
        
                                 Carl Spindler
                                    Der Jude
   Deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts
                             Gespenst der Vorwelt:
              Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln Grabe?
                                   Zauberer.
               Aus dass Du Zeugnis gebest von einer dunkeln Zeit.
 
                                  Erster Band
                                 Erstes Kapitel.
 O Marten! Marten!
 Der Korb muss verbrannt sein,
 Das Geld aus den Taschen,
 Der Wein aus den Flaschen,
 Die Gans vom Spiess!
 Da trink und iss!
 Wer sich voll zechen kann,
 Wird ein rechter Martinsmann!
                                                                     Altd. Lied.
Der zwölfte November des Jahrs Eintausend vierhundert und vierzehn nach des
Erlösers Geburt, sah mit kaltem und duftigem Morgenantlitz in die
Fensterscheiben der Herberge zum Rebstock in der Reichsstadt Worms. Der Winter
hatte dem Späterbst tälpisch und zierlich zugleich in's Amt gegriffen; denn,
während alles knisterte und knarrte, vor der früh eingebrochnen ungestümen
Kälte, hatten die entlaubten Bäume weisse Wollelöckchen angesetzt, und niedliche
Eisblümlein sich angewachsen am Glas und Gestein. Zwar leckte der Sonnenstrahl
gierig an den über Nacht aufgeschossenen Gewächsen, aber seine Zunge war nicht
mehr feurig genug, sie aufzuzehren. Im untern Geschosse des Rebstocks kam man der
matten Sonnenflamme mit glühendem Ofen zu Hülfe, allein im Oberstocke glimmte
kein Funke, und der mächtige Kachelofen der hübschesten Stube des Hauses, die
nach einem über der Türe angemalten buntfarbigen Blumenstrauss »die Maienstube«
genannt wurde, war eiskalt, obschon ein stattlicher Gast das Gemach bewohnte.
Die Attribute der Ritterschaft: Schwert, Handschuhe, bespornte Stifel und
Federhut lagen unordentlich hin und her auf dem Boden zerstreut. Der Besitzer
dieser Herrlichkeiten lag aber völlig angezogen zu Bette, beschäftigt, den
verwichenen Martinsabend auszuschlafen, der ihm nicht am zuträglichsten gewesen
zu sein schien. Neben ihm ruhte, in einen Reitermantel gewickelt, ein gar holder
Knabe, dessen still lächelndes Gesicht, vom sanftesten Schlummer befangen, sehr
gegen das aufgedunsene, von Trunkenheit und wüsten Träumen entstellte Antlitz
des Nebenschläfers abstach. Der Letztere reckte sich endlich, fuhr mit der
breiten Hand über Stirne und Augen, und den bereiften Bart und erwachte.
Verwundert betrachtete er die Stube und seine eigene Gestalt; seine Verwunderung
wurde Erstaunen, da er seinen Bettnachbar gewahrte, und er sprang bei dessen
Anblick auf, gleich als ob ihn eine Schlange gestochen. Unverständliche Worte
vor sich hinbrummend, und vor Kälte zitternd fuhr er in die Stiefel, und
stampfte dreimal gewaltig den Boden, dass der schlafende Knabe erschrocken
aufschrie, alsobald jedoch wieder in Müdigkeit und Schlummer versank. Ein langer
hagrer Mensch, in der etwas zerlumpten Kleidung eines Herrenknechts, kam zur
Türe herein, und fragte mit winterblauen Lippen nach dem Befehl des gestrengen
Herrn.
    »Sag an, Vollbrecht!« fragte der Letztere: »Wie ging es denn zu, dass ich in
Wamms und Krause zu Bett gekommen?« - »Euer demütiger Knecht hat Euch selbst
hineingebracht;« erwiederte Vollbrecht mit ängstlichem Bückling: »Ihr littet
gestern stark am Gebreste des heil. Martin, und so geschah es denn ...«
    - »Still!« befahl der Herr. - »Wie komme ich aber zu dem Kind?« fuhr er
kleinlaut fort.
    »Der gestrenge Junker wolle sich nur gütig erinnern,« - sprach Vollbrecht,
ein paar Schritte ausweichend, - »wie ich Euch gestern aus der Trinkstube zum
Rosengarten heimleuchtete mit dem Kienspan, den mir die rotbäckige Dorotea
aufgedrungen, und wie wir im Scheibengässlein unfern von dem Eckstein, an dem das
Muttergottesbild aufgerichtet, den Knaben gefunden, der da eingeschlafen war.«
    - »Ganz recht; ich besinne mich nun auf Alles;« erwiederte der Junker, und
rieb sich die erstarrenden Hände: »Was treibt aber unser Wirt, dass nicht einmal
Feuer angemacht wird, bei der grimmen Kälte? Sollen wir hier erfrieren?«
    »Erfrieren;« bestätigte Vollbrecht, die Türblinke zur Hand nehmend:
»Erfrieren, oder uns von dannen machen; denn der Wirt will nicht länger borgen,
und verlangt Zahlung unsrer Zeche.«
    »Nichts Billigers als das;« antwortete der Herr: »aber Verlangen ist Eins;
Zahlen hingegen ein Anderes. Ich habe keinen Weisspfennig mehr in der Tasche.
Alles ging gestern drauf in Wein, Imbis und Brettspiel. Der alte Narr muss
warten.«
    Vollbrecht schüttelte den Kopf. »Ich zweifle, Herr,« sprach er hierauf,
vorsichtig die Türe öffnend. - »Der Mensch sagte mir erst vorhin, er werde nach
Pferd und Zaum greifen, wenn nicht noch heute Morgen alles getilgt würde, was
darauf gegangen ist in dieser Woche.«
    »Kreuz! Stein und Dorn!« brach der Junker los, nach der Klinge fahrend, dass
Vollbrecht, - solcher Auftritte nicht ungewohnt, - sich hinter der Türe barg:
»was bildet er sich ein, der Wormser Lump? Streckt er eine Kralle nach meinem
Gaul aus, so haue ich sie ihm ab. Gleich soll er kommen, - gleich, und auf der
Stelle; ohne Säumen!«
    Vollbrecht sprang die Treppe hinab. Der Junker stülpte trotzig den Hut auf
den Kopf, und schritt, eine Anrede an den Herrn des Rebstocks im Sinne ordnend,
ungeduldig auf und nieder. Bald erschien auch der Gerufene, das verhängnisvolle
Kerbholz tragend, aus dem die ziemlich beträchtliche Schuldsumme des Gastes
eingeschnitten zu sehen war.
    »Wie viel beträgt meine Zeche?« fragte der Letztere barsch, als strotzten
seine Taschen von Golde.
    »Zwanzig Turnosen, drei Pfenninge für den Herrn, den Knecht und das Pferd;«
antwortete der Wirt vom Rebstock sehr freundlich.
    »Ein Bettelgeld,« prahlte der Fremde: »obgleich die Zeche übertrieben
teuer. Aber wie gesagt, ein Bettelgeld, wegen dessen Du mir keine Umstände
machen wirst, guter Freund. Nicht wahr?«
    »Nicht die Geringsten,« erwiederte der Wirt: »Ihr habt nur zu bezahlen, und
meine schlechte Schenke ist wieder ganz zu Euern Diensten.«
    »Du bist hartörig, mein Freund!« sprach der Gast mit vornehmem
Augenzwinkern: »Ich hatte gestern Unglück im Spiel, und der Martinschmauss hat
mich viel gekostet. Heut kann ich Dich nicht befriedigen, aber sobald ich
wiederkehre von Costnitz, soll Dein sein, was Dir gehört.«
    Der Wirt sah den Sprecher einen Augenblick an, .. zuckte die Achseln und
ging nach der Türe. - »Wohin gehst Du?« fragte ihn der Andere.
    »Ich gehe, den Stall zuzusperren;« versetzte der Bürger kalt: »Müsst Ihr gen
Costnitz, mögt Ihr zu Fusse gehen. Euer Pferd bleibt hier zurück, bis mein ist,
was mir gehört.«
    »Wie?« fuhr der Gast auf: »Du ungeschliffener Wirt! weisst Du, mit wem Du
also sprichst? Ich bin der Edelknecht Gerhard von Hülshofen, und darum nicht zu
Schild und Helm geboren, um mir von einem elenden Reichsstädter Schmachreden ins
Angesicht sagen zu lassen.«
    »Ich kenne Euch wohl;« erwiederte der Wirt: »Wer sollte den verwegensten
Gesellen am Rheinstrome nicht kennen, den der wohlweise Rat von Frankfurt als
seinen Kämpfer und Turnierfechter gedungen; der zwar keinen Gegner unbezwungen
lässt, aber auch keinen Becher ungeleert, keine Dirne ungeneckt, und keinen
Herberger ungeprellt. Darum eben nehme ich Euren Gaul.«
    »Das Pferd gehört meinen Herren von Frankfurt,« rief der Edelknecht patzig.
    »So mögen Eure Herren von Frankfurt es auch auslösen;« versetzte der
Gläubiger gleichgültig. »Der ehrsame Rat wird einen Reichsbürger nicht schädig
gen lassen an seinem Gut durch einen Dienstmann.«
    »Ich bin ein Edelmann, Bursche;« brauste der Junker; und wenn ich
Spiessbürgern diene, so geschieht es aus gutem Willen, und nicht ...
    »Lieber Herr;« erwiederte der Wirt: »Ich vermag eines Adlichen Tun und
Lassen nicht zu schätzen; allein ich wollte, Ihr hättet Euern Martinstag wo
anders zugebracht. Ich hab Euch nicht geladen, und will folglich Eure Zehrkosten
nicht aus eignem Seckel bestreiten. Darum nehme ich Euern Gaul und damit genug.«
    »Unterstehe Dich!« rief Gerhard: »Plumper Wicht! Glaubst Du, meine Freunde
werden mich verlassen?«
    »Ei, Herr Junker,« sprach der Wirt lächelnd: »Ihr seid zu alt in der Welt
geworden, um das im Ernste sprechen zu können. Freunde werden Feinde, sobald sie
helfen sollen. Und vollends die Euren, mit denen Ihr acht Tage gezecht und
gewürfelt habt. Die Einen sind auf der Landstrasse besser zu Hause, als in ihren
vier verschuldeten Pfählen. Die Andern sind verdorbene Bürgerssöhne, die Gewerb
und Fleiss an den Nagel gehängt haben, um das väterliche Erbe ohne Verzug durch
die Gurgel zu jagen. Solche Martinsmänner sind aber den Wirten nur bis zu einem
gewissen Zeitpunkte willkommene Gäste. Doch horch; .. mich dünkt, ich höre ihrer
Etliche die Stiege heraufstürmen. Versucht Euer Heil, Herr. Zwanzig Turnosen -
die Pfenninge erlasse ich Euch - öffnen die Stalltüre, und geben Euerm Gaul
freien Pass nach Costnitz. Kein Albus weniger! Verlasst Euch darauf.«
    Der Wirt ging ruhig von dannen, und an seiner Statt tobten vier
Männergestalten herein, denen man die Ausschweifungen verwichener Nacht nicht
wenig ansah. »Guten Tag! Bruder Hülshofen!« brüllten sie im Chor und schüttelten
dem Verdrüsslichen die steifgewordenen Hände? »Wie geht es? wie geschlafen? warum
ists hier so verteufelt kalt?« - Gerhard zögerte keinen Augenblick, ihnen die
unangenehme Lage, in der er sich befand, zu eröffnen. Die Freunde lachten aus
vollem Halse, und konnten sich gar nicht lassen vor mutwilliger Lust.
    »Nun, das nenne ich doch in der Brühe sitzen!« rief der baumlange Wernher
von Hyrzenhorn: »So fröhlich wurde die Gans eingeläutet, und so traurig ist der
Nachtisch!«
    »Was ist aber da zu tun!« sprach Wolf von Eppenstein: »Ich will dem
Schwarzen sein mit Haut und Haar, wenn ich Dir helfen kann, Bruder Gerhard. Du
weisst, dass uns der Sattel das tägliche Brod verschafft, - und Deine Diensterren
gerade, - dass sie Gott verdammen möge! - haben es uns so geschmälert, dass es
eine Sünde ist. Die Conziliumsfahrer haben unserm Seckel zwar etwas eingebracht,
aber Weib und Kind wollen auch leben, und Martinstag will auch gefeiert sein. Da
haben wir uns denn hier zusammengetan, in Fried und Eintracht die Milch unsrer
lieben Frauen reichlich genossen, und müssen dafür Morgen kahl wieder abziehen.«
    »Hilf Dir selbst!« rief der wilde Hornberger Veit: »Brich die Stalltüre
auf, und reite dem verdammten Kneibenwirt vor der Nase weg. Ich helfe Dir, und
je mehr Auflauf es gibt, desto besser.«
    »Die Frankfurter setzen mich auf den Eschenheimer Turm, erfahren sie
dergleichen,« versicherte Gerhard kopfschüttelnd. - »Euch aber, meine Freunde,
fuhr er fort - Euch wäre es ein Leichtes, mir zu helfen, - denn das Frühjahr
bringt Euch wieder Messleute und Marktschiffe, die Euch das kleine Darlehen
reichlich ersetzen, - kann ich's bis dahin nicht erstatten.«
    »Ich schwöre einen körperlichen Eid, dass ich nicht helfen kann!« beteuerte
der Herr von Hyrzenhorn, und der Eppsteiner holte eine in vergoldetem Kupfer
gefasste Reliquie des heil. Marcellinus aus seinem Wamms, auf welche alle drei
Edelleute in aller Eile und bester Form den teuersten Schwur leisteten, dass sie
ausser Stand seien für ihren gemeinsamen Freund das Geringste zu tun. - Gerhard,
wohl wissend, ein solcher Eid mache ein unwiderrufliches Ende, - sei er auch
noch so falsch, - wendete sich alsdann zu dem vierten Freund, der bis jetzt ein
stummer Zuhörer des Auftritts gewesen war. »Werde ich auch bei Euch vergebens
anhalten, lieber Trautwein?« sprach er zuckersüss: »Ihr habt des Vermögens viel,
habt mir gestern erst im Rosengarten all mein Klingendes abgenommen, und werdet
wohl nicht anstehen, mich der unverdienten Schmach zu entreissen.«
    Der Goldschmid lächelte aber eiskalt, zuckte die Achseln, und erwiederte:
»Gestrenger Herr; im Handel und Wandel braucht man sein Geld, und dass des
Letztern nicht zu viel werde, sorgen schon treulich Kaiser und Reich, die
Ehewirtin und ihre Kinderlein, und die Herren vom Stegreif. Deshalb bin ich
ausser Stande etwas zu tun, als Euch die fünf Schillinge nachzulassen, die ihr
mir noch gestern auf Euer Wort schuldig wurdet.«
    »Ich wollte, alle Martinsfeuer, die gestern brannten, um Wetterschaden zu
verhüten, schlügen über Euch alle zusammen, und kochten Euch zu Brei und Muss;«
rief Gerhard in hohem Unmut: »Mein Gaul, mein armer Gaul!«
    »Uebermorgen soll ich in Costnitz sein. Ich hab's den Schöffen Holzhausen
und zum Braunfels in die Hand geloben müssen. Der Kaiser gibt ein Turnier, auf
dem ich zu Frankfurts und des Reichs Ehre mitstechen soll. Ich bin ewig
beschimpft, erschein ich nicht auf diesem Rennen. Und ohne meinen Roland, ohne
mein gutes Pferd komme ich nicht hin, kann ich nicht mitkämpfen.«
    »Schlimm! sehr schlimm!« meinten die adelichen Herrn, und machten Miene zu
gehen. »Willst Du einen Römer Würzwein annehmen, so komm' mit uns!« sprach der
Horaberger gutmütig, aber Gerhard verweigerte alles mit Ungestüm, und liess die
adelichen Brüder und Freunde ohne Widerrede ziehen. Trautwein blieb an der Türe
zurück.
    »Hört noch ein Wort, lieber Herr,« sprach er mit einiger Teilnahme: »Ob es
gleich grimmig kalt in Eurer Stube ist, bin ich doch hinter jenen rohen Gesellen
zurück geblieben, um Euch einen Rat zugeben.«
    »Nun?« fragte Gerhard unwirsch auf und niedergehend. »Der Kaiser gibt wohl
übermorgen kein Rennen zu Costnitz, indem er noch in Aachen auf seiner Krönung
verweilt,« sagte Trautwein; »allein Eure Lage ist doch misslich, und liegt ausser
meinen Grundsätzen und Kräften, Euch zu dienen; aber es gibt noch andere Leute,
die es vielleicht gerne tun, wenn einiger Gewinn dabei zu verspüren ist.«
    »Wer sind diese Leute?« fragte Gerhard aufmerksam werdend.
    »Ei nun,« sprach der Goldschmid zögernd: »Es sind unsers heil. römischen
Reiches liebe Kammerknechte« ..
    »Was?« fuhr Gerhard auf: »Juden? Hebräer? Seid Ihr toll geworden mit
Einemmale?«
    »Wie so?« fragte Trautwein gleichgültig: »Hebräisch Geld zählt wie das
unsere; es kömmt ja ohnehin nur aus christlichen Taschen. Fürsten und Herren
wissen das wohl.«
    »Hm!« sprach Gerhard überlegend: »Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich
gehütet den Galgenvögeln in die Hände zu fallen, und in meinem fünfzigsten Jahre
... indessen ... wer weiss ... damit ich nur fortkomme ... wo gelangt man zu dem
Gesindel? Ich will gleich ...«
    Der Goldschmid hielt ihn zurück. »Ihr werdet doch nicht am hellen lichten
Tage ...?« sagte er missbilligend: »In eigener Person ...?«
    »Ihr habt Recht;« antwortete Gerhard: »Es ist wegen des Geredes ... also
will ich mich gedulden ... diesen Abend, sobald es dunkel ...«
    »Behüte;« fiel Trautwein ein: »Es ist bei zehn Pfund Heller Strafe verboten,
bei Nacht in ein Judenhaus zu gehen, um zu leihen oder zu zahlen.«
    »Aber beim Donner! was soll ich denn tun?« fragte Gerhard ärgerlich.
    »Abwarten, bis ich Euch einen vertrauten Mann schicke, mit dem Ihr alsdann
handeln könnt;« versetzte Trautwein.
    »Einen vertrauten Mann, durch den es die ganze Stadt erfähret, von welchem
Rocken ich spinne, nicht wahr?« -
    »Gerade im Gegenteil. Ich weiss einen, der, wenn ich nicht irre, in der Nähe
von Frankfurt zu Hause ist. Ein verschwiegener Mann, mit dem ich selbst manch
Geschäft gemacht. Ist er gerade hier, kann er vielleicht bewogem werden, Euch zu
helfen. Mich dünkt, ich sah ihn gestern unweit von dem Dalbergschen Hause in der
Kämmererstrasse. Ich sende ihn Euch, und will besorgen, dass mein Gevatter
Rebstockwirt Euch zum mindesten ein Feuer anmache in dem Ofen.«
    »Nun, so geht, so geht, und plaudert nicht lange!« drängte Gerhard, und
schob ihn zur Türe hinaus. Alsdann fieng er wieder seine gewöhnliche Rennbahn
in der Stube an, rieb sich die Hände, die Stirne, brummte einen Fluch nach dem
andern, und schwor sich zu, in der Folge nie mehr auf Freunde sich zu verlassen,
seine Zeche immer nach der Habe zu richten, oder, ... wollte er einen Wirt
prellen - die Sache gescheuter anfangen. Ein leises Schluchzen und Weinen
unterbrach den Lauf seiner Gedanken, und da es sich hinter den Vorhängen des
mächtigen Himmelbetts vernehmen liess, so fiel ihm mit einem Male der Gedanke an
den Knaben, den er gestern aufgenommen, siedendwarm auf die Brust. Er eilte zum
Lager, und sah das vier- bis fünfjährige Kind aufrecht sitzend, und eng in den
groben Mantel gewickelt, aus dem nichts hervorguckte als der braungelockte
Kindskopf, mit blauen von Tränen überfliessenden Augen. Der Knabe fuhr etwas
zusammen, da er das kupferrote mit dichtem Bart versehene Gesicht seines
Findelvaters gewahr wurde, aber bald beruhigte er sich wieder in etwas, da er
sich deutlich erinnerte, dass ihn derselbe Mann gestern von der offenen Strasse
genommen, und den Müden erwärmt, aufs Lager gebracht hatte. Er streckte ihm die
kleinen Arme bittend entgegen, und sah ihn mit einer Wehmut an, die ihm fast
das Herz abzudrücken schien. Der rauhe Hagestolz fühlte sich gerührt und
angezogen von der hülflosen Unschuld des Kindes, und nahm es, in Mantel und
Decken gehüllt auf seinen Schoos. »Komm her,« sprach er, »und lass uns vernünftig
reden, mein Junge! Wir haben gestern Abend nur flüchtige Bekanntschaft gemacht.
Heute wollen wir's einbringen. Wie heissest Du, mein Kind?« - »Hans!« antwortete
der Knabe mutig und vernehmlich. »Und Dein Vater?« - »Ich habe keinen mehr.« -
»Doch eine Mutter hast Du?« - »Ja, die Mutter und die Gundel.« - »Wie nennt sich
Deine Mutter?« - »Ich weiss es nicht.« - »Wo wohnt sie aber?« - »Ach, weit, weit
von hier!« - »So? demnach nicht hier in der Stadt?« - »Wir sind drei Tage
gefahren, bis wir angekommen sind. No ist denn aber die Mutter?« - »Ja, wenn Du
das nicht weisst ...« - Der Knabe schüttelte traurig den Kopf. »Sage mir doch,
Hänschen,« fuhr Gerhard neugierig fort: »Wie lange bist Du denn hier?« - »Ich
heisse nicht Hänschen,« versetzte der Knabe: »Hänschen hat vier Füsse, und ich
habe zwei; darum heisse ich Hans. Hänschen ist aber zu Hause geblieben. Wirst Du
mich wieder heimbringen, fremder Mann?« - »Wenn ich weiss, wo Deiner Mutter Haus
steht, mein Knabe.« - »Ach, es ist fern, recht fern. Wir haben dreimal
geschlafen, ehe wir gestern in der Nacht ankamen.« - »Wie kamst Du denn auf die
Strasse?« - »Ich weiss es nicht - auf dem Wagen schlief ich ein, und auf der Erde
bin ich aufgewacht. Ach, wie war es so kalt, da Ihr mich aufnahmt. Die Mutter
muss mich verloren haben.« - »Wie war die Mutter gegen Dich?« - »Böse, lieber
Mann, immer böse und finster. Aber Gundel ist herzensgut, und zu ihr möchte ich
lieber als zur Mutter, und auch zu Hänschen lieber als zur schwarzen Mutter.« -
»Zur schwarzen Mutter? Warum nennst Du sie so?« - »Sie ist immer schwarz
gekleidet, und hat so dunkle Augen; aber Gundel hat helle, und geht immer grün
oder rot. Hänschen ist weiss und braun.« -
    Der Junker schüttelte bedenklich den Kopf, und zweifelte nicht mehr daran,
dass der Knabe mit Vorbedacht zurückgelassen worden sei, auf der Durchfahrt durch
die Fremde, im nächtlichen Dunkel verhüllten Stadt. Aus dem Knaben war übrigens
nichts herauszubringen, als dass der Mutter Haus auf einem Hügel stehe, unfern
von einem Strome, dass viel Waldung und ein Dorf sich in dessen Nähe befinde, und
nicht allzuweit eine Stadt, in der sich das Kind besann, vor einiger Zeit
gewesen zu sein, zur Zeit eines Jahrmarkts. Ueber den Namen seines mütterlichen
Hauses, des Stroms, der Stadt, war er in wahrscheinlich geflissentlicher
Unwissenheit erhalten worden. Fern von Jugendgespielen und Gefährten seines
Alters kannte er niemand, als die schwarze Mutter, die er nicht liebte, die
freundliche Gundel, nach der er sich sehnte, und das vierfüssige Hänschen, das er
am schmerzlichsten vermisste. Gerhard ersah aus Allem, dass ihn seine,
grösstenteils vom Wein erregte Weichherzigkeit hier in eine sonderbare Historie
verwickelt hatte, und ihm wahrscheinlich eine Last zugefallen war, die er bei
der äussersten Beschränkung seiner Lage nicht auf die Dauer würde tragen können.
Eine plötzliche Vermutung ergriff ihn; und er durchsuchte die Kleider des
Kindes nach Geld oder Kleinodien, die vielleicht dem Finder als eine
Entschädigung zugedacht sein möchten; doch war sein Bemühen umsonst. Keine
Blechmünze, kein armseliger Hohlpfennig war bei dem Verlassenen zu finden.
Ausser dem höchst einfachen Gewande des Kindes trug es nichts an sich. Unmutig
stellte er den Knaben nieder, und ging, von Neuem gegen sein Geschick grollend,
auf und ab. Das Kind schmiegte sich indessen stille und in sich gekehrt an den
durch Trautweins Vorsorge erwämten Ofen, und weinte nur von Zeit zu Zeit vor
sich hin, teils im Andenken an die gute Gundel, teils im Bewusstsein des
quälenden Hungers, den es verspürte. Ein Glück war es, das Gerhard in der Tasche
seiner Pluderhosen noch ein sogenanntes Martinshorn auffand, ein Gebäcke, mit
dem er alsobald den seufzenden Knaben beschwichtigte, .... zum Mindesten auf
Augenblicke. Indem er jedoch mit sich selbst zu Rate ging, wie die esslustige
Bürde vom Halse zu schaffen, und sein eignes betrübtes Verhältnis zu wenden sei,
liess sich von Aussen ein schlürfender leiser Tritt vernehmen, und ein demütiges
Pochen erklang an der eichenen schwerfällig verzierten Türe. Gerhard öffnete
schnell, und vor ihm stand Einer aus dem Volke Abrahams. Seine Statur bot nichts
Ausgezeichnetes dar, noch weniger seine Kleidung, die den wandernden
Handelsjuden bezeichnend, in Schnitt, Farbe und Gestalt höchst unbedeutend
erschien. Aber das Gesicht, das aus dem unscheinbaren grauen Kittel und aus dem
schlecht gefälteten Kragen heraussah, war auffallend genug. Ein nicht fern von
den fünfzigen stehendes Antlitz mit Spuren tiefen Kummers entweder, oder
schwerer Erschlaffung, bleich und hager, war von Augen belebt, die, wenn gleich
etwas klein, an Lebhaftigkeit und stechender Schärfe mit denen der Eidechse
wetteiferten. Die kahle Stirne, von wenigen, dünnen und grauen Locken besetzt,
gab grossen Spielraum der Beweglichkeit von Gesichtszügen, die wie die
Schlangenwege eines Labyrints sich nach allen Seiten in merkwürdiger
Verschlingung ausdehnten. Eine breite Narbe, die quer von dem rechten Schlaf
sich über Wange und Nase herüberzog, bis zu dem linken Ohrläppchen, schied das
Gesicht so zu sagen, in zwei ungleiche Hälften. Die Nase vorspringend und
gebogen, zeugte von orientalischer Abkunft, und die Form des Mundes wäre gut
geraten zu nennen gewesen, hätte sich nicht in der etwas hängenden Unterlippe
jener, aber schon angedeutete Charakter der Abspannung offenbart, der nicht
vermögend ist, einem menschlichen Angesichte etwas Angenehmes mitzuteilen. Der
Bart, kurz, kraus, grau und schwarz gemischt, passte zu dem Uebrigen. - Der Jude
neigte sich untertänig vor dem Edelknecht, ohne ein Wort zu sprechen. - »Wer
bist Du?« fragte ihn der Letztere barsch und kurz. »Was willst Du hier?«
    »Was ich hier soll, möchte ich wissen, gestrenger Herr;« erwiederte der Jude
mit unterwürfigem Tone: »Der achtbare Meister Trautwein sendet mich zu Euch. Er
sagte mir, Ihr könntet meine Dienste brauchen, und somit biete ich sie Euch an.«
    »Trautwein?« fragte Gerhard. - »Durch seine Empfehlung bist Du mir
willkommen, insofern Du nicht hier in Worms geboren oder ansässig; denn ich
fordre, dass Du schweigest.«
    »Gestrenger Herr Ritter;« versetzte der Jude wie oben: »Ich weiss zwar nicht,
wie Ihr könnt hegen Zweifel an der redlichen Verschwiegenheit meiner
Glaubensgenossen hier zu Worms. Es sind die Besten von unsern Leuten, .. die
schon vor der Geburt Eures Erlösers eine Synagoge gehabt haben in dieser Stadt,
und diese Synagoge hat durchaus nicht gewilligt in den Tod Eures Messias, der
nur darum sterben musste, weil die Entfernung zu gross ist zwischen dem Rheinstrom
und Jerusalem, und der Bote von der Schule zu Worms um einige Stunden zu spät
gekommen ist, mit der Verwendung von den Wormser Rabbinern und Aeltesten. Nenn
Ihr indessen demungeachtet Grund zu glauben habt, unsere hiesigen Brüder zu
beargwohnen, so vertraut Euch mir. Ich stamme von Friedberg, und dieses Zeichen
auf meinem Rocke mag Euch beweisen, dass ich nicht von hier bin, wo dies
Schibolet in Vergessenheit geraten ist.«
    Hier zeigte er auf den Ring von gelber Seide, den jeder Jude in und um
Frankfurt auf der linken Brust tragen musste. Gerhard, ungeduldig, die missliche
Angelegenheit ins Reine zu bringen, machte dem Juden eine ausführliche
Beschreibung seiner Lage, und verlangte ein Darlehen auf Wort, Schrift und
Glauben. Seine eindringlichen Worte, seine ziemlich herrische Forderung
verrieten wohl, dass er eine abschlägige Antwort nicht im Bereich der
Möglichkeit vermute; um so mehr befremdete ihn das überlegende und durchaus
nicht billigende Kopfschütteln seines Gegenübers. Nach langer Pause sprach der
Jude endlich: »Seht, werter Herr. Wir halten auf das, was die Väter sagten und
uns einprägten. Ben David, sagte der Meinige, dem einst das Paradies sei,
öfters: Hüte Dich, grossen Herren und Kriegsleuten aus das blinde Wort, auf das
leere Geschrift hin zu vertrauen. Das Wort verweht der Wind, und das Papier
zerhaut der Degen, der auch im besten Fall nie richtige Zinsen zu zahlen geneigt
ist. Baare Münze lacht; ein gutes Pfand macht Mut. - Ich habs nun immer so
gehalten, und Euch, lieber Herr, soll geholfen sein, wenn Ihr mir Bürgschaft
stellt in Dingen von Gewicht und Wert, oder im Wort eines wackern Mannes, dem
die Rechtschaffenheit wert ist, soll er sie auch nur gegen Juden beweisen.«
    »Da steckt eben der Knoten!« polterte Gerhard: »Auf Pfand und reichliche
Bürgschaft kann jeder Fastnachtsnarr Kappe und Peitsche leihen. Ich habe keine
Kleinodien, nichts von Wert, als meinen Gaul, und von ihm trenne ich mich um
keinen Preis.« -
    »Das glaube ich;« versetzte Ben David: »Das ist ein Pferd! Gott! ich habe
Euch gestern reiten sehen, als der heilige Martin in der Procession. Ihr ward so
stattlich, und das Pferd so geputzt und so blank; ... nein! einen solchen Gaul
gibt man nicht her!« -
    »Wie soll ich aber aus dem verdammten Worms kommen? rief der Junker: Willst
Du die Bürgschaft der Herren von Eppstein, von Hornberg und von Hyrzenhorn?«
    »Was soll mir die Bürgschaft von diesen Herren?« fragte Ben David: »Sie
sitzen mir zu hoch, und haben mich selbst schon zu oft gepfändet, als dass ihr
Wort mir ein gültig Pfand sein könnte« Ja, - wenn es der edle Herr von Dalberg
wäre, der wackre Kämmerer von Worms, unsers Glaubens Beschützer; .. oder nur der
Meister Trautwein, .. aber .. setzte er lächelnd hinzu: »Der Erste kennt Euch
nicht, und der Zweite ist zu klug, um jemals sich zu verbürgen.«
    »Kreuz und Dorn!« fuhr Gerhard auf: »Mach' mich nicht wild, elender
Hundsjude. Ich will Dich lehren, mein adelich Wort zu ehren. Zur Stelle wirst Du
mir gehorsamen! Einem Fürsten oder dem Krämermagistrat einer Reichsstadt seid
Ihr gleich zu Willen mit Geld und Gut. Aber einen wackern Edelmann lasst Ihr
verderben.«
    Der Jude zuckte die Achseln. »Fordert die Stadt unser Geld,« sprach er kalt:
»so gehts mit Stürmen los auf unsere Habe, und der Gewalt weichen wir. Der
Kaiser gibt uns Schutz, und nennt uns seine Kammerknechte; und da wir zufrieden
sind, wenn wir atmen dürfen, wenn gleich als Knechte, so geben wir gern dafür,
was unser ist. Dem einzelnen steht aber nicht die Befugnis zu, uns gewaltsam zu
plündern, zum mindesten nicht in Worms, wo wir eines billigen Schutzes uns
erfreuen.« -
    Bei diesen Worten näherte er sich der Türe, um das Gemach zu verlassen.
Gerhard jedoch, von der Nodwendigkeit des Augenblicks bedrängt, wollte ihn
aufhalten, und gab von seiner Störrigkeit vieles nach, indem er ihm sagte: »Es
war nicht so übel gemeint, Ben David. Du solltest aber auch einen ehrlichen Mann
nicht so lang auf die Folter legen.«
    »Alle Ehrfurcht vor Eurer Ehrlichkeit;« erwiederte der Jude: »aber Euer
Benehmen macht mich nicht lüstern auf ihre nähere Bekanntschaft.«
    »So lass doch mit Dir reden;« fuhr Gerhard fort, ihn zurückhaltend. »Ich will
mit Dir handeln, wie ich es mit einem braven Christen tun würde, und mit einem
ebenbürtigen Manne, während Du doch keiner von Beiden bist. Ich verschreibe Dir
Zins und Rückzahlung bis zum Sonntag Lätare, kommenden Jahrs mit meinem Namen
und Wappen; und mit der Klausel, dass, wofern ich Dir bis dahin nicht gerecht
werden könnte, ich, mein Einlager mit zwei Knechten und drei Pferden hier im
Rebstock halten will, bis Du befriedigt bist.«
    »Ei! ei! bei meinem Bart! was mutet Ihr mir zu?« fragte Ben David. »Da
sässen zwein im Unglück statt des Einen. Ich, weil Ihr mir meine Schuld nicht
bezahlt, - der Wirt, weil Ihr Euer Einlager nicht bezahlt. Nein; bin ich gleich
ein Jude, will ich doch nicht einen braven Christen, wie diesen Rebstockwirt,
in Schaden bringen. Ich sehe schon; Ihr würdet mir noch anbieten Eure Hausfrau
als Pfand, wenn Ihr nicht unbeweibt wärt. Gott befohlen!«
    »Jetzt hast Du Zeit zu gehen, verdammter Spötter!« tobte der Junker, und
erwischte sein grosses Fechterschwert, das er drohend gegen den Juden schwang:
»Hinaus! oder ich lege Dir den Solinger so um die Ohren, dass du vielleicht
nachher keine Spur von ihnen findest!«
    Ben David wollte schnellfüssig aus der Türe. Indem sprang aber der kleine
Hans, der bisher hinter dem Kachelofen gelauscht hatte, ängstlich schreiend
hervor, und hing sich an Gerhard, entsetzt von dem gewaltig drohenden Schwerte,
und einen schrecklichen Auftritt fürchtend. Der Junker hielt inne, und beugte
sich zu dem Knaben, ihn zu beruhigen. Während dessen hatte aber Ben David einen
Blick auf den Letztern geworfen, einen Augenblick teils überrascht, teils
überlegend verbracht, und sich endlich wieder gelassen über die Schwelle in das
Zimmer verfügt. »Was willst Du noch hier?« schnauzte ihn Gerhard an, als er nach
flüchtiger Liebkosung des Findlings wieder in die Höhe sah.
    »Mit Verlaub, gestrenger Herr!« sprach Ben David, das linke Auge auf den
Erzürnten, das rechte auf das Kind richtend: »Ist das Euer Knabe?«
    »Kümmerts Dich?« fragte Gerhard, wie oben. - Der Jude verneigte sich
geschmeidig, schüttelte leicht den Kopf. »Um des Knaben Willen möchte ich dann
mit Euch ins Reine kommen.« Fuhr er fort. -
    »Ich bedaure;« versetzte Gerhard: »Der Knabe ist nicht mein; obendrein eine
sehr unnütze widerliche Last.«
    »Eine widerliche Last muss man sich schaffen vom Halse;« meinte Ben David und
erkundigte sich, neugierig, nach seines Volkes Sitte, um die nähere Bewandtnis,
die es mit dem Kinde habe. Gerhard machte auch kein Geheimnis aus der Art, wie
er zu demselben gekommen, und aus seinen Mitteilungen, wie unvollkommen sie
auch sein mochten. Der Jude hörte aufmerksam zu, und in den Muskeln seines
Gesichts zeigte sich eine auffallende Bewegung, die einem bessern
Menschenkenner, als es Gerhard war, unmöglich hätte entgehen können.
Gleichgültig jedoch, dem äussern Anscheine nach, wiegte er den Kopf und sprach,
nachdem Gerhard geendet: »Es ist seltsam, wie das zusamentrifft. Der Knabe hat
nicht Vater, nicht Mutter, denn die ihn böslich verlassen hat, ist so gut als
todt. Und zufälligerweise kenne ich eine traurende Mutter, die geben würde, was
in ihren schwachen Kräften steht, könnte sie einen Sohn dafür erhalten, in dem
gleichen Alter dessen, den ihr ein frühzeitiger Tod entriss. Ueberlasst mir und
der jammernden Mutter diesen Verstossnen, damit er noch werde die Freude eines
Menschen, und einstens stehe an seinem eigenen Herde.«
    »Ists eine Christin doch, der Du das Kind bestimmst?« schon zu der Ansicht
des Juden sich neigend.
    »Die Rechtgläubigste; die Wittwe Schechlerin in Friedberg,« versetzte Ben
David. »Sie besitzt einen kleinen Kram, der gerade hinreicht, sie zu ernähren,
und den Knaben.«
    »Die Waise zwingst Du nicht zum Judentum, und schwörst mir's zu?« fuhr
Gerhard fort, der sein erwachendes oder zweifelndes Gewissen durch leere Form zu
beschwichtigen dachte.
    »Bei dem Haupte meines Vaters schwör ichs Euch!« entgegnete Ben David sehr
ernst: »Wie könnte ich wohl einst eingehen in's ewige Jerusalem, hätte ich mit
Vorbedacht einen Menschen elend gemacht? Der Elendeste aber auf Erden ist ein
Jude.«
    »Ja wohl, ja wohl!« entgegnete Gerhard, den Sinn von Ben Davids Worten nicht
begreifend, mit verächtlichem Blicke: »Damit wir aber schnell in's Reine kommen,
... zahle fünfzig Turnosen, und führe den Knaben hinweg.«
    »Fünfzig? Du Herr meines Lebens!« rief der Jude, wie im grössten Erstaunen
die Hände zusammenschlagend: »Wo denkt Ihr hin, lieber Herr? Von zwanzigen war
bis jetzt die Rede; wie soll ich zu fünfzigen ...«
    »Dort ist die Türe!« erwiederte Gerhard trocken, und kehrte ihm den Rücken.
Ben David ging aber nicht, sondern kam näher: »Als ich gebe dreissig Turnos, gebe
ich Alles und Alles, was in meiner Macht steht!«
    »Schmutziger Schacherer!« versetzte Gerhard: »einen Menschen verkauft man
nicht um solch elendes Geld.«
    »Ich wette doch,« sprach Ben David ironisch: »Ihr verkauft mich um ein
Geringeres.«
    »Um das Vergnügen, Dich zwischen zwei Hunden aufhängen zu sehen;« brummte
der Junker: »Du hast recht. Aber einen Christen verhandelt man nicht um dreissig
Silbergroschen.«
    »Hat denn nicht Judas den ersten aller Menschen, Euern Herrn, den Born alles
Christentums um gleiches Geld weggegeben?« fragte Ben David.
    »Es konnte auch nur ein Jude solchen Handel treiben!« polterte Gerhard, rot
werdend vor Zorn: »und jetzt packe Dich. Ich fürchte ohnehin, dass ich Sünde
tue, wenn ich dies junge Leben Deiner graugewordenen Verworfenheit überlasse.«
    Ben David zuckte die Achseln, schlug seufzend die Augen gen Himmel, stellte
sich hierauf zum Tische, langte aus seinem Zwerchsack einen nicht übermässig
gefüllten ledernen Beutel hervor, und begann Geld aufzuzählen. Gerherd spielte
hiebei den Gleichgültigen, obgleich er im Innern bereits an seinem Siege
frohlockend zehrte; der Knabe, der arme Unschuldige, um dessen Haut und Haar der
ganze böse Handel ging, ergötzte sich mit kindischer Lust an dem Glanz der
Silberstücke, die aus des Juden hagern Fingern auf den Tisch rollten, und sehr
langsam und sehr bedächtig von ihrem bisherigen Besitzer in Reihe und Schnur
gestellt wurden. Gerhard konnte nur mit Mühe bei dieser geflissentlichen
Langsamkeit seine Ungeduld bändigen. Endlich schüttelte der Jude den leeren
Beutel, und sprach: »Seht da mein ganzes Vermögen: zweiundvierzig Turnosen -
nicht mehr, und nicht weniger als Alles, was ich habe. Wollt Ihr's, so nehmt.
Die fünfzig kann ich nicht voll machen.«
    »So trolle Dich, und versieh Dich ein Andermal mit mehrerem Gelde, wenn Du
zu einem Edelmann gerufen wirst;« antwortete Gerhard kalt, der nun die
Handlungsweise seines neuen Bekannten begreifen lernte.
    »Ich kann nicht mehr geben;« fuhr der Jude fort: »Ich habe nicht mehr, als
das und mein Leben.«
    »So behalte Beides in Gottesnamen und scheere Dich fort!« versetzte der
Junker mit immer grösserer Zuversicht. - »Ich finde einen andern.«
    »Ihr seid ein böser Kaufmann;« meinte Ben David und stellte sich, als wollte
er das Geld zusammenraffen. Da ihn aber Gerhard von diesem Tun nicht abhielt,
so liess er es bleiben, und holte statt dessen einen wollenen Lumpen aus seinem
Sacke, in welchem sich mehr Geld eingeschnürt befand, als in dem geleerten
Beutel gewesen war. - »Seht,« fuhr er fort: »wozu mich Eure Hartnäckigkeit
verleitet. Das ist anvertrautes Geld, und ich muss davon entwenden acht Turnos,
um sie Euch zu geben. Ich möchte mich selber schlagen in's Gesicht, dass ich das
tue, aber ich bin zu freundschaftlich für Euch gesinnt, als dass ich Euch nicht
helfen sollte aus der Not.« -
    Die fünfzig Turnosen waren voll, und behaglich lächelnd strich der Junker
das Geld ein. - »Für das Geld den Knaben,« sprach er: »auf Nimmer wieder zu
erstatten; aber erkundigen werde ich mich zu Friedberg, wie Du den Knaben
versorgt.«
    »Das könnt Ihr,« antwortete der Jude mit aller Aufrichtigkeit: »Ich schenke
dem Knaben eine wackere Mutter. Komm, Bübchen!«
    Der Kleine weigerte sich anfänglich. »Der Mann bringt Dich zur Mutter!«
redete ihm Gerhard zu. - »Ich will, lieber bei Dir bleiben;« meinte das Kind. -
»Aber auch zur Gundel und dem kleinen Hänschen!« setzte Gerhard bei. Der Jude
nickte freundlich grinsend zu dieser Zusage, und der Knabe war schnell für den
neuen Führer gewonnen. Fröhlich hieng er sich an seine Hand, und eilte, ohne
viel Abschied zu nehmen, mit ihm von dannen. So springt das unschuldige Lamm
neben seinem Herrn dahin, in harmloser Fröhlichkeit, .. nicht wissend, wird es
zur lustigen Weide, wird es zur Schlachbank gebracht.
 
                                Zweites Kapitel.
 Ein schlicht Gewand
 Deckt in der Welt
 Gar oft den Mann
 Der in der Hand
 Den Zepter hält
 Wie's ihm gefällt:
 Wer sieht's ihm an?
                                                                        Ballade.
»Schon gesattelt und aufgezäumt?« fragte ein junger lebhafter Mann von
ausnehmend schöner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkes von
Hülshofen, der den erlösten Gaul mit der Reisedecke schmückte. - »Dachte nicht,
dass es schon so weit sein würde, nachdem was ich gehört!« -
    Sprachs, und stand mit wenig Sprüngen in der Maienstube vor dem Edelknecht.
Dieser sass bei einem Passglase Malvasier, und kanzelte den demütigen Wirt zum
Rebstock auf gut deutsch ab, wegen seines unziemlichen Benehmens gegen fremde
ehrsame Edelleute. Da er jedoch des Besuchs ansichtig wurde, schickte er kurz
abbrechend den Kneipenmeister zum Teufel, und wendete sich in der fröhlichsten
Laune zu dem Jüngling.
    »Sieh da!« sprach er: »Edles Herrlein, seid willkommen. Habt doch Wort
gehalten, ob schon Ihrs im Martinsjubel gabt. Ihr verschmäht es nicht, in der
Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten, der Wappen und Freiheit an
Eure Stadt verkaufen musste, um schnöden Sold.«
    »Ei warum denn, possierlicher Mensch?« fragte der Jüngling. »Wer mir auf der
Lebensbahn aufstösst, lustig, wohlgemut wie ich, ist vor Allen mein lieber
Gesellschafter, er schaue nun unter einer Grafenkrone, einer Fechterhaube, oder
einem Gugelhute hervor. - Alter Degenknopf; ich habe von Deinem gebrannten
Herzeleid gehört, und bin gekommen, Dich zu befreien aus den Schlingen der
Edomiter, die gar zu gern einhergefahren wären auf Deinem Turniergaule!« - Hier
klimperte er dem Gerhard gar anmutig mit einem gefüllten Beutel vor den Ohren.
- »Ich komme jedoch zu spät, wie ich zu meiner Freude sehe. Wie ist es Dir
möglich geworden, Du durchlöchertes Sieb, dem Handel so schnell ein Ende zu
machen?«
    Gerhard erzählte lustig, locker und frech in der Freude seines Herzens die
Art, wie er zu dem Gelde gekommen. Des Jünglings Gesicht verfinsterte sich
jedoch gewaltig, und ungeduldig stampfte er mit dem Fusse, da Hülshofen geendet.
- »Pfui! pfui! und abermals pfui!« rief er: »Zerbrich Dein Wappen und Dein
Schwert, Du geldsüchtiger alter Mensch! Bist Du nicht schlechter als der Jude,
der doch nur eine Christenseele kaufte, die Du verschleudert hast? Gerhard! ist
das eines Edelmanns würdig? Wärst Du bei Deinem Steigbügel zu Gaste gegangen,
wie die lockern Gesellen, die gestern im Rosengarten mit Dir zechten, hättest Du
die Marktschiffe geschunden, wie der grausame Hans von Rudenkheim, dessen
Rückinger Schloss mein Vater vor zehen Jahren niederbrennen half, - hättest Du
mit Scharlach gehandelt auf offner Landstrasse, ich würde um Alles dies Dich
weniger gescholten haben, als um eines Menschenverkaufs willen; denn der ist vor
allen unritterlichen Streichen der unritterlichste.«
    »Not kennt kein Gebot;« meinte Gerhard. »Hättet Ihr gesehen, wie mich der
Wirt beschimpfte, hättet Ihr gesehen, wie meine lieben Freunde mich sitzen
liessen, - hättet Ihr empfunden, wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen
war; Ihr würdet glimpflicher mit mir verfahren.«
    »Einem Juden?« fuhr der junge Mann fort: »Der arme Junge! Ich war ja dabei,
als Du ihn gefunden. Noch sehe ich sein holdes Antlitz; ich empfahl ihn Dir noch
auf das Beste, da ich Dich trunknen Mann an der Haustüre Deinem Knechte
überliess; aber was hilft das Alles! Verschachert wie Joseph an die Kinder
Ismaels! Nun, wart, wart! alter Luxbruder! Der heilige Martin wird Dir's
gedenken, wenn die Seele eines Christen durch Dich zum Teufel fährt.«
    »Ei nun;« erwiederte Gerhard: »so überlasst es auch dem heil. Martin und
brummt nicht mit mir. Was soll das Hadern? Lasst uns den Span in Minne beilegen,
und zu Gaule steigen. Geld klingt in der Tasche, und überall stehen die Fässer
uns offen. Seid Ihr schon reisefertig?«
    »Mein Pferd steht vor meiner Herberge;« antwortete noch etwas finster der
junge Mann; »lasst uns dort den Valettrunk halten, denn von Deinem mit
Christenblut bezahlten Sekt nehme ich keinen Tropfen an.«
    Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausführbar befunden,
und die Beiden begaben sich auf den Weg. Der lange Vollbrecht, ohnehin zum
Fussmarsch verdammt, machte sich eilends zum Tore hinaus, während die Herren
noch lustig im Rosengarten sich zutranken. Die rotwangige Tochter des Hauses
kredenzte den feurigen Wein, und entzückte durch ihre Liebenswürdigkeit den
jungen Mann dergestalt, dass er den Arm um ihren schlanken Leib legte, und sich
teuer vermass, er wolle ihrer selbst im Getümmel der Feste zu Costnitz eingedenk
sein.
    »Ei, seht doch!« schäckerte die erfahrne Dirne: »Der Junker will wohl gar
noch läugnen, dass er in Frankfurt eine schöne Amrie zurückgelassen, dass
vielleicht in Costnitz eine zweite seiner harrt.«
    Der Junker fuhr sich unmutig über die Stirne. »Was schwatzest Du da für
Zeug, tolles Mädel!« rief er: »Man muss Deine Schönheit schätzen, wie ich, um Dir
Deine Unverschämteit so hingehen zu lassen!«
    »Nur nicht böse, lieber Herr!« bat Dorotea: »Es ziemt mir freilich nicht,
also mit ritterlichen Leuten zu scherzen, allein dem willkommnen Mund verzeiht
man öfters eine unwillkommne Rede.« - Sie bot dem Jüngling die frischen Lippen
zum Kuss, der auch nicht verweigert wurde. - »Ihr dürft Euch übrigens,« fuhr sie
fort, »im Ernste darauf gefasst machen, Euer Herz in Costnitz zu verlieren, wäre
es auch ganz allein an die schöne Fremde, die gestern einen Augenblick hier
still hielt auf ihrer Reise nach Costnitz, und trotz der stark einbrechenden
Nacht alsobald weiter fuhr. Sie darf Euch dort begegnen, und Ihr seid
unwiederbringlich verloren.«
    »Eine schöne Fremde?« fragte der Jüngling begierig. »Jungfrau oder ...«
    »Ein Fräulein ist sie wohl nicht, denke ich;« erwiederte das schlau
lächelnde Mädchen: »aber eine Wittib ganz gewiss, eine junge schöne Wittib, der
das schwarze Trauergewand unvergleichlich zu den dunkeln Augen steht.«
    »Eine Frau in Trauer?« fragte Gerhard begierig: »die nur einen Augenblick
halten liess?«
    »Ja; sie liess sich nur einen Trunk Weins belieben, und fuhr schnell von
dannen. Ein Fuhrknecht und eine junge Gürtelmagd waren ihre ganze Begleitung.«
    »Sie ist's! ohne Zweifel!« schrie Gerhard. »Der Zufall hilft uns auf die
Sprünge!«
    Dorotea staunte. »Auf welche?« fragte der junge Mann; und gab dem vorlauten
Fechtbruder einen derben Rippenstoss, als dieser von dem gefundenen und
verkauften Knaben anheben wollte. Gerhard schwieg bestürzt, und folgte ohne
Widerrede dem Junkherr, denn, - nachdem er in Kürze von Dorotea erfragt, dass
die trauernde Fremde in der Tat den Weg gen Costnitz genommen, und vermutlich
eine jener fahrenden Frauen sei, die des Gewinns halber die Kirchenversammlung
mitzufeiern gedachten, - rasch zu Gaule stieg, und nebst seinem Begleiter Worms
bald im Rücken hatte.
    »Sage mir aber ums Himmelswillen,« begann der Jüngling nach einer Weile
unmutig, »sage mir, ob Du rein des Satans bist, Du küpfriges Gefäss? Erst
verhandelst Du eine unmündige Seele an den Moloch, und hinterher willst Du durch
Dein abgeschmacktes Gerede uns in den Mund der plauderhaften Dirne, vielleicht
auf den Scheiterhaufen bringen?«
    »Nun, nun,« fiel Gerhard begütigend ein: »Nur nicht böse; meine
Offenherzigkeit ist allzugross, und wenn die Frau wirklich die Frau wäre ...«
    »Schweig!« brummte der junge Mann: »Du wärst noch im Stande, der
Nächstbesten auf den Kopf zuzusagen, dass sie ihr Kind ausgesetzt; bloss weil sie
ein schwarzes Kleid trägt. Ich sollte mich billig aufs Neue gegen Dich erzürnen,
Du Seelenverkäufer.«
    »Lasst's sein,« meinte Gerhard. »Es kömmt bei dem Zanke nichts heraus, als
viel Geschwätz, viel Galle, und am Ende Blut, wenn die Galle überläuft. Der
heilige Martin wird die Sünde von mir nehmen, und damit genug. Lasst uns lieber
von Eurem Herzlieb reden, das Ihr in Frankfurt zurückgelassen; denn ohne Grund
wurdet Ihr nicht rot, da das Kellerdirnel Euch auf das Kapitel brachte.«
    »Pah! Schnurren und Flausen!« lachte der Jüngling. »Jede Dirne träumt nur
von Minne, und jeder gewäschige Hagestolz von unziemlicher Buhlschaft. Ich
antworte Dir darauf Nichts, als dass ich zum Dienst des Herrn bestimmt bin, und
also an kein Lieb zu denken habe.«
    Gerhard hielt plötzlich seinen Gaul an, stemmte beide Arme in die Seiten,
und brach in ein unmenschliches Gelächter aus. »Ho ho!« stammelte er unter
demselben, und wischte sich die Lachzähren aus den Augen: »Erlaubt mir, dass ich
lachend sterbe bei dem Gedanken, Euch dereinst im Chorrock mit geschorner Platte
zu erblicken.«
    »Stirb zu, alter Pickelhäring!« entgegnete ihm der Begleiter lustig: »Jetzt
hast Du die beste Zeit dazu, denn ich erteile Dir die Absolution in aller Form,
und einen so nachgiebigen Beichtvater findest Du gewiss in Deinem ganzen Leben
nicht mehr. - Was meinst Du aber mit Deinem Narrengelächter eigentlich. Denkst
Du, ich würde mich schlecht ausnehmen im Messgewand oder gar, wenn das Glück
will, in der Inful?«
    »Bewahre!« versetzte der Hülshofen: »Ick bedaure vielmehr alle Dirnen und
Frauen, die das Unglück haben, den Ort zu bewohnen, wo Ihr Chor singt, oder den
Hirtenstab regiert. Es macht mir indessen Spass, Euch mir im Pfaffengewand zu
denken, da Ihr doch augenfällig in den Panzer gehört, - mit dem Rauchfass
bewaffnet, da Ihr doch den Flamberg führen solltet von Gott und Reichswegen! -
die Kerze in der Faust, die den Sperber zu tragen geschaffen ist.«
    »Hast Recht;« sprach der Jüngling, ein wenig nachdenklich werdend: »aber was
hilft all das Reden gegen Vatergebot und Muttergelübde? Die gute Mutter! Dass sie
mich zur Welt gebracht, gab ihr den Tod; doch um dem Himmel zu danken, dass er
nur mich gesund und getrost erschaffen, vermählten mich ihm ihre sterbenden
Lippen, und gerne schied sie dahin, weil ich nur atmete. Mein Vater - Du kennst
ihn ja, - der alte Dieter Frosch, stiess sich in meiner Erziehung wenig an den
Schwur der Mutter, und liess mich adeliches Gewerb lehren. Ich lernte reiten,
fechten, wälsch, hungarisch und deutsch tanzen, Falken abrichten und der Jagd
obliegen, die Laute spielen und den Ball schlagen. Notdürftig begriff ich die
Kunst des Lesens und Schreibens, und war weit entfernt, zu glauben, dass es
jemals Ernst werden sollte mit dem Gelübde der Mutter. Aber, da mein Vater ein
anderes Weib nahm, und mir eine böse Stiefmutter gab, wurde es anders.«
    »Glaub's;« schaltete der Edelknecht ein: »Kann auch ein Liedlein singen,
wie's den Kindern erster Ehe geht.«
    »Auf einmal war ander Wetter in unsrem Hause:« fuhr der junge Mann fort.
»Die Stiefmutter ein blühendes rundes Weiblein, nicht älter denn ich damals
gewesen - nämlich achtzehn Jahren mit Haut und Haar, zog ein in des Bräutigams
Gut und Habe, - eine rüstige Abigail zu einem ergrauten David. Seinen
Reichtümern hatte die arme Freiin ihre Jugend geopfert; er hatte seine
Selbstständigkeit für die Rosen ihrer Wangen hingegeben. Der Himmel der neuen
Ehe war blau, so lang die Hochzeitsfeste dauerten, dann türmten sich
winterliche Wolken daran auf. Die Rosen wollten im Schnee nicht gedeihen;
sehnten sich nach einem andern Gärtner. Der Vater hatte nicht klug daran getan,
den erwachsenen Sohn im Hause zu halten; und ... doch es gilt Dir gleichviel,
wie es geschah, dass ich aus Liebe zum Vater mit der Stiefmutter in Unfrieden
geriet.«
    »Nur weiter; ich begreife schon;« versetzte Gerhard schelmisch lächelnd.
    »Mit einem Wort«: fuhr der Jüngling fort: »Plötzlich brach die alte Litanei
los, von dem Gelübde der Mutter, von der Verpflichtung es zu halten, und da nach
Verlauf eines Jahrs die Stiefmutter eines Söhnleins genass, war mit einem Streich
mein Schicksal entschieden. Meine Schwester älter als ich und kühner, hatte
schon früher das väterliche Haus im Zwist verlassen, und an Türingens Grenze
ein Gut bezogen, das ihr ein Oheim geschenkt, der Prälat eines Klosters in
Wälschland ist, und den sie um Schutz angefleht gegen die böse Mutter. Ich
folgte ihr bald nach, und ward zu dem berühmten Predigermönch Johannes in Obhut
getan, der das Privium und Quadrivium volle fünf Jahre mit mir durchstöberte,
und mich endlich auf den Punkt gebracht hat, wo man eingeht in das Pfaffentum.
Nun schrieb mein Ohm, der Prälat, dem Vater, und forderte ihn auf, mich ihm zu
senden nach Costnitz, we er Pflichtswegen dem Concilio beiwohnt. Ich soll ihm
gen Wälschland folgen, auf einer hohen Schule meine Studia vollenden, und durch
seinen Einfluss einer fetten Pfründe gewärtig sein.«
    »Wohl dem, der heiliger Verwandtschaft sich rühmen kann;« meinte Gerhard.
    »Und so liess ich denn Alles dahinten,« fuhr der Jüngling fort: »Haus und Hof
und Geld und Gut gehört dem kleinen Bruder Johannes, und ich überlasse ihm Alles
gern, denn er ist ein lieblicher Bube, sofern als ich mich seiner noch entsinnen
kann, bevor er seiner Gesundheit halber weggetan wurde in die Kost zu einer
Amme unfern des Königsteins. Mag er in Wohlstand leben, mag ihn die Mutter
verhätscheln, und der Vater Abgötterei mit ihm treiben; mir gleichviel. Mich
ernährt fürder der Altar, und ein faules Chorherrnleben ist eben nicht das
Schlimmste.«
    »Gott erhalte Eure Lustigkeit, Junker Frosch!« rief Gerhard: »Mit Euren
Schwänken helft Ihr Euch über Alles hinüber. Und Recht habt Ihr, beim Donner.
'Skommt nur darauf an, wie man die Sache nimmt. Seid Ihr einmal Stiftsherr,
hat's keine Not. Die beste Tafel, die süssesten Weine stehen Euch zu Gebot. Dm
Morgen verträumt Ihr im Chor, oder schwänzt die Kirche, habt Ihr gerade nicht
Lust zum Singen und Plärren. Für die Vesper mögen die Kapläne sorgen, während
Ihr in Edeltracht zu Pferde sitzt, oder hinter'm Brettspiel, oder im kühlen
Keller. Die Seelsorge kümmert Euch nicht; Ihr habt nur die Mühe, das was Ihr
gelernt, zu vergessen, und wenn Euch dann nach einem Tage voll Last und Plage
Euer seidnes Lager aufnimmt, so finden sich auch wohl ein Paar schöne Arme, die
Euch umpfangen, ohne dass der Leutpriester den Segen darüber sprach.«
    »Ei du ruchloser Gauch!« lachte der Junker: »Also verunglimpfst Du das
geistliche Leben?«
    »Straft mich Lügen, wenn Ihr könnt;« rief Gerhard in Eifer: »Tretet nur
einmal in ein vornehm Gestift und Ihr werdet mehr noch sehen. Machen's doch die
Pfaffen auf dem platten Lande auch nicht besser. Der Pfarrherr hält sein Lieb im
Hause, der Vikar sucht es ausserhalb. Der Domherr sieht keine zehnmal im Jahre
seinen Chorstuhl, und der Bischof hat das Uebermenschliche getan, wenn er die
Weihen empfing, und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhört, auf seinem
Trone sitzend.«
    »Leider hast Du Recht;« erwiederte der Begleiter. »Unfug ist eingerissen,
aber ihn zu beseitigen, ist ja die Kirchenversammlung angeordnet. Du wirst sehen
...«
    »Dass eine Krähe der andern die Augen nicht aushackt;« unterbrach ihn
Gerhard. - »Lasst nur die Wälschen hineinplaudern; so ist von vorn herein Alles
verkehrt.«
    »Vergissest Du, dass des Kaisers Majestät selbst sich alle Mühe gab, das
Concil zu Stande zu bringen? dass der beredtsame Prediger aus Böhmen daselbst
seine Lehre verteidigen, sieghaft verteidigen wird?«
    »Sieghaft?« lachte Gerhard: »Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln?
Wie machts der Jäger einem störrigen Rüden, der die Zähne weisst? Er lockt ihn
mit Schmeichelworten, und kommt der dumme Hund heran, betört von trügerischer
Freundlichkeit, so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze ehe er sichs
versieht, und der Knüttel auf dem Kreuz. - Wollt Ihr wissen, wie ichs einem
Gegner mache, dessen Fechterkünste mir gefährlich scheinen? Ich lüfte den linken
Arm, und während er nach der klaffenden Schiene stösst, und auf dem schnell
gekehrten Schild die Lanze bricht, spiesst ihn meine Glene zwischen Halsberge und
Krebs. Mein Roland schlägt seinem Pferde den Huf in die Seite, und im Sande
liegen Ross und Reiter. - Was übrigens den Kaiser angeht, der wie ein Büttel
deutscher Nation durch alle Länder fuhr, um Gotteswillen die Fürsten einzuladen
...«
    »Schweig, Lästerzunge!« fiel ihm scherzend der Andere in die Rede: »Den
Kaiser taste mir nicht an. Dagobert! sagte mein Vater beim Abschiede: Ich werde
Deine Tage segnen, so ich Dich einmal in den Würden unsers Vorfahrers sehe, des
berühmten Wicker Frosch, der Hauskaplan des höchstseligen Kaisers Caroli des
Vierten und dessen rechte Hand gewesen! - Da ich nun also, diesen Zweck zu
erreichen, mich freundlich mit dem Mehrer des heil. römischen Reichs halten muss,
so verbiete ich Dir jeden Ausfall gegen Seine Majestät.«
    »Nun in Gottesnamen!« versetzte Gerhard: »So sei denn Friede zwischen uns,
und ich empfehle Euch, als zukünftigem Kanzler des wackern Herrn, Euern
untertänigen Knecht von Hülshofen zu beliebiger Versorgung.«
    Lustig trabten sie von dannen, und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich
weiten Fahrt, die, eine vorzeitige Kälte abgerechnet, nichts Besonderes
aufzuweisen hatte. Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um. Mit gleicher
Ungeduld spähte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande, aber die
Sehnsucht Beider ward getäuscht. Näher und näher kamen sie dem Ziele, und waren
nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt, als sich endlich der Schauplatz
um sie her veränderte. Die Strassen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern,
von Reitern und Fahrenden. Eine grosse Menge von Landleuten schleppte die
Vorräte des Landes nach der Stadt, in der es summte und brauste, wie in einem
Bienenstocke. Kaufleute, Handwerksgesellen, Gaugler und Bänkelsänger zogen
Hordenweise dem gelobten Lande zu. Alle Herbergen und Schenken waren überfüllt
von fremden Gästen, die in jeder Zunge schwatzten, sangen und fluchten. Gerhard
freute sich des bunten Lebens, so lang es ihm nicht den Zutritt zum Keller
versagte, aber seine Erwartung, diese Freude von seinem jungen Begleiter
geteilt zu sehen, betrog ihn gewaltig. Der muntre Dagobert wurde unter dem
ergötzlichen Gewühl still, einsylbig, verdüstert, und blickte verdrossen vor
sich hin.
    »Lustig! Lustig!« rief ihm Gerhard mit ungestümer Teilnahme zu: »Es geht ja
hier zu, wie beim Turmbau zu Babel! Fröhlich mitgeschwommen in dem Strome des
heitern Lebens, junger leicht beweglicher Fisch! Jetzt, unter Fremden gilt's,
die blenden Schuppen zu regen, und obenauf zu rudern in träglicher Flut!«
    »Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmut;« erwiederte Dagobert. »Was ist
es anders, das meinen Geist bekümmert, als eben wandeln zu müssen unter Fremden.
Hier ist nicht mehr Deutschland. Die heimeliche Sitte der Vaterstadt gilt hier
nicht mehr, untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit, die sich breit
macht auf unsrer Erde. Und nimmer kehre ich vielleicht zurück zu dem Hause, wo
meine Wiege stand; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder, die Fluren auf denen
meine Jugend erwuchs. Ein gutgemeintes aber vorschnell Wort schneidet mich aus
dem häuslichen Leben; der Groll einer Verschmähten wirft Berge und Ströme
zwischen mich und meine Heimat! Was wird mir die Fremde bieten, die nicht meine
Sprache kennt, nicht mein vaterländisch Herz?«
    »Ihr schiebt Alles aufs Vaterland!« brach Gerhard los: »aber der Donner soll
mich erschlagen aus heitrem Winterhimmel, wenn hinter den Gedanken an die
Heimat sich nicht noch birgt das Gedächtnis an was Liebes, das Ihr
daheimgelassen.«
    Dagobert errötete und sprach nach einer Weile: »Fast möchtest Du recht
haben. Ich gestehe es selbst. Ich glaubte nicht, dass ein wohltuend Gefühl,
welches ich seit Jahren bewahre, wie man eine bescheidne Blume bewahrt im
stillen Schlafgemach, so ernstlich geworden sei. - Aber,« fuhr er, sich
ermannend, fort: »Es ist all Torheit und Schnack. Ich hätte das Blümlein nicht
vor die Brust stecken dürfen, wenn ich auch ein Laie bleiben könnte. Der Levit
muss sich ohnehin die Gedanken vergehen lassen.«
    »Ihr sprecht so zierlich, als ob Ihr bei einem alten Minnesinger in die
Lehre gegangen wäret;« meinte Gerhard: »Löblicher ist es aber noch, sich in
seine Lage finden. Ihr seid nicht dazu gemacht, für die Liebe zu sterben in der
Sehnsucht Pein. Schwer ists allerdings, ein Mägdlein zu vergessen, an das man
sich gebunden mit der Herzenskette, so lang man nur seiner gedenkt, und unnötig
ihm die Treue aufbewahrt. Aber federleicht wird's, - glaubt es mir - sobald man
sich vornimmt, Alle zu lieben, die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen
erhalten haben von dem lieben Gott. Tut ein solches und ihr werdet mich loben.«
    Dagobert lachte. - »Das ist es ja eben, was ich am meisten fürchte;« rief
er: »Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt, wie es mein Vater hat,
der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjährige umfing. Ein Paar schöne Augen
haben mir's immer angetan, wo die Minne frei walten durfte, und die Sorge,
meinem Schätzlein nicht die Treue bewahren zu können, die ich ihr im Herzen
zugeschworen, quält mich halb zu Tode. Doch diese Wolken gehen auch vorüber, wie
alle andern, und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben. -
Sieh diese herrliche Aussicht über die Stadt und den Bodensee! Sieh, wie alles
funkelt im winterlichen Mittagsglanz! Wen sollte dieser Anblick nicht froh
machen im tiefsten Leid? Horch! die Glocken läuten uns entgegen. Sie könnten
nicht feierlicher schallen, wenn Du der Kaiser wärst, und ich an Deiner Seite
heranritte, als Hauskaplan!«
    Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefühl zu ersticken,
das sich in seinem Innern bemerkbar gemacht hatte, obgleich ihm nicht recht um's
Scherzen war. Gerhard hörte ihm wohlgefällig zu, liess den Blick über Stadt, See
und Strom gleiten, und übersah es, dass der Weg an einem geringen, aber von Reif
und Novembereis geglättetem Abhang hinunter lief. Plötzlich strauchelte sein
Pferd, und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zügel des stolpernden Rolands,
konnte Gaul und Reiter vom gefährlichen Sturz erlösen. - »Kreuz und Dorn!«
fluchte der erschrockne Gerhard, stille haltend: »Das kommt davon, wenn man Euch
zuhört, und sich selbst darüber vergisst! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang!
Es wird besser sein, wenn wir, - da doch die Mittagsglocken läuten - wie andere
ehrliche Christen, von den Pferden steigen, das Käpplein unter den Arm nehmen,
und unsere Tiere betend weiter führen.«
    »So sei's, Du wackrer Christ!« entgegnete Dagobert: »Es wird nebenbei nicht
schaden, dass wir bei der Hand sind, wenn jener Reitersmann, der da vor uns
hinkleppert, sich aus dem Sattel begeben sollte. Sein Gaul tanzt wie Deiner auf
der Eisbahn, ... wie Du scheint der Mann in Gedanken versuncken, denn der Zaum
hängt schlaff, und wer weiss, wie bald ...«
    »Alle Teufel! da haben wir's!« unterbrach Gerhard sein schon begonnenes
Gebet, und er und Dagobert setzten sich in Lauf, auf die Gefahr ein Bein oder
den Hals zu brechen; denn der besagte Reiter schlug so eben zum Boden nieder,
und das Ross wälzte sich auf ihm. Die Helfer in der Not schnirten in der Eile
ihre Gäule an einer Buche fest mit dem Zügel, und eilten zur Rettung des
Gestürzten herbei. Mit vieler Mühe wurde dieser von der Last seines Pferdes
befreit, das sich mit der grössten Anstrengung aufrichten liess, und endlich,
schauernd von Schreck und Schmerz, aber unverletzt neben seinem Herrn stand.
Dieser sass, nach und nach Besinnung und Sprache wieder erlanget, auf der Erde,
und starrte die beiden Schutzengel lange an.
    »Gelobt sei Jesus Christus!« begann er endlich mit sehr tief und
vollklingender Stimme, während er sich das linke Bein rieb, auf dem sein Rappe
gelegen war: »Das war ein Sturz, wie er mir doch Zeit meines Lebens nicht
vorgekommen ist.«
    »Ihr seid doch ganz und heil, lieber Herr?« fragte Dagobert teilnehmend. -
Der Fremde zuckte die Achseln, aber ein zufriedenes Lächeln breitete sich über
sein braunes männliches Angesicht, als er nach wiederholter Ausdehnung seiner
Gliedmassen verspürte, dass sie unverletzt geblieben. -
    »S'ist noch gut genug abgelaufen!« meinte er, und wischte sich den kalten
Schweiss von der Stirne. »Hebt mich auf, ihr guten Leute; ich werde wohl mit
Gottes Hülfe allein stehen können.« Der Versuch ging ohne Gefährde glücklich
vorüber. Der Fremde stand da, seine beiden Nothelfer um ein Erkleckliches
überragend, und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen, der noch
ängstlicher zitterte, als ob er des Herrn Blick schon kenne und dessen Folgen.
»Seht da, ihr Herren!« sprach der abgeworfene Reiter: »seht da einen Gaul, der
mir schon zehen Jahre dient, und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf
getragen, um den man mich gar oftmals beneidet, und den ich Gutfreund getauft,
um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen. Ist's nicht eine
Schande, dass er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachlässigkeit? Du
böses Pferd - mit unsrer Freundschaft ist's aus: von heute an reite ich dich
nicht mehr.«
    »Wenn Ihr der Wechselpferde mehrere besitzt, ist's gut für Euch;« versetzte
Gerhard, der den schlichten Lederkoller des Reiters mit Geringschätzung
betrachtete: »Indessen hat der Gaul nur ein Versehen verschuldet. Es ist ja kein
Mensch.«
    »Wackre Freunde und treue Tiere halten sichern Schritt bis an's Ende!«
erwiederte der Fremde, die Sache ernster nehmend: »Sie sollen sein ein treuer
Stecken und Stab, der nimmer bricht, als im letzten Stündlein. Wort und Gehorsam
sollen ewig sein. Der Freund, in dessen Schoss ich nicht sicher ruhen kann - der
Gaul, der durch Trägheit oder Scheu mein Leben in Gefahr bringt - sie gelten mir
Nichts mehr. Darum fresse dieser abgedankte Träger das Gnadenbrod, so lange er
will. Er verkümmre aber unter dem Tross.«
    »Ihr seid ein seltsamer Mensch!« lachte Gerhard: »Um des Bischens Abwerfens
willen! Du lieber Himmel! Mein Roland ist mir um das Reich nicht feil, aber
abgesetzt hat er mich dennoch oft, nur nie, wo's Ernst galt. Kugelt man auch ein
wenig in den Staub, was tuts, so lange die Rippen halten? Ist Euch doch nichts
mehr nichts weniger begegnet, als dem heiligen Vater erst vor Kurzem, da er über
den Oelberg gen Costnitz zog, und sein Fuhrwerk umschlug.«
    Der Fremde brummte ein etwas unwilliges »Hm!« ergriff den Zügel seines
Rappen und zog ihn, langsam vorschreitend, nach sich. Dagobert hatte die beiden
andern Pferde herbeigebracht, und alle Drei gingen, der Fremde in der Mitte, auf
die Stadt los, die Tiere führend. Gerhard der ungern seinem Witz Fesseln
anlegte, war er einmal im Zuge, schwazte weiter im Texte: »Wie Ihr so straff und
aufrecht daher schreitet, lieber Herr! Euch kümmerts nicht, ob dieser Fall ein
böses Omen gewesen oder nicht. Doch Se. Heiligkeit ist furchtsamer gewesen, und
es dürfte leicht geschehen, dass sie Recht hatte, als sie auf dem Oelberg
ausrief: Was hat es zu bedeuten, dass uns der Unfall widerfuhr? Gott lenke es zum
Guten!«
    »Und lehre Dich schweigen, aberwitziges Schneppermaul!« platzte der Fremde
los, der, als dis Rede wieder vom Pabste anhob, die Stirne gehässig gerunzelt
hatte: »Verspotte nicht das Haupt der Christenheit, oder ...!«
    Er schwang den Handschuh der linken Faust drohend gegen den bestürtzten
Gerhard, schien aber weniger Lust zu haben, ihm denselben vor die Füsse zu
werfen, als um's Gesicht zu schlagen. Hülshofen griff nach dem Schwertknauf;
Dagobert jedoch, der schnell auf seine Seite gesprungen war, flüsterte ihm zu:
»Gib Ruhe, Raufbold! willst Du Dich ins Verderben bringen. Wir sind innerhalb
dem Weichbilde der Stadt. Du bist dem Blutbann verfallen, so Du ziehst.«
    »Dem schlagfertigen Gerhard fiel das strenge Conciliumsgesetz ein, und
murrend liess er die Klinge ruhen, einigen Schimpfworten Luft machend, und den
Fremden mit drohenden Blicken messend. Dagobert drängte sich zwischen Beide. Ihr
mögt sein, wer Ihr wollt, begann er zu dem Fremden, so bitte ich Euch, Friede zu
halten. Ein Schwank soll nicht mit Blut gesühnt werden, und wenn drei
unbedeutende Menschen wie wir zum Schwert greifen, einen tollen Handel
auszufechten, wird es dem heiligen Vater von wenig Nutzen sein. Überdies sind
wir Fremde; dass Ihr es seid, verbürgt mir Eure Mundart. Warum wollen wir den
Hals dem Gesetze dahingeben, während wir vielleicht zu einem rühmlichern Streite
aufbewahrt sind.«
    »Ihr sprecht wie ein Buch;« versetzte der Fremde lächelnd: »Ihr irrt jedoch,
wenn Ihr glaubt, dass ich dem Menschen dort zu Leibe wollte. Beim heiligen Georg!
das kam mir nicht zu Sinne. Mir stünde es wenig an, mich mit ihm gemein zu
machen. Euch hingegen kennen zu lernen, junger Mann, freut mich ganz
absonderlich. Auf stillehrbare Leute kann man sich verlassen, denke ich. Wollt
Ihr mein Freund werden, so sagt mir Euern Namen.«
    Dagobert wollte so eben, sich verwundernd, dieselbe Frage an den Fremden
richten, da kam unweit des Stadttors ein Knecht daher in weiss und rotem Rock,
entblösste, da er des Unbekannten ansichtig wurde, das Haupt, und blieb am Rande
des Weges stehen. - »Nimm dieses Pferd,« sprach der Reiter zu ihm, »und bring es
in den Stall. In Zukunft reite ich den Schimmel nur.«
    Der Knecht empfing, still sich neigend, das Tier, und einen Schritt von
Tor entfernt, fragte der Herr den jungen Frankfurter lächelnd: »Werde ich noch
nicht erfahren, wer mir aus der Not half?«
    Dagobert nannte bescheiden seinen Namen, und machte auch Gerhards Stand und
Geschlecht kund. »Mit dem Edelknecht hab' ich nichts zu schaffen;« versetzte der
Fremde barsch: »Er hat den Dienst, den er mir leistete, zu Nichte gemacht, durch
seinen ungebetenen Vorwitz in einem Ding, ob dem ich keinen Scherz verstehe. Ihr
aber, biedrer Altbürger, Ihr seid mir lieb und wert. Ohne Zweifel werdet Ihr im
Engel Eure Wohnung nehmen, da die Schöffen, Euerer Stadt Abgesandte, daselbst
die Einkehr nehmen? Recht lieb wird mir's sein, von Euch zu hören.«
    Nach einem flüchtigen Kopfnicken verliess der Mann, ohne weiter das Geringste
hinzuzufügen, die Ankömmlinge, und ging in die Stadt. Die Letztern sahen wohl,
dass die Soldwächter ehrerbietig Platz machten, die Bürger demütig Hüte und
Mützen rückten, und sotane Ehrfucht auf sie Beide sogar überging, da sie mit
dem geehrten Mann herangekommen waren. Stolz trabten sie und staunend durch das
Tor. »Ich fürchte, ich habe einen törichten Streich gemacht,« flüsterte
Gerhard dem Begleiter zu: »Der Mann ist wohl mehr, als wir Beide.« - »Möglich;«
versetzte Dagobert lächelnd, und verwies den Neugierigen an den Knecht, der mit
dem gestürtzten Gutfreund hintendrein kam. »Wie nennt sich Dein Herr, guter
Gesell!« fragte auch Gerhard den Knecht, und verstummte kleinlaut, als dieser
erwiederte: »Seine fürstl. Gnaden ist's, der gnädigste Herzog Friedrich von
Oestreich-Tyrol.«
 
                                Drittes Kapitel.
                Ein dreitausendjähriges Gesetz! Seine Wurzel, in den Pyramiden,
                seine Wipfel allentalben Schatten werfend: ein vom Blitz
                gespaltner Stamm, grünend dennoch durch die Tränenströme
                ausgestossner Sclaven! ...
Die zwischen dem Mainstrom und der Domkirche gelegene Judengasse zu Frankfurt
war mit ihren altertümlichen Häusern in das Dunkel eines späten Freitags Abends
versunken. Still und einsam war die enge und krumme Strasse, und es wimmelte
nicht mehr das geschwätzige Volk darin umher, das wohl zu den Zeiten Ludwigs des
Baiern sich darin bewegte. Das Geschick dieses Volks hatte sich seit dem Tode
jenes Fürsten nach und nach gewaltig umgestaltet, und in Folge des harten
Drucks, der sogar dann und wann in offene Schlachten ausbrach, war der
israelitische Stamm zu Frankfurt ausgegangen bis auf wenige Geschlechter. Diese
hausten nun abgezogen von der übrigen bürgerlichen Welt in ihren halbverfallnen
Gebäuden, deren Nachbarhäuser in Ermanglung der ehemaligen jüdischen Besitzer
die blutärmsten Einwohner der Reichsstadt inne hatten. Diese Letzteren, dem
bittern Mangel untertan, belauerten mit eifersüchtigen Blicken das Tun und
Treiben der Juden, die Bedürfnis und Gewinnsucht auf den Handel anwies, und die
alle List anzuwenden hatten, ihren wachsenden Wohlstand vor den neidischen Augen
ihrer Nachbarn zu verbergen. Darum liessen sie ihre Wohnungen von Aussen
verfallen, darum schlichen sie umher in der zerlumpten Tracht mit Zwerchsack und
Wanderstab, darum liessen sie den seltenen Gästen, die sich in ihre Häuser
wagten, nur die in Elend und Schmutz versunkene Unterstube sehen; darum schlossen
sie sorgfältig am Sabbat ihre Fensterladen und Haustüren, dass nicht durch die
Ersteren der Lichter Schein, durch die Letzteren der Geruch der Festspeisen
dringen und einen Schimmer von Wohlhabenheit verraten möge, der ihnen hätte
gefährlich werden können. - So waren auch heute ihre Fenster und Pforten
verliegelt und der Feierabend eingekerkert zwischen vier Mauern. Das Haus des
Ältesten unter ihnen, der in der ganzen Umgegend wegen seines Alters, seiner
Leiden und Erfahrungen hochgeachteten David Ben Jochai, machte keine Ausnahme.
Schwarz und düster sah es gleich den Übrigen in die Strasse, aber, hatte man den
endlosen finstern Hausgang durchmessen, die dunkle Wendelsteige überschritten,
und sich durch die Nacht nach dem Hintergebäude fortgegriffen, so trat man
plötzlich in einen heiter geschmückten Ort, wo der Sabbat walten durfte in
prächtiger Heimlichkeit. Eine im länglichen Viereck gebaute Stube, getäfelt an
den Wänden, und geschmückt mit Vorhängen und buntem Schnitzwerk war der
Haustempel. Ein grossblumiger Teppich bedeckte den grössten Teil des Fussbodens.
Von der Decke schwebte der siebenarmige Leuchter, unter welchem der runde Tisch
stand, überhangen mit einer rotwollenen Decke, über die erst wieder eine andere
kleinere gebreitet war, von weissem feinem Linnenzeuge. Um den Tisch, - den drei
silberne und reich gearbeitete Becher schmückten, auf einer silbernen
Kredenzplatte aufgestellt, - standen drei Stühle mit hohen goldverzierten Lehnen
und Polstern von geschornem Sammet. Unfern von der Tafel glänzte aus einer
Nische der Mauer das silberne Waschbecken, in welches, sobald man den oben
angebrachten vergoldeten Hahn umdrehte, das klare Wasser sprudelte. Feine
Linnentücher lagen zum Abtrocknen bereit. In der Ecke war der Tisch zu schauen,
der die Festspeisen trug und den blinkenden Weinkrug. Der Hintergrund der Stube
nahm aber ein auf morgenländische Weise geordnetes Lager von bequemen
Seidenpolstern ein, überlegt mit einem köstlichen gewirkten Stück. Auf diesem
Lager ruhte nun die Enkelin des Hausherrn, Ester, die an Schönheit ihres
Gleichen nicht hatte am ganzen Rhein- und Mainstrom; angetan mit prächtigen
Gewändern nach der Sitte des Vaterlands geschnitten, glänzende Gehänge in den
Ohren, und viele kostbare Ringe an den Fingern. Sie hielt eine Schnur von
farbigen Glaskugeln in den Händen, und liess sie gedankenlos auf- und
niedergleiten, - ein erlaubtes Spielwerk. Aber aufmerksam lieh sie ihr Ohr dem
Grossvater, der zu ihren Füssen sass, in eine schön gefütterte Pelzschaube gehüllt,
das silberweisse Haar mit einem Sammetkäpplein bedeckt. Wer ihn betrachtet hätte,
den alten Mann, wie er so da sass, gebückt von den Jahren, die Ellenbogen auf die
Kniee gestützt, und die Hände lebhaft bewegend wie die redende Lippe, und den
schneeigen, bis über den Gürtel fallenden Bart, hätte ihn für die Zeit selbst
halten sollen, die der Frau Venus Mährlein erzählt von vergangenen Tagen. Und in
der Tat war es auch die Zeit, die auf den Lippen des Alten sass, und die
Vergangenheit gab er wieder in eifrigen Worten. Das Geschick hatte ihn bereits
durch einen Kreis von hundert Lebensjahren geführt, und hundert bittre Jahre
waren es, von denen er Kunde geben konnte. Nun ist die Zeit des Leidens die
unerschöpflichste; denn während ein frohes Jahr vorüberschäumt wie der brausende
Geist feurigen Weins, schleichen die trüben Tage gleich Jahrhunderten dahin,
schauckelnd auf langsamer fauler Woge, und lassen dem Mitschwimmer Muse genug,
in die Tiefen zu schauen - in die Klüfte die sich aufreissen während seiner Bahn.
Damit er sich all ihre Schrecknisse einpräge im sichern Gedächtnis. Diese
ernsten Anschauungen mitzuteilen, ist ein Bedürfnis des Alters, das ohnehin nur
allzuoft den kecken Gang kraftbewusster Jugend in den prüfenden Schritt der
alternden Bedächtigkeit verkehren möchte. Der greise Jochäi öffnete also auch,
sobald der Ruheabend eingebrochen, den Schatz seiner Rede und Erfahrung, und
unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und Begebenheiten ihres
Volks. Heute hörte ihm jedoch nur die reizende Ester zu, da ihr Vater
unbegreiflicher Weise von seiner Handelswanderung noch nicht zurückgekommen war.
Es schien überhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des
Hauses zu verrücken, denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war
ausgeblieben, und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbatmagd, der stummen
Grete, eingenommen, die darin gähnend mit dem Schlafe kämpfte, und nur dann und
wann aus dem Winkel hervorschlich, um die verdüsterten Lampen zu putzen.
    »Die Möglichkeit, zu vergessen solche Greuel, wie ich sie erlebt,« sprach
Jochai, mit gepresster Stimme seine Erzählung endend, - »liegt ausser der Gewalt
des Menschen. Der fromme Rabbi Simeon, mein weiser Lehrer, dem das Paradies sei,
sprach zu mir auf seinem Sterbelager, wo er noch in Frieden dahin fuhr: Junger
Bube; wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft. Wir haben einen Herrn,
einen harten Herrn, aber er ist gerecht, und gönnt uns den Schatten seiner
Gesetzpalmen. Aber, es wird kommen eine Zeit - wohl mir, dass ich sie nicht mehr
sehe, - eine Zeit der höchsten Trübsal und Prüfung. Wehe wird gerufen werden
über Israel! Machet aber nicht, dass die Gerechten im Paradiese über euch Wehe
schreien. Haltet fest an den Büchern eurer Väter, an dem Gesetz, das unmittelbar
gekommen ist, von dem, den ich nicht ausspreche, und habt ihr gekostet die
bittre Frucht der Zeit, so mischet den Wehrmut ihres Gedächtnisses dann und
wann in die Speise eurer Kinder und Enkel, dass sie nicht ablassen zu flehen zu
dem Allmächtigen, dessen Herrlichkeit unmittelbar unsre Scheitel berührt, damit
er endlich seine Verheissung erfülle, und uns den Messias sende, den Ersehnten! -
Ach, sie ist erfüllt worden, des frommen Rabbi's Prophezeiung, ... wir haben sie
gekostet, die bittre Frucht der Zeiten, die da sind, aber noch immer zögern die
Jahre, die da kommen sollen im Gefolge des Messiah!«
    »O, sage doch, lieber Grossvater,« fragte Ester neugierig: »werden sie denn
wirklich so schön sein, die Tage, über die der Verheissne als König gebietet?«
    »Herrlich, meine Tochter!« erwiederte der Greis mit leuchtenden Augen:
»herrlich, über alle Beschreibung. Wir werden wieder sein wie Sand am Meere,
herrschend über alle Völker der Erde. Das Leben wird verfliessen in
unvergänglichen Laub- und Friedenshütten! Das neuerbaute Jerusalem wird sein die
Stadt der Welt, und in seinem Tempel werden alle die vom Weibe geboren sind,
dienen und opfern. An Üppigkeit werden die Saaten ins Unendliche gedeihen, das
Korn zu riesenhohen Garben erwachsen, die Weinstöcke ungeheure Trauben erzeugen,
die Flüsse Milch und Honig fluten. Selbst die Gestirne werden sich des
herrlichen Zeitalters freuen, der Sonne dreihundertfältiger Strahl den Himmel in
Paradiesesglut tauchen, des Mondes Schein die Nacht zum schönsten Maientag
verklären!«
    »Welch' reizende Zukunft!« rief Ester hingerissen: »Warum ist sie nicht
schon zur Gegenwart geworden!«
    »Noch zürnt der Gebenedeite!« versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des
Hauptes: »noch hört er nicht die Stimmen seiner Kinder, die zu ihm schreien aus
der Tiefe. Noch hält der Vater des Bösen, der Fürst der Wildnis, der grausame
Sammael das Ohr des Herrn verstopft, weil er nicht will, dass unsere Gebeine
ruhen im Schosse des gelobten Landes. Aber endlich wird der Schrei unsrer Not
dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen, dem Boten der Barmherzigkeit, und
jede neue Morgenröte kann uns den Verheissnen senden, - mit ihm unsre Rettung.«
    »Käme sie doch morgen schon!« seufzte Ester: »Ich verliere alle Lust zum
Leben, und mir ist gar oft der sündhafte Gedanke gekommen, als wäre doch am Ende
besser eine Christin zu sein auf Erden, als ...«
    »Rede nicht aus!« fuhr Jochai auf: »Der Herr nehme den Greuel von Dir, den
Du gedacht! Warum hegst Du so töricht Verlangen, das Dich in das Feuer der
Gehinnam bringen könnte?«
    »Verzeihe mir, Grossvater!« sprach die liebliche Ester, und kreuzte die
Hände bereuend auf der Brust: »aber gestehe, dass wir dahin leben, wie die
trauernde Weide am sumpfigen Teiche. Ihr Männer geht aus in die Welt, seht
Länder und Menschen, und gewinnt mühsam dem geizigen Gojims Euer Leben ab. Diese
Art zu sein hat manche Freiheit, manche Lust. Wir aber, wir vertrauern unsre
Tage daheim. Versorgt auch Eure Güte uns mit den Leckerbissen, die uns behagen,
mit der Bequemlichkeit die unsre Lust ist, mit dem köstlichen Putz, der uns so
sehr gefällt, ... was hilft uns dieses Alles? Von der harten Fessel eingeklemmt,
müssen wir all die Herrlichkeit geniessen, verstohlen, wie ein Dieb seinen Raub.
Vor der gaffenden Welt erscheinen wir nicht, oder im unscheinbaren Gewande, in
erlogner Dürftigkeit. Die gesellige Freude ist ausgeschlossen aus unserm Hause.
Hinter Schloss und Riegel gefällt uns nicht der Prunk, nicht die leckere Tafel,
nicht das weiche Lager, von dem wir uns kaum erheben.«
    »Verblendete!« eiferte Jochai: »In Fesseln liegst Du, aber in denen der
verdammlichen Eitelkeit, die über dem Spiegel das Gesetz vergisst.
Gefallsüchtige! Nicht auf den unzüchtigen Tänzen der Ungläubigen, nicht bei
ihren heidnischen Feierlichkeiten und unsittlichen Schmausereien sollst Du
glänzen. Gefalle Deinem Vater, gefalle Deinem Manne! Die übrige Welt kenne Dich
nicht.«
    Purpurfarbe überzog Esters Gesicht. Verlegen lächelte sie, schlug dann die
grossen schwarzen Augen, um Versöhnung flehend, zu dem Alten auf, und reichte ihm
die Hand. - »Dir und dem Vater will ich ja auch nur gefallen,« sprach sie
bittend: »und einst dem Manne, den mir Ben David erwählen wird. - Wo bleibt aber
der Vater? Die Sanduhr zeigt bereits die siebente Stunde. Es wird ihm doch kein
Leid zugestossen sein?«
    »Den wahre der Fürst Israel!« erwiederte Jochai mit glaubigem Vertrauen. -
»Gewiss ist mein Sohn zurückgehalten worden von den Freunden, oder es hat ihn der
Sabbat auf freiem Felde überrascht, und ein wahrer Gesetzfreund heiligt ihn
durch Ruhe und ein friedlich Mahl, wo es auch sei.«
    In dem Augenblicke pochte es gelinde an die Haustüre. Der Schall
verbreitete sich schnell durch den leeren Vorderbau in das festliche Gemach.
Grossvater und Enkelin fuhren etwas zusammen. Die alte Christenmagd zündete die
Traglampe an, und langte nach dem Schlüssel an der Wand. - »Bedächtig!«
flüsterte ihr Jochai zu: »Ich gehe mit, um vom Fenster herab zu ersehen, wer der
Klopfende ist. Komme, alte Magd! Vorsicht ist von Nöten.« -
    Die Alte leuchtete dem Hausherrn vor, und Ester blieb allein zurück,
sinnend den Kopf in die Hand gestützt. »Hm!« seufzte sie nach einer Weile: »der
Grossvater hat gut reden. Das Eis seiner hundert Jahre hat eine Rinde um ihn
gelegt, dass er das Sehnen und Wünschen der Jugend nicht begreift. Und dennoch,
trotz seinen Ermahnungen und Bussreden wird er mich nicht überzeugen. - Ich bin
recht unglücklich!« fuhr sie nach einer kleinen Stille fort: »unglücklicher als
ich mir's vielleicht selbst träumen lasse, ... und, ach! - nur Eines fehlt zu
meinem Glücke; aber auch das unerringbar Einzige!«
    Schwermütig liess sie das Haupt sinken. Da trat Jochai herein, hinter ihm
sein Sohn Ben David, ein Knäbchen an der Hand führend. Freudig eilte die Tochter
an des Vaters Hals, und erkundigte sich angelegen ob seines langen Wegbleibens.
    »Ich brach spät auf von der Nachterberge,« sprach Ben David: »der kurze
Wintertag hat mich verlassen, da ich noch über eine Stunde von hier entfernt
war. Mein Begleiter da konnte auch nur schlecht voran mit seinen Beinchen, und
so trug ich ihn denn die letzte halbe Stunde auf dem Rücken hieher. Die
Einlasspforte Hab ich mir geöffnet, mit einem dicken Groschen und da bin ich. Gut
Schabbes!«
    Ester erwiederte freundlich den Gruss, und musterte neugierig den Knaben,
der vor Müdigkeit beinahe in die Kniee sank, und von Ben David auf den Sitz am
Ofen gebracht wurde. Der alte Jochai jedoch sah mit finsterer Miene auf das
Treiben seines Sohns, und sprach: »Ich kann nicht segnen Deinen Eingang, denn Du
hast den Sabbat enteiligt durch Deine Reise während seines Beginnens, durch
die Last die Du auf Dich nahmst, indem Du diesen Buben auf die Schultern nahmst,
und durch den Einlasspfennig, den Du berührtest zu verbotner Zeit.«
    »Frommer Vater!« versetzte Ben David: »so ich gesündigt habe und das Gesetz
beleidigt, indem ich den kleinen Menschen der hinzusinken und zu erfrieren
dachte, in Sicherheit gebracht, so will ich, wenn Du befiehlst, gern auf meinen
Platz verzichten am Tische, am Boden liegen und Fasten, bis Du sagst: genug! nur
befiehl, dass der Knabe gesättigt werde, und eines warmen Lagers sich freue.«
    »Was soll er hier?« fragte Jochai streng wie zuvor: »Er ist ein
Christenknabe, dessen Leib das Kleid des Unreinen ist, der abstammt von dem Adam
Belial, und nicht Platz soll nehmen im Hause der Gerechten, sondern gehört in
die Höhle des Esau.«
    »Vater!« erwiederte Ben David unterwürfig: »Dein Wort sei gelobt, doch der
Unmündige ist noch Gottes allein, der das Kind regieret in seinen Gedanken und
Werken. Erlaube, dass dieser, der noch nicht ist, weder ein Sohn des Gesetzes,
noch ein Sohn Baals, hier bleibe bis ich ihn übermorgen zu seiner Mutter führe.«
    »Ester vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Vaters, und der rauhe Alte
erlaubte endlich, dass der Knabe bleibe, unter der einzigen Bedingung jedoch, -
dass die Christenmagd ihn sättige, und in ihrer Kammer zur Ruhe bringe. Grete
nahm demzufolge den bereits Entschlummerten auf die Arme, und trug ihn hinaus. -
Nach einer langen Ermahnung, in Zukunft den Sabbat würdiger zu feiern, bot
Jochai seinem Sohn den Kuss des Friedens, und den Platz am Tische, und das Mahl
begann, nachdem der Greis gleich einem Patriarchen, Brod, Wein, Salz und Fisch
gesegnet, und Ben David sein Haupt bedeckt hatte. Als sie zu Tische sassen,
fragten Vater und Tochter neugierig nach Ben Davids Geschäften, und besonders
nach dem Abenteuer, das ihn mit dem Kinde zusammengebracht. Der Fünfzigjährige
legte dem Alten, mit aller Ehrfurcht eines halberwachsenen Sohnes, von seinem
Handel und Wandel genaue Rechenschaft ab; beobachtete jedoch nicht dieselbe
Genauigkeit, als er auf den Kleinen zu sprechen kam. Er behauptete nämlich, das
Kind einige Stunden von Frankfurt, verirrt und umherlaufend gefunden, und von
ihm herausgebracht zu haben, dass es nach der Stadt gehöre. Aus Mitleid habe er
es mitgenommen, um seinen Vater oder seine Mutter auszukundschaften, und hoffe,
sich dadurch etwas Ansehnliches zu verdienen, da das Kind aus gutem Hause zu
sein scheine.«
    »Was der Alte vorhin dem Mitleid ungern einräumen zu wollen bedacht war,
liess er jetzt der Berechnung eines Vorteils hingehen, und belobte des Sohns
Umsicht und Gewandteit. Zugleich aber beklagte er sich über Esters
Unzufriedenheit mit ihrer Lage, und forderte den Vater auf, mit Strenge
dergleichen unziemliche Gedanken in ihr zu ersticken.«
    »Zürne nicht, Vater!« antwortete Ben David hierauf: »Schilt nicht die
übermütige Lust, mit welcher die Jugend nach den lockenden Früchten der Welt
blickt, die nun einmal durch des hochgelobten Gottes unerforschlichen Ratschluss
den Gojim bestimmt sind, statt seinem Volke. Dein Bart ist weiss geworden im
Kerker und Du sehnst Dich hinaus. Mein Hauptaar ist ergraut unter dem Joch, und
ich dürste nach Freiheit. Warum soll das kräftige Geschlecht das nach uns kommt,
nicht sich hinaus wünschen aus dem Haus der Gefangenschaft unter die Oelbäume
des freien Lebens?«
    Jochai schüttelte zweifelnd das Haupt, und strich unmutig den langen Bart.
Ben David fuhr aber zu Ester gewendet, fort: »Beruhige Dich, mein Kind.
Vielleicht fügt es sich, dass ich Dich im nächsten Frühjahr mit hinausnehme in
den Garten der Welt. Ich gedenke, zu fahren gen Costnitz, woselbst viele der
grossen Herren mein bedürfen werden, und wo wir auftreten können in Glanz und
Pracht, wie es uns hier die Klugheit verbietet.«
    »Ei, was sprichst Du?« fragte Jochai ängstlich den Sohn. »So ich nicht schon
begraben liege an dem Ort der Lebendigen1, wirst Du nicht das Mädchen von meiner
Seite nehmen. Wer soll mich hüten, wer mich pflegen, bist Du fern?«
    »Gib Dich zufrieden, Vater!« antwortete Ben David: »der gute Knecht Zodick
wird an Dir tun, wie an seinem Vater.«
    »Zodick?« fragte Jochai zweifelhaft: »Zodick, der das Gesetz der Väter so
wenig beachtet, dass er noch jetzt sich im Hause nicht sehen liess?«
    »Ich dachte, er sei schon in seine Kammer gegangen!« erwiederte Ben David,
und wollte noch einige Bemerkungen über Zodick's früheres Benehmen hinzusetzen,
als ein fürchterlicher Tumult vor dem Hause laut wurde, auf dessen Pforte Schlag
auf Schlag fiel. Erschrocken fuhr die Familie in die Höhe, und Grete stürzte
herein, durch ihre heftigen Geberden etwas Ausserordentliches verkündend, das
sich auf der Strasse zugetragen. Entsetzen ergriff den Alten und die schöne
Ester, denn ein Volksauflauf, mit einer neuen daraus entspringenden
Judenschaft, stand wie ein ungeheures Gespenst vor ihren Gedanken; aber Ben
David beruhigte sie mit wenig Worten, ermahnte sie, die Türe des Hintergebäudes
fest zu verriegeln und die Kostbarkeiten bei Seite zu bringen, und folgte, wenn
auch nicht ohne Herzklopfen, der lebhaft voranschreitenden Grete die Treppe
hinab, durch den Hausgang an die Pforte, die von wiederholtem Pochen ertönte,
und vor welcher das Gesumme einer ansehnlichen Menschenmenge sich vernehmen
liess. - »Wer pocht so ungestüm?« fragte Ben David durch das Schlüsselloch, und
zurück schrie eine klagende Stimme die Antwort: »Herr! öffne! Dein Knecht Zodick
ist's! öffne! bei Deines Vaters Haupt beschwöre ich Dich: lass mich nicht zu
Schanden werden vor den Edomitern hier auf der Schwelle Deines Hauses!« - Und
Gemurre und einzelnes Spottgelächter rings umher. - Ben David, die Verzweiflung
des hülferufenden Hausgenossen nicht verkennend, befahl seinen Leib dem Gott
seines Bundes, und gebot der Magd, zu öffnen. - Das Schloss ging auf sammt den
Riegeln, und kaum klaffte die Türe, als ein Haufe gemeinen Pöbels sich
hereindrängte in's Haus: neugierige und höhnisch gezogene Gesichter, von wenigen
Laternen und Kienspänen schwach beleuchtet; in deren Mitte der Diener des
Hauses, Zodick, Gesicht, Hemde und Gewand von Blut befleckt, das reichlich
herabströmte aus einer breiten Stirnwunde.
    Ben David fuhr bei diesem Anblick erschrocken zurück, hob beide Hände gen
Himmel, und rief in heiligem Eifer: »Zodick! unseliger Knecht! Hat Dich der
Fürst der höllischen Nacht berückt, dass Du also trunken und blutend von einem
Falle eintrittst in die Hütten Israels, und verbrecherisch schändest die
liebliche Königin Schabbat, die allhier ihren Sitz genommen?«
    Zodick winkte verneinend mit der Hand, sank jedoch, unfähig zu reden, auf
die Schwelle der Unterstube. Ben David sah fragend umher in dem Kreis der
Nachbarn, die zum Teil in schmutzigen Nachtgewändern, erst dem Lager entflohen,
als gaffende und schadenfrohe Zeugen den Verwundeten umstanden. - »Was hat's
gegeben, liebe Freunde?« fragte er mehrmals vergebens, bis endlich ein ältlicher
Mann von rechtlichem Aussehen sich hindurch drängte, und also sprach: »Ich will
Dir Auskunft geben, Jude! Ich bin der Schmid Albrecht dort an der Ecke dieser
Gasse, und kam vor Kurzem aus unsrer Herberge. Wie ich nun kaum zwanzig Schritte
von meinem Hause bin, so stolpre ich über den Rotkopf da, der halb
besinnungslos in der Gasse liegt, wie ein Trunkner. Da ich ihn beleuchte mit dem
Lichtstümplein, das ich in Händen trug, erkenne ich ihn wohl, und auch er macht
die Augen auf, fährt zusammen, und ruft: Lasst mich los! ich bin unschuldig! Es
war leicht zu sehen, dass der Bube in augenscheinlicher Verwirrung befangen war,
und nicht im Rausche. Ich begütigte ihn daher, und nun hat er, da er mich
erkannt, erzählt, dass ihn auf dem Fischerfelde, von wannen er nach Hause gehen
wollen, mehrere Gesellen mit rot und schwarz gefärbten Gesichtern überfallen,
geplündert und mit einem Streitammer verletzt haben; dass jedoch zum Glück der
Streich schier fehlgegangen und nur gestreift habe, und er dem Tode entgangen
sei, indem er sich zur Erde fallen lassen, gleich als habe er die letzte Ölung.
Da er zu Dir verlangte, hab ich ihm erlaubt, sich an meinem Arm zu führen, und
auf sein klägliches Geschrei sind die Nachbarn herbeigelaufen.«
    Nach dieser Erzählung lief ein Gemurmel durch den Haufen, bedauernd, dass der
Jude nicht umgekommen war unter den Streichen seiner Verfolger; und sich
auflösend in ein rohes Gelächter, das sich den an der Stubentüre lehnenden,
keines Worts mächtigen Menschen als Zielscheibe setzte. Ben David, ungeduldig,
dem störenden Auftritt ein Ende zu machen, dankte höflichst dem wohlbeleibten
Schmid für seinen Beistand, und öffnete die Stube, um den Diener
hineinzubringen. Die Menge quoll aber auch in das Gemach hinein, und musterte
mit Luchsaugen die elenden Gerätschaften, die darin an den Wänden umherstanden.
Mehrere junge Bursche hatten nicht wenig Lust mit ihren flackernden Lichtspänen
über Gang und Treppe in das Oberhaus zu dringen. Aber Gretens abweisende
Geberden, und noch mehr die Einflüsterung älterer Leute, die ihren Übermut vor
den in jedem Judenhause verborgenen Falltüren und mit Vorbedacht offen
gelassenen Kellergruben warnten, hielten die Verwegenen von ihrem Vorsatz ab.
Zugleich drängten sich auch einige benachbarte Juden herein, schwatzend,
neugierig wie die übrigen, und zudringlich mehr, als hülfreich in ihren
angebotnen Dienstleistungen. Vergebens bat Ben David diese Letztern den
Misshandelten ihm ganz allein zu überlassen, - sie wichen nicht; vergebens flehte
er die anwesenden Christen an, endlich doch mit seinem besten Danke das Haus zu
räumen. Sie gingen nicht, und forderten endlich ziemlich trotzig ihren Lohn, dass
sie den Judenknecht nach Hause geleitet hatten. Ben David, solcher unziemlichen
Forderungen nicht ungewohnt, bezeugte sich nun, die Ungestümen auf den Sonntag
zu vertrösten, da ihm das Gesetz verbiete, am Sabbat Geld anzurühren, allein
damit machte er das Uebel nur ärger. »Seht den Juden an!« rief Einer aus der
Schaar: »Gälte es, unsre Taschen zu leeren, würde er sich wenig um das Gesetz
kümmern.« - »Am Sonntag haben wir Schabbes!« rief ein Andrer: »also muss er heute
zahlen, der Hundsjude.« -
    Umsonst suchte Ben David die Ungerechtigkeit zu beschwichtigen; der Pöbel
wurde schwürig; die Habsüchtigsten erwischten von den in der Kammer
umherliegenden Trödelwaaren was ihnen am Dienlichsten schien, und machten sich
damit davon. Die Händellustigen aber brachen aus in Schimpfworte, und mehrere
geballte Fäuste schlugen durch ihre drohende Bewegung die Nachbarjuden in die
Flucht, die ihre Glaubensgenossen feig im Stich liessen, und die Luft nur von
ihrem mörderischen Hülfsruf erschütterten.
    Eine gute Folge schien jedoch ihr Zetergeschrei herbeizuführen, denn der
Oberstrichter der Reichsstadt, der gerade zufällig die Strassen durchritt, um die
Nachtschwärmer und Trinkbrüder zu Paaren zu treiben, hörte das Getöse, und
erschien in schnellem Trab auf dem Schauplatz, wo Ben David gerade in Gefahr
stand, körperliche Misshandlungen zu erfahren. Die Ratsknechte, die des
Oberstrichters Ross umgaben, wiesen mit ihren Hackenstangen die Angreifer bald
zur Ruhe, und der Friedensstifter erfuhr in wenig Augenblicken, von was hier
eigentlich die Rede sei. Gleichgültig zuckte er die Achseln und sprach mit
verächtlichem Tone zu Ben David: »Was hat Dein Knecht noch in später Dämmrung
auf dem Fischerfelde zu schaffen? Kein Wunder ist's, dass er in die Hände der
Blutzapfer fiel, die jetzo wiederum innerhalb und ausser der Stadt ihr Wesen
treiben sollen, wie mir der Küfermeister, Andreas von Liebfrauenberg, vor einer
Stunde geklagt hat, der auch von den Mordbuben nächst dem Hirschgraben
angefallen worden ist, sich aber durch seine Faust befreit, und einige von den
Hunden übel zugerichtet hat. Das vermag freilich ein Hebräer nicht.«
    Ein wieherndes Gelächter der umstehenden Knechte und Bürger lohnte das
Witzwort des Gewaltigen, der, Stille gebietend, also fortfuhr:
    »Ich befehle Dir daher, Jude, dass Du Deinen Knecht ehrlich zu Hause haltest.
Für die heut verursachte Störung hergebrachter Ordnung, - denn die lange Glocke
ist schon lange geläutet worden - büsse ich Dich um fünf Goldgulden, die Du
unerlässlich nächsten Montag auf dem Rententurm zu erlegen gehalten bist. Auch
hast Du von Rechts wegen diesen wackern Bürgern zu zinsen, jedem einen dicken
Groschen, dass sie Dir den Knecht nach Hause geführt; denn die Menschenliebe, die
sich um einen Juden kümmert, muss belohnt werden. Sie mögen am Sonntagsmorgen das
Geld bei Dir in Empfang nehmen.«
    Geschmeidig bückte sich Ben David und küsste den Mantelzipfel des
Oberstrichters. »Erlaubt, o Herr!« sprach er demütig: »die meisten dieser Leute
haben sich schon gepfändet an meinem Eigentume, und sind mit Zeug und Linnen
davon gegangen.«
    »Kannst Du die Leute nennen?« fragte der Oberstrichter streng, und fuhr,
ohne eine Antwort abzuwarten, fort: »Nein; Du kannst es nicht. Und wärst Du's
auch im Stande, auf Deiner Seite wäre immer die grösste Schuld. Warum gibst Du
nicht gutwillig, und warum hälst Du Dein Auge nicht auf Deine Lumpen? Schliesse
jetzt Dein Haus, und verhalte Dich still. Die leiseste Widerrede kostet Dich
zehn Gulden. Geht nach Haus, brave Bürger! Gut Nacht, liebe Freunde!«
    Die rasche Schwenkung seines Gauls hatte beinahe den armen Ben David in den
Kot geworfen; dennoch versäumte er den letzten Bückling nicht, und liess mit
niedergeschlagenen Augen die spöttelnden Nachbarn an sich vorübergehen. Darauf
befahl er der Magd ganz leise die Türe zu verschliessen, und den halb
ohnmächtigen Zodick nach seiner Kammer zu bringen. Er selbst verlor kein Wort
mehr an den Menschen, der ihm so viel Verdruss gemacht hatte, und kehrte mit
schwerer Brust und manchem unmutigen Seufzer in das Hintergebäude zurück, wo
Jochai und Ester ängstlich auf jedes Geräusch lauschten, und um den Feiertag
nicht zu schänden, alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen
lassen. Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden, der sich andächtig neigte
vor dem Tische und den schwebenden Lichtern, und sprach: »Esau's Sturm hat sich
gelegt. Gebenedeit seist Du, hochgelobter Gott, dessen Jakob, Herrlichkeit unsre
Scheitel berührt. Wie schön sind Deine Hütten und deine Wohnungen, Israel! Wie
schön ist dein Palast, wohlduftende Königin Schabbat, du Freude und Trost aller
Gläubigen.«
    Und sein Mund jubelte, während seine Augen von Tränen, wie sie
tiefempfundene Knechtschaft erpresst, überflossen; seine Lippen sprachen
Versöhnungsgebete und frohe Psalmen, während sein Herz anschwoll von
unterdrückten Bannformeln gegen die Ungläubigen. Der greise Jochai murmelte
neben ihm Fluchgebete in den Bart, herausgestossen mit allem Feuer orientalischer
Wortfülle. Ester wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete, und sagte nur
Amen zu dem ihres Vaters.
    Am nächsten Morgen, an dem noch der Grossvater ruhte, und Ben David, angetan
mit der Zizis und den Tephillim seinen Frühsegen sprach und die Psalmen, die die
Sabbatfeier vorschreibt, da, wo keine Schule die Söhne des alten Bundes zum
feierlichen Dienste des Höchsten versammelt, schlich sich seine blühende Tochter
nach der Kammer, wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte, während der Festtage.
Auf dem dürftigen Lager der Alten, die abwesend war, beschäftigt um den kranken
Zodick, schlief noch der Knabe, den Ben David in's Haus gebracht hatte. Auf den
Zehen näherte sich Ester dem Schlummernden, beugte sich über ihn, und
betrachtete mit Wohlgefallen die Züge seines unschuldigen Gesichts. - Ich habe
mich doch nicht geirrt, flüsterte sie in sich hinein, da ich schon gestern
einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz, an ein andres das mir nur
allzuteuer ist. Beschaue ich diese braunen krausen Locken, die hochgezogenen
Augenbraune, die länglichte Nase und den lächelnden Mund, so bin ich in
Versuchung, zu glauben, sein Bild liege vor mir, und ich müsste es ans Herz
drücken, da ich ihn nimmer, ach nimmer umfangen werde!
    Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Träumer, spielte leicht mit
seinem schönen Haar, und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit, die
sich ihr reizend bald, und bald betrübend, nur allzuoft aufdrang in ihrer
stillen Einsamkeit. - Bin ich nicht eine Törin? fragte sie sich am Ende selbst,
aufschreckend aus ihrem Hinbrüten: Mache ich mich nicht etwa einer Sünde
schuldig, da ich hier mit diesem Bilde eines edeln Christen die Augenblicke
vertändle? Jochai könnte es wohl gar Abgötterei nennen, wie er so gerne zu tun
pflegt, wenn ich mit Liebe an etwas hänge! - Sie stand auf. - Guter Knabe! fuhr
sie nach einer Weile fort, gleichsam wider Willen nach ihm zurücksehend: Weder
Dich, noch den dem Du zufällig gleichst, darf ich mein nennen. Wohl Dir, wohl
ihm, dass er so ist, und wehe mir. Ihr seid nicht geschaffen, um im Elend eure
Tage zu vertrauern. Euch winkt Ehre und Freiheit. Wir kennen Beides nicht. Du
wirst zurückgehen zu Deinen trostlosen Eltern, und mein Vater wird Dich segnen,
wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen. Ich aber, Du holder
Junge, segne Dich, weil Dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte,
die ich nur in der Erinnerung zu geniessen, angewiesen bin! -
    Ester wollte scheiden, aber schon an der Türe angelangt, zog es sie
allgewaltig zurück zu dem Knaben. - Ich will gehen? fragte sie sich: Gehen, ohne
den Wunsch, an seinem Anblick mich zu weiden, ganz erfüllt zu haben? genügt mir
es denn, diese vom Schlummer erstarrten Züge in Gedanken mit ihm zu vergleichen?
Lebend will ich ihn, offen seine Augen sehen, und in die dürstende Brust das
lang hinweggenommene Labsal schlürfen!
    Rasch fuhr sie mit warmer Hand über die Stirne des Kindes, das ruhig, wie
ein lächelnder Engel die Augen aufschlug, und in die glühenden Esters schaute.
»Gundel!« stammelte der Schlaftrunkne, die Ärmchen nach der Verkannten
ausstreckend. Ben Davids Tochter bog sich aber zurück, und der Knabe ersah
seinen Irrtum. Bekümmert verzog sich sein Mund, die Händchen fielen auf die
Decke zurück. »Du bist es nicht!« klagte er: »Liebe fremde Frau, wirst Du mich
zur Mutter bringen und zu meinem Hänschen?«
    »Ich möchte Dir Mutter sein, holdes Kind!« erwiederte Ester freundlich:
»wenn ich es nur sein dürfte.«
    
    »Warum darfst Du denn nicht?« fragte der Knabe zutraulich werdend: »Du bist
so gut und lieb; Dich möchte ich schon Mutter nennen, viel lieber als die
schwarze Mutter, die mich beständig schmälen wird, weil ich sie verloren habe.«
    »Schmälen würde sie Dich?« sprach Ester, ihn an sich drückend, »wäre sie
dann Mutter? Jubeln wird sie, und dem hochgelobten Gott danken, der Dich wieder
in ihre Arme führt.«
    Der Knabe starrte sie verwundert an. »Gundel hat mir einmal von dem lieben
Gott erzählt!« sprach er hierauf. - »Nicht wahr, er ist überall?«
    - »Ja, mein Kind.« -
    »Er lässt seinen Kindlein nichts Böses geschehen?«
    - »Nein, mein Knabe.« -
    »So ist er nicht da, wo die schwarze Mutter ist. Sie hat mir oft wehe
getan, und Gott hat ihr's nicht verboten. Aber hier ist er, bei Dir, denn Du
bist so gut und so schön, dass ich auch immer bei Dir bleiben möchte.«
    - »Ja; der Ewige ist hier!« rief Ester: »Er spricht aus Deinem Lallen, er
tut sich kund in meinem Herzen, das Dich sein Kleinod nennen würde wäre es ihm
erlaubt.«
    »Verblendete!« sprach Jochai hinter ihr, der leise eingetreten war: »Danke
Dem, den man nicht nennt bei seinem Namen, dass es Dir nicht erlaubt ist, diesen
Christenauswurf in Deinen Armen zu hegen. Du sehnst Dich, hinabzusteigen zu den
verworfenen Söhnen und unzüchtigen Töchtern Kains, wie die Fürsten des Himmels,
Asa und Asael, Gelüsten trugen zu den Töchtern der Erde. Aber, so wie die
fehlenden Engel hängen müssen zwischen Himmel und Erde, also wird auch Dich der
Zorn des Herrn ereilen, wo Du nicht ablässest vom Irrtume.«
    Ester legte die Hand des Grossvaters auf ihr Haupt, kniete nieder und
sprach: »Vater, ich danke täglich dem Ewigen, dass er mich eine Tochter Zions
werden liess. Verkenne mich nicht.« - Jochai sah sie streng an, schüttelte das
Haupt und redete: »Weib, Zögling der Schlange! ob Du wahr sprichst, weiss nur Er
allein. Aber Du schändest den Sabbat, dass Du hier am Bette des Christenbuben
weilst, während ein Sohn des Gesetzes in unserem Hause leidet, auf den noch kein
Strahl Deines Auges fiel.«
    »Du meinst Zodick?« erwiederte Ester kalt, und stand auf: »Grete mag ihn
pflegen und heilen. Das Gesetz verbietet mir, am heiligen Tage Wunden zu
verbinden.«
    »Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen,
ohne Dein Zutun;« versetzte Jochai, und führte Ester hinweg in die geschmückte
Stube, obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte.
    »Was hast Du gegen den getreuen Zodick?« fragte Jochai, da Beide sich wieder
in der Sabbatsruhe sich befanden: »Sprich, rede offen.«
    »Mich ärgert der Mensch, so oft ich ihn erblicke;« antwortete Ester
offenherzig: »Seine ungeschlachte Gestalt, sein rotes Haar und sein schielender
Blick sind mir zuwider.«
    »Liebe Deinen Bruder, spricht die Pflicht;« versetzte Jochai: »Gewöhne Dich,
auch den Hässlichen zu lieben, wenn er Dein Mann werden soll; spricht die
Klugheit.«
    Ester erbleichte, ... fasste sich indessen bald und fragte verlegen
lächelnd: »Nicht wahr, Du scherzest, Vater? - Zodick mein Gatte? ....«
    »So wurde es ausgemacht, zwischen Deinem Vater und dem seinigen,« erwiederte
Jochai. »Als ihr noch Kinder wart, habt ihr Euch schon die Hände gereicht, und:
Missal Tobh! gesagt, wie es unsre Rabbinen gesegneten Angedenkens verlangen.
Zodicks Vater ist daheim gegangen, von wannen man nicht wiederkehrt, und auf
seinem Gedächtnis sei Friede. Aber der Bund muss gehalten werden, so lange Zodick
ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt. Er dient schon mehr denn sechs Jahre um
Dich, und am Ende des siebenten wird er Dich heimführen nach Worms, wo noch
unsre Brüder atmen dürfen, in ihren Ketten.«
    Ester las aus den Augen des Alten, dass der Sache kein Schwank zum Grunde
liege, und die Angst fiel ihr schwer auf das Herz, um so mehr, da Jochai also
fortfuhr: »In der letzten Zeit hab ich dann und wann Zweifel gehegt gegen
Zodicks Frömmigkeit: immer hat er aber meine Zweifel widerlegt, und erst gestern
hat sein trauriges Aussehen bestätigt, dass er gezwungen nur das Gesetz verletzt.
Darum wollte ich Dich vorbereiten, und Dich bitten, nicht schnöde gegen ihn zu
sein.«
    »Ich kann immer noch nicht glauben, dass Du nicht scherzest, Vater!«
antwortete Ester: »Ist es jedoch Ernst, was Du mir verkündest, so glaube gewiss,
dass Du und der Vater mich vielleicht zwingen können, den Widerwärtigen zu
ehelichen, dass ich ihn aber niemals lieben werde.«
    »Ein fleissiger Mann verkehrt Kupfer in Gold, die Abneigung des Weibes in
Liebe,« meinte Jochai. »Du wirst ihn näher kennen lernen, und das Andere findet
sich.«
    Ben David trat in die Stube. »Ich komme von Zodick,« sprach er heiter: »die
Wunde heilt, obschon der Kranke, wie das Gebot es will, die abgefallnen Pflaster
nicht mehr auflegen liess. Gott gab seinen Segen.«
    »Das Vertrauen auf ihn wirkt Wunder!« bekräftigte Ben Jochai.
    »Auch ich höre Wunderdinge!« fiel Ester ihm rasch in's Wort: »Bestätige sie
mir, Vater. Ich soll den Knecht ehelichen, dass er mein Herr werde?«
    Missbilligend sah Ben David auf den Vater. »Man hat Dir,« sprach er, »zu früh
von Dingen gesprochen, die ...«
    »Die mich elend machen;« rief Ester heftig, mit Tränen in den Augen:
»elend, Vater; die Du nicht verantworten kannst ... wenn einst der Todesengel
vor Dir steht und der Blitz seiner tausend Augen Deine Taten prüft.«
    »Zodick denkt edel und grossmütig,« sprach Jochai: »Ich habe ihm
vorgeschlagen, seine unbekannten Gegner, die ihn zu morden dachten, aus ihrem
Dunkel zu ziehen durch die Befragung des Fürsten des Öls, oder der Hand. Er
schlägt aber alles aus, will seine Feinde nicht kennen, verzeiht ihnen ...«
    »Und denkt noch nicht des Tags, der Dich mit ihm verbinden soll;« unterbrach
ihn Ben David, zu Ester gewendet. - »Schweige darum, und lass uns den Schabbat
geniessen in Frohsinn, Lust und freundlicher Einsamkeit.« -
    Und dem geschah also. Jochai und die Seinen verbrachten den Tag in Ruhe und
Festlichkeit. Der arme kleine Hans verlebte ihn auf den Knieen der stummen
Grete. - Da aber die Abendmahlzeit vorüber war, der Hausvater Wein, Gewürz und
Brod sammt seinen Angehörigen gesegnet, und durch das Anzünden der
Habdalahkerze, wie durch das Kaddischgebet den Sabbat geschieden hatte von der
übrigen Woche, und alle sich zur Ruhe begeben wollten, hielt Ben David seine
Tochter allein auf, und gebot ihr, am Morgen des nächsten Tags sich verstohlen
einzuschleichen in das Haus des Altbürgers Dieter Frosch, mit Vorsicht in das
Gemach der edeln Frau Margarete zu dringen, und ihr kund zu machen, Ben David
habe getan nach ihren Wünschen, und erwarte die Bestimmung der Zeit und des
Orts, die ihr gelegen sein würden, seinen Bericht anzuhören. Mit diesem Auftrag
und dem herkömmlichen väterlichen Kuss und Segen entliess Ben David seine Tochter.
 
                                    Fussnoten
1 Begräbnissplatz.
 
                                Viertes Kapitel.
 »Trägt der Bube mein Gesicht?«
 »Lieber Vater, zweifle nicht.«
 »Ist das meiner Augen Licht?«
 »Vater, Vater, zweifle nicht.«
 »Ist das meiner Nase Zier?«
 »Vater, Vater, glaube mir!«
 »Ist des Knaben Mund der meine?«
 »Grössre Ähnlichkeit gibt's keine.«
 »Aber, Weib, der Nachbar spricht ...«
 »Bösen Zungen traue nicht.«
                                          Romanze von der verschlagenen Ehefrau.
»Du bist heute so saumselig und faul!« schalt die Ehewirtin des ehrsamen
Altbürgers Dieter Frosch ihre Gürtelmagd, die am Sonntagmorgen nicht mit dem
Zöpfeflechten fertig werden wollte. - »Wenn ich heute die Kirche besuchen
wollte, so könnte ich, nur immerhin im Schlafmantel dahin gehen. Träges
missleidiges Ding! Was Dir seit einigen Tagen im Kopfe steckt, begreife ich
nicht.«
    Else schwieg einige Augenblicke und seufzte. Dann aber sprach sie, da gerade
wieder die Gebieterin ihre Ungeduld durch eine heftige Bewegung verraten hatte:
    »Ehrsame Frau! die Schuld, dass ich nichts recht mache, mag wohl zunächst in
Euch selbst liegen, denn Ihr seid seit geraumer Zeit so reizbar und unwirsch,
dass Euch immer beim geringsten Anlass gleich der Zorn übermannt, und ich nur mit
Zittern und Zagen Kamm und Schnürnadel zur Hand nehme, mein Amt bei Euch zu
verrichten.«
    Else schwieg, sich selber ob der Keckheit wundernd, mit der sie zu der
raschen Gebiterin gesprochen, und die bösen Folgen fürchtend; aber zu ihrer
grösseren Verwunderung blieb die Letztere in Schweigen versunken. Die gefalteten
Hände auf dem Schoss haltend, sah sie vor sich hin, wie von tiefem Nachdenken
gefesselt, blickte dann schnell in die Höhe, strich sich die spiegelglatten
Augenbraunen und sagte: »Diessmal hast Du nicht Unrecht gute Else. Ich finde das
selbst. Dieser Zustand dauert schon einige Wochen.«
    »Freilich, liebe gnädige Frau!« versetzte Else mit gutmütiger Besorgnis ihr
ins Gesicht schauend: »Ich fürchte, Ihr seid krank, oder auf dem Wege es zu
werden. Eure rosenroten Wangen haben an Farbe verloren, und Euer Auge sieht oft
aus, als schwämme es in Tränen, oder, als habe es viel geweint. Ich an Eurer
Stelle würde den Judenarzt um Rat fragen.«
    Frau Margarete schüttelte langsam den Kopf. »Der alte Joseph ist ein
geschickter Mann,« sprach sie, »aber seine Arzeneien heilen mein Übel nicht.«
    »Warum denn nicht?« fragte die Magd: »Ist er nicht dafür bezahlt, Euch zu
helfen? Ein Jude kann Alles. Wo seine Kräuter nicht ausreichen, da hext er die
Krankheit weg.«
    »Einfältiges Geschwätz!« eiferte die Gebieterin »Ich werde doch wissen, ob
ich krank bin oder nicht. Das Ganze wird meines Bedenkens nichts anders sein,
als die Folge der Unruhe, die meinen Schlaf stört, und mir böse Träume
verursacht.«
    »Die bösen Träume wie die guten kommen von Gott;« meinte Else mit einem
frommen Seufzer. - »Darum hat er auch zugelassen, dass gewisse Menschen die Träume
auszulegen vermögen, als läsen sie deren Bedeutung aus einem offenen Buche.
Meiner Mutter Schwester konnte fürtrefflich damit umgehen, und bei ihren
Lebzeiten hat man sie oft zu den vornehmsten Geschlechtern berufen, um Träume zu
deuten. Ich habe ihr viel abgelernt, als ich bei ihr wohnte, aber freilich zu
ihrer ganzen Kunst hab ich's nie gebracht.« -
    »So?« fragte Margarete neugierig werdend: »Da Du so geschickt bist, hätte
ich beinahe Lust, Dir das Gesicht mitzuteilen, das ich erst verwichne Nacht
hatte, und dessen Andenken noch jetzt mit einem seltsamen Schmerz meine Seele
foltert, obgleich ich wieder Lust hätte darüber zu lachen.«
    »Nur nicht lachen!« warnte die gläubige Else. »Ein Traum ist gar ein
ernstaft Ding. Aber nicht jedes böse Traumgesicht bedeutet darum eine böse
Wirklichkeit. Oftmals verkehrt sich des Schlummers Leid in wachende Freude. Wer
im Schlafe Särge sieht, macht gewöhnlich bald eine fröhliche Hochzeit, und wer
hinwiederum geträumt, er werde in der Kirche mit der Braut eingesegnet, braucht
gar häufig kurz nachher sein Todtenhemd.«
    »Nun!« versetzte die Frau etwas aufgeheitert: »In dem Gesichte, das ich Dir
mitteilen werde, kömmt nichts von Särgen vor, und nichts von einer fröhlichen
Trauung. Es wird daher wohl nichts Schlimmes auf sich haben. - Höre mir zu, gute
Else. Sieh! ich schlummerte ein vor Mitternacht, und sah mich, nach manchen
Traumbegebenheiten, auf die ich mich nicht mehr besinnen kann, in einen
herrlichen, zu einem lustigen Bankett geschmückten Saal versetzt. Es war alles
spiegelblank geputzt. Blumensträusse wehten über allen mit Gold- und Silberstück
gedeckten Tafeln, und ich war, gleichsam als die Königin des Festes, auf einem
Tronsitz erhöht, der ganz von Rosen eingefangen war.«
    »Ach! das ist herrlich!« rief Else: »Rote Rosen bedeuten Glück und Jugend.«
    »Höre weiter!« fuhr Frau Margarete fort: »Da ich nun also gefeiert da sass,
von vielen köstiglich angelegten Herren und Frauen umgeben, die mir dienten, so
fiel mein Blick auf einen Spiegel, der mir gegenüber hing, ... von einer Grösse,
wie ich mich nicht entsinnen kann jemals gesehen zu haben. Von dem Anblick
überrascht, lächelte ich freundlich meinem Spiegelbilde zu, und gewahre, indem
ich die Lippen öffne, in der Reihe meiner Zähne einen weitblinkenden vom
feinsten Golde gestalteten, wunderbar und zaubrisch mir entgegenleuchtend. Und
wie ich nun, entzückt davon, aus den Händen eines Pagen einen Becher empfange,
geschnitten aus purem Edelstein, und angefüllt mit hispanischem Weine, und ihn
an den Mund setze, so berührt kaum der erste Tropfen meine Zunge, als plötzlich
mit einem schrillenden Klange, dem gleich, den ein zerschmettertes Kelchglas von
sich gibt, der goldne Zahn gewaltsam losspringt von den Übrigen, und klingend
zur Erde fällt. Ich bücke mich schnell nach dem Entwurzelten, aber zu meinen
Füssen war der glatte Boden des Saals zu wüstem Schlamm geworden, der, wie ein
Strudel gährend, das goldne Kleinod immer tiefer hinabschlürfte in den schwarzen
Mund. Mein Jammer war nicht zu beschreiben, bis eine Hand aus dem neblichten
Dufte um mich her, sich herausstreckte, mit einem blütenweissen Zahne zwischen
den Fingern, und ihn an die Stelle des Verlornen setzte. - Aber, Kind, Du bist
bleich geworden, ... rede ... was hältst Du von diesem Traume?«
    Frau Margarete blickte ängstlich zagend in die Augen der Magd, die, eine
bangende Zuhörerin, sich vor ihr niedergekauert hatte, und endlich, die Hände
der Gebieterin an ihre Brust drückend, ausrief: »O, das ist ein bös Gesichte,
liebe Frau! Ach, welch Unheil mag es Euch verkündet haben ...«
    »Also doch?« fragte Margarete, von einem leichten Frost geschüttelt:
»Unbarmherzige, Du hörtest noch nicht Alles, und beinahe sollte ich Dir
Schonungslosen das Ende verschweigen. Doch musst Du jetzt Alles wissen, da ich
Dir so viel verraten. So wisse denn, dass, während mein Auge hoffnungslos dem
goldnen Punkte folgte, der, immer tiefer sinkend, nur wie ein ferner Stern noch
in dem gährenden Dunkel sichtbar war, sein neugepflanzter Stellvertreter in
meinem Munde lebendig wurde, sich, in eine graue Schlange verwandelt, auf meine
Brust herabringelte, und mit heissem Schmerze sich da einbohrte, wo das Herz
schlägt ...«
    »O haltet ein, liebe Frau!« seufzte Else unter ängstlichem Zittern: »das ist
des Entsetzlichen zu Viel! Eilt, durch Gebet und fromme Gaben des Himmels Zorn
zu wenden, der Euch ein liebes Kleinod rauben will, aus dessen Verlust ein immer
nagender Wurm entspringen und Euer Herz verzehren wird. Betet zu der heiligen
Mutter, zu den Märtyrern, dass sie Euer Wort führen vor dem Trone, wo der Vater
sitzt mit dem Sohne und dem Geiste. Stiftet Messen, gelobt Wallfahrten, damit
das Unheil sich wende das Euch droht!«
    »Aberwitziges Geschöpf!« schalt Frau Margarete, bemüht durch den
aufgeregten Zorn Herr ihrer Bangigkeit zu werden: »Schweig jetzt mit Deiner
albernen Rede! Meinst Du ich glaube an Deine tolle Auslegung und widerliche
Besorgnis. Lug und Trug ist die Traumdeuterei, und wofern ich höre, dass Du diese
wahnsinnige Kunst noch ferner ausübst, um Leichtglaubige zu schrecken und zu
ärgern, so lasse ich Dich durch den Stöcker aus der Stadt bringen!«
    Else, die nicht recht begriff, wie so schnell das Vertrauen der Herrin sich
in Ungnade verkehren konnte, packte, um sich nicht durch Widerrede um den Dienst
zu bringen, alle ihre Gerätschaften zusammen, und liess ohne eine Silbe zu
reden, die Zürnende allein. Margarete ging heftig hin und her von Tisch zu
Schrank, vom Spiegel zum Fenster. Sie riss die Flügel des letztern auf, und
starrte in den nasskalten Wintertag hinaus; aber die geputzten Leute, die,
Rosenkranz und Kerzen in der Hand, zur Kirche wandelten, passten wenig zu ihrer
grollenden Stimmung; sie öffnete ihren Juwelenschrein, aber das Gefunkel der
Steine ergötzte nicht ihren traurigen Sinn; sie wollte sich in ihr Schlafgemach
einschliessen, aber im Begriff einzutreten, gewahrte sie das Bild ihres
Ehgemahls, das sie von der Wand herab ansah in ernstem Schweigen, und unmutig
warf sie die halboffne Türe ins Schloss. Aber gerade da sie unruhig sich
niederliess in den breiten Sorgensessel, und der Vernunft das Feld einräumen
wollte, trat ein Gast in die Stube, der nicht zur ungelegenern, und wiederum
nicht zur gelegenern Zeit hätte kommen können. Ein Laut der Überraschung entfuhr
Margareten, da sie die wohlbekannte Weibergestalt in der Tracht der Nassauer
Bäuerinnen kerzengerade auf der Schwelle stehen sah.
    »Willhild! Willhild!« rief sie halblaut, und wollte der Frau entgegeneilen,
aber das Zittern ihrer Kniee verhinderte sie daran. »Was bringt Dich so schnell
wieder hieher? Unglücksbotin!«
    Die Bäuerin machte sorglich die Türe hinter sich zu, nachdem sie im
Vorzimmer nachgesehen hatte, ob niemand zugegen; schob den Riegel vor, und
näherte sich verlegen und mit gebücktem Haupte der Frau vom Hause. »Bleibt nur
immer ruhig auf Eurem Stuhle,« sagte sie zögernd: »Ihr spracht nicht unwahr. Ich
bringe kein Glück.«
    »So ist es denn endlich wahr geworden, was schon lange zu fürchten war?«
klagte Margarete mit herzzerreissendem Geflüster: »Er ist dahin, ... todt ...?«
    Willhild nickte trübsinnig mit dem Haupte. Margarete warf sich in den Stuhl
zurück, und schlug in bittrem Schmerz beide Hände vor das Gesicht. Es gibt ein
Leiden, das sich weder in Worten, noch in Tränen ausspricht, und den Körper
eines Starken durch seine entsetzliche Wucht an die Gränzmarke des Lebens
drängt, .. dahin, wo die Sinne schwinden und der Atem vergeht, ohne ihm einen
Laut abzwingen zu können. Es ist der lang vorausgesehene Gram, dessen fernher
kommender Tritt schon die Tränenquelle öffnete. Während er nun langsam und
düster verhüllt einherkömmt, versiegen schon die Tränenströme. Die Augen haben
kein Wasser mehr, wenn der Fürchterliche ihnen endlich mit einem Zauberschlage
ganz nahe steht und sein entsetzliches Antlitz weisst. Die Brust hat keinen
Seufzer mehr, die Zunge keine Klage, und nur das mühsam arbeitende Herz kämpft
mit dem Grausamen einen kurzen aber um so schrecklichern Kampf, der den
widerstrebenden Sterblichen entweder unter dem eisernen Fuss des Schicksals
zermalmt, oder - ein seltnerer Ausgang - ihn zum Herrn und Sieger seines
Verhängnisses macht. - Ein solches Leiden hatte Margaretens Seele überfallen;
gegen ein solches Leiden, stritt sie verzweifelnd, eine bittre Viertelstunde
lang, und ihr ward der Siegerkranz. Willhild stand niedergeschlagen vor der
Trauernden, und murmelte Gebete, als diese mit einem Male die Hände sinken und
die üble Botschafterin in ein bleiches, ernstes, in starrer Ruhe gehaltnes
Antlitz blicken liess.
    »Ermanne Dich, Willhild;« sprach sie gefasst: »Trockne die Tropfen ab, die
dick und schwer an Deinen grauen Augenwimpern hängen. Folge meinem Beispiel. Als
Du vor einigen Wochen mir die erste Nachricht brachtest, gewöhnte ich mich nach
und nach an den Gedanken des höchsten Kummers. Du siehst, sein plötzliches
Einbrechen hat mich nicht dahingerafft. - Ich wusste schon, was kommen würde!«
setzte sie hinzu, und gedachte schmerzlich ihres Traums, der so schnell in
Erfüllung gehen sollte. - »Erzähle aber; wie ging es? Schone mich nicht.«
    »Ach, gestrenge Frau!« versetzte die Alte, in peinlicher Verlegenheit, wie
die Sache anzubringen sei: »Die Heiligen mögen es wissen, dass keine Sorge
gespart wurde, das junge Herrlein zu erhalten, bis es das zufällige Geschick uns
entriss.«
    »Nichts ist Zufall!« fiel Margarete ein. - »Der Knabe musste sterben nach
Gottes Gebot, und ich spreche Dich frei von aller Schuld.«
    »Vorgestern,« fuhr die Alte stockend fort ... »vorgestern war das Junkerlein
noch ziemlich munter, aber ... am Abend ... war er nicht mehr bei uns.« -
    »Schied er unter Schmerzen, der, liebe Knabe?« fragte Margarete.
    »Nein ... das nicht, edle Frau,« entgegnete Willhild: »Im Schlummer ward er
von uns genommen. Gestern haben wir ihm ein Kreuz errichtet.«
    »Gestern wurde er begraben?« fiel Dieter's Gattin ein: »O mein
warnungsvoller Traum! Johannes, Du bist das goldne Kleinod, das in die schwarze
Grube sinkt ... und mir einen ewigen Stachel zurücklässt. Kein Wort mehr,
Willhild. Er ist todt, bestattet; genug bis auf eine Zeit, wo ich werde weinen
können. Eine Frage: Du hast doch beachtet, was ich Dir bei Deinem letzten
Hiersein vorschrieb. Du hast geschwiegen?«
    »Wie das Grab!« beteuerte Willhild. Ich darf einen Eid darauf ablegen:
»Auch hat noch keine Christenseele erfahren, dass das Herrlein ... nicht mehr bei
uns.«
    »So sei es auch ferner!« sprach Margarete lebhaft: »Sein. Tod sei ein
Geheimnis für die Welt.« »Der Vater muss jedoch erfahren ...« meinte Willhild.
    »Er am allerwenigsten;« versetzte Margarete herrisch: »Vor der Hand zum
mindesten nicht. Du weisst übrigens, was ich Dir auf den Fall des Ablebens unsers
Sohnes neulich vertraute?«
    »Als ob es gestern gewesen wäre;« erwiederte Willhild.
    »Mein Eheherr, fuhr Margarete fort: kaum von schwerer Krankheit genesen,
hat nicht das geringste von Johannes Siechtum erfahren. Noch weniger erfahre er
seinen Tod, wenn es mir gelingt, wovon ich Dir jüngst sagte, und Du mir Deinen
Beistand nicht entziehen willst.«
    »Gewiss nicht! ehrsame Frau!« gelobte Willhild. »Auch meinen Mann, den
einfältigen Kumpan, will ich schon unterweisen. Er kömmt ohnedies nie hieher gen
Frankfurt.«
    »Aber der Pfarrherr, den des Knaben Leiche bestattete ...?« fragte
Margarete. -
    »I nun!« meinte Willhild, nach einigem Besinnen: »Wenn Ihr nicht schelten
wollt, möchte ich Euch wohl gestehen, dass ich, Euren frühern Reden eingedenk,
dem Leutpriester von Wiesbaden vorgelogen habe, der Knabe sei mein eigner Sohn
gewesen.«
    »Gut!« rief Margarete und ein Strahl der freude flog über ihr Angesicht:
»diese Lüge soll dir herrlich belohnt werden, wenn die Hauptsache erst in
Richtigkeit ist.«
    »Freilich;« versetzte Willhild etwas ängstlich: »ich sehe nur nicht ab, wie
ihr das alles in's Werk richten wollt.«
    »Meine Sorge!« sprach die edle Frau: »Wenn nur der Zufall seinen Segen gibt.
Es pochte an der Türe, leise und verstohlen. Margarete fragte auffahrend, wer
ihre Einsamkeit störe. Zu dem Schlüsselloch stahl sich aber eine zarte Stimme
in's Gemach, die versicherte, insgeheim und auf der Stelle mit der gestrengen
Frau sprechen zu müssen. Margarete winkte der Bäuerin in das Seitengemach, und
öffnete die Türe, durch welche Ben Davids Tochter herein schlich. Wie
verschieden war aber ihr Aussehen, ihre Kleidung von der Tracht und dem Benehmen
des gestrigen Tages. Statt des seidnen Gewandes, mit köstlichen Blumen besät,
mit Fransen geschmückt, und von einem silbernen Reif, der Gürtelstelle war,
zusammengehalten, hieng heute ein ärmlich unsauber Kleid um ihren schöngeformten
Körper, dessen Reize in der groben Hülle ihr Grab fanden. Die von wollenen
Streifen umwickelten Füsse schlurften in schweren Holzschuhen einher, und das
blühende Gesicht war unkanntlich gemacht durch die tief anliegende Kopfbinde und
den groben kurzen Schleier, der Haar, Wange und Hals neidisch und unbildlich
versteckte. In solcher Vermummung musste, wenn es - wiewohl selten - die
Notwendigkeit erheischte, die musterhaft gebildete Jungfrau ihr Haus verlassen,
wie ein Weib der niedersten Volksclasse. Diese abscheuliche Larve musste ihren
Wohlstand vor dem Blicke des Neiders, ihre Schönheit vor den Begierden des
Wollüstigen sicher stellen und verbergen.«
    Die Hausfrau war unangenehm durch die Erscheinung überrascht, und fragte
hastig und unwirsch nach des Mädchens Begehr; aber ihr Gesicht wurde
freundlicher, ihr Wort sanfter, da sie Ben Davids Botschaft vernahm. Sinnend
rieb sie sich die Stirne, und sprach nach kurzem Besinnen: »Dein Vater mag noch
diesen Abend kommen, in ehrbarer Tracht. Meine Mägde werde ich aus dem Hause
senden, und eine vertraute Frau zur Türhüterin bestellen. Um die siebente
Stunde erwarte ich ihn, wenn die Glocke Achte schlägt, kommt mein Eheherr nach
Hause, und darf ihn um Alles in der Welt nicht mehr finden. Geh jetzt von
dannen.«
    Margarete wunderte sich nicht wenig, als die Dirne nicht von der Stelle
wich, sondern eines Schauens nach einer Schilderei starrte, die über dem
Putztische der Altbürgerin hing. Und da das Mädchen auch auf eine wiederholte
Mahnung nicht von dannen ging, so wandte sich Margarete mit einem ungeduldigen:
Verdammter jüdischer Eigennutz! von ihr ab, suchte nach einigen Hohlpfennigen in
ihrem Wetscher1, und drückte dieselben, mit der Weisung, das Trinkgeld zu
nehmen, und endlich zu scheiden, in Esters widerstrebende Hand. Ben Davids
Tochter kam zu sich, und wies errötend die Gabe von sich. - »Bist du so stolz,
schmutzige Jüdin,« sprach Margarete dadurch gereizt; »dass Dir dieser Lohn zu
gering erscheint, für welchen Andere Deines gleichen einen falschen Eid leisten
würden.«
    »Ob mit diesem Gelde ein falscher Schwur sich bezahlen lässt, weiss ich
nicht;« antwortete Ester mit leichtem Unwillen: »aber Ihr könntet meinen Gang,
ohne mir durch schnödes Almosen weh zu tun, besser vergelten, sonder Geld und
Gabe.«
    »Wie das?« fragte Margarete stolz.
    »Mit einem freundlichen Wort;« erwiederte Ben Davids Tochter: »Sagt mir
doch, gnädige Frau, ... wer ist der Reiter dort auf dem Bilde, der die Schlange
todt sticht unter seines Pferdes Hufen?«
    »Der Reiter hat nichts mit Dir und Deinem Volke gemein,« versetzte Dieter's
Gattin nicht ohne Hochmut. »Er ist ein Heiliger unsrer Kirche, ein Streiter für
den Glauben, der allein selig macht, und man nennt ihn den frommen Ritter
Georg.«
    »Der Ritter Georg?« fragte Ester schlau und ihre Bewegung verbergend: »ich
danke Euch, ehrsame Frau. Wie glücklich seid Ihr, solch ein Bild Euer zu nennen!
Der Maler muss den Heiligen selbst gesehen haben, denn dem schönen Ritter sieht
gewiss kein Sterblicher gleich.«
    »Kein Jude freilich;« spottete Margarete bitter. »Der Maler fand aber unter
den Rechtgläubigen das beste Vorbild, meinen ... hier errötete sie schnell ...
meinen Stiefsohn.«
    Ester sah sie überrascht an, musste aber der herrischen Geberde gehorchen,
mit der Margarete sie aus dem Gemache wies. Gesenkten Hauptes schlich das
Mädchen, unbemerkt, wie sie gekommen, über die marmorgefassten Treppen zur weiten
Hauspforte hinaus. Schnell flüchtete sie über den Liebfrauenberg weg, wo die vor
dem Stifte spielenden Jungen ihren kindischen Mutwillen durch Schimpfworte und
Steinwerfen gegen sie äusserten, weil sie an dem blaugestreiften Schleier die
Jüdin erkannten. Wie ein Reh eilte sie an den Hütten der Scherer gegen dem Römer
über, vorbei, vor denen Meister und Gesellen mit allerlei müssigen Gesindel in
herkömmlichem Sonntagsgeschwätz verkehrten, und gern ihren schaalen Witz auf
Kosten aller vorübergehenden Weiber übten. Nicht eher schritt sie langsamer, als
bis sie in der Nähe der Domkirche gekommen war, aus welcher des Hochamts
Orgeltöne feierlich zu ihrem Ohre drangen, und der bösen Lust der
Vorübergehenden die Fesseln der Andacht anlegten. Wie gerne hätte sie vor der
offenen Pforte verweilen, in das von Weihrauchdüften erfüllte Gotteshaus
schauen, und sich unter all den Feierklängen, Kerzenflammen und pomphaften
Gebräuchen den heiligen Rittersmann wieder vergegenwärtigen mögen, der in
Dieter's Hause sie so zauberisch berückt. Aber die Scheu vor roher Misshandlung
trieb sie von dannen, und sie durfte nur in sich hinein flüstern: Ihr Stiefsohn
ist's? Er, der Ritter, der mit mir und meinem Volke nichts zu schaffen hat?
Leider ist es so! Nun, da der für mich bisher namenlose einen Namen trägt, ...
nun, da ich ihn, aussprechen darf, ... nun ist er ganz für mich verloren ...
auch für meine Träume. Gewiss ... o gewiss trennt ihn nicht sein Volk, sein
Glaube, sein Stand allein von mir. Diese Hindernisse sind ja nichts für ein
Herz, das nur im Erinnerungsbilde liebt, und allem Irrdischen entsagend, nur im
Reiche der Einbildung glücklich zu sein wünsche. Aber gewiss fesseln ihn andere
Bande ... den Angebeteten. Konnte der schöne Mann seiner Stiefmutter
gleichgültig bleiben neben den grauen Haaren ihres Gemahls? Dass sein Bild in
ihrer Kammer hängt, bürgt für ein geliebtes Andenken, und vereint hat sie die
Liebe! - Estsr's Gesicht flammte auf in Schaam über die Ungerechtigkeit ihres
Wahns. Die Liebe? zürnte sie gegen sich selbst: Die Sünde hätte sie vereint, und
Sünde ist dem Herrn meines Herzens fremd. Wahrlich! wahrlich! Wie könnte sonst
sein Antlitz das Bild eines Heiligen sein? Verzeihe mir, Du, den ich über alles
liebe, nicht zu nennen wage, und in dem Götzenbilde verehre, das mein Gesetz
verdammt und verflucht. Nimmer soll eine Eifersucht, wie diese, Dein holdes
Andenken schwächen!
    An der Türe ihrer Wohnung empfieng sie der Vater, der ihr gleichgültig im
Gespräche mitteilte, dass es ihm bereits gelungen, die Eltern seines kleinen
Christenfindlings zu ergattern. Ester fragte mit heftiger Neugierde nach deren
Namen. »Du wirst es gut finden, wenn ich ihn verschweige,« antwortete Ben David
mit scharfem und bestimmtem Tone: »Der Greis Jochai hat mir offenbart, welch
unziemlich Gefühl Dich hinzieht zu dem Knaben. Die Torheit muss nicht ferner
genährt sein; denn unbegreiflich ist es ohnehin, wie Du Dich hinneigst zu den
Söhnen und Töchtern Amaleks. Der fromme Vater, dem einst der Frieden sei, dringt
darauf, dass ich Dich führe gen Worms, wo eine Schule blüht, und die Weisheit
gelehrter Rabbinen. Er will gern die Traurigkeit auf sich nehmen, Dich nicht um
sich zu sehen, wenn sein Angesicht bleich wird; so Du nur wieder des Paradieses
würdig wirst.«
    »Führe mich in den Tod, nur nicht nach Worms;« sprach Ester entschieden und
fest. »Worms ist Zodicks Vaterstadt, und folglich für mich der höllische Pfuhl,
aus welchem die Teufel und Nachtgespenster stammen. Ich muss Dir gehorsamen, aber
Dir vergebe dann der hochgelobte Gott!«
    Sie entfloh in ihre Kammer, und schloss sich ein, allein mit ihrem
Liebesbilde und ihrem Kummer. Der Vater blickte ihr wehmütig lächelnd nach,
schlug sich die Brust, und sah seufzend empor zum Himmel. Hier ahne ich böse
Stürme! sprach er zu sich. Der Ewige wolle Alles zum Guten wenden. Hierauf
verbrachte er den Tag in geschäftreicher Musse; ordnete seine Rechnungen,
überzählte sein Geld, das er im Keller barg, une die übrige Habe, und kleidete
sich gegen Abend in feinbürgerliche Tracht. Dann nahm er den Knaben, der
ungestüm nach der Mutter verlangte, bei der Hand, und führte ihn mit sich an das
Haus der Frosche, wo er mit dem Glockenschlage der siebenten Stunde, wie
befohlen, anlangte. Willhild harrte an der zugelehnten Türe, und so wie sie in
der Dunkelheit den Mann und das Kind herannahen, und die Pfortentreppe besteigen
sah, winkte sie ihm, näher zu kommen und einzutreten. Ben David folgte ihr durch
das menschenleere Gebäude, bis in das Vorgemach der edeln Frau, die ihn alsobald
zu sich herein bescheiden liess. Er übergab den Knaben Willhild's Obhut, und ging
bescheidnen und leisen Trittes in Margaretens Stube. Erwartung und Hoffnung in
den Mienen empfing ihn die stolze Frau.
    »Was bringst Du mir, David?« fragte sie gespannt: »Die Möglichkeit, die ich
neulich Dir angab, ist zur bösen Wirklichkeit geworden. Mein Sohn ist
hinübergegangen.«
    »Ist er?« sprach Ben David mit Teilnahme: »so bedaure ich die
zurückgebliebene Mutter. Beim hochgelobten Gott! ich bedaure Euch aufrichtig,
denn auch wir Juden wissen, wie lieb uns Kinder sind, und Söhne vor Allen. Ach!
auch mir hat der Herr Zweie genommen. Den Einen durch einen grausamen Tod; den
Andern ...... Nun des Herrn Wille geschehe!«
    »Er geschehe!« versetzte Margarete kurz abbrechend: »Aber eben weil dieser
Wille unabänderlich ist, und niemand aus dem Grabe rückkehrt, so ist es nicht
geraten, in einem vergeblichen Schmerz zu verwelken, und darüber das Leben zu
vergessen. Der Himmel weiss, dass ich Dich nicht gern zu meinem innigern
Vertrauten mache, aber die Lage der Dinge erfordert es. Ich war arm, ehe ich dem
alten Mann meine Hand gab. Die Meinigen sind es noch. Ich bin jung, und will
nicht gern umsonst den Winter meines Eheherrn mit dem Kranze meiner Jugend
geziert haben. Die Vorsehung selbst hat das nicht verlangt, darum gestattete
sie, dass meines Gatten einziger Sohn erster Ehe dem Himmel geweiht wurde, seine
Tochter Verzicht leistete auf ihr Erbe, und ich ein Söhnlein gebar, das einst
der Besitzer aller Habe seines Vaters zu werden bestimmt war. Für seine
Gesundheit besorgt, übergaben wir den Knaben einer ehemaligen Dienerin meines
Hauses, die unfern vom Wiesbade verheiratet, den schwächlichen Körper des
Kindes in dem stärkenden Heilbrunnen daselbst zu baden angewiesen war, nach der
Vorschrift des Arztes Joseph, der uns den Aufentalt auf dem Lande, zu
Sommer-und Winterzeit, als das wirksamste Heilmittel für das kränkelnde Kind
anpries. Vor wenigen Wochen erfahre ich, der Knabe sei krank. Die Mutterangst
reisst mich vom Lager des siechen Gemahls, den ich über diesen Punkt in
Unwissenheit liess; ich sehe meinen Sohn, überzeuge mich von einer unheilbaren
Verzehrung, die ihn überfallen, und denke, trostlos zurückkehrend, sogleich auf
die allzuwahrscheinliche Zukunft. Damals war es, wo ich Dir, der mir schon öfter
Vertrauen abgewann, ein grösseres schenkte, und heute sind wir da, wo ich mich
damals nur hindachte. Hast Du gefunden, was Du suchtest? Eine Mutter, die ihr
Kind für reichlichen Lohn auf ewig von ihrem Busen weisst? oder eine Waise,
würdig des herrlichen Looses, das ich ihm bereite? Rede! zaudre nicht. Die Zeit
ist kostbar.«
    »Eine Mutter, die ihr Kind verkauft, fand ich nicht, edle Frau;« erwiederte
der Jude: »Selten mag wohl dieser Vogel sein. Aber etwas Besseres fand ich,
einen Knaben, an den die Welt keinen Anspruch hat, der selbst nicht weiss, woher
er stammt, von dessen Eltern Ihr keine Forderung zu fürchten habt, da sie ihn
verstiessen.«
    Margarete horchte aufmerksam auf die Geschichte, die ihr Ben David zu
erzählen für gut fand, ohne dabei des Edelknechts von Hülshofen zu erwähnen.
»Hat der Knabe alle Eigenschaften, die ich verlangte?« fragte sie hierauf:
»Braunes Haar, blaue Augen ... eine flüchtige Ähnlichkeit mit den Bildern unsers
Geschlechts? das rechte Alter?«
    »Alles, wie Ihr's begehrt. Der Zufall konnte nicht besser dienen. -
Überzeugt Euch selbst.«
    Ben David führte den Knaben herein. Willhild erschien mit ihm, und winkte
der edeln Frau mit voller Zufriedenheit zu. Wohlgefällig betrachtete Margarete
beim hellen Kerzenschein das blöde dastehende Kind. - Tränen stiegen in ihre
Augen. »Wahrlich!« rief sie mit aufgeregtem Gefühl: »sind diese Züge nicht ein
Fingerzeig von Gott, so weiss ich's nicht. Sprich, Willhild! Mein Knabe, wäre er
gesund und kräftig geworden ... hätte aussehen müssen, wie dieser. Ach, mein
Johannes!«
    »Ich heisse Hans!« sprach der Knabe schüchtern.
    »Ein neuer Wink von oben!« versetzte Ben David: »Das Büblein heisst wie der
Eure, und leicht kann auf seinem Dorfe der Name also abgekürzt worden sein.«
    »In der Tat!« meinte Margarete, die Zähren trocknend: »es ist
ausserordentlich, und Alles fügt sich besser, als man's wünschen kann. Komm her,
mein Knabe! wirst Du mich lieben?«
    Sie zog den Buben an sich, und küsste seine Stirne: er starrte aber zu ihr
empor, spielte mit dem goldnen Kreuz an ihrem Halse, und fragte: »Wer bist Du
denn, gute Frau?«
    »Ei, das ist ja Deine Mutter!« antwortete ihm Ben David kurz und bestimmt. -
Der Knabe aber lächelte ungläubig, und schüttelte zweifelnd mit dem Haupte.
    »Das ist Deine Mutter, und ich bin Deine Pflegemutter;« bedeutete ihm
Willhilde ebenfalls. Der Knabe sah sie gross an, und schien zweifelhaft zu
werden. »Wo ist denn die Gundel, und das Hänschen?« fragte er ein wenig
kleinlaut.
    »Gundel ist fortgegangen und kömmt nicht mehr wieder;« nahm Ben David das
Wort, da die Frauen des Knaben Rede nicht begriffen: »Hänschen ist aber schwarz
geworden, weil Du so lange ausgeblieben,« setzte er hinzu, und wies auf den
kleinen schwarzen Spitzhund, der zu den Füssen der Altbürgerin auf einem
zierlichen Polster schlief. - Der Knabe schlug verwundert die Händchen zusammen,
warf dann noch einen prüfenden Blick auf Margaretens Antlitz, das bekümmert und
freundlich zu ihm niedersah, und flüsterte hierauf dem Juden halblaut zu: »Die
ist aber doch die Mutter nicht.«
    »Ungeratener Bube!« rief Dieter's Gattin, durch einen Wink Ben David's
unterrichtet, und ihre Augen blitzten zürnend auf den blöden kleinen Hans;
»willst Du mich wohl gleich wieder erkennen? schon zu lang dauert das
Possenspiel. Sprich, wenn Du nicht die Rute kosten willst; bin ich Deine
Mutter, oder nicht?«
    Der Knabe krümmte ängstlich seinen Rücken, faltete die Hände, und rief, in
der Scheltenden Schoss geschmiegt: »Liebe Mutter, schlage mich nur nicht. Hans
will gut sein, und er weiss ja, dass Du seine Mutter bist. Nur nicht schlagen.«
    »So lass ich's gelten!« erwiederte Margarete, und reichte ihm versöhnt einen
Zuckerfladen: »Sei nur immer gut und folgsam, und Du wirst auch den Vater zu
sehen bekommen.«
    »Den Vater?« fragte der Knabe: »ich habe keinen mehr.«
    »Doch, doch, mein Jüngelchen!« redete ihm Ben David zu. »Einen guten und
liebreichen Vater, der Dich lieben, reich beschenken und unter lauter Freude und
Vergnügen gross ziehen wird.«
    »Das ist schön, dass ich einen Vater habe, und eine Mutter, die mich nicht
schlägt!« rief hierauf Hans ganz erfreut, und liess sich, in den Zuckerfladen
beissend, vertraulich auf dem Polster des Hündchens nieder, das bald gute
Freuudschaft mit ihm machte, und seinen Kuchen mit verzehren half. Während nun
die Beiden spielten, und Frau Willhild sich hineinmischte, um den Knaben mit
sich bekannt zu machen, folgte Ben David Margareten in ihr Schlafgemach, wo die
Bedingungen des Verkaufs festgesetzt wurden. Nicht geringe waren sie, denn als
Ben David mit Beuteln und Verschreibung beladen, davon zu gehen im Begriff war,
sagte ihm Margarete: »Du verstehst es, Jude, Deinen Vorteil zu beachten. Der
Kinderhandel schlägt Dir gut ein.«
    »Was wollt Ihr, edle Frau, und was redet Ihr da?« fragte Ben David, mit
schlauer Aufrichtigkeit: »Kinder sind doch Gottes Segen, und den bezahlt man nie
zu teuer. Am allerwenigsten, wenn man damit gewinnt Erb und Gut. Dem alten
Herrn blüht gewiss kein Sohn mehr. Ihr seid zu fromm, um zu beglücken den Freund
statt des Ehemanns. Und dennoch muss der Sohn der ersten Ehe ausgeschlossen
bleiben und Priester werden, und nimmer den Dispens gewinnen, den Stamm
fortzupflanzen in Ermanglung andrer Erben. Der Knabe, den ich Euch überlasse,
ist dennoch allzuwohlfeil erkauft, als Euer grösstes Glück und Heil.«
    »Doch der tiefsten Verschwiegenheit darf ich mich zu Dir versehen?« fuhr
Margarete mit durchdringendem Blicke fort: »Wenn Du treulos sein könntest ...«
    »Beruhigt Euch, gute Frau;« antwortete Ben David lächelnd: »wär ich ein
Christ, so würde ich Euch leisten einen Schwur, und ihn hinterher vielleicht
erst nicht halten. Als Jude darf ich nicht schwören einen Eid ohne den Rabbi,
und dann erst müsstest Ihr mir glauben auf's Wort, ob ich recht geschworen habe,
oder nicht; denn ich verstehe Euer Deutsch, aber Ihr nicht mein Hebräisch.
Verlasst Euch deshalb auf ein sicheres Pfand: auf meinen Hals. Wenigstens an mein
Leben ginge es, käme es heraus, dass ich ein Christenkind verschachert; und mein
Leben ist mir lieb, ist's gleich mir ein elend Judenleben. Gehabt Euch wohl, und
versichert Euch nur der Weiberzunge, die Euer, unser Geheimnis teilt.«
    Hierauf entfernte sich Ben David schnell, und Margarete säumte nicht,
seinem Wink zu folgen, und die halb verlegen, halb froh sich benehmende Willhild
zur Bewahrung des Gelübdes aufzufordern, das sie geleistet.
    »Ihr könnt mir keck vertrauen, beste Frau;« versetzte Willhild: »mir fällt
ein Stein vom Herzen, dass ich nicht des edeln Herrn Unwillen aushalten muss, der
fürchterlich gegen mich entbrennen würde, träte ich vor ihn hin, und meldete ihm
den Unfall, der seinem Söhnlein widerfahren. Aber ... wenn ich mich nur
überzeugen könnte, dass es keine Sünde sei, einen unbekannten Zweig auf solch
edeln Baum zu pflanzen.«
    »Wenn ich es nicht für Sünde halte,« entgegnete Margarete stolz, »so denke
ich doch wohl ...«
    »Ach, liebe Frau, Alles gut;« versetzte Willhild ängstlich: »bei Euch
vornehmen Leuten ist das was anders. Kömmt ein böser Fall auch hie und da vor,
so könnt Ihr mit Geld Euch Ablass holen. Wir armen Leute haben aber nichts, als
das nackte Leben, und unser Leutpriester zu Wiesbaden ist ein strenger
gottesfürchtiger Mann, dem ich doch nächste Ostern den ganzen Handel beichten
muss. Er ist im Stande, und schickt mich ohne Ablass aus dem Beichtstuhle, und
dann ist es so gut, als ob ich vor der ganzen Gemeinde im Banne läge.«
    »Sei unbesorgt!« erwiederte hierauf Margarete: »kömmt die Zeit heran, so
mache Dir ein Geschäft zu Frankfurt, und lege Dein Sündenbekenntniss vor meinem
Beichtvater, dem guten Barfüssermönch Reinhold ab. Der wackre Priester fragt
nicht nach Namen und nähern Umständen, und lässt Deiner Reue um so eher die
gewünschte Lossprechung angedeihen, als Du beschwören kannst, durch besagte
Verwechslung einen unglücklichen Knaben glücklich gemacht zu haben.«
    »Nun so sei es denn in Gottes Namen!« sprach Willhild, und legte mutig ihre
Hand auf das Kruzifix, das ihr Margarete vorhielt und in dem ein Splitter von
der Hirnschale der heil. Katarina eingefasst war: »Da mein Seelenheil nicht
gefährdet sein soll, so schwöre ich das mit aufgelegten Händen auf die Heiligen
zu den Heiligen, dass ich Euch nimmer verraten werde, so lange mir die Augen
offen stehen, an Niemanden, der da lebt, und vom Weibe geboren ist.«
    Hierauf küsste sie der Gebieterin die Hand und Beide begannen nun zu
beratschlagen, wie und wann der Knabe in das Haus seiner neuen Eltern
eingeführt werden sollte. Der kleine Hans sass dabei, ohne von der Verhandlung
etwas zu verstehen, spielte mit dem Spitzhunde und liebkoste Margaretens Hand,
und nannte sie einmal über das andre seine gute und liebe Mutter. - Ehe jedoch
die Beratschlagung eine völlig genügende Wendung genommen hatte, hörte man von
ferne den Schritt des heimgekehrten Gemahls. - Margarete sprang mit Herzklopfen
auf. - »Kein Zögern mehr!« rief sie: »das Schicksal will schnellen Entschluss.
Willkommen, Johannes Frosch! Du wirst den Vater sehen!«
    Sie drückte den Knaben mit wehmütigen Gefühlen an ihre Brust, und drängte
Willhild mit dem Kleinen in die Kammer. Schnell trocknete sie die Träne von
ihrer Wimper, schmückte vor dem Spiegel ihr Gesicht mit freundlichem Lächeln,
und erwartete mutig, wiewohl nicht ohne innere Bangigkeit, den Eheherrn, der
auch nicht säumte, bei ihr einzusprechen.
    »Guten Abend, Margarete!« sprach Dieter in fröhlicher Weinlaune auf die
Gattin zugehend, und sie in die Arme schliessend. Er warf einen freundlichen
Blick auf sie, und da er gewahrte, dass sie mit gleicher Freundlichkeit zu ihm
aufsah, so freute er sich dess, und sagte: »Seht, liebe Ehewirtin, so gefallt
ihr mir. Das düstre Gesicht, das schon seit geraumer Zeit Euer alltägliches
geworden war, hat mir viel Nachdenken verursacht. Aber wenn Eure Stirn glänzt,
wie ein Heller Spiegel und Euer Mund so zuckersüss lächelt, - gerade so wie
jetzt, - dann geht mir das Herz auf.«
    Er küsste sie zärtlich. »Kommt, lasst uns Eins plaudern;« fuhr er fort, und
zog sie auf den gepolsterten Fenstersitz. »Es ist mir jetzt Bedürfnis, zu
schwatzen wie eine Elster. Gar unlieb wäre es mir gewesen, wenn ich Euch noch
trübsinnig gefunden hätte, wie heute zu Mittag, denn ein Glas Rheinfall hat
meine Seele fröhlich gemacht, und eine wohlklingende Botschaft ist mir zu Ohren
gekommen von meinem Sohne Dagobert.«
    »Welche?« fragte Margarete, nicht ohne Teilnahme.
    »Ihr seid ein wackres Weib!« versetzte der alte Dieter, ihr die Hand
drückend: »Ihr nehmt so viel Anteil an dem Jüngling, und er ist doch nur Euer
Stiefsohn. Darum sagte ich ja immer, wenn mich meine Freunde und Spielgesellen
aufhetzen wollten gegen Euch in Schnack und Schwank: meine Grete ist ein
herzliebes Ehgespons, das sich weder an meinem grauen Bart stösst, noch nach dem
flaumbärtigen Stiefsohn verlangt in Unehren; und darum sollt Ihr auch jetzt
wissen, dass der Dagobert glücklich und gesund zu Costnitz angekommen ist, wie
mir - 's ist kaum eine halbe Stunde - der Stadtschreiber Heinrich von Gelnhausen
versichert hat, der in Reitstiefeln, gerade wie er vom Ross gestiegen, auf unsere
Trinkstube Limpurg kam. Der Schöffe von Braunfels hat ihn zurückgesandt, um noch
mehrere Schriften nachzubringen, und im Augenblicke der Abreise hat er unsern
Dagobert, der gerade angekommen, begrüsst. - Nicht wahr, das freut Euch, so wie
mich.«
    »Von ganzer Seele;« versetzte die Frau.
    »Der Trunk Weins hat mir absonderlich darauf geschmeckt;« versicherte
Dieter. »Mitten unter der Freude meines Herzens ist mir jedoch eine ernste
Betrachtung angekommen. Sprecht selbst, liebe Ehewirtin: ist's nicht ein
seltsam Schicksal, von dreien Kindern, die uns lieb sind, keines unter unsern
Augen zu haben? Von der Tochter will ich eigentlich nicht reden, denn sie hat
sich selbst losgesagt von uns. Ihr Bruder aber ist fern, auf seinen Beruf
bedacht; und unser Johannes, mir das liebste von den Kindern, da Ihr seine
Mutter seid, lebt auch von uns entfernt, ohne dass wir selbst ihn pflegen
könnten, und seinen schwächlichen Leib.«
    »Ihr würdet ihn also gerne wieder um Euch haben?« fragte Margarete
lächelnd, obgleich ihr das Herz beinahe brach.
    »Welche, Frage?« erwiederte Dieter: »Zwei Jahre sind es fast, dass ich ihn
nicht sah. Das verdammte Zipperlein hat mich gehindert, verwichenen Herbst den
Buben zu besuchen, wie ich mir's vorgenommen. Aber so bald es wieder trocken und
kalt wird, und meine Gicht das Leben im Steigbügel vertragen kann, steige ich zu
Pferde, und gehe den Jungen zu küssen.«
    »Er ist recht kräftig geworden;« sprach Margarete. »Willhild hat mir
gestern Botschaft gesandt. Seit ich ihn heimsuchte, hat er um Vieles
zugenommen.«
    »Hat er?« rief Dieter: »beim Himmel! das ist mir lieb. Ich sagte es oft.
Ein gesunder Stamm trägt auch gesunde Früchte! - Wenn er nur schon so weit wäre,
dass er wieder kommen könnte in's Vaterhaus.«
    »Wer weiss, ob das nicht bald, recht bald geschieht;« meinte Margarete.
    »Bald? recht bald?« versetzte Dieter mit glänzenden Blicken: »Weib, Ihr
wisst am Ende, dass er kommen darf? Sagt mir's ... ich will ihn abholen, auf
meinen Armen ihn hieher tragen! Wie gerne will ich meinen Bart von ihm zerraufen
lassen, wie gern ihn auf meinen Knien schaukeln, so lange er will, wenn er nur
kömmt, gesund ist, und unsre Freude wird!«
    Margarete benützte geschickt die freudige Bewegung des Alten, öffnete rasch
die Seitentüre, und legte den staunenden Knaben an die Brust des vor Freude zur
Bildsäule gewordnen Gatten. - »Sieh hier Deinen Sohn!«
    »Mein Johannes!« stammelte der Überraschte, und presste ihn unzähligemal an
sein Herz, an seine Lippen. Er nahm ihn auf die Arme, tanzte mit ihm in der
Stube umher, geberdete sich, als habe die Freude seinen Verstand verrückt.
Endlich setzte er ihn zur Erde nieder, und betrachtete ihn staunend.
    »Ich kann nicht zu mir selbst kommen;« sagte er. »Wie können wenige Monate
ein Kind verändern! Wie haben sich die Züge ausgebildet, und die Gestalt! Ja;
so, so muss ein Sohn unsers alten Geschlechts aussehen; stark, kräftig, ein
emporstrebendes Stämmchen. Warum bist Du aber so fremd geworden gegen Deinen
Vater? Du betrachtest mich so verwundert, als ob Du mich noch nie gesehen? Was
ist denn mit dem Jungen?«
    »Auf unserm Maierhofe,« begann Willhild ängstlich, »hat er viel vergessen.
Zürnt ihm nicht, edler Herr.«
    »Umarme Deinen Vater, Hans!« gebot Margarete. - Der Knabe warf einen
furchtsamen Blick auf sie, umschlang Dieter's Hals, und drückte einen
herzhaften Kuss auf dessen Mund. - »Willkomm, Vater!« sprach er, noch halb
verdutzt: »Hab den kleinen Hans lieb!«
    Schon der Kuss hatte Alles wieder gut gemacht, und die zutraulichen Worte des
Knaben vollendeten Dieter's Bezwingung. Kosend und tändelnd trat er, den
Kleinen auf dem Arm, vor den Spiegel, und sprach wohlgefällig: »Fast möchte ich
für wahr halten, was die Amme schon sagte, da sie den neugebornen Buben in
meinen Arm legte, er sieht mir ähnlich; recht ähnlich! Ist das nicht meine Nase,
mein Mund? Sind das nicht meine Augen? Die Ähnlichkeit hat sich erst recht
herausgewachsen. Nicht wahr?«
    Margarete und Willhild bekräftigten die Meinung des guten Alten, und sein
Vergnügen wuchs zum Mutwillen auf. »Die Lästerzungen,« raunte er Margareten
in's Ohr, »die über unsern Ehbund spöttelten, werden gelähmt sein, beim Anblick
dieses Gesichts, das in das Geschlecht der Frosche recht eigentlich gehört. Sie
prophezeiten mir das gewöhnliche Loos des Sechzigjärigen, der zur zweiten Ehe
schritt, und dennoch ....«
    Hier wies er triumphirend auf den Knaben, der mit seinen grauen Locken
spielte. Margarete verschloss ihm aber den ruhmredigen Mund mit einem Kusse.
 
                                    Fussnoten
1 Lederne Gürteltasche der Frauen.
 
                                Fünftes Kapitel.
 O, kehre nie zur Heimat wieder,
 Ein Fremdling warst Du ihr.
 Dir tönen nicht mehr ihre Lieder
 Und ihre Sitte widert Dir.
 Was willst Du hier? im fernen Lande
 Fand'st Du ein falsches Glück,
 Und liessest - Tor! - dafür zum Pfande
 Dein ehrlich deutsches Herz zurück!
                                                               Altes Schauspiel.
Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum
war es auch weiter kein Wunder, dass ihr täglicher Lebensweg ebenfalls ein
verschiedner war. Gerhard lag in dem Gastause zum Engel, auf der Bärenhaut, und
wartete bei Trunk und Spiel mit der grössten Gelassenheit auf eine Gelegenheit,
in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt
Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert benützte hingegen die ersten Tage seiner
Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwürdigkeiten
kennen zu lernen, und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrücklich versprochen
hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden. Um so
seltsamer kam es ihm vor, dass es ihm nicht gelang, die mindeste Spur von ihm
ausfindig zu machen. Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach
dem Prälaten Hieronymus Frosch: niemand wusste ihm Auskunft zu geben. Die
Schöffen des Frankfurter Rats selbst hatten nicht das Geringste von einem
solchen gehört, und so verging schier eine Woche, und der Eifer Dagobert's hatte
schon bedeutend nachgelassen, als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog
Friedrich von Östreich beschied. In sein bestes Kleid gehüllt, eilte er nach dem
Hofe, den dieser reiche und prachtliebende Fürst mit seinem Gefolge einnahm. Der
Herzog empfing ihn in einem einfach aber edel gezierten Gemache. - »Wie
gefällt's Euch zu Costnitz, junger Degen?« fragte er den Jüngling mit heitrer
Miene: »Wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge, die einen
Jahrmarkt eher verkündet, als eine ernste Kirchenversammlung?«
    Dagobert bekannte, dass er noch wenig getan, um sich mit dem Gewühl der
vielen Ausländer und fremden vaterländischen Gäste vertraut zu machen.
    »Bei Eurer Jugend nimmt mich das höchlich Wunder!« sprach der Herzog: »Jesus
Christus! wenn ich daran denke, wie ich in Euerm Alter das Leben betrachtet
habe! Es kam mir nicht anders vor, als wie ein grosser Pokal, den ich verbunden
sei, Tag für Tag auszuleeren bis auf die Neige, nach guter alter Trinkersitte.
Wo es recht toll herging, war ich mitten darunter, und nirgends fröhlicher als
wo gescheite Leute und Narren um mich schwärmten wie ein Bienenvolk. Ihr, lieber
Freund, seht aus wie ein lockerleichtes Blut, und müsst wohl Eure Gründe haben,
wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags über die Schranken haut, wo es
angebracht ist. Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz? Nehmt
Euch in Acht. Es gibt der Schönen viele in dieser Stadt, aber die meisten sind
fremde Zugvögel, die ihr trüglich Gefieder hier ausspreiten, weil es in der
Heimat den Wert verloren hat; Hexendirnen, die sich anstellen, als ob sie
Herzen fischten, während sie doch nur das Netz nach dem Golde unerfahrner
Lüstlinge auswerfen.«
    »Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir - wenn gleich nur aus
Berichten - nicht unbekannt;« versetzte Dagobert lustig: »Ew. fürstl. Gnaden ist
daher im Irrtum. Nicht einem rotwangigen Mägdlein jage ich nach, sondern einem
graubärtigen Manne, der mich hieher berufen, und nun Versteckens mit mir spielt;
meinem Ohm nämlich.«
    »Euer Ohm?« fragte der Herzog aufmerksam werdend: »Sein Name?«
    »Ist der meine;« antwortete Dagobert: »aber der Träger versteckt sich im
Sumpfe.«
    »Wäre das der Prälat von dem Stifte des heil. Bartolomäus bei Cesena?«
    »Derselbe, gnädiger Herr. Der Bruder meines Vaters: Hieronymus Frosch.«
    »Ei, der ist freilich hier;« lachte der Herzog: »ist mit mir gekommen, da
ich den heil. Vater hieher geleitete.«
    Dagobert stand, steif vor Erstaunen, da.
    »Ihr könnt mir's glauben, auf Fürstenwort;« fuhr der Herzog fort: »sein
Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesgässlein, in dem Hause, zum Pfauen
geschildet.«
    »Bin ich denn blind gewesen?« fragte sich Dagobert halb ärgerlich; »war ich
denn taub? hab ich nicht umhergespäht mit Aug und Ohr wie die Frommen am
Pfingsttage in. der Kirche, da der heilige Geist aus dem Schalloche hernieder zu
schweben hat?«
    »Seid zufrieden;« versicherte der Herzog: »Ihr seid nicht blind, nicht taub
gewesen. Ihr habt aber beständig nur nach dem Unrechten gefragt; der
übelklingende Name Frosch ist nicht mehr der Euers Ohms. Er hat sich in's
Wälsche übertragen, und wenn Ihr nach dem ehrwürdigen Monsignor Ranocchia Euch
erkundigt, wird er Euch sicher nicht entgehen.«
    »Wie ist mir denn?« rief Dagobert: »Unsers ehrlichen Namens, berühmt
geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten, schämt sich der Oheim?«
    Der Herzog zuckte die Achseln. - »Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen
Deutschen gekannt,« sprach er, »und immer nur den Italiäner in ihm gesehen.
Macht es auch so. Man weiss, ja ohnedies nicht mehr, was heut zu Tage Deutsch ist
oder nicht. Wer findet hier unter dem bunten wöllisch, englisch und böhmischen
Geplauder das Vaterland heraus? Jede Nation, nur die unsre nicht, spielt hier
den Herrn, vorab die französische. Ein schnackisches Völklein das: singt höher
dann genotirt, liest anders, denn geschrieben, spricht anders als ihm um's Herz
ist, und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewisslich in den Sack.
- O! setzte er mit bitterm Spotte hinzu: dies Concilium ist des Luxemburgers
Meisterstücklein!«
    Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin, blieb dann stehen
und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert.
    »Ihr wisst nun, wo Euer Ohm zu finden, junger Mann;« sagte er, wie man einem
Besuche gern ein Ende machen will: »es wird ihn freuen, Euch bald zu sehen, wie
es mir angenehm sein wird, Euch nicht aus den Augen zu verlieren. Das Pferd, das
Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet, tut Ihr mir wohl die Liebe,
als Geschenk für Eure Hülfe anzunehmen. Es ist ein polnisch Tier und gerade
wild genug für einen derben Jungen, so wie Ihr.«
    »Gnädigster Herzog ...« stammelte Dagobert dankend, aber Friedrich
unterbrach ihn schnell, indem er lächelnd sagte:
    »Kein Wort für die schlechte Gabe. Wär' ich Kaiser, sollte sie besser sein.
Hätte ich Euch nicht aufrichtig lieb, und wollte Euch ablohnen, sollte sie auch
besser sein. - Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld. Geht mit
Gott, und kommt bald wieder. Ohne den verwünschten Klopffechter seid Ihr stets
willkommen.«
    Mit der grössten Freundlichkeit, aber ohne seinem Stande etwas zu vergeben,
beurlaubte der Herzog, steif in der Mitte des Gemachs stehend, und kaum merklich
mit dem Haupte nickend, seinen jungen Freund. Dagobert säumte nicht, da es erst
um die Mittagsstunde war, die Wohnung seines Oheims aufzusuchen. Das
Paradiesgässlein war bald gefunden, und das Haus zum Pfauen, das ansehnlichste
der Gasse, eben so schnell entdeckt. Die Türe stand offen, und innerhalb
derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachlässig gekleideter
Diener und speiste Nüsse. Dagobert erfuhr von dem Müssigen auf Befragen, dass
Monsignor so eben vom Messelesen gekommen sei, und sein Stündchen der
Bequemlichkeit feire, in welchem er sich nicht gerne von Fremden gestört sehe.
    »Ich bin kein Fremder;« erwiederte Dagobert kurz: »ich bin des Prälaten
Neffe, und hoffe allerdings auf unverzüglichen Empfang.«
    Der Diener, ein Italiäner und mit barbarischem Deutsch behaftet, wurde nun
zwar ehrerbietiger denn zuvor, wies aber den Besucher stumm und trocken über den
Hof. Dagobert kehrte dem trägen Nussfresser den Rücken, und flog, den angegebnen
Weg verfolgend, die Treppe hinan, an der offnen Küche vorbei, die einen
Wohlgeruch ausströmte, wie er selbst im väterlichen Hause seine Nase nicht
gekitzelt hatte. Auf dem Vorplatze angelangt, der mit Heiligenbildern geschmückt
war, untersuchte Dagobert, welche von den drei vorhandenen Türen diejenige sei,
die zu dem Oheim führen möchte. Die Eine war verschlossen, die Andre nicht, aber
scheu zog diese der Jüngling wieder zu, weil er in ein Gemach gesehen, das
augenfällig von einem Frauenbilde bewohnt war, wie es die zierliche Ordnung, der
Stickrahmen am Fenster und mehrere auf Stühlen ausgebreitete Frauengewänder
andeuteten, obgleich die Besitzerin nicht gegenwärtig war. Die dritte Türe war
noch übrig, ebenfalls verschlossen wie die Erste, aber ein daran angebrachter
Glockenzug schien das Mittel sie zu erschliessen anzugeben. Dagobert bewegte die
Schelle leise und bescheiden, und vernahm bald darauf Tritte, die sich näherten,
und Geräusch des aufgezogenen Riegels. Die Türe sprang auf, aber statt eines
grämlichen Dieners mit einem Klostergesichte, wie es Dagobert erwartet, schaute
ein rundes Mädchenantlitz daraus hervor, wie er es nicht erwartet hatte. Das
Antlitz trug freundliches Gepräge, bis auf einen finstern Zug zwischen den
Augenbraunen, der zu sagen schien: Was willst Du denn zu dieser Stunde,
Störefried? ..... Dieser Zug verschwand indessen, als ein flüchtiger Blick die
Dirne belehrt hatte, dass es ein schlanker wohlgebauter Mann sei, der sich hier,
wiewohl nicht in der fliessendsten Rede, nach dem Prälaten befrage.
    Dagobert bemerkte indessen die Veränderung in dem Gesichte des Mägdleins,
und fuhr mutiger fort: »Fast muss ich befürchten durch den hämischen Unverstand
des Pförtners an die unrechte Türe geraten zu sein, denn ich suche die Zelle
eines Himmelgeweihten, und finde mich nun am Himmel selbst.«
    Das Mädchen lächelte ohne weiter um die Schmeichelei ein Wort zu verlieren.
»Euer Begehr?« fragte sie in gebrochenem Deutsch: »Monsignore lässt sich nicht
sprechen um diese Stunde. Eure Botschaft will ich ausrichten, so ich es vermag.«
    Dagobert betrachtete einen Augenblick lächelnd und kopfschüttelnd die
ungewöhnliche Türhüterin eines Geistlichen, und erwiederte scherzend: »Mein
schönes Kind, das geht nicht an. Meine Botschaften pflege ich selber
auszurichten, und schmeichle mir, weder durch Ton noch Kleid den Knecht zu
verraten, den man vor der Türe abspeist. Sollte ich übrigens eines Namens von
Gewicht bedürfen, um hier den Eingang zu finden, so melde dem Prälaten: mich
sende der Herzog von Ostreich.«
    Augenblicklich verneigte sich die Pförtnerin ehrerbietig, versprach den
Besuch zu melden, und verschwand in dem anstossenden Gemach. Dagobert, dem der
Auftritt Spass machte, nahm von dem Vorzimmerchen Besitz, wo ein Altar der
heiligen Mutter aufgerichtet war, geschmückt mit silbernen und goldnen Blumen,
und wo ein ungemein lieblicher Weihrauchduft herrschte, der aus den Zimmern des
Prälaten sich zu stehlen schien. - »Recht so, guter Ohm!« flüsterte der Neffe
vor sich hin: »Du machst Dir die Gelübde leicht, wie mir's vorkömmt, und suchst
das Paradies Dir schon in dieser Welt zu schaffen. Wenn das Übrige dem, was ich
bereits sah, entspricht, so überredet Niemand leichter zu dem Klosterstande, als
Dein Beispiel!«
    Das Mädchen erschien auf der Schwelle des Gemachs, und winkte verbindlich
dem Harrenden, einzutreten. Dagobert wartete keine zweite Einladung ab, und liess
die Schöne im Vorzimmer zurück. Er traute aber seinen Augen nicht, da er die
Stube seines Oheims betrat. Er ging auf kostbaren Teppichen, so weich und glatt,
dass er seinen eignen Schritt nicht vernahm. Eine gelinde Wärme erfüllte das
Gemach, und der Duft balsamischer Spezereien zog behaglich aus der Räucherpfanne
auf, die in der Ecke am Ofen glühte. Warme und schön gewirkte Decken bekleideten
die Wände vom Simse bis zum Boden. Schwellendgepolsterte Stühle luden zur Ruhe
ein, wie es auch die durch grüne Fensterschirme gemilderte Tagshelle tat. Ein
glänzend geputzter Kredenzschrein blendete das Auge durch den Schimmer der
vielen da aufgestellten Geschirre und Trinkgefässe. Ein schon zum Mittagsmahle
gerüsteter Rundtisch mit blinkendem Gerät geziert, in der Nähe einer zierlichen
Kühlwanne, aus der kurzhälsige Flaschen guckten, erweckte die Lust nach leckerm
Imbiss und Trunk. Von der Höhe des Zimmers schmetterten seltne Singvögel aus
gelben Drahtkästchen ihr muntres Lied herab. Der Besitzer all dieser
Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem üppigen Lotterbette. Das herrlich
geschriebene und in goldbeschlagnen Sammet gebundne Brevier war seiner Hand
entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange
an langer Kette herunterbegeben, und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt,
die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.
    Dagobert hatte Musse genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich
derselbe schwerfällig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende
Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagre bleiche
Augustinermönch, mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagnen
Augen, auf den sich Dagobert wohl noch zu Zeiten aus seiner frühsten Kindheit
erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Prälaten
umgewandelt, der ausser dem Kreuze von Topasen und Gold gefertigt, nichts
Mönchisches mehr an sich trug. Die Haare hingen auf die Schulter, und die
Eitelkeit hatte die Graugewordenen durch metallische Mittel kupferbraun gefärbt.
Die Augenbraunen waren auch mit trügerischer Farbe geschmückt, goldne Ringe
hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife
glänzten an den Händen. Die Fülle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen,
ihm ein jüngeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen
Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemut
mehr durchblicken, liess. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht
träumen liess, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Prälaten, der durch eine
nicht allzubedeutende Kopfneigung und Handbewegung den Jüngling einlud, zu
sprechen. Dagobert hatte sich wenigstens eingebildet, von seinem Oheim bald
erkannt zu werden, und schwieg, ihn unablässig betrachtend. Der Prälat fand
hingegen das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit vornehmer
dringender Rede; Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr.
fürstlichen Gnaden?
    »Ach, hochwürdiger Herr!« begann Dagobert, bei dem die Rührung die Oberhand
gewann: »Nicht des Herzogs Wille führt mich hieher; sondern mein Herz, mein Herz
allein!«
    Der Prälat mass ihn mit staunenden Blicken. »Seltsam!« sprach er alsdann:
»was hätte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne,
und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerten verbergen müsst?«
    »Brauche ich einen Namen vor Euch?« fuhr Dagobert dringender fort: »Sprechen
nicht aus meinem Gesichte bekannte Züge zu Euerm Gefühl.«
    »Ei, junger Gesell, Du wirst doch nicht ...« entgegnete der Prälat betreten,
und holte seine Brille aus dem Ärmel: »Sendet Dich etwa ... wie nennt sich Deine
Mutter?«
    »Wie mögt Ihr nach der Mutter fragen?« sprach Dagobert weiter: »Die Edle
ruht im Grabe; doch des Vaters Name ......«
    »Genug, genug, mein Sohn!« Unterbrach ihn der Oheim mit wachsender
Befangenheit, und sein Blick suchte den Boden, während er die Hand zum Kusse
reichte: »Du bringst mir eine böse Nachricht. Rechinald ist todt? Gott genade
ihrer Seele .... Was willst Du aber beginnen ...? Für Dich zu sorgen wird mir
schwer werden; .... wir armen Geistlichen werden in diesen neusten Zeiten,
gedrückt und gepfändet, als hätten wir des Erdreichs Schätze allein; ... ich
werde wahrlich Nichts für Dich tun können.«
    Dagobert betrachtete ihn während dieser Rede, ohne zu wissen, ob der Prälat
Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer plötzlichen Geistesabwesenheit,
also irre und verworren spreche.
    »Wie ist Euch doch zu Sinne?« begann er endlich, da die peinliche
Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte, und sein Auge gleichsam aus dem Boden
die versagenden Worte auszugraben sich anstellte: »Was Ihr mit der Rechinald zu
tun begehrt, der Gott ein langes Leben, - oder, wäre sie wirklich gestorben -
eine fröhliche Urständ schenken möge, - das weiss ich nicht. Ich habe nie Eine
dieses Namens gekannt, und meine Mutter hiess Wallrade, wie meine schlimme
Schwester. Ich weiss jedoch ganz ausgemacht, dass ich nicht als zudringlicher
Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrücklichen Wunsch und
Willen, hochwürdiger Herr Ohm! Der Vater lässt Euch bestens grüssen, und die
Stiefmutter. So Ihr mir zum frommen dienen wollt, werd ich's Euch herzlich
danken. So sich aber Eure Willensmeinung geändert hätte, kehre ich stehenden
Fusses um gen Frankfurt, ohne Groll und Reue.«
    Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Prälat aufmerksamer, ruhiger und
aufgerichteter geworden. Es spiegelte sich sogar eine Art von Freude in seinem
Gesichte, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen
Augenblick hindurch die Züge des Letztern, und rief alsdann, ihm beide Hände
hinreichend: Ach du närrischer Kautz! Das ist ja etwas ganz Andres! Komm, umarme
Deinen alten Ohm! Die heilige Jungfrau benedeie Deinen Eingang!
    »Dagobert umhalste den blödsichtigen Prälaten und setzte sich, wie dieser es
begehrte, neben ihn auf das Ruhebette.« - »Ja, das ist ganz das Gesicht des
Bruders!« sprach Hieronymus: »Meine bösen Augen! Vergib mir nur den Missgriff,
lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, Dich einzuführen. Ich hätte
darauf geschworen .... siehst Du ... diese Rechinald ... sie war mein frommes
Beichtkind, da ich noch in Deutschland lebte, ... und .. ihr Sohn .... doch, ich
werde Dir das bei gelegnerer Zeit erzählen. Gib mir noch einmal die Hand. So!
bist ein hübscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbteil unsers
Geschlechts. Aber in Deinem Wesen hatte ich mir nicht weniger als Alles anders
vorgestellt. Wo ist der geistliche Rock, das Piret? der Rosenkranz und der
niedergeschlagene Blick? Du siehst aus, als ob Du zum Herrendienst an den Hof
reiten wolltest, und nicht nach Wälschland in das Bartolomäistift.«
    »Vergebung, Ohm!« scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blandamastnen
Überkleid des Prälaten: »Das ist eben auch nicht das Klostergewand.«
    »Hm!« lächelte der Oheim selbstgefällig: »Die Klausur und Regel ist nicht
mehr für den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient, und
dürfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in
der Fremde, mit päpstlichem Dispens.«
    »Hier in der Fremde?« wiederholte Dagobert: »Ei, lieber Ohm, Ihr seid ja
hier im Vaterlande.«
    »Welch Geschwätz!« entgegnete der Prälat, das Gesicht verziehend: »Wo ist
des Priesters Vaterland? Da, wo der Stattalter Christi wohnt und herrscht mit
den Fürsten seiner Kirche. Und wär auch dieses nicht, so braucht man nur einen
Fuss nach dem gelobten Lande Italia gesetzt zu haben, um sich fürder keine andre
Heimat zu wünschen. Wahrlich, hätte nicht die Pflicht geboten, nimmer wäre ich
zurückgekommen in das Reich ungehobelter deutscher Nation. Jenseits der Alpen
weht eine heitre warme Luft; hier in Euerm trüben Winterlande erstickt mich der
Husten. Dort gehe ich durch helle geräumige Städte, hier versinke ich im Morast
enger winklicher Gassen, wie man sie in armen Dörfern nicht schlechter hat. Dort
trinke ich köstlichen, mild und feurig zugleich schmeckenden Wein, esse
herrliches Obst, Geflügel und Fisch. Hier quäle ich mich mit abscheulichem
Krätzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wächst, und kalt und rauh ist, wie Eure
Sitte; hier verderbe ich mir den Geschmack mit Holzäpfeln und sauern Trauben.
Dort höre ich eine Sprache, die wie Musika klingt, einen Gesang, dem gleich der
lieben Engelein. Hier musst ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen-
und Hahnengeschrei anzuhören, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich
verständlich machen will, und muss noch von Glück sagen, wenn ich nur dann und
wann von ferne ein deutsches Lied singen höre, das gewöhnlich nicht anders
klingt, als wie eine knarrende Türe, deren Angeln des Öls ermangeln, und zu
welchem Euer verdammtes Instrument, der schnurrende höllische Pommer, die beste
Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer plumpen Sitte, von Eurer
schlechten Küche, von Eurer unflätigen Zechlust reden, nicht von Euren
unbequemen Häusern, wo man sich einrichten muss, wie Figura zeigt, das heisst, wie
ein Bauer in seiner Lehmhütte, und einen Wald in den Ofen zu werfen hat, wenn
nur die Finger nicht erfrieren sollen; nicht von Eurer Raubsucht und
erbärmlichen Kindererziehung, ... denn alle diese Unformen und Missgestaltungen
sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich Dir zu verstehen, dass Du, um mir
wahrhaft zu gefallen, und meiner Gunst würdig zu werden, die grobe deutsche
Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht abzulegen hast.«
    »Hm!« versetzte Dagobert lustig: »Das Letztere ist bald getan, denn der
Schneider macht in einem Tage den Cleriker fertig; aber das Erste wird nicht so
schnell gehen. Mir ist vaterländische Gewohnheit so an's Herz gewachsen, dass es
gewaltiger Mühe bedürfte, sie sammt den Wurzeln herauszureissen.«
    »Wie heisst das deutsche Sprichwort?« fragte der Prälat: »Das eine
Vernünftige unter tausend Albernen?« »Alles, was Du willt, geschieht, so Dir's
nicht an Mut gebricht. Beherzige das, und folge meiner Weisung; dann kann noch
ein flammend Kirchenlicht aus Dir werden. Vor der Hand lasse Dir's indessen
heute bei mir gefallen, und nimm vorlieb mit meinem Tische.«
    »Das wird mir nicht schwer fallen,« scherzte Dagobert, dessen schelmisches
Lächeln, wie der verstohlne Blick auf die Leibesfülle des Oheims dem Letztern
nicht entgingen.
    »Hm!« sprach dieser mit aufgeworfnem Munde: »Freilich findest Du auf meiner
geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Saffranbrühe, wie sie hier erfordert
wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen
scheucht, aber deutscher Jäger und Edelleute köstlichste Speise ist. Eben so
wenig aber darfst Du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu geniessen, sondern die
einfache Kost eines Dieners der Kirche, deren Oberhaupt sich einen Knecht der
Knechte nennt.«
    Die hübsche Pförtnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlängerten
Besuch auf's Höchste gereizt worden war, steckte, erinnernd an den Imbis, den
Kopf in die Stube. »Wir haben einen Gast,« rief ihr der Prälat freundlich
nickend zu: »Diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werte Fiorilla, meinen
geliebten Neffen vorstelle.«
    Fiorilla staunte ein Weilchen den Jüngling an, der so schnell ein Verwandter
des Hauses geworden war; hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung,
legte für den Geladenen Tellerbrod und Tellertuch auf, setzte einen schön
gearbeiteten Becher an seinen Platz, und begab sich hinweg, um die Speisen
herauf fördern zu lassen. Dagobert hatte genau bemerkt, wie sein Ohm mit den
Augen jeder Bewegung der holden Dienerin gefolgt war, und von Zeit zu Zeit auf
ihn selbst einen prüfenden Blick geworfen hatte. Er gab sich daher alle Mühe,
recht unbefangen zu scheinen, und fragte den Prälaten mit seinem besten
Gleichmut, ob Fiorilla etwa auch eine Verwandte sei, oder ob das Verhältnis der
Magd sie an dies Haus buche. Hieronymus besann sich eine Weile. »Dieses Mädchen«
- sagte er hierauf - »ist nicht Verwandte, nicht Dienerin; sondern eine Tochter
edeln Hauses, aus Cesena gebürtig, die durch ihr besondres Vertrauen in mich,
meine Freundschaft und väterliche Teilnahme gewann. Ihre Neugierde und ihre Luft
die Welt zu sehen, zu befriedigen, erlaubte ich ihr, einer schutzlosen Waise,
mich hieher zu begleiten, wo sie dann als Freundin mein kleines Hauswesen zu
besorgen unternommen, während sie vor der Welt, die in dem reinsten Verhältnis
eine Sünde wittert, meine Base heisst.«
    »Obschon ich die runde Maid mit den Flammenaugen nicht ungern mein Bäschen
nenne,« meinte Dagobert: »so begreife ich doch nicht, wie ein Mann von Eurer
Würde und Heiligkeit sich zu dieser Unwahrheit herablassen konnte.«
    »Ach! Du weisst es nicht,« seufzte der Ohm, wie die Welt im Argen lebt; wie
sie sich freut über den Fall des Gerechten, und aus seiner Unschuld die bittre
Schuld saugt. Die Deutschen absonderlich, trotz ihrer Ruchlosigkeit, ihren
unzüchtigen Tänzen und heidnischen Philosophemen; Wer ist es, der das Leben des
Priesters einer solch unchristlichen Untersuchung unterwirft, wie noch nie
erhört worden? Der Deutsche. Wer wagt es, Prälaten, Bischöfe, Kardinäle, und
Gott sei es geklagt, den Unfehlbaren in Rom selbst in seinem häuslichen Tun zu
meistern? Der Deutsche. Wer schreit am ungestümsten nach einer allgemeinen
Kirchenverbesserung? der Deutsche. »O der Sünde! die Kirche und ihre Satzungen
will er umstürzen und erneuern, gleich als ob sie Menschenwerk wären, und nicht
das Vollkommenste, Gottes und seines Sohnes Werk!«
    Dagobert, der den Meinungen seines Oheims nicht offne Fehde bieten wollte,
so sehr auch seine Ansichten von ihnen abwichen, betrachtete still lächelnd die
Schnabelspitzen seiner Stiefel, und atmete freier, als endlich der Imbis
aufgetragen war, und somit das ernstwerdende Gesprächsel ein Ende hatte.
    Bei Tische, während des Genusses der feinsten Speisen, die eines Erzbischofs
Tafel zu Ehren gebracht haben würden, hatte der junge Mann Gelegenheit genug, zu
bemerken, dass die Freundschaft seines Oheims zu Fiorillen wirklich eine Grosse
war. Die leckersten Bissen legte sie dem Prälaten vor, und dieser schob das
Leckerste von ihnen auf ihren Teller. Seinen und des Neffen Becher füllte er
halb mit Wein, halb mit Wasser, in Fiorillens Kelchglase perlte der reine
italienische Feuerwein. Während Dagobert zum Nachtisch mit vaterländischem Käse
abgespeist wurde, fütterte Oheimchen Fiorillen mit dem schmackhaften in Honig
gefassten Ingwer, und mit der süssen Weichsellatwerge. Venedische Mandeln und
Weinbeeren wurden aufgetragen, um von dem Hausherrn benascht, und an Fiorillen
verschenkt zu werden. Endlich beteuerte die Letztere ernstlich, zur Genüge
versorgt zu sein, und bemitleidete scherzend den Gast, dass ihm nichts von diesen
Leckereien beschieden gewesen. Dagobert lächelte Achselzuckend; der Oheim sprach
aber trocken: Mein Neffe macht sich sicher nichts aus diesen Süssigkeiten, denn
er ist noch ein ächter Deutscher, und eine Ochsenkeule ihm lieber als eine seine
Tafel, wär's auch die des Cardinals Zabrella, der auf das Essen etwas hält.
    »Alles gleicht sich aus;« erwiederte Dagobert: »Derbe Kost gibt derbe
Menschen.« »Richtig,« meinte der Prälat: »und feine Speise zieht den feinen
Mann.«
    Fiorilla gab einige Worte dazwischen, die nicht undeutlich merken liessen,
dass ihr eine kräftige Derbheit nicht missfalle, indem sie Bürge eines kräftigen
Gemüts sei.
    »Es muss mich wundern,« sprach sie endend: »Hochwürdiger Herr, dass Ihr an dem
Neffen tadeln zu wollen scheint, was ihr an der Nichte gut heisst.«
    »An Euch, mein Bäschen?« fragte Dagobert munter, und warf, dem eifersüchtig
lauernden Ohm zum Trotze, einen seiner feurigsten Blicke in Fiorilla's Augen.
    »Nicht doch;« antwortete diese errötend: »Ich spreche von der Nichte Sr.
Hochwürden.« Monsignore gab der Geschwätzigen mit verdriesslicher Miene ein
Zeichen zu schweigen. Dagobert, dem auch dieser Wink nicht entging, hatte
Mutwillen genug, weiter zu forschen.
    »Seid Ihr's also nicht, liebes Bäschen?« fragte er; - »oder - von welch
andrer Nichte ist denn hier die Rede, Oheim.«
    »Von wem sonst, als von Deiner Schwester?« brach der Letztere unmutig los.
    »Von Wallraden?« rief Dagobert.
    »Freilich von ihr;« versetzte Fiorilla. »Was meint Ihr, - hochwürdiger Herr?
Sie wird viele Freude haben, ihren Bruder zu sehen, der gerade so mutig und
entschlossen zu sein scheint, wie sie.«
    »Wie ist mir denn?« fragte Dagobert: »Wallrade wäre hier?«
    »Ja doch;« entgegnete Fiorilla unbefangen: »Ihr wusstet das nicht?«
    »Verdrüssliche Schwätzerin!« zürnte der Prälat gegen die Freundin: »Mulier
taceat in ecclesiam!«
    »In ecclesia!« verbesserte Dagobert lächelnd: »Ein guter Spruch! aber ich
verstehe nicht, warum Ihr mir ein Geheimnis aus der Anwesenheit meiner Schwester
machen wollt, guter Oheim? Mir ist sie das gleichgültigste Ding von der Welt,
macht mir nicht Liebe, nicht Hass. Wir Beide, Wallrade und ich, wir konnten uns
von Jugend auf nicht leiden. Ich war ihr zu lustig, sie war mir zu rauh. Ein
Glück, dass sie ein Mädchen und nicht ein Bube geworden. Es hätte alle Tage
blutige Köpfe gesetzt. Seiter sind wir auseinander gekommen, und haben uns
natürlich nicht lieben gelernt. Sie wird mich nicht suchen, wie ich nicht sie.
Wir würden uns fremd bleiben, wohnten wir auch unter einem Dache.«
    »Das wusst ich ja eben!« fiel der Prälat ein: »Ich hatte mir's auch so schön
ausgedacht, wie ich euch Trotzköpfe mit guter Art zusammenbringen und versöhnen
wollte, ehe ihr noch von eurer gegenseitigen Anwesenheit gewusst hättet. Durch
die Fiorilla Cicalonilla ist mir das gute Werk vereitelt.«
    »Es ist nicht meine Schuld,« schmollte die Gescholtene, »dass ich vielleicht
in der besten Absicht Euer Vorhaben zu nichte machte. Ich wusste weder von dem
Widerwillen der Geschwister, noch von der bezweckten Versöhnung. Ich wette
indessen, setzte sie mit einem verstohlnen Seitenblick auf den Jüngling bei, dass
Euers Neffen redlich Gemüt auch ohne Überraschung und Vermittlung den rechten
Weg einschlagen und die Bande fester knüpfen werde, die Vorurteil und Zufall
auflockerten.«
    »Ihr tut mir viel Ehre an,« erwiederte Dagobert höflich: »ich muss sie aber
ablehnen. Wallradens hochfahrender Sinn hat sich stets so trotzig erwiesen, in
jedem Verhältnis des Lebens, dass ich, selbst bei dem redlichsten Willen, die
Hoffnung aufgeben musste, ihn für meine redlichste Guterzigkeit zu gewinnen. Auf
der andern Seite bin ich auch, nicht der Mann, der Weiberlaunen untertan ist,
wären es auch die einer Schwester, die einer geliebten Gattin.«
    »Du versteigst Dich;« unterbrach ihn der Prälat: »Nicht denken sollst Du an
eine Gattin, die Du nimmer besitzen wirst.«
    »Nun denn,« rief Dagobert lachend: »Ist mir die Liebe verboten, so ist mir
doch die Freundschaft erlaubt. Nicht wahr, mein Bäschen?«
    Fiorilla nickte heimlich lächelnd, und Dagobert ergriff seinen gefüllten
Becher. »Auf gute Freundschaft denn!« sprach er schmeichelnd, und klang mit
Fiorillens Kelchglas an. »Macht kein finstres Gesicht, Oheim! Wir ungehobelten
Deutschen müssen einmal den Becher zur Hand nehmen, ob wir Frieden machen, Krieg
beschliessen, der Minne oder der Freundschaft Bund heiligen. Wir wollen gute,
gute Freunde sein, Bäschen Fiorilla, oder Blümchen! Aber selbst Eure Launen trag
ich nicht.«
    Fiorilla setzte das Glas mit lieblicher Geberde an den Mund, und während
ihre Lippen nippten, ruhte ihr Auge seelenvoll auf des Jünglings blühendem
Gesicht. Der Prälat rückte unruhig auf dem Stuhle, und drohte der Italiänerin
verstohlen mit dem Finger. Die Leichtfertige lachte, Dagobert stellte sich aber,
als habe er es nicht bemerkt, und fuhr in lustiger Laune fort: »Ihr seid mir
noch die Erklärung schuldig, bester Ohm, wie es kömmt, dass ich Wallraden hier zu
Costnitz finde? Was führt sie her? In welcher Absicht ist sie hier?«
    »O seht;« rief Fiorilla; »seht, wie diese Neugierde schon verborgne
Teilnahme verrät.«
    »Sie kam auf meine Ladung, mich zu besuchen;« antwortete der Prälat dem
Neffen kurz und gleichgültig. - »Eine Stiefmutter hat Euch Beide aus Eurem
Stammhause vertrieben: ich halte es für Pflicht, Vaterstelle bei Euch zu
vertreten, die der schwache Vater verliess. Indem ich Wallraden vor sechs Jahren
mein durch Erbschaft mir zugefallenes Gut in Türingen überliess, gab ich ihr
schon ein sorgenfreies Geschick, und behielt mir dafür nichts vor, als die
Befugnis, ihr einen Gatten zu wählen, und diesen Gatten denke ich ihr hier zu
freien.«
    »Das muss eine herrliche Ehe werden!« lachte Dagobert: »Lieber Ohm, wählt nur
ein recht frommes Schaf, das von Geburt an gewöhnt ist, mit Gebiss und Trense zu
laufen, und alleine keinen Schritt zu tun. Wie heisst der Glückliche, den Ihr
der Sanftmütigen zugedacht?«
    »Dem Spötter nenne ich ihn jetzt nicht,« entgegnete der Prälat verletzt und
hob durch sein Aufstehen die Tafel auf.
    »'S ist auch gleichviel!« versetzte, Dagobert in obigem Tone:
»Bedauernswert ist er, er heisse nun Adam wie der erste Mensch, oder Sylvester
wie der letzte Tag im Jahre. Wohl bekomm ihm die Veränderung und der Hiobstand.«
    »Unerträglich!« murmelte der Prälat zwischen den Zähnen. Gemässigter aber
fuhr er fort: »Ich habe noch einen Besuch zu machen, bei welchem ich Deiner
Gegenwart entbehren muss, denn er gilt gerade Deiner Schwester. Es wird mich
freuen Dich bald wieder zu sehen, und in schicklicherer Tracht.«
    »Verlasst Euch darauf,« erwiederte der muntere Jüngling, nach dem Federhute
greifend. »Im schwarzen Rock, mit Gürtel, Kragen und Kappe schaut Ihr mich
nächstens wieder. Ich bin Euch gern gefällig, wäre gerne immer um Euch.«
    »Ich glaubs;« spöttelte der Oheim mit einem Seitenblick auf Fiorillen: »Du
wirst aber ermessen, dass ich Dir keine Herberge unter meinem Dache anweisen
kann, weil mir's die Sorge für dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt.«
    »Freilich;« bestätigte Dagobert mit verstelltem Ernst: »Ihr müsstet nicht
halb so gewissenhaft sein, werter Ohm, als Ihr wirklich seid, um solches
zuzugeben. Ich weiss mich auch zu bescheiden. Ich verplauderte gerne noch den
ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Bäschen, dem Blümlein Tausendschön, ...
weil Ihr denn doch zu Wallraden geht ... aber die Sitte leidet's nicht; ... in
Deutschland mindestens nicht, aber ...« hier schwieg er heimlich lächelnd
stille.
    »Aber?« fragte Fiorilla mutwillig. »Aber?« wiederholte der Prälat
neugierig, und gedehnt.
    »Aber wollt ich sagen,« fuhr Dagobert fort - »das wird sich schon geben,
wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen, und den Schneider
auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief der in
Euerm Haufe mir das Öffnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwürdiger Oheim!
träumt von mir liebe Base!«
    Lachend und plaudernd eilte Dagobert von dem ungewohnten wälschen Weine
aufgeregt, von dannen, und dachte unter der Türe des Vorgemachs das Herz seiner
Begleiterin durch einen glühenden Händedruck zu versengen, aber indem rief des
Prälaten befehlende Stimme: »Fiorilla!« und mit einem leise geflüsterten
Lebewohl: »Addio carino!« flog, sie in das Speisegemach zurück.
    »Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet!« sprach der Prälat mit
gefalteten Händen: »Der schwatzt wie ein Franzose, zudringlich, keck und
vorlaut; und säuft und ist grob wie ein ächter Deutscher.«
    Fiorilla verlor kein Wörtlein, sie schmunzelte aber für sich; versäumte
nicht unter dem Aufräumen, am Spiegel sich vorüberzudrehen, und strafte in
Gedanken ihren hochwürdigen Freund Lügen.
    »Und der Fastnachtsnarr will Priester werden,« fuhr der Prälat fort.
    »Er will nicht, aber er soll und muss;« schaltete Fiorilla ein.
    »Ganz recht; er soll!« versetzte Monsignore: »Aber Gott behüte uns in
Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst du Heiland sagen wird:
Besser wär's, es wäre niemals angezündet worden.«
    »Gleich tausend Andern!« kicherte Fiorilla vor sich hin, und fütterte den
Sittich mit Honigbrod.
 
                               Sechstes Kapitel.
 O Johannes Huss!
 Armer Dominus!
 Seufzest Ach und Weh,
 Armer Domine!
 Wärst Du doch daheim geblieben!
 Dein Geleit war falsch geschrieben;
 Ob's der Kaiser selbst verspricht,
 Hält man's doch dem Ketzer nicht.
                                                           Volkslied jener Zeit.
Die Kirchenversammlung zu Costnitz, die grösste die jemals statt gefunden, zeigte
sich bereits in ihrem Anbeginn glänzend und prachtvoll, obgleich das Oberhaupt
des Reichs, Kaiser Sigismund noch in Aachen verweilte, wo seine Krönung vor sich
gegangen war. Der Anteil, welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten
Concilium nahm, war unbeschreiblich und um so natürlicher, als Jedermann von der
Notwendigkeit einer ausgleichenden schiedsrichterlichen Versammlung innig
überzeugt war. Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zählte,
statt Eines Stattalters Christi, ihrer Dreie, die einander, von feindlichen
Parteien erwählt, erbittert gegenüber standen, und durch ihr Beispiel, wie durch
ihren Bann, alle Eide und Pflichten locker machten, Christen gegen Christen
aufreizten, und dem Sittenverfall der Priester müssig zusahn, teils weil sie zu
schwach waren zu widerstreben, teils weil sie die Verirrten durch sträfliche
Nachsicht für ihre Zwecke zu gewinnen hofften, teils endlich, weil sie nicht
besser waren, denn ihre Untergebenen. Dieses schon in die Länge dauernde
Ärgerniss, dieses empörende Schauspiel, das drei Afterpäpste der Welt gaben,
musste geendet werden, aber weder Johann XXIII., der arglistigste unter ihnen,
noch der stolze Benedict XIII., der in Arragonien auf den Schutz des Königs
trotzte, noch der weit lenksamere, aber zum Werkzeug seiner Umgebungen
herabgewürdigte Gregor XII. waren zum gütlichen Vergleich, zu Entsagung und
aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschäft der Kirchenverbesserung zu bewegen. Am
lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Missbrauch,
der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebräuche und zur Ablassbude machte; aber
diese laute Missbilligung vermochte es nicht, den Kaiser aus seiner Apatie zu
wecken. Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten, seine
Teilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln. Verschiedene grosse
Begebenheiten, die gewöhnlichen Vorläufer von wichtigern, spornten endlich seine
Tätigkeit: Hussens Umtriebe und kühne Eingriffe in Böhmen, der Osmanen
heranflutendes Nomadenreich, aus dessen Zelten die wankenden Trümmer des
Griechenreichs kaum noch hervorsahn. - Mit den unerhörtesten Anstrengungen, mit
persönlichen Aufopferungen, die einem Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich
nicht ziemten, aber in den Ansichten Sigismunds ihre Wurzel fanden, brachte
derselbe endlich mit Zustimmung Johannes XXIII., die ersehnte Kirchenversammlung
zu Stande, und vereinte zu Costnitz die englische, italiänische, französische
und deutsche Nation zu allgemeiner Beratung. Der Papst Johannes, auf die
Gültigkeit seiner Wahl sich stützend, erschien selbst auf dem Concilium.
Ausgezeichnete Fürsten mit ihrem zahlreichen Gefolge schlossen sich an die
ungeheure Zahl von Geistlichen aller Würden, von Doktoren und Meistern der
freien Künste, der Volksmenge nicht zu gedenken, die Schaulust und Gewinnsucht
herbeiführte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser, der die
grossen Sitzungen in Person eröffnen sollte, und da sich seine Ankunft von Woche
zu Woche verzögerte, so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern
Gegenständen. Ein Mann war es besonders, der die Augen des Volks auf sich zog,
bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin, wohnte er gleich in keinem
Palaste. Dieser Mann war niemand anders, als der furchtlose Böhme, Johannes Huss,
der Prediger, einer neuen Lehre, welcher dem Kaiserlichen Worte und dem des
Papstes vertrauend, sondern Scheu sich zu Costnitz eingefunden hätte, seinen
Glauben vor den Gottesgelahrten aller Nationen zu verteidigen. Die
frommgläubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen
aufgenommen, da ihm der Ruf eines Ketzers voraus ging, aber der Zauber des
Kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jedem Unbild geschützt, und seine
schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen. Wenn er sein
Haus verliess, grüssten ihn die Bürger freundlich, die Kinder hingen sich an seine
Hand, und horchten aufmerksam auf seine milde Rede, wurde sie gleich in
ungelenkem Deutsch gegeben. Diese Anhänglichkeit, die sich so unumwunden zu
äussern begann, wirkte widrig auf die Feinde des böhmischen Predigers, und
vermochte sie, die fortdauernde Abwesenheit des Kaisers zu benützen, und ihrer
Rachsucht den Zügel zu nehmen, damit sie den ersten entscheidenden Schritt tue.
Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden, dass
nicht die Ahnung, davon nach aussen gedrungen wäre. Hussens Freunde, seine von
dem König Wenzesla ihm mitgegebnen Wächter, die Edlen von Chlum und Lanzenbrock
wurden gewarnt; er selbst wurde ermahnt, auf seiner Hut zu sein, aber sein
unbegränztes Vertrauen auf Gott und Fürstenwort, - ein Bürge seines grossen
Herzens, - liess ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung übersehen.
Furchtlos, wie sonst, wandelte er zu den Verhören, die von mehreren mit der
Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinälen gegen ihn eingeleitet
worden waren, und er ahnte nicht, dass auf einem dieser Gänge das Unglück
riesengross auf ihn einschreiten würde.
    Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag. Papst Johann, von einer
geringen Unpässlichkeit genesen, sass am halb geöffneten Fenster seiner Wohnung,
um die sanft erwärmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu geniesen. Vor
ihm stand Herzog Friedrich von Östreich in eifrigem Gespräch begriffen. Sein
Auge blitzte, und die Rechte ruhte mit stolzem Bewusstsein auf der Brust.
    »Meine Quellen lügen nicht;« sprach er heftig: »Wenn ich Aufpasser
aufstelle, so zahle ich königlich, und mir dient man besser, als dem Kaiser, der
immer nur das Geld vonnöten hat. Ew. Heiligkeit mag mir glauben auf
Fürstenehre, ... sie vollführen's, ist's nicht heute, so ist es morgen ganz
gewiss.«
    Der Papst wiegte bedächtig das Haupt hin und her, schob das Fenster zu, und
trat vertraulich zu dem Herzog.
    »Lasst, lieber Sohn, die Schranken der Förmlichkeit zwischen uns fallen;«
sagte er mit so anmutiger Miene, als sie sein fnistres Gesicht nur zuliess: »Ihr
gebt demnach den Huss verloren?«
    »Unwiederbringlich;« erwiederte der Herzog, »die Cardinäle sind darüber
einverstanden, glaubt mir's.«
    »Hm!« meinte Johann: »im Grunde ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen.
Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung, wo beinahe keine nötig ist. So
lange wir - das sichtbare Oberhaupt der Christenheit diese Notwendigkeit nicht
einsehen - soll auch ein gemeiner böhmischer Pfaffe das Maul nicht unnütz
auftun.«
    »Vergebt, heil. Vater;« antwortete der Herzog, »notwendig ist ein Umguss
allerdings, doch ist er nicht bequem. Da steckt der Knoten.«
    »Lasst das;« versetzte der Papst achselzuckend: »Wenn aber der Böhme
ergriffen und gerichtet wird, wie steht es dann mit des Kaisers, wie mit unserm
Wort, das, wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit?«
    »Mit Sigmund's Worte steht es schlecht, wie immer;« erwiederte Friedrich
spöttisch: »Den Luxemburger kümmert ein Treubruch nicht, er ist aus einem
Geschlecht, das an Geld stets Mangel, aber an leeren Eiden immer Überfluss hat.
- Euer Wort könnt Ihr salviren, wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt, von
dem Ihr ohnehin nichts gewusst.«
    »Wird aber die Welt es glauben, dass wir um unsrer Kardinäle Tun nichts
gewusst?« fragte der Papst bedenklich.
    »Ohne Zweifel;« äusserte Friedrich kalt: »Sie sieht schon jetzo in Euch nur
den Gefangnen Eurer eignen Kirche.«
    »Wie?« rief Johannes.
    »Nicht anders«, bekräftigte der Herzog wie oben: »Täuscht Euch nur selber
über Eure Lage nicht. Trotz der ehrfurchtgebietenden Pracht, die Euch umgibt,
seid Ihr wenig anders daran, als der rebellische Ketzer Huss. Droht Euch gleich
nicht der Scheiterhaufen, so hängt doch ein verdammend Urteil über Euerm
Haupte, wenn nicht Eure Klugheit und Eurer Freunde Schutz dem Übel wehrt. Denkt
selbst, heil. Vater, welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben. Ein Nachfolger
des heil. Petrus, der dem Kaiser gehorsam gen Deutschland folgt, wo dieser für
gut gehalten, ein Concilium auszuschreiben. Ein Papst, der untätig hier auf
denselben Kaiser wartet, der ihn hätte erwarten und empfangen sollen; ein
Stattalter Jesu Christi endlich, der Nichts von dem weiss, was die um ihn
versammelten Priester beschliessen, wenn nicht ein Freund, oder ein durch
Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundner Pfaffe ihm es mitteilen. Was folgt
aus Allem dem?«
    »Ihr habt Recht, lieber Sohn;« entgegnete der Papst bekümmert: »O die böse,
böse Zeit! Die Cardinäle, die über den Ort des Concils unterhandeln sollten, und
von mir geheime Weisung erhalten hatten, in keinen zu willigen, der meiner Würde
Nachteil bringen möchte, haben mich verraten. Zu spät werden sie einsehen, wie
sie sich gebettet. Sollte der störrische Benedict triumphiren .....«
    »Sorgt nicht, heil. Vater!« unterbrach ihn der Herzog: »Nicht Benedict,
nicht Gregor wird siegen. Die allgemeine Stimme fordert, dass Petri Stuhl wieder
erledigt, und neu besetzt werde. Euch darauf zu erhalten, fällt dem Kaiser nicht
ein. Sein böser Wille log Euch frei Geleit, und wär's auch nicht böser Wille,
... der Schwächling vermag Euch nicht zu schützen gegen den Hass der Engländer,
der Franzosen und der Deutschen, die Eure Legaten anders hätten behandeln
können.«
    »Welch einen Abgrund öffnet Ihr vor uns?« fragte Johannes bestürzt:
»Gestaltet sich Alles, wie Ihr sagt, so sehen wir keine Hülfe ab. Wir müssen
unterliegen.«
    »Das muss Ew. Heiligkeit nicht;« erwiederte der Herzog fest: »Wahrlich nicht,
so lange Ihr auf Freunde rechnen könnt, deren starke Arme Euch über der Flut
halten. Ihr habt drei nicht unbedeutende Wächter für Eure Sicherheit aufgestellt
durch kluges Werben. Östreich, Baden und Burgund halten Euch aufrecht gegen die
gesammte Macht des Lützelburger's und seines Anhangs.«
    »Dem Markgrafen traue ich nicht ganz«; versetzte Johannes bedenklich: »und
der Herzog von Burgund ist weit. Wie, wenn im Augenblicke der Gefahr die beiden
Stützen wichen?«
    »Dann habt Ihr mich;« antwortete Friedrich mit kühnem Stolze: »Alles
Erdreich ist Östreich untertan! Das Wort ist ewig, und ich halt's Euch, sollt's
mich Land und Leute kosten. Frei führe ich Euch von bannen, ohne dass man's wagen
dürfte, Euch ein Haar zu krümmen.«
    »Wackrer Fürst!« rief der Papst, von einer dankbaren Regung, übermannt:
»Solcher Treue rühmen wir uns in Wälschland nicht. Ihr richtet uns auf in unserm
Kummer, und niemand ist würdiger, der Bannerträger des heil. Stuhls zu heissen,
denn Ihr, edler Habsburger. Der Herr der Heerscharen sei ferner mit Euch!«
    Ein Gewoge und Gebrause wurde auf der Strasse vernehmlich. Der Herzog trat
an's Fenster, warf einen Blick hinab, und winkte dem Papste, mit den Worten:
»Seht, seht, heiliger Vater, ob ich ein falscher Prophet bin. Die Erfüllung
folgt meiner Rede auf dem Fusse. Da kömmt der Huss die Strasse herab, umringt von
Partisanen und gebunden, wie mich dünkt. Das heutige Verhör hat demnach den
Ausschlag gegeben!«
    Der Papst eilte an das Fenster, trat aber alsobald schamrot zurück, da er
den Verratenen ersah, der in seinen Banden ruhig wie ein Heiliger daherschritt,
und, als wollte er den heiligen Vater an sein gegebnes Wort mahnen, den Blick zu
ihm in die Höhe warf. Des Volkes Auflauf tobte um den Gefangenen her, und die
zum Tod entsetzten, in ohnmächtiger Wut sich verzehrenden Freunde und Hüter des
Dulders, waren durch die ungestüme Menge von seiner Seite gerissen worden. In
geringer Entfernung von des Papstes Wohnung hatte ein neuer Auftritt in dem Zuge
Statt. Ein untersetzter Kerl, der Diener eines italiänischen Doktors hatte sich
Bahn durch das Getümmel gemacht, um den Ketzer zu sehen, dessen Verhaftung dem
blindwütenden Pöbel neue Waffen in die Hände gab. Die Wächter des Gefangenen,
die jede mitleidige Seele mit Lanzenstössen von ihm jagten, liessen den frechen
Burschen heran, der mit viehischer Roheit den Wehrlosen in's Gesicht schlug. Huss
litt die Misshandlung mit Standhaftigkeit und stummer Lippe, aber die Vergeltung
sass der Untat schon auf der Ferse. Ein junger Mann packte den tückischen
Italiäner beim Kragen, und warf ihn mit einem Fussstosse zur Erde nieder. Zugleich
sah er sich kampflustig mit geballten Fausten unter den Umstehenden um,
erwartend, ob nicht jemand Lust haben möchte, die Partei des Geschlagenen zu
nehmen. Die Rechtlichern unter dem Volke und den Zuschauern an den
Häuserfenstern riefen ihm Beifall zu. Das Gesindel fürchtete sich vor
gleichwichtigen Schlägen. Um so mehr fiel aber die Begebenheit auf, als der
Jüngling in die schwarze. lange Schleppentracht junger Subdiakonen gekleidet
war. Die Kappe mit der Quastentroddel sass trotzig in die Stirn gedrückt, die
Schleppe des Gewandes hatte der Kämpfer um den linken Arm gewickelt, den rechten
Ärmel aufgeknöpft und aufgeschürzt. Mit einem derben Haarzauser entliess er den
bestraften Wälschen, da ihm Huss zugerufen hatte: »Dank, junger Freund! schone
aber in dem Verblendeten den Menschen! -« Eifrig begann er nun, während der
Gefangene in die Gasse geführt wurde, wo das Kloster, sein angewiesener Kerker,
stand, die alte Ordnung seines Kleides wieder herzustellen. Da vernahm er hinter
sich die Worte, die eine volltönende Frauenstimme sprach: »Seht, mein Herr von
Königseck! das wäre ein Mann nach meinem Geschmack. Schnelle Entschlossenheit
und kecke Tat zieren das starke Geschlecht!« - Verwundert sah sich der junge
Mann nach der Sprecherin um, und erblickte die herrliche Gestalt eines stolzen
Weibes, das gerade mit einem Rückblick auf ihn, am Arm eines zierlich
gekleideten Begleiters in die Türe eines ansehnlichen Hauses trat. Der
geschljetzte Hut mit bunten Federn bekränzt, den das Frauenbild auf dem braunen
Hauptaar trug, die Perlenschnur, mit welcher ihre Stirne geschmückt war, das
bauschige Gewand mit Goldspangen und köstlichem Pelzbesatz, die gelben
Schnabelschuhe mit Pelz gefüttert, und die schweren silbernen Schellen, die den
breiten Sammtgürtel zierten, verrieten den Reichtum und den hohen Stand der
schönen, trotz ihrer Blässe anziehenden Frau. Der junge Geistliche war von dem
überraschenden Schauspiel fest gebannt auf seiner Stelle, bis ihn das Geräusch
vieler an ihm vorbeikommenden Menschen erinnerte, dass er sich auf der Strasse
befinde. Der Herzog von Östreich kehrte mit seinem Gefolge in seinen Hof zurück.
Prächtig gekleidete Zinkenbläser traten dem Geleite voraus, ihre blitzenden
Instrumente ruhig in den Händen tragend, um sie an jeder Kreuzstrasse erschallen
zu lassen, den Ruhm ihres Gebieters zu verkünden. Trabanten in Östreichs Farben,
die Hellebarden auf der Schulter, folgten, und hinter dem stolz flatternden
Banner mit Östreichs und Tyrols Wappenschildern ritt der Herzog, umgeben von den
Edeln seines Hauses. Pagen berührten seine Steigbügel, und den goldgeschmückten
Zaum seines Pferdes, und besondre Leibwächter in blanken Brustpanzern, mit
Mordäxten bewaffnet, schlossen sich unmittelbar, die Letztern des Zugs, dem
Gebieter an. Das scharfe Auge des Letztern hatte schon vor des Papstes Fenstern
den jungen Mann im geistlichen Gewande erkannt, und sein Finger winkte denselben
an sein Pferd heran. Im weiten Kreise standen abweichend die Begleiter, die
Strasse sperrend durch ihr Stillhalten. Der Herzog bückte sich vertraulich über
den Hals des Gauls zu dem Jüngling herab, und fragte halblaut: »Was macht Ihr
denn für Tollmannsstreiche, Dagobert? Faselt auf der Strasse umher in dem
Kirchenrock, der Euch nicht kleidet, und begeht noch obendrein das Verbrechen,
Euch eines Unglücklichen anzunehmen! Das wird Euch Verdruss bringen und Hass
erwerben.«
    »Hatt' ich nicht Recht?« fragte Dagobert: »Ich scheere mich nicht um des
Böhmen Lehre, aber Mensch bleibt Mensch, und Ihr, gnädiger Herzog, hättet an
meiner Stelle nicht um ein Haar anders gehandelt.«
    Friedrich besann sich einen Augenblick, dann nickte er zugebend mit dem
Kopfe, sprechend: »Ich glaube es beinahe selbst, aber ... junger Patrizier ...
wollt Ihr Menschenrechte verteidigen, so zieht die Kutte aus. Man kann darin
den Arm nicht frei regieren, so wenig als den Mund. Auf Wiedersehen!«
    Er zog seines Wegs, und Dagobert ging den seinigen. »Der Herzog hat nicht
Unrecht,« sagte er zu sich selbst, »aber wie ist das zu ändern? Für mein Leben
gern kröche ich wieder in mein kurz Röcklein und handtierte mit dem Rappiere,
aber der Mutter Gelübde, muss ich wohl halten. Wie glücklich sind diejenigen, die
frei sich bewegen können, wie sie wollen, und den Kelch des Lebens trinken
können, wo sie wollen, nur nicht am Altare. Ich Armer kann nichts tun, als sie
beneiden, und muss zusehen, wenn sie hübsche Frauen heimführen dürfen, wie die,
welche ich heute sah. Ich aber mag Psalmen singen, und Prozession laufen, oder
den gewissenlosen Pfaffen machen, vor dem jeder rechtliche Christ das Kreuz
schlägt. Das Letztere verhüte aber Gott!«
    »Ei, um aller Heiligen willen, deren Fürsprache mir auf dem Sterbebette Not
tun möchte! was ficht Euch an, dass Ihr also umherwandelt, bei hellem Tage, ein
lebendiger Leichnam, ohne Sinn, Gehör, Gesicht und Wortes?« fragte Gerhard's
Stimme plötzlich neben dem Patrizier, der verwundert aufsah, und mit einem
bittern Lächeln antwortete: »I nu, lieber Hülshofen, ich freue mich kindisch auf
den Augenblick, wo ich Papst sein werde.«
    »Wollte Gott, Ihr wärt's;« rief Gerhard, »so könnt' ich vielleicht auf
Absolution hoffen, oder auf Dispens von den Fastenspeisen, die mir gegenwärtig
wie Blei im Magen liegen. Unser Wirt im Engel, ein abgefeimter Spitzbube, der
früherhin kaum am Freitage Fleisch, Butter und Eier wegliess, ist durch das
Concilium so heilig geworden, dass wir Mittwoch, Freitag und Sonnabends nichts
als Fisch, Mehl und Öl zu sehen bekommen.«
    »Faste und bete, da Du nichts zu schaffen hast,« predigte Dagobert, und
wollte von dannen, aber Gerhard hielt ihn zurück. »Tut mir doch die Liebe,«
sprach der Edelknecht, »und geht ein Sprünglein mit mir. Ich will mich eben zum
Meister Tomas begeben, dem feinsten Waffen- und Messerschmid zu Costnitz. Ich
lasse von seiner kunstfertigen Hand eine Klinge vom Rost säubern, und wollt Ihr
einen Rückenklopfer sehen, wie ihn selbst Seine Majestät Kaiser Karl der Grosse
nicht an der Hüfte hatte, so kommt mit.«
    »Was sollen mir Eure Klingen?« fragte Dagobert lachelnd: »Ich fechte in
Zukunft nur mit Kerze und Weihwedel. Überdiess ist's mit dem Sonnenschein vorbei,
der Schnee beginnt sich wieder in leichten Flocken einzustellen, und ich sehne
mich nach der Ofenglut.«
    »O pfui!« höhnte Gerhard: »Junges Blut! was will aus Euch werden? Kommt mit;
wenn's Euch reut, die Waffe gesehen zu haben, so schlank und blank, dass schon
das Anschauen allein in der Faust juckt, will ich nicht selig werden. 'S ist ja
auch nicht weit. Ein Fünfzig Schritte zurück .... seht, dort, wo der Kürass mit
Kolbe und Morgenstern über der Haustüre zu sehen ist.«
    »Dort?« wiederholte Dagobert, und mit einem kurzen: »Meinetwegen!« hatte er
sich gedreht, und wandelte dem Hause zu, welches kein andres war, als dasjenige,
in dessen Pforte die schöne Frau in der stolzen Schellentracht verschwunden war.
Die Werkstatt hinten im Hofe, war erfüllt von lustigem Getöse. Der Blasbalg
schnaufte, der Hammer klang, und zwischen durch Funkengeknister und Ambosgetön
schallten fröhliche Lieder in schwäbischer, bairischer und Schweizer-Mundart,
wie sie die Gesellen des Schmids aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Das
kühne, unverdrossene Leben, das sich in dem schwarzen Gewölbe bewegte, lüftete
wohltuend Dagobert's Brust. Die starken Gestalten, die hier handtierten, der
winterlichen Kälte wie der schmorenden Hitze zum Trotz halb entblöst bis zum
Gürtel, schwangen rüstig die schweren Eisenkeulen, und das spröde Metall fügte
sich ihren Streichen, unter welchen der Gesang nicht verstummte. Dort trug Einer
eine Last Kohlen zur Glut, hier löschte ein Andrer das weissgeglühte Eisen im
dampfenden Wasser, dort wurden zierliche Stahlklingen glatt und blank gemacht,
hier versuchte sich der Lehrling an der Vernietung einer Halsberge. Die Gewerbe
der Messerer, Waffenschmide und Harnischer waren hier in Eins verschmolzen, und
in der Mitte der tobenden Schar stand der stattliche Meister, mit prüfendem
Blicke einen Turnier- und Brechhut musternd, der so eben fertig geworden war.
    »Grüss Dich Gott, Tomas!« rief ihn Gerhard an: »Wie steht's, alter
krausköpfiger Bursche? Was macht mein Stossdegen? sitzt er noch im Roste, oder
kann sich ein hübsch Mädel darin beäugeln?«
    »Der Kaspar dort im Winkel putzt gerade den Bügel;« erwiederte Tomas:
»wollt Euer Schwert betrachten, lieber Herr. Ich hab' den Griff mit baierschen
Hauben beschlagen lassen. Er sieht fürnehmer aus, und haftet sichrer in der
Faust.«
    Gerhard schritt auf den bezeichneten Kaspar los, und der Meister wendete
sich verwundert zu Dagobert: »Womit kann ich Euch dienen, geistlicher Herr?«
fragte er: »Euer Gewand ist ein unerhörter Gast in meiner Werkstatt. Schwert und
Panzer bedürft Ihr nicht; die Messer zu Eurer Tafel besorgt Eure Küchenmagd, und
ich habe nicht einmal eine Tochter, noch ein Weib, denen zu Gefallen man sich
wohl einmal in die russige Höhle eines Schmids verirren möchte.«
    »Ruchlose Gedanken!« scherzte Dagobert mit dem Finger drohend: »Vor der Hand
bin ich indessen hier nur in Begleitung jenes wackern Meisters vom langen
Schwerts, der sich eine Freude daraus macht, dann und wann die Kirche zu
schirmen. Setzest Du indessen durchaus einen andern Grund voraus, der mich zu
Dir führt, so will ich mich zu Deiner Ansicht herunter lassen, und Dir eine
Frage stellen, so kurz vom Zaune abgebrochen und so naseweis, als sich's gerade
schickt. Wer ist die Frau, die in Deinem Hause wohnt, die Stattliche, prächtig
Gekleidete? Mich drängts, darüber Auskunft zu erhalten, wahre Kunde,
wohlgemerkt.«
    »Hm!« versetzte Tomas schmunzelnd, und auf einen Menschen weisend, der mit
verschränkten Armen und lächelndem Gesicht herzugetreten und aufgehorcht hatte:
»Ihr könnt Euch an keinen bessern Kundmann wenden, als an diesen, hochwürdiger
Herr! Er weiss von seiner Gebieterin vortrefflich zu berichten.«
    Dagobert beschaute flüchtig das Antlitz des Empfohlnen, und fand es gemein,
einer breiten Ochsenlarve nicht unähnlich, aber geeignet, Vertrauen einzuflössen.
    »Es ist weiter auch kein Geheimnis dabei;« sprach der Breitstirnige
gleichmütig: »meine Herrin nennt sich das Erbfräulein von Baldergrün am
Harzwalde. Sie ist, wenn nicht die reichste, doch auch nicht die ärmste
Edeljungfrau. Zwei freie Sassen zinsen ihr, und, mich dazu gerechnet, zählt sie
sechzehn Halseigne, die ihr dienen.«
    »Wird sie lange hier verweilen?« fragte Dagobert mit steigender Teilnahme.
    »Weiss nicht,« erwiederte der Knecht achselzuckend: »doch sollt' ich's
vermuten. Es heisst, sie werde sich hier vermählen.«
    »Vermählen!« rief Dagobert rasch: »Mit wem!«
    »Meiner Treu!« lachte der Knecht: »Zweie lassen ihr die Wahl. Der Herr von
Königseck, oder der von Montfort, einer von Beiden wird's am Ende sein.«
    »Ich danke Dir!« versetzte Dagobert unwillig, ohne der Ursache sich bewusst
zu sein, und kehrte dem Berichter den Rücken zu. Gerhard trat just mit seiner
schöngeputzten Waffe herbei, und pries dem Jüngling ihre Vorzüge. Dieser
überhörte jedoch Alles, was der Gewehrkundige von Bügel, Korb, Stahlschnitt,
Knopf und Spitze sprach, und ging mit ihm hinaus, ohne von Meister und Knecht
Abschied genommen zu haben. Tomas schüttelte den Kopf, und die Gesellen
taten's ihm nach. Sie konnten den jungen Geistlichen nicht begreifen; am
wenigsten konnten's diejenigen, die ihn vor einer halben Stunde in rüstigem
Fauststreit gesehen hatten, und nun sein blödzerstreutes Wesen nicht zu reimen
vermochten. Der Knecht jedoch vermochte es am Besten: »Dem hat's mein Fräulein
angetan;« brummte er pfiffig in den Bart, und ging hinauf, seiner Herrin zu
berichten, es sei nun nicht mehr nötig, nach dem jungen Manne zu forschen, wie
sie ihm geboten; dieser habe selbst sich schon nach ihr befragt, und nur eines
Winks bedürft es, ihn ihrem Befehle gehorsam zu machen, wenn sie anders Lust
habe, ihm Befehle zu erteilen.
 
                               Siebentes Kapitel.
 In Treuen fest
 Wär' wohl das Best',
 Doch hältst Du es nicht fast in Ehren:
 Du Minnedieb,
 Der Du zum Lieb
 Nur, was Dir nicht ziemt, willt begehren!
                                                                 Fastnachtspiel.
Seit mehreren Tagen hatte sich Dagobert nicht im Hause seines Oheims blicken
lassen, und wurde doch von dem Letztern, wie von dessen Freundin Fiorilla
sehnlichst erwartet, wenn gleich aus verschiednen Beweggründen. Sein endliches
Erscheinen nach dem sonntäglichen Hochamte befriedigte die seiner harrenden
Seelen. Zum grossen Befremden des Jünglings schien weder der geistliche Zuschnitt
seines Rockes, noch die ernste gesammelte Miene, mit der er eintrat, einen
besonders günstigen Eindruck auf den Prälaten zu machen. Im Gegenteile: Er
bewillkommte den Neffen finster und kalt; Fiorillens bedeutende Geberden und
scheues Fortschleichen wiesen auf Sturm. »Ist es also,« - begann Monsignore,
nach langer ungewisser Pause, - »ist's also, dass man sich vorbereitet zu dem
heiligen Stande, den man zu ergreifen gedenkt, nach Gottes und des Oheims
Willen? Schäme Dich dessen, was ich von Dir vernehmen musste!«
    Dagobert fragte schüchtern nach der Sünde, die er begangen haben sollte.
    »Du willst nicht wissen, Dich nicht entsinnen?« rief der Prälat:
»verstockter, unbussfertiger deutscher Tollkopf! Ich will Dir erklären, was ich
meine: Ein Jüngling von altbürgerlichem Geschlecht, zum Dienst der
alleinseligmachenden Kirche bestimmt, in ihr Friedenskleid gehüllt, wird auf
offener Strasse ein faustfertiger Klopffechter, des Pöbels Widerpart! Um einen
Ketzer zu verteidigen, schlägt er einen Christen zu Boden! Das kann nur ein
Deutscher tun, der ein gewaltig zahmes Herz lügt, und, dies seinem Gegner zu
beweisen, demselben kaltblütig eine Handvoll Haare, ein halbes Dutzend Zähne
oder ein Auge ausreisst. Schäme Dich, bereue, und bitte sogedachte Frevel dem
Herrn der Heerscharen ab. Noch einmal ein Wort für den Ketzer verloren, - noch
einmal zu seinen Gunsten die Faust gezückt, und ich ziehe meine Hand von Dir ab.
- Keine Einwendung! Ich weiss wohl, dass Ihr in Deutschland selbst im Chorrock das
grobe bäurische Wesen nicht ablegt, das Ihr adelich Tun nennt; dass Eure
Bischöfe und Stiftsherren sogar zu Gaule steigen, und Eure Turneien und
Ringelrennen mitmachen, als wüssten sie nichts anders zu treiben, als solche
sündliche Lustbarkeiten. An Dir jedoch will ich dies Unheil nicht erleben.
Bereue demnach, und begib Dich in Demut hinweg, um Dich vorzubereiten auf den
Besuch, denn Du Morgen bei Sr. Eminenz dem Erzbischof von Ravenna ablegen wirst.
Ich tafle heute bei dem hochwürdigsten Herrn, und will den gerechten Zorn, den
er gegen Dich empfindet, welchen ich bereits seiner Gunst empfohlen, in die
gewohnte Milde umzustimmen suchen. Doch tue ich dieses nur dies Erste- und
Einzigemal; wohl zu merken. Entferne Dich! -«
    Dagobert nahm die Predigt stillschweigend hin, verliess ebenso das Gemach,
und wurde von Fiorillen, die seiner auf dem Vorplatze wartete, unter Bedeutung
der völligsten Heimlichkeit in ihre Stube gewiesen. - »Monsignore hält seinen
Imbiss heute auswärts;« flüsterte ihm die Schlaue zu: »bleibt bei mir zu Gaste,
und rührt Euch nicht, bis der Ohm von dannen ging.« - Dagobert liess das Mädchen
lächelnd gewähren, und verschmähte die leckre Kost an dessen Seite nicht. Nach
einer langweiligen Stunde verliess der Oheim das Haus, und Fiorilla rüstete die
Tafel mit ausgesuchter Zierlichkeit. Die Speisen wurden durch sie selbst
heraufgeschaft, der umherlauernde Diener mit einem Trinkgeld vergnügt, und in's
Weinhaus gesandt; die Türe verschlossen, und Base und Vetter setzten sich in
friedlicher Einsamkeit zu dem Mahle, geschmückt von den Kränzen der Ceres und
des Bacchus. Fiorilla hätte nicht ungerne den kleinen heidnischen Gott, der
gewöhnlich die Dreizahl voll macht, mit in die Gesellschaft gezogen. Aber
umsonst. So freundlich ihre Worte und Geberden den kleinen Schalk einluden, so
blieb er doch aus; er scheute sich vor Dagobert's Unempfindlichkeit, die, im
Anbeginn unter der gleissenden Larve des unbefangensten Frohsinns verborgen,
gegen Ende der Mahlzeit in ein nachdenkliches Schweigen überging. - Fiorilla's
Spott rüttelte ihn aus demselben. »Da plaudre ich nun, und plaudre mir die Zunge
lahm,« rief sie schäckernd: »und Ihr sitzt da, wie aus Holz geschnitzt. Bekennt,
was Euch so fühllos gegen die Rede einer jungen muntern Dirne macht, die Euch
für ihr Leben gern gefallen möchte. Was ist's, das Eure Lustigkeit dergestalt
herabstimmen konnte?« Ist's die Busspredigt Eures Ohms, so schlagt sie Euch kühn
aus dem Sinn. Er ist auch kein Heiliger. Ist's die Erinnerung an ein verlassenes
Liebchen, so vertraut Euren Kummer meiner uneigennützigen Freundschaft. Oder
wäre es vielleicht die Bewerbung um meines Herzens Gunst, die Euch auf der Zunge
sitzt, und mutlos, nicht sich auszusprechen wagt ...? nur keck heraus damit.
Wer weiss, sagte ich: »Nein« darauf.
    Dagobert, ohne einen Augenblick in Verlegenheit zu geraten, sprach nach
kurzem Besinnen: »Lieb Bäschen! des Oheims Donnerworte sind mir schon nicht mehr
im Gedächtnis«, bekümmern mich folglich keineswegs. Ich hörte, so zu sagen,
eigentlich gar nicht auf sie. Eben so wenig denke ich um Eure Gunst zu freien.
Soviel ich deren bedarf, um in Euch die uneigennützige Freundin zu schätzen,
habt Ihr mir bereits zugewendet. Ein Mehreres verbietet mir mein Stand und die
Liebe für den Ohm zu begehren. Auch denkt Ihr nicht daran. Daher darf ich Euch
frank und frei vertrauen, dass Euer Scharfsinn den rechten Zweck getroffen, indem
Ihr von einem verlassenen Lieb spracht, und von dem Gedächtnis an dasselbe.
»Wenn Ihr's erlaubt, und nicht dem Oheim, mindesten nicht mit ärgerlichen
Zusätzen, das Gesagte wieder sagen wollt, so möchte ich wohl meinem Herzen Luft
machen durch ein frei Bekenntnis, auf die Gefahr hin, von Euch gescholten oder
ausgelacht zu werden, denn die Historie meiner Liebe ist nicht die
gewöhnlichste.« - So schnell, auch die ersten Worte Dagoberts Fiorillens Antlitz
mit Unmut beschattet hatten, so schnell erheiterte dasselbe des Mädchens
natürliche Herzensgüte, und die dem Geschlechte eigene Neugier und Teilnahme an
Sachen der Minne. »Sprecht!« versetzte sie: »Freundschaft gelobe ich Euch, und
Bewahrung Euers Vertrauens. Nicht dem Schilf am See, nicht dem verschwiegenen
Ofen will ich gestehen, was ich von Euch erfahren soll, sei es eine Wahrheit
oder gefällige Lüge!« -
    »Keine Lüge, Mühmlein von Cesena;« versicherte Dagobert, »die lautere
Wahrheit hingegen. Hört aufmerksam zu. Es mögen ungefähr zwei Jahre verflossen
sein - nein; zu nächsten Frühling werden es zwei Jahre; da gab der Rat unserer
Stadt ein grosses Kampfspiel auf dem Römerberg, zu dem alle gute und ebenbürtige
Leute aus Stadt und Gegend geladen waren, und auf dem die altbürgerlichen
Geschlechter mitstritten zu Pferd und zu Fuss.« Es wäre mein Tod gewesen, hätte
ich mich von solchem stattlichen Rennen ausschliessen sollen. Ich stach daher
auch mit, in Stahlhaube und Panzer, und ritt meines Vaters tollstes Pferd,
Trotzteufel genannt, das seines Gleichen sucht in Stärke und Unbändigkeit.
Ziemlich eitel von Geburt, suchte ich meinen Stolz darin, den Gaul zu reizen mit
Sporn und Zügelriss, dass er stieg, wieherte, sich herumwarf im Kreise, und
endlich, hinten und vorne ausschlagen, zu bocken begann, dass allen Zuschauern
Hören und Sehen verging, und Sand und Kies hinaufsprühte zum Altan, wo die
Stechgrafen sassen und die Frauen. Da ich mein Mütchen gekühlt hatte, und mich
wendete, um gegen meinen Mitkämpfer anzusprengen, so hörte ich unfern von mir,
von den Schranken herunter, ein boshaftes Gelächter schallen, und ersah einen
hässlichen Kerl, der, in seiner ritterliche Tracht auf dem Geplänke sitzend, wie
toll aufwieherte über meine Reiterkünste, während alle übrigen Zuschauer sie
bewunderten. Ich drohte zürnend dem geputzten Wicht mit der Faust, und dachte er
würde Ruhe geben. Statt dessen zieht mir der Bube eine boshafte Fratze. Darüber
entrüstet, winkte ich schnell den Trompetern zu schweigen, meinen Gegner nicht
anzusprengen; reite darauf gestreckten Zuges an die Planken hin, und schlage dem
rothaarigen Tölpel, - der das Turniergesetz verletzte, das jede Beleidigung und
Störung der Kämpfenden verpönt, - mit der Glane dergestalt über die Affennase,
dass er von seinem Sitze herab in den Strassenkot purzelt. Da er ohne einen Laut
von sich zu geben, noch irgend eine Urkunde seines Lebens dahinstürzte und
liegen bleibt, gewinnt das Mitleid schnell bei mir die Oberhand. Ich schwinge
mich, des Panzers ungeachtet, schnell vom Pferde und über die Schranken, und
springe dem Elenden bei, der von neugierigen Zuschauer aufgehoben worden war. So
wie ich aber dem Burschen das Wamms lüfte, schlägt er die Augen, auf, und stösst
mich mit der geballten Faust zurück, wie ein Wahnsinniger schreiend: »Fort! rühr
mich nicht an, verfluchter Goi!« Durch diesen Ausruf verriet er sich als einen
Juden, und weckte auf's Neue meinen Zorn und den aller Umstehenden. »Ein Jude!«
brüllte der Haufen, und hundert Fäuste erhoben sich drohend, denn es ist jedem
aus dem Volke Abrahams streng bei uns verboten, einem feierlichen Spiele
zuzusehen, weil der missgünstige Blick des Zuschauers schon zum Schaden wirken
kann, geschweige erst die tückische Zauberformel, deren sich oft die Juden
bedienen sollen, um den Christen jede Lust in Leid zu verkehren.
    »Das ist wohl ein Aberglaube!« meinte Fiorilla, und fuhr etwas verlegen mit
dem feinen Tüchlein über die errötende Stirne.
    »Möglich!« versetzte Dagobert, gleichmütig: »Ich sage nur, was uns von
Kindheit an Amme, Eltern und Schulmeister einprägen. Genug; dem Rotkopf bekam
seine Neugierde übel. Ich konnte mich vor Wut, von einem Juden misshandelt
worden zu sein, nicht fassen«. Rechts und links schmetterte ich mit dem
Blechfäustling dem Buben in das hässliche Angesicht, und das Volk riss indessen
die prächtigen Kleider in die er sich verkappt hatte, in Stücken. So hatten wir
ihm eine gute Strecke von dem Schrankewerk hinweg das Geleite gegeben, als
plötzlich einige alte Juden aus ihrer Gasse herbeieilten, sich darein mischten,
den Bestraften ihren Freund und Verwandten nannten, und uns bei allen
Verdiensten der Erzväter beschworen, inne zu halten. Ich wäre wenig geneigt
gewesen, dem Geschrei und Gejammer der Langbärte nachzugeben, hätte nicht mit
einem Male eine seidenweiche Hand meine drohende Faust aufgehalten, und eine
zarte Stimme zu mir emporgefleht. Verwundert blickte ich hernieder, und sah ein
jüdisches Mägdlein vor mir stehen, in reizlose Tracht gekleidet, so wie dies
Volk gewöhnlich auf der Strasse gesehen wird. Verächtlich stiess ich sie von mir,
und wollte dem Haufen nach, der sich mit dem Misshandelten und seinen
Fürsprechern einige Schritte von meiner Seite gewirbelt hatte, da hielt mich das
Mägdlein zum zweiten Male auf, und wenig hätte gefehlt, so wäre sie zu meinen
Füssen gesunken. Mit einem derben Fluche wollte ich die Zudringliche noch einmal
von dannen weisen, aber da mein Auge zürnend auf ihr Antlitz blitzte, da war im
Nu mein Zorn vorbei, und nicht um die Welt hätte ich ferner ein hartes Wort zu
der Dirne gesprochen, die mit den Blicken eines bittenden Engels aus dem groben
Schleier sah, und mit der Zunge der Alles gewinnenden Demut die Worte zu mir
sagte: O schlagt nicht mehr, lieber Herr! schlagt nicht mehr! Zodick ist ja kein
Hund; er ist unser Knecht, und wird sicher nimmer tun, was Euern Zorn gereizt!
-
    Dagobert lehnte sich hier in den Stuhl zurück, drückte beide Augen, zu, als'
suche er das gegebene Bild noch einmal aus der Vergangenheit zurückzuzwingen in
die Gegenwart, und fuhr dann mit sanfter Stimme fort: Erwartet, liebe Fiorilla,
keine Schilderung der Schönheit dieses Mädchens; selbst die Eure müsste ihr
weichen. Erwartet eben so wenig einen Bericht, wie sich plötzlich mein Herz
gewandelt. Genug, es war so. Der Leue war zum Lamm geworden. Mein Grimm hatte
den hämischen Buben der Rache überliefert, mein Fürwort entriss ihn den Klauen
seiner Feinde. Als ihn nun seine Glaubensbrüder hinwegführten, fühlte ich einen
heissen Kuss auf meiner Hand, und siedwarme Tränen. - Die Dirne war es, die mir
also ihren Dank bezeugte. Die Hand zog ich zurück, doch nicht das Auge, das
eingewurzelt schien in die Fülle von Liebreiz., die des Mädchens Antlitz darbot.
Sie war aber umsichtiger als ich; Lebt wohl, guter Junkherr! flüsterte sie, ich
möchte Euch zwar gerne sagen, wie hoch ich Euch verehre, aber es ist Euch eine
Schande, eine elende Jüdin auf offener Strasse anzuhören, darum vergönnt mir nur
dies Andenken von Euch mir zuzueignen. Sie bückte sich schnell nach einer
schlechten Feder die meinem Helmbusche entfallen war, drückte sie heftig an die
Lippen, verbarg sie im Busen, und entfernte sich rasch. Wie ein Träumender ging
ich zu dem Rennen zurück, aber mir war die Kampflust vergangen, ich mied den
Kreis meiner Gesellen, die mit roher Schadenfreude das Abenteuer mit dem Juden
ausposaunten; Kürass und Haube warf ich von mir, griff zur Laute, und
verklimperte den Tag und den Abend im einsamen Stüblein. Je mehr ich aber
klimperte, je näher trat mir das Bild des Mägdleins; trotz dem Abscheu, den ich
von Kindheit auf gegen das ganze Volk der Hebräer hegte, wurde mir dieses Bild
immer lieber, immer traulicher, so oft ich die Saiten rührte, die jetzt nur der
Minne klangen, wie früher dem lustigen Scherz, - so trat die liebliche Gestalt
in meine Zelle, neigte sich, und schien mit dem Lächeln der Sehnsucht meinen
Tönen zu lauschen. Wie selig war ich dann! Zwar sagte ich nur oft: du wirst noch
den Veitstanz gewinnen, wenn das Gebreste so fort geht. Sei nicht aberwitzig und
kein Dummbart, der sein Quentlein Verstand an das glühende Gesicht einer Dirne
verliert, die nicht einmal an den Heiland glaubt. Mein Lehrmeister, der
Predigermönch Johannes, ersah wohl meinen Trübsinn, meine wehmütige
Freundlichkeit, erriet deren Ursprung. »Die Minne quält Dich und schafft Dir
Herzeleid, sagte er warnend, hüte Dich, mein Sohn, Du bist bestimmt der Jungfrau
jungfräulich zu dienen, und darfst dem Geluste der Sinne nicht nachhängen. Bete,
mache das heil. Kreuzeszeichen so oft der Versucher zu Dir tritt, und genese! -
Ich folgte seiner Lehre, ich betete, schlug das Kreuz, und genas doch nicht. Im
Gegenteil: ich lernte immer mehr das verführerische Siechtum lieben, in das
ich verfallen war.«
    »Ihr Glücklicher!« rief Fiorilla, ausbrechend in wehmütige Teilnahme:
»Euch haben die Rosen des Lebens geblüht; nicht jeder sieht diese Blüten mit
unentweihtem Sinn!«
    »Mein Sinn war rein, und ist es noch jetzt;« beteuerte Dagobert, »aber im
selben Grade ist kräftig meine Brust, und gesund mein Herz. Die Minne und ihre
Sehnsucht wischten nicht das Rot von meiner Wange. Der Trübsinn, eine fremde
Erscheinung in meinem Leben ward nach einiger Dauer von der Fröhlichkeit
niedergekämpft. Ich nahm wieder Teil an den Festlichkeiten der Stadt und der
Geschlechter, an den Gelagen meiner Jugendgesellen und Gefährten, ich stieg
wieder zu Pferd, und besuchte Forst, Hain und Flur. Endlich glaubte ich es ohne
Nachteil wagen zu dürfen, meine Torheit, wie ich's' nannte, herauszufordern.
Ich ritt durch die Judengasse, und hoffte diejenige zu sehen, die mir's
angetan, hoffte dem unbegreiflichen Zauber Hohn zu sprechen mit gestähltem
Herzen. Aber ... seltsam ... schon beim Eintritt in die schmutzige Strasse,
winkte der Bann auf's Neue. Ich, der sonst nur Mutwille halber hier meinen Weg
durchnahm, die Buben und Mägdleins der Ebräer durch das wütende Dahersprengen
meines Rosses erschreckend und in die Flucht treibend; .. ich, der zuerst unter
dem Jubelruf der Freunde es unternommen hatte, in eine jener altertümlichen
Judenhütten einzureiten, zu Pferd meinem Besuch in der Stube zu machen, wo der
Hausvater mit den Seinen zu Tische sass, und beinahe den Tod hatte vor Schrecken
ob des höhnenden Gastes, der die Runde um die Tafel machte, das Estrich
aufwühlte, und mit Spottgelächter über die in Staub krachende Schwelle seinen
Abzug nahm; ich liess jetzt das Pferd langsam gehen, und spähte sorgsam nach
beiden Seiten zu den erblindenden Fenstern auf, ob ich nicht die Holde gewahren
möchte, welche mich berückt. Und siehe ... wie verabredet erschien ihr Antlitz,
ihre Gestalt unter der Türe eines Hauses, des ansehnlichsten der Gasse. Mit
gespannter, überraschter Aufmerksamkeit schaute sie zu mir empor, und ein neuer
Reiz schmückte ihr heute von Locken und zierlichen Zöpfen bekränztes Haupt, die
Rosenglut der Scham, der feurige Wiederschein erfüllter Sehnsucht. Ich zwang
meine hochklopfende Brust zur Ruhe, meine von schmerzlich süssem Leid gespannten
Züge zu kalter Gleichgültigkeit und trabte vorüber. Die Dirne grüsste nicht
...... obgleich sie mich nur allzuwohl erkannte; die Vorsichtige schonte mein
Gefühl. Sie blickte mir aber nach, so weit die krumme Gasse es verstattete, und
da ich an der Ecke zurückschaute, winkten mir noch ihre Augen, wie freundliche
Sterne. Seitdem sah ich sie oft, denn der neugestärkte Zauber trieb mich Tag für
Tag zur selben Stunde durch den von Pferden und Reitern selten besuchten
Stadtteil. Und wie an der eingestürzten Pforte der Strasse meines Rosses erster
Hufschlag erklang, so klang auch das Fensterlein jenes Hauses, und das
Zauberkind umgarnte mich mit neuen, allzulieben Schlingen. Ihr lächelt wohl,
lieb Mümchen, wenn ich Euch sage, dass über ein Jahr diese seltsame Minne
bestand, ohne ein dollmetschendes Wort zu finden; kaum einen dollmetschenden
Blick, da ich immerfort, wenn gerade nicht Kälte, doch eine Ruhe heuchelte, die
mir, - sah ich die Schöne, - so fremd war, wie der Galle die Süssigkeit des
Honigs.«
    »O ihr Deutsche!« lächelte Fiorilla, »zögernd legt ihr selbst die Riegel vor
das Paradies.«
    »Mit Recht!« erwiederte Dagobert: »Steht die Pforte offen, so ist's das
Paradies nicht mehr. Hinter den Bergen die unsere Fluren bekränzen, denken wir
uns schönere Auen, blühendere Matten, und finden, - haben wir die Höhen
überklettert, - nur die gewohnten Büsche und Felder wieder. Begehren ist Lust;
im Genusse wird sie stumpf. - Ich ritt also fort und fort meiner schönen Jüdin
zu Hofe, und gefiel mir in der Sonderbarkeit meiner Neigung. Da geschah es, dass
an einem Abend des verwichenen Sommers, - die Wächter hatten die zehnte Stunde
abgerufen, - Feuer entstand in der Nähe der Judengasse. Ein Reiterknecht war mit
brennendem Spann in den Stall seines Gauls gegangen, und ein Funke hatte den
Brand geweckt. Die Feuerglocke heulte vom Turme, und auch in meine
Klosterstille drang das Getümmel der zum Brand flutenden Menschenmenge. Schnell
war ich entschlossen meine tätige Hülfe nicht zu versagen, schnell hatte ich
mich in die Kleider geworfen, und kam atemlos auf dem Platze an, wo längst dem
Mainstrom eine Reihe von Ställen, Heuschobern und Werkhütten in vollen Flammen
stand. Unser Volk ist brav und rüstig, wo es zu retten gilt. Wasser wurde
herbeigeschleppt von allen Orten und Enden; schon einigemal hatte ich auf meinen
Rücken den vollen Bottich herzugetragen, und noch einmal ihn zu füllen, lief ich
weg aus dem Getöse, da fiel mir eine weibliche Gestalt in die Augen, die, da wo
man eingeht in die Judengasse, unter dem Vorsprung eines Hauses auf eine Bank
niedergesunken schien. Entfernt von dem Gewühle der Menschen, forderte der
Anblick der hüflos Verlassenen, vielleicht Ohnmächtigen, mein Mitleid auf. Ich
trat zu ihr; erstaunt, ein köstlich geschmücktes Mädchen zu finden, dem nur der
Schrecken die Kraft versagt hatte, weiter zu gehen; .... entzückt zugleich in
der festlich Geputzten die zu erkennen, die schon so lang in meiner Seele lebte.
Wir waren beide nur allzusehr betroffen, und kaum konnte ich die Worte stammeln:
Mein schönes Kind, wie kommst Du hierher, in diesen Gewändern? hier ist doch
Deine Stelle nicht! - O Herr, versetzte sie hierauf schüchtern und demütig:
Zürnt mir nicht. Das Entsetzen mag mich entschuldigen, wenn ich Unziemliches
getan. Wir feierten den Sabbat, der gerade heute eingegangen, geschmückt mit
unserm Köstlichsten, als die Feuerglut entstand. Mein Vater und Grossvater wurden
aus dem Hause gerissen, und mit Schlägen zum Löschen angetrieben. Die Angst
vermochte mich, ihnen zu folgen, doch verlor ich sie aus den Augen, und sank
hier halb ohnmächtig zur Erde. - Während dieser erläuternden Rede hatte ich mich
nicht abwenden können, von der hohen Schönheit, die hier, in abenteuerlichen
Prachtgewändern, wie sie wohl nur das Morgenland erfunden, vom fernen Glutshain
zauberisch beleuchtet, der Reize höchste dem Bewunderer verriet. Die funkelnden
Ketten und Armbänder, das Geschmeide im Haare, der Perlengürtel konnten die
Herrliche nicht schöner machen. Aber zu einer jener Feenköniginen verklären, von
denen die Minnedichter singen, und die schon oft das Glück eines Sterblichen
begründet haben sollen. Wie hold bist Du! flüsterte ich der Lieblichen in's Ohr,
und stürmisch klopfte mein Herz, da sie züchtig und leise antwortete: Niemand
begehre ich zu gefallen, denn Euch, mein Herr. - Herr? fragte ich mit leisem
Vorwurf; Herr? warum nicht Freund? Ich schmiegte sie in meinen bebenden Arm, sie
entzog sich aber demselben und küsste meine Hand. Nicht so, sprach sie, Freund
dürft Ihr mir nicht sein, wohl darf ich Euch jedoch meinen Herrn nennen, dem ich
zu eigen sein muss für und für. Du musst, versetzte ich lächelnd; warum? der
Grund? - Nun drückte sie meine Hand an ihren Busen, an ihre Stirne, dann von
neuem an den Mund, und ich meinte, sie würde meine Finger versengen mit dem
glühenden Hauche ihrer Lippen. Befremdet ob solch leidenschaftlichem Tun,
richtete ich das Mädchen ernst auf, und sagte zu ihr im selben Tone: nicht wolle
es sich länger ziemen, mit ihr auf freier Strasse zu kosen; ich sei bereit sie
nach Hause zu geleiten. Sie wollte das nicht zugeben, und wir hatten den Streit
nicht beigelegt, als eine lange grobe Gestalt um die Ecke tölpelte, mein Mädchen
plötzlich stille schwieg, ihren Finger auf meinen Mund legte, und sich in den
tiefsten Schatten des Vorsprungs zurückzog. Ester! Ester! wo steckst Du denn?
rief der ungebetene Gast mit rauher widerlicher Stimme, in der ich gleich die
des Buben erkannte, der mich auf dem Turniere beleidigt hatte. Nun juckte es in
der Faust, aber ich bezwang mich, und gestattete es, dass die Gerufene sich
völlig hinter mir verbarg. Der rotköpfige Knecht starrte mich einen Augenblick
an, wich aber auf mein rauhes: Wer geht da? scheu zurück, und näherte sich dem
Gewühle der Löschenden, immer den Namen des Mädchens rufend. Wir schlüpften
alsdann in die menschenleere Strasse, und gelangten unter freundlichem Kosen an
Ester's Haus. Die Schatten des Hausganges nahmen uns auf. Hier fragte mich
Ester, ob sie mich wiedersehen werde. Bald zum Letztenmale, antwortete ich, und
vertraute ihr, ohne meinen Namen genannt zu haben, wie ich zum Dienste des
Altars bestimmt sei. - Sie seufzte tief, fasste sich jedoch bald, Als Priester
dürft Ihr Euch nicht verehelichen, nicht wahr? fragte sie lebhaft.
Kopfschüttelnd schwieg ich. O dann ist's recht! sprach sie: Dann bleibt Ihr mein
Gebieter, und ich Eure Magd, wenn uns auch weite Länder trennen. Dann werde ich
nicht sterben vor Gram, Euch an der Seite einer geliebten Hausfrau zu wissen. -
Wie kannst Du meiner ferner gedenken, fragte ich: meiner? des Priesters eines
Glaubens, den Du hassest?« - »Denket das nicht, antwortete sie: Ich hasse nicht
Eure Lehre, nicht Euren Messiah. - Wenn auch das wäre, fuhr ich fort: so wird
es, fürchte ich, Sünde sein, wenn ich Dein Bild bewahre, das der Verläugenden? -
Ist das eine Sünde, erwiederte sie schnell, so kommt zurück, wenn Ihr Priester
seid, und tauft mich. An Eurer Hand gehe ich gern in Euer Himmelreich, ohne das
ewige Jerusalem zu schauen. Aber freilich, setzte sie stockend hinzu: freilich
müsste das erst geschehen, wenn der Vater todt sein wird, und der Altvater
Jochai. Denn es würde ihnen das Herz brechen, und ich möchte sie gerne in
Frieden dahinscheiden sehen. - Dieser ungeheuchelte Beweis einer reinen Seele
zog meine Lippen an die Ihrigen. Der erste und der letzte Kuss ward zwischen uns
gewechselt. Herannahendes Geräusch scheuchte mich aus dem Hause, und nimmer habe
ich seitdem die Reizende gesehen. Ost trabte ich durch die Gasse, nimmer liess
ihr holdes Bild sich mehr schauen, und mein Schicksal riss mich von dannen, ohne
mir das Glück des Lebewohls zu gönnen.«
    Fiorilla trocknete eine Träne, und neigte sich dankend zu dem Erzähler. -
»Wie soll ich Euch das Vertrauen vergelten, dessen Ihr mich gewürdigt? Ihr habt
mir das Geheimnis Eures Lebens geschenkt, ... ich kann Euch kein Ähnliches
vertrauen.«
    »Vertraut mir nichts, Fiorilla!« unterbrach sie Dagobert ernst: »Ich bin
Euch zu hold, als dass ich Euch vor mir erröten sehen möchte. - Bedauert
hingegen mein Missgeschick,« fuhr er, muntrer werdend fort; »das mich beinahe
zwingt, das Andenken, das ich treu bewahrte, aufzugeben für ein Andres. Ich
hätte meinem Herzen nicht so viel Wankelmut zugetraut; der Flattersinn muss im
Blute stecken. Ein ander Frauenbild hat mich schier betört; Ester und dieses
holde Weib streiten in meiner Brust, und dennoch ist Keine auf Erden mir
bestimmt und erlaubt.«
    »Verwahrt darum Euer Herz;« entgegnete Fiorilla schelmisch: »Wer ist aber
die, die ihr zu lieben besorgt? Erleichtert Eure Brust. Ich wage nichts bei
Eurem Bekenntnis, da Ihr mir schon versichert habt, ich sei nicht im Stande,
Euere Empfindung in Aufruhr zu bringen. Ihr wagt noch viel weniger, denn das
Wichtigere habt Ihr mir schon entdeckt.« -
    Dagobert erklärte sich auch scherzend bereit, und erzählte das Nachspiel zu
dem Abenteuer auf der breiten Strasse, wo er den gefangnen Huss gegen die Roheit
seines Beleidigers verteidigt hatte. Und da er nun die Gestalt seiner neuen
Huldin, wie das Haus beschrieben hatte, in das sie gegangen, so warf sich
Fiorilla lachend in den Polstersessel zurück, und vermochte im Anbeginn, auf
alle Fragen Dagobert's nichts anders zu erwiedern, als eben das schallendste
Gelächter. Der junge Mann stand endlich verletzt auf, und wollte sich mit
finsterm Gesichte entfernen. Fiorilla hielt ihn jedoch zurück. »Grollt, mir
nicht;« stammelte sie, nach Luft atmend: »Das Zusammentreffen ist zu seltsam
und zu lustig. Man rede noch einmal von der Stimme des Bluts, von angebornem Hass
und Vorurteil, der auch mit verbundnem Auge seinen Feind erkenne. Diejenige,
die Ihr meint, ist niemand anders als Eure Schwester Wallrade, die sich gewiss
nicht träumen liess, dass es ihr gelingen würde, den abgeneigten Bruder in einen
sehnsüchtigen Minneknaben zu verwandeln ......«
    »Wallrade!« fragte Dagobert staunend: »Wallrade, das Fräulein von
Baldergrün? Der Name des Besitztums, das ihr Monsignore zum Geschenk machte;«
erklärte Fiorilla. »Sie verabscheut ihren Geschlechtsnamen, da Eure Stiefmutter
ihn führt.«
    »Törin! eitle, selbstsüchtige Törin!« rief Dagobert: »Wahrlich, lieb
Bäschen, Ihr hättet mir keine wirksamere Arznei geben können, als mir der Name
Wallrade wurde. Wo hatte ich meine Augen, dass ich, wenn gleich nach so langer
Zeit, Diejenige nicht erkannte, die mir des Leid's viel, und Nichts zu Liebe
getan. Toller, toller Zufall! Mich ergötzt es, dass auch sie blind gewesen und
mich nicht erkannt. Wie gut ist's, dass sich noch nicht die Gelegenheit
dargeboten, ihr den Hof zu machen. Wie würde der Hageprunk über meine
Kurzsichtigkeit gespöttelt haben! Habt Dank, gute Fiorilla. Empfangt meinen
herzlichen Händedruck für Eure Wohltat. Ich bin nun gesund, und kann über meine
Narrheit lachen. - Er überliess sich auch dem ungebundensten Frohsinn.«
    »O des leichten, wandelbaren Bluts!« scherzte Fiorilla: »Ihr könntet mein
Landsmann sein.«
    »Arme Ester! Bei solchem Flattersinn wird Dein Gedächtnis schwinden, früh
oder spät, wenn ich's gleich heute vor aller Gefahr zu schützen so glücklich
war.«
    »Ihr bereut den Dienst doch nicht, den Ihr dem Judenmägdlein erwiesen?«
fragte lächelnd Fiorilla:
    »Ihr, die Nichte ... die Freundin eines rechtgläubigen Prälaten? Wahrhaftig,
ich muss Eure Duldung bewundern, die Kirche, Gesetz und des Pöbels Eigensinn
verdammen.«
    »Leider!« erwiederte Fiorilla seufzend: »Ihr möchtet leichtlich staunen,
eine Wälsche, welche die Madame verehrt, also sprechen zu hören. Vielleicht wird
Euch jedoch meine Hinneigung zu der liebenswürdigen Ester erklärlicher, wenn
ich Euch sage, dass ich keineswegs aus Cesena, sondern aus dem Ghelto zu Rom
stamme, meine Eltern früh verlor, und durch die Milde Eures Ohms in eine
Bekehrte verwandelt wurde.«
    Dieses überraschende Geständnis kitzelte Dagobert's Zwergfell auf's Neue und
Heftigste. »Hoho!« rief er, lachend wie ein Verrückter: »kann denn auf dem
Brocken in der Walpurgisnacht einem Hexlein etwas Tolleres begegnen, als mir? Es
gränzt an's Mährchenhafte. Ich liebe eine Jüdin und meine Schwester, und meine
Vertraute ist eine Neugetaufte! Nein, ich muss mich lossagen von solchen Banden,
damit mir's nicht ergehe, wie den böhmischen Ketzern, und darum guten Abend,
holdes Heidenkind!« -
    Schnell hatte er einen Kuss auf Fiorillens Wange gepresst, und polterte
lachend die Treppe hinunter. Unter der Pforte rannte er an seinem heimkehrenden
Oheim, der ihn, Dank sei es der Dämmerung, nicht erkannte, aber durch ein halb
ängstliches: »Wer da! wer seid Ihr?« festzuhalten dachte. »Ein Rabbiner, der von
Euch bekehrt sein möchte!« brummte der Spottvogel im tiefsten Register, schob
den Staunenden bei Seite, und entsprang.
 
                                Achtes Kapitel.
 Weihnachtsfreude, Weihnachtslust!
 Öffnest segnend jede Brust!
 Nacht, die unsern Herrn geboren,
 Zur Versöhnung auserkoren -
 Du vereinest, die sich hassen,
 Dass sie ihren Groll verlassen.
 Doch, wie nur Dein Bann verweht,
 Schnell die Schlange neu ersteht:
 Und sie flieh' mit scheuem Bangen,
 Die sich freundlich kaum empfangen!
                                                                              W.
So wie der Meistersänger, dem es vergönnt ist, vor grosser Gesellschaft seine
Kunst zu zeigen, - nachdem er die Ohren seiner Zuhörer mit den sanften Gesängen
der Minne, mit schwärmerischen Balladen und klagenden Liedern ergötzt hat, - auf
einmal aus der weichen Tonweise in die harte umspringt, und die Saiten rührt zum
fröhlichen steirischen oder hungarischen Tanz, und eine Melodei nach der andern
aufspielt, bis das junge Volk das Morgenrot herbeigestampft hat; .. also war
Dagobert rasch und leicht seiner zufälligen Schwermut entoben, und schwamm
wieder - mit Gerhard zu reden - wie ein lustiges Fischlein auf träglicher
Lebensflut, unbesorgt vor Strudeln und Abgründen. Wie ein Fuchs um die schlau
erspürte Falle im weiten Bogen von dannen schleicht, also schlich er um
Wallradens Haus, und war seelenfroh, dass sie ihm nicht wieder begegnete. Alle
unfriedlichen Auftritte seiner Jugend waren ihm lebhaft vor's Gedächtnis
getreten, und er konnte sich der ärgsten Dummheit schelten, dass er sein
Schwesterlein schön gefunden, sie, die wie eine böse Nixe ihm alle Freude
verdorben hatte, von jeher. An Ester dachte er freilich oft, mit Sehnsucht und
stillem Behagen, aber ... war sie nicht fern von ihm? nicht auf ewig von ihm
getrennt? Darum schüttelte er alle Sorge von sich, und lebte mit den Lebendigen,
mit den Fröhlichen, deren Viele damals zn Costnitz versammelt waren. Vergebens
meisterte ihn sein Ohm mit aller Strenge, vergebens überhäufte ihn der
Erzbischof von Ravenna mit vielem unnützen Geschreibsel zum Behuf der
vorzubereitenden Sessionen: demütig hörte er Monsignore's Lehre an, geduldig,
aber schnell, tat er die Arbeiten des Cardinals ab; doch, war sein Nacken, sein
Ohr wieder auf einige Stunden frei, so sah man ihn alsobald im Kreise muntrer
Freunde. Sein ernstes Kleid war überall willkommen, weil der Schalk, der
gutmütige Schalk, darunter verborgen war; die Frauen und Dirnen der besten
Geschlechter sammelten sich um ihn, den freundlichen Sänger, den fertigen
Lautenspieler, den erfinderischen Mährleinschmidt; die Männer schätzten in ihm
den geübten Reiter, den erfahrnen Waidmann und Falkenabrichter, und den
unverzagten Zecher. Die Geselligkeit schmückte ihn mit ihren besten Kränzen, und
seine Laune wuchs wie eine Pappel in wälschem Boden, schnell und hoch, dass bald
in der ganzen Stadt von nichts Anderm gesprochen wurde, als von Junker
Fröschleins Schwänken. - »Recht so!« sagte ihm einst sein Gönner, Herzog
Friedrich: »was ich von Euch höre, gefällt mir wohl. Der Most muss brausen, der
Bursch austoben; vorab, wenn er in die härne Kutte schlüpfen soll. Wie lange
dauert's, so werden Eures Ohms Geschäfte allhier geendet und Ihr gemüssigt sein,
ihm über die Berge zu folgen, hinter denen deutsche Ehrlichkeit das letzte
Paternoster betet. Dann werdet ihr werden müssen, wie sie Alle sind, aber
wenigstens aus dem Vaterlande die Erinnerung einer kräftig freien Jugend mit
Euch in's Grab nehmen, an dem Euch ohnehin keine Lieben nachweinen dürfen. Lasst
Euch drum nicht stören in Eurer Freudigkeit, so lange sie neben Sitte und Zucht
bestehen mag, und hütet Euch nur vor lüsternen Weibern. Einen Haus- und
Kernfluch verzeiht der liebe Gott, eine Ohrfeige im Streite ist kein Todtschlag,
ein Rausch besser, denn ein Fieber; aber der Kuss einer falschen Delila stellt
wahrlich eine scharfe Schere vor, die Manneskraft und Simson'shaar mit einem
Schnitte verschändet. Desshalb erfreut sich auch unser allergnädigster Kaiser
einer werdenden Glatze, und sein Leibscherer hat bereits, wie man vernimmt, alle
Mühe, den Übelstand durch künstliche Verflechtung des Hauptaars zu verbergen.
-«
    Dagobert schwieg, lächelte aber im Stillen, über den leidenschaftlichen
Spott, der, - im Übrigen dem biedern Gemüte des Habsburgers gänzlich fremd -
beständig vorleuchtete, sprach er von Sigismund. Der Herzog fuhr indessen
schmunzelnd fort: »Der gnädigste Herr wird, wie es verlautet hat, heute oder
morgen zu Costnitz einreiten. Ein kluger Gedanke! Die Weihnachtsfeier wird uns
demnach den Heiland der Christenheit bringen. Die friedenstiftende Majestät wird
ihren Einzug halten, da man in den Kirchen singt: In dulci jubilo! - Es tut mir
leid,« setzte er rasch abbrechend hinzu, »dass ich zum Empfang des Herrn,
Satteldecke und Steigbügel putzen muss, sonst fände ich wohl noch Gelegenheit,
mich länger mit Euch zu unterhalten, guter Dagobert!« - Der Letztere verstand
diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung, die immer auf die steigende Galle
des Herzogs deutete, und entfernte sich alsobald. - Da er jedoch heraustrat auf
die winterlich beschneite Gasse, über die der dunkelblaue Himmel so eben seine
ersten Sterne heraushing; da er über den Markt schritt, wo in Hütten von Holz
und Segeltuch allerlei Spielwerk und Leckerzeug feilgestellt wurde, zur Freude
der Kinder, die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten, einer heitern
Sitte gemäss; - da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem mächtigern
Gedächtnis der fernen Heimat und der entschwundnen Jugendjahre. Denn sie war
wirklich unvermerkt herangekommen, die fröhliche Weihnachtszeit, der lichte
Stern an trübem winterlichen Himmelszelt, das gemütliche Fest; Eines von denen,
die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar, das bürgerliche Leben
mit dem Glauben an ein Göttliches, an ein Jenseitiges verbinden. - Eine
freundliche Wehmut, die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt, weil ihre
Pein lebensstärkenden Balsam bereitet, bemeisterte sich der Brust Dagobert's,
und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht hätten,
brachte sie zu Wege. Der junge Mann schloss sich ein in sein Gemach, fern vom
Geräusch der Welt, und saugte an den Blumen der Erinnerung. Sein redlich Herz
drängte ihn, diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern, wie es einem
wackern Jüngling zustehe. Wie beklagte er es, dass ihm die Mittel nicht
beschieden waren, das Glück eines Menschen zu gründen. Wie bedauerte er, dass er
keinen Todfeind wusste, den er hätte versöhnt in die Arme schliessen können! - Da
fiel ihm plötzlich seine Schwester Wallrade ein, gegen die der beinahe vergessne
Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war. - Ja, rief er nach kurzem
Bedenken: Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten, und das feindliche
Verhältnis in ein freundliches umgestalten, und also den Christtag würdig
begehen. Dazu helfe mir Gott und Ester's Gedächtnis; das Andenken des lieben,
aber unglücklichen Mägdleins, der die Segnungen unsers Glaubens und seine
erhebenden Feste unbekannt sind! - In seinem Stüblein brachte er die Stunde zu,
bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte über Stadt und
See. Nun litt es ihn nicht mehr im engen Hause. - Das Geräusch des kaiserlichen
Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte, war nicht vermögend gewesen, ihn
seiner Einsamkeit zu entreissen. Der kalten Nacht gelang es, und verhüllt, wie
ein Geist, schritt er nach dem Mauerdamm, an dessen Grundfeste die Wellen des
Bodensees brausend anschlugen, des Frostes spottend, der bisher fruchtlos
versucht hatte, ihnen Eisfesseln anzulegen. Des Jünglings heitrer Blick
schweifte über das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells, die in
ihren Schneegewändern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwächter
herabsahn auf die stolze Bischofsstadt. Alle Glocken des Turgaus, des
Gallenstifts und der schwäbischen Ufer sangen ihr feierliches Lied über des
See's Spiegelfläche, auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt, wie eine
Silberscheibe auf ebener Eisbahn. »Gelobt seist Du, Nacht des Heils;« sprach
Dagobert mit demjenigen erhebenden Gefühl, das das einfachste Menschenwort zum
Gebete stempelt: »Vor länger denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben,
schöner und sanfter als der Mondstrahl, der Dich heute erhellt. Aber noch jetzt,
so oft Du wiederkehrst, senkt sich Friede und Freude in die elendeste Hütte, wie
in die stolzeste Fürstenburg der Christenheit. Du milde Nacht, den Unschuldigen
hold und ein ersehnter Gast, schenke auch mir den Frieden, Deinen Begleiter.
Schenke ihr dereinst Dein gnadenvolles Licht, ihr, die noch im Dunkel wandelt,
damit ich jenseits sie wieder sehen mag, mit der hienieden keine Vereinigung mir
erlaubt ist. Lenke das Herz derer, die mich hassen, zur Liebe und Versöhnung,
und mache alle glücklich, die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten!« -
Eine Träne zitterte im Auge des Betenden; er schämte sich ihrer nicht. Sein
Herz war beklommen, aber nur von süsser, ruhiger Wonne. Keiner Schuld sich
bewusst, kehrte er in die Stadt zurück, wo die Menge durcheinander wogte, wie am
hellen Mittage. Alle Fenster waren hell erleuchtet; in dem erbärmlichsten
Häuslein brannte ein kümmerliches Licht. Überall, wo Kindersegen daheim war,
ragten dunkle Tannenbäume empor, mit den Früchten des Herbstes geschmückt und
mit schwankenden Kerzen, die sich auf den Zweigen wiegten, wie die Vöglein des
Waldes. Festlich geziert alle Stuben, Mohnklöse und Leckereien auf jedem Tische,
Entzücken in jedem Kinderauge, wonnevoller Dank zum Höchsten in jedem Vater- in
jedem Mutterblicke. Hier tummelten sich muntre Knaben um den hölzernen Gaul mit
Federn geschmückt, und träumten sich zum ebenbürtigen Ritter, zu Schild und Helm
geboren; dort tanzte der Mägdlein rotwangige Schar um den zierlichen Rocken, um
die glatte Spindel, die das Christkind bescheert; hier brachte eine in
Engelgewänder vermummte Dirne süsse Fladen und Mandelschnitte, dort sprühte ein
Rutenbewaffneter Putzenmummel den feurigen Regen vergoldeter Nüsse in's Haus.
Allentalben aber regte sich die Lust, und die Erwachsenen schienen zu Kindern
geworden zu sein, um kindlichen Jubel zu teilen. Dagobert strich an den
glücklichen Menschenwohnungen vorüber, sein Auge, sein Ohr ergötzend, und
dachte, in Teilnahme versunken, kaum daran, dass er keinem Sohne, keiner Tochter
das willkommne Christgeschenk werde reichen dürfen. Da überraschte ihn die
Mitternachtsstunde, und von dem Turme der Domkirche riefen die Glocken zur
Mette der heiligen Nacht. Das Menschengewühl der Stadt wälzte sich nach
Klöstern, Pfarrkirchen und Dom. Den Letztern betrat auch Dagobert. Schon
mischten sich einzelne Orgeltöne in das Summen der heranströmenden Bet-und
Schaulustigen, die Kerzen an den Altären winkten schon wie flammende Zungen
herbei zum nächtlichen Opfer. Um die Weihkessel an den Eingängen drängte sich
das Volk. Dagobert reichte höflich mit dem gewöhnlichen Spruch: »Gelobt sei
Jesus Christus und seine gesegnete Weihnacht,« seine mit dem benedeiten Wasser
benetzten Finger einer edelgekleideten Frau, die vor dem Gedränge nicht zur
Säule gelangen konnte, und verstummte überrascht. Seine Schwester stand vor ihm.
An ihrer Seite, der breitstirnige Knecht, den sammetnen Kniepolster unter'm Arme
und das Windlicht in der Hand. Befremdet mass auch den Jüngling die finster
blickende Wallrade, warf den Kopf in die Höhe, und drehte ihm den Rücken zu,
langsam vorschreitend gegen den Altar, wo sie ihre Andacht zu verrichten
beschlossen hatte. Dagobert schloss sich jedoch hart an die vom Gewühl
Aufgehaltne, und sprach sanft zu ihr: »Wir feiern heute die Geburt des Herrn mit
freudiger Zuversicht. Auch unsre Eltern, Wallrade, haben die unsrige also
begangen, begehen sie noch heute; der Vater auf Erden, lieb Mütterlein im
Himmel. Wollen wir denn, die eine Mutter gebar, nicht endlich den kindischen
Groll fahren lassen, der aus unsern Spielen stammt, und unser Grab feindlich zu
beschatten droht, damit keine Blume der Liebe darauf erspriessen möge? Wollen wir
nicht endlich den Zwist ersticken, das Unkraut aus dem irdischen Vaterhause, das
wahrlich nicht wuchern sollte in dem Hause des ewigen Vaters?« - Wallrade stand
aufmerksam stille, heftete die grossen Augen auf den milden Redner, und
erwiederte: »Ich nahm Anteil an Euch, da ich nicht wusste, dass Ihr mein
Blutsfreund seid. Die Trennung mancher Jahre hatte mir Eure Züge fremd gemacht,
aber der Ohm hat mich erinnert, dass ich noch einen Bruder habe, den ich nicht
einen Geliebten nennen kann; und dass derselbe hier lebe, erfuhr ich ebenfalls
durch ihn. Weder Ihr, noch der Zufall haben etwas getan, das mein Vorurteil
hätte mindern können. Liegt Euch indessen so viel daran, uns versöhnt zu sehen,
so reiche ich - der Seltsamkeit wegen - die Hand dazu.« - Sie winkte dem jungen
Manne, in dem Betstuhle neben ihr Platz zu nehmen, und raunte ihm, den
Rosenkranz vom Gürtel nestelnd zu: »Eure Gesellschaft kommt mir noch obendrein
in diesem Augenblicke gelegen; sie bewahrt mich vor schlimmerer.« - »Wie so,
meine Schwester?« fragte Dagobert. - Wallrade sah seitwärts und bezeichnete ihm
durch unmerkliches Augenzwinkern zwei Männer, die unfern standen, und ihre
Blicke auf sie gerichtet hielten. - »Der Eine,« sprach sie: »der in der bunten
Kleidung, den Ihr schon einmal, wie mich dünkt, an meiner Seite gesehen, ist der
Herr von Königseck, ein weibisch tuender Gesell, der von Rosmarinöl duftet,
sich einschnürt, dass er einem Heupferde gleicht, und vor eitel Zierlichkeit
nicht dazu gekommen ist, in irgend einer Fehde die Sporen zu gewinnen. Der
Andre, klein und unansehnlich, verwachsen und mürrisch vom Angesicht, trägt
unter seiner hohen Schulter ein Herz voll Kühnheit, Tücke und Leidenschaft. Er
ist ein Graf von Montfort; beide Herren aber sind meine Freier; Beide vom Ohm
begünstigt; Beide mir verhasst; der Erste, weil er kein Mann, der Zweite, weil er
hässlich und hochfahrend ist. Sie hätten sich sicherlich schon an mich gedrängt,
hielte sie Euer geistlich Gewand nicht in Ehrfurcht. Das Letztere danke ich
Euch.« - Hiemit neigte sie das Haupt auf die gefalteten Hände, und liess im
stillen Gebete Kugel auf Kugel durch die Finger schlüpfen, ohne den Bruder nur
eines einzigen fernern Worts zu würdigen. Dagobert betrachtete sie verwundert
von der Seite, und musste sich gestehen, dass diese stolze Schönheit wohl im
Stande sei, andre Männer zu berücken, als den Stutzer und den Missgestalteten,
von denen die Rede gewesen. Zugleich aber bekannte er sich, dass die fromme
Stimmung nicht mehr vorhanden sei, in welcher er Wallraden angeredet; dass das
seltsam schroffe Benehmen Wallradens ihn beinahe bedauern, liess, eine Versöhnung
eingeleitet zu haben, die nur um Gotteswillen, wie es schien, angenommen worden
war. - Welch ein Weib! dachte er bei sich: jeder frommen Regung unzugänglich;
die Härte ihres Gemüts sogar bis zu den Ihrem des Herrn tragend, und ohne
Bedenken zur Schau legend! Nicht einmal die heilige Handlung beschäftigt sie in
diesem Augenblicke, die Glockentöne, die der Menge das Zeichen geben, sich zu
bekreuzen, die Brust zu schlagen, werden von ihr überhört. Gedankenlos lässt sie
die geweihten Kugeln durch die Fingerspitzen gleiten; denn offenbar verweilt bei
andern Gegenständen ihr Sinn, und bald furcht sich ihre Stirn, bald glättet sie
sich; bald lächelt ihr Mund, bald seufzt er schwer auf, wie man zu tun pflegt,
wenn man sich abmüht, der Seele einen Entschluss abzuringen, vor dem man sich
selber scheut. - Wallradens rasches Emporrichten endigte seine Betrachtungen; an
deren Stelle trat des Ohrs Aufmerksamkeit, da Wallrade, von den Donnertönen der
Orgel umbraust, Gelegenheit fand, dem Nachbar etwas Geheimes mitzuteilen. -
»Ich will glauben,« flüsterte sie sanfter denn zuvor, »dass das Bemühen
aufrichtig ist, mit welchem der Jüngling Dagobert gut zu machen sucht, was der
Knabe an der Schwester verbrach. Ich zaudre daher nicht, des Mannes Freundschaft
anzunehmen, mit meinem Vertrauen zu erwiedern, und ihm Anlass zu geben, meinen
Dank zu verdienen, so fern er mir zusagt, das Anvertraute zu bewahren wie ein
Mann, nicht wie ein Plauderhaftes Weib.«
    »Zählt darauf, Wallrade;« erwiederte Dagobert: »ich könnte eines
Zauberschatzes Hüter sein, Monden lang, ohne ihn durch ein einzig Wörtlein in
Asche und Kohlen zu verwandeln. Kann ich vollends Euern Dank dadurch verdienen,
bin ich gern bereit zu tun, was Ihr verlangt, um nur Euer Vorurteil zu
widerlegen.«
    »Vernehmt denn;« sprach Wallrade, vertraulich werdend: »Es langte heute in
des Kaisers Gefolge ein Mann an, der sich schwer an mir verging. Dieser Frevel
ist Euch gleichgültig, und somit verschweige ich ihn. Der Anblick dieses Mannes
jedoch ist mir eine Folter, da ich mich nicht tätlich an ihm rächen darf,
obgleich er mich sehr zu fürchten hat. Sehr; sage ich Euch: der Verdammte
fürchtet nicht also seinen Henker. Ihn zu vertreiben aus meiner Nähe, den
Beleidiger, ist mein einz'ger Wunsch, und, um diesen erfüllt zu sehen, spreche
ich Euch, dessen offne Keckheit ich beifällig wahrgenommen, um Hülfe und
Beistand an.«
    »Wie kann ich aber mich in dies seltsame Beginnen einlassen?« fragte
Dagobert verwundert. -
    »Ein einziger Besuch ist hier hinreichend;« versetzte Wallrade. »Der, den
wir meinen, heisst Rudolph Bilger von der Rhön, und ist einer von des Kaisers
Jagdleuten. Zieht Kunde ein von seiner Wohnung, sucht ihn heim, und sagt ihm
dürr heraus: mein Wille sei's, dass er wieder von dannen scheide, da mir seine
Anwesenheit Ärgerniss gebe. Diesem Begehren möge er auf's Schleunigste gehorchen,
oder meines Tuns gewärtig sein. - Das ist Alles. Verspricht er, zu tun, wie
ich begehre, so lasst ihn ruhig ziehen; weigert er sich, so fordert ihn vor die
Klinge. Ihr habt den Mut dazu, doch gelobe ich Euch, dass es so weit nicht
kommen wird. Keines weitern Eingehens in die Sache, nur meines Namens und eines
befehlenden Tons bedarf's, um sicher den Zweck zu erreichen.«
    »Ihr scheint Eures Mannes verzweifelt gewiss;« meinte Dagobert etwas
verlegen: »Wie aber kömmt es, Schwester, dass Ihr keinem Eurer Freier diesen
Auftrag gebt?«
    »Weil sie meine Freier sind,« antwortete Wallrade; »weil ich niemals
heiraten werde, und folglich auch nicht die mindeste Hoffnung dazu geben will.«
    »Ich werde demnach in diesem Geschäfte Euer stummes unwissendes Werkzeug
vorstellen?« fuhr Dagobert fort; »wie der eigenhörige Knecht, der Hab' und Leben
wagen muss, bloss weil sein Herr es will, und die Vernunft der Gewalt gehorcht?«
    »Befremdet Euch das?« fragte Wallrade, aufstehend; denn der das Hochamt
haltende Domprobst sang so eben das feierliche: Ite, missa est: »Seht um Euch
her, lieber Bruder Grübler; seht auf Euer Kleid, und nehmt die Vernunft
gefangen. Ihr seid dem Weltall eigen, das erst, nachdem Ihr ihm Alles geopfert,
vielleicht Euch offenbart, warum dieses sein musste; Ihr strebt darnach, der
Leibeigne eines Standes zu werden, der für Alles den Löseschlüssel hat, Alles
verzeiht, nur das Vernünfteln nicht. Übt Euch vor der Hand in solcher Pflicht,
und gehorcht den Launen eines Weibes, denn nur dadurch erkauft Ihr das Gefühl,
welches Ihr von meinem Herzen verlangt.«
    Sie schritt von dannen, der Knecht voraus, Dagobert ihr zur Seite, hart an
den besprochnen Freiwerbern vorüber, wie nicht beachtet wurden. - »Ich werde
Euch willfahren, Wallrade,« sprach der Bruder unter der Pforte: »ich habe es
Euch zugesagt; aber weh tut mir's, dass eine Art von Schergenhandlung, deren
Zweck und Grund ich nicht begreife, der Preis Eurer schwesterlichen Zuneigung
werden soll, die mir mein redliches Werben, die Bande des Bluts und unsers
Vaters Liebe hätten zusichern müssen. -«
    »Die Redlichkeit des Mannes ist Lüge meistenteils,« versetzte Wallrade kalt
und hart: »die Verwandtschaft achte ich nicht - Kain erschlug den sanften Abel -
und Dieter Frosch, dessen Namen ich nicht mehr trage, hat aufgehört, mein Vater
zu sein, da er die Leuenbergerin zur Ehgemahl erwählte. Schweigt also von
Dingen, die nur in des Bänkelsängers Lied gehören, und sagt mir: tut Ihr, was
ich begehre, oder nicht?«
    »Das Erstere; verlasst Euch darauf;« antwortete Dagobert unmutig. »So lasst
uns hier Abschied nehmen;« versetzte Wallrade: »ich untersage Euch, mich nach
Hause zu geleiten. Die Nebenbuhler sind mir auf der Ferse, und ich will keinen
Verdacht erregen, den ich mit dem leistesten Wörtlein zu widerlegen, unter
meiner Würde halte.« - Ohne Widerrede, gerne sogar nahm Dagobert die Weisung an,
und es war ihm fast wohl, dass er von der Schwester Seite kam, zu deren Dienst
ihn bloss sein voreilig gegebnes Wort, und ein besondres Zusammentreffen der
Dinge bestellt hatten. - Der Wunsch, diesen unangenehmen Frohndienst ungesäumt
abzutun, so wie auch nicht minder die leise Neugier, das Geheinmiss der
Schwester vielleicht, wider ihren Willen, zu enträtseln, vermochten ihn, am
folgenden Tage schon seine Nachforschungen zu beginnen. Die Feier des
Christfestes bot ihm hiezu die erwünschteste Gelegenheit dar. Der prachtvolle
Morgengottesdienst am Weihnachttage, begünstigt von dem schönsten kalten Wetter,
versammelte im Dom die Fürsten der Kirche, die weltlichen Fürsten und an ihrer
Spitze den Kaiser mit seinem ganzen ansehnlichen Gefolge. Ein nicht bis jetzt in
Costnitz erhörter Prunk entfaltete sich bei diesem Anlass. Sigmund, ein
wohlgebildeter freundlich blickender Mann mit langem Hauptaare und Bart, dessen
Leutseligkeit bei Hohen und Niedern anerkannt war, so wie seine eifrige
Bewerbung um Frauengunst, und seine vorstechende Eitelkeit, hatte sich mit allem
Pomp umgeben, der einem Kaiser deutscher Nation zu Gebote stand. Alle Fürsten
des Reichs, die gegenwärtig waren, halfen treulich dazu, um den vielen Fremden
einen Begriff ihrer eignen Macht zu geben. Herolde, Pannerträger, Musikbanden,
glänzende Leibwachen, Edelknaben und Marschälle schmückten den Zug der Fürsten
und Edeln, und es war keine geringe Aufgabe, unter der Flut von Herren und
Dienern Einen herauszufinden, von dem man nichts weiss, als den schlichten Namen.
Dagoberts Bekanntschaft mit Herzog Friedrichs Hause verschafte ihm Auskunft.
Der Truchsess des Herzogs zeigte ihm unter der Schar von grünen Herren im Gefolge
des Kaisers den Wildmeister von der Rhön. Dagobert stutzte bei dessen Anblick.
Diese sanften Züge, diese bescheidne Haltung verrieten durchaus nicht den rohen
Mann, der sich eine Freude daraus macht, sittsame Frauen zu kränken. In dem
ganzen Äussern des in schönster Alters Blüte stehenden Wildmeisters fand der
Beobachter nicht das Geringste, das seinen Auftrag und den Widerwillen der
Schwester hätte rechtfertigen können. Unmutig, seines Versprechens Fessel sich
aufgeladen zu haben, folgte Dagobert nach vollendetem Gottesdienst dem Herrn von
der Rhön in dessen Herberge. Wenige Augenblicke nach dem Letztern trat er in's
Gemach, das der Wildmeister bewohnte, und, wie sich's auswies, nicht allein
bewohnte. Eine junge kindlich hübsche Frau hing so eben bewillkommend an seinem
Halse, ein Kind von zwei Jahren ungefähr lächelte ihm von dem Schoss der Mutter
entgegen. In dem engen Stüblein herrschte ein Geist der Ordnung und
Reinlichkeit, der die Zelle einer Nonne nicht vorteilhafter hätte schmücken
können. Eine Minute beiläufig stand Dagobert unschlüssig unter der Türe,
unbemerkt von dem zärtlichen Paare; aber des Wildmeisters Bärenfänger gewahrte
den Fremden und gab Laut. Der Herr von der Rhön ging - aufmerksam gemacht - dem
jungen Cleriker freundlich entgegen, nötigte ihn einzutreten, und forschte
höflich nach seinem Begehr. Dagobert's Zunge weigerte sich, den Auftrag, der ihn
hieher geführt, in Gegenwart der jungen Frau kund zu geben. Er verlangte von dem
Wildmeister geheim Gehör. Bilger überflog den Boten mit seinen Blicken, neigte
sich dann freundlich, und sprach: »Würdiger Herr, - ich denke, dass zwischen uns,
die sich noch nie sahen, kein Ding bestehen kann, das meiner lieben Ehefrau ein
Geheimnis bleiben müsste. Indessen würde ich dennoch Euerm Wunsche gern
willfahren, aber ich muss bekennen, wie die Herberge von unsers gnädigsten
Kaisers Lerten dergestalt eingenommen ist, dass mir und den Meinen dies kleine
Gemach allein verblieb. Wollet Euch also hier Euers Auftrags entledigen.«
    Dagobert wollte reden, aber im Begriff es zu tun, sah er auf Mutter und
Kind, wie diese sich herzten, und Engeln gleich zu dem fremden Manne emporsahn,
und es war ihm, als dürfe seine Botschaft nicht das Ohr der Unschuldigen
berühren. Er bat demnach den Wildmeister, ihm. auf die Flur zu folgen. Bilger,
den Kopf schüttelnd über solch seltsam Betragen, ging mit ihm. »Mich sendet
Wallrade von Baldergrün,« begann Dagobert, und sah alsobald den Wildmeister,
erbleichen wie einen Sterbenden. - »Wo ... wo .... ist sie, was begehrt sie?«
stammelte er, der Sprache kaum mächtig. - »Sie ist hier;« antwortete Dagobert
betroffen über die zaubergleiche Wirkung der ersten Worte. - »Hier?« - Bilger
musste sich am dem Fensterpfeiler halten. »Hier?« fuhr er fort, da der Bote,
selbst von Staunen befangen, verstummte. - »Und ich ... o sagt es heraus ... ich
bin verloren?« - »Ich begreife Eure Rede nicht;« sprach Dagobert, tröstend, denn
ihn erbarmte des Wildmeisters Zustand. »Der Unwille Wallradens, wenn gleich, wie
ich jetzt befürchten muss, verschuldet, sucht Euer Verderben nicht. Das
Erbfräulein begehrt nur Eure schleunige Entfernung aus ihrer Nähe. Eure
Gegenwart, sagt sie, sei ihr verhasst, und wolltet ihr der Forderung nicht
willfahren, so würde sie tun, was Euch nicht gefällt!« - »Die Schreckliche!«
seufzte Bilger: »O, sie weiss zu lohnen, fürchterlich zu lohnen. Aber ich werde
... ich muss gehorchen. Ohnediess hätte ich nicht lange hier verweilt. Sagt ihr,
würdiger Herr .... ich würde scheiden .... sobald die Feiertage verflossen.« -
Dagobert sah kopfschüttelnd in des Mannes zerstörtes Angesicht. Bilger schlug
die Augen scheu nieder. »Würdiger Herr!« begann er dann zögernd: »Ich darf Euch
wohl nicht fragen, ob Euch das Nähere bekannt, das zwischen dem Fräulein und mir
obwaltende Verhängnis ....?« - »O schweigt., schweigt!« unterbrach ihn Dagobert
rasch: »hier wittre ich Unheil, und das ist, was ich nicht zu wissen begehre.
Mein Staunen, Euch so leicht und knechtisch unter eines Weibes Wort gebeugt zu
sehen, sei Euch Bürge für meine Unwissenheit. Ich bin Wallradens Bruder, und
kenne weder meiner Schwester Herz noch ihr Schicksal, verlange Beides nicht zu
kennen. Lebt wohl und vergebt mir die Sendung, die Euch also betrübt und
erschreckt hat.« - Ohne des Wildmeisters Antwort zu hören, flog Dagobert die
Treppe hinunter. - »Ei, was gähnt mich denn so schauerlich aus. diesen
Auftritten an?« fragte er sich befremdet: »Schier kommt mir Wallrade vor wie ein
bös Gespenst, das den Menschen durch Untaten zu seinem Leibeignen macht, um
seine Seele mit seinem Leib zu verderben. Nein, Schwesterlein; ich begehre
nicht, in Dein Spiel zu sehen, verschmähe es aber auch, Dein Knecht zu sein!«
    Noch am selben Nachmittage ging er, von mancherlei Gefühlen beseelt,
Wallraden heimzusuchen. In ihrer Wohnung fand er den Oheim, und die Herren von
Königseck und Montfort versammelt. Alle drei waren höchlich überrascht, ihn
eintreten zu sehen. Die edeln Freier beruhigten sich indessen bald, da sie
vernahmen, der schwarze Herr, der ihnen in vergangner Nacht viel Unruhe
verursacht hatte, sei niemand anders, als der Bruder ihrer Huldin. Monsignore
Ranocchia lieferte dagegen einen Auftritt, der sich recht gut darstellte, wenn
man annahm, Alles, was er vorbrachte, sei ihm Ernst; der aber für die
Hauptpersonen possirlich wurde, die wenig an des Oheims Aufrichtigkeit glaubten,
und eben nicht besondre Lust verspürten, in ihrem eignen Verhältnis
Aufrichtigkeit walten zu lassen. Der Prälat sprach viel von der Stimme der
Natur, die endlich doch immer siege, wenn gleich lange durch bösen Zwang
darniedergehalten, - von Geschwistern, die zuletzt doch der göttlichen Liebe
ihren Hass opfern; und mit Freudentränen segnete er den heiligen Tag, der
Wallraden und Dagobert wieder zusammengeführt. »Ja!« rief er, die klaren
Kunsttränen in den Wimpern; »der Himmel hat mein eifriges Gebet erhört.
Geschehen ist die Versöhnung, die ich zu meinem liebsten Gedanken erhoben hatte.
Dieser wackre Neffe, den ich liebe, wie ein Vater den Sohn.« - Dagobert musste
heimlich lachen. - »Diese getreue Nichte, die ich im Herzen trage, wie eine
Mutter die Tochter,« - Wallrade zuckte mitleidig die Achseln, - »sie haben sich
wiedergefunden durch mein Zutun. Die erhabne Kirche, deren Festlichkeiten die
Ketzer, Wiklefs und Hussens Jünger, zu schmälern und zu entwürdigen gedenken,
pflegt also durch ihre rührende Feier getrennte Seelen zu vereinigen; und ich,
ihr unwürdig Geweihter, vereinige Euch zum zweitenmale durch diesen
Friedenskuss!« - Er küsste Dagoberts, Wallradens Stirne, und nötigte die
Geschwister, sich zu umarmen. Aber wenn es möglich wäre, dass zwei Bildsäulen von
Granit sich in die Arme fielen, herzloser könnten sie nicht Brust an Brust
ruhen, als hier die lebenden, von jugendlichem Blute durchströmten Menschen. Die
Zuschauer empfanden alle Langweile, die ein solches Schauspiel gewährt. Die
Vesperglocken brachten daher einen angenehmen Eindruck auf sie hervor. Der
Prälat griff eilig nach Mantel und Hut, um die Kirche nicht zu versäumen; der
Herr von Königseck bot Wallraden seine Begleitung in den Dom an, um daselbst den
lustigen Pomwitzeltanz mit anzusehen, der - ein Überbleibsel des Heidentums -
in der Christtagsvesper um den Altar getanzt wurde. Der Graf von Montfort schlug
einen Gang in's Freie vor, aber Wallrade verweigerte alles, unter dem Vorwande,
mit ihrem Bruder eine Sache von Wichtigkeit abtun zu müssen.
    Die Herren sammt und sonders fügten sich in ihren Willen. Während sie jedoch
mit den verbindlichsten Worten Abschied nahmen, zog der Prälat den Neffen in das
Fenster. »Es ist ein Beweis Deiner Klugheit,« sprach er, »dass Du Wallradens
Freundschaft suchtest, und ich belobe Dich deshalb. Die Herren Freier sind -
wenn gleich deutsche ungelenke Tiere - dennoch nicht zu verwerfende Gönner, und
ich fordre von Dir, dass Du Deinen augenblicklichen Einfluss auf Wallraden dazu
benützest, einen oder den andern ihr genehm zu machen, damit sie zur Ehe
schreite. Beide sind ganz vernünftig in ihren Bedingungen die sie mir machten.
Der Königseck zahlt tausend Gulden baar; der Montfort bietet eine Präbende im
Stiftmünster, oder zweihundert Sonnenkronen Jahr für Jahr, zehn Jahre hindurch.
- Es soll dein Schade nicht sei, wenn Du die Widerspenstige zu Einem oder dem
Andern zu bereden fähig bist. Empfange daher meinen Segen und sei klug.
Besonnenheit und Vernunft verschaffen diesem Rocke Ehrfurcht.« - Mit dem edeln
Herzen ging der Oheim von dannen. Wallrade versicherte sich, dass kein Lauscher
nahe sei, trat dann mit durchdringendem Blicke hart vor Dagobert hin, und
fragte: »Nun, Bundesgenosse! Habt Ihr getan nach meinen Worten?« - Dagobert
bejahte. - »Wird er gehorchen?« fuhr sie fort, dringend und fest. - »Er wird!«
erwiederte der Bruder. »In wenig Tagen schon.« - »Hm! ich weiss;« sprach Wallrade
mit fliegendem Lächeln: »ich erfuhr bereits ... er geht nach Mörsburg, als
bischöflicher Jagdmeister. Es kömmt darauf an, ob er mir dort lästig scheint. In
diesem Falle rechne ich auf Euern neuen Beistand, ihn von dannen zu treiben.«
    Diese Worte empörten Dagobert's Gefühl, so gut er bis jetzt an sich gehalten
hatte. »Ich begreife nicht,« sprach er mit Heftigkeit: welch »unglücklich
Schicksal diesen Mann, der einem Verbrecher nicht ähnlich steht, zu einem
Geachteten, Vogelfreien gemacht hat, der vor der Drohung eines Weibes sich
verbergen muss, jede Stätte verlassend, wo er gedenkt zu bleiben; .. aber so
wenig mir gelüstet, der Teilnehmer Eures Geheimnisses zu sein, so wenig biete
ich auch ferner meine Hand zu dieser im Verbergenen schleichenden
Gewalttätigkeiten. Hat dieser Mann Euch so schwer beleidigt, dass nur sein
Verderben Euch zu versöhnen vermag .... sagt's, und ich werfe diese Kutte auf
einige Tage von mir, um mit dem Degen in der Faust den zu strafen, der Euch
misshandelte. Das ist Bruderpflicht. Aber Euer Foltersknecht bin ich nicht, werde
es nie sein. Ich habe des armen Mannes Weib gesehen, sein Kind .... nicht mein
Mund, nicht meine Hand wird das Geringste tun, diese Unschuldigen langsam mit
zu martern durch die Qual des Gatten und Vaters.«
    »Sein Weib, sein Kind?« fragte Wallrade schneidend: »Sie sind hier? Diese
Nachricht danke ich Euch. Schon hier? Sehr wohl. Der Herr von der Rhön wird wohl
tun, so schnell als möglich von dannen zu ziehen. Nicht meinetwegen allein;«
setzte sie langsam und laurend hinzu: »auch wegen des weichherzigen Bruders
Empfindsamkeit, der die Laune hat, jungen Ehefrauen allein zugetan zu sein,
wäre es auch seines eigenen Vaters Weib, seine Stiefmutter.«
    »Wallrade!« rief Dagobert entsetzt, und seine Zunge erstarrte ob der frechen
Anklage.»Läugnet!« entgegnete ihm Wallrade heftig und frecher: »Läugnet, was
ganz Frankfurt weiss, was bis in meine tiefe Einsamkeit drang, und meinen Hass
gegen Euch befestigte. Läugnet, was Eure Zunge lähmt, als ob sie Gottes Hand
getroffen. Wagt es, mich zu beschuldigen und Euch heilig zu sprechen. Ich strafe
nur ein Verbrechen, - Ihr lebt aber noch in Schuld und Fehl. Euer falscher Mund,
konnte mich gestern berücken, heute aber steht der eigensüchtige,
verläumderische, boshaft-üppige Bube Dagobert wieder in seiner vollen Blösse da,
und von nun an keine Gemeinschaft zwischen uns. Tut was Euch beliebt. Das
Schwert des Henkers legt sich zwischen Euch und mein Geheimnis, damit es der
Schuldige nicht verrate. Es ist todt für Euch. Versucht aber auch ja nicht den
Schleier zu lüften; offenkundig machte ich dann Eure eigene Schande, und diesen
Arm ...« hier hob sie drohend ihre Rechte ... »ist stark genug, auch in des
Bruders Brust Genugtuung zu suchen. - Verlasst mich jetzt.«
    Stumm vor Kränkung, Wut und Abscheu mass Dagobert die entartete Schwester
mit einem Blicke der tiefsten Verachtung, und wendete sich von ihr, wie der
fromme Märtyrer von dem Bilde Baals, dem zu opfern die Tyrannei ihn zwingen
will. Fest entschlossen, die Unheilatmende nie wieder zu sehen, ging er hinweg.
 
                                Neuntes Kapitel.
 Der Reiter und sein geschwindes Ross,
 Sie sind gefürchtete Gäste.
                                                                       Schiller.
Der erste Tag des Jahres Eintausend vierhundert und fünfzehn hatte sich
eingestellt, zur Freude von Alt und Jung; denn obgleich der Winter jetzt erst
anfing, so dachte schon Jedes mit Entzücken an die Fastnachtfreuden, und an die
bald darauf folgenden gelben Himmelsschlüssel, die lieblichen Herolde des
Frühlings. In Frankfurt war Alles lebendig, das Fest zu begehen; die Kirchen
waren gedrängt voll, und auf den Gassen summte es fröhlich umher. Aus den Pelz-
und Zwillichmänteln schauten vergnügte Gesichter, und der Geschenke wurden fast
viel gespendet. Freunde begabten Freunde, Verwandte den Blutsfreund, der Herr
den Diener, der Untertan seinen Vorgesetzten. Auf dem Römer sassen
Bürgermeister, Schulteiss und Schöffenrat, um die gewohnten Gaben zu empfangen.
In den Gotteshäusern waren die Opferstöcke dazu geöffnet; Genossen der
Brüderschaften der heil. Sebastian, Jost, Jörg und Stephan sammelten in
verschlossenen Büchsen für die milden Stiftungen von Haus zu Haus. Und durch all
dieses Getreibe hüpften und johlten schon von frühem Morgen an, die lustigen
Gesellen ohne Haus und Hof, Frau und Kind, die Trinkstuben und Zunftäuser
füllend, weil an diesem Tage die strengen Zechordnungen so gut wie aufgehoben
waren. Den Altbürger Dieter Frosch hielt sein Amt als Schöffe auf dem Rathause
fest; seine Ehefrau hatte die Liebfrauenkirche besucht, und wandelte nach ihrer
Wohnung zurück, da der Gottesdienst zu Ende war, als Else, die unter der Türe
auf sie geharrt hatte, von Weitem schon auf sie zusprang. »Ach, liebe Frau,«
sagte sie eilig: »erschreckt nur nicht. Es sitzt ein Gast in Eurer Stube, der
Euch nicht angenehm ist. Ärgert Euch nicht, und denkt an Eure kostbare
Gesundheit.« - »Wer ist's, Unheilbringerin?« fragte die Altbürgerin ängstlich,
und sah an ihrem Hause in die Höhe; da gewahrte sie, oben aus dem Fenster
schauend, den Mann, dessen Anblick in der Tat ihrem Herzen nicht wohl tat. -
Verdruss in Auge und Brust stieg sie hinauf, und trat, ohne denselben zu
verhehlen, in ihr Gemach, wo ein langer Mann in ritterlicher, aber abgetragener
Kleidung, bequem im Lehnsessel sitzend, ihrer wartete. Sein sonnverbranntes
Gesicht mit den Zügen eines Dreissigers trug indessen alle Spuren eines lockern
Lebenswandels, so wie sein übriges Äussere das Gepräge der Dürftigkeit aufwies.
An seiner, in zwei Farben geteilten Tracht fehlte nichts, was zu dem Anzuge
eines adelichen Herrn gehört, aber Alles war im übeln Zustande. Der Federbusch
auf dem fleckigen Hute hing wie eine trauernde Weide darüber her. Die
Metallspangen und Hefteln des Wamms waren erblindet, die Zierraten des
verblichenen Mantels unscheinbar geworden; Handschuhe und Reitstiefel, sammt
Sporen, Dolch und Raufdegen zeugten von langem Gebrauche und schlechter
Besorgung. Zu der ganzen Gestalt, die von allen Unbilden der Hitze, des Frostes,
des Schwertes und der Armut gezeichnet war, passten vollkommen die
ungeschlachten Geberden, die vernachlässigte Sprache, die der Redner immer mit
ausdrucksvollen Bewegungen seiner hagern luftgebräunten Hände begleitete, und
gaben das getreue Bild eines jener Edelleute, die nichts ihr Eigentum nannten,
als den dürren Klepper, den sie ritten, das Wenige was sie am Leibe trugen, und
ihr Wappen; die an den Kreuzwegen ihr wild Gewerbe trieben, und oft keine
sichere Höhle hatten, um ihre Beute darinnen zu bergen. - »Was soll das, Veit?«,
fragte Margarete streng und finster: »Du schon wieder hier? Du magst wissen,
dass Deine Gegenwart mich befremdet, mich in Unmut versetzt.« - »Niemand ist
darob bekümmerter denn ich,« antwortete der Fremde: »Du weisst aber, lieb
Schwesterlein, dass ich nicht anders kann. Die Welt bekümmert sich nicht um mich;
ich muss mich daher um sie bekümmern. Die Blutsfreunde laden mich nicht ein;
daher muss ich mich schon selbst einladen.« - »Du bist ein zudringlicher Gast,«
zürnte Margarete: »und jede Nachsicht macht Dich mehr zum Schmarotzer!« - »Sei
nicht böse, Gretel,« versetzte Veit spöttisch: »Dein schmuckes Angesicht wird
hässlich entstellt durch den Zorn, und Du änderst damit doch nichts. Ich bin
einmal da, um Dir ein glücklich Neujahr zu wünschen, und den Festtag bei Dir zu
begehen.« - Mit einem Seufzer des Unwillens legte Margarete Hut und
Hauptfinster1 ab, hängte Mantel und Überkleid in den Schrein, und setzte sich
hierauf in ziemlicher Entfernung dem Bruder gegenüber. - »Wo kömmst du her?«
fragte sie kurz und hart. - »Zunächst von der Landstrasse;« erwiederte der rohe
Mensch: »eigentlich aus unserm Rattenneste zu Gelnhausen«. - »Was macht die
Base, wie geht es ihr?« - »Hm; die Base ist noch lahm wie sonst. Einäugig ist
sie jedoch obendrein geworden. Die Katze hieb ihr das rechte Auge aus. Im
Uebrigen befindet sie sich wohl. Sie tratscht über Kaiser und Reich, und hat
dabei eine frische Esslust, trotz mir. Das wäre nun freilich all gut, wenn wir
nur mehr zu essen hätten.« - »Man muss genügsam sein;« schaltete Margarete
trocken ein: »Nicht ein Jeder kann im Ueberflusse leben.« - »Gott's Marter!«
rief Veit: »Du hast gar schöne Sprüchlein gelernt, seitdem Du selbst im
Ueberflusse sitzest. Als Du noch daheim lebtest in unserm Gauerbenschloss, war
Dir Alles nicht recht. Gar manch' liebesmal, da wir beieinander sassen, bei
unserer Rübensuppe und Klaienbrod, hast Du Dich gekümmert, dass nicht alle
Menschen reich sind. Mich wunderts heute noch, dass Dich unser Herrgott, trotz
Deinem Schelten, erhört hat, und Dich der grauhaarige Ratsherr zur Frau nahm.
Seiter hast Du uns rein vergessen, und doch ist unser Eulennest noch
baufälliger, unsere Kost noch schmaler geworden. Die ganze Ganerbschaft kann
keinen elendern Haushalt aufweisen, als den Deiner Base und Deines Bruders. Und
doch gaben wir die Einwilligung dazu, dass unser Wappen erniedriget wurde durch
Deine Verbindung mit einem jener Altbürger, die sich zwar gern für Adeliche
ausgeben möchten, im Grunde aber doch keine sind, wenn sie schon selbst der
Kaiser den Letztern gleich hält.« - »Genug Deines unverschämten Geschwätzes!«
eiferte Margarete: »Lang genug war ich die Törin die sich in die Wünsche ihrer
geldgierigen Verwandten fügte. Die tausendfältige Unterstützung, die ich Euch
verlieh und die Ihr für nichts rechnet, soll und muss aufhören, denn verschuldet
ist eure Trübsal. Ernähre ich Euch nicht sammt und sonders seit länger denn
sechs Jahren? Hast denn Du nur ein einzigmal versucht, Dir das nackte Leben zu
gewinnen? Frei wollt ihr sein, wie der Sonnenstrahl, und zehren wie dieser an
der Habe Eurer Blutsfreundin, die sich für Euch einem ungeliebten Gatten
hingab.« - - »Sprich für Dich selbst;« versetzte Veit kalt. - »Bot ich der
kranken Base nicht eine Pfründe im Stifte der Witwe Wambach?« fuhr Margarete
eifriger fort: »Wollte mein Eheherr Dich nicht zum Hauptmann unter den laufenden
Gesellen der Stadt vorschlagen, oder zum Reisigen des Rats, wenn Du zu stolz
wärest mit bürgerlichen Hauptleuten zu dienen?« »Schweige mit den alten
Grillen!« fuhr Veit trotzig auf: »Du reizest jetzt meine Galle. Dienen, schon
dies Wort allein rechtfertigt meine Weigerung. Ich diene dem Kaiser selber
nicht, und will mich eben so wenig, als die Base in ein reichsstädtisches Spital
gehört, um ein paar Ellen Tuch an die Zunftkönige verdingen, die hier das Wort
führen. Ich will meinem Stande gemäss leben, und wenigstens frei sein, ohne Eurer
Bürgermeister Brod zu essen.«
    »So gehe und sei frei!« entgegnete Margarete: »Du bist auf dem besten Wege.
Geh hinaus, plündere und faullenze. Werde der Schrecken der Kaufleute und
Handwerksgesellen, und mäste Dich von ihrem Schweiss. Ich tue nichts mehr für
Euch, und verweise Dich in Treuen auf das Gewerbe, das Dir längst kein fremdes
mehr ist.«
    »Wer kann mir das beweisen?« fragte Veit höhnisch: »Und täte ich's, was
wär' es anders, als was die meisten meines Gleichen tun.«
    »Schäme Dich, roher Mensch!« rief Margarete: »Du schändest unsern Namen. Du
bist der Spiessgeselle aller Nachtreiter, die das Land unsicher machen. Der
Verdacht, den Mord des Pfarrherrn von Bonames verursacht zu haben, der vor zwei
Jahren in der Frühe zur Kirche gehend, von Schandbuben erschlagen wurde, ruht
auf Dir. Du hattest ihm blutige Rache geschworen, weil er Dich im Beichtstuhl
nicht losgesprochen.«
    »Lügen!« entgegnete Veit; aber sein Ton wurde gemässigter. Die Schwester fuhr
indessen fort: »Auf diesen Verdacht hin hat man Dir die Stadt verboten. Wie
kannst Du wagen, hier zu erscheinen? Mensch, Du steckst den Hals selbst in die
Schlinge.«
    »Am heutigen Fest ist die Stadt ihren ärgsten Feinden erlaubt bis
Sonnenuntergang;« versetzte Veit: »ich weiss, wie weit ich mich wagen darf. Ich
bin nicht so einfältig, wie der Wernher von Hyrzenhorn, der sich neulich fangen
liess, und nun auf dem Eschenheimer Turme sitzt; im Trocknen zwar, aber in Eisen
und Frost. Entsinnst Du Dich noch des riesigen Kumpans der einst von Herzen gern
um Deine Hand gefreut hätte?«
    »Der grobe Junker mit den Sitten eines Trossbuben ist mir allerdings noch im
Gedächtnis,« antwortete Margarete: »unser Vater war vor Zeiten sein
Treuenhänder und Vogt.« »Pfleger und Mündel verjubelten gemeinsam ihr bisschen
Gut!« schaltete Veit ein: »'s war eine lustige Wirtschaft. Höre, den wackern
Kämpen könntest Du, früherer Bekanntschaft eingedenk, aus seinem Käfich
befreien, wenn Du wolltest, oder ihm mindestens zu billigern Bedingungen
verhelfen, denn man will ihn nicht eher der Haft entlassen, als bis er seinen
Turm zu Wettershausen der Stadt zu Lehn gestellt, vierhundert Gulden als
Lösegeld erlegt, und vier adeliche Freunde vermocht hat, sich gleich ihm der
Stadt zu Mannen zu verschreiben. Das Erste tut er nicht, das Zweite kann er
nicht, und das Dritte tun die Andern nicht.«
    »Was soll ich für ihn bewirken können?« fragte Margarete befremdet. -
    »Das Vorteilhafteste,« erklärte Veit, »und das war mit zum Teil der Grund
meines Ritts hieher. Mir ist es wohl bewusst, dass der Schulteiss Dich liebt, und
ein Wörtlein aus Deinem minnekosigen Munde setzt den Waffenbruder in Freiheit,
ohne dass ihm besonderer Schaden zugefügt wird.«
    »Was kannst Du mir zumuten?« fragte Margarete staunend und bestürzt:
»Welchen Begriff machst Du Dir von meinen Sitten, meiner Zucht? Ich liebe den
Schulteiss nicht.«
    »Tue nicht so heilig, mein Täublein!« versetzte Veit lachend: »Wir wissen
das besser. Der Schulteiss ist ein stattlicher Mann; stattlicher noch, als Dein
guter Stiefsohn, der Dir auch gar hold war, und Dein Eheherr ein Lazarus, ein
alter Lazarus obendrein, dessen gichtbrüchige Beine ihm den Dienst versagen,
weil er sie nach 66 Jahren noch nicht zur Ruhe legen will.«
    »Frecher Spötter!« sprach Dieters Frau, errötend im stolzen Unwillen:
»Beuge Dich vor den grauen Haaren meines Herrn, dem Du Ehrfurcht schuldig bist.«
-
    »Ehrfurcht! Ei warum denn?« lachte der Bruder: »Etwa deshalb, weil er mich
darben lässt, und Dich angesteckt hat mit seinem schmutzigen Geize? Oder, weil er
gegenwärtig auf dem Römer sitzen und die Geschenke mit empfangen darf, die der
Pöbel seinen saubern Herren bringt? Wohl bekomme ihm das Würzgeschenk und die
Malvasiersuppe, die ihm die Juden bringen; Gott gesegne ihm die Honigkuchen mit
denen die weissen Frauen den Rat heute bedanken. Lieber wär' es mir jedoch für
Dich und mich, Du hättest ihn schon zu Tod geärgert, und man sänge das De
Profundis über seinen starren Leib. Du hättest dann nicht Not, den
Tugendspiegel länger vorzustellen, und ich würde am Ende Vormünder über Deinen
Buben, der leider Frosch heissen muss, ob er gleich - ich schwöre darauf - kein
Frosch ist.«
    Diese gemeine Zweideutigkeit fertigte die Verletzte mit einem verächtlichen
Blicke ab, weigerte sich jedoch hartnäckig den Knaben herbeibringen zu lassen,
welches der werte Oheim angenehm dringend, wie immer verlangte; und während
dieser Weigerung kam Dieter im völligen Staate eines Schöffen nach Hause. War
Margaretens Staunen bei dem Anblick des unwillkommenen Bruders gross gewesen, so
überstieg das unmutige Befremden Dieters dasselbe noch bei Weitem. Die
Ungezogenheit des Gastes liess es aber nicht zum Ausbruch kommen: »Glücklich
Neujahr!« schrie er, dem Schöffen an den Hals fliegend: »so viel Gesundheit, als
dazu gehört, Metusalems Alter zu erreichen, so viel Geld als der Kaiser
brauchen würde, um zu sagen: Ich habe genug; und so viel Glück als Töchter der
Freude hier zu Frankfurt hausen! Ich zweifle nicht, dass Ihr diese Wünsche mit
einem feinen Geschenk vergelten werdet, und will es in dieser Voraussetzung
dabei bewenden lassen, alter Schwager.«
    Dieter blickte ihn stumm und achselzuckend an. »Mit einem guten Rate zum
Mindesten will ich des Überlästigen Glückwünsche, so widerlich sie sind,
vergelten,« sprach er, »kommt ja nie mehr gen Frankfurt; stellt Eure
Auflauerungen in der Umgegend ein; haltet Euch fein still zu Gelnhausen. Paul,
der Webergesell aus Bonames ist so eben in seines Meisters Hause in der
Schnarrgasse verschieden, nachdem er ein Bekenntnis abgelegt, das über den zu
Bonames verübten Mord viele, die wichtigsten Aufschlüsse gibt. Der Stadtpfaffe2
wird das Bekenntnis bei Rate niederlegen und auf Eure Verdammung antragen.« -
    Veit wurde blass; ermannte sich jedoch: »Verdammtes Lügengespenst!« rief er:
»Der Rat hat nicht mich zu verdammen, ich stehe nicht unter ihm.«
    »So haltet Euch auch fern von seinem Weichbild,« ermahnte Dieter: »die
Untat ist auf seinem Boden verübt worden, und wir verstehen keinen Scherz. Dass
ich Euch jetzo warne, läuft schon wider der meine Pflichten. Berücksichtigt aber
mindestens diese Warnung, und bringt ferner uns nicht Gefahr durch Eure
Einkehr.«
    »Gefahr?« lachte Veit mit grimmigem Hohne: »Ehre bringe ich Euch; mehr Ehre,
denn Ihr verdient, ungastlicher Mann. Ein Sprosse alten Geschlechts, wie ich
bin, sollte sich Recht vor Recht scheuen, in ein Haus wie das Eure zu treten;
diese Auszeichnung verdankt Ihr nur Eurem Weibe, das sich zu Euch herabliess. Ich
hoffe dafür nicht mit Undank belohnt zu werden. Für's Erste weigert Euch nicht,
mir den Jahrgehalt verabfolgen zu lassen, den Margarete mir bisher zahlte; zehn
Pfund Heller, nicht mehr, nicht weniger. Gerade so viel kostet's, um Bürger bei
Euch zu werden - lege ich zwei Pfund darauf, so kann ich einen Mord abtun vor
Gerichte, wär's auch der des Pfaffen zu Bonames.«
    Margarete schlug beschämt die Augen nieder. Dieter sah strenge auf sie,
und sprach: »Ich wusste wohl, dass meine Ehefrau Euch zudringlichen Gesellen dann
und wann mit Almosen bedachte, aber von einem Jahrgehalte weiss ich nichts, und
ein so Reichliches erwartet nimmer.«
    »Ihr wisst wohl von Vielem nicht, was Euere Wirtin tut;« äusserte Veit
hämisch grinsend: »'s ist kein Wunder; nicht Eure Haare allein, auch Euer
Verstand und Witz ist alterschwach geworden.«
    »Glaubt ihm nicht, dem schamlosen Lügner;« bat Margarete den stutzig
werdenden Gatten. »Er missbraucht auf unerhörte Weise die Blutsfreundschaft, die
mich leider an ihn fesselt. Ich gab nie so viel; Eure Gebote waren mir heilig,
lieber Herr!«
    »Glaubt ihr doch;« spottete Veit ihr nach: »Im Grunde sagt sie die Wahrheit.
Nicht sowohl zu meinem Nutz und Frommen, als zu Andrer Wohlsein wird sie Euere
Geldtruhe leeren, und wohl bekomm's Euch, schäbiger Filz. Indessen säumt nicht,
mir das verlangte Geld einzuhändigen. Ihr möchtet sonst einen Tanz erleben, dass
Euch die Haare zu Berge stehen.«
    »Ihr droht, in meinem Hause?« fuhr Dieter zornig auf: »So ihr Euch vergesst!
....«
    »Wir haben ein lustig Sprüchlein;« sprach Veit unbekümmert weiter: »das
lautet also: Roter Hahn und rotes Eisen soll den Bürgern Sitte weisen! Merkt
Euch das. Der Hahn kommt geflogen, ehe man sich's versieht; und das Eisen
braucht nur eine kühne Faust. Zahlt aus, stürzt den Seckel. Schon um die Freude,
mich los zu sein, sputet Euch.«
    »Schändlicher Bube!« grollte der Altbürger, und knüpfte den Beutel ab, den
er am Gürtel trug, und dem Schwager verächtlich vor die Füsse warf. Dieser hob
ihn aber geschmeidig auf, wog ihn in der Hand, und sagte: »'s wird weniger sein,
denn ich verlangte; dafür seid Ihr aber auch ein Frankfurter Bürger, der sich
nicht schämt, an seinem Wechseltisch mit dem schmutzigsten Gewertschen3 um einen
falschen Schilling zu jüdeln; und, wenn ich Zeit habe, hole ich das Fehlende
nach.«
    »Tut es nicht,« entgegnete Dieter: »es möchte Euch teure Zinsen kosten.
Packt Euch jetzt. Der Imbis wartet auf uns, und für einen verwiesenen
Landstreicher ist kein Stuhl an meinem Tische.«
    So eben brachte Else den kleinen Hans herein, und Veit flog wie ein
Stossvogel auf den Knaben zu, und herzte ihn mit widriger Zärtlichkeit, so sehr
Kind, Magd und Mutter es zu wehren suchten. »Lasst mich doch!« rief der Junker:
»ist der Bube doch mein Neffe; gewisser mein Neffe, als Euer Sohn, Graubart! -
Höre doch, mein Junge, den alten Mann, welch tolles Zeug er redet. Der Kaiser
kann nicht hochmütiger sein, als er. Lache ihn aus, dicker Bube, lache ihn
aus.«
    Dieter, der kaum seinen Zorn noch mässigen konnte, winkte Elsen zu gehen.
Veit hielt den Knaben zurück, und wollte ihm einen Kuss auf die Wange drücken.
Das wilde Gesicht und der hängende Schnauzbart des Ohms schreckte jedoch den
Kleinen, und mit dem Ruf: »Lieb Väterlein! hilf mir von dem Manne!« entsprang er
dem Leuenberger und eilte in Dieter's Arme. Der Junker schlug ein helles
Gelächter auf. »Lieb Väterlein!« rief er: »Lieb Väterlein! Sie haben Dir das
Vaterunser gut gelernt, mein Söhnlein, wenn sie auch selbst nicht dran glauben.
Ich wünsche Euch Glück zu dem Buben, Alter. Kein Zug von Euch in seinem
Gesichte; gewiss auch keine Ader von Euch im Herzen. Er wird einst Euern
schlechten Namen zu Ehren bringen. Verlasst Euch darauf, und lebt wohl. Ich
möchte nicht gerne überlästig sein, darum gehe ich jetzt schon. Zählt indessen
immer Geld für mich ab; und Du, lieb Schwesterlein, vergiss nicht für Deinen
ehemaligen Freiersmann ein gut Wort bei Deinem treuen Freunde einzulegen.« -
    Nun war dem Ausbunde roher Bosheit das Niemand schonende Gift ausgegangen,
und er ging davon über die Schwelle des Hauses, in welchem er den nagenden Keim
des Unfriedens zurückliess. Dieter verlor zwar kein Wort über die abscheulichen
Andeutungen des feinen Buschritters, aber sein Schweigen war der Vorbote einer
bösen Zeit, und Margarete, von Schuld nicht rein, wenn auch vor des Bruders
Anklage ohne Fehl, tat, von Gewissensangst befangen, keinen Schritt, dies
feindliche Schweigen zu brechen, das den frohen Neujahrstag in eine trübe Nacht
stummen Zwistes verwandelte. - Von der andern Seite war es in des Lauenbergers
Brust bei weitem nicht so ruhig geblieben, als vielleicht sein kalter Spott
ahnen liess. Er kochte verzehrenden Grimm, denn die Droh-und Schmachworte, die
sein Schwager gegen ihn gebraucht, hatten den wunden Fleck seines Ehrgefühls
unsanft berührt. Die Furcht vor den reichsstädtischen Zwang- und Halsgesetzen
allein hatte ihn abgehalten, sich tätige Rache auf dem Fleck zu nehmen. Die
unersättliche Habgier, die, aller Weigerung ungeachtet, demnach in der Zukunft
neue Nahrung erwartete, hatte auch ein begütigend Wort dazu gesprochen; aber die
fürchterliche Sühne, die der Augenblick nicht gebären dürfte, sollte
nichtsdestoweniger in der Folge die Verunglimpfung vergelten. Mit diesem
Gedanken beschäftigt, stieg der Herr von Leuenberg in seiner Winkelherberge zu
Pferde, nachdem er sein dürftig Mahl und Mittagsruhe gehalten hatte, und
klepperte, sobald die Tore wieder nach der Vesperzeit geöffnet worden waren,
von dannen; denn die Sonne ging bereits zu Rüste, und die Stunde war im
Schlagen, die den Stadtfeind seinen Gegnern erlaubte.
    Seine raschtrabende Mähre legte mit Windesschnelle den Weg bis über die nahe
Warte zurück, und hier schöpfte der Behutsame neuen Atem. Teils um dem
beginnenden Schneegestöber auszuweichen, teils auch um sich zu erfrischen; wohl
auch in der Hoffnung, auf Bekannte zu stossen, lenkte er links von der Heerstrasse
ab, nach der Gegend zu, wo zwischen sanft anstrebenden Anhöhen ein wenig
besuchter Hohlweg durchläuft und zu einer Wüstung führt, an deren Ende, von
Erdauswürfen, wie von Vertiefungen und krüppelhaften Buschwerk gedeckt, eine
elende Schenke stand; die Herberge herren- und gesetzlosen Gesindels
grösstenteils, dann und wann der versteckte Schlupf- und Lauerwinkel hungriger
Raubjunker; am seltensten wohl das Nachtlager irgend eines verirrten, von Sturm
und Regen hier zum Übernachten gezwungenen ehrlichen Wanderers. Weder dem
Leuenberger, noch seinem Gaule war das räucherige Nest ein unbekannter Ort, denn
in der einbrechenden Dämmerung, wie auf bösem, aufgewühlten und dann wieder
hartgefrornem Pfade erreichten sie ihn blindlings. Der Reiter klopfte, zum
Zeichen, dass ein guter Freund angekommen, mit der Gerte an die armseligen
Schiebefenster, zog sein Pferd unter die elende Bedachung von Tannenästen, die
einen Stall vorstellen sollte, band es an einen Sparren fest, und trat, nachdem
er ihm Häckerling vorgeschüttet, und eine Last Stroh, von dem Hüttendach
gerauft, untergeworfen, in das Innere der verrufnen Kneipe. Ein altes Weib
kauerte am Herde, und mühte sich ab, das nassgewordene Reisig in Flammen zu
blasen; eine junge Dirne von unlieblichem Angesichte, schlief in der Ecke mit
einigen daselbst aufgeflogenen Hühnern um die Wette. Sonst keine Seele in der
Hütte, und ein Paar elende Tische aus Balken gezimmert, dergleichen Bänke, und
ein Kandelbret mit unsaubern Krügen und hölzernen Bechern versehen, waren das
ganze Geräte der Stube, auf deren Estrich man mit der grössten Vorsicht wandeln
musste, um nicht in einem der Löcher desselben ein Bein zu brechen. - »Ein Glas
Funkelhans!«4 rief der Eintretende der Alten zu, die auch alsobald mit tiefem
Reverenz das Verlangte herbei brachte und einen frischen Lichtspan aufsteckte.
»Ich werde hier bis morgen verweilen,« fuhr Veit mit vornehmen Tone fort: »Die
Nacht hat mich übereilt, und ist keines Menschen Freund.« - Das Weib nickte
beifällig, versicherte, es werde ihr eine Ehre sein, den Junker zu beherbergen,
und machte sich wieder an ihr Geschäft. - »Was braust Du da Alte?« fragte Veit,
um das Gespräch nicht ersterben zu lassen. - »Habersuppe, edler Herr;«
erwiederte die Wirtin, indem sie einen derben Kessel an's Feuer rückte. - »Wer
geht heute bei Dir zu Tafel, alte Hexe?« fuhr der edle Herr fort: »Die Brühe ist
zu lang für Deinen und Deines Töchterleins Hunger.« - »Hm!« grinste das Weib:
»Ihr wisst ja wohl, dass wir oft Gäste haben, und so auch heute. Mein Mann hat bei
Bergen ein Geschäft, das ihn bis in den späten Abend vielleicht aufhält. Wenn er
heim kommt, wird er hungrig sein, und die Gesellen nicht weniger.« - »Was gibt's
heut zu Bergen?« erkundigte sich der Leuenberger. - »'S ist dort Tanz und offne
Lustbarkeit;« klang der Bescheid: »Ein reicher Bürgersohn von Friedberg, der vor
der Adventzeit die schöne Eva von Bergen geehlicht, hält heute ihren Mahlschatz,
und gedenkt, ihn noch gen Friedberg zu schaffen.« - »Er gedenkt, ...« brummte
Veit höhnisch; »so, so! Dein Alter denkt aber weiter, nicht wahr?« - »Ach grosser
Gott!« seufzte das Weib, die Augen verdrehend: »Man muss freilich sehen, wie man
kümmerlich sein Leben durchbringe.« - »Kümmerlich!« spottete der Gast: »Ihr
Lügenvolk! Nur das Schlechte lasst ihr liegen; das Beste nehmt Ihr, und heuchelt
obendrein Armut gegen Leute, die Einiges von Euren Kniffen verstehen.« -
»Lieber Herr,« erwiederte die Wirtin: »'s ist lauter Wahrheit. Mit den Kumpanen
muss man teilen; das Kostbarste verscharren, darf das liebe Gut nicht sehen
lassen. Oft sagte ich zu meinem Manne: Marten! sagte ich zu ihm: Wär's nicht
besser, wir fingen an ehrlich zu arbeiten, und könnten ruhig leben und uns wohl
sein lassen, als von ungerechtem Gut reich sein, und es verbergen müssen, und
zittern müssen vor Entdeckung? Da lacht er mich aber jedesmal aus, und sagt:
Wart nur, Weib, bis wir genug haben, dann wallfahrten wir nach Compostell,
opfern dem heiligen Jakob eine silberne Krone, holen uns Ablass, und kaufen uns
alsdann am Rheine an.« - »Ein seines Vorhaben,« lachte Veit: »So habt ihr noch
immer die Aussicht als Ehrenleute zu sterben, vielleicht noch selig gesprochen
zu werden, wenn ihr auf dem Todbette irgend ein Kloster reichlich bedenkt.« -
Die Alte wurde empfindlich. »Warum sollen wir denn etwa nicht des Paradieses
teilhaftig werden? Mein Marten hat noch keinen Pfarrherrn erschlagen.« -
»Verfluchte Spötterin!« fuhr Veit auf, und griff nach dem Dolche. Die Alte
rannte schreiend nach der Ecke, in der die Tochter schlief, und weckte diese
durch ihr Gejammer.
    »Was schreit Ihr denn also?« fragte die Erwachende in schlaftrunknem
Gleichmute: »Der Herr wird Euch nicht im Ernste erstechen wollen, und in Eurem
lüderlichen Gewerbe sollt Ihr blanker Messer schon gewohnt geworden sein.« -
Veit musste über die faule Predigt lachen, die das hässliche Mägdlein hielt, und
steckte den Dolch wieder ein. - »Komm her, Alte,« rief er: »'s war nur mein
Scherz. Und Du, garstige Bussrednerin, lege wieder Dein Haupt zur Ruhe. Unser
Gesprächsel würde Dein frommes Ohr ärgern.«
    »Das würde es auch;« versetzte die Dirne, wie oben. - »Ich will mich daher
lieber draussen im Stalle zur Ruhe legen, als in Eurer Nähe.« - Sie stand auf,
und ging. - »Mädel, draussen pfeift der Schneewind;« rief ihr die Mutter zu. -
»Mein Ross steht im Stall, und kann nicht gut Gesellschaft leiden!« fügte der
Junker bei. - »Was tut das?« fragte die Dirne entgegen: »Schneeluft ist kalt,
aber kälter der Schoss einer gottlosen Mutter. Unter den Hufen eines schlagenden
Rosses schläft der Gerechte besser, als unter'm Schirmdache des Bösen. Gute
Nacht!« - Sie verschwand, und bei dem Ernste ihres Abschieds war dem Leuenberger
unheimlich um's Herz geworden. Unheimlicher noch der Mutter, die trübsinnig beim
Feuer sitzend, die Hände faltete, und in die Flamme starrend, die dicken
Tränentropfen ungetrocknet liess, die in ihren grauen Wimpern hingen. - »Die
Maid bricht noch mein Herz, ...« seufzte sie endlich: »und ich darf sie nicht
schelten, weil sie die einzige Unschuldige im Hause ist.« - »Eine Närrin ist
sie!« brummte Veit mürrisch. - Die Alte versetzte aber eifernd: »Nein, lieber
Herr, sie ist verständiger, denn Eine ihres Alters. Die Klostermagd am uralten
Stifte der Reuerinnen zu Frankfurt, war der Dirne Taufpatin, und brachte sie,
da sie zehn Jahre alt geworden, und ich noch rüstig dem Haushalt vorzustehen
vermochte, als ihre Helferin in dasselbe Stift. Daselbst wurde unsre Judit
zwanzig Jahre alt, und überlebte ihre Patin, und trat an deren Stelle, bis ich,
vergesslich werdend und an Kräften abnehmend, sie wieder zu uns forderte. Sie
weigerte sich auch keineswegs, und kehrte heim, geschickt und gewandt, und
ausgestattet mit Bibel- und Sittensprüchen, die sonst an uns gemeinen Leute
nicht kommen. Ihr Verstand merkte bald, wo es leider in unserm Hause hinaus
will, und ihre Frömmigkeit spricht oft Donnerworte gegen uns aus, vor denen
nicht selten mein Mann selbst erzittert. Im Anfang wollte er die Judit
schlagen, aber es war immer, als ob ein Engel seine Hand aufhielte, obgleich die
Dirne gelassen Rücken und Wange bot. Und da wir nun sahen, dass sie unverdrossen
ihre Arbeit verrichtet, und das vierte Gebot ehrt wie eine Heilige, so liessen
wir sie reden, und haben uns an ihre harten Ermahnungen gewöhnt, beachten sie
gar nicht, wenn sie nicht etwa dann und wann mein Mutterherz zu schonungslos
angreift, wie just heute. Ich habe sie ja doch geboren!« -
    »Eben darum;« versetzte Veit gleichgültig: »die Bärin muss etwas von ihrer
Brut vertragen können. Schlechtes Volk seid ihr, das leidet einmal keinen
Zweifel. Nehmt immerhin das Kreuz auf Euch, fügt Euch der Tollheit Eures
Sprösslings, und dankt dem Satan, wenn die Verrückte Euch nicht einmal an die
Gerichte verrät.«
    Die Alte schüttelte ungläubig den Kopf. »Das tut sie nimmermehr!« sprach
sie: »Ich habe einmal von ihr verlangt, sie sollte einen Eid darauf schwören.«
Sie aber hat's nicht getan, und gesagt: »So Ihr auf ein leeres Wort von mir
vertraut, mehr als auf mein kindlich Herz, so verdientet Ihr, dass ich hinginge
und Euch verriete. Sorgt indessen nicht, für Eure Sünden will ich büssen, wenn's
Not tut, weil es geschrieben steht, dass die Untaten der Eltern bis in's
vierte Glied forterben, ... aber nimmer sie vergehen vor der Welt.« -
    »Desto besser!« lachte der Leuenberger: »Da habt Ihr ein gutmütig
Schäflein, das, wenn einmal der Stab über Euch gebrochen wird, für Euch den Hals
streckt, und bei dem lieben Gott Eure Fürbitterin wird. Stille aber jetzt mit
dem törichten Geplauder. Weisst Du schon, dass Euer alter Geselle, der Weber Paul
von Bonames, gestorben?«
    »Nein, werter Herr,« erwiederte die Alte: »Ihm sei das Freudenreich dort
oben, wenn's also sich verhält.«
    »Den Teufel auch!« schalt Veit: »Der Hölle Schwefelpfuhl sei dem
niederträchtigen Buben, der auf dem Sterbelager zur Plaudertasche wurde, und mir
übeln Leumund brachte. Ich kümmre mich freilich wenig um die Ellenreiter zu
Frankfurt, aber vedriesslich ist's doch immer, wenn solche Menschlichkeiten zur
offnen Sprache kommen.«
    »Ja wohl, ja wohl!« bekräftigte die Alte: »Paul war sonst einer der Besten
unter meines Martens Leuten, bis er fromm wurde, und sich in Reue und trostlosem
Nachgrübeln sein Ende herbeizog. Mein Mann erzählte oft, der Paul führe einen
Stoss, trotz einem Wälschen, und Stich und Tod sei Eins bei ihm.«
    »Dem war auch so,« versetzte Veit: »bis der Kerl zum Schurken wurde.«
    »Dass solche kecke Leute auch dahinfahren müssen!« fuhr das Weib fort: »Ich
darf es wohl bekennen; die besten Gehülfen Martens, den doch allgemach Augen und
Kraft verlässt, kommen nach und nach von seiner Seite. Dreie sind ihm noch
geblieben von der ganzen Schar, die er seit mehr denn zwanzig Jahren mühsam
herangezogen. - Und von diesen Dreien wird nächstens der Beste, der Jude, sich
trennen, wie mir mein Mann mit Verdruss geklagt.«
    »Wie?« fuhr Veit überrascht auf: »Der Jude, der pfiffigste aller
Galgenvögel, der unverzagteste aller Mörder hat Euch den Dienst aufgekündigt?
Blitz und Strahl! Wegen seiner bin ich eigentlich hier. Seiner Geschicklichkeit
bedarf ich ja gerade am allermeisten.«
    »Die wird Euch auch nicht entstehen;« tröstete die Alte: »Kann die Arbeit
bald getan werden, so verrichtet sie der Rote gern für Euch. Ihr kennt ihn und
uns ja nicht von gestern. Aber im nächsten Sommer wird er eine Frau nehmen und
gen Worms ziehen, und das Messer an den Nagel hängen, um ein ehrlicher Mann zu
werden. Der Bursche hat gar leicht zu reden und zu tun. Den besten Teil jeder
Beute hat er für sich genommen, und sein Gewissen ist vollkommen ruhig, denn ein
Jude begeht keine Sünde, wenn er einen Christen plündert oder erschlägt, so
wenig als es etwas zu sagen hat, wenn ein Christ einen Hebräer todt macht.«
    Schöne Weisheitslehren! dachte Veit für sich, und wünschte sich weit hinweg
von dem entmenschten Weibe in die Gesellschaft der rohesten Männer. Sein Wunsch
wurde bald erhört, denn ein dumpfes Geräusch wurde, fern herkommend, vernommen.
Die Alte spitzte das Ohr, öffnete behutsam den Schiebladen, horchte und
flüsterte in die Stube herein: »Sie kommen, edler Herr; sie sind's!« - Auch Veit
legte sich auf die Lauer. Das Gesumme kam näher - leichte Tritte, dann Gestolper
auf dem holprigen Pfade, der von der Bergener Anhöhe herunter führte, ...
mitunter leises Stöhnen, wie das eines Geknebelten - darauf folgende halblaut
hervorgepresste Flüche; ... endlich verlor sich Alles hinter der Hütte, und
schien plötzlich still zu werden. Mit einer Ungeheuern Seelenangst schlug die
Alte aber das Fensterlein zu, packte den Junker wie eine Verzweifelnde am Arm,
und murmelte mit klappernden Zähnen: »Betet, betet ein Paternoster, lieber Herr,
... ein Ave für die arme Seele: Sie sind zu den Weiden am Sumpfe gegangen ...
Gott erbarme sich!« - Veit, dessen Haare sich auf dem Wirbel sträubten, machte
sich mit aller Gewalt von der Entsetzlichen los, und wollte zur Türe, zu
welcher eben Judit wie ein bleicher Schatten eintrat, umweht von schaurigem aus
duftiger Nachtferne dringendem Geächze. »Wo wollt Ihr hin?« fragte die Dirne
hohl und bebend: »Bei den Weidenbäumen wird das Werk getan, auch ohne Euch.
Wahrlich! besser wäre es, mit dieser Hütte umzukommen im feurigen Pfuhl, als den
Mord zu sehen, an welchem wieder ein Gerechter verblutet.«
    Ein herzzerreissendes Stöhnen aus der Ferne war das Letzte, das gehört wurde.
Lange blieb es nun stille; endlich hörte man ein Rauschen im Moore, wie das
Versenken schwerer Steine, und kurz darauf kamen hastige Schritte auf die Hütte
zu, in welche drei stämmige Kerle traten. »Guten Abend!« war ihr erstes Wort;
»Wer da?« ihr zweites, da sie des Fremden gewahrten, der ihnen indessen bald
kein Fremder mehr war, wie die rohe Freundlichkeit des alten Marten bewies, der
ihn zuvorkommend aufnahm. - »Wasser!« herrschte Einer von den andern
hochgewachsenen Burschen der Dirne zu; und gemessenen Schritts holte diese den
Schwenkkessel vom Kandelbret, in dem sich der Wildblickende die Hände wusch.
»Reinige Deine blutigen Hände, Zodick;« redete das Mädchen zu ihm: »von Deiner
Seele geht der rote Flecken nicht ab, bis er sich vor dem Herrn in höllische
Flammen verkehren wird.« - »Schweig, Aberwitz!« polterte der Jude, die Faust
gegen sie erhebend. »Dass ich schweige,« versetzte die Magd, »ist kein Wunder, da
ich Deine Schläge fürchte, dass aber der dort oben schweigen kann bei solchem
Mordgräul, ist ein unverständlich Mirakel!« - »Wahnsinniges Tier!« entgegnete
Zodick verächtlich, und setzte sich zu den Übrigen. Die Alte trug Most auf, und
die Habersuppe, die den Übrigen mundete. Zodick zog aber ein Stück Brod aus der
Tasche, und einige Zwiebeln, um sie zu speisen, legte dann sein Messer in des
Herdes Kohlen, und forderte seinen besondern Becher, seine besondre Flasche.
Beides, mit eingeschnittnen Zeichen versehen, wurde gebracht; in dem Most, der
ihm vorgesetzt wurde, löschte der gewissenhafte Jude die glühend gewordne Klinge
ab, murmelte: »Koscher! koscher! koscher!« vor sich hin in den Bart, und trank
und ass dann mit den Andern drauf los, die ihrerseits ebenfalls die grösste Scheu
zeigten, etwas zu berühren, dessen sich der Hebräer bedient hatte. »Wo ist
Jost?« fragte die Alte, einen der gewohnten Tafelgenossen vermissend. Der Wirt
zuckte schweigend die Achseln, der Andre blies gleichmütig über die flache Hand
weg, Zodick aber antwortete frech. - »Was gibt's da zu verhehlen? Gebeckert hat
er. So wahr als wir sitzen hier am Tische, so wahr hat ihn der Goi, der nicht
lassen wollte vom Gelde, darniedergestreckt mit einem Hieb. Darum hat er auch
müssen an's Messer, und hätt' ich ihn schleppen müssen sechs Stunden weiter, ich
hätt' ihm sein Blut nicht geschenkt.« - »Bärenwütig hat sich der Bursche
gewehrt,« fuhr Marten fort: »er meinte uns alle in die Flucht zu schlagen durch
sein Schwertlein. Aber nichts da. Wolf hieb ihm die Sehne der rechten Faust mit
dem Messer durch, ich rannte ihn zu Boden, und der Jud stiess ihm den Knebel in
den vorlauten Schreihals. Fort mit ihm über Stock und Stein bis hieher, wo ihn
Zodick abkehlte. Er schlafe wohl; im Sumpfe ruht er, sanft gebettet, und kommt
gewiss nicht wieder, sein Geschmeide und sein Geld zurückzufordern.«
    »Gott wird's an seiner Statt, und die Träne seiner Witwe!« sprach Judit
feierlich: »Ich aber will am Rande des Moors für seine arme Seele beten.« - Sie
ging hinweg, und die Alte folgte ihr bald nach, um durch abergläubische Formeln
ihr zagendes Gemüt zu beschwichtigen.
    »Dass Du dem unnützen Ding das Gedibber nicht verbieten magst!« schalt Zodick
gegen Marten. »Verbiete der Gans das Schnattern,« antwortete dieser mit vieler
Ruhe. - »Mag die Dirne doch reden, was sie will; wir tun, was wir wollen.« -
»Jetzt zum Beispiel, wollen wir teilen,« meinte Zodick mit seiner gewohnten
Grobheit; »heraus mit dem Fang; ich muss heute noch zur Stadt, sonst merkt mein
Herr Unrat.« - Marten winkte ihm mit den Augen zu, und deutete verstohlen auf
den Leuenberger, der, ohne Anteil an dem Gespräche zu nehmen, ruhig in der Ecke
sitzend, einen günstigen Augenblick erwartete, sein eigen Gesuch anzubringen.
Zodick verstand Marten's Geberde wohl, aber, lachend die Kappe auf dem Wirbel
drehend, antwortete er: »Immer zu! immer zu! 's hat keine Not. Der Herr ist
nicht dabei zum Erstenmale. Ihr fürchtet wohl, er möchte versucht sein, uns
alles abzunehmen mit seinen Spiessgesellen? Weit gefehlt. Dazu ist er zu fein,
und weiss, dass das Messer der Blutzopfer trifft, hinter'm Schutzgatten, wie
hinter'm Altar.«
    »Macht Euch keine Sorgen;« bestätigte Veit unbefangen; »vor Euern
Genickfängern habe ich alle Ehrfurcht. Weit entfernt, mich ihnen selbst zum
Ziele zu geben, will ich diesem wackern Rotkopf vielmehr eine Arbeit auftragen,
die ihm wenig Zeit kosten, aber Vorteil bringen wird.«
    »Desto besser!« versetzte Zodick mit abscheulichem Grinsen. »Davon nachher.
Vorab die Teilung. Frisch daran. Zahlt die Masumme, putzt die Scheinlinge.
Steht die Wache vor der Türe!«
    »Meine Alte passt auf;« erwiederte Marten, und langte eine schwere Geldkatze
hervor, die - auf den Tisch geleert - eine nicht unbedeutende Sammlung von Geld
und Kleinodien, wie sie die Bürgersleute zu tragen pflegten, entielt. Veit
stand am glimmenden Herde, und schaute auf die drei Schurken herüber, die mit
einer ekelhaft habsüchtigen Schnelligkeit den ganzen Raub in drei Teile
zerrissen, von welchen der grösste und beste dem Juden anheimfiel, der obendrein
mit vieler Spitzbüberei den andern Bösewichtern, die auf deren Teil gefallnen
Kostbarkeiten um einen Schelmenpreiss abschacherte, und abdrängte. Noch im
letzten Augenblicke des saubern Geschäfts stahl er seinen Gesellen mit gewandten
Fingern einige Silberstücke, und auf ihre Einsprache zuckte sogleich des Juden
blutgewohnte Faust nach dem Dolche, den die Andern so sehr fürchteten, dass sie
jeden Anspruch auf der Stelle fahren liessen. - »Lasst doch den Hader,« sprach
Veit, sich einmengend; »es ist schon spät geworden. Legt Euch zur Ruhe, ihr
Leute. Ich muss mit dem Roten noch ein Paar Worte reden.« - Marten und sein
Kumpan fügten sich in die Rede des gestrengen Herrn, und lagerten sich auf den
Boden am Herde. Zodick machte sich indessen fertig zum Gehen, zog die Mütze
über's Ohr, band ein schmutziges Tuch darüber und unter das Kinn, und winkte dem
Leuenberger, ihm vor die Türe zu folgen. »Die Spitzbuben lauern wie die
Füchse!« flüsterte er seinem Kundmann warnend zu, und zog ihn aus der Hütte.
»Was soll's?« fragte er hier demütig und geschmeidig. Aber kaum hatte Veit den
Namen seines Schwagers genannt, als sich der Bube emporrichtete, mit Augen, die
durch die Finsternis rot funkelten. »Ho!« rief er mit Zähnknirschen: »diesen
Namen kenne ich wohl, und Hab' ihm Rache geschworen; so oft ich gebetet habe das
Gebet Schephot, das verflucht alle, die uns hassen, so habe ich nur gedacht an
den, den ich hasse, und der sich nennt nach seinem Vater.« - »Du redest irre!«
fiel Veit ihm in die Rede. Der Jude verneinte indessen lebhaft, und fragte:
»Ist's der Alte, dem ich den Talles geben soll?« - Veit bejahte. - »Schade,
Schade!« versetzte Zodick unmutig den Kopf nach beiden Seiten bewegend: »den
Jungen hätte ich lieber geschächtet.« - »Der ist fern;« sprach Veit: »erwarte
seine Rückkehr, und schaffe ihn dann hinweg, wenn's Dir beliebt.«
    »Hm! warum nicht?« meinte Zodick: »wenn es mir würde bezahlt! Schon lange
lebte er nicht mehr, hätte ich's nicht verschworen, keinen Stoss zu tun, als nur
für baar Geld. So mag's denn bleiben bei dem Aette. Wie schwer wiegt er Euch?«
    »Fünf Pfund Heller .... keinen Albus mehr!« erwiederte Veit. »Ich zahle sie
nach getaner Arbeit. Du weisst aus Erfahrung, dass ich in ähnlichen Fällen Wort
halte.«
    »Ja, ja, ganz recht!« sprach der Jude zögernd: »aber 's ist verdammt wenig,
das Ihr bietet.« - »Für ein abgenutztes altes Leben, das ohnehin vielleicht in
Kurzem von selber reissen wird!« - »Der Tod dieses abgenutzten Körpers bringt
Euch aber Glück!« lachte Zodick hämisch: »Bietet mehr, und zahlt etwas voraus.«
- »Ich biete nicht mehr, und zahle nichts voraus;« sprach Veit. - »Weiss wohl!«
entgegnete Zodick. »Ihr Herren habt nie Vorrat an Münze. Müsst erst den Sold
irgendwo krimpeln, ehe ihr ihn zahlen könnt. Mag's indessen sein. Tof! tof!
Sobald ich ihm ankomme an die Rippen, dem Alten, sollt Ihr von mir hören.« -
    Die Würdigen schüttelten sich die Hände, und schieden. Veit legte sich in
der Mordhütte zur Ruhe, und Zodick lief über Zaun und Steg der Stadt zu. Er
erreichte das Tor gegen Mitternacht und wurde gegen das Sperrgeld von dem
schlaftrunknen Pförtner in die Stadt gelassen. Der aus dem Schlummer Gestörte
fluchte dem Juden, der so spät vom Handel zurückzukommen vorgab, alle Pest und
Plage an den Hals. Zodick nahm indessen alles gleichmütig hin, und schlüpfte
durch die finstern Strassen in die Judengasse. Nach Gewohnheit fand er das Haus
verschlossen, öffnete die Türe geschickt mit einem eisernen Haken, drückte sie
wieder zu, und suchte mit leisen Katzentritten das elende Lager, auf welchem
ihn, den im Verbrechen verhärteten Sünder bald ein Schlaf beschlich, der, fest
und anhaltend, seine Sinne wieder neu stärkte zu neuen verabscheuungswürdigen
Vorsätzen.
 
                                    Fussnoten
1 Haube.
2 Meister der Rechte, beim Rate bedienstet, seit 1380; das Amt des Syndikus
verwaltend.
3 Lombarden, gleich den Juden vom Wechsel ausgeschlossen, auf Mäkler-, Leih- und
Wuchergeschäfte angewiesen.
4 Scharfer Wein oder Obstmost.
 
                                Zehntes Kapitel.
                Herr! vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun!
Ben David stand einige Tage nachher eines Morgens zum Ausgehen bereit, als
Zodick in feiertäglichen Kleidern zu ihm in die Stube trat. Verwundert ob diesem
Aufzuge, und dem gespreizten Wesen, das der Schachergehülfe an den Tag legte,
befragte ihn der Herr nach deren Ursache. »Ich komme bei Dir zu freien um Deine
Tochter,« erwiederte Zodick: »Du weisst, Herr, welch ein Vertrag Dich gebunden
hat an meines Vaters Wunsch, auf dessen Andenken der Friede sei. Die Zeit ist
geflossen dahin, während welcher ich dienen musste nach dem Beispiele des
Erzvaters. Ich habe den Lohn verdient, den wir ausgemacht, und die Perle, die
ich wachsen sah, soll mein sein, nach dem Willen des hochgelobten Gottes und
seiner Elohim, die Dein Wort gehört und aufgezeichnet haben.« - Ben David
schwieg mit sichtlicher Überraschung eine Weile; dann antwortete er: »Das
siebente Jahr ist noch nicht zu Ende. Der vierzehnte Tag des Mondes Adar, an dem
man feiert das Purimfest, ist derjenige, an dem die Frist verfällt.« - »Du
sollst nicht zählen die Tage, wenn es ein Gelübde gilt,« erinnerte Zodick
unterwürfig: »der Fürst der Barmherzigkeit zählt dann im Tale Josaphat Deine
Sünden um so nachsichtiger.« - Ben David drohte ihm ernst und schweigend mit dem
Finger. »Es bleibt dabei;« sprach er: »am gedachten Tage komme wieder und freie
mein Kind.« - »So soll mich der Hammer zerklopfen, wie den verfluchten Haman am
Purim, wenn ich länger harre!« brach Zodick in leidenschaftlicher Hitze aus: »So
ich mich gedulde bis dahin, so ich sicher noch länger mich gedulden muss! Du hast
gedehnt meine Dienstzeit von drei Jahren auf fünf, von fünf auf sieben. Ich bin
es müde. Ich habe Dir gehorcht, als ein redlicher Knecht, will aber nicht mein
Lebenlang seufzen unter'm Joch der Dienstbarkeit, will nicht im Abnehmen meiner
Tage eine hässliche alte Reck freien, statt der schönen Rahel. Meine Freunde zu
Worms fordern dass ich heimkehre, und ein Weib will ich mitbringen; darum säume
nicht, und gib Deinen Segen.« - Ben David war in unangenehme Verlegenheit
versetzt; nach manchen vergeblichen Winkelzügen, die alle an der Beharrlichkeit
des Freiers scheiterten, entschloss er sich, mit der Wahrheit es zu versuchen.
»Freund Zodick!« redete er: »da Du mit Ernst darauf dringst, um jeden Preis
erfahren zu wollen, was ich Dir noch gern verschwiegen hätte, so mag's drum
sein. Dein Vater war mir lieb und wert; ein Gerechter in Israel. Du warst es
nicht minder; aber seit einiger Zeit habe ich überlegt, und gefunden, es möchte
gut sein, wenn nichts würde aus dem Verlöbnis zwischen Dir und Ester.« - »Wie?«
fragte Zodick neugierig und argwöhnisch zugleich. - »Ester ist Dir nicht hold,«
fuhr Ben David ruhig fort, »aber als eine gehorsame Tochter würde ihr Mund Ja
sagen, wo ihr Herz Nein sagt. Ich würde vor Gott und dem Gesetz die Macht haben,
sie zu nötigen zur Ehe mit Dir; aber ich fürchte, sie schlägt aus zu Euerm
Unheil. Ester ist nicht für Dich, Dein Herz nicht für sie.« - »Was kannst Du
aussetzen an meinem Herzen?« fragte Zodick rasch und übermütig: »Bin ich nicht
immer gewesen ein eifriger Bar Israel? Hab ich nicht, wie es einem rechten
Bechor zukömmt, gehalten meine sechshundert Gebote und Verbote, seitdem ich
geworden war ein Sohn des Gebots? Wer hat fleissiger die Schule besucht zu Worms,
denn ich? Wer hat das gesegnete Hallel eifriger gesungen als ich? Habe ich
einmal versäumt zu beten dreimal im Tage die Gebete Schmone Esra und Knias
Schma? Was kann man mir vorwerfen? Ich bin ein Eifriger in Israel, denn ich
halte das Gesetz; ich bin ein rechtschaffener Sohn, denn ich faste jährlich am
Sterbetage meines Vaters; ich bin ein getreuer Knecht, denn ich will verlahmen,
wenn ich Dich oder einen von unsern Leuten verkürzt habe, um einen Schilling.
Ich bin ein sparsamer Mensch, denn der heilige Gott hat meine Arbeit gesegnet,
dass ich etwas vor mich gebracht habe; ich bin wohltätig, denn ich habe nie
unterlassen, Almosen zu geben an die Armen, damit sie den Sabbat heiligen
konnten. Was kannst Du mehr verlangen? Was darf Deine Tochter mehr begehren?« -
»Hoffärtiger Mensch!« erwiederte ihm Ben David aufgebracht: »Willst Du prahlen
mit den Gebräuchen, die Deine Hände verrichten und Dein Mund? Aber Du magst
wissen, dass Deine Hände todt sind, wenn sie sich gleich bewegen, und stumm Dein
Mund, wenn er gleich redet. Das Gesetz des heiligen Gottes ruht nicht auf den
Zähnen, noch auf den Fingerspitzen, sondern im Herzen. Der böse englische
Pfenning ist glänzender als der Gerechte, nichts destoweniger aber falsch. Die
Mesusa an der Türe Deiner Hütten mag noch so schön und richtig geschrieben
sein, und doch geht Sammael über ihre Schwelle, so Deine Seele nicht rein und
gesegnet wäre. Zodick! Zodick! ich fürchte, Du wandelst auf bösen Wegen, die da
nicht führen in das himmlische Zion; sondern in den Feuerstrom, der unter dem
Trone des hochgelobten Gottes herausfliesst auf die Häupter der Sünder!« - »Wie
magst Du mich schelten?« fragte Zodick mit frecher Fassung: »Du schändest mein
Haupt, um Dein Versprechen nicht zu halten!« - »Davon nachher;« entgegnete Ben
David ernst: »Für's Erste entscheide meine Tochter!«
    Er ging und kehrte nach einigen Minuten, Ester an der Hand, zurück. »Dieser
Mann freit um Dich,« sprach er ohne Leidenschaft: »ich zwinge Dein Gefühl nicht;
antworte: willst Du sein Weib werden? Zum erstenmal redet wohl ein Hausvater in
Israel also zu seinem Kinde. Bekenne frei und offen: Willst Du sein Weib sein?«
- Ester stürzte mit Freudentränen zu Ben David's Füssen. »Da Du mich frei
sprichst, Vater,« rief sie frohlockend, »so vernimm es, mein Geständnis ohne
Zagen: ich verabscheue diesen falschen Heuchler - ich kann nicht die Mutter
seiner Kinder sein« - Ben David hob sie liebreich auf; Zodick stand da auf den
Kohlen der peinlichsten Beschämung, wort-, bewegungslos. Ben David hatte
Mitleiden mit seiner Qual und sandte die jubelnde Ester durch einen Wink seiner
Hand hinweg. - »Du wirst nicht begehren, eine, so Dich hasst, in Dein Bette
aufzunehmen,« redete er zu Zodick: »siehe aber, ich löse mich von Dir mit diesen
zwanzig Mark Silbers.« - Er legte den Sack mit dem kostbaren Metall vor Zodick
hin auf den Tisch. - »Verlasse aber jetzt mein Haus;« fuhr er fort: »es kann Dir
hier nimmer wohl sein.« - Eine tiefdunkle Röte bedeckte Zodick's Gesicht; seine
Brust hob sich mühsam. - »Du gehst mit mir um, wie mit einem aus dem verfluchten
Stamme Esau;« murrte der vor Zorn zitternde Knecht: »hab ich's verdient, dass Du
also mit mir verfährst? Ben David! Ben David! dass es Dich nicht gereue! der
heilige Prophet Elias und seine Engel sind allentalben um uns. Sie haben Deine
Worte gehört! zittre vor ihrer Rache!« - »Zittre Du selbst vor ihnen, Sohn der
Unreinigkeit!« zürnte Ben David: »Ziehe nicht die Heiligen Israels in Deine
Händel, während Du mir allein Rache brütest. Der Prophet hört Deine Worte wie
die meinen; er belauscht Deine Schritte wie die meinen. Er sieht Dich, wann Du
hinausgehst zur Stunde, wo Lilis, die ungeheure Nachtfrau auf dem Trone sitzt,
und ihre Söhne die Teufel aussendet, dass sie die Menschen verblenden. Der
Prophet weiss, was Du zu jener Zeit verrichtest, da Du ferne vom Hause
umherschwärmst auf dem Pfade verbotner Lust, oder verdammlicher Tat. Zittre!
geboten ist's, zur Nachtzeit die Schulen zu besuchen, wo deren Dasein erlaubt
ist; geboten ist's, den Neumond zu feiern mit Dankgebeten; erlaubt ist's, in der
siebenten Nacht unsers Hüttenfestes hinauszugehen in den Mondschein, um den
Schatten zu befragen nach der Dauer unsers Lebens; - aber verboten ist's, aus
sündlichem Gewerbe herumzustreifen zur Zeit des Schlummers. Dieses tust Du aber
unzähligemale, dieses hat mir Dein übles Trachten verraten, dieses verweist
Dich aus meinem Hause; der Friede des Herrn komme auf Dich, und sein Segen. Geh'
hin, und meide uns.« - Zodick lachte höhnisch dem Scheidenden nach, und ballte
in steigendem Ingrimm die kecke Faust. »Du sollst es noch teuer bezahlen, was
Du mir getan, elender Lügner!« sprach er halblaut vor sich hin mit
leidenschaftlicher Geberde: »Was Du Böses an dem verdammten Gojim geübt, das
vergelte Dir der hochgelobte Gott mit tausendfältiger Pein, statt mit Wonne, wie
unsre Cohenim es lehren. Er verschliesse den Schoss Deiner Tochter, dass sie Dein
Blut aussterben lasse in Israel, und verstossen von ihrem Manne dahinwelke in
Schmach und Verachtung! Er schlage Dich mit Jammer wie den aussätzigen Hiob,
verwandle Dein Gold in Staub, Dein Haus in Kohle, Deinen Namen in den der
krummen Schlange! Gras wachse vor Deiner Türe, Hunger sitze an Deinem Tische
und Dein Haar werde weiss im Elend! Sammael lähme Dein Gebein, der Teufel
Schafriri Dein Auge, und Deine Zunge bettle das Brod vor den Türen Amaleks!
Lebe, lebe, lebe unendliche Jahre der Not und Trübsal, bis der Herr, unser
Gott, mit seinem Zorn angetan, Dich hinwegreisst zum ewigen Feuer der Gehenna!
Amen.«
    Unzähligemale wiederholte der Elende den abscheulichen Fluch, während er
seine Habseligkeiten zusammenräumte, um sie wegzuschaffen. Diesen Fluch auf der
Zunge schüttelte er vor Ben David's Türe den Staub von seinen Schuhen, und
wanderte zum Dorfe Oberrad, wo er bei einem daselbst geduldeten
Glaubensverwandten für den Augenblick seine Wohnung nahm. In Ben David's Hause
war seit des zweideutigen Knechts Abzug eine feierliche Stille und Ruhe
eingetreten, nur dann und wann von Jochai's bedenklichem Kopfschütteln gestört,
der es unverholen missbilligte, dass sein Sohn sein Versprechen zurückgezogen und
auf einen blossen Verdacht hin, den Ester bestimmten Bräutigam aus dem Hause
verwiesen. Er äusserte mit Nachdruck die Vermutung, die Wormser Judenheit werde
gedachtes Verfahren nicht gut aufnehmen, Ben David wohl in Bann tun; der
Letztere blieb indessen unerschüttert. »Wäre ich doch des Paradieses so gewiss,«
sprach er, »als Zodick das Gesetz mit Füssen trat. Der sucht die Nacht, der die
Sonne scheut und das Ruchtbarwerden seiner Tat. Was die Schule zu Worms
betrifft, so bin ich hier, wo keine blüht, der König meines Hauses, und schalte
mit meinem Kinde, wie ich will. Lasst uns den Herrn preisen, der uns aus der
Gemeinschaft des Gottlosen brachte, und fröhlich leben in Eintracht.«
    Ben David's, Ruhe erlitt dennoch eine ungemeine Störung, da er in Kurzem
gewahr wurde, dass Zodick den Platz zu Frankfurt nicht verlassen hatte, wie er im
Anfang geglaubt. Häufig begegnete er dem tückisch lächelnden Rotkopfe auf
seinen Handels- und Mäklergängen. Bald war es ihm auch kein Geheimnis mehr, dass
derselbe auf die Verkürzung seines Erwerbs ausgehe. Überall kam Ben David, der
fleissigste unter den Juden, zu spät; allentalben sah er seinen Eifer schlecht
belohnt, und allentalben stack Zodick unter der Decke. Näherte sich Ben David
den Tischen, und Hütten auf dem Berge bei St. Niklas, wo die Compsoren
(Wechsler) sassen, und bot seine Unterhändlerdienste an, so war Zodick schon da
gewesen und hatte unter den leichtesten Bedingungen alle Aufträge an sich
gerissen; trat er in Palmstörfer's Wechselstube zum Weidenbaum, so ging Zodick
gerade heraus, Rechentafel und Beutel unter'm Arm, und der alte Wechsler und
Altbürger Humbrecht sagte ohne Hehl zu Ben David: »Du hast da einen gar guten
Spürhund gezogen, Jude. Er läuft wie ein Teufel, schnobert alles aus, und nimmt
geringre Zinsen, denn Du. Darum magst Du jetzt feiern, und Dich pflegen. Zodick
dient uns besser und luftiger als Du, alter Knabe.« - War auf dem Gewandhause
eine Versteigerung, und Ben David dachte dabei sein Heil zu versuchen ...
umsonst, Zodick war dabei, kaufte am teuersten, schlug im geringsten Preisse
los. Wurde an einem Orte ein Schmuck von edeln Steinen verlangt, und Ben David
hatte bei allen Goldschmiden und Juwelenhändlern mit Mühe und Not die
Kleinodien zusammengebracht, so war doch alles vergebens; Zodick hatte Wind
davon gehabt und weit schönere Steine herbeigeschaft. Was die Darlehen - den
Haupterwerbszweig der Juden - anbelangte, war Ben David nicht glücklicher.
Zodick drängte sich überall auf, und Geld - zu dem er nach seines ehmaligen
Herrn Einsichten, unmöglich auf richtigem Wege gelangt sein konnte, - stand ihm
in Hülle und Fülle zu Gebot. Der ausschweifende Sohn des Oberstrichters, der
leichtsinnige Neffe des Schulteissen zogen gegen niedere Zinsen die Mittel zu
ihrer Verschwendung aus Zodick's Beutel. Sogar dem gefangnen Raubritter von
Hyrzenhorn streckte der rotköpfige Störefried die zweihundert Gulden vor,
welche der Verhaftete um nur loszukommen, der Stadt sammt seinem Haus zu
Wettershausen als Lösegeld stellte. Mit einem Worte: Zodick's Bemühungen, auf
den Verderb seines Lehrherrn losgehend, erreichten vollkommen ihren Zweck. Die
grössern Geschäfte, wie sie nur etwa den Frankfurter Juden erlaubt waren, riss er
zu Ben David's und seiner übrigen Glaubensgenossen Nachteil an sich, und
erschlich sich behende das Vertrauen der Bürger, das sich dem Neuen und
Wohlfeilern gern zuwendet. Ben David wurde von Tage zu Tage missmutiger, und
konnte endlich nicht umhin, dem Judenarzte Joseph, einem stolzen aber nicht
unverständigen Manne, der ihn einst auf der Strasse seiner verdrossenen Miene
halber zur Rede stellte, seinen Gram mitzuteilen. »Ei, ei, Ben David!«
erwiederte ihm Joseph mit vornehmem Kopfwiegen: »Die Klugheit, die gerade vom
Herrn stammt, hat Euch verlassen, und der List des Leviatan's, der eine
schlechte Schlange ist, das Feld geräumt. Lasse nie einen Andern gucken zu tief
in deinen Becher! lautet ein alter Spruch. Lehre Deinem Schüler nie Deine besten
Künste, auf dass nicht seine junge Wissenschaft Deine bejahrte verderbe, lautet
ein andrer. - Da nun aber der Fehler begangen ist, so halte ich dafür, da Euch
der Quell des Lebens Reichtum bescheert hat, es sei am Besten, damit auf anderm
Boden Euer Heil zu versuchen, bis der, der Euch verderben will, in seinen eignen
Schlingen verdarb.« - »Wie meint Ihr das, Rabbi?« fragte Ben David aufmerksam,
und Joseph erwiederte wichtig und den Mund voll nehmend: »Tut doch, was ich
Euch schon vor längerer Zeit geraten. Macht Euch auf gen Costnitz, mit Gelde
versehen. Ich weiss aus sichrer Hand, dass der Herzog von Östreich bedeutende
Summen sucht, die er hoch verzinsen will, wenn sie unter dem Siegel des
Schweigens verabfolgt werden. Bei mehreren altbürgerlichen Geschlechtern dahier
ist von ihm Anfrage gehalten worden, allein die haben ihr Baares bereits an den
Kaiser und den Kurfürsten von Mainz und Pfalz geliehen. Da wäre ein ansehnlicher
Gewinn zu hoffen, und - kehrt ihr zurück, - ist vielleicht schon des undankbaren
Dieners Freudenleben zu Ende. Wer so rasch beginnt, endet sicher rasch. Beim
Flüchtigwerden oder Falschmünzen hört's gewöhnlich auf.« - Ben David dankte dem
Ratgeber von Herzen, und begab sich mit bessrer Zuversicht nach Hause, denn es
hatte an seinem Leben genagt, dass sein Erwerb zu stocken und in die Hände eines
Andern überzugehen drohte. Erheiterten Sinns erklärte er seiner Ester, dass sie
zur Reise gen Costnitz sich bereit halten möchte, und fröhlicher denn er die
Kunde gab, nahm sie das Mädchen auf. Nachbars Ephraim, ein junger Bursche, der
an Zodick's Stelle in Ben David's Hause getreten war, wurde angewiesen, dem
Greise Jochai freundlich und gefällig in Allem zu Diensten zu sein, und nachdem
die Familie noch in häuslicher Eintracht den Freudentag gefeiert hatte, der in
den Mond Schebat fällt, fuhren Vater und Tochter, von den Segenssprüchen des
Altvaters begleitet, von dannen, im Gefolge eines ansehnlichen Krämerzugs, der
nach dem Bodensee trachtete. Geraten war es, einem bewaffneten Geleit sich
anzuschliessen, da vor wenig Tagen erst die Junker Bernhard und Wernher von
Keseberg, wegen eines Unbilds, das sie in einem Pferdehandel von dem jüdischen
Rosstäuscher Gombracht zu Steinheim erlitten zu haben vorgaben, »der ganzen
Judenschaft und ihren Hohmeistern, wo sie auch seien,« Fehde geboten und durch
ein nach Frankfurt gesendetes untersiegeltes Schreiben erklärt hatten. Das
gedrohte Unheil berührte sonach weder Ben David noch die schöne Ester, die
ungehindert ihres Weges zogen, sondern denjenigen, der in seiner Frechheit es am
allerwenigsten vermutet hatte. Zodick nämlich, der wohl von dem am Römer
aufgehängten seltsamen Fehdebriefe gehört hatte, sich jedoch auf seine Faust und
sein Messer verliess, das er als Verteidigungswaffe versteckt bei sich trug,
weil die Gesetze jedem Juden untersagten, öffentlich ein Gewehr anzuhängen,
schlenderte eines Abends bei einbrechender Dämmerung missmutig von Frankfurt
nach Oberrad. Er hatte erfahren, dass Ben David die Stadt auf unbestimmte Zeit
verlassen, und es quälte seine Seele, denjenigen nicht mehr täglich zu sehen,
dessen Eigen- und Geldliebe seine Tücke einen so entscheidenden Stoss beigebracht
hatte. So sehr es ihn freute, seinen Zweck zum Teil erfüllt zu sehen, wie es
die schnelle Entfernung Ben David's zur Genüge zu beweisen schien, so war ihm
dieser Erfolg keineswegs genug. Den Wohlstand seines ehemaligen Herrn bis auf
die Wurzel auszurotten, den Dolch des bittersten Leidens bis an's Heft in seine
Brust zu stossen, war seine Absicht, das Ziel seiner glühenden Rache. Doch, wie
er so eben in dem Rüstause seiner boshaften Gedanken wühlte, den Pfeil zu
finden, den vergifteten, fernhintreffenden, - fähig, des Gegners Leben zu
verletzen, verkröche dieser sich auch hinter den ewigen Eisbergen im Süden -
ereilte den Grübler selbst ein feindlich Schicksal. Er war so eben an der
deutschen Herren Mühle vorbeigeschritten, als aus dem beschneiten Graben der die
Heerstrasse von Feldacker trennte, dunkle Gestalten auftaumelten, und ihn
umringten. Zodick's Hand fuhr nach der Waffe, allein, schon hatte eine Schlinge,
um seinen Hals geworfen, ihn zu Boden gerissen, ein Pechpflaster klebte auf
seinem Munde; im Nu war er entwaffnet, gebunden, und querfeldein geschleppt an
die Ufer des Mains, von dannen auf wenig betretnen Fährten gen Offenbach. Es war
finstre Nacht, als der Flecken erreicht wurde, und die Strassendiebe zerrten ihre
Beute in eine abgelegne Hütte, wo einige Männer in ritterlicher Kleidung bei dem
elenden Schimmer einer Öllampe Buschkleppertafel hielten, aus der Faust. Die
Gebrüder Keseberg und der tolle Veit von Hornberg waren die saubern Herren, die
den Gefangnen mit dem Gejohle wilder Freude empfingen. - »Sieh da! sieh da!«
lachte Wernher: »Ein dicker roter Gimpel zur Fastnachtszeit! Wackre
Vogelsteller, die solches Wild aus dem Schnee zu graben verstehen! Guten Abend,
Judas! Wir haben nicht umsonst Rechnung auf Dich gemacht. Hast Du viel Geld bei
Dir?« - Zodick schüttelte heftig mit dem Kopfe. Einer der Wegelagerer
versicherte indessen seinem gestrengen Herrn, man habe den Juden zwar noch nicht
durchsucht; er trage jedoch eine erkleckliche Geldkatze um den Leib. - »Gut!«
erwiederte Bernhard: »Nehmt ihm die Last ab. Das ist jedoch das Geringste. Wir
wissen genau, dass er die Verschreibung unsers Vetters von Hyrzenhorn bei sich
trägt. Um diese ist's uns zu tun. Hyrzenhorn ist genug zu bedauern, dass er den
Frankfurtern sich verschreiben musste; er gedenkt aber nicht länger der Schuldner
eines schmutzigen Juden zu sein. Nehmt ihm den Wisch ab, so haben wir unsern
Auftrag redlich erfüllt.«
    Zodick wehrte sich wie ein Rasender mit Händen und Füssen, aber seine
unsinnige Wut musste der Kraft des Hornbergers weichen, der, in ähnlichem
Gewerbe geübt, ihn mit Blitzesschnelle durchsucht, Alles gefunden, und ihm
entrissen hatte. - »Verdammter Fetzen!« schrie der Junker bei der letzten
Maulschelle, die er dem Geplünderten gab: »Ich will Dir lehren, wie man sich in
Kriegs- und Fehdesitte fügt.« - Er griff nun nach der dickknotigen rindsledernen
Sattelpeitsche, und wollte ein fürchterlich Gericht über Zodick ergehen lassen,
als Bernhard sich mitleidig darein mischte. »Lass doch den armen Sünder in Ruhe!«
sprach er vermittelnd: »Wir wehren uns auch mit Zähnen und Klaue, wenn man uns
an's Leben will. Bedenke doch, dass man einem Juden mehr als das Leben raubt, in
seinem Gelde.« - »Mein Bruder hat Recht,« setzte Wernher bei: »Auch hat mir der
Leuenberger empfohlen, säuberlich mit dem Unkraut zu verfahren. Er hat schon oft
unsers Gleichen gute Dienste geleistet durch seine feine Nase. Friede sei darum
mit ihm. Nehmt ihm das Pflaster vom Maule. Weiber und Ebräer müssen plaudern,
sonst wachsen ihnen die Zähne zusammen.« - So; setze Dich jetzt zu uns; Du
sollst mit essen, Dich erholen von der ausgestandnen Angst. Hier ist Brod, Käse,
Wurst. Lange zu! - Zodick fuhr mit Abscheu vor dem Dargebotnen zurück. Die
Herren wollten borsten vor Lachen über die hässliche Fratze, die der Misshandelte
zog. - »Iss!« rief der Hornberger, mit dem Jagdmesser nach Zodick's linken Auge
zielend: »iss, räudiger Hund, oder es kostet Dich ein Auge.« - Der Jude, wissend,
dass in solchen Scherzen der fürchterlichste Ernst verborgen lag, nahm ergrimmt
einen Bissen von der verbotnen Speise, und würgte ihn zornbebend hinunter. -
»Auf einen fetten Bissen gehört ein klarer Trunk!« witzelte der Hornberger, und
machte kurz und gut den Vorschlag, den Juden in den Main zu werfen. - »Recht!«
lachte Zodick mit verzweifelnder Galle: »Schmeisst mich doch lieber in den Fluss,
als dass ihr mich zu dergleichen Sünde zwingt. Der Gerechte, der gesäckt wird in
Edom, geht doch ein in Kanaan!« - »Der Teufel verstehe das Kauderwälsch des
Brandkopfs!« brummte Wernher: »Wir gedenken ihm aber nicht zum Martertum zu
verhelfen.« - »Wir haben nur dem Rosstäuscher zu Steinheim den Tod geschworen,«
setzte Bernhard bei: »Dir, Zodick, wollen wir wohl, da Du so ein gewandter
Stehler bist. Im Grunde galt es nur der Verschreibung, die ich hiemit feierlich
an der Lampe verbrenne. Das Geld, das Du zufällig bei Dir trugst, behalten wir
für unser Mühewalten. Speise und Trank sei Dir aber vergönnt. Dein Fehler, wenn
Du nicht zugreifst.«
    »Das Gesetz verbietet mir's;« antwortete Zodick; trotzig vor sich
niedersehend. - »Gelt! unsre Speisen sind nicht koscher, Schuft?« polterte Veit
von Hornberg: »Bist denn Du aber koscher genug, um an unsem Tische zu sitzen?
Nein, sage ich, und Du fährst durch meine Klinge zum Teufel, wenn Du nicht diese
Beleidigung unsers Wappens auf der Stelle gut machst.« - Zodick schaute hoch
auf, der neuen Laune des Junkers gewärtig, und des Letztern Spiessgesellen riefen
lachend: »Hoho! Schwager! was fällt Dir ein? was kann der Schurke da gut machen?
Welche Grille kömmt Dir an?« - »Keine Grille!« versetzte Hornberg, in dessen
Kopfe sich der Wein breit machte: »Aber ich schwörs Euch zu bei meiner Seelen
Seligkeit und meines Leibes Urständ, dass ich den vermaledeiten Fuchsbart über
den Haufen steche, bevor der Morgen graut, wenn er sich nicht in dieser Nacht
noch taufen lässt.«
    Ein lautes Gewieher war die Antwort auf den überraschend seltsamen
Vorschlag, der jedoch im nächsten Augenblick schon den zu allem Abenteuerlichen
sattsam aufgelegten Herren völlig zusagte, und mit Begierde von ihnen
aufgenommen wurde.
    »Vortrefflich!« rief Bernhard. »Herrlich!« rief Wernher: »der Jude muss sich
taufen lassen, und wir wollen des Höllenbratens Paten sein.« - »Zodick konnte
vor Wut und ohnmächtigen Ingrimm keine Silbe vorbringen, aber sein giftiges
Ausspucken und Kopfschütteln redete an seiner Statt.« - »Wage es, Nein zu
sagen,« schrie Veit, ihm den Stahl an die Kehle setzend: »und Du fährst zur
Hölle. Niederträchtiger Auswurf, dessen Wohltäter wir werden wollen, den wir
mit eignen Händen aus dem ewigen Pfuhl ziehen! mukse nicht, oder es ist Dein
Letztes.«
    Verblassend und verstummend stand Zodick wie niedergedonnert. - »Macht fort,
Bruder,« sprach Veit gemässigter weiter: »bestellt Pfarrherrn und Glöckner; ich
will indessen dem Höllenbrand mit dem Dolche das Paternoster einkitzeln.«
    Die Gebrüder Keherberg eilten schnell von dannen und durchstreiften mit
ihren Knechten, wie Gespenster der Nacht, den Flecken, Strasse auf, Strasse ab,
bis sie in der tiefen Dunkelheit Kirche und Pfarrhaus gefunden. Wohl hörten die
Bewohner Offenbachs die Schritte und rohen Reden der Nachtgäste, sahen sie wohl
mitunter durch die Ritzen der Läden, wie sie Waffenrauschend durch die Gassen
lärmten, aber in den damaligen Zeiten des Unfriedens und der Selbsthilfe wagte
sich Keiner aus dem Hause, sondern erwartete in ängstlicher Stille, ob der
Besuch nur eine vorüberziehende Wetterwolke sei, oder wie der Blitz ihre
Hüttendächer entzünden werde. Die Wächter des Schlosses fanden ebenfalls keinen
Beruf, sich in das Tun der Fremden zu mischen, hielten sich zur Verteidigung
gefasst, und blieben ruhig. So gelangten die Junkherren ohne Anstand zum
vorgesteckten Ziele. Mit lautem Klopfen wurde der Leutpriester aus dem Schlummer
geweckt, an's Fenster beschieden. Der von Natur Furchtsame erbebte, da er
Bewaffnete vor seinem Hause sah, und fragte demütig nach ihrem Begehren. -
»Heraus, Pfaffe!« rief ihm Wernher zu: »Lege den Chorrock an, und die Stola.
Versieh Dich mit Kerze, Öl, Salz und Honig und komm zur Kirche. Ein Ketzer will
sich taufen lassen, und schnell, damit der böse Geist ihn nicht abwendig mache
von seinem löblichen Vorsatze.« - »Ein Ketzer?« fragte der erschrockne
Geistliche: »Taufen, in später Nacht, ... wer bürgt mir..?« - »Schweig!«
erwiederte ihm Bernhard: »Wir bürgen, drei Edelleute, des Ketzers Taufzeugen.
Steig herab ohne Säumen; bescheide den Glöckner, dass er Dir diene; aber wofern
der Bube Lärm macht, oder den Glockenstrang zu ziehen gedenkt, so ist sein
letztes Stündlein da und das Deine. Wir sind zum Trutz gerüstet, und unsere
Knechte umlagern schon das Kirchlein.« -
    Der Pfarrherr, der an Sprache und Keckheit wohl merkte, mit welchen Gesellen
er zu tun bekam, und durch das traurige Beispiel mehrerer Amtsbrüder, die so zu
sagen am Altare ihren Tod durch Mörderhand gefunden hatten, gewitzigt worden
war, säumte nicht, dem gebieterischen Begehren Folge zu leisten. Das Frösteln
der Angst in allen Gliedern warf er sich in die kirchlichen Gewänder, beschickte
den Messner, und da er in Begleitung des Letztern, eines altergrauen Männleins,
das vor Schreck sich kaum auf den Füssen zu halten vermochte, an die Pforte der
Kapelle kam, langte so eben der Hornberger daselbst an, dessen Knechte den
Täufling an der Leine führten, wie einen Rüden. Das Kirchlein wurde geöffnet,
Wache davor gestellt; ein Bewaffneter hütete den Eingang zum Glockentürmlein,
und die edeln Herren forderten nun den Priester auf, beim Schein einer einzigen
Kerze das heilige Amt an dem stummen, todtbleichen Zodick zu verrichten, den der
wilde Bekehrungseifer und die Drohungen des Hornbergers dazu gebracht hatten,
sich Alles gefallen zu lassen, was man mit ihm vornehmen würde. - Der Pfarrherr,
der verständig genug war, einzusehen, dass hier die Würde der Kirche und alles
Recht mit Füssen getreten werde sollte, machte nachdrückliche Einsprüche in das
Verfahren der drei Ketzerbekehrer, forderte sie auf, den armen Menschen, der wie
das Espenlaub zittre, und keinen armen Laut von sich zu geben vermöge, ruhig
ziehen zu lassen, ihn nicht zu einer Handlung zu zwingen, die er nicht begreife,
die er verabscheue, deren er nicht würdig sei.
    Die drei Gebietenden zogen aber bedeutend und drohend die Schwerter,
stellten sich in den Taufstein, und streckten die Schwörfinger in die Höhe. Wir
haben es gelobt bei den Wunden des Herrn, diesen verstockten Sünder zu heiligen,
wider seinen Willen, sprachen sie. Geht seine Seele verloren durch Dein Zaudern,
Pfaffe, so stirbst Du dahin ohne Gnade, erstickt von Deinen Sünden. Gib ihm das
ewige Leben, und geniesse ferner das zeitliche. Gib ihm den ewigen Tod und teile
ihn mit ihm! - Der Geistliche zuckte die Achseln, und machte sich bereit zu der
Handlung. »Die Folgen Eures frevelnden Mutwillens kommen über Euch!« sagte er
feierlich und begann die vorgeschriebnen Gebete. Die Waffendrohenden Zeugen
antworteten auf jede Frage für den zur starren Bildsäule gewordenen Zodick, der
alle Gebräuche mit übereinander gebissenen Zähnen über sich ergehen liess. Das
Glaubensbekenntnis legten die verwahrlosten, der Kirche längst entfremdeten
Paten mit Mühe und Stottern für den Täufling ab, - nun aber kam es an die
gefährlichste Stelle der Handlung; an das einfache, aber aus dem Munde des zu
Taufenden selbst zu verlangende Gelübde. Zu Aller Erstaunen sprach der Jude die
vorgesagten Worte keck und fest nach, machte das Zeichen des Christen mit
sicherer Hand, und nickte ungezwungen mit dem Haupte, da er, dem barbarischen
Rituale jener Zeit gemäss, seinen bisherigen Glauben, und die ihm anhingen, durch
den Mund des Geistlichen verfluchen musste. - Diese auffallende Änderung des
Betragens erleichterte das Herz des Pfarrherrn in etwas; die entweihte Handlung
wurde ruhig beschlossen, und dem Neugetauften der Name Friedrich beigelegt. Auf
dem staubigen Tische der Sakristei schrieb der Pfarrherr das Zeugnis des
Ubertritts nieder, händigte es dem Juden ein, befestigte auf seiner Brust, statt
des gelben Ringes, ein Blechschild mit dem Kreuze und dem Buchstaben C, wie
Neubekehrte es zu tragen verbunden waren, und entliess die seltsame
Taufversammlung mit seinem Segen. - Mit rohen Scherzen zogen die Bekehrer davon,
und überhäuften den still rasenden Zodick mit Spottreden und Schmachworten. Vor
dem Flecken umringten sie ihn, trieben noch allerlei Possen mit dem
Unempfindlichen, und gaben ihm nun völlige Freiheit zu gehen, wohin es ihm
belieben würde. - »Geh heim, Söhnlein Friedreich,« - sprach Wernher höhnisch zu
ihm; »wachse im Glauben, und danke es uns fein, dass wir dir zum Himmel
verholfen.«
    »Falle nicht in den alten Baalsdienst zurück;« ermahnte ihn Bernhard, der,
der Gutmütigste von den Dreien, sich in der Tat einbildete, ein dem Himmel
angenehmes Werk verrichtet zu haben: »Das Christentum schenkt zeitliche und
ewige Wohlfahrt. Dem Juden sagte man, den Bekehrten wird Alles lieben, und
allentalben befördern.« - »Merke Dir aber noch das Eine!« schloss der Hornberger
drohend: »Wofern wir vernehmen, dass Du wieder zur Ketzerei Dich wendest, dass Du
dies Schildlein nicht trägst, und nicht bekennst, dass Du freiwillig unsers
Glaubens wurdest, so stirbst Du ohne Barmherzigkeit von meiner Hand. Jetzt aber
bedanke Dich knieend für die von uns empfangne Wohltat, und fahre hin, Deines
Wegs.« - »Zodick musste auf seinen Knieen die Hände seiner drei Paten küssen,
geloben, ihnen in Treue zu dienen, wann und wo sie es begehren würden, und wurde
unter Gelächter und Hohn entlassen.« - Als ob ihm der Kopf brenne, lief er aus
dem Bereich seiner Peiniger hinweg; bald verliessen ihn jedoch die Kräfte, und er
sank nieder in den Schnee, gerüttelt von Gewissensbissen und reggewordner
Verzweiflung. Es gibt Falten im menschlichen Herzen, die der Witz des Gelehrten
nimmer auskundschaften wird. Der blutgierige Bube Zodick hatte geraubt,
gemordet, und sein Gewissen war ruhig geblieben bei der freiwilligen Untat. Es
waren ja nur Christen, die Unterdrücker Israels; dachte er bei sich selbst. Ihre
Habe ist in unsre Hände gegeben, ihr Leben selbst, das nicht edler ist, als das
eines Schweins. Nur, wenn ich Einen aus Israel plündre, begehe ich einen Raub;
nur wenn ich einen Sohn meines Gesetzes würge, begehe ich einen Todtschlag vor
dem Herrn. - Der unfreiwillige Abfiell jedoch von eben diesem Gesetze erfüllte
den verhärteten Bösewicht mit allen Qualen der Reue und des Jammers. Vergebens
stellte er sich vor, was ihn in jener fürchterlichen Kapelle bewogen hatte,
frisch und frei seinen Mund zu dem frevelnden Werke zu leihen: dass nämlich die
Rabbiner lehren, ein gezwungener Eid sei Keiner - ein freiwilliger sogar sei
keiner, sobald man nur geschickt den Worten des Gelübdes einen andern Sinn
beilege in Gedanken, als den Geforderten. - Der Ausweg, den diese letzere
verderbliche Lehre so wohltätig dem Meineid eröffnete, war unzulänglich für den
Abergläubigen, der sich jammernd und verzweifelnd im Schnee wälzte, um von
seinem Haupte den Gräuel einer verabscheuten Religion zu waschen. - »Ich bin
verloren!« seufzte er aus keuchender Brust: »Ein Jude bin ich nicht mehr, ein
Christ kann und mag ich nicht sein. Alle Paradiese sind mir verschlossen, jedes
Glaubens Hölle mir beschieden! Einen falschen Eid könnte ich verantworten, aber
solche Gräueltat nicht. Wollte ich auch vorschützen, ich hätte es nicht
freiwillig getan - was nützt es mir? ... der Mensch steht vor Gott und seine
Werke um ihn her. Der heilige, hochgelobte Gott, der starke eifrige Gott hat
sich gekleidet in Zorn, denn er hat gesehen, wie man mich taufte, ... er hat
gehört, wie ich geschworen .... wehe mir! wehe! Die Schule zu Worms wird mich in
Bann tun; die grausamen Kinder Esau werden wich ermorden, wofern ich wanke. Muss
ich denn verloren sein, warum gehen sie nicht mit mir unter, die gottlosen Söhne
Amaleks? Verruchte Gojim! ihr habt mir meine Seele gestohlen! Ich fluche Euch!
Ich gelobe Euch Rache, vollgeltende Rache!« -
    Dieser Gedanke belebte den Unseligen, von Zweifeln und Mutlosigkeit
Zerrissenen mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel stammt, sondern aus der
Tiefe. Zodick raffte sich zusammen, blickte wild, mit wehenden Haaren zu den
jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder
sandten, das glühende Molochgebilde abzukühlen. - »Der Bund ist zerrissen!«
schrie er gellend hinauf, das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen
Regen: »Sammael! Fürst der Wildnis, Fürst des Todes und Gatte der entsetzlichen
Nachtfrau Lilis, der Gebärerin aller Schreckgespenster und Sünden! Dir ergebe
ich mich! Schütze mich vor dem Zorne unsers Gottes! berge mich vor der Wut
Edom's! Lehre mich das Schwert führen gegen das Gesetz, das nicht mehr mein ist.
Erlaube mir, Rache zu nehmen an Israel, wie an Esau, bis Du einst meinen Geist
dahin nimmst in den Stürmen Deines Grimmes!«
    Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge, irrte der Sünder auf den
Schneefeldern umher, bis der nächste Morgen grau und kalt heraufstieg, und ihn
zur Hütte trieb. Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in
gute, wie in böse Zweifelnde Herzen. Der Wahnsinn der verweinten oder
verlästerten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin, und auch Zodick wurde
ruhiger, gemässigter. Er sah plötzlich ein, wie sehr sein irdischer Vorteil
durch die notgedrungne Glaubensänderung gewinne, und dass es dem jenseits
Verlornen erlaubt sein müsse, hienieden doppelt zu leben in eigner Freude und
fremden Leiden. Er erklärte vogelfrei alle Menschen, wes Glaubens sie auch
seien, und beschloss, nun das Werk seiner Rache an Ben Davids Hause auf's
glänzendste zu vollenden. Trunken vor Freude über die entsetzlichen Bilder, die
in seinem Gehirne aufstiegen, dankte sogar der Verblendete der Vorsehung für die
verwichne Nacht. Sein Aberglaube wähnte von dem Schicksale mit Vorbedacht, die
Freiheit erhalten zu haben, ohne Gewissensangst seinen Durst nach Rache löschen
zu können, und seine Bosheit schritt langsam, aber kühn zur Ausführung.
 
                                Eilftes Kapitel.
 Die Wohltat ist eine stattliche Pflanze;
 ihre seltenste Blüte aber ist: Dankbarkeit.
                                                             Pers. Sittenspruch.
Allgemach war die Zeit eingetreten, in welcher, nach den Berichten alter
Schriftsteller, die Deutschen zu rasen pflegten, vorsätzlich, sich in Gespenster
vermummten, und allen Mutwillen für erlaubt hielten; die Fastnachtzeit nämlich
- das dreitägige Fest, das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrübnis
und des Fastens vorausgeht. Diese fröhliche Zeit, sehnlichst herangewünscht von
allen Ständen, setzte in Costnitz alle Hände in Tätigkeit, alle Sinne in
Arbeit. Der Ernst und die wichtige Förmlichkeit der Kirchenversammlung, deren
Beschlüsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser
Volkslust wenig oder gar keine Schranken entgegen, und der Kaiser Sigismund, ein
gar kurzweiliger, freundlicher Herr, dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold,
vermehrte die allgemeine Ergötzlichkeit durch den eifrigen Anteil, den er daran
nahm. - »Man muss dem Volke seine Spiele nicht nehmen;« sprach er zu den strengen
Sittenrichtern, die ihn gern vermocht hätten, aus Rücksicht für das Concilium
die Fastnachtslust zu beschränken: »Schwerlich würdet Ihr uns wehren wollen, an
unsrer Hofstatt das Fest zu begehen; allein wir mögen in solcher Zeit keine
Freude geniessen, an der nicht Alles, das uns umgibt, Teil nehmen könnte. Die
Herren aus Wälschland und Frankreich mögen sehen, dass unsre deutsche Nation ein
lustig Volk ist, und ein Oberhaupt hat, das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt.
Darum wollen wir befehlen, dass man jetzo jubilire, wie sonst, denn des Herzens
Fröhlichkeit gefällt dem Herrn im Himmel, und darf demnach sich vor seinen
Stattaltern auf Erden nicht scheu verkriechen.« - Des Kaisers Wille geschah
diesmal ohne fernere Widerrede, und der Fastnachtsonntag trat einher in Prunk
und lustigen Glanz gehüllt, wie ein Fürst der Freuden. Alle Geschäfte blieben
liegen, und nach Aussen in das herrliche Frostwetter drängte sich Alles, was
deutsches, nordgewohntes Blut in den Adern trug, und nicht bloss aus den Fenstern
der geheizten Gemächer die Ergötzlichkeit mit ansehen wollte, wie die Wälschen
taten. Dagobert blieb nicht dahinten. Der geistliche Rock wurde in den Schrank
gehängt, das enge Röcklein wieder hervorsucht, und, das Symbolum der Fastnacht,
den grünen Tannenzweig auf dem Hute, suchte der Neffe den Oheim auf, den er, an
Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend, im Sorgenstühle antraf. -
»Sieh da!« rief der Prälat mit schlecht verborgnem Verdrusse: »sieh da, wieder
ein Faschingsgesicht, dem man es ansieht, wie es nur auf die Kirchenglocke
lauert, die das Zeichen geben soll, zu dem gräulichen Tollmannswesen! Gleich wie
die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht, also sieht
man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit stürzen, um sich
auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen! O du verlorner Sohn Absalom! Deine
Mutter hat es noch dereinst am jüngsten Tage zu verantworten, dass sie Dich zur
Kirche bestimmt hat.« -
    »Ihr habt völlig Recht, lieber Ohm,« versetzte Dagobert: »ich bin selbst
dieser Meinung. Lasst uns indessen nicht grollen, nicht hadern an diesen
Freudentagen, Fastnacht kömmt nur einmal im Jahre .. 's tut mir leid, dass Euch
das Zipperlein an die Stube fesselt. Ich hätte Euch so gerne Euere ehemaligen
Landsleute in ihrer Glorie von Fröhlichkeit gezeigt.« - »Ja, eine Glorie ist's,«
antwortete der Prälat: »eine Glorie von Flammen aus dem höllischen Pfuhl gewebt.
O, ihr Deutsche, ihr Deutsche! Wohl dem, der sich lossagen kann von Eurer
Gemeinschaft.« -
    »Spricht lieb Mühmlein desgleichen?« fragte Dagobert die lächelnde Fiorilla.
Diese aber schüttelte schelmisch mit dem Kopf, und erwiederte: »Ich müsste lügen,
Vetter. Gestern erst, da zufällig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers
Hauses Fenstern vorbeiging, lernte ich Eure Landgenossen auf's Neue bewundern.
Welche kräftige Gestalten, welch edler Wuchs, welch stolze Haltung! Stark von
Brust und Schultern, aufgerichtet das Haupt, umwallt von krausem Goldhaar, kann
dieses Volk das schönste genannt werden von allen Reichen der Welt.«
    »Wie das plaudert! wie das schnappert! unedle Sinnenlust!« eiferte der
argwöhnische Prälat aus seinem Sessel. Dagobert küsste aber die Sprecherin auf
die Stirne. -
    »Ich bringe Euch den Dank meines Volks;« sagte er verbindlich: »Ich darf
doch darauf rechnen, Euch zum mindesten in das Festgewühl der belobten
Landsleute führen zu dürfen?« Entschuldigend und versagend zeigte Fiorilla auf
den leidenden Oheim, dem dagegen die Röte des Ärgers auf die Wange, stieg.
»Hebe Dich weg, Versucher!« rief er zornmütig: »Entführe nicht dem Kranken die
Pflegerin. Geh zu Wallraden. Dort ist Dein Platz. Sie magst Du führen, wohin Du
willst.« -
    »Ach, Oheim!« entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrübnis: »Die Fastnacht
zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei. Sie hat bessere Gesellschaft, denn
die Meine.«
    »Hm!« meinte der Prälat, die Nase rümpfend: »Die ist nicht schwer zu finden.
Doch .... ein Wort im Vertrauen.« - Er zog den Neffen bei dem Arme sich näher,
und Fiorilla entfernte sich auf seinen Wink. - »Warum kommst Du gar nicht mehr
zu Wallraden?« fragte Monsignore: »Ich bat Dich doch, Deinen Einfluss für einen
ihrer Freier zu verwenden.« - »Ohm!« antwortete Dagobert: »Ich sagte es Euch:
Mein Einfluss ist aus, und dann bin ich ein schlechter Freiwerber.« - »Du weisst
also gar nicht, wie sich die Sachen gestaltet haben?« fuhr der Prälat fort:
»Wallrade hat mir selbst vertraut, dass unser allergnädigster Herr, der Kaiser
selbst, ein huldvolles Auge auf sie geworfen. Das geschah am verwichnen Sonntag,
bei dem grossen Tanzfeste, das des Kaisers Majestät in ihrer Freigebigkeit
veranstaltet.« -
    »Der gute Herr ist der Minne Freund;« schaltete Dagobert ein: »Was soll aber
daraus folgen?« - »Blödsichtiger!« schalt der Oheim! »Daraus folgt, dass mein,
Dein und Wallraden's Waizen blüht, wenn des Kaisers Neigung begünstigt wird.« -
»Wie so denn?« fragte der Neffe mit grossen Augen. - »Verwünschter deutscher
Querkopf!« fuhr der Prälat fort: »Wallradens zeitliches Glück, eine herrliche
Pfründe für Dich, köstliche Privilegien für mich und mein Stift, eine
Bischofsmütze vielleicht .... begreifst Du nun?« - »Ich würde das Alles
begreifen,« versetzte Dagobert bedächtig, »wenn Wallrade von Sigmund geehlicht
werden könnte. Ihr vergesst aber, guter Ohm, dass meine Schwester nur eines
Altbürgers Tochter, - dass der Kaiser bereits vermählt. Wie räumt sich also, was
Ihr sagt?«
    Der Prälat spielte ungeduldig mit dem Kreuze auf seiner Brust. »So alt
schon,« sprach er, »und noch nicht klüger? Ein Weltkind, und unbefangener als
ein Klosterbruder, der nie aus der Zelle kam? Wie räumt sich denn das? Siehst Du
denn nicht ein, dass eines Kaisers, eines verliebten Kaisers Leidenschaft sich
nicht an Ring und Priestersegen bindet? dass es unendlich vorteilhafter ist, auf
kurze Zeit seine Freundin, als auf ewig seine Gattin zu sein? Sigismund hat ein
weiches, gottesfürchtiges Herz; er liebt es, Alles um sich her zufrieden zu
sehen, und beginnt unstreitig bei den Blutsfreunden seiner Huldin, wenn sie
vorsichtig einwilligen, ihren Bruder- und Oheimsnamen als Schild zu Schutz und
Trutz vor die verschwiegne Minne halten, und durch solche Wache den Kaiser
beglücken, bis dieser die Geliebte - der Sache ein Ende zu machen - einem
reichen Magnaten als Gattin schenkt. Nun bin ich Dir doch klar genug gewesen,
einfältiger junger Mensch?« -
    »Weiss es Gott;« versetzte Dagobert, sich langsam von dem Oheim losmachend:
»Klarer ist das ABC nicht, aber ich bin ein ungelehriger, fauler Schüler, der es
mit Vorsatz in derlei Dingen nicht einmal bis zu den Buchstaben bringen will;
ein Trotzkopf von Bruder, der einer Wallrade nicht einmal dann etwas verdanken
möchte, wenn es mit Ehren geschehen könnte, geschweige hier, wo es sich um eine
Sünde handelt, die bei uns zu Frankfurt, - an Bürgersleuten wenigstens - mit
Rutenstreichen, mit Schande und Tod bestraft wird. Wallrade tue, was sie vor
Gott - tut Ihr, was Ihr vor eurem Gewissen verantworten mögt; ... mich lasst aus
dem Spiele. Ich bin zu deutsch, zu dumm, wenn Ihr wollt, um Eure Würfel zu
führen. Gute Besserung, Oheim!« -
    »Was habt Ihr denn, Dagobert?« fragte Fiorilla stutzend, da er mit
flammenden Gesichte aus der Stube trat: »Diese Röte auf Eurem Gesichte« ....
»Ich schäme mich, Base;« antwortete der Jüngling: »Der Ohm war so gütig, mich
mit seinen Sittenlehren bekannt zu machen, und ich stehe weiter hinter ihm, als
ich gedacht. Ich eile, mich zu zerstreuen.« - »Glücklicher!« seufzte Fiorilla:
»ich muss das Haus hüten, und sehe nichts von all den Herrlichkeiten, die sich
draussen vorbereiten.« - »Ihr sollt wenigstens durch meinen Mund erfahren, was
sich Alles begab;« erwiederte Dagobert: »so Ihr mir erlaubt, in der zehnten
Stunde ungefähr unter Euer Fenster zu kommen, und ein Viertelstündchen mit Euch
zu kosen; denn des Ohms Haus betrete ich vor der Hand nicht mehr.« - »Nicht?«
rief Fiorilla erschrocken: »Was ist geschehen?« - »Fiorilla!« liess sich der
Prälat im Gemache vernehmen. - »Ihr sollt Alles wissen,« flüsterte Dagobert. »Um
die zehnte Stunde?« - Fiorilla nickte mit dem Haupte, und verschwand.
    Euern Auftrag habe ich erfüllt, so gut es in meinen Kräften stand, sprach
Gerhard von Hülshofen zu Dagobert, als sie in der Herberge zusammengekommen
waren. Die schönsten Mummenkleider, die der eisgraue Schneider Welsner hatte,
stehen Euch zu Diensten, und Ihr habt unter Dreien die Wahl bis zur
Mittagsstunde. Schaut, da bringt mein Vollbrecht just den Bündel in's Haus. Auf
Eurer Kammer wollen wir dessen Inhalt belugen. -
    Gerhard, um seinen Geschmack in's beste Licht zu setzen, pries nun, eine
Larvenkleidung nach der andern auseinander breitend vor den Blicken des Wählers,
die Vorzüge einer Jeden mit behaglicher Lust. - »Seht einmal diesen wilden
Mann!« sprach er wohlgefällig lächelnd: »Neu, wie er von der Nadel kömmt. Schöne
gelbe Leinwand, zierliche Schnürlöcher und feine venedische Seidenschnur! Müsste
Eurer schönen Gestalt stehen, wie angegossen. Das Visir dazu ist sorgfältig
gemacht und aufgeputzt mit den übermässigen Augenbraunen, Bart und Haarhaube von
schwarzgefärbten Werg. Der Blätterkranz und Laubgürtel, die Keule und die
ungeschlachten Geisschuhe - Alles liegt dabei, und kann nicht schöner sein. In
dieser Mummerei werdet ihr allentalben ein willkommner Faschingsgast sein, und
müsst Euch nur von Fackeln entfernt halten, denn das am Kleide verschwendete Werg
und Harz versteht keinen Scherz, und man hat Beispiele, dass Leute jämmerlich
verbrannt sind in solcher grässlich schönen Haut.« - Betrachtet ferner diesen
Schalksnarren, und sagt mir, ob auch ein schönerer Pickelhäring noch
vorgekommen? Bljetzt nicht auf Wams, Kappe und Unterkleid Grün, Rot, Gelb und
Blau durcheinander, als hätte unser Herrgott seinen Regenbogen Stückweise darauf
geklebt? Wie gefällt Euch der prahlende Hahnenlamm an der Gugelmütze? Was sagt
Ihr zu den stattlichen Eselsohren, die an derselben emporragen? Zu den
zierlichen Glocken, an Ohren, Kamm, Gürtel, Schienbein, Ellbogen, Knie, ja sogar
an den hochgekrümmten Schuhspitzen? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze, die
dazu gehört, mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart? Seht,
Halskragen, Kolbe, und Rute sind nicht vergessen! - Beide Anzüge jedoch
verdunkelt der, der uns noch zu besehen bleibt. Der wilde Jäger, den ich jetzt
vor Eure Augen lege, ist das Schönste, das aus Welsner's Werkstatt hervorging;
so niedlich und zierlich, als ob es ein Materinger von Nürnberg1 zum
Meisterstück bestimmt hätte. Grün, wie der lustige Wald das Gewand; golden wie
funkelnder Sonnenschein die Verbrämung, rot wie das Nordlicht der flatternde
Mantel. Wie die Mähne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem
Spitzhute, an dem die Hahnenfeder des Jägers Wachsamkeit bezeichnet. Das
Jagdmesser blinkt von hellem Beschläge und Elfenbein, der kurze Spiess scheint
seine Schärfe in's Mondlicht getaucht zu haben ......
    »Genug, genug, guter Freund,« unterbrach ihn, vor Lachen beinahe erstickend,
Dagobert. »Du bist begeistert von dem Jägerskleide, so dass mir bedünkt, als
hättest Du selbst nicht übel Lust, es zum Bestellerlohn für dich zu fordern.«
    »Wo denkt ihr hin, Junkherr?« fragte Gerhard, mit begehrlichen Augen das
Gewand musternd: »Meiner Treu, .... hätte ich auch die Lust, so hätte ich doch
nicht die volle Tasche, die zu solchem Spass gehört. 'S ist ein erbärmlich Leben
hier. Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt, ein Ringelrennen,
auf dem ich wohl den Preis errang; aber - wie bald war die geringe Gabe in den
Wind gegangen. Meine Hoffnung ist der Frühling, in dem das lustige Ritterspiel
wieder beginnt in voller Pracht. Bis dahin muss ich mich dünken und vergnügt sein
mit der Atzung, die mir meine Herren von Frankfurt hier im Engel verabreichen.«
    »Armer Schelm!« versetzte Dagobert: »Solche Entsagung fällt Dir schwer. Eine
Fastnacht sollte vorübergehen, ohne dass Du darauf der vornehmste Narr gewesen?
Nimmermehr. Es bleibt dabei, Du nimmst den wilden Jäger, den ich bezahle, und
dessen Seckel ich versehen will, damit seine Kehle nicht trocken bleibe, und ich
... je nun, ich stecke mich in den Pickelhäring; denn zu dem, was ich vorhabe,
brauche ich eine Larve, die nicht die Einzige ihres Schlags im Gewühle sei, und
einen Begleiter, herzhaft wie der wilde Jäger, unter dessen Mantel wohl neben
dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat.«
    »Hoho! was spracht Ihr da?« rief Gerhard vergnügt, und umarmte in seines
Herzens Freude den jungen Gönner: »Larvenspuck, Silber in der Tasche, Weinlust
und zum Beschluss eine Rauferei? Ihr macht überselig!« - »Und verlange nichts
dafür, als Verschwiegenheit;« erwiederte Dagobert: »Verschwiegenheit und
Aufsparung Deiner Freude bis zum Faschingdienstag. Schlendre bis dahin umher, in
welcher Maske Dir's gefällt; den Jäger hebe aber auf, sonst erfährt man vor der
Zeit aus Deinem sprachseligen Munde, dass Du dahinter steckst.«
    »Ich bin ja kein altes Spittelweib,« lachte Gerhard zuversichtlich:
»indessen: Euer Wille geschehe. Mein Freund, der Mundkoch aus dem Bischofshofe
hat mir den langen Christoph versprochen, um mich darein zu vermummen, und ich
will mir's gefallen lassen, bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen. Was
ist's aber eigentlich, das ihr vorhabt, liebes Fröschlein?«
    »Hätte ich Lust, Dir's mitzuteilen,« versetzte Dagobert: »so wüsstest Du's
bereits. Verstanden?«
    Gerhard zuckte mit Zweifelhaftem Gesichte die Achseln, wollte reden, schlug
sich aber auf den Mund, und empfahl sich durch einen stummen Bückling dem jungen
Manne zu fernerm Wohlwollen. - »Geh hin, altes Sieb,« sprach Dagobert, ihm auf
die Schultern klopfend: »Deiner Faust und Deinem guten Willen vertraue ich gern;
keineswegs aber Deiner plauderhaften Zunge, die im Trunk und Aberwitz Dein eigen
Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im Stande wäre.«
    »Nachdem der Dicke hinweggegangen, um sich in den grossen Christoph zu
verwandeln, setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch, stützte den Kopf in
die Hand, und überlegte, was zentnerschwer auf seinem Herzen lastete.« Sein
tiefes Nachsinnen löste sich endlich in ein unzusammenhängendes Selbstgespräch
auf. »Wird es gelingen?« fragte er sich leise und scheu, als ob er die
zuhorchenden Mauern zu fürchten hätte: »Lieber Gott! wird es denn erfüllt
werden, was von drei redlichen Männern beschlossen wurde? .... Wenn es Tugend
ist, das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien, dann muss ja
auch der Segen von oben uns beschirmen. - Wehe unsrer Zeit, dass wir im
Verborgnen schleichen müssen, das Gute zu tun. - Darf ich aber auch ganz ruhig
sein? Sündige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand, den ich erwählen muss?
Nicht gegen meines fürstlichen Freundes, des Herzogs, Ansichten und Glauben? O
nein, gewiss nicht! mein Herz ist ruhig, und Friedrich würde an meinem Platze
dasselbe tun. Fort, zu ihm, um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit
zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke, eines Mannes, eines deutschen vor
Allen würdig!«
    Da er in des Herzogs Hof eintrat, schallte ihm das frohe Getümmel der
zahlreichen Dienstleute entgegen, an welche die Freigebigkeit des Fürsten so
eben zum Eintritt der Fastnacht einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet
hatte. In Küche, Vorplatz und den untern Gemächern des Hauses lagen und sassen
die Zechenden umher, und liessen sich den Seewein munden, der in Strömen aus den
aufgepflanzten Fässern floss. Treppen und Vorgemächer des Oberstocks waren leer
von Dienern. Dagobert, ein gewöhnter Gast, schritt keck auf des Herzogs Zimmer
zu, da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen, den einzigen
hier atmenden. Der erste Blick auf den Wartenden liess den Juden nicht
verkennen, so wie dessen langer schwarzseidner Rock mit gelbem Futter und
Aufschlag den Reichen ankündigte. Der Jude, ein zerfetztes, bleiches Gesicht,
näherte sich demütig dem stutzenden Jüngling. »Guter, junger Herr,« sprach er:
»seit länger denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade, vor den glorreichen
Herzog gelassen zu werden. Die Diener sind nicht zu meinen Diensten, obgleich
ich wurde hieher beschieden, und ich bin nicht genug frech, um zu dringen ohne
Ansage in das Gemach des vornehmen Fürsten von Tyrol. Eurer Huld, edelgesinnter
Herr Ritter, empfehle ich mich; man gelangt ja durch Fürsprache in den Himmel,
warum nicht durch ein gutes Wort vor einen Fürsten. Ihr seid einer von dessen
Vertrauten; das sagt Euer Gang und Eure Unbefangenheit; macht mich durch Eure
Gnade zu Eurem Schuldner.« -
    »Überflüssiges Geschmeichel!« brummte Dagobert: »Du willst, ich soll dem
Herzog Deine Anwesenheit melden. Wie nenn' ich Dich?«
    »Vor den Gewaltigen haben wir keinen Namen als den des Knechts;« antwortete
der Jude! »Sagt nur, ich sei der Wechsler, der gestern beschieden wurde.«
    Dagobert zuckte die Achseln, und ging zum Herzoge hinein. Der Harrende
zählte indessen zum zehntenmale die Steine, mit welchen der Boden des Gemachs
geplattet war. Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus. »Geh hinein, Jude!«
sprach er kurz, und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zögernden in die
Türe, die er, draussen verbleibend, hinter ihm schloss. - Der Herzog sass am obern
Ende des Gemachs auf einem Polstersessel, schien gerade von einem kleinen
Schlummer erwacht zu sein, und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren. Die
Bücklinge, mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte, machten
einen missfälligen Eindruck auf den Fürsten. - »Lass die Possen!« sprach er hart:
»Ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen, nicht eines Hundes. So sehr ich Dir
Dank weiss, dass Du mich nicht in meinem Vesperschlafe gestört hast, so wenig
billige ich solche Kriecherei.« - Er winkte ihm näher zu kommen, in einer
Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben. - »Du nennst Dich Ben
David?« begann er nun: »Der geehrte Altbürger zur Hofstatt hat Dich mir sehr
empfohlen in dem Schreiben, das Du mir gestern überreichen liessest. Wir wollen
sehen, ob Du das Vertrauen verdienst, das ich Dir gerne schenken möchte.«
    »Es kömmt ja nur an auf die Probe;« erwiederte Ben David ehrfurchtsvoll:
»unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger, den
Erlauchten, Weitgepriesenen.«
    »Schweig!« herrschte ihm der Fürst zu: »Ich hasse die Speichelleckerei zu
der Deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben. Gerade und offen in's Gesicht;
hinterm Rücken kein Haarbreit anders; so sei der Untertan gegen seinen Herrn,
der Geringe gegen den Hohen. Ich wette, diese schmutzige Glattzüngigkeit ist Dir
nicht einmal Ernst, denn Dein abscheulich Antlitz wird noch hässlicher durch das
erheuchelte Grinsen.«
    Ben David zuckte schweigend die Achseln, und verbeugte sich. Der Herzog
blickte ihn scharf an, und schlug alsdann erstaunt die Hände zusammen. »Jesus
Christus!« rief er: »Wer hat Dich denn also zugerichtet, Jude, dass Dein Gesicht
aussieht wie ein zerfetzter und kümmerlich zusammengenähter Turnierhandschuh?
Das nenne ich eine Narbe, wie man sie nur auf dem besten Schlachtfelde holen
kann, obschon Du sie da nicht holtest.«
    »Ach, gnädigster Herr,« erwiederte Ben David mit bewegter Stimme: »auf dem
ehrenvollsten habe ich diese Narbe erhalten; im Kampfe für meine Söhne, und Ihr,
grossmütigster Fürst,« hier warf sich der Jude weinend zu Friedrichs Füssen; »Ihr
müsstet mich an diesem Denkzeichen erkennen, wenn ein Sohn Israels wert wäre der
Erinnerung.«
    Der Herzog stand betroffen auf, und musterte mit durchdringendem Auge den
Knieenden, der also fortfuhr: »O gewiss, gewiss, Ihr entsinnt Euch noch des
Reichstags, der vor achtzehn Jahren beiläufig zu Frankfurt gehalten wurde, mit
ungeheurer Pracht und grossem Zulauf von Fürsten und Gewaltigen, unter denen
jedoch hervorglänzte wie der Stern des Morgens der Herzog Leopold von
Österreich.«
    »Ob ich mich dessen entsinne?« fragte Friedrich mit leuchtendem Blicke:
»Österreich glänzte da wie die Sonne selbst, nicht wie der Stern, den sie
verscheucht. Steh auf; rede - wie kömmst Du mit Leopold zusammen?«
    »Des Herzogs Haus war offen wie das Haus eines Vaters seinen Söhnen;« fuhr
Ben David fort: »um Gott und um Ehre wurde daselbst gespeist der Hungrige,
getränkt der Durstige.« Zwei Judenknaben wollten auch mit ansehen die Pracht des
herzoglichen Hofstaats. Ach, sie wussten nicht, dass wo der christliche Bettler
Zutritt hat, derselbe dem Juden doch verboten ist. Neugierig durchstreiften sie
den Hof, die weitläufigen Ställe. Dem Einen von ihnen fällt ein köstlich
Sattelzeug in die Augen, mit vergoldeten Buckeln, der Andre greift es kindisch
bewundernd an mit den Händen; ein Sattelknecht sieht's und ruft: »Diebe!« »Unter
den Fäusten des Trosses büssen die Kinder ihre unschuldige Neugier. Vergebens
flehen sie an ihre Peiniger! Sie schreien auf zu dem hochgelobten Gott und zu
ihrem Vater. Der Zufall will, dass dieser vorbeigeht an den offnen Toren, hört
das Gejammer, hineinsieht in den Hof und erkennt seine eignen, gemarterten
Söhne. Die Angst jagt ihn unter die rohen Pferdeknechte; ihre Grausamkeit stösst
ihn zurück. Mit der Gewalt der Verzweiflung will er entreissen sein Blut der
Gefahr, und der Hieb eines scharfen Schneidmessers wirft mich mit blutendem
Gesichte zu Boden, denn ich, ich Herr, war der Vater der armen Kleinen.«
    »Still! still!« rief der Herzog, auf dem Antlitz die edle Scham zeigend,
welche eine gute Tat darauf malt: »Ich weiss bereits .... steh' auf; ich
entsinne mich schon.«
    »Vor der Herrlichkeit Gottes liege ich nicht aufrichtiger im Gebete, als
hier vor Euch in Dankbarkeit!« sprach Ben David weiter, und grosse Tränentropfen
fielen in seinen Bart: »Ihr habt mich und die Söhne gerettet, edler Herzog,
damals in der Jugendblüte. Ihr habt mir gesendet Euern Arzt, der mich heilte;
Ihr habt getröstet mein klagend Weib; Ihr habt beschenkt meine Kinder. Ihr habt
Euch nicht geschämt, herabzusteigen in eines armen Juden Hütte, zu sehen unsre
Armut, unsre Leiden.« »Gott!« spracht Ihr beim Scheiden halb vor Euch hin:
»kann man denn Menschen so in den Staub treten?« und eine Handvoll Gold liesst
Ihr auf meinem Schmerzenslager zurück. »Herr! Mensch unter'm Herzogshute! Aus
Euerm Beispiele hab ich gelernt, dass es gibt edle Christen. Herr! von Euch habe
ich ererbt Vertrauen auf die dunkle Vorsehung; Herr! Euer Gold hat mir gebracht
Segen, hat mich gemacht reich, und bei dem Haupte meines Vaters gelobe ich's
Euch: Euer ist auch Alles, was mein ist auf der Erde.«
    Ben David schwieg erschöpft, und küsste des Herzogs Stiefel, dass Friedrich
empört zurücktrat, und halb gerührt, halb unmutig ausrief: »So steh doch auf,
aberwitziger Ebräer! Du wirst mich böse machen mit dem übertriebnen Gewäsche. So
seid Ihr aber, leichtsinniges Volk. Dem Erlöser sangt ihr Hosianna, und habt ihn
dann getödtet.«
    Ben David richtete sich langsam und bekümmert auf. »Gnädigster Herzog,«
sprach er, gänzlich ablenkend: »mein Vater, der seine hundert Jahre zählt, hat
viel des Guten getan auf der Welt, und keinen Lohn davon getragen, als ein
schneeweisses Haupt und schwache Glieder. Belohnt mich an seiner Statt, edler
Fürst, oder sorgt, dass der Kaiser es tue.«
    Der Herzog sah ihn befremdet an. »Wie soll ich das verstehen?« fragte er:
»Wie käme denn ich, wie der Kaiser dazu, Dich zu belohnen für die guten Taten,
die vielleicht Dein Vater verrichtet hat?«
    Lächelnd schwieg Ben David eine Weile, trat dann in die vorige
ehrfurchtsvolle Entfernung, und versetzte: »Euer Wort ist Wahrheit, Herr, aber
... wenn Ihr nicht an mir das Gute vergelten wollt, das mein Vater vor fünfzig
Jahren tat, warum lasst Ihr mir entgelten, was mein Volk vor andertalbtausen
Jahren Böses getan? -«
    Friedrich warf bei der unvermuteten Wendung den Kopf zurück, hielt aber an
sich, biss sich in die Lippen, und bezwang seinen gereizten Stolz männlich und
edel, wie es einem klugen und rechtlichen Fürsten geziemt, wenn die Wahrheit
sein Vorurteil besiegt. »Was ist aus Deinen Söhnen geworden?« begann er
leutseliger, als zuvor. Ben David legte die Linke auf die Brust, und seufzte.
»Sie haben mir viel Herzeleid. gemacht;« sprach er. »Der ältere lebt und ist
doch gestorben für mich. Ich werde ihn nicht wiedersehen im Wohnort der
Gerechten. Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen, aus einem Sohn der
Gebote ist er geworden ein Abtrünniger, ein Anhänger derjenigen, die sein Volk
unterdrücken!«
    »Ich verstehe;« erwiederte Herzog Friedrich: »er ist klüger gewesen als Du,
und ist, ein Reuiger, in den Schoss unsrer Kirche eingegangen. Ich muss ihn um
dessentwillen loben. Es ist besser ein schlechter Christ sein, als der beste
Jude.« - »Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit, gebe ich's
zu;« versetzte Ben David ernst: »der heilige Gott möge ihm verzeihen. So viel
ich weiss, lehrt er jetzt die hebräische Sprache zu Heidelberg an der hohen
Schule.« - »Wohl ihm;« setzte der Herzog hinzu: »was geschah aber mit dem
Jüngsten?« - »Auf seinem Gedächtnisse sei der Friede!« murmelte der Vater mit
zum Himmel gerichtetem Blicke: »Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes; vor
vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen, da die Christen eine Judenhetze
hielten daselbst.«
    Friedrich war betroffen. »Ein erbärmlich Schicksal!« sprach er, und wandte
sich zum Fenster, um den Ausdruck der Rührung auf seinem Gesichte zu verbergen.
- - Ben David trocknete eine Zähre von der vernarbten Wange, und fragte
untertänig, mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermöge. - »Ich
werde vielleicht bald fünf- bis sechstausend Mark Silbers benötigt sein;«
antwortete Friedrich, ohne seine Stellung zu ändern, denn seine Bewegung war
noch nicht vorüber: »ich habe meine Gründe, warum ich dieses Geld nicht von
meinen Rechneimeistern eintreibe; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit.
Kannst Du die Summe schaffen, sobald ich sie zu fordern veranlasst sein könnte?«
    »Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit;« versicherte Ben David ohne
Bedenken.
    »Wie hältst Du's mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft?« fuhr
Friedrich wie oben fort.
    »Von Euch nehme ich nicht Zinsen;« entgegnete der Jude ruhig: »Euer Wort ist
das beste Pfand; und eine Schrift begehre ich nicht, seitdem Kaiser Wenzel uns
gezwungen hat, alle Schuldbriefe edler Herren unentgeldlich auszuliefern.«
    »Was soll das, Jude?« fragte der Herzog heftig sich umdrehend: »Was nimmst
Du Dir heraus? Ein Herzog in Österreich wird sich von einem Kammerknechte keinen
Zins schenken lassen, und kein Darlehen empfangen ohne Brief und Siegel
auszustellen, gleichsam als wär es eine Gabe. Oder hältst Du mich, den
Habsburger, fähig, von der Armseligkeit, die damals der Luxemburger gegen Euch
ausgeübt, Vorteil zu ziehen?«
    »Ich will doch umkommen auf der Stelle, wenn ich Euch, gnädigster Herzog,
habe beleidigen wollen;« beteuerte der Jude: »nur so viel wollte ich sagen, dass
Euer ist meine Habe und mein Leben, dass ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den
Segen mit dem mich hat überschüttet der Gott Israel.«
    »Schweig, Hebräer!« rief Herzog Friedrich, sich aufgebracht stellend: »Lege
ein andermal Deine Worte auf die Wage, und bedenke, dass ich kein Kohljunker bin,
dessen Dürftigkeit sich von Dir etwas gefallen lassen muss. Geh heim; es wird
schon dunkel, und es ist keine Ehre dabei, mit Deinesgleichen zu solcher Stunde
zu verkehren. Mache Deinen Überschlag an Zinsen, an vollwichtigen Zinsen, hörst
Du? Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und mäkelt nicht um einen
Heller. Halte Dich sodann bereit sammt Deinem Gelde, wann die Zeit kömmt, da ich
es gebrauche.« - Mit dem stolzen Wesen, das dem Herzog so wohl stand,
verabschiedete er den Juden, der sich in gewohnter Demut und Unterwürfigkeit
davon machte. Dagobert trat ein, den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand,
dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache
bannten. -
    »Ich fürchtete schon, Ew. fürstl. Gnaden hätte sich in geheime Kabale und
Sterndeuterei mit dem Juden eingelassen;« sprach der junge Mann lächelnd: »die
Unterredung wollte kein Ende nehmen.« - »Haltet es dem Zufall zu Gute,«
versetzte der Herzog herablassend; »wenn heute der neue Bund vor der Türe
harren musste, während ich dem alten Gehör gab. Man beschäftigt sich ja manchmal
mit Pflanzen, die im Schlamme wachsen, und diese - wahrlich - hat nicht die
übelsten Eigenschaften. Dem hässlichen Gesichte wäre es beinahe gelungen, mein
Herz zu rühren, das sonst geharnischt ist wie eine Fechterfaust. Weg damit. Wie
kömmt's aber, guter Freund, dass ich Euch bei mir sehe, heute am ersten
Faschingstage? Rollt das junge Blut wieder langsamer, als es sollte? Wollt Ihr
den Graubart spielen, während Alles sich in jugendlicher Lust ergötzt? Wisst Ihr
nicht, dass es heute auf dem Tanzhause munter hergeht? dass der Kaiser selbst sich
in die Freude mischen, dass er Ketten, Ringe austeilen wird an die Schönsten,
die das Fest verherrlichen? Geht dortin. Eurer wartet daselbst mehr Vergnügen,
als bei mir und meinem steifen Waldmann. Oder, kann ich Euch in etwas dienen?
Fordert.« - »Erlaubt, dass ich einige Augenblicke um Euch sein darf;« bat
Dagobert mit aufrichtiger Anhänglichkeit: »Euer Anschauen wird mich endlich zum
Manne machen.« - »Greift Euern Jahren ja nicht vor;« erwiederte Friedrich: »sie
sind die schönsten, die es gibt, und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der
Brust; des Mannes wie ich ihn liebe: gerade, frei, froh und eisenhart.« -
    »Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen, gnädigster Herr;« klagte
Dagobert. »Wenn ich Euch so kräftig vor mir stehen sehe, gepanzert gegen alle
Widerwärtigkeit, umgeben von Ehre, Glück und Stärke, da pocht mir das Herz vor
Unmut, dass ich in die Kutte kriechen, und kein Ritter werden soll, wie Ihr es
seid?« - »Ihr wart ja nicht Eures Schicksals eigner Schmid;« versetzte der
Herzog achselzuckend: »der Mutter Gelübde ist der Planet, dem Ihr gehorchen
müsst. Das tröste Euch. Horch!« setzte er bei, zum Fenster eilend: »Warum wird
denn da unten auf der Gasse so lärmend gepaukt und schalmeit?« -
    In der Tat zog eine Bande von Zinkenbläsern, Stosspfeifern und Paukern
vorüber. Eine Menge Fackelträger folgte ihnen; in ihrer Mitte der Kaiser zu
Fusse, umgeben von angesehenen Frauen der Stadt, mit ihnen freudiglich
dahertanzend unter einem unbändigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und
kreischendem Pöbel!
    »Jesus Christus!« begann der Herzog, unmutig mit dem Fusse stampfend: »Mein
alter kahlköpfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzählt,
der seine Würde so sehr vergessen hat, dass er auf einer Bühne vor allem Volk
getanzt und den Gaukelspieler gemacht. Unsre kaiserliche Majestät ist das
leibhaftige Konterfei des blutgierigen Toren zu Rom. Er schleppt seine Würde im
Staube nach sich, wie einen unbequemen abgetragnen Reitermantel. Pfui! dass die
Ausländer solche Narreteien sehen müssen!« - »Der Geist des Unmuts kommt über
Euch;« erinnerte ihn Dagobert bescheiden: »lasst Euch doch des Kaisers Tun nicht
zu Herzen gehen!« - »Seht Ihr, junger Gesell, wie übel es um meinen Seelenpanzer
steht?« rief der Herzog: »Der feige Lützelburger trifft mit seiner Pritsche
allemal die Blöse. Ich sitze auf des heiligen römischen Reichs Fürstenbank,
meine Vorfahren sassen glorreich und würdevoll auf dem deutschen Trone, den
Habsburg auch jetzo mit grössrer Ehre füllen würde, als die Luxemburger es im
Stande sind. Ich darf, ich muss mich ereifern über die sträfliche Unbesonnenheit,
die also zur Schau getragen wird. Ist das ein Betragen, eines Kaisers würdig?
Und dieser Faschingsheld will die Christenheit und ihre Kirche zu bessrer Zucht
und Ordnung bringen? Von diesem tanz- und minnelustigen Herrn muss der
Stattalter Gottes sich in's Joch der Knechtschaft beugen lassen? Nimmermehr! -
Doch was rede ich da?« unterbrach er sich: »Guter Dagobert; Ihr müsst mir meine
Laune nicht anrechnen, mich nicht für einen Zanksüchtigen halten. Es tut wehe,
eine ganze mutige Nation unter der Sohle eines Gauklers zu sehen. Glaubt mir,
der ganze Stamm verdient kein bessres Lob, als ich ihm beilege. Der Vater Karl,
in dem nicht Geist, nicht Mut, nicht Adel wohnte, sondern hölzerne Förmlichkeit
allein, hat in seinen Söhnen nichts Treffliches hinterlassen. Niemand hatte wohl
triftigere Ursache bei der Krönung den seltsamen Eid zu leisten: mit Gottes
Hülfe nüchtern zu sein und zu leben, als Kaiser Wenzel; niemand hat aber je
einen Schwur schneller gebrochen als Er, den seine Völlerei und Zuchtlosigkeit
um des Reichs Krone brachte. Sigmund ist jedoch um nichts besser: feig,
wollüstig, eitel und prunksüchtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tücke
und unkaiserliche Doppelzüngigkeit. Er hasst mich leidenschaftlich, in höherm
Grade, als ich ihn verachte, aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote
einer falschen Katze. Noch diesen Morgen drückte er mich an die Brust, nannte
mich seinen liebsten Vetter, und heute Abend - ich schwör's - nennt er mich im
Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der
Flaschenträger, und den Erzpaschaler; obgleich ich für meine Person das heutige
Fest, des Conciliums würdiger begehe, als Er.«
    Der Herzog, der diese lange Erläuterung seiner innersten Gedanken mit
steigendem Feuer herausgesprudelt hatte, schwieg, um Atem zu schöpfen; warf
sich in seinen Stuhl, klopfte seinem alten Rüden die Ohren, und Dagobert, in
geratenem Schweigen verharrend, erwartete wie gewöhnlich die Beurlaubung, die
nach ähnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte. Wider Vermuten wurde jedoch des
Herzogs Stimmung gemässigter, seine finstre Miene freundlicher. Das unmutige.
»Hm!« das zu wiederholten malen seinen Lippen entschlüpft war, verwandelte sich
in das Trillern eines Tyroler Verglieds, das der Fürst besonders liebte, und das
er oft gebrauchte, um sich in Heiterkeit zu versetzen. Mit einemmale schwieg er,
heftete den Blick auf Dagobert, lächelte, und sprach in bessrer Laune: »Ei, mein
werter Jungherr! Ihr steht an der Türe, wie einer der in unhochzeitlichem
Kleide zum Feste gekommen ist. Gefällt es Euch, meine heutige Einsamkeit durch
einiges Gesprächsel zu beleben, so tretet näher. Setzt Euch zu mir.« - Er wies
auf einen Schemel, der unweit von ihm stand. - So freundlich war der Herzog noch
nie gewesen. Der Erlaubnis, sich zu setzen, durften überhaupt gar Wenige in
seinem Gemache sich rühmen, und Dagobert war sie noch nicht zu Teil geworden.
Geschmeichelt von der Herablassung des Gönners, gehorchte er gerne, und der
Letztere hob bald also zu sprechen an: »Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers
Person beleidigt? Sagt es offen heraus, und Euch soll's nicht gegolten haben.
Stellt Euch nicht so befremdet. Oder hättet Ihr in der Tat Eure zeitlichen
Hoffnungen nicht auf Sigmund gebaut, der - ich weiss es - um Eurer Schwester
Gunst wirbt? Euer Ohm hat schon hie und da ein Wörtlein fallen lassen; hat schon
dem heiligen Vater, zu dessen Sache er stand, halb und halb entsagt, um von dem
im Augenblick überwiegenden Kaiser desto eher den roten Hut zu gewinnen. So
redet doch auch Ihr.« -
    Dagobert stand bekränkt auf, und neigte sich ernst. »Des Vaters Bruder
handle wie's ihm recht dünkt; die Schwester desgleichen. Ich werde nie durch
Unehre steigen wollen. Ihr habt mich hochgeehrt, gnädigster Herr, und mich
erniedrigt im selben Augenblicke. Ich verdiene Euer Misstrauen nicht. Zählt Ihr
mich zu den Abenteurern, die Hand und Herz dahin lenken, wo der Vorteil am
schwersten zieht, so muss es Euch befremden, mich an Eurer Seite, und nicht zu
Sigmund's Füssen zu sehen.«
    »Wackrer Junge!« rief Friedrich zufrieden lächelnd, und die Hand nach ihm
ausstreckend: »Lasst mich Eure Hand schütteln! Ich habe mich nicht in Euch
getäuscht. Ehre und Treue am Guten; das ist Euer Wahlspruch. Wie Ihr, redet nur
die Wahrheit, und was wir am meisten an dem Manne lieben, den wir uns zum Freund
verbinden wollen, ist eben Wahrheit. Ich diene Euch auch damit. Wallradens
Betragen, das den schwachen Herrscher in's Netz der Minne zu ziehen bemüht ist,
hat, wie es zu gehen pflegt, mancherlei Eindruck gemacht. Die Verdorbenen ihres
und unsers Geschlechts beneiden sie und den Kaiser. Die Sittlichern - die
kleinere Zahl - verachtet sie deshalb; diejenigen aber, die sich in ihre Reize
vergafften, und durch ihre Lockungen ermutigt worden waren, sind zur
Verzweiflung, oder zur Wut gebracht. An der Spitze der Erstern steht der Herr
von Königseck, ein eitler Lasse, wie nur je deutscher Boden Einen trug. An der
Spitze der Letztern befindet sich der Graf von Montfort. Die Verzweiflung des
weibischen Hageprunks wäre zu belachen; die Wut des kühnen Montfort ist es
nicht. Er hat mir seinen Kummer vertraut, denn ich begünstigte sein Werben um
Wallraden. Er hat mir beteuert, seine Geduld werde bald erschöpft, seine
Eifersucht bald auf's Höchste gestiegen sein. Warnt Eure Schwester. Die
Drohungen des Königseckers mag sie verspotten; Montfort's Rache naht aber
heimlich und schweigend, wie das Unglück selbst. Wallrade sei auf ihrer Hut.«
    »Sie masste sich stets an, die Klügere zu sein;« versicherte Dagobert: »ohne
meiner Mannheit zu vergeben, darf ich die Übermütige nicht warnen. Auf meinen
Arm mag sie eher rechnen, wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand
auffordern sollte, obgleich sie es nicht verdient.«
    »Warum müsst Ihr in's Kloster wandern?« fragte der Herzog teilnehmend: »Ihr
habt Anlagen genug zum biedersten Rittersmann. Wille und Tat sind bei Euch Eins
und Dasselbe. Ich habe heute einen weissen Raben gefunden, einen dankbaren Juden
nämlich. Lasst mich in Euch das gleichseltne Kleinod finden, einen treuen Freund,
wie ihn ein Fürst so selten hat, von verschwiegnem Mund, bereitwilligem Arm und
redlichem Herzen.«
    »Mein gnädigster Herr!« rief Dagobert überrascht von so viel Zuneigung, und
wollte Friedrichs Hand küssen. Der Herzog zog sie aber zurück. »Keine Umstände!«
sprach er ernst: »Wäre ich Euresgleichen, ich nähme Euch in meine Arme. Dieses
ziemt mir nun freilich nicht, da Gott einen Fürsten aus mir gemacht hat, und
Schranken müssen einmal sein auf Erden. Aber die Hände dürfen sich zwei
Biedermänner wohl schütteln, wenn auch der Eine einen Herzogshut, der Andre ein
einfach Piret trägt, wenn auch der Eine in des Lebens Herbst, der Andre erst in
dessen Frühling tritt.« Er stand auf, und schüttelte traulich Dagobert's Hand.
»Fürwahr!« fuhr er fort: »diese Hand werde ich früher gebrauchen, als Ihr wohl
denkt, und auch den Kopf, meine ich; wenn Ihr anders nichts dagegen habt.«
    »O sprecht, mein Herzog!« bat Dagobert ungestüm: »Was kann ich tun, um Euer
Vertrauen zu verdienen? Redet; auf der Stelle sei's vollbracht.« - Der Herzog
legte den Finger auf den Mund. »Noch ist's nicht an der Zeit!« begann er: »doch
die Zeit wird kommen: verlasst Euch darauf. Noch darf ich nicht reden, sondern
nur lauernd harren, bis geschehen muss, was noch jetzt ein Geheimnis ist. Gelt,
ein schmachvoll Jahrhundert, in dem sogar ein Fürst wie ein gefährlicher
Verbrecher heimlich tun muss, indem das Recht auf leisen Socken schleichen muss;
während der Schelm ohne Scheu so viel Lärm macht, als ihm beliebt. Aber das Gute
und Rechte tun, wenn es auch verboten ist durch schmähliche Gewalt, ist
löblich, und in solchem Falle sind alle Mittel, sofern sie nicht Sünde sind, dem
ehrlichen Zwecke gerecht.« »Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntnis?« fragte
Dagobert den Herzog rasch und kühn. - »Mein aufrichtigstes;« entgegnete dieser,
und fügte abbrechend bei: »des Besten mich zu Euch versehend, entlasse ich
Euch.«
    »Und stark auf's Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch, edler
Herzog,« antwortete Dagobert, zufrieden von seinem erhabnen Freunde gehend.
 
                                    Fussnoten
1 Kandidat der Meisterschaft im Schneiderhandwerk.
 
                               Zwölftes Kapitel.
 Lasst uns rühren die fröhlichen Schellen!
 Rüstig und schnell in's Gewühl hinein;
 Darf der Torheit sich Ernst beigesellen,
 Dann ist es Lust ein Narr zu sein.
 In der Poeten fabelhaft Reich
 Zaubert ein drolliger Fastnachtsstreich!
                                                                              W.
»Nun? wie gefall' ich Euch?« sprach Gerhard lachend zu Dagobert, als sich Beide
am Nachmittage des Fastnachtdienstags in ihre Larvenkleider gesteckt hatten:
»Bin ich nicht der wildeste aller Jäger? Kreuz, Stein und Dorn! Was werden die
Leute gaffen, und auch Ihr, Junkerlein, seid der schmuckste Schalksnarr, der
jemals zu Costnitz die Schellen regte. Wir werden Aufsehen machen, wo wir uns
nur zeigen.« - »Das verhüte Gott!« erwiederte Dagobert: »Benehme Du Dich nur
nicht auffallend und allzu abenteuerlich. Deine ungehobelte Gestalt ist ohnedies
allzukenntlich, wenn Du nicht den Mantel vernünftig und weit umgeschlagen
trägst, damit, er Dich verhülle.« - »Ohne Sorge!« meinte Gerhard: »Ganz Costnitz
ist der Meinung, ich laufe noch immer als grosser Christoph umher, denn ich habe
meinem langen Vollbrecht Kleid, Schürbaum und Heiligenschein abgetreten.« - -
»Herrlich!« versetzte Dagobert: »Ganz Costnitz weiss demnach, dass Du in jener
Mummerei steckst, und Wird gewiss auch von der Neuen erfahren haben.« - »Ich will
im nächsten Stechen in jedem Rennen den Sand küssen, wenn eine Seele von dem
wilden Jäger weiss;« beteuerte Gerhard: »Mit dem Christoph war's ein ander Ding.
Um einen Begleiter und eine Ansprache zu haben, erlaube ich meinem Knechte
Vollbrecht, mit mir umher zu laufen, und da der einfältige Tropf mich immer
gestrenger Herr nannte in Dorf und Stadt, so war's gleich weltkundig, wer ich
sei.« - »Eine herrliche Aussicht!« fügte Dagobert bei: »Der Knecht hat die
Plaudersucht von Dir geerbt. Nur so viel zur Nachricht. Kein Tropfen Weins kommt
in Deine Gurgel mehr, sobald Du verrätst, dass ich in diesem Pickelhäring
stack.« - »Verstehe;« antwortete Gerhard: »werde mich auch hüten. Trinke lieber
nach geschehener Arbeit meinen Wein für Euer Geld, als dass ich wie ein ächter
Kalandsbruder herum schmarotze mit leerem Seckel. Seid nicht bange. - Und den
Raufdegen? - Ich trage ihn unterm Mantel am Gürtel. Geschliffen ist er wie ein
Schermesser, und wehe den Rippen derjenigen, die mit ihm Bekanntschaft machen
wollen.« - »Gut;« erwiderte Dagobert: »Jetzt lass uns hinaus in die tolle
Faschingslust, die wohl häufig unter der bunten Tracht den schwarzen Ernst
verbirgt! Komm, wilder Jäger, und folge mir Schritt für Schritt.«
    Wo sie hinkamen, die stattlichen Vermummten, empfing sie der Jubel, der
heute ausgelassen und gellend durch alle Strassen tobte und sogar der strengen
Stadt- und Conciliumsordnung spottete. Alle Stände wetteiferten sich in
Tollheiten zu überbieten, und die seltsamen Figuren, die wie eines vielfarbigen
Stromes Wellen, durch die Häuserreihen, über die Plätze stürmten, versetzten den
ernstesten Zuschauer in ein fremdes, wunderliches Land, worinnen es schwer fiel,
dem Mitbürger- und Mitnarrenrecht sich zu entziehen. Getrost und munter
umherschwärmend kümmerte sich Keiner um den Andern. Alle nur um die allgemeine
Festlichkeit. Der Schulteiss mit dem Hintersassen, die Bürgermeisterin mit der
ärmsten Pfründnerin, der Meister freier Künste mit den rohen Bauern, sie hatten
nur ein Ziel. Der Leibeigene schritt seinem Zwingherrn zur Seite, die Magd ihrer
Gebieterin. Der Larven Freiheit vernichtete jede Schranke. Nach dem Massstabe der
Ansprüche und des Wohlstandes der Hohen und Niedern im Volke waren, auch die
Lustbarkeiten verschieden, in welche die fröhliche Feier zerfiel. Rotten von
verlarvten Spielleuten liessen sich allentalben hören, und ihre Vorläufer, in
possenhafte Tiergestalten verkleidet, als aufrechtgehende Leuen, Bären und
Greife sammelten an allen Häuserpforten für die unermüdeten Pfeifer und
Lautenschläger. Die Freigebigkeit der frohgestimmten Bürger ferner in Anspruch
zu nehmen, zogen Buben mit Tannenbäumen heran, sie vor die Türen pflanzend, und
das herkömmliche Lied dabei singend: Ich bring' zum Fastelabend einen grünen
Busch! Junge Bursche vom Lande schleppten Pflüge zu den Vorstädten, mit farbigen
und goldnen Bändern geschmückt, fingen die mutwillig umherschweifenden Dirnen
in Strohketten auf, und spannten sie an das Ackerfuhrwerk, bis unter dem
Gejauchze des Pöbels die armen Gefangnen, von einem Regen von Häckerling und
Sägspänen überströmt, sich mit ein Paar Hellern oder einem Kusse ihr Lösegeld
bezahlen.
    »Solche Küsse sind besser denn Fastnachtswecken!« meinte Gerhard, da er mit
seinem Begleiter an einem Auftritte dieser Art vorüberging, und Dagobert hatte
nicht wenig Mühe, den wilden Jäger von der Teilnahme an der niedern
Volksbelustigung zurückzuhalten. »Ei du altes Sieb!« sprach der junge Altbürger,
indem er ihm die Kolbe zu kosten gab: »Möchtest Du nicht etwa dort auf dem
Kornmarkte mit um das unreine Tier turnieren, dem die vielen Bengel mit
verbundnen Augen und derben Dornknüppeln in der Faust zu Leibe gehen? Ein
herrlicher Sieg, die arme an den Pfahl gebundne Bestie vor das Hirn zu schlagen,
und zum Festbraten für den Abend zu gewinnen! Oder gelüstet Dich vielleicht nach
jenem dünnen Häringe, den die beiden Lumpenhänse dort mit den russbesudelten
Gesichtern an der ungeheuern Stange tragen, ein Vorbild der anrückenden
Fastenzeit?« - »Ach, schweigt mir von der Faste;« entgegnete Gerhard grämlich:
»Ich möchte mich ja gerne von allen Fastnachtruten zerprügeln lassen, die heute
von dem verlarvten Gesindel an den Maulaffen von Zuschauern zerhauen werden,
dürfte ich den Aschermittwoch sammt Nachfolgern aus dem Kalender streichen, und
flugs auf dem Faschingdienstag den Ostersonntag kommen lassen.« »Alle Teufel!«
unterbrach er sich hier plötzlich, so dass Dagobert es der Mühe wert fand, ihn
um die Ursache des schnellen Verstummens zu befragen: »Habt Ihr das hässliche
Gesicht nicht gesehen, das aus dem Erdgeschosse jenes Hauses blickte?« fragte
Gerhard entgegen. Dagobert verneinte. »Und auch das Engelantlitz ihm zur Seite
nicht?« fuhr Gerhard fort. »Eben so wenig;« versicherte Dagobert. - »Na, so
wünscht Euch zu dem Ersten Glück, und reisst Euch die Haare aus dem Kopfe wegen
des Zweiten;« flüsterte Gerhard. »Ein Engel,« sage ich Euch, »ein Engel neben
einem garstigen Satan, der an seinem Gesichte Larve genug hat, um heute keines
Mummenschanzes weiter zu bedürfen.« - »Du schwatzest wie ein Verrückter;«
entgegnete Dagobert. - »Den Teufel auch,« murrte Gerhard vor sich hin: »Der
Ausbund von Hässlichkeit sah mir nur zu vornehm aus, sonst glaubte ich steif und
fest, es sei der Bursche der zu Worms .....«
    »Willkommen, wilder Jägersmann!« schrie eine Schar von Larven, die sich um
den verdutzten Gerhard versammelte: »Du liessest lange auf dich warten!« - Der
erste Blick belehrte die beiden Gesellen, dass eitel Weiber sie umringten, in
grüne, lustige Waldfarbe gekleidet, mit Tannensträussern auf den Hüten, Bogen,
Pfeile und Jagdlanzen in den Händen; schön verzierte Hiftörnlein an der Seite.
- »Wie konntest Du Waldinen harren lassen, viel zu lange für ihre Sehnsucht?«
rief die Anführerin der Schar, die den Sperber auf der Hand trug, und von deren
Sammtütlein ein Strauss von grünen Federn nickte: »Komm mit uns! - Komm mit Frau
Holda Waldinen!« jauchzte die ausgelassene Bande: »Hussa! wackrer Waidmann! ho!
ho! mit uns!«
    Der verlegene Gerhard, der kein Wort zu erwiedern vermochte, fühlte sich,
alles Widerstrebens ungeachtet, von Dagoberts Seite gerissen, von der Schar der
Jägerinnen im Triumph davon geführt, und ein grosser Larvenzug, der die Strasse
heraufkam, trennte unaufhaltsam die Gefährten. - »Ihn reisst sein Schicksal
dahin!« dachte Dagobert lächelnd für sich: »und mich beraubt es vielleicht
dadurch eines handfesten Helfers. Immerhin jedoch, was beschlossen ist, muss
geschehen, selbst wenn mir der willkommne Wächter entginge. Frisch hindurch und
mitten unter das Gewühl, damit es für jetzt mein Herz ergötze!« - Er warf sich
Kopfüber in den Zug, der aus mehreren hundert Verlarvten bestand, den vornehmern
Leuten angehörend. Von unzählichen Narren umschwärmt, die wie Besessene durch
das Zuschauergedränge tobten, mit Ruten und Peitschen die Hände der Gaffenden
kitzelten, an Türen und Laden klopften, in die Häuser drangen unter dem
Vortritt eines Herolds possenhafter Natur, um daselbst kleine Fastnachtsspiele
aufzuführen, deren Witz oft nicht der züchtigste war, - bewegte sich die
Larvenschar langsam vorwärts, und bot dem Volke ein glänzendes Schauspiel. Ein
Pickelhäring mit der Narrenfahne in der Faust eröffnete es, auf einem Esel
reitend. Eine Bande von Trompetern, Schalmeiern und Gigenbucklern folgte - ihre
Musikam in den wunderlichsten Tönen aufführende. Der ewige Jude und der lange
Christoph Arm in Arm schritten dahin mit langen Tannenbäumen in den Hängen. Der
wohlgemästete Fasching, auf einer Schleife ruhend, von Schinken, Würsten und
Kürbisflaschen umkränzt, wurde einhergeführt von dem drollig geputzten Sonntag,
Montag und Dienstag - den Grossen seines Reichs. Ihm folgte ein Trupp von
nähenden Schneidern auf Geisböcken, von zähneflätschenden Affen auf Tigerlarven
sitzend; der Vortrab der herbeigetragnen Fastnacht, dem Weibe des Faschings,
dessen Tron auf den Schultern von verlarvten Bäckergesellen in zierlichen
Leinwandkitteln und blauen Schürzen errichtet war, und von welchen eine reiche
Spende von Bretzeln und Hornaffen unter das Volk und die lärmende Jugend
regnete. Nach dieser erfreulichen Augen- und Magenlust ergötzte doppelt die
schwere, knarrende und von bebänderten Ochsen geleitete Guggelfuhre, angefüllt
mit den possierlichsten Mummereien, mit langbärtigen Türken, kinnwackelnden
Judenköpfen, verzerrten Mohrengesichtern und klaffenden Bullenbeissern, denen man
zerzauste Haarhauben auf die grämlichen Gesichter gestülpt hatte. Ein lustig
Gesindel von Torhänsen und Gaukelspringern machte hier, radschlagend,
burzelbäumend, schellend, rasselnd und in den höchsten Tönen des
Stimmengejauchzes quinkelirend, das Gefolge, und zugleich den Herold der grössten
Pracht des Zuges, des herrlichen Hofs der Frau Venus, wie ihn die schlichte Sage
schildert. Der treue Eckart mit dem weissen Stabe ging voraus, warnend und
ermahnend, mit langem Silberbarte, in schlichtem grauem Gewande. Dagobert's
scharfer Blick entdeckte schnell unter dem faltigen Rocke eine fast unmerkliche
Schultererhöhung, und wusste alsobald, dass der Graf von Montfort unter der Larve
stecke. Sein Ahnungsvermögen, von den Mutmassungen der ihn umsummenden
Schaulustigen und in das Larvengeheimniss Eingeweihten gerechtfertigt, fand auch
unter den Nachfolgern des treuen Eckarts Bekannte auf. Ein über ein Stockwerk
hoher Wagen mit vielen stufenweise erhöhten Sitzen wurde von acht Schimmeln
gezogen, die, mit prächtigen Decken angetan, an jeder Seite von vier jungen
Leuten in heidnischer Tracht mit bekränzten Häuptern, geführt wurden. Zwei
stattliche wilde Männer lenkten von oben die Zügel, und sassen zu den Füssen
liebenswürdiger Knaben, die in rosenfarbiger Seide gekleidet waren, silberne
Binden auf der Stirne trugen, und goldne Bogen mit Pfeilen und Köcher in den
Händen hielten. Hinter denselben sassen die drei Gesellschafterinnen und
Gespielinnen der holden Liebeskönigin, in weissen, blauen und Amarant-Gewändern
mit Granaten- und Perlschnüren geschmückt, und mit flimmernden Piretleins von
Straussenfedern umwallt. Die Eine hielt einen runden Metallspiegel, die Zweite
einen Fächer von weichem Flaumengefieder, die Dritte eine weisse Taube mit
vergoldetem Schopfe. Über ihnen tronend jedoch unter purpurnem Himmel, umgeben
von einem zahlreichen Kreise der bestgezierten Frauen, glänzte Frau Venus
selbst, angetan in goldnem Stück, strahlend von blitzenden Kleinodien, eine
geborne Fürstin der Schönheit und der Pracht. Es war diesmal für Dagobert eine
schlechte Aufgabe, in der heidnischen Göttin und Fee seine Schwester zu
erkennen, da ihre Eitelkeit sogar die Gesichtslarve verschmäht hatte. Der
geschnirgelte, geschnürte, und geleckte Ritter Tannhäuser an ihrer Seite konnte
Niemand anders sein, als der stutzerhafte Herr von Königseck. Wie spreizte er
sich an dem Ehrenplatze, der ihm zu Teil geworden war! Stolzer brüstete er sich
dort oben als der dicke Goliat, das Vorbild aller ausgemästeten Philister, der
hinter dem Prunkwagen zu Pferde sass, und mit seiner Stechlanze die Rotten von
kleinen schwarzen Teufelchen mit Schweif und Scharlachzunge wegprügelte, die
gern zum Tron der Venus aufgeklettert wären, lachend von dem halb erstiegnen
Wagen purzelten, schnell wieder von ihrem Falle erstanden und entweder das
Wagestück von Neuem versuchten, oder die Pfeile ihres derben Witzes gegen den
langen dürren und zerlumpten Aschermittwoch kehrten, welcher matt und keuchend,
sich anhaltend an den Schweif des friesischen Goliathengstes, den Zug durch
seine Jammergestalt beschloss. »Du bist der treue Eckart, und warnst Jedermann;«
rief Dagobert dem weissbärtigen Grafen zu, und warf sich mit klingendem
Schellengetöse in den Haufen: »Aber Dich selbst warnt Deine Torheit nicht.
Fliehe die falsche Venus!«
    Ehe noch der Graf nach dem aufdringlichen Mahner umschauen konnte, hatte
dieser, kecker als die Teufelchen und unangefochten vor dem Philister, den
Triumphwagen erklimmt, und sich vertraulich zwischen das Liebespaar geschoben.
»Mit Gunst!« sprach er mit verstellter Stimme, die Schellen lustig schüttelnd:
»Wo die Minne hausst, darf die Torheit nicht fehlen. Wie gefällt Dir die
Aussicht auf den Eckart dort unten, lieber Tannhäuser? Bilde Dir nicht zu viel
ein auf Deinen Schnürleib und Deine wohlriechenden Salben. Frau Venus ist falsch
und in Kurzem gehst Du im Staube wie der treue Eckart.« - Tannhäuser schaute
hoch auf. Venus wendete sich aber mit verächtlichem Blicke zu Dagobert. »Der
Narr mengt sich in Alles, und weiss Alles!« sprach sie höhnisch. »Ei wohl;«
versetzte der Schalk dreist und zutulich: »weisst Du warum der Zug jetzt hält?
Weil er unter des Kaisers Fenstern steht. Weisst Du, warum Dein linkes Auge
seitwärts schielt? Weil der Kaiser auf dem Altan sitzt, und die Minnefürstin mit
seinen Blicken verschlingt. Fürchte Dich vor Kron und Scepter, Tannhäuser, und
Du, .. setzte er in Wallradens Ohr flüsternd bei: .. Du, fürchte Eckarts
Eifersucht!« - »Abgeschmackter!« zürnte sie, erwiederte äugelnd des Kaisers
zärtlichen Gruss, heftete ihren Blick auf das Fenster eines benachbarten Hauses
und errötete plötzlich. - »Du bist bewegt, Frau Minne!« fragte Dagobert
neckisch: »Lass hören; Torheit heilt das Herz.« - Wallrade sah ihm scharf in die
gläsernen Larvenaugen, und glaubte eine zärtlichere Teilnahme an dem
Schalksnarren zu bemerken, die sie, die schlaue Männerquälerin, nie unbenützt
liess. »Du brüstest Dich Alles zu wissen?« fragte sie lauernd entgegen: »Was,
war's, das mich bewegte?« - »Du sahest an jenem Fenster ein Weib, dessen
Schönheit den Vergleich mit der Deinigen nicht scheut;« antwortete der Schelm
schnell und zuversichtlich. Wallradens Stirne zog sich zusammen. »Du bist nicht
der zierlichste Narr;« erwiederte sie nicht ohne Bitterkeit: »Sage mir jedoch,
wer ist die Frau mit dem holden Kinde im Arm?« - »Frage mich nicht;« antwortete
Dagobert scherzend. - »Sprich, ich befehle es Dir.« - »Die Minne gebietet nie
der Torheit; sie ist ihr untertan.« - »Rede, ich lasse Dich nicht.« - »Das
schöne Weib ist die Frau von der Rhön!« raunte ihr Dagobert hart und rauh in das
Ohr. - »Abscheulicher!« schrie Wallrade auf. »Was gibts?« fuhr Königseck
dazwischen, dessen argwöhnischer Leidenschaft die heimliche Unterredung mit dem
raschen Fremdling schon viel zu lange gedauert hatte. »Eine Überraschung, guter
Tannhäuser,« lachte Dagobert ihm in's Gesicht: »Weiter nichts! Leb' wohl!« -
Klappernd und schellend machte er sich vom Wagen herunter, nachdem er dem
zierlichen Liebesritter seine Kolbe zu kosten gegeben für das überflüssige:
»Verdammter Hanswurst!« das der edle Herr, seinem Unmut Luft zu machen, ihm
nachgebelfert hatte. Mutwillig geworden durch den aufregenden Schwank, sprengte
Dagobert wie ein dem Pferch entronnenes Füllen kreuz und quer durch das
ausgelassene Volk, das sich auf den Gipfel der Lustigkeit hinaufschraubte und
immer tollere Streiche machte, je näher die Dämmerung rückte mit ihrem Schatten.
Die Schalkheit des Pöbels setzte sich hauptsächlich die Klosterleute beiderlei
Geschlechts zum Ziele, die an diesem Tage ihre Clausur zu verlassen,
bevorrechtet waren, und, wenig Zucht und Anstand beobachtend, die Stadt
durchstreiften, mit den Laien in Torheit wetteifernd. Jedoch, obgleich sie in
Tun und Lassen den Weltkindern nachahmten, so vermochten sie es doch nie, ihren
Stand selbst unter der verhüllendsten Maske, ganz zu verbergen. Der
Kuttenschritt verriet die Männer, das ungewisse Trippeln und Zusammenhalten in
ansehnlichen Banden den weiblichen Convent; und dieser Umstand setzte die
Zellenbewohner manchen Unannehmlichkeiten aus, wie sie die Ausschweifungen der
Fastnacht mit sich brachten. Flinke und gelenke Pickelhäringe nähten eine ganze
Nonnengemeinde zusammen, und trieben sie mit Peitschhieben und tausendfältigem:
Hoho! und Hallah! vor sich her. Das grobe Schiffervolk riss den als Mönche
Beargwohnten die Kopfbedeckung vom Haupte, und stellten ihre Tonsur zur Schau,
und dennoch, kaum entschlüpft den Händen der ungeschlachten Gesellen, setzten
die Ordensleute, ihre Freiheit benutzend, ihre Torheiten fort, auf Strassen,
Plätzen, Tanzhäusern und Trinkstuben bis der Morgen herandämmerte und sie
gebieterisch in das Kloster zurückwies, diejenigen ausgenommen, die vom Weine
übermannt, den Taumel erst ausschlafen mussten. Bei einem solchen Auflauf, in
welchem ein Paar schüchterne Cönobiten gequält und gehänselt wurden, stiess der
von seines Ohms Hause kommende Dagobert plötzlich wieder auf den verloren
gegangnen Gerhard. Bei dem Flammenscheine einer Pechpfanne erkannte er Mantel,
Hut und Visier, und die Behaglichkeit, mit welcher der grobhäutige Fechtbruder
dem gemeinen Possenspiel zusah, liess dem jungen Manne keinen Zweifel übrig.
»Gut, dass ich Dich finde;« sprach dieser zu dem Ungetreuen: »Bist Du's, oder
bist Du's nicht, Gerhard?« - »Na, beim heiligen Georg! wer soll's denn anders
sein?« brummte Gerhard, mit lustiger Vertraulichkeit Dagobert's Hand ergreifend,
und den von Wein unsicher gewordnen Körper auf dessen Schulter neigend: »Das ist
Fröschlein,« fuhr er fort, - »Fröschlein oder mich soll der Schwarze holen mit
Pferdefuss und höllischem Gestank!« - »Ei Du Trunkenbold!« zürnte ihm Dagobert
entgegen und zerrte ihn abseits von dem Menschengewühle: »Nimm die Trommel, und
rufe mich aus nach allen vier Winden, Du Schlemmer! Wo kommst Du her, Du
trunknes Ungeheuer?« - »Aus dem Paradies,« versetzte Gerhard lustig: »aus dem
Paradies;« setzte er bäurisch grob hinzu, da Dagobert nichts entgegnete: »Ihr
könnt mir glauben. Es lebe Frau Holda Waldina sammt ihren schmucken Töchtern,
und ihrem köstlichen Firnewein!« -
    Es ergab sich aus den Reden des Edelknechts, dass er in eine nichts weniger
als ehrenvolle Gesellschaft geraten war, nämlich in die von fahrenden Töchtern
und Frauen, deren es um die Zeit des Conciliums eine bedeutende Anzahl zu
Costnitz gab, und die entweder einzeln in den Vorstädten, namentlich aber
zunftweise unter Meisterinnen versammelt, in der nächsten Umgegend der Stadt,
öfters auch nur, nach Massgabe ihrer Ansprüche, in elenden Hütten und Zelten sich
aufhielten. Diese Bande, eine der ansehnlichsten, hatte es am heutigen Tage auf
Niemand Geringern, als auf den Kaiser selbst abgesehen gehabt, von dem ein
dunkles Gerücht verbreitet hatte, als wolle er selbst, in die Tracht, des wilden
Jägers vermummt, allein und ohne Gefolge die Volkslust in den höchsten, wie in
den niedersten Kreisen verfolgen und beobachten. Die Hoffnung, von dem
leutseligen Herrn ein ansehnliches Geschenk zu gewinnen, hatte diese lockern
Töchter so kühn gemacht, ihn im Putze vornehmer Frauen aufzusuchen, und so
zierlich zu bewirten, als es angehen würde. Gerhard's Larve täuschte sie, wie
früher schon das lügenhafte Gerücht; erst in dem Saale des Gastauses, in
welchem für die lebenslustige Schar und ihren seltnen Gast ein Vespertrunk
bereit stand, entüllte sich die Wahrheit. Gerhard lachte die Betrogenen aus,
log ihnen von seinem Geschlechte und seinen Gütern ein Langes und Breites vor,
liess sich ihren Wein schmecken, seinen Beutel wegstibitzen, und entrann mit
leerer Tasche und ziemlich vollem Kopfe den Lockungen des losen Gesindels. -
»Sagt nun einmal zur Güte,« schloss er seinen Bericht; »ob ich nicht Wort
gehalten habe, wie ein Mann. Hier bin ich wieder und stehe Euch zur Seite.
Verlangt, was Ihr wollt. Ich stehe dem Satan selbst, wenn er Lust hätte, mit mir
anzubinden.«
    »Das glaub' ich Dir von Herzen gern;« erwiederte Dagobert: »denn Dir sitzt
ein Dutzend von Teufeln jetzt im Leibe. Da ich indessen heute eines Menschen
bedarf, der nicht grübelt, da der Weindunst Dir das Grübeln verbietet, und
Deiner Bärenkraft das Doppelte, wie ich hoffe, zulegt; so sollst Du der Wächter
einer Tat sein, die Dir später Segen bringen wird, erfährst Du auch kein Wort
von ihr.« - »Ihr sprecht ein Deutsch, das klingt wie Latein;« meinte Gerhard:
»ich will bucklich werden, wie der Montfort, wenn ich ein Wort davon verstehe.
Tut indessen nichts. Sagt mir nur, wo ich hinstehen soll. Kreuz und Dorn! ich
halte fest.« - »Für's Erste,« sprach Dagobert, indem er ihn in ein finster
Gässlein zog: »für's Erste nimm Dein Jagdmesser zur Hand.« - »Was?« fragte
Gerhard, den Jüngling anglotzend, so gut es die Dunkelheit erlaubte: »Ich werde
Euch doch nicht die Gurgel abschneiden sollen?« - »Schweig!« raunte ihm Dagobert
zu: »Trenne schnell und sicher jetzo die Schellen von meinem Gewand und meiner
Kappe.« - »Eine seltsame Grille!« versetzte der Hülshofen »eine wunderliche
Aufgabe, hier den Schneider zu machen, wo es Pechrabenschwarz um uns her ist.
Schreibt Euch's selbst zu, wenn ich nicht bloss die Naht treffe.« - »Tut nichts;
nur zu. Ich gebe indessen das Zeichen.« - Während Gerhard mit unbarmherziger
Hand die Schellen abschnitt, und mit jeder derselben ein erkleckliches Stück des
Gewandes wegnahm, schnalzte Dagobert viermal mit der Zunge, als ob eine Wachtel
anschlüge aus grünem Felde. Nicht lange war das Zeichen vorüber als auch schon
zwei Männer sich näherten, in schleppenden Röcken. Gerhard, stutzig gemacht,
wollte ihnen ein derbes: »Wer geht da?« entgegendonnern, aber Dagobert hielt ihm
den Mund zu. »Willkomm!« sprach der erste Ankömmling in ausländischer Mundart:
»Die Mund ist da.« - »Wie steht's?« fragte Dagobert. - »Gut;« versetzte der
Andre: »der Freund« auf den zweiten zeigend »hat vorgearbeitet. Petrus wird
aufmachen.« - »Das gebe Gott;« antwortete Dagobert, und ging voraus. An der Ecke
warf er seine Narrenglocken in einen Brunnen, und schritt dann schneller
vorwärts. - »Ist das der Mensch, von dem Ihr spracht?« fragte ihn leise einer
der Fremden, auf den geduldig nachtrabenden Gerhard weisend. »Ja,« entgegnete
der junge Mann: »er ist's, Herr Graf. Zuverlässig, willenlos, und gänzlich
unwissend.« - »Gut, gut;« antwortete der Fremde, und hielt sich mit seinem
Begleiter dicht auf den Fersen des Führers, der abermals in ein Gässlein einbog,
und vor der Pforte und dem Vorsprungshänslein eines Klostergebäudes stille
stand. Kein Laut war weder in dem Kloster, noch in der Nachbarschaft zu hören.
»Halte hier die strengste Wache!« sprach Dagobert zu Gerhard: »Wir haben im
Hause zu tun. Solltest Du Lärm hören, so decke unsern Rückzug. Schlage das
feige Gesindel, mit dem Du zu tun bekommen wirst, nur tapfer hinter die Ohren
mit der Klinge. Verletze jedoch nur im allerhöchsten Notfall. - In der Herberge
sehen wir uns im schlimmsten Falle wieder.« - Gerhard brummte zu diesem Allen
ein bereitwilliges Ja, pflanzte sich auf ein steinern Bänklein, unfern dem
Kloster, und harrte geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Dagobert sammt
Begleitern klopften hingegen leise an das Pförtlein, und gaben auf die Frage des
von innen herausspähenden Bruders die Antwort: »Fastnachtsfreunde.« Darauf
öffneten sich die Riegel, und des Türleins schwarzer Mund verschlang die
Pochenden. Ein fettleibiger Klosterbruder stand vor den Eintretenden mit Lampe
und Schlüsselbund, und grüsste sie, wie der bildlich dargestellte Fasching mit
wankenden Knieen, Brühetriefendem Munde, und in Weineslust verkehrten Äuglein.
»O weh!« flüsterte Dagobert den Begleitern zu, von denen indessen der zweite
zuversichtlich auf den Pförtner zutrat, und ihn also anredete: »Ihr erinnert
Euch wohl noch meiner, Frater Dominikus! Da sind die Freunde, von denen ich Euch
gestern sprach, und hier der Beutel, der der Eurige wird, sobald Ihr unsern
Wunsch erfüllt.« - Der Pförtner lächelte freundlich aber ungewiss, schob den
Hauptriegel vor die Türe, und summte die erste Zeile des damals berühmten und
von den Gelehrten häufig gesungnen Fastnachtliedes: »Edit Nonna, edit Clerus!«
»Wollt Ihr nicht in's Stüblein treten?« setzte er mit schwerer Zunge hinzu: »es
ist warm darinnen, und wir können daselbst weiter plaudern.« - »Sind wir denn um
des Plauderns willen Hieher gekommen?« fragte Dagobert leise die Seinen: »Was
treibt denn der verwünschte Frater?« Die Begleiter ermahnten ihn durch Zeichen
zur Geduld. »Ad edendum nemo serus!« brummte der Frater gleichmütig fort, und
machte seinen Gästen einen unbehülflichen und unsichern Reverenz: »Wollt Ihr
Euch nicht niederlassen, meine werten Herren und Freunde? Ein Tröpflein Weins
schadet nicht.« - Er setzte einen ungeheuern Weinkrug an den begehrlichen Mund;
schlürfte einen guten Schluck, und reichte das Trinkgefäss seinem Nebenmanne,
nachdem er mit dem Ärmel den Rand abgewischt hatte. »Bibit ille, bibit illa!«
sang er weiter, jedoch sich selbst unterbrechend durch Rede und Frage: »Trinkt
herzhaft, ihr Männer; 's ist vom Guten! Bibit servus cum ancilla. - So! so!
jetzt sagt an .... was steht zu Diensten?« - »Ei, Dominik! habt Ihr denn bereits
vergessen, was wir ausmachten?« fragte Einer von Dagobert's Begleitern entgegen,
während der junge Mann einen ziemlich vernehmlichen: »Schafskopf!« laut werden
liess. Der trunkne Frater zog dem Offenherzigen ein scheel Gesicht, vergass aber
auf der Stelle die Beleidigung, und fiel wieder in sein voriges Lied: »Bibit
abbas cum priore! - Hm! wenn mir recht ist .... hm! hm! bibit coquus cum factore
.... Was wollt' ich sagen .... helft mir doch wieder ein wenig auf die Spur, ihr
Herren! .... et pro rege ....« - »Zum Donner!« unterbrach ihn der warmblutige
Dagobert: »Wir wünschen den armen gefangnen Mann heimzusuchen, den Du zu hüten
hast, und ihm zur Fastnacht ein wohlgemeint Geschenk zu bringen.« - »So! so!«
erwiederte der Pförtner, sich bedächtig im Kreise umschauend, und das Käpplein
lüftend: »Der Ketzer verdient's gar nicht, dass wackre Leute ihn heimsuchen. Et
pro rege et pro papa ....« - »Macht voran!« drängte Einer von den Andern: »Den
Lohn habt Ihr empfangen. - An der Türe des Gewölbs könnt Ihr unsrer harren; in
einer halben Viertelstunde ist's abgetan, und Ihr habt das Geld verdient - wir
unser Gelübde gelöst. Zaudert nicht. Es ist keine Gefahr dabei. Eure
Vorgesetzten ....« - »Bibunt vinum sine aqua!« tremulirte Dominikus dazwischen,
und griff nach der Lampe: »Ihr habt jedoch den besten Augenblick erwählt ...«
stammelte er fortfahrend: »Der Prior und die meisten Herren sind draussen in der
Stadt, und die Übrigen - hm! sie sitzen oben am Spiel und Trunk, und haben mehr
zu tun, als sich um den verdammten Ketzer zu bekümmern, dem Ihr eine
unverdiente Ehre erweisen wollt.« - »Lasst uns aufbrechen!« mahnte Dagobert
inständig, schob dem Pförtner das gewaltige Schlüsselgebund in die fehltappende
schwammige Faust, und ihn selbst vor sich her zur Türe. »Et pro papa et pro
rege!« intonirte der Mensch mit einer Löwenstimme, da sie in den Kreuzgang
traten. »Um des Himmelswillen! schweigt!« flüsterten ihm die Nachschleichenden
unter ängstlichen Rippenstössen zu; er liess sich jedoch nicht irre machen,
schlurfte in seinem Elephantenschritte fort, und von seinem: Bibunt omnes sine
lege! hallte das Gewölbe wieder. Alles blieb auf dieses, wahrscheinlich zu
dieser Zeit gar nicht ungewohnte Geplärre ruhig; nur im fernen Refektorium war
ein wüstes Gejohle hörbar; ein Beweis, welchen Geschäften der Convent oblag, und
eine gute Vorbedeutung für die drei Fremdlinge, deren Vordermann sie eine lange
Treppe, von mehreren Pforten verschlossen, hinunterführte, an deren Ende
seitwärts eine ganz niedere mit Eisen schwer beschlagene Türe öffnete, und die
Besucher hindurch kriechen hiess. »Bibunt primum et secundo« summte er während
dessen, und rief dann in das tiefgewölbte Kerkerloch hinein: »Steht auf von
Euerm Stroh, verruchter Abtrünniger - donec nihil sit in fundo - und Ihr, meine
Herren, fasst Euch kurz.« - Dagobert schauderte, da er beim Schein der Lampe das
entsetzliche Gefängnis gewahrte, in welchem ein Unglücklicher mit langem Barte
und in dürftiger Kleidung einem rechtlosen Urteil entgegen schmachtete. »Vater
Johann! Vater Johann!« riefen des Jünglings Begleiter mit von Tränen halb
erstickter Stimme, und warfen sich zu den Füssen des Eingekerkerten. Dieser erhob
sich mühsam in seinen Fesseln von dem nassen Lager, und hielt die Hände vor die,
von ungewohntem Lichtstrahl geblendeten Augen, aber sein Ohr hatte die bekannten
Stimmen vernommen, und sein Herz mit einer, diesem Schreckensorte fremden,
freudigen Rührung erfüllt. »Ist das nicht Graf Chlum?« fragte er bewegt; »ist
das nicht der edle Herr von Lanzenbrock? Ach, ihr meine unglücklichen Freunde
... was führt Euch in meinen Kerker?« - Lange konnten die zu seinen Füssen
Schluchzenden nicht Worte finden, und Dagobert lauschte besorgt nach dem vor der
Tür gebliebnen Frater. Von demselben war jedoch keine Unterbrechung zu
befürchten. Neben der auf die Schwelle gestellten Lampe sitzend, hatte er sich
mit der Zählung seines leicht erworbnen Geldes beschäftigt, und war dabei
eingeschlafen. »Eilt, eilt, edle Herren;« raunte der junge Altbürger den
böhmischen Edelleuten zu: »der Augenblick ist sicher, aber kostbar!« - »Vater
Huss!« begann der Graf dringend: »Dich zu befreien sind wir hier! Eile, nur zu
willfahren. Hülle Dich in dieses, mein Gewand. Es ist weit genug, Dich und Deine
Ketten zu verbergen. Diesen jungen Mann, der unter der Larve der Torheit den
männlichsten Willen und den glühendsten Eifer für das Recht verbirgt, der schon
einmal eine Dir zugefügte Beleidigung edelmütig rächte, haben wir ersehen, Dich
aus der Stadt zu bringen. Er kennt alle Schliche, und die Wege rund um im Land;
er und Lanzenbrock schaffen Dich über'n See in's Schweizerland, von wannen
sichre Freunde Dich nach der Heimat führen werden. - Fliehe, fliehe, es drängt
die Zeit.« -
    »Träume ich denn?« fragte Huss, bestürzt um sich schauend. »Steht es denn so
schlimm mit mir, dass solche Flucht notwendig wäre?« - »Fürchte Alles!«
entgegnete Lanzenbrock: »Deinem Haupte droht die höchste Gefahr.« - »Und ich
sollte nicht der Gefahr gedenken, in welche sich der an meiner Statt
zurückbleibende Freund stürzen wird?« fuhr Huss mit ernstem Vorwurf fort. - »Mein
Schicksal kümmre Dich nicht!« unterbrach ihn der Graf: »Von Dir hängt die
Freiheit unsrer Kirche, unsers Glaubens ab. Tausende meiner Landsleute können
fechten wie ich; wie Du zu reden, vermag Keiner ausser Dir.«
    »Kommt, kommt, würdiger Herr;« setzte Dagobert bei: »wir meinen's redlich,
und das Glück für heut nicht minder. Morgen ist's zu spät.« - »Wer sagt Euch,«
sprach der Gefangene mit erhabner Sanftmut: »wer sagt Euch, dass ich morgen
anders gesinnt sein könnte, denn heute? Ich würde zum Lügner an meiner Lehre,
wollte ich diesen Kerker feig verlassen. Das Wort ist ewig, und muss den Sieg
erringen. Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach, denn mich bedienen Engel
in dieser dunkeln Gruft; wohl aber diejenigen, die ihren Eid gebrochen haben,
und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gefäss, das er sich auserlesen.
Geht meine Freunde; meinen Dank für Eure Aufopferung, doch Euch zum Frommen
willige ich nicht darein.« - »Grausamer!« seufzte der Graf: »Du rennst in Dein
Verderben! Unwiderbringlich verloren bist Du. An Wenzel's Trone bist Du sicher;
in Sigismund's Gewalt des Todes.« - »Unnütze Furcht!« lächelte Huss wie ein
Verklärter: »Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn; an meinem Haupte werden
sie sich nicht vergreifen, und aus den Fesseln, die den Leib belasten, wird mich
der Höchste befreien, wann das Werk vollendet ist.« - Ungeduldig ob solchem
Starrsinn stampfte Dagobert mit dem Fusse, und die Böhmen umschlangen mit
liebevollem Ungestüm die Kniee des Versagenden, mit Worten und Tränen ihn
bekämpfend. Sein Entschluss, fest wie ein Fels, begann zu wanken; seine
abweisende Strenge wich dem vereinten Bemühen der Freunde, - schon gab er nach;
schon ward die Möglichkeit einer nahen Freiheit reizend für seine in Kerkernacht
erstorbnen Sinne, ... schon griff seine Hand zögernd nach dem Rettungsgewande,
... als es mit einemmale über den Häuptern der Befreier lebendig wurde. Von
Ferne, die Treppe herab tönte ein beunruhigendes Laufen und Rennen; Getöse von
Stimmen, zugeschlagnen Türen, entferntem Waffenklang. »Wir sind verloren!«
flüsterte Lanzenbrock erschrocken, und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm. »Die
Zeit ist versäumt!« rief er: »Schreibt Euch's selbst zu, eigensinniger Mann.
Wenig würde es Euch jedoch helfen, gingen wir um der ungeschehenen Tat willen
zu Grunde. Wer Mut hat, folge mir frank und frei. Vielleicht bietet sich bald
eine andre Gelegenheit zur Rettung!« - Diese Aufforderung, verbunden mit dem so
natürlichen Gefühl der Selbsterhaltung, wirkte auf den Gefangenen und seine
Freunde. Der Erstere beschwor die Überraschten, sich dem Unheil zu entziehen,
ihn ruhig seinem Schicksale zu überlassen; die Letztern stürzten, da das
Getümmel lauter wurde, mit der Schnelligkeit des Hirsches aus dem Kerkergewölbe,
die Treppe hinan. Dagobert voran stürmend wie eine Windsbraut. Den fest
entschlafnen Frater weckte sein Gefangner selbst, und ermahnte den Taumelnden,
doch die Türe zu verschliessen, damit ihm nicht die Lust anwandeln möchte, seine
Haft zu verlassen. Kopfschüttelnd über diese seltne Bitte, gewährte sie der
trunkne Dominikus, und schleppte sich langsam die Stiege hinan. Indessen war
oben alles in Aufruhr gekommen. Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen
Störung hatte der vor dem Kloster auf einer Steinbank dahinbrütende Gerhard
gegeben, da seine in Schlaf- und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren
erblickten, die, satt von den Freuden des Tages, sich behaglich nach ihren
Zellen zurückzuwälzen im Begriff waren. Seines Wortes eingedenk, niemand
hindurch zu lassen, glaubte er sehr wohl zu tun, wenn er auch diese
Klosterbewohner von ihrer Klause zurückhielt. - »Hier geht niemand durch!«
murrte er daher barsch den Arglosen entgegen, und stellte sich ihnen, breit und
stämmig, wie er war, in den Weg. Die Mönche, obgleich verdutzt im Augenblicke,
sahen doch gar bald, dass sie nur mit einem einzigen, wahrscheinlich trunknen
Manne zu tun hatten, und bestanden auf ihrem Hausrecht. Der Weglagerer liess
dasselbe jedoch nicht gelten, und verbot fortwährend den Zutritt zur Pforte.
Dringendes Ansuchen von der einen, mürrische Abweisung von der andern Seite. Der
Auftritt nahm bald eine ernstere Gestalt an. Die Klosterleute, wenig gewohnt
sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu
lassen, wurden böse und giftig; der Kämpfer dagegen rauh und grob. Von den
Worten kam's zu Tätlichkeiten. Die Geistlichen wollten mit Gewalt den
Schlagbaum auf die Seite schieben. Gerhard's kräftige Faust stiess jedoch beide
zurück. Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlasste einen neuen gewaltigern
Angriff, der abermals abgeschlagen wurde. Um seine Drohungen wirksamer zu
machen, zog Gerhard den Stossdegen aus der Scheide. Während nun einer von den
Mönchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zurückwich, schob sich der andre hinter
Gerhard's Rücken vorüber nach der Pfortenglocke, und hatte schon beträchtlich
Sturm geläutet, so wie mit Händen und Füssen an die Türe gedonnert, ehe der
Hülshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte. Dieses Getöse, das der andre
Pater erneuerte, sobald Gerhard, den Ersten verfolgend, den Rücken gedreht
hatte, machte endlich die Schlemmer im Refektorium, so wie die Knechte, die im
Seitengebäude bei den Würfeln sassen, aufmerksam Die Erstern schrien um Hülfe,
die Letztern liefen zum Kreuzgange, ihre rostigen Hellebarden nach sich
schleifend. Keiner von den Männern allen jedoch hatte den Mut, die verriegelte
Pforte zu öffnen, und den von dem unbekannten Teufelsbraten misshandelten und
zerbläuten Herren zu Hülfe zu kommen. Alle schrien nach dem Prior und dem
Pförtner. Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zurück, der Zweite
nirgends zu finden. Der Kellermeister fasste den Verdacht, der Frater möchte wohl
im Keller stecken, und ein verbotnes Fass verkosten, und eilte, so schnell es
seine Uebehülflichkeit, und das Gedränge der Übrigen erlaubte, der Treppe zu,
die nach den untern Gewölben des Hauses führte, aber des Todes war er fast vor
Schrecken, da einige Verlarvte die Stiege heraufstürzten, ihn sammt der Lampe,
die er in Händen trug, - der Einzigen die ein schwaches Licht verbreitet hatte,
die Ampel ausgenommen, welche am Bilde des Gekreuzigten in der Halle hing - zu
Boden warfen, und mit Riesensprüngen und Faustschlägen nach allen in den Weg
Tretenden, die Pforte gewannen. Der Pickelhäring, der den Vorläufer machte, und
dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte, riss, mit der
Ortsgelegenheit vertraut, den Riegel auf, und tobte durch die aufklaffende Türe
in's Freie. Seine Begleiter säumten nicht dem Beispiele zu folgen. »Aufhalten!«
donnerte Dagobert dem Gerhard zu, der indessen noch immer seine Hetze in dem
Gässlein fortgesetzt hatte, und lief in's Weite; aber der bereitwillige Fechter
konnte nicht verhindern, dass einige Klosterknechte dem Flüchtigen nacheilten,
dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb, als die dunkeln Gewänder der
beiden andern, die nach verschiednen Seiten sich verloren. Unter dem übrigen aus
dem Gebäude strömenden Gewühl von Mönchen und Laien wütete Gerhard's flache
Klinge mit übermenschlicher Kraft. »Bleibt zurück, ihr Schöpse!« rief er den
Bestürzten entgegen: »Bleibt zurück, oder Ihr seid des Todes.« - »Greift an!«
hetzten die beiden, seiner Wut entkommenen Klosterherren: »Er hat das Schwert
gezogen, und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann!« - Der ganze Schwarm
wollte sich nun auf den Einzelnen werfen. »Zurück!« schrie dieser noch lauter,
denn zuvor: »Schufte! habt Ehrfurcht! Ich bin der Kaiser selbst, ihr
Lottergesindel, und will ich meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben, dass
ihr an mich denken sollt!« -
    Diese Aufschneiderei, zu welcher den Edelknecht, dessen Arm schon ermüdete,
der Gedanke bewog, dass man ihn bereits heute für den Kaiser angesehen, verfehlte
ihre Wirkung nicht. Die Knechte wichen stumm und erschrocken zurück; der Mund
der anfeuernden Geistlichen verstummte, und indem sich die Blicke bald nach dem
Kaiser, bald nach dem Pförtner richteten, der unbefangen, als ob er kein Wasser
getrübt und staunend, unter die Menge trat, ging Gerhard stolz und aufrecht von
dannen, weder aufgehalten von seinen Gegnern, noch von dem Volke, das sich um
das Getümmel versammelt hatte. Seinem jungen Freunde war jedoch kein so
ehrenvoller Rückzug vorbehalten. Von den rüstigsten Knechten des Convents
verfolgt, sprang er links und rechts, geschmeidig wie ein Aal durch die Strassen
und die gaffenden Pöbelhaufen, die sich noch in so später Nacht im Freien
befanden. Gern hätte er sich in einen Hausgang geworfen, allein allentalben
waren die Türen verschlossen. Endlich gewahrte er an einem Hause hinlaufend, in
dem Erdgeschosse desselben Licht, erwischte, um die Ecke stürzend, einen zu der
Türe heraustretenden Menschen, welcher bedächtig hinter sich zuschliessen
wollte, beim Kragen, und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in
die Arme. - Während nun diese Letztern den ihnen in die Hände Laufenden
aufhielten, befragten, und dieser ihnen nichts zu erzählen wusste, da er den, der
ihn um die Ecke geworfen, nicht einmal gesehen hatte, machte sich Dagobert
eilends in die Unterstube, wo er noch zwei Menschen, einen Mann und ein
Frauenbild, fand. »Helft!« rief er ängstlich dem Manne zu: »ich bin des Teufels,
wenn sie mich erwischen!« - und ohne eine Antwort abzuwarten, schlupfte er in
die offenstehende Kammer, und kauerte sich unter das darin stehende Bette,
dessen lange Vorhänge jede Spur von ihm verbargen. Der unerwartete Anblick des
Vermummten hatte die Bewohner der Stube in keine geringe Bestürzung versetzt;
doch war stillschweigend ihr Entschluss gefasst, ehe noch die Verfolger in die
Stube drangen. - »Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen!« seufzte der Mann,
den die Knechte beim Fittig hereinzogen: »liebwertester Gastfreund! wollt Ihr
mir nicht bezeugen, dass ich bin der Elieser, der Sohn des langen Schmuls, der
gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden? Verdiene ich nicht
redlich mein Brod durch Handel und Wandel, und weiss ich etwas von dem schlechten
Menschen, der mich hat umgeworfen und getreten mit Füssen, ohne dass ich weiss, wo
er ist hingekommen?« - »Halt das Maul!« fuhr ihn einer von den Klosterknechten
an: »Dich suchen wir auch nicht, furchtsamer Jude, aber von Dir« zu dem Andern
gewendet »von Dir wollen wir erfahren, ob sich nicht hier ein fremder Mann
versteckt hat?« - »Gesteht es, Ben David!« klagte Elieser: »bringt nicht Euch
in's Unglück, und nicht mich.« - »Ich will sterben, wenn ich weiss, was ihr
wollt;« erwiederte Ben David kalt: »Ich habe wohl gehört, wie ein Mensch rannte
hier vorbei, doch herein ist keiner gekommen. Nicht wahr, Ester?« - »Wahrlich,
wahrlich, Vater;« bekräftigte Ester ganz unbefangen. - »Lasst sehen!« erwiederte
der Klosterknecht, nach dem Lichte greifend: »Euch verdammten Juden ist nie zu
glauben. Hier ist er nicht, doch in der Kammer sitzt er ganz sicherlich.« - Er
leuchtete in die Kammer hinein; kehrte aber, da er nichts in Unordnung fand, und
auch kein Geräusch hörte, unzufrieden zurück. - »Wenn Ihr doch schwarz würdet,
lüderliches Volk!« brummte er: »bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren,
und wer weiss, was indessen daheim vorgefallen ist.« - »Heraus Bruder! ich hab'
ihn!« schrie ein vor dem Hause als Wache zurückgebliebener Knecht, der einen,
harmlos vorüberstreichenden Fastnachtsnarren, seines Abwehrens ungeachtet,
aufgegriffen hatte. »Die ganze Rotte stürmte auch hinaus, versammelte sich um
den Zitternden, der in seiner Betroffenheit aussah, als hätte er irgend etwas
Übles verschuldet, und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster, teils
in der Meinung, sie hätten den Rechten erwischt, teils aber auch, um nur nicht
ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren.«
    Von Ungeduld und Erschöpfung gepeinigt, lag, das Ende des Vorgangs
abzuwarten, Dagobert auf der Erde, als Ben David mit der Kerze in der Hand vor
ihn trat, und ihm anzeigte, dass die Gefahr vorüber sei. Als der Verfolgte aus
seinem Schlupfwinkel kroch, und die Larve vom Gesichte nahm, erstaunte er nicht
wenig in Ben David den Juden zu erkennen, den er beim Herzog eingeführt hatte. -
»Dienst gegen Dienst!« sagte Ben David zu dem jungen Manne, dessen Gesicht,
obgleich verstört aus der Narrenkleidung schauend, ihm wohl erinnerlich war:
»Ihr scheint grosse Angst ausgestanden zu haben.« Verfolger und Verräter sind
ferne. Geniesst ein Glas Wein, wenn es Euch nicht Eckel macht, von einem Juden
die Erquickung anzunehmen. Ester! aus der geschliffenen Flasche dort in der
Ecke! - Dieser Name schlug betäubend an des Jünglings Ohr, der sich willenlos in
die grössere Stube ziehen liess. Sein Schreck, wenn gleich ein freudiger, war noch
betäubender, da Ester selbst in der Blüte ihrer Schönheit vor ihn trat, den
Krystallbecher auf einem spiegelblanken Kredenzteller. Die Bewegung Dagobert's
war nur mit der des Mädchens selbst zu vergleichen, da es unmittelbar nachher
den Mann erkannte, an welchem seine ganze Seele hing. Teller und Becher drohten
ihrer bebenden Hand zu entschlüpfen. Ben David nahm der Jungfrau die Last ab.
»Es ist Schade,« sprach er, »dass Dein von dem vorigen Auftritte herrührender
Schrecken Dich unfähig macht, dem edeln Herrn die Labung zu reichen. Von der
Hand der Jugend hätte er sie um so lieber genommen. Empfangt sie indessen von
mir, und glaubt, sie ist Euch geboten von einer treuen Hand.« - Starr auf die
Tochter blickend, nahm Dagobert das Glas, und trank, ohne mit dem Blick von ihr
zu weichen, gleichsam als ob er auf ihr Wohl den Wein kostete. Die Röte der
verlegnen Scham färbte Ester's Wangen, doch ihre Lippen waren eben so stumm,
als ihr Herz, fast hörbar pochend, eine laute Sprache führte. - »Geh zu Bette,
mein Kind;« redete ihr der Vater zu: »Der heilige Gott segne Deinen Schlaf, wie
den der frommen Rebbecka, und Lilis bleibe fern von Dir.« - Ester, schmerzlich
bewegt, so schnell von dem wiedergefundnen Freunde scheiden zu müssen, und
dennoch halbfroh, aus seiner ihr beiderseitiges Geheimnis bedrohenden Nähe zu
kommen, neigte sich verschämt vor Dagobert, der den Gruss wortlos erwiederte, und
verschwand in die Kammer. - »Ruht jetzt aus, werter Herr!« sagte Ben David, und
lud den Jüngling ein, auf dem Polstersitze Platz zu nehmen: »Der Zufall hat mir
gedient, da er mich liess in etwas vergelten, was Ihr an mir getan. Besonders
ist mein Herz freudig, da Ihr gewiss Nichts getan, das wirklich gescholten
werden könnte, böse. Ihr seid ein Vertrauter des Herzogs, und der edle Mann kann
nur haben Edle in seinem Vertrauen. Bedürft Ihr das Geringste, so wendet Euch an
mich. Was ein armer Jude tun kann, Euch zu gefallen, soll geschehen.« -
Dagobert wich allen Fragen aus, die Ben David mit der geschickten Neugier seines
Volks ihm stellte, um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen; das
letztere Anerbieten wies er jedoch nicht förmlich von sich, um sich die
Möglichkeit in Ben Davids Haus wiederzukehren, nicht zu rauben. Er verplauderte
eine geringe Weile mit Ester's Vater, und verliess ihn endlich mit dem
Versprechen, ihn wieder zu sehen. »Du wirst doch nicht?« flüsterte sein
Verstand. - »Ach! ich fürchte, Du wirst!« entgegnete sein Herz, und zerrissen
von Überraschung, Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an, woselbst er
sich auf's Lager warf, um nicht zu schlummern.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
 Riefst Du einmal nur die Schuld zur Frohne,
 Ewig dienst Du ihr dann als fröhnender Knecht.
Wer Liebe und Unschuld vereint und traulich zu Tafel sitzen sehen wollte, musste
an den Tisch des Wildmeisters Bilger von Rhön treten. Mässig war er besetzt von
Gästen und Speisen, allein aus den Gesichtern der beiden Ehegatten, wie des
zwischen ihnen spielenden Kindes lachte eine Zufriedenheit, welche die magern
Fastengerichte in einen königsüppigen Pfingstschmauss verkehrte. Die Sonne eines
heitern Tages, wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet, schaute
behaglich durch die weiten Fenster des Mörsburger Schlosses auf den kleinen
Haushalt des Wildmeisters, dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch
einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzählte, welche
sie schon öfters zum Besten gegeben hatte. Mit liebevoller Geduld horchte Bilger
der Geschwätzigen zu; das Töchterlein, halb auf dem Schoss der Mutter gelehnt,
stellte sich eben so aufmerksam, und selbst der Bärenfänger Haltan schien, vor
dem Tische aufrecht sitzend, und das Gesicht in die Sammetfalten des
beschauenden Ernstes gelegt, das stille Vergnügen seiner Herrschaft zu teilen.
Des Herrn von der Rhön Aufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehörten Bericht
nicht so sehr in Anspruch genommen, dass er das Geräusch überhört hätte, das sich
in dem Hofe vernehmen liess; den Hufschlag ankommender Pferde, das Rufen der
Reiter, und die langgehaltnen Hornstösse des Wächters. Er eilte, an das Fenster
zu kommen, und erblickte, da er die gemalten Flügel aufschlug, mehrere in des
Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze, teils zu Gaule sitzend,
teils einen aalglatten Schimmel haltend, dessen reiches Sattelzeug alsobald den
vornehmen Reiter verriet. Der Pförtner machte aus seinem Hüttchen die Geberden
der grössten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister herüber, und das
Rätsel löste sich diesem bald, denn die Türe sprang auf, und der Kaiser selbst
trat im einfachen Reitkleide herein, ... den Vogt verabschiedend, der ihn bis
hieher geleitet hatte. Bilger's und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs, da
der Fürst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle
Bewillkommnung von der Hand wies, Reverenz und Gewandkuss untersagte, und so
vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm, als sei dieses
seine ihm zustehende Stelle. »Keine Zierereien!« sprach Sigmund, während er
durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirtin in die kaum verlassenen
Lehnstühle wies, und das lächelnde Kind auf den Schoss zog, in den warmen
Marderpelz: »Wenn man gute Freunde heimsucht, tut man sich weder Zwang an, noch
duldet man ihn; und ich denke ja, ich bin bei guten Freunden.« »Bei den treusten
Dienern Ew. römischen Majestät;« versicherte der Wildmeister. - »Ich wollte mich
von Euerm Wohlsein überzeugen,« fuhr der Kaiser fort: »und sehen, wie das holde
Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt.«
    Die Wildmeisterin errötete verschämt; Bilger aber erwiederte: »Mit drei
Worten, gnädigster Herr, kann ich Euch hierüber berichten: ich bin glücklich.
Meine Katarine ist das Gestirn, das mildiglich meinen Lebensweg, überstrahlt,
und sich in unsern Kleinen zu unfrer Wonne verdoppelt hat.« - »Wie bin ich froh,
solch Zeugnis aus Eurem Munde zu vernehmen, Herr von der Rhön,« versetzte der
Kaiser: »so hat denn doch der Befehl Eures Vaters, dem ihr so lange
widerstrebtet, gute Früchte getragen. So stösst man oft die Perle lange zurück,
die uns das Schicksal wohlwollend reicht. Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand
aufgetan. Wohl Euch!«
    Mit verdüstertem, aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem Weibe die
Hand. Sigmund fuhr indessen fort: »Ihr Leute wisst gar nicht, wie glücklich ihr
seid. Ihr freut euch des Daseins in eurem eignen Hause, während Meinesgleichen
in weitläufigen Burgen und Städten mit dem Missmut Hand in Hand gehen. Es ist
ein schwer Ding um das Regiment über Land und Leute. Wie gerne vertauschte ich
den Fürstenpelz mit Euerm Rocke, und würde ein Wildmeister, wie Ihr. Aber so ist
es mein Beruf, der ganzen Welt Händel zu schlichten, wie es eben geht. Hier soll
ich begnadigen, dort mit dem Schwerte drein schlagen; an allen Orten soll ich
zugleich sein. Bald machen mich die Städte unwirsch, bald hab' ich's mit der
Herrenbank verdorben; die Fürsten spreizen sich, die Bauern murren, die Ketzer
predigen alles Unheil. Gegenwärtig hab ich's mit der Geistlichkeit zu tun, und
der liebe Gott helfe mir gnädig über diesen stachlichen Zaun. Hab' ich aber auch
mit Angst und Not dem Staatsleben so ziemlich aufgeholfen, - flugs reiben sich
gewöhnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Bürgerleben. Hat sich
nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdriesslichen Handel ein Dummbart
unterstanden, sich, für meine Person auszugeben, und mich dadurch vor aller Welt
in einen ärgerlichen Verdacht gezogen? Doch übergenug. So wie des römischen
Reichs erwählter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit, so sind
seine Sorgen auch die grössten, und darum bitte ich geziemend das liebliche
Weiblein um einen Becher Wein, damit ich auf ihre Gesundheit trinkend, Grab und
böse Erinnerung vom Herzen schwemmen möge.«
    Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf, griff nach den Schlüsseln am
Schenktisch, und eilte nach dem Keller, um dem vornehmen Gast den verlangten
Labetrunk so frisch als möglich zu reichen. Der Kaiser legte das auf seinen
Knieen entschlummerte Mägdlein behutsam, wie eine sorgende Mutter, in's
Ruhebettlein, und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister, der, seinem
Willen zuwider, ebenfalls sitzend verharren musste. - »Bilger,« sprach Sigismund
leiser: »Ich muss Euch bekennen, wie es nicht eitel Zufall ist, dass ich mich
hieher begeben, obschon mir angenehm ist, wenn die Leute glauben, dass es auf
einem unbestimmten Lustritte, oder Euch zu Liebe allein geschehen sei.
Eigentlich jedoch bin ich hier, um ein Amt zu verrichten, das nicht zu den
Regalien gehört; das Marschalkenamt nämlich. - Eine edle Frau, an deren
Schicksal ich viel Teil nehme, wünscht einige Tage in strenger
Abgeschlossenheit in diesem Hause zuzubringen, da ihr zu Costnitz, wie sie
befürchtet, eine nicht geringe Gefahr droht. Das schwache Weib zu schützen ist
jedes Ritters Pflicht; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also, der ein
Meister ist über alle Ritter deutschen Volks. Ich habe der edlen Frau meine
Obhut zugesagt in diesem Schloss, das der Bischof vom Reich zu Lehen trägt, und
vertraue sie Eurem absonderlichen Schirm, so dass Ihr keinen Menschen in ihre
Nähe lasset, der ihr Unheil bringen könnte.«
    »Das Vertrauen meines kaiserlichen Herrn zu rechtfertigen, wird mein
Bestreben sein;« versicherte Bilger von der Rhön. - »Heute noch wird das würdige
Frauenbild hier eintreffen,« fuhr der Kaiser fort: »Ich verbiete ausdrücklich
nach ihrem Namen und Stand zu forschen. Ich habe ohnedies das Missgeschick, meine
Huld gegen ehrenwerte Frauen häufig verkannt zu sehen; ich will nicht ihre
Namen der Verläumdung Preis geben. Es ist nichts Zarteres, als des Weibes
Leumund. Wie gesagt jedoch: Euerm Schirm vertraue ich die Freundin, und empfehle
sie der Dienstfertigkeit Eurer Ehewirtin, da sie, wie ich vermute, ihre Leute
zu Costnitz lassen wird, bis die böse Conjunktur vorüber.« - »Es soll geschehen,
wie kaiserl. Majestät befiehlt;« erwiederte Bilger unterwürfig, und der Kaiser
wurde durch solche Bereitwilligkeit dergestalt in gute Laune versetzt, dass er
den Becher, den ihm Frau Katarine kredenzte, in einem Zuge auf das Wohlsein des
Hauses von der Rhön leerte. - »Traun!« lächelte der Wildmeister: »es ist hohe
Zeit. Ich bin der Einzige und Letzte meines Stammes, seit mein Vater vor einem
Jahre zur Grube fuhr, und mir wird das Wappenbild nachgeworfen, wenn meine gute
Hausfrau mich nicht mit einem Sohne erfreut.« - »Tröstet Euch mit Kaisern und
Königen, denen es dann und wann um nichts besser geht;« versetzte Sigmund: »und
freut Euch, in dem Alter zu sein, das eine Hoffnung noch zulässt. Nun aber,
lieber Wirt, lasst uns zu Ross steigen, um eurem holden Gaste entgegenzureiten.
Er kann nicht mehr lange säumen.« - Der Kaiser umarmte zum Abschiede Frau
Katarinen auf das Zierlichste, drückte einen Kuss auf ihre Stirn und Wange, liess
die goldne Kette von seinem Halse auf das Bettlein des schlummernden Kindes
gleiten, und schied. Der Wildmeister ritt zu seiner Linken, und sie waren noch
nicht weit vor das Städtlein hinausgekommen, als schon in der Ferne eine Sänfte
sichtbar wurde, von einigen Reisigen geleitet. Der Anführer derselben, - ein
buntgekleideter Rittersmann, - stolzirte selbstgenügsam voran. - »In dem
Wiedehopfe erkenne ich meinen Mann!« sprach der Kaiser lächelnd zu seinem
Begleiter, und winkte den Scheckigen heran, der auch dienstfertig herzusprengte,
während die Sänfte zögernd folgte. Drei Schritte von dem Kaiser entfernt, warf
sich der Reiter vom Gaule, und nahte dem Fürsten mit allen Zeichen betroffner
Ehrfurcht. »Sieh da, mein Herr von Königseck!« redete ihn Sigmund, sich
verwundert stellend, an: »Unverhofft kommt oft.« »Bei des heil. Stephans Krone!
Wie kömmt es, dass Ihr Euch aus der warmen Stube in den Frost wagt? Wer ist die
Schönheit, die Ihr in jener festverschlossnen Sänfte zu geleiten scheint?« -
»Meine Braut, gnädigster Herr;« versicherte der Geck wohlgefällig: »sie hat den
Wunsch geäussert, einige Tage in dem Hause des Wildmeisters zu Mörsburg
zuzubringen, dessen Gattin ihr sehr nah befreundet ist, und ich hielt's für
meine Pflicht, ihr unterwegs meinen Arm zum Schutz zu leihen.« - »Ein kräftiger
Schirm allerdings;« versetzte Sigmund mit leisem Spott: »um so unangenehmer wird
es mir, Euch in der Erfüllung süsser Pflicht zu hemmen. Ich bedarf Eurer; noch in
dieser Nacht sende ich Euch von hinnen in einem wichtigen Auftrage, den ich nur
Eurer Klugheit anvertrauen darf. Säumt also nicht, sogleich in meinem Gefolge
gen Costnitz umzukehren.« - »Der edle Herr stand verblüfft neben seinem Pferde,
und wusste nur mit einem Bückling, und einer verlegnen Hinweisung nach der Sänfte
zu antworten.« - »Die Wohlfahrt Eurer Zukünftigen sei Eure geringste Sorge;«
versicherte ihm der Kaiser: »der Zufall will, dass der Wildmeister sich gerade
hier befindet. Er wird für die Sicherheit der Freundin seines Hauses stehen.
Nicht wahr, mein wackrer Herr von der Rhön?« - »Wie für mein eigen Haupt;«
entgegnete Bilger, der aus Unterwürfigkeit in eine Sache einging, deren
Zusammenhang er nicht begriff. - Königseck verharrte indessen noch immer in
Unschlüssigkeit. Die Sänfte kam immer näher. »Nun denn aber auch, beim Erlöser!
steigt doch auf!« rief der Kaiser dem Zaudernden heftig zu: »Des Königs Wille
geht vor der Minne. Ihr wisst, wie ich Euch begünstige; seid indessen auch meiner
Gnade wert. Frisch zu Gaule! Da die Zucht mir nicht erlaubt, die Dame Eurer
Wahl auf offner Heerstrasse, in der Dämmerung des Abends, zu begrüssen, so folgt
mir unverzüglich. Der Wildmeister wird die seinem Schutz Befohlne begrüssen, und
Euch, wegen Eures schnellen Abschieds, mit meinem Gebote entschuldigen.« - Der
Königsecker neigte sich verlegen, und stieg langsam in die Vügel. »Seht doch den
faulen Knecht!« sprach Sigmund, seinen langen Bart streichelnd: »Ich hätte Euch
mir nicht so saumselig gedacht. Da war der Montfort flinker, da ich ihm heute
befehlen liess, in meinen Geschäften nach Frankfurt zu reiten. Kaum nahm er sich
die Zeit, noch eine Messe zu hören, und fort war er, wie ein Irrlicht. Dennoch
ist er dem Tyroler zugetan, mehr, denn Ihr es mir zu sein scheint.« - Diese
Neuigkeit belebte auf einmal den zwischen Pflicht, Minne und Eifersucht
Schwankenden. »Gott erhalte Euch, kaiserlicher Herr!« rief er hochaufatmend:
»so der Montfort von Costnitz gewichen, will ich ja gerne für Euch reiten, denn
nun weiss ich meine Lieb vor seinen Drohungen sicher. Doch ein Wort des Abschieds
mögt Ihr mir wohl gönnen, Herr König!« - Sigmund winkte ihm kurz, aber
billigend; und, nachdem er dem Wildmeister den Befehl zugeflüstert, keiner
Seele, - ihn, den Kaiser ausgenommen - Zutritt zu der Fremden zu gestatten, zog
er mit seinen Stallmeistern seines Wegs, ohne auch nur den Kopf nach der Sänfte
zu drehen, die indessen in des Wildmeisters und Königseck's Nähe anlangte. Der
Letztere öffnete zierlich und geschmeidig die Vorhänge, hinter welchen eine
dichtverschleierte Frau sass, - sprach mit glatten Worten von des Kaisers Willen,
seinem Gehorsam, und dem Schmerz, den er empfinde, sie nicht gänzlich an Ort und
Stelle geleiten zu können. Zugleich stellte er ihr den Herrn von der Rhön vor,
als ihren weitern Schirm und Beschützer. »So lebt denn wohl, und nehmt meinen
Dank, Herr von Königseck!« erwiederte eine gleichgültige Stimme, die dem
Wildmeister bekannt und drohend in die Ohren klang: »Ich bin mit meinem neuen
Geleitsmann völlig zufrieden, setzte sie hinzu, und aus dem gelüfteten Schleier
blickte ein Antlitz, das Bilger's Herz mit starrem Entsetzen erfüllte.« Er
schwankte auf seinem Rosse, da er in Wallradens Züge schaute. Das Fräulein
grüsste ihn unbefangen, reichte dem scheidenden Bräutigam die Hand, und verschloss
wieder sorgfältig die Vorhänge ihres Tragsessels, da Königseck von dannen
sprengte, und der Zug sich gen Mörsburg weiter bewegte. Bilger war zu Stein
geworden, während im innersten Busen sein Herz tobte und hämmerte, wie das eines
flüchtigen Verbrechers. Erschüttert ritt er der Sänfte nach, und blickte
vergebens zum Himmel nach Trost und Fassung auf. Sein Geschick lag schwer auf
ihm, und schwarz war ihm wieder plötzlich die Zukunft geworden, dunkel wie die
Nacht und der Nebelschleier des Firmaments, der nur so viel Mondstrahl
durchliess, als nötig war, um die fürchterliche Pracht der kämpfenden
Wolkengebirge bewundern zu können. »Das ist kein gut Zusammentreffen!« seufzte
er vor sich hin: »Was soll daraus werden? O ich Unglücklicher! Ich selbst muss
das Unheil in mein Haus führen, ... mein eignes Verderben an der Flamme meines
Herdes niedersitzen lassen! Wehe mir!« -
    Des Wildmeisters Hausfrau empfing die Kommenden auf der Schwelle des
Schlosses mit gastlicher Freundlichkeit. Wallrade erwiederte ihren Gruss auf
dieselbe Weise, und wandelte an Katarinens Hand zu der Wohnstube, woselbst ein
einfaches Mahl bereitet war. »Fürwahr;« sprach das Fräulein mit zuvorkommender
Sanftmut, die den Herrn von der Rhön wohltätig anregte: »Ich weiss nicht, edle
Frau, wie ich zu einer genügenden Entschuldigung gelangen soll; dass ich mich so
störend in Eure Hauswesen dränge. Wahrscheinlich verdanke ich nur der
auserlesensten Fürsprache den biedern Willkomm, der mich in Euerm kleinen
Familienkreise schon im Augenblick meines Eintritts heimisch macht. Vergebt
daher der Überlästigen.« - Bilger's Ehewirtin antwortete auf diese bescheidnen
Worte aus der Fülle ihres guten Herzens, und ein gutes Verständnis, wie es
öfters zwischen Frauen sich befestigt, - wenn auch nur durch luftgewebte Bande -
spann sich auch hier an. Die Fremde wusste durch alle kleine Künste, die sich
unbemerkt in Gespräch und Tun entfalten, das Vertrauen der Hausfrau zu
erringen, und sich über das Gemüt derselben in's Klare zu setzen. Katarine,
dies einfach herzlichgute Wesen, schlicht, wie das Kleid, das sie trug, aber
auch rein wie dieses, verhüllte nicht lange den Spiegel ihrer Seele, ohne dass
sie daran gedacht hätte, einen Blick unbescheidner Neugier in die Augen des
Gastes zu werfen. Die von dem Kaiser und ihrem Gatten ihr Anvertraute nahm nun
die erste Stelle in ihrem Hauswesen ein. Sie war das Ziel aller kleinen Sorgen
und Rücksichten geworden. Zart und anspruchslos bot ihr Katarine ihre
dienstfertige Freundschaft, empfahl sie ihrer Güte das aus dem Schlummer
erwachte Kind. Bilger sah dies Alles mit an, und freute sich der Milde seines
gefürchteten Besuchs; aber diese Freude war im Grunde nur die scheue Hoffnung
auf einen bessern Ausgang. So unbefangen und heiter auch seine Züge schienen,
wenn der Wohlstand verlangte, dem Gaste einige Worte der Teilnahme zu schenken,
oder auf irgend eine gleichgültige Frage desselben zu antworten, so finster
wurde sein Auge, so sturmbewegt sein Herz, wenn er sein Kind in den Armen der
Fremden sah; wenn er vernahm mit welchen Schmeicheltönen sie das Mägdlein
kirrte, - mit welcher Bereitwilligkeit das Kind ihre Liebkosungen erwiederte.
Ihm war, als müsse er dazwischen treten, sein Eigentum an seine Brust drücken,
um es vor bösem Zauber zu retten; aber kraftlos sank der aufgerichtete Nacken,
und die ausgestreckte Hand, so bald Wallradens Blicke auf ihn fielen, und seine
Gattin in ihrer unschuldigen Fröhlichkeit beteuerte, ihre Tochter habe sich
ausser den Eltern noch Niemand so liebevoll genähert, als ihrer werten
Gastfreundin. - Erst spät trennte man sich. Katarine geleitete das Fräulein auf
ihr Gemach, und verrichtete den Zofendienst bei ihr, während der Wildmeister im
weiten Armsessel bei düstrer Lampe Schimmer einsam und unruhig sich bald hin und
her warf, bald mit verschränkten Armen wehmütig und kummervoll vor sich hinsah.
Die kurze Viertelstunde, binnen welcher sein Weib abwesend war, dünkte ihm eine
Ewigkeit, und mit einer besondern Ängstlichkeit, schlecht verhehlt, um desto
auffallender jedoch, suchte er in den Augen der Zurückkehrenden zu lesen.
Katarine konnte nicht Ausdrücke genug finden, um die sanfte Herablassung und
Bescheidenheit des Fräuleins zu beloben, und machte schliesslich dem Gatten kund,
dass die Fremde ihn morgen auf ihrem Gemache erwarten werde, um ihm einen Auftrag
von hoher Wichtigkeit anzuvertrauen. Flammen schlugen nun aus dem bisher
bleichen Gesichte des Herrn von der Rhön, und Katarinens Unbefangenheit konnte
nicht umhin, diesen schnellen Farbenwechsel zu bemerken. - »Was ist Dir, guter
Rudolf?« fragte sie besorgt: »bist Du krank? Dein Antlitz ist bald Glut, bald
Asche. Du fieberst. Rede doch; - reisse mich aus meiner Angst.« - Der Wildmeister
lächelte verlegen, und versuchte es, ihrer Besorgnis zu spotten. »Ei, lieb Weib,
wo denkst Du hin?« erwiederte er, so gefasst als möglich: »Mir ist wohl, trotz
Einem, und Du wirst mir's glauben, wenn ich Dir sage, dass ich jetzt noch nach
den Fallen sehen will, die ich im Zwinger stellte. Ich vernahm vorhin einen
Laut, wie das Gebelle eines Fuchses. Gewiss hat der Feind unsers Hühnerstalles,
dem ich so lange nachgestellt, die Schnauze oder eine Klaue in der Falle
gelassen. Geh indessen zu Bette; ich komme bald zurück.« - Katarine wollte ihn
von diesem späten Rundgange abwendig machen, allein er blieb unbeugsam bei
seinem Vorhaben. Ihm ward leichter, da er in der freien Luft stand, und der
Nachtfrost kühlte wie ein weicher Balsam seine glühenden Pulse. Er löschte die
Leuchte, die des Mondes Schein entbehrlich machte, und wandelte in dem
Mauerschatten des schmalen Zwingers nachdenkend und überlegend dahin, bis ihn
endlich im Dahinlaufen auch die Bewegung verliess, und er sich unwillkürlich fest
in die dunkle Ecke schmiegte, welche das vorspringende Marienbild am Brunnen
bildete. Während er nun sich in unbeweglicher Fühllosigkeit seinen trüben
Gedanken überliess, hörte er jenseits des Verhau's am Graben einen leisen
Werdaruf, und das Gesumme zweier Männerstimmen, das im Anfang unverständlich,
dem aufmerksamen Zuhörer in der stillen Nacht bald vernehmlich wurde. »Ei so
rede, Bertram,« sprach die eine Stimme: »überall verschlossen, sagst Du?« - »Wie
ein Kloster;« erwiederte der andre Mann: »Der grimmige Torhüter berichtete mir,
dass in der Nacht niemals ein Pförtchen geöffnet werde.« - »Sie ist aber doch im
Schloss?« fragte der Erste weiter. »Ohne Zweifel,« antwortete der Zweite: »man
hat sie ja in der Dämmerung einreiten gesehen. Der Wildmeister hatte sie
eingeholt.« - »Teufel! wenn ich genarrt wäre!« brummte der Erste: »Ihr Brieflein
lautet so honigsüss, aber auch Gift kann man mit Honig würzen.« - »Ja wohl, Herr
Graf;« meinte der Andre: »'s wäre nicht die Erste, die einen biedern Rittersmann
Meilenweit am Faden gezogen hat.« - »Wenn das wäre, - wehe ihr!« sprach der Herr
mit entschlossnem Tone: »Morgen wird sich's finden. Bleibt mir auch noch dann der
Zugang zu ihr versperrt, so weiss ich, was davon zu halten sei, und kann das
Schwert wetzen nach Lust und Rache. Ha; wäre der Kaiser nicht zurückgeritten
nach der Stadt, ich würde glauben, das Weib lasse sich gefallen, mit uns den
Fasching zu verlängern, aber der Himmel verdamme mich, wenn ich ......« Die
Worte verklangen; weil der Sprechende sich vom Graben entfernte, und auch die
Fusstritte der beiden Nachtwandrer verhallten bald in den nächsten Gassen. Der
Wildmeister machte sich aus seinem Versteck hervor, und schlich nach seinem
Wohngebäude. Bitter lächelnd schüttelte er den Kopf, schlug er die Arme
übereinander. »Vor einem solchen Weibe muss ich schweigen?« seufzte er: »Sie, die
mit Jedem ihr Spiel treibt, wie ich ververmute, - sie muss ich scheuen! Hartes
Verhängnis, das mich in Fesseln schlug, die nur der Tod zu lösen vermag! Rette
nur Weib und Kind von Gefahr. Nur sie verschone!«
    Wohl streckte er sich auf das weiche Lager, wohl schloss er die Augen zum
Schlummer, aber das Bette wurde ihm zur Dornenhecke; ein qualvolles Wachen, nur
dann und wann in Fieberträume ausartend, machte ihm die Nacht zu einer Ewigkeit
von Pein. Und dennoch bangte ihm, da der Morgen graute, vor dem Tage. Zögernd
entwich er seiner Lagerstätte, und ängstlich zählte er die Stunden, bis endlich
diejenige herankam, die ihn zu seinem Gaste beschied. Erst nach wiederholter
Aufforderung von Seiten seiner Gattin trat er den sauren Weg an, und klopfte mit
zagendem Finger an die Türe von Wallradens Gemach. Das Fräulein sass mit
weiblicher Arbeit beschäftigt unfern von dem Ofen des weitläufigen Zimmers, und
nickte kaum mit dem Haupte auf Bilger's geziemenden Gruss. Der Wildmeister
fragte, näher tretend, mit unsichrer Stimme nach der Herrin Begehr. Wallrade
heftete einen langen Blick auf den Schüchternen, einen Blick, in dem der Triumph
eines entschiednen Übergewichts lag, und sprach, von der Frage abweichend, mit
der Freundlichkeit, die den Scorpionstachel führt: »Zuvörderst meine
Entschuldigung, Herr von der Rhön. Ich konnte mir jedoch die Lust nicht
versagen, Euch in Eurem Hause heimzusuchen. Meine Ankunft kam Euch überraschend,
fürchte ich.« - »Ich läugne es nicht;« antwortete Bilger mit Ruhe: »welches
indessen auch der Beweggrund sei; lasst mich ihn vernehmen.« - »Ich stelle Euren
Scharfsinn auf die Probe;« fuhr Wallrade nach einer kleinen Überlegung fort:
»Erratet, was mich zu Euch führt.« - »Dürfte ich,« sprach Bilger gemessen:
»dürfte ich Euerm Munde glauben, was er gestern Abend sprach zu mir, zu
Katarinen und dem Kinde, so möchte ich fast hoffen, dass Friede in Euerm Gefolge
kömmt. War jene Freundlichkeit nur Larve, so fürchte ich um so mehr für meine
Ruhe.« - »Das böse Gewissen pocht wieder an die Pforte;« entgegnete schlau
lächelnd das Fräulein: »ich bin indessen nicht so böse, als Ihr glaubt, Bilger.
Ich komme, Euch Gelegenheit zu geben Eurer Sünden quitt zu werden, mit
einemmale. Es gilt die Erfüllung eines geringen Wunsches, und ich verspreche
Euch,« - sie begleitete diese Verheissung mit einem verächtlich niedergleitenden
Blicke - »mich ferner weder um Euch zu bekümmern, noch um diejenige, die Ihr
Euer Weib nennt.« - »O sprecht, .. was ist's?« fiel der von der Rhön lebhaft
ein: »Sprecht, wodurch werde ich Eurer Verachtung würdig? womit erkaufe ich das
Glück, mich von Euch vergessen zu sehen?« - »Es gab eine Zeit,« versetzte
Wallrade beissend: »wo alle Schätze der Welt Euch nicht über meine
Gleichgültigkeit hätten trösten können. Die Jahre wechseln jedoch: mit ihnen des
Menschen Sinnesart. Wohlfeiler kauft Ihr übrigens keine Lust auf Erden, als
meine Verachtung, wenn Euer Arm noch nicht verlernte, das Schwert zu führen,
oder Euch noch ein Keller zu Gebote steht, in dem sich's allenfalls sterben
lässt, ohne von der neugierigen Mitwelt zu Grabe geleitet zu werden.« - »Eure
Worte sind mir eben so viele Rätsel,« erwiederte Bilger: »spannt meine
Erwartung länger nicht auf die Folter. Hat jemals Mitleid Eure Brust bewegt, - o
so versetzt Euch in meine Lage. Ein der Hölle Verfallner dürstet nach der
Möglichkeit, wieder den Frieden zu gewinnen. Sprecht, ... wie erringt er das
verlorne Kleinod?« - »Euer häuslich Glück hat Euch zum Kinde gemacht;« spöttelte
Wallrade. »Indessen, ohne lange zu grübeln oder zu zögern, vernehmt, was ich von
Euch begehre. Ein Mann wird sich heute oder morgen an den Toren dieses
Schlosses zeigen, und den Zutritt zu mir begehren; er wird sich auf eine
Aufforderung von meiner Hand stützen. Ein kühner Blick, ein braunes Antlitz und
eine hohe Schulter zeichnen ihn aus. Mit einem Worte: der Graf von Montfort
ist's, den ich zu fürchten Grund habe. Der Eitle warb um meine Gunst, bildete
sich ein, in deren Sonnenhöhe zu stehen, und hat mir entsetzliche Rache
geschworen, da er seinen Irrtum einsah. Ich, ein schwaches unverteidigt Weib,
müsste früh oder spät seiner Unversöhnlichkeit zum Opfer fallen; darum hab ich's
vorgezogen, den Eisenkopf durch List in eine Schlinge zu ziehen, der er nicht
entrinnen soll, sobald Ihr mir die Hand reicht. Der Kaiser hat mich Euch
vertraut; ich weiss es, denn ich halte die Fäden des Gewebes. Verseht Euer Amt;
der zudringliche Frauenschreck finde an Euerm Schwerte seinen letzten
Augenblick, oder verkümmre auf ewig in Euerm Verliesse. So nur sättigt sich mein
beleidigt Ehrgefühl, so nur beruhigt sich mein Herz.« - Bilger schwieg betroffen
eine lange Weile; darauf wandte er sein kummertrübes Auge zu Wallraden, und
sprach: »Ist es denn nicht genug, Wallrade, dass Deine grausame Arglist gerade
mein Haus ausgesucht zum Schauplatze Deiner trügerischen Ränke? Gerade meine
Obhut angesprochen zum Schutze gegen betrogne Freier, zum Deckmantel eines
unwürdigen Verhältnisses, das eine Königskrone selbst nicht zu adeln vermag? Muss
denn auch meine Hand es sein, die Du aufforderst in unritterlichem Tun?« - »Und
wessen Hand sonst?« fragte Wallrade kurz und herrisch: »Ist sie nicht mein? Ich
dinge keine Mietlingsfaust, so lange ich einer Leibeigenen zu befehlen habe.
Auf Euch kömmt's an, ob Ihr meinem Recht im Stillen huldigen wollt durch
Gehorsam, oder ob ich mein Eigentum vor dem Reiche zurückzufordern habe.« -
»Welch einen Preis verlangt Ihr, Unbarmherzige!« wendete Bilger seufzend ein:
»Um ein Vergehen zu sühnen, soll ich ein doppelter Verbrecher werden!« -
»Wählt!« rief Wallrade streng: »Der, der mir Rache schwur, darf nicht mehr
atmen unter den Lebendigen. schafft ihn hinweg, und Vergessenheit des
Vergangnen, die Ruhe Eurer Zukunft sei Euer Lohn. Weigert Euch hingegen, und aus
sei das Gaukelspiel. Ich werde reden, wo Ihr verstummt, und aus meinem Munde
sprudle ich Schande auf Euer zerbrochnes Wappenschild, Schande und Tod auf Euer
Haupt, Zeter und Schmach auf Alle, die Euch angehören.« - »Halt ein!
giftgeschwollner Wurm, der meines Lebens Blüte zernagte!« unterbrach Bilger
ungestüm die Zürnende: »Die tiefste Erniedrigung hat eine Gränze. Zehnfach schon
büsste ich für den mir abgedrungnen Frevel; nicht länger will ich vor den
Drohungen eines Weibes, zittern, das ich verabscheue. Zu Deinem Wächter wurde
ich bestellt, nicht zu Deinem Mordknechte. Das will der Kaiser nicht, der
getäuschte Kaiser, der nicht ahnt, was Deine glänzende Hülle birgt. Aber, er
wird meine Stimme hören; zu seinen Füssen will ich Alles bekennen; er wird
verzeihen, mir die Ritterhand reichen!« - »Verzeihen? retten?« lachte Wallrade
tückisch: »Tor! vergesst Ihr, dass Sigmund zu meinen Füssen liegt; dass er seine
Pflichten hintansetzt, um mir hier in stiller Abgeschiedenheit seine Huldigung
darzubringen? Ein Wort nur kostet's mir, und Ihr steht auf dem Rabensteine, ..
Katarine wandert zum Spittel, und Eure Kinder - hört Ihr? - Eure Kinder,
Blödsinniger, sind schmachbedeckte Bettler!« - Mit einem Laut aufzuckender
Verzweiflung taumelte Bilger zur Türe, die jedoch im selben Augenblick von
einem rasch Daherstürmenden aufgerissen wurde. Der Graf von Montfort stand vor
den Staunenden. »Ich will doch sehen,« sprach er in ungestümer Jast: »ich will
doch sehen, ob eine Türe hier im Schloss dem Geschlechte Montfort verboten
sein kann, das in Habsburg's Vesten frei aus- und eingeht. Ihr habt unhöfliche
Wächter zu Euren Toren bestellt, Herr von der Rhön. Die Bursche wagten es,
einem Manne von meinem Ansehen den Einritt streitig zu machen, obwohlen mich
Ehre und Minne hieher berufen.« - »Sie taten nach meinem Gebot;« erwiederte
Rudolph, der in dem Trotz des Fremdlings seine Fassung wieder gefunden hatte. -
»Desto schlimmer!« brauste der Graf auf: »Ich werde, sobald ich diese Dame hier
gesprochen, auch mit Euch ein Wort reden, wie es waffenfähigen Mannen zukömmt.
Bis dahin verlasst uns!« - Bilger gab nichts auf die wegweisende Geberde, und
versetzte kalt und bestimmt: »Ich bin der Hüter dieser Edelfrau; befugt,
zudringliche Gäste von ihr abzuhalten. Ihr seid ein solcher, und sie fürchtet
von Euch Gefahr. Darum geht in Gutem, ehe ich vergesse, welches Wappen Ihr
führt.« - »Montfort's Heerschild war seinen Gegnern immer schrecklich;«
antwortete der Graf mit blitzendem Auge: »ich muss mich wundern, in Euch einen
hartnäckigen Feind zu treffen, da Euch Niemand aufgefordert, mir die Spitze zu
bieten. Das Fräulein von Baldergrün ist von keinem Manne abhängig, und als die
Freundin Eures Ehgemahls nicht Eure Magd geworden. Ihr Wunsch berief mich
hieher; ich begreife deshalb nicht, wie Ihr es wagen mögt, zwischen mich und
meine Braut zu treten.« - »Eure Braut?« lachte Bilger bitter: »Gleichviel; ich
muss Euch bitten, ausser diesem Schloss den Freiwerber zu machen; so lange
Fräulein Wallrade in dem Hause wohnt, das ich bewache, treibe ich die
Überlästigen von meiner Schwelle.« - Ein Blick, zermalmend wie der Blitz,
flammte aus Montfort's Auge über den kühnen Wächter, und zornschnaubend wendete
sich der Graf zu Wallraden. »So sprecht doch Ihr, Fräulein;« stammelte er:
»sprecht doch selbst. Duldet es nicht, dass Euer Bräutigam, ein Werdenberg, von
einem Dienstmanne beleidigt werde, wie man einem unverschämten Possenreisser zu
tun pflegt. Redet: bin ich nicht hier mit Eurer Genehmigung, in Folge Eures
Begehrs?« - Unverwandten Blicks betrachteten die beiden Männer Wallraden, die,
gleich einer verschämten Braut, die Augen niederschlug, und endlich zögernd
begann: »Was uns bindet, was uns verknüpft, edler Montfort - gehört es wohl vor
den Richterstuhl des harten Mannes, der ohne meine Zustimmung den Meister über
mich zu spielen wagt? Der Gewalt des Augenblicks untertan, darf ich nicht
reden, wie mein Herz es verlangt. Wenn Freiheit wieder mir geworden - nur dann
fragt mich wieder.« - »Bei des Erlösers Geburt!« antwortete Montfort, den Kopf
schüttelnd: »Eure Reden sind mir dunkel wie die sybillinischen Bücher. Das Eine
nur ersieht mein Verstand daraus, dass Ihr weniger ein Gast in dieser Burg seid,
denn eine Gefangene, und wenn ich mir alles zusammenreime ...... so steckt
Lüzelburgsche List hier unter der Decke. Darum sollt' ich gen Frankfurt reiten?
Höll' und Teufel! weiche aus dem Gemache, königlicher Kuppelknecht!«
    Die schwere Beleidigung entrüstete den Wildmeister dermassen, dass er wütend
nach der Klinge fasste, aber eine rasche Geberde Wallradens, die ihm über die
Schulter des vertretenden Grafen ein Zeichen gab, denselben nicht zu schonen,
bändigte das Gefühl gereizter Ehre, um nur der unbegränztesten Verachtung Raum
zu lassen. Bilger hielt den Arm des streitlustigen Montfort auf, und sprach zu
dem Staunenden: »Lasst die Waffen ruhen, Herr Graf, und scheltet mich nicht
feige, ob solcher Aufforderung. Schön ist's, für die Ehre einer tugendhaften
Frau das Leben auf das Spiel zu setzen; aber allzukostbar ist das Blut zweier
Biedermänner, wenn es dem Verrat zum Opfer fliessen soll!« - »Was bedeuten diese
Worte?« fuhr der Graf auf: »Hinter Euch lauscht der Verrat, der mich verderben
soll, und meines einst'gen Weibes Ehre.« - »Wünscht Euch das Ungeheuer nicht zum
Weibe!« brach Bilger los von Wallradens Trotz empört: »Nicht ich legte Euch
Schlingen; - die Grässliche hat selbst Euch verlockt, und mich zu einem
Henkerdienste aufgefordert, den ich ihr verweigerte. Verratner! Sie hintergeht
Euch, den Königsecker, und ihren fürstlichen Buhler. Ihr Leben war nur eine
Lüge. Nie hat diese stolze Felsenbrust das Gefühl gekannt; nie noch Liebe
empfunden. Blos das Feuer wilder Lust, oder des Hasses Glut entzündet ihr Herz.
Die Bande des Blutes, wie der Neigung tritt sie zu Boden, und nimmer noch
verzieh sie dem, der nur mit einem Blicke sie geschmäht. Glaubt mir, getäuschter
Montfort; ich kenne die in böser Leidenschaft Unersättliche. Verlasst sie, folgt
nicht ihrer Spur. Lächelnd mordet sie Euch, und spottet Eurer im Arme eines
Andern, dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen gräbt.«
    Bilger schwieg erschöpft mit bebender und bleicher Lippe, und seine heftige
Rede hatte ihre Wirkung auf Montfort's Gemüt nicht verfehlt. Der Graf stierte
den Sprecher atemlos an, und trat scheu von Wallraden zurück. - »Welch ein
Scheusal malt Ihr mir!« sprach er endlich mit halb unterdrückter Stimme: »Diese
gleisende Hülle wäre also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange? Meine
Ahnung, meine innerste Seele hätten mich also nicht hintergangen? Ja, ja, Herr
von der Rhön! Ihr habt wahr geredet; Wallradens stumme Lippe bezeugt es, die
Todtenfarbe, die ihr Antlitz überzieht. Eure unerwartete Offenherzigkeit hat
ihre Gestalt in Stein verwandelt, aber diese Hülflosigkeit der Sünde erregt
nicht mein Mitgefühl; sie reizt mich nur auf zur Tat, und ich will untersuchen,
ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist!« -
    Mit einem durchdringenden Schrei flog Wallrade zum Fenster, da der
blindwütende heftige Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zustürzte. Bebend
wie das Laub der Espe umklammerte sie den gehassten Rudolph, der sich mit aller
Mannskraft zwischen die Beiden geworfen hatte, und mit übermenschlichem Ringen
den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt. Nach heftigem Kampfe musste der
schwächere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen, und ergab sich
zähnknirschend in den Willen des Überwinders, der seine Pflicht, Wallraden
nichts Leides geschehen zu lassen, als eine heilige behauptete, und den
Bezwungnen ermahnte, augenblicklich das Schloss zu verlassen, und des Königs
Frieden nicht länger zu stören, wolle er nicht Hand und Haupt verwürken. »Wohl!«
keuchte Montfort, mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend, die eine
wundersame Mischung von Frechheit, Wut, Furcht und drohender Schadenfreude in
ihren Zügen trug: »Der Bann des Königs ist mir heilig; des Königs Metze nicht.
Zittre Weib, mir jemals wieder zu begegnen! Zittre vor meiner Vergeltung.
Montfort kennt nur eine Liebe, aber auch nur einen ewigen Hass!« Mit furchtbaren
Geberden ging er davon, schwang sich auf das Ross, das sein Leibknecht im Hofe
hielt, und sprengte wie ein Rasender über die Schlossbrücke. Bilger hatte nach
ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen; das Fräulein hielt ihn jedoch mit
Riesenkraft zurück, obgleich ihre Pulse flogen, die Lippe zitterte, und der
Busen sich so ungestüm hob, dass jedes Wort nur gebrochen und klanglos ihrem
Munde entfliehen konnte. »Einen Augenblick noch;« stammelte sie, während die
Hölle in ihrem Auge aufflackerte: »hört mein letztes Wort zu Euch. Ihr habt mich
entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt. Der Verbrecher hat über mich
den Sieg davon getragen. Der Himmel mag Euch vergeben, von mir erwartet nun
keine Schonung. Ich überantworte Euch dem Henker, der Schande Eure Buhlerin und
ihre Brut.« - »Weib!« donnerte der Wildmeister rollenden Auges: »Verhänge über
mich, was Du willst. Die Meinigen schone aber. Schone sie, oder ich würge Dich
hier zu Tode!« - Schreckhaft fuhr Wallrade zurück, und erwiederte wie oben: »Um
Euch ein neu Verbrechen zu ersparen, wohlan! so wählt eine härtre Strafe
freiwillig, härter als der Tod. Flieht hinweg von Euerm Herd .... lasst Alles
dahinten, was Ihr mit sündiger Liebe umfasst; ... lasst Euern Namen vergehen und
Euer Gedächtnis, wie das eines Gestorbnen, und ich will schweigen, will genug
haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden, genug an der ewigen
Trauer der verlassenen Waisen! Aber fort müsst Ihr sein, ehe noch das Abendrot
niedergeht; fort ohne jemals wiederzukehren, sonst nehm' ich mein Gnadenwort
zurück. Wählt! Werdet flüchtig wie Kain und lebet, oder bleibt und sterbt mit
den Euern!« - Die Drohende liess des vernichteten Mannes Hand los, und er
enteilte wie wahnsinnig dem Aufentalte seiner erbitterten Feindin. Im Sturme
seiner Gefühle hatte er nicht die Hornklänge vernommen, die einen neuen Besuch
angekündigt hatten, welcher eben die Treppe heraufkam. Der Kaiser war es wieder;
zu seiner Rechten die schüchterne und ängstliche Hausfrau des Wildmeisters, die
ihrem verstörten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgnis zuwarf. Denn Sigmund
war nicht der leutselige herablassende Fürst, wie er noch gestern sich gezeigt;
heute glühte die Röte des Zorns auf seiner Stirne, und von beleidigtem Stolze,
vielleicht auch von Eifersucht glänzten die Augen. Kaum eines Blicks würdigte er
den Wildmeister. »Ihr kommt sehr spät, um meinen Willkomm zu empfangen!«
herrschte er dem Bestürzten zu: »Auch bin ich in Verlegenheit, wie ich Euch zu
begrüssen habe: als einen minnelustigen Fant, der in einem fremden Garten Früchte
naschen möchte, die ihm nicht bestimmt; oder als einen schlauen, aber ertappten
Kuppler.«
    »Kaiserliche Majestät!« stotterte Bilger, empört und gekränkt. - »Als einen
schlauen aber ertappten Kuppler!« fuhr Sigmund kalt und vernichtend fort: »Ich
sagte es, und wahr ist mein kaiserlich Wort, denn so eben hat erst der
pflichtvergessne Montfort das Städtlein und dieses Schloss verlassen. Rechtfertigt
Euch nicht, fürchtet meinen Zorn, und weicht ihm aus. Euer Weib wird mich an
Eurer Statt zu dem Gemache des Fräuleins von Baldergrün geleiten.« - Verächtlich
wandte der Kaiser dem Betroffnen den Rücken, und Catarine, nachdem sie durch
klagende Geberden den Anteil ausgedrückt, den sie am Missgeschicke ihres Gatten
nahm, folgte dem Herrscher unterwürfig.
    
    Wie ein Trunkner taumelte Bilger die Stiege hinunter, auf deren letzten
Stufe Preiswerck, des Kaisers Hofnarr und lustiger Rat sass; sein einziger
Begleiter auf dem Ritte zum Liebchen. Der Bursche nickte freundlich mit dem
geschornen Haupte dem Wildmeister zu, und sprach, indem er ihn am Saume des
Gewandes festielt: »Wollt Ihr ein schön Stücklein lernen, wie es die Sperlinge
auf den Dächern, und die Narren auf allen Gassen singen?« - »Lasst mich;« gab
Bilger unwirsch zur Antwort: »mir ist's jetzo wahrlich nicht um der Narren
Gesang zu tun.« - »So?« fuhr Preiswerck gemütlich fort: »so? dann müsst Ihr
zwei Stücklein lernen. Das Erste heisst: Herrengunst und Vogelsang ist lieblich,
aber dauert nicht lang - und das Andre, das Ihr notwendig wissen solltet, wärt
Ihr ein vollendeter Waidmann, ist nach des Roland's Melodie zu singen und klingt
also: Edler Falk, man spannt auf Dich, schüttle Dein Gefieder! Edler Falk, so
flüchte Dich - kehre nimmer wieder!« - »Habe Dank, ehrlicher Narr!« erwiederte
der Wildmeister: »Den Rat, den Deine lustige Zunge gab, muss meine Verzweiflung,
befolgen. Grüsse mein Weib tausendmal und dem Kaiser sage: Bei dem Zorne sei
keine Gerechtigkeit, darum wollte ich auch keine von ihm verlangen, sondern
hingehen, wo man mich nicht zwingt, ein lockres Weib statt des Wildes zu hüten.
Catarine möge mein gedenken, und ...« Ausbrechende Tränen machten ihn hier in
seiner Rede verstummen. Gewaltsam: riss er sich von dem lustigen Rate los,
stürzte in das Zimmer, wo seine Tochter harmlos spielte, drückte die Kleine
unzähligemale an seine Brust, schwang sich auf ein ungesattelt Pferd, und
verliess auf dessen schnellen Hufen das Haus, das er wie ein Geächteter und
Gebannter zu fliehen gezwungen war. Der Gedanke, Sigmund's Entrüstung werde sich
neu entzünden an Wallradens Wut, gab seinem Rosse den scharfen Sporn, und
weniger sein bedrohtes Leben suchte er in Sicherheit zu bringen, als seine Ehre,
den Leumund der Gattin, und seines Kindes zukünftig Geschick.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
Du fauler Bote! Sag' an Deine Post. Deine Zunge ist lahm, wie
Dein Gaul. - Herr! ich reite auch kein Freudenpferd.
                                                                Alt. Schauspiel.
Die merkwürdige Sitzung des Conciliums, in welcher die Väter desselben, um die
Hyder, die die Christenheit umschlungen hielt, mit einem Streiche zu vertilgen,
die Absetzung der drei Päpste beschlossen, und Papst Johann - zu ohnmächtig und
zu staatsklug, um der Übermacht zu widerstreben - in eigner Person die
Absetzungsformel verlesen hatte, war vorüber, und die Zuhörer, wie die
Beisitzer, staunend über das bisher Unerhörte, begaben sich in zahlreichen
gedrängten Scharen nach ihren Häusern. Dagobert in seiner geistlichen Tracht war
mitten darunter, und schlenderte unbefangen, dem Vesperbrode entgegenharrend,
durch die Strassen, als plötzlich unter dem Schwarme der Vorübereilenden, eine
derbe Faust seine Rechte ergriff und herzlich drückte: »Hoch lebe das Concilium,
alle drei heilige Väter und vorab der gefällige und nachgiebige Johannes!«
jauchzte der ungestüme Freund, der Gerhard in Lebensgrösse war. - »Willkommen!
alter Kumpan!« entgegnete ihm der froh überraschte Dagobert: »Bist Du wieder zu
Tage gekrochen, wilder Jäger? Haben sie Dich aus der Eulen Nest gelassen? Und
rede, wie kömmt's, dass Du frei und frank vor mir stehst?« - »Für's Erste,«
antwortete der Hülshofner, »neigt Euch in Demut vor meinen Tugenden, die Ihr
nie geahnt habt. Drei völlig und gut gezählte Wochen sass ich im Schatten, wo es
nicht hinregnet noch schneit, wo nicht Tau noch Sonnenstrahl zu sehen, und
während dieser Frist, die, reimweis zu reden, keine geringe ist, habe ich kein
Einzigmal geplaudert, denn sonst stolzirtet Ihr wohl nicht so junkerlich und
freiherrlich hier herum. Der Syndikns, ein wahrer Pestilenzer, hat mir zugesetzt
gleichwie mit glühenden Zangen, und dennoch, und dennoch ... dennoch nichts
verraten. Kreuz und Dorn und Stein! 's hat schier Funken gegeben. Die Pfaffen
gaben verdammte Zeugschaft, die leichtfertigen Jägerinnen, deren Geschwätz mich
in die klägliche Geschichte hinein gebracht hatte, meinten, sie müssten mir an
den Hals zur Strafe, dass ich der Kaiser nicht gewesen, während das
Klostergesindel mich braten wollte, weil's mir eingefallen, zur Unzeit
kaiserliche Majestät zu sein. Von Euch erfuhr ich nichts; meine Herren von
Frankfurt hatten mich aufgegeben; ich sass in der Brühe, und ärgerte mich nur
darüber, dass ich nicht einmal wusste, in welcher. Bald sollte ich einen Ketzer
befreit, bald ein ganzes Kloster an den Rand des Grabes gebracht haben, und was
des tollen Zeugs mehr ist. Ich spielte jedoch den Klugen, schwieg fein und
säuberlich, und leugnete wie ein Heide. Zum Glück hatte ich vor der
abscheulichen Verhaftung den wilden Jäger in Eure Obhut gebracht, und konnte
mich herzhaft auf den langen Christoph berufen. Das drang denn endlich allgemach
durch; ich bekannte mich selbst nicht schuldig, leugnete daher auch alle
Mitschuldigen, und heute bin ich denn auf Befehl des Kaisers, der den heutigen
Tag als einen grossen zu feiern gedenkt, nebst einer Menge von Leuten, die
entweder einem Fastnachtsstreich oder einem minniglichen Abenteuer oder auch
einem harten Gläubiger ihre Haft verdankten, in Freiheit gesetzt worden. Mein
gutes Glück liess mich alsobald auf Euch stossen, von dem ich wenigstens als
billige Entschädigung einen Imbis erwarte, wie er lange meinen Gaumen nicht
gekitzelt.« - »Was meint Ihr zu gefalznen Hechten mit Peterlein, und einem Römer
Weins aus der Marggrafschaft?« »Sollst haben, was Dein Herz begehrt,«
versicherte ihm der Jüngling freundlich: »Du bist der bravste Edelknecht in
deutschen Landen, wie der verschwiegenste. Freilich trug auch die magre Kost im
Gewahrsam viel zu dieser letztern Tugend bei; indessen.« ... - »Indessen ist's
doch immer lobenswert;« unterbrach ihn Gerhard fast grob: »Wie viele Leute
gibt's, die selbst beim Wasserkrug das Maul nicht halten können? Wunderbarer
ist's, dass der alte Schneider Velsner, der die Larven hergeliehen, meine
Verschwiegenheit teilte.« - »Das ging sehr natürlich zu, mein guter
Altgeselle;« erwiederte Dagobert halb scherzend, halb ernst: »der Tod tanzte mit
ihm den Kehraus in der Dienstagsnacht.« - »Das haben sie beide brav gemacht;«
sprach Gerhard, andächtig ein Kreuz schlagend: »der weisse Tänzer, dass er kam,
und der graue Schneider, dass er sich nicht sperrte, wie eine blöde Dirne. Ich
wünsche dem wackern Meister die beste Kundschaft dort oben, obgleich ich ihn
wieder bedauern muss, dass er gerade in Aschermittwochs Hungertuch gefallen ist.«
- »Ei du armer Schelm!« lächelte Dagobert: »siehst Du doch selbst aus, als ob Du
dem Hungertuche gerade entschlüpft wärest. Zum Glück stehen wir, just vor der
Herberge. Komm herein; lass Dir's schmecken; aus Dankbarkeit will ich Dein
Küchenmeister und Mundschenk sein. He da! Wirt und Wirtin herbei! Ihr Mägde
und Kellerbuben spitzt das Ohr, denn der wackerste Kämpfer am Rheinstrome will
tafeln, wie sich's gebührt, und Eure sparsame Fastenküche es erlaubt.« - Gerhard
nahm mit wichtiger Feierlichleit an dem Tische Platz, und Leuchter, Wein und
Becher standen flugs vor ihm aufgepflanzt. - Dagobert machte sich ein Fest
daraus, dem ausgehungerten Schlemmer selbst den würzigen Trunk von Badens
Rebhügeln zu kredenzen. - Die Wirtin schleppte Teller und Pfannen herbei. -
»So, mein alter Kämpe;« scherzte Dagobert, während er ihm das Tellertuch um den
Hals befestigte: »da sitzest Du wie der Kaiser am Krönungsbankett. Dein Bart
könnte zwar saubrer geschoren, Dein Wamms reinlicher sein, allein Dein guter
Wille, der sich in der Art und Weise offenbart, wie Du nach dem Essgeräte
langst, hilft allen übrigen Mängeln ab. Du wirst zwar den gewünschten Hecht
vermissen, aber dieser nerrige Stockfisch mit Öl und süssen Rosinen ist auch
nicht zu verachten, und solltest Du es für nötig erachten, Deinen Durst erst zu
reizen, so versehen jene gerösteten Picklinge, gewürzt vom scharfen Leipziger
Senf, vollkommen den Dienst. So, mein Junge. Frisch in's Handgemenge! ich will
Dich kräftig unterstützen.« - Gerhard nahm sich des Verfechteramts eifrig an,
und arbeitete bald mit vollen Backen, bald mit dem klingenden Messer, bald mit
dem schäumenden Becher, auf dessen Grunde er dreimal ein Goldstück mit dem
Gepräge des Freistaats Benegia fand. Dankbar drückte er dem Geber und Gastfreund
die Hand und sprach: Solchen Bodensatz im Wein zu finden, lasse ich mir
gefallen. Zu viel aber ist's der Freigebigkeit, da ich weiss, dass durch Eure
Zwistigkeit mit dem wälschen Ohm Euer Geldseckel in Abnahme geraten ist. - »Der
Herzog Friedrich hat mir erlaubt, dann und wann aus seinem Beutel zu schöpfen,
wenn ichs bedarf;« antwortete Dagobert: »Bei seiner milden Hand magst Du Dich
demnach für dies Geschenk bedanken.« -
    »Ei, vor dem Herzog alle erdenkliche Ehrfurcht!« sprach Gerhard mit einem
Sonnenblicke der Behaglichkeit: »Es gab zwar eine Zeit, wo wir Beide nicht auf
dem besten Fusse zusammen standen, allein diese Zeit ist nicht mehr. Was konnte
ich in der Tat auch dafür, dass der wackre Herr damals in ein Reiterwamms zu
kriechen beliebt hatte? Am Kragen kennt man den Mann, lautet ein wahres und
liebes Sprichwort. Wenn unser Vater Adam nicht die Kleider erfunden hätte, wären
die vornehmen Herren übel daran, und nebenbei auch die gemeinen Leute, die am
Ende nicht wissen würden, ob sie einem Andern oder sich selbst den Reverenz zu
machen haben. Dem sei nun indessen, wie ihm wolle; ich bin mit dem Herzog
versöhnt, und empfange um so lieber die Goldpfenninge, die mir aus seinem
Schatze durch Eure Freigebigkeit zufliessen.«
    »Versöhnt?« lachte Dagobert: »Altes Sieb, wie kömmst Du mit dem Habsburger
zusammen, der Dich, - gerade heraus gesagt - ungefähr so leiden kann, wie der
Rüde den Dachs?«
    »Leiden konnte, Fröschlein, leiden konnte;« versetzte Gerhard in seiner
ungestörten Friedlichkeit, indem er die letzten Reste der Piklinge versorgte:
»Seine herzogl. Gnaden sind aber jetzo mindestens nicht ungnädig auf mich. Im
Gegenteil. Der versöhnliche Fürst hat mich durch den Herrn Schöffen von
Braunfels auffordern lassen, das Turnier, das er am Zwanzigsten dieses Mondes
März zu geben gesonnen, durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterkünste zu
verherrlichen; indem - wie er sich huldreichst auszudrücken geruhte - Keiner von
allen anwesenden Kämpen im Bügel- und Ringelrennen, im Kolbenschlag und Fusskampf
meines Gleichen sei.«
    »Beneidenswerter!« rief Dagobert, ihm den vollen Becher zubringend: »Die
Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf Deine Verdienste, und es kann Dir gar
nicht fehlen, bleibt Deine Rechte nur gesund, und Dein Leib wohl genährt.«
    Das Letztere sei auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag, wo es gilt. Lasst
sehen, Junker; wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten? - »Fünf Tage, mein
Gesell;« berichtete ihn Dagobert: »Bis dahin fei mein Gast. Du sollst einen
dankbaren Schuldner an mir finden. Was das Concilium an essbaren Stockfischen
aufweisen kann, soll Dein sein. Der beste Rebensaft werde Dir kredenzt.
Verlangst Du Tafelmusik, sie soll Dir nicht fehlen? Siehst Du reizende
Aufwärterinnen gerne an Deinem Tische? Ich schaffe sie Dir, anmutiger als die
plumpen Turgauer Dirnen, die so eben die leeren Schüsseln wegtragen, sittsamer
als die leichtfertigen Jägerinnen in Frau Waldina's Gefolge. Kennst Du das
Mährlein vom Tischlein deck dich? Meine Dankbarkeit soll es an Dir
verwirklichen, und Dich in jene harmlose Zeit versetzen, wo Du noch, ein
langknochiger Bube, die trägen Füsse unter Deines Vaters Tisch stecktest, und
ohne Sorgen verzehrtest, was sich gerade vorfand, unbekümmert, ob es die Vöglein
vom Himmel, oder Dein Vater von der Heerstrasse gebracht.« - Der unverzagte Esser
liess den Becher sinken bei diesen Worten, schlug die verglasten Augen auf gen
Himmel, und eine Mischung von Wehmut und lächelnder Erinnerung breitete sich
über sein Antlitz. Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit
weicher Stimme: »Ach, lieb Fröschlein! Da habt Ihr's getroffen, wo meine
Halsberge nicht zum Besten schliesst. Mein rechtschaffner Vater .... Gott erhalte
ihn bei der Seligkeit! ... er starb wie ein wackrer Edelmann. Tut mir die
Liebe, wertes Fröschlein, und tut mir Bescheid auf den Becher, den ich Euch
feierlich zutrinke, als das Gedächtnis an einem ehrenwerten Mann!« - »Von
Herzen gern!« antwortete Dagobert, seinen Wunsch erfüllend: »Auf das Wohl eines
Biedermannes trinke ich stets, sässe er auch schon im Fegefeuer. Und auf Dein
Wohl nicht minder, alte deutsche Haut, weil Du Deines Vaters Angedenken
dergestalt in Ehren hältst. Das hätte ich nicht hinter Deinem groben Fell
gesucht; und wahrlich, ich werde hinter Deiner Tugend nicht zurück bleiben,
wenn's einst Gott gefallen sollte, meinen Alten zu sich zu rufen.« -
    Da riss mit einem Male der Hülshofner die von wehmütiger Weinlaune
feuchtgewordnen Augen auf, sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besondern
Ausdruck von Bedauern an, rieb sich die Stirne, wie einer dem etwas entfallen
war, und der sich, jetzt fast zu spät, dessen vedriesslich erinnert, und seufzte:
Guter Junker! wenn ein Sprichwort die Wahrheit sagt, so ist es dasjenige,
welches lautet: »Im Wein ist Wahrheit; Ihr habt die Ahnung, ich die Erinnerung
wieder im Becher gefunden. Vergessen hatte ich schändlich, was Ihr doch wissen
müsst. Fasst Euch, lieber freigebiger, teilnehmender Frosch; und glaubt, dass ich
Eure Bekümmernis teilen werde, wie ein Bruder. Ja, ja; schaut mich nur an, wie
den Bischof die verwunderte Katze. Euer Lächeln wird sich verkehren in Trübsal.
Euer Vater hat den Schöffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht. Er
ruhe in Frieden!« -
    Mit offnem Munde und gespannten Zügen sass Dagobert dem Hiobsboten gegenüber,
dessen Weichmut in eine Tränenflut überging, die einige schnell geleerte
Becher kaum auftrocknen konnten. »Sage mir doch,« fing Dagobert endlich
kleinlaut an: »ist denn noch Fasching, oder heisst man am nächsten Sonntag:
Lätare? Unglücksrabe! spricht der Rausch aus Dir, oder ist sie Wahrheit, die
Botschaft, die Du mir, - dem Freien - ans Deinem Gefängnis bringst?« -
»Wahrheit, lieb Junkerchen;« versicherte Gerhard ganz treuherzig: »die Sache ist
die folgende. Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von
Frankfurt, den Schöffen, die hier im Hause wohnen. Der alte Herr Holzhausen nahm
sich heraus, mir einen Text zu lesen, wie er sich in keinem Evangelienbuche
findet, mich einen Wüstling und Händelsucher zu nennen, und was dergleichen mehr
ist, welches auch gerade nicht hieher gehört. Der Herr von Braunfels nahm sich
meiner an, und die Beiden sagten sich derbe Worte ....«
    »Um Gottes willen!« fiel Dagobert ein: »lass die Umschweife, vollende!«
    »Ich bin's eben im Begriff,« versicherte Gerhard: »denn ich setze mit Sporn
und Gebiss über den Streit der wohlweisen Herren weg, bis zu der Türe, durch
welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat, der seit geraumer
Zeit weniger für die Stadt schreibt, als Boten reitet, und gerade wieder, mit
Schriften beladen wie ein Maultier, von Frankfurt daher getrabt kam.« Der Gruss
von ihm war kurz, und er warf sich gleich mitten in das Gesprächsel. »Wisst ihr
etwas Neues, ihr Herrn?« rief er: »Am Abend des verwichnen Tages der heil.
Felicitas ist zu Frankfurt unfern vom Hirschgraben der wackre Schöff und
Altbürger Dieter Frosch ermordet worden!« - »Ermordet?« rief Dagobert, entsetzt
vom Tisch aufspringend: »Verdammt sei Deine Zunge, die solche
Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte!« - »Hat sich wohl!« brummte
Gerhard unwillig: »Wo der Kopf vergisst, schweigt auch die Zunge ohne bösen
Willen. Erfahrt Ihr's doch jetzo zeitig genug. Sollt' ich Euch das Vespermahl
vergällen? Wo wollt Ihr aber hin?« - »Zu den Herren von Frankfurt!« erwiederte
Dagobert, und suchte sich ängstlich von dem Zurückhaltenden los zu machen. -
»Nehmt doch Vernunft an!« sprach Gerhard entgegen: »die Schöffen sind nicht
daheim. Die Abgeordneten der Reichsstädte haben heut ein gross Convivium im
goldnen Brunnen.« - »So will ich dortin!« rief Dagobert: »Lass mich!« - »Bleibt
doch!« erwiederte Gerhard: »Ihr schlagt um Euch wie ein rasendes Füllen, aber
ich leide es doch nicht, dass Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt.« - Dagobert
besann sich, »Du hast Recht;« sprach er: »ein schiefes Wort, ein schiefer Blick
nur in dieser Stimmung von einem Fremden, der, wie begreiflich, mein Leid nicht
fühlt, könnte mich zum Mord bewegen. Aber rede doch Du: sieh! ich will mich zu
Dir setzen, ganz ein Mann sein, trotz Einem, aber sage mir, wie ging das
Entsetzliche zu? Ich werde mich zwingen, mein Gebreste in meiner Seele zu
verschliessen, und nur dann weinen, wann Du es erlaubst; sage mir aber, wie ward
das Grässliche vollbracht? wie ward mein Vater ... o, mein Gott! ... wie wurde er
erschlagen?« - »Junker!« antwortete Gerhard, verlegen ob der nicht geahnten
Heftigkeit des jungen Mannes: »Ihr fragt mich da nach Dingen, die ich eben so
wenig weiss, als Ihr. Vielleicht aber« - hier nestelte er den weiten Ärmel seines
Kollers auf ... »vielleicht belehrt Euch dies Schreiben eines Bessern. Der
Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit, und Euch es zu übergeben, vertraute
mir's der Herr von Braunfels. Bis auf diesen Augenblick hatt' ich's vergessen,
doch kommt's auch jetzo nicht zu spät.« - »Da!« fuhr er fort, indem er das
wohlversiegelte Schreiben aus dem Ärmel fischte, und dem gierig darnach
greifenden Dagobert langsam reichte: »Da ist der Brief, Euer Vater schreibt Euch
darin die ganze Begebenheit selbst.« - »Er selbst?« fragte verwundert der
Jüngling, das Schreiben staunend in den Händen haltend, und einen Blick auf die
Aufschrift werfend: »Wahrhaftig, er selbst! fuhr er fort mit steigender Hitze:
Einfältiger Weinschlauch! und Du konntest mich beinahe zum Tode erschrecken?
Danke es dem Himmel, dass keine Waffe an meiner Hüfte hängt! Dieser Augenblick
wäre Dein letzter!« - »Fröschlein! Ihr redet irre!« erwiederte Gerhard, der sich
scheu in die Ecke schmiegte: »Was ficht Euch an? Ist das der Dank für meine
gutmütige Teilnahme?« - »Ich möchte lachen, wäre mir nicht so fürchterlich
ernst zu Sinne;« begann Dagobert auf's Neue: »lachen ob Deiner beklagenswerten
Einfalt. Mensch! siehst Du denn nicht weiter als ein Maulwurf? Du entsetzest
mich durch die Botschaft von meines Vaters Tode? kann aber der todt sein, der
mir von diesem Mord geschrieben?« - »Ich dummer Hans!« murmelte Gerhard durch
die Zähne, und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne: »Dümmer als
ein Gänserich. Es ist auch wahr. Vergebt, Fröschlein; gestorben wird er nun wohl
nicht sein, aber Ihr werdet aus dem Briefe sehen, dass gewiss etwas Schreckliches
vorgefallen.« - Dagobert wollte so eben, seinem Zweifel zu entgehen, die
Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben lösen, als er noch einen Blick der
Aufschrift schenkte. »Nein!« rief er alsdann: »bei unsrer lieben Frau vom Berge!
Da hätte ich etwas Hübsches angerichtet. Das Schreiben gehört meinem würdigen
Ohm, dem Prälaten. Der eifrige Mann würde mich in Bann tun, käme es verletzt in
seine Hände. Vergib indessen meiner begreiflichen Neugier, wenn ich Dich jetzo
allein lasse, zur Stunde, wo der Becher Dir am besten mundet. Ich denke das
Versäumte nächstens einzuholen. Für jetzt aber eile ich, den Ohm, so leid mir's
tut, aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu stören, denn bis morgen die
Ungewissheit zu ertragen, vermag mein Gemüt nicht. Gute Nacht!« - »Gute Nacht,
Junker,« entgegnete Gerhard: »Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich?« - »Sorge
nicht;« beruhigte ihn Dagobert: »Was kann der Mund, dafür, dass er einem
ungeschickten Kopfe gehorcht? Iss und trink! die freie Tafel bis zum Tage des
Turniers soll darum nicht wegfallen!« -
    Der Prälat staunte nicht wenig, die Stille seines Hauses durch ein
ungebührliches Pochen und Lärmen gestört zu sehen, und traute kaum dem Bericht
des zur Pforte gesandten Dieners, der die Ankunft des Neffen verkündete, welcher
Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe. Der furchtsame Geistliche, der sehr
geneigt war, an eine beabsichtigte Gewalttätigkeit seines Wildfangs von
Anverwandten zu glauben, rief Fiorillen herbei, die ihn nur mit Mühe von dem
Vorhaben abhielt, seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu
versammeln.
    »Entschuldigt meinen seltnen, späten und überlästigen Besuch!« rief Dagobert
beim Eintreten: »Mein Geschäft bei Euch ist kurz, aber um so dringender!« - Der
Prälat lief einige Schritte zurück, da Dagobert's Hand rasch nach dem Gürtel
fuhr, um den Brief herauszuziehen, und die Versicherung Fiorillens, es sei
wirklich nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe, welches der Vetter bei
sich trage, konnte Monsignore kaum beruhigen. Dagobert war genötigt, ihm wie
einem widerstrebenden Kinde die Finger zu öffnen, und den Brief hineinzulegen,
mit der Bitte, doch ja alsobald den Inhalt desselben ihm mitzuteilen.
    Nun begann der Mut des Prälaten wiederum zu wachsen. »Per Dio e la
santissima vergine!« rief er mit aufgeblasenen Backen, da er den Ungrund seiner
Besorgnis einsah: »heisst das nicht die Roheit eines deutschen Lümmels auf die
höchste Spitze steigern? Wie nanntest Du Dich vorhin? Einen seltnen, späten,
überlästigen Gast? Ja wohl; eine Lüge sagtest Du mindestens nicht in diesen
Worten. Ist das eine seine Zucht und Sitte? Überfällt bei Nacht und Nebel, einem
Buschklepper gleich, seinen Ohm, einen Prälaten, der noch obendrein aufgebracht
gegen ihn ist, und mit Recht ungehalten auf seinen Lebenswandel. Und warum
dieser stürmische Überfall, der manchem weniger Beherzten den blassen Tod hätte
zufügen können? weshalb dieser Gräul? Um einen Brief zu überbringen, der morgen
eben so gut gelesen werden könnte, denn heute.« -
    »Mag sein, Ohm;« erwiederte Dagobert: »ich kann Euch aber darum doch nicht
helfen. Meine Besorgnis ist zu gross. Meinem Vater ist ein Unfall zugestossen,
dessen nähern Verlauf ich heute noch wissen muss.« - »Höre doch einmal zu,
Fiorilla!« seufzte der Prälat, trostlos die Hände faltend: »Höre doch, wie der
Gelbschnabel zu mir spricht. Wie ein Guardian zu einem Novizen. Was geht mich
denn seine Besorgnis an? Warum muss ich denn gerade heute noch das Schreiben
lesen?« - »Weil es meinen Vater betrifft;« versetzte Dagobert heftig, der
freilich nur Euer Bruder ist, und weil ich - kurz und gut - nicht eher aus dem
Hause gehe, als bis ich weiss, was den Meinen zugestossen. - »Du wirst sehen,«
raunte der Prälat Fiorillen in's Ohr - Du wirst sehen, er setzt uns noch auf die
Gasse, und macht sich breit in meinen vier Pfählen. Sieh nur, er glüht im
Gesichte wie ein Kobold. Ob er betrunken ist, oder ob er am Veitstanz laborirt,
oder - was den deutschen Bären öfters zu begegnen pflegt - gerade von einer
verderblichen Lust zu morden und zu wüten befallen ist - wer weiss das? - »Tut
ihm deshalb den Gefallen, den er verlangt;« ermahnte Fiorilla: »Sohnesliebe
spricht aus ihm.« - »Nun, wenn Du meinst;« versetzte der Prälat: »so sei es
drum. Gib mir die Brille, und zünde mir im Nebengemach die Lampe an. Du weisst
wohl, setzte er leiser hinzu, dass ich an dem verdammten krausen Geschrifft lange
studiren muss mit meinen blöden Augen, und ich kanns nicht leiden, dass der wilde
Laffe davon Zeuge sei. Unterhalte ihn indessen, wenn Du Dich vor ihm nicht
fürchtest; und suche ihn zu begütigen, damit der Teufel Ruhe halte, der in ihm
rumort.« - Fiorilla versprach ihm, ihr Möglichstes zu tun, und der Prälat
schlich zum Nebengemach, sich an die beschwerliche Arbeit zu machen. Dagobert
hatte sich in einen Sessel geworfen, und starrte erwartungsvoll zur Decke empor.
Fiorilla machte sich allerlei in der Stube zu schaffen, näherte sich dem
Schweigenden, entfernte sich wieder von ihm, hustete, sprach mit dem Sittich,
und da alle die kleinen Mittel nicht verfingen, die sonst wohl der Männer
Aufmerksamkeit rege machen, trat sie auf's Neue zu dem Jüngling und klopfte ihm
leise auf die Schulter. Dagobert tauchte aus der Flut seiner Gedanken auf, und
sah verwundert in das Auge des lieblichen Mädchens, in welchem sich weder
Leichtfertigkeit, noch stille Sehnsucht, wohl aber die freundlichste Teilnahme
aussprach. »Warum so verloren?« redete Fiorilla sanft und wohltuend den Vetter
an: »Was kann Euch so sehr betrüben und kränken? Euer Vater ist ja nicht
gestorben, da er selber Urkund von sich gibt, und andrer Schmerz belastet Euch
nicht!« - »Ihr habt Recht, Mühmchen;« entgegnete Dagobert leicht: »für heute ist
Ungewissheit mein Einziger.« - »Wir Frauen möchten so gerne jede Plage von der
Brust des Mannes nehmen,« fuhr Fiorilla fort: »Wie lohnt ihr mir, wenn ich diese
Frauenpflicht an Euch übe? wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in
die Farbe der Rosen tauche?« - »Versucht's!« sprach Dagobert: »Wählt gleich den
jetzigen Augenblick, in dem ich der Erheiterung bedarf.« - »So entrunzelt Eure
Stirne! Dem Manne, der liebt, und sich der heftigsten Gegenliebe erfreut, ziemt
der düstre Unmut nicht.« - »Gutes Mühmchen! Ihr wisst um meine seltsame
Liebschaft; es ist wahr. Was soll diese aber hier? Ihr Gedächtnis könnte meinen
Unmut mehren.« - »Nicht so finster!« äusserte Fiorilla, neckend drohend: »Der
Liebende hört ja doch sonst mit voller Seele den Wert seines Liebchens von
fremden Zungen preisen. Machtet Ihr hier eine Ausnahme? Ich glaube nicht. So
wisst denn, dass ich Euch belobe ob der Wahl, die Ihr getroffen.« - »Ihr?« fragte
Dagobert befremdet: »Wie könnt ihr wissen?« - »Erinnert Ihr Euch noch jener
Nacht, in der Ihr, des Bedürfnisses voll, eine Vertraute Eurer kleinen
Geheimnisse zu haben, unter mein Fenster kamt, und mir mit überströmender Freude
erzähltet, Euer Lieb von Frankfurt befinde sich zu Costnitz, ... Ihr hättet sie
gesehen ... gesprochen? ...« - »Recht wohl entsinne ich mich des Abends, von dem
Ihr sprecht; denn kaum der Wochen dreie sind seitdem verstrichen; wie aber jene
Kunde sich mit dem Beginn Eurer Rede reimt .....« - »Das begreift ihr nicht?
Kurzsichtiger! Ihr kennt die Wissbegier der Frauen nicht. Diejenige zu schauen,
deren Reize Euch unempfindlich gemacht hatten gegen meine Freundlichkeit, liess
ich mich die Mühe nicht verdriessen, das holde Judenkind aufzusuchen. Bald
entdeckte ich dessen Aufentalt. Der Vorwand, italienisch Geld gegen deutsche
Münze umzutauschen, führte mich beim Vater ein; meine Jugend und Schmeichelei
machte mich der Tochter angenehm, - das Vorgeben: ich sei noch, was ich einst
war, - ihre Glaubensverwandte - machte dem Vater meinen öftern Besuch bei der
einsamen Tochter wünschenswert; und mein offnes Bekenntnis von meinem Übertritt
und meinen ziemlich nahen Beziehungen zu Euch, gewann mir das unumschränkte
Vertrauen Esters!« - »Ists möglich?« rief Dagobert: »und ich ahnte nicht? ....«
-
    »Warum kamt Ihr nicht mehr in Ben Davids Haus?« fragte Fiorilla: »Oft
schlich ich mich von hier weg, um Euch an Esters Seite zu erwarten. Oft harrte
ich auf einen abermaligen Abendbesuch unter meinem Kammerfenster, um Euch von
dem Gesagten in Kenntnis zu setzen. Ester und ich, wir harrten umsonst.
Grausamer! wer wollte kalt an solchem Schatze vorübergehen, und seiner nicht
begehren, nicht um ihn sich bewerben? Welch eine Fülle von Reizen, die ich
neidisch bewundre, aber auch welch ein Reichtum von Tugenden, liegt in diesem
Wundermädchen verborgen! Ihr kennt die Blüte nicht, nach welcher Euer Auge
lüstern sah, von welcher sich jedoch die Hand scheu entfernte. Das Vorurteil
ist in Euer Herz eingewachsen, wie sich der stumpfe Splitter öfters in der Wunde
vernarbt. Ihr liebt in dem reizenden Geschöpfe sein Geschlecht; Ihr hasst in ihm
sein Volk. Welch unendliche Liebe fühlt Ester für Euch! wie lohnt Ihr dieselbe
durch schroffes Verschmähen! Ich habe des Mädchens Leidenschaft durchschaut; ich
bewundere schaudernd den Abgrund dieser stammenden Neigung, wie sie nur die
glühende Sonne des Mittags erzeugt. Ester gleicht dem lodernden Brande; Ihr der
abreisenden Eisklippe. Ester könnte Jahrelang für Euch sterben ... Ihr wagt es
nicht nur einen Augenblick für sie zu leben!« -
    Erschüttert schwieg Dagobert, als Fiorilla geendet hatte. »Eure Gleichnisse
sind übel gewählt;« begann er kurz darauf, mit so viel Gleichmut, als ihm zu
Gebote stand: »Und dennoch - ein seltner Fall - treffend in ihrer übeln Auswahl.
Sie sprechen das richtigste Urteil. Brand und Eis sollen nimmer sich verbinden.
Der Augenblick, der sie vereint, ist zugleich der Augenblick des Todes für
Beide. Müht Euch darum nicht, gutes Mühmchen. Und wäre auch endlich - was ich
behaupte - die sittsame, züchtige Ester nicht die Flamme aus der Nachbarschaft
der Wüste, und ich, Dagobert Frosch, nicht der eiskalte Sumpfbewohner, den mein
Name verkündet, sondern wir beide ganz gewöhnliche Menschen von gemässigter und
gegenseitiger Leidenschaft; - dennoch würde nichts aus Eurer Ehestiftung. Mich
fordert der Altar, wie ihr wohl wisst, holde Freundin.« -
    »Müsst Ihr denn, einem blinden Wahne gehorchend, zwei Herzen brechen?«
eiferte Fiorilla: »Gibt es nicht Lande, wo man vom törichten Gelübde Eurer
Mutter nichts weiss? Flieht dortin. Ester, ich schwör's Euch zu, wird nach
kurzem Widerstande folgen, ohne Kampf die Lehre lassen, die ihr Herz nicht
liebt; zu dem Glauben sich bekennen, der ihr jetzt schon teuer, weil es der
Eurige ist. Eure Wissenschaft, und adlich Gewerbe sichert den Wohlstand Eurer
Hütte. Wagt es glücklich zu sein, entflieht der Welt, um ihre Freuden ungestört
zu geniessen. Bedürft ihr des Beistands, des Rats? wählt mich. Durch Überredung,
Tat und Anschlag fördre ich Euern Zweck. Ester wird glücklich, Euer Herz
versteinert nicht unter dem Scapulier, und ein blühend Geschlecht wird Euren
Freisinn, Euren Mut segnen und verehren.«
    »Und rechnet Ihr für Nichts die Verwünschungen eines glaubenseifrigen,
betrognen Vaters, mit welchen belastet Ester fliehen würde? für Nichts den
Fluch des Meinigen? Das Urteil der Welt, den Bann der Kirche, unser eignes
streng richtendes Gewissen, und endlich den entsetzlichen Augenblick des
Wiedersehens dort oben, wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen
wird: Sohn! wie hast Du mein Gelübde geheiligt? Es ist nicht gelöset, und doch
nicht erfüllt worden! - Ich danke Euch, Fiorilla, für Eure angebotne Hülfe,
allein, Gott sei Dank; der Helfer ist in meiner eignen Brust. Lasst die Sache
beruhen, und uns lieber geduldigen Gemüts vernehmen, was der Ohm, den ich
kommen höre, mir zu verkündigen haben wird.«
    Wirklich trat auch der Prälat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach,
Lampe und Brief in der Hand. Sein Antlitz zeugte von einer gerade nicht
unbedeutenden Bewegung, und auch der Gang war nicht so sicher, wie wohl sonst. -
»Redet, um der ewigen Barmherzigkeit willen!« - rief ihm Dagobert entgegen, der
alsobald über die Besorgnis für den Vater das so eben abgehandelte Gespräch
vergessen hatte: »Martert mich nicht. Was ist geschehen?« - »Der Herr hat es
noch wohl gemacht;« erwiederte Hieronymus, kläglich auf die Ruhebank sinkend:
»der Bruder lebt, und wird bald vollends genesen sein, aber ein Unfall hat ihn
betroffen, wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann.
In der Dämmerung sich nach Hause wendend, begegnete ihm ein Freihart in
Pudelmütze und Wolfspelz, und schaut ihm mit blutrot gefärbtem Angesichte keck
und unverschämt unter das herabgekrampte Piret. Dein Vater fährt zurück.« Der
Wüterich, dem die leere Strasse Mut zulegt, fragt ihn höhnisch: »Kauf mir ein
Menschenleben ab, Schöff!« - Und da nun der Bruder ihn zurückstösst, und den Mund
öffnet, um nach Hülfe zu schreien, so fühlt er bereits das Messer des Wehrwolfs
unter seinen Rippen sitzen, und sinkt dahin. »Gute Nacht, alter Frosch!« ruft
ihm noch der hässliche Mörder in's Ohr: »Dein Fröschlein kommt nach!« und packt
den Verwundeten an, um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen, und
wahrscheinlich kopfüber in der Hirsche Revier hinabzustürzen. Da nahen aber
glücklicherweise Leute; um seines Werks wenigstens sicher zu sein, führt der
Verfluchte noch einen Stoss gegen die Brust des armen Dieter's. Der Stahl prallt
jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab, und der Blutund entflieht. Die
Wunde wurde, von wenig Bedeutung zu sein, erkannt, und wie gesagt, Dein Vater
ist auf dem Wege zur vollen Besserung.
    »Abscheuliches Verbrechen!« riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus.
    »Nun ist aber dennoch auf sotanem Schmerzenlager« - fuhr der Prälat fort -
»der Gedanke in dem Bruder erwacht: es möchte denn doch vielleicht der Herr
einst schnell über ihn gebieten, und da es löblich ist, in solchem Alter und
solcher Befürchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln, und sich
mit denjenigen zu versöhnen, mit denen ein unbilliger Hass uns entzweit hat, so
verlangt der wackre Dieter, ich solle mich in Deiner und Wallradens
Gesellschaft zu ihm begeben, um das Fest seiner Heilung in seinem Hause
feierlich zu begehen. Wallrade soll bei dieser Gelegenheit wieder in alle
Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden.«
    »Daran tut mein allzuguter Vater gerecht und wohl;« erwiederte Dagobert:
»obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient, und auch nicht zu würdigen
vermag. Was beschliesst Ihr aber hierauf, mein hochwürdiger Ohm und Herr?«
    »Hm!« sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschütteln: »Ich meine, dass es
vollkommen hinreichen wird, wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen Kammer
dem Herrn für das meinem Bruder wiederfahrne Heil danke, und zu Ehren unsrer
lieben Frauen, die durch ihre Fürbitte des Mörders Stoss fehl gehen liess, einige
Messen lese. Wallraden werde ich jedoch zu der Aussöhnung bewegen, und
überlassen es Dir gerne, die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten, und
wohlbehalten wieder anher zu führen.«
    »Mit nichten;« äusserte Dagobert aufstehend und kalt: »Wallrade bedarf meines
Geleits nicht. Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser süssen Pflicht sich
leicht unterziehen, wenn nicht kaiserliche Majestät selbst ihren
Reisestallmeister machen will. Euch überlasse ich es, Ohm, die Liebenswürdige
vorzubereiten. Unstreitig wisst Ihr ihren jetzigen Aufentalt besser denn ich,
der nur dann und wann von müssigen Stadtzungen Gerüchte und Vermutungen hört,
die gar nicht zur Ehre unsers Stammes gereichen. Gerne werde ich auch Wallraden
den Vorzug im Vaterhause einräumen, und daher einzurichten suchen, dass ich an
dem Tage ankomme, an welchem sie geht. Schliesslich danke ich Euch demütigst für
Eure gehabte Mühe, und werde dieselbe gegen meinen Vater zu rühmen wissen, da es
Euch ohnedies widerstrebt tiefer in das verhasste deutsche Geburtsland
vorzudringen. Gute Nacht, würdiger Herr!«
    Der Prälat sah betroffen, beschämt und staunend dem Neffen nach, der - wie
er endlich zu begreifen begann, - unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns
einen stechenden Ernst barg, welcher einem verweichlichten Gemüte um so
empfindlicher wehe tat. Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses
Pforte. Daselbst ergriff sie seine Hand, sah ihn mit weinenden Augen an, und
sagte: »Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht, dass ich vor mir
selbst errötete. Könnt Ihr mir vergeben, wozu ich Euch verleiten wollte?« -
»Von ganzem Herzen!« erwiederte Dagobert, denn Ihr wart weit entfernt, mich zu
beleidigen. Euch reisst die Leidenschaft dahin, und zwingt Euch zum Tribut. Ich
aber bin einer ihrer schlimmsten Zahler, und mein Trachten geht darauf aus, die
ungestüme Mahnerin ganz aus meinem Hause zu werfen. Schätzt Euch darum nicht
geringer, mich nicht höher als von nöten. Ihr seid noch lange nicht der
lodernde Brand, den Euch die wilde Empfindung vorspiegelt, ich noch lange keine
Eisscholle. Ester ist aber viel zu gut, und zu edel, als dass ich ihr für kurze
Wonne eine ewige Reue verkaufen möchte. Gute Nacht!
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
 Hei! wie freut mich der Herrenstand,
 Auf hohem Ross, das Schwert zur Hand!
 Gewappnet vor dem Liebchen stehn,
 Und neben Fürst' und Grafen gehn!
 Du grobes Bürgerpack, vorbei!
 Nur für den Adel ist Turnei!
                                               Das Spiel vom hoffärtigen Junker.
Wohl noch nie hat eine Stadt, so weit in deutschen Landen der Lauf des Rhein-
und Donaustroms nicht, einen lustigern und gastlichern Anblick gewährt, als
Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats März darstellte. Geraume Zeit vorher
hatte man gewusst, Herzog Friedrich von Österreich-Tyrol werde, das Frühlingsfest
zu verherrlichen, ein Kampf- und Ritterspiel geben, wie es selten noch irgendwo
geschaut worden. Die Zubereitungen, die jedoch in den letzten Tagen getroffen
worden waren, übertrafen durch ihre Pracht Alles, was die gespannte Neugier
erwarten durfte. Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk
vollendet da, ein wundersames Schauspiel für Costnitzs Bewohner, und weit
herbeigeströmte Gäste. Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken,
getaucht in die weisse und rote Farbe. In blinkenden Angeln drehten sich die
Pforten, durch welche die Kreiswärtel gingen; mit blanken Schildern, Ketten und
Hacken waren die Schlagbäume geziert, durch welche die Kämpfer einreiten
sollten. Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen
Zwischenräumen die Banner von Österreich-Tyrol, dem Argäu, dem Turgäu und
andern, Friedrichs Herrschaft unterworfnen Städten und Landen. Hoch aber über
diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und
geschmackvoll gebauten Emporbühnen und Schaugerüste, von welchen der Kaiser mit
feines Reichs Fürsten, die Väter des Conciliums, und die Blumen der Gesellschaft
und Volksversammlung, die reizenden Frauen, den Spielen zusehen sollten. Des
Kaisers Tribune, von goldnem Stück gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut,
überragte mit ihrem Silberdach, umwallt von wehende Reiherbüschen und
Federsträussen, alle Nachbarbühnen, von deren Geländer prachtvolle Sammetdecken
mit Wappen, Sinnsprüchen und Tierbildern übersät, zu den Schranken hinabhingen.
Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Bankspender, die
Trompetergänglein in jeder Ecke des Platzes, die kleinen Hütten der Kreiswärtel
und Stechknechte sogar, schlossen sich würdig durch ihr glänzend einfaches Äussre
an die Plätze der vornehmern Leute. Jeder Eingang zu dem Platze, jede Treppe zu
den Bühnen wurde von Trabanten des Herzogs bewacht, teils zu Fuss, auf ihren
Partisanen lehnend, teils zu Ross, im Silberkürass, den Morgenstern an die Faust
geknüpft. Die Turniervögte fassen bereits mit ihren Stäben hinter den vor ihren
Schirmdächern aufgepflanzten Hellebarden. Die Rennknechte in ihren glatt
anliegenden Lederkleidern und Kappen, das Strickmesser am Gürtel hängend, hatten
schon die Seile gespannt, und sich dabei gelagert. Am Fusse der, zu den Stühlen
der Kampfrichter führenden Stufen hielt in glänzender Rüstung und buntem
Wappenscapulier, der Turnierherold, umgeben von seinen Dienern, die rings an den
Brüstungen-Schrauben die Schilde der turnierlustigen Herren aufzuhängen
beschäftigt waren, so wie diese nach und nach herbeigebracht wurden. Die
Fechtpreisse, in silbernen und goldnen Kleinodien, kostbarem Stechgezeug,
auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend, waren in einem eigens dazu
bestimmten Raume prahlend ausgestellt. Auch die Spielleute waren schon an ihren
angewiesenen Stellen, und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen
wurde, um geprüft und neben den übrigen aufgehängt zu werden, ertönte, von
Pauken, Trompeten und Zinken geweckt, ein fröhlicher Turnierruf. Zu all dieser
Pracht, die ein noch herrlicheres Schauspiel verhiess, hatte der Himmel den
klarsten Tag geschenkt, der sich nur je im Bodensee gespiegelt. Die Sonne, warm
und lieblich strahlend, streute ihr Gold freigebig auf Land und Flut, und blau
hatte sich Himmel, See und Gebirgsferne geschmückt. Lustig und leicht tanzten
die schwankenden Kähne, angefüllt von schaulustigen Leuten, vom jenseitigen Ufer
herüber, die Strassen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen
und Fussgängern, und vom frühen Morgen an lebten die Gassen der Stadt. Während
jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und
durcheinander wimmelnd umgaben, und in den gedrängt vollen Schenkhäusern häufig
die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde, war Er - der Geber
all dieser Festlichkeit und Freude - daheim, missmutig in sein innerstes Gemach
zurückgezogen, wo er bald unruhig auf- und niederging, bald eine Last von
Schriften der Flamme seines Kamins opferte, bald mit heimlichem Lachen ein
Schnippchen in die freie Luft schlug, mit dem Finger vor sich hindrohte, und
sein Tyroler Liedlein jodelte, mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend.
Er konnte auch wohl unmöglich zu einer ebenen Stimmung gelangen, denn der
Geschäfte hatte er nebenbei viele. Jetzt war es der Stallmeister, der seine
Befehle einholte, dann der Haushofmeister, welcher wegen der zu reichenden
Erfrischungen, und der dem Volke zugedachten Spenden sich Rats erholen mochte,
hierauf der Turniermarschall, der neuen Geldvorrats bedurfte, und zu diesem
Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte; zuletzt war
es der Seckelmeister selbst, der sich neuen Zufluss aus dein Beutel Seiner
fürstlichen Gnaden erbat. Alle diese dringenden Mahner und Bittsteller
befriedigte der Fürst auch mit gemessenen Befehlen und freigebig ausstreuender
Hand. War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt, so ging wieder dasselbe
unruhige Getreibe und Gewerbe los, das den Herzog heute nicht verliess. So eben
hatte er einen geistlichen Herrn im violetten, rot verbrämten Habit zur Türe
begleitet, und ihm die Worte nachgerufen: »Sagt Euerm Gebieter, er möchte die
Vesperglocke eben so wenig vergessen, als ich mein Wort je vergass. Mit einem
Worte: sagt ihm, ich sei ein Habsburger, und damit genug!« Der Geistliche ging,
und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen, als ein neuer Gast
von dem wachhabendem Edeljunker in das Gemach gelassen wurde. »Sieh da!
Dagobert!« rief Friedrich, angenehm überrascht: »Du lässest Dich lange erwarten,
ehrliche Seele! - Aber, Jesus Christus! steckt Ihr wieder in der verwünschten
schwarzen Kutte? So kann ich Euch heute nicht brauchen.« - »Der Erzbischof hat
mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen, ich solle mich nimmer unterstehen,
in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen, und überhaupt mich fertig zu
machen, nach Verlauf von Zehn Tagen nach Cesena in's Kloster zu wandern;«
erwiederte Dagobert achselzuckend. - »So?« fuhr Friedrich fort: »Die Herren
eilen, aus dem freudigen Waldfinken eine schmutzige Eule zu formen. Und Eure
Fahrt gen Frankfurt?« - »Ich will sie morgen antreten, befiehlt man mir;«
antwortete Dagobert: »binnen neun Tagen muss ich jedoch zurück und nach
Wälschland reisefertig sein.« - »Hm!« brummte der Herzog lächelnd: »Nicht übel
berechnet. Ich sage Euch jedoch, Ihr geht morgen eben so wenig schon nach
Frankfurt, als überhaupt in's Bartolomäistift. Ich habe Euch heute vonnöten,
und ein wackrer Altbürgerssohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zurück.« -
»Wahrlich nein!« entgegnete Dagobert lebhaft: »Ich scheere mich den Teufel um
alle Erzbischöfe, wenn Ihr mich eines Auftrags würdig haltet, gnädigster Herr.«
- »Das dachte ich mir!« versetzte Friedrich mit wohlwollender Geberde: »Heute
soll's aber nicht heissen: das Brevier gebetet; sondern: die Stiefel geschmiert,
die Sporen gewetzt, in die Handschuhe gefahren, den Degen umgeschnallt!« - »In
Gottesnamen!« stimmte Dagobert heiter ein: »Das ist meine Lust. Sagt an,
gnädiger Herzog! was soll ich für Euch tun?« - »Das ist bald gesagt, mein
Geselle;« begann Friedrich mit gedämpfter Stimme, und winkte dem Aufmerksamen
von der Türe weg; mehr in seine Nähe: »mir liegt daran, einen Mann, an den mich
mancherlei Verbindlichkeiten fesseln, unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu
bringen, die, verwirklichte sie sich, mir sogar Unehre zufügen würde. Euch ist
gleichgültig, ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr geraten, denn
ich hoffe, Ihr nehmt für ihn meine Bürgschaft an.« - »Auf Euer Geheiss rette ich
einen Vatermörder vom Scheiterhaufen;« beteuerte Dagobert; »wie aber ist es zu
vollbringen?« - »Hört mir zu;« antwortete der Herzog: »Ich bedaure, dass Ihr kein
Zeuge des heutigen Ritterspiels sein könnt, vielweniger ein Teilnehmer daran.
Demungeachtet verheisse ich Euch einen Preis, kostbarer und ehrenwerter
vielleicht, als jeder von denen, die im Rennen gewonnen werden sollen; meine
Freundschaft, wenn Ihr kühn und gescheit vollbringt, warum ich Euch bitte.
Sobald also die Vesperglocke läutet, und alles Volk, dem Turnierplatz
zugeströmt, und Aug und Ohr für die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat,
eilt Ihr - meinetwegen in das Rabenkleid gehüllt, das Ihr auf dem Leibe tragt,
aber darunter mit Waffen und Rüstzeug versehen, zu Ross in meinen Hof. Die
Wächter werden Euch nur gegen das Losungswort: Öesterreich über Alles!
einlassen. Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Männer finden.
Der Eine, auf einem Maultiere reitend, ist ein Bekannter von Euch; der Andre
hingegen, auf einem grauen Pferde sitzend, ist derjenige, den es heimlich
fortzubringen gilt. Am Tore gen Schafhausen, zu welchem Ihr Euch mit den
Anbefohlnen zu begeben habt, alle stark, belebten Strassen vermeidend, und Euern
Trab fördernd, mögt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen, der, wo möglich,
ein Fremder sein mag, und nicht meine Farben tragen darf. Sobald Ihr jedoch
langsam und unbefangen des Tores Bogen durchschritten, gebt Ihr dem Pferde
Sporn und Peitsche zu kosten, und sorgt, dass Eure Schutzbefohlnen nicht hinter
Euch bleiben. Ich tue Euch im Voraus kund, dass Ihr mit zwei schlechten Reitern
zu schaffen habt; darum wird es gut sein, wenn Ihr des Graurosses Zügel
ergreift, und der Knecht des Maultiers sich annimmt; denn so schnell als die
Pferde laufen und die Reiter es ausdauern, müsst Ihr Schafhausen erreichen,
woselbst Euch das Weitere berichtet, und die Erlaubnis zur Rückkehr erteilt
werden wird. Ihr seht, die Sache ist nicht verwickelt. Den Mann binde ich Euch
indessen auf die Seele. Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden - treibt
sie ab mit Gewalt oder List; nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an
Ort und Stelle. Nun wisst Ihr Bescheid, und mögt ohne falsche Scham diesen Beutel
annehmen, der kein Lohn sein soll. Aber Gold ebnet Berge, schlägt Brücken, und
hat schon oft aus drohender Feindeswut errettet.«
    Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotne, und sprach: »So sei es denn,
gnädigster Herr. Ich hab Euch's zugesagt, und eher will ich sterben, als, den
Ihr meinem Schirm vertraut, in Gefahr umkommen lassen.« - »Wohl gesprochen!«
antwortete Friedrich: »Der Himmel füge es indessen zum Guten. Ich erwartete
indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals, der den Böhmen zu
befreien dachte.« - Dagobert stutzte. Der Herzog lächelte aber, drohte ihm mit
dem Finger, und sagte: »Lasst's gut sein, mein Geselle. Das Pfaffenvolk mochtet
Ihr hintergehen; ich hätte aber bei meinem Herzogshute geschworen auf Eure
Mitwissenschaft. Gott gebe Euch heut ein besser Glück.«
    Indem platzte die Schnur, die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt, und
das kostbare Kleidungsstück sank zur Erde. »Ein böses Omen!« scherzte Friedrich,
sich nach dem Entfallnen umsehend. »Ein andrer als ich, würde üble
Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen. Nicht wahr, Dagobert? Kommt, helft mir
die Prunkdecke wieder auflegen, wackrer Gesell. Eure Hände sind ja dem Altare
verlobt; vielleicht bannt ihre Auflegung das prophezeite Missgeschick.« - Während
Dagobert nun sorgfältig die Schnur wieder in einen künstlichen Knoten schlang,
und unter einer Spange den Schaden verbarg, betrachtete sich der Herzog
kopfschüttelnd und spöttischen Angesichts. »Wahrhaftig!« begann er: »je mehr ich
mich beschaue und beäugle, je mehr möchte ich mich einem edlen Tiere
vergleichen, das man mit Tand und glänzendem Zeug schmückt, damit es vor dem
Gebieter seine eingepeitschten Fertigkeiten und Künste zur Schau lege. Jesus
Christus! und vor welchem Gebieter! Vor einem Lützelburger, der nicht besser
ist, als seine ehrbedürftigen Vorfahren! Doch nur Geduld! Das Scharwenzeln und
Höfeln und Bücken wird bald ein Ende haben, sammt der freigebigen Gastlichkeit,
die mir, einem Sigmund gegenüber, Ernst ist, wie meinem Waldmann das
Aufrechtgehen. - So, mein guter Dagobert, seid bedankt. Das war wohl der erste
Fürstenmantel, den Eure Hand berührte und meisterte? Die kaiserliche Majestät
möchte sich auch mit diesem Handwerk abgeben, aber, so geduldig auch der Mantel
sein mag - der Fürst steckt nicht im Pelz.« - »Wahrlich! Ihr bedürft des äussern
Prunks nicht;« versicherte Dagobert. - »Ich weiss das;« entgegnete Friedrich mit
Selbstgefühl: »und in meinem Bauernlande, wie es Sigmund nennt, trage ich auch
nicht mein Herzogtum am Leibe, wie Er die Fetzen des römischen Reichs. Ha! Ihr
solltet nach Tyrol geraten! Jesus Christus! das Herz im Leibe würde Euch
lachen. Ist zwar nur ein Bauernrock, mein Tyrol, aber ein feiner, warmer Rock,
der vor Unwetter schützt, und den Flitterprunk entbehrlich macht, den ich hier
wie ein Gaukler für geringes Schildgeld zur Schau tragen muss. Das weiss
kaiserliche Majestät; darum hasst sie mich auch, aber, bei des ersten Habsburgers
Gebeinen! so wenig Sigmund meines Insprucks vergisst, so wenig vergesse ich, was
ich meinen Ahnen, und mir selbst schuldig bin. - Gehabt Euch wohl, biedrer
Altbürger. Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zähne fletschen, aber
immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz für die behalten, die ich
liebe. Sigmund war am mächtigsten und grössten, als er im Concilium des Papstes
Füsse küsste, und ihm im Namen der Christenheit für die - gezwungene - Entsagung
dankte; - ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen, sollte ich auch unverdient
unterliegen! -«
    Des Herzogs Worte waren bedenkliche Rätsel für den jungen Mann, allein,
gewöhnt, in ihm den trefflichen Mann zu verehren, grübelte Dagobert nicht lange
nach dem dunkeln Sinn, sondern ging, um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten.
Auf der Strasse kam ihm Gerhard entgegen, in vollständigem Fechterzeug, von
vielem Volke umgeben, um sein Wappenschild dem Turnierkönige zu überbringen.
Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde, allein dieser merkte bald, dass
sogar die Freude über die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen
heimlichen Ärger verbarg, der sich nicht von dem Gesichte des Hülshofners
verdrängen liess. Dagobert fragte nach der Ursache, und Gerhard, der vom Pferde
stieg, und seine Schildträger allein ziehen liess, zögerte nicht, sie ihm zu
entdecken. »Stellt Euch vor;« sprach er: »der Schuft, mein langer Vollbrecht hat
mir den Dienst aufgesagt. Denkt Euch, der Bursche, der mich seit zehn Jahren
begleitet, wie der Schatten den Körper, hat mir Valet gesagt. Er behauptet, -
der unverschämte Knecht ... er werde mit jedem Tage magrer in meinem Brode.
Abscheuliche Verläumdung! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen,
ärgre mich aber dergestalt, dass mich eine Katze in den Sand strecken würde,
falls ich jetzo mit ihr turnieren sollte.«
    »Nimm mein Bedauern, alter Kämpe;« erwiederte Dagobert: »ich denke aber,
wenn's zum Treffen kommt, lässt Dein Knecht so wenig von Dir, als Du von ihm zu
lassen gedenkst. Es müssen nur erst einige Tage über dem Zwist vergangen sein.
Lass mir den Burschen heute. Ich habe einen Ritt zu tun, der mich bis Übermorgen
aussen halten dürfte. Vollbrecht soll wohl genährt werden, während dieser Frist,
und ich verspreche Dir im Voraus, dass er wieder bei Dir eintritt, wenn Du die
Zusage leisten willst, ihn nicht mehr gar so schmählich hungern zu lassen, als
bisher.« - »Von Herzen gern!« versicherte der Edelknecht: »allein, - wie sagtet
Ihr? Ihr habt einen Ritt vor? heut an diesem Ehren- und Freudentage sämmtlicher
Ritterschaft? Wie ist das zu verstehen?« - »Das heisst so viel als: Dich
kümmert's nicht;« entgegnete Dagobert. »Wo finde ich den Langen?« - »Im
Maulbeerbaume sitzt er;« maulte Gerhard: »Ihr seid aber ein Geheimnisskrämer, mit
dem nicht auszukommen ist. Schon gut indessen. Ich hole mir Ruhm und Preisse,
während Ihr - ich schwör es - auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe
reitet, und am Ende mit zerbläutem Rücken heimkehrt.«
    Sie trennten sich, und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause. Wer
indessen Füsse hatte zu laufen, und Ellenbogen, sich in dem Gedränge Platz zu
machen, stürmte dem Turnierplatze zu. Die Mittagsstunde kam und ging. Die Sonne
schien heiss auf die Scheitel der gaffenden Menge, aber unbeweglich wie eine
Mauer hielt das Volk den Platz besetzt. Die Fenster und Erker und Söller der
umliegenden Häuser füllten sich mit Neugierigen, die Giebelzacken und Dachrücken
trugen unzählige von kecken, schwindelfreien Gesellen, die, gleichsam in freier
Luft schwebend, sich etwas darauf einbildeten, höher zu sitzen als der Kaiser
selbst. Nach und nach wurde allentalben der Raum enger, denn die zum Kampf
gemeldeten und schildfähigen Ritter und Edle kamen langsam zu Rosse angerückt,
umgeben von reisigen Wappnern mit Fähnleinträgern und Trompetenbläsern. In
doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie sich um die noch verschlossenen
Schranken der Stechbahn. Zugweise kamen nun auch die anmutig und köstlich
geschmückten Frauen herbei, und bildeten den schönsten Kranz auf den überfüllten
Emporbühnen. Die vornehmen Würdenträger der Kirche, die, adelicher Geburt und
selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend, den
Abscheu nicht teilten, mit welchem die Geistlichkeit niedren Ranges die
Kampfspiele betrachtete, nahmen die für sie bestimmten Bänke ein, und musterten
lächelnd, in fremder wie einheimischer Zunge scherzend, das schöne, überzählig
anwesende Geschlecht. Noch war die Bahn leer, noch lagen die Fallbäume und
Gitter im Schloss; da eilten geschäftig die Kampfrichter herbei, begaben sich
durch das engste Pförtlein in den Rennkreis, bestiegen ihre Stühle, und winkten
den Turniervögten zur Ordnung, den Spielleuten zur Pflicht. Von den Söllern der
Letztern ertönte ein vollstimmiger andauernder Jubel, und festlich prangende
Klänge. Denn der Kaiser langte so eben, von dem leuchtenden Geschwader prächtig
gerüsteter Fürsten und Herren umringt, auf dem Platze an. Sein lenksamer
Schimmel, bunt verziert mit Straussen- etc. Federn und Goldbändern tanzte stolz
daher, indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von Österreich-Tyrol
seinen schweren gewichtigen Schritt hielt. Der Herr der Pfalz und Baierns Fürst
ritten dicht hinter Friedrich, welcher, den Wirtspflichten getreu, schnell an
der Treppe, die zu des Kaisers Stuhl führte, absprang, mit der linken Hand eine
Geberde machte, als berühre er den Steigbügel, und mit der Rechten dem
absteigenden Sigmund die äussersten Fingerspitzen zur Hülfe darreichte, die aber
auch von dem König nicht angenommen wurden. Hierauf begnügte sich Friedrich mit
der Hand nach der Treppe zu weisen, und dem dahingehenden Sigmund noch einmal
seinen Arm als Stütze anzubieten, der aber ebenfalls versagt wurde. Ein lautes
Lebehoch und Trompetengeschmetter empfieng die Fürsten, da sie in dem goldnen
Zelte angelangt waren, und Sigmund liess sich huldvoll nickend, am Rande der
Brüstung auf den Brokatsessel nieder. Die Fürsten im Kreise um ihn her,
Friedrich zu seiner Linken. Alle noch freien Plätze waren in einem Nu von den
Rittern und Edelknechten, Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen
eingenommen, und auf ein mit einem weissen Tuche vom Herzog Friedrich gegebnes
Zeichen, sprangen Schlagbäume und Pforten auf, und unter dem Getöne aller
Instrumente ritten die bezeichneten Kämpfer in geschlossenen Gliedern ein, auf
den Platz, und zogen innerhalb den Schranken rund um denselben, die Paniere
schwingend, die Lanzen neigend, und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend.
Hierauf wurden sie in Rotten abgeteilt, nach eigner Willkür und der Anordnung
der Kampfältesten. Die Reihenfolge der Renn- und Fusskämpfe wurde bestimmt; des
Königs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern
ausgerufen, und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen, die
mit einem Gesammtstechen das Turnier eröffnen sollten. Die Spielleute
trommeteten und paukten; die Grieswärtel schlugen an die Lanzen, die Stricke
fielen, und losbrach der Kampf, nach dem sich Ritter und Knecht, Edle und
Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten.
    Während nun die Vesperglocke vergebens ihre hellen Klänge in die Luft
sandte, um die Zuschauer von dem Turniere weg zur Kirche zu locken, das
Rittergefecht ein glänzendes Ende nahm, und nun zum Rennen eingeritten wurde,
pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs.
»Öesterreich über Alles!« gab er dem fragenden Wächter zur Antwort, und erhielt
Einlass. Der mürrische Torwart deutete, da er seiner ansichtig wurde, auf das
vorspringende Vordach der Stallung, und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf
ihn harrenden Begleiter. Der Herzog hatte dieselben ganz genau geschildert, und
mit leichter Mühe erkannte der Jüngling in dem Einen den Juden Ben David, seiner
Ester Vater, der, auf einem Maultiere hängend, still vor sich hinsah, und wie
es schien, ein Gebet murmelte. War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf
dem langohrigen Tiere, so war es doppelt sein Nachbar, der, mehrere Schritte
von ihm entfernt, des grauen Rosses Zügel um den Arm geschlungen hielt, und
ängstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermutlich nicht angenehmen Nachbar
schielte, bald endlich die Augen gen Himmel drehte, und ebenfalls das Äussere
eines Beters annahm. Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande, wie
es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben
pflegt. Ein halb geübtes Auge musste zugleich wahrnehmen, dass er nicht
einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie
hernieder; der Koller von Büffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer
Steifheit; die Handschuhe waren zu weit, wie der Gürtel, an dem, zurückgeschoben
wie ein unnütz und ungewohnt Gerät, ein kurzes Schwert hing. Dasjenige aber,
was das grösste Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete, war des Mannes
Gesicht, das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah, wie der
Kopf eines Mauren. Die grossen Augen, deren Weisses grell gegen die Olivenfarbe
abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie
furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und düster nachsinnend; darauf
nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem Übrigen nicht zusammen zu
reimen war. Die Augenbraunen waren dick und schwarz, keine Spur von Backen- oder
Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mütze, die beinahe
über die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mütze sass eine graue Filzkappe,
an welcher ein dürftiges Federbüschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines
leichten Schmunzelns nicht völlig erwehren, da er seine auserlesene
Reisegesellschaft in Augenschein nahm, und erwiederte obenhin den unterwürfigen
Gruss Ben Davids. - »Nun, mein Freund,« wendete er sich zu dem Fremden: »sind wir
bereit, abzureiten? Ich dächte, es wäre Zeit.« - »Es ist doch wahrlich Zeit;«
fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein: »lasst
uns eilen, gestrenger junger Herr, dieweil die Strassen noch sind leer.« - Der
Fremde warf einen verdriesslichen Blick auf den Plaudrer, nickte dem jungen
Geleitsmann zu, und machte Miene zu Ross zu steigen. »Ei, ei, lieber Herr, wie
geberdet Ihr Euch doch?« fragte Dagobert halb mitleidig, halb unwillig, da aller
Hülfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte: »Der mag's bei Gott
verantworten, der Euch zum reisigen Manne stempelte. Ein Glück, dass des Herzogs
Leute alle ferne sind, und der Torwart seine Augen auf seinen brummigen
Lieblingskater gerichtet hat, Ihr würdet ansonst wohl schwerlich dem
Spottgelächter entgehen.« - »Parva sustine patientia, mi fili!« gab ihm hierauf
der Mann zur Antwort, und kletterte vollends, so zu sagen, über die Schultern
Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchem er sich mit aufgezognen
Beinen und in die Mähnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als
reiterlich ausnahm. - Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an, und schwang
sich dann wieder auf den eignen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der
Torwart öffnete die Sperrflügel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu
verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt - in welchen das
Sonnenlicht so selten war, als ein Menschengesicht - dem Schafhauser Tore zu.
Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen Sorge und Angst
gehabt, so wurde sie noch grösser, da er wahrnahm, wie der Fremde so gut als gar
nichts vom Reiten verstand, beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls
hoch im Sattel aufflog, wieder niederhutschte, zusammengekrümmt wie ein
tauchender Nir, und den Zügel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem
krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maultierreiter, so vertrackt er
auch sich ausnahm, war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten, den
Dagobert endlich vor sich hertraben liess, um bei einem vorkommenden Unfall bei
der Hand zu sein. - »Sage mir doch, Ben David,« flüsterte er dem Juden zu: »da
ihr Juden doch alles besser wisst, als unsereins, wolltest Du mir nicht
vertrauen, wer unser Begleiter ist?« - »Ein schlechter Knecht, der nicht kennt
seinen Hauptmann;« erwiederte Ben David lächelnd: »ich spreche nicht hier von
mir, sondern von Euch, gestrenger Junker. Ihr seid getreten oder wollet treten
in den Stamm der Cohenim, und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die
Schafe, und kennt nicht den Hirten, der Euch weidet?« - »Ich will ein Schaf
sein, wenn ich Dich verstehe;« versetzte Dagobert wie oben: »Jude, Du bist
verrückt.« - »Mit nichten;« antwortete Ben David; »aber werden könnte man's, so
man bedenkt, dass das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten
seinen Feinden, vermummt als ein Knecht, und im Geleite eines schlechten Juden.«
- »Herrgott!« seufzte Dagobert erschrocken: »sagst Du die Wahrheit?« - »So ich
die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt;« entgegnete Ben David: »vertraut
hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen,
wenn ich plaudre, was ich gesehen.« - »Das ratet Dir auch der Himmel!« drohte
ihm Dagobert, und ergriff schnell herbeieilend den Zügel des Graurosses, das so
eben von dem erreichten Tore ab, in eine Seitenstrasse lenken wollte. »Hier
hinaus, Landsmann!« rief er, und wollte zwischen den müssig an dem Stadttore
umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine Stimme unfern von ihnen ein
lautes: »Haltet auf! haltet auf!« vernehmen liess, und die Wächter auf diesen Ruf
den Gäulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu tun, den
erblassenden und im Sattel schwankenden Flüchtling, auf eine gute, nicht
allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten, und musste darum schon die Verfolger
ungehindert herankommen lassen. Am unbefangensten, weil er seiner Gesichtszüge
am meisten Herr zu sein wusste, drehte sich Ben David nach den beiden Männern um,
die Haltauf gerufen hatten, und in welchen nicht der Stadtschreiber von
Frankfurt, noch viel weniger der Ratsweibel von Costnitz, in die Farben der
Stadt gekleidet, zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl öfter, dass der
launische Geist, der sogern die Handlungen der Sterblichen stört, an dem
Schuldbewussten Unheilahnenden vorübergeht, und nach dem Sorglosen
Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Räderwerk seines schwarzen
Spucks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umständen dem Vater der
holden Ester. »Was wollen die gestrengen Herren?« fragte er mit jener
einschmeichelnden Freundlichkeit, die seine Nation so willfährig annimmt, um den
Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen; aber unfreundlich lautete die
Antwort aus des Stadtschreibers Munde: »Dich selbst, Jude!« - Ben David
verstummte erbleichend. »Wie so? warum?« rief Dagobert dazwischen. - »Das
kümmert Euch nicht, junger Herr!« erwiederte der Stadtschreiber: »Der Jude
gehört dem wohlweisen Rate zu Frankfurt, und ihn zu verhaften, brachte ich die
Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche, und grämte mich bass, ihn
ausgeflogen zu wissen, als ich zum Glück seiner jetzt noch zu guter Zeit
ansichtig wurde. Euch bringt es aber wenig Ehre, Junker, mit solchen Gelichter
in die Welt zu reiten.« - »Hab' ich denn verstanden recht?« fragte Ben David
kleinlaut: »Verhaften wollt ihr mich?« - »Ich scherze nie;« versicherte Meister
Heinrich: »Steig ab, und folge diesem Manne in den Turm.« - »Hab' ich doch
nichts verbrochen!« seufzte der Jude: »Lasst mich ledig, übt Barmherzigkeit!« -
»Steig ab,« wiederholte der Stadtschreiber strenger, »oder ich lasse Dich von
der Mähre werfen, und geknebelt von dannen bringen.« - »O mein Herr Gott in
Israel!« ächzte Ben David, in höchster Bestürzung vom Maultier gleitend: »Werde
ich geführt zu meiner Tochter?« - »Nein!« äusserte der Stadtschreiber mit Härte:
»Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Frühsten geht's
mit Dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht!« -
    Ben David entsetzte sich, dass seine Kniee wankten. Der Reiter des
Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Torwächter
geworden war, zupfte Dagobert dringend am Ärmel. Dieser kehrte sich aber nicht
daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esters Vater nicht so gleichgültig war,
als der Jude: »Noch einmal! was hat der Mann verbrochen?« - »Reitet Ihr Eurer
Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann!« antwortete der Stadtschreiber nicht
minder herrisch: »Was kümmert den Pfaffen der Ebräer? Fort mit dem Juden!«
    »Werd' ich auch nicht dürfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der
sich meiner annimmt, wie ein Freund?« sprach Ben David untertänig zu dem rauhen
Gerichtsherrn. - »Meintalben, wenn sich der Junker nicht schämt, von Dir Freund
geschmäht zu werden;« meinte der Stadtschreiber: »Mach's indessen kurz.«
    Da näherte sich Ben David rasch dem jungen Manne, ergriff seine Hand,
schüttelte sie bewegt, und rief: »Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte
Gott der Welt, segne Euern Ausgang, und streue Palmen auf Euern Heimweg!« - »Bei
dem Haupte Eures Vaters beschwöre ich Euch,« setzte er leise hinzu: »das
Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem Kinde zu übergeben
- entweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte
zu Schafhausen. Der Fürst der Barmherzigkeit wird Euch dafür segnen in der
Stunde des Scheidens. Sagt meiner Ester, sie möge .....« - »Verdammter
Mauschel!« donnerte der Stadtschreiber, und riss den Juden von Dagobert hinweg:
»Was hast Du Heimliches von? Macht Junker, dass Ihr Eurer Wege zieht, sonst muss
ich mich auch Eurer Person versichern!« - »Festina, carissime fili!« raunte dem
jungen Manne sein Schutzbefohlner zu, und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen
den ängstlich in seinen Augen lesenden Ben David, mit einem verächtlichen
Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergen - zugleich aber mit
einem kräftigen: »In Gottesnamen! liess Dagobert seinen Gaul über die Spiesse der
Söldner wegsetzen, riss seinen Begleiter nach sich, und befand sich sammt ihm
bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne
dehnte.« - »Holla! auf! du fauler Gesell!« rief er dem Knechte zu: »Zu Gaule!
und Ihr, mein würdiger, unbekannter Herr, fügte er gegen den Verkappten bei, -
Ihr erlaubt es wohl, dass wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen, und mit Euch
ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es
geraten wäre, Euch möglichst schnell von dannen zu schaffen« - Der Befragte,
für welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Höllenqual gewesen war,
gab wehmütig seufzend, und der Notwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung zu
des jungen Mannes Vorschlag, und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken,
als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten
Reissaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.
    Ohne Gefahr verlief ferner die Reise. Über Heerstrasse, Strom und einsamen
Pfad geleitete die Fliehenden das Glück. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht
Schafhausen erreicht hatten, und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl
gemäss, wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem
erhabnen Flüchtling das Knie zur Erde, um den Worten: »heiliger Vater! Ihr seid
in Sicherheit. Wie der Herzog sein Fürstenwort gegen Euch gelöst, also hab' ich
meine Zusage gegen ihn erfüllt. Ich danke Gott dafür, und bitte um Euern Segen
zur Rückkehr.« - Der Papst, obgleich zum Tode ermüdet von der ungewohnten
Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefühl der Rührung seine Hände auf den Kopf
des erwählten Rüstzeuges. - »Unsern Dank, und des Himmels Segen nimm hin für
Deine wohl gelungne Tat!« sprach er feierlich: »Zugleich aber empfange von
unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Wert haben mag. Als uns
der Herzog von Deinem Beistande in Kenntnis setzte, unterrichtete er uns
ebenfalls, dass ein Gelübde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte,
welchem jedoch Euer Sinn, der nach Taten und Weltruhm strebt, nicht hold sei.
In Betracht, dass dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem
Dienste sich weihen, - dass Euerm Ohm, der sich von unsrer Seite losgesagt,
vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener
zuzuführen, - so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit, uns gefällig zu sein,
- haben wir dem Herzog versprochen, Deines Gelübdes Bande zu lösen, und lösen
sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von Gott uns Unwürdigsten
anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden, zu Deiner
Beruhigung und zum Gedächtnis unsrer dankbaren Huld.«
    Die rauhe Stimme des erschöpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in
Dagobert's Ohr, und sprachlos küsste er des Befreiers Hände und Kleid. Der Papst
winkte ihm jedoch aufzustehen, und warf sich in den Lehnsessel, um mit so viel
Würde, als es die freilich sehr unvorteilhaften Umgebungen erlaubten, die Schar
der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen, die, so eben
von der Ankunft des höchsten und unvermutetsten alle Gäste unterrichtet, noch
in später Nacht dem Haupte der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die
schuldige Huldigung darzubringen kamen.
 
                              Sechzehntes Kapitel.
 Frischen Mut,
 Junges Blut!
 Ziehe nach der Heimat Land
 An der schönsten Frauen Hand!
                                                                           Lied.
Die Flucht Johann's XXIII., die noch am selben Tage, wo sie Statt hatte,
ruchtbar wurde, hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Fürsten, Pfaffheit
und Volk gemacht, und das prächtige Turnier, das Herzog Friedrich zum Deckmantel
seines Vorhabens gebraucht hatte, auf eine ärgerliche Weise gestört und zu Ende
gebracht. Eben so wenig, als die Sache selbst, konnte des Herzogs Mitwirkung
lange ein Geheimnis bleiben. Friedrich mühte sich auch keineswegs, seine Tat zu
läugnen, und berief sich kühn auf das sichre Geleit, das er, nebst andern
Herren, dem Papst zugesagt, auf die Gefahr, in welcher Johann geschwebt hatte,
durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und
Freiheit zu verlieren; auf die Pflicht, die ihm, dem Herzog, daraus erwachsen,
solche Willkür nicht zu dulden; und endlich auf die dem Fürsten wie dem
schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel, die den Schutz der Unterdrückten
dem adelichen Manne auf das Gewissen binden. Sotane Ritterlichkeit, freudig und
zuversichtlich, ohne Furcht und Reue offen an den Tag gelegt, sollte, nach des
Herzogs Berechnung, die wirksamsten Folgen für des Papstes Lache haben, - ein
schneidendes Gegenstück zu Sigmund's gegen Huss bewiessnen Wortbrüchigkeit
liefern, - alle weltlichen Stände auf die Seite des Herzogs bringen, und der
grossen Anzahl derjenigen Geistlichen, die nur aus Scheu und Furchtsamkeit Partei
wider Johannes genommen hatten, neuen Mut, Selbstständigkeit und einen festen
Anhalt geben. - Von diesem Allen geschah indessen nicht das Geringste.
Friedrichs Biederkeit und Treue scheiterte an dem Bunde seiner Gegner, wie ein
die offne See befahrendes Schiff an dem verborgnen Felsenriff zerschellt. Der
Herzog hatte Recht gehabt, als er sagte: Sigmund war nie mächtiger, als in dem
Augenblicke, wo er, ein demütiger Knecht, des Papstes Füsse küsste, und ihm
knieend im Namen der Christenheit für seine Nachgiebigkeit dankte. Diese
Nachgiebigkeit eben, - ein Schlangenmittel falscher Staatskunst, von Friedrich
missbilligt, hatte Alles verdorben. Wer den Treubruch eines Andern ahnden will,
muss nicht selbst zum Doppelzüngler werden. Dem zufolge kettete sich Kaiser und
Concilium fest aneinander. Otto Colonna, ein Fürst der Kirche, ehrgeizig und
durchgreifend, wie nur je ein Bewerber um die höchste Macht, trat an die Spitze
der zürnenden Väter. Offen ging er nun seinem, früher verhehlten, Zwecke
entgegen, und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefügte
Kränkung, um den Bruch zwischen dem Letztern und seinem Reichsstand dem Herzog
unheilbar zu machen. Während das Concilium auf der einen Seite die Blitze
schmiedete, welche den protestirenden Papst unrettbar von dem römischen Stuhle
schleudern sollten, griff auf der Andern Sigmund nach der schrecklichen Waffe,
die den, oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote
stand, - nach des Reiches Acht. - Wie langsam und zögernd auch diese Strafe
vorbereitet wurde, so fand sich doch kein Talisman sie aufzuhalten.
    Friedrich, verlassen von seinen Freunden, feindselig geschmäht von denen,
auf deren Beistand er gebaut, musste knirschend dem verhassten Luxemburger das
Feld räumen, ehe noch das Ungewitter zum völligen Ausbruch kam. Seinem kleinen
Heere von Rittern, Waffenknechten und Dienern hatte er es zu verdanken, dass man
den Vorbereitungen zu seinem Abzuge nichts in den Weg legte. Bittrer Unmut und
die Scham, seinem Todfeinde zu unterliegen, peinigte ihn, und sprach auch aus
ihm, als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert, von Schafhausen rückkehrend, vor
ihm trat. - »Was wollt Ihr hier?« fragte er den jungen Mann bekümmert:
»Entweicht unter dem Fittich der Nacht, - denn - nicht lange wird's dauern, und
geächtet bin ich, wie Alle, so mir anhängen. Jesus Christus! wer hätte das
gedacht? Wahrlich, wahrlich; die Deutschen sinds wert, vor eines Schalksnarren
Zobelpelz zu katzenpuckeln. Pfui! pfui! Ehre, Treue und Redlichkeit sind nur
leerer Tand, und der Falschheit gehört die Welt. Flieht, mein guter Geselle.
Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen, als mit der Warnung: verlasst
diese Stadt; man spricht schon hie und da von Eurer Teilnahme an meinem
Verrat, wie sie's nennen. Geht aber auch nicht mit mir; ich habe das Spiel
verloren, und das Unglück vererbt sich leicht auf junges Blut. Wird's wieder
Tag, sollt Ihr von mir hören!« -
    Dagobert betroffen über das Unerwartete, das er hier erfuhr, versicherte dem
Herzog seine Treue, seine Ergebenheit, und den Entschluss, dennoch nicht von
seiner Seite zu weichen.
    Der Herzog schüttelte mit entschiedner Verneinung das Haupt. - »Ich verbiete
Euch, mir anzuhängen!« rief er fast unmutig: »Der Teufel ist in die Zeit
gefahren, und was sonst in deutschen Landen unerhört war, ist an der
Tagesordnung. Gehts nach Sigmunds Sinn, - und warum sollte es nicht nach ihm
gehen? so bleibt mir in Kurzem kein Pfulb um meinen Kopf darauf zu legen. Wie
könnte ich Euren Bedürfnissen steuern. Geht, geht, wohin des Sohns Pflicht Euch
ruft; gen Frankfurt, und denkt mein an dem Tage, wenn der Pfaffe Euch des
Gelübdes entbindet.« - »Mein Wohltäter!« seufzte Dagobert, Friedrichs Hand
küssend: »Euch zu lassen, fällt mir schwer.« - »Doch ist's vonnöten;«
entgegnete der Herzog, sich rasch losmachend, um der eignen Rührung vorzubeugen:
»geht heim, küsst den Vater und das Mütterlein, und freut Euch des Lebens. Jesus
Christus! wär' ich noch einmal jung und frei wie Ihr! Mit meinen tyroler
Gemsenschützen wollte ich ein Schiessen anstellen, dass dem Mehrer des Reichs die
letzten Haare wackeln sollten. Aber heut zu Tage gilt's der eignen Haut sich
wehren. Geht heim, sage ich, und lernt ritterlich Gewerbe. Wer drein schlagen
kann, und das Herz auf dem rechten Flecke hat, verdirbt nicht in unserm
rauflustigen Vaterlande. Und - weil mir's gerade einfällt - ich will Euch zu
guter Letzt noch Gelegenheit geben, ritterliche Pflicht zu üben. Der arme
Schächer, der Jude, dessen Gold mit zu dem bewussten Turniere helfen musste, und
dessen von mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schafhausen
nicht eingelöst hat, wie Ihr mir berichtet, ist nach Frankfurt geschleppt
worden; der Himmel weiss, was sie mit der Judenseele zu beginnen denken. Die
Tochter des unglücklichen Menschen hat sich mir zu Füssen geworfen, und um meine
Fürsprache gefleht. Auf meine Fürsprache gibt aber jetzo Niemand das Geringste,
denn - wie gesagt - der Teufel ist in die Zeit gefahren. Ich gab ihr jedoch mein
Wort, sie nach der Heimat bringen zu lassen. Ich habe dabei Eurer gedacht, und
bestelle Euch zu des Mädchens Vogt.« -
    »Mein gnädigster Herr« - stammelte Dagobert betroffen und bestürzt.
Friedrich fuhr aber gleichmütig fort: »Fürchtet Euch nicht. Es ist zwar nur ein
Judendirnlein, aber so fein und zart und lieblich, dass es manche Heilige nicht
zürnen würde, schriebe man ihren Namen unter der Jüdin Bild. schafft die
anmutige Ketzerin nach Hause, ehe sie gezwungen wäre, Sigmunds Gerechtigkeit
und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen. Ihr wisst, um welchen Preis die
Majestät Witwen und Waisen zu schützen, wie sie das zugesicherte Geleit zu
handhaben pflegt. Jagt das Lamm dem Wolf nicht in die Hände. Bringt es zur
heimatlichen Herde, und gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige
Versprechen, dass ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde, sobald
ich den drohenden Sturm überstanden habe. Geht; ich rechne auf meines Auftrags
sichre Vollziehung. Zieht von dannen, ehe es zu spät wird, und - Gott mit Euch.«
    Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um, und ging mit
starken Schritten in das Seitenzimmer, das er heftig hinter sich verriegelte.
Dagobert streckte die Arme nach ihm aus, wie nach einem scheidenden
Jugendfreund, und blieb einige Zeit bewegungslos im Gemache stehen. Dann aber
raffte er sich männlich zusammen, und floh aus dem Hause, in dem er bisher das
Ideal eines Ritters, wie er sich es dachte, bewundert hatte. - In dem Hause
seines Ohms fand er eine bestürzte und unfreundliche Aufnahme. Des Prälaten
Blicke massen ihn mit gehässigem Ausdruck; Fiorillens Augen mit ängstlicher Scheu
und Beklommenheit.
    »Was willst Du noch bei mir?« fragte der Ohm nicht ohne Heftigkeit: »Freude
bringst Du nie. Du kömmst ungeladen wie eine Krankheit, und gehst nur wie sie
von dannen: nachdem Du Schaden angerichtet.« - »Ihr seid fürchterlich streng in
Euerm Urteil,« antwortete Dagobert: »allein - auch eine Krankheit sieht man
gerne Abschied nehmen, und in keiner andern Absicht hab ich's gewagt, Euch in
dieser Zwielichtsstunde zu überfallen.« - »Fahre wohl;« lautete es aus des
Prälaten Munde: »ich frage nicht, wohin Du gehst, denn dem Bösen soll man nie
auf die Ferse blicken; auch bist Du seit längrer Zeit auf geheimen Reisen
begriffen, deren Geheimnis ....« - »Nicht lange geheim bleibt?« fiel der Neffe
lächelnd ein: »Ihr Herren habt das Vorrecht, Allem auf die Spur zu kommen,
früher als andre ehrliche Leute. Für diesmal geht meine Fahrt zum Vater, und ich
habe gewünscht, - wie es einem biedern Blutsverwandten zukommt, - mich mit Euch
zu letzen, und Euch zu fragen, ob Ihr mich nicht mit einem Brieflein oder
dergleichen zu beauftragen begehrt. Vom Wiedersehen dürfte wohl, nicht leicht
mehr die Rede sein. Die Lust am lieben deutschen Vaterlande hat in mir überhand
genommen. Jenseits der Berge, fürchte ich, ist mein Platz nicht, und das
Bartolomäistift bei Cesena sogar .....« - »Schweig!« fuhr der Prälat mit
zornrotem Antlitz auf, und aus dem fleischigen Antlitz brach ein Strahl von
Grimm und gehässiger Tücke, wie ihn Dagobert noch nie gesehen. Fiorilla zerrte,
von dem jungen Manne unbemerkt, warnend an des Prälaten Überkleid, und der Sturm
begütigte sich hierauf, mindestens dem äussern Anscheine nach. Monsignore zwang
die aufgeregten Gesichtsmuskeln in ihre alte Ordnung zurück, und fuhr mit
gemässigtem Tone, in dem jedoch unverkennbar bittrer Spott lag, fort: »Du hast
vollkommen Recht, Neffe. Dort findet, sich kein Platz mehr für Dich, nach dem,
was Du getan. - Stelle Dich nicht so unbefangen an. Ganz Costnitz weiss von
Deinen Ränken. Der Himmel verzeihe es denen, die Dich dazu verleiteten. Der
Himmel verzeihe auch Dir den Nachteil, den Du Deinen Angehörigen dadurch
bereitet. Herzog Friedrich wird die treuen Dienste doch mit einer fetten Pfründe
lohnen in seinem Bauernlande?« - »Ei was, Ohm;« erwiederte Dagobert lustig;
»Bauern hin, Bauern her! Im Tyrol legen die Hühner Eier, und tragen die Reben
Beeren, wie in Wälschland, und ein altes Sprichwort sagt: Wo's nicht an Hennen
und Zehnten gebricht, da verdirbt auch die Pfaffheit nicht. Die Präbende, die
der Montfort ausbot - Ihr erinnert Euch - konnte ich nicht verdienen. Ich muss
demnach auf Ersatz denken.« - Der Prälat antwortete nichts, sondern kaute
wehmütig, und als wie überlegend an den Lippen. -
    »Ernstlich indessen;« sprach Dagobert weiter: »Der Herzog ist mir nichts
schuldig, und ich habe keinen kaiserlichen Gönner, wie Ihr, würdiger Ohm, der
mir Ring und Stab aus dem Ärmel schütteln kann, sobald er nur will, zum Lohn für
eine Nachsicht zu rechter Zeit.« - »Toller Schwätzer!« rief der Prälat, von
Neuem hitzig werdend: »Was kümmert mich der Kaiser? Spare Deinen Spott zu
gelegener Stunde.« - »O weh!« entgegnete Dagobert: »Was bedeutet dieser Groll?
trug der Winter die Rosen, und bringt der Frühling den Schnee? Hat Liebstöckel
schon im März abgeblüht? oder haltet Ihr es nimmer mit dem Kaiser, seit Johannes
es wieder mit der freien Luft hält.« -
    »Ich muss gestehen,« versetzte der Prälat mit einer gewissen arglistigen
Schalkheit: »dass dieses das seltsamste Gespräch sein mag, das jemals zwischen
Ohm und Neffen geführt worden ist. In dem wälschen Lande, das Du zu verachten
scheinst, sprechen Todfeinde zierlicher zu einander, als hier in Deiner
gepriesenen deutschen Heimat des Bluts Befreundete. Jedoch, damit Du sehest,
wie wenig ich gewohnt bin, Böses mit Bösem, Trotz mit verdienter Härte zu
vergelten, will ich Dir erlauben, hier zu verziehen, und einen Abendtrunk
anzunehmen, den Fiorilla besorgen wird, während dessen ich, meinen schlechten
Augen zum Trotz, aber meiner brüderlichen Liebe zum Frommen, ein Schreiben an
Deinen Vater aufsetze. Ich verspreche Dir; es soll Dir nicht zu Leide
geschrieben sein, und keck darfst Du es übergeben. Du machst Dich doch morgen
mit dem frühsten davon?« - »Ich denke es;« antwortete Dagobert, sich bequem in
einen Sessel niederlassend. - »Tue das;« fuhr der Ohm fort, wie oben: »länger
ist's für Dich nicht geheuer zu Costnitz. Dein Pferd steht im Engel?« - »Ja,
mein guter Ohm!« erwiederte Dagobert: »das wackre Ross wird mich auch unter
Engels Schutz und Schirm weiter tragen. Für den Augenblick bin ich ja sicher
genug in meines Vaterbruders Hause.« - »Amen!« fügte Hieronymus bei, sandte
Fiorilla zum Keller, und begab sich durch die Seitentüre in sein Schlaf- und
Schreibgemach. Dagobert dehnte sich gemächlich in seinem Polsterstuhl, und
stützte den Kopf in die Hand. »Wie ist mir denn?« sagte er zu sich selbst:
»Komme ich mir doch vor, wie ein Träumender, oder besser, wie ein Trunkner, der
auf schwankenden Eisschollen über einen Strom zu taumeln versucht. Die
Geschichte dieser letzten Tage ist wie ein toller Spuck gestaltet. Ich denke
einem wider Willen zu einem Verbrechen gereizten Manne, meines Standes
höchstens, das Geleit zu geben, - und siehe da, es ist das Oberhaupt der
Christenheit selbst, das mich zum Lohn von meinen Altarpflichten frei spricht
während - wie ich begreife - das ganze Concilium meiner Tat den Stab bricht.
Ich verlasse den Herzog auf dem Gipfel fürstlichen Glanzes, und finde ihn wieder
im Begriff Reissaus zu nehmen vor einer Rotte von Priestermützen und einem
Kaiser, dem wenig mehr zu Gebote steht, als ein Mund voll Honig, wenn auch Galle
sein Herz erfüllt. Ich stand schon auf einem seltsamen Fusse mit dem Ohm, ehe ich
gen Schafhausen zog, aber nun stehe ich auf einem weit wunderbarern mit dem
Wackern. Wir sagen uns gegenseitig dürre Wahrheiten, dürr und stachlich wie die
winterliche Schlehenhecke, und dennoch will er die Sanftmut vorwalten lassen;
... er, der sich, wie ich beinahe glaube, durch seines neuen Vaterlandes
Doppelzüngigkeit um des Papstes und des Kaisers vorübergehende Gunst gebracht
hat? Frei ging ich zu Costnitz einher, nachdem ich einen Ketzer hatte befreien
wollen, und jetzo rät mir der Herzog selbst schnellen Abzug, weil ich dem Vater
der Rechtgläubigen aus dem Netze half? - Ja, Friedrich hat Recht: der Teufel ist
in die Zeit gefahren, aber auch dem Schwarzen trotze ich mit dem Freibrief in
meiner Tasche. Bin ich einmal hinter den Mauern meiner Vaterstadt ... dann
fahret wohl, Kaiser, Concilium und Reich. Ich mische mich ferner nicht mehr in
eure Händel.« - »Ei sieh da;« sprach Dagobert nun laut, und den Kopf nach der
Türe wendend, durch welche Fiorilla mit Wein und Semmeln belastet, eintrat:
»sieh da, mein Bäschen! Eure Heimat werde ich nicht zu sehen bekommen, aber den
günstigen Augenblick will ich benutzen, um den Kuss des Lebewohls auf Deine
Rosenlippen zu drücken.« - Fiorilla entzog sich seinem Arme mit sichtbarer
Befangenheit und Furcht. »Warum so ängstlich, närrische Dirne?« flüsterte
Dagobert: »Noch haben sie mich nicht vogelfrei erklärt; noch darf mich ein
holdes Mägdlein küssen. Oder fürchtest Du Dich vor dem Chorrock? Beruhige Dich;
Chorrock und Kutte hänge ich an den Nagel. Oder bangt Dir vor der Nähe Deines
eifersüchtigen Freundes? Ohne Sorgen. Der gute Ohm brauchte neulich mehr denn
eine Stunde dazu, einen deutschen Brief zu lesen. Wie viel geben wir ihm wohl
Zeit, einen deutschen Brief zu schreiben? Bis er sich wieder besinnt, wie die
wunderlich gekräuselten Buchstaben gemalt werden müssen, ist die Mitternacht da.
Versage mir also Dein Mündlein nicht, holde, dem schwarzen Bocksfuss entrissene
Seele!« - Noch einmal wies ihn Fiorilla zurück, und presste aus fliegender Brust
die eiligen Worte hervor: »Ihr werdet scherzen und Kurzweil treiben, wenn Euch
der Tod über die Schulter sieht. Verblendeter; verloren seid Ihr, wenn Ihr nicht
schnell Euch von dannen macht.« -
    »Ho!« entgegnete Dagobert, ernst und aufmerksam werdend: »Mädchen! Du gönnst
mir wohl nicht den Wein aus meines lieben Oheims Keller?« - »Die Freiheit gönne
ich Euch lieber;« sprach Fiorilla, wie vorhin: »Flieht, weil es noch Zeit ist.
Der Oheim hat Böses gegen Euch im Sinne. Glaubt nicht, dass er sich in seinem
Schlafgemach befindet. Vor einem Augenblicke verliess er mit dem Knechte, der die
Leuchte trug, das Haus. Hinter der Türe des Kellers lauschend, hörte ich, wie
er zu dem Burschen sagte: Nimm Dich wohl in Acht, und leuchte vernünftig. Von
des Cardinals Hause läufst Du, was Du kannst, zum Engel.« - Sorgfältig die Türe
schliessend, gingen sie davon, Euch zu verraten. - »Zu verraten?« rief
Dagobert, aufspringend: »Der Bruder meines Vaters mich verraten? Zu welchem
Endzweck das Bubenstück?« - »Ach, Ihr wisst noch nicht, was geschehen;«
entgegnete Fiorilla mit steigender Besorgnis: »Wallradens Verständnis mit
Sigmund ist vorbei.« Ohnmächtig wütend zog sie von hier ab, verspottet von
ihren Freiern und der Welt. Eures Oheims Glückstern ging schnell unter. Er, der
den Papst verlassen um des Kaisers willen, wird von diesem schnöde behandelt,
und seit des heil. Vaters Flucht, die Ihr, wie man allgemein behauptet,
begünstigt, geben die Machtaber vor, in Euerm Ohm einen heuchlerischen Anhänger
des Geflüchteten entdeckt zu haben. Die Cardinäle, den arglistigen Colonna an
der Spitze, der zum Kaiser hält, wiesen den Flehenden von ihrer Türe, und zu
allem Unglück gelangte gestern an ihn die unwillkommne, die zermalmende
Botschaft, dass sein Capitel, seines langen Ausbleibens und Geldverschwendens
müde, einen Andern statt seiner erwählt, und diese Wahl zur Bestätigung an das
Concilium bereits berichtet. Diese Kunde donnerte den Prälaten vollends nieder,
und nun geht er hin zu dem Colonna, von dem er allein noch Hilfe erbetteln
könnte, und verrät Euch, seinen Neffen, als den Entführer des Papstes; in der
Hoffnung .... - durch einen grossen Schurkenstreich minder bedeutende wieder gut
zu machen; unterbrach sie Dagobert ungestüm: »Wohl bekomm's, ungetaufter
Ehrenmann. Gut ausgedacht. Der Eine läuft zum Cardinal, mich anzugeben, der
Andre zum Engel, um dort meine Habe zu verhaften. Zum Glück hat mir vom Teufel
geträumt, und ich habe dem Ohm eine Nase gedreht. Meine Pferde stehen in einer
Herberge vor der Stadt, und dahin eile ich jetzt. Vor dem Kaiser würde ich nicht
Fersengeld geben; aber das Concilium ist ein ander Ding. Ich habe Hussens Kerker
gesehen, und damit genug gehabt.«
    »Wie aber entweiche ich? Sie haben die Türe verschlossen, sagst Du?« - »Ich
besitze noch einen Schlüssel,« antwortete Fiorilla zögernd und rot werdend,
»von dem der Ohm nichts weiss. Mit diesem öffne ich Euch die Pforte.« - »Habe
Dank, du listige Schlange;« versetzte Dagobert, die Mütze aufstülpend, einen
derben Zug aus dem Becher tuend, und Fiorillen die Hand reichend: »Gott segne
Dich, und den glücklichen Buhlen, dem dieser Schlüssel wohl schon öfter hinter
des ehrwürdigen Freundes Rücken das Pförtlein auftat. Wie kann ich Dir
vergelten?« - »Durch einen kleinen Liebesdienst;« erwiederte Fiorilla eilig, und
dennoch verschämt: »Gestattet, dass ein junger Mensch Euch ein Stückchen Wegs
begleite. Das junge Blut fürchtet sich, allein von dannen zu gehen, und dennoch
....« - »Und dennoch soll ihn der Ohm hier nicht finden?« fragte Dagobert
schelmisch drohend: »In des Himmels Namen - er komme. Ich bin schon einmal dazu
bestimmt, der Begleiter von allerlei Menschen zu sein, die dem Wetter nicht
recht trauen, und selbst, wenn ich auf flüchtigen Füssen bin, muss ich noch immer
einen Andern mit mir schleppen. Der feine Bube tummle sich indessen. Ich habe
nun weder Ruh noch Rast. Käme der Ohm jetzt zurück, wär's sein Unglück und das
Meine, und Beides hätte ich nicht gern auf dem Gewissen.« - »Eurer Zusage
vertrauend, wartet der Knabe draussen;« sprach Fiorilla: »bringt ihn ja gut
dahin, wo er zu Hause ist.« - »Insofern sein Haus an meiner Strasse liegt, und
der Bube flink auf den Beinen ist, recht gern, weil dem Bäschen so viel an dem
furchtsamen Milchbart liegt. Jetzt die Hand, Fiorilla, und die Wange. So! Gott
lohne Euch die Warnung, und lasse Euch glücklich und vernünftig werden. Lebt
wohl.« -
    Schnell verliess er das Zimmer; Fiorilla eilte mit dem Lichte voraus. Auf der
düstern Treppe schloss sich der Günstling der Italiänerin, ein feiner Junge, aber
wunderlich vermummt in einen, der Kleiderkammer des Prälaten entliehenen, weiten
Rock, und eine Stirn und Wange verhüllende Kappe, an die Beiden an. Dagobert,
mit seinem eignen Geschick beschäftigt, schenkte ihm nur einen flüchtigen Blick,
und schritt rüstig zu der Pforte, deren Schloss Fiorilla's Schlüssel nur zu
langsam für des Jünglings Ungeduld öffnete. Tränenden Blicks reichte die Schöne
von Cesena dem Letztern die Hand, heftig schluchzend fiel sie dem Vermummten um
den Hals, und Dagobert war schon ziemlich voraus, ehe sein Begleiter, dessen
Schritt von dem langen Gewande gehindert wurde, ihn erreichte. »Spute Dich, Du
verliebter Früh-in's-Holz!« raunte Dagobert dem Keuchenden zu. »Weit ist noch
der Weg bis vor die Stadt, wenn Du ausserhalb derselben wohnst?« - Der zur Seite
Laufende nickte stumm, und Dagobert setzte sich wieder in den alten Schritt, bis
er in die Strasse gelangte, welche er einst, dem Kloster flüchtig enteilend,
nicht minder schnell gemessen. Wie ein Blitzstral fuhr ihm aber hier mit
einemmale die Erinnerung an Ester, an des Herzogs Worte, an seine Liebe durchs
Gehirn, und unschlüssig blieb er stehen. »Wie ist's?« überlegte er: »soll ich
das Mädchen, das ich liebe, wenn ich's gleich nicht gestehen will, einer
ungünstigen Conjunktur zum Raube lassen? Oder soll ich, sie zu retten, für mich
selbst die Zeit versäumen? Wer bürgt mir dafür, dass nicht in der nächsten Stunde
den Wachen an allen Toren die Kunde ward, auf mich ein wachsam Auge zu haben?
Wäre ich nicht alsdann verloren, und das Mägdlein schutzlos wie zuvor? Und
dennoch muss ich meine Zusage halten, .... und dennoch muss ich wenigstens
versuchen, ob ich sie retten kann, für die mein Herz und Friedrichs Gebot das
Wort führt.« - »Herr meines Lebens,« seufzte hier eine schwache Stimme neben
ihm, und er gewahrte mit Erstaunen seinen Begleiter neben sich, der die Hände in
die Seiten gestützt, verschnaufend an einer Ecke lehnte. - »Was gibt's?« fragte
Dagobert unmutig: »Junger Fant, was soll das Wehleidigtun? Wer sich in den
Dienst der Frau Venus will begeben, muss küssen, drein schlagen und laufen
können, wann es eben sein muss; denn vom Abenteuer lebt die Minne.« - »Ich
verstehe Eure Worte nicht,« lispelte des jungen Knaben zarte Stimme: »aber ich
weiss, dass ich des Todes bin vor Angst und Gram, wenn Ihr von meiner Seite
weicht, und nicht Mitleid habt mit meiner Schwäche.« - Dagobert fuhr zusammen
bei dem Klange dieser Stimme. »Nein!« rief er, mit seinen Augen des Begleiters
Gestalt messend: »also spricht kein Mann; das ist Frauensprache, und, wenn mich
nicht ein böser Zauber betört, eine Sprache, die mir nicht unbekannt
geblieben.« - »Könnt Ihr verzeihen?« stammelte der Knabe, und wollte zu
Dagobert's Füssen sinken, als dieser, plötzlich Ester's Züge unter der
entstellenden Kappe entdeckte, und die furchtsame Dirne kräftig in der Höhe
hielt. - »Unglückliche!« sprach er leise zu ihr: »Wie kömmst Du hieher? Doch
gleichviel. Die Erläuterung raubt Zeit, und wir bedürfen der letztern. Der
Mondstral hat Dich mir genannt. Deinen Mund lass schweigen, bis wir ausser Gefahr
sind. Hänge Deinen Arm in den Meinigen. Stütze Dich auf mich. Nun ich weiss, wer
Du bist, muss ich nach Deinen Kräften mich fügen.« -
    »Guter Mann!« seufzte Ester, und lehnte sich vertrauend auf des Helfers
Arm, der sie, obgleich die innere Ungeduld mit Nesseln peitschte, langsam durch
die noch ziemlich belebten Gassen dem Tore zuführte. Die Hüter desselben
spotteten des Paars, und machten sich weidlich über die bezechten Schüler
lustig, die nach dem Gelage mit schwerem Kopfe den Weg zur Heimat suchten.
Dogobert liess die rohen Gemüter gerne bei dem Glauben, der ihm und seiner
Schutzbefohlnen so förderlich ward, und geleitete besonnen die Entkräftete zu
einer Bank, die am Rande der Heerstrasse stand. »Einen Augenblick darfst Du hier
ruhen;« sprach er zu Ester: »sprich jetzt, Mädchen - wie erkläre ich mir ...?«
- »Fiorilla war meine Freundin geworden, wie Ihr bereits wisst, edler Herr;«
antwortete das Mädchen: »sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage, und ich liess
mich lieber ihre Zofe nennen, als dass ich noch länger in dem Hause geblieben
wäre, wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten, die selbst zu den
Füssen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gen Frankfurt erhalten
hatte. Euer Ohm ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhältnisse,
und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden. Ehe jedoch Fiorilla
mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war, kamt Ihr. O, ich
hörte Euch kommen, ich hörte Euch sprechen, und die Vergangenheit lag wieder vor
mir wie ein Paradiesesgarten. Ich hoffte wieder, ich war beruhigt, ohne mir
genau bewusst zu sein, warum. Fiorilla bestärkte mich in dieser seligen
Beruhigung, als sie plötzlich bei mir eintrat. Ester! sprach sie: Dein Retter
und Geleiter ist gefunden. Man spinnt Verrat gegen den Junker. Ich werde ihn
warnen; er muss fliehen, und Dich mit sich nehmen, ohne zu wissen, wer Du seist,
denn der Erklärungen und Einwendungen wäre dann kein Ende, und dennoch ist die
Zeit nur allzugemessen. Mut, meine Freundin! Dagobert ist ein edler Mann; er
wird Dich nicht verlassen. Vermummt folgte ich Euch, und überlasse es Euerm
Edelmute, ob Ihr Fiorillens Zusage erfüllen wollt.«
    »Ob ich will, ist keinem Zweifel unterworfen,« antwortete Dagobert kurz und
gemessen, denn er suchte hinter dieser Kürze den wahren unruhigen Zustand seines
Herzens zu verbergen. - »Aber,« setzte er bei: »armes Mädchen! Wohin soll ich
Dich führen? Gen Frankfurt, wo Dein Vater im Kerker liegt?« - »Mein Vater ist
unschuldig an jedem Fehl - o gewiss! glaubt es mir!« versetzte Ester mit
Zuversicht: »Gewiss kömmt er mir ohne Fesseln bereits entgegen, und - wäre es
nicht, - so bin ich in des alten Jochai's Armen aufgehoben wie im Schoss der
Mutter!« - »Wohlan denn!« sprach Dagobert: »So reiten wir noch diese Nacht.
Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht. Folge mir bis dahin, und
wir wollen überlegen, wie Du am schnellsten fortzubringen bist.« - Er
unterstützte sie während des kurzen Gangs. - »Hast Du auch Alles überlegt?«
fragte er an der Herbergspforte noch das Mädchen: »Ich bin ein junger wilder
Geselle, dessen Arm Dich schon einmal umfing, dessen Lippen schon einmal auf den
Deinen ruhten. Hast Du jener Zeit vergessen, oder meinst Du, ich hätte es
getan? Hegst Du Vertrauen zu mir, und übergibt Dich mir auf der weiten Fahrt
ohne Scheu, ohne Misstrauen?« - »Ob ich jener Zeit vergessen?« fragte Ester
entgegen mit leuchtendem Blicke: »Ihr scherzt wohl, edler guter Herr. Aber so
wahr als diese Hecken um uns her den Frühling künden durch ihre Knospen, so wahr
ist das Vertrauen zu Euch, das in mir lebt. Auf der weiten Welt lebt Keiner, dem
ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre. Ihr werdet mich
führen zum Vater, Ihr werdet durch Eure fromme Hülfe meinen Pfad ebnen, und den
Frieden in mein Herz zurückbringen, wie die scheidende Sonne den Tau auf die
lechzende Wüste. Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir, und nur die
Erinnerung in meiner Seele lassen und die Dankbarkeit, die nimmer Verlöschende.
Mein Gebet für Euch sei Friede, und der hochgelobte Gott verwirkliche
hundertfältig den Segen, den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf
Euch lenken möchte!«
    »Genug! genug!« fiel hier Dagobert rasch und abstossend ein: »Lass uns erst
an's Ziel gelangen, und möge es für Dich ein Erwünschtes sein. Die Vergangenheit
werde nie zwischen uns berührt, und Deine Gesinnung über diesen Punkt gibt mir
erst den Mut, Dein Gefährte zu bleiben, bis an Frankfurts Tore. Von da aus
findest Du den Weg in's Vaterhaus allein, und unter uns sei es, als hätten wir
uns nie gekannt.«
    »So sei es!« flüsterte Ester zögernd und kleinlaut, während Tränen ihre
Wangen benetzten. Der junge Mann hingegen, der jetzt erst einen grossen Sieg über
sein eigen Herz davon getragen, und nun den Talisman gefunden zu haben
vermeinte, jeder Versuchung zu widerstehen, ging sorglosen Mutes hin, die Rosse
zu rüsten, und Alles zu der Reise vorzubereiten, die auch mit dem ersten
Frühstral angetreten wurde.
                            Ende des ersten Bandes.
 
                                  Zweiter Band
                                 Erstes Kapitel.
 Der Lenz ist angekommen!
 Habt ihr es nicht vernommen?
 Es sagen's euch die Vögelein,
 Es sagen's euch die Blümelein:
 Der Lenz ist angekommen!
 Ihr seht es an den Feldern,
 Ihr seht es an den Wäldern;
 Der Kukuk ruft, der Finke schlägt,
 Es jubelt, was sich froh bewegt:
 Der Lenz ist angekommen.
 Hier Blümlein auf der Heide,
 Dort Schäflein auf der Weide!
 Ach seht doch, wie sich alles freut,
 Es hat die Welt sich schön erneut:
 Der Lenz ist angekommen!
                                                         Altd. Lied aus der Sage
                                                                 vom Venusberge.
Es ist doch eine gar schöne, muntre und selige Zeit, wenn der Frühling wieder
herein kommt ins Land, der gar nicht unedel von den Dichtern einem Bräutigam
verglichen wird, welcher seine Braut zu schmücken und zu umfangen naht, im Glanz
und Prunk des Hochzeittages. Ein Fürst der Erde könnte er nicht minder genannt
werden, denn tausend leichtbeschwingte und buntgefiederte Herolde ziehn vor ihm
her, seine Ankunft verkündend; himmelblau und golden ist sein Kleid, an das sich
der fernen Eisberge Saum anschmiegt, wie Hermelinsverbrämung, und alle
Blütenbüsche fügt er in eine duftende Krone, womit er sich und seine Liebe
ziert.
    Und die Braut, im Gewande zarter Hoffnung, umgürtet von den Silberbändern,
deren Juwelenschmuck erst wieder lebendig wurde durch des Ersehnten feurigen
Goldblick, winkt dem Nahenden mit jugendlich grünen Zweigen, und scheint ihn
demütig zu fragen: Kommst Du noch einmal, mit mir den Bund zu schliessen in
neuer Verjüngung? Nicht umsonst, Geliebter, trägst Du die Farbe der
Beständigkeit, denn viele tausendmal begingen wir schon unsre Feier, und dennoch
freist Du keine Andre als mich? - Der Hochzeiter schüttelt hierauf lächelnd die
wohlriechenden Locken, dass Blüte auf Blüte und Perle auf Perle daraus in den
Schoss der Freundin sinkt, als ein Geschenk seiner Freigebigkeit. Keine Andre
als Du, spricht er, schmückt mir Lager und Teppich so bunt und reizend; keine
wölbt mir Lauben luftig und schattig, wie Du; keine andre teilt meine Lust, das
Leben zu beglücken, das aus Dir stammt, in Dir vergeht, und wieder von neuem
aufsprosst, sich unsrer zu freuen. Glücklich sei das Geschlecht, während meines
Reiches Dauer, denn nach mir kommen strengere Herrscher, und die Sorge, und die
Welkezeit, und die Nacht! -
    Wer hat sich nicht schon gefreut unter dem lindwehenden Panier des
fröhlichen Lenzes? Wer, der ein fühlend Herz in der Brust trägt, hätte nicht
schon unter dem sonnigen Frühlingsschein die Arme ausgebreitet mit unnennbarem
Sehnen, entzückt von Dankbarkeit, erregt von milder Rührung? Predigt die schöne
Jugendzeit des Jahrs nicht Friede und Versöhnung? Entwaffnet sie nicht den Hass
in edeln Gemütern? O wahrlich, diese goldnen Tage sollten kein gezücktes
Schwert schauen, die süsse Frühlingsluft kein drohend Wort vernehmen! - Aber die
Leidenschaften ziehen eine Eiswand um des Menschen Herz, die auch der Lenz nicht
zu schmelzen vermag; das rohe jüngere Geschlecht kümmert sich nicht um den
Wonnemond, weil seine kräftige Begehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt,
um Wonne zu geniessen; und nur des reifen Alters Vorzug ists, das Leben zu
verstehen, ihm Sinn und Deutung zu geben, und zu wissen, dass unser irdisch Teil
ein treues Conterfei des Wechsels in dem Weltall darstellt.
    Wenn er's auch nicht aussprach, so fühlte doch Herr Dieter, der Altbürger,
dasselbe, da er an einem wunderschönen Morgen in seinem Gärtlein lustwandelte,
das vor der Stadt gelegen war, und trotz seinem einfachen Plankengehäge, und dem
darin schlicht von Dielen auferbauten Lust- und Werkhäuslein höher von Dieter
geachtet wurde, als sein stolzes Haus zu Frankfurt selbst. Auf den Arm seiner
Ehefrau gestützt, - denn noch war die Wunde, an der er darniedergelegen, nicht
völlig vernarbt, schritt er sinnend, aber hellen Auges, auf und nieder, und
erging sich in der würzigen Luft und dem warmen Himmelshauche. Frau Margarete,
ihrerseits in Gedanken versunken, aber dennoch ein Auge sorglich auf den
prestaften Gatten geheftet, während das andre nach dem kleinen Hans
hinüberschweifte, der mit Elsen in einem Winkel des Gartens spielte, schwieg
gleich ihrem Herrn. Da begehrte der Letztere zu sitzen, und Margarete führte
ihn zu der Bank an der Türe des Häuschens. Als sie nun beide darauf Platz
genommen, fingen die Glocken der Stadt an ihr Geläute ertönen zu lassen. Dieter
schlug die Hände fromm zusammen, sah eine Weile still vor sich hin, und redete
alsdann: Sie haben in der Stadt ein gottesfürchtig Werk vor. In diesem
Augenblicke legt der hochwürdige Stiftsdechant, Herr Jakob Herdan, den
Grundstein zu einem stattlichen Turme, der am Damm aufgeführt werden soll.
Ehrenwert ist es, da ein Denkmal für den lieben Herrgott hinzusetzen, wo früher
das Rathaus stand, auf dem der Bürger Wohl besorgt wurde; und ziemlich ist's zu
gleicher Zeit, dass ich, den Gebreste verhinderte, von Amtswegen bei der heiligen
Handlung zu sein, den festlichen Augenblick begehe mit frommer Tat und Rede.
Seht, meine werte Hausfrau: ich habe es bis jetzt aufgespart, mit Euch etwas zu
besprechen, das mir am Herzen nagte. Es kann Euch nicht entgangen sein dass ich
seit einiger Zeit wohl nicht derselbe gegen Euch war, der ich früherhin gewesen.
Ich kann leider nicht läugnen, dass der Tag, an welchem Euer Bruder uns mit
gewohnter Unverschämteit heimsuchte, eine Quelle des Argwohns und traurigen
Verdachts für mich geworden. Ich schäme mich schier, die Reden des wüsten
Menschen zu wiederholen, die niemals einen Eindruck auf mich hätten machen
sollen. Aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf. Von dem Kleinern zum Grössern
fortzuschreiten, - selbst den Funken zum Brande anzublasen ist ihm ein gering
Geschäft. Der Böse verblendete mich ganz, da mich der Meuchelmörder überfallen
und gezeichnet hatte. Ich beklage den Wahn, der mich gehässig gegen Euch
anreizte, dass ich eure Hülfe von mir stiess, und mich wie ein Toller geberdete,
bis ich ohnmächtig mich Eurer Fürsorge überlassen musste. Da gingen mir endlich
nach und nach die Augen auf. Euer still besonnenes Tun, gleich weit entfernt
von dem Trugeifer einer Heuchlerin, wie von der schadenfrohen Sorglosigkeit
eines Weibes, das sich Witwe zu werden sehnt, erweichte mein Gemüt, wie meine
Wunde. Dennoch, argwöhnisch, wie ich war, las ich aufmerksam in eurem Blicke,
und mir entging die ruhige Freude nicht, mit welcher Euch meine Genesung
erfüllte. O, diese Überzeugung trug viel zu meiner Herstellung bei, und, als ein
gerechter Mann, der sich nicht scheut, sein Unrecht einzugestehen, frage ich
Euch heute, unterm Blau des Himmels, und in Gegenwart unsers Kindes, ob ihr den
gräulichen Verdacht vergeben könnt.
    »Mein werter Eheherr ....« stammelte Margarete überrascht und beschämt:
»Wie könnt Ihr doch meinen, dass ein Groll gegen Euch ....«
    »Lieb Weib,« fiel Dieter ein: »Ich liebe das Geradezu.« Scheltet mich aus,
wie einen Heiden, dass ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und euerm Christentum,
auf das Zeugnis eines Lügners hin, und auf die Tat eines meuchlerischen Buben.
»Nein,« - fuhr er fort, Margaretens Wange und Hand streichelnd - »dies fromme
Angesicht konnte mich nicht an einen Andern verraten; diese Hand, die mich so
zart und sorgsam pflegte, hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt.« -
    »Jesus!« seufzte Margarete erschrocken: »Was kommt Euch zu Sinne, lieber
Herr? Die Heiligen mögen Euch verzeihen, wie ich es tue, ob solchem schnöden
Verdacht.«
    »Wenn Ihr vergebt, die Beleidigte, so tun es die Heiligen nicht minder;«
antwortete Dieter; »und förder sollt Ihr nicht klagen können. Der Versucher
soll nimmer an mich kommen. Mein Siechtum hat gar Vieles anders gemacht in
meinem Innern. Eine recht süsse Wehmut, wie ich sie nie gefühlt, seit ich zum
Erstenmal freite, hat mirs angetan, und den Wunsch in mir erregt, Alle, die mir
nahe angehören, um mich her versammelt zu sehen: den Bruder, den Sohn, und ....
ach ja ... und auch die Tochter, obgleich sie sich von uns geschieden hat mit
Vorbedacht. Seht, Margarete, auch um dessenwillen muss ich Euch danken. Wallrade
hat Euch schwer beleidigt, und dennoch tratet Ihr nicht zwischen sie und mein
Verlangen.«
    »Die Jahre werden viel geändert haben;« erwiederte Dieters Gattin sauft:
»Damals wollte sie nicht meine Tochter heissen; jetzt würde sie vielleicht meine
Freundin.«
    »O gewiss;« bekräftigte Dieter: »die Zeit macht milder, wie das Sprüchwort
heisst. Aber wehe tut mirs, dass bis jetzo auf mein redlich Schreiben weder
Antwort kam, noch der herzliebe Besuch von den Dreien, die sich zu Kostnitz
plötzlich zusammen doch gefunden. Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind.
Ich hatte mir alles so schön und heimlich ausgedacht, - wie ich Wallraden - die
liebe widerspenstige Tochter - in Deine Arme führen wollte; wie ich den zu
unsrer Wonne so glücklich gesundeten Sohn an der Geschwister Brust gelegt hätte;
... aber meine Freude fiel in den tiefsten Brunnen. Noch am verwichnen Sonntage
zupfte es mich an allen Nähten, und eine falsche Ahnung flüsterte mir zu: heute,
- ja, heute kommen sie ganz gewiss. Schier hätte ich mich auf die Heerstrasse
tragen lassen, um ihnen in die Ferne entgegen zu sehen. Der alte Tor hätte sich
aber blind geschaut. Dem Greise versagen sich die, die er liebt.« -
    »Habt Ihr denn nicht uns?« fragte Margarete mit ängstlicher Freundlichkeit,
und hob den Knaben der sich herbei gemacht hatte, auf den Schoss des Gatten,
dessen Nacken sie umschlang. »Bedürft Ihr, um glücklich, und zufrieden zu sein,
noch andrer Herzen, die Euch fremd geworden zu sein scheinen?«
    »Nicht doch, geliebte Ehefrau!« beteuerte der gerührte alte Mann, den Buben
und seine Gattin abwechselnd herzend und liebkosend: »nicht doch, herzliebes
Söhnlein! Aber, wenn ich Euch gleich inniger im Busen trage, als die Vermissten,
.... sie sind doch auch meine Kinder; vorab der Dagobert, der die Freuden des
Hausvaters dahinten lassen muss, um der Mutter zu einer fröhlichen Urstund zu
helfen.«
    »Hier, sagt man, soll ich Herrn Dieter finden?« fragte am Eingange des
Gartens eine Stimme, die Margareten nicht fremd, ihrem Gatten eine liebe war.
    »Wallrade!« riefen beide überrascht, und Dieter's wankende Knie versagten
dem Aufstehenden den Dienst. Indessen kam die Unerwartete und dennoch Ersehnte
langsam und stolz herangeschritten, von Elsen begleitet, die ihr den Weg zu dem
Elternpaare wies. »Wallrade! Tochter!« stammelte Dieter unter Tränengüssen der
Freude, die Arme weit öffnend. »Willkommen Fräulein!« setzte die Stiefmutter
hinzu, die Hand ihr reichend. Aber weder in die Arme des Vaters sank die
Tochter, noch ergriff sie die dargebotne Rechte. Einige Schritte von Dieter
entfernt, stand sie stille, warf einen durchdringenden Blick auf das Paar, und
schlug die Hände zusammen. »Herrgott!« sprach sie in dem tiefen Tone, der nicht
selten auf ein hartes Gemüt schliessen lässt: »Wie verändert finde ich Euch,
Vater! Die letzten Jahre scheinen Euch nicht zugesagt zu haben!« Dieter
überhörte diese Worte, bewegt von den Gefühlen, die das schwache Alter doppelt
empfindet; aber Margarete fasste sie auf, die wie ein kalter Hauch an ihr
warmgewordnes Herz drangen. »Die letzten Tage, wollt Ihr sagen, Fräulein!«
erwiederte sie empfindlich: »Die letzten Jahre waren gut, und von Eurer
Kindlichkeit wird es abhängen, ob der heutige Tag ihnen gleichen soll. Euer
Vater harrt noch immer der schicklichen Umarmung entgegen. Ich möchte Euch nicht
gern umsonst darauf aufmerksam gemacht haben. -«
    Wallrade näherte sich dem Vater, küsste seine Hand und Wange mit
Förmlichkeit, und neigte sich steif vor Margareten. »O mein liebes Kind!«
sprach Dieter, der sie neben sich auf das Bänkchen niederzog: »Wie erquickt
mich Dein Anblick. Ja, in Frauenherzen wohnt Versöhnlichkeit und der Funke der
Liebe. Du, das verloren geachtete Kind, kehrst in's Vaterhaus zurück, während
Sohn und Bruder ferne bleiben.« - Wallrade zuckte leicht die Achseln und wendete
sich zu Margareten mit den Worten: »Ehrsame Frau;« wenn mich der Vater schon
verloren achtete, ... »um wie viel strenger mag nicht Euer Urteil über mich
gelautet haben?« -
    »Ihr irrt;« versetzte Margarete ruhig: »was das heisse Blut der Jugend
fühlte, steht den reifern Jahren zu, wieder gut zu machen. Mein Herr liebt Euch,
darum seid Ihr auch mir kein unlieber Gast.« - »Wacker gesprochen, liebe
Wirtin!« rief Dieter, ihr entzückt die Hand entgegenstreckend: »Ihr seid eine
Perle, wie sie wohl selten ein Greis in seinen Winterkranz flechten darf, und
ich denke, Wallrade soll Euch bald innig befreundet sein. Umhalst euch vor
meinen Augen. Das letzte widerstrebende Gefühl versinke in der freundlichen
Annäherung. - So; und nun, meine wiedergefundne Tochter, küsse auch Deinen
Bruder, den kleinen mutwilligen Johann, die Wonne meiner alten Tage.« -
Wallrade sah sich mit verdüstertem Antlitz nach dem Jungen um, der, wie
Margarete erst jetzt bemerkte, sich hinter die Bank und die Gewänder der Mutter
verkrochen hatte. - »Johann, wo steckst Du?« fragte Dieter liebreich: »Komm,
umarme Deine Schwester!« - »Ei, du einfältiger Bube;« ermahnte Margarete den
Weigernden: »Was muss denn Schwester Wallrade von Dir denken? Du bist ja kein
Ungeheuer, das sich nicht am Tage sehen lassen darf. Komm, komm doch!« - Sie zog
den schüchternen Buben, der sich aus allen Kräften sträubte, mit Gewalt herbei,
und erschrak jetzo selbst über die Blässe, die sein Gesicht überzogen hatte.
Ängstlich gebückt, mit niedergeschlagnen Augen, stand der Kleine da, als hätte
er ein Verbrechen begangen. Nichts konnte ihn bewegen, der Fremden nur einen
Blick, eine Sylbe zu schenken. Diese Scheu, welche Dieter und Margarete sich
nicht enträtseln konnten, machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf
Wallraden. Sie stand auf, - zweifelhaft, ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden,
oder es von ihm kehren sollte. Ihre Augen brannten, ihr Mund zuckte und ihre
gespannten Züge drückten die Leidenschaftlichkeit aus, die ihre Brust beseelte.
Ihren Unmut mühsam bemeisternd, wies sie des Knaben Hand schweigend von sich,
als die Mutter, in deren Arme er sich geflüchtet hatte, ihn bewog, ihr die
widerstrebende zu überlassen.
    Zugleich zog sie den Schleier über Stirn und Augen. »Da das Herrlein meinen
Anblick unerträglich findet,« - sprach sie mit angegriffener Stimme, - »so tue
ich am besten, wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe.« - Wirklich
schien es auch, als ob der Knabe sich begütigen wolle, denn seine Ängstlichkeit
verlor sich nun so ziemlich, und er heftete dann und wann die blauen Augen
staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens, und auf ihre mit
blitzenden Ringen gezierten Finger. Auf alle Fragen, Ermahnungen und tadelnden
Reden der Eltern erwiederte er nichts; jedoch in demselben Augenblicke, als man
ihn zu vermögen gedachte, zwischen Margareten und Wallraden niederzusitzen,
erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm, und er suchte abermals in
Margaretens Schoss Zuflucht, wie vor einer Gefahr. - »Man hat dem Buben ohne
Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet;« begann Wallrade mit beleidigtem
Stolze: »wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde, so
muss er sie freilich fliehen, wie die Sünde.« - »Ei,« erwiederte Dieter: »das
hat meine Hausfrau sicherlich nicht getan, darauf wollte ich schwören.« - »Mein
werter Herr dürfte es auch;« bekräftigte Margarete mit gesteigerter
Empfindlichkeit: »Der Knabe hörte kaum des Fräuleins Namen nennen. Ich wollte
wetten, er hat vergessen, dass er eine Schwester hat. Unerwartet kam ihm daher
deren Anblick; wenn wir nicht annehmen wollten,« - setzte sie wie im Scherz
hinzu, obgleich der Ernst hinter ihrem Lächeln lauerte, - »dass Kinder eine
richtigere Ahnung haben, denn die Erwachsenen, ob man sie von Herzen liebt, oder
ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweisst.« - »Das Letztere möchte
sein;« entgegnete Wallrade rasch und kalt: »Ich muss bekennen, dass ich Kinder
dieses Alters nicht liebe, wären sie auch die Söhne meiner werten Stiefmutter.
Die Tölpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider, und ich werde es
als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen, ehrsame Frau, wenn Ihr
mir, so oft ich des Vaters Haus besuche, den Anblick des ungeberdigen
Stiefbrüderleins erspart.« -
    »Soll gerne geschehen, verlasst Euch darauf;« versetzte Margarete gekränkt,
und beschäftigte sich damit, die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhütlein
zu ordnen, das sie ihm aufsetzte, - damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend. -
    »Das wird ja alles werden;« sprach Dieter begütigend: »Was lässt mich aber
Deine Rede mutmassen, liebe Wallrade? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem
Hause«?
    »Nein, mein Vater!« antwortete das Fräulein bestimmt: »Ich bin seit Langem
gewöhnt, in meiner Behausung Herr zu sein; und meine Gewohnheiten könnten Eurer
Ehefrau lästig sein, so wie mir vielleicht ihre Hausordnung. Daher habe ich's
für gut erachtet, in der Herberge zum Eichhorn abzutreten. Dadurch erspare ich
uns allen manche Unannehmlichkeit, die um so überflüssiger ist, als mein
Aufentalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer sein kann.« - Dieter wollte sein
Bedauern nicht verhehlen, und der Tochter zureden, aber Margarete unterbrach
ihn schnell.
    »Es sei fern von uns,« sagte sie hitzig: »des Fräuleins Willen beschränken
zu wollen, und darum geschehe nach ihrem Wunsche, aber die Freude, Euch an
unsrem Tische zu bewirten, werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen? - Der
arme, kleine, ungeberdige und tölpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart
stören.« - »Ihr verbindet mich immer mehr, gute Frau;« erwiederte Wallrade in
gleichem Tone: »und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit überzeugt werdet, so
fordre ich Euch selbst auf, nach der Stadt zu kehren. An meines Vaters Seite
sitzend, will ich ihm vom Ohm erzählen, der ihn zärtlich grüssen lässt.« - »Gruss
ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr;« entgegnete Dieter seufzend, und,
zum Weggehen fertig, sich auf Wallradens Arm stützend: »aber wehe tut mir's
doch, dass er nicht selber kam, und dass Dagobert ausbleibt, auf dessen treuen
Kindessinn ich Felsen gebaut hätte.« - »Von Dagobert lasst mich schweigen;«
äusserte Wallrade mit geheuchelter Bekümmernis, und war aber im Augenblicke, auf
die Aufforderung der väterlichen Besorgnis, bereit, dies Schweigen zu brechen.
Mit dem alten Dieter vorausgehend, entwarf sie dem ängstlich Zuhörenden ein mit
hämischer Bemühung ausgemaltes Truggemälde von Dagobert's Lebenswandel zu
Costnitz, und führte den Pinsel so gut, dass der Vater in dem Verläumdeten bald
den verlornen Sohn beweinte. - Während dieser Einflüsterungen ging in
beträchtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarete, den Knaben
an der Hand, nachdem sie Elsen voraus zur Stadt geschickt, um zu einem
erweiterten Mittagmahl Anstalten zu treffen. Die Art und Weise, wie die
ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit sich im ersten Augenblicke des
Vertrauens des Vaters bemächtigte, mit geringschätzender Hintansetzung der
Gattin desselben, - die Kränkungen, die Wallrade mit freigebiger Hand an die
Stiefmutter und den Knaben gespendet, griffen hart und böse an das reizbare Herz
der stolzen Leuenbergerin. Wie aber oft das menschliche Gemüt, - ein weibliches
insbesondre, - aus Dingen Trost gewinnen kann, die an sich geringfügig sind, so
beruhigte sich auch hier Margarete mit dem Gedanken, dass nicht allein sie
selbst der Widersacherin Wermut, zu kosten gegeben, sondern dass der Knabe sogar
durch seine deutlich ausgesprochne Abneigung der Gegnerin Stolz verletzt habe.
Von dieser kleinen Vergeltung erfreut, bückte sie sich mit grössrer
Freundlichkeit, - als sie sonst wohl dem Knaben zuwendete - - zu demselben
hinab, und streichelte seine Wangen. »Du bist ein wackrer Bube;« sprach sie
belobend zu ihm: »ich habe Dich lieb vor Allen, wenn Du gegen Wallraden ferner
Dich beträgst, wie heute. Willst Du?« - »Was Du befiehlst, Mutter;« erwiederte
der Knabe freundlich.
    »Recht so, mein guter Hans,« fuhr Margarete fort: »Gehe nicht zu der
falschen Frau. Sie wird Dir vielleicht Honigkuchen und Semmelringe bieten, um
dich kirre zu machen. Nimm aber nichts von ihr, hörst Du? Sie meint es böse mit
Dir und mir und mit dem Vater.« - »Ach Mütterlein!« rannte ihr der Knabe ins
Ohr: »Ich fürchte mich vor ihr.« - »Tue das immer, mein Söhnlein!« versetzte
Margarete: »Zieh' ihr immer ein finster Gesicht, und iss nicht, was sie Dir
bietet. Für jeden Leckerbissen, den Du aus ihrer Hand nicht nimmst, gebe ich Dir
deren zwei.« - »O ja Mütterlein!« entgegnete der Knabe hüpfend: »Du bist ein gut
und anmutig Mütterlein bei dem ich bleiben will. Zu der schwarzen Mutter will
ich nicht mehr.« - »Was schwatzest Du wieder von dem schwarzen Weibe?« schalt
Margarete: »Du weisst, dass Du nur von ihm geträumt hast, Bube. Vergiss doch
endlich den bösen Traum!«
    »Ich will ja wohl, lieb' Mutter,« sagte der Knabe, eingeschüchtert durch den
heftigen Ton: »aber Heute war mir's, als finge ich wieder an zu träumen, und die
Fremde ist gewiss die Schwarze, die mich schlagen will.« - »Lächerliches Zeug!«
eiferte Margarete: »Wallrade ist Deine Schwester, Hans, und Niemand sonst. Aber
eine böse Schwester ist sie, ob sie gleich ein rotes lustiges Gewand trägt. Sie
will uns arm machen, dass wir betteln gehen sollen, wie der arme Hug, dem du alle
Samstag seinen Heller an die Pforte bringst. Denk Dir nur! Je weniger Du sie
aber leiden kannst, je weniger vermag sie uns anzuhaben.« - »Ich will ihr aus
dem Wege gehen,« versicherte der kleine Hans treuherzig: »Du musst mir auch
dagegen nichts tun lassen.« - »Sorge nicht, mein Kind!« tröstete Margarete.
»Ich will Dich hüten wie meinen Augapfel. Folge nur fein meinen Geboten, und es
wird alles gut gehen.« -
    Es ging auch alles nach ihrem Wunsche. Knabe und Stieftochter blieben
einander ferne, weil sie sich nicht suchten. Dieter, der, von Gatten- und
Vaterliebe gleich bedrängt, in seiner unwandelbaren Gutmütigkeit beständig
hoffte, die Misstöne seines Hauses würden sich endlich doch noch in den
gewünschten Einklang auflösen, vermittelte, entschuldigte, sprach zur Sühne, wo
und wie es sich nur tun liess, und erhielt auf diese Weise einen Schein von
Friedlichkeit im Hauswesen, welcher bald genug die ganze Stadt täuschte, den
nahen Verwandten- und Freundekreis nicht ausgenommen. Wallrade, die man geraume
Zeit zu Frankfurt vergessen hatte, gewann nun neue Teilnahme durch ihr
musterhaft sittsames Betragen, und durch die reuevolle Versöhnlichkeit, mit
welcher sie, nach Dieters jubelvoller Behauptung, den Eltern die Friedenshand
gereicht hatte. Der Altbürger, von den Glückwünschen seiner Freunde
geschmeichelt, schwamm in einem Meere von Entzücken, und gewahrte in seiner
Herzensfreude nicht, wie zwischen Wallraden und Margareten die Kluft immer
grösser wurde, und zwischen Schwester und Brüderlein dennoch keine Annäherung
sich stiften wollte. Eine Woche war also hingeschwunden, - eine kurze Zeit für
Seelen, die sich lieben, - eine lange für solche, die bloss das Band verhasster
Form verknüpft, als Wallrade aus dem Vaterhause unmutig und düster nach ihrer
Wohnung im Einhorn zurückkehrte. Verdrüsslich beurlaubte sie den abgeschmackten
Herrn, der durch eine weitläufige Vetterschaft das Recht gewonnen hatte, ihr als
Begleiter auf dem Heimwege lästig zu sein. Verdrüsslich trat sie in ihr Gemach,
wo ihre Begleiterin in tiefen Gedanken versunken, am Fenster sass. - »Gute
Wallrade,« sprach die Letztere, die Eintretende froh begrüssend: »Wie freue ich
mich, Dich schon so frühe bei mir zu sehen. Mich quälen heute ganz absonderliche
Grillen.« - »Wie so?« fragte Wallrade entgegen. - »Der schöne Nachmittag hat
mich verlockt, mit meiner Kleinen in's Freie zu gehen;« antwortete die andre:
»Wir haben die geräuschvollsten Strassen durchstrichen, und ich erging mich
einmal wieder im warmen Frühlingsschein. Meinen Kummer hatte ich mir durch
Zerstreuung erleichtert; - aber auf einmal wurde er verdoppelt in seiner Last.
Plötzlich war mir's, als ob ich unter dem Gewühle der Menschen meinen armen
Rudolf erblickte. Du glaubst nicht, Wallrade, welchen Eindruck der grüne Rock
auf mich machte, den ich unfern von mir durch das Getümmel schimmern sah. Wie
eine aufgescheuchte Taube machte ich mir Bahn, und flog dem rüstig dahineilenden
nach. Rudolf! rief ich in meinem Wahn, Vater! lallte mein Mädchen, als ob es
meinen Schmerz teilte. Der Mann sah sich um, - und ich gewahrte ein kaltes,
fremdes Gesicht. O, wie hatte ich mich getäuscht!« -
    »Und wie sehr verdientest du diese Täuschung!« erwiederte Wallrade hart:
»Verbot ich Dir nicht, Dich in der Stadt zu zeigen? Ich wusste es ja wohl, dass
Deine unselige Leidenschaft den Gaffern ein Schauspiel geben, und die jungen
müssigen Toren in Bewegung setzen würde.« -
    »Schilt mich,« versetzte Frau Katarine, »aber zürne mir nicht ernstlich.
Was würde aus mir, wenn ich Deine Freundschaft einbüssen sollte? Lass mich
indessen erst gänzlich meine Erzählung zu Ende bringen. Einen besondern Zufall
habe ich noch zu berichten. Du kannst Dir vorstellen, in welcher Lage ich mich
befand, als die Hoffnung, den Gatten zu umfangen, mir entwichen, sein Trugbild,
wie ein Gespenst unter meinen Händen in Nichts zerronnen war. Mich kümmerte das
Anstarren der Gaffer nicht. In meinem, erst recht lebendig gewordnen Schmerze
blickte ich auf zum Himmel, und drückte mein weinendes Kind heftig an die Brust,
- da steht plötzlich ein junger Mann vor mir, in dem ich ohne Mühe jenen
Jüngling erkannte, der uns, wie ich Dir schon erzählt, zu Costnitz den
rätselhaften Besuch abgestattet hat, seit welchem meines Mannes verschlossne
Schwermut anhob.« -
    »So?« unterbrach sie Wallrade überrascht: »jener Jüngling? Doch gewiss war's
abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns.«
    »Nicht doch;« fuhr Katarine fort: »die wunderfreundlichen Augen des jungen
Mannes habe ich mir zu gut gemerkt, sah ich ihn auch damals nur gleich wie im
Fluge. Eben so freundlich blickte er nun mich an, und schien nicht weniger
überrascht zu sein, als ich. Ei, Frau von der Rhön, sprach er hierauf: wie
kömmt's, dass ich Euch hier zu Frankfurt sehe? Ihr habt sicherlich unter dem
Gedränge Euern Gatten verloren. Darf ich Euch an seiner Statt nach Hause
bringen? -«
    »Seht doch!« spöttelte Wallrade mit einer gewissen Unruhe: »wie ritterlich!
Und Du gingst mit ihm, und benahmst ihm ohne Zweifel seinen Irrtum?«
    »Meine Schaam liess es nicht zu;« entgegnete Katarine: »ich liess mich zwar
von ihm nach Hause geleiten, konnte mich jedoch nicht überwinden, ihm die
Wahrheit zu sagen, wie angelegentlich er sich auch nach dem Herrn von der Rhön
und der Ursache unsers hiesigen Aufentalts erkundigte.« Auf der Schwelle des
Hauses nahm er Abschied. Da war es aber auch, wo er mir folgende bewerkenswerte
Worte sagte: »Grüsst Euern Gemahl von dem Unbekannten, edle Frau, und sagt ihm,
er habe keine gute Zeit gewählt, hier zu verweilen. Sein böser Geist ist um die
Wege. Er möge sich hüten, ihm zu begegnen. Ich werde in den nächsten Tagen
selber ihn heimsuchen, und ihm, so Gott will, die Kunde bringen, dass die Gefahr
vorüber.« - »Somit schied er, und seitdem ich zu Hause sitze, foltern mich neue
Zweifel, peinigt mich verdoppelte Angst.«
    Wallrade schwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne, nachsinnend und düster.
»Dieser Mensch,« sprach sie endlich, »ist ohne Zweifel selbst Deines Gatten
Feind, oder das Werkzeug seines bösen Geistes. Hinter seinen rätselhaften
Worten lauert Unheil, - ich wollte darauf einen Eid ablegen. Du musst dem
Fremdling ausweichen; - ich will es. Ohnehin ist meines Bleibens hier nicht mehr
lange.«
    »Nicht?« fragte Katarine ängstlich in Wallraden's Augen lesend: »Du wirst
doch nicht vergessen, was Du mir, Deiner Freundin gelobtest? Hieher, erfuhren
wir, habe der beklagenswerte Flüchtling sich gewendet; - hier verliert sich
seine Spur, dem Anscheine nach; allein Du hast mir nähere Auskunft zugesichert,
durch Deines Geschlechts und Deiner Freunde vielseitige Verbindungen. Versäume
nicht, für mich zu handeln. Ich, die Verlassene ohne Verwandte, ohne Güter und
Freund, vermag es ja nicht.«
    »Was ich gelobte, habe ich nie versäumt;« erwiederte Wallrade: »ich habe für
Dich gehandelt; ich habe Aufschluss erhalten auf mein beharrliches Forschen; ich
muss Dir nun, so wehe es mir tut, mitteilen, was ich aus der reinsten Quelle
geschöpft; denn Deine überspannte Sehnsucht, Deine auf's höchste gereizte
Leidenschaft für einen Treulosen, der Dich verliess, muss geheilt werden, sei es
auch durch das läuternde Feuer des Grams. -«
    »Gott! was werde ich hören!« seufzte Katarine in banger Erwartung, die
Augen starr auf das unheilverkündende Antlitz Wallraden's geheftet, welche hart
und ohne Rührung fortfuhr, Streich auf Streich gegen das kindlich wehrlose Herz
der Unglücklichen zu führen. - »Nimmer wirst Du ferner den Schändlichen
schauen;« sprach sie: »nach Frankreich ist er gezogen, um unter französischen
oder englischen Fahnen sein Blut zu verspritzen. Nicht des Kaisers Zorn
scheuchte ihn aus den Gemarken seines Vaterlands, sondern die Furcht vor der
Rache Gottes und seiner Kirche. Er liegt im Bann.«
    »Herr des Himmels!« schrie Katarine auf: »Im Bann? Was hat der
Unglückselige gefrevelt? Was hat ihn in die ewige Verdammnis gebracht? O rede,
rede Wallrade!«
    »Du forderst mich auf, den grössten Jammer. Dir nicht länger zu verhehlen;«
versetzte das Fräulein, »der Herr von der Rhön hat mit Gottes heiligstem Gebote
seinen verfluchten Spott getrieben. Das Sakrament der Ehe, das der Herr selbst
eingesetzt, hat er missbraucht, um seinen Lüsten zu fröhnen. Ehe er Dich zum
Weibe nahm in böser Arglist, hatte ihn der Priester schon mit einer andern
eingesegnet vor Gott.«
    »Halt ein!« rief Katarine, entsetzt auffahrend; allein die Unerbittliche
vollendete demungeachtet: »Die, die er verliess, um Dich zu betrügen, schmachtet
dahin in Elend und Kummer sammt ihren Kindern. Und dennoch ist sie weniger zu
beklagen, als Du; denn Deine Ehe mit dem Verräter ist Sünde und Schmach; Dein
Kind ist unehelich gezeugt in Schuld und Frevel.«
    Katarine sank mit einem dumpfen Laut vom Sessel zur Erde, und mitleidige
Ohnmacht schloss ihr Auge. - Aber das Mitleid stand an ihrer Seite nicht.
Wallrade leistete ihr keine Hülfe, sondern lächelte tückisch in das Unglück, das
sie angerichtet. Mit grausamem Übermut heftete sie die wilden Augen bald auf
das arme Weib zu ihren Füssen, bald auf dessen, in weichen Kissen schlummerndes
Kind. Grimmiges Rachgefühl verzog ihr Gesicht, hob die kühn arbeitende Brust.
Die Hände schlug sie befriedigt zusammen, und murmelte höhnend zwischen den
Zähnen: »Der Siegreich ist gefallen! Fast stehe ich am Ziele. Er, flüchtig wie
ein Ächter; sie, losgerissen von Allem, in meiner Gewalt; sein Kind mein Opfer,
wehrlos hingegeben meiner Vergeltung! So musste es kommen. Leben muss er zu seiner
Qual, und wenn auch die kühnste Verzweiflung ihn wieder zum verlassenen Herde
triebe, verstohlen, um jeden Preis seine Lieben noch einmal zu sehen, die Stätte
öde finden, und nicht wissen, wo sie atmen, die ihm teuer sind. Vergehen muss
er nun langsam in fruchtlosem Jammer; vergehen muss aber auch sie an der trägen
Glut fressenden Grams; und erblassen muss die Tochter in meinem Schoss, verwelken
an dem Genusse des Wermutbechers, den ich ihr reichen will vom Sonnenaufgang
bis zum Abendrot. Dies zu vollbringen helfe mir das Unglück, das so gerne
feindselig des Menschen Geschick zu untergraben bereit ist! -«
    Die Zofe trat hier in die Stube, und bebte zurück, da sie die erblasst dahin
Gesunkene ersah. »Was solls?« fragte Wallrade. »Rüdiger ist zurück;« berichtete
die Magd, ihrer Bestürzung kaum Herr werdend. - »Zurück?« fragte Wallrade
wiederum, und ein heller Schein überstrahlte ihre Züge: »Ich gehe, ihn zu
sprechen. Stehe Du mittlerweile hier der Elenden bei, und bringe sie zur Ruhe. -
«
    Mit einem höhnenden Abschiedsblick rauschte sie zur Türe hinaus, vor
welcher der Knecht Rüdiger wartete. Sie winkte ihm in die Seitenstube. - »Sag'
an Deine Mähr;« begann sie zu dem Manne. »Gesagt ist sie bald,« erwiederte
derselbe. »Es hat Alles seine völlige Richtigkeit. Der Knabe, von dem Ihr Kunde
haben wollt, ist wirklich derjenige, wofür er ausgegeben wird.« - »Nicht
möglich!« fiel Wallrade ein: »Du lügst!« - »Ihr dürft mich einen Lügner
schelten;« versetzte der Breitgestirnte gleichmütig: »Ihr seid meine
Herrschaft, und ich Euer halseigner Knecht. Aber trotz dem konnte ich zu
Wiesbaden nichts anderes herausbringen. Die Frau Willhild von welcher mir Else
erzählte, da ich sie Eurem Gebote gemäss, geschickt ausforschte, hat richtig
Herrn Dieter's Junker erzogen, und ihn verwichnen Herbst zur Stadt gebracht.
Keine Seele in ihrem Wohnorte und zu Wiesbaden weiss Anderes davon zu berichten.
All meine Mühe war umsonst.« - »Schon genug;« versetzte Wallrade: »Du bist ein
Büffel, und ich werde selbst an Ort und Stelle sehen, ob Du meinen Auftrag
ausgerichtet, wie ich's begehrt.« - »Das steht Euch frei;« entgegnete Rüdiger
wie oben: »aber, ob Ihr gleich der Herr seid und ich Nichts gegen Euch
vorstelle, so werdet Ihr doch finden, dass ich Recht habe.«
    Nachdem er sich entfernt, überlegte Wallrade, mit Ernst und Fleiss, wie Alles
sich zu ihren schnöden Zwecken fügen müsse. - »Diese schwüle Gewitterhitze kann
nicht von Bestand sein,« sprach sie zu sich selbst: »bleibe ich länger, so kömmt
es zur Fehde zwischen der Stiefmutter und mir. Den offnen Bruch muss ich jedoch
vermeiden, bis ich ihr hart an's Leben kann. Jetzt treibt mich die Vorsicht von
hinnen, denn nach dem, was Katarine sprach, ist mein Bruder angelangt, und
brütet sicher in geheimer Stille Verderben gegen mich. Ihm muss ich ausweichen zu
gelegner Zeit, und selbst zu Wiesbaden und an Willhild's Wohnorte die Waffen
suchen, deren ich bedarf, um Margareten zu vernichten. Denn - falsch ist ihr
Spiel; wie sollte ich den Buben nicht kennen? Warum wäre er so scheu und
furchtsam gewesen, da er mich nur sah? Welch ein seltsam Verhängnis ihn auch
hieher, gerade in dieses Haus geführt haben mag ..... ich will es benützen.
Zuerst diene er mir als Hebel zum Sturze meiner Feindin; dann erst soll auch ihn
meine verzögerte Rache ereilen. Ehe ich aber die Fahrt antrete, die mir
Gewissheit verschaffen soll, wo Margaretens Sohn hingekommen, muss ich noch ein
Gift bereiten, das ich in Dieter's Wunde streuen kann, um sie nie verharrschen
zu lassen.«
    »Um Gottes Barmherzigkeit willen, lasst mich zu ihr!« jammerte eine flagende
Stimme draussen, und Bilger's Gattin stürzte mit aufgelöstem Haar und zerrütteten
Gewändern zu Wallraden herein. »Ich konnte sie nicht aufhalten!« versicherte die
zagend nachfolgende Zofe, da sie in Wallradens finsterm Blicke den Zorn über die
unverhoffte und unwillkommne Störung las. Verweint, bleich, mit wankenden Knien
nahte sich Katarine dem Fräulein, das durch einen Wink die Dienerin entfernte;
sie ergriff des Fräuleins Hand und sah sie mit dem Ausdrucke unaussprechlicher
Wehmut an. - »Was willst Du, Katarine von der Rhön?« fragte Wallrade hart und
abgeschlossen. - »Verbirg mich vor meiner eignen Schande!« schluchzte Katarine,
»und nenne den unglücklichen Namen nicht, der mich einst selig machte, und nun
meine ganze Zukunft vergiften wird.« - »Wie soll ich Dich denn also nennen,
Unselige?« fragte Wallrade wie zuvor. - »Hab ich denn mein Recht auf Deine
Freundschaft verloren?« klagte Katarine: »An Deinem Busen fand ich Trost über
des Gatten Verlust, als er mich und sein Kind so schnöde verlassen hatte: Deinem
Zureden folgte ich, als ich unsers gnädigsten Kaisers Gnade von mir verwies, die
für meine Zukunft sorgen wollte. Deiner ernstlichen Zuneigung vertraute ich, als
Du mich auffordertest, mit Dir zu ziehen, um des treulosen geliebten Flüchtlings
Spur zu verfolgen. O, steh mir auch jetzt bei in den schwersten Stunden meines
Lebens! Hilf mir in diesem Sturme meines empörten Herzens!« - »Wie soll ich?«
sprach Wallrade mit Kälte und unverkennbarem Widerwillen. - »Werde mir nicht
fremd;« fuhr Bilger's Gattin dringender fort: »zürne nicht meiner Scheu, zu
glauben, was meine Seele durchschneidet wie ein Schwert. Ist es auch sichre
lautre Wahrheit, was Du mir berichtet?« - Wallrade richtete sich stolz in die
Höhe: »Wozu diese Frage?« sagte sie mit einem Tone, der die arme unschuldige
Katarine beben machte: »Ich lüge nicht. Beruhigt Dich aber ein Eid mehr, als
mein Wort, so schwöre ich den teuersten, dass ich Wahrheit sprach.« - »Und wer
.... wer ist die, die er zuerst umfing, um sie zu meiden für meinen Besitz?«
fragte Katarine, wie von Eiseskälte geschüttelt weiter. - »Die Unglückliche ist
hier geboren, aus edelm Geschlechte stammend;« entgegnete Wallrade zögernd:
»sogar nahe - nahe mit mir befreundet. Ihren Namen, wie den Ort, den sie bewohnt
mit ihren vaterlosen Waisen, hoffe nicht von mir zu erfahren.« - »O nenne mir
ihn!« bat Katarine flehend, und ausser sich: »Nenne mir das Weib, nenne es!« -
»Mit nichten!« höhnte Wallrade: »Etwa, damit Du, die leidenschaftlichste aller
Frauen, die ein lodernd Feuer unter harmlosem Antlitz birgt, die stille
Zurückgezogenheit der Ärmsten stören mögest durch Deine Klagen, Deine
Verwünschungen?« - »O, wie hart urteilst Du von mir!« versetzte die Frau von
der Rhön: »ich habe für ihn, den falschen Verräter, den sündigen Mann keine
Verwünschung, und ich sollte jener zürnen, die früher von ihm betrogen wurde,
denn ich?« - »Du sprichst gut;« antwortete Wallrade gleichgültig: »nur Schade,
dass Deine Rede gleissender ist, als die Tat es sein würde. Das Weib ist heftiger
in seinem Hass, als der Mann selbst. Überdies kehrst Du die Waffen gegen Dich
selbst, sobald Du ruchtbar machst, dass Du den in Bann Verfallnen in
verbrecherischer Ehe umschlungen. So wie Du die Sünde mit ihm teiltest, so
müsstest Du auch die Strafe mit ihm teilen. Gelüstet's Dich, mit geschornem
Haupt und nackten Füssen, die gelbe Kerze in der Hand vor der Kirchenpforte zu
knien, Busse zu tun vor den Augen der Gemeinde, und jeden Vorübergehenden um
Vergebung anzubetteln im Namen des barmherzigen Gottes und seiner Heiligen?
Gewährte es Dir Luft etwa, als Verführerin des ruchlosen. Mannes, der, sich
selbst feig der Gefahr entziehend, Dich darinnen umkommen lässt, Dein Leben in
einem dumpfigen Kerker bei Wasser und Brod zu vertrauern, während Dein Mägdlein
im Schlamm der Schande und des Mangels untergeht? Und doch wären dieses die
Folgen Deiner Unbesonnenheit. Das Geschlecht der rechtmässigen Gattin von der
Rhön's würde Dich auf's grausamste verfolgen. Du würdest unbezweifelt das Opfer
sein.« -
    »Du entfaltest ein erbärmlich Loos vor meinem Blicke;« seufzte Katarine mit
Tränen der Angst in den schönen Augen: »wohin ich sehe, droht mir Schande.
Meinen Namen wage ich nicht mehr vor einem fremden Ohre auszusprechen.«
    »Du musst ihn auch aus der Welt tilgen;« forderte Wallrade gebieterisch: »Du
darfst nicht mehr nach dem Elenden Dich nennen; nicht Dich, nicht Dein Kind:
denn nur jene Erste führt das Wappen derer von de Rhön mit Recht. Und nicht nur
Dein Name, du selbst musst aus dem Alltagsleben verschwinden, - willst Du ruhig,
ungefährdet sein, und Reue üben ob dem Frevel, dessen Du Dich teilhaftig
gemacht.« -
    »So rede!« flehte Katarine: »Rate! zeige mir einen Weg, der zu der
Abgeschiedenheit führt, die allein mir Heil bringen kann!« - Wallrade schwieg
hartnäckig, und erst, nachdem Katarine alle Bitten der Freundschaft an sie
verschwendet hatte, begann sie ernst und gemessen, wie folgt: »Gerne würde ich
Dir eine Zuflucht in meinem Hause anbieten, allein mein Gut wirft kaum meinen
Unterhalt ab, und die zahlreiche Nachbarschaft, die in meinem Hofe aus-und
eingeht, könnte Dir gefährlich werden. Ich möchte meine Freundschaft nicht gern
mit Bann und Interdikt belohnt sehen.« -
    »Was bleibt mir übrig?« weinte Katarine und rang die Hände: »Meine Eltern
sind schon lange todt. Zu Bilger's Freunden darf ich nicht, soll nicht das
Grässliche an's Tagslicht kommen; des Kaisers Hülfe hab' ich ausgeschlagen ....«
    »Mit Fug und Recht;« unterbrach sie Wallrade herrisch: »der Kaiser ist ein
Meister in der Kunst, schwache Weiber zu betören. Du weisst, auf welche Weise er
meine unschuldige Freundschaft fast vergolten hätte. Welch ein Schicksal, als
seine Buhlerin angesehen, und in der Folge von dem wankelmütigen Lüstling in's
Elend gestossen zu werden! Ich würde es vorziehen, den weissen Stab zur Hand zu
nehmen, und von der Mildtätigkeit meiner Nebenmenschen die Fristung meines
Lebens zu heischen.«
    »Das ist auch das Einzige, das mir bescheert ist, guter Gott!« seufzte die
arme Katarine: »Bilger war nicht reich. Das Wenige, das er vor seiner Flucht
gewonnen hatte, und zurückliess, wird bald zerronnen sein, - und dann, wie Gott
will! Die Freundin stösst mich von sich .... was darf ich von fremden Menschen
hoffen?« - Sie wankte zur Türe. Mit dem Ausdruck falschen Mitleids rief sie
Wallrade zurück. - »Höre mich;« sprach die Letztere so gleissend, als sie
vermochte: »will ich denn Dein Unglück? Zweifelst Du denn an meinem herzlichen
Bedauern? Vernimm meinen Rat. Er wird Dich von der Reinheit meiner Gedanken,
wie von meiner aufrichtigen Sorge für Dein Seelenheil, das Du gewissermassen
verwirkt hast durch Deine Verbindung mit dem Sünder, überzeugen. Wahr ist's: der
Menschen Satzung spricht ein hart und grausam Urteil über das Verbrechen,
dessen Teilnehmerin Du unläugbar gewesen: darum weiche dem Schwert irdischer
Gerechtigkeit aus. Wohin könntest Du aber vertrauensvoller fliehen, als unter
den Schirm Gottes, der die ewige Barmherzigkeit ist, und den Tod des Sünders
nicht will? Wirf Dich in die Arme des Erlösers! Vertraue, folge mir, und ich
führe Dich an seine Brust, welche ihr kostbares Blut vergossen hat, um uns rein
zu waschen von jedem Frevel. Die Oberin des Stifts der weissen Frauen ist mir
hold, und würde auf meine Verwendung Dich gerne unter die Zahl der Reuerinnen
aufnehmen. Hinter jenen uralten Mauern bist Du sicher. Todt ist dort jedes
ausserhalb begangene Vergehen; Busse und Versöhnung wohnen in dem Schoss jener
ehrwürdigen Schwesterschaft. Durch Arbeit und Gebet wirst Du die verlorne
Zufriedenheit wieder gewinnen, den sündlichen Namen, den Du trägst, vertauschen
mit einem neuen gottgefälligen, und die Krone der ewigen Seligkeit erringen!« -
Katarine, bleich wie ein Marmorbild, starrte Wallraden unbeweglich an. Die
Augen waren ohne Tränen, obschon ein bittrer Schmerz aus ihnen leuchtete. Lange
konnte sie kein Wort der Erwiederung finden. Endlich öffnete sich der blasse
Mund. »Wallrade!« klagte die Gequälte: »Du forderst mich auf, lebendig in's Grub
zu steigen? O, wie oft hörte ich, dass hinter Klostermauern der Friede nicht
wohnt! Dort soll ich des Lebens Blüte verwelken sehen? Ich bin ja noch so jung,
Wallrade, ich habe kaum die Welt geschaut, und soll sie schon vergessen in
dumpfiger Zelle? Du begehrst das Schwerste, das ich kaum gewähren könnte!«
    »Wie's Euch beliebt;« antwortete Wallrade kalt: »mein Rat war redlich,
Katarine; dass ihr ihn nicht befolgt, möchte Euch zu spät gereuen. Mich kümmert
zwar Euer Loos nicht im mindesten. Wollet mir jedoch die Liebe tun, mein Haus
stracks zu meiden. Ich lebe nicht gern mit Fluch und Bann unter einem Dache.«
    Die grausame Rede schüttelte Katarinens schwaches Widerstreben zu Staub.
Ein Strom von Tränen presste sich unter den Wimpern der Leidenden hervor, die
wie verzweifelnd sich zu Wallradens Füssen warf. »O Wallrade!« jammerte sie: »Bin
ich denn so ganz dem Bösen verfallen in Deinen Augen, dass Du mich unerbittlicher
von Dir stössest, als es ein Heide tun würde! Ach, Wallrade! hat jemals Dein
Mund wahrgesprochen, als er mich Freundin nannte, - so jage mich nicht von
dannen, wie den gehetzten Hirsch! Hast Du nicht Mitleid mit mir - weil ich eine
grosse Sünderin bin, - so habe doch Erbarmen mit meinem unschuldigen Würmlein,
das nicht entgelten soll die Frevel seiner Erzeuger. Weise uns nicht hinaus in
das wilde feindliche Treiben, das uns verschlingen würde! Ich habe nie gelernt,
allein zu wandeln die Bahn des Lebens, .... wie soll ich es jetzt beginnen, da
mir alle Stützen brachen? .. mit ihnen mein Mut?«
    »Du fühlst es also,« zürnte Wallrade, - »Du fühlst es, dass der Strudel der
Welt Dich hinabziehen würde, und zögerst noch, in den sichern Hafen zu schiffen?
Du bist Dir bewusst, schwächer zu sein als ein Kind, und sträubst Dich, nach dem
treusten Stab, nach dem Kreuze zu fassen? Törichte, in Sünde und eitle
Sinnenlust Verstrickte! Ich sollte Dich vergehen lassen im Verderben, .... aber
noch einmal wendet sich Dir mein Herz zu. Gelobe, ehe es zu spät wird, meinem
Willen zu gehorsamen. Rette Dich zu den weissen Frauen. Streng ist ihre Regel,
aber herrlich und süss die Zukunft, die sie durch dieselbe erkaufen. Nicht Deine
Strafe allein wendest Du vom schuldbewussten Haupte ab .... auch Deines
verbrecherischen Buhlen Pein kannst du mildern, ihm ein sanfteres Loos in jener
Welt erwirken! ....«
    »O, welch einen Gedanken fachst Du in meinem Gehirn an!« versetzte
Katarine, erhoben durch die Vorspiegelung der Falschen: »Wenn mich eine Ursache
bestimmt, - ein Verlagen, so ist es der Wunsch, das Begehren, ihm, der mich
elend machte, durch Wohltat und Liebe zu vergelten! Ja, ja! ich folge Dir -
unbedingt - sein Seelenheil zu retten! - Aber ... fügte sie erschüttert und
schmerzlich hinzu: Aber ... mein Gott! das zerreisst mein Herz! ... was wird aus
meinem Kinde?«
    »Deine Demut, Deinen Gehorsam belohnt der Herr auf der Stelle!« sprach
Wallrade prunkend: »Deine Tochter sei die Meine. Nie werde ich mich vermählen,
und in Deinem Kinde die Mutterfreuden kennen lernen, die ich nicht durch die
Umarmung eines Mannes erkaufen möchte. Von Zeit zu Zeit bringe ich Dir das
Mägdlein in deine Abgeschiedenheit, um es zu küssen, um es zu segnen, und zu
sehen, wie mild und gut ich's mit Dir meine.«
    Mit der Wonne höchster Dankbarkeit umschlang Katarine Wallraden. »Du bist
eine Heilige!« - jubelte die arme Mutter: »An Deine hohe Tugend reichen meine
Sinne nicht! Noch vor wenig Augenblicken sah ich eine Feindin in Dir, und nun
zwingst Du mich, als meine grösste Wohltäterin Dich zu verehren!«
    Wallrade, welcher der herzzerreissende Auftritt, trotz der Siegesfreude, die
ihr daraus erwuchs, zu lange dauerte, beeilte sich, ihm rasch und durchgreifend
ein Ende zu machen. Sie versicherte unter den kräftigsten Beteuerungen der
Ärmsten ihre unwandelbare Zuneigung, ermahnte sie, dem mühsam abgerungenen
Vorsatze treu zu bleiben, und versprach ihr zum folgenden Tag die Einführung in
das Kloster der weissen Frauen, woselbst unter ihrer Vermittlung die Aufnahme
vorbereitet werden sollte. Hierauf redete sie ihr zu, das Lager zu suchen, um
durch Ruhe den Sturm ihres Gemüts zu beschwichtigen, und überliess sich, nach
Katarinens Entfernung, einem tiefen Nachdenken, dessen Ergebnisse am nächsten
Morgen sich offenbaren sollten.
 
                                Zweites Kapitel.
                Reichtum heisst nicht, Gold und Silber zu besitzen, sondern was
                man liebt.
                                                                Serbisches Lied.
Frau Margarete stand umwölkten Blicks vor dem Kästchen, in welchem auf
schwarzem Sammtgrunde die goldne Kette lag, womit ihr Gemahl sie zur Feier ihres
heutigen Geburtstages bedacht hatte. Sie hätte mit sich selber grollen mögen,
die Beschenkte. Herr Dieter hatte so herzliche Worte der Liebe zu ihr
gesprochen, und trotz ihrem aufrichtigen Bemühen, solcher Liebe würdig zu sein,
konnte sie kein ähnlich Gefühl in ihrer Brust hervorzaubern. Ehrfurcht und
Sorgfalt, den greisen Mann zu rächen, fand sie ihre Seele bereit, aber jene
Empfindung, die so zart bewegt, so sanft erwärmt, so selig beglückt, war und
blieb ihr fremd. In der prachtvollen Kette, diesem Zeichen von Dieter's
liebevollem Wohlgefallen, sah sie nicht den Schmuck sondern nur die neue Fessel.
Eine befriedigende Selbsttäuschung hatte sie bis jetzt verblendet, und
errötend, widerstrebend musste sie sich gestehen, dass sie sich betrogen, dass sie
für Dieter nur ein Herz habe, - kalt wie das Metall, aus welchem das
vorliegende Festgeschmeide gefertigt. »Wie bin ich doch so unglücklich!« sprach
sie düster vor sich hin: »Ich möchte gerne redlich meine Pflicht erfüllen, wie
es meines Eheherrn fromme Güte verdient, und dennoch - meinem Willen zuwieder -
kommt mir wie Heuchelei vor, was ich tue und rede. Ach! hätte doch mindestens
der Himmel meinen Johann erhalten; .... ich könnte alsdann in Dieter den Vater
meines Kindes lieben! Aber das Unglück war nicht abzuwenden, ... nur zu
verdoppeln durch eine verräterische Lüge ...« setzte sie leise und unmutig
hinzu.
    Rasch warf sie den Deckel des Kästchens zu, und wollte dasselbe in ihre
Spinde schieden, aber mit Staunen bemerkte sie nun, dass sie nicht allein
gewesen. Der Schulteiss, ein schöngewachsener in den fünfziger Jahren noch
stattlich aussehender Mann, dessen Gestalt ein geschmackvoller. Anzug noch
erhob, war, ohne von Margarete gehört worden zu sein, in das Closett getreten.
Dieter's Gattin verneigte sich bestürzt, suchte in den Augen des edlen Herrn zu
lesen, ob er etwa vernommen, was beinahe unwillkürlich ihren Lippen entwischte,
ersah jedoch zu ihrem Vergnügen nichts anders darin, als nur den freundlichen
Gruss eines so eben über die Schwelle Schreitenden. Der Schulteiss, ein Mann von
Sitte und Geschmeidigkeit, zögerte nicht, der sichtbaren Verlegenheit
Margaretens hülfreich entgegen zu kommen, und fragte bescheiden und
angelegentlich nach dem Schöffen. Margarete berichtete ihm, ihr Gatte sei nach
dem Garten gewandelt, um über die Anpflanzung desselben Befehle zu erteilen.
Der Schulteiss lächelte fein. »Freund Dieter,« sprach er, »scheint Blümlein und
Früchte zu lieben; er ist eifersüchtig, auf sein Eigentum, und entzieht aller
Welt dessen Genuss. Die schönste Blume seiner Gärten lässt er in Einsamkeit
vertrauern, statt dann und wann die Zahl anderer Verehrer durch ihren Anblick zu
erfreuen.« - Margarete, deren Scharfsinn gar leicht die Bedeutung der
sinnbildlichen Rede erriet, antwortete durch das Rot auf ihren Wangen, und
duldete es, dass der Schulteiss betonender fortfuhr: »Wir haben Euch so lange
nicht in unsrer Mitte gesehen, ehrsame Frau. Die weitberühmte und herrliche
Gesellschaft auf Limpurg1 hat ihren Reiz und Glanz verloren, seitdem sie Euch
nicht mehr zu ihren Gästen zählt. Wahrlich, ich werde am Ende von meinem
Stubenmeisterrecht Gebrauch machen müssen, um den säumigen Gesellen Dieter
Frosch zur Ordnung und zur Pflicht anzuhalten. Nicht umsonst heisst Limpurgs
Banner- und Wahlspruch: Zucht und Ehren soll man mehren, und Freud nicht wehren.
Aber Euer Eheherr wehrt unsrer Freude, indem er uns Eure Holdseligkeit versagt.«
- Margarete erwiederte hierauf besonnen und milde, dass der Schulteiss zu
strenge ihrem Herrn zur Last lege, was am Ende sie nur allein verschuldet; dass
die Einsamkeit des Hauses ihr besser zusage, als die Festlichkeiten Limpurgs;
dass sie deshalb freiwillig in denselben verbleibe, besonders seit ihr Söhnlein
wiederum gesundet nach der Stadt gekehrt. - Der Schulteiss schüttelte am
Schlusse dieser Entschuldigung leicht, aber dennoch bedeutend mit dem Haupte.
»Es mag sein,« sprach er, »dass die Liebe zu dem Kinde eines geliebten Mannes in
einer Frauenseele alles Übrige verdrängt. Ich, der Hagestolz, habe nie
Gelegenheit gehabt, mich davon genau zu unterrichten. Aber all' Eure geschickten
Ausflüchte, reichen nicht hin, um mich von deren Wahrhaftigkeit zu überzeugen.
Wo Eifersucht ist, ehrsame Frau, da ist auch Zwang; und eifersüchtig ist Dieter
im höchsten Grade, so sehr Ihr Euch bemüht, ihn zu entschuldigen. Wer weiss, ob
ich's nicht auch an seiner Stelle wäre. Je strahlender der Edelstein, je näher
der Dieb. Dem sei nun aber, wie es wolle,« fügte er mit zierlicher Verbeugung
hinzu: »Der Glücklichste auf Erden würde ich sein, wolltet ihr mir vergönnen,
Euch in Eurer Einsamkeit die Huldigung darzubringen, die Ihr von der Menge
verschmäht; wolltet ihr diese goldne Rose gütig empfangen, die ich Euch an dem
Tage überreiche, der Euch gebar. Sie sollte von Juwelen gebildet sein, wäre ich
ein Fürst; - ein einfach Maienröslein, wär ich noch ein Jüngling, dessen
Rosenwangen seiner schlichten Gabe das Wort reden könnten.« - -
    Er hielt der staunenden Altburgerin die kostbar gearbeitete Goldblume mit
süssem Lächeln und hofmännischer Geberde hin, und stutzte über die Massen, als
Margarete das Geschenk mit zierlichen, aber klaren und bestimmten Worten
zurückwies. - »Seid nicht ob meinem Tun beleidigt, Herr Ritter;« endigte sie:
»Wie dürfte ich von Eurer Hand ein Geschenk empfangen, das ich nimmer erwiedern
könnte. Die Sitte, und meine Pflicht gegen Dieter verbinden mich, diese Rose
auszuschlagen, welches auch ihre Deutung sei, und welche, ohne Zweifel
untadelhafte, Absicht Ihr bei ihrer Überreichung haben mögt.«
    »Das ist eine harte Weigerung;« antwortete der Schulteiss, mit dem Ausdruck
gekränkter Eitelkeit: »es kann Euch ja schon längst kein Geheimnis mehr sein,
schöne Frau, welche Gefühle ich für Euch hege. Schon längst sehnte ich mich nach
einem Anlass, ihnen Worte zu leihen. Heute, an dem schönsten Feiertage, der für
mich vorhanden, finde ich diese Gelegenheit, und Grausamkeit wird der Lohn
meiner redlichen Empfindung? Bedenkt, holdeste der Frauen, dass Ihr durch Eure
Weigerung die Rose nicht allein verwerft.«
    »Bedenkt, edler Herr,« erwiederte Margarete, gereizt durch den drohenden
Ernst, der in des Schulteissen letzten Worten zu liegen schien, - »bedenkt, dass
ich ein verehlicht Weib bin, das solcher Zweisprache füglich entbehren kann;
kann und muss.«
    »Ihr verbergt Euch hinter dem Bollwerke der Pflicht;« redete der Schulteiss
bitter: »eine bessere Burg gibt es nicht für spröde Frauen. Wären aber vielleicht
nur meine Jahre der Feind, dessen Sturm Ihr so mutvoll abschlagt? Ihr müsst mir
schon vergeben, ehrsame Frau, wenn ich in Eurem Hause umsonst nach dem Talisman
forsche, der Euch unverletzbar macht.« -
    »Seht ihn hier;« rief Margarete, da gerade der kleine Hans in die Stube
sprang, und in ihre Arme eilte: »seht ihn hier, und zürnt meiner nicht,
gestrenger Herr!« -
    Der Schulteiss verbarg seinen Unmut über die zur Unzeit eingetretne Störung
hinter der Maske wehmutsvoller Freundlichkeit. Er verbeugte sich mit einem
vielsagenden Blick, und streichelte, der Mutter zu gefallen, des Knaben blühende
Wange. »Du liebst wohl Deine Mutter sehr?« fragte er den Kleinen.
    »Über Alles lieb' ich sie!« versicherte der Letztere mit strahlendem Auge. -
»Du Glücklicher!« seufzte der Ritter, verstohlen Margaretens Antlitz hütend:
»Du darfst es; Dir gewährt sie Alles. Wie ist's aber mit Deinem Vater? Liebst Du
ihn gleich Deiner Mutter?« -
    Margarete warf einen der unbescheidnen Frage zürnenden Blick auf den
Schulteiss, und wollte dem Knaben den Mund verschliessen, aber schon war die
Antwort heraus:
    »Ich habe keinen Vater!« rief der kleine Hans, von alten Erinnerungen
erregt, und in dem Übermut seiner Anhänglichkeit für Margareten.
»Abscheulicher Bube!« zürnte diese: »Noch einmal diese Antwort, und« .... -
»Lasst ihn doch;« meinte der Schulteiss lächelnd: »der Knabe sagte zu viel; das
ist aber die Art seines Alters. Desshalb weiss man doch, woran man zu glauben
hat.« - »Herr Schulteiss!« unterbrach ihn Margarete heftig. Er liess sie
indessen nicht ausreden, faltete des Knaben Hände, und sagte ihm die Worte vor:
»Bitte Deine Mutter, Knabe, sie möge mir um Deinetwillen vergeben, und mir nicht
ferner zürnen.« - Der kleine Hans liess sich gern zur Fürbitte gebrauchen, und
seine kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte sogar auf Margaretens
Lippen ein leichtes Lächeln. -
    »Man soll am Feste der Geburt nicht böse sein, will ein alter Sittenspruch;«
sagte sie, dem Schulteiss schnell versöhnt die Hand reichend, die er zärtlich
drückte; »Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch. Ihr müsst mir dafür
geloben, nicht wieder so freventlich zu reden, wie es sich zu Euerm Amt und
Alter gewisslich nicht ziemt.« - Der Schulteiss nickte gehorsam, obgleich
verdüstert durch die Erwähnung seines Alters. - »Und als endliche Bedingung
meiner völligen Vergebung,« setzte Margarete erheiterter hinzu: »verlange ich
von Euch die Gewährung einer geringen Bitte.« - »Sprecht, Frau Minne!«
antwortete ihr der Schulteiss neugierig und lächelnd. - »Es wäre mir beinahe
entfallen,« fuhr Dieter's Gattin immer unbefangner fort, »dass mir heute das
Heil wiederfuhr, zur Fürbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden, die
gewiss so geringfügig ist, dass sie kaum der Rede lohnt, mit der ich Euer Ohr
belästige. Ein arm Geschöpf - mit einem Worte, ein schlecht Judendirnlein kam
heut weinend und schreiend hergerannt, und flehte mich im Namen des Himmels und
der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, dass ihr Vater, - und
wenn ich recht hörte, auch ihr Grossvater losgelassen würden, die schon seit
einiger Zeit im Kerker schmachten. Die Ursache ihrer Haft, schwört die Dirne,
nicht zu wissen; aber ich bilde mir wohl selbst ein, dass der Handel von wenig
Belang sein wird. Dergleichen Plackereien sind so häufig, dass Hebräer, um
kleinen Vorwands willen, in den Turm wandern müssen, um dann an ihrer Habe
gebüsst zu werden. Es ist auch ein schlecht Volk, das solchen Zwang verdient,
weit es den Heiland kreuzigte. Ich dächte dennoch, dass bei Ester's Vater eine
Ausnahme gar wohl zu machen wäre. Er ist ein eifriger Mann; keiner der
unredlichsten, und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus
geführt. Ich möchte gerne dem Armen loshelfen, wenn es möglich wäre, und da der
Zufall .... oder nicht der Zufall, es gewollt, dass Ihr, gestrenger Herr, mir
Eurer Einkehr Ehre schenktet, so richte ich an Euch die Bitte, beim
Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden, dass der Jude bald wieder den Weg aus
dem Gefängnisse finde, und nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde.«
- »Man könnte das Gezücht beneiden um die Teilnahme, die Eure Purpurlippen für
dasselbe aussprechen;« - antwortete der Schulteiss nicht ohne widrige Anregung:
»Ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren; indessen, wo Euch, edle
Frau, ein Dienst geleistet werden kann, mache ich gerne eine Ausnahme. Wie nennt
sich der hebräische Hund?« - »Ben David ist's,« erwiederte Margarete: »der
reichste .... zum mindesten der angesehnste aus der Judengasse.« - Aber schon
war des Schulteissen Stirne streng gerunzelt, schon hatten sich seine
Augenbraunen dicht zusammengezogen, und finster schüttelte er das Haupt. -
»Ist's der?« fragte er mit Härte: »Dann lasst mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich
rette den Burschen nicht.« - »Nicht?« entgegnete Margarete staunend: »Hat denn
der Mann so Grässliches begangen?« - »Aus Eurer Frage vernimmt man, dass Euch sein
Verbrechen wirklich noch unbekannt;« versetzte der Schulteiss heftig: »welche
Mutter könnte gleichgültig dabei bleiben?« - »O erzählt;« verlangte Margarete,
mit böser Ahnung kämpfend: »Erzählt ... eine Mutter, sagt Ihr ...?« - »Nu ja
doch;« erläuterte der Schulteiss: »könnt Ihr Euch Abscheulicheres denken? Die
Hunde haben ein Christenkind, einen Knaben, seiner Mutter gestohlen, oder um
schnöden Sold vielleicht .....« -
    Margarete hörte nichts weiter, denn, in unbeschreiblicher Angst, den
kleinen Johann an sich reissend wie einen gefährdeten Sohn, ... dann ihn wieder
von sich stossend, wie einen verhassten Fremdling .... sank sie bewusstlos mit dem
Haupte vor sich hin auf den Tisch. Entsetzt schrie der kleine Hans auf; der
Schulteiss sprang hinzu, um der Ohnmächtigen beizustehen. Die Angst des
Liebenden half ihm in dem ungewohnten Geschäfte. Mit Wasser benetzte er die
Schläfe Margaretens; Küsse drückte er auf ihren bleichen, nicht widerstrebenden
Mund, und so geschah es, dass sie bald aus der schweren Bewusstlosigkeit erwachte.
Beinahe hätte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen,
denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen, und zu der
gegenüberliegenden Türe traten eben unvermutet und rasch Dieter und Wallrade
ein.
    Bestürzung und Überraschung lagen auf jedem Angesichte; eine frohe
Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Dieter nahm eine so ernste Stellung
an, dass selbst der Schulteiss, ein gewandter Mann, und Meister seiner
Bewegungen, nur nach wiederholten misslungnen Versuchen, den Faden finden konnte,
den Grund der befremdenden Lage, in der er überrascht worden, - nämlich
Margaretens plötzliche Ohnmacht - anzugeben. Kalt und finster nahm Dieter
diese Erklärung auf, und peinigte, während Wallrade mit erheuchelter Teilnahme
sich um seine Gattin beschäftigte, den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer
Förmlichkeit, die demselben bald lästig genug fiel, um sich ziemlich verlegen zu
entfernen. Die Schlange in des Altbürgers Brust fing wieder an zu nagen, und
Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter. Denn als Dieter benagten Herzens,
auf wankenden Füssen von der Hauspforte, zu welcher er den Schulteiss geleitet
hatte, zurückkehrte nach der Wohnstube, wo eben Margarete, deren Schwäche einem
wunderlich gereizten Zustand gewichen war, in einem Strom von Tränen sich
ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu lüften,
das, den Händen der Altbürgerin entsunken, auf dem Tische lag. Im Vorübergehen
tat Dieter nach der Verräterin Begehr, und entüllte die goldne Rose, die der
Schulteiss in dem ängstlichen Drängen der letzten Augenblicke vergessen hatte,
mit sich zu nehmen. Dieter's bittres Lachen schreckte die Weinende auf, und
über ihre bleiche Wange fuhr die Glut neuer Beschämung, da sie der
unglückseligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt.
    Zu Eis wurde sie, obgleich unschuldig, da sie aus seinem Munde die Worte
hören musste: »Glück zu, tugendsame Hausfrau, Ihr berühmt Euch hoher Gunst. Ihr
habt Euch den stattlichsten Freund gewählt, von besserer Geburt obendrein, als
Euer Griesgram von Ehewirt; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben, -
denn, wo der Gemahl die lästige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende
Röslein eines goldnen Maien. O, leicht dürfte für ihn der heutige Tag zum
Rosensonntag geworden sein! Dem Graukopf gehört Wermut, bis er zur Grube
fährt.« - »Ihr seid ungerecht, lieber Herr;« erwiederte Margarete, matt und
erschöpft: »Diese Rose ist nicht mein. Falsch ist Euer Wahn.« - »Falsch?« lachte
Dieter grimmig: »So falsch etwa, als Eure Ohnmacht? Am Busen des willkommnen
Trösters hat Euch der Sinnentaumel übermannt. Vor Wonne wart ihr ausser Euch.
Nichts weiter. Woher sonst dieser Magdalenenblick, woher die sündige Scheu, die
noch jetzt Eure Züge peinigt? Zehnfache Schaam möge Euch foltern, da Ihr in
dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet.« -
Stumm, ohne eine Sylbe zu finden, wand die Altbürgerin die Hände. Wallrade
wollte den Augenblick benützen, um des Knaben, den sie schon eine lange Weile
mit glühenden Blicken gemessen hatte, sich zu bemeistern.
    »Komm, Kleiner,« sagte sie zu ihm, seine Hand ergreifend: »komm, lass uns
gehen. Wenn die Eltern hadern, muss der Bube vor der Türe stehen!« - Der Knabe
wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie, riss seine Hand aus der
Ihrigen, und floh mit Lauten der Angst zu Margaretens Knieen. »Lasst mich!«
schrie er: »Ich darf nicht mit Dir gehen, ... ich darf nicht mit Dir reden ....
Mütterlein hat's verboten!« -
    »Hört Ihr, Vater?« fragte Wallrade tückisch: »Hört Ihr, wie Euer Weib den
Hass zwischen Geschwister pflanzt?« - Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich
von bannen ziehen, aber noch einmal mit verdoppelter Angst verteidigte sich
derselbe. »Lass mich!« kreischte er: »Du willst uns arm machen«, .... ich soll
betteln gehen, .... lass mich ... »Du bist die Schwarze, wenn du schon ein rot
Jöplein trägst ...!« -
    Wallrade erbleichte plötzlich, und machte eine Geberde, als wollte sie durch
einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen; aber er kreischte noch heftiger,
und reizte die erschöpfte Margarete auf, dass sie empor sprang, und wie eine
zürnende Löwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte. »Wage es -
Boshafte!« schrie sie: »Wage es, dies Kind zu der berühren, und das Tageslicht
sahest Du zum letztenmale!« - »Weib, was ficht Dich an!« rief Dieter, zwischen
die Frauen sich werfend: »Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr? Und Du,
Wallrade, was deuten die seltsamen Reden des Knaben?« - Diese Frage löste das
Zauberband, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten. »Was werden sie
deuten?« sprudelte sie heftig heraus: »was werden sie deuten, diese Reden eines
mit Fleiss eingewurzelten Hasses? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel,
einen schwarzen bösen Geist geschildert haben, und also sieht mich auch des
Knaben verrücktes Hirn!«
    »Pfui Wallrade!« erwiederte Dieter mit strengem Vorwurf: »Fast möcht' ich
selbst Dich einen unsaubern Geist schelten, da Du Deinen Bruder, meinen
geliebten Sohn sinnverwirrt und hirnverrückt schelten magst. Das ist sündlich
Zungenspiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade
Glieder schenkte, so gab er ihm auch völligen Verstand, und nur ein Hexenweib
kann solchen gotteslästerlichen Ausdrucks sich bedienen!« - Wallrade zuckte
mitleidig lächelnd die Achseln. Margarete erwiederte jedoch auf Dieters Rede:
»Das Kind verteidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der
bösen Zunge einer neidischen Erbschleicherin Preis.« »Meines Körpers Schwäche
verhinderte mich, Eure ungerechten Beschuldigungen, wie sie's verdienen, zu
beantworten. Jetzt habe ich aber meine Stärke, und mein Bewusstsein
wiedergefunden, und sage Euch: Unwahr ist, was Euer Argwohn und die
Einflüsterungen dieser bösartigen Maid Euch vorgespiegelt. Dies Kleinod mögt Ihr
darum dem Schulteiss wieder zustellen, und von ihm selbst zu Eurer Beschämung
erfahren, wie es sich damit verhält.« - Sie wollte hinauseilen, Dieter hielt
sie jedoch zurück, und sprach mit weicher Stimme: »Gott weiss, Margarete, wie
schmerzlich mir's wäre, Euch Unrecht zuzufügen. Ich will ja gerne glauben, dass
Ihr rein seid, wie der Schnee des Gebirgs; ich will ja zugeben, dass ein neidisch
Auge durch einen bösen Blick den Unfrieden in unsre Wirtschaft bannte; lasst uns
darum, dem Teufel zum Trotz, Frieden halten. Die Hände lasst uns verschränken,
dass an diesem Feiertage unsers Hauses der unselige Zauber seine Kraft verliere.«
- Schmeichelnd bemächtigte er sich der rechten Hand Margaretens, die wie ein
zagender aber versöhnlicher Engel nach ihm herüberblickte. - »Möchtet Ihr doch
diese Hand auch Wallraden reichen;« fuhr er, zum Vermittler werdend, fort: »zum
Abschiede;« setzte er schnell hinzu, da Margarete finster das Haupt schüttelte:
»zum Abschiede; denn sie besteht darauf, Morgen mit dem Frühesten Frankfurt zu
vertauschen mit ihrem eignen Besitztum. - Das Fräulein tue, wie ihr's
gefällt;« versetzte Margarete, kein Auge nach Wallraden kehrend, die den Rücken
gegen das Zimmer und die Sprechenden gewendet, durchs Fenster sah: »Es hat
verschmäht, meine Freundin zu werden, und fahre wohl. Ich verschmähe, einen
Handschlag zu geben, der nicht von Herzen kömmt, und höchstens nur das Behagen
ausdrücken könnte, Wallraden Abschied nehmen zu sehen.« -
    »Starrsinnige Weiber!« sagte Dieter verlegen, wie er sich zu benehmen habe,
um nicht der Tochter, nicht der Gattin allzuwehe zu tun: »Nur Eure Eitelkeit
sträubt sich gegen eine Nachgiebigkeit, die in Euern Herzen einheimisch ist.« -
    »Ich gebe das Beispiel der Nachgiebigkeit;« antwortete Margarete kalt:
»denn ich gehe, und räume Eurer Tochter das Feld. Ich würde ein störender Zeuge
Euers Abschieds sein, und entferne mich daher. Auch beim Imbiss, für den ich
Sorge tragen werde, soll meine Gegenwart nicht beschwerlich fallen.« - »Löblich
von Euch;« versetzte Wallrade in gleichem Tone, und ohne ihre Stellung zu
verändern: »ich überhebe euch jedoch dieses Zwangs; denn ich finde heute noch an
dem Tische der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Platz.« - »Desto
besser;« schloss Margarete das wunderliche Gespräch: »die Reue gönne ich Euch
von Herzen.«
    Hierauf verschwand sie schnell und führte den Kleinen mit sich hinweg.
Dieter, sah ihr lange beklommen nach, stand eine Weile sinnend da, und verbarg
alsdann grollend mit sich selbst die goldne Rose, welche noch auf dem Tische
lag, in eine Lade des Schreins. Während er noch, wie ein Träumender, die Hand am
Schlüssel hielt, drehte sich Wallrade rasch um, näherte sich ihm, legte ihre
Rechte auf seine Schulter, und sprach mit Schärfe und greller Betonung: »Gott
stärke Euch, mein Vater. Ich werde ferne sein, und die Zeit Eurer Prüfung erst
beginnen.« - »Ei, welche Gedanken!« entgegnete Dieter, mit Mühe die Unruhe
verbergend, die von der bösen Prophezeihung in seiner Seele wieder erzeugt
wurde. - »Friede im Haus ist ein gut Kissen;« sprach Wallrade weiter: »Unfriede
zwischen Eheleuten hingegen ein Stachel, dem jeder Tag an Schärfe zulegt. Ihr
werdet wähnen, der Unfriede ziehe mit mir von dannen, - aber weit gefehlt. Die
Warnerin geht von Euch; das Unheil bleibt.« - »Du bist ungerecht und grausam
zugleich;« äusserte Dieter: »Du verunglimpfst mein Weib, und überlässest mich
doch dem bösen Geschick, das Du voraussagst.« - »Mein Maierhof fordert seine
Gebieterin,« erwiederte Wallrade hingeworfen: »die Felder sollen bestellt
werden, ..... in Euerm Hause ist das Feld schon vom bösen Sämann bestellt. Ich
tue Euch und mir eine Liebe, wenn ich gehe.« - »O Du harterzige Tochter!«
versetzte Dieter schmerzlich: »Also belohnst Du meine Zärtlichkeit. Ich dachte
Alles wieder in's alte Gleis der Sitte zu bringen, Dir das Erbteil zuzuwenden,
dem Du freiwillig entsagst ......« - »Gebt mir's vor Euerm Tode,« spottete
Wallrade, »damit ich Euch ernähren könne, wenn Euer Weib und Eure Söhne Euch
verlassen. Im Ernste aber; lasst uns Abschied nehmen. In dem Hause wo man mich
einen höllischen Geist, eine Erbschleicherin nennt, weile ich nicht mit Freuden.
Lasst uns Lebewohl sagen. Mein Platz im Hause wird bald durch einen willkommnern
Gast besetzt sein.« - »Böses Kind,« antwortete Dieter: »Warst Du nicht der
Willkommenste?« - »Vielleicht für Euch;« lachte Wallrade giftig: »Für Euer Weib
ist wahrlich und gewisslich Dagobert der Willkommnere.« - »Was sprichst Du da,
Argwöhnische!« rief Dieter: »Und wie käme denn Dagobert, der Pflichtvergessene,
hieher zu uns, die er meidet?« - »Er ist schon hier, seit mehreren Tagen hier;«
erläuterte Wallrade: »so seltsam es Euern Ohren klingen mag, so wahr ist's doch.
Ein wackerer Sohn, der Tage lang in derselben Stadt atmet, in der sein Vater
wohnt, und des Vaters Angesicht scheutet! Vielleicht fürchtet er auch nur meine
Gegenwart; vielleicht bewegt ihn auch ein wichtigerer Grund, Euer Auge zu
meiden.« - »Ich weiss kaum, was Du sprichst,« beteuerte Dieter: »Mir wirbelts
vor den Sinnen. Dagobert kömmt, da Du gehst? - Er tut sehr wohl daran;«
lächelte das Fräulein: »Ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des
Bruders Vergnügen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es euch zu eng in
Frankfurt, so kommt auf Baldengrün. Willkommen seid Ihr da, erscheint Ihr
allein, ohne Euer zweites Weib.« - »Unversöhnliche!« sprach Dieter mit
überströmenden Augen, indem er Wallraden wehmütig an sich drückte: »Den Kindern
sind doch sonst der Frauen Herzen hold; lass nicht das Brüderlein den Widerwillen
teilen, den Du, - ich schwör es, ohne Grund, - gegen die Mutter hegst. Willst
du das zarte Büblein nicht küssen zum Lebewohl, so sprich doch nur gegen mich
ein Wort der ausgesöhnten Schwesterliebe.« - »Schwesterliebe?« fragte Wallrade
wie verwundert, während sie sich mit argem Lächeln aus des Vaters Armen wand:
»Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann? Ich wäre dessen Schwester? Ei, das
wolle Gott nicht. Nennt mich lieber seine Muhme, guter Vater.« - »Wie soll ich
verstehen, was du sprichst?« fragte Dieter erbleichend entgegen. - Wallrade zog
jedoch mitleidig die Schultern in die Höhe und verneigte sich ausweichend.
»Erlasst doch mir die Erklärung;« sprach sie höhnisch: »fragt die Stadt, und wenn
Ihr auch dieser nicht glaubt, so wendet Euch an den heiligen Georg selbst, der
über dem Putztische Eures Weibes hängt. Ein feiner Rittersmann, dessen Ebenbild
zu sein, Euerm Sohne - dem Johann nämlich - - keine Schande bringen wird, so
lange Euch selbst die Sache Freude macht. Lebt indessen wohl, und dreimal wohl,
mein Vater. Gott mit Euch!«
    Einen Kuss der Pflicht fühlte Dieter auf seiner Wange; einen Augenblick
hielt ihn die Tochter umschlungen, und schon war die Türe hinter ihr in's
Schloss gefallen. Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin,
wie ein, von jähem Tod Erblasster, und als dann nun wieder Regsamkeit in seine
Glieder trat, wandte er den Blick; gezwungen fast, zu dem Bilde des Heiligen,
das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhasstes Antlitz, trug es gleich
die Züge des einstens zärtlich geliebten Dagoberts. Aber also ist das
unglückselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht, dass durch ein Wort, durch
einen aufgerüttelten Gedanken das Teuerste ein Gegenstand bittrer Verfolgung
werden, Liebe sich in Wut verkehren kann. Und dieser leise Grimm, ein fressend
Ungetüm in der Brust des Leichtgläubigen, baut sich fester und fester ein, je
angelegentlicher man ihn vertilgen möchte. In gefährlicher Stille wächst der
Funke an zur verderblichen Glut, und so kann es geschehen, dass selbst unter dem
Eise des Alters ein gährendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkt des Lebens
stürmt und braust es heiss und kräftig, wenn auch seine Gränzen allgemach in
Frost erstarren. Mit der festesten Willensgewalt vermochte nur Dieter den bösen
Geist zu bändigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu öffnen, und ihn
dadurch völlig zu überwinden, sondern um ihn zu pflegen, und grösser zu ziehen in
Schweigen und Heimlichkeit. Darum überliess er sich selbst dem Fehler, dem er auf
die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn überliess er sich
der Umarmung Margaretens, die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, dass er Wallraden
nicht länger in ihrer Nähe aufgehalten; ohne mit einer Miene seinen tiefen
Verdacht, seinen heimlichen Groll zu offenbaren, tändelte er mit dem Knaben, den
ihm die Ehefrau schmeichelnd in die Arme legte. Stundenlang scherzte er mit dem
Buben, verwendete er kein Auge von ihm; aber nicht väterliches Wohlgefallen, wie
wohl ehedem, bewog ihn dazu, sondern die Begierde, Johanns Züge sich fest
einzuprägen; und so oft sein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem
Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte, bohrte sich ein neuer Dolch in des
Argwöhnischen Gemüt, und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde, je wüster
tobte es in seinem Innern, so freundlich er auch seine Runzeln glättete, so
peinlich er auch den Mund zum Lächeln zwang. Die Nacht, die auf diesen Tag
quälender Unruhe folgte, war für den von Jahren, Gebreste und Verdacht
geschwächten Mann keine Erfreuliche, und, dem Geizhalse zu vergleichen, der auf
seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu träumen pflegt, sah Dieter Dagoberts
und des Schulteissen hämisch lächelnde Häupter um sein Lager kreisen.
Liebesgirren, und Minnegekose folterte sein Ohr, so tief er den Kopf in die
Kissen wühlte, und hundertmal verliess er sein Bette, um an Margaretens
Kammertür zu lauschen, ihre Atemzüge zu zählen, und sich zu überzeugen, dass
kein kecker Buhle ihre Einsamkeit teile. Den Ermüdeten hatte kaum ein
mitleidiger Morgenschlummer überrascht, und schon weckte ihn eine Botschaft, die
ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen wäre; die Kunde von der Ankunft
Dagoberts. Der Sohn nicht ahnend, dass er im Vaterhause fremd geworden, stürzte
mit dem Jubel ungeheuchelter Liebe an des überraschten Vaters Brust. Ach! die
herzlich gemeinte Freude des Wiedersehens konnte nur auf dürftige Augenblicke
den unseligen Wahn von Dieters Bette scheuchen. Ohne Säumen kehrte er wieder
zurück. Dem unbefangnen Jüngling sogar konnte die Veränderung nicht entgehen,
die sich mit seinem Vater zugetragen, allein er schrieb auf Rechnung des
Siechtums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemüts kam. Aufrichtig und
stürmisch, wie er war, konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten.
»Sagt mir doch, herzlieber Vater,« sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge,
welcher man so selten widersteht: »Sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung ist,
oder Wahrheit, dass ich Kälte und eine gewisse Fremdheit in Euerm Empfang
wahrnehme; und wenn es wahr sein sollte, ob das noch von Eurer Krankheit stammt,
ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwischen
uns werde, wie vormals.« -
    Dieter blickte prüfend in des Jünglings redlich Gesicht, aber die
Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund schob er
ohne langes Überlegen vor. »Wie kommt es,« - fragte er beinahe hart, - »dass mir
jetzo erst Dich zu sehen erlaubt ist, während Du bereits seit einigen Tagen hier
verweilst?« »Ich Vater?« fragte Dagobert betreten, und hätte gerne verneint,
unbefangen verneint. Dieter ging aber ohne Zögern auf den Grund, und drängte
mit neuer strengerer Frage, so dass am Ende der Jüngling den besten Teil
erwählte. »So mögt Ihr's denn wissen;« sprach er: »ich verstehe mich schlecht
aufs Lügen, besonders wenn Ihr mir in's Auge seht, denn vor dem Manne, den ich
am meisten ehre und liebe, habe ich kein Falsch. Es sei also darum. Wahr ist's;
seit vorgestern Mittag bin ich hier, und habe mich sorgfältig von Euerm Hause
fern gehalten, weil - Ihr mögt mir darob nicht zürnen - weil Schwester Wallrade
darinnen ein- und ausging. Heut sah ich sie jedoch mit Ross und bepacktem Wagen
von dannen ziehen, und säumte länger nicht, hier einzusprechen. Gott gesegne
Euch die Ostertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier, und will sie
mir schmecken lassen, so der Himmel will, und Ihr mich gerne an Euerm Tische
seht.« - »Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste;« antwortete Dieter
mürrisch: »der Bruder flieht den Ort, wo seine Schwester haust?« - »Ihr wisst ja,
Vater, dass wir's von jeher also hielten;« entgegnete Dagobert mit leichtem
Scherz: »Was Hänschen jung gewohnt, das tut es auch im Alter. Doch, weil ich
eben seinen Namen nenne, - was macht mein Brüderlein? Ihr sollt sehen, ob wir
nicht besser zusammenhalten, als ich mit Wallraden.« - »Wirklich?« spöttelte
Dieter: »Man sollte es kaum glauben. Ein Stiefbruder ist gewöhnlich nicht der
Geliebtere.« - »Hm!« lachte Dagobert: »es hat mit dem Kleinen ein besonder
Bewandtnis.« - Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschämung bis unter die
Haare. - »Der arme Junge war stets krank,« fuhr Dagobert fröhlich fort: »nun ist
er aber gesundet, wie ich höre. Seht, schon dieses freut mich ungemein. Doppelt
lieb muss ich aber den Burschen haben, weil ....« - »Weil ...?« unterbrach ihn
Dieter gespannt und heftig. - »Weil ich komme, um mit dem armen Schelm sein
Erbe zu teilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt,
habe ich mich mit der Kirche abgefunden, oder sie vielmehr mit mir. Sie kann
mich nicht brauchen, und hat der Mutter Gelübde gelöst, als ob es auf's Beste
erfüllt worden wäre.« - »Wie?« fragte Dieter: »das ist nicht möglich. Wie
solltest Du ...?« - »Wenn Ihr Latein verstündet,« fiel hinwiederum Dagobert ein:
»so würde Euch dies Pergament genug sagen, um zu glauben, was ich sage. Ich habe
aber der Ursachen mehr, zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen, Vater. Brachte
ich Euch die frohe Mähr ein Jährlein früher, so lagt Ihr voll Entzücken an
meinem Halse. Heute geberdet Ihr Euch just, als wär es Euch zuwider, was ich
bringe, und doch habt Ihr selbst mehr denn hundertmal mein Geschick beklagt, da
es noch unabwendbar schien.« - »Wie soll ich mich freuen,« brach Dieter los,
»wenn ich aus Allem entnehmen muss, dass Dein wüster Lebenswandel allein hier den
Ausschlag gegeben. Nicht würdig hat man Dich befunden, das Messgewand zu tragen
und zu binden und zu lösen. Ich weiss, was Costnitz und des Conciliums Väter von
Dir denken, wie unzähligemal Du Deinen Ohm gekränkt, misshandelt, dass er am Ende
seine Väterhand von Dir abgezogen.« - »Ho!« versetzte Dagobert, sich mit dem
Zeigfinger auf die Stirne tippend: »Jetzt weiss ich mit einemmale, woher es
blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgerüttelt, und mir's sein bequem
gemacht im Vaterhause. Recht so; wo sich der Teufel anlehnte, macht sich auch
der weisseste Ärmel voll Russ. Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag,
... glaubt mir, lieber Vater; es ist erlogen. Was den würdigen Ohm betrifft, so
muss ich lachen, und behalte mir vor, Euch kund zu tun, wie ich meine Hand von
ihm abgezogen habe. Des Papstes Breve aber, aus dem man vielleicht ein Zeugnis
meiner lüderlichen Sitten machen möchte, soll Euch Pater Johannes verteutschen.
Bis dahin habt mich jedoch lieb, und lasst mich das Brüderlein küssen.« - »Deinem
Wunsche kann alsobald Genüge geschehen;« erwiederte Dieter: »hier kömmt so eben
die Mutter sammt dem Sohne.«
    Frau Margarete erschien wirklich sammt dem kleinen Hans, und stutzte
merklich bei Dagobert's Anblick, obschon dessen Ankunft ihr bekannt. Dieses
Befremden fand indessen seinen Grund in Dagobert's Kleidung und Gestalt. Die
Stiefmutter hatte darauf gerechnet den angehenden Mönch zu finden, mit hohlem
Fastengesichte und härenem Gewande, und statt dessen stand ein kräftiger junger
Mann vor ihr, im Schmucke des wohlhabenden Sohns eines altbürgerlichen
Geschlechts, blühender noch, als da er von dannen gezogen.
    Wer mag dem Getriebe des Herzens folgerechten Zwang anlegen? Auf dieses
Befremden drängte sich augenblicklich die mächtige Erinnerung vor Margaretens
Seele, .... das Andenken an ihren Eintritt in dieses Haus, an jene Zeit der
Sehnsucht, in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehörte, und
eines jugendlichen Freundes begehrte. Dieser Freund, verboten ihr durch Sitte
und Kirchengebot, dennoch erkoren von ihr mit leidenschaftlichem Verlangen,
dieser Freund, der feindlich sie verschmähte, und in ihr jenes wunderliche
Gefühl erzeugte, das uns öfter antreibt, mit blutendem Herzen diejenigen zu
hassen, die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben, ohne sie unser nennen zu
dürfen, - dieser Freund stand nun wieder vor Margaretens Augen; er malte ihr in
seinem stummen Bilde eine schmerzlich selige Vergangenheit; - zugleich auf ihre
Wangen jene zauberische Röte, ... der Schaam wie des Entzückens heilige Farbe.
- Dagobert hatte sich vorgenommen, der Stiefmutter freundlich entgegenzukommen,
um sie mitleidig der ersten so begreiflichen Verlegenheit zu entreissen; aber ihr
unerwarteter Empfang, ... die Überraschung, die sich in ihrem ganzen Äussern
gestaltete wie die Verwirrung einer geschämigen Braut, übte gleichwirkende Kraft
auf den Jüngling. Auch er fühlte seine Wangen glühen; auch er verneigte sich
stumm, stotterte alsdann einige Worte, die unzusammenhängend seinem Munde
entschlüpften, und beugte sich schnell, um der Begrüssten das Schauspiel seiner
Blödigkeit zu entziehen, zu dem Knaben, der fremd und verwundert zu ihm
aufschaute. »Ach!« rief er aus: »wie schön, wie stark, wie blühend ist der Junge
geworden. Wertes Stiefmütterlein, empfangt meinen Glückwunsch; und auch Ihr,
mein guter Vater, erlaubt, dass ich Euch die Hand schüttle, wie ein Freund dem
andern, und dem Buben einen Kuss auf den trotzigen Mund drücke, zum Pfand meiner
Liebe. Ja, herziger Knabe, wir werden Freunde sein; Deine hellen Augen sprechen
ganz anders zu meiner Seele als Wallradens stechender, nirgends verweilender
Blick.« - Er küsste den Knaben, der auch seiner Seits freundlich die Arme zu ihm
emporstreckte, und wie ein Eichhörnlein auf seine Knie kletterte. »Hast Du mich
lieb, kleiner Hans?« fragte Dagobert in seiner Fröhlichkeit kosend den Knaben.
»Gewiss, lieber Herr;« antwortete Hans, den zierlichen Bart des Jünglings
streichelnd: »willst Du mein Väterlein sein?« - »Ei, du einfältiger Hans;«
erwiederte Dagobert lachend wie ein ausgelassener Gesell: »welch tolles Zeug
bringst Du zu Markte? Haben sie Dir in Frankfurt nichts bessres gelehrt? Dort
steht Dein Vater;« er zeigte auf Dieter, der, halb abgewendet, seinen
steigenden Groll kaum mehr zu mässigen vermochte: »auch mein Vater ist er, und
wir beide wollen gute Brüder sein. Herzgeliebte Eltern;« fuhr er fort, indem er
aufstand, und den Knaben wegsetzte: »Wallrade mag von mir geplaudert haben wie
und was sie wolle, - ich bin dennoch nicht so schlecht, als sie Euch überreden
mochte. Glaubt ja nicht, dass ich heim komme, um den kleinen Knirbs, mein
Brüderlein, zu plündern und zu verkürzen um das Erbteil, das ich ihm
abgetreten. Davor bewahre mich der liebe Gott. Er hat mir schon genugsam
bescheert, da er mich vom Pfaffentum entbinden liess, durch seinen Stattalter
auf Erden. Was ich gelernt, bringt mich schon anderweitig durch, und komme ich
vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Krüppel heim, und weiss
mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen, so erinnert sich wohl der Johann
der Liebe, die ich für ihn hatte, und füttert mich alsdann von seinem Überfluss.«
-
    Die biedre klare und aus voller Brust gesprochne Rede Dagobert's presste in
Dieter's Augen Zähren der Rührung; sie waren aber nicht vermögend den Panzer zu
erweichen, den der Geist des Verdachts um des Schöffen Milde gezogen. Der
Verblendete hatte Margaretens, Dagobert's Erröten gesehen; er hatte, von
Fieberfrost geschüttelt, des Knaben unschuldige Worte vernommen, und ihnen eine
giftige Deutung untergelegt. Ein Felsen lag auf seiner unruhig steigenden Brust,
und erstickte jedes Wort der Erklärung. Heftig wandte er dem Sohne den Rücken,
und ging aus dem Gemach. Verwundert und gekränkt sah ihm Dagobert nach. »Ehrsame
Frau,« begann er nach einer Weile zu Margareten, die den Blick auf den Boden
geheftet vor ihm stand, - unschlüssig, ob ihr zu gehen, ob ihr zu bleiben zieme,
- zögernd, von dannen zu scheiden, ängstlich, noch länger in des Gefährlichen
Nähe zu verweilen, - »Ehrsame Frau. Könnt Ihr mir nicht erklären, wie es
eigentlich um den Vater stehe? Welch unheimlich Geberden, welche grollende
Verschlossenheit hat er angenommen?« - »Sein Unfall ...« antwortete Margarete
stockend: » ... seine Wunde, die noch nicht geschlossen, ....« - »Ach, wehe
uns;« seufzte Dagobert: »wehe uns, wenn jener meuchlerische Bube tödtlich den
Fleck verletzte, wo die Liebe für den treuen Sohn sitzt. Täuscht mich nicht,
gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, dass Ihr mich so gänzlich hinterrücks
aus dem Felde geschlagen. Ich habe Euch ja nie Leides getan, und liebe Euern
Sohn, als ob ihn meine eigne Mutter geboren; aber, Wallrade .....?« - Margarete
nickte heftig mit dem Kopfe, und Dagobert fuhr fort: »Gelt? ich hab's getroffen?
O die verläumderische Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater
will ich zwingen, seine Gunst mir wieder zuzuwenden, und Ihr, mein zweites
Mütterlein, sprecht ein gutes Wort für mich. Ich bin ein ehrlicher Geselle;
verlasst Euch darauf, und redet mir zur Minne.« - Bittend hatte er ihre beiden
Hände ergriffen, die sie, erschrocken über die heftige Bewegung ihres Gemüts,
schnell aus den seinigen zog, obgleich ihre Augen mit einem sanften Ausdruck auf
dem Stiefsohne ruhten. - »Misstraut mir nicht;« sprach sie langsam: »ich hoffe,
es wird sich Alles geben. Mein Herr wird nicht in seinem Irrtum beharren. Vor
meinen Augen seid Ihr rein, - rein, wie dieser!« - Sie deutete auf das Bild des
heiligen Georg, und verliess eilig mit dem Knaben die Stube. Dagobert konnte sich
lange nicht von dem nie gehofften Eindruck erholen, den der Empfang im
Elternhause auf ihn gemacht. Wehmütig sinnend sass er da, den Kopf in beide
Hände gestützt, wischte sich dann eine Träne, wie nur gekränkte Treue sie
weint, aus dem Auge, und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild. »Die gute
Stiefmutter!« sprach er halb lächelnd zu sich selbst: »Wenn sie recht hätte, und
ich ein Gotteskämpfer wäre, wie der heilige Reitersmann dort oben. Den Teufel
wollte ich mich um alle Wallraden und Prälaten des heiligen römischen Reichs
scheeren, wären sie auch alle meine Schwestern und Vettern. Der Verläumdung
stiesse ich die Rennstange wohlgemut zwischen die Zähne, bis sie verendete, und
beim Vater müsste der liebe Herrgott ein Wort der Sühne einlegen, kräftiger als
das Fürwort aus Frau Margaretens Munde, obschon dieser Mund allerliebst ist,
und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Teutschland übertroffen wird.«
    Er schritt durch das Gemach, und blieb alsdann mit verschränkten Armen vor
dem Bilde stehen. - »Ein schmuckes Gemälde!« begann er, sein Herz durch
Zerstreuung von schwerer Sorge abzulenken: »hab's noch niemals in Vaters Hause
gesehen. Hu! wie der Schimmel springt und steigt! Wie des Reiters braune Locken
im Winde flattern! wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt! Ja! solch ein
Mann zu sein .... das wäre eine Lust! Die Dirne möchte ich sehen, die mir dann
spröde widerstünde! - Närrischer Schalk!« unterbrach er sich, lachend: »als ob
mir's darum zu tun wäre! Wie sang der arme Barfüsser, der draussen im Haus der
Aussätzigen verkümmert, während aus seinem fruchtbaren Kopfe unzählige Lieder
der Minne und Geselligkeit entspringen, und in ganz Teutschland nach gefälligen
Weisen gesungen werden? Ein Fischlein mir gar wohl gefällt, doch darf ich sein
nicht kosten! Drum sei der Fischzug eingestellt ... Die Angel mag nun rosten!
Das ist auch mein Bescheid, und kalt, wie ein rechter Frosch will ich sein,
trotz dem wackern Kämpfer Georg, dessen anmutig Gesicht ich schon irgendwo
gesehen haben mag, so bekannt spricht mich's an. Und, wenn mir recht ist, so
ist's gar mein Brüderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, wahrlich!
Ein feiner Sprössling, der Bube; und eben dessen Züge waren mir beim ersten
Zusammentreffen so wenig fremd, dass ich darauf hätte schwören mögen, ich hätte
ihn vor Kurzem erst, zu Costnitz oder irgendwo, gesehen. Es mag aber leichtlich
nur ein Traumbild gewesen sein; denn mein guter Predigermönch sagte gar vielmal,
dass es Beispiele gegeben, wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen, die sie
nachher auf dem, Lebenswege angetroffen, und lieb gewinnen müssen. - Ach! auch
Ester war ein Bild meiner frühsten Träume; nicht selten ist sie eine
Erscheinung meiner jetzigen; und zu verwundern ist's, wie einem frommen Christen
von einer halben Heidin träumen, ... wie diese an des Rechtgläubigen Herz
wachsen darf, während sie doch nimmer in seine Arme wachsen darf!«
 
                                    Fussnoten
1 Versammlungshaus und Trinkstube der edelsten Geschlechter von Frankfurt.
 
                                Drittes Kapitel.
 Was ist schärfer, denn ein Pfeil?
 was giftiger als Schlangengeifer? -
 Die Zunge des Bösen, der den
 Feind will verderben.
                                                           Persisches Gleichniss.
Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem
Römer. Die Osterfeiertage waren vor der Türe, und alle Geschäfte des Rats, wie
des Gerichts mussten bis auf den Punkt vorbereitet werden, die Ostertage hindurch
ohne Gefahr und Nachteil ruhen zu können. Die Kanzelleien waren angefüllt von
fleissigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder sagenden
Ratsherren; die Vorgemächer wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien,
unter welchen wie geschmeidige Aale Fürsprecher und Momparne hin und her
schlüpften, bald zu gütlichem Vergleich beredend, bald zu ernstem Streit vor dem
Richter anhetzend. Gläubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhänder mit ihren
Mündeln, Tabellionen mit Kauflustigen gingen Türen aus, Türen ein, und ein
schwirrendes Getöse erfüllte das weite stattliche Gebäude, die Säle ausgenommen,
wo hinter schweren Flügelpforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank
hielten, oder Bürgermeister und Rat im weiten Kreise versammelt sassen, des
Regiments zu pflegen. Wichtig tuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbündeln
beladen, die Treppen auf und ab; mürrische Ratsdiener schreckten durch die
Gänge. Altbürger, im Bewusstsein ihres städtischen Ansehens, und Gewichts,
stiegen gravitätisch umher, und massen mit finsterm Blicke die zahlreichen
Edelleute vom platten Lande, die, um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen,
herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der
Rechtspflege der reichsfreien Bürger zu beugen. Nebst all diesen, mehr oder
weniger im Heiligtum der Gerechtigkeit beschäftigten Leuten, drehte sich noch
in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl müssiger Gesellen, die heute schon
die Osterzeit begonnen hatten, um allentalben ihr neugierig und faul Angesicht
zur Schau zu tragen, - und eine Menge Gesindels, das, keinem zünftigen Gewerbe
zugetan, sein elend Stücklein täglichen Brods täglich aus der blauen Luft holt,
wie eine Lerche auf gut Glück den Acker bestreift und mit leichter Mühe aus der
Furche den Waizen holt, der im Grunde nicht für sie bestimmt ist, und von
welchem sie noch nicht wusste in verwichner Nacht. Die Einen dieses Gelichters
hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker vom Lande, die Andern zeigten den
Fremden die Eingänge zu den verschiednen Kanzleien; die Trägsten endlich
bettelten geradezu die Vorübergehenden an, oder bildeten, an Mauer und
Treppengeländer gelehnt, eine Strasse von Gaffern, durch welche Alles hindurch
musste, um gehörig bewitzelt und beräuchert zu werden. Für diesesmal hatte jedoch
der Mund dieser Faultiere Feiertag, wie ihre beständig ruhenden Hände, und
eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die
Gasse, wie Menschen, die auf etwas Ausserordentliches gespannt sind. Es war
nämlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls
ruchtbar geworden, dass heute der hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem
Oberstrichter im stillen Verhöre erscheinen würden. Dem Gesindel war es schon
ein Fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen welche schon der Name ihres
Volks den allgemeinen Hohn, die grässlichste Erbitterung rege machte. Seit Wochen
bereits lagen die Juden im Turm, und noch war die Art und Gattung ihres Frevels
nicht laut geworden unter dem Volke. Ursache genug, die grausame Neugier zu
verdoppeln, und den Wunsch zu erhöhen, bald ein blutiges Urteil aussprechen zu
hören, vollstrecken zu sehen. Denn; todeswürdig, - so vernünftelte das Volk -
todeswürdig müsste ihr Vergehen sein, und unmenschlich die Strafe. - Mit Ungeduld
harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch
Verwünschungen und Schmähungen noch schrecklicher zu machen. Plötzlich lief ein
Gemurmel durch die Reihen. »Seht ihr den Rotkopf..?« flüsterten sie unter
einander: »Kennt ihr den Juden, der sich taufen liess? Dort schleicht er die
Treppe hinan. Was will der hier?« - Scheuen Blicks schritt Zodick durch das
murmelnde Volk, grüsste hier demütig einen ihm begegnenden Vornehmen, der vor
ihm ausspuckte; warf dort einem bösen Schuldner, der ihm auswich, einen
drohenden Wink zu; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andächtig kriechend den
Hut, und berührte darauf furchtsam die Zizis, die er streng verborgen unter
seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der blossen Brust trug, um den
hochgelobten Gott der Sünde wegen, dass er den Sabbat enteiligen müsse, um
Vergebung zu bitten. -
    Er verlor sich in den schwach erhellten Gang, der zu der Türe der
peinlichen Kammer führte. Während dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter
dem in den Säulengewölben harrenden Pöbel. Von starker Wache geleitet,
schleppten sich in schwerer, schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens
über die Stufen des Gebäudes: Der Greis Jochai und sein Sohn. Das Elend einer
kurzen, aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt; aber
dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen gerötet, ihre im Moderduft des
Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt, denn vor einigen
Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen, die Nichts mehr von einander
wussten. Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden, sich in gleichem Leide als
Genossen zu finden, und von halb menschlichen Wächtern begünstigt, des Glücks
genossen, sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort
wechseln, aber ihre Blicke sagten sich genug, hatten auch ihre Augen das Weinen
verlernt. - Dieses Paar, in unscheinbare Überreste feiner Gewänder gehüllt, Haar
und Bart triefend von Nässe, starrend von Schimmel und Moder, wankenden Fusses
einherschreitend, niedergezogen von schleifenden Ketten, dieses Paar des
Erbarmens, wurde mit Hohngelächter und Geschrei bewillkommt. Nicht die Leiden
der Seele und des Körpers, die in unverkennbaren Zügen auf Ben Davids Gesichte
verzeichnet waren, - nicht des höchsten Menschenalters rührende Ehrwürdigkeit
auf Jochai's Antlitz rührte das unbarmherzige Volk. Die Wächter hatten zu
wehren, dass nicht im Hause der Gerechtigkeit Frevel an den Gefesselten verübt
wurden. Den Schmähworten konnten sie indessen nicht steuern, und beladen mit
Drohungen und Flüchen aller Art erreichten die Gefangenen die Höhe der Treppe;
hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht. Der Judenarzt Joseph war's, der
gerade von einem, während der Sitzung unpässlich gewordnen Ratsgliede kam. Kaum
hatte er jedoch der Unglücklichen gewahrt, so wendete er scheu und verdriesslich
den Kopf hinweg, übersah den Gruss Ben David's und schob sich, so schnell es
seine Wohlbeleibteit verstattete, die Stiege hinunter, tobend und scheltend
gegen den Pöbel, der dem, wenn gleich vornehmern und höher gehaltnen Juden den
giftigsten Spott nicht schenkte. Erst nachdem sich die Türe der Kanzlei des
peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen, waren sie dem
schadenfrohen Getümmel entronnen, und nur die Zielscheibe der unziemlichen
Scherze, welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten, bis sie auf das
Zeichen einer Glocke in die Verhörkammer gebracht wurden, woselbst der
Oberstrichter, umgeben von dem düstern Gepränge des Blutgerichts, ihrer harrte,
sammt dem vereideten Geheimschreiber. - Nachdem der gestrenge Herr die
Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen, befahl er dem
anwesenden Ratsknecht, ihnen die Bande abzunehmen, und sich zurückzuziehen. -
Sobald dem Befehle gehorcht worden war, lehnte sich der Richter in den breiten
Sessel zurück, winkte dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete
sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Frage nach Namen
und Stand erwiederte der hundertjährige Greis: »Gewaltiger Herr! Ich nenne mich
David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was so viel heisst, als: Sohn des
David. Unsre Leute haben sich aber gewöhnt, uns zu nennen, der Kürze halber,
mich Jochai; meinen Sohn Ben David. Wir sind von jeher gewesen arme aber
fleissige Leute im Handel und Wandel, Trödel und Schacher, und ehrliche Darleiher
in guter Münze gegen billige Zinsen. Ich habe zurückgelegt das hundertste Jahr
mit der Hülfe des barmherzigen Gottes, welcher zählt die Haare und die Tage des
Menschen; mein Sohn ist gewesen funfzig Jahre, wenn mich nicht trügt mein altes
Gedächtnis. Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde, bis wir sind
gekommen in so viel Leid und Trübsal, als wir hier vor Euch stehen. Man hat uns
gebunden mit Ketten; man hat uns geworfen in fürchterliche Löcher, wo wir müssen
waten bis an den Knöchel im Wasser, wo unser Angesicht bleich wird und unser
Auge blöde; und noch hat man uns nicht gesagt, wessen wir beschuldigt sind, und
unser Herz ist doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der
Schale geht.« - »Schweig!« unterbrach ihn der Oberstrichter streng: »Deine Zunge
rührt sich ungemessen zur unrechten Zeit. Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute
noch erfahren, ihr Ketzer, wenn ihr nicht vorziehen solltet, Euer Verbrechen
reuig zu bekennen.« - »Wie können wir doch bekennen, was wir nicht wissen?«
fragte Ben David mit ängstlichen Geberden: »Wir wissen uns rein, und können auf
die Tora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, beschwören, dass wir unschuldig
sind an jedem Fehl. Der hochgelobte Fürst und Herr in Israel wird's uns sogar
nicht anrechnen, dass wir jetzo den Sabbat enteiligen durch Zeugnis und
Verantwortung vor Gericht; denn Not kennt kein Gebot.« - »Stille!« rief der
Oberstrichter ihnen auf's Neue zu: »Wer wird sich darum bekümmern? Macht ihr's
mit eurem Götzen aus. Wir wissen nichts von Eurem Baalsdienste. Eine Frage an
Euch insgesammt, Vater und Sohn. Was ist aus dem Christenkinde geworden, das
Einer von Euch vor fünf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse
geschleppt hat?« - Jochai, besonders aber Ben David stutzte heftig. - »Nun?«
fuhr der Richter barsch fort: »Wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Lüge!
Wo kam das Kind hin?« - »Ich weiss doch von keinem Kinde,« antwortete Ben David
schnell, ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegenteil
verraten konnte. Der Greis, in dessen Augen schon Ängstlichkeit sichtbar
geworden war, zögerte indessen nicht, wörtlich die Aussage des Sohns zu
wiederholen. »Ihr wisst also nichts?« fragte der Richter bitter lächelnd weiter:
»Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem Hause gesehen?« - »Als uns
Gott soll helfen,« erwiederte Ben David ausweichend: »Wir wissen nicht, von
welchem Kinde Ihr sprecht.« - »Mein Alter macht vergesslich;« fügte Jochai bei,
welcher nicht bejahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte: »Ich wüsste mich
nicht zu besinnen, ob jemals ....« - » Ihr läugnet?« sprach der Oberstrichter
drohend: »Desto strenger wird das Urteil fallen.« - »Gott soll uns helfen, und
sich Israels erbarmen!« klagten Vater und Sohn: »Wir sind unschuldig, man mag
uns zeihen, wessen man begehrt. Wir haben stets gezahlt als redliche Leute unsre
Abgaben, den Opferpfenning, die Kronsteuer, des Kaisers Hof- und Kesselgeld. Wir
haben richtig eingeliefert Pfänder und Briefe von Herren und Edeln, als der
König Wenzel es befohlen. Wir haben nicht beschnitten das Geld, noch böse
gemünzt. Wir haben nicht betrogen, nicht geschunden; wir haben vom ehrsamen Rat
nur geringe Zinsen genommen, und ihm unser bisschen Armut immer offen gehalten.«
Wir finden keine Schuld an uns, und sollten unsre Brüder gefrevelt haben, so
kümmerts doch uns nicht, denn der heilige Gott, spricht: »Indem Einzelnen soll
getan werden nach seinen Werken.« - »Spricht Euer Götze so?« erwiederte der
Oberstrichter mit hartem Hohne: »Wohlan, so sei es auch also. Es ist hier nicht
die Rede von Euern Ketzerbrüdern; von Euch selbst, verworfnes Gelichter; und da
ihr nicht gestehen wollt, was Ihr begangen, so will ich's Euch beweisen lassen,
von unverwerflichen Zeugen.« -
    Er zog die Glocke, und flüsterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr.
Kurze Weile nachdem sich dieser wieder entfernt hatte, schlich Ben David's
Sabbatmagd, die stumme Grete, herein; mit gefalteten Händen, in welchen der
Rosenkranz hing; mit tränenden Augen und blassem Angesichte. Sie verneigte sich
demütig vor dem Richter und dem Bilde des Erlösers, das über dessen Stuhle
hing, und schlug, seitwärts auf die Beklagten blickend, ein verstohlnes Kreuz. -
»Die Schwörfinger in die Höhe!« gebot der Richter: »Du schwörst vor der heiligen
Dreifaltigkeit und bei dem Gedächtnis an unsers Heilands bittres Leiden die
Wahrheit, sofern sie Dir bewusst, zu bekennen durch unverdächtige Zeichen? Nicke
mit dem Kopfe!« - Die Alte tat, wie man ihr hiess, und zitterte vor andächtiger
Furcht an allen Gliedern. - Nachdem sie der Oberstrichter über ihren Namen,
Gewerb und die Zeit, während welcher sie bei den Beklagten in Diensten
gestanden, befragt, ging er zur weitern Untersuchung über, und auf seine
dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib, so deutlich es nur
aus seiner Zeichensprache anging, dass vor einiger Zeit Ben David einen
Christenknaben in sein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zurückkommend;
dass sie selbst den Knaben zwei Nächte hindurch in ihrer Kammer beherbergt; dass
er aber in der dritten verschwunden, und nicht mehr zum Vorschein gekommen sei.
- »Hast Du nicht wahrgenommen,« fuhr der Oberstrichter in seinem Verhör fort,
»ob nicht Einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besondern
Widerwillen und Hass bezeigt?« - Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem
Haupte, und deutete auf den Greis Jochai. - »Nun denn, ihr schändliches
Gesindel,« fuhr der Richter die Juden an: »Gesteht Ihr bis hieher ein, was die
Alte angedeutet?«
    »Ben David läugnete frisch weg die ganze Sache, und Jochai, der es erwartet
hatte, wie sein Sohn sich benehmen würde, stimmte, ohne zu zögern, in das
Läugnen ein. Der Oberstrichter wurde braunrot im Gesichte, zog zum Zweitenmale
die Glocke, und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchatmeten Stille
trat, keck wie die sichre Wahrheit selbst, Zodick in die Kammer, achtete nicht
des Schrecks, mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick
zusammenfuhren, sondern näherte sich furchtlos dem Richter, dessen Gewand er
untertänig berührte, und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand
stellte, die frechen Augen auf das Kruzifix und den Verhörenden gerichtet, wie
einer, der schon oft dabei gewesen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den
Juden so unerwartet und so grässlich vor, dass Jochai, seinen Unmut vergessend,
dem Menschen mit ängstlicher Stimme zurief: Zodick! ach Zodick! ist es denn
wahr, was von Dir gesagt haben unsre Leute? Hast Du abgeschworen den einzigen
Gott, um zu opfern dem fremden?« - »Zodick, was tust Du?« setzte der von Nichts
wissende Ben David überrascht hinzu. Der Oberstrichter rief aber dazwischen:
»Schweigt, ihr Hundsjuden, sonst lasse ich euch stäupen zum Lohne für eure
verfluchte Schwatzhaftigkeit. Lass Dich's nicht kümmern, Friedrich, setzte er
gemässigter bei, und schwöre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen,
und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlösers, den Du hast erkennen
gelernt durch der heiligen Mutter Fürbitte und ihres barmherzigen Sohns
unendliche Gnade, die Wahrheit zu sprechen, sonder Furcht und Mitleid.« - »Ich
schwöre,« entgegnete Zodick kurz und fest, und nachdem er auf Befehl des
Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen
hatte, - wobei Ben David unruhig den Kopf schüttelte, und Jochai mit geschlossnen
Augen der jüdischen Schulen Bannformel zwischen den Zähnen murmelte, - begann er
ein Zeugnis, oder besser, eine Klage abzulegen, während welcher die Stille des
Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhörgemach, dass
auch keine Sylbe aus des Klägers Munde einem der Anwesenden entging. -
    »Es sind fünf Monden etwa verflossen,« sprach Zodick, - »und es war so gegen
das Ende des Monds Monchesran, da die Juden, wie mich dünkt, den letzten Shabbat
des Monds feierten, als Ben David, der hier steht in billiger Haft, - mein
damaliger Herr, dieweil ich noch bin gewandelt im Finstern, - heimkehrend von
einem Gang über Feld, wie er öfters zu tun pflegt, des Handels wegen, - ein
Kind mit sich brachte, einen Knaben, und von christlicher Geburt.« Am Abend des
eingehenden, so wie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht,
denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir böse Menschen geschlagen hatten.
Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem Kinde, und nicht Ester, seine
Tochter, und Jochai war der Einzige, dem in der Geschwätzigkeit seines Alters
die Kunde entschlüpfte gegen mich, es befinde sich im Hause ein Knabe, den der
Herr geführt habe, man wisse nicht von wannen, und bringen wolle, man wisse
nicht, wohin. Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf
des Alten Geplauder. Da aber nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell
wieder genesete, und ich am folgenden Tage bloss um zu ruhen, zu Bette lag in
meiner einsamen Kammer, da trat dieser Greis Jochai, als es schon wieder zu
dämmern begann, zu mir, und sprach: »Steh auf, Zodick, so Du ein guter Knecht
meines Sohns bist, und Deines Leibes Schmerzen er vertragen, und folge mir
eiligst mit Schaufel und Haue.« - »Sogleich, Raaf,« antwortete ich dem Alten
gehorsam, denn zu der Zeit ehrte ich ihn, wie alle Juden zu tun pflegen, da er
das Gesetz kennt und auslegt. Ich stand auch alsobald auf, nahm nach seinem
Willen Schaufel und Haue, und folgte ihm, der trotz seinen blöden Augen rüstig
voranschritt über die dunkeln Stiegen zu dem Keller; in dessen Gewölbe, das
unter dem Hinterhause fortläuft, und durch einen Verschlag geschieden ist, von
dem Vordern, wo man Holz und Wintergemüse aufbewahrt, rastete der Alte, und
befahl mir, Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuzünden, die er unter seinem
Rocke hervorzog. Dieses geschah. Run setzte sich der Alte auf einen Stein, und
sprach: »Jetzo, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand, und haue hier
vor meinen Füssen eine Grube von andertalb Schritten in der Länge, und von der
Breite eines Ellbogenmaasses.« Ich zögerte nicht, mich an die Arbeit zu machen,
in der Meinung, man wollte hier Kostbarkeiten vergraben, wie die Juden gar oft
zu tun pflegen, denn sie hegen Verdacht gegen Alles, was sie umgibt, und
besitzen gar häufig Dinge, die nicht kommen dürfen sobald an den Tag. Da mir nun
aber Jochai ferner gebot, die Tiefe von zwei Ellbogenlängen zu nehmen, und
säuberlich geräumig zu machen die Grube, ward ich doch stutzig. »Raaf!« sagte
ich, kopfschüttelnd: »Ihr müsst viel köstliche Habe zusammenbringen, um dies Loch
nur zur Hälfte auszufüllen.« - Er hiess mich jedoch einen fürwitzigen Mancher,
und befahl mir, zu fördern die Arbeit. Ich tat es nun auch, und während dessen
begann der Alte eitel verdächtige und seltsame Reden, und fragte mich, ob ich
etwas verstände von Zauberei und geheimen Mitteln. »Gott soll hüten!« versetzte
ich hierauf, und fluchte den Zauberern. Der Raaf sah mich, schnell an, und
sprach: »Verflucht seien die Schedim, aber heilig die Zauberer, die den
Schemhamphorat verstehen, und damit die Sprache der Tiere, der Teufel und die
Kenntnis der Mittel, die gross machen Israel in Edom. Hast Du nie davon gehört,
fuhr er fort, dass eines unmündigen, vom Berge Seir1 stammenden Knaben Herz, in
der Nacht des Amalekitischen Sabbats von gesegneten Händen ausgerissen, zu Staub
verbrannt, und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen, Glück,
bringt und grossen Reichtum? Ich schaute dem Raaf bestürzt in's Gesicht, und
habe nicht erwiedert ein Wort. Nachdem ich aber die Grube vollendet, und den
Grund geschaufelt auf einen Haufen, musste ich noch verstopfen mit Stroh und Holz
die Luftlöcher des Gewölbes, und wurde von dem Alten angewiesen, mich zu begeben
hinauf, und dem Herrn zu sagen; es sei geschehen im Namen des Propheten Elias.«
- So wie ich nun aber an des Kellers Türe gelange, kommen mir Schritte
entgegen, und herab steigt bereits der Herr, und trägt auf der Schulter einen
Knaben, in Schlummer versunken. Er stutzte sehr, da er mein wurde ansichtig, und
der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne: »Warum kommst Du geschlurft zur Unzeit? Der
Knecht sollte Dir erst sagen, war's beschlossen ....« - »Ben David stotterte ein
Paar unverständliche Worte, und hiess mich gehen von bannen mit der Lampe, so er
mit sich gebracht; und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging, und
hinter mir schlossen sie die Türe zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die
Stiege emporging, liess mir's nicht Rast und nicht Ruh, und ich musste sehen, was
da unten vorging, und hätte ich fürchten sollen, zu werden blind, wie Einer, der
die Scheching, das heisst, die Herrlichkeit Gottes anschaut, wenn sie gerade auf
den Fingernspitzen des Cohen's sitzt, welcher segnet. Ich zog daher aus die
Schuhe, und blies aus die Lampe, und tappte in finstrer Nacht in das Höflein,
und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelassen
hatte in einer der Fensterverkleidungen. Ich muss geworden sein kalt wie Eis, da
ich gewahrte, was vorging im Gewölbe. Ben David hatte den Knaben entkleidet, und
die Kälte den Armen geweckt. Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf, und fragte
ihn, wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur2, das da fällt im Monde
Tisri: Jüngelchen, über welches der Mohel3 nicht gekommen. Willst Du sein mein
Kappora?4 - Das Büblein machte Ben David nicken mit dem Haupte, und plötzlich
stopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund, dass es nur leise und dumpf
stöhnen konnte, während dessen seine Augen hervortraten aus den Höhlen, wie die
eines Lamms, das man schächtet. Und herbei aus dem Winkel schleppte der Raaf ein
roh gezimmertes Kreuz; Ben David streckte darauf den Gepeinigten aus, und voll
zitternder Begierde, mit vor Alter bebenden Händen, nagelte ihn der Raaf auf das
Leidensholz, indem er das Gebet murmelte, das leider unter den Juden heimisch
ist, und also lautet: Dies Opfer soll mir dienen als Wechsel und Tausch; es
komme an meine Statt; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke! Israel in's
ewige Leben! Furcht und Angst komme über die Gojim! Verflucht, seien die
Wohnungen des Berges Seir! Verflucht und vertilgt die Hütten Amaleks! Verflucht
und vertilgt Ammon, Edom und Moab Offenbart und endlich geschenkt deinem Volke
seine Erlösung!« -
    »Während dieses Gebets hat Ben David dem zuckenden Würmlein gespieen in's
Angesicht, und gerufen mit Hohn: Gegrüsst seist Du uns, König in Israel! Herrlich
und gesegnet seist Du, Fürst der Juden! - Darauf hat er die Lampe ergriffen und
bedeutet dem Raaf, er möge ein Ende machen denn der Knabe drohe schon jetzo zu
verscheiden. Und der Raaf ergriff ein blank geschliffen Messer, und heiligte es
in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen, und näherte sich damit her
Stelle, wo das ängstliche Herzlein pickte, und zeichnete hier ein blutiges Kreuz
......«
    »Ersticke, und verdammt seist Du, verfluchter abtrünniger, Sohn des
Leviatan!« kreischte hier der alte Jochai, und sank unter Zuckungen zur Erde
nieder. Ben David stand ihm, obwohl selbst kraftlos taumelnd, bei, und wandte
zum Himmel die trocknen Augen, in welchen eine wilde, verzweiflungsvolle Frage
an das Verhängnis lag. Der Oberstrichter nahm jedoch keinen Anteil an Jochai's
Zustand, und gebot dem fürchterlichen Kläger zu enden. Mit tückischer
Behaglichkeit ging auch Zodick zu Ende. »Das Büblein ist verschieden unter dem
Messer des Raaf, und sein weitres Schicksal weiss ich nicht;« schloss er. Ob sie
das Körperlein vergraben, - ob sie es geworfen in den Fluss, weiss ich nicht, da
ich mich entfernte, während sie noch darüber gestritten. Der Raaf war für das
Erstere, und Ben David für das Zweite; denn er hat mir nicht getraut, da ich ihn
kommen gesehen mit den Knaben. Ich aber konnte nicht mehr aushalten in Ben
Davids Nähe, und habe benützt die erste Gelegenheit, um aus der Gemeinschaft zu
treten mit dem Raaf und seinem Sohne. Das ist, so wahr mir helfe der
Barmherzige, der mich gerettet von der Ketzerei, die reine, lautre Wahrheit;
Amen. -
    Ein tiefes Schweigen beherrschte den düstern Schauplatz. Jochai lag
bewusstlos, Ben David war zu Stein geworden, - Grete betete in Gedanken ihren
Rosenkranz zum Heil der hingeopferten Seele; - Zodick rastete von der
Anstrengung seiner Rede, und selbst der Oberstrichter und sein Gehülfe, gewöhnt
an Schrecknisse und Frevelklagen, erholten sich von den unerhörten Gräueln, die
sie vernommen. - Endlich fasste sich der Richter, und wendete sich mit donnernder
Stimme an Ben David: »Du hast gehört, Abscheulicher,« sprach er: »wessen man
dich anklagt. Ein Genosse Deines Hauses, Dein ehemaliger Glaubensbruder, Dein
getreuer Knecht ist es, der den Schleier von dem ungeheuern Verbrechen zieht,
das Du mit Deinem Vater begingst. Wirst Du ferner läugnen, und dadurch das
Schwert der Vergeltung schärfen? Wirst Du verharren in dem giftigen Groll Deiner
irrgläubigen Verstockteit?«
    »Herr!« antwortete Ben David mit frostklappernden Zähnen: »Ich soll reden,
und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge. Ich könnte Euch zuschwören unsre
Unschuld bei dem heiligen, hochgelobten Gott, den Gräbern unsrer Voreltern, und
Allem, was uns heilig ist in Israel, - Ihr würdet uns aber nicht glauben, denn
wir sind schlechte Juden, - ich könnte herbeibringen das Zeugnis meiner
unschuldigen Tochter Ester, - aber Ihr würdet sagen, es gelte nicht, weil es
meine Tochter gab. - Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrünnigen Knecht, der gegen
uns zeugt, warum der Magd, die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht, was man ihr
vorsagt? Unschuldig sind wir, unschuldig, unschuldig an dem grässlichen Frevel,
den man uns auflügt. Fünf Monden sollen sein verflossen seiter, und nun erst
kommt der gottlose Bube hier vor Eure Bank, und schreit Zeter über uns? Warum
hat er nicht alsobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde, nachdem, - wie er
lügt - die Untat geschehen?« - »Wirst Du schweigen, verfluchter aussätziger
Jude!« zürnte der Oberstrichter, indem er heftig aufsprang: »Sollte sich der
arme Mann Eurer Rache aussetzen? Ihr Judengeschmeiss klebt an einander wie
Kletten, und dieser hier wäre nicht der Erste, den ihr erschlagen habt, um seine
Geständnisse zu verhindern, oder zu bestrafen. Ehe er mit Euch in's verdiente
Gericht ging, musste er aufhören in Eurer höllischen Mitte zu leben. Er tat's,
er hat sich dem Himmel, dem allbarmherzigen Schoss des wahren Glaubens
zugewendet, und kann nun offen gegen Euch auftreten, von unsrer Macht geschützt.
Noch mehr, die Seele des unschuldigen Knäbleins, das Ihr unserm Heilande zu
schmählichem Spott zu Tode gemartert habt, ist diesem neuen Christen zu
wiederholten Malen im Traume erschienen, und hat ihn aufgefordert bei seiner
eignen Seele Heil und Frieden, die Gräueltat offenkundig zu machen, und zu
rächen schon, in dieser Welt. Blutdürstiges Schelmenvolk! Deine Bosheit liegt am
Tage, und noch in dieser Stunde lasse ich euch Beide in Eures Hauses Keller
führen, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt. Ich will
mir ein Fest daraus machen, durch eigne Untersuchung des Klägers Angaben zu
beglaubigen, und am letzten Tage der Leidenswoche unsres Herrn zwei Mörder und
Gotteslästerer zu entlarven, die mit seinem Namen und seinem Erlösungswerke
todeswürdigen Spott getrieben.«
    Die Schelle erklang von Neuem, und Ratsdiener erschienen. »Reisst den alten
Bösewicht von der Erde auf;« befahl der Oberstrichter, dessen blinde Hitze im
Steigen war: »es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinfälligkeit. Die Wahrheit,
die er nicht läugnen kann, hat ihn umgeworfen. Schleift ihn an Stricken mit
euch. Den andern Höllenhund werft wieder in seine Fesseln. Der Stöcker soll
herbei mit seinen Knechten, und das Gezücht nach der Judengasse bringen, denn
keinem ehrlichen Manne steht's zu, seine Hand an den Ungeheuern hier zu
verunreinigen. Ich folge alsobald.«
    Der gestrenge Herr warf den Mantel über, winkte dem Schreiber, dem Zodick
und der stummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der Kammer. Ben David hatte
keine Augen für das tückische Lächeln, mit welchem Zodick an ihm vorüberstrich,
sondern lauschte sorgsam auf die Atemzüge seines sich erholenden Vaters, von
welchem er sich nicht trennte, obgleich man ihn neben demselben in Ketten
schlug.
    Einer der Ratsknechte lief, befohlnermassen, nach dem Stöcker und seinem
Geleite, der Andre ging vor die Türe, um den Wachen und neugierigen Gaffern
redselig zu beschreiben, in welcher Wut der Oberstrichter von dannen gegangen,
und welche Worte er drohend und zürnend gesprochen. Die Gefangnen blieben einige
Augenblicke allein, und Ben David küsste mit Entzücken die Hände seines
erwachenden Vaters. »Ach!« seufzte dieser ermattet: »so war es kein Traum! O
Herr in Israel! wie kannst Du dulden solche Nichtswürdigkeit! Ich bin zu alt, um
machen zu können Anspruch auf's Leben, denn ich habe gelebt für zwei Menschen
auf der Erde, aber ... Du - mein Sohn - und Ester, das Enkelchen! Weh mir! was
soll das noch werden, wenn Du bestehst darauf, zu schweigen, und nicht zu sagen,
wo Du hingeführt den Knaben aus Edom.« -
    »Ich darf nicht, Vater,« versetzte Ben David fest: »ich würde machen
unglücklich, die jetzt glücklich sind. Ich habe versprochen, zu schweigen, und
will halten, was ich versprochen.«
    »Und wenn Du hättest geschworen,« fiel Jochai eifrig ein: »so gilt der
Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will Dich entbinden Deines Gelübdes,
wie ein rechter Lehrer in Israel. Ungültig soll sein der Schwur, den man
geleistet an die Männer und Frauen von Amalet. Wir wollen beten das Gebet Col
niddre, und Dein Schwur soll Dir erlassen sein.«
    »Vater;« antwortete Ben David ernst: »Du magst mich entbinden des Eids, doch
nicht der Zusage, so ich geleistet als redlicher Mann. Wenig Gewinn würde
entstehen aus meinem Bekenntnis; es würde mir kosten den Kopf, und Esterchen
Hab und Gut, und Dir Schande bringen und den Bettelstab.«
    »Weh mir!« jammerte der Alte: »In welchen Handel hast Du Dich begeben?
unbesonnener Mann; Geld ist gut, doch besser das Leben. So Du aber sterben musst,
und Ester verarmen, begehre ich auch nicht länger zu atmen. Denn mehr als todt
ist ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger versiegt.« -
    »Beruhige Dich, Vater;« versetzte David: »wir werden nicht sterben, Du
sollst nicht hungern. Die Leute, die da wissen, dass ich reden könnte, werden
schon helfen, ehe es sein wird zu spät. Verlasse Dich darauf!«
    »Und wenn sie uns peinigen?« klagte der Greis mit wachsendem Eifer: »Wenn
sie uns tödten, schnell wie die Hand des Herrn? Sohn, Sohn! traue nicht auf der
Gojim Hülfe und Versprechen! traue nicht auf das Wort, es komme aus der Erde,
oder falle vom Himmel! Beten wir nicht täglich: Herr, bau Zion wieder, die
Gottesstadt und ihren Tempel? Lass ihn geboren werden und kommen den Messias, den
man nennen wird gleich Dir, den Sohn Davids? Und noch ist Zion nicht gebaut, und
noch der Messias nicht gekommen; und also werden wir von bannen genommen sein,
ehe Hülfe kommt und Rat; als Opfer Deines unseligen Handels, und Deines
Eigensinns.«
    »Verzagst Du denn so ganz an der Hülfe des hochgelobten Gottes?« fragte Ben
David, den Alten, der zwischen Wahn, Glaube und Unglaube ängstlich schwankte,
wehmütig bei der Hand ergreifend: »Vertraust Du denn nicht auf unsre Unschuld
selbst, deren Stimme endliche uns frei sprechen wird von dem teuflischen
Lügengewebe?«
    »Ach,« seufzte der Alte, zweifelnd und befangen: »fünf Stimmen gibt's, die
nicht hörbar von einem Ende der Welt zum andern gehen; aber die Stimme der
Unschuld ist nicht darunter. Sie ist nicht die Stimme des fruchtbaren Baums, den
man fällt, - nicht die Stimme der Schlange, die man schindet, nicht die eines
vom Manne erkannten, von einem Manne geschiednen Weibes; nicht die Stimme des
neugebornen Kindes ....!«
    »Besinne Dich, Raaf!« unterbrach ihn Ben David sanft: »Ist das Kind nicht
das Bild der Unschuld? Halte Dich am Glauben, und lass uns vertrauen.« -
    Mit vielem Geräusch trat die Wache ein, die ohne Schonung den Greis mit
Stricken band, und ihn neben seinem Sohne durch das wilde Volksgedränge
hindurch, an die Pforte des Römers führte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit
seinen Knechten die Ärmsten erwartete, die er im geheiligten Rathause selbst
nicht abholen durfte.
 
                                    Fussnoten
1 Bezeichnender Name der Christenheit, gleich Edom, Amalek etc.
2 Der lange Tag - Fest der Versöhnung.
3 Der, welcher die Beschneidung verrichtet.
4 Opfer.
 
                                Viertes Kapitel.
                Wo ist das Auge, das schärfer sähe, als das der Liebe? Wo die
                Hand, die kräftiger schirmte, als die des Liebenden? Er hütet
                sein Kleinod mit freudigem Mute, und nimmt es auf mit einer
                Welt, die ihm widerstrebt!
                                                                              W.
Dagobert war noch immer nicht einheimisch in seines Vaters Hause geworden.
Dieter hatte zwar viel von seinem mürrischen Wesen abgelegt, aber seine
Freundlichkeit war Novembersonne. Er schien den Sohn eher zu meiden, als zu
suchen, und der fröhliche Ostersonntag war vor der Türe, ohne dass er seinem
Dagobert nur ein einzigmal gesagt hätte, ob es ihn freue, dass ihn der Papst
freigesprochen, - ob nicht. Der Sohn blieb daher ungern in dem Hause, wo er nur
trübe Gesichter sah, denn auch Margarete war von einer unbeugsamen Schwermut
befallen. Die zwei Tage, die er bei den Eltern zugebracht, waren ihm
schneckenlangsam hingekrochen, und Zerstreuung zu suchen, befahl er seinem
Vollbrecht, - der's vorgezogen hatte, bei dem leutseligen Herrn zu verbleiben, -
die Pferde zu satteln, und einen Lustritt mit ihm zu machen. Der lange Knecht
war's wohl zufrieden, und bald trabten sie im Freien. »Ei, welches ist denn
jenes Gebäude dort an der Anhöhe?« fragte Vollbrecht, da sich zu ihrer Linken
ein Haus zeigte mit einem Türmlein dessen farbig Ziegeldach lustig leuchtete im
Mittagstrahl. Dagobert blickte hin, und hielt sein Ross an. »Sieh doch,« sprach
er: »das ist der Schellenhof, der meinem Vater zusteht. Eine Meierei, auf
welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt. Es ist schon recht lange her,
seit ich das wohnliche Haus zum Letztenmale gesehen, und ich verspüre eine Lust
in mir, die alte Crescentia zu begrüssen, die dort als unsre Schaffnerin haust,
und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch, oder mit saftigen
Kirschen erquickt hat. Da wir eben keinen absonderlichen Zweck vor Augen haben,
dächte ich, wir ritten an den Hof hinan.« - Gesagt, getan. In kurzer Frist
hatten die Pferde den breiten Landweg, der zum Gebäude führte, gemessen, und die
Reiter stiegen an der mit Reben umkränzten Pforte ab. Zwei krummbeinige
Dachshunde, die im warmen Sonnenscheine auf den Stufen lagen, umkreisten bellend
die Pferde, und über die Halbtüre des Hauses lehnte sich ein altes aber
freundliches Gesicht, den Ankömmling mit Vergnügen bewillkommend. »Grüss Dich
Gott, alte Magd!« sprach Dagobert treuherzig, und reichte ihr die Hand: »Sieh,
es freut mich in der Seele, dass ich Dich lebendig und munter antreffe, wie einen
rüstigen Wächter. Kennst Du mich denn noch?« - »Ei, wie sollte ich nicht?«
antwortete die Frau mit vieler Rührung, und die Pforte weit öffnend: »An meinem
alten Körper sind die Augen noch das Beste. Ein Gesicht, wie das Eure vergisst
sich auch nicht so leicht. Tretet ein, lieber Junker Dagobert, tretet nur einen
Augenblick ein in meine Klause.« - Der Jüngling folgte ihr bereitwillig und liess
sich's in dem engen Stüblein gefallen, wo Crescentia mit Schürze und Borstwisch
Ordnung schaffte, den Tisch rein machte, die Katze vom Ofen, die Lieblingshenne
vom Fensterbrett jagte, und einen ledernen Sorgenstuhl herbeischleppte für den
lieben Gast. Dagobert sah sich, der Knabenzeit eingedenk, in dem kleinen Gemache
um, das ihn heimisch ansprach mit Allem, was darinnen stand und lag. Da waren
noch die alten Schränke zu schauen, und der mächtige Tisch mit dem knaufigen
Gestell, und die bunte Truhe, und das Himmelbett mit den blau und weiss
geflammten Vorhängen, und der Weihkessel an der Türe, und das Kruzifix zwischen
den Fenstern, und selbst die Dreikönigskreuze über dem Eingang standen wieder
da, mit Kreide angemalt, wie vor Zeiten. - »Hier war ich glücklich!« sprach
Dagobert, all die veralteten Herrlichkeiten musternd: »Glücklicher als jetzt,
und jene Glückseligkeit verdankte ich Dir, gute Frau.« - »Ei, warum solltet Ihr
denn jetzt nicht eben so viel und doppelt so viel Freude haben, denn sonst?«
fragte Crescentia, ihm gutmütig auf die Hand klopfend: »Ihr verdient's ja,
glücklich zu sein; das sagt mir Euer gesundes und wackres Angesicht, und
gewisslich seid Ihr brav geblieben, wie Ihr's wart. Ach, sagte oft mein Seliger:
wenn ich's nur erleben könnte, den kleinen Junker als unsern Herrn zu sehen.
Sein Vater ist zwar gut, aber zehnmal besser würde der Sohn. Nun freilich,« fuhr
sie fort mit einem Seufzer: »diese Zeit hat mein Alter nicht erlebt; er würde
sie auch nicht erlebt haben, wenn er noch so alt geworden wäre; wir wussten
damals noch nicht, dass Eure Mutter, der Gott gnädig sein wolle, Euch der Kirche
verlobt habe.« - »Gott erhalte Euch meinen Vater noch lange,« erwiederte
Dagobert: »einen bessern Gebieter findest Du schwerlich wieder.« - »Mag sein,«
versetzte Crescentia trocken: »das Bessre, sagt ein Sprichwort kömmt nicht immer
nach. - Eure Schwester, das Fräulein Wallrade, war kürzlich hier.« - »So?«
fragte Dagobert gleichgültig: »Wie kam's, dass sie sich hieher verirrte?« - »Ei,«
fuhr die Schaffnerin fort: »in solchen Angelegenheiten mag sich's wohl der Mühe
verlohnen, auch dem kleinen Schellenhof einen Besuch zu schenken. Das Fräulein
hat alle Baulichkeiten und Ländereien betrachtet, Stall und Garten besichtigt,
und nach allen Einkünften und Zinsen des Guts gefragt. Das ist eine genaue
Herrin, und wird Vieles ändern, wenn sie den Hof antritt.« - »Wallrade?« fragte
Dagobert, mit mehrerer Teilnahme schon: »Wallrade? Ei, wie käme sie dazu?« -
»Sie hat mir versichert,« sprach die Alte, »dass sonder Zweifel die Meierei an
sie fallen würde; und sich überhaupt so herrisch und stolz betragen, als ob Euer
Vater schon auf dem Schragen läge, und sie die einzige Erbin sei.« - »Hm!«
schaltete Dagobert ein: »Nicht übel. Es dürfte aber leicht anders kommen, gute
Crescenz. Lass uns von andern Dingen reden, denn - Du weisst wohl - Geschwister
hören nicht gerne von Geschwistern sprechen. - Ich bin gekommen, Eins mit Dir,
zu plaudern, gute Seele, von Deinen kleinen Sorgen, von Deinem bescheidnen
Wohlstande, von Deinen Leiden und Freuden, mit einem Worte.« - »Ach,« versetzte
die Alte lächelnd: »was soll ich Euch denn sagen, lieber Junker, das Euerm
gelehrten Verstande nicht langweilig vorkommen sollte? Der Leiden habe ich, dem
Himmel sei Dank, nur wenig. Die Vergangenheit hatte mir deren mehr bescheert.
Die wenigen Freuden schaffe ich mir selbst, oder die Jahreszeit bringt sie.
Damals war eine böse Zeit, als mein Wolfram starb. Euer Vater hatte just zum
zweiten Male gefreit, und Eure Stiefmutter war eingezogen in aller Pracht und
Herrlichkeit, aber auch mit allem Übermut einer leichtsinnigen Jugend. Da
sollte Alles neu erstehen und aufgeputzt werden; da war Alles zu alt und zu
verjährt. Das alte Geräte aus dem Hause, und die alten Diener hinterdrein, hiess
es damals. Ich hatte das Unglück, den Groll der schönen Frau auf mich zu ziehen,
weil ich ihr nicht den gehörigen Reverenz erwiesen, da sie den Schellenhof zum
Erstenmal besucht. Aber, Du lieber Gott, - mein Wolfram war gerade gestorben, -
im Hause Alles drunter und drüber; ich fand kaum ein Wort für mich, geschweige
denn für die gestrenge Frau. Sie zürnte deshalb auf mich, und ich war die Erste,
die aus Euers Vaters Dienst entlassen wurde, - eine arme Wittib, ohne Habe, und
Mutter eines noch unerwachsnen Mägdleins. Zudem hatte mein Alter noch Schulden
hinterlassen, die ich nicht tilgen konnte, und schon wollte ich, das Kleid, das
ich auf dem Leibe trug, allein behaltend, meinen Rosenkranz auf meines Mannes
Grab legen1 und dann mit meinem Kinde betteln gehen, als ein Menschenfreund
durch seine unvermutete Hülfe uns von der bittersten Armut rettete. Wir zogen
auf das nahe Dorf, und lebten von der Unterstützung des biedern Helfers. Meiner
Hände Arbeit versorgte den Mund, die Milde jenes Edeln half unsern übrigen
Bedürfnissen ab. Indessen hatte hier ein Gärtner aus Wälschland sein Wesen
getrieben, des Meierhofs Nutzen verkleinert, die Herrschaft betrogen. Durch
unsern Freund kam die Schelmerei an den Tag, durch unsers Freundes Fürbitte
wurde ich wieder hier eingesetzt, nachdem ich sechs Monden lang dies Haus hatte
meiden müssen. Die gestrenge Frau, die ihre Voreiligkeit in ihrer Herzensgüte
gerne wieder verbesserte, hat mich seiter gut behandelt, und vor zwei Jahren
meine Else zu sich als Gürtelmagd genommen. So gut ich meiner Else Arme hier im
Hause hätte brauchen können, so wollte ich doch ihre Dienste einer Gebieterin
nicht weigern, die mit einer alten Frau menschlich umgeht. Von jener Zeit an
lebe ich hier allein und einsam. Der Lenz erfreut mich mit seinen Blumen, der
Sommer mit seinen Garben, im Herbste breche ich die Früchte der Bäume, ...« -
»Und im Winter?« fiel Dagobert ein: »im Winter? Wie steht es da? Nicht dem
Sturme des Nords allein bist Du Preis gegeben, sondern auch dem Mutwillen, der
Raublust böser Gesellen, denen Du in Deiner Einsamkeit nicht widerstehen
könntest.« - »Ei warum denn nicht?« fragte Crescentia lächelnd: »Glaubt ja
nicht, dass ich so ganz Mutterseelen allein sei. Mit nichten. Ein Paar rüstige,
Knechte sind immer hier zur Hand. Nicht beständig bin ich einsam, gerade wie
heute. Heute ist ein besondrer Fall. Meine Leute sind nach der Stadt gelaufen,
weil, wie es heisst, die gefangnen Juden vor Gericht gestellt werden. Ich hätte
nicht selbst das traurige Schauspiel sehen mögen, aber wissen will ich doch, was
an der Sache ist, weil der Eine der Gefangnen mir besonders am Herzen liegt, und
ich mir nicht einbilden kann, was er verbrochen haben soll.« - »Wen meint Ihr
da?« fragte Dagobert aufmerksam. - »I nu, den armen Mann Ben David, der mit
seinem Vater im Gefängnis liegt,« versetzte Crescenz: »und der eben jener
Wohltäter war, welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben
fristete.« - »Ben David, sagt Ihr?« fuhr Dagobert heftig fort: »der Jude Ben
David? Er heute vor Gericht? Er noch nicht frei? und auch Jochai im Kerker? Beim
Himmel! Du weisst nicht, Crescenz, welche Nachricht Du mir mitteiltest. Ich muss
fort, - zur Stelle fort; Vollbrecht! die Pferde vor!« - »Ei, was habt Ihr denn,
mein guter Junker?« rief Crescentia: »So schnell, und auf diese Nachricht hin
wollt Ihr scheiden? Wie ist mir denn? Kennt Ihr den Juden? Habt Ihr schon etwa
vernommen, wessen er beschuldigt?« - Aber ihre Fragen, und ihr Rufen verhallte,
denn schon sass Dagobert zu Ross, schon flog er mit seinem Knechte den Sandweg
hinab zur Heerstrasse, und erreichte in Kurzem die Stadt. Wie im Fluge ging's,
Zwingen und Gassen entlang bis zur Judenstrasse. Hier waren jedoch die Reiter
gezwungen, ihre Pferde zu bändigen, denn die Gasse stand gedrängt voll von
Menschen. Aller Augen auf Ben David's Haus gerichtet, Aller Lippen in unruhig
schwatzender Bewegung. Die Bewohner der Gasse hielten sich in ihren Wohnungen
verkrochen, Wache hatte die Pforte von David's Hause besetzt, aber dennoch
strömten Menschen darin aus und ein, und so eben führte man daraus ein
ohnmächtiges Weib auf die Gasse, in Gewändern, wie sie die Bürgerinnen kleiner
Landstädte zu tragen pflegten. »Das arme Weib!« scholl es teilnehmend aus dem
Munde aller Anwesenden: »Ein, wahres Unglück hat sie just heute zur Stadt
geführt!« - »Was gibt's denn hier?« erkundigte sich Dagobert bei einem Kerl,
der, Langes und Breites erzählend, unter einem Haufen von Handwerksgenossen
stand, deren rotgelbe Jacken die Zunft der Löher verrieten. - »Des Juden
Keller ist durchsucht worden;« erläuterte der Geselle: »ich selbst war unten.
Das getödtete Kind hat man zwar nicht gefunden - die Buben haben's in den Main
geworfen, - aber viel andres Zeug, das wohl bewährt, welch ein Handwerk die
Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben.«
    »Was denn« fragten die neugierigen Zuhörer. - »Kleidungsstücke mit Blut
befleckt,« fuhr der Erzähler fort: »Lumpen sowohl als Staatsgewänder, einige
Kostbarkeiten, - lauter gestohlnes Gut, und endlich eine Kette mit blutroten
Steinen, kenntlich für den Eigentümer durch die Steine selbst und die Arbeit
des Silberschmids. Der Schmuck hat auch schon seinen Eigentümer gefunden. Das
arme Weib, das dort ohnmächtig liegt und just gelabt wird, hat ihn erkannt.«
»Erkannt?« rief der Hause. - »Jeder von Euch,« sprach der Löher weiter, »hat ja
wohl einmal von dem schönen Evchen von Berger gehört? Weit und breit war das
wunderholde Kind berühmt. Weit und breit wurde Hermann, der junge Metzger aus
Friedberg beneidet, da er endlich das schmucke Mädel heimführte. Nun, schaut hin
auf das arme Weibsbild, ob man eine Spur der ehemaligen Schönheit auf ihrem
Gesicht erkennt; und doch ist sie's. Ihr Mann aber wurde erschlagen, da er mit
der Ausstattung seiner jungen Frau nach Friedberg fuhr, und die Halskette mit
den blutroten Steinen, ein Erbteil von Evchens Grossmutter hat einen Teil der
Mitgabe ausgemacht, und sich so eben in dem Keller des verfluchten Juden
gefunden.« - »Das ist nicht wahr!« donnerte dem Erzähler Dagobert zu, während
die Umstehenden sich bekreuzten. Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an. -
»Nu, wenn Ihrs besser wisst, Herr,« antwortete er flämisch, »so hättet Ihr den
wackern Leuten hier das Ding erzählen sollen.« Dagobert wollte mit dem Ross auf
den Lümmel einsprengen, aber Vollbrecht war diesmal der Besonnenere, und riss den
Herrn zurück. »Bedenkt doch die Uebermacht!« flüsterte er dem Heftigen zu, »und
lasse uns förder ziehen.« - »Nimmermehr!« erwiederte Dagobert: »sehen muss ich,
welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt!« - Die Flut des Volks wälzte sich
gerade mit aller Macht gegen Ben-David's Türe; denn die Gefangenen wurden eben
herausgebracht. Der Oberstrichter, erhitzt von Eifer und Zorn ging voraus; ihm
folgten Knechte mit Körben und Bündeln, die das Gefundene fortschleppten;
hierauf erschien Zodick mit siegreicher Miene, und lange nach ihm die Gebundenen
selbst, von Soldknechten umringt. Nachrichter und Gesellen folgten erst weit
hintendrein, denn der Oberstrichter hatte dennoch für gut befunden, sie nur als
schreckende, nicht dienende Leute mit zu führen. Beim Erscheinen der sogenannten
Verbrecher entfaltete das Volk wieder all seine Rohheit, denn es schämte sich
nicht, aus vollem Halse das Lied anzustimmen, das in der Rumpelwoche in den
Kirchen gesungen wurde, begleitet vom einem tobenden Lärm ungezogener
Handwerksgesellen und Strassenbuben: »Ach, Du armer Judas! Was hast Du getan?
Weiss ich doch sonst was, das geht Dich auch an. Ach, du armer Judas! Was hast Du
getan!« - Unter diesem Geheule, dem der blutdürstigen Wölfe zu vergleichen,
fiel ein neuer Austritt vor herzzerreissender als der, den das schöne Evchen
gegeben hatte, und schmerzlich im höchsten Grade für Dagobert. Eine Dirne
stürzte herbei, mit aufgelöstem Haare, bleich wie der Tod, aber bildschön im
höchsten Kummer selbst; Ester, die verzweifelnde Ester, die herzueilte, jetzt
erst von dem schrecklichen Gange unterrichtet, den ihr Vater tun musste, welchen
bisher zu sehen, ihr nicht vergönnt gewesen. Zu seinen Füssen drängte sie sich
durch, seine Hände drückte sie mit Inbrunst an's Herz, die ihrigen streckte sie
nach Jochai aus, - aber wilde Gewalt stiess sie von ihren Lieben zurück.
Vergebens jammerte, vergebens flehte sie, vergebens bot sie, was sie von Wert
bei sich trug, für die Gnade, ein paar Augenblicke lang sich mit dem
Unglücklichen zu letzen ..... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der
Wächter, und da endlich diese Letztern es nicht ferner über sich gewinnen
konnten, die rührende Schönheit unbarmherzig mit ihren Waffen zurückzuweisen, so
kam eilfertig der Stöcker herbei, um zu tun, was dem Krieger wiederstrebte.
Aber, so wie er die Arme ausstreckte, um Ester zu ergreifen, fühlte er einen so
heftigen Schlag im Genicke, dass ihm die Lust verging, weiter vorzudringen. -
»Gott verdamme Dich, ungehobelter Gesell!« rief dem bestürzt zurückschauenden
Dagobert in's Ohr, welcher die Peitsche schwang, um nötigenfalls seine kräftige
Zurechtweisung zu wiederholen: »So Du noch einmal Dich unterfängst, die Dirne
hier durch Deine schändliche Berührung unehrlich machen zu wollen, so breche ich
Dir den Hals!« - Der Nachrichter schrie nach Hülfe. Das Volk lachte den
Verhassten aus, und höhnte ihn. Da kehrte der Oberstrichter zurück. »Was gibts
da?« herrschte er: »Wer nimmt Partie für die Jüdin?« »Ich Herr,« entgegnete ihm
Dagobert trotzig: »Ich Dagobert Frosch, des Schöffen und Altbürgers Sohn.« -
»Schande für Euch!« eiferte der Oberstrichter: »Stöcker! schafft das freche
Geschöpf weg!« - »Dem Schurken kostets die Ohren!« versetzte Dagobert, seinen
Dolch ergreifend: »Er wage es nicht. Schande ist's für Euch, edler Herr, solche
Gesellen in Eurem Gefolge zu führen. Den Verdammten ergreife der Henker, - den
Unschuldigen nicht.« - »Die Jüdin gehört mein!« liess sich der Stöcker vernehmen:
»Sie hat dem Gebot zuwider gehandelt, und ist auf die Gasse gelaufen ohne
Schleier und Judenzeichen. Das Halseisen gebührt ihr, und mein gehören ihre
Haarflechten, so sie dieselbe nicht mit Geld lösen mag.« - »Der Teufel auf
Deinen eignen geschornen Schädel gehört Dir, Galgenrabe!« zürnte Dagobert dem
Burschen entgegen: »Soll die Dirne deshalb büssen, dass sie in ihres Herzens Angst
Euer Verbot vergessen?« - »Sie ist eine schlechte Jüdin!« rief der
Oberstrichter. - »Ein Jude ist auch ein Mensch!« antwortete ihm Dagobert
zorniger denn zuvor: »Und kurz und gut, Ihr lasst sammt Euern Helfershelfern das
Mädel in Frieden, oder ich will Euch zeigen, wie man mit Hunden umgeht!« - Der
Stöcker entwich bei der furchtbaren Bewegung, die der Jüngling gegen ihn machte.
Aber zu gleicher Zeit rissen auf einen Wink des Richters, die Knechte, die
Gefangenen von dannen, welche indessen Musse gehabt hatten, einige Worte mit
Ester zu wechseln. Diese Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pöbels zu
retten, der nur des Richters Entfernung erwartete, um an der Ärmsten seine rohe
Willkür zu üben, war Dagoberts Bestreben von nun an. »Komm Dirne, mit mir!« rief
er dem Mädchen zu: »ich führe Dich in's Freie!« - Dankend näherte sich ihm
Ester, von Tränen überströmt. Der Oberstrichter lachte höhnisch auf. - »Ein
wackres Ritterstücklein!« versetzte er: »Werd's zu rühmen wissen, und Euch
deshalb beloben!« »wie's Euch beliebt!« rief dem Scheidenden Dieter's Sohn
nach: »Wir sprechen uns wohl noch anderswo, Herr Oberstrichter!« - Der Letztere
warf ein kurzes: »Ich denk's!« zurück, und ging trutziglich davon. »Fass meinen
Steigbügel an!« sprach hierauf Dagobert zu der zitternden Ester, um die sich
der Pöbel brausend drängte, im Begriff seinen Schmähungen Luft zu machen: »Halte
Dich fest; und Du, Vollbrecht, reite auf des Mägdleins anderer Seite. Ihr aber,
Gesindel, bleibt zurück, oder wahrt Eure Köpfe!« - Nach dieser Warnung ging es
so schnell davon, als die zwischen den Pferden gehende Ester Schritt zu halten
vermochte. Bis an den Ausgang der Strasse wogte die Menschenmasse nach; da
indessen einige wohl angebrachte Peitschenhiebe ihres Zwecks nicht verfehlten,
und die Unbändigsten des Pöbels in ihre Schranken wiesen, blieben die Uebrigen
zurück, und bloss mehrere Steinwürfe, die nicht trafen, gaben das letzte Zeugnis
von der ohnmächtigen Wut des Volks. »Wohin soll ich Dich bringen?« fragte
Dagobert, um die verwunderten Gaffer an den Haustüren unbekümmert: »Ester,
sprich! Wo hausest Du denn Mädchen?« - »Vor die Stadt bringt mich, edler Herr!«
seufzte Ester: »Vor die Stadt nur geleitet mich.« - »So lass den garstigen
Steigbügel fahren,« erwiederte Dagobert: »und ergreife die Quaste meiner
Satteldecke« - Dies geschah; ehe jedoch noch des Zwingers Graben erreicht war,
ruhte Esters Hand schon in der Rechten Dagoberts. Vor dem Tore, zu welchem
kurz zuvor der Jüngling herein geritten, sass er ab, und sprach zu Ester: »Nun
sage an, mein Kind, wohin Du Deine Schritte zu lenken gedenkst? Warum entfliehst
Du den Ringmauern der Stadt? Hast Du kein sicheres Obdach in derselben?« -
Wehmütig schüttelte Ester, das von Perlen der Kindesliebe geschmückte Haupt. -
»Ei, so sage doch, um Gott, wo Du weiltest in den verflossenen Tagen?« fuhr
Dagobert betroffen fort: »Ich wähnte Dich in Deines Grossvaters Haus und Armen.
Sprich doch, Du armes Mägdlein, sprich.« - »Jochai liegt im Gefängnis, gleich
meinem Vater;« antwortete Ester schluchzend: »An die Türen unsrer Nachbarn und
Glaubensfreunde wandte ich mich; aber von allen wies man die Tochter, der als
Verbrecher gehaltenen Leute zurück. Als ob mich die Schule in Bann getan,
flohen mich alle Bekannte, und nur bei dem Judenarzt Joseph fand ich eine
Aufnahme, nach langem, langem Bedenken von seiner Seite; nach vielem Einreden
seines Weibes.« - »O Du bemitleidenswertes Geschöpf!« sprach hier Dagobert
teilnehmend, und schmeichelnd ihre Hand fassend: »dass Du gezungen wurdest, bei
dem hoffärtigen Manne Brod und Wohnstätte zu begehren! Dass ich Dich schonungslos
solchem Zufall überliess! Wie aber wurdest Du von ihm gehalten? Warum kehrst Du
nicht zu ihm zurück?« - »Erlaubt mir, davon zu schweigen!« bat Ester mit
niedergeschlagenen Augen und geschämiger Wange. - »Nein, Ester;« fuhr der
heftige Jüngling fort: »Wissen muss ich's, Du darfst mir's nicht verschweigen!« -
»Dass er mich gleich einer dienenden Magd behandelte,« sagte Ester zögernd und
oft innehaltend, - »hatte ich ihm gern verziehen; die Hülflosigkeit muss ja immer
Sklavendienste leisten; - aber, - dass er eines schändlichen Handels Hoffnung auf
meinen Kummer, auf meine Liebe zum Vater baute, ..... das kann ich ihm kaum
vergeben, und nimmer kehre ich darum zurück zu dem abscheulichen Mann.«
    »Von welchem Handel sprichst Du?« fragte der Jüngling bebend: ..... »rede,
mein Kind, ich muss es erfahren; .... hörst Du? .... ich muss.« - »Dem Schulteiss
wollte er mich verkaufen,« antwortete Ester, ihr Antlitz mit den Händen
verbergend: »ich sollte für meines Vaters leichtere Haft einen Preis zahlen, den
.... ach; erlasst mir das Übrige.« - »Schurke!« knirschte Dagobert. - »Ich
widerstand;« sprach Ester weiter: »ich zürnte dem Unholde; da entdeckte er mir
schonungslos, was mein Vater verbrochen haben soll, und dass er gerade jetzo zum
Hause seiner Väter geschleppt worden sei. Halb gekleidet, wie ich war, heulend
vor Schmerz und Angst enteilte ich dem Hause Josephs, fest entschlossen, nimmer
dessen Schwelle wieder zu betreten.«
    »Da sei Gott vor!« entgegnete Dagobert, mit der Faust gegen die Stadt
drohend: »Dem hageprunkenden Fettwanst will ich's gedenken, sollte er mir einst
unter die Augen kommen. Wo aber, wo, mein gutes Dirnlein, wo gedenkst Du hin? Wo
leben die Freunde, wo Verwandte, die Dein Schicksal beweinen?« - »Ach, nirgends,
Herr;« klagte die Verlassene: »ich habe Niemand, den eine Pflicht verbände, mir
zu helfen. Hingehen will ich aber auf irgend ein Dorf, und in einem Stalle mich
betten, und täglich nach der Stadt ziehen, und täglich zu den Füssen der Wächter
meines Vaters um die Gnade betteln, ihn sehen zu dürfen in seiner
Gefangenschaft. Vielleicht wird einmal doch meine Bitte erhört, - vielleicht
gewährt man mir endlich die grössere, im Kerker zu bleiben, bei ihm, dem meine
Sorgfalt, mein Leben gehört.« - »Ester! Mädchen!« sprach Dagobert bekümmert:
»Betrübe mich nicht also, und handle nicht wie eine Mörderin an Dir selbst! Du
solltest eine Beute des rohen Bauernvolkes werden; - am Ende dennoch durch Deine
unablässigen Bitten und Versuche in die Hände des saubern Gelichters geraten,
denen ich Dich so eben entrissen? Wahrlich; das gebe ich nicht zu.« - Vollbrecht
gaffte mit offnem Munde dem seltnen Auftritt zu; Dagobert, der es jedoch
bemerkte, gab ihm den Befehl, die Rosse heimzuführen. Obwohl ungern, jedoch vom
Gefühl des Gehorsams beseelt, tat Vollbrecht, wie ihm geheissen. - Da er sich
entfernt hatte, bog Dagobert, im Gespräch mit Ester, in den Sandweg ein, den er
kurz vorher beritten. - »Du musst mir eine Liebe tun,« sagte er zu Ester, die
in stiller Erwartung neben ihm ging. - »Welche? mein guter Herr?« fragte sie,
die sanftleuchtenden Augen zu ihm erhebend: »Sprecht. Nach dem Vater gehöre ich
Euch allein.« - »Ich habe Dich sonder Gefährde hieher geleitet von Costnitz,«
sprach Dagobert weiter; »Dich unter Wegs gehalten wie ein ehrlich Frauenbild,
und mich wie einen ehrlichen Gesellen.« - »Das weiss der Himmel!« beteuerte
Ester mit dankbarer Neigung: »Einer ehrsamen Bürgerin gleich habt Ihr mich
gehalten, und nicht wie eine schlechte Jüdin. Das vergelte Euch der hochgelobte
Gott, der es auch gnädig mit ansieht, wie Ihr also wandelt mit mir im Freien,
ohne Schaam und Scheu, - mit mir, der von aller Welt Verstossenen.« - »Wolltest
Du mir wohl ferner vertrauen?« fragte Dagobert mit weicher Stimme. - »Bis an's
Ende, Herr, unwandelbar;« antwortete Ester. - »Deine Habe hast Du mir bereits
vertraut, da wir schieden;« sagte Dagobert ferner: »Herzog Friedrichs Brief habe
ich in Händen, und werde Dir einst Rechnung davon stellen; aber nun sollst Du
Dich selbst mir anvertrauen.« - »Gerne, Herr!« versetzte das Mägdlein ohne
Säumen. - »So nimm eine Herberge an von mir;« sprach der Jüngling, den ruhigen
Blick auf sie heftend. - »Eine Herberge, Herr?« fragte sie staunend: »Bei Euch?
das ziemt sich nicht.« - »Nein, wahrlich;« lächelte der Junker: »bei mir? das
würde sich freilich nicht ziemen. Aber in einem Hause, dem eine wackre Freundin
vorsteht ... was meinst Du dazu?« - »Ohne Bedenken;« antwortete Ester mit
frohem Danke: »Wohin Ihr mich führt, darf ich gehen.« - »Auf die Gefahr, dass ich
des Schulteissen Vorliebe für hübsche Dirnen teilte?« fragte Dagobert mit
Laune. Ester sah ihn ernst an, schüttelte lächelnd den Kopf, und sprach:
»Verkleinert Euch doch nicht selbst; im Scherze nicht einmal. Woran soll man
erkennen den Mann, wann er sich selbst den bösen Leumund anhängt?« - »An seinen
Handlungen, treffliche Dirne!« antwortete Dagobert rasch, indem er unwillkürlich
ihr die Hand drückte: »Und nun, komme mit mir zum Schellenhofe. Die alte
Crescenz will mir wohl und Dein Vater steht bei ihr nach dem Heilande in den
grössten Ehren. Dort, mein armes Kind, dort wirst Du sicher sein.«
 
                                    Fussnoten
1 Gesetzlicher Gebrauch, sobald die Wittib ihres Mannes Schulden nicht bezahlen
konnte. Nach geleistetem Eide sie durch obige Handlung aller Verbindlichkeit
quitt.
 
                                Fünftes Kapitel.
 Eia, Eia!
 Ostern ist da!
 Fasten ist vorüber,
 Das ist mir lieber;
 Eier und Wecken
 Viel besser schmecken!
 Eia, Eia!
 Ostern ist da!
                                                Altd. Kinderlied zum Osterfeste.
Der Heilige Ostertag hatte sich einen schönen Schmuck von Sonnenschein und Wärme
angelegt, allein an dem Abend desselben war glänzendere Helle, wenn gleich nur
von Kerzenlicht, und eine viel angenehmere Wärme in den Stuben des adelichen
Gesellenhauses Limpurg zu finden. Die Gemächer waren geschmückt wie zu einer
Hochzeit. Bunte Vorhänge waren an den Fenstern aufgemacht, allentalben
vielarmige Wand- und Deckenleuchter angebracht, und der Fussboden entweder mit
gewürkten Teppichen belegt, oder mit weiss und rotem Sand bestreut, den man in
allerlei seltsamen Figuren aufgeschüttet hatte. Auch die Tafel, an welcher heute
recht viele der edeln Gesellen sammt ihren Frauen und Töchtern und Schwestern
das abendliche Ostermahl begehen wollten, war herrlich hergerichtet in dem
Saale, welcher der Schauplatz der Schmäuse und Geschlechtertänze zu sein
pflegte. Blendendweisse Tischtücher mit buntem Rande, die Ecken in zierliche
Knoten geschlungen, bedeckten die Tafel, mit schimmerndem Gerät versehen, so
wie der gegenüberstehende Kredenztisch mit prächtigen Gefässen besetzt war. Die
Becher der Gäste waren schon bekränzt mit den zum Fest gehörigen Maaslieben oder
Osterblümchen, und voll angehäuften Zinnschüsseln mit bemalten Ostereiern
standen hin und wieder auf Tisch und Schrein aufgepflanzt, um den hin und her
wandelnden Herren und Frauen als eine kleine Ergötzlichkeit des Gaumens zu
dienen, bis das Zeichen zum Mahle gegeben sein würde. Der grössere Teil der
ungemein ansehnlichen Zahl von anwesenden Stubengenossen war im grossen
Vorgemache versammelt, um den mächtigen Ofen, dessen Flächen mit dem in Farben
ausgeführten Wappen der Vaterstadt geschmückt waren, so wie die Wände umher mit
der langen Reihe von Limpurgs Geschlechterwappen, mit den auf grossen
Pergamenttafeln geschriebnen Ordnungen der Ttrinkstube, dem bedeutenden
Namens-Verzeichnis von Meistern und Gesellen, und den Panieren der Gesellschaft.
Plaudernd und schäckernd unterhielten sich die geputzten Gäste von dem, was der
Tag gerade gebracht hatte. Die jüngern Anwesenden sprachen von Scherz und Liebe,
zeigten sich gegenseitig die prachtvollen Ostereier, die sie empfangen, gesandt
in zierlichen Körben, oder auf seidnen und duftenden Kissen, und mit den
niedlichsten Sprüchen bemalt. Der zärtliche Freier benutzte das Dämmerdunkel des
Ofenschattens, um der Geliebten das Geschenk wieder zum Geschenke zu machen, und
einen süssen Blick dafür zu erhalten. Gespielinnen und Freunde bekränzten sich
gegenseitig mit den Blumen, in welchen die Ostergeschenke gelegen, und mancher
zärtliche Reimspruch ging von Munde zu Munde. Während dessen redeten die jungen
Frauen von der Herrlichkeit der bevorstehenden Frühlingsfeste, die ältern von
dem Barfüsser, der heute das wirksamste und ergötzlichste Ostergelächter erdacht,
von der Deutschherrenkirche, in welcher das ansehnlichste Osterlicht zu schauen
gewesen, und von dem Bäcker, der die schmackhaftesten Fladen zum Feste
geliefert. Unter den Männern ging hingegen vom Wechsel und Gewerbe die Sprache,
von Gerichten, Fehden und dem Concilium. Trotz diesen ganz verschiednen
Redestoffen stand dennoch die Menge beisammen auf einem Knaul, als ob das
Gespräch nur einen und denselben Gegendstand beträfe; zwei Herren allein hatten
sich von der Versammlung abseits gezogen, und besprachen sich eifrig in einer
Ecke des Gemachs: der Schulteiss und der Oberstrichter. - »Ihr würdet mich zur
ewigen Dankbarkeit verpflichten,« sagte der Letztere, das Gespräch zu Ende
leitend, »wenn Ihr dem Jungen irgend einen Denkzettel anhängen wolltet. Ihr
findet eher die Gelegenhenheit hiezu, denn ich. Mir dürfte er schwerlich in's
Gehege kommen.« - »Ich denke, mir ist er schon in's Gehege geraten;« entgegnete
der Schulteiss finster: »seid unbesorgt, ehrbarer Herr; was man sucht, findet
sich wohl; ich bin vielleicht sogar bald im Stande, Euch über wichtigere Dinge
Aufschluss zu geben, denn ich vermute nicht mit Ungrund, dass in jenem Hause
gewisse Verhältnisse obwalten, die bis jetzt gut getan haben, sich mit dem
Schleier des Geheimnisses zu verhüllen.« - »Meint Ihr, gestrenger Herr?« fragte
der Oberstrichter schnell: »Das wäre Wasser auf meine Mühle, und wenn die Dinge
von der Art wären, mein Amt zu beschäftigen, .... um desto besser.« - »Ich
verspreche noch nichts;« antwortete der Schulteiss einlenkend: »ich weiss von
nichts. Die Zeit wird lehren, wie ich mich zu verhalten haben werde.« - Der
Andre bückte sich mit der Freundlichkeit, die willig vor dem Mächtigern
verstummt, und ihre Neugier in den Zaum nimmt. Das Stubenmeisteramt, das der
Schulteiss bekleidete, machte ihm die nächsten Anordnungen der Tafel zur
Pflicht, und als Alles besorgt war, und er schon mit dem silbernen Stabe in das
Gemach schreiten wollte, um der harrenden Gesellschaft das Zeichen zum Mahle zu
geben, kam ihm der Altbürger Dieter Frosch hastig entgegen und zog ihn in das
Tafelzimmer zurück. - Der Schulteiss errötete leicht bei diesem unverhofften
Zusammentreffen, fasste sich jedoch bald wieder, und sprach: »Willkommen, mein
wackrer Schöff! Sehnlichst haben wir Eurer gewartet. Und Eure Ehefrau .... Ihr
habt sie doch mit Euch gebracht, darf ich hoffen?« - »Mit nichten, Herr;«
versetzte Dieter: »Doch zweierlei Botschaft bringe ich, die Frau Margareten
angeht, und von der ich auch reden muss, ehe Ihr zu Tische sitzt. Ihr habt
neulich eine Rose in meinem Hause zurückgelassen, .. ein feines Kleinod, und
viel zu kostbar für meine Wirtin, die es Euch durch mich zurückstellen lässt.
Ferner habt Ihr die Güte gehabt, heute Morgen Euern Buben in mein Haus zu
senden, der ein blankes Körblein trug, mit diesem silbernen Granatapfel,
angefüllt von wohlriechender Essenz, und verziert mit einem Minnespruch. Der
alte Dieter, der, wie alle Sechziger, wenig schläft, und früh das Lager
verlässt, fand den Buben, der an Frau Margaretens Türe harrte, und nahm ihm das
zarte Geschenk ab. Er bringt Euch nun Beides wieder: die Rose von Gold, den
Apfel von Silber, mit der Bitte, seinen kleinen Hausstand mit solcher
Freigebigkeit ferner nicht zu beschämen. Sein Haus war stets ein Wohnsitz der
Zucht und Ehrbarkeit, und wird und soll es ferner bleiben, wozu Gott helfe!« -
    Der Schulteiss, der schon vorausgesehen, was des Alten grämliche Miene
verkündete, nahm heftig die Kleinodien aus Dieter's Hand, und sagte halblaut zu
dem Schöffen: »Ihr habt recht gut die Zeit gewählt, mich zu beleidigen, denn
rings um uns wandeln Leute hin und her, die mit ihren Falkenblicken in Eurem
zornigen Antlitz zu lesen verstehen. Ihr mögt indessen Eurem Ehgemahl berichten,
dass Versehen und Irrtum nur dies Geschenke, für andre, geschätzte Freundinnen
bestimmt, in ihren Bereich gebracht, und dass ich mich zu hoch dünke, an dem
Honig zu naschen, in welchem ein alterschwacher Tor, und ein lasterhafter
Stiefsohn geschwelgt.« - »Seid übrigens versöhnt, guter Schöffe,« setzte er mit
dem freundlichsten Lächeln hinzu, um die neugierigen Gaffer irre zu führen, -
»dass ich Euch den heutigen Abend nach Kräften gedenken werde.« - Diese Worte,
mit welchen der Ritter dem Altbürger den Rücken kehrte, demütigten Margaretens
Gatten um so empfindlicher, je stolzer er in dem Gefühle seines Rechts und des
vom Schulteissen beabsichtigten Unrechts gewesen war. Dürr ausgesprochen,
schonungslos herausgesagt, hatte er nur den Verdacht gehört, den er schon längst
im stillen Herzen bewahrt, und von Empörung und Schaam zugleich bedrängt, wollte
er die Trinkstube verlassen, als der Schulteiss an der Spitze der
Paarweisgehenden Gäste wieder eintrat, und ihn so vertraulich unter dem Arme
nahm, als wäre niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen. - »Biedrer und ehrsamer
Freund,« sprach der gestrenge Herr mit lauter Stimme und freundlicher Geberde,
dass alle Umstehende seine Worte vernehmen mussten: »es ist schon lange her, seit
Euer Unfall Euch hinderte an unserm geselligen Mahle Teil zu nehmen. Da Ihr nun
gewissermassen heute auch das Fest der Auferstehung feiert, so beliebe es Euch,
hier zwischen den Stühlen der Stubenmeister, und an meiner Seite Platz zu
nehmen. Wir haben oft zusammengesessen im Rate, zusammen gestritten im Felde;
lasst uns nach geraumer Zeit wieder zusammen tafeln.« - Ehe noch der greise
Dieter ein Wort des Widerstrebens zu finden vermochte, hatten ihn schon die
übrigen Stubenmeister zu einem Sessel geführt, und ihn mit freundschaftlicher
Gewalt genötigt, sich darauf niederzulassen. Die übrigen Tafelgenossen reihten
sich nach Rang und Würden um den Tisch, und hinter den Stühlen der Frauen und
Töchter sammelten sich die jungen Männer, die entweder zu spät gekommen waren,
um einen Sitz zu finden, oder deren Lebhaftigkeit es vorzog, sich an keinen Ort
binden zu lassen. Sie stellten sich entweder gleich wie Edelknechte, bereit, auf
den ersten Wink der Dame von dannen zu fliegen, und auszurichten, was sie
befohlen, oder sie kauerten und knieten nieder auf gepolsterten Schemeln, um
ihren Bräuten, Liebchen oder Freundinnen kurzweilige Reden und zärtlich
Geflüster in die Ohren zu wispern. Nach und nach sammelte sich jedoch der grosse
Schwarm um das untere Ende der Tafel, wo ein junger Mann in feiner Kleidung das
Wort führte, und allerlei lustige Sprüche und Fündlein an die Reihe kommen liess.
Der fröhliche Erzähler war Dagobert, der erst vor Kurzem eingetreten und seinen
Standpunkt hinter dem Lehnstuhle der Frau von Dürningen genommen, einer
Adelichen aus der Gegend von Friedberg, die, nur zum Besuch, über das Fest nach
Frankreich gekommen war. Mit ihr, der freundlich und gemütlich gestimmten
Wittib in dem besten Alter, und mit ihrer Tochter, einem gar muntern und
lieblichen Mägdlein von vierzehn Jahren höchstens, beschäftigte sich Dagobert
vorzüglich, da, den trocknen Vetter der Dame ausgenommen, beinahe niemand der
Anwesenden ein Wort an die Fremden richtete. Die Mutter wusste den Liebesdienst
des ehrlichen Junkers zu schätzen, und hörte seinem Gespräche gern zu; mit
grössrer Teilnahme jedoch die holde Regina, welche den hellen Blick kaum von des
angenehmen Gesellschafters Lippen verwendete, lächelnd seinen Worten mit dem
lauschenden Ohre folgte, und züchtig errötete, so oft seine Augen auf ihrem
Antlitz verweilten. Der schelmische Jüngling schien es nicht zu bemerken, und
machte sich ein Vergnügen daraus, seine Scherze fast immer an das Mädchen selbst
zu richten, und dadurch die umstehenden Junggesellen schier eifersüchtig zu
machen. »Vergönnt mir,« sprach er unter anderm: »vergönnt mir Euer Ritter zu
sein, holde Jungfrau aus der Fremde! Nennt mir Eure Farbe, damit ich sie trage
zum Zeichen, dass ich der Eurige bin.« - »Unsers Wappens Farbe ist blau und
Silber und grün,« erwiederte das Mädchen unbefangen: »ich selbst jedoch, nicht
wahr, Mutter? ich habe noch keine Farbe, mit der ich Euch zieren könnte.« - Die
Mutter nickte lächelnd. »Das ist schlimm!« scherzte Dagobert: »So werdet Ihr mir
mindestens erlauben, Euch dies Osterei zu überreichen, mit dem Spruch, den ich
mir dabei denke?« - »Und dieser ist?« fragte Regina neugierig. - »Er lautet ganz
einfach;« versetzte Dagobert: »Ich wünsche, Liebchen, froh und frei, mich Dir,
Dich mir zum Osterei.« »Ei wie schön!« rief Regina, von einer strahlenden Röte
übergossen; die Mutter streichelte ihr aber die glühende Stirn und das goldne
gescheitelte Haar, und sagte mit scherzhaftem Vorwurf: »Nicht doch, junger Herr!
Euer höfelndes Gerede macht die Dirne eitel.« - »Warum sollte sie auch nicht
eitel sein?« fragte Dagobert lustig entgegen: »Hat sie doch schon in der Taufe
die Vollmacht und das Recht erhalten, eitel und stolz herabzusehen auf uns
Übrige? Was bedeutet denn Regina anders als eine Königin? Und wenn diese kleine
Königin bestimmt ist, Hunderte zu beherrschen durch die Macht ihrer
Holdseligkeit, .. warum nicht auch mein Herz, eines der Empfänglichsten?« -
    »Diese glatten Reden voll Mutwillen passen wenig zu dem geistlichen Stande,
dem Ihr bestimmt seid, junger Herr!« warf der Vetter der Frau von Dürningen, ein
hagrer, aller Lust feindseliger Patrizier von steifsten Schrot und Korn ein.
Dieter's Sohn schaute ihn gross an, und erwiederte: »Lieber Herr, das mache ich
mit meinem Gewissen aus. Wollt mir das gütig erlauben. Habt Ihr mir keinen
Spruch entgegen zu schenken?« fuhr er fort, sich lächelnd an Reginen wendend. »O
ja,« entgegnete die Dirne geschwätzig: »hört nur zu, ob ich mich recht darauf
besinne; ich, Du, das Ei, das sind unser drei. Teilen wir das Ei, bleiben unser
zwei.« - Das Mädchen schwieg, als ob der Spruch zu Ende sei. Dagobert lachte.
»Man kann den überlästigsten Freier nicht besser abfertigen!« beteuerte er:
»Ihr habt aber den Schluss des Reims vergessen, schöne Maid. Er schliesst also:
Einen wie uns zwei, bleibts bei Einerlei. Oder nicht?« - »Bleibts bei Einerlei!«
wiederholte halb ernstlich, halb schalkhaft das Fräulein mit einer lustigen
Verneigung, und ein fröhlich Gelächter erscholl aus dem Munde der Umstehenden,
während des Oberstrichters Sohn, der ausschweifende Jungherr Schweikard, der
nach dem eiteln Ruhme geizte, überall der einzig gefeierte Lustigmacher zu sein,
mit missmutiger Geberde dem Beifall entfloh, der einem andern zu Teile wurde,
und seinem Vater einige Worte in's Ohr raunte. Dieser nickte beifällig, und
wandte sich heimlich flüsternd an den unsern sitzenden Schulteiss. Die Beiden
wechselten viele und schnelle Worte, mit drohenden Blicken bald auf den, jetzt
erst bemerkten Dagobert hinzielend, bald auf dessen Vater, der schon längst wie
auf Kohlen neben dem Schulteiss sass, aber der Schicklichkeit halber, dem
Bürgermeister, der auf der andern Seite sein Nachbar war, und ihn in Fluten von
Erzählungen längst vergessner Begebenheiten vertiefte, zuhören musste. Dem
Altbürger war es klar, dass der Schulteiss mit seiner überraschenden
Freundlichkeit und vorhergegangnen Schimpf, nur bezwecke, vor der Gesellschaft
den Zwist sammt dessen Ursache zu verbergen, oder ihm eine noch empfindlichere
Beleidigung zufügen zu können. Daher konnte ihm kein Bissen schmecken, kein
Tropfen munden, und ihm war es sehr willkommen, als der Stubendiener ihn
benachrichtigte, im Vorgemach harre ein Knecht, der ihm Wichtiges zu verkünden
habe. Er stand schnell auf; indessen erschien aber auch bereits der Hausmeister
und rief mit vollen Backen; »Ihr werdet Euch wundern, ehrsamer Herr Frosch. Das
Unglück .... mir selbst zittern alle Glieder!« - »Nun, was gibt's?« fragte der
Schulteiss mit schadenfroher Ahnung, während der Bürgermeister den erschrocknen
Dieter wieder auf den Stuhl niederzog. - »Eure Tochter, das tugendbelobte
Fräulein Wallrade« .... - stammelte der Schwätzer ferner.
    »Meine Tochter?« entgegnete Dieter mit erlöschender Stimme. - »Sie ist in's
Unglück geraten, da sie eine Stunde Feldwegs von Wiesbaden gekommen!« platzte
der Hausmeister heraus: »Die Herren vom Stegreif, welche dort und hier die
Landstrassen unsicher machen, haben sie aufgefangen, und, Gott weiss in welches
ihrer Raubnester gebracht. Erst gestern wurden ihre Leute freigelassen und mit
verbundnen Augen in der Nacht an einem Kreuzwege ausgesetzt, wenig Stunden von
hier, unfern auch von dem Gebirge. Knecht und Zofe haben die erschreckliche
Kunde mitgebracht, und Eure Hausfrau fordert Eure Heimkehr, Herr!« - »Gleich,
gleich,« stotterte Dieter halb ausser sich, und nach Mantel und Piret rufend,
welches ihm der Stubendiener zögernd und faul herbeibrachte. Indessen ging die
Nachricht schnell um die ganze Tafel, und Dagobert sprang ebenfalls auf, um dem
Vater zu folgen, der sich gerade der Türe näherte, als der Schulteiss zu dem
Bürgermeister laut genug sagte: »Wie könnt Ihr nur eine Frage verschwenden nach
dem Täter, wohlweiser Herr? Wie die Sachen in jenem Hause stehen, ist mir nicht
fremd. Man muss wissen, dass die Stiefmutter und der eigne Bruder die arme
Schwester stets verfolgten, und dass der Erstern leiblicher Bruder ein
weitberüchtiger Buschklepper ist, der im Stadtbann wie im Kirchenbann liegt, um
den ganzen Handel begreifen zu können.« - Dieter horchte hoch auf; schleuderte
dann einen vernichtenden Blick auf seinen Sohn, und rannte ungestüm aus der
Türe. Dagobert, den Groll des Vaters übersehend, trat jedoch festen Schritts
und schnell auf den Schulteissen zu, und sagte mit Gewicht: »Wie mögt Ihr nur,
edler Herr, solch unüberlegt Wort in offner Gesellschaft meinem Vater und mir
zum Gehöre reden? Wie mögt Ihr meine Stiefmutter beschimpfen, die des
Leuenberger's sittenlosen, übeln Wandel nicht teilt, sondern stets ein Muster
von Rechtschaffenheit für die ganze Stadt gewesen?« -
    Der Ritter mass den Jüngling, auf den sich alle Blicke richteten, vom Kopf
bis zu den Füssen, und verzog höhnisch den Mund. »Wenn ich auch sehr gut
begreife,« sprach er, »wie es kommt, dass hier der Stiefsohn für die Stiefmutter
so heftig Partei nimmt, so möchte ich das Recht wohl kennen, das Euch zusteht,
mich zur Rede zu setzen? Ich muss Euch auffordern, vorlauter Mensch, zu
schweigen, wenn ich nicht reden soll.« - »Frei heraus:« entgegnete Dagobert, in
welchem das vom Schulteiss gegen Ester beabsichtigte Unbill die Flamme schürte:
»Frei heraus! Ich habe schon gesehen, dass ihr scheel auf mich schaut. Vielleicht
erfahre ich jetzt, warum. Doch rate ich Euch, jede Schmähung gegen Vater oder
Mutter unterwegs zu lassen, soll ich nicht vergessen ...« - »Mässigt Euch!«
flüsterten ihm mehrere teilnehmende Freunde zu, und ein begütigender Blick von
der Frau von Dürningen machte ihn schweigen. - »Ihr habt Euch schon vergessen;«
brausste der Schulteiss auf; »doch soll man nicht sagen, als wollte ich
vergelten, was der Jugend Torheit, oder der Trunk aus Euch spricht; als Ritter
und als Schulteiss vergebe ich Eure rohe Unart. Aber als Stubenmeister dieser
löblichen und reinadelichen Gesellschaft habe ich ein Wort zu Euch zu sprechen,
das früher schon gefallen wäre, hätte ich früher Eure Anwesenheit bemerken, oder
Euern Vater nicht schonen wollen. Warum, junger, unbesonnener Gesell, erfordern
unsre Ordnungen acht Ohrenschilder zur Aufnahme in die Genossenschaft? Damit nur
reinadeliche Gesinnung in diesem Kreise herrsche. Wer gegen Sitte, Zucht und
Biederkeit handelt, was schlechter Gesellschaft plegt, zum Abschaum des Pöbels
herniedersteigt, und mit Rohheit den Adel und die Würde schmäht, wird aus diesem
Haus gewiesen, und also tue ich Euch.« - »Mir?« fuhr Dagobert auf, und rings
ward es stumm. - »Euch!« wiederholte der Schulteiss mit der zu Boden schlagenden
Hohheit, die ihm zu Zeiten eigen war: »Denkt des gestrigen Tags, und fragt Euch
selbst, ob Ihr ferner würdig seid, auf diesem Boden zu stehen. Wer mit Juden,
Mördern und Dieben verkehrt, sie gegen die öffentliche Gewalt in Schutz nimmt,
den Richter in seinem Amte lästert und bedroht, wer sich nicht schämt, an den
unehrlichen Stöcker auf offner Gasse Hand zu legen, um das Gesindel zu befreien,
.. der stehe nicht mehr unter uns, nicht heut, nicht morgen und nimmer. Dort ist
die Türe. Geht!« -
    »Um aller Heiligen willen! was ist vorgefallen?« fragten die meisten aus der
Versammlung, und zur Antwort flog die Erzählung des Vorfalls gestrigen Tags,
entstellt, vergrössert und gehässig gemacht, rings umher, von dem Oberstrichter,
seinem Sohne und des Schulteissen Neffen verbreitet. Die Dagobert
Zunächststehenden wichen um mehrere Schritte zurück, denn der Angeklagte hatte
ja mit Juden zu tun gehabt, und den Nachrichter berührt, war vielleicht von dem
letztern wieder berührt worden. Die Frauen, die am längsten für ihn Teilnahme
gehegt, rümpften, da sie von der Judendirne hörten, höhnisch die Nase. Die Frau
von Dürningen mit ihrer Tochter sah scheu und befangen, obwohl nicht zürnend
nach dem Jüngling. So sehr indessen Mehrere auf des Schulteissen rücksichtslose
Schmachrede einen heftigen Ausbruch von Dagobert's Wut befürchteten, den wieder
andre, der Folgen wegen, wünschten, so sehr hatten sich diese geirrt. Die
letzten Worte des Stubenmeisters hatten eine himmlische Ruhe über das Antlitz
des Beleidigten verbreitet. - »Ich dachte bis jetzo unter gefühlvollen Menschen
zu stehen;« erwiederte er, sich ernst umschauend: »doch hab' ich mich geirrt. Es
ist wohl keiner unter all' diesen edeln Herren, der nicht sein Geld
verschwendete, um einem lahmen Pferde wieder auf die Beine zu helfen; keine
unter all' diesen Frauen, die nicht ihr Herz zerrissen fühlte, sähe sie ihren
Schoosshund in Gefahr. Doch sprechen sie über mich das Urteil, weil ich mit den
erbarmenswertesten Menschen Mitleid fühlte; weil ich eine Grausamkeit abwehrte,
die nur in dem traurigsten Verfolgungsgeist, nicht im Richteramte ihren Grund
findet. In Gottesnamen denn; ich wusste nicht, dass Juden weniger als Hunde und
Gäule sind, und diese Lehre ist der Verweisung aus diesem Hause wohl wert. Ich
gehe mit Freuden, und tue dieses ohne Groll, denn ich erzähle nicht einmal den
ehrsamen Anwesenden, was zwischen dem gestrengen Herrn Schulteiss und dem
schlechten Judenarzt Joseph abgeredet worden ist.« - Mit einem mitleidigen
Blicke streifte er noch einmal alle Umstehenden, besonders den höhnisch
lächelnden Oberstrichter und den verlegnen Schulteiss, gürtete langsam seinen
Stossdegen um, band das Piret unterm Kinn fest, und verliess ohne irgend ein
Zeichen des Lebewohls, wie ein im Rückzuge noch furchtbarer Feind, das
Tafelzimmer. Sein Scheiden war das Zeichen zu offnem Zwiste in der Gesellschaft.
Manche, mit dem Geschlechte der Frosche teils befreundet, teils verschwägert
und verbunden, erkühnten sich, dem Stubenmeister Vorwürfe über sein hartes
Benehmen gegen den Sohn eines angesehenen Altbürgers und Schöffen zu machen.
Ohne Dagobert's Schuld an dem Vorfalle in der Judengasse verteidigen zu wollen,
teils von Vorurteile befangen, teils zu mutlos, um gegen die Vorurteile
Andrer anzukämpfen, sprachen sie von dem zahlreichen Anhange Dieter's, der sich
in seinem Sohne schwer beleidigt sehen würde; von der Rache, die wohl auf eine
oder die andre Weise nachfolgen dürfte. Die Widersacher bestritten hingegen
verächtlich alle Mahnungen, verlachten jede Drohung, und gedachten des
Ausgewiesenen und seines Vaters mit den ehrenrührigsten Beinamen. »Sie mögen
versuchen, wie weit ihre Ohnmacht reicht;« rief der Schulteiss: »ich habe meine
Pflicht getan, und werde als Stubenmeister wie als Schulteiss mein Recht
behaupten.« - »Für rebellische Bürger gibt es noch Türme!« drohte der
Oberstrichter. - »Was ist hier auch viel zu scheuen?« lachte des Schulteissen
Neffe: »Dagobert's Wandel auf dem Concil ist stadtbekannt, sein Leumund nicht
ehrenvoll.« - »Der verruchte Mensch will nicht einmal der Mutter Gelübde
erfüllen, und Pfaffe werden!« klagte der Vetter der Frau von Dürningen mit
heuchlerischer Miene. - »Wohl uns, wenn der lüderliche Pickelhäring sich nicht
mehr in adliger Gesellschaft zeigen darf;« schrie des Oberstrichters Sohn, und
der Schulteiss fügte, wie mit prophetischer Zuversicht hinzu: »Es dürften
vielleicht bald ganz andre Dinge von dem Hause der Frosche zur Sprache kommen!«
- Die dem geschmähten Geschlechte Anhängenden brachen schmollend und zürnend
auf; die Freuden des Festes waren gestört, und aus der fröhlichen Ostertafel
eine gallige Gasterei geworden, an welcher Feindseligkeit und Hass ihr Panier
aufsteckten. -
    Verachtung gegen seine Feinde, aber auch ein ruhiges Bewusstsein im Herzen,
hatte Dagobert sein väterlich Haus wiedergefunden. Vollbrecht öffnete ihm die
Türe. »Wo ist mein Vater?« fragte er den Knecht. - »Der gestrenge Herr hat sich
durch den Peter zum Stadtauptmann leuchten lassen, um ihm die Anzeige von dem
Raube zu machen.« - »Gut;« versetzte Dagobert: »Die zurückgekommenen Leute
meiner Schwester?« - »Sie schlafen schon in wohlverriegelten Stuben,« berichtete
Vollbrecht: »denn die ehrsame Frau meinte, sie könnten wohl selbst allenfalls
das arme Fräulein getödtet, oder an einen Räuber verkauft haben.« - »Möglich wär
es allerdings;« erwiederte Dagobert: »ich will morgen die Leute sprechen. Gib
mir die Kerze, und warte indessen auf den Vater.« - Dem wie aus dem Himmel
herabgefallnen Bubenstück nachsinnend, stieg Dagobert die Treppe empor, und kam
eben an Frau Margaretens Gemache vorüber, als dessen Türe sich leise öffnete,
und der Altbürgerin Stimme ein leises: »Junker Dagobert! seid Ihr's?« daraus
vernehmen liess. - »Ja freilich ehrsame Frau;« antwortete der junge Mann: »Behüt'
Euch Gott und segne Euern Schlaf.« - »O bleibt,« flüsterte Margarete, mit der
weissen Hand aus dem Halbdunkel, hervorwinkend: »lasst mich den Augenblick
benutzen und tretet bei mir ein.« - Dagobert stutzte, und Margaretens frühere
unverholne Leidenschaft für ihn, und auch zugleich etwas von des ägyptischen
Josephs Geschichte fiel ihm ein. Er zögerte. - »Um der göttlichen Barmherzigkeit
willen!« seufzte die Stiefmutter dringend: »Einen Augenblick nur hört mich an.
Fürchtet nichts, mein lieber Sohn!« - Die Bitte klang so rührend, dass Dagobert
ferner kein Bedenken trug, einzutreten in das warme trauliche Gemach, in
welchem, beim halben Schimmer einer verdeckten Lampe, die schöne Margarete im
tiefen Nachtgewande ihn empfing. Sein Herz pochte, seine Hand zitterte in der
ihrigen, aber besonnener als sie, zog er den Schirm von der Lampe, und fühlte
eine Art von Beruhigung, da er in kein von lüsternem Verlangen erregtes Gesicht,
sondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram, in tränenvolle Augen sah. - »Was
begehrt Ihr?« fragte er sanft und mitleidig die weinende Frau: »Ich bin bereit
mit Wille und Tat; nur einen Rat verlangt nicht, denn ich bin gerade in einer
ganz besondern Stimmung, wo mir Alles bunt durch den Kopf geht.« - »Ich bin
gränzenlos unglücklich!« brach Margarete unter bittern Tränen aus, und sank
auf einen Stuhl: »Ich bin ein armes Weib, nicht fehlerfrei, aber so entsetzlich
sollt' ich doch nicht für meine unschweren Vergehen büssen!« - »Der Gedanke und
der Wunsch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter, als sei er schon
vollbracht,« meinte Dagobert; doch bereute er schnell den Stachel seines Worts,
und setzte hinzu: »redet, und gebe Gott, dass ich helfen könne.« - »Mein Herr,
Euer Vater war hier;« sprach Margarete in kurzen Absätzen. - »Er hat
unmenschlich gegen mich gewütet. Argwohn und Grimm teilen sich in seine Seele.
Unbezweifelt scheint es ihm, dass mein Bruder Wallraden aufgefangen, und dass ich
die Anstifterin des Frevels gewesen. Ich kann bei dem ewigen Gott beschwören,
dass ich unschuldig bin, aber Herr Dieter glaubt meinen Schwüren nicht. Wie soll
ich ihn überzeugen? Sprecht; Ihr könnt mir Euern Rat nicht verweigern, noch
Eure Hülfe; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in seinen Verdacht. Er glaubt
ein Verständnis zwischen uns beiden wahrzunehmen.« - »Ein schönes Vertrauen in
Gattin und Sohn!« erwiederte Dagobert aufwallend: »Uns traut er einen Bund von
dieser Schändlichkeit zu? Wir sollten einen Menschen, unsre Verwandte an Räuber
verkauft, wohl gar aus dem Wege geräumt haben? Der Vater hat sich sehr geändert.
Aber Ihr habt Recht, arme Stiefmutter. Wer nicht glauben will, muss die
Überzeugung in der Hand sehen. Um Euern Ruf und den meinigen zu retten, setze
ich mich morgen zu Pferde, und reite in der Welt herum, bis ich die Spur des
Unkrauts gefunden.« - »Ihr seid ein wackrer edler Mensch!« sagte Margarete mit
auflebender Hoffnung, seine Hand in ihre gefalteten nehmend: »Seid Ihr mein
Hort, wenn mich die ganze Welt verlässt, ... dann fürchte ich nichts. Guter
Dagobert;« fuhr sie mit dem Ausdruck verschämter Dankbarkeit fort: »leider kann
ich noch nicht so offen gegen Euch sein, als ich es sollte, denn Ihr seid
unfähig, mich zu verraten und unglücklicher zu machen, als ich schon bin.
Indessen, kehrt Ihr zurück, so sollt Ihr mehr erfahren, von dem Ihr Euch nicht
träumen lasst; und dann beklagt mich vollends, und flucht mir nicht.« - »Ich
verstehe Euch nicht;« entgegnete Dagobert unbefangen: »ich hoffe auch nicht,
jemals aus Euerm Munde etwas Fluchwertes zu erfahren; aber bei dieser
Gelegenheit entsinne ich mich plötzlich eines Auftrags, den ich von guter Hand
erhalten, und dessen ich mich gegen Euch entledigen muss, bevor ich ausreite,
lieb Schwesterlein zu suchen. Der arme Jude Ben David, der unter der Anklage
unerhörter Verbrechen im Kerker jammert mit seinem hundertjährigen Vater, lässt
Euch dringend um Hülfe anflehen.«
    Margarete erblasste. - »Es sei die höchste Zeit, lässt er Euch vermelden,«
fuhr Dagobert fort: »die Folter sei ihm schon angedroht, und er würde sie am
Ende nicht aushalten können. Ihr möchtet also, da er von Euch allein Hülfe
erwarten könne, damit nicht säumen, und seiner Ergebenheit gewiss sein.« - »Nicht
säumen!« wiederholte Margarete langsam und erschöpft: »Dieses setzt meinem
Elend die Krone auf. Wie soll ich ihn, wie mich retten?« setzte sie händeringend
und ausser sich hinzu. - »Beruhigt Euch,« sprach Dagobert tröstend: »Euch rette
ich vom schmählichen Verdacht, und einer Fürbitte ist der arme Jude wohl wert.
Die Schöffen werden über den Elenden richten, und ein gutes Wort an den Vater
ist wohl nur mit dem Ansuchen gemeint. Schlägt's der Vater ab, so habt Ihr
Menschenpflicht getan, und könnt ruhig sein.« - »Ruhig?« rief Margarete wie in
Verzweiflung: »Ich muss den Juden retten .... bald retten, oder ich bin verloren!
Dagobert! Edler Mensch! Mann, den ich leidenschaftlich liebte, den ich noch
verehre wie einen Heiligen! nimm Dich meiner an. Es streitet wider Dein eignes
Recht, aber ... rette den Juden, rette mich! Das Schicksal droht mein Verhängnis
mit Füssen zu treten, wie das des Kindes, das in jener Kammer schläft.« -
»Johann's?« fragte Dagobert bestürzt: »Ehrsame Frau! Der Himmel behüte Eure
Vernunft. Ihr redet irre!« - »O nein, nein!« schluchzte Margarete: »Euch allein
und dem Himmel befehle ich mein und des Knaben Loos! O, dieser Knabe ... er hat
keinen Vater .... Dagobert! nehmt Euch seiner an! Werdet Ihr des Knaben Vater!«
    Dagobert trat erschrocken zurück, als die Frau ihm zu Füssen sank, und wie
vernichtet die Hände vor das Gesicht schlug, da Dieter, heimkehrend, plötzlich
in das Zimmer trat. Entsetzt blieb der Greis am Eingang stehen, und Dagobert
eilte, nachdem er die Stiefmutter aufgehoben und in den Sessel gebracht, auf ihn
zu: »Liebster Vater!« rief er, ohne in seiner Seele nur eine Ahnung von dem
bösen Schein zu haben, den dieses späte und seltsame Beisammensein auf ihn und
Margareten warf: »Ihr kommt zu rechter Zeit. Nehmt die Mutter in Euern Schutz.
Ihr Verstand leidet unter dem Argwohn, den Ihr auf sie geworfen. Mich schmerzt
es, dass Ihr auch mir misstraut. Doch, Euch zu überführen, verlass ich Morgen mit
dem Frühsten die Stadt, um Wallraden aufzusuchen, und ohne sie kehre ich nicht
wieder. Vergönnt mir nur, ihren Knecht mit mir zu nehmen, denn sein bedarf ich,
und versprecht mir, gegen den Schulteiss, der mich heut auf's gröblichste
beleidigte, meine Sache zu führen bis zu meiner Heimkehr, damit der Ritter und
sein Gelichter nicht glauben, dass ich aus Feigheit oder Beschämung ihnen
ausgewichen.« - Dieter schwieg eine lange Weile hindurch, den finstern Blick
zur Erde geheftet. Dann sprach er kurz: »Ich werde allezeit meines Hauses Ehre
zu bewahren wissen. Mache was Du willst. Du tust aber Recht, wenn Du nicht
ferner weilst.« - Dagobert sah ihn gross an; um aber des Vaters Grimm nicht zu
reizen, ging er still davon. Dieter starrte wild zum Himmel auf. »Die Gewissheit
ist da, die ich erbeten!« grollte er dumpf in sich hinein; dann fügte er, zu der
Frau gewendet, hinzu: »Beschämt stand ich vor meinem Sohne, nachdem ich Eure
Worte gehört. Es kann also ferner nicht zwischen uns bleiben, wie bisher. Ich
hasse das Aufsehen und die Lästerungen; befehle Euch jedoch, Eure Stuben nicht
zu verlassen, und weder mit noch ohne den Knaben einen Versuch zu machen, bis zu
mir zu dringen. Ich will Euch ferner nicht mehr sehen, und in Stille und Ruhe
überlegen, wie ich, ohne Euch vor der Welt zu Schanden zu machen, noch mich
herabzuwürdigen, Euer Geschick bestimmen möge.« - Dies sagend kehrte er der in
Schmerz und Angst aufgelösten Gattin unerbittlich den Rücken und verschloss sich
in seinem Gemache.
 
                               Sechstes Kapitel.
 Ist auch mein Haus nicht gross und schön,
 Und leer Gewölb und Speicher,
 Brauch' ich vom Turm nur umzusehn,
 Und wer ist dann noch reicher?
 Ich denke über Feld und Hain
 Der einzige Herr und Fürst zu sein
 Und dass die Untertanen mir es glauben
 Will ich sie, eh' ein and'rer kömmt, berauben.
                                                                        Ballade.
Der Leuenberger Veit sass auf einem Vorsprunge in der Burg zu Gelnhausen, von
welchem er durch ein Gitter in's Freie schauen konnte. Seine Base Petronelle
hinkte um den Herd des anstossenden Gemachs, das zugleich Küche, Wohnstube und
Schlafkammer vorstellte, und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter, der
sich gerade beschäftigte, seinem Falken ein neues Geschühe anzupassen. Der Falke
machte ein sehr vedriesslich Gesicht, aber sein Herr noch ein verdrüsslicheres.
Seinem ungeduldigen Blick und noch ungeduldigeren Händen wollte das Nesteln und
Schnallen der langen und kurzen Gefässe und Wurfschnüre nicht schnell genug
gelingen. »Warte, verdammter Falk!« schalt er: »deinen Trotzkopf werde ich schon
zu beugen wissen. Seit neun Monden machst du mir das Leben sauer, und bist so
einfältig, als ob du gerade aus dem Gestäude gehoben wärst. Aber hungern sollst
du und wachen, dass dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit.« - Damit packte
er den wilden Vogel auf, zog ihm die Haube übern Kopf und setzte ihn drinnen auf
die Stange. Als nun aber Veit pfeifend und mit auf den Rücken gelegten Händen
wieder hinaus auf den Vorsprung ging, und in's Weite starrte, konnte die Muhme
nicht länger an sich halten. - »Wenn Hunger und Nachtwachen jeden Trotzkopf zahm
machen könnten,« keifte sie vom Heerde her, »so müsste auch der Deinige schon
lange in der Ordnung sein, Neffe.« - »Habt Ihr etwas geredet, Muhme?« sprach der
Leuenberger spitzig zu ihr hinüber. - »Schon lange, toller Mensch,« erwiederte
Petronella, nach dem Blasebalge greifend: »Aber was hilfts? Der Herr mag noch so
reichlich die Heerstrassen segnen, Du bringst gewiss nichts heim, das der Mühe
wert wäre. Dass gestern der Weinhändler von Nürnberg mit seinen Fässern
ungeschlagen hier vorbeikam, werde ich Dir nimmer vergessen.« - »Pah!« rief
Veit, und schlug ein Schnippchen in die blaue Luft: »Den Käsebergern muss man
auch aus Freundschaft etwas gönnen.« - »Ei ja;« spöttelte die Alte: »Deine alte
getreue Base kann aber daheim darben, während ihr ein Becher Rheinwein dann und
wann so gut tun würde.« - »Trinkt klares Wasser,« lachte Veit: »'s macht helle
Augen, und Euer einziges wird nachgerade schadhaft, wie Eure Nase stumpf, denn
Ihr seht und riecht nicht, dass unser Linsengericht in der Pfanne anbrennt.« -
»Ei potz Velten!« schrie die Muhme erschrocken, und hob die Pfanne vom Feuer:
»Ich muss auch die Augen überall haben, weil Du Dich um nichts kümmerst.« »Komm,
Veitchen, komm, setz' Dich zu Tische; komm, iss mein armer Junge.« - Sie schob
mit dem Ermel alles Hinderliche von dem morschen Rundtische, warf eine geblumte
Schürze darauf, und setzte das unlieblich dampfende Gerücht auf das unreinliche
Pfannenholz. Von Tellern war keine Rede, und die rostigen Gabeln und Messer
gaben eben keinen sonderlichen Begriff von dem Hauswesen des Edelmanns. Veit
setzte sich wankend zum Essen und lachte spöttisch über das Endchen Wurst, das
die Muhme triumphirend aus den Linsen fischte, und gewissenhaft mit dem Neffen
teilte. »Ein feiner Braten in der Osterwoche!« sprach er vedriesslich, und
schnitt ein Stück Gerstenbrod der Muhme ab: »Ich sag's Euch, Base; wenn dieses
Leben noch lange dauert, so hänge ich mich am nächsten Nagel auf. Diese
unaufhörliche Armut bei so vielen Gefahren halte ich nicht länger aus. Seitdem
der verdammte Schwager zu Frankfurt mir den Brodkorb höher hängte, ist es zum
Teufelholen.« - »Du haderst immer mit dem Schicksale, statt es zu verbessern;«
predigte die Alte, tapfer die Schüssel angreifend: »Drei Landstrassen stehen Dir
offen; warum passest Du nicht auf, wie Andere?« - »Warum bin ich ein ärmerer
Schlucker als andere?« fragte Veit höhnisch entgegen: »Der Eppsteiner und die
Käseberger und All' die Brüder in der Runde haben Rosse wie Stahl und Eisen, die
achtzehn Stunden in einem weg trappen, ohne dass ihnen ein Huf wehe tut. Meinem
Klepper kann ich kaum mehr einen Ritt von hier gen Frankfurt in einem Tage
zumuten, und wenn ich ihn in den Sprung bringe, so bekommt er gleich das
Keuchen. Die obige Sippschaft hat Geld, um die Kundschafter tüchtig zu bezahlen;
mir verratrn die Bursche kaum einen wandernden Schuhflicker, weil ich ihre
Klauen nicht versilbern kann. Das Schlechteste kommt an mich, und, teil ich mit
Andern, habe ich sicher den kleinsten Teil. Bring ich etwas heim, so geht's in
Rauch auf, wie's gewonnen wurde, und Schmalhaus zählt uns immer die Brocken zu.
Pest und roter Hase! Ich hab's satt, und dreimal satt. Ich habe Wind und Wetter
ausgehalten, verstehe mein Gewerbe, wie ein Alter, und soll Leben aus, Leben
ein, am Hungertuche nagen, während andere im Wohlleben schwimmen, und kein Haar
besser sind als ich? Gott verdammne mich, wenn ich's länger mit ansehe!« - »Du
bist ein trotziger ungenügsamer Mensch, ein fauler Bärenhäuter oben drein!«
versetzte die Muhme: »Schau einmal unsere Nachbarn unter den Burgleuten an.
Betrachte den Jost, der just unter unserm Gemache hausst, und dessen Kinder uns
den Kopf toll machen mit ihrem Geschrei. Die Stube voll Würmchen, und die ewig
kranke Frau, und den lahmen Vater; und bei alle dem auch nichts als den
Grauschimmel und Sattel und Stegreif. Da heisst es, die Ohren steif halten.
Gedenke nur des Henne von Riedlingen, der im andern Flügel wohnt, dicht am
Hundezwinger. Eine Stube, wie ein Stall, und darinnen eingepfercht zu sein mit
Kind und Kegel, und gezwungen zu sein, für die vielen Mäuler Tag aus Tag ein,
die Kost aus dem Forste, oder vom Vogelherde, oder aus dem verbotenen Teiche zu
holen! Um wie viel glücklicher bist Du, ein unbeweibter Mann, dem eine
sorgfältige und regsame Base das Hauswesen führt! Du gehst, wenn Du willst, Du
kömmst, wenn Dir's einfällt, und findest immer etwas für den Schnabel, bald
wenig bald viel, bald vollauf bald knapp, je nachdem Dein Gewerbe geht oder
stockt. Daheim kannst Du Deinen Leib pflegen, Falken abrichten, die Fenster
verkleben, wenn es Not tut, und auf Deinem wohlgefüllten Strohsacke lungern,
so lange Dir's gefällt. Ich wette darauf, Deine ungeratene Schwester, die uns
vergisst, wie alle Reiche zu tun pflegen, hat in ihrem Überflusse der Sorgen
mehr als Du.« - »Möglich!« antwortete Veit: »Ich würde dennoch gleich mit ihr
tauschen. Schaut einmal mein Wamms an, Muhme. Der Ellbogen des rechten Ärmels
ist geplatzt.« - »Ei, so gib her!« versetzte die Muhme geschäftig; »und lange
mir vom Fenstergesims Nadel und Faden. Das muss auf der Stelle ausgebessert
werden, denn die Katze hat sich heute gar oft hinter den Ohren gekratzt, und mir
juckt die Stirne beständig.« »Beides bedeutet aber einen Besuch, der heute nicht
ausbleibt. Ach, möchte es doch ein Guter sein!« murrte Veit, unruhig auf und
abgehend: »nicht der Junker von Hagen, dem ich noch sechs Schillinge vom
Brettspiel schulde, und nicht der Landschaden, dem ich vor acht Tagen das Heu
mit Gewalt dem Schober nahm und nicht der Jude Natan, von dem ich ein Pfund
Heller entlehnte auf meinen nächsten Fang.« - »Du wirst doch all die Leute nicht
fürchten, Neffe?« sprach Petronella: »Den von Hagen vertröste, den Landschaden
fahre nur grob an, und den Juden wirf die Wendelstiege hinunter, dass er den Hals
bricht, wenn er sich untersteht; denn der Hund ist Dir nicht ebenbürtig, und
darf Dich in der adlichen Ganerbschaft nicht beleidigen.«
    »Sei indessen unbesorgt. Es kribbelt mir in Einem fort an der linken Hand,
und das bedeutet allemal ein Stück Geld, das man einnimmt, oder ein Glück, das
Einem bevorsteht.« - »Wollte Gott, Ihr hättet Recht, Base!« rief der Junker, und
stellte sich an den in der Ecke des Gemachs stehenden Schleifstein, um seinen
Dolch und sein Jagdmesser abzuziehen: »Wenn ich nur der Kaiser wäre, Frankfurt
müsste ich im Sturme gewinnen, und alle Bürger niedersäbeln lassen, .... die
hochfahrenden Hunde, - und in ihre Häuser würde ich lauter Adliche setzen, die
in Teutschland ein unverdientes ungünstiges Schicksal tragen.« - »Du bist noch
immer ein kindischer Gesell,« lächelte die Muhme beifällig, .. »Obschon nicht
mehr der Jüngste. Ach, wie Dich Deine gute Muhme liebhaben würde, könntest Du
ihr ein sorgenfreies Ende bereiten!« - »Das glaube ich;« versetzte Veit, wacker
drauf los schleifend: »Käm's auf ein Wort an, oder eine Handvoll Stahls, wir
würden bald reicher sein, als der alte Frosch, den neulich der ungeschickte
Tölpel so schlecht getroffen hat.« - »Ich möchte wissen, wer wohl eigentlich dem
Altbürger an die Kehle wollte;« brummte die Alte nachsinnend. - »Mag's gewesen
sein, wer da will,« erwiederte der Neffe unwirsch: »Den Schafskopf von Mörder
sollte man aber vom Handwerk jagen. Die Galle peitscht mir das Blut
durcheinander, wenn ich daran denke, wie viel wir an uns hätten ziehen können,
wäre der Alte gefasst worden, wie sich's gehört. Pah! weg mit den Grillen,« fügte
er schnell hinzu: »Von etwas Anderm. Erzählt mir ein Mährlein, deren Ihr so
viele wisst, Muhme, oder besser: singt mir ein Lied aus der alten Zeit. Der
Schleifstein wälzt sich dann hurtiger, und das verdrüssliche Geschäft geht
schneller von der Hand.« - »Gern, mein guter Junge:« erwiederte Petronella; hing
das fertig gewordne Wamms an den Wandhacken, vergnügte mit dem Überrest des
ärmlichen Mahls die hungrige Katze, und begann, indem sie die Pfanne säuberte
und scheuerte, mit gellender Stimme ein Lied zu singen, von dem Kaiser Rotbart
und der Burgmannstochter Gela, das zu jener Zeit in und um Gelnhausen, unter
Bürgern und Landvolk, stark im Schwange ging. Während nun die Base sang, und das
Schleifrad flog, und die Klingen lust'ge Funken sprühten, und der Falk auf
seiner Stange ungeduldig kauete und das Gefieder sträubte ob dem störenden Lärm,
kam des Burgmanns und Nachbars Jost ältester Bube eilig heraufgesprungen über
die dröhnende Wendelstiege, und rief in das offen stehende Gemach: »Edler
Nachbar! mein Vater lässt Euch berichten, Ihr möchtet in Wamms und Stiefel
fahren, und die Mütze bürsten, denn der Hornberger Herr ist eben angekommen mit
Ross und Wagen, und wird gleich bei Euch sein. Er beschickt nur Pferde und
Gefährt im Stall! Der Bube sprang mit drei Sätzen die Treppe hinab, und schon
verkündete das wohlbekannte Gebell des weit in der Wetterau gefürchteten
dänischen Bullenbeissers, des Hornbergers Anwesenheit.« - »Hab ich's nicht
gesagt?« rief die Muhme munter und lustig: »Einkehr, freundliche Einkehr hat uns
die Katze prophezeit.« - - »Ich hätte den blauen Teufel von der freundlichen
Einkehr!« maulte der Neffe, indem er die schweren Holzsohlen in die Ecke
schlenderte, Stiefel und Wamms überwarf, und eine Wolke von Staub aus dem
dürftigen Federstrauss seines Barets blies: »Der Hornberger ist ein armer
Schlucker wie ich. Nur versteht er das Schmarotzen, trägt feinere Kleider und
reitet einen bessern Gaul.« - »Und treibt sein angewiesen Gewerb besser als Du;«
entgegnete die Muhme, zusammenräumend und unter den Heerd werfend, was ihr nicht
geeignet schien, vom Gast auf den ersten Blick wahrgenommen zu werden: »Der gute
Herr hat Dich oft zum Teilnehmer an einträglichem Geschäft erwählt, und merke
auf: aus keiner andern Absicht kömmt er heute.« - Die Muhme war mit ihrem
Aufräumungsgeschäfte noch nicht zu Ende, als schon der klingende Tritt der
Edelknechte, sein heller Pfiff und das ungezogene Schnauben seines Hundes hörbar
wurde, und Herr und Tier zugleich in das Gemach stürmten, beide gleich
übelgeratene Gesellen.
    »Guten Tag!« schrie der Erstere, »schüttelte dem entgegenkommenden
Namensbruder die Hand, klopfte der Muhme derb auf den gekrümmten Rücken, und
brach in ein ungestümes Gelächter aus, als sein Bullenbeisser Petronella's Katze
ansichtig wurde, mit einem Riesensprunge die Fliehende über Heerd, Tisch und
Schemel verfolgte, die Paar Töpfe der Haushaltung in Staub und Scherben legte,
und ein fürchterliches Gebell erhob, als die Katze durch das Gitter des
Vorsprungs einen Ausweg gefunden hatte.« - »Mein Packan ist ein kreuztolles
Tier!« jubelte der Hornberger die Fäuste in die Seite stemmend: »ein Hund ohne
Gleichen; ich lieb' ihn wie einen Bruder. Lasst Euch den Plunder nicht kümmern,
Fräulein Hinkebein. Eure Töpfe mögen immer beim Teufel sein. Ich bezahle sie.« -
Er warf vornehm eine Handvoll von Weisspfenningen auf den Tisch, und klimperte
obendrein mit dem Geldvorrat in seiner Tasche. - Die Muhme machte urplötzlich
ein freundlich Gesicht, und ihr Neffe fragte halb neugierig, halb neidisch: »Du
tust ja dicke und gross, wie der Schatzmeister des römischen Reichs? Welcher
Kaufherr oder Müller hat Dir seine Kisten oder Sparhafen öffnen müssen?« -
»Bruder!« rief Hornberg vergnügt: »Bruder! ein Fang, wie er nicht alle Wochen
vorkömmt; ich schwör's bei meinem Schutzpatron! Das Wichtigste aber muss ich
jetzt gleich vom Herzen drücken. Base, Peterlein, und Du mürrische
Rauchschwalbe! Angezogen, aufgeputzt, aufgesessen; ich bringe Euch die Aussicht
auf eine Schlemmerei von vierzehn Tagen wenigstens.« - »Eine Schlemmerei?«
fragte Veit mit gespjetztem Ohre, »von vierzehn Tagen?« wiederholte die Muhme,
deren Antlitz die frohste Hoffnung auf eine Frist des Wohllebens abspiegelte. -
»So ist's,« versetzte der Hornberger; »ich bin geritten wie ein Dieb, und ehe es
noch zwölfe schlägt, müssen wir aufbrechen. Unser guter alter Degen, der
ehrliche Bechtram von Vilbel ladet Euch beide schönstens zu Gaste auf seine
Veste.« - »Bechtram von Vilbel?« begann die Muhme staunend. - »Ei, wie kömmt
denn der geizige Hellerfuchs dazu, uns einzuladen?« setzte Veit misstraurisch
bei: »Seitdem er aufgehört hat, der Feldhauptmann der Frankfurter Spiessburger zu
sein, und wieder adlich Handwerk treibt, hat er sich nie um mich bekümmert,
obgleich er mir das Raufen lehrte; um die Muhme noch weniger.« - »Wie soll ich
denn die Einladung verstehen?« - »Redlich und annehmbar;« antwortete Hornberg:
»Mein adlich Wort darauf. Jetzt aber, Gott verdamme mich, mag die Base sich zum
Aufbruch rüsten; denn in diesem Aufzug einer Küchenhexe nehm' ich sie nicht
mit.« - »Aber Du liebes junges Blut,« entgegnete die Alte, verlegen umher
trippelnd: »wenn ich nur erst wüsste .... ist es Ernst? .... und wie werde ich
fortkommen, ohne Pferd noch Esel .....?« - »Dafür ist gesorgt,« fuhr Hornberg
fort: »Aber, potz Kreuz und Dorn! So sputet Euch doch einmal. Während Ihr Euch
in den Staat werft, will ich Eure Neugierde befriedigen.« - »In's Himmels-Namen
denn!« seufzte die Alte, suchte aus ihren Taschen, den selten gebrauchten
Schlüssel zur Truhe des Hauses, und hinkte in eine Ecke des Gemachs, wo der über
einen ausgespannten Strick gehängte, abgetragene und hie und da durchlöcherte
Reitmantel des Leuenberger's, Petronellen's Lagerstätte und ihre wenigen
Habseligkeiten dem unbescheidnen Auge des Besuchers spärlich und notbedürftig
verbarg. Der Hornberger setzte sich indessen auf den Spreusack, der mit
Kalbfellen bedeckt, das Bett seines Freundes vorstellte, kratzte dem
Bullenbeisser gnädig den Kopf, und hob an zu erzählen, wobei Petronella und ihr
Neffe, der mittlerweile, über eine Schüssel voll Wasser gebückt, das Geschäft
des Bartscherens vornahm, eifrig zuhörten. »Ich war über Land geritten,« sprach
er, »dieweil ich zu Hause nicht Holz hatte, um mich zu wärmen, noch Wein, mich
zu erquicken; und das fiel in die heilige Woche. Ich wollte den Reiffensteiner
heimsuchen, fand ihn aber nicht, und die Frau schien nicht Lust zu haben, mich
den Mann, der nach Franken geritten war, erwarten zu lassen. Ich schnallte daher
meinem Gaul den Gurt fester, wie auch mir, und trabte gen Neufalkenstein, wo
auch der Eppsteiner sein sollte, wie ich vernommen. Der alte Bechtram ist zwar
nicht freigebig, aber seine Hausehre, Frau Else, lässt einen wackern Rittersmann
nicht Not leiden, wenn er Gründe halber die Feiertage in ihres Herrn Hause
zuzubringen verlangt. Die Anstalten zu dem Feste waren auch richtig schon
gemacht. Frau Else handtierte am Backtroge, und die Knechte im Hofe brachen ein
Paar Rehe auf, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenlief. Es war
Morgens um die neunte Stunde etwa, und der Ritter sass schon mit dem Eppsteiner
und dem Wernher von Hyrzenhorn bei einem Trunke Weins und einigen in Essig
gesottnen Fischen. Die Herren empfingen mich auch gar fröhlich und guter Dinge.«
»Absonderlich,« sagte der Hausherr: »Da kömmt der Hornberger; ein grober, aber
ausgepichter Ostergast.« - Hierauf musste ich mich zu ihnen setzen, und der alte
Bechtram schenkte so fleissig ein, als ich es noch nie an ihm gewohnt gewesen.
Der Becher ging tapfer in der Runde umher, bis dem langen Wernher der Kopf
schwer wurde, und er entschlief. Nun begann Bechtram erst mir zu reden: »Er
hätte nicht zu gelegenerer Zeit kommen können, ungeschlachter Hornberger. Wir
haben etwas vor, der Eppenstein und ich; so dies und jenes, und eins und das
andere, wobei wir Euch brauchen können.« - »Ich war dessen bereitwillig, und
wunderte mich nur, dass sie den Hyrzenhorn nicht angeworben, der doch ein schier
noch rüstigerer Kämpe sei, denn ich.« Da verzog der Eppsteiner das Gesicht, und
Bechtram sagte: »Der Teufel hole alle Frankfurter, und die, die es aus Feigheit
mit ihnen halten;« womit er des Hyrzenhorners spottete, der sich der Stadt zu
eigen verschrieben. »Ich habe lange genug den Schwefelkrämern das Panner
getragen;« fuhr Bechtram fort: »Wie haben sie mir's vergolten? Dafür will ich
ihnen jetzt auch das Licht halten, dass ihnen die Haut schauern soll.« - Nun
verabredeten wir ein Paar Ritte gen Peterweil und Erlebach; vorzunehmen nach der
heiligen Zeit. Alsdann nahm mich aber Bechtram bei Seite und redete zu mir:
»Wollt Ihr Eure Osterfladen in meinem Hause und ein brav Stück Geld nebenbei
verdienen, so mögt Ihr Euch morgen mit mir zu Gaule setzen, und auf das Wiesbad
zureiten. Der Eppstein hat ein Gelöbnis getan, nicht eher zu satteln, als bis
die Glocken von Rom zurückkommen.« »Dasselbe Gelübde habe ich zwar auch getan,
mit dem Eppenstein zu gleicher Zeit, als uns die Erzbischöflichen von Mainz
schier beim Kragen gepackt hatten, und die Heiligen haben uns darum auch
durchgeholfen. Jedoch hab' ich nicht Not, mein Gelöbnis zu halten, weil mich
vor drei Wochen der Pfarrherr zu Offenbach in Bann getan; und ich bin nicht
gesonnen, einen Hauptgewinn von der Hand zu weisen. Ein vornehmer Mann hat mir
aufgetragen, ein gewisses Fräulein aufzufangen und fest zu halten, das von
Frankfurt nach dem Türinger Walde zu ziehen vor hat, und dessen Kostbarkeiten
und Geld mein sein sollen, ohne Ausnahme, benebst einem reichlichen Lohngelde
und Atzungsvorschuss, so mir der biedre Edelmann zu zahlen verspricht. Seit
länger denn einer Woche hat mein guter Geselle Kunz Doring das Fräulein zu
Frankfurt belauert, und mir gestern gemeldet, dass es sich plötzlich
entschlossen, gen Wiesbaden zu ziehen; zwar nur auf einen Tag oder andertalb,
wie man aus dem Geplauder ihres Knechts vernommen. So hab' ich denn beschlossen,
das Weib, wenn es von Wiesbaden von dannen fährt, aufzufischen, und bedarf eines
rüstigen Beistands, denn der Reiffenberger und der von Wiede, meine Freunde und
Helfer, sind den Rhein hinab, um einen Zöllner leicht zu machen, und Doring's
Arm ist mir nicht hinreichend, im Fall die Frau mit starkem Geleite daher käme.«
- Es versteht sich, dass ich ohne Bedenken einschlug, und am stillen Freitage
lagerten wir schon auf der Heerstrasse zwischen dem Wiesbad und Frankfurt, weil
unser Fräulein nach der Stadt zurück wollte. Die Sache verzog sich indessen bis
zum Sonnabend, weil ein Aberglaube ist, dass man am Charfreitage Unglück hat, zu
reisen. Die Sonne war gerade aufgegangen, als sich der Wagen sehen liess; und
wir, drauf und dran und drüber her, und ich machte die Arbeit ganz allein,
schlug den Knecht vom Gaule, schnitt die Stränge los, warf die Zofe vom Wagen,
knebelte die Gebieterin, obgleich sie sich wehrte, als wäre sie ein verkappter
Mann, räumte den Karren aus, und band das Fräulein auf's Sattelpferd. Während
nun Doring einem Bäuerlein vergebens nachsprengte, das hinten auf den Wagen
gesessen, und sich beim Überfall schnell auf und davon und nach dem Wiesbad
zurückgemacht hatte, Bechtram die Habseligkeiten der Gefangnen seinem Pferde
aufpackte, und sein Knecht die Dienstleute derselben an Knebel und Leine legte,
trabte ich mit dem Fräulein, einem saubern, ja man möchte sagen, schönen
Weibsbilde, die Kreuz und die Quer, über Acker und Hecken und Bach davon, auf
Neufalkenstein zu. Dem armen Geschöpfe wurde der harte Trab bald zu viel, und es
hätte wenig gefehlt, so hätte die Arme den Geist im Sattel aufgegeben. Bisher
hatte ich dazu gelacht, denn der vornehme Herr hatte sich ausbedungen, dass man
ohne Schonung mit ihr verführe; da sie aber schwankte und den Kopf sinken liess,
und bleich wurde, wie der Tod, hatte ich Mitleid, löste ihr den Knebel vom
Munde, nachdem ich sie mit dem Erwürgen bedroht, wofern sie schreien würde, und
vergönnte ihr, an einem einsamen Waldrande ein wenig zu rasten. Ich bot ihr
sogar einen Bissen von dem Brode und dem Knoblauch an, das ich im Sattelbeutel
bei mir führte. Sie schlug die Labung zwar aus; betrug sich aber so friedlich,
klug und stille, dass ich meine Freude daran hatte, und ihr alle Erleichterung
angedeihen liess, bis wir in der Dämmerung nach dem Schloss gelangten, wo wir
denn auch die Übrigen versammelt fanden. Die Dienstleute liess man am andern
Morgen, ohne ihnen zu sagen, wo sie gewesen, laufen, und die schöne Gefangne
blieb allein zurück. - -
    »Aber, Gotts Marter!« rief Veit, der sich indessen in seinen besten Putz
geworfen: »Was kümmert uns denn die verdammt lange Historie? Dergleichen
Begebenheiten an Kreuz- und Hohlwegen sind mir doch, bei Gott! bekannt genug.« -
»Was Euch die Historie kümmert?« lachte der Hornberger: »Sehr viel; denn Ihr
verdankt Ihr ein Paar zehr- und zechfreie Wochen, und die Bekanntschaft mit
einer liebenswerten Base, denn keine andre ist Bechtram's Gefangne, als Eurer
Margarete Stieftochter Wallrade.« - »Wallrade?« kreischte die Base hinter dem
Mantel hervor; Veit sah aber den Hornberger mit ungläubigem Lächeln an. - »So
wahr ich, wie ein ächter Christ, meine österliche Zeit gehalten habe,«
beteuerte der Hornberger, »so völlig hat mein Wort seine Richtigkeit. Das
Fräulein von Baldergrün ist's, und ihre Klugheit und Besonnenheit hat mir viel
Freude gemacht. Sie benimmt sich so gleichgültig, als ob sie ein Rittersmann
wäre, dem das Glück der Fehde untreu geworden. Aber im Innern scheint's dennoch
unheimlich zu stürmen, und damit sie nicht krank werde, und etwa sterbe, bevor
die Atzungskosten angewachsen, und das Fanggeld bezahlt, haben Bechtram und Frau
Else den Entschluss gefasst, Euch, dem Fräulein zur Erheiterung, einladen zu
lassen. Wallrade soll durch den Besuch ihrer Blutsfreunde überrascht werden, und
sich an den Mährlein Petronellens ergötzen.« - »Ich zweifle, dass unser Besuch
die hochmütige Dirne erheitern werde;« entgegnete Veit schadenfroh grinsend:
»aber mir wird's ein Fest sein, das Krämerfräulein in seiner Erniedrigung zu
sehen.« - »Ja wahrlich; Du hast Recht, guter Neffe!« fiel Petronella ein, die in
ihrem Staats- und Abendmahlsrocke aus ihrem Winkel rauschte: »Mich gelüstet
sehr, meine eitle Verwandte zu begrüssen, die es für einen Schimpf gehalten, dass
das Leuenberg'sche Wappen zu ihres Vaters Hause herabgestiegen ist. Sage doch,
guter Veit, ob mein Gewand in den gehörigen Falten liegt, und noch im Stande
ist, die Stiefnichte zu ärgern, und dem Hause der Leuenberger, wie dem Hause
meiner alten Freundin, der Frau Else von Vilbel, Ehre zu machen.« - Veit
musterte aufmerksam und wichtig das veraltete Prachtgewand, das sich schon seit
einem Jahrhundert beiläufig von einer Leuenbergerin auf die andre vererbt hatte,
und der Hornberger biss sich in die Lippen, dass sie schier bluteten, um nicht
beim Anblick des greisen Fräuleins in ein allzubeleidigendes Gelächter
herauszuplatzen. Der wunderliche, mit Figuren seltsamer Art gezierte Zeug des
Gewandes von gelb und blassroter Farbe, war von Veit's Urgrossvater, der eine
Fahrt nach Wälschland gemacht hatte, aus Venedig heimgebracht worden, in der
Absicht, daraus zwei Messgewänder fertigen zu lassen, die er, während eines
Meersturms, in seine Taufkirche verlobt hatte. Wie es nun aber sich öfters
trifft, dass die eifrigsten Gelober, - ist die Not vorüber - die saumseligsten
Bezahler werden, so traf sich's auch hier. Das Ehgemahl des Heimkehrenden
schnitt sich aus dem schweren Zeuge ein Gewand mit ungeheuer bauschigen Ärmeln
und ausgesteiften, mit Draht unterlegten Falten, in welchem die gelbe,
unaussprechlich hagre und kleine Muhme kaum zum Vorschein kommen, kaum sich
bewegen konnte. Der gewichtige Besatz von Sammetstreifen und wollenen Zotteln
fiel so tief herab, dass kaum der leinwandne Strumpf und der halbe Schuh des
rechten Fusses sichtbar werden konnte; des linken, verkürzten, gar nicht zu
gedenken. Ein ungeheurer Wetscher an einem breiten Lendengürtel mit einst
versilbert gewesenen Buckeln beschlagen, hinderte die Geputzte stark im Gehen;
die vergilbte, aber auf die Dauer von einer Ewigkeit berechnete Halskrause fasste
das vertrocknete einäugige Antlitz wie in einen Korb, und der Hauptschmuck von
gesteiftem Schleiertuche, zwischen welchem die ergrauten Haarflechten der
adelichen Jungfrau zu sehen waren, schien in seiner ungefälligen Gestalt
keineswegs geeignet, das nicht gefälligere Angesicht der Geschmückten im
Geringsten zu verschönern. Petronella hatte ein kleines Bündelchen
zusammengewürfelt, das sie unter'm Arme trug. An Veit's Seite stolzirte der
Raufdegen, auf seinem Kopfe prangte der befliederte Hut. Des Hornberger's
Weisspfenninge klapperten in einem weitschimmernden Beutel an Veit's Gürtel, und
somit waren alle zum Aufbruch fertig. »Macht ein Ende,« drängte Hornberg mit
einem seiner kräftigen Hausflüche. »Eh' es Zwölfe brummt, müssen wir auf und
davon sein, und doch wird's hart halten, vor stockfinstrer Nacht Neufalkenstein
zu erreichen, wenn auch Räder und Hufe Feuer geben. Für einen Wagen nämlich ist
gesorgt. Die Muhme möchte einen Ritt, selbander auf dem Rosse, nicht allzuwohl
aushalten.« Petronella verneigte sich geschmeichelt, und nahm nun, mit einemmale
erheitert, die Katze, die sich heimlich wieder herbeigeschlichen, unter'm Arm. -
»Donner und Wetter!« rief aber Veit: »Dem alten Bechtram ist gewiss sein
Stündlein nahe, da er uns sogar einen Wagen schickt.« - »Meine Vorsorge,« lachte
der Hornberger: »zwei Stunden von hier fällt mir plötzlich ein, wie ich denn
wohl die Base vom Platze bringen werde, und ich bin schon halb und halb
entschlossen, sie als höflicher Rittersmann vor mich auf's Pferd zu nehmen, als
mir, gerade wie gerufen, ein Bauer begegnet, der gen Frankfurt und Höchst zu
fahren gedenkt mit einem Wägelein voll des besten Stroh's, auf dem ein
Bettelmönch sitzt, schmutzig, wie sie alle sind, aber nicht so feist, wie sie
gewöhnlich zu sein pflegen. Den Bauer anhalten, ihm befehlen, mit mir
umzukehren, und dann mit einer neuen Ladung hinzufahren, wo es mir belieben
würde, war eins, und schnell abgetan. Der Hund wollte sich weigern. Da hieb ich
einem von seinen beiden Gäulen die Sehne am linken Hinterfusse durch, und drohte,
den andern eben so zu zeichnen, falls er nicht gehorsam sein wolle. Die Lehre
half, und er fuhr mit zurück. Den Pfaffen, der nach Frankfurt gedenkt, wollte
ich vom Wagen jagen; der Mensch wies mir aber seine wunden Füsse, und so liess ich
ihn denn in Ruhe, weil ich mit dem Gesindel barmherzig bin, da man nicht weiss,
wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Mönch und Fuhrwerk hab' ich unten
im Stalle eingesperrt, und meinen Knecht als Wache zurückgelassen, damit die
Geschichte nicht in der Stadt verträtscht wird. Den wunden Gaul mach ich Dir zum
Geschenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs schon wieder ein andres Pferd
schaffen.«
    Die Muhme versicherte, dass sie nun noch einmal so gern die Fahrt mitmache,
da ein Gesalbter des Herrn ihr Nachbar sein würde, hängte den vergessenen
Rosenkranz an die Hand, das kupferne Kreuz an den Hals, und forderte nun die
Männer auf, zu gehen. - Veit nahm den Falken auf die Faust, und warf noch einen
Blick in dem Gemache umher. »Habt Ihr die Truhe verschlossen, Muhme?« fragte er
dann leise: »habt Ihr das Eisengerät wohl verwahrt, das ich neulich
heimbrachte, und die Gefässe, die vor Kurzem aus der Marxkapelle.abhanden
gekommen sind?« »Alles ist wohl verwahrt, Neffe,« erwiederte Petronella, indem
sie das Gemach nach den vier Weltgegenden mit Weihwasser besprengte, das an der
Türe hing: »Gott und seine Heiligen werden in unsrer Abwesenheit unsre stille
Klause wohl bewahren.« Damit liess sie das Schloss zuschnappen, und hinkte den
Männern nach, belastet mit Katze und Bündel. Veit hatte indessen dem Nachbar
Jost die Aufsicht über seinen kleinen Palast empfohlen, und einen Sattel von ihm
geliehen, ein, dem Nachbar, dessen Pferd erst kürzlich gefallen, sehr
entbehrliches Gerät.
    Des Leuenberger's Klepper wurde geschirrt, Petronella auf denWagen neben den
in seine Kaputze verhüllten Mönch gehoben; die edeln Herren sassen zu Pferde, des
Hornberger's Knecht auf dem Hinterteile des Karrens. Die Fenster und Pforten
der angränzenden Burgwohnungen waren von den edeln Ganerben und ihren
Sippschaften besetzt, die teils lachend auf das schlechte Fuhrwerk blickten,
teils den Leuenberger beneideten, der trotz seiner, der Ihrigen nichts
nachgebenden Armut zu fernen Festlichkeiten auf so viele Stunden Wegs abgeholt
wurde. Der arme Fuhrbauer warf noch einen trüben Blick auf den verletzten Gaul,
der in einem fremden Stalle zurückbleiben musste, um wohl nimmer zu seinem Herrn
wiederzukehren. Dann schwang er mit einem Seufzer und abgewandtem Gesichte die
Peitsche; das dienstbare Ross zog an; der Bullenbeisser bellte, und fort gings,
wie auf einer Rennbahn.
 
                               Siebentes Kapitel.
 Ach, dass die Hülfe aus Zion über Israel
 käme, und der Herr sein gefangen Volk
 erlöste! So würde Jakob fröhlich sein,
 und Israel sich freuen!
                                                                   Psalm Davids.
Schlösser und Riegel klangen. Eine helle Stube tat sich auf. Die Augen der
Gefangenen die hineingelassen wurden, zogen sich zusammen, ob der ungewohnten
Klarheit. -
    »Was sollen wir hier?« fragte Ben David den Schliesser, der beiden wenigstens
die Schellen an den Händen abnahm. - »Wem haben wir zu verdanken die Woltat,
wieder beisammen zu sein?« setzte Jochai hinzu, und rieb sich den Arm, wo die
engen Ketten gesessen hatten. - »Werdet's schon sehen!« brummte der Wärter
entgegen: »Ihr werdet heute mancherlei Besuch haben, den man nicht in euer
Verliess führen kann.« - Eine lange Stille folgte, während welcher der Wächter
sich auf einen Schemmel setzte, und die Juden sich forschend beobachteten.
»Dürfen wir denn miteinander reden?« erkundigte sich Jochai demütig. - »In
Gottesnamen;« erwiederte der Wächter: »der ehrbare Herr Oberstrichter meint, es
könne nichts verschlagen. Denn ob Ihr bekennt oder nicht; auf jeden Fall brennt
man Euch zu Asche.« - Eine Bewegung zaghafter Angst konnten die Gefangenen bei
dieser rohen Rede nicht unterdrücken. Ben David fasste sich jedoch zuerst, und
ging auf den bleichen Vater zu: »Wie geht Dir es Vater?« fragte er in dem
Dialect, der, aus hebräischen und deutschen Worten zusammengesetzt, für den
Zuhörer von Amtswegen, beinahe unverständlich war. - »Frage die im Moor
verdorrende Weide;« antwortete Jochai schmerzhaft: »Die Lampe brennt aus
allmählich, und bald werde ich liegen in dem angstvollen Zustande, wo die Seele
unstät umherläuft durch alle Glieder und zittert vor der Nähe des Todesengels. O
Sohn! Sohn! Dein Eigensinn und Starrmut wird mich von der Welt bringen, dessen
Liebe Dich zur Welt brachte.« - Ben David rieb sich bekümmert die Stirne. »Es
ist beinahe verflossen eine Woche ....« sprach er wie verloren vor sich hin:
»keine Kunde doch von Ester und ihrem Auftrag. - Weisst du nichts von dem
Kinde?« - »Der Wärter hat mir zweimal Wein gebracht;« antwortete Jochai: »Gewiss
hab' ich nur Ester's Liebe verdankt diese Stärkung.«
    Ben David wendete sich an den Kerkerknecht: »Guter Mann,« sagte er: »wisst
Ihr uns nichts zu sagen von Ester, unserm Kind? Kömmt sie noch wohl wie früher
täglich an die Pforte, und fragt nach ihrem Vater und dem Greise Jochai?« - »Was
weiss ich?« polterte der Wärter: »Ich hätte viel zu tun, wollte ich auf all die
Leute merken, die mir Jahr aus Jahr ein die Ohren voll jammern und heulen. Ihr
Gesindel bekümmert euch wenig um die, die im Pfeffer sitzen. Eine Dirne
ausgenommen, die ein Paarmal Wein für den Alten brachte, hat Niemand nach Euch
gefragt.« - »Diese Dirne ist Ester! Gott segne sie dafür im Reiche des
Messias!« stammelte Jochai unter Freudentränen.
    »Hm!« grunste der Knecht: »Eine Jüdin ist das Mädel nicht, denn es trägt ein
Kreuz am Halse; aber hässlich ist sie dafür, dass es alle Tage in eure Sippschaft
gezählt werden könnte.« - »Also Ester ist's nicht!« seufzte Ben David, und sah
kummervoll zu Boden.
    »Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom?« murmelte
kopfschüttelnd der Greis. - »Wo mag wohl hingekommen sein mein Kind?« fuhr Ben
David fort, und lehnte sich trostlos an das mit Gittern von innen und aussen
verwahrte Fenster.
    Einer Glocke Schall rief den Wächter hinaus. Ben David und sein Vater sahen
mit gespannter Erwartung nach der Türe, ob nicht der angekündigte Besuch
hereintreten würde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte, und der Wärter trat
wieder ein, - hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten sich voll Abscheu
von dem Abtrünnigen, dessen Züge einen sonderbaren Ausdruck von Wildheit,
Ängstlichkeit und verstellter Teilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von
ihm trat der Wächter ab. »Ben David und Jochai,« sprach der Convertit ernst und
bedächtig: »Ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig für Hunderte.« - »O,
dass Dich doch Deine Mutter geboren hätte stumm!« eiferte Jochai in kaum
verhaltenem Groll; Ben David schwieg aber finster und erwartungsvoll. »Der
hochgelobte Gott weiss,« fuhr Zodick leiser fort, »wie schwer mir's ist geworden,
aufzutreten als Werkzeug seiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie
einst der Erzvater in dem Lande jenseits des Meeres. Aber des barmherzigen und
zornigen Herrn Wille geschieht in Ewigeit.« - »Lästre nicht den Herrn,« ermahnte
Ben David: »Du bekleidest ihn mit Schande durch Deine schändliche blutgierige
Lüge, die uns bringt in des Henkers Hand.« - »Scheltet mich immer einen Lügner,«
erwiederte Zodick: »beweisst aber, dass ich es bin.« - Ben David zeigte ruhig gen
Himmel. - »Auf Erden will man Schwarz auf Weiss, oder einen besiebneten Eid;«
versetzte spöttisch Zodick: »und mein Schwur würde allenfalls höher gelten, als
der Eurige.« - Er zeigte auf das Kreuz an seinem Wamms, und Jochai, durch diese
Geberde ausser sich gebracht, hätte einen Schlag dagegengeführt, wenn ihn nicht
sein Sohn zurückgehalten. »Was tust Du, Raaf?« schrie er dem zornentflammten
Greise zu, während Zodick ihn höhnisch angrinste. »Lass ihn doch,« sprach dieser:
»lass ihn, Ben David. Es gäbe noch eine Klage mehr von Gotteslästerung und
Kreuzentweihung. Die Sünde häuft sich ohnehin auf Eurem Kopf, ohne dass ich etwas
tue dazu. Der Halsschmuck, den man gefunden in Eurem Keller .... er hat
gedibbert wie eine Elster, und euch genannt Hehler und Stehler von der
Blutzapferrotte. Verraten ist es durch aufrichtigen Bericht der Judenschaft zu
Worms, die immer offen handelt und ehrlich gegen die von Gott eingesetzte
christliche Obrigkeit, dass Du, Ben David, daselbst den Buben gekauft, den Ihr so
schmählich ermordet habt. Der Rittersmann, dem Du das Knäblein abgeschachert,
ist gar wohl bekannt, und wird Euch Verstockte bringen zum Geständnis. Ihr seid
verloren, und mir blutet das Herz als Mensch und als Christ, denn der Gott, den
ich jetzt habe erkannt, will nicht, dass der Sünder sterbe, wie ihn sterben lässt
das Gesetz.« - Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede
erschüttert, warfen ihm einen Blick der Verachtung zu, und schwiegen. - »Rechnet
es daher meiner Erbarmniss zu Gute, fuhr der Heimtückische fort, dass ich jetzt
komme zu euch, ein Bote der ewigen Milde, des Fürsten der Barmherzigkeit. Zwei
Wege tun sich vor euch auf, zum Leben. Schon mancher Jude hat sich gekauft los
vom Scheiterhaufen und dem Strang. Versucht auch ihr das Mittel. Vertraut mir,
wo Ihr vergraben Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch.
Hab' ich Euch gebracht in Babylon durch des hochgelobten Gottes Fürsicht und
Wille, kann ich Euch auch bringen wieder heraus durch die Kraft der Masumme, der
die Gojim selten widerstehen.« - »Deine Mitbrüder willst du sagen, abscheulicher
Mancher!« schalt Jochai, dessen Gesicht sich bei der blossen Erinnerung an
Zodick's Übertritt krampfhaft verzog. Der Gescholtne mass den Zürnenden mit den
frechen Augen, und wendete sich alsdann wieder mit fragendem Blicke zu Ben
David. Dieser, nachdem er den Vater durch eine bittende Geberde veranlasst, Ruhe
zu halten, sprach nicht ohne Bewegung. »Jetzt erst gibt sich bloss der Heisshunger
des Gerichts und der Deine nach meinem Golde und meiner andren geringen Habe.
Aber eben so wenig, als mich werden vermögen die gräulichsten Martern zu
bekennen eine Sünde, die ich nicht begangen, eben so wenig soll mich überreden
Deine Zunge, dir des Sammaels, zu bezeichnen den Ort, wo ich vergraben und
verborgen, was mein ist. Was Wert hat an Silber und Gold und Edelstein, ist uns
teuer, denn davon leben wir armes, verachtetes Volk. Edom würde uns ja
missgönnen die Luft, so wir atmen, hätten wir nicht Stein und Metall, seinen
Lüsten zu fröhnen. Darum verteidigen wir mit dem Leben unsern kleinen Schatz,
eben weil er ist unser Leben. Aber einen Schlüssel dazu will ich Dir geben, so
fern Du mir gibst Kunde von dem grössten Schatze den ich besitze: von meiner
Tochter Ester. Ist auch sie geraten in die Hände von Amalek durch Deinen
treulosen Mund? Sind auch ihre zarten Glieder bedroht von Folter und Schmach?
Das arme Geschöpf, .. es weiss ja von Nichts: unschuldig ist es gekommen zur
Welt; unschuldig wird es gehn von dannen. Oder hat sich des Mägdleins etwa
bemächtigt Deine gierige Lust? Gib mir Gewissheit, und ich will nicht
herabfluchen den Zorn des starken und eifrigen Gottes auf Dein Haupt. Gewissheit
über Ester's Schicksal - sei's die traurigste - gib dem trauernden Vater!« -
»Mir tuts leid,« erwiederte Zodick, der bei all diesen Reden beständig Zeichen
einer ungewissen, von Ängstlichkeit beengten Haltung an den Tag gelegt hatte:
»Das Mädel geht wie Ihr entgegen dem Stöcker und seiner Flamme.« - »Halte mich,
Herr in Israel!« stöhnte Jochai, während Ben David erschrocken nach Zodick's
Hand griff. - »Ich will verkrummen, ist's nicht wahr;« beteuerte dieser
Letztere keck: »Ester ist in Buhlschaft verfallen mit einem rechtgläubigen
Jüngling. Der unbesonnene Altbürger, der jüngst Euch und eure Dirne allen
Gesetzen zum Trotz verteidigte, hat sie aus der Stadt gebracht, und hält sie
irgendwo versteckt zu eigner Kurzweil.« - »O ihr ewigen Schaaren der Elohims!«
seufzte der gebeugte Greis Jochai: »Also hat die krumme Schlange eine von Zions
Töchtern mit Schmach bedeckt. Sohn, Sohn, Vater Deiner Ester! Wie wirst Du
bestehen, vor dem Fürsten des Gerichts und dem Trone des Messias, da Du durch
Deinen Eisenkopf all das Unheil, das wir erleiden und befürchten, erzeugt hast!«
- Ben David machte eine heftige Bewegung und unterbrach den Vater lebhaft:
»leide ich nicht wie Du, Raaf, und befürchte ich weniger? Hab' ich Dich nichs
geehrt und geliebt, wie ein gerechter Bechor? Musst Du nicht darum auch willigen
zu teilen meine Not? Wir haben zusammen gewonnen Geld, Gut, und haben geteilt
manche Freude.« Lass uns tun ein Gleiches mit dem Leide. Nicht meine Schuld, ..
die Lüge hat uns hieher gebracht, und der hochgelobte Gott, dessen Herrlichkeit
unser Haupt berührt, und Deine Fingerspitzen, so Du mich segnest, wird uns nicht
umkommen lassen durch die Ungläubigen. Schrecklich wär es, wenn Ester in den
Stricken läge der Wollust, der Buhlerei mit einem fremden Manne ... aber, es
heisst in den Büchern der Väter: »So Dich einer einmal belogen, und falsch
Zeugnis gegeben von Dir, so glaube ihm nicht ein andermal, und nicht ein
drittesmal, und nicht zum hundertenmale, denn die Zunge desselben ist ein
schlecht Stück Fleisch, das verdorren wird im Tale der Auferstehung.« - -
    Zodick wies höhnisch die Zähne. »Wahrlich, sage ich Euch:« sprach er, -
»Ester und der junge Altbürger Frosch sind verfallen dem Scheiterhaufen, so die
Gerechtigkeit der Obern sie ereilt. Noch ist ihr Aufentalt nicht entdeckt, aber
ganz gewiss wird er nicht entgehen meiner Wachsamkeit, da mich der Herr bestellt
hat zum Mittler in Euerm traurigen Schicksal. Ihr aber nehmt zu an Verblendung
und Lüge, wie das wachsende Kind an Kraft und Mark, da ihr Euch weigert, die in
Gesellschaft der Blutzapfen geraubten Schätze herauszugeben, um Euer Blut zu
retten. Der Tag, der Eure Rechnung völlig schliesst, ist jedoch noch nicht
angebrochen, und der Prophet Elias, der immer um Euch ist, sieht betrübt, wie
sich vermehrt die Last Eurer Sünden. Es ist schier ausser Zweifel, dass Du es
gewesen, Ben David, der an dem alten Ratsschöffen Frosch das Mordstücklein
gewagt, das ihn beinahe in den Talles gelegt.« - »Sohn! Sohn! Sohn der Gebote
und meines Gebets!« stammelte Jochai: »Unseliger Mann! wohin bist Du versunken?
Bringt doch jeder Augenblick eine neue Klage auf Haut und Haar, jeder Augenblick
einen neuen Herzstoss für den greisen Vater! O weh mir! weh mir! warum hab' ich
gelebt der Jahre zweimal fünfzig und darüber? Warum verlässt mich der Gott
David's und Samuel's also in meiner Not, dass ich schauen muss, wie mein
Geschlecht langsam versinkt in Blut, Schande und den Flammen des unehrlichen
roten Mannes! David! David! So wahr du trägst den Namen des Erlösers, den wir
hoffen, so wahr will ich Deinem Schweigen ein Ende machen; bekenne Deine
Unschuld wider Deinen Willen. Zodick! rufe herbei den Richter! Ich will reden;
der alte Jochai will reden, und Wahrheit sagen. Geh! geh! und Dir vergebe der
hochgelobte Gott Deine Sünde an uns, die Dir nicht abgenommen werden kann weder
durch den Tag der Versöhnung und das Kapporah des Bocks Hazazel, noch durch die
Fasten, Ester und Gedalja und die Feier der Tempelzerstörung.« - Der Greis
schwieg erschöpft; Ben David verharrte in missbilligendem Schweigen. - »Nicht um
Dein Geschrei zu hören, habe ich geredet;« sprach Zodick mit schadenfrohem
Vorwurf zu dem Alten: »um Euch ein Mittel anzugeben vielmehr, das Euch, wenn
nicht zur Freiheit und zum Leben, dennoch zu einem sanftern Tode verhelfen
würde, so Ihr es annehmen wolltet. Denn dem Tode seid Ihr gewiss, wenn Ihr Euere
Habe verhehlt, und der Tod in Flammen ist schrecklich Bekennst Du hingegen, Ben
David, dass Du den Altbürger Frosch ermorden wolltest, auf Anstiften und Anregen
seiner Ehefrau, so will der Altbürger selbst ein Fürwort einlegen, dass Eure
Strafe in die leichteste verwandelt werde, weil er seinem Mörder Gutes zu tun
wünscht. Beeilst Du Dich, die Gnade des Herrn zu verdienen, so könnte wohl gar
noch werden bewiesen, dass Jochai im Wahnsinne gehandelt, da er den Knaben
gekreuzigt im Keller, und könnte ihm, ob seines Alters Elend, noch werden
geschenkt das Leben.« - Jochai befühlte sich bei diesen seltsamen Eröffnungen
den Kopf, gleich als ob er aus einem bösen, bösen Traume aufzuwachen im Begriff
stände. Ben David hingegen gewann eine Ruhe und Heiterkeit, die gleich sehr
gegen den dumpfen Jammer des Vaters, wie gegen die befangene Frechheit Zodicks
abstach. »Ich sehe jetzo;« sprach er recht laut und vernehmlich: »dass ganz
Frankfurt toll geworden. Das Ungeheure könnte mich schier bringen zum Lachen.
Wenn jetzo plötzlich aufstiege ein Nebel des Gewässers, und unsichtbar machte
die Brückentürme oder Sachsenhaufen .... was gilts ... der arme David müsste sie
gestohlen und seinem Vater gesteckt haben in den Schnappsack. Geh, geh, Du
lächerlicher Bote! Du hast gewisslich am heiligen Sabbat zu weite Schritte
gemacht im Kundschafterdienst, denn diese schwächen Gesicht und Verstand. Du
bist, ob ein Lügner, ob ein Irrsinniger, gleichviel. Kannst Du mir jedoch
bringen wahrhaftige Kunde von Ester, und ein Zeichen von ihr, - ein
glaubhaftes, dass sie lebt und frei ist, wenn gleich versunken in dem Laster,
dessen Du gedacht, - so soll's Dein Schade nicht sein; ich schwör's auf die
Torah; und dieses heilige Gesetz wird mir geben die Kraft durch mein Gebet des
Mädchens Seele abzulenken vom Bösen, und sein irrdisch Teil zu retten von
schimpflicher Strafe.« - Zodick warf spöttisch den Mund auf, und ging hinweg,
ohne ein Wort zu erwiedern. - Ben David näherte sich dem Vater, der wie eine
Bildsäule vor sich hinstarrte. »Du willst bekennen, Raaf;« fragte er ihn sanft
und sehr leise: »was willst Du denn bekennen, da Du nichts weisst, als dass der
Knabe nicht gestorben, sondern seinen Freunden wiedergegeben? Sage tausendmal,
dass ich unschuldig sei, und Du nicht schuldig, und tausendmal werden sie Dir
nicht glauben, .. selbst dann nicht, wenn ich's wollte und könnte beweisen.
Wisse aber, dass ich eher auf der Folter die Zunge verschlucke, ehe ich rede;
weil ich getan ein Gelübde, das ich halten werde fester als eins, das ich in
der Schule geleistet.« - Jochai sah ihn fragend und kopfschüttelttd an. »Weh
mir!« sagte er: »Ein Eid, und wann hast Du ihn getan?« - »Er ist noch nicht so
alt, als Zodick's Besuch;« erwiederte Ben David: ich hab' ihn geschworen bei der
Lade des Bundes im Allerheiligsten meiner Gedanken. »Raaf!« setzte er leise
flüsternd hinzu: »Raaf! ich habe böse getan, fühle ich jetzt, denn ich habe
gehandelt mit Menschenblut. Das Schändliche solchen Beginnens ist mir geworden
klar, da mir einfiel, wie Ester jetzo hülflos einem gleichen Handel Preis
gegeben ist, der vielleicht das Kleid ihrer Ehren in Kot tritt, vielleicht ihr
junges Leben erstickt. Darum will ich büssen, und, sollt' ich ersterben in Graus
und Schmerz, nicht durch mein Zutun den Versuch machen, zu lindern mein
Schicksal.« -
    Jochai wollte in ein Geschrei des Jammers ausbrechen; Ben David bedeutete
ihn jedoch heftig, zu schweigen, und raunte ihm in's Ohr: »Spare Deine Worte,
die unser Elend nur beschleunigen, denn hinter jener Wand lauschen verborgne
Zeugen, die Zodick's Unterredung mit uns behorchten. Mir hat's verraten sein
ängstlich Lauschen, und ich warne Dich.« Man kömmt schon: »hörst Du? Ermanne
Dich. Dein Leben werd' ich gewisslich retten. Meine Verteidigung muss der
hochgelobte Gott unternehmen. Eine Menschen-Zunge allein rettet einen Juden
nicht.«
    Der Oberstrichter kam herein mit gewohnter Würde; in seinem Gefolge ein
Schreiber, das Verhörprotokoll unter'm Arme, das Schreibzeug am Gürtel. Der
Gefangenwärter schob den Tisch zurecht, und ging. - »Jude Jochai und Du, sein
Sohn David!« begann der Richter: »Man hat uns gemeldet, dass die Aufrichtigkeit
in eurer Seele die Oberhand gewonnen, ehe wir noch der Folter bedurft, um sie zu
wecken. Ihr tut klug daran, zu bekennen, denn eure Missetaten brechen von Tag
zu Tage mehr hervor aus dem Schleier, mit welchem Eure Ränke sie umhüllt hatten.
Gerhard von Hülshofen - erbleicht ihr nicht noch deutlicher unter eurer Blässe?
- wird nicht säumen, vor unsern Schranken Zeugnis gegen euch abzulegen, um also
die Schuld wieder gut zu machen, so er als rechtgläubiger Christ zu böser Stunde
auf sich geladen. Des armen Friedbergers Schmuck, von seiner Witwe erkannt,
bezeichnet Euch als Glieder der verruchten Mordbande, die ihre Verbrechen sogar
in unsern Mauern ausübt. Nichtswürdige Gesellen, die schon seit lange in unsern
Verliessen schmachten, und ehemals mit jener Rotte Korah in Verbindung gewesen,
entsinnen sich auch recht gut, einen der Hauptmörder mit dem Namen: der Jude
bezeichnen gehört zu haben, und würden gewiss den David von Angesicht zu
Angesicht erkennen, wäre er ihnen damals nicht immer in einer unkenntlichen
Vermummung erschienen. Kurz: die Zeit bricht ein Stück nach dem andern von dem
Bollwerke ab, das eure Heuchelei um die Wahrheit gezogen hat. Gerade jetzt ists
noch Zeit zu bekennen, um die schwere Hand der gesetzlichen Rache in ihrem Falle
etwas aufzuhalten, und ein milderes Loos zu gewinnen, wenn es sein kann. Wir
haben daher auch nicht gesäumt, der an uns gegangenen Aufforderung diesenfalls
zu entsprechen, und begehren von Dir, Jochai, dass du sonder Ausschweife an den
Tag gebest, was Du zu bekennen hast.« - »Zu bekennen, Herr!« sagte der durch
Hingebung seines Sohns mutiger gewordne Greis: »Gott soll mir helfen, wenn ich
weiss, was ich bekennen soll, wenn es nicht ist unsre Unschuld.« - Ben David
schwieg befriedigt, aber des Oberstrichters schlaufreundliche Miene wandelte
sich in eine frostige um, da er die Weigerung des Alten hörte. - »Wie?« fragte
er: »Hast Du Deinen Vornamen sobald geändert? Man sagte mir doch ...« - »Edler
Herr!« versezte Jochai mit scheinbarer Offenherzigkeit: »So uns der hochgelobte
Herr der Welt Stärke verleiht, so werden wir selbst unter Folterpein nicht
aussagen, was uns, sind wir gleich fleckenlos wie das Lamm, den Stab bricht; um
wie viel mehr müssten wir die Zunge schelten, die an uns zur Lügnerin werden
wollte, freiwillig, ohne Not.« - »Aber,« polterte der Richter aufwallend, »Du
sagtest doch selbst, alter Sünder ....« - Jochai schüttelte schweigend den Kopf,
wie Einer, der seiner Sache sehr gewiss ist, und, mit einem Lächeln, nur den
Unglauben eines Andern straft. Diese Geberde machte indessen den Richter
hitziger. »Läugne nicht, Jude,« sprach er drohend: »Friedrich hat die Lügen
verabscheuen gelernt im Schoose des wahren Glaubens. Du warst geneigt zu
bekennen .... so bekenne denn. Deine Aufrichtigkeit kann nur wohltätigen Einfluss
auf Dein, selbst auf deines Sohns Geschick haben. Bekenne die erschreckliche
Kreuzigung des Knaben, die hauptsächlich dir zur Last gelegt wird, hast Du
einmal diese erste und grösste Missetat von Allen gestanden, dann, wird das
Bekenntnis der Übrigen leichter.« - Jochai warf einen verstohlenen Blick auf den
unerschütterlichen Ben David, und sagte dann entschlossen: »Gestrenger Herr
....« mir sollen alle Glieder erstarren zu Eis, wenn ich anders sagen kann, als:
»Wir sind unschuldig.« Der abtrünnige Knecht Zodick hat auch heute gelogen wie
in seiner Klage. Gras wachse vor seiner Tür, und Er soll sein der Lezte nach
allen Menschen auf der Erde. »Ich werde nicht bekennen, was ich nicht weiss.« -
    »Ja, verdammter Jude!« brach der Oberstrichter los: »Du hast Bekenntnis und
Lüge in einer Tasche. Die wenigen Augenblicke, die du mit diesem Elenden hier
allein geblieben, alter Tor, waren hinreichend, dich umzustimmen, und nun soll
Friedrich gelogen haben, obgleich ....«
    Hier verstummte der edle Herr, weil ihn beinahe der Zorn veranlasst hatte, zu
gestehen, dass er alles hinter jener Wand verborgen, mit angehört. Jochai
entgegnete jedoch mit treffendem Blick und bitterm Lächeln: »Und wenn ihr
selbst, gestrenger Herr, mit Euern eigenen Ohren gehört haben wolltet, was Euch
Zodick sagte, so müsste ich erklären, dass Ihr Euch irrt.« - »Genug;« fuhr der
Oberstrichter fort: »Ich sehe, dass Ihr unverbesserliches Gesindel seid. Was
jener blut- und raubdürstende Mensch, dein Sohn, an Kraft und Geschick, das Böse
zu tun, vor Dir voraus hat, das ersetzest du durch deine hundertjährige
Schlauheit und Tücke. Aber - was es nun auch sei - boshafte Lüge, beginnender
Wahnsinn des Alters, oder jene Vergesslichkeit, die den ergrauten Bösewicht
zuweilen befällt, und seinem Gedächtnisse schwere Frevel entrückt, als ob sie
nie vollführt worden wären, ... ich will Dich schon zum Geständnis bringen. Die
Verworfenheit, die rund um unser Weichbild, und innerhalb desselben, das Haupt
zu Raub, Todschlag und Brand erhebt, zittert vor meinem Namen, meinem Ansehen
und Eifer. Diese Schrecken der Zügellosigkeit sollen auch nicht an zwei
erbärmlichen Juden erlahmen. -«
    »Gebraucht Eure Macht, ehrbarer und strenger Herr;« sprach Jochai mit
leidender Demut: »der Mensch ist ein schwach Gefäss in den Händen seines
zornigen Feindes, sagt der Rabbi Jose, auf welchem der Friede sei, und das
Paradies seinem Andenken. Der grosse Tag, jenseits des Meeres, hat aber ein
Andrer gesagt, wird ausgleichen Alles, was geschehen ist zwischen Auf- und
Niedergang. Ich sage nicht, was nicht ist, wenn ich unsre Unschuld bekräftige.
Der Wahnsinn, dieser Aussatz, mit welchem die Schedim den innern Menschen
schlagen, wie Job geschlagen ist worden von dem Fürsten der Wildnis, von dem
haarigen Bocke, redet auch nicht aus mir. Aber auch nicht Vergesslichkeit,
erzeugt vom Übermaasse der Verbrechen, hat entrissen meinem Gedächtnisse, was
einst, wichtig wie allenfalls sein kann ein Mord, sich ihm einprägte. Ich weiss
noch herzuzählen an den Fingern die zweihundert und acht und vierzig Gebote, wie
die dreihundert fünf und sechzig Verbote, denen ich mich musste unterwerfen, da
ich wurde im dreizehnten Jahre meines Lebens ein Ban Mitzra, das ist: ein Sohn
des Gesetzes. Ich habe mich gewöhnt, aufzuzeichnen und zu behalten im Kopfe alle
glückliche und unglückliche Tage meiner Jahre. Der glücklichen hatte ich wenig
aufzuzeichnen: der unglücklichen jedoch zu behalten viele, denn ich bin ein
schlechter Jude.« -
    »Was soll das Gewäsche?« fragte der Oberstrichter barsch: »Spare die
erheuchelnden Tränen für die Folterbank und den letzten Gang, elender grauer
Dieb. Was hast Du noch vorzubringen? Kurz; sage ich Dir.«
    »Ich werde sein schnell zu Ende;« antwortete Jochai, mit schmerzlichen
Lächeln in die Hände hauchend und über seine nassen Augen fahrend. »Ich will nur
reden von der Zeit gestrenger Herr, da Ihr noch wart ungeboren, Euer Vater ein
Knabe noch beinahe, und Euers Vaters Vater noch ein rüstiger Mann. Herr, ich
habe erlebt, was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzählen
mit behaglichem Grausen. Herr, ich war schon gewesen ein Mann von vierzig
Jahren, da des hochseligen Kaisers Carl IV. Majestät genau drei Jahre am
Regiment gewesen, und da wir zählten das fünftausend einhundert und neunte Jahr
der Welt, in welchem man allentalben begann, die Juden zu schlachten, weil sie
vergiftet haben sollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die
grosse Pest. Mir gedenkt's wie der Tag von gestern, da das Gemetzel losbrach,
hier zu Frankfurt, als die Geissler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen, und
den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes.« - »Der Heiland!« verbesserte der
Oberstrichter finster; unterbrach jedoch, mit einer Art von Teilnahme sich
vorlehnend, den Greis nicht, so sehr auch der Schreiber, den die anhebende
Erzählung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte. -
    »Die Geissler haben gesungen durch die Strassen: Ach, so hebet eure Hände, dass
sich doch das Sterben wende!« fuhr Jochai fort: »Mittlerweile aber sie sich die
Rücken zerfleischten, und den Staub der Gassen düngten mit ihrem Blute, ist ein
Feuer ausgebrochen, und weh! weh! in der ganzen Stadt gerufen worden. Unfern von
unsrer Gasse war durch Nachlässigkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand
aufgegangen. Ich stand gerade fertig, um über Land zu gehen, und zu holen mein
Weib, dass heimgesucht hatte seine Eltern über dem Rheine. In meiner Mutter Stube
stand ich, da die Glocken anfingen zu wimmern, und das Getöse überhand nahm in
den Strassen. Die arme alte Frau von siebzig Jahren, erblindet durch die Mühen
des Gerwerbes, erschrack zum Tode, und schickte mich fort, zu sehen, was es
gabe. Ich lief, ich schrie, ich entsetzte mich.« »Die Juden haben den Brand
gemacht!« schrieen die rasenden Geissler auf den Gassen: »Wir haben's gesehen!
Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem Hause zum Storch nach dem
Rathause! Und das Volk schrie nach, und dürstete Rache, und brach ein in die
Häuser, die Geissler beständig voran, die raubten und sengten und metzelten.
Herr! da kam ich heim, vor Angst und Ermattung halbtodt, um zu retten die blinde
arme Mutter.« Die war in ihrer Herzensnot herausgegangen zur Stube, und hatte
sich zur Treppe gefühlt, war aber gestiegen hinauf, statt hinunter, und also
geraten auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh. Und
ich stand vor'm Hause, und konnte nicht hinein, weil alles voll Plünderer wogte,
und sah die liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenster stehen, wie sie die
Hände rang und hinausrief in die Flammen, die sie nicht sah: »Sohn! Sohn!
Jochai! Sohn Davids! wo bist Du? verlass mich nicht!« Ich sah endlich, wie die
Räuber zu ihr hinaufdrangen, und konnte, selbst geschlagen und misshandelt, nicht
herzu. »Heule nicht! Judenvettel!« donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu,
erhitzt von Wut und angetan mit Grausamkeit: »Dort ist Sein Sohn! fahr gesund
zum Teufel!« Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde. »Auf ihrer
Asche sei der Friede!« -
    Eine tiefe Stille folgte dieser Erzählung Jochai's. Der Oberstrichter
starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor; sprach aber keine
Sylbe. Da schloss Jochai also: »Die Blinde, Herr, ist gewesen meine Mutter, und,
der sie in das Feuer warf, Euer Grossvater, Herr. Ich kenne demnach, was ein Jude
zu gewärtigen hat von Euerm Geschlecht, und Ihr habt ein Pfand, dass ich nicht
bin so vergesslich, als Ihr glaubt. Was der Grossvater übrig gelassen, mag nun
verderben der Enkel.«
    Der Oberstrichter schwieg noch immer mit äusserst nachdenklichem Gesichte. Er
rieb sich heftig die Stirne, zog die Augenbraunen zusammen, und hing an einer
unangenehmen Erinnerung. »Du bist also ...?« fragte er mit einemmale, wie
bewusstlos, unterbrach sich aber schnell, und wendete sich zu dem Schreiber. »Ich
bedarf Euers Diensts nicht;« sagte er: »Geht, und nehmt diesen Alten mit Euch.
Der Turmwächter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefängnis geben, und
ihm förder die Ketten nicht mehr anlegen.«
    Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai, auf den Ben David schnell
zuging, um ihn zu umarmen, und ihm die Hand zu küssen. »Ein Strahl der Milde
bricht in die Hütten Jakobs!« sagte er heftig bewegt: »Raaf! zage nicht, und
vertraue dem Herrn!« - Jochai schwankte hinaus mit dem Begleiter. Der
Oberstrichter hatte seinen ganzen fürchterlichen Ernst wieder gesammelt, und
redete zu Ben David. »Du siehst, wie barmherzig ich sein kann. Ich habe Wille
und Vollmacht, für Dich ein Gleiches zu tun, wenn Du weniger halsstarrig sein
wolltest. Friedrich's Klage ist klar wie die Sonne, aber ein schwerer Verdacht,
der sich in des Volkes Stimme gegen Dich erhebt, bedarf Deines bestätigenden
Geständnisses. Bekenne, dass Du Dieter's Mörder sein wolltest, angereizt und
besoldet von seinem treulosen Weibe. Gestehe ohne Scheu. Eine gnädige
Behandlung, ein leichter Tod sei Dein Lohn dafür.« - »Heer!« erwiederte Ben
David ohne Bedenken: »Wär' ich allein in das Gewebe verflochten, das mich
Unschuldigen droht zu erwürgen, so sagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes:
Ja! Zu glücklich, um damit zu erkaufen Linderung der Kerkerqual, und einen
schnellen, beschleunigten Tod unter den Fittigen des Boten der Barmherzigkeit,
Gabriel, welcher die Seelen der unschuldig Sterbenden hinüberführt gen Canaan.
Aber es ist wider das Gebot, eine fremde, schuldlose Seele mit zu tödten durch
falsches Zeugnis. Ich kenne die Ehewirtin des Altbürgers nicht.« - »Du lügst;«
entgegnete der Oberstrichter gereizt: »Du warst oft in ihrem Hause; ich habe
Zeugen.« - »Gehandelt hab' ich mit der ehrsamen Frau;« gab David zu: »Doch soll
mir Gott helfen, kenn' ich sie weiter.« - »Du lügst!« zürnte der Oberstrichter
heftig: »Man hat Dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hause schleichen sehen, in
welches Du hineingekommen warst, unbemerkt, von Niemand geachtet. Du warst in
fremder Tracht, beladen mit Geld, wie es schien, und doch wurde von einem
Diebstahl nichts gehört. Also hast Du damals den Lohn des blutigen Werks im
Voraus empfangen, und den Handel geschlossen.« - »Gestrenger Herr!« entgegnete
Ben David, seine Betroffenheit künstlich verbergend: »Da Meister Dieter Frosch
angefallen wurde, war ich zu Costnitz, und geträumt hat dem, der mich vermummt
gesehen haben will.«
    »Du ermüdest meine Langmut!« schalt der Oberstrichter: »In der Folterkammer
wirst Du geschmeidiger werden, sage ich Dir indessen voraus. Denk an mich!«
    »Ich will es erwarten, Herr;« antwortete Ben David ruhig, und liess sich
geduldig die Ketten wieder anlegen, und in sein trauriges Verliess zurückbringen.
 
                                Achtes Kapitel.
 Ich bin ein leibeigner Bauer,
 Mein Leben wird mir sauer;
 Ich steige auf den Birkenbaum,
 Davon haue ich mir Sattel und Zaum;
 Ich bind meine Schuhe mit Bast,
 Ich füll' meinem Junker den Kast,
 Leiste dem Pfarrherrn die Pflicht
 Und weiss von Gott und seinem Worte nicht.
                                                       Liefländisches Volkslied.
»Wohin?« fragte Dieter, im Begriff, sein Haus zu verlassen, um in seinem Garten
Zerstreuung zu suchen, einen Mann in bäurischer Tracht, der, einen Tragkorb auf
dem Rücken, die Treppe hinanstieg. Der Mann hielt auf diese rasche, unvermutete
Frage still, sah mit offnem Munde hinauf, strich sich die Haare von der Stirne,
und fragte, die Mütze in der Hand, entgegen, ob hier die Frau Altbürgerin
Margarete Frosch wohnhaft sei. Dieter bejahte, und winkte dem Zaudernden näher
zu kommen. »Was soll denn die ehrsame Frau?« begann er, dessen Misstrauen durch
die scheu umherschweifenden Blicke des Bauern erregt wurde. - »Ich muss selbst
mit ihr reden;« meinte hierauf der Letztere, und die liebe Dummheit sprach sich
in seinen Zügen und Worten aus: »Der Herr soll nichts davon erfahren, hat mein
Weib gesagt; oder - seid Ihr vielleicht der Herr?« - »Nicht doch;« erwiederte
Dieter kurz: »Ich bin Frau Margaretens vertrautester Freund, und Du kannst
nichts Besseres tun, als auch mir Dein Gewerb vertrauen, weil die ehrsame Frau
verreist ist, und unter einigen Tagen nicht wiederkehrt.« - »So?« sprach der
Bauer, auf den Stock gelehnt: »Das ist einfältig, guter Freund. Wer wird mir
denn abnehmen, was ich in meinem Kober trage?« - »Tritt hier herein!« befahl
Dieter, die Türe seiner Stube öffnend: »Ich will Dir Botschaft und Wert
abnehmen, Deine Zunge und Deinen Rücken ledig machen.« - Der Bauer sah sich
verwundert in der Stube um, und wusste nicht recht, ob er niedersetzen oder
fortgehen sollte. Dieter gebot ihm hingegen nachdrücklich, den Inhalt des
Korbes vorzuweisen; und mit einer dummpfiffigen Miene gehorchte endlich der
Mensch. Mit einem verstockten Lächeln zog er die grobe Leinwand von dem Korbe,
in welchem ein kleines Mägdlein sass, das seine Händchen bittend dem Alten
entgegenstreckte. Dieter nahm das holde Kind schnell aus dem unbequemen
Versteck, und mass staunend bald den Träger, bald seine Bürde. »Was soll das?«
fragte er: »Ein Kind?« - Der Bauer lachte, und wiederholte: »Mein Seel, Herr, es
ist ein Kind.« - »Wessen Kind? Sag an?« - »Hm!« versetzte der Bauer langsam, und
kratzte sich auf dem Wirbel: »Herr, wenn ich das wüsste, mein Seel, ich wollt's
Euch sagen.« - »Ist der Mann hier Dein Vater?« sagte Dieter zu dem Kinde, das
sein Köpfchen an des Alten Brust legte. Es schüttelte aber auf diese Frage das
Haupt, und antwortete mit kindischem Lallen: »Nein, nein, Vater weit, Mutter
weit, Agnes ganz allein gelassen!« - Dieter begütigte das Mägdlein, so gut er
es vermochte, und wendete sich wieder zu dem dämischen Boten, der mit
eingebogenen Knieen und vorgestrecktem Halse da stand, ein gleichgültiger
Zuschauer. - »Wer bist denn Du, Mensch, und wie hängt das Alles zusammen?«
fragte der Altbürger. - »Mein Seel,« entgegnete der Bauer: »guter Herr und
Freund, ich will Euch wohl sagen, dass man mich Paul getauft hat, und dass ich ein
eigner Mann des gestrengen Grafen von Katzenelnbogen bin. Wir armen Leute wissen
nicht, wie alt wir sind, aber, dass der Johannistag heuer zum ein und zwanzigsten
Mal wiederkommt, seitdem ich mich mit meiner Willhild habe einsegnen lassen
dürfen zu Wiesbad, - denn wir zu Moorweiler haben keinen Pfaffen für uns, - das
weiss ich genau.« - »Willhield?« wiederholte Dieter; »wäre die Pflegerin meines
Söhnleins ... des Herrn Dieter's - wollte ich sagen, - wäre sie Dein Weib?« -
»Mein Seel, Herr, sie ist's, wenn uns anders der Leutpriester recht eingesegnet
hat.« - »So rede schnell. Was ist's mit dem Kinde, und was soll es bei Frau
Margareten?« - »I nu,« redete Paul: »mein Weib meint, dass es am Besten da
aufgehoben wäre, weil es doch einmal die Tochter von der Frau ist.« - »Wer?«
rief Dieter mit gallebewegtem Blute: »Wer ist Margaretens Tochter.« »Ho, die
müsst Ihr wohl kennen, wenn Ihr der Freund vom Hause seid;« entgegnete der Bauer:
»das schöne Weibsbild, das vorige Woche von der Heerstrasse gestohlen wurde.« -
»Wallrade?« -
    »Recht, so heisst sie;« fuhr Paul fort: »und ihr Töchterlein ist das Kind
hier, das sie bei uns zurückgelassen hat. Wir sollten's ihr aufheben, bis sie
wieder käme.« - »Wallradens Kind?« sprach Dieter bestürzt und entsetzt vor sich
hin: »Barmherziger Gott! in welchen Höllenschlingen finde ich bei jedem Schritte
Alle, die ich liebe!« - »Wie kam denn das Fräulein zu Euch!« setzte er laut
hinzu. »Zu Wagen, lieber Freund;« antwortete Paul: »Was die Weiber mit einander
schwätzten, weiss ich nicht, denn ich hatte die Frohne für meinen gestrengen
Herrn, und die Willhild sagt mir auch nicht viel. Genug, da es Sonnabend war vor
des Herrn Geburt, sollte ich mit herein und auf Alles Ja sagen, was die Frau,
die Mutter nämlich von diesem Kinde, erzählen und vorbringen würde.« - »Vor des
Herrn Geburt?« wiederholte Dieter kopfschüttelnd: »Mensch, bist Du irre; vor
Ostern vielleicht?« - Meinetwegen vor Ostern, wenn das nicht Eins ist, was wir
ungelehrte Leute nicht wissen. Es ist einmal noch nicht lange her. Die Frau war
sehr aufgebracht und sagte einmal über das Andremal: »Ich will zurückkommen, ich
will dem Vater sagen ... doch, das geht Euch nichts an, und ich weiss es auch
nicht mehr so recht.« - »O meine Ahnung!« murmelte Dieter durch die Zähne:
»Strahlende Gewissheit bist Du geworden. Wallrade hat den wunden Fleck meines
Hauses getroffen, Willhild zum Bekenntnis gebracht, den Bastard in meinem
Geschlechte entlarvt. Ich müsste ihr danken, hätte sie nicht ähnliche Schande auf
mein Haus gehäuft!« Er sah bei diesen Worten das Kind auf seinen Armen finster
an, und drang in Paul, endlich doch fortzufahren, und zu endigen.
    »Ich bin schon zu Ende:« versicherte der Bauer! »Die Frau wurde gestohlen,
und ich lief heim, ohne zu wissen, wo sie hingekommen.« Einer von den
Teufelsburschen hat mich gejagt wie einen Hasen, und Willhild mich noch
obendrein ausgescholten. Und da die Frau nicht widerkam in den nächsten Tagen,
und keine Kunde von hier aus, so redete meine kluge Willhild zu mir: »Morgen,
Paul, nimmst Du das Mägdlein im Korbe mit Dir, und trägst es zu Frau
Margareten, denn die Mutter, fürchte ich, ist dahin, und ich könnte nicht ruhig
sterben, wenn das Kind nicht versorgt wäre. Sage der ehrsamen Frau, sie soll mir
nicht böse sein, allein ich musste reden, um unser beider Seelenheil, und dass der
alte Herr nicht ferner betrogen sei.« - »Hörst Du, alter Tor?« fragte Dieter
knirschend in sich hinein: - Weiter, Paul! - »Lass Dich aber nicht vom Herrn
erwischen,« sagte das gute Weib ferner, fuhr Paul fort: »Es könnte mit diesem
Kinde auch einen Hacken haben, wie mit dem Johannes, und zu viel Verdruss auf
einmal muss man dem lieben Herrn nicht machen.« -
    »Schweig!« herrschte Dieter dem Erzähler zu, welcher erschrocken
zusammenfuhr: »Aus Deinem Munde will ich nicht wissen, was noch zurück ist. Lass
das Kind hier, und packe Dich, so lieb Dir Dein Leben ist, schnell aus der Stadt
in die Heimat. Mit Dir, Du Tölpel, habe ich nichts zu schaffen. Aber Willhild
soll kommen; übermorgen soll sie hier sein, oder es schwer bereuen. Hinweg!« -
»Na, na, lieber Freund,« sprach Paul begütigend: »ich will's wohl ausrichten,
und die arme Willhild wird freilich kommen, wenn sie kann. Aber ... hier kratzte
er sich wieder hinter den Ohren - es ist ein kitzlich Ding.« - »Wie so?« fragte
Dieter strenge. - »Das arme Weib wird wohl gestorben sein;« versetzte Paul
weinerlich: »der Pfaffe gab ihr, da ich heute früh aufbrach, nur zwei Stunden
noch zu leben.« - »Verflucht!« zürnte Dieter dumpf, und setzte das Kind nieder.
- »Wenn Ihr jedoch ein vertrauter Freund des Herrn wart, wie der ehrsamen Frau,«
fuhr Paul fort, »so wollte ich Euch wohl ein Brieflein für denselben zustellen.«
- »Das Bekenntnis meiner Schande!« seufzte Dieter für sich, und griff finster
nach dem Zettel, den ihm der Bauer reichte. »Ein verkleideter Mann gab ihn mir,
da ich Moorweiler verliess;« setzte dieser hinzu: »Er mag wohl seine Ursachen
haben, warum er ihn nicht selbst überbringt.«
    Dieter öffnete bedächtig den Zettel, und las zu seiner Verwunderung ganz
andre Worte, als er vermutet hatte. Es standen darin folgende: »Wisset, Schöff
und Ratsherr, Dieter Frosch, dass ein Freund seine Ehre bewahrt will haben, und
Euch verraten, an welchem Ort sich befindet Eure Tochter Wallrade. So Ihr am
Tage, da der nächste Vollmond eintritt zur elften Stunde der Nacht Euch wollt
einfinden an dem Feld-und Bannsteine, das Sprünglin genannt, unfern von Bergen,
und mitbringen wollt einen Sack mit vierhundert Mark lötigen Silbers, sollt Ihr
Alles wissen und erfahren, wie Ihr wieder zu Eurer Tochter gelangen könnt. Kommt
allein, sonder Gefährde, sonst sucht Euch der rote Hahn daheim. Ich bin der
Niemand.« -
    Mit finster gerunzelter Stirne sah Dieter von dem Zettel zum Boten auf;
Letzterer hatte aber für gut gefunden, sich - einem Unwetter vorzubeugen - aus
dem Staube zu machen. Dieter rief seinen Leibdiener herbei. Der Mensch wollte
jedoch nichts von dem Bauern gesehen haben. - »Eitel!« sprach Dieter unwirsch,
da sein Auge wieder auf das Kind fiel, das still und furchtsam in der Ecke sass:
»ist meiner Tochter Knecht noch nicht heimgekehrt von dem Streifzuge des
Jungherrn?« Der Diener verneinte. - »Liegt die Magd noch krank?« fuhr der
Hausherr fort. - Eitel berichtete, dass seit dem gestrigen Tage das Fieber
nachgelassen habe, das von dem Schrecken des Überfalls erregt, die Dirne bisher
ausser Stand gesetzt hatte, ausser dem Bette zu bleiben, und Antwort auf die ihr
vorgelegten Fragen zu erteilen. Dieter befahl, die Zofe heraufzusenden.
Überlegend ging er auf und nieder. »Soll ich denn von der Magd erfahren, was
mein Blut jetzt schon sieden macht? was mir jetzt schon klar wie der Tag ist?«
fragte er endlich: »Nein! Dieter,« - antwortete er entschlossen; - »Nein, sei
Du gerade, bleibe Du redlich, wenn Dich auch der hinterlistige Verrat umgibt.
Schirme, so viel als möglich, die Ehre Deines Namens.«
    Er führte das Kind in die Kammer, und unmittelbar darauf trat die Zofe
Wallradens, eine hübsche, etwas blasse Dirne zu ihm in's Gemach, gewärtig, seine
Befehle zu empfangen.
    »Du bist eine feine Magd;« begann Dieter ernst: »Deine Gebieterin
schmachtet in arger Haft, und Du denkst nicht einmal an das Kind, das sie
hülflos zurückgelassen?« »Ihr Kind?« entgegnete die Dirne betroffen, und ihr
Angesicht wurde blutrot: »Ach, gestrenger Herr, Ihr wisst ...?« - »Wie sollt'
ich nicht?« fragte Dieter mit scheinbarer Unbefangenheit entgegen, obgleich die
Bestätigung von Paul's Bericht sein Herz durchschnitt: »Unverzeihlich ist es von
Euch, zugegeben zu haben ....« - »Ach Herr,« seufzte das Mädchen ängstlich:
»Vergebt uns. Der Diener muss gehorchen und schweigen, so die Herrschaft
befiehlt. Und da es Gott so gut gemacht hatte mit dem Kleinen, ... in welchen
Händen konnten wir das Kind lieber sehen ....?« - »Als in Willhildens Hütte, bei
der Sterbenden?« unterbrach sie Dieter rasch: »Unverzeihliches Beginnen der
Mutter und der Pfleger! und mir ein Geheimnis aus dem zu machen, was ich wusste,
blieb das arme Kind verwahrlost zurück?« - Die Magd wollte reden. - »Kein Wort,
bei meinem Zorn!« fuhr Dieter auf: »Ich sehe hell und brauche Euer Deuteln
nicht. Hier ist das Kind« - er führte das Mägdlein aus der Kammer .... »heute
mag es noch bei Dir im Hause bleiben; ich mache Dir's jedoch zur Pflicht, vor
Niemand es sehen zu lassen; vor meiner ... vor Frau Margareten am
allerwenigsten. - Wo die Mutter nicht gern gesehen ist, wird das Kind
verachtet;« schaltete er bitter ein, und endigte mit dem Versprechen, der Zofe
und dem Töchterlein mit dem nächsten Tage eine Zuflucht anzuweisen, in welcher
sie die Befreiung der Mutter zu verbleiben hätten. - Die Zofe schwieg gehorsam;
in ihren Augen war jedoch ein gewisses Staunen nicht wohl zu verkennen, da
Dieter ihr das Mägdlein hinreichte, das sich mit dem Schmeichelworte: »Ach, Du
liebe Gundel! Du bist da?« an der Errötenden Brust schmiegte. »Sieh da, Agnes,
Du hier?« entgegnete der Mund der Letztern endlich, und nachdem sie noch einige
Fragen des Altbürgers, die er, geflissentlich den Aufentalt im Wiesbad und die
Geschichte des Kindes umgehend, über einige Umstände des Raubes auf der
Heerstrasse an sie richtete, beantwortet hatte, ging sie stille und demütig mit
der müden Agnes hinweg.
    Dieter sass lange da, und konnte des Grollens in seiner verwundeten Brust
nicht Herr werden. Der Groll wich endlich auf kurze Weile, und ein unsäglicher
stummer Schmerz trat für ihn ein. Der Gedanke, von Weib und Sohn sich verraten,
von der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu sehn, presste dem alten Manne
dicke Tropfen der innersten Marter aus den Augen, und in solcher
Niedergeschlagenheit fand ihn der Oberstrichter, welcher plötzlich in dem
Gemache erschien. Der Eintritt desselben machte keinen unangenehmen Eindruck auf
den Leidenden. In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geschäfte
des Kriegs und des Friedens verbunden, hatten sich beide einander
freundschaftlich genähert, ohne innige Freunde geworden zu sein. Der
Oberstrichter, dessen grösster Fehler ein Jähzorn war, leicht zu wecken, schwer
zu besänftigen, hatte keinen Grund gehabt, Dietern gehässig zu sein, und dieses
letztere Misstrauen, von des höfelnden Schulteissen Bewerbungen um Margaretens
Gunst aufgereizt, hatte den für Frauen nicht empfänglichen Oberstrichter
unverwehrt dann und wann das Haus besuchen lassen. Sogar der verdriessliche
Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Dieter nicht von dem Richter entfernt,
obschon der letztere unverholen auf des Schulteissen Seite gewesen. Gewohnheit
hatte sie, die beide gegen Dagobert grollten, zusammen gehalten. Auch heute
reichte Dieter dem Gaste die Hand zur stummen Begrüssung. - »Gott walte im
Hause!« sprach der Oberstrichter: »Vergebt, Alter, dass ich einbreche wie ein
Kundschafter. Von Eurer Wallrade ist noch keine Spur zu finden, und der
Stadtauptmann in Verzweiflung, Euch nicht kräftiger dienen zu können. Die
Aussagen des Knechts reichen nicht hin, und nicht die der Zofe, wie ich
vernehme. Beide wissen nur, dass die Veste, in welche man sie geschleppt, weit
von hier liegen muss, und aussieht wie ein jedes Schloss im Innern auszusehen
pflegt. Man muss von der Zeit erwarten, was sich jetzo nicht fördern mag. Ein
ander Geschäft bringt mich hieher. Ich suche Vollbrecht, Euers Sohnes Knecht.
Sein ehemaliger Herr ist in den Handel des Juden verwickelt, und am Ende weiss
der Knecht mehr davon, als wir alle.« - »Vollbrecht ist mit Dagobert auf die
Streife gezogen,« erläuterte der Altbürger. - »Hm!« brummte der Oberstrichter:
»da werden wohl beide nimmer heimkehren. Euerm Sohne ist's schwerlich Ernst, die
Schwester aufzusuchen, deren Gefängnis ihm bekannt genug sein mag. Und das böse
Gewissen wird schon das Übrige tun. Ich bedaure Euch, alter Freund, Ihr habt
keine Freude an dem Erben Euers Namens, denn ... was den Johannes betrifft ....«
- »Schweigt um's Himmelswillen!« unterbrach ihn Dieter: »Schmerz und Zorn
zersprengen mein Herz. Nicht der leiseste Zweifel bleibt mir mehr. Dies sei Euch
genug. Mein lasterhaftes Weib ist aus meiner Liebe gestossen, wie ich es schon
aus meinen Armen stiess.« - »Und dennoch wollt Ihr nicht glauben, was die ganze
Stadt glaubt;« erinnerte der Oberstrichter: »das Laster geht riesengross einher,
sobald man es nicht im Wachstum tödtet. Glaubt mir; Ben David wollte Euch
erwürgen; Ben David wurde dafür von Margareten gedungen. Schüttelt nicht das
Haupt. Die Zeit trifft zusammen. Eitel, euer Knecht, glaubt in jenem Manne, der
bei Nachtzeit aus dem Hause schlich, den mit Geld beladnen Juden entdeckt zu
haben. Dagobert hatte dazumal schon den Freibrief von dem Papste erwirkt;
Dagobert sollte zurückkehren. Gatte und Vater war im Wege.« - »O dass ich es
glauben muss!« seufzte Dieter trostlos: »aber, hörten meine Ohren nicht selbst,
wie die Sünderin ihrem Buhler die Rettung des Juden so dringend empfahl? Warum,
wenn nicht ....?« - »Hört ferner:« fuhr der Oberstrichter fort »In unserm Turme
liegt ein junger Bube, ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer; ein Lehrling
des Webergesellen Borames. Ein einzigmal ist der Bube in der Mörder Genossame
gekommen, ohne, wie er schwört - einen einzigen derselben zu kennen, noch den
Ort wieder bezeichnen zu können, an den er damals in einer Schneenacht geführt
worden. In jenem Mordwinkel jedoch, behauptet er gehört zu haben, dass ein Ritter
mit dem Juden einen Handel abgeschlossen, Euch aus der Welt zu schaffen; um zehn
Pfund Heller glaubt er, seiet Ihr verkauft worden.« - »O der
Niederträchtigkeit!« rief Dieter empört: »und dieser Ritter ....?« - »Dagobert
oder Euer Schwager von Leuenberg;« antwortete der Freund achselzuckend. -
»Schändlich!« jammerte der trostlose Vater: »Ich bin Preis gegeben dem
abscheulichsten Meuchelmord, und weiss es nicht, in welcher Hand der Dolch mich
bedroht.« - »Das Mittel, hell zu sehen,« fuhr der Oberstrichter fort, »wäre, der
Anklage freien Lauf zu geben, die ich gegen Euer Weib verhängen will, und die
das Geständnis des Juden bekräftigen muss. Die Wahrheit muss alsdann durch Gottes
Fürsicht an den Tag kommen.« - »Nimmermehr;« erklärte Dieter mit schneller
Fassung: »nicht also beschimpfe ich selbst mein Haus. Das Weib, das ich einst
liebte, sollte ich der öffentlichen Schande Preis geben, einem schmählichen Tode
überliefern? Nein! ich will nicht klagen, und verbiete Euch, es zu tun. Ich
werde die Sünderin von mir entfernen, über als eine letzte Gnade empfange sie
ihr Leben von mir.« - »Ihr seid die Milde selbst,« äusserte der Oberstrichter:
»ich weiss jedoch nicht, ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren können. Des
Schulteissen Befehl dürften ...« - »Der Schulteiss wird nicht als Kläger
auftreten können, so lange ich schweige,« versetzte Dieter heftig. - »Wohl und
recht;« sprach der andre nach einer Weile: »erlaubt jedoch, dass ich Euch auf
eine Pflicht aufmerksam mache, die Ihr - böslich, will ich nicht glauben - aber
lässig zu übersehen scheint.« - Hiemit ging der Oberstrichter nach der Türe,
sah behutsam hinaus, ob Niemand um die Wege, kehrte dann zurück, und zog
Margaretens Gatten in die Ecke. »Euer Sohn,« sprach er, »hat ein gewaltig
Ärgerniss gegeben, und seine Vergehen sind weltbekannt. Er hat geschändet Euer
Haus in sträflichem Bunde mit Eurem Weibe; er hat entehrt Euern Stamm, der einen
wilden Zweig in seiner edeln Krone trägt. Er hat höchst wahrscheinlich einen
Mörder gedungen gegen Euch; er hat das richterliche Amt verletzt auf
öffentlicher Strasse, eine schlechte Judendirne verteidigend; er lebt, nach
wohlverbürgten Angaben in Buhlerei mit dieser Jüdin, deren Schlupfwinkel die
Gerechtigkeit nur zu erfahren strebt, um ihr den wohlverdienten Lohn werden zu
lassen. Blutschande, Verletzung kaiserlicher Majestät, Mord, Abfall vom
christlichen Glauben nennt man obige Vergehen. Ihr hemmt den Arm der
öffentlichen Rechtspflege; aber die Sünde soll nicht ungestraft bleiben, da auch
im Verborgnen gerichtet wird unter dem höchsten Königsbann. Ich frage Euch also,
Dieter Frosch, Schöppe der heimlichen beschlossenen Acht, ... was werdet Ihr
tun?« - Dieter fuhr heftig zusammen, und musste sich an dem Gesimse anhalten,
um nicht hinzusinken. Der Oberstrichter raunte ihm hierauf in die Ohren: »Denkt
Euers Eides, und Eurer frei-kaiserlichen Schöppenpflicht. Einmal habe ich
gewarnt. Ich tue es nicht das zweite Mal. Nächsten Dienstag wird gehegt, und
der Stuhl erwartet Eure Klage.« - »Um Gott!« seufzte Dieter: »Dieses Grässliche
hat mir nicht geahnt. Um des Heilands willen! eben so gut hätte ich meinem
Sohne, der doch mein Fleisch und Blut bleibt, den Dolch in die Brust stossen
können, denn - muss ich dort klagen, ist er ohne Gnade dahin.« - »Ertapptet Ihr
ihn auf handhaftiger Tat, so wär's an Euch, in des Königs Namen zu richten;«
versetzte der Oberstrichter kalt: »verbessert jetzo Euern Fehler. Die Pflicht
ist schwer, ich geb' es zu; aber eines echten Freischöffen schwerste Pflicht ist
seinem Eide etwas Leichtes. Lebt wohl, Bruder. Gedenkt Euers Schwurs.« - Der
Oberstrichter überliess den Altbürger seinen Betrachtungen, wie unerbittlichen
Henkern ein vergebens widerstrebendes Opfer.
    Da nun der ehrbare Herr sich dem Rathause näherte, sah er an dessen Pforte
den Schulteiss stehn, im vertraulichen Gespräche mit Zodick, den er jedoch bald
entliess, da er des Oberstrichters ansichtig wurde. Der Letztere säumte nicht,
seinem Gönner und Freunde zu berichten, dass durch seine Bemühungen alles
Verdächtige in Dieter's Hause sich zu entwickeln im Begriffe stehe. Der
Schulteiss lächelte freundlich bei dieser Kunde. - »Recht, mein guter Herr und
Freund;« sprach er: »hier gilt es viel zu tun für Euern Eifer, das Böse, das
sich halsstarrig Euerm Falkenblick zu entgehen strebt, an's Tagslicht zu ziehen.
Mir,« setzte er lächelnd hinzu: »mir ist das Glück nicht so günstig. So oben
benachrichtigt mich der getaufte Jude, dass es ihm noch nicht gelungen, den
Aufentalt Ester's auszuwittern, und ich darf Euch versichern, dass ich des
Geldes nicht schonen würde, ihn zu entdecken.« - Der Oberstrichter wiegte
achselzuckend den Kopf. »Ich konnte nicht wissen,« entgegnete er, »dass die
armselige Jüdin Euch es angetan. Ich hätte sie wahrlich nicht so wohlfeilen
Kaufs damals entkommen lassen.« - »O, Ihr wisst nicht, was schön ist!« versetzte
der Schulteiss seufzend: »Das verwilderte Gesicht eines Mörders, der schon Jahre
lang in Euern Kerkern modert, hat der Reize mehr für Euch als die Rosenwangen
des schönsten Frauenbildes. schafft mir diejenige wieder, nach deren Besitz ich
mich unaussprechlich sehne, und verlangt von mir, was Ihr wollt. Mein schöner
flossreicher Weiher am Feldberg hat Euch beständig so wohl gefallen. Er ist Euer
mit all seinen Fischen, für das einzige Fischlein, das Ihr aus dem Netze liesst,
weil Ihr seinen Wert nicht zu schätzen wusstet.« - »Traun, Herr Schulteiss,«
lachte der Oberstrichter: »ich war all mein Tage ein schlechter und lässiger
Dirnenfänger, aber dort seh' ich, wie mich dünkt, einen ganz andern Fisch die
Strasse heraufschwimmen, der noch nicht einmal weiss, an welcher Angel er hängt.«
- Es wälzte sich auch wirklich durch die ziemlich enge Gasse ein Schwarm von
Menschen daher mit Sing und Sang und Pfeifenklang, die sich gar fröhlich
geberdeten. Zwei Gestalten in buntfarbiger Kleidung, - junge Männer, die ihre
jugendlichen Gesichter mit ungeheuern falschen Bärten verziert hatten, -
eröffneten den kleinen Zug, lange Schwerter auf den Schultern tragend. Ein
Panner- und Schildträger folgte auf sie, und ihnen nach jubelte die ganze Zunft
der Harnischer und Waffenschmiede, dem Reiter, der in ihrer Mitte langsam und
gravitätisch einherklepperte, ein helles »Lebehoch!« bringend.
    »Ist das nicht der von Hülshofen?« fragte der Schulteiss, die Hand vor die
Augen haltend, um besser zu sehen. - »So ist's, gestrenger Herr,« erwiederte der
Oberstrichter: »auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zurück, und ich
gönnte ihm gerne das kurze Festgepränge, das ihm die Waffenschmiede zugedacht,
da er in Costnitz durch seine Fechterkunst unsrer Stadt viel Ehr' und Ruhm
erworben. An Euch ist es nun, ihm anzukünden, wozu er eigentlich hieherberufen.«
- »Das geschehe auch auf der Stelle,« meinte der Schulteiss, und zog sich mit
seinem Freunde an die innere Treppe zurück, da die ankommende Menge schon
anfing, die Pforte zu belagern. Mit einem dreimaligen Vivat, dem Kämpfer und der
Vaterstadt dargebracht, wurde Gerhard vom Gaule gehoben, und betrat die Schwelle
des Heiligtums der Gerechtigkeit. Zu seiner Linken trug man sein Wappen und die
Waffenstücke, die er im Rennen zu Dank erhalten; zu seiner Rechten das Panner
der Zunft, und die in Turnieren eroberten Stechfähnlein. Mit einer bescheidnen
Unterwürfigkeit, aber nicht ohne jenes Selbstbewusstsein, das so gerne dem
wirklichen oder Schein-Verdienst entspringt, näherte sich der Fechter dem
Vorsteher der Stadt, und empfahl sich seinem Wohlwollen, mit der Bitte, ihm die
Ursache wissen zu lassen, die seinen also schnellen Aufbruch von Costnitz nötig
gemacht. - Der Schulteiss erwiederte mit Würde: man würde ihm diese Ursache
nicht vorentalten, sobald er sein Geleite verabschiedet haben würde. - »Nun, so
geht denn hin, ihr guten Jungen;« sprach Gerhard zu den jubelnden Freunden:
»Gott hat meinen Einritt gesegnet, und mich mit allerlei Ruhm bekrönt
wiederkehren lassen. Eure Freude tut meinem Herzen wohl, aber noch wohler wird
meiner dürftenden Kehle der Firnewein tun, den ich von Eurer Freigebigkeit zu
erhalten hoffe, geht darum hin auf Eure Stube, und pflanzt die weissen
Holzbecher auf, die ich so sehr liebe, und diese Waffen und Fähnlein, die Zeugen
der Tapferkeit, mit welcher ich das Ansehen Eurer Stadt in der Fremde
behauptete. Mit den gestrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu
wechseln, und dann bin ich bei Euch, ehe Ihr's Euch verseht.« - Die Meister der
Zunft schüttelten dem erprobten Zecher und Raufer die mächtige Faust, die
Gesellen schlugen die kleinen Tartschen und Kolben aneinander, mit denen sie
sich der Festlichkeit halber geschmückt hatten. Die Pfeifer bliessen zum Rückzug,
und unter gellendem Freudengeschrei wurde dieser auch wirklich angetreten.
Gerhard stieg mit den beiden Machtabern die Treppe vollends hinan, und
erschöpfte sich in prahlerischen Redensarten, und in der Wiederholung der Grüsse
und Freundschaftsversicherungen, welche ihm, seinen Beteuerungen zu Folge,
Fürsten und Herren an den wohlweisen Rat von Frankfurt aufgetragen, mit auf den
Weg gegeben hatten. In dem Strome seiner langatmigen Rede dahinschwimmend, und
wie ein geschickter Schütze immer das vorgesteckte Ziel erreichend, und die
Hoffnung berührend, die er auf die bekannte Grossmut und Freigebigkeit des
Magistrats gesetzt, bemerkte Gerhard nicht, dass Schulteiss und Oberstrichter
hartnäckig schwiegen, und kein Wörtlein auf all diese zudringlichen
Höflichkeiten zu erwiedern Lust hatten. Da aber die Türe des Schöffengemachs
hinter ihnen zugefallen war, und Gerhard sich noch immer vergebens nach einem
freundlichen Gesichte umsah, statt dessen jedoch nur zwei ganz ernstafte vor
sich erblickte, wurde ihm anders zu Sinne. Er schwieg ebenfalls, und manche
längst vergessene Schalkheit, für die er jetzo zur Verantwortung gezogen zu
werden befürchtete, drang sich seiner Erinnerung auf; indessen glaubte er aus
allen Himmeln zu fallen, als ihn der Schulteiss folgendermassen anredete: »Herr!
Ihr habt Euch zu Costnitz gehalten wie ein Mann; glaubte ich nicht den Berichten
der dort anwesenden Schöffen, ich müsste es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt
glauben; allein nicht um Eurer Taten willen belobt zu werden, wurdet Ihr
zurückberufen, sondern um Rechenschaft zu geben von einer Handlung, die sich
eben so wenig mit Euerm Wappen, als mit Euerm Stand als Dienstmann dieser
reichsfreien Stadt verträgt. Darum werdet Ihr Belieben tragen, Eure Wehr an den
ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzuliefern, und in seinem Hause für's Erste
ritterliche Haft Euch gefallen zu lassen. Von Euerm Benehmen und Euern
Geständnissen wird es abhängen, ob Ihr daselbst verbleiben dürft, oder härtern
Gewahrsams schuldig seid.«
    Der Edelknecht stand verblüfft, und spielte in seiner Verlegenheit mit dem
Wehrgehänge. »Gestrenger Herr,« versetzte er endlich: »Gott der Herr behüte
meine Ohren; ich fürchte aber, sie haben falsch gehört. Ich wüsste nicht, welcher
Popanz von Gläubiger mich verklagt haben könnte. In Costnitz hat der Wirt zum
Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen, und in allen Ehren auf der
Schiefertafel das Zeichen, das mich vorstellte, ausgelöscht. Ich bin frei dort
weggegangen wie der Barfüsser, der den besten Schmaus mir mit einem Gratias
vergilt. Kleine Lumpereien zu geschweigen, welche einige gemeine
Hintersassenseelen allhier von mir zu fordern haben, bin ich ohne alle Schulden,
und begreife darum nicht, warum ich in des ehrbaren Herrn Oberstrichters Hause
meine Schlafstätte aufschlagen soll1. Hier ist ein Irrtum, liebe Herren und
Meister.«
    »Mit nichten, Junker;« erwiederte der Oberst-richter: »Von Eurer
gewöhnlichen Krankheit ist diesmal nicht die Rede. Ihr gebt einen sehr
unvorteilhaften Begriff von Euerer christlichen Gewissenhaftigkeit, dass Ihr
keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt, dessen man Euch bezüchtigt. Da sich
jedoch Eure Erinnerungen meistenteils nur an Herbergen und Trinktische knüpfen,
so brauche ich Euch nur den Wirt zur Traube zu Worms in's Gedächtnis zu rufen,
um Euch mit einemmale von Allem in Kenntnis zu setzen.« - »Ha! der Schelm!«
brausste Gerhard auf: »Ich wollte, ich dürfte bei einem Ringelrennen seinen
nichtswürdigen Glotzkopf vom Rumpfe stechen. Der Bursche lügt, wenn er das
Kleinste noch an mich begehrt. Hie Paar Turnosen, die ich ihm schuldig wurde,
weil er immer doppelt und dreifach in's Holz schneidet, sind ihm längst bezahlt;
das will ich durch einen gestabten Eid erhärten und bekräftigen.« - »Lass das!«
antwortete der Schulteiss verächtlich: »Dass Ihr zahltet, wissen wir. Sagt uns
lieber, wie Ihr bezahlet.«
    »Je nun,« .... hob Gerhard an, und verstummte aber in selbigem Augenblick,
da ihm plötzlich der Handel mit dem Juden beifiel. - Der Oberstrichter fiel
dagegen siegreich ein: »Da haben wir's. Dieses Stocken verrät den ganzen
Hergang. Die Wormser Juden haben Recht, und Junker Gerhard wird sich freisam
herausreden müssen, wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedränge zu kommen Lust
hat.« - Gerhard nahm mit einer wehmütigen Miene das Schwert von der Hüfte und
reichte es wie ein armer Sünder dem Oberstrichter hin. - »Getrenge Herren,«
stammelte er verlegen: »Eure Weisheit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen
Fehler von einem Verbrechen unterscheiden.« »Nicht alles, was Juden und ähnliche
Heiden über einen eifrigen Christen aussagen, ist ein Evangelium. - Ich
vermute,« fuhr er immer verzagter fort, während seine Zuhörer das Lachen
verbeissen mussten, - »dass hier von einem gewissen Knaben die Rede werden dürfte,
der mir zu Worms plötzlich zu, und noch plötzlicher abhanden gekommen sein soll.
Ich kann jedoch einen körperlichen Eid darauf ablegen, dass der verdammte Jude,«
.... - »hier ist nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung, noch zum Eide,«
unterbrach ihn der Schulteiss: »Der Oberstrichter wird Euch beides abfordern,
wann er es für nötig erachtet. Folgt ihm jetzt.« - Gerhard rieb sich ängstlich
die Stirne. »Euer Haus, liebster Herr,« seufzte er, »ist so nahe am Eschenheimer
Turm, dass ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachsen sehe. Und
dennoch - Ihr werdet sehen - bin ich eigentlich schuldlos. Lasst mich daher zum
mindesten im Staat gewahrsam. Ich gebe Euch meinen adlichen Handschlag, durch
kein Pförtlein noch Tor zu entwischen.« - Der Oberstrichter verneinte. - »Traut
Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht, so verstattet mir einen Bürgen;«
fuhr Gerhard dringender fort. »Mein bester Freund lebt zum Glücke hier, Herr
Dagobert Frosch des Schöffen Sohn. Er wird sich für meine Redlichkeit und Haft
verbürgen, und mir ein vorteilhaft Zeugnis geben können, da, wie mir gerade
einfällt, er selbst just bei dieser ganzen Wormser Begebenheit gegenwärtig
gewesen.«
    »Dagobert Frosch?« fragte der Oberstrichter schnell. - »Der junge Mann hat
ja überall die Hände im Spiel;« setzte der Schulteiss mit Schadenfreude hinzu,
und dem armen Gerhard wurde es mit einemmale recht klar, dass er des Freundes
wohl zu vorschnell erwähnt hatte. Nun half ihm kein Zögern mehr. Der Schulteiss
wiess ihn bloss auf ein aufrichtiges Bekennen an, und, statt auf der Zunftstube
Wein und Lob im ungeheuern Masse zu geniessen, musste er dem Oberstrichter ohne
Widerrede folgen. Wie ein Sieger war er eingezogen, und sass nun zwischen vier
kahlen Wänden. Von einer Säule des Ruhms hatte ihm geträumt, und vor den Gittern
seines Fensters streckte sich der Eschenheimer Turm in die Höhe, sein künftiger
Aufentalt, wenn Zufall oder Willkür oder Gerechtigkeit seine Lage verschlimmern
würden. Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus diesem Gewirre
von bösen Folgen einer übeln Tat, und darum war bald der Entschluss in ihm fest
geworden, den jungen Mann ohne Rückhalt mit in die Geschichte zu verwickeln;
überzeugt, dass der Verstand desselben gewiss Sieger werden würde.
 
                                    Fussnoten
1 Des Oberstrichters Wohnung war in der Regel das Schuldgefängniss angesehener
Leute.
 
                                Neuntes Kapitel.
 Ein wenig Lieb' ist karg und leer,
 Ein wenig Lieb' ist keine;
 Viel Lieb' ist eben auch nicht mehr;
 Lieb' ist die völlig Eine,
 Lieb' ist nicht wenig und nicht viel,
 Deine Lieb' ist ohne Mass und Ziel.
                                                                      St. Schütz
»Leb' wohl, mein süsses Kind! Gott behüte Dich, arme Maid!« hatte Dagobert bei
seinem Abschiede zu Ester gesprochen, und dieses einfache herzliche Lebewohl
war der Verlassenen fest im Gedächtnis geblieben. An jedem Tage wiederholte sie
wohl tausendmal die Worte ihres Beschützers, wie ein frommes Gebet, denn sie
schienen ihr einen unfehlbaren Segen zu entalten. Die gute Crescenz, die - ein
seltnes Beispiel in ihrer finstern Zeit - Dankbarkeit höher achtete, denn
Vorurteil, bemühte sich, an Ester aus Kräften zu vergelten, was sie von deren
Vater empfangen, und war treu in der Sorgfalt, die sie dem scheidenden Junker
Dagobert gelobt hatte. Auf diese Weise konnte es denn geschehen, dass Ester auf
dem Schellenhofe einige Tage verlebte, so ruhig, als sie nur, den Umständen
nach, sein konnten. In einem versteckten Giebelstübchen hausend, von niemand
bemerkt. Allen im Hause fremd, - die gutmütige Pflegerin ausgenommen - hatte
sie völlige Musse, ihres treuen Freundes zu denken, und ihres armen Vaters, den
sie nicht sehen zu wollen dem Junker, welcher für ihre eigne Freiheit zitterte,
hatte versprechen müssen. Sobald jedoch die Dämmrung heranschlich, durfte sie
auch von den Gegenständen ihrer Liebe sprechen, denn Frau Crescenz nahm alsdann
Platz an ihrer Seite im traulichen Kämmerlein, und geschwatzt wurde von der
Vergangenheit und gebaut auf die Zukunft. Wollte nun auch Estehr's Vertrauen auf
diese letztere wanken, so war die fromme Hauswirtin bereit, mit unzähligen
Trost- und Denksprüchen dieses Vertrauen zu befestigen, erinnerte die Zagende an
die Unschuld ihres Vaters, die denn doch gewiss, wie Alles, an den Tag kommen
müsste, an den Freund, den ihr die Vorsicht zugesandt, und an die unendliche
Gnade Gottes, die auch an ihr sich wundertätig erweisen werde. - »Glaube mir;«
sprach die wackre Alte dann: »was auch Deine Rabbiner sagen mögen, - Ihr habt
keinen andern Gott, denn wir. Er ist der Einzige der alle Mensch mit gleicher
Liebe umfasst. Es ist freilich ein Unglück, dass Du noch in den Irrtümern Deiner
Glaubensbrüder verstrickt liegst, allein der Herr wird Euch schon davon
befreien, wann es zu Euerm wahren Heil sein wird. Ich denke, Euerm Beschützer,
der sich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat, wird das fromme Werk
Eurer Bekehrung vorbehalten sein, und einen bessern Täufer findet Ihr niemals.
Bis dahin tröste Dich jedoch mit dem Beispiele andrer Unglücklichen, die aus
ihren tiefen Nöten zum Herrn emporschreien und seufzen, je nachdem sie ihr
Elend offenkundig machen dürfen, oder geheim halten müssen. Geld und Gut macht
nicht glücklich, die liebe Gesundheit des Leibes sogar nicht, aber die weit
bessere Gesundheit der Seele und des Gewissens, die Zufriedenheit in Herz und
Haus. Sieh nur einmal die Eltern unsers ehrsamen Junkers Dagobert: Reichtum die
Hülle und Fülle, und doch nicht glücklich, nicht einig.« - »Ester horchte auf,
und fragte nach der Ursache. Crescentia schüttelte bedeutend den Kopf, und
meinte, Gerüchte wie sie des Pöbels lügenhafter Mund ersinne, zu wiederholen,
gezieme einer gottesfürchtigen Frau nicht.« - »Meine Else hat mir auch mehr des
Unheils ahnen lassen, als wirklich erzählt;« setzte die Alte bei: »aber ein
böser Wurm muss an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen. Sie sind,
wenn gleich von derselben Mauer umschlossen, getrennt in ihrem eignen Hause, und
der Himmel weiss, welch Unheil noch aus all den bösen Vorzeichen sich entwickeln
wird. Eh, als eine treue Dienerin des Hauses, baue fest auf die Vermittlung des
jungen Herrn, der wohl bald im Kleide des Friedens zwischen die beiden treten
und sie versöhnen wird.« - »Jawohl!« bekräftigte Ester mit schwärmerischem
Ausdruck: »Er ist ja ein versöhnender Engel! ein gar holder lieblicher Diener
des barmherzigsten Herrn, wie er sie nicht häufig zur Erde niedersendet.« - »Du
sprichst ja fromm und zart, wie ein heiliges Buch!« bemerkte Crescenz
wohlgefällig lächelnd: »Wandle fort in dieser Bahn, so wirst Du bald den Herrn
in seiner reinsten Glorie erkennen lernen. Verehre immerhin den tugendhaften
Junker als einen Heiligen und liebe ihn wie einen solchen. Es ist völlig in der
Ordnung, dass er sich nimmer ehelich verbinden darf. Er gehört nämlich unter die
seltnen Männer, die zu edel sind, um bloss als Männer geliebt zu werden. Meinst
Du nicht auch?« - Verschämt und stumm gab ihr Ester vollkommen Recht, insofern
ihr Haupt nickte. Was aber auf dem Grunde ihres Herzens vorging, mochte sie der
freundlichen Wirtin doch nicht entüllen. Sie mochte ihr nicht entdecken, wie
Dagobert so ganz der Abgott ihrer Seele geworden, wie sie sich sehne, ihn zu
umfangen hier auf der Erde wie jenseits in den Himmeln. Sie mochte ihr nicht
gestehen, dass selbst des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Brust erregten,
als der einfache Gedanke, es möchte dem geliebten Dagobert auf seinem Zuge ein
Leid begegnen. Zerrissen von herbem Kummer, und beseligt von verschwiegener
Liebe verschloss Ester den Schmerz und die Lust ihrer Abgeschiedenheit in sich,
um flehte täglich zu dem Gott ihrer Väter um die Erfüllung ihrer heissesten
Wünsche: um Dagobert's Rückkehr, um Ben David's und Jochai's Befreiung durch des
Edeln Hülfe und Macht, um ungestörte Verborgenheit bis zu diesem ersehnten
Zeitpunkte. Diese Verbogenheit aber konnte sie dem Geschick nicht abringen. Am
folgenden Tage wurde Crescentia, da sie gerade ihrer Schutzbefohlnen das
Vesperbrod gebracht hatte, durch den Klang der wohlbekannten Torschelle
abgerufen, um einen Besuch zu empfangen. Ester, deren Busen hoch schlug in der
Erwartung des Geliebten, lauschte an der Treppe, ob nicht die erfreuliche Stimme
des Junkers unten laut würde. Sie hörte Reden aus männlichem und weiblichem
Munde wechseln, und endlich in Crescentia's Wohnstube verhallen, und bereits
wollte sie, missmutig über die Täuschung ihres sehnsuchtvollen Herzens, in ihre
Klause zurückkehren, um sich einzuriegeln, als ein leiser knisternder Schritt
sich auf den Treppen hören liess, die zu ihrem Versteck führten. Die Hoffnung
erneute sich in ihrer Brust. O gewiss! dachte sie, ... o gewiss ist er
zurückgekehrt, und gedenkt mich zu überraschen mit einer Fülle von Seligkeit,
mit seinem wonnigen Anblick, Leise erklimmt er die Stufen, um wie eines
Schutzengels Erscheinung plötzlich vor mir zu stehen; aber er soll mich
vorbereitet finden. Er soll sehen, dass ich nur an ihn denke, dass meine Sinne nur
nach ihm gerichtet sind, dass ich durch mein dankbares Vertrauen seines Schutzes
wert geworden bin! -
    Erfüllt von diesen entzückenden Gedancken beugte die Lauschende dem Nahenden
über die Spitze der Treppensäule den Kopf entgegen, und blieb stehen wie ein in
gebückter Stellung ausgehauenes Steinbild, da der Anblick, welcher sich ihr
darbot, ihr alle Kräfte zum Fliehen für den Augenblick benahm. Denn nicht
Dagobert's blühendes Antlitz, umwallt von braunen Locken, - ein Rotkopf mit
blassem hässlichem, aber wohlbekanntem Angesichte schaute sie an. »Ei,
Schickselchen,« flüsterte der Hässliche, in welchem der abscheuliche Zodick nicht
zu misskennen war: »ei, lieb Esterchen! Sind' ich Dich endlich? O Du bös
Vögelein! hast Du doch endlich nicht entkommen mögen dem Vogelsteller, der so
lange hat geharrt umsonst?« - Der Mensch stand nun lebensgross vor der
Versteinerten, und gab ihr das Leben wieder, da er es versuchte, ihre Hand zu
ergreifen. »Zurück! Grässlicher!« rief sie mit vor Entsetzen halb erstickter
Stimme: »Du wagst es? Diese Hand, die meine Väter ermordet, wagt's, mich zu
berühren? ..« - Zodick gebot ihr mit einer halb spöttischen, halb drohenden
Geberde Schweigen, und zog sie in die offne Türe der Giebelkammer. »Lass ein
vernünftig Wort finden Platz in Deinem Ohre;« ermahnte er mit leiser Stimme:
»kümmre Dich nicht um das, was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai.
Solche Dinge gehören nicht für das Weib, und ich werde verantworten alles, so
ich getan, an jenem Tage des Zochs und der Barmherzigkeit.« - »Lass ab von mir,«
seufzte Ester »wie kömmst Du hieher, ungetreuer Sohn Jakob's? welch böser Fürst
des Unglücks hat Dir verraten, wo ich atme?« - »Zwei scharfe Diener meines
Willens;« entgegnete Zodick: »meine beiden hellen Augen. Beruhige Dich. Nicht
von heute erst ist die Entdeckung. Ich schlich Euch nach, da Ihr diesen
Schlupfwinkel suchtet, Dein Buhle und, Du.« - Ester erblasste. - »Beruhige Dich,
sage ich noch einmal,« wiederholte Zodick scharf: »dass ich bis jetzo Dich nicht
an die Gojim verriet, die Deiner Freiheit Ketten schmieden möchten, sei Dir
Bürge, dass ich Dich noch nicht verraten will.« - »Lügner!« zürnte Ester. - Er
fuhr jedoch kalt und gemessen fort: »Ich spreche die Wahrheit. Ich will nicht
gehen gerade von hier, wenn ich lüge. Warum sollte ich auch gehässig sein Dir,
die ich zur Frau machen wollte, ehe der Goi Deine Gunst errang? Hast Du doch
nicht den Christenknaben gekreuzigt, und nicht erschlagen den Friedberger. Hast
Du Dich versündigt mit einem Edomiter, ist es Deine Sache allein, und Deinem
Geschlechte der Treubruch angeboren. Schon Hera hat gefrevelt vor dem Gesetz.
Warum nichts Du? Die Obrigkeit würde Dich deshalb auf den Scheiterhaufen setzen,
aber ich vergebe Dir.« - »Welche. Sprache?« fragte Ester entrüstet: »Bist Du
gekommen, meiner zu spotten, ehe Du mich dem Henker überlieferst? Geh' oder ich
rufe nach Hülfe.« - »Und bereitest dadurch Dein eigen Verderben;« ergänzte
Zodick boshaft: »tue es doch ja. Es sitzt ein Gast bei der alten Beschliesserin,
der es nicht ungerne sähe, wenn er mit der Verführerin seines Sohns bekannt
würde. Herr Dieter Frosch nämlich, der Altbürger. Verloren bist Du, gibst Du
einen Laut von Dir. Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit.« -
»Barmherziger, hochgelobter Gott!« klagte Ester die Hände ringend: »Entziehe
mir nicht gänzlich Deine Huld! Lass mich nicht umkommen in den Schlingen meiner
Feinde. Oder, .. wär' es nicht besser, ich teilte die Fesseln meines Vaters,
als dass ich hier noch kurze Frist atme unter der Faust des unmenschlichen
Henkers?« - »Oder, ..« äffte Zodick nach ... »wär' es nicht besser, ich gäbe
mich gutwillig in die Fesseln des Schulteissen, als dass ich schmachte noch
länger ohne Liebeskuss und Spiel, wie eine Wittib?« - Ester erschrak mehr über
die Mahnung an des Schulteissen Sinnlichkeit, als über die rohe Beleidigung, die
sie aus diesem Munde erwarten musste. Der Abtrünnige fuhr aber fort: »Bist Du
klug, Esterchen, so schweigst Du, und vertraust auf meine Güte. Ich hab' es
überlegt: Du bist zu schön und zu holdselig für die lüsternen Richter aus
Amalek. Ich gönne Dich ihnen nicht; aber auch dem jungen Goi gönne ich Dich. Der
Bube hat mich einst geschlagen mit Faust und Kolben, und das vergesse ich ihm
nie, so wahr ich gedenke meines Vaters, dem das Paradies sei. Denn es heisst: Wer
einen schlägt aus dem Volke Israel, dessen Stamm wird verdorren und sein
Geschlecht ausgerottet werden mit der Schärfe des Schwerts, oder durch den
Strahl des Himmels. Was der Herr bös gemacht hat durch meine Hand und meinen
Mund, will er wieder gut machen auf dieselbe Art. Ergib Dich mir zum Weibe, und
Ben David soll nicht sterben; - auch Jochai nicht,« setzte er nach einigem
Bedenken hinzu. - »Ester starrte ihn unbeweglich an und stumm empört.«
    »Besinne Dich nicht lange;« fuhr er fort: »gemessen ist die Zeit. Kurz ist
nur der Augenblick, der mir erlaubt hat, Dir zu nahen. Seit manchem Tage
umschleiche ich das Haus, aber immer liegt die Pforte im Riegel, oder das alte
Weib steht daran wie der feurige Wächter am Paradiese. Die Ankunft des Herrn hat
auch meine Einkehr begünstigt. Aber lange darf ich nicht weilen, sollst nicht Du
verloren sein. Entscheide also. Gib auf den Goi, dem die Hölle sei, und rede zu
mir, wie die Braut zum Verlobten.« - »Unsinniger Bösewicht!« erwiederte Ester
heftig, und entzog sich seinen Armen: »Welch ein Wahnsinn blendet Dich. Weisst Du
nicht, dass des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner wäre, als eine Liebkosung
aus Deinem Munde? Hinweg! tue was Du willst, aber ich sterbe eher, ehe ich Dein
sündlich Verlangen erwiedre.« - »Gemach! gemach!« flüsterte Zodick, dessen
linkes Ohr beständig gegen die Treppe gespitzt war: »Esterchen, geberde Dich
doch nicht wie die krumme Schlange.« Warum eiferst Du also? Sehe ich doch hier
nichts Besondres. Du bist einst gewesen die Tochter des reichen Ben David, und
ich Dich Knecht, den Du verschmähtest. Jetzt bist Du das Kind eines zum Tod
verdammten armen Sünders, und ich hingegen mehr als Du; nämlich ein Christ. Die
schlechte Jüdin sollte sich's zur Erde rechnen, bewirbt sich ein Bekehrter um
sie. Allein sie gedenkt von liebrer Hand die Taufe zu empfangen. Ich merke das.
Wie dem auch sei. Dein Sträuben hilft nichts, und nicht Deiner Schmähungen
ergiebige Quelle. Bei meines Vaters Gebet und Todeskampf! Ich hole Dich heim,
ehe noch des Mondes Scheibe sich füllt; magst Du mich nun erwarten, geschmückt
wie die Braut, oder tränend wie das gebundne Opfertier. Hoffe nicht, mir zu
entrinnen, denn es heisst: »Dem Falken gehört die Welt, und meinem Falkenblick
wie meinen Spähern entkömmst Du nicht.« - »Mensch!« stammelte Ester,
Todtenblässe auf den Wangen: »Was willst Du beginnen in Deiner tollen
Grausamkeit? Hast Du geschworen zu verderben mein Geschlecht, so ermorde mich.
Kannst Du erringen Geld und Belohnung, so verrate mich an das Gericht. Welchen
Vorteil bringt Dir's aber, so Du mich quälst mit Zumutungen, deren
Grässlichkeit mir den Tod wünschenswert macht?«
    »Närrchen!« lachte Zodick hähnisch: »Du wirst mich kennen lernen besser,
denn bisher. Leb wohl, und setze all Deine Hoffnung auf mich. - Noch eins!«
setzte er bei, an der Türe umkehrend: »ich habe versprochen Deinem Vater, zu
bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlseins. Der hochgelobte Gott
will, dass ich ihn dadurch tröste in der Nacht seines verdienten Kerkers. Gib mir
den Ring Deines Fingers, oder die Flechtenspitze von Deinem Haupte, auf dass sie
Zeugnis geben für mich bei Deinem Vater!« - Ester sah den Menschen lange und
forschend an. »O sage mir, Zodick,« sprach sie alsdann: »rede, und sage mir, wer
Du bist, eigentlich und wahr. Ob ein Abschaum der Verworfenheit, auf welchem
immer die Lüge schwimmt, oder ein wahnsinniger Tor, den der Herr geschlagen,
dass er die Welt unglücklich mache durch seine bösen Träume und giftigen Reden,
oder aber ein cerblendeter unglücklicher Mensch, der böse handelt aus Rache und
Hass, und gern wieder gut handeln möchte, um seinem bessern Teile zu genügen,
und dem Gesetze, und dem empörten, zagenden Gewissen? Der Erste scheinst Du zu
sein, da Du Unschuldige in den Kerker legst, und durch falsche Eide den Tod
herabrufst auf ihr Haupt; als den Zweiten gibt Dich Dein Erscheinen kund in
dieser Kammer, und die Reden, die Du darin ausgestossen; aber zugleich möchte ich
Dich für den Letzten halten, so Du mir beteuern könntest, dass keine Hinterlist
hinter Deinem Begehren lausche.« - »Wofern ich nicht habe versprochen Deinem
Vater, ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit,« hob langsam
und beschwörend Zodick an, - »so will ich verkrummen und werden wie ein lahmer
Wurm, der im Staube verscheidet. Die Seligkeit meines Vaters soll von ihm
genommen sein und dessen unstäte flüchtige Seele zurückkehren zu dieser Welt, um
mich zu peinigen durch sieben Ewigkeiten, und alle Blutschuld von Israel und
Edom falle über mein Haupt zusammen wie die Felsen von Josaphat. Also geschehe
mir, wofern ....« - »Halt ein mit dem grässlichen Schwur, der den Ungläubigsten
überzeugen müsste von der Wahrheit dessen, was Du gesagt!« unterbrach ihn Ester
schaudernd, indem sie mit schneller Hand eine Locke vom Haupte schnitt, und sie
dem falschen Boten hinreichte: »Da; nimm, rätselhafter Mensch, der bald die
Hölle selbst in sich erschliesst, bald eine menschliche Regung kund gibt. Bringe
den armen Gefangnen in Babylon Trost durch dieses Zeichen, und lass den
hochgelobten Gott Deine Seele lenken, dass Du erwachsen mögest aus dem Schlummer
der Sünde, und widerrufest, was Du gelogen und falsch beschworen. Zodick!« fuhr
sie fort, da er stumm und stier, wie nachsinnend vor sich hinsah, und sie dieses
Schweigen für eine menschliche Rührung nahm: »Zodick! Höre mich! Noch habe ich
mich nicht herabgelassen, zu flehen bei Dir; heute aber tue ich es. Höre den
Jammer eines Kindes, das seinen Vater sieht sterben in Not und Pein. Auch Du
willst einst Vater werden. Lass Dich rühren das Schicksal Ben David's, Deines
väterlichen Freundes. Nimm sie zurück, diese Anklage, die drei Menschen
erbärmlich hinwürgt, wie schuldlos gepeinigte Lämmer.«
    »Schweige!« entgegnete Zodick überrascht: »Das geht nicht; aber, Gott soll
mir helfen, das Ärgste will ich treiben ab, so Du mir sagst: Massal tosch!« -
    Mit einem Blicke des Abscheus wendete sich Ester ab, und der freche
Brautwerber drohte ihr grinsend mit dem Finger: »Was man oft verweigert in
Güte,« murmelte er spottend, »das gewährt man oft der Gewalt. Gute Feiertage,
Schickselchen. Wir sehn uns wieder. Denk an mich.« -
    Mit der Schnelligkeit eines Kobolds huschte der Mensch über die Treppen
hinunter, und entkam glücklich, wie sich aus der Ruhe des Hauses schliessen liess.
Statt seiner fand sich bald die alte Crescentia ein, und weckte Ester aus den
bösen Träumen, in welche sie der Besuch des gefürchteten Zodick versetzt hatte.
- »Gute Ester,« sprach die Frau, nicht ohne eine kleine innere Bewegung zu
verraten: »ich bitte Dich, ja recht ruhig Dich hier oben zu verhalten, damit
Deine Unwesenheit nicht kund werde.« - Nun erst fiel Estern der Besuch des
alten Dieter ein, und aufschreckend fragte sie: »Bin ich entdeckt? Hat mich
Herr Frosch ausgekundschaftet?« - Crescenz schwieg ein wenig betroffen, dann
entgegnete sie: »Ei, ei, Mägdlein, wie kannst Du wissen, dass Herr Frosch der
Altbürger hier gewesen, wenn Du nicht gelauscht hast an der untern Treppe? Diese
Neugierde ist euch Juden angeboren, hätte Dich aber diesmal in grosse Gefahr
bringen können. Der alte Herr war ohnehin so aufgeregt und unwirsch, ... und
wenn er vollends Dich gesehen, - erfahren hätte, wen ich hier ohne sein
Vorwissen beherberge .... - beim Stöcker sässest Du, und ich wäre um den
kommlichen ruhigen Dienst.« - Ester erwiederte nichts, da sie es nicht geraten
hielt, den gehabten Besuch anzuzeigen, und die geschwätzige Crescenz fuhr fort:
»Zum Glücke hat es diesmal nicht Dir gegolten, Du mein armes neugieriges
Heidenkind; aber neue Hausbewohner hat der Herr auf den Schellenhof gebracht,
und da dieselben gerade unter dieser Giebelstube ihren Sitz aufgeschlagen haben,
so empfehle ich Dir leise Socken und ein hübsches feines Schweigen.« - »Neue
Hausbewohner?« fragte Ester: »Herr Dieter Frosch hat sie gebracht?« -
»Jawohl;« seufzte die Alte, und schlug, achselzuckend gen Himmel sehend, ein
Kreuz: »Die Welt wird immer böser und verdrossener von Tag zu Tage. Komm' ich
mir doch beinahe vor, wie der Gefängnisswärter hüten, die man in der Stadt nicht
wohl aufheben mag.« - Ester seufzte tief auf. - »Nu, nu,« fuhr die Alte fort:
»das soll Dir nicht zum Gehör geredet sein, mein Däuschen. Du bist, abgerechnet,
dass Dein Vater ein Jude ist, wofür Ihr beide, er und Du nichts könnt, ein seines
reines Mägdlein, und ich wollte auf Deine Ehrbarkeit einen Eid schwören, bloss
allein, weil Junker Dagobert Dich seines Schutzes würdigt; allein die da unten
ist nicht mehr rein wie der Schnee und die Apfelblüte an meinen Bäumen, und ich
wollte alles verwetten, dass in ihr der Grund alles Zwiespalts im Froschiachen
Hause aufzusuchen ist.« - »Wer ist diejenige, von welcher Ihr sprecht?« fragte
Ester. - »Die Magd ist's, die so eben der alte Dieter hieher geleitet, und
sammt einem holden Töchterlein in meine Verwahrung gegeben hat, bis auf weiteren
Befehl. Er nimmt Anteil und Sorge an dem Töchterlein, sagt er, und ich glaube
es wohl, denn man müsste blind sein um nicht die Wahrheit zu erraten. Er findet
es nicht geraten, das Mägdlein und deren Mutter in seinem eignen Hause zu
beherbergen. Das meine ich auch, sintemalen die Hausfrau daselbst das Regiment
führt, und solche vom Himmelgefallene Kinderleins mit scheelen Augen ansehen
würde. Da soll denn nun mein guter ehrlicher Schellenhof das Nest sein, wo
fremde Eier, Kuckuckseier, verwahrt werden mögen.« - »Aber, was bedeuten denn
diese Reden?« fragte Ester: »was meint Ihr damit?« - »Dass den alten Herrn der
Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat,« eiferte die fromme Crescentia; »und
dass hier die Schande verborgen werden soll. Meinetalben; ich bin eine alte
Magd, und mich kümmert nicht, was die Herrschaft tut oder lässt; ich sehe daher
auch ganz ruhig zu, und will, - dem Befehl des Herrn zu folgen, sogar mich
bezähmen, und die Dirne, die gleichmütig dasitzt wie die Unschuld selbst, nicht
einmal ausfragen, sondern die Sachen gehen lassen, wie sie eben können, aber,
wenn die ehrsame Frau heraus kömmt, wie sie in jedem Frühling ein Paarmal zu
tun pflegt, und mich die Stuben aufsperren heisst, und die ganze Bescheerung
sieht, dann wasche ich meine Hände in Unschuld, und dem alten Herrn von sechzig
Jahren und darüber, dem ich stets etwas Besseres zugetraut hätte, geschieht dann
recht. - Aber,« setzte sie, plötzlich leicht errötend hinzu: »da bemerke ich so
eben, dass ich in der Fülle meines Herzens und meiner Gedanken alles
herausgesprochen habe, was ich mir als Wahrheit einbilde. Das will sich für eine
alte treue Wächterin nicht wohl geziemen. Du magst es jedoch der Geschwätzigkeit
des Alters zu Gute halten, und es wieder vergessen. Besonders empfehle ich Dir,
gegen den Jungherrn bei dessen Rückkehr nicht das geringste merken zu lassen,
denn Kinder müssen nichts erfahren von den Verirrungen ihrer Eltern, selbst
nicht einmal so würdige und wackre Söhne, wie Junker Dagobert.« -
    Als die Alte hinweggegangen war, setzte sich Ester in einen Winkel, und
machte ihrem gepressten Herzen durch einen Strom von Tränen Luft. »Wie
unglücklich bin ich!« klagte sie still und leise vor sich hin: »Und wie kommt
es, dass mir jetzt gerade einfällt das wahrsagende Wort, so einst der Altvater
Jochai zu mir gesprochen, da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern
des Gekreuzigten? Hat er nicht damals vor meinen Augen gestellt das Schicksal
der Engel Asa und Asael, denen es gelüstete nach Bräuten der Erde? Seit
Jahrtausenden schweben die Armen zwischen Himmel und Erde, wo sie aufgehängt hat
in seinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott. Und ihr Schicksal ... ist
es nicht das Meine? Einer Liebe hingegeben, die bald wie eine sanfte Glut mein
Innerstes erwärmt und veredelt, bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele
quält und anschmiedet an einen Gegenstand, der unstät und rastlos sich immer
meiner Sehnsucht entzieht, bin ich bald niedergezogen zur Tiefe, bald schwebe
ich auf zur Höhe der Himmel. Die Pflicht ruft mich gebieterisch auf die Schwelle
wenigstens des Kerkers, in welchen meine Väter atmen, da die rohe Willkür mir
das Glück versagt, ihn mit denselben zu teilen; die Liebe aber hält mich hier
in diesem engen Raume zurück. Ihr vertrauend, die mir Schutz und Beistand den
Meinigen verheisst, überlasse ich Jochai und Ben David ihren Leiden. Wird aber
dieses Vertrauen sich erfüllen? Wird denn der Freund erfüllen können, was er zu
erfüllen wünscht? Reisst mich dass Verweilen auf dieser Stätte nicht endlich auch
in den Abgrund, aus welchem ich meinem Vater nimmer emporreichen werde können
die rettende Hand? O Mutter, welcher das Paradies sei, und die Palme des ewigen
Friedens, Mutter, erinnere Dich, wenn gleich ein abgeschiedner Geist, Deiner
Tochter, und leiste Hülfe! Ureiniger Gott, zu den Jakob's Söhne beten, wie die
Verehrer des Menschgewordnen, schütze Du den edeln Mann, den ich ehre wie einen
Seligen und Gesegneten des Herrn, dass er bald zurückkehre, und durch seine Kraft
und Grossmut das Truggewebe zerreisse, das meines Vaters Unschuld, unser aller
Geschick umhüllt! Schon drang der Verrat über diese Schwelle; wer weiss, wie
lange der verbrecherische Unhold seine Drohungen aufschiebt? Wer weiss, ob mich
nicht vielleicht der nächste Tag verraten und verkauft in den Händen der Feinde
sieht? Ich möchte fliehen, und wage es doch nicht. Wie entkomme ich den
Kundschaftern des Unseligen, die vielleicht hinter jedem Baume lauern? Wohin
könnte und dürfte ich entfliehen? Wo lebt der Mensch, der mich aufnehmen, .. wo
ist die Veste, die mich schützen würde? Wo weilt er, der einzige Hort, auf den
ich baue? Kann meine angstvolle Stimme ihn rufen über Berg und Tal? Hört denn
sein Ohr den flüchtigen Schritt meiner Sohle? O, dass meine Klage ein
Zauberspruch wäre, der ihn fesselte, und herbeizöge mit unwiderstehlicher
Gewalt; dass der hochgelobte Gott die Schwester doch wieder in seine Hand gegeben
hätte, damit er Zeit gewinnen möge, an seine unwürdige Magd zu denken! Welche
Leiden ich auch schon erduldet habe, - welcher Kummer mir auch noch bevorstehen
mag, seine Nähe allein dünkt mir schon ein Balsam für alle Wunden, die das
Schicksal schlägt. Und meine allzugefällige Einbildungskraft gaukelt mir nur zu
oft eine schmeichelnde Täuschung vor. Pocht mein Herz bang und ungeduldig, so
höre ich den Hufschlag seines geschwinden Rosses. Zittern meine Pulse, so
vernehme ich seinen nahenden Schritt. In den Glocken, die gerade jetzt
herübertönen aus der Stadt, spricht seine anmutige Stimme, aus dem Abendrot
dort an den Bergen schaut sein freundlich Angesicht. Ungeduldig berge ich mich
hinter diesen Riegeln, da ich doch von jenen Höhen den geliebten Namen
ausschreien möchte durch die Welt. Zürnend sieht mein Auge jenes verschlossene
Fenster an, das mir die Aussicht nach der Heerstrasse verbirgt, auf welcher er
daher ziehen wird. Wenn er käme, jetzt käme, im Andrange der höchsten Not! Wenn
ich ihm könnte entgegeneilen auf den Flügeln des Auges, um ihn zu begrüssen,
schon im fernen Dämmerschein? Warum nicht jenes Fenster, das unnütze Vorsicht
verschloss, kann eröffnen die mutige Hand. Vom Aufgange kommt alles Gute, alles
Wahre. Vom Sonnenaufgange her sieht der hochgelobte Gott in unsre Tempel; von
dort muss auch Dagobert wieder heimkehren!« - Kühn schlug ihre Hand den
verschlossnen Laden des Fensterleins auf, und ihr Blick suchte unter den Rosen,
die der Niedergang dem blaudunkeln Osten zuwarf, den Geliebten. Umsonst! Leer
war und blieb die Strasse. Längs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann schwer und
unbehülflich am Strassenrande hin, beschäftigt, wie es schien, Kräuter zu sammeln
im tauigen Abendschein. Zufällig richtete sich auf ihn Ester's Auge, -
zufällig blickte er zu dem klingenden Fenster empor, - und schnell fuhr das
Mädchen zurück. Es war der Judenarzt Joseph, der dort unten verkehrte, und
Ester flehte zum Himmel um die Gnade, von dem Gefürchteten nicht erkannt worden
zu sein.
 
                                Zehntes Kapitel.
                »Komm, Alte, komm, erzähle uns ein Mährlein!« Gern, liebe
                Püppchen; werdet Ihr aber auch das Grausen vertragen können? Wer
                kein gut Gewissen hat, setze sich vor die Türe, und bete
                indessen ein Vaterunser!
                                                                 Kindermährchen.
Das Schloss Neufalkenstein, der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel, hatte seit
Langem nicht so viel Geplauder und Gelärm in seinen Mauern gefasst, als seit der
Zeit, da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet, und
demselben aufgetragen hatte, das schöne Fräulein von Baldergrün von der
Heerstrasse wegzufangen, zum schuldigen Dank für so manche Unbill, die der Graf
zur Zeit, da er um das Edelfräulein warb, hatte ertragen müssen. Dem in
dergleichen Aufträgen geübten Bechtram, welcher, nachdem er lange Jahre hindurch
der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen, vorgezogen
hatte, das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen, war des Grafen
von Montfort Aufgabe über alle Massen trefflich gelungen, und die Beute richtig
geworden. Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab, und war überhaupt so
selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif, als dass sich die Letztern nicht
hätten etwas zu Gute tun sollen. Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag
aus, Tag ein, was doch sonst seine Sache nicht war; seine Hausfrau hatte alle
Hände vollauf zu tun, um ihre Gäste zu bewirten, und Wallrade hatte in ihrem
männlichen Geiste mit überraschendem Scharfblick den Standpunkt erfasst, von
welchem sie ohne weitere Demütigung in das Gewühl um sie her herniedersehen
konnte. So finster es auch in ihrem Innern wogte, so heiter und glatt hatte sie
die Stirne gelegt. - Nicht die Gefangene schien sie zu sein, - preisgegeben der
harten Willkür räuberischer Wächter; - eine Fürstin vielmehr, die sich es
gefallen lässt, auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Grösse in's gemeinere Leben
herniederzusteigen, und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer ärmern
Wasallen zu beglücken. Den Zwang, der sie drückte, wusste sie unvermerkt in den
Hintergrund zu drängen, und zu ihrem Diener zu machen, dass es den Anschein
hatte, als sei jede Beschränkung ihre freie Wahl. Sie sah auf den Lippen oder
der Stirne ihrer Hüter keinen Befehl, keinen Wunsch schweben, den sie nicht
plötzlich erraten, und zu ihrem eigenen Willen gemacht, ihn also geäussert
hätte. Sie vermochte es über sich, dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite
abzugewinnen, und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu
lassen, dass der ganze Vorfall ihr nichts weniger, als wichtig erscheine, sondern
im Gegenteile kurzweilig und ergötzlich, da er über Kurz oder Lang dennoch ein
für sie erwünschtes Ende nehmen werde. Mit verächtlicher Kälte hatte sie ihre
Kleinodien und ihre Barschaft den Räubern hingegeben, mit unbefangner Ruhe
hatte sie es mit angesehen, da Frau Else, Bechtram's Hauswirtin, ihre
breitschultrige, unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmückt, und
sich ihr also geputzt wie in höhnendem Scherz vorgestellt hatte. Den derben
Übermut des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit
unempfindlicher Derbheit, des Leuenberger's und Petronellen's schadenfrohen
Spott mit schalkhaften Antworten, die die Lacher auf ihre Seite brachten; und
stand im Ganzen genommen da, nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib, sondern
wie ein zu Schutz und Trutz gerüsteter Kämpfer, der keine Blösse gibt, ohne die
des Gegners zugleich zu treffen. - Je unerwarteter dieses Benehmen den Innsassen
und Gästen Neufalkensteins war, je weniger verfehlte es seinen Zweck, und die
kräftige Wallrade hatte die Genugtuung, bald den Erfolg zu beobachten. -
Bechtram, sein Weib und seine Gesellen, rauhe Menschen, wie das wilde Leben in
Fehde, Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt, hätten die
stillduldende Sanftmut einer Unglücklichen unerbittlich zu Boden getreten; aber
der unduldsame Trotz, die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens
erschienen den Harten als Eigenschaften, eines bessern Schicksals, wie einer
günstigern Behandlung würdig. Bechtram lächelte, wenn das Fräulein ihn einen
grauen Taugenichts, seine Veste ein Raubnest schalt. Else duldete scherzend den
Spott, welchen die gezwungne Gastfreundin über ihre unschmackhafte Küche
aussprudelte. Der wilde Hornberger geriet in Entzücken, sah er Wallraden auf
dem Rücken seines Gauls, dessen Koller sie mit aller Kraft eines Mannes im wenig
geräumigen Zwinger bändigte. Der schielende Doring, der wüste Reifenberger, der
dicke Henne von Wiede, - Bechtram's Gefährten - so wie der ab und zu fahrende
Eppsteiner bemühten sich um die Wette, das in Haft liegende Fräulein durch
kurzweilig Gesprächsel zu vergnügen, oder durch ein Spiel im Brette, oder durch
ein vom Zuge mitgebrachtes Geschenk. Der Leuenberger legte nach und nach, von
Stunde zu Stunde, mehr von der Schroffheit ab, die er gegen seine Stiefnichte
geäussert hatte, und wandelte sein Betragen in eine gewisse tölpische Höflichkeit
und Augendienerei um, die von Wallraden nicht unbemerkt, so wie von allen
Übrigen nicht ungeneckt blieb. Die Base Petronella endlich, verblüfft von dem
ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens, hatte so ziemlich ihre beissende
Zunge zur Ruhe verwiesen, und ihren gewöhnliche Standpunkt eingenommen; nämlich
den einer Zeitvertreiberin, weil ihre Mährlein und Schnurren weit und breit in
den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten. Frau Else liebte
das Erzählen im traulichen Kreise, und Wallrade forderte oft selbst die Muhme
dazu auf, wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen
wollte. War die Alte dann im Zuge, so entfernte sich Dieter's Tochter
gewöhnlich unvermerkt, und erklimmte den Wartturm, wo sie sich zwischen den
mächtigen Zinnen niederliess auf die Steinbank, in die weite Luft hinausstarrte,
und ihren stürmischen, mit übermenschlicher Kraft zurückgepressten Gefühlen den
Lauf liess. Der Turmwächter, der seiner tauben Ohren halber aus den Reihen der
reisigen Knechte in die Höhe verwiesen worden war, wo seine scharfen Augen noch
gute Dienste zu leisten vermochten, sass dann gewöhnlich vor der Öffnung, die auf
des Turmes Platte seinem elenden Schlafwinkel als Türe und Fenster diener, und
schneiderte an den Kleidern der Burgleute, oder kämmte seinen Hund, und begriff
nicht, wie sich das schöne gefangne Fräulein so ganz allein zu unterhalten
vermöge auf der einsamen Warte. Wallrade legte aber die glühende Stirne an die
kalten Steine, und blickte hinaus gen Frankfurt, von wannen immer noch kein
Retter nahen wollte. Immer noch war es ihr nicht gelungen, eine Botschaft den
Vater zu senden; von Tag zu Tage verzögerte sich ihre Befreiung. Unwillig klagte
sie den Himmel an, dass er sie, gleich wie auf einem Siegerzuge, aufgehalten,
während sie im Begriff gestanden, des Unfriedens und der Zwietracht höchstes
Maass über das Haupt des Vaters und der Stiefmutter auszugiessen. Unwillig fragte
sie die Vorsehung, wie lange sie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des
Willens und der Empfindung, der ihr an's innerste Leben zu greifen begann, trotz
Verstellung und Standhaftigkeit. Zagend und zürnend zugleich gedachte sie des
Augenblicks, in welchem der Graf von Montfort; - dessen Zutun bei der
verwünschten Begebenheit sie leicht erriet, wenn gleich Bechtram seinen Namen
nicht auszusprechen wagte, - auf der Veste erscheinen und durch seine Gegenwart
die durch seine Unritterlichkeit Gefangene am tiefsten demütigen würde. Allein,
wie sehr sie auch klagte, zürnte und zagte, der Zeitpunkt ihrer Erlösung lag
immer noch ferne, denn ein geheimnisvoller Schleier bedeckte vor jedem fremden
Auge die auf Neufalkenstein verwahrte Beute. - Der Aufentalt der von Gelnhansen
geladenen Gäste hatte bereits mehrere Tage gedauert, und Wallrade, von trüben
Gedanken in ihrer engen Kammer gepeinigt, war gerade nach dem Imbis zu dem
Wartturm emporgestiegen, um die laue Frühlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu
trinken, und ruhiger zu werden. Der Weg, welcher unfern der Veste vorüberlief,
war leer und öde wie immer, seitdem die Nachbarschaft von Bechtram's neuen
Unternehmungen vernommen hatte. Ein frischer Luftstrom erquickte aber Auge und
Stirn der Gefangenen, und ihr Blick schweifte kühn über die Höhen und Ebenen,
über Gewässer und düstre Tannenwipfel, und senkte sich tief in das Innere der
kleinen, zu ihren Füssen liegenden Veste. Ihr Herz ergrimmte auf's Neue, da sie
jetzt erst wahrnahm, wie gering und unbedeutend der Kerker war, der sie
einschloss. Der an und für sich nicht sehr ergiebige Raum war von dem Erbauer
haushälterisch benützt worden. Ein tiefer Graben umschloss die unregelmässig
gebaute Veste, deren Eingang ein schmales Tor, bloss für einen Mann zu Pferde
breit und hoch genug bildete. Zugbrücke und Pforte verschloss diesen Eingang
beständig, wie eine von aller Welt abgeschnittene Klause. Hinter den dicken, am
Graben emporragenden Mauern schlängelte sich der enge Zwinger, in welchem
Knechte und Pferde und Hunde, sammt dem geraubten Zug- und Melkvieh ihre Hütten
und Ställe fanden. Eine elende Waffenschmiede, in welcher die auf Raubzügen
zerhacken Blechhauben und Drahtwämser notdürftig zusammengeflickt wurden,
streckte hier ihren rauchenden Schlot. Dicht daneben hatten die Burgleute zu
ihrem Vergnügen eine bald zum Armbrustschiessen, bald zum Regelschieben benützte
Bahn angelegt; der einzige Fleck, auf welchem allenfalls ein Ross zugeritten
werden konnte. Wer aus diesem Zwinger in das Innerste dringen wollte, musste
durch ein niedres, von schwerem eichenen Gegatter fest verschlossnes Pförtlein
kriechen, hinter welchem der enge finstre Hof das Wohngebäude des Herrn
einfasste, zu dessen, ungefähr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhöhten
Schwelle eine in Klammern gehängte Holztreppe führte, die im Notfall
weggenommen werden konnte, um einem Feinde oder einem Räuber den Eingang zu den
Schätzen und Vorräten des Hauses unmöglich zu machen oder mindestens zu
erschweren. In dem Hofraume schnatterte und lärmte des Federvieh's bedeutende
Menge, rauchte der Ofen, in welchem die tätige Hausfrau das Brod bereitete,
umfangen von hohem, russigem Gemäuer, das in die Fensteröffnungen des
Erdgeschosses der Burg nur den bleichsten Strahl des Tages eindringen liess. Und
dennoch waren hier die Räume, in welchen die Geschäfte der Wirtschaft und des
Hauswesens verrichtet werden mussten. Hier war die Halle, welche den mächtigen
Herd in sich fasste, und den in tiefer Schlucht quillenden Brunnen der Veste, und
den Eingang in die unterirdischen Waarenkammern und Weinkeller des Hauses, so
wie die Treppe zu den obern Gemächern, deren zwei sich in der Burg befanden, in
eben so vielen Stockwerken verteilt. Das erste, zu welchem die Wendeltreppe
führte, - das Gemach der männlichen Bewohner, - zugleich die grösste Stube der
Veste, in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden, nahm den ganzen
Raum des Stockwerks ein, eine Kammer ausgenommen, in welcher auf Stroh- und
Rohrgefüllten Säcken, überdeckt mit Wolfs- oder Bärenfällen die Männer des
Schlafs genossen, umgeben von ihren Gewändern, Waffen und den Satteln ihrer
Pferde. Stieg man die fortlaufende Wendeltreppe empor, so gelangte man im
zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen, das, wenn gleich zierlicher
geputzt, als das der Einrichtung hatte. In jedem der vier ziemlich breiten aber
niedern Fenster zwei steinerne Ecksitze, an den Wänden fortgehende Bänke mit
Polstern; in jedem Winkel des Gemachs ein schwerer Schwenktisch oder
Kleiderschrein, geschmückt mit glänzendem Schloss und zierlich geputzten
Kürbissen und Pfauenfedersträussen, Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu
vergessen. Vorspringende Erker von kleinen Schartenfenstern erhellt, entielten
die Lagerstellen der Frauen des Hauses, und der längs der Vorderseite des obern
Stockwerks hinlaufende Söller bot ihnen eine willkommne Stelle dar, um in freier
Luft zu arbeiten, zu beten, zu plaudern, oder in stiller Untätigkeit dem
Treiben und Leben des Taubenvolks zuzuschauen, das oben an des Schlosses Zinne
seinen Schlag besass, und auf und nieder flatterte an den steil gezackten
Giebelseiten des bunten Ziegeldachs. Rings um war oben die Aussicht frei, nur an
der Seite nicht, wo der lange und runde Wartturm in die Höhe strebte, welcher
aus dem Gemäuer des innern Hofraums entsprang, - in seinem Erdgeschosse die enge
und kleine Kapelle der Burg entielt, und drei Stockwerke zählte, bis zu der
Zinnen räumlicher Krone, drei Verliesse entaltend, von welchen das oberste des
Lichts genoss, das mittlere einer milden Dämmerungshelle sich erfreute; das
unterste aber, zu welchem nur ein rundes Loch den Eingang bot, tief hinabging in
schaurig dunkle Gruft, wohin bloss die ferne Stimme des in der Kapelle die Messe
singenden Priesters drang, da der schreckliche Schlauch des Verliesses dicht
hinter dem Altar sich abwärts senkte. Auch dieser schwache Trost war jedoch zu
gegenwärtiger Zeit dem Unglücklichen versagt, der vielleicht diese
Schreckensgrüfte bewohnen musste. Der Herr dieser Behausung, welcher weiter
nichts Merkwürdiges als das schon Berührte aufzuweisen hatte, war in den
Kirchenbaum getan worden; der Pfaffe, der den Kapellendienst im Schloss
versehen hatte, war ausgeblieben, und dumpfiges Schweigen herrschte Tag und
Nacht in dem verödeten Kirchlein, wie der Staub auf seiner Glocke. Wallrade
wusste nicht, ob das unterste Verliess des Wartturms, auf dem sie stand, einen
Gefangenen barg; aber dass im mittlern Stockwerke des Erkergebäudes Menschen in
Haft lagen, war unbezweifelt, da von Zeit zu Zeit, trotz dem dicken Gemäuer und
den schmalen Luftluchen klagende oder singende Stimmen herausdrangen, nur hörbar
für den auf der Turmspitze aufmerksam Lauschenden. Im Vergleich mit diesen
armen, zwischen düstern Wänden eingesperrten Leuten musste Wallrade freilich ihr
Schicksal glücklich preisen, und sie tat es auch, so lange ihr Auge Erholung
suchte in den freien Himmelsräumen. Sah sie jedoch hinab in die enge Veste,
welcher sie dennoch nicht entrinnen konnte, da wollte ihre Brust beinahe
zerspringen. Montfort hätte keine bitterere Qual für sie ersinnen können, als
den Verlust ihrer Freiheit; und alles Gold der Welt hätte sie für die Erlaubnis
gegeben, einen jener Renner zur Flucht besteigen zu können, die so eben im
Zwinger zu einem Zuge fertig gemacht und gezäumt wurden. Die Knechte der Burg,
vielleicht ein Dutzend an der Zahl, krochen gerüstet aus ihren Hütten, und
jagten sich, plumpe Scherze treibend, auf dem Rasen umher, während der Schmied
die Hufe der Rosse besichtigte, und in Eile zusammenpfuschte, was verdorben war,
oder nicht mehr halten wollte. Mittlerweile traten die Herren des würdigen
Trosses aus der Gatterpforte: Bechtram mit seinen Gefährten. Ihr Anzug verriet
deutlich, dass sie nicht zu einem Lustritt gingen. Bewaffnet bis an die Zähne
stiegen sie zu Pferde, winkten der Hausfrau, die dem scheidenden Gatten noch die
Hand durch's Gatter reichte, ein Lebewohl, und zogen durch das schmale Tor über
die schwankende Brücke in's Freie. Der Leuenberger, der zur Bewachung des Hauses
zurückgeblieben war, erteilte dem Torwächter die nötigen Befehle zur
Verschliessung der Burg. Die Brücke ging knarrend in die Höhe; die wenigen
zurückgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geschäft, oder an das zeitvertreibende
Spiel, und die ausgezogenen Männer waren noch nicht an die Spitze des
Tannenbruchs gelangt, als schon in der Veste wieder eine Ruhe herrschte, gleich
der des Grabes. Es währte indessen nur kurze Zeit, so kamen rasche Tritte den
Turm herauf, und der gegenwärtige Schirmvogt der Veste stand plötzlich vor
Wallraden. Das Gefühl und Bewusstsein des wichtigen Amts, das er in diesem
Augenblicke zu bekleiden erkoren war, sprach aus seiner Haltung und seinen
Zügen. - »Beschäftigt, alle Räume des mir anvertrauten Schlosses zu
besichtigen,« sprach er mit widerlichem Lächeln, - »muss ich doch auch sehen, wie
und wo sich meine werte Gefangene befindet.«
    »Sie lugt hier nach dem Zuge der freien Lerchen,« entgegnete Wallrade
ebenfalls lächelnd: »und kann nicht begreifen, wie sich diese holden Sänger
diesem finstern Turme nähern mögen, in welchem die Knechtschaft weint.« -
    »Ei, was kümmern Euch die Knechte im Turm?« versetzte Veit mit einer
plumpen Verbeugung: »Ihr seid die Herrin von Neufalkenstein, mehr denn Frau Else
selbst.« - »O spart Euer höhnisch Schmeichelwort,« erwiederte Wallrade leicht,
»und vor Allem lasst ja dergleichen Frau Else nicht hören, Ihr wisst, sie versteht
nicht lange Scherz, und ist eifersüchtig auf die Oberherrschaft.« -
    »Wie ich auf einen Blick von Euerm holden Augenpaar;« fügte Veit wie oben
bei. Wallrade zuckte die Achseln, und gab sich die Miene, seinen Worten keinen
Glauben beimessen zu wollen, daher nahm der Leuenberger seine Zuflucht zu
Beteuerungen. - »Pest und roter Hahn!« rief er: »Schönes Fräulein, ich will
den Hals brechen zur Stelle, wenn ich eine Lüge spreche. Ich würde lügen wie ein
Schelm, wenn ich sagen wollte, dass ich Euch von Anbeginn gern gesehen, aber das
Wohlwollen, und - lasst es mich heraussagen, - die Liebe nistet sich ein, ohne
dass man's vorher sieht, oder geradezu merkt. Das wisst Ihr auch gar wohl, denn
Ihr seid ein verständig Frauenbild, und könnt unterscheiden, was blanke
Zierhöfelei ist, was Ernst und baare Münze.« - »Guter Leuenberger,« erwiderte
Wallrade: »die Männer sprechen alle auf diese Weise, wenn sie ein Frauenherz zu
berücken suchen.« - »Pah,« lachte Veit: »Zeit meines Lebens habe ich mich noch
nie damit abgegeben, Weiberherzen zu kirren, und habe das Falkenabrichten immer
der Minne vorgezogen. Wie man einen Stossvogel zähmt, weiss ich; aber nicht, wie
man ein Weib gewinnt.« - Wallrade gab ihm in ihren Gedanken völlig recht. Er
fuhr jedoch fort: »Hier ist der Spiess umgekehrt. Ihr habt mich berückt, ob ich
gleich bis auf den heutigen Tag mein Herz bewahrte, und ob Ihr gleich meine
Stiefnichte seid.« - »Ihr schreibt mir einen grossen Sieg zu;« versetzte Wallrade
scherzend, aber einen der gefährlichsten Blicke hinzufügend, deren sie nur
Meister war. Dieser Blick ermutigte den unbeholfnen Ritter, in seiner
Herzensergiessung fortzufahren. - »Mich soll der Schwarze reiten, hier vor Euren
Augen,« sprach er, »wenn, was ich sage, nicht mein voller Ernst ist; wenn ich
Euch nicht verehre, wie eine Nonne ihr Muttergottesbild. Ich habe in meinem
Leben noch vor keinem Strauss gezittert, und bin auch jetzo zu jeder Probe
bereit, die Ihr mir auferlegen wolltet, um meine Treue zu erwahren. Vergebt mir:
ich rede sonst nicht viel mit Weibern, aber heute, und Euch gegenüber bin ich in
den Zug gekommen. Ihr wisst jetzt mein Geheimnis, von welchem ich nicht einmal
der Base ein Sterbenswörtlein verraten habe. Erwiedert mein Vertrauen mit dem
Eurigen. Lasst mich wissen, ob ich vielleicht hoffen dürfte.« - »Eure Rede wird
sehr dringend und ernstlich;« meinte Wallrade, eine Aufmerksamkeit verratend,
die des liebetrunknen Junkers Glut anfachte. - »Wenn Ihr nur endlich das
Ernstliche einseht;« rief er: »Kreuz und Stein! Wie soll ich's anfangen,
deutlicher zu reden? Ich denke, mit einem Wort, so gut als Euer Vater und meine
Schwester ein Paar werden konnten, - so gut könnten wir's auch werden, und
sollte die Verwandtschaft ein Hindernis machen wollen, so martre ich einen
Pfaffen so lange, bis er einen Dispens herausgibt, gültig wie einer von Rom.« -
»Ei, Ihr sprecht ja ruchlos, wie ein böhmischer Ketzer!« rief Wallrade
scherzhaft: »Nimmer werdet Ihr mich von der Wahrheit einer Liebe überzeugen
können, die sich so gotteslästerlich ausdrückt.« - »Pest und roter Hahn!«
eiferte der Leuenberger, heftig mit seinen braunen Händen die Luft sägend:
»Fordert eine Probe meiner Liebe, - mehr kann ich ja doch nicht tun, als Euch
die Wahl lassen. Soll ich den tauben Hund von Wächter, der dort wie ein Klotz
auf der Matte kauert, und in die Ferne stiert. Kopf über Kopf unter vom Turm
werfen? Oder soll ich mich mit Dreien raufen auf Leben und Tod? Oder soll ich in
Frankfurt einreiten, trotz dem Stadtbann, in dem ich liege, und mich wieder
herausschlagen, und das Tintenfass des Stadtpfaffen vom Römer mit heimbringen?
Gebietet; was Ihr wollt, soll geschehen, und wenn sich der Satan dreimal
dazwischen legte.« - »Ihr stellt Euch Aufgaben, allzuschwer, als dass ich Euch
beim Worte nehmen könnte;« entgegnete Wallrade; - »und gerade durch solches
Überbieten in Gefahren, die Ihr bestehen wollt, macht Ihr mich misstrauisch. Kann
ich an die Liebe des Mannes glauben, der, um mir zu gefallen, Andre mordet; mich
selbst jedoch, ohne vor Schaam und Unwillen zu erröten, in dem Schlamm der
Demütigung sehen kann? Wie mögt Ihr, ein freier adelicher Mann, Euch ein
gefangen Liebchen wählen, das Ihr doch nicht erlösen wollt? Ihr fordert, dass ich
Euer Herz prüfe. Wohlan; geht hin, öffnet mir die Pforte dieses Kerkers, löst
meine Fesseln, und dann bewerbt Euch um meine Gunst. Oder, - tut das Leichtere:
meldet nur meinem Vater den Ort meiner Gefangenschaft, und dann - nachdem ich in
seine Arme zurückgekehrt, - dann fordert meine Hand.« - Der Leuenberger schwieg
eine Weile betroffen, während Wallrade den scharfen Blick auf ihn heftete.
Verlegen spielte er mit den Knöpfen seines Ärmels, strich sich den Bart und
kaute an den Lippen. »Edles Fräulein,« - sprach er endlich bedächtig: »Was Ihr
verlangt, geht über meine Kräfte. Wir Edelleute halten fest an unserm Wort, und
Bechtram hat das Meine; und von Euerm Vater vollends erwarte ich nichts als
Undank. Er würde mir zehnmal eher vor dem Gallustor zu Frankfurt Nase und Ohren
abschneiden lassen, als mich in seiner Sippschaft aufzunehmen.« - »Ich weiss
nicht, in wiefern Herr Dieter Euch gehässig ist;« erwiederte Wallrade seufzend;
»allein ich dächte, auch meiner Dankbarkeit solltet Ihr in etwas vertrauen.« -
Der Blick, den sie bei dieser Rede auf Veit's Antlitz warf, sollte heftiger
zünden, als die vorigen, aber seine Kraft prallte ab, an der Scheu des
Leuenberger's vor Bechtram's Rache und Dieter's gegründetem Hass. - »Ei was!«
brummte er: »Eure Haft kann ja doch wahrlich nicht ewig währen. Hat Bechtram vom
Montfort erst erhalten, was er will, liegt ihm ferner nichts daran, Euch zu
füttern. Dann wäre es an der Zeit, meinen Wünschen zu genügen, und eine
fröhliche Ritterehe zu schliessen, zu welcher man nichts braucht, als einen
Bettelmönch, der den Segen gurgelt, und ein stilles, sichres Kämmerlein. Was
sagt Ihr dazu, mein süsses Lieb?« - »Dass Ihr ein Abscheulicher seid, der meine
Verachtung verdient, aber nicht die Minne einer ehrsamen Jungfrau;« erwiederte
ohne Hehl Wallrade, der das Blut in die Wangen geschossen war, bei dem
unziemlichen Antrag des Stegreifritters. Veit, welcher seine Furcht vor den von
dem Fräulein vorgeschlagenen Prüfungen hatte hinter der Larve eines rauhen
Mutwillens verbergen wollen, schwieg wie ein ertappter und geschlagener
Schüler, und lehnte sich verlegen auf die Brustwehr des Turms. »Einfältiger,
tölpischer Klotz!« murmelte Wallrade vor sich hin, und stützte vedriesslich den
Kopf in die Hand. Der Leuenberger gewahrte aber so eben seine Base am
Erkerfenster der Burg, und winkte ihr und Frau Elsen, heraufzukommen auf die
luftige Höhe. - »Muhme Petronella soll uns ein Mährlein erzählen,« sprach er mit
läppischem Lächeln zu Wallraden:»sie wird Euch dadurch auf andre Gedanken
bringen, und mich vergessen machen, was ich von Euch vernehmen musste.« -
Wallrade machte eine unwillige Bewegung gegen ihn, und stand auf, um zu gehen.
Der Versuch war aber umsonst, denn schon knarrte die Türe des Turms, und die
schwerfälligen Tritte der Frauen kamen bald näher und näher heran. Frau Else
schritt wackrer und rüstiger zu, als die hinkende Base, und hielt die auf der
Höhe der Steige unschlüssig verweilende Wallrade auf. »Ei, wo hinaus?« fragte
sie mit ihrer männlichen Stimme, die im Hause Befehle erteilte, donnernd wie
der Schlachtruf eines Feldhauptsmanns: »Da geblieben! Nicht davon gelaufen. Wir
sind jetzt die alleinigen Herrn im Hause, und wollen uns gütlich tun auf der
kühlen Warte.« - Somit drehte sie Wallraden mit einer Schwenkung des Ellbogens
um, und reichte der mühsam heranklimmenden Base die Hand. - »Herauf! Herauf!
alte Nixe!« rief sie der Keuchenden entgegen: »Hier oben ist's wohl sein. Hast
Du dem Wilpert gesagt, dass er uns eine Kanne kühlen Weins heraufschleppe, und
einen Korb mit Brod und Fleischkuchen?« - Petronella bejahte; Else klopfte
beifällig und munter in die mächtigen Hände, und zog Rocken und Spindel aus dem
breiten Ledergürtel, der ihren stämmigen Leib umschloss. Der Turmwächter musste
dem zögernden Wilpert entgegeneilen, und die Frauen machten sich's bequem auf
den Mauerbänken zwischen den Zinnen. - »Wie ist es doch so schön hier oben!«
sprach Petronella, nachdem ihr Husten, von dem Treppensteigen und der Einatmung
reinerer Luft erregt, nachgelassen hatte: »Himmlischer Vater! wenn das Alles,
was wir hier vor Augen sehen, unser wäre! Was meint Ihr, liebe Frau Else?« -
    Bechtram's Ehewirtin zuckte verächtlich mit den Lippen. »Man hört's Euern
Reden wohl an, Fräulein,« sprach sie derb, »dass Ihr kein Haus als Eigentum
besitzt, sonst würdet Ihr nicht so tolle Wünsche von Euch geben. Mir kommt ein
ähnlicher Gedanke nicht, denn ich bin zufrieden in meinem Hauswesen, und wenn
dieses mir nach Wunsch geht, so frage ich nicht nach Allem, was um uns her liegt
an Wald und Feld, an Häufern und Höfen.« - Hier beschrieb sie mit dem hoch und
drohend geschwungnen Rocken einen grossen Kreis rings um sich her, und schlug
damit auf die Schulter des Leuenberger's, der in Gedanken verloren, den Weibern
den Rücken gekehrt hatte. - »Frau Else! Frau Else!« rief der Erschrockene, sich
die Schulter reibend: »Ihr führt einen harten Zepterstab, und der Ritterschlag
von Eurer Hand ist nicht sanfter, als der von einer Männerfaust.« - »Meint Ihr?«
entgegnete die Frau von Vilbel: »Ich möchte auch wissen, wie ich wohl zurecht
kommen würde unter dem Gelichter, das in unserm Hause aus- und einfährt, wie die
Hexen aus und in den Schlot. - Vergebt aber, Leuenbergerin, dass ich gerade von
bösen Hexen sprach. Ich sollte wissen, dass Ihr's nicht liebt, wenn man von
Truden redet.« - »Hm!« meinte Petronella: »so man nur davon redet, mag es
hingehen. Nur über die Schwelle dürfen sie nicht kommen, und dafür habt Ihr
gesorgt, Frau Else, denn das Hufeisen, das unter Eurer Pforte angenagelt ist,
bleibt ein wahres Gottesmittel dagegen, und so Ihr vollends nicht versäumt,
jeden Morgen zwei Strohhalme kreuzweis drüber zu legen, so kömmt Euch nimmer
eine Hexe zu nahe.« - »Ihr seid eine kluge Jungfrau,« erwiederte Frau Else, »und
ich werde mir noch manches von Euern Erfahrungen merken, ehe Ihr von dannen
scheidet.« - »Ho, die Base ist gelehrter, als ein Meister der freien Künste,«
fiel der Leuenberger ein; »besonders im Erkennen zauberischer, übernatürlicher
und verborgner Dinge.« - »So?« fragten Else und Waltrade. »Das hätte man
versuchen können;« fuhr die Erstere fort: »Ihr hättet meinem Manne des heutigen
Zuges Ausgang und Erfolg weissagen müssen.« - »Hm!« meinte Petronella, den Kopf
bedenklich wiegend: »dem Gastfreund geziemt's eigentlich nicht, des Wirts Tun
und Lassen zu deuteln, aber, wenn man Achtung hat, auf das was um uns vorgeht,
so kann man manches in seinen Handlungen ändern, was erspriesslich und von Nutzen
wäre.« - »Ihr sprecht als ob's Lateinisch wäre,« lächelte Else: »ich verstehe
Euch nicht.« - »Der Hund hat die ganze Nacht im Zwinger jämmerlich geheult,«
sprach die Alte weiter: »die Eule hat geschrien und die Todtenuhr hat gehämmert,
als wollte sie nimmer aufhören. Das bedeutet nicht viel Gutes. Zudem ist heute
kein glücklicher Tag, und ich hätte an Eurer Statt den Ritter nun nimmermehr
reiten lassen.« - »Ihr macht mir bange!« versetzte Else, ohne jedoch weiter eine
Bewegung zu äussern: »Mein Mann lacht über solche Dinge, und fürchtet sich nicht,
weil er ein geweihtes Amulet bei sich trägt, das er einem Pilger abgenommen, der
es gerade von des Erlösers Grab geholt hatte. Wenn ihm nur das Heiligtum noch
hilft, da er jetzo im Banne liegt?« - »Ei, wie sollte es denn nicht?« fragte
Petronella entgegen: »die hochwürdigen Barfüsser Ordensherren weihen ja
gewöhnlich diese Schutzmittel, und man weiss ja, dass sie sich nicht viel um Bann
und Interdikt kümmern.« - »Ihr beruhigt mich wieder völlig;« antwortete Else,
dem alten Fräulein gutmütig und derb auf den hohen Rücken klopfend: »ich hatte
schon den Gedanken gefasst, trotz Bann und Strahl eine Messe in der Kapelle lesen
zu lassen auf die glückliche Heimkehr meines Alten.« - »Eine Messe?« lachte
Petronella: »wie das?« - »Wer versteht das Handwerk hier?« spottete Wallrade:
»etwa der edle Herr, der vor uns steht, oder der taube Wächter, der endlich mit
dem ersehnten Vorrat anlangt?« - »Hoho!« fiel Else ein: nur nicht so höhnisch,
gefangnes Fräulein Naseweis. Wir haben wohl noch andre Leute hier im Schloss,
die Kutte und Platte tragen. »Da unter uns sitzt ein armer Pater im Kühlen, dem
Eure Gesellschaft, Leuenbergerin, Unglück gebracht hat, und der wohl jetzo,
obschon Mittag vorüber, nüchtern genug wäre, um das Messopfer zu bringen.« -
»Wie?« schrie Petronella, erstaunt die Hände faltend: »Wie? Der arme Mann, der
mit uns hier angelangt?« - »Derselbe;« versetzte Frau Else kaltblütig: »er sammt
dem Bäuerlein, das Euch den Wagen lieh, bewohnt unsern Turm, weil mein Alter
meinte, die Leute seien mit der Gegend zu bekannt, als dass nicht der Gewahrsam
der schönen Wallrade verraten hätte werden müssen. Sie werden sich's nun
gefallen lassen, so lange hier zu verharren, bis des Fräuleins Haft vorüber.« -
»Ha, Euer Herr macht wackre Streiche!« rief Wallrade keck; »an schwachen Frauen
und wehrlosen Mönchen erprobt sich des Helden Mut.« - »O lasst den Heldenmut
aus dem Spiele, gutes Fräulein:« entgegnete Else: »einen schönen Falken lässt der
tapferste und grossmütigste Mann nicht aus den Händen. Wahrlich, Wallrade, hätte
ich einen Sohn, ich liesse Euch gar nicht mehr von meiner Seite; Ihr müsstet meine
Schwieger werden, und noch heute müsste der Pfaffe da unten Euch trauen.« - »Das
ist ein Wort, vortrefflichste Nichte;« sprach Petronella beissend: »Frau Else
denkt nicht an ihr alt Geschlecht.« - »Ihr habt Recht, Base Stolperwitz;« liess
sich Wallrade vernehmen: »unser halbadelig Wappen würde nicht zu dem des Ritters
Bechtram passen, wenn er gleich Räuberei treibt. Beruhigt Euch indessen. Meine
verehrte Wirtin hat ja keinen Sohn, der ihre Drohung verwirklichen könnte.« -
»Freilich nicht;« setzte Else seufzend hinzu: »das ist's, was mir oft blutige
Tränen kostet. Was nützt meinem Alten seine schwere Mühe und saure Arbeit? Was
nützt ihm langes Leben und Gedeihen? Wir haben ja doch niemand, dem wir
hinterlassen könnten, was er mit Schweiss und Blut erobert. Der Tag, an dem unser
Philipp starb, der wilde Bube, war ein harter Tag, und auch damals schrie die
Eule wie ein wahrer Unglücksvogel. Der Junge musste gerade seinen Kopf aufsetzen,
und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen. Mein Alter erlaubte es dem Fürwitz,
und gestürzt, vom Ross geschleift und zertreten, brachten uns die Leute den Buben
sterbend in's Haus zurück.« - Else wischte sich eine Träne ab, die in ihr
finstres Auge gedrungen war. - »Den leibeigenen Knecht, der das Unglück, ohne zu
helfen, geschehen liess, liessen wir todt peitschen,« setzte sie mit fürchterlich
gepresster Stimme hinzu, »allein unsern Philipp machte es nicht lebendig.« - Eine
tiefe Stille folgte auf diese kurze und grässliche Erinnerung. Frau Else richtete
sich indessen schnell in die Höhe, stampfte einigemal mit dem Fusse auf das
Pflaster, fuhr sich verstohlen mit dem Ärmel über die Augen, und langte die
Kanne mit Wein an Wallraden. »Trinkt! tut Bescheid!« sprach sie mit ganz
verändertem Tone: »dem Gaste gebührt die Ehre. Dann die kluge Leuenbergerin,
dann ihr Vetter, und zuletzt ich. Petronella ist hernach so gut, und gibt uns
eine Sage oder Legende zum Besten. Man vertreibt damit die Zeit am Besten, und
der Faden am Rocken wird noch einmal so glatt und eben, und die Kuchen schmecken
noch einmal so gut.« - »In Gottesnamen denn,« fügte Wallrade hinzu, und drehte
dem Leuenberger den Rücken, da er ihr einige verbindliche Worte in's Ohr
flüstern wollte: »in Gottesnamen, Muhme. Hebt an, und erzählt.«
    Veit stemmte maulend den Kopf in beide Hände, und pfiff in die Luft hinaus:
die Alte setzte sich indessen zurecht, roch ein Paarmal mit besinnender und
bedächtiger Miene an dem Bisamapfel, den sie auf der Brust trug, und graute sich
am Kinn. »Lieben Freunde,« begann sie, indem sie den Finger an die Nase legte:
»eine Sage, die Ihr nicht schon wüsstet, fällt mir gerade nicht ein; eine
Geschichte von den lieben Heiligen ziemt sich nicht zu berichten, an einem Orte,
wo kein Gottesdienst gehalten werden darf; demzufolge will ich Euch lieber, da
wir von Kindern gesprochen haben, auch ein Kindermährchen erzählen; nicht das
beste, nicht das schwerste, das jemals von einer Amme oder einer treuen Mutter
erfunden worden ist.« - »Meinetalben;« entgegnete Frau Else: »nur sei es nicht
zu lustig und schnurrig, mein kluges Fräulein. Das Ernstafte und Schauerliche
ist mir lieber, und stimmt besser zu meinem heutigen Gemüt.« - »Wie Ihr
befehlt, meine gute Wirtin;« antwortete hierauf des Leuenbergers Base, und hob
an, mit lebhaften Geberden und wackelndem Kinn, wie folgt:
    »Es sind wohl länger denn zweitausend Jahre her, und viel darüber, als es
einen reichen Mann gab, der eine gar schöne, fromme und sittige Wirtin in sein
Haus geführt hatte, und mit ihr des Lebens Glück genoss im höchsten Maasse,
ausgenommen das Glück, ein Kind zu haben. Da geschah es einmal, dass die
Ehewirtin an einem frischen Wintertage unter dem Mandelbaume sass, der im Hofe
stand, und einen Apfel schälte. Das Messer glitt jedoch ab, und fuhr ihr in den
Finger, dass ihr Blut in den Schnee rann. Ach! sagte sie hierauf und seufzte aus
innrer Brust: Ach, wohl ist weiss der Schnee und rot das Blut, und hätte ich
hoch ein Kindlein rot und weiss wie sie beide. Kaum hatte die Frau diese Worte
gesprochen, als ihr recht fröhlich und heimlich um's Herz wurde, denn sie hatte
nicht umsonst geredet und geseufzt. Ein Mond ging hin und der Schnee ging weg;
der zweite Mont fand alles grün, im dritten kamen die Blümelein aus der Erde, im
vierten alle Bäume in's Holz, worin die Vögelein sangen, und die Blüten fielen.
Und wie der fünfte Mond vorbei war, da stand die Frau unter dem Mandelbaum, der
gar zu lieblich roch, und ihr Herz war froh und konnte sich nicht fassen vor
stiller Freude. Und der sechste Mond vorüber war, da begannen die Früchte
aufzugehen und stark zu werden; sie aber wurde ganz still. Im siebenten Mond
griff sie nach den Mandelbeeren, ass davon und ward borstaft und traurig. Da
aber der achte Mond hingegangen war, da rief sie ihren Mann, und weinte, und
sagte zu ihm: Wenn ich sterbe, so begrabe mich unter den Mandelbaum. - Nun wurde
ihr wieder ganz wohl und getrost zu Sinne, und kaum war der neunte Mond vorbei,
so gebar sie ein Kind, weiss wie der Schnee und rot wie Blut, und freute sich
dass, und starb. Ihr Mann begrub sie unter den Baum, wie er es versprochen, und
fing an zu weinen gar sehr, eine Weile lang; nach und nach und allgemach legte
sich aber das Herzeleid, und dann hörte er auf zu greinen, und dann währte es
nur eine kurze Zeit, so nahm er sich wieder ein Weib.« - »Männertreue!« sprach
Wallrade bitter: »Ihr erzählt kein Mährlein, Muhme. Dass ich Euch also nennen
muss, beweist, dass wirklich im Leben geschieht, was in der Ammenstube erdichtet
wird.« - Petronella zog ein verdriessliches Gesicht, und ihr Vetter schlug eine
spöttische Lache auf. Frau Else aber schlug allen beginnenden Hader durch den
Wunsch nieder, das Mährlein weiter zu hören, und das Fräulein von Leuenberg fuhr
fort: »Die Stiefmutter gebar eine Tochter in's Haus, und diese war ihre Liebe,
und der Sohn der Verstorbenen wurde ihr Hass, und sie dachte ihn zu verderben.
Und der Gott sei bei uns fügte es, dass einstens der Junge aus der Schule kam,
und von der Mutter 'nen Apfel begehrte. Sie machte ein finster Gesicht und
glühende Augen, und begehrte von dem Buben, dass er heraufkomme zur Dachkammer,
wo eine Kiste stand mit scharfem Schloss von Eisen, und da sie den Deckel
aufmacht, und dem armen Jungen befiehlt, sich einen Apfel aus der Truhe zu
holen, und der unschuldige Knabe sich hineinbiegt ... Puff! Schägt sie den
Deckel zu, dass des Buben Kopf unter die roten Äpfel fiel. Darauf hat sie mit
einem weissen Tuch das Haupt wieder an den Körper gebunden, den Knaben vor die
Türe gesetzt, und ihm einen Apfel in die Hand gegeben. Und da sie in der Küche
stand, und einen Topf mit heissem Wasser brudeln liess, da kam ihr Töchterlein
traurig zur Küche, und sprach: Ach Mutter mein! Vor der Türe sitzt das
Brüderlein und sieht aus wie der Schnee, und isst nicht seinen Apfel und
antwortet nicht, ob ich ihn gleich gebeten; mir von dem Apfel zu geben. - Ei,
sagt die Mutter, wenn der böse Bube nicht reden will, so ziehe ihn an den Ohren.
Lenchen ging hin, und tat wie ihr die Mutter geheissen, und da lag der Bruder
todt zur Erde. Da hat nun das arme Mägdlein geschrien und geweint, und die
Mutter hat gesprochen: Ach, Lene, Lene, was hast Du getan. Komm, dass wir's dem
Vater verbergen! Und sie hackte den Jungen in Stücken, und steckte diese in den
Topf mit Wasser und kochte sie zum Imbiss; Lenchen stand aber dabei, und weinte,
und weinte, dass alle Tränen in den Topf fielen, und das Gericht brauchte weiter
kein Salz.« - »Aber, Fräulein!« sprach hier Frau Else: »welch schreckliche Mähr
erzählt Ihr uns da? Gott vergebe der bösen Stiefmutter!«
    »Und es ist doch nur 'ne Stiefmutter;« entgegnete Petronella mit hässlichem
Lächeln, »und manche wahre und echte Mutter hat also getan an ihrem Kinde« -
Else schlug ein Kreuz; Veit wollte sich todt lachen über die Schnurren, die
seine Base auftischte; Wallrade war jedoch ganz still, und sah ernst vor sich.
Die Leuenbergerin nahm dafür den Faden wieder auf, und erzählte:
    »Wie nun der Vater kam aus dem Wald, und warf die Art weg und setzte sich
zum Tisch, so fragte er: Wo ist denn der Bube? - Zuerst antwortete die Mutter
nicht, und trug das Essen auf; du jedoch Lenchen die Zähren nicht verbergen
konnte, so fragte der Vater wieder: Weib, wo ist denn der Bube, mein Sohn? -
Über Land ist er gegangen, antwortete ihm die Frau hierauf, als ob sie kein
Wasser getrübt hätte: er will beim Grossohm verweilen sechs Wochen lang und ich
habe ihm's nicht versagen mögen. - Ach, was ist doch dem Buben eingefallen?
versetzte hierauf der Vater gar wehmütig: Wie konnte er doch fortgehen, ohne
mir gesagt zu haben: Leb' wohl Vater, und bleib' gesund? - Der gute Mann wurde
recht wehmütig, und wollte nichts geniessen; da er aber den ersten Bissen der
Grässlichen Speise gekostet, wurden ihm Augen und Mund weit, und er ass und ass,
und ass ganz allein, und liess keinem Menschen einen Bissen übrig, und vom ganzen
Gerichte nur die Beinlein, die das kleine Lenchen in ein seiden Stück wickelte,
verstohlen, dass es die Mutter nicht sah, und damit von dannen ging, unter den
Mandelbaum, wo sie des Bruders Überreste niederlegte in's grüne Gras, und sie
befeuchtete mit blutigen Tränen. Da geschah es aber mit einemmale, dass der
Mandelbaum begunnte sich zu bewegen, und der Wipfel nickte freundlich, während
dessen die Zweige auseinander rauschten, und wieder zusammenschlugen, wie
fröhliche Leute mit ihren Händen zu tun pflegen, und die Wurzeln hüpften
hüpften und zuckten, wie die Füsse eines tanzlustigen Gesellen. Und dabei ging
eine Nebelwolke aus von dem Baume und in der Wolke brannte ein schönes rotes
Fetter, und aus dem Feuer flog so ein schöner Vogel heraus, wie er nimmer
gesehen wird in deutschen Landen; der sang lieblich und wohlgemut und flog in
die hohe Luft. Unter dem Mandelbaume war jedoch alles wie zuvor, und das Gras
spielte im Winde, die Blätter regten sich leise, aber des Brüderleins Gebeine
waren verschwunden, wie das seidne Stück, so dass Lenchen's Herz weit wurde, wie
das eines Glücklichen, und sie sich nicht anders vorstellen konnte, als dass lieb
Brüderlein noch lebe. Worauf sie vergnügt nach Hause ging. Der bunte Vogel
setzte sich inzwischen auf eines Goldschmids Haus, und sang vernehmlich: Die
Mutter hat mich erschlagen, - Verzehrt hat mich des Vaters Mund, - Mein
Schwesterlein tät mich begraben, - Beim Mandelbaum im kühlen Grund! Kywitt!
kywitt! welch ein schöner Vogel bin ich! - Meister Goldschmid sass gerade in der
Werkstatt und fertigte eine goldne Kette. Der Gesang des fremden Vogels auf
seinem Dach gefiel ihm über die Massen, und er lief, ob er gleich Schuh' und
Schurzfell in der Eile verlor, auf die Strasse, wo die Sonne so hell schien, wie
das goldne Geschmeide in seiner Hand. - Ach Vögelein! rief, der kunstreiche
Mann: wie singst Du doch so schön! Wiederhole die Weise noch einmal. Der Vogel
kratzte sich darauf schelmisch am Kopf, und er wiederte: Gibst Du mir die goldne
Kette in Deiner Hand, so singe ich noch einmal. Umsonst tu' ich's jedoch nicht.
Der Goldschmid reckte ihm hierauf die Kette dar vom reinsten Golde, und der
Vogel packte sie in die Kralle, und setzte sich vor dem Goldschmid nieder und
sang: Die Mutter hat mich erschlagen, - Verzehrt hat mich des Vaters Mund, -
Lieb Schwesterlein tät mich begraben, - Beim Mandelbaum im kühlen Grund!
Kywitt! kywitt! welch ein schöner Vogel bin ich!« - »Traun!« schaltete hier der
Leuenberger ein: »man kann nicht leichter zu goldnen Ketten kommen.« -
»Unterbrecht doch die Muhme nicht,« schalt Else dagegen: »Ihr seid ein unruhiger
Zuhörer. Nehmt ein Beispiel an Eurer Nichte, welche da sitzt wie ein fleissig
Mägdlein in der Kinderlehre.«
    Petronella schenkte der aufmerksamen Zuhörerin einen günstigern Blick, denn
zuvor, und liess sich weiter vernehmen: »Der Vogel flog von dannen und setzte
sich auf eines Schusters Dach, wo er abermals sein Lied sang, und damit Meister
und Frau , Kinder und Gesellen auf die Strasse lockte, wo die Sonne nicht heller
schien, als die goldne Kette um des Vogels Hals. Und da ihn der Schuster
aufgefordert hat, das Stücklein noch einmal zu pfeifen, so gurrte der Vogel, als
ob er sich besänne, und fragt: Gibst Du mir die roten Schuhe, die Du gerade
vollendet hast, so will ich singen; umsonst tu' ich's aber nicht. - Was will
ich machen? versetzt der Meister, und reicht die Schuhe dem Vogel, der sie
erpackt, auf des Schusters Schulter fliegt, und das Lied wiederholt, das wir
schon wissen. Weit davon stand aber eine Mühle, die ging klipp klapp, klipp
klapp vom Morgen bis zur späten Nacht, und zwanzig Müllerknechte standen darin
und behaupten einen Stein, und ihre Hämmer klangen: hick, hack, hick hack
zwischen durch der Mühle Klipp klapp, klipp klapp. Ein Lindenbaum stand gar
lustig vor der Mühle und darauf setzte sich der bunte Vogel mit Kette und
Schuhen, und sang sein Lied, dass einer von den Gesellen nach dem andern aufhörte
zu hauen, und alle herausgelaufen kamen, und den wunderlichen Vogel anstarrten,
der so vernehmlich singen konnte wie ein Mensch, und so bedenklich obendrein. Da
sie nun verlangten, er möchte seine Weise wiederholen, so entgegnete der Vogel:
Gebt Ihr mir den Mühlenstein, so Ihr behauen habt, so will ich wohl. Umsonst
aber tu ich's nicht. Die Gesellen pflogen hierauf Rats unter sich, und wurden
endlich eins, dass der Stein dem Vogel gehören sollte. Da sie nun mit Hebeln und
Stossbäumen ansetzten, um den schweren Stein zu erheben, so kam der Vogel
herbeigeflogen, die Kette in der rechten, die Schuhe in der linken Kralle,
steckte sich den Mühlstein an den Hals, wie einen Helmkragen, und da er noch
einmal gesungen hatte, so flog er weit, weit weg mit Stein, Kette und Schuhen,
nach seines Vaters Hause.«
    »Dort fliegt Staub auf am Waldrande!« rief der Leuenberger, mit der Hand
nach der Heerstrasse deutend: »Es wirbelt lustig durcheinander. Was gilt's, unser
wackrer Hauswirt kehrt heim!« - Else warf einen Blick nach der Strasse, und
erwiederte gelassen; »Gottlob! Aber noch sind die Männer fern, und das Fräulein
hat alle Musse, ihre schöne Mähr zu endigen, deren Schluss ich mit Neubegier
erwarte.« - »Gewiss!« setzte Wallrade mit einem gezwungnen Lächeln bei, während
ihr Auge bald gespannt auf Petronellens Munde haftete, bald scheu den Boden
suchte. Die Base, nachdem auch sie den fernen Ankömmlingen einen Blick ihres
Auges geschenkt hatte, fuhr lebhafter und mit feierlichem Antlitz fort: »In der
Stube des Hauses sassen der Vater, die Mutter, und Lenchen am Tisch,« und der
Vater sagte: »Mir wirb so wohl und frei um die Brust, ob ich schon nicht weiss,
warum.« Die Frau sagte dagegen: »'s wunderlich. Mir wird so schwül zu Sinne, als
ob ein Wetter über'm Schlot stände.« - Lenchen aber musste verstohlen greinen und
weinen, so kamen ihr die Tränen in die Augen. Plötzlich fliegt der Vogel
herbei, und so wie er sich auf das Dach setzt. - »Ach!« sagt der Vater: »Mir ist
heut sonnenwohl und heiter, als ob ich einen guten alten Freund wiedersehen
sollte.« Die Frau sagt dagegen: »'s ist wunderlich! mir wird so bang, und die
Zähne klappern mir, und es kriecht wie Feuer durch meine Adern, und das Mieder
will mit zerspringen vor Gebreste.« Lenchen sagte kein Wort, und weinte, dass die
Schürze nass wurde, wie ein Regentuch. Inzwischen war der Vogel auf den
Mandelbaum geflattert, und indem er durch die Scheiben stierte, als wäre jeder
seiner Blicke eine Stechlanze, sang er: »Die Mutter hat mich erschlagen ....« da
hielt die Frau die Ohren zu, und kniff die Augen zusammen, dass sie nicht hören
und nicht sehen mochte. Doch vor den Ohren brausste es ihr wie alle Waldströme
des Fichtelgebirgs, und vor den Augen zuckte ein Blitz nach dem andern. -
»Verzehrt hat mich des Vaters Mund ....« sang der Vogel weiter, und obgleich der
Mutter das Lied klang wie Todtenglocken, so war's doch dem Vater als ob Engel
singen zu goldnen Harfen, und ein süsser Geruch wie Rosmarin und Holderblüte
herabrieselte von dem Wipfel des Baum in die sonnenhelle Stube, »Lieb
Schwesterlein tät mich begraben,« tönte des Vogels Stimme weiter, und Lenchen
musste, um sich satt zu weinen, den Kopf auf die Knie legen. Der Vater konnte
hingegen nicht mehr im Hause bleiben, und wollte heraus, nach dem seltsamen
Vogel zu schauen, was er auch tat, ob ihn schon die Frau beim Ärmel zurückhielt
und stammelte: »Geh nicht! Geh nicht! Es wankt ja das Haus, und steht's nicht in
Flammen?« - Da der Vater nun den Vogel beschaute, und sich seines Gefieders
freute, wie auch sich wunderte ob der befremdlichen Worte, die er sang: »Beim
Mandelbaum, im kühlen Grund, .. kywitt! kywitt! welch ein schöner Vogel bin
ich!« so liess der Sänger die goldne Kette fallen, gerade um des Vaters Hals, dass
sie ihm stand, wie der Schmuck eines Ritters oder Marschalls. Als er nun freudig
hineinging, und der Frau das Geschmeide wies; so konnte die Sündige sich kaum
aufrecht erhalten, weil der Vogel wieder anhob, wie mit tausend Zinken- und
Heroldsstimmen: »Die Mutter hat mich erschlagen!« - »O mein Herz!« seufzte die
böse Frau: »O läge ich doch tausend Klafter unter dem Boden, dass ich nicht hören
müsste, was das Gespenst dort auf dem Baume krächzt.« Der Vogel kam nun an die
Weise: »Lieb Schwesterlein tät mich begraben,« und nun musste auch das Mägdlein
hinaus, um den Vogel zu schauen, der ihr die roten Schuhe herunter warf, auf
denen sie fröhlich in die Stube zurücktanzte. Da schmetterte der Vogel fein:
»Kywitt! kywitt!« wie ein rüstiger Trompeter durch die Luft, und hörte nicht
damit auf, dass der falschen Mutter die Haare zu Bergen standen, wie Feuerflammen
und wehende Waldbäume. - »Ach!« schrie sie verzweifelnd: »Geht denn die Welt
nicht unter? Hört denn der Bube nicht auf zu schreien? Ich muss hinaus zu ihm, ob
es mir wohl mein Herzblut kosten wird!« - Rannte hinaus, und vom Mandelbaum
polterte der Buchtstein herab, dass sie elendiglich zerschellt dahin sank, viele
Fuss tief in die Erde, aus welcher der Stein nimmer gehoben werden konnte. Der
Vater und Lenchen rangen die Hände, da Dampf und Feuer aufging von der Stätte.
Als aber der Rauch verzogen, die Flamme erloschen war, da war es unter dem
Mandelbaume wie zuvor, das Gras spielte im Winde, die Blätter regten sich leise
und der kleine stand, weiss wie Schnee, und rot wie Blut, und lebendig wie ein
Hirsch vor dem Vater und dem Schwesterlein, und sprach: »Guten Tag, ihr Lieben,
und wohl mir, dass ich wieder bei Euch bin.« Und wie sie sich fröhlich zu Tisch
setzen, ist das Mährlein zu Ende.
    »Blase, Bärenhäuter!« schrie Veit: dem Wächter in die Ohren, der langsam und
faul nach dem Horn griff, da die Reiter schon nahe am Graben waren. - »'S ist
wahrlich mein Alter!« rief Else unter dem Geschmetter des Horns: »Gott und alle
Heiligen seien gelobt.« - Indem sie jedoch schnell aufstand, bemerkte sie mit
Schrecken, dass Wallrade von der Steinbank zur Erde gegleitet war, und ihrer
Sinne verlustig geworden, dahin liegend wie eine Leiche. Die Frauen sprangen der
Ohnmächtigen bei. Der Junker sah ihnen höhnisch lächelnd über die Achseln. »Seht
doch einmal!« rief er: »Das Fräulein ist ja doch sonst hart wie Stahl und Eisen,
und weder Hass noch Liebe erschüttert sie. Wie kommt's, dass ein Kindermährlein
die Starke umwirft? Ich laufe, die Zugbrücke herab zu lassen.« - Er überliess die
Bewusstlose ihren Pflegerinnen, und eilte hinab an das Tor der Veste, um den
Ankommenden den Einritt zu verstatten. Sie kehrten alle wohlbehalten zurück,
aber mit verdriesslichen Gesichtern. Bechtram ritt eines Knechts Mähre, und sein
eignes Pferd kam hinkend hinterdrein. »Das war ein Miserereritt!« rief er dem
Leuenberger entgegen: »Gotts Marter! wer sagt mir denn, was meinem Hengste
fehlt?« Die bockbeinige Mähre hat mich abgeworfen, da ich ihr das Hinken mit den
Sporen austreiben wollte, und das hat unserm Zug ein plötzliches Ende gemacht,
denn der Satan versuche an dem Tage sein Glück weiter, wo sein Leibpferd ihm
abwarf. Das gedeutet Unglück, und vielleicht sogar Hexere. - »Wir hatten der
bösen Zeichen viele,« rief der Hornberger dazwischen: »eine alte Vettel war der
erste Mensch, der uns begegnete, und der Teufel selbst kann kein grösser Unglück
herbeiführen.« - Die Übrigen hatten indessen das Pferd umringt, und belugten das
Tier von allen Seiten, wie schon im Freien geschehen war, ohne die Ursache
seines Gebrestes und seines Kollers entdecken zu können. - »Kreuz und Stern!«
rief Bechtram ungeduldig, und zauste seinen grauen Knebelbart: »Irgend etwas muss
doch die Schuld tragen. Wer weiss, ob Deine Base den Gaul nicht verhert hat,
Leuenberg.« - Die Übrigen brachen in lautes Gelächter aus. Doring fasste übrigens
den Gedanken auf, und versicherte ernstaft und kopfschüttelnd, es sei hier wohl
eher die Wahrscheinlichkeit einer Zauberei da, als nicht. - »Es wäre möglich,
dass die Krämer zu Frankfurt Dir den Gaul geknüpft hätten;« meinte der
Reifenberg, und der von Wiede schwor bei allen Wettern, Zauberei stecke
dahinter, und weiter nichts. Sie standen mit untergeschlagenen Armen im Kreise
um den Gaul, und Bechtram sprach endlich vedriesslich: »Was verzaubert ist, muss,
sich auch entzaubern lassen, wenn man's nur verstände.« - »Warum liegt Ihr im
Bann?« wieherte der Hornberger: »Warum nahm Euer Kaplan Reissaus? Die Schorköpfe
kennen Teufelei und Hexenwerk wie ihr Messbuch, und beten dem Satan die Hörner
stumpf.« - »Wenn's nur das ist, da kann abgeholfen werden,« meinte Bechtram: »in
meinem Verliesse steckt ja ein Kuttenknecht, und man könnte ihn ja eine Weile aus
dem Käfig lassen, um hier seine Schuldigkeit zu tun.« - »Ja wohl,« pflichtete
der Leuenberger bei: »und so Ihr begehrt, verlange ich von Eurer Hausfrau die
Schlüssel, und schleppe Euch den hagern Burschen her.« - Bechtram gab nach
einigem Bedenken die Einwilligung, und Veit eilte, seinen Auftrag auszurichten,
und kehrte bald mit dem Mönch zurück, dessen Gang sich sehr von dem
schleichenden Katzentritt seiner Ordensbrüder unterschied. Kraftlosigkeit lag
jedoch über sein ganzes Wesen ausgebreitet, und das Gesicht hielt er in der
Kaputze verborgen, durch deren Öffnung ein verwirrter Bart sich sehen liess.
»Willkommen, hochwürdiger Herr;« redete ihn Bechtram spottend an: »Ihr mögt
vergeben, dass meines Gewerbes strenge Beschäftigung mir noch nicht die Musse
gönnte, einen werten Gast, wie Ihr seid, von Angesicht zu Angesicht zu schauen.
Ich hoffe indessen, dass Euch und euerm Begleiter die notwendige Atzung nicht
gefehlt haben werde.« »Der arme Schelm!« schaltete Doring mitleidig ein: »Frau
Else hat nur für trocken Brod und klares Wasser gesorgt.« - Bechtram warf ihm
einen finstern Blick zu, und entgegnete mit trockner Kälte: »Ein Jeder, Freund,
wird in meinem Hause gehalten, wie es seinem Stande geziemt. Mönch und Bauer
sind auf die nüchternste Kost angewiesen, und darum hat meine Wirtin ihre Tafel
also geordnet. Ich möchte Euch indessen, würdiger Vater, gern zu einem bessern
Trunk und leckerem Bissen verhelfen, wenn Ihr mir dieses Pferd hier, das am
Hinterfuss verzaubert und gebannt ist, wieder zurecht bringen wolltet durch euern
Segen und Beschwörung.« - Der Mönch, der bis daher noch kein Wort gesprochen
hatte, sah auf den Gaul und dessen Herrn hernieder wie ein Fürst, und erwiederte
ruhig: »Ich verstehe das nicht, Herr, was Ihr begehrt.« - Bechtram war mit der
Antwort nicht zufrieden. - »Ausflüchte,« sprach er lächelnd: »Ihr Klosterleute
pflegt doch sonst eher mehr zu versprechen als ihr halten könnt, und allzugrosse
Bescheidenheit ist eure Sache nicht. Hängt sie an den Nagel, und stellt mir das
Tier wieder her. Es soll euer Schade nicht sein. Höher als eines Menschen Leben
schätze ich das Ross, und meine Dankbarkeit ist Euch gewiss.«
    »Ich wiederhole Euch, Herr,« versetzte der Mönch gelassen, »dass ich nichts
von Beschwörungen verstehe.« - Bechtram's Stirne wurde glutrot, und der
Hornberger fuhr auf. - »Bist Du ein Pfaffe,« schrie er, »und kannst nicht einmal
ein verhextes Vieh lösen? Schwänke über Schwanke! Das Zaubern lernt ihr aus
euern Chorbüchern, die keine andre Christenseele versteht. Merkt Ihr nicht,
Bechtram, dass der schmutzige Barfüsser Euch nur zum Besten hat? dass es ihm Freude
macht, Euern Renner krumm und lahm zu sehen? Die Pfaffen sind Eure geschwornen
Feinde. Lass diesem hier nur die Peitsche geben, bis er sich bequemt. Kreuz und
Dorn! ich mache nie so viele Umstände mit den braunen Untieren.« - »Hm,«
erwiederte Bechtram: »ich werde doch in sechzig Jahren nicht weniger gelernt
haben, als Ihr, mein Herr von Hornberg? Lasst das Hofmeistern auf gelegnere Zeit,
wenn Euch der Bart grau geworden. Ich weiss schon selbst, wie mit
Widerspenstigen, umzuspringen ist.« - Der Hornberger wurde empfindlich über die
öffentliche Zurechtweisung. »Bei allen Gewittern!« rief er: »Nicht so hitzig und
beissig, Meister Bechtram. Dass ein grauer Bart nicht vor Torheit schützt,
beweisst Ihr gerade jetzo, da Ihr einen erprobten Freund wegen eines Pferds und
eines Tagediebs beleidigt.« - »Schweig! Gelbschnabel,« erwiederte Bechtram mit
zorniger Geberde, indem er an die Hüfte schlug, wo das breite Schwert hing. -
Friede! Friede! riefen jedoch die Andern dazwischen. Der Leuenberger nahm es
über sich, den Hornberg zu besänftigen, und der ältere Döring machte sich an
Bechtram. Die beiden gereizten Männer ergaben sich nicht alsobald in den Willen
der Vermittler, und sträubten sich lange gegen eine Versöhnung des so schnell
ausgebrochnen Zwists. Endlich hängte sich noch der Reifenberg an den Hornberger,
Henne von Wiede an den Burgherrn, und sprachen, so gut es ihre rauhe und der
Schmachreden mehr denn der Friedensworte gewohnte Zunge vermochte, kräftig genug
zur Sühne. Während nun die eine Partei unter lebhaften Geberden auf der
Scheibenbahn des Zwingers auf und ab lief, und die andre, heftige Worte
wechselnd, sich an das Gattertor gezogen hatte, besah der Mönch das arme Ross
nach allen Regeln der Kunst, so dass sich die Knechte selbst ob der
Unerschrockenheit wunderten, mit welcher ein des Reitens unkundiger
Klosterbruder das wilde und ungeduldige Tier zu behandeln wagte. Er war mit
seiner Untersuchung zu Ende gekommen, als gerade die friedestiftenden Freunde
auch an das Ende ihrer Bemühungen gelangt waren. Des Hornberger's Hitze war
grösstenteils verdampft; der kältere Bechtram hatte erwogen, dass er des
unerschrocknen Kämpen wohl noch ferner bedürfe, und beide boten endlich willig
die Hand zur Ruhe und Minne. - »Lasst's gut sein;« brummte Bechtram, des Junkers
Rechte schüttelnd. - »Gott strafe mich, wenn ich's Euch gedenke;« erwiederte der
rohe Mensch, dem ältern Kumpan um den Hals fallend: »aber, setzte er hinzu: da
sich zwei wackre Edelleute um solches Ungetüm - auf den Mönch zeigend -
vermeinigt haben, so muss der Bube uns beiden Genugtuung leisten, und auf der
Stelle den Teufel beschwören, der in dem Gaule sitzt, oder es geht ihm nicht
gut.« - »Recht, Hornberg;« bekräftigte Bechtram, der sich mit dem Übergewichte
eines hochmütigen Zwingherrn gegen den Mönch wendete: Mache Dich fertig,
Pfäfflein, sonder Widerrede, heile mir das Pferd. Ehe die Abendsonne hinter jene
Linde sinkt, muss es geschehen sein. Mangelt Dir etwas vom geistlichen Staat, so
zu diesem Werke nötig wäre, so soll es Dir gereicht werden. Weihkessel und
Wedel, Stola und Messrock findet sich in meiner Kapelle. »Darum sprich und treibe
Deine Schwänke, damit mein Gaul gesunde, und es Dir wohl gehe auf Erden.«
    »Muss ich denn wiederholen, was ich früher sagte?« fragte der Mönch
achselzuckend, mit etwas verächtlicher Miene, so weit sich sein blasses Gesicht
unter der Kaputze erkennen liess. - Bechtram stampfte wild mit dem Fusse. »Hagel,
Sturm, Pest und roter Hahn!« schrie der vorlaute Hornberg: »Tagdieb! willst Du
wohl gehorchen? Seit einer Stunde schon gibt Dir ein biedrer Rittersmann die
besten Worte, und Du, schmutziger Bettelgänger, treibst Deinen Spott mit ihm?
An's Werk, oder ich lähme Dich wie den Gaul hier.« -
    Er griff nach seinem Lieblingswerkzeug, dem Messer am Gürtel. - »Bist Du
denn toll?« rief ihm der Leuenberger in's Ohr, und hielt seinen Arm. Der wilde
Junker sträubte sich jedoch ungeberdig, und rief ausser sich: »Lass mich, Veit,
lass mich! Ich will die Kniesehne des Faullenzers treffen, so gut als die eines
Pferdes!« - Leuenberg liess indessen nicht ab, und die Übrigen standen ihm bei.
Der Mönch kehrte sich gelassen zu Bechtram, und sprach: »Ich weiss wohl, dass der
gute ungestüme Junkherr Wort halten würde. Einen Menschen zu verstümmeln wie ein
Tier fällt ihm nicht schwer. Demungeachtet kann ich Euerm Wunsche durch eine
Beschwörung nicht genügen, wohl aber durch leichtere Hülfsmittel. Das Ross ist
nicht behext, und wenn es der Hufschmidt Sr. kaiserlichen Majestät behaupten
wollte. In seinem Hufe sitzt die ganze Zauberei, und diese Krankheit nennt man
die Steingalle. Gefällt es Euch, so will ich noch diese Nacht ein wundätzend
Wasser bereiten, und morgen das Pferd damit von Grund aus heilen. Mit Zauberei
gebe ich mich aber nicht ab.« - Die Edelleute standen ungläubig und stumm bei
diesen Worten. Als aber der Mönch mit gewandter Faust des Pferdes Huf aufhob,
und ihnen Allen den kleinen braunroten Fleck darinnen zeigte, den ihr ungeübter
Blick übersehen hatte, und sie sich überzeugten, dass bei der Berührung dieses
verletzten Fleckchens das Tier zusammenschauerte, und mit aller Macht zu hauen
und zu beissen verlangte, da kam ihnen doch nach und nach zu Sinne, dass der
verachtete Klostermann wohl Recht haben könnte, und eine gewisse Art von
Bewunderung trat an die Stelle des pöbelhaften Hohns. - »Ei, hochwürdiger Herr,«
sprach Bechtram so verbindlich als es ihm möglich war: »Ihr verratet einen
Mann, der nicht in die braune Haut gehört, die Ihr auf dem Rücken tragt. Solch
adlich Reitergewerbe zu verstehen, wie Ihrs versteht, was sich aus Euren
Handgriffen und zuversichtlichen gerechten Worten ermessen lässt, - das lernt man
sonst in Euern Klöstern nicht, worin der Bettelesel das einzige Tier ist, das
von Ferne eine Ähnlichkeit mit dem edlen Rosse hat. Sagt, womit ich Euch
erfreuen kann; nur die Freiheit muss ich Euch für jetzo versagen, da mir es eine
andre Pflicht gebietet.« - »Ich weiss zwar nicht, welche Pflicht Euch gebieten
kann,« - versetzte der Mönch, - »die Gewalttätigkeit fortzusetzen, die jener
junge unbesonnene Mann an mir und meinem armen Fuhrmann verübt hat. Allein eben
in die Gewalt muss man sich fügen, so man nicht der Stärkre ist. Heile ich Euch
jedoch den Hengst, und findet Ihr morgen, dass ich nicht zu viel versprochen, so
erleichtert in etwas das Schicksal des armen Bauers, der mit mir in Euerm Turme
schmachtet. Bedenkt, dass er ein Weib daheim hat, und fünf Kinder, die nicht
ahnen, wohin ihr Ernährer geraten ist, und die vielleicht vergehen in Not und
Jammer, wie Er dahin schwindet in Heimweh und verzehrendem Gram. Behandelt ihn
nicht schlechter als Euere Rüden, die denn doch dann und wann eine bessere
Atzung erhalten, als verdorbnes Haferbrod und schlammiges Wasser. Mit einem
Worte: haltet den Unschuldigen wie einen Menschen; dann habt Ihr mir reichlich
den geringen Dienst vergolten, welchen ich Euch leisten will.« - Bechtram
schwieg etwas beschämt. Die edeln Herren sahen sich der Reihe nach verwundert
an. - »Ein wunderlicher Heiliger!« lachte der Hornberger, der sich aus seiner
Wut wieder zum Scherz gefunden hatte: »Wenn Ihr ihn auf der Fahrt hieher
gesehen hättet, ... geschworen hättet Ihr, der Mensch sei stumm. Auch kein
Wörtlein hat er verschwendet, so tapfer Leuenberger's Base ihn in's Gebet nahm.
Ohren und Augen in die Kutte gehüllt, sass er da, wie ein Bild von Holz, und ich
schwörs, er hat auch kein Wort gehört, was wir gesprochen. Jetzo aber geht ihm
der Mund frisch weg, wie ein fleissiges Rädlein. Glück zu, Pater!« - »Man rede
nur zur gelegnen Zeit;« versetzte der Mönch ruhig. - »Man rede aber auch alsdann
für sich, und nicht für Andre;« fügte Bechtram mit einer Gutmütigkeit bei, die
ihm um so besser anstand, als er selten darein verfiel: »Mir wär's lieber, bei
Gott; Ihr verlangtet etwas Bessres, als ein Stück Fleisch für den dummen Bauer.«
- »Mein Gewand ist das der Demut;« entgegnete der Mönch kurz: »ich begehre
nichts für mich; aber hindert Euch denn dieses, mir freundlich entgegen zu
kommen? - Für heute wünsche ich nichts als Ruhe, und dass man mir verstatten
möge, in den Turm zurück zu kehren, um das Wundwasser für das Pferd zu
bereiten.« - »Wohl wird es kühl und dämmrig hier im Zwinger,« - meinte Bechtram,
- »und wir wollen Euch unter Dach und Fach bringen, guter Klostermann. Aber bei
leibe nicht in den Turm. An unserm Hausherde könnt Ihr weit leichter Euern
Balsam brauen, und an unsrem Trinktische sitzt sich's besser, als in dem Kerker.
Kommt mit; einige Becher edeln Getränks werden Euch stärken, und ein Stück
köstlichen Wildbratens-Euern Gaumen vergnügen. Ihr erzählt uns dabei aus Euerm
Leben, und aus der Ferne, denn, weit seid Ihr hergekommen, und helft uns also
den Abend verkürzen.« - »Ich bin ein schlechter Erzähler,« antwortete der Mönch:
»im Turm aber wird mein Begleiter, der arme Bauersmann, meine Gesellschaft
vermissen. Mein Trost allein und mein Zuspruch drückten ihm die Augen zu auf
seinem elenden Strohlager.« - »Pah!« rief der Leuenberger: »solch Volk braucht
kein Einlullen.« - »Keine Genossenschaft, als die der Ratzen und Spinnen,«
setzte Hornberg hinzu. - »Ja wahrlich!« bekräftigte Bechtram: »Ich sende dem
Manne einen Becher Wein, daran mag er sich Rausch und Schlaf zutrinken, und
fröhlich sein. Ihr aber, Pater, - Kreuz und Stein! Ihr müsst mit, und ohne
Zögern.«
    Der Ritter nahm den Arm des Mönchs unter den feinigen, und das ganze
Häuflein der Gäste nahm seinen Weg zu dem Gattertore, an welchem die Hausfrau
ihnen entgegen kam, und den Eheherrn bewillkommte. »Wo ist das Fräulein?« fragte
er schnell, und jeder Mund wiederholte die Frage, und jeder Blick suchte sie.
Frau Else gab jedoch eine unbedeutende Unpässlichkeit vor, versicherte, dass
dieselbe bald vorüber sein würde, und führte die Herren sammt und sonders in das
Gemacht des ersten Stockwerks, wo auf dem eichenen Tisch Speisen aufgestellt
waren, und vom Kandelbrett die glänzenden zinnernen Kannen herableuchteten, mit
den sauber geformten Ängstern, den mächtigen Passgläsern und den bauchigen
Krügen. Wie heisshungrige Wölfe fielen die Gäste über die derben Keulen her, und
der duftige Wein strömte in die Becher. Frau Else schnitt das Fleisch vor, das
Fräulein von Leuenberg kredenzte in Ermanglung eines reizendern Mundschenks den
Trunk, und bald verwirrte sich Alles in scherzhaften Gesprächen und
Alletagsreden. Doring und Weide griffen nach der reisenden Uhr1, sich die Zeit
zu vertreiben; der Reifenberger krähte ein Minnelied zu Petronellens Ehre,
welches der tolle Hornberger mit einer verstimmten Laute begleitete; Bechtram,
der Leuenberger und der Mönch sassen beisammen, und schwatzten von Jagd und
Falkeniererskunst, in welcher der Letztere nieder ungemeine Fertigkeit verriet,
und den Zuhörern manch Jägerstücklein und Falknergeheimniss zum Besten gab, von
dem sie sich nichts hatten träumen lassen. Bald jedoch nahm der Wein in
Bechtram's, wie in Veit's Kopfe überhand, und es entspann sich zwischen ihnen
ein Hader über Wilderei und Forsterrngerechtsame. Die Übrigen, nicht minder vom
Wein erglüht, mischten sich in den Handel, und ehe man sich's recht versehen
konnte, sassen alle beisammen an einem Tische, um sich mit weniger Aufwand an
Stimme und Geberden zanken zu können. Petronella nahm keinen Teil an dem
Männerzwist, sah sich vergebens nach Elsen um, die aus der Stube verschwunden
war, und steuerte endlich auf den geistlichen Herrn zu, der jedoch von ihrem
Vornehmen etwas merken musste, da er plötzlich aufstand, und aus dem Gewirre und
Gelärm der Bezechten, wie vor der Redseligkeit der alten Jungfrau froh, um an
den verglimmenden Kohlen des Herdes die Wundarznei zu bereiten, und daneben
seine Schlafstelle zu suchen. Die Glut knisterte schon unter dem Topfe, in
welchem das Wasser gährte, vermischt mit dem notwendigen Wein und Gewürz, und
der lange braune Mann stand sinnend, mit übereinander geschlagenen Armen, über
die Dämpfe des Topfes hinwegsehend in den finstern Schlot, bis ihn ein Geräusch
aufzuschauen bewog. Frau Else stand neben ihm, ergriff seine Hand, und küsste
seinen Ärmel. Da sich nun der Mönch darob verwundert anstellte, so redete Frau
Else also, mit demütigem Gesichte: »Liegen wir gleich jetzo im Baum hier zu
Falkenstein, so sind wir doch getaufte Christen, und keine Heiden oder Juden,
die es gerne sehen, wenn die Geweihten des Herrn in Trübsal schmachten und Not.
Hochwürdiger Herr; es hat mir oft das Herz geblutet, dass mein Alter Euch
gefangen halten muss, seiner eignen Sicherheit wegen, und dass sich Euch nicht
besser bewirten durfte, als bisher geschehen: ich bin aber die Frau, würdiger
Herr, und der Mann führt den Befehl. Vergebt mir also.« - »Hab' ich Euch
gezürnt, Frau?« fragte der Mönch dagegen: »Wollt mir gütigst hier eine Weile
beistehen, so lange das Wasser kocht;« setzte er hinzu: »denn ich muss Euch
bekennen, dass ich des Küchenhandwerks nicht allzu gewohnt bin.« - »Ich glaub' es
wohl, hochwürdiger Vater;« erwiederte Frau Else: »das Geschäft schickt sich eher
für weibliche Hand, und ich will gerne, so Ihr mir begreiflich macht, was dabei
zu beobachten ist, es ganz an Eurer Statt zu Ende bringen, wenn Ihr geneigt
wärt, einer armet mit sich selbst und ihrem Gott zerfallnen Frau einen
Liebesdienst zu erweisen, wie ihn die Kirche und der Heiland fordern und
eingesetzt haben.« - »Wie meint Ihr das, Frau, und ist von Euch die Rede?«
fragte der Mönch ernstaft. - »Nicht von mir gerade, liebster Herr;« sprach Frau
Else heimlicher: »ich liege im Bann durch meines Mannes Schuld, und darf ja von
der Kirche nichts begehren, bevor wir nicht losgesprochen. Aber da ist eine Frau
im Schloss, eine Verwandte von uns, müsst Ihr wissen; und diese Frau sehnt sich
plötzlich nach dem Sakrament der Beichte und Busse, wie ein Sterbender nach dem
Liebesmahl. Ich hab's nicht gern getan, allein ich musste ihrem Bitten
nachgeben, da der Zufall gewollt hat, dass mein Herr Euch aus der engen Haft
entlassen. Wollt also sagen: Ja, und die Schlüssel zur Kapelle empfangen, denn
in das Gemach der Schwermütigen darf ich Euch nicht bringen, weil die Männer es
merken könnten, und der Jähzorn meines Alten ist ohne Gränzen, weil er im Bann
liegt, und er kann daher nicht leiden was geistlich, oder geistlicher
Verrichtung ist. Ich sende Euch die Bussbedürftige, ... in einer halben Stunde
ist alles abgetan, und Ihr nehmt einen Gotteslohn mit Euch.« -
    Der Ordensmann war während dieser Erläuterung verlegen und unruhig geworden.
Mit einer gewissen Heftigkeit weigerte er sich des Antrags, und schob der
Weigerung, Schuld auf das Interdikt, das auf der Veste ruhe. Frau Else warf ihm
dagegen ein, dass die Fremde nicht dem Banne unterliege, und es demnach nicht
gegen das Gewissen des Paters laufen würde, wenn er das Verlangte tue. Durch
die abschlägige Antwort noch obendrein ein wenig gereizt, setzte das männliche
Weib mit unverholner Bestimmteit hinzu: »Ihr Herren macht ja sonst keine
Umstände, wenn es darauf ankömmt, einen Beichteller zu gewinnen. Den heilige
Vater mag Städte und Weichbilder in Bann tun, und alle andre Welt- und
Ordenspriester mit Kreuz und Fahnen von dannen ziehen, Ihr bleibt zurück, und
singt Eure Metten und Vesper, nach wie vor. Fügt Euch darum heute auch
gutwillig, versteht Ihr mich? Eure Tafel soll Eure Willfährigkeit verspüren,
hört Ihr? Hier ist der Schlüssel zum Kirchlein, setzte sie hinzu, indem sie den
Mächtigen von dem breiten Schlüsselringe losmachte: hier steht eine Leuchte, mit
der Ihr vorsichtig umgehen mögt, denn es liegt allerlei brennbares Zeug in der
Kapelle, und sie ist etwas in Unordnung geraten, aber zum Beichtsitzen ist
Platz genug vorhanden. Geht voraus; gleich sende ich Euch das Fräulein. Lasst es
aber unterwegs, mit demselben vielleicht eine List anzuspinnen, um zu entkommen;
unsre Augen, sind scharf; man hintergeht nicht mich, nicht meinen Alten.« -
Somit drehte sie, ohne eine Antwort abzuwarten, dem Mönch den Rücken, und ging
nach der Treppe, über welche das Gebrüll der Zecher, die ein Fechtlied
angestimmt hatten, in die Halle schallte. »Wartet! wartet, ihr Trunkenbolde!«
schalt die Hauskönigin, indem sie ihre Faust mit einem Besen bewaffnete: »Ich
will Euch zur Ruhe bringen, dass der Lärm aufhöre bei nachtschlafender Zeit. Ihr
müsst fromm sein, wenn Ihr noch einen Tropfen Weius bekommen wollt!« - In der
Tat verfügte sie sich auch vorerst in die Trinkstube, brachte durch ihre
Vorwürfe und durchdringende Stimme die Lärmenden zu besserer Erkenntnis, und
nachdem sie die Ruhe wieder in etwas hergestellt, begab sie sich in das höhere
Stockwerk, das Frauengemach, wie ihre schweren Schritte auf der steinernen
Stiege vernehmen liessen. Der Mönch zündete indessen die Leuchte an der Flamme
des Herds an, schob sein Gebräude von der Glut, lächelte dann seltsamlich, und
blickte nachdenkend gen Himmel. - »Sollte es denn wohl eine Sünde sein,« fragte
er vor sich hin, »wenn ich mich in diese Zumutung füge? Nicht doch; setzte er
nach kurzem Bedenken bei: dies Gewand schon erheischt es, und dann ist es ja
eine Trostbedürftige in Räuberhänden, die nach der Teilnahme eines Menschen
verlangt, in dessen Worten sie den allmächtigen Gott zu finden hofft. -
Vermutlich, trotz der Verwandtschaft, von welcher Frau Else sprach, eine gleich
mir Gefangene, .... vielleicht diejenige, um deren Willen man mich und den
Unglücklichen, der mich fuhr, zurückhält, ob wir gleich in unsrer
Abgeschiedenheit nicht einmal ihren Namen erfuhren? Werde ich sie aber trösten
können, ich, der Trostsuchende und Trostlose? Vielleicht denn doch: auf die
Lippen des Leidenden setzt sich wohl zuweilen ein Engel, welcher andern
Geprüften das Heil einer gesegneten Zukunft verkündet. Lass sehen!«
    Er fasste Leuchte und Schlüssel, und schlich über die Holztreppe in den engen
Hof, in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte, dessen
niedrige Pforte mit einem grossen Kreuze bezeichnet, und von einem halb
verwitterten Fliederbaume dürftig beschattet war. Schon hatte die Spinne ihr
Gewebe über die Öffnung des Schlosses gezogen, schon hatte der Rost sich in die
Angeln gesetzt, dass sie knarrten wie Räder, als der Mönch die Pforte auftat. -
»Was macht Ihr da, frommer Herr?« fragte eine Stimme über die Brustwehr der
Hofmauer aus dem Zwinger herüber, leise und mit Teilnahme. Ein Knecht guckte
herüber, der gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte, und auf dem
Mauergänglein einherschlenderte. - »Ich gehe beten!« versetzte der Mönch ohne
eine Betroffenheit zu verraten, die ihm hätte Schaden bringen können. - »Ei
Herr,« sprach wieder der Knecht, ein junges Blut mit treuen Augen: »darf man
denn beten, wo der Bannfluch haust?« - »Warum nicht?« redete der Mönch: »Gott
ist überall, und seine Mondesscheibe sieht die Gebannten an, wie die Freien.« -
»Ach, wie dank' ich Euch, würdiger Herr,« versetzte der Knecht: »ich habe mich
gescheut, den englischen Gruss zu beten, seit ich auf der Veste bin, während
ganzer drei Wochen, und war doch daheim gewohnt, nie ohne Gebet
einzuschlummern.« - »Bete Du auch hier!« versicherte ihn der Mönch; »fromm sein
bringt Segen überall. Behüte Dich Gött!« - »Und Euch;« flüsterte dankbar der
Knecht: »so Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt, habe ich Euch
nicht gesehen. Ave Maria, Herr!« - Ohne weitere Störung trat der Mönch in die
Kapelle, und es wurde ihm seltsam um's Herz, da er das kleine Gotteshaus in so
ganz anderm Zustande antraf, als man es wohl an solchen Gebäuden gewohnt sein
durfte. In einem Winkel aufgetürmt lagen Betschemel, Bahre und Abendmahlbänke,
umflort von Staub und Spinnenfäden. Die Hälfte des Kirchleins war angefüllt mit
Laubhaufen und Strohbündeln, wie mit einem Heuvorrat, welchen zu ergänzen oder
wegzunehmen die Burgknechte den bequemsten und kürzesten Weg gefunden hatten,
nämlich durch das an die Zwingermauer stossende Fenster der Kapelle, wo die
Leiter lehnte, welche diese Geschäftsgänge zu erleichtern bestimmt war. Die
hölzernen Stufen des Altars waren zertrümmert; der Altar selbst in dem
traurigsten Zustande. Der Burgpfaffe hatte die Monstranz mit sich genommen, und
das Tabernakel stand offen und verödet. Das Bild unsrer lieben Frau neigte sich
dem Beschauer von der Höhe entgegen, äber seines Schmucks entkleidet, und von
dem Haupte des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen, die
einst eine fromme Hand zu einem Kranze für dasselbe gewunden hatte. Der
Priesterornat, wie die Gefässe des Altars lagen in dem Schrein, dessen Türe weit
offen stand, so wie der Zufall und neugierige Finger sie unter einander geworfen
hatten. Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von
der bestaubten Stange, und die Lampe, die ewige genannt, nunmehr aber auch
erloschen, bewegte sich, von einer Kette losgerissen, bloss noch von der andern
emporgehalten, klirrend im Luftstrome hin und her. Der Besucher dieser Öde hatte
nicht lange Musse, alle Gegenstände genau zu betrachten, die sich ihm in finstrer
Unordnung in diesem engen Raume, aufdrängten. Bald vernahm er die Schritte eines
näher kommenden Menschen, und er hatte kaum noch Zeit gefunden, sich in den
Beichstuhl zu setzen, den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken
gemacht hatte, als die Pforte wieder leise aufging, und eben auf diese Weise
zugemacht wurde. Wallrade trat ein, in dichte Gewänder und einen trüben.
Schleier gewickelt, warf im Vorübergehen gegen den Altar einen Blick in den
Stuhl der Reue, und nickte dem Darin sitzenden langsam zu. Alsdann warf sie sich
vor den Stufen des Altars nieder, und Tränen, seltne, seit Langem ungewohnte
Gäste, heute schon einmal erschienen, besuchten die Erschütterte zum
Zweitenmale. Ihre Lippen beteten, wie ihre Augen weinten, heftig, stürmisch, und
ihr Flehen stieg leise aber dennoch stürmisch wie das vom Orkan gepeitschte
Meer, wenn man es aus der Ferne sieht, zum Himmel empor. - »Herr der Erde und
aller Welten!« stammelte ihre Empfindung in unhörbaren Worten: »Wie ist doch
mein Herz heute erfasst worden auf wunderbare Weise, und bist Du es, oder einer
Deiner strafenden Ellgel, der also zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen
Alten? O gib mir doch einen Wink, dass Du es bist, oder verrate mir, dass es der
Geist der Ohnmacht allein gewesen, der über mich kam, und mich schwächer machte,
denn ein unbeholfenes Kind! ... Ha, wie dieses Wort mich ergreift. Warum hasse
ich den Namen des Kindes, warum verachte ich den der Mutter, und warum dennoch
ergriff mich so allgewaltig das mährchenhafte Beispiel der Grausamkeit einer
Mutter, des Leidens eines Sohns? Warum klang es wie mit metallnen Schlägen an
mein Herz, dass auch ich .... o weh mir! Wer hilft aus diesem Wirrsal! Wer sagt
mir, was ich tun soll, und ob ich recht tue, indem ich meinem entsetzten
Gewissen folge, und zur Busse schreiten will, die mich vielleicht verwirft, die
ich vielleicht verwerfen sollte, wenn meine Kraft noch die alte wäre? Heilloses
Schwanken! traurige Furcht vor den Gespenstern meiner Einbildung! Ich habe ja
nicht gemordet! was will ich denn eigentlich bekennen? Gott schütze mich und
meine Vernunft!« -
    Sie erhob sich entschlossen, näherte sich rasch dem Beichtstuhle, in welchem
der Geistliche lehnte; zu dessen Füssen die hell aufflackernde Leuchte brannte.
Und als sie den Schleier zurückwarf und auf die Stelle des Reuigen treten, die
Knie beugen wollte, tönte ein schmerzliches »Ach!« von den Lippen des Mönchs,
und er schien in Bewusstlosigkeit zu vergehen. Wallrade, erschrocken, heftig wie
sonst, reisst die Lampe auf, leuchtet in das Gesicht des Todtblassen, und
entsetzt sich nicht minder. Denn nicht nur das Antlitz, das sich gewaltsam
emporreisst aus den Banden des umklammernden Halbtodes, auch die Stimme ist's,
die sie erkennt und fürchtet. Die Augen des Mönchs gehen auf wie drohende
Mordbilder, seine Hand erfasst mächtig die erkaltende Wallradens; mit der Linken
entreisst er ihr die Leuchte, die sie so eben sinken lassen will, und seine Zunge
stammelt ein schreckliches: »Jesus! Jesus! sehen wir hier uns wieder? - Kennst
Du mich?« setzt er heftiger bei, und sie nickt stumm mit dem zitternden Haupte,
und hält sich schwindelnd fest in den Armen dessen, den sie hasst, damit sie
nicht niedergleite zum kalten Boden. Und der Mann, der Zürnende, hat Mitleid mit
der Vernichteten, und ein freundlicherer Ton seines Mundes ruft sie wieder auf
zum Leben, zum Schauen. - O dass in solchen Augenblicken der hereinbrechenden
Wahrheit, Reue und Beschämung ein falsches Herz nicht bricht, um rein unter die
Erde zu gehen! Dass mit der Besinnung und der wiederkehrenden Kraft auch die
vorüberblitzende Schaam schwindet, und das Bedürfnis der Sühne! Dass auf der
Schwelle zum Licht, der finstre Geist seine Verbündeten zurückzuhalten vermag!
Dass jeder gute Vorsatz durch der Lüge gift'gen Atem in der Blüte vergeht, wie
das Wort der Verteidigung auf den Lippen des schüchternen Mägdleins! Von
Wallraden wich der gute Engel trauernd, in einem Augenblicke der wichtigsten
Warnung, und gerade dem gegenüber, dessen plötzliches Erscheinen das Siegel auf
ihren Bund mit der Busse hätte drücken sollen.
 
                                    Fussnoten
1 Schach- und Brettspiel, Würfel etc.
 
                                Elftes Kapitel.
                Bist Du ein Weib? Du sollst mir keine Kinder gebären.
                                                                        Macbet.
»Wallrade! kennst Du mich?« wiederholte der Mönch mit schmerzlicher Stimme, und
Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen. »Wie sollte ich nicht,
Rudolph?« fragte sie bitter: »Ich finde Euch immer im Gewande der Lüge. Trug ist
Euer steter Begleiter, und nimmer stand ein offner Helm über Euerm Wappen. Was
sucht Ihr hier? wie kommt Ihr hieher?« - »Weib!« entgegnete der Herr von der
Rhön, dessen bleiche Wange sich höher färbte bei dieser schnöden Anrede: »Weib!
sieh selbst, was Du aus mir gemacht hast. Hab' ich denn so schwer gesündigt, dass
ich umherirren muss wie ein Flüchtiger, dem Henker Verfallner? Du hast mich
fortgetrieben aus meinem Hause, von Allem, was ich liebte. Zu stolz, um mich
einen Toren schelten zu lassen von den Freunden, die mir auf dieser seltsamen
Flucht begegnen möchten, - zu schwach hingegen, ohne Scheu dem schimpflichen
Tode entgegenzutreten, der von einem Worte Deiner Lippen abhing, beschloss ich,
auch den Namen des Unglücklichsten aller Menschen von der Erde verschwinden zu
lassen. Weg warf ich alle Zeichen meiner bessern Herkunft, weg die Erinnerung,
dass ich einst am Tische des Königs Platz genommen. Diese Erinnerung verband sich
ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abschieds von meinen Teuern. In das
Gewand der Demut und Dürftigkeit gehüllt, zog ich nach den Wallfahrtsorten der
Schweiz, und fand an dem Fusse der Altäre keinen Ersatz für das, was ich
zurückgelassen. Durch das Elend ermannte sich aber mein Geist, der dem
unmenschlichen Gebote zu widerstreben begehrte. Zurück trieb es mich nach dem
Wohnsitze meiner Lieben, trotz Deinen fürchterlichen Drohungen. Was empfand aber
mein Herz, da ich diesen Sitz, des häuslichen Friedens verödet und verwaist
fand, alles von dannen genommen, was meinem Leben Wert zu verleihen vermochte,
alle Blüten entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Unglück machte; durch
die Deinige. Lächle nicht so höhnisch. Du kennst die Bitterkeit dieser
Empfindungen nicht. Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden.
Wohin? stammelte mein Mund, wohin? fragte meine Zunge, und achselzuckend, - denn
meine Fragen klangen absonderlich und verwirrt, - wendeten sich Alle, die ich
fragte, von dem sinnverwirrten Pilger. Zu Costnitz erfuhr ich, dass Du zur
Heimach gekehrt seist, zu den Deinigen nämlich, an Türingens Gränze, dass eine
Frau mit einem Kinde in Deinem Gefolge sei. Ein neuer Donnerschlag! Mein Weib,
mein Kind in Deinem Gefolge! Nachgeschleppt an Deine Kette, wie stumme Zeugen
Deines grausamsten Sieges! Ich erkannte Deine Tücke, aber die Gegenstände meiner
Zärtlichkeit Dir zu entreissen, beschloss ich alsobald. Die Fluren, die ich seit
Jahren mied, weil auf ihnen mir die Hölle erwuchs, betrat ich wieder, gestärkt
durch den Gedanken an Katarinen. In jenem Hause, das meine Verblendung und den
Ursprung unsers unseligen Zwistes sah, suchte ich meine Lieben, und fand sie
nicht, - leer die Stätte, wo ich mich einst in den Himmel träumte, während ich
einen finstern Geist umarmte.« - »Redet deutlicher;« unterbrach ihn Wallrade
kalt: »Ihr meint das Haus Euers Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmässiges Weib
und Eure Bastardtochter suchtet.« - »Wallrade!« fuhr der Herr von der Rhön
empor, besann sich aber schnell, und sprach gemässigt fort: »Ich muss mich
schämen, dass ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld
mit leichtem Mute begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade, des Menschen
Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich; ich muss glauben, dass
ein erschüttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit geführt, wo Ihr einen
Priester des Herrn, einen Tröster zu finden hofftet. Lasst die seltne Regung in
Eurer Brust nicht ganz verschwunden sein! Lasst aus der Gefangenschaft, die uns
beide hier fesselt, die Blüte der Versöhnung entspriessen. War ich hart und
ungerecht gegen Euch, so vergebt mir, wie ich Euch verzeihe, was Ihr mir Böses
zugefügt. Lasst ab, mich zu verfolgen, wegen dessen, was unwiderruflich einmal
geschehen, - nicht mehr zu ändern ist.« - Wallrade sah ihn verächtlich an: »Ihr
traut Euch viel Wert zu,« sprach sie, »da Ihr glaubt, mein Hass könnte wirklich
niemals eine Gränze finden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in
welchem ich Euch mutlos versunken sehe, bewegt meine Brust. Konnte ich einst
Euch lieben? das frage ich mich selbst erstaunt, da ich Euch winselnd um meine
Gnade flehen höre. Ist das der Mann, der einst alle Schranken übersprang, um
mein zu sein? Seines Vaters Befehl, meine eigne Abneigung gegen jedes feste
Band? Ach, schon damals hätte ich ahnen müssen, was die Folge bringen würde. Ihr
scheutet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehören, und diese Scheu gefiel
meinen abenteuerlichen Gedanken, meiner gedemütigten Sprödigkeit, die gern vor
aller Welt die Larve der Unüberwindlichkeit vorbehalten hätte. Eure
Flatterhaftigkeit, Euer Wankelmut enttäuschte mich fürchterlich. Der Segen des
Priesters war ein Zauberwort gewesen, das unser Wohl vernichtet hatte. Lasst mich
über jene Zeit hinweggehen, wo Ihr mich überreden wolltet, ich sei plötzlich ein
Teufel geworden, während Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet. Von
Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen, verliesst Ihr mich und Euer Kind, um
der Gatte einer andern zu werden. Wäre ich wirklich so böse gewesen, als Ihr
beteuertet, schon damals hätte ich unsre Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer
Kebsweib der Schande preis gegeben. Ich tat es nicht; nur mag mir vergeben
werden, dass ich denjenigen nicht mehr in meiner Nähe dulden wollte, dem ich's
verdanke, dass ich mit dem Leben zerfallen bin.« - »Bin ich es weniger?« fragte
Bilger entgegen, und sah sie durchdringend an: »Weib, das durch seine
gleissnerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sünde verkehren
möchte. Fräulein von Baldergrün! gedenkt des deutschen Herrn, Eures weitläufigen
Verwandten, Eures nahen Freundes! Lasst mich schweigen! Seine Hülfe schloss unsern
Bund, seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe, - sein tückischer Sinn
vergiftete mein Glück, und gab Dir Mut, in Deiner wahren Gestalt aufzutreten.
Hier ein Bündnis, das mir nicht ehrenhaft mehr schien, um es laut zu offenbaren,
ein Weib, das ich, das mich hassen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem
Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschränkte Gewalt
über Dich und mein Kind ausübte, - kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und
blutigen Ausgangs, - dort hingegen ein greiser Vater, der es in die Hand seines
Waffengenossen geschworen hatte, seine Tochter nach dessen Tode zu erziehen, und
seinem Sohne zu vermählen, - diese Tochter selbst, ein Urbild von Sanftmut und
Unschuld, gegen deren Vorzüge Deiner Reize gefährlicher Zauber mich
unempfindlich gemacht hatte, - Scheu, falsche Schaam, dem Vater zu gestehen was
vorgegangen, das nagende Gefühl, kein Glück an Deiner Seite, nur Elend zu
finden, - das Bewusstsein, dass Katarine um meinetwillen vergehe in stillein
Liebesgram, - mit einem Worte, ich war ein Mensch, und fehlte vor Kirche und
Gesetz, während mein Herz mich frei sprach.« -
    »Eitle Reden!« erwiederte Wallrade streng: »Die Schmähungen, mit denen Ihr
mich, und den Herrn von Issing überhäuft, verzeihe ich Euerm Gewissen, das
schwindelnd an dem Abgrunde steht, und jeden Strohhalm fest halten möchte, um
nicht rettungslos zu versinken. Ihr seid fortan ein unwürdiger Gegenstand meines
Hasses. Geht hin! ...« - Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zurück, und
fragte mit Tränen der Angst im Auge: »O Wallrade! ich will ja gerne schweigen,
und glauben, dass die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre ist; allein nicht
dieser kalte und leere Bescheid genügt mir. Seid nicht die Schlange, die in
einem Augenblicke sich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt, in dem nächsten
jedoch ihn tödtlich verwundet. Sprecht, .. wo ist meine Katarine, ... wo meine
Agnes ...? soll ich beide nimmer wieder sehen?«
    Wallrade sah mit einem stechenden Lächeln in das blasse Antlitz des
Geängsteten. »Ich habe bewiesen,« sprach sie langsam, »indem ich Mutter und
Tochter der Hülflosigkeit entriss, in welche Euer Abschied sie versetzt hatte, -
dass ich keinen Groll hege gegen sie, die ich doch wahrlich - den Umständen nach
- nicht lieben konnte.« -
    »Ihr hättet in Gutem für sie gesorgt?« fragte von der Rhön misstrauisch:
»Ihr? wäre es auch, wär's doch kein Verdienst; Ihr selbst triebt ja den Gatten
und Vater von ihnen.« - »Schweigt!« herrschte ihm Wallrade zu: »Ich konnte sie
verschmachten lassen, und tat es nicht; ich konnte sie dem Hohn der Welt preis
geben, und tat es nicht. Nach Baldergrün wollte ich sie führen. Der Gedanke
gefiel mir, gerade ihnen wohl zu tun. Allein ... begehrt Ihr ihr ferneres
Schicksal zu wissen, - so muss ich befürchten wirklich der Schlange zu gleichen,
von welcher Ihr spracht.« - »O sagt's heraus!« unterbrach sie Bilger schnell und
verstört: »Euer Zögern gibt mir im Voraus den Tod. O welches Wort sprach ich
jetzt aus?« setzte er hinzu, und schauderte: »Musste ich ihn nennen, den Tod? Und
steht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde?« -
    »Möglich;« antwortete Wallrade kalt: »Gewissheit ist indessen besser als der
Zweifel. Durch meines Herzens Bezwingung erhielt ich Katarinens Freundschaft,
allein weder Trost noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem
Kinde im Arms stürzte sie sich in die Fluten des Mains.« - Der Herr von der
Rhön sank langsam nieder auf die Trümmer der Altarstufen. - »In die Fluten des
Mains!« wiederholte er mit der eisigen Kälte der Verzweiflung, die jedes Wort
mit Zentnergewicht belegt, damit es ja unerbittlich die Seele zerschmettre. -
»In die Fluten des Mains? Das, unglückseliges Weib, war also deiner Tugend
Ziel? das das letzte Schlafstündlein meines Kindes? O, wahr ist es, wahr, dass
die Sünde nimmer Gedeihen bringt, aber nur der Teufel bringt die Sünde auf die
Welt.«
    »Lasst doch meine Hand los!« sagte Wallrade zitternd, da sie sich von
Bilger's eisiger Rechten erfasst fühlte: »Die Kälte des Todes zuckt in Euern
Fingern!« - »Warum habt Ihr nicht recht?« jammerte der Herr von der Rhön, und
erleichternde Tränen schossen in seine Augen, wie der Angstschweiss auf die
Stirne: »Warum liege ich nicht auch, ein erstarrter Leichnam, im Abgrund des
trügerischen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur sie geliebt. Was früher mein Herz
bewegte, war eitler Tand, ... sie nur war das Juwel, die Perle meines Lebens.
Aber so wie die Perl emporsteigt aus der Tiefe der Flut, so hat sie sich
hinunter gesenkt auf den kühlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dies
Kleinod zu kaufen und zu hüten.«
    »Ihr werdet wahnsinnig!« versetzte Wallrade; »lasst mich!« - »Nicht eher, als
bis Du mich hingeführt hast zum Grabe meines Weibes!« sprach Bilger: »Wo ruht
sie? wo mein Kind? O sage es mir, - Du, ihre letzte Pflegerin, Du ihre
Mörderin!«
    »Spart Euern Witz!« antwortete das Fräulein kalt: »Eure Sünden haben sie
umgebracht. Ihre Leiber fand man aber nicht, und gewiss hat die Flut sie
hinausgeführt in's offne Meer, damit nicht christlich geweihte Erde die
Teilnehmerin wie die Frucht schändlicher Doppelehe bedecke!« - »Nicht einmal
ihr Grab werde ich sehen?« klagte Bilger, ohne auf Wallradens Schmachrede zu
hören: »Wie elend bin ich nun?« Mochte ich doch flüchtig umherirren ... ich
wusste ja doch, dass fern von mir zwei Herzen voll Liebe für mich schlagen! Und
diese sind jetzt zur Ruhe gegangen! »O, ich Schändlichen! Du, Grausame! wir
haben sie gemordet! Ein unerbittlich Strafgericht hat mich gen Frankfurt
geführt, und in diese Höhle des Raubes, damit ich erfahre, wie ganz verwaist ich
nun bin? Meine Katarine! meine kleine, holde, unschuldige Agnese!« - »Seht da,
in welcher Erbärmlichkeit und Blösse Euer unmännlicher Schmerz Euch darstellt!«
sprach hierauf Wallrade, deren Büsen hoch aufklopfte bei diesem Anblick: »Ihr
trauert um das Weib, das Euch nicht gehörte, - um das Kind der Unzucht; und Eure
rechtmässige Gattin verabscheut Ihr? nach Euerm Sohn sendet Ihr kein fragend Wort
aus?« - »Wölfin!« seufzte Bilger, trostlos ihr in's Auge sehend: »Erbarmte mich
nicht des Knaben Schicksal? hielst Du ihn nicht von mir entfernt, und begannst
meine Strafe, indem Du ihn mir entzogst?«
    »Weil ich mein Kind nicht als einen Fündling in Euerm Hause wissen wollte;«
erwiederte Wallrade: »Täuschung verabscheut mein Herz. Der Knabe sollte Euern
Namen nicht führen, aber unter Katarinens Herrschaft stehen? Nimmermehr! Ich
behielt ihn, damit er mir stets Euer Verbrechen vergegenwärtige, und - ich
läugne es nicht - zu meinem Rächer wollte ich ihn erziehen.« - »Mein Sohn sollte
Dich an mir rächen?« fragte Bilger entsetzt: »Weib! Du hast keinen menschlichen
Blutstropfen in Deinen Adern. Wo wird er zu diesem abscheulichen Geschäft
erzogen?« - »Ich hatte ihn dem Freiherrn von Issing vertraut;« entgegnete
Wallrade ruhig, obgleich bei diesem Namen ein Blitz aus Bilger's nassem Auge
schlug: »allein der edle, von Euch verkannte Mann war schon in Preussen in einem
Volksaufruhr gefallen, und der Knabe selbst wurde mir geraubt.« - »Geraubt?«
stammelte Bilger: »Geraubt? O sprecht es aus: Er ist auch todt?« - »Ich würde es
Euch nicht verhehlen!« erwiederte das Fräulein fest: »allein ich sage die
Wahrheit. Euch hatte ich zuerst im Verdacht; aber nun habe ich erkundet, wo der
Knabe ist, und werde ihn - so bald ich befreit bin - zurückfordern.« - »Wo, wo
ist er?« fragte Bilger dringend: »Dieses Kind könnte mir allein die Ruhe
wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in Deinem Busen lebt, die uns das
Trugbild einer schönen Zukunft vorspiegelte, so verhehle mir auch nicht - des
Knaben Aufentalt. Wer hat ihn entführt? Wer hat sich seiner angenommen? O, wenn
ich ihn auch nicht mein nennen darf, - nur sehen, sehen möchte ich ihn! Ihn
küssen und fliehen bis in mein Grab!«
    »Ihr seid berauscht von Euerm Schmerz;« versetzte Wallrade: »Ich bedaure
Euch; aber des Knaben Wohnort nenn ich Euch nicht. Eure Unbesonnenheit und Euer
Ungestüm könnten mir mein Eigentum rauben, ehe meine Ketten sich hier lösen.«
    »O warum bin ich ein ohnmächtiger, wehrloser Mann?« rief Bilger: »Warum kann
ich Euch nicht befreien, dass Ihr mich hinführen könntet zu dem holden Knaben,
den Ihr zu unnatürlichem Dienste bestimmt. O gewiss! meine Reue, meine Liebe
würden schon in dem Kinde die Rache, des Mannes entwaffnen! Ich würde ruhig und
ferne sterben können!« - »Der List, welche ohnmächtig scheint, und es nicht ist,
gelingt oft mehr als der Stärke und Gewalt!« sprach Wallrade: »Euerm Gewande
sollte, selbst in der Mitte dieser rohen Bösewichter, nichts unmöglich sein.
Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe tun, was Ihr der Mutter nie zu Gunsten tun
würdet, so trachtet, mich zu befreien. Dann führe ich Euch zum Sohne. Im
Gegenfalle sterbe ich eher, als ich an Euch verrate, wo der Knabe lebt. Sinnt
nach! An Musse dazu fehlt es in dem Gefängnisse nicht. Ich lohne Euch mit
gänzlichem Vergessen, und mit einer Umarmung unsers Johanns. Vielleicht tue ich
auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen fassen kann. Nunmehr lasst uns
aber scheiden. Im nahen Dorfe schlägt die elfte Stunde, und, so ich nicht irre,
vernehme ich von fern Frau Elsen, die mich abzuholen kömmt.« -
    Sie verliess den zerknirschten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen
ruhen blieb. Frau Else kam ihr wirklich im Hofe entgegen, und der Anblick der
Gefangnen erheiterte die harten und finster gewordenen Züge der Frau von Vilbel.
- »Sieh, sieh,« sagte diese Letztere, die Lampe in ihren Händen putzend: »das
war ein lang Gewerbe in dem Kirchlein. Ich dachte, es würde kein Ende nehmen,
midi fürchtete bereits, Ihr möchtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon
gegangen sein. Nun, nun, wenn man Busse tut, so tue man sie recht; das ist auch
meine Meinung, und ich würde auch recht fleissig zur Kirche gehen, wenn mein
Alter nicht beständig im Interdikt läge. Kommt jetzo nur mit hinaus. Ich habe
die Trunkenbolde alle zu Bett geschickt, denn ich sass wegen Eurer auf Nadeln
zwischen den ungehobelten Gesellen. Der Weg zu unserm Gemache ist rein und
still.« - Während Wallrade auf das Gebäude zuschritt, rief Else in die offne
Kapellentüre: »Kommt, ehrwürdiger Herr! Ihr werdet müde sein, und ich habe Euch
am glimmenden Herde ein Lager bereitet, worauf ihr schlafen könnt, wie ein
Kaiser.« - Indem trat der Herr von der Rhön auf sie zu, und vor seinem
leichenmässigen Antlitz entsetzte sich Bechtram's Ehewirtin. - »Um Gott!«
flüsterte sie: »Was ist Euch zugestossen, hochwürdiger Herr? Ist es doch, als
hättet Ihr ein Gespenst gesehen, oder wärt selber eins!« - Da nun aber der
sogenannte Mönch nicht antwortete, sondern unwillkürlich nach der Türe des
Turms ging, in welchem er bisher gewohnt war, seine Behausung zu sehen, so nahm
ihn Frau Else ohne Umstände beim Arm, und sagte: »Was treibt Ihr denn, guter
Herr? Seid Ihr schlaftrunken, oder hat Euch ein Gesicht erschreckt? Kommt,
kommt; dort in der Halle ist es warm und heimlich. Dort werdet Ihr ruhen und
Eurer bisherigen Leiden vergessen. Ich werde meinem Alten sagen, dass es anders
mit Euch wird. Kommt nur! kommt!« - Sie schloss die Kirchentüre zu, und führte
sorglicher, als man von dem harten Weibe hätte erwarten dürfen, den von seinem
Schreck noch nicht zu sich Gekommenen, in das Haus. Wallrade floh bei seiner
Ännäherung die Stiege hinan, und Bilger sank, nachdem Else mit eigner Hand die
Holztreppe des Hauses in die Höhe gewunden, und in dem Schloss befestigt hatte,
ermüdet von Gram und Entbehrung auf die dürftige Ruhestätte, die ihm die
mitleidige Ritterfrau am Fusse des Herdes bereitet hatte. Die Stunden schlichen
aber über seinem Haupte hin, wie saumselig zögernde Grabgestalten; und Gestalten
des Grabes sah auch nur sein wacher Traum. Er hatte Wallraden nur wieder
gesehen, um neues Unbill von ihr zu erfahren. Ein grössres hatte sie ihm indessen
niemals zugefügt; denn die Kunde von Katarinen's und Agnesen's Tode schlug
seinen Mut völlig darnieder. Die Ungewissheit über seines Sohnes Schicksal, den
er nur mit bangem Widerstreben, um sein Geheimnis nicht zu entüllen, Wallraden
überlassen hatte, vermehrte seine entsetzliche Stimmug, und der Gedanke, dass er
Wallraden zuvor befreien müsse, ehe er erfahren werde, wo sein Sohn hingekommen,
scheuchte auch die leiseste Annäherung des Schlummers von seinem Haupte. Und da
gegen Morgen die Erschöpfung ihr Recht geltend machen wollte, umstanden schon
die Herren und Gäste des Hauses sein Lager, und weckten ihn unter Scherzen, wie
sie in der Genossenschaft gäng und gäbe waren. - »Aufgestanden, Hexenmeister!«
rief der Hornberger, aus dessen roten Augen noch die Flamme der gestrigen
Ausschweifung loderten: »Halloh! an's Werk! Bechtram's Ross muss gesund sein, ehe
noch die Sonne ganz über den Bergen ist.« »Wo seid Ihr denn gestern
hingekommen?« fragte Bechtram, der dem Herrn von der Rhön vom Lager aufhalf.
»Nicht weiter als hieher, ich wette!« lachte der Leuenberger: »Der feurige
Steinwein war dem armen Burschen ein ungewohnt Ding, und er ging an die Arznei,
als schon der Kopf nicht mehr sein war. Da hat er sich gewisslich während des
Kesselschwenkens nieder gelegt, um sanft zu entschlafen und selig.« - »Kommt,
ihr Herren,« erwiederte Bilger nach all diesen freundlichen und spöttischen
Reden: »ich denke, ich werde nicht zu viel versprochen haben.« - Der Versuch
fiel glücklich aus. Bechtram's Gaul spitzte mutig die Ohren, da die
schmerzhafte Heilung vorüber war, und scharrte mit dem Huf, als wollte er in's
Weite. Bechtram jubelte ob dem Gelingen, und liess sorgfaltig den Gaul in den
Stall zurückbringen. - »Habt Dank, Meister Kuttenmann!« sprach er freundlich zu
Bilger: »Meine Anerkennung will ich Euch tätig beweisen, so bald ich kann. Vor
der Hand könnt Ihr frei gehen, so weit der Zwinger reicht, und meine Hausfrau
soll Euch nichts abgehen lassen. Ich hab' es ihr befohlen, und will bei meiner
Rückkehr hören, ob sie Wort gehalten.« - Der Herr von der Rhön nickte
gleichgültig mit dem Kopfe, und entfernte sich langsam in's Innre der Burg. -
»Ein närrischer Kumpan!« spottete der Hornberger: »Kurz angebunden, als ob er, -
weiss Gott wer - wäre. Und wie nennt man ihn denn?« - Die Übrigen mussten
bekennen, dass sie es eben so wenig wussten. »Wozu auch einen Namen?« rief der
Leuenberg: »Ist Pfaffe nicht genug? Pfaffe, und damit gut. Mag er uns ein
Freudenamt singen, wenn unser Wirt gesund und wohlbehalten von Frankfurt
wiederkehrt.« - »Willst Du im Ernste hin?« fragte Doring den Ritter: »und
lächelnd bejahte er es.« Doring schüttelte den Kopf. »Traue den Krämerfüchsen
nicht!« sprach er warnend: »Du wirst Dich verlassen auf das freie Geleit, dass
sie Dir vor einer Woche zustellen liessen, für den heutigen Tag, und den
morgenden, im Fall sich die Unterhandlungen in die Länge dehnen sollten. Aber
wir erleben heut zu Tage gar oft das Beispiel, dass frei Geleit gebrochen wird,
sonder Scham und Reue. Geh nicht hin.« - »So tapfer im Strauss, so feig im Rat!«
versetzte lächelnd wie oben der Burgherr: »Ich traue den Frankfurtern, und habe
eher Recht, als sie, wenn sie mir vertrauen wollten. War ich nicht geraume Zeit
ihr Stadt- und Feldhauptmann? Sie werden nicht hinterlistig handeln gegen einen
Mann, der ihre Fahne trug.« - »Eben darum!« fuhr Doring lebhafter fort: »Hättest
Du den Lappen nie getragen! Und wozu soll denn wohl der vorgeschlagene Vergleich
dienen? Du wirst doch nicht die Artikel halten wollen, die das Bürgerpack Dir
aufschwatzen möchte?« - »Beschwören und halten ist nicht einerlei;« sprach
Bechtram dagegen: »aber mir kann's nicht einerlei sein, wenn ich sehe, dass die
vorsichtigen Pfeffersäcke mir die Heerstrasse rein halten, so weit das Auge
reicht. Darum will ich sie wieder kirre machen, und wimmelts alsdann wie ehedem
von Körnern, Mezgerzügen und Weinfuhren, so will ich ihnen die Leichtgläubigkeit
eintränken, und meine Vorräte anhäufen. Jährlich einen Span mit Frankfurt, und
jährlich wieder Versöhnung! dabei finde ich gute Rechnung. Haltet mich darum
nicht auf, meine Freunde. Den alten Fuchs von Vilbel fängt man nicht so leicht,
und die Herren von Frankfurt fürchten mich und meine Drohungen.« - »Donner und
zehntausend Teufel!« rief der Hornberger dazwischen: »Das dürfen sie auch. Wir
heissen nicht umsonst die wilde Jagd in der Wetterau. Eine Lohe wollten wir
anschüren über den Giebeln der Stadt, dass die Engel im Himmel die Füsse
zusammenziehen sollten vor Brandschmerz; .. und so viel Achtung und
Freundlichkeit mir das Fräulein von Baldergrün eingeflösst hat, - das Haupt
schlüge ich ihr vom Rumpfe, und schickte es ihren Landsleuten zum Geschenke,
wenn sie sich an unserm biedern Wirt vergreifen wollten.« -
    »Erbärmliche Prahlerei!« sprach der Leuenberger halblaut zu dem von Wiede:
»Ich wollt es ihm doch raten, des Fräuleins Kopf ungeschorn zu lassen.« -
»Donner und Pestilenz!« erwiederte der Junker von Hornberg, der die Äusserung
gehört hatte: »Wer spricht da? Veit! Veit! nimm Dich in Acht mit Deiner
vorlauten Zunge! Einen Prahler schilt mich Keiner zweimal.« - »'s käme darauf
an, es zu versuchen!« entgegnete Veit, und warf die Nase in die Höhe: »Es gibt
Dinge, die ich nicht einmal im Scherz begreife.« - »Wahre Dich vor dem
Hornberger!« redete Bechtram lachend dazwischen: »Du weisst ja, dass er mir
gestern beinahe in aller Freundschaft und Kumpanei den Hals gebrochen hätte.
Schäme Dich aber auch, alter, grosser Leuenberg, dass Du so unritterlich dem
Fräulein den Hof machst. Schon längst hab' ich's gemerkt, und ich glaube, in der
ganzen Veste gibt es Keinen, dem es ein Geheimnis wäre. Es gibt, weiss Gott,
nichts Lächerrlicheres, als einen verliebten Burschen, der schon beinahe über die
Jahre hinaus, und in seinem ganzen Leben der Schönste nie gewesen ist.« - Die
Genossen des Ritters lachten hell auf, während eine Art von Schaamröte in
Veit's braunes Gesicht stieg. - Bechtram fand Anerkennung seines rohen Witzes,
und fuhr daher kecker fort: »Den Hornberg lob' ich mir dagegen. Die Blicke einer
Dirne prallen von ihm ab, wie die Pfeile des Schützen von dem Kürass. Und doch
wäre er ein andrer Mann als Du, mein guter Veit Lustiger, offner, und ... ich
muss es sagen, - weit kecker als Du. Während Du auf der faulen Haut liegst, und
denkst, die Sonne soll Dir Wein, Brod und fleisch in die Kammer scheinen, sitzt
der Hornberg risch und straff zu Gaule, und ist in der Wetterau gefürchtet, wie
ich es nur war in meiner besten Zeit. Aber derselbe Mut, der im freien Felde,
sich herumschlägt, gewinnt auch in einsamer Kammer die Herzen der Weiber. Merke
Dir das, Veit; und vergib mir, dass ich Dir in etwas die Wahrheit sagte, wie man
nur einem Freunde zu tun pflegt.« - »An Eurer Ausrichtigkeit ist mir nie
eingefallen zu zweifeln,« versetzte Veit, seinen auf's Höchste gestiegenen
Unmut hinter einem bittersüssen Lächeln verbergend: »ob es geziemend ist, einen
Gast durch solche Reden zu kränken vor ansehnlicher Ritterschaft, meine ich
nicht; allein ich übersehe es Euch, da Ihr eben mein Gastfreund und obendrein
mein Lehrer seid, und Eures Alters wegen ein Wort voraushaben mögt.« Dass ich
überall dabei bin, wo es gilt, und ich einen Vorteil absehe, dass ich in
Kühnheit und Mut es aufnehme mit Jedem, der es mit mir wagen will, behaupte
ich, so wie, dass ich Jedem den Hals breche, der an den des Fräuleins will. »Sie
ist meine Base, und wahrlich weder der Graf von Montfort, noch Ihr, verehrlicher
Ritter habt Euch durch ihren Raub Ruhm erworben.« - »Horch! horch!« spottete
Hornberg, die Weise eines damalig beliebten Liedleins nachäffend: »Wie anders
die Schalmeie klingt, denn sie zuvor erklungen! wie anders doch der Buhe singt,
denn er zuvor gesungen! Wie hat der Leuenberg vor wenig Tagen noch gesprochen,
und wie spricht er jetzo? So lernt man minnen, was man hasste. Was gilt's, hol'
mich der Satan, er bedauert, der arme Schelm, dass ihn die Frankfurter in den
Bann getan. In die Krämerladen würde er sich stellen, und das Einmal Eins
lernen, und die Elle handhaben, um sein Liebchen zu gewinnen!« - »Wenn Du nicht
schweigst!« - schrie Veit, nach dem Dolche fahrend. Bechtram stiess ihn indessen
kurz und bündig zurück.
    »Friede!« rief er barsch dazwischen: »Stern und Kreuz! Ihr habt mich gestern
verhindert zu raufen, ob ich gleich der Herr vom Hause bin. Heute sollt Ihr mir
dafür keinen Lärm und Hader anzetteln, und müsste ich euch Beide vor das Schloss
werfen. Vertragt Euch, und damit ihr's könnt, soll meine Wirtin Wein schaffen!«
- Er klatschte in die Hände, pfiff seinen wohlbekannten Forstruf, und da das
Fenster erklang, und Frau Else herausschaute, begehrte er einen Valet-und
Satteltrunk. - »Ich bin heute so vergnügt;« fuhr er fort, und sah sich munter im
Kreise um: »Ich gedenke heute einen frohen Tag zu feiern, und morgen spätestens
wieder behaglich in Eurer Mitte zu sein.« - Alle, sogar des maulende Veit
reichten ihm die Hände. Doring sagte jedoch kopfschüttelnd: »Gott verdamme den
Weg, den Du machst, Bechtram. Ich habe böse Ahnung, Dein Gaul hat gestern das
Vorzeichen gegeben. Es droht Dir entweder zu Frankfurt Unheil, oder Du bringst
es von dannen nach Deinem Hause. Bleib daheim.« -
    »Plaudertasche!« versetzte Bechtram lächelnd, ihn beim Schnauzbart zupfend:
»Sorge nicht; mir begegnet nichts Böses. Der alte Auerstier ist die Furcht des
Waldes, und wäre ich's auch nicht allein, den die Städter fürchten, so sind es
doch meine Freunde. Sieh einmal hin, auf die Hand voll Menschen, keck wie die
Hähne, gespornt wie sie, und nicht minder hitzig. Ihr lasst mir nichts geschehen,
Freunde, und in diesem Vertrauen lasst uns die Becher leeren auf fröhlich
Wiedersehen!« - Frau Else kredenzte den Trunk, und mit einem Jubel aufflogen die
geleerten Humpen in die Luft. - »Nun keinen Tropfen mehr!« rief der
Reifenberger. »Auf morgen, oder heute Abend schon, das Übrige!« setzte Henne von
Wiede hinzu. - »Wiedersehen!« murmelte Doring, dem Bechtram die Rechte
schüttelnd. - »Ehe wir aber uns hinsetzen, um über die hintergangnen
Reichsstädter in's Fäustchen zu lachen, müssen wir unsern Freund an Frankfurts
Tore geleiten!« sprach lebhaft der Hornberger. - »Ja! das müssen, das wollen
wir!« jubelten alle insgesammt. - »Ich reite mit ihm in Sachsenhausen ein!«
fügte der von Wiede hinzu: »ich gehe ihm nicht von der Seite!« - »Warum darf ich
nicht ein Gleiches tun!« brummte Doring: »Aber ich habe einen Span mit dem
Rate, und traue nicht.« - »Wir erwarten den Bechtram zu Oberrad!« schlug der
Hornberger vor, und Bechtram willigte gerne in das Geleit seiner Freunde und
Genossen. - »So sei's!« sprach er: »so bald ich mit dem Magistrate im deutschen
Hause Frieden geschlossen, komme ich zu Euch, und sollte jener Unglücksvogel,
der Kunz, recht haben, und sie mich einsperren auf ein Lösegeld, trotz Geleit
und Furcht, so kommt der Wiede doch, und bringt Euch Kunde.«
    »Wehe dann, der Stadt!« beteuerten Alle mit Lärm und Geschrei. - »Dir, mein
werter Schüler und Freund,« wendete sich Bechtram zu Leuenberg: »Dir glaube ich
eine Liebe zu tun, wenn ich Dich abermals zum Hüter der Frauen und des Hauses
bestelle. Wallradens Gefangenschaft wird Dir weniger grausam erscheinen, wenn
sie nur Deine Gefangene ist. Du magst indessen die liebe Base trösten. Bleibt
der Montfort noch eine Weile aus, trotz Versprechen und Wort, so liefre ich das
Fräulein wieder aus an ihren Vater, der mir ein schweres Lösegeld dafür bezahlen
soll. Dann magst Du um dasselbe freien nach Herzenslust, guter Veit, insofern
Herr Dieter Frosch Deine Armut, und der Papst die Blutsfreundschaft übersieht.
Bewahre mir also vor der Hand Turm und Haus mit treuem Sinn, und sorge, dass
meiner Hausfrau und Deinen Basen nichts Böses, widerfahre.« - Die Herren
schwangen sich auf die Gäule, und nachdem Frau Else einen kurzen und männlichen
Abschied von dem Gatten genommen, zogen die Reiter von dannen, einige wenige
Knechte auf ihrer Spur. Der Leuenberger sah ihnen durch das Vorsprungfensterlein
am Tore nach, und sprach zu sich: »Viel Glück auf den Weg, lieben Freunde;
elendes Volk und Gesindel, das sich überhebt, als wäre es schon vor der
Sündflut geadelt worden. Dass der Hornberg ein vorlauter, böser Geselle ist, war
mir längst bekannt, und seine Freundschaft, so viel Wesens die Base Petronella
davon macht, hat mir nie Erkleckliches in den Seckel gelockt. Ich hasse den
Buben jetzt von ganzer Seele, aber ich denke, ich hasse den alten Bechtram noch
weit mehr seit einer Stunde. Wie mich der Graubart hingestellt hat vor aller
Welt, wie man einen gemeinen Dieb an's Halseisen legt! Was er sich nur
einbildet? Auf was er nur pocht? Auf seine Habe? Der Teufel danke ihm sein Geld,
seinen Wein und seinen fetten Tisch. Hätte ich ein Paar Dutzend Knechte, und
einige arme, aber handfeste Schlucker wie der Doring, der Wiede oder der
Reifenberg zu meinem Befehl, ich wollte mich auch bald reich gearbeitet haben. -
Oder pocht er auf seinen Stamm? Mein Adel ist so alt als der seine, und dem
Kaiser wird es schon lange leid tun, dass er ihn zum Ritter geschlagen. Was
nützen ihm die goldnen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu tun ist, oder
darauf ankömmt, ein Paar elende Kaufleute nieder zu werfen, so ist der Edelmann
mit der besten Faust der tauglichste, er sei nun Ritter oder Junker. Eine gute
Faust konnte man dem Bechtram nicht abläugnen, aber er ist schon ein alter Bär
geworden. Ich hätte mich wohl unterfangen, mit ihm anzubinden, aber ich habe die
Übrigen gefürchtet. Indessen soll er an mich denken, und es bereuen, dass er mich
wie einen Schmarotzer und Krippenreiter behandelt hat. Ich fürchte, seine
Hoffnung auf das Lösegeld aus Dieter's Hand schlägt fehl, denn ich kenne Einen,
der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond, und ich meine, Meister
Dieter werde auf der Bergener Strasse zu finden sein. Ist das Geld in meinen
Händen, dann wird auch Wallrade mir folgen müssen, wenn auch nicht in ihr
väterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum schuldigen Dank dem hochmütigen
Bechtram den Schornstein ober, dem Haupte weg.«
    »Pest und roter Hahn! Ein herrliches Fündlein,« setzte er bei, indem er
vergnügt sich die Hände reibend, aufstand: »Mit einem Streiche erlange ich
Dieter's Geld, Wallradens Demütigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt muss
mein verhasster Schwager erst noch, getäuscht, mit langer Bahn von diesen Mauern
abziehen! Noch einmal: Glück auf den Weg, ihr Herren und Freunde! der
Leuenberger macht Euch Alles wett!« -
    Die Stunden verstrichen in sorgloser Stille. Die Veste lag einsam, und weder
Ross noch Mann weit hinaus in die Runde war zu sehen. Die Sonne sank, und im
Zwinger und Burghof wurde es schon schattig und düster. Die Frauen beschlossen,
abermals auf dem Wartturme luftige Helle zu suchen. Während sie jedoch die Höhe
erklimmten, liess der Leuenberger seinen Gaul aus dem Stalle ziehen, und die
Pforte öffnen. - »Wilpert;« sprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd
vorführte: »ich kehre erst zur Nacht zurück. Der Frau magst Du sagen, dass ich,
meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten sei. Bleibe
hübsch auf Deiner Hut, und hab' Acht auf das Tor.« - Der Knecht nickte mit dem
Kopfe, und der Junker ritt aus, und lenkte seinen Klepper gleich ausser der Burg
auf versteckte Waldpfade, dass die auf dem Wartturme sitzenden Weiber nicht das
Geringste davon bemerkten. - »Ihr seid also völlig wieder hergestellt?« fragte
Petronella das Fräulein mit erheuchelter Teilnahme: »Ihr werdet mir nun sagen
können, ob der Luftzug über die Zinnen, oder mein arm, unschuldig Mährlein an
Euerm Zufalle schuld gewesen?« - »Keins, von beiden;« versicherte Wallrade
spitzig: »im Ganzen war es nur ein Übelbefinden, das mich öfter anwandelt; ein
Schwindel; weiter nichts. Ihr kennt ja solche Zufälle, ob sie gleich bei Euch
vom Alter ihren Ursprung nehmen, und bei mir das junge heisse Blut daran Ursache
ist.« - Frau Else lachte, während das Fräulein von Leuenberg die Stirne verzog
und die spitzige Nase rümpfte. - »Mag ich doch der Jahre so viele zählen, als
der Erzvater Metusalem;« sprach sie bitter: »ich bleibe doch immer jung gegen
das Alter unsers adeligen Stammes. Nicht alle Leute können sich solcher Herkunft
rühmen.« - »Nicht alle Leute mögen hoffärtige Armut einem bequemen Bürgertum
vorziehen;« versetzte Wallrade gereizt: »vergebt mir, Fräulein; es mag alles
wahr sein, was Ihr mir von Euerm schönen Schloss zu Gelnhausen zu erzählen für
gut fandet, allein es ist wohl bessres zu finden, als schmale Kost und magre
Mährlein, wie Ihr sie Euerm Vetter auftischt. Das wusste Eure Base Gretchen sehr
gut; sie scheute sich keineswegs dem Wohlleben eines Frankfurter Bürgers ein
leeres Wappen zum Opfer zu bringen.« - »Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat
auch schier mein Herz gebrochen;« erwiederte Petronella: »der Falk soll nie auf
einem Finkenneste horsten. Merkt Euch das, gute Nichte.« - »Warum hatten doch
eure Warnungen keine kräftigere Wirkung?« fuhr Wallrade glühend und mit Spott
fort: »Meinem Hause wäre viel Unfriede erspart gewesen, - und viele Schande.« -
»Schande?« schrie Petronella, erstickend fast vor Unwillen: »Welch böser Geist
spricht denn heute diese Lästerungen aus Euch, da Ihr Euch noch gestern geberdet
habt, wie ein reuiges Schäflein? So man auch wollte, man könnte sich doch nicht
mit Euch vertragen, denn Ihr seid schlimm, wie ein schneidiges Messer.« -
»Allerdings;« gab Wallrade zu: »in ungeschickten Händen werde ich dazu, und das
ist bei Euch der Fall.« - »Was sollen, denn die Stachelreden?« fiel Else derb
und heftig ein: »Wenn Verwandte sich also erzürnen, was sollen denn wildfremde
Menschen tun? Gebt Euch zufrieden. Beide seid Ihr mir gleich liebe Gäste, -
und,« setzte sie scherzend hinzu: - »das Fräulein von Baldergrün ist mir schier
noch angenehmer, als Ihr, Leuenbergerin.« - »Weil das Fräulein mit goldnen
Ketten und Geschmuck den gezwungnen Aufentalt bezahlen muss;« ergänzte
Petronella. - »Und Ihr das erwünschte Traktament nur mit Mährlein;« setzte
Wallrade verhöhnend hinzu: »Ihr verdankt meinem Unglücke, das aber dennoch, wie
Alles, ein Ende nehmen wird, ein Paar lustige Gelagwochen, Euer alter Kater ist
schon in seinem Fett erstickt, und auch Eure hagre Gestalt beginnt sich zu
runden. Während dessen aber muss der arme Bauersmann, der Euch gefahren, im
Turme verzweifeln.« - »Was kümmert mich der Mensch?« fragte Petronella
unwirsch: »Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen, und es
steht Euch schlecht an, mich für eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der
Hochmut ziemt Eurer Lage nicht. Meinen Adel, meine Freiheit, mein gutes
Gewissen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewissen ist's wirklich nicht
richtig; die gestrige Ohnmacht, und die plötzliche Bekehrung, die darauf folgte,
beweisen es, und der Mönch, der Eure Beichte anhörte, würde viel zu erzählen
haben, wenn er anders erzählen dürfte.« - »Keine Beleidigung!« zürnte Wallrade;
aber Petronella hätte unerbittlich fortgefahren, wenn nicht Frau Else dazwischen
getreten wäre. »Ei, beim Wetter!« rief sie: »Ist des Haders noch kein Ende?
Schämt Euch, Fräulein von Leuenberg. Euer Alter sollte vernünftiger sein. Schämt
Euch, noch einmal, - und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es
scheint, als hätte er seine Nichte zu lieb gewonnen, als dass er Euch nicht den
Kopf zurecht setzen wollte, wenn Ihr das Fräulein schmäht.« - »Das wolle Gott
verhüten!« seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen: »Der Bruder wird
doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten?« - »Und wenn es
wäre?« entgegnete Wallrade mit verächtlichem Scherz. - »Mein Tod wäre es;« fuhr
Petronella giftig fort: »der letzte Nagel zu meinem Sarge.« - »So sterbt
immerhin;« sprach Wallrade höhnisch weiter, während Frau Else des Lachens kein
Ende finden konnte: - »der Junker von Leuenberg macht mir den Hof, und hat
geziemend um meine Hand geworben.« - »O der dumme Christoph!« seufzte das alte
Fräulein schmerzlich, und machte ihre Augen gross auf. - »Noch mehr!« fuhr
Wallrade schnell fort: »er wird mich befreien; er hat's versprochen.« -
»Befreien? versprochen?« stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zurück:
»Ich bin verloren. Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen? mich
würde er aus dem Hause stossen wollen, um eines Bürgers Tochter in unser Schloss
zu setzen? Abscheulich! Wo ist er, der Wüterich? hören will ich's; aus seinem
Munde will ich's höre!« - »Ihr erfahrt es früh genug;« versicherte Wallrade.
»Ich gebe Euch indessen mein Wort, dass ich mich lange besinnen werde, ehe ich zu
Euers Vetters Zärtlichkeiten ein gutes Gesicht mache.« - »Und warum?« fragte die
Alte ereifert: »Ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Gestalt, ist
Jungfrauen von zweideutigem Bürgeradel immer willkommen und wenn ich's beim
Lichte besehe, so kann ich's nicht dulden, dass Ihr meinen Vetter ausschlagt.« Es
wäre ein Schimpf für unser gutes Wappen, das Kaiser Karl der Grosse unserm
wohlverdienten Ahnherrn gab. »Der Frosch soll sich's zur Gnade schätzen, mit dem
Leuen auf dem Berge wandeln zu dürfen.« - »Ihr sprecht verwirrtes Zeug,
Fräulein;« fuhr Frau Else dazwischen: »das Alter und die Galle machen Euch
töricht vor der Zeit. Lasst das Ding nur seinen Weg gehen, und kümmert Euch
nicht darum. Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt.
Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar führen, noch befreien, ehe mein Alter
nicht klingendes Geld dafür gewonnen. Riegel und Knechte bürgen uns für ihre
Ruhe und stilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene
behandeln, es nicht tut. Ich habe indessen - glaubt mir's Leuenbergerin - ein
weit besseres Vertrauen zu des Leuenberger's Redlichkeit gegen uns, und zu des
Fräuleins Aufrichtigkeit, als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zögerte im Geringsten,
die ehrsame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen,
die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen
Schlüsselbund anzuvertrauen? Hier habt Ihr diese teuren Schlüssel, mein
Fräulein von Baldergrün. Eure Bereitwilligkeit bürgt mir dafür, dass Eure jungen
Beine meinen ältern den Liebesdienst erweisen werden.« - In der Bitte der Frau
Else lag ein Befehl; Wallrade zögerte daher nicht, mit erkünstelter
Freiwilligkeit zu tun, wozu sie sich nicht gerne hätte zwingen lassen. Schnell
nahm sie die Schlüssel, verneigte sich boshaft vor der Base Petronella, und
sprach: »Vergebt, edle Blutsfreundin, meiner vielgeliebten Stiefmutter, dass der
Wunsch unsrer verehrten Gastfreundin mich hindert, Euch jetzt schon zu sagen,
was der Frosch zu dem Leuen sagen könnte, wenn er mit demselben auf dem Berge
lustwandelt. Dieses sinnige Gleichniss hoffe ich indessen später mit Euch abtun
zu können, und diese Hoffnung wird nicht der geringste Beweggrund sein, der mich
zur Eile antreibt.« - Sie flog die Treppen hinab, und erschrack beinahe, da sie,
an des Turmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhön erblickte, der mit
verschränkten Armen auf der Steinbank an der Kapellentüre sass, und in tiefe
Betrachtung versunken zu sein schien. Die Geübte fasste sich jedoch schnell, warf
dem Aufschauenden einen verächtlichen Blick zu, und ging stolz vorüber nach dem
Wohngebäude. Bilger sah ihr nach, bis sie innerhalb der Türe desselben
verschwunden war, und ein schwerer Seufzer löste sich von seiner Brust. Unmutig
in der Erinnerung seiner Verirrung und seiner Leiden, wollte er in den
verborgensten Winkel des Hofs entfliehen, um nicht zum Zweitenmale den Anblick
der Frau ertragen zu müssen, die er einst für eine Heilige gehalten, und die er
jetzo nur verabscheuen konnte, als über die Mauer herüber eine nicht unbekannte
Stimme kam: »Gott grüsse Euch, und gelobt sei Jesus Christus, frommer Vater!« -
Bilger sah den jungen Knecht über die Brustwehr lugen, mit dem er in verwichner
Nacht geredet, und dankte ihm nach Art der Mönche. »Hochwürdiger Herr!« fuhr der
Geselle vertraulicher und leiser fort: »ich bin Euch viel Dank schuldig. Die
Erlaubnis zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt, und im Schlaf heute
Morgen ist mir mein Mütterlein erschienen, und hat mich aufgefordert, wieder
heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft.« - »Gott geleite Dich, mein Sohn!«
erwiederte Bilger: »Bete Du dann auch für mich.« - »Ach, Herr!« meinte der
Knecht: »frei sein ist edler, denn Alles. Wie gerne wollte ich Euch frei machen
, wenn ich's nur vermöchte« - Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im
Zwinger, und der Balken der Zugbrücke knarrte, wie der Riegel des Tors. - »Was
gibt's denn da draussen?« fragte der Herr von der Rhön den freundlichen Knecht. -
»Denkt doch!« flüsterte dieser herab: »das böse Zeichen! der Gaul, auf dem heut
der Herr fortgeritten, kömmt schon wieder gesattelt und gezäumt. Das Ross rennt
wie toll am Abhang auf und ab, und hin und her. Die Knechte machen sich hinaus,
um's einzufangen. Ach Herr! was wäre das ein Augenblick des Heils für Euch, wenn
das verdammte Gattertor nicht wäre? Brücke nieder, Tor auf, Knechte zerstreut,
ein Pferd, halb beschlagen, steht verlassen an der Schmiede. Warum könnt Ihr
nicht hinauf, und dann im Abendschein in den grünen Wald hinein!« - So eben rief
ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen, und alles Getöse verlor sich in
der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gattertor, und sah, wie
Recht sein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabgelassenen Brücke ein
einziger gaffender Knecht, ... der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig
grasend, mit schleppender Trense. - Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust,
und mit leuchtenden Augen kehrte er sich, Groll und Kummer vergessend, zu
Wallraden, die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem Hause trat. - »Dort ...«
stammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend: »ein Augenblick der
Rettung ... wer zu dieser Pforte den Schlüssel hätte!« - Wallrade stand
betroffen, dann fasste sie schnell nach dem Schlüsselgebunde, schleuderte Frau
Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zurück, und lief nach dem Turme, dessen
Pforte sie in einem Nu zuzog, und mit dem ihr bekannten Schlüssel sperrte. Wie
ein entschlossner Held zauderte sie keinen Augenblick, den Schlüssel zu suchen,
welcher das Gattertor öffnete, und ein günstiger Engel leitete ihre Hand. Der
zweite, mit dem sie es versuchte, schloss die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus
in den Zwinger; das Schlüsselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange; des
Wildmeisters geübte Hand bemächtigte sich des Schimmels, und hob Wallraden
schnell auf dessen Rücken. Trotz der Kutte und der unbehülflichen Holzsohlen
sprang er nach, und der Gaul, begrüsst von Zungenschlag und Rippenstoss, entsetzt
von der ungewohnten Doppellast, die sich ihm plötzlich aufgeschwungen, tobte wie
rasend gegen das Tor, und war schon durch Gewölb und Blückenbogen, ehe dem
wachhabenden aber in die Ferne schauenden Knechte es einfiel, »Halt!« zu
schreien. Dieser Ruf kam zu spät, denn schon verloren sich Ross und Flüchtlinge
hinter Kieferstämmen und Buschwerk, als erst die im Weiten nach Bechtram's
Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen. Der Schimmel verstand seinen
gezwungenen Dienst auf's Trefflichste, denn er stand nur erst nach einer langen
zurückgelegten Strecke still; auf einem Waldplatze, der einsam zwischen hohen
Bäumen lag, und auf welchem man nur schwach die Hornstösse vernahm, die von
Neufalkenstein's Warte ertönten. Wallradens Gesicht überflogen, trotz der
Ermüdung und Erschütterung, Streiflichter der boshaften Schadenfreude, da sie
diese Nottöne vernahm. - »Ein Mark Silbers gäbe ich darum,« stammelte die fast
atemlos im Grase Ruhende, »könnte ich auf jenem Wartturme Zeuge der Verwirrung
der beiden niederträchtigen Weiber sein. O, dass sie den Hals brächen von der
Zinne herab! Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr! Er ist im Stande und
mordet die Weiber mit eigner Hand! Süsse Wonne der Vergeltung, wenn diese Kunde
mein Ohr berührte!« - »Seid doch nicht unversöhnlich und gehässig in der Stunde,
da es gilt, den Himmel anzuflehen um völlige Befreiung;« ermahnte Bilger sich
aufraffend: »Eure ruchlosen Wünsche möchten leicht den Engel von uns scheuchen,
der unsre allzukühne Flucht bis jetzt beschirmte!« - Wallrade sah ihn finster
an; er übersah es jedoch, und drängte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt. -
»Wir haben keinen Augenblick zu entmüssigen;« sprach er heftig: »durch jene
Büsche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstrasse schimmern. Die Sonne ist
fast erloschen, und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch sind wir nicht auf
befreundetem Boden, und ich fürchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu
verlieren. Seht, wie es keucht und schnauft, als ob es dem Herzgespann
unterliegen wollte!« - »Wohlan denn!« entgegnete Wallrade, aufgeregt von der
Möglichkeit, wieder angehalten zu werden, und liess sich wieder auf des Schimmels
Rücken heben: »Kommt, und eilt, wenn auch das Tier in der nächsten Stunde zu
Schanden gehen sollte!« - Rasch brachen sie durch auf die Strasse, und immer
hastiger ging's voran. Der Herr von der Rhön hatte keinen andern Gedanken als
den der Flucht, und alles übrige vergessend, hielt er mit dem rechten Arme
Wallraden umschlungen, während die Linke den Gaul regierte, wie es sich eben mit
dem unzulänglichen Zügelriemen tun liess. Wallrade fand aber unter Gefahr und
banger Furcht noch Zeit zum unbescheidnen Scherz. »Ihr tut ja so eifrig, und
umschlingt mich so fest,« sprach sie, spöttisch lächelnd zu ihm zurückgewendet,
»als wär' ich nur erst Euer geliebtes Bräutlein, und nicht Eure verhasste
Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein rascher Rittersmann, mich wieder in den
Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen?« - Der unzarte
Scherz griff eiskalt wie die Hand des Sensenmanns an Bilger's Herz, und von
Wallradens schlankem Leibe wich schaudernd seine Rechte, und der schwache Zaum
entsank seiner Linken, und alsobalb stürzte der Gaul, über Baumwurzeln
stolpernd, nieder, um nimmer wieder aufzustehen. Ein Vorderfuss war gebrochen,
und auch die keuchende Brust des Tiers, vom scharfen Ritte längst entwöhnt, war
am Veratmen. - »Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse!« zürnte
Bilger, und riss Wallraden unsanft in die Höhe: »Jetzt mag unsrer eignen Füsse
Kraft uns weiter tragen.« - »Feiger Mann!« schalt Wallrade verächtlich entgegen:
»Das schreckt Euch? Jeder Weg ist gut, führt er zum Ziele. Mag auch Dorn und
Kies meine Sohlen zerreissen, - gleichviel - entgehe ich nur dem schändlichen
Bechtram, und dem noch schändlichern Montfort!« - »Ho! wer gedenkt hier meiner?«
rief sie ein Mann an, der zu Pferde um die, einen Schritt entfernte Waldecke
bog, und Wallradens Knie brachen, denn selbst in der mächtig einbrechenden
Dämmerung war des Grafen verwachsne Gestalt, die wie ein Kobold im Sattel sass,
nicht zu verkennen. Der bestürzte Bilger liess die Erbleichende aus seinem Arm,
und dies war der Augenblick, in welchem sich der vom Ross springende Montfort der
willkommnen Beute bemächtigte. »Ei, was seh' ich?« rief er schadenfroh und
überrascht: »Ist das nicht die tugendsame Jungfrau, der ich so eben zu Hofe zu
reiten im Begriff bin? Wollte sie mir entgegeneilen, oder hättest Du es gewagt,
lüsterner Klostermann, mein Täubchen zu entführen? Fort mit Dir, soll ich mich
nicht an Deiner Glatze vergreifen!« - »Herr Graf!« entgegnete Bilger trotzig:
»Ihr werdet nicht so unedel sein, dies Weib auf offner Strasse zu rauben, da es
mir angehört.« - »Der Teufel ist hier Graf, und Dir gehört auch nur der Teufel
an!« fuhr ihn Montfort an, indem er die blosse Wehr gegen ihn erhob: »Weiche,
verdammter Kuttenträger, und erkühne Dich nicht, meinen Namen nur auszusprechen,
weil er zu edel für Deinen Mund ist.« - Wallrade machte eine Bewegung um zu
entkommen; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest; den vor Zorn erglühenden Bilger
hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zurück. - »Ich höre Schnauben von
Rossen, und Stimmen von ferne;« jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die
Besonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergessen, dass nur dann erst Alles
verloren war, wenn beide wieder gefangen würden: »die Verfolger sind's! Weicht
der Übermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben!« - »Ja, fliehe, geschorner
Wicht!« donnerte ihm Montfort zu: »fliehe, weil ich Dir's vergönnen muss, da ich
allein bin, und ohne Geleite. Fliehe, mir ist's nur um diese hier zu tun, an
welcher die Welt nichts verliert, mag sie Dir vorgelogen haben, was sie will,
gefälliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, so
möchte es Dir nicht gut gehen.« - »Flieht! Ihr macht uns alle unglücklich!«
schrie ihm Wallrade zu, und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt
lag, und da plötzlich Frau Elsens gellende Stimme auf der Höhe des Wegs laut
sich vernehmen liess, so fand Bilger's Unschlüssigkeit ihr Ende schnell, und mit
der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehäge
hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauschen seiner Schritte
verscholl, ehe noch der Tross herbeikam, welcher in der Tat aus Leuten von
Neufalkenstein bestand, die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel
hängend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Else selbst, quer auf einer
grauen Stute sitzend, einen runden kleinen Schild am linken Arme führend, und
mit einem breiten Waidmesser bewaffnet, das an ihrer Hüfte hing. »Sah man den
hinkenden Lauf ihres Rosses, das im aufgehenden Mondlicht erglänzende Regentuch,
das um ihr Haupt flatterte, den im Abendwinde schwimmenden und wehenden Gürtel,
und das abenteuerliche Häuflein, das ihr folgte, so war man versucht, sie für
die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten, von deren Spuck und Gespenstergeleite
die Sagen des Türingerwalds, und des Brockens so viel zu erzählen mussten.« -
»Halt!« rief sie ihrer Rotte zu, da sie gewahrte, dass ihre Beute eingeholt
worden: »Halt! herab von den Tieren! Kreuz, Nagel und Dorn! Grüss Euch Gott, so
ich Euch recht erkenne, Herr Graf von Montfort. Der Teufel auf Euern verdammten
Schlangenkopf, listiges Fräulein! Haben wir Euch wieder? Alle vierzehn heilige
Nothelfer mussten Euch gerade diese Strasse führen, Herr Graf. Heda! Bursche;
nehmt das Weibsbild, und bindet es recht fest mit Zweigen und Riemen, dass sich
die falsche Hexe nicht rühren kann.« -
    »Frau Else!« entgegnete Wallrade empört: »so Ihr dieses an mir tun lasst, so
ersticke ich mich selbst. Das Unglück hat mich in Eure Gewalt gebracht, und kein
Verbrechen!« - »Seht doch!« eiferte die Mann-Frau, indem sie die Fäuste in die
Seite stemmte: »ist es kein Verbrechen, mein Vertrauen zu betrügen? meine Leute
zu verführen?« - »Ich antworte Euch nicht mehr;« versetzte Wallrade: »aber ich
tödte mich, wenn Ihr mich misshandelt; verlasst Euch darauf.« - »Verruchte Kröte!«
murrte Else in sich hinein, und der Graf sprach mit beissendem Spott: »Bedenkt
doch, Frau von Vilbel! es geht wahrlich nicht, dass wir eine Leiche mit heim
bringen, statt der holden Verlobten, in deren Armen ich Ersatz für meine mühsame
Reise zu finden hoffte. Überlasst das Fräulein meiner alleinigen Obhut. Ich will
es so zierlich, als ein Kämpe von der Tafelrunde in das so schnöde verlassne
Kämmerlein zurückbringen, und Wallrade, die sanfte, reizende Wallrade wird
meinen Schutz sicher nicht verschmähen. Nicht wahr, mein Fräulein?« - Lächelnd
hielt er ihr den Steigbügel seines Pferds, und Wallrade erwiederte, indem sie
sich ungeduldig aufschwang: »Herr Graf! unter solchen Umgebungen hat Eure
Überredung eine so unwiderstehliche Gewalt, dass ich Euch noch hundertfach mehr
verabscheuen müsste, als ich es wirklich tue, um nicht Eure Gesellschaft
derjenigen einer wütenden Frau vorzuziehen, die es mir nicht vergeben will,
hübsch listig versucht zu haben, was sie selbst in ähnlicher Lage, - wenn auch
gröber und unbehülflicher, in's Werk gesetzt haben würde.« - »Die Leuenbergerin
hat Recht;« entgegnete Frau Else bitter: »Ihr seid ein schneidig Messerlein, dem
nicht zu trauen ist. Traut ihr nur ja nicht, bester Graf. Den Leuenberger Veit
hat sie verführt, dass er ihr durchgeholfen, und den Mönch hat sie mitgenommen.
Er und der arme Gaul, der hier am Boden liegt, möchten in Gottes Namen sein, wo
sie können, wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts, des Leuenbergers habhaft
würden. Der Vogel hat aber sicherlich die Gefahr davon gespürt, und ist auf und
davon gegangen.« - - Wallrade schwieg hartnäckig und ergötzte sich im Stillen an
dem falschen Verdachte der Alten, obschon die getäuschte Hoffnung ihr Gehirn und
Brust zusammenpresste, dass die Tropfen bittrer Tränen in ihre Augen traten.
Stumm wurde der Zug nach der kaum verlassenen Veste zurückgelegt. Auf Frau
Elsens Ruf öffnete sich die Burg; als sie aber über die Zugbrücke zu dem Hofe
ritten, entsetzten sich Wallrade und der Graf, und auch die rohen, des
Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten sich, und beteten einen Stossseufzer,
denn an den Torpfeilern hingen zwei Leichname. Auf Befehl der strengen Hausfrau
hatte hier der Torwächter geendet, welcher Wallradens Flucht nicht auf der Tat
gehindert, und der alte Schmied, der von dem Schimmel gegangen war, dessen sich
Bilger bemächtigt hatte. - »Spiegelt Euch daran!« sprach Frau Else harterzig
und trocken zu Wallraden: »Allen, die es mit Euch halten, geht es also, und
müsste ich den Letzten mit eigner Hand aufhenken. Diese Schlüssel aber, - sie
zeigte hohnlachend das wiedergefundne Gebund, - diese Schlüssel vertraue ich
nimmer Eurer gefährlichen Hand, obschon es mit dem Einsperren im Wartturm nicht
so vieles auf sich hatte. Ihr habt vergessen, dass der Turmwärter eine Axt, und
die grobe Frau Else Fäuste besitzt, die allenfalls, mit Eisen bewaffnet, ein
Schloss auch ohne Schlüssel zu öffnen verstehen. Euch jedoch soll fürder weder
Axt noch Schlüssel zu Gebote stehen, bis mein Herr sich mit dem Grafen
abgefunden, und Euer Schicksal entschieden hat.« - Der innere Raum der Veste
wurde nun verrammelt, als ob ein die Acht vollstreckendes Heer des Kaisers vor
derselben läge. Frau Else bewirtete ihren unvermuteten, aber längst erwarteten
gräflichen Gast in der Trinkstube, und Wallrade betrat beschämt und von Zorn
zerrissen, aber nicht verzweifelnd, das Frauengemach, das sie vor wenig Stunden
auf ewig verlassen zu haben glaubte, und in welchem Petronella, vom Schreck über
die plötzliche Flucht der Gefangenen, und die mutmassliche Teilnahme ihres
Vetters, zusammengeschüttelt, krank zu Bette lag, und die mit dem Geschick
grollende mit den härtesten Vorwürfen empfieng.
 
                               Zwölftes Kapitel.
Hast du getan, was nicht recht, so trage den Lohn mit Geduld,
Lass' vom verdienten Geschick nicht allzutief Dich beugen:
Willst Du die zürnende Welt von Reue überzeugen,
Wähle die Mittel nur gut, sonst mehrst Du die vorige Schuld.
                                                                       Anonymus.
»Was bringt Ihr mir, würdiger Vater!« sprach Frau Margarete Frosch, da sie den
Beichtvater Reinhold bei sich eintreten sah, und eilte ihm hoffend entgegen: »O
sagt, - sagt, mein guter Herr, bringt Ihr Leben oder Tod?« - Der Mönch machte
das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der angstvoll Harrenden, und entgegnete:
»Liebe Schwester im Heiland! die Kirche und ihr Diener bringen nie den Tod, so
lange ein gläubiges Vertrauen in sie gesetzt wird; wohl aber immer das wahre
Leben durch den himmlischen Trost, wenn auch der beschränkte Menschenverstand
dagegen ankämpft. Auf Euren Gatten, liebe Frau, hofft indessen nicht mehr. Er
ist hart wie ein Fels, und will weder durch Eure Bitten, noch durch meinen
Zuspruch, der Rührung Eingang verschaffen. Es haben sich böse Mächte seiner
angenommen, die sein Ohr verstopfen, und seine Sinne umnebeln; darum ging ich
auch nicht zum Äussersten, und habe ihm nichts entdeckt, was seine Wut noch
hätte reizen können.« - »Er weiss also nicht?« fragte Margarete mit langem
Atemzuge, »er weiss nicht, und zürnt mir dennoch unversöhnlich?« - »Schwerer
Verdacht;« versetzte der Mönch achselzuckend: »Sein Sohn Dagobert scheint ihm
der Räuber seiner Ehre zu sein, und sein Sohn Johannes eine Frucht unziemlichen
Verständnisses.« - »So ist es denn nun herausgesagt, was ich ahnte?« klagte
Margarete mit hervorquellenden Tränen: »und dennoch, bin ich unschuldig,
unschuldig, wie die Sonne!« - »Allerdings;« stimmte Reinhold bei, »ohne Zweifel,
ob ihr gleich den jungen Mann geliebt, wie niemand besser wissen kann, denn ich.
Ihr habt Euch männlich herausgerissen aus den Schlingen, in die Euch der Satan
verstricken wollte; eifrig habt Ihr Busse gesucht, und darum sie auch gefunden.«
- »Und dennoch also verkannt?« fiel Margarete ein. - »Nehmt dieses hin als eine
Strafe für den Fehl, den Ihr begangen;« erinnerte Reinhold: »Dass Ihr, wie ich
aus Eurer Beichte weiss, einen fremden Knaben statt des Euern verstorbenen
eingepflanzt, wäre nichts, denn, was wir nicht wissen, ist nichts, und ein
glücklicher Wahn ist besser, denn eine bittere Wahrheit; allein die Mittel zu
dem Zwecke waren nicht gut, sondern verdammlich gewählt. Einen Juden zum
Vertrauten zu machen, ... eine Kreatur, weit verabscheuungswürdiger, denn die
schwarzen Heiden im Lande Afrika, die doch nur halbe Menschen sein sollen ... o!
das wird Euch böse Früchte tragen. Mich befremdets, dass Euer Name nicht schon
vor dem Richterstuhl genannt worden ist, und Gott hat mir noch nicht den Ausweg
gezeigt, der endlich diesem Wirrsal ein Ende machen werde.« - »Sollte Wahrheit
nicht die beste Wahl sein?« fragte Margarete kühn entschlossen: »Sollte es mir
nicht den Frieden wiedergeben, wenn ich hinträte und offen eingestünde, was ich
getan?« - Der Pater schüttelte bedenklich den Kopf. »Ein altes Sprichwort
ist's,« sagte er, »dass man den schlafenden Wolf nicht wecke. Ist einmal der
Pfeil vom Bogen, dann halte ihn auf, wer kann. Nicht doch. Ihr würdet Euch
vielleicht unnötig der Schande preis geben, während jetzt nur ein Verdacht Euch
belastet. Was ist ein Verdacht, wenn man sich unschuldig fühlt? Eine
giftberaubte Schlange zu unsern Füssen. Hundert Frauen tragen ja geduldig den
gegründeten Verdacht. Dass sie die Treue nicht bewahrten, ihre Stiefsöhne küssten,
immerhin! Aber mit einem Juden solchen Menschenhandel getrieben zu haben. - Das
würde keine von sich sagen lassen wollen. Zudem, wo ist die Gewissheit, dass
Johannes das Kind sei, das der Jude ermordet haben soll? Ist's unwahrscheinlich,
dass der Bösewicht ein ander Kind gemartert habe? Noch hat er nicht geplaudert,
und übermorgen wird sein und seines Vaters Urteil gesprochen. Könnte er mit dem
Geständnis seinen Hals retten, - sicher hätte er's nicht unterlassen. Ich werde
übrigens das Nähere morgen wissen, denn ich will versuchen, ob's möglich wäre,
diese heidnischen Blutzapfer vor ihrem grässlichen Ende zu bekehren.« - »Ihr
verwerft also ein offen reuiges Bekenntnis?« fragte Margarete noch einmal. -
»Gott und seiner Kirche ist man verbunden, Alles zu entdecken und aufzutun die
geheimsten Falten des Herzens;« erwiederte Reinhold kalt; »das Laienvolk braucht
nicht Alles zu wissen. Einen einzigen Mann kenne ich, bei welchem Euer
Bekenntnis Nutzen bringen möchte; indem sein Schutz und Schirm Euch aus der
peinlichen Lage reissen würde, in die Euch der Argwohn Dieters versetzt hat. Ich
meine den Schulteiss. Der Ritter hat längst nach Eurer Gunst gestrebt. Mit
Begierde wird er die Gelegenheit ergreifen, sie zu verdienen. Ein Wort von Euch,
und die gefährlichen Juden sterben plötzlich dahin, der Schöff wird
beschwichtigt oder zur Ruhe gezwungen, und Johannes bleibt, was er sein soll,
Euer Erbe.«
    »Nimmermehr!« entgegnete Margarete unwillig: »Aus Eurem Munde diesen Rat?
Nein; ich habe nicht Lust wirklich zu werden, wofür mein Eheherr mich hält.« -
»Wie ihr meint;« sprach Reinhold gelassen: »ich preise Eure Tugend, welche
verwirft, was Tausende tun würden, um die Möglichkeit zu vermeiden, vor der
Welt ein Ärgerniss zu geben. Ihr seid aber nicht wie Andere, obwohl auch aus
heiligen Büchern Beispiele anzuführen wären, dass selbst die frömmsten Weiber
sich nicht scheuten, dem besten Zwecke manche Bedenklichkeit zu opfern. Denkt an
Judit, die dem wilden Holofernes sich überliess ...« - »Schweigt, würdiger
Herr!« bat Margarete: »Ich vermag nicht, was Ihr jetzo begehrt. Lasst es daher
beruhen, und sprecht mir von Derjenigen, die noch ferner um das Geheimnis weiss;
... von Willhild.« »Ich weiss nichts von ihr und ihr Schweigen macht mir bange.«
- »Ich kann Euch beruhigen,« antwortete der Mönch: »Ich habe mich befragt.
Willhild und ihr Mann sind vor wenigen Tagen gen Compostell gezogen, auf eine
Wallfahrt. Besorgt nichts von ihnen. Der Mann ist blödsinnig zu nennen, und die
Frau, die vor Kurzem erst sehr krank gewesen, kömmt sicher aus Hispania nicht
wieder heim.« - »Ich hätte nimmer geglaubt, dass die Hoffnung auf eines Menschen
Tod mich beruhigen könnte;« versetzte atemholend Margarete. - »O die Hoffnung
ist immer süss,« sagte der Pater, »wenn sie sich auch auf Gräber richtet, die
sich erst öffnen sollen. Haben den Juden die Flammen erstickt, die unzuverlässige
Willhild die Mühseligkeiten der Wallfahrt hinweggerafft ... wie lange dauert's,
und sie tragen einen alten Schöffen zur Gruft? Dann fallen Eure Fesseln; dann
feiert Ihr schon hienieden die Auferstehung.« - - »Ach, hochwürdiger Herr!«
seufzte Margarete: »Gehe es mit mir, wie es wolle; aber dieser Augenblick
bleibe fern. Kann ich den Greis auch nicht lieben, wie eine Braut den gefälligen
Bräutigam, so ehre ich doch sein graues Haupt, und bin ihm dankbar, dass er mein
dürftiges Leben mit Überfluss gekrönt hat.« - »Hm!« entgegnete Reinhold: »Jedem
das Seine. Der reiche Prasser kann zwar, sitzt er im Schwefelpfuhle der Hölle
mit all seinem Golde nicht einen Tropfen Wasser erkaufen, aber hienieden steht
ihm die schönste Blume zu gebot, dass sie an seiner kalten Brust verwelke. Hat
Dieter Euer Leben mit Überfluss gekrönt, so krönt er es jetzt mit unverdienter
Schmach. Ihr seid im Vorteil gegen ihn, und Er muss Euch dankbar sein für die
edle Gesinnung, die ihr für ihn hegt. Der alte Mann ist derselben nicht würdig,
da er beinahe unverholen ahnen lässt, er schreibe Euch jenen Mordüberfall zu, und
versehe sich eines Zweiten, wenn nicht seine Klugheit vorbaue.« - »Schrecklich!«
rief Margarete empört: »Die Schlange erneut sich stets in seiner Brust. Er
fürchtet einen Meuchelmord von seiner Gattin!« - »Noch mehr,« versetzte der
Mönch: »er achtet ihn ganz nahe. Heute just, fürchtet er, lauern Mörder auf sein
Leben; Mörder von Euch gedungen und Eurem Bruder, vielleicht von Dagobert, wie
der Argwöhnische sich nicht schämt, zu glauben. Ein Unbekannter hat ihm
gemeldet, dass er erfahren würde, wo Wallrade hingekommen, wenn er in der
heutigen Nacht, mit Geld versehen, am Bannsteine von Bergen, das Sprünglin
genannt, erscheinen wolle. Diese Nachricht hält er von Euch erdichtet, und
wittert Verrat, und wird nicht gehen, niemand senden.« - »Am Sprünglin? sagt
Ihr?« fragte Margarete neugierig. »So ist's,« antwortete Reinhold: »Ich, an
seiner Statt, würde doch Jemand hinaussenden; denn ich traue eher dem, der um
Geldes willen mir ein Ding zu verraten verheisst, als der reinen Menschenliebe
wegen. Indessen, Euch kann's gleichviel sein. Wallrade mag Euch nie zu lange
aussen bleiben; wohl aber der gute Dagobert, dessen keckes Handeln Euch und
Eurer Sache nur Vorteil gewähren kann. Nicht wahr?« -
    Margarete schlug die Augen vor den forschenden des Paters nieder, welcher
nach einer Pause fortfuhr: »Wie ich vernommen, hat der junge Mann sich von der
Kirche, welcher er verlobt gewesen, lösen lassen. Meines Bedünkens hat er übel
daran getan, und sogar sein hochmütiger Lehrer, der Predigermönch Johann, der,
wie alle seines Ordens, dem unsrigen nicht hold ist, weil er am Evangelium
reiner hängt, denn alle Andern, muss mir Recht geben. Wäre der Junkherr Priester
geworden, es wäre ihm nicht geschehen, was seit heute Morgen das Gerede der
ganzen Stadt ist.« - »Um Gotteswillen!« sprach Margarete ängstlich: »Was ist
ihm geschehen? welch Unheil? redet.« - »Ihr wisst nicht?« fragte Reinhold
entgegen: »Da sieht man wohl, wie sehr Recht das Lied hat, welches sagt:
Jenseits bin ich wohl bekannt, - Fremdling doch im eignen Land! Dass Eure Zofen
aus Schonung Euch's verschwiegen haben, gebe ich zu, - aber der Rachbegierde
Eures Eheherrn hätt' ich das Schweigen nicht zugetraut. - Heute morgen hat Euer
Knecht Eitel, als er des Hauses Türe öffnete, ein Pergament daran geheftet
gefunden, und die drei Späne, die aus der Pforte gehauen worden waren,
entdeckten dem des Lesens Unkundigen gleich das Wahre, wie auch dem Pöbel, der
schon lange gaffend vor dem Hause stand. Eine Ladung der heimlichen Acht ist es,
gerichtet an den Junkherrn Dagobert Frosch, welcher auf den nächsten Dienstag
vorgefordert wird vor den Stuhl zu Sachsenhausen, um sich zu verantworten über
schwere Missetaten, deren er angeklagt worden.« -
    »Heiliger Gott!« stammelte Margarete: »die heimliche beschlossene Acht?
armer Dagobert! welch' ein Teufel hat Dich vor diese Schranken gefordet, wo der
Kläger nur Recht erhält? Hochwürdiger Herr! Um meinetwillen, - o gewiss, um
meinetwillen ist er in diese Verderbnis geraten! Wie soll ich mir jetzt raten,
...: wie soll ich mir helfen?« - Der Mönch zuckte die Achseln, verwies die
Klagende auf den Willen Gottes, und auf das eigne Schweigen, und begab sich mit
dem Versprechen hinweg, bald wieder einzusprechen, und ihr sogleich zu wissen zu
machen, wann der gefangene Jude ein gefährliches Geständnis besorgen lassen
sollte.
    Eine unsägliche Angst bemächtigte sich Margaretens, da sie wieder allein
war, und in ihrem erschütterten Geiste Alles zusammenstellte, was sich in den
letzten Tagen zugetragen, und ihr Schicksal auf solch entsetzliche Weise
verwirrt hatte. Ihres Fehls bewusst, drängte es sie, etwas zu unternehmen,
wodurch sie die Schuld ihres Gewissens in etwas zum mindesten zu sühnen
vermöchte, und dieses Etwas wurde, trotz seiner gefährlichen Abenteuerlichkeit,
bald in ihr zum festen Entschluss. »Ich will ihn zwingen, wenigstens nicht das
ärgste von mir zu glauben,« sprach sie zu sich selbst; »nicht die Bosheit,
Wallraden aus dem Wege geschafft, noch die grössere, Mörder gegen sein Leben
aufgestellt zu haben. Ist es Gottes Wille, dass ich in meinem Vornehmen umkomme,
so sei es darum; - wo nicht, so sei der Engel gepriesen, der mir diesen Weg
gezeigt, wieder etwas in der heillosen Verwirrung gut machen zu können, worein
meine leichtsinnige Verblendung mein Haus gestürzt hat.« - Sie sammelte mit
zitternder Hand die Kleinodien und den kleinen Schatz von Denkmünzen und seltnen
Goldpfennigen, die sie der Freigebigkeit ihres Gatten verdankte, und wählte aus
ihrem Kleiderschreine einen dichten, weitverhüllenden Regenmantel, welcher ihr
zu ihrem Vorhaben geeignet schien. Hierauf sagte sie zu Elsen, die sich mit dem
kleinen Johannes bei ihr eingefunden hatte: »Gute Dirne! Du hast schon viele
Heftigkeit von mir ertragen und meinem aufbrausenden Zorn stille Geduld
entgegengesetzt. Nun, da ein böses Geschick mir die Augen geöffnet, und mir
selbst Duldung zur Pflicht gemacht hat, danke ich Dir für Deine Nachgiebigkeit,
welche immer mit der seltensten Treue gepaart war. Du hast treu bei mir
ausgehalten, seit mich ein widriges Gestirn in die Tiefe des häuslichen Unglücks
versenkte; nicht Dein Mund, nicht ein Blick von Dir hat mich fühlen lassen, wie
sehr die Gegenwart meine Vergangenheit in Schatten stellt. Empfange dafür meinen
herzlichsten Dank, und gib mir Gelegenheit, Dir eine noch wärmere Dankbarkeit
widmen zu können. Willst Du, meine gute Else?« - Die Zofe staunte bei dieser
ungewohnten und aufrichtigen Sanftmut ihrer Herrin, und versicherte sie ihrer
Bereitwilligkeit. - »Entsinnst Du Dich noch des Traums, den ich Dir vor manchen
Monden erzählte?« fuhr Margarete fort! »Ich spottete damals Deiner finstern
Ahnung, obwohl mir der Spott nicht von Herzen ging. Nun aber erwahrt sich das
Gebilde jener Nacht auf eine furchtbare Weise. Aus der Zeit ist eine Schlange
erwachsen, aus Allem dem, was ich für das Teuerste achtete, ist ein Ungeheuer
entsprungen, das mir das Herz abfrisst. Ich weiss, um diese Schrecken zu mildern,
nur einen Ausweg, und diesen zu ergreifen, sollst Du mir behülflich sein.« -
Else küsste der Gebieterin Hand, und fragte unter Tränen: »Was soll ich tun,
ehrsame Frau, das Euch genehm wäre, und das Mittel darböte, den Frieden in Euer
Haus und Herz zurückzubringen? Wenn eine schwache Magd vollbringen kann, was Ihr
begehrt, so zählt auf mich.« - »Ich muss fort;« sprach Margarete mit gedämpften
Tone weiter: »noch in dieser Nacht muss ich fort. Begünstige diesen Vorsatz; hilf
mir hinaus aus diesem Gebäude, wo mich Kummer und Angst tödtet.« - »Fort?«
fragte Else erstaunt: »Fort? Ei, um unsrer lieben Frauen willen? was wollt Ihr
beginnen? Wollt Ihr Euern Herrn verlassen, und Euern guten Leumund zu Grunde
richten? oder wollt Ihr Euch ein Leides antun? Ach, liebe Meisterin, unterlasst
doch dieses Vornehmen! Ihr seid jung, Ihr seid Mutter und Hausfrau. Verzweifelt
nicht an der Barmherzigkeit, die Allen hilft. Ist der Kummer unverschuldet, der
Euch drückt, ... und wie könnte es anders sein? ... so wird er Euch nicht
tödten, und der Allmächtige Euch nicht umkommen lassen. Die Wahrheit muss ja doch
endlich an's Tageslicht kommen, und Eure Feinde verderben. Man lebt nur einmal,
gute Frau, und was helfen Euch alle Ehrenkronen auf Euerm Grabe, so bald Ihr die
Augen nicht wieder auftun könntet.« - »Nicht doch;« versetzte Margarete mit
schmeichelnder Überredung: »Gutes Kind, Du irrst. Ich will weder flüchtig gehen,
noch mir das Leben nehmen, und, wenn die Sterne mir günstig sind, bin ich morgen
bei guter Zeit wieder zurück. Sollte ich jedoch nimmer wiederkehren, so sage
meinem Herrn, dass er von Deiner Mutter erfahren würde, wohin ich gegangen, und
wie mein letzter Gruss an ihn gelautet. Du aber bete dann für meine Seele,
Mädchen!« - »Ihr wollt mich beruhigen, ehrsame Frau;« begann Else nach einer
kleinen Weile, in welcher sie die Gebieterin stumm betrachtet: »und dennoch
mehrt sich meine Angst. Wohin wollt Ihr gehen, dass Ihr vielleicht nimmer
lebendig wiederkehren dürftet. O, liebe Frau, denkt an Euern Knaben!« - Sie
führte den wehmütig die Hände faltenden Johannes zu Margareten. Die
Altbürgerin betrachtete den Knaben kummervoll, legte die Hand auf seinen Kopf,
und sagte: »Armer Junge! Du bist die Quelle des Unheils, das uns betroffen, und
doch unschuldiger, als wir Alle! Traue auf Gott, und er wird wohl an Dir machen,
was Menschensinn verdarb. Du wirst, wie auch Dein Geschick sich wende, an Herrn
Dieter einen Vater finden.« - »Das walte Gott!« seufzte das Mädchen: »Was wird
aber der rauhe, argwöhnische Herr an dem Knaben tun, da Ihr, die Mutter, so
kalt von ihm scheidet?« - »Du schiltst mein Mutterherz?« fragte Margarete
heftig, und ihr Auge suchte weinend am dämmernden Himmel den Wohnsitz des
verblichnen Sohns. Sie fasste sich jedoch bald wieder, und fuhr gelassner fort:
»Die Nacht bricht ein, mein Kind. Lass mich nicht vergebens bitten. Bleibe mir
treu; ich fordre es vielleicht zum Letztenmale von Dir. Berichte mir, wenn Herr
Dieter heut Abend das Haus verlässt, und öffne mir alsdann die Tür, wenn Du's
vermagst. Ich selbst habe die Schlüssel des Hauses nicht mehr, da sie mein Herr
mir abfordern liess, allein ich denke ...« - »Gute Frau,« fiel Else ein: »ich
habe Mitleid mit Euch. Herrgott! so jung, so schön und reich zu sein, und doch
nicht glücklich! Das kann uns armen Leuten nicht recht zu Sinne gehen, wenn wir
nicht in Herrendiensten sind. Ich sehe es aber hier deutlich, und will gerne die
Hand zu einem Schritte bieten, von welchem, wie Ihr sagt, meine wackre Mutter
weiss. Aber Ihr vergesst, dass der ehrsame Herr, so oft er Abends das Haus verlässt,
die Türe sperrt. Wie wird es möglich sein, zu entweichen, wenn es auch
geschehen könnte, dass keine Magd und kein Knecht Euch sähe?« - »Welch ein
Hindernis!« klagte Margarete: »und heute, gerade heute muss ich fort! Sinne
nach, kluge Dirne, sinne nach, und hilf. Schon steigt der neue Mond herauf am
Himmel; wir haben nicht lange Zeit zu verlieren, denn weit ist der Weg, den ich
unternehme.« - »Es wird mir schauerlich zu Mute,« erwiederte Else, »hör' ich
Euch also sprechen. Ihr werdet doch nicht zu einer Hexenfrau gehen, um Euch die
Zukunft deuten zu lassen durch verbotnen Zauber? Gute Frau, ... das tut nimmer
gut, nicht hier, nicht jenseits über den Himmeln.« - »Schwätzerin!« schalt
Margarete halb scherzhaft, ihr auf die Wange klopfend: »Vergissest Du, dass
Deine Mutter um die Sache wissen wird, und dass sie eine allzufromme Christin
ist, um sich mit Hexenwerken einzulassen? Sei ruhig, und öffne mir einen Weg aus
dem Hause. Höre aber vorerst, was das Geräusch bedeutet, das ich in den Gängen
vernehme.« - Die Zofe ging hinaus, um nach dem Willen der Gebieterin zu tun.
Der kleine Johannes näherte sich aber der in Trübsinn versinkenden Frau; faltete
nochmals seine Händchen, und sprach: »Lieb Mütterlein! Du kommst doch wieder? Du
lässest mich doch nicht allein bei dem finstern Manne, der uns nicht mehr sehen
nicht mehr hören will?« - »Ich komme wieder, Johannes!« versicherte Margarete,
seine Hand streichelnd: »und wenn ich auch nicht wieder käme, so verzage nicht.
Du bist ja ein unschuldig Kind. Dir werden sie nichts zu Leide zu tun.« - »Ach,
dem kleinen Hans ist schon viel zu Leide getan worden,« - klagte der Knabe:
»die schwarze Mutter hat ihn viel geschlagen, und endlich gar verlassen. Und Du
bist so eine freundliche Mutter, und wolltest auch von mir gehen?« - »Ei, Hans;«
zürnte Margarete leise: »Wie magst Du denn schon wieder an Deine Träume denken?
Geträumt hat Dir von der schwarzen Mutter ... nichts weiter. Wie kömmt es denn,
dass Du wieder an die Tollheiten kömmst?« - »Seit heute Nachmittag, lieb
Mütterlein;« erklärte der Bube gesprächlicher: »Es muss am Ende doch wahr sein,
was ich geträumt habe. Else hat mich hinausgeführt auf die Gassen unter die
andern Buben, und wir haben gespielt. Und da ich müde würde, und Else sich vor
einem grossen schönen Hause mit mir hinsetzte, mir das Hütlein abnahm, und den
Schweiss abtrocknete, - ja, da hab' ich den Mann gesehen, der mich gefunden hat,
da meine schwarze Mutter von mir gegangen war, und es ist just so vor mir
gestanden, Alles, wie damals, als es mir geträumt hat, wie Du sagst.« - »Welchen
Mann?« fragte Margarete mit pochendem Herzen. - Der Knabe besann sich ein
wenig; dann versetzte er: »ich habe bei ihm geschlafen, ... ganz gewiss, ... und
bin auf seinem Knie geritten; ... ach Mütterlein! welch ein grosser Schnauzbart;
und den hat er noch.« - Ei, wo sahest Du ihn denn, Hans? - »Am Fenster stand er,«
fuhr der Bube fort, »und ein schwarzer grosser Herr neben ihm, und sie sahen mich
auch lange an; der Mann hätte gewiss mit mir geredet, wenn er nicht im Hause
gewesen wäre, und ich auf der Gasse.« - »Gewiss,« versetzte Margarete, leichter
atmend: »dass er aber nicht zu Dir heraus kam, sei Dir ein Beweis, dass es doch
nichts war, als ein Traum, was Du Dir einbildest; ein Traum, von dem zu reden
ich Dir ernstlicher verbiete als jemals; hörst Du? Wenn Du haben willst, dass ich
nicht mehr zurück komme, so magst Du tun, was ich verboten habe.« - »O, mein
Mütterlein!« antwortete schmeichelnd der Bube: »Wieder kommen! nichts sagen, -
gewiss nicht, herziges Mütterlein.« - Da trat Else wieder in die Stube. - »Ersame
Frau,« sprach sie, auf den Zehen heranschleichend: »es ist, als ob ein Zauber
Euern Ausgang begünstigen wollte: wir haben Besuch bekommen; der Bruder des
Herrn, der Prälat aus Wälschland ist so eben im Hause eingekehrt, mit einem gar
holdseligen Fräulein, das wohl seine Haushälterin oder eine Verwandte sein mag.
Der Herr Schöff ist überrascht auf seiner Stube ihnen entgegen gegangen, und hat
die Gäste bewillkommt, und in den grossen Gaden geführt. Darauf hat er dem Eitel
befohlen, spanischen Wein heraufzubringen, und ein Nachtmahl anzuordnen, wie es
in der Eile sich würde tun lassen. Das Gesinde ist in Küche und Keller
beschäftigt, die Türe ist offen, das Glück und die Nacht sind Euch günstig,
wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt.« - »Ob ich dabei beharre?« fragte
Margarete lebhaft: »Hartnäckiger denn zuvor. Den Prälaten, welcher Wallraden
liebt, wie seinen Augapfel will ich nicht eher sehen, als bis ich etwas getan,
das unläugbar von meinem guten, aber schnöd verkannten Sinne zeugt. Komm, Else,
hilf mir, und Du, mein Junge, setze Dich dort in den Winkel, und weine nicht,
und plaudre nicht. Ich werde wiederkommen, und Dir schöne Sachen mitbringen.« -
Hans tat, wie ihm geheissen war, und Else warf der Gebieterin den Mantel um.
»Gott schütze Euch!« schluchzte die gute Seele, da sie die schweren silbernen
Hacken am Halse Margaretens zumachte, und ihr das Kästchen unter den Arm schob:
»Der Himmel gebe, dass wir alle es nicht bereuen mögen, dass Ihr heute
fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne.« - »Das gebe der Himmel!« erwiederte
Margarete, und öffnete die Türe des Gemachs leise und vorsichtig. Else folgte
der voranschleichenden Herrin, wie ein lauschender Dieb, und der Zufall wollte,
dass kein Verräter über ihren Weg ging. Die schwere Hauspforte wurde halb
aufgezogen, und in die braune Dämmerung entschwand Margarete.
    Die aufgeregte Einbildungskraft zeigt uns oft, wenn uns die Nacht auf Haide
und Blachfeld überrascht, am Saume der Wolken Schatten und Gestalten, die dahin
gleiten wie in Flören und weit verhüllenden Gewändern schwebend, Klagefrauen
ähnlich, die um den in Meeresfluten begrabnen Tag trauern, und die Hände
ringen. Also durcheilte Margarete die Strassen der Stadt, über welche der neu
eingetretne Vollmond einen feuchten, düstern Himmel gespannt hatte. Mit der
Sonne hatte auch das schöne Wetter Abschied genommen, und gewitterliche Wolken
den Schauplatz bezogen. Wohl leuchtete der Mond, aber seine Scheibe war bleich,
und diese blasse Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regenguss, so wie die
Mitternacht herankommen würde. Wann hätte jedoch des Firmaments Beobachtung
einen Menschen abgehalten von dem Vorsatz, zu welchem ihn der feste Wille
treibt, oder die unerschütterliche Notwendigkeit? Auch das schwächre Weib
zittert nicht vor den drohenden Schrecken der Natur, wenn sein Herz zu höhern
Pflichten, zu wirklichen oder eingebildeten ruft, und Margarete bemerkte, rasch
fortschreitend, nicht den stillen Wolkenkampf am Himmelsbogen, nicht das
dumpfige Wehen der nässlichen Luft. Es war ein seltnes Schauspiel, um jene
vorgerückte Abendstunde ein Weib aus dem bessern Stande allein auf den Gassen
der Stadt zu gewahren, und mehr als ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen
seine Begleitung an. Kaum hörte sie jedoch die Begrüssung der Schüchternen, die
Frechern wies sie mit harten Worten zurück, und verschloss ihre Ohren vor den
Spöttereien der Wächter am Tore. Ein Ziel vor Augen habend, ging sie mutig
hinaus in's Weite, und das Mondlicht sowohl, als auch dann und wann ferne am
Feldberg aufzudeckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Weg zum
Schellenhof. Keine menschliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet. Züge von
Dohlen und Krähen, die, vor dem fern dräuenden Sturm einen Zufluchtsort suchend,
dicht am Boden vorüberflatterten, waren die einzigen lebenden Geschöpfe, die
sich zeigten. Frau Margarete, trotz aller Standhaftigkeit dennoch solcher
einsamen Wanderungen ungewohnt, dankte dem Himmel im Stillen, als die Hunde des
Schellenhofs bei ihrer Annäherung anschlugen, obwohl hier erst der halbe Weg zur
Gefahr überwunden war. Die Hunde tobten an der Kette, und der geschlossne
Fensterladen im Erdgeschosse ging auf. Crescentia, die nach der Ursache des
Gebells aussah, erschrack in die tiefste Seele, als sie die Stimme der
Diensterrin vernahm, die auf einen Augenblick den Eintritt in'ss Haus verlangte.
Die Beschliesserin gehorchte indessen auf der Stelle, und tat ihr gastliches
Gemach auf, in welchem Margarete einen langen Mann gewahrte, welcher so eben
einen mässigen Nachtimbis einnahm, und verlegen aufsprang, da Margarete in die
Türe trat. - »Sieh da, Vollbrecht!« rief die Altbürgerin, schmerzlich und
freudig betroffen von dem Anblick des Knechts: »Du hier? Ei, sprich, wo ist Dein
Herr, und kehrt er zurück?« - »Ehrsame Frau!« lautete die Antwort: »Wir sind
herumgezogen in der Irre, wie Roland's Knappen, haben aber nichts erlauert,
nichts erspürt. Wir haben zwar manchen Span bestanden mit den adelichen Herren,
die rundum an den Strassen und Flüssen die Schlagbäume machen, und von Freund und
Feind den Zoll heischen, - aber, die wir suchten, fanden wir nicht, und des
Fräuleins leibeigner Knecht Rüdiger, nachdem er uns lange links und rechts und
kreuz und quer im Lande umhergeführt hatte, meinte endlich, er werde doch nimmer
das Schloss erkennen, in welchem sie gesteckt, - das Fräulein, Er und die Zofe, -
und glaube steif und fest, man habe das Fräulein umgebracht, weil auch kein Laut
mehr, von ihr zu hören sei. Darauf haben wir uns auf den Rückweg gemacht, und
wollten heut zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten, als mit einemmale der
Rüdiger krank wurde, und so brestaft, dass er wohl nimmer erstehen wird. Der
Mensch hat sich so viel Gedanken um seiner Herrschaft Schicksal gemacht, und
sich so sehr darob gegrämt, dass, er sicher schon verschieden wäre, wenn er nicht
etwas auf dem Gewissen gehabt hätte, das ihn, wie er sagt, seit geraumer Zeit
gedrückt hat, wie ein Fels. Der Junkherr hat ihm zugesprochen, wie ein
Beichterr, denn das versteht er aus dem Grunde, und endlich hat der Knecht sich
drein ergeben, und versprochen, ihm Alles zu bekennen, und sein Herz zu
erleichtern vor dem Ende.« - »Was kümmert mich der Knecht?« schaltete Margarete
dringend ein: »Wo ist Dein Herr? das will ich wissen.« - »Ich bin ja gleich zu
Ende;« erwiederte der Knecht gehorsam: »Wir waren gezwungen, in einer schlechten
Winkelschenke einzukehren, nicht allzufern von hier, da der Rüdiger nicht weiter
konnte, vor Frost und Hitze, und wenn man ihn auf's Pferd gebunden hätte. Und da
es den sterbenden Mann drängte, meinem Herren zu vertrauen, was ihn quält, und
mir, dem Knecht, nicht nötig und ziemlich ist, davon zu wissen, so hat der
Junker gesagt: Reit Du indessen gen Frankfurt, Vollbrecht, und sieh nur, wie's
dorten steht, ob sich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermanns Hülfe
die Schwester daselbst wieder eingefunden, und wie es mit dem lieben Vater
steht, der Mutter und dem kleinen Hans. Vergiss jedoch nicht, vorerst auf dem
Schellenhofe einzusprechen, und der wackern Frau Creszens meinen Gruss zu
bringen, mit dem Vermelden: es stehe bis auf die getäuschte Hoffnung, wohl mit
mir, und sie solle es nur weiter sagen. Sobald des Rüdigers Zustand es erlaubt,
komme ich selbst.« - »Um Gotteswillen nicht!« fiel hier Margarete eifrig ein:
»Fliege zurück zu ihm, und bringe ihm diese Kunde! Nur gen Frankfurt nicht. Die
Heimat wird sein Grab. Er bleibe fern, denn seine Feinde haben die tödtlichsten
Pfeile auf ihn gerichtet. Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen, und von ihren
Schranken kehrt kein Gerechter wieder.«
    »Jesus Maria!« seufzte die Beschliesserin, und schlug ein grosses Kreuz. Der
lange Vollbrecht faltete erschrocken die Hände, und sprach kein Wort. - »Wenn
ihm sein Leben, wenn ihm meine Ruhe lieb ist, so bleibe er fern, so verberge er
sich in entlegnen Landen vor den Schöffen der Vehme!« fuhr Margarete bewegter
fort: »Sage ihm, Vollbrecht, ich hätte gehört, dass der Kaiser allein die
Vervehmten zu schützen vermöge. Er suche zu Sigmunds Füssen die Lossprechung von
jener furchtbaren Ladung. Er fliehe zu den Füssen des heiligen Vaters, denn in
Deutschland sollen Hunderttausend Dolche auf die Brust des Geächteten lauern.
Doch, was rede ich?« setzte sie sich besinnend bei: »ich sollte ihn wegscheuchen
vom heimatlichen Boden, ohne ihm erst zu sagen, wie sich Alles gestaltet? Nein,
nein, nein! Guter Vollbrecht! vergib mir, wenn ich verwirrt rede, aber
wiederhole ihm getreu meine Worte. Sie verraten selbst in ihrer Verwirrung die
Liebe, die dankbare Freundschaft, die ich für ihn empfinde. Er soll mir glauben,
Vollbrecht, - nicht wähnen, als sei es Bosheit einer Stiefmutter, die den Sohn
erster Ehe aus dem Vaterhause treiben möchte! Ich bin ja selbst geächtet, ...
selbst verstossen! Aber recht! reden muss ich noch einmal zu ihm. Ich muss ihn
sprechen, obgleich ich nicht weiss, ob ich morgen noch lebe! Sage ihm, treuer
Knecht, sage ihm, dass er morgen, um diese Stunde - hier erscheine - er würde
mich finden, ihm Lebewohl zu sagen; bis dahin möge er jedoch verborgen bleiben;
denn Alles sei gegen ihn verschworen. Und nun mache Dich zur Stelle auf, und
eile von dannen. Vielleicht ist jetzt schon Rüdiger des Todes, oder genesen.
Vielleicht geht jetzt schon der Sorglose, Unbefangne seinem Untergange entgegen,
ohne Warnung, ohne Ahnung! Geh! geh! guter Vollbrecht!« -
    Um den schwankenden Entschluss des zögernden Burschen zu beschleunigen,
drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand, und diese Freigebigkeit, verbunden
mit der aufrichtigsten Anhänglichkeit an seinen Herrn bestimmte den Knecht, sich
alsobald auf zu machen. Frau Margareten für ihr Geschenk das Kleid küssend,
Crescenzien für das Nachtmahl dankbar die Hand schüttelnd, sprang er hinaus,
warf sich auf den harrenden Gaul, und suchte auf gut Glück in dunkler Nacht den
Weg, den er gekommen. Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut, als sie
die Reden vernommen, die Margaretens Mund, wie vom Sturme beflügelt, gesprochen
hatte. Es schien ihr noch immer, wie ein Traum, das ihre Meisterin jetzt, zu
dieser Stunde in ihrem Gemache stehe, und eine ängstliche Neugierde bemächtigte
sich ihrer, zu erfahren, was der seltne und verstörte Gast eigentlich hier
begehre. Die Altbürgerin liess diese Neugier nicht zu Worte kommen, denn auch sie
wurde von der vorrückenden Nacht gemahnt, ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen. -
- »Das Morgen wird kommen,« sagte sie ernst zu der Dienerin: »Ich werde
vielleicht nicht wiederkehren, denn meines Lebens bin ich nicht sicher auf dem
Wege, den ich heute gehen muss. Versprich mir aber, Crescenz, dass, wofern ich
morgen in des Tages frühe nicht zurückkehrte, Du meinen Herrn aufsuchen wollest,
und ihm melden: Ich hätte es nicht ferner tragen können, meine Unschuld für böse
Schuld abgewogen zu sehen. Ich sei ihm immer treu gewesen und hold, - Dagobert
sei rein, wie das Sonnenlicht, - ich hätte weder meinen Herrn und zu Ehewirt zu
morden begehrt; noch sein Herz zu zerreissen durch Wallradens Raub, den er mir
ebenfalls zugeschrieben. Um ihn zu überzeugen, dass ich wahr und redlich
gehandelt, sei ich heut hinausgegangen zum Sprünglinsteine, um dort zu
verrichten, was Herr Dieter, von Argwohn und Misstrauen befangen, nicht
unternehmen wollte. Er möchte mir daher vergeben, was ich vielleicht im
Leichtsinn der Jugend an ihm gefrevelt. Böses habe mein Herz dabei nie im
Schilde geführt. Er möge mir auch verzeihen, was ich Schwereres begangen, und
mir nicht als Sünde zurechnen, was ein irre geleitetes Gefühl verbrach. Er möge
endlich meiner in Frieden gedenken, und von dem kleinen Hans seine Hand nicht
abziehen, wie auch die Dinge kommen sollten. Verstehst Du mich, gute Crescenz?«
    Die Alte hatte zugehört, und immer aufmerksamer Auge wie Ohr geöffnet. Nun
aber, da Margarete zu reden aufgehört, starrte sie dieselbe unbeweglich an.
»Ich werde ausrichten, was Ihr befehlt, ehrsame Frau,« sagte sie, in ihrer
Bestürzung verharrend, - »aber ich will nicht getauft sein, wenn ich begreife,
was das Alles heissen soll? Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbestündlein
offenbart? oder welche Ursache habt Ihr dann, dass Ihr solche bedenkliche Reden
führt? Oder hätte Euer häuslich Kreuz Euren Verstand beschädigt? Ich sollte Euch
wahrlich nicht fortlassen in der dunklen Nacht.« - »Keine Widerrede:« befahl
Margarete herrisch, und Crescenz zog sich alsobald in die Schranke der Demut
zurück: »Höre noch das letzte:« setzte die Altbürgerin hinzu: »Atme ich morgen
noch, so werde ich am Abend hier mit meinem Stiefsohne ein Wort des Abschieds
reden, - in Gegenwart Deiner beiden Augen, unter der Obhut Deiner verschwiegenen
Zunge. Hat jedoch der Herr des Lebens über mich geboten, so sage dem jungen,
unglücklichen, durch mich unglücklich gewordnen jungen Manne: Bis zu meinem
letzten Atemzuge sei er mir der teuerste Mensch auf Erden gewesen. Die Zeit,
da ich ihn verstohlen liebte, wie ein unerreichbar höchstes Gut, sei meine
glücklichste; die Zeit in der ich ihn hasste in verirrter Leidenschaft, meine
elendeste gewesen. Seine vergebende Freundschaft war Paradieseshauch in meinem
häuslichen Jammer, sein Bild der Heilige zu dem ich betete. Bekenne ihm in
meinem Namen, dass ich, die Unwürdige, glücklich war, in der Erinnerung an ihn,
und dass, wenn es möglich ist, mein Geist sich von oben herabneigen wird, um über
seine Schritte zu wachen, dass ich ihn aber bitte mit der verzweifelnden Liebe
einer Mutter, sich selbst zu erhalten, und die Stätte zu meiden, wo öffentlich
und heimlich die höchste Gefahr ihm droht, wo selbst der eigne Vater von
schnöder Rachlust entbrannt ist gegen den Unschuldigen. Beschwöre ihn,« ... -
hier hemmten Tränen die Worte Margaretens, und mit einem schmerzlichen: »Ich
kann nicht mehr; lebe wohl!« stürzte sie aus dem Gemach. Die angstvolle
Crescentia folgte ihr ermahnend, bittend und klagend. - Die Altbürgerin war
unerbittlich gegen ihr Flehen; - noch unter der Haustüre musste ihr die Alte in
dem ungewissen Dunkel die Richtung bezeichnen, die sie gen Bergen zu nehmen
hätte, und unter dem Gebell der wachbaren Hunde, entwich die kühne, auf's
Äusserste gefasste Frau den Augen der alten Dienerin. - Kopfschüttelnd sah ihr die
Letztere nach, schob alsdann den Riegel vor, und sendete das Gesinde, das durch
das Hundegebell aufgeschreckt worden war, wieder zum Lager zurück. Sie setzte
sich hierauf in den Sorgenstuhl, und dachte im unruhigen Geist nach über die
Begebenheiten des Abends. Nach allem Überlegen schien ihr endlich nichts klarer
und gewisser zu sein, als dass der angehäufte Gram und Unmut Margaretens
Verstand in Unordnung gebracht habe, und sie begann, sich die bittersten
Vorwürfe zu machen, dass sie die Sinnverwirrte hinausgelassen in die einsame
Finsternis, wo ihr unstäter Fuss gar leicht in des Wassers Flut geraten, oder
ein Blitz ihr Haupt zerschmettern konnte. Sie schalt sich einfältig, dass sie gar
nicht bedacht, wie ungnädig Herr Dieter ihr Betragen, - kam's zu Tage -
aufnehmen würde, und bedauerte abwechselnd die arme Frau, sich selbst, und den
guten Junker Dagobert, den die Botschaft, die Margarete seinem Knechte
aufgegeben, unbedingt zum Tode erschrecken müsse. - »Der biedre Junker!« sagte
sie vor sich hin, während sie ihr Nachtkleid überwarf: »Wie er Alles liebt, das
ihm vertraut. Wie dankbar, gedenkt nicht sein die Stiefmutter, die ihn hasste?
Wie zart denkt er nicht Aller, deren er sich angenommen! Wie werde ich das gute
Judendirnlein morgen mit der Nachricht erquicken, dass er gesund und wohl ist.
Der lange Knecht liess sich's gewiss nicht träumen, dass der Gruss an die alte
Crescenz auch noch jemand Anderm galt! Wie aber in aller Welt, kommt es, dass der
biedre junge Herr vor die Vehme geraten ist, von der ihm nur der Kaiser
loshelfen mag?« - »Ei!« unterbrach sie sich, gegen das Fenster lauschend: »war
mir's doch, als ob die Hunde sich wieder bewegten, und leise knurrten. 'sist
aber wieder Alles stille. - Und dennoch,« setzte sie nach einer Pause hinzu:
»dennoch regt sich draussen etwas, und ich höre die Hunde schnaufen und
schmatzen, als ob sie etwas köstliches zu fressen erhalten, hätten.« - Schon
griff die herzhafte Frau nach der Lampe, als eine behutsame Faust einigemal
leise an den Laden klopfte. - »Da haben mir's!« flüsterte die Alte vor sich:
»Das ist ein frecher Dieb, der meinen Hunden mit Gift das Maul gestopft hat, und
nun herein möchte.« - Sie erfasste schnell eine Haue, die in der Ecke stand,
öffnete das Fensterlein, und sprach durch die Ritze des Ladens hinaus: »Du
diebischer, ungeschlachter Gesell, wer du auch seist, - packe Dich fort, denn
meine Leute sind beim ersten Schrei wach und hellmunter. Auch halte ich eine
Haue in der Hand, die dir den Kopf zerschmettert, wenn Du in's Fenster
einzubrechen wagst. Zieh darum ab. Ich bin 'ne arme Frau, und hier ist nichts zu
holen, als ein blutiger Kopf.« - »Macht keinen Lärm!« flüsterte es von draussen
herein: »Ich bin kein Dieb, sondern ein ehrlicher Mann. Ich komme doch nur, um
Euch zu warnen, Mütterlein.« - »Wofür? Du Schalksgesell?« fragte Crescenz, noch
immer ungläubig. Der Fremde vor dem Fenster fuhr aber fort: »Man ist Ben David's
Esterchen gekommen auf die Spur; Du gutes Weiblein. Sie werden kommen, ehe
vergeht eine Stunde, mit Spiessen und Stangen, um die Jüdin zu fangen, und um
Dich, als Hehlerin, zu setzen auf den Turm bei Wasser und Brod.« - Crescentia's
Herz klopfte heftig, - denn sie konnte nicht an dem guten Wissen des Klopfenden
zweifeln. Sie öffnete scheu den Laden, obgleich nur halb, und beleuchtete
vorsichtig Zodick's hässliches Antlitz, das sich herein bog. »Wer bist denn Du,
Nachtläufer?« fragte sie halb erschrocken. - »Kennst Du mich denn nicht, Mämme!«
sagte Zodick entgegen: »Bin ich doch gewesen der Knecht, der Dir so oft gebracht
hat mildtätige Beisteuern von David, dem Sohne Jochai. Du musst Dich noch
besinnen auf meine Gestalt.« - »Ach! Du bist's?« rief die Alte erschreckt:
»Weiche von dannen, Du Lügner, der seinen Herrn zum Tode bringt, durch seine
blutige Bosheit!« - »Ich bin nicht derselbe;« hiess es entgegen: »Jener Zodick,
der geklagt hat in Edom, ist nicht mehr, sondern ein reuiger Zodick lebt noch,
und darum will er retten, die Tochter seines Herrn, die Einer aus Israel
verraten hat an den wollüstigen Schulteiss.« - »Um Gotteswillen!« fiel die Alte
kläglich ein: »Der Schulteiss? das arme Kind ... wer war der Verräter?« -
»Joseph der Arzt;« erwiederte Zodick leise: »Um die elfte Stunde kommen des
Oberstrichters Trabanten heraus, und wehe Dir, wenn man die Dirne findet. Mir
hat's gesagt der kleine Finger, und ich will holen das Esterchen, und es
bringen zum Vater.« - »Zum Vater?« fragte Crescentia misstrauisch: »Faule Fische,
rotköpfiger Jude.« - »Ich will sprudeln Gift und Galle ein Jahr lang,«
beteuerte Zodick, »wenn es nicht ist wahr. Ich habe herausgebracht den Alten
aus dem Turm, und ihm versprochen, weil er selber ist krank und schwach, die
Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Böcke.«
    »Ei, Du unverschämtes Lügenmaul!« eiferte die Alte: »Du hälst mich für eine
Schnattergans, dass Du solch Possenzeug mir weiss machen willst. Ester ist nicht
hier, ist noch nie hier gewesen, magst Du wissen, Du schleichender Spürhund.
Hier hausst eine andre Jungfer, die mit Euch Juden nichts gemein hat: weisst Du
das? Deine Mährlein von dem Oberstrichter und seinen Knechten trage nur
anderwärts hin, hörst Du?« -
    »Lasst doch das lächerliche Gedibber;« versetzte Zodick unwillig: »Wer im
Giebelstübchen wohnt, weiss ich gar wohl, so gut als der Prophet Elias. Ruf' mir
das Schickselchen herab, und ich führe sie zum Ärte, ehe noch die Gewalt kommt
über Euch.« - »Wenn Du nicht alsobald gehst,« erwiederte die Alte derb, »so
kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde über Dich; wenn Du nicht die
Letztern vergiftet hast, da ich keinen Laut von ihnen höre.« - »Ohne Sorgen,
Mütterlein;« sagte Zodick schmeichelnd: »sie leben, die Tiere; aber tun werden
sie mir nichts, denn ich verstehe das Handwerk, und habe ihnen gegeben Kuchen,
besser als der Kuchen Levi in der Nacht des Passah. Du, lass mich aber hinein,
dass nicht Unglück einzieht bei Dir und Esterchen frei werde, von Amaleks
sündigen Richtern.« - »Nimmermehr!« wiederholte Crescenz: »Ich traue Dir nicht,
ich glaube Dir nicht, Du abtrünniger Mensch, dem's mit dem wahren Glauben eben
so wenig Ernst ist, als mit dem falschen. Du bist ein Gezeichneter. Mache, dass
Du von hinnen kömmst!« -
    Ein blitzendes Messer züngelte wie ein Strahl durch die Öffnung des Ladens;
Creszens gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmörderischen Versuchs,
sprang zurück, und riss den Laden mit einer Gewalt zu, dass die Klinge zerbrach. -
Der Mordbube fluchte draussen halblaut über des Weibes Klugheit, und den Verlust
seines Gewehrs. Crescenz belferte ihm aber zu: »Rothaariger Schuft! wo Du nicht
gleich Reissaus nimmst, rufe ich meine Leute, und Dein letztes Brod ist gebacken,
Du Schurke.« - Eilig, wie ein rollender Kiesel, entsprang der Bösewicht, und die
Hunde, wie von einem Zauberspruch betäubt, rührten sich nicht in ihren Hütten.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                O, höret doch, wie sein Donner zürnet, und welch eherne Rede von
                seinem Munde ausgeht! Er sieht unter allen Himmeln, und sein
                Blitz scheinet auf die Enden der Erde!
                                                                           Hiob.
Die gute Crescenz hatte nichts Eiligeres zu tun, als den Weg nach der
Giebelkammer zu suchen, um die holde Ester, die kaum, von Tränen und Leid
erschöpft, entschlummert gewesen, aus der süssen Ruhe zu wecken. Das Mädchen fuhr
erschrocken empor, und ihr Schrecken verdoppelte sich, als ihre Pflegerin ihr
in's Ohr rief: »Du bist verraten, Mägdlein! auf! Dein Heil ist nur die
schnellste Flucht!« - »Verraten?« stammelte Ester: »woher wisst Ihr ....? wer
hat das getan?« - Crescenz säumte nicht, so schnell als ihre Zunge es
gestattete, den Auftritt mit Zodick der staunenden Zühörerin zu berichten, die
sich hierauf in Danksagungen gegen sie erschöpfte. - »Ei, so lass Dank und glatte
Worte bei Seite!« schalt endlich die Alte: »was ich dabei getan, ist gar keines
Lobes würdig. Welcher Mensch in der Welt wird solch ein Galgengesicht gutwillig
in's Haus und sich die Gurgel abschneiden lassen? darauf hatte es der Schurke
doch am Ende bei uns beiden abgesehen. Die Gefahr ist jedoch nicht vorbei,
sondern sie kömmt erst heran. Entweder ist es wahr, was der Bursche behauptete,
und der Judenarzt hat Dich an den Schulteiss verschwatzt, und in diesem Falle
musst Du schleunig fort; oder, es ist nicht wahr, und der Schandbube gibt selber
Dich an; dann musst Du auch fort. Darum kleide Dich, und laufe; es blutet mir das
Herz, dass ich Dich vor die Türe stossen muss, - aber überall wirst Du besser
sein, als in den Händen des lustgierigen Schulteissen.« - »Hochgelobter
gepriesener Gott!« seufzte Ester trostlos: »Kann Dein Vaterauge sehen solche
Bedrängnis ohne zu helfen? O, dass er fern sein muss, auf den ich baute, wie auf
einen Engel.« -
    Crescenz hätte gerne der Klagenden den Trost gegeben, dass Dagobert nicht
mehr ferne sei, allein sie bedachte noch zu rechter Zeit, dass diese Kunde den
Schmerz des Mädchens, und ihren Widerwillen gegen die plötzliche Trennung vom
Schellenhof vermehren würde, und dennoch war, ihrer Meinung nach, kein bessres
Mittel vorhanden, dem nahenden Unheil zu entgehen. Sie begnügte sich daher, der
trauernden Ester aufzutragen, sich in Wald und Busch so lange verborgen zu
halten, bis der nächste Abend herangekommen sein würde, und alsdann fein
vorsichtig auf dem Hofe sich wieder zu melden. Unnachsichtlich drängte sie
indessen jetzo zum Abschiede, denn neben der Furcht, das Mädchen selbst in der
Feinde Schlingen fallen zu sehen, beunruhigte sie das Loos gar sehr, das ihrer
warten dürfte, ward ihre Teilnahme an dem heimlichen Handel bekannt. - Aber so
sehr sie auch drängte und trieb, so sehr Ester sich beeilte, ihrem Willen
folgsam zu sein, und kaum sich die Zeit nahm, die schönen Locken mit
Crescentia's eignem Miedertuche vor dem gegen die Fenster schwirrenden Regen zu
schützen, - so waren doch Warnung und Vorsicht zu spät gekommen. Die Hunde, die
sich bisher nicht geregt hatten, fuhren auf einmal mit wütendem Toben aus ihren
Hütten, und an ihrem kurz darauf folgenden erbärmlichen Geschrei war bald zu
merken, dass einige derbe Schläge sie zur Ruhe verwiesen. Zugleich polterten
mehrere Stösse gegen die Haustüre, und barsche Stimmen, verlangten Einlass. -
»Herrgott! schütze Deine Magd!« stöhnte Crescenz, und löschte schnell die Lampe
aus, die sie mit in die Kammer gebracht hatte. »Halte Dich ganz ruhig und still,
Esterchen,« flüsterte sie derselben zu, die sich, an allen Gliedern bebend, in
eine Ecke des Stübleins verkroch: »bis ich hinunterkomme und Licht mache, und
dem Gesindel die Türe öffne, fällt mir vielleicht ein Notbehelf ein, und ich
rette Dich vor der Nase dieser Spürhunde.« - Rasch, wie ein Mann im rüstigsten
Alter, tappte die Alte die Treppen hinab, und begann durch das Schlüsselloch mit
den Bewaffneten vor dem Hause zu unterhandeln. Diese waren jedoch keineswegs
gelaunt, Scherz oder Zögerung mit sich treiben zu lassen, und drohten, Tür und
Fenster in Stücken zu hauen, wofern nicht alsogleich aufgetan würde. Da sich
nun Crescenz entschuldigte mit Mangel an Licht, so erboten sich die Belagerer,
ihre eignen Laternen herzugeben, um das Haus zu durchsuchen. Wie sie dann nun
immer heftiger wurden, und ohne Aufhören im Namen des Oberstrichters die Öffnung
begehrten, auch indessen das Gesinde zusammengelaufen war, und sich wunderte
über den mutwilligen Verzug der Schaffnerin, so blieb der Letztern nichts
übrig, als in Gottesnamen dem rohen Söldnerhaufen Einlass zu geben. Der Anführer
der grimmigen Schaar fuhr sogleich mit Donnerstimme über die Alte her: »Den
Judenbalg gib heraus, den Du in Deinem Hause versteckt hältst! heraus! ohne
Widerstand und Ausflucht. Du bist des Todes, wenn Du nicht blitzschnell tust,
was wir begehren!« - Crescenz spielte die Überraschte, die Unwissende, aber ihr
linkisches Läugnen machte die Herren noch dringender, die gar nicht übel
unterrichtet zu sein schienen. - »Lüge, dass Du erstickst!« schrie der Führer:
»Wir werden doch wissen, welch Nestlein wir hier auszuheben haben! Spare also
Deine Winkelzüge, und freue Dich auf den Pranger, alte Kupplerin, welche Söhne
von ehrlichen Bürgern verführt zur Gemeinschaft mit nichtswürdigen Jüdinnen.
Mach' Dich fertig, und steige voran. Wir wollen schon finden, was unser ist.« -
Je näher die Gefahr rückte, je trotziger wurde indessen die Alte, und hätte sich
beinahe verleiten lassen, eine Beteuerung darauf abzulegen, dass die gesuchte
Jüdin sich nicht im Hofe befinde. Indem drängte sich eine neue Figur in den
Kreis, und der hässliche Zodick stand wieder frech und leibhaftig wie vor einer
halben Stunde vor dem zankenden Weibe. »Glaubt nicht der Hexe!« rief er den
Söldnern zu: »Die Dirne ist nicht gekommen aus dem Hause. Ganz Mokum1 will sie
an der Nase führen, dass sie selbst komme davon mit ganzen Ohren. Doch ich will
Euch sagen, was sie nicht will schmusen. Das Vögelein steckt oben im Nest. So
Ihr erklimmt die Stiege, hört Ihr's schon piepen und flattern.« - »Der Jude hat
eine Nase wie der Teufel!« schwor der Anführer der Häscher, welche lärmend,
gegen die Treppe vordrangen. Vergebens suchte Crescenz den grinsenden Zodick
Lügen zu strafen, vergebens gegen ihn selbst eine schwerere Anklage zu richten;
sie wurde nicht gehört, ihr Geschrei übertäubt, und der andrängende Haufe riss
sie in seinem Wirbel mit fort. Den schlagendsten Beweis, dass sie mit Ränken
umgehe, schien obendrein das Erscheinen einer Dirne zu liefern, die oben auf dem
ersten Treppenabsatz sich sehen liess, gehüllt in unordentlich übergeworfene
Nachtkleider, und mit ängstlicher Stimme herunterschrie: »Aber Frau, Frau, um
Alles in der Welt! was soll das Getöse? was gibt es denn?« -
    »Das ist sie!« rief Zodick dem Häscheranführer in's Ohr. »Das ist sie!«
donnerte der ganze Haufe, und zwanzig Hände streckten sich nach der Dirne aus
die - ersehend, dass es auf sie gemünzt sei, mit jämmerlichem Geschrei: »Mein
Kind! mein Kind! Hülfe! Hülfe!« zurücksprang, und eine schwere Türe hinter sich
in's Schloss warf. - »Siehst Du, alte Vettel!« donnerte der bestürzten
Schaffnerin, die vergebens eine Erklärung versuchte, der Anführer zu, und gab
ihr einen groben Rippenstoss: »da ist das Geschöpf, das wir suchen. Nicht die
Dirne, noch ihr Junges soll uns entkommen, und brennen sollen sie beide! Sperr'
auf die Türe.« - Crescenz, von tödtlichem Schreck erkältet, suchte
zähneklappernd einen Schlüssel nach dem andern in das Schlüsselloch zu passen;
da jedoch die Angst den rechten ihr nicht finden liess, so machten die
Bewaffneten kürzere Wirtschaft, und rannten die Türe ein. Wie ein Knaul von
Wahnsinnigen stürzte der helle Haufe in das Gemach, und erwischte die schreiende
Dirne, da sie eben, besinnungslos vor Entsetzen, mit einem Kinde im Arme, zum
hohen Fenster hinausspringen wollte. Während nun Crescenz in der Mitte des
Getümmels umsonst ihre Lunge anstrengte, um zu beweisen, dass die Gefangene nicht
diejenige sei, die man suchte, während die Gefangene selbst in Tränen zerfloss,
und das Kind jammerte, - während die Häscher Stricke und Riemen hervorsuchten,
um nicht nur allein die mutmassliche Ester, sondern auch die Schaffnerin und
ihr Hausgesinde zu binden, hatte Zodick, seinen Vorteil ersehend, einem
gaffenden Knechte die Leuchte aus der Hand gerissen, und war damit unter dem
allgemeinen Getöse verschwunden, um den obern Teil des Hauses zu durchsuchen.
Wild klopfte sein Herz, als er die Stufen zum Giebelstübchen erstieg, denn er
dachte an die Möglichkeit, dass Ester bereits seiner Wut entgangen sein möchte;
aber, so wie er die Kammer öffnete, und mit gierigem Auge in das Dunkel
leuchtete, so machte sein ahnender Zorn, hohnlachender Freude Platz. Die arme
Ester hatte in ihrer Unruhe, gequält von banger Furcht, nicht an die Flucht
gedacht, und sich wie ein Opferlamm in das grässliche Schicksal ergeben. Nicht
die Türe hatte sie verriegelt, und lag betend, aber ohne zu wissen, was die
Lippen beteten, in dem Winkel auf ihren Knien. Hier ergriff sie die Faust des
siegenden Feindes; hier raunte ihr seine entsetzliche Stimme in die Ohren: »Du
bist mein, Esterchen! Gedenkst Du meiner Worte? Der Vollmond ist da, und ich
komme, Dich zu holen heim. Zögre nicht, zaudre nicht, kleine Spinne! Komm, dass
ich Dich führe vom Berge Seir!« - »Abscheulicher!« versetzte Ester, mit
verachtender Würde sich erhebend: »Hier sind meine Hände, fessle sie, aber höre
auf zu misshandeln die Frau, die mich hat gepflegt wie der Rabe der Wüste. Ihr
Geschrei dringt herauf zu mir, Unhold. Lass es verstummen.« - »Alles verstummt
unter den Füssen des Herrn!« entgegnete Zodick höhnisch: »Auch Deine Schmähung
wird verstummen, Weib. Mag ich Dir sein wie Gabriel, der Fürst der
Barmherzigkeit, oder wie Sammael, der Fürst der finstern Wildnis; gleichviel.
Folge mir, und schweige wie in der Neumondnacht, die unsers Lebens Dauer uns
kund tut.« - Behutsam löschte er die Leuchte aus; packte Ester's rechte Hand
fest in die seinige, und stieg vorsichtig mit ihr die Treppe hinab. Noch dauerte
das Getöse in der Stube des ersten Stockwerks; da der Bösewicht dieses hörte,
zwang er auf einmal seine Beute, geschwinder zu entlaufen, stülpte ihr seine
weite Mütze über Kopf und Augen, und entführte sie also hinaus in's Weite, trotz
den heulenden Hunden. Der Regen floss rieselig und kalt hernieder. Ester
schauderte am Arm ihres grässlichen Führers, und liess sich eine gute Weile durch
Sand und Moor mit fortziehen im schweigenden Dunkel, bis sie endlich so viel
Besinnung gewann, die lederne Mütze vom Haupte zu reissen, plötzlich stille zu
stehen, und mit der Stimme der Verzweiflung zu fragen: »Was ist das, Zodick?
Warum rissest Du mich denn weg aus dem Hause? warum hast du mich nicht übergeben
den tobenden Häschern, dass sie mich bänden und fortschleppten? und wohin führst
Du mich? nicht gen Frankfurt? was soll ich in diesem Gestrüpp oder in den
Furchen des Feldes? wohin schleppst Du mich, unsaubrer Geist?« - »Nach der
Hochzeitkammer, Liebchen?« antwortete grinsend der Schurke: »Nach dem
Hochzeitsbette, und von dannen in's Paradies.« - »Ach!« schrie Ester: »Du
willst mich tödten in Schmach?« - »Nicht doch, Schickselchen;« versetzte Zodick
kalt: »Du wirst leben im Überfluss, so Du tust meinen Willen. Doch ist nicht
hier der Ort, wo zu reden ist von der Zukunft. Komm, komm, Esterchen? 's ist
nimmer weit!« - Die Überzeugung, ohne Rettung verloren zu sein, gibt dem
Menschen öfters übermenschlichen Mut, und ungewöhnliche Kräfte. Ester empfand
tief, dass der Augenblick gekommen sei, diese Kräfte zu wecken mit dem
verzweifelnden Willen. Mit einer Heftigkeit, die nur dem aus brennender Zone
stammenden Blute eigen ist, warf sie sich wild und kreischend auf den
Niederträchtigen; der sie weiter nach seiner Höhlen schleppen wollte.
Weiblichkeit und die zarte Sanftmut abstreifend, welche sonst ihre Zierde
waren, gestaltete sich Ester aus einem duldenden Lamme zu einem kühnen Tiger
um, und griff den Feind mit offner Tat an. Der Überraschte wehrte sich im
Anbeginn nur schwach; da es aber Ester zu gelingen schien ihn zurückzudrängen
und von seiner Klaue sich losszureissen, da ergrimmte der fürchterliche Mensch.
Vom Sturme des Zorns und der Leidenschaft hingerissen, bot er alle Kräfte gegen
die Widerstrebende auf; seine riesigen Arme wurden länger, seine Fäuste stärker,
und die Ärmste, deren Kräfte endlich in dem ungleichen Kampfe erlagen, sank
keuchend und wimmernd auf den nassen Sand zu den Füssen des Schrecklichen, dessen
eherne Hand sie beinahe zermalmte, während er nach seinem Gürtel griff, um die
Bezwungene damit zu binden. Der entsetzlichsten Misshandlung Preis gegeben,
änderte Ester ihre Handlungsweise. Die Schlauheit ihres Geschlechts in das
Treffen führend, liess sie ab von dem fruchtlosen Kampfe, faltete die Hände wie
eine Flehende, und beschwor unter Schluchzen und Tränen den übermächtigen Feind
ihrer zu schonen. Sie wolle die Seine werden, sobald er ihr Zeit gönnen würde,
sich zu fassen, zu erholen von dem grässlichen Sturme in ihrer Seele. -
Befriedigt lächelnd horchte Zodick auf die seinem Ohre willkommenen Worte, und
zog die Bittende unsanft vom Boden in die Höhe. - »So gefällst Du mir,
Esterchen!« sprach er, tief Atem holend: »Du hast mir warm gemacht; aber Du
kennst nun auch, was es heisst, mit mir anbinden. 's wär' ein schlecht Geschäft,
ein Druck des Fingers, um Dich zu vernichten hier in der Einöde; drum ist's
besser, Du ergibst Dich in des Herrn Befehl, und folgst mir zur Kammer. Eile
aber jetzo. Wir sind bald zur Stelle.« - Unaufhaltsam riss er das Mädchen mit
sich fort, durch Sandgetriebe, Weidenbüsche und verödete Triften, bis es endlich
schroff über Kies und Gerüll hinunterging zu einer nackten Vertiefung, in
welcher bei der Mondhelle ein Sumpf stand, wie ein trüber Spiegel, und daneben
eine schwarze Hütte, aus deren Lücken ein mattes Licht schimmerte, dem
Johanniswürmchen gleich, in schwarzer Hecke. Zodick befahl Estern, leise
aufzutreten, und schlich an die lichtspendende Öffnung, um den forschenden Blick
in das Innre zu tauchen. Ester's Brust hob sich indessen wie die Brust einer
Sterbenden. Und war sie nicht eine solche? Den teuren Schwur, sich eher zu
tödten, als beschimpfen zu lassen, dachte sie unverbrüchlich zu halten, und
jenes traurige Moor schien ihr vom Geschick auserlesen zu sein, ihr Todesbette
zu werden. Welche Schrecken aber noch bis dahin an ihrem Geiste vorübergehen
konnten, daran gedachte sie bebend. Zodick hatte indessen erkundschaftet, dass
nicht gefährliches in der Hütte verborgen sei. Er pochte leise an das
Fensterlein, und gab ein kauderwälsches Losungswort von sich, nach welchem man
von innen fragte. Hierauf zog er Ester mit sich zum niederen Pförtchen der
Hütte, welche schon aufgetan worden war. »Gut Zeit!« sagte er zu dem alten
Weibe, das, den brennenden Span in der Hand, die Einkehrenden empfing, und
sorgfältig hinter ihnen zumachte: »Ist sauber die Luft, und rein Alles von
Gefahr?« - »Drinnen ist Alles rein,« erwiederte die Alte, und mass verwundert die
bleiche Ester vom Kopf bis zu den Füssen. - »Ist Marten daheim?« fuhr der
Mordknecht fort, argwöhnisch in alle Winkel schielend. Das Weib bejahte, und
stiess die Türe zur elenden Stube der Mordherberge auf, in welcher der Anführer
der Blutzapferrotte sich auf einer schmutzigen Bank wiegte, - die Augen rot und
glühend vom Übermaass des berauschenden Getränks. Ester fuhr zusammen bei dem
Anblick dieses Menschen und seiner Umgebung, und setzte sich stumm, mit
verbissenem Schmerz auf einen Schemel in der Ecke. Das alte Weib des trunknen
Marten ging forschend und lauernd vor der Fremden auf und nieder, und hütete sie
mit Drachenblicken. Marten reichte dafür dem begrüssenden die blutgewohnte Hand,
mit dem Vorwurfe, dass er sich lange nicht habe sehen lassen. - »Hab' Andres zu
schlichten,« erwiederte der Mensch: »bring' Euch da einen Gast, welcher aufwiegt
alle Töchter in Israel, und will ihn Euch geben in Obhut, wenn es rein und
koscher ist bei Euch.« - » 's ist Alles leer;« versicherte der alte Räuber: »die
Gesellen sind alle in Türingen gezogen, und an den Rheinstrom, weil's die
Witterung erlaubt, in der Ferne sich Nahrung zu holen. Kein Mensch ist hier als
das Weib und die Tochter, denn die drei Rittersknechte, die seit heut Nachmittag
hier eingekehrt sind, sind nicht zu rechnen. Einer von ihnen liegt am Tode, und
wir haben sie und ihre Rosse in die Scheuer eingestellt, am Moor.« - Zodick
winkte dem Schwätzer mit einem Seitenblick auf Ester zu. »Zu dieser Nacht
verlange ich die Kammer hier nebenan, für mich und mein Weib;« sprach er, und
die alte Frau entgegnete dienstwillig, sie stehe bereit, allein es sei kein
Fenster darinnen angebracht. - Zodick schlug ein freches Gelächter auf. »Braut
und Bräutigam fragen nicht nach Helle und Licht,« scherzte er, »und wär's auch
die Schechinah des hochgelobten Gottes selbst. Wir werden sie gern entbehren.
Nicht wahr, Liebchen?« - Mit Abscheu wendete sich Ester, stumm die Hände
ringend, von ihm. - Der rohe Marten lachte. »Das Mägdlein« sprach er, »geht so
frei und lustig nach dem Brautbett, wie das junge Tier zum Metzgerhaus. Wohl
bekomm's Euch beiden. Ich für mein Teil wollte, es käme endlich mein Knecht
Wolfhard. 's geht an die elfte Stunde, und ich muss noch heut hinaus.« -
Inzwischen hatte sich Zodick zu Ester herabgebeugt, und raunte ihr drohend zu:
»Gib Dich in Dein Schicksal. Wo Du schreist, wo Du Widerstand wagst, hast Du den
Talles. Besinne Dich kurz; ich gebe nicht mehr Frist. Ich will nicht werden alt
wie Abraham, ohne zu kosten Deine Reize. Du kannst werden glücklich und leben
lang, sobald Du wirst bekennen, wo Dein Vater hat hinvergraben seine Schätze.
Der schlechte Mann hat mir geläugnet ab, dass er welche besessen. Du weisst aber
sicher darum, und nur diesem Bekenntnis wirst Du zu danken haben Dein Leben.
Bleibst Du stumm, mach' ich Dich ewig stumm nach der Hochzeit.«
    »Grausamer! tödte mich jetzt, da ich noch bin wie das Lamm der Weide!«
flehte Ester: »ich weiss nicht von dem, was Du begehrst.« - Zodick kehrte ihr
drohend den Rücken, und stürzte ein Glas des Weins hinunter, den die
katzenfreundliche Wirtin aufgestellt hatte. Indessen ging die Türe auf, und
Judit, Marten's und des Weibes Tochter, kam langsam und finstern Angesichts
herein. Ohne zu grüssen, betrachtete sie abwechselnd Zodick wie Ester mit
durchdringendem Auge. Der Jude wendete sich verächtlich von ihr, - Ester nicht
minder, da sie in den groben und düstern Zügen der Dirne eine neue Feindin zu
entdecken glaubte. Judit blieb in ihrer Stellung, bis der Vater sie anfuhr: »Wo
streifst Du herum, Dirne? Woher so spät?« - »Ich komme vom Moor,« antwortete sie
gelassen: »ich habe dort gebetet.« - »Du sollst verschwarzen, Greinerin!« zankte
Zodick giftig: »Bei dem Reitergesindel hat sie gesteckt in der Scheuer.« - »Dort
ist der Tod;« entgegnete Judit trübe: »Du witterst den Tod, blutiger Mann,
darum bist Du hier.« - Zodick spie verächtlich vor der seltsamen Magd aus, und
stürzte noch ein Glas hinunter. - »Schlinge nur, schlinge, nimmersatte Gurgel!«
sprach die Dirne ernst: »Bald wirst Du hier Blut zu saufen haben, Zodick.« - Der
Genannte wie die andern schwiegen betroffen, und Judit wendete sich zu Ester
mit der Frage: »Wie kommt es denn, dass die Reinheit eingegangen ist in diese
Mordhütte an der Hand des blutigen Frevels? Bedauernswerte Jungfrau, - denn Du
bist's, - warum bist Du gekommen an diese Stätte des Verderbens?« - Ester
suchte zagend in den Augen der Sprecherin, ob Wahnsinn oder eiserne Vernunft aus
ihr rede. Judit erriet ihre Gedanken, und sprach viel milder: »Ich bin nicht
toll, mein schönes Bild. Alles um Dich her ist nicht Wahnsinn oder Trug; es ist
fürchterliche Wahrheit. Dies ist ein verfluchtes Haus; jener dort im Kleid des
Elends und der Trunkenheit ist mein Vater; und dieses entmenschte Weib ist die
Mutter, die mich Erbarmenswerte geboren. Steh' auf, Weib, von der Seite der
Unschuld, dass ich sie näher kennen lerne.« - Mit einer gebieterischen Geberde
befahl sie der Mutter von Ester's Seite zu weichen, und das Weib, das höhere
Zungen aus ihrem Kinde zu hören vermeinte, tat wie sie begehrte. Zodick machte
eine ungeduldige Bewegung: »Wär' mein Kind der verfluchte Lästerbalg,« murrte
er, »den Kopf hätt' ich ihm eingedrückt in den Windeln. Ein Wort jedoch Alter!«
- Er zog den Alten bei Seite, und befragte ihn scharf nach den in der Scheuer
liegenden Reitern. Marten blieb dabei, von denselben sei keine Gefahr zu
besorgen. Der Eine sei sterbend, ein Zweiter zu seiner Pflege bestimmt, und der
Dritte sei, wie er meine, schon von dannen geritten. - »Sind's Reisige, die
zurückkommen aus einer Fehde,« sagte Zodick überlegend, »so könnte zu finden
sein Beute bei ihnen. Warum gehen wir nicht dahin, und bringen sie um, und
nehmen, was sie haben? Zum mindesten sind wert die Gäule ihren Schilling.« -
»Recht;« erwiederte Marten: »wenn nur kein Sterbender in der Scheuer läge! Aber
s'ist ruchlos, da zu plündern, wo ein an Gebreste Verschmachtender verscheidet.
Das bringt Unglück, weisst Du wohl. Glück bringen nur die Leichen, die wir selbst
mit roten Wunden gezeichnet.« - Zustimmend nickte Zodick. »Du hast Recht,
Marten,« sagte er alsdann: »s'ist gefährlich und nicht geheuer. Steht doch zu
den Füssen des Sterbenden der Engel des Todes mit seinen tausend Augen, und
schlägt herum mit seinem scharfen Schwerte, dass man geblendet rennt in dessen
Schärfe! Nein, - wir wollen verharren, bis er sein wird starr, und alles Wasser
hinweggegossen2; dann wollen wir sehen. Schofel ist's aber, dass in der heutigen
Nacht nicht kann werden etwas gewonnen, bevor ich steige zu Bett mit dem
Liebchen.« -
    »Ho! wenn Dir das Not antut und Zwang, so wüsste ich wohl zu helfen;«
meinte Marten mit schalkhaftem Zähnefletschen: »Hab's Euch nur nicht anbieten
wollen, Zodick, ... oder ... vergebt, ... Friedrich, wollt ich sagen.« - »Lasst's
beim Alten, trunkener Goi;« schaltete Zodick finster lächelnd ein, »und lasst
hören, was es ist.« - »Ein glockenhell und unvereitelbarer Fang;« antwortete
Marten leise: »Ich weiss von guter Hand, dass heut gegen Mitternacht am Sprünglin
Bürger von Bergen nach einem Schatz zu graben gedenken, den ihnen eine
nächtliche Flamme verraten, und ein Pfaffe verheissen haben soll. Die Dummköpfe
haben Geld zusammengebeutelt aus allen Kisten und Truhen, denn sie müssen
hundert Mark Silbers auf den Platz bringen, und nur über dem Gelde kann die
Beschwörung gehalten werden. Merkst Du nun, Jude? Die armen Schlucker sind wohl
darauf gefasst, den Teufel in eines Hundes Gestalt auf dem Schatze zu finden,
doch auf zwei rüstige Männer mit rotgefärbten Gesichtern und scharfen Messern
sind sie nicht vorbereitet. Geh mit, Zodick, und wir heben den sichern Schatz.
Ich hätte dem Wulfhard gern den Anteil gegönnt; der Bube bleibt aber aus, und
Deine Faust ist doch die gewandtere.« - »Topp!« sprach der andre: »ich gehe mit,
doch muss zuvor Dein Weib geloben, meine Ester dort zu hüten, wie den Stern des
Auges, und mir sie aufzubewahren sonder Falsch.« - »Ei, warum denn nicht?«
lachte die Alte frech, die hinter die Sprechenden geschlichen war. »Bei meiner
Seligkeit will ich geloben ...« »Nichts da!« fuhr Zodick dazwischen: »Bei Deiner
Gurgel schwöre, Alte; denn Du trägst sie nicht ganz davon, wenn ich nimmer finde
mein Lieb.« - Die Alte beteuerte noch mit aller Zuversicht, sie wolle ihre
Kehle wagen, denn es sei unmöglich, dass Ester entfliehen könne aus ihrem
Gewahrsam. Die Männer möchten nur bald wiederkehren, und ihr und der Tochter
einen gehenkelten Silbergroschen verehren. - »Putze die Schemmlinge;« sprach
noch Zodick zu der Alten: »Du hast zu hüten zwei Schlangen. Ester und das
blödsinnige Tier, Deine Tochter. Wahrlich, wären nicht zu verdienen hundert
Mark, ich wollte eher verlieren das Paradies, denn weggehen von der Dirne,
meinem Lieb. Aber Dein Leben Alte, ist mir Bürge, dass ich finde Alles im Alten.«
- »Verlasst Euch darauf;« schwur noch einmal die Alte, und die beiden Mörder
machten ihren scheusslichen Aufzug zurecht. Die entblössten Arme wurden feuerrot
angestrichen, so wie die verzerrten Gesichter, rauhe Kappen über den Kopf
gezogen, und ein Lederwamms über die Brust geknüpft, von welchem ein nicht mit
der grössten Sicherheit geführter Stoss oder Hieb abprallen musste, wie von einem
eisernen Bruststück. Zodick wählte, sein zerbrochenes Handmesser zu ersetzen,
einen schneidenden Dolch aus Marten's Rüstkammer, und da er die Waffe in seinen
Gürtel steckte, schien er sich mit verdoppelter Grausamkeit und Bosheit
ausgestattet zu haben. Von Habsucht und Mordlust glühend, drang er nun selbst in
Marten, aufzubrechen, und nachdem er der von seinem grossen Ansehen
zurückbebenden Ester noch einmal seine Drohungen wiederholt, und sie abermals
der Wachsamkeit der Wirtin empfohlen hatte, stürmte er mit seinem trunknen
Gefährten dem Schauplatze eines neuen Frevels zu. -
    In welchen Qualen Ester zurückblieb, lässt sich denken, nicht beschreiben.
Sprachlos starrte sie zu der beräucherten Decke der elenden Stube hinauf, und
flehte in ihrer Seele um Vernichtung. Judit sass an ihrer Seite mit gefalteten
Händen, und betete mit lauter Stimme ein lateinisches Gebet. Die Mutter, nachdem
sie die Hütte wieder verschlossen, fragte die Tochter mürrisch, was sie denn
daher plaudere in unverständlicher Sprache? - »Es ist ein Gebet für die Todten;«
antwortete die Dirne kurz und ernstaft. - »Ei, welch töricht Beginnen;« schalt
die Mutter: »Draussen ist's schwarze Nacht, und schauerlich ist's, jetzo an die
Bahre und das Grab zu denken.« - »Stirbt nicht einer draussen in der Scheuer am
Moor?« fragte Judit entgegen: »Liegt nicht einer schon längst begraben im Moor?
Ach, du verderbte und leichtsinnige Mutter! Ich fürchte, wir werden bald zu
Grabe singen müssen, und zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum, wäre diese
Nacht schon vorbei.« - »Verdient Euch einen Gotteslohn,« jammerte Ester, vor
innerer Bewegung aufspringend, ... »und schafft mich vom Leben, noch ehe sie
vergeht diese Nacht, und wiederkehrt mein Henker!« - »Hättest Du mir auch nicht
gesagt, dass Du nicht getauft bist,« entgegnete Judit verweisend, - »ich würde
es an Deiner Rede hören. Verzweifle nicht an dem Gott über uns, denn so weit
sein Sternendach, so weit und unendlich seine Gnade. Er lässt nicht zu Schanden
werden, wer ihm vertraut. Für den Gläubigen wird das Eisen in der Hand des
Mörders zum kühlenden Palmblatt; denn unser Gott ist nicht zornig, wenn er uns
tödtet. Seine Liebe gibt uns den Tod, weil er uns ferner nicht zu missen vermag
in dem Vaterhaus der Himmel; und vor bitterer Schmach bewahrt er uns durch den
Tod.« - »Ich verstehe Dich,« rief Ester: »und Dein Mund bekräftigt mir, was ich
schon geahnt im Geiste. In dieser Hütte geht aus der Quell meines Lebens.« -
»Wenn Gott es will, ja,« versetzte Judit: »aber nicht vorgreifen darfst Du ihm.
Und wahrlich, wahrlich, Du wirst ferner atmen; ich verkünde dir Leben im
Angesicht des bejammernswerten Weibes, das Dich bewacht, wie das verkaufte
Schäflein unter dem Messer. Du wirst leben, denn mein Gebet hat Kraft, und meine
Ahnung wird lebendig.« - »Tochter! Du hast den Verstand wahrlich verloren!«
seufzte die Mutter, unruhig in der Stube umherwandelnd. - »Nein, Mutter,« redete
Judit: »Du aber hast Dein Heil verloren, unglückliches Weib, und sie ist,
fürchte ich, verstrichen die Zeit der Besserung. Du wirst zur Hölle gehen
müssen, wenn nicht meine Tränen ihre Flammen auslöschen.« -
    »Ach, wie lieblos bist Du gegen mich vor der Fremden!« klagte die Alte mit
schmerzlich bewegtem Gewissen. - »Ich hasse Dich ja nicht,« antwortete Judit
milde, und nahm die Hand der Mutter: »Komm, wir wollen uns letzen, da noch nicht
die Stunde da ist. Wir wollen uns vergeben, wie Leute die von der Jammerwelt zu
scheiden begehren. Du bist ja meine Mutter, und Dein Schoss hat mich getragen;
aber besser wäre es, Du wärst ein unfruchtbarer Baum geblieben, oder noch
besser, Deine Mutter hatte nie geboren. Schön ist ein Stamm mit gesunder Blüte
und Frucht, aber den gifttragenden sollte man abhauen. Tue Busse, Mutter, da es
noch nicht an der Stunde ist, dahinzugehen in das Dunkel drüben.«
    »Du wirst mich noch aufbringen durch Dein abgeschmackt Gewäsch;« versetzte
die Alte, deren Geduld auszugehen begann: »Schweige, ungeratnes Kind, deren
Torheit wir unbegreiflich lange nachgegeben haben. Schweige.« - »Das kann ich,«
entgegnete Judit aufstehend: »Ich bin nicht die einzige Stimme in der Welt,
welche erstickt wird im Unrecht, Ich will hinausgehen an das Moor, wo mich das
Schilf versteht, nur Einer mit mir betet aus der kalten Tiefe. Denn auch aus
Schlamm und Röhrig dringt der Todten Gebet zum lieben Gott.« - »Nicht von der
Stelle!« eiferte die Frau, sie zurückhaltend: »Du sollst mich nicht allein
lassen in dieser Nacht. Du hörst's, über die Berge kommt ein Wetter daher, und
es donnert dumpf und gräulich. Du sollst dableiben, sage ich Dir.« - Judit
besann sich eine Weile, kehrte dann ruhig um, kauerte sich zu den Füssen der
Mutter am Heerde, und sagte weich: »Ich will bei Dir bleiben, Mutter. Ich will
Dir noch gehorsam sein, und erfüllen, was ich Dir gelobte, bis an's Ende. Denn
bald wird sie vorüber sein, die Zeit des Gehorsams, denke ich. Deine Zeit,
unglückliche Mutter.« - »Sprich doch nicht so frevelhaft;« schalt die Alte:
»Mich schauert vor Deiner Liebe, wie vor Deiner Busspredigt.«
    »Fühlst Du das,« - fragte Judit langsam, - »fühlst Du das bei meiner Liebe,
was soll ich fühlen, wenn Du mich Deine liebe Tochter nennst? - Doch, sieh, die
Fremde ist entweder im Kummer dahingegangen, oder sie ist entschlummert vor
Ermattung. Sie scheint von uns die unglücklichste zu sein, und ist doch viel,
viel reicher, als wir. Sie hat ein gut Gewissen, und einen Vater, der unschuldig
im Kerker leidet. Unschuldig, Mutter. Aber, nicht wahr, Du kennst das Wort nicht
mehr? Gib mir die Hand, armes Weib; ich will Dir vergeben im Namen des Herrn,
der über uns gebietet, wenn nur ein Funken von Reue in Deiner rauhen Brust
aufschlägt.« - Die Alte schlug erbittert die dargebotene Hand aus, und stand
ergrimmt auf. Judit seufzte aus tiefer Brust, und liess, ruhig sitzen bleibend,
geduldig geschehen, dass die Mutter die arme Ester ziemlich derb und roh aus
ihrer Betäubung aufschüttelte, und ihr befahl, sich in die Kammer zu begeben, wo
sie bis zu Zodick's Rückkehr eingeschlossen verbleiben sollte. Ester warf
scheue Blicke um sich her, als befürchte sie, den grässlichen Bräutigam zu
schauen; dann schlug sie die Augen noch einmal mit bitterm Vorwurf gen Himmel,
und liess sich halb bewusstlos von der Alten an die Türe der elenden, ringsum
dunkeln Kammer gleiten. Judit war indessen aufgestanden, und fasste auf der
Schwelle ihre Hand. »Tue nicht vorschnell!« ermahnte sie das leidende Mädchen:
»Der Mensch kann sich aus dem Leben reissen, wann und wo er will, aber nicht zu
rasch beginne er das traurige Werk. Bete in dem Dunkel dieser Kammer, aber tödte
Dich nicht, und kämpfe gegen die Verzweiflung. Wahrlich, ich sage Dir, Du wirst
leben, und Dein Frühling wird nicht in dieser Sturmnacht untergehen, denn schon
rollt über Himmel und Gebirge der Wagen desjenigen, der Dich retten wird, so
gewiss als sein Sohn Mensch geworden ist.«
    Die Alte stiess Judit unwillig zurück: »Blödsinnige!« schalt sie: »Deine
Tollheit steigt. Lass die Dirne im Frieden. Nicht jeder bringt sich um, der damit
droht, und was gilts. Ehe es Morgen wird hat die Spröde hier in des Buhlen Arm
den abgeschmackten Vorsatz vergessen, und begehrt nichts besseres, denn zu
leben.« - Mit einem Blicke der tiefsten Verachtung wendete sich Ester von der
Unverschämten, und ging stolz in die Kammer, deren Türe die Alte hinter ihr
verriegelte. Judit zuckte die Achseln mit finsterm Gesicht, und ging zum
Fensterlein; während Marten's Weib still und verdrossen an den Herd schlich,
und sich auf seinen gewohnten Platz niederliess. Mutter und Tochter sprachen kein
Wörtlein, und eine angstvolle Stille lagerte sich in der Stube, nur unterbrochen
von dem Schluchzen Esters, das manchmal laut wurde, und von dem näher und näher
rauschenden Hochgewitter. Die Kienspäne flackerten traurig, und der Blitz der
Wolken welcher von Zeit zu Zeit einen Strahl seines blendenden Lichtes in die
Hütte warf, schien der armseligen Fichtenflamme zu spotten. Mit der Heftigkeit
des Gewitters stieg die Beklommenheit des alten Weibes, das alle Überreste von
Bussseufzern und Wettergebeten aus seinem Gedächtnisse hervorsuchte, um dieselben
gedankenlos mit bebender Lippe abzuplärren. Die Alte sang bald, bald betete sie
mit lauter Stimme ein Stücklein eines andern Betspruchs, bald grommelte sie
zwischen den Zähnen Worte ohne Verstand und Zusammenhang. dabei wurde ihre Angst
immer mächtiger, und Judit, die das verzweiflungsvolle Treiben der Mutter
ersah, trat endlich wieder zu ihr. - »Mutter;« sagte sie zu ihr: »Nicht tuts
Not, Euern Leib zu peinigen, da doch die Seele nimmer gesunden will. Was sollen
die Worte der Angst aus Eurem Munde, da doch das Herz nichts von ihnen weiss?
Warum zerschlagt Ihr die Brust, da doch nicht der Heiland darinnen seinen Tempel
erbaut? Ach Mutter, so Ihr nicht Euer Elend erkennt, wird Euch die Bitte auch
nur zum Fluch. Aber auch nur ein Gedanke kann hinwiederum Euch retten; ich
besorge jedoch, er wird sich nicht einfinden in Euerm verstockten Gehirne, der
Gedanke Eures entsetzlichen Jammers, erzeugt durch die Ruchlosigkeit Eures
Wandels. Verdreht nicht die Augen, seufzt nicht, als ob ein Berg auf Eurer Brust
läge, denn nicht Eure Schuld belastet Euch, sondern die Mahnung an das Ende.
Stosst mich nicht von Euch, denn wie bald werden nicht Eure zitternden Hände nach
mir langen? O Mutter, .. Mutter, die mich gesäugt hat zum elenden Dasein! Warum
ist Dein Haar schon grau vom Schimmel des Alters? Warum ist Dein Leib
vertrocknet, und darinnen nicht minder Dein Herz? Dass Du zum Kinde werden
könntest, mit offenen Ohren und vertrauender Seele, und weichem Gefühl. Du
würdest dann in jenem Donner der Höhe nicht den Schritt des zornigen Gottes
vernehmen, sondern die Siegesklänge seiner Liebe ... Du würdest Dich sehnen
hinaufzugehen zu ihm auf der Leiter seiner flammenden Blitze; - aber nicht dem
himmlischen Feuer ist Dein Leben verfallen, Unglückliche.« - Das Wort
auffahrenden Zornes auf der Zunge der mitten in ihrer Angst erbitterten Mutter
erstarb unter dem krachenden Gebrüll eines fürchterlichen Donnerschlags, welcher
die Erde beben machte. Der Blitz, der mit ihm zugleich vom Himmel fiel, schien
die Umgegend rings in Feuer zu setzen; er war indessen schon lange erloschen,
als seine falbe Helle noch von den geblendeten Augen der Weiber flatterte, die
nun langsam sich weiter auftaten. Ihre Ohren summten aber noch lange den
gräulichen Wetterschlag nach, der noch jetzt dumpf und langsam fortdröhnte, und
sich wie in einen jammernden Schmerzruf aus der Ferne auflöste. Judit, die der
armen Ester klagende Stimme zu vernehmen dachte, lehnte lauschend das Haupt an
der Kammer Tür. Das Mädchen darinnen betete laut in hebräischer Sprache, eifrig
und stark. Durch das Fenster jedoch, das Sturm und Wettergewalt aufgerissen
hatte, drang durch den heftig niederströmenden Regen der vorige Schmerzruf in
die Stube, und wollte nimmer verstummen, und erneute sich immer wieder, und
wurde grässlicher, je länger er währte, und schien der Hütte näher zu kommen. --
Judit's Haar sträubte sich, und die Mutter rief mit frostig klappernden Zähnen:
»Horch! Horch! O mein Herrgott! Judit! das ist der Todte aus dem Sumpfe, und
verlangt nach seiner Habe!« - »O nein! o nein! Mutter!« entgegnete langsam und
hohl die sehr ergriffene Tochter: »Den Todten singt der Donner das Schlaflied,
aber, der jetzt heraufkriecht zur Hütte, und dessen Stöhnen unterm Fenster
klingt, will erst ein Todter werden, und sich hinunterlegen, von wannen wir zum
Gerichte gehen.« - »Um des Heilands willen! was redest Du denn?« jammerte die
Mutter: »Mich überläuft eine Gänsehaut. Es wird doch nicht Einer von unserm
Hause sterben?« - »Ja!« erwiederte Judit mit gebrochener Stimme, da ein
leichenblasses Gesicht zum Fenster auftauchte: »Vor seinem Hause ... der Vater
ist's.« - »Jesus!« kreischte die Mutter, herzuspringend mit dem brennenden Span:
»Christus! Marten! Ach wie bist du voll Blut.« - »Lass mich ein!« stammelte der
am Kopf auf's Entsetzlichste Verwundete, - sich mit den schwachen Händen an das
Fenster klammernd: »Mach auf ... ich will drinnen ein Ende machen.« - Er sank
trotz aller Anstrengung, wieder zum Boden nieder, und wurde ohne Sinnen von Weib
und Tochter hereingebracht, und auf Judit's dürftiges Lager gebracht, das
hinter einer elenden Scheidewand von Rohr hergerichtet war. Die Alte geberdete
sich wie eine Verzweifelnde, warf sich über den Körper des röchelnden Mannes,
und zerraufte sich das spärliche graue Haar. Indessen schaffte Judit, besonnen
und klaglos Alles herbei, was zur Erleichterung des Verwundeten gereichen
konnte. Aber nicht Wasser, nicht Wein konnte das Blut stillen, das aus der
grässlichen Todeswunde floss, und der Verlorne dankte es nicht den Bemühungen der
Tochter, die seine Lebensgeister wieder erregte: »Der Tanz ist aus!« lallte er
in wildem Sterbekampfe: »Heut holt mich der Schwarze, und morgen den verdammten
Edelmann, der mich zusammenhieb.« - »Wo ist der Jude?« schrie ihm Judit in's
Ohr. - Marten machte mit der Rechten eine Bewegung zur Erde, als ob er auf einen
zu Boden Gestreckten deutete. - »Halleluja!« betete die Tochter mit heiterm
Gesichte bei diesen Worten, obgleich sich die Züge des Vaters fürchterlich
verzerrten, und die Mutter wütend rief: »Schlange! Du preisest den Himmel an
Deines Vaters Sterbelager?« - Die Dirne schob dem Vater den Polster zurecht, und
verliess dann sein Bett, um in einen Winkel zu knieen. Die Alte badete den
erstarrenden Mann mit siedenden Tränen, ballte die Fäuste gen Himmel, und spie
Gebete aus, die wie Lästerungen klangen. Marten erwiderte hierauf
unverständliche Worte, und vermochte bald nur stumm die Lippen zu bewegen.
»Judit! Judit!« krächzte die Heulende: »Er stirbt! Hilf! Hilf, Du jetzt,
Betschwester hilf!« - »Lasst ihn doch vergehen!« antwortete diese eintönig: »Ich
sagte es ja, ich würde heute ein Todtenlied singen müssen; und ... ach Herrgott!
wäre doch die Nacht schon vorbei, Mutter. Mein Herz ist noch nicht ruhig
geworden, und meine Ahnung ist noch lebendig. Weint über Euch, Mutter, nicht um
den verlornen Mann.« - Die Alte drohte ihr mit Wutgeberde, warf sich jedoch
wieder über den Sterbenden, und überliess sich allen Ausschweifungen eines im
wildesten Gramm auflodernden Herzens. Judit ersah den Augenblick, wo die Alte
ihr Gesicht in die rauhe Decke des Lagers gedrückt hatte, und stille
verschnaufte. Sie hob den Schlüssel auf, der dem Weibe entfallen war, und
schlich leise zu Ester's Kammertüre. »Komm heraus!« flüsterte sie, das Schloss
behutsam öffnend: »Der Jude ist todt: der Vater stirbt. Entfliehe!« - Wie auf
den Flügeln der Hoffnung stürzte ihr das Mägdlein in die Arme, und beide
schlüpften an der Rohrwand vorbei aus der Stube, ohne von der Alten bemerkt zu
sein. »Ach, wohin in diesem tobenden Sturme?« fragte zitternd Ester, da vor der
Türe der pfeifende Zugwind die Flechten ihres schönen Haars durcheinander
peitschte: »Ich sterbe, stössest Du mich hinaus in das Brausen des Wetters.« -
»Komm« - erwiederte Judit ... »komm zur Scheuer! Unter den wilden
Kriegsknechten bist du sichrer, denn unter uns. O, diese Nacht ist noch nicht
vorüber, sagt mir ein finstrer Geist. Komm, dass ich Deine Unschuld rette aus dem
Neste des Verbrechens.« - Am Brunnen und dem wüsten Gärtlein vorüber, vorbei am
Moore, das selbst unter dem Rauschen des Windes und des Regens still und bleiern
zu liegen schien, umfangen von traurig öden Ufern, leitete Judit die Zitternde
zu der Scheuer leichtem Bau. Rosse stampfend darinnen, und da Judit die breite
Tür öffnete, sahen die Eintretenden zwei Männer bei einer verhüllten Leiche
sitzend, und wachend beim Schimmer einer dem Verlöschen nahen Leuchte. Die
Männer fuhren beim Geräusch auf, und nach den Waffen, aber mächtiger denn Waffe
und Wehr war Ester's staunender Blick. Denn vor seinem Leuchten sank des einen
Mannes Schwert zur Erde, ein himmlisches Lächeln streifte über sein verstörtes
Antlitz, und mit dem Rufe: Ester! geliebte Ester! wo kommst Du her bei dunkler
Nacht? stürzte er dem aufschreienden Mädchen um den Hals. Die Erschütterte, die
sich in Dagobert's Armen, an seiner Brust fühlte, dachte nicht daran, seiner
plötzlich, allen Fesseln zum Trotz, hervorbrechenden Liebe zu widerstehen, und
überliess sich mit Freude und erneutem Vertrauen seinen Liebkosungen. - Während
hundert und wieder hundert Fragen von ihrem und seinem Munde flogen, und keine
beantwortet wurde, und doch eine jede auf Antwort drang, rieb sich Judit
verwirrt die Stirne, und sah bald betroffen auf die Gruppe der Neuvereinten,
bald auf den Knecht Vollbrecht, welcher, ohne viel mehr zu begreifen, regungslos
dabei stand. -
    »Verblendete Welt!« rief sie endlich, zwischen Dagobert und Ester tretend:
»Ist es an der Zeit, im Rachen des Todes sündliche Flammen zu schüren? Mann!
seid Ihr ein Christ? und umarmt eine ungläubige Jüdin? Weib, willst Du also das
Bad der Taufe verdienen? Flieht, rettet Euch. Hier ist Eures Bleibens nicht.
Mörder sind um die Wege. Fort, ohne Säumen, denn ich weiss ... ich weiss ... die
Zeit die ich fürchte, ist da.« -
    Ohne weiter ein Wort zu verlieren, eilte Judit davon, um zu den Eltern
wiederzukehren. Aber am Sumpfe hielt sie ihre Schritte an, und lauschte scheu
nach dem flirrenden Röhricht, auf welchem die Tropfen des langsam fallenden
Regens knisterten, und aus dessen Grunde Schatten zu nicken schienen, mit
glühenden Augen und verzerrten Gesichtern. Hier, an dem Ufer warf sich die Dirne
auf die Knie, und breitete ihre Hände aus über das stille Moor, und sprach, wie
eine beschwörende Hexenfrau: »Unschuldig Gestorbner auf dem Grunde und im
Schilf! Zürne nicht mehr der Seele meines Vaters, denn sie verlässt den Leib
gerade jetzo mit Angst und Seufzen. Zwei Augen haben sich zugetan, die den
Herrn nimmer erkannt haben. Vergib den beiden, die noch offen stehen, um des
Erlösers Willen, und ruhe fürder im Frieden. Und Du, barmherziger Gott!
entsündige die, die mich zeugten, und sollten ihre Laster alle auf mein Haupt
fallen; lass aber auch die schmachtende Unschuld nicht verderben, wenn es in
Deinem Ratschlusse ist, und schone dann mein Herz nicht.« - Ihrer aufgeregten
Einbildungskraft war es just, als ob aus dem bleischwarzen Sumpf eine weisse Hand
sich herausstreckte, lang und hager, die Ihrige zu fassen, wie zum Pfande Ihres
Gelöbnisses, und sie riss sich entsetzt von der unheimlichen Stätte. Indem sie
mit Befriedigung dem Hufschlage der Pferde lauschte, die aus der Scheune
heraustrabten, und sich jenseits gen Bergen hin verloren, - indem sie Gott
dankte, dass er die fremde Jungfrau in seinen Schutz genommen, - hörte der Regen
auf, und die zerreissenden Wolken liessen schwaches Licht hernieder. Es leuchtete
grässlich für Judit, denn sie erblickte den Schatten eines Mannes durch das
Dunkel nach der Hütte eilen und darin verschwinden. Der Gedanke: Wenn Zodick
nicht todt, ... wenn der Jude jener Schatten wäre! stiess wie ein scharfes
Schwert in ihr Gehirn, und die Erinnerung an seine entsetzliche Verheissung
schlich fröstelnd durch ihre Adern. - »Wenn er wirklich zurückgekehrt wäre aus
dem gelogenen Tode!« murmelte sie zwischen den Zähnen, und sah vor sich hin in
das Dunkel: »O, welch ein Ende würde das Elend nehmen? Aber nur auf Gott
vertraut! Er kann binden, er kann lösen!« - Noch eine Weile horchte sie, dann
drang ein entsetzliches Geschrei aus der Hütte. - »Herrgott! die Mutter!«
stotterte die heftig Zusammenfahrende: »Weh mir! Der blutige Mann bringt sie um,
und fort wollte sie, um dem Mörder die eigne Brust zu bieten, statt des
Mutterherzens.« Aber ihre Füsse konnten nicht von der Stelle. Riesenkräftig
strebte sie vorwärts, aber wie eingewurzelt hielt sie der Boden. In erbärmlicher
Angst arbeitete ihr Busen; der Mund versuchte zu schreien, doch seine Stimme war
erloschen; alle Sinne und Kräfte schienen allmählig von ihr zu entweichen; nur
das Ohr blieb in grausamem Gehorsam, denn sie musste hören, hören, wie nach und
nach das Geschrei zum Gejammer, die Klage zum Gewimmer wurde, wild unterbrochen
von Zodick's fluchender Wolfsstimme. Und schwächer wurde das Gestöhne, und
endlich gelang es der gefolterten Tochter, sich zu ermannen, und loszureissen von
dem Platze des Entsetzens. Allein, nicht hinweg von dem Orte des Schreckens, -
hin drängte sie der schwarze Geist des Augenblicks. Sehen - sehen wollte sie,
und dem Wütrich in's Auge schauen. Wie eine wutentflammte Löwin, die Züge bald
in bleiche Angst, bald in roten Zorn getaucht stürzte sie in die Hütte, und
vernahm in der Stube das Ächzen der Mutterstimme, die Verwünschungen des
Unholden, der Türen zu sprengen, Kisten und Kasten zu zerschlagen im Begriff zu
sein schien. Welch ein Anblick, da Judit in das Gemach drang? Umgestürzt die
Rohrwand, und blutend darauf ausgestreckt die Wirtin des Hauses ... das Messer
in der Brust. Des Vaters starrer Leichnam halb aus dem Lager geschleudert, in
welchem die gierigen Hände des Räubers gewühlt hatten. Schrank und Truhen
erbrochen; der Raub von manchem Jahre hervorgezerrt an's Licht der Herdesflamme,
und zerstreut auf dem Boden liegend. Und mitten in dem Gräul dieser Umgebung der
schändliche Zodick selbst stehend, durchnässt von Regenfluten und Blut,
plündernd, wählend, verwerfend, und Gotteslästerungen und gräuliche Flüche aus
dem giftigen Munde sprudelnd. Das schauderhafte Bild entlockte der eintretenden
Judit einen lauten Schrei. Die endende Mutter hörte ihn noch, faltete bittend
die Hand gegen die Tochter, und verschied. Aber auch dem Mordbuben war die
Gegenwart der verhassten Judit nicht entgangen. Sein grässliches Auge blitzte ihr
Verderben entgegen, sein schäumender Mund stammelte: »Verflucht seist Du,
hässliche Brut, und während die Linke den Sack sinken liess, in welchem er das
Kostbarste von Marten's Habe geworfen hatte, um es fortzuschleppen, suchte die
wutzitternde Rechte das Messer an der Hüfte.« Judit verstand die
unglücksschwangere Bewegung, und kam ihr zuvor, denn das Eisen, das der von Raub
und Mord zerstreute Bube am Gürtel wähnte, riss sie aus der Brust der
Hingeschlachteten, und zückte es schreiend gegen Zodick selbst. Dem
Meuchelmörder fehlte die Faust, was sie nicht mit Stahl bewaffnet, und der feige
Verbrecher erstarrte vor dem beherzten Weibe. »Komm an!« rief ihm das Letztere
entgegen: »Jude! gottesmörderischer Jude! erwürge mich jetzo, wie Du meine
Mutter erwürgt hast.« - »Ich hatt' ihr's geschworen!« erwiederte Zodick frech,
indem er sich gegen die Wand zurückzog: »Ihr habt davon geholfen meinem Lieb,
und dafür hat die alte Kehle bezahlt.« - »Niederträchtiger!« schrie Judit unter
heissen Tränen schmerzlichen Grimms; »wär' ich ein Mann, Du kämst nicht lebend
über diese Schwelle; aber ich bin ein Weib, gerade noch stark genug, Dir das
Messer in den Hals zu rennen, so Du mir nahst. Doch spricht der Herr zu Dir, aus
meinem Mund: Dein Weg auch naht sich seinem Ende. Vier Augen, die ich schonen
musste, sind geschlossen auf ewig, aber die Deinen, die ich hasse, dürfen nicht
allein offen bleiben. Raube hier, und stehle, was Dir gefällt. Mir würde grauen,
von dieser blutgetränkten Habe ein Stück zu nehmen. Doch Dir sei sie Verderben.
Ich habe nicht mehr den Vater, nicht die Mutter zu verschonen; und jetzt noch, -
heute - von diesen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt.« - »Gott soll mir
helfen!« rief der überraschte Zodick, wie zusammensinkend: »Das tätst Du,
Ungeheuer? Drache des Amalek?« - »Der Himmel will's!« antwortete Judit gehoben:
»Versuch's, mich aufzuhalten, da der Herr mir befiehlt, zu gehen!« - »Eher
sollst Du verschwarzen!« brüllte der Jude, auf sie losfahrend. Da stürzte die
Leiche des alten Räubers vollends herab vom Lager, vor die Füsse Zodick's, und
dieser Sturz hemmte seinen Lauf, dass er erbebend stille stand. - Judit riss die
Türe auf: »Siehst Du, wem ich vertraue?« rief sie siegreich: »der Gott der Welt
ist mit mir. Die durch Dich elend Gemachten werden nicht sterben, ... - Deine
Bosheit wird entüllt, und verfällt dem Schwerte. Verzweifle, ich gehe gen
Frankfurt!« -
    Sie warf sich entschlossen aus der Türe, und rannte wie eine Gemse davon
über Hügel und Sandstürze, das Keuchen und Schnauben des sie verfolgenden
Mörders hinter ihr. Ihrem kräftigen Vertrauen, dem Bewusstsein ihrer, wie von
Gott selbst auferlegten Pflicht gelang es, den Vorsprung im gewaltigen Laufe zu
vermehren, statt eingeholt zu werden. Zodick's Flüche wurden dumpfer, das
Keuchen seiner Brust, wie seine Schritte verhallten hinter ihr, und da sie,
unfern vom Schellenhofe inne hielt, um von dem gewaltigen Rennen sich zu
erholen, war der Nachsetzende ganz zurückgeblieben. Sie zog sich hinter einen
Versteck von Schlehensträuchen zurück, um ruhig sich zu erholen, und nach dem
Aufgange, wo schon der Tag bleichte, lenkte sich ihr Auge, in welchem jetzt die
Tränen ausbrachen, die der Schmerz über den fürchterlichen Tod ihrer Erzeuger
darin angehäuft hatte. Feierlich betete sie ein De profundis für die des
himmlischen Lichts unwürdigen Seelen, und eine gewisse Freudigkeit entstand in
ihr, da sie dieser letzten Kindespflicht genügt hatte, und an die schönere
Pflicht dachte, die sie jetzt zu erfüllen sich vorgenommen. Diese Freudigkeit
verliess sie auch nicht, als blutrote Flammen in der Ferne aufstiegen, und Hütte
und Scheuer emporloderten im gefrässigen Feuer. »Dort feiert der Mörder sein
Fest!« sagte sie ruhig und betrachtend: »Seine ohnmächtige Rache zerstört das
Haus des Meineids und des Mords. Fahrt wohl, arme verirrte Eltern! Besser ist's,
das Feuer verzehrt Euer Gebein, als der unehrliche Stöcker müsste es auf dem
Anger begraben. Euerm unsterblichen Teil sei aber der Herr der Himmel gnädig,
wie auch mir, dass meine Stimme nicht verhalle in der Wüste, und Segen entspriesse
aus dem Grabe der Meinigen!«
 
                                    Fussnoten
1 die Stadt
2 Jüdischer Gebrauch nach dem Tode eines Hausgenossen.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
 Fasset Mut im Sturm der Wellen,
 Euern Mast hält Gottes Hand;
 Nimmer wird der Kiel zerschellen,
 Der euch führt in's freie Land!
 Nur, wenn das Vertrauen bricht,
 Geht ihr unter, eher nicht!
                                                                          Moore.
Der Altbürger Dieter Frosch betrat mit zornflammendem Gesichte und heftiger
Geberde das Vorzimmer des Schöffensaals im Ratause, und fragte auffahrend und
rauh nach dem Schulteiss. Der Ratsknecht wies ihn in das Verhörgemach, in
welchem der Ritter, die Hände auf den Rücken gelegt, und finster simulirend auf
und nieder ging. Es war noch früh am Tage; darum war der edle Herr noch völlig
allein. Als er den Schöffen hereinkommen sah, blieb er stutzig in der Mitte des
Zimmers stehen, und nahm eine drohende Haltung an, da er um des ganzen Wesens
des Alten willen auf einen stürmischen Angriff rechnen konnte. Dieter
rechtfertigte diese Vermutung, und fing mit übelverhaltnem Groll an: »Mir ist's
lieb, dass ich Euch allein treffe, Schulteiss, - oder auch nicht lieb, denn ich
hätte Euch auch gerne vor Zeugen gesagt, was ich nicht auf dem Herzen behalten
kann. Ihr seid ein frecher unritterlicher Mann, der viel zu kurz kommen möchte,
würde ihm Rechenschaft von seinem Handeln abgefordert.« - »Herr! ...« entgegnete
der Schulteiss empört; der Schöffe liess ihn jedoch nicht vollenden, sondern fuhr
fort: »Es ist ein Unglück, das öffentliche Wohl in den Händen eines Mannes zu
wissen, der; im Innersten verderbt, seinen Leidenschaften jeden Zügel schiessen
lässt, das Beispiel der Unsittlichkeit gibt, und in jedem Dirnengesicht einen
Stachel für seine Wollust findet.« - »Seid ihr toll geworden, Schöff?« fragte
der Schulteiss trotzig: »oder plagt Euch der Teufel der Eifersucht abermals?« -
»Keine Ausflüchte!« fuhr Dieter heftig fort: »Was soll die Geschichte
vergangener Nacht bedeuten? Warum habt Ihr mein Eigentum, den Schellenhof,
verletzt durch unziemlichen und verbotnen Angriff? Warum habt Ihr Leute, die ich
dortin gesetzt, gefangen wegführen lassen? Ist ein ehrlicher Mann nicht mehr
hinter seiner Gränze und Feldmark sicher? Oder ist mein Haus ein Sammelplatz,
eine Herberge lüderlichen Gesindels? Ich verlange, dass Ihr Abbitte leistet, und
die unschuldig Gefangenen losgebt.« - »Ihr redet irre, guter Mann,« erwiederte
spöttisch und kalt der Ritter: »Von dem Auftritte verwichner Nacht weiss ich
wohl, doch ging er nicht auf mein Geheiss vor sich. Was hätte ich auch auf Euerm
Schellenhof zu suchen? Der Oberstrichter jedoch hatte Fug und Recht, Kraft
seines Amtes, den Versuch zu machen, ein gefährliches Weib, dem man lange schon
auf der Spur gewesen, aus dem Nest zu heben, das ihm sicherlich Euer Sohn auf
Euerm Eigentum bereitet. Man hat statt dieser Dirne, die wohl, früher gewarnt,
die Flucht nahm, eine Andre ergriffen, die Euch ziemlich nahe angehen mag, und
die, sammt ihrem Kinde, wenn sie das übliche Verhör ausgehalten, Euch wieder
zurückgegeben werden wird. Das ist der Zusammenhang der Sache, und ich finde es
frech von Euch, Schöff, dass Ihr Euch herausnehmt, mich bei jedem Anlass zu
verunglimpfen. Für meine Würde ziemt sich indessen Vergebung besser, denn Rache,
und ich behalte mir vor, einmal später mit Euch die ganze Rechnung abzutun auf
einmal.«
    »Ihr seid eine glatte Schlange;« entgegnete der gereizte Dieter: »Der
Oberstrichter schiebt die Schuld auf Euch, und Ihr wälzt alle Verantwortlichkeit
auf den Richter.« - »Hagel, Blitz und Strahl!« fuhr der Schulteiss auf:
»Wahnwitziger Mann! treibt mich nicht aufs Äusserste. Eurer groben Tücke bin ich
schon längst herzlich müde. Solch Verfahren steht Eurem Greisenalter wenig an,
schier so wenig als es sich für Euch schickt, eine fahrende Tochter sammt ihrem
Bankert auf Euerm Hofe zu halten. Ihr gebt das Beispiel der Unsitte und
schlechten Zucht, und es ist gar kein Wunder, dass Sohn und Frau nicht aus der
Art schlagen. Schämt Euch und schreibt es Euch selbst zu, wenn die Gerichte Euch
auf dem Halse liegen. Es gehen unerbauliche Dinge in Euerm Hause vor, und Ihr
selbst habt Rat und Bürgerschaft in Eure missliche Händel gezogen. Auf allen
Gassen spricht man von der Historie Eurer Ehewirtschaft: Auf allen Strassen
laufen Spärer umher, nach Eurer Tochter zu forschen, die, - wer weiss, in welchem
Waldneste, mit einem Buschklepper Buhlerei treibt, mit dem sie willig entlaufen?
Euer Argwohn hat ja nicht geruht, bis ich dem Stadtauptmann erlaubte, gestern
einen Tross seiner laufenden Gesellen nach dem Sprünglin zu senden. Wie ich
vernommen, hat sich die kaiserlich freie und heimliche Acht nicht minder in die
Untaten Eures Sohns gemischt. Donner und Teufel! was soll nach solcher Menge
von Ärgerniss, die Euer Haus gegeben, die stolze verletzende Rede, welche Euer
Mund so freigiebig führt? Ich weiss sehr gut, dass Ihr wünscht, jetzo ein Basilisk
zu sein, um mich mit einem Blicke zu erstechen, weil Ihr noch immer so töricht
seid, zu glauben, ich hätte Euerm Weibe nachgestellt. Allein ich lache Eures
possierlichen Grimms, und wenn Ihr's noch ärger macht.« - Dieter stand wort-
und bewegungslos da, so gewaltig hatte ihn des Schulteissen Rede zerschmettert,
weil sie eine Masse von Unrecht auf ihn warf, die er nicht mit einem heftigen
Worte abzuschütteln die Macht besass. - Der Schulteiss dagegen freute sich, den
überaus verhassten Schöffen, so recht in's Leben treffen zu können, und sprach
mit boshaftem Lächeln weiter: »Wie steht's mit Euerm Weibe, Dieter? Ich hörte
schon in aller frühe, Margarete sei entlaufen. Läugnet nicht, denn ich weiss es
von guter Hand, wie es schon die Stadt weiss, und mich wundert nur, dass Ihr mir
nicht auf den Kopf zusagt, ich hätte sie Euch gestohlen. Wie es aber auch damit
gegangen sein mag, ... ich kann ihr nicht Unrecht geben. Einmal ist es hart für
eine Frau von lockern Sitten, bei einem mürrischen Manne auszuhalten, der den
strengen unerträglichen Sittenrichter spielt, ob er gleich unfern der Stadt sein
eigen Lieb in stiller Kammer hält; zum Andern ist sie wahrscheinlich von ihrem
Buhler Dagobert, der seine Ursachen hat, nicht nach der Stadt zurückzukommen,
beschieden worden, - und endlich, denke ich, hat sie gerade die rechte Zeit
gewählt, zu gehen, um dem weltlichen Gerichtsarm zu entlaufen.« - Dieter
staunte den Ritter finster an .... »Ich vergebe Euch die Schmächungen, mit denen
Ihr mich überhäuft,« ... sagte er, kaum vernehmbar vor innrer Bewegung; ...
»aber ... habt die Gnade, mir zu erklären, wie meine Hauswirtin Margarete dem
Gericht verfallen sein kann, da ich noch nicht als Kläger vor die Schranken
trat?« - »O, mein lieber Herr,« entgegnete der Schulteiss: »Das soll Euch nicht
vorentalten bleiben, und gewiss wird Euch's noch diesen Morgen kund.« - Der
Ratsknecht meldete: der Stadtauptmann und ein Rottmeister der Stadt forderten
Gehör bei dem strengen Herrn, um zu berichten, was bei'm Sprünglin vorgefallen.
- »Recht;« erwiederte der Schulteiss: »Herr Frosch: Ihr seid ja am meisten bei
der Sache im Spiele. Verharrt, und hört mit an, was uns die Leute sagen werden.
Ihr mögt hören, dass Alles, Euerm Wunsch gemäss und in strengstem Geheimnis
ausgerichtet worden.« Die Gemeldeten erschienen, und der Stadtauptmann fragte
den Schulteiss, ob es ihm gefällig wäre, zu vernehmen, was der Rottmeister
Sebald erzählen werde. »Ich habe ihn,« sprach er, »als einen geschickten Mann
auserwählt, mit zehn laufenden Söldnern den Zug nach dem Bannsteine von Bergen,
das Sprünglin genannt, zu verrichten, und er ist gestern um die neunte Stunde
der Nacht von dannen gegangen, und heute, als die Toren wieder geöffnet wurden,
hereingekommen.« - Der Schulteiss gebot dem Rottmeister kund zu tun, was ihm
und seinen Leuten begegnet sei, und getreulich begann dieser Folgendes zu
berichten: »Wie der edle Hauptmann Euch eröffnet,« sagte er, »so bin ich mit
meinem Häuflein von dannen gezogen, da es gerade neun Uhr am Abend sein mochte,
und das Wetter drohte, nicht das Allerbeste zu werden. Deshalb liess ich meinen
Bieber frisch drauf los treten, und wir waren auf Feld- und Hohlwegen in die
Gemarkung von Bergen gelangt, ehe wir es nur merkten, und kehrten ein in dem
einzelnen Gehöft, das man gewöhnlich im Tannicht nennt. Versteckter hätten wir
allerdings in der Martenschenke gelegen, die am Sandgübel steht, und wo man
gemeiniglich bessern Trunk erhält, obschon nicht immer die besten Kunden sich da
zusammen finden. Aber vom Tannicht aus hatten wir den Sprünglinstein, so zu
sagen im Gesichte, wenn man also reden darf in der Nacht um die zehnte Stunde,
wo der Mond gerade ausgegangen war, und es stockdunkel wurde, dass man die Hand
nicht vor Augen sehen konnte, geschweige das Sprünglin, das vierhundert Gänge
weit vom Tannicht liegt. Ferner ist zu merken, dass in der Martenschenke es nicht
geheuer ist, und um dieselbe am Moor Gespenster zu gehen pflegen, die auch den
herzhaftesten Kriegsknecht erschrecken können. Denn wie Ew. Gestrenger weiss, so
ist dorten die Abdeckerei gestanden, und des Marten's Grossvater ist selbst 'mal
Stöcker gewesen.« - »Du wirst allzuweitläuftig, Freund;« versicherte der
Schulteiss gähnend: »Spute Dich. Wir haben noch mehr zu verrichten, als Dich
anzuhören.« - Der Rottmeister machte ein vedriesslich Gesicht, verschluckte aber
den Ärger: und fuhr rascher fort: »Wie Ihr befehlt. Kurz, wir steckten im
Tannicht, und ein Knecht stand unfern vom Bannsteine auf der Wacht und Lauer.
Die eilfte Stunde kam heran, und wir alle waren noch recht wohl nüchtern, als
der Wächter in das Gehöft sprang, und meldete: es sei gerade jetzo von Bergen
her ein Mann zu Gaule gezogen, der am Sprünglin abgesessen sei, und dabei
lustwandle, trotz dem aufziehenden Wetter und dem Sturme, der sich zu erheben
begann.« - »Passt auf,« sagte ich: »Passt auf. Das wird unser Mann sein. Jetzt
reibt die Ohren rechtschaffen, damit Ihr mein erstes Wort versteht.« - Denn,
beiläufig zu bemerken, ich hatte, sintemal mir das Geheimnis auf die Seele
gebunden gewesen, noch bis jetzo keinem von den Leuten gesagt, was eigentlich
hier im Schilde geführt würde. Wir demnach hinaus, und umzingeln fein leise den
Platz, und schleichen uns näher um den verdächtigen Mann heran, und sehen, dass
er, den Gaul am Zügel mit ihm hin und her geht, als ob's im schönsten
Sonnenschein wäre, und er hätte einen guten Freund am Arme. Da ist uns schier
schauerlich geworden, allen sammt und gar, und haben uns in der Ferne
zusammengetan, und mit einander gewispert, und etliche von uns haben gemeint,
der Mann möchte am Ende wohl nicht ein Mann von Fleisch und Bein sein, sondern
ein Verstorbner, der zur Nachtzeit mit Sporn und Gaul herausmüsse aus dem Grabe,
um Wacht zu halten bis um Zwölfe. Ich habe den Burschen jedoch die Ammenfurcht
verwiesen, und zumal, da ich vernahm, wie der Fremde vernehmlich niesste, was ein
Gespenst nicht tut, so machte ich mich auf, und ging wieder leise an ihn heran.
Da wurde es mir bald klar, dass er ein rechter Mensch sei, denn er fluchte recht
verständlich: »Gott verdamme das vertrackte Zögern, und den vermaledeiten
Regen!« - Ein guter Geist redet nicht von der Verdammnis, ein Böser nicht von
dem lieben Herrgott, und aus dem bisschen Regen machen sie sich Beide nichts;
also war der Mann ein rechter Mann, und ich ging strack und beherzt auf ihn zu.
Er sass just auf dem Bannsteine, den Zügel seines Gauls um den Arm, und in seinem
Gesichte konnt' ich nichts erkennen, als eine grosse Nase und einen Schnauzbart.
Er fuhr in die Höhe, da er mich endlich gewahrte, und antwortete auf mein
barsches: »Wer da?« mit einem drohenden: »Der Teufel, Kerl, wenn Du Dich nicht
packst!« - Er machte eine sehr auffallende Bewegung, und ich denke, er hätte
nach mir geschlagen, hätte ich nicht die Hellebarde blitzen lassen, und gesagt:
»er solle ja das Schlagen unterlassen, denn ich sei Rottmeister der edeln Stadt
Frankfurt, und ein Rudel meiner Knechte, sei nicht fern.« Da besann er sich
freilich, setzte sich wieder auf den Bannstein, und fragte was wir von ihm zu
begehren hätten. Ich sagte ihm nun für's Erste fein höflich, um keinen Verstoss
zu machen, er möchte mir melden, was er um diese Stunde hier zu schaffen habe. -
»Ich treibe Sternguckerei,« antwortete er, und sah steif und fest nach dem
Himmel, auf welchem wohl zu merken, Wetterwolken genug zu schauen waren, aber um
tausend Goldgulden kein Stern. Da ich ihm dieses nun bemerkte, so lachte er laut
auf, und sagte: »Wann Ihr blind seid, kümmerts mich nicht. Ich sehe einen Wald
von Sternen, und lasst mich jetzt ungeschoren.« Es versteht sich, dass ich ging,
denn mir war nicht aufgetragen, Einem zu verwehren, sich am Sprünglin nach
Sternen umzusehen. Doch schickte ich nach einer Weile einen Knecht an ihn mit
derselben Frage, die ich getan, und demselben erwiederte er, »er sei um frische
Luft zu schöpfen, vom Hanauer Schloss herübergeritten; und bedrohte den Frager
mit einer Tracht Prügel, wenn er noch einmal käme.« Dieser kam auch nicht
wieder, aber ich schickte einen Zweiten, welchem der Nachtwandler den Bescheid
gab: »Er warte hier auf seine Maid, die ihm ein Minnestündlein versprochen
habe.« Zugleich aber fing er an, dem Knechte die Tracht Prügel zu geben, die er
dem Andern versprochen hatte. Ich traute nicht, mich darein zu mischen, weil mir
in den Kopf gekommen war, der Mann möchte wohl einer von den jungen Herren von
Hanau sein, die ihrer verliebten Schwänke wegen in der ganzen Wetterau bekannt
sind, und mit denen einen Span zu haben, nicht gut ist. Zudem blitzte und
donnerte es redlich um uns her, und es war geratener, im Gesträuch zu liegen
und zu passen. Während sich nun die beiden am Bannsteine prügelten, und ich
vergebens dem Bastian pfiff und rief, umzukehren, so kömmt schnell durch das
Gebüsch geraschelt, ein Weib im Regenmantel und Regentuch, und prallt zurück, da
sie beim Blitzschein uns erblickt. Ich, nicht faul, packe sie am Gewand, und
frage, wer sie ist. Sie hat mir kauderwälsch darauf geantwortet, und da sie in
der Tat ein Weibsbild, und mir nicht befohlen war, am Sprünglin eine Frau zu
fahen; ... da mir auch der Zusammenhang der Historie klar wurde, so fragte ich
sie schlau und pfiffig, ob sie nicht ein Ständlein am Sprünglin zu besuchen, im
Begriff stehe, und auf ihre Bejahung liess ich sie zum Bannsteine führen, und
sagte zu dem Reiter, der den Knecht noch immer an den Ohren hatte: er möchte
doch einmal aufhören, denn hier sei ja das Weib, das er erwarte. Drauf liess er
den Bastian los, und besah sich die Frau von oben bis unten, und, da mir nicht
befohlen war, ein Paar Liebesleute am Sprünglin zu stören, so liess ich meine
Leute wieder unter die Bäume kehren, wo mir der scheltende Bastian vertraute, er
wolle sich henken lassen, wenn der, mit dem er sich gerauft, nicht der
Leuenberger gewesen. Das war dann nun verdächtig; denn der Leuenberger ist im
Stadtbann, und auf ihn hatte ich absonderliche Weisung. Darum rasch mit
gefälltem Spiess gegen das Sprünglin zurück im hellen Haufen, und wir sahen, weil
der Himmel von allen Seiten flammte, wie der Mann und das Weib noch auf der
Matte standen, und die Frau sich geberdete, als wolle sie verzweifeln. Was sie
aber sprachen, hörten wir vor Donner und Getöse nicht, sondern schrien wie aus
einem Halse: »Gib Dich, Leuenberger! Gib Dich!« - Wie wir jedoch also auf ihn
anrückten, und er Unrat merkt, so nimmt er das Weib auf den Arm, springt mit
ihr und dem Gaule über einen Graben in ein Gerstenfeld, und ruft uns zu:
»Zurück, Ihr Schufte, - mit Verlaub vor Ew. Gestrengen - zurück, denn hier ist
des Grafen von Katzenelnbogen Mark und Eigentum, und er brennt die Stadt
nieder, so Ihr sein Gebiet verletzt.« - Da half dann nun freilich nichts: »Mit
dem Grafen ist nicht zu spassen, und da wir nur für das Sprünglin Auftrag
hatten, und es hier offenbar nur einem Liebeshandel galt, so blieben wir zurück,
absonderlich, da uns ein wahres Mordgeschrei vom Tannicht her, zu Ohren kam. Wie
das wütende Heer, trotz Blitz und Sturm jagen wir zurück und fallen gerade in
ein Gemetzel, das zwei verkappte und bewehrte Buben an einigen Leuten verüben
wollen, die mit Leuchte und Haue und einem Pfaffen von Bergen gekommen waren, um
beim Tannicht nach Schätzen zu graben. Hier war unsere Hülfe nötig, und wir
schlugen auf die Räuber los, wie die Bären, ohne dass sie recht verwussten, woher
das neue Wetter kam. Der Eine wollte just dem Pfaffen an die Kehle, weil er Geld
bei sich trug; der Andere balgte sich mit den beiden andern Leuten herum. Den
Ersten rannte ein Lanzenstoss, wie ich glaube, nieder, und dem Zweiten spaltete
der Bastian, den der Leuenberger böse gemacht hatte, mit der Hellebarde den
Kopf, dass er niederschlug, als hätte er nie gestanden. Zum Unglück verlöschte
plötzlich im gewaltigsten Platzregen die schwache Leuchte, und wir sahen unter
einander herumschlagend beim nächsten Blitze nur, dass wir in Gefahr waren, uns
selbst und gegenseitig todt zu machen. Der Teufel mochte es länger im Freien
aushalten. Es wetterte nieder, wie eine Sündflut, und wir, wie die Leute von
Bergen kamen wie gebadet in dem Gehöfte zum Tannicht an. Das Höllengestürme
hörte indessen bald auf, und wir suchten nachher in allen Richtungen auf dem
Platze nach, aber keine Spur von den Erschlagenen war zu finden, und sicher hat
sie der Teufel während des fürchterlichen Donnerschlags geholt, der uns sammt
und sonders unter Dach trieb. Nicht einmal ein Saum von Blut war mehr auf dem
Boden zu schauen. Der Regen hatte Alles abgespült. Während wir nun lange Zeit
suchten und lugten, so sah Einer vor uns, wie von fern ein Brand aufging, und da
wir drauf los eilten, so kamen wir gerade an die Martenschenke, die lichterloh
brannte, dergestalt, dass sich keiner von uns hinein wagte. Entweder war die
Hütte ganz verlassen, oder alle Leute waren darin umgekommen, denn es war nichts
zu hören als das Jauchen der Flamme, und das Geprassel der Balken. Von dannen
kehrten wir zur Stadt zurück.« - »Und habt bewiesen, dass Ihr trunkne Mannen
gewesen, die man in der Folge zum Ochsentreiben, aber nicht zum Spitzbubenfang
aussenden wird;« versetzte der Schulteiss mit erkünstelter Strenge, obschon es
ihn ergötzte, dass Dieters Hoffnung auf ein günstigeres Ergebniss getäuscht
worden war: »Ihr, Hauptmann, hättet besser daran getan, einen verständigern
Gesellen zum Führer zu wählen, als diesen breitmäuligen Erzähler, den der rohe
Witz eines Gaudiebs dergestalt überlisten konnte. Mir tut es leid,« - fügte er
aufstehend, und gegen Dieter gewendet, hinzu, - »dass Ihr um nichts gelehrter
seid, nach diesem Zuge, und lade Euch ein, von diesem Handel abzubrechen, da ich
Leute nahen sehe, die unsre Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nehmen
werden.« - »Sogleich;« entgegnete Dieter finster grollend: »Was ist aber aus
dem Leuenberger geworden, und dem Weibe, das zu ihm sich gefunden?« - »Traun,
lieber Herr,« antwortete der Rottmeister verdutzt: »Das mögen die Beiden am
Besten wissen. Hat sie nicht der Blitz erschlagen, werden sie wohl mit heiler
Haut davon gekommen sein.« - »Dummkopf!« murrte Dieter dem Fortgehenden nach,
und sprach dann vor sich hin: »Bleibt mir denn eine Wahl der Gedanken und
Vermutungen? Margarete war das Weib ... und ihr bös Gewissen hat sie von mir
gejagt. O, ich stehe allein unter entmenschten Geschöpfen, gezwungen zu hassen,
die ich liebe, ein verlassener, betrogener, misshandelter Greis!« -
    »Macht Euch auf Weiteres noch gefasst;« sprach der Oberstrichter sanft zu
ihm, und Dieter gewahrte beim Aufschauen das Gemach von Leuten angefüllt, in
deren Kreise sich zu finden er sehr betroffen war. Da waren eingetreten, ausser
dem Richter in der Amtstracht, der Barfüssermönch Reinhold, der Predigermönch
Johannes, berühmt durch seine Gelehrsamkeit und seines herrlichen Gemüts
Vorzüge, der Edelknecht Gerhard von Hülshofen, welcher, blass und abgefallen,
kaum mehr zu erkennen war; und im Hintergrunde verweilten noch zwei langbärtige,
schattenähnliche Gestalten, Jochai und sein Sohn David. Frei ging der
hundertjährige Vater einher, aber schwere Ketten belasteten die Hände des Sohns,
dessen Blick indessen furchtlos war, obschon die Glieder bebten, vor Schwäche
teils, teils vor Angst. Ganz zuletzt bemerkte Herr Dieter an der Hand des
Bettelmönchs einen Knaben, seinen Sohn. - »Hochwürdiger Herr,« sprach er
bestürzt zu Reinhold: »wie kommt der Knabe hieher, und was soll er in dieser
Versammlung?« - »Ihr werdet's sehen,« antwortete der Mönch mit finsterm Blick,
und auch der Predigermönch schwieg mit missbilligenden Mienen, da der Schöffe an
ihn sich wandte. Der Knabe schien an des Beichtvaters Hand nicht furchtsam zu
sein; aber den Hülshofen betrachtete er mit aufmerksamem Gesichte und
unverwandt. - Nachdem der Knecht die Türe verschlossen hatte, vor dem Andrange
des Volks, das in dem Wahne stand, die Juden müssten heute zum Flammentode
verdammt werden, begann der Oberstrichter, nachdem er Platz genommen, und dem
Schulteiss, dem Schöffen und den Ordensmännern Sitze angeboten, mit feierlichem
Tone: »Es sind oft Dinge vor den Schranken des peinlichen Rechts anhängig, die
es nötig machen, dass man abgehe von der Weise des Herkommens und der
geschriebenen Satzungen. So haben wir denn beschlossen, heut, anstatt des
geheimen und stillen Verhörs der angeklagten Juden, wobei dieselben doch immer
auf ihrem Läugnen beharren würden, ein offen Verhör anzustellen, wobei alle
diejenigen erscheinen mochten, die schon in der Klage verwickelt sind, oder zur
Aufklärung des Geheimnisses Teil daran zu nehmen wünschen. Jochai und David
sind angeklagt auf Haut und Haar, ein Christenkind gemartert und ermordet zu
haben. Der Edelknecht von Hülshofen ist mit reuigem Mute geständig, einen
Knaben an den Juden David verkauft zu haben, um wenige Turnosen; doch läugnete
es der Jude ab, und sollte heute, nach langen leeren Drohungen wirklich auf die
Folter gesetzt werden, als sich gestern plötzlich ein Umstand ergeben, der die
Sache verwickelter, die Klage trügerisch, und dennoch den Gegenbeweis nicht
leichter macht. Der Junker von Hülshofen hat auf seinen Eid geschworen, in
diesem Knaben den erkannt zu haben, welchen er am Tage nach dem des heiligen
Martin im verwichnen Jahre an den Juden David verhandelt hat. Dieser Knabe ist
Herrn Dieter Frosch, des Schöffen Söhnlein, oder wird dafür gehalten. Um in's
Klare zu kommen, soll der Kleine in seines Vaters Gegenwart befragt werden.« -
Mit vieler Milde richtete der Oberstrichter viele Fragen an den Knaben, die er
in seiner Einfalt und kindlichen Erinnerung so beantwortete, dass kein Zweifel
übrig blieb, dass er es wirklich gewesen, welchen Gerhard gefunden. - »Mit
Verlaub, gestrenge Herren,« beteuerte der Edelknecht nach ergangner
Aufforderung: »der Henker soll mein Wappen unterm Galgen zerbrechen, wenn das
nicht der Bube ist, von dem ich sprach. Nicht wahr, mein Junge? In meinem Mantel
hast Du geruht, ... vor meinem Barte bist Du erschrocken, ... Malvasier hast Du
bei mir gekostet, und mit dem schäbigen Juden dort, dem zerfetzten Haman, bist
Du gegangen? Sag's frisch heraus, und Ihr, meine Herren, könnt Ihr noch an der
Wahrheit deuteln, da der Bube bejaht? Glühte ich nicht wie die lustige
Sommersonne mitten im November zu Worms? und bin ich nicht jetzo von Kummer,
Reue, betrübter Haft und schmaler Kost ein rechtes Charfreitaggesicht geworden?
Und dennoch kennt mich der Bube, und entsinnt sich meiner. Nicht wahr, mein
kleiner Hans?« - Der Knabe bekräftigte so gut er's vermochte, des Edelknechts
Behauptung, und Dieter's funkelnde Augen zeugten von einer ungewöhnlichen
Sehnsucht, auf den Grund dieser Verwirrung zu kommen. Gerhard suchte von dem
Augenblicke Nutzen zu ziehen, und sagte demütig: »Nun, Ihr Herren, wäre ich im
Reinen. Reu und Leid tue ich von Herzen, und will auch die Armen reichlich
bedenken, so ihr mich von hinnen lasst. Ihr seht, der Bube ist ein Christenbube
geblieben und in reiche Sippschaft geraten. Ich wasche meine Hände in Unschuld.
Der verdammte Jude, der von meiner Trübsal Nutzen zog, mag es entgelten. Spart
nur die Folter nicht an dem Hunde, bis er bekennt, was er mit dem Knaben
vorgenommen, bis er ihn so weit gebracht. Mich jedoch lasst ziehen mit Verlaub.«
- Ein ernster Blick des Schulteissen brachte mit einemmale den Schwätzer zum
Schweigen, und der aufgerufene Jochai bezeugte mit zitternder Stimme: »Dieser
sei wirklich der Knabe, den einst David in sein Haus gebracht, aber auch wieder
von dannen geschafft habe, ohne zu sagen, wohin.«
    Ben David trat nach ihm vor, und sagte bescheiden und ruhig: »Mir soll Gott
helfen ... Das ist das Jüngelchen, leibhaftig, und ich will nicht läugnen
fürder.« - »Aber bei den Wunden des Herrn!« fuhr Dieter auf: »wie verwickelt
sich denn plötzlich meines Hauses Ehre mit diesem ekelhaften Judengesindel? Was
ist da vorgegangen? Wer ist der Knabe? Ist dieser Bube mein Sohn ... ist er's
nicht? Rede, verruchter Menschenkäufer!« - Der Schulteiss lächelte tückisch, und
hing mit den Blicken an Ben David's Antlitz, welcher sich ruhig neigte und laut
erwiederte: »Bei der Hoffnung Israels! Euer Sohn ist's, Herr; Ihr mögt's
glauben!« - »Gelobt sei doch der Herr, unser Gott, und gepriesen, dass er endlich
aufgetan den Mund des Stummen!« betete Jochai aus dem Grunde seines Herzens,
und umarmte den Sohn, welcher die weitern Fragen des Richters, wie des Schöffen
erwartete. - »Aber, ... bei den Märtyrern!« begann der Letztere mit unruhig
pochender Brust: ... »ist der Bube mein ... wie kam er nach Worms, wie in Deine
Hände, Jude? Hast Du begonnen, die Wahrheit zu reden, so vollende auch, oder
bekenne, dass Du in diesem Augenblicke gelogen. An Deinen Worten hängt Schuld
oder Unschuld meines Eheweibes.« - »Das Frau Margarete rein in dieser Sache
war, wie der Abendstern, bekräftige ich mit meinem priesterlichen Worte;«
entgegnete Reinhold wichtig und vernehmlich, ohne sich durch des Schulteissen
drohendes Antlitz ausser Fassung bringen zu lassen: »es ist an der Zeit, dass Ihr
endlich von Euern verderblichen Irrtümern wiederkehrt zum Vertrauen, Herr
Dieter. Gerade nicht die, die Ihr hasst, wollte Euern Gram und Verderben,
sondern die, die Ihr unverdient geliebt. Es tut mir weh, dass ich hier das
Vergehen einer unnatürlichen Tochter aufzudecken habe; allein ich rede vor
Männern, und die Wahrheit soll man sagen ohne Menschenfurcht. Eure Tochter
Wallrade, von Hass entbrannt gegen eine Stiefmutter, die ihr Erbe und Vaterliebe
zu schmälern schien, hat Euer Kind aus Willhild's, der Pflegerin Hütte
gestohlen, und mit sich gen Worms geführt auf ihrer Fahrt gen Costnitz. Dort hat
sie den Knaben ausgesetzt dem Mangel und der Hülflosigkeit, ihn schlafend auf
der Strasse verlassen. Gott wollte, dass dieser Mann das Kind finden musste, und
sich dessen annahm, und der Jude, der den wohlbekannten Sohn einer Frau, die ihn
im Handel günstig stets bedacht hatte, in dem Buben entdeckte, säumte nicht, ihn
zu erkaufen, und der zum Tod betrübten Mutter heimzubringen. Zu den Füssen
derselben hatte sich indessen die trostlose Willhild geworfen, und sie
angefleht, ihre Sorglosigkeit nicht dem Zorne des Vaters Preis zu geben. Um der
Verzweifelnden zu schonen, und des Vaters Herz nicht zu brechen, schwieg die
barmherzige Mutter, und verbarg ihren Gram in sich. Allein ihr Gebet war eifrig,
und blieb nicht unerhört. Aus den Händen eines verworfenen Hebräers liess er für
Euer Haus das Heil erwachsen, und den Knaben wieder hervorgehen. Und als endlich
durch Wallradens Erscheinen im Vaterhause der leise genährte Verdacht, dass sie
des Knaben Räuberin gewesen, bestätigt wurde durch ihr Erschrecken bei seinem
unverhofften Anblick, durch des Kindes Sträuben gegen sie, die ihn misshandelt
hatte, und durch dessen eigne kindliche Geständnisse, ... da zeigte sich dafür
die Tugend Margaretens in ihrem schönsten Lichte. Sie verbot der eifrigen
Willhild, die Euch, edler Schöffe, in's Geheimnis ziehen wollte, jede
Einmischung: sie verzieh grossmütig der bittenden Feindin nach den Worten des
Heilands: Segnet, die Euch fluchen! tuet denen Liebes, die Euch Böses getan! -
Sie schwieg um nicht des Vaters Herz von der Tochter zu reissen, und ahnte nicht,
dass der unseligste Argwohn so bald ihren Frieden trüben würde. Verkannt duldete
sie jede Kränkung und schwieg, und floh lieber das Haus ihres Eheherrn, um nicht
vor den Schranken des Gerichts eine Tochter anklagen zu müssen, die sie lieben
möchte. Da aber nun plötzlich die Dinge und der böse Handel dieser Juden eine
solche bedauerliche Wendung nehmen, und das ehrliche Haus eines wackern
Altbürgers mit in den Strudel der Verworfenheit hinab zu reissen drohten, konnte
und mochte ich nicht länger schweigen, und entdecke, um die Abwesende zu
verteidigen, lieber frei und offen, was sie mir, nicht unter dem Siegel der
Beichte, wohl aber im engsten Vertrauen längst geoffenbart.«
    Der Mönch hielt inne mit seiner Rede, die er mit stürmischem Eifer
vorgetragen hatte, und alle Anwesende schwiegen eine Weile. Dieter sah starr
auf den Knaben, der sich an die grobe Kutte des Mönchs schmiegte, der
Oberstrichter kaute an den Nägeln, der Schulteiss lehnte sich mit vornehmer
Geberde, ein ungläubiges Lächeln auf dem Antlitze, in den Sessel zurück. - »Und
was sagst Du, Jude?« fragte der Oberstrichter endlich den harrenden Ben David.
Dieser zuckte die Achseln, und entgegnete: »Was fragt Ihr doch nach meinem
Gezeugnisse, gestrenger Herr, da schon der gelehrte und heilige Mann dort
gezeugt hat, und geredet? Ich bin nur ein schlechter Jud; aber auch unsre Leute
glauben alle an die vom Stamme Levi.« - »Welche Widersprüche!« rief der
Schulteiss: »Mit Erlaubnis, hochwürdiger Herr; allein wie mag's geschehen, dass
der Jude geschwiegen bis jetzt?« - »Das möge er selbst verantworten;« versetzte
Reinhold mit scharfem Seitenblicke auf Ben David. Der Letztere nahm auch
alsobald das Wort: »Ich habe gehandelt recht, da ich den Buben zurückgab der
Mutter, und das Recht ist ein gut Kopfkissen im Turme sogar. Ich habe auch
immer gehofft, wir würden sein gerettet durch der ehrsamen Frau Margarete
Beistand, und nicht verlassen hätte uns diese Zuversicht bis zum Ende. Darum
habe ich nicht genannt ihren Namen vor dem Gericht, weil ein edler Name nicht
gehört davor.« - »Schurke!« murmelte Gerhard zwischen den Zähnen: »ich wollte,
mein Name wäre auch hier nicht genannt worden.« - »Ihr habt freilich nicht am
Vorteilhaftesten Euch ausgezeichnet,« meinte der Oberstrichter: »allein ohne
Euer Zeugnis wäre das Ganze nicht entüllt worden, denn niemand, auch Frau
Margarete nicht, konnte ahnen, dass von diesem Knaben gerade die Rede sei, in
der Anklage gegen die Juden. Aber, erklärt uns lieber, Junker voll Hülshofen,
wie es wohl geschehen sein mag, dass der Sohn des ehrsamen Schöffen, der junge
Dagobert, den kleinen Stiefbruder nicht erkannte, da er doch bei dem Funde
gegenwärtig gewesen, wie Ihr behauptet habt.« - »Ei Herr,« antwortete Gerhard,
begierig, sich so schnell als möglich aus dem Handel zu wickeln, der einen
überraschend guten Ausgang für ihn darzubieten schien: »das geschah am
Martinsabend, wo wir alle nicht recht im Stande gewesen wären, unsre Väter und
Mütter zu erkennen, geschweige denn unsre Brüder. Dass der Jude den Buben
erkannte, - am folgenden Tag nämlich, - das glaube ich recht gern; er war
betroffen; aber die Hoffnung, Gewinn zu ziehen, machte ihn schweigen, damit ich
ihm nicht etwa zuvorkäme; ich begreife das.« -
    »Der Herr weiss, wie wir handeln;« fügte Ben David schlau lächelnd bei. -
»Mich ergötzt es ungemein,« hob hier der Predigermönch Johannes an, der bis
jetzt keine Sylbe zu dem Gespräch gegeben hatte, »dass durch des Junkers Aussage
mein guter Dagobert von jeder Mitwissenschaft an dem dunkeln Gewebe dieses
seltnen Menschenkaufs freigesprochen wird. Mich hat es tief betrübt, da ich
hörte, dass auch in dieser gräulichen Judensache meines Zöglings Name
vorgekommen. Ein teuflischer Unhold scheint sich seit kurzer Frist Mühe gegeben
zu haben, alles Unheil über dem Haupte Dagoberts, des Schuldlosesten aller
Menschen, zusammenzublasen, und sein eigner Vater sogar hat an die Lügen der
Leidenschaft und des Zufalls geglaubt. Desshalb habe ich mich aufgemacht von
meiner Zelle, um hier ein Wort der Sühne für den Zögling zu sprechen, der -
abwesend - nicht selbst seine Sache zu führen vermag; denn ich kenne sein Herz,
- ich habe es gebildet; ich darf - ich kann - ich muss mich für ihn verbürgen.« -
Reinhold schaute, während Dieter vor der Hoheit des beredten Priesters die
Augen niederschlug, den Mann eines verhassten Ordens, scharf von der Seite an,
und sprach: »Das mögt Ihr allerdings, gelehrter Herr; allein lasst uns im Geleise
bleiben. Dagobert findet seinen Richter in und ausser sich. Hier handelt sich's
jedoch um andre Dinge: um dieses Knaben Wohlfahrt, um die Unschuld seiner
Mutter.« - »Rede, Hans!« hob nun mit einem tiefen Atemzuge Dieter an, und nahm
den Buben freundlich bei der Hand: »Sage uns selbst, mit eignem Munde, wer Dich
davon geführt hat, von Willhild.« - Der Knabe sah ihn fragend an. - »Wer verliess
Dich zu Worms?« fügte der Oberstrichter bei. - »Ei, die schwarze Mutter!«
antwortete das Kind: »sie hat mich erbärmlich geschlagen, und dann auf der Gasse
liegen lassen, da ich schlief. Der Mann hier hat mich darauf zu sich genommen.«
- »Ganz recht, Knabe;« versetzte Reinhold: »wer ist aber die, die Du eine
schwarze Mutter nennst?« - »Schwester Wallrade ist's,« entgegnete Hans nach
kurzem Besinnen: »Da sie wieder kam und mich küssen wollte, hatte sie ein rot
Röcklein an; ich habe sie aber doch wieder erkannt.«
    »Wer ist Dein Vater, Knabe?« - fragte der Schulteiss plötzlich und scharf.
Der Knabe stutzte ob der heftigen Anrede; aber ein ermunternder Händedruck des
Paters an seiner Seite gab ihm Mut, und er deutete scheu und verzagt auf
Dieter. - Also ist die Gewalt eines liebevollen Herzens, das gleichsam wider
Willen von Groll umsponnen wurde, dass der geringste Anlass den Geist der Liebe
wieder darinnen mächtig weckt. Dieter erfuhr es in diesem Augenblicke. Die
scheue, - man möchte sagen - sclavische Geberde des Kleinen gewann ihm plötzlich
die Zärtlichkeit des Alten, weil es demselben schmeichelte, dadurch vor der Welt
sein Recht, das er selbst beinahe im Argwohn aufgegeben, behauptet zu sehen. Er
zog den Buben an seine Brust, küsste ihn, und rief: »Ja, ja, du armer kleiner
Hans! Du sollst den Vater nicht länger missen. Bitte nur den Himmel, dass er
völliges Licht in diese Wildnis von Zweifeln sende.« - »Das ist Dein Vater
also;« fiel der Schulteiss ein, welcher gar zu gerne den Knaben auf einem
Fehlwort ertappt hätte: »Wer aber ist Dagobert?« ... »Mein lieber Bruder!«
erwiederte Hans vergnügt und munter. - »Und Frau Margarete? ...« fuhr der
Versucher fort. - »Mein liebes, liebes Mütterlein!« hiess die unbefangene
Antwort, und der Schulteiss sprang auf mit den Worten: »In Gottes Namen denn!
Selig sind die da glauben, und nicht sehen!« Dieter sah gehässig auf den
Unmutigen, der zum Fenster trat, und wandte sich dann zu dem Oberstrichter und
den geistlichen Herren. »Gewisse Vorfälle,« sprach er, »die sich während meiner
Tochter Anwesenheit zwischen ihr und dem Knaben ereignet, so wie die Aussagen
des Kleinen bestimmen mich schier, an die Gewissheit der Aufklärung, die Ihr
gegeben, würdiger Pater Reinhold, zu glauben. Ich danke Euch auch mit
zerknirschtem Herzen dafür, denn ich beginne mein Unrecht einzusehen, und
verzeihe sowohl dem Junker von Hülshofen, als auch dem elenden Juden hier, dass
sie mit meinem Blute einen Handel getrieben. In diesem Augenblicke schmerzt mich
nichts mehr, als dass meine Wirtin einen Schritt getan, der ihr nicht erlaubt,
selbst hier das Gesagte zu bekräftigen. Willhild, welche um die Sache vollkommen
wissen muss, hat sich am zweiten Tage nach Wallradens unbegreiflichem Raube, auf
eine weite Wallfahrt begeben, und ich habe nichts von ihr gehört; allein
Wallradens Zofe, unstreitig eine Vertraute des Frevels, ist in diesen Mauern,
und sie ist es, die Ihr gefangen haltet, Herr Schulteiss, weil sie das Unglück
hatte, von Euern Häschern für eine Andre gehalten zu werden.« - »Weder ein
Unglück für sie,« entgegnete der Ritter stolz, »noch eine Sünde von mir. Der
Oberstrichter hat über die Magd sammt ihrem Kinde zu verfügen, und wird sich
nicht weigern, sie vorführen zu lassen.«
    Der Oberstrichter zog die Schelle, und befahl, die Magd aus dem Gefängnisse
zu holen. Während nun Dieter mit dem Bettelmönche und seinem Buben in
freundlicherm Gespräche verkehrte, der Predigermönch von dem von Hülshofen sich
den Hergang des Abenteuers zu Worms berichten liess, und der Schulteiss voll
stillen Grimms die Fensterscheiben einsam und verdrossen zählte, nahten sich die
beiden Juden dem Oberstrichter ehrfurchtsvoll, und küssten den Saum seines
Gewandes, und Jochai hob an: »Gestrenger Herr! Grosser Richter über uns. Die Zeit
hat angefangen zu werden gut, nachdem sie lange ist gewesen böse. Werdet auch
Ihr gut wie die Zeit, und hasst nicht meinen Sohn, und haltet ihn nicht länger
wie einen Mörder, denn er ist ja keiner, und ihm wird einst sein das Paradies
der Gerechten, und auf seinem Andenken Friede. Ihr habt mich gewürdigt einer
grossen Barmherzigkeit, für die Euch des gepriesenen Gottes Herrlichkeit wird
segnen mit vielen Gütern und vielen Jahren in der Zeitlichkeit; denn Ihr habt
seit geraumer Frist geschont mein weisses Haar, gespeist meinen Leib, und das Öl
der Gnade gegossen in die Wundmale, die ich an mir trug von den Ketten der
Gefangenschaft. Lasst Ausgehen diese Barmherzigkeit nicht minder über meinen
Einzigen, weil er auch schuldlos ist, damit er nicht verkümmre und verkrumme im
Elend.« - »Was soll das Gewäsch?« fuhr der Oberstrichter mit Härte auf: »Soll
ich ihn auf Teppiche betten, und in Prunkgemächern wandeln lassen? Mit Deinem
Alter hatte ich Mitleid, und weil ....« der Oberstrichter verschluckte was er
sagen wollte. Kurz darauf fuhr er indessen mit der obigen Härte fort: »Ein für
allemal, Ihr seid ein zudringliches Volk. Reicht man Euch den Zaum, wollt Ihr
gleich das Pferd nicht minder. Was wollt Ihr denn? Ihr seid nicht
gerechtfertigt, nicht frei. Eine Anklage wie die Eurige auf Haut und Haar wird
nicht aus der Luft gegriffen sein. Einen Buben mögt Ihr verkauft, einen andern
gemartert haben, und Euer Anteil an der Blutzapfer entsetzlichem Gräuel, ist
unläugbar. Gesteht darum lieber, denn der Folter werdet ihr nicht entgehen, ich
schwöre es Euch.« - »Peinigt uns doch nicht!« bat Ben David: »Mein Vater ist
rein wie der Schnee, und ich nicht weniger schuldlos an den Grässlichkeiten, die
man mir aufgebürdet. Aber wir würden beide bekennen das, was nie geschehen,
unter den Martern der Folter. Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein
gezwungen falsches Geständnis?« - »Ausflüchte,« schalt der Oberstrichter: »Schon
zu lange hat die Untersuchung gedauert, und der Rat zürnt meiner zögernden
Nachsicht. Es muss zu Ende gehen; so oder so. Die Kerker liegen voll. Wir haben
Eile.« - »Ei, ehrsamer Herr,« sprach hierauf der Predigermönch, der sich in das
Gespräch mischte: »Frommt denn die Eile im Blut- und Königszwang? Gibt es denn
Fürchterlicheres als einen Richterstuhl, vor welchem die Sandkörner ängstlich
gezählt werden, weil das Urteil nach dem Falle einer gewissen Zahl derselben
gefällt werden muss? - O, mein edler Herr! Gedenkt der traurigen Geschichte die
sich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat. Ein Jude war auch dort der
Angeschuldigte, Zauberei mit einem Kinde getrieben zu haben, und während hier
durch Gottes Zulassen die Wahrheit an den Tag kam, hatten die Friedberger dort
bereits den Armen verbrannt.« - »Das geschah nicht minder mit der Zulassung des
Herrn;« antwortete der Oberstrichter kalt: »Jedem das Seinige, hochwürdiger
Herr. Ihr seid ein Held auf der Kanzel, wie an dem Arbeitstische; lasst mich auf
dem Richterstuhle gewähren. Euch mag ein Sünder, der aus seiner Verstockheit
zurückkehrt zum Heil, angenehmer sein als tausend Gerechte, die nie gestrauchelt
sind; denn die göttliche Milde spricht durch Euern Mund zu uns. Wir aber sind
die Diener weltlicher Macht, und das Schwert ist in unsre Hand gegeben, - nicht,
dass wir damit spielen, sondern dass wir es gebrauchen, und besser ist's, wenn
zehn Unschuldige fallen, als dass ein Schuldiger aufrecht stehen bleibe.« -
»Grässlicher Grundsatz,« seufzte Johannes, während die Juden sich bekümmert
ansahen: »Eine Vorschrift, die der heimlichen Acht würdig wäre, welche den Stab
ohne Unterschied über jeden bricht, der einen feindlichen Kläger gefunden hat.«
- »Wisst Ihr das so genau?« fragte der Oberstrichter mit feinem Lächeln: »Ein
Glück ist's dass Euer Gewand Euch sicher stellt vor der Vehme, sonst möchtet Ihr
doch ob solchen Reden Ungelegenheit erfahren. - Hier ist übrigens ein offen
Gedinge, und über Zwang und Hinterlist dürfen sich die Beklagten nicht
beschweren.« - »So lasst, um ehrlich und redlich zu verfahren,« - fiel Johannes
ein, - »zum Nutzen und Frommen dieser armen Leute, die, wenn gleich Verirrte und
in bösem Wahne befangen, dennoch Menschen sind, jetzt alsobald, um wenigstens
den Handel über diesen Knaben in Ordnung zu bringen, die Ankläger vorfordern und
mit dem Kinde zusammenstellen, damit sie aussagen, ob es dasjenige wirklich sei,
das damals in des Juden Haus erschien. Auf das Zeugnis der stummen Grete wäre
noch am Ersten zu bauen, denn der getaufte Jude soll Zorn und Hass gegen seinen
ehemaligen Meister hegen, und dies macht seine Klage verdächtig.«
    »Ei, das hebt sich auf;« antwortete der Oberstrichter: »diese Juden haben
sich nicht entblödet, Abscheuliches von ihrem ehemaligen Glaubensbruder zu
berichten. Die Magd, von der Ihr redet, ist während der Zeit gestorben, und
Friedrich steht allein gegen die Juden, aber um so gewichtiger und bestimmter
ist seine Klage, die durch ihre Umständlichkeit jeden Zweifel niederschlägt, und
dann verdient sein Wort ein unbedingteres Vertrauen, weil ihn der Himmel so
sichtbarlich erleuchtet hat durch seine Gnade, und er gleich und den Erlöser
verehrt, den diese Hunde läugnen.« - »Ach!« seufzte der Mönch, mit einem Blicke
der tiefsten Wehmut auf die Unglücklichen, die ihre Augen niederschlugen zur
Erde, um der bittern Dehmütigung nicht in die Augen zu schauen: »gestrenger
Herr! Der Buchstabe nicht und nicht das Wort macht lebendig, denn beide sind nur
ein leerer Schall, wenn sie der Geist nicht belebt. Eben so wenig, guter Herr,
als unsre Psalmen, an der Bahre eines Todten gesungen, wieder Atem hauchen in
dessen Brust, - eben weil sie todt und starr ist, - eben so wenig wird im
Glauben derjenige leben, welcher nie im Glauben wandelte. - Indessen« - setzte
er mit einem leichten Übergange hinzu, - »will ich nicht an der Bekehrung dieser
Beiden hier zweifeln, da der eifrige Vater Reinhold sein Werk mit ihnen
begonnen, und schon die vorige Nacht im Kerker mit ihnen zugebracht.« -
    Jochai schauderte zusammen bei dieser Vermutung, und Ben David schüttelte
unwillkührlich und fast unmerklich den Kopf. Indem ging die Türe auf, und der
abgeschickte Ratsknecht kam eilig herein, und ging verstört auf den
Oberstrichter zu, den er geschäftig auf die Seite zog. - Ben David bückte sich
mittlerweile vor dem gelehrten Johannes, und küsste den Ärmel seines Gewandes,
obgleich ihn Jochai von dieser, eines eifrigen Juden unwürdigen Handlung
zurückzuhalten versuchte. »Ihr seid ein Mensch;« - sprach er bewegt, mit nassen
Augen: »Der hochgelobte Gott lohne Euch Euer mildes Mitleid, denn ihr geht
einher, wie der Fürst der Barmherzigkeit. Euch sind wir keine Fremdlinge, wie
unser Name uns nennt1, und Ihr seid es nicht für uns, weil Ihr achtet unser
menschlich Angesicht, und versteht unsre Sprache; denn wir wissen gar wohl, dass
Ihr das Buch Hiob entbunden habt aus den Ketten fremder Zunge, und es gelegt
habt auf die Lippen der Deutschen2; und auch wir kennen den Mann aus dem Lande
Uz, und auch über unserm Haupte hat geleuchtet die Leuchte des Herrn, und gleich
ihm ist sie uns ausgegangen in der tiefen Finsternis, wo wir denn hülflos
tappen, wenn nicht eine Freundeshand uns führt, wie die Eure.« - Der Mönch
wollte so eben die Lobrede des Juden unterbrechen, als der Oberstrichter mit
lauter Stimme durch das Gemach rief: »Der Türmer muss in's Wasserloch. Bei den
Wunden des Heilands. Die Dirne entwischen zu lassen. Lieber Freund! Die Zofe des
Fräuleins von Baldergrün, wie der ehrsame Schöffe hier die Dirne nennt, ist
entsprungen samt ihrem Kinde. Ein neuer Beweis für des hochwürdigen Vaters
Reinhold; die Magd hat dem Wetter nicht getraut, und das böse Gewissen hat ihre
Fersen leicht gemacht.«
    »So komm denn, mein Sohn!« sprach Dieter zu dem Kleinen, den er liebreich
auf den Arm nahm, indem er dem Pater Reinhold die Hand reichte: »Habt Dank,
wackrer Mann, für Euern Zuspruch. Ich will alles aufbieten, die Verlorne wieder
zu finden, und bewährt sich ihre Unschuld, wie Ihr sie verbürgt, so soll sie
wieder die Meine sein, wie ehedem.« - »Lieber Herr,« flüsterte Gerhard dem
Lehrer Dagoberts zu: »Sprecht doch ein Wörtlein zu dem Richter, dass er mich
mindestens in Stadtgewahrsam versetze. Ich will zur Stechlanze werden, wenn ich
länger die verdammte einsame Haft aushalte.« - »Sohn, Sohn,« sprach indessen
Jochai schmerzlich zu Ben David: »Du wirst sehen, sie geben ihn los, der Schuld
ist am ganzen Handel, und uns sperren sie ein in härtere Gefangenschaft.« -
    Noch hatte Johannes keine Zeit gefunden, das erbetne gute Wort zum
Oberstrichter zu reden, als der ganze Schauplatz mit einemmale eine andere
Gestalt gewann. Denn wie Sturmes Brausen tobten Menschenstimmen und
Menschentritte über die Gänge, und der Türsteher meldete atemlos, dass ein
Volksmeer das geräumige Haus überschwemme. An der Spitze der anstürmenden Haufen
ziehe eine hässliche aber rüstige Dirne heran, über deren Haupt ein schwarzes
Tuch herabhänge, und welche wie begeistert zu dem Volke rede, und dasselbe
auffordere, unverzagt voran zu gehen. - Der Schulteiss, durch diese Nachricht
seiner finstern Grillen entoben, und seiner Würde zurückgegeben, ging vornehm
und schnell dem tobenden Menschenstrudel entgegen, vor welchem so eben die mit
Mühe von den Knechten zugehaltnen Flügelpforten des Gemachs aufgehen mussten. In
die Stube quollen die ersten des Haufens; in ihrer Mitte Judit, aus deren
Zügen, Gang und Geberden ein heftiger Schmerz und eine wilde Entschlossenheit
sprach, welche vor der unnachahmlichen Hoheit des Schulteissen nicht verstummte!
- »Richter und Herren dieser Stadt!« rief sie mit starker Stimme: »Da Ihr zu
hören vermögt, so hört, hört, was der Herr von mir begehrt hat, Euch wissen zu
lassen!« - Die auffallende Erscheinung des Mädchens fesselte jede Zunge, und
Judit fuhr fort: »Lasset los, die Ihr gebunden, und fanget diejenigen, so Ihr
frei gelassen, denn ich will das Gewebe der Lüge zerreissen, da es noch Zeit
ist, und keine Seele deshalb gestorben. Also spricht der Herr, unser Gott: Ich
will nicht, dass Verirrte den Tod leiden sollen, da sie doch nichts Todeswürdiges
verschuldet haben. Ich begehre aber, dass das Blut gerächt werde an dem Blute des
Schuldbewussten. Lasset darum los diese Juden, denn es ist kein Fehl an ihnen,
und ihr Ankläger allein ist der Frevel voll, ein gerüttelt Maass.« -
    »Ist das Weib wahnsinnig?« fragte der Oberstrichter heftig, da der
Schulteiss nur Blicke des Staunens hatte, welche aber die entschlossene Judit
nicht aus der Fassung brachten. - »Lüge ist Wahnsinn;« erwiederte diese Letztere
stark: »aber Wahrheit ist gesunder Sinn. Der ewige Lügner hat Euch angesteckt:
hört mich jedoch an, und Ihr werdet genesen.« - Das umstehende Volk, welches
schon durch die Gassen der Stadt der Rednerin gefolgt war, und an jeder
Kirchtüre aus ihrem Munde Worte vernommen hatte, deren Sinn und Zusammenhang es
sich nicht zu deuten wusste, gewann nun Ehrfurcht vor der Kühnen, welche mit den
Vätern der Stadt eben ohne Scheu und Zurückhaltung redete, wie zu ihm, und die
Ratsherren, die nach und nach in dem Gedränge sich einfanden, Bürgermeister und
Schulteiss an der Spitze, achteten bald die Überspannung der melancholischen
Dirne für keine Tollheit mehr, und forderten sie auf, endlich herauszusagen, was
sie auf dem Herzen trage. - Diese Aufforderung klang wie Himmelsmusik in
Judit's Ohr, und sie begann freudig: »Euer Wille, edle Herren, ist mir Gottes
Stimme. Derjenige, der mich errettet hat aus den Klauen des unversöhnlichen
Feindes, beweisst sich wieder stark und kräftig in dieser Mahnung, und wird die
Saat zur Frucht aufgehen lassen durch sein himmlisch Wort. So hört denn zu, wie
ich beginne vor allem Volke, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen
Geistes!«
    Langsam beginnend, aber immer schneller vorschreitend, - immer beredsamer
werdend durch die Anspannung seiner Gedanken und Kräfte entwickelte das mutige
Mädchen vor den Augen derer, zu welchen es redete, eine lange Reihe von
Gräuelbildern, deren Wiege ihr väterlich Haus gewesen war, eine traurige Kette
von Freveln, deren Schauplatz die berüchtigte Schenke, deren Grab das dunkle
Moor geworden. Die Zuhörer bebten bei dieser furchtbaren Rechnung, und
schauderten, als sie erfuhren, dass in jenem abgelegenen Winkel die Herberge
jener entsetzlichen Mörder gewesen, unter deren Dolchen seit langen Jahren die
ganze Umgegend gezittert hatte. Noch höher stieg ihr Abscheu, da endlich aus
diesem Gewirr von grässlichen Taten eine Gestalt aufdämmerte, deren
Scheusslichkeit Alles überbot, was in gewöhnlichen Diebskreisen gefrevelt wird;
ein Riesenmann an Blutgier und Mordsucht. Alle Augen richteten sich auf Ben
David, da Judit diesen Hauptmörder anfänglich mit dem Namen: »der Jude«
bezeichnete, aber alle Augen flogen furchtsam und beschämt vor dem ruhigen
Blicke Ben David's zur Erde, als Judit Zodick's Namen nannte, unnachsichtlich
jedes Bubenstück entüllte, dessen Zeuge sie gewesen war; als sie Ben David von
jeder Gemeinschaft mit den Räubern frei sprach; als sie erzählte, dass Zodick des
Schöffen Mord unternommen, dass Zodick den Schmuck der bedauernswerten Wittib
des Bürgers von Friedberg um seiner Kenntlichkeit willen in Ben David's Keller
verborgen, - eine Tat, deren sich der Niederträchtige nachher noch oft bei
Trunk und Scherz gerühmt; dass Zodick endlich die Wurzel des Truggespinnstes sei,
das Jochai und Ben David bisher im Kerker gehalten. Da sie nun endlich an die
letzte Schreckensbegebenheit in ihres Vaters Hütte kam, - an das Elend, das dort
gewaltet, ... an die Leichen, die der Brand, von den Händen des Ungeheuers
entzündet, zu Asche gebrannt hatte, ... da schwammen nicht nur allein in den
Augen der Umstehenden Tränen, sondern auch in die Ihrigen trat wieder das helle
Wasser, und das Schluchzen machte ihre Stimme versagen, denn sie dachte nun ganz
lebhaft daran, dass sie nie auf dem Grabe ihrer Erzeuger sitzen könne, dass sie
ihrer nie in Liebe gedenken könne, und dass sie gehalten sei, statt einer
kindlichen Todtenfeier, ihre Laster und Verbrechen schonungslos zu entüllen.
Und als, - nachdem eine lange Stille vorüber, und das darauf folgende Gemurmel
der Menge verrauscht war - der Oberstrichter sie ernst und mahnend fragte, ob
dieses auch alles wahr sei, und warum sie nicht früher diesen Schurken Einhalt
getan, durch ein offnes Geständnis, da antwortete sie mit wehmütigem Vorwurf:
»Ihr vergesst, ehrsamer Herr, dass es mein Vater und meine Mutter waren, die an
der Spitze jener Horde standen. Die, denen ich das Leben verdanke, auf das Rad
zu bringen, hätte ich nicht vermocht, und wenn noch Tausend unter dem Messer des
Juden und seiner Gefährten hätten verbluten müssen. Ihr gestriges Schreckensende
hat mich frei gemacht, und ich schwöre beim Himmel und all seinen Heiligen, dass
ich die Wahrheit gesagt habe. Oft hab' ich mich angstvoll auf dem Lager hin und
her geworfen, und mit meiner Kindespflicht gerungen, wie Jakob mit dem
gewaltigen Herrn. Aber ... die Verbrecher blieben doch immer meine Eltern. Die
Natur hat ein Schloss vor meinen Mund gelegt, und gestern erst hat der gnädige
Gott es aufgetan mit seiner Kraft und unergründlichen Weisheit. Darum verachtet
nicht die einfältige Rede, so ich gesprochen, und lasset leben, die da ohne Fehl
sind, und lasset sterben den, der den Tod verdient hat.« - Judit schwieg
erschöpft, und schlug die Augen nieder vor den dankbaren Blicken, welche die
Juden auf sie richteten. Die Meister des Rats standen indessen noch mit
gefalteten Stirnen in tiefes Nachsinnen verloren, und der Schöffe Dieter war
der Erste, welcher die Sprache wiederfand, und ausrief wie ein von schwerem
Traum Erwachender: »Gottlob! Gottlob! grässlicher Argwohn fällt Stückweis ab von
meiner Brust. Gesegnet seist Du, mutige Magd, die da eingetreten ist zu rechter
Zeit!« - Der Priester Johannes wendete sich an die Vorsteher der Stadt: »O redet
ein mildes Wort;« sagte er bewegt: »Seht diese armen Leute, welche zitternd da
stehen, und selbst nicht begreifen können, wie ihre Unschuld so schnell an den
Tag gekommen. Wenn auch ihre Fesseln jetzt noch nicht fallen dürfen, so
erleichtert sie ihnen doch durch ein Wort des Trostes und der Hoffnung. Viel
Freude und Glück ruht auf den Lippen der Mächtigen, wenn sie es aussprechen
wollen gegen das Elend.« - »Die Dirne muss beweisen, was sie vorgebracht,« -
entgegnete der Oberstrichter: »oder die Zeit beweise und bürge für sie. Ich habe
ausgesandt nach Friedrich, und wehe ihm, wenn sich alles so befindet, wie dieses
Weib gesagt.«
    »Der Mörder ist eine schlaue Natter;« versetzte Judit: »er wird sich hüten,
in die Falle freiwillig zu gehen. Hier sind aber meine Hände, damit man sie
binde. Freudig will ich den Kerker beziehen, und keine Schmach daran finden;
denn der Herr, der mich hiehergeführt, wird mein und dieser Armen nicht
vergessen, als ein rechter Richter und Helfer der Waisen. Er wird die Hand des
Gottlosen zerbrechen, und aufstehen zu unsrer völligen Rettung!« -
    Ein Wink des Oberstrichters beendigte den ergreifenden Auftritt. Judit
wurde zu leichter Haft in das Haus der Reuerinnen gesendet, und die Juden in den
Kerker zurückgeführt. Judit wurde von einer jubelnden Menge begleitet, wie ein
siegreicher Kämpfer von seiner Freunde Schaar, - Jochai und Ben David waren von
einer lautlosen Volksmasse umgeben, die ihren Schritten, wie mit einer innern
Beschämung folgten. Auch die Herren vom Gerichte teilten diese stille Schaam,
und mancher beklagte nun im Geheimen die Schmach, die den Untadelhaften
widerfahren war. Ben David sagte aber mit freudetränenden Augen zu Jochai:
»Nun, Raaf? was sagst Du nun? Die Leuchte des hochgelobten Gottes ob unserm
Haupte beginnt wieder zu brennen, und des Herrn Finger ruht auf uns. Gepriesen
sei der Gott Abrahams, der die Hütten Jakobs beschirmt, der den Bösen versenkt
in die Grube, die er selbst gegraben, - der dessen Fuss fängt in dem Netze, so er
selbst gestellt.« - »Preis ihm und Dank ihm,« antwortete, den Kopf wie beim
Gebete neigend, der alte Jochai: »mit uns will er es wohl machen, der starke,
eifrige Gott; sein guter Segen wird salben unser Haupt mit Balsam, und sein
Fluch verderben den Feind; - aber wie wird es geschehen mit Ester, unsrer
Tochter? Mir will zerspringen die Brust, so ich an sie denke, - die Freude
unsers Alters, das Leid unsrer Liebe. Sie irrt umher in Amalek, geraten unter
die Hände des Gottlosen, woraus sie errettet worden, um vielleicht zu fallen in
ärgere Stricke. Das, mein David, das quält mich, und frisst an meiner Freude.« -
»Vertraue, Raaf;« erwiederte Ben David, ob er gleich sein eigen kummervolles
Antlitz nicht bergen konnte: »Vertraue; auch sie wird unverletzt wieder kommen
zu uns, und werden unsre starke Stütze. In dieser Zuversicht will ich betreten
mein Gefängnis, wie ein König seinen hohen Saal, und mich niederlassen auf mein
Strohlager, wie auf das köstliche Bette des Passah, denn mein Herr ist wieder
mit mir, und die Hülfe in der Not, und der Glaube, dass wir noch schauen werden
das Glück im Lande der Lebendigen.«
    Sie standen an der Türe ihres Turms, und Jochai segnete den Sohn, mit der
Liebe, die den Erst- und Einziggebornen bei seinem Eintritt in die Welt zu
empfangen pflegt. Alle Eigenheit, herstammend von Volkssitte und Gewohnheit war
während dieser Augenblicke in einem Jeden von ihnen verschwunden, und sie waren
nur Menschen, freudige Menschen. Nach langer, von Jubeltränen gefeierten
Umarmung trennten sie sich seufzend, aber Beide traten, wie mit Kronen
geschmückt, in ihre Gefängnisse, beide hatten eine herrliche Begleiterin in
ihrem Gefolge: die Hoffnung, die frisch und grün bekränzte Hoffnung!
                            Ende des zweiten Bandes.
 
                                    Fussnoten
1 Hebräer - Fremdlinge.
2 Der Predigermönch Johann von Frankfurt hat wirklich das genannte Buch
übertragen.
 
                                  Dritter Band
                                 Erstes Kapitel.
                Ist's der Hass, der wehe tut mit seinen grimmigen Streichen?
                Argwohn und Misstrauen schmerzen tiefer, - die fressenden
                Schlangen.
                                                                           W ...
Das zweifelhafteste und unschlüssigste Herz, das jemals geschlagen, schlug in
des Altbürgers Dieter's Brust. Die Eröffnungen, welchen er auf dem Rathause
beigewohnt, hatten das Gebäude seines Argwohns bis zum Grunde erschüttert, aber
es nicht gänzlich niederzuwerfen vermocht. Dass nicht Margarete, dass nicht
Dagobert den Mord gegen ihn gedungen, dass weder Sohn noch Gattin die geliebte
Wallrade geraubt, dass der kleine Hans wirklich sein, bei Willhild verpflegter
Johannes sei, das war ihm völlig klar geworden; die Bilder seiner Hausfrau,
seines wackern Dagobert's, trüb und düster umflort, bisher in dem Hintergrunde
seiner Erinnerung verweilend, näherten sich ihm, heller, glänzender, wie Sterne,
die das dunkle Gewölb durchbrechen, aber noch immer zweifelte er an ihrer
völligen Reinheit; noch immer versagte er ihrer Unschuld die vollständige
Anerkennung; noch immer fand er es möglich, dass ein verbrecherischer Bund
zwischen Beiden bestanden, dass Johannes die Frucht desselben gewesen. Und
dennoch, - so wankelmütig, - - so ungleich in seinem Wollen ist der Mensch, -
dennoch umklammerte er jetzt mit aller Liebe den Knaben. In ihm sah er jetzt die
letzte Stütze seines Alters und seines Hauses; im nächsten Augenblicke fürchtete
er den Bastard in ihm zu erkennen. Aber trotz diesen Zweifeln, trotz diesem
Treiben zwischen Vaterliebe und der Angst eines Getäuschten, hätschelte und
pflegte er den Knaben, da er der Einzige zurückgebliebne, der Letzte seiner
Lieben war. Margaretens Flucht war ihm entsetzlich, und senkte einen nimmer
ruhenden Stachel in seine Brust. Wo war sie hingeflohen? Durfte er jemals
hoffen, sie wiederzusehen? Sollte er bereuen, was er gegen sie getan? Sollte er
sich beruhigen mit dem Gedanken, dass er ihr getan, wie sie verdient? Ähnliche
Zweifel bestürmten ihn, gedachte er Dagobert's, dessen Heimkehr nach der
geschehenen Ladung des heimlichen Gerichts sich nicht erwarten liess, da bei dem
Namen schon der beschlossenen Acht der Gerechte wie der Schuldbewusste scheu das
Kreuz schlug, und entwich, wo er nur entweichen konnte. Und Wallrade endlich?
War sie nicht die Beute eines Räubers, vielleicht das Opfer des Mords geworden?
Und, kam sie jemals auch in's Vaterhaus zurück, - mit welcher Stirne sollte er
sie empfangen? Musste er sich nicht, - wie sie sich einst von seinem Hause
losgesagt, - lossagen von ihr, die ihm den Sohn geraubt, ihn der Hülflosigkeit
Preis gegeben hatte, von ihr, die den Unfrieden verschwenderisch in seinen
Garten gesät hatte, während sie doch selbst auf der Bahn der Schuld geschritten
war, wie nur zu deutlich das Töchterlein bewies, mit welchem die furchtsame Magd
entkommen war, ehe man darüber völlige Auskunft hatte sammeln können. Die Zofe
hatte auf alle Fragen, die Dieter an sie gerichtet, mit der grössten Seelenangst
geantwortet, und dadurch den Verdacht einer tatkräftigen Mitwissenschaft an der
geheimen Verbindung Wallradens auf sich geladen, die sie endlich nicht mehr
läugnen konnte. Den Namen des Mannes, der Wallradens Gatte geworden war, hatte
sie genannt; einen Namen, den Dieter vorher nie gehört. Den Ursprung jener
Liebe, die Begebenheiten bis zur ehelichen Verbindung des Paars hatte sie
ziemlich genau angegeben. Ein Wetterstrahl hatte eine Scheuer auf Wallradens
Gute entzündet, und die Feuergefahr den Hütten der Knechte, wie dem Wohnhause
gedroht. Die Notglocke auf dem Türmchen des einsam gelegenen Maierhofs hatte
die fern wohnenden Nachbarn herbeigelockt, und einer der fernsten, gerade zu
jener Zeit im anstossenden Forste auf seinen Wildgängen verweilend, war mit den
Übrigen herbeigekommen, und hatte durch seine entschlossene Besonnenheit das
Allermeiste zur Rettung von Wallradens Habe beigetragen. Diese Hülfleistung
hatte dem Junker von der Rhön, einem nicht reichen, aber altadelichen schönen
Manne, gewisse Rechte auf des Fräuleins Dankbarkeit gegeben. Liebe ward daraus,
und ein Feind dieser Liebe entstand: des Junkers Vater, der Wallradens minder
adelichen Stamm verachtete, und einer Zusage zufolge, seines seligen
Waffenbruders verwaiste Tochter, zur Gattin für seinen Sohn erzog. Hingegen fand
sich auch ein helfender Freund; ein deutscher Herr, der im nächsten Städchen in
Angelegenheiten seines Ordens verkehrte, und täglich auf Baldergrün zur Einkehr
war. Er war es, der eines Abends einen Mönch zum Maierhofe brachte, der das
Paar, väterlichem Verbote zum Trotz, einsegnete, zu einer Ehe, aus welcher ein
Kind entsprang. -
    Bis hieher hatte der Altbürger durch unablässiges geschicktes Forschen die
Magd in ihren Geständnissen gebracht. Es schien, nach ihrer Verwirrung und ihrer
Angst, die sie oft zu Tränen zwang, noch manches Geheime an's Licht des Tages
treten zu wollen, - da unterbrach des Schulteissen Willkür, und der Dirne leicht
verzeihliche Flucht die Reihe ihrer Bekenntnisse, und Dieter fand darin nur die
einzige untrügerische Gewissheit, dass Wallrade seiner ausgezeichneten Liebe nicht
würdig gewesen. Zwar fand das Fräulein einen kräftigen Verteidiger an dem
Prälaten, welchen das Unglück - die unabänderlich erfolgte Absetzung und
Verweisung aus seinem Stifte zu Cesena - wieder zum Stammhause getrieben hatte,
als einen Obdach suchenden und Pflege heischenden Gast. Allein, so innig Dieter
auch den gelehrten Bruder geliebt hatte, so konnten dennoch seine Reden nicht
mehr den Eindruck machen, wie vor längerer Zeit, denn Dieter erkannte, je
länger, je mehr, den Geist der Heuchelei, des demütelnden Stolzes, der in dem
Prälaten regierte, und der Vaterlandsliebe des Altbürgers galten die Worte des
Bruders schon deshalb gering, weil dieser Letztere deutsche Sitte und Ordnung
nicht aufhörte zu schmähen, und dagegen Wälschlands Vorzüge zu preisen, ob er
gleich jetzo aus seiner zweiten Heimat gestossen, unter einem deutschen Dache
sein Haupt niederlegen musste, an einem deutschen Tische seinen Platz um der
Liebe willen fand, aus deutscher, ehrlich erworbner Habe seiner Bedürfnisse
Gewährung schöpfte, und von all seiner wälschen Herrlichkeit nur das
zweideutigste Kleinod, Fiorillen behalten hatte. Es fiel dem zu Argwohn und
Verdacht gereizten Dieter nicht schwer, das wahre Verhältnis zwischen dem
Prälaten und seiner Freundin zu ergründen; teils jedoch benahm das von
Gebrechen aller Art belastete Alter des Monsignore dieser Verbindung das
öffentliche Ärgerniss, - teils schloss sich Fiorilla mit wahrer inniger Liebe an
den kleinen Knaben Hans, der ohne alle weibliche Pflege geblieben war, weil
Dieter, bei der ersten Kunde von Margaretens Flucht, im Aufwallen seines
Zorns, die, jede Mitwissenschaft laugnende Else, aus dem Dienste gejagt hatte.
Der arme Kleine fand in Fiorilla's Sorgfalt Elsens Pflege in doppeltem Maasse
wieder, und Dieter, - sah er die Liebe der Pflegerin zu dem Knaben - bedauerte
nur eins so sehr, dass ihm der Zufall Wallradens holdes Töchterlein geraubt, und
ihm kein Mittel zu Gebote stehe, etwas Gewisses von dem Schicksale der kleinen
hübschen Agnes zu erfahren. Über das Geschick ihrer sogenannten Mutter kam er
dafür binnen einigen Tagen in's Klare.
    Eine Mönchsgestalt, vom Fieber geschüttelt, und von Blässe entstellt, trat
eines Morgens, - der zweite nach jenem Verhöre auf dem Römer, - auf einen Stab
gestützt, vor den Altbürger. Dem Leidenden eine milde Gabe zu reichen, war
Dieter's erster Gedanke, - aber wie erstaunte er, da der Mönch nicht allein
jede Gabe verschmähte, sondern ihn selbst mit einer unerwarteten Kunde
beschenkte: mit der Botschaft von Wallradens Aufentalt, von ihrer vereitelten
Flucht, von ihrer Rückkehr in die traurige Haft, - von der Gefahr in welcher sie
schwebe, von ihrem einzig auf den Vater gesetzten Vertrauen. - Dieter, - obwohl
in Zorn glühendob Wallradens Vergehen, fühlte doch sein Vaterherz beben bei dem
Berichte ihrer Leiden. Allein, so schnell auch sein Entschluss gefasst war, Alles
aufzubieten, um sein Kind zu retten, so schnell gesellte sich diesem Vornehmen
auch der Verdacht bei. Misstrauisch mass er den Mönch von Kopf bis zum Fuss,
verwickelte er ihn in verfängliche Fragen, und liess ihm nicht undeutlich merken,
dass er versucht sei, ihn für ein Werkzeug jener Räuber zu halten, und die ganze
Botschaft für eine Schlinge, welche seiner Habe, - wo nicht gar seinem Leben -
gelegt sei, wie jene Ladung zum Sprünglinsteine gewesen. - In dem matten Auge
des Mönchs blitzte eine Flamme ritterlichen Unmuts auf, und seine Lippe warf
sich auf, um kühn und trotzig den schnöden Verdacht von sich zu wälzen. Doch
bezwang er sich, und erwiederte, so ruhig als die erregte innere Bewegung ihm
verstattete, dass er sich willig als Bürge und Geissel darstelle für jedes von ihm
gesprochne Wort, dass übrigens das heftige Fieber, das ihn auf einem unfern
gelegenen Dorfe ergriffen, und ihn abgehalten, am verwichnen Tage bereits in
Frankfurt zu sein, schon der beste Bürge für sein Verweilen in jeder beliebigen
Haft sei, und dass er fürchte, es werde - sollte ihm Hülfe und milde Sorgfalt
noch ferner entstehen - mit seinem Leben bald zu Ende sein. Der eisige Frost,
welcher des Gequälten Glieder durcheinanderschüttelte, und ihn beinahe zu Boden
warf, machte Dieter's natürliche Barmherzigkeit rege. Er liess den todtkranken
Mönch auf einer Tragbahre in das Kloster des Ordens bringen, zu welchem der
Unglückliche, seiner Kutte nach, zu gehören schien, und empfahl ihn der
angelegentlichen Fürsorge des Paters Reinhold, Margaretens Beichtvaters. Er
selbst jedoch eilte auf den Römer, um die erhaltne Botschaft dem Rate zu
verkünden. Seine Freunde in demselben staunten; seine Feinde schüttelten
ungläubig die Köpfe, und behaupteten, der Schöff täusche Meister und Rat mit
unhaltbaren Gerüchten, und halte mutwilliger Weise die Stadt sammt ihrer
bewaffneten Gewalt in Atem. Hätte er einen andern als Räuber genannt, - riefen
sie, - dann wäre ein Schein von Glaubwürdigkeit vorhanden; aber gerade diesen
Bechtram von Vilbel zu nennen, diesen alten wackern Kämpen, der so lange der
Stadt treu gedient, der sich in der letzten Frist nur, gewisser Ansprüche wegen,
mit der Reichsstadt veruneinigt hat! Und diese Ansprüche, sind sie nicht
geschlichtet? Dieser Span, - ist er nicht in Minne beigelegt worden? Hat nicht
vor drei Tagen erst Bechtram Friede mit uns gemacht, sonder Gefährde, in Treu
und Glauben, und in Gegenwart der verehrlichsten Zeugen, der ritterlichen Herrn
vom deutschen Orden? Ein Mährchen also der ganze Bericht; der Schöff, entweder
selbst getäuscht, oder im Begriffe uns zu täuschen, und die Klage ohne Grund! -
Dieter's, wie des Mönchs Wahrhaftigkeit wurde jedoch um ein Gutes verbürgt und
vergewissert, da der jüngste Bürgermeister mit einem Gesichte voll Zorn und
Wildheit in die Versammlung trat, den Wirt vom Einhorn auf seinen Fersen. »Gott
verdamme doch alle Verräter und Meineidige!« begann er heftig, wie man es an
ihm gewohnt war, bei wichtigem Anlass: »Vernehmt doch, ihr liebe Herren und
Freunde, welche Mähr unser guter Bürger und Wirt zum Einhorn Euch zu bringen
hat.« Der Wirt erzählte also nach vorhergegangener Aufforderung, dass schon seit
manchem Jahre der Kaufdiener Conrad Schwarz, gemeinhin, seines Vaterlandes und
seiner Mundart halber, der Schwabe oder das Schwäbeln genannt, und zu Diensten
des weltberühmten Hauses Ulrich Arzt in Augsburg stehend, auf seinen Messzügen
und Reisen in's Brabant sich in der Herberge zum Einhorn eingefunden habe, und
stets als ein ehrlicher Geselle und guter Zahler von dannen gefahren sei. Ein
solches sei ebenfalls vor dreien Tagen geschehen, an dem Tage selbst, da
Bechtram von Vilbel und des Rats Freunde und Abgesandte im Deutschherrenhause
ihren Frieden gemacht. Nun habe aber Er, der Wirt zum Einhorn, heute Morgen
durch einen Landmann vom Maingehöft einen Zettel erhalten, den ein reisiger
Knecht demselben zur Bestellung übergeben; einen Zettel, von dem Schwaben selbst
geschrieben, worinnen er berichtet, der Herr von Vilbel habe ihn am bewussten
Sühntage, im Heimreiten begriffen, von der Strasse aufgefangen, nach
Neufalkenstein geschleppt, und ihn genötigt, diesen Brief zu schreiben, damit
der Wirt zum Einhorn zweihundert Mark Silbers als Lösegeld für den Gefangenen
nach Neufalkenstein trage. Er, der Wirt, begehre nun zwar nicht, das Verlangte
zu tun, sintemalen ihm bang geworden um sein Geld und seinen eignen Leib; er
habe jedoch nicht verfehlen wollen, denen gestrengen Herren solches zu
berichten, damit sie in ihrer Weisheit das Nötige beschliessen möchten, ob
vielleicht der ehrliche Kaufdiener aus seiner Angst erlöset werden könnte. -
Diese Erzählung, unterstützt durch den vorgewiesenen Zettel, weckte den Unwillen
der ganzen Versammlung, und Dieter's Angabe fand nun unbedingten Glauben. Der
Schulteiss und Dieter's Feinde, die so sehr auf Bechtram's Redlichkeit gepocht
hatten, traten nun auf die Seite derjenigen, die seinen Treubruch schmähten, und
vollwichtige Rache für den auf dem Gebiete der Stadt verübten Frevel forderten,
und für den höhnenden Meineid, den der alte Buschklepper am Tage selbst der
Friedensstiftung in frechem Mute begangen. Die Furcht vor der Wut des
Raubritters und seiner Diebsgesellen in der Wetterau wich nun zurück, indem man
die der freien Stadt wiederfahrene Beleidigung fest in's Auge fasste, und eine
Stimme nur war's, die aus jedem Munde die Befreiung der Bürgerin Frankfurts und
des fremden Gastes forderte. Als aber die Mittel dazu zur Sprache kamen, da
waren wieder die Zungen uneins geworden. Die Kühnsten rieten zu einem Auszug,
wie er im Jahre 1404 gegen Rückingen, das Schloss des Hans von Rudenscheim, des
Marktschiffschinders, statt gehabt hatte. Die Vorsichtigern verwarfen die offne
Gewalt, die alle Genossen des Räubers gegen die von Streitern ziemlich entblösste
Stadt anhetzen würde, und sprachen von List und besonnener Klugheit. Die Feigen
schlugen vor, die Hülfe eines benachbarten Fürsten anzurufen; ein Vorschlag, der
den Vaterlandsfreunden, welche jede fremde Einmischung in die Händel der Stadt
hassten, vollkommen widerlich war; aber demungeachtet einen Streit entspann,
welcher die Beratung der Versammelten in eine wilde Gährung verwandelte, aus
welcher sich Dieter, um mit seinem Gram und seinen Entwürfen allein zu sein,
rettete. Aber auch dieses Alleinsein, dieser Strom von Gedanken, den er einsam
an sich vorbeirauschen liess, führte sein Herz nicht zur Ruhe, und er suchte sein
Haus auf, um Zerstreuung in der Gesellschaft seines Bruders, seines Knaben zu
finden. Wie vom Blitze gerührt, stand er jedoch da, als ihm sein Knecht Eitel
berichtete, Dagobert sei angelangt, als Vollbrecht, der Knecht des Junkherrn,
ihm den Reverenz machend, vorüberging, und Dagobert selbst ihm auf der Stiege
entgegen kam. - Des Vaters Verwirrung war gränzenlos, und Schreck und Beschämung
knickten seine Knie ein, dass er das Geländer der Stiege erfassen musste, um nicht
zurückzusinken. Dagobert ersah diese plötzliche Schwäche, und reichte ihm
schnell die helfende Hand, an welcher er den Vater zu seinem Schlafgemach
geleitete. Schwer atmend liess sich der Schöffe in den Sorgenstuhl nieder, und
erst, nachdem er einige Zeit lang den Blick auf den Boden, alsdann auf das
mildfreundliche Antlitz des gegenüber sitzenden Sohns geheftet hatte; wagte er
die Anrede: »Du hier, Dagobert? Und Wallrade? ...« - »Mein Bemühen war
vergeblich;« entgegnete der Sohn bedauernd: »Eben so leicht hätte ich den grossen
Kaiser Karl finden mögen, der seit sechshundert Jahren im Brunnen der Beste zu
Nürnberg sitzen soll. Dafür, - hab' ich vernommen - habt Ihr selbst gelegnere
Kunde erhalten, wozu ich Euch und mir von Herzen Glück wünsche, Herr Vater.« -
»Dir?« fragte Dieter mit spöttelnd ungläubiger Miene. - »Weiss es der Himmel,
auch mir;« versetzte Dagobert: »Ich habe zwar nicht viel Ursach, Wallraden Gutes
zu wünschen, aber mehr denn sie, lieb' ich meinen guten Leumund, und bin
herzlich froh, dass endlich die Stadt erfahren wird, - und auch Ihr beineben,
Herr Vater, - dass ich Wallraden nicht hab' stehlen lassen.« - Diese Worte,
obgleich mit mildem Ernst, weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott
gesprochen, trieben dem Alten die Röte der Schaam auf die gefurchte Wange. »Das
eigne Gewissen ist des Menschen fürnehmster Richter;« sprach er stockend, und
Dagobert entgegnete gelassen: »Das ist's, Herr Dieter. Mein Gewissen ist jedoch
heil, wie ein frisches Auge: darum bin ich auch hier, wo der Teufel recht
geschäftig gewesen ist, mich anzuschwärzen vor aller Welt. Ein biedrer Mensch
weicht dem Satan nicht aus, sondern nimmt ihn bei den Hörnern und wirft ihn aus
dem Wege.« - »Du sprichst kühn!« meinte Dieter, der ihm forschend in's Auge
sah. - »Ich vertraue auf den Himmel;« antwortete Dagobert mutvoll: »ich bin dem
lieben Gott von Herzen treu und hold, und er wird's mir nicht minder sein; darum
fürchte ich auch nicht den Schulteiss, nicht den Oberstrichter, nicht des
Prälaten, der hier in's Nest gezogen ist, Verläumdungen; auch die heilige Acht
nicht, die mich einer Ladung vor ihren Stuhl gewürdigt hat.« - Dieter's Wange
sank von hoher Röte in die Blässe des Todes herab: »Unglücklicher;« murmelte
er: »Du frevelst. Fürchte jenen Stuhl, vor welchem der Sünde die letzte Larve
entfällt, und die Wahrheit sich auftut in finstrer Nacht.«
    »Ich scheue die Wahrheit nicht;« entgegnete Dagobert fest: »ich wünsche sie,
mein Vater. Wollte Gott, die unbekannten Herren ergründeten sie beim fröhlichen
Sonnenlicht; aber auch um Mitternacht stehe ich ihrer Ladung, und morgen soll
der Frohne nicht umsonst meiner warten.« - »Du wolltest ernstlich ...« - »Soll
ich mich verfehmen lassen, mein Vater, um unter dem Messer irgend einer
Blindschleiche der Acht zu fallen, sonder Gehör und Verteidigung? Oder wäre das
ernste Gericht im Grunde nur ein Fastnachtsschwank, den man nur aufführt, sobald
sich Zuschauer eingefunden haben; und unterlässt, sobald kein Mensch seine Ohren
dazu leihen will, trotz Heroldsruf und Pfeifenklang? Ich halte mehr von dem
finstern Richterstuhle und will ihm meine Reverenz nicht versagen, damit ich
vernehme, wessen man mich eigentlich beschuldigt hat, und mich rein wasche von
der aufgelogenen Sünde.« - »Eine trotzige Zuversicht!« schaltete Dieter warnend
ein.« - »O, dass Ihr sie nicht teilen mögt, Vater;« sagte hierauf der Jüngling,
und ergriff wehmütig Dieter's widerstrebende Hand: »o, dass Ihr der Erste seid,
der den Stein auf mich geworfen, und der Letzte, der ein offnes Ohr für meine
Schuldlosigkeit haben wird! Ich kenne mich selbst kaum mehr, seitdem ich geahnt,
seitdem ich vernommen, was in Euerm Herzen vorgegangen, wie sich dasselbe so
ganz von mir gewendet. Ich bin irre an mir geworden, ich habe meiner Gedanken
innerste Kammer durchsucht, und nicht eine Spur von Gottlosigkeit darin
gefunden. Und Ihr - der Gerechte - zweifelt an meiner Seele, - Ihr verdammt
mich, während ich rein bin, wie ein hülfloses Kind! Doch habe ich gegen Euch
keine Waffen. Im Gegenteile; ich wähle Euch zu meinem Beistande vor dem Stuhle
zu Sachsenhausen, und gewiss schlagt Ihr mir's nicht ab, mich dahin zu begleiten,
wo die Wahrheit sich auftut in finstrer Nacht.« -
    Dieter schrack sichtlich zusammen, und die Vorwürfe seines Gewissens
pochten so heftig an sein Herz, dass er kaum eine ängstliche Weigerung
hervorbringen konnte. Dagobert sah verdüstert vor sich hin, seufzte, und sagte:
»Ihr verstosst mich ganz, mein Vater. So muss ich denn allein den dunkeln Weg
machen. In Gottesnamen; aber mich betrübt's, dass Ihr mir verweigert, warum
Wallrade an meiner Statt sicher nicht vergebens gebeten haben würde.« - »Nichts
von Wallraden!« rief Dieter ängstlich und unwillig: »Ich bin nicht ungerecht in
der Liebe, die ich meinen Kindern schenke. Ich liebte Wallraden, da ich sie
fleckenlos glaubte; aber nun, ... selbst gegen den ihr gehässigen Bruder
verteidige ich sie nicht.« - »Ich hasse ja Wallraden nicht;« sprach Dagobert
ruhig; »doch ihrem Hass vermag ich nicht verschwenderische Liebe entgegen zu
setzen, und darf Euch mit dem heiligsten Eide versichern, dass diese Schwester,
Eure Tochter niemals würdig war, unsern Namen zu führen. Wollt Ihr Beweise ...?«
- »Schweig!« unterbrach ihn Dieter heftig: »aus Deinem Munde will ich nicht
wieder hören, was ich schon weiss. Welch ein Sieg für Dich und Margareten!« -
Dagobert zuckte schweigend die Achseln. - Dieter fuhr aber entrüstet fort:
»Schlange nennst Du Wallraden; sag' an, gelehrter Sohn: welch Urteil fällst Du
über Margareten? Schenkst Du ihr einen Heiligenschein, oder musst Du beschämt
bekennen, dass sie schlimmer fehlte, als Wallrade?« - Dagobert schwieg nicht
lange. »Dies Bekenntnis vermag ich nicht zu leisten,« sagte er: »dass jedoch Frau
Margarete fehlte, Eurer unwürdig handelte, will ich nicht läugnen. Leider darf
ich's nicht.« - Triumphirend sah Dieter zu ihm empor und rief: »Dank Dir, mein
Gott, dass des Sünders Mund so eben die eigne Schuld bekennt in der fremden.« -
»Ich begreife kaum mit Sinn und Ohr, was Euer Mund spricht,« erwiederte
Dagobert; »doch schwör ich's Euch, dass meine Lippen manches entüllen könnten,
was ich verschweige, weil Frau Margarete Eure Hausfrau, meine zweite Mutter
ist. Die Zeit ersetze das, was ich versäume.« - »Recht; doppelzüngiger Mensch;«
rief Dieter gereizt: »Hülle Dich nur ein in rätselhafte Reden. Deine Vergehen
blicken überall hervor, und das strafende Gericht wird nicht ausbleiben. Die
Ehre Deines Vaters hast Du misshandelt; Deine eigne Ehre in den Staub getreten;
Dein Leben verwirkt durch Deine Buhlerei mit der Jüdin, von welcher die ganze
Stadt weiss.« - »Vater!« rief Dagobert mit flammenden Augen und eilenden Worten:
»Beschützt habe ich Eure Ehre, und nie besudelt die meinige. Vater, wer an die
reine Sitte der Unglücklichen tastet, der ich Beschützer ward, weil sie keinen
Freund auf der weiten Erde hat, - wer Ben David's Tochter schmäht, bloss deshalb
weil sie eine Jüdin und mir lieb ist, - gegen den zieht mein Zorn zu Felde, und
wäre ich gleich sein Sohn. Buhlerei, sagt Ihr? Die Farbe des reinen Himmels
reicht nicht an Ester's Unbescholtenheit; eine Schurkerei habe ich noch nie
gedacht. Aber unter meinem Schilde ruht die Taube sicher; ich verrate ihre
Zuflucht den Feinden nicht, und würde jetzt schon der Holzstoss für mich
angezündet.«
    »Prahlender Wüstling!« zürnte Dieter: »Tritt immer auf in Deiner wahren
Gestalt; fliehe aber die Stätte wo ein Freistuhl Westphalens steht. Häufe nicht
noch den Jammer auf mein Haupt, Dich an einem Stadttore von den heimlichen
Rächern aufgehängt zu erblicken.« -
    »Der Herr wurde unschuldig gerichtet;« erwiederte Dagobert mit völliger
Seelenruhe: »beneidenswert wäre ich, ein schwacher Sohn des Staubes, träfe mich
ein gleiches Loos. Lebt wohl indessen, Vater. Ich scheide. Lieblich war mir dies
Haus, da ich noch eine fröhliche Jugend darin herumtrug, von Stiege zu Stiege,
von Speicher zu Flur, von Gemach zu Gemach, und mich überall in die Arme eines
guten Vaters, in den Schoss einer treuen Mutter legen konnte. Aber, nun die
getreue Mutter zum Himmel gezogen ist, und das Vaterherz ein doppelt Erz
angetan hat, sind mir erst diese Wände eng geworden, und niedrig wie Särge
diese Gemächer. Ich will Euch, Herr Vater, wie den wälschen Ohm mit meinem
Anblick verschonen, und fürder allein für mich meine Strasse ziehen. Behüt' Euch
Gott, und lebet wohl.« - Auf der Schwelle stiess Dagobert, in dessen Augen der
Tränen Gewalt drückte und presste, auf den kleinen Hans, den Fiorilla an der
Hand führte. Fiorilla begrüsste den Jüngling mit jener Fremdartigkeit, die vor
den Zeugen die nähere Bekanntschaft zu verbergen strebt; der kleine Hans jedoch
jubelte laut auf und kletterte an Dagobert empor. Dieser wurde rot vor
Überraschung, und setzte den Knaben stumm wieder nieder, ohne seine
Liebkosungen, wie wohl vordem, zu erwiedern. Hans machte ihm kindliche Vorwürfe
wegen dieses Kaltsinns. - »Die gute Mutter ist fortgegangen,« klagte er, »und
Else ist fortgegangen, und der Mann dort macht ein finster Gesicht. Was soll ich
denn anfangen, Dagobert, wenn auch Du nichts mehr von mir wissen willst?«
    Gerührt blickte Dagobert auf den Knaben herab, betrachtete ihn aufmerksam,
nickte dann mit dem Kopfe und sprach: »Wahrlich, Du armes Kind, ... Du bist übel
daran, ... übler als Du weisst und verdienst.« - - Hier wendete er sich rasch zu
Dieter, aber der schon zum Reden geöffnete Mund verstummte vor dem stieren
Blick, mit welchem der Vater seine Söhne beobachtete. »Überlasse Alles dem
Herrn!« flüsterte der Jüngling in sich hinein und bückte sich wieder zu dem
Knaben herab: »Gutes Kind!« sagte er halblaut zu demselben: »Vaterloser Knabe!
fasse Mut und stärke Dich zu jedem Unglück. Bist Du einst Allen fremd geworden
und ich lebe noch, so komm zu mir; ich will Dir Vater sein!« - »Ach ja;«
wiederholte der Knabe, seinen Lockenkopf vertraulich auf Dagobert's Schulter
lehnend: »Du mein Vater.« - »Ich, mein Sohn; ja! beim ewigen Gott! ich ....«
stammelte Dagobert unter Tränen, umarmte das Kind, legte es in Fiorillens Arm
und entfloh dann aus dem Gemach. Fiorilla brachte den sehnsuchtsvoll nach dem
Scheidenden blickenden Knaben auf Dieter's Schoss. Der zornige Mann stiess ihn
aber von sich, und rief: »So geh' doch hin zu Deinem Vater, junger Kuckuck, und
verwünscht sei die Stunde, in der mich mein leichtgläubig Herz abermals betrog!«
-
 
                                Zweites Kapitel.
                Schauet doch, und sehet, ob irgend ein Schmerz sei, wie mein
                Schmerz, der mich getroffen hat! Denn der Herr hat mich voll
                Jammer gemacht am Tage seines grimmigen Zorns!
                                                                       Jeremias.
Es geschah, dass an dem Abend desselben Tags, an welchem Dagobert nach Hause
kehrte, ein böses Stücklein in der Stadt verübt wurde. Es war in der Neustadt
ein Haus belegen, das man »Zum heissen Stein« nannte, und worin schon mancher
seine Hölle auf Erden gefunden hatte. Man pflog nämlich daselbst des Spiels mit
Würfeln und Brett, und es ging scharf dabei her, mit Geld und Gut und fahrender
Habe. Zu verschiedenen Malen war schon der Reiche als ein Bettler aus diesem
Hause getreten; seltner jedoch der Habenichts als ein vermöglicher Mann, weil
der Zufall nicht immer allein waltete in diesen Spielen, sondern auch gar oft
und häufig die geschickte Hand und der falsche Würfel. Es hatte sich schon
häufig, - namentlich während der Messen zugetragen, dass trügliche Spieler aus
dem Fenster waren geworfen, oder dem Arm des Gerichts übergeben worden, das
ihnen nachher zum Lohn für ihre Frevel die Augen hatte ausstechen, sie selbst
aber in den Main werfen lassen. Diese schreckliche Strafe hatte indessen die
Frevler nicht ausgerottet, sondern nur ihre Behutsamkeit und Vorsicht vermehrt,
indem es doch immer für Abenteurer aus der Fremde eine gar zu lockende
Gelegenheit blieb, um leichtsinnige Bürgersöhne, oder übermütige Prahlhänse von
Junkern, oder unerfahrne Kaufleute und Diener zu rupfen, und um ihr blankes Geld
zu bringen. Wurde hin und wieder ein solcher Spielgauner ertappt, so wusste er
schon recht gut, welch ein Schicksal seiner harrte, und er wehrte sich daher,
oft von Spiessgesellen unterstützt, seiner Haut dergestalt, dass die Rauferei
nicht immer zum Vorteil der Rechtaber ausfiel. Der heisse Stein wurde dann oft
ein blutiger, und nur die öffentliche Gewalt vermochte in der wüsten
Spielherberge Ruhe und Friede herzustellen. Ein ähnlicher Handel fiel auch an
dem benannten Abende vor, denn ein wälscher Gaudieb, der sich über die Messe zu
Frankfurt verweilt hatte, war dem Verbot des Rats zum Trotze, welcher selbst
die Würfel an den heissen Stein lieferte, mit eignen aus Wälschland gebrachten
Würfeln daselbst aufgetreten. Wie denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen
wird, so waren die Spielgäste, junge Brauseköpfe aus reichen
Bürgergeschlechtern, mit dem Willen des Fremden einverstanden, und zwangen den
Spielwirt, die ausländischen Würfel auflegen zu lassen. - Und also ging dann
das Rumoren und Geklapper los, und der Italiäner gewann und gewann, und sein
Beutel wurde immer straffer, während die Geldtaschen der Mitspieler sich leerten
bis auf den Grund. Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden versiegte, und
da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anschwoll, so ergriff einer von den
heftigsten Spielern im Zorn die Würfel, die ihm so eben die letzten Goldkronen
gekostet hatten, und warf sie mit dem Rufe: »Ei so sei doch Du verdammt, sammt
Deinem Spielzeuge, vermaledeiter Schelm!« dergestalt auf den Boden, dass einer
derselben zersprang, und es sich ergab, dass er mit Blei gefüttert gewesen, und
immer die Sechsen, wenn die geschickte Hand des Wälschen die Knochen regierte,
oben liegen mussten. Darob ergrimmten denn die Herren sammt und sonders, und
derselbe, der zur Entdeckung Anlass gegeben, nahm sich auch des Rächeramts an,
und ging dem Gauner mit dem Degen zu Leibe. Allein derselbe war ein Raufhahn
nebenbei, und wehrte sich mit dem langen wälschen Rappiere dermassen, dass,
obgleich die Andern dazwischen sprangen, und der Wirt nach Hülfe lief, der
Angreifer durchbohrt auf dem Estrich lag, ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt
worden waren. Der Schreck, den der Fall des Fechters einflösste, half dem
Spitzbuben zur Flucht, und die herbeikommende Nachtwache fand weder Mörder, noch
Zeugen mehr im Hause, sondern einzig und allein den todten Mann, den man für des
Oberstrichters Sohn, einen leidenschaftlichen, ausschweifenden Menschen,
erkannte. Sprach nun gleich die ganze Stadt, es sei an dem Wüstling gar nicht
viel verloren, so redete das Vaterherz doch anders, und der Oberstrichter, der
von vielen Kindern diesen Einzigen gross gezogen hatte, überliess sich der stummen
Verzweiflung, da ihm die abgerissne letzte Blüte seines Stammes heimgetragen
wurde. Die Morgenröte fand ihn neben dem starren Sohne sitzend, und dessen Hand
in der seinigen haltend, und brütend über dem Verhängnis. Da nun die Sonne
heraufstieg, und das Trauerhaus eben so gut mit Gold bekleidete, wie das Haus
der Freude, - da nun der gebeugte Vater sich erinnerte, dass sein Schmerz,
obgleich der eines Gewaltigen, im weiten Kreise der Welt nur ein schwacher Punkt
sei, unbeachtet von Allen denen, welchen des Mörders Klinge nicht gleich ihm
in's Innerste des Herzens gedrungen war, da legte sich die Verzweiflung zur
Ruhe, und ein milder Schmerz trat an dessen Stelle; nicht der nach Rache
dürstende Jammer, sondern der versöhnliche weinende Gram. Zitternd blickte der
alte Mann in sein Leben zurück, und suchte nach einer Wurzel dieses Verderbens,
das sein ganzes Geschlecht dahingerafft, denn der Mensch greift zum Aberglauben,
um den leitenden Faden zu finden, den ihm sein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im
Leben. Er gedachte seines strengen Amts, der vielen Schuldigen, die seine Türme
verschlungen hatten; ... der wenigen Unschuldigen, die wieder daraus
hervorgegangen waren. Er gedachte jener Vielen, die noch unter der Hand des
Henkers ihre Unschuld beteuert hatten, und quälende Zweifel, ob er auch immer
recht gerichtet, stiegen in ihm auf. Plötzlich erinnerte er sich der Juden, die,
allen Zeugnissen zu Folge, schuldlos und unverdient, - höchstens nur einer
leichten Büssung würdig, im Kerker schmachteten, und an diese Gestalten des
Elends reihte sich eine andre, aus ferner Vergangenheit, ... die blinde Mutter,
die des Oberstrichters Vater in die Flammen geworfen hatte, und bis an seinen
Tod nicht wegbringen konnte von seinem Kopfkissen, wie er oft dem Sohne mit
bitterlicher Reue geklagt. - »Wer weiss,« seufzte der betrübte Richter, .. »wer
weiss, ob nicht von jener unbesonnen gräulichen Tat das Unheil ausgebrütet
wurde, das mich und die Meinen schon betraf? Wer weiss, welch grässliches
Verhängnis meiner noch im schwachen Alter wartet, wenn ich nicht vergüte, was in
meiner Macht steht?« - Diesen trübsinnigen Gedanken nachhängend, kämpfte der
Oberstrichter lange mit dem wilden Vorurteile; riss sich alsdann männlich empor,
und begab sich mit einer Hast, als möchte es im nächsten Augenblicke schon zu
spät sein, zum Turme, in welchem Ben David und sein Vater schmachteten. Der
Wächter zog achselzuckend ein langes Gesicht, da der ehrsame Herr nach dem alten
Jochai fragte. »Mit ihm wird's wohl am längsten gedauert haben,« brummte der
rohe Mensch: »seit gestern Abend hat's ihn angefallen, wie ein tödtlich
Gebreste, und mein Schwager, der Scherer am Liebfrauenberge, der den Alten
gesehen, meint, es gehe mit der Judenseele zu Ende.« - Der Oberstrichter
entsetzte sich, ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des
Kerkermeisters zu wagen. »Hat man denn dem alten Manne keine Hülfe gereicht?«
fragte er schier gleichgültig. - »I wozu, ehrbarer Herr?« fragte der Wächter
entgegen: »Das Gesindel bedarf keiner Arznei. Der Teufel hilft seinen Jungen
ohnehin, wenn sie nicht sterben sollen, und er holt sie auch in seinen Pfuhl,
wenn's an der Zeit ist. Dann hilft kein Sträuben, und der alte Schelm von
hundert Jahren fährt auch gerade zu in die Flammen; so hat der hochwürdige Pater
Reinhold gesagt, der erst vor Kurzem hinwegging. Der verfluchte Hundsjude hat
sich nicht bekehren wollen, und der Pater versichert, dass ihm angst und bang bei
dem Sünder geworden sei: dermassen habe der Teufel, der in ihm sitzt, geschnauft
und gefaucht und geknurret, so oft der Pfaffe mit Gebet und Beschwörung
angesetzt.« - »Ist denn der Sohn bei dem Sterbenden?« fragte der Richter, und
der Wärter schüttelte den Kopf. Das Kopfschütteln begann wieder, als er den
Befehl erhalten hatte, David zu Jochai zu führen. »Gott genade unsern Ohren!«
sprach der Brummbär, nach den Schlüsseln suchend: »das verdammte Volk wird ein
Geschrei und Geklage anheben, dass man sein eigen Wort nicht versteht, und es
hilft doch zu nichts. Der Schurke muss dennoch fort.« - Der Oberstrichter
wiederholte kalt und bestimmt seinen Befehl, und liess sich indessen Jochai's
Gemach öffnen. Da lag der Greis, ausgestreckt auf einem elenden Lager, das doch
immer im Vergleich mit seinem vorigen modernden Strohbette eine köstliche
Ruhestelle war, - ganz allein, ohne Hülfe, ohne Labung, und nur der Tod war bei
ihm, begriffen in seinem traurigen Geschäft. Das Gesicht hatte schon beinahe die
Züge angenommen, die der alte Arzt Hippokrates als die letzten bezeichnet; die
Brust hob sich ängstlich und keuchend, weil in ihr das Leben sich sträubte gegen
das Erlöschen, während schon die Glieder regungslos ruhten, unvermögend, den
armseligen Wasserkrug, der zu Haupten des Bettes stand, an die fieberisch
zitternden Lippen des Sterbenden zu bringen. Der Oberstrichter erwies diesen
Dienst dem Hülflosen, er unterstützte dessen Haupt, und sprach sanfte Worte zu
ihm. Das Labsal der kühlenden Tropfen und der milden Rede rief den
Entschlummernden zur Besinnung zurück, und die starren Augen belebten sich
wieder, und sahen in der feindlichen Amtstracht einen Menschen an dem Bette des
Todes stehen. - »Der hochgelobte Gott soll Euch vergelten,« sprach der Greis,
welcher den Oberstrichter gar wohl erkannte: »mich hat überfallen die elende
Zeit, da uns der Herr hinweggehen heisst aus dem Leben, und Versöhnung befiehlt
mit dem Feinde.« - »Auch unser Gott nicht minder will Versöhnung im Sterben;«
entgegnete der Richter mit trübem Blicke und dumpfer Stimme: »Vergib meiner
Pflicht, was ich Dir Böses getan, und fluche meinem Namen nicht.« - »Da sei
Gott vor,« redete Jochai, »dass ich fluche dem, der meinen Mund genetzt hat mit
kühlem Wasser. Genommen sei von Euch jeglicher Fehl und das Vergehen Euers
Vaters, denn ich kann Euch vergeben für Israel, doch nicht für den gebenedeiten
Gott, welcher Edom verdammt hat zum Feuer. Ich will aber bitten für Euch im
Tale Josaphat, so Ihr mir gewähren wollt zwei Bitten.« - »Sprich!« erwiederte
der Oberstrichter. - »Jaget den Pfaffen von meinem Lager,« versetzte der
Sterbende wehmütig: »seine Götter sind mir ein Gräul des Baal, und weil kein
Rabbi stehen kann zu meiner Seite, und keiner von den Freunden, so will ich sein
allein mit dem Engel, der da bringt das Ende.« - Der Oberstrichter nickte, und
der Alte fuhr fort: »Sehen möchte ich noch den Sohn, meinen Bechor, und dessen
Tochter, die arme Ester.« - »Von Ester weiss ich nicht,« äusserte der Richter:
»jedoch Dein Sohn, ... so eben bringt man ihn.« -
    Man muss den leidenschaftlichen Schmerz der Völker des Südens gesehen haben,
um Davids furchtbaren Kummer sich denken zu können. Er strebte gewaltsam
vorwärts aus den Händen der Wächter, die im Begriff waren, ihm die Ketten
abzunehmen, und hätte sich mit der ganzen schweren Eisenlast über den Körper des
Vaters geworfen, wenn man es zugelassen hätte. - Endlich, von den Banden
befreit, stürzte er an dem Bette nieder auf die Knie, fasste die erschlafften
Hände des Sterbenden, küsste sie und den bleichen Mund unter Tränen und
Schluchzen und stiess von Zeit zu Zeit ein Geschrei und eine laute Klage aus, die
man im Munde des Weibes, aber nicht auf den Lippen des alternden Mannes erwartet
haben würde. Der Ungestüm dieses Auftrittes, welchem der Oderstrichter mit
Tränen im Auge entfloh, um nach dem Hause seiner eigenen Trauer zu kehren, und
zu überlegen was ferner zu tun sei, dauerte eine gute Weile hindurch, und
Jochai schien diese heftigen Schmerzäusserungen als den schuldigen Tribut der
kindlichen Liebe hinzunehmen. Endlich verstummte jedoch der allzulaute Jammer in
ängstliches Stöhnen, und auch dieses hörte auf, da Ben David das bekümmerte Auge
auf Jochai's erlöschendes richtete, gleichsam als wolle er die Augenblicke
zählen, die noch dem Sterbenden übrig blieben. Der Greis begann nun mit
brechender Stimme ein Gebet zu murmeln, in welches der Sohn einstimmte, und das
bald beendigt war. Nun sprach Ben David trostlos und zögernd: »Raaf! wirst du
mich segnen, bevor Du hinweggehst, oder wird mein Name verflucht sein von Dir?
Raaf! Du hast mir gegeben das Leben, und ich habe Dir gegeben den Tod; ach! es
ist wahr geworden, was Du gesagt hast in Weisheit. Du stirbst hin in
edomitischen Banden, und ich hab es verschuldet, dass Dein Angesicht bleich wird
ausser Israel und den Hütten Jakobs!« - »Sohn;« entgegnete Jochai sanft: »So Du
mir hättest Gift gegossen in den Leib, würde ich Dir doch verzeihen, nun ich
sterbe, denn wir werden doch teilen das Paradies mit den verderbten Kindern, da
wir ihnen nicht entziehen das Erbteil dieser Welt?1 Aber Du bist nicht gewesen
die Schlange der Wildnis, und weil mich der Herr geschlagen hat mit Schwäche und
Blödheit da ich lebte, so hat er mir verliehen Gewalt und Kraft vor dem Tode.
Ich gehe nicht dahin aus Leid, mein Sohn, ich gehe dahin aus Freude, weil die
Herrlichkeit Israels hat gesiegt, und der Väter Fürbitte bei dem Ewigen an's
Licht gebracht unsre Unschuld. Das ist ein freudevoll Hinscheiden, mein Sohn,
und ich verdanke es Dir.« - Dankbar presste David die milde Hand Jochai's an
seinen Mund.
    »Wir haben gelitten viel;« fuhr der Greis mit schwächerer Stimme fort: »aber
die Freude ist grösser, denn die Qual. Aus Amalek führt uns der Weg in's
Paradies, wo der Herr waltet, als oberster Fürst und gastlicher Wirt, und den
Behemot füttert, wie den Leviatan zur Kost der sieben Schaaren der Gerechten
aus Israel2. Mag auch ausgehen die Leuchte unsers Lebens, .. wenn doch nur
strahlt die Leuchte ober unserm Haupte: die Herrlichkeit des hochgelobten
Gottes. Meines Hand ist kraftlos geworden, Sohn, und ich kann sie nicht auflegen
Deinem Haupte, wie die Väter es getan, aber meine Zunge spricht ihn noch aus,
den Segen, der Dich geleite zum ewigen Leben der Wonnen, zu dem ich vorangehen
will. Finde Gold auf Deinen Wegen, und der Herr stärke Dein Gesicht und Deine
Hände, auf dass Du mögest sehen die Stricke Edoms, und gewinnen Deine verlorne
Habe. Der hochgelobte Gott lasse Dich fahren unter die Gerechten, und Deine
Tochter Ester nicht minder.« - Ben David seufzte schwer. Jochai fühlte es, und
fuhr, wiewohl eremattet, fort: »Gelobe mir,« mein Sohn, »dass Du - so Du wieder
findest unser verlornes Kind, - dass Du es erhalten willst auf dem Wege des
Heils. Dass sie nicht anhänge einem Goi aus Edom!« - »Wie soll ich geloben, was
ich nicht kann hindern?« fragte David ängstlich: »Ich kann nicht legen Fesseln
an ihr Herz, kann nicht machen ungeschehen, was vielleicht schon ist.« - »So
gelobe mir,« sprach der Sterbende mit mühsam erhöhter Stimme weiter, »sie nicht
zu lassen zu dem verruchten, vermaledeiten Bad, das sie die Wiedergeburt nennen;
halte sie ab, dass sie nicht abschwöre vor dem Volke den Glauben aus Canaan. -
Schwöre, gelobe!« setzte er zornig bei, da Ben David zögerte und zauderte:
»Schwöre, denn dort zu meinen Füssen richtet sich schon der Engel des Todes auf.«
- Halb ohne Bewusstsein gelobte David, was der Alte begehrte. Jochai beruhigte
sich merklich, und sprach: »Der Segen folge diesem Eide, und dem Kinde, das sich
nennt wie das Pflegkind Mardochai's. Und nun, mein Sohn, binde mir auf das
Haupt, um die Hand die Tephilum, da mein Gebein schwach geworden ist.« - David
tat, wie ihm geheissen war. Jochai's Auge wurde wieder starrer, und seine Stimme
verwirrt. »Die Seele wird unstät im Leibe,« seufzte er unter den Bewegungen des
nahenden Endes: »sie durchläuft zitternd die Glieder, weil sie bebt vor dem
Engel, der dort steht, und feurige Augen trägt vom Wirbel bis zur Sohle. Hüte
Dich, David, dass Du nicht gerätst unter das Schwert des Wilden, der dort unten
tanzt wie ein trunkner Fechter. Halte Dich an mich, denn das ist Samael, der die
Seelen nimmt derjenigen, die sterben ausserhalb dem heiligen Lande. Hilf mir,
Sohn! Gib mir die Erde des Herrn, die Du trägst auf Deiner Brust, dass ich in der
Heimat sterbe, und der Engel Gabriel meine Seele hole3.« - Ben David riss das
Päckchen von der Brust, und schob er unter den Kopf des Verscheidenden, dessen
Blicke noch einmal aufloderten in dem Scheine einer wehmütigen Freude. »Gross
ist der Herr!« stammelte seine Zunge: »gekannt in Juda, und sein Name herrlich
in Israel. Zu Salem ist sein Gezelt, und seine Wohnung zu Zion! Lasst uns ihn
preisen, den hochgelobten Gott!« - Hier stockte die Zunge des Erblassenden;
seine Augen umdüsterte die in's Leben hereinbrechende Nacht; noch einmal öffnete
sich der Mund, und von dem Schwerte des Todesengels fiel der an der Spitze
hängende Galltropfen hinein, von welchem das Angesicht bleich wird, und die
Seele entflieht4. Aber ein guter Engel, der Fürst der Barmherzigkeit musste hier
gewaltet haben, weil freundlich das Angesicht wurde und still wie der Friede. -
Ben David zog dem Todten das armselige Kissen weg unter dem Kopfe, stürzte den
Wasserkrug um, in welchem vielleicht der Todesbote sein Schwert abgewaschen
hatte; zerriss fein Gewand, und warf sich nieder auf dem Boden, wo er trauerte im
Schweigen, oder betete, oder jammernd im Staube sich wälzte.
    In diesem Zustand fand ihn am Abend der Oberstrichter. Die Wahrhaftigkeit
seines Schmerzens hatte selbst die rauhe Brust des Turmwärters gerührt, dass er
es nicht gewagt, die teure Leiche dem Trauernden zu entreiffen, bevor der
Befehl dazu gekommen sein würde. Starr und schweigend, ohne sich zu erheben, sah
Ben David in des Oberstrichters Antlitz, als suche er in den Augen desselben zu
lesen. Die Starrheit seiner Züge milderte sich jedoch, da er nichts als
Mitgefühl in des Richters Blicken wahrnahm. - »Stehe auf, David;« sprach
derselbe zu ihm: »Stehe auf, ich will zu Dir reden.« - »Herr;« versetzte Ben
David: »ich darf nicht aufstehen; so will es das Gesetz, weil die Erde ist das
Lager der bittern Armut, und verschlingt unsern wahren Reichtum. Erlaubt mir,
dass ich dem Gesetze folge, und redet zu mir, wie ein milder Herr zu seinem
Hunde.« - »Steh auf, David,« wiederholte der Oberstrichter: »mich kümmert nicht
Dein Gesetz; und Du magst es üben an anderm Orte und zu andrer Frist. Denn Du
sollst frei sein.« - »Frei?« fragte Ben David staunend: »Herr! redet Ich auch
wahr und redlich? Schwer ist die Kette, aber sie wird schwerer, denn die Welt,
wenn man versprach, sie zu lüften, und nicht dem also tut.« - »Ich lüge Dir
nicht;« erwiederte der Oberstrichter ernst: »Du sollst frei sein.« - »Frei?«
wiederholte Ben David noch einmal: »hab ich's doch ganz verlernt, wie man ist
frei. Gehen in freier Luft, ohne Bande, schlafen unter freiem Dache, ohne
Schmerz und Sorge? Versteh ich Euch? und hat der Rat endlich erkannt die
Wahrheit?«
    »Er hat sie erkannt;« sagte der Oberstrichter: »der Schurke Zodick ist
flüchtig gegangen, und Werkzeuge seiner mörderischen Frevel hat man in seiner
Wohnung gefunden. Was den abscheulichen Menschenhandel betrifft, den Du
getrieben, so will der Rat Gnade für Recht ergehen lassen, in Rücksicht auf die
böse Zeit, die ihr, auf Mord und Raub beklagt, ausgestanden habt, damit nicht
gesagt werde, wir hätten Euch ungerecht behandelt. Allein, da es sich doch nicht
geziemen würde, dass ein von einem Betrüger irre geführter Richterstuhl bekenne,
dass er sich übereilte, und die peinliche Ratbank nimmer darauf eingehen wird,
sich gegen einen Juden ferner zu erklären, so fiel der Schluss dahin aus, dass Dir
zwar die Türen des Kerkers geöffnet werden sollen, jedoch ohne öffentlichen
Freispruch; dass die Dokumente dieses Handels vernichtet werden mögen, und Du
binnen sechs Jahren verbannt bleibest aus dieser Stadt und ihrem Weichbilde, bei
Verlust der Ohren und des rechten Daumens, so Du Dich wieder betreten liessest,
binnen der aufgegebenen Bannfrist. Diese Pön magst Du hinnehmen, als Vergeltung
für den Kauf eines Christenknaben. Im übrigen danke der Milde des Gerichtes, und
entferne Dich noch disen Abend.« - »Herr!« versetzte Ben David nach langer
Überleguug: »Es müsste nicht gelten die Freiheit, wenn ich nicht annähme Euern
Antrag. Aber der Bann, der Bann macht mich zum Verbrecher.« Mein Haus wird
verfallen, Gras wachsen vor meiner Tür, meine Freunde werden mich suchen, und
fragen: »Wo ist er hingegangen, dass wir ihn nicht finden? Und meine Tochter,
mein Esterchen! Herr! ich werde doch nicht können fort.« - »So muss ich Dich mit
Gewalt wegbringen lassen;« entgegnete der Oberstrichter gleichgültig: »und wehe
dann Deinem Kopf und Deiner Faust, im Falle des Wiederbetretens.« - »O Herr!«
seufzte der Jude: »Ihr seid grausam in Eurer Barmherzigkeit. Und doch ist ein so
herrliches Gut die Freiheit! Ich wollte gerne gehen, ob ich gleich nackt bin,
wie ein Bettler, arm wie das Kind das eben zur Welt gebar der Schoss des Weibes.
Denn ich habe nicht vergraben Schätze, ich habe nicht verborgen mein Gold. Meine
einzige Habe ist ein elend Geschrifft, das der Wind mag zerstückeln, und
vielleicht schon weggeführt hat die Flut. Dennoch wollte ich gehen hinaus in
die Welt, um zu sein frei; ich wollte legen den Schlüssel meiner Tür in die
Hände des Nachbars, und aushalten den Baun, mit dem Brandzeichen des
Verbrechens, und zu suchen, und wieder zu finden mein Kind; aber diese Leiche,
... mein Vater .... ich kann sie doch nicht tragen auf meinen Schultern davon,
und was wird aus ihr werden? Soll sie doch jetzt schon ruhen in der Erde, weil
der Herr befiehlt, dass die Trauer nicht schlafe über Nacht im Hause. Was
geschieht aber mit ihr: Werdet Ihr sie auf den Anger werfen lassen, oder in den
Fluss? Wehe, wehe über Israel und seine Schmach! Mein Herz wallet mir im Leibe,
denn mein Elend ist gross!« - »Beruhige Dich,« versetzte hierauf der
Oberstrichter: »Deine Glaubensgenossen sollen Morgen den Todten von hinnen
holen, und ihn nach ihrer Weise bestatten dürfen; bei meinem Eide!« - Da ging
Ben David hin zu der geliebten Leiche, bückte sich über sie, und fragte: »Raaf,
wirst Du Zorn fühlen gegen mich in Deiner unstäten Seele, wenn ich nicht
aushalte hier die Tage der Trauer? Ich will mich ja aufmachen, zu suchen meine
Ester, - das Kind, das Du geliebt, das Kind, das Du getragen hast in Deinem
Herzen, wie in Deinem Arm. Ich will, ein Verbannter, aufsuchen das Land, wo
Deine Hütten stehen, Jakob, und das Gesetz gelehrt wird. Ich will dort die
doppelte Zeit hindurch fasten und beten, und sitzen auf der Erde mit zerrissenem
Gewand. Zürne mir jetzo nicht, ich darf ja nicht beerdigen Deinen Leib, ich darf
ja nicht folgen Deinen Gebeinen zur Grube. Verzeihe mir, Raaf, dem das Paradies
sei, und lebe wohl!« - Er küsste noch einmal zärtlich und ehrerbietig die Stirne
und den Mund des Todten, drückte ihm die Augen zu, und band die Tephillum des
Haupts darüber. Dann breitete er ein Tuch über das erblasste Gesicht, und wendete
sich zu dem Oberstrichter mit den Worten: »Befehlt, ehrsamer Herr, ich will
gehorchen.« - »So gehe hin, sobald der späte Abend dämmert;« sprach der Richter:
»Der Kerkerknecht wird Dich nach Sachsenhausen hinüber geleiten. Dort magst Du
weilenbis Morgen. Mit dem frühesten des Tages jedoch schüttle den Staub von
Deinen Schuhen, und wandre, wandre weit von hier. Dem erbarmenden Gefühle in
meiner Brust habe ich genug getan, da ich Dich losgebettelt habe bei dem Rate.
Zwinge mich nicht, Deine Strafe aussprechen zu müssen, und halte Deinen Bann.« -
»Schon dämmert der Spätabend;« entgegnete Ben David langsam, durch die Fenster
schauend, auf die nächsten Häuser, in welchen die Lichter angezündet wurden:
»Das Brückentor wird bald gesperrt werden; ich will daher jetzt gehen, Herr, so
Ihr befehlt.« - Der Wächter erschien mit Licht an der Türe, und der
Oberstrichter machte sich auf, das Zimmer zu verlassen. Ben David tat einige
Schritte, und blieb dann wie eine Bildsäule stehen. »Ist mir doch, stammelte er,
als ob michs hielte bei den Haaren und Salomon's Ring mich festbannte, dass ich
nicht kann fort!« - »Fasse Mut, Jude,« - antwortete der Oberstrichter hierauf:
»Die Freiheit winkt. Spare die ungemessene Trauer. Der alte Mann stand lange
schon am Ziele seines Lebens, und der Vater stirbt vor dem Sohne nach dem Laufe
der Natur. Mich beklage, denn ich gehe von hier zum Sarge meines Erben!« - Ben
David gedachte seiner Söhne, wendete mit dem schmerzlichsten Seufzer den Kopf
noch einmal nach dem Entschlummerten, und folgte alsdann, sich wie in der
Verzweiflung losreissend, dem Kerkerknecht. - Der Mann warf ihm, während sein
Gehülfe dem Richter des Turmes Türe öffnete, ein wollnes Wamms zu, und sagte:
»Das schickt Dir die Barmherzigkeit der verrückten Dirne, die des getauften
Schurken Freveltaten an das Licht gebracht. Die Jacke war für den Alten
bestimmt, doch kommt sie Dir jetzo auch zu gut, so wie diese Flasche Wein, die
von derselben Geberin geschickt worden ist. Die närrische Dirne hat Euch schon
früherhin, da Eure Leute sich nicht um Euch bekümmerten, manchmal Wein
geschickt, und er hat, - wenn gleich nicht koscher - Euern Judengurgeln wohl
geschmeckt. Da, nimm auch diesen.« - »Was soll mir Wein?« fragte Ben David
bitter lächelnd: »Ich bin getränkt mit Sorge und Bangigkeit. Trinke Du, mein
Freund.« - »Lieber Pech und Schwefel;« erwiederte der grobe Knecht: »lieber des
Teufels heissesten Trunk, als Rüdesheimer, der schon einmal für jüdische Ketzer
bestimmt ist. Darauf haftet schon der Fluch. Trink, und dann komm. Ich würde
Dich an die Leine nehmen, wie der Schlächter das Schwein, euern Erbfeind; aber
ich schämte mich, wenn mich in der Dämmerung ein Mensch in Deiner Gesellschaft
erkennte. Darum will ich Dir erlauben, frei vor mir zu gehen, und ich zähle auf
Deine schwachen Beine, dass Du mir nicht in der Stadt entkömmst.« - Ben David
antwortete nicht auf die pöbelhaften Beleidigungen, zwang sich, einen Zug aus
der übersandten Flasche zu tun, und folgte, nachdem er seine zitternden Glieder
mit dem warmen Wamms bedeckt, seinem rohen Führer, der ihn auf der Gasse
vorschreiten liess, um ihn im Auge zu haben. Er trieb den armen geschwächten
Juden hastig an, und brummte ohne Aufhören vor sich hin, dass er die Gnade des
Magistrats nicht begreife; dass er es vorgezogen haben würde, den überlebenden
Juden wo möglich zweimal verbrennen zu lassen, damit ihm die Strafe des
Gestorbenen zu gute komme; und dass die Juden das schlechteste, aber auch
zugleich das glücklichste Gesindel von der Welt seien, dem Herren und Fürsten
allzugnädig gar Vieles durch die Finger sähen. Am Brückentor angelangt, wo
schon die Pforten gesperrt werden sollten, schickte er seinen Begleiter unter
derben Flüchen zum Teufel, und befahl den Wachen an, dem Juden, falls er sich
heute noch herüber wagen wollte, mit der Hellebarte die Nase aus dem Gesicht zu
hauen, und ihn zu weiterer Bestrafung, einzufangen. - Ben David hatte indessen
völlige Freiheit, zu gehen, wohin er wollte. Wankend vor Schwäche schritt er
durch die Haufen der nach Sachsenhausen kehrenden Handwerker hin, und er, dessen
Schicksal eine geraume Zeit hindurch auf allen Zungen gewesen war, blieb
unbemerkt und unbeachtet. Der Rat hätte kein besseres Mittel wählen können,
allem Deuteln des Pöbels wie der Bessern auszuweichen, als den misshandelten
Juden gerade um diese Zeit wegweisen zu lassen. Ben David suchte auch nicht,
sein Schicksal Jemand mitzuteilen, oder sein sehr kennbares Gesicht bei Lichte
zu zeigen; deshalb setzte er sich, da feine Mattigkeit ihm nicht erlaubte,
weiter fürbass zu ziehen, in einen entlegenen Winkel der Gasse, in welcher die
Maternuskapelle lag, ein unausgebautes, seit bald fünfzig Jahren öde und wüst
stehendes Kirchlein, das dem Müden wohl ein besseres Obdach gegeben hätte, aber
als eine christliche Tempelstätte, schon mit dem Namen eines heiligen Patrons
begabt, von dem gewissenhaften Juden nicht zum Schlummerplatz erwählt wurde. -
Die Gedanken, die einen betrübten Sohn und noch betrübtern in alles Ungemach des
Lebens und der Armut herausgestossenen Vater quälen, belagerten auch die Sinne
des unglücklichen Ben David, und verwehrten dem mildernden Schlummer allen
Zugang zu dem Gepeinigten. Wohin sollte er sich jetzt wenden, um das verlorne
Kleinod seines verbitterten Lebens aufzusuchen? Wohin hatten die wilden Reiter,
von denen Judit sprach, die bedauernswerte Ester entführt? Und wenn er das
Kind seiner Tage wieder in die Arme schloss, welche Schande weilte nicht
vielleicht im verborgenen Hintergrunde? Seine grausame Einbildungskraft stellte
die ganze wunderliebliche und verführerische Gestalt der Verlornen vor seine
Augen, und bekümmerter hob sich seine Brust, denn so viel Liebreitz konnte
nimmer der Gefahr entgangen sein. »O Gott meiner Väter!« seufzte er aus dem
Grunde seines Herzens in die rings um ihn still gewordene Nacht hinaus: »O Du,
der Du gemacht hast die Sterne, die dort oben funkeln in der Krone Deines
Haupts! Wie liege ich doch hier, so geplagt und gepeinigt, wie ein von Deinem
Angesichte Verstossener? Ich bin unglücklicher, denn der arme Mann Job und der
Bettler vor der Türe des Reichen. Ich habe gehabt Geld und Gut, ich habe
gepflegt einen greisen Vater, ich wurde bedient von einer geliebten Tochter; ich
habe hinausgeschickt in die Fremde zwei Söhne, zu werden der Stolz meiner Tage,
und meine Freude im Tode. Weh mir! weh mir! was ist geworden aus diesem
Reichtum? Wahrlich, wahrlich; auch gegen mich hat sich der Schrecken gekehrt,
und hat verfolgt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine laufende Wolke
meinen glückseligen Stand. Das Schwert hat gefressen den einen meiner Söhne;
abgefallen ist der zweite von dem Gesetze seiner Väter. Geschieden ist mein
Vater in den Banden der Knechtschaft, und verstummt ist unter dem Himmel die
Klage meiner Tochter. Wo ist sie, die blühende Rose aus meinem Garten? Ach, sie
ist vergangen wie ein Schatten, und von dannen gerafft worden, wie meine Habe,
und betteln muss ich mein Brod vor den Hütten Jakobs, oder den Wohnungen Amaleks,
das mir den Tod wünscht, statt Gedeihen, weil ich hänge an dem Gesetz, an Deinem
Gesetz, hochgelobter, gepriesener Gott! weil ich mich nenne nach Israel, das Du
geweiht hast vor allen Völkern der Erde. Gerechtigkeit war mein Kleid, mein
Recht der fürstliche Hut meines Haupts! Hast Du denn so gar grosse Sünde gefunden
an Deinem Knecht, o Herr, dass Du ihn schlägst mit Deinem unendlichen Zorn? oder
willst Du prüfen, ob .....« Das leise Flüstern der bebenden Lippen verlosch in
lauschende Stille, denn Gestalten, wie die Schatten der Nacht in düstre Gewänder
gehüllt, eilte unfern von dem Platze des Juden vorüber. Gingen ihrer gleich
mehrere zusammen, so wurde dennoch kein Wort gewechselt, und dieses schnelle und
ganz geräuschlose Vorübertreiben der nächtlichen Wanderer machte nicht auf Ben
David allein einen unheimlichen Eindruck, denn ein guter Bürger, welcher
gegenüber, vielleicht der letzte Wachende in seiner ganzen Strasse, beim düstern
Lampenschimmer am halb geöffneten Fenster sass, schlug bei obigem Anblick mit dem
halblauten Rufe: »Ach Jesus Maria!« das Fensterlein zu, und löschte schnell den
Lichtschein, um scheu in sein Lager zu kriechen. - Ben David, mit
Gespensterfurcht wenig bekannt, sah in den verhüllten Leuten keine Schrecknisse
des Grabes; wohl aber erinnerte ihn seine Vernunft gar bald an das im Finstern
waltende Gericht, das von Zeit zu Zeit auf Sachsenhausens Boden gehegt wurde,
und von dem Volke gefürchteter und gehasster war, als von den Juden, die nicht
vor die heimliche Acht gezogen wurden. Diese Freiung sicherte indessen diese
Letztere nicht vor ungläubiger Misshandlung, so sie in dem Umkreise der
Vehmstätte als lauschende und neugierige Späher aufgefunden würden, und, um von
den hin und her schweifenden Vermummten nicht ertappt zu werden, versuchte Ben
David, trotz seiner Erschöpfung, von dannen zu schleichen, als eine bekannte
Stimme, die sich in geringer Entfernung hören liess, ihn neuerdings vermochte,
sein Ohr aufzutun, und zu verharren. »Bis hieher, und nicht weiter;« sagte eine
Stimme freundlich: »hat anders die Sage des Pöbels einen Grund, so muss ich im
Bereich der Maternkapelle meine Leute finden. Habe Dank, dass Du mich bis hieher
geleitet, denn, da ich hier der Feinde so viele und mächtige zähle, wird mir
bald selbst vor Meuchelmord bange.«
    »Wer weiss, ob Ihr nicht einem ähnlichen Schicksale entgegen geht;«
antwortete eine andere Stimme: »Seht, guter Dagobert, ich möchte Euch gar zu
gerne wieder mit mir zurück nehmen nach der Stadt. Lasst das Wagstück bleiben,
und geht in's Kloster, oder in die Fremde auf Abenteuer; dann lassen Euch die
Finsterlinge ungeschoren!« - »Wahre Deine Zunge;« entgegnete Dagobert: »hier ist
die Luft nicht rein; und von meinem Vorhaben bringst Du mich nicht ab. Um Deines
freundlichen Geleits willen jedoch verzeihe ich Dir, dass Du mich so feig in
Deinen bösen Handel verwickeln wolltest, und nehme all meinen Groll zurück.« -
»Ihr habt gut reden, Junker;« versetzte der Andre, - Gerhard von Hülshofen: -
»und Ihr selbst hättet alsobald dem ganzen Ding eine andre Wendung geben können,
hättet Ihr die Augen bei Euch gehabt, und den Jungen als Euern Bruder erkannt.«
- »Du hast Recht;« sprach Dagobert mit einem Seufzer, nach kurzer Stille: »'s
ist meine Schuld. Mir war der Knabe fremd. Geh aber jetzt mit Gott von dannen.
Mir ist, als stände ich in einem Zauberkreise, und keinen Zweiten möcht' ich in
mein Geschick verwickeln. Frage morgen im Einhorn nach mir; bin ich am Leben
noch, so wollen wir einen Valettrunk halten, trotz dem im Rosengarten zu Worms,
denn mir ist Vaterhaus und Vaterstadt verleidet, und ich will fort. Bei dieser
Gelegenheit magst Du über Deinen langen Vollbrecht staunen. Die Kost in meinem
Dienste schlug dem Burschen trefflich an, und er beginnt, Dir's gleich zu tun.«
- »Ihr könnt noch scherzen,« sprach Gerhard: »und mir pocht das Herz wie einem
armen Sünder! Ein gut Gewissen mag ein wackrer Harnisch sein, allein ....« -
»Das ist es auch;« meinte Dagobert: »noch einmal, geh! Komm ich nicht wieder, so
grüss' den Vater und den Lehrer Johannes, und nimm mein Pferd, das Beste meiner
Habe. Leb wohl aber jetzt.« - Ein Handschlag noch, und fort eilte der Begleiter.
Dagobert sah sich unschlüssig auf der Kreuzstrasse um, und brummte in den Bart:
»Am besten ist's, ich warte hier, bis man mich ausgewittert. Ist's denn wohl der
Nachttau, der meine Augen feucht macht, oder etwas Besseres? Der plumpe Wicht
sogar hätte mich bald weich gemacht, und an den Vater, und an sie will ich gar
nicht denken, sonst heule ich den unbekannten Herrn etwas vor, statt wie ein
Mann zu reden. Und wahrlich, dieses Letztere zu tun, ist Not, denn dort
gilt's, wie es heisst. In Gottes Namen, und im Namen der Dreifaltigkeit: ich bin
gefasst.« - Er schlug den Mantel fester um die Schultern, und blickte scharf nach
der Seite, von wo sich etwas gegen ihn bewegte. Den linken, in den Mantel
gewickelten Arm vorgehalten wie ein Schild, und die rechte Faust am Griffe des
kurzen Schwerts, das an seiner Seite hing, rief er dem Nahenden fein: »Wer geht
da?« entgegen. Statt der stumpfen Stimme eines harrenden Freifrohnen redete ihn
jedoch Ben David's Stimme an, die er alsobald erkannte; erschrocken rief er ihm
zu: »Unglücklicher, woher kömmst Du? was willst Du hier? Rede, oder besser:
fliehe! Man bringt Dich in Deinen Kerker zurück, oder die Diener der Acht
schleudern Dich in den Main, so Du nicht eilig auf und davon gehst!« - »Ich bin
nicht entsprungen, Herr!« erwiederte der Jude schweratmend und demütig: »ich
will weiter wandern jedoch, um zu retten mein armselig Dasein für mein Kind.
Doch, eben dieses Kind ... Herr, ... Ihr habt es gekannt, ... Ihr habt es
beschützt ... Ihr habt es vielleicht geliebt, wie ein Edelmann nicht soll lieben
eine schlechte Jüdin.« - »Ben David!« rief der Junker halb zürnend, aber der
Jude liess ihn nicht weiter sprechen, sondern fuhr fort: »Hab' ich gesagt eine
Lüge, so verzeiht mir, und der liebe Gott wird es nicht minder tun. Und hätte
ich gesagt die Wahrheit, und wär Ester geworden ein Spiel Eurer Musse und Eures
raschen Bluts, ... Herr, ... ich muss Euch vergeben, da Ihr ein Christ seid, und
ich nur ein elender Jude; aber ich will auch vergeben, wenn Ihr barmherzig sein
wollt, und mir nur einen Wink gebet, wo ich sie wiederfinden kann, das Licht
meiner Augen, - den Stab meiner schwachen Hand.« - »Aber, was rede ich?« setzte
er hinzu, da Dagobert noch vor Bestürzung schwieg: »Ich bin ein Tor; blödsinnig
bin ich geworden, und vergesslich wie das Hirn eines alten Weibes. Weiss ich denn
nicht, dass der verfluchte Zodick sie geraubt aus Euerm Gewahrsam, .... dass sie
geworden ist eine Beute des Kriegsvolks? ... Weh mir! weh mir! wehe geschrieen
über mich und Israel!« -
    Der arme erschütterte Mann war im Begriff, in laute Klagen auszubrechen und
mit seinem Jammer Nacht und Nachbarschaft aufzustören. Dagobert hatte
besorgliches Mitleid mit den Vater seiner Ester. »Fasse Dich;« sagte er
eindringlich zu dem Winselnden, indem er ihn mit starker Hand emporhielt: »Du
stürzest Dich in's Verderben durch Dein zweckloses Gewimmer. Deine Furcht ist
grundlos. Ester ist in Sicherheit; Gott und ich - wir haben sie nicht
verlassen. Du wirst mich besser kennen lernen.« - »Engel, Fürst der
Barmherzigkeit!« stammelte der froh überraschte Vater, Dagobert's Hände küssend:
»Ihr habt Segen gepflanzt auf meinen dunkeln Weg, Öl gegossen in die Wunden
meines Grams. Erfüllt das Maass Eurer Menschenliebe .... zeigt mir den Weg zu
Ester. Besorgt nicht, dass ich sie reisse mit mir in's Unglück. Ist sie Euer
Eigentum geworden; wie der Knecht das des Herrn, ich raube sie Euch nicht, ...
ist sie geworden Euer Gut, wie das Lieb des Buhlen, ich verführe sie Euch nicht;
aber letzen muss ich mich mit ihr, damit ich hinfahren könne in Frieden.«
    »Merke auf;« versetzte Dagobert schnell und bewegt: »Morgen schon magst Du
im Arme Deines Kindes liegen. Unfern von der Stadt Friedberg liegt das Dürninger
Schloss, und in dem Walde, der das Ritterhaus umgibt, steht, eingehägt wie das
Veilchen im weitverbergenden Wieswachs, die Forstütte des Schlosses. Darin
haust Ester, dort magst Du sie finden, und mein in Frieden gedenken, sollte ich
nimmer dahin zurück kommen. Geh' aber jetzt, Alter, denn sicher bleibt diese
Stätte nicht mehr lange leer.« - Er riss die zwar nicht überflüssig gefüllte
Börse vom Gürtel, und drückte sie dem Freudevollen in die widerstrebende Hand.
Mit dankbarer Inbrunst küsste Ben David den Saum seines Mantels, stammelte die
Worte: »Herr des Lebens! Herr der Gnade! Und Dich konnte ich nennen grausam?«
und lief, ohne ferner zu verweilen, fort gegen das Gattertor zu, das aus
Sachsenhausen einen Ausweg darbot, und seine Flügel vor der Freigebigkeit des
eiligen Wandrers willig öffnete. - »Die Begierde, über den Strom zurück zu
kommen, stürzt vielleicht den armen Mann in die Fluten, ehe noch das
Morgenlicht den Schiffer weckt, die Fähre zu rüsten!« sagte Dagobert vor sich
hin, und schritt mit aufmerksamem Ohre hin und her. - »Es dauert lange!« fuhr er
nach einer kurzen Stille fort: »wüsste ich nur ein Mittel, mich den Herren
bemerkbar zu machen; denn gehegt wird heute. Die schwarzen Vögel strichen schon
an mir vorbei.« - Indem er nun mit verschränkten Armen zu den Sternen emporsah
in ungeduldiger Erwartung, und in der schmerzlichen Erinnerung an die Ferne,
Ersehnte, - fiel ihm ein Lied ein, das zu jenen Zeiten im Munde aller
gefühlvollen oder minneholden Jünglinge war; und da dessen einfach rührender
Inhalt sich vollkommen nach dem Zustande seiner innersten Seele richtete, so
sang er es vor sich hin mit halblauter Stimme, damit wieder Ruhe und Fassung in
seine Brust kehrte:5 »Vom Vaterland,« so fern so fern, - »hat mich erkannt« der
Abendstern, - »und lacht mich an;« ich kenne Dich, »und Deine Bahn;« hier siehst
Du mich! -
    Nachdem er diesen ersten Vers vollendet, und sein Herz in neuer Kraft
aufschlagen fühlte, war es ihm, als ob sich unfern von ihm wieder etwas regte.
Er lauschte; das Geräusch hatte aber aufgehört. So begann er denn den zweiten
Vers des ermunternden Liedes: »Ich blick' Dich an,« ach Abendstern, »auf Deiner
Bahn,« so nah und fern, »Wie freu' ich mich,« Dich hier zu sehn; »Du kannst -
nicht ich,« zum Liebchen geh'n. - »Zum Liebchen gehn!« wiederholte er
schmerzlich, und hielt die Hand vor die tränenden Augen. Neben ihm liess sich
indessen eine freundliche Mannsstimme vernehmen: »Habt Dank, guter Geselle: Euer
Lied kam von Herzen, und ging auch zu Herzen. Gott segne den wackern Sänger, der
es machte, und lasse es ihm wohl gehen; sässe er auch in Schmach und Elend, ...
vergnügt müsste er sein, da die Dichtkunst und die liebliche Musika ihm dienen,
und sie sind beide gar holdselige Engelein.« -
    Dagobert schaute verwundert auf den Nachbar mit der leisen gemütlichen
Rede, und wäre fast erschrocken, da er in demselben einen kleinen verkappten
Mann wahr nahm, über dessen Haupt die Kaputze eines dunkeln Mantels tief
herabfiel. »Ich muss Euch aber jetzo bitten,« sprach der Mann weiter: »diesen
Platz zu meiden. Es wird hier herum die kaiserliche beschlossene Acht gehegt,
und wir haben Fug und Recht vom Kaiser, hier nur Geladene zu dulden. Ich hab'
Euch nur das Liedlein wollen vollenden lassen, und denke, Ihr werdet ohne Säumen
heim gehen.« - »Ei, mein Freund,« antwortete Dagobert fast lustig und
wohlgemut: »ich bin ja ein Geladener, und wenn Ihr, wie ich denke, ein Diener
der Heimlichen seid, so tut mir die Liebe, mich hinzuführen, wo man meiner
bedarf, denn es ist nicht eben fröhlich, hier das Grab umsonst zu hüten6. Die
Stunde ist spät, und vom Main weht keine sommerliche Luft.« - Der kleine Mann
warf sich bei diesen Worten etwas in die Brust, und fragte nach dem Namen des
Andern. Als derselbe sich genannt, staunte der Frohn ein wenig. - »Ihr seid
allzufertig, Junkher Frosch;« sagte er mit einer Art von Verbeugung: »Nur ein
gut Gewissen stellt sich, ohne die dritte Ladung abzuwarten, vor die Schranken.
Glück auf, Herr, und folgt mir. Ich will hoffen, Euch wohlbehalten wieder hieher
zurück zu bringen.« - »Gott geb's!« versetzte Dagobert: »Schreitet voran, Ihr
da; ich komme nach.« - »Erlaubt, dass ich Euch mit diesem Tuche die Augen
blende;« entgegnete der Frohn: »wir haben nicht weit zu gehen, und der Gebrauch
will es so. Auch Eure Waffen gebt mir, falls Ihr deren bei Euch tragt.« -
Dagobert besann sich ein wenig; dann sagte er: »Und warum denn nicht? Mein Recht
bedarf keines Schwerts, und die schwache Klinge würde nicht der Gewalttat
Vieler sich erwehren können.« - Er reichte dem Frohn die Waffe, und liess sich
geduldig das Antlitz verhüllen, worauf ihn der Frohn bei der Hand nahm, und
behutsam mit ihm voranging. - »Wäre ich Freigraf und Schöppenbank in Einem,«
wisperte der Kleine dem Jüngling zu: »so hätte ich Euch schon dort auf dem
Kreuzwege freigesprochen; denn ein Mann, der solche Liedlein singt, und singt,
wie Ihr es tut, .. der hat nimmer einen Frevel im Schilde geführt.« - »Ihr habt
viel Vertrauen, obschon Ihr zu den Heimlichen gehört;« meinte Dagobert: »könntet
Euch wohl irren.« - »Nicht doch;« versetzte der Frohn: »ich kenne Euch auch
nicht erst seit heute, und schon, da Ihr mit Singen aufhörtet, und zu sprechen
begannt, hab' ich wohl gewusst, wer Ihr seid. Ich kenne Euch recht gut und Euer
Haus.« - »Ei, so soll mich Gott! ..« sagte Dagobert, im Gehen inne haltend: »Ihr
seid mir auch nicht fremd, und manches Stiefelpaar hat mir Eure Hand gefertigt,
Meister Freudenberger, wenn mich meine Ohren nicht abscheulich hinters Licht
führen.« - »Pst!« antwortete der Andere, und weiter nichts. - »Wie kommt denn
Ihr, der fröhliche Meister und kunstgerechte Chor- und Stubensänger, - wie kommt
Ihr unter diese Eulen der Nacht?« fragte Dagobert teilnehmend weiter. Der Frohn
drückte ihm aber rasch die Hand, und flüsterte: »Stille, um des Himmels Willen.
Wir sind unfern dem Stuhle, und haben nur das Zeichen zu erwarten.« - Lautlos
standen Beide stille, und nachdem verschiedne Stimmen, brummend und flüsternd an
ihnen vorüber gegangen waren, geschahen unweit von ihrer Stätte sieben
Hammerschläge auf ein dröhnendes Brett, und mehrere Menschen kamen heran. »Ben!«
rief der Eine, mit viel Frohsinn in dem Ausdruck seiner Rede: »'s hat hart
gehalten, aber, Gott sei Dank; Recht ist Recht geblieben. Wie wird sich meine
Mutter freuen, wenn ich wohlbehalten nach Hause komme. Sein ferneres Geplauder,
wie eine Mahnung der Begleiter sich ruhig zu verhalten, verscholl in der Weite.«
- »Dieser Mensch hat's glücklich überstanden;« dachte Dagobert für sich: »die
Vehme scheint also nicht aus eitel Blutunden zu bestehen; darum Mut, Freund
Dagobert. Mut und offnen Helm!« -
    Rasch fühlte er sich nun fortgeführt; sein Fuss betrat glattes Steinpflaster;
er hörte ein Geräusch um sich summen, wie Reden aus dem Munde Vieler, die sich
an den Bogen eines Gewölbes brechen. Der Frohnbote hiess ihn stille stehen, und
nahm ihm die Verhüllung von den Augen. Dagobert erkannte angenblicklich die
Maternuskirche als die Stätte des heimlichen Gerichts. Auf den Stufen, den Altar
zu tragen bestimmt, war eine schlichte Tafel errichtet, hinter welcher der
Freigraf auf einem Stuhle, die sieben ihn umgebenden Schöppen auf niedern Bänken
sassen. Vor dem Erstern lag ein Schwert und der Zweig einer Weide. Hinter den
Sitzen der Richter standen und sassen teils einzeln, teils in mannichfachen
Gruppen, eine Anzahl von Männern, deren sorgfältige Verhüllung, jener der
Richter gleich, andeutete, dass sie mit zu den Wissenden gehörten, ob als
Frohnboten, oder als echte und rechte Schöppen, jedenfalls ohne an dem Gerichte
tätigen Teil zu nehmen. Um den Vorgeladenen standen einige Diener des Gerichts
in bescheidentlicher Entfernung. Zwei Lampen, von welchen die eine an der Türe
gehalten wurde, die Andre vor dem Grafen stand, leuchteten in diesem düstern
Bau. Die Unterredung der im Kreise Sitzenden dauerte mit Lebhaftigkeit fort, bis
endlich der Frohnbote den Freigrafen bescheidentlich erinnerte, dass der
Vorgeladene des Weitern harre. Ein Schlag auf den Tisch stellte die Ruhe her.
Aller Augen richteten sich - unter den bergenden Kaputzen hervor - auf den
Jüngling, dessen Ruhe und Sicherheit in dem Maasse zunahm, als er mehr und mehr
gewahr wurde, mit welcher Sorglosigkeit die so gefürchteten Richter ihr Geschäft
betrieben. - Der Freigraf erhob zuerst seine Stimme, und sprach: »Ich frage
Dich, Frohne, ob es noch wohl an der Zeit sei, in Statt und Stuhl unsers
allergnädigsten Herrn, des römischen Kaisers, dass ich ein Gericht und heilig
Ding hege, zu richten unter'm Königsbanne.« - Der Frohne antwortete: »Sintemalen
Ihr von der Freigrafschaft, und von der leiblichen Hand des römischen Königs Fug
und Recht zu hegen empfangen habt, so mögt Ihr noch immer tun zu Rechten an
diesem Beklagten, Geladenen und Gegenwärtigen.« - Hierauf wurde dem Jüngling
abermals das Haupt verhüllt; dagegen entüllten Freigraf und Schöppen ihr
Antlitz, und entblössten ihre Häupter. Sie legten die Mäntel zurück auf die
Schultern und warfen die Handschuhe ab. In Aller Namen sprach der Freigraf die
Worte: »So hege ich denn ein Gericht und billig gefeimtes Geding unter'm
Königsbann, auf des Königs Bank, Stätte und Stuhl mit diesen echten, rechten
freien Männern des Königs, und fürbass mit diesen andern Freischöppen; wie sich's
mit Recht gebührt unter'm Königszwang und bei der höchsten Strafe des Strangs.«
- Die Richter verhüllten sich wieder, setzten sich, und dem Geladenen wurden die
Augen freigegeben. Nach den Eingangsfragen, aus welche Dagobert mit harmloser
Unbefangenheit antwortete, kam die Reihe im schnell und oberflächlich geführten
Verhör auf die Missetaten, deren der Vorgeladene von einem Wissenden
beschuldigt worden sei. Dagobert's Herz empörte sich bei der Aufzählung der
Verbrechen, die ihm zur Last gelegt wurden, aber diese edle Zorn übermannte
nicht das Bewusstsein seiner Unschuld, und raubte ihm nicht die Sprache des
kühnen Mannes, der sich stark und kräftig gegen solche Unbill verteidigt. Mit
hinreissender Beredsamkeit schilderte er den Unbekannten seines Lebens klaren
Weg; wie ihm ein gesundes, gutes Herz stets das höchste Kleinod gewesen, wie er
immer seine Eltern geliebt und geehrt, - wie er selbst die Stiefmutter, die ihn
gehasst, so kindlich behandelt, dass sie endlich seine vertrauende mütterliche
Freundin geworden. Er sagte klar und frei heraus, wie Wallrade ihn stets
verfolgt und gehasst, wie er ihr freundlich die Hand geboten, doch ohne Erfolg.
Er sprach von der notwendig guten Beziehung, die Judit's letzte Aussagen, und
die Kunde vom Aufentalt Wallradens auf seine Sache haben müssten.
    »Ich habe also nicht des Vaters Leben einem Mörder verdungen;« sprach er:
»ich habe nicht die Schwester in Räubers Hand geliefert; ich habe keinen Teil
an dem Verkauf des Knaben Johannes gehabt. Die Vernunft spricht mich frei davon.
Wird es mir, erleuchteten und weisen Männern gegenüber, schwer fallen, meine
Unschuld in den übrigen Anklagen zu beweisen? Nicht die Tat steht mir zu diesem
Endzweck zu Gebote; nur das Wort. Aber auch nicht die Tat kann man als Beweis
gegen mich aufbringen; nicht das Wort. Mein Wandel war unsträflich bis hieher.
Ich habe meinen Vater stets geehrt, und geachtet seine grauen Haare. Ich habe
ihm nicht den schlechtesten Pfenning entzogen, und sollte mich an dem höchsten
Schmuck seines Hauses, an dem Herzen seines geliebten Weibes zum Diebe gemacht
haben? Die abscheulichkeit kann nur aus dem Grunde einer verläumderischen Brust
kommen, und ich verachte sie als Mann und als Christ. Die letzte Beschuldigung
endlich, ihr Herren des Vehmgedings, ist nicht minder ungegründet. Buhlschaft
unterhalten mit einer Jüdin, und dadurch zum Ketzer werden? Wer zeiht mich
dessen? Ich habe die arme verlassne, von der Welt gehasste und verachtete Dirne in
meinen Schutz genommen, ohne sträfliche Absicht. Ich halte sie verborgen vor
ihren Feinden, und bin fröhlich, dass es mir gelungen ist. Vergebens befragte man
mich nach ihrer Zufluchtsstätte. Das Lamm, das ich rettete, verkaufe ich nicht
selbst den Wölfen, und ich müsste mich zuvörderst überzeugen, ob nicht hinter
diesen Gewändern, die Euch, ihr Herren, verhüllen, von diesen Wölfen einige
verborgen wären. Verzeiht mir dieses dreiste Wort; überführt mich jedoch vom
Gegenteil; und könnt Ihr mir verbürgen, dass Ester, Ben David's Tochter,
gehalten werden soll, wie eine ehrliche Dirne, und nicht wie ein verworfnes
Tier, - könnt Ihr mir verbürgen, dass sie Händen übergeben wird, die redlich und
ohne Hass ihr Bestes wahren, - dann erst sollt Ihr ohne Widerrede erfahren, wo
sie weilt. Ich aber habe mich in Eure Gewalt gegeben, ob Ihr meinen Worten
trauen wollt, ob nicht. Es wäre mir nicht schwer geworden, manches Böse zu
entüllen, das ich von denen erfahren, die ich verletzt haben soll, allein Rache
und böse Vergeltung ist meiner Seele fremd. Ich bin ein deutscher Junge, handle
schlicht und recht, und denke in dem kaiserlich freien Gericht, vor dem ich mich
sonder Furcht gestellt, nicht den Stuhl zu finden, vor dem die Wahrheit flieht,
und die Lüge das Haupt erhebt, wie das Volk insgemein befürchtet; sondern einen
Verein von deutschen Männern, die des Königs heiligen Namen ehren, und nicht
minder den untadeligen Menschen, den Gott nach seinem Ebenbilde schuf.« -
    Als nun der herzhafte Jüngling schwieg, verbreitete sich über den ganzen
Raume eine Stille sonder Gleichen, und jeder von den Unbekannten überlegte, ob
denn Dagobert gesprochen wie ein Beklagter, oder vielmehr wie ein Wissender
selbst, der den Stuhl des Grafen besteigen will. Der Freigraf hob, der Erste,
wieder an zu reden, und sagte: »Gott walte, dass auf dieser Vehmstätte die
Unschuld wissentlich verderbe. Der Mann, so das Reich hütet, - unser gnädigster
Herr und König hat nicht darum seine höchste Macht über Gut, Ehr' und Leben in
unsre Hand gelegt, dass wir tödten sollen den Schuldlosen, und erhöhen den
Sträflichen. Bedeutet das Schwert hier vor uns das Kreuz, an welchem der Erlöser
gelitten, und die Gestrengigkeit unsers Gerichts, so wie die Weide die Strafe
der Bösen, um ihre Missetat; so hat uns doch der Herr die Weisheit gegeben, die
das Wahre unterscheiden mag vom Falschen. Gleichwie der erste Stuhl auf roter
Erde der Spiegel des Reichs genannt wird, in welchem Alles zu schauen, wie es
ist; also jede Vehmstätte für die ihr Untergeordneten durch kaiserliche Satzung.
Ich finde nicht die Schuld an Euch, deren Ihr bezüchtigt worden, und die Stimmen
dieser sieben Freien mögen zur Sprache kommen.« - Während die Schöppen rings um
die Tafel leise ihre Entscheidung dem Freigrafen mitteilten, bemerkte Dagobert,
dass in einer Ecke, halb von einer vorspringenden Säule verdeckt, einer der
Verhüllten sich wie ein trostloser Mensch geberdete, das Haupt gegen die Säule
stemmte, und sich nicht durch das Zureden einiger um ihn Versammelten begütigen
liess. -
    »Die Schöppen der heimlichen Acht finden keinen Fehl an Euch;« begann der
Freigraf feierlich, »und damit Ihr sehet, dass wir redlich richten, sonder
Willkür und Minne, so rufe ich den Wissenden, Euern Kläger vor die Schranken,
hiemit zum ersten, zweiten und dritten Male.« - Der Verhüllte, von dem früher
gesprochen, wankte heran, umgeben von seinen Begleitern. - »Schöppe;« sprach der
Freigraf ernst: »wir finden Eure Klage ungegründet. Wollt Ihr sie beschwören auf
Euern Eid, oder beweisen, dass Ihr den beklagten Mann ergriffen auf handhafter
Tat? oder weiter führen die Klage vor die Kammer des Reichs zu Dortmund?« - Der
Kläger schüttelte den Kopf, und sprach mit halberloschner Stimme: »Nein, mein
Herr Graf. Nimmer soll das geschehen. Die schwerste Pflicht hab' ich als
redlicher Freischöppe in Treuen und Wahrhaftigkeit zu erfüllen geglaubt. Der
Himmel will, dass ich erliege mit meiner Klage. Ich schwöre nicht auf meinen Eid
und meine Pflicht; denn dieser wäre dann verloren, und Gott will, dass er frei
ausgehe. Auf handhaftiger Tat hab' ich ihn nicht ergrisfen, und kann nicht
Zeugnis stellen ohne Lüge, und vor dem Spiegel der roten Erde trage ich meine
Schande fürder nicht.« - Das Blut in Dagobert's Adern starrte, denn die Stimme
seines leiblichen Vaters war in der des Klägers nicht zu verkennen. Gewaltsam
musste er an sich halten. Als aber der Gedemütigte fortfuhr: »So unterwerfe ich
mich denn der Strafe, die des Freigerichts Ordnung selbst gegen den Wissenden
verhängt, und biete meinen Hals der Weide, wie der Beklagte hätte tun müssen;
...« da konnte Dagobert nicht ferner schweigen; sondern stürzte mit dem Ausrufe:
»Barmherziger Himmel! mein Vater!« gegen den Stuhl hin: »mein armer getäuschter
Vater sterben für mich? O ihr Herren der Vehme! Das nicht, das nicht dem ärmsten
betrogenen Greise, den ein grausam Verhängnis gezwungen hat, den Sohn selbst
anzuklagen auf peinliche Strafe!« - Der Freigraf winkte ihm Stille zu. Indem
trat ein Andrer auf, dessen Rede und Geberde den Oberstrichter verriet: »Herr
Graf,« sagte er: »Dieses heutige Freigeding ist merkwürdig durch den leichten
Sieg, den eines Jünglings beredte Zunge und scheinbare Freimütigkeit sonder
Beweise über eines Wissenden Klage davon getragen. Jedoch; Euer Spruch, ihr
Herren, ist einmal geschehen, und unumstösslich für uns. Übt jedoch Nachsicht
gegen den Kläger, der mit Ehren seit langer Frist unter uns gesessen. Seine
Klage war Pflicht; eine gebotene. Die klare Wahrheit ist noch nicht am Tage.
Sprecht daher kein blutig Urteil. Es sei hinlänglich, ihn unfähig zu machen,
ferner zu sitzen und zu klagen an gespannter Bank.« - »Diese Schande?« rief
Dieter heftig entgegen: »Nimmermehr! nehmt meinen Kopf, damit jener Mensch
lebe!«
    »Vater! Vater!« sagte hier Dagobert mit überwallendem Schmerze: »Vater! Ihr
versündigt Euch an mir. Habt Ihr denn mein Leben gewollt? O dann Ihr Herren,
nehmt es hin. Nehmt es in diesem Augenblicke. Hasst mich gleich der Vater
unverdient, so will ich dennoch lieber alle Missetat bekennen, die man mir
aufgebürdet, und als Ketzer und Ehrenschänder sterben, als dass nur ein Haar
meines Vaters gekrümmt, seine Ehre nur mit einem Hauche verletzt werde.« - »Und
diesen Sohn konntet Ihr verfolgen, Schöppe?« fragte der Freigraf mit strengem
Vorwurf: »Und die verderbliche Leidenschaft tobt noch in Euch? Weniger zu
hassen, als zu bemitleiden seid Ihr, ein Spielwerk in den Händen des Zufalls und
falscher Freunde. Ich sah voraus, in welchen Kampf Eure Seele geraten würde,
bei dieser unseligen Klage, die ich mit blutendem Herzen angenommen habe. Um
dieses Mitleid zu üben, greife ich zu dem Mittel, das schon als ein letztes
bereit lag, wäre auch der junge Mann überwiesen worden der Beschuldigung. Denn -
nicht solle es heissen, dass unter meinem Vorsitze der Vater den Sohn gemordet
habe auf der Stätte des Gerichts. Ich erkläre daher unsern Spruch nicht als ein
kräftig Unheil, sondern weise die Klage ab. Der Junker Dagobert Frosch ist
gefreit von der Vehme. Er ist der Kirche verlobt, und schon als Cleriker zu
halten. Null und nichtig ist die Freisprechung, die ihm Johannes, der Papst,
zugewendet. Johann war seines heiligen Amtes entsetzt, hatte selbst die Formel
der Absetzung verlesen im Concilio, und war nicht mehr befugt, ein solches
Kirchenrecht zu üben. Sein Mund konnte nicht mehr lösen was gebunden war durch
fromme Gelübde: Dagobert Frosch, des Altbürgers Sohn, ist demnach noch Priester,
frei von dem Zwang der Vehme, und wir überlassen es dem geistlichen Amte und dem
Bischof, ihn zu seinen Kirchenpflichten anzuhalten, von welchen wir, da wir die
Ladung gaben, nichts gewusst. Also haben wir abgeurteilt nach altem Herkommen
und Gesetzen des Kaisers und des Reichs, und zum Frommen legen wir dem Beklagten
den Eid auf, geheim und hehr zu halten, was er an diesen Schranken des
Freigedings westphälischen Gerichts gesehen und gehört.« -
    Dagobert wollte zwar anfangs mit keckem Mute widersprechen, da der Freigraf
von der Nichtigkeit feiner Freisprechung durch den Papst handelte, aber der
Gedanke, dass dieses der einzige Weg sei, sich und den Vater von Schimpf und
Schmach zu retten, verschloss ihm den Mund. Eben so willig leistete er den
verlangten Eid auf das vorgehaltne Schwert, und liess sich von dem Frohnboten
wieder von dannen bringen. Der gute Mann nahm teilnehmend Abschied von dem
Junkherrn, und sagte: »Ja, Herr; Gott hat es wohl gemacht; aber er erhalte uns
auch noch lange den edeln Freigrafen, der selbst unter den Wissenden strenges
Recht übt. Ihr habt ihn, - er Euch vielleicht noch nie gesehen, aber der
gottesfürchtige Mann macht keinen Unterschied. Sie sind nicht alle so sanft und
gerecht, wie Er, mein lieber Herr. Doch hier seid Ihr unfern dem Brückentore.
Gehabt Euch wohl. Ich muss zurück. Es gibt noch heute eine Ladung anzuschlagen;
und da der Bursche flüchtig ging, und darum der Brief an alle Warten geheftet
werden muss, so haben wir, meine Gefährten und ich der Müdigkeit noch viel, des
Schlummers wenig zu gewarten.« Dem guten Dagobert ging's nicht besser. Schien
ihm doch die Begebenheit der Nacht nicht als ein böser Traum.
 
                                    Fussnoten
1 Die jüdische Lehre verbietet, ein Kind zu enterben, aus welchem Grunde es auch
geschehen möchte.
2 Andeutungen aus dem Talmud.
3 Reichere Juden pflegten sich aus Palästina Erde kommen zu lassen, mit welcher
sie einen Polster oder ein kleines auf der Brust zu tragendes Amulet anfüllten,
damit sie ihnen beim Sterben unter das Haupt gelegt werde.
4 Nach den Angaben und Lehrsätzen mehrerer Rabbiner; vielleicht der schönste
poetische Gedanke des Talmud.
5 Dieses Lied an den Abendstern ist wirklich ein dem Mittelalter angehörendes,
welches durch seine naiven Worte einen eignen Zauber über das Gefühl des Lesers
übt.
6 Sprichwörtl. Redensart, entsprungen dem Gebrauche, in der heil. Woche das Grab
des Heilands in den Kirchen von Schülern gegen eine Vergütung an Geld und Speise
hüten zu lassen.
 
                                Drittes Kapitel.
                In des Löwen Höhle führen wohl die Fusstapfen; ... wer sagt mir
                aber, ob zurück?
                                                                          Fabel.
»Ihr könnt mir glauben, lieb Herrlein,« sprach am andern Morgen Gerhard zu dem
Sohne Dieter's: »Ihr könnt mir glauben, dass ich von Herzen froh bin, Euch
wiederum zu sehen, lebendig anzutreffen, und erlöst aus den Klauen des schwarzen
heimlichen Gesindels, ob mir gleich ein schönes Ross dadurch entgeht, und Ihr
nicht einmal meiner Neugierde etwas von der Historie, die drüben vorgefallen
ist, zum Besten geben wollt.« Aber dennoch bin ich nichts weniger, denn
zufrieden mit Euch, und ich möchte ausrufen, so oft ich Euch ansehe, wie Ihr da
sitzt, trüb vor Euch hinstarrend und wortkarg: »Wo sind sie hin, die Tage von
Costnitz? und wie bedaure ich es, dass sie von hinnen gerauscht sind. Und noch
mehr: wo sind sie hin, die Abende von Costnitz, wo wir andres zu tun hatten,
als der Vehme unsere Reverenz zu machen? Damals blühtet Ihr wie ein
Borsdorferapfel, und ich war mit meinem Fett zufrieden; heute seht Ihr blass, und
mein Wamms wirft, - Dank der Atzung im Oberstrichters Hause, - verdriessliche
Falten. Damals gleitete der Wein durch unsre Kehlen auf der Bahn ölglatter
Bissen, lecker bereitet und hungrig verschlungen; heute schenkt Ihr nicht einmal
einen Blick den herrlichen Fleischschnitten und dem Würztrunk, mit welchen Euch
der freundliche Wirt vom Einhorn zum Frühimbiss bedacht hat; geschweige, dass Ihr
noch so viel Gastfreundschaft bewahrt hättet, mich an Eurer Statt zum Mahle zu
laden.« -
    Der Edelknecht wartete übrigens die Einladung nicht ab, sondern griff nach
dem Becher und nach dem Messer. Dagobert nickte ihm halblächelnd zu, und sagte:
»Nur zu, altes Sieb; nur zu. Ich gönne Dir's von Herzen, und würde selig und
vergnügt sein, könnte ich Dir's nachtun. Ich hätte nimmer geglaubt, dass ich
mich einst an Deine Stelle wünschen möchte; allein, alles, was ich besitze,
Eines ausgenommen, gäbe ich darum, könnte ich sein ein fröhlicher Tor, wie Du.«
- »Ein Lobspruch, der mich ärgern könnte;« erwiederte Gerhard mit vollen Backen:
»aber .... ich vergebe Euch: Ihr seid verliebt, und der Hagel soll mich treffen,
wenn Ihr nicht das Judendirnlein minnt; das wunderholde Gesicht, das während der
Mummerei zu Costnitz neben des vertrakten David's narbigem Gesichte aus dem
Fenster sah. Ist das jedoch eine Liebe, wie sie einem kecken Manne geziemt? Lasst
das Seufzen und Grämeln einem siechen Weiberknecht, oder einem dünnleibigen
Minnesänger; lasst es den scheinheiligen Pfaffen, die sich mit Demut und
Wehmut, und verdrehten Augen und schmunzelnden Lippen in das Herz einer Dirne
schwatzen, bis sie darin ganz unverschämt den Herrn und Meister spielen. Stillt
Eure Sehnsucht und kümmert Euch nicht um die Welt. Der Kutte seid Ihr ledig, und
mir zum Mindesten kömmt's nicht wie eine Todsünde vor, eine hübsche Judenmagd zu
lieben. Der liebe Gott hat viel Unkraut erschaffen, das demungeachtet anmutig
aussieht, und erquickt durch Farbe und Geruch.« - Dem Schwätzer war's gelungen,
durch die dreiste Auslegung seiner Lebensweisheit dem ernsten Dagobert ein neues
Lächeln abzugewinnen. »Guter Freund;« antwortete dieser: »bin ich gleich nicht
einverstanden mit Deinen wilden Gedanken, die aufschiessen wie das Unkraut, so
beurteilst Du mich doch falsch. Nicht die Minne presst mein Herz, dass es seufzt,
und schwerem Gebreste unterliegt. Die Minne ist's allein, die mich aufrecht
erhält, und mein Gram wurzelt nur im Vaterhause.«
    »Ei, so lasst das törichte Haus liegen, wo es liegt, unfern der
Liebfrauenkirche zu Frankfurt am Mainstrom,« meinte Gerhard: »und geht dahin, wo
Euer die Stütze der Liebe wartet. Die Dinge in Eures Vaters Hause sind böse, bis
auf das Fleisch hinein, wie ich wohl merke. Lasst darum Eure Hände davon; nehmt
Euer Lieb, hinaus damit in die Welt, und wollt Ihr gar gewissenhaft sein, so
lasst das Mägdlein taufen. Dann mag der Teufel selbst es Euch nicht rauben.« -
»Du malst die Zukunft leicht und schön;« entgegnete Dagobert leichtern Herzens:
»und wer weiss, ob ich Deinem Rate nicht folge. Der Herzog von Österreich-Tyrol
hat wieder Friede gemacht mit dem Kaiser, und ich glaube doch, ich möchte wohl
hinter seinen Alpen ein Plätzlein finden, meinen Herd zu gründen; auch ohne
Vatershülfe.« - »Ei, der Herzog soll leben!« rief Gerhard, den Becher leerend:
»Ist er gleich derb wie ein Eichenknorren, so ist er doch gut wie ein Kind. Ihr
wisst, wir sind zuletzt aus Feinden die besten Freunde geworden, und ich habe dem
Kaiser die Pest auf den Hals gewünscht, dass er dem Herzog die Eidgenossen auf
den Hals hetzte, in der grössten Not, und Schuld war, dass die Länder im Argau,
Turgau und Breisgau zum Teufel gingen. Aber von Tyrol hielt Sigmund die grosse
Nase weg, und Friedrich, wird er gleich der mit der leeren Tasche genannt,
vermag es doch noch, einen Freund wie Ihr seid, warm und trocken zu setzen.« -
Gerhard wollte sich just noch eines Breitern über Dagobert's hingeworfenen
Vorsatz auslassen, als der Wirt des Hauses schnell hereintrat. »Denkt Euch
doch, Ihr Herren!« begann er, wider seine Gewohnheit schnell und lebhaft redend:
»Ein Bauersmann, der meine Küche versorgt mit den Früchten seines Ackers, sitzt
so eben unten, und erzählt, er sei dem Schelmenritter, dem von Vilbel begegnet,
der nach Hayn zum Grafen von Katzenelnbogen ritt; einzig und allein von zwei
Knechten geleitet. Kennst Du mich, Bäuerlein? hat er den armen Mann angefahren,
der demütig in's Wagengeleis getreten war, und sein Käpplein abgezogen hatte.
Und da der Bauer bejahte, so fuhr der Ritter fort: Ziehst Du nach Frankfurt auf
den Markt, so grüsse mir die Herren auf dem Römer, und lade sie in meinem Namen
ein nach Erlebach für diesen Abend. Meine Buben, die wilde Jagd aus der Wetters,
feiern heute dort den Kirchweihtag, und ich will noch selbst darauf den Reigen
eröffnen, trotz meinen alten Beinen. - Nachdem er diesen Spott von sich
gesprudelt, hieb er den Bauer mit der Peitsche über den geschornen Kopf, dass er
taumelte, und die Knechte warfen ihn aus Mutwillen in den Graben, dass all die
Waaren, die er im Korbe trug, verdorben im Morast lagen. Sagt nun, ihr Herren;
wär's wohl geraten, den Herren auf dem Römer die Mähr anzuzeigen, dass sie den
Erlebachern Hülfe schicken, die der Wütrich gewiss heut Nacht mit Brand und Mord
bedroht?« -
    »Tut wie es Euch gefällt, guter Wirt;« erwiederte Dagobert: »viel helfen
wird's jedoch nicht, wenn auch der Räuber in seinem Übermut, frech genug die
wahre Färte verriet. Die Herren des Rats sind unschlüssig, uneins, und ich
denke wohl, dass meine Schwester graue Haare haben, und Euer Gast, der Kaufdiener
verhungert sein wird, wann einmal der Beschluss herauskömmt, ernstlich auf deren
Befreiung zu sinnen.« - Der Wirt begab sich, durch Dagobert's Worte unschlüssig
geworden, kopfschüttelnd hinweg, und der junge Altbürger sprach munter und eilig
zu dem Edelknecht: »Glaubt Ihr wohl, dass diese Kunde mich wieder aufregte zum
Leben? Ihr habt Recht: Trübsinn und Schwermut machen uns brestaft, ohne zu
helfen. Männlich Wollen und Tun gibt uns hingegen neue Kraft. Ich liebe meine
Schwester nicht; weiss Gott, ich müsste es lügen, allein das erneuerte Angedenken
an ihre schmähliche Haft empört mich; nicht minder die Saumseligkeit des Rats,
der mit Drohungen stets, zur Tat aber selten gerüstet ist. Lass uns die
Vollstrecker des Befehls werden, den die Bürgermeister geben werden, wann es zu
spät sein wird. Mich drängt es ohnehin, diese Mauern zu verlassen, die mir
vorkommen, wie ein Grab meiner angebornen Fröhlichkeit. Lass uns reiten, und auf
dem Wege nach Hayn in Hinterhalt uns legen. Ich will doch auch einmal versuchen,
wie sich's tut, wenn man auf der Landstrasse den Feind niederwirft, und - will's
Gott, - muss Bechtram unser sein, ehe noch die Sonne im Mittag steht. Er wird
sich fördern im Geschäfte mit dem Grafen, um rasch wie der Blitz am hellen Tage
noch an unsrer Stadt vorüber zu ziehen, und Abends bei seinen Gefährten zu sein;
denn einen blutigen Tanz hat er sicher vor, wenn auch wohl nicht zu Erlebach.« -
»Beim heiligen Martin!« rief Gerhard: »Ihr habt mir aus der Seele geredet. Ich
habe ohnehin mit dem alten Bösewicht einen Faden vom Rocken zu spinnen. Mögt
Ihr's glauben, dass der Graukopf, zur Zeit, da er noch Hauptmann der Stadt
gewesen, dergestalt vom Teufel des Hochmuts geplagt worden ist, dass er es
abschlug, mit mir Brüderschaft zu trinken, ... bloss, weil er dem Kaiser die
Sporen abgegaunert hatte? Donner und Strahl! heute ist der Tag, an dem ich ihm
jene Unbill in den Bart reiben könnte. Darum, mein wackrer Geselle! auf, und
nicht gesäumt. Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze verwinden, wenn wir
nur nicht die Gelegenheit versäumen, dem Schurken einen Stein in den Garten zu
werfen, und uns dafür einen solchen bei der Stadt in's Brett zu setzen.« - »Das
Letztere mag Deine Sorge sein;« versetzte Dagobert spöttisch, und rief nach
Vollbrecht, um Alles ohne Aufsehen zum Auszuge rüsten zu lassen. - Bei dem Namen
des Knechts faltete sich des Hülshofners Stirne: »Wär's nicht, dass wir Dreie
seien gegen Dreie,« sprach er, so möchte ich wohl, dass wir den Langen zu Hause
liessen. Der Anblick des Burschen demütigt mich in etwas, denn er trägt seine
Wohlbeleibteit so stolz vor sich her zur Schau, als wollte er mir immer sagen:
»Gelt, Du armer Fechtbruder; ich bin in die Pfingstwoche geraten, während Du
noch immer am Aschermittwoch kauest?« - »Lass den wackern Knecht ungeschoren,«
erwiederte Dagobert freundlich, und wendete sich gegen die aufgehende Türe. Wie
staunte er aber nicht, da nicht Vollbrecht hereinkam, sondern der unerwartetste
von allen Menschen: Dieter der Altbürger, fein Vater! Verlegen und glühenden
Antlitzes ging er auf den Überraschenden zu, ohne eines Wortes mächtig zu sein.
Der Alte, gewohnt sein Äusseres bei öffentlichen Gelegenheiten und Anlässen zu
beherrschen, nickte langsam grüssend mit dem Haupte, und blickte auf den
Edelknecht, als wollte er fragen, warum sich ein unerwünschter Dritter hier
befinde. Dagobert verstand den Wink besser, als der glotzende Gerhard, und
fandte ihn hinweg mit der Bitte, im Stalle nach dem Rechten zu sehen. - Als nun
Vater und Sohn allein waren, begann der Erste, nachdem er sich gesetzt: »Du
willst fort, Dagobert?« - Dieser bejahte gelassen. - »So leicht also wäre es Dir
schon geworden, von Deiner Heimat und Deinem Vater zu gehen?« - Dagobert
schwieg, um sich nicht in unangenehme Erörterungen einzulassen. Dieter fuhr
langsam fort: »Dagobert, Du warst ja sonst ein harmloser Mensch, dessen
Gutmütigkeit, wie ein Kind, nach Allem in der Welt griff, um es an die Brust zu
drücken, wären es auch Schlangen gewesen. O dieses kindliche Vertrauen kann noch
nicht ganz aus Deiner Seele gewichen fein! Das böse tückische Schicksal kann
Dich nicht so kalt gemacht haben, dass Du nicht für die Reue eines Vaters ein
Ohr, für seine Bitte ein versöhnlich Herz, für seine zitternde, Vergebung
suchende Rechte eine freundliche, offene Sohneshand hättest!« -
    Dagobert war auf ganz andere Reden gefasst gewesen; um so überraschender
klang die herzliche, erschütternde des Alten, unterstützt von seiner
dargebotenen Hand, von der Träne die in seinem Auge bebte, von der schwachen
Röte, welche die Beschämung in seine blassen Mangen trieb. Auch in Dagoberts
Augen stürzten Tropfen des heiligsten Gefühls, und zu den Füssen des Vaters sank
er nieder, als ob er der verlorne Sohn sei, und der Verbrechen unzählige zu
bekennen hätte. Dieter war so ergriffen, dass er nicht aufstehen, den Knieenden
nicht aufheben konnte, sondern bloss mit seinen Händen dessen Wangen streichelte,
und Perle auf Perle in dessen braune Locken, auf dessen Stirne fallen liess. -
»O, mein Sohn,« - sprach er nach langem Schweigen: »Du kennst meinen unbeugsamen
Willen, - Dir ist nicht fremd, dass ich eher in Zorn gerate, als in Rührung;
allein, ich fühle, seit Gestern bin ich anders geworden. Mein Wahnsinn musste
mich auf den höchsten Gipfel treiben, um zu erliegen den glühenden Worten eines
Fremden. Welche Nacht habe ich zugebracht in den quallvollsten Leiden meines
Innern! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren, und wie sträubte sich mein
eiserner Sinn gegen die Reue, welche dem Beleidigten die Hand reichen muss, ...
wie wehrte sich mein Fuss gegen den ersten Schritt, welcher der Busse auferlegt
ist. Endlich hat der Herr gesiegt, und mein bessrer Teil; abgeschüttelt habe
ich alle Schaam, allen Hochmut, ... und in dem Gewande der Demut bin ich vor
den Sohn getreten, um ihn zu bitten, dass er mir verzeihe, was ich schwer an ihm
verschuldet, - dass er mir den schimpflichen Verdacht vergebe, den ich gegen ihn
gehegt, - und dass er darein willige, wieder in mein verwaistes und verödetes
Haus zu ziehen, geschmückt mit der Fröhlichkeit seiner frühern Zeit, und mit
ungetrübtem Vertrauen gegen einen Vater, der die noch kurze Frist seines Daseins
gerne hingeben würde, könnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten
zurückkaufen.« - »Ach, mein Vater;« antwortete Dagobert sanft und schonend: »wie
weh und dennoch, wie wohl tut mir nicht Eure Rede. Wenn es mich schmerzen muss,
den Vater mich anflehen zu hören, wie kaum ein reuiges Kind tun möchte, so
wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude, dass Ihr endlich mein Herz erkannt
habt, das stets rein geblieben ist, und ohne Falsch. Schier wäre ich verzweifelt
an der Hoffnung, mich wieder treu und liebevoll an Eure Brust legen zu dürfen:
ein guter Gott hat aber dafür gesorgt, dass nicht getrennt bleibe, was der
Allvater gnädig zusammenfügte. Glücklich werde ich sein, mein Vater, wenn Ihr
mich wieder in Eure Arme aufnehmen wollt, und läge es an mir, Euer Leben zu
verschönern .......« - »Deine Rede beschämt mich immer mehr;« versetzte Dieter
aufstehend, und des Sohnes Hand schüttelnd: »Lass uns reden, wie es Männern
geziemt, ohne viele Worte, die nur weich machen, wo das Herz wieder stark werden
soll. Wir wollen wieder Eins sein, Freunde, gute Freunde, nicht wahr mein Sohn?«
- »Wahrlich, Vater!« versicherte Dagobert aufrichtig. - »Wir wollen vergessen
und hinter uns werfen, was unser Gefühl beleidigt hat, und zerrissen unsre
Herzen!« - »Das wollen wir, Vater! - Wir wollen nicht zögern, der Welt zu
zeigen, dass wir uns wieder vereinigten, und ablassen von jedem Groll, den wir
hegen könnten, gegen Feinde und falsche wohldienerische Freunde!« - »In
Gottesnamen, Vater.« - »Nun denn,« setzte Dieter hinzu: »So komm mit mir, mein
Erstgeborner, mein Wiedergeborner, damit der Gang in unser Haus mir lieblicher
werde, als der saure Gang hierher, wo ich den Sohn unter Fremden suchen musste.«
- »So Ihr mir erlaubt, alsdann auf einen Ritt zu gehen, den ich nicht
verschieben kann?« - »Gerne, mein Sohn, Zwang soll Dich nicht drücken. Nur einen
Augenblick ruhe wieder aus in meinem Hause, damit der Geist der Zwietracht
völlig daraus entweiche.« - Sie gingen, Arm in Arm, durch die Gassen, wo alle
Fenster aufgingen, und alle Haustüren, an welchen sie vorüberkamen. Der Zwist
zwischen Vater und Sohn war zum Geschwätze der Stadt geworden; ihre Versöhnung
wurde es nicht minder. Die wahren Freunde winkten ihnen lächelnd zu, die falchen
zogen sich beschämt auf die Seite, und der Schulteiss warf klingend die
Fensterflügel zu, an welchen er zufälligerweise ein Zeuge dieses rührenden
Schauspiels gewesen war. Bei dem Eintritte in das väterliche Haus sah Dagobert
den Mann ihm entgegentreten, in welchem er alsobald - nächst Gott - die Wurzel
dieser ersöhnten Vereinigung erkannte: den Predigermönch Johannes, seinen
würdigen Lehrer. »O, wie lieb ist mir's,« rief Dagobert: »dass dieses weisse
Friedenskleid mir entgegen kommt, und nicht die schwarze Kutte meines Ohms. Gott
segnet meinen Eingang hier durch Euern Empfang, hochwürdiger Herr!« - »Der
Mensch ist nur ein schwaches Gefäss, so lang ihn seine Begierde regiert;«
erwiederte Johannes: »aber herrlich und stark, wenn der Herr ihn besucht, in
seiner Gnade. Seht hier einen solchen Herrlichen und Starken« - fügte er bei,
indem er auf Dieter deutete, der mit seligem Lächeln daneben stand, und die
Hand auf Dagoberts Schultern hielt, als ob er befürchte, den Wiedergefundenen
auf's Neue zu verlieren. - »O mein Lehrer und Freund!« fragte Dieters Sohn:
»Noch Gestern so unglücklich, - Heute so glücklich in den Armen des Vaters!
womit vergelte ich diese unerwartete Gnade?« - »Mit Versöhnung;« entgegnete
Johannes, nach der Türe zeigend, durch welche sich langsam und feierlich der
Prälat von Cesena herein bewegte. Das Gespreizte und Gezwungene seiner Haltung,
die heuchelnde Freundlichkeit, die auf seinen Lippen und Wangen sass, während der
finstere Zug auf der Stirne ein still brütendes Missvergnügen verriet, hätte den
scharfblickenden Neffen sicher wieder von der geforderten Versöhnung
zurückgeschreckt, wenn nicht der Mönch seine Linke, der Vater seine Rechte
ergriffen hätte, um ihn zu dem Eintretenden zu geleiten. - Die Annäherung
indessen, welche, selbst der Liebe entbehrend, durch den Einfluss geliebter
Freunde dennoch nur zögernd zu Stande gekommen wäre, machte sich leichter durch
die salbungsvolle Anrede des Prälaten, welcher aus vollem Munde seinen Reffen
ein Pax cum tibi, mi fili! entgegenrief. Der Verstoss gegen die römische Sprache,
der darinnen lag, half glücklich über das letzte Hindernis weg, denn Dagobert
erinnerte sich, in sich lachend, der Zeit, in welcher er den Ohm über manchen
ähnlichen Schnitzer aufgeklärt hatte, und in diesem Angedenken an lustige Tage,
gab er denn seine Hand in die feiste des Prälaten, und sagte; »Gleichfalls,
lieber Ohm und würdigster Herr! Willkommen auf deutschem Grund und Boden. Es
wird Euch schwer gefallen sein, wieder zur Heimat zu kehren, aber besser spät,
denn niemals. Gott lasse Euch noch lange deutsche Luft geniessen, und uns Freunde
sein. Vergebt mir, was ich vielleicht gegen Euch gesündigt, und ich will Euch
herzlich gern jenen Gang zum Cardinal vergeben.« - Verstummend sah der Prälat
verlegen auf den Saum seines Gewandes; aber Johannes erbarmte sich seiner
Verlegenheit, und brachte ihn auf einen Text, der angenehmer war, - auf den
Unterschied der deutschen und wälschen Lebensweise. Monsignore geriet in
verwickelte Abhandlungen, und Dagobert, nachdem er, guter alter Sitte gemäss, vor
dem Altar des Hauses ein kurzes Gebet verrichtet hatte, machte Anstalt, wieder
zu scheiden. - »In Kurzem bin ich wieder zurück,« sagte er zu Dieter, der ihn
schwer wieder von der Seite liess: »und mir glückt's vielleicht, etwas zu
gewinnen, das Euch lieb und genehm ist, mein Vater!« - »Was kann mir lieber
sein, als Deine Nähe, und die des kleinen Hans?« fragte Dieter schmerzlich,
sich umschauend: »So weit ich sehe durch das geräumige Haus, so fehlt doch immer
die darinnen, welche fleissig hier waltete, ... eine ehrsame Hausfrau, bis mich
der Satan beschlich. Nicht minder fehlt die Tochter .... ach, und diese wird
immer fehlen, da ich in ihr die Schlange erkannt habe. Ich beklage nur ihr
Schicksal, das meines Hauses so ganz unwürdig ist, und zu dessen Entscheidung
Bitten und Dringen den Rat noch nicht vermögen konnte. Und das Kind der
Unglücklichen ....«
    »O schweigt, schweigt:« fiel Dagobert rasch ein: »Ihr spracht wahr, ... sie
ist eine Schlange, aber dieses Kind, von welchem Ihr redet, ist ihr fremd, - und
gerade darum, ... o mein Vater .... ich wage es nicht diese Rätsel zu lösen, da
ich nur einer mildern, günstigern Zeit es vertrauend überlasse! Dem sei, wie ihm
wolle; Wallradens Haft bleibt ein Brandmal für unsre ganze Sippschaft, wenn wir
sie nicht mit Gewalt zu Ende führen. Dieser Pflicht gilt mein heutiger Ritt, und
es wird sich zeigen, ob ich Glück mitbringe oder getäuschte Hoffnung.« - Zum
Lebewohl reichte er dem staunenden Vater die getreue Hand, und begegnete auf des
Hauses Schwelle dem kleinen Hans mit Fiorillen. »Grüss Dich Gott, Mühmlein!« rief
er lustig: »Der Teufel ist mit Gottes Hülfe ausgetrieben, obgleich der Ohm noch
im Oberstocke wohnt; bete für mich, schöne Bekehrte, dass der Schwarze gänzlich
aus dem Wege bleibt!« - Florille deutete sorglich nach der Treppe, und winkte
dem Jüngling Schweigen zu. »Ich sehe es gerne,« sagte sie flüchtig und scheu,
»dass Ihr Eure Laune wieder himmelblau gekleidet habt, - aber die
Vertraulichkeit, die Ihr mir zu Kostnitz schenktet, mässigt vor der Eifersucht
des Prälaten, und dem Ernste Eures Vaters, und den Lauerblicken des Gesindes.
Ich verlange nun nichts mehr zu gelten, als eine Magd, und frage nur aus
teilnehmenden Herzen nach der holden Ester, deren Haus so schmählich zu Grunde
ging.« - Dagobert flüsterte ihr in's Ohr, dass Ester sicher sei, und wollte
fort. Da klammerte sich Hans an ihn, und fragte: »Schon wieder, lieb Brüderlein,
willst Du scheiden ohne Gruss und Kuss für den armen kleinen Hans?« - »Ach, Du
armer Bube!« redete Dagobert zu ihm, und zog ihn zu sich empor: »Du armes
Unglücksmännlein! kannst Du mir nicht sagen, wo der rechte Johannes ist?« - Der
Knabe sah ihn gross an, und erwiederte: »Ich verstehe Dich nicht, lieber
Dagobert. Aber in der Erde oder im Himmel muss er sein, glaube ich.« - »In der
Erde, im Himmel?« versetzte Dagobert düster: »O Du sagst die Wahrheit, Du armer
Bube.« - »Was habt Ihr denn, guter Junker?« fragte Fiorilla teilnehmend. - »Du
verstehst mich auch nicht, Blümchen,« erwiederte Dagobert, seinen Trübsinn zum
Scherz zwingend, und wollte Gott, ich verstünde mich selbst nicht, und wäre noch
wie wohl sonst, und könnte hier den Buben lieb haben, wie sonst, und wüsste nicht
.... aber wahrhaftig, ich rede töricht Zeug, und wünsche doch nicht, dass Dein
Mund meine Tollheit verrate, meine Freundin. »Hörst Du?« - »Habt Ihr nicht
erfahren, dass ich schweigen kann?« fragte Fiorilla entgegen: »Aber so gebt doch
dem guten Jungen, der schon lange sein Mäulchen spitzt, einen Kuss, bevor Ihr
geht.« - »Das will ich;« sagte Dagobert, indem er dem Hans einen derben Schmatz
aufdrückte: »Da, mein kleiner Hans! Und wenn ich wiederkehre, bringe ich Dir
einen Butterwecken mit, damit Du glaubest an meine Freundschaft.« - »O ja,« rief
der Kleine fröhlich hüpfend: »Einen Wecken und die gute, liebe Mutter; nicht
wahr, Dagobert?« - »Deine Mutter? Deine gute, liebe Mutter?« fragte Dagobert
schnell und überrascht; dann setzte er mit einem stillen Seufzer hinzu: »Ja,
mein Hans, Deiner Mutter gilt auch mein Gang. Leb' wohl!« - Mit einem bittern
Zug um den Mund stellte er den Knaben nieder, und eilte, was er nur konnte, dem
Tore zu, unter dessen Schwibbogen Gerhard und Vollbrecht seiner harrten, denn
der Mittag kam mit Macht heran. Der Hülshofner fluchte wie ein Heide über des
Junkers langes Aussenbleiben, und behauptete: entweder sei der Gaudieb schon
wieder seines Wegs zurückgekehrt, oder die Mittagssonne würde sie verschmachten
lassen, bevor sie einen dienlichen Hinterhalt erreicht haben würden. Dagobert
ermangelte nicht, ihm wie gewöhnlich Trost zuzusprechen, und seinen erkalteten
Eifer anzufachen. Er verhiess ihm frischbelaubte, starkschattige Eichbäume, um
sich darunter zu lagern, eine kühle Quelle, um den verdorrenden Gaumen zu
netzen, und Abends, ob nun das Gelingen den Plan krönen würde, ob nicht, etwas
Besseres, als kühles Wasser zur Erquickung. Diese Prophezeiungen willig für ein
Evangelium haltend, trabte Gerhard dem voraneilenden Dagobert nach, der, seinen
Gedanken nachhängend, wenig auf die vielen Fragen des Kämpfers erwiederte. Eine
ziemliche Strecke von der Stadt entfernt, dem Gutleutause gegenüber, fanden die
Reiter gut, zu rasten. Aber da war nicht Eichbaum, nicht Quelle, sondern ein
dürrer Erdaufwurf, hoch genug, Gaul und Reiter zu verbergen, umschattet von
magern Schlehenbüschen, die dem kleinsten Sonnenstrahl willig den Durchgang
liessen. Vollbrecht hatte jedoch in beträchtlicher Entfernung einige Gestalten
auf dem krummlaufenden Wege bemerkt, die aus dem Forste zu kommen, und Reisige
zu sein schienen. Gerhard hatte sich deshalb in sein Schicksal ergeben, in die
Ginsterbüsche niedergestreckt, und den Schatten seines Pferdes in Anspruch
genommen. Dagobert hielt rüstig und lauernd hinter den Schlehenbüschen, durch
welche sein scharfes Auge, sowohl den Gayner Weg, als auch das jenseitige Ufer
des Mains im Visir hatte. Vollbrecht hingegen, hatte seinen Klepper an einen
Erlenstrauch geschnürt, und kroch auf allen Vieren, von Haidekraut und
Dornbüschen versteckt, nach der Richtung zu, in welcher er die besagten
Gestalten wahrgenommen zu haben vermeinte, um Kundschaft zu bringen, und der
Erste bei der Hand zu sein. Je weiter er auf diese Art kriechend vorrückte, je
gewisser wurden seinem Blicke die Umrisse der Gestalten, und er erkannte endlich
deutlich drei Reiter, von denen einer vor dem andern daherzog. Ihre Annäherung
verzögerte sich indessen ausserordentlich, da ihrer Pferde Schritte bald inne
hielten, bald langsam vorwärts rückten. Lange versuchte Vollbrecht vergebens,
die Ursache dieses ungleichen Rittes zu enträtseln; endlich aber bemerkte er,
wie auf einem querfeldein laufenden Feldwege ein Wagen daherkam, bedeckt mit
einem Segeltuche, und von zwei Pferden bespannt; ein Fuhrwerk, wie es sich die
Kaufleute der Landstädte zu ihren Reisen über Land anzukaufen pflegten. Da nun,
je näher der schneckenähnliche Wagen kam, auch die Reiter je mehr und mehr inne
hielten, und sich endlich an den Saum des Weges zogen, wo einige dicht
verwachsene Hecken und Bäume sie verstecken konnten; so zweifelte Vollbrecht
keineswegs daran, dass die Herren es auf den Karren abgesehen hatten, und machte
sich unverzüglich auf den schnellsten Rückweg. Bei seinem Herrn angelangt, fand
er diesen und sogar den von der Hitze träg gewordenen Gerhard schon bereit,
loszugehen auf die fernen Reiter. »Es ist kein Zweifel« sagte Dagobert, nachdem
er Vollbrechts Bericht angehört, »es ist kein Zweifel, dass es der alte
Raubgeselle Bechtram ist, der dort hinter dem Busche lauert. Mir sagts meine
Ahnung. Aber nicht minder ist kein Zweifel, dass, wofern wir nicht eilen, der
Ruhm, hier den Strauss begonnen zu haben, uns entgehen werde, denn ich vermute,
der Rat war diesmal seiner Seits auch wachsam. Dort bei den drei Buchen über'm
Main sehe ich Bewaffnete ans Ufer laufen. Sie tragen die Stadtfarbe, und ich
wette, sie suchen die Fürt, um ihres Wildes nicht zu fehlen. Drum frisch voran,
ihr Gesellen!« - Wie der Wind sprengte er den Andern voran; ihm nach trabte
Hülshofens schwerfälliger Hengst, auf welchem der Edelknecht sass wie ein Mann
von Erz. Vollbrecht knüpfte sich den Streitammer an die Faust, und spornte
seinen Klepper dergestalt, dass er nur wenig hinter seinem Herren zurückblieb.
Die Raubscene hatte schon begonnen, als die Reiter noch fern von dem Schauplatze
waren. Der Besitzer des Wagens, der völlig sorglos unter dem schattigen Dache
sass, ein schlichter Wollen- und Hanfhändler aus der Gegend, wurde zu seinem
Schrecken von dem Anrufe der Buschklepper aus dem Schlummer geweckt, in welchen
ihn die drückende Hitze gewiegt hatte. Schlaftrunken griff er mit der Rechten
nach dem Haudegen zu seiner Seite, während er mit der Linken, am Leitseil
reissend, die müden, vom Sandweg erschöpften Gäule zu einem wiewohl vergeblichen
Rennen antreiben wollte. Dieser Versuch belohnte sich aber schlecht. Ein
grausamer Stich streckte das Leitpferd nieder, und ein gewaltiger Hieb lähmte
den Arm des unglücklichen Kaufherrn. Der Wagen hielt. Mächtige Fäuste langten
unter die Decke, und zogen den von Schmerz halb ohnmächtigen Eigentümer hervor
in's Freie, - warfen ihn unter den Wagen, wie ein unnützes Stück Holz. Der Arme
konnte diese Misshandlungen nur mit einem ängstlichen Gewimmer erwiedern, das die
Unmenschen verlachten, die sich alsobald an die Beraubung des Wagens machten.
Die Bündel und Päcke, die darin aufgeschichtet lagen, schienen ihnen teils zu
gering an Gehalt, teils zu unbequem zum Fortschaffen, und so eben rissen sie
unter den grimmigsten Drohungen den Kaufmann in die Höhe, um ihn nach Geld zu
durchsuchen, oder ihn zu zwingen zu gestehen, wohin er sein Geld verborgen habe,
als der den Befehl führende Ritter einen Blick in die Höhe warf, und zu seinem
Missverguügen wenige Pferdslängen von der Stätte entfernt, drei Reiter ersah, die
gerade auf ihn und seine Leute losrannten, mit unverholner drohender Geberde. -
»Hagel! Strahl und Pestilenz!« schrie er: »Auf, ihr Buben, schlagt den Hund vor
den Schädel, und setzt Euch zur Wehre! Frisch, auf die Schurken dort!« - Zum
Glück für den Kaufmann, der unter dem Eisen der Knechte sein letztes Stündlein
mit Zittern und Zagen erwartete, waren die Retter schnell da, wie Gottes Blitz
und seine Gerichte. Gezwungen, sich vor den einhagelnden Hieben zu schützen, und
zum Beistand ihres Herrn angerufen, liessen die reisigen Knechte den Misshandelten
ledig, und das Handgemeng begann zu wüten. Dagobert war auf den Ritter
losgestürzt, und beschäftigte ihn mit blitzschneller Klinge, während Gerhard
einen nach dem Andern von den Knechten vom Gaule rannte, durch die Wucht seines
Ansprengens allein. »Gib Dich, grauer Raubknecht!« donnerte er hierauf dem Herrn
von Vilbel zu, und hieb ihn mit der flachen Klinge auf die Faust, dass er des
Pferdes Zügel fahren lassen musste. - »Kreuz, Stein und Strahl! Vermaledeiter
Hülshofen!« fluchte Bechtram, und Dagobert riss ihn vollends vom Pferde. Der alte
Raubgeselle wehrte sich noch am Boden, wie verzweifelt, aber sein Grimm erstarb
in Ohnmacht, und Tränen der Wut perlten in seinen grauen Bart, da er seine
Hände gebunden, und sich aller Waffen beraubt fühlte. Die Söldner der Stadt, die
mittlerweile über den Strom gesetzt hatten, machten vollends reine Arbeit und
knebelten die beiden Knechte des Stegreifritters. - »Ritterliche Haft!
ritterliche Haft!« bat der überwundne und gedemütigte Bechtram, die gebundnen
Hände zu Gerhard und Dagobert aufhebend. »Den Teufel auf Deinen
Schurkenschädel!« antwortete ihm der Hülshofen: »Ich will Dich lehren, wackern
Kämpen die Freundschaft zu versagen, hochmütiger Dieb! Sieh her, wie Du den
armen Mann zugerichtet hast; setzte er hinzu, auf den Kaufmann zeigend, der sich
mühsam herbeischleppte: armer Heinz Duke! wohl erkenne ich Dich in dieser
Jammergestalt. Ich habe schon manches Wollenwamms bei Dir gekauft und auch
manches geborgt. Stehe ich allenfalls noch auf Deinem Kerbholze, so kannst Du
mich dieses Dienstes wegen auslöschen, und Dir die Freude machen, aus Deinem
schönen Hanf einen Strick für diesen Buben zu drehen, der ihm fein und glatt zum
dicken Halse stehen soll.«
    »Niederträchtiger Klopffechter!« schnaubte Bechtram wild, und dieses Wort
wäre mit einer entsetzlichen Misshandlung bestraft worden hätte sich nicht
Dagobert des Gefangenen angenommen, den Überwindern Mässigung gepredigt, und
darauf gedrungen, schnell nach der Stand zurückzukehren mit der guten Beute. -
Seine Worte wurden befolgt, - Ritter und Knechte auf die Gäule geschnürt, und
Reiter, Fussknechte und Wagen zogen bald wie stolze Sieger in der wichtigsten
Fehde in Frankfurt ein. Der Jubel des Volks donnerte auf allen Gassen, da es den
gefürchteten Feind in seiner Gewalt sah, und Dagobert's, wie Gerhard's Namen
schwebten gepriesen und erhoben zum Himmel auf allen Zungen. Sogleich
versammelten sich Bürgermeister, Schöffen und Rat, und der Schulteiss, an der
Spitze der gesammten Väter der Stadt, musste, so schwer es ihm auch wurde, dem
verhassten Sohne Dieter's den Dank der Bürgerschaft verheissen. Dieter umarmte
seinen Dagobert mit der Liebe, die den Knaben in's Leben geleitet hatte, und
rief: »Ja, Du bist ein treuer Mensch. Die Feindin zu retten, wagst Du Dein
Leben!« - »Die Feindin?« fragte Dagobert wehmütig entgegen: »Verhüt' es Gott,
Wallrade ist meine Schwester, aber unwürdig leider unsers Namens. Ich hasse sie
jedoch nicht, und würde, sie zu befreien, wohl noch mehr tun, als einen Räuber
niederwerfen.« - Dieser Räuber war ein Felsen von Verstockteit. Sein Läugnen,
sein Hohn gegen die Vorwürfe, mit welchen ihn des Rats Vorsteher überhäuften,
seines Treu- und Friedensbruchs wegen, überstieg an Frechheit Alles, was man
bisher aus Räubersmund vernommen hatte. Seine Knechte, in der Schule des
Verbrechens gross gezogen, folgten dem Bespiele ihres Gebieter, bis der
Oberstrichter ihnen mit der Folter drohte, und zum Beweise, dass er es ernstlich
meine, die schrecklichsten Folterwerkzeuge herbeibringen liess. Dieser
grausenvolle Anblick erschütterte die Standhaftigkeit der Reisigen; sie wankten,
liessen nach von ihrem Starrsinn, und bekannten endlich unter der Bedingung, ihr
elendes Leben zu behalten, eine Unzahl von blutigen Taten und Raubfreveln, die
ihr Brodherr binnen der letzten Frist verübt hatte. Keine Schandtat war zu
denken, die nicht von Bechtram und feiner wilden Jagd begangen worden wäre, und
der graue Sünder erblasste selbst, da man ihm die Litanei seiner Bubenstücke
vorhielt. Sein Trotz und Übermut verwandelte sich, da er seine Helfershelfer
von ihm gewendet sah, in plötzliche Mutlosigkeit, und in eine finstre Ahnung
des Schicksals, das ihn betreffen möchte. Unter solchen Umständen wurde es dem
Oberstrichter leicht, noch in der Nacht desselben Tages das Bekenntnis von ihm
zu erringen, dass Wallrade und der Kaufdiener Schwarz und noch einige andere arme
Leute in seinem Raubneste gefangen gehalten würden; ... und die Furcht vor einem
schmählichen Tode, - die Hoffnung, Leben und Freiheit zu erhalten, bewog den an
der Vorsehung und seinen Freunden Verzweifelnden, an seine Hausfrau folgende
Zeilen zu schreiben: »Der ehrbaren Else von Vilwyl, meiner lieben Hausfrauen,
meinen freundlichen Gruss zuvor. Liebe Hausfrau! ich lasse Dich wissen, dass mich
die von Frankfurt gefangen haben; darum befehle ich Dir, die Gefangenen von
Stund an laufen zu lassen, weil ich gefunden habe, dass ich nichts mit ihnen,
noch sie etwas mit mir zu schaffen haben. So Du das tust, ist mir's lieb.
Gegeben unter meinem Insiegel. Zum Wahrzeichen schicke ich Dir Deinen eignen
Siegelring. Bechtram von Vilwyl, Ritter.«
    Dieser Brief, die Befreiungsurkunde der in Haft gehaltnen, war geschrieben,
aber der Bote fehlte, welcher ihn überbracht hätte, indem die Härte und grausame
Rohheit der Frau von Vilbel, wie der Genossen des Ritters im ganzen Gau bekannt
war, und selbst der Entschlossenste den Tod fürchtete, als sichern Lohn der
Botschaft. Vergebens befahl der Rat: seine Diener meinten, ihr Leben käme nicht
wieder, wenn man auch den Bechtram alsdann der Rache opfern wollte, und Geld und
Versprechungen bewogen keinen, nach dem übelberüchtigten Schloss Neufalkenstein
zu reiten. »Schande genug für so viele im Kriegshandwerk ergraute Leute!« schalt
Dagobert, da er diese unaufhörlichen Weigerungen erfuhr: »Gebt mir Brief und
Ring, und ich hole die Gefangenen unversehrt aus der Höhle des Wolfs. Trifft
mich dabei ein Unglück; nun, so lasst eine Messe für meine Seele lesen, und damit
gut. Es soll nicht gesagt werden, dass sich in ganz Frankfurt kein Mann gefunden,
der es gewagt hätte, den Räubern in das Weisse des Augs zu sehen.« - Auf dieses
kecke Anerbieten hin, fanden sich Viele, die nun das Wagstück unternommen
hätten, allein Dagobert blieb fest bei seinem Begehren, und der Schulteiss
unterstützte es, gegen alle Einwendungen des Vaters und der Freunde des
Jünglings. Dagobert erkannte wohl den bösen Sinn seiner Worte und Bemühungen,
freute sich aber ihrer Unterstützung und ritt von dannen, geleitet von
Vollbrecht und einem Trompeter der Stadt, als ob er zu einem fröhlichen
Kirchweihfeste geladen wäre. - »'s ist doch mein alter böser Fluch,« - brummte
er lächelnd vor sich hin, - »dass ich immer wie der ew'ge Jude umherziehen muss im
Lande, und die Pfoten in's Feuer stecken für Leute, die mich vergiften möchten;
aber, was tuts? Mit meinem Frohsinn wächst meine Zuversicht, und meine Lust,
jedem zu helfen, der meines Diensts begehrt. Mit dem Vater habe ich mich
versöhnt, und das ist denn doch die Hauptsache. Mütterlein und Bruder Hans im
Himmel werden mich dafür segnen, und es nicht übel nehmen, wenn ich mich auch um
die entartete Schwester, um die verirrte Stiefmutter bekümmre, und den armen
kleinen Hans nicht aus dem Hause stosse, wenn er gleich nicht hinein gehört.
Seine Mutter ist ja doch unser eigen Blut. - Frisch also vorwärts! Ich gehe auf
dem Wege des Rechten, und darf mich nicht fürchten; wartet doch meiner Segen,
und ein freundlicher Blick aus Ester's holdem Auge.«
    Das Bild der Lieblichen, das in ihm emporstieg, machte ihn selig, aber
traurig zugleich. Denn ob er gleich, nach langem Widerstreben seiner Liebe zu
dem Mädchen so klar bewusst geworden, dass er sie nicht mehr läugnete, so war ihm
doch das Ende, welches dieses Gewirr von Begebenheiten nehmen würde, nichts
weniger als klar. Denn, wenn seine Zärtlichkeit sich auch über die Vorurteile
der vornehmern Stände hinwegsetzte - immer riss sich eine unübersteigbare Kluft
zwischen ihm und Ester auf. Ihr Vater trat immer dazwischen, wie ein störender
Geist, und diesem Mann hatte er jetzt selbst den Aufentalt seines Kindes
verraten, ... diesen Mann war er gewiss, bei Ester zu finden. Wie würde sich
alles entwickeln, - wie sich lösen? - Ester mit sich vereinigt zu denken,
schien ihm vom Schicksale zu viel gefordert. Eine Trennung von ihr? Ach, wie
weit schob seine sehnsüchtige Liebe diese Möglichkeit in den fernsten
Hintergrund der Zukunft! -
    Neufalkenstein ragte vor ihnen empor im Mittagsglanze. Der Wächter auf dem
Wartturme blies aus Leibeskräften sein Horn, da der Trompeter der Stadt die
Annäherung eines Besuchs verkündigt hatte. Ein unruhiges Hin- und Herlaufen im
Zwinger wurde durch die Fensterlucken und Schiessscharten der Mauer bemerkbar,
und eine Stimme rief durch das Gitter am Torbogen den jenseits des Grabens
haltenden Reitern zu. »Ich habe eine Botschaft zu werben bei der Frau von
Vilbel!« antwortete Dagobert: »im Namen der freien Reichsstadt Frankfurt.« -
Frau Else ist krank, lautete die Gegenrede. - »Tut nichts; ich werde nur wenig
mit ihr sprechen, und nur einen Brief übergeben.« - Die Stimme innerhalb dem
Tore verstummte, und die Boten der Stadt harrten lange vergebens. Indessen
waren auf dem Wartturme Leute erschienen, unter ihnen ein Frauenbild mit
wehendem Schleier, das starr und unverwandt auf Dagobert und seine Begleiter
herniedersah. - »Wenn die Sonne mich nicht blendet,« sagte Vollbrecht, »so ist
das Frauenbild Eure Schwester, Herr. Sie trägt dasselbe Kleid, in welchem sie
von Frankfurt abfuhr, da Ihr mich auf ihre Spur sandtet.« - »Sie lebt also! sie
lebt!« jauchzte Dagobert: »Ich werde ihr mit Gutem vergelten können, was sie
Böses an mir versucht.« - So eben klirrte die Zugbrücke wieder, und des Tores
Flügel öffneten sich. Vollbrecht wollte seinem Herrn folgen, aber dieser wies
ihn zurück. - »Bleibe hier bei diesem Manne,« sprach er: »bleib' ich aus, so
meldet's zu Frankfurt, und Du, mein Vollbrecht, sagst es an in der Forstütte zu
Dürningen. Gott befohlen indessen.« - Gelassen und stolz ritt er über die Brücke
durch das Tor, und rief hier freierlich aus vor dem Haufen Bewaffneter, die ihn
umgaben: »Ich bin ein Herold und unverletzlicher Bote der Stadt, und, so ihr ein
Haar krümmt auf meinem Haupte, sage ich diesen Mauern Brand zu, und Euch allen,
die da halfen, den Tod auf dem Rade.« - Als er nach diesem Eingange sich vom Ross
geschwungen, so bemerkte er wohl, wie unnötig seine Drohung gewesen sei, denn
bleiche Gesichter standen um ihn her; kein Trotz war in der Mienen zu schauen,
sondern eine wilde Ängstlichkeit, eine Unruhe, wie sie Verbrecher vor dem Gange
zur Strafe zu überfallen pflegt. Am Tore des innern Hofes empfing den Jüngling
Frau Else mit roten Augen und kraftlos einherschreitend, - die mächtige Frau.
Kaum vermochte sie sich den Schein der stolzen Gebieterin zu geben, die des
Boten Gewerbe gleichgültig erwartet; aber auch dieser Schein verging, als
Dagobert ihr den Brief verlesen, und den bewahrheitenden Ring überreicht hatte.
Ihre Kniee zitterten, wie ihre Lippen. - »So ist es denn sicher und gewiss,«
sprach sie zu dem alten Doring, der neben ihr stand. - »Ich konnte es bis jetzo
noch nicht glauben. Mein Alter in den Händen der Frankfurter! Sprecht, Doring,
... was soll ich tun?« - »Befolgen, was er Euch befiehlt;« erwiederte der Alte,
dem die Augen feucht geworden waren: »Gebt frei die Gefangenen, damit Euer Herr
lebe und frei sei. Zögert nicht.« - »Alsobald;« versetzte die Frau, und suchte
an ihrem Schlüsselgebunde die Schlüssel zum Turme, und konnte sie lange in der
Verwirrung nicht finden.
    »Nicht wahr,« fuhr sie weichmütiger, denn je fort, als Doring mit den
Schlüsseln hinweggegangen war: »nicht wahr, Bechtram wird nicht sterben, da ich
tue, was Er und Ihr verlangt. Nicht wahr, mein guter Herr! Ihr versprecht mir
das?« - »Wie kann ich das, gute Frau?« fragte Dagobert, den die Erschütterung
dieses männlichen Weibes nicht unbewegt liess: »Unsre Herren zu Frankfurt haben
darüber zu richten, doch werden sie milde sein, denke ich.« - Wallrade flog
herbei, und umarmte den überraschten Dagobert wie den herzlichsten Freund.
»Willkommen, Bruder!« rief sie mit der Freundlichkeit der Schlange: »Willkommen
hier als Bote der Erlösung! Auf Dich habe ich gehofft, auf Dich gebaut; von Dir
meine Rache erwartet. Der Gatte dieses schändlichen Weibes, - auf Else deutend,
- ist gefangen, wie ich vernehme, und sein Tod ist unsre Freiheit. Dank dem
Himmel!« - »Ha!« fuhr Else, durch die boshafte Rede des Fräuleins gereizt,
empor: »Wenn ich das wüsste! wenn er sterben müsste, trotz Eurer Loslassung!
Erwürgen liess ich Euch zur Stelle, und diesem Boten das Haupt abschlagen, als
vorausgenommene Rache.« - Der herbeigekommene Conrad Schwarz, sammt einigen
Bauern, die in Neufalkensteins Kerker gesessen hatten, sammelten sich
erschrocken um den furchtlosen Dagobert; denn sie hatten die in Wut auflodernde
Frau schon kennen gelernt. Wallrade hielt sich zitternd an seinen Arm. Er machte
sich aber ruhig los von der Falschen, und erwiederte Frau Elsen: »Versuchts,
mein Amt zu verletzen, und erwartet alsdann die fürchterlichen Folgen.« - »Was
könnte denn noch Schrecklicheres kommen, wenn Bechtram verloren wäre?« klagte
Else mit dumpfem Tone: »Wir sind so lange zusammen gegangen; über dreissig Jahre
sind's, haben Freud und Leid, Ehr' und Schmach geteilt und getragen. Wahnsinnig
müsste ich werden, ginge er vor mir heim wie ein schimpflicher Verbrecher, ...
und noch einmal ... wüsst' ich's im Voraus, ... weder das böse Fräulein hier,
noch Ihr, der Bruder, trügt Eure Köpfe ganz hinweg!« -
    »Lass uns gehen, mein Bruder;« drang Wallrade in Dagobert: »lass uns gehen.
Höre nicht auf die Worte des Weibes. Komm.« - »Alsobald, mein Fräulein;«
antwortete Dagobert kalt. »Erlaubt nur, dass ich zuvor Frau Elsen auf das
Ernstlichste befrage, ob kein Gefangner mehr in der Veste Verborgen?« - »Else
schüttelte schweigend mit niedergeschlagenem Blicke das Haupt.« - »Keiner,
keiner, mein Bruder!« antwortete für sie und ungestüm Wallrade: »Komm, lass uns
eilen!« - Indessen hatte ein junger Knecht dem mutigen Dagobert zugeflüstert,
er möge nicht glauben; es sei noch eine Frau im Schloss verborgen. Dagobert
fragte unerschrocken nach der Versteckten. Wallrade, rot vor Zorn und Ungeduld,
bestritt einstimmig mit Elsen die Forderung des Bruders. Dagobert stellte den
Läugnenden den Knecht gegenüber, nachdem er ihm Freiheit und Leben zugesichert.
- Verräter! herrschten nun diesem Elsens Lippen entgegen, und auch Wallradens
Munde entfloh eine leise Verwünschung.
    »Was soll dieses verstockte Lügengewebe?« fragte Dagobert, als sei er der
Herr Neufalkensteins: »Denkt Ihr mit mir und meinem gnädigen Herrn ein frevelnd
Spiel zu treiben? Zittert: ihr möchtet es bereuen. Eine kleine Strecke von hier
rastet ein Fähnlein gut Bewaffneter. Glaubt Ihr denn, ich hätte mich allein in
Euern Schlupfwinkel gewagt, dass Ihr meinem Begehren solch unverschämten
Widerstand geleistet? Heraus an's Tageslicht mit der Unglücklichen, die Ihr
verborgen haltet; heraus, oder das Spiel endet sich mit Euch nicht gut.« -
»Wären nur der Hornberger und Eppensteins Wolf zugegen, Ihr solltet bald zahm
werden!« murmelte Henne von Wiede grollend. »Gewiss die saubern Gesellen, die
gestern Nacht zu Erlebach brannten, sengten und plünderten, wie gottvergessene
Heiden?« fragte Dagobert wild entgegen: »Die Missetäter entlaufen ihrem Galgen
nicht. Ihr rettet aber Euern Herrn, wenn Ihr ohne Widerrede bekennt, und heraus
gebt, wen Ihr widerrechtlich zurückzuhalten Lust bezeigt.« - Else schwieg noch
unentschlossen; da drängte sich aus dem Haufen der Burgleute der Leuenberger
vor, mit seiner gewohnten Frechheit gerüstet, und seine Unverschämteit
gleichsam überbietend: »Tut nicht so patzig, Neffe!« rief er: »Auch den
Heroldsrock sammt dem Herzen darunter, zerreisst mein Stahl, wenn's nötig ist.
Hier aber habt Ihr eben so wenig Recht, das Wort des Herrn zu führen, als wir
der Heimlichkeit bedürfen, um unser Recht darzutun. Das Weib, das hier
zurückbleiben muss, wird, und sogar will, ist meine Schwester, Eures Vaters Frau,
die er schändlich aus dem Hause hat gestossen, er - der Krämer, eine adeliche
Leuenbergerin. Schutz hat sie bei mir gesucht, und bei Pest und rotem Hahn; ich
will sie schirmen wie der Vogt das Kloster. Euere Schwester nehmt immerhin mit
Euch; sie ist eine Hexe, die den Klügsten kirre macht, und hinterher verläumdet.
Ihre Schlangen hätte mir fast das Leben gekostet. Fort mit ihr; aber Margarete
bleibt bei mir.« - »Frau Margarete hier?« fragte Dagobert staunend: »Margarete
hier in Haft? Wenn Euch Euer Leben lieb ist, gebt sie heraus.« - »Das Weib geht
mich nichts an,« erwiederte Else trotzig: »Der Bruder hat Gewalt über die
Schwester.« - »Der Mann hat grössere über sein Weib!« versetzte Dagobert: »Gebt
sie heraus, die Hausfrau eines Altbürgers von Frankfurt.« -
    »Der Teufel hole Frankfurt, seine Bürger und alle leichtfertige Waare, wie
Wallrade ist!« fluchte der Leuenberger: »Neffe, reizt mich nicht. Meine arme
Base ist schon von Eurer Schwester in's Grab geärgert worden. Meine Schwester
soll nicht zu Grunde gehen in Euern buhlerischen Armen, denn nur für Euch
gedenkt Ihr sie heimzuführen!« - »Verdammter Hund!« brach Dagobert los, und
griff nach dem Schwerte. Die Schaar von Taugenichtsen geriet in Bewegung; Veit
zog seine Klinge blank und Frau Else schrie Zeter. »Mord und Tod!« rief sie
wild: »Seht, wie der Herold selbst sein Recht verletzt. Tor zu! Brücke auf!
Geht dem Frankfurter Wichte zu Leibe!« - Da Veit seine aufmahnende Stimme mit
der ihrigen vereinte, schickten sich die Knechte willig an, Folge zu leisten.
Einer der entfernt Stehenden langte die Armbrust vom Haken und zielte auf den in
den Sattel gesprungnen Jüngling, um welchen sich das Häuflein der wehrlosen
Gefangenen drängte, das von ihm Rettung und Befreiung erwartete. Der
heimtückische Schütze fehlte jedoch sein Ziel, da ein schnell Herbeikommender
ihm mit aller Gewalt die Waffe aus der Hand schlug: »Schurke!« rief er: »hüte
Dich vor Meuchelmord, und Ihr, Frau Else, gedenkt Euers Herrn und seines
Schicksals, das auf der Spitze einer Nadel wirbelt. Kommt herzu, ehrsame Frau,«
setzte der Mann bei, indem er ein bekümmertes Weib in die Mitte der empörten
Streiter leitete: »stiftet Ihr den Frieden, und endigt durch Euern Ausspruch
diesen Auftritt, der dem Rasenden hier nur Gefahr bringen würde, und den ich
ferner nimmer ansehen kann.« - »Graf von Montfort!« rief Dagobert mit düsterm
Blicke: »wie kommt Frau Margarete zu Euerm Schutz? Ich bekenne, dass Ihr Euch
der Weiber unsers Hauses allzusehr annehmt, wenn Bechtram wahr sprach, als er
Euch den Stifter des Raubes an dieser hier« auf Wallraden zeigend »nannte.« -
»Wahr sprach er!« fiel Wallrade giftig ein: »dieser unedle Rittersmann befahl
den Frauenraub, und kam selbst, an meiner Qual sich zu weiden, und mich mit
seinen unziemlichen Wünschen zu verfolgen.« - »Das Letztere ist Lüge,« versetzte
Montfort: »das Erstre läugne ich nicht und bereue, dass ich, von der Leidenschaft
des Hasses und der Rache geblendet, unedel an der Nichtswürdigen handeln konnte,
und in Gemeinschaft treten mit dem räuberischen Bechtram, dessen Schandgewerbe
mir erst klar wurde, da ich in das Junre seiner Wohnnug trat. Seinen Dienst
bezahlte ich mit meinem Golde, und Euch, mein kühner Degen, biete ich Vergeltung
im ehrlichen Zweikampfe, damit mein Schild rein werde von der bösen Tat. Jetzo
aber entscheidet rasch das Schicksal dieser Allen, und nehmt sie fort mit Euch.«
- Dagobert antwortete ihm nicht, sondern heftete den Blick auf Margareten, die
wie eine ergebne Dulderin da stand, mit geröteter Wange und fliegendem Busen. -
»Den will ich sehen, der mir die Schwester raubt;« sprach Veit frech und kühn:
»ihr eigner Wille ist's, zu bleiben.« - »Wie, ehrsame Frau?« fragte Dagobert
staunend: »Spricht der Mensch die Wahrheit?« - »Der Wille, recht zu handeln,«
entgegnete Dieter's Gattin, »hat mich aus meines Herrn Hause geführt und in
dieser Leute Hand gegeben. Ich fürchte jedoch, ich darf nimmer wiederkehren zu
meinem Herrn, und eh' ich der unverdienten Schande mich überlasse .....« - »Eher
wolltet Ihr dem Strassenräuber folgen?« fragte Dagobert ernst: »Mutter, das
sprach nicht Euer guter Wille, und um den bösen Geist zu bannen, schwör' ich's
Euch, Ihr werdet offne Arme in Euerm Hause finden.« - »Dann, ja dann ...«
lispelte Margarete überrascht und zögernd. - »Nichts dann! nimmer dann!« fiel
Veit brausend und tobend ein: »Pest und roter Hahn! Eine Leuenbergerin wieder
zurückkehren zu dem Ellenprinzen, gleichsam wie in Sack und Asche? Des Todes ist
der Bube, wenn er nur Deine Fingerspitze berührt, wankelmütige Grete.« - »Der
Leuenberger hat Recht,« schrie Else dazwischen; »und ich bin die Herrin auf
Neufalkenstein, und ehre wohl den Herold der Stadt Frankfurt, aber den
ungeschliffenen Gast, der in meines Hauses Rechte greift, lass ich in's Verliess
werfen. Tor zu! Brücke auf, sage ich noch einmal!« - Nun eilten die Knechte,
den Befehl zu vollziehen; Montfort sprang jedoch zwischen Veit, welcher
Margareten mit sich fortreissen wollte, und Dagobert, der wütend wie ein Löwe
unter das Gesindel sprengen wollte. - »Weib!« rief er der zornroten Else zu,
die so eben dem verräterischen Knecht den Strang zum Lohne verhiess: »Weib! Du
selbst bringst Deinen Mann unter das Beil des Henkers!« und in demselben
Augenblicke liessen sich schmetternde Trompetenstösse vor der Burg vernehmen, die
von einigen Hörnern in der Ferne beantwortet wurden. Diese kriegerischen Töne,
Dagobert selbst unerwartet, machten auf die Burgleute den Eindruck wie Posaunen
des letzten Gerichts. - »Ihr bringt uns alle auf's Blutgerüste!« brüllte Doring
dem erstarrenden Leuenberger zu: »Der Bursche hat nicht gelogen. Draussen liegen
die Helfer, und wir sind verloren, ein schnell überwundnes Häuflein. Lasst das
Weibsbild ziehen, und rettet Eure Haut!« - Veit liess es geschehen, dass Montfort
die frohlockende Margarete an Dagobert übergab, und Else weigerte sich eben so
wenig, die Wiedereröffnung, des Tors zu befehlen. Die Gefangenen zogen aus, und
Wallrade fühlte die Demütigung, sehen zu müssen, wie Dagobert Margareten auf
sein Pferd hob, und dasselbe am Zügel führend, neben herging, ohne einen Blick,
ohne ein Wort ihr, der Heuchlerin, zu schenken. - Frau Else sank, - in
ohnmächtigem Grimm und banger Ahnung vergehend, trostlos, am offnen Tore
nieder, den Abziehenden nachstarrend, und ein Gebet für ihren Gatten versuchend;
der Leuenberger rennte im Hofe wie ein hintergangner Teufel auf und nieder; die
Knechte glotzten unmutig und leise fluchend dem Zuge nach, und sandten, da
derselbe schon ferne war, noch einige Bolzen und Steine hinterdrein, die jedoch
ihr Ziel nicht erreichten. - »Wir sehen uns wieder,« hatte Montfort beim
Scheiden zu Dagobert gesagt: »und dann stehe ich Euch Rede!« - Wallrade hatte
ihm einen vernichtenden Giftblick zugeworfen und schritt verdrossen neben
Dagobert hin. In kleiner Entfernung kamen den Befreiten Vollbrecht und der
Trompeter entgegen, und jubelten, Dagobert gesund und unversehrt wieder zu
erblicken. - »Wahrlich,« sprach der Knecht: »wir hatten Angst, da die Zeit
verrann und Ihr nicht wiederkehrtet. Und als nun vollends die Brücke aufflog,
glaubten wir Euch hingemetzelt und sprengten fort. Doch, kaum an jenes
Tannengehege gelangt, ersehen wir eine Schaar von Gerüsteten, die eilig
heranziehen. Der Trompeter bläst, das Hiftorn des Führers antwortet, und ein
Reiter voran, schwingt im Sonnenstrahl die. Lanze. Frankfurter sind's, und,
trüge ich mich nicht, an ihrer Spitze der Edelknecht, mein ehemaliger Herr.« -
Die Söldner kamen so eben heran, und der Hülshofner in eigner Gestalt sprang vom
Gaule, und fiel seinem Freunde um den Hals. - »Gott sei Dank,« rief er, »dass
Euers Vaters Besorgnis vergebens war, und wir, die Nachgesandten, Euch wohl und
heil antreffen. Was mich betrifft, der ich freiwillig diesen Ritterzug, Euch zu
beschirmen, unternahm, ich bin schier aufgebracht darüber, dass ich nicht für
Euch Sturm laufen, nicht für Euch mich herumbalgen darf. Die Hunde sollten meine
Faust gespürt haben.« - Er erblickte nun Wallraden, und bot ihr, höflich genug
für einen rohen Gesellen, sein eigen Pferd zum Dienste an. Das Fräulein schlug
es, mit einem unwilligen Blick aus ihren Bruder, aus. Dagobert gebot seinem
Knechte, sein sanftes Pferd Wallraden zu leihen, und half ihr in den Sattel.
Während dessen sprach Wallrade hämisch zu ihm: »Dein unzartes Benehmen gegen
mich war mir ein Rätsel. Der Edelknecht hat es gelöst. Der Vater hat sicher
Friede mit Dir gemacht, und Dein Übermut liess die Überwundne zu Fusse gehen,
neben dem Rosse Deiner so sehr geliebten Stiefmutter. Nicht wahr, Du stilles
Wasser, Du ehrliches Auge Du?« - »Ich antworte Dir nur,« versetzte Dagobert
still, aber, ernst, »dass ich Dir rate, Deine giftige Zunge im Zaume zu halten.
Wisse, Unselige; Rüdiger starb in meinen Armen: gebeichtet hat er mir Deine
Frevel. Ein Versuch von Dir, den häuslichen Frieden meines Vaters zu stören, und
ich spreche ohne Schonung, Du entartetes Weib, Du gefühllose Mutter!« - Wallrade
wurde bleich, wie der Schnee, und Dagobert kehrte, ohne ihre Erwiederung zu
erwarten, und sie der Leitung Gerhard's überlassend, zu Margareten zurück,
welcher der Unmut in seinen Mienen nicht entging. - »Ihr habt mit Wallraden
Zwist gehabt?« fragte sie: »O erzürnt Euch nicht um dieses Weibes willen. Gott
stärke nur mich. In den wenigen Tagen, die ich auf Neufalkenstein verlebte, hat
Wallrade mir durch ihre Bosheit fast das Blut vom Herzen gesaugt; was wird
meiner erst warten, betret' ich wieder Dieter's Haus, vor welchem ich mich
fürchte, wie vor der Hölle?«
    »Der Vater ist versöhnlich geworden,« entgegnete Dagobert: »der böse Geist
ist von Saul gewichen.« - »Ihr seid das Vertrauen selbst,« sagte Margarete;
»und warum solltet Ihr auch nicht ein Kind sein, das fröhlich und treu Glauben
gibt, und Glauben fordert? Ihr seid edel und bieder, ohne Falsch, ohne
strafendes Bewusstsein, .... nicht ich also, mein Freund, und darum scheue ich
meines Herrn Antlitz und meine Rückkehr in sein Haus!« - »O, Mutter,« redete
dagegen Dagobert: »wie unglücklich habt Ihr selber Euch gemacht durch einen
Schritt vom Pfade der Wahrheit! Versucht nicht, mir Alles zu bekennen, denn ich
weiss schon Alles, und als Euer Sohn schweige ich in Ehrfurcht vor Euch. Aber, so
wie Euer Mund schweigen mag gegen mich, also mögt Ihr ihn auftun gegen den
Mann, dem Euer Vertrauen gebührt, gegen meinen Vater. Bekennt ihm offen Eure
Schuld, damit er nicht aus dem Munde des Zufalls sie erfahre; vertraut seiner
Liebe zu Euch, die nicht erlosch unter der Last von Argwohn, welche er auf
seinem Herzen trug, - die nicht unterging unter der Flut von Verläumdung, mit
welcher Neid und Bosheit Euern guten Ruf besteckte. Ihr werdet Euer Schicksal
durch die Hand geschäftiger Freunde entweder, oder durch ein Verhängnis, das
Euch wohl zu wollen scheint, gestellt finden, dass Euer Bekenntnis Euch unnötig,
vielleicht gefährlich vorkommen dürfte. Traut aber dieser einflüsternden Stimme,
die nicht Euer Bestes will, nicht mehr. Das Verhängnis kann gleissen und Euch um
so tückischer verderben; Willhild könnte plötzlich wiederkehren ....« - »Ja; Ihr
wisst Alles!« rief Margarete händeringend: »Ihr wisst Alles, und Ihr schwiegt bis
jetzt? O, welch ein Zufall hat Euch entdeckt ....? Warum habe ich gegen Euch
geschwiegen ...? warum ...? Hätte ich wiederkehren können aus dem Garne, in dem
mein abenteuerlicher Vorsatz mich verstrickt hat, auf dem Schellenhofe, wohin
ich Euch beschied, hätte ich Alles Euch vertraut, ich hätte ....«
    »Unnötige Mühe;« versicherte Dagobert: »ich wäre nicht erschienen. Der
unschuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerksames Ohr, eine hülfreiche
Hand schuldig; der des Fehls bewussten hingegen durfte ich nicht folgen, um gegen
den Vater in eine Verschwörung zu treten.«
    Margarete schwieg beschämt. Dagobert, darüber betroffen, und unwillig über
seine Freimütigkeit, suchte ein fröhliches Ende an den betrübten Anfang des
Gesprächs zu binden.
    »Lasst's gut sein, Mutter!« sprach er: »ich wollte Euch nicht kränken,
sondern Euch Mut machen, und die Erkenntnis Eures bessern Teils in Euch
erwecken. Nicht vergeblich hab' ich das gewollt, und darum bin ich der Eure mit
Hand und Mund, sobald Ihr aufrichtig und Eurer würdig zu sein begehrt. Mag dann
der Vater auch vielleicht aufbrausen und den Zorn, den gerechten, anlegen, -
nehmt's hin in Geduld um Eurer Sünden willen, und dass es nicht zu arg werde, und
zu jämmerlichem Ausgang führe, - dafür lasst mich sorgen. Ich bin mit der Vehme
fertig geworden, ich habe Wallraden kirre gemacht, und das Diebsgesindel dort in
seinen eignen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben - ich werde doch wahrhaftig an
einem guten Vaterherzen nicht erlahmen. Es ist ein herrlich Ding, zur Sühne
reden, und Friede stiften, und ich will's fürder treiben, wenn auch nicht im
Chorrock. Doch, ich merke, dass die Schatten länger wurden und die Pferde ermüdet
einherschreiten. Wir wollen daher in der Schenke dort unser Nachtlager
ausschlagen, um Morgen mit dem Frühsten in der Stadt einzuziehen, wie es den
Siegern für eine gute Sache geziemt.« -
    Margaretens Angst hatte keine Eile, in Dieter's Haus zurückzukehren;
Gerhard hatte nicht das Mindeste gegen einen Rastabend, der sich beim Becher
ruhig zubringen liess; Wallradens Gewissen hatte das Fräulein unwohl und
krankhaft gemacht. Die übrigen zu Fusse laufenden befreiten Gefangnen waren müde
geworden, und Alle sehnten sich nach Ruhe. Dagobert liess das ganze Haus von den
Söldnern umlagern, schaffte Margareten in die beste Stube des Gebäudes; trennte
Wallraden von ihr, und schlief, um die Hinterlistige zu verhindern, früher als
er dem Vaterhause zuzueilen, auf seiner Schwester Schwelle. Vollbrecht aber
sprengte noch am selben Abend nach der Stadt, um die fröhliche Botschaft ohne
Verzug zu hinterbringen.
 
                                Viertes Kapitel.
 Stärker noch als Frauenhaar, -
 Starke Fesseln doch fürwahr, -
 Stärker auch als Fürstenhand,
 Die regiert das ganze Land,
 Ist des Vaters treue Lieb'!
                                                             Helvet. Denkspruch.
Das abgelegenste und verschlossenste Plätzchen, viele Meilen in der Runde, war
in dem Forste um das Ritterhaus Dürningen, die Stelle, auf welcher die
Forstütte erbaut war. Das Gebäude, fest und stark aus Baumstämmen
zusammengefügt, war auf einer Grasfläche errichtet, die dem schönsten bunten
Teppiche aus den Niederlanden glich, rings umgeben von einem schwarzgrünen
dichten Waldsaum, welcher, durch angepflanzte Hecken zu einer undurchdringlichen
Wand gemacht, nur einen einzigen Eingang auf die Hütte zuliess. Dieser Zugang,
war demungeachtet nicht leicht zu finden, unter den vielen Schlangenwegen, die
durch den Wald liefen, und der Fremde, um zur Hütte zu gelangen - musste es
entweder dem günstigen Zufalle verdanken, oder etwa dem Schall der Glocke
folgen, die zur Mittagszeit vor der Hütte geläutet wurde, um das im Forste
gehegte Wild zum Futter zu rufen. Der Pfleger dieser Waldtiere, die in
ungemeiner Anzahl gehalten wurden, weil die Frau von Dürningen, weder an der
Jagd Freude hatte, noch täglich einen Wildbraten für ihren Tisch verlangte, -
wohnte nun in dem aus Baumstämmen erbauten Hause, warf dem Wildvolke sein Futter
vor, wählte die zur Küche bestimmten Stücke aus, und wachte zunächst über die
Sicherheit der Waldung, die früherhin häufig von unbefugten Schützen und
Holzfrevlern beunruhigt worden war. Der Herr von Dürningen selbst war von einem
solchen Wilddiebe mit einem Bolzen durch die Brust geschossen worden, wie er
gerade vor der Türe der Hütte stand, und seine Rehe überzählte; er war auch
alsobald auf diesem Platze gestorben, und seine Wittib hatte sich nicht
entschliessen können, jemals wieder die Stelle zu sehen, auf welcher das Blut
ihres lieben Eheherrn geflossen war. Desto öfter schlich sich dagegen Regina,
der Freiin Tochter und einziges Kind auf die bunte Wiesenfläche, setzte sich
nieder auf den Buchenstumpf, neben welchem ihr Vater verschieden, gedachte in
fröhlich wehmütiger Erinnerung seiner, ob sie gleich bei seinem Tode nur ein
ganz junges Mägdlein gewesen, und es däuchte ihr, als könnten nirgends die
Blumen des Feldes schöner blühen, als gerade auf dem Hügel um den Buchenstrunk.
Es traf sich oft, dass sie mit dem frühesten Morgen schon sich auf der betauten
Stätte einfand, um die perlgefüllten Waldglocken zu pflücken, und mit
Butterblumen in einen Kranz gewunden, an den Resten des Buchenbaumes
aufzuhängen, weil sie denselben höher wie die Grabstätte des Vaters selbst
hielt. Es war nicht minder nichts Ungewöhnliches, sie am Abend wiederkehren zu
sehen, um Kräuter zu pflücken zu kräftigen Suppen für die kränkelnde Mutter. Zu
dieser Zeit war sie auch immer die fröhliche, unbefangen aufblühende Dirne im
schönsten Lebensalter, und nicht beschlich sie die Trauer, wie wohl am Morgen
geschah. Sie scherzte mit dem zahmen Hirschlein, das auf der Forstütte gehalten
wurde, spielte mit den braun und weissgefleckten Hunden des Waldwärters, oder
plauderte kindisch geschwätzig noch mit dem Staarvogel des Hauses, welcher die
Jägerrufe: Hussa! Sa sa! Hoho! gelernt hatte, und ausschrie in den hallenden
Wald; oder sie hörte dem alten Forstwart selbst aufmerksam zu, wenn er von
seinen Lebensabenteuern anhob, bis die blaudüftige Abendluft kühler wurde, und
das Rosenlicht der Sonne an den Tannenwipfeln verglühte. Dann eilte sie,
schnellfüssig wie die Rehe, die hie und da über ihren Pfad schwirrten, - so dass
kaum der Wärter, ihr gewöhnlicher Begleiter zu Abend, ihr zu folgen vermochte,
nach dem Edelhof zurück. Die Mutter wusste von ihren Waldgängen sehr genau und
umständlich, aber sie dachte nicht daran, der Tochter diese harmlose Lust zu
verbieten, weil sie gefahrlos zu geniessen war. Der Wald war nämlich, seit der
alte Ammon auf der Forstütte hauste, so sicher geworden, als er vor dem
unsicher gewesen. Plötzlich hatten die Diebereien darinnen aufgehört, und die
losesten Gesellen und Gaunervögel scheuten sich in die Nähe von Ammons Wohnung
zu kommen, und schlugen ein Kreuz, so sie der Zufall dann und wann Abends am
Rande des Forstes vorüberführte. Der Forstwart stand nämlich in dem Rufe, einen
Bund mit dem Bösen gemacht zu haben; ein Glaube, der im Bauervolke nicht
auszurotten war. Der Alte, obgleich geboren auf dem Hofe der Dürninger, kam den
Nachbarleuten dennoch vor, wie ein Fremdling. Er war als ein trefflicher Falken-
und Sperberlehrer, mit Befugnis seines Leib- und Zwingherrn, in die Fremde
gegangen, um seine Wissenschaft zu erweitern, ein Stück Geld zu verdienen, und
nach Verlauf der ihm erlaubten drei Jahre zurückzukehren mit wohlabgerichteten
Beitzvögeln für den Herrn. Er kehrte aber nicht wieder, und konnte auch keine
Falken senden; denn Neubegier und Leichtsinn hatten ihn über das pyrenäische
Gebirg nach dem Lande Hispanien geführt, woselbst er in die Gewalt der
unglaubigen Mauren geriet, jedoch bald aus einem geplagten Knecht der Liebling
des Königs seines Herrn wurde, seiner Geschweidigkeit und kecken Natur halber.
Von diesem Könige, nach manchem Jahre, in Afrika gesendet, um ein Gespann von
Leuen zu erhandeln, und nach Spanien zu bringen, als eine Zierde der königlichen
Gärten; kam's ihm plötzlich ein, dass es doch besser sei, umherzuschweifen wie
der freie Löwe, statt wieder in den goldnen Käfich zu kriechen. Ohne sich zu
besinnen, suchte er den Weg zum gelobten Lande, wo der Herr gewandert ist in
Menschengestalt. Ein widriges Geschick verfolgte ihn in Palästina, und nackt wie
ein Bettler, schiffte er von einem mitleidigen Schiffer aufgenommen, übers Meer,
zurück gedenkend nach der Heimat. Stürme verschlugen das Fahrzeug an die Küsten
des griechischen Kaisertums, und ein Seeräuber von dem tapfern muhamedanischen
Volke, das schon beinahe ganz Griechenland unterjocht hatte, fieng es auf mit
Mann und Maus. Wieder manches Jahr verlebte Ammon unter den Zelten der
Sarazenen, und begehrte, an dem wilden Leben Freude findend, schier nimmer von
ihnen weg, als nach einer schweren Krankheit plötzlich ihn das Heimweh überfiel,
das schon Manchen in der Fremde den Garaus gespielt hat. Da trieb es ihn fort
auf nackten Sohlen und in die Lumpen des Elends gehüllt, durch die Wildnisse und
Moräste der Bulgarei, ohne Säumen, ohne Ruhe, bis er die Länder erreicht hatte,
wo man weder den Propheten anruft, noch auf griechische Weise das Kreuz macht.
So kam er endlich an in der Gegend, wo er geboren worden, ein fremder,
unbekannter Mensch, mit ungewohnten Sitten, ausländischen Gebräuchen und in der
heidnischen wilden Sprache besser erfahren, denn in der vaterländischen. Als ein
schmucker Bursche war er von dannen gezogen, und ein wilder rauher Greis kam er
heim, mit der Röte eines heissen Himmelsstrichs auf den benarbten Wangen, und
mit geschornem Kopfe, aus welchem nur sparsam die Stoppelspitzen des weissen
starren Haars wieder heraufteimten. Der Herr von Dürningen hatte Erbarmen mit
dem alten Landstreicher und setzte ihn in den Wald als Forst- und Wildhüter. Er
hatte just den Diener in sein Haus geführt, und ihm die Zahl der Rehe angegeben,
als sein Stündlein schlug. Ammon schwur dem unbekannten Täter und seinem
Gelichter unversöhnliche Rache, und hielt sein Wort. Mit der grässlichsten
Strenge ging er zu Werke; die Holzdiebe peitschte er zum Sterben; die auf's
Wild lauernden Räuber ereilte er leise wie der Tod, und ehe sie sich's versahn,
sass ihnen auch schon der Tod im Herzen, den der wilde Ammon aus einer tragbaren
Donnerbüchse, die er selbst verfertigt hatte, schleuderte, ohne nur einmal
seines Ziels zu verfehlen. Diese Sicherheit im Schuss, und der Umstand, dass ihn
nimmer ein Bolzen getroffen, von denen, die man oft aus Busch und Dickicht
meuchlings gegen ihn versandte, schreckte die Bösewichter schon, die auf
übernatürliche Künste zu schliessen gern bereit sind. Bald teilte das ganze
Landvolk, um und um, diese Meinung. Ammon ging nie zur Kirche, wurde nie betend
gesehen, und zeigte sich immer so finster und verschlossen, dass Jedermann,
darauf schwur, er stehe mit dem Gottseibeiuns im Pakt. Dieser Glaube schien
nicht ohne Grund zu sein, da Ammon häufig bei Nachtzeit in Wald und Moor
herumlief, Ottern suchte, und ihr Fett zu gewissen Salben bereitete, und seine
Hütte offen stehen liess, ohne Furcht. Einige Waghälse hatten zwar einmal den
Augenblick benützen wollen, da der Alte nicht zu Hause war, um dasselbe zu
berauben, oder in Asche zu legen, allein sie fanden in einer ungeheuren
Wolfsfalle auf spitzigen Pfählen den Tod, und Ammon hing ihre Leiber zur Warnung
für Andre an den Fichten auf, neben welchen der Eingang in den Wald führte. Nun
floh ihn und seinen Aufentalt, was in der Umgegend lebte, Regina ausgenommen,
die das Geheimnis gefunden hatte, sich die gutmütige Teilnahme des
verwilderten Greisen zu gewinnen, indem sie seinem polternden Wesen
Gleichgültigkeit entgegensetzte, seinen Erzählungen ihr aufmerksames Ohr nicht
entzog, und ihn auf jede Weise in Schutz nahm, wenn nachbarliche Zungen die
fromme Mutter vor dem alten Knechte warnten, der zu keiner Messe ging, und den
geselligen Verkehr mied, wie die Sünde. Nach wie vor fand das Fräulein seines
Tages Freude auf dem stillen Waldplatze, und war eines Morgens, wie gewöhnlich,
beschäftigt, einen Kranz von Wiesenblumen zu flechten, als der Schall mehrerer
menschlichen Stimmen unter den Baumgewölben vernehmbar wurde, - Stimmen, die
sich anriefen, und Verirrten, des Weges unkundigen zu gehören schienen. -
»Ammon;« sagte Regina zu dem Alten, der, unweit von ihr, ein Jägernetz
ausbesserte: »Geh doch hin, und weise die Leute zu recht.« - »Ei was!« brummte
der Forstwart entgegen: »Haben sie sich hereingefunden, mögen sie auch sehen,
wie sie wieder hinauskommen. Führt sie der Weg hierher, dann will ich ihnen
schon den Weg weisen.« - Diese letzten Worte begleitete er mit einer sehr
nachdrücklichen Geberde, die auf keinen guten Empfang der ungeladeuen Gäste
schliessen liess. - Regina warf ihm seine Unverträglichkeit vor, und verbot ihm
ernstaft jede Gewalttat, insofern die Verirrten hieher geraten, und nach dem
Wege fragen sollten. Sie hatte kaum ausgeredet, als sich schon am Eingange des
Platzes ein Mann zeigte, welchem ein Frauenbild folgte, und ein anderer Mann,
der einige Gäule nach sich durch den Wald zog. Ach! wie ging in Reginens Seele
die Erinnerung an den letzten Osterabend auf, den sie in Frankfurt zugebracht.
Denn der junge Mann, der so bescheiden sich nahte, um nach der rechten Strasse zu
fragen, war - sie wusste es ganz gewiss - der anmutige Junker, sie eine Königin
genannt, und der erste Mann gewesen, der wohltuend ihren Reitzen vor aller
Augen Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen. Der ernstafte Ausgang jenes
fröhlich begonnenen Ostermahls hatte ihre, jugendliche Brust wit Bewunderung für
den kühnen Jüngling erfüllt, der die unverletzlichen Menschenrechte mutig
verteidigte gegen den schnöden Vorwurf, - und dann und dann und wann war des
Jüngling Bild noch wiedergekehrt vor ihre Seele, und hatte immer den Wunsch im
Gefolge gehabt, ihn einst wieder zu sehen, - ihn bald wieder zu sehen; nicht im
Ernst eines schon Standes und Alters, sondern noch im Schmuck, in der fröhlichen
Freiheit jugendlichen Lebens, Plötzlich nun war dieser Wunsch erfüllt worden,
und Regina, davon überrascht, zögerte nicht, ein harmloses Kind der Natur, dem
Ankömmling entgegen zu eilen, ihn zu begrüssen, seine Hand zu schütteln wie ein
Mann, und ihm das Anerbieten zu machen, ihn zu ihrer Mutter zu führen, die
erfreut sein würde ihn zu sehen. Dagobert, wohltätig überrascht von diesem
Empfang, den er in diesen Wäldern nicht erwartet hatte, warf einen forschenden
Blick um sich her, und sprach zu Reginen: »Mein gutes Fräulein! Es ist als ob
mich Gott hiehergeführt hätte, in diesen traulichstillen Wald, und in Eure Nähe.
Ihr befehlt als Herrin hier, und so Ihr wollet, könntet Ihr mir grössere Huld
verleihen, als ich Euch je vergelten könnte. Wir sind seit Mitternacht geritten
auf's Geradewohl in die Welt hinein, verfolgt von Ungewitter und gefährlichen
Menschen, die es auf dieser Jungfrau Leben abgesehen hatten. Die Unglückliche
hat jedoch kein Obdach für die erste Zeit, und heilige Pflichten rufen mich auf
mehrere Tage von ihrer Seite. Wäret Ihr wohl geneigt, meine liebliche Königin,
in deren duftigen Wald und Blumenreiche wir angekommen sind, eine kurze Zeit
hindurch, dies edle, sonder Verschulden in's Elend geratene Mädchen in diesem
stillen Hause verborgen zu halten vor Jedermann, - die Mutter selbst nicht
ausgenommen, - weil die Jungfrau hier noch keine Christin ist, sondern sich erst
vorbereiten will, zum heiligen Bunde zu treten? Eine kurze Frist nur, - dann
sorge ich ferner für Ester's Geschick; ... den alten Mann dort wenn er ihr
verschwiegener Hüter sein wollte, würde ich lohnen, wie ein Fürst nur kann, und
ewig dankbar sein, mein Fräulein.«
    Es wallte sich in Reginens Busen die Begierde auf, dem bewunderten jungen
Manne einen Dienst zu leisten, und es schmeichelte nicht wenig ihrer kleinen
Eitelkeit, hier, ganz im Stillen, eine Handlung der Oberherrschaft auszuüben.
Ihr Auge verweilte indessen forschend und ernst auf Ester's Angesichte, und je
reizender ihr dieses vorkam, je deutlicher wurde ihr ein geheimer Widerwille,
der in ihr aufstieg, und ihr widerraten wollte, sich der allzuschönen Fremden
anzunehmen. Ihre Haltung wurde dadurch gemessener. Der schlanke Leib, sonst in
Geberden und Bewegung zwanglos frei sich regend, nahm die Stellung einer
prüfenden, missbilligenden Herrin an, und ihr Blick wandte sich halb verlegen
gegen Ammon, in dessen Gesichte sie indessen zu ihrer Verwunderung keine finstre
Verwirrung, sondern eine wohlgefällige, seltne Heiterkeit wahrnahm. - »Sprecht
doch mein Urteil,« sagte hierauf. Dagobert schmeichelnd, und führte Ester dem
Fräulein entgegen: »Seht, holdes Fräulein, dieses seltne Geschöpf, und gesteht,
dass selbst unter dieser niedern Hülle eine Blüte verborgen ist, die mit den
Schönsten Eures stilles Reichs den Wettstreit beginnen kann, ... Eure Majestät,
wie sich's gebührt, ausgenommen.« - Das Fräulein musste über diese scherzhafte
Schmeichelei lächeln, und schon liess ihre angeborne Fröhlichkeit die Larve der
gezwungenen Bedenklichkeit sinken. - Ester, die es deutlicher fühlte, was in
dem Busen Regineus, der kaum entwickelten Jungfrau, vorging, schwieg, ergeben in
ihr Schicksal, und senkte erwartungsvoll die schöne Wimper über das schönre
Auge. - Regina, zweifelnd, zögernd, nachgebend und dennoch widerstrebend, liess
sich in abgebrochenen Worten vernehmen. Sie äusserte, es falle ihr schwer, vor
ihrer lieben Mutter ein Geheimnis zu haben, ob sie gleich im selben Augenblicke
zugab, es sei nichts leichteres, als das Geheimnis zu bewahren, weil die Frau
von Dürning nimmer diesen Platz besuche. Aber ihre Bedenklichkeiten beschränkten
sich endlich darauf, dass sie nicht wisse, ob es nicht eine Sünde sei, eine Jüdin
heimlich zu hegen, und ob Ammon sich bewegen lassen würde, die Ungläubige in
seinem Hause aufzunehmen. Dagobert bekämpfte den ersten Teil dieses Vorwandes
mit der Beteuerung, Ester verlange nichts Sehnlicheres, als eine Christin zu
werden, und Ammon stellte seinerseits Reginen völlig sicher. »Mir ist gleich,«
sprach er, ob's ein Türke, ein Heide, oder ein Jude ist, der unter meinem Dache
hausst, so Ihr's befehlt, mein Fräulein. Gott ist überall, und - getauft oder
nicht getauft, - Gottes Sonne bescheint uns überall, und dem Heiden wachsen so
gut seine Saaten, als dem Christen; und des Christen Feld zerschlägt der Hagel
eben so gut, als des Ungläubigen Korn. Sagt, ob Ihr wollt, Fräulein, und mehr
bedarf es nicht. - Und da Regine einen neuen, wohlwollendern Blick auf die
schöne Fremde warf, und sich nicht verhehlen konnte, dass sie eben so schön sei,
und rein in ihren Zügen, als wie das kunstreiche Marienbild im Edelhofe; - als
endlich Ester ihre Augen aufschloss, das Fräulein in den ganzen Zauber dieser
Paradiesessterne sehen liess, und mit der schmelzend weichen Stimme, der nichts
widerstehen konnte, die Worte sprach: »Verstosst mich nicht, gute, edle Jungfrau,
und vergelten wird's Euch der hochgepriesne Gott, und meines Vaters Segen, und
meines edeln Freundes Dankbarkeit!« - Da hätte Regina nicht das gefühlvolle,
reine Mädchen sein müssen, um nicht einzuwilligen von Herzen. -
    So wohnte denn nun, von jenem Augenblicke an, Ester in der Hütte des Forsts
zu Dürningen, und der alte Ammon sorgte für ihre Bedürfnisse, so gut als er es
vermochte, denn er war geschmeidig geworden durch die Erinnerung, durch diesen
Zauber, der den Menschen durch das Leben geleitet, und im Greise stärker wirkt,
als im Jüngling selbst, weil sein Dasein bloss nur in der Vergangenheit liegt.
Auch der wilde Falkenjäger hatte einst geliebt, da sein Scheitel noch umwallt
war von braunen Locken, und seine Jugend in der schönsten Blüte stand; und
diese Liebe war ein Maurisches Mädchen gewesen, herstammend aus glühender Zone,
und ähnlich den Zügen Ester's. Seit vierzig Jahren war diese Dirne aus den
Lebenden geschieden, von gäher Krankheit dahingerafft, in einer Zeit, wo Ammon
seiner Väter Glauben willig hingeworfen hätte, um das schöne Kleinod sein zu
nennen. Seit vierzig Jahren feierte Ammon alljährlich des Mädchens Todestag, und
nun, da Kida's Bild merklich schon abgebleicht worden war in der Kammer seines
Gedächtnisses, - nun war sie gleich wie auf's Neue lebendig geworden in der
reizenden Ester, zu ihm getreten in seine Wildnis, - ein freundlicher Engel,
ein Trost für seine leere Brust. Darum hatte er auch dem Mädchen die einzige
Stube des Hauses eingeräumt, und sich auf den Speicher gebettet: darum hatte er,
rund um die Hütte, neue, gefährliche Fallen und Gruben angelegt, damit ihm
Niemand bei Nacht die Anvertraute stehle; - darum ging er wie ein sorgsamer
Knecht hinter der Gebieterin her, um ihren Wünschen sein Ohr zu leihen, und ihr
so viel Annehmlichkeiten zu verschaffen, als in seinen schlechten Kräften stand.
Er fand in Ester's Lobe kein Ende, wenn Regina kam, nach ihr zu fragen, und
missbilligte es sehr, dass das Fräulein sich weigerte, die schöne Fremde näher
kennen zu lernen, dass es gleichgültig die warmen Dankesäusserungen Ester's
zurückwies, und sich ihren einsamen Beschäftigungen überliess, wie zuvor, ohne
seinen Schützling zu verstatten, ihm näher zu kommen, und vertraulicher zu
werden. Ammon wusste nicht, dass weder der niedre Stand Ester's, noch ihr Glaube
sie von Reginens mitleidigem Herzen entfernte, sondern gerade der Vorzug, den
das Fräulein ihr einräumen musste: der Vorzug, Dagobert's Freundin zu sein. Ammon
bemerkte es nicht, wie oft Regina im Grase sitzend, in tiefes Nachdenken
versank, und Viertelstunden lang nach dem Waldgange blickte, als müsse er jetzt
kommen, ... als müsse er dann den fremden Gast hinwegführen, und dann allein
wieder kommen, und täglich wiederkehren, und endlich gar nicht mehr von dannen
gehen. - An Dagobert's Statt kam aber eines Mittags Ben David an, - dürftig und
verschmachtend - bloss von der Hülle bedeckt, die ihm das Mitleid zugeworfen.
Ammon hatte schon nach der Peitsche gegriffen, um den verdächtig aussehenden
Bettler aus dem Reviere zu treiben: Ester's Freude- und Angstruf entwaffnete
ihn. Dem Vater von Kida's Ebenbilde konnte er nichts Übles zufügen, und er
besann sich, dass auch ihn einst sein Vater unsäglich geliebt hatte, dass auch er
einst an seinem Vater mit Treue gehangen; er begriff Ester's Empfindung, und
wehrte dem Alten nicht, die Wohnung seiner Tochter zu teilen. Vater und Tochter
waren völlig ungestört, denn eine Unpässlichkeit hielt Reginen vom Walde fern,
und Ammon machte doppelt eifrig seine Runde. Ester's und David's
Wiedersehensfreude, wie ihr Leid um Jochai's Hinscheiden und ihre Verstossung aus
der Stadt, die ihnen Schirm und Heimat gewesen, durfte ohne störende Zeugen
sich aussprechen, fessellos, wie es der Schmerz, frei, wie es die Lust verlangt.
Aber schon am folgenden Tage begehrte David zu wissen aus Ester's Munde, wie
ihr Verhältnis gewesen sei zu dem Junker. Ester's Wange errötete zwar; doch
hatte ihr Mund keine Schuld zu bekennen, und ihre Rede, einfach und erklärend,
trug der Wahrheit Stempel. Ben David scharfes Auge, allen seinen
Glaubensgenossen mehr oder minder eigen, sah indessen durch den Schimmer der
Wahrheit hindurch einen dunkeln Punkt in dem Herzen seiner Tochter; ein
verschleiertes Gefühl, dessen Decke zu heben sie nicht begehrte. Er fasste daher
ihre Hand, und sprach! »Geliebtes Kind; Du verschweigst mir, was Du nicht
solltest, und wegen dessen ich Dir nicht zürnen mag, denn es ist nur die Folge
der Vergangenheit. Dagobert ist gewesen Dein Schirm, Dein Alles, weil ich lag in
Banden. Dagobert hat Dich genährt und gepflegt, und gerettet aus tausend
Gefahren; der hochgelobte Gott wird ihn darob segnen und ihn eingehen lassen
in's Paradies, weil er Gutes getan an Israel; weil er es hat getan
uneigennützig, und nicht hat befleckt Dein Kleid der Ehren. Friede sei mit ihm,
und auch auf seinem Andenken sei einst Friede, wie auf Zodick's Gedächtnis
Schmach sei und der Zorn Gottes, und ihm selbst das Feuer der Gehenna! Aber,
liebste Tochter, mein Kind: dergestalt, wie Du den abtrünnigen Knecht Zodick
musst hassen, - dergestalt hast Du gelernt lieben den seltnen Mann, der da
handelte, als stamme er aus den Lenden Jakob's, und nicht vom Berge Seir.
Gesteh' es mir, mein Kind.« - »Vater,« erwiederte Ester stockend: »Deiner
Klugheit kann nichts verborgen bleiben. Ich muss es bekennen, und wenn es Sünde
wäre vor Dir und dem Gesetz. Nach dem hochgelobten Gott, den ich fürchte, - nach
Dir, mein Vater und Herr, den ich ehre, lebt Niemand mehr auf der Welt, denn Er,
den ich bewundre, den ich liebe, .... o lass mich nicht vollenden.« - »Nein,
meine Tochter; vollende nicht;« versetzte David ängstlich: »Du liebst ihn nicht,
wie der Dankbare den Wohltäter, .... Du liebst ihn nicht, wie das Kind den
Vater, ... nicht wie die Schwester den Bruder; ... Du liebst ihn wie die
Jungfrau den Mann, und Wehe geschrieen über mich und Dich ... was soll aus
dieser Liebe werden?« - »Was Gott wird beschliessen, und Du, mein Vater:« sagte
Ester ergeben, wiewohl sie erbleichte, und erkannte, dass sie nun an den
Markstein ihres Lebens getreten. - »Ich kann nichts beschliessen;« antwortete
seufzend der Vater, mit grössrer Fassung, weil er auf sein eigen Unglück
zurückkam: »Ich bin ein armer, geschlagener, zu Nichts gewordener Mann; sie
haben mich hinausgestossen in die Welt, und ich habe von all meinem Gute nichts
mitgenommen, als die Last der Dankbarkeit gegen den Jüngling Dagobert, dessen
freigebige Hand mir noch einige Pfenninge zuwarf. Des Herzogs Glückstern ist
erloschen, und mein Gold, das ich ihm lieh, gewiss verloren. Meine übrige Habe,
teils in Costnitz zurückgeblieben, teils in unserm Hause zu Frankfurt
verwahrt, ist eine Beute geworden, dort betrügerischer Freunde, hier der
habsüchtigen Richter, die noch nach verborgenen Schätzen lechzten, von welchen
ihnen der abscheuliche Zodick vorgelogen. Ich muss wieder hinaus in die Welt, wie
ich gekommen bin herein, um zu erjagen, wo möglich, ein neues Glück; und Dich,
mein einzig Kleinod, muss ich lassen hinter mir, auf dass Du nicht verderbest
unter'm Druck des Elends und der Entbehrung meiner flüchtigen Wanderschaft. Du
magst nun entscheiden, Tochter: ich lasse Dir die Wahl: willst Du Dich werfen in
die Arme Edoms? willst Du zurückbleiben unter unsern Leuten, zu Worms entweder,
oder zu Nürnberg? Wir haben zwar nicht Freunde mehr, nicht Verwandte, aber
Israel wird nicht lassen von David's unglücklicher Tochter.« - Ester sprang
auf, fasste heftig ihres Vaters Hand, und rief mit ausbrechenden Tränen im Auge:
»Vater! bei der Herrlichkeit des Reiches, das uns vom Messiah gebracht werden
soll! Nimm mich mit Dir; ich will leiten Deine Schritte durch Fels und Sand; ich
will schlummern neben Dir auf Haidekraut und Moor, ich will nicht mehr begehren,
denn ein Stücklein verschimmeltes Brods, um mein Leben zu fristen; und am Ende
auch dieses Leben willig verlieren, erliegend unter Bekümmernis und Gottes, des
Herrn Schickung. Aber nimmer geh' ich nach Worms, nimmer nach Nürnberg. Unsre
Leute, zu denen ich flüchtete zu Frankfurt, haben mich verraten an die Wollust,
ein Sohn der Gebote hat Dich verraten und den Raaf Jochai getödtet; was soll
ich erwarten von ihnen? Die Arme wird sein verachtet und arm in Ewigkeit: eine
Magd werde ich sein müssen in Schmach und Kummer. Vater, Dir will ich folgen,
aber nicht fürder dem Gesetz und seinen Bekennern. Der Herr hat uns verderben
lassen in der Not, die Brüder haben uns lassen verzweifeln. Der Christ hat mich
errettet. Ihm gehören, nach Dir, meine Tage. Weisest Du mich von Dir, so bin ich
sein Eigentum, wenn er's verlangt, seine Dienerin, denn er ist mehr als ein
Mensch; ein Engel des Heils, ein Erlöser und Erretter!« - »Weh mir! weh mir!«
entgegnete Ben David bekümmert: »O, wie ist Dir doch angeflogen der Mehltau aus
Amalek! Du willst nicht mehr sein eine Tochter Zion's! Du brausest auf in
Leidenschaft und Hitze, und hörst nicht die Stimme des Herrn und des Vaters!
Erwarte nicht, dass ich Dir fluche, nicht dass ich zu Dir flehe! Aber gerettet
möchte ich Deine Seele wissen. Ich würde Dich ermorden, wenn ich Dich mit hinaus
nähme in Sonnenbrand und Nachtsturm, um mir mein Brod suchen zu helfen unter den
Hefen des Volks, begleitet von Verachtung und Hohn. Deine Blüte würde nicht
gross gezogen, um zu ersticken im Kote. So bleibe denn lieber in Edom, und halte
Dich zu den Ungläubigen. Vielleicht, dass einst der Herr in seiner Barmherzigkeit
Deine Seele berührt mit dem Stabe seiner Gnade, - vielleicht, dass Du einst
zurückkehrst in den Schoss des Gesetzes, nicht zu spät für Deine
Paradieseshoffnung, wenn gleich zu spät für meine in Kummer und Todesgram
erloschenen Augen!« - Wehmütig und beklommen stand der Vater auf, und überliess
Ester dem Strome von Tränen, in welchen sich die Erschütterung ihrer Brust
auflöste. Ben David legte sich hinter der Hütte in's üppige Waldgras, von Mücken
umtanzt, von Vögeln umgeben, deren Gezwitscher herrlich und frei aus dem Wipfel
der Bäume zum Himmel stieg. In dieser Einsamkeit legte sich der Sturm seines
Vorurteils und, zu der blauen Decke hinaufblickend dachte er, dass dieses schöne
Zelt ja für Jeden erbaut sei, und dass die Hand des Herrn alle Menschengräber mit
Gras und Blumen ziere. Die Brust wurde ihm weiter, und mit ihr auch die Fesseln,
die seine knechtische Glaubenslehre ihm von Jugend an über den Nacken geworfen.
Er beseufzte das Geschick, das ihn unter diesem Himmelsstriche in Jakobs's
Hütten hatte hervorgehen lassen; er wünschte um seiner Ester willen, in den
Reichen der Gojim geboren zu sein; er dachte sich die Möglichkeit, sie mit
Dagobert vereint zu sehen; er gönnte ihr den edeln Mann, ihm die reine
vollendete Jungfrau; aber wie ein Felsstück von der Höhe eines Alpengebirgs
rollte die Erinnerung an jenen Schwur, den er in des sterbenden Jochai's Hände
hatte leisten müssen, auf sein Herz. - »Ich darf sie ja nicht zulassen zu dem
Bade, das in Edom ein Bad der Wiedergeburt genannt wird;« sprach er vor sich
hin: »ich darf sie ja nicht abschwören lassen vor dem Volke ihren Glauben! O,
Herr! hochgelobter Herr! halte mich aufrecht, dass ich nicht verdiene den Zorn
meines abgeschiedenen Raaf's. Erleuchte mich in meinem Haupte, damit ich den
Ausweg finde - den rechten, untrüglichen! Leite mich Herr, und Du, Seele meines
Vaters, auf dessen Andenken der Friede sei!« - David versank in ein eifriges
Gebet, das er in den folgenden Tagen, nach kurzen Zwischenräumen immer wieder
fortsetzte im Dickicht des Waldes. Er sprach kein Wort mehr über das Vergangene
mit Ester. Seine Zunge schien gleichmütig geworden zu sein, wie seine Stirne.
Er hatte seinen Entschluss gefasst und harrte sogar mit Ungeduld auf Dagobert's
Ankunft, welcher auch Ester's Herz sehnlichst entgegenschlug, denn auch ihr
Herz, ihre Vernunft war zu einem Entschlusse gelangt, zu dem höchsten, dem
seltensten in der Seele und dem Munde eines leidenschaftlich liebenden Weibes,
zu dem Entschlusse der Entsagung.
    Dagobert liess sich nicht allzulang erwarten. Eines Abends schnaubte sein Ross
am Waldgehege; seine Schritte wurden hörbar vor Ester's Kammer, und ein trat er
zu den ihm entgegen Eilenden, wie ein verklärter Lebensbote. - »Grüsse Dich Gott,
Du vielgeprüfte Dirne;« sagte er, dem Mädchen treuherzig und liebevoll die Hand
reichend: »und auch Du, armer Ben David, sei gegrüsst. Als ich von dannen ritt
aus diesem Walde, dachte ich nicht, mit so viel Glück beladen, wieder zu kommen.
Ester, Du liebes treues Kind, freue Dich mit mir. Mit dem Vater ausgesöhnt,
habe ich auch die Mutter, ungekränkt und gleichsam wie eine zweite junge Braut
an sein Herz gelegt. Wallrade, die Stifterin des Bösen, ist verwiesen aus dem
Hause, und mein Vater hat aus ihrem Munde kein Wort vernehmen wollen. Graf
Montfort, dem ich Schonung zu erweisen im Stande war, will dankbar mich dem
Herzog Friedrich anempfehlen, dass meine Freilassung von dem Kirchendienst vom
neuen Papst bestätigt werde, und dass der Herzog so schleunig als er kann, das
Geld ersetze, so er von Dir geliehen, armer Ben David. Mein, Vater, willfährig
gegen meine Wünsche geworden, hat mir erlaubt ihm eine Tochter zuzuführen,
sobald mein Handel mit Rom ausgeglichen und will nicht fragen nach ihrem Stand,
nicht nach ihrem Namen, nicht nach ihrer Habe.«
    »So bringe ich denn, mein zierlich Mägdlein, mein Werben bei Dir an. Das
Geschick hat uns so oft und wunderlich zusammengeführt, dass es des Himmels sein
muss, dass wir uns näher angehören. Schlag' ein in meine Hand: Dein Vater wird
sich nicht weigern, in Dein Glück zu willigen.«
    Bei dieser Zuversicht überflog eine zitternde Bewegung Ester's Körper, und
ihr Mund stammelte: »Herr! Ihr überrascht mich ... diese Güte, ... dieser Vorzug
....«
    »Ei, meine Ester, ist Liebe denn Güte oder Gnade?« fragte Dagobert
lächelnd. »Wenn's ein Vorzug ist, dass ein Reicherer eine minder begüterte
Ehewirtin wählt, so hast Du diesen Vorzug über alle Massen verdient durch Deine
zarte Weiblichkeit, durch Deine Engelstugend, und durch Deine Schönheit.«
    »Die Schönheit verblendet Euch;« sprach Ben David, schüchtern seine Stimme
erhebend: »wird sie jedoch Euern Vater blenden? Weiss er, dass Ihr eine Jüdin
begehrt, und verpönen nicht Eure Gesetze solchen Bund mit der Strafe des
Feuers?« -
    »Nun, bei Gott!« rief Dagobert: »wenn Ester eine Jüdin ist, so möchte ich
die Christin sehen, die ihr gleich kömmt. Alle Menschen gleich zu lieben,
befiehlt uns der Heiland; und wenn seine Worte nicht immer und allentalben
befolgt werden, so ist es nicht des göttlichen Lehrers Schuld: kein Mensch auf
Erden ist der Taufe würdiger, als Deine Tochter. Sie sehnt sich darnach, sie hat
eingewilligt, aus Eurem Bunde zu treten, und als Christin wird sie vor Gott und
Menschen mein Weib!« -
    »Welch ein Mann!« seufzte Ester, die Hände faltend; Ben David's Stirne
überzog ein finstrer Schleier, da er die Augen auf seine Tochter heftete. »Du
sehnst Dich nach der Taufe?« fragte er düster und langsam: »Du hast
eingewilligt? Tochter! was soll ich Dir sagen, jetzt noch in dieser Stunde? Soll
ich zerreissen mein Kleid, wie für einen werten Gestorbenen, oder soll ich mich
freuen Deines Glücks in der Zeitlichkeit? Und Ihr, Herr Frosch, ist's Euer
ernstlicher Wille, dass Ester sich scheide von mir, und fürchtet Ihr nicht
mindestens die Zungen der Welt, wenn Ihr gleich gefangen habt das Herz eines
allzuschwachen Vaters?«
    »Eines gerechten Vaters,« verbesserte Dagobert: »ich scherze nicht mit einer
Leidenschaft. Ich gebe ihr auch nicht leichtsinnig Raum. Aber hier bin ich fest
entschlossen. Du musst zugeben, dass Deine Tochter ihre Irrtümer abschwört; Du
musst zugeben, dass sie mein Weib werde; und damit die Zungen der Welt unser Glück
nicht stören, und meines Vaters Tage nicht trüben, will ich mich fern von der
Vaterstadt häuslich niederlassen, einsam mit meinem schönen Kleinod. Lieb und
angenehm ist mir's, wenn Du, Ben David, auch den falschen Herrn vertauschen
willst gegen den wahren Glauben, aber selbst im Gegenteile auch soll Dir in der
Ferne eine namhafte Unterstützung nicht entstehen; nur magst Du, vor der Welt
zum mindesten, meine Schwelle meiden. - Entscheide jetzt und sei klug.«
    »Also frägt man den Verdammten um Entscheidung seines Schicksals;«
entgegnete Ben David, betrübt und im Kampfe mit sich selbst: »Herr! ich bin
geworden zu alt, um wegzuwerfen mein Licht und Hort wie ein unnützes Kleid.
Herr! ich habe keine Stimme der Gewalt gegen eine Tochter, die da liebt, und
einen Mann, der mir mein Höchstes nimmt mit dessen Befugnis. Herr! ich bin Euch
Dank schuldig, denn Ihr seid ein vornehmer Mann, und begehrt mein Kind, eine
schlechte Jüdin, in Ehren. - Ich bin geworden Euer ewiger Schuldner, da Ihr
gehandelt habt wie ein Bruder an ihr, wie ein Sohn an mir. - Ich bin Euch, Gott
soll mir helfen, verpflichtet, als Knecht, weil ich gesündigt habe gegen Euer
Haus, und Ihr mir dennoch wollt vergeben ...«
    »Die Verirrung meiner Mutter wird sich milde lösen,« entgegnete Dagobert:
»ich hege keinen Groll deshalb gegen Dich, ob ich gleich weiss, dass Du vor
Gerichte die Wahrheit nicht gesagt, und dass der kleine Hans nicht mein Bruder
ist.« - »Gott soll mir helfen,« versetzte David eifrig, »wenn ich nicht habe
gesagt Alles, so wie mir's der Beichtvater Eurer Mutter im Turme hat befohlen.«
- »Ich dachte mir's,« sprach Dagobert: »darum sei ruhig, und fahre fort in
Deiner Rede, deren Bedenklichkeit ich mit den Worten der Wahrheit beantworten
will.« - »Herr;« begann Ben David wieder: »Ihr habt gesagt, ich müsste willigen
in Ester's Übergang, in Ester's Ehe mit Euch. Vor dem Gesetze Eurer Herren
müsste ich's, denn ich bin ein elender Jude, den man aufhängt zwischen Hunden,
wenn man seiner los sein will. Aber ich muss nicht vor meinem Herzen; ich muss
nicht vor dem Euern, das da ist ein gutes, und treues Herz, welches sogar in den
Kindern des alten Bundes ersieht seine Nebenmenschen. Aber die Dankbarkeit ist
mir mehr geworden, als das Gesetz Eurer Herren. Aber die Dankbarkeit lässt mich
dazu lächeln, dass Ihr so grausam sein wollt, auf ewig meinen grössten Schatz zu
nehmen, zum Lohne für das, so Ihr getan an uns. Ich will jauchzen, wenn mir
gleich das Herz brechen möchte, und ich will segnen das Band, weil ich will
lösen meine Schuld, und nicht laden will auf mich den Fluch meines Kindes, mag
auch dann aus mir werden, was da wolle.«
    Ester und Dagobert wurden tiefbewegt durch diese Rede, die Keines von ihnen
erwartet hatte, durch diese Einwilligung, in welcher ein grosser Schmerz sich
kund tat. Die Flamme der Beschämung schlug in Dagobert's Gesichte auf, und sein
redlicher Mund verhehlte nicht, was in ihm sich vorbereitete. »Wahrlich,« sprach
er: »Ben David, Du bist kein gemeiner Jude, der seine Rede nur setzen lernt, um
einem Käufer ein Stück schlechter Waare für ein gutes auszuschwatzen; Du hast
die Kunst erlernt, zum Innern der Seele zu reden, und Dir möchte es gelingen mir
das Teuerste, das ich kenne, damit von der Brust zu reissen. Ich will nicht
grausam sein, und die Dankbarkeit, die Du mir vielleicht schuldest, als eine
Schlinge gebrauchen, in welcher Deines Lebens Freuden ersticken sollen. Davor
bewahre mich der Allmächtige. Aber Deine Tochter, deren Lebensglück ich gerne
stiften möchte, hat doch auch in diesem Handel eine Stimme. Sie rede frei, ohne
Zwang, ohne Überredung. Wird sie dem Vater und seinem Irrtume folgen, oder dem
Verlobten in den Bund der wahren Kirche?« - Ben David schwieg, wie Dagobert
verstummte, und die Blicke beider hefteten sich unruhig auf Ester, die in den
grausamsten Kampf verfiel, wie eine Siegerin jedoch, sich schnell und besonnen
daraus emporriss. -
    »Dagobert!« rief sie, ihren Arm fest um seinen Nacken schlingend: »Mensch,
der nicht von der Erde stammt! Herr meiner Gedanken und meiner Seele! Dass ich
Euch liebe und an Euch hänge für alle Zeit; .. das Erstemal ist's, dass ich es
wage, Euch es zu gestehen; aber, Engel des Friedens! würde ich sein Eurer wert,
wenn ich zauderte in diesem Kampfe? Ich glaube fest, dass uns Alle jenseits
vereinigen wird Ein Paradies. Dort Euer zu sein, Dagobert, wird meinem Glauben
der hochgelobte Gott gewähren. Hier .... o seht den Schmerz des Vaters! Ich kann
nicht tödten den, der mir gegeben hat das Licht; - Vater! nimm mich mit Dir;
über Berg und Tal, über Feld und Meer! Dein gehör' ich bis an's Ende Deiner
Tage!« -
    Von dem Halse des Geliebten sich losreissend, warf sie sich in die Arme des
Vaters, der überrascht auf seinen Füssen wankte, der Tochter Stirne mit Küssen
bedeckend, und Perlen der Angst und der Freude auf seinen benarbten Wangen
tragend. So wie aber die Feier des grossen Siegs verrauscht war, und Ben David's
Auge sich nach Dagobert umschaute, und den erbleichenden Jüngling gewahrte, wie
er sich kaum aufrecht zu halten vermochte, und demungeachtet seiner Ester
Beifall zulächelte; - als David auf Ester blickte, die, nicht minder zum Tode
blass, unter dem Gewichte der erfüllten Pflicht zu erliegen dachte; da wurde sein
Gesicht wieder trübe und ängstlich, und er trat an das Fenster, und sah in das
Grüne hinaus, und betete zum Herrn und zu der Seele seines verstorbnen Vaters.
Endlich wendete er sich um zu dem Paare, das stillschweigend sich die Hände
erfasst hatte, als sollte schon jetzt Trennung und Abschied hereinbrechen, und
sprach recht milde und recht leise, wie er's gewohnt war, mit Ester zu reden:
»Ich danke Dir, meine Tochter. Du hast wir wieder gemacht Mut, und Jehovah wird
lohnen, wo ich es nicht kann. Aber Dich mitnehmen auf meinen Wegen, ... ich kann
es nicht. Und zu unsern Leuten kehren willst Du nicht, und Menschen, die sich
also lieben, reissen von einander; das soll nicht sein, spricht der Herr unser
Gott, sobald er abgelegt hat den Rock des Zorns, und anlegt das Gewand der Milde
und Barmherzigkeit. Darum will ich denn auch, so schwer mir's wird, gestehen,
was ich weiss, um zu fördern Euer Glück, und mir zu erwerben Euer dankbar
Angedenken.« -
    Ehe er begann, schöpfte er mühsam Atem; sein kurzes Überlegen war schon
eine Ewigkeit für Dagobert und Ester, die mit wissbegierigen Blicken
erwartungsvoll an seinem Munde hingen. Endlich hob er an, und sprach mit kurzen
Unterbrechungen und Zwischenräumen: »Mein Weib - ihre sei das Paradies - hat mir
geboren zwei Söhne, und das letzte Kind, das es mir schenkte, war ein Mägdlein,
an das ich mich gewöhnte schneller und leichter, denn an die Buben, was selten
ist bei unsern Leuten, die nach Söhnen streben, wie nach Reichtum. So oft ich
ging über Feld, legte ich das Töchterlein der Mutter auf's Gewissen, und drohte
ihr, wofern dem Kinde widerführe etwas Leides, sie zu verstossen aus dem Hause
und der Ehe, so wie's das Gesetz erlaubt. Gewiss, - Gott soll mir helfen - ich
hätt' es nicht getan, aber die Angst war gekommen auf das Weib, und es meinte,
sterben zu müssen auf dem Fleck, als es eines Morgens - da ich abwesend war, und
mein Töchterlein erst alt drei Wochen - das Kind todt fand in der Wiege; denn
die Katze hatte sich hereingeschlichen vom Nachbarhause, und sich gelegt auf des
Kindes Hals, und dasselbe also erstickt. Die Mutter erhob kein gross Geschrei,
denn sie wollte nicht kund geben ihre Nachlässigkeit, allein sie setzte sich in
den Winkel neben das todte Kind, und weinte bitterlich, und da gerade der Vater
Jochai hereinkam, so redete sie zu ihm: Raaf! sieh hier das Kind. Dein Sohn
verstösst mich; so er's erfährt, und ich bin doch unschuldig. Hilf mir, dass wir
beten über das Kind, ob es vielleicht erwache, ehe noch der Vater heimkommt mit
den Buben. Und sie beteten über das Kind, und Gabriel erweckte es nicht. Da nun
mein Weib wieder, anhob zu klagen, so sagte der kluge Greis Jochai: Schweige,
Weib: Ich will gehen hinaus, und sehen, was mir der Herr eingibt, oder der
Prophet Elias. - Und nicht lange war er fort gewesen, so kehrte er wieder zu der
betrübten Mutter, und trug ein klein Mägdlein auf dem Arme, und redete: Weib!
sieh hier; was mir hat Gott bescheert. Draussen an der Strasse hab' ich gefunden
ein Bettelweib im Sterben, und das Würmlein hier an dessen Brust, die doch keine
Nahrung mehr gab. - Mutter, sagte ich, weil mir's der Herr eingab: willst Du mir
erlauben Dein Kind, ehe es mit Dir stirbt? Ich bin ein ehrlicher Mann. - Das
Weib sah schon nicht mehr hell und wusste nicht, dass ein Jude zu ihm sprach: es
reichte mir aber das Mägdlein hin, und sagte: »Nimm' ehrlicher Mann, und Gott
vergelt's. Getauft ist das Kind, und heisst Marie.« - Es war der Armen letztes
Wort; sie starb, und hier bringe ich Dir die Kleine, damit sie eine Jüdin werde,
und Davids Herz nicht betrübt sei bis in den Tod. Legten die beiden das lebende
Kindlein von gleichem Alter und selbem Ansehen an die Stelle des todten, das sie
heimlich fortschaften, und da ich wiederkam, liebte ich das Kind wie zuvor, und
habe es erzogen, und nicht anders gewusst; als bis ich von Jochai auf seinem
Sterbelager erfahren, was er getan; wofür ich ihn noch segne, denn mein Weib
ist hinüber gegangen im häuslichen Frieden, mein Herz war nicht betrübt bis in
den Tod, und ich vermag's, zwei Herzen zu verbinden, die sich lieben, denn Du,
Ester, .. wahrlich ... Du bist jenes Kind.«
    »Eine Christin?« rief Dagobert frohlockend. »Nicht Deine Tochter?« fragte
Ester mit einer Empfindung gemischt aus Freude und Wehmut: »So steht ja unserm
Bunde nichts im Wege?« fuhr Dagobert fort: »Marie! Geraubt aus unsrer Kirche
kehrst Du doch wieder dahin zurück, zum Glück der Zeitlichkeit, zum Glück des
ewigen Lebens. Marie! o lass uns den Greis segnen, der noch am Sterben seinen
Betrug offenbarte; lass uns diesen ehrlichen Juden segnen, der die Hinterlist
seines Volkes verschmähend, uns bekannt gemacht mit dem Geheimnisse, das uns
ohne Widerrede verbindet!« - Dankbar gerührt reichten Beide dem Juden die Hände.
»Es quält mich, wie es mich entzückt, dass ich nimmer Deine Tochter sein soll;«
sprach Ester: »Ganz verwaist stehe ich nun da in dieser Welt.« - »Hast Du nicht
mich, Deinen Freund, Deinen Gatten?« erwiederte Dagobert: »Hast Du nicht den
Heiland wieder gefunden, Du, nach seiner Mutter genannte? O, ich ahnte oft, was
sich jetzt entdeckt! Du warst nie eine Jüdin; du teiltest nie den Hass jenes
Volkes gegen Andersglaubende, Du warst stets so rein, so züchtig, wie die
Heilige, deren Namen Du führst.« - »Ich bin wie im Traume!« stammelte Ester,
sich dem Arm des entzückten Jünglings überlassend: »Was ich wünschte, wonach ich
mich gesehnt, ist längst geschehen, ich bin schon eine Christin; darf nicht vor
allem Volke den Schwur leisten, nicht erst betteln um das Bad der Weihe, denn
ich hab es schon empfangen, oder, mein Freund, muss dieser Gebranch erneuert
werden, um .....?« - »Nein, nein,« fiel Ben David ängstlich ein: »Nein, nein,
mein Kind. Es wird ja nur getauft einmal, und war' es nicht Sünde, zum zum
zweitenmale es zu begehren?« - »Sündlich und überflüsiig;« versicherte Dagobert:
»Wozu ein neues Hindernis auf die Bahn zu unserm Glücke schleudern? Marie! Nun
bist Du mein. Nun hat dieser Mann keinen Teil mehr an Dir, keinen Anspruch, als
auf meine Dankbarkeit, die ihm allentalben folgen, ihn überall erreichen wird.«
- »Ben David!« setzte Ester weinend hinzu: »Ich habe Euch geliebt, wie eine
Tochter den Vater; ich habe wegen Euer mich wollen reissen los von dem edlen
Mann, der mein Alles ist in der Welt. Vergebt mir meine Freude darum, ihm jetzt
schon näher anzugehören, und empfangt meinen Dank.« - »Ei! ei!« antwortete Ben
David kopfschüttelnd und schmerzlich lächelnd: »Seht doch, wie ihre Gesichter
sich tauchen, nicht allein in's Abendrot, sondern auch in das Rot der Freude.
Vor einer Weile hatte ich noch eine Tochter, jetzt nicht mehr. Vor einer Weile
wollte mir folgen eine treue Seele in's Elend; jetzo stehe ich verwaister, als
die Palme in der Wüste. Gelobt sei der Herr! Gesegnet sei meine Zunge und Ihr,
deren Glück einzig ist mein Werk.« - Mit Tränen in den Augen riss er sich von
den Wonnetrunkenen los, und ging hinaus in den Forst, wohin er durch eine Lücke
im Gehege drang. Unter einem von Buchen gewölbten Dome warf er sich auf seine
Knie, und betete, nach seiner Väter Weise, zum Herrn der Himmel, der hoch oben
seine Sterne schon angezündet hatte. »Vergib mir, Gott Israels!« beteten seine
Lippen zum Schlusse: »vergib mir, wenn ich gehandelt habe wider Deine Gebote;
aber ich - habe gehandelt nach der ewigen Tora, die da wohnt in jedes Menschen
Brust. Verzeih', dass ich freiwillig dahin gab eine Tochter Zions, da sie doch,
spät oder früh, gezogen wäre zum Berge Seir, statt zu wohnen, in dem herrlichen
Salem! So habe ich doch gehalten den Eid, den ich geschworen in meines Vaters
sterbende Hand, so habe ich doch geübt Dankbarkeit, so habe ich doch gelassen
mein Kind im Schutze der Gewalt und der Macht, nicht im Staube Deines
auserwählten Volks, das noch immer Dein Zorn darniedertritt, wie einen Grashalm.
O baue, baue Zions Zinnen recht bald, starker eifriger Gott! O lass mich finden
im Paradiese die Tochter und den heldenmütigen tugendhaften Jüngling! Du
prüfest ja Herzen und Nieren! vor Dir ist der Behemot eine Milbe. Und also kann
auch Deine Gnade reinigen den Ungläubigen zum Sohne Jakobs. Mit mir aber, so
lange ich auf Erden lebe, tue nach Deinem Gefallen, Herr. Ich bin geworden
unter Deinem Zorne und den Streichen der Feinde ein Wurm statt eines Menschen,
ein Spott der Leute, eine Verachtung des Volkes, aber gesegnet sei Dein Wille,
gelobt Dein Name, gepriesen Deine Herrlichkeit; hochgelobter, unendlicher ewiger
Gott!« - Gestärkt und ermutigt stand der arme David auf, und ging davon; allein
zu Ester kehrte er nicht mehr zurück.
 
                                Fünftes Kapitel.
                Sieh doch zu, Junge, wer jener Mann ist. Sein Gesicht weissagt
                nichts Gutes, so wie sein Rock nur Trübsal. Den hagern gelben
                Leuten traue ich nicht eine Spanne weit!
                                                  Aus einem veralt. Schauspiele.
»Lasst den Hund laufen, gelehrter Herr! Der Bube entläuft seinem Galgenholze
nicht. Schade, dass mein Bolzen ihm nicht in's Bein flog, sondern durch die
Mütze. Er wäre ansonst gewisslich nicht davon gerannt wie ein Heide!« - »Der
elende Mensch!« antwortete dem alten Ammon der Mann, der, schier gekleidet wie
ein Cleriker, vor dem Jäger auf einem Feldsteine sass, und ausschnaufte: »Mein
ganz Gepäcke hat er mitgenommen, und ich dank es nur Deiner Hülfe, guter Mann,
dass ich mit dem Leben davon gekommen bin; der Schurke hatte nicht wenig Lust,
mich auch des Geldes zu berauben, das ich im Gürtel trage.« - »Aber sagt mir
doch,« fragte Ammon, »wie's kommt, dass ein gelehrter Herr, wie Ihr, um diese
Abendzeit allhier im Busche zu finden ist? Euch Herren gehts doch nicht, wie
einem armen Teufel, der seine Füsse brauchen muss, statt des Fuhrwerks.« - »Du
weisst es alsobald;« versetzte der Mann im aufgeschürzten Talar: »Von Frankfurt
fuhr ich weg, um gen Friedberg zu gelangen. Der Karren brach jedoch, eine Stunde
Wegs von hier, so ungefähr.« Ich sass missmutig und halb zerschlagen am Rande der
Heerstrasse, und wartete bei meinem Gepäck die Rückkehr des Fuhrmanns ab, der auf
dem Gaule nach Leuten und Hülfe geritten war. Wenig Menschen auf der Strasse.
Kommt plötzlich durchs Feld und über Wiesenpfade ein Mann daher, rüstig und
stark darauf losschreitend, den Dornstock in der Hand, und also scharf um sich
blickend, und dennoch sorglos vor sich hingehend, als sei er wohlbekannt auf all
diesen Stegen und Wegen rings im Land. Da mir's zu lange dauerte, bis mein
Knecht zurückkam, so fragte ich den Wanderer nach demselben, und verriet ihm
meinen Unfall. Da meinte er, ich könnte wohl noch lange vergebens warten, und am
Ende schon zu Friedberg sein, ehe der Geselle vom Dorfe zurückgekommen, wenn ich
nur ihm folgen wollte auf abkürzendem Pfade, den er genau zu finden wisse. Mir
war der Vorschlag recht, und ich trug nur Zweifel wegen meines Gepäcks. Der
breitschulterige Mann lachte, und meinte, es wäre ein blosses Kinderspiel für
ihn, mir das Gepäck zu tragen bis zur Herberge zu Friedberg, und wenn ich ihm
daselbst zum Lohne einen frischen Trunk wollte reichen lassen, so würde er's
dankbar annehmen, und herzlich damit zufrieden sein. - Er hatte noch nicht
ausgeredet, und ich auch noch nicht »Ja« gesagt, und flucks hatt' er den Bündel
auf dem Rücken, und wanderte rüstig voraus. Ich folgte ohne Argwohn, und kam mit
ihm in solch Gespräch, dass ich nicht bemerkte, wie er mich in diese Gegend
geführt hatte, wo rings um uns einsam Gestrüppe steht, doch weit und breit kein
Turm noch Tor von Friedberg. Und da ich endlich es bemerke, und ihn deshalb
zur Rede stelle, so lugte er frech hinauf zum Himmel und ringsum, und spricht:
»er werde sich wohl im Pfad geirrt haben; der Abend sei jedoch noch nicht weit
vorangerückt, und wir würden zeitig noch nach Friedberg gelangen, dessen Turm
schon zu sehen sei.« Wie er mir nun zeigt, nach welcher Seite ich sehen müsse um
ihn zu gewahren, und ich dem bösen Rate des falschen Menschen folge, sauste mir
sein Dornstock in's Genick, dass ich hinfalle, und ihm, dem Räuber, keinen
Widerstand zu leisten fähig bin. Mein Schreien war jedoch nicht vergeblich, und
- wohl mir - Dein Ohr hat's zeitig genug vernommen, ehe der Schurke mich
geplündert. Mag er doch laufen mit dem Pack; der Herr wird ihn schon lassen
verlahmen und steif werden wie das Eis, und, .....
    Mehrere andere Verwünschungen, die der Fremde auf seiner Zunge hatte,
verhallten in dumpfem Gemurmel. Ammon erwiederte darauf lachend: »Nur heraus mit
dem Gewetter und Gefluche. Ein meilenlanger Fluch erleichtert recht das
männliche Herz, und Ihr seid ja jetzt im Freien und nicht in Eurer Schule, wo es
sittsam und friedlich hergehen muss. Wenn ihr wolltet, könnte ich Euch türkische
und wallachische Flüche lehren, die weit besser klingen, als unsre matten in
Deutschland. Allein im Grunde hilft doch der wetterlichste Schwur Euch nimmer zu
Eurer Habseligkeit. Besser wär's gewesen, ich hätte den vertrakten Schurken in's
Knie geschossen; dabei bleib ich. Wo wollt ihr aber jetzt hin, gelahrter Herr?
Die Stadt ist an zwei Stunden Wegs von hier; dort links, und schwer zu finden
für einen Fremden. Ich wollt Euch gern dahin geleiten, müsst ich nicht in meinen
Wald zurück. Auch trautet Ihr wohl meinem Gesichte nicht; denn die Leute sagen,
der alte Ammon sehe aus, wie der leibhaftige Teufel selbst.« -
    »Hätte ich nur dem Gesichte jenes Schurken nicht getraut;« seufzte der
Fremde: »der Bube hatte Gaunerzüge, und brandrotes Haar!« - »Hütet Euch vor den
Gezeichneten;« schaltete Ammon ein: »Wisst Ihr jedoch sonst nichts, das auf die
Spur des Sünders führen könnte? Ich wollte lauern lassen auf den Burschen, wie
auf einen Iltis.« -
    »Ich weiss nichts, das mir ausser seinem Gesichte aufgefallen wäre;« sprach
der Fremde weiter. »Ein Schild, das er auf seiner linken Brust trug, könnte
vielleicht einen Neubekehrten verraten; doch traue ich darin meinen Augen
nicht.« - »Einen getauften Juden!« rief Ammon: »das wäre möglich; und das ist
gefährlich Gesindel. Das vertauscht seinen Gott, wie ein Söldner seinen
Hauptmann. Und dennoch ist es immer Eins, woran man glaubt. Das hab' ich auf
meinen Kreuzzügen oft genug erfahren. Mir gilt der Heide, wie der beste Christ,
und wenn Ihr, gelahrter Herr, in meiner schlechten Hütte übernachten wolltet, so
wäre ich gern bereit, Euch ein ungläubig Dirnlein zu zeigen, das seines Gleichen
sucht in der getauften und ungetauften Welt.« - »So?« murmelte der Fremde, der
in Gedanken versunken war, vor sich hin; dann setzte er bei: »Ich nehme es an,
Meister Graurock. Ich gehe mit Euch, aber einzig und allein um eines warmen
Obdaches willen, weil mich mein Genick schmerzt, - nicht der schönen Dirne
wegen.«
    »Mir recht;« versetzte Ammon: »Ich hab' noch nie aus freien Stücken 'nen
Gast in meine Hütte geführt. Ihr seid der Erste, und ein warmes Heulager soll
Euch nicht entstehen. Morgen wandern wir dann selbander auf Friedberg los.
Kommt; lasst Euch führen, denn Mohren und Cordova! Ihr wankt auf den Füssen; ...
was ist Euch denn? Warum stieret Euer Auge also in die Ferne, als wollte er in
dem Hohlweg sich verlieren? Ihr werdet ja immer bleicher, Herr! Was ficht Euch
an?« -
    »Der Fremde war starr und steif stehen geblieben, und zeigte unverrückt mit
Aug und Hand auf einen Mann, der schnell, obgleich mühsam aus dem Hohlwege, zur
Seite kletterte, rasch auf die Gehenden loskam, scheu von der Seite sie
anblickte, und, ob vor Ammons Zügen, oder dem Gesichte des Fremden erschreckend,
plötzlich die Kappe in die Stirne drückte, mit einem Laute des Unwillens oder
der Überraschung sich abwendete, und, als wie von einem Gespenste gejagt, über
die buschige Fläche sich verlor.« Während der Fremde ihm bewegungslos
nachstarrte, schrie Ammon, der ihn erkannt hatte, wild hinterdrein: »Hoho! sa
sa! Jude! wohinaus? Wirst doch nicht gestohlen haben? halt auf, Jude, halt auf!«
- »Sein greller Ruf scheuchte den Fliehenden nur noch flüchtiger von dannen, und
Ammon brach da er dieses sah, in ein wüstes Fluchen und Toben aus, das nur die
wiederholte, dringende Frage des Fremden unterbrach: ob der Jäger den Flüchtigen
kenne, und wer dieser sei?« - »Ei, potz Reiher und Falk!« schrie Ammon: »ob ich
ihn kenne? Der narbige Ketzer ist kenntlich genug. Das ist eben der Vater der
schönen Ester, von der ich Euch geredet.«
    »Ester? Ihr Vater?« rief der Fremde an seine Stirne fühlend, ob denn auch
alles um ihn her wirklich sei, oder ein Traum: »Gepriesener Gott! ich kenne ihn
auch, diesen Mann. Sein Name?« - »Der leidige Teufel kennt ihn besser als ich,«
antwortete Ammon, mit der Faust nach der Gegend drohend, in welcher der
Fliehende verschwunden war: »ich könnt' ihn nicht behalten.« - »Ben David?« fiel
der Fremde ein: »rede, Mann des Himmels! So Du sagst ja, werde ich Dich halten
wie einen Freund, wie einen Bruder.« - »Nun denn, in aller Hexen Ramen: Ja!« -
rief Ammon: »So heisst der Bursche. Warum aber der Mensch davon läuft, als habe
er die Kleinodien des Reichs gestohlen? Warte, Hund! Wenn ich zu Hause etwas
Unrechtes merke, wenn meiner guten Ester etwas geschehen ist, so verschreibe
ich mich dem Teufel wirklich und leibhaftig, um nur Deiner habhaft zu werden,
Jude, und Dir die Fusssohlen mit glühenden Peitschen streichen zulassen.«
    »Ester! Ben David!« wiederholte der Fremde indessen häufig hinter einander,
und geberdete sich ganz seltsam, die Hände zusammenschlagend, mit dem Kopfe
nickend und schüttelnd, Füsse und Hände und Körper bewegend in lebhaften und
wunderlichen Geberden, während sein blasses eingefallenes Gesicht bald Freude,
bald Kummer, bald Ängstlichkeit, bald eine Art von wildem Unmut verriet. -
»Gott sei bei uns!« rief Ammon derb und roh dazwischen: »Trügt Ihr nicht einen
Rock wie ein christlicher Schulherr, ich würde Euch für 'nen Rabbiner halten, so
verzerrt ihr Leib und Angesicht. Lasst doch die Possen, und tretet derb auf; ich
kann nicht erwarten, zu sehen, was daheim ist vorgefallen.« - »Daheim! ja
daheim!« wiederholte der Fremde, unbekümmert um Ammon's Reden: »ja, zu Ester
lass uns eilen. Ich kenne sie, ich kenne ihn, ihn, der an uns vorbeiflog. Ich muss
ihr Schicksal wissen; ich muss ....« - »Ihr müsst in's warme Heu!« polterte Ammon:
»Kreuz und Mond! Des Galgenstricks Dornknittel hat Euern Verstand getroffen, und
nicht allein das Genick. Geduldet Euch indessen, und werdet mir nicht vollends
toll, bevor wir unter Dach sind. Seht, seht, hier ist schon der Pfad; dort zeigt
sich der Hütte Giebel, noch ein Paar Schritte hurtig gemacht, und wir sind allen
Kobolden zum Trotz, zur Stelle.« - Ammon's Unruhe wurde bald besänftigt, da er
die Hunde fröhlich anschlagen hörte, wie sonst, und Ester gewahrte, die auf dem
Platze sass, den Regina wohl sonst einzunehmen pflegte, Dagobert's Braut sass in
die süsse Schwermut vertieft, welche zärtliche Gemüter am Vorabend ihres
Liebesglücks gerne beschleicht. Der treue Freund hatte Abschied genommen, um
nach der Stadt zu reiten, und am nächsten Abend, mit Geschenken und neuen
Gewändern für sein Lieb beladen, zurückzukommen. Sie hatte ihm das Geleit bis
zum Waldpfade gegeben, dann in die tönenden Forstallen Ben Davids Namen
gerufen, und sich endlich niedergelassen in's tauige Gras, um des wackern
Mannes zu harren. Ammon, der zuerst am Eingange des Gehegs erschien, war ihr
willkommen, und in demjenigen, der seinen Schritten folgte, vermutete sie den
Vater. Aber ein fremdes Gesicht neigte sich vor ihr an seiner Statt, und je mehr
sie dieses Gesicht betrachtete, und von demselben mit glühenden Blicken
durchbohrt wurde, je mehr war es ihr kein fremd Gesicht mehr. Aus der Tiefe
ihres Gedächtnisses, aus dem Born kindlicher Erinnerungen musste sie schöpfen, um
sich dieses schmale Antlitz, mit der Adlernase, und dem geklemmten Munde zu
vergegenwärtigen, und sie hörte nicht auf Ammon's Stimme, noch auf dasjenige,
was der Jäger schwatzte, sondern nur auf die schon verklungenen Laute des
Fremden, welcher gesagt hatte: »Ester! Ben Davids Tochter! Dich hätt' ich
nimmer wieder erkannt, - aber wirst Du auch nicht mehr kennen mein Antlitz?« -
Ester's Erinnerungen waren übrigens mangelhaft, nur mit einem Seufzer aus
tiefer Brust musste der Fremde ihr zu Hülfe kommen, in den Worten: »Ich habe
einst geheissen Ascher, Du Tochter Ben Davids, und wirst Du mich kennen noch
nicht?« - »Jehovah! unser Gott!« schrie Ester auf: »Ascher! mein Bruder Ascher!
Sei gegrüsst, sei willkommen, Du Verlorner!«
    »Die Dirne hat den ganzen Sabbat vom Brocken hieher gelockt;« murrte der
Forstwart vor sich hin: »und was gilt's, sie wandelt meine Hütte um in eine
Judenherberge. Vater und Bruder sind schon gekommen, und wer weiss, wer noch
alles folgt. Nein, Jungferlein: Also geht es nicht; und morgen weiss die Frau von
Dürning Alles.« - »Er ging missmutig zu seinen Hunden und in die Hütte, während
das Gespräch zwischen Ester und dem Ankömmling so ernst wurde, dass sie Ammon's
gänzlich vergassen. - Verlorner! sagtest Du;« sprach Ascher wehmütig, Ester's
Hand ergreifend: »die Wahrheit kommt nicht reiner vom Himmel, als in diesem
Worte aus Deinem Munde. Verloren war ich, verloren bin ich, und würde es
bleiben, wollte ich nicht zu rechter Zeit mich wieder gewinnen. Ach, sieh mich
nicht an, Ester. Ich habe schon des Vaters Zorn gesehen; lass mich nicht schauen
auch Deine Berachtung. Vergib mir, dass ich hingegangen bin vom Glauben zum
Irrtum, von dem Gesetz der Väter zu einem fremden. Die Überredung hat mich
verleitet, der finstre Geist des fälschen Wissens hat mich verführt; Hoffnung
auf ein zeitliches Glück hat mich betört, dass ich getan, was ich jetzt bereue
von Herzen, wie der grosse König David bereut hat seine Sünden.«
    »Ei, was muss ich hören:« fragte Ester dagegen: »Du bereust, der Tora
abgeschworen, dem reinen Gesetze gehuldigt zu haben? O schwanke nicht in diesem
neuern herrlichen Glauben! Zittre vor Wankelmut, und halte Dich fest an dem
Leitfaden, den des Ewigen Milde Dir erlaubte.« - »Versteh' ich Dich?« sprach
Ascher verwundert: »Ist das meine Schwester, die Tochter meiner Mutter, der
einzigen Tochter des frommen Alliba zu Oppenheim, auf dem der Friede sei, wie
auf ihr die Ruhe und Segen? Spricht also die Tochter David's, des Sohnes Jochai,
die nimmer versäumt hat eine von den vielen Pflichten, die zu erfüllen hat ein
Sohn des Gebots? Wie kommt es, dass Du mich schiltst, da ich tue, was Recht ist?
Reue und Busse.«
    »Ach, Ascher!« entgegnete Ester milde unk freundlich: »Ich hätte Euch nicht
gehasst, so auch noch Alles geblieben wäre, wie ehedem, denn die Gojim, wie Du
und Deine Brüder sie nenne, sind mir doch immer vorgekommen, wie unsre wahren
Brüder. Aber; es ist alles ganz anders geworden. Ich heisse nicht mehr Ester;
mein Name ist Maria, und eine Christin bin ich von Geburt an; nicht Davids
Tochter, nicht Deine Schwester.« - »Nicht Davids Tochter?« fragte Ascher: »nicht
meine Schwester? Wie fasse ich das?« - Ester erzählte vom Ungemach des Vaters
an, bis auf den heutigen Tag, und das Geständnis Davids Alles, der Wahrheit
getreu, und Ascher traute kaum seinen Ohren. »Weh geschrieen!« rief er, da das
Mädchen vollendet hatte: »Gott! was habe ich gehört? Der Herr segne den Raaf im
Paradiese, und der Raaf verzeihe dem Vater die Lüge, die er auf jenes Grab
gepflanzt. Eine Lüge? - Ich will sterben zur Stunde und ohne Gebet und ohne
Beistand dahin fahren, wie der Abtrünnigen Grässlichster in seinen Sünden, wenn
das wahr ist, was der Vater mir berichtet. - Wie? - O, David ist ein sanfter
Herr seinen Kindern; er will sie glücklich sehen; er will allein tragen den
Vorwurf, damit das Gewissen seiner Kinder frei bleibe vom Vorwurf. Er will
selbst werden ein Sünder, bevor, er zugäbe, dass Du, Ester, eine Sünde begehest.
Du, Ester, Du bist Davids Tochter, und keine andre. An Deiner Wiege sass ich
über einen Mond, wachend und Dich wartend in einer Krankheit, die mit der Geburt
über Dich gekommen war. Ich und, mein Bruder sind niemals mit dem Vater gewesen
über Land. Nie hatte sie Statt, die angebliche Verwechslung. Der Raaf hätte
nimmer ein Christenkind in's Haus eines Gläubigen geführt, nimmer sich
teilhaftig gemacht einer solchen Sünde wider das Gesetz; und dieser hebräische
Buchstab an dem kleinen Finger Deiner linken Hand ist eingeätzt worden von dem
kunstreichen Raaf, da Du noch keine Woche alt gewesen, als Zeichen unsers
Hauses. Ich gelobe Dir's, beim Haupte des Vaters: Du bist von seinem Blute und
aus Israel.« -
    »Herr Gott im Himmel!« feufzte Ester ängstlich und niedergeschlagen: »Wenn
das wäre! Entsetzlich! Wo ist der Vater? Du wirst sehen, Ascher!« ... - »Nicht
doch, mein Kind;« versetzte Ascher, seiner Sache gewiss: »Ich werde nicht einmal
den Vater sehen, denn er ist geflohen vor meinem Antlitze.« - Ester's Staunen
mehrte sich, da sie nun erst erfuhr, was auf dem Wege hieher vorgefallen. - »O,
gewiss, ist es, gewiss,« schloss er: »Vaterliebe seltner Art hat Ben David's Zunge
regiert. Aber Bruderliebe ist noch gekommen zu guter Zeit, um dich zu retten für
die Ewigkeit, die ohne Ende ist in ihren Freuden, aber auch unendlich in ihren
Qualen. Höre mich an, Schwester, höre mich an, und glaube, was ich rede. Der
Vater hatte mich bestimmt zu lehren in der Schule, und ich habe darum gelernt
das Geschrift und die Kunst zu lesen unsre Sprache nach der Wissenschaft, und
die Kabbala in all ihren Zweigen. Da kam mir's plötzlich an, als würde ich
machen mein Glück unter den Christen, und ein vornehmer Mann von Mainz, der sich
im Hebräischen oft Rats bei mir erholte, riet mir dringend an, zu tun, wie
ich gesonnen. Meine Jugend war müde, immer Knecht zu sein von andern, und zu
gehören zu der Sohle von ganz Deutschland. Ich schwor daher der Väter Lehre ab,
auf dass es mir wohl gehe auf Erden. Meine Wissenschaft wurde nun hervorgezogen
aus dem Staube der Erniedrigung, und jener vornehme Mann wirkte mir einen
Lehrstuhl aus zu Heidelberg, um die hebräische Sprache zu lehren, nachdem ich
ihn selber vorher einige Jahre unterrichtet hatte. Mir ging es wohl, und der
Lehrer Taufkirch war wohl gelitten allentalben, verfehlte keine Messe, keine
Predigt, und hatte ausgezogen den verachteten Juden, - kaum mehr zu erkennen an
der Mundart. Nichts hätte gestört mein Glück, wenn es nicht war der Wurm in
meiner Brust, der plötzlich anfing, sich zu heben, mich zu quälen. Mein Amt
begehrte, dass unsre heiligen Bücher sich einprägten in meinen Kopf, und da fand
ich denn nach langem Sinnen, dass alle unsre Lehre, wie die Väter sie befolgten,
der Grund der Lehre vom Erlöser sei, und dass ohne diesen Grund die Letztere
nicht habe können entsteh'n und wachsen. Und nun schlug mir das Gewissen, und
nachdem ich einige Jahre hindurch gekämpft, gelitten, und mich halb gegrämt zum
Tode, hat des Himmels Herrlichkeit und Israels Gott den Sieg gewonnen über meine
zeitlichen Begierden; weggeworfen habe ich das Amt, um heimzukehren zum Vater,
wie der verlorne Sohn, zu den Schulen, wie das verirrte Schaf. Da erfuhr ich zu
Frankfurt Euer grausam Schicksal, des Vaters Flucht, wie sie es nennen, den Tod
des Jochai, und Dein Verschwinden. Auf's Geratewohl habe ich mich gehen lassen
in die Welt, und die Reihe von Abenteuern, die mich bis hieher gebracht zu
diesem abgelegenen Winkel, verbürgt mir, dass es Gottes Wille sei, dass ich Dich
rette!« - »Hochgelobter Gott!« jammerte Ester: »Welche spitzige Widerhaken
wirfst Du in meine Brust? Ben David entflohen? und ich dennoch sein Kind?
dennoch aus Israel? Bruder! sei barmherzig, und sage, dass Alles gewesen ist Lüge
und leerer Schaum.« - »So wahr ich lebe, und der Himmel gemacht ist vom Herrn,
so wahr ist mein Mund;« beteuerte Ascher düster und dringend: »ich bin
gesendet, ein Prophet zu der am Abgrund schwebenden Zion, die einst Königin der
Städte gewesen, und nun sich herablassen will zur Magd der Edomiter! O höre auf
meine Stimme, Ester, höre sie, damit Du nicht einst bereuen mögest, was Du
getan. Lasse ab von dem Jüngling, der zu Rom hält. Lasse ab von dem Gedanken,
zu werden, wie er. - Tröste Dich nicht mit dem Gedanken, nicht Du, sondern
David, unser Vater, müsse verantworten die Lüge, die seine unendliche Liebe
gewagt hat, auf die Gefahr, seine eigne Seligkeit zu verlieren. Aber der Herr,
der hochgelobte Gott, ein starker und eifriger Gott, züchtigt für die Sünden der
Väter die Kinder bis in's tausendste Glied. Unglück und Schande wurde erwachsen
aus Deiner sündigen Ehe, Ungeheuer an Leib und Seele daraus hervorgehen, den
Teufeln gleich, die Leviatan mit Lilis zeugte.« - »Halt ein, Ascher!« rief die
Verzweifelnde. Der Schonungslose fuhr aber dennoch fort: »Höre mich, verführte
Tochter Salem's! Gib Dich nicht in Moloch's Gewalt. Du sollst seine Sklavin
sein. Warum wird er nicht ein Sohn Jakobs, wenn seine Liebe eifrig ist? Warum
sollst Du zu seiner Lehre schwören? Weil er Abrahams Saamen verachtet, weil er
Dich sündigen machen will, damit Du sein und der Hölle seist, auf immerdar. Denn
Sünde ist dieser Tausch, - glaube mir, dem Sündigen. Wer seinem angebornen Herrn
untreu wird, seinem Gott; wie kann der ferner treu sein im Haus, im Ehebett? wie
kann ein solcher Treue verlangen? und wie wird einst seine Sterbestunde sein? O,
glaube, glaube an die Qualen des Abtrünnigen; ich habe sie gefühlt, ich fühle
sie noch, und werde nur erst dann ruhig werden, wenn ich gebüsst habe in einer
Schule. O kehre um, setzte er wie in Verzweiflung hinzu: Kehre um, da es noch
Zeit ist, und Du dieser Busse nicht bedarfst. Sieh mich an, wie mich der Herr
geschlagen hat: Wie meine Gebeine geschwunden sind, wie mein Leib zum Schatten
geworden. Nicht Schlaf, nicht Ruhe kommt über mein Auge, nicht die Hoffnung in
meine Brust, und dieser Zustand muss sich ändern, sollte ich auch Jahre lang vor
der Türe einer Synagoge liegen, und mit meinem Rücken den Gläubigen zur
Schwelle dienen1. Aber selbst dann würde ich nicht wieder sein, wie zuvor, wenn
ich Dich nicht gerettet; versiechen würde ich im Jammer, wie auch versiechen
wird in Elend und Trostlosigkeit David, unser guter, allzu guter Vater. Dir
gehört dann sein Tod; und mein letzter Seufzer wird sein Dein Werk!« -
    »O schweige, schweige, grausamer Bruder!« schluchzte Ester, trostlos die
Hände ringend, »Du greifst fürchterlich mein Herz an, das doch nichts Böses
wollte, das doch nur glücklich zu sein begehrte! Aber nicht Dein Tod, nicht der
unsers Vaters komme über mich. Wie könnte ich die Freuden des Lebens finden,
müsste ich mir vorwerfen, sie seien erkauft durch das Eure. Nimmermehr! Ich will
sein stark, stärker als mein Geschlecht, stärker als der Mann selbst, der nicht
freiwillig ablässt von dem, was er liebt.« - »Dann segne Dich Jehovah!«
entgegnete Ascher freudig: »O gehe mit mir, Schwester, wiedergefundne Tochter
Abrahams und Jakobs. Noch besitze ich Geld und Gut, zu fristen unsre Tage. Komm,
teile mein bescheiden Loos, tröste mich in meiner Busse, in meiner Reue; halte
bei mir aus, und der Herr wird uns wiederschenken den Vater, dessen Schmach und
Elend gewisslich nur eine Folge ist meiner Missetat.« - »Ein Lebewohl, - das
Letzte, werde ich doch dem Freunde bringen dürfen?« - »Nein, nein!« herrschte
Ascher: »Fliehe die glatte Zunge aus Midian, fliehe den Mund, der Dich betörte.
Ein Hauch der Schlange reicht hin, Dich und uns Alle zu verderben. Du musst mir
folgen! O, warum ist die Nacht schon dunkel geworden? Warum leuchtet nicht die
Sonne? Gleich müsstest Du gehen mit mir. Aber morgen, morgen, so wie es Tag wird,
folge mir!« - »Du brichst mein Herz und meine Gefühle, wie Binsen!« rief Ester
schmerzlich: »Aber, mag ich doch das Opfer sein, dass der Herr nicht zürne, und
dass es den Meinen wohl gehe auf der Erde! - Ich will mir denken, Er sei mir
untreu geworden, während ich doch meineidig werde gegen ihn. Ich will mir
denken, dass er in den Tagen, wo ich für ihn zitterte, ein Opfer der Vehme
gefallen sei; aber werden diese Gedanken mich beruhigen? Werden sie nicht
entsetzliche Geisseln und Stacheln sein, um zu zerfleischen mein Inneres? Mein
Bewusstsein erhalte mich aufrecht, und mein hochgelobter Gott, der mich
geschaffen. In seinem heiligen Namen, - Bruder - ich folge Dir!«
 
                                    Fussnoten
1 Eine ehemalige Büssungsart der Juden.
 
                               Sechstes Kapitel.
                Du bist ein hartgesottener Sünder!
                                                              Schiller's Fiesko.
Der arme Dagobert hatte nicht die kleinste Ahnung von dem, was in seiner
Abwesenheit vorgegangen war. Mit der Freude eines Liebenden, der auf sein nahes
Glück hofft, hatte er aus den Kaufläden der Stadt das Schönste und Beste
zusammengelesen, um seine Liebe damit zu zieren, und es vermag der Mensch keine
grössere Seligkeit zu fühlen, als er, da er am folgenden Abend am Forstgehege
anlangte, und klopfenden Herzens sich der Hütte näherte. Dort sass eine weibliche
Gestalt, harrend, nachdenkend, wie es ihm schien, und ihr schmuckloses Gewand
war wie Ester's anzusehen. Der Jüngling verdoppelte seine Schritte, - er flog
der Teuern entgegen; - und sie war es nicht. An ihrer Statt begrüsste Regina den
Betroffenen, und bei seinem Anblick stiegen ihr Flammen auf die Stirne, Zähren
in's Auge. - »Mein Gott!« stammelte Dagobert: »mein gutes Fräulein! Ihr hier?
Genesen, aber allein? Was verkündet mir diese Stille? diese Bewegung in Euerm
Antlitze? Wo ist Ester?« - »Ich soll Euch ihr Lebewohl bringen;« entgegnete
Regina halblaut und schüchtern; aber diese Verlegenheit wurde zum Schreck, da
sie den jungen Mann fast bewusstlos hinsinken sah. Kaum vermochte sie alsdann
seinen stürmischen Fragen Genüge zu leisten. Sie erzählte, so gut ihre eigne
Erschütterung es zuliess, wie sie heute in aller Frühe zum Wald gekommen, um sich
des schönen Morgens zu freuen, da die Krankheit sie so lange in der Kammer
daheim gehalten; wie Ester ihr in Begleitung eines finstern Mannes - aber sonst
ohne Geleit, schon fern von dem Hüttenpfade begegnet, - wie sie bestürzt das
Mädchen angeredet habe, und nach Dagobert gefragt. O mein holdes Fräulein, hatte
Ester gesprochen: sagt ihm, der heute vergebens sich dieser Stätte nahen wird,
- sagt ihm mein letztes, herzliches Lebewohl. Sagt ihm, dass Ben David uns
wohlmeinend getäuscht, dass mein Bruder mich errettet aus der Sünde, in die ich
unschuldig fast geraten wäre; dass ich meinen Gott nicht verläugnen darf, aber
ewig ihn, mein Heiligenbild, im Bussen tragen werde; ... dass er mich beklage,
sich aber dennoch meines Sieges freuen möge, und ... setzte Regina verschämt
hinzu; in der Liebe einer Andern, Bessern glücklich sei.« -
    Keine Schilderung von Dagobert's Gefühlen. Nach langem Kampfe sich mühsam
erhebend, seufzte er: »Nun dann! so ist er vorbei der schöne Traum, der mich
beglückte. So ist dahin, was ich in meinen Nächten gesonnen, warum ich im
Sonnenlichte gekämpft, wonach ich gestrebt mit allem Feuer meiner Jugend. Der
Aberglaube, eines Bruders finstre Glaubenswut reisst Alles zusammen, was ich,
dem Verhängnis zum Trotz erbaute; den Tempel meines Glücks. In Gottes Namen
also. Das Unheil soll auch seinen Mann an mir finden; aber, dass sich also löste,
was so eng verbunden wurde, dass die holde Fessel so schnöde gesprungen; ... das
tut mir weh, und darum wird diese Wunde nimmer vernarben. O, welche Menschen!
Mein Vertrauen also zu täuschen! Ben David lügt mir ein Glück, das ich kaum
ahnte, ... sein Sohn entreisst es mir, und Ester reisst sich kalt von allen
Banden los, die sie an mich schlossen: Wehe mir!« - »Ach, mein guter, trauriger
Junker!« sprach Regina tröstend und legte ihre Hand auf die Seine, und heftete
ihren Taubenblick auf sein düstres Auge: »wer sagte denn, dass sie kaltsinnig
schied, deren Flucht euch bekümmert? Heisse Tränen weinte sie, und darum ....
ich will Euch gestehen, dass ich sie vorher nicht liebte ... darum aber gewann
sie meine Teilnahme im Augenblick der Trennung.« - »Wenn Ihr sie gekannt
hättet!« klagte der Jüngling: »Tugendhaft und rein war sie, wie Ihr, mein
Fräulein. Eine Seltne in dem Kranz der Frauen, die Einzige in den Reihen ihres
Volks, das geadelt wurde durch ihren Besitz. O, diese Hütte hier! eine Kapelle
sollte man auf ihre Stätte bauen, weil die Liebliche durch kurze, allzukurze
Frist hier verweilte.« - »Ihr sprecht ja nicht wie ein Christ!« sagte Regina mit
lächelndem Vorwurf: »ich sollte böse auf Euch werden, wenn ich nicht die
Vertraute Eurer Liebe geworden wäre. Ach, mein Anteil an ihr ist mir schlimm
bekommen. Der garstige Ammon hat heute der Mutter Alles auf's Kleinste
berichtet, denn er fürchtete die Folgen; und Mütterlein hat mich gescholten, und
gesagt, es zieme sich für ein Edelfräulein nimmer, um solche Abenteuer zu
wissen, und sie werde mir verbieten, je den Wald wieder zu besuchen.« Dennoch
bin ich ihrer Wachsamkeit entgangen, denn Ihr musstet ja erfahren, wie Alles kam,
und ich wäre gestorben hätte ich Euch in Ungewissheit lassen müssen. »Nehmt Ihr
Teil an mir, holde Dirne?« fragte Dagobert weich und dankbar. - Regina wurde
rot, entzog ihm ihre Hand, und sagte ausweichend: »Wenigstens wollte ich's gern
ertragen, dass mein Mütterlein mich schmält, könnte ich Euern Schmerz nur wenden.
Ich liebe traurige Gesichter nicht. Seh' ich jedoch Euch in Gram versunken, so
möchte ich flugs mit Euch weinen, ob es vielleicht Euern Kummer lindern möchte.«
»Lindern? gewiss!« rief Dagobert: »Die Tränen der Unschuld, die des
allerreinsten Gefühls sind Lebensbalsam für den Trauernden. Ja, mein
wunderholdes Mägdlein; die Zuversicht, .. das gläubige Vertrauen auf eine helle
Zukunft, diese heilige Schrift, die in Euern Augen zu lesen ist, klar und
deutlich, wie das Licht der Sonne, ... sie gibt mir Trost, und Mut zu leben,
... muss ich auch allein auf meiner Bahn zu Ende wandeln.« - »Allein?« fragte
Regina neugierig: »wie meint Ihr das?« - »Ich werde nimmer um eine Jungfrau
minnen;« versetzte Dagobert: »einsam bleiben, und allein, keinen Herd mir bauen,
keine Hütte, sondern flüchtig sein und unstät.«
    »Um Gottes willen nicht!« rief Regine: »Nur das, ehrsamer Junker, das tut
nicht. Viel Hundertmale hörte ich meine Mutter sagen, ein Hagestolz hätte nicht
Freude und nicht wahre Lust am Leben, er besässe nicht einmal ein Herz für seinen
Hund; und ich will's glauben, lieber Herr. Da ist der Vetter Schwarzbach, und
der Ohm von Miltenberg, vor denen mir schon bang wird, wenn sie unser Haus
betreten. Da geht's Treppe auf, Treppen ab, mit beschmutzten Stiefel und
ungekämmten Bärten, mit Halloh und Hassah durch Feld und Wald, und nur dem
Becher wird ein freundlich Gesicht gemacht, und Frauen hingegen beständig ein
scheeles. Zu solchem Leben seid Ihr nicht gemacht, guter Herr. Ihr seid so
freundlich, und wart so froh, dass es Schade wäre, wenn Euch einer Jüdin Verlust
zum Trübsinn brächte.« - »Anmutige Regina!« erwiederte Dagobert: »wollte der
Himmel, die Sachen stünden noch wie am verwichnen Ostertage. Damals glaubte ich
mich noch frei, und Euer Liebreiz nur allein hätte mir eine Fessel anlegen
können.« - »Ach nicht doch!« kicherte das Edelfräulein verneinend, und hielt die
Hände vor das geschämige Antlitz. Indem trat, von Ammon begleitet, die Frau von
Dürningen an den Eingang des Geheges. »Regina!« rief sie ernst, und Dagobert
eilte, das erschrockne Mädchen zu der Mutter zu führen. - »Ich danke Euch Eure
Gegenwart nicht, Junker;« sagte die Edelfrau, »da ich nun - zu spät nur - durch
Ammon erfahren habe, was mir meiner Tochter Mund verschwieg. Ihr habt unedel
genug die Eitelkeit meiner Tochter missbraucht, um einer Dirne von schlechten
Herkommen und ungewissem Leumund eine Zuflucht auf meinem Boden zu gewinnen; und
Ihr versucht's vielleicht, jetzt noch die Leichtgläubigkeit der unerfahrnen
Jungfrau zu verführen, da Euers Herzens Lieb Euch untreu geworden. Ich bin ein
Weib, und kann, ohne männlichen Schutz, mit dem Manne nicht rechten, wie sich's
gebührte. Tut mir jedoch die Liebe, so schnell als möglich mein Eigentum zu
meiden.« - »Euer Misstrauen, gestrenge Frau, betrübt mich;« antwortete Dagobert
gelassen: »ich weiche jedoch gerne aus Euerm Eigentume, in welchem ich das
meines Herzens verlor, um Eurer fleckenlosen Tochter ferner keinen Kummer zu
verursachen. Habt Dank, Fräulein, für das, was Ihr an Ester und mir getan, und
belehrt, überzeugt Eure Mutter eines Bessern, damit sie nicht aufhöre, mich zu
achten, wie einen Ehrenmann.« - Schweigend verneigte er sich und verschwand. -
Seinen quälenden Gefühlen konnt' er jedoch nicht entgehen, wie den strafenden
Blicken der argwöhnischen Mutter. Viele Male hielt er auf seiner Strasse inne,
und überlegte bei sich selbst, ob er zurück gen Frankfurt kehren solle, - ob er
es versuchen werde, Ester's Spur zu finden. Gegen diesen letzten, von keinem
Hülfsmittel unterstützten Versuch sträubte sich sein Stolz. »Ward ihr's so
leicht, von dir zu scheiden ohne Frage, ohne Wahl und Lebewohl,« sagte dieser,
»so lass sie. Sie hat deine Liebe nicht verstanden, oder war ihrer nicht würdig.«
- Und dennoch flüsterte sein Herz im nächsten Augenblicke: »Ach, freilich hat
sie dich verstanden, so wie auch du ihre Liebe, die heilige, tadelreine
verstehst. Freilich war sie deiner würdig, und auch in der Ferne wird sie's
bleiben. Und hierauf dachte er an das Vaterhaus, an den Vater, der ihm wieder
lieb geworden, an die reuige Mutter, an den kleinen Hans, und den biedern
gelehrten Johannes, und er fühlte, dass ausser der Liebe noch das Leben Ansprüche
an ihn, und Pflichten für ihn habe, und dass daheim nur das heilende Kräutlein -
vielleicht auch nur - wachsen möchte, seiner Seele Wunden zu sänftigen. Gegen
alle Weltgegenden breitete er daher seine Arme aus, als wollte er die Verlorne
damit an sein Herz ziehen, und wäre sie am äussersten Ende der Welt. Ihren Namen
rief er laut und oft in die Luft hinaus und himmelan; dann waffnete er sich mit
neuem Mute, und wandte sich nach der Vaterstadt, ... nicht ein Vergessender,
sondern ein in seines Herzens Mut und zuversichtlicher Kraft Getrösteter.«
    Er hatte kaum den Scheideweg verlassen, der ihm die Strasse frei liess nach
Friedberg und weiter in's Land, oder nach dem Mainstrome, als eine leise Stimme,
hinter einem Haselbusche hertönend, fragte: »Aber Veit! warum fendest Du dem
Schurken nicht einen Pfosten nach - oder in Ermanglung - einen guten derben
Stein?«
    »Ei, lass mich doch, Leuenberg,« antwortete der Hornberger; denn die beiden
Ehrenmänner waren's, die hinter dem Busche lagen: »ich bin noch müde, wie ein
kolleriges, Pferd, das seinen Meister gefunden hat. Der scharfe Ritt schon hatte
mich angestrengt, und Du, guter Geselle, warst in eine verdammt schlechte
Sippschaft geraten, deren Arme nicht von Wachs gewesen sind. Sag' mir doch, wie
kamst Du unter das Gelichter?«
    »s' hat weiter kein Bedeuten,« entgegnete Leuenberg, »und mein wunder
Schädel schmerzt mich dermassen, dass ich nicht viel reden mag. Seit ich von
Neufalkenstein wegging, hat mich tausend Not verfolgt. Wie hab' ich's bereut,
dass ich dem ängstlichen Doring folgte, der von der Burg ausriss, als hätten ihn
schon die Häscher der Stadt beim Helmkragen. Der Taugenichts ging seine Wege,
ich die meinigen. Auf der Gelnhäuser Burg hatte ich nichts zu leisten, nichts zu
tun, und schlug mich hieher, wo ich auf dem Anstand herumlungerte, ohne ein
glücklicher Schütze zu sein. Ein Paar arme Bauern, nicht der Mühe wert, sie zu
durchsuchen, - das war Alles, was die Heerstrasse bot. Doch halt! bald hätt'
ich's vergessen: einen Schelm bot sie auch: den roten Juden Zodick, oder wie
der Teufelskopf in der Taufe genannt wurde.« - »Ho!« fiel der Hornberger ein:
»wie schön! Friedreich, mein Patchen! Was treibt der hier herum?« - »Der Gauner
stiehlt auf eigne Faust, zu Fuss zwar, wie ein rechter Dieb,« versetzte
Leuenberg, »allein dem hebräischen Hund war das Gewerbe im stillen Busche weit
günstiger, als mir ausser dem Feld und Holz. Gestern hat er einen Reifenden
geplündert, und heute den Plunder zum Verkauf getragen. Hier wollt er sich
einfinden, sagt' er. Ich schlenderte indessen zu Gaule hin und her, bis der
verdammte Wechsler daher fuhr, in dessen Gefolge ich eben so wenig nassauische
Reitersknechte vermutet hätte, als den Tod, und den ich also blind und töricht
angriff. Wie mir's erging, weisst Du so gut wie ich, denn ohne Dein Hinzukommen
wäre ich jetzt steif und starr. Hab' Dank, dass Du mich hieher geschleppt hast;
ich wollte gerne meine Wunde verschmerzen, wenn ich meinen guten Klepper, den
die Hunde niederstiessen, wieder lebendig machen könnte, oder wenigsten das Blut
jenes breitmäuligen Junkers gesehen hätte, der Deiner Trägheit verdankt, dass ihm
sein erbärmliches Leben geblieben ist. Oder war's etwa eine gewisse
Ängstlichkeit, die Dich zurückhielt? Willst Du Reu und Leid machen? und hat Dich
das, was Du in Frankfurt saht, auf ernstaftere Gedanken gebracht?« - »Möglich
wär's schon gewesen, beim Donuer;« hiess des Hornberger's Antwort: »Dich hätt'
ich an meiner Stelle sehen wollen. Ich ritt ganz ruhig und verkappt in der Stadt
ein, und kaufte mir die Dolchklinge hier. Da nun die Gassen wimmelten von
neugierigen Leuten und Alles sich dem Bockenheimer Tore zuwälzte, konnte ich
mich nicht entalten, nach der Ursache zu fragen. Der verdammte Räuber, der alte
Bechtram von Vilbel, wird gerichtet; gab mir der Krämer zur Antwort, und ich
hätte ihm dafür die Rippen durchbohren mögen. Aber, so entsetzt ich auch war,
von der Kunde, den, den ich wo möglich zu befreien gekommen war, auf dem Wege
zum Tode zu finden, ... dabei musste ich sein und es mit ansehen, kostete es mir
auch selbst den Hals. O, welch bedauerlich Schauspiel, Freund Leuenberg! Du
hättest sehen müssen, wie unser wackrer alter Ritter daherschritt in den
Stricken der Soldknechte, die er einst angeführt hatte. Donner und Strahl! so
weh mir dieser Anblick tat, so war ich dennoch hoch entzückt, zu sehen, wie er
noch den alten Trotz und die ritterliche Würde auf seiner Stirne festielt, vor
welcher sie Krämerlümmel die Augen niederschlagen mussten. Und so blieb er auch
bis zum Ziele. Vor dem Tore auf dem Anger war ein schwarzes Tuch ausgebreitet,
und auf demselben liess man den alten Mann niederknien wie einen Verbrecher. Ich
hätte ein Gewitter sein mögen, um über die abscheulichen Ratsschnauzen
herzufallen, die so steif und hölzern dem Bechtram das Urteil wieder vorlasen,
als ob sie im Recht sässen, und der von Vilbel im Unrecht. Und dennoch hatte er
sie Gefangenen losgegeben, und folglich ward ihm von treubrüchigen Hunden das
Leben abgesprochen. Mit diesem letztern war's auch bald vorbei. Ein Rottmeister
brachte ein Tuch heran, um dem Sterbenden die Augen zu verbinden, ... aber
tausend Hagelwetter! der Bube kannte unsern Alten nicht, welcher das Tuch
verweigerte und die Augen mutig offen hielt, unterm Schwert des Henkers, das
schon blitzte, und nach welchem die in unzähliger Menge versammelten
Reichsstädter schielten, wie abgestandne Fische, denn das Gesindel fürchtet
sogar die Klinge, die es selbst aber noch mein Unstern wollen, dass, während ich
also in Zuschauen und grimmiger verhaltner Wut versunken, auf meinem Gaule
hielt, und hervorragte über den Pöbel an der Erde, ... dass Bechtram das Auge zu
mir empor hob, und trotz meines falschen Bartes mich erkannte. Unwillig rief er
aus, mir winkend: Hoho! Hornberger! Du hier, und ich muss sterben? Hilf! - Im
selben Nu siel sein Kopf, aber alle andre Köpfe drehten sich nach mir, der ich
meinem Gaule wütend die Spornen gab, um mich aus dem Strudel zu arbeiten, der
um mich her summte, wie ein Schwarm wilder Bienen, und mir kein bessres
Schicksal verhiess, blieb ich in seiner Mitte hängen. Halt auf! halt auf! schrie
es um mich her, und manche kecke Faust griff zu nach meinem Zügel; ich aber,
nicht faul, hieb mit der Peitsche um mich her wie ein toller Mann, und habe
manchen Spiessbürger gezeichnet, dass er ewig an den wilden Hornberger denken
wird. Reiter hinter mir drein ... Steine durch die Luft ... und ich voran wie
die Windsbraut, und narrte sie hinter mir her bis an die Warte. Dann streckte
ich dem Lumpenpack die Zunge heraus, und ritt gemächlicher durch Feld und Flur
und Saat, bis ich in Deine Händel fiel. Aber geschworen hab' ich's, heute
wenigstens keiner Christenseele ein Leid zu tun, weil mich des armen Bechtram's
Tod doch sehr bestürzt gemacht, und deshalb liess ich auch den Fant ziehen, den
Du nicht leiden kannst.« - »Hol' ihn der Teufel, und nicht minder den Juden, der
seines Vaters Brust verfehlte!« brummte Veit von Leuenberg grollend: »Dass ich
mich nicht rühren konnte! Ich hätte den Buben kalt gemacht wie seine Landsleute
an Bechtram taten, der übrigens auch noch lebte; wenn auf Neufalkenstein mein
Rat befolgt, und der saubre Neffe gehangen worden wäre.« - »Pah!« erwiederte
der Hornberg: »hört man Dich allein, so hast Du zu Allem das Beste geraten, und
von Allem das Beste getan. Geht man auf den Grund, ist wenig dahinter. Ich
denke, die meisten Leute leben noch, denen Du den Tod geschworen!« - »Keinen
Schimpf!« drohte Veit, sich mühsam auf den Ellbogen stützend: »gerade hier bin
ich dem Platze nahe, wo ich zum Erstenmale einen Menschen auslöschte. Es war
mein Probestück, auf einem Wildgange, der mich durch den ganzen Forst geführt
hatte. Bei der Futterhütte des Waldes sah ich einen Mann stehen, einen Edelmann,
nach Kleid und Wehr zu halten; er zählte seine Rehe, und mir wässerte in dem
Versteck der Mund, dass mir's jetzo so leicht sein würde, ein Wild aus diesem
gedrängten Haufen herauszuschiessen; dass mir aber nicht gestattet sei, das
Geschossene zu holen. - Ich ergrimmte bei diesen Gedanken, und dachte: wie wär's
denn, Veit, wenn Du den breitschulterigen Mann holtest, der, wie ein
frohlockender Geizhals seinen Reichtum überzählt, von dem dir nichts gehört?
Der Gedanke war auch sogleich die Tat, und wie hineingeblasen sass der Pfeil der
Armbrust dem Menschen in der Gurgel. Ich auf und davon, sah ihn von ferne noch
taumeln, stürzen, und kam selber glücklich davon. Hinterher erfuhr ich, dass ich
den Herrn von Dürning erschossen.« - »Ei, das ist ja eine grässliche Tat, ein
Jugendstreich, wie es wenige gibt;« versetzte der Hornberg: »aber Dir ähnlich,
Leuenberg. Einen wehrlosen Mann aus dem Busche zu treffen, oder einen
friedlichen Pfarrherrn vom Kirchwege in's Grab zu legen, das ist Deine Sache.« -
»Schweig mit dem Spotte!« eiferte Leuenberg wild werdend: »Ein Jeder treibt's
nach seiner Lust und Freude. Dieser in geräuschloser Nacht, jener in Rauferei
und offnem Streit. Da kömmt aber Einer, dem das wahre Mordhandwerk noch keiner
jemals besser nachäfft, als er's treibt.« - Der getaufte Jude Zodick schlich
sich eben auf Kreis- und Schneckengängen aus dem Gehölz daher. Sein Rücken war
ohne Last, sein Aussehen verriet indessen wenig den glücklichen Vertrödler
geraubter Sachen, als vielmehr den zornigen erbitterten Bösewicht. Vorsichtig
und wie ein Falke blinzelte er hinter jeden Strauch, und trat, nachdem er sich
überzeugt, dass es rings umher still geworden, mit zutulicher Frechheit zu den
Junkern, die ihn starr ansahen, aber seinen Gruss kaum erwiederten. »Bringst Du
Geld?« fragte der Leuenberg: »heraus damit, ohne Widerrede und Umstände. Du
siehst, Jude, dass ich Hülfe in diesem Manne erhalten habe. Weigre Dich demnach
nicht ferner.« - »Euer Knecht, Herr von Hornberg;« versetzte der Jude flüchtig:
»wie seid Ihr gekommen in die Wildnis, die da beherbergt zwei von Euern besten
Bekannten?« - »Um Dich zu sohn, mein Taufsohn!« grinste der Hornberger dem Buben
zu: »Wie steht's mit Dir, Bursche?« - »Gut, Herr;« entgegnete Zodick boshaft
lächelnd: »ich habe den Fehdebrief geschrieben der ganzen Welt, meine Freunde,
die edeln Herren hier, ausgenommen. Ich hatte gebaut so schön mein Haus, und die
krumme Schlange hat's eingeschlagen. Zu Frankfurt verlangen sie meinen Kopf, und
das Vehmgeding hat mich geladen vor seinen Stuhl. Was tue ich aber mit der
Ladung? Damit ich nicht erst zurückgehen muss, bleibe ich gleich ganz weg.« -
»Das Beste;« meinte Hornberg lachend: »wie bringst Du Dich jetzt durch?« - »Ich
nehme; was mir überlassen die adelingen Herren;« antwortete Zodick schnell: »und
muss obendrein stehlen für den Mann, der mir noch schuldig ist fünf Pfund Heller
für ein Menschenleben.« - »Verdammte Brut!« fuhr Leuenberg wütend auf: »Die
fünf Pfund, die Du erhieltest, waren noch viel zu viel für Deine
Ungeschicklichkeit.« - »Ungeschicklichkeit?« spöttelte der Jude: »so man mir
zahlt halb, morde ich auch nur halb, und halb hatte der Alte seinen Rest, was
man nicht läugnen kann. Was sollen mich im Übrigen kümmern Eure Händel, Herr, da
Ihr Euch nicht umseht um die meinigen? Der arme Friedreich muss Alles ausfechten
mit seiner eignen Hand, und kein Mensch steht ihm bei.«
    »Elender Jude!« murrte der Leuenberg. - Der Hornberger erwiederte jedoch
halb ernst, halb scherzhaft: »Ei bei leibe, Bruder Veit! Ich bin Freidrichs
Taufgevatter, und behaupte gegen Juden sein Christentum. Heisse ihn den
schlechtesten Burschen im römischen Reiche, nur keinen Juden.« - »Wär' ich doch
geblieben ein Jude!« lachte Zodick höhnisch: »die heimliche Acht hätte mich dann
wohl in Ruhe gelassen. Wär' ich doch geblieben ein Sohn Jakobs, so wäre doch
vielleicht Ester geworden mein, und Alles nicht geschehen, was sich begeben
hat. Wär' ich doch gewesen ein vorsichtiger Mensch, ... ich hätte gewittert, dass
das ganze Nest in meiner Nähe war! - Dummer, dummer Zodick!« - Er schlug sich
bei diesen Worten einigemal tüchtig vor die Stirne, und die edlen Herrn wollten
sich, trotz Wunden und Müdigkeit ausschütten vor Lachen. - »Der Hund ist
verrückt geworden!« meinte Leuenberg - »Gottes Wunden und Zeichen!« versetzte
Zodick mit verzerrtem Gesicht: »Verrückt und mischukke vor Zorn und wütiger
Sehnsucht. Ich soll teilen mit Euch mein erworbenes Geld ... und Ihr haltet
nicht einmal meine Feinde auf, die an Euch müssen sein vorübergezogen! Das ganze
Geschlecht, das ich verfluchte in's tausendste Glied ist gewesen hier ... aber
mein Fluch hat es wieder zerstreut in alle Welt. Hätt' ich doch gewusst, dass der
Soi, den ich gestern geplündert habe, kein Goi gewesen! dass er gehörte zu der
Sippschaft die ich hasse wie den Tod; ich hätte nicht gerastet, nicht geruht,
bis er hätte verseufzet seinem Atem unter meiner Faust!« - »So rede doch
vernünftig; sag at, was hast Du denn? fragte der Hornberger heftig, und Zodick
erzählte von der Forstütte, von Ester, Ben David und dem Bruder aus der
Fremde.« - »Dummer Bube!« maulte Hornberg: »uns das nicht früher wissen zu
lassen! Eine schmuke Dirne wäre mir lieb, wenn gleich nur eine Jüdin. Wir hätten
sie aus dem Bette gestohlen.« - »Wie erfuhrst denn Du?« fragte Leuenberg. »Ich
kam zu vertrödeln meine gewonnene Habe zu Dürning,« antwortete der Jude: »und
dem Gesindel im Hofe erzählte der alte Ammon, der Forstwart, die ganze
Begebenheit. Der Schurke werde krumm, lahm und taub, weil er mir gestern hat
abgewehrt, und heut von den Dingen erzählt, die schon vorbei waren. Noch dachte
ich zu erwischen den jungen Frosch, und ihm zu werfen einen Stein zwischen die
Füsse, aber auch diesen entzog mir der Fürst der Finsternis. Verdammt und
vermaledeit; und ich ruhe doch eher nicht, bis ich mich blutig gerächt habe an
dem Wicht ohne Bart.« - »Traum; ich möchte wissen, welcher von uns sich über den
Fant nicht zu beklagen hätte?« fragte Veit von Leuenberg ungestüm: »Hat er mir
nicht Schimpf und Schmach angetan zu Neufalkenstein? Hat er nicht die
Freilassung der gefangenen Hunde ertrotzt, und dadurch dem Henker das Zeichen
gegeben, unsern Bechtram abzutun.« - »Ja wahrhaftig, bei meinem Eide!« fügte
Hornberg, wild drohend, hinzu: »Soll mich doch tausend Ewigkeiten hindurch der
Teufel mit Pech und Feuer laben, wenn ich die Hinterlist dem Buben nicht
vergelte.« - »Und ihm allein gebührt nicht Vergeltung!« eiferte Leuenberg, sich
erhebend: »die ganze Sippschaft ist mir zuwider Opperment und Krötengift. Der
alte, schäbige, schmutzige Filz; die nichtswürdige Grete, die all adlich Blut
verläugnet hat, um zu dem Spiessbürger zu kehren; der kleine Wechselbalg sogar,
der Hans, der, bei Gott, nichts Anders ist, als ein Bastard von Mutter und Sohn,
und endlich vor Allem der Abschaum von Niederträchtigkeit; Wallrade, an die ich,
moosiger Bursche, mich noch vergaffen musste, Dank sei es ihren Teuselskünsten,
und die alsdann mich selbst anklagte, ich hätte ihr und dem Pfaffen
durchgeholfen; dem verdammten Pfaffen, der uns verriet. Ich hätte meinen Hals
hergeben dürfen, hätte mich nicht mein holdseliges Schwesterlein mit ihren
Kleinodien ausgelöst. Wenn ich den Streich der spitzbübisschen Schlange je
vergesse, so will ich schon jetzt um Haut und Haar sein.« - »Wie gewonnen, so
zerronnen,« spottete Hornberg: »Mit Deiner Schwester war's eine verworrene
Geschichte. Sie hatte sich aus ihres Mannes Haus geflüchtet, und in Deinen Arm
geworfen, wie Du uns zum mindesten gesagt. Und dennoch geberdete sie sich
untröstlich, und dennoch ging sie freiwillig zurück?« - »Lass' die
verdriesslichen Tage dahinten!« fiel Veit ein, dem diese Fragen unangenehm
wurden: »ich wollte nur sagen, dass ich hasse, was Frosch heisst, meine eigne
Schwester nicht ausgenommen; und ein Fest sollte es für mich sein, die ganze
Brut auf einem Holzstosse sich verzappeln zu sehen, mindestens durch einen Dolch
niedergeworfen. Ein Kinderspiel für einen Blutzapfer, wie der, der hier vor uns
sitzt, wäre er nicht so erbärmlich ungeschickt geworden, dass das morsche Leben
eines Weisskopfs noch einen stichfesten Panzer gegen seinen Stachel abgibt.« -
Zodick, der bis jetzt, halb dem Gespräche zuhörend, halb in sich hinein brütend,
auf einem Steine gesessen hatte, die Hände auf den Knien, und das teuflisch
lauernde Gesicht vorgebeugt wie ein tief nachsinnender Mann, richtete sich bei
diesen Worten rasch auf, und sagte: »Ihr habt gut reden von Ungeschick, edler
Herr. Doch das Gedibber allein führt nicht zum Zweck. Versucht's einmal selbst,
oder besser, folgt dem Rat, den ich Euch gebe. Es kommt mir bald vor wie
Schofel und Jammer, wenn man sein Messer zuckt auf einen Einzigen, der doch nur
ein Sandkorn ist in der Welt. Das tut auch nur ein verworfner Jude um ein Paar
Groschen willen, oder ein Paar Lumpen, Handel damit zu treiben. Für edle Herren
wie Ihr, ist's schöner und mutiger und frecher, zu schneiden hinweg ganze
Geschlechter, wie die Sichel auf dem Felde die Garben. Ich bin ein Hund gegen
Euch. Ihr sagt's, und ich will mich hüten, anders zu denken. Aber der Hund hat
jetzt gleich Schicksal mit dem Herrn. Einer ist vogelfrei, wie der Andre. Lasst
uns darum erklären Allen den Krieg, weil Alle ihn führen gegen uns. Der alte
Frosch sterbe nicht allein, aber mit ihm sein Haus, und mit diesem ganz
Frankfurt, und Verderben sei über seinen Bürgern und ihrem Geschlecht.« - Die
beiden Männer sahen den Juden staunend an, und Hornberger sagte endlich: »Beim
Stern und beim Kreuz und beim Hammer! Kerl! Du faselst, oder Du hast da einen
Streich ausgesonnen, wie ihn die Welt noch nicht gekannt hat, und wie er selbst
in meinem frischen, kecken Hirn sich nicht gefunden hatte.«
    »Dieter und all' die Seinen? ganz Frankfurt sammt seinen Männern, Weibern
und Kindern?« fragte Leuenberg neugierig, und die Begierde nach Mord, Brand und
Beute leuchtete aus seinen aufflammenden Augen: »Rede, Jude! rede! zögre nicht.«
-
    »Die Wildnis hat Ohren wie der Hund,« meinte Zodick: »in einsamer Kammer
spricht sich's besser von solchen Dingen. Zudem ist's schon dunkel geworden, und
kühl weht die Nachtluft.« - »Ich spür's wohl an meines Schädels Verletzung;«
erwiederte Leuenberg, schmerzhaft nach der Wunde greifend: »aber ich weiss hier
nirgends in der Runde ein sichres Wirtshaus für uns.« - »'s wird wohl am besten
sein, die Nacht unter'm Mantel zuzubringen,« setzte Hornberg bei: »der Teufel
traue in diesen ersten Tagen nach Bechtram's Hinritt dem Frieden!« - »Ei, nicht
doch;« schmunzelte Zodick: »als Ihr kommen wollt mit mir, will ich Euch führen,
wo Euch niemand sucht, und im Fall des Suchens, niemand findet. Ein prächtig
Haus, und sicher wie im Schoss Abrahams, soll mir Gott helfen.« - »Nun, so hol
der Schwarze das harte Lager hier und die Abendluft;« rief Leuenberg, und machte
sich auf die Beine. »Vordem schlief ich, tat's Not, unter meinem treuen Gaule.
Der ist nun dahin, - entschlafen wie die einäugige Muhme. Gott tröste sie beide,
und bescheere uns ein Strohlager und einen wärmenden Trunk. Sollen wir aber dem
Hundsjuden da so unbedingt trauen? setzte er zu Hornberg gewendet hinzu.« -
»Warum nicht?« lachte dieser mit gewohnter Rohheit: »'s war sein eigner Schade.
Denn mein Messer schljetzt ihm den Bauch auf, ehe ein Verräter uns ergreift.« -
»Gott foll hüten!« entgegnete höhnisch der Jude! »Hab' ich doch meinen Leid zu
lieb, und meine Herren und Freunde. Wandert herzhaft mit mir: ich kenne auch
hier die Schliche, und unsre Leute sind überall!«
 
                               Siebentes Kapitel.
                Schnell ist der Pfeil, schneller die Rache, am schnellsten die
                Reue.
                                                             Pers. Sittenspruch.
»Du kommst allein, mein Sohn?« fragte Dieter staunend und freundlich zugleich,
als Dagobert zu ihm hereintrat in's Gemach, wo er mit Frau Margareten in
völliger Eintracht sass, den kleinen Hans auf seinen Knieen. Dagobert bejahte
stumm, reichte seinen Eltern die Hände, warf einen prüfenden Blick auf
Margareten, und küsste den Knaben. - »Sieh,« begann Dieter wieder und
liebevoll: »sieh, das freut mich; ich läugne es nicht. Es ist erfüllt worden,
warum ich Gott in meinen letzten Nächten gebeten habe. Du hast mutig eine
unziemliche Leidenschaft bekämpft, deren Gegenstand nur als unsre Tochter
aufgenommen worden wäre, um Dir einen Beweis unsrer ausserordentlich Liebe zu
geben, nicht aus Neigung unsers Herzens, da wir in der Jüdin, selbst wenn sie
die Taufe empfangen, nur die nicht mit Rechten unserm Kreise Angehörige sehen
können.«
    »Ja,« setzte Margarete bei, die ihr Auge vor dem Dagobert's
niedergeschlagen hatte, nun es aber mit freundlicher Klarheit zu ihm erhob;
»bester Sohn; obgleich ich Euer Glück von ganzer Seele wünsche, so ist mir's,
wie meinem Herrn genehm, dass Ihr der hebräischen Magd entsagt habt. Mit unserm
Verlangen stimmt es überein. Was mein Herr noch ferner auf den Herzen trägt,
überlasse ich ihm selbst, zu erklären gegen Euch.« - »Was ferner, mein Vater?«
fragte Dagobert sanft. - »Deine Stimne gibt mir Mut;« erwiederte Dieter: »es
möge Dir nicht grausame Willkür scheinen, was ich von Dir jetzt fordre. Lege es
aus Rechnung meines durch manchen Fehl betrübten Herzens, das recht innig und
aufrichtig Friede schliessen möchte mit dem Himmel. Deiner Mutter Gelübde, ...
Sohn, ... lass mich nicht vollenden. Der Eid, den sie getan, ist nicht gelöset,
denn des Papstes Brief verliert die Kraft, so bald er nicht mehr das Recht
besitzt, zu lösen. Also spricht der würdige Vater Reinhold, also spricht der
gelehrte Dechant des Doms, Herr Herdan; darauf dringt Dein Ohm, der Prälat, -
Pater Johannes selbst, der sehr zu Deinem Vorteil neigt, zuckt hiebei die
Achseln. Ich weiss keinen Weg zu finden aus der Gewissensangst, die mich
belastet, und der Dechant hat schon geäussert, er wolle an den bischöflichen
Stuhl berichten ....« - »Nicht doch, mein Vater,« unterbrach ihn Dagobert
gelassen und heiter: »der würdige Herr mag diese Mühe sparen, wie Ihr die Sorge,
nach Worten zu suchen, die Eure Absicht aussprechen sollen, ohne mir wehe zu
tun. Nicht Ihr, nicht Herdan, nicht Reinhold, nicht einmal der Ohm, die
Hauptquelle dieser Einwirkung der Kirche ... keiner von ihnen fügt mir dadurch
ein Leides zu, sondern ihre Worte sind aus meiner Seele genommen. Ja, mein
Vater: ich will Priester sein, und will den Bischof um die Weihen bitten, sie
mir nicht aufdringen lassen.« - »Sohn! Dagobert!« rief der Vater entzückt, so
schnell am Ziele zu sein: »ist es möglich, dass ich recht hörte? Du wolltest?
wahrlich, Du bist mehr als ein gewöhnlicher Mensch, und gränzest an den
Heiligen, der dort - Dein Ebenbild - von der Wand herab uns zulächelt.« -
Dagobert warf schnell den Blick auf das Gemälde, welches den heiligen Georg in
seinen Zügen darstellte. Seine Bescheidenheit hatte nie geahnt, dass dieses Bild
ihn selbst vorstelle, und er errötete. Dann verneigte er sich vor Margareten,
und redete: »Ehrsame Frau, Euer Befehl schuf jenes Bild, und ich muss Euch
herzlich um Vergebung bitten. Ich dachte, vom Haus geschieden, in schlechterm
Andenken bei Euch zu stehen. - Ihr jedoch, mein Vater, preiset allzusehr mein
schwach Verdienst. Ich bin kein Heiliger, begehre auch nicht, es zu sein; aber
wohl ein gehorsamer Sohn und ein Mensch, der allein sein will mit Vergangenheit
und Gegenwart. Es bleibt dabei, mein Vater. Morgen, heute noch spreche ich mit
Pater Johannes über diese Sache, oder mit Reinhold, wenn Ihr meint. Ich liebe
raschen Entschluss, und denselben rasch zu vollführen.« - »Geh', wohin Dein Herz
Dich zieht;« versetzte Dieter: »die Mutter wird vom Himmel herab Dich segnen,
und Dein Bruder Johannes Deiner Tugend huldigen. Ich gehe, um den Dechant und
den Vater Reinhold von Deinem freien Willen zu unterrichten. Im Barfüsserkloster
wartet meiner ohnehin eine andre Pflicht. Der Mönch, der mir von Wallrade Kunde
brachte, ist genesen, und soll meinen Dank empfangen. Reinhold, der ihn in der
Krankheit oft gepflegt, beteuert, der Mann sei nicht Priester, sondern von
ritterlicher Herkunft, wie er aus Worten vernommen, die seinem Munde in der
Hitze des Fiebers entwischten. Wie dem auch sei, - ob eine Ordensregel, ob
Unglück oder ein Gelübde den Mann in diese Kutte zwang; ich will ihm vergelten,
so gut ich's vermag; denn er war mir ein froher Bote, und seine Botschaft darf
nichts gemein haben mit meinem Zwiste mit Wallraden,« - »Wallrade! die
Unglückliche und Unselige!« rief Dagobert teilnehmend aus: »Wo ist sie? sicher
nicht in diesem Hause, denn ich sehe, hier wohnt endlich her Friede.« - »Ja
wahrlich!« bekräftigte Dieter, mit einer herzlichen Umarmung seines Weibes:
»Der kühne Gang zum Bannstein hat Margareten gereinigt in meinen Augen, wie ein
heiliges Feuer. Sie ist eine wackre Hausfrau, eine biedre Mutter, und pflegt mit
voller Liebe den Knaben, der uns fast so schnöde verloren gegangen wäre, durch
die Schlange, meine Tochter; durch mein eignes Kind! Ha, diese Tat hat mich
empört, wenn ich ihr gleich den Fehltritt verziehen hätte, der sie in jenes
Edelmanns Arme führte. Gott schütze ihr unglücklich Kind, das, wer weiss, auf
welchem Strom des Lebens jetzo schwimmt, aber sie, die nichtswürdige Tochter und
Mutter, will ich nicht mehr wiedersehen, kein Wort mehr von ihr hören. Möge sie
in dem Hause der Reuerinnen, wohin sie sich grollend zurückzog, Reue lernen und
Gefühl. Ich bin mit ihr fertig.« - »Ach, lieber Herr,« seufzte Margarete:
»bezwingt doch diese Unversöhnlichkeit. Bedenkt, in welchen Jammer uns Eure
Härte ohne Gottes Beistand gebracht haben würde.« - »O sieh, sieh, Dagobert!«
sprach Dieter entzückt: »sieh diesen beleidigten Engel, der für die
Beleidigerin bittet. Ich lese in Deinen Augen gleiche Wünsche, aber, um nicht
weich zu werden, entziehe ich mich lieber Euern Bitten, bis ich kälter und
ruhiger geworden bin.« - Er ging rasch hinaus, und Dagobert sagte
kopfschüttelnd: »Der Vater gleicht einem gewandten Gesellen, der auf der
Mummerei Tag und Nacht vorstellt. Argwöhnisch und gehässig in einer Stunde, -
entzückt und das Vertrauen selbst in der andern. Ich sehe, nur ein guter
Schiffer vermag sicher durch dies trügliche Meer zu steuern. Euer Schifflein
jedoch, meine Mutter, geht hohl und einer Klippe zu.« - »Sprecht;« fuhr er zu
der Verlegnen, sich herabneigend, fort: »Sprecht doch, ehrsame Frau! Wie mögt
Ihr doch in lügendes Schweigen der Wahrheit vorziehen, die sich überall Bahn
bricht: Noch, wie ich höre, weiss mein Vater nichts von dem falschen Johannes.
Und ich bat Euch doch so sehr! Soll ich denn reden an Eurer Statt? Und muss ich
es nicht vielmehr?« - »Vater Reinhold riet mir zu schweigen;« antwortete die
Betroffene ängstlich: »Seine Klugheit ....« - »Sucht hinter Eurer Lüge die
eigene - wohlgemeinte - zu verbergen, mit welcher er Euern Leumund rettete;«
unterbrach sie Dagobert: »aber, ihn trifft nicht der Blitz, der Euer Haupt nicht
verfehlen würde, erführe mein Vater durch andre Zungen, was sich begeben.
Verachtet doch endlich die Winkelzüge. Ihr habt mich einst sehr geliebt, Ihr
liebt mich noch; wie eine treue Mutter den frommen Sohn, denke ich. Tut mir
doch zu Liebe jenes Geständnis, dass Euch süsse Früchte tragen wird. Tut es bald,
denn die Zeit verrauscht, und jeder Tag könnte Euch unrettbar verderben.
Überlegt, und lasst mich, - kehr' ich wieder, - Euch entschlossen finden.« -
    Kurze Zeit, bevor Dagobert aus seines Vaters Hause ging, um sich zu seinem
geliebten Lehrer Johannes zu begeben, hatte der Herr von der Rhön, von den
Schmerzen des heftigen Fiebers erstanden, das Barfüsserkloster verlassen, um zu
lustwandeln im Strahle des sommerlich leuchtenden Tages, neue Kräfte zu
gewinnen, und seine wunderliche Lage genau zu bedenken. Schon im einsamen
Krankenzimmer des Klosters hatte er gehört, dass Dieter's Tochter zurückgekehrt
war aus der Haft des räuberischen Bechtrams, der ein blutiges Ende gefunden. Er
lenkte unwillkürlich halb, und dennoch halb von Sehnsucht getrieben, seine
Schritte nach Dieter's Wohnung. Er umschlich sie einigemale, und lugte empor zu
den Fenstern des Hauses, um vielleicht Wallraden zu gewahren, einen Anlass, sie
zu sprechen, zu suchen, um von ihr zu hören, wo sein Knabe, - die einzige
Hoffnung seines Lebens, sei. Freilich mahnte ihn öfters die innere Stimme, der
Arglistigen, die seine Feindin geworden war, nicht blindlings zu vertrauen;
freilich beschlich ihn die Furcht, sie möchte ihn - nun sie in Freiheit, -
täuschen, wie sie schon oft getan, allein - nach dem Strohhalme greifend, wie
ein Schiffbrüchiger, treibend auf wallender See, sehnte er sich dennoch nach dem
Anblicke der Gehassten. Ihr Antlitz, so widerlich es ihm geworden, war das Ziel,
nach welchem seine Blicke suchten, allein vergebens war sein Bemühen. Die
Fensterflügel alle standen offen, um die balsamische Luft in das dunkle Gebäude
zu lassen; jedoch an keinem dieser Fenster war Wallrade zu erspähen. Ein
freundliches Gesicht, - Margaretens, - neigte sich wohl öfters aus den Bogen;
kein anderes war aber zu schauen. Seiner Fassung nicht vertrauend, um
unvorbereitet in das Haus, unter die Augen der Unversöhnlichen, oder ihres
Vaters, des strengen Mannes zu treten, kehrte er seufzend, sein Vorhaben auf
günstigere Zeit verschiebend, den Mauern, in welchen Wallrade, das Unglück
seines Lebens, geboren wurde, den Rücken, und ging weiter, ohne ein bestimmtes
Ziel sich zu stecken. An den Hütten vorüber, in welchen Bettlerrotten ihr
unverschämtes Gewerbe trieben, und in Horden die Vorübergehenden anfielen1,
schritt er gedankenvoll dem Rauerberge zu, um von dannen an den Mainstrom zu
gelangen; nicht die Aussicht über den Fluss zog ihn dahin; wohl aber die
schmerzliche Lust, die Fluten wogen zu sehen, in welchen sein geliebtes Weib,
sein teures Kind zu Grunde gegangen waren. Wie er nun so dahin ging, dieser
verlornen Lieben im Innersten wehmütig gedenkend, so strich eine junge
Betteldirne an ihm vorüber, die ein Kind auf dem Arme hielt, und dem
Mönchsgewand eine fromme Verneigung schenkte. Als wie durch eine Fügung
gezwungen, drehte Bilger den Kopf nach ihr, und indem er das Kind gewahrte auf
ihren Armen, schlug wie ein Donnerstreich der Gedanke durch sein Gehirn: Rudölf!
dieses Kind! ist's nicht das Deine? - Und zu stehen befahl er der Dirne, und
auch ihre Züge waren ihm bekannt, als wie aus früher, dämmernder Zeit. - »Wer
bist Du, Maid?« stammelte er betroffen, und hielt die Bettlerin mit zitternden
Händen fest: »Wer bist Du, Unglückliche, und wessen ist dies Kind?« - Seiner
heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kaputze von seinem Haupte, und sein Antlitz
erschien im Sonnenlichte, - der bestürzten Magd so schrecklich und drohend, dass
sie aufschrie: »Um aller Heiligen Willen! Herr von der Rhön! Ihr seid's? O
welche Freude!« - »Kunigund!« stammelte er, wie von einem neuen Fieberanfall
geschüttelt: »Antworte mir .... antworte! dieses Mädchen!« - »Ist das Eure,
Herr;« erwiederte Gundel, sich vor ihm auf die Kniee werfend: »verzeiht,
vergebt, Herr, ich wusste nicht, dass Ihr zu Frankfurt; ich fürchtete mich ....
mich schreckte der Kerker. Bettelnd hab' ich meine und des Kindes Tage
gefristet, um nur Frau Wallradens Rückkehr zu erwarten.« - »Wallrade?« rief
Bilger entsetzt, indem er das schreiende Kind, das den Vater in der rauhen
Hülle, entstellt von Blässe und verwildertem Varte, nicht erkannte, auf seinen
Arm riss: »Wallrade? ich entsinne mich. Welch fürchterliches Licht! Sie nannte
mir das Kind todt!« - »Todt?« fragte befremdet Kunigunde: »Todt? ach nein,
lieber Herr!« - »Des Kindes Mutter jedoch? ...« - fuhr Bilger mit steigender
Angst und Hoffnung fort. - »Auch sie lebt, guter Herr!« beteuerte Gnudel. -
    »Abschaum der Hölle!« schrie von der Rhön in heftigster Bewegung:
»Niederträchtige Wallrade! Wo ist mein Weib, wo? sprich, Dirne, sonst ist Dein
Ende da!« - »Ich schwöre, dass ich es nicht weiss, Herr,« entgegnete Gundel
schluchzend und die Hände ringend: »hätte ich den sonst nicht der Mutter ihr
Kind gebracht, das nur mich allein hatte in der Welt? Ach, Herr, Wallrade ist
böse, und ich berene mit blutigen Tränen, dass ich um ihre Frevel weiss. Euer
Sohn, o Herr! ...« - »Nachher von meinem Sohne!« donnerte von der Rhön:
»nachher! jetzt aber, von ihr, der Lügnerin! Wo finde ich sie? wo?« - »Erst
gestern hab' ich ihren Aufentalt erfahren,« antwortete Gundel schnell: »die
Äbtissin der Reuerinnen ist ihre Freundin, und sie wohnt darum im Hause der
weissen Frauen.« - »Der Teufel im Hause der Busse?« fragte von der Rhön mit wilden
Zornesflammen im Gesichte: »Wenn ich sie finde, wenn ich sie treffe! ...« - Mit
diesen Worten enteilte er, das Kind auf dem Arme, dem Kreise von neugierigem
Pöbel, der sich um diesen seltsamen Auftritt versammelt hatte, und stürtzte mit
der Hast eines Wütenden der Mainpforte zu. - »Um Gottes und Christi Willen!«
jammerte Gundel, nachrennend.: »Ihr stürtzt Euch in's Verderben, Herr! Hört
mich! hört!« - Aber so wie ihr Geschrei, - das eines schwachen Weibes fruchtlos
verhallte unter dem Toben der Menge, also war überhaupt nicht mehr aufzuhalten
das Rad des Unglücks, das vom Zufalle entfesselt worden war, und nun
zerschmetternd daherrollte. Der Stifterin alles Übels nahte ihre verhängnisvolle
Stunde, denn sie begegnete, wenige Schritte von der Pforte dem Rasenden, der wie
ein böser Geist an sie heranstürmte. - »Willkommen, Ungeheuer!« rief er ihr zu,
dass sie entsetzend vor ihm wich, und sich an ihre Begleiterin festielt: »Kennst
Du dies Kind? Kennst Du mich? und soll ferner noch Dein schändlich Lügengewebe
bestehen? Wo ist die Mutter dieses Kindes?«
    »Gott der Barmherzigkeit!« flüsterte erschrocken Wallradens Begleiterin, und
das Fräulein schrie: »Kommt Willhild, kommt! befreit mich von dem
Tollgewordenen!« - »Wo ist dieses Kindes Mutter?« brüllte der Verzweifelnde, und
schleuderte sie mit mächtiger Faust zurück: »In dem Strome? Lüge ist's! darum
bekenne, oder fürchte das Äusserste, Höllengespenst!« -
    »Der Mensch will mich ermorden!« jammerte Wallrade, verblassend und bebend
an allen Gliedern: »Willhild! helft mir von dannen!« - »Ermorden? ja bei Gott!«
donnerte Bilger: »Nicht leben sollst Du, wenn Du nicht auf der Stelle bekennst!«
- Vor seinen fürchterlichen Blicken wich die Menge zurück, die das Schauspiel
umbrausste. Wache von der Pforte näherte sich nun, um auf Willhild's
durchdringendes, Geschrei Ruhe zu stiften. Bilger stürzte jedoch mit der Wut
eines Tigers auf den Anführer der Söldner und entriss ihm gewaltsam die blanke
Waffe. Sie in einem leuchtenden Kreise schwingend, schreckte er die Knechte von
sich, und verdoppelte Wallradens Angst, an welche er die vorige Frage
wiederholte, ausser sich vor Zorn und Grimm. Da gewahrte Willhild den Junker
Dagobert, der, von der heulenden Gundel geleitet, sich durch das Volk drängte,
und schrie, was sie vermochte, nach Hülfe, und nach seinem Schutz. - »Erbarme
Dich meiner, Bruder!« wimmerte Wallrade, vor dem Wütenden zurückweichend. - »Du
schweigst?« stammelte dieser: »So stirb, Verfluchte! - Und mit einem gewaltigen
Schwertstoss auf die Brust der Feindin warf er sie in den Staub, dass sie, schwer
blutend und ächzend zusammenfiel, ohne ferneres Zeichen des Lebens. -«
    »Zeter!« schrie der Haufe und fuhr weit zurück vor dem Herrn von der Rhön:
»Ein Mord! Genade der Armen Gott! Ein Mord! - Wer bist Du, Entsetzlicher!« rief
Dagobert, der die in seinen Arm Gesunkne, Willhild und Gundel überliess. Der Herr
von der Rhön war beim Anblick der Verletzten und der Ströme ihres Bluts wie
gefühllos geworden, und dieser Schreck gewann ihm die Herzen des Pöbels, und
Dagobert's Mitleid, der seinen Mann plötzlich erkannte, und wie von einem
Gespenste berührt, zurücktaumelte. - »Herr von der Rhön?« schrie er:
»Unglücklicher! Abscheulicher! was habt Ihr getan?« -
    »Stosst mich nieder,« antwortete ihm Bilger wie bewusstlos, und die triefende
Klinge entfiel seiner Hand. - »Das walte Gott!« versetzte Dagobert schaudernd:
»Dort naht schon die zurückkehrende Wache, Schöffen an der Spitze. Euer Blut
komme nicht über mich, flieht!« - »Flieht! flieht!« schrie die Menge: »Flieht,
unglücklicher Vater! Nach der Freistadt, nach der Freistadt! fort, fort!« - »Wo?
wo?« stotterte Rhön, in dem die Lust zum Leben wieder erwachte. - »Nach dem
deutschen Hause!« raunte ihm Dagobert in das Ohr, und stiess ihn in das Gewühl
des Volks, das dem bewusstlos Fliehenden geräumigen Platz machte. - »So versorgt
Ihr mein Kind?« entgegnete der arme Vater, und im Nu hatte es Dagobert schon auf
seinen Armen gezogen. Bilger entfloh, so schnell, als seine Füsse es erlaubten
und die unbequeme Tracht. Das Mitleid der aus den Häusern laufenden Bürger
bahnte ihm den Weg. »Lasst ihn durch!« riefen einige Stimmen: »er ist ein armer
Mörder!« - »Zu den deutschen Herren mit ihm!« riefen wieder andre. »Haltet die
Wache auf!« schrieen die Kühnsten, Meister und Knechte der Metzgerzunft, und
schleuderten Steine, Äxte und dergleichen Dinge mehr den eifrig Nachsetzenden
zwischen die Beine. Am Brückentore wollten die Söldner den Mönch nicht
durchlassen. Metzgerfäuste stiessen sie zurück. Zweie von der handfesten
Schifferzunft packten den ermatteten Bilger bei den Händen, nahmen ihn in die
Mitte, und rannten mit ihm, schnell wie der Wind, über die Brücke. Wagen sogar
mussten ausweichen, und aus den Fenstern des Deutschherrenhauses wurde der
Auflauf gesehen. Eifersüchtig, ihr heiliges Vorrecht zu üben, gaben die Obern
Befehl, die Türe weit zu öffnen. Bilger nahte dem Ziele, aber auch die
Verfolger waren nur einen Schritt hinter ihm zurück. Auch sie machten sich durch
Hellebardenschläge und Rippenstösse Luft und freien Weg, und ihre Hände berührten
schon die Kutte des Unglücklichen, als er die Schwelle des deutschen Hauses
erreichte, und atemlos darauf zusammen sank.
    »Rühre nur die Mauer an, armer Mann!« riefen ihm Mitleidige zu, und seine
matte Hand erfasste einen Stein der Pfortensäule, als der Schöffe anlangte, ihn
in Haft zu ziehen. - Dieser Letztere, ein rüstiger, noch junger Mann, wollte
sich ohne weitere Umstände seiner Beute bemächtigen, und auf seinen Wink griffen
die zweifelhaft zögernd Söldner zu, allein Bilger klammerte sich mit der Kraft
eines Verzweifelnden an die rettende Pforte, und gewährte einen augenblicklichen
Widerstand, der dem Oberreiter des Hauses Zeit liess, sich in den Handel zu
mengen. Er wies die Angreifenden mit Wort und Tat zurück, und das umstehende
Volk nahm seine und des unglücklichen Verbrechers Partei. Der Schöff schien
jedoch hierauf nicht zu achten in seinem Ungestüm, und legte in Person Hand an
den Herrn von der Rhön. Verloren schien dieser in seiner Verfolger Gewalt, als
der Komtur des Hauses rasch aus der Pforte kam, und mit kühner Faust den
Ergriffenen wieder frei machte.
    »Wer wagt's, sich an unsern guten Rechten zu vergreifen?« fragte er trotzig:
»Hat uns der Stuhl zu Rom und Kaiser und Reich dieselben darum gegeben, dass ein
Ratsherr, von Frankfurt mit ihnen verfahren könnte, wie ein Kind Mit seinem
Spielwerke? Lasst die Hand ab, und geht mit Gott ohne diesen Mann.« - Der Schöff
behauptete, der Verfolgte habe noch nicht die gefegten Steine berührt gehabt,
als man herangekommen; aber die Stimme des Volks widersprach seinen Worten, und
der Komtur hielt sich an die Rede des Volks. - »Zieht ab;« rief er: »ohnehin
gehört der Mönch vor sein eigen geistliches Gericht.« - »Er ist kein wirklicher
Mönch!« entgegnete der Schöffe zornig: »Er trägt die Kutte ohne Beruf und
Vergunst. Unser muss er sein.« - »Und wenn's der Teufel selbst wäre im
Barfüssergewand,« - überschrie den Ratsherrn der Komtur, - »so muss er sicher
sein unter unserm schwarzen Kreuze, sonst sperren wir das Haus, und ziehen Euch
vor dem Reichstage zu Rede und Antwort. Lasst darum den Mann und uns in Frieden;
über vier Wochen mögt Ihr wiederkommen!«2 - Mit diesen Worten, ohne seine Rede
ferner zu vergeuden, zog der Komtur den Herrn von der Rhön nach sich in's Haus,
und riegelte mit eigner Hand die Pforte zu, sich wenig bekümmernd um das Toben
und Schelten der abziehenden Ratsknechte und Söldner. Bilger folgte seinem
Schutzherrn ohne jede Überlegung in-den Saal des Erdgeschosses, wo sich zu
gleicher Zeit der Trappierer und der Pfaffe des Hauses einfanden, um den
Ankömmling neugierig zu betrachten.
    »Ihr habt Euer Probe- und Meisterstücklein herrlich gemacht, Herr Komtur!«
sprach der Pfaffe schmunzelnd zu dem Ritter: »Ihr seid mit den Leuten
umgesprungen, als ob Ihr seit einem Jahrzehend mit ihnen zu Felde gelegen.« -
»Hm!« entgegnete der deutsche Herr lächelnd: »Ihr wisst ja, Pater, dass man die
Kinder hat, wie man sie zieht. Gleich von Anbeginn den Daumen wacker auf die
Augen gedrückt, bewahrt vor dem Allzuhellsehen. Nun aber zu Dir, Du sauberer
Vogel;« fuhr er fort, zu Bilger gewendet: »Du hast ein leichtfertig und
verpöntes Stücklein gemacht, wie ich vernommen. Der Todschlag mit offner Wehr
kommt sonst in Deinem Gewand selten vor. Sag' darum an, ob der Schöffe
wahrgesprochen, da er schwur, Du seist kein Mönch, und bekenne: wer bist Du
denn?« - Bilger hatte indessen den Blick starr und steif auf den Komtur
gerichtet, schwieg noch eine Weile, und antwortete hierauf mit dumpfer Stimme:
»Ich bin bereit, Euch zu sagen, was Ihr verlangt, Herr, doch eben und gerade nur
Euch.« - »Da muss Erbauliches dahinterstecken, was wohl nicht mit einer Busse von
vier Wochen abgetan sein dürfte,« spottete der Ritter, beurlaubte indessen
seine Freunde mit einem stolzen Kopfnicken und blieb mit dem von der Rhön
allein. Dieser, statt ein Wort zu reden, begnügte sich, vor den Komtur
hinzutreten, ihm fest in's Auge zu sehen, und die Kaputze vom Haupte zu ziehen.
Der Ritter starrte ihn verwundert an, aber nur nach langem Zweifeln stieg eine
Erinnerung in ihm empor, die seine Augenbraunen hoch emporzog und die kahle
Stirne in trübe Falten legte. - »Bei meinem Eid!« begann er endlich: »seh' ich
recht? täuscht mich auch nicht der Bart und das fahle Gesicht, oder seid Ihr's
wirklich, Rudolph Bilger?« - »Ich bin's, Herr,« entgegnete der von der Rhön,
»und an Eurer gerunzelten Stirne sehe ich, dass Ihr mir ferner Euern Schutz nicht
gewähren werdet für ein Verbrechen, dessen Wurzel eigentlich nur in Euch zu
suchen ist; wisst, ich erschlug Wallraden!« - Da wurde der deutsche Herr bleich
wie die Wand, und so ergriffen, dass er sich an das Fenstergesimse lehnen musste.
»Wallrade?« seufzte er kaum vernehmlich: »Wallraden habt Ihr erschlagen?« Er
hielt die Hand vor die Stirne und Augen, und da er sie wieder wegzog, war die
braune Röte abermals auf sein Antlitz gestiegen, und seine Augen leuchteten
wieder wie herausfordernde Irrwische und der Mund warf sich wieder trotzig auf
unter dem borstigen Knebelbarte wie zuvor. »Seid mir willkommen, von der Rhön!«
sagte er, dem Staunenden die Hand reichend: »Obschon Ihr an meinem Schutze
verzweifelt, so liefre ich Euch dennoch nicht aus; gerade jetzo nicht, denn der
heilige Georg hat nicht besser getan, da er den Lindwurm verletzte, als Ihr, da
Ihr diesen Teufel zur Heimat sandtet. Wohl bekomm's der falschen Metze! Sie
hat's verdient an manchem Biedermann!« - »Euch, gerade Euch also reden zu hören
...?« hob Rudolph an: »Wie reim' ich das?«
    »Reimt's wie Ihr wollt;« antwortete der Komtur: »aber ich bin ein reifer
geworden in der Welt, seit wir uns nicht sahen. Ich bin ein wildes Blut gewesen,
und die Leute sagen, ich wär' es noch, obgleich der Säbel eines verfluchten
Polen meinen Schädel - seht diese Narbe - in der Feldschlacht also zugerichtet
hat, dass mir mit den Haaren auch der Satan darunter hätte ausgehen müssen, wenn
Alles mit rechten Dingen zuginge. Aber meine Wildheit reicht noch lange nicht an
die Schlechtigkeit der Dame von Baldergrün. Nachdem meine Wunde geheilt worden
war, und der Heermeister im Kapitel den Komtursstab als Pflaster darauf gelegt
hatte, als ich wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimat wieder auf
meiner Fahrt hieher durch meine Heimat und Türingen kam, wo man mich
allentalben anstaunte wie einen todtgeglaubten Mann, ... was hörte ich nicht
von Wallraden? Wie manchen wackern Mann nannte man mir nicht, der sich zeiter
in den Schligen der Hexe gefangen und sehr übel darnach befunden hatte? War sie
früher nur ein Spiel meiner Leidenschaft gewesen, so wurde sie jetzo ein
Gegenstand meines Abscheus. Ich wusste wohl, dass sie sich hier befinde, aber
tausend Jahre hätte sie leben können, ohne mich zu sehen. Vetter Issing ist für
sie nicht mehr auf der Welt. Noch einmal: wohl bekomme ihr der gähe Tod. Was
aber ist aus Euerm Johannes geworden, von der Rhön?« - »O, Ihr reisst eine Wunde
auf, deren ich in dieser unglücksschwangern Stunde ganz vergessen hätte;« rief
Bilger ausser sich, und erzählte nun dem aufmerksamen Komtur seiner Leiden
bedauernswürdige Geschichte, wie er geglaubt, Weib und Tochter verloren zu
haben, wie er seine einzige Hoffnung auf den Knaben gesetzt, und wie ihm das
grausame Verhängnis die Tochter wieder in die Arme geführt habe, um ihm sie,
ihre geliebte Mutter, den von fremder Gnade lebenden Sohn, und überhaupt alles
Glück, alle Freude des Lebens durch einen im Zorn verübten Mord unerbittlich zu
rauben.
    »O ich bin ein sehr unglücklicher Mensch!« schloss der arme Mann mit jener
starren Verzweiflung, die auch im höchsten Schmerz keine erleichternde Träne in
das trockne Auge lässt: »und besser fürwahr wäre es, Ihr übergäbet mich alsobald
den Händen des Halsgerichts, das vor der Türe lauert, und dem ich nach kurzer
Frist ohnehin zum Raube werden muss. Das Elend, in welchem ich vergehe,
beschreibt keine Zunge, und wenn ich mich über den Verlust meiner irdischen
Freude trösten möchte, so kann ich's nicht, denn mein Bewusstsein ist voll
Schuld, denn auf mir lastet - ausser der blutigen Tat, die mir vielleicht der
Barmherzige vergäbe - eine Sünde wider Ihn und seine Gebote, die nicht Er, die
nicht seine Kirche verzeiht und erlässt; die Sünde der Doppelehe, gleich zu
rechnen der Blutschande und sträflichen Unzucht. Wer hilft mir aus diesem
Gewirre von Freveln, und werde ich sie denn auf dem Blutgerüste sogar abbüssen
können?« - Der Komtur blickte unter seinen buschigen Augenbraunen hervor auf
das zerstörte Gesicht des jammernden Bilger's, und er sagte mit roher
Gutmütigkeit: »Denkt doch nicht jetzt schon an's Sterben und den unehrlichen
Henker. Noch habt Ihr Frist genug dazu, und die Bullenbeisser auf unsers Hauses
Schwelle mögen sich vor der Hand die Nase stumpf wittern. Erholt Euch; aus einem
Scheinfreunde bin ich Euer wahrer Freund geworden, und will Euch Gutes tun, wie
ich nur vermag. Weib und Kind kann ich Euch nicht wieder schaffen, und Euern
Hals nicht sichern vor dem Schwerte der Frankfurter, aber lustiger und
gemächlicher sollt Ihr die Zeit hinbringen, und erwarten, ob nicht etwa ein
Cardinal oder der heilige Vater selbst, oder der Kaiser diese Strasse ziehe; das
sind Leute, deren Anblick allein Gnade bringt und Freiheit. Hofft, auf was Ihr
wollt; auf ein Wunder, auf des Himmels Einsturz sogar; das gilt mir gleich! aber
hofft nur, und schlagt Euch den Stöcker aus dem Sinne. Werdet wieder ein Mensch,
der Alles hinter sich wirft, und glättet die Stirne. Wir im deutschen Hause sind
keine Kopfhänger, und lieben Tafel, Wein und Scherz. Selbst mit den Weibern
nehmen wir's nicht genau, - sind sie uns gleich verboten. Anlässe genug um
fröhlich zu sein mit den Fröhlichen. Vier Wochen sind eine Ewigkeit für den
zuversichtlichen Grillenfeind. Euer Trübsinn hilft nicht; darum jagt ihn weg,
und lasst für die Zukunft den Herrgott sorgen!«
 
                                    Fussnoten
1 Auf dem Liebfrauenberge.
2 Ein Mörder war in dem Hause der deutschen Herren eine Frist von vier Wochen
hindurch vor dem Blutrichter sicher.
 
                                Achtes Kapitel.
                Wenn auch kein Balsam mehr des Leibes Wunden heilen mag, so
                nehmt von der Zunge des Scheidenden die Schuld, und legt darauf
                den süssen Balsam der Vergebung, dass er fröhlich hinscheide.
                                                                           W ...
So wie der Haufe des neugierigen Pöbels vor dem Hause der deutschen Herren stand
und die geschlossene Türe angaffte, sammt den Söldnern des Rats, die vor der
derselben auf der Lauerwache standen, also auch die Menge des Volkes vor dem
Klostertore der weissen Frauen, nachdem man Wallraden hineingetragen hatte,
blutig und entstellt, eine erbarmenswerte Leiche. Wie ein Blitz hatte die
Schreckenskunde die Stadt durchflogen, und nicht zuletzt Dieters Haus erreicht.
Der Altbürger war abwesend, und Margarete, - allen Groll vergessend, nur der
Stimme des Mitleides und weiblicher Milde Gehör gebend, die in ihrem Herzen laut
wurde, flog auf den Flügeln, der Angst und des Schreckens nach dem Kloster, um
wo möglich Wallraden vor ihrem Hintritt noch zu sehen, ihr den Tod leichter zu
machen durch die Versöhnung. Die Zelle, die Wallrade als Gast des Klosters
bewohnte, war gedrängt voll von Menschen. Um das von Blut gerötete Lager
standen dienende Frauen des Klosters, ... Gundel kniete zu Haupten des Bettes
und flehte zum Himmel, dass er ihr nicht den Tod der Gebieterin anrechnen möge;
zu den Füssen des Bettes lag Willhild auf ihren Knien, und betete, ohne
aufzuhören, oder ihren Lippen einen Stillstand zu gönnen. Die Oberin des
Klosters, die stolze Walburg, die innige Freundin Wallradens, war beschäftigt
mit ihren kunsterfahrnen Händen und Augen die Wunde der Bewusstlosen zu
untersuchen, und Judit, die Magd half ihr bei diesem mühsamen Geschäfte. In der
Ecke aber stand Dagobert mit blassem Angesichte, die kleine Agnes noch auf dem
Arme, und im Auge den trostlosen Anblick einer sterbenden Schwester, gegen
welche er jeden Zorn verschwunden fühlte. Ihr Leiden hatte ihn entwaffnet, und
dankbar schier reichte er Margareten die Hand, da sie zu ihm trat. »Gott
vergelte Euch den guten Herzenswillen, ehrsame Frau;« sprach er: »Ihr verschmäht
es nicht, einer in den Staub gefallenen Euch zu nahen, und zum Frieden zu reden,
wie mir's Euer himmelklares. Angesicht sagt; - eine deutliche Schrift. Ich
fürchte jedoch, - Ihr kommt zu spät. Dennoch aber,« setzte er leiser, hinzu, auf
Willhild deutend: - »dennoch früh genug, um diese hier zu sehen.« - Margarete
erbleichte jählings, da sie das gefürchtete Weib ersah, und näherte sich
demselben. Mit gepresster kaum vernehmbarer Stimme fragte sie die
Hochaufschauende, wie sie daher gekommen, und welcher Endzweck sie zu Wallraden
geführt habe. - »O liebe Frau,« entgegnete Willhild: »Ich habe gelernt, wie
nichts besser sei, denn Wahrheit. Konnte diejenige, die dort verscheidet, mir
die Wahrheit abschwatzen mit Trug und List, warum sollte ich sie nicht
öffentlich bekennen? Erschrocken, dass ich Eurer Stieftochter, in Krankheitsangst
und von meinem blödsinnigen Manne versucht, entdeckt, was ich nicht entdecken
sollte, fürchtete ich Euren Anblick, und da mein Paul wieder heim kam, und mir
glaublich wurde, dass er Euern Gemahl selbst gesprochen, dass dieser um Alles
wusste, und fürchterlich strafen würde, da ward ich plötzlich gesund von dem
Gebreste. Die Angst hatte mich geheilt, und mein Herz sehnte sich nach dem
Compostell, um dort Vergebung meiner Sünde zu holen. Aber aus einem Kloster auf
der Gränze von Elsass sandte man mich zurück. Der Prior versagte um jeden
Beistand zur weitern Pilgerfahrt, wenn ich nicht heimkehren, selbst Alles reuig
bekennen würde, und Vergebung erhielte. Meinen Mann zurücklassend eilte ich
zurück auf wunden Sohlen, und gelangte heute hieher. Wie hätte ich ohne Schutz
vor Euer Antlitz treten können, vor Euch, die ich verraten? - Eine
Fürsprecherin glaubte ich in dem Fräulein zu finden, was ein bedauernswerter
Zufall mir in den Gassen der Stadt begegnen liess. Wallraden's Freude über mein
Erscheinen war ausserordentlich. So mögen sie denn Alle mich Lügen strafen!
sagte sie recht hämisch: Ich habe hier den besten Zeugen gefunden, und aus dem
Hause soll mir die Frau und der Bube. Kommt mit, Wilhild. Seid herzhaft und
dreist, und Euer Schade soll's nicht sein. - Nun merkte ich wohl, dass ich vor
die unrechte Schmiede geraten war, allein hier half keine Widerrede. Angstvoll
der Dinge wartend, die da kommen würden, folgte ich Eurer Stieftochter, als mit
einemmale das Unglück in dem wahnsinnigen Mönche einherraste.« - »Und was
gedenkst Du jetzt zu tun?« fragte Margarete forschend. - »Ich muss Herrn
Dieter Alles bekennen, ehrsame Frau;« versetzte Wilhild: »Sie sprechen mich
sonst nicht los zu Compostell. Aber Euch, die ich so sehr getäuscht, will ich
überlassen, wann es geschehen soll.« - Dagobert winkte Margareten zu, und sie
verstand den gutgemeinten Wink. - »Ich rufe Dich;« sagte sie zu Wilhild, die
sich sofort wieder zum Beten anschickte, und ging an das Bette der unglücklichen
Wallrade. »Gesegnet sei der Herr,« sprach so eben Walburga: »noch lebt die
Ärmste, und heilbar scheint mir die schwere Wunde.« Alles drängte sich dem Lager
näher, um zu sehen, wie stufenweise das Leben wieder in die Glieder der
Verwundeten trat, um zu hören, wie endlich der erste Seufzer ihren Lippen
entschwebte, und das erste Wort aus ihrem Munde ging, dem alsdann wieder der
erste Blick folgte. Doch das Auge Wallradens schloss sich wie geblendet vor den
Zügen Margaretens, und die Schaam jagte eine flüchtig vergehende Röte, auf die
todtenfarbigen Wangen des Fräuleins. - »Warum nicht todt?« stammelte ihr Mund:
»warum gerade diese vor meinen Augen?« - Die Oberin, um das Gemüt ihrer
Freundin, und einen schmerzlichen Auftritt zwischen ihr und ihren Angehörigen,
nicht der Neugierde und dem Tadel fremder Augen blosszustellen, entfernte die
Frauen des Klosters. Unter ihnen, oder vielmehr nach ihnen entfernte sich auch
Judit, die sich erinnerte, dass sie über dem gräulichen Mordschauspiele
vergessen hatte, der armen Frau, die im Kloster eingesperrt war und gehalten
wurde, wie eine Wahnsinnige, ihre Kost zu bringen. Das Versäumte eilte die
Mitleidige nachzuholen, liess sich von der Küchenmeisterin Speisen und Schlüssel
geben, und trat zu der abgehärmten Frau in die dürftige, enge und wohlverwahrte
Clause. - »Seid nicht böse,« redete sie so sanft als möglich, und versuchte ihre
unschönen Züge durch Freundlichkeit gefälliger zu machen: »seid nicht böse,
liebe Frau Katarine. Ich bin ein unwürdig, vergesslich Ding, das allentalben
seine Hände bieten möchte, und dabei immer Einem oder dem Andern ein Leid tut.
Mir tut es herzlich weh, dass Ihr gehungert habt um meinetwillen. Vergebt mir.«
- »Ach, was bist Du eine gute treue Magd;« erwiederte Katarina wehmütig
freundlich, richtete sich aber nicht empor, aus der nachdenkenden Stellung, in
welcher sie von Judit gefunden worden: »Habe Dank! beruhige Dich jedoch. Mich
hungert nicht, ... denn wie sollte ich in meinem Elend mich erinnern, dass ich
ein Weib bin, dass noch fürder zu leben gedenkt? Sage mir, liebe, gute Judit, ob
noch keine Frau nach mir gefragt hat, ... ob noch kein Kind gebracht worden ist,
das ich umarmen soll?« - Judit verneinte, bekümmert lächelnd, denn sie meinte,
die Frau spräche wieder im Wahnsinn. - »Das ist doch recht traurig,« sprach
Katarine weiter, und das Haupt liess sie in ihre Hand sinken, wie die hellen
Tränen aus den Augen: »Sieh, Judit, sieh, das wird mich wahnsinnig machen,
wenn ich's nicht schon bin. - Und sie hatte mir's so heilig versprochen und
gelobt!« setzte sie, vor sich hinredend hinzu: »und sie bleibt aus, mit meinem
Kinde.« - »Esset doch, gute Frau!« ermahnte Judit: »Es segne der Herr Eures
Körpers Gedeihen, und zugleich das Licht Eures Haupts.« - »Lass mich doch;«
versetzte Katarine schwermütig: »Glaubst denn Du auch, dass ich töricht im
Gehirn bin? O lass doch die Leute reden. Leider habe ich meinen Verstand, und
wenn ich ihnen nur sagen dürfte, wer ich bin, und wie ich mich nenne, und wenn
meine Freundin käme und sähe, wie man hier mit mir verfährt, grausam, wie mit
einem wilden Tiere ... dann sollte Alles anders werden. Aber wo wird sie sein,
die Zeit? wo sind sie, meine Lieben?« - »Wehrt doch Euern Tränen, Frau,«
ermahnte Judit dringender: »Das Wasser des Auges hilft nie von dem, was das
Auge gesehen, noch zu dem, was es verloren hat.«
    »Verloren?« fragte Katarina schnell: »Verloren? Wahrlich, wahrlich, Du hast
Recht. Hin ist hin, verloren ist verloren, und nimmer, - ach nimmer kehrt das
Verlorne wieder. Glaube mir doch ja,« setzte sie langsamer und schwermütig
hinzu: »Glaube doch ja, dass ich nicht wahnsinnig bin, und sage es der
hochwürdigen Frau Walburg; ich könnte aber verwirrt im Haupte werden, wenn man
mich fürder zwingen möchte, mit meinem Schmerz und meiner ungewissen Angst
allein zu sein. Erzählt mir aber jetzt, meine gute Magd, wie es kam, dass Du
heute so lange weggeblieben?« - Judit erzählte, was vorgefallen war, aber mit
vieler Vorsicht, um das Gemüt der Seelenkranken nicht allzuheftig zu
erschüttern. Gleichgültig fast fragte endlich Katarina nach dem Namen der zum
Tode Verwundeten, und Judit glaubte ihr nicht verheelen zu müssen. Nun war es
aber gerade, als ob alle Flammen der Leidenschaft aus der schwermütigen Frau von
der Rhön schlügen, denn sie fuhr auf, dass selbst die herzhafte Judit
erschrecken musste. »Wallrade!« rief sie: »Wallrade? o bittre, allzubittre
Täuschung! Sie hat in diesen Mauern gelebt, und liess mich im Kerker? .... Auf
ihren Befehl liege ich also hier im Ketten? O, der Gräuelstunden meines Lebens
schrecklichste komme über ihr Haupt! Doch nein, nein ....« ejetzte sie gemässigter
hinzu: »hat sie denn Gottes Gericht nicht schon getroffen? Liegt sie nicht
darnieder, wie ein abgerissener Zweig! Fluche ihr nicht Katarine, aber fluche
auch deinem Gatten nicht, dessen Leummut die Schlange gewiss nur vergiftet hat,
um meine Ruhe zu morden!« - »Ach, welche Erinnerung tut sich mir auf beim
Angedenken meines Gatten! Judit! Judit! denke Dir den Jammer einer Mutter! Hat
gleich das schwere Schicksal und Dein eigner starrer Wille Dich bestimmt, nie
die Mutterfreuden zu geniessen, so bist Du doch ein Weib; Du ahnest doch Leiden
und Wonne des Weibes; hilf mir darum heraus, heraus aus diesem Kerker, - hinaus
zu der Sterbenden, .... denn ich muss mit ihr reden, .... ich muss sie sehen ....«
- »Gute Frau,« - entgegnete Judit, welche noch immer auf dem Glauben an
Katarinens Wahnsinn beharrte, und in ihrem Schmerz nur einen heftigen Anfall
der Krankheit sah: »Fasst und mässigt Euch, .... ich vermag nicht, was Ihr
begehrt, und zudem ist es leider gewiss schon zu spät. Wallrade lebt gewiss nicht
mehr.« - »Barmherziger Gott!« kreischte Katarina grässlich auf: »Sie lebte nicht
mehr? Was sagst Du, Unselige? Das kann nicht sein! Sie darf nicht todt sein,
.... sie kann nicht sterben! Sie muss mir ja sagen, wo mein Kind hingekommen ist
.... ich bin ja Agnesens Mutter, .... sie darf mir ja nicht verhelen ... O um
Gotteswillen, Judit! Judit! lass mich fort an ihr Sterbelager.« - Judit suchte
in dem Vorrat ihrer Bibelsprüche vergebens Einen, der als Talisman gedient
hätte, die gegen jeden fernern Zwang rüstig Aufstrebende zurückzuhalten, ...,
die Gewalt ihrer Hände gegen die Unglückliche zu gebrauchen, weigerte sich ihr
Mitleid, welches die Möglichkeit, dass hier nicht Wahnsinn sowohl, als endloses
Leid die Sprache führen möge, gar wohl ahnte. Sie war daher auf dem Punkte, dem
ihr auferlegten Gebote zum Trotz, die als töricht Eingesperrte dahin zu lassen,
wohin ihrer ganzen Seele Sehnsucht strebte, als Walburg's Eintritt sie aus der
Verlegenheit riss. Das Gesicht der strengen, unerbittlichen Oberin war finster
und trug die Spuren einer unangenehmen Beweg. Sie trat langsam vor Katarinen
hin, betrachtete die in Schmerz Vergehende, welche, aus Furcht verstummend,
umsonst nach Worten suchte, der Nonne zu sagen, was sie der Magd gesagt hatte,
und schüttelte ernst das Haupt. - »Ich bin arg hintergangen worden;« sagte sie
alsdann, - »oder aus der Verwundeten spricht die Glut des Fiebers. Wahr soll es
sein, dass Ihr Eure Vernunft besitzt: dass Ihr nicht wahnwitzig geworden über den
Tod eines Kindes ....?« - »Mein Kind lebt!« fiel Katarine ein: hochwürdige
Frau! um Gotteswillen, mein Kind lebt; sagt mir nicht anders. Ich will Euch ja
von Herzen vergeben, was Ihr Böses an mir getan. Ihr wart hintergangen, - Ihr
seid ein schwacher Mensch gleich mir; der Satan hatte Euch umstrickt; .... aber
damit ich Euch verzeihe, sagt mir nur nicht, dass mein Kind todt ist. Sie wird es
doch nicht gemordet haben, - die Abscheuliche? Sagt nicht. - Ja würdige Frau.
Des Kindes Vater hat sie ins Elend getrieben; ... sie wird doch nicht das
Töchterlein erwürgt haben? - »Nein, nein, ehrsame Frau;« antwortete Walburg
zuversichtlich: »Dieses Kind lebt; ich will es Euch zeigen sogar, in Eure Arme
es legen, denn diese Mutterangst ist nicht Tollheit, und ich fürchte, ich habe
mich sehr versündigt an Euch. Kommt mit mir, arme Frau, und bringt ein
versöhnlich Herz zu der Todtkranken, damit sie nicht auf ihren Sünden hinab,
sondern auf ihrer Reue zum Himmel steige.« - Ohne ein Wort zu erwiedern, behende
wie die Löwin, die, zur Höhle kehrend, ihre Jungen nicht mehr findet, und
hinausstürmt, um ihre Spur zu entdecken, folgte Catarine der Oberin, und Judit
murmelte hinter ihnen her: »O ja, ihr Menschenkinder. Tut Busse, und übt Reue,
denn Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist, weil Ihr nicht glaubt an Wunder,
Zeichen und Ahnung. Liesse ich mir nicht die Hand abhauen, wenn ich meinem Vater,
meiner Mutter einen tod hätte bereiten können, wie ihn hier die Verbrecherin
stirbt, im Schoss der Reue? Eitle Wünsche! Barmherzig ist der Herr und er kann
Alles tun, was er begehrt, weil auf seinen Fingern einst die Ruhe, und strafe
ihren Mörder nach Verdienst. Wenn jemals die Bitten einer Tochter Eingang fanden
zu seinem Ohre, so wird, so muss dieses Gebet erfüllt werden. Amen!« -
    Mit versöhnlichem Herzen, und mit dem aufrichtigsten Willen, zu vergeben,
betrat Catarina an Walburg's Hand Wallradens Zelle, aber nur einen
schmerzlichen Blick warf sie auf die Todbleiche, die so eben von Margareten und
Willhild aus einer Ohnmacht geweckt wurde, - und zu stürzte sie auf die kleine
Agnese, die von Dagoberts Armen ihr entgegenlächelte und jauchzte. Die treue, im
Entzücken versunkene Mutter hatte keinen andern Gedanken von da an, als ihr
Kind, kauerte sich mit demselben in einen Winkel, koste mit ihm, herzte es,
machte tausend Fragen an seinen geschwätzigen Mund, und vergass Alles um sich
her. Wallraden, die wieder zu sich gekommen war, tat es wohl, von der
Misshandelten nicht angeredet zu werden, und sie fuhr in der offenen Beichte
fort, die sie schon früher gegen Margareten begonnen hatte, - von der kurzen
Bewusstlosigkeit unterbrochen. »Es ist hart«, lispelte sie, »dass ich um mich nur
Menschen sehen kann, denen ich weh getan, die ich hinterging. Das Schwert des
Mörders hat der Reue eine fürchterliche Bahn in meinem Busen gemacht, und nur
Eure Gegenwart, Margarete, ... Eure Milde ist Arznei für mich. Die ich am
meisten hasste stehen bei mir, ... die Andern verliessen mich. Lasst mich endigen,
Stiefmutter; lasst mich Eurer freundlichen Sorge das Kind empfehlen, das von mir
ausgestossen wurde, und alles Unheil in Euer Haus und über Andere brachte, ...
der unschuldige Knabe. Ich hatte nie ein Mutterrherz: ich habe nie das Kind
geliebt, dessen Vater ich hasste. Ich überliess dem, der mich verlassen, den
Knaben nicht, damit er keine Freude an ihm erleben sollte; ich misshandelte den
Buben, weil ich in ihm des Vater Ebenbild zu demütigen glaubte: ich stiess ihn
hinaus in die Welt, weil mir endlich sein Anblick unterträglich wurde, da sich
in seinem Gesichte, durch Zufall oder geheimen Zusammenhang der
Blutsfreundschaft, die Züge des verabscheuten Bruders entwickelten. Gundel und
Rüdiger waren Zeugen meiner Taten, und der unverfälschlichste ist der Knabe
selbst, denn Er ist Euer kleiner Johannes.« - Staunend schlug Margarete die
Hände zusammen, und versank in düstres Nachdenken. - »Lasst ihm nicht entgelten,
was seine Mutter verbrach, ...« flehte Wallrade: »Stosst ihn nicht von Euch, wie
ich getan; .... Dagobert, ... sei Du des Knaben Schirm. Ach, der Vater wird ihn
ja nicht ganz verlassen, denn er hat mich Unwürdige ja einst geliebt, obschon
sein Zorn ihm jetzo nicht erlaubt an meinem Todtenbette zu stehen. Dagobert!
Sorge Du für den kleinen Hans! Versprich es mir!« - »Ich gelobe,« antwortete
Dagobert, Wallradens Hand fassend, - »des Knaben Freund und treuer Ohm zu sein;
ihn nimmer zu verlassen, und zu halten wie einen Sohn.« - »Das erheitert mein
schrecklich Ende;« flüsterte Wallrade; dann setzte sie mit erhabener Stimme
hinzu: »O meine Lieben und Freunde: könnte ich Euch doch eine Hoffnung
zurücklassen zum Ersatz für all das Böse, das ich Euch in Wirklichkeit getan.
Vergebens werdet Ihr das Kreuz auf dem Grabe Eures Söhnleins suchen. Willhild's
Angst vor der gerechten Strafe ihrer Unvorsichtigkeit wälzte eine Schuld auf
sie, die alles Andre nach sich zog. Johannes starb nicht bei ihr.« - »Nicht?«
rief Margarete heftige aus, und beugte sich tiefer zu Wallradens Lippen. »Hab'
ich auch recht vernommen? Johannes starb nicht? Um Gotteswillen! Willhild; was
soll das bedeuten?« - Willhild drückte furchtsam und schuchzend das Antlitz in
die Kissen des Lagers; Wallrade versuchte vergebens zu sprechen; Dagobert jedoch
ergänzte mit vorsichtiger Kürze das Mangelnde. »Rüdiger, der Knecht,« sprach er,
»hat mir im Sterben gestanden, was er dem Manne Willhildens, dem halb
blödsinnigen Paul entlockt hatte: Der Knabe kränkelte sehr, und war nahe dem
Versiechen, da rief eines Tages ein notwendig Feldgeschäft Willhild und Paul
zur Bestellung ausserhalb der Hütte. Das seltne freundliche Späterbstwetter,
bewog die Pfleger, den ihnen anvertrauten Sohn nicht in der Hütte einzusperren,
wie sie sonst wohl getan, wenn sein überhandnehmendes Gebreste es verhinderte,
ihn mit auf's Feld zu nehmen. Sie liessen dem Buben Wies und Gärtlein frei, und
da sie von der einsamen Wohnung gingen, hatte sich das kranke Kind in den
Sonnenschein auf eine kleine Bank gelagert, die am Gehege stand, und war
eingeschlummert vor Schwäche. Die Leute blieben stehen vor dem Knaben, und ihnen
war, als sollten sie nicht von dannen gehen, und das Herz wurde ihnen weich beim
Anblick des abgemagerten Gesichts und Körperleins. Sie trauten sich jedoch
nicht, den Kleinen zu wecken, breiteten noch ein Tüchlein über sein Antlitz, und
begaben sich hinweg. Da sie aber wieder zurückkehrten, war der Bube nicht mehr
da, und nicht in Haus und Hof, nicht auf Wies und Feld zu finden, und bis auf
den heutigen Tag nirgends eine Spur von ihm anzutreffen gewesen.« - Dagobert
schwieg, und der Schmerz der Mutter nahm nun das Wort: »O, wie erneuert diese
Erzählung blutende Wunden!« klagte sie: »Wie doppelt fühle ich jetzt den Gram um
meinen Einziggebornen! Bis jetzt glaubte ich ihn in kühle Erde versenkt, im
geweihten, christlichen Grabe, und jetzt erst muss ich befürchten, dass ihn ein
wildes Tier hinweggetragen, das herabgekommen ist von des Haynreichs waldigem
Rücken1. Seine Gebeine sind ein Spott der Vögel geworden, und düngen den Boden
des Forstes! Willhild! Willhild! Was hast du auf dem Gewissen, Unglückliche? Und
ist Alles wahr, was ich vernommen?«
    Willhild vermochte nur, stumm den Kopf zu neigen, und brach in lautes Weinen
aus. Wallrade winkte ebenfalls bekräftigend, und faltete die Hände, wie um
Vergebung für die reuevolle Pflegerin zu bitten. - »Das hat lange auf meiner
Brust gelastet,« begann Dagobert; »und ich konnte mich nicht überwinden, es zu
entdecken, aber das Unglück schenkt dem Menschen nichts. Fasst Euch daher, gute
Mutter, und setzt Eure Zuversicht auf Gott, wie Ihr auf diese arme Frau keinen
Groll werft, sondern die Liebe des Gerechten, das Mitleid Eurer Seele.« - »Dann
sterbe ich leichter,« sprach Wallrade, die wieder zu Kräften gekommen war:
»ruhiger, unter Verzeihenden eine Vergebende, denn ich nehme alle Schuld von
meinem Mörder, dem unglücklichen von der Rhön.« -
    »Von der Rhön?« fragte Catarina, aus ihrem zärtlichen Kosen mit dem Kind
aufschreckend: »Was ist mit ihm? Wallrade, ich beschwöre Euch bei der
Barmherzigkeit Gottes, ... bei Eurem Seelenheil, ... wo ist der dessen Namen Ihr
nanntet? Auch dieses lallende Kind nannte ihn .... was soll ich glauben, was
werde ich hören? Redet, ... nur ein Wort, mein Fräulein, wo ist mein Gatte, ...
was geschah mit ihm?« - Wallrade schlug die Augen gen Himmel, blickte dann
fragend nach der Äbtissin, im Begriff zu reden. Walburg raunte jedoch befehlend
in das Ohr der Verwundeten: »Schweigt, .... lasst mich der Schwerbedrängten
antworten, damit die Kunde von der Wahrheit sie nicht tödte aus unsrer Mitte. -
Euer Gatte lebt:« sprach sie hierauf zu der gespannten Zuhörerin: »Noch mehr;
Ihr werdet ihn sehen; macht euch gefasst, ihn im Schoss des Glücks zu finden,
...« - »Des Glücks?« fragte Catarine rasch entgegen: »Hochwürdige Frau, ... wie
konnte Bilger glücklich sein, ohne die, die ihn lieben? Ach, möchte er in Armut
und Dürftigkeit darniederliegen ... mein Anblick, der Anblick seines Kindes wird
ihm willkommen sein. Ich will ihn pflegen, ich will sein Leben erleichtern.
Gott! Alles will ich tun, Alles leiden, Hunger und Pein mit ihm leiden, wenn
ich ihr nun sehen, in seiner Nähe sein kann, denn so wie ich liebt ihn keine
Andere, so hat ihn jene sicher nicht geliebt, der er gehuldigt, bevor er mir die
Treue gelobte.« - Wallrade zuckte schmerzhaft zusammen. Walburg versetzte; »Über
die Vergangenheit, gute Frau, lasst uns einen Schleier werfen, und uns freuen,
dass auch die Zukunft hinter einem Schleier liegt. Verlasst Euch indessen darauf:
Euern Gatten sollt Ihr sehen. Vielleicht schon morgen, vielleicht noch heute
Abend. Bleibt aber ruhig jetzt, und geht auf Eure Zelle mit Eurem Kinde. Ihr
sollt wohl gehalten sein; denn ich will mein Unrecht gut machen; betet aber
dafür ein Vaterunser und ein Stossgebet für diese im Todeskampfe Leidende!« -
Dagobert glaubte, indem er einen Blick auf der Schwester Antlitz warf, dass sie
schon verschieden sei, doch Margaretens Ohr hörte das fast unmerkbare Atmen
ihrer wunden Brust, und winkte Allen stille zu sein. Dieser Schlummer, der die
Arme befallen, schien derjenige, der oft dem allerletzten Schlummer, in welchem
der Odem erlischt, vorausgeht. Katarina entfernte sich mit ihrer kleinen Agnes
um in der Hoffnung des Wiedersehens zu schwelgen, Walburg betete bei dem Lager
der Freundin. Dagobert sass neben ihr, wie ein treuer Wächter. Margarete,
nachdem sie eine kleine Weile überlegt, flüsterte zu Dagobert: »Bleibt Ihr, mein
guter Sohn; ich kann sie nicht verscheiden sehen. Ich gehe, meine längst
versäumte Pflicht zu erfüllen, und vor Dieters Augen die Wahrheit zu entüllen.
Weh mir, dass meine Schwäche, mein Wankelmut bis jetzt das Geständnis
verzögerte: bis jetzt, wo es ein entsetzliches Verhängnis aus meinem Busen
reisst. Indessen einmal besser als nie. Komm, Willhild, komm, von diesem
Sterbelager müssen wir rein gehen, und nur zu den Füssen meines Herrn ist jetzt
unsre Stelle.« - »Gott segne Euern Weg;« erwiederte Dagobert mit
freudeleuchtenden Augen: »Es wird hell in unserm Hause werden, und nur zu
beklagen ist's, dass hier Nacht werden muss, damit es dort tage. Geht mit
Zuversicht und Mut; ich fürchte, ich werde auch bald folgen können.« - Er warf
einen besorglichen Blick auf die schweratmende Schwester. Margarete zerdruckte
eine Träne im Auge, und schlug ein grosses Kreuz über die Leidende. Willhild,
die sich mit einem Seufzer von der Erde erhob, besprengte Wallradens Lager mit
einigen Tropfen Weihwasser, und wankte der schnell davonschreitenden Altbürgerin
nach. So still ihr Gang durch die Strassen war, so still war ihr Empfang zu
Hause. Herr Dieter bemerkte kaum, in sein Leid versunken, die Eintretenden.
Gleichgültig sah er auf Willhilds bebende Gestalt, aber mit erzwungner Ruhe
fragte er Margareten: »Ihr kommt von ihr? Sie ist hinüber?« - Die Gattin
schüttelte den Kopf, und sagte mit geheimer Angst, wie sie denn wohl das harte
Bekenntnis einleiten möchte: »Sie lebt noch, mein werter Herr, und sie hoffte,
Euch an ihrem Bette zu sehen, als ein versöhnter Vater.« - »Zerreisst mir ihr Tod
nicht das Herz?« fragte Dieter mit ausbrechender heftiger Wehmut: »Ist sie
denn nicht meine Tochter? Ich bin kein Tier des Waldes, das sich die Gebeine
seiner Jungen selbst zur Nahrung wählt; ich bin ein Mensch, ein alter Mann von
rauhen Sitten, aber meine Brust ist nicht fühllos. Bei meinem scheidenden Kinde
zu weilen, wäre mir eine heilige Pflicht, könnte ich mit ganz reinen,
ungemischten Gefühlen die Tochter wiedersehen. Aber, mit dem Mitleid würde der
Groll kämpfen, mit der Versöhnung der Hass, mit dem Segen der Fluch, und besser
ist's, ich bleibe weg von ihr, als dass mir in ihrem letzten Stündlein, wieder in
ihrer Nähe beikäme, was sie gegen mich, gegen uns verbrochen hat.«
    Margarete wollte in seine Rede fallen, aber Dieter gab es nicht zu. -
»Kein Wort zu ihrer Verteidigung,« sprach er heftig: »verzeihen kann ich ihr,
segnen will ich sie, aber nicht selbst ihr das Wort der Vergebung bringen, aber
nicht selbst die Hand auf ihr Haupt legen, aber nicht vergessen dass sie es war,
die alles Elend über uns gebracht, dass sie das Kind uns gestohlen, um es dem
Jammer hinzuwerfen, wie ein armes junges blindes Tier in den reissenden Strom!«
- »O Herr,« rief Margaretem seine Knie umfassend: »hemmt doch Euern Zorn, hemmt
doch Eueren Groll. Wallrade hat viel verbrochen, aber unschuldig ist sie an
diesem Vergehen.« - »Unschuldig?« wiederholte Dieter, und sah mit Bestürzung,
wie auch Willhild sich heulend vor ihm niederwarf, und nun aus dem Munde der
Frauen ein Bekenntnis zu Tage stiess, das sich der alte Mann nicht hätte träumen
lassen. Und da er nach und nach heller sah in der verworrenen Geschichte, hörte,
wie er hintergangen, und wie diese schnöde List der Anfang alles Unglücks seines
Hauses gewesen, da empörte sich sein Gemüt; das Blut wallte siedend uaf in
seiner Brust und seinem Gehirn. Der gewohnte Ungestüm wollte hervorbrechen aus
den kaum geschmiedeten Fesseln, verstossen wollte er die schuldige Gattin, der
strengsten Strafe überliefern ihre Mitelferin; aber ein Augenblick gestaltete
sein Inneres anders. Margarete, in ihrer Reue schöner noch, als an dem Tage, da
sie in Dieter's Hause einzog, - eine siegreiche Braut, - sah auf zu ihm aus der
Vernichtung, in welcher sie vor ihm lag. Alle Engel des Erbarmens schienen um
sie her im Kreise auf den Knieen zu liegen vor dem zürnenden Greise, ihre Hände
gegen ihn zu falten, und seiner stürmischen Seele Friede zuzufächeln mit ihren
bunten und goldnen Schwingen. Der Zauber, der über des Kindes wie über des Alten
veränderlich Gemüt eine strenge Herrschaft übt, wirkte auch hier. Gegen die
entwaffnete Busse hatte er nur Rührung zu stellen, wiederkehrende Liebe, und all
diese Gefühle wurden geheiligt durch eine erhebende Ahnung der ewigen,
unabänderlichen Vorsehung. So konnte es denn geschehen, dass sein Grimm plötzlich
vernichtet dahin fiel, dass wehmütige Freundlichkeit über seine Züge schlich,
und dass die Hand, die vor einem Atemzuge noch, die vor ihm Knieende
hinwegstossen wollte, dieselbe jetzo aufhob, wie ein Vater das liebe Kind
aufhebt. - »Steht auf, meine Ehefrau;« sprach er gütig, und siegreich im Kampfe
der Leidenschaft: »Ihr habt mir so vieles zu vergeben, dass ich, obgleich
schmerzlich aus der Himmelshoffnung meines Alters gerissen, nicht anders tun
kann. Kein Wort mehr von dem, was gewesen ist.« - Er schüttelte Margareten
treuherzig die Hand, sie küsste die seine schluchzend und dankbar. Hierauf hob er
auch Willhild auf, und sagte zu ihr, wenn gleich mit strengem Blicke: »Dich
könnte ich fragen: Wo ist das Kind, das ich Dir vertraute? Aber, .... ich
bezwinge mich. Der Herr hat's gegeben, - der Herr hat's genommen, - der Name des
Herrn sei gelobt. Der arme kranke, todtschwache Knabe wird freilich von uns nie
mehr gesehen werden, setzte er weich hinzu: und auch seine Überreste werden wir
nicht finden. Das Haus bleibt aber darum doch nicht ohne Erben, und auch der
kleine Hans soll nicht unglücklich sein, um der Missetat seiner Mutter willen.
Jetzt aber, kommt zu eben dieser Mutter Sterbebette, dass ich jetzo sie mit
heiterm Mute segne, und ihr aus vollem Herzen das sühnende Lebewohl zurufe!«
 
                                    Fussnoten
1 Haynreich - ein mittelalterlicher Name des Taunusgebirges.
 
                                Neuntes Kapitel.
                Wenn die Not am grössten, ist die Hülfe am nächsten!
                                                                     Sprichwort.
Im Scheine des gelblich flammenden Abends sass Bilger von der Rhön an einem
Fenster des Deutschordenshauses, das hinaussah auf die wallende Flut des
Stroms, und vor dem die Schiffe und Kähne, die darauf zu Berg und zu Tal
tanzten, sich tummelten, wie die Fischlein im Grunde ihrer nassen Heimat. Aber
das lustige und rege Leben auf Strom und Brücke regte den in kummervolles
Nachdenken Versunkenen nicht an, sondern vermehrte nur seinen Schmerz, sich
hinausgestossen zu wissen aus der Mitte des Volks, geächtet, seiner Freiheit,
seiner Ehre, seines Lebens selbst am Ende verlustig. Er sah voraus, wie alles um
ihn her sich noch schwärzer und düstrer gestalten würde, als es schon bis jetzt
geworden war, und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm hinter den
Gefahren der Gegenwart und der Zukunft die Gestalten seiner Lieben, wie sie,
gleich verwiesenen Engeln, ihre Hände ausstreckten nach dem Vater und Freund,
ohne ihn retten, oder an sich ziehen zu können. Bei diesen trostlosen Gedanken
überraschte ihn manchmal auch der verzweifelnde, einen Weg zum Strom zu suchen,
um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden. Dieser Gedanke, -
in seiner Fürchterlichkeit dem Gefolterten ein Freund, hatte ihn von der Tafel
des Komtur's gejagt, dessen rohe und leichtsinnige Reden, im Verein mit der
Schlemmerei in Mahl und Trunk, welche die drei Herren des Hauses trieben, seine
Brust grausam verletzt hatten. Die deutschen Herren jener Zeit, sowohl Ritter,
als Amtleute und Geistliche waren in ihrem Übermute, der sich auf die
Reichtümer, die Gewalt und Vorrechte ihres Ordens gründete, weit über alle
Schranken gegangen. Hang zum Wohlleben, Habsucht und Willkür waren die
bezeichnenden Eigenschaften der grössern Mehrzahl der Ordensglieder, die vom
Volke nicht geliebt, aber wohl gefürchtet wurden, um ihrer weit um sich
greifenden Macht willen. Unter den Schwelgern und Trotzköpfen, die der Orden
aufzuweisen hatte, stand der Herr von Issing in der vordersten Reihe. So wie er
der Tapfersten einer im Felde war, ... seinem Mute verdankte er die Komturei,
- so war er im Frieden einer der Stolzesten und Unverträglichsten, der mit Härte
und Eigenmächtigkeit Alles durchsetzte, was zum Besten des Gesammten war, sollte
auch Recht un gut Andrer dabei zu Grunde gehen. Ohne ein böses Herz zu haben,
besass er doch alle Untugenden eines zum Laster aufgelegten Mannes, und vom
Augenblick, von der Laune, die dieser ihm gerade einflösste, hing der Wert
seiner Handlungen ab. Eine gutmütige Rohheit sprach sich in ihm aus, hatte er
gerade seine beste Stunde; kalte Unbarmherzigkeit oder grausamer Zorn brachte
vielleicht die nächste, minder günstige. Von frühster Jugend an den Weibern
ergeben, hatte er seine höchste Glückseligkeit in den Ausschweifungen sinnlicher
Liebe gefunden. In seinen männlichern Jahren hatte sich die aufkeimende Lust an
Schmaus und Gezech mit Frau Venus und ihrem Gefolge in sein Herz geteilt, und
bei der wohlbesetzten Tafel war es immer, wo er seine unbändige Fröhlichkeit
frei daher gehen liess, seine Scherze, nicht die zartesten, freigebig auftischte,
und gleich wilde Lustigkeit von seinen Tischgesellen verlangte. Der Pfaffe des
Hauses, ein rüstiger Trinker, liess sich nicht lange auffordern, Issing's Farbe
zu tragen, und der Trappierer, ein durchtriebener Schelm, voll Geiz und
Schlauheit versäumte nicht, dem Komtur, von dessen Nachsicht er mancherlei
Vorteile bei seiner Amtsführung erwartete, dienstfertig zu höfeln, und ihn
schier noch zu überbieten in schwelgerischer Esslust und unziemlichen Reden. In
der Mitte dieser Männer konnte einem Unglücklichen unmöglichst wohl sein, da die
grausame Rohheit der Genossen immer wie mit eiserner Faust an das wunde Herz des
Armen griff; und Bilger vollends hätte gewünscht, einer jener dürftigen
Unglücklichen zu sein, denen man, um eines Verbrechens willen, zwar die
Freistadt im Hause gönnte; um welche man sich aber nicht bekümmerte; denen man
überliess, für ihr Obdach und ihren Unterhalt so gut zu sorgen, als sie konnten.
Der Komtur hatte aber seinen Stolz darein gesetzt, gegen den Herrn von der Rhön
von der freundlichsten Bereitwilligkeit zu sein, und ihn zu halten, wie es sein
Stand und sein Name wohl verdiente. Daher musste Bilger eine stundenlange Qual an
dem tische des Hauses aushalten, und sich, wie ein Dieb, bei guter Gelegenheit
fortschleichen, um ungestört seiner Traurigkeit nachhängen zu dürfen ... Zwar
war dieses Alleinsein schmerzlich, aber des Unglücklichen einzig Eigentum
bleibt ja nur noch sein Schmerz. Bilger horchte also nicht auf die fern her
gellende Stimme des Ordenspriesters, der in trunknem Mute die Hymne an den
heiligen Johannes, den Patron der Sänger1, zum Besten gab, sondern er lauschte
auf die angstvollen Schläge seines Herzens, auf die Geisterstimmen, die
klanglos, aber verständlich zu seinem Ohre sprachen, und sah nicht, wie es
dämmerte immer mehr und mehr. Aber das Geräusch welches der eintretende Komtur
machte, rief ihn zurück aus der Welt seiner sehnsüchtigen Träume. - »Ei! bei den
Dornen und Wunden unsers Herrn!« rief der Herr von Issing: »von der Rhön! was
ficht Euch den an, den einsamen Saal hier unserer heimlichen Essstube
vorzuziehen? Schickt doch Eure Grillen zur Hölle. Meint Ihr denn, die alten
Ordensherren, deren gemalte Gesichter uns so kriegerisch anglotzen durch den
dämmerigen Abendschein, werden Euch helfen aus der Not? Die Lebenden sind's,
auf welche Ihr hoffen müsst, und so lang Ihr unter dem Schutze des Kreuzes steht,
soll Kaiser und Reich die Hand von Euerm Leibe halten. Seid demnach hübsch
munter, und - behagt Euch etwa unsre Kumpanei nicht, so sagt's nur frisch
heraus, von Brust und Leber: ich kann Euch auch wohl andere Gesellschaft
zuweisen, mit welcher Ihr zufrieden sein möchtet.« - »Herr Komtur!« antwortete
Rudolph ernstaft: »mein Unglück hat mich unter Euern Schirm gebracht; doch
gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht, meiner und meines Grams zu spotten.
Bedenkt, dass von Euch selbst alles Übel meines Lebens seinen Ursprung nimmt.« -
»Nun, bei meinem Eid!« lachte Issing schonungslos: »es ist lustig, dass Ihr mir
aufbürden wollt, was Eure freie Wahl und eines schlechten Weibes
Niederträchtigkeit verschuldet hat; indessen, weil Ihr unglücklich seid, nehme
ich's nicht so genau, und behaupte Euch ruhig in's Angesicht, dass ich Eurer nie
gespottet habe, und nimmer spotten werde. Der Zufall erlaubt mir, Euch sogar
gute Botschaft zu bringen. Aus dem Weissfrauenkloster erhalte ich Kunde, dass
Wallrade nicht gestorben, dass sogar die Hoffnung gehegt wird, sie zu heilen und
ihr Leben zu erhalten. So wenig ich es der Elenden gönne, so lieb mag's Euch
sein, dass sie ein Katzenleben hat.« - »Wirklich?« fragte Rudolph mit frohem
Blicke: »sie lebt wirklich noch? O habt Dank, Herr von Issing, dass Ihr meiner
Seele dieses Labsal brachtet. Meinen Hals befreit die Kunde freilich nicht, aber
mein Gewissen wird leicht dagegen und gesünder. Habt Dank. Könntet Ihr mir nur
gleich gute Mähr von meinem Kinde bringen, ... von meinem Weibe ... o Gott!« -
Bilger liess den Kopf, auf die Brust, die Hände in den Schoss sinken, und schwieg
seufzend. Der Komtur zuckte die Achseln, und sprach: »Davon weiss ich nicht,
mein Freund. Vielleicht wäre jedoch der Bote besser unterrichtet, der vom
Kloster nach unserm Hause kam. Wär's Euch recht, ihn zu sehen, selbst zu
sprechen? Man mag ihm wohl vertrauen, sonder Gefährde!« - »Zwar sollte ich jeden
Menschen scheuen,« entgegnete von der Rhön: »allein, - ob ich mich jetzo nenne,
ob nicht; es ist gleichviel. Lebt Wallrade noch, o so hat ihr Mund mich genannt;
Gundel hat mich verraten, Dagobert gegen mich gezeugt; ich darf fürder nicht
hoffen, unerkannt mein Leben zu lassen, ohne Schande für meines Hauses Wappen!
Verstattet mir daher, den Mann zu sehen, Herr Komtur.« - »Gern!« antwortete
dieser, und stiess mit des Schwertes Scheide auf den steinernen Boden, dass es an
der Decke des Saals wiederhallte, worauf die Flügeltüre sich öffnete, und ein
blendender Kerzenschimmer hereinstrahlte.
    Die plötzliche Helle schloss Bilger's Augenlied, aber schnell eröffnete er es
wieder, als eine süsse Stimme seinen Namen rief, und die Freude rüstete ihn mit
starkem Arme empor, da seinem Blick hinter dem Diener, der die Kerzen
hereintrug, die Gestalten sich zeigten, die seine Einsamkeit schon diesen Abend
besucht hatten; diesmal aber keine vergebens nach ihm sich sehnende
Engelsbilder, sondern lebende, verkörperte Gestalten, die an sein Herz flogen,
die ihn mit Liebesarmen umschlangen, und ihm abwechselnd zuflüsterten oder
zujubelten: »Gatte! Vater! wir sind hier, ... wir, Dein Weib, Dein Kind! Wir
sehn Dich wieder!«
    Rudolph's Augen, vor Kurzem noch überfliessend von den Zähren des Jammers,
strömten nun über von den Tränen der Freude, der dankbarsten Freude. Aber nicht
in seinen Wimpern allein hingen diese köstlichen Perlen des Gefühls: auch die
Gattin schluchzte an seinem Halse, auch die kleine Agnes weinte unter ihren
freundlichen Liebkosungen, - und an der Türe stand die harte Judit, aufgelöst
in Rührung; in der Mitte des Saals stand der Komtur und fühlte sein rauhes Herz
erschüttert von menschlicher Bewegung. Die Glücklichen, die sich wiedergefunden
hatten, vergassen die Zeugen um sich her, und verloren sich in Fragen und in
Antworten, in dem Labyrint der Rede, welche der laute Herold des innern Gefühls
ist. Ach, nun erfuhr Rudolpf, dass Katarine von seiner ersten Ehe wusste, wenn
gleich nicht das Dasein des Knaben Johannes. - Diese Künde war ein bittrer
Tropfen in Bilger's Freudenkelch, und er nahm ihn hin wie ein reuiger Sünder,
ohne zu läugnen, obschon Katarine mit ängstlichem Blicke dieses Läugnen
erwartete, und einer Sylbe von seinen Lippen mehr geglaubt hätte, als allen
Schwüren Wallradens, deren entsetzliche Falschheit sie kennen gelernt hatte. Als
jedoch Bilger reuevoll um Vergebung bettelte, da wurde aus den schmerzlichen
Vorwürfen der Gattin der barmherzige Trost eines Engels, und sie vergab, und
forderte ihn auf, sie, und Agnes ferner nicht zu verlassen. »Wer auch jene Andre
sei,« rief sie begeistert: »sie liebt Dich nicht wie ich; sie hat Dich nie also
geliebt; unglücklich muss sie Dich gemacht haben, denn Du bist denen treu, die Du
im Herzen trägst, ... obgleich Du auch von uns gegangen bist, von mir und Deiner
Agnes!« - Katarine schwieg schluchzend und kauerte sich zu dem Mägdlein
hernieder, um ihre nassen an dessen Halse zu verbergen. Der Herr von der Rhön
rief dagegen, den Komtur heftig bei der Hand fassend: »Seht her, edler Herr,
seht her; welch ein Weib! Ihr habt nur Sinn für die äussere Blüte der Frauen,
aber ahnen mögt ihr dennoch, was Liebe, was Tugend, was Hingebung und Opfer für
den Geliebten sei! Weh mir, dass ich solch ein Herz zu betrüben geschaffen bin,
und dass ich noch Schande häufe, auf dieses teure Haupt. Wehe Euch, Herr, denn
Ihr habt mich zu jenem abscheulichen Bunde überredet; Ihr gabt dem Zagenden, dem
blöden Jüngling die Mittel zur Hand, die Kette unwiderruflich zu schmieden, nach
welcher sein ahnend Herz bald verlangte, welche es bald verwarf. O hätte ich
doch nimmer die Stunde erlebt, in welcher ich das verhängnisvolle Ja gesagt,
hätte ich doch nimmer den dienstfertigen Mönch geschaut, den Eure Hand auf
Baldergrün einführte, dessen Segensspruch - der Flut meines Lebens - dieses
edle Weib zu meiner Krebsfrau, dieses holde Kind zu einem Bastard macht, - und
mich gefesselt hält an die unselige Wallrade!« - »Wallrade!« schrie Katarine
laut auf, und sank von der Überraschung überwältigt, zu Boden. Judit flog auf
die Erblassende zu, und mit dem Rufe: »Barmherziger Gott! sie stirbt!« wollte
sich Rudolph neben ihr niederwerfen. Issing hielt ihn heftig zurück. »Seid ein
Mann!« sprach er ernst und doch nicht unfreundlich: »das ist nicht der Tod; eine
Schwäche bloss, aus welcher dieses Weib hier die Unglückliche rütteln mag. Ich
dafür will Euch aus einer verderblichern Ohnmacht zum Leben reizen, aus den
Ketten einer verderblichen Wahns. Hört mich an, und wohl mir, dass mein Spott am
Heiligsten mir gönnt, euch Heil zu verkünden. Wallrade hatte mich unterjocht,
und wünschte, meiner fast überdrüssig, und Euch mit flücht'ger Liebe umfassend,
eng mit Euch verbunden zu sein, um den zaudernden blöden Freier unauflöslich an
sich zu binden. In einer schwachen Stunde entlockte sie mir den Eid, selbst die
Hand dazu zu bieten. Ich konnte nicht zurück, fühlte ich gleich die ganze Hölle,
selbst den Segen über die Geliebte und den verhassten Nebenbuhler sprechen zu
müssen. Aber meine Arglist verfiel auf eine Auskunft. Ich wollte Euch binden,
aber nur vor Euern Augen; und einst euch niederdonnern mit dem grimmigsten
Hohne, Euch erniedrigen vor meiner Verachtung. Der Kirche Segen durfte nur ein
Possenspiel sein, und ein Ordensknecht, der dem Noviziat im Bettelkloster davon
gelaufen war, stellte den Mönchspopanz vor, der Euch verband mit ruchloser
Spottrede und entweihter Stola.« - »Wie?« stammelte von der Rhön, zurückfahrend.
- »Wie die Dinge nachher wurden,« sprach der Komtur weiter, »so war mir's nicht
gelegen Euch den Irrtum zu benehmen, denn ich sah Euch unglücklich seufzen
unter dem eingebildeten Joche, und meiner Rache Ziel war erreicht. Dieses
Stückleins habe ich mich stets gefreut, und Ihr mögt es jetzt meinem weichen
Herzen und der Rührung Eures schönen Weibes danken, dass ich Euch den Aufschluss
gab. Der vorgebliche Mönch ruht aber längst schon in der Erde. Ein ungeheuerer
Polacke hieb ihn neben mir zusammen, in demselben Kampfe, der mir die kahle
Stirne eintrug.« - »Komtur!« rief Bilger ausser sich vor Freude: »nimmer hat ein
Teufel dem Menschen so viel des Übeln zugefügt, als Ihr, schwerverirrter Mann,
mir des Guten getan habt, in böser Tücke. Weib, Gattin, Katarine! erwache und
freue dich mit mir. Ich bin Dein, nur einzig und allein Dein Gatte. Keine Fremde
hat Teil an mir, und unverletzt ist Deine Ehre, unsers Kindes Herkunft. Mag man
mich nun auch von hinnen reissen, mich foltern, und mein Haupt vom Rumpfe
trennen, weil ich in blindem Wüten meinen Feind zu erschlagen begehrte, ... ist
doch diese Schuld, die grässliche Gewissensschuld von mir genommen.« - »Ich bin
ein gnädiger Beichtiger!« lachte der Komtur, wieder in seinem Gleichmut
zurücksinkend: »seid Ihr hingegen ein kluges Beichtkind, und tödtet nicht durch
vorlaute Rede die Arme, die jetzt erst mühselig aus der Ohnmacht wiederkehrt.
Sie weiss noch nicht, was Ihr begangen, warum Ihr Euch hier befindet. Mitleidig
verschwiegen ihr's die Oberin des Weissfrauenklosters, und Wallradens Freunde,
damit sie gelinder und gemildert die Unglückspost aus Eurem Munde höre.«
    Der Herr von der Rhön schreckte heftig bei dieser Eröffnung zusammen. Das
Schwerste war ihm demnach noch übrig, und langsam musste er das Geständnis seiner
Tat, die blutige Hoffnung seiner Zukunft den dringender und dringender
werdenden Aufforderungen Katarinens entgegensetzen, welche begehrte, er möchte
alsobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlassen, und niemals wieder von ihnen
weichen.
    Die Tiefen des Gemüts, zumal des weiblichen Gefühls, sind unergründlich.
Ungleich weniger als der Name Wallradens in obiger Beziehung Katarinen
erschreckt hatte, erschütterte sie die Nachricht von Bilger's Schuld und
gefährlicher Lage. Trotz ihrem weichen versöhnlichen Herzen fühlte sie eine Art
von schreckhafter Freude da sie hörte, dass der Arm des beleidigten, verhöhnten,
getäuschten Rudolph's das Werkzeug der Vergeltung gewesen war, dass durch ihn das
gerechte Verhängnis die Frevlerin in den Staub gestürzt hatte. Denn ihre
Leichtgläubigkeit hoffte aus diesem blutigen Vorgange Wallradens Besserung
erwachsen zu sehen, und ihre Unerfahrenheit übersah spielend das drohende
Schwert, das über ihres Gatten Haupte hing, an einem leisen Faden hing. Hatte er
doch nur im gerechten Zorne das Schwert entblöst, und gebraucht; war doch
Wallrade nicht an der Wunde verschieden, und sogar die Hoffnung da, sie wieder
herzustellen. Die kindliche Frau glaubte, es müssten recht bald dem Flüchtling
die Tore geöffnet werden zum Auszug in die Freiheit; sie dachte schon daran,
wie sie vielleicht durch eine Fürbitte die Frist abkürzen könne. Bilger
hingegen, welcher wohl wusste, dass der Bruch des Stadtfriedens, das Beginnen des
Mordes die strengsten Richter finden würde, und dass die Gesetze der Reichsstadt
für den Fremden mit Blut geschrieben waren, schwieg trübe und düster bei den
Vorsätzen und Hoffnungen, die Katarine in ihrem wachsenden Mute an den Tag
legte, und konnte es nicht über sich gewinnen, durch ein beifälliges Lächeln die
Arme zu täuschen. - »Gute Katarine!« sprach er bewegt: »ich danke dem Himmel
aus vollem Herzen, dass er mir das Glück gewährt hat, Euch noch einmal zu
schauen, meine Lieben, die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann. Mehr zu
begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld, nicht meinem jetzigen Zustande. Ihr
habt selbst von den Soldwachen gesprochen, die des Hauses Pforte belagern; Ihr
habt mir selbst ihre Wachsamkeit geschildert, die Strenge, mit welcher sie Euch
befragten, und den Argwohn, mit welchem sie Euch nachsahen, da Ihr mit Erlaubnis
des Komturs durch dieses Tor eingingt. Diese Wachsamkeit wird sich nur von Tag
zu Tag verdoppeln; begierig werden sie die Stunden zählen, nach deren Verlauf
ich ihnen verfallen bin, und - ist die letzte verronnen, mir fürder keinen
Augenblick mehr schenken. Ihren Ketten entgehe ich nicht, wie mein Haupt dem
Spruche des Blutgerichts. betrüge Dich darum nicht mit eitler Hoffnung, gute
Katarine. Wir haben uns wiedergefunden, um uns in Kurzem wieder zu verlieren,
denn also ist's beschlossen im Himmel, und die Erfüllung dieses Beschlusses
schreitet schnell auf Erden.« - »O, was sagst Du, mein Rudolph?« seufzte
Katarine aus bangem Herzen: »Du willst mir jede Hoffnung rauben? Du
verzweifelst an jeder Rettung?« - »Warum mich hinhalten mit trügerischer Ahnung,
mit falschem Vertrauen?« - entgegnete von der Rhön: »Ich bin nur reich durch
Euch, meine Lieben! Gold und Silber habe ich nicht; und wo findet der Arme einen
uneigennützigen Retter?« -
    Der Komtur, der bisher geschwiegen hatte, lächelte hierbei halb spöttisch,
halb gutmütig, und rief: »Bei Kreuz, Dorn und Wunden, Herr! Ihr wisst die Waffen
zu führen, habt gekämpft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrner Jägersmann,
und wollt nicht vertrauen auf das Glück, das so oft da hilft, Wo weder Klinge
noch Pfeil noch der Arm ausreicht? Ich bleibe dabei: noch lange habt Ihr Frist,
und wer weiss, ob nicht in diesem Augenblicke schon Euer Retter Euch nahe steht?«
    Rasche Schritte kamen den Gang herauf, und auf die Türe des Saals zu. -
Mehrere Stimmen wurden laut. - »Ei, zum Donner!« fragte de Komtur: »wer stört
uns denn noch am späten Abend?« - Die Antwort auf diese Frage gab der
eintretende Oberreiter, der einen Boten des Herzogs Friedrich von Österreich
meldete, und welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fusse folgte. Von der Rhön
fuhr bei seinem Anblick zusammen, denn Dagobert, Wallradens Bruder, war es in
leibhafter Gestalt. Mit ungezwungnem Anstande, ohne kaum einen Blick auf den
Unglücklichen und dessen Gattin zu werfen, näherte er sich dem Komtur, und
redete ihn an: »Zuvörderst, edler Herr, hab' ich Euch zu berichten, dass Se.
fürstliche Gnaden, der Herzog dich hinter mir einherzieht, und von Eurer
Gastfreundschaft eine willige Aufnahme in Euerm Hause erwartet, wo er, die kurze
Zeit, die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt, wohnen will.« - »Ehre und
Schuldigkeit;« erwiederte der Komtur, und sandte den Oberreiter sogleich an den
Trappierer, um die nötige Vorbereitungen treffen zu lassen: »Se. fürstlichen
Gnaden sind ein lieber Gast, und sollen gut gehalten werden in unsers Ordens
Hause, das der Freigebigkeit der österreichischen Fürsten viel verdankt. Wie
aber nenne ich Euch, mein Herr, der mir die frohe Kunde bringt?« - »Mein Name
ist nicht wohlklingend für diese Mannes Ohr,« entgegnete Dagobert mit einem
Seitenblick auf Bilger: »er möge aber wissen, dass ich nicht als sein Feind
erscheine, sondern lediglich als des Herzogs Vorläufer, zu dem mich der Zufall
gemacht hat, da ich diesen Nachmittag, eine gute Strecke vor der Stadt
lustreitend, unversehens auf des Herzogs Geleite stiess. Ich heisse Frosch, des
Altbürgers Dieter Sohn.« - Issing biss sich betroffen in die Lippen; sammelte
jedoch seine Fassung schnell wieder, und nickte bewillkommend mit dem Kopfe.
Judit ersah aber den Augenblick, welchen das tiefe Schweigen, das nun auf allen
Lippen herrschte, ihr gönnte, um Katarinen zuzuflüstern: es sei nun die höchste
Zeit nach dem Kloster zurückzukehren. Seufzend wand sich die Arme, den Gesetzen
der Ehrbarkeit gehorchend, aus Rudolph's Arm, und gelobte hoch und teuer,
morgen sicher wiederzukehren, wenn der Komtur es erlauben würde. Verbindlich
antwortete dieser: er wisse sich nur weniger Fälle aus seinem Leben zu erinnern,
wo er gegen Frauen unerbittlich gewesen sei, und er finde vollends keinen Willen
in sich, der leidenden Schönheit zu wiederstehen. »Geht mit Gott, edle Frau,«
sprach er zum Abschiede: »und mit Gott kehrt wieder, so oft Ihr wollt. Dieses
Haus ist eine Zuflucht für den Verfolgten, und wird durch solche liebliche
Unschuld doppelt geheiligt, wie durch des Priesters Spruch. Euern Gatten sollt
Ihr unverletzt wieder finden, verlasst Euch darauf.« - Der Herr von der Rhön
geleitete Katarinen, vor welcher ein Diener des Hauses mit einem Windlicht zu
schreiten befehljgt war, bis zur Pforte, und während dessen hob Dagobert
freimütig und zutraulich zu dem Komtur an: »Erlaubt, gestrenger Herr, dass ich
ein billig Wort zu Euch rede. Ihr seid noch nicht lange an diesem Platze; die
Stadt hat Euch indessen als einen unbeugsamen strengen Mann kennen gelernt, und
fürwahr, man darf Euch nur in das Gesicht sehen, um dasselbe zu glauben. Sollte
ich mich denn wohl täuschen, wenn ich bei Euch auch einen unbeugsamen Willen zum
Guten voraussetze? Ihr habt der Gelegenheit manche, Gutes zu üben, und gerade
jetzt wäre eine herrliche vorhanden. Dieser unglückliche Mann, der bei Euch
Schutz und Schirm gesucht und gefunden, - soll er denn aus diesen Pforten
endlich doch wieder in die Hände der Schergen gelangen, welchen er mit genauer
Not entkam? Wollt Ihr ihm nur auf dreissig elende Tage das Leben gerettet haben,
damit es nach dieser Frist dennoch des Henkers Beute werde? Rettet ihn für
immerdar, Herr, und werdet der Wohltäter von drei dankbaren Menschen.« - Der
Komtur mass lächelnd den vor ihm stehenden Jüngling, in dessen Auge das reinste
Feuer strahlte, die Begeisterung für Barmherzigkeit und Milde gegen das Elend. -
»Ich soll mich über Eure Reden wundern,« begann er hierauf, »und Euch für einen
leidigen Versucher halten, der gern enträtseln möchte, was ich im Schilde
führe. Ihr seid Wallradens Bruder, und Blutrache zu üben wäre Eure erste
Pflicht, denke ich.« - »Wofür haltet Ihr mich?« fragte Dagobert kühn entgegen:
»Ich sollte einen armen Menschen tödten, der im aufwallenden Zorn die Tat
beging, die ihn - ich weiss es - reut? Nimmermehr; und hier, Herr, stehen die
Dinge anders denn gewöhnlich. Gestern hat sich's entschieden, dass Wallrade
wieder auf das Leben hoffen darf; der Bussfertigen eigner Wunsch ist's, ihren
Mörder frei zu wissen und straflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen
Gesetzes, - jede menschliche Regung mit Füssen treten? Lernt mich besser kennen,
Herr, und folgt meinem Beispiele. Mir ist durch des sterbenden Rudiger's Mund
bekannt, dass Ihr Anteil genommen an jenem Unglücksbunde auf Baldergrün; lasst
Euch nicht durch eifersücht'ge Rache verleiten, hier grausam zu sein, der
Tigerkatze überm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, dass sie unbarmherzig
noch mit dem Opfer spiele, das unter ihren Klauen zittert - ihm einen Schein,
eine Hoffnung - eine Spanne von Freiheit lasse, um es im nächsten Augenblicke
unerbittlich zu zerfleischen!« - Da sah der Komtur den jungen Mann mit einem
auflodernden Blicke an, der den Ausdruck einer fast beleidjgten Seele annahm. -
»Bei meinem Eid!« rief er: »Ihr nehmt Euch etwas viel heraus, junger Degen, und
fürwahr, Euer Name ist nicht geeignet, mich nachsichtiger gegen Euch zu machen,
aber Euer kühner Mut gefällt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an
Baldergrün und Wallraden erinnert hat. Ihr mögt wissen, dass der Ritter von
Issing keiner Weisung bedarf, um Gutes zu tun. Sein eigen Gemüt befiehlt ihm,
keine fremde Zunge. Ihr mögt wissen, dass er schon bei sich beschlossen hatte,
den armen Mann zu retten, um Gottes und seines Weibes und Kindes willen, und dass
er nur den Augenblick erwartet, der ihm erlaubt, ohne ihn der Straffälligkeit
gegen seine Pflicht und gegen den Rat der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal
unsers Ordens Haus bevogtet und bewacht.« - »Der Augenblick ist gefunden;«
versetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergreifend und dankbar schüttelnd:
»wann erschiene er gelegner, wann so günstig? Der Herzog kömmt; von seinem
starken Gefolge wird das Haus, werden Sachsenhausens Gassen wimmeln. Die
lauernden Söldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden - mehr noch
durch des Fürsten Gegenwart, der keinen Häscher in der Nähe duldet,
zurückgedrängt - genötigt, aus der Ferne dies Haus zu beobachten, damit der
Mörder ihren Netzen nicht entschlüpfe. Morgen Mittag geht ein grosser Teil des
Comitats auf demselben Wege zurück. In dessen Mitte, im hellen Glanz der Sonne
entschlüpfe der Verfolgte. Für reisige Gewänder sorge ich, wie für die
Bewilligung des Herzogs Farbe tragen zu dürfen, bis er in Sicherheit sein wird.
Die überraschende Einkehr des Fürsten, der dadurch veranlasste Tumult im Hause, -
die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter,
und der von der Rhön ist gerettet, ohne dass Ihr öffentlich die Hand dazu
geboten.« -
    »Schön ausgedacht,« erwiederte der Komtur spöttelnd: »fein schnell und
leicht auszuführen, aber ein jugendlich Vornehmen, das erst die Tat will, und
dann die Überlegung. Wie steht's denn mit dem Manne, wenn er seinen Gefahren
entronnen ist? Hülflos ist er in die Welt gejagt, und die Seinen erliegen unter
der Last des Unglücks, und unter dem Kummer, den Vater abermals von ihnen
getrennt zu wissen.« - »Der Herzog wird helfen;« antwortete nach kurzem
Nachsinnen Dagobert: »O, gewiss, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiser
Friede gemacht, und besitzt, wenn gleich an Ländertum geschmälert, noch manche
Hufe Landes, auf welcher ein unglücklicher Hausvater eine sichre Stätte finden
mag. Ich hatte ja beschlossen, für mich seine Gunst anzuflehen; aber mit mir
ist's ohnehin vorbei, und so mag dem Ärmern werden, wessen ich nichts mehr
bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs rühmen, und rede heute noch mit ihm
davon. Ihr aber, Herr Komtur, nehmt meinen Dank für Euer redlich Wollen. Ihr
habt mich dadurch mit Euerm Namen ausgesöhnt, der mir aus Rüdiger's Munde nicht
lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhön und seine Gattin
vor, und lasst mich gänzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt sich nicht wohl, dass
meiner Schwester Feind auf meinem Rücken davon schwimme, und ich möchte seinem
wunden Herzen durch kein Wort verraten, dass er mir, gerade mir, Wallradens
Bruder, Dank für sein gerettet Leben, für seine gesicherte Zukunft schuldig
sei.« - »Ihr seid ein wackrer Mensch;« versetzte der Komtur etwas beschämt, wie
es die Röte seiner Wange bezeugte: »'s ist seltsam, dass ein Stamm nebeneinander
die herrlichste und die böseste Frucht zu tragen im Stande ist. Um dieses
Stückleins willen, so Ihr's vollführt, muss Eure Seele, wenn's zum Letzten geht,
gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig. Ich begreife wohl,
dass der Dank dreier Menschen eine feste Himmelsleiter sein mag, und der Herr
rechnet vielleicht an meinen Sünden ein Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu
der biedern Tat hinzufüge. Es bleibt also dabei; indessen, so sehr ich mich
darob freue, so tut mir weh, dass wir dem Armen nicht den Trost mitgeben können,
dass er wisse, wo sein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswürdig an dem Kinde
gehandelt, und ihr unmütterliches Herz weiss wohl nicht, wo der Bube aufgehoben
ist, - im Himmel, oder auf der Erde. Der Knabe ist mein Taufenkel; ich möchte
wohl für ihn sorgen, wüsste ich nur .....« - »Für Johannes ist gesorgt;«
unterbrach Dagobert den Komtur freundlich und zuversichtlich: »er lebt, und
lebt in Wohlbehagen und Freude Er vermisst nicht die herzlose Mutter, nicht den
Vater, den er nicht gekannt. Aber seines Lebens Stätte und Heimat verschweige
ich barmherzig dem Vater. Soll diesem einst Glück blühen in seiner frisch
aufstrebenden Häuslichkeit, so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd. Für
beide wäre der Unschuldige nur eine quälende Erinnerung, die den Frieden ihres
Hauses vergiften, ihm ein trauriges Leben bereiten würde. Ich gelobe es Euch,
Herr Komtur, Johannes ist in den besten Händen, und einst sollt Ihr Euch selber
davon überzeugen. So viel ich Euch jetzt gesagt, mögt Ihr dem bekümmerten Vater
auf Euern Rittereid ungefährdet mitteilen. Nur unsers Geschlechts Namen nicht
dabei genannt. Lasst dem Herzog vor allem und Euch zunächst das Verdienst der
guten Tat, und Gott gebe hiezu sein gnädiglich Gedeihen.« -
    Pferde und Wagen braussten und rollten in den Hof. Das lebendige Getümmel
eines reisigen Zugs, das Gelärme des fürstlichen Trosses spottete der still
gewordnen Nacht, und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Geräusch
eines mächtigen Fürstenhofs. Der Komtur eilte, den Herzog ehrerbietig an der
Pforte des Hauses zu empfangen, und liess den Hof von Fackeln erleuchten, dass er
im Mittagschein zu liegen schien. Mit einem freundlich herablassenden Grusse
stieg Friedrich aus den Bügeln, und schritt auf den Komtur und den
herzukommenden Dagobert gestützt, die Treppe hinan, nach den Prunkgastzimmern
des Gebäudes, die durch die Sorgfalt des Trappierers schon bereit standen, den
hohen Fremdling gebührend aufzunehmen. Der Herzog, müde von der Reise,
verschmähte das angebotne Mahl, entliess bald den Komtur, dem er nur auf wenig
Tage lästig zu fallen verhiess, und behielt nur seinen wiedergefundnen jungen
Freund, seinen Dagobert, bei sich zurück, den er vermocht hatte, die Nacht mit
ihm zu verplaudern, in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Fürst ohnedies
seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand. - Der kommende Tag
begann eben so geräuschvoll, als der vorige geendet hatte. Die Wachen des
Herzogs gerieten in Händel mit den Söldnern des Rats, die sich nicht
zurückziehen wollten. Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Römer, um
von seinem Erscheinen Meldung zu tun, und den ärgerlichen Streit beizulegen.
Eine Ehren- und Schildwache des Rats besetzte nun die Pforte des
Deutschherrenhauses, die Häscher zogen sich in die nächsten Strassen, und mussten
auf ihr Amt so gut als verzichten, da das Volk, so wie es von der Einkehr des
Herzogs erfuhr, in hellen Haufen herbeieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem
sich der Mann befand, der es gewagt hatte, zu Ehren deutscher Treuen und
Redlichkeit, dem Kaiser wie einem grossen Concilio die Spitze zu bieten, und
lieber einen grossen Teil seiner Habe aufgeopfert hatte, als seinen Schwur, sein
Fürstenwort. So verstrich die Hälfte des Morgens, und die anwallende Flut der
Menge, welche beständig hoffte, den Herzog ausreiten zu sehen, stieg immer
höher, so dass die Gesandtschaft der Stadt, da sie gegen Mittag zum deutschen
Hause kam, um den erhabnen Gast zu begrüssen, kaum Raum genug finden mochte, um
hindurch zu dringen. Was den Ermahnungen der Väter der Stadt nicht gelang,
gelang den mächtigen Pferden, die auf grossen Wagen die Gaben heranzogen, welche
das gemeine Wesen der Stadt dem Fürsten, der Sitte der Zeit gemäss, darzubieten
hatte. Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein, Heu, Hafer und Fischen, und
der Schulteiss, umgeben von den Bürgermeistern, dem Oberstrichter und den
Schöffen, alle in ihre Amtstracht gekleidet, bat den Herzog, vor dessen
Angesicht endlich die Gesandtschaft gelangt war, die Geschenke als einen Beweis
des guten Willens der Bürgerschaft, und ihrer Anhänglichkeit an den Stamm
Östreich, von dem schon mancher um das deutsche Reich verdienter Fürst
ausgegangen, huldvoll anzunehmen. - Der Herzog, umringt von seinen Marschällen,
Dienstjunkern und den Kreuzherren, seinen gastfreundlichen Wirten, nahm sowohl
die Rede des Schulteissen, als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm
eignen Leutseligkeit auf, und erwiederte dagegen: »Seid bedankt, ihr lieben
Herren und Freunde, für das, was Ihr mir aus gutem Herzen reicht, und auch jetzo
wieder, - Gott sei Preis und Lob, - reichen dürft; denn unser Haus ist wieder
erlöst von des Reiches Acht, und wir sind wieder einig geworden mit unserm
lieben Herrn, dem Kaiser.« - Der Herzog bemühte sich, die bittre Miene, die sein
Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln,
und fuhr fort: »Darum mögt Ihr mir wohl vergönnen, einige Tage unter Euch zu
weilen, und mich in Euern Mauern umzusehen, dieweilen ich wichtige
Angelegenheiten gerne schlichten möchte, über die Euch mein Kanzler eines
Weitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache
abzutun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe indessen vernommen, dass
sich mir Hindernisse entgegenstellen. Ich habe an den Juden David, Sohn des
alten Jochai, der Eures Schutzes genoss, Gelder zu entrichten, die er mir
vorgeschossen. Ungern musste ich hören, dass der Mann sich nicht mehr in hiesiger
Stadt befindet, wie auch niemand seiner Angehörigen.« - »Er hat sich flüchtig
gemacht;« versetzte Achselzuckend der Oberstrichter; »und uns mangelt Kunde, wo
er hingeraten.« - »Das ist schlimm, ihr Herren;« entgegnete Friedrich ernst:
»wir dachten, in Gnaden uns des Mannes anzunehmen, und ihn nach Innsbruck zu
setzen, als unsern Hofwechsler; denn wahrlich, er ist der Erlichsten einer, und
mit Bedauern erfuhr ich, dass man ihn allhier unredlich beklagt, übel gehalten,
und seinen ganzen Wohlstand zertrümmert habe.«
    Der Oberstrichter zuckte wieder mit verlegnem Gesichte die Achseln; der
Schulteiss aber, den des Herzogs Rede spitzer traf, antwortete: »Mag sein,
gnädiger Herr; allein der Schein war wider den Mann, und noch hat er sich vor
unserm Stuhle, vor welchen er doch mit Leib und Leben gehört, nicht vollkommen
gereinigt.« - Die Betonung, mit welcher der Schulteiss diese Worte vorbrachte,
verfehlten ihren Entzweck nicht. Der Herzog furchte die Stirne, und sagte: »Gar
wohl, mein Herr Ritter und Schulteiss. Ich habe nicht Befugnis, mich in Eure
Gerechtsame zu mischen, welche von Kaiser und Reich bestätigt und verbürgt sind.
Ich meine jedoch, dass Recht und Urteil Jedem gleich sein soll, sei er nun
getauft, oder nicht. Ihr habt hier, wie ich höre, einen Judenarzt, dem Ihr Euren
Körper anvertraut, sonder Furcht und Angst; warum schenkt Ihr dem, der vor Euern
Schranken steht, nicht gleiches Vertrauen? Doch, geschehen ist geschehen, und
ich bin bereit, die fraglichen Gelder einem berühmten hiesigen Manne zu
übergeben, damit der Jude, kehrt er jemals wieder, oder wird uns von ihm Kunde,
wieder zu seinem Eigentum komme. Ich glaube zu diesem Entzweck keinen bessern
aus Euch wählen zu können, ihr Herren, als den Schöffen Dieter Frosch; einen
biedern, ehrlich strengen Mann, den ich bitte, sich mir vorzustellen.« - Dieter
trat aus den Reihen der Schöffen, und verneigte sich ehrbar vor dem Herrn. Der
Herzog liess eine Weile den Blick auf ihm ruhen, wendete sich dann zur Seite, und
sprach zu Dagobert, den er aus der Schaar seiner Umgebung zu sich winkte:
»Dieser also ist Dein Vater, Dagobert?« - Dagobert bejahte freundlich, und
grüsste den Vater. - »Mich freut's, ihn kennen zu lernen;« fuhr der Herzog fort,
dem Altbürger die Hand reichend: »seid mir willkommen, alter Herr, und empfangt
meinen Glückwunsch zu Euerm wiederhergestellten Hausfrieden, wie zu Euerm Sohne.
Ja, lieben Freunde!« setzte er hinzu, dem jungen Manne vertraulich und
wohlwollend auf die Achsel klopfend, »einen bessern Mann als diesen hier, hat
Frankfurt sicher nicht aufzuweisen, und vielleicht nicht allzuviele die ihm
gleichen. Es macht mich froh, die Tugenden und seltnen Eigenschaften des Junkers
vor Euer Aller Augen würdigen und preisen zu können. Er ist der treuste,
redlichste und heiterste Mensch, den ich kenne, und Schade wäre es, wenn so viel
Gutes in einem Kloster verkümmern sollte, wie es den Anschein hat. Nicht wahr,
liebe Herren und Meister?« - Der Schulteiss kaute an den Lippen, über des
Oberstrichters Stirne flogen trübe Wolken, aber beide bückten sich gleich den
Andern, und stammelten ein: »Freilich, gnädigster Herr, ... aber ... Beweggründe
...« ...«
    »Schon gut«; meinte der Herzog mit einem verächtlichen Blicke auf sie: »ich
weiss bereits Alles. Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel, diese
Ungerechtigkeit des Muttergelübdes wieder gut zu machen. Ich wertze heute noch
an den hochwürdigen Dechant Herdan, der am heftigsten, wie der Ohm des jungen
Mannes, auf dessen Weihe besteht, einen pergamentnen Brief senden, in welchem
der heilige Vater, Martin V., die Freilassung die der abgetretne Pabst dem
Dagobert Frosch erteilte, im Ganzen bestätigt, mit dem Vorbehalte jedoch, dass
ein anderes Glied der christlichen Gemeine, sei es nun ein Mann, oder sei es ein
Weib, an seiner Statt das kirchliche Gelübde ablege. Ich zweifle nicht, dass eine
fromme christliche Seele zu diesem Berufe bald sich finden werde, und ermahne
sowohl den Vater Dagobert's, als auch sämmtliche Herrn vom Rate, wie vom
Kapitel, denselben von dem Gelübde, das er durchaus ablegen will, abzuhalten;
bedenkend, dass Gott kein Gefallen hat an einem Diener, der sich ihm nur opfert,
weil er mit der Welt zerfallen zu sein glaubt. - Stille, guter Freund,«
flüsterte er nach diesem dem Sohne Dieters zu, welcher einige Worte der
Weigerung auf der Zunge hatte: »Montfort hat mich nicht früher an diese Pflicht
gemahnt, als mein Herz es schon getan hat. Erlaubt mir daher, den Weg zu Euerm
Besten, - sei's auch für Heute Euerm Wunsche zuwider, - kräftig fortzusetzen.« -
Dagobert verstummte ehrfurchtsvoll; dagegen ward es an dem Hoftore laut und
geräuschvoll. Die Blicke aller Anwesenden flogen durch die Reihe stattlicher
Fenster hinab gegen die Pforte, und befremdet sah der Herzog die Ratsherren an,
da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwächtern
gewahrte. »Ei, was gibts dort, ihr Herren?« fragte er mit gerunzelter Stirne.
Ein Bürgermeister wollte hierauf sogleich hinunter, um nach der Veranlassung des
Vorfalls zu forschen, allein der Oberreiter welcher eintrat, verkündete sie,
indem er meldete, die um das Haus verteilten Wächter seien ob der bedeutenden
Zahl von Reitern, die dasselbe verlassen wollten, argwöhnisch geworden, und
witterten unter denselben den Verbrecher, der sich hier versteckt halte. - Des
Comtur's Stirne, so wie Dagobert's Wange flammte; der Herzog liess sich nicht
aus seiner strengen Haltung bringen, sondern nahm eine noch drohendere Stellung
an. »Was soll das heissen?« rief er, indem ein Zorngewitter über seine Züge
lief: »Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher, von dem man nicht
weiss, von wannen, er kommt, wohin er geht, und dem man nicht über den Zaun
traut? Jesus Christus! Werden Österreichs Farben nicht höher geachtet, als der
Bettelbrief eines Gauners? Nein fürwahr; das mögt Ihr abstellen, ihr Herren,
denn ich werde mich nimmer herablassen, Eure Erlaubnis zu fordern, will ich mein
Geleit zurücksenden, wie Heute geschieht. Um Eure Verbrecher kümmre ich mich
nicht, und frei will ich Alle sehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum
befehlt stracklich und ohne Verzug, dass man meinen Wildmeister auf Schloss
Ambras, sammt seinem, in jenem Rollwagen befindlichen Weibe und Kinde und dem
anvertrauten Gefolge, das ich gen Tyrol sende, ungehindert ziehen lasse, bei
meiner Ungnade.« - Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein
Schöffe eilte, um das Gebot des Fürsten schleunigst vollziehen zu lassen, und
mahnte die Wächter ab, die sich noch immer ungestüm in den Weg des reisigen
Trosses warfen, und sich auch nicht so willig den Geboten des Schöffen fügten,
als dieser es erwartet hatte. - »Seht, ehrsamer Herr!« behauptete der Anführer
der Söldner: »ich will nicht selig werden, wenn das Weib, das sich so ängstlich
hinter jenes Wagens Vorhänge verbirgt, nicht dasselbe ist, das gestern und erst
noch Heute mit einem Kinde zu diesem Hause kam, um den darin versteckten Mörder
heimzusuchen, und ganz gewiss befindet sich der Letztere unter diesem
übermütigen Trosse.« - »Und wenn es wäre,« erwiederte der Schöffe heftig, - »so
befiehlt, doch hier der Rat, und an Euch ist's Gehorsam zu üben.« - »Ei, so
waschen wir unsre Hände in Unschuld;« antwortete der Führer unmutig, und
wendete sich gegen die Seinigen. Indem ritt der Anführer des Zuges heran, und
fragte: »Wird's bald, Herr Schöff? Wie lange soll's noch dauern, frage ich?« -
Der Schöffe, der dem Frager in's Auge sah, vermochte nichts zu entgegnen, denn
er selbst, der den Todtschläger vor wenig Tagen bis zu der Türe des deutschen
Hauses verfolgt hatte, glaubte in dem schmucken Jägersmann den Gebannten zu
erkennen. Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren, die grobe Kutte
vertauscht mit einem grünen prächtigem Rock, an der Stelle des Gürtelstricks
Österreichs. Schärpe, so waren es die Augen, die Züge, die Gestalt, die Stimme
des flüchtigen Mörders. Der Schöffe, ein junger Mann, war in feiner Überraschung
auf dem Punkte, das Gebot seiner Herren eigenmächtig zu wiederrufen, aber zu
eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptsmanns: »Lasst freien Pass! durch
die Reihen der Fussknechte;« auseinander flog der drohende Trupp; und unter
Hörnerschall jubelte der reisige Tross, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch
die staunenden Hüter hindurch, entlang die Strassen von Sachsenhausen, hinaus aus
dem Tore, und ohne Säumen fort auf dem Heerwege, den der Herzog am verwichenen
Tage einhergezogen. Und als die Warte, hinter den Reitern lag, und mit ihr die
Gränze der Reichsstadt, da näherte sich der Anführer, nach dankbarem, den
Vornehmsten des Geleits gereichten Handschlage, dem Wagen, aus welchem ein in
Tränen schwimmendes Frauenantlitz, und ein rosiges Kindergesicht ihn
anlächelten. Gerührt reichte er die Hand seinen Lieben, und rief: »Segne Gott
den edeln Herzog und den biedern Comtur. Wir sind frei, und ein guter Engel
möge Dich, Katarine und unser Mägdlein erhalten zu meiner langen Freude, und
mich einst ruhig sterben lassen in Euern Armen. Sieh, mein gutes Weib, dort
hinter jenen aufdämmernden Bergen, dort liegt unsre neue Heimat. Lass' uns
vergessen, was bis jetzo uns schmerzlich gepeinigt. Ich hatte die schwere
Prüfung verschuldet, aber Gott ist gnädig und Deine Fürbitte, Du Reine, von ihm
erhört worden. Wir dürfen - ich ahne es, - wir dürfen noch glücklich sein!« -
 
                                    Fussnoten
1 Das dem Musikkenner wohlbewusste Lied, welches seine Anfangssylben zu Bildung
der Tonleiter hergab, und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die
Heiterkeit gesungen wurde. Ut queant resonare fibris etc.
 
                                Zehntes Kapitel.
 Wird Christus tausendmal zu Betlehem geboren,
 Und nicht in Dir, Du bleibst noch ewiglich verloren.
                                                             Geistlicher Spruch.
In einer einsam Zelle des Predigerklosters sass Dagobert, die Laute in der Hand,
und sang mit halblauter Stimme ein frommes Lied, zu welchem das schwermütige
Antlitz des Jünglings, wie die klagenden Töne, die er den Saiten entlockte,
passende Begleiter waren. Er überhörte, ganz seinem Tiefsinn hingegeben, dass man
schon einigemal leise an die Türe gepocht hatte, bis dem rüstigen Klopfer
draussen die Zeit lange wurde, und seine Hand die Klinke öffnete, ohne ferner
ein einladendes Wort von innen zu erwarten. Dagobert staunte, den Hülshofner vor
sich zu sehen; allein, da mit dem Gesichte des Bekannten auch zugleich manche
wohltuende Erinnerung wieder vor seiner Seele wach wurde, so verzog sich
unwillkürlich sein ernst geschlossener Mund zu einem freundlich bewillkommenden
Lächeln, und er fragte sanft: »Ei, alter Freund, wie kommt Dein fröhlich
Angesicht in diese Klause? Mich befremdet das, obgleich ich Dich gerne hier
sehe.« - »Lasst mich Euch mit einer andern Frage antworten;« entgegnete Gerhard,
der sich ohne weiters neben den jungen Mann setzte: »Wie kommt der weiland
fröhlichste Geselle in der Wetterau in diese enge Zelle, wo alle Freuden des
Lebens schon vor der Türe Valet nehmen? Traun, ich hätte nimmer gedacht, Euch
wieder zu finden, schmal und blass, trotz einem bussfertigen Sünder, der zur
Seelgerette noch vor seinem Ende in eine Kutte kriechen will, um sich darin in
den Himmel zu stehlen.« -
    »Deine Vergleichung könnte mich kränken,« versetzte Dagobert gelassen, »wenn
ich sie nicht Deiner Narrheit zu gut hielte, Freund.« - »Narr hin, Narr her,«
erwiederte Gerhard lächelnd: »Lasst das gut sein, Junker. Schon oft hat ein
lustiger Narr durch seine freie Rede mehr Gutes gestiftet, als der hohläugigste
Fastenprediger durch seine abschreckende Tugend. Ihr konntet mich einst wohl
leiden, und deshalb habe ich's, nach meiner Rückkehr von einer lustigen
Rheinfahrt unternommen, Euch auf den Zahn zu fühlen, und meine Meinung zu sagen,
- deutsch und gerade heraus, wie ich mir sie denke. Bei allen Kreuzen und
Dornen! Ihr seid nicht mehr der Schatten dessen, der Ihr ehemals wart. Und desto
schlimmer ist's, da Ihr Euch selbst zum Schatten machtet. Hui! wie viele Freude
machtet Ihr mir, da Ihr auf dem Wege wart, ein recht ungeschlachter Kapitelherr
zu werden, geistlich aus Zwang, aber rüstig bei Jagd und Gelage! Aber nun, da
das Gelübde Eurer Mutter den Stachel verloren hat, und es Euch frei steht, einen
Andern an Eure Stelle zu schieben, nun zieht Ihr freiwillig die Kaputze über die
Ohren, um darunter ein rechter Tuckmäuser zu werden, aus eigner Wahl! Schämt
Euch, zum Frömmler seid Ihr nicht geboren, und der Friede belohnt niemals solch
widernatürlich Beginnen.« - »Du schiltst mich unverdient;« antwortete Dagobert,
ohne jedoch eine leichte Röte bezwingen zu können, die über seine bleiche Wange
hinlief: »Mein Bewusstsein verheisst mir den Frieden, wenn ihn auch diese Mauern
nicht verleihen sollten. Ich habe Ruhe und Glück in meines Vaters Haus
zurückgeführt. Darinnen, in dieser Überzeugung finde ich tröstenden Balsam für
mein ganzes Leben, das jeder andern Blüte tückisch beraubt worden ist.« -
    Gerhard lachte wieder und rieb sich mit einer Art von Freude die Hände. »Der
liebe Gott,« sprach er, »hat mich zur Abwechslung einmal wenigstens im Leben
vernünftiger gemacht, denn Euch. Ich traue kaum meinen Ohren, da ich Euch also
reden höre. Ich begreife aber leicht, warum Herzog Friedrich, Euer Freund und
Gönner, sich so schnell davon gemacht hat. Es tut weh, den Busenfreund verrückt
zu sehen. Ich will mit meiner steifen Zunge die bloss an das Vorwärts! Kolbe auf!
Lanze ab! Schlagt zu! Hopp, mein Fuchs! und an das beliebte: Eingeschenkt!
grösstenteils gewöhnt ist, versuchen, Euch klar und heiter darzustellen, wie Ihr
gehandelt habt. Närrisch für's Erste, denn Ihr zieht ohne Not den Mönch über
Euern ritterlichen Leib. Der zaundürre Dominik Pfülber aus dem Lamprechtgässlein,
der feiste Henne Wiedling unter den neuen Krämen, beide arme Teufel, die um ein
Stück Geld augenblicklich baarfuss gehen, und den Bettelsack umwerfen würden,
haben Euch um aller Heiligen willen gebeten, ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu
verhelfen. Ihr habt's nicht getan, obgleich Euch beide Schlucker um ein Paar
Pfund Heller feil gewesen wären. - Eitel und töricht handelt Ihr für's Zweite
Ihr meint, Ihr habt Glückliche gemacht? O, Ihr irrt Euch sehr. Was Euer
Biedersinn gut gemacht hat, verdirbt Euer verderblicher Dumpfsinn um so
gewisser. Seht Euern Vater an, der nach einem Erben seiner Habe aussieht, und
nur die Wahl hat, seinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu
sehen, oder Alles seinem Enkel zu überlassen, dessen Anblick ihm, der Mutter
willen, jedesmal einen Stich versetzt, da wo sich die linke Schulterplatte des
Harnisches öffnet. Seht Eure Stiefmutter, die ihr ganzes wiedererworbenes
Lebensglück durch den Gedanken vergällt sieht, Euch, ihren Heiland, unglücklich
zu wissen. Seht den kleinen Johannes, der einst vergebens an der Brust des
liebeleeren Mönchs den Freund suchen wird, zu welchem ihm der beweibte Mann
geworden sein müsste. Seht endlich Euern väterlichen Lehrer Johannes, dessen
Antlitz über Euer Beginnen von Gram gefurcht ist, der seufzend schweigt, da die
Pflichten seines Standes ihm verbieten, Euch zu ermahnen, demselben nicht
beizutreten. So steht's um das Glück Eurer Angehörigen, und ich will nicht
einmal davon reden, wie mir's ums Herz ist, der ich Euch so viel verdanke, und
wahrlich für Euch gerne Messe lesen würde, wenn ich zu dem verdammten Latein
nicht schon gar zu alt wäre. Glücklich durch Euer freiwillig Unglück wird nur
der Pater Reinhold, der für sein Kloster im Trüben fischen wird, bei Eurer
Stiefmutter, wird nur der hochnäsige Prälat, Euer Ohm, der in Euerm Hause liegt,
wie ein schmarotzender Blutigel, und sich an Euerm Erbe für den lumpigen
Maierhof zu entschädigen gedenkt, den er einst der bösen Wallrade abgetreten.
Lachen wird nur der Schulteiss, der Euch weniger leiden mag, als mein Ross eine
Bremse; sich freuen wird nur der Oberstrichter, der, weil er seinen lüderlichen
Sohn in so verdriesslichem Handel verlor, Eurem Vater herzlich den Verlust des
seinigen gönnt. O, ich könnte, da ich einmal in Fluss geraten bin, dieses Bild
noch sehr in die Länge dehnen, aber schon wird meine Zunge trocken, und ich muss
eilen, Euch noch zu guter Letzt vorzurücken, wie unverzeihlich blödsinnig ihr
drittens und schliesslich handelt. Ihr sagt, alle Blüten hätten Euerm Leben
abgeblüht, alle wären Euch tückisch geraubt worden? Donner und Hagel! Ist das
eine Sprache für einen Mann, oder überredet sich nicht vielmehr also ein krankes
Gemüt, eingesperrt in dumpfiger Zelle? Welches Glück vermisst Ihr? Den Besitz
einer Jüdin, vor der jeder Rechtgläubige ein Kreuz schlägt, weil sie ein
Satanskind ist, wenn gleich ein recht feines. Glaubt mir, junges Herrlein, ob
ich gleich nicht gelahrt bin, wie Ihr, durch die Juden ist alles Unglück auf die
Erde gekommen. Wer erschlug den guten Christen Abel? Der abscheuliche
rotköpfige Jude Kain. Wer hat unsern Herrn und Heiland verraten und verkauft,
den rechtschaffensten Christen seitdem die Welt steht? - Der verfluchte
rothaarige Jude Ischariot. Wer hat den wackern Haman aufhängen lassen, und den
ganzen Hofstaat des damaligen römischen Kaisers Ahasverus? Wer anders als die
abscheuliche Ester, die einen Ohm hatte, zehnmal schlechter als der Eure? Seht,
indem ich also an Alles das denke, was mir in der Jugend der Leutpriester zu
Friedberg eingebläut hat, so dreht sich mir das Herz um bei dem Namen Ester.
Ihr und ich, und die Euern wären nimmer dergestalt in die Tränke gekommen, wären
Ben David der Jude nicht gewesen, und nicht dessen Tochter Ester, an deren
Haupt Ihr die Hörner nicht sehen wollt, wie unter den Fransen ihres Kleides
nicht die Pferdefüsse. Wisst Ihr, woher das kömmt? Weil sie Euch einen Liebestrank
beigebracht hat bei zunehmendem Mond. Wenn sie Euch liebte, warum liess sie sich
nicht taufen? Warum lief sie davon? Eine schöne Sippschaft in die Ihr schier
geraten wärt. Der Vater hängt vielleicht schon irgendwo am lichten Galgen, oder
sucht in der Ferne ein Paar neue Ohren. Der aus den Wolken gefallne Bruder wird
vielleicht in diesem Augenblick als Falschmünzer in kochendem Öl gesotten, und
das heuchlerische Esterchen ..... Nun, nun! runzelt nur die Stirne nicht also,
und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch fest. Ich meine es ja nicht so
böse, aber ich denke, der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben, wenn er
Euch vor seinem Altare stehen sieht, im Messgewand, den Kelch mit seinem heiligen
Blute in Händen, und das Bild einer unheiligen Jüdin im Herzen!« -
    Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redefluss des
Edelknechts, der in seinem ganzen Leben nicht so viel auf einmal geredet hatte,
und, nachdem er der Freundschaft dieses unerhörte Opfer gebracht, sich
allentalben und vergebens in der dürftigen Zelle nach einem Trunk Wein umsah,
um sünen dürren Gaumen zu netzen. »Wir sind Freunde gewesen, so Du weiter
fortfährst, altes Sieb!« sagte Dagobert heftig, und ein Funke des alten
lebendigen Geistes schlug aus seinen Augen. »Beinahe kommt mir der Glaube an,
dass man Dich, den wunderlichen Redekünstler, abgesandt, um mich kirre zu machen.
An den unüberlegten Worten eines rohen Fechtmeisters soll mein Vorsatz stumpf
werden, der schon Vaters Ermahnungen, den Bitten der Mutter und der Missbilligung
des hochwürdigen Johannes widerstand? Welch ein Mensch wär' ich dann? Du, - Ihr
Alle begreift es nicht, was ich an Ester verloren; Ihr wisst nicht, dass dieses
Mädchen in seinem Irrtume reiner und heiliger ist, als die frömmste Nonne. Ihr
ahnt nicht den Wert des Kleinods, das von meiner Brust fiel in das tiefste
Meer. Die Welt bietet mir keine Freude mehr; aber diese kleine Zelle, in welcher
ihr Bild zum allererstenmale in mir emporstieg, ist jetzt noch von ihm erfüllt,
wird es ewig sein. Darum will ich selbst der Mutter Schwur erfüllen, und nicht
feilen Mietlingen die Sorge überlassen. Hätte ich einen Seelenfreund, einen
Blutsverwandten, der aus reiner Anhänglichkeit für mich das Kreuz auf sich
nehmen wollte, vielleicht hätte ich, wenn gleich wider Wunsch und Willen, den
Bitten der Ältern willfahrt; aber da dieses nicht war, nicht ist, so ist's
beschlossen, auf immerdar, hier in Abgeschiedenheit die Lust zu geniessen,
welcher ich in der Welt entbehren würde auf ewig!« -
    »Tor aller Toren!« rief Gerhard aufspringend aus: »Ihr redet also, und
draussen lacht der blaue Himmel, rauschen die dichten Zweige, und zwischen ihre
Schatten streut Frau Sonne ihre Goldstrahlen, welche den Saft der Traube kochen,
und im Voraus Jedem Fröhlichkeit in's Auge blitzen, wie in's Herz? Wie anders
würdet Ihr reden, hättet Ihr mit mir die heitre Rheinfahrt gemacht auf dem
blankem Wasserspiegel, durch gesegnete Fluren und heitre Städte; hättet Ihr mit
mir erklimmt die Burgen der Freunde, wo es treuen Händedruck gab, und Sang und
Klang und Berglust; hättet Ihr mit mir die Täler besucht, wo aus jeder Hütte
ein freundlich Dirnengesicht lacht, von jedem Giebel schier der lustige
Tannenbusch schwankt, und mit Fidel und Schalmei die Erndte gesammelt wird;
hättet Ihr mit mir gekostet vom herrlichen Weine, den der Keller des Bürgers
aufweisen kann, wie die Gewölbe der Schlösser und das plumpe Fass des Weinbauers!
Kreuz und Dorn! Wer jemals zu Bacharach sass auf dem Stalecker Fels, den Scheitel
mit Reblaub bekränzt, ein Mädel im Arm, den Pokal in der Hand, und den Blick
weit schweifend über Strom, Städte, Schlösser, Berge und Ebenen, - und hat nicht
den Herrn gepriesen unter dem Dache seines prachtvollen Hauses, ... der freilich
hat an der ganzen schönen Welt keine Freude, und mag sich auf den Friedhof
legen, wann es ihm gefällt, ihm zum Nutzen und seinem Nachbar zum Frommen. Aber
das könnt Ihr nicht; das sagt mir Euer glänzendes Auge, das sich aufgetan hat
bei meinen Worten, Eure hochatmende Brust, die sich endlich wieder hebt, wie es
einem jungen Kämpen geziemt, und die Leibfarbe der kecken Jugend, die sich
abermals auf Euerm Gesichte zeigt. Werft sie vollends ab, diese Trauer, diese
unmännliche Schwermut. Ich bin ein rauher und derber Geselle, aber weinen
möchte ich, wie ein gepeitschtes Kind, sehe ich Eure angeborne Fröhlichkeit in
solch traurigen unnatürlichen Banden liegen.« - Dagobert rieb sich die Stirne,
hielt die Hand einen Augenblick auf der Brust, schüttelte dann mit
mildwehmütigem Lächeln seine Locken, und des Freundes Hand. »Wahrlich,« sagte
er: »Gerhard! ich hätte nicht so viele Anlagen zu einem Sänger hinter Dir
gesucht. Deine Worte haben mich um so mehr ergriffen, als ich ihrer aus Deinem
Munde nicht gewärtig war. O, warum sprachst Du nicht bloss von dem, was Du
besonders liebst: von Deinem Rosse, Deinen Fechterkünsten, Deiner Trinklust und
Deinen Schulden? Ich wäre im Geleise geblieben, und das Leben mir noch
abgestandner erschienen, denn zuvor, aber wie ein Zauber hat Deine Rede auf mich
gewirkt. Seit Wochen schon glaubte ich, mit mir fertig geworden zu sein. Indem
ich das Vaterhaus verliess, und wieder zu dieser Zelle zog, dachte ich die ganze
Welt dahinten gelassen zu haben, aber nun war mir es plötzlich, als müsste ich
mindestens noch einmal hinaus in die weite Schöpfung, und noch einmal ihr ganzes
Bild in meine Augen ziehen, um sie dann auf ewig in Klosternacht zu schliessen.
Der alte Mut hat angeklopft in meiner Brust; der alte Frohsinn lüftete meine
Stirn, und wenn auch gleich diese herrliche entzückende Bewegung nicht zur Tat
werden darf, so habe Dank dafür, Du gute treue Seele. Gehörte mein die
Jakobskirche zu Compostell mit all ihren Kronen und Schätzen, - wären mein die
Kleinodien des Reichs, - Dein müssten sie werden für das Hochgefühl dieses
Augenblicks.« - »Seht Ihr wohl, wie Ihr schwärmt!« lächelte Gerhard zufrieden:
»Die Kronen des heiligen Jakob, wie unsers Herrn und Kaisers wolltet Ihr
hinwerfen um den Schatten dessen, was Euch die Wirklichkeit umsonst bietet, und
eine Grille nur verhindert anzunehmen! Ich schenke Euch indessen meinen Lohn
nicht, und Ihr werdet, statt mir Silber und Gold zu schenken, mir etwas zu Liebe
tun.«
    »Sprich!« entgegnete Dagobert misstrauisch. - »Tut einen einzigen Schritt
noch zurück in die Welt, der Ihr Valet zu sagen denkt;« sprach Gerhard:
»erheitert noch für einen Augenblick das Haus Euers Vaters. Er feiert heute den
Jahrstag seiner Vermählung, und - ich darf's nicht läugnen, - er, der ehedem nie
gute Freundschaft mit mir hielt, er hat mich aufgesucht, und mich gebeten, auf
meine Weise zu versuchen, was nicht seinem Munde und nicht dem Munde Frau
Margaretens gelingen mochte.« - Dagobert schwieg erschüttert; dann sagte er,
den Kopf schüttelnd: »Dieser Gang wird mir weh tun; denn alle Proben meiner
Standhaftigkeit werden sich verdoppelt erneuern.« - »Ei, so zeigt Euch doppelt
standhaft;« versetzte mit gutmütigem Scherz der Edelknecht: »kommt aber mit
mir; noch ehe der Pförtner das Kloster schliesst, bringe ich Euch frei und frank
hieher zurück, und Ihr mögt Euch meinentwegen Morgen schon die Platte scheeren
lassen. Aber heute seid noch einmal den Euern; heute fehlt nicht in Eurer Eltern
Mitte; denn nicht froh würden sie sein, sagten sie, wenn der Schutzgeist ihres
Glücks unter ihnen fehlte. Darum, wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure
halsstarrige Weigerung in Wermut verkehren. Es gibt ja in dem Ehestand. Galle
genug durch's ganze übrige Jahr.«
    Dagobert's Augen wurden feucht; seine Blicke flogen gen Himmel und mit einem
freundlichen: »Keinen Wermut in den Becher meiner Ältern!« ergriff er das
Barett, die Hand des Freundes und verliess mit ihm schneller, als dieser es
gedacht hatte, das Haus des heiligen Dominikus, um seinen Ältern festliche
Wohnung einmal, das Letztemal - dachte er - vor seiner Einkleidung zu betreten.
- Wie wurde ihm zu Mute, da er dieses Haus wieder sah, geschmückt mit der alten
gediegenen Pracht, die nur bei den feierlichsten Anlässen hervorgeholt würde aus
den bergenden Schreinen. Schon die Flur, die Treppe verkündete Festlichkeit, und
aus den Mienen der, dem Sohne des Hauses entgegeneilend Diener leuchtete das
Behagen, den willkommensten Gast, zu empfangen. Der alte Dieter, von der guten
Botschaft erfreut, umarmte den Sohn auf der letzten Treppenstufe, und Frau
Margarete trug in ihren zarten Händen den aus silbernen Münzen kunstfertig
zusammengefügten Pokal herbei, um ihn, mit duftendem Weine gefüllt, dem lieben
Dagobert zu kredenzen.
    »O, meine Ältern!« sprach der überraschte und gerührte Jüngling, ihre
Liebkosungen dankbar vergeltend, ... »wie macht Ihr mir es doch so schwer,
dieses Haus wieder zu betreten, da ich es ja doch wieder meiden muss? Aber Euers
Vermählungsfestes Jahrstag, der zugleich meiner wackern Mutter Geburtstag ist,
forderte meine Gegenwart, obgleich noch in diesen unheiligen Kleidern dabei
erscheinen muss.«
    »Vor dem Herrn ist der reine unbescholtne Sinn das hochzeitlichste Gewand,«
sprach dagegen der Predigermönch Johannes, der, Wallradens Söhnlein an der Hand,
zu den Umschlungenen trat: »Ein drolliger Schalk hat Dich der Klause entlockt,
guter Dagobert, in welcher ich Dich ungerne sah. Möge ein guter Engel es fügen,
dass Du nicht mehr dahin zurückkehrest.« - Der junge Mann sah ihn betroffen an.
Während dessen aber ergriff Dieter ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube
ein, um deren Tafel ein bunter Kranz fröhlicher Gäste sich reihte. Die Männer,
grösstenteils nahe Freunde des Hauses, begrüssten den Sohn mit dem gewichtigen
Handschlage; die geladenen Frauen mit sittiger Kopfneigung, und er rieb sich
verwundert die Augen, als ihn der Vater zu seiner Rechten setzte, und er in
seinen Nachbarinnen die Edelfrau von Dürning und ihre anmutige Tochter Regina
erkannte. Beide Frauen, seine Überraschung gewahrend, teilten sie
gewissermassen, in einer Befangenheit verharrend, die sich in Mutter und Tochter
gleich aussprach, obschon von verschiedenen Beweggründen erzeugt. »Ihr staunt,
ehrsamer Junker,« begann endlich die Edelfrau, »Ihr staunt, uns hier
anzutreffen. Allein die Ursache, dass wir seit kurzer Frist in diesem Hause fast
heimisch geworden, ist zugleich die Ursache der Beschämung, die mir es schier
verwehrt, ohne Rückhalt mit Euch zu reden. Es ziemt jedoch dem Fehlenden, zuerst
den Mund zum Vergleiche aufzutun. So mag ich Euch denn nicht bergen, dass mir
schon lange in der Seele leid getan, was ich damals in bitterm ungerechten
Verdachte Euch gesagt vor unserm Scheiden. Meine Regina, die kein Geheimnis mehr
vor ihrer Mutter hat, hat mir erklärt, wie die Dinge zusammenhingen und wie
ehrenwert Euer Schmerz um Ester, wie rein Euer Verhältnis zu Regina gewesen.
Glaubt mir, dass ich einen Anlass herbeiwünschte, um gut machen zu können, was ich
verbrach, und wider Vermuten fand sich dieser. Da Eure überhand nehmende
Schwermut Euch gewaltsam aus dem Hause Eurer Ältern riss, so wurde der Sinn
Euers Vaters also erweicht, dass er seine Habe darum gegeben hätte, Ester wieder
aufzufinden und in Eure Arme selbst zu führen, wofern sie nur zum Bund der
wahren Kirche treten wollte. In dem Bemühen seiner Vatersorge wendete er sich
auch an mich, ob ich denn von keiner Spur des Mädchens je gehört. Leider musste
ich verneinen. Diese Zufälligkeit jedoch hat uns mit den Euern bekannt gemacht
und mich veranlasst, der Einladung Eurer Mutter zu dem heutigen Tage
nachzukommen, weil ich mir die Möglichkeit dachte, vielleicht Euch sehen und von
Munde zu Munde sagen zu können, dass ich herzlich meinen Argwohn gegen Euch
bereue, und Euch um Vergebung bitte.« - »Ich müsste wohl jetzo ein recht
harterziger unversöhnlicher Feind sein,« entgegnete Dagobert lächelnd, »um
solche Bitten aus hochgeehrtem Munde tagelang mir wiederholen zu lassen. Leider
aber erfordert mein zukünftiger Stand Friedensliebe und Versöhnlichkeit, und
somit erteile ich Euch, edle Frau, von Herzen die gewünschte Absolution, ob
mich gleich noch nicht die Weihe des Bischofs dazu befugt hat.« - »Also ist es
doch wahr?« fragte Regina ein wenig vorschnell und ein wenig erschrocken: »Ihr
wolltet wirklich in's Kloster gehen, edler Junkherr? einen weissen Rock anlegen,
wie der lange Mönch dort, der Euch immer so freundlich anlächelt? Tut das ja
nicht, Herr. Das ritterliche Kleid steht Euch viel besser an, und Ihr seid für
das Kloster viel zu ... viel zu jung.«
    »Ei, Regina!« unterbrach die Mutter die Stockende mit verweisendem Blicke:
»Was soll das heissen, was soll der Junker von Deiner Frömmigkeit halten, wenn Du
also unehrerbietig von den heiligen Klöstern sprichst?« - »Eure Tochter hat
selbst die Frömmigkeit einer Heiligen,« versetzte Dagobert: »Diese bindet sich
nicht an ein Kloster oder einen Wallfahrtsort, sondern an den lieben Herrgott
selbst, und die Seinen. Rechtet aber mit der heiligen Kirche deshalb nicht, mein
Fräulein. Dringt gleich der feiste Herr dort oben, mein Ohm, der Prälat, auf
meinen Profess, fordert ihn gleich der würdige Herr Dechant, - derselbe, der so
eben nach der Pfeffertunke langt, als eine unerlässliche und unaufschiebbare
Pflicht, .... so zwingen mich doch die Genannten nicht, und nicht der Bischof,
und nicht der heilige Vater sammt dem Concilium: mein Wille tuts, und meines
Herzens Gefühl.« - »Das ist traurig;« sprach Regina niedergeschlagen, und liess
das Haupt sinken: »Ich glaubte Euch nicht, als Ihr damals bei der Forstütte den
Vorsatz ausspracht, in Zukunft einsam in der Welt zu leben. Aber ich sehe, dass
Ihr bittern Ernst macht, denn Ihr hättet wohl sonst nicht eigensinnig Alle die
zurückgewiesen, die für Euch der Mutter Eid lösen wollten.« -
    »Ich verabscheue den Beter um Sold,« entgegnete Dagobert kurz, »und besitze
auf der Welt kein Freundesherz, das freiwillig, nur um meinetwillen für mich
einträte.« -
    »Nicht?« fragte rasch Regina, und ihre Augen blitzten auf, so schnell als
ihre Lippen weiter sprachen: »Wie aber, wenn ich den Schleier nähme, um Euch zu
lösen?«
    Dagobert schwieg überrascht und bestürzt. Sein Blick, der verwundert dem
Blicke Reginens begegnete, flog plötzlich vor diesem zu Boden, und sein Mund
wusste kein Wort zu bilden, um so mehr, als Regina in ihrer kindlichen
Unbefangenheit weiter plauderte: »Lasst mich doch immerhin, Mütterlein. Ob Ihr
mich am Gewande zupft, oder mit dem Ellbogen tippt, es ist ja doch wahr. Von
dieser Tafel ginge ich zum Kloster, wenn es dem Junker frommen möchte, - und
nimmer, .... ach mein Gott, gewiss nimmer würd' es mich gereuen.« - Die Edelfrau
warf einen halb lächelnden, halb missbilligenden Blick auf Reginen, die das von
stolzer Zufriedenheit strahlende Antlitz hoch emporhielt, und Dagobert konnte
nur, von seltsamen Gefühlen befangen, erwiedern: »Um die Rosen Eurer Jugend wäre
es Schade, mein liebliches Fräulein. Solcher Liebreiz ist zu gut für's Kloster.
Seid indessen bedankt, dass Ihr mir ein teilnehmend Herz erschlossen,« fügte er
nach kurzem Schweigen hinzu: »Das Bewusstsein, von Euch bemitleidet zu werden,
soll der Engel sein, der nimmer von mir weichen darf in meinem vom Schicksal
erlesenen, freiwillig gewählten Kerker.« - »Ist das die Rede eines jungen
Deutschen?« fragte Dieter, der die letzten Worte des Gesprächs vernommen hatte:
»Ist das eines jungen Reichsstädters, eines Altbürgers Sprache? O, mein Sohn,
wie schmerzlich betrübst Du Deinen Vater. Bedenke: mein Gewissen, - das des
greisen Mannes ist ruhig geworden, da alle Zweifel beseitigt wurden, und der
heilige Vater Dir die Wahl freigestellt, und Dein Starrsinn verschmäht die Huld
der Kirche.« -
    Dagobert erwiederte einige Worte der Beruhigung, und versuchte, dem Vater
vorzustellen, dass er weniger in ohnmächtigem Groll gegen das Schicksal handle,
als nach innigem Pflichtgefühl. Dieter schüttelte ungläubig den Kopf, und
versank in jenes Zuhören, das nur das Ohr in Anspruch nimmt, ohne den Verstand
zu überzeugen. Plötzlich wurden aber seine Züge lebhafter; Frau Margarete, die,
den Schlüsselbund an der Seite, als geschäftige Hauswirtin um die Tafel ging,
gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen, und deutete verstohlen auf die Türe
des Nebengemachs. »Sieh, wie unsere Gäste froh sind!« sprach Dieter, Dagobert's
Hand fassend: »Die zahlreichen Trinksprüche, die der Hülshofen ausgebracht,
haben die Köpfe erhitzt, und der Mund geht über in raschem Gesprächsel. Die
Frauen sind nicht minder lebendig geworden, und schmausen plaudernd die
venedischen Mandeln und Weinbeeren, die in Fülle vor ihnen stehen. Alles ist
froh bei diesem Doppelfeste, an welchem ich Deiner Mutter ersten Lebenstag
feiere, wie meinen zweiten Hochzeitstag, damit Jedermann sehe, dass ich meiner
Frauen Unschuld erkannt, und sie wieder aufgenommen habe, in mein Herz, in meine
Arme. Lass mich dieser Feier eine dritte Bedeutung hinzufügen: lasse sie auch das
Fest Deiner Befreiung sein. Komm mit mir, mein Sohn. Die Männer vermissen nicht
den Wirt, die Frauen nicht die Hausfrau; uns bleiben einige Augenblicke. O, dass
sie günstig währen für uns, wie für Dich!« - Er zog, rasch aufstehend, seinen
Sohn schnell mit sich in's Nebenzimmer, wohin auch Frau Margarete folgte.
Dagobert, der nicht wusste, wie ihm geschah, und was alles dieses zu bedeuten
haben möchte, prallte an der Türe vor Erstaunen zurück, da er im Hintergrunde
des Gemachs auf einem Lehnsessel ruhend, eine bleiche Frauengestalt erblickte,
deren Gesichtszüge man früher genau gekannt haben musste, um in ihnen diejenigen
der, ehemals so reizenden, Wallrade wieder zu finden, Von Dieter's, wie von
Dagobert's Anblick bewegt, erhob sich die Jammergestalt, unterstützt von der
hülfreichen Oberin des Weissfrauenklosters, die mit der Freundin gekommen war,
und streckte die Hände dem Vater entgegen. »Endlich sehe ich Euch wieder, mein
Vater;« sprach sie mit annoch sehr schwacher Stimme: »Nachdem Eure Hände segnend
mein Haupt berührt hatten, da ich noch im Todeskampfe zu ringen schien, entzogt
Ihr mir Euern Anblick, und die Kunde meiner Wiedergenesung entfernte Euch von
mir, denn Ihr fühltet Euch nur stark genug, der Sterbenden, nicht der Lebenden
zu verzeihen. Ich murrte nicht gegen Euern Entschluss; ich habe Euern Zorn
verschuldet. Aber zürnt mir nicht, dass ich nach einem Mittel forschte, Euern
Unwillen zu mildern. Frau Margarete, die gute Frau, die ich bisher schmählich
misskannt, und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat, wie
ein helfendes Engelsbild, zollte meinem Vorsatze Beifall, und ermutigte mich,
zu Euern Füssen mich zu werfen, dass ich Vergebung erhalten möge.« - Der gerührte
Vater hinderte Wallradens Kniebeugung, und ermahnte sie liebevoll, auf ihrem
Sessel zu verbleiben, und nicht ihm, der schon von Allem wisse, sondern dem
Bruder zu verkünden, was sie, von Gott erleuchtet, beschlossen habe, und bereit
sei, zu vollführen. - Erwartungsvoll sah Dagobert auf die entstellte Schwester,
die, wie ein Bild des Leides ihn eine kleine Weile stumm betrachtete, und
nachdem die in ihrem Antlitz aufgestiegnen düstern Schatten verdämmert waren,
also begann mit langsamen Worten aber vernehmlicher Stimme: »Obgleich, mein
Bruder Dagobert, eine Mutter uns gebar, so haben wir uns dennoch nie geliebt,
und es wird einst dort oben zur Sprache kommen, wessen Schuld es gewesen.
Indessen hat mein unglückselig Geschick mir durch die Schreckenstat, die an mir
verübt worden, den Fingerzeig gegeben, dass man noch hienieden selbst die Hand
zum Frieden und zum Guten bieten müsse, weil die Zeit verinnt, und schnell
herbeikömmt der Tod. Verzeihe mir daher, mein Bruder, so ich Dich beleidigt.« -
    »Auf Deinem Schmerzenslager habe ich Dir vergeben, Dich gesegnet;«
erwiederte Dagobert: »ich kenne keinen Groll mehr gegen Dich.« - »So nimm auch
ein Geschenk von mir;« fuhr Wallrade fort. - »Was Deine Liebe mir zugedenkt;«
entgegnete Dagobert: »mein sei es, und ich will Dir's danken, als ein Pfand
unsers Geschwisterbundes.«
    »Du schwörst mir, dass Du nichts verschmähst, es sei auch noch so dürftig und
gering, oder noch so köstlich und begehrenswert?« - »Ich schwör' Dir's zu,
Schwester;« antwortete Dagobert rasch, und über die Gesichter aller Anwesenden
ging die Sonne der Freude auf. - »So empfange von mir Deine Freiheit;« sprach
gewichtig und betonend Wallrade: »Unser Vater verzweifle nicht kinderlos. Bleibe
Du ihm, da sein lieberer Sohn ihm starb. Des Papstes Brief lässt zu, dass Mann
oder Weib Deine Stelle im Chor vertrete. Ich tue das Gelübde an Deiner Statt,
und löse also das Deiner Mutter, die auch die meinige war.« - Das hatte Dagobert
nicht gedacht; unüberlegt hatte er sich in der Beteuerung fangen lassen, und
suchte nun auf Wallradens Stirne zu erforschen, ob Wahrheit, ob Lüge sie sprach.
Wallradens Antlitz blieb sich jedoch gleich, als wie aus Stein geformt, und
dankend umarmte sie Margarete, und dankend schüttelte ihr der Vater die Hand,
obgleich der Eltern Brust erbebt hatte unter der schonungslosen Berührung des
Absterbens ihres kleinen Johannes. Dagobert allein sah lange stumm vor sich hin,
und reichte hierauf ziemlich kühl und verstimmt ebenfalls der Schwester seine
Rechte. - »Ich will wohl glauben,« sprach er, »dass das Vergangene Dein Herz
gewendet, Schwester. Ein Erdstoss stürzt ja auch Felsen ein. Allein, die Art, wie
Du das Gute tust, ist ganz der Schlangenlist ähnlich, die Dich früherhin
beseelt. Du hast mich in einer Schlinge gefangen, und zerstörst grausam das
Gebäude eines wehmütig stillen Einsiedlerglücks, dass sich meine Einbildung in
die Zukunft hinein, aus der Welt hinaus gebaut hatte. Ich müsste nicht ein Mann
sein, dem sein Wort heilig ist, ich müsste nicht die Freudentränen meines
Vaters, meiner zweiten Mutter sehen, wenn ich länger unerbittlich bleiben
sollte. In Gottesnamen denn! geh' hin an meiner Statt, und diene dem Herrn, aber
diene ihm ohne Falsch, mit redlichem Herzen. Erwarte aber keinen Dank von mir,
denn ihr Alle, die ihr mich liebt, ihr raubt mir die Ruhe, die ich hoffte, und
schleudert mich als Beute hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens, auf dessen
schönsten Fluren mir dennoch ewig das Schönste fehlen wird.« - Nicht wie einer,
dem eine wohltätige Hand die unverdienten Ketten abgenommen, - nein; - wie ein
Knecht, den tyrannische Gewalt erst auf die Ruderbank gezwungen, ging er zu der
Versammlung zurück. - »Kehrt Euch nicht an den Sonderling, Wallrade!« sprach zu
dieser entschuldigend Margarete: »Wir achten oft eine Wohltat gering, die wir
nachher nicht hoch genug zu schätzen vermögen.« -
    »Lasst das, liebe Frau;« erwiederte Wallrade kalt: »Nicht ihm zum Guten,
sondern mir zu Liebe tue ich das, was ihm missfällt. Mein Gewerbe ist jetzo hier
vollendet, darum, Vater, bitt' ich um ein tröstend Aschiedswort, und sag' Euch
Lebewohl.« -
    »Wie?« fragte Dieter besorgt: »Schon willst Du scheiden? nicht den Freunden
unsers Hauses diejenige zeigen, deren Aufopferung mir den Erben erhält?« - »Wo
denkt Ihr hin, Vater?« fragte Wallrade bitter lächend entgegen: »Mein
abgezehrtes Antlitz taugt nicht in den Kreis der Fröhlichen. Ihre Blicke, ihr
Flüstern, ihr Achselzucken würde mir den Tod geben. Ich gehe zu meiner Zelle
zurück.« - »Aber, Wallrade,« - redete Margarete sanft in ihr Ohr: »wollt Ihr
nicht wenigstens den Knaben sehen, der Euch angehört? Euern Johannes?« - Da fuhr
Wallrade empor, und schoss einen Blick auf Margareten, dass diese zusammenfuhr,
denn alle Flammen einer auflodernden Hölle sprühten daraus ihre Funken. dabei
schüttelte sie heftig den Kopf, und rief aus gepresster Brust: »Nein! nein!
nimmer! in Ewigkeit nicht!« -
    Während sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog, dass er
gänzlich verhüllend herabfiel über die drohende Gestalt, und das noch drohendere
Antlitz, fasste Margarete den staunenden Dieter bei der Hand, und zog ihn
hinweg aus der Türe. »O kommt!« flüsterte sie: »Ich fürchte mich. Gewiss hat sie
sich nicht ganz gebessert, denn unmöglich kennt ein Mutterherz solche Härte und
Grausamkeit, hat es die Sünde nicht versteinert,« -
    Eben so kopfschüttelnd, als Dieter seiner Gattin folgte, also blickte die
Oberin Walburg, die Freundin an, da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren.
»Erkläre mir doch das grösste Rätsel,« sprach sie mit forschendem Auge.
»Wallrade erkläre Dich selbst; denn ich höre auf, Dich zu begreifen. Wo ist die
Weichheit hin, die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklärte, und jedes Deiner
Worte in Honigseim tauchte? Wohin die Liebe, die Du damals für den Sohn
aussprachst, den Du misshandelt? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines
Vaters Hause? Die gottgeweihte Magd, - die, die sich selbst hingibt, um Andrer
Willen, zum Sühn- und Löseopfer, - in Dir habe ich sie nicht erkannt. Deine
Liebe scheint von Erz zu sein, die Wohltaten, die Du spendest, - obgleich
ungezwungen und freiwillig, - sie erwecken Grauen. Mir selbst erscheinen sie,
wie verhängnisvolle Gaben, die das Verderben unter angenehmer Hülle bergen, und
fast möchte ich lieber der Knabe sein, den Du so unmütterlich verwirfst, als zu
Jenen gehören, die sich Deiner Liebe erfreuen, wie die, welche wir verlassen
haben.« - Wallrade lächelte hierauf nachdenklich und arg, und versetzte
unbefangen: »Der Geist, mit dem wir in's Leben traten, begleitet uns auch bis
zum Grabe, und ist untertan dem Körper, obgleich dieser nur ein Leib aus Staub
und Asche ist. Sind unsre Glieder schwach, so erlahmt auch Wille und Tat. Sind
sie stark, so erstarkt auch unsre Seele. Daraus erkläre Dir selbst, meine
Freundin, die mich schon seit meiner frühsten Jugend kannte, wie ich in meinem
Siechtum so ganz anders reden und handeln konnte, als ich früher tat, und
ferner tue und reden werde. An den Pforten des Todes war ich nicht mehr
Wallrade, - nur ein zur Grube taumelndes, irrdisch, schwaches Weib. Aber, so wie
die Kräfte wuchsen, so kam auch der alte Geist wieder zurück, und obgleich noch
nicht völlig hergestellt, so spüre ich doch die ehemaligen Gefühle wieder die
Flügel regen, und ich werde sein wie ehemals.« - »Du wirst mir unerklärbarer;«
schaltete Walburg ein: »Du, wie ehemals? Du, mit Deinem Hange zu den Freuden der
Aussenwelt, willst in ein Kloster Dich verkriechen, und dennoch sein wie
ehemals?« -
    »Glaube mir,« antwortete Wallrade. »Der elende Mörder hat mich nicht zum
Tode getroffen, aber an seinem Eisen blieb die Blüte meines Lebens. Weg aus der
Welt mit der Unvermählten, deren Rosenwangen und Körperschönheit zu Grabe ging.
Dem schönen Weibe gehört die Welt mit ihren Königen und Helden; der Verblichenen
ein Altar und hinter demselben ein spätes Grab. Und ich vollends .... ich,
übermannt von der Last von Vorwürfen, die die Welt auf mich geschleudert, weil
böse Zufälle und ein tückisches Geschick mich zu Boden warfen; ... ich sollte
wieder hinaustreten in diese Welt? Nimmermehr! Ich werfe mich in die Arme der
Kirche, - doch nicht als reuige, bussfertige Sünderin: eher würd' ich sterben.
Aber segnen, benedeien müssen mich noch diejenigen, die ich hasse, und bis zum
Grabe hassen werde. Die Hand müssen sie noch küssen, die sie züchtigt, und laut
ausrufen: Sie ist unsere Wohltäterin geworden! Wir haben sie verkannt. Indem
ich mich also aufopfere für das Beste dieses Bruders, so bereite ich mir einen
Heiligenschein, und jenen in der Brust eine glimmende Hölle. Bleibt Dagobert im
Vaterhause, so baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr schwer zerstörbares
Nest, Eifersucht und Trug werden dort wieder heimisch, und Dagobert selbst, der
in seiner Schwärmerei im Kloster glücklich geworden wäre, wird der
Unglücklichste der Sterblichen. Durch diesen Schritt werfe ich dem Prälaten, der
sein früheres Wohlsein nicht benutzt hat, wieder den Maierhof zurück, den er mir
einstens überlassen; und mich ergötzt's, dass er, der mich an alle Fürsten
verkauft haben würde, um seinen Beutel zu füllen, jetzo mir ein dürftiges
Almosen danken muss. Die nichtswürdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhön
weise ich somit gänzlich an die Mildtätigkeit der Blutsfreunde, und bin freier
in meinem Kloster, als ich es vielleicht jemals ausser demselben war, lebe meiner
Behaglichkeit, und der Hoffnung auf schwere Rache an allen meinen Feinden.« -
»Hör' auf!« bat Walburg: »mir zittern die Glieder, so ich Dich anhöre.« -
»Meiner Freundschaft verdanckst Du diese seltne Aufrichtigkeit;« entgegnete
Wallrade ernst: »von Deiner Freundschaft hingegen erwarte ich Geduld,
Verschwiegenheit und ehrliche Behandlung. Eine andre Lebensfrist beginnt hierin
für mich. Herab vom Himmel will ich Rache flehen, und wie die Ritterdame vom
Söllen einem Turniere, so aus dem Klosterfenster ruhig dem Wirrsal zusehen, das
ein unbeugsam Geschick über meine Feinde verhängen wird; ... und somit,
Freundin, Oberin, lass die Kirche schmücken zum Empfange einer neuen Braut, raube
mir die Locken, in welchen sich schon manch Gewaltiger hing, ziere mich mit dem
Kranze, und dann: Salve Regina!« -
 
                                Elftes Kapitel.
                Die weite Stadt fasst nicht die Zahl der Gäste, .....
                                                                       Schiller.
So sehr lieblich auch der Lenz gewesen war, so stellte sich doch der Sommer ein,
als ein glühender Gast, der Fluren und Matten versengte, Bäche austrocknete, und
den verschmachtenden Menschen und Pflanzen kaum einige kühle Nachtstunden zur
Erholung gönnte. Indessen, je mehr er andauerte, je mehr liess er wieder nach,
von seiner brennenden Strenge, und ein heiterer gewitterleerer Spätsommer
entschädigte für des Augustmonats entsetzliche Hitze. Darum strömten auch, wie
neubelebt, aus allen Gegenden des Vaterlandes und der Fremde, zahlreiche
Schaaren zu der alten Herbstmesse, die zu Frankfurt wieder eingeläutet wurde,
und sie versprach, weit glänzender zu werden, als in vielen vergangenen Jahren.
Die Züge der Kaufherren, die nach einander unterm Geleite der Reichsstadt, des
Erzbischofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen, überboten sich an
Zahl und Reichtum. Nicht bloss die Städte am mächtigen Rheinstrome, von Basel
beginnend bis gen Cöln, sandten ihre besten Handelswaren, nicht aus dem reichen
Nürnberg und Augsburg, oder aus den gewerbfleissigen Niederlanden allein eilten
die Fürsten des Handels herzu, sondern auch aus weit entlegnern Landen fanden
sich Käufer und Verkäufer ein. Wälschlands Werkherren, die Gevertschen aus der
Lombardei, und die Wechsler aus Burgund, die Stahlarbeiter und Wollentuchhändler
aus Engelland, die Pelzverkäufer aus den nördlichen Reichen, dem fernen Polen,
und dem noch fernern Reussenland, der mächtigen Stadt Neugart, füllten die
Gewölbe Frankfurts mit ihren Waaren, und genossen freundliche Aufnahme in der
von Menschen aller Völker wimmelnden Stadt. Bis unter die Lucken der Dächer
lebte und webte jedes Haus, und dennoch schien die Zahl der Gebäude zu klein, um
all die Gäste zu fassen, denn auf dem Fischer- und Klapperfelde standen Lager
von lustigen Zelten, und auf den Gassen drängte sich unaufhörlich ein rastlos
tobendes Menschenmeer. Stolzer als sonst wohl, sah nun jeder Frankfurter Bürger
aus seinem Fenster in das Gewühl vor demselben, und pries glücklich sich und
seine Heimat, auf deren Markt das fernste Ausland seine Erzeugnisse brachte,
und sein klingend Geld, oder seine gültigen Wechselbriefe. Durch alle Tore
rollte der Seegen des Handels, durch alle Pforten zogen heitre Menschen mit
lebenslustiger Stirne und schwergefülltem Beutel; den Mainstrom herab kamen die
überfüllten Marktschiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten
Donnerbüchsen und dem Gesange der Mannschaft; den Strom herauf zu Berg steuerten
die reichbeladenen Fahrzeuge vom Neckar und vom Rhein. Und welche Fröhlichkeit
entfaltete ihr Panier, fanden sich in der weiten Stadt Landsleute zu
Landsleuten, Bekannte zu Bekannten. Die Glockenschläge und Trompeterstücklein,
die vom Turme den Ankömmlingen entgegenschallten, stimmten zur Freude, denn nun
war sie ja überstanden, die gefahrvolle Reise, auf welcher schon manch
Unglücklicher Leben und Habe verlor, unter den Mordklauen des räuberischen
Gelichters, das Heerstrasse, wie Strom unsicher machte. Nun befanden sich ja die
sicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinwesens, hinter
schirmenden Mauern, und im Schoss geregelter Gesetze, die den Messfremden gar
günstig waren, und insonderheitlich keiner Freude wehrten. Darum schwang sich
auch das Rad des ernsten und eifrigen Gewerbes scheinbar leicht wie das Spielrad
einer Knabenmühle; die Wichtigkeit des Geschäfts gewann den Anstrich eines
sorgenlosen Tauschvertrags, und über den düstersten angefülltesten Gewölben und
seinen emsigen Dienern und Schreibern wehte die Wimpel der Heiterkeit. - Welch
ein reges Leben in allen Teilen der Stadt, und längs dem Flusse, wo sowohl die
zweckmässigste Lage, als auch Gewohnheit die Hauptsammelplätze der Kaufmannschaft
geordnet haben. Still und besonnen treiben die Tuchhändler aus den flandrischen
Städten, die reichen Antwerper, die stolzen Genter und die verschmitzten Herren
von Brügge ihr Werk, ohne viel Geräusch, aber mit sicherer Geschäftigkeit. Neben
ihren Niederlagen preisen die Schleierhändler von Strassburg den vorüberziehenden
Frauen ihre dünne und köstliche Waare, sammt den Gold- und Silberspitzen, die
sie lockend und prahlend zugleich am hellen Sonnenlichte durch die feinen Finger
gleiten lassen. - Während auf der Schwelle einer einladenden Weinschenke feurig
glühende Weinhändler aus dem Elsass den Kauflustigen das duftende Öl ihrer Fässer
rühmen, und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen suchen, rufen
an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hüte und Handschuhe zum Verkauf, und
nicht fern davon die Schweizerhändler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und
Zeuge von seltner Güte, die sie aus ihren Bergen zu Markte bringen. In der Bude
des Böhmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare, wie in des Steuermärkers Laden
das dauernde Eisen rasselt. Gegenüber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus
Sachsen schweigend und bedächtig die Silberstangen, um welche die Münzwardeine
und der Silberschmiede gelehrte Schaar prüfend steht; nicht minder vermisst
nebenan der Ulmer seine schöne Leinwand mit geräuschloser Fertigkeit, und spart
die freundlichen Worte nicht, um die ehrsamen Hausfrauen, die sein Gewölbe
füllen, zu seinem Vorteil zu stimmen. Mag immerhin der Krämer aus Pisa oder
Lukka aus vollem Halse sein Gewürz, seine wohlriechenden Salben ausschreien, ...
lächelnd und still erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hansee an ihren
Ladentüren, durch welche blankes Schiessgewehr, köstliche Nordfelle auf die
Strasse sehen. Des Zuspruchs holder Frauen sind die schweigsamen Männer nicht
gewärtig, ausgenommen vielleicht die Verkäufer der gesalzenen und getrockneten
Seefische, und nur Männer suchen in diesen entlegenen Buden und Kellern ernstere
Waare, die Metalle und Erze des Nordens, das gefährliche Pulver, die schweren
Brandweine in den ungeheuren Tonnen. Hier vorüber geht es aber wieder in das
dicke Gewühl des Gewerbes hinein. Die langen Reihen von Fässern, die aus
Türingen herbeigeschaft werden, und Pech, Teer und Kienruss entalten, ziehen
das Volk der Schiffer an; die Färber und Wollenhändler strömen dagegen zu den
Niederlagen der Erfurter, welche den nicht genug herbeizuschaffenden Waid
feilbieten. Hier spielen die Waidträger mit ihren Körben und Tragen den Herrn
und Meister; die Messerschmiede, eine unhöfliche Zunft, schliessen sich mit ihren
Kramstellen an die Türinger, an diese die Holzwaaren- und Messinghändler von
Nürnberg, die Seidenweber von Augsburg, und überall dieselbe Regsamkeit,
allentalben derselbe Eifer, von dem Lehrjungen an, der auf eine Kiste das
Zeichen seines Kauf- und Lehrherren pinselt, bis zu dem Ostfriesen, der vor
Rittern und Herren die ausgesuchten Rosse tummelt, die er auf den bedeutenden
Markt gebracht. - Doch nicht allein für das Nützlichste ist allentalben im
Überfluss gesorgt, ... auch das Lustige und das Seltsame will sein Recht
behaupten. Nicht im Handel und Wandel allein sollen die Beutel geleert und
gefüllt werden; das abenteuernde Volk der Kunst will auch, dass man der Torheit
seinen Zoll entrichte, und an Wunderlichkeiten der Natur nicht ohne Spende
vorübergehe, .. besondere Geschicklichkeit nicht unbelohnt lasse. Hat die
Handelwelt ihre Trone auf dem Römerberg, im Saalhofe und am Ufer des Mainstroms
errichtet, so baut dagegen die Kunst, die sich zur Schau stellt, anderwärts ihre
luftige Bühne, oder durchzieht wandelnd die Gassen, Bürgern und Fremden vor die
Türe bringend, wonach, sie aus der Türe keinen Schritt tun würden. Wandernde
Dichter und Sänger ziehen umher, von Herold und Pickelhäring begleitet, und
halten Wettkämpfe der Begeisterung oder possenhaften Reimerei. Häufig ist der
blaue Himmel das Dach ihres Schauplatzes, und aus den Fenstern der Häuser und
den Türen der Laden fliegen die Heller, die ihre Anstrengungen belohnen sollen.
Öfter jedoch ziehen sie es vor, die heimlichen gewölbten Stuben der Küfermeister
zu besuchen, die in der Messe niemals leer werden, weil ihr Kranz und Busch
immer grün, und der dadurch verheissene Wein immer duftig und kühl ist. Der
Sänger liebt der Rebe Gold, der wohlgenährte Bürgersmann ist freigebig; die
Fässer laufen über, und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gäste Hand oft
das Doppelte dessen in des Herolds Mütze, das der Geber zu steuern sich
vorgenommen. Auf dem Rossmarkte bereitet sich indessen ein ernsterer Wettkampf
vor, obgleich im Grunde auch nur Posse und Spielerei. Ein hohes Gerüste
besteigen so eben zwei Fechter, die das Volk unter lautem Jubel herbeigeführt.
Die Schelme, die so fremd gegeneinander tun, und sich drohend messen mit den
Blicken, und die Nase rümpfen, dass der gewaltige falsche Schnurbart sich in die
Höhe zieht, - sie kennen sich recht gut, und sind nur zu verschiedenen Toren
eingezogen, um das leichtgläubige Volk zu täuschen, ihre Fertigkeit in höhern
Wert zu setzen, und ihre Rechnung dabei doppelt zu finden. Eine Bürgerfreude
ist solch ein Fechteraufzug; die grösste Wonne des Pöbels zwei fremde Kämpfer
aneinander zu hetzen. Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe, geschmückt mit einer
langen Feder, die schon bei manchem Strauss gewesen, ein ungeheures
Schlachtschwert auf der Schulter tragend, ... seltsam aufgeputzt mit farbigen
Bändern, erklimmen die Klopffechter die Bühne, um dort zu siegen oder zu
unterliegen, je nachdem gerade die Reihe an einem oder dem andern ist. Das Volk
klatscht sich die Hände wund, schreit sich die Kehle rauh, und aus den, bis zum
Gibel mit zahllosen Zuschauern besetzten Häusern des Rossmarktes regnet reiches
Schaugeld, von einem kecken Hannswurst erbettelt, in den Seckel der
Schalksgesellen, die in's Fäustchen lachen, und vielleicht, um dem Schauspiel
ein glänzendes Ende zu verleihen, sich gegenseitig den Doctorgrad des langen
Schwertes unter albernen Gebräuchen erteilen.
    »Ich will doch des Donners und des Hagels sein,« - sprach Gerhard von
Hülshofen zu Dagobert, mit welchem er durch das Gewühl schlenderte, - »wenn ich
nicht die beiden angeputzten Hasenfüsse auf jenem Gerüste, so barsch und
reckelhaft sie sich auch haben, mit einem Pfannenstiele in die Flucht jage, so
weit der Himmel blau ist. Das sollen Fechterhiebe sein? Buffelei, weiter nichts,
mein guter junger Herr. Was meint Ihr dazu?« - Dagobert blickte den Frager mit
der Miene eines Mannes an, der so eben aus einem tiefen Schlaf erwacht, und
nicht eine Sylbe von dem gehört hat, was man ihm seit Stunden vorgeredet. -
Gerhard schüttelte unwillig den Kopf. »Seid wieder in Eurer besten Laune, mein
Lieber;« brummte er: »Ich rate Euch, löscht Eure Lampe aus, und sagt der Welt
Gute Nacht; s'ist eine Schande für alle Junggesellen des römischen Reichs, dass
Ihr, der Wackersten Einer, Euch geberdet, wie ein träumend Kind. Ihr helft der
ganzen Welt aus dem Eisen, wie die Historia mit dem Wildmeister erst kürzlich
bewiesen, obgleich der Herzog Alles getan haben musste; ... aber Euch selbst
könnt Ihr nicht helfen. Schämt Euch, und kommt zu bessern Gedanken. Dass Ihr
nicht heiraten wollt, wie es Euer Vater wünscht, ist gut, ... denn nur der
unbeweibte Mann ist ein ganzer, - aber der Grund, warum Ihr's nicht tun wollt,
ist ein schlechter Grund. Für diesmal sei's genug, aber seid doch lustig, in's
Teufels Namen, s'ist Messzeit, Jubel und Freude an allen Ecken, und der wohlweise
Rat so sanft wie ein Lamm, er weiss schon warum. Alle fahrende Frauen und
Töchter sind losgelassen, und dürfen schwärmen auch ausserhalb dem Rosentale1.
Die Schenken sind offen die ganze Nacht hindurch, und kein sauertöpfischer Wirt
darf mich auf die lange Glocke verweisen, wenn ich nach neun Uhr mein
herzhaftes: Eingeschenkt, über den Tisch donnre. Ich mag jetzo meine längste
Stossklinge an die Hüfte stecken, und damit den Waden der jungen Fante
beschwerlich fallen, während ich sonst mein kürzestes Schwertlein anhängen muss,
das nicht besser aussieht, als das Wetzeisen am Gürtel eines Schlächters. Ja,
mir ist's sogar nicht verwehrt, Sonntags meinen Bart scheeren zu lassen, so
mir's gefällt. Es lebe die Messfreiheit! Sagt, kann man wohl glücklicher sein?
Jagt darum die Grillen zum Teufel. Sprecht, wohin wollen wir? Soll ich Euch etwa
zu dem Wundarzt führen, der an der Ecke der Klauskirche seine Latwergen und
Pillen verkauft? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Blödsinn, oder sein
Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen, was das Herz froh macht, und hungrig den
Magen; oder wollen, wir den Vogel Strauss sehen, von welchem Alt und Jung
erzählt, oder das ungeheure Elephantentier, in dessen Wanst, wie das Volk
behauptet, der Teufel selbst stecken soll?« - »Besieh Du allein diese
Seltenheiten,« erwiederte Dagobert kopfschüttelnd: »lasst mich jedoch hier unter
der Menge von Menschen, die mir grösstenteils fremd sind, und folglich auch
meine Bürde nicht kennen.« - »Glaubt Ihr denn, ich würde Euch allein lassen,
guter Freund?« fragte Gerhard lachend: »Behüte Gott; ich bin wie zu Eurem
Wächter bestellt. Ihr wärt im Stande, in Euerm Trübsinn geradezu in den Strom zu
gehen, oder Euch zum Mindesten von dem einfälltigsten Spitzbuben Eure Börse vom
Gürtel stehlen zu lassen; - denn der Diebe gibt es hier zu Frankfurt ein
ansehnlich Gelichter. Wenn der Markt eingeläutert ist, mögen Schelme und
Strolchen zur Stadt kommen, bis wieder ausgeläutet wird. Wohl dann den
Liebesrittern, wenn sie viele solche Junkherrn antreffen, die, wie Ihr,
eihergehen, die Hände auf dem Rücken, die Augen in der Luft, und nicht
bemerkend, was um sie her sich begibt. Schaut! während ich so rede, hat sich ein
abscheuliches Gesicht an Eure Seite gedrückt. Zieh' aus, Schelm!« - Dagobert
blickte neben sich, und ersah einen Menschen, welcher der drohenden Geberde
Gerhards entlief, und im Entspringen gegen den Edelknecht höhnisch die Zunge
herausstreckte. - »Pfui!« rief Dagobert: »welch ein abscheulich Gesicht,
entstellt noch obendrein durch das Pflaster, das die Höhle des verlornen Auges
bedeckt. Wahrlich! wären dem Burschen nicht schwarze Borsten gewachsen, ich
würde ihn für des elenden Judenknechts Ebenbild halten, den ich einmal von den
Schranken schlug. - Wer weiss,« - setzte er nach langem Schweigen hinzu: »wer
weiss auf welchem Anger der Schädel des Bösewichts bleicht, ... aber sein
schrecklich Angedenken verbindet sich so innig mit einem unaussprechlich
wehmütigen, - mit Ester's Gedächtnis, dass ich schier Tränen in meinem
Augenwinkel fühle.« - »O weh!« klagte Gerhard ärgerlich: »da sind wir wieder auf
der alten Fährte. Die Pest über alle Liebesnarren. Das Gesicht des hässlichen
Gauners erinnert sie an ihres Liebchens Antlitz. Kaum wage ich's, Euch auf jene
Bande von holden Dirnen aufmerksam zu machen, die kosend und lachend an des
Goldschmieds Laden stehen. Der glatzköpfige Bube hatte gewiss lange keinen so
freundlichen und willkommenen Besuch. Seht wie er in seinen kleinen Schreinen
kramt und wühlt, als ob seine gichtbrüchigen Finger erst vor sechzehn Jahren
gewachsen wären; wie er den Mund süsslächelnd zusammenkneift, dass die blühenden
Dirnen das mangelhafte Gebiss nicht bemerken sollen. Euch, liebes Herrlein, ist
freilich seit geraumer Frist der Anblick schöner Weiber ein Gräuel geworden.
Erlaubt aber immerhin, dass ich mich ein Weilchen daran ergötze. Das runde kleine
Mägdlein in der Ecke, - dasselbe, das so verlegen in dem Kästlein sucht, und an
ihres Gürtels Hacken ebenfalls etwas zu suchen scheint, - ich weiss nicht was? -
Das Mägdlein sticht mir ganz besonders in die Augen, und wen mich diese nicht
hinters Licht führen, so ist die Maid eine Bekannte, sowohl von Euch, als auch
von mir.« - »Wer? wer?« fragte Dagobert hastig, warf einen Blick nach der Bude,
und ein hoher Grad von Überraschung malte sich in seinen Zügen: »Ist das nicht,«
.. setzte er staunend hinzu - »ist das nicht das Fräulein ... Regina ... von
Dürning?« - »Freilich!« erwiederte der Freund: »das liebliche Fräulein von
Dürning, wie es leibt und lebt. Wer ist denn aber der junge Mann, er vor mir
steht? Seid Ihrs denn noch, Freund Dagobert? euer Gesicht glitzert ja wie das
Abendrot?« - »Tut es das?« fragte Dagobert hinwieder mit einer gewissen
Ängstlichkeit: »O so komm', alter Kumpan, komm', lass uns von dannen eilen.« -
»Warum zupft Ihr mich so ungestüm am Ärmel?« lachte Gerhard: »ein schön
Dirnengesicht ist doch keine Teufelsfratze, die uns begehren könnte. Macht der
schönen Maid Eure Reverenz und geht dann!« - »Um Gotteswillen nicht!« entgegnete
Dagobert ängstlicher, und suchte zu entkommen; allein im Nu drehte sich auch
Reginens Gesicht nach dem seinigen, und die Flucht musste unterbleiben. Das
anmutige Geschöpf, obschon in dessen Zügen eine zarte jungfräuliche Verwirrung
ihre Rosensaat ausgestreut hatte, neigte sich freundlich gegen den Erkannten,
und faltete wie flehend die zierlichen Hände, mit der Bitte doch absobald näher
zu treten. Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen, und näherte sich
fragenden Blicks. Regina flüsterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr:
»Ach, mein lieber, ehrenwertester Junkherr! Ihr erscheint, recht wie ein Engel,
mir zum Troste. Die blasse Kunigunde dort, eine liebe Gespielin von uns allen
hier Versammelten, geht zum Advent in's Kloster, und sie soll ein Andenken von
uns Allen haben. Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette, sagt man. Eine
jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt, zum Geschenk für die Freundin, und
auch ich nicht minder; da gewahre ich jetzt erst, dass mir ein böser Mensch
meiner Wetscher vom Gürtel gestohlen hat. Meine kleine Barschaft war darinnen,
und doch möchte ich von dem Goldschmied nicht als eine leichtsinnige Käuferin
oder Borgerin angesehen, noch von des Vetters hochnäsigen Töchtern ausgespottet
werden. Werdet Ihr daher Bürge für mich, lieber Junkherr. Die Mutter wird,
sobald als ......« - Die Liebliche durfte nicht ausreden, und schon hatte der
Kaufmann, was ihm gehörte. Wie nun Dagobert bemerkte, dass sein Gefährte mit den
übrigen Jungfrauen in's Gespräch getreten war, und diese Letztem begierig auf
die Fabeln horchten, die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Besten gab, so
sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina: »Ihr werdet mir doch wohl
erlauben, mein anmutiges Fräulein, dass ich den Augenblick, in dem ich so
glücklich war, Euch einen geringen Dienst zu erweisen, ebenfalls an eine Kette
legen darf, wie Ihr mit dem Gedächtnis Eurer Freundin zu tun begehrt? Der
einfache Goldreif taugt immerhin für die Nonne, die nur in stiller Zelle
dergleichen Welterrlichkeiten beschauen darf; Euerm Liebreiz und Eurer freien
Jugend gebührt jedoch ein schönes Geschenk.« - Somit langte er mit sicherm
Finger in des Goldschmieds Vorratskasten, und holte den allerschönsten Ring
heraus, der sich unter den übrigen ausgenommen hatte, wie ein König unter seinen
Vasallen. Er war von wälscher Arbeit, und hielt einen Saphir umfasst mit einer
herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wusste nicht, wie ihr geschah, als
ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob, wo die vornehmsten
Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewissen Befremden,
mit einer süssen ahnenden Lust jedoch zugleich, sah sie auf das Juwel hernieder,
ohne mit Worten es anzunehmen, ohne sich dessen mit Worten zu weigern. Der
Goldschmied pries indessen die Freigebigkeit, mit welcher Dagobert ihm seine
Forderung bewilligte, erzählte mit geläufiger Zunge, dass solch ein Wunderwerk in
deutschen Landen nicht gefertigt worden, sondern, dass Neapolis dessen
Heimatland gewesen; dass vor einem Jahrzehnd ungefähr eine vornehme Frau dieses
Kleinod nebst vielen andern bei ihm verpfändet, und auch nach verstrichener
Lösefrist gelassen habe, und setzte schelmisch lächelnd und flüsterlich hinzu:
»Der gestrenge Herr möge nicht übersehen, dass dieser Ring ein Verlobungs- und
Ehereif sei.« - Unangenehm überrascht sah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches
Regina so eben wieder vom Finger zog, und sinnig lächelnd betrachtete. »Ja, ja,
....« lispelte sie, wie in einem holden Traum befangen, vor sich hin: »Das war
er .... der war gemeint; ....« - wandte sich dann zu Dagobert, und sagte mit
einer Verneigung: »Es ist vielleicht nicht recht, mein edler Herr, dass ich von
Euch ein Geschenk empfahe, und obendrein will sich ein köstliches, wie dieses,
für mich nicht ziemen, aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt
mir jedoch nicht zürnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage, sondern der Nonne
gleich, in einsamer Zelle nur beschaue.« - »Tut, wie's Euch gefällt,«
entgegnete Dagobert sichtlich erleichtert; »Doppelt geehrt ist ein Geschenk und
dessen Geber, wenn man es der stillen Aufmerksamkeit würdigt, ohne sein im
alltäglichen Gebrauche zu vergessen.« - Regina warf einen verlegenen Blick auf
den Jüngling, und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder.
Nun erst besann sich das Fräulein auf ihre Gespielinnen, allein diese waren
indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Strasse gefolgt, wo ein
Wildbär in starken Ketten tanzen musste, um welches Schauspiel sich eine Flut
von Neugierigen drängte; Dagobert schlug seiner holden Gefährtin vor, sie dahin
zu führen. - »Was soll ich in dem wilden Gewühl?« fragte sie sanft und mit
leuchtenden Augen: »Vor Allem, was soll ich jetzt dort? Führt mich lieber zu
unsrer Wohnung, guter Junkherr. Die Mutter wird sich freuen, Euch wieder zu
sehen.« - »Ei,« lächelte Dagobert: »der Ton mit dem Ihr langsam und gezogen
diese Worte spracht, liesse mich beinahe das Gegenteil vermuten. Wie kommt es
überhaupt dass Ihr, die Herrlichkeit der Messe anzuschauen, in Eures steifen
Vetters Haus gezogen seid, welches in abgelegner, finstrer Gasse steht, und
nicht vielmehr in das unsrige, mitten im Gewühl emporragende, in welches Euch
obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief?« - Regina
betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelspitzen ihrer Schuhe, und antwortete
anfänglich gar nicht. Alsdann erwiederte sie zögernd: »Fragt mich doch nicht,
ehrsamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten, und ich darf es ja auch
nicht.« - »Ihr kommt mir rätselhaft vor,« versetzte Dagobert, dem die Wangen
heiss wurden, ohne dass er sich bewusst war, warum: »Hingen Eure Augen nicht so
fest am Boden hin, wie Eure zierlichen Füsschen, ich möchte wohl die Wahrheit in
ihrem klaren Spiegel erforschen. Ein Kummer scheint Eure heitre Stirne zu
trüben. Was ist's, dass Euch ein Kind des Himmels zu bekränken vermag?« - Regina
seufzte schwer, und entgegnete so leise, dass kaum der lauschende Dagobert sie
vernahm: »O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andre Mensch, ... wie Ihr
zum Beispiel selber, Junkherr.« - »Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden
bewahren!« rief der junge Mann erschrocken: »Eure Leid ist nur das eines
harmlosen Kindes, und vergeht schnell wie der Märzschnee, aber ich, ich sehe
meinem Trübsinn kein Ende.« - Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem
Gesichte, als wollte sie sagen: Schelm! Du solltest ewig grämlich bleiben? - Ihr
Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte: »Nehmt Euch zusammen, Herr. Macht
doch Euch, euern Ältern, und nur Euern Freunden wieder Freude. Glaubt mir, euer
Trübsal wird sich endigen, und bald, sage ich Euch.« - »Ho, mein Fräulein,«
versetzte Dagobert leicht scherzend: »Seid ihr etwa eine weise Sybille, die in
der Zukunft oder in den Sternen liest? Prophezeit mir nur recht viel Gutes,
reizendes Wunderkind. Was Eure Kirschenlippen verkunden, muss der Himmel
verwirklichen, wie eines Engels Ausspruch.« - Regina schüttelte heimlich
lächelnd den Kopf und erwiederte: »Ihr redet heidnisch, denke ich. Hier bedarf
es jedoch nur einer tröstenden Zuversicht. Ich habe meine Sache auf die heilige
Mutter gestellt, und sie wird mir gnädig sein, das weiss ich; seit einer Stunde
weiss ich's ganz gewiss.« - »Seit einer Stunde?« fragte Dagobert neugierig und
ahnend: »O, mein Fräulein, Ihr versteht es, einen ehrlichen Burschen auf die
Folter zu legen. Wer hat Euch denn gesagt ....?« - »Der Ring, den Ihr mir gabt,
hat mir Alles gesagt;« platzte Regina heraus, und setzte schnell hinzu,
gleichsam, als fürchte sie, für ihr Zartgefühl zu viel gesagt zu haben: »Nun
aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken läuten, stehen wir schon
an des Vetters Türe. Wenn die Mutter mich sah, so ergeht mir's nicht gut. lebt
wohl, mein Freund; ich sende Euch durch Ammon, was Eure Güte für mich
ausgelegt.« - »Warum diese Erinnerung zum Abschiede?« fragte Dagobert, dem es
jetzt schwer fiel, sich von der Anmutigen zu trennen: »Sagt mir lieber, ob ich
Euch nicht wiedersehe? sagt mir, wann es geschieht.« - »Ihr fragt mich zu viel,«
antwortete Regina eilig und ernstaft: »dass wir uns aber wiedersehen ....
verlasst Euch darauf.« - Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte
verschwunden, und Dagobert's Auge starrte ihr nach in den dunkeln Gang, in
dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte. Eine rauhe
Stimme liess sich hinter ihm mit einem gezogenen: »Guten Tag, edler Herr!«
vernehmen. - »Wie? Du hier, altes wildes Gesicht?« fragte Dagobert den
begrüssenden Ammon, der mit einem Korbe beladen, in's Haus wollte. - »Euch zu
Diensten, gestrenger Junker!« antwortete der Alte. »Mögt zugleich wissen, dass
auch die Edelfrau zu Frankfurt ist, und in kurzer Frist hier sein wird. Sie
folgt mir auf dem Fusse. Lasst Euch hier nicht von ihr finden, Herr.« - »Warum
denn nicht, alter Jäger?« - »Als ob Ihr's nicht wüsstet!« versetzte hämisch
lächelnd Ammon: »Ihr verrückt Getauften wie Ungetauften den Kopf, und das
Schlimmste bei der Sache ist, dass Ihr ausseht, als hättet Ihr nimmer ein Wasser
getrübt.« - »Du bist toll, Alter.« - »Ich nicht, aber das Fräulein wohl mit
mitunter, denn es spricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, seine
Träume sind nur von Euch, und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was soll die
Mutter anders tun, als die Tochter hüten vor Eurer gefährlichen Nähe? Macht,
dass Ihr von dannen kommt. Ihr wisst nun zu Deutsch, was die Glocke schlug, und
mögt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kömmt die Frau von Dürning.« -
    Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der innern Gewalt,
die in seiner Seele aufbrauste, und ihn von dannen riss vor der nahenden
Edelfrau, wie ein gescheuchtes Reh vor dem Jäger, wie einen flüchtigen Feind vor
dem Verfolger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Dürning schnell und
gewandt, und holte erst in der dritten engen Nachbargasse Atem, um zu
überlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen. »Habe ich denn ein böses
Gewissen?« fragte er sich aufrichtig und ehrlich, und glaubte, die Frage
verneinen zu dürfen. »Wesshalb also diese plötzliche Scheu? Wenn ich glaube, was
mein Herz mir zuflüstert, so fürchte ich, dass Regina meiner Nähe gefährlich
werden könnte. Und welcher tückische Geist musste mich verleiten, ihr das
Geschenk zu bieten, das, ich fühl' es, plötzlich zu einem geheimen zauberischen
Bindemittel zwischen uns geworden ist; der Ring einer Kette, die uns zu vereinen
strebt, obgleich ich selbst dadurch zerrissen werde in zwei sich abstossende
Hälften? Gehört denn nur ein Augenblick dazu, die Vorsätze eines Mannes zu
zertrümmern, ein geliebtes Bild zu vernichten, und ein andres an dessen Statt
aufzustellen? nur ein Augenblick, um mit Schaam die Blicke zu verschleiern, die
noch vor ganz kurzer Frist frank und offen einem Jeden unter den Helm sahen? -
Nicht doch, Dagobert;« setzte er hinzu, und ermannte sich gewaltsam: »Was dir
den Mangel an Selbstgefühl und Selbstvertrauen zuflüstert, - das ist nicht ...
nein! das ist nie gewesen. Ester! Deine Vorurteile, Deine Härte haben Dich von
mir geschieden, aber mein Herz wird Dir dennoch immer sehnsüchtig nachweinen. Du
hast meine Brust zerfleischt, aber diese Brust fühlt bis zum letzten
Lebensfunken nur für Dich. Den Schwur, den ich Deinem Angedenken leistete - ich
will ihn halten. Vom Altar riss mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die
Arme einer Gattin soll sein Befehl mich stossen, so lange Du lebst, Geliebte, -
und wie könnte ich Dich überleben? - so lange Du mir treu bleibst, trotz
Trennung und Glaube, - und wie könnte mein Gehirn so wahnsinnig und
verbrecherisch sein, Deine Untreue nur möglich zu achten?« -
    Dagobert, nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefühl und Gewissen in's
Reine gekommen zu sein glaubte, bemerkte, dass sein Selbstgespräch, oder vielmehr
die Geberden, mit welchen er dasselbe begleitete, Zuschauer an die kleinen
Fenster der umstehenden Häuser gezogen hatten. Er schämte sich deshalb, hier ein
Schauspiel gegeben zu haben und eilte mit hastigen Schritten, in der nächsten
Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner
Gemütsbewegung zu mässigen. Da er nun eben mit dem eisigen Weihwasserborn seine
glühende Stirne kühlte unter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halbdunkel
des Betgewölbes, in welchem sich - die Mittagsstunde nahte - nur wenige Gläubige
befanden, eine Frauengestalt entgegen, die, bekannt und freundlich zwar, ihm
schon lange eine Gleichgültige geworden war; jetzo aber, Dank sei es den
feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen
Gewissensforschung, einen neuen Wert für ihn erhielt. - »Ei, mein Bäschen!«
fragte er leise und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden fassend:
»Bäschen Fiorilla! unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns, was unter dem
unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? plaudre mir
die Grillen weg durch ein paar süsse wälsche Worte, Bäschen. Wir sind hier
ungestört und zu Hause meidest Du mich ohnehin wie das Fieber.« - »Wir meiden
uns gegenseitig;« lächelte Fiorilla: »Ihr, weil Eure Schwermut jede, vor allen
weibliche Gesellschaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts gefährlicher ist,
als der Anblick eines traurigen Jünglings, der von Liebesgram verzehrt wird.
Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwünscht. Für's Erste darf ich
Euch Lebewohl sagen. Morgen scheiden wir.« - »Scheiden?« fragte Dagobert
zerstreut: »wer denn? Du von mir?« -
    »Der höchwürdige Oheim und Prälat,« versetzte das Mädchen; »und in seinem
Gefolge ich, seine treue Dienerin.« - »Ja, ja,« sprach Dagobert wie oben, und
Fiorillen teilnehmend ansehend: »Ja, gute Fiorilla. Du bist dem Satan verfallen
auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht böse gemeint, und um der
Taufe willen muss man sich auch schon etwas gefallen lassen. Zürne mir nicht, und
sage mir lieber, was den Ohm forttreibt? Er vermisst gewisslich hier das wälsche
Ungeziefer, die wälsche Zaunkönigskost, und unser Rinderbraten ist ihm ein Gräul
geworden. Nicht also?« - »O nein, bester Dagobert;« erwiederte Fiorilla: »er
tut nur, was ihm einzig übrig bleibt. Er hat von der Nichte wieder angenommen,
was er ihr einst grossmütig abgetreten, sein Gut zu Baldergrün; zu glücklich,
auf einer deutschen Hufe sein Leben beschliessen zu können, da zu Cesena Glück
und Ehre ihm verloren ging. Vorbereitungen zu unsrer Reist zu treffen, hatte ich
das Haus verlassen, und bin erfreut, auf der Rückkehr von den Geschäften Euch zu
begegnen, bester Junherr!« - Mit feuchtem Blicke drückte sie die Hand des
Jünglings, und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebäudes, wo selbst noch
Vorübergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten. - - »Zugleich,«
spann sie dort den Faden des Gesprächs weiter, ... »zugleich bin ich entzückt,
vom Zufall in den Stand gesetzt zu sein, Euch eine Kunde mitzuteilen, die, je
schmerzlicher sie Euch im Augenblicke betroffen mag, um so wohltätiger in ihren
belohnenden Folgen sich bewähren wird.« - »Eine schmerzlich Kunde?« fiel
Dagobert ein: »Ich bin des langsam fressenden Leids schon gewohnt, und sehne
mich nach einem harten Schlage des Schicksals; der durch seine Übermacht meine
Sehnen wieder spanne und aufwecke zum Widerstand. Indessen scheint Dir
vielleicht schmerzlich, was mir gleichgültig geworden. Vater, Mutter und Neffe
leben und freuen sich des Lebens. Da bin ich also nur von einer Seite
verwundbar, und diese wird Dein Pfeil nicht treffen.« - »Und wenn ich Euch den
Namen: Ester nenne?« fragte Fiorilla langsam, ihm prüfend in's Auge sehend.
Seine Farbe veränderte sich mit einemmale, seine Hand fuhr nach der Brust, und
ohne zu reden, nickte er der Freundin zu, ihre Mähr anzuheben. - »Ester ist
hier,« sprach Fiorilla gemässigt: »ich habe sie gesehen, gesprochen. Der Zufall
führte mich heute bei ihr ein, wie einst zu Costnitz meine Neugier.« - »Hier?
gesehen, gesprochen?« stammelte Dagobert, mit ängstlich wartendem Auge des
fernern Berichts lauschend. - »Ihr früheres Unglück in dieser Stadt zwingt sie,
in Verborgenheit zu leben,« fuhr Fiorilla fort: »aber, wär' auch dieses nicht,
... Euch, Dagobert, würde sie nimmer sehen, und Ihr letztes Lebewohl Euch zu
bringen, hat sie mich beauftragt.« - Dagobert fühlte nach seiner Stirn, um sich
zu überzeugen, dass er wach sei, dass er lebe, dass er selbst es sei, der Alles
dieses höre, entgegnete aber keine Sylbe. Fiorilla sprach weiter: »Ihr würdet
sie kaum mehr erkennen, denn selbst das scharfe Auge der Liebe würde geblendet
sein, von der Pracht, dem Überfluss, welche die Holde umgeben. Wie eine Königin
des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe, der
in Freundschaft übergegangenen Liebe.« -
    »Also nicht im Elend?« sprach Dagobert, leichter Atem schöpfend, und
Fiorillens letzte Worte überhörend, vor sich hin: »Gottlob! - Und auch nicht
gut;« setzte er mit Tränen im Auge hinzu: »Bin ich nicht der Bewahrer ihrer
Habe? Die Grausame! als Bettlerin hätte sie mir wohl ihren Augenblick gegönnt,
und des Herzogs Geld gefordert. Im Schoss des Reichtums verschmäht sie das
falsche Erz und den treuen Freund.« - »Sie schont den letzten,« entgegnete
Fiorilla, »und trägt billige Scheu, vor ihm zu erscheinen.« - »Wie?« fragte
Dagobert mit voller Glut der aufflammenden Liebe: »sie zweifelt an mir? Hat sie
mich denn jemals geliebt, wen sie dieses kann? Weiss sie nicht, dass Liebe
unendlich ist, wie die Sonne, und so mild, wie diese? Sie hat mich zum Tode
betrübt durch ihre Flucht, durch diese entsetzliche Täuschung meiner Hoffnung,
aber sie ist's allein, die ich im Herzen trage. Sie kehre wieder; kein Vorwurf
betrübe sie, sie bettle nicht um Vergebung. Sie sei mein, sie werfe endlich
Starrsinn und Vorurteil weg; sie empfange die Taufe des Herrn, und vor aller
Welt sollen unsre Hochzeitskerzen brennen!« -
    »Zu spät!« seufzte Fiorilla dazwischen, aber der leidenschaftliche junge
Mann fuhr heftig fort: »Zu spät? warum? Sind wir denn in den wenigen Monden
unsrer Trennung steinalte Leute geworden? Findet sich kein Priester mehr, sie
aufzunehmen in den Bund der Christen, zu segnen den unsern? O Fiorilla, ich
vertraue Dir ganz. Du hast gewiss zu meinem Vorteile geredet, aber die Sprache
der Freundschaft überredet nicht wie die der Minne. Sprich, wo ist sie? wo finde
ich ihre Wohnung? Den Feinden sei sie verborgen, dem Freunde nicht, dass er zu
ihr rede, dass er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes, dass er sie
wider Willen führe zum Glück!« - »Zu spät;« wiederholte Fiorilla mit Tränen des
Mitgefühls im Auge: »indem wir sprechen, entführten leichte Rosse die Schönste
ihres Volks diesen gefährlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wiedersehen; aber
...« fügte sie langsam und eintönig hinzu: »des Herzogs Gold mögt Ihr bereit
legen. Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen«. - Dagobert's Sinne drohten
zu vergehen, und kalter Todesschweiss trat auf seine Stirne. Aber sich ermannend,
drückte er grimmig Fiorillens Hand, und fragte mit bebendem Munde: »Wie sagtest
Du? Ihr Wann .... ihr Mann? O wiederhole mir dies Schreckenswort.«
    »Einmal musstet Ihr's doch erfahren;« versetzte Fiorilla, die
niederschlagende Rede mildernd, so gut es in ihrer Kraft stand: »ihr Ehemann,
der Wechsler Joël von Lüttich, des Bischofs rechte Hand in Geldsachen, und
reich, wie der griechische Kaiser. Ester's Bruder zwang sie, dem reichen Manne
die Hand zu reichen, obschon ihr Herz geblutet. Allein, da der Bruder Gewalt
über sie hat an Statt des noch bis heute rätselhaft verschwundnen Vaters, und
keine Möglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu sehen, sich zeigte, so ergab sie
sich endlich in den Willen des Bruders und des Geschicks, und wurde Joël's Weib.
Seit drei Monden vermählt, ...« setzte Fiorilla schonend hinzu, »hat sie den
redlichen Mann, wie sie versichert, lieben gelernt, und um so sichrer den
Unverstand der ersten Liebe eingesehen, die niemals belohnt worden wäre. Sie
wird Mutter werden .....«
    »Genug!« versetzte Dagobert mit bewegter Stimme: »genug; obgleich diese
letzten Worte mich nicht mehr erschüttern. Das Erste war allein vermögend, mich
noch einmal zum Kinde zu machen, das, ohnmächtig und lächerrlich zugleich, seine
schwache Wut gegen den grollenden Gewitterhimmel auslassen möchte. Ester
abgewichen von der Bahn der Treue, von dem Gelübde, das ihr das eigne Herz
aufgedrungen haben musste, tat es auch kein fremder Mund? Das heisst Alles in
sich fassen, das ein Männerherz zermalmen oder heilen kann. Und an diesem
unerwarteten Schreckniss soll mein Herz nicht zerschellen. Genesen soll es, wie
der Kranke, dessen Wunde ein glühend Eisen ausbrennt, mit schmerzlich
wohltätiger Gewalt; ... wie der Vergiftete, dem der besonnene Arzt ein
schrecklicheres Gift aufzwingt, damit es mit dem verderblichen Vorgänger in den
Kampf gehe und ihn überwinde. Alle Segenswünsche der Erde über Dein Haupt,
Fiorilla. Das Messer Deiner Rede hat tief in meine Seele geschnitten, dass sie
gesunde. Über Dein Haupt der Segensruf der Glücklichen, die ich jetzo machen
werde und machen darf.« - »Wie verstehe ich Euch?« fragte Fiorilla neugierig und
besorgt nach der Hand des Entweichenden greifend. - »Es ist das Leichtste und
das Angenehmste von der Welt;« erwiederte Dagobert mit bitterm Lächeln: »ich
will das vierte Gebot erfüllen und tun, wie mein Vater will, und meine zweite
Mutter begehrt. Die Frau des Juden Joël ziehe immerhin gen Lüttich, wie der Ohm
nach Baldergrün. Mit der Erstern sei der Gott der Barmherzigkeit und der
Vergebung Engel, für den Zweiten mag meine fromme Schwester beten. Ich aber für
mein Teil, will hingehen und, ein gehorsamer Sohn, die Ältern fragen: Wo ist
die, die ich freien soll? Zeigt und nennt sie mir, dass ich tue nach euerm
Willen.« - »Ihr wolltet wirklich ...?« fragte Fiorilla halb fröhlich überrascht,
halb ängstlich: »Ohne zu wählen, ... ohne zu überlegen..,?« - Dagobert zückte
spöttisch die Achseln. »Hatte ich nicht schon gewählt, und stehe jetzo doch
allein?« fragte er: »Lasst mich gewähren. Die Zeit eilt. Die Stunden sind
gezählt, wie meines Vaters graue Haare. Ehe er von hinnen geht, soll er Freude
an seinem Sohne erleben, und wenn mir auch das Herz darüber bräche. Leb' wohl,
Fiorilla, und habe Dank.«
 
                                    Fussnoten
1 Der Ort, in welchem der Rat diese Personen gebannt hatte. -
 
                               Zwölftes Kapitel.
 .... ein nomadisch Volk,
 Diebisch, listig und verwegen,
 Heidenbrut aus Afrika,
 Vogelfrei und dennoch furchtbar.
                                                               Romanisches Lied.
Die edle Frau von Dürning stand ihrer Tochter gegenüber, und beide schienen ihr
Wesen gegen einander ausgtauscht zu haben. Regina, die sonst gewohnt war, mit
niedergeschlagenen Augen der Mutter Worte anzuhören, wie ein demütig Kind,
stand nun aufgerichtet vor ihr; im offnen geraden Blicke freudige
Unbefangenheit, Lichter einer seligen Lust, die auch ihre Züge mit rosigem
Schimmer verklärten. Frau von Dürning hingegen hatte die Augen zu Boden
gerichtet, sah sinnend vor sich hin, und um ihren Mund spielte das leichte
Lächeln, das sich einfindet, wenn uns eingetroffen ist, was wir für unmöglich
hielten, und was wir überrascht in eine nicht unangenehme Wirklichkeit treten
sehen. So wie in Reginens Gesichte etwas Siegerisches lag, so prägte sich in der
Mutter Zügen ein gewisses Nachgeben aus, das nicht Zwang und Gewalt, sondern
mütterliche Liebe allein herbeigeführt zu haben schien, und in dem dazu
gehörigen Tone, wiewohl in der obigen Stellung noch verharrend, fragte sie die
Tochter: »Bist Du nun zufrieden, mein Kind?« - »Zufrieden und glücklich, mein
Mütterlein!« erwiederte Regina, und der Mutter Sanftmut zog das Mädchen
unwiderstehlich an deren Brust. »Fast kömmt mir's vor, wie ein Traumbild,« hob
wieder die Edelfrau an, schüttelte lächelnd den Kopf, und trat an das offne
Fenster. »Dort gehen aber noch beide,« fuhr sie fort: »der alte Herr in seinem
stattlichsten Feierkleide, und sein Sohn in dem schlichten kurzen Rocke, der ihm
so gut steht, wie ich nicht mehr länger läugnen mag.« - Regina blintzelte
verschämt über die Schulter der Mutter, und lispelte: »Leb' wohl, und kehre
recht bald wiedeer, Du guter, guter Mensch.« - »Er wird wohl nur zu bald
wiederkehren;« meinte die Mutter schalkhaft: »ist's doch, als ob der junge Mann
in den Krieg müsste, so eilt er sich mit Freierei und Einsegnung. Ei, wer hätte
gestern dieses schon gedacht?« - »Lieb Mütterlein,« versetzte Regina: »seit
gestern wusste ich's ganz gewiss, dass Dagobert, mein Herr wird, und kein Andrer.«
- »Sieh doch!« schaltete die Edelfrau ein: »So lass doch hören, Du verständig und
vorwitzig Kind.«
    »Ich will Euch dessen haarklein berichten,« antwortete die Tochter
freundlich, und setzte sich zu der Mutter Füssen auf den gepolsterten Schemel:
»Euch war es lange nicht nicht mehr unbekannt, dass ich den Junker liebgewonnen
hatte seit verwichnem Osterfeste, und noch viel mehr zur Zeit, da er in unsern
Forst kam mit der armen Dirne, die er leider damals liebte, wie sie's nicht
verdiente, weil sie eine Jüdin war, und weil sie ihm nicht treu blieb. Seiter
habt Ihr mir verboten, ihm merken zu lassen, dass ich ihm hold sei, und nachdem
wir in seinem Hause seiner Eltern Hochzeittag begangen, habt Ihr mir untersagt,
an ihn zu denken, weil er damals frei heraus gesagt, er werde, obgleich vom
Kircheneide frei, nimmer heiraten in seinem Leben. Aber, gute Mutter; das
untersagt sich leichter, als sich's tun lässt, dem Verbote zu gehorchen. Wider
Willen sogar musste ich stets an ihn denken, und ich hatte ihn jetzt weit lieber
denn zuvor, und grämte mich schier, als unsere Nachbarin vom Wildenstein
Hochzeit machte, und ich sah, wie die beiden Brautleute sich herzten, und ich
mir immer sagen musste, Dagobert und ich würden nimmer ein glückliches Paar
werden dürfen. Da begab es sich einstmal - es mögen drei Sonntage seitdem
vergangen sein, - dass Ihr nach Friedberg gefahren wart, und ich das Haus hütete.
Ich hatte Langeweile in den Stuben, und keine Kurzweil in unserm kleinen Garten,
weil die Blumen schon meistens abgeblüht haben, und auch die Bäume fruchtleer
stehen, des Frostes wegen, der die Blüten verdarb. Gar zu gern hätte ich mich
unter die Hofleute gemischt, die unter der grossschattigen Linde des Burgplatzes
sassen, und mit Plaudern und Scherz und Gesang sich den Feiertag vertrieben; aber
Ihr habt mir oft gesagt, dass sich das für mich nicht mehr zieme, und so
unterliess ich's denn, mich bezwingend, vom Fenster aus, ihrem fröhlichen Weben
und Leben zuzuschauen mit sehnsüchtiger Freude. Da gewahrte ich, dass die Wurzel
aller Freude jener Leute ein Mann war, von hässlichem Aussehen zwar, der jedoch
der possenhaften Geberden viel trieb, zu einer ganz verstimmten Laute Lieder
sang nach lustigen Weisen und mit lächerrlichem Nasentone, und sich überhaupt
vorgenommen hatte, für ein Paar Pfenninge und einen Trunk die Burgleute zu
unterhalten. Den meisten Spass aber machte er den Zuhörern, da er ihnen aus der
Hand wahrsagte, nach der Reihe, einem nach dem andern, und so oft er dem
Neugierigen gesagt, was sich ferner mit ihm begeben werde, so erschallte laut
und anhaltend das Gelächter der Übrigen. Ich weiss nicht, wie es kam, dass ich mit
einemmale auf der Schwelle des Hauses stand, und Eure Gürtelmagd vorüberging,
mit den Worten: Der kann mehr als Brod essen, gutes Fräulein. Er hat uns alles
gesagt, was wir schon erlebt haben, und, da er es so gut getroffen, so muss auch
wahr sein, was er von der Zukunft uns gelehrt.«
    Um so neugieriger sah ich nach dem fremden Manne, und plötzlich stand er vor
mir, dass ich schier erschrocken wäre vor seinem hässlichen Gesichte, und dem
Pflaster auf seinem Auge. - »Fürchtet Euch nicht, lieb Fräulein!« sprach er mit
unangenehmen Lachen: »Der Mensch kann nichts für sein Gesicht. Gott gibt die
Schönheit und die Hässlichkeit; die Klugheit jedoch nicht minder. Erlaubt, dass
ich Euch wahr sage aus der Zukunft.« -
    Unwillkürlich halb, und halb mit Wissbegier reichte ich ihm die Linke, in
deren Fläche er lange Zeit schaute und blinzelte, heimliche Worte murmelnd.
Endlich begann er mir zu erzählen aus meiner Jugend, und sagte mir unverholen,
ich sei in meinem Herzen einem jungen Mann gar hold und zugetan. Wie ich da
erschrack! Gut war es nur, dass er nicht des Jünglings Namen genannt; ich wäre
sonst vergangen vor Schaam. Hierauf versicherte er mir, ich würde nächstens eine
Hausfrau werden, und derjenige ganz gewiss mein Liebster und mein Ehegatte sein,
der mir einen Goldring schenken würde mit 'nem blauen Stein und zwei
verschlungnen Händen unter einem Kranze. - Nun wollte ich nichts weiter hören,
reichte ihm eine reichliche Gabe, und dachte mir die Prophezeihung aus den
Sinnen zu schlagen. Des Fremdlings Geschicklichkeit bewährte sich indessen schon
in der folgenden Nacht. Dem Freisassen Kunz vom Wildensteine, der mit unsern
Leuten trank und scherzte, hatte er vorausgesagt, er solle sein locker Leben
einstellen, denn es stehe ihm ein gewaltsam Ende bevor, und der Freisass hatte
ihn verhöhnt, verspottet und für verrückt gehalten. Aber in derselben Nacht
wurde er auf seinem Hofe jämmerlich um's Leben gebracht, und seine Ställe und
Kästen geplündert, man weiss zur Stund noch nicht, von wem. Von da an musste ich
täglich, stündlich sogar der Voraussagung gedenken, und - stellt Euch vor, -
gestern schenkte mir Dagobert einen Ring, gerade so, wie ihn der Wahrsager
beschrieben, ... denselben, den er heute von mir verlangt, und feierlich, zum
Zeichen unsrer Verlobung, an den Finger mir gesteckt. - »Denselben Ring, den Du
mir verheimlicht;« versetzte die Mutter mit sanftem Vorwurf: »es ist wahrlich
Zeit, dass Du aus meiner Obhut trittst, sonst erlebte ich noch das Bittre, das
ganze Vertrauen meines Kindes zu verlieren.« - »Nicht böse, mein Mütterlein!«
flehte die bewegte Regina, und ihrem schmeichelnden Tone konnte die Frau von
Dürning nicht widerstehen. Sie nahm die blühende Braut in die Arme, herzte und
küsste sie unter mütterlichen Tränen, und sprach dann, sich ermannend: »Gott
segne Dich, mein Kind; das ist mein bester Wunsch. Ich denke, Du wirst einen
wackern Eheherrn erhalten; gehorche ihm wie einem Vater, liebe ihn mehr als Dich
selbst, und vor allem erinnere ihn niemals Dein Mund an die Liebe, deren
Vertraute Du gewesen. Sah er gleich ein, wie unwürdig der Gegenstand derselben
war, so blutet doch vielleicht sein Herz bei der Erinnerung noch. Lass die Wunde
ganz verharrschen: rede nicht von ihr, bis er selbst einst lächelnd es zu tun
vermag. Schon manche Hausfrau hat die zärtliche Liebe ihres Gatten verloren,
weil sie unzart verschollne Schwächen aus den Schleiern der Vergangenheit an's
Licht zog. Hüte Dich vor gleichem Schicksale. Webe still und emsig Rosen in des
Mannes Leben. Er empfinde tief, welchen Schatz er in Dir besitzt, und werde
nicht gemahnt an das Spielwerk seiner Neigung, das ihm entrissen wurde. - Nun
aber, mein Kind, lasse mich von Dir, damit ich gehe, und dem Vetter, wie unsern
Freunden die schnelle Veränderung Deines Standes bekannt machen darf. Ich werde
viel Widerspruch erfahren; es ist ausser dem Geleise der Sitte, an einem Tage um
die Braut zu freien, am andern sie schon heimzuführen; allein ich werde
standhaft sein, mein Kind, und der Förmlichkeit unsrer Basen, wie dem
Widerwillen, den der Vetter gegen die Sippschaft des Schöffen Frosch von jeher
hegte, mutig die Sorgfalt für Dein Glück entgegensetzen, über welches zu wachen
mich das Schicksal berufen hat.« - Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt,
band es fest, zupfte vor dem Spiegel die Haubenkannten gerade, hing Kette und
Wetscher an Hals und Gürtel, und ging nach freundlichem Abschiede von dannen.
Regina blieb mit ihrer Fröhlichkeit allein, und schritt in dem einsamen Gemache
mit gefalteten Händen auf und nieder, den trunknen Blick zum Himmel hebend, und
ihm dankend für die gewährte Seligkeit. Bald jedoch eilte sie an's Fenster, um
in das Gewühl zu schauen, das so eben durch die enge Gasse durchwogte. Ein Zug
von neu ankommenden Kaufleuten, welchem sich ein Trupp von Wallfahrern aus der
Wetterau angeschlossen hatte, der nach St. Wendels Kapelle ging, um die
Schafheerden von dem Veitstanz loszubeten, erregte das Getöse. Eine Menge Volks
lief den Fremdlingen und den Pilgern nach, und Regina's Scharfblick gewahrte
unter diesem Pöbeltross des Wahrsagers, von welchem sie so eben der Mutter
berichtet hatten Der Mensch sah gerade mit einem neugierigen Gesichte herauf,
und ehe sie es selbst noch bedacht hatte, hatte Regina ihm gewinkt, und herein
in's Haus war er geschlüpft, die Türe des Gemachs hatte er gefunden, und stand
mit demütiger Frage, nach des Fräuleins Befehl, vor demselben, die Filzmütze
unterm Arme, wie sich's für den Geringern geziemt, und das freie Auge blinzelnd
in neugieriger Erwanung. - »Du hier?« fragte ihn Regina staunend: »Bist Du denn
überall?« - »Wie der Wind, schöne Maid,« erwiederte der Mensch; »überall, wo es
Geld gibt und mitleidige Seelen.« - »Du solltest des Mitleids gar nicht
bedürfen,« meinte Regina: »Deine Geschicklichkeit sollte Dir Kisten voll Gold
einbringen.« - »Freigebigkeit ist geworden selten in der Welt;« hiess die
Antwort. - »Ich will nicht die Kargste sein,« sprach Regina, dem Staunenden
einen Beutel mit Silbermünze hinlangend: »Deine Prophezeiung ist eingetroffen,
Du hässlicher, aber kluger Bursche. Der Ring mit dem blauen Steine kam, und mit
ihm mein Hochzeiter. Auch von ihm kannst Du noch einen reichlichen Lohn
gewinnen, stellst Du Dich ihm morgen, an unserm Ehrentage vor.« - »Euerm
Hochzeiter?« fragte der Mensch neugieriger und lauernd. - »Ja doch;« erwiederte
Regina lächelnd: »dem ehrsamen Altbürgersohn Dagobert Frosch, wenn Dir etwa sein
Name noch nicht bekannt sein sollte. Wir werden morgen ein Ehepaar, und möchten
im Vorgefühle einer glücklichen Zeit den Herold derselben belohnen, wenn er's
nicht verschmäht.« - »Verschmähen?« fragte der Fremde mit scharfem Lächeln: »Ein
Bettelmann wirft nichts hinter die Tür, am wenigsten den Dank, den ich nicht
erwartet hätte von Euerm jungen Eheherrn. Ich werde kommen zum Schmaus, und
nicht alleine, hoffe ich. Ein Hochzeitgeschenke soll mich begleiten, und Ihr
werdet sein glücklich in Ewigkeit, so Ihr's fromm und geduldig empfahen mögt.
Valet, junge Braut.« Mit diesen Worten war der Mensch mit dem klimperden Beutel
wie der Blitz davon, und liess Reginen allein, die über das seltsame Benehmen des
Fremdlings nicht genug sich wundern, es nicht genug belächeln konnte. Während
sie sich jedoch den Kopf vergebens zerbrach, ruderte der Fremdling mit schnell
arbeitenden Ellbogen durch die Menschenerfüllten Gassen, unter schadenfrohem,
heimlichem Lachen, und mit wildfreudig klopfender Brust. Er stürzte sich in das
dickste Volksgedränge, und entfaltete hier sein eigentlich Gewerbe. Mit
scharfer, im Ärmel verborgnen Scheere schnitt er hier eine Geldtasche von einem
Frauengürtel, dort einen Beutel von des Mannes Hüfte. Die goldnen Troddeln an
den Kaputzen der Mäntel wurden häufig auf dieselbe Weise sein, und wo er, von
Andrer Augen gehütet, nicht das Kostbare erobern mochte, schnitt er, nur um zu
schaden, die köstlichen Pelzverbrämungen der Frauenröcke, wie auch die
herrlichen Sammetschauben der Vornehmen in Stücken. Trotz diesem eifrig
betriebnen Geschäfte drang er doch unaufhaltsam in einer geraden Richtung fort
bis zum Mainstrome, wo er mit dem Mittagsgeläute eintraf. Andächtig, wie alle
Vorübergehende entblösste en den schwarz und rauh behaarten Kopf, und warf sich
auf die Knie, die Brust klopfend und die Stirne bekreuzend; dann spie er
verstohlen aus, und schlüpfte in eine von den Breterschenken, die, luftig und
für den Augenblick erbaut, zum Besten der Kaufleute am Ufer errichtet waren. In
einem verborgnen Winkel derselben verzehrte er hastig und gefrässig den Knoblauch
und das harte Brod, das er in der Tasche trug, und schlürfte dazu seine halbe
Kanne schlechten Weins, das Geld im Verborgnen überzählend, das er auf seinem
Gewerbgange erobert. - Nach kurzer Ruhe erhob er sich wieder wie ein Fuchs vom
Lager, strich am Herde vorüber, warf die ganze Pfefferbüchse auf ein Gericht von
Fischen, das dort in der Pfanne schmorte, stiess einen vor der Hütte stehenden
mit Wecken gefüllten Korb mit einem schnellen Fusstritt in den Strom und
verschwand innerhalb dem Bereiche mehrerer Zeltütten, die von einigen
Meisterinnen fahrender Töchter unfern davon aufgeschlagen worden waren, und in
welchen das lüderliche Herren-und Pöbelgesindel seine Schwelgereien feierte,
unter'm Schutze der Messfreiheit. Der Beutelschneider, aller Wege und Stege in
diesen Hütten der Ausschweifung wohl bewusst, brachte schnell bei den üppigen
Dirnen die Quasten und Troddeln an, die er gestohlen, und die sie ihm dreifach
bezahlen mussten, um ihrer unverschämten Eitelkeit und ihres Sündenerwerbs
willen. Der Handel fiel glücklich aus, und im Davongehen stiess der Dieb auf
einen hagern Mann in bürgerlicher Tracht, der seinen Weg gegen die Zelte zu
nehmen schien. »Wohin? wohin? edler Herr?« fragte der Erstere halblaut, und dem
Manne vertraulich auf den Leib rückend: »Schleicht man doch nicht im
Mittagsscheine zum Liebchen, und hättet Ihr wohl was Bessres zu tun, als hier im
Schlamm zu verderben Zeit und Masumme!« - »Halts Maul, Jud!« raunte ihm der
Andre ergrimmt zu: »Scheer' Dich Deiner Wege.« - »Nichts da;« versetzte der
Gescholtne: »Ihr werdet mir folgen in den Knippling, und vernehmen allda, was
sich begeben, oder nichts haben von der Brut.« -
    »Verdammter Hund!« murrte der Andre vor sich hin, und drehte sich aber um,
dem Kerl zu folgen, der wie ein Wiesel, durch die Strassen dahin schoss, und sich
nach mannichfachem, wiederholtem Umschauen nach seinem Nachfolger, in das engste
Gassengewinkel der Altstadt verlor. Hier, - in einem Sackgässlein, zu dem Jahr
aus, Jahr ein kein Sonnenstrahl den Weg zu bahnen sich vermochte, weil die eng
an einanderstossenden Überhänge der Häuser jeden Luftzugang versperrten, hier
stand, - rechts und links von düstern Stiftsgebäuden eingefangen, - eine elende
Schenke, - zum Knippling genannt, im Munde des Volks, und allerdings nicht allzu
wohl berüchtigt, obgleich im Herzen der Stadt belegen. Der Wirt, ein eisgrauer
Hagestolz hatte es gleich von Anbeginn nicht darauf abgesehen, eine klare,
ehrliche Wirtschaft zu errichten, und hatte nur die niedern Bürger an sich
gezogen durch wohlgeil Getränke. Anfänglich hatte er auch ein Kupplerwesen in
der Stille getrieben, und mancher Altbürger, wie auch mancher Chorherr des
benachbarten Stifts hatte wohl damals, bis an die Augen vermummt, unter'm Schirm
der finstern Nacht, des pfiffigen Brändlings Haus besucht; aber seit der Rat
die üble Wirtei ergattert, und der Stöcker, als Herr und Meister der fahrenden
Weiber, bei hellem Tage die Dirnen aus dem Knippling getrieben hatte in's
Rosental unter seinen eignen Bannbereich, - seitdem hatte der vornehme stille
Zuspruch aufgehört, und aus der Bekanntschaft mit den Stiftsherren war für
Brändling nur der Vorteil erwachsen, dass er ferner ungestört auf dem Grund und
Boden des Kapitels verweilen durfte. Von Stund an hatte sich auch nichts
Unredliches vom Knippling weiter hören lassen, aber rechtliche Leute mieden
beständig die Spelunke, in welcher nach wie vor nur sparsamer Pöbeltross, oder
arme Messkrämer, oder listige Messgauner ihre Einkehr hielten. In dieses finstre
Haus traten die beiden Kumpane, begrüssten den gähnenden Wirt wie einen alten
Bekannten und begaben sich in die kleine gewölbte Stube, in welcher zwei andre
Männer an einem schmutzigen Brettspiele sassen. »Ho!« rief der Gefährte des
Beutelschneiders: »Da komm ich ja guter Stunde: Schon da, Namensvetter? Grüss
Dich Gott, und auch Dich, Bruder Reifenberg!« - Das Brettspiel flog nach diesen
Worten unter den Tisch, die Dreie schüttelten sich die Hände und umarmten sich,
wie alte Freunde. Der Vierte, der schwarzborstige Diebsgeselle, stand daneben,
rieb die Hände und lachte wie ein Satan. Der Eine der Fremden sah sich nach ihm
um, und sprach: »Du auch hier, Patchen? Herrlich! ein ganzes Nest zünftiger
Vögel. Wein her, Brändling! Wein! und nun rund um den Tisch, ihr Leute, und
aufgetan den Schnabel, und erzählt wie es hier steht. Friedrich! mach Du den
Anfang, denn in Deinen Augen .... Donner und Pestilenz! - da wetterleuchtet es,
wie unter den Braunen des Teufels!« -
    Brändling schleppte, auf leisen Socken schleichend, einige Kannen herbei,
empfahl seinen Gästen Behutsamket und heimliches Gespräch, und ging, um an der
Türe Wache zu halten, dass sie nicht überfallen würden von ungebetnen Gefährten.
-
    »'s ist alles reif,« begann Zodick: »reif, als mir Gott soll helfen im
Sterben. Alle die, die einst gedient haben unter dem trunknen Marten, Alle, die
bis jetzo entgangen sind dem Blutgericht, sind hie, und verteilt in den
Erdhütten und schlechten Bayes auf dem Klapperfeld und dem Fischerfeld. Ich
steh' für sie ein, mit Gut und Blut. Sie zittern nicht, sie zagen nicht. Als ich
ihnen sag': Stosst zu! so stossen sie auf den Fleck, bis er nichts mehr fühlt.« -
»Die zwanzig angeworbnen Söldner sind ebenfalls um die Stadt herum versteckt;«
setzte der Leuenberger, Zodick's Kumpan, hinzu: »tüchtige Leute, ein wahres
Mordgesindel, das den Pfaffen am Altar ermordet, und aus des Papstes Hand den
Kelch stiehlt, wann man's haben will.« - »Herrlich, beim Blitz und Strahl!«
jubelte der Hornberger Veit, Reifenberger's Begleiter: »Siebzig Knechte haben
wir im Gefolge und rings im Feld und Acker aufgestellt, die alle vor Begierde
brennen, sich an den hochmütigen Ellenreitern zu rächen, die sie herrenlos
gemacht!« - »Gott sei Lob und Dank;« liess sich der Reifenberger vernehmen, - »so
dürfen wir doch hoffen, unserm armen Bechtram eine Todtenfeier zu halten, bei
welcher die Frankfurter Geisel- und Römerfahrt, das grosse Sterben und die Gräuel
der Judenschlacht vergessen sollen. Sagt aber, ihr Freunde, wann soll's
beginnen?« - »Morgen!« fiel Zodick hastig ein: »Morgen, edle Herren, und nicht
früher, und nicht später.« - »Hoho!« riefen die Andern: »Friedrich! Dir funkeln
schon die Finger nach der Plünderung; aber so schnell wird's nicht sein können!«
- »Gott soll mir helfen;« beteuerte der Jude: - »entweder morgen, und ich bin
dabei, oder nicht - morgen, und ich ziehe ab meine Hand.« - »Dummer Hecht!«
versetzte der Leuenberg: »hier können wir nicht ohne Dich sein, Du sollst uns
den Pöbel aufhetzen lassen, dass er an dem Spiele Teil nehme, Du sollst uns zu
den Kisten und Kästen der Reichen führen, und uns zeigen, welches Haus früher
brennen muss, als das andre.« - »Das will ich!« versicherte Zodick: »aber ich
will verkrummen, und schwarz werden wie die Nacht, so ich's an anders tue, denn
morgen. Ich will nicht haben umsonst mich gestürzt in die Gefahr des Todes; denn
auf diesen Gassen liegt der Strick für meinen Hals; ich will Euch friedigen die
Lust nach, und die Lust nach Rache.« - »Geld und Rache!« rief Hornberg: »Bei
Donner und Strahl! der Jude, - Friedrich, wollt' ich sagen - hat Recht. Ist's
denn nicht auch unsre Losung? Geld für uns! Rache für Bechtram's Henkertod!« -
»Ganz recht!« polterte Leuenberg: »die Pest auf die Frankfurter und der rote
Hahn ihre Häuser; aber noch einmal: nichts übereilt! Vorsicht; ihr Freunde!« -
»Versäumen wir's um einen Tag,« erläuterte Zodick, »so gehn die reichsten
Niederländer fort, denn schon stehen leer ihre Gewölbe, und voll sind ihre
Kasten; zaudern wir, so geht für mich verloren das höchste Glück der Rache. Mein
Feind, der junge Frosch, macht morgen Hochzeit. Hat er gewonnen die Hand der
Braut, soll er doch nicht gewinnen ihren Leib. Ich schlachte ihn am
Hochzeitschmause mit seinem Ette, und will nichts weiter dafür, Herr von
Leuenberg; aber ich will lahm werden wie ein Hund, wenn sie nicht die Ersten
sind, die da kriegen den Talles. Ich hab's geschworen, ihr Herren, und halten
will ich's bei Gott!« - »Den jungen Frosch! den alten Sünder daneben?« fiel
Leuenberg wild ein: »Vortrefflich! das bewegt mich, und bringt mich zu Allem. Am
Hochzeittag? Drauf und dran! Bei dem blutgen Hochzeitsmahl tanz ich mit meiner
Grete den Kehraus und mit Wallraden. Sie haben's um mich verdient!« - »In
Gottesnamen! wie Ihr wollt!« stimmte Hornberg ein: »Je früher es an's Gemetzel
geht, je freudiger schlage ich zu.« - »All' gut,« meinte der Reifenberger: »'s
will aber doch beredet sein, wie wir's vollführen, denn Kopf und Fuss muss eine
Sache von dieser Wichtigkeit haben; das begreift Ihr wohl. Lasst uns darum
überlegen, wie's am Besten anzufangen ist, und in's Reine bringen, wo und wann
der Angriff statt zu finden hat; wo zu seugen und zu plündern, wie die Beute
dann zu teilen ist.« - »Der lange Zodick mag zuerst sein Scherflein anbringen;«
sprach der Leuenberg: »er kennt hier Zeit und Ort am Besten, und sein eigner
Vorteil ist's, führt er uns gut und zur gelegnen Stunde.« - »Mir recht!«
antwortete Zodick: »ich will Euch vorschmusen, wie ich mir's hab' gedacht.
Erlaubt jedoch, dass ich zuvor werfe die rosshaarne Haube und 's Pflaster vom
Kopf. Die Stirne glüht mir darunter wie ein Ofen.« - Indem er davon redete,
hatte er auch die täuschende Verhüllung vom Haupte gerissen und sein rotes
struppiges Haar, wie das blasse, zernagte und zerstörte Gesicht zu Tage
gefördert. Indessen bemerkte Reiffenstein, der nach dem Fenster blickte, vor
demselben einen Mann, der durch die Scheiben glotzte, als suchten seine Augen
einen Bekannten in der Stube. - »Die Mummerei vor's Gesicht!« rannte er dem
Juden, der davon nichts gewahr worden war, zum und gab ihm einen
bedeutungsvollen Wink. Zodick sah sich rasch um, und gewahrte noch den Mann, der
so eben von Brändling bemerkt und angerufen worden war.
    »Gott soll mir helfen, wenn mich der lennt;« sprach er gleichgültig und
lächelnd zu dem Reiffenberg: »Ich kenn' ihn doch auch nicht: aber Vorsicht ist
recht, und ich will darauf halten.« Er stülpte die Haarhaube auf den Kopf, und
schlich mit den Andern an die Türe der Stube, um zu horchen, wer wohl
eigentlich der Fremde sei, und was er hier begehre. Sie vernahmen alsobald auch
Brändlings Rede, die sich also vernehmen liess: »Ei, ei, Meister Freudenberger!
seit wann ist es denn Sitte, ungebeten in die Zechstube zu schauen, und zu
hören, was die Gäste darin verhandeln?« - »Seid nur nicht böse, Brändling;«
erwiederte der Fremde: »Ich hab' nur einen Augenblick hineingeschaut, um zu
sehen, ob Ihr daheim, und gehorcht hab' ich vollends nicht. Ihr wisst, mich
kennen die Schenken nicht viel. Meine Einkehr gilt Euch; ich habe noch aus Euerm
Hause ein Paar Schillinge zu fordern für Schuharbeit, und möchte Euch bitten,
mir das längste Schuldige zu zahlen, weil ich Leder zur Messe kaufen muss.« -
»Ho!« entgegnete Brändling grob, während seine Hände vergebens in den leeren
Taschen nach Münze suchten; »der Bettel wird doch noch gut bei mir stehen,
Meister Freudenberger? Ihr seid ein unhöflicher Mahner, so süss Ihr auch Eure
Worte vorbringt, und kommt täglich zweimal, wie der Hunger. Setzt Euch doch
hinein in die Stube, und sauft die kleine Schuld vom Kerbholze ab. Euch
Schuhworten kömmt ja ohnehin selten genug ein Glas Wein in die trockne Gurgel.«
- »Ich trinke nicht bei Euch, lieber Nachbar;« versetzte Freudenberger gelassen
und freundlich: »will ich meine Kanne trinken, weiss ich auch schon bessere
Häuser. Bemüht Euch um Geld, Lieber; ich komme morgen am Abend wieder.« - »Oder
übermorgen lieber,« antwortete Brändling grob und aufgeblasen, wie zuvor:
»Übermorgen zahle ich Alles bei Heller und Pfennig.« - »Also übermorgen,«
entgegnete Freudenberger, wie oben: »Will aber doch morgen wieder nachfragen.
Gott befohlen, Nachbar.« - Der Schuster ging, und Brändling belferte ihm ein:
»Dass Du den Staupenschlag hättest, frömmelnder Schurke!« nach. Freudenberger sah
sich nicht einmal mehr um, und zog ruhig seines Weges fort. Indessen trat Zodick
zu Brändling, und rief ihm in's Ohr, während er ihm den Schopf beutelte: »Wenn
Du noch einmal lässt kommen solch verdächtigen Goi in unsere Nähe, so hast Du
gegessen Dein letzt Brod, Du fauler und träger Wirt!« - Die edeln Herren
versicherten dem seine Unschuld Beteuernden ein Gleiches, und wollten, sich
beglückwünschend, dass kein gefährlicherer Mann in dieses Freudenbergers Haut
gesteckt, wieder an ihre Beratungen gehen, als in der Strasse, nach welcher man
eine Handbreit Aussicht aus Brändlings Kneipe hatte, ein Geläufe und Getobe
entstand, als ob die Stadt mit Sturm genommen würde. »Pest und roter Hahn!«
donnerte Leuenberg, und griff nach der verborgnen Wehr: »was geht dort los?
Schelm von einem Wirt! hast Du uns verraten und verkauft, oder sind uns andre
im frommen Werk zuvorgekommen?« - »Soll mich doch gleich der Blitz zehn Klafter
in die Erde schlagen;« schrie Brändling weinerlich, denn Veit von Hornberg hatte
ihm im Voraus schon, auf Abschlag, einen Schlag in's Genick versetzt, dass er
sich kaum aufrecht zu halten vermochte: »ich weiss von Nichts: aber ein Sprung an
die Ecke, Ihr Herren, und ich sag' Euch, was vorgeht!« - »Nicht ohne mich;«
setzte der Hornberger bei, und packte den Wirt unter den Arm: »Wir gehen
zusammen, Kumpan, und bei der mindesten Falschheit sitzt Dir mein Schnepper in
der Gurgel, Du schielender, krummbeiniger Hund!« - Somit schleppte er den sich
sträubenden Wirt mit sich, und in einiger Entfernung folgten die übrigen Drei,
durch ihre Verkleidung keck gemacht, und sicher genug, von niemand unter diesen
Federn erkannt zu werden. So wie sie aus dem Sackgässlein hervortaten, und aus
dem Gebrause des sie umstürmenden Volkes einige Worte klar auffischen mochten,
so sahen sie die Nichtigkeit ihres Argwohns ein. Hundert Stimmen antworteten auf
ihr Befragen: »Die braunen Leute aus Ägypten kommen! der Herzog aus dem Lande
Afrika wird gleich hier vorbei ziehen,« und Zodick, der auf seinen Kreuzzügen
durch das platte Land schon die Vorläufer dieser braunen Leute kannte, säumte
nicht seinen Spiessgesellen alsobald auf's Eiligste mitzuteilen, welche
Bewandtnis es mit diesem Volke habe. Es hatten sich nämlich seit ganz kurzer
Frist eine Menge von landstreicherischen Horden im Osten des deutschen Landes
gezeigt, von fremder Abkunft, dunkler Farbe, zerlumpter abenteuerlicher
Kleidung und kauderwälscher Sprache, wie auch von unbekannten Sitten. Diese
Eigenschaften, - mehr aber noch als diese - der Fremdlinge überkeckes Tun und
Treiben, hatten die Landbewohner in Staunen und Bestürzung versetzt, denn nichts
von dem, was klingt und leuchtet und glänzt, war sicher vor den habsüchtigen
Fingern der Fremden;. aber auch Hühnerhöfe, Taubenschläge und Ferkelställe
leerten sie aus, verzehrend, was ihnen gerade behagte, vertauschend gegen Geld,
was sie gerade im Überflusse besassen, und verderbend, was ihnen unnützlich
schien. Mit Unwillen sah der Bauer das zuchtlose Betragen des gleichwie vom
Himmel geschneiten Gesindels, dessen Ursprung, Namen, Zunge und Bestimmung auch
dem Gelehrtesten unbekannt war; er hätte gerne die frevelnden Gäste mit offner
Gewalt vertrieben, denn Mut im ehrlichen Streite schien eben ihre Sache nicht
zu sein; aber die Menge, die stets sich erneuend wie aus dem Boden wuchs,
ersetzte hier die Tapferkeit, und die Tausende, auf Leben und Tod durch die
Bande ihres unbekannten Vaterlandes verknüpft zu dem gefählichen Zug, durch
fremde Länder, bildeten eine furchtbare Macht, welcher selbst das wohlbewahrte
Frankfurt den Durchzug, - und was mehr noch ist, - einige Rasttage nicht
verbieten zu können glaubte. An dem Morgen des heutigen Tages waren, nach dem
Berichte mehrere Bürger, die erzählend und neugierig unter dem Getümmel standen,
waren die Herolde des braunen Volks vor Schulteiss, Burgermeister und Rat
erschienen, und hatten Geleitsbriefe vorgelegt von Königen, Fürsten und Herren,
und im Namen ihres Herzogs den Durchzug gefordert, gegen Westen und Mittag, und
der Magistrat, geschreckt von der im Munde des Volks weit übertriebenen und
vergrösserten Zahl der zu einer Einzigen versammelten Horden, hatte dem Begehren
willfahrt. In dieser Stunde kamen sie eben an, die Fremdlinge, geführt vom
Oberstrichter selbst, und umgeben von Söldnern des Rats, die von Zug zu Zug
verhindern sollten, dass Einer von den Ägyptern sich in die Stadt verliere, und
zugleich ihnen als Begleitung dienen, bis zu der wüst liegenden Maternuskapelle
in Sachsenhausen, wo sie ihre Rastzeit zubringen sollten. Helle Haufen von
Weibern braunen Angesichts, mit glänzend schwarzen Haaren, ihre Kinder teils
führend an der Hand, teils tragend auf dem Rücken, eröffneten, an langen Stäben
wandernd, den langen Zug. Zerlumptes Männervolk mit Zwerchsäcken, Bündeln und
Schläuchen auf den Schultern, Hahnenfedern auf den Mützen und kurzen Messern an
der Seite, folgten. Ihre Gesichter waren meistens dunkel, wie die braune
Kastanie, ihre Augen schwarz und lebendig, das Haar kurz und von gleicher Farbe,
die Zähne lang und glänzend, wie das Elfenbein. Diese Horden, wenn gleich
zahlreich und aus handfesten Leuten bestehend, waren indessen nur die Vorläufer
der eigentlichen Volks- und Heeresmacht der Ägypter. Ein wildes Getöse liess sich
in der Ferne vernehmen. Koppeln von Hunden wurden tobend vorbei getrieben,
einzelne Bewaffnete auf dürren Eseln oder kleinen unansehnlichen Kleppern, mit
dicken Köpfen und armseligen Schweifen, reitend; liessen sich unter dem dichter
werdenden Getümmel sehen, und eine barbarische Musik rückte heran: Schaaren von
Sängern und Spielleuten, die mit kleinen Trommeln, Handpaucken, Schellen,
blechernen Klingdeckeln, Dudelsäcken und kleinen Mohrenpfeifen, einen wüsten
Jubel erhoben und unterhielten. Hinter ihnen wurde die Stange, mit vergoldetem
Knopfe und Büscheln von Rosshaaren geschmückt, getragen, von welcher an goldnen
Schnüren der grosse pergamentne Freipass herabhing, den Kaiser Sigismund dem aus
fernem Osten heranziehenden ägyptischen Volke hatte ausfertigen lassen, und den
viele grosse Herren und Städte durch ihr Insiegel bekräftigt hatten. Die
prächtige Kleidung des Herzogs dieser Horden, der unter dem Schatten jenes
Pergament-Paniers auf einem schellengeschmückten Maultiere einher trabte, stach
grell gegen die zerlumpte Tracht seiner Untergebenen ab. Das ungarische Gewand
starrte von goldnen Zierraten, auf seiner Mütze prangte ein Busch von roten
Hahnenfedern, und unter dem pelzverbrämten Rande dieses Hauptschmucks blitzten
Augen hervor, die des Mannes Beruf, über das ungeschlachte Volk den Stab der
Gewalt zu schwingen, auf's Bündigste bekräftigten. Um ihn her wurden die
Kochgeschirre der Horde getragen, Schläuche mit Wein, Säcke mit Mundvorräten;
Weiber und Männer. Die rüstigsten aus Allen, - mit langen Speeren bewehrt,
folgten dem Heere, und an diese schloss sich, die Nachhut des ganzen Zuges
bildrnd, ein unzählbarer Schwarm von Gesindel, Trossvolk und schwarzgebrannten,
mit langen Knebelbärten gezierten Burschen, die den verwegnen Blick nach allen
Seiten richteten, und bereit schienen, bei der ersten verdächtigen Bewegung des
gaffenden Volks, wie blutlechzende Hunde in dessen Reihen einzubrechen, und zu
morden und zu plündern nach Gefallen und Willkühr. - Also zog unter dem Summen
der neugierigen Bürgermenge, dem widerlichen Getöne der Brumm und Gellpfeifen,
und unaufhörlich aufwirbelnden Staubwolken die wunderliche Heeresmacht vorüber,
und hinter ihr floss das nachdrängende Volk in einen Knaul zusammen, um die
seltsamen Fremdlinge und ungebetnen Gäste nach ihrer Ruhestätte zu geleiten.
    Zodick und seine Gefährten machten sich dagegen nach dem Knippling zurück,
wo ihnen Brändling, da sich indessen in der Schenkstube einheimische Zecher
eingefunden hatten, ein dunkles abgelegnes Hinterstüblein anwiess, in welchem sie
sich um den Tisch lagerten, die Passgläser füllten, und weiter sprachen von ihren
verderblichen Planen. - »Gottes Wunder!« rief Zodick schmunzelnd und sich
wohlgefällig das Kinn reibend: »Ihr edlen Herren und Genossen! Kann man finden
einen bessern Deckel für unsre Sache, so wir nicht verschieben die Ausführung?
Das ägyptische Volk hält hier Ruhtag, begreift Ihr, wackre Herren? Man fürchtet
das Volk, man traut ihm nicht. Was wir anzünden, werden getan haben sie die
Fremden. Was wir zum Kapporah nehmen, werden geschächtet haben sie. So wir geben
das Zeichen zur Gewalt, so werden auch sie ergreifen das Schwert und bringen die
letzte Verzweiflung über Mokum. Tausend Helfer haben wir errungen, in jenen;
darum zögert nicht.« - »Donner und Teufel!« rief der wilde Hornberger mit
Freudengelächter; »das trifft sich, wie gerufen, und unser Herrgott hat selbst
der hochmütigen Reichsstadt das Ziel gesteckt. auf das Wohl der Ägypter, weiss
auch keine Seele, welcher Kukuk diese Satanseier in unser Nest gelegt hat. Wohl
bekomme ihnen, und den Frankfurtern das Fest, zu dem wir die Melodei aufspielen
wollen. Sie mögen Sachsenhausen und den erbärmlichen Strich, wie auch die Buden
am Main plündern, und Tod und Feuer allentalben hinbringen. Bis sie sich an die
Arbeit machen, haben wir in Alt- und Neustadt schon die Augen von der Brühe
geschöpft, und suchen das Freie. Mag dann das Heidenvolk keinen Stein auf den
andern lassen. Desto besser für uns.« - »Und keinem Zweifel unterliegt's,«
setzte Leuenberg hinzu, »dass die brannen Gesellen in unser Horn blasen.« - »Ob
sie's tun?« fragte Reiffenberg: »Art lässt nicht von Art.« - »Zeigt dem Wolf nur
Blut;« bekräftigte Zodick mit hämischem Spotte: »Er wird es dann suchen mit
Begier.« - »Nun aber,« erhob Reiffenberg noch einmal die Stimme: »Vergleicht
Euch; wie ist's zu beginnen, zu vollführen? Unsre Leute müssen morgen mit dem
Frühsten schon Bescheid wissen.« - »Warum denn?« fragte Zodick mit ängstlicher
Schlauheit: »Wollt Ihr geben unsre Hoffnung in hundert Männer? Dann sitzen wir
morgen Alle auf dem Brückenturm, denn unter hundert Menschen, die ein Geheimnis
wissen, sind achzig geneigt es auszudibbern. Eh's losgeht, - den Augenblick
zuvor, sollen sie's erfahren, und nur an uns ist's, zu bestimmen unter uns,
wie's losgehen soll. Auch wir sind schon um vier Augen zu stark, wenn man will
sein vorsichtig.« - »Schweig, Hund, mit solchem Diebsgeschwätz!« schnauzte ihn
der Leuenberger an: »Rat, Anleitung und Handdienst verlangen wir von Dir;
weiter Nichts.« - »Wir sind die Herren,« stimmte Hornberg mit flammenden Augen
ein: »vergiss nicht, dass Du weniger bist als mein schlechtester Knecht, dessen
Eltern und Voreltern schon getauft waren.« - »Das heisst:« schloss der
Reiffenberger: »Halte Dein Judenmaul, wenn Du nicht gefragt wirst. Jetzo aber
befehlen wir Dir, uns kurz und bündig zu sagen, wie Du über das Besprechen
denkst und was Du rätst.« - Zodick warf unter den buschigen Augenbraunen einen
grimmigen Blick auf die stolzen Herren und Freunde; er bezwang aber bis zu
gelegner Zeit, klug und vorsichtig, die Galle, die ihm schon auf die Lippen zu
treten drohte, und erläuterte nun den Edelleuten, wie er sich das Ganze
ausgesonnen. Die zehnte Stunde der Nacht sollte die zum grässlichen Werk
bestimmte sein. Der erste Schritt des Verderbens sollte nach Dieters Hause im
Mittelpunkte der Stadt geschehen. Zodick und Veit von Leuenberg wollten daselbst
mit den aufgebotnen Überresten der Blutzapferrotte ein entsetzlich Schauspiel
geben, und den alten Dieter, seinen Sohn, Margarete, den Schulteiss,
Oberstrichter und die Schöffen, die sich, wie sie nicht zweifelten, beim
Schmause befinden würden, so wie Wallraden, die sie auch nicht dabei fehlend
dachten, mit Blitzesschnelle hinmetzeln, das Haus plündern, und dann in Brand
stecken. Dieses Geschäft von geübten Mörderfäusten verübt, sollte bald abgetan,
und die am Liebfrauenberge himmelansteigende Flamme das Zeichen für die Übrigen
am Römerberg, und in der Neustadt verborgenen Rotten unter dem Hornberger und
dem von Reiffenberg sein. Die Häuser der reichsten Bürger, der Geschlechter
Glauburg, Goldstein, zur Hofstatt, deren von Cölle, zum Kranich, von Holzhausen,
der Münzberechtigten Altbürger Klabelauch wurden den Räubern zum vornehmsten
Ziele gegeben. - Gold, Gold und Mord! hiess der Wahlspruch. Und nach all diesem
Brand und Verwüstung. Reiffenberg übernahm es, den Stadtauptmann von Dudenhofen
im Bette zu erschlagen, und somit den Arm aller Söldner des Rates zu lähmen.
Zodick versprach, die Geldvorräte der ersten Wechslerstuben aufzuräumen.
Leuenberg gelobte der niederländischen Kaufleute Niederlagen zu plündern, und
hinwegzuschaffen, und Feuer in alle Holzhütten zu werfen. Der Hornberger vermass
sich hoch und teuer das Gewandhaus abzubrennen, die Gewölbe der Goldschmiede
auf sich zu nehmen, und der reichen Stifter nicht zu schonen. Alle Gefängnisse
sollten aufgesprengt, alle Messgauner zur Teilnahme aufgefordert, der Pöbel, ihn
zu gewinnen, in den Weinkellern der Reichen berauscht werden. Die Schiffe am
Mainufer sollten gekappt, einige von ihnen, mit dem Raube beladen, und also gen
Mainz gesteuert werden. Und endlich, nachdem, wie zu hoffen stand, vom Dunkel
der Nacht, wie von der schlaftrunknen Ohnmacht der zum Verderben Bestimmten,
begünstigt, das Werk unter Flammen, Blut und Mordgeheul zu seiner schönsten
Blüte erwachsen, - dann wollten die Verschwornen die Brückentore mit Gewalt
eröffnen, und die Fremdlinge, das räuberische Volk herüberrufen zum Kehraus;
während dessen sich auf dem Strome von dannen treiben lassen, und auf irgend
einem befreundeten Raubnest des Rheintals die kühn errungne Beute teilen. -
Nachdem Zodick also gesprochen, konnten ihm die Andern ihren Beifall nicht
versagen, und der Hornberger staunte nur, dass der Gedanke zu solchem Heldenwerk
in eines Zodick's Hirn entspringen konnte, früher als in dem seinigen und seiner
Gefährten. »Wahrlich!« rief er: »bei Hagel und Donnerstrahl! der Friedreich ist
ein andrer Bursche geworden, denn zuvor. Ein schlechter Beutel- und
Kehlabschneider war er, ein kühner Waghals ist er geworden. Der heilige Geist
hat ihn wundersam in der Taufe überschattet, und mich freut's, ihr Herren, dass
ich bei dem Kindlein Gevatter stand.« - »Mehr freut mich's,« sprach der
Leuenberger, »dass endlich der Augenblick der Rache vor der Türe ist: Pest und
roter Hahn! Jetzt ist die Reihe an mir, Euch zu vergelten, Ihr Frankfurter
Wichte. Die Frösche niedermetzeln, Wallraden und Margareten zeichnen, dass sie
meiner gedenken, - hu! welche Lust. Und das Eine, Ihr Brüder und Freunde, das
Eine müsst Ihr mir versprechen; schenkt keinem der aus Frankfurt ist, aus der
verdammten Stadt, das Leben. Stosst jeden nieder, der Euch in den Wurf kommt.
Kind, Jüngling, Greis, Mann oder Weib, schont ihrer nicht, der verfluchten
Brut!« - »Ei, so sollen mich tausend Teufel zerreissen, ehe ich etwas Anders
tue, als du begehrst!« fluchte Hornberger mit seinem entsetzlichsten
Kampfgesichte. »Und mich!« fügte der Reiffenberg, - »und mich,« setzte Zodick
langsam hinzu; - »Amen!« sprach der Leuenberg, und da gerade die Viere nach den
Kannen griffen, um sich zuzutrinken, schlug ein tiefer Seufzer an ihr Ohr. Wild
fuhren sie in die Höhe, der Eine nach der Türe, der Andere nach dem
vergitterten Fenster. Zodick jedoch hatte das geübteste Gehör und suchte hinter
dem Kachelofen nach dem verborgenen Zeugen ihres Gesprächs. Eine Knabe von zwölf
bis dreizehn Jahren lag dort auf der Ofenbank, und hatte sich furchtsam
zusammengekauert, da Zodick mit allen Zeichen der Überraschung und Wut an ihn
herantrat. - - »Verflucht seien die Brüste, die Dich säugten, niederträchiger
Goi!« sprudelte der Jude, und spie dem Knaben seinen Geifer in's Angesicht: »Für
Dein Ohr muss zahlen Dein Hals!« - Mit keckem Schlächtergriff packte er den armen
Jungen bei der Kehle und zerrte ihn aus dem Winkel nach dem Tische, auf welchem
sein Messer lag. Der Knabe, mit dem Ersticken kämpfend unter der riesigen Faust
des Elenden vermochte nur ein krächzendes Gestöhne hervorzubringen, und sich mit
der Gewalt der Todesangst an den Fussboden und die Kniee des Mörders
anzuklammern, so dass dieser, einige Schritte vom Tische entfernt, und den Hals
seines Opfers, - um es stumm zu machen, - nicht lassend, nicht von der Stelle
konnte, und von dem Reiffenberg schäumend den Dolch verlangte. - Dieser weigerte
sich dessen, und behauptete, der Junge müsse zuvor reden, und - müsste er sterben
- zuvor auf alle Fälle noch beten dürfen. Leuenberg widersprach dieser Regung
von menschlichem Gefühl; Hornberg dagegen, obgleich der Wildeste unter
Seinesgleichen sprang auf des Reifenbergers Seite, und begehrte von Zodick, er
solle den Buben loslassen. - »Gott soll mich strafen an Leib und Seel!« rief er,
da der Jude verneinte; »ich haue Dir die Faust vom Rumpfe, wenn Du nicht Deine
Krallen von dem Buben lässest. Dir aber, Bube, befehl ich, alles Geheul und
Wehklagen von dannen zu lassen, und fein leise und still mir zu sagen, wie Du
hieher gekommen. Beim ersten Schrei fährt Dir mein Stahl in die Gurgel?« -
Zodick liess zitternd vor Wut und Grimm dem Buben ein wenig Luft, und der Arme
schleppte sich dumpfwimmernd zu den Füssen des Hornbergers, obgleich ihn Zodick
noch immer fest hielt, wie ein Fanghund die angeschossne Beute. Reiffenberg
suchte indessen den von Leuenberg zu begütigen. Auf Befragen des Hornbergers
berichtete der Knabe schluchzend: »er sei Brändlings Vetter Heinrich, von ihm an
Sohnsstadt aufgenommen, und zur Küfnerei bestimmt. Er sei verwichne Nacht als
Aufwärter bei einem Benderschmausse gewesen, und müd zum Tode heimgekommen. Nach
dem Mittagimbiss habe er noch seine Hausarbeit verrichtet, sei dann in diese
Stube gedüsselt, und auf der Ofenbank eingeschlafen, auf welcher er vor einigen
Augenblicken erst erwacht. Er beteuerte, von dem Gespräch der Herren nicht das
Geringste vernommen zu haben, und bat um Vergebung und um sein Leben.« - »Der
Bube lügt, wie ein Schelm!« rief Zodick dazwischen: »Seht doch, wie er wird rot
bei jedem Wort. Der ist cochem wie ein Fuchs. Darum nieder mit ihm.« - Er
krallte seine Faust wieder um den Knabenhals, und zuckte das Messer. - Der
Hornberg zuckte die Achseln, und wendete sich ab. Reiffenberg fiel dem Juden in
den Arm, und sprach: »Blutunke! bedenke doch ... das Geschrei des Knaben, sein
Röcheln, man wird es vernehmen ... die Folgen ...!«
    »Sorgt nicht!« spottete der Jude: »ich verstehe es, wie man schächtet, ohne
dass das Lämmchm schreit!« und wieder zu Boden warf er den Knaben, als mit
einemmal die Türe aufging, und Brändling hereintrat, der weiss vor Angst und
Entsetzen wurde, da er seines Vetters Bedrängnis sah. - Wie ein wütender Mensch
sprang er auf den Juden zu, zerrte ihm sein Opfer aus der Faust, und fragte mit
blauen bebenden Lippen nach der Ursache solch grausamen Verfahrens.
    Ein Wort des Hornbergers reichte hin, ihm Aufschluss zu geben, und seinen
Mund zur flehenden Bitte zu öffnen. »Ach ihr Herren,« seufzte er: »verlangt
Alles von mir, nur nicht, dass ich in diese tat willigen soll. Der Bube ist mein
leiblicher Schwestersohn, ein guter Bursche, ohne Trug und Falsch, und - ohne
Ruhm zu melden, - weit besser als wir alle sammt und sonders sind. Nimmer könnt'
ich mir vergeben, hätte ich meinen Schwestersohn umkommen lassen in Gefahr. Seid
nur diesmal barmherzig, ihr Herren, und Gott wird Euch um so reichlicher segnen,
in dem was ihr vorhabt, und mir einen doppelten Teil zuwenden.« - »Heuchle
keine Menschlichkeit, du krummer Katzenbuckel!« schalt der von Leuenberg: »Der
Bube hat uns behorcht, und fort muss er.« - »Und den Talles bekömmst auch Du,
wenn Du ihn nicht gibst heraus, den Horcher!« fügte der Jude bei, und griff
abermals nach dem Knaben. Brändling bewies aber durch die Heftigkeit, mit
welcher er den Knaben in die Arme schloss, wie sehr es ihm Ernst sei, um das, was
er vorhin gesagt, denn er riss den zitternden Heinrich zu der Türe hin, drückte
die Faust auf die Klinke, und sprach mit der klanglosen bebenden Stimme des
auf's höchste Gereizten: »Versuchts, ihr Herren! versucht's! Stecht mich
zusammen, aber im Fallen reisse ich die Türe auf, und mein Gebrüll ruft die
Schifferknechte, von welchen die Schenke wimmelt, hieher, und verloren seid Ihr
dann; noch im Sterben verrate ich Alles, was ich weiss, und geheim halten will
wie der Pfaffe die Beichte, wann Ihr ablasst von dem Knaben.« - »Brändling, hat
Recht!« fiel der Hornberger ein: »Wegen seiner auf's Rad gesetzt zu werden,
gelüstet mir nicht. Sag aber an, welche Bürgschaft leistest du für den Buben? -
denn haften musst Du für ihn mit Haut und Haar!« - »Das will ich auch, Herr!«
erwiederte der Wirt, von schwerer Angst erlöst, und freier atmend: »Schwören
soll der Knabe, dass, wenn er auch etwas vernahm, nichts über seinen Mund gehe,
es zu verraten.«
    »Gottes Wunder!« höhnte Zodick: »Was soll uns helfen ein leerer Schwur?« -
»Schweig!« murrte Reiffenberg: »Dem Kinde da ist ein Eid heilig wie der
Tabernakel.« Leuenberg lachte ungläubig, Zodick fletschte verdrossen die Zähne,
und Hornberg hielt unterdessen dem Knaben das Kreuz seines Schwerts vor, indem
er ihm die Eidesformel vorsprach: »Ich gelobe handlich und festiglich auf dieses
Kreuz das des Erlösers Kreuz bedeutet, keiner Seele, die da lebt auf Erden, zu
vertrauen, und zu verraten, was ich in der heutigen Nacht als unberufner Zeuge
gehört und vernommen. Verdammt will ich sein in Ewigkeit, und das schrecklichste
Gebrest und Siechtum erdulden in dieser Welt, wenn ich den Eid nicht halte, den
ich hier schwur mit aufgehobenen Händen zu Gott, seinem Sohne und allen
Heiligen. Amen.« -
    Der Knabe sprach deutlich und sichtlich ergriffen und bewegt den Eid nach,
und zerfloss nach dessen Leistung in Tränen. Reiffenberg nickte, zufrieden
gestellt, mit dem Kopfe, und der Hornberger übergab den Buben seinem Vetter
Brändling. »Das Letzte für unsre Ruhe und Sicherheit ist noch an Dir, zu tun,«
sprach er: »Sperre den Buben ein in Deinen tiefsten Keller, und lasse ihn nicht
eher los und ledig, als bis es Zeit geworden ist. Solch kurze Frist hindurch ist
ein glatter Aal zu hüten; warum nicht ein junger Bursche? So Du redlich unsern
Willen tust, sind wir Dir gewogen, alter Brändling. Beim mindesten Versehen
hingegen, und bei der kleinsten Falschheit sollst Du der Erste sein, der den
verdienten Lohn erhält.« - Brändling, Treue und Gehorsam gelobend, riegelte vor
den Augen der wilden Gäste den Vetter Heinrich, - ein duldsames Lamm, - in das
hinterste Gewölbe seines Hauses, und beruhigt suchten die Verbündeten ihr
dürftiges Lager.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                Ich nehme den angeklagten ungehorsamen Mann hier aus den
                Rechten, aus dem Frieden, aus den Freiheiten, die Kaiser Carolus
                gesetzet, Papst Leo confirmiret hat, und von allen Fürsten,
                Herrn, Rittern, Knechten, Freien und Freischöppen beschworen und
                geleistet worden, in dem Lande zu Sachsen, und werfe ihn nieder
                vom höchsten Grade, und tue ihn mit all' seinen Freiheiten,
                Frieden und Rechten in des Königs Bann, und strafe ihn mit
                höchstem Unfrieden und Ungnade, und mache ihn unwürdig, achtlos,
                rechtlos, siegellos, redelos und unfähig zu allen Rechten und
                Verfahren, und setze ihn aus nach den Satzungen der heimlichen
                Acht, und verfalle seinen Hals dem Strange, seinen Leichnam den
                Vögeln des Himmels und den Tieren der Luft zur Atzung, und
                befehle seine Seele Gott im Himmel in seine Macht und Gewalt,
                und erkläre seine Lehen und Gut für heimgefallen ihrem Herrn von
                dem sie zu Lehen rühren, oder der heiligen Kirche, sein Weib
                eine Wittib, seine Kinder Waisen!
                                Der heimlichen Acht Bannfluch auf Haut und Haar.
Der arme Heinrich erlebte eine üble Nacht auf dem Spreusack, den die Hand des
mitleidigen Vetters ihm zugeworfen hatte, um sich bequemer auf den feuchten
Boden des Kellers zu betten. Der Vorfall des Abends schien dem geschreckten
Knaben nur ein Fieberbild, wie uns der unruhige Schlummer zuweilen vorführt,
allein zu bald nur erinnerte er sich an die Wirklichkeit des Gräuelauftritts,
indem er in der Stille der Nacht sich nach und nach aller Reden wieder
erinnerte, welche von den bösen Gesellen geführt worden waren, und die er von
Anbeginn alle vernommen, ob er gleich in der Todesangst es geläugnet; denn er
war kurz nach dem Eintritt der furchtbaren Männer erwacht, und hatte sich, von
einer dem Knabenalter sehr gewöhnlichen Scheu ergriffen, nicht getraut, seine
Anwesenheit kund zu geben, und mit Herzklopfen den Augenblick erwartet, in
welchem die Schrecklichen gehen würden, bis ihm das Entsetzliche ihres
unverholen ausgesprochenen Vorhabens einen tiefen schmerzlichen Seufzer
ausgepresst. Und betrübter noch seufzte er jetzt in seines Kerkers Einöde, weil
er Klugheit und Gefühl genug besass, um das Verderben, das über die Stadt
verhängt worden, zu würdigen, und das jammervolle Schicksal der zum Tod
bestimmten Bürger voll inniger Wehmut beklagte. Und der grässliche Eid vollends,
den er geschworen, den ihm der Vetter selbst noch dringend an's Herz gelegt; den
er seinem Glauben und Gewissen zufolge, nicht einmal dem Priester im
Beichtstuhle entdecken durfte, um nicht hienieden elend zu sterben, und jenseits
auf ewig zur höllischen Flamme verdammt zu sein! Der Knabe litt unaussprechlich,
und zu diesen Seelenleiden noch körperliche Angst. Wenn ein Luftzug durch das
hoch gelegne Luftloch hereinstrich, glaubte er das mordgierige Schnauben Zodicks
zu vernehmen; wenn eine Ratte an den Riegeln und Angeln der Türe
emporkletterte, fürchtete er die Annäherung seiner grausamen Feinde zu hören.
Seines Vetters Gestalt sogar, die sich früh und Mittags zeigte, um den kleinen
Gefangenen Atzung hinzustellen, beruhigte seine aufgeregten Sinne nicht. Er
wusste ja leider, dass sein Verwandter selbst zu der abscheulichen Rotter gehörte;
er durfte argwöhnen, dass vielleicht in der nächsten Stunde der entartete Mann
selbst die Hand zu seines unschuldigen Vetters Tode bieten möchte. Und näher und
immer näher schlich schon wieder der Abend, und näher und näher kam die Zeit des
Verderbens, und er, der um Alles wusste, musste schweigen, an Schwur und Kerker
gefesselt! - Da wurden hastige Schritte in dem Vorgewölbe hörbar: geschäftige
Hände riegelten auf und drehten den Schlüssel der Türe behende, und Brändling,
blass und verstört rannte in den Keller. Der erschrockene Knabe, nur seinen Tod
ahnend, floh in die Ecke des Gewölbes, aber Brändling beruhigte ihn durch Wort
und Geberde, indem er zu ihm sprach: »Guter Vetter, lieber Heinrich! Du warst
von jeher ein wackrer Knabe und Verwandter, und nicht meine Schuld ist's - du
weisst es wohl, - dass Du hier sitzest, gleichwie in der Löwengrube. Zürne mir
darum nicht, und tu' mir das zu Liebe.« - Der Knabe war bereitwillig, und
Brändling fuhr fort: »Ein schlechter Mensch von meinen Zechgästen hat den
Weinstecher Veit verraten, dass ich dann und wann, stummen Wein ausschenke. Du
lieber Gott! in der Zerstreuung geht wohl manchmal dergleichen vor, und ich habe
nicht 'mal recht gewusst, dass ich ein unklar Fass im Keller habe. Veit war aber
da, er hat's gefunden und ist hinweg gegangen, mit der Drohung, noch heut' den
Stöckerknecht zu schicken, dass er das Fass abhole und vor dem Römer auslaufen
lassen. Bedenke Henrich, - welche Schande, ... welcher Anlass zu andern
Entdeckungen! Wenn Du nicht hilfst, so kann mich's heute an den Galgen bringen.
Veit ist mir nicht hold, aber Dir, mein Neffe und Söhnlein, den er aus der Taufe
hob, um desto mehr. - Deine selige Mutter war ihm lieb und wert, und - nun - es
wird schon alles gut werden, wenn Du stracks zu ihm laufen, und für mich eine
Fürbitte einlegen wolltest. Nur den Stöcker lasse er zu Hause, und zahlen will
ich, was er will, - Morgen schon bezahlen, - und den Wein vertilgen im Geheim.
Willst Du, mein Söhnlein?« - Heinrich bejahte gütmütig. - »'s ist jetzt die
beste Zeit,« sprach Brändling weiter: »die Wüteriche sind nicht daheim, bis auf
einen., der oben in der Giebelkammer faullenzt. Es sieht dich Niemand fortgehen,
und zurück bist Du, ehe und ohne dass dich eine Seele bemerkt. Aber, - Heinrich,
- gutes Kind, denke an Deinen Eid, und an Deine ewige Seligkeit, und plaudre an
keinem Menschen aus was Du Unglückseliger vielleicht gehört!« - Heinrich gelobte
es noch einmal in des falschen Mannes Hand, und entrannte, wie ein flüchtiges
Reh, dem unbequemen Kerker. - Die Sonne neigte sich zum Untergange, und des
Paten Haus war, obgleich fern, - doch bald erreicht. Der treuherzigen Fürbitte
des Knaben konnte der biederherzige Veit nicht lange widerstehen, und liess ihn
endlich mit guter Botschaft, aber auch mit der strengen Warnung für den Ohm
ziehen. Heinrich flog wieder heimwärts; allein, da es um die Zeit war, da alle
Handwerksgesellen durch die Strassen jubelten, von der Arbeit kommend, - die
reichern Kaufleute ihre Laden schlossen, und die Vornehmem der Stadt behaglich
lustwandelten durch die Strassen in der abendlichen Kühle, - da wurde dem Knaben
das Herz schwer, seine Tritte wurden langsamer, da er der Gräul gedachte, die in
diesen froh lebendigen Strassen bald wüten sollten. Hausväter und ihre Frauen,
ihre Kinder und Enkel sassen vor den Türen, durch welche der Mord eingehen
sollte, - buntgekleidete Musikanten, Lustigmacher und dergleichen Volk
durchstreiften die Gassen, und wenn man sie fragte: »wohin die Reise?« so
antworteten alle: »Zu des Altburgers Froschen Haus; 'sist Hochzeit dort, und die
Stosspfeifer dürfen zum Tanz nicht fehlen!« - Diese Worte zerrissen Heinrichs
Brust, und ohne Bewusstsein und Willen fast, flüchtete er sich in die uralte
Kirche der Weissen-Frauen, die noch offen stand für Reuige und Leidende. Ein
innrer Trieb zwang den Knaben, sich vor den Stufen des vergitterten Chors nieder
zu werfen auf seine Kniee, und inbrünstig zu Gott zu beten, um Erleichterung, um
Trost, um Hülfe und um Eingebung von Oben. Nachdem er sein Gebet verrichtet, sah
er sich um in der Kirche und sie war leer; er blickte, mit Anstrengung auf den
Zehen sich erhebend, durch das Chorgitter, und gewahrte eine von den weissen
Frauen, die auf einen Betschemel kniete, und zu beten schien; sonst niemand. Da
fuhr dem aufgeregten Knaben ein abenteuerlicher Gedanke durch den Kopf, und er
schritt auf der Stelle zur Ausführung, - dem Zufall es überlassend, ob seine
Saat auf guten Boden falle, oder auf Stein. Die Nonne dort konnte ja schlafen, -
sie konnte taub sein oder ungläubig; aber - Gott wird ja Alles zum Besten
lenken, dachte der Knabe, ... und Deinen Schwur hast Du nicht gebrochen. - Er
wendete sich daher frischen Muts knieend mit ausgespannten Armen zu dem
Magdalenenbild, das, verwittert und. bemoosst am Eingange des Chors trauerte, und
sprach mit vernehmlicher Zunge: »O Du, mein heiliges Steinbild, lass Dir
vertrauen, was ich geschworen habe, keiner lebenden Seele zu verraten, und wann
der Herrgott nicht ein Wunder tun will, und Dir den steinernen Mund öffnet, dass
Du redest, - so behalte in Deinem tauben Ohre meine Rede. Wisse, dass die Stadt
in grosser Gefahr ist, dass böse Gesellen sich verschworen haben, mit der zehnten
Stunde Glockenschlag noch heute den Hochzeitschmauss in der Froschen Hause in ein
Blutbad zu verwandeln, und zu erwürgen Alles, was sich dort zusammenfindet, vom
Bräutigam bis zur Magd. Wisse, dass auf diesen Mord die Stadt angestossen werden
soll mit Feuer, und geplündert der Reiche, und ermordet Arm und Reich. Wisse,
dass die Ägypter herübergerufen werden sollen, um Stein von Stein zu reissen,
während die Mörder den Main hinunterschwimmen wollen auf abgekappten Schiffen,
von Blut und Beute schwer. Wisse dies All', du heiliges Steinbild, denn mein
Herz kann's nicht bewahren, und die Zunge soll's doch verschweigen. Wahr ist's;
dazu helfe mir Gott, und von dem Tode all' den armen Leuten, die morgen nicht
mehr leben sollen. Amen!« - Der Knabe hatte dieses Bekenntnis kaum abgelegt, als
er mit der Eile eines flüchtigen Wildes die Kirche verliess, um heimzulaufen.
Seine Worte waren nicht ungehört verhallt. Die weisse Frau hatte sich horchend
erhoben, und keine Sylbe verloren; aber nicht minder hatte eine dienende
Schwester, die von einem vorspringenden Grabmal verdeckt, dem Blick des Knaben
entgangen war, alles gehört mit zagender entsetzter Seele. Der kleine Redner war
auch kaum ausser der Kirche, als die Schwester zu der Nonne trat, und dringend
fragte: »Habt Ihr gehört, hochwürdige Frau!« - Die Nonne nickte stolz mit dem
Kopfe. - »Um aller Heiligen willen!« fuhr die Andere fort: »war das ein
wahnsinniger Bube, oder ein gesunder Herold der Wahrheit?« Die Nonne zuckte die
Achseln. - Die Schwester sprach ängstlicher, und die Hände ringend weiter: »Wie
mögt Ihr doch so kalt und gleichgültig sein, würdigste Frau, da doch die
Schreckenskunde euer eigen Haus betrifft? Die Stimme des Herrn ist die eines
Löwen, dass Zion sie vernehme!« - »Was wollt Ihr denn tun, Schwester Judit?«
fragte die weisse Frau langsam und bedächtig. - »Reden, reden will ich;«
antwortete Judit heftig: »des Herrn Gnade verkünden. Du sollst Dein Licht nicht
unter den Scheffel stellen. Die Oberin, der Beichtvater, der Rat soll wissen
und erfahren, du Himmelskönigin und Jesu Christe! es ist keine Zeit zu
verlieren.«
    Die Nonne blickte starr und schweigend vor sich hin. Judit machte sich
indessen fertig, dem Chor zu melden, plötzlich jedoch besann sie sich, und sagte
zu sich selbst: »Die Pflicht geht vor. Tue zuerst, was Du musst, und dann erst,
was Du sollst. Bald hätte ich den Geisselstrick der Oberin aus dem Gewölbe
mitzunehmen vergessen.« »Gleich«, setzte sie zu der Nonne gewendet hinzu:
»gleich, hochwürdige Frau, bin ich zurück, und dann lasst uns den Mund auftun,
um zu reden mit der Stimme der Gewitter, wie der Herr getan hat, auf den Höhen
Horeb; denn zornig ist der Herr, und doch allmächtig in dem Schwachen.« - Bei
diesen Worten schob sie den schweren Riegel vor der Falltüre des
Geisselgewölbes, und bemühte sich, die ungeheuern Eichenbohlen aufzuheben; mit
aller Anstrengung gelang es ihr nicht, und sie wollte schon das Werk verlassen,
als die Nonne sich selbst herabliess, ihre Hülfe anzubieten, und zu leisten. Der
vereinten Kraft der Weiber fügte sich die schwere Last, und liess sich in ihren
Angeln herumlegen. Judit, den scheidenden Abendstrahl, der durch die Fenster
schimmerte, als einzige Leuchte mit sich nehmend, eilte die Treppe hinab,
nachdem sie noch gesehen, wie die Nonne durch die Seitentür in den Kreuzgang
verschwunden war. Kaum aber war der Klang ihrer Schritte schwächer geworden, und
sie im Gewölbe selbst angekommen, als schnell die Nonne zurückkehrte, auf die
Gruft zueilte, die eiserne Stützstange der Falltüre wegriss, und die Pforte
donnernd und dröhnend in ihre Fugen fallen liess. Der Schlag hallte schrecklich
im ganzen Gebäude wieder, und vor ihrer eignen Handlung erschreckend, floh die
Boshafte nach ihrer Zelle. Dort atmete sie ruhiger. - »Mut, Wallrade!« sagte
sie zu sich: »geht heut die Rache nicht in Erfüllung, so verzichte ich auf sie
in Ewigkeit«. Die schwatzhafte Judit schmachte, bis die Stunde vorüber. Ihr
ohnmächtiges Poltern an der Grabespforte wird die furchtsame Beschliesserin zum
Gespensterspuck rechnen, und mit scheuem Kreuzschlage ihres Weges ziehen. Ein
Zufall entschuldigt wohl später der Laienschwester unwillkommne Haft. Ich aber
will spielen mit dem Schicksal, das jetzt in meiner Hand liegt. Die zehnte
Stunde muss erst geschlagen haben, ehe ich durch meine Worte die Stadt rette. Ich
will sehen, wie in meinem Hause dass Unglück schreitet; ob ich allein dazu
verdammt bin, oder Andre mit. Falscher Dagobert! so schnell konntest Du Deine
Liebe vergessen, und treulos in die Arme einer andern sinken? So war es nicht
gemeint. Ich raubte Dir der Zelle Trost, damit Du der Entsagung und der
Täuschung Foltern schmeckest dein Lebelang; damit Du Unkraut säest im
Vaterhause, wie bisher. Glücklich wollt ich Dich nicht sehen, und heute - welche
Freude - heute trittst Du an Deines Glückes Gränze. Die Pforte dazu ist auch
schon sein Markstein. Fahre hin; und Du, einfältige Braut, und Du, scheinheilige
Stiefmutter, welche einen Sieg über mich errungen zu haben wähnt; fahrt hin, ihr
Lästerzungen alle, die ihr meinen Leumund zerfleischt habt, und an meiner Feinde
Hochzeitstisch zu prassen denkt. Schon rüstet sich der Pfaff zu Eurer
Todtenmesse! - Sie schauderte selbst vor dem entsetzlichen Gedanken zurück, und
ein Bild mit greisen Zügen und weissen Haaren, ein Bild voll Liebe und Gram
stellte sich langsam in der Dämmerung vor ihre Augen. - »Mein Vater!« seufzte
sie unter menschlicher Regung: »Mein Vater! Er ist der Einzige in jenem Hause,
der nicht fallen sollte wie die Andern? Er ist aber auch der tugendhafteste,
setzte sie, in grausamem Wahn sich selbst belügend, hinzu: und Gott tut Wunder
an dem Gerechten. Wenn Gott nicht will, so erlahmt der Arm des Mörders, sein
Stahl zerbricht, und frei aus geht der Gute unter'm fürchterlichsten Wirrsal.
Fasse Mut, Wallrade, rede nicht matt und feige. Gott wird unter den Sündern die
Seinen finden und behüten.« - Also ihr böses Trachten mit ihrem nagenden
Gewissen trotzig, und schlau vereinbarend, liess die tückische Wallrade die
Stunde hinschleichen, und schwelgte im Voraus in den Schreckensauftritten, die
im Vaterhause vorfallen sollten. Ihres Vaters gedachte sie zwar häufig, -
weniger, ihres armen Sohnes, aber die Glut wilder Leidenschaft und eine gewisse
freche Lust, das Schicksal in die Schranken zu fordern, erstickte den Funken von
Kindesliebe in ihrer Brust. Mutterliebe hatte sie nie gekannt, und das Andenken
an den so gehassten Vater des kleinen Johannes war allein schon hinreichend, um
sie zu bewegen, den Knaben einem dräuenden Unheil sonder Mitleid zu überlassen.
Während nun die Schreckliche also still und einsam in der dunkeln Zelle brütete,
und die arme Judit im ganzen Kloster wie verschwunden schien, dämmerte tiefer
und tiefer der Abend nieder; die Strassen wurden leerer, die Trinkstuben voller,
und auch im Knippling ging es lustig und geräuschvoll her. In der vordern Stube
johlten Waidträger, Löher und Schiffknechte, in dem hintersten Gemache sassen die
Verbündeten mit mehreren ihrer Helfershelfer beim schäumenden Trunke. Die neunte
Stunde hatte schon längst geschlagen, und mit Ungeduld harrten die Raublustigen,
auf die zehnte. Um sich die Langeweile und Unruhe zu vertreiben, trank der
Hornberger Zug für Zug einen Becher leer, und der Reiffenberger, wie auch Veit
von Leuenberg taten herzhaft Bescheid. Zodick hingegen hielt sich nüchtern, und
ermahnte die Führer der, bereits auf ihren Sammelplätzen versteckten Knechte,
die sich ebenfalls zum Abendtrunk hier eingefunden hatten, klar und hell im
Kopfe zu bleiben, um den Dienst nicht zu versäumen. - »Wie der Jude schwatzt!«
rief der Reiffenberger unwirsch: »Ein rüstiger Mann und ein wackrer Fussknecht
müssen trinken wie Teufel, um, gleich Teufeln, losschlagen zu können .. Im
offenen Streit ist ein kleiner Weinnebel an seiner Statt; man sieht nicht lange,
wo man hinschlägt. Um eine Kehle abzuschneiden, bedarf man freilich klarerer
Augen.« - »Mein! mein!« versetzte Zodick giftig: »wir wollen sehen, wer lacht
von uns am letzten: ich mit meinen hellen Scheinlingen, oder Ihr mit Euern
trüben. Ich und meine Gesellen, und diese guten Freunde, wir werden noch immer
tun müssen das Beste.« - »Pest und roter Hahn!« polterte Leuenberg dazwischen:
»fröhlich gelebt und fröhlich gestorben ..... wie heisst das Sprüchlein, Bruder
Hornberg?« -
    »Lass mich doch ungeschoren mit Deinem Possenschwank!« antwortete ihm der
Hornberger, eine Kanne leerend, und damit auf den Tisch klopfend: »Ich weiss ein
bessres Liedlein: Firnewein vor der Schlacht, hat viele, zu Helden gemacht! und
so wollen wir's heute halten. Donner, Strahls Hagel und Gewitter! keine halbe
Stunde mehr, und der Tanz geht los. Bis hieher haben uns alle Heilige bewahrt
und geschirmt. Von all den Stadtschurken, die uns vorgekommen sind, hat uns kein
einziger gekannt, - nicht mich, der ich mit der Stadt meine Späne haben, - nicht
den Reiffenberg, der hier so viel schuldig ist, dass er von dem Gelde sein
verfallnes Dach mit Goldgulden decken, und seinem Hof damit pflastern könnte; -
nicht den Leuenberg, der im Stadtbann liegt, er weiss wohl, warum ...?« - »Nicht
einmal den verfluchten Judenchristen hier haben sie erwittert;« fiel der
Leuenberg ein, - »ob er gleich von Stadt, Kaiser und Reich verfehmt und geächtet
ist.« - Zodick lachte pfiffig. - »Wisst ihr, ihr Herren,« sprach er: »woher das
kommt? weil ich mir nie getrunken habe einen Rausch, weder im Wein, noch im
Früsselhannes. Nüchtern sein, ist klug. Für den Groschen, den hinauswirft der
trunkne Mann, gewinnt der nüchterne ein Pfund.« - »Pah!« rief der von Leuenberg:
»wie könnte, auch ein Jude fröhlich sein, wie ein christlicher Rittersmann. Gebt
dem Gelichter 'ne Zwiebel, schimmlich Brod und faul Wasser; glücklich ist's
dabei, wenn es nur Münze zusammenscharren mag.« - »Dass Ihr doch lahm würdet,
verfluchte Gojim!« murmelte Zodick in den Bart, während er, es zu verbergen,
sich unter den Tisch bückte, als wollte er ein Messer aufheben. - »Lasst doch den
Friedrich;« brummte der Hornberger: »der ist ein Christ, so gut wie einer, und
wer ihn schimpft, hat's mit mir zu tun. Aber, Donner und Teufel! wo steckt der
Wirt? Vergebens klopfe ich seit einer ewigen Frist nach einer frischen Kanne,
und doch ist zu Frankfurt mehr des Weins in den Kellern, als Wasser in den
Brunnen! Heda! eingeschenkt!« -
    Vergebens mahnte der vorsichtigere Zodick ab; Hornberg polterte aus allen
Kräften mit den Kannen auf den Eichentisch, bis endlich Brändling erschrocken
zur Türe hereinsprach. Der Mann hatte zwar in der Freude über Heinrichs
willkommne Botschaft, so wie in der heimlichen Seelenangst vor der kommenden
Nacht, ebenfalls viele Schlucke über den Durst getan, und wankte unsicher auf
seinen Beinen umher, aber die Sorge für die Sicherheit seines Hauses und seiner
Gäste verliess ihn selbst in diesem Zustande nicht. »Um der ewigen Barmherzigkeit
willen!« rief er: »Ihr Herren macht doch nicht des Lärmens so viel. Die Trinker
in der Stube werden aufmerksam werden, und wissen wollen, wer dahinten also
rumort. Und denkt 'mal; wer Euch also sähe, bewahrt und bewaffnet, wie Ihr seid
....« - »Halt's Maul, Hund!« fuhr ihn der Hornberger an: »Schenk ein: wir sind
die Herren, Du der Knecht, und nicht lange währt's, so haben wir ganz Frankfurt
unter unsrer Sohle. Schaff Wein herbei, und sei nicht lässig im Dienst, sonst
schneide ich Dir, - Gott verdamme meine arme Seele,- für jede Kanne einen
Kerbstrich in Dein Hundeantlitz, dass Du aussehen sollst, wie ein bemalter
Turnierpfahl. Wein, Schurke! Wein! Wasser unter'n Wein! Wasser darunter!«
flüsterte Zodick dem erschrocknen Brändling zu, welcher verblüfft seinen Abtritt
nahm, und bald neuen, sehr getauften Weinvorrat brachte. Mit ihm trat ein
Knecht des Reiffenberg in die Stube, auf welchen alle neugierig losgingen und
taumelten. »Sieh da, Eckart!« fragte sein Herr: »Wie ist's? wie steht's? was
bringst Du?« - »Alles ruhig, ihr Herren;« meldete der Knecht: »die Leute alle
auf ihrer Stelle im Hinterhalt. Ich gab noch den Befehl, dass keiner von ihnen
sich unterstehen solle, etwas zu beginnen, bevor Ihr nicht mit Euern Freunden an
ihrer Spitze seid. Sie erwarten das Zeichen ungeduldig.« - »Wahrlich nicht mit
grössrer Ungeduld als wir;« antwortete der Hornberger: »Gewitter und Strahl! will
denn die Zeit stehen bleiben? Sag an, Bursche: welche Stunde ist's?« - »'s muss
im Augenblicke Zehne schlagen;« antwortete der Knecht: »in Sachsenhausen drüben
riefen die Wächter schon die Stunde ab, doch pflegen sie's stets früher zu tun,
als hier herüben die Glocke schlägt.« - »Ei, so lasst uns die Krüge leeren!«
sprach der Hornberger: »Gott sei gelobt; wir stehen am Ziele.« - »Krüge, aus,
Waffen an!« lallte der Leuenberg: »Bruder Reiffenberg, schnalle mir den Gurt
fester; meine Hand ist schwer und ungeschickt geworden.« - »Du wirst doch nicht
zu viel im Kopfe haben?« fragte der Hornberger spöttisch: »Ich fühle Bärenmark
in meinen Knochen, und wollte einen Eichbaum spalten.« - Um den Beweis zu
führen, hob er die schwere Klinge mit Macht, und wollte einen Hieb gegen den
Ofen tun, allein die niedre Stubendecke wehrte dem Streich, und die Waffe fiel
klirrend aus des Zechers Hand. - »Weh geschrieen! weh geschrrieen!« begann
Zodick, der unruhig wurde: »Was soll daraus werden. Hab' ich doch gezählt auf
einen Simson, und es wird nicht da sein ein Davidchen! Ihr Leute, ihr
Waffenknechte: haltet Euch besser als eure Herren, und folgt dem, was ich werde
befehlen; denn ich werde gehen sicher, und zustossen ohne Fehl, und wenn
herabkäme vom Himmel der Melach der Könige!«
    »Bist Du gewesen an der Frosche Haus?« fragte er sodann den Eckart leise.
Dieser bejahte, und berichtete, Alles gehe dort hell auf, von Kerzenschimmer
funkle Fenster und Tor, die Pauke wirble, der Bombard schnurre und die Pfeifer
bliesen lustig zum Tanz. - Zodick rieb sich, teuflisch lachend, die Hände,
während die Edelleute in Braus und Verwirrung ihre Waffen und Wehr ordneten,
zusammensuchten, schalten und lästerten, und die Knechte alle Hände voll zu tun
hatten, ihre Gebieter zum Strauss zu rüsten; und sprach vor sich hin: »Ich danke
Dir, hochgelobter Gott, dass Du mich lässest Rache nehmen an meinen Feinden. Ich
war flüchtig wie Kain, aber bald werden sie vor mir fliehen; ich war getreten in
den Staub, aber bald werd' ich sie stossen in's Elend! Warum kann ich nicht mit
diesem blanken und haarscharfen Messer trennen vom Rumpfe der Menschheit alle
Hälse meiner Feinde? Warum ist Ben David gegangen in die Welt? Jochai geflohen
von wannen man nicht kehrt heim, und Ester gewandert mit ihrem Bruder in's
Weite, wohin mein Dolch nicht trifft? Aber euch verfolge mein Fluch; euch sei
die Hölle und das Feuer der Geheime, Amen!« - Indem blies vom nahem Stiftsturme
der Wächter, und die Glocken schlugen die zehnte Stunde an. »Halloh! halloch!«
rief der Hornberger: »rüstig, ihr Genossen! der Teufel ist: los!« - »Hand in
Hand noch einmal lasst uns stehen!« sprach der Reiffenberg, »und schwören,
ehrlich an einander zu halten, und unsre Pflicht zu tun.« - »Wir schwören's,«
riefen Edle und Knechte. - »Du, Jude, tue Deine Schuldigkeit.« - »Gott soll mir
helfen, dass ich sie tue;« erwiederte Zodick, sich die Mütze fest bindend. -
»Geschwinde!« rief Eckart in die Türe: »Stunde schlug, Tür' ist offen, der
Wirt harrt unser, leis an der Stube vorbei, hinaus auf die Gasse!« - »Baschol!
baschol!« trieb nun Zodick selbst eilfertig und heimlich: »wir haben gewonnen,
so wir behalten den Kopf frei und die Hand. Wenn ich nicht vollführe, was ich
versprochen, so will ich den Talles haben im Augenblick ohne Gebet und
Barmherzigkeit. Fort! fort!« Der Schwarm von Menschen drängte sich zur Tür, als
diese rasch aufging, und Brändling's geisterbleiches Angesicht hereinsah. -
»Halt! halt!« stammelte er entsetzt: »wir sind verloren ...!« - »Verloren?«
donnerte ihm der Hornberger zu, und hob das gewichtige Schwert; aber, wenn
gleich des Schenkwirts Stimme versagte, so ergab sich doch alsobald der
Bescheid auf des Hornbergers Frage. »Im Namen der kaiserlich freien
beschlossenen Acht!« schallten mehrere Stimmen draussen, begleitet von Schlägen
an Wand und Türe. - »Die heimliche Vehm!« riefen die Söldner verwirrt, und aus
ihren Händen fiel die Wehr, einige verkrochen sich unter Tische und Ofen, wohin
auch Brändling sich geflüchtet hatte, andere schmiegten sich auf die Bänke an
Wand und Ecke. Selbst den Leuenberg und den von Reiffenberg hatte dieser
Schreckensname dergestalt erschüttert, dass sie auf ihre Stühle zurücksanken, und
der Hornberger senkte das dräuende Schwert, hinter der Türe lauschend, durch
welche einige vermummte Gestalten rasch und keck hereintraten, und wie Falken
nach allen Seiten die Augen drehten. »Keiner rühre sich!« schrie der Erste von
ihnen mit rauher Stimme, »und wer ein frommer Mann ist, sitze still!« - Da
ergriff den Zodick eine entsetzliche Angst. Wild sprang er auf, schlug die Lampe
um, und wollte durch die Geheimen durch in's Freie brechen; allein der Schimmer
eines Windlichts, das durch die Öffnung der Türe blitzte, blendete ihn, und der
Verhüllte riss ihm indessen Kappe, Haarhaube und Pflaster, vom Kopf und Gesicht.
- »Der ist's!« rief er, den Schaudernden gegen seine Begleiter stossend, und
diese antworteten in tiefem Tone: »Bei unserm Eid! der ist's!« - »Jehova!
Sammael! Christus! rette mich!« schrie der verzweiflungsvolle Jude, da ihn nun
eine fürchterliche Ahnung durch's Herz zuckte: »Weh mir! helft ihr Freunde!« -
Aber die Freunde blieben scheu und untätig, weder Himmel noch Hölle tat zu des
Frevlers Gunsten ein Wunder, und der heftige Dolchstoss, den seine erprobte Faust
mit aller Gewalt auf die Brust des Anführers der Verhüllten führte, brach sich
an dem Panzer, den dieser trug. Ein heftiger Schlag schleuderte ihm die Waffe
aus den Fingern, und eine feste Schlinge flog um seinen Hals, und riss ihn, seine
Kehle zuschnürend, zu Boden. - »Genade Dir Gott, Missetäter!« riefen die
Trabanten der heimlichen Acht, und schleppten den ohnmächtig widerstrebenden vor
die Türe. Vor ihrem Anblick flohen die übrigen Gäste, -bisher neugierige
Zuschauer, zur Pforte und Gasse hinaus. - »Macht geschwinde!« herrschte der
Schöffe seinen Frohnen zu: »Henkt ihn auf.« - »Wohin, Herr?« fragten diese. -
»Knüpft ihn an den Kettenhaken neben der Tür!« befahl der Schöppe kalt; und
dies Todesurteil brachte den halb bewusstlosen Mörder zu sich selbst. - »Gott!
hochgelobter Gott!« stöhnte er, ausser sich: »Ich bin doch unschuldig! Ihr
Männer! ich bin unschuldig.« - »Du bist verfehmt,« erwiederte der Schöppe: »und
all ist zu spät. Gott genade Dich.« - Schon ward der Strick um den Haken
geschlungen. - In wütiger Todesangst brüllte Zodick: »Ich gehöre nicht vor Euer
Gericht. Ich bin ein Jude, des Kaisers Kammerknecht ....!« - »Wardst Du nicht
getauft, abtrünniger Hund?« riefen die Frohnen: »Fahr' hin!« - Der Elende
schwebte in die Höhe. All' seine Glieder strebten an gegen den hart
einbrechenden Tod, ... seine erstickende Kehle schnappte nach Luft, sein Mund
versuchte noch den letzten Fluch, aber unter dem dumpfen: »Fahr' hin! Zeter!
fahr' hin! genade Dir Gott!« stockte das verhasste Leben und der Grässliche war
nicht mehr. Die Frohnen streckten ihn aus, der Schöppe stiess sein Messer in den
Türpfosten, und alle entfernten sich eilig durch die verödete Gasse - denn alle
Gäste der Schenke hatten die schnellste Flucht ergriffen vor den Vollstreckern
der gefürchteten heimlichen Acht. Die zum Mordbrand Verschwornen, sammt ihren
Söldnern und Gesellen hatten sich nicht minder, von blindem Schreck gejagt, nach
allen Seiten hin zerstreut. Der Unbändigste und Frechste aus ihrer Mitte war vom
schnellen Tod dahingerissen worden, den seine frevelnde Zunge gerade
herbeigerufen, - und Jeder der Übrigen war sich mancher schweren Schuld geheim
bewusst. Die Spannung der Trunkenheit war gewichen, die Erschlaffung der Kräfte
und die Pein des Gewissens war zurückgeblieben. Ohne ferner an die Verübung des
grässlichen Mordplans zu denken, irrten die Teilnehmer desselben in den Gassen
der Stadt umher, und ihre Furcht wuchs mit jedem Augenblicke mehr heran, denn
mit Staunen und Herzklopfen hörten sie, wie plötzlich, rasch hintereinander alle
Glocken auf den Kirchtürmen wach und lebendig wurden, wie die Wächterhörner von
den Zinnen bliesen, laut und dringend, wie das Gämperlein1 läutete, die Schnurre
durch die Strassen lief, wie die Trommel vor dem und Quartier der Söldner
wirbelte und die Trompete die Reisigen zu dem Sammelplatze rief. Lichter und
Laternen wurden allentalben ausgesteckt, in allen Häusern wurde es hell und
lebhaft. Die Zünfte, Rotten und Fähnlein der Bürger und Söldner strömten
zusammen auf ihren Lärmplätzen. Die Bürgermeister mit den Bannern, den laufenden
Gesellen und den Zünften der Altstadt hielten auf dem Samstagsberge und vor dem
Falkenstein; in der Neustadt riefen die Hauptleute vor St. Marten und Katarina
die ihrigen auf. Der Schulteiss jagte zu Pferde, wie ein Wütender zu seinen
Reitern auf dem Liebfrauenberge; und nach Sachsenhausen hinüber der
Oberstrichter, um dort den Befehl zu übernehmen, und die verdächtigen, daselbst
gelagerten Ägypter zu bewachen und zu beobachten. Um die Verbindung mit der
Stadt zu unterhalten, blieben die Brückentore offen, wiewohl mit Wachen und
freiwillig herbeieilenden Bürgern besetzt; denn es hatte sich das Gerücht
verbreitet, die Stadt sollte mörderisch angestossen werden mit Feuer und Schwert,
und jeder zitterte für seine Habe, und jeder entbrannte in Begierde, für das
gemeine Wesen sein Schwert zu ziehen. Die vielen Fremden, aus dem Schhlummer
aufgeschreckt durch das Getöse und die Besorgnis ihrer Wirte, hatten sich, in
Landsmannschaften geteilt, und bewaffnet, um ihre Niederlage versammelt;
streifende Rotten von Spiesknechten durchflogen die Strassen, aufgreifend Alles,
was verdächtig schien, und vor dem Römer glimmten die Lunten der Hakenschützen,
kampf- und streitfertig. Noch suchte jedoch das Auge der Gewarnten und
Gerüsteten vergebens den bewehrten Feind. Er hatte die Waffen weggeworfen und.
irrte vermummt und verzweifelnd über Plätze und Gassen, das Dunkel suchend, und
einen rettenden Ausweg. Dieser letztere war aber nicht zu finden, und so mussten
die Verschwornen sich begnügen, einen Schlupfwinkel für den gefährlichsten
Augenblick zu erspähen. Am Schlimmsten war daran der von Leuenberg, in dessen
Gehirne noch der Taumel des Weins tobte, während seine Füsse Blei waren, und der
Hornberger, der mitleidig bei ihm aushielt, alle Mühe hatte, ihn mit Gewalt von
der Stelle zu schleppen. Zodick's Hinrichtung hatte den fürchterlichsten
Eindruck auf ihn gemacht, und er sah sich selbst schon unterm Schwert des
Nachrichters. So prahlend seine Zunge sonst gewesen, so feige war sie jetzt, und
er hätte sich zum Mönch scheeren lassen um den Preis seiner Rettung. Aber diese
Rettung war ihm nicht beschieden. Die schwarze Stunde trat auf seine Ferse. Am
Ausgang eines Gässleins warf sich den Flüchtigen ein Trupp von Fussknechten in den
Weg, und trennte sie. Während auf der einen Seite der Hornberger angehalten
wurde, und seine Kunst, so frech zu lügen, dass man's glauben musste, in Anwendung
brachte, verbarg sich Leuenberg unter die Bank eines Eckhauses, und kroch
schwerfällig hervor, da die Söldner weiter gezogen waren. Mit aller Schwere
seines Körpers und seines eiligen Laufs fiel er einem unfern gehenden Manne, den
er für Hornberg hielt, um den Hals und in die Arme. »Pest und roter Hahn!« rief
er, obwohl leise genug: »Du hast Dich meisterlich durchgelogen, Veit; und nun
lass' uns weiter gehen.« - Der Mann brummte einige unverständliche Worte, und
suchte sich los zu machen. Um so fester klammerte sich der Leuenberg an ihn, und
raunte ihm hastig und bebend in's Ohr: »Hornberger! Du wirst mich doch jetzt
nicht verlassen wollen? Nur jetzt nicht Bruder, denn beim Teufel, ich bin
schwach wie ein Kind, und in meinem Herzen spür' ich 'ne Angst, wie ich sie
nicht verspürt, da ich dem Dürning den Rest gab, ob's gleich mein erstes
Stücklein war.« - Da stiess der Mann, Veits böser Engel - einen gellenden Schrei
der Überraschung aus, und eine derbe Faust packte den Raubjunker wild bei der
Brust. »Hund!« rief eine fremdartige Stimme: »Du bist's also? Du der Schelm, der
meinen Herrn ermordet hat? Nieder mit Dir, Mordbube!« - Beim auflodernden Schein
eines Pechkranzes sah Veit mit sträubendem Haar in ein wüstes, grausam
verzerrtes Gesicht, und dieser Blick war sein letzter, denn Ammon's Jagdmesser
übte die langgenährte Blutrache fürchterlich und schnell, dass kein Laut dem
Darniedersinkenden mehr über die erbleichenden Lippen ging. Ammon stand eine
Weile mit wilder Zufriedenheit bei dem Entseelten, steckte den rächenden Stahl
in die Scheide, und murmelte: »Wenn das nur Zufall war, so bin ich ein Schurke,
und will schlechter sein, als der gemeinste Heide. Nach so langer Frist musste
ich hieher geraten, um dem Todtschläger des Herrn seinen Lohn zu geben? Und er
ging heim, ohne zu wissen, wer ihn heimschickte? und ich erschlug ihn, ohne mehr
von ihm zu kennen, als sein selbstgeständiges Verbrechen? Lieber Herr dort oben,
bitt' für mich, wenn's eine Sünde war, die ich getan!« - Er wendete sich nun
schnell von dieser Stelle, und wollte von dannen, als unfern von dem Platze eine
Flamme aufging, und das ganze Gewühl der in den Strassen strömenden Volksmenge zu
der Rettung eines brennenden Hauses aufforderte. Ammon, - nicht gelaunt, dem
Gewühle zu folgen, hielt sich gegen den Strom fest an der Ecke des Nebenhauses.
Fussgänger und Berittene gingen über den Leuenberger weg, ohne im allgemeinen
Drange der gefürchteten Gefahr sonderlich auf den in dunkler Gasse Erschlagenen
zu achten, und da der Menschensturm etwas nachliess, drängte sich ein Mann, mit
einem Kinde an der Hand, quer durch, und wendete sich mit Heftigkeit an den
harrenden Ammon. - »Der Lärm und das Getöse hat mich verwirrt gemacht;« sagte er
mit unruhiger Hast: »Wollt mir berichten, wo man zum Liebfrauenberg am
schnellsten gelangt.« - »Ich gehe dahin;« erwiederte Ammon, den Zerlumpten
misstrauisch betrachtend:. »Habt Ihr ein gut Gewissen, mögt Ihr folgen; wo nicht,
so bleibt zurück; der Schulteiss befehligt dort.« - »Auf meinem Wege fürcht' ich
ihn nicht;« antwortete der Andere ruhig, und folgte mit seinem kleinen Begleiter
getrost dem schnell vorangehenden Ammon.
 
                                    Fussnoten
1 Sturmglocke; eigentlich viel später erst aufgehängt.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                Findet ihr den Trost nicht in der Nähe, so erhebt euch und sucht
                ihn immer hoher; der Paradiesvogel flieht aus dem hohen Sturm,
                der sein Gefieder packt und überwältigt, bloss höher hinauf, wo
                keiner ist.
                                                                      Jean Paul.
Noch eine Stunde vor jenem wüsten Lärm und Getöse, von welchem jetzt die
bedrohte Stadt wiederhallte, war Dieters Haus ein Schauplatz stiller geselliger
Freude gewesen, und ein froh' und zärtliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz
die Ehrenämter des Hauses verwaltet, um den Gästen gefällig zu sein. Das
Prunkgemach des Gebäudes, das ganze Jahr hindurch verschlossen, und nur bei
feierlichen Anlässen eröffnet, hatte auch diesmal den Freunden und Geladenen
seine Herrlichkeiten aufgetan. Längs der blank getäfelten Wand streckte sich
der reichbelastete Tisch, von Polsterbänken und zierlich geschnitzten Schemeln
umgeben; ein reicher Schenktisch strahlte neben der bemalten Eingangstüre.
Gegenüber fanden die Spielleute ihren erhöhten Platz. An den Wänden flammten
Armleuchter, von der gemalten Decke schwebten an grünen Laubgewinden viele
Kerzenreife herab, von welchen lange und buntglänzende Bänder
herniederflatterten bis auf die Scheitel der Tanzenden mitten im Saale. Denn das
junge Volk hatte, Braut und Bräutigam an der Spitze, den Tisch verlassen, um
sich an rascher Bewegung zu ergötzen. Die Alten waren zurückgeblieben, und
liessen sich das letzte Prachtstück der reichen Tafel, den köstlichen Mandelkäse
schmecken, der bei keiner ähnlichen Festlichkeit fehlen durfte, und auf dessen
Zubereitung die grösste Sorgfalt verwendet wurde. Während nun also Alt und Jung
dem Vergnügen fröhnte in erlaubter Hingebung, brach plötzlich von aussen die
Störung ein, die das lustige Band der Geselligkeit zerriss. S'ist Feuer! schrie
Alles, und die Männer, besorgt für ihr Hab und Gut, machten sich bereit, dahin
zu gehen, wo ihre Gegenwart erforderlich sein möchte. Auch Heer Dieter säumte
nicht, seiner Schöffenpflicht zu gehorchen, die ihn zum Mittelpunkte der Gefahr
rief. Vergebens waren die Bitten Margaretens, umsonst die Vorstellungen des
Sohns, der sich erbot, an seiner Statt auf den Römer zu eilen, und für ihn
einzustehen in der gefährlichen dunkeln Nacht. - Der unbeugsame alte Mann hatte
zu viel Eifer, einen all zu hohen Begriff von seiner Würde, als dass er hier sich
hätte überreden lassen können; er ging, und liess seinem Dagobert noch obendrein
den Befehl zurück, als Schirmvogt im Hause zurück zu bleiben, und für das Wohl
der Frauen besorgt zu sein. Darauf ging er hinweg, und wollte kaum dem
Edelknecht von Hülshofen, den Dagobert zum Beistand aufgefordert, erlauben, an
seiner Seite zu bleiben, damit er unversehrt wieder nach Hause kehre. Das
Hochzeitaus gewann nun ein ganz anders Ansehen. Das Gesinde wurde ausgeschickt,
und nur einige rüstige Knechte zur Hut der Pforte zurückbehalten; die
zurückgebliebenen Frauen hatten sich in einen dichten Kreis um Frau Margareten,
die Frau von Dürningen, und den Pater Johannes gedrängt, der am Morgen selbst
die Trennung verrichtet hatte, und nun all seine Beredsamkeit aufbieten musste,
um seinen ängstlichen Zuhörerinnen nur eine Quelle des Trostes zu eröffnen. In
dem Erker stand Dagobert, unruhig nach dem Himmel blickend, ob er sich nicht von
Brandglut röte, oder niederschauend nach dem unfernen Liebfrauenberge, wo die
Reisigen der Stadt ihre Rosse tummelten, und des Lärms viel war. Seine junge
Gattin stand neben ihm, seine Hand in des Geliebten Antlitz, nach dem Zustande
seines Gemüts. Da fiel ein Blick der Liebe aus des jungen Mannes Auge auf die
Bräutliche, und er sprach mit zarter Stimme, ihre Wange streichelnd: »Sei nicht
also beklommen, gute Regina. Es scheint zwar ein gewaltig Unheil die Stadt zu
bedrohen, oder schon betroffen zu haben, aber die Bürger von Frankfurt sind ein
starkes Volk, zusammenhaltend wie an stählerner Kette, und Brust an Brust zu
einer Mauer reihend gegen den gemeinschaftlichen Feind. Da prallen denn
gewöhnlich auch die Pfeile des Unglücks machtlos ab, findet sich in der
dräuendsten Gefahr. Darum fasse Mut. So lange mein Am Dich umschlingt, soll Dir
nicht Brand, nicht Feind Schaden zufügen.« - Er umfasste sie liebreich, und zog
sie an sich, die sich ihm anschmiegte, wie ein vertrauendes Kind. Sie hob die
hellen Augen zu ihm empor, lächelte sanft, und erwiederte: »Bei Euch, lieber
Herr, fürchte ich auch nichts, was von Menschen kömmt. Aber, - sollte diese
unbegreifliche Störung, die unsre Hochzeitfreuden zerstört, - sollte sie nicht
eine Vorbedeutung sein von mehrerem Unheil, das unsern neuen Stand betreffen
soll?« - »Gott verhüte, mein Kind, dass solcher Wahnglaube Wurzel in Deinem
Herzen fasse;« sagte Dagobert ernst, wiewohl milde: »Da führtest dann selbst den
Feind in unser stilles Hauswesen. Lass' dem Volke seinen Aberwitz, und vertraue
auf Gott, der nicht mit seinen Kindern ein mutwilliges Spiel treibt. Liebst Du
mich herzlich, so wie ich Dich, so werden wir stets glücklich sein«. - »Dann
müsst Ihr mich aber auch stets lieben;« hob Regina wichtig an. - »Nun freilich;«
lachte Dagobert: »Wie könnte ich anders, meine Königin?« - »Ach, ich glaube euch
so gerne;« versetzte Regina mit leisem Seufzer, und dennoch nicht ohne
Schalkhaftigkeit: »aber ich habe mir schon meine eigenen Gedanken gemacht, und
ich darf sie Euch jetzo gestehn, da Ihr ... da Ihr mein Herr seid.« - »Du musst
sogar;« schaltete Dagobert scherzend ein, und fasste die Erglühende beim Kinn,
dass sie ihm nicht den Anblick ihrer lieblichen Schönheit entziehe. »Rede also zu
Deinem Herrn.« - »Dass Ihr um mich geworben, guter Dagobert,« - fuhr Regina nach
kurzem Innehalten ermutigt fort, - »das, das war mir lieb, sehr lieb sogar; -
aber, dass es so schnell gekommen, dass dieses Werben sich so dringend
ausgesprochen, das liess mich im Stillen befürchten, Euer Gemüt möchte noch
nicht ruhig, und jenes Bild, das Euch einst verzaubert hatte, noch darin
geschäftig sein. Mir war's, als ob ich das Mittel sein sollte, das der Leidende
auf's Ungefähr ergreift, ob es ihn vielleicht gesunden mache, - das er jedoch,
lindert es seine Qualen nicht, unmutig wegwirft.« - »Ach, mein verehrter Herr,
und lieber Dagobert,« - fuhr sie, da ihr Gatte lächelnd, aber schweigend, ihr in
das liebliche Antlitz sah, - fort, »wenn Ihr je mich also wegwerfen könntet, -
wenn jemals eine Zeit kommen sollte, in welcher Ihr Euch sagtet: O, dass ich sie
doch nicht gesehen, nicht gefreit hätte! O, dass doch die Andre mein wäre, die
ich unsäglich liebte, und die jetzo noch mein ganzes Herz erfüllt! das wäre ein
Unglück, lieber Herr, und ich wollte dann lieber des Vetters Schwarzbach
Hausfrau sein, von dem ich schon am Altare wusste, dass er seinen Bärenfänger mehr
liebt, als Weib und Kind.« - »Seht doch, welche Grillen!« entgegnete Dagobert,
ruhig und gelassen, und sah offen und ehrlich dem bekümmerten Weiblein in das
schwimmende Auge: »Diese Zweifel tun mir weh; indes ist ein Vertrau'n des
Andern würdig. So wisse denn, mein Kind, dass ich nicht von heute, nicht von
gestern an, dich in meiner Brust trage, als eine liebe Freundin. In den Fesseln
einer seltnen und seltsamen Liebe befangen, hatte ich darum nicht minder Sinn
für Deinen Liebreiz, Deine kindliche Anmut, und ich hatte in der letzten Frist
Mühe genug, gegen mein Gefühl anzukämpfen, und die Stimmung zu behaupten, die
das Erlöschen meiner töricht geträumten Glückssonne in mir erzeugt hatte. Ich
floh wohl dann und wann sogar Deine Nähe, mein süsses Kind, und jener Ringkauf an
des Goldschmids Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall, oder der Bestimmung
herbeigeführt. Ich läugne es nicht, dass dabei mein Herz schwer verwundet wurde,
und gleich darauf, wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel, kam mir die Kunde,
dass sie, um die ich trauerte, sich gänzlich losgerissen von meinem Herzen und
Gedächtnis. Mein Ergrimmen gegen das Geschehene war vergeblich, unnütz,
kindisch, und meine Pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele. Ich will
verschweigen, welchen Eindruck der Besuch des Wechslers Joël auf mich machte.
Das finstre, grämliche Gesicht des Buntgekleideten, seine flache Einsilbigkeit,
beleidigten meine Eitelkeit. Ihn, der nur für das Geld Sinn hatte, das ihm mein
Vater hinzählte, - ihn, der so kalt und teilnahmlos mir die wenigen Geschenke
wieder reichte, die Ester einst von mir empfangen, - ihn hatte sie mir
vorziehen, - diesen Juden mit ihrer Hand begaben können! - Unwillig entliess ich
den Mäkler, gehässig dachte ich an sein Weib zurück; und Deine Schönheit, Deine
jungfräuliche Tugend trat, wie durch einen Zauberschlag, lichtglänzend und
strahlend, wie eine Himmelsgestalt, vor mich. Mit diesem Engelbilde besuchte
mich auch mein guter Geist, und zu dem Lehrer meiner Kindheit, meiner Jugend
führte er mich mit Sturmgewalt, dass ich durch seine Weisheit das Gute vom Bösen
unterscheiden lernen, und den würdigen Teil erwählen möge. Ich vermag es nicht,
Dir die Worte zu wiederholen, die seinem Munde entquollen, mir zum Troste und
zur Belehrung. Genug; ich verdankte ihnen meine Ruhe und die Rückkehr meines
heitern Sinns, das Bewusstsein, Dich nicht leichtsinnig gefreit zu haben, meine
gute, meine liebliche Regina. Johannes hat mich überzeugt, dass Segen und
Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwischen Ester und mir entsprungen
wären, hätten beider Herzen sich auch unveränderlich geliebt. Die Kluft ist zu
gross gewesen, selbst für die Edelsten und Besten, und sie überspringen zu
wollen, war nur der Wunsch, die Sehnsucht einer feurigen, rücksichtslosen
Jugend. So habe ich mich denn schnell entschlossen, mein süsses Weib, um Deine
Hand zu werben, und mit dem Kranze der Zufriedenheit meiner Ältern Dach zu
zieren. Da ich am Altare schwur, war ich fertig mit der Vergangenheit, die
freundliche Erinnerung abgerechnet, die mich zum Grab geleiten wird; mein
Frohsinn hat sich wieder eingestellt, und dies Fest nicht unwürdig begangen. Ich
bin der Alte geworden, und selbst die Stürme dieses Abends, wie sie sich auch
noch gestalten mögen, sollen mich nicht darnieder beugen, rette ich nur Dich,
mein Kleinod, unversehrt aus dem Gedränge.« -
    Regina warf sich mit dem vollsten Vertrauen der Liebe in Dagoberts Arme, und
die Neuvermählten vergassen in ihrer Seligkeit den Saal um sich her, mit seinen
düster brennenden Kerzen und seiner ängstlich lauschenden Bewohnerinnen, wie
auch das auf der Gasse auf- und niederwogende Toben, Lärmen und Treiben, dessen
Ursache noch kein Mensch, allem Fragen zum Trotze, angeben konnte. Da erdröhnte
von wiederholten Schlägen die Pforte des Hauses, dass alle Anwesende
zusammenfuhren, und der hinter dem Ofen entschlummerte kleine Hans erschrocken
aus dem Schlafe taumelte, und in die Arme der gütigen Margarete lief. - »Was
gibt's da unten?« rief Dagobert dem kurz darauf eintretenden Ammon zu, und
dieser winkte ihm, jedoch die Übrigen mit einigen Worten beruhigend, auf die
Seite. - »Ein Mann ist draussen, der Euch zu sprechen wünscht;« flüsterte er
wichtig: »fast bedaure ich's, ihn hieher geführt zu haben; denn erst beim
Laternenschimmer im Hausgange ersah ich, dass der Bursche einer von dem
ägyptischen Volke ist, das gestern hier eingezogen ist, und in Sachsenhausen
Rasttag hält. Vor solch Gesindel muss man auf der Hut sein, darum hab' ich seine
Gefährten bei dem Pförtner zurückhalten lassen, - als Geissel für Eure Sicherheit
Herr, und die des Hauses. Draussen im Vorgemache wartet der zerlumpte Mensch.« -
    Dagobert folgte dem Forstwart mit Zuversicht und Mut, und stand alsobald
vor dem dunkelbraunen Gesellen, dessen Gesichtszüge die herunterhängenden Haare
verbargen. - Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete, da strich der Mann die
Haare zurück, und fragte mit wohlbekannter Stimme: »Kennt Ihr mich nicht mehr.
Herr Frosch? Bin ich Euch geworden ganz fremd?« Er streckte die Hand dem
Staunenden entgegen, welcher jedoch betroffen einige Schritte, zurücktrat, und
schier erschrocken aus rief: »Ben David! Mensch! bist Du's, oder äfft mich ein
possenhafter Zufall mit Deinem Gesichte und Deiner Stimme?« - »Soll mir Gott
helfen, als ich's selber bin, wie mich geboren hat die Mutter;« erwiederte Ben
David, und griff nach des Jünglings, Hand, wie ein Freund nach des Freundes
Hand. - Aber Dagobert wies die dargebotne Rechte erschrocken zurück, und fragte
dringend und ängstlich: »Mensch! Was willst Du hier? Du bist gebannt; zittre vor
Deiner Strafe; und fliehe, fliehe, armer Mensch! Dein Gesicht ist gekommen, um
mir den heutigen Abend vollends zu trüben, und kein Glück bringt Dir dieser
Gang!«
    »Weh' mir! weh mir!« seufzte Ben David beklommen, faltete die Hände, und sah
hierauf wehmütig und bekümmert in das Gesicht Dagobert's: »bin ich gekommen
darum, dass ich empfangen werde also mit Schmach und Verweis? Ist das ein
Willkomm für den Schwäher, für den Vater Eurer Braut?« - »Meiner Braut?« fragte
Dagobert noch staunender. - »Hab' ich doch lassen rufen Euch, damit nicht
erschrecke mein Esterchen vor meinem laugen Bart, in meiner zerlumpten
Kleidung,« fuhr Ben David fort: »Hab' ich doch geglaubt zu finden in Euch ein
menschlich Herz; aber jetzo werdet Ihr mich führen zu meiner Tochter, damit ich
sehe, ob sie verlernt hat jede Liebe zu ihrem Ette, jede Anhänglichkeit an das
Gesetz, das sie verlassen.« - Mit der Zudringlichkeit, die seinem Volke und der
leidenschaftlichen Bewegung eigen ist, wollte Ben David neben Dagobert vorbei in
das Gemach dringen; der junge Mann, der jetzt erst den Missverstand begriff,
hielt ihn stark aber mitleidig zurück. - »Halt ein, Unglückseliger!« rief er:
»Du bist im Irrtum, obgleich im Verzeihlichern.« - »Nicht?« stammelte verblüfft
der Jude, und hielte inne, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und setzte
hinzu: »Nicht? unglücklicher Vater!« - Hierauf verklärte sich aber plötzlich
sein Gesicht, wie zum Danke erhoben sich seine Arme, und ein: »Nicht? Gelobt sei
Gott, der hochgelobte Herr und König!« entschwebte seinem zitternden Munde. -
Dagobert betrachtete ihn, mit bittern Gefühlen kämpfend, und Ben David ging bald
aus seiner freudigen Erschütterung in eine unangenehme über. - »Wer weiss,«
murmelte er vor sich hin .... »wer weiss, ob es nicht also ist geworden
schlimmer? Sagt mir, gnädigster Junker,« sprach er laut, den Saum von Dagobert's
Rocke küssend, - »sagt mir, wo Ester ist gekommen hin? Vielleicht wär' es doch
gewesen besser, sie hätte geschlossen mit Euch den Bund, als« .... - »Beruhige
Dich!« versetzte Dagobert der ein bittres Lächeln nicht unterdrücken konnte:
»Sie ist Eurer würdig geblieben. Sie ging mir voraus in der Ehe, und Lüttichs
reichster Jude, Joël ist ihr Mann!« - Überrascht und zweifelnd starrte Ben David
den Jüngling an; da er aber in dessen Augen Wahrheit keine Falschheit las, so
verkehrte sich schnell sein Trübsinn in Jubel, ausser sich voll Freude fiel er
vor dem Junker auf die Kniee, und jauchzte: »Heil sei Euch, Herr, und der Segen
des hochgelobten Gottes in Israel. Dank dem Propheten Elias und dem Fürsten der
Barmherzigkeit, die gnädig regiert haben das Herz meiner lieben Ester, die ich
nun mit Freuden nenne mein eignes liebes Kind. Also belohnt der Herr die Treue,
die an ihm hält fest wie Eisen und Gold. Ihr hättet mir geben können alle Kronen
von Perl und Edelgestein, und sie hätten nicht also erquickt mein Herz und meine
Augen, als Eure Worte es getan. Gern will ich sein ein schlechter Jude und
unter Euern Schuhen der Staub, weil es also gekommen ist; gern nicht mich
brüsten, mit dem Namen Eures Schwähervaters und ohne mein Kind in Pracht und
Herrlichkeit zu sehen, umsonst gekommen sein zur Hochzeit. Doch.« fügte er, sich
besinnend, hinzu: »Nein! umsonst bin ich nicht da, gestrenger Junker.« - »Du
meinst des Geldes wegen, das Dir der Herzog schuldete?« fragte Dagobert, der
hinter Davids Rede jüdischen Eigennutz witterte. »Das Gold hat Deiner Tochter
Gatte, Joël, schon empfangen.« - »Recht!« erwiederte David ruhig: »ist's doch
meines Kindes Erbteil, von dem ich nicht gesprochen, da ich einen grössern
Schatz trage auf meiner Brust, - die Haarlocke meiner Ester, für welche ich
einst verraten habe mein letztes verstecktes Geld an den grausamen Zodick; ein
Kleinod, das mich ermannt hat in jeglicher Gefahr, das mich geführt hat wie
Zauberwerk durch jedes Elend; köstlicher denn Gold und Geschmuck, das mir der
hochgelobte Gott gesendet hat durch die Hand des Bösen, wie seine
unerforschliche Klugheit heilt durch Gift und reif macht durch Kummer, Mühe und
Last. Nein, Herr! ich habe nicht geredet, von dem Gelde des Herzogs, - ich habe
nicht begehrt ein Geschenk von Eurer Freigebigkeit; ich bin gekommen zu bringen
ein Geschenk für Euer Haus und Euer Hochzeitfest. Ich habe vermeint, zu
schmeicheln den schmutzigen hebräischen Schwähervater ein in das Haus der
Hochzeitfreude; aber, - ist mir gleich dieses verwehrt, - so wird sie doch
angenehm sein, des Landstreichers Gabe, und übersehen lassen sein unhochzeitlich
Kleid, und ihm erwerben ein verschwiegen Obdach in Euerm Hause.« - »Eine Gabe?
Du?« fragte halb lächelnd, halb misstrauisch Dagobert. - »Lasst Euch sagen:«
erwiederte der Jude geschäftig, zutraulich und eilig: »Gottes Wunder sind gross.
Ich bin gelaufen gen Hungarn, um dort zu finden mein Brod oder den Tod, und zu
besuchen die Städte, wo sie gemordet haben meinen Sohn. Das Gespenst des Andern
hat mich gejagt, .... doch Ihr versteht nicht, was ich rede, und darum sag' ich
Euch, dass ich gekommen bin zu der ägyptischen Horde, die von Aufgang herzieht
gen Niedergang, und an welche sich angeschlossen haben viele Verfolgte von
unsern Leuten, um also zu gelangen in's Abendland, das sie nicht erreicht haben
würden, als Juden, allein und hülflos. Denn mir war's eingekommen plötzlich zu
wandern nach dem hispanischen Land, und zu suchen mein Glück. Geschah es eines
Tags, dass ich finde bei einem gestorbnen Ägypterweibe, das im Graben lag, ein
Knäblein, fein und flink, das bitter weinte, fragte ich ihn nach seinem Leid,
und erzählt mir der Bube, dass hier seine Pflegerin liege, todt, und dass er sei
hülflos in der Welt, denn die Alte habe versprochen, ihn zu führen zurück bei
seinen Eltern, denen er gestohlen worden sei von wälschem Bettvolk, das ihn, der
krank und schwach gewesen, brauchen wollte, um der Allmosen mehr zu gewinnen für
das sieche Kind. Da aber die Bettelfahrt das Kind gesund gemacht, statt es noch
gänzlich aufzureiben, so ist der Knabe bald geworden ein unnützig Essmaul für die
Bettler, und sie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib, das todt vor mir
lag.« - »Ei, Jungelchen,« sprach, ich: »weisst Du denn, Du junges Blut, wer sie
sind Deine Eltern, und wo sie wohnen?« - Der Knabe lachte, und hat gesagt in
seiner halb kauderwälsch gewordnen Sprache: »Freilich weiss ich's Alter! Heiss ich
doch Johannes Frosch, das liebe Junkerlein von Frankfurt; denn also hat mich die
Willhild genannt, alle Tage da ich bei dir gewesen bin auf dem Dorfe.« - »Gott!
Gott! da wurde mir, als ob die Schechinah des Herrn herunter stiege von den
Fingern der Cohenim und sich setzte auf meine freudige Brust.« - »Mensch!« fiel
Dagobert ein: »ist das wieder eine Lüge? oder spricht ein gnädiger Gott Wahrheit
aus Deinem Munde?« - »Wahrheit, Herr, Gott soll mir helfen!« versetzte der Jude
gerührt, mit Tränen in den Augen, und die Worte schnell herausstossend: »Denn
wir sind gekommen an, und waren bald verzweifelt, weil man uns drüben streng
bewacht, dass keiner herüber komme, und ich nicht traute, ob des Bannes, dem
Oberstrichter Alles zu entdecken. Morgen wäre es jedoch geschehen, .... da hat
der Herr uns heut befreit. In dem Getümmel und Geschrei, dass man die Stadt
verraten wolle und anbrennen, haben wir gewonnen die Flucht, und sind herüber
gekommen ganz und heil; lasst den Buben holen, der beim Pförtner sitzt, .... lasst
ihn holen, Herr, denn bei dem Gotte Israels, und bei des Vaters Seele, auf der
der Friede sei; der Knab' ist Euer Bruder, Euers Vaters Sohn!« - »Johannes!«
rief Dagobert entzückt, und eilte nach der Treppe. Da tönte schon von unten die
Stimme der alten Willhild, die schon am Tage verstohlen in's Haus gekommen war,
um bei Frau Margareten und dem Brautpaar ihren Glückwunsch abzustatten. Sie kam
dem Sohne Dieter's auf der Stiege entgegen, den Knaben schon im Arme, den sie
so eben beim Pförtner gesehen, ihn küssend unter Tränen, und ihn an's Herz
pressend, wie das eigne Kind: »Herr!« stammelte sie schluchzend, und den Knaben
in des Bruders Arme legend: »Herr! preisst Gottes Barmherzigkeit. Johannes ist
der Knabe, - frisch, gesund und von graden Gliedern ist er, - er hat mich
erkannt, er nennt seine Eltern, - er bringt Freude und Glück in Ihr Haus!« -
»Und Ruhe, Friedensruhe in meine Brust!« setzte Ben David in seliger
Zufriedenheit verstohlen bei, gen Himmel blickend: »So hab' ich doch nicht
umsonst gelebt; so hab' ich doch nicht gelitten umsonst. Leid ist gekommen durch
mich über dieses Dach, - Freude, Freude führe ich an meiner Hand wieder,
hinein!« - Indessen hatte Dagobert die Türe aufgerissen, und den
Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen, auf Frau Margaretens
Schoss. - »Mutter! Euer Sohn!« rief er freudetrunken, und der Knabe, der in
seinen, des aus ihrem Gedächtnis Verschwundnen, Armen unruhig und ängstlich
geworden war, brach in lauten Jubel aus, da er die Mutter wieder sah, deren Züge
ihm nicht fremd geworden waren. »Mutter! Mütterlein!« schrie er, weinend vor
Entzücken: »Mütterlein, ich bin wieder da. Johannes, das liebe Junkerlein von
Frankfurt ist wieder da. Nicht mehr von Dir lasse mich, Mütterlein, und dem
guten Manne, der mich wiedergebracht! Hörst Du, Mütterlein! hörst Du? den armen
Johannes behalte bei Dir!« -
    Wer hat Mutterfreude je gesehen? Wer hat das Entzücken je genossen, das vom
Himmel herabfällt, plötzlich unerwartet in die Nacht des Grauens, wie ein
duftiger Blumenkranz in ein düstres Verliess? wie ein erquickender Himmelstau
auf die lechzende Flur? Margarete, die kräftige, starke Frau, erlag dem
Übermaass der Wonne nicht, aber die Kunst des Malers, der es versuchen wollte,
diesen Jubelauftritt zu schildern, würde unterliegen. Eine grosse Freude hat
aber, wie ein grosses Leid das Eigene, dass sie beklemmend auf die Brust
derjenigen fällt, die nicht auf's innigste Teil nehmen an dem Freudevollen.
Also auch hier. Die meisten der Anwesenden zogen sich in entferntere Gemächer
zurück, oder verliessen das Haus, da das Getöse auf den Gassen nachliess, und nur
die eng Befreundeten blieben wohlwollend darin zurück, wie ein kleiner Hofstaat
die glückliche Mutter umgebend, die den Tron der reinsten Zärtlichkeit
bestiegen hatte. Aber weder Margarete, noch die Zeugen ihres Glücks bemerkten,
dass draussen Alles ruhiger wurde, dass Hornklang, Glockenschall und Trommelschlag
aufhörten, .... niemand bemerkte, dass ein Gast in die Stube getreten war, bis
derselbe sich selbst ankündigte. Dagobert, Margarete und alle Umstehende
staunten, denn es war der Schulteiss. Mit einem edel ritterlichen Anstande
näherte er sich der Gattin Dieter's, hengte sich auf ihre Hand, sie küssend,
und redete: »Ich war nur Willens, ehrsame Frau, hier einen Becher Weins zu
heischen, - ein Labsal, das Ihr gewiss dem ermüdeten Feinde nicht versagt haben
würdet, ... allein, zum Zeugen dieses rührenden Auftritts geworden, - wäre, ich
in Versuchung, Euch um Verzeihung vergangner Unbilder zu bitten, wenn ich wüsste,
dass mir diese Vergebung nicht entstehen möchte. Ich war ein tor, ein böser
Tor; ich habe Euer Unglück für Schuld, Eurer Jugend leichten Sinn für
Tugendlosigkeit gehalten; .... doch ich bereue, ich sehe Euch nun rein, wie den
Tautropfen im Blumenkelch vor mir; und die heutige Nacht, die durch ihre
drohenden Schrecken auf's Neue alle biedern Bürger an einander schloss zu
gemeinschaftlichem Streben, gibt mir den Mut, mit Zuversicht Euch mein
Geständnis abzulegen. - Reicht mir die Hand, Dagobert. Vergesst, und werdet mein
Füsprecher bei Euer Mutter, bei Eurem Vater, der sich heute durch seinen Eifer,
seine Tätigkeit meine höchste Bewundrung und den Dank der Vaterstadt errungen.«
- Welcher Augenblick wäre zur Versöhnung geeigneter gewesen? Dagobert reichte
fröhlich dem Ritter die Hand, und Frau Margarete lispelte mit niedergeschlagnen
Augen: »Ich habe Euch nie gezürnt, gestrenger Herr. Ich beklagte nur Eure
Verblendund, und bin erfreut, dass Ihr mir Eure Hochachtung ferner nicht versagt.
Wo ist aber mein Eheherr? fragte sie lebhafter, den Knaben an sich drückend: Wo
weilt er? Ihr spracht von drohenden Gefahren? Sind sie vorüber, oder? ...« -
»Vorüber;« erwiderte der Ritter beruhigend: »vorüber durch die redliche
Hochherzigkeit einer schlichten Magd, die unter dem härnen Kittel ein Gemüt
voll Adel bürgt. Ohrenzeuge einer Verschwörung geworden, die Leben und Habe
aller Bürger, - die Eure vor allen - betraf, wollte sie, was sie gehört,
entdecken. Teuflische Schadenfreude am Bösen trat ihr hinterlistig in den Weg.
Die arme Dirne konnte aus einem Kerker, in den man sie gesperrt, nicht
entwischen, als in den letzten Augenblicken vor der bestimmten Stunde des
Verbrechens, wo es ihr gelungen war, ihre Stimme Andern vernehmbar zu machen.
Die Tücke ihrer Gegnerin, - einer Klosterfrau, leider diesem Hause befreundet, -
kam schnell an den Tag. Die Oberin liess die Strenge walten, und hat die
Unverbesserliche zu ewiger Clausur verdammt. Für die Welt, der sie nur schaden
wollte, ist sie verloren. Indessen, rief Judit, die wackre Magd, mich und die
Bürgermeister aus dem Schlummer; mit uns die Stadt. Gott hat gnädig den Schild
vor uns gehalten. Viele verdächtige Gesellen fielen in unsere Hände. Ein Schiff,
angefüllt mit andern, entkam auf dem Strome. Einen abscheulichen Rädelsführer
hat die Vehme gerichtet; einen andern, bis zur Unkenntlichkeit von Rossen und
Menschen zerstampften Leichnam fand man auf der Strasse. Mit der grössten
Wachsamkeit konnte man dennoch nicht verhüten, dass ein Haus, von Messfremden
grösstenteils bewohnt, von dem mord- und raublustigen Gesindel mit Feuer
angestossen wurde. Dort, begriffen zu löschen, zu retten und zu schirmen,
befindet sich Euer Gemahl, ehrbare Frau. Bald wird er heimkehren, seine
Bürgerkrone, Euch zu Füssen zu legen, und sich mit den Freuden des Wiedersehens
seines Sohns zu bekränzen. Glück auf! aber auch Dank dem Biedermanne, der also
sein Unrecht gut gemacht, und vergessen an der Türe steht, wie ein Fremder.
Komm näher, David, den ich wohl erkenne! fürchte nichts! Der Bann soll von Dir
genommen werden, und, dies bewirkend, will ich beweisen, dass ich's fürder
redlich meine mit diesem Hause und seinem Frieden.« - Die Zuhörer, die bisher
der Rede des Schulteissen mit ängstlichem Schauer gelauscht hatten, verklärten
nun ihr Antlitz zum Lächeln der Zufriedenheit und beeiferten sich um die Wette,
dem Juden, dem die innere Gemütsbewegung auf dem unschönen Gesichte stand, die
redlich verdiente Dankbarkeit durch Wort und Handschlag zu beweisen. Sogar
Ammon, der an der Türe lauschte, fühlte sich davon ergriffen, spürte eine
Träne in seinem Auge, und hätte es nicht über sich gewinnen können, dieses Fest
der Herzen durch die Kunde seiner Tat zu stören. »Gott segne meine Edelfrau!«
sprach er in sich hinein: »Sie und ihre Tochter sind so selig, wie fast nie.
Darum sollen sie auch nie erfahren, dass ihr Vater und Gatte blutig gerächt
wurde. Weiss ich's doch, und war doch die Tat gerächt.« - Plötzlich schoss der
Diener Eitel an ihm vorüber, riss die Türe auf, und rief freudig: »Der Herr
kehrt heim! Der gute Herr! welche Freude wird das sein!« - Dem Ankommenden
strömte Alles entgegen, und alle Zungen sprachen zu ihm, und alle Augen
strahlten ihm Freude zu, und alle Hände legten dem von Lust und Überraschung
Trunknen seinen Knaben, seinen Sohn in die zitternden Vaterarme. »Vater! Vater!
bist Du's, und kennst Du das liebe Junkerlein aus Frankfurt noch?« fragte der
wahre Johannes in seiner kindischen ausgelassenen Wonne: »Gelt! ich hab' Euch
wiedergefunden, ihr meine Eltern? Gelt, ich bin gesund heimgekommen, und ich
darf jetzt bei Euch bleiben? Ich muss nicht wieder zu Willhild, auf das Dorf, wo
man die schlafenden Kindlein stiehlt?« - »Nein, nein!« beteuerte der
begeisterte Greis: »Nicht mehr aus diesem Hause, nicht mehr aus diesen Armen!« -
Indem nun Dieter, vorschreitend, den um ihn gesammelten Kreis durchbrach, und
vergebend und vergessend dem Schulteiss die Hand schüttelte, wurden hinter ihm
zwei Gestalten sichtbar: ein Mann in wohlhabender Kleidung und ein verschleiert
Frauenbild. - Dagobert erschrack heftig, denn der Mann war Joël, der Wechsler
aus Lüttich, und unter dem bergenden Schleier konnte nur Ester atmen. Es
schnürte ihm das Herz zusammen, während Margarete den Eheherrn nach den Fremden
fragte. -
    »Das Haus, in dem sie wohnten, brannte nieder, erklärte, sich
entschuldigend, der Altbürger. Ihr Habe habe ich gerettet, und bot ihnen ein
Unterkommen für diese Nacht, obschon sie sich sträubten, mir hieher zu folgen.
Aber, - seh ich recht? setzte er bei: Hier erst, guter Freund, erkenne ich Eure
Züge. Beim Blitz, Ihr seid der Mann, dem ich das Geld gezahlt, das seinem
Schwähervater zugehört, und diese Frau ....« - »Gottes Wunder!« schrie hier
plötzlich Ben David auf, dessen bis jetzt die dem alten Erzählenden in der
Freude ihres Herzens kaum erwähnt hatten, und der demütig hinter den Vornehmern
stand: »Gottes Wunder! es ist nicht gewesen sein Geist ... er ist es selbst!
Ascher! Ascher! mein Sohn! mein Sohn! seh ich Dich wieder, ... und weg
geschrieen, ... wie seh ich Dich wieder?« - »Vater! Vater! hochgelobter Gott in
Deiner Gnade!« rief mittlerweile die Verschleierte, deren Verhüllung sank, deren
Züge Ester's waren, deren Knie brachen, und welche hingleitete in des
bestürzten Dagobert's Arm, sogleich unterstützt von ihrer glücklichen
Nebenbuhlerin Regina. Dieser Auftritt wandelte die Zuschauer zu Stein, den
Schulteiss ausgenommen, der, von Ester's Anblick beschämt, davon schlich aus
dem Saale, und ausgenommen Ascher, der auf seinen Vater zugelaufen war, und mit
ihm, lebhaft und unterwürfig sich geberdend, einen wichtigen Zweisprach hielt in
hebräischer Zunge.
    »Ester! Tochter Ben David's!« rief Dagobert der Erwachenden in's Ohr:
»Sage, Du hier? Du betrittst dies Haus?« - Die Augen öffnend, aus welchen die
zärtlichste Liebe auf Dagobert strahlte, erwiederte die Liebliche, reizend
selbst in der Blässe der Ohnmacht: »Euch, verehrter Herr, sollte ich noch einmal
sehen; Zeuge Euers Glücks sein sollte ich; Euch finden musste ich im Arme der
Braut und der wonnevollen Eltern. So wollte es das Schicksal und der hochgelobte
Gott, der noch einmal prüfen wollte dies Herz. - Aber,« - setzte sie mit
himmlischer Zufriedenheit auf Stirn' und Wange hinzu: »gepriesen sei seine Huld!
Ich kann Euch offen sehen in's Auge, ohne neidisch zu sein auf Euer Wohl, und
gut hat er's gemacht und recht in seiner unerforschlichen Weisheit!« - Wie
staunend und sprachlos auch Dagobert und seine junge Gattin an den Lippen der
Redenden hingen; - ihre Staunen, ihre Überraschung steigerte sich, da Ester in
ihres Vaters Arme flog, der gerade seinen wiedergefundenen Sohn gesegnet hatte;
denn Ben David sprach: »Gesegnet sei der Herr, der meine Augen offen gehalten,
dass ich sehe zurückkehren zu den schönen Hütten Jakobs den Verlornen, und
preisen darf das Loos derjenigen, die ich liebe, trotz einem Sohne, weil sie
nicht gefallen ist in die Schlingen der Abtrünnigkeit! Ist mir's jedoch gewesen
wie ein Traum, dass man mir gesagt, Du seist vermählt, mein Kind! wo ist Dein
Mann, Kind, dass ich ihn segne mit den Fingern meiner Hand und dem Spruche des
Gerechten?« - Da blühte das Geständnis des grössten Edelmuts, den je ein Weib
bewiesen, in Purpurflammen auf Ester's Angesichte auf; und sie schüttelte
ehrerbietig den Kopf, und beugte sich nieder vor Ben David, und ihre Lippe
stammelte: »Bei dem Gedächtnis des Raaf! Ich bin Jungfrau, und unvermählt!« -
Dagobert's Hand zuckte heftig in Regina's Hand bei diesem Geständnis, und noch
einmal erhob sich mit Sturmesgewalt eine Bewegung in seiner Brust, auf welcher
sich der böse Geist, der in den Tiefen schlummert, herauf arbeiten wollte, zur
Geschäftigkeit und Tat. »Du warst getäuscht!« raunte er dem erbleichenden
Bräutigam zu: »Verraten und betrogen um Dein Lebensglück! Warum ist sie schon
fern Fiorilla, die Lügnerin? warum Dir so nahe, - unauflöslich an Dich
geschmiedet, die minder als Ester geliebte Regina? Giebt es kein Mittel, zu
ändern, was vorgegangen?« - Das Geflüster des bösen Geistes verstummte jedoch,
und zurück wogte die finstre Welle, auf welcher er gekommen, denn Dagoberts
Treue und Männlichkeit behielt den Sieg. Beruhigend und liebevoll blickte er auf
Reginen hernieder, die, von Esters Bekenntnis erschreckt, mehr denn Dagobert,
ängstlich das Haupt an seine Brust gelegt hatte, das Auge zu ihm emporgerichtet,
als wollte sie fragen: »Mein Geliebter! wankst Du nun? bereuest Du nun? und bin
ich die Deine noch, oder schon von Dir getrennt?« Er umschlang sie mit der
Innigkeit eines wahren und redlichen Gefühls, drückte einen Kuss auf ihre Stirne,
und wendete sich mit offnem Gesichte zu Ester, die, in den Armen des Vaters
liegend, mit wehmütiger Freundlichkeit nach ihm herüber sah. - »Seltsames
Mädchen!« sprach er, ohne Vorwurf, ohne Bitterkeit: »Ich weiss nicht, soll ich
Dir zürnen, oder Deinem Gedächtnis eine doppelte Liebe schenken? Bunt und
täuschend schimmernd, wie eine Schlange, windest Du Dich zu dem Ziele der
Tugend, und fürchtest nicht, einst zu bereuen?« - »Nimmermehr, mein teurer
Freund, den ich also nennen darf, vor allen, die uns umstehen!« erwiederte
Ester himmlisch lächelnd: »So wie wir geteilt haben die Liebe einer
abwechselnd düstern und rosigen Zeit, also müssten wir auch die Reue teilen, und
man fühlt diese nicht im Besitze eines reinen, schönen, tugendhaften Wesens, wie
Eure Braut; man fühlt sie nicht in dem Bewusstsein erfüllter Pflicht. Glänzen
nicht hier in jedem Auge Tränen der Freude und der Rührung? Zwei Väter, zwei
Mütter segnen meinen Entschluss, und aus der schlechten Jüdin, die, hatte sie
auch erschlichen durch die Taufe das Bürgerrecht in diesem Hause, dennoch immer
darin geblieben wäre eine Fremde, ist geworden auf einmal eine Freundin, ein
Geschöpf, das man duldet um ihres Gemüts willen. Ich kann nicht dankbar genug
preisen den Herrn, der mir Stärke genug gegeben, auf mich selbst zu wälzen eine
Schuld, um Euch, teurer Herr, zu bewegen, den Schritt zu tun, der, uns
plötzlich auf ewig trennend, Eure Sinne zurückführen musste in den Kreis der
Euern, Euers Standes, Eurer Pflichten. Ich wollte Euch nicht mehr sehen, und
grollte fast mit dem hochgelobten Gott, dass er mich noch einmal in Eure Nähe
geführt, weil ich zu stören glaubte, - nicht meiner Seele Frieden, der
unerschütterlich besteht, - sondern Euer harmlos Erstlingsglück; allein nun
benedeie ich Jehovah und sein Gesetz, da sie mir zum Lohne wieder finden liessen
den schmerzlich beweinten Vater!« - Sie warf sich entzückt von neuem an den Hals
Ben David's. - »Liebenswertes Mädchen!« rief Margarete, und umschlang, das
Vorurteil vergessend, Ester's Nacken; »Wandle stets auf dieser Bahn!«
ermahnte, ihre Hand ergreifend, die bewegte Edelfrau; »sieh hier mehr als eine
Christin!« sprach Dagobert in seligem Entzücken zu Regina: »sieh hier eine
Heilige!« Dieter trocknete sich, halb abgewendet, sein nasses Auge, und sagte:
»Gott segne Euch, ihr armen, verirrten, verblendeten Menschen, die mir aber
Gutes getan haben, wie Brüder, und Die ich schier lieben muss, wie solche! -
Sprecht indessen! Ihr habt mir den Sohn wieder gebracht, die Lust meines Alters,
so wie sein älterer Bruder der Stolz desselben ist. Ich bin nicht undankbar!
fordert meine Habe! hin geb' ich sie Euch, mit Freuden für dieses Kleinod, das
Ruhe und Heiterkeit auf ewige Zeiten unter mein Dach zurückführt. Warum bin ich
nicht der Mann, der das römische Reich bewacht und hütet? beneidenswert sollte
euer Loos sein!« - Ben David lächelte, seine Kinder umschlingend, dass seine
vernarbten Züge fast einen angenehmen Anblick gewährten. »Ehrsamer, Herr!« rief
er froh bewegt: »bin ich nicht schon geworden ein gekrönter König, voll Ehren
und Freude? Wer sieht mich in der Kinder Mitte, und beneidet mich nicht?
Behaltet, Herr, eure Gaben, und lasst dafür fallen einen Blick der Gnade auf
einen Armen, der bis jetzt im Winkel gestanden ist, wie einer, der nicht zu den
Fröhlichen gehört.« - Er führte den armen kleinen Hans, der sich schüchtern
hinter einen Sessel gezogen hatte, dem Grossvater zu, an dessen Halse noch der
Wiedergefundne ruhte. Hans hatte die Augen voll Tränen, Schmerz auf den Lippen,
und seine Händchen falteten sich bittend. »Verstosse mich nicht, Vater!« seufzte
er: »und Du, mein gutes Mütterlein! was hab' ich Dir getan, dass Du mich nicht
mehr ansiehst, um des fremden Buben willen, der mir ein bös Gesichte macht?« -
Fast beschämt bogen sich Dieter und Margarete schmeichelnd zu der gekränkten
Unschuld hernieder; als aber Dagobert, dessen Blicken nichts entging, des echten
Bruders grollendes auf Hans gerichtetes Auge ersah, da trat er in die Mitte,
Reginen an der Hand, und sagte: »Was ich einst gelobte, will ich jetzo halten,
so Gott mir hilft, und mein redliches Weiblein einstimmt. Dieses Kind eines
unglücklichen Bundes, einer Schwester, die uns hasste und hassen wird bis zu
Ende, .. es entgelte nicht die trübe Stunde seiner Geburt. Mein Sohn sei Hans,
und - willst Du, meine Hausfrau - der erste Sprössling unsrer jungen Ehe!« - Die
liebliche Regina beugte sich, von Mutterahnung überrascht, zu dem Knaben nieder,
und weihte ihn durch ihren reinen Liebeskuss zu ihrem Sohne. - Lobend und
glückwünschend drängten sich die Ältern um das Paar; Ester zog aber rasch und
stürmisch Vater und Bruder in das Seitengemach. - »Ich kann, ich darf dies
Schauspiel nicht wieder sehen!« sprach sie mit bewegtem Herzen: »Ich fühle dann,
dass ich nur bin ein schwaches Wesen von Staub. In Eurer Mitte lasst mich sein
beruhigt und fröhlich in meiner Pflicht, und lasst uns entweichen aus Frankfurt,
wo ich nimmer atmen kann!« - »Wir gehen, wohin mich ruft eines wackern Fürsten
Gnadenstimme, gen Innsbruck!« versetzte froh der Vater, die Hände dankbar gen
Himmel hebend: »Ich bin wieder geworden ein schuldloser Mann, und von mir wird
weichen Bann und Makel; ich halte wieder bei mir den verlornen Sohn, der in Busse
und Not wiedergefunden hat Israel. Ich rühme mich einer Tochter, die erkannt
hat, dass die Leidenschaft demütiger sein muss, als die Liebe zu dem Herr, und
der Lehre, in der wir geboren! Freude also in Israel und in den Zelten der
Gerechten! Du, Ascher, wirst meinen Stamm fortpflanzen auf die spätsten Zeiten,
wie es taten die Voreltern, auf denen der Friede sei, und Du, mein Kind Ester,
wirst den Lohn Deiner Tugend an der Hand eines rechtschaffenen Mannes aus Israel
finden!« - »Nimmer, mein Vater;« erwiederte rasch, aber ernst und fest
entschlossen Ester: »Nicht dem Manne aus Edom, nicht dem Sohne Jakobs gehöre
jemals Dein Kind. Ich will Dich pflegen, bis Dein Angesicht bleich wird, und
dann erlöschen, einsam und ruhig, das schwör' ich bei Gott! Schilt mich nicht.
Nur einmal blüht im Lenz der Baum, die Blume. Die Liebesblüte meines Frühlings
ist dahin, kehrt niemals wieder. Die Erinnerung labe mich fortan, und des
Wiedersehns Hoffnung. Freudig sehe ich zurück auf meinen Pfad, freudig und
zuversichtlich in die Ferne. Dem hochgelobten Herrn bin ich treu geblieben, und
ihn, den Freund, finde ich wieder - glaubt mir's - unter den Palmen des ewigen
Zions; seiner würdig ist geblieben meine Seele, und sie wird mit der reinsten
Wonne ihn und die Gattin umschlingen unterm Klang der goldnen Harfen der
Gerechten, - unter der Engel Hallelujah!«
                                     Ende.
 
    