mir Georg, das liebe Kind, in die Arme. Im
ersten Augenblick sah ich nichts als ihn. Ich umarme ihn mit unaussprechlicher
Rührung. Ich bitte ihn, seine Freude zu mässigen, ich verspreche, ihn gleich,
doch nicht ohne vorhergegangene Einleitung, zur Mutter zu führen. Doch jetzt
endlich, denke ich an seinen Begleiter. Ich sah mich mit Herzklopfen nach ihm
um. Ich fürchtete fast, Eduard zu begegnen. Da tritt mir aus dem Hintergrunde
des Zimmers ein völlig unbekannter Mann, von schlichtem, offnen Ansehen
entgegen. Er begrüsst mich, sagt: Baron Leontin von Wildenau habe das Vertrauen
zu ihm gehabt, dass er den Knaben der Mutter sicher zuführen, und dieser auch
wohl noch dies und jenes zur Beruhigung mitteilen werde.
    Ich nahm anfänglich keine sonderliche Notiz von ihm, und war froh, den
Präsidenten nicht hier zu sehen, ich meinte, in dem Fremden einen gewöhnlichen,
guten, sichern Menschen, einen Beauftragten, suchen zu müssen.
    Ich wollte ihn eben wieder verlassen, um Elise auf das unverhoffte
Wiedersehen ihres Kindes vorzubereiten, als jener noch hinzusetzte: Auch von
Gräfin Emma habe er Aufträge an mich. Ich stutzte, sah ihn an, plötzlich fiel
mir ein: Der Geistliche! Emma's, Leontins Vertrauter! Ich nannte seinen Namen,
der Fremde verleugnete ihn nicht; bat auch, hinter seinem Incognito nichts
Gesuchtes voraussetzen zu wollen. Ihm sei in jeder Beziehung grosse Vorsicht
empfohlen, er habe nicht wissen können, ob nicht dennoch ein Missverständnis
möglich gewesen, er wolle nicht gern durch vorschnelles Zufahren überraschen,
überall möchten wir Leontin sein Eindringen beimessen. Ich schnitt ihm die Worte
ab. Ich ergriff seine Hand mit Innigkeit, ich sah ihm in die sanften Augen.
»Kommen Sie,« bat ich. Er folgte mir.
    Wir haben einen seligen Morgen verlebt! - Elise ist ganz, wie man sie mir an
jenem Tage beschrieben, da sie Georg todt geglaubt, und das Kind die Augen
zuerst wieder öffnete. Schüchtern, demütig, stumm, sieht sie den Liebling an.
Sie traut ihrem Glück nicht, und fährt oft, wie vom Schlafe auf, wenn die
harmlose Ausgelassenheit des gesunden, tüchtigen Jungen alles so natürlich, so
wahr erscheinen lässt, was ihr unbegreiflich dünkt. Und dabei der Geistliche, der
Mann, der ihr wie ein finstrer Richter, seit Tavanelli's erstem Auftreten,
eigentlich ein Gegenstand des tiefsten Unwillens war, er führt die Unterhaltung
an dem Geringfügigsten hin, sagt nichts Auffallendes, nimmt an Allem Teil, ist
durch und durch hell wie Kristall, und lässt bis in den Grund des warmen,
freundlichen Herzens heitre, bewegliche Lichter sehen, die nach allen Seiten
ihre Strahlen werfen. Gott, welch' ein Mensch! So einfach und so weise! Etwas
Aehnliches schwebte Hugo vor der Seele. Er hätte so sein mögen. Aber es fehlte
eben der Kern!
    Von Elisen jetzt noch nichts. Sie ist benommen, überfüllt, ihrer nicht
mächtig. Was gleichwohl ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt, was sie
angelegentlich beschäftigt, ist das Bild von Leontins neuer Stiftung, das uns
der Geistliche sehr anschaulich in einzelnen, bestimmten Zügen entwarf.
    »Sie wissen,« sagte er, »aus des Barons Briefen, dass dieser den Meierhof am
Fusse des Schwarzwaldes kaufte, und durch die frühere Bestimmung des Gemachs, in
welchem er übernachtete, auf den Gedanken kam, hier ein Mönchskloster zu
stiften, und selbst in den Orden zu treten. Er unterliess das Eine, wie das
Andere, bei klarer Prüfung. Gleichwohl wünschte er, durch einen besondern Zweck
sein Leben zu erhöhen. Er fing damit an, sich aufmerksam zu beobachten, und
bemerkte, dass seine frühere Schwermut, die ihm so viel zu leiden gemacht, mehr
aus einer gewissen Gebundenheit des Innern, als aus wirklichem Missgeschick
entstand. In den Kinderjahren kränklich, vernachlässigt, dann blöde, steif,
unbeholfen, trat er, wie verriegelt, überall zurück. Am Ende fand er durch sich
selbst, nach mühseligem Suchen, die Richtung, auf welcher er fortging. Sein
Schritt wurde fest, sein Blick bestimmt, er aber, wie herausgeschnitten aus der
übrigen Welt, ein Mensch nach Systemen, edel, doch bizarr. Ihm hatte
Gemeinschaft mit Andern das Leben nicht verständlicher gemacht. Er war auf eine
Anhöhe getreten, sah nach den verschiedenen Strassen hinunter, lernte sie nennen,
kannte keine. Alle sahen gleich aus, alle schienen ihm klein, eng, in der Irre
umher zu führen; er überschaute wohl das Ganze, doch durchschaute er es nicht.
So,« fuhr der Geistliche fort, »dachte er darauf, nachdem er sich erkannte,
Andere vor diesem Umwege zu bewahren. Es ward ihm klar, dass vielleicht in keinem
Augenblick so sehr als jetzt, das Gefühl der Billigkeit durch festere Bande des
Vertrauens, durch Gewohnheit und innere Verzweigung des Daseins gestärkt werden
müsse. Ein Erziehungsinstitut auf dieses Prinzip gegründet, dünkte ihm etwas
Schönes. Er beabsichtigt den höhern Freisinn der Eigentümlichkeit bei gleich
erhabenem Zweck in dem Wechselverein junger Herzen lebendig zu erhalten, Alle in
einem Glauben, durch ein Gesetz zu binden, und doch Jeden den eignen Gang mit
Andern gehen zu lehren. Ob er es erreicht? - so endigte unser Freund. Wir müssen
das Gelingen einer höhern Hand überlassen.«
    »Und im Schwarzwalde,« fragte Elise, »soll die Stiftung gegründet werden?«
    »Dort ist sie gegründet,« erwiederte jener. »Das Unternehmen ist mit
merkwürdiger Schnelligkeit ins Werk gerichtet, so dass wir schon einige Zöglinge
dort vereinigten, zu welchen wir mit Freuden Georg zählen.«
    Elise umarmte den Knaben mit unverkennbarer Beschämung. Was in dem
Augenblick in ihr vorging, war eher zu erraten, als auszusprechen.
    Georgs Hand in der ihren, hub sie nach kurzem Schweigen leise an: »Sie
sagten mir, mein Herr! Sie nähmen auch Teil an dem Erziehungsgeschäft des
Barons?«
    »Nun,« lächelte der Geistliche, »wir Menschen erziehen uns Alle durch
einander, und so finde ich wohl meine Aufgabe wie Jeder, der sich nicht für zu
weise hält, um zu lernen, und zu lieblos ist, um von seinem Vorrat
mitzuteilen. Doch sind meine Pflichten nicht auf das Institut allein
beschränkt. Ich möchte das eben nicht. Ich bewahre mir gern die freie
Beweglichkeit. Allein angeschlossen habe ich mich den Männern, die hier zu
wirken hoffen.«
    In Elisen entwickelten sich unmittelbar eine Menge neuer Ideen. Ihr
lebendiges Gesicht drückte dies sprechend aus. Sie ging darauf mit Georg im
Garten umher. Ich blieb bei dem Geistlichen zurück. Wir vermieden beide, von den
letzten Vorfällen zu reden. Doch Emma lag uns zu nahe, um die Wendung ihres
Geschicks mit Stillschweigen übergehen zu können.
    »Glauben Sie mir,« sagte der vortreffliche Mann, »dies schöne Herz hat mir
von jeher die grösste Sorge gemacht. Es verstand sich immer nur zur Hälfte, und
irrte durch Aberglauben an seinen Eingebungen. Die Gräfin,« fuhr er fort, »stand
von Kindheit an, im Widerspruch mit sich und ihren Verhältnissen. Mutter und
Tochter hätten sich, wie das so oft zwischen Eltern und Kindern der Fall ist,
ergänzen können, wenn nicht Eine die Andere gerade so hätte haben wollen, als
sie selbst war. Emma empfand zuerst, dass sie die Mutter nicht umschmelzen werde,
deshalb zog sie sich um so strenger, und, wenn ich in dem Sinne so sagen darf,
härter im Innern zusammen. Sie lernte auf ihre Ansichten bestehen, und hielt
fest an dem Satz, sie müsse, was sie soll. Ueber dies Soll wurde sie indes nie
klar, weil sie tief, aber einseitig empfand. Lesen Sie,« setzte der Geistliche
hinzu, »aus diesen raschen Zügen die Geschichte ihrer Gefühle, wie ihrer
Handlungen heraus. Auf sie wirkte man nie unmittelbar, und unglücklicher Weise
war sie schneller im Tun, als umfassend im Denken. Man könnte in gewisser
Beziehung von ihr behaupten, sie sei sich selbst nicht gewachsen gewesen, denn
wirklich zerfällt sie nicht sowohl in die beiden gewöhnlichen Hälften irrdischer
und himmlischer Natur, als in Ueberzeugung und Gefühl. Eins bleibt hinter dem
Andern zurück.«
    »Sie enträtseln,« entgegnete ich, über das Gehörte nachsinnend, »vieles im
Benehmen der Gräfin, was mich durch seine Inconsequenz verletzte.«
    »Ach!« rief er aus, »wo wollen Sie Zusammenhang finden, wenn sich die Natur
zerstört! Das Leben zerfasert sich, so wie die Fäden ruhigen Fortgehens
künstlich gelegt, oder über Vermögen gezerrt werden. Emma ist nicht ruhig, wenn
sie auch still ist. Sie muss, wie wir Alle, erst Frieden in sich machen lernen.
Welch ein Maass des Streites hierzu gehört, das ermisst Keiner!«
    Lieber Freund! Ich habe mir die letzten Worte seitdem oft wiederholt. Man
wird gelassener, wenn man bedenkt, wie viel geschehen muss, ehe etwas Bleibendes
erwächst.
N. S.
    Ich hielt dies Blatt bis diesen Morgen zurück. Elise ist entschlossen. Sie
begleitet Georg nach dem Schwarzwalde. Der Geistliche hat ihr von einer kleinen
Villa in einem der Täler erzählt. Vielleicht lässt sie sich dort nieder. Sie ist
dem geliebten Knaben nahe, auch Emma geht nicht nach Italien. So wären denn
beide überall zu einer Nachbarschaft bestimmt, die Ihnen am Ende unentbehrlich
werden kann.
    Wir, liebster Freund! bleiben in der ausgestorbenen Gegend allein zurück,
doch wollen wir nur nicht allein fühlen.
 
                                    Antwort
Tavanelli geht mit diesen Zeilen zu Ihnen. Er wird Ihnen sagen, dass auch er nach
dem Tode der alten Marta, welcher er seine Pflege widmete, Georg und dem
Geistlichen folgt.
    Sophie! man wird gelassener, wenn man bedenkt, wie viel geschehen muss, ehe
etwas Bleibendes erwächst. Sie sagen es, und ich muss es wiederholen.
    Auch wir werden lernen, Frieden in uns zu machen.
 
                              Die Gräfin an Agate
Lass Deine romanhafte Nachbarsgeschichten, Deine kleine, coquettirende
Eifersucht, lass Elisen, lass dem redlichen Curd, der alles in der Welt, nur nicht
sentimental ist, Ruhe, und denke an etwas Ernstaftes. Leontin hat uns die
Erbschaft der Tante cedirt. Dies gibt Dir ein Gewicht, was Dein Mann
respektiren muss, mir ein Recht mitzusprechen, und Deiner Schwester die Wahl
unter ihren Bewerbern. Was geht uns alles Uebrige an!
Hier endet nun ein Briefwechsel, dem noch Manches zu ergänzen übrig bleibt.
Gleichwohl findet sich nichts, als die Nachricht, dass Heinrich, Hugo's Freund,
nach mehreren Jahren eine Reise in die Gegend von Wehrheim unternahm. Er
besuchte das öde Schloss und die Ufer des verhängnisvollen Stroms. Bei dem Wehr
fand er einen Stein aufgerichtet, mit Hugo's Namen und dem Tag seines
Verschwindens. Die Frau des Zimmermanns begleitete Heinrich dahin. Sie erwähnte
der schwarzen Hand, die sich warnend auf dem Gerüste gezeigt hatte. Die Leute im
Dorfe dachten seitdem oft daran. Alle liebten den armen Herrn, wie sie Hugo
nannten.
    Fast um dieselbe Zeit schrieb Elise zwei kurze Zeilen an Sophie, die
letzten, die sich von ihrer Hand vorfinden:
    »Kann ich auch nicht denken, wie Andere es wollen, so lerne ich doch mit
Andern leben, Manches erraten, schweigen und warten, bis es heller und heller
wird.«
 
    