
        
                                 Wilhelm Hauff
                                  Lichtenstein
             Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte
                                   Erster Teil
                                    Einleitung
 Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt
 Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;
 Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst
 Auch euren Herzen menschlich näher bringen: -
 Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang
 Und wälzt die grössere Hälfte seiner Schuld
 Den unglückseligen Gestirnen zu.
                                                                        Schiller
Die Sage, womit sich die folgenden Blätter beschäftigen, gehört jenem Teil des
südlichen Teutschlands an, welcher sich zwischen den Gebirgen der Alb und des
Schwarzwaldes ausbreitet: das erstere dieser Gebirge schliesst von Nordwest nach
Süden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses
Land ein, der Schwarzwald aber ziehet sich von den Quellen der Donau bis hinüber
an den Rhein und bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunklen
Hintergrund für die schöne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die vom Neckar
durchströmt an seinem Fusse sich ausbreitet und Württemberg heisst.
    Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei Kämpfen
siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor. Es erregt
dies um so grössere Bewunderung, wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name
zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo mächtige Grenznachbarn, wie die
Stauffen, die Herzoge von Teck, die Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert
waren; wenn man die inneren und äusseren Stürme bedenkt, die es durchzogen und
oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.
    Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus
den Hallen ihrer Väter verdrängt schien, wo sein unglücklicher Herzog aus seinen
Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben musste, wo fremde Herren in
seinen Burgen hausten, fremde Söldner das Land bewachten, und wenig fehlte, dass
Württemberg aufhörte zu sein, jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für
viele oder eine Provinz des Hauses Österreich wurde.
    Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer Väter
im Munde der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse,
als die, welche sich an die Kämpfe der eben erwähnten Zeit, an das wunderbare
Schicksal jenes unglücklichen Fürsten knüpft. Wir haben versucht, sie
wiederzugeben, wie man sie auf den Höhen von Lichtenstein und an den Ufern des
Neckars erzählen hört, wir haben es gewagt, auch auf die Gefahr hin, verkannt zu
werden. Man wird uns nämlich entgegenhalten, dass sich der Charakter Ulerichs von
Württemberg 1 nicht dazu eigne, in einem historischen Romane mit milden Farben
wiedergegeben zu werden; man hat ihn vielfach angefeindet, manches Auge hat sich
sogar daran gewöhnt, wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs
mustert, mit scheuem Blick vom ältern Eberhard auf Christoph2 überzuspringen,
als sei das Unglück eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen, oder
als sei es verdienstlich, das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not.
    Und doch möchte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung dieses
Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde Ulerich von Hutten nachbetet, der, um
wenig zu sagen, hier allzusehr Partei ist, um als leidenschaftloser Zeuge gelten
zu können; die Stimmen aber, die der Herzog und seine Freunde erhoben, hat der
rauschende Strom der Zeit übertäubt, sie haben die zugleich anklagende und
richtende Beredsamkeit seines Feindes, jene donnernde »Philippica in ducem
Ulericum« nicht überdauert.
    Wir haben fast alle gleichzeitige Schriftsteller, die Stimmen eines
längstvergangenen, vielbewegten Jahrhunderts gewissenhaft verglichen und fanden
keinen, der ihn geradehin verdammt. Und wenn man bedenkt, welch gewaltigen
Einfluss Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuüben pflegen, wenn man
bedenkt, dass Ulerich von Württemberg unter der Vormundschaft schlechter Räte
aufwuchs, die ihn zum Bösen anleiteten um ihn nachher zu missbrauchen, wenn man
sich erinnert, dass er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam,
wo der Knabe kaum zum Jüngling reif ist, so muss man wenigstens die erhabenen
Seiten seines Charakters, hohe Seelenstärke und einen Mut, der nie zu
unterdrücken ist, bewundern, sollte man es auch nicht über sich vermögen, die
Härten damit zu mildern, die in seiner Geschichte das Auge beleidigen.
    Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fällt, hat über ihn entschieden, denn
es ist der Anfang seines langen Unglückes. Doch darf die Nachwelt sagen, es war
der Anfang seines Glückes; war ja doch jene lange Verbannung ein läuterndes
Feuer, woraus er weise und kräftiger als je hervorging; es war der Anfang seines
Glückes, denn seine späteren Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen, der
die religiöse Umwälzung, die dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte,
für ein Glück ansieht.
    In jenem Jahre war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des Armen
Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt, doch war das Landvolk hie und
da noch schwierig, weil der Herzog sie nicht für sich zu gewinnen wusste, seine
Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben
wurden. Den Schwäbisschen Bund, eine mächtige Vereinigung von Fürsten, Grafen,
Rittern und freien Städten des Schwaben- und Frankenlandes hatte er wiederholt
beleidigt, hauptsächlich auch dadurch, dass er sich weigerte, ihm beizutreten. So
sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein Tun, als
wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn fühlen zu lassen, welch mächtiges
Bündnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war
ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht war, den Ritter Götz von
Berlichingen unterstützt zu haben, um sich an dem Kurfürsten von Mainz zu
rächen.
    Der Herzog von Bayern, ein mächtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war ihm
abgeneigt, weil Ulerich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem
diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines fränkischen
Ritters, der an seinem Hofe lebte. Glaubwürdige Chronisten sagen, das Verhältnis
des Johann von Hutten zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne
sah; daher griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor,
forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren und stach ihn nieder. Die
Huttischen, hauptsächlich Ulerich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider ihn,
und in ganz Teutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei.
    Auch die Herzogin, die durch stolzes, zänkisches Wesen Ulerich schon als
Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin
auf, entfloh mit Hülfe Dieterichs von Spät, und sie und ihre Brüder traten als
Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiser auf.3 Es wurden Verträge geschlossen
und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschläge angeboten und wieder verworfen,
die Not um den Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein
Sinn nicht, denn er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser
Zeit; er war ein Herr, der Ulerich trotz den vielen Klagen dennoch Milde
bewiesen hatte; an ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter, den er in
diesen Bedrängnissen so gut hätte brauchen können, denn das Unglück kam jetzt
schnell.
    Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als dem
Herzog Kunde kam, dass Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem Gebiete lag,
seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Städtler hatten ihn schon oft
empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhasst und sollten jetzt seine Rache
fühlen. Schnell zum Zorn gereizt wie er war, warf er sich aufs Pferd, liess die
Lärmtrommeln tönen durch das Land, belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der
Herzog liess sich von ihnen huldigen und die Reichsstadt war württembergisch.4
    Aber jetzt erhob sich der Schwäbische Bund mit Macht, denn diese Stadt war
ein Glied desselben gewesen. So schwer es auch sonst hielt, diese Fürsten,
Grafen und Städte alle aufzubieten, so weilten sie doch hier nicht, sondern
hielten zusammen, denn der Hass ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulerichs
schriftliche Verteidigungen5; das Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte
mit einem Einfall.
    So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der
Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht und es war nicht zu zweifeln, dass
er dann grossen Anhang bekommen würde; gelang es dem Bunde, den Herzog aus dem
Felde zu schlagen, dann wehe ihm, wo so vieles zu rächen war, durfte er keine
Schonung erwarten.
    Die Blicke Teutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses Kampfes, sie
suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu erspähen,
was die künftigen Tage bringen werden, ob Württemberg gesiegt, ob der Bund den
Walplatz behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild
vorüberziehen, möge das Auge nicht zu frühe ermüdet sich davon abwenden.
    Oder sollte es ein zu kühnes Unternehmen sein, eine historische Sage der
Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzählen? Sollte es unbillig sein, zu
wünschen, dass sich die Aufmerksamkeit des Lesers einige kurze Stunden nach den
Höhen der Schwäbisschen Alb und nach den lieblichen Tälern des Neckars wende?
    Die Quellen des Susquehanna und die malerischen Höhen von Boston, die grünen
Ufer des Tweed und die Gebirge des schottischen Hochlandes, Alt-Englands lustige
Sitten und die romantische Armut der Galen, leben, Dank sei es dem glücklichen
Pinsel jener berühmten Novellisten, auch bei uns in aller Munde. Begierig liest
man in getreuen Übertragungen, die wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen,
was vor sechzig oder sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den
Wäldern von Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden bald die Geschichte der drei
Reiche so genau innehaben, als hätten wir sie nach den gelehrtesten Forschungen
ergründet. Und doch ist es meist nur der grosse Unbekannte, der uns die Bücher
seiner Chroniken erschloss und Bild an Bild in unendlicher Reihe vor dem
staunenden Auge vorüberführte; er ist es, der diesen Zauber bewirkte, dass wir in
Schottlands Geschichte beinahe besser bewandert sind, als in der unserigen, und
dass wir die religiösen und weltlichen Händel unserer Vorzeit bei weitem nicht so
deutlich kennen, als die Presbyterianer und Episkopalen Albions.
    Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte Magier unsere Blicke
und unsere Herzen nach den »bergigten Heiden« seines Vaterlandes zog? Vielleicht
in der ungeheuern Masse dessen, was er erzählt, in der grauenvollen Anzahl von
hundert Bänden, die er uns über den Kanal schickte? Aber auch wir haben mit
Gottes und der Leipziger Messen Hülfe Männer von achtzig, hundert und
hundertundzwanzig! Oder haben vielleicht die Berge von Schottland ein
glänzenderes Grün, als der teutsche Harz, der Taunus und die Höhen des
Schwarzwaldes; ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar
und die Donau, sind seine Ufer herrlicher als die Ufer des Rheins? Sind
vielleicht jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der, den unser
Vaterland trägt, hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und Sachsen der
alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswürdiger, ihre Mädchen schöner als die
Töchter Teutschlands? Wir haben Ursache daran zu zweifeln, und hierin kann also
jener Zauber des Unbekannten nicht liegen.
    Aber darin liegt er wohl, dass jener grosse Novellist auf historischem Grund
und Boden geht, nicht als ob der unserige weniger geschichtlich wäre, aber wir
haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewöhnt, unter fremdem Himmel zu suchen,
was bei uns selbst blühte, und wie wir die rohen Stoffe ausführen, um sie in
anderer Form mit Bewunderung und Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere
Grenzen aufzunehmen, so bewundern wir jedes Fremde und Ausländische nicht, weil
es gross oder erhaben, sondern weil es nicht in unseren Tälern gewachsen ist.
    Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die reich an bürgerlichen Kämpfen, uns
nicht weniger interessant dünkt als die Vorzeit des Schotten; darum haben auch
wir gewagt, ein historisches Tableau zu entrollen, das, wenn es auch nicht jene
kühnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen Schmelz der Landschaft
aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten gewöhnte Auge umsonst die süsse,
bequeme Magie der Hexerei und den von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten
darin sucht, ja wenn sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint,
doch eines zur Entschuldigung für sich haben möchte, ich meine die historische
Wahrheit.
 
                                       I
 Was soll doch dies Trommeten sein?
 Was deutet dies Geschrei?
 Will treten an das Fensterlein,
 Ich ahne, was es sei.
                                                                       L. Uhland
Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich am 12. ein recht
freundlicher Morgen über der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die Donaunebel, die um
diese Jahreszeit immer noch drückend über der Stadt liegen, waren schon lange
vor Mittag der Sonne gewichen, und immer freier und weiter wurde die Aussicht in
die Ebene über den Fluss hinüber.
    Aber auch die engen kalten Strassen mit ihren hohen dunkeln Giebelhäusern
hatte der schöne Morgen heller als sonst beleuchtet, und ihnen einen Glanz, eine
Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar
trefflich passte. Die grosse Herdbruckergasse - sie führt von dem Donautor an das
Rataus - stand an diesem Morgen gedrängt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf
wie eine Mauer an den beiden Seiten der Häuser hinzogen, nur einen engen Raum in
der Mitte der Gasse übriglassend; ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lief
durch die Reihen, und brach nur in ein kurzes Gelächter aus, wenn etwa die
alten, strengen Stadtwächter eine hübsche Dirne, die sich zu vorlaut in den
freigelassenen Raum gedrängt hatte; etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen
Hellebarde zurückdrängten, oder wenn ein Schalk sich den Spass machte, »Sie
kommen, sie kommen«, rief, alles lange Hälse machte und schaute, bis es sich
zeigte, dass man sich wieder getäuscht habe.
    Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergasse auf den Platz
vor dem Rataus einbiegt; dort hatten sich die Zünfte aufgestellt; die
Schiffer-Gilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die
Bräuer, mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, sie alle waren im Sonntagswams und
wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt.
    Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen, festlichen Anblick
dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häusern der Strassen selbst.
Bis an die Giebeldächer waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Mädchen, um
welche sich die grünen Tannen und Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tücher,
mit welchen die Seiten geschmückt waren, wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen.
    Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn Hans
von Besserer. Dort standen zwei Mädchen, so verschieden an Gesicht, Gestalt und
Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter Schönheit, dass, wer sie so von
der Strasse betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug
geben möchte.
    Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben, die eine grössere war zart
gebaut; reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne, die gewölbten Bogen
ihrer dunkeln Brauen, das ruhige blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die
zarten Farben der Wangen - sie gaben ein Bild, das unter unsern heutigen Damen
für sehr anziehend gelten würde, das aber in jenen Zeiten, wo noch höheren
Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende
Würde neben der andern Schönen sich geltend machen konnte.
    Diese, kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin, war eines
jener unbesorgten immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, dass sie gefallen.
Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viel Löckchen
und Zöpfchen geschlungen, und zum Teil unter ein weisses Häubchen voll kleiner
künstlicher Fältchen gesteckt, das runde frische Gesichtchen war in
immerwährender Bewegung, noch rastloser glitten die lebhaften Augen über die
Menge hin, und der lächelnde Mund, der alle Augenblicke die schönen Zähne sehen
liess, zeugt deutlich, dass es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und
Gestalten nicht an Gegenständen fehle, die ihrer fröhlichen Laune zur
Zielscheibe dienen mussten.
    Hinter den beiden Mädchen stand ein grosser bejahrter Mann; seine tiefen
strengen Züge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer dünner, schon ins Graue
spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die
reichen bunten Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe
trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von
Freundlichkeit, hervorgelockt durch die glücklichen Einfälle der Blondine, wie
ein Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden
in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter und Jahre, zog hin und
wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing an den
schönen Mädchen, und sie beschäftigten eine Weile durch ihre überraschende
Erscheinung jene müssige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, dass das
Schauspiel, dessen sie harrten, noch immer sich nicht zeigen wollte.
    Es ging schon stark auf Mittag; die Menge wogte immer ungeduldiger, presste
sich stärker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der andere aus den
Reihen der ehrsamen Zünfte auf den Boden gelagert, da tönten drei Stückschüsse
von der Schanze auf dem Luginsland herüber, die Glocken des Münsters begannen
tiefe volle Akkorde über die Stadt hinzurollen, und im Augenblick hatten sich
die verworrenen Reihen geordnet.
    »Sie kommen, Marie, sie kommen«, rief die Blonde im Erkerfenster, und
schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter zum Fenster
hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwähnten
Strasse, von dem Erker konnte man hinab beinahe bis an das Donautor, und hinüber
bis in die Fenster des Ratauses, sehen, und die Mädchen hatten also ihren
Standpunkt trefflich gewählt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu
geniessen.
    Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes mit Mühe weiter
gemacht worden, die Stadtwächter stellten sich mit weit ausgestreckten
Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte unter der ungeheuren Menge, nur das
Geläute der Glocken tönte noch fort.
    Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen
Klängen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich ein
langer glänzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene
Schar der Ulmer Patriziersöhne war eine zu alltägliche Erscheinung, als dass das
Auge lange darauf verweilt hätte. Als aber das schwarze und weisse Banner der
Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Grössen und Farben,
zum Tor hereinschwankten, da gedachten die Zuschauer, dass jetzt der rechte
Augenblick gekommen sei.
    Auch unsere Schönen im Erkerfenster schärften jetzt ihre Blicke, als man die
Menge am untern Teil der Strasse ehrerbietig die Mützen abnehmen sah.
    Auf einem grossen starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen kräftige
Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast stand, mit
der tief gefurchten Stirne und dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er
trug einen zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustarnisch über ein
enganschliessendes rotes Wams, Beinkleider von Leder mit Seide ausgeschljetzt, die
wohl von neuem recht hübsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen
eine einförmige dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere Reiterstiefel
schlossen sich unter den Knien an. Seine einzige Waffe ein ungewöhnlich grosses
Schwert mit langem Griffe ohne Korb, vollendet das Bild eines gewaltigen, unter
Gefahren früh ergrauten Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine
lange goldene Kette von dicken Ringen, fünfmal um den Hals gelegt, an welcher
ein Ehrenpfennig von gleichem Metall auf die Brust herabhing.
    »Sagt geschwind, Oheim! wer ist der stattliche Mann, der so jung und alt
aussieht«, rief die Blonde, indem sie das Köpfchen ein wenig nach dem schwarzen
Herrn, der hinter ihr stand, zurückbeugte.
    »Das kann ich dir sagen, Berta«, antwortete dieser, »es ist Georg von
Frondsberg6, oberster Feldhauptmann des bündischen Fussvolkes, ein wackerer Mann,
wenn er einer besseren Sache diente!«
    »Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Württemberger«, entgegnete ihm die
Kleine, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte, »Ihr wisst, dass die Ulmer
Mädchen gut bündisch sind!«
    Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: »Jener dort auf
dem Schimmel ist Truchsess Waldburg, der Feldlieutenant7, dem auch etwas von
unserem Württemberg wohl anstünde; dort hinter ihm kommen die Bundesobersten;
weiss Gott, sie sehen aus wie Wölfe, die nach Beute gehen.«
    »Pfui! verwitterte Gestalten!« bemerkte Berta, »ob es wohl auch der Mühe
wert war, Bäschen Marie, dass wir uns so putzten? Aber siehe da, wer ist der
junge schwarze Reiter auf dem Braunen? sieh nur das bleiche Gesicht und die
feurigen schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht, ich hab's gewagt.«
    »Das ist der Ritter Ulerich von Hutten«, erwiderte der Alte, »dem Gott seine
Schmähworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder! das ist ein gelehrter
frommer Herr; er ist zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so, denn
was wahr ist, muss wahr bleiben!8
    Und siehe, da sind Sickingens9 Farben, wahrhaftig da ist er selbst; schaut
hin Mädchen, das ist Franz von Sickingen, sie sagen, er führe tausend Reiter in
das Feld, der ist's mit dem blanken Harnisch und der roten Feder.«
    »Aber sagt mir Oheim«, fragte Berta wieder, »welches ist denn Götz von
Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzählt; er ist ein gewaltiger
Mann und hat eine Faust von Eisen; reitet er nicht mit den Städten?«
    »Götz und die Städtler nenne nie in einem Atem«, sprach der Alte mit Ernst;
»er hält zu Württemberg.«10
    Ein grosser Teil des Zuges war während diesem Gespräch am Fenster
vorübergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie gleichgültig und
teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaue. Es war zwar sonst des Mädchens Art,
sinnend, zuweilen wohl auch träumend auszusehen, aber heute, bei einem so
glänzenden Aufzug so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein grosses
Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, als ein Geräusch von der Strasse
her, ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mächtiges Ross bäumte sich in der
Mitte der Strasse unter Ihrem Fenster, wahrscheinlich scheue gemacht durch die
flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener Kopf verdeckte den
Reiter, so dass nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren; aber die
Gewandteit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunterriss und zum Stehen
brachte, liess einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war
ihm von der Anstrengung über das Gesicht herabgefallen, als er es zurückschlug,
traf sein Blick das Erkerfenster.
    »Nun dies ist doch einmal ein hübscher Herr«, flüsterte die Blonde ihrer
Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie von dem schönen Reiter
gehört zu werden, »und wie er artig und höflich ist! siehe nur, er hat uns
gegrüsst ohne uns zu kennen!«
    Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit
zu schenken; ein glühendes Rot zog über die zarten Wangen. Ja! wer die ernste
Jungfrau gesehen hatte, wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie
geahnet, dass so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in
diesem sinnenden Auge wohnen könnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo
sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruss des jungen Reiters erwiderte.
    Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige aber wahre Bemerkung über dem
Anblick des schönen Mannes völlig entgangen; »Nur schnell Oheim«, rief sie und
zog den alten Herrn am Mantel, »wer ist dieser in der hellblauen Binde mit
Silber? Nun?«
    »Ja liebes Kind«, antwortete der Oheim, »den habe ich in meinem Leben nicht
gesehen. Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst, sondern reitet
wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele
Hungerleider, die sich an unseren Töpfen laben wollen.«
    »Mit Euch ist doch nichts anzufangen«, sagte die Kleine und wandte sich
unmutig ab; »die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf hundert Schritte
und weiter; wenn man aber einmal nach einem hübschen, höflichen Junker fragt,
wisst Ihr nichts. Du bist auch so Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als
ob es eine Prozession an Fronleichnam wäre; ich wette, du hast das Schönste von
allem nicht gesehen, und hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz
andere Leute vorbeiritten!«
    Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Bertas vor dem Ratause
aufgestellt, die bündische Reiterei, die noch vorüberzog, hatte wenig Interesse
mehr für die beiden Mädchen, als daher die Herren abgesessen und zum Imbiss ins
Rataus gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder auflösten und das Volk sich
allmählich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich vom Fenster zurück.
    Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb
befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor dem alten, ernsten Oheim etwas
merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verliess, wandte sie sich an ihre
Base, die noch immer träumend am Fenster stand:
    »Nein! wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben,
wenn ich wüsste, wie er heisst; dass du aber auch gar keine Augen hast, Marie! Ich
stiess dich doch an, als er grüsste. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und
glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig bräunlich, aber
hübsch, sehr hübsch. Ein Bärtchen über dem Mund, nein! ich sage dir - Wie du
jetzt nur wieder gleich rot werden kannst«, fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort,
»als ob zwei Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund eines
jungen Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei uns; aber freilich bei
deiner seligen Frau Muhme in Tübingen und bei deinem ernsten Vater in
Lichtenstein, kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Bäschen
Marie träumt wieder, und ich muss mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch
nur ein klein wenig schwatzen will.«
    Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht etwas schelmisch
gefunden hätten; Berta aber nahm den grossen Schlüsselbund vom Haken an der Türe,
sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rüsten. Denn
wenn man ihr auch etwas zu grosse Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch
eine zu gute Haushälterin, als dass sie über der flüchtigen Erscheinung des
höflichen Reiters das Zugemüse und den Nachtisch vergessen hätte.
    Sie hüpfte hinaus und liess ihre Base allein bei ihren Gedanken; und auch wir
stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen Bilder der Erinnerung durchgeht,
die jene Erscheinung mit einemmal aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen
hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein flüchtiger Blick von ihm, ein Druck
seiner Hand, ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt, wo sie im
stillen Kämmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schärpe flocht,
deren freudige Farben sie heute aus ihren Träumen weckten; wir lauschen nicht,
wenn sie errötend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bäschen Berta
den süssen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?
 
                                       II
 Steigt deine Hoffnung wieder?
 Ist nicht dein Herz entbrannt?
 Du fühlst dich, Jüngling wieder
 Im alten Schwabenland.
                                                                       G. Schwab
Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blättern beschrieben haben, galt
den Häuptern und Obersten des Schwäbisschen Bundes, der an diesem Tage, auf
seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der
Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog Ulerich von
Württemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die
allzuheftigen Ausbrüche seines Zornes und seiner Rache, durch die Kühnheit, mit
welcher er, der einzelne, so vielen verbündeten Fürsten und Herren die Stirne
bot, zuletzt noch durch die plötzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den
bittersten Hass des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich, denn es
stand nicht zu erwarten, dass man Ulerich, nachdem man so weit gegangen,
friedliche Vorschläge tun werde.
    Hiezu kamen noch die besonderen Rücksichten, die jeden leiteten. Der Herzog
von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu verschaffen, die Schar der
Huttischen um ihren Stammesvetter zu rächen, Dieterich von Spät11 und seine
Gesellen, um ihre Schmach in Württembergs Unglück abzuwaschen, die Städte und
Städtchen, um Reutlingen wieder gut bündisch zu machen, sie alle hatten ihre
Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lüstern nach gewisser Beute
eingestellt.
    Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei diesem Einzug die
Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes »artigen Reiters«, der Bertas Neugierde
in so hohem Grade erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen mit so
tiefem Rot gefärbt hatte. Wusste er doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug
kam, da er, obgleich den Waffen nicht fremd, doch nicht zunächst für das
Waffenwerk bestimmt war. Aus einem armen aber angesehenen Stamme Frankens
entsprossen, war er frühe verwaist von einem Bruder seines Vaters erzogen
worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck
des Adels zu schätzen. Daher wählte sein Oheim für ihn diese Laufhahn. Die Sage
erzählt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tübingen, die damals in ihrem
ersten Erblühen war, in Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis
auf uns, dass er einem Fräulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener
Musenstadt lebte, wärmere Teilnahme schenkte, als den Lehrstühlen der
berühmtesten Doktoren. Man erzählt sich auch, dass das Fräulein mit ernstem,
beinahe männlichem Geiste alle Künste, womit andere ihr Herz bestürmten, gering
geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes
Herz zu erobern, und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht
besser studiert als die heutigen, es sollen aber weder nächtliche Liebesklagen,
noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe um ihren Besitz die Jungfrau erweicht
haben. Nur einem gelang es, dieses Herz für sich zu gewinnen, und dieser eine
war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt,
wann und wo ihnen der erste Strahl des Verständnisses aufging und wir sind weit
entfernt, uns in dieses süsse Geheimnis der ersten Liebe eindrängen zu wollen,
oder gar Dinge zu erzählen, die wir geschichtlich nicht belegen können; doch
können wir mit Grund annehmen, dass sie schon bis zu jenem Grad der Liebe
gediehen waren, wo man, gedrängt von äusseren Verhältnissen, gleichsam als Trost
für das Scheiden, ewige Treue schwört; denn als die Muhme in Tübingen das
Zeitliche gesegnete, und Herr von Lichtenstein sein Töchterlein zu sich holen
liess, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer
Ausbildung zu schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, dass so heisse Tränen
und die Sehnsucht, mit welcher Maria noch einmal und immer wieder aus der Sänfte
zurücksah, nicht den bergigten Strassen, denen sie Valet sagen mussten, allein
gelte.
    Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein Oheim
die Frage beibrachte, ob er jetzt nach vier Jahren noch nicht gelehrt genug sei?
Dieser Ruf kam ihm erwünscht; seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrstühle der
gelehrten Doktoren, die finstere Hügelstadt, ja selbst das liebliche Tal des
Neckars verhasst geworden. Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm
von den Bergen entgegenströmte, als er an einem schönen Morgen des Februar aus
den Toren Tübingens seiner Heimat entgegenritt, wie die Sehnen seiner Arme in
dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner Faust
kräftiger in die Zügel fassten, so erhob sich auch seine Seele zu jenem frischen
heiteren Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn die Gewissheit eines süssen
Glückes im Herzen lebt, und vor dem Auge, das Erfahrung noch nicht geschärft,
Unglück noch nicht getrübt hat, die Zukunft heiter und freundlich sich
ausbreitet. Wie der klare See, der das heitere Bild, das auf ihn herabschaut,
nicht minder freundlich zurückwirft, und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe
verhüllt, so hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen eigentümlichen Reiz.
Man glaubt im Kopf und Arm Kraft genug zu tragen, um dem Glück seine Gunst
abzuringen, und dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere
Zuversicht, als die mächtigste Hülfe von aussen.
    So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den Schönbuchwald
seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem Liebchen nicht näher, zwar
konnte er nichts sein nennen als das Ross, das er eben ritt und die Burg seiner
Väter, von welcher der Volkswitz sang:
Ein Haus auf drei Stützen,
Wer vorn hereinkommt,
Kann hinten nicht sitzen.
Aber er wusste, dass dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum Ziel zu
gelangen, und der alte Spruch des Römers: »Fortes fortuna juvat«, hatte ihm noch
nie gelogen.
    Wirklich schienen auch seine Wünsche nach einer tätigen Laufbahn bald in
Erfüllung zu gehen.
    Der Herzog von Württemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, aus
einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht und es war kein Zweifel mehr an einem
Krieg.
    Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiss. Der Schwäbische Bund, wenn er
auch erfahrenere Feldherrn und geübtere Soldaten zählte, hatte doch in allen
Kriegen durch Uneinigkeit sich selbst geschadet. Ulerich, auf seiner Seite,
hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere kampfgeübte Männer geworben, aus seinem
eigenen Lande konnte er, wenn auch minder geübte, doch zahlreiche und tüchtige
Truppen ziehen und so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.
    Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht müssig bleiben zu
dürfen. Ein Krieg war Ihm erwünscht; es war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziele,
um Marie würdig freien zu können, bald nahebringen konnte.
    Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der andern Partei. Vom
Herzog sprach man im Lande schlecht, des Bundes Absichten schienen nicht die
reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht
auf reiche Beute bestochen achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein
Gütchen grenzten, auf einmal12 dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es
ihn zum Bunde zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, dass der alte
Lichtenstein mit seiner Tochter in Ulm sich befinde; auf jener Seite, wo Marie
war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine Dienste an.
    Die fränkische Ritterschaft unter Anführung Ludwigs von Hutten, zog sich am
Anfang des März gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von Bayern und den
übrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt, und
ihr Weg glich einem Triumphzug, je näher sie dem Gebiete ihres Feindes kamen.
    Herzog Ulerich war bei Blaubeuren, der äussersten Stadt seines Landes gegen
Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal zuvor im grossen
Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die
Württemberger zur entscheidenden Schlacht zu nötigen. An friedliche
Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg
war die Losung und Sieg der Gedanke des Heeres als ein frischer Morgenwind ihnen
die Grüsse des schweren Geschützes von den Wällen der Stadt entgegentrug, als das
Geläute aller Glocken zum Willkomm vom anderen Ufer der Donau herübertönte.
    Wohl schlug auch Georgs Herz höher bei dem Gedanken an seine erste
Waffenprobe; aber wer je in ähnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht tadeln,
dass auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg
vergessen liessen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Münster aus
dem Nebel auftauchte, als nachher der verhüllende Dunstschleier herabfiel und
die Stadt mit ihren dunkeln Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortürmen sich vor
seinen Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die
Brust zurückgedrängt hatte, schwerer als je über ihn. »Schliessen jene Mauern
auch die Geliebte ein? hat nicht ihr Vater seinem Herzog treu, vielleicht in die
feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf
beruht, den Vater zu gewinnen, darf er sich jenem gegenüberstellen, ohne sein
ganzes Glück zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie
möglicherweise noch in jenen Mauern sein. Und wenn alles gut wäre, wenn unter
der festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drängt, auch
Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie
geschworen? -«
    Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewissheit Raum, denn
wenn sich auch alles Unglück gegen ihn verschwor, Mariens Treue, er wusste es,
war unwandelbar. Mutig drückte er die Schärpe, die sie ihm gegeben, an seine
Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschloss, als die Zinken
und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten, da kehrte seine alte Freudigkeit
wieder, stolzer hob er sich im Sattel, kühner rückte er das Barett in die
Stirne, und als der Zug in die festlich geschmückten Strassen einbog, musterte
sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Häuser, um sie zu erspähen.
    Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das fröhliche Gewühl
hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne den suchten,
der ihr so nahe war, schnell drückte er seinem Pferde die Sporen in die Seite,
dass es sich hoch aufbäumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertönte. Aber
als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges
Erröten dem Glücklichen sagte, dass er erkannt und noch immer geliebt sei, da war
es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zuge vor
das Rataus und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte ihn seine Sehnsucht alle
Rücksichten vergessen lassen, und unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker
hingezogen.
    Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich von
kräftiger Hand am Arm angefasst fühlte.
    »Was treibet Ihr, Junker«, rief ihm eine tiefe wohlbekannte Stimme ins Ohr,
»dort hinauf geht es die Rataustreppe. Wie? ich glaube, Ihr schwindelt, wäre
auch kein Wunder, denn das Frühstück war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen,
und kommt. Die Ulmer führen gute Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler
anstreichen.«
    Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige Minuten
geschwebt hatte, auf den Ratausplatz in Ulm etwas unsanft war, so wusste er doch
dem alten Herrn von Breitenstein, seinem nächsten Grenznachbar in Franken, Dank,
dass er ihn aus seinen Träumen aufgeschüttelt und von einem übereilten Schritte
zurückgehalten hatte.
    Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den
übrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritte an der guten
Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt aufgesetzt hatte, wieder erholen
wollten.
 
                                      III
 Ich höre rauschende Musik, das Schloss ist
 Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?
                                                                        Schiller
Der Saal des Ratauses, wohin die Angekommenen geführt wurden, bildete ein
grosses, längliches Viereck. Die Wände und die zu der Grösse des Saales
unverhältnismässig niedere Decke waren mit einem Getäfer von braunem Holz
ausgelegt, unzählige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen der edlen
Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen
Seite hin, die gegenüberstehende Wand füllten Gemälde berühmter Bürgermeister
und Ratsherrn der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in
die Hüfte, die Rechte auf einen reichbehängten Tisch gestützt, ernst und
feierlich auf die Gäste ihrer Enkel herabsahn. Diese drängten sich in
verworrenen Gruppen um die Tafel her, die in Form eines Hufeisens aufgestellt,
beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute
im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen
Festkleidern mit den steifen schneeweissen Halskrausen wunderlich ab gegen ihre
bestaubten Gäste, die in Lederwerk und Eisenblech gehüllt, oft gar unsanft an
die seidenen Mäntelein und samtenen Gewänder streiften. Man hatte bis jetzt noch
auf den Herzog von Bayern gewartet, der einige Tage vorher eingetroffen, zu dem
glänzenden Mittagsmahl zugesagt hatte, als aber sein Kämmerling seine
Entschuldigung brachte, gaben die Trompeten das ersehnte Zeichen, und alles
drängte sich so ungestüm zur Tafel, dass nicht einmal die gastfreundliche Ordnung
des Rates, die je zwischen zwei Gäste einen Ulmer setzen wollten, gehörig
beobachtet wurde.
    Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als einen
ganz vorzüglichen anpries. »Ich hätte Euch«, sagte der alte Herr, »zu den
Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten und Waldburg setzen können,
aber in solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehöriger Ruhe
stillen. Ich hätte Euch ferner zu den Nürnbergern und Augsburgern führen können,
dort unten, wo der gebratene Pfau steht - weiss Gott sie haben keinen übeln Platz
-, aber ich weiss, dass Euch die Städtler nicht recht behagen, darum habe ich Euch
hieher gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz ist?
Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel zu schwatzen.
Rechts haben wir den geräucherten Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, links
eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnügen in den Schwanz beisst, und vor
uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu
finden ist.«
    Georg dankte ihm, dass er mit so viel Umsicht für ihn gesorgt habe, und
betrachtete zugleich flüchtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war ein junger
zierlicher Herr, von etwa 25 bis 30 Jahren. Das frischgekämmte Haar, duftend von
wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmen
Zänglein gekräuselt worden sein mochte, liessen Georg, noch ehe ihn die Mundart
davon überzeugte, einen Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, dass er
von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs
Becher aus einer grossen silbernen Kanne füllte, auf glückliche Ankunft und gute
Nachbarschaft mit ihm anstiess, und auch die besten Bissen von den unzähligen
Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten
umherstanden, dem Fremdling aufs Teller legte.
    Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende Gefälligkeit noch
Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen. Er war noch zu sehr
beschäftigt mit dem geliebten Bilde, das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als
dass er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt hätte. Gedankenvoll sah er in
den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, wenn die Bläschen
des alten Weines zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten
aus dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, dass
der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher in
der Hand, jede Speise verschmähe, ihn für einen unverbesserlichen Zechbruder
hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah, der lächelnde Mund
des in seinen Träumen versunkenen Jünglings schien ihm einen jener echten
Weinkenner anzuzeigen, die auf fein geübter Zunge den Gehalt des edlen Trankes
lange zu prüfen pflegen.
    Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gästen das Mahl so angenehm als
möglich zu machen, gehörig nachzu kommen, suchte er auf der entdeckten schwachen
Seite dem jungen Mann beizukommen. Es war zwar gegen die Gewohnheit des jungen
Ulmers, Wein zu trinken, aber dem jungen Mann zulieb, der etwas so Hohes und
Gebietendes an sich hatte, musste er schon ein übriges tun. Er schenkte sich
seinen Becher wieder voll und begann: »Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen
hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Würzburger, wie Ihr
ihn in Franken gewohnt sein werdet, aber es ist echter Ellfinger aus dem
Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt.«
    Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und antwortete
mit einem kurzen »Ja, ja -« der Nachbar liess aber den einmal aufgenommenen Faden
nicht so bald wieder fallen. »Es scheint«, fuhr er fort, »als munde er Euch doch
nicht ganz, aber da weiss ich Rat. Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher. -
Versuchet einmal diesen, der wächst zunächst an des Württembergers Schloss; in
diesem müsst Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, grossen Sieg!«
    Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar auf
einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten führen
konnte: »Ihr habt«, sprach er, »schöne Mädchen hier in Ulm, wenigstens bei
unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken.«
    »Weiss Gott«, entgegnete der Ulmer, »man könnte damit pflastern.«
    »Das wäre vielleicht so übel nicht«, fuhr Georg fort, »denn das Pflaster
Eurer Strassen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt dort in dem
Eckhaus mit dem Erker, wenn ich nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen
heraus, als wir einritten.«
    »Habt Ihr diese auch schon bemerkt?« lachte jener, »wahrhaftig, Ihr habt ein
scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen
mütterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein Fräulein
von Lichtenstein, eine Württembergerin, die auf Besuch dort ist.«
    Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen
Verwandten Mariens zusammenführte. Er beschloss den Zufall zu benützen, und
wandte sich so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar: »Ihr habt ein paar
hübsche Mühmchen, Herr von Besserer...«
    »Dieterich von Kraft nenne ich mich«, fiel er ein, »Schreiber des Grossen
Rates -«
    »Ein paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet sie wohl recht
oft?«
    »Ja wohl«, antwortete der Schreiber des Grossen Rates, »besonders seit die
Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein Bäschen Berta etwas eifersüchtig
werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber
ich tue als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser.«
    Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn
er presste die Lippen zusammen und seine Wangen färbten sich dunkler.
    »Ja lachet nur«, fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte Geist des
Weines zu Kopfe stieg, »wenn Ihr wüsstet, wie sie sich beide um mich reissen. Zwar
- die Lichtenstein hat eine verdammte Art freundlich zu sein, sie tut so vornehm
und ernst, dass man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spass zu machen, noch
weniger lässt sie ein wenig mit sich schäkern wie Berta, aber gerade das kommt
mir so wunderhübsch vor, dass ich eilfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal
fortgeschickt hat. Das macht aber«, murmelte er nachdenklicher vor sich hin,
»weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie sich, lasst nur den
einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie schon kirre werden.«
    Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare
Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das Geräusch der
Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt, wie sie in schleppendem, einförmigem
Ton ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu verstehen was es war. Jetzt hörte er
dieselben Stimmen ganz in der Nähe, und bald bemerkte er welchen Inhaltes ihre
eintönigen Sätze waren. Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, besonders
in Reichsstädten zum Ton, dass der Hausvater und seine Frau, wenn sie Gäste
geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden, und bei jedem einzelnen
umhergingen, mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum Essen und Trinken zu
nötigen.
    Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, dass der Hohe Rat beschloss, auch
an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ex officio einen Hausvater samt
Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. Die Wahl fiel auf den
Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.
    Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel »nötigend« umgangen, kein Wunder, dass
ihre Stimmen durch die grosse Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren,
und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe Stimme
tönte in Georgs Ohr: »Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?«
Erschrocken wandte sich der Gefragte um, und sah einen starken, grossen Mann mit
rotem Gesicht - ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte, begann
an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen Stimme:
»So esset doch und trinket satt
was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«
»Hab ich's doch schon lange gedacht, dass es so kommen würde«, fiel der alte
Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit welcher er den
Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.
    »Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu geniessen, die uns
die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben.«
    »Mit Verlaub«, unterbrach ihn Dieterich von Kraft, »der junge Herr isst
nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab ich's nicht
gleich weggehabt, dass er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner,
wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält.«
    Georg wusste gar nicht wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; er war im
Begriff sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick überraschte.
Breitenstein hatte sich jetzt über den Schweinskopf mit der Zitrone im Maul,
erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert, und
begann mit grossem Behagen und geübter Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da
trat der Bürgermeister auch zu ihm, und eben als er an einem guten Bissen kaute,
hub er an: »Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« Dieser
sah den Nötigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane
keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des
Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme liess sich aber nicht
irremachen, sondern sprach freundschaftlichst:
»So esset doch und trinket satt
was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«
So war es nun in den »guten alten Zeiten«! Man konnte sich wenigstens nicht
beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald aber bekam die
Tafel eine andere Gestalt. Die grossen Schüsseln und Platten wurden abgetragen
und geräumigere Humpen, grössere Kannen, gefüllt mit edlem Weine, aufgesetzt. Die
Umtränke und das in Schwaben schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und
nicht lange, so äusserte auch der Wein seine Wirkungen. Dieterich Spät und seine
Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulerich und bekräftigten jeden Fluch oder
schlechten Witz, den einer ausbrachte mit Gelächter oder einem guten Trunke. Die
fränkischen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und tranken einander das
Tübinger Schloss im Weine ab. Ulerich von Hutten und einige seiner Freunde
hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers mit einigen Italienern
wegen des Angriffes auf den römischen Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter
Mönch in Wittenberg unternommen hatte; die Nürnberger, Augsburger und einige
Ulmer Herren, die sich zusammengetan hatten, waren über den Glanz ihrer
Republiken in Streit geraten, und so füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der
dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher, den Saal.
    Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere Fröhlichkeit.
Dort sass Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchsess, Franz
von Sickingen und noch andere ältliche, gesetzte Herren.
    Dortin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, nachdem
er sich genugsam gesättiget hatte, seine Blicke und sprach zu Georg: »Das Lärmen
um uns her will mir gar nicht behagen, wie wäre es, wenn ich Euch jetzt dem
Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewünscht habt?«
    Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu werden,
stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln,
dass sein Herz bei diesem Gange ängstlicher pochte, seine Wangen sich höher
färbten, seine Schritte je näher er kam, ungewisser und zögernder wurden. Wen
haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glänzenden, ruhmbekränzten Vorbild
nahte, ähnliche Gefühle bestürmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur
Unbedeutendheit zusammen, während der Gefeierte zum Riesen wuchs. Georg von
Frondsberg galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren seiner Zeit.
Italien, Frankreich und Teutschland erzählten von seinen Siegen, und die
Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und
Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fussvolkes. Sagen und
Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf unsere Tage, und wer gedenkt
nicht unwillkürlich jener homerischen Helden wenn er von diesem Manne liest: »Er
war so stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte,
dass er damit den stärksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stossen, ein
rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die grossen Büchsen und
Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte?« Zu ihm führte
Breitenstein den Jüngling.
    »Wen bringt Ihr uns da, Hans?« rief Georg von Frondsberg, indem er den
hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.
    »Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr«, antwortete Breitenstein, »ob
Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören mag?«
    Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchsess von
Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber. Georg war schüchtern und blöde vor
diese Männer getreten; aber sei es, dass die freundliche, zutrauliche Weise
Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, dass er fühlte, wie wichtig der Augenblick
für ihn sei, er bekämpfte die Scham den Blicken so vieler berühmter Männer
ausgesetzt zu sein, und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.
    »Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich«, sagte Frondsberg und bot ihm die
Hand, »du bist ein Sturmfeder?«
    »Georg Sturmfeder«, antwortete der junge Mann, »mein Vater war Burkhardt
Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite.«
    »Er war ein tapferer Mann«, sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer noch
sinnend auf Georgs Zügen ruhte, »an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu
mir gehalten, wahrlich sie haben ihn allzufrühe eingescharrt! Und du«, setzte er
freundlicher hinzu, »du hast dich eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was
treibt dich schon so frühe aus dem Neste und bist kaum flick?«
    »Ich weiss schon«, unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer Stimme;
»das Vögelein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um das alte Nest zu
flicken!«
    Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe
Glut auf die Wangen des Jünglings. Er hatte sich nie seiner Dürftigkeit
geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, dass er sich zum ersten Male dem
reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da fiel sein Blick über Truchsess
Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte
Mariens Gestalt zu erblicken und sein alter Mut kehrte wieder. »Ein jeder Kampf
hat seinen Preis, Herr Ritter«, sagte er, »ich habe dem Bund Kopf und Arm
angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgültig sein.«
    »Nun, nun!« erwiderte jener, »wie es mit dem Arm aussieht, werden wir sehen,
im Kopfe muss es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spass gleich Ernst
macht.«
    Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber
nahm ihn freundlich bei der Hand: »Ganz wie dein Vater, lieber Junge, nun du
willst zeitlich zu einer Nessel werden.13 Und wir werden Leute brauchen, denen
das Herz am rechten Flecke sitzt. Dass du dann nicht der letzte bist, darfst du
gewiss sein.«
    Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und Kriegskunst
unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes, übten so besänftigende Gewalt
über Georg, dass er die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurückdrängte,
und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurückzog, teils um die
Obersten nicht weiter zu stören, teils um sich genauer zu überzeugen, ob die
flüchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei?
    Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu Waldburg:
»Das ist nicht die Art, Herr Truchsess, wie man tüchtige Gesellen für unsere
Sache gewinnt, ich wette, er ging nicht mit halb soviel Eifer für die Sache von
uns, als er zu uns brachte.«
    »Müsst Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?« fuhr jener auf, »was
braucht es da? er soll einen Spass von seinem Oberen ertragen lernen.«
    »Mit Verlaub«, fiel ihm Breitenstein ins Wort, »das ist kein Spass, sich über
unverschuldete Armut lustig zu machen, ich weiss aber wohl, Ihr seid seinem Vater
auch nie grün gewesen.«
    »Und«, fuhr Frondsberg fort, »sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht.
Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch immer hinreiten,
wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so möchte ich
Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln, er sieht mir nicht darnach aus, als ob er
sich viel gefallen liesse!«
    Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in seinem Leben nie ertragen
konnte, blickte Truchsess den einen und den andern an, mit so wutvollen Blicken,
dass sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel warf, um noch ärgeren Streit zu
verhüten: »Lasst doch die alten Geschichten!« rief er. »Oberhaupt wäre es gut,
wir heben die Tafel auf. Es dunkelt draussen schon stark und der Wein wird zu
mächtig. Dieterich Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht,
und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlösser
niederbrennen oder verteilen soll.«
    »Lasst sie immer«, lachte Waldburg bitter, »die Herren dürfen ja heute machen
was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden.«
    »Nein«, antwortete Ludwig Hutten; »wenn einer von so etwas reden darf, bin
ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklärt ist,
müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulerich spricht mir auch zu heftig
mit den Italienern, über den Mönch von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu
sehr, wenn er in Zorn geratet. Lasst uns aufbrechen.«
    
    Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die
nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein.
 
                                       IV
 Wollt ihr wissen was die Augen sein,
 Womit ich sie sehe durch alle Land?
 Es sind die Gedanken des Herzens mein,
 Damit schau ich durch Mauer und Wand.
                                                      Walter von der Vogelweide
Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen, nicht so entfernt
gestanden, dass er nicht jedes Wort der Streitenden gehört hätte. Er freute sich
der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg sich des unberühmten, verwaisten
Jünglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er es sich nicht verbergen, dass
sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen,
erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchsess war zu bekannt im Heere wegen
seines unversöhnlichen Stolzes, als das Georg hätte glauben dürfen, Huttens
vermittelnde und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen Streit
verlöscht, und dass Männer von Gewicht, wie Waldburg, in solchen Fällen, der
vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm
aus manchen Fällen wohlbekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter
unterbrach seine Gedanken und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen
Nebensitzer, den Schreiber des Grossen Rates vor sich.
    »Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen«, sprach
Dieterich von Kraft, »und es möchte Euch auch jetzt etwas schwer werden, denn es
ist bereits dunkel und die Stadt ist überfüllt.«
    Georg gestand, dass er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in einer
der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen.
    »Da möchte ich doch nicht so sicher darauf bauen«, entgegnete jener, »und
gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke einen Winkel, so dürft Ihr
doch sicherlich darauf rechnen, dass Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn
Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freuden
offen.«
    Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, dass Georg nicht
Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe befürchtete, die
gastfreundliche Einladung möchte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune
zugleich mit den Dünsten des Weines verflogen sein werde. Jener aber schien über
die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen
Handschlag seinen Arm und führte ihn aus dem Saal.
    Der Platz vor dem Rataus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar. Die Tage
waren noch kurz und die Abenddämmerung war über der Tafel unbemerkt
hereingebrochen; man hatte daher Fackeln und Windlichter angezündet, ihr
dunkelroter Schein erhellte den grossen Raum nur sparsam und spielte in
zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenüberstehenden Häuser und auf den
blanken Helmen und Brustarnischen der Ritter. Wildes Ruten nach Pferden und
Knechten scholl aus der Halle des Ratauses, das Klirren der nachschleppenden
Schwerter, das Hin-und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in das Gebell
der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die
mehr einem in der Nacht vom Feinde überfallenen Posten, als dem Aufbruch von
einem friedlichen Mahle glich.
    Überrasche blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler,
fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die in jugendlichem Mute
ansprengten, kühne Reiterkünste übten und dann singend und jubelnd in kleinen
Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden, dieser nächtliche, flüchtige
Anblick erinnerte ihn, wie ungewiss, wie schnell auch diese Tage vorübergehen
werden, wie alle diese fröhlichen Gesellen dem tiefen Ernste des Krieges
entgegenziehen, wie mancher, noch ehe der Frühling völlig heraufginge, mit
seinem Körper den grünenden Rasen decken werde. Wie sie gefallen sein werden,
ohne mit ihrem Blute etwas eingelöst zu haben, als die Träne eines Kameraden und
den kurzen Ruhm als brave Männer vor dem Feinde geblieben zu sein.
    Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen
Kampfpreis wusste. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber der
schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke über den Platz hinzog,
verhüllte die Gegenstände wie mit einem Schleier und liess sie nur wie ungewisse
Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. »So ist auch meine
Zukunft«, sagte er zu sich, »das Jetzt ist helle, aber wie dunkel, wie ungewiss
das Ziel!«
    Sein freundlicher Wirt riss ihn aus diesem düstern Sinnen mit der Frage: wo
seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie standen,
heller erleuchtet gewesen wäre, so hätte vielleicht der gute Kraft eine
flüchtige aber brennende Röte, die bei dieser Frage über Georgs Wangen zog,
bemerken können. »Ein junger Kriegsmann«, antwortete er schnell gefasst, »muss
sich so viel möglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei
mir. Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten übergeben.«
    Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen Mannes
gegen sich selbst, gestand aber, dass er, wenn er einmal zu Feld ziehe, den
Dienst nicht so strenge lernen werde. Ein Blick auf sein zierlich geordnetes
Haar und den fein gekräuselten Bart, überzeugten Georg, dass sein Begleiter aus
voller Seele spreche, und die zierliche, bequeme Wohnung, in welcher sie bald
darauf anlangten, widersprach diesem Glauben nicht.
    Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte
Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dieterichs Eltern waren längst abgeschieden,
als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten beim Grossen Rat eintrat.
Er hätte sich vielleicht längst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen,
wenn nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil,
von allen jungen Damen der Stadt als eine gute Partie (nach heutigen Begriffen)
angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr
flüsterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushälterin vor
einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritte abgehalten hätte.
    Herr Dieterich hatte ein grosses Haus nicht weit vom Münster, einen schönen
Garten am Michelsberg, sein Hausgeräte war im besten Stande, die grossen eichenen
Kasten voll des köstlichsten Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen
seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen hatten,
die eiserne Truhe im Schlafzimmer entielt eine erkleckliche Anzahl von
Goldgülden, Herr Dieterich selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer
geschniegelt und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den Rat, hatte
einen guten Haus- und Ratverstand, war aus einer alten Familie, war es ein
Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und jedes hübsche Ulmer Stadtkind
sich glücklich geschätzt hätte, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu
kommen?
    Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung nichts
weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des Ratsschreibers waren, ein
alter grauer Diener, zwei grosse Katzen und die unförmlich dicke Amme. Diese vier
Geschöpfe starrten den Gast mit grossen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen,
wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen
ihn schnurrend, mit gekrümmtem Rücken, die Amme schob unmutig an der ungeheuren
Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei Personen das Abendessen
zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage bestätigen hörte, sondern
auch den Auftrag (man war ungewiss, war es Bitte oder Befehl) bekam, das
Eckzimmer im zweiten Stock für den Gast zuzurüsten, da schien ihre Geduld
erschöpft; sie liess einen wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schiessen und
verliess mit ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach. Georg hörte noch lange die
hohltönenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben, und die öde Stille
des grossen Hauses gab in vielfältigem Echo das Gepolter der Türen zurück, welche
sie im Grimme hinter sich zuwarf.
    Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei grosse Armstühle an den
ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen Kasten,
stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein
und entfernte sich dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn
gewechselt hatte. Herr Dieterich lud seinen Gast ein, an seiner gewöhnlichen
Abendunterhaltung teilzunehmen. Er öffnete den schwarzen Kasten, es war ein
Brettspiel.
    Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm
erzählte, dass er seit seinem zehenten Jahre alle Abende mit der Amme an diesem
Spiele sich ergötze. Wie öde, wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor. Das
Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert, jetzt
aber lag Grabesstille über den weiten Gängen und Gemächern, nur zuweilen vom
Knistern der Lichter, vom Ticken des Holzwurmes im schwärzlichen Getäfer und dem
eintönigen Rollen der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes
für ihn gehabt, seine Gedanken waren auch ferne davon und die tiefe Melancholie
der öden Gemächer und der Gedanke, nur wenige Strassen von ihr entfernt, doch den
langersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu müssen, breitete düstere
Schatten über seine Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dieterichs,
beinahe alle Spiele zu gewinnen, die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes
verlieh, entschädigte ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden.
    Mit dem Schlag der achten Stunde führte Dieterich seinen Gast zum Abendbrot,
das die Amme trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der
Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben. Hier öffnete auch der Ratsschreiber
wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem Gaste das Mahl durch
Gespräch zu würzen suchte. Aber umsonst spähete dieser, ob er nicht von seinem
schönen Mühmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er, Kraft zählte unter den
württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den Ritter von
Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare Gefühle gegen die
Wendung seines Schicksales in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei
beigetreten zu sein, die ihm sonst ausser den berühmten Namen, die sie an der
Spitze trug, ziemlich gleichgültig war. So aber hatte auch ihr Vater sich in dem
Sammelplatze des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, dass ihm
das Glück vergönnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er
doch die Gewissheit in der Brust, ihm beweisen zu können, dass Georg von
Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heere sei.
    Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach und
schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch für seine Ruhe. Georg sah sich
das Gemach, das man ihm angewiesen hatte, näher an, und fand, dass es ganz zu dem
öden Hause passe. Die runden, vom Alter geblendeten Scheiben der Fenster, das
dunkle Täferwerk an Wand und Decke, der grosse weit vorspringende Ofen, selbst
das ungeheure Bette mit breitem Himmel und steifen, schweren Gardinen, sie
gewährten ein düsteres, beinahe trauriges Aussehen. Aber dennoch war alles zu
seiner Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweisse Linnen blinkten ihm
einladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhänge zurückschlug; der Ofen
verbreitete eine angenehme Wärme, eine Nachtlampe war an der Decke aufgehängt,
und selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten warmen Weines, war nicht
vergessen. Er zog die Gardinen vor, und liess die Bilder des vergangenen Tages an
seiner Seele vorüberziehen. Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber,
dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedränge führten sie seine Seele in das
Reich der Träume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild
der Geliebten.
 
                                       V
 -Ist's kein Wahn?
 Will der Holde, Vielgetreue,
 Dem ich Herz und Leben weihe,
 Heute noch zu Gruss und Kusse nahn?
                                                                         F. Haug
Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner Türe
erweckt. Er schlug die Vorhänge seines Bettes zurück und sah, dass die Sonne
schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder und stärker gepocht, und sein
freundlicher Wirt, schon völlig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen
wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dieterich gleich auf die Ursache seines
frühen Besuches. Der Grosse Rat hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft
der Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf
dem Ratause abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu,
alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehörte, er musste die Stadtpfeifer
bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen,
er musste vor allem zu seinen lieben Mühmchen eilen, um ihnen dieses seltene
Glück zu verkündigen.
    Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste und versicherte ihn,
dass er vor dem Drang der Geschäfte nicht wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch
Georg hatte nur für eines Sinn; er durfte hoffen, Marien zu sehen und zu
sprechen, und darum hätte er gerne Herrn Dieterich für seine gute Botschaft an
das freudig pochende Herz gedrückt.
    »Ich sehe es Euch an«, sagte dieser, »die Nachricht macht Euch Freude und
die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein paar
Tänzerinnen haben, wie Ihr sie nur wünschen könnt; mit meinen Bäschen sollt Ihr
mir tanzen, denn ich bin ihr Führer bei solchen Gelegenheiten und werde es schon
zu machen wissen, dass Ihr und kein anderer zuerst sie aufziehen sollet; und wie
werden sie sich freuen, wenn ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche!«
Damit wünschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er
ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versäumen.
    Herr Dieterich hatte als sehr naher Verwandter schon so frühe am Tag Zutritt
im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine vielen Geschäfte
bei diesem Morgenbesuche entschuldigten.
    Er fand die Mädchen noch beim Frühstück. Wohl hätte dort manche unserer
heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellain und den, nach den
schönsten, antiken Vasen geformten Schokoladebecher vermisst. Aber, wenn es wahr
ist, dass natürliche Anmut und Würde auch im geringsten Kleide sich dem Auge
nicht verhüllen, so dürfen wir schon mit mehr Mut gestehen, dass Marie und die
fröhliche Berta an jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten. Ob aber dieses
Geständnis der ästetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut? Es mag sein;
wer übrigens Marien und Berta in dem weissen Morgenhäubchen, in dem reinlichen
Hauskleide gesehen hätte, würde gewiss auch wie Vetter Kraft, Verlangen getragen
haben, dieses Frühstück mit den holden Mädchen zu teilen.
    »Ich sehe dir es an, Vetter«, begann Berta, »du möchtest gar zu gerne von
unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat;
aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem Sinne; du hast Strafe
verdient und musst fasten -«
    »Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben«, unterbrach sie Marie.
    »Ja wohl«, fiel ihr Berta in die Rede, »aber bilde dir nur nicht ein, dass
wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz allein deine Neuigkeiten.«
    Der Ratsschreiber war schon gewohnt von Berta so empfangen zu werden; er
wollte daher, um sie zu versöhnen, dass er nicht gestern abend noch ihre
Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto längerem Strome geben;
aber Berta unterbrach ihn: »Wir kennen«, sagte sie, »deine breiten Erzählungen,
und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit angesehen; von eurem
Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen,
darum antworte mir auf meine Frage.« Sie stellte sich mit komischem Ernst vor
ihn hin und fuhr fort: »Dieterich von Kraft, Schreiber eines wohledlen Rates,
habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen, überaus höflichen Herrn gesehen,
mit langem hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so milchweiss wie das Eure,
aber doch nicht minder hübsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure,
aber dennoch schöner, hellblauer Schärpe mit Silber...«
    »Ach, das ist kein anderer als mein Gast«, rief Herr Dieterich, »er ritt
einen grossen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschljetzt und mit
Hellblau ausgelegt?«
    »Ja, ja, nur weiter«, rief Berta, »wir haben unsere eigenen Ursachen, uns
nach ihm zu erkundigen.«
    Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten, indem sie den beiden
den Rücken zukehrte; aber die Röte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen
wechselte, liess ahnen, dass sie kein Wort von Herrn Dieterichs Erzählung verlor.
    »Nun das ist Georg von Sturmfeder«, fuhr der Ratschreiber fort; »ein
schöner, lieber Junge. Sonderbar; auch ihr seid ihm gleich beim Einzug
aufgefallen« - und nun erzählte er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der
hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Jünglings Mienen gleich anfangs
aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, wie er ihn immer
lieber gewonnen und endlich in sein Haus geführt habe.
    »Nun, das ist schön von dir, Vetter«, sagte Berta als er geendet hatte, und
reichte ihm freundlich die Hand, »ich glaube, es ist das erstemal, dass du es
wagst, Gäste zu haben. Aber das Gesicht der alten Sabine hätte ich sehen mögen,
als Junker Dieter so spät noch einen Gast brachte.«
    »Oh, sie war wie der Lindwurm gegen Sankt Georg; aber als ich ihr ganz
verblümt zu verstehen gab, es könne wohl geschehen, dass ich bald eine meiner
schönen Basen heimführen werde...«
    »Ach, geh doch!« entgegnete Berta, indem sie ihm hoch errötend ihre Hand
entreissen wollte; aber Herr Dieterich, dem sein Mühmchen noch nie so hübsch als
in diesem Augenblicke geschienen hatte, drückte die weiche Hand fester, und
Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die
Waagschale der fröhlichen Berta, die jetzt in holder Verschämteit vor ihm sass,
stieg hoch in den Augen des glücklichen Ratschreibers.
    Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Berta ergriff mit
Freuden diese Gelegenheit ein anderes Gespräch einzuleiten.
    »Da geht sie nun wieder«, sagte sie und sah Marien nach, »und ich wollte
darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat gestern wieder so
heftig geweint, dass ich auch ganz traurig geworden bin.«
    »Was hat sie nur?« fragte Dieterich teilnehmend.
    »Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen erfahren«, fuhr Berta
fort, »ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie schüttelt dann nur
den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wäre; der unselige Krieg! war alles, was
sie mir zur Antwort gab.«
    »So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein
zurückzugehen?«
    »Ja wohl«, war Bertas Antwort, »du hättest nur hören sollen, wie der alte
Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen schimpfte. Nun - er ist einmal
seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen; aber sobald
der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.«
    Herr Dieterich schien sehr nachdenklich zu werden; er stützte den Kopf auf
die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu.
    »Und denke«, fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach dem Einritte der
Bündischen so heftig geweint. Du weisst, sie war zwar vorher schon immer ernst
und düster, und ich habe sie an manchem Morgen in Tränen gefunden; aber als habe
schon dieser Einzug über das ganze Schicksal des Krieges entschieden, so
untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube Ulm liegt ihr nicht so am Herzen,
aber ich vermute«, setzte sie geheimnisvoll hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe
im Herzen.«
    »Ach freilich, ich habe es ja schon lange gemerkt«, seufzte Herr Dieterich,
»aber was kann ich denn davor?«
    »Du? was du davor kannst?« lachte Berta, auf deren Gesicht bei diesen Worten
alle Trauer verschwunden war; »nein! du bist nicht schuld an ihrem Schmerz. Sie
war schon so, ehe du sie nur mit einem Auge gesehen hast!«
    Der ehrliche Ratschreiber war sehr beschämt durch diese Versicherung. Er
glaubte in seinem Herzen nicht anders, als der Abschied von ihm, gehe der armen
Marie so nahe, und fast schien ihr wehmütiges Bild in seinem wankelmütigen
Herzen wieder das Übergewicht zu bekommen. Berta aber liess nicht ab, ihn mit
seiner törichten Vermutung zu höhnen, bis ihm auf einmal der Zweck seines
Besuches wieder einfiel, den er während des Gespräches ganz aus den Augen
verloren hatte. Sie sprang mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter
die Nachricht von dem Abendtanz mitteilte.
    »Marie, Marie!« rief sie in hellen Tönen, dass die Gerufene bestürzt und
irgendein Unglück ahnend, herbeisprang. »Marie, ein Abendtanz auf dem Rataus!«
rief ihr die beglückte Berta schon unter der Türe entgegen.
    Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht. »Wann? kommen die
Fremden dazu?« waren ihre schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen
färbte, und aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Tränen nicht verbergen
konnte, ein Strahl der Freude drang.
    Berta und der Vetter waren erstaunt über den schnellen Wechsel von Schmerz
und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, dass Marie
eine leidenschaftliche Tänzerin sein müsse. Doch wir glauben, er habe sich
hierin nicht weniger geirrt als wenn er Georg für einen Weinkenner hielt.
    Als der Ratschreiber sah, dass er jetzt, wo die Mädchen sich in eine wichtige
Beratung über ihren Anzug verwickelten, eine überflüssige Rolle spiele, empfahl
er sich, um seinen wichtigeren Geschäften nachzugehen. Er beeilte sich, seine
Anordnungen zu treffen, und die hohen Gäste und die angesehensten Häuser zu
laden. Überall erschien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzählt,
ist die Freude am Tanzen nicht erst in unseren Tagen über die Mädchen gekommen.
    Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum Grundsatz
geworden, dass man nur in einer langen Reihe von Zimmern, bei flimmernden
Lustres, umgeben von jenen unzähligen, unwesentlichen Dingen, welche die Mode
als notwendig preist, fröhlich sein könne. Der Rataussaal gab hinlänglichen
Raum, und die kunstlosen Lampen, die an den Wänden aufgehängt waren, hatten
bisher Helle genug verbreitet, die schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu
sehen.
    Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen, er
hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspäht, die bis jetzt nur der
engere Ausschuss des Rates mit den Bundesobersten teilte.
    Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte kam er gegen Mittag nach
Hause und sein erster Gang war nach seinem Gaste zu sehen. Er traf ihn in
sonderbarer Arbeit. Georg hatte lange in einem schöngeschriebenen Chronikbuch,
das er in seinem Zimmer gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten
Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzüge
und Schlachtenstücke, welche mit kühnen Zügen entworfen, mit besonderem Fleisse
ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume Zeit.
Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen Bildern, die er angeschaut hatte,
seinen Helm und Harnisch, und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und
blank zu machen, indem er, zu grossem Ärgernis der Frau Sabine, bald lustige bald
ernstere Weisen dazu sang.
    So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die
angenehme Stimme des Singenden vernommen; er konnte sich nicht entalten noch
einige Zeit an der Türe zu lauschen, ehe er den Gesang unterbrach.
    Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden Weisen, wie sie durch
ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage herabkamen.
Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben, und oft und gerne haben wir,
ergriffen von ihrer einfachen Schönheit, von den gehaltenen Klängen ihrer vollen
Akkorde, an den lieblichen Ufern des Neckars sie belauscht.
    Der Sänger begann von neuem:
»Kaum gedacht
War der Lust ein End gemacht.
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.
Doch was ist
Aller Erden Freud und Lüst'.
Prangst du gleich mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Sieh, die Rosen welken all.
Darum still
Geb ich mich, wie Gott es will.
Und wird die Trompete blasen,
Und muss ich mein Leben lassen,
Stirbt ein braver Reitersmann.«
»Wahrlich, Ihr habt eine schöne Stimme«, sagte Herr von Kraft, als er in das
Gemach eintrat, »aber warum singet Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar
nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muss fröhlich sein, wie es einem
jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.«
    Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreunde die Hand.
»Ihr mögt recht haben«, sagte er, »was Euch betrifft; aber wenn man zu Feld
reitet wie wir, da hat ein solches Lied grosse Gewalt und Trost, denn es gibt
auch dem Tode eine milde Seite.«
    »Nun, das ist ja gerade was ich meine«, entgegnete der Schreiber des Grossen
Rates, »wozu soll man das auch noch in schönen Verslein besingen, was leider nur
zu gewiss nicht ausbleibt. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst
kommt er, sagt ein Sprüchwort; übrigens hat es damit keine Not, wie jetzt die
Sachen stehen.«
    »Wie? ist der Krieg nicht entschieden?« fragte Georg neugierig. »Hat der
Württemberger Bedingungen angenommen?«
    »Dem macht man gar keine mehr«, antwortete Dieterich mit wegwerfender Miene,
»er ist die längste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an
uns. Ich will Euch etwas sagen«, setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu,
»aber bis jetzt bleibt es noch unter uns; die Hand darauf. Ihr meint der Herzog
habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zürch und
Bern geschickt haben, ist zurück; was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der
Alb liegt - muss nach Haus.«
    »Nach Haus zurück?« rief Georg erstaunt, »haben die Schweizer selbst Krieg?«
    »Nein«, war die Antwort, »sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld; glaubt
mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das ganze Heer nach
Haus zurückrufen.«
    »Und werden sie gehen?« unterbrach ihn der Jüngling, »sie sind auf ihre
eigene Faust dem Herzog zu Hülfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen
zu verlassen?«
    »Das weiss man schon zu machen; glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer der
Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu
eilen14, sie werden bleiben? Ulerich hat zuwenig Geld, um sie zu halten, denn
auf Versprechungen dienen sie nicht.«
    »Aber ist dies auch ehrlich gehandelt«, bemerkte Georg, »heisst das nicht dem
Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen stehlen und ihn dann
überfallen?«
    »In der Politica, wie wir es nennen«, gab der Ratschreiber zur Antwort, und
schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenüber kein geringes Ansehen geben zu
wollen, »in der Politica wird die Ehrlichkeit höchstens zum Schein angewandt; so
werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklären, dass sie sich ein Gewissen daraus
machen, ihre Leute gegen die freien Städte dienen zu lassen; aber die Wahrheit
ist, dass wir dem grossen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als der
Herzog.«
    »Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen«, sagte Georg, »so hat doch
Württemberg noch Leute genug, um keinen Hund über die Alb zu lassen.«
    »Auch dafür wird gesorgt«, fuhr der Schreiber in seiner Erläuterung fort,
»wir schicken einen Brief an die Stände von Württemberg, und ermahnen sie, das
unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu
tun, sondern dem Bunde zuzuziehen.«15
    »Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »das hiesse ja den Herzog um sein Land
betrügen; wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen, und sein
schönes Württemberg mit dem Rücken anzusehen?«
    »Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen
wieder zur Reichsstadt machen? Von was soll denn Hutten seine 42 Gesellen und
ihre Diener besolden? Wovon denn Sickingen seine 1000 Reiter und 12000 zu Fuss,
wenn er nicht ein hübsches Stückchen Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der
Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt
zunächst an Württemberg -«
    »Aber die Fürsten Teutschlands«, unterbrach ihn Georg ungeduldig, »meint
Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, dass Ihr ein schönes Land in kleine Fetzen
reisst? Der Kaiser, wird er es dulden, dass Ihr einen Herzog aus dem Lande jagt?«
    Auch dafür wusste Herr Dieterich Rat. »Es ist kein Zweifel, dass Karl seinem
Vater als Kaiser folgt; ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an,
und wenn Österreich seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch,
sehet nicht so düster aus; wenn Euch nach Krieg gelüstet, da kann Rat dazu
werden. Der Adel hält noch zum Herzog, und an seinen Schlössern wird sich noch
mancher die Zähne einbrechen. Wir verschwatzen übrigens das Mittagsmahl, kommt
bald nach, dass wir erfahren was Frau Sabina uns gekocht hat.« Damit verliess der
Schreiber des Grossen Rates von Ulm, so stolzen Schrittes, als wäre er selbst
schon Obervormund von Württemberg, das Zimmer seines Gastes.
    Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zürnend schob er
seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute zu seinem ersten
Kampf geschmückt hatte, in die Ecke; mit Wehmut betrachtete er sein altes
Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streite geführt,
den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld
gesendet hatte. »Ficht ehrlich«, war das Symbolum, das der Waffenschmied in die
schöne Klinge gegraben hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre
Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener Männer, der
Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da sollten geheime Ränke,
die Politica, wie Herr Dieterich sich ausdrückte entscheiden? Wo ihn der
fröhliche Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er
nur den habgierigen Planen dieser Menschen dienen? Ein altes Fürstenhaus, dem
seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spiessbürgern vertreiben
sehen? Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich
belehren lassen zu müssen.
    Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt, konnte er nicht lange Raum
geben, wenn er bedachte, dass ja jene Plane nicht in seinem Kopfe gewachsen
seien; und dass Menschen, wie dieser politische Ratschreiber, wenn sie einmal ein
Geheimnis, einen grossen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und
pflegen wie ihren eigenen; dass sie sich mit dem adoptierten Kinde brüsten, als
wäre es Minerva und aus ihrem eigenen, harten Kopfe entsprungen.
    Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch
rief.
    Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem
erträglicher, als er sich erinnerte, dass ja auch Mariens Vater dieser Partei
folge; es war ihm, als möchte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher
Männer, wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.
Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schnell sich handhabt wie des Messers Schneide -
- Gleich heisst ihr alles schändlich oder würdig,
Bös oder gut. -
Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen, die
Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über jene Dinge
änderte. Und wie die düsteren Falten des Unmuts, auf einer jugendlichen Stirne
sich schneller glätten, wie selbst schmerzliche Eindrücke in des Jünglings Seele
von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden, so erhellte auch Georgs Seele
der freudige Gedanke an den Abend.
    Man hat uns erzählt, dass unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe, die
gehören, wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft. Der Geist sei da
ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg fühlen. Er träumte von
den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt sein werde, die Geliebte zu sehen,
sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und in ihrem Auge zu lesen.
 
                                       VI
 Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
 Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.
                                                                       L. Uhland
Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarke oder in der Auktion eines
Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, mit neuen Tanztouren vom
Jahr 1519« aufzufinden, wir hätten nicht leicht so angenehm überrascht werden
können, als durch einen Fund ähnlicher Art, den uns der Zufall in die Hände
spielte.
    Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel gekommen,
das um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll; da fiel uns mit
einem Male der Gedanke schwer aufs Herz, dass wir ja nicht einmal wissen, wie und
was man in jenen Zeiten getanzt habe.
    Wir hätten zwar schlechtin sagen können, »sie tanzten«; aber wie leicht
wäre es geschehen gewesen, dass eine unserer freundlichen Leserinnen einen
Anachronismus gemacht, und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen
Cotillon hätte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit stiessen wir auf das sehr
selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung und Herkommen der Turniere im
heiligen römischen Reich. Frankfurt 1564.« Wir fanden in diesem teuren
Folianten, unter andern trefflichen Holzschnitten einige, die einen solchen
Abendtanz vorstellten, wie er zu Zeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor
dieser Historie, gehalten wurde.
    Wir dürfen beinahe mit Gewissheit annehmen, dass der Abendtanz im Ulmer
Rataussaal sich in nichts von jenem angeführten unterschied, und man wird sich
den deutlichsten Begriff eines solchen Vergnügens machen, wenn wir eines dieser
Bilder beschreiben.
    Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, Trommler und Trompeter
ein, die, nach dem Ausdrucke des Turnierbuches, »eins aufblasen«. Zu beiden
Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, steht die tanzlustige Jugend, in reiche
schwere Stoffe gekleidet. In unseren Tagen sieht man bei solchen Gelegenheiten
nur zwei Grundfarben, Schwarz und Weiss, worein sich die Herren und Damen, wie in
Nacht und Tag geteilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein überraschender Glanz
der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot vom
brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes brennende Blau, das uns
noch heute an den Gemälden alter Meister überrascht, sind die freudigen Farben
ihrer malerisch drapierten Gewänder. Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche
Tanz ein. Er hat am meisten Ähnlichkeit mit der Polonaise, denn er ist ein Umzug
im Saale. Den Zug eröffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den
Instrumenten; diesen folgt der Vortänzer und seine Dame, diese Stelle begleitet
bei jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei nicht die
Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tänzers. Auf diese folgen zwei
Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die Damen
schreiten ehrbar und züchtig einher, die Männer aber setzen ihre Füsse
wunderlich, wie zu kühnen Sprüngen, einige scheinen auch mit den Absätzen den
Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben noch heutzutage sehen
können.
    So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon längst zum ersten auf, als
Georg von Sturmfeder in den Rataussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch
die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem
jungen, fränkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede,
die er an sie richtete, nicht Gehör zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre
Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen
Fräulein, die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, das
andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um
den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern zuwandten, um zu
prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiss auf sie gerichtet sei?
    In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und endeten;
Herr Dieterich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam ihn, wie er
versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte ihm zu, dass er selbst
schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Berta versagt sei, doch habe er soeben
um Mariens Hand für seinen Gast geworben.
    Beide Mädchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden
vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen, was sie über
ihn gesprochen, Bertas angenehme Züge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in
welche sie sein Anblick versetzte, liess sie nicht bemerken, welches Entzücken
ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem
suchte, wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.
    »Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast«, begann
der Ratschreiber, »der um die Gunst bittet, mit euch zu tanzen.«
    »Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hätte«,
antwortete Berta schneller gefasst als ihre Base, »so solltet Ihr ihn haben, aber
Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen.«
    »So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?« fragte Georg,
indem er sich zu der Geliebten wandte.
    »Ich bin an Euch versagt«, antwortete Marie. So hörte er denn zum ersten
Male wieder die Stimme, die ihn so oft mit den süssesten Namen genannt hatte, er
sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold anblickten, wie vormals.
    Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldlieutenant Waldburg
Truchsess, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner Tänzerin
vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff
Mariens Hand und schloss sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden,
sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache
sie dieses Wiedersehen nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine
düstere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob
Dieterich und Berta, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe sei. - Sie
waren ferne.
    »Ach Georg«, begann sie, »welch unglücklicher Stern hat dich in dieses Heer
geführt!«
    »Du warst dieser Stern, Marie«, sagte er, »dich habe ich auf dieser Seite
geahnet, und wie glücklich bin ich, dass ich dich fand! Kannst du mich tadeln,
dass ich die gelehrten Bücher beiseite legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja
kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gute will ich wuchern,
dass der deinige sehen soll, dass seine Tochter keinen Unwürdigen liebt.«
    »Ach Gott; du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?« unterbrach sie ihn.
    »Ängstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht völlig
zugesagt; aber es muss nächster Tage geschehen. Willst du denn deinem Georg nicht
auch ein wenig Kriegsruhm gönnen; warum magst du um mich so bange haben? Dein
Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.«
    »Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie, »er ist ja - doch brich ab,
Georg, brich ab - Berta belausche uns; aber ich muss dich morgen sprechen, ich
muss , und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! wenn ich nur wüsste wie?«
    »Was ängstigt dich denn nur so?« fragte Georg, dem es unbegreiflich war, wie
Marie statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, nur an die Gefahren
dachte, denen er entgegengehe? »Du stellst dir die Gefahren grösser vor als sie
sind«, flüsterte er ihr tröstend zu: »Denke an nichts, als dass wir uns jetzt
wiederhaben, dass ich deine Hand drücken darf, dass Auge in Auge sieht wie sonst.
Geniesse jetzt die Augenblicke, sei heiter!«
    »Heiter? o diese Zeiten sind vorbei, Georg! höre und sei standhaft - mein
Vater ist nicht bündisch!«
    »Jesus Maria! was sagst du«, rief der Jüngling und beugte sich, als habe er
das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien; »o sage, ist denn dein
Vater nicht hier in Ulm?«
    Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei dem
ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie antwortete nur durch
einen Druck der Hand, und ging mit gesenktem Haupt nach Kraft suchend, ihren
Schmerz zu bekämpfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist dieses
Mädchens über die Schwäche ihrer Natur, die einem so grossen, tiefen Kummer
beinahe erlegen wäre. »Mein Vater«, flüsterte sie, »ist Herzog Ulerichs wärmster
Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, führt er mich heim auf den
Lichtenstein!«
    Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten die
Trompeten, sie begrüssten den Truchsess, der eben an dem Musikchor vorüberzog; er
warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu, und von neuem erhob sich
ihr betäubender Jubel.
    Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser
Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu
sagen, und sie bemerkten nicht einmal wie ein Geflüster über sie im Saal erging,
das sie als das schönste Paar pries.
    Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehört. Sie war zu
gutmütig, als dass Neid darüber in ihre Seele gekommen wäre, aber sie setzte sich
doch im Geiste an Mariens Platz, und fand, dass man vielleicht das Paar nicht
minder schön gefunden hätte. Auch das Gespräch, das zwischen den beiden begonnen
hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange
sprach, schien mehr und angelegentlicher zu reden, als ihr Tänzer. Die Musik
hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die man
vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschliesslich zuschreibt, wurde in
ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um - ein wenig zu
lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch verstummte als sie näher
kam, oder wurde so leise geführt, dass sie nichts davon verstand.
    Ihr Interesse an dem schönen, jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen;
noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig geworden, als in diesen
Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen
gedachte, verhinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als
endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen, dass der nächste an des
jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie sein werde.
    Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung Georg kam, sie um den nächsten
Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte fröhlich an seiner
Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so
freundlich gesprochen hatte. Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken,
war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, dass er sich immer
erst wieder sammeln musste, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.
    War dies jener »höfliche Reiter«, welcher sie, ohne dass sie sich je gesehen
hatten, so freundlich grüsste? War es derselbe, welcher so heiter, so fröhlich
war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte? Derselbe, der mit Marien so eifrig
sich unterredet hatte? Oder sollte diese - -? ja es war klar. Marie hatte ihm
besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm tanzte. Je
weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um so
mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern
zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie setzte daher mit ihrer
heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den bevorstehenden Krieg, das sie mit
Mühe angesponnen hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marie und
dem Ratsschreiber traten. »Nun? und der wievielste Feldzug ist es denn, Herr von
Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnet?«
    »Es ist mein erster«, antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war
unmutig darüber, dass jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit Marie so
gerne gesprochen hätte.
    »Euer erster?« entgegnete Berta verwundert, »Ihr wollt mir etwas weismachen,
da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirne.«
    »Die bekam ich auf der hohen Schule«, antwortete Georg.
    »Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter. »Nun, und da seid
Ihr gewiss recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den
Ketzern in Wittenberg.«
    »Nicht so weit als Ihr meint«, entgegnete er, indem er sich zu Marien
wandte; »ich war in Tübingen.«
    »In Tübingen?« rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies
einzige Wort, alles was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit
niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf den Wangen, vor ihr stand,
überzeugte sie, dass die lange Reihe von Schlüssen, die sich an jenes Wort
anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar,
warum sie der artige Reiter begrüsste, warum Marie weinte, die ihn gewiss gerne
auf der feindlichen Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener gesprochen,
warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich,
sie mussten sich längst gekannt haben.
    Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz
bestürmte, sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der
Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer
Gegenstand beschäftigte. Unmut über Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge.
Sie suchte Entschuldigung für ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der
Falschheit ihrer Base. Hätte diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu
dem jungen Manne stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt, er wäre
ihr dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese
Beschämung erfahren. Wir haben es von guter Hand, dass junge Damen grosse
Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anstand zu ertragen
wissen; dass sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge handelt, nicht Gleichmut
genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, nicht Grossmut genug,
um zu vergessen.
    Berta hat an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines Blickes mehr
gewürdigt, was ihm übrigens über dem grösseren Schmerz, der seine Seele
beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch, dass er nie mehr
Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestört zu sprechen; der Abendtanz
ging zu Ende, ohne dass er über Mariens Schicksal und über die Gesinnungen ihres
Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit ihm
zuzuflüstern, er möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht
irgendeine Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.
    Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Berta hatte auf alle Fragen
Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, dass sie ahnete, was in
ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein grosser Schmerz beschäftigte,
war nach und nach immer düsterer, einsilbiger geworden.
    Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen
Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach
traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge
Mädchen nur noch zu engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es
heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, dass
es in langen Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte,
es unter das Nachtäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens
Hülfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu stolz, ihre Feindin,
wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf
sie das Häubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
    Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf, und trat hinzu,
das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden.
    »Hinweg, du Falsche!« rief die erzürnte Berta, indem sie die hilfreiche Hand
zurückstiess.
    »Berta, hab ich dies um dich verdient?« sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut.
»O wenn du wüsstest, wie unglücklich ich bin, du würdest sanfter gegen mich
sein!«
    »Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich; vielleicht weil der
artige Herr nur einmal mit dir tanzte?«
    »Du bist recht hart, Berta«, antwortete Marie, »du bist böse auf mich, und
sagst mir nicht einmal warum?«
    »So? Du willst also nicht wissen, dass du mich betrogen hast? nicht wissen,
wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung aussetzen? Ich hätte
nie geglaubt, dass du so schlecht, so falsch an mir handeln würdest!«
    Von neuem erwachte in Berta das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt zu
sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heisse Stirne in die Hand und die
reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die Weinende.
    Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzens; Marie kannte diese Tränen und
fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Berta! Du schiltst meine Heimlichkeit; ich sehe
du hast erraten, was ich nie von selbst sagen konnte. Setze dich selbst in meine
Lage; ach, du selbst, so heiter und offen du bist, du selbst hättest mir dein
Geheimnis nicht vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus; du weisst, was meine
Lippen auszusprechen sich scheuten; ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und
nicht erst von gestern her. Willst du mich hören? darf ich dir alles sagen?«
    Bertas Tränen flossen noch immer; sie antwortete nicht auf jene Fragen, aber
Marie hub an zu erzählen, wie sie Georg im Hause der seligen Muhme kennengelernt
habe; wie sie ihm gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden; alle jene
schönen Erinnerungen lebten in ihr auf, mit glühenden Wangen, mit strahlendem
Auge führte sie die Vergangenheit herauf; sie erzählte von so mancher schönen
Stunde, vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied. »Und jetzt«, fuhr sie mit
wehmütigem Lächeln fort, »jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf diese
Seite geführt; er hört, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht anders, als mein
Vater sei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen,
denn er ist arm, recht arm! O Berta, du kennst meinen Vater; er ist so gut, aber
auch so strenge, wenn etwas seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Manne
seine Tochter geben, der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das
waren meine Tränen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fliessen, aber
eine unbesiegbare Scham schloss meine Lippen; kannst du mir noch zürnen? Muss ich
mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?«
    Auch Mariens Tränen flossen, und Berta fühlte den eigenen Schmerz von dem
grössern Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend und weinte
mit ihr.
    »In den nächsten Tagen«, fuhr diese fort, »will mein Vater Ulm verlassen,
und ich muss ihm folgen. Aber noch einmal muss ich Georg sprechen, nur ein
Viertelstündchen; Berta, du kannst gewiss Gelegenheit geben; nur ein ganz kleines
Viertelstündchen!«
    »Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?« fragte Berta.
    »Was nennst du die gute Sache?« antwortete Marie. »Des Herzogs Sache ist
vielleicht nicht minder gut als die eure; du sprichst so, weil ihr bündisch
seid; ich bin eine Württembergerin, und mein Vater ist seinem Herzoge treu. Doch
sollen wir Mädchen über den Krieg entscheiden? Lass uns lieber auf Mittel sinnen,
ihn noch einmal zu sehen.«
    Berta hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer Base
zugehört hatte, ganz vergessen, dass sie ihr jemals gram gewesen war. Sie war
überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen ihr diese
Mitteilungen erwünscht; sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten einer
Vertrauten sei und gab sich daher alle mögliche Mühe, dem liebenden Paare mit
ihrem Scharfsinn zu dienen.
    »Ich hab's gefunden«, rief sie endlich aus, »wir laden ihn geradezu in den
Garten.«
    »In den Garten?« fragte Marie schüchtern und ungläubig, »und durch wen?«
    »Sein Wirt, der gute Vetter Dieterich muss ihn selbst bringen«, antwortete
sie, »das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wörtchen davon merken, lass nur
mich dafür sorgen.«
    Marie, entschlossen und stark bei grossen Dingen, zitterte doch bei diesem
gewagten Schritte. Aber ihre mutige, fröhliche Base wusste ihr alle
Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurückgekehrter, mit erneuerter Hoffnung
und befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mädchen, ehe sie
sich zur Ruhe legten.
 
                                      VII
 Und wie ein Geist schlingt um den Hals
 Das Liebchen sich herum:
 »Willst mich verlassen, liebes Herz
 Auf ewig?« und der bittre Schmerz
 Macht 's arme Liebchen stumm.
                                                                        Schubart
Sinnend und traurig sass Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in seinem
Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Tröstliches für seine Hoffnungen
erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt und
unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden. Zwölf Edelknaben waren, die
Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der Ritterschaft und gesamter Städte an
ihre Lanzen geheftet, zum Gögglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft
dem Württemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Strassen rief man einander
fröhlich diese Nachricht zu, und die Freude, dass es jetzt endlich ins Feld gehen
werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur einen traf diese
Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb ihn aus
dem Kreise der fröhlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben zuzogen, um in
lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los künftiger Siege
im Würfelspiel zu belauschen. Ach! ihm waren ja schon die Würfel gefallen! ein
blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm
auf lange, vielleicht auf ewig verloren.
    Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstürmten, weckten ihn aus seinem
Brüten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Türe. »Glück auf, Junker!«
rief er, »jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber Ihr wisst es vielleicht noch
gar nicht? der Krieg ist angekündigt, schon vor einer Stunde sind unsere
Absageboten ausgeritten.«
    »Ich weiss es«, antwortete sein finsterer Gast.
    »Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehört - nein, das
könnt Ihr nicht wissen«, fuhr Dieterich fort, indem er zutraulich näher zu ihm
trat, »dass die Schweizer bereits abziehen?«
    »Wie, sie ziehen?« unterbrach ihn Georg, »also hat der Krieg schon ein
Ende?«
    »Das möchte ich nicht gerade behaupten«, fuhr der Ratsschreiber bedenklich
fort, »der Herzog von Württemberg ist noch ein junger, mutiger Herr und hat noch
Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr
wagen, aber er hat feste Städte und Burgen. Da ist einmal der Höllenstein und
darin Stephan von Lichow, ein Mann wie Eisen. Da ist Göppingen, das Philipp von
Rechberg auch nicht auf den ersten Stückschuss ergeben wird; da ist Schorndorf,
Rotenberg und Asperg, da ist vor allem Tübingen, das er tüchtig befestigt hat.
Es wird noch mancher ins Gras beissen, bis Ihr Eure Rosse im Neckar tränket.
    Nun, nun!« fuhr er fort, als er sah, dass seine Nachrichten die finstere
Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten. »Wenn Ihr diese
kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet, so schenkt Ihr vielleicht
einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht
irgendwo eine Base?«
    »Base? ja, warum fragt Ihr?«
    »Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin Berta
vorbrachte. Als ich aus dem Rataus kam, winkte sie mir hinauf und befahl mir,
meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der Donau zu führen. Marie habe
Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr
müsst mir schon den Gefallen tun, mitzugehen. Solche Geheimnisse und Aufträge
sind zwar gewöhnlich nicht weit her und ich wollte wetten, sie geben Euch ein
Müsterlein für den Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle, oder ein tiefes
Geheimnis der Kochkunst, oder gar ein paar Körnlein von einer seltenen Blume
mit, denn Marie ist eine grosse Gärtnerin - doch, wenn Ihr gestern an dem Mädchen
Gefallen gefunden habt, geht Ihr wohl selbst gerne mit.«
    Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde musste Georg über
die List der Mädchen lachen; freundlich bot er dem guten Boten die Hand und
schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten.
    Dieser lag an der Donau, ungefähr zweitausend Schritte unter der Brücke; er
war nicht gross, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiss. Die schönen Obstbäume waren
zwar noch nicht belaubt und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete
hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses
sich hinzog, und in eine geräumige Laube endete, gab durch sein helles Grün
einen lebhaften Anblick und hinlänglichen Schutz gegen die, einem weissen Hals
und schönen Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne. Dort, auf dem breiten
bequemen Steinsitze, wo die Lücken der Laube eine freie Aussicht die Donau
hinauf und hinab gewährten, hatten die Mädchen unter mancherlei Gesprächen der
jungen Männer geharrt.
    Marie sass traurig, in sich gekehrt; sie hatte den schönen Arm auf eine Lücke
der Laube aufgestützt, und das von Gram und Tränen müde Köpfchen in die Hand
gelegt. Ihr dunkles, glänzendes Haar hob die Weisse ihres Teint um so mehr
heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht, und schlaflose Nächte dem
lieblichen blauen Auge seinen sonst so überraschenden Glanz geraubt und ihm
einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie
gegeben hatten. Das vollendete Bild fröhlichen Lebens, sass die frische, runde,
rosige Berta neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen Haaren,
ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schärferen Formen ihrer Base,
wie ihre freundlichen, beweglichen hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast
stunden mit dem sinnenden, geistvollen Blick Mariens: so wurde auch jede ihrer
raschen, lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer.
    Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base zu
trösten oder doch ihren grossen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzählte und
schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebärde und Sprache vieler Leute nach, sie
versuchte alle jene tausend kleinen Künste, womit die Natur ihre fröhliche
Tochter ausstattete; aber wir glauben, dass sie wenig ausrichtete, denn nur hie
und da gleitete ein wehmütiges, schnell verschwebendes Lächeln über Mariens
feine Züge hin.
    Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die in
der Ecke stand. Marie besass auf diesem Instrument grosse Fertigkeit, und Berta
hätte sich sonst nicht leicht bewegen lassen, vor der Meisterin zu spielen. Doch
heute hoffte sie durch ihr Geklimper wenigstens ein Lächeln ihrer Base zu
entlocken. Sie setzte sich mit grossem Ernste nieder und begann:
»Fragt mich jemand, was ist Minne?
Wüsst ich gern auch darum meh(r).
Wer nun recht darüber sinne
Sag mir, warum tut sie weh?
Minne ist Liebe, tut sie wohl;
Tut sie weh, heisst sie nicht Minne.
Oh, dann weiss ich, wie sie heissen soll.«
»Wo hast du dies alte, schwäbische Liedchen her?« fragte Marie, die der
einfachen Musik und dem lieblichen Text gerne ihr Ohr lieh.
    »Nicht wahr, es ist hübsch? aber es kommt noch viel hübscher, wenn du hören
willst«, antwortete Berta; »das hat mich in Nürnberg ein Meistersänger, Hans
Sachs, gelehrt, es ist übrigens nicht von ihm, sondern von Walter von der
Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat. Höre nur
weiter:
Ob ich recht erraten könne,
Was die Minne sei? so sprecht ja;
Minne ist zweier Herzen Wonne;
Teilen sie gleich, so ist sie da.
Doch - soll ungeteilt sein,
So kann ein Herz allein sie nicht entalten;
Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?
Nun hast du geteilt mit dem armen Junker?« fragte die schelmische Berta ihre
errötende Base. »Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir teilen, einstweilen kann
er aber seinen ganzen Part allein tragen. Doch du wirst mir wieder ernst, ich
muss schon noch ein Liedchen des alten Herrn Walters singen:
Ich weiss nicht, wie es damit geschah,
Meinem Auge ist's noch nie geschehen,
Seit ich sie in meinem Herzen sah
Kann ich sie auch ohne Augen sehen;
Da ist doch ein Wunder mit geschehen,
Denn wer gab es, dass es ohne Augen
Sie zu aller Zeit mag sehen?
Wollt ihr wissen, was die Augen sein,
Womit ich sie sehe durch alle Land,
Es sind die Gedanken des Herzens mein
Damit schau ich durch Mauer und Wand,
Und hüten diese sie noch so gut,
Es schauen sie mit vollen Augen
Das Herz, der Wille und mein Mut.«
Marie lobte das Lied des Herrn Walter von der Vogelweide als einen guten Trost
beim Scheiden; Berta bestätigte es. »Ich weiss noch einen Reim«, sagte sie
lächelnd, und sang:
»Und zog sie auch weit in das Schwabenland,
Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,
Seine Blicke bohren durch Fels und Stein,
Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!«
Als Berta noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die
Gartenpforte; Männertritte tönten den Gang herauf, und die Mädchen standen auf,
die Erwarteten zu empfangen.
    »Herr von Sturmfeder«, begann Berta nach den ersten Begrüssungen, »verzeihet
doch, dass ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen; aber meine Base
Marie wünscht Euch Aufträge an eine Freundin zu geben. - Nun, und dass wir andern
nicht zu kurz kommen«, setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, »so wollen wir
eines plaudern und den Abendtanz von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres
Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.
    Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine
Brust und weinte heftig. Die süssesten Worte, die er ihr zuflüsterte, vermochten
nicht, ihre Tränen zu stillen. »Marie«, sagte er, »du warst ja sonst so stark,
wie kannst du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle
Hoffnung aufgeben?«
    »Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung, mit unserem Glück
ist es für ewig aus.«
    »Siehe«, antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben; ich trage die
Gewissheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben,
dass sie untergehen könne?«
    »Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muss dir ein tiefes Geheimnis
sagen, an dem das Leben meines Vaters hängt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer
Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist; er ist nicht nur deswegen
hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Plane des Bundes zu
erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer
Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jüngling geben, der in
unserem Verderben sich emporzuschwingen sucht? Einem, der sich an Menschen
anschliesst, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?«
    »Dein Eifer führt dich zu weit, Marie«, unterbrach sie der Jüngling; »du
musst wissen, dass mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!«
    »Und wenn dies wäre«, fuhr jene eifrig fort, »so sind sie betrogen und
verführt, wie auch du betrogen bist.«
    »Wer sagt dir dies so gewiss«, entgegnete Georg, welcher errötete, die
Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er
ahnete, dass sie so unrecht nicht habe; »wer sagt dir dies so gewiss? kann nicht
dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer
die Sache dieses stolzen, herrschsüchtigen Mannes führen, der seine Edlen
ermordet, der seine Bürger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des
Landes verprasst und seine Bauern verschmachten lässt?«
    »Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie, »so spricht man von
ihm in diesem Heere, aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie
ihren angestammten Fürsten nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer
auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht
freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog
von Bayern, diesen räuberischen Edlen, diesen Städtlern ihr Land abtreten.«
    Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich; »Aber wie entschuldigen denn diese
warmen Verteidiger den Mord des Hutten?« fragte er.
    »Ihr sprecht immer von Eurer Ehre«, antwortete Marie, »und wollt nicht
leiden, dass ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist nicht meuchelmörderisch
gefallen, wie seine Anhänger in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im
ehrlichen Kampfe, worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht
alles verteidigen, was er tat; aber man soll nur auch bedenken, dass ein junger
Herr, wie der Herzog, von schlechten Räten umgeben, nicht immer weise handeln
kann. Aber er ist gewiss gut, und wenn du wüsstest, wie mild, wie leutselig er
sein kann!«
    »Es fehlt nur noch, dass du ihn auch den schönen Herzog nennst«, sagte Georg
bitter lächelnd, »du wirst reichen Ersatz finden für den armen Georg, wenn er es
der Mühe wert hält, mein Bild aus deinem Herzen zu verdrängen.«
    »Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fähig
gehalten«, antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des Unmuts, im Gefühl
gekränkter Würde abwandte. »Glaubst du denn, das Herz eines Mädchens könne nicht
auch warm für die Sache ihres Vaterlandes schlagen?«
    »Sei mir nicht böse«, bat Georg, der mit Reue und Beschämung einsah, wie
ungerecht er sei, »gewiss, es war nur Scherz!«
    »Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück gilt?« entgegnete
Marie; »morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg entschieden ist; wir
sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und du magst scherzen? Ach, wenn
du gesehen hättest, wie ich so manche Nacht mit heissen Tränen zu Gott flehte, er
möge dein Herz hinüber auf unsere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück
bewahren, auf ewig getrennt zu sein, gewiss du könntest nicht so grausam
scherzen!«
    »Er hat es nicht zum Heil gelenkt«, antwortete Georg, düster vor sich
hinblickend.
    »Und sollte es nicht noch möglich sein«, sprach Marie, indem sie seine Hand
fasste und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmut
eines Engels ihm ins Auge sah, »sollte es nicht noch möglich sein? Komm mit uns,
Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zuführen.
Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch
anschlagen, wenn du ihm folgst, an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird
dann nicht zerrissen, nicht geteilt sein, zwischen jenseits und diesseits; mein
Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen beiden
Heeren irren!«
    »Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg der
Überzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf
ihren süssen Lippen gelagert. »Willst du mich bereden, ein Überläufer zu werden?
Gestern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklärt und morgen soll
ich zu dem Herzog hinüberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgültig sein?«
    »Die Ehre?« fragte Marie und Tränen entstürzten ihrem Auge; »sie ist dir
also teurer als deine Liebe? wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue
schwur. Wohlan! sei glücklicher mit ihr als mit mir! Aber möge dir, wenn dich
der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlägt, weil du in unsern
Fluren am schrecklichsten gewütet, wenn er dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil
du Württembergs Burgen am tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine
Freude nicht trüben, dass du ein Herz brachst, das dich so treu, so zärtlich
liebte!«
    »Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefühle
zerrissen, »dein Schmerz lässt dich nicht sehen, wie ungerecht du bist. Doch es
sei! dass du siehest, dass ich den Ruhm, der mir so freundlich winkte, der Liebe
zum Opfer zu bringen weiss, so höre mich: Hinüber zu euch darf ich nicht. Aber
ablassen will ich von dem Bunde, möge kämpfen und siegen wer da will - mein
Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!«
    Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des
jungen Mannes mit süssem Lohne. »O glaube mir«, sagte sie, »ich fühle, wieviel
dich dieses Opfer kosten muss. Aber siehe mir nicht so traurig an dein Schwert
hinunter; wer frühe entsagt, der erntet schön, sagt mein Vater, es muss uns doch
auch einmal die Sonne des Glückes scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir
scheiden; denn wie auch der Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen
Vater treten, und wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres
Opfer du gebracht hast!«
    Bertas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, dass der Ratsschreiber
nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete
Marie die Spuren ihrer Tränen und trat mit Georg aus der Laube.
    »Vetter Kraft will aufbrechen«, sagte Berta, »er fragt, ob der Junker ihn
begleiten wolle?«
    »Ich muss wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll«, antwortete
Georg; so teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie
gewesen wären, so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut, als dass
er ohne den Vetter, als Landfremder bei den Mädchen geblieben wäre.
    Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dieterich führte das Wort,
indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, dass seine Base morgen
schon Ulm verlassen werde. Aber Berta mochte in Georgs Augen gelesen haben, dass
ihm noch etwas zu wünschen übrigbleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge
überflüssig war; sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig
über eine Pflanze, die gerade zu seinen Füssen mit ihren ersten Blättern aus der
Erde sprosste, dass er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken
vorgehe.
    Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein Herz zu
ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem, seidenen Gewande, Georgs
klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen
Betrachtungen; er sah sich um, und o Wunder! er erblickte die ernste, züchtige
Base in den Armen seines Gastes.
    »Das war wohl ein Gruss an die liebe Base in Franken?« fragte er, nachdem er
sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
    »Nein, Herr Ratsschreiber«, antwortete Georg, »es war ein Gruss an mich
selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen gedenke. Ihr habt doch
nichts dagegen, Vetter?«
    »Gott bewahre! ich gratuliere von Herzen«, antwortete Herr Dieterich, der
von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Tränen etwas
eingeschüchtert wurde. »Aber der Tausend, das heiss ich veni, vidi, vici; ich
scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schöne, und habe mich kaum eines
Blickes erfreuen können. Und heute muss ich nun gar den Marder selbst
herausführen, der mir das Täubchen vor dem Mund wegstiehlt.«
    »Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten«, fiel ihm Berta
ins Wort, »sei vernünftig und lass dir die Sache erklären.« Sie sagte ihm, was er
zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu schweigen. Mehr durch die
freundlichen Blicke Bertas besänftigt, versprach er zu schweigen, unter der
Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, dass sie etwa auch einen solchen Gruss an
ihn bestelle.
    Berta verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige Forderung,
und fragte ihn neckend an der Gartentüre noch einmal um die Naturgeschichte des
ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmütig genug, eine
lange und gelehrte Erklärung darüber zu geben, ohne weder durch Mariens leises
Weinen, noch durch Georgs klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein
dankender Blick Mariens, ein freundlicher Handschlag von Berta belohnte ihn
dafür beim Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen,
über den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.
 
                                      VIII
 Im stillen Klostergarten
 Eine bleiche Jungfrau ging;
 Der Mond beschien sie trübe,
 An ihrer Wimper hing
 Die Träne zarter Liebe.
                                                                       L. Uhland
Ulm glich in den nächsten Tagen einem grossen Lager. Statt der friedlichen
Landleute, der geschäftigen Bürger, die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes
ihrem Gewerbe nach, durch die Strassen gingen, sah man überall nur wunderliche
Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhüten, mit Lanzen, Armbrüsten und schweren
Büchsen. Statt der Ratsherren, in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze
Ritter, mit wehenden Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer
grossen Schar bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte. Noch lebhafter
war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der Donau
übte Sickingen seine Reiterei, auf einem grossen Blachfelde gegen Söflingen hin,
pflegte Frondsberg sein Fussvolk zu tummeln.
    An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage nachdem Marie von
Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine ungeheure Menge
Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt, um diesen Übungen
Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so grosser Ruf
vorangegangen war, vielleicht mit nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir
die kaiserlichen oder königlichen Söhne des Mars, die Dienste eines Feldherrn
verrichten sahen. Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten
Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft die
Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche Blätter erzählen, um so
deutlicher zu verstehen, wenn wir uns die Gestalt des Heerführers vor das Auge
zurückrufen können.
    So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumut sein, wenn sie
ihre engen Strassen verliessen, um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen.
Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fussvolk, das sonst in zerstreuten Haufen
gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit
sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von
Piken und Donnerbüchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme,
die selbst die Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies
alles gewährte ein so neues, anziehendes Bild, dass auch die bequemsten Bürger es
nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen, und unbeweglich
dieses Schauspiel zu geniessen.
    Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und fröhlicher
zu sein, als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die guten Ulmer an ihm
nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben stand, erfreuen? Mochte ihm
hier aussen in dem schönen Morgen, unter seinen Waffenübungen wohler sein, als in
den engen, kalten Strassen der Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin,
dass jeder glaubte, von ihm besonders beachtet und begrüsst zu werden, und der
Ausruf: »Ein wackerer Herr, ein braver Ritter«, jedem seiner Schritte folgte.
    Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er
vorübersprengte, so durfte man gewiss sein, dass er dort mit dem Schwerte oder der
Hand herübergrüsste und traulich nickte.
    Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner
freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden sahen sich fragend an und
verwunderten sich, denn keiner der versammelten Bürger schien dieser
Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorübersprengte, und die Zeichen
seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand
sich, dass die Grüsse einem grossen, schlanken, jungen Mann gelten mussten, der in
der vordersten Reihe der Zuschauer stand. Das Wams von feinem Tuch und
Seidenschlitzen, die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte,
sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den
ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmückt als er, auch durch
untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm
unterschieden.
    Der Jüngling schien aber zum Ärgernis der guten Spiessbürger nicht sehr
erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon seine
Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme über die Brust gekreuzt, schienen nicht
anständig genug für einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden
gegrüsst wurde. Überdies errötete er bei jedem Gruss des Feldhauptmanns, dankte
nur durch ein leichtes Neigen, und sah ihm mit so düsteren Blicken nach, als
gälte es ein langes Scheiden, und dieser Gruss wäre der letzte eines lieben
Freundes gewesen.
    »Ein sonderbarer Kauz der Junker dort«, sagte der Obermeister aller Ulmer
Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmidt; »ich gäbe mein
Sonntagswams um einen solchen Gruss von dem Frondsberger, und dieser da muckt
nicht darüber. Hiess es nicht in der ganzen Stadt, was hat der Meister Kohler mit
dem Frondsberg; waren ja neulich miteinander wie zwei Brüder? Oh, die kennen
einander schon lange, hiess es dann, und sind gute Freunde von alters her. Ich
kann mich ordentlich ärgern, dass ein so gescheuter und gewaltiger Herr solch
einen Laffen all Paternosterlang grüsst!«
    Der Waffenschmidt, ein kleiner, alter Kerl hatte ihm seinen Beifall
zugenickt: »Gott straf mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen nicht dort
ganz andere Leut, die er grüssen könnte; ist nicht der Herr Bürgermeister auf dem
Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Besserer am Eck? Ich
wollt dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr wäre; aber glaubt mir,
der da beugt seinen Nacken nicht, und wenn der Kaiser selbst käme. Er muss auch
etwas Rechtes sein; denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen
feind ist, hat ihn in seiner Behausung.«
    »Der Kraft?« fragte der Weber verwundert, »ei, ei! aber halt, dahinter
steckt ein Geheimnis. Das ist gewiss so ein junger Potentat, oder gar des
Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten soll. Steht
nicht dort des Kraften alter Johann?«
    »Weiss Gott er ist's«, fiel der Waffenschmidt ein, den die Vermutungen des
Webers neugierig gemacht hatten; »er ist's, und ich will ihn beichten lassen,
trotz dem Probst von Elchingen.« Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden
Bürgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war, so konnte doch der
Schmied nicht zu ihm durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang
die gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich und
angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann, und zog ihn zu dem
Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid geben, er wusste nichts,
als dass sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei; »übrigens muss er nicht weit her
sein«, setzte er hinzu, »denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute
mit sich; meinem Herrn aber wird der Gast übel bekommen, denn unsere alte
Sabine, die Amme ist wie ein Drache, dass er die Hausordnung stört, und
ungefragt, nur so mir nichts dir nichts ein fremdes Menschenkind mit Stiefel und
Sporen ins Haus schleppt.«
    »Nichts für ungut«, fiel ihm der Obermeister in die Rede, »Euer Herr,
Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe - Gott verzeih mir's - hätte ich schon lange
auf die Strasse geworfen, wo sie hingehört. Hat der Herr doch sein gutes Alter,
und soll sich behandeln lassen, als läge er noch in den Windeln.«
    »Ihr habt gut reden, Meister Kohler«, antwortete der alte Diener, »aber das
versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn nachher
haushalten?«
    »Wer?« schrie der erhitzte Weber; »wer? ein Weib soll er nehmen, eine
Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Bürger auch; was hat er nötig als
Junggeselle zu leben? und allen Mädchen in der Stadt nachzulaufen? Hab ich ihn
nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katarine schöngetan hat? Schiff und
Geschirr hätte ich ihm mögen an den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn; so aber -
seine Mutter selig hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave
Frau - so musst ich meine Mütze abziehen und sagen: Gehorsamen guten Abend, und
was befehlen Euer Wohledlen! Dass dich der -«
    »Ei schau einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht; »ich habe immer
gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, könne in allen Ehren mit
Eurem Töchterlein ein Wort wechseln, ohne dass die böse Welt -«
    »So? ein Wort wechseln, und abends nach der Versperglock im März? Er
heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf müsse nicht so
rein sein, wie Eures Herrn seine weisse Halskrause? Das könnt ich brauchen!«
    Der Obermeister hatte während seinen eifrigen Reden den alten Johann an der
Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, dass die Umstehenden aufmerksam
wurden; der Meister Schmidt hielt es daher für das beste, den Erzürnten mit
Gewalt wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere Streitigkeiten, doch konnte
er nicht verhüten, dass es schon um Mittag in der ganzen Stadt hiess: Herr von
Kraftens Johann habe noch in seinen alten Tagen eine Liebschaft mit des
Obermeisters Töchterlein, und sei von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber
zur Rede gestellt worden.
    Die Übungen des Fussvolkes waren indes zu Ende gegangen, das Volk verlief
sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit
gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam
und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch
immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram
nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.
    Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt, als in
diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal
beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie unglücklich machte
ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet
es zu geben; aber der betäubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten
Mädchens hatten überwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen
Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm
seine Lage! Nichts davon zu sagen, dass alle seine goldenen Träume, alle jene
kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einemmal verschwanden, nichts davon zu
sagen, dass auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu
verdienen, ungewiss in die Weite hinausgerückt war - er sollte auf die Gefahr
hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen
verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging. Von
Tag zu Tag, solange es ihm nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo
sollte er Gründe, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein,
seinem väterlichen Freunde seinen Abzug zu rechtfertigen; mit welcher Stirne
sollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Grüsse, womit
er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe aufzumuntern
schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater
gefallen, er hatte gehört, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein
leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; dieser
Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm
musste er in so zweideutigem Lichte erscheinen.
    Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt
genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich um, ein
Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.
    »Was willst du«, fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken
unterbrochen zu werden.
    »Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid«, antwortete der Mann.
»Sagt einmal, was gehört zu Licht und Sturm?«
    Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer.
Er war nicht gross aber kräftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen.
Das Gesicht von der Sonne braun gefärbt, wäre flach und unbedeutend gewesen,
wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund, und aus den
grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war
dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der
einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder,
wie man sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht.
    Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine Züge
lauernd beobachtet.
    »Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter«, fuhr jener
nach kurzem Stillschweigen fort; »was passt zu Licht und Sturm, dass es zwei gute
Namen gibt?«
    »Feder und Stein!« antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klarwurde,
was unter jener Frage verstanden sei; »was willst du damit?«
    »So seid Ihr Georg von Sturmfeder«, sagte jener, »und ich komme von Marien
von -«
    »Um Gottes willen, sei still Freund, und nenne keine Namen«, fiel Georg ein,
»sage schnell, was du mir bringst.«
    »Ein Brieflein, Junker!« sprach der Bauer, indem er die breiten, schwarzen
Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte, auflöste, und
einen Streifen Pergament hervorzog.
    Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit
glänzend schwarzer Dinte geschrieben; den Zügen der Schrift sah man aber an, dass
sie einige Mühe gekostet haben mochten, denn die Mädchen von 1519 waren nicht so
flink mit der Feder, um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken, als die in unseren
Tagen, wo jede Dorfschöne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lange
als die 3. St. Johannis schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie
genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke aus den
verworrenen Zügen des Pergamentes entzifferten:
»Bedenk deinen Eid. - Flieh beizeit.
Gott dein Geleit. - Marie dein in Ewigkeit.«
Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein liebendes
Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen möchte, ein Auge
voll Zärtlichkeit umflort von einem Schleier stiller Tränen, einen holden Mund,
der das Blättchen noch einmal küsst, verschämte Wangen, die bei diesem
geheimnisvollen Grusse erröten - wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht
verargen, dass er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender
Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren
tröstenden Spruch und wahrlich er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen
als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben. Wusste er
doch, dass ein Wesen, das teuerste was für ihn auf der Erde lebte, ihn nicht
verkannte. Der Schluss jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot
dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen
Zeilen gekommen sei.
    »Dacht ich's doch«, antwortete dieser, »dass das Blättchen keinen bösen
Zauberspruch entalten müsse. Denn das Fräulein lächelte so gar freundlich, als
sie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war vergangenen Mittwoch, dass ich nach
Blaubeuren kam wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein
prächtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons des Täufers Johannes
vorgestellt ist. Vor sieben Jahren als ich in grosser Not und einem schmählichen
Ende nahe war, gelobt ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin. So
hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, dass mich der Heilige durch ein Wunder von
Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich
allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen,
oder was er sonst gerade gerne hat. - Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem
Geschwätz, Junker?«
    »Nein, nein, erzähle nur weiter«, antwortete Georg, »komm, setze dich zu mir
auf jene Bank.«
    »Das würde sich schön schicken!« entgegnete der Bote, »wenn ein Bauer an des
Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft
grüsste; erlaubt mir, dass ich mich vor Euch hinstelle.«
    Georg liess sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber fuhr auf
seine Axt gestützt, in seiner Erzählung fort: »Ich hatte diesmal bei den
unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber gebrochener Eid, tut Gott leid,
heisst es, und so musste ich mein Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstund,
um dem Abt zu bringen was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, dass ich
diesmal nicht zu seiner Ehrwürden könne, weil viele Herren und Ritter dort zu
Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger
Herr, und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht hätte.
Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der Treppe zu
schauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt. Sie geht durch die dicke Mauer,
welche die Kirche ans Kloster schliesst, und ist lang und schmal. Dort war es, wo
mir das Fräulein begegnet ist. Es kommt mir nämlich ein feines Weibsbild im
Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab, entgegen; ich drücke mich
an die Wand um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und spricht: Ei Hanns,
woher des Wegs? «
    »Woher kennt Euch denn das Fräulein?« unterbrach ihn Georg.
    »Meine Schwester ist ihre Amme und -«
    »Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?« rief der junge Mann. »Habt Ihr sie
auch gekannt?« sagte der Bote, »ei seh doch einer! aber dass ich weiter sage: ich
hatte eine grosse Freude sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester
häufig in Lichtenstein, und habe das Fräulein gekannt als man sie noch in ihres
Vaters Schwertkuppel gehen lernte. Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt, so
gross war sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am
ersten Mai. Ich weiss nicht wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der
Seele, und ich musste fragen was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas helfen
könne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: Ja, wenn du verschwiegen
wärest, Hanns, könntest du mir wohl einen grossen Dienst leisten! Ich sagte zu,
und sie bestellt mich bis nach der Vesper.«
    »Aber wie kommt sie nur in das Kloster«, fragte Georg; »sonst darf ja doch
kein Weiberschuh über die Schwelle.«
    »Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in Blaubeuren
liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Städtchen, wo es toll genug
zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam sie ganz leise in den
Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir
dies Blättchen und bat mich, Euch aufzusuchen.«
    »Ich danke dir herzlich, guter Hanns«, sagte der Jüngling. »Aber hat sie dir
sonst nichts an mich aufgetragen?«
    »Ja«, antwortete der Bote, »mündlich hat sie mir noch etwas aufgetragen; Ihr
sollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor.«
    »Mit mir?« rief Georg; »das hast du nicht recht gehört, wer und was soll man
mit mir vorhaben?«
    »Da frage Ihr mich zuviel«, entgegnete jener, »aber wenn ich es sagen darf,
so glaube ich die Bündischen. Das Fräulein setzte noch hinzu, ihr Vater habe
davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch
geehrt wie des Kaisers Sohn, dass sich jedermann darob verwunderte? Glaubt nur es
hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist.«
    Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers; er
entsann sich auch, dass Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten
eingedrungen sei, und vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunächst auf ihn
bezöge? Aber er mochte sinnen wie er wollte, so konnte er doch nichts erfinden,
was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepasst hätte. Mit Mühe riss er sich
aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so
schnell gefunden habe?
    »Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen«, antwortete er; »ich
sollte Euch bei Herrn Dieterich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber die Strasse
hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde
mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fussvolk zu betrachten.
Wahrlich der Frondsberg hat es weit gebracht. - Nun da war mir's, als hörte ich
nahe bei mir Euren Namen nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die
sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt
und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiss war,
so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf.«
    »Das hast du klug gemacht«, sagte Georg lächelnd »aber dennoch komme in mein
Haus, dass man dir etwas zu essen reiche; wann kehrst du wieder heim?«
    Hanns bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein schlaues
Lächeln um seinen Mund zog: »Nichts für ungut, Junker, aber ich habe dem
Fräulein versprechen müssen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem
bündischen Heer Valet gesagt habt!«
    »Und dann?« fragte Georg.
    »Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein, und bringe ihr die gute
Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! alle Tage steht sie wohl im
Gärtchen auf dem Felsen, und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hanns noch nicht
kommt!«
    »Die Freude soll ihr bald werden«, antwortete Georg, »vielleicht reite ich
schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein.«
    »Aber greifet es doch klug an«, sagte der Bote, »das Pergament darf nicht
breiter sein als jenes, das ich brachte. Denn ich muss es wieder im Kniegürtel
verstecken. Man weiss nicht, was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und
dort sucht es niemand.«
    »Es sei so«, antwortete Georg, indem er aufstand. »Für jetzt lebe wohl, um
Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Münster. Gib dich für meinen
Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den Württembergern nicht grün.«
    »Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein«, rief Hanns dem Scheidenden zu. Er
sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich, dass das holde Pflegekind
seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen
des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blühenden Farben
verloren hatten.
 
                                       IX
 Was unter dieser Sonne kann es geben,
 Das ich nicht hinzuopfern eilen will,
 Wenn Sie es wünschen? - Fliehen Sie!
                                                                        Schiller
Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem Kraftischen
Hause benehmen werde. Er fürchtete nicht ohne Grund, jener möchte sich durch
seine Mundart, durch unbedachte Äusserungen verraten, was ihm höchst unangenehm
gewesen wäre; denn, je fester er bei sich beschlossen hatte, das Bundesheer in
den nächsten Tagen zu verlassen, um so weniger mochte er in Verdacht geraten, in
Verbindung nach dem Württemberg hinüber zu stehen. Konnte und durfte er ja doch
im schlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte, an ihn
geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und
den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich so bald als möglich zu entfernen, aber als
er bedachte, dass dieser schon längst von dem Platz ihrer Unterredung sich
entfernt haben müsse, dass er indes zu Kraft kommen könne, schien es ihm
geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort die nötigen Winke zu geben und ihn
vor Unvorsichtigkeit zu bewahren.
    Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge verschlagene Miene des
Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er hoffen zu dürfen, dass Marie, obgleich ihr
keine grosse Wahl übrigblieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut
haben konnte.
    Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag ein
Landsmann aus Franken gemeldet, und sein Liebesbote hereingeführt ward. Welche
Gewalt musste dieser Mensch über sich haben. Es war derselbe, und doch schien er
ein ganz anderer. Er ging gebückt, die Arme hingen schlaff an dem Körper herab,
selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von
Blödigkeit, der Georg ein unwillkürliches Lächeln abnötigte. Und als er dann zu
sprechen anfing, als er ihn in fränkischer Mundart begrüsste, und mit der
geläufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine
mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an übernatürliche Dinge
zu glauben; die Märchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse auf, wo
ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem
Dienst zweier Liebenden sich widmet, und sie glücklich mitten durch das
feindselige Schicksal hindurchführt.
    Der Zauber war zwar bald gelöst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer
allein war, und ihn der gute Schwabe von seiner Persönlichkeit versicherte, aber
doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen, über die Rolle, die er so
gut gespielt.
    »Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit«, antwortete der Bauer,
»man wird oft genötigt, von Jugend auf durch solche Künste sich fortzuhelfen,
sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann.«
    Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote aber bat
dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken, er möchte bedenken
wie sehr sich das Fräulein nach dieser Nachricht sehne, dass er nicht früher
heimkehren dürfe, als bis er diese Gewissheit bringen könne.
    Georg antwortete ihm, dass er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres abwarten
wolle, um in seine Heimat zurückzukehren.
    »Oh, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten«, antwortete der Bote; »wenn
sie morgen nicht aufbrechen, so ist es übermorgen, denn das Land ist offen bis
ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag ich Euch dies.«
    »Ist es denn wahr, dass die Schweizer abgezogen sind«, fragte Georg, »und dass
der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?«
    Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, öffnete behutsam die
Türe, und als er sah, dass kein Lauscher in der Nähe sei, begann er:
    »Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn ich
neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb grosse Scharen der
heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Räte und Landamtmänner hatten sie
heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch über achttausend Mann, jedoch
lauter gute Württemberger und nichts andres drunter.«
    »Und der Herzog«, unterbrach ihn Georg, »wo war denn dieser? -«
    »Der Herzog hatte in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern
unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.16 Da kam er
gen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch
Trommelschlag bekannt gemacht, dass sich bis neun Uhr alles Volk auf den
Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Männer, die dort versammelt
waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulerich ist
ein gestrenger Herr, und weiss den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern
sind hart, der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verprasst was
man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglück ist, da ist es
gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, dass er ein tapferer Mann
und unser unglücklicher Herzog sei, dem man wolle das Land mit Gewalt entreissen.
Es ging ein Gemurmel unter uns, dass der Herzog wolle eine Schlacht liefern, und
jeder drückte das Schwert fester in der Hand, grimmig schüttelten sie ihre
Speere und riefen den Bündlern Verwünschungen zu. Da kam der Herzog -«
    »Du sahest den Herzog, du kennst ihn?« rief Georg neugierig. »O sprich, wie
sieht er aus? -«
    »Ob ich ihn kenne?« sagte der Bote mit sonderbarem Lächeln, »wahrhaftig ich
sah ihn als es ihm nicht wohl war mich zu sehen. Der Herr ist noch ein junger
Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreissig Jahr. Er ist stattlich und
kräftig, und man sieht ihm an, dass er die Waffen zu führen weiss. Augen hat er
wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute. - Der Herzog trat in
den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille
unter den vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, dass er sich also
verlassen, nimmer zu helfen wüsste.17 Diejenigen, worauf er gehofft, seien ihm
benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die Schweizer könne er
keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: Herr
Herzog! habt Ihr unsern Arm schon versucht, dass Ihr die Hoffnung aufgebt?
schaut, diese alle wollen für Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben
mitgebracht, hat jeder einen Spiess und ein Messer, und so sind hier viele
Tausend; seid Ihr des Landes so müde, dass Ihr uns verschmäht? Da brach dem
Ulerich das Herz; er wischte sich Tränen aus dem Auge und bot dem Alten seine
Hand. Ich zweifle nicht an eurem Mut, sprach er mit lauter Stimme. Aber wir sind
unserer zu wenig; so dass wir nur sterben können aber nicht siegen. Geht nach
Haus ihr guten Leute und bleibet mir treu. Ich muss mein Land verlassen und im
bitteren Elend sein. Aber mit Gottes Hülfe hoffe ich auch wieder hereinzukommen.
So sprach der Herzog, unsere Leute aber weinten und knirschten mit den Zähnen
und zogen ab in Trauer und Unmut. -«18
    »Und der Herzog?« fragte Georg.
    »Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin weiss man nicht. In den Schlössern
aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, bis der Herzog vielleicht
andere Hülfe bekommt.« -
    Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, dass der Junker auf
zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs Quartier gehalten
werde; Georg war nicht wenig erstaunt über diese Nachricht; was konnte man von
ihm im Kriegsrat wollen? Sollte Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben, ihn
zu empfehlen?
    »Nehmt Euch in acht, Junker«, sprach der Bote, als der alte Johann das
Gemach verlassen hatte, »und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem Fräulein
gegeben, vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen liess: Ihr sollt Euch hüten,
weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer Diener in diesem
Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd besorgen und bin zu jedem Dienst erbötig.«
    Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an und Hanns trat auch
sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das Schwert um, und
setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der Türe, seines Schwures
und jener Warnung eingedenk zu sein.
    Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden
Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Hause zu; man wies ihn
dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Türe rechts, die
Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in dieses Heiligtum
ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bärtiger Kriegsmann fragte, als er
die Türe öffnen wollte, nach seinem Begehr, und gab ihm den schlechten Trost, es
könne höchstens noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen werde;
zugleich ergriff er die Hand des jungen Mannes und führte ihn einen schmalen
Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden solle.
    Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank eines
Vorzimmers sass, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde auszustehen hatte.
Das ungeduldige Herz pocht der Entscheidung entgegen, alle Nerven sind gespannt,
das Auge möchte die Türe durchbohren, das Ohr schärft sich, wenn in der Ferne
eine Türe knarrt, Schritte über den Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen
im anstossenden Zimmer lauter werden. Aber die Türen haben umsonst getönt, die
Schritte immer näher und näher kommend, gehen vorüber, der ungleiche Ton der
Stimmen sinkt zum Geflüster herab. Die Bretter des Fussbodens und die Fenster des
Nachbarhauses sind bald gezählt, und schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke
eine umsonst verlebte halbe Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren
der Stadt, bemerkt ihre hohen und tiefen Töne - auch sie haben ausgeschlagen.
Man steht auf, man macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder
eine Türe, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Türe
bewegt sich nach so langer Zeit wieder -
    »Georg von Frondsberg lässt Euch seinen Gruss vermelden«, sprach der alte
Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, »es könnte vielleicht
noch eine Weile dauern; doch sei dies ungewiss, darum sollet Ihr hierbleiben. Er
schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.«
    Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers, denn ein
Tisch war nicht vorhanden, und verliess das Gemach.
    Georg sah ihm staunend nach; er hätte dies nicht für möglich gehalten; über
eine Stunde war schon verschwunden, und noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war
nicht übel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen Einsamkeit das Glas munden?
    Es ist ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, dass sie sich
für wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich mit sich
bringt. Der gereiftere Mann wird eine Beeinträchtigung seiner Würde eher
verschmerzen oder wenigstens sein Missfallen zurückhalten, während der Jüngling
empfindlicher über den Punkt der Ehre leichter und schneller aufbraust. Kein
Wunder daher, dass Georg, als er nach zwei tödlich langen Stunden in den
Kriegsrat abgeführt wurde, nicht in der besten Laune war. Er folgte schweigend
dem ergrauten Führer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.
    An der Türe wandte sich jener um und sagte freundlich: »Verschmäht den Rat
eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finstere Miene ab; es
tut nicht gut bei den gestrengen Herren da drinnen.«
    Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über sich, als dass er den
wohlgemeinten Rat hätte befolgen können, er dankte ihm durch einen Händedruck,
ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Türklinke und die schwere, eichene
Zimmertüre drehte sich ächzend auf.
    Um einen grossen, schwerfälligen Tisch sassen acht ältliche Männer, die den
Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jörg Truchsess,
Freiherr von Waldburg, nahm als Oberster-Feldlieutenant den obersten Platz an
dem Tische ein, auf beiden Seiten von ihm sassen Frondsberg und Franz von
Sickingen, von den übrigen kannte er keinen, als den alten Ludwig von Hutten;
aber die Chronik hat uns ihre Namen treulich aufbewahrt, es sassen dort noch
Christoph Graf zu Ortenberg, Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und
Diepolt von Stein; bejahrte, im Heere angesehene Männer.
    Georg war an der Türe stehengeblieben, Frondsberg aber winkte ihm freundlich
näher zu kommen. Er trat bis an den Tisch, und überschaute nun mit dem freien
kühnen Blick, der ihm so eigen war, die Versammlung. Aber auch er wurde von den
Versammelten beobachtet, und es schien, als fänden sie Gefallen an dem schönen,
hochgewachsenen Jüngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm,
einige nickten ihm sogar freundlich zu.
    Der Truchsess von Waldburg hob endlich an: »Georg von Sturmfeder, wir haben
uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tübingen gewesen, ist dem
also?«
    »Ja Herr Ritter«, antwortete Georg.
    »Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?« fuhr jener fort.
    Georg errötete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur
wenige Stunden von jener Stadt entfernt, auf ihrem Lichtenstein war; doch er
fasste sich bald und sagte: »Ich kam zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich
sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie mir im allgemeinen bekannt.«
    »Wir haben beschlossen«, fuhr Truchsess fort, »einen sicheren Mann in jene
Gegend zu schicken, auszukundschaften was der Herzog von Württemberg bei unserem
Anzug tun wird. Es soll auch über die Befestigung des Schlosses Tübingen, über
die Stimmung des Landvolkes in jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden;
ein solcher Mann kann dem Württemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun
als hundert Reiter, und wir haben - - Euch dazu ausersehen.«
    »Mich?« rief Georg voll Schrecken.
    »Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört Übung und Erfahrung zu einem
solchen Geschäft, aber was Euch dran abgeht, möge Euer Kopf ersetzen.«
    Man sah dem Jüngling an, dass er einen heftigen Kampf mit sich kämpfte. Sein
Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest zusammengeklemmt. Die
Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar; aber wie fest er auch bei sich
beschloss, den Antrag auszuschlagen, wie erwünscht beinahe diese Gelegenheit
erschien, um dem Bunde zu entsagen, so kam ihm die Entscheidung doch zu
überraschend, er scheute sich, vor den berühmten Männern seinen Entschluss
auszusprechen.
    Der Truchsess rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der junge
Mann so lange mit seiner Antwort zögerte: »Nun? wird's bald? warum besinnt Ihr
Euch so lange?« rief er ihm zu.
    »Verschonet mich mit diesem Auftrag«, sagte Georg nicht ohne Zagen, »ich
kann, ich darf nicht.«
    Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren nicht.
»Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht«, wiederholte Truchsess langsam, und eine
dunkle Röte, der Vorbote seines aufsteigenden Zornes lagerte sich auf seine
Stirne und um seine Augen.
    Georg sah, dass er sich in seinen Ausdrücken übereilt habe; er sammelte sich
und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch meine Dienste angeboten um ehrlich
zu fechten, nicht aber um mich in Feindesland zu schleichen und hinterrücks nach
seinen Gedanken zu spähen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, aber so
viel weiss ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenschaft geben zu können;
und wer von Euch, der Vater eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten
Waffentat raten, den Kundschafter zu machen?«
    Der Truchsess zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen, und schoss
einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, der so kühn war, anderer Meinung
zu sein als er. »Was fällt Euch ein, Junker!« rief er; »Eure Reden helfen Euch
jetzt nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem kindischen
Gewissen verträgt was wir Euch auftragen; es handelt sich um Gehorsam, wir
wollen es, und Ihr müsst!«
    »Und ich will nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er fühlte, dass
mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von Minute zu Minute
wachse, er wünschte sogar, der Truchsess möchte noch weiter in seinen Reden
fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen.
    »Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm, »das Ding hat
Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen die Junker von
Habenichts und Binnichts und bieten mit grossen Worten und erhabenen Gesichtern
ihren Kopf und ihren tapferen Arm an, und wenn es drauf und dran kommt, wenn man
etwas von ihnen haben will, so fehlt es am Herz. Doch Art lässt nicht von Art,
der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - und wo nichts ist: da hat der Kaiser das
Recht verloren.«
    »Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll«, antwortete Georg
erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können, dass er in ihrem
Gedächtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr müsst viel getan haben in der Welt, dass
Ihr Euch herausnehmt auf andere so tief herabzusehen!«
    »Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben was ich reden soll?« unterbrach
ihn Waldburg; »was braucht es da das lange Schwatzen? ich will wissen,
Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln, und Euch nach unseren Befehlen
richten wollet oder nicht!«
    »Herr Truchsess«, antwortete Georg mit mehr Ruhe als er sich selbst zugetraut
hatte; »Ihr habt durch Eure scharfe Reden nichts gezeigt, als dass Ihr wenig
wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man
mit dem Sohn meines tapfern Vaters sprechen müsse. Ihr habt aber als Oberster
dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt,
als ob ich Euer ärgster Feind wäre, darum kann ich nichts tun, als wie Ihr
selbst befehlt, mein Ross satteln, aber gewiss nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir
nicht länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig
von Euch für immer; gehabt Euch wohl!«
    Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen, und wandte
sich, zu gehen.
    »Georg!« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn meines Freundes! -«
    »Nicht so rasch, Junker«, riefen die übrigen, und warfen missbilligende
Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem Gemach
geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloss und die gewaltigen
Flügel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihn und den wohlmeinenden
Nachruf der besser gesinnten Männer; sie schieden Georg von Sturmfeder auf ewig
von dem Schwäbisschen Bunde.
 
                                       X
 O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,
 Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,
 Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet,
 Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.
                                                                         P. Conz
Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über das Vorgefallene
nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu entscheiden er so lange gezögert
hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie besser nicht hätte wünschen
können. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und
der Oberstfeldlieutenant musste die Schuld sich selbst beimessen.
    Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie
verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, von
denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Donner der
Geschütze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden Töne der Trompeten
ihn begrüssten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu
verdienen. Und als er das erstemal vor jenen Frondsberg geführt wurde, wie
erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem
Munde sich Ruhm zu erwerben! - Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der
Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche
Phantasie umgeben hatte; wie schämte er sich, sein Schwert für die zu ziehen,
die nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute
ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der
feindlichen Seite zu wissen, treu ergeben dem unglücklichen Fürsten, den auch er
aus seinen Grenzen zu jagen helfen sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes
teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast
es wohl mit mir gemeint«, sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne,
der durch die runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte;
»du hast es wohl mit mir gemeint, was jedem andern, der heute an meiner Stelle
stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil gelenkt!« Jene
Heiterkeit, die, seit er wusste, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und
die Geliebte stellte, einem trüben Ernste gewichen war, kehrte wieder auf seine
Stirne, um seinen Mund zurück; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen
frohesten Augenblicken. -
    Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. »Nun das ist doch
sonderbar«, sagte er, »ich eile nach Haus, um meinen Gast in seinem gerechten
Schmerz zu trösten, und finde ihn so fröhlich wie nie; wie räume ich das
zusammen?«
    »Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dieterich«, entgegnete Georg, der für
geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, »habt Ihr nie gehört, dass man
auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen könne?«
    »Gehört hab ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick«,
antwortete Kraft.
    »Nun, und Ihr habt also auch von der verdriesslichen Geschichte gehört«,
fragte Georg, »man erzählt sich es gewiss schon auf allen Strassen?«
    »O nein«, antwortete der Ratsschreiber, »man weiss nirgens etwas davon, man
hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Württemberg damit ausposaunen
müssen. Nein! ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen, und erfahre
manches noch in der Stunde wo es getan oder gesprochen wurde. Aber nehmt mir's
nicht übel, Ihr habt da einen dummen Streich gemacht!«
    »So?« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?«
    »Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem wären
die Bundesobersten mehr Dank schuldig als -«
    »Sagt es nur heraus«, unterbrach ihn Georg, »- als dem Kundschafter in des
Feindes Rücken. Es ist nur schade, dass mein Vater und die Ehre meines Namens
mich vor, nicht hinter den Feind bestimmt haben, es sei denn, dass er vor mir
fliehe.«
    »Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht hätte; wahrlich,
wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre, wie Ihr, man hätte es mir nicht
zweimal sagen dürfen.«
    »Ihr habt hierzuland vielleicht andere Grundsätze über diesen Punkt«, sagte
Georg nicht ohne Spott, »als wir in unserem Franken, das hätte Truchsess von
Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen.«
    »Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes; der
Oberfeldlieutenant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mögen, denn dass
dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht, dürft Ihr gewiss
sein.«
    »Das ist mein geringster Kummer«, antwortete Georg, »aber eines tut mir weh,
dass ich den Übermütigen, der schon meinem Vater Böses getan, wo er konnte, nicht
vor meine Klinge stellen, und ihm zeigen kann, dass der Arm nicht so ganz zu
verachten ist, den er heute von sich gestossen hat.«
    »Um Gottes willen«, fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut, er könnte es
hören; überhaupt müsst Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner im Heere
unter ihm dienen wollt!«
    »Ich will den Herrn Truchsess von meinem verhassten Anblick bald befreien; so
Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm untergehen sehen!«
    »So wäre es wahr«, fragte Herr von Kraft mit Staunen, »was man noch
dazusetzte und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will wegen
dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?«
    »Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit«, antwortete Georg ernst,
»am wenigsten bei einem Stand wie der unserige; was aber Eure gute Sache
betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, dass ich weder für eine gute Sache
noch für eine gute Meinung, sondern für ein paar grosse Herren und für ein paar
Mauern voll Spiessbürger mich schlagen sollte.«
    Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den
Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine Hand
ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmt mir meine scharfen Worte nicht übel,
mein freundlicher Wirt, weiss Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen;
aber aus Eurem eigenen Munde habe ich die Gesinnungen und Zwecke der
verschiedenen Parteien in diesem Heere erfahren, schreibt es Euch selbst zu,
wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da Ihr mir die Binde von den Augen
genommen habt.«
    »Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker; es wird bunt hergehen, wenn
die Herren erst das schöne Land da drüben unter sich teilen. Aber da habe ich
gedacht, es gehe ja in einem hin, Ihr könntet Euch auch Euer Scherflein dabei
verdienen. Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht übelnehmen, Euer Haus sei etwas
herabgekommen, da meinte ich -«
    »Nichts davon«, fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit seines
Gastfreundes, »das Haus meiner Väter zerfällt, unsere Tore hängen auf
gebrochenen Angeln, auf der Zugbrücke wächst Moos, und auf dem hohen Wartturm
hausen Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder ein
Mäuerchen, und erinnert den Wanderer, dass hier einst ein ritterliches Geschlecht
hauste. Aber, wenn auch die morschen Mauern über mir zusammenstürzen, und den
letzten meines Stammes unter ihren Trümmern begraben, niemand soll von mir
sagen: ich habe für ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.«
    »Jeder nach seiner Weise«, antwortete Dieterich, »es klingt dies alles recht
schön, aber ich für meinen Teil würde mir schon etwas gefallen lassen, um mein
Haus anständig und wohnlich wieder herzustellen. - Möget Ihr übrigens Euren
Entschluss ändern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch
einige Tage bei mir gefallen lassen.«
    »Ich erkenne Eure Güte«, antwortete Georg, »aber Ihr seht, dass ich unter den
gegenwärtigen Umständen nichts mehr in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit
Anbruch des Morgens zu reiten.«
    »Nun, und kann man Euch Grüsse mitgeben?« sagte der Ratsschreiber mit überaus
schlauem Lächeln; »Ihr reitet doch den nächsten Weg nach Lichtenstein?«
    Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm und
seinem Gastfreund seit Mariens Abreise noch nie über diesen Gegenstand zu
Sprache gekommen, um so mehr überraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines
Gastfreundes. »Ich sehe«, sagte er, »dass Ihr mich noch immer falsch verstehet.
Ihr glaubt, ich habe dem Bunde nur deswegen den Rücken zugewandt, um mich an
die Feinde anzuschliessen? Wie möget Ihr nur so schlimm von mir denken!«
    »Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber; »niemand anders
als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns abwendig gemacht. Ihr hättet wohl zu
allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrückt, wenn der alte Lichtenstein auch
mitgemacht hätte; nun er auf der anderen Seite steht, glaubt Ihr auch schnell
umsatteln zu müssen!«
    Georg mochte sich verteidigen wie er wollte, der Ratsschreiber war zu fest
von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als dass er sich diese Meinung hätte
ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz natürlich, und sah nichts
Böses oder Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gruss an die Base in
Lichtenstein verliess er das Zimmer seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte
er sich noch einmal um. »Fast hätte ich das Wichtigste vergessen«, sagte er,
»ich begegnete Georg von Frondsberg auf der Strasse; er lässt Euch bitten heute
abend noch zu ihm in sein Haus zu kommen.«
    Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, dass ihn Frondsberg nicht ohne
Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick dieses
Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche Plane er so
schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken an diesen schweren
Gang sein Schwert um, und wollte eben seinen Mantel zurecht richten, als ein
sonderbares Geräusch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Schwere Tritte vieler Menschen näherten sich seiner Türe, er glaubte Schwerter
und Hellebarden auf dem Estrich seines Vorsaales klirren zu hören, er machte
schnell einige Schritte gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner Vermutung
zu überzeugen.
    Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf, das matte Licht
einiger Kerzen liess ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen, die seine Türe
umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat
empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor:
    »Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der mit Staunen
zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines Hohen Bundesrates gefangen.«
    »Mich? gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum? wessen beschuldigt man
mich denn?«
    »Das ist nicht meine Sache«, antwortete der Alte mürrisch, »doch wird man
Euch vermutlich nicht lange in Ungewissheit lassen. Jetzt aber seid so gut und
reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rataus.«
    »Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der junge Mann mit dem
Zorn beleidigten Stolzes, »wer seid Ihr, dass Ihr mir meine Waffen abfordern
könnet? da muss der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich
auch von Eurem Handwerk!«
    »Um Gottes willen, gebt doch nach«, rief der Ratsschreiber, der sich bleich
und verstört an seine Seite gedrängt hatte, »gebt nach; Widerstand kann Euch
wenig nützen; Ihr habt es mit dem Truchsess zu tun«, flüsterte er heimlicher;
»das ist ein böser Feind, bringt ihn nicht noch ärger gegen Euch auf.«
    Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des Ratsschreibers: »Es
ist wahrscheinlich das erstemal, Junker«, sagte er, »dass Ihr in Haft genommen
werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen Worte gegen einen Mann,
der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert möget Ihr auch
immerhin behalten; ich kenne diesen Griff und diese Scheide, und habe den Stahl,
den sie verschliesst, manchen rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich,
dass Ihr viel darauf haltet, und es nicht in jede Hand kommen lassen möget. Aber
aufs Rataus müsst Ihr mit, denn es wäre töricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz
bieten wolltet.«
    Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich schweigend in
sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen
und diesen von seiner Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in
seinen Mantel, um auf der Strasse bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu
werden, und folgte dem ergrauten Führer und seinen Lanzknechten.
 
                                       XI
 Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand
 Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen
 Und stemmt sich auf, und sieht -
                                                                         Wieland
Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem Rataus zu.
Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, dass
sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihn
begegneten, müssten es ihm ansehen, dass er ins Gefängnis geführt werde. Nächst
diesem beschäftigte ihn unterwegs vorzüglich ein Gedanke: es war das erste Mal
in seinem Leben, dass er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht
ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker; das Burgverlies in seinem
alten Schloss, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm immer vor das
Auge; er war einigemal im Begriff, seinen Führer darüber zu befragen, doch
drängte der Gedanke, man möchte es für kindische Furcht ansehen, seine Frage
immer wieder zurück.
    Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein geräumiges, schönes
Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es entielt nur eine
leere Bettstelle und einen ungeheuern Kamin, aber in Vergleichung mit den
Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefängnis glich. Der
alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen
Knechten zurück, ein kleiner, hagerer, sehr ältlicher Mann trat ein; der grosse
Schlüsselbund, welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit
Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Ratausdiener oder Schliesser kund.
Er legte schweigend einige grosse Scheite Holz ins Kamin und bald loderte ein
behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Märznacht sehr
zustatten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle breitete der
Schliesser eine grosse, wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem
Munde hörte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen, sich's bequem zu
machen. Die harten Brettchen nur mit einer dünnen Decke überlegt, mochten nun
freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des
Alten und sein Gefängnis.
    »Das ist halt die Ritterhaft«, belehrte ihn der Schliesser, »die für den
gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schön; doch ist sie dafür desto
besuchter.«
    »Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg, indem er das öde
Gemach musterte.
    »Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem Bett
verschieden; Gott sei seiner armen Seele gnädig! Es schien ihm aber hier zu
gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus seiner Bahre
heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen.«
    »Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach seinem Tode noch
bemüht haben?«
    Der Schliesser warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die von dem
unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald vor-, bald
zurückzudrängen schienen; er legte das Holz mehr zurecht und brummte: »Man
spricht so mancherlei.«
    »Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den bei allem
jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder überlief.
    »Ja, Herr!« flüsterte der Schliesser leise, »dort auf jener Decke ist er
abgefahren, Gott gebe, dass es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir nennen
deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heisst des Ritters
Totenkammer!« Mit leisen Schritten, als fürchte er, durch jeden Laut den Toten
zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten aussen
seine Schlüssel in dem Türschloss, als feierten sie seinen Triumph, einem
greulichen Spuk entflohen zu sein.
    »Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?« dachte Georg und
fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals das menschliche Gemüt
noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene Gespenster- und Schauerbücher für
das Grauenhafte empfänglich gemacht; doch hatten Ammen und alte Knechte
hinlänglich dafür gesorgt, den Geist des Junkers Georg mit diesem reichlich
wuchernden Unkraut anzupflanzen.
    Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte oder
nicht? Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen Totenkammer, der Boden
mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch kälter als das kalte feuchte
Leichentuch; er begann sich dieser Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen,
und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen auf.
    Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem Gewissen zur Ruhe
geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald entschlummert. Aber
aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Träume auf und lagerten sich bange über
den jungen Mann; er sah deutlich, wie der alte Schliesser zu dem grossen
Schlüsselloch hereinguckte und sich segnete, dass er auf der anderen Seite der
Türe stehe, denn in der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es
fing an, wunderlich umherzurauschen, auf den Backsteinen schlurften alte Sohlen
in hässlichen Tönen; Georg glaubte zu träumen, er ermannte sich, er horchte, er
horchte wieder, aber es war keine Täuschung; schwere Tritte tönten im Gemach.
Jetzt wurde das Feuer heller angeschürt; der ungewisse Schein der Flamme spielte
um eine grosse dunkle Gestalt; sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war
gar nicht weit. Die Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefasst und
geschüttelt; Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, aber
als die Decke gerade neben seinem Haupte gefasst wurde, als eine kalte, schwere
Hand sich auf seine Stirne legte, da riss er sich los aus seiner Angst, er sprang
auf, und mass mit ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm
stand; hell flackerten die Flammen im Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten
Züge Georgs von Frondsberg.
    »Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er freier atmete und
seinen Mantel zurecht richtete, um den Ritter nach Würde zu empfangen.
    »Bleibt, bleibt«, sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager nieder;
»ich setze mich zu Euch auf das Bett und wir plaudern noch ein Halbstündchen,
denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr und in Ulm schläft noch niemand als
dieser Sprudelkopf, dem man zur Abkühlung heute nacht recht hart gebettet hat.«
Er fasste Georgs Hand und setzte sich zu seinen Füssen auf das Bett.
    »Oh, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen«, sprach Georg, »stehe ich
nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zurückstösst,
und was Ihr gütig für ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreisst?«
    »Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche Mann, »du stehst vor
meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters; geradeso schnell fertig mit Lob
und Tadel, mit Entschluss und Rede war er; dass er ein Ehrenmann dabei war, weiss
ich wohl; aber ich weiss auch, wie unglücklich ihn sein schnelles Aufbrausen,
sein Trotz, den er für Festigkeit ausgab, machten.«
    »Aber saget selbst, edler Herr!« entgegnete Georg, »konnte ich heute anders
handeln? Hatte mich nicht der Truchsess aufs Äusserste gebracht?«
    »Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes
beachtetest, welche sich dir letztin schon kundgab. Auch hättest du denken
können, dass Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen liessen. Du aber
schüttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.«
    »Das Alter soll kälter machen«, erwiderte der junge Mann »aber in der Jugend
hat man heisses Blut; ich kann alles ertragen, Härte und Strenge, wenn sie
gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, Hohn über das
Unglück meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher
Mann nur Freude daran haben, einen so zu quälen?«
    »Auf diese Art äussert sich immer sein Zorn«, belehrte ihn Frondsberg; »je
kälter und schärfer er aber von aussen ist, desto heisser kocht in ihm die Wut. Er
war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tübingen zu senden, teils weil er
sonst keinen wusste, teils auch um dir das Unrecht, das er dir angetan,
wiedergutzumachen. Denn in seinem Sinne war diese Sendung höchst ehrenvoll. Du
aber hast ihn durch deine Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.«
    »Wie?« rief Georg; »der Truchsess hat mich vorgeschlagen? So kam also jene
Sendung nicht von Euch?«
    »Nein«, gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lächeln zur Antwort;
»nein! ich habe ihm sogar mit aller Mühe abgeraten, dich zu senden, aber es half
nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wusste, ehe
du eintratst, dass du dich weigern würdest, dies Amt anzunehmen. - Nun reisse doch
die Augen nicht so auf, als wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz
hineinschauen. Ich weiss allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!«
    Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch die Gründe nicht
genügend vor, die ich angab?« sagte er; »was wolle Ihr denn so Geheimnisvolles
von mir wissen?«
    »Geheimnisvoll? nun so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn merke für
die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so muss man weder bei Abendtänzen
sich gebärden wie einer, der von Sankt Veits Tanz befallen ist, noch nachmittags
um drei Uhr zu schönen Mädchen gehen. Ja, mein Sohn! ich weiss allerlei«, setzte
er hinzu, indem er lächelnd mit dem Finger drohte, »ich weiss auch, dass dieses
ungestüme Herz gut württembergisch ist.«
    Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht
auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er, indem er sich mit Mühe gefasst
hatte, »da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heisst
noch nicht sich an den Feind anschliessen; gewiss ich schwöre Euch -«
    »Schwöre nicht«, fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, »ein Eid ist ein
leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend schwere Kette, die man bricht oder
von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so sein, dass es sich mit
deiner Ehre verträgt. Nur eines musst du dem Bunde an Eidesstatt geloben, und
dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in den nächsten vierzehn Tagen nicht
gegen uns zu kämpfen.«
    »So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?« sprach Georg
bewegt; »das hätte ich nicht gedacht! und wie unnötig ist dieser Schwur! Für
wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kämpfen? Die Schweizer sind
abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den
Festungen und wird sich hüten, den nächsten besten, der vom Bundesheer
herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist enflohen -«
    »Entflohen?« rief Frondsberg aus, »entflohen? das weiss man noch nicht so
gewiss; warum hätte der Truchsess dann die Reiter ausgeschickt?« setzte er hinzu;
»und überhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her? Hast du den Kriegsrat
belauscht? oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen, dass du
verdächtige Verbindungen nach Württemberg hinüber unterhältst?«
    »Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend.
    Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des jungen
Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem Bubenstücke«, sagte er,
»und wenn du etwas solches im Schilde führtest, hättest du dich wohl nicht vom
Bunde losgesagt, sondern auch ferner Württembergs Spion gemacht.«
    »Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg; »wenn Ihr nur ein
Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so von mir
spricht!«
    »Nur nicht gleich wieder so aufbrausend«, entgegnete Frondsberg und drückte
die Hand des jungen Mannes; »du kannst denken, dass, wenn ein solches Wort
öffentlich gesprochen würde, oder ich an diese Einflüsterungen glaubte, Georg
von Frondsberg nicht zu dir käme. Aber etwas muss denn doch an der Sache sein. Zu
dem alten Lichtenstein kam öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er
fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab
uns geheime Winke, dass dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer
Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und
sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder
gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch wurde
er in deinem Haus gesehen. Wie verhält sich nun diese Sache?«
    Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So wahr ein Gott über mir
ist«, sagte er, als Frondsberg geendet hatte, »ich bin unschuldig. Heute frühe
kam ein Bauer zu mir und -«
    »Nun, warum verstummst du auf einmal«, fragte Frondsberg, »du glühst ja über
und über, was ist es denn mit diesem Boten?«
    »Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon alles
erraten; er brachte mir ein paar Worte von - meinem Liebchen!« Der junge Mann
öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor,
den er dort verborgen hatte. »Seht, dies ist alles, was er brachte«, sagte er,
indem er es Frondsberg bot.
    »Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; »armer Junge!
und du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weisst nicht, wer er ist?«
    »Nein, er ist auch weiter nichts, als unser Liebesbote, dafür wollte ich
stehen!«
    »Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften soll;
weisst du denn nicht, dass es der gefährlichste Mann ist? es ist der Pfeifer von
Hardt.«
    »Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg, »zum erstenmal höre ich diesen Namen;
und was ist es dann, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?«
    »Das weiss niemand recht, er war im Aufstand vom Armen Konrad einer der
schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit führt er
ein unstetes Leben, und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs von Württemberg.«
    »Und hat man ihn aufgefangen?« forschte Georg weiter, denn unwillkürlich
nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen Diener.
    »Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als
möglich die Anzeige, dass er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem Stall soll
er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz in geheim aufheben wollten, war er
über alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort und deinen ehrlichen Augen, dass er
in keinen andern Angelegenheiten zu dir kam. - Du kannst dich übrigens darauf
verlassen, dass er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen
sich nach Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm
dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wächter ruft zehn
Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und verträume deine Gefangenschaft. Vorher
aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich dir, wenn du
Ulm verlässt ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen -«
    »Ich komme, ich komme«, rief Georg, gerührt von der Wehmut des verehrten
Mannes, die jener umsonst unter einer lächelnden Miene zu verbergen suchte. Er
gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte, der Ritter aber verliess mit
langsamen Schritten die Totenkammer.
 
                                      XII
 Nur einmal noch lass leuchten
 Mir deiner Augen Strahl,
 Lass hören deine Stimme
 Nur noch ein einzig Mal!
                                                                    C. Grüneisen
Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drückende Strahlen auf einen
Reiter, welcher über den Teil der Schwäbisschen Alb, der gegen Franken ausläuft,
hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes
Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war wohlbewaffnet mit Brustarnisch, Dolch und
Schwert; einige andere Stücke seiner Armatur, als der Helm und die aus
Eisenblech getriebenen Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die
hellblau und weiss gestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über
die Brust zog, liess erraten, dass der junge Mann von Adel war, denn diese
Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer Stände.
    Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht ins Tal
hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes Ross an, wandte es zur Seite und genoss
nun den schönen Anblick, der sich vor seinem Auge ausbreitete. Vor ihm eine
weite Ebene von waldigen Höhen begrenzt, durchströmt von den grünen Wellen der
Donau; zu seiner Rechten die Hügelkette der württembergischen Alb, zu seiner
Linken in weiter, weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In
freundlichem Blau spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine
sanften lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen Mauern
Ulms, das am Fusse des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen, ungeheuren
Münsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in diesem
Augenblick den Mittag einzuläuten, ihre Töne zogen in langen, beruhigenden
Akkorden über die Stadt über die weite Ebene, bis sie sich an den fernen Bergen
brachen, und zitternd in das Blau der Lüfte verschwebten, als wollten sie auf
ihrer melodischen Leiter die Wünsche der Menschen zum Himmel tragen.
    »So begleitet ihr also den Scheidenden wie ihr seinen Eintritt begrüsst
habt«, rief der junge Reiter, »mit denselben Tönen, mit denselben feierlichen
Akkorden sprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie anders, wie so ganz
anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum erstenmal
lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne, es klang mir wie ein Ruf zur
Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr
mir dieselben Töne entgegen? Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso
eingeläutet, wie jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung? Das Bild des Lebens!«
setzte er wehmütig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses
Tal, auf diese Mauern, sein Pferd wandte. »Das Bild des Lebens! Um Wiege und
Sarg schweben sie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner Hauskapelle haben an
jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug, mir ebenso getönt, wie sie
mir tönen werden, wenn man den letzten Sturmfeder zu Grabe trägt!«
    Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben unsere
Leser den jungen Reiter schon längst erkannt, Georg liess sein Pferd langsam
hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach seiner
Heimat, und die Vergleichungen, die er zwischen dieser Heimkehr und dem
fröhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu beitragen, seine düsteren
Gefühle aufzuhellen. Der gesterige Tag, der schnelle Wechsel heftiger
Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch heute der Abschied von Männern, die
ihm wohlwollten, hatte ihn heftig angegriffen.
    Wie treuherzig und gutmütig hatte Dieterich von Kraft sein zierlicher
Gastfreund seine Abreise bedauert; wie gleich war sich dieser gute Mensch in
seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom ersten Becher an, den er mit ihm im
Rataussaale geleert, bis zum Abschiedstrunk, den er seinem Gast noch auf das
Pferd hinauf kredenzte; und wie hatte er ihm gelohnt? Beschäftigt mit sich
selbst hatte er ihn wenig geachtet, übersehen. Wie hatte er dem biedern
Breitenstein, wie dem Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie
seinen Liebling ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es
ist für ein edles Gemüt kein Gedanke drückender, als der, für undankbar zu
gelten bei Männern, in deren Augen wir geachtet sein möchten.
    Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke auf dem
Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzsonne wurden immer drückender,
die Pfade rauher, und er beschloss, unter dem Schatten einer breiten Eiche sich
und seinem Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er stieg ab, schnallte den Sattelgurt
leichter und liess das ermüdete Tier die sparsam hervorkeimenden Gräser
aufsuchen. Er selbst streckte sich unter der Eiche nieder, und so gerne er sich
dem Schlafe überlassen hätte, wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle
Schatten einlud, so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in
einem Lande, das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Ross und
vielleicht gar um seine Waffen zukommen, einige Zeit wach, bis er in jenen
Zustand versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem
Körper kämpft, der ungestüm seine Rechte fordert.
    
    Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben, als ihn das Wiehern
seines Pferdes aufschreckte; er sah sich um und gewahrte einen Mann, der, ihm
den Rücken gekehrt, sich mit dem Tier beschäftigte. Sein erster Gedanke war, dass
man seine Unachtsamkeit benützen, und das Pferd entführen wolle; er sprang auf,
zog sein Schwert und war in drei Sprüngen dort. »Halt! was hast du da mit dem
Pferd zu schaffen!« rief er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter
des Mannes legte.
    »Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?«
antwortete dieser und wandte sich zu ihm; in den listigen, kühnen Augen, an dem
lächelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den ihm Marie gesandt hatte:
er war noch unschlüssig, wie er sich gegen ihn benehmen sollte, denn Frondsbergs
Warnung schreckte ihn ab, Mariens Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr
fort, indem er ihm eine gute Handvoll Heu vorzeigte: »Ich konnte mir wohl
denken, dass Ihr keinen Futtersack mitnehmen werdet; auf den Bergen da oben sieht
es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen Armvoll
Heu mitgebracht; es hat ihm trefflich behagt.« So sprach der Bauer, und fuhr
ganz gelassen fort dem Pferd das Futter hinzureichen.
    »Und woher kommst du denn?« fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von
seinem Erstaunen gesammelt hatte.
    »Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, dass ich Euch nicht gleich
folgen konnte«, antwortete jener.
    »Lüge nicht!« unterbrach ihn der junge Mann; »sonst kann ich dir fürder
nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her?«
    »Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, dass ich mich etwas früher auf den
Weg machte als Ihr?« sagte der Bauer und wandte sich ab; doch entging Georg
nicht, dass jenes listige Lächeln wieder über sein Gesicht zog.
    »Lass mein Pferd jetzt stehen«, rief Georg ungeduldig, »und komm mit mir
unter die Eiche dort; da setze dich hin und sprich, aber ohne auszuweichen,
warum hast du gestern abend so plötzlich die Stadt verlassen?«
    »An den Ulmern lag es nicht«, entgegnete jener, »sie wollten mich sogar
einladen länger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und Wohnung
geben.«
    »Ja, ins tiefste Verlies wollten sie dich stecken, wo weder Sonne noch Mond
hinscheint, und wohin die Kundschafter und Späher gehören.«
    »Mit Verlaub, Junker«, erwiderte der Bote, »da wäre ich, wiewohl ein paar
Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen wie Ihr?«
    »Hund von einem Aufpasser!« rief der Junker ungeduldig, indem Zorn seine
Wangen rötete, »willst du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen mit dem
Pfeifer von Hardt!«
    »Was sprecht Ihr da?« fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene auf;
»was nennt Ihr für einen Namen? kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?« Er hatte
vielleicht unwillkürlich bei diesen Worten die Axt, die neben ihm lag, in seine
nervige Rechte gefasst. Seine gedrungene feste Gestalt, seine breite Brust, gaben
ihm trotz seiner nicht ansehnlichen Grösse, doch das Ansehen eines nicht zu
verachtenden Kämpfers; sein wildrollendes Auge, sein eingepresster Mund möchten
manchen einzelnen Mann ausser Fassung gebracht haben.
    Der Jüngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurück, und ein
Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finsteren Auge jenes Mannes; er legte
seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte ruhig und fest: »Was fällt
dir ein, dich so vor mich hinzustellen und mit dieser Stirne mich zu fragen; du
bist, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, du bist dieser Meuter und
Anführer von aufrührerischen Hunden; pack dich fort, auf der Stelle, oder ich
will dir zeigen wie man mit solchem Gesindel spricht!«
    Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die Axt mit einem
kräftigen Schwung in den Baum, und stand nun ohne Waffe vor dem zürnenden,
jungen Mann. »Erlaubet«, sagte er, »dass ich Euch für ein andermal warne, dass Ihr
Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich, nicht
zwischen Euch und Eurem Braunen stehen lasset; denn wenn ich Euren Befehl, mich
fortzupacken, hätte aufs schnellste befolgen wollen, wäre er mir trefflich
zustatten kommen.«
    Ein Blick dahin überzeugte Georg, dass der Bauer wahr gesprochen habe;
errötend über diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig er noch
Erfahrung im Kriege besitze, liess er seine Hand von dem Griff seines Schwertes
sinken, und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer
folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, seinem Beispiel und sprach: »Ihr
habt ganz recht, dass Ihr mir grollt, Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wüsstet,
wie weh mir jener Name tut, würdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze
verzeihen! Ja! ich bin der, den man so nennt, aber es ist mir ein Greuel, mich
also rufen zu hören; meine Freunde nennen mich Hanns, aber meinen Feinden
gefällt jener Name, weil ich ihn hasse.«
    »Was hat dir dieser unschuldige Name getan?« fragte Georg, »warum nennt man
dich so? warum willst du dich nicht so nennen lassen?«
    »Warum man mich so nennt?« antwortete jener; »ich bin aus einem Dorf, das
heisst Hardt, und liegt im Unterland nicht weit von Nürtingen; meinem Gewerbe
nach bin ich ein Spielmann, und musiziere auf Märkten und Kirchweihen, wenn die
ledigen Bursche und die jungen Mägdlein tanzen wollen. Deswegen nannte man mich
den Pfeifer von Hardt. Aber dieser Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in
einer bösen Zeit, darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.«
    Georg mass ihn mit einem durchdringenden Blick, indem er sagte: »Ich weiss
wohl, in welcher bösen Zeit; als ihr Bauern gegen euern Herzog rebelliert habt,
da warst du einer von den ärgsten. Ist's nicht also?«
    »Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglücklichen Mannes«, sagte
der Bauer finster zu Boden blickend; »Ihr müsst aber nicht glauben, dass ich noch
derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und meinen Sinn geändert, und ich
darf sagen, dass ich jetzt ein ehrlicher Mann bin.«
    »Oh, erzähle mir«, unterbrach ihn der Jüngling, »wie ging es zu in jenem
Aufruhr? wie wurdest du gerettet, wie kommt's, dass du jetzt dem Herzog dienst?«
    »Das alles will ich auf ein andermal versparen«, entgegnete jener; »denn ich
hoffe nicht zum letztenmal an Eurer Seite zu sein; erlaubt mir dafür, dass ich
auch Euch etwas frage; wo soll Euch denn dieser Weg hinführen? da geht nicht die
Strasse nach Lichtenstein!«
    »Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein«, antwortete Georg niedergeschlagen;
»mein Weg führt nach Franken zu dem alten Oheim; das kannst du dem Fräulein
vermelden, wenn du nach Lichtenstein kommst.«
    »Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? das könnt Ihr anderswo ebensogut;
Langeweile haben? die kauft Ihr allerorten wohlfeil; kurz und gut, Junker«,
setzte er gutmütig lächelnd hinzu, »ich rate Euch, wendet Euer Ross und reitet so
ein paar Tage mit mir in Württemberg umher; der Krieg ist ja so gut als
beendigt; man kann ganz ungehindert reisen.«
    »Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn zu
fechten; wie kann ich also nach Württemberg gehen?«
    »Heisst denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Strasse ziehet? So
also, vierzehn Tage lang, in vierzehn Tagen glauben sie den Krieg vollendet?
Wird noch mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verstossen an den Mauern von
Tübingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!«
    »Und was soll ich in Württemberg«, rief Georg schmerzlich, »soll ich recht
in der Nähe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei Eroberung der Festen sich Ruhm
erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf ewig Lebewohl gesagt und den
Rücken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! nach Franken will ich ziehen, in
meine Heimat«, sagte er düster, indem er die umwölkte Stirn in die Hand stützte,
»in meine alte Mauern will ich mich begraben, und träumen, wie ich hätte
glücklich sein können!«
    »Das ist ein schöner Entschluss für einen jungen Mann von Euerm Schrot und
Korn! Habt Ihr denn in Württemberg gar nichts zu tun, als des armen Herzogs
Burgen zu stürmen? Nun, reitet immerhin«, fuhr er fort, indem er den Jüngling
mit listigem Lächeln anblickte, »versucht einmal, ob der Lichtenstein nicht im
Sturm genommen werden könne?«
    Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf, »wie magst du nur jetzt
deinen Scherz treiben«, sagte er, halb in Unmut, halb lächelnd, »wie magst du
mit meinem Unglück spassen?«
    »Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker zu treiben«,
antwortete sein Gefährte; »es ist mein voller Ernst, dass ich Euch bereden
möchte, dortin zu ziehen.«
    »Und was dort tun?«
    »Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen, und die Tränen des bleichen
Fräuleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!«
    »Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? der Vater kennt mich nicht,
wie soll ich mit ihm bekannt werden?«
    »Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Väter eine freie Zehrung
in einem Schloss fordert? Lasset nur mich dafür sorgen, so sollt Ihr bald auf den
Lichtenstein kommen!«
    Der Jüngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Gründe für und wider, er
bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz des Krieges
sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich der Krieg notwendig
ziehen musste. Doch als er bedachte, wie mild die Bundesobersten selbst seinen
Abfall angesehen hatten, wie sie sogar im Fall seines völligen Übertrittes zum
Feinde nur vierzehn Tage Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde
Miene, ihre stille Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da
neigte sich die Schale nach Württemberg.
    »Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen«, dachte er. -
»Nun wohlan«, rief er endlich, »wenn du mir versprichst, dass nie davon die Rede
sein soll, mich an die Württemberger anzuschliessen; dass ich nicht als Anhänger
eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein behandelt werde, wenn du dies
versprichst, so will ich folgen.«
    »Für mich kann ich dies wohl versprechen«, antwortete der Bauer, »aber wie
kann ich etwas geloben für den Ritter von Lichtenstein?«
    »Ich weiss, wie du mit ihm stehst, und dass du oft zu ihm nach Ulm kamst und
er sein Vertrauen in dich setzt; so gut du ihm geheime Botschaft aller Art
bringen konntest, nicht minder kannst du ihm auch dies beibringen!«
    Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an: »Woher wisst Ihr
dies?« rief er, »doch - die, welche mich verfolgten, können auch dies gesagt
haben. Nun gut, ich verspreche Euch, dass Ihr überall so angesehen sein sollt,
als Ihr wollet; besteiget Euer Ross, ich will Euch führen, und Ihr sollt
willkommen sein auf Lichtenstein!«
 
                                      XIII
 Da spricht der arme Hirte: »Des mag noch werden Rat,
 Ich weiss geheime Wege, die noch kein Mensch betrat,
 Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geissen klettern dort,
 Wollt Ihr sogleich mir folgen, ich bring Euch sicher fort.«
                                                                       L. Uhland
Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluss gefasst hatte, seinem
geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von Reutlingen,
wo Mariens Bergschloss, der Lichtenstein, lag. Der eine war die offene
Heerstrasse, welche von Ulm nach Tübingen führt. Sie führte durch das schöne
Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuss der Alb kam, von da quer über
dieses Gebirge, vorbei an der Feste Hohen-Urach, gegen Sankt Johann und
Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst für Reisende, die Pferde, Sänften oder
Wagen mit sich führten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem
Pfeifer von Hardt über das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu wählen. Die
Bundestruppen hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich über die
ganze Strasse bis gegen Urach hin, und verfuhren gegen jeden, der nicht zum Heer
gehörte, oder zu ihnen sich bekannte, mit grosser Strenge und Erbitterung. Georg
hatte seine Gründe, diese Strasse nicht zu wählen, und sein Führer war zu sehr
auf seine eigene Sicherheit bedacht, als dass er dem jungen Mann von diesem
Entschluss abgeraten hätte.
    Der andere Weg, eigentlich ein Fusspfad, und nur den Bewohnern des Landes
genau bekannt, berührte auf einer Strecke von beinahe zwölf Stunden nur einige
einzeln stehende Höfe, zog sich durch dichte Wälder und Gebirgsschluchten, und
hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstrasse zu vermeiden, einen Bogen
machte, und für Pferde ermüdend und oft beinahe unzugänglich war, doch den
grossen Vorteil der Sicherheit.
    Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt und der Junker willigte mit Freuden
ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bündischen zu stossen. Sie zogen rasch
fürbass, der Bauer war immer an Georgs Seite, wenn die Stellen schwierig wurden,
führte er sorgsam sein Pferd und bewies überhaupt so viele Aufmerksamkeit und
Sorgfalt für Reiter und Ross, dass in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor
diesem Manne immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen Diener in
ihm sah.
    Georg unterhielt sich gerne mit ihm; er urteilte über manche Dinge, die
sonst ausser dem Kreise des Landmanns liegen, klug und scharfsinnig und mit einem
so schlagenden Witz, dass er dem sonst ernsten, jungen Mann, den seine
zweifelhafte Lage oft trübe stimmte, unwillkürlich ein Lächeln abnötigte. Von
jeder Burg, die in der Ferne aus den Wäldern auftauchte, wusste er eine Sage zu
erzählen, und die Klarheit und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, dass
er bei manchem Hochzeitschmaus, bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt als
Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben müsse. Nur sooft Georg auf
sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen wollte, wo der Pfeifer von
Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr des Armen Konrad gespielt hatte,
brach er düster ab, oder wusste mit mehr Geläufigkeit, als man dem schlichten
Mann zugetraut hätte, das Gespräch auf andere Gegenstände zu bringen.
    So waren sie ohne Aufentalt fortgereist; Hanns wusste immer voraus, wann
wieder ein Gehöfte kam, wo sie Erfrischung für sich und gutes Futter für das
Pferd finden würden. Überall war er bekannt, überall wurde er freundlich,
wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit Staunen aufgenommen. Er flüsterte
dann gewöhnlich ein Viertelstündchen mit dem Hausvater, während die Hausfrau dem
jungen Ritter emsig und freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem Äpfelwein
aufwartete und die »Büebla« und »Mädla« den hohen, schlanken Gast, seine schönen
Kleider, seine glänzende Schärpe, die wallenden Federn seines Barettes,
bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Kräfte
gesammelt, so begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Türe, und der
junge Reiter konnte zu seiner Beschämung niemals die Gastfreundschaft der guten
Leute belohnen, mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt, weigerten sie
sich standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste ihm
sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: »Wenn die Leute nach Hardt kommen,
kehren sie auch wieder bei mir ein«, schien nur eine ausweichende Antwort zu
sein.
    Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Höfe zu, wo die
Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer Bereitwilligkeit auf der
Ofenbank ein Bett zurechtmachte, als sie ihm zu Ehren ein paar Tauben geopfert
und einen dickgeschmälzten Haberbrei aufgetragen hatte.
    Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam es
Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu Werke gehe;
denn er liess, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter wohl fünfhundert
Schritte davon haltmachen, nahte sich behutsam den Gebäuden, und erst, nachdem
er alles sorgfältig ausgespähet hatte, winkte er dem Junker, zu folgen. Georg
befragte ihn umsonst, ob es in dieser Gegend gefährlicher sei, ob die
Bundestruppen schon in der Nähe seien? er sagte nichts Bestimmtes darüber.
    Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde, und der Weg sich mehr gegen
das ebene Land herabzuziehen schien, schien auch die Reise gefährlicher zu
werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von jetzt an gar nicht mehr den
Wohnungen nähern zu wollen, sondern hatte sich in einem Hof mit einem Sack
versehen, der Futter für das Pferd und hinlängliche Viktualien für sie beide
entielt; es schien, als ob er meist noch einsamere Pfade als bisher aufsuche;
auch glaubte Georg zu bemerken, dass sie nicht mehr dieselbe Richtung befolgen
wie früher, sondern sehr stark zur Rechten einbiegen.
    Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare Quelle und frischer
Rasen zur Ruhe einlud, machten sie halt; Georg stieg ab, und sein Führer
bereitete aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd versehen
hatte, setzte er sich zu den Füssen des jungen Ritters und begann mit grossem
Appetit zuzugreifen.
    Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit aufmerksamem
Auge die Gegend. Es war ein schönes breites Tal, in welches sie hinabsahn. Ein
kleines Flüsschen eilte schnell durchhin, die Felder, wovon es begrenzt war,
schienen gut und fleissig angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich auf einem
Hügel am andern Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der
Gebirgsrücken, über welchen sie gezogen waren.
    »Es scheint, wir haben die Alb verlassen?« sagte der junge Mann, indem er
sich zu seinem Gefährten wandte, »dieses Tal, jene Hügel sehen bei weitem
freundlicher aus, als der Felsenboden und die öden Weideplätze, die wir
durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und wärmer als oben, wo uns die
Winde oft so hart anfassten.«
    »Ihr habt recht geraten, Junker«, sagte Hanns, indem er die Reste ihrer
Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte; »diese Täler gehören schon zum Unterland,
und jenes Flüsschen, das Ihr sehet, strömt in den Neckar.«
    »Wie kommt es aber, dass wir so weit vom Weg abbiegen?« fragte Georg; »es kam
mir schon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung verlassen, aber
du wolltest nie darauf hören. Dieser Weg muss, soviel ich die Lage von
Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts führen.«
    »Nun, ich will es Euch jetzt sagen«, antwortete der Bauer, »ich wollte Euch
auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt aber sind wir, so Gott will, in
Sicherheit; denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier Stunden mehr von Hardt,
wo sie uns nichts mehr anhaben sollen!«
    »In Sicherheit?« unterbrach ihn Georg verwundert, »wer soll uns etwas
anhaben?«
    »Ei, die Bündischen«, erwiderte der Spielmann, »sie streifen auf der Alb und
oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns; mir für meinen Teil
wäre es nicht lieb gewesen, in ihre Hände zu fallen, denn sie sind mir, wie Ihr
wohl wisset, gar nicht grün; und auch Euch wäre es vielleicht nicht ganz recht,
gefangen vor den Herrn Truchsess geführt zu werden!«
    »Gott soll mich bewahren!« rief der Junker; »vor den Truchsess? lieber lasse
ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber hier? Es ist ja
hier in der Nähe keine Feste von Württemberg, und du sagtest mir ja doch, sie
können ungehindert durchs Land ziehen; wornach streifen sie denn?«
    »Seht Junker! es gibt überall schlechte Leute; was ein rechter Württemberger
ist, der lässt sich eher die Haut abziehen, als dass er den Herzog verrät, nach
welchem die Bündler jetzt ein Treibjagen halten. Aber der Truchsess soll unter
der Hand einen ganzen Haufen Gold versprochen haben, wenn man ihn fängt; er hat
seine Reiter ausgeschickt, diese streifen jetzt überall und die Leute sagen, es
gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen, und den
Spürhunden alle Klingen und Schlupfwinkel zeigen.«19
    »Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Lande geflohen,
oder wie andere sagen, in Tübingen, auf seinem festen Schloss, wo ihn vierzig
Ritter beschützen.«
    »Ja, die vierzig Edlen sind dort«, antwortete der Bauer mit schlauer Miene;
»auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph ist dort, das hat seine Richtigkeit,
ob aber der Herzog selbst dort ist, weiss niemand recht. Im Vertrauen gesagt, wie
ich ihn kenne, schliesst er sich auch nur zur höchsten Not in eine Feste ein; er
ist ein kühner, unruhiger Herr; und es ist ihm wohler in den Wäldern und Bergen,
wenn es auch Gefahr hat.«
    »Den Herzog also suchen sie? also müsste er hier in der Nähe sein?«
    »Wo er ist, weiss ich nicht«, erwiderte der Pfeifer von Hardt, »und ich
wollte wetten, dies weiss niemand als Gott; aber wo er sein wird, weiss ich«,
setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von Begeisterung aus dem
Auge dieses Mannes breche: »wo er sein wird, wenn die Not am höchsten ist, wo
seine Getreuen sich zu ihm finden werden, wo manche treue Brust zur Mauer werden
wird, um den Herrn in der Not gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch
ein strenger Herr, so ist er doch ein Württemberger, und seine schwere Hand ist
uns lieber als die gleissenden Worte des Bayern und des Österreichers.«
    »Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn sie auf ihn stossen?
hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich gemacht? Du hast mir einmal
sein Gesicht beschrieben und ich glaube ihn beinahe vor mir zu sehen, besonders
sein gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie ist seine Gestalt?«
    »Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr«, entgegnete jener, »er ist nicht
so gross, als Ihr, aber in vielem Euch ähnlich an Gestalt; besonders wenn Ihr zu
Pferd sasset und ich hinter Euch ging, da gemahnte es mich oft und ich dachte,
so, geradeso sah der Herzog aus, in den Tagen seiner Herrlichkeit.«
    Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; die Worte des Bauern
hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah jetzt erst ein, wie
töricht er gehandelt, in diesem Kriegesstrudel sich durch ein okkupiertes Land
stehlen zu wollen. Es wäre ihm höchst unangenehm gewesen, in diesem Augenblicke
gefangen zu werden; zwar konnte er nach seinem Eide reisen wohin er wollte, wenn
er nur in den nächsten vierzehn Tagen keinen tätlichen Anteil an dem Kampfe
gegen den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch auf ihn
werfen müsste, in dieser Gegend, so weit von dem Weg nach seiner Heimat
aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft eines Mannes, der den
Bundesobersten sehr verdächtig, sogar gefährlich geschienen hatte. Umzukehren
war keine Möglichkeit, denn es liess sich beinahe mit Gewissheit annehmen, dass die
Bundestruppen bereits die ganze Breite der Alb eingenommen haben; das sicherste
schien, sich zu beeilen, über die äussersten Posten des Heeres hinauszukommen;
man hatte dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie Bahn.
    Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese Gefahren hinaustragen
sollte, hing die Ohren; die grosse Eile und die ermüdenden, steinigen Fusspfade
hatten seine Kraft geschwächt; zu seinem grossen Verdruss bemerkte Georg sogar,
dass es auf dem linken Vorderfuss nicht gerne auftrete, was nach einem
achtstündigen Weg über scharfe, eckigte Felsen nicht zu verwundern war. Der
Bauer bemerkte die Verlegenheit des Junkers; er untersuchte das Tier, und riet,
es noch einige Stunden stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei
der Gegend so kundig, dass sie eine grosse Strecke in der Nacht zurücklegen
können.
 
                                      XIV
 Es ziehen vom Schwabenbunde
 Die Jäger durchs Gefild,
 Die spüren in die Runde
 Nach einem Fürstenwild.
                                                                       G. Schwab
Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal, und suchte Zerstreuung in der
lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen Augen öffnete,
als ihn der Bauer etwa fünfzig Schritte höher geführt hatte. Sie standen auf
einer Felsenecke, die einen schönen Ausläufer der Schwäbisschen Alb begrenzte.
Ein ungeheures Panorama breitete sich vor den erstaunten Blicken Georgs aus, so
überraschend, von so lieblichem Schmelz der Farben, von so erhabener Schönheit,
dass seine Blicke eine geraume Zeit wie entzückt an ihnen hingen. Und wirklich,
wer je mit reinem Sinn für Schönheiten der Natur, ohne himmelhohe Alpen, ohne
Täler wie das Rheingau zu suchen, die Schwäbische Alb bestiegen hat, dem wird
die Erinnerung eines solchen Anblickes unter die lieblichsten der Erde gehören.
    Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten Entfernung,
dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben einer herrlichen Beleuchtung von
sanftem Grau, durch alle Nüancen von Blau, am Horizont sich herzieht, bis das
dunkle Grün der näher liegenden Berge mit seinem sanften Schmelz die Kette
schliesst. Auf diesen Gipfeln eines langen Gebirgsrücken erkennt das Auge
Schlösser und Burgen ohne Zahl, die wie Wächter auf diese Höhen sich lagern und
über das Land hinschauen. Jetzt sind ihre Türme zerfallen, ihre stattlichen Tore
sind gebrochen, den tiefen Burggraben füllen Trümmer und Moos, und die Hallen,
in welchen sonst laute Freude erscholl, sind verstummt, aber damals, als Georg
auf dem Felsen von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich; sie
breiteten sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Männer zwischen den
Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.
    »Ein herrliches Land dieses Württemberg«, rief Georg, indem sein Auge von
Hügel zu Hügel schweifte; »wie kühn, wie erhaben diese Gipfel und Bergwände,
diese Felsen und ihre Burgen; und wenn ich mich dortin wende gegen die Täler
des Neckars wie lieblich jene sanften Hügel, jene Berge mit Obst und Wein
besetzt, jene fruchtbaren Täler mit schönen Bächen und Flüssen, dazu ein milder
Himmel und ein guter, kräftiger Schlag von Menschen.«
    »Ja«, fiel der Bauer ein, »es ist ein schönes Land; doch hier oben will es
noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre Unterland,
Herr! da ist es eine Freude im Sommer oder Herbst, am Neckar hinabzuwandeln; wie
da die Felder so schön und reich stehen, wie der Weinstock so dicht und grün die
Berge überzieht, und wie Nachen und Flösse den Neckar hinauf- und hinabfahren,
wie die Leute so fröhlich an der Arbeit sind, und die schönen Mädchen singen wie
die jungen Lerchen!«
    »Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar schöner«, entgegnete Georg,
»aber auch dieses Tal zu unsern Füssen, auch diese Höhen um uns her haben
eigenen, stillen Reiz; wie heissen jene Burgen auf den Hügeln? sage, wie heissen
jene fernen Berge?«
    Der Bauer überblickte sinnend die Gegend, und zeigte auf die hinterste
Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus den Nebeln ragte. »Dort hinten
zwischen Morgen und Mittag ist der Rossberg, in gleicher Richtung herwärts, jene
vielen Felsenzacken sind die Höhen von Urach. Dort, mehr gegen Abend ist Achalm,
nicht weit davon, doch könnt Ihr ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von
Lichtenstein.«
    »Dort also«, sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge tauchte tief in
die Nebel des Abends, »dort wo jenes Wölkchen in der Abendröte schwebt, dort
schlägt ein treues Herz für mich; jetzt auch steht sie vielleicht auf der Zinne
ihres Felsens und sieht herüber in diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem
Felsen hin. O dass die Abendlüfte dir meine Grüsse brächten, und jene rosigen
Wolken dir meine Nähe verkündeten!«
    »Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere
Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute feste Burg; wendet Eure
Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst die Wohnung berühmter
Kaiser, es ist Hohenstaufen.«
    »Aber wie heisst jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe emporsteigt«,
fragte der junge Mann; »sieh nur, wie sich die Sonne an ihren hellen weissen
Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft zu tauchen scheinen, wie ihre
Türme in rötlichem Lichte erglänzen.«
    »Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem Bunde zu schaffen
machen wird.«
    Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während diesem Zwiegespräch
der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends rollten dunkle Schleier über
das Gebirge, und verhüllten dem Auge die ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond kam
bleich herauf, und überschaute sein nächtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und
Türme von Neuffen rötete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei
dieser Felsen ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese
Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog die Nachtluft,
geheimnisvolle Grüsse flüsternd dem heller strahlenden Mond entgegen.
    »Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige Reisende, wie
wir«, sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd aufzäumte; »sei es noch um eine
Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis die Sonne wieder
aufgeht, kein bündischer Reiter ausspüren!«
    »Glaubst du es habe Gefahr?« sagte Georg, indem er seine Hand nach dem Helm
ausstreckte, und das dünne Barett abnahm. »Meinst du nicht, wir sollen uns
besser wappnen?«
    »Lasst hängen, Junker«, rief der Bauer lachend, »solch eine Sturmhaube ist an
sich schon kalt, und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr warm; lasset immer
Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den Herzog nicht, und sollten
sie kommen, wir zwei fürchten ihrer vier nicht.«
    Der junge Mann liess zögernd seinen schönen Helm am Sattelknopf hängen, er
schämte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der unberitten, nur
durch eine dünne lederne Mütze geschützt, und mit einer einfachen Axt schlecht
bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Führer ergriff die Zügel des Rosses,
und schritt voran den Berg hinab.
    »Du meinst also«, fragte Georg nach einer Weile, »bis hieher werden sich die
bündischen Reiter nicht wagen?«
    »Es ist nicht wohl möglich«, antwortete der Pfeifer, »Neuffen ist ein
starkes Schloss und hat gute Besatzung; sie werden es zwar in kurzer Zeit mit
Heeresmacht belagern, aber Gesindel wie die Handvoll Reiter des Truchsess wagt
sich doch nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.«
    »Schau! wie hell und schön der Mond scheint«, rief der Jüngling, der, noch
immer erfüllt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen Schatten der
Wälder und Höhen, die hellglänzenden Felsen betrachtete; »siehe wie die Fenster
von Neuffen im Mondlicht schimmern!«
    »Es wäre mir lieber er schiene heute nacht nicht«, entgegnete sein Führer,
indem er sich zuweilen besorgt umsah; »dunkle Nacht wäre besser für uns, der
Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt steht er gerade über dem
Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat, es kann nicht mehr lange dauern, so ist
er hinunter.«
    »Was schwatzt du da von einem Riesen, der auf dem Reissenstein gewohnt hat?«
    »Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt20, das hat seine
Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht, liegt ein
Schloss, das heisst der Reissenstein; es gehört jetzt den Helfensteinern; es liegt
auf jähen Felsen, weit oben in der Luft, und hat keine Nachbarschaft als die
Wolken und bei Nacht den Mond. Geradeüber von der Burg auf einem Berge, worauf
jetzt der Heimenstein steht, liegt eine Höhle, und darinnen wohnte vor alters
ein Riese. Er hatte ungeheuer viel Gold, und hätte herrlich und in Freuden leben
können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen ausser ihm gegeben hätte. Da fiel
es ihm ein, er wolle sich ein Schloss bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb.
Der Felsen gegenüber schien ihm gerade recht dazu.
    Er selbst aber war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Nägeln
haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie aufeinander, aber sie fielen immer
wieder ein und wollten kein geschicktes Schloss geben. Da legte er sich auf den
Beurener Felsen, und schrie ins Tal hinab nach Handwerkern, Zimmerleute, Maurer,
Steinmetze, Schlosser, alles solle kommen und ihm helfen; er wolle gut bezahlen.
    Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenland vom Kocher hinauf bis zum
Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und überallher kamen die Meister und
Gesellen, um dem Riesen das Schloss zu bauen. - Reitet aus dem Mondschein,
Junker, hieher in den Schatten, Euer Harnisch glänzt wie Silber, und könnte
leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!
    Nun, um wieder auch den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen, wie er
vor seiner Höhle im Sonnenschein sass, und über dem Tal drüben auf dem hohen
Felsen sein Schloss bauen sah, die Meister und Gesellen waren flink an der Arbeit
und bauten wie er ihnen über das Tal hinüber zuschrie; sie hatten allerlei
fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, weil er von der Bauerei nichts
verstand. Endlich war der Bau fertig und der Riese zog ein, und schaute aus dem
höchsten Fenster aufs Tal hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren,
und fragte sie, ob ihm das Schloss gut anstehe, wenn er so zum Fenster
herausschaue. Als er sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten
geschworen, es sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster wo er heraussah,
fehlte noch ein Nagel.
    Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten, es habe sich keiner
getraut vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel einzuschlagen.
Der Riese aber wollte nichts davon hören, sondern zahlte den Lohn nicht aus, bis
der Nagel eingeschlagen sei.
    Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Bursche vermassen sich
hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel einzuschlagen, wenn sie
aber an das oberste Fenster kamen und hinausschauten in die Luft, und hinab in
das Tal, das so tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da
schüttelten sie den Kopf und zogen beschämt ab. Da boten die Meister zehnfachen
Lohn, wer den Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner.
    Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter seines
Meisters lieb und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter Mann und wollte
sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der fasste sich ein Herz und
gedachte, er könne hier seinen Schatz verdienen oder sterben; denn das Leben war
ihm verleidet ohne sie; er trat vor den Meister, ihren Vater, und sprach: Gebt
Ihr mir Eure Tochter, wenn ich den Nagel einschlage? der aber gedachte seiner
auf diese Art loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals
breche, und sagte ja.
    Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer, sprach ein
frommes Gebet und schickte sich an zum Fenster hinauszusteigen, und den Nagel
einzuschlagen für sein Mädchen. Da erhob sich ein Freudengeschrei unter den
Bauleuten, dass der Riese vom Schlaf aufwachte und fragte was es gebe. Und als er
hörte, dass sich einer gefunden habe, der den Nagel einschlagen wolle, kam er,
betrachtete den jungen Schlosser lange und sagte: Du bist ein braver Kerl und
hast mehr Herz als das Lumpengesindel da; komm ich will dir helfen. Da nahm er
ihn beim Genick, dass es allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenster
hinaus in die Luft und sagte: Jetzt hau draufzu; ich lasse dich nicht fallen.
    Und der Knecht schlug den Nagel in den Stein, dass er fest sass; der Riese
aber küsste und streichelte ihn, dass er beinahe ums Leben kam, führte ihn zum
Schlossermeister und sprach, diesem gibst du dein Töchterlein. Dann ging er
hinüber in seine Höhle, langte einen Geldsack heraus, und zahlte jeden aus bei
Heller und Pfenning. Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen; zu
diesem sagte er: Jetzt gehe heim, du herzhafter Bursche, hole deines Meisters
Töchterlein, und ziehe ein in diese Burg, denn sie ist dein.
    Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim und - -«
    »Horch! hörtest du nicht das Wiehern von Rossen?« rief Georg, dem es in der
Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond schien noch hell,
die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im Gebüsch, und oft wollte es
ihm bedünken, als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben ihm hergehen.
    Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, dass ihn der Junker nicht bis
zum Ende erzählen lasse: »Es kam mir vorhin auch so vor, aber es war der Wind,
der in den Eichen ächzt, und der Schuhu rief im Gebüsch. Wären wir nur das
Wiesental noch hinüber, da ist es so offen und hell, wie bei Tag; jenseits fängt
wieder der Wald an, da ist es dann dunkel, und hat keine Not mehr. Gebt Eurem
Braunen die Sporen und reitet Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her.«
    »Warum denn jetzt auf einmal Trab«, fragte der junge Mann; »meinst du, es
hat Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, du hast sie auch gesehen die Gestalten im
Wald, die neben uns herschlichen. Glaubst du, es sind Bündische?«
    »Nun ja«, flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, »mir war es auch, als ob
uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, dass wir aus dem verdammten Hohlweg
herauskommen, und dann im Trab über das Tal hinüber, weiterhin hat es keine
Gefahr.«
    Georg machte sein Schwert locker in der Scheide, und nahm die Zügel seines
Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht hinab,
beleuchtet von so hellem Mondschein, dass der junge Mann jeden Zug seines
Gefährten erkennen konnte und deutlich sah, dass er seine Axt auf die Schulter
nahm, und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, herausnahm und in den
Gürtel steckte.
    Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen, da rief eine
Stimme im Gebüsch: »Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf Gesellen, der dort auf
dem Ross muss der Rechte sein.«
    »Fliehet, Junker, fliehet«, rief sein treuer Führer, und stellte sich mit
seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in demselben
Augenblick sah er sich von fünf Männern angefallen, während sein Gefährte schon
mit drei andern im Handgemenge war.
    Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen, und auf die
Seiten auszubiegen. Einer packte die Zügel seines Rosses, doch in demselben
Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, dass er ohne Laut niedersank,
doch die andern, wütend gemacht durch den Fall ihres Genossen, drangen noch
stärker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu ergeben; aber Georg, obgleich er
schon am Arm und Fuss aus mehreren Wunden blutete, antwortete nur durch
Schwertiebe.
    »Lebendig oder tot«, rief einer der Kämpfenden, »wenn der Herr Herzog nicht
anders will, so mag er's haben.« Er rief's, und in demselben Augenblick sank
Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb über den Kopf getroffen, nieder.
In tödlicher Ermattung schloss er die Augen, er fühlte sich aufgehoben und
weggetragen, und hörte nur das grimmige Lachen seiner Mörder, die über ihren
Fang zu triumphieren schienen.
    Nach einer kleinen Weile liess man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter
sprengte heran, sass ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten. Georg raffte
seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal zu öffnen. Er sah ein
unbekanntes Gesicht das sich über ihn herabbeugte; »Was habt ihr gemacht?« hörte
er rufen, »dieser ist es nicht, ihr habt den Falschen getroffen. Macht, dass ihr
fortkommt, die von Neuffen sind uns auf den Fersen.« Matt zum Tode schloss Georg
sein Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch von Streitenden,
doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kälte drang aus dem Boden des
Wiesentales, und machte seine Glieder erstarren, aber ein süsser Schlummer senkte
sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte
entschwanden seine Sinne.
 
                                  Zweiter Teil
                                        I
 Von vieler Burgen Walle
 Des Bundes Fahnen wehn,
 Die Städte huld'gen alle,
 Kein Schloss mag widerstehn,
 Nur Tübingen, die Feste
 Verspricht noch Wehr und Trutz.
                                                                       G. Schwab
Der Schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von Tag zu Tag
gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst
war nach langer mutiger Gegenwehr der Höllenstein, das feste Schloss von
Heidenheim gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan von Lichow hatte dort befehligt,
aber mit seinem Paar Feldschlangen, mit einer Handvoll Knechte konnte er den
Tausenden des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen.
Bald nachher fiel Göppingen. Nicht minder tapfer als der von Lichow hatte sich
Philipp von Rechberg gewehrt, hatte sogar für sich und seine Knechte freien
Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden.
Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch Unvorsichtigkeit der
Besatzung; am mutigsten hielt sich Meckmühl, es schloss einen Mann in seinen
Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer geschlagen hätte; sein
eiserner Wille war oft nicht minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen
gelegen. Auch diese Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in
des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht
widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen, mit ihr fiel das Unterland.21
    So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bündischen
Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu
gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie
durften zwar nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu
entschuldigen, aber sie gaben zu bedenken, dass ja er, die Ursache des Krieges,
nicht mehr unter ihnen sei, dass man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den
Prinzen Christoph und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne
Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden diese
Bitten keine Gnade. Ulerich habe diese Strafe verdient, gab man zur Antwort, das
Land habe ihn unterstützt, also mit gefangen, mit gehangen - auch Stuttgart
musste seine Tore öffnen.22
    Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der grösste Teil des
Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht, als ob er sich auf den
ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses höher gelegene Gebirgsland wurde von zwei
festen Plätzen, Urach und Tübingen, beherrscht, solange diese sich hielten,
wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft
mit dem Bunde, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der
tapfere Kommandant erstochen wurde, die Stadt ergab sich den Bündischen.
    Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig; doch dieses hatte
der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und die Schätze seines
Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren, kampfgeübten Rittern und
zweihundert der tapfersten Landeskindern war das Schloss anvertraut. Diese Feste
war stark; mit Kriegsvorräten wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der
Württemberger; denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und
Herrliche hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem
angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis er Entsatz
herbeibrachte. Und dortin wandten sich jetzt die Bündischen mit aller Macht.
Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch den Schönbuch, die Täler des Neckars
zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Fildern zeigten tiefe Spuren,
wohin die schweren Feldschlangen, Falkonen und Bombarden, die Kugel- und
Pulverwagen, der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.
    Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht gesehen. Ein
tiefer, aber süsser Schlummer hielt wie ein mächtiger Zauber seine Sinne viele
Tage lang gefangen; es war ihm in diesem Zustand wohl zumut wie einem Kinde, das
an dem Busen seiner Mutter schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig
öffnet, um in eine Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder
auf lange zu verschliessen. Schöne beruhigende Träume aus besseren Tagen
gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über sein bleiches
Gesicht und tröstete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten.
    Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn
gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, nachdem
er verwundet wurde.
    Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den runden
Scheiben eines kleinen Fensters, und erhellte das grössere Gemach eines dürftigen
Bauernhauses. Das Geräte, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber
von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung. Ein grosser eichener Tisch stand in einer
Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein
geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der
Bewohner, oder schöne selbstgesponnene Leinwand entalten; das dunkle Getäfer
der Wände trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten von
Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei musikalische
Instrumente eines längst verflossenen Jahrhunderts, als Zimbeln, Schalmeien und
eine Ziter aufgestellt waren. Um den grossen Kachelofen, der weit vorsprang,
waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem
Auge eine grosse Bettstelle, mit Gardinen von grossgeblümtem Gewebe, die im
hintersten Teil der Stube aufgestellt war.
    An diesem Bette sass ein schönes, liebliches Kind, von etwa sechzehn bis
siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet, die sich
teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war
unbedeckt, und fiel in zwei langen, mit bunten Bändern durchflochtenen Zöpfen
über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen
etwas gebräunt, doch nicht so sehr, dass es das schöne jugendliche Rot auf der
Wange verdunkelt hätte; ein munteres, blaues Auge blickte unter den langen
Wimpern hervor. Weisse faltenreiche Ärmel bedeckten bis an die Hand den schönen
Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten geschnürt, mit blendend weissen,
zierlich genähten Linnen umgeben, schloss eng um den Leib; ein kurzes, schwarzes
Röckchen fiel kaum bis über die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu
noch eine blanke Schürze und schneeweisse Zwickelstrümpfe mit schönen
Kniebändern, wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem dürftigen Gemach,
besonders da es Werktag war.
    Die Kleine spann emsig feine, glänzende Fäden aus ihrer Kunkel, zuweilen
lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick hinein.
Doch schnell, als wäre sie auf bösen Wegen erfunden worden, schlug sie die
Vorhänge wieder zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, dass
sie gelauscht habe.
    Die Türe ging auf, und eine runde, ältliche Frau in derselben Tracht wie das
Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine dampfende Schüssel
Suppe zum Frühstück auf und stellte Teller auf dem Tische zurecht. Indem fiel
ihr Blick auf das schöne Kind am Bette, sie staunte sie an und wenig hätte
gefehlt, so liess sie den Krug mit gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der
Hand hielt.
    »Was fällt der aber um Gottes willa ei', Bärbele«, sagte sie, indem sie den
Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat, »was fällt der ei', dass de am Wertich
da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst? und au 's nui Mieder hot se an, und, ei
dass di! - au a silberne Kette. Und en frischa Schurz und Strümpf no so mir nix
dir nix aus em Kasta reissa? Wer wird denn en solcha Hochmuat treiba, du dumms
Ding, du? Woisst du net, däss mer arme Leut sind? und dass du es Kind voma
ouglückliche Mann bist? -«A1
    Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie schlug
zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über ihr Gesicht flog,
zeigte, dass die Strafpredigt nicht sehr tief gehe. »Ei, so lasset uich doch
b'richta«, antwortete sie, »was schadet's denn dem Rock, wenn i ihn au amol amma
christliche Wertag ahan? an der silberna Kette wird au nix verderbt, und da
Schurz kann i jo wieder wäscha!«A2
    »So? als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza hätt? So sag mer no, was
ist denn in de gfahra, dass de so strählst und schöa machst?«A3
    »Ah was!« flüsterte das errötende Schwabenkind, »wisset Er denn net, dass
heut der acht' Tag ist? hot et der Ätti g'sait, der Junker werd' am heutiga
Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirking häb? und do hanne eba denkt -«A4
    »Ist's um dui Zeit?« entgegnete die Hausfrau freundlicher; »da host wärle
reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttich und schlampich, se ist et
guot und könnt Verdruss gä beim Ätte. Ih sieh au aus wie na Drach. Gang Bärbele;
holmer mei schwaarz Wammas, mei rauts Miader und en frischa Schurz.«A5
    »Aber Muater«, gab die Kleine zu bedenken. »Er wendt Ich doch ett do atau
wella? wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät? ganget lieber uffe und teant
Ich droban a, i bleib derweil bei em.«A6
    »Da host et aureacht, Mädle«A7, murmelte die Alte, liess selbst das Frühstück
stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die Tochter aber öffnete das
Fenster der frischen erquickenden Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten
Sims, viele Tauben und Sperlinge flogen heran, und verzehrten mit Gurren und
Zwitschern ihr Frühstück; die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten
in einem vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne
umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.
    In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes der Kopf eines
schönen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.
    Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf seinen
Wangen; sein Blick war wieder glänzend wie sonst; sein Arm stemmte sich kräftig
auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine Umgebungen; dieses Zimmer, diese
Geräte waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer
hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett
gelegt; es war ihm wie einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt,
die Besinnung endlich verliert, und auf einem fremden Lager aufwacht.
    Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm bei
seinem Erwachen aus langem Schlafe, entgegentrat, war so freundlich, dass er das
Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die Neugierde, über das, was
mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Geräusch, indem er
die Gardinen des Bettes noch weiter zurückschlug.
    Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um, über
ihr schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche blaue Augen staunten
ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den
Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu begrüssen. Sie fasste sich, und eilte mit
kurzen Schrittchen an das Bette, doch machte sie unterwegs mehreremal halt, als
besinne sie sich, ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch
schicke, dass sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.
    Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd
zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.
    »Sag mir, wo bin ich? wie kam ich hieher?« fragte Georg, »wem gehört dieses
Haus, worin ich, mir scheint aus einem langen Schlaf erwacht bin?«
    »Sind Er wieder ganz bei Ich?« rief das Mädchen, indem sie vor Freude die
Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses, wer hett des denkt? Er gucket oin doch
au wieder g'scheit an und et so duselig, dass oims ällamol angst und bang wora
ist.«A8
    »Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur zum
Teil verstand. »Ich lag einige Stunden ohne Bewusstsein?«
    »Ei wie schwäzet Er doch«, kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm das
Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu verbeissen; »a
baar Stund, saget Er? Heit nacht wird's grad nei Tag, dass se Ich brocht hent.«A9
    Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage ohne zu Marien zu
kommen! Zu Marien? mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie mit einem Schlag
seine Erinnerung wieder, er erinnerte sich, dass er vom Bunde sich losgesagt
habe; dass er sich entschlossen habe nach Lichtenstein zu reisen, dass er über die
Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, dass - er und sein Führer überfallen,
vielleicht gefangen wurde; »gefangen?« rief er schmerzlich, »sage Mädchen, bin
ich gefangen?«
    Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke des
jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Züge ernst, beinahe
wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen schrecklichen Zustand zurück, wo er
vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte; und der
schwermütige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob
sie bleiben oder um Hülfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurück.
    Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Bestätigung
seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit«, dachte er,
»vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr
zu wissen!« Sein Körper war noch zu erschöpft, als dass er der trauernden Seele
widerstanden hätte; eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.
    Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in
Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die
herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. »Er müesset et greina«, sagte
sie; »Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und - Er kennet jo jetzt bald
wieder fortreita«,A10 setzte sie wehmütig lächelnd hinzu.
    »Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«
    »G'fanga? noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a baarmol sei kenna, wia
dia vom Schwäbischa Bund vorbeizoga send, aber mer hent Ich ällemol guet
versteckt; der Vater hot gsait, mer solle da Junker koin Menscha seah lau.«A11
    »Der Vater?« rief der Jüngling, »wer ist der gütige Mann? wo bin ich denn?«
    »Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus send Er in Hardt.«
    »In Hardt?« ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm
Gewissheit, dass er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe, der ihm wie
ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. »Also in Hardt? und dein Vater ist der
Pfeifer von Hardt? nicht wahr?«
    »Er hot's et gern, wemmar em so ruaft«, antwortete das Mädchen, »er ist
freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer Hanns zua nem
sait.«A12
    »Und wie kam ich denn hieher?« fragte jener wieder.
    »Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das hübsche Kind, und
bediente sich wieder des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon seit
einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor neun Tagen in der
Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe
seine Stimme erkannt, und sei hinabgeeilt, um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht
allein gewesen, sondern noch vier andere Männer bei ihm, die eine, mit einem
Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den
Mantel zurückgeschlagen, und ihr befohlen zu leuchten, sie sei aber heftig
erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen.
Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wärmen, indessen habe man den
Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt
habe, auf das Bett gebracht; der Vater habe ihm seine Wunden mit Kräutern
verbunden, habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich
trefflich auf die Arzneien: für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie
alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten
Tränklein aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen
werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.
    Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens
zugehört; er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre zierlichen
Ausdrücke nicht recht verstand oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die
Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet
hatte.
    »Und dein Vater«, fragte er sie, »wo ist er?«
    »Was wisset mier wo er ist«, antwortete sie ausweichend, doch als besinne
sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu »Uich kammes jo saga, denn Ihr müesset
guet Freund sei mit em Vater; er ist nach Lichtastoi.«
    »Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen höher färbten; »und
wann kommt er zurück?«
    »Ja er sott schau seit zwoi Tag da sei, wie ner gsait hot. Wennem no nix
gschea ist; d' Leut saget, dia bündische Reiter bassenem uf.«A13
    Nach Lichtenstein - dortin zog es ja auch ihn; er fühlte sich kräftig genug
wieder einen Ritt zu wagen, und die Versäumnis der neun Tage einzuholen. Seine
nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem Ross; und als er hörte, dass es
sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte
Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung,
und bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von
Blut und Schwertieben aus den schönen Gewändern vertilgt, mit freundlicher
Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten
Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte; lächelnd breitete sie
Stück vor Stück vor ihm aus, und schien sein Lob, dass sie alles so schön gemacht
habe, gerne zu hören. Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, dass
der Junker ganz genesen sei, der Mutter zu verkündigen.
    Ob sie der Mutter auch gestanden, dass sie schon seit einer halben Stunde mit
dem schönen, freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir nicht; wir haben
aber Ursache daran zu zweifeln, denn jene ältliche, runde Frau hatte Erfahrung
aus ihrer Jugend, und glaubte ihrem Töchterlein die Warnung nie genug
wiederholen zu können: Sie solle sich wohl hüten, mit einem jungen Burschen
länger als ein Ave Maria lang zu sprechen.
 
                                       II
 -Was kümmert's dich? Du fragst
 Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen.
                                                                        Schiller
Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen, war ihr erster
Gang, nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der Küche. Und zwar aus
zweierlei Gründen. Einmal, weil jetzt dem Gast ein kräftiges Habermus gekocht
werden musste, und dann - von der Küche ging ein kleines Fenster in die Stube,
dortin stellte sich die Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.
    Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die
Schulter durchs Fensterlein. Sie staunte und ihr Herz pochte seit siebzehn
Jahren zum erstenmal recht ungestüm, denn so hübsch hatte sie sich doch den
Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt
gewesen, wenn er mit starren Augen ohne Bewusstsein, beinahe ohne Leben, dalag;
seine bleichen, noch im Kampf mit dem Tode so schönen Züge hatten sie oft
angezogen, wie ein rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden
anziehet, aber jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen
waren wieder gefüllt von schönem, mutigem Feuer, es wollte »dem Bärbele auf den
Zehen« bedünken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine solche
gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um die schöne
Stirne, es fiel geordnet und reich in den Nacken hinab.
    Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch wie
die Kirschen an Peter und Paul; und wie ihn das seidengestickte Wams gut
kleidete; und der breite weisse Halskragen, den er über das Kleid herausgelegt
hatte. Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen, warum er wohl immer auf eine
aus weiss und blauer Seide geflochtene Schärpe niedersah; so fest, so eifrig, als
wären geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es
kam ihr sogar vor als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie an
die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt.
    Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein
vollendet. »'s ist a Herr wie na Prenz«, sagte sie, indem sie das Habermus
umrührte; »was er a Wammes a hot; dia Herra z' Stuagerd kennets et schöner hau.
Was duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckta jo schier
ausenander! Es ist, ka sei, a bisle Bluat na komma, dass ens verzirnt.«A14
    »Noi sell isch et«, entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das Zimmer
übersehen konnte; »aber wisseter Muater wia mers fürkommt? er macht so gar
fuirige Auga druf na; sell ist gewiss ebbes von seim Schaz.«A15
    Die runde Frau konnte sich nicht entalten, über die richtige Vermutung
ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell nahm sie ihre mütterliche
Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: »A, was woist du von Schäz! So na
Kind wia du muass gar an nix so denka. Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang
mir sell Häfele her. Der Herr wird a fürnehms Fressa gwohnt sei, i muass am a
bisle viel Schmalz in da Brei dauh.«A16
    Bärbele verliess etwas empfindlich das Fenster: sie wusste, dass sie ihrer
Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte sie offenbar unrecht. Ging
nicht das Mädchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz, wo von den Mädchen des
Dorfes über Schätzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde, hatten
nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige Wochen älter waren als sie, schon
jede einen erklärten Schatz, und sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht
einmal etwas davon wissen dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden
Frau, ihrem Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter
über die Schulter sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten. Aber
wie es zu geschehen pflegt: das Verbot reizt gewöhnlich zur Übertretung, und
Bärbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis sie wisse, warum der junge
Ritter mit so gar »fuirigen Augen« auf seine Feldbinde hinschaue.
    Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte nichts
mehr als ein Becher guten alten Weines; auch dieser war bald herbeigebracht,
denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, dass er
nicht für feierliche Gelegenheiten ein Fässchen im Keller liegen hatte; das
Mädchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau ging im vollen
Sonntagsstaat, die Schüssel mit Habermus in beiden Fäusten, ihrem holden
Töchterlein voran in die Stube.
    Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knicksen der
Pfeifersfrau Einhalt zu tun; sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schloss zu
Neuffen gedient, und wusste was Lebensart war; daher blieb sie mit der rauchenden
Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge Junker
ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand errötend hinter der runden
Frau, und ihr verschämtes Gesicht ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die
Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse,
doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein
halb Stündchen mit ihm geplaudert.
    Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen; setzte dem Junker
das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank unter dem
Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten hölzernen Löffel in das
Mus; er blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, dass das
Frühstück delikat bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte,
setzten sich auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in
bescheidener Entfernung und nicht ohne das Salzfass zwischen sich und ihren
vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten, alten
Zeiten.
    Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Musse genug, die beiden
Frauen zu betrachten. Er gestand sich, dass die Hausehre des Pfeifers von Hardt
eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen weniger kühnen Mann als seinen
Führer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte
sie wohl nicht) gebracht hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine
liebliche Dirne, und ein so schöner Kopf, solche freundliche Augen hätten
vielleicht in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es
nicht von einem Bild schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft so
unendlich gross gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen den Erben des
Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt
hatte. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen,
unschuldigen Zügen, und wäre die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt
gewesen, so wäre ihr wohl die Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres
Kindes aufstieg, wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des
jungen Mannes begegnete.
    »Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen.« Dieser richtige Spruch
galt auch hier sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg lagen vornehmlich
zwei Dinge am Herzen; er musste gewiss sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein
zurückkommen würde, weil er nur seine Nachrichten über die Geliebte abwarten
wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig,
zu erfahren, wo das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Über das erstere
konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher schon
gesagt hatte; der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend; habe aber
versprochen am fünften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn daher
stündlich. Die runde Frau vergoss Tränen, indem sie dem Junker klagte, dass ihr
Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus gewesen sei; er
sei von früheren Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berüchtigt; jetzt
murmeln die Leute auch wieder allerlei über ihn, und gewiss bringe er seine Frau
und sein Kind durch sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer.
    Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen; es gelang
ihm wenigstens insoweit, dass sie ihm seine Fragen nach dem Bundesheer
beantwortete.
    »Ach Herr«, sagte sie; »des ist a Graus und a Jomer; 's ist grad wie wenn
der wild Jäger uf de Wolka reitet, und mit seine g'schpenstige Hund übers Land
wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt got's mit em hella Haufa ge
Tibenga.«
    »So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?« fragte Georg verwundert;
»Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind sie alle schon
eingenommen?«
    »Älles hent se; a Mann vo Schorndorf hot's g'sait, dass se de Hollastoi,
Schorndorf und Göppenga hent. Aber von Teck und Aurich kane Uich ganz gnau
berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo.« Sie erzählte nun, am dritten
April sei das Heer vor Teck gezogen; sie haben einen Teil des Fussvolkes vor das
eine Tor gesetzt, und sich mit der Besatzung über die Übergabe besprochen. Da
seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und indessen sei das
andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im Schloss Urach aber seien
vierhundert herzogliche Fussknechte gewesen; diese habe die Bürgerschaft nicht in
die Stadt lassen wollen, als der Feind anrückte. Es sei zum Gefecht zwischen
ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei
der Vogt von einer Kugel getroffen, und nachher mit Hellebarden niedergestossen
worden; die Stadt habe sich dem Bunde ergeben. »Es ist koi Wunder«, schloss die
runde Frau ihre Erzählung, »älle Burga und Schlösser nemmet se ei; denn se hent
lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schiesst, graisser als
mei Kopf, dass älle Maura zema brecha, und älle Tirn eifalle müasset.«
    Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, dass eine Reise von Hardt nach
Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde, als jener Ritt über die Alb,
denn er musste gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen durchschneiden. Doch
war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen; die Belagerung von
Tübingen musste notwendig viele Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch
hoffen, dass keine eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu
durchreisen hatte, besetzt halten werden.
    Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine Kopfwunde
war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn seines Barettes und
sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm geführt worden war, seine
Schärfe benommen; doch war der Schlag noch immer kräftig genug gewesen, um ihn
auf so viele Tage des Bewusstseins zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm
und Beinen waren geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen
Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem
Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde, denn ein
frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne, verjagen gar bald solche
schlimme Gäste.
    Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche Neugierde
dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden erträglich zu machen; es gehörte
die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um ihn vergessen zu lassen, wie
unerträglich lange ihr Vater auf sich warten lasse. Er sah hier, was er sich
schon lange zu sehen gewünscht hatte, eine echte, schwäbische Bauernwirtschaft.
Wie drollig kamen ihm ihre Sitten, ihre Sprache vor; sein Franken, so nahe es an
dieses Württemberg grenzte, hatte doch wieder einen anderen Schlag von Leuten;
es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in manchen Dingen
weniger roh als diese. Aber die gutmütige Ehrlichkeit dieser Leute, die aus
ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen Wesen hervorbljetzte; ihre
muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre Reinlichkeit, die ihrer Armut ein
ehrbares, sogar schmuckes Ansehen gab, dies alles machte, dass er zu fühlen
glaubte, es haben diese Leute als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche
er in seinen Gauen kennengelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so
viel Verschlagenheit zeigten.
    Bewundern musste er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des
Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen wie sie wollte, mochte sie noch so oft
ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie liess es sich nicht
nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu
erforschen, ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten habe als die
Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz
besonderen Gedanken; als nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der
Nacht noch lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am
Bette des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein; es
mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Geräusch im Zimmer
aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen;
seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine grosse Kappe gehüllt
hatte, sie glaubte einen Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf
geheimnisvolle Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen
Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu erkennen.
    Neugierig, endlich einmal zu hören was dieser Mann bei dem Vater zu tun
habe, schloss sie ihre Augen wieder fest zu, denn es war ihr wahrscheinlich, dass
ihr Vater sie nur im Zimmer liess, weil er sie für fest eingeschlafen hielt. Der
Mann erzählte von einem Fräulein, die über eine gewisse Nachricht untröstlich
sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht nach Hardt zu gehen und
Nachricht einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe,
ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches
hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf das
Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken geschildert und
versprochen, dass er, sobald sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde,
um dem Fräulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem
Kranken ein Löckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch
geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er vom Vater geführt,
aus der Stube gegangen, und kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht und Nebel
wieder wegreiten.
    Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage bald
wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt
verdrängt, sie erwachten aber jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Bärbele
durchs Küchenfenster gesehen hatte. Sie wusste, dass der Ritter von Lichtenstein
eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und
dieses Fräulein musste es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt hatte,
um sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst
kommen wollte, um ihn zu pflegen.
    Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, die krank in
Gefangenschaft gelegen, und von holden Fräulein errettet wurden, alles, was über
dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzählt worden war - und es
gab viele »grausige« Geschichten hierüber -, kam ihr in das Gedächtnis. Sie
wusste nun zwar nicht, wie es mit der Minne so vornehmer Leute beschaffen sei,
aber sie dachte, es werde den hohen Fräulein wohl ungefähr ebenso ums Herz sein,
wie den Mädchen von Hardt, wenn sie an einen schmucken Burschen von
Ober-Ensingen oder Köngen ihr Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam
ihr das Verhältnis, dem sie in Gedanken nachspürte, gar reizend vor, besonders
dachte sie sich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht
grausam und rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder tot sei,
wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen.
    Sie wusste ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schöne
Weise, und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn; es hiess:
»Wenn i im Bett lieg und bi krank,
Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz;
Und wenn i im Grab lieg und faule,
Wer kusst no ihr Honigmaule?«
Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte, wie leicht
der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und wie sie dann so einsam
und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie gewiss recht schön und eines
vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch viel schlimmer
daran? dachte das guterzige Schwabenkind weiter; dem Fräulein hatte ja der
Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht, aber er, er wusste ja seit vielen Tagen
kein Wörtchen von ihr; denn früher wusste er nichts von sich selbst, und seit er
wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl die
Binde, die er gewiss von ihr hatte, so beweglich angeschaut und ans Herz und den
Mund gedrückt? Sie nahm sich vor ihm zu erzählen, was in jener Nacht vorgegangen
sei, vielleicht ist es ihm doch ein Trost, dachte sie.
    Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbeles nach
und nach ernster geworden war, wie sie über etwas nachzusinnen schien, ja er
glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben. »Was hast du, Mädchen«,
sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte; »warum wirst du auf
einmal so still und ernst? und netzt ja sogar deine Fäden mit Tränen?«
    »Send denn Ihr so lustig, Junker?« fragte Bärbele, und sah ihm recht fest
ins Auge; »i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auga grollt, was selle
Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gwiss vo Eurem Schätzle, und jetzt tuet Ichs
loid, dass Er et bei er sind.«A17
    Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errötete tief
über ihre Frage. »Du hast vielleicht recht« sagte er lächelnd, »doch bin ich
deswegen nicht gar zu traurig ich werde sie bald wiedersehen.«
    »Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi«, entgegnete Bärbele mit
einem schelmischen Seitenblick.
    Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe etwas
gesagt haben? »In Lichtenstein?« fragte er sie, »was weisst du von mir und
Lichtenstein?«
    »Ach, i mag's dem gnädigen Fräule wohl gönna, dass se wieder amol a Freud
hot; mer hot mer gsait, sie häb rechtschaffa g'jomeret, wie Er so krank gwe
send.«A18
    »Gejammert sagst du?« rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat; »so
wusste sie um meine Krankheit? O sage, was weisst du von Marie? kennst du sie? Was
sagte der Vater von ihr?«
    »Der Vater hot koi Sterbeswörtle zu mer gsait, und i wisst au net, dass es a
Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wär. Aber Er müesset mer's et
übel nemma, Junker, dasse a bissele g'horcht hau; gucket des Ding ist so ganga:«
A19 Sie erzählte dem Junker wie sie hinter das Geheimnis gekommen sei, und dass
der Vater, wahrscheinlich um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen
sei.
    Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis jetzt
geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit der tröstlichen
Kunde seiner Genesung erhalten; und jetzt musste er erfahren, dass sie mehrere
bange Tage in Ungewissheit geschwebt sei; in der schrecklichen Ungewissheit, ob er
nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen
würde; er kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer
denken! Wahrlich, sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu beachten,
wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte. Wieviel hatte sie in Ulm
gelitten, wie schmerzlich war ihr der Abschied von ihm geworden; und kaum hatte
ihr Herz wieder freier geatmet in dem Gedanken, dass er des Bundes Fahnen
verlassen werde, kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so
kam ihr die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde. Und dieses alles vor
den Blicken des Vaters verschliessen zu müssen, diesen grossen Schmerz allein
tragen müssen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei welcher sie weinen,
bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt füllte er erst, wie notwendig es sei,
schnell nach Lichtenstein zu eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, dass
jener, sonst so kluge Mann, gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange
ausbleibe.
    Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten, »I sieh wohl, Er möchtet gern von
ich fort; wenn no der Vater do wär, denn alloi fendet Er da Weg noch Lichtastoi
net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und so kennet Er leicht
verirra. Wisseter was? i lauf em Vater entgege und mach, dass er bald kommt.«A20
    »Du wolltest ihm entgegengehen?« sagte Georg, gerührt von der Gutmütigkeit
des Mädchens, »weisst du denn, ob er schon in der Nähe ist; vielleicht ist er
noch stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird es Nacht!«
    »Und wär's so Nacht, dass mer da Weg mit de Händ greifa müesst, und müesset e
laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, Er kommet jo no bälder zu -«A21
errötend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch ihr gutes Herz, sich
zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schämte sie sich doch, jenes zarte
Verhältnis, das ihr heute so klar, wie noch nie zuvor einleuchtete, zu berühren.
    »Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre es ja töricht von
mir, zurückzubleiben, und erst deinen Vater zu erwarten. Ich sattle geschwind
mein Ross und reite neben dir her, und du zeigst mir den Weg, bis ich ihn nicht
mehr verfehlen kann!«
    Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem langen
Zopfband; »aber es wird jo scho enera Stund Nacht«,A22 flüsterte sie kaum
hörbar.
    »Ei, was schadet das, dann bin ich um den Hahnenschrei in Lichtenstein«,
antwortete Georg, »du wolltest dich ja vorhin selbst bei Nacht und Nebel auf den
Weg machen.«
    »Ja i wohl«, entgegnete Bärbele ohne aufzusehen, »aber Euch ist's gwiss et
gsund, wo ner erst krank gwä sent, so in der kühla Nacht en Weg von sechs Stund
z'macha.«A23
    »Das kann ich nicht beachten«, rief Georg, »und die Wunde ist ja geheilt,
ich bin gesund wie zuvor; nein! rüste dich immer, gutes Kind, wir brechen
sogleich auf, ich gehe mein Pferd zu satteln.« Er nahm den Zaum von einem Nagel
an der Wand, wo er aufgehängt war, und schritt zur Türe.
    »Herr! Euer Gnaden!« rief ihm das Mädchen ängstlich nach; »lasset's lieber
geh. Gucket, 's tuet se et, dass mer so selbander in der Nacht fortganget. D'Leut
in Hardt send so gar wunderlich, und mer tät mer gwiss ebbes ahänga, wenne -.A24
Wartet lieber bis morga früh, so wille Ich meitwega führa bis Pfullinga.«
    Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens, und hing schweigend den Zaum
wieder an die Wand. Es möchte ihm freilich lieber gewesen sein, wenn die Leute
von Hardt weniger geneigt waren, Böses zu denken; doch es war hier nichts zu
tun, als sich schweigend in sein Schicksal zu ergeben. Er beschloss daher diesen
Abend und die folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten; käme er nicht, so
wollte er mit dem frühesten Morgen zu Pferd sein, und unter Leitung seiner
schönen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.
 
                                      III
 Die linden Lüfte sind erwacht,
 Sie schaffen und weben Tag und Nacht,
 Sie säuseln an allen Enden,
 O frischer Duft, o neuer Klang!
 Nun, armes Herze, sei nicht bang!
 Nun muss sich alles, alles wenden.
                                                                       L. Uhland
Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus zurück,
und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr länger zügeln
konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die runde Frau hatte nach
einigen harten Kämpfen, mit ihrem Töchterlein, erlaubt, dass sie den Junker
geleiten dürfe. Sie wusste zwar, dass ein so unerhörtes Ereignis viele Abende zur
Unterhaltung in den Spinnstuben von Hardt dienen werde, und sah es deswegen
nicht ganz gerne. Wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen
Ritter gelegen sein müsse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen, und wie einen
Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht
abschlagen zu dürfen; doch machte sie die Bedingung, dass Bärbele vorausgehen,
und ihn eine Viertelstunde hinwarfst an einem Markstein erwarten müsse.
    Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm zu
Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte in den
geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges Geschenk für die
damalige Zeit, und eine bedeutende Summe für die Reisekasse Georgs von
Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll übrigens nie etwas von diesem Depositum
erfahren haben; sei es nun, dass die gute runde Frau den Goldgulden nicht
gefunden hat, oder dass sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er
möchte den Junker durch die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur so viel ist
gewiss, dass die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem
nagelneuen Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der
Gegend, und dass ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch mit
Goldborden auf der nächsten Kirchweihe trug, das man früher nie an ihr gesehen.
Auch soll sie jedesmal errötet sein, wenn die Mädchen das neue Mieder befühlten
und lobten. Welch grossen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen
Goldgulden machen!
    Georg traf seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein sitzen. Sie sprang
auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm her. Das Mädchen
kam ihm heute noch viel hübscher vor als gestern. Ihre Wangen hatte der frische
Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und ihre Augen glänzten freundlich. Ihre
Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten Marsch, denn das kurze Röckchen
hinderte den Fuss nicht, flink auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen an den Arm
gehängt, als wolle sie zu Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemüs
noch Früchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte, sondern
ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages
versehen hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie so schmuck und rüstig neben
ihm hinging, dass das Mädchen wohl einmal eine gute, tüchtige Hausfrau zu werden
verspreche, und pries den jungen Burschen glücklich, der einst das Kleinod des
Spielmannes von Hardt für sich gewinnen werde.
    Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt.
Denn, wie auch jener bei der Reise über die Alb seinem vornehmen Gefährten durch
Erzählungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu verkürzen bemüht gewesen
war, so wusste auch sie, sooft das Gespräch zu stocken begann, entweder auf einen
schönen Punkt in den Tälern und Bergen umher, aufmerksam zu machen, oder sie
teilte ihm unaufgefordert eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloss,
an ein Tal oder einen Bach knüpften.
    Sie wählte meistens Nebenwege, und führte den Reiter höchstens zwei- bis
dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie halt. Endlich
nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer kleinen halben
Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied sich hier, und ein Fusspfad führte
links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt blieb das Mädchen stehen und sagte:
»Was Er dort sehet ist Pfullinga, von dort kann Ich jedes Kind da Weg nach
Lichtastoi zeiga.«
    »Wie? Du willst mich schon verlassen?« fragte Georg, der sich an die
munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewöhnt hatte, dass ihn der
Abschied überraschte; »warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen?
Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken; du willst doch nicht
geradezu nach Haus laufen?«
    Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch konnte sie
einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht verbergen; denn wohl
mochte auch ihr die Nähe ihres schönen Gastes teurer geworden sein, als sie
vielleicht selbst wusste. »Do muess i von Ich geh, gnädiger Herr«, sagte sie, »so
gerne au no weiters mitging; aber d'Muetter will's so; dort in dem Dörfle am
Berg hanne a Baas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder noch Hardt.
Jetzt b'hüet Ich Gott der Herr und d' heilig Jungfrau und älle seine Heilige
nemmet Ich in Schutz. Grüesset mer de Vater und au«, setzte sie lächelnd hinzu,
indem sie schnell eine Träne abschüttelte, »grüesset mer sell Frähla, die Er so
gern hent.«A25
    »Dank dir Bärbele«, entgegnete Georg, und reichte ihr die Hand zum Abschied
vom Pferd hinab. »Ich kann dir deine treue Pflege nicht vergelten. Aber wenn du
nach Haus kommst, so schau in den geschnitzten Schrank, dort wirst du etwas
finden, das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Röckchen für den
Sonntag reicht. Nun, und wenn du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz
dich darin küsst, so denke an Georg von Sturmfeder!«
    Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen, und trabte über die grüne Ebene
hin dem Städtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt, schaute er sich noch
einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie stand noch dort, wo er sie
verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen Röckchen, mit langen Zöpfen und
weissen Strümpfen, sie war es und keine andere; aber sie hielt die Hand vor die
glänzenden Augen, und Georg war ungewiss, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch
abhalten wolle, indem sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht jene Träne
verwische, die er in ihren Wimpern blinken sah, als sie Abschied nahm.
    Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fühlte sich ermüdet und
durstig, und fragte daher auf der Strasse nach einer guten Herberge. Man wies ihn
nach einem kleinen düsteren Haus, wo ein Spiess über der Türe und ein Schild mit
einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr einluden. Ein kleiner barfussiger
Junge führte sein Pferd in den Stall, ihn selbst aber empfing in der Türe eine
junge, freundliche Frau und führte ihn zur Trinkstube.
    Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wänden sich schwere
eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure Menge von Kannen und Bechern,
die blank gescheuert von den Gestellen am Getäfer herabblinkte, bewies, dass die
Herberge zum Hirsch sehr besucht sein müsse. In der Tat sassen auch, obgleich es
erst Mittag war, schon viele Gäste beim Wein. Sie schauten den stattlichen
jungen Ritter prüfend an, als er an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein
sechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt
wurde; doch liessen sie sich in ihrem Gespräch durch den vornehmen Gast nicht
lange stören, sondern schwatzten weiter über Krieg und Frieden, über Schlachten
und Belagerungen, wie ehrsame Spiessbürger in so unruhigen Zeiten, wie etwa anno
1519, zu tun pflegen.
    Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit
lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging, und als sie
ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher vorsetzte, zog sich
ihr etwas grosser Mund zu holdseliger Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein
junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig
gedulden wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das
laternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige Trinkstube,
Georg konnte daher mit Musse die Tische übersehen und trinkend die Gäste mustern.
Obgleich er nicht viel in Herbergen und Weinstuben sich herumzutreiben pflegte,
so hatte er doch, vielleicht dadurch, dass er weniger sprach als beobachtete,
einen eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei
seinen jetzigen Beobachtungen unterstützte.
    Die Gesellschaft, die um einen der grossen eichenen Tische sass, bestand aus
etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden sich auf den ersten Anblick nicht
sehr voneinander; grosse Bärte, kurze Haare, runde Mützen, dunkle Wämser gehörten
dem einen so gut wie dem anderen an. Doch sonderte ein schärferer Blick bald
vorzüglich drei von den übrigen. Der eine, er sass Georg am nächsten, war ein
kleiner, fetter freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger als das
der anderen, er hatte es sorgfältiger gekämmt, auch schien sein dunkler Bart
besser gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch, und ein Filzhut
mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel hingen,
bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar einen Ratsherrn. Er
mochte auch eine bessere Sorte trinken als die übrigen, denn er schlürfte
bedächtig, und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, dass er
leer sei, tat er dies mit einem gewissen Anstand, und vernehmlicher als die
übrigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, überaus fein und listig aus,
als wisse er noch manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte
er das Vorrecht, das Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden
Arm zu »tätscheln«, wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte.
    Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches sass, stach nicht
minder gegen seine Umgebungen ab, als der Fette; alles war an ihm länglich und
hager. Sein Gesicht, von der Stirne bis zu dem langen, zugespitzten Kinn, mass
wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit welchen er auf dem Tische den
Takt eines Liedes spielte, das er leise vor sich hin pfiff, hatten etwas
Spinnenartiges, und als sich Georg einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem
grossen Erstaunen, dass der hagere Mann lange, dünne Beine, beinahe unter dem
ganzen Tisch hin, ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas
Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, was die Bürger
vorbrachten, widersprach, ausdrückte; er sah aus, wie einer der viel mit
vornehmen Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch
nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem Städtchen sein,
denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. Nach Georgs Mutmassungen war
er ein reisender Arzt, wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menschen
künstlich umzubringen.
    Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und
zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem Wesen, das
ihn von der gutmütigen, behaglichen Ruhe der Spiessbürger merklich unterschied.
Er hatte über dem einen Auge ein grosses Pflaster, das andere aber blickte kühn
und offen um sich. Ein grosser Reisestock mit eiserner Spitze, der neben ihm lag,
und sein lederbesetzter Rücken, worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste
tragen mochte, liessen schliessen, dass er entweder ein Bote sei, oder
wahrscheinlicher noch einer jener herumziehenden Krämer, die auf Märkte und
Kirchweihen, nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, für die Weiber
wirksame Mittel gegen verhextes Vieh, und für die Mädchen schöne bunte Bänder
und Tücher bringen.
    Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das nur hin und wieder
durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln
von den übrigen ehrsamen Bürgern unterbrochen wurde.
    Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die Georgs Interesse sehr
in Anspruch nahm. Sie sprachen über die Unternehmungen des Bundes im
württembergischen Unterland. Der Krämer mit dem ledernen Rücken hatte erzählt,
dass Meckmühl, worin sich Götz von Berlichingen eingeschlossen, von den
Bündischen erstürmt, und jener tapfere Mann gefangen worden sei.23
    Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt, und einen guten Zug
von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere liess aber den Lederrücken nicht
aussprechen, er schlug den Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher, und
sagte mit hohler Stimme: »Das ist erstunken und erlogen, Freund! seht, das ist
gar nit möglich, denn der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest,
das muss ich wissen; und überdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in
mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn
fangen lassen?«
    »Mit Verlaub«, unterbrach ihn der fette Herr; »dem ist nicht also, sondern
Götz ist in der Tat gefangen, und sitzt in Heilbronn. Aber nicht weil er erlegen
ist, denn sein Schloss in Meckmühl ist nicht erstürmt worden, sondern die
Bündischen haben ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen; wie er aber aus
dem Tor kam, wurde er überfallen, seine Knechte getötet und er gefangen. Seht,
das ist nicht recht, und da hat der Bund schändlich gehandelt.«
    »Da muss ich doch bitten, Herr«, sprach der Lange, »dass man nicht also von
den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie z.B. Herr
Truchsess von Waldburg mein geneigter Herr und Freund ist.«
    Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber das, was ihm auf
der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Bürger brachen bei
Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des Staunens aus, und
lüfteten ehrerbietig ihre Mützen.
    »Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid«, sagte der Zerlumpte mit
etwas trotziger Miene, »so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben können, wie
es um Tübingen aussieht.«
    »Es pfeifet auf dem letzten Loch«, antwortete der Gefragte; »ich war vor
kurzer Zeit dort, und sah die fürtrefflichen und schrecklichen Anstalten zur
Belagerung.«
    »Ei, - So, - Wie«, flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen, als
erwarteten sie wichtige Kunde.
    Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück, steckte die
langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige Zoll länger aus
und sprach: »Ja, ja ihr Leute, dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der
Nachbarschaft sind in grossem Schaden, denn die Obstbäume sind alle abgehauen,
man schiesst mit aller Macht auf Stadt und Schloss, und die Stadt hat sich schon
ergeben; im Schloss liegen vierzig Ritter, aber sie können die paar Mäuerlein
nicht mehr lange halten!«
    »Was? ein paar Mäuerlein?« rief der fette Herr und setzte seine Kanne
klirrend auf den Tisch; »wer je das Schloss von Tübingen gesehen hat, kann nicht
von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg
stösst, zwei tiefe Graben, dass die Bündler mit keiner Leiter hinaufkönnen, und
Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht
übel spielen lassen.«
    »Umgeschossen, umgeschossen!« rief der lange Mann mit so greulich hohler
Stimme, dass die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen krachen zu hören
glaubten; »den neuen Turm, den der Ulerich neulich aufbaute, hat der Frondsberg
umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden wäre.«24
    »Aber damit ist noch nicht alles hin«, antwortete der Zerlumpte. »Und die
Ritter machen Ausfälle aus dem Schloss, und haben schon manchen auf dem Wört am
Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf
geschossen, dass er heute noch Ohrensumsen hat.«25
    »Da seid Ihr falsch berichtet«, sprach der Hagere nachlässig; »Ausfälle?
dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; es sind Griechen, ich
weiss nicht vom Ganges oder Epiros, man heisst sie Stratioten; die haben einen
Obersten, den Georg Samares, der lässt keinen Hund aus dem Loch ausfallen.«26
    »Der hat halt auch ins Gras beissen müssen«, entgegnete der zerlumpte Mann
mit einem höhnischen Seitenblicke; »die Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch
ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und
gefangen, und -«
    »Gefangen? den Samares?« rief der Lange aus seiner vornehmen Ruhe
aufgeschreckt; »Freund, das habt Ihr falsch gehört!«
    »Nein«, antwortete jener sehr ruhig, »ich habe die Glocken läuten hören, als
man ihn in Sankt-Jörgen-Kirche begraben hat.«
    Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden um zu erforschen, was
für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache? Er liess seine buschigen
Augenbrauen herab, dass von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte
seinen langen dünnen Knebelbart, schlug mit der knöchernen Hand auf den Tisch
und sagte: »Und wenn sie ihn auch in zehn Stücke zerhauen hätten, den Griechen,
es hilft doch nichts! das Schloss muss über, da hilft nichts, und hat man
Tübingen, dann gute Nacht Württemberg. Der Ulerich ist zum Land hinaus, und
meine gnädige Herren und Gönner sind Meister.«
    »Wer steht Euch davor, dass er nicht wiederkommt? und dann? - -« sagte der
kluge, fette Herr, und klappte den Deckel zu.
    »Was? wiederkommen«, schrie jener; »der Bettelmann? wer sagt das, dass er
wiederkommt; wer wagt es? He?«
    »Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig; - »wir sind friedliche
Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern anders
werden. - Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt
sein?« So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, dass ihm keiner etwas
Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern mit stechendem Blicke an, zog
dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte: »Es war nur zur Erinnerung,
dass wir den Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein Seel, mir ist er wie Gift
und Operment, darum gefällt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn
gemacht hat; ich will es einmal singen.« Die Bürger sahen finster vor sich hin,
und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglücklichen
Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk, und sang
mit heiserer, unangenehmer Stimme:
»Vater unser
Reutlingen ist unser.
Der du bist
Esslingen hat nicht lange Frist.
Geheiligt werde dein Nam';
Heilbronn und Weil wollen wir han,
Zukomm uns dein Reich,
Ulm sieht uns auch gleich.
Dein Will geschehe
Die Münz' hat gereiht ein anderes Geprähe.
Unser täglich Brot
Wir haben Geschütz für alle Not.
Gib uns heut und vergib uns unsere Schuld,
Wir haben des Königs in Frankreich Huld,
Als wir vergeben unseren Schuldigern,
Wir wollen dem Bund das Maul zusperrn!
Lass uns nicht versucht werden
Wir wöllen bald Kaiser werden.
Sondern erlös uns vom Übel. Amen!
So behalten wir des Kaisers Namen.«27
Er schloss seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel, der weiter
keinen Effekt hervorbrachte, als dass die Bürger einander heimlich anstiessen, und
über die jämmerlichen Töne des Sängers, die Achsel zuckten. Er aber schaute
stolz in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhörer den
gerechten Beifall lesen.
    »Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen«, sagte der Zerlumpte, »so fein
kann ich's nicht, aber doch weiss ich auch ein neues Lied, und will es mit Eurem
Verlaub singen.«
    Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten ihm zu,
und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuschloss, aber
doch hin und wieder auf den langen Mann hinüberschielte, als beobachte er,
welchen Eindruck sein Gesang mache:28
»O weh, wo bleibet deine Kraft,
Württemberg, du arme Landschaft;
Ich klag dich billig hart und sehr,
Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.
Der zu Nürnberg die Wetschger macht,
Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,
Von Ravenspurg die Krämer all.
Von Rottweil die neuen Schweizerknaben
Wollten der Gans auch ein Feder haben,
Und der Schneider von Memming ist in der Sach
Und auch der Kürschner von Biberach.«
Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten über den
Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied. Der
Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft; man
war ungewiss, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der Gegenstand
des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte
die Weise des Liedes mit, und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.
    Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:
»Den Saymer von Kempten ich euch meld
Und Holzhauer von dem Herdtfeld
Und andere, die ich nit nennen will
Der Haufen ist gross und wird gar zu viel.
Und auch der ist in dem Strauss,
Der richt' alles mit Ungeld aus,
Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind
Des reichen Barchetwebers Kind.«
»Dass Euch der Kuckuck in den Hals fahr! Ihr Lumpenhund«, fuhr der lange Mann
auf, als er die letzten Worte hörte; »ich weiss wohl, wen Ihr mit dem
Barchetweber meint; meinen gnädigen Gönner den Herrn von Fugger. Den soll mir
ein solcher Landläufer verunglimpfen?« Er begleitete diese Worte mit einem
ausdrucksvollen Mienespiel, und mit schrecklicher Gebärde.
    Doch der mit dem ledernen Rücken liess sich nicht einschüchtern; er stellte
seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: »Den Landläufer könnt Ihr
für Euch behalten, Herr Calmus, man weiss wohl wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht
augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rührlöffelarme vom Leib
schlagen.«
    Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, dass er in so gemeine
Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus
der Trinkstube.
 
                                       IV
 Weh mir, ich habe die Natur verändert.
 Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
 Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin.
 Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
                                                                        Schiller
Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt einander
an; es war ihnen zumut, als hätten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen,
es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wollen, ja, als wäre ein
erschrecklicher, tötender Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur
ein »kalter Schlag«. Dem Mann mit dem Lederrücken dankten sie, dass er den
ungezogenen, übermütigen Gast so schnell entfernet habe, und fragten, was er
wohl von dem hageren Fremden wisse?
    »Den kenne ich wohl«, antwortete dieser, »das ist unseres Herrgotts Tagdieb,
ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest, den Hunden
den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mädchen von dicken Hälsen befreit
und den Weibern Augenwasser gibt, dass sie blind werden. Er heisst eigentlich
Kahlmäuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heisst er sich Doktor Calmus.
Er nistet sich bei allen grossen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel
geheissen hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund.«
    »Mit dem Herzog muss er aber nicht gut stehen«, bemerkte der schlaue Herr,
»denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft.«
    »Ja, mit Herrn Ulerich steht er freilich nicht gut; das ging aber so: der
Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdbund, der hatte sich im Schönbuch einen
Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte der Hund, er forschte nach
einem geschickten Mann, der das Tier heilen könnte, und zufällig war der
Kahlmäuser da, und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an. Er bekam im Schloss in
Stuttgart alle Tage gut zu essen und eine Mass Wein; das schmeckte ihm nun so
gut, dass er über ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da liess ihn eines
Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. Er
soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht darauf
geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es sich, dass sie
schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmäuser, so lang
er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock
hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, dass er halb tot unten ankam. Und seit
der Zeit ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere
sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und Frau Sabina,
und habe nur deswegen den Hund übernommen, weil er dadurch ins Schloss kam.«
    »So? mit dem Hutten hat er es gehalten?« sagte einer der Bürger. »Das hätten
wir wissen sollen, so hätten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor!
Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld, mit seiner Liebelei, und
der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen.«
    »De mortuis nil nisi bene; man muss die Toten schonen, sagen die Lateiner«,
entgegnete der fette Herr; »der arme Teufel hat es mit dem Leben teuer genug
bezahlt.«
    »Aber es ist ihm recht geschehen«, rief jener Bürger mit grosser Hitze; »an
des Herzogs Stelle hätte ich's gerade auch so gemacht, ein jeder Mann muss sein
Hausrecht wahren.«
    »Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?« fragte der fette Herr mit
überaus schlauem Lächeln, »da habt Ihr die beste Gelegenheit; ein Schwert habt
Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hängen
könnet.«
    Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen, belehrte den Gast im
Erker, dass jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem eigenen Hause
nicht so ganz strenge Justiz üben müsse. Er errötete und murmelte einige
unverständliche Worte in seinen Becher hinein.
    Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich seiner
an: »Ja wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte den Hutten auf der
Stelle hängen können, ohne dass er erst mit ihm focht, er ist ja Freischöff vom
westfälischen Stuhl, vom heimlichen Gericht, und darf einen solchen
Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die besten Beweise gleich bei
der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein? Ich will einmal ein paar Verse daraus
singen:
Und im Wald er sich zum Hutten wandt:
Was flimmert dort an deiner Hand?
Herr Herzog 's ist ein Ringelein
Das hab ich von meiner Liebsten fein.
Ei Hanns, du bist ein stattlich Mann
Hast auch ein gülden Kettlein an!
Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,
Zum Zeichen, dass sie mein gedenkt.
Dann heisst es weiter:
O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,
Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,
O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,
Er reisst das Schwert schon aus der Scheid -«
»Lasst es lieber gut sein«, unterbrach ihn der fette Herr mit ernster Miene; »es
ist nicht gut, dass man in solchen Zeiten dies Lied in der Herberge singt; dem
Herzog kann es nicht mehr nützen, und die Bündischen sind rings um uns; es
könnte leicht einer etwas davon hören«, setzte er mit einem stechenden Blick auf
Georg hinzu, »und dann hiesse es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden
Brandsteuer mehr.«
    »Weiss Gott, Ihr habt recht«, sagte der Zerlumpte; »es ist nicht mehr wie
früher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim Wein in der
Trinkstube; da muss man immer umschauen ob nicht dort ein Herzoglicher, und auf
der andern Seite ein Bündler sitzt; aber den letzten Vers will ich noch singen,
trotz Bayern und dem Schwabenbund:
Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,
Gar breit in den Ästen und hoch gestalt't;
Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn:
Dort hing der Herzog den Hutten dran.«
Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster herab,
und Georg glaubte zu bemerken, dass sie über ihn ihre Glossen machen. Auch die
freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein
beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor ihn hin,
nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann
nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl
sehr bescheiden, über das Woher? und Wohin?
    Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck seiner
Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gespräch der Gäste an der langen Tafel hatte
ihn belehrt, dass es hier nicht minder gefährlich sei, zu gar keiner Partei zu
gehören, als sich für irgendeine bestimmt zu erklären, er sagte daher, er komme
aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern
reisen, und schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu
bescheiden, als dass sie sich den Ort wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen
lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu
erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin zum Goldenen Hirsch, auch
nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides beschreiben würde. Er fragte
daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der
Nachbarschaft wohnen.
    Die Wirtin schwatzte gerne; sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde
die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend, und bald kam auch
Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen,
und Schob die Schüssel weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin
zu widmen.
    »Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben schöne
Felder und Wälder, und keine Rute Landes verpfändet: da liesse sich der Alte
lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar viel darauf hält und ihn
immer streichelt, wenn er mit den Leuten spricht. Er ist ein strenger, ernster
Mann; was er einmal haben will, das muss geschehen, und sollte es biegen oder
brechen. Er ist auch einer von denen, die es so lange mit dem Herzog hielten;
die Bündischen werden es ihm übel entgelten lassen.«
    »Wie ist denn seine..., ich meine Ihr sagtet, er habe eine Tochter, der
Lichtenstein?«
    »Nein«, antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht in
grämliche Falten zog, »von der habe ich gewiss nicht gesprochen, dass ich es
wüsste. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wäre ihm besser, er
führe kinderlos in die Grube, als dass er aus Jammer über sein einziges Kind
abfährt.«
    Georg traute seinen Ohren nicht; was konnte die Wirtin gerade von Marien so
Arges denken, dass sie den Vater glücklich pries, wenn er dieses Kind nicht
hätte? »Was ist es denn mit diesem Fräulein«, fragte er, indem er sich vergebens
abmühte, recht scherzhaft auszusehen; »Ihr macht mich neugierig, Frau Wirtin;
oder ist es ein Geheimnis, das Ihr nicht sagen dürft?«
    Die Frau zum Goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten,
ob niemand lausche, aber die Bürger waren ruhig in ihrem Gespräch begriffen, und
achteten nicht auf sie, und sonst war niemand in der Nähe, der sie hören konnte.
»Ihr seid ein Fremder«, hub sie nach diesen Forschungen an, »Ihr reiset weiter
und habt nichts mit dieser Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen,
was ich nicht jedem vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf dem
Lichtenstein ist ein - ein - ja bei uns Bürgersleuten würde man sagen, sie ist
ein schlechtes Ding, eine lose Dirne -«
    »Frau Wirtin!« rief Georg.
    »So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen sich ja
um. meint Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewiss weiss? Denkt Euch, alle
Nacht Schlag eilf Uhr lässt sie ihren Liebsten in die Burg. Ist das nicht
schrecklich genug, für ein sittsames Fräulein?«
    »Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?«
    »Ja leider, nachts um eilf Uhr ihren Liebsten; es ist eine Schande und ein
Spott! Es ist ein ziemlich grosser Mann, der kommt in einen grauen Mantel gehüllt
ans Tor. Sie hat es zu machen gewusst, dass zu dieser Zeit alle Knechte vom Tor
entfernt sind, und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu
allen losen Streichen half, um den Weg ist; da kommt sie nun allemal, wenn es
drüben in Holzelfingen eilf Uhr schlägt, selbst herunter in den Hof, die Nacht
mag so kalt sein als sie will, und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke, den sie
zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schliesst der alte Sünder, der
Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder, und der Mann im grauen Mantel eilt in
die Arme des Fräuleins.«
    »Und dann?« fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust, kein
Blut mehr in den Wangen hatte; »und dann?«
    »Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt; so viel ist gewiss, dass der
nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muss, denn er hat in mancher
Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt, und zwei, drei Nössel Wein dazu
getrunken; was weiter geschieht, weiss ich nicht; ich will nichts vermuten,
nichts sagen, aber das weiss ich«, setzte sie mit einem christlichen Blick gen
Himmel hinzu, »beten werden sie nicht.«
    Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, dass er nur einen
Augenblick gezweifelt habe, dass diese Erzählung eine Lüge, von irgendeinem
müssigen Kopf ersonnen sei; oder wenn auch etwas Wahres darin wäre, so konnte es
doch nichts sein, das Marien zur Unehre gereicht hätte.
    Wenn es wahr ist, dass die Liebe eines Jünglings in den guten alten Zeiten
zwar nicht weniger leidenschaftlich war, als in unseren Tagen, aber mehr den
Charakter reiner anbetender Ehrfurcht trug, dass nach der Sitte der Zeit die
Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer, sondern um eine höher
stand, wenn wir den romantischen Erzählungen alter Chroniken und Minnebücher
trauen dürfen, die so viele Beispiele aufführen, dass sich edle Männer, wenn sie
in Liebe sind, für die Treue und Reinheit ihrer Dame, auf der Stelle totschlagen
lassen, so ist es nicht zu verwundern, dass Georg von Sturmfeder wenigstens auf
diese Indizien hin, von Marien nichts Schlechtes denken konnte. So rätselhaft
ihm selbst jene nächtlichen Besuche vorkommen mochten, so sah er doch klar, es
sei weder bewiesen, dass der Vater nichts darum wisse noch dass der geheimnisvolle
Mann gerade ein Liebhaber sein müsse. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin
vor.
    »So? meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?« sprach sie; »dem ist
nicht so. Sehet, ich weiss das gewiss, denn die alte Rosel, die Amme des Fräuleins
-«
    »Die alte Rosel hat es gesagt?« rief Georg unwillkürlich; ihm war ja diese
Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt; freilich wenn diese
es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so zweifelhaft; denn er wusste, dass sie
eine fromme Frau und dem Fräulein sehr zugetan war.
    »Ihr kennt die alte Rosel?« fragte die Wirtin, erstaunt über den Eifer,
womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.
    »Ich? sie kennen? nein, erinnert Euch nur, dass ich heute zum erstenmal in
diese Gegenden komme; nur der Name Rosel fiel mir auf.«
    »Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heisst Rosina bei uns, und so nennt man
die alte Amme in Lichtenstein; nun seht, diese hält viel auf mich, und kommt hie
und da zu mir, dann koche ich ein süsses Weinmüschen, was sie für ihr Leben gerne
isst, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch was ich
Euch sagte. Der Vater weiss gar nichts von diesen nächtlichen Besuchen, denn er
geht schon um acht Uhr zu Bette, die Amme schickte das Fräulein jedesmal um acht
Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie
stellt sich, als gehe sie zu Bette, und siehe da, was geschieht? Kaum ist alles
ruhig im Schloss, so macht das Fräulein, das sonst keinen Span anrührt,
eigenhändig ein Feuer auf den Herd; kocht und bratet, was sie kann und weiss,
holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank, und deckt in der
Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster hinaus, in die kalte schwarze
Nacht, und richtig wenn es drüben eilf Uhr schlägt, rasselt die Zugbrücke
nieder, der nächtliche Geselle wird eingelassen, und geht mit dem Fräulein in
die Herrenstube; sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen
vorgehe, aber die eichenen Türen sind gar dick; dann lugte sie auch einmal
durchs Schlüsselloch, sah aber nichts als den Kopf des Fremden.«
    »Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?«
    »Alt? wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch darnach aus, dass sie es mit
einem Alten hätte! Jung ist er und schön, wie mir die Rosel sagt; er hat einen
dunkeln Bart um Mund und Kinn, schönes gerolltes Haar auf dem Kopf, und sah
recht freundlich und liebreich aus.«
    »Dass ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke«, murmelte Georg, und
strich mit der Hand über das Kinn, das noch ziemlich glatt war. »Frau! besinnt
Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehört von der Frau Rosel? hat sie dies
alles so gesagt? machet Ihr nicht noch mehr dazu?«
    »Gott bewahre mich, dass ich über jemand lästere! Da kennt Ihr mich schlecht,
Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch mehr hat sie
vermutet, und mir ins Ohr geflüstert, was eine ehrliche Frau einem schönen
jungen Herrn nicht wiedersagen kann. Und denket Euch, wie recht schlecht das
Fräulein ist, sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und dem ist sie also
untreu geworden!«
    »Noch einen?« fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung schien ihm mehr
und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.
    »Ja noch einen; es soll ein gar schöner, lieber Herr sein, sagte mir die
Rosel; sie war mit dem Fräulein einige Zeit in Tübingen, und da war ein Herr von
- von - ich glaube Sturmfittich heisst er - der war auf der hohen Schule; und da
lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme schwört, es sei nie ein
schmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz
schrecklich liebgehabt, das ist wahr und sei sehr traurig gewesen um ihn, als
sie von Tübingen ging; nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche
Herz; und die Amme heult, wenn sie nur an den schönen, treuen Herrn denkt, er
soll noch viel, viel schöner gewesen sein als der, den sie jetzt hat.«
    »Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis ich einen vollen
Becher bekomme«, rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf; denn die Frau
Wirtin hatte über ihrer Erzählung alles übrige vergessen.
    »Gleich, gleich!« antwortete sie, und flog an den Schenktisch hin, den
durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; und von da ging es zum
Keller, und Boden und Küche nahmen sie in Anspruch, so dass der Gast im Erker
gute Weile hatte, einsam über das, was er gehört hatte, nachzusinnen.
    Den Kopf auf die Hand gestützt, sass er da, und schaute unverrückt in die
Tiefe seines silbernen Bechers, so sass er am Nachmittag, so sass er am Abend, die
Nacht war schon lange eingebrochen, und er sass noch immer so hinter dem runden
Tisch im Erker, tot für die Welt umher, nur hin und wieder verriet ein tiefes
Seufzen, dass noch Leben und Empfindung in ihm sei. Die Wirtin wusste nicht, was
sie aus ihm machen sollte; sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt;
hatte versucht, mit ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren
Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet; es war ihr ganz angst dabei
geworden, denn geradeso hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er das
Zeitliche gesegnete, und ihr den Goldenen Hirsch hinterliess.
    Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrücken
gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder sei er verliebt bis
über die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit
einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie gesehen, und der
auch aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.
    Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung; er glaubte, dem jungen Mann sei
vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt oft im Kriege vorkomme, und er sei
deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal
nach dem stummen Gast im Erker hinauf, und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene,
von welchem Gewächs und Jahrgang der Ritter trinke?
    »Nun ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was der
Goldene Hirsch hat.«
    »Da haben wir es!« rief der kluge Mann; »ich kenn den Heppacher Achtz'ger,
den kann solch ein Junkerlein nicht führen, und der ist ihm zu Kopf gestiegen.
Lasst ihn sitzen, lasst ihn immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich
wette, ehe es acht Uhr schlägt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch
wie der Fisch im Wasser.«
    Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin aber
belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn, und fand seine Vermutung am
wahrscheinlichsten.
    Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste hatten schon alle die
Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rüsten, als
der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gänge
durchs Zimmer, und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er sah düster und
verstört aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt, hatten seinen sonst
so freundlichen offenen Zügen tiefe Spuren des Grames eingedrückt.
    Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten
Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen, und ihm dann ein treffliches, weiches
Bett anweisen, doch er schien für diese Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu
haben.
    »Wann sagt Ihr«, hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, »wann geht der
nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurück?«
    »Um eilf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten Hahnenschrei
kommt er wieder über die Zugbrücke.«
    »Lasset mein Pferd satteln, und besorget mir einen Knecht, der mich nach
Lichtenstein geleite.«
    »Jetzt in der Nacht?« rief die Wirtin, und schlug vor Verwunderung die Hände
zusammen. »Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch, Ihr treibt Spass mit mir.«
    »Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig, ich
habe Eile.«
    »Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt«, entgegnete jene; »und jetzt
wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die frische
Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken; aber weiss Gott Euer Pferd lasse
ich nicht aus dem Stall, Ihr könnt mir herunterfallen oder allerlei Unglück
anrichten, und dann hiesse es, wo hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf
gehabt, dass sie die Leute so laufen lässt.«
    Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er war wieder in sein
düsteres Sinnen zurückgesunken; als sie aufhörte zu sprechen schrak er auf und
wunderte sich, dass sie seinen Befehl noch nicht befolgt habe.
    Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen; da
gedachte sie, dass sie doch keine Gewalt habe, ihn zurückzuhalten und dass es
geratener sein möchte, ihn ziehen zu lassen. »Lasset dem Herrn seinen Braunen
herausführen«, rief sie, »und der Andres soll sich rüsten, heute nacht noch ein
Stück Weges zu gehen! - Er hat recht, dass er jemand mitnehmen will«, sprach sie
für sich weiter; »der kann ihn doch im Notfall halten; zwar sagt man, sie haben
ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle keiner so leicht
vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt, wie der Schwingel in der grossen
Glocke, aber besser ist besser. - Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter? nun Ihr
habt gehabt eine Mass Alten, macht zwölf Kreuzer, und das Essen - nun, es ist
nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt; Ihr habt ja mein Huhn kaum
angesehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen
wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schön danken.«
    Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuss der guten, alten Zeiten
berichtigt war, entliess die Wirtin zum Goldenen Hirsch ihren Gast; sie war ihm
zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag
in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht verhehlen,
als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, dass sie nicht leicht
einen schöneren Mann gesehen habe, und sie schärfte daher ihrem Knecht, der ihn
begleitete, um so sorgfältiger ein, recht genau auf ihn achtzuhaben, weil es bei
diesem Herrn »doch nicht ganz richtig im Kopfe sei«.
    Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen Reiter, wohin
er reiten wolle; und auf seine Antwort »Nach Lichtenstein!« schlug er einen Weg
rechts ein, der zum Gebirge führte. Der junge Mann ritt schweigend durch die
Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht links, er sah nicht auf nach den
Sternen, nicht hinaus in die Weite, seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es
war ihm wie damals, als ihn die Mörder am Wege niedergeschlagen hatten, seine
Gedanken standen stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und
zu wünschen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler gewesen, als ihm auf dem
kühlen Teppich des Wiesentales, die Besinnung schwand, er war ja entschlummert
mit dem erhebenden Gedanken an sie, und die erstarrenden Lippen hatten noch
einmal einen süssen Namen ausgesprochen.
    Aber jetzt war die Leuchte verlöscht, die seinen Pfad durchs Leben erhellt
hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen,
und dann in lichteren Höhen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden; und
unwillkürlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert, als wolle er sich
versichern, dass ihm dieser Gefährte wenigstens treu geblieben sei, als sei dies
der gewichtige Schlüssel, der die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum
Lichte führt.
    Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen, steiler wurden die Pfade,
und das Ross strebte mühsam unter der Last des Reiters und seiner Rüstung bergan;
doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte kühler, und spielte mit
den langen Haaren des Jünglings, er fühlte es nicht; der Mond kam herauf und
beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete kühne Felsenmassen und die hohen,
gewaltigen Eichen, unter welchen er hinzog, er sah es nicht; unbemerkt von ihm,
rauschte der Strom der Zeit an ihnen vorüber, Stunde um Stunde verging, ohne dass
ihm der Weg lang bedünkte.
    Es war Mitternacht, als sie auf der höchsten Höhe ankamen. Sie traten heraus
aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der übrigen Erde lag auf
einem einzelnen, senkrecht aus der nächtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der
Lichtenstein.
    Seine weissen Mauern, seine zackigten Felsen schimmerten im Mondlicht, es
war, als schlummere das Schlösschen, abgeschieden von der Welt im tiefen Frieden
der Einsamkeit.
    Der Ritter warf einen düsteren Blick dortin und sprang ab. Er band das
Pferd an einen Baum, und setzte sich auf einen bemoosten Stein, gegenüber von
der Burg. Der Knecht stand erwartend, was sich weiter begeben werde, und fragte
mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei?
    »Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?« fragte endlich der stumme
Mann auf dem Steine.
    »Zwei Stunden, Herr!« war die Antwort des Knechtes.
    Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleite, und winkte ihm zu
gehen. Er zögerte, als scheue er sich, den jungen Mann in diesem unglücklichen
Zustand zu verlassen; als aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte,
entfernte er sich stille nur einmal noch sah er sich um, ehe er in den Wald
eintrat, der schweigende Gast sass noch immer, die Stirne in die Hand gestützt,
im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten Stein. -
 
                                       V
                Durch diese hohle Gasse muss er kommen, es führt kein andrer Weg
                nach Küssnacht - Hier Vollend ich's - die Gelegenheit ist
                günstig.
                                                                        Schiller
Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über die Torheit der Eifersucht
geschrieben, und dennoch sind die Menschen seit Urias' Zeiten darin nicht weiser
geworden. Leute von überaus kühler Konstitution werden zwar sagen, wenn jener
berühmte jüdische Hauptmann nicht die Torheit begangen hätte, seine schöne junge
Frau nur für sich allein haben zu wollen, oder gar auf den König David
eifersüchtig zu werden, so wäre der berüchtigte Uriasbrief nie geschrieben
worden, und besagter Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienste bringen
können. Andere aber, denen die Natur heisses Blut und einen Stolz, ein Gefühl der
Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung oder Treuebruch leicht aufgeregt und
beleidigt wird, werden beim eintretenden Falle jenem unglücklichen Übel
unterliegen, wenn sie auch mit allen Beweisgründen der kälteren Vernunft sich
selbst die Torheit ihres Beginnens vorpredigen.
    Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blute, dass ihn die Nachricht,
die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der Billigkeit und Mässigung
herausgejagt hätte; er war überdies in einem Alter, wo zwar die offene Seele
sich noch nicht daran gewöhnt hat, den Menschen a priori zu misstrauen, wo aber
ein solcher Fall um so überraschender ist, um so gefährlicher wirkt, eben weil
das arglose Herz ihn nie gedacht hat. Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue,
da braust der Stolz auf, der sich beleidigt dünkt; den prüfenden Verstand, der
das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen trübe, düstre Wolken, und
verhüllen ihm das Wahre; ein Wörtchen Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von
Lüge überzeugt ihn; die Sonne der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht in der
Seele. Dann schleichen sich jene nächtlichen Gesellen: Verachtung, Wut, Rache,
in das von allen guten Engeln verlassene Herz, und die unendliche Stufenleiter
der Empfindungen, welche von Liebe zu Hass führt, hat die Eifersucht in wenigen
Augenblicken zurückgelegt.
    Georg war auf jener Stufe der düsteren, stillen Wut und der Rache
angekommen; über diese Empfindungen brütend, sass er unempfindlich gegen die
Kälte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer
wiederkehrender Gedanke war, den nächtlichen Freund »zu stellen, und ein Wort
mit ihm zu sprechen«.
    Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde, als er sah, dass sich
Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten, erwartungsvoll pochte sein
Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des Schwertes umfasst. Jetzt
wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar, Hunde schlugen an,
Georg sprang auf und warf den Mantel zurück. Er hörte, wie eine tiefe Stimme,
ein vernehmliches »Gute Nacht« sprach. Die Zugbrücke rauschte nieder und legte
sich über den Abgrund, der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf,
und ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, den dunkeln Mantel fest
umgezogen, schritt über die Brücke, und gerade auf den Ort zu, wo Georg Wache
hielt.
    Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem dröhnenden: »Zieh
Verräter, und wehr dich deines Lebens« auf ihn einstürzte; der Mann im Mantel
trat zurück und zog; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen und
rasselten klirrend aneinander.
    »Lebendig sollst du mich nicht haben«, rief der andere, »wenigstens will ich
mein Leben teuer genug bezahlen!« Zugleich sah ihn Georg tapfer auf sich
eindringen, und an den schnellen und gewichtigen Hieben merkte er, dass er keinen
zu verachtenden Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungeübter Fechter,
und er hatte manch ernstlichen Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er
seinen Mann gefunden. Er fühlte, dass er sich bald auf die eigene Verteidigung
beschränken müsse, und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoss ausfallen,
als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein Schwert
wurde ihm in demselben Augenblicke aus der Hand gewunden, zwei mächtige Arme
schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn regungslos, und eine furchtbare
Stimme schrie: »Stosst zu, Herr, ein solcher Meuchelmörder verdient nicht, dass er
noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe!«
    »Das kannst du verrichten, Hanns«, sprach der im Mantel, »ich stosse keinen
Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber mach es kurz.«
    »Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!« sagte Georg mit
fester Stimme; »Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was liegt an meinem Leben?«
    »Was habe ich?« fragte jener und trat näher.
    »Was Teufel ist das für eine Stimme?« sprach der Mann, der ihn noch immer
umschlungen hielt; »die sollte ich kennen!« Er drehte den jungen Mann in seinen
Armen um, und wie von einem Blitz getroffen, zog er die Hände von ihm ab:
»Jesus, Maria und Joseph! da hätten wir bald etwas Schönes gemacht! aber welcher
Unstern führt Euch auch gerade hieher, Junker? was denken auch meine Leute, dass
sie Euch fortlassen, ohne dass ich dabei bin!«
    Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete, und ihm die Hand zum
Gruss bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundschaftliche Zeichen
einem Manne zu erwidern, der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm
verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im Mantel, bald den Pfeifer an.
»Meinst du«, sagte er zu diesem, »ich hätte mich von deinen Weibern in
Gefangenschaft halten lassen sollen, dass ich deine Verräterei hier nicht sehe?
Erbärmlicher Betrüger! Und Ihr«, wandte er sich zu dem andern, »wenn Ihr ein
Mann von Ehre seid, so steht mir, und fallet nicht zu zwei über einen her; wenn
Ihr wisst, dass ich Georg von Sturmfeder bin, so mögen Euch meine früheren
Ansprüche auf das Fräulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu messen,
bin ich hierhergekommen. Darum befehlet diesem Schurken, dass er mir mein Schwert
wiedergebe, und lasst uns ehrlich fechten, wie es Männern geziemt.«
    »Ihr seid Georg von Sturmfeder?« sprach jener mit freundlicher Stimme und
trat näher zu ihm. »Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum hier. Glaubet mir
ich bin Euch sehr gewogen, und hätte Euch längst gerne gesehen. Nehmet das
Ehrenwort eines Mannes, dass mich nicht die Absichten in jenes Schloss führen, die
Ihr mir unterleget, und seid mein Freund.«
    Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor, doch
dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm zwar gesagt, dass
er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und musste er seinen Worten
trauen aber sein Gemüt war noch so verwirrt, von allem was er gehört und
gesehen, dass er ungewiss war, ob er den Handschlag dessen, den er noch vor einem
Augenblick als seinen bittersten Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder
nicht? »Wer ist es, der mir die Hand beut?« fragte er; »ich habe Euch meinen
Namen genannt, und könnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen.«
    Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander, schob das Barett zurück, und
der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde, und Georg begegnete einem
glänzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit trug. »Fraget nicht nach
Namen«, sprach er, indem ein Zug von Wehmut um seinen Mund blitzte »ich bin ein
Mann, und dies mag Euch genug sein; wohl führte auch ich einst einen Namen in
der Welt, der sich mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die
goldenen Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hüftorns
lauschten viele hundert Knechte, er ist verklungen. Aber eines ist mir
geblieben«, setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die Hand des
jungen Mannes fester drückte, »ich bin ein Mann und trage ein Schwert,
Si fractus illabatur orbis
Impavidum ferient ruinae.«
Er drückte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen Mantel hoch herauf, und
ging vorüber in den Wald.
    Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt. Der Anblick
dieses Mannes - es war ihm unbegreiflich - hatte alle Gedanken der Rache in
seinem Herzen ausgelöscht. Dieser gebietende Blick, dieser gewinnende,
wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen dieses Mannes,
erfüllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beschämung. Er hatte
geschworen, mit Marien in keiner Berührung zu stehen, er hatte es bekräftigt mit
jener tapfern Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie ein Spiel
geführt hatte; er hatte es bestätigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg
wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast wälzte sich von
seiner Brust, denn er glaubte, er musste glauben.
    Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit körperliche Eigenschaften gewogen
und angeschlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde hochschätzte und
achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes so fest stand, wie der
Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt, wie gross die Wirkung eines
anmutigen, oder aber eines imponierenden Äussern auf ein jugendliches Gemüt ist,
so wird man sich über die Veränderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen
kurzen Augenblicken mit der Gesinnung des Jünglings vorging.
    »Wer ist dieser Mann?« fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben ihm
stand.
    »Ihr hörtet ja, dass er keinen Namen hat, und auch ich weiss ihn nicht zu
nennen.«
    »Du wüsstest nicht, wer er sei?« entgegnete Georg, »und doch hast du ihm
beigestanden, als er mit mir focht? gehe! Du willst mich belügen!«
    »Gewiss nicht Junker«, antwortete der Pfeifer; »es ist, Gott weiss es, wahr,
dass jener Mann derzeit keinen Namen hat, wenn Ihr übrigens durchaus erfahren
wollet, was er ist, so wisset, er ist ein Geächteter, den der Bund aus seinem
Schloss vertrieb; einst aber war er ein mächtiger Ritter im Schwabenland.«
    »Der Arme! darum also ging er so verhüllt? und mich hielt er wohl für einen
Meuchelmörder! ja ich erinnere mich, dass er sagte, er wolle sein Leben teuer
genug verkaufen.«
    »Nehmt mir nicht übel, werter Herr«, sagte der Bauer, »auch ich hielt Euch
für einen, der dem Geächteten auf das Leben lauern soll, darum kam ich ihm zu
Hülfe, und hätte ich nicht Eure Stimme noch gehört, wer weiss, ob Ihr noch lange
geatmet hättet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hieher, und welches
Unheil führt Euch gerade dem geächteten Mann in den Wurf. Wahrlich, Ihr dürft
von Glück sagen, dass er Euch nicht in zwei Stücke gehauen, es leben wenige die
vor seinem Schwert standgehalten hätten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da
einen argen Streich gespielt!«
    Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten ihm im Hirsch in
Pfullingen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich auf die Aussage
der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so höchst wahrscheinlich gelautet
habe.
    »Dacht ich's doch, dass es so was sein müsse«, antwortete der Pfeifer. »Die
Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt, und ich weiss nicht was ich in jungen
Jahren in ähnlichem Fall getan hätte. Daran ist aber wieder niemand schuld als
meine Rosel, die alte Schwätzerin; was hat sie nötig der Wirtin im Hirsch, die
auch nichts bei sich behalten kann, zu beichten?«
    »Es muss aber doch etwas Wahres an der Sache sein«, entgegnete Georg, in
welchem das alte Misstrauen hin und wieder aufblitzte. »So ganz ohne Grund konnte
doch Frau Rosel nichts ersinnen!«
    »Wahr? etwas Wahres müsse daran sein? allerdings ist alles wahr nach der
Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte Aufpasserin auch, um
eilf Uhr kommt der Mann, vor das Schloss, die Zugbrücke fällt herab, die Tore tun
sich ihm auf, das Fräulein empfängt ihn und führt ihn in die Herrenstube -«
    »Nun? siehst du«, rief Georg ungeduldig, »wenn dieses alles wahr ist, wie
kann dann jener Mann schwören, dass er mit dem Fräulein - -«
    »Dass er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?« antwortete der Pfeifer,
»allerdings kann er das schwören; denn es ist nur ein Unterschied bei der ganzen
Sache, den die Gans, die Rosel freilich nicht gewusst hat, nämlich, dass der
Ritter von Lichtenstein in der Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich
entfernt, wenn sie ihre heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte
bleibt bei dem geächteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er
gegessen und getrunken, und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat,
verlässt er das Schloss, wie er es betreten.«
    »O ich Tor! dass ich dies alles nicht früher ahnete. Wie nahe lag die
Wahrheit und wie weit liess ich mich irreleiten. Aber verflucht sei die Neugierde
und Lästersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas ganz Besonderes zu sehen
glauben, und denen das Unwahrscheinlichste und Grellste gerade das Liebste ist!
- Aber sprich«, fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort; »auffallend ist es mir
doch, dass dieser geächtete Mann alle Nacht ins Schloss kömmt; in welch
unwirtlicher Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weines
und keinen warmen Ofen findet? - Höre, wenn du mich dennoch belögest!«
    Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen Ausdruck auf dem
jungen Mann. »Ein Junker wie Ihr«, antwortete er, »weiss freilich wenig wie weh
Verbannung tut; Ihr wisst es nicht was es heisst, sich vor den Augen seiner Mörder
verbergen, Ihr wisst nicht, wie schaurig sich's in feuchten Höhlen, in
unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die Wohltat nicht, die ein warmer
Bissen und ein feuriger Trunk dem gewähre, der bei den Eulen speist und bei dem
Schuhu in der Miete ist; aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der Morgen bricht
noch nicht an, und in der Nacht könnet Ihr nicht nach Lichtenstein, ich will
Euch dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr
fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!«
    Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr aufgeregt,
als dass er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von Hardt angenommen hätte,
besonders auch da er darin den besten Beweis für die Wahrheit oder Falschheit
seiner Aussagen finden konnte. Sein Führer ergriff die Zügel des Rosses und
führte es einen engen Waldweg bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick
nach den Fenstern des Lichtenstein zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend
immer weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm zu
sein, denn er machte keinen Versuch es zu unterbrechen. Er hing seinen Gedanken
nach über den Mann, zu dessen geheimnisvoller Wohnung er geführt wurde.
Unablässig beschäftigte ihn die Frage, wer dieser Geächtete sein könnte. Er
erinnerte sich fast wie aus einem Traum, dass mehrere Anhänger des vertriebenen
Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es
sei in der Herberge zu Pfullingen, während seines teilnahmlosen Hinbrütens, von
einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die
Bündischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke dieses Mannes war
in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht überaus
grosse, aber kräftige Gestalt, die gebietende Miene, das heldenmütige,
ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis zurückrief, ward es ihm immer mehr
zur Gewissheit, dass der Geächtete kein anderer, als der treueste Anhänger
Ulerichs von Württemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg sei.
    Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen Mannes war auch der
Gedanke, einen gefährlichen Gang mit diesem Tapfern gemacht, und in einem
Gefechte seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen Ausgang zum
wenigsten sehr unentschieden war.
    So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre
nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längst wieder in seine
Rechte eingesetzt war, und seinem Hüftorn wieder Hunderte folgten, rechnete er
es unter seine schönsten Waffentaten, dem tapfern, gewaltigen Unbekannten keinen
Schritt breit gewichen zu sein.
    Die Wanderer waren während diesem Selbstgespräch des jungen Mannes auf einer
kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das Pferd seitwärts an,
und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit dichtem
Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der Pfeifer einige verschlungene
Zweige zurück, hinter welchen ein schmaler Fusspfad sichtbar wurde, welcher
abwärts führte. Nicht ohne Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm
an einigen Stellen kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuss
hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst
suchte der junge Mann nach der Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging
nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein musste, denn jener
brachte zwei grosse Kienfackeln daraus hervor; er schlug Feuer und zündete mit
einem Stückchen Schwefel die Fackeln an.
    Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, dass sie vor einem grossen Portal
stehen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und dies mochte wohl
der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Geächtete, wie sich der Pfeifer
ausdrückte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff eine der
Fackeln und bat den Jüngling, die andere zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel, und
hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er
voran in das dunkle Tor.
    Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der
Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin und wieder gesehen,
aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes
vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines
Knappen, dessen Urgrossvater in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein
Märchen gehört, das von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort
war ein Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in einen
Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf, was der Knabe je über der Erde
gesehen hatte; was die kühne Phantasie des Morgenlandes Prachtvolles und
Herrliches ersinnen konnte, goldene Säulen mit kristallenen Kapitälern, gewölbte
Kuppeln von Smaragden und Saphiren, diamantene Wände, deren vielfach gebrochene
Strahlen das Auge blendeten; alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien
beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief
eingedrückt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden
Jünglings. Alle Augenblicke stand er still von neuem überrascht, hielt die
Fackel hoch, und staunte und bewunderte, denn in hohen majestätisch gewölbten
Bogen zog sich der Höhlengang hin, und flimmerte und blitzte, wie von tausend
Kristallen und Diamanten. Aber noch grössere Überraschung stand ihm bevor, als
sich sein Führer links wandte, und ihn in eine weite Grotte führte, die wie der
festlich geschmückte Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war.
    Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses Wunderwerk
der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm die Fackel aus der
Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen, und beleuchtete so einen grossen
Teil dieser Grotte.
    Glänzend weisse Felsen fassten die Wände ein, kühne Schwibbogen, Wölbungen,
über deren Kühnheit das irdische Auge staunte, bildeten die glänzende Kuppel;
der Tropfstein, aus dem diese Höhle gebildet war, hing voll von vielen Millionen
kleiner Tröpfchen, die in allen Farben des Regenbogens den Schein zurückwarfen,
und als silberreine Quellen in kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken
Gestalten standen Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge,
glaubte bald eine Kapelle, bald grosse Altäre mit reicher Draperie, und gotisch
verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen Dome
nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den Wänden hin und
her zogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von Märtyrern und Heiligen in
ihren Nischen bald auf- bald zuzudecken.
    So schmückte die christliche Phantasie des jungen Mannes, voll Ehrfurcht vor
dem geheimnisvollen Wirken der Gotteit, das unterirdische Gemach zur Kirche
aus, während jener Aladin mit der Wunderlampe die Säle des Paradieses und die
ewig glänzenden Lauben der Huris geschaut hätte.
    Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für hinlänglich
gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. »Das ist die
Nebelhöhle«, sprach er; »man kennt sie wenig im Land, und nur den Jägern und
Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man
allerlei böse Geschichten von diesen Kammern der Gespenster weiss. Einem, der die
Höhle nicht genau kennt, möchte ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat
tiefe Schlünde und unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt.
Auch gibt es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die
jetzt leben.«
    »Und der geächtete Ritter?« fragte Georg.
    »Nehmt die Fackel und folget mir«, antwortete jener, und schritt voran in
einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, als Georg die
tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Führer darauf
aufmerksam.
    »Das ist Gesang«, entgegnete er, »der tönt in diesen Gewölben gar lieblich
und voll. Wenn zwei oder drei Männer singen, so lautet es, als sänge ein ganzer
Chor Mönche die Hora.« Immer vernehmlicher tönte der Gesang; je näher sie kamen,
desto deutlicher wurden die Wendungen einer angenehmen Melodie. Sie bogen um
eine Felsenecke, und von oben herab ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden,
brach sich an den zackigten Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich
verschwebend mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln
eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle,
geheimnisvolle Tiefe ergoss.
    »Hier ist der Ort«, sprach der Führer, »dort oben in der Felswand ist die
Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr sein Lied? wir wollen warten und
lauschen bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt unterbrochen zu werden,
als er noch oben auf der Erde war.«
    Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der
Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete sang:
»Vom Turme wo ich oft gesehen
Hernieder auf ein schönes Land,
Vom Turme fremde Fahnen wehen
Wo meiner Ahnen Banner stand.
Der Väter Hallen sind gebrochen,
Gefallen ist des Enkels Los,
Er birgt besiegt und ungerochen
Sich in der Erde tiefem Schoss.
Und wo einst in des Glückes Tagen
Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild,
Da meine Feinde grässlich jagen,
Sie hetzen gar ein edles Wild.
Ich bin das Wild, auf das sie birschen,
Die Blutund wetzen schon den Zahn,
Sie dürsten nach dem Schweiss des Hirschen,
Und sein Geweih29 steht ihnen an.
Die Mörder han in Berg und Heide
Auf mich die Armbrust aufgespannt,
Drum in des Bettlers rauhem Kleide
Durchschleich ich nachts mein eigen Land;
Wo ich als Herr sonst eingeritten,
Und meinen hohen Gruss entbot,
Da klopf ich schüchtern an die Hütten
Und bettle um ein Stückchen Brot.
Ihr warft mich aus den eignen Toren
Doch einmal klopf ich wieder an,
Drum Mut! noch ist nicht all' verloren,
Ich hab ein Schwert und bin ein Mann.
Ich wanke nicht; ich will es tragen,
Und ob mein Herz darüber bricht,
So sollen meine Feinde sagen:
Er war ein Mann und wankte nicht.«
Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tönen seines
Liedes nachsandte, liess ahnen, dass er im Gesang nicht viel Trost gefunden habe.
Dem rauhen Manne von Hardt war während dem Liede eine grosse Träne über die
gebräunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er sich
anstrengte, die alte feste Fassung wieder zu erhalten und dem Bewohner der Höhle
eine heitere Stirne und ein ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch
die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen hinan,
der zu der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich,
dass er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit einem
tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felsen wieder herab und
liess sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite
steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand
erklimmen, was ihm ohne diese Hülfe schwerlich gelungen wäre. Er war oben und
wenige Schritte noch so stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.30
 
                                       VI
 -In wunderbaren Gestalten
 Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein
 Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten
 Herabnickt und im Widerschein
 Als grünes Feuer brennt. Mit furchtvermengtem Grauen
 Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.
                                                                         Wieland
Der Teil jener grossen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied sich
merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein und hatte,
weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein trockenes wohnlicheres
Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der
Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den
grössten Teil der Länge dieser Grotte. Gegenüber sass jener Mann auf einem breiten
Bärenfelle, neben ihm stand sein Schwert und ein Hüftorn; ein alter Hut und der
graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein
Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem, blauem Tuche. Ein
unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und seine feinen edlen
Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr vierunddreissig Jahre haben, und
sein Gesicht war noch immer hübsch und angenehm zu nennen, obgleich die erste
Blüte der Jugend von Gefahren und Strapazen abgestreift schien, und der
verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen
Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand.
    »Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!« rief der Bewohner der
Höhle, indem er sich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem Jüngling die Hand bot,
und ihm winkte, auf einem ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich
niederzulassen. »Seid herzlich willkommen; es war kein übler Einfall unseres
Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzuführen, und mir einen so angenehmen
Gesellschafter zu bringen. Hanns! du treue Seele, du warst bisher unser
Majordomus, Truchsess und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem
Kellermeister und Obermundschenk; siehe, dort hinter jener Säule des schönsten
Granit muss ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm
meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt
führen, giess ihn voll bis an den Rand, und kredenze ihn unserm ehrenwerten
Gast.«
    Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem Schicksal, das
ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem
Klaggesang, den er gehört hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den
Stürmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein
werde; und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe
ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen, und genötigt eine kleine Weile in dieser
Höhle Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer
Sturm, als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner Väter
vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die Geschosse der
mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht fand!
    »Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast«, sagte der Ritter, als Georg
bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken mass, »vielleicht habt
Ihr erwartet, dass ich Euch etwas weniges vorjammern werde? Aber über was soll
ich klagen? Mein Unglück kann in diesem Augenblick keiner wenden, darum ziemt es
sich, dass man heitere Miene zum bösen Spiele macht. Und saget selbst, wohne ich
hier nicht wie Fürsten selten wohnen. Habt Ihr meine Hallen gesehen, und die
weiten Säle meines Palastes? glänzen nicht ihre Wände wie Silber? wölben die
Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? werden sie
nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen, und allen Edelsteinen
der Erde prangen? Doch hier kommt Hanns, mein Obermundschenk, mit dem Weine;
sprich mein Getreuer! ist das all unser Getränk, was in diesem Becher ist?«
    »Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung«, sprach der Pfeifer, der mit
der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, »aber auch ein Restchen
Wein, das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im Krug und - nun wir haben ja
heute einen Gast, und können schon etwas draufgehen lassen - ich will es nur
gestehen, ich habe heute nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht,
er steht bei dem andern.«
    »Das hast du wohl gemacht«, rief der geächtete Ritter, und ein Strahl der
Freude drang aus seinem glänzenden Auge; »glaubt nicht, Herr Georg, dass ich ein
Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es,
in guter Gesellschaft den vollen Becher rundgehen zu lassen. Pflanze die Krüge
nur hier auf, werter Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des
Glückes. Ich bring es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!«
    Georg dankte und trank; »Ich sollte die Ehre erwidern«, sagte er, »und doch
weiss ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! möget Ihr bald
wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge Euer Geschlecht auf
ewige Zeiten grünen und blühen - es lebe!« Georg hatte die letzten Worte mit
starker Stimme gerufen, und wollte eben den Becher ansetzen, als das Geräusch
vieler Stimmen vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die
vernehmlich, »Es lebe! lebe!« riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder.
»Was ist das,« sagte er; »sind wir nicht allein?«
    »Es sind meine Vasallen, die Geister«, antwortete der Ritter lächelnd, »oder
wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe beistimmte. Ich
habe oft«, setzte er ernster hinzu, »in den Zeiten des Glanzes, das Wohl meines
Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch hat es mich nie so erfreut und
gerührt als hier, wo mein einziger Gast es ausbrachte, und die Felsen dieser
Unterwelt es beantworteten. - Fülle den Becher Hanns und trinke auch du, und
weisst du einen guten Spruch, so gib ihn preis.«
    Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher, und blickte Georg mit
freundlichen Blicken an: »Ich bring es Euch, Junker! und etwas recht Schönes
dazu: das Fräulein von Lichtenstein!«
    »Halloh, sa! sa! trinkt Junker, trinkt«, rief der Geächtete und lachte, dass
die Höhle dröhnte; »aus bis auf den Boden, aus! sie soll blühen und leben für
Euch! das hast du gut gemacht, Hans! sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die
Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse er schon ihren Mund. Dürft
Euch nicht schämen! auch ich habe geliebt und gefreit, und weiss wie einem
fröhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zumut ist!«
    »Armer Mann!« sagte Georg; »Ihr habt geliebt und gefreit, und musstet
vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen!?« Er fühlte sich,
während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich um, und der
Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worüber man
mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den Jüngling gereueten auch seine
Worte, denn die Züge des unglücklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf
einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte: »Der Frost im September hat schon
oft verderbt, was im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht wie es
geschehen sei; meine Kinder habe ich in den Händen rauher aber guter Ammen
gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder
heimkommt.« Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als
wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er mit der Hand
über die Stirne, und wirklich glätteten sich die Falten, die sich dort
zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um sich her
und sprach:
    »Der Hanns hier kann mir bezeugen, dass ich schon oft gewünscht habe, Euch zu
sehen, Herr von Sturmfeder; er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzählt,
wo man Euch wahrscheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und angefallen
hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.«
    »Das soll mir lieb sein!« antwortete Georg. »Ich möchte fast glauben, man
hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn diesem passten sie damals auf; und
ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet
wurde.«
    »Ei, das ist doch viel; wisset Ihr nicht, dass der Hieb, der nach Euch
geführt wurde, ebensogut tödlich werden konnte?«
    »Wer zu Feld zieht«, entgegnete Georg, »der muss seine Rechnung mit der Welt
so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner in einer Feldschlacht vor
dem Feinde bleiben; wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um
einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. - Aber doch wäre ich damals auch
gestorben, wenn es hätte sein müssen, um die Streiche dieser Meuchelmörder von
dem Herzog abzulenken.«
    Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand. »Ihr
scheint grossen Anteil an dem Herzog zu nehmen«, sagte er, indem er seine
durchdringenden Augen auf ihn heftete, »das hätte ich kaum gedacht, man sagte
mir, Ihr seid bündisch.«
    »Ich weiss, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs«, antwortete Georg, »aber Ihr
werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Sehet, der Herzog hat manches getan,
was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein wie
sie will, hätte er unterlassen können; sodann mag er mit seiner Frau hart
umgegangen sein, und Ihr müsst selbst gestehen, er liess sich doch zu sehr vom
Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf -«
    Er hielt inn', als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser schlug
die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, fortzufahren: »Nun, so
dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch wurde, so, und nur etwas stärker
sprach man von ihm im Heere; aber eine grosse Fürsprecherin hatte er an Marien,
und es ist Euch vielleicht bekannt, dass ich mich auf ihr Zureden lossagte; nun
bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es weil ich von
Natur mitleidig bin, und niemand ungerecht misshandeln sehen kann, oder auch weil
ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute - ich sah, dass dem Herzog
zu viel geschehe, denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen
seinen Besitzungen, und sogar von seinem Fürstenstuhl zu vertreiben und ihn ins
Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen; er hätte ja
vielleicht noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner
Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen; er hätte können den Leuten Geld
abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war grösser als sein Unglück,
und sehet - das hat mich zu seinem Freunde gemacht.«
    Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen, seine
edle Gestalt richtete sich stolzer empor, er sah Georg lange an und drückte
seine Hand an sein pochendes Herz. »Wahrlich«, sagte er, »es lebt eine heilige,
reine Stimme in dir, junger Freund! ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber
ich darf sagen wie du sagtest, er ist grösser als sein Unglück, und - besser als
der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben!
Ach, dass er nur hundert gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen der
bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht. Dass du sein Freund
werden könntest! doch es sei ferne von mir, dich einzuladen sein Unglück mit ihm
zu teilen, es ist genug, dass deine Klinge und ein Arm wie der deinige, nicht
mehr seinen Feinden gehört; mögen deine Tage heiterer sein als die seinigen,
möge der Himmel dir deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen.«
    Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, der manch verwandte
Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. War es die Anerkennung seines
persönlichen Wertes, der ihm aus dem Munde eines Tapferen so ermunternd klang,
war es die Ähnlichkeit des Schicksales dieses Unglücklichen mit seiner eigenen
Armut und mit dem Unglück seines Hauses, war es die romantische Idee nicht für
das siegende Unrecht, sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im
tiefsten Unglück war, sich zu erklären. - Georg fühlte sich unwiderstehlich zu
diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen, begeistert
fasste er seine Hand und rief: »Es spreche mir keiner von Vorsicht, nenne es
keiner Torheit, sich an das Unglück anzuschliessen! mögen andere dieses schöne
Land dort oben teilen, und in den Gütern des unglücklichsten Fürsten schwelgen -
ich fühle Mut in mir, mit ihm zu tragen was er trägt, und wenn er sein Schwert
zieht, seine Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein, der sich an
seine Seite stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch
komme, Ulerichs Freund für immer!«
    Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den Handschlag
zurückgab. »Du wagst viel, aber du bist viel, wenn du Ulerichs Freund bist. Das
Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut
Württemberg. Hier vor mir sitzt der Ritter und der Bürger, vergesset einen
Augenblick, dass ich ein armer Ritter und ein unglücklicher geächteter Mann bin,
und denket ich sei Fürst des Landes, wie ich der Herr der Höhle bin. Ha! noch
gibt es ein Württemberg wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im
Schoss der Erde. Fülle den Becher Hanns, und lege deine rauhe Hand in die
unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!«
    Hanns ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. »Trinkt edle Herren,
trinkt«, sagte er, »ihr könnet euch in keinem edleren Wein Bescheid tun, als in
diesem Uhlbacher.«
    Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, liess ihn wieder füllen
und reichte ihn Georg. »Wie ist mir doch?« sagte dieser, »blühte nicht dieser
Wein um Württembergs Stammschloss? Ich glaube man nennt also den Wein, der auf
jenen Höhen wächst?«
    »Es ist so«, antwortete der Geächtete; »Rotenberg heisst der Berg, an dessen
Fuss dieser Wein wächst, und auf seinem Gipfel steht das Schloss, das Württembergs
Ahnen gebaut haben. - Oh, ihr schönen Täler des Neckars, ihr herrlichen Berge
voll Frucht und Wein! von euch, von euch auf immer?!« Er rief es mit einer
Stimme, die aus einem gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg,
denn die Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn
dieses Mannes seine kummervolle Seele verhüllt hatte!
    Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus dem
düsteren Hinbrüten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben hatte. »Seid
stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, fröhlicher als Ihr sie verlassen
habt.«
    »Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat«, rief Georg, »wenn der
Herzog einrückt in sein Land, wenn er einziehet in die Burg seiner Ahnen, wenn
die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen widerhallen vom Jubel des
Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. Verscheuchet
die trüben Gedanken, nunc vino pellite curas, trinket, vergesset nicht, was wir
vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Weine -
der Herzog und seine Treuen! -«
    Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf den
düsteren Zügen des Ritters auf. »Ja!« rief er, »Treue ist das Wort das Genesung
gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kühler Trank dem einsamen Wanderer in der
Wüste. Vergesset meine Schwäche, Junker; verzeihet sie einem Mann, der sonst
seinem Kummer nicht Raum gibt. Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rotenberges
hinabgesehen hättet, auf das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch grüne
Ufer zieht, wie mannshohe Halmen in den Feldern wogen, wie sanfte Hügel am Fluss
sich hinauf ziehen, bepflanzt mit köstlichem Weine, wie dunkle, schattige
Forsten die Gipfel der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit seinen freundlichen
roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschauen, wie gute fleissige
Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber auf diesen Höhen, in diesen Tälern
walten, und sie zu einem Garten anbauen - hättet Ihr dieses gesehen, Junker,
gesehen mit meinen Augen, und sässet jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht,
vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Schoss der Erde! Oh, der Gedanke
ist schrecklich und oft zu mächtig für ein Männerherz!«
    Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und seine
schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt werden, daher suchte
er schnell dem Gespräch, eine andere Wendung zu geben: »Ihr waret also oft um
den Herzog, Herr Ritter? O saget mir, ich bin ja jetzt sein Freund, saget mir,
wie ist er im Umgang? wie sieht er aus? nicht wahr, er ist sehr veränderlich und
hat viele Launen?«
    »Nichts davon«, entgegnete der Geächtete, »Ihr werdet ihn sehen und lernet
ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange haben wir von
fremden Angelegenheiten gesprochen, von Euren eigenen saget Ihr gar nichts?
nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schönen Fräulein von
Lichtenstein? - Ihr schweiget und schlaget die Augen nieder? glaubt nicht, dass
es Neugierde sei, warum ich frage; nein, ich glaube Euch in dieser Sache
nützlich sein zu können.«
    »Nach dem was diese Nacht zwischen uns geschehen ist«, antwortete Georg,
»ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, kein Geheimnis mehr nötig. Es scheint
auch, Ihr wusstet längst, dass ich Marien liebe, vielleicht auch, dass sie mir hold
ist?«
    »O ja«, entgegnete der Ritter lächelnd, »wenn ich anders die Zeichen der
Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie schlug, wenn von Euch die Rede
war, die Augen nieder, und errötete bis in die Stirne, auch nannte sie Euren
Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle Saiten ihres Herzens den
Akkord zu diesem Grundton an.«
    »Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will ich
nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom Bunde lossagte,
nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hieher, da
dachte ich, ich könnte das Fräulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann hier
führte mich über die Alb; Ihr wisset was meine Reise um acht Tage verzögerte;
sobald der Morgen herauf ist, will ich oben im Schloss einsprechen, und ich
hoffe, ich komme dem alten Herrn jetzt willkommner, da ich das neutrale Gebiet
verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe.«
    »Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt,
denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch könnte es sein, dass er Euch nicht
traute, denn er soll ein wenig misstrauisch und grämlich gegen fremde Menschen
sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der barmherzige Samariter
der mich, wenn ich nachts aus meiner Höhle steige, mit warmer Speise und mit
noch wärmerem Trost für die Zukunft labt; ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei
ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen für ihn und
manchen andern, nehmet diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese Stunde,
er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Württembergs verkünden.« Er
zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom Finger. Ein roter Stein war in
die Mitte gefasst, und in den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem
Wappenhelm, die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen
Württembergs; um den Ring standen erhaben geprägte Buchstaben, deren Sinn er
nicht verstand. Sie hiessen:
    U. H. Z. W. U. T. »Uhzwut? was bedeutet dieser Name?« fragte er. »Ist es
etwa ein Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?«
    »Nein, mein junger Freund«, antwortete der geächtete Ritter; »diesen Ring
trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr wert, ich habe
aber noch viele andere Andenken von ihm, und konnte dieses an keinen Besseren
abtreten. Die Zeichen heissen Ulrich, Herzog Zu Württemberg Und Teck!«
    »Er wird mir ewig teuer sein«, erwiderte Georg, »als ein Andenken an den
unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, und als schöne Erinnerung an Euch,
Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle.«
    »Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet«, fuhr der Ritter fort,
»so gebet dem nächsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch schreiben werde,
und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet
gewiss empfangen werden, als wäret Ihr des Herzogs eigener Sohn. Doch für das
Fräulein müsst Ihr Eure eigenen Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein
Zauber nicht; etwa ein herzlicher Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der
Augen, oder ein süsser Kuss auf ihren roten Mund; doch, um gehörig vor ihr zu
erscheinen, habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten
Nacht etwas trübe sein. Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf die
Rehfelle nieder, und leget Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du würdiger
Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk, Hanns, getreuer Gefährte im
Unglück, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum Schlaftrunk, dass ihm jene
Felle zum weichen Pfühl, diese Felsengrotte zum Schlafklosett werde, und ihn der
Gott der Träume mit seinen lieblichsten Bildern besuche!«
    Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hanns setzte sich, wie ein
treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus mit leisen
Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute seine Schlummerkörner über ihn,
und er hörte nur noch halb im Traume, wie der geächtete Mann sein Nachtgebet
sprach, und mit frommer Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte über ihn
und jenes unglückliche Land, in dessen tiefem Schoss er jetzt ruhte, seinen
Schutz und seine Hülfe herabzusenden.
 
                                      VII
 Aus einem tiefen grünen Tal
 Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,
 Drauf schaut das Schlösslein Lichtenstein
 Vergnüglich in die Welt hinein.
                                                                          Schwab
Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage, und die Gegenstände umher
besinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeschüttelt wurde;
allmählich aber kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurück,
und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter
begrüsste. »So gerne ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde«,
sprach dieser, »so möchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen,
wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollet. In meiner Höhle kann ich Euch
leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer auf, weil der Rauch
uns gar zu leicht verraten könnte.«
    Georg stimmte seinen Gründen bei, und dankte ihm für seine Beherbergung.
»Wahrlich«, sagte er, »ich habe selten eine fröhlichere Nacht beim Becher
verlebt, als in dieser Höhle. Es hat etwas Reizendes, so tief unter den Füssen
der Menschen zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen. Ich gebe nicht den
herrlichsten Saal des schönsten Schlosses um diese Felsenwände!«
    »Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist«, entgegnete der Bewohner
der Höhle; »aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern
über sein Unglück zu brüten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grünen Wald,
unter den blauen Himmel, wenn das Auge, müde dieser unterirdischen Pracht,
hineintauchen möchte in die reizende Landschaft, hinüberschweifen möchte über
lachende Täler zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem
eintönigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wänden
rieseln, und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen, sich hinaussehnt, den
Gesang der Lerche zu hören, zu lauschen wie das Wild in den Büschen rauscht!«
    »Armer Mann! es ist wahr, eine solche Einsamkeit muss schrecklich sein!«
    »Und dennoch«, fuhr jener fort und richtete sich höher auf, indem ein
stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte; »und dennoch preise ich mich glücklich,
mit Hülfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben. Ja ich wollte lieber
noch hundert Faden tief hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen
findet, als in die Hände meiner Feinde fallen und ihr Gespött werden; und wenn
sie dahin mir nachkämen, die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich
mit meinen Nägeln weiter hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte
hinabsteigen tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. Und
kämen sie auch dortin, so wollte ich die Heiligen lästern, die mich verlassen
haben, und wollte dem Teufel rufen, dass er die Pforten der Finsternis aufreisse,
und mich berge gegen die Verfolgung dieses übermütigen Gesindels.« Der Mann war
in diesem Augenblick so furchtbar, dass Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte.
Seine Gestalt schien grösser, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen
glühten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie
vernichten sollten, seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo der Felsen
sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach. Obgleich diese
Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefühle
eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus
seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein angeschossenes Wild
suchte, um ihn zu töten. »Es liegt ein Trost in dieser Gesinnung«, sagte er zu
dem Geächteten, »und Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den
Gegensatz recht scharf ins Auge fasset. Ich bewundre Euch, um Eurer
Seelenstärke, Herr Ritter! aber eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir
eine Frage ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt
mich in der letzten Nacht zu oft Freund genant, als dass ich sie nicht wagen
dürfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?«
    Es musste etwas Lächerliches in dieser Frage liegen, das Georg nicht finden
konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zügen des Ritters gelegen, war
wie weggeblasen, er lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in
lautes Gelächter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch der
Spielmann ein stimmte.
    Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine verlegenen
Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch mehr zu reizen. Endlich
fasste sich der Geächtete: »Verzeihet, werter Gast, dass ich das Gastrecht so
gröblich verletzte, und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich
etwas von Euch lächerrlich fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf?
Kennet Ihr ihn denn?«
    »Nein, aber ich weiss, dass er ein tapferer Ritter ist, dass er wegen des
Herzogs vertrieben wurde, und dass die Bündischen auf ihn lauern; und passt dieses
nicht alles ganz gut auf Euch?«
    »Danke Euch, dass Ihr mich für so tapfer haltet, aber das möchte ich Euch
doch raten, dass Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommet wie mir, denn
dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken zusammengehauen. Der Schweinsberg
ist ein kleiner dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und darum kam mir
unwiderstehlich das Lachen. Übrigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von
den wenigen, die ihren Herrn im Unglück nicht verliessen.«
    »So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?« entgegnete Georg traurig, »und ich
muss gehen ohne zu wissen, wer mein Freund ist?«
    »Junger Mann!« sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden
Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde, »Ihr habt einen Freund gefunden,
durch Euer tapferes, ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch
Eure warme Teilnahme an dem unglücklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen
Freund gewonnen zu haben, fraget nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses
trauliche Verhältnis zerstören, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an
den geächteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe zwei Tage vorbeigehen,
sollt Ihr von mir und meinem Namen hören!« Es wollte Georg dünken, als stehe
dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Fürst, der
seinen Diener huldreich entlässt, so gross war jene unbeschreibliche Hoheit, die
ihm auf der Stirne tronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang.
    Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet, und stand
erwartend am Eingang der Grotte, der geächtete Ritter drückte einen Kuss auf die
Lippen des Jünglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wusste nicht wie ihm
geschah, noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und doch zugleich so
unendlich hoch über ihm gestanden, noch nie hatte er gefühlt, wie in jenen
Augenblicken, dass ein Mann entkleidet von jenem irdischen Glanze, der das Leben
schmückt, selbst in ärmlicher Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Grösse von
sich strahlen könne, die das Auge blendet, und das Gefühl des eigenen Ichs so
plötzlich überrascht und hinabdrückt. Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging er
durch die Höhle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt sein Auge
überrascht und gefesselt hatte, ging für ihn verloren; er staunte nicht mehr,
dass sie im Schosse eines unscheinbaren Berges sich so herrlich und grossartig
ausgesprochen habe. War ja doch sein inneres Auge mit einem Gegenstand
beschäftigt, in welchem sie sich noch imposanter und grossartiger aussprach, als
in der nächtlichen Pracht dieser Felsen, denn er bewunderte die Erhabenheit des
menschlichen Geistes über jedes irdische Verhältnis, und dachte nach über die
Majestät einer grossen Seele, die auch im Gewande des Bettlers ihren angeborenen
Adel nicht verleugnen kann.
    Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der Höhle zum
Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in der kühlen Morgenluft,
denn der feuchte Dunst, der in den Gängen und Grotten der Höhle umzieht, und
wovon sie vielleicht den Namen Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend auf die
Brust. Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle
angebunden, munter und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstücke, die am
Sattel befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie
Georg befürchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch, das
ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte, über den Rücken des
Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und das Zeug des Rosses
zurecht, während der Bauer diesem einige Händevoll Heu zum Morgenbrot reichte,
und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie waren noch wenige Schritte
vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus dem Tal herauftönte, die feierliche
Stille des Morgens unterbrach, eine andere antwortete, drei bis vier stimmten
ein, bis die melodischen Töne von wenigstens zwölf Glocken von den Höhen umher
und aus den Tälern aufstiegen. Überrascht, hielt der junge Mann sein Pferd an;
»Was ist das!« rief er, »brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein
Fest im Kalender haben? Weiss Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus aller
Zeit herausgekommen, dass ich den Sonntag nur daran erkenne, dass die Mädchen neue
Röcke und frische Schürzen anhaben.«
    »Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen«, antwortete Hanns der
Spielmann; »ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen müssen, wenn ich
wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess' und Predigt, aber heute ist es ein
anderes Ding«, setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz, »heut ist
Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!«
    »In Ewigkeit!« erwiderte der Jüngling. »Es ist das erste Mal in meinem
Leben, dass ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich soll; und dieser Tag
erinnert mich an manche schöne Stunde meiner Kindheit. Damals lebte noch mein
Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein.
Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag kam; wir wussten nichts von der
Bedeutung des Tages, aber wir rechneten dann, dass es nur noch zwei Tage bis
Ostern sei, wo uns die Mutter schöne Sachen bescherte. Requiescant in pace«,
setzte er hinzu, indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu verbergen; »sie
sind drüben alle drei, und feiern dort ihren heiligen Freitag.«
    »Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen«, sagte der Pfeifer nach
einigem Stillschweigen, »aber mein Beichtiger mag es mir schon vergeben. Ich
denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen die schlafen, ist es wohl,
und die, die wachen, sollen vorwärts und nicht rückwärts sehen. So würde ich an
Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern
bescheren könnet, und wie sie sich freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht
auf der Brautfahrt, und wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute, sanfte
Mutter werden?«
    Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser sonderbare
Trostspruch hervorgelockt hatte. »Höre, guter Freund«, entgegnete er, »dir ist
zur Not ein solches Wort erlaubt; doch möchte ich keinem andern raten, meine
Ohren durch solche sündige Gedanken zu entweihen.«
    »Nichts für ungut, Herr! ich wollte weder Euch noch das Fräulein damit
beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber sehet Ihr nicht dort schon den
Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde, und wir sind oben.«
    »Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schloss auf einen
einzelnen, jähen Felsen hinausgestellt? bei Gott, ein kühner Gedanke, da konnte
wohl niemand hinüberkommen, wer nicht mit den Geiern im Bunde war und fliegen
gelernt hatte; freilich jetzt könnte man mit Stückschüssen sehr zusetzen.«
    »Meint Ihr? nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die auch
ein Wörtchen antworten würden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so müsst Ihr bemerkt
haben, dass der Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher
gesondert ist, dorter könnte man nicht viel Schaden tun; die einzige Seite, die
näher an dem Berge liegt, ist die, wo die Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal
dort Geschütz auf und sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund
schiesst, ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollet Ihr
Geschütz heraufführen in diesen Schluchten und Bergen, ohne dass Euch wenige
entschlossene Männer mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?«
    »Da habt Ihr recht«, antwortete Georg; »ich möchte wissen, wer den Gedanken
gehabt hat, auf den Felsen ein Schloss zu bauen.«
    »Das will ich Euch sagen«, erwiderte der Spielmann, der mit allen Sagen
seines Landes vertraut war; »es lebte einmal vor vielen Jahren eine Frau; die
musste viele Verfolgung dulden, und wusste sich nicht mehr zu raten. Da kam sie an
diesen Felsen, und sah, wie ein grosser Geier mit seiner Familie und allem
Haushalt dort lebte, und gegen alle Nachstellung sicher war. Da beschloss sie den
Geier zu verdrängen. Sie liess das Schloss dortin bauen, und als alles fertig
war, liess sie die Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach;
Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind. Und es konnte ihr keiner mehr
etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir schon. Lebet wohl, vielleicht dass ich
Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land hinab, und bringe
dann dem Herrn in der Höhle Kundschaft, wie es dort unten aussieht. Vergesset
nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden, und hütet
Euch, das Siegel selbst zu brechen.«
    »Sei ohne Sorgen! ich danke dir für dein Geleite, und grüsse meinen werten
Gastfreund in der Höhle.« Georg sprach es, trieb sein Pferd an, und in wenigen
Augenblicken war er vor der äusseren Verschanzung von Lichtenstein angelangt.
    Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und rief einen
anderen herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu übergeben. Georg hatte
indes Zeit genug, das Schloss und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm schon
in der Nacht, beim ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemütsstimmung, die
ihn nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte, die kühne Bauart dieser Burg
aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag
beleuchtet, anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem tiefen
Albtal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor. Weitab liegt alles feste Land,
als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt,
oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen
festen Steinmassen abgespült. Selbst an der Seite von Südwest, wo er dem übrigen
Gebirge sich nähert, klafft eine tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den
kühnsten Sprung einer Gemse unmöglich zu machen doch, nicht so breit, dass nicht
die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten Teile
vereinigen konnte.
    Wie das Nest eines Vogels auf die höchsten Wipfel einer Eiche oder auf die
kühnsten Zinnen eines Turms gebaut, hing das Schlösschen auf dem Felsen. Es
konnte oben keinen sehr grossen Raum haben, denn ausser einem Turm sah man nur
eine befestigte Wohnung, aber die vielen Schiessscharten im unteren Teil des
Gebäudes, und mehrere weite Öffnungen, aus denen die Mündungen von schwerem
Geschütz hervorragten, zeigten, dass es wohlverwahrt und trotz seines kleinen
Raumes eine nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen
Fenster des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten
doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen verwachsen
schienen, und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungraue Farbe, wie
die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, dass es auf festem Grunde
wurzle, und weder vor der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen
erzittern werde. Eine schöne Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge
dar, und eine noch herrlichere, freiere, liess die hohe Zinne des Wartturms und
die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.
    Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er erwartend an der äusseren
Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts über der Kluft, auf dem Lande den
Zugang zu der Brücke deckte. Jetzt tönten Schritte über die Brücke, das Tor tat
sich auf, und der Herr des Schlosses erschien selbst, seinen Gast zu empfangen.
Es war jener ernste, ältliche Mann, den Georg in Ulm mehreremal gesehen, dessen
Bild er nicht vergessen hatte; denn die düsteren, feurigen Augen, die bleichen
aber edlen Züge, seine grosse Ähnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in
die Seele des Jünglings geprägt.
    »Ihr seid willkommen in Lichtenstein«, sagte der alte Herr, indem er seinem
Gast die Hand bot, und eine gütige Freundlichkeit den gewöhnlichen strengen
Ernst seiner Züge milderte. »Was steht ihr müssig da ihr Schlingel!« wandte er
sich nach dieser ersten Begrüssung zu seinen Dienern. »Soll etwa der Junker sein
Ross mit hinauffahren in die Stube? schnell, hinein mit in den Stall; das
Rüstzeug traget auf die Kammer am Saal! - Verzeihet, werter Herr, dass man Euch
so lange unbedient stehenliess, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu
bringen. Wollet Ihr mir folgen?«
    Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei diesem
Gang, voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen röteten sich vor Liebe und
vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefühle zurückdachte, die ihn
zuerst vor diese Burg geführt hatten. Sein Auge suchte an den Fenstern umher, ob
es nicht die Geliebte erspähe, sein Ohr schärfte sich um vielleicht ihre Stimme
zu vernehmen, wenn auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst
suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr
jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen.
    Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief, stark
gebaut, und mit Fallgattern, Öffnungen für siedendes Öl und Wasser, und allen
jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen, womit man in den guten alten
Zeiten den stürmenden Feind, wann er sich der Brücke bemeistert haben sollte,
abhielt. Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an
rings um das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern
auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst
der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen Kammern, die statt des Kellers
dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang
führte in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische
Verteidigungen nicht vergessen; denn auf dem Vorplatz der zu den Zimmern führte,
wo in anderen Wohnungen häusliche Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier
furchtbare Doppelhaken und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des
alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren
Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschütze damals für ein Zeichen von
Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann war
imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stücken zu versehen.
    Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein überaus
schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von Lichtenstein und
seinen Gast aufnahm. Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr
durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saale entfernten.31
 
                                      VIII
 -Und der Graf, gerührt von solches
 Hohen Opfers hohem Geiste
 Bei der Freude süsser Regung,
 Kann der Freundschaft mildem Taue
 Der durchs Herz ihm, der durchs Auge
 Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.
                                                                         P. Conz
Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein allein waren, trat
der Alte dicht vor Georg hin, und schaute ihn an, als messe er prüfend seine
Züge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus seinen Augen, die
Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er war heiter, fröhlich sogar, wie
der Vater, der einen Sohn empfängt, der von langen Reisen zurückkehrt. Endlich
stahl sich eine Träne aus seinem glänzenden Auge, aber es war eine Träne der
Freude, denn er zog den überraschten Jüngling an sein Herz.
    »Ich pflege nicht weich zu sein«, sprach er nach dieser feierlichen Umarmung
zu Georg, »aber solche Augenblicke überwinden die Natur, denn sie sind selten.
Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? trügen die Züge dieses Briefes
nicht? ist dieses Siegel echt und darf ich ihm glauben? doch - was zweifle ich!
hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirne gedrückt? sind die Züge
nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? nein, Ihr
könnet nicht täuschen - die Sache meines unglücklichen Herrn hat einen Freund
gefunden!«
    »Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meint , so habt Ihr recht
gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnete mir längst
den Herrn von Lichtenstein, als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wäre
vielleicht auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes, der mich zu Euch
schickte, gekommen, Euch zu besuchen.«
    »Setzet Euch zu mir, junger Freund«, sagte der Alte, dessen Augen immer noch
mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen; »setzet Euch hier und höret was
ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe ändern, ich habe
in meinem langen Leben gelernt, dass man die Überzeugung eines jeden ehren müsse,
und dass ein Mann, wenn er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen
zu verdammen sei, weil er anderer Meinung ist, als wir. Aber wenn man seine
Farbe mit so uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder,
wenn man dem Glück den Rücken kehrt, um sich an das Unglück anzuschliessen, da
hat die Änderung grossen Wert, denn sie trägt das Gepräge einer edlen Tat an der
Stirne.«
    Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der Lichtensteiner seine
uneigennützigen Absichten pries. War es denn nicht auch die schöne Tochter, was
ihn zu der Fahne des Vaters führte? Und musste er nicht in der Achtung dieses
Mannes sinken, wenn über kurz oder lange dieses Motiv seines Übertrittes ans
Licht kam? »Ihr seid zu gütig«, antwortete er; »die Absichten eines Menschen
liegen oft tiefer verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid
versichert, dass mein Übertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten
Gefühl des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen irdischeren
Beweggrund geben, Herr Ritter; und ich möchte nicht, dass Ihr mich für zu gut
hieltet, es würde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher ungünstiger von mir
urteiltet.«
    »Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr«, entgegnete der
Herr des Schlosses, und drückte seinem Gast die Hand. »Doch traue ich meiner
Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich kühn
behaupten, dass, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet, als das Gefühl
des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann. Wer Schlechtes im
Schilde führt, ist feig, und wer feig ist, wagt es nicht, den Truchsess, den
Herzog von Bayern und den Schwäbisschen Bund vor den Kopf zu stossen und so
aufzutreten, wie Ihr aufgetreten seid.«
    »Was wisset Ihr von mir«, rief Georg mit freudigem Erstaunen; »habt Ihr denn
je von mir gehört vor diesem Augenblick?«
    Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete, unterbrach die
Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor Georg hin, und
schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn
aufs neue. »Verschmähet diesen Morgenimbiss nicht«, sagte er zu dem jungen Mann;
»den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme
Sitte heischt; aber die meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter,
Marie, die an ihrer Stelle das Hauswesen versiehet, ist ins Dorf hinabgegangen,
um am hohen Feste eine Predigt zu hören und die Messe. Nun, Ihr fragtet mich, ob
ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch
wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr in Ulm
einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen, die sich dort aufhielt,
hauptsächlich aber, um manches zu erfahren, was für den Herzog zu wissen wichtig
war; Gold öffnet alle Pforten«, setzte er lächelnd hinzu, »auch die des Hohen
Rates, und so hörte ich täglich, was die Bundesobersten beschlossen. Als der
Krieg erklärt wurde, war ich genötigt, abzureisen; ich hielt aber treue Männer
in jener Stadt, die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging.«
    »War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt«, fragte Georg, »den ich bei
dem Geächteten traf?«
    »- Und der Euch über die Alb führte? ja wohl! Diese brachten immer
Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, dass man beschloss, einen Späher hinter den
Rücken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von Tübingen, um dem Bunde
sogleich Nachricht von unseren Schritten zu erteilen. Ich erfuhr auch, dass die
Wahl auf Euch gefallen sei. Nun muss ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name
war mir ziemlich gleichgültig, nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, dass Ihr
noch solch ein junges Blut seid, denn sobald Ihr über die Alb kamet als
Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen oder unter
die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond hinscheint. Um so
überraschender war mir und vielen Männern die Nachricht, wie Ihr es
ausgeschlagen, und wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen. Auch dass Ihr
absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schwören musstet, erfuhr ich. Und wie
freut es mich, dass Ihr nun gar unser Freund geworden seid!«
    Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge strahlte vor Freude, brach
ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhältnisse zwischen ihm
und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen Erfüllung oft so weit in
die Ferne hinausgerückt schien, war in Erfüllung gegangen, er hatte unbewusst
Mariens Vater für sich gewonnen. »Ja, ich habe ihnen abgesagt«, antwortete
Georg, »weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte, ich bin Euer Freund
geworden, doch wäre es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache
bekannt; aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten Mann sass, als
ich bedachte, wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe,
wie seine gewaltigen Reden so mächtig an meiner Brust anklopften: da war es mir
auf einmal hell und klar, hieher müsse ich stehen, hier müsse ich streiten. Und
glaubt Ihr, es werde bald etwas zu tun geben? denn ich bin nicht zu Euch
herübergeritten, um die Hände in den Schoss zu legen!«
    »Das konnte ich mir denken«, sagte der Ritter lächelnd; »vor vierzig Jahren
hatte ich auch so rasches Blut, und es liess mich nicht lange auf einem Fleck.
Wie die Sachen stehen, wisst Ihr; man kann sagen eher schlimm als gut. Sie haben
das Unterland, sie haben den ganzen Strich von Urach herauf. Auf eines kommt
alles an: hält Tübingen fest, so siegen wir.«
    »Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür«, rief Georg mit Unmut, »das
Schloss ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen, Besatzung ist hinlänglich da,
und vierzig Männer von Adel werden sich so leicht nicht ergeben. Es kann nicht
sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei sich und den
Schatz des Hauses? sie müssen sich halten.«
    »Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen an.
Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tübingen einen festen Punkt,
von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es sind grosse Kriegsvorräte, es ist
ein grosser Teil des Adels dort; solange sie zu seiner Partie halten, ist
Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem Geiste nach ist es noch des
Herzogs! aber ich fürchte, ich fürchte!«
    »Wie? unmöglich können sich die vierzig ergeben!«
    »Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt«, erwiderte der Alte, »Ihr wisst
nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann straucheln machen
können. Und es ist mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er
merkt auch wohl, dass es nicht ganz lauter und rein hergeht, denn er schickte den
Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben32,
das Schloss nicht zu übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu
kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn verhänge.«
    »Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann nicht glauben, dass der
Landesadel so schändlich freveln könne; sie werden ihn einlassen in die Burg, er
wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird Ausfälle machen, er wird sie schlagen
die Belagerer trotz Bayern und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschliessen,
wir werden fechtend durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen.«
    »Marx Stumpf ist noch nicht zurück«, sagte der Ritter von Lichtenstein mit
besorgter Miene; »auch haben sie seit gestern das Schiessen eingestellt. Sonst
hörte man jeden Stückschuss hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es
still wie im Grabe.«
    »Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht sie werden
morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, dass es durch Eure Felsen
hallt.«
    »Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? seinem Herzog treu zu dienen
ist auch ein frommer Dienst; und es wäre den Heiligen im Himmel vielleicht
lieber sie hörten den Donner der Feldschlangen von Tübingens Wällen, als dass sie
die Ritter müssig sehen. Müssiggang ist aller Laster Anfang! aber wenn nur der
Stumpf in das Schloss kommt, der wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«
    »Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt, sagt
Ihr? der Herzog will ins Schloss, weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken
scheint? da kann also Ulerich nicht bis Mömpelgard entflohen sein, wie die Leute
sagen; da ist er vielleicht in der Nähe? O dass ich ihn sehen könnte, dass ich
mich mit ihm nach Tübingen schleichen könnte!«
    Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten; »Ihr
werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist«, sagte er. »Ihr werdet ihm angenehm sein,
denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut, so sollt Ihr auch mit ihm
nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf. - Doch jetzt muss ich Euch
bitten, Euch ein Stündchen allein zu gedulden. Mich ruft ein Geschäft, das aber
bald abgetan sein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch
um in meinem Haus, ich würde Euch einladen auf die Jagd auszureiten, wenn ein
solches Vergnügen zum Karfreitag passte.«
    Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verliess das
Zimmer; bald nachher sah ihn Georg aus dem Schloss dem Wald zu reiten.
    Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug ein
wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen Aufentalt in
der Höhle etwas ausser Ordnung gekommen war. Wer je unter solchen Umständen in
die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht übelnehmen, wenn er vor einem
kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in diesem Gemach vorfand, und der
wohl zu Mariens Gerätschaften gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams
ein wenig reinigte, und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen
suchte. Er erging sich dann in dem grossen Zimmer, und suchte unter den vielen
Fenstern eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den
Marie von der Kirche im Tal heraufkommen musste.
    Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele
vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen, die am blauen
Gewölb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, die er seit mehr als einem
Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar gesehen hatte; dies die Berge, die
Felsen, von denen sie ihm so oft erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es
hat etwas Anziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte gross
geworden ist. Man träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines Mädchen
in diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben. Man geht um einige Jahre
vorwärts, man sieht sie noch klein aber verständig der Mutter jene kleinen
Künste der Haushaltung abspähen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau nötig
hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet sich schon jetzt ein eigenes
Hauswesen; es ist vielleicht jene Ecke, dachte Georg lächelnd, wo sie in
kindischer Geschäftigkeit, was sie von den Brosamen der Küche erbeutete, zu
Speisen von eigener Erfindung bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein
Knecht kunstreich schnitzelte, und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt
hat, für ein wackeres Kind hält, und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt.
    Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! wo ist wohl das
stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn sie in Garten und
Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die
Kunkel zur Hand nahm und goldene Fäden zog, während ihr der Vater von der Mutter
und von den Tagen seiner Jugend erzählte, oder durch weise Lehren und gewichtige
Sprüche den Geist der Jungfrau zu erheben suchte?
    Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher und schöner
heranwachsend, gerne setzte, und mit unbewusster, dunkler Sehnsucht in die Ferne
sah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann, und sich in freundliche
Träume versenkte?
    Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist, der hier
waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, freundlich begrüsste;
dieses Gärtchen auf einem schmalen Raum am Felsen hatte sie besorgt und
gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie
vielleicht heute schon gepflückt! er ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen
Sinnes zu begrüssen.
    Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen zum
Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu vernehmen; er
sah sich um - sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als traue
sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in
seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie zu überzeugen, dass es nicht der
Geist des Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu
fragen, bei weitem mehr als sie nur antworten konnten. Es gab Augenblicke wo
sie, wie aus einem Traum erwach, sich ansahen, sich überzeugen mussten, ob sie
denn wirklich sich wieder haben?
    »Wie viel habe ich um dich gelitten«, sagte Marie, und ihre Wangen straften
sie nicht Lügen, »wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden musste.
Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung,
dich so bald wiederzusehen? - und dann, wie mir Hanns die Nachricht brachte, dass
du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber du seist überfallen,
verwundet worden, das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu
dir, konnte dich nicht pflegen!«
    Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht zurückdachte,
wie füllte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenüber. Er
suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte, oft unterbrochen von ihren
Fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er über
die Alb gezogen sei, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der
Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.
    Georg war zu ehrlich, als dass ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder in
Verlegenheit gesetzt hätten; besonders als sie mit Verwunderung fragte, warum er
denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wusste er sich
nicht zu raten. Die schönen, klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend, so
durchdringend auf ihm, dass er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht
hätte.
    »Ich will es nur gestehen«, sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »die
Wirtin in Pfullingen hat mich betört, sie sagte mir etwas von dir, was ich nicht
mit Gleichmut hören konnte.«
    »Die Wirtin? von mir?« rief Marie lächelnd; »nun was war denn dies, dass es
dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?«
    »Lass es doch! ich weiss ja, dass ich ein Tor war. Der geächtete Ritter hat
mich ja schon längst überzeugt, dass ich völlig unrecht hatte.«
    »Nein, nein«, entgegnete sie bittend, »so entgehest du mir nicht; was wusste
die Schwätzerin wieder von mir; gestehe nur gleich -«
    »Nun lache mich nur recht aus; sie erzählte: du habest einen Liebsten und
lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg.«
    Marie errötete; Unwille und die Lust über diese Torheit zu lachen, kämpften
in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe« sagte sie, »du hast ihr darauf
geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr
Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du könntest unser Schloss noch erreichen und
hier übernachten?«
    »Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb krank,
ich glaubte ihr auch anfangs gewiss nicht, aber deine Amme, die alte Frau Rosel
wurde aufgeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst mit ins
Spiel gebracht und bedauert, dass ich um meine Liebe betrogen sei, da - o sieh
nicht weg, Marie, werde mir nicht bös! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors
Schloss herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben.«
    »Das konntest du glauben«, rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren Augen.
»Dass Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib,
klatscht gerne; dass die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht
übel, denn sie weiss nichts Besseres zu tun; aber du, du Georg konntest nur einen
Augenblick so arge Lügen glauben, du wolltest dich überzeugen, dass -« von neuem
strömten ihre Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme.
    Georg zürnte sich selbst, dass er so töricht hatte sein können, aber er
fühlte auch, dass wenn er ein grosses Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es
nur die Liebe war, die ihn verleitete. »Verzeihe mir nur diesmal«, bat er;
»siehe, wenn ich dich nicht so liebgehabt hätte, ich hätte gewiss nicht geglaubt;
aber wenn du wüsstest, was Eifersucht ist!«
    »Wer recht liebt kann gar nicht eifersüchtig sein«, sagte Marie unmutig;
»aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon damals hat es mich
recht tief betrübt. Aber du kennst mich gar nicht, wenn du mich recht gekannt
hättest, wenn du mich geliebt hättest wie ich dich, wärest du nie auf solche
Gedanken gekommen.«
    »Nein! ungerecht musst du doch nicht werden«, rief Georg und fasste ihre Hand;
»wie kannst du mir vorwerfen, dass ich dich nicht liebe, wie du mich? hätte es
denn nicht möglich sein können, dass ein Würdigerer als ich erschienen, dass der
arme Georg durch irgendeinen bösen Zauber aus deinem Herzen verdrängt worden
wäre; es ist ja doch alles möglich auf der Erde!«
    »Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lächeln
an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein
zu beseelen. »Möglich? wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir für
möglich gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so habt Ihr
mich nie geliebt; ein Mann muss sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen
lassen, er muss fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so muss er auch
glauben.«
    »Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient«, sagte der junge
Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin ich ein Rohr, das vom Winde hin und
her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten -«
    »Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, dass es sein Ohr nicht
erreichte, und seinen Unmut zum Zorn anblies.
    »Auch du wirst mich also darum verachten, und doch bist du es, was mich hin
und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer Seite gesucht, ich war selig als
ich dich dort fand. Du batest mich davon abzulassen, ich ging; ich tat noch
mehr; ich kam zu euch herüber, es kostete mich beinahe das Leben, und doch liess
ich mich nicht abschrecken; ich ergriff Württembergs Partei, ich kam zu deinem
Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, dass ich sein Freund
geworden - aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her
bewegt wird! aber noch einmal will ich mich - zum letztenmal von dir bewegen
lassen; ich will fort, weil du meine Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde
will ich fort!«
    Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein Barett und
wandte sich zur Türe.
    »Georg!« rief Marie mit den süssesten Tönen der Liebe, indem sie aufsprang
und seine Hand fasste; ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuts war
verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe
blickte aus ihrem Auge, »um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht so böse;
bleibe bei mir, siehe ich will alles vergessen, ich schäme mich, dass ich nur so
unwillig werden konnte.«
    Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen, er sah
weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln gewonnen zu werden,
denn sein Entschluss stand fest, das Schloss zu verlassen. »Nein!« rief er; »du
sollst das Rohr nicht mehr zurückwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie
du seinen Gast aus seinem Hause vertrieben hast«; die runden Fensterscheiben
zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriss seine Hand
der Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riss die Türe auf, um auf ewig
zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, die wir im
nächsten Kapitel näher beschreiben werden.
 
                                       IX
 Herrengunst, Aprillenwetter,
 Frauenlieb und Rosenblätter,
 Würfel, Karten, Federspiel,
 Verkehren sich oft, wer's glauben will.
                                                                Altes Sprichwort
Als Georg die Türe öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten Stellung die
hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war dies eine jener alten
Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an in einer Familie bleiben, sich
einbürgern, in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig davon
werden. Sie hatte ihre Nützlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von
Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit grosser Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie
war so von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von
diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert. Sie hatte
aber wie ein kluger Feldherr sich den Rücken gesichert, sie hatte jene Posten,
aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt war, nicht wieder besetzen
lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit grosser
Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch
diesen Kunstgriff und durch ihre lange Dienstzeit die Zügel der häuslichen
Regierung an sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick und sie
gab zu verstehen, dass sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze Gnade nur
darin bestand, dass er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.
    Mit dem Fräulein lebte sie in neuern Zeiten nicht mehr im besten Verhältnis.
Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen
besessen; noch in Tübingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe
gezogen und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen Anteil an allem, was ihr
Fräulein betraf, dass sie gesagt hätte: »Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs
zärtlichste, oder - uns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden
müssen.«
    Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein bemerkte,
dass Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur, dass sie sogar von
ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kälter
gegen die Alte, und Frau Rosel merkte den Augenblick, warum dies so geschehe.
Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel,
obgleich sie sich einen neuen Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat
hierzu verfertigt hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben musste, da
wurde die Kluft noch weiter, denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim
Vater dahin gebracht, dass sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe.
    Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte. Frau
Rosel zwar, die gerner mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte, suchte
einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen, und so das alte Verhältnis
wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war zu voll, die Amme ihr zu verdächtig,
als dass sie etwas gesagt hätte. Als daher der geächtete Ritter nächtlicherweile
ins Schloss kam, als das Fräulein so geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und,
wie Frau Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins
Geheimnis gezogen wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in
Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, dass er jenen Worten
traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins, wusste er
ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich gestaltet habe.
    Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die Kirche
gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde ziemlich weit obenan
stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution dafür erhalten und war mit so
viel leichterem Herz und Gewissen auf den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie
vorher schwer und unter der Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die
salbungsvollen Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein,
um ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kämmerlein
hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hörte sie ihr Fräulein
und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar
bedünken, ihr Fräulein weine.
    »Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?« dachte sie;
die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge und Ohr ans
Schlüsselloch und sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen
auch wir gewesen sind.
    Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, dass sie nicht mehr Zeit
gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer gebückten Stellung
am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie wusste sich zu helfen in solchen
misslichen Fällen, sie liess Georg nicht an sich vorüber, liess beide nicht zum
Wort kommen, sie ergriff die Hände des jungen Mannes und überströmte ihn mit
einem Schwall von Worten:
    »Ei, du meine Güte! hätt ich glaubt, dass meine alten Augen den Junker von
Sturmfeder noch schauen würden. Und ich mein, Ihr sind noch schöner worden und
grösser, seit ich Euch nimmer sah! Hätt ich das gewusst! Steh da wie ein Stock an
der Tür, denke, ei! wer spricht jetzt mit der gnädigen Fräulein? Der Herr ist's
nicht; von den Knechten ist's auch keiner! Ei was man nicht erlebt! jetzt ist's
der Junker Georg, der da drin spricht!«
    Georg hatte sich während dieser Reden der Frau Rosel vergeblich von ihr
loszumachen gesucht. Er fühlte, dass es sich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen,
dass er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu
können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen Faust der Alten, aber indem
er sie frei fühlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf
Frau Rosels höhnisches Lächeln zu achten, an ihr Herz gedrückt; er war bei
dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen
schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er
fühlte seinen Unmut schwinden, er fühlte, dass es Marie nicht so bös mit ihm
gemeint habe - wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren? wie sollte er so
ganz ungekränkt scheinen? Wäre er mit Marien allein gewesen, so war es
vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau
Rosel umzukehren, sich durch einen Händedruck, durch einen Blick erweichen
lassen und gefangengeben? Er schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich
selbst schämte, und wir haben gehört, dass dieses Gefühl der Scham, die
Ungewissheit, wie man, ohne zu erröten, zurückkehren könne, schon oft aus einer
kurzen Trennung in Unmut, eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse
gebrochen habe.
    Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram ihres
Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborne Gutmütigkeit über die
kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen war. Sie fasste die Hand des
Junkers fester: »Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen,
nachdem Ihr kaum ein Stündchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas
zu Mittag gegessen, lässt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen
alle Sitte des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht
begrüsst?«
    Es war schon ein grosser Gewinn für Mariens Sache, dass Georg sprach: »Ich
habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir zusammen
leerten.«
    »Nun?« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abschied
genommen haben?«
    »Nein, ich sollte ihn im Schloss erwarten.«
    »Ei, wer wird dann gehen wollen«, sagte sie, und drängte ihn sanft in das
Zimmer zurück; »das wär mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja wunder meinen,
was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei Tag kommt«, setzte sie
mit einem stechenden Blick auf das Fräulein hinzu, »wer beim hellen Tag kommt,
hat ein gut Gewissen und darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der
Nacht.«
    Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings und unwillkürlich musste
dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die strafenden Blicke
sah, die sie auf Marien warf.
    »Ja, ja, wie ich sagte«, fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch nicht
wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht besser gewesen, Ihr
wäret schon früher gekommen; im Sprichwort heisst es: Sieh für dich, irren ist
misslich; und wer will haben Ruh, bleib bei seiner Kuh! Aber ich will nichts
gesagt haben.«
    »Nun ja«, sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit
deinen Reden und Sprüchlein? Du weisst selbst, sie passen nicht immer.«
    »So? aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist; aber Reu
und guter Rat ist unnütz nach geschehener Tat. Ich weiss schon, Undank ist der
Welt Lohn, ich kann ja schweigen; Wer will haben gute Ruh, der seh und hör und
schweig dazu.«
    »Nun so schweige immerhin«, entgegnete das Fräulein, etwas gereizt;
»übrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken lässt, dass
du Herrn von Sturmfeder schon kennst; es wäre möglich, er könnte glauben, er sei
wegen uns nach Lichtenstein gekommen.«
    Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es tat ihr wohl, dass man
sie brauche, dass man Stillschweigen von ihr erbitten müsse; auf der andern Seite
war sie noch unwillig darüber, dass das Fräulein seit neuerer Zeit so wenig
Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverständliche
Worte vor sich hin, indem sie die Stühle wieder an die Wände stellte, die Becher
von dem Tisch nahm und die Flecken abwischte, die der Wein auf der
Schieferplatte, womit der Tisch eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab
Georg, der sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und
der Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet liess. Ihm
selbst war viel daran gelegen, dass Mariens Vater noch nichts um ihre Liebe
wusste, er fürchtete, jener möchte es als einziges Motiv seines Übertritts zu
Württemberg ansehen, er möchte ihn darum weniger günstig beurteilen, als er
bisher getan. Dies erwägend, näherte sich Georg der alten Frau Rosel; er klopfte
ihr traulich auf die Schultern und ihre Züge hellten sich zusehends auf. »Man
muss gestehen«, sagte er freundlich, »Frau Rosalie hat eine schöne Haube; aber
dies Band passt doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.«
    »Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte sich wohl auf eine
freundlichere Rede gefasst gemacht, »was kümmert Euch meine Haube, ein jeder fege
vor seiner Tür. Sieh auf dich und auf die Deinen, darnach schilt mich und die
Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine
Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich, und wären alle sämtlich reich, und
wären all' zu Tisch gesessen, wer wollt auftragen Trinken und Essen?«
    »Nun, so habe ich's nicht gemeint«, sagte Georg besänftigend, indem er eine
Silbermünze aus seinem Beutelein zog; »aber mir zu Gefallen ändert Frau Rosalie
schon ihr Band; und dass meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird sie
diesen Dicktaler nicht verschmähen!«
    Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne
durchdringen, und Gewölk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am Horizont
der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname
Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte, als das verdorbene Rosel, und endlich
der Dicktaler mit dem Krauskopf des Herzogs und dem Wappen von Teck - wie konnte
sie so vielen Reizen widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche Junker!«
sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne
Tasche an ihrer Seite gleiten liess, und den Saum von Georgs Mantel zum Munde
führte. »Gerade so wusstet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand ich am
Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt, richtig rief es
hinter mir, Guten Morgen Frau Rosalie, und wie geht es dem Fräulein? und wie oft
und reich habt Ihr mich dort beschenkt; wenigstens zwei Dritteile von dem Rock,
den ich hier trage, verdank ich Eurer Gnade!«
    »Lass das, gute Frau«, unterbrach sie Georg. »Und was den Herrn betrifft, so
wirst du -«
    »Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrückte. »Habe
Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da könnt Ihr Euch drauf verlassen. Was
ich nicht weiss, macht mich nicht heiss, und was mich nicht brennt, das blase ich
nicht!«
    Sie verliess bei diesen Worten das Zimmer, und stieg in den ersten Stock
hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten.
    Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche, und besah ihn hin
und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers, und bedauerte
ihn im stillen, dass seine Liebe so schlecht vergolten werde, denn dass es ihr
Fräulein mit einem andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Küche stand
sie gedankenvoll still. Sie war im Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf
lassen solle, oder ob es nicht besser wäre, dem Junker einige Winke über den
nächtlichen Besucher zu geben? »Doch kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er
es selbst und braucht mich nicht dazu. Überdies -Ein Rater in zweier Feinde
Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten; man kann warten und zusehen, denn
Hitz im Rat, Eil in der Tat, gebären nichts als Schad. Wer will haben gute Ruh,
der seh und hör und - schweig dazu!«
    Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche; die Liebenden
aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem Abzug bald wieder
gefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen;
und als sie mit den süssesten Tönen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut
sei, da vermochte er nicht nein zu sagen, und der Friede war, was selten der
Fall ist, in kürzerer Zeit wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.
    Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung, und es gehörte
der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein Vertrauen in das
Wort des Geächteten dazu, um nicht von neuem ausser Fassung zu kommen. Denn als
er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen, und sich mit ihm geschlagen habe,
da errötete sie, sie richtete sich stolzer auf und drückte die Hand des
Geliebten, sie gestand ihm, dass er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn
jener Mann sei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie hinabgestiegen
in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten, wie er tief unter der Erde
in ärmlicher Umgebung doch so gross und erhaben geschienen, da stürzten Tränen
aus ihren Augen, sie blickte hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er
möchte das traurige Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und
sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich seinen Freund
genannt, wie er sich zu Württembergs Sache, zu der Sache der Unterdrückten und
Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge
von wunderbarem Glanze, sie sah Georg lange an, er glaubte eine Begeisterung in
ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht die Freude, dass er ihres Vaters
Partie ergriffen habe, allein vorbrachte.
    »Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um diese Nacht
beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn glaube mir, nicht
jeden hätte Hanns zu dem Vertriebenen geführt.«
    »Du kennst ihn«, erwiderte Georg, »du weisst um sein Geheimnis? o sag mir
doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene,
dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hätte, wie dieser. Wo lagen seine
Besitzungen, wo ist das Schloss, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle
jetzt keinen andern Namen haben als der Mann, aber sein Arm, dessen Stärke ich
gefühlt, sein heller Blick verbürgte mir, dass er einst einen berühmten Namen in
der Welt gehabt haben müsse.«
    »Er hatte einen Namen«, antwortete Marie, »einen, der sich mit den besten
messen konnte. Aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat, so darf ich ihn
auch nicht nennen; das wäre gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg
muss sich also schon noch gedulden«, setzte sie lächelnd hinzu, »so hart es ihn
auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr.«
    »Mir kannst du es ja doch sagen«, unterbrach sie Georg; »sind wir nicht
eins? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne dass es der andere Teil wissen muss?
Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Höhle?«
    »Werde nicht böse, siehe, wenn es nur mein Geheimnis wäre, so müsstest du es
auch wissen und könntest es mit Recht verlangen, aber so - ich weiss zwar, dass es
bei dir so sicher wäre als bei mir, aber ich darf nicht.«
    Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge von ungeheurer Grösse
hereinstürzte.33 Georg fuhr unwillkürlich auf, denn einen Hund von solcher Grösse
und Stärke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte sich ihm gegenüber, schaute
ihn mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tönte aus seiner breiten
Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender Sturm und die wohlgeordnete Reihe
scharfer Zähne, die er vorwies, zeigten ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man
nicht reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besänftigt zu
ihren Füssen zu legen. Sie streichelte seinen schönen Kopf, aus welchem die
klugen Augen noch immer bald nach ihr bald nach dem Junker spähten. »Er hat
Menschenverstand!« sagte sie lächelnd. »Er kommt, um mich zu warnen, dass ich den
Mann in der Höhle nicht verraten soll.«
    »Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! wie er den Kopf so stolz
aus dem goldenen Halshand hervorträgt, als gehöre er einem Kaiser oder König!«
    »Er gehört ihm, dem Vertriebenen«, erwiderte Marie, »und weil ich auf dem
Sprung war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er mich zu warnen.«
    »Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? wahrlich, ein Arm
wie der seine, unterstützt von einem solchen Tier, darf sechs Mörder nicht
fürchten.«
    »Das Tier ist wachsam«, antwortete sie, »aber wild, wenn er es in der Höhle
unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren Schutz; wie aber, wenn durch Zufall
ein Mensch in jene Höhle käme? Sie ist so gross, dass man den Mann nicht darin
ahnen kann, aber die Dogge würde ihn verraten. Sie würde knurren und anschlagen,
sobald sie Tritte hörte, und sein Aufentalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm
befohlen, als er wegging, hierzubleiben, er versteht dies Gebot und ich sorge
für ihn. Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude
solltest du sehen, wenn es Nacht wird; er weiss, dass dann sein Herr bald ins
Schloss kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und die Schritte des Mannes auf
dem Hofe tönen, da ist er nicht mehr zu halten, er würde sechsfache Ketten
zerreissen, um bei ihm zu sein.«
    »Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist der Mann, dem
dieser Hund gehört. Hing er doch ebenso treu an seinem Herrn, und liess sich
verbannen und ins Elend jagen; es ist töricht von mir«, setzte Georg hinzu, »ich
weiss, Neugierde steht einem Mann nicht an, aber wissen möchte ich, wer er ist?«
    »So gedulde dich doch bis es Nacht wird! wenn der Mann kommt, will ich ihn
fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es erlauben.«
    »Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muss ich an ihn denken;
wenn du mir es nicht sagst, so muss ich mich an den Hund wenden, vielleicht ist
er gütiger als du.«
    »Versuche es immer«, rief Marie lächelnd, »wenn er sprechen kann, so soll er
es nur gestehen.«
    »Hör einmal, du ungeheurer Geselle«, wandte sich Georg zu dem Hund, der ihn
aufmerksam ansah, »sage mir, wie heisst dein Herr?«
    Der Hund richtete sich stolz auf, riss den weiten Rachen auf und brüllte in
schrecklichen Tönen »U-u-u!«
    Marie errötete; »Lass doch die Possen«, sagte sie, und rief den Hund zu sich,
»wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher Gesellschaft ist!«
    Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der gute Hund? der
ist darauf geschult, ich wollte alles wetten! es ist nicht das erste Mal, dass
man ihn fragt: wie heisst dein Herr?«
    Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit noch
greulicheren Tönen als vorher, sein U-u-u! zu heulen an. Aufs neue errötete
Marie, sie hiess beinahe unwillig den Hund schweigen, er legte sich ruhig zu
ihren Füssen.
    »Da haben wir's«, rief Georg lachend, »der Herr heisst U! und fing das
sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit U an?
Ungeheuer! heisst dein Herr vielleicht Uffenheim? oder Uxküll? oder Ulm? oder
vielleicht gar -«
    »Unsinn! der Hund hat gar keinen anderen Laut als U, wie magst du dir nur
Mühe geben, daraus etwas zu folgern; doch hier kommt der Vater den Berg herauf,
willst du, dass es ihm verborgen bleibe, so nimm dich zusammen und verrate dich
nicht. Ich gehe jetzt, denn es ist nicht gut wenn er uns beisammen antrifft.«
    Georg gelobte es; er umarmte noch einmal die Geliebte, und versah sich von
ihrem süssen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung sich zu
erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zärtlichere Annäherung unmöglich
machte. Der Hund des Herrn U - sah verwundert auf die liebliche Gruppe; doch,
sei es, dass er wirklich Menschenverstand hatte, oder dass er bei seinem Herrn
schon Ähnliches erlebt hatte und einsah, dass der Junker das Fräulein nicht
umbringen wolle, er machte keine Miene, seiner Dame zu Hülfe zu kommen, und erst
der Hufschlag, der von der Brücke heraufscholl, schreckte die Errötende aus den
Armen des glücklichen Jünglings.
 
                                       X
 Der Herzog schaut hinunter lang
 Und spricht mit einem Seufzer bang:
 »Wie fern, ach von mir abgewandt,
 Wie tief, wie tief liegst du mein Land.«
                                                                       G. Schwab
Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und Georg von Sturmfeder befand
sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen,
bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen würde oder
Gelegenheit da wäre, der Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann
sich denken, wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter einem Dach
mit der Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein, von
ihrem Vater geliebt - er hatte in seinen kühnsten Träumen kein ähnliches Glück
ahnen können. Nur eine Wolke trübte den Himmel der Liebenden, die düstere Wolke,
die zuweilen auf der Stirne des Vaters lag. Es schien, als habe er nicht die
besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu
verschiedenen Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne dass
der Ritter seinem Gast eröffnete was sie gebracht haben. Einigemal glaubte Georg
in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt über die Brücke schleichen zu
sehen, er hoffte von diesem vielleicht etwas erfahren zu können, er eilte hinab,
um ihn zu begegnen, aber wenn er bis an die Brücke kam, war jede Spur von ihm
verschwunden.
    Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen Mangel an Zutrauen,
wie er es bei sich und in seinen Äusserungen gegen Marie nannte. »Ich habe doch
den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht
viel Lockendes hat, der Mann in der Höhle und der Ritter von Lichtenstein
bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt?
warum darf ich nicht erfahren wie es mit Tübingen steht, warum nicht wie der
Herzog operiert um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen gut,
verschmäht man mich im Rat?«
    Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen Augen, ihren
freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber dennoch kehrten
sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn
mahnte ihn immer an die Sache, welcher er beigetreten war.
    Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht
länger ertragen; er fragte auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, wie
es mit dem Herzog und seinen Planen stehe, ob man nicht auch seiner endlich
einmal bedürfe? Aber der Ritter von Lichtenstein drückte ihm freundlich die Hand
und sagte: »Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe
abdrücken will, dass du nicht teilnehmen kannst an unseren Mühen und Sorgen; aber
gedulde dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, so wird sich
manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, mit traurigen
Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist nicht gemacht, bedächtlich in
ein Gewebe von Bosheit zu schauen, und die künstlich geschlungenen Fäden wieder
loszumachen. Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein
willkommener Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen,
es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald muss es sich
entscheiden.«
    Der junge Mann sah ein, dass der Alte recht haben könne, und doch war er
nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den Namen des
Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nächsten Nacht ins Schloss
gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen dürfe, er hatte
nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an der Zeit!«
    Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam. Er
hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in der Höhle
angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nähe
zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, eine Nacht mit
dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. Er war zu stolz sich aufzudrängen, er
wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu
sprechen; es geschah nicht. Er beschloss wenigstens einmal uneingeladen
zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die
Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmässig um acht Uhr geführt wurde,
lag gegen das Tal hinaus; gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke über
den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn kommen zu sehen. Das
grosse Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer lag,
wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht
hinabsehen. Auf dem Vorplatz der die Kammern umher und den Saal verband, gingen
zwar zwei Fenster gegen die Brücke hinaus, sie waren aber vergittert und hoch,
so dass man zwar ins Freie hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.
    Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn er den
nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht möglich, weil
dort so viele Leute wohnten, dass er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er
den Torweg und die Ställe musterte, die unter dem Schloss in den Felsen gehauen
waren, bemerkte er an der Zugbrücke eine Nische, die von den Torflügeln bedeckt
wurde, welche man nur wenn der Feind vor den Toren war, verschloss. Dies war der
Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien, um zu
beobachten, was um ihn her vorging; links vor der Nische, schloss sich die
Zugbrücke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinaufführte, vor ihm der
Torweg, den jeder gehen musste, der ins Schloss kam. Dortin beschloss er in der
kommenden Nacht sich zu schleichen.
    Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins Bett zu
leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm freundlich gute
Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entliess den Knecht, der ihn sonst
entkleidete, und warf sich angekleidet auf das Bette; er lauschte auf jeden
Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde herübertrug; oft
schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze,
zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen
die Bande des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn seine
Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis zurückzuführen.
    Zehn Uhr war längst vorüber; die Burg war still und tot, Georg raffte sich
auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hüllte sich in seinen Mantel und
öffnete behutsam die Türe seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht
durch Schnauben zu verraten, die Angeln seiner Türe garrten, er hielt an, er
lauschte, ob niemand diese verräterischen Töne gehört habe? Es blieb alles
still; der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz, Georg pries sich
glücklich, dass ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde.
Er schlich weiter an die Wendeltreppe, noch einmal hielt er an, um zu lauschen,
ob alles stille sei; er hörte nichts als das Sausen des Windes und das Rauschen
der Eichen über der Brücke. Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht
tönt alles lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht
beachtet hätte. Wenn Georgs Fuss auf ein Sandkörnchen trat, so rauschte es auf
der gewölbten Wendeltreppe, dass er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen
Hause gehört haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber; er lauschte, er hörte
niemand, aber auf dem Herd in der Küche flatterte ein lustiges Feuer. Jetzt war
er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem
Augenblick zurücklegte, hatte er eine Viertelstunde verwandt.
    Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu sich her,
so dass er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Türe war gross genug,
dass er durch sie alles beobachten konnte. Noch war alles still im Schloss. Nur
flüchtige Tritte glaubte er über sich zu vernehmen, es war wohl Marie, die
geschäftig hin und her ging.
    Nach einer tödlich langen Viertelstunde schlug es im Dorfe eilf Uhr. Dies
war die Zeit des nächtlichen Besuches, Georg schärfte sein Ohr, um zu vernehmen
wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben den Hund anschlagen, zugleich
rief über dem Graben eine tiefe Stimme: »Lichtenstein!«
    »Wer da?« fragte man aus der Burg.
    »Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuch in
der Höhle so wohlbekannt war.
    Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den
Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten Schlüssel das
Schloss der Zugbrücke. Indem er noch damit beschäftigt war, stürzte in grossen
Sprüngen der Hund die Treppe herab; er winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er
hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm behülflich sein, die Brücke für
seinen Herrn herabzulassen. Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht,
und leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschliessen nicht zurechtzukommen
schien.
    »Spute dich, Baltasar!« flüsterte sie, »er wartet schon eine gute Weile,
und draussen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind.«
    »Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein«, antwortete er, »dann
sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke fällt. Ich habe auch, wie Ihr
befohlen habt, die Fugen mit Öl geschmiert, dass sie nicht mehr garren, und die
Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.«
    Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich langsam nach aussen,
und legte sich über den Abgrund; der Mann aus der Höhle, in seinen groben Mantel
eingehüllt, schritt herüber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief ins
Herz geprägt, und doch überraschten ihn aufs neue seine auffallend kühnen Züge,
sein gebietendes Auge, seine freie Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen
Bewegungen.
    Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre
bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke Gestalt der
Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den
zierlichen Hals herabströmten, die blendende Stirne, das sinnige, blaue Auge,
dem die langen, dunklen Wimpern und die schöngeschwungenen Bogen der Brau'n
einen eigentümlichen Reiz gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer
Wangen, dies alles, überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt,
bewirkte, dass Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben, als
in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kräftigen Formen des
Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob.
    Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten
Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurück und Georg
vernahm folgendes Gespräch:
    »Ist Nachricht da von Tübingen? ist Marx Stumpf zurück? Ich lese Unglück in
Euren Mienen!«
    »Nein, Herr, er ist noch nicht zurück«, sagte Marie, »der Vater erwartet ihn
aber noch diese Nacht.«
    »Dass ihm der Teufel Füsse mache! Ich muss warten, bis er kommt, und sollte es
Tag darüber werden. - Hu! eine kalte Nacht, Fräulein«, sagte der Geächtete,
»meine Schuhu und Käuzlein in der Nebelhöhle muss es auch gewaltig frieren, denn
sie schrieen und jammerten in kläglichen Tönen, als ich heraufstieg.«
    »Ja, es ist kalt«, antwortete sie, »um keinen Preis möchte ich mit Euch
hinabsteigen; und wie schauerlich muss es sein, wenn die Käuzlein schreien; mir
graut, wenn ich nur daran denke.«
    »Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit«, erwiderte jener
lächelnd, indem er das errötende Gesicht des Mädchens am Kinn ein wenig in die
Höhe hob; »nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die Hölle? Was das für eine Liebe
sein muss! Weiss Gott, Euer Mund ist ganz wund; nein gar zu arg müsst Ihr es doch
nicht machen mit Küssen.«
    »Ach Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Röte über die
zarten Wangen goss; »wie mögt Ihr nur so sprechen. Wisst Ihr, dass ich gar nicht
mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker
denket?«
    »Nun, einen Scherz müsst Ihr mir schon gelten lassen«, sagte der Ritter, und
kniff sie in die errötenden Wangen, »ich habe ja in meiner Behausung da unten so
wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich für den
Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, dass er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr
wisst, der Alte tut was ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn
empfehle, nimmt er ihn unbesehen.«
    Marie schlug die schönen Augen auf, und sah ihn mit freundlichen Blicken an.
»Gnädigster Herr«, antwortete sie, »ich will es Euch nicht wehren, wenn Ihr für
Georg ein gutes Wort sprechet; übrigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen.«
    »Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme, alles hat seinen Preis; nun,
was wird mir dafür?«
    Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank«, sagte sie; »aber kommt
Herr, der Vater wird schon längst auf uns warten.«
    Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt sie
auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, es wurde ihm bald heiss bald kalt, er
fasste den Torflügel, und wäre nahe daran gewesen, diese Fürsprache um einen
fixen Preis zu verbitten.
    »Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen. »Nun, sei es um ein
Küsschen, so will ich loben und preisen, dass dein Vater sogleich den Pfaffen
holen lässt, um das heilige Sakrament der Ehe an euch zu vollziehen.« Er senkte
sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war im
Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen. Das Fräulein aber sah jenen Mann
mit einem strafenden Blicke an. »Das kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein«,
sagte sie, »sonst hättet Ihr mich zum letztenmal gesehen.«
    »Wenn Ihr wüsstet, wie erhaben und schön Euch dieser Trotz steht«, sagte der
Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, »Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn
und in der Wut umher. Übrigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern so
tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige
Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Fürsprecher machen.
Und an Eurem Hochzeittag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuss anhalten, dann
wollen wir sehen, wer recht behält.«
    »Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd ihre Hand entzog, und
mit dem Licht voranging; »aber machet Euch immer auf eine abschlägige Antwort
gefasst, denn über diesen Punkt spasst er nicht gerne.«
    »Ja er ist verdammt eifersüchtig«, entgegnete der Ritter im Weiterschreiten;
»ich könnte Euch davon eine Geschichte erzählen, die mir selbst mit ihm begegnet
ist; aber ich habe versprochen zu schweigen. -«
    Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg
schöpfte wieder freien Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner Nische, bis
er niemand mehr auf den Treppen und Gängen hörte. Dann verliess er seinen Platz
und schlich nach seiner Kammer zurück. Die letzten Worte Mariens und des
Geächteten lagen noch in seinen Ohren. Er schämte sich seiner Eifersucht, die
ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkürlich hingerissen hatte. Wenn er
bedachte, in welch unwürdigem Verdacht er die Geliebte gehabt, und wie rein sie
in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei! er verbarg sein errötendes Gesicht
tief in den Kissen, und erst spät entführte ihn der Schlummer diesen quälenden
Gedanken.
    Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben Uhr
gewöhnlich die Familie zum Frühstück versammelte, kam ihm Marie mit verweinten
Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte ihm zu, »Tritt leise
ein, Georg! der Ritter aus der Höhle ist im Zimmer; er ist vor einer Stunde ein
wenig eingeschlummert; wir wollen ihm diese Ruhe gönnen!«
    »Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es wagen noch bei Tag
hier zu sein? ist er krank geworden?«
    »Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in ihren Wimpern hingen;
»nein! es muss in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen anlangen, und diesen
will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, beschworen, er möchte doch vor Tag
hinabgehen, er hat nicht darauf gehört; hier will er ihn erwarten.«
    »Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?« warf Georg
ein, »er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus.«
    »Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz, wenn er sich einmal etwas in
den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab; und nur zu leicht wird er
misstrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr zureden, wegzugehen; er hätte
glauben können, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, dass er
sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt.«
    Sie waren während dieser Reden an die Türe der Herrenstube gekommen, Marie
schloss so leise als möglich auf, und trat mit Georg ein.
    Die Herrenstube unterschied sich von dem grossen Gemach im oberen Stock nur
dadurch, dass sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei Seiten,
durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in
vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog ein Getäfer von
schwarzbraunem Holz mit farbigen Hölzern kunstreich ausgelegt. Einige
Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die Wand, welche kein Fenster hatte,
und Tische und Gerätschaften zeigten, dass der Ritter von Lichtenstein ein Freund
alter Sitten und Zeiten sei, und seinen Hausrat, wie er ihn vom Grossvater
empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor einem grossen Tisch in
der Mitte des Zimmers sass der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn und den
langen Bart auf die Hand gestützt, und schaute finster und regungslos in einen
Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch, der
Becher vor dem alten Herrn machte, dass man ungewiss war, ob er die Nacht beim
Becher zugebracht habe, oder er so frühe am Tage sich durch einen guten Trunk
Kräfte sammeln wolle.
    Er grüsste seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten war,
durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches Lächeln um
seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und an einen Stuhl zu seiner Seite;
Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem
Geliebten mit jener holden Anmut, die allem was sie tat, einen eigentümlichen
Stempel aufdrückte. Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.
    Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu: »Ich
fürchte, es steht schlimm!«
    »Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich.
    »Ein Bauer sagte mir heute frühe, gestern abend haben die Tübinger mit dem
Bunde gehandelt.«
    »Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus.
    »Seid still und weckt ihn nicht! er wird es nur zu frühe erfahren«;
entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
    Georg sah dortin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen Abgrund
liegt, sass der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf den Sims gestützt, die
sorgenvolle Stirne, das von Wachen müde Auge lag in der tapferen Hand - - er
schlummerte. Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen, und liess
ein abgetragenes, unscheinbares Lederkoller sehen, in das die kräftige Gestalt
gehüllt war. Sein krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche
des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.
    Zu seinen Füssen lag sein grosser Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fuss
seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt des
Geächteten.
    »Er schlaft«, sagte der Alte, und zerdrückte eine Träne in den Augen; »die
Natur fordert die Schuld an den Körper, und umhüllt die Seele mit einem
wohltätigen Schleier. Er atmet leicht; o dass es beruhigende Träume wären, die
ihm vorschweben; die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht wünschen,
dass er sie im Traume vergisst!«
    »Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er wehmütig auf den
Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in die Wüste
hinausgejagt! sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz
auf ihn anlegt bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu
müssen; wahrlich es ist hart! Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war, und
jene Bündler nach seinen Gütern gelüsteten.«
    »Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben«, sprach der Ritter von
Lichtenstein mit tiefem Ernst; »ich habe ihn beobachtet seit den Tagen seiner
Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute
und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen
verstand man ihn nicht, zuweilen liess er sich von der Hitze der Leidenschaft
hinreissen - aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte. Und
wahrlich, er hat es grausam gebüsst!« Er hielt inne, als hätte er schon mehr
gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg über den Vertriebenen mehr
zu erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen.
    Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg trat
ans Fenster, die herrliche Aussicht zu geniessen. Unter dem Felsen von
Lichtenstein wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus,
begrenzt von waldigen Höhen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach, drei
Dörfer liegen freundlich in der Tiefe; dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht,
ist es, als schaue es aus dem Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen
Tale aufwärts an den waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen
und den Bergen der Alb, hinter dem Bergrücken steigt die Burg Achalm hervor, und
begrenzt die Aussicht in der Nähe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm, dringt
rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein liegt den Wolken so
nahe, dass er Württemberg überragt. Bis hinab ins tiefste Unterland können frei
und ungehindert die Blicke streifen. Entzückend ist der Anblick, wenn die
Morgensonne ihre schrägen Strahlen über Württemberg sendet. Da breiten sich
diese herrlichen Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus; in dunklem
Grün, in kräftigem Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen
sind in diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der
Morgenröte verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und welches
Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene; viele Strömungen von Hügeln
und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und von Hügeln zu Hügeln, welche
breite Täler und Ströme in ihrem Schosse bergen, hüpft das Auge zu dem fernen
Horizont.
    Georg betrachtete bewundernd; er strengte seine Augen mehr und mehr an, er
suchte in die Weite zu dringen, und jedes Schloss jedes Dorf auf der weiten
Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm; sie teilte seine Bewunderung,
obgleich sie seit ihrer frühesten Kindheit dieses Schauspiel genossen. Sie
zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie wusste ihm jede Turmspitze zu nennen. »Wo
ist eine Stelle in teutschen Landen«, sprach Georg in diesen Anblick versunken,
»die sich mit dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen erstiegen,
von wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen sie
nicht. So reiche Saaten, Wälder von Obst, und dort unten, wo die Hügel
bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen Fürsten beneidet,
aber hier stehen zu können, hinauszublicken von dieser Höhe und sagen zu können,
diese Gefilde sind mein!«
    Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und Georg aus ihren
Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand im Fenster
der Geächtete, und blickte mit trunkenen, glänzenden Blicken über das Land hin,
und Georg war ungewiss, ob jene Worte oder das Andenken an sein Unglück die Brust
dieses Mannes bewegt hatten.
    Er begrüsste Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem Herrn
des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei? »Der von
Schweinsberg ist noch nicht zurück«, antwortete dieser.
    Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und schaute in die
Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid getrosten Mutes, Herr«, sagte sie,
»schauet nicht mit so finsteren Blicken auf das Land. Trinket von diesem Wein,
er ist gut württembergisch und wächst dort unten an jenen blauen Bergen.«
    »Wie kann man traurig bleiben«, antwortete er, indem er sich wehmütig
lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg die Sonne so schön aufgeht, und
aus den Augen einer Württembergerin ein so milder blauer Himmel lacht. Nicht
wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn uns solche Augen, solche
treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und lasst uns darauf trinken! Solange
wir Land besitzen in den Herzen, ist nichts verloren: Hie gut Württemberg
allezeit.«34
    »Hie gut Württemberg allezeit«, erwiderte Georg und stiess an. Der Geächtete
wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit wichtiger Miene
hereintrat. »Es sind zwei Krämer vor der Burg«, meldete er, »und begehren
Einlass.«
    »Sie sind's, sie sind's«, riefen in einem Augenblick der Geächtete und
Lichtenstein. »Führ sie herauf.«
    Der alte Diener entfernte sich; eine bange Minute folgte dieser Meldung;
alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen feurigen Augen die
Türe durchbohren, der Geächtete seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die
schnelle Röte und Blässe, die auf seinen ausdrucksvollen Zügen wechselte,
zeigten, wie die Erwartung dessen, was er hören werde, sein ganzes Wesen in
Aufruhr brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie näherten sich
dem Gemach; der gewaltige Mann zitterte, dass er sich am Tisch halten musste,
seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe, als wolle er in
den Mienen des Kommenden sogleich Glück oder Unglück lesen - jetzt ging die Türe
auf.
 
                                       XI
 - - Wie du nun so ganz
 Verlassen dastehst und so ganz entblösst,
 Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,
 Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,
 Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,
 Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.
                                                                       L. Uhland
Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem Blick die
Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer von Hardt, der
andere war - jener Krämer, den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte.
Der letztere warf seinen Pack, den er auf dem Rücken getragen, ab, riss das
Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner
gebückten Stellung auf, und stand nun als ein untersetzter, starkgebauter Mann,
mit offenen, kräftigen Zügen vor ihnen.
    »Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme, »wozu diese finstere
Stirne? Du bringst uns gute Botschaft! nicht wahr, sie wollen uns das Pförtchen
öffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann?«
    Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn. »Machet
Euch auf Schlimmes gefasst, Herr!« sagte er. »Die Botschaft ist nicht gut, die
ich bringe.«
    »Wie«, entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen flog,
und die Ader auch seiner Stirne sich zu heben begann; »wie, du sagst, sie
zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich; sieh dich wohl vor, dass du nichts
Übereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von dem du sprichst.«
    »Und dennoch sage ich es«, antwortete Schweinsberg, indem er einen Schritt
weiter vortrat; »im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich es sagen, sie sind
Verräter.«
    »Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. »Verräter,
sagst du? Du lügst. Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha!
gestehe, du lügst.«
    »Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der seinen
Herrn verlässt. Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land
verloren, Herr Herzog! Tübingen ist über.«
    Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er bedeckte
sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich, als suche sie
vergeblich nach Atem und seine Arme zitterten.
    Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm. Vor allen Georgs,
denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm
bisher dieser Mann erschienen war. Er war es selbst, es war Ulerich von
Württemberg! In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorüber, wie er
diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief in der Erde Schoss besuchte,
welche Worte jener zu ihm gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals
überrascht und angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, dass er nicht längst
schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
    Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte nur die
tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes, der sein
Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter
von Schweinsberg, sie traten zu Ulerich, sie fassten sein Gewand und Schienen ihn
erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der
Ferne gestanden, sie nahte sich jetzt mit unsicheren zagenden Schritten, sie
legte ihre schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie fasste
sich endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut Württemberg
alleweg!«
    Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepressten Brust, aber seine Hände
drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg.
Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene
gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt
hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann
wagte es, zu ihm zu sprechen: »Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen? Si fractus
illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!«
    Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulerich von Württemberg. Sei es
dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengrösse, Trotz und wahrer
Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des
»Unerschrockenen« erwarb - er zeigte sich von diesem Augenblick an, seines
Namens würdig.
    »Das war das rechte Wort, mein junger Freund«, sprach er zur Verwunderung
aller mit fester Stimme, indem er seine Hände sinken liess, sein Haupt stolzer
aufrichtete, und das alte, kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte, »das war
das rechte Wort. Ich danke dir, dass du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx
Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir über Eure Sendung. Doch
reiche mir zuvor einen Becher, Marie!«
    »Es war letzten Donnerstag, dass ich Euch verliess«, hob der Ritter an; »Hans
steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen habe. In
Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die
Wirtin gab mir so gleichgültig einen Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in
ihrem Leben nicht gesehen, und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig
ausgescholten hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem
Rücken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke.«
    Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen munterer als man
bei so grossem Unglück hätte denken sollen, fragte er: »Nun Georg, du hast ihn
gesehen; sah er so recht aus wie ein schäbiger, filziger Krämer? Wie?«
    »Ich denke er hat seine Rolle gut gespielt«, antwortete der junge Mann
lächelnd.
    »Von Pfullingen zog ich abends noch fürbass bis nach Reutlingen. Dort war in
der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer: Augsburger, Nürnberger, Ulmer, alle
mögliche Städtler, und jubelierten mit den Reutlingern, dass man die
Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt.35
Sie schimpften und sangen Spottlieder über Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch
noch immer fürchten. Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen. Das Herz pochte
mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal vor meinen
Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von Tübingen vom Berg
herüberragten.«
    Der Herzog presste die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus ins
Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf seinen Herrn,
doch jener winkte ihm, fortzufahren.
    »Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen. Die Stadt war
schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt, und nur wenige Truppen
standen mehr im Lager, das sie über dem Ammertal auf dem Berge geschlagen
hatten. Ich beschloss, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie es
mit dem Schloss stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege zur Besatzung ginge.
Ihr kennet die Herberge in der oberen Stadt, nicht weit von
Sankt-Georgen-Kirche, dort trat ich ein und setzte mich zum Weine. Die
bündischen Ritter, so erfuhr ich unterweges, kehrten oft dort ein, daher schien
mir dies der beste Platz zu meinem Zweck.«
    »Ihr wagtet viel«, unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; »wie leicht konnten
Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da wäre der Krämer bald entdeckt
gewesen!«
    »Ihr vergesst, dass es Festtag war«, entgegnete jener; »ich hatte also guten
Grund mein Bündel nicht aufzupacken und anzupreisen nach Krämersitte. Doch so
leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden, habe ich doch an Georg von
Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam verkauft! Weiss Gott ich hätte lieber mit
ihm gestritten, dass er es gleich hätte brauchen können. - Es war noch das
Hochamt in der Kirche, daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr
ich, dass die Ritter im Schloss einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh
gemacht haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig wie ich mir gedacht hatte,
viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich setzte mich in einen
Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so grosser
Herren.«
    »Wen sahest du dort?« fragte der Herzog.
    »Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, das sie führten. Es
war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen und noch viele; bald
trat auch der Truchsess von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht
als ich ihn sah denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor
fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nürnberg von der Mähre warf.«
    »Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?« unterbrach ihn
Georg.
    »Breitenstein? dass ich nicht wüsste, doch ja, so hiess wohl jener, der den
Hammelschlegel auf einem Sitz verzehrte! Jetzt fingen sie an von der Belagerung
zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und her, oft flüsterten sie
auch untereinander, doch ich habe gute Ohren und vernahm was mir nicht lieb war.
Der Truchsess nämlich erzählte, dass er einen Pfeil in die Burg habe schiessen
lassen, mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es muss dies schon mehrere Mal
geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht als er weiter fortfuhr
und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe.«
    Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!« rief er
schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich tat ihm
alles, was ich ihm an den Augen ansehen konnte - er hat mich zuerst verraten?!«
    »Im Brieflein stand, dass er, der Stadion und noch zwölf andere der Fehde
müde seien, auch schon halb und halb willens gewesen, sich zu ergeben; Georg von
Hewen aber habe ihnen abgeraten.«
    »Um den hab ich's nicht verdient«, sagte Ulerich; »ich war ihm gram, weil er
mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat. Wie man sich irren
kann in den Menschen. Hätte man mich gefragt, wer mich verraten würde und wer
dagegen spreche, ich hätte dort den Stadion, hier vielleicht Georg von Hewen
genannt!«
    »Im Brieflein stand auch noch weiter, dass Euer Durchlaucht vielleicht
Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich, auf geheimen Wegen in die Burg
sich begeben wollen. Die Bündischen sprachen mancherlei hierüber. Sie waren aber
darin einig, dass man die Besatzung zu einem Vergleich bringen müsse, ehe Ihr
heranrücket oder gar ins Schloss kämet. Denn dann, meinten sie, können sie noch
lange belagern müssen. Wie ich nun dies alles hörte, schien es mir nicht
geraten, durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu
entdecken, denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und
dann war ich verraten. Ich beschloss den Tag noch zu warten; hörte ich bis
Samstag früh nichts Schlimmeres über die Besatzung, so wollte ich ins Schloss
dringen und Euer Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte im Lager und in
der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der
Nähe der Obersten zu halten; so kam der Nachmittag.«
    »Das war noch freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein.
    »Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von
Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem Schloss,
und schrie hinauf, ob sie im Schloss bauen? Ich stand nicht weit davon, und sah
wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: Nein; denn es wäre wider den Pakt
des Stillstandes; aber ich sehe, dass Ihr im Feld bauet. Georg von Frondsberg
rief: So es geschehen, ist es ohne meinen Befehl geschehen; wer bist du? Da
antwortete der im Schloss: Ich bin Ludwig von Stadion. Drauf lächelte der
Bündische und strich sich den Bart. Ist's also wie du sagst, rief er, so will
ich's wenden, ritt zu ein paar Schanzkörben und warf sie um. Dann rief er dem
Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen, und miteinander einen Trunk zu
tun.«
    »Und sie kamen?« rief der Herzog; »die Ehrvergessenen kamen?«
    »Auf dem Schlossberg vor dem äussersten Graben ist ein Platz, dort sieht man
weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach, hinüber an die Alb und
Zollern, und viele Burgen schmücken die Aussicht. Dortin liessen sie einen Tisch
bringen und Bänke, und die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das
Tor von Hohen-Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von
Stadion mit noch sechs andern kamen über die Brücke; sie brachten Eure silbernen
Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten Wein, sie grüssten
die Feinde mit Gruss und Handschlag und setzten sich, besprachen sich mit ihnen
beim kühlen Wein.«
    »Der Teufel gesegne es ihnen allen36!« unterbrach ihn der Ritter vom
Lichtenstein, und schüttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lächelte
schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren.
    »So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten bis sie rote Köpfe
bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne und keine ihrer verräterischen
Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchsess den Stadion bei der
Hand; Herr Bruder, sagte er, in Eurem Keller ist ein guter Wein, lasset uns bald
ein, dass wir ihn trinken. Jener aber lachte darüber, schüttelte ihm die Hand und
sagte: Kommt Zeit, kommt Rat. Wie ich nun sah, dass die Sachen also stehen,
beschloss ich mit Gott mein Leben dranzusetzen, und in die Burg zu den Verrätern
zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere, unterirdische
Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten
sie das Fallgatter herabgelassen und einen Knecht hingestellt; er legte an auf
mich, als er mich durch die Finsternis kommen hörte, und fragte nach der Losung.
Ich sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn Eberhards
im Bart Atempto; der Kerl machte grosse Augen, zog aber das Gatter auf und liess
mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor, und kam heraus im
Keller. Ich schöpfte einige Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier
ausgeblieben in dem engen Gang.«
    »Armer Marx! geh trinke einen Becher, das Reden wird dir schwer«, sagte
Ulerich; willig befolgte jener das gütige Geheiss seines Fürsten, und sprach dann
mit frischer Stimme weiter:
    »Im Keller hörte ich viele Stimmen, und es war mir als zanke man sich. Ich
ging den Stimmen nach, und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem grossen Fass
sitzen und trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere
der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und grosse Humpen vor sich; es sah
schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein
Fass und hörte was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit rührenden Worten zu
ihnen, und stellte ihnen ihre Untreue vor; er sagte, wie sie ja gar nicht nötig
haben, sich zu ergeben, wie sie auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer
Durchlaucht ein Heer sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die
Belagerer in Not kommen, als sie.«
    »Ha! wackerer Hewen! und was gaben sie zur Antwort?«
    »Sie lachten und tranken; Da hat es gute Weile, bis der ein Heer sammelt! wo
das Geld hernehmen und nicht stehlen? sagte einer. Hewen aber fuhr fort und
sagte, wenn es auch nicht so bald möglich sei, so müssen sie sich doch halten
bis auf den letzten Mann, wie sie Euch zugeschworen, sonst handeln sie als
Verräter an ihrem Herrn. Da lachten sie wieder und tranken und sagten: Wer will
auftreten und uns Verräter nennen? Da rief ich hinter meinem Fass hervor: Ich,
ihr Buben, ihr seid Verräter am Herzog und am Land! Alle waren erschrocken, der
Stadion liess seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und
den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem Wams. Hier ist
ein Brief von eurem Herzog, sagte ich; er will ihr sollet euch nicht übergeben,
sondern zu ihm halten; er selbst will kommen, und mit euch siegen oder in diesen
Mauern sterben.«
    »O Tübingen«, sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht war ich, dass ich
dich verliess! zwei Finger meiner Linken gebe ich um dich, was sage ich zwei
Finger; die Rechte liess ich mir abhauen, könnte ich dich damit erkaufen, und mit
der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts
auf meine Worte?«
    »Die Falschen sahen mich finster an, und schienen nicht recht zu wissen was
sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion:
Ich komme schon zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde
mit dem Bunde begeben, und den Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er
wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber
aufs Ungewisse wollen sie den Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter
werden so lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den Bund
dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen in den Rittersaal, ich
wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, das Schloss zu halten, ich zählte auf,
wen ich noch für treu halte die Nippenburg, die Gültlingen, die Ow, die beiden
Berlichingen, die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart,
Kaltental - der von Hewen aber schüttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in
manchem geirrt!«
    »Und Stammheim, Tierberg, Westerstetten, meine Getreuen hast du sie nicht
gesehen?«
    »O ja, sie sassen im Keller beim Stadion, und tranken Euren Wein. Hinauf
wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und Heideck,
die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien seien ohnedies schon
schwierig gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch den
grössten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schlosshof und im
Rittersaal zum Kampfe, und es bleibe ihnen als den Geringeren nichts übrig, als
zu sterben. So gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden,
so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen, als von
ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden Da blieb mir nichts
übrig als sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten
Töchterleins annehmen, und ihnen das Schloss bei der Übergabe erhalten. Einige
sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achsel, ich aber gab den Verrätern
meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte fünf von ihnen auf, und lud sie zum
Kampf auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei; dann wandte ich mich und
ging auf demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.«
    »Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten«, rief
Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste Burg, und
sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch in späten Zeiten wird
man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr Fürstenhaus im Stich gelassen;
das Sprichwort Treu und ehrlich wie ein Württemberger ist zum Hohn geworden!«
    »Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger«, sprach Herzog
Ulerich, und eine Träne fiel in seinen Bart. »Als mein Ahnherr Eberhard einst
hinabritt gen Worms, und mit den Kurfürsten, Grafen und Herren zu Tische sass, da
sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer Länder. Der eine rühmte seinen
Wein, der andere sprach von seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der
vierte grub Eisen in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. Von
euren Schätzen weiss ich nichts aufzuweisen, sagte er, doch gehe ich abends durch
den dunkelsten Wald, und komm ich nachts durch die Berge und bin müd und matt,
so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüsse ihn und leg mich in
seinen Schoss und schlafe ruhig ein. Des wunderten sich alle und staunten und
riefen: Graf Eberhard hat recht! und liessen treue Württemberger leben. Geht
jetzt der Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg ich
meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den Rücken, so handeln sie mit dem
Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen - doch fahre fort; gib mir den Kelch bis
auf die Hefe, ich bin der Mann dazu ohne Furcht den Grund zu sehen.«
    »Nun, dass ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich
Gewissheit bekäme, wegen der Übergabe. Gestern am Ostermontag sind sie
zusammengekommen, sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt, und nachher durch
den Herold auf den Strassen ausrufen lassen, um fünf Uhr abends haben sie das
Schloss übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich entsetzt. Prinz Christoph,
Euer Söhnlein behält Schloss und Amt Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und
unter seiner Obervormundschaft, und in das übrige heisst es, werden sich die
Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen
Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein
Haus abgebrannt, aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein
Schmerz war nie so gross als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer
Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs Geweihe
und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!«
    So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner
Erzählung völlig heraufgekommen, auch an den äussersten Bergen war der Nebel
gefallen, und was um die fernen Höhen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein
zarter Schleier vom Horizont herabhing, und die Gegenden, über welche er sich
breitete, nur in noch reizenderem Lichte durchschimmern liess. Angetan mit dem
sanften Grün der Saaten, mit den dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit
freundlichen Dörfern, mit glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in
seiner Morgenpracht. Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken.
Die Natur hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend
nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte er seine
Empfindungen mit, und wenn ein grosses Unglück über ihn kam, pflegte er zu
schweigen und zu handeln.
    Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten, festen Burg seine
letzte Hoffnung gefallen war, verschloss er einen grossen Schmerz in einer tapfern
Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter, und fühlte nicht, wenn er den
letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge, auf den verstummten Mund warf,
bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist die Reue, was in solchen
Augenblicken den Menschen übermannt. Man erinnert sich, wie unendlich viel sie
für uns getan, wie sie uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu
schwer ward, das sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie haben wir
vergolten? wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe, wir glaubten,
es müsse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht
alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verprassten ihr Gut, und achteten
nicht auf ihre stillen Tränen.
    Jetzt wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr auf
immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wünsche lauschte, wo diese Hände
unsern letzten Druck nicht mehr fühlen, diese Hände, die uns mühsam nährten:
jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere Brust,
deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen, sie glücklich zu machen!
    Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf der Brust Ulerichs
von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig für ihn
verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewühle eines prächtigen
Hofes, und betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet hatte,
trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück allein was ihn beschäftigte,
sondern auch der Jammer des okkupierten Landes.
    Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen
Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge. Sie hatten
erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne, in
seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein stiller, grosser
Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm
gekannt hatten.
    »Marx! wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er.
    »Wie Räuber«, antwortete dieser; »sie verwüsten ohne Not die Weinberge, sie
hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter
traben durch das Saatfeld, und treten nieder was die Pferde nicht fressen. Sie
misshandeln die Weiber und pressen den Männern das Geld ab. Schon jetzt murrt das
Volk allerorten, und lasset erst den Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den
zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen keine
Weinbeere wächst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der
Bundesrat umlegen wird, bezahlen müssen - da wird das Elend erst recht angehen.«
    »Die Buben!« rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte aus seinen Augen;
»sie rühmten sich mit grossen Worten, sie kämen um Württemberg von seinem
Tyrannen zu befreien, es zu enteben aller Not. Und sie hausen im Lande wie im
Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott eine fröhliche Urständ gebe, und
seine Heiligen gnädig sein wollen meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den
verwüsteten Tälern des Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will
kommen und mähen und Garben schneiden - in ihren Gliedern, ich will kommen mit
schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut verzapfen. Ich
will rächen was sie an mir und meinem Land getan, so mir der Herr helfe.«
    »Amen!« sprach der Ritter vom Lichtenstein. »Aber ehe Ihr hereinkommt, müsst
Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land.
    Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollet.«
    Der Herzog sann eine Weile nach, und antwortete dann: »Ihr habt recht, ich
will nach Mömpelgard; von dort aus will ich sehen ob ich so viele Mannschaft an
mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her du treuer
Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. Du weisst nicht was es heisst,
die Treue brechen und den Eid vergessen.«
    »Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt«, sagte Schweinsberg, und
trat näher zu dem Herzog. »Ich will mit Euch ziehen nach Mömpelgard, wenn Ihr
meine Begleitung nicht verschmähet.«
    Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer: »Nehmt
auch mich mit Euch, Herr!« sagte er. »Meine Knochen taugen freilich nicht mehr
viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im Rat.«
    Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten, über die Wangen Georgs
von Sturmfeder zog ein glühendes Rot, sein Auge leuchtete vom Mut der
Begeisterung. »Herr Herzog!« sagte er. »Ich habe Euch meinen Beistand angetragen
in jener Höhle, als ich nicht wusste, wer Ihr wäret, Ihr habt ihn nicht
verschmäht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber könnet Ihr ein Herz
brauchen das recht treu für Euch schlägt, ein Auge das für Euch wacht, wenn Ihr
schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, so nehmt mich auf, und
lasset mich mit Euch ziehen!«
    Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Mann ohne Namen gezogen hatten,
loderten in dem Jüngling auf, sein Unglück und die erhabene Art, wie er es trug,
vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten, erhöhten diese Flammen
zur Begeisterung, und zogen ihn zu den Füssen des Herzogs ohne Land.
    Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen jungen
Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob ihn auf von den
Knieen, und küsste ihn auf die Stirne.
    »Wo solche Herzen für uns schlagen«, sagte er, »da haben wir noch feste
Burgen und Wälle, und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb und wert,
Georg von Sturmfeder, du wirst mich begleiten, mit Freuden nehme ich deine
treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, dich brauche ich zu wichtigerem
Geschäft als meinen Leib zu decken. Ich werde dir Aufträge geben nach Hohentwiel
und der Schweiz; Eure Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen.
Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, Ihr habt mir
allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit Gottes Hülfe
wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in meinem Rat.«
    Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig in der Ferne stand:
»Komm her, du getreuer Mann!« rief er ihm zu, und reichte ihm seine Rechte, »du
hast dich einst schwer an Uns verschuldet, aber du hast treu abgebüsst, was du
gefehlt.«
    »Ein Leben ist nicht so schnell vergolten«, sagte der Bauer, indem er düster
zum Boden blickte, »noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will sie zahlen.«
    »Gehe heim in deine Hütte, so ist mein Wille; treibe deine Geschäfte wie
zuvor, vielleicht kannst du Uns treue Männer sammeln, wenn Wir wieder ins Land
kommen. Und Ihr, Fräulein! wie kann ich Eure Dienste lohnen? Seit vielen Nächten
habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die Türe zu öffnen und mich zu sichern vor
Verrat! Errötet nicht so, als hättet Ihr eine grosse Schuld zu gestehen; jetzt
ist es Zeit zu handeln. Alter Herr«, wandte er sich zu Mariens Vater; »ich
erscheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmähen, den
ich Euch zuführe?«
    »Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnädigster Herr«, sagte der Ritter,
indem er verwundert auf seine Tochter sah.
    Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem. »Dieser liebt Eure
Tochter und das Fräulein ist ihm nicht abhold, wie wäre es alter Herr, wenn Ihr
ein Pärlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne so finster zusammen, es
ist ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe, dessen Arm ich selbst versuchte,
und jetzt mein treuer Geselle in der Not.«
    Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte hohe Röte mit
Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr ernst auf den
jungen Mann: »Georg«, sagte er, »ich habe Freude an Euch gehabt seit der ersten
Stunde, dass ich Euch sah; sie möchte übrigens nicht so gross gewesen sein, hätte
ich gewusst, was Euch in mein Haus führte.«
    Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede: »Ihr
vergesset, dass ich es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief und Siegel, er kam
ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnet Ihr Euch so lange? Ich will ihn
ausstatten wie meinen Sohn, ich will ihn belohnen mit Gütern, dass Ihr stolz sein
sollet auf einen solchen Schwiegersohn.«
    »Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog«, sagte der junge Mann, gereizt,
als der Alte noch immer unschlüssig schien. »Es soll nicht von mir heissen, ich
habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich aufdrängen wollen, dazu ist
mein Name zu gut.« Er wollte im Unmut das Zimmer verlassen, der Ritter von
Lichtenstein aber fasste seine Hand, »Trotzkopf!« rief er, »wer wird denn gleich
so aufbrausen, da, nimm sie, sie sei dein, aber denke nicht daran, sie
heimzuführen, solange ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei
dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn du treulich
aushältst: am Tag wo ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo Württemberg seine
Fahnen wieder aufpflanzt und seine Farben von den Zinnen wehen, will ich dir
mein Töchterlein bringen, und du sollst mir ein lieber Sohn sein!«
    »Und an jenem Tag«, sprach der Herzog, »wird das Bräutchen noch viel schöner
erröten, wenn die Glocken tönen von dem Turme und die Hochzeit in die Kirche
ziehet! Dann werde ich zum Bräutigam treten, und zum Lohn fordern was mir
gebührt. Da guter Junge! gib ihr den Brautkuss, es ist zu vermuten, dass es nicht
der erste ist, herze sie noch einmal, und dann gehörst du mein, bis an den
fröhlichen Tag wo wir in Stuttgart einziehen. Lasset uns trinken, ihr Herren,
auf die Gesundheit des Brautpaars.«
    Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf, und kämpfte mit den Tränen,
die noch immer aus den schönen Augen perlten. Sie goss die Becher voll, und
kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren Blicken, mit so lieblicher
Anmut, dass er Georg glücklich pries, und sich gestehen musste, manch anderer
machte um solchen Preis selbst sein Leben wagen.
    Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, dass ihnen der Herzog einen
guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulerich von Württemberg
warf einen langen Abschiedsblick auf das schöne Land, von dem er scheiden musste,
einen Augenblick wollte sich eine Träne in seinem Auge bilden, er wandte sich
kräftig ab. »Ich habe hinter mich geworfen«, sagte er, »was mir einst teuer war,
ich werde es wiedersehen in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze
ich noch Länder. Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der
Herzog ist und seine Treuen, hie gut Württemberg allewege!«
 
                                  Dritter Teil
                                        I
 In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,
 Wo ihn und dich ein biederes Volk geliebt,
 Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,
 Der unter deinem Banner einst gekämpft,
 Dort muss von dir noch ein Gedächtnis sein,
 Dortin sei unser irrer Pfad gelenkt,
 Des Schwarzwalds dichter Schatten nehm uns auf.
                                                                       L. Uhland
Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen, als der des Jahres
1519. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldiget, und meinte es werde jetzt Ruhe
haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder deutlich, dass es nicht die
Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei, was sie zusammenführte. Sie wollten
bezahlt sein, sie wollten Entschädigung haben für ihre Mühe. Die einen wollten,
man solle Württemberg unter sie teilen, die andern, man solle es an Östreich
verkaufen, die dritten wollten es Ulerichs Kindern erhalten - aber unter des
Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz des Landes, auf das
weder der eine noch der andere gerechte Ansprüche machen konnte. Das Land selbst
war in Spaltung und Parteien. Es sollte die Kriegskosten decken, und doch war
niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterschaft hielt es für eine erwünschte
Gelegenheit, sich ganz vom Lande loszusagen, und sich für unabhängig zu
erklären. Die Bürger und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet
und zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht sich zu erholen; die
Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und
Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, dass ihr angeborner Fürst so schnöde
behandelt worden war; manchen kam jetzt, da der Herzog fern von dem Lande seiner
Väter in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. Sie verglichen sein Regiment
mit dem jetzigen; es war nicht besser, wohl aber schlimmer geworden. Aber sie
lebten unter zu hartem Zwang, als dass sie ihre Schmerzen hätten offenbaren
können.
    Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes nicht;
sie musste, wie sich in alten Berichten findet, »manche seltsame und böse Rede«
hören. Sie suchten durch geschärfte Strenge sich Anhänglichkeit zu erwerben; sie
streuten Lügen über den Herzog aus.37 Man gebot den Priestern gegen ihn zu
predigen, wer von ihm Gutes rede, soll gefangen werden, wer ihn heimlich
unterstütze, soll der Augen beraubt, sogar entauptet werden.
    Aber Ulerich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf geheimen
Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg stehe. Er sass in seiner Grafschaft
Mömpelgard, und harrte dort mit den Männern, die ihm ins Unglück gefolgt waren,
auf günstige Gelegenheit in sein Land zu kommen. Er schrieb an viele Fürsten, er
beschwor sie ihm zu Hülfe zu kommen; aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an.
Er schrieb an die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten, sie halfen
nicht; das einzige was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation
eine Klausel anzuhängen, die Württemberg und den Herzog betraf - er hat sie
nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt also verlassen sah, wankte er
dennoch nicht, sondern setzte alles daran, sein Land mit eigener Macht
wiederzuerobern. Es waren einige Umstände, die für ihn sehr günstig schienen.
Der Bund hatte nämlich, als er Kunde bekam, dass sich niemand des Vertriebenen
annehmen wolle, seine Völker entlassen. Die meisten Städte und Burgen behielten
nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fähnlein
Knechte gelassen worden.
    Durch diese Massregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den man
geringschätzte, der aber viel zur Änderung der Dinge beitrug - es waren dies die
Landsknechte. Diese Menschen aus allen Enden und Orten des Reiches
zusammengelaufen, boten gewöhnlich dem ihre Hülfe an, der sie am besten zahlte;
für was und gegen wen sie kämpften war ihnen gleichgültig. Um sie zu halten
musste man ihnen vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen,
führten sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie den
Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste gewesen, der sie
durch sein Ansehen im Heere, durch tägliche Übungen und unerbittliche Strenge,
einigermassen im Zaum hielt; er hatte sie in regelmässige Rotten und Fähnlein
eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt,
geordnet in Reihen und Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, dass sie aus
einer guten Schule kamen; denn als sie vom Bunde entlassen waren, liefen sie
nicht wie früher, zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern
rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten aus ihrer Mitte
Hauptleute38, und selbst einen Obersten in der Person des langen Peters. Sie
waren schwürig auf den Bund, nährten sich von Raub und Brandschatzen im Land,
und führten Krieg auf eigene Rechnung. Die Anarchie war in Württemberg so gross,
dass ihnen niemand die Spitze bot. Der Bund hatte sich an Streitkräften entblösst,
und war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als dass er das
arme Land von dieser Bande befreit hätte; die Ritterschaft war uneinig, sie
sassen auf den Schlössern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der
Städte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger und Bauern
sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzu gross
waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den Bund, dem niemand hold
war; ja es ging sogar die Sage, diese Kriegsmänner seien nicht abgeneigt, dem
Herzog wieder zu seinem Land zu verhelfen.
    Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute in
einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunächst gelegen war.
Die riesigen, schwarzen Tannen und Föhren, die das Tal auf drei Seiten
einschlossen, gehörten noch dem Schwarzwald an, und das Flüsschen, das durch das
Tal eilte, war die Würm. Halb überschattet vom Wald, halb in den Weidenbüschen
des Tales versteckt, lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der
Ruhe. In der Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt,
deren blitzende Lanzen oder rotglühende Lunden schon von weitem Furcht
einjagten. In der Mitte des Tales im Schatten einer Eiche sassen fünf Männer um
einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel auf ihm
zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht führt. Diese Männer zeichneten
sich vor ihren übrigen Genossen durch breite, rote Binden aus, die sie über die
Schulter und Brust herabhängen hatten, sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das
zerrissene und morsche Aussehen, wie das der übrigen Soldateska. Einige hatten
Sturmhauben auf, andere grosse Filzhüte mit eisernen Bändern beschlagen, dazu
Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle mögliche Schattierungen
erhalten hatten.
    Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge, durch welche sie
sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie führten nämlich keine Donnerbüchsen
oder Spiesse, wie sie die Landsknechte gewöhnlich trugen, sondern Raufdegen von
ungemeiner Länge und Breite. Auch hatten sie, wie es damals die Edelleute und
Anführer trugen, auf ihren Hüten und Sturmhauben, bunte, wallende Federbüsche
aus Hahnenschwänzen, um sich ein ritterliches Ansehen zu geben.
    Die fünf Männer schienen grosse Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen,
vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an die Eiche lehnte. Es war dies
ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf, dessen Rand sich wie ein
bedeutender Mühlstein um den Kopf zog; der Hut war mit einer Goldtresse besetzt,
auf der Stirnseite war er mit dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmückt,
aus welchem zwei ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann musste
weit in der Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch,
italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn
nämlich mit Pech so zusammengedreht, dass er wie zwei eiserne Stacheln auf beiden
Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte.
    »Canto cacramento!« rief dieser grosse Mann mit einem dröhnenden Bass, »der
kleine Wenzel ist mein; drauf! ich stech ihn mit dem Eichelkönig.«
    »Mein ist er, mit Verlaub«, rief sein Nebenmann, »und der König dazu; da
liegt die Eichelsau!«
    »Mord de ma Vich, zagt der Franzoz; Hauptmann Löffler, Ihr wollt Eurem
Oberst diesen Stich abjagen? Schämt Euch, schämt Euch; daz ist ein Rebeller, der
daz tut; Gott straf mein Zeel, Ihr wollt mich vom Regiment absetzen?« Der grosse
Mann funkelte zu diesen Worten grässlich mit den Augen, schob seinen grossen Hut
auf das Ohr, dass seine überhängenden Augenbrau'n und eine mächtige rote Narbe
auf der Stirne sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen
gaben.
    »Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung«, antwortete der
andere Spieler. »Ihr könnet uns Hauptleuten befehlen, ein Städtchen zu
blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist jeder Landsknecht so gut
wie wir.«
    »Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf mein
Zeel, und wäre es nicht gegen meine Würde, ich wollt Euch in Kochstücke
mazakerieren; aber spielt weiter.«
    »Da liegt ein Daus« - »drauf der Quater« - »den stech ich mit dem Zinken«, -
»Schellenwenzel, wer sticht den? -«
    »Ich«, sprach der Grosse, »da liegt der Schellenkönig, Mordblei! der Stich
ist mein.«
    »Wie bringst du den Schellenkönig rauf?« rief ein kleines, dürres Männchen
mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen Äuglein und heiserer Stimme, »hab
ich nicht gesehen als du ausgabst, dass er unten liegt? Er hat betrogen, der
lange Peter hat schändlich betrogen.«
    »Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! ich rat Euch, haltet Euer Maul«,
sagte der Oberst, »Bassa manelka, ich versteh keinen Spass; die Mauz zoll den
Löwen nicht erzürnen.«
    »Und ich sag's noch einmal; wo hättest du sonst den König her? Vor dem Papst
und dem König von Frankreich will ich's beweisen; du falscher Spieler!«
    »Muckerle«, erwiderte der Oberst, und zog kaltblütig seinen Degen aus der
Scheide, »bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich schlage dich tot, zo
wie daz Spiel auz ist«
    Die übrigen drei Männer wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer Ruhe
aufgeschreckt. Sie erklärten sich für den kleinen Hauptmann, und gaben nicht
undeutlich zu verstehen, dass man dem Obersten wohl dergleichen zutrauen könnte;
dieser aber vermass sich hoch und teuer, er habe nicht betrogen. »Wenn der
heilige Petruz, mein gnädiger Herr Patron, den ich auf dem Hut trage, sprechen
könnte, der würde mir, zo wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen,
dass ich nicht betrogen!«
    »Er hat nicht betrogen«, sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu kommen
schien. Die Männer erschraken und schlugen Kreuze wie vor einem bösen Spuk,
selbst der tapfere Oberst erbleichte und liess die Karte fallen, aber hinter dem
Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem Dolch bewaffnet war, und eine
Ziter an einem ledernen Riemen auf der Schulter hängen hatte. Er sah die Männer
mit unerschrockenen Blicken an und sagte: »Es ist wie ich sagte, dieser Herr da
hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben, Schellen und Eichelkönig,
Fünfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die Hand.«
    »Ha! du bist ein wackerer Kerl«, rief der Oberst vergnügt, »zo wahr ich ein
ehrlicher Landsknecht - will zagen Oberst bin, ez ist all wahr waz du gezagt
hast.«
    »Was ist denn das?« rief der kleine Hauptmann Muckerle mit giftigen Blicken,
»wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen, ohne dass unsere Wachen ihn
meldeten? Das ist ein Spion, man muss ihn hängen!«
    »Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz ist kein Spioner; komm, zez dich zu
mir. Bist ein Spielmann, dass du die Cittarra umhängst, wie ein Spanier, wenn er
zu zeinem Schätzerl geht?«
    »Ja Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen haben mich nicht
angehalten, als ich aus dem Wald kam. Ich sah Euch spielen, und wagte es den
Herren zuzusehen.«
    Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt so höflich mit sich
sprechen zu hören, daher fassten sie Zuneigung zu dem Spielmann, und luden ihn
sehr herablassend ein, sich zu ihnen zu setzen, denn sie hatten in fremden
Kriegsdiensten gelernt, dass grosse Könige und Feldherren sehr vertraulich mit den
Meistern des Gesanges umgehen.
    Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem kleinen
Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: »Muckerle, daz zoll mein Tod zein, waz
ich getrunken, wenn ich nicht allez vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir
wollen nicht weiterspielen, ihr Herren; ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie
wäre ez, wenn wir uns aufspielen liessen?«
    Die Männer willigten ein, und warfen die Karten zusammen; der Spielmann
stimmte seine Ziter, und fragte was er singen solle?
    »Sing ein Lied vom Spiel!« rief einer; »weil wir gerade dran sind.«
    Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:
»Von dem Zinken, Quater und As
Kommt mancher in des Teufels Gass,
Von Quater, Zinken und von Dreien
Muss mancher Waffengo schreien,
Von As, Sess und Daus
Hat mancher gar ein ödes Haus,
Von Quater Drei und Zinken
Muss mancher lauter Wasser trinken.
Von Zinken, Drei und Quater
Weinen oft Mutter, Kind und Vater,
Von Zinken, Quater und Sess
Muss Jungfrau, Metz und Agnes,
Oft gar lang unberaten bleiben
Will er die Läng das Spiel betreiben.«39
Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem Spielmann
zum Dank die Flasche; »Gott gesegne es euch«, sagte dieser, indem er die Flasche
zurückgab; »viel Glück zu eurem Zuge; ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des
Bundes und ziehet wieder zu Feld? darf man fragen gegen wen?«
    Die Männer sahen sich an und lächelten, der Oberst aber antwortete ihm:
»Ganz unrecht habt Ihr nicht, wir haben früher dem Bund gedient, jetzt aber
dienen wir niemand alz unz zelbst, und wer Leute braucht wie wir zind.«
    »Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der Herzog
wolle wieder ins Land?«
    »Aller Hund Krümmen komme auf die Schweizer«, rief der Oberst; »wie übel
zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all zeine Hoffnung auf zie
gesetzt, und diavolo maledetto wie haben zie ihn im Stich gelassen bei
Blaubeuren!!«
    »Sie haben ihn schändlich gelassen«, sagte der Hauptmann Muckerle mit
heiserer Stimme; »aber doch so man's beim Licht b'sieht, so g'schieht ihm wohl
halb recht, dann er sollt sie je wohl kennt haben; es leit doch am Tag, dass sie
kein dick's Brittlein bohren. Der Tüfell hol sie all«
    »Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben können«, entgegnete der
Spielmann; »freilich wenn er solche Herren gehabt hätte, wie ihr und eure
tapfere Fähnlein, da wäre der Bund noch bei Ulm.«
    »Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell! Landsknecht' hätte er
zollen haben und keine Schwyzer. Und hält er zich jetzt wieder zu ihnen, zo weiss
ich waz ich von ihm halte. Landsknecht' hätt er zollen haben, ich zag's noch
einmal. Nicht wahr, Magdeburger?«
    »Dat well ich man och meenen«, antwortete der Magdeburger. »Landsknechte
oder keener können den Heertog wieder eup den Stuhl setzen. Die Schweizer können
man gar nichts als mit den Hellebarden in die Glieder stechen; dat ist all ihre
Kunst. Aber Ihr solltet man sehen, wie wir die Donnerbüchsen laden, uf die Gabel
legen un mit dem Lunden drauf, dat dich dat Wetter; dat Manäfer macht uns keener
nich nach; Gott straf mir keener. Sie brauchen ein halve Stunde, um ihre Kugeln
loszuschiessen, und wir Landsknecht eene halbe Vertelstund.«
    »Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten«, sagte der Spielmann, und
lüftete ehrerbietig die Mütze; »freilich euch Herren sollt er haben. Aber der
Bund wird euch so gut belohnt haben, dass ihr dem armen Herzog nicht zu Hülfe
ziehen möget.«
    »Gelohnt, socht er?« rief der fünfte Hauptmann und lachte; »jo wenn er 's
Geld von Blech schlagen könnt. Der schwäbisch' Hund! bei denen gilt's
Sprichwort:
Dien wohl und fordre keinen Sold,
So werden dir die Herren hold.
Ich sog schlecht hot er uns bezohlt; und wenn Seine Durchlaucht der Herr Herzog
mi hoben will, i steh 'nem z'Dienst wie jedem.«
    »Staberl, du hast recht«, sagte der Oberst, und wichste den ungarischen
Bart. »Mordblei, die Kaz ist gern, wo man sie strählet; wenn der Herr Ulerich
gut zahlt, zo wird, Gott straf mein Zeel, unsere ganze Mannschaft mit ihm
ziehen.«
    »Nun, das werdet Ihr bald sehen können«, entgegnete der Bauer listig
lächelnd, »habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?«
    Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. »Mordelement! wer bist
denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz weisst? wer hat dir gezagt, daz ich
zum Herzog schickte.«
    »Zum Herzog hob Er g'schickt, Peter? Wos hobt er denn für G'heimnis
mitenonder, doss wir's nit wissen dörften? Sog es nur gleich!«
    »Nun, ich hab gedacht, ich müsse wieder einmal für euch alle denken wie
immer und hab einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm Namen einen schönen
Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen könnt. Dez Monats für den
Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut aber ein Goldgülden und
täglich vier Maaz alten Wein.«
    »Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! eenen Goldgülden monatlich?
ich bin dabei und es wird keener wat dagegen haben. Hast du Antwort von den
Heertog?«
    »Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! wie kamst du zu meinem Geheimnuz,
Bauer? Ich hau dir ein Ohr ab, Gott straf mein Zeel, zo tu ich, wie mein Patron
der heilige Petruz, war auch ein Landsknecht, dem Malchuz, der war von den
jüdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag schnell oder ich hau.«
    »Langer Peter!« rief der kleine Hauptmann Muckerle, mit ängstlicher Stimme,
»lass um Gotts willen den gehen; der ist fest und kann hexen; ich weiss noch wie
heut, dass wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts des
Ratschreibers Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter, so
machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein Spatz wurde und über uns
'naus flog.«
    »Waz?« schrie der tapfere Oberst und rückte von dem Spielmann hinweg, »der
ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen liess, man zolle alle Spatzen totschiessen,
weil zich ein württemberger Spioner in einen verwandelt habe? Man heisst zie
glaub ich, jetzt noch die Ulmer Spatzen!«
    »Der ist's«, flüsterte Muckerle; »es ist der Pfeifer von Hardt, ich hab ihn
gleich erkannt.«
    Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht
ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so wunderbare Dinge
erzählte, halb ängstlich, halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgeübtes
Ohr, als dass er nicht verstanden hätte, was diese Leute unter sich flüsterten;
aber er tat, als bemerke er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschäftigte
sich ruhig mit seiner Ziter. Endlich fasste sich der lange Peter, wohlbestallter
Oberst dieses Heeres ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog dann den
ungeheuern Hut vom Kopf und sprach: »Verzeihet doch, lieber Gezelle,
wertgeschätzter Pfeifer, dass wir zo ohne alle Umstände mit Euch verfahren zind;
konnten wir denn wissen, wen wir da neben unz haben? Zeit vielmal gegrüsset, hab
schon oft, Gott straf mein Zeel, gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen
Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag alz Spatz
auzgeflogen.«
    »Ist schon gut«, unterbrach ihn der Spielmann unmutig; »lasset die alten
Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die Nachricht zu, ich soll
euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen, und wenn ihr noch geneigt wäret, mit
ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen.«
    »Canto cacramento! daz ist ein frommer Herr! ein Goldgülden dez Monats und
täglich vier Maaz Wein! Er zoll leben!«
    »Und wann wird er kommen?« fragte der Hauptmann Löffler; »wo werden wir zu
ihm stossen?«
    »Wenn kein Unglück geschehen ist, heute noch. Heute ist er auf Heimsheim
losgebrochen, die Besatzung ist schwach, wenn er sie überwältigt hat, rückt er
heute noch weiter.«
    »Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein
Ritter!« Die Männer sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales; dort sah man einen
Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da
sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf die Eiche hinan; von
diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser übersehen; noch war der Reiter
zu fern, als dass er seine Züge hätte unterscheiden können, aber er glaubte seine
Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde
erwartete.
    »Was siehst du?« riefen die Hauptleute, »ist es einer, der zufällig durchs
Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom Herzog?«
    »Richtig, weiss und blau ist die Schärpe«, sprach der Pfeifer; »das ist sein
langes Haar, so sitzt er zu Pferd, ei du Goldjunge, willkommen in Württemberg!
Jetzt sieht er eure Wachen, jetzt reitet er auf sie zu, schau wie die Bursche
ihre Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen!«
    »Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch; darf keiner
vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne dass er Rede steht.«
    »Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hieher; er
kommt!« Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglühendem Gesicht vom Baum herab.
    »Diavolo maledetto! bassa marendete! Zie werden ihn doch nicht allein reiten
lassen? ez wird doch einer zein Ross am Zügel führen nach Kriegesbrauch! Wie? ist
ez ein Ritter, der kommt?«
    »Ein Edelmann so gut wie einer im Reich«, antwortete der Pfeifer; »und der
Herzog ist ihm sehr gewogen.« Bei dieser Nachricht standen die Hauptleute auf,
denn, ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten, Hauptleute zu heissen, so
wussten sie doch, dass sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes
Zeichen von Ehrerbietung schuldig seien. Der Oberst aber setzte sich
gravitätisch am Fuss der Eiche nieder, strich den Bart, dass er hell glänzte,
setzte den grossen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, stützte sich auf seinen
grossen Hieber und erwartete so den Ritter.
 
                                       II
 Der Herzog ist gekommen,
 Er liegt nicht weit im Feld;
 Er hat's dem Feind genommen,
 Er bringt 'nen Sack mit Geld.
                                                                       G. Schwab
Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst, versammelt waren,
nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten
geführt wurde. Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes
herabgeschlagen, die breiten Schultern und die kräftigen Lenden und Beine waren
mit Platten und Schienen von Stahl verhüllt, aber die wallenden Federn seines
Helmbusches und die wohlbekannten Farben einer Schärpe, die über den Panzer
herablief, die Haltung und das edle, kräftige Wesen des Nahenden hatten dem
Pfeifer von Hardt längst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und er betrog sich
nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete, dass der
»Edle von Sturmfeder« mit den Anführern der gesamten Landsknechte etwas zu
sprechen habe.
    Der lange Peter antwortete im Namen der übrigen: »Zag ihm, er ist
willkommen, Peter Hunzinger der Oberst, Ztaberl von Wien, Kunrad der
Magdeburger, Baltasar Löffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte
Hauptleute erwarten ihn zum Gespräch. - Gott straf mein Zeel, er hat einen
schönen Harnisch und einen Helm wie der König Franz; aber zein Gaul dürfte
besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!«
    »Dos ist holt, sog ich, weil er den gonzen Sommer g'stonden ist in
Mömpelgard beim Herzog.«
    Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten sie sich, ihre
Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht allzu ferne. Noch
immer machte er aber keine Miene, abzusteigen und sich ihnen zu nahen; er sprach
mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf und zeigte ein schönes freundliches
Gesicht. »Steht dort nicht Hanns der Spielmann?« rief er mir lauter Stimme.
»Erlaubet, dass er ein wenig zu mir trete.«
    Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich vom
Pferde. »Willkommen in Württemberg, edler Herr«, rief der Mann von Hardt, indem
er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. »Bringt Ihr gute Botschaft?
ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog.«
    »Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite«, sagte Georg von Sturmfeder mit
freudiger Hast. »Wie steht es auf Lichtenstein? denkt sie an mich? hast du einen
Brief, ein paar Zeilen? o gib schnell! was lässt sie mir sagen, guter Hanns?«
    Der Pfeifer lächelte schlau über die Ungeduld des liebenden Jünglings »Einen
Brief hab ich nicht; keine Zeile. Sie ist gesund und der alte Herr auch; das ist
alles was ich weiss.«
    »Wie!« unterbrach ihn Georg; »keinen Gruss? keine Botschaft? So hat sie dich
gewiss nicht ziehen lassen!«
    »Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fräulein: Sag ihm, er soll sich
sputen, dass er einziehet in Stuttgart, sie wurde geradeso rot wie Ihr jetzt, als
sie dies sprach.«
    Der junge Mann errötete voll freudiger Gefühle, sein Auge glänzte und ein
freundliches Lächeln zeigte, dass er den Sinn dieser Worte verstanden habe.
    »Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will«, sagte er. »Aber wie lebten
sie diesen langen Sommer; nur dreimal kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst du
oft auf Lichtenstein, Hanns? War sie traurig? was sprach sie?«
    »Lieber Herr«, antwortete der Mann von Hardt, »geduldet Euch noch, auf dem
Marsch will ich Euch ein langes und breites erzählen, für jetzt nur so viel:
sobald der Alte hört, dass Ihr auf Stuttgart ziehet, will er von Lichtenstein
aufbrechen und Euch die Braut zuführen. Denn er zweifelt nicht, dass Ihr die
Stadt überwältiget. Habt Ihr Heimsheim?«
    »Wir haben es; ich jagte mit zwölf Reitern in die Tore, ehe sie sich's
versahn. Die Besatzung war zwar etwas stärker, als wir, aber mutlos und
unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er
liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und ergaben sich. So weit wären wir
nun in Württemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?«
    »Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom Ritter
von Lichtenstein, dass die gewaltigen Herren aus dem Lande sind, wisset Ihr -«
    »Sie halten einen Bundestag in Nördlingen40, ist's nicht so? freilich wissen
wir's, denn auf diese Nachricht, brach der Herzog aus Baden auf.«
    »Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mäuse auf dem Tisch! Die
Besatzungen sind überall unbesorgt; an den Herzog denkt kein Bündler mehr, sie
sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden; den
Österreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel oder ob uns der Städtebund,
Augsburg und Aalen, Nürnberg und Bopfingen regieren werde.«
    »Welche Augen sie machen werden«, rief Georg lächelnd, »wenn der Stuhl schon
besetzt ist, um welchen sie streiten!
Der Frosch hüpft wieder in sein Pfuhl,
Wenn er auch säss auf einem goldnen Stuhl,
sagt's Sprichwort; sie werden ihre Büchsen auf die Schulter nehmen und 's
Regieren sein lassen.«
    »Und die Württemberger? wie denken sie jetzt vom Herzog? glaubst du, er wird
viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hülfe ziehen?«
    »Was Bürger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft weiss ich's nicht und
der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich ihn fragte und murmelte ein paar
Flüche. Ich fürchte, es steht hier nicht alles, wie es soll. Aber Bürger und
Bauern, die sind für den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen,
die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel
gefallen, drauf war ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: Hie gut
Württemberg allweg und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen
haben: Herzog Ulerich soll leben! «41
    »Vom Himmel gefallen, sagst du?«
    »So sagt man. Die Bauern hatten grosse Freude dran, aber die bündischen
Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen abpressen,
woher der Stein des Anstosses komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom
Herzog zu sprechen, da lachten die Männer und sagten, jetzt träumen wir von ihm.
Alles wünscht ihn zurück, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten
Herrn drücken als von Fremden die Haut abziehen lassen.«
    »Gut; der Herzog und seine Reiter können in wenigen Stunden hier sein. Sein
Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt
unser, so fällt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten dort?
wollen sie mitziehen?«
    »Fast hätte ich die vergessen«, sagte Hanns; »sie werden ungeduldig werden,
wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet doch recht klug mit ihnen um, es sind
stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten; aber haben wir die fünfe
gewonnen, so sind zwölf Fähnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, dem
langen Peter, müsst Ihr gar höflich sein.«
    »Welcher ist der lange Peter?«
    »Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen Schnauzbart
und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Höchste unter ihnen.«
    »Ich will mit ihm reden, wie du sagst«, antwortete der junge Mann und ging
mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der beiden hatte sie
schon etwas unmutig gemacht und der kleine Muckerle schoss stechende Blicke auf
den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand und freiem,
siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schüchtern und verlegen, und als er
sie endlich mit höflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfere
Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder für des Herzogs Sache gewonnen.
    »Wohlerfahrner Oberst«, sprach er, »tapfere Hauptleute der versammelten
Landsknechte, der Herzog von Württemberg hat sich den Grenzen seines Landes
genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein
ganzes Herzogtum wieder an sich zu bringen -«
    »Gott straf mein Zeel, er hat recht; tät'z auch zo machen -«
    »Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunst der Landsknechte
erprobt, als sie noch gegen ihn standen, er versieht sich zu ihnen, dass sie ihm
mit gleichem Mute jetzt beistehen werden, und verspricht ihnen mit seinem
fürstlichen Wort, die Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben.«
    »Ein frommer Herr«, murmelten sie untereinander mit beifälligem Nicken, »ein
Goldgülden des Monats - und Mordblei - täglich vier Mass Wein für die Hauptleut!«
    Der Oberst stand auf, entblösste sein kahles Haupt zum Gruss und sprach, von
manchem Räuspern der Verlegenheit unterbrochen. »Wir danken Euch, hochedler
Herr, wollen'z tun, wollen mitziehen - wir wollen dem Schwäbisschen Bund
heimgeben, waz er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und tapfersten, wie
auch fürtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt, als brauchten zie keine
Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel der Hauptmann Löffler. Wenn'z einen
tapferern Landsknecht gibt in der Christenheit, zo lass ich mir die Haut vom Leib
schälen, und lass mich braten wie eine Zau. Da steht der Staberl von Wien; zo
einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond. - Da ist dann der
Magdeburger, wie der, ficht keiner in der Türkei - und der Muckerle da, man
zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schütz mit der Donnerbüchs und
trifft auf vierzig Gäng inz Schwarze. - Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob
stinkt; aber Bassa manelka in Spanien und Holland hab ich gedient und Canto
cacramento in Italia und Teutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den
langen Peter. Gott straf mein Zeel, wenn ich und die andern hinter den
schwäbischen Hund, wollt zagen Bund, komme, diavolo maledetto! da werden zie daz
Haazenpanier ergreifen und mit den Absätzen hinter sich hauen!«
    Es war dies die längste Rede, die der lange Peter in seinem Leben gehalten
hat und noch in späten Jahren, als er längst bei Pavia den Ruhm der deutschen
Landsknechte mit dem Tod besiegelt hatte, führten seine Genossen, wenn sie den
jüngern Kameraden vom langen Peter erzählten, diesen Moment als einen der
erhabensten seines Lebens auf. Wie er dagestanden sei auf das lange Schwert
gestützt, den grossen Hut mit der Hahnenfeder kühn auf das Ohr gerückt, die
rechte Hand in die Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts
gefehlt als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn für einen echten
Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten.
    Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine Musterung
über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall der ungeheuern Trommeln,
tönte durchs Tal und weckte die Schläfer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs
kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn über ihnen zu schweben, denn
in wenigen Augenblicken hatten sie sich zu drei grossen Kreisen gebildet, die je
aus vier Fähnlein bestanden. Einem Auge, das an die schnelle, taktmässige
Bewegung, die schöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter unserer Zeit
gewöhnt ist, möchte wohl jener Anblick überraschend, ja lächerrlich erschienen
sein. Die Landsknechte waren nach ihrem Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode
der Zeit im Schnitt ein wenig Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie
trugen gewöhnlich enge Wämser von Leder, oder auch Lederwesten mit Ärmeln von
grobem Tuch. Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am Knie
zugebunden, durch ihre Litzenschwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die
vollen Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben und die Füsse waren mit
groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine Tuch- oder
Ledermütze, eine erbeutete oder für eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte
den Kopf und die bärtigen Gesichter dieser Männer, die oft zwanzig Jahre unter
allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen kühnen,
martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer
Hellebarde, ein Teil war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunden
losbrannte.
    So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuss an Fuss geschlossen, wie ein
festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der Anblick dieser
kampfgeübten Männer, die wohl zu wissen schienen, dass sie vereinzelt nichts,
aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden, furchtbar
seien.
    Die Hauptleute hatten den Kriegesbrauch und das Kommandowort ihrer früheren
Anführer wohl im Gedächtnis behalten; sie traten daher mit dem jungen Ritter in
einen dieser Kreise und der tiefe, weit tönende Bass des langen Peters befahl:
»Gebt acht ihr Leut! kehrt euch um!«
    Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt, und vernahmen nun die
Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs von Württemberg
auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, dass sie mit diesen
Bedingungen zufrieden seien und Ulerich von Württemberg so eifrig dienen
wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute liessen jetzt
auch einige Übungen machen und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der
Landsknechte und glaubte fest man werde es in der Kriegskunst auf Erden
schwerlich noch viel weiter bringen. Er täuschte sich! Doch sein Irrtum ist so
verzeihlich, als jener unserer Grossväter, welche die Heroen des grossen
Friederich für unübertrefflich hielten und den gottlosen Spott ihrer Enkel über
Zopf- und Kamaschendienst nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo man
auch über die guten alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Freilich, so schlanke
Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und ihren Hauptleuten Anno
1519 nicht. Doch hätten jene martialischen Figuren einem ganzen heutigen Heere
mit Normalbärten aushelfen können.
    Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, dass man unten im Tale von der
Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde
lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen.
    »Das ist der Herzog«, rief Georg, »führt mein Pferd vor, ich will ihm
entgegenreiten.«
    Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin und die Hauptleute und ihre
Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und Gewandteit, mit
welcher er in der schweren Rüstung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen
Anstand und seine Haltung, solange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich
sein Helmbusch mit den Büschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte.
Sie kamen näher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die
Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhöhe und man
konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt schaute mit blitzenden
Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte sich, die Freude schien ihn des
Atems zu berauben, sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf
die Reiterschar.
    »Welcher ist der Herzog«, fragte dieser, »ist'z der auf dem Mohrenschimmel?«
    »Nein, das ist der edle Herr von Hewen; seht Ihr das Banner von Württemberg,
wie, seh ich recht? bei Gott, der Junker von Sturmfeder darf es tragen!«
    »Daz ist eine grosse Ehr! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig und darf die
Fahne tragen! in Frankreich darf das nur der Connetabel tun, der erste Mann nach
dem König Franz. Dort heisst man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber
welcher ist der Herzog Ulerich?«
    »Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem
Helm? er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet einen
Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns - seht, das ist der Herzog.«
    Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen, sie bestand meist
aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine Verbannung nachgezogen
waren, oder von seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich
an ihn angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und bewaffnet. Georg
von Sturmfeder trug Württembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der
Herzog. Als dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte
nahe war, erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: »Gebt acht, ihr Leut.
Wann Zeine Durchlaucht nahe ist, und ich meinen Hut vom Scheitel reisse, zo
schreiet: Vivat Ulericus! schwenket die Fähnlein in der Luft; und ihr Trommler,
rasselt auf euren Fellen, dass euch das Donnerwetter! schlagt den Wirbel wie beim
Sturm auf eine Festung, Bassa manelka, haut drauf und wenn der Schlegel bricht -
zo begrüssen die tapfern Landsknecht einen Fürsten.«
    Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die kriegerische Schar
murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten ihre Hellebarden, stampften ihre
Büchsen klirrend auf den Boden und die Trommler fassten ihre Schlegel krampfhaft
in die Hand und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannerträger von
Württemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Ross, erhaben wie in den Tagen
seiner Herrschaft, mit kühnen, gebietenden Blicken Herzog Ulerich von
Württemberg sich zeigte, da entblösste der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt,
die Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein neigten sich zum
Gruss, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges »Vivat Ulericus!«
    Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht auf
diese kriegerischen Grüsse gehört, seine ganze Seele schien nur in seinem Auge zu
liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an,
blickte um sich und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen. Da trat der
Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den Bügel zum Absteigen und sprach: »Hie gut
Württemberg alleweg!«
    »Ha! bist du es, Hanns, mein Geselle im Unglück, der mir den ersten Gruss von
Württemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, dass sie mich begrüssen
bei meinem ersten Schritt auf württembergischem Grund, meinen Kanzler und meine
Räte, wo sind die Hunde? Die Stände meiner Landschaft, wo blieben sie, will man
mich nicht wiedersehen in der Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu
halten, als der Bauer?«
    Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn also
sprechen hörten. Sie wussten nicht, war es Ernst oder bitterer Scherz über sein
Unglück; sein Mund schien zu lächeln, aber sein Auge blitzte mutig und seine
Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen einander wegen dieser düstern Laune
zweifelhaft an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte seinem Fürsten:
    »Diesmal ist's nur der Bauer, der Euch auf Württembergs Boden hilft, aber
verachtet nicht ein treues Herz und eine feste Hand. Die andern werden schon
auch kommen, wenn sie hören, dass der Herr Herzog wieder im Lande sei.«
    »Meinst du?« sprach Ulerich bitter lachend, indem er sich vom Pferde
schwang. »Sie werden auch kommen. Bis jetzt haben wir wenig Kunde davon; aber
ich will anklopfen an ihren Türen, dass sie merken sollen, es ist der alte Herr,
der in sein Haus will!«
    »Sind dies die Landsknecht, die mir dienen wollen?« fuhr er fort, indem er
aufmerksam das kleine Heer betrachtete; »sie sind nicht übel bewaffnet und sehen
männlich aus. Wieviel sind es?«
    »Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht«, antwortete der Oberst Peter, der noch
immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den ungarischen
Bart zwirbelte. »Lauter geübte Leut, Gott straf mein Zeel, tut mir leid, wenn
ich geflucht hab, der König in Frankreich hat sie nicht besser.«
    »Wer bist denn du?« fragte ihn der Herzog, der die grosse dicke Figur mit dem
langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.
    »Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man nennt mich den
langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter -«
    »Was, Oberst! diese Narrheit muss aufhören. Ihr mögt mir wohl ein tapferer
Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich selbst will Euer
Oberst sein und zu Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen.«
    »Bassa manelk - tut mir leid, wenn ich geflucht hab, aber erlaubt, Herr
Herzog einem alten Kerl ein Wort, daz ist gegen unzern Pakt mit dem Goldgülden
monatlich und den vier Maaz Wein tagtäglich. Da steht zum Beispiel der Staberl
aus Wien, 'z gibt keinen Tapferern unter dem Mond -«
    »Schon gut, Alter, schon gut! auf die Goldgülden und den Wein soll mir's
nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig bekommen; nur den
Befehl müsst Ihr abgeben. Habt Ihr Pulver und Kugeln?«
    »Das will ich meenen!« sagte der Magdeburger, »wir haben noch von Euer
Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, was wir in Tübingen mitgenommen. Wir haben
Munition auf achtzig Schuss für den Mann.«
    »Gut; Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr teilt euch in die
Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr da, die ihr euch Hauptleute nennet,
könnet bei den einzelnen Fähnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand
gehen. Ludwig von Gemmingen seid so gut, und nehmet den Oberbefehl über das
Fussvolk. Jetzt geraden Wegs auf Leonberg. Freu dich, mein treuer Bannerträger«,
sagte Ulerich, als er sich aufs Pferd schwang, »so Gott will, ziehen wir morgen
in Stuttgart ein.«
    Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog fürder. Der lange Peter stand
noch immer unverrückt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen Hahnenfeder in der
Hand und schaute den Reitern nach.
    »Daz ist einmal ein Fürst!« sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm
standen. »Waz der für eine gewaltige Stimme hat und wie er greulich mit den
Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich meine, er woll mich
mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich fragte: Wer bist denn du?«
    »Mir wor's grod, wie wenn einer siedend Wasser über mein Leib schütten tät.
In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so gwaltig wie der do!«
    »Also Hauptleut sind wer gwesen«, sprach der Hauptmann Muckerle, »die
Herrlichkeit hat nit lang dauert.«
    »Narr! daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein Sprichwort. Die
anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben, Diavolo, hat
doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat allez einen besseren Schick, wenn'z
die Herren anführen; den Goldgülden und die vier Maaz haben wir ja doch, und daz
bleibt die Hauptzache.«
    »Dat meen ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter tu verdanken. Er soll
leben!«
    »Dank' schön! aber daz zag ich, der Herr wird dem Bund aufzünden, Mordblei!
wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die Städtler allein auz
dem Land! Und zeine Räte und Kanzler und die Landschaft! Habt ihr gehört, wie
greulich er über die geflucht hat? Ich möcht in keinez Haut stecken.«
    Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch dieser tapferen Krieger;
diese Töne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der lange Peter war in
seinen vielen Feldzügen so sehr an den Wechsel von Glück und Unglück, von Hoheit
und Niedrigkeit gewöhnt worden, dass er über den Sturz seines Regiments nicht
trauerte. Gelassen nahm er die Hahnenfeder von dem grossen Hut, legte die rote
Schärpe und den langen Hieber, die Zeichen seiner Würde ab und ergriff eine
Hellebarde. »Gott straf mein Zeel, ez ist schwer für einen Kerl wie ich, zwölf
Fähnlein zu regieren«, sagte er, als er sich wieder als guter Landsknecht in die
Reihen seiner Kameraden stellte. »Aber bei Sankt Petruz, dem trefflichen
Landsknecht - er muss jetzt auch Oberst zein in den himmlischen Heerscharen Kyrie
Eleizon! - der Mensch muss allez probieren auf Erden.« Die Landsknechte
schüttelten ihm die Hand und bestätigten es; es tat seinem tapferen Herzen wohl,
zu hören, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre
Anführer, sassen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die Landsknechte
richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch und Ludwig von Gemmingen liess die
Trommeln rühren zum Aufbruch.
 
                                      III
 Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!
 Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht
 Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,
 Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe
 Durch lauten Schlachtruf kund -
                                                                        Schiller
Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog Ulerich vor dem
Rotenbildtor in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zuge schnell das
Städtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter gedrungen.
Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet,
dass der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst zeigte es sich, wie wenig Freunde
der Bund sich erworben hatte; denn überall wurde die Freude laut, dass das
gehässige Regiment des Bundes ein Ende habe, dass das angestammte Fürstenhaus
wieder in seine alten Rechte sich einsetze.
    Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die
verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der Stadt
befand, wusste nicht, was er sich vom Herzog zu versehen hatte; die Übergabe von
Tübingen war noch in zu frischem Gedächtnis, als dass er ganz unbesorgt gewesen
wäre. Aber die Erinnerung an den glänzenden Hof Ulerichs von Württemberg, an die
fröhlichen Tage, die sie dort verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit
dem freudenlosen Leben der Bundesräte mochte sie günstig für den Herzog stimmen,
wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwünschen.
Die Bürgerschaft konnte ihre Freude über diese Nachrichten kaum verbergen; sie
verliessen ihre Häuser, traten haufenweise auf den Strassen zusammen und
besprachen sich über die Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften leise aber
weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre Fäuste in der Tasche, und waren
überaus patriotisch gesinnt. Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des
vertriebenen Fürsten, es war sein Name Württemberg, den auch sie trugen, sie
zählten so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem sie und
ihre Väter glücklich gelebt, der Württembergs Namen berühmt gemacht hatte. Auch
der Gedanke tat ihnen wohl, dass von ihrer Entscheidung für den einen oder den
andern Teil so viel abhänge, weil man im ganzen Lande auf die Stuttgarter sehe.
Sie waren zwar weit entfernt gegen die bündische Besatzung auf ihre eigene Faust
einen Aufruhr zu unternehmen, aber sie sprachen zueinander: »Gevatter, wart nur,
bis es Nacht wird; da wollen wir den Reichsstädtlern zeigen, wo sie her sind,
wir Stuttgarter.«
    Dem bündischen Stattalter, Christoph von Schwarzenburg entging diese
Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu spät sah er ein, wie töricht man getan
habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstände, die noch zu
Nördlingen versammelt waren und begehrte Hülfe, aber er selbst gab die Hoffnung
auf, Stuttgart so lange halten zu können, bis ein neues Heer im Feld erschienen
sei. Er traf zwar einige Anstalten zur Gegenwehr, aber die Blitzesschnelle, mit
welcher der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er sah, dass
er den Bürgern nicht trauen könne, dass ihm der Adel nicht beistehe, dass die
Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche entwich er bei Nacht und
Nebel mit den Bundesräten nach Esslingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim,
dass sie sogar ihre Familien zurückliessen und niemand in der Stadt ahnte, dass der
Stattalter und die Räte nicht mehr in den Mauern seien. Daher waren die
Anhänger des Bundes noch immer getrosten Mutes, und glaubten nicht an die
Gerüchte von der schnellen Annäherung des Herzogs.
    Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar hatten
sich schon zwei grosse Vorstädte, die Sankt Leonhards- und die
Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert, welche mit Graben, Mauern und starken
Toren versehen, das Ansehen eigener Städte bekommen hatten; aber noch standen
die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre Bürger sahen nicht ohne Stolz
herab auf die Vorstädtler. Der Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder
besondern Gelegenheit die Bürger sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend
vor Mariä Himmelfahrt strömten sie dortin zusammen. Zur Zeit, wo der Bürger
noch mit der Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte sein öffentlich
gesprochenes Wort auch mehr zu bedeuten als in späteren Tagen, wo Tinte, Feder
und Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Bürger von Stuttgart waren
bei Nacht und in Massen versammelt ganz andere Leute als morgens. Mancher, der,
hätte man ihn vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete:
»Was geht es mich an, bin ein friedlicher Bürgersmann«, erhob jetzt seine Stimme
und schrie: »Wir wollen dem Herzog die Tore öffnen, fort mit den Bündischen -
wer ist ein guter Württemberger?«
    Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin und
her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihnen in die Lüfte; noch schienen
sie unschlüssig, vielleicht weil keiner kühn genug war, sich an die Spitze zu
stellen. Aus den hohen Giebelhäusern, die den Platz einschlossen, schauten viele
hundert Köpfe auf den Markt hernieder; es waren die Weiber und Töchter der
Versammelten, die ängstlich und gespannt auf das Gemurmel lauschten. Denn die
Stuttgarter Mädchen waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im
Herzen aus Mitleiden mit dem Herzog.
    Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verständlicher; der Ruf:
»Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und die Stadt dem Herzog auftun«, immer
deutlicher, da sah man einen langen, hageren Mann auf eine Bank am Brunnen
springen, wo er die ganze Menge überragte. Er focht mit ungeheuer langen Armen
in der Luft umher, tat einen weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um
Gehör. Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte
aus seiner Rede: »Was? die ehrsamen Bürger von Stuttgart wollen ihren Eid
brechen - habt ihr nicht dem Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore öffnen?
Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein Geld, um
Leute zu bezahlen und da müsst dann ihr wieder den Beutel auftun und blechen!
Da wird's heissen, Stuttgart zahlt zehntausend Gulden, weil es von uns abgefallen
ist. Hört ihr? zehntausend Gulden sollt ihr zahlen!«
    »Wer ist denn der lange Kerl?« fragten sich die Männer. - »Er hat nicht
unrecht - werden tüchtig zahlen müssen. - Ist er ein Bürger, der da oben? Wer
seid Ihr«, rief einer der Kühnsten; »woher wollt Ihr wissen, was wir zahlen
müssen?«
    »Ich bin der berühmte Doktor Calmus«, sprach der Redner mit feierlicher
Stimme, »und weiss das ganz genau. Und wen wollt ihr vertreiben? Den Kaiser, das
Reich, den Bund; so viele reiche Herren wollt ihr vor den Kopf stossen? und
warum? wegen dem Utz, der euch das Fell über die Ohren zieht; denkt nur an das
geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er
ist ein Lump, hat alles verspielt in Mömpelgard -«
    »Halt Er sein Maul«, schrieen die Bürger, »was geht das Ihn an, Er ist kein
hiesiger Bürger, fort mit dem Kahlmäuser - schlagt ihn tot - werft ihn als Fisch
in den Brunnen - der Herzog soll leben!«
    Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die Bürger überschrieen
ihn. In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus der obern Vorstadt
herabgesprungen. »Der Herzog ist vor dem Rotenbildtor«, riefen sie, »mit Reiter-
und Fussvolk. Wo ist der Stattalter? wo sind die Bundesräte? Er will in die
Stadt schiessen, wenn man nicht aufmacht! - Fort mit den Bündischen - wer ist gut
württembergisch?«
    Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger schienen noch
unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner Herr, der
durch sein schmuckes Äussere einen Augenblick den Bürgern imponierte: »Bedenket
ihr Männer«, rief er mit feiner Stimme, »was wird der durchlauchtige Bundesrat
dazu sagen, wenn ihr -«
    »Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!« überschrie man ihn, »fort!
reisst ihn herab mit dem rosenfarbenen Mäntelein und dem glatten Haar - das ist
ein Ulmer! fort mit ihm - auf ihn, er ist von Ulm!«
    Aber ehe sie noch diesen Entschluss ausführten, trat ein kräftiger Mann
hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem
rosenfarbenen Mäntelein links von der Bank, und winkte mit der Mütze in die
Luft. »Still! das ist der Hartmann«, flüsterten die Bürger, »der versteht's,
hört was er spricht.«
    »Höret mich!« sprach dieser; »der Stattalter und die Bundesräte sind
nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen, drum
greifet diese beiden da, wir wollen sie als Geiseln behalten. Und jetzt hinauf
ans Rotenbildtor. Dort steht unser rechter Herzog, 's ist besser wir machen
selbst auf, als dass er mit Gewalt eindringt, wer ein guter Württemberger ist,
folgt mir nach.«
    Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge; die beiden
Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahn, gebunden und
fortgeführt. Jetzt ergoss sich der Strom der Bürger vom Marktplatz zum obern Tor,
hinaus über den breiten Graben der alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, am
Bollwerk vorbei zum Rotenbildtor. Die bündischen Knechte, die das Tor besetzt
hielten, wurden schnell übermannt, das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab
und legte sich über den Stadtgraben.
    Dort hatten indessen die Anführer des Fussvolkes ihre besten Truppen
aufgestellt, denn man wusste nicht genau, wie die Bündischen sich bei der
Annäherung des Herzogs benehmen werden. Ulerich selbst hatte die Posten
beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu überzeugen, dass die
Besatzung von Stuttgart so schwach sei, dass sie ihnen nicht die Spitze bieten
könne, vergeblich stellte er ihm vor, dass die Bürger ihn zurücksehnen, und
willig ihre Tore öffnen werden; der Herzog schaute finster in die Nacht hinaus,
presste die Lippen zusammen und knirschte mit den Zähnen.
    »Das verstehst du nicht«, murmelte er dem Jüngling zu; »du kennst die
Menschen nicht; sie sind alle falsch, traue niemand als dir selbst. Sie drehen
den Mantel nach jedem Wind! - Aber diesmal will ich sie fassen; meinst du, ich
habe mein Land umsonst mit dem Rücken angesehen?«
    Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglück war er
fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte von manchem schönen Brauch gesprochen,
den er einführen wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte selten Zorn über
seine Feinde, beinahe nie Unmut über die Untertanen gezeigt, die von ihm
abgefallen waren; aber sei es, dass mit dem Anblick der vaterländischen Gegenden
auch das Gefühl der Kränkung stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, dass es
ihm unangenehm auffiel, dass der Adel und die Stände noch nichts hatten von sich
hören lassen, er war, seit er die Grenzen Württembergs überschritten, nicht
freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus seinen
Augen, seine Stirne war finster, und eine gewisse Strenge und Härte im Urteil,
fiel seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder auf, der sich in diese
neue Seite von Ulerichs Charakter nicht gleich zu finden wusste.
    Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben Stunde
ergangen sein; bald war die Frist abgelaufen, die er ihnen gegeben hatte, und
noch immer war keine Antwort da; man hörte nur ein ängstliches Hin- und
Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute noch böse Zeichen deuten
konnte.
    Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren
Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie führten,
standen am Graben, und hielten durch ihre Anwesenheit die Knechte in Ruhe und
Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg ängstlich Ulerichs Züge. Die
Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen, eine tiefe Röte lag auf seinen Wangen,
und seine Augen brannten in düsterer Glut.
    »Hewen! lass Leitern anschleppen«, sagte er mit dumpfer Stimme. »Der Donner
und das Wetter! es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und die Hunde wollen
mich nicht einlassen. Ich lass noch einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich
auf, so schmeiss ich Feuer in die Stadt, dass ihre Käfigte zusammenbrennen.«
    »Bassa manelka, waz mich daz freut!« sagte der lange Peter, der in der
ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden. »Jetzt werden
Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den Hellebarden über die
Mauer gestochen, daz die Kerl herunter müssen, mit den Büchsen drein gepfeffert,
Canto cacramento!«
    »Dat will ik meenen!« flüsterte der Magdeburger, »und dann hinunter in die
Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert gebürstet! da will ik man och bei
sin.«
    »Um Gottes willen, Herr Herzog«, rief Georg von Sturmfeder, welcher die
Reden des Herzogs und die greuliche Freude der Landsknechte wohl vernommen
hatte; »wartet nur noch ein kleines Viertelstündchen, es ist ja Eure eigene
Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch. -«
    »Was haben sie sich lange zu beraten?« entgegnete Ulerich unwillig; »ihr
Herr ist hier aussen vor dem Tor und fordert Einlass. Ich habe schon zu lange
Geduld gehabt. Georg' breite mein Panier aus im Mondschein, lass die Trompeter
blasen, fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn ich dreissig zähle nach
deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen
Hubertus, so stürmen wir. Spute dich, Georg!«
    »O Herr! bedenket eine Stadt, Eure beste Stadt! wie lange habt Ihr in diesen
Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten? Gebt noch Frist.«
    »Ha!« lachte der Herzog grimmig, und schlug mit dem Stahlhandschuh auf den
Brustarnisch, dass es weitin tönte durch die Nacht; »ich sehe, dich gelüstet
nicht sehr in Stuttgart einzuziehen und dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner
Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell ans Werk. Ich sag,
roll mein Panier auf, blast Trompeter, blast, schmettert sie auf aus dem Schlaf,
dass sie merken, ein Württemberger ist vor dem Tor, und will trotz Kaiser und
Reich in sein Haus. Ich sag, fordere sie auf, Sturmfeder.«
    Georg folgte schweigend dem Befehl; er ritt bis dicht vor den Graben, und
rollte das Panier von Württemberg auf. Die Strahlen des Mondes schienen es
freundlich zu begrüssen, sie beleuchteten es deutlich und zeigten seine Felder
und Bilder. Auf eine grosse Fahne von roter Seide war Württembergs Wappen
eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im ersten waren die württembergischen
Hirschhörner angebracht, im zweiten die Würfel von Teck, im dritten die
Reichssturmfahne, die dem Herzog als Reichsbannerträger zukam, und im vierten
die Fische von Mömpelgard, der Helm aber trug die Krone und das Uracher
Jägerhorn. Der junge Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei
Trompeter ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die
verschlossene Pforte.
    Im Tore öffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem Begehr. Georg von
Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: »Ulerich, von Gottes Gnaden Herzog zu
Württemberg und Teck, Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert zum zweiten- und
letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und sogleich die Tore zu
öffnen. Widrigenfalls wird er die Mauer stürmen und die Stadt als feindlich
ansehen.«
    Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene Geräusch vieler
Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam näher und näher, und wurde zum Tumult
und Geschrei.
    »Gott straf mein Zeel, zie machen einen Auzfall!« sagte der lange Peter,
laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.
    »Du könntest recht haben«, erwiderte dieser, indem er sich plötzlich zu dem
erschrockenen Landsknecht wandte. »Schliesst dichter an, streckt die Piken vor
und haltet die Lunden bereit; wir wollen sie empfangen nach Verdienst.«
    Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei ersten Fähnlein
stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land legen musste, auf. Ein Wall von
Piken starrte jedem Angriff entgegen und die Schützen hatten die Donnerbüchsen
aufgelegt und hielten die Lunden über dem Zündloch; tiefe Stille der Erwartung
war auf dieser Seite, desto brausender drang der Lärm aus der Stadt herüber. Die
Brücke fiel herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall
herüberdrangen, sondern drei alte graue Männer kamen aus dem Tor; sie trugen das
Wappen der Stadt und die Schlüssel.
    Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte ihm
und betrachtete diese Übergabe. Zwei dieser Männer schienen Ratsherren oder
Bürgermeister zu sein; sie beugten das Knie vor dem Herrn und überreichten ihm
die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen Dienern und sagte zu den
Bürgern: »Ihr habt Uns etwas lange warten lassen vor der Türe; wahrhaftig, wir
wären bald über die Mauer gestiegen und hätten eigenhändig eure Stadt zu unserem
Empfang beleuchtet, dass euch der Rauch die Augen hätte beizen sollen. Der
Teufel! warum liesset ihr so lange warten?«
    »O Herr!« sagte einer der Bürger; »was die Bürgerschaft betrifft, die war
gleich bereit, Euch aufzutun, wir haben auch etliche vornehme Herren vom Bunde
hier, die hielten lange und gefährliche Reden an das Volk, um es gegen Euch
aufzuwiegeln. Das hat so lange verzögert.«
    »Ha! wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, dass ihr sie habt entkommen
lassen! mich gelüstet ein Wort mit ihnen zu sprechen.«
    »Bewahre, Euer Durchlaucht! wir wissen, was wir unserm Herrn schuldig sind.
Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, dass wir sie bringen?«
    »Morgen früh ins Schloss! will sie selbst verhören, schicket auch den
Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen.«
    »Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!« sprach hinter den beiden
Bürgern eine heisere, krächzende Stimme.
    »Wer spricht da mir ins Wort?« fragte der Herzog und schaute sich um;
zwischen den beiden Bürgern heraus trat eine sonderbare Gestalt. Es war ein
kleiner Mann, der den Höcker, womit ihn die Natur geziert hatte, unter einem
schwarzen seidenen Mantel schlecht verbarg; ein kleines spitziges Hütlein sass
auf seinen grauen, schlichten Haaren, tückische Äuglein funkelten unter
buschigen, grauen Augenbrauen und der dünne Bart, der ihm unter der
hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm das Ansehen eines sehr grossen Katers.
Eine widerliche Freundlichkeit lag auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor
dem Herzog das Haupt zum Gruss entblösste, und Georg von Sturmfeder fasste einen
unerklärlichen Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim
ersten Anblick.
    Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: »Ha! Ambrosius Volland
unser Kanzler! Bist du auch noch am Leben? Hättest zwar früher schon kommen
können, denn du wusstest, dass Wir wieder ins Land dringen - aber sei Uns deswegen
dennoch willkommen.«
    »Allerdurchlauchtigster Herr!« antwortete der Kanzler Ambrosius Volland,
»bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, dass ich beinahe nicht aus
meiner Behausung kommen konnte; verzeihen daher, Euer -«
    »Schon gut, schon gut!« rief der Herzog lachend, »will dich schon kurieren
vom Zipperlein. Komm morgen früh ins Schloss, jetzt aber gelüstet uns, Stuttgart
wiederzusehen. Heran mein treuer Bannerträger!« wandte er sich mit huldreicher
Miene zu Georg; »du hast treulich Wort gehalten, bis an die Tore von Stuttgart;
ich will's vergelten. Bei Sankt Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht
und Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf meinem
Schloss und jenes bündische Banner in den Staub treten! Gemmingen und Hewen, ihr
seid heute nacht noch meine Gäste; wir wollen sehen, ob uns die Herren vom
Schwabenbund noch ein Restchen Wein übriggelassen haben!«
    So ritt Herzog Ulerich, umgeben von den Rittern, die seinem Zuge gefolgt
waren, wieder in die Tore seiner Residenz. Die Bürger schrieen Vivat und die
schönen Mädchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum grossen Ärgernis
ihrer Mütter und Liebhaber, denn alle dachten, diese Grüsse gelten dem schönen
jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug und beleuchtet vom Fackelschein wie
Sankt Georg der Lindwurmtöter aussah.
 
                                       IV
 O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen
 Die tatenfreudig hier gelebt,
 Und wackrer Fürsten Ruhm umschwebt,
 Oh, deren Bild mit frommem Mahnen
 Sich in des Nahen Bilder webt.
                                                                        Ph. Conz
Das alte Schloss zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder am Morgen
nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt, wie es noch in unsern
Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebäude wurde erst von Ulerichs Sohn, Herzog
Christoph aufgeführt. Das Schloss der alten Herzoge von Württemberg stand
übrigens an derselben Stelle und war in Plan und Ausführung nicht sehr
verschieden von Christophs Werk, nur dass es zum grössten Teil aus Holz gebaut
war. Es war umgeben von breiten und tiefen Graben, über welche gegen Mitternacht
eine Brücke in die Stadt führte. Ein grosser, schöner Vorplatz diente in früheren
Zeiten dem fröhlichen Hofe Ulerichs zum Tummelplatz für ritterliche Spiele und
mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den Sand
geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern
Teilen des Gebäudes aus. Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und
gewölbt wie eine Kirche, dass die Ritter in dieser »Tyrnitz« bei Regentagen
fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin
handhaben konnten. Von der Grösse dieser fürstlichen Halle zeugt die Aussage der
Chronisten, dass man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert
Tische gedeckt habe. Von da führte eine steinerne Treppe aufwärts so breit, dass
zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten. Dieser grossartigen Einrichtung
des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz des Rittersaales und
die reichen, breiten Galerien, die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.
    Georg mass mit staunendem Auge diese verschwenderische Pracht der Hofburg. Er
verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen Höfen, diesen
Sälen, wie klein und gering kam es ihm vor! Er erinnerte sich der Sage von der
glänzenden Hofhaltung Ulerichs, von seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in
diesem Schloss siebentausend Gäste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste
und tränkte, wo in dem hohen Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schlosshofe
einen ganzen Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der
Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der schönsten
Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten! Er blickte hinab in den herrlichen
Schlossgarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie bevölkerte diese Lustgehege
und Gänge mit jenem fröhlichen Gewimmel des fröhlichen Hofes mit den
Heldengestalten der Ritter, mit den festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel
und Sang, der einst hier erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese
Mauern und Gärten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie
verglich. Die Gäste der Hochzeit, der glänzende, lustige Hof ist verschwunden,
sprach er zu sich, die fürstliche Gemahlin ist entflohen, der glänzende
Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und Grafen, die
einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten, sind
von dem Fürsten abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen
- er selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brütet Rache an seinen
Feinden und weiss nicht wie lange er nur in dem Hause seiner Väter bleiben wird;
ob nicht aufs neue seine Feinde noch mächtiger heranziehen, ob er nicht noch
unglücklicher wird als je zuvor.
    Vergebens strebte der Jüngling diese trüben Gedanken, welche der Widerspruch
der Pracht seiner Umgebungen mit dem Unglück des Herzogs in ihm erweckt hatten,
zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes holden Wesens herauf, das er
jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, vergebens malte er sich sein häusliches
Glück an ihrer Seite mit den lockendsten, reizendsten Farben aus, jene trüben
Bilder kehrten immer wieder. Sei es, dass jener Mann durch die Erhabenheit, die
er im Unglück gezeigt hatte, einen so grossen Raum in der Brust des Jünglings
gewonnen hatte, sei es, dass ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem
unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst und es war
ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glücklich, als müsse er ihn vor
irgendeinem drohenden Unglück warnen.
    »So überaus ernst, junger Herr?« fragte eine heisere Stimme hinter ihm und
weckte ihn aus seinen Gedanken. »Ich dächte doch, Georg von Sturmfeder hätte
alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!«
    Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab - auf den Kanzler
Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch seine widrige
Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes Wesen unangenehm
aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch
überladenen Putz seine Missgestalt noch mehr herausgehoben hatte. Sein
dunkelgelbes verwittertes Antlitz, mit dem ewigen stehenden Lächeln, die grünen
Äuglein unter den langen, grauen Wimpern, die roten, entzündeten Ränder der
Augenlider, der dünne Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von
Samt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide, der über den Höcker des
kleinen Mannes hinabfloss. Unter diesem trug er einen grasgrünen Anzug, rosenrot
ausgeschljetzt und rosenrote Knieebänder mit ungeheuren Maschen. Sein Kopf stak
in den Schultern und das rote Barett stiess hinten sogleich auf den Höcker auf.
Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu sagen, unter allen Menschen,
die er kenne, sei niemand schwerer zu köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland.
    Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit süssem Lächeln hinaufsah,
und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen fortfuhr: »Ihr kennet mich
vielleicht nicht, wertgeschätzter junger Freund, ich bin aber Ambrosius Volland,
Seiner Durchlaucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wünschen.«
    »Ich danke Euch, Herr Kanzler; viele Ehre für mich, wenn Ihr Euch deswegen
herbemühtet.«
    »Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr seid ja der Ausbund und die Krone unserer
jungen Ritterschaft! Ja! wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in aller Not
und Fährlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine
absonderliche Verehrung!«
    »Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen wäret nach
Mömpelgard«, erwiderte Georg, den die Lobsprüche dieses Mannes beleidigten.
»Treue muss man nie loben, eher Untreue schelten.«
    
    Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen des
Kanzlers, aber er fasste sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit. »Ja wohl,
das mein ich auch! Was mich betrifft, so lag ich am Zipperlein hart darnieder
und konnte also nicht wohl nach Mömpelgard reisen; werde aber jetzt mit meinem
kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen, dem Herrn desto tätlicher zur Hand
gehen.«
    Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; aber der
Jüngling schwieg und mass ihn nur hin und wieder mit einem Blick, den er nicht
recht ertragen konnte. »Nun, Euch wird die Freude erst recht angehen. Der Herzog
hält erstaunlich viel auf Euch! Natürlich, Ihr verdient es auch im höchsten Grad
und der Herzog hat seinen Liebling gut gewählt. Wollet doch erlauben, dass
Ambrosius Volland Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund
von schönen Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, wählet Euch aus
meiner Armatur was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schöne Bücher, habe
einen ganzen Kasten voll; wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter Freunden
gebräuchlich. Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag, meine Base, ein feines Kind
von siebzehn Jahren hält mir haus; sehet ihr nur, hi, hi, hi - sehet ihr nur
nicht zu tief in die Augen.«
    »Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.«
    »So? ei das ist recht christlich gedacht; das muss ich loben; man trifft
solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend. Ich sagte es ja
gleich; der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von Tugenden. Nun, was ich noch
sagen wollte, wir sind bis jetzt so zusammen die einzigen von des Herzogs
Hofstaat, stehen wir zusammen, so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen.
Verstehet mich schon, hi, hi, eine Hand wäscht die andere. Darüber lässt sich
noch sprechen; Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche?«
    »Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.«
    »Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn in Eurer Gegenwart
ist mir ganz wohl ums Herz; muss aber jetzt zum Herrn. Er will heute früh Gericht
halten über die zwei Gefangenen, die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten.
Wird was geben, der Beltle ist schon bestellt.«
    »Der Beltle?« fragte Georg, »wer ist er?«
    »Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter, junger Freund.«
    »Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen
Regierung mit Blut beflecken wollen!«
    Der Kanzler lächelte greulich und antwortete: »Was das wieder Eurem
fürtrefflichen Herzen Ehre macht, aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht. Man muss
ein Exempel statuieren. Der eine«, fuhr er mit zarter Stimme fort, »der eine
wird geköpft, weil er von Adel ist, der andere wird gehängt. Behüt Euch Gott,
Lieber!«
    So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten die
Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit düsteren Blicken
nach. Er hatte gehört, dass dieser Mann früher durch seine Klugheit, vielleicht
auch durch unerlaubte Künste grossen Einfluss auf Ulerich gewonnen hatte; er hatte
den Herzog selbst oft mit grosser Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes
sprechen gehört; aber er wusste nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er
sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in seinen Augen
gelesen zu haben.
    Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke
schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte: »Trauet dem Gelben nicht!« Es war
der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.
    »Wie? bist du es, Hanns?« rief Georg und bot ihm freundlich die Hand.
»Kommst du ins Schloss, uns zu besuchen? Das ist schön von dir, bist mir
wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker; aber was wolltest du mit dem Gelben,
dem ich nicht trauen solle?«
    »Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist ein falscher Mann;
ich habe auch den Herzog verwarnt, er soll nicht alles tun, was er ihm rät, aber
er wurde zornig und - es mag wahr sein, was er sagte.«
    »Was sagte er denn? hast du ihn heute schon gesprochen?«
    »Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach Hardt zu
Weib und Kind; der Herr war erst gerührt und erinnerte sich an die Tage seiner
Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade ausbitten. Ich aber habe keine
verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da sagte
ich, weil ich nichts anders wusste, er soll mich meinen Fuchs frei schiessen
lassen, und nicht strafen als Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das könne
ich tun, das sei aber keine Gnade, ich solle weiter bitten. Da fasste ich ein
Herz und antwortete: Nun, so bitt ich, Ihr möget dem schlauen Kanzler nicht
allzuviel trauen und folgen. Denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er meint es
falsch - «
    »So geht es mir gerade auch«, rief Georg, »es ist, als wolle er mir die
Seele ausspionieren mit den grünen Augen und ich wette, er meint es falsch; aber
was gab dir der Herzog zur Antwort?«
    »Das verstehst du nicht, sagte er, und wurde böse; in Klüften und Höhlen
magst du wohl bewandert sein, aber im Regiment kennt der Kanzler die Schliche
besser als du. Kann sein, ich habe unrecht und es soll mir lieb sein, um den
Herzog! Nun lebet wohl, Junker! Gott sei mit Euch; amen.«
    »Und wolltest du also gehen; wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit bleiben?
Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch ein paar Tage; du
warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!«
    »Was soll so ein geringer Mann, wie ich, bei der Hochzeit eines Ritters?
Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines aufspielen
zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als ich, und mein Haus verlangt nach
mir.«
    »Nun, so lebe wohl; grüsse mir dein Weib und Bärbele, dein schmuckes
Töchterlein und besuche uns fleissig auf Lichtenstein; Gott sei mit dir.«
    Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum Abschied
bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen, biedern Mann, einen treuen Diener
seines Fürsten, einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heitern Gesellen im
Unglück erkannt. Wohl schwebte ihm noch manche Frage über das geheimnisvolle
Walten dieses Mannes, über seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den
Lippen, aber er unterdrückte sie, überwältigt von jener unerklärlichen Macht,
von jener natürlichen Grösse und Würde, welche den Pfeifer von Hardt auch im
unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.
    »Noch eins!« rief Hanns, als er eben nach dem letzten Händedruck des Junkers
scheiden wollte, »wisset Ihr auch, dass Euer ehemaliger Gastfreund und
zukünftiger Vetter, Herr von Kraft hier ist?«
    »Der Ratsschreiber? wie sollt der hieher kommen? Er ist ja bündisch!«
    »Er ist hier, und nicht gerade im anmutigsten Klosett, denn er sitzt
gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs, soll er
für den Bund öffentlich gesprochen haben.«
    »Gott im Himmel! das war Dieterich Kraft, der Ratsschreiber? Da muss ich
schnell zum Herzog, er richtet schon über ihn und der Kanzler will ihn köpfen
lassen! Gehab dich wohl!«
    Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den Gemächern
des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen,
daher machten ihm auch jetzt die Türhüter ehrerbietig Platz. Er trat hastig in
das Gemach; der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig an, der Kanzler
aber hatte das ewige süsse Lächeln wie eine Larve vorgehängt.
    »Guten Morgen, Sturmfeder!« rief der Herzog, der in einem grünen,
goldgestickten Kleide, den grünen Jagdhut auf dem Kopf am Tisch sass, »hast du
gut geschlafen in meinem Schloss? was führt dich schon so früh zu uns? wir sind
beschäftigt.«
    Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer umhergestreift
und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke gefunden. Er war blass wie der
Tod, sein sonst so zierliches Haar hing in Verwirrung herab und ein
rosenfarbenes Mäntelein, das er über ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen
zerrissen. Er warf einen rührenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf
zum Himmel, als wollte er sagen, »Mit mir ist's aus!« Neben ihm standen noch
einige Männer und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben
sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von Petrus, dem tapfern Magdeburger und
dem Kasperl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten Beinen, die
Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.
    »Ich sag, wir haben zu tun«, fuhr der Herzog fort; »was schaust du nur immer
nach dem rosenfarbenen Menschenkind; das ist ein verstockter Sünder; das Schwert
wird schon für ihn gewetzt.«
    »Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort«, entgegnete Georg. »Ich kenne
jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen, dass er ein
friedlicher Mann ist und gewiss kein Verbrecher, der den Tod verdiente.«
    »Bei Sankt Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich geändert. Mein
Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger Krieger und
mein junger Krieger dort will den Advokaten machen! Was sagt Ihr dazu, Ambrosius
Volland?«
    »Hi, hi! ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spass machen wollen;
weiss aus früherer Zeit, dass Ihr einen kleinen Scherz liebt; nun, der liebe,
gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen. Hi, hi,
hi! wird ihm aber nichts helfen, dem Rosenfarbenen. Majestätsverbrechen! wird
halt doch geköpft, der im Mäntelein.«
    »Herr Kanzler!« rief der Jüngling vor Unmut glühend. »Der Herr Herzog wird
mir bezeugen können, dass ich mich nie zum Schalksnarren hergegeben habe. Diese
Rolle mache ich andern nicht streitig. Und mit Menschenleben spiele und scherze
ich nie!
    Es ist mein wahrer Ernst, ich verbürge mich mit meinem Leben für
gegenwärtigen Edlen von Kraft, Ratsschreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft
kann angenommen werden.«
    »Wie?« sagte Ulerich, »das ist wohl der zierliche Herr, dein Gastfreund, von
dem du mir so oft erzähltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in einem
Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen gefangen!«
    »Freilich!« krächzte Ambrosius, »ein crimen laesae majestatis!«
    »Erlaubet Herr! ich habe die Rechte lange genug studiert, um zu wissen, dass
hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein kann. Gestern
nacht waren die Bundesräte und der Stattalter noch hier; folglich war Stuttgart
noch in Gewalt des Bundes, und der Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan
Seiner Durchlaucht ist, hat nicht anders gehandelt, als jeder bündische Soldat,
der auf Befehl seines Oberen gegen uns zu Felde zog.«
    »Ei, die Jugend, die Jugend! wie Ihr alles überhaspelt, junger, sehr
wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert hatte, und den
animum possidendi hatte, war auch alles, was in den Mauern sich befand, sein.
Folglich wer eine Verschwörung gegen ihn anzettelte, ist ein
Majestätsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefährliche
Reden an das Volk gehalten.«
    »Nicht möglich; es wäre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog! das
kann nicht sein!«
    »Georg!« sagte dieser ernst, »wir haben lange Geduld gehabt, dich anzuhören.
Es hilft deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das Protokoll; der Kanzler hat,
ehe ich kam, ein Zeugenverhör angestellt, worin alles sonnenklar bewiesen ist.
Wir müssen ein Exempel statuieren! Wir müssen unsere Feinde recht ins Herz
hinein verwunden, der Kanzler hat ganz recht, darum kann ich keine Gnade geben.«
    »So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar
Worte.«
    »Ist gegen alle Form Rechtens«, fiel der Kanzler ein; »ich muss dagegen
protestieren, Lieber; es ist ein Eingriff in mein Amt.«
    »Lass ihn, Ambrosius; mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den armen
Sünder tun, er ist doch verloren.«
    »Dieterich von Kraft«, fragte Georg, »wie kommt Ihr hieher?«
    Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefasst hatte,
verdrehte die Augen und seine Zähne schlugen aneinander; endlich konnte er
einige Worte herausstossen: »Bin hieher geschickt worden vom Rat, wurde Schreiber
beim Stattalter -«
    »Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?«
    »Der Stattalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger sich aufrührerisch
zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und Eid zu verweisen.«
    »Ihr sehet, er kam also auf höheren Befehl dortin; wer nahm Euch gefangen?«
fuhr Georg zu fragen fort.
    »Der Mann, der neben Euch steht.«
    »Ihr habt diesen Herrn gefangen? also müsst Ihr auch gehört haben, was er
sprach? was sagte er denn?«
    »Ja, was wird er gesagt haben«, antwortete der Bürger, »er hat keine sechs
Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von der Bank herunter;
ich weiss noch, er hat gesagt: Aber bedenket, ihr Leute, was wird der
durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen! Das war alles, da nahm ihn der Hartmann
beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort der Doktor Calmus, der hielt eine
längere Rede.«
    Der Herzog lachte, dass das Gemach dröhnte und sah bald Georg, bald den
Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte, sein Lächeln
beizubehalten. »Das war also die gefährliche Rede, das Majestätsverbrechen? Was
wird der Bundesrat dazu sagen! Armer Kraft! wegen dieses kraftvollen Sprüchleins
verfielst du beinahe dem Scharfrichter. Nun, das haben selbst unsere Freunde oft
gesagt: Was werden die Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.
Deswegen soll er nicht bestraft werden. Was sagst du dazu, Sturmfeder!«
    »Ich weiss nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler«, sagte der Jüngling,
indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, »die Sachen so auf die Spitze zu
stellen, und dem Herrn Herzog zu Massregeln zu raten, die ihn überall - ja ich
sage es, die ihn überall als einen Tyrannen ausschreien müssen. Wenn es nur
Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal schlecht gedient.«
    Der Kanzler schwieg, und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus den
grünen Äuglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stund auf und sprach: »Lass
mir mein Kanzlerlein gehen, diesmal freilich war er zu strenge. Da - nimm deinen
rosenroten Freund mit dir; gib ihm zu trinken auf die Todesangst, und dann mag
er laufen wohin er will. Und du Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu
einem Hundedoktor bist, für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu gut.
Gehängt wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht geben. Langer
Peter! nimm diesen Burschen, binde ihn rückwärts auf einen Esel und führe ihn
durch die Stadt; und dann soll man ihn nach Esslingen führen - zu den hochweisen
Räten, wo er und sein Tier hingehöre. Fort mit ihm.«
    Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der Tod gesessen war,
heiterten sich auf; er holte freier Atem und verbeugte sich tief. Peter,
Kasperle und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über ihn her, luden ihn
auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.
    Der Ratsschreiber von Ulm vergoss Tränen der Rührung und Freude; er wollte
dem Herzog den Mantel küssen, doch dieser wandte sich ab und winkte Georg, den
Gerührten zu entfernen.
 
                                       V
 O tu es nicht! Tu's nicht!
 Sieh deine reinen edlen Züge wissen
 Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat:
 Bloss deine Einbildungskraft befleckt sie;
 Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
 Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
                                                                        Schiller
Der Schreiber des grossen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt zu haben,
um auf dem Weg durch die Gänge und Galerien des Schlosses die vielen Fragen
seines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch an allen Gliedern, seine Kniee
wankten, und oft drehte er sich um und schaute mit verwirrten Blicken hinter
sich, als fürchte er, den Herzog möchte seine Gnade gereuen, und der greuliche
Kanzler im gelben Mantel möchte ihm nachschleichen, und ihn plötzlich am Genick
packen. Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschöpft auf einen Stuhl, und es
verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu antworten
vermochte.
    »Eure Politika, Vetter! hat Euch einen schlimmen Streich gespielt,« sagte
Georg; »was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart als Volksredner auftreten zu
wollen? Wie konntet Ihr überhaupt nur Eure bequeme Haushaltung, die sorgsame
Pflege der Amme und die Nähe der holden Berta fliehen, um hier dem Stattalter
zu dienen?«
    »Ach! sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Berta ist an
allem schuld; ach, dass ich nie mein Ulm verlassen hätte! Mit dem ersten Schritte
über unsere Markung fing mein Jammer an.«
    »Berta hat Euch fortgeschickt?« fragte Georg; »wie, seid Ihr nicht zum Ziele
Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus Verzweiflung seid Ihr
-«
    »Gott behüt; Berta ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade der
Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Händel mit Frau Sabina, der
Amme; da entschloss ich mich, und hielt bei meinem Oheim um das Bäschen an. Nun
habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches Wesen gänzlich den Kopf
verrückt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld ziehen und ein Mann werden wie
Ihr. - Dann wolle sie mich heiraten. Ach, du gerechter Gott!«
    »Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg? Welche kühne
Gedanken das Mädchen hat!«
    »Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht! Mein
alter Johann und ich rückten mit dem Bundesheer aus. Das war ein Jammer! Mussten
oft täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung, alles wurde
bestaubt und unsauber, der Panzer drückte mich wund; ich hielt es nicht mehr
aus, und Johann lief heim nach Ulm, da bat ich um eine Stelle bei der
Feldschreiberei, mietete mir eine Sänfte und zwei tüchtige Saumrosse dazu, und
so ging es doch erträglicher.«
    »Da wurdet Ihr also zu Feld getragen, wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr auch
einem Treffen beigewohnt?«
    »O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine zwanzig Schritte von
mir wurde einer maustot geschossen. Ich vergesse den Schrecken nicht, und wenn
ich achtzig Jahr alt werde! Als wir dann das Land völlig besiegt hatten, bekam
ich die ehrenvolle Stelle beim Stattalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da
kommt auf einmal wieder der unruhige Herr ins Land; ach, dass ich meinem Kopf
gefolgt, und mit den Bundesobersten nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen
wäre; aber ich scheute die beschwerliche Reise.«
    »Warum seid Ihr aber nicht mit dem Stattalter davongegangen, als wir kamen.
Der sitzt jetzt im trockenen in Esslingen, bis wir ihn weiterjagen.«
    »Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut; und beinahe
hätte ich mit dem Kopf dafür büssen müssen. Ich dachte nicht, dass die Gefahr so
gross sei, liess mich von Doktor Calmus verführen, eine Rede ans Volk zu halten
und Württemberg dem Bunde zu retten. Das hätte gewiss Aufsehen gemacht, und Berta
wäre noch eins so freundlich gewesen. Aber die Leute da unten in Württemberg
sind Barbaren, und ohne alle Lebensart; sie liessen mich nicht einmal zum Wort
kommen, warfen mich herab, und behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur
meinen Mantel an, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafür, er hat mich
vier Goldgulden gekostet, und Berta behauptete immer, dass mir rosenfarb so gut
zu Gesicht stehe.«
    Georg wusste nicht, ob er über die Torheit des Schreibers lachen, oder es als
hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, dass er, kaum dem Tode entgangen,
sein zerrissenes Mäntelein bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter über seine
Schicksale befragen, als ihn ein Geräusch vom Vorplatz des Schlosses her ans
Fenster lockte; er sah hinaus und winkte schnell Herrn Dieterich herbei, um ihm
das Schauspiel gefallener irdischer Grösse zu zeigen.
    Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er sass verkehrt auf
einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmückt, sie hatten ihm
eine spitzige Mütze von Leder aufgesetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder
angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu seinen Seiten sah man in
gravitätischen Schritten den Magdeburger und den Wiener, den ehemaligen
Hauptmann Muckerle und seinen tapfern Oberst gehen, die hin und wieder mit den
Enden ihrer Hellebarden den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer
Volkshaufe umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde.
    Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten hinab und seufzte:
»'s ist hart, auf dem Esel reiten zu müssen«, sagte er, »aber doch immer noch
besser als gehängt werden.« Er wandte sich ab von dem Schauspiel und blickte
nach einer andern Seite des Schlossplatzes. »Wer kommt denn hier?« fragte er den
jungen Ritter. »Schaut, in einem solchen Kasten zog ich zu Felde.«
    Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Sänfte in
ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs
Schloss einbeugte; Georg sah schärfer hinab, »Sie sind's«, rief er, »wahrhaftig,
es ist der Vater und in der Sänfte wird sie sitzen!« In einem Sprung war er zur
Türe hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm staunend nach. »Wer soll es sein,
welcher Vater?« fragte er; er schaute noch einmal durchs Fenster, die Sänfte
hielt vor der Zugbrücke des Schlosses, und in demselben Augenblicke stürzte
Georg aus dem Tor. Herr Dieterich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm
aufreissen, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zurück -
und wunderbar! es war das Bäschen Marie von Lichtenstein. »Ei! sehe doch einer;
er küsst sie auf öffentlicher Strasse«, sprach der Ratsschreiber kopfschüttelnd
vor sich hin, »was das eine Freude ist. Aber wehe, jetzt kommt der Alte um die
Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird schimpfen! - doch wie! er nickt
dem Junker freundlich zu, er steigt ab; er umarmt ihn. Nein! das geht nicht mit
rechten Dingen zu.«
    Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als der
Schreiber des Grossen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um sich zu
überzeugen, dass ihn seine Augen getäuscht haben müssen, kam sein Oheim der alte
Herr von Lichtenstein die Treppe herauf. An der rechten Hand führte er Georg von
Sturmfeder, an der linken - Bäschen Marie. Welche Veränderung war mit jenen
holden Zügen vorgegangen, die sich so tief in sein Herz, in sein Gedächtnis
geprägt hatten.
    In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten Lande
erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schönen blauen Augen, so majestätisch
ihre Stirne, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schönen dunkeln Bogen
der Brau'n. Er hatte oft und viel darüber nachgedacht, in was denn der Zauber
bestehe, der ihn so unwiderstehlich fessle? Die Ulmer Mädchen hatten frischere
Wangen, lebhaftere Augen, ein schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen frischen
Glanz einer heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still
und gross wie eine Königin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer Wimpern,
der sich oft mit unnennbarem Reiz über das Auge herabsenkte, um das Geheimnis
einer stillen Träne zu verhüllen? Waren es die feinen geschlossenen Lippen, von
süsser Wehmut umlagert? War es der zarte Wechsel der Farben auf ihren Zügen, die
bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender
Liebe zu verraten schienen? Bertas Heiterkeit, Bertas fröhliche neckende Gunst
hatte dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt, und doch fühlte
der arme Herr Dieterich die alte Wunde wieder bluten, als das Fräulein von
Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht sollte er es
zuschreiben, dass Mariens Züge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten? Wohl
lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf ihrer Stirne, aber in ihren Augen
glühte eine stille Freude, ihr Mund lächelte und scherzte, auf ihren Wangen
waren die schönsten Rosen aufgeblüht. Sprachlos hatte Dieterich von Kraft diese
Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde auch er von dem alten Ritter
bemerkt. »Seh ich recht«, rief dieser, »Dieterich Kraft, mein Neffe! was führt
denn dich nach Stuttgart, kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg
von Sturmfeder? Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch? Du bist so bleich
und elend, und deine Kleider hängen dir in Fetzen vom Leibe!«
    Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein und errötete:
»Weiss Gott«, rief er, »ich kann mich vor keinem ehrlichen Menschen sehen lassen!
Diese verdammten Württemberger, diese Weingärtner und Schustersjungen haben mich
so zerfetzt. Aber wahrhaftig! der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person
angegriffen und beleidigt!«
    »Ihr dürft froh sein, Vetter! dass Ihr so davongekommen seid«, sagte Georg,
indem er die Angekommenen in sein Gemach einführte; »bedenket Herr Vater,
gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er Reden an die Bürger, um
sie aufzuwiegeln gegen uns; da hat ihn heute frühe der Kanzler wollen köpfen
lassen; mit grosser Mühe bat ich ihn los, und jetzt klagt er die Württemberger
wegen seines zerfetzten Mänteleins an.«
    »Mit gnädiger Erlaubnis«, sagte Frau Rosel, und verbeugte sich dreimal vor
dem Ratsschreiber, »wenn Ihr meine Hülfe annehmen wollet, so will ich den Mantel
flicken, dass es eine Lust ist. Da geht's wie im Sprüchwort: Hat der Junge den
Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken müssen.«
    Herrn Dieterich war diese Hülfe sehr angenehm; er bequemte sich zu der Frau
Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewänder zurechtrichten zu lassen.
Sie zog aus ihrer grossen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich an
die Wunden, die ihm die Württemberger geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn
dabei mit ergötzlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung
verschiedener Speisen, die in Frau Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren.
Entfernt von diesem Paar um die ganze Breite des Zimmers, sassen Georg und Marie
im traulichen Flüstern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Tetingerus, noch
ein Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunden wir ihnen
über diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an jenem Morgen
zusammen flüsterten, nur so viel können wir berichten, dass eine süsse Ruhe auf
Mariens Zügen lag, dass sie die schönen Augen bald freudig aufschlug, bald
verschämt wieder senkte, dass sie bald lächelte, bald tief errötete, und manche
Frage des Geliebten mit Küssen zurückdrängte.
    Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von einer Szene, die so
wenig historischen Grund und Boden, also nach neueren Begriffen auch keinen Wert
hat, hinwegführen, und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen. Er
hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter der
kunstreichen Hand der Frau Rosalia gelassen, und schritt nun den Gemächern des
Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter und Erfahrung einen sinnenden Ernst
eingedrückt hatten, erschienen in dieser Stunde noch ernster - beinahe traurig.
Dieser Mann hatte von seinen Vätern die Liebe zum Hause Württemberg geerbt,
Gewohnheit und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die während seines
langen Lebens über Württemberg geherrscht hatten, und das Unglück und die
Verleumdung, welche auf Ulerich unablässig hereinstürmten, hatten das Herz des
alten Herrn nicht von diesem Herzog losreissen können - sie fesselten ihn nur mit
noch stärkeren Banden. Mit der Freude eines Bräutigams, der zur Hochzeit zieht,
mit der Kraft eines Jünglings hatte er den weiten und beschwerlichen Weg von
seinem Schloss nach Stuttgart zurückgelegt, als man ihm gemeldet hatte, dass der
Herzog Leonberg erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick
zweifelte er an dem Siege des Herzogs und so traf es sich, dass er schon am
andern Morgen der neuen Herrschaft Ulerichs nach Stuttgart kam.
    Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte, als
er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. »Der Herzog«, hatte ihm jener
zugeflüstert, »der Herzog ist nicht so wie er sollte; Gott weiss was er mit
seinem Lande machen will, er hat unterweges sonderbare Reden fallen lassen, und
ich fürchte er ist nicht in den besten Händen. Der Kanzler Ambrosius Volland -«
Dieser einzige Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein grosse
Besorgnisse aufzuregen. Er kannte diesen Volland, er wusste, dass er zwar gelehrt,
in allen Regierungsgeschäften überaus wohlerfahren, zu jedem, auch dem
schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten schon öfter
ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe.
    »Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine Ratschläge
befolgt, dann sei Gott gnädig. Dem Ambrosius ist das Land ein Stück Leder, das
man nach Willkür handhaben kann, er wird es zurechtschneiden wollen zu einem
Koller für den Herzog und die Abschnipfel für sich behalten. Aber wie Frau Rosel
zu sagen pflegt: Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennähen? « So
sprach der alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging;
er streichelte unmutig seinen langen weissen Bart, und seine Augen glühten vom
Eifer für die gute Sache Württembergs.
    Er wurde sogleich vorgelassen, und traf den Herzog in grosser Beratung mit
Ambrosio. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der einen Hand, in
der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer, roter und blauer Dinte in
vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war. Der Herzog spielte mit einem
grossen Sigill, das er in der Hand hielt, er schien mit sich zu kämpfen, er sah
bald seinen Kanzler durchdringend an, bald heftete sich sein Blick wieder auf
das Sigill. Sie waren beide so vertieft, dass Lichtenstein einige Minuten im
Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit grosser
Teilnahme die edlen Züge Ulerichs von Württemberg. Er sah, wie auf seiner
Stirne, in seinen sprechenden Augen, so verschiedene Empfindungen wechselten.
Bald runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrau'n zuckten, sein Auge rollte,
dann glätteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte nur ein tiefer
Ernst, der in Nachdenken überging, und oft schien ein Anflug von Güte den
strengen Ausdruck seiner Züge zu mildern. Aber der im gelben Mäntelein, mit der
Schwanenfeder in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm; er wandt' und drehte
sich vor ihm, wie die Schlange im Paradies, und das ewig stehende Lächeln, der
Ausdruck von Ehrlichkeit, den er seinen grünen Äuglein zu geben wusste, wenn ihn
sein Herr scharf ansah, sollten einladen den Apfel anzubeissen.
    »Ich kann nicht begreifen«, sprach er mit heiserer feiner Stimme, »warum Ihr
es nicht tun möget. Hat wohl Cäsar so lange gezaudert, als er über den Rubikon
ging? Ein grosser Mann hat grosse Mittel nötig, und die Mitwelt und die Nachwelt
wird Euch preisen, dass Ihr diese Fesseln von Euch geworfen.«
    »Weisst du dies so gewiss, Ambrosius Volland?« entgegnete der Herzog, indem er
ihn düster anblickte. »Man wird sagen: Herzog Ulerich war ein Tyrann. Er hat die
alte Ordnung umgestossen, die seinen Vätern heilig war, er hat den Vertrag, den
er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat sein Land wie ein fremdes behandelt,
er hat die Gesetze nicht gehalten, die -«
    »Erlaubet«, unterbrach ihn jener, »es kommt nur allein auf die Frage an: Wer
ist Herr? der Herzog oder das Land? Wenn das Land Herr ist, dann ist's was
anderes. Dann freilich sind allerlei Pakten, Verträge, Klauseln und dergleichen
nötig. Die Ritterschaft, die Prälaten und die Landschaft sind dann Meister, und
Euer Durchlaucht - nun, sind dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr
aber, was man so eigentlich Herr nennt, dann seid Ihr es auch, der Gesetze gibt.
Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand; jetzt noch seid Ihr Herr und Meister. Drum
fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues - da, nehmt in Gottes Namen die
Feder, unterzeichnet.«
    Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig, seine Wangen glühten, seine
ganze Gestalt richtete sich höher auf, aber sein Auge haftete noch am Boden.
Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefühl seiner Würde. »Ich heisse
Württemberg«, sagte er; »ich bin das Land und das Gesetz - ich unterschreibe.«
Er streckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu
empfangen, aber mit sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand
ergriffen und weggezogen. Erstaunt sah er sich um, und blickte in die ruhigen
aber ernsten Züge des Ritters von Lichtenstein.
    »Ha! willkommen«, rief er, »mein getreuer Lichtenstein; sogleich steh ich
Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen.«
    »Erlauben Euer Durchlaucht«, sagte der alte Mann, »Ihr habt mir eine Stimme
zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch wissen um die erste Verordnung, die
Ihr an Euer Land ergehen lasset.«
    »Mit Euer hochedeln Erlaubnis«, fiel Ambrosius Volland hastig ein, »das Ding
hat Eile; die Bürgerschaft von Stuttgart versammelt sich schon auf der Wiese;
diese Schrift muss ihr vorgelesen werden; es hat wahrhaftig Eile.«
    »Nun, Ambrosius!« sagte der Herzog, »So gar eilig ist es nicht, dass wir
unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben nämlich
beschlossen, uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen Verträgen und Gesetzen.
Die alten sind null und nichtig.«
    »Das habt Ihr beschlossen? um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu was
dies führt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Tagen den Tübinger Vertrag
beschworen?«
    »Tübingen!« rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen von
Zorn glühten. »Tübingen! nenne dies Wort nicht mehr. Dort hatte ich all meine
Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha, und dort haben sie mich verraten
und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen zu mir halten, ich wolle Gut und
Blut mit ihnen teilen - nichts! man wollte von Ulerich nichts mehr; das neue
Regiment gefiel ihnen besser, im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben
zugegeben, dass ihr Herzog in Verbannung war, haben geduldet, dass der Name
Württemberg ein Hohngelächter wurde in allen Reichen - jetzt bin ich wieder Herr
und Meister, habe das Heft in der Hand, und will mir's nicht wieder aus der Hand
wenden lassen. Haben sie ihren Eid vergessen, bei Sankt Hubertus, so ist mein
Gedächtnis auch nicht länger. Tübinger Vertrag? Ich sag, der Teufel soll alles
holen, was mit diesem Namen sich verknüpft!«
    »Aber bedenken Euer Durchlaucht!« sprach Lichtenstein, von diesem Ausbruch
der Leidenschaft erschüttert, »bedenket doch, welchen Eindruck ein solcher
Schritt auf das Land machen muss. Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die
Gegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tübingen, Göppingen, überall noch
bündische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch beistehen, den Bund zu verjagen,
wenn sie hört, auf welche neue Ordnung sie huldigen solle?«
    »Ich sag: ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Württemberg mit dem
Rücken ansehen musste? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund gehuldigt!«
    »Vergebt mir, Herr Herzog«, entgegnete der Alte mit bewegter Stimme; »dem
ist nicht also. Ich weiss noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch,
als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch nicht vom Land zu lassen, wer wollte
Euch sein Leben opfern? Das waren achttausend Württemberger. Habt Ihr den Tag
vergessen?«
    »Ei, ei, Wertester!« sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen
mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulerich machten. »Ei! Ihr sprechet doch auch
etwas zu kühnlich. Ist übrigens jetzt auch gar nicht die Rede von damals,
sondern von jetzt. Die Landschaft ist von der alten Huldigung gänzlich
abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung getan; Seine Durchlaucht ist
jetzt als ein neuangekommener Herr anzusehen; er hat dies Land mit Gewalt
erobere; hat sich nun der Bund auf besondere Verträge huldigen lassen, so kann
es der Herzog ebenso halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege
nach eigenem Gutdünken huldigen lassen. Soll ich die Feder eintauchen, gnädiger
Herr?«
    »Herr Kanzler!« sagte Lichtenstein mit fester Stimme, »habe alle mögliche
Ehrfurcht vor Eurer Gelehrteit und Einsicht, aber was Ihr da sagt, ist
grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es zu wissen, wen das Volk liebt. Der
Bund hat durch sein Walten im Land alles gegen sich aufgebracht, es war die
rechte Zeit, dass Seine Durchlaucht wiederkam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu
-; wird er sie nicht gewaltsam von sich stossen, wenn er alles Alte umreisse und
nach eigener neuerer Satzung schaltet und waltet! Oh, bedenkt, bedenkt, die
Liebe eines Volkes ist eine mächtige Stütze!«
    Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, düster vor sich
hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler im gelben
Mäntelein. »Hi, hi, hi! wo habt Ihr die schönen Sprüchlein her? Liebwerter,
Hochgeschätzter! Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon die Römer wussten was davon zu
halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! hätt Euch für gescheiter gehalten. Wer
ist denn das Land? hier, hier steht es in persona, das ist Württemberg; dem
gehört's; hat's geerbt und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprillenwetter!
wäre ihre Liebe so stark gewesen, so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt.«
    »Der Kanzler hat recht!« rief Ulerich aus seinen Gedanken erwachend. »Du
magst es gut meinen, Lichtenstein. Aber er hat diesmal recht. Meine Langmut hat
mich zum Land hinaufgetrieben; Jetzt bin ich wieder da; und sie sollen fühlen,
dass ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich sag so will ich's; so wollen wir
uns huldigen lassen!«
    »O Herr! tut nichts in der ersten Hitze! wartet bis Euer Blut sich abkühlt.
Rufet die Landschaft zusammen; machet Änderungen nach Eurem Sinne, nur jetzt
nicht, nur nicht solange der Bund noch Land besitzt in Württemberg; es könnte
Euch schaden bei den übrigen. Gestattet nur noch eine kurze Frist. -«
    »So?« unterbrach ihn der Kanzler, »dass man dann alsgemach wieder in das alte
Wesen hineinkommt. Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen ist, wenn sie
sich erst zusammen beraten, meint  Ihr, da werden sie so gutwillig nachgeben.
Hi! hi! da wird man Gewalt anwenden müssen, und das macht erst verhasst.
Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder gelüstet Euer Durchlaucht wieder
ganz gehorsamlich unter das alte Joch zu stehen, und den Karren zu ziehen?«
    Der Herzog antwortete nicht. Er riss mit einer hastigen Bewegung Feder und
Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen durchdringenden Blick
auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es verhindern konnte, hatte Ulerich
seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter stand in stummer Bestürzung; er senkte
bekümmert das Haupt auf die Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf
den Ritter und den Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem
Tisch stund, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl.
    »Ist die Bürgerschaft versammelt?« fragte er.
    »Ja, Euer Durchlaucht! auf den Wiesen gegen Cannstatt sind sie versammelt.
Amt und Stadt; die Landsknechte rücken soeben aus; sechs Fähnlein.«
    »Die Landsknechte? wer gab die Erlaubnis?«
    Der Kanzler zitterte vor dem Ton dieser Frage. »Es ist nur wegen der
Ordnung«, sagte er, »ich habe gedacht, weil es bei solchen Fällen gebräuchlich
sei, dass bewaffnete Mannschaft -«
    Der Herzog winkte ihm zu schweigen; er begegnete einem trüben, fragenden
Blick des alten Lichtenstein, der ihn erröten machte. »Mit meinem Befehl geschah
es nicht«, sprach er, »doch - es möchte auffallen, wenn wir sie zurückriefen. Es
ist ja gleichgültig. Man bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!«
    Der Herzog trat ans Fenster, und sah schweigend hinaus; der Kanzler schien
nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzürnt sei oder nicht, er wagte nicht zu
sprechen, und der Ritter von Lichtenstein verstarrte in seinem trüben Schweigen.
So standen sie geraume Zeit, bis sie von den Dienern unterbrochen wurden. Es
traten vier Edelknaben ins Gemach, der erste trug den Mantel, der zweite den
Hut, der dritte eine Kette von Gold und der vierte des Herzogs Schlachtschwert.
Sie bekleideten den Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit
Hermelin verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die rot und gelbe Farbe des
Hauses Württemberg in reichen wehenden Federn zeigte, diese wurden
zusammengehalten von einer Agraffe aus Gold und Edelsteinen, die eine Grafschaft
wert war. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. Seine kräftige Gestalt
schien in diesem fürstlichen Schmuck noch erhabener als zuvor, und die freie,
majestätische Stirne, das glänzende Auge sah gebietend unter den wallenden
Federn hervor. Er liess sich die Kette umhängen, steckte das Schlachtschwert an,
und winkte seinem Kanzler aufzubrechen.
    Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort; mit bekümmerter
Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen, und sich dann abgewendet. Der Herzog
schritt mit leichtem Neigen des Hauptes, an dem alten Ritter vorüber zur Türe,
und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland folgte ihm mit
majestätischen Schritten. Hatte der Herr den Alten nicht gegrüsst, glaubte auch
der Kanzler ihm dies nicht schuldig zu sein, er warf nur einen tückischen Blick
nach dem Platz hinüber wo jener noch immer stand, und sein grosser, zahnloser
Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. In der Türe stand der Herzog
stille, er sah rückwärts, seine bessere Natur schien über ihn zu siegen, er
kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurück und trat zu Lichtenstein.
    »Alter Mann!« sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe Bewegung zu
unterdrücken, »du warst mein einziger Freund in der Not, und in hundert Proben
habe ich deine Treue bewährt gefunden, du kannst es mit Württemberg nicht
schlimm meinen; ich fühle, es ist einer der wichtigsten Schritte meines Lebens,
und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang; - aber wo es das Höchste gilt, muss
man alles wagen. -«
    Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf in den weissen
Wimpern hingen Tränen; er ergriff Ulerichs Hand: »Bleibet«, rief er, »nur
diesmal, diesmal folget meiner Stimme; mein Haar ist grau; ich habe lange
gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte. -« Indem ertönten die Trommeln der
Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der Rosse drang herauf, und
die Herolde stiessen zur Huldigung rufend, in die Trompeten.
    »Jacta alea esto! war der Wahlspruch Cäsars«, sagte der Herzog mit mutiger
Miene; »jetzt gehe ich über meinen Rubikon. Aber dein Segen möchte mir frommen,
alter Mann, zum Rat ist es zu spät!«
    Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts; die Stimme versagte ihm, er drückte
segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zögerte Ulerich bei ihm, da
streckte der Kanzler den langen dürren Arm unter dem gelben Mäntelein hervor,
winkte ihm mit der Pergamentrolle; er war anzuschauen wie der Versucher, dem es
gelingt, eine arme Seele mit sich hinabzuziehen. Ulerich von Württemberg riss
sich los und ging, um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.
 
                                       VI
 Kein Feuer, keine Kohle
 Kann glühen so heiss,
 Als eine stille Liebe,
 Von der niemand nichts weiss.
                                                                Altes Sprichwort
Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet gewesen zu sein,
als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr grosser Teil des Landes
fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe für den angestammten Regenten, der
Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulerichs, viele bewogen,
die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem Bunde getan, zu vergessen und sich
für Württemberg zu erklären.
    Aber die neue Huldigung, die alle frühern Verträge umstiess, das Gerücht, dass
manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen worden sei, bewirkte
wenigstens, dass der Herzog keine Popularität gewann, ein Mangel, der in so
zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar wird. Noch beharrten Urach, Göppingen
und Tübingen auf ihren, dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bündisch
gesinnten Obervögte zwangen sie mit Gewalt dazu; zu Urach hauste Dieterich Spät,
des Herzogs bitterster Feind; er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft
auf, dass er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch Einfälle in
die Ländereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen waren. Es ging auch das
Gerücht, die Bundesstände seien schnell von Nördlingen aufgebrochen, jeder in
seine Heimat geeilt, um frische Heere aufzubieten und Ulerich zum zweitenmal auf
Leben und Tod zu bekämpfen.
    Ulerich selbst schien weder der einen noch der andern dieser Besorgnisse
Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen mit Ambrosius Volland Rat; man
sah viele Eilboten kommen und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In
Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung
sein, denn wenn er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Strassen ritt, alle
schönen Jungfrauen grüsste und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und
lachte, da sagten sie: »Herr Ulerich ist wieder so lustig, wie vor dem Armen
Konrad.« Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet. Zwar war es
nicht mehr wie früher der Sammelplatz der bayerischen, schwäbischen und
fränkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Fürstin, die sonst einen schönen
Kranz blühender Fräulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht
an schönen Frauen und schmucken Edeln seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft
dieser Stadt schien schon damals der Schönheit so günstig zu sein, dass die
bunten Reihen in den Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen
Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes glich.
    Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden, Fest
drängte sich an Fest und Ulerich schien eifrig nachholen zu wollen, was er in
der Zeit seines Unglücks versäumt hatte. Keines der geringsten dieser Feste war
die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein.
    Der alte Herr hatte sich lange nicht entschliessen können, sein Wort zu
halten; nicht dass er die Wahl seiner Tochter missbilligt hätte, denn er liebte
seinen Eidam väterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend wieder aufblühen, er
schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an; aber wie der
Horizont von Ulerichs Glück, so war auch die Stirne des alten Mannes noch immer
umwölkt, denn er ahnte, dass es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und
tief schmerzte es ihn, dass der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von
seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler
abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag der Freude immer
hinausgeschoben, aber die schönen Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen
leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten nötigten ihm endlich einen
bestimmten Termin ab. Der Herzog liess es sich nicht nehmen, die Hochzeit
auszurichten Er mochte sich jener Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde ward,
ihm seine Anhänglichkeit zu bezeugen; wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine
Kälte scheute, um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu
laben. Er mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit der Opfer erinnern,
die ihm der Bräutigam gebracht hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er Treue,
Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewährt hatten, zu vergelten
wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gäste im
Schloss zu Stuttgart gewesen, jetzt liess er ein schönes Haus nächst der
Kollegiaten-Kirche mit neuem Hausgeräte versehen und übergab am Vorabend der
Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von Lichtenstein, mit dem Wunsche, sie
möchte es, sooft sie in Stuttgart sei, bewohnen.
    Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser
Ferne aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief sich am Morgen
dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück; er wunderte sich, wie alles so
ganz anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals
durch den Schönbuch nach der Heimat zog, denken können, dass das Glück, die
Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete.
Wie hätte er, als er sich an das Bundesheer anschloss, ahnen können, dass der
Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit welch
heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo es ihm zuerst
wieder möglich geworden war, der Geliebten ein Wörtchen der Liebe zuzuflüstern,
wo er die Schreckenskunde vernahm, dass ihr Vater ein Feind des Bundes, sie mit
sich hinwegführen werde; wo er in Bertas Garten die unglücklichste Stunde seines
Lebens im schmerzlichen Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange,
vielleicht auf ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte.
Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er musste aufs
neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein gütiges Geschick
bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem düsteren Schleier
verhüllt, und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den sie mit
dem letzten Abschiedskusse auch ihm mitzuteilen wusste.
    »Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube«, sprach der junge Mann, von der
Erinnerung bewegt, zu sich, »es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer
reinen Seele, und ihr klares Auge das in dem meinigen die Gewissheit meiner Liebe
las, tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkündete Glück, es wird sie
auch jetzt nicht täuschen, wenn es ein süsses, ungestörtes Glück in unserer
Verbindung liest.«
    Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange Gedankenreihe, die
sich an den heutigen Tag knüpfen, und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte.
Es war Herr Dieterich von Kraft, der stattlich geschmückt zu ihm eintrat.
    »Wie?« rief dieser Schreiber des Grossen Rates zu Ulm, und schlug voll
Verwunderung die Hände zusammen. »Wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch doch
hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge und Treppen
des Schlosses wimmeln von Hochzeitgästen, die von Samt und Seide glänzen, und
Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren
Anzug zu besorgen?«
    »Dort liegt der ganze Staat«, erwiderte Georg lächelnd; »Barett und Federn,
Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott weiss, ich habe noch
nicht daran gedacht, dass ich dieses Flitterwerk an mich hängen solle. Dies Wams
ist mir lieber als jedes schöne neue. Ich habe es in schweren, aber dennoch
glücklichen Tagen getragen.«
    »Ja, ja! ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und es ist
mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Berta in diesem blauen Kleid abschilderte,
dass ich recht eifersüchtig ward. Aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei,
der Tausend! Hätte ich nur mein Leben lang solche Flitter. Ha, das weisse Gewand
mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schöneres sehen?
Wahrlich Ihr habt mit Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren
braunen Haaren.«
    »Der Herzog hat mir es zugeschickt«, antwortete Georg, indem er sich
ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.«
    »Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich einige
Zeit hier bin, sehe ich ein, dass man ihm bei uns in Ulm zuviel getan hat. An
einem solchen Hofe ist es doch was anderes als in den Städten; und Herzog von
Württemberg klingt auch schöner als Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht ich
nicht in seiner Haut stecken; Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal
bergab mit ihm.«
    »Das ist Euer altes Lied, Herr Dieterich; erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr
damals in Ulm grosstatet mit Eurer Politika und wie Ihr regieren wolltet in
Württemberg? Wie ist es denn jetzt?«
    »Ist nicht alles eingetroffen«, erwiderte der Ratsschreiber mit weiser
Miene; »weiss noch wie heute, dass ich prophezeite die Schweizer ziehen heim, die
Landschaft werden wir für uns gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen.«
    »Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen«, lachte Georg, »seid ja in einer
Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog werde
nie zurückkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier.«
    »Nicht so ruhig als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wünschen, er
behielte sein Land; uns hat es doch nichts genützt, die grossen Herren nehmen
alles für sich, an unsereinen kam nichts als etwa die Ehre für den Bund geköpft
zu werden; möchte es ihm wohl gönnen; aber - glaubt mir, es sieht nicht so
ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Räte haben von Esslingen aus an
den Kaiser und das Reich geschrieben und geklagt, der Bund ist wieder auf den
Beinen; bei Ulm steht schon wieder ein neues Heer.«
    »Gerede, nichts weiter; ich weiss gewiss, dass der Herzog sich mit Bayern
versöhnen wird.«
    »Ja will, aber nicht versöhnen wird. Das hat noch manchen Haken. Aber was
sehe ich; Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem
stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen? Pfui, das passt nicht zusammen,
lieber Vetter.«
    Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. »Das verstehet Ihr
nicht«, sagte er, »wie gut sich dies zum Hochzeitgewande schickt. Es ist ihr
erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem Kämmerlein, als ihr
die Kunde kam, dass sie bald scheiden müsse. Sie hat manche Träne hineingewoben,
hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt, drum ward es mir eine Zauberbinde,
und meinen Augen ein Trost, wenn ich im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie
darf nicht fehlen diese Binde, hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir
ein heiliger Schmuck am Tage des Glückes.«
    »Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um, jetzt noch das Barett
aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, sie läuten schon das erste drüben
in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Bräutlein nicht so lange warten!«
    Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann, und musterte
mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog dort eine Spange schärfer an, er
verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder höher, und immer zufriedener
wurden seine Blicke. Er gestand sich, dass der grosse, schlanke junge Mann, sein
schöner Kopf, die klaren mutigen Augen ganz des lieblichen Bäschens würdig sei.
»Weiss Gott«, sagte er, »Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem
Herrgott gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, dass Euch
heute Berta nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf acht Tage schwindelnd
werden, dem armen Kind! - Kommt, kommt; ich fühle mich stolz, Euer Geselle zu
sein; wenn ich auch vierzehn Tage zu spät nach Ulm zurückkehre.« -
    Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach verliess.
Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger Wünsche bestürmten seine
Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dieterich durch die Galerien. Die
Türe ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schönheit stand umgeben von vielen
Frauen und Fräulein, die vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden
sollten. Marie errötete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn
staunend, als seien seine Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen, sie
schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was
hätte Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengruss der
Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte
an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst schon längst gefunden
hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berühren, ehe
sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es übel aufgenommen,
wenn sie den Bräutigam gar zuviel und gar zu lange ansah. Züchtig, ehrbar, die
Augen auf den Boden geheftet, die Hände unter der Brust gefaltet, musste sie
stehen - so wollt es die Sitte.
    Bei mancher andern möchte diese Stellung erzwungen und steif erschienen
sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten Töchter in jeder Lage, in
Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgiesst, so war auch diese
unnatürliche Haltung der Braut, bei Marien zum gelungensten Bild geworden; die
zarte Röte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, der süsse Mund, in
dessen Winkeln ein Lächeln aufzukeimen schien, der feine weiche Vorhang der
gesenkten Lider, die zarten Fransen der dunkeln Wimpern, durch welche die blauen
glänzenden Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie
gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die dem Geliebten die Arme öffnen, die
seinen Namen mit den süssesten Tönen aussprechen, die die Augen aufschlagen
möchte, um ihm durch einen Blick ihre Wünsche zu verkünden; doch die mächtigere
Natur, das verwirrende Gefühl der Beschämung windet ihr die Hände nur noch
fester zusammen, schlägt die zarte Hülle der Wimpern vor das glühende Auge
herab, und verschliesst den Mund, dass er nur heimlich und stille lächelt, aber
das Geheimnis der Liebenden nicht ausspricht.
    Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die Majestät
ihrer Stirne und jener gebietende ernste Blick, der auch den Kühnsten gefesselt
hätte; aber man war versucht, jene erhabeneren Schönheiten nicht
zurückzuwünschen; lag doch in diesem verschämten Bekenntnis, durch einen Blick
des Geliebten überwunden zu sein, ein höherer Reiz, als wenn das stolze Auge
frei um sich geblickt, und dieser geschlossene Mund das Geständnis der Liebe
laut und offen ausgesprochen hätte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage
einen neuen Zauber verliehen, der so mächtig wirkte, dass Georg einige Momente
seine Braut verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im
Gefühle dieses liebliche Kind sein nennen zu dürfen.
    Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der Hand
führte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der Damen, und auch
er schien sich zu gestehen, dass Marie die schönste sei. »Sturmfeder!« sagte er,
indem er den Glücklichen auf die Seite führte, »dies ist der Tag, der dich für
vieles belohnt. Gedenkst du noch der Nacht, wo du mich in der Höhle besuchtest
und nicht erkanntest? Damals brachte Hanns, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch
aus: Dem Fräulein von Lichtenstein! möge sie blühen für Euch. - Jetzt ist sie
dein, und was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch ist erfüllt; Wir
sind wieder eingezogen in die Burg Unserer Väter.«
    »Mögen Euer Durchlaucht dieses Glück so lange geniessen, als ich an Mariens
Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe ich diesen schönen
Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht der Vater -«
    »Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser Land
wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, dass auch Wir dir beistanden, um
sie zu besitzen. - Wir stellen heute deinen Vater vor, und als solchem wirst du
Uns schon erlauben, nach der Kirche deine schöne Frau auf die Stirne zu küssen.«
    Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von Lichtenstein
sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich musste er lächeln, wenn er der
Würde und Hoheit gedachte, mit welcher die Geliebte den Mann der Höhle damals
zurückgewiesen hatte. »Immerhin, Herr Herzog, auch auf den Mund; Ihr habt es
längst verdient durch Eure grossmütige Fürsprache; ich denke, auch Marie wird
sich nicht wieder sträuben, wie damals unter der Halle.«
    »Wie?« rief Ulerich errötend; »hat dir das Fräulein etwas gesagt?«
    »Kein Wort, Herr! aber ich stand hinter der Türe und sah zu, wie Ihr so
herablassend gegen des Ritters Töchterlein waret.«
    »Bei Sankt Hubertus«, entgegnete der Herzog lachend, »du bist ein
eifersüchtiger Kauz. Das musst du dir abgewöhnen, sonst hast du keine ruhige
Stunde.«
    »Freilich, wenn Euer Durchlaucht mir dies raten, so werde ich nie mehr
eifersüchtig werden.«
    Der Ton dieser Antwort, der einen leisen Spott zu verraten schien, erinnerte
den Herzog, dass auch er einst diese Empfindung gehegt, dass sie ihn zu einer
blutigen Rache angetrieben habe; er brach schnell ab, denn er liebte solche
Erinnerungen nicht. »Lass es gut sein«, sagte er, »es ist Zeit in die Kirche zu
gehen. Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?«
    »Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein.«
    »Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen wollte? Da hast du
links den zierlichsten, und rechts den tapfersten Mann des Schwabenlandes. Glück
zu junger Herr, doch will ich dir raten, mehr rechts zu halten als links, dann
kann es dir nie fehlen auf Erden, und wärst du so eifersüchtig als ein Türke.
Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte; sieh, wie seine breite kurze Gestalt sich
wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan
hat! Den verschossenen grünen Mantel trug er schon Anno eilf, auf Unserer
Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan.«
    »Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen«, erwiderte der tapfere Ritter
von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte; »auch mit dem Tanzen
will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend
im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, so -«
    »So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein paar Rippen
einstossen!« lachte der Herzog; »das heisse ich einen Bräutigamsgesellen von
echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich lieber links zu halten, der Ulmer
wird dir nicht wehe tun«
    Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten Galerie das
Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese schlossen sich die
Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen; dann folgte der glänzende Zug der
Fräulein und Edelfrauen, die sich zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren
in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte
einen Blumenstrauss und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von
Hewen und Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute schlossen
sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder; Marx Stumpf zu
seiner Rechten, der Ratsschreiber Dieterich Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes
Wesen schien von einer würdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig,
sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den
wehenden Federn des Baretts weit über seine Gesellen hervor. Die Leute
betrachteten ihn staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt,
seine edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen seine schönen
Züge und das freie, glänzende Auge.
    So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der Kirche, die nur durch
einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen die schönen
Mädchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzüge der Fräulein,
strengten die Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging, und waren voll Lobes
über den Bräutigam.
    Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige, runde Bauersfrau
mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich immerwährend zu grosser
Belustigung der Städtler umher, die nur der Braut und dem Herzog diese
Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das
schöne Kind an ihrer Seite schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie
übersah den glänzenden Zug der Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf
die nahende Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich die
Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestüm, und das
pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnürt war,
zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, die hohe
Schönheit der jungen Braut schien sie zu überraschen, ein wehmütiges Lächeln
zuckte um ihren kleinen Mund: »Sie ist's!« rief sie unwillkürlich aus, und
verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem Rücken ihrer Mutter, denn die
Umstehenden sahen verwundert nach ihr hin.
    »Jo, dia ist's, Bärbele! dia ist grausig schö!« flüsterte die runde Frau,
und neigte sich tief. »Jetzt wellet mer uf da Junker bassa.«
    Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen, denn sie blickte
längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen musste. »Er kommt, er kommt«,
hörte sie ihre Nachbarn flüstern, »der ist's in dem weissen Kleid, mit dem blauen
Mantel, er geht gerade vor dem Herzog.« Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie
nach ihm hin, und wagte dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Röte ihrer
Wangen verschwand, als er vorüberging, sie zitterte, eine Träne fiel herab auf
das rote Mieder; - jetzt war er vorüber, jetzt hob sie das Köpfchen wieder ein
wenig auf, und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken schien, als
die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.
    Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit Ungestüm zu den
Kirchtüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz zuvor den
Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die
runde Frau blickte noch immer staunend den schönen geputzten Stadtjungfern nach,
welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten Miedern, mit ihren feinen
langen Röcken, an welchen man nur um Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart
zu haben schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach solcher Pracht und
Herrlichkeit erweckt hatten.
    Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind hatte
das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen und weinte. Sie konnte nicht
begreifen was dem Mädchen begegnet sein könne, sie fasste ihre Hand, zog sie
herab von den Augen - sie weinte bitterlich. »Was hoscht denn, Bärbele«, fragte
sie halb unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, »was heulscht denn? Hoscht's denn
et gseha? Gang, 's ist jo a Schand! wenn's jo ebber sieht; so sag no worum da
heulscht?«
    »I wois et, Muater!« flüsterte sie, indem sie vergeblich ihre Tränen zu
bezwingen suchte; »es ist mer so weh im Herz drin, i woiss et worum.«
    »Lass jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in d'Kirch. Hairsch,
wie se musizieret und singet? komm, sonst seha mer nix mai!« Die Frau zog bei
diesen Worten das Mädchen nach der Kirche. Bärbele folgte, sie bedeckte die
Augen mit der weissen Schürze, um nicht den Stadtleuten zum Gespött zu werden,
aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, liessen ahnen,
dass sie einen tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken suche. Die Orgel
schwieg, der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtüre anlangten; die
Einsegnung des schönen Paares musste in diesem Augenblick beginnen. Aber
vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen, welche die
Türe füllten, sie wurde, sooft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte,
unwillig und mit Scheltworten zurückgestossen.
    »Komm, Muater!« sprach das Mädchen, »mer wellet hoim; mer sent arme Leut,
uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim.«
    »Was? d'Kircha sind für älle Leut erschaffa; au für d'arme. Wia, ihr Herra,
lent es e bisle do nei. Mer sehet jo gar nix.«
    »Waz!« sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte ihr ein
rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu. »Waz? packt Euch fort, wir lassen
niemand durch; wir zind die allergnädigsten herzoglichen Landsknechte wir, und
nach dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele mehr durch;
Mordblei! tut mir leid, wenn ich in der Kirche fluche, aber ich zag, weg da!«
    »Die Olte muss weg, sogen wer, ober das Dienderl dorf rein; komm Schätzerl!
Do konnst's recht gut sehen! schaut's, jetzt stecht ihr der Probst den Ring on,
jetzt legt er ihne die Händ zusommen - gib mir en Schmatzerl, dann darfst sehn.«
Der Kasperle von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem
Mädchen aus, doch diese schrie laut auf, und entfloh weinend; die runde Frau
aber verwünschte die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanständigen
Landsknechte, und folgte ihrer Tochter.
 
                                      VII
 So hab ich endlich dich gerettet
 Mir aus der Menge wilden Reihn
 Du bist in meinen Arm gekettet,
 Du bist nun mein, nun einzig mein.
 Es schlummert alles diese Stunde,
 Nur wir noch leben auf der Welt;
 Wie in der Wasser stillem Grunde
 Der Meergott seine Göttin hält.
                                                                       L. Uhland
Herzog Ulerich von Württemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter
Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen zum
Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitfeste Mariens von Lichtenstein blieb er
seiner Gewohnheit treu.
    Man war, als die heilige Handlung in der Kirche vorüber war, in den
Lustgarten am Schloss gezogen; dort hatten sich in den Laubgängen und künstlich
verschlungenen Wegen die Hochzeitgäste ergangen, oder an den zahmen Hirschen und
Rehen im Gehege, oder an den Bären die in einem der Gräben des Schlosses
umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr hatten die Trompeten zur Tafel
gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele
hundert Gäste fasste. Diese Halle war die Zierde des Schlosses zu Stuttgart. Sie
mass wohl hundert Schritte in der Länge; die eine Seite, die gegen den Garten des
Schlosses lag, war von vielen breiten Fenstern unterbrochen, und der freundliche
Tag ergoss sich durch die vielfarbigen Scheiben, und erhellte überall das
ungeheure Gemach, das mit seinen Wölbungen und Säulen mehr einer Kirche als
einem Tummelplatz der Freude glich. Um die drei übrigen Seiten liefen Galerien
mit Teppichen reich behängt, sie waren für die Geiger und Trompeter und für die
Zuschauer bei einem fürstlichen Mahle bestimmt, oft aber dienten sie den Damen
und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn nicht der Klang der Becher, sondern
Schwertiebe, das Krachen der Lanzen, das Sausen der Speere, und das Gelächter
und Geschrei der Kämpfer beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.
    Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner Frauen und fröhlicher
Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen. Auf den Galerien schwangen die Geiger
lustig ihre Fiedelbogen, die Zinkenisten bliesen ihre Backen auf, die Trommler
schlugen kräftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Hallo! stimmte die
Volksmenge, die man auf den übrigen Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein,
wenn die Herren unten einen Trinkspruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der
Halle, sass unter einem Tronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der
Stirne gerückt, schaute fröhlich um sich, und sprach dem Becher fleissig zu. Zu
seiner Rechten, an der Seite des Tisches, sass Marie; jetzt wollte die Sitte
nicht mehr, dass sie die Augen niederschlug, und sechs Schritte von dem Geliebten
entfernt bleibe. Ein fröhliches Leben war in ihre Augen, um ihren Mund
eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenüber sass, es
war ihr oft, als müsse sie sich überzeugen, dass dies alles kein Traum, dass sie
wirklich eine Hausfrau sei, und den Namen, den sie achtzehn Jahre getragen,
gegen den Namen Sturmfeder vertauscht habe; sie lächelte, sooft sie ihn ansah,
denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seit er aus der Kirche kam, eine gewisse
Würde. »Er ist mein Haupt«, sagte sie lächelnd zu sich; »mein Herr, mein
Gebieter, o der gute Herr! das liebe Haupt!«
    Und es war so wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fühlte sich gehobener,
mit einer neuen Würde umgeben; es schien ihm, als zeigen ihm die Junker mehr
Ehrfurcht, als ziehen ihn die älteren Ritter freundlicher zu sich heran, seit er
nicht mehr allein in der Welt stand, sondern wie sie, ein Hausvater, vielleicht
der Stifter eines glänzenden Geschlechtes geworden war. Denn in den guten alten
Zeiten waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte sich den
Edelmann und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern und überliess das
Zölibat den Mönchen.
    In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf von
Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der Ratsschreiber von Ulm
sass nicht ferne, weil er heute als Geselle des Bräutigams diesen Ehrenplatz sich
erworben hatte. Der Wein begann schon den Männern aus den Augen zu leuchten und
den Frauen die Wangen höher zu färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein
Zeichen gab. Die Speisen wurden weggenommen, und im Schlosshof unter die Armen
verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne Früchte, und die
Weinkannen wurden für die Männer mit besseren Sorten gefüllt; den Frauen brachte
man kleine silberne Becher mit spanischem, süssem Weine. Sie behaupteten zwar
keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und nippten sie von dem
süssen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe hätte machen können. Jetzt war
der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke
überbracht wurden. Man stellte Körbe neben Marien auf, und als die Geiger und
Pfeifer von neuem gestimmt hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein
langer glänzender Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen
Hofes, sie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, Schmuck von edlen Steinen
als ein Geschenk des Herzogs.
    »Mögen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten eurer Kinder, bei den
Taufen eurer Enkel kreisen, mögen sie euch an einen Mann erinnern, dem ihr beide
im Unglück Liebe und Treue bewiesen, an einen Fürsten, der im Glück euch immer
gewogen und zugetan ist.«
    Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke; »Euer Durchlaucht
beschämen uns«, rief er, »wollet Ihr Liebe und Treue belohnen, so wird sie nur
zu bald um Lohn feil sein.«
    »Ich habe sie selten rein gefunden«, erwiderte Ulerich, indem er einen
unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte, und dem jungen Mann die Hand
drückte, »noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe gehalten, drum ist
es billig, dass wir die reine Treue mit reinem Golde, und edle Liebe mit edlen
Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, Eure schöne Frau vergisst Tränen? Ich weiss
die Quelle dieses klaren Taues, es ist die Erinnerung an unser bitteres
Geschick, die wir selbst heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen,
schöne Frau. Am Hochzeittag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures
Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wisst noch welche?«
    Marie errötete, und warf einen forschenden Blick nach Georg hinüber, als
fürchte sie, jenes alte Übel, das sie oft kaum zu beschwören vermochte, möchte
wiederkehren. Georg wusste recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Szene, die
er hinter der Türe belauschte, war ihm noch immer im Gedächtnis; doch er fand
Gefallen daran, den Herzog und Marien zu necken, und antwortete als diese noch
immer schwieg: »Herr Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele,
wenn also meine Frau in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es mir zu
sie zu bezahlen.«
    »Ihr seid zwar ein hübscher Junge«, entgegnete Ulerich mit Laune, »und
manche unserer Fräuleins hier am Tische möchte vielleicht gerne einen solchen
Schuldbrief an Euren schönen Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht
frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen Eurer Frau.«
    Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich Marien, die bald
errötend bald erbleichend ängstlich auf Georg herübersah; »Herr Herzog«,
flüsterte sie, indem sie den schönen Nacken zurückbog, »es war nur Scherz; - ich
bitte Euch.« Doch Ulerich liess sich nicht irremachen, sondern zog die Schuld
samt Zinsen von ihren schönen Lippen ein.
    Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf den
Herzog, bald auf seine Tochter, vielleicht mochte ihm Ulerich von Hutten
beifallen, denn seine Blicke streiften auch ängstlich auf seinen Schwiegersohn.
Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit höhnischer Schadenfreude aus den
grünen Äuglein auf den jungen Mann; »Hi, hi«, rief er ihm zu; »ich leere meinen
Becher auf gutes Wohlsein. Eine schöne Frau ist eine gute Bittschrift in aller
Not; wünsche Glück, liebster, wertgeschätzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was
Unschuldiges, solange es vor den Augen des Ehemanns geschieht.«
    »Allerdings, Herr Kanzler!« erwiderte Georg mit grosser Ruhe, »um so
unschuldiger als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner Durchlaucht diesen
Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater für uns zu bitten, dass er
mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich dafür diesen Lohn an unserem
Hochzeittage.«
    Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an, Marie errötete von neuem,
denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedächtnis zurückrufen, aber keines
von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie es für unschicklich hielten, ihn
Lügen zu strafen, sei es, weil sie ahneten er könne sie belauscht haben. Aber
Ulerich konnte doch nicht unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände zu
befragen, er teilte sie ihm in wenigen Worten mit.
    »Du bist ein sonderbarer Kauz!« flüsterte der Herzog lachend, »was hättest
du denn gemacht, wenn Wir damals ein Küsschen erobert hätten?«
    »Ich kannte Euch noch nicht«, flüsterte Georg ebenso leise, »drum hätte ich
Euch auf der Stelle niedergestochen und an die nächste Eiche aufgehängt.«
    Der Herzog biss sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber
drückte er ihm freundlich die Hand und sagte: »Da hättest du alles Recht dazu
gehabt, und Wir wären in Unseren Sünden abgefahren. - Doch siehe, da bringen sie
wieder Spenden für die Braut.«
    Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit
geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgeräte, Waffen, Stoff zu
Kleidern und dergleichen; man wusste zu Stuttgart, dass es der Liebling des
Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch eine Gesandtschaft der
Bürger eingestellt, ehrsame angesehene Männer in schwarzen Kleidern; kurze
Schwerter an der Seite; mit kurzen Haaren und langen Bärten. Der eine trug eine
aus Silber getriebene Weinkanne, der andere einen Humpen aus demselben Metall,
mit eingesetzten Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem
Herzog, verbeugten sich vor ihm, und traten dann zu Georg von Sturmfeder.
    Sie verbeugten sich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub an:
»Gegrüsset sei das Ehepaar
Und leb zusamt noch manches Jahr;
Um euch zu fristen langes Leben
Will Stuttgart euch ein Tränklein geben.
Des Lebens Tränklein ist der Wein,
Komm guter Geselle schenk mir ein.«
Der andere Bürger goss aus der Flasche den Humpen voll, und sprach während der
erste trank:
»Von diesem Tränklein steht ein Fass
Vor eurer Wohnung auf der Gass.
Es ist vom besten, den wir haben,
Er soll euch Leib und Seele laben;
Er geb euch Mut, Gesundheit, Kraft,
Das wünscht euch Stuttgarts Bürgerschaft.«
Der erstere hatte indessen ausgetrunken und füllte den Becher von neuem, und
sprach, indem er ihn dem jungen Mann kredenzte:
»Und wenn ihr trinkt von diesem Wein
Soll euer erster Trinkspruch sein:
Es leb der Herzog und sein Haus!
Ihr trinkt bis auf den Boden aus;
Dann schenkt ihr wieder frischen ein:
Hoch leb Sturmfeder und Lichtenstein.
Und lüstet euch noch eins zu trinken,
Mögt ihr an Stuttgarts Bürger denken.«
Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand, und dankte ihnen für ihr schönes
Geschenk; Marie liess ihre Weiber und Mädchen grüssen, und auch der Herzog
bezeugte sich ihnen gnädig und freundlich. Sie legten den silbernen Becher und
die Kanne in den Korb zu den übrigen Geschenken, und entfernten sich ehrbaren
und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Bürger waren nicht die letzten
gewesen, welche Geschenke gebracht hatten; denn kaum hatten sie die Halle
verlassen, so entstand ein Geräusch an der Türe, wo die Landsknechte Wache
hielten, das selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte tiefe
Männerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertönten hohe Weiberstimmen, von
denen besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten
Ende der Tafel sehr bekannt schien.
    »Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!« flüsterte Lichtenstein
seinem Schwiegersohn zu, »Gott weiss, was sie wieder für Geschichten hat.«
    Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren was das Lärmen zu
bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber wollen durchaus in
die Halle, um den Neuvermählten Geschenke zu bringen; da es aber nur gemeines
Volk sei, so wollen sie die Knechte nicht einlassen. Ulerich gab Befehl sie
vorzubringen, denn die Sprüchlein der Bürger hatten ihm gefallen, und auch von
den Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum, und Georg
erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von Hardt mit ihrem
schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel ihrer Base.
    Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Züge des Mädchens von
Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis verloren, zu bemerken geglaubt; aber
wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakraments, die seine ganze Seele
füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung verdrängt. Er belehrte die
Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und mit grossem Interesse blickten sie alle
auf das Kind jenes Mannes, dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des
Herzogs ihnen oft so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue ihnen so erhaben,
dessen Hülfe in der Not so willkommen erschienen war. Das Mädchen hatte die
blonden Haare, die offene Stirne, die Züge ihres Vaters; nur die List, die aus
seinen Augen, die Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war bei ihr,
wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine neckende Freundlichkeit und in
rüstiges behendes Wesen übergegangen. So hatte sie Georg erkannt, als er im
Hause des Pfeifers wohnte, doch heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten
etwas schüchtern, ja es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr
Gesicht gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut
und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach.
    Die Pfeifersfrau wusste was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher von der
Türe der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs kam. Frau Rosel
hatte noch die Röte des Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte,
namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl, hatten sie höchlich beleidigt,
und sie eine dürre Stange geheissen. Ehe sie noch sich sammeln und den
Herrschaften geziemend die Familie ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die
runde Frau schon einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefasst und ihn an die
Lippen gedrückt: »Guetan Obed, Herr Herzich«, sprach sie dazu mit tiefen
Knicksen; »wie got Ich's, seit Er wieder in Schtuagerdt send; mei Ma losst Ich
schö grüassa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drübe
welle mer. Mer hent a Hochzeitschenke für sei Frau. Do sieztt se jo, gang
Bärbele, lang's aus em Krättle.«
    »Ach! du lieber Gott«, fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin ins Wort; »bitt'
untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, dass ich die Leut reingebracht
habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt; ach! du Herr Gott, nehmet doch
nichts übel, Herr Herzog; die Frau meint's gwiss gut.«
    Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der Frau Rosel, als über
die Reden ihrer Schwägerin: »Was macht denn dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns
bald besuchen? Warum kam er nicht mit euch?«
    »Sell hot sein Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau; »wenn's Krieg geit,
bleibt er gwiss et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, do denkt er,
mit grausse Herra ist's et guet Kirscha fressa.«
    Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivetät der runden Frau, sie
zog sie am Rock und am langen Zopfhand, es half nichts, die Frau des Pfeifers
sprach zu grosser Ergötzung des Herzogs und seiner Gäste immer weiter, und das
unauslöschliche Gelächter, das ihre Antworten erregten, schien ihr Freude zu
machen. Bärbele hatte indessen mit dem Deckel des Körbchens gespielt, sie hatte
einigemal gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im
Fieber der Krankheit so oft an ihrem Busen geruht, und in ihren treuen Armen
Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft
heimlicherweise mit ihren Lippen berührt hatte, und jene Augen, deren klarer,
freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie erhob ihre Blicke
immer wieder von neuem doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug
sie sie wieder - aus Furcht, seinem Auge zu begegnen - - herab.
    »Siehe, Marie«, hörte sie ihn sagen, »das ist das gute Kind, das mich
pflegte als ich krank in ihres Vaters Hütte lag; das mir den Weg nach
Lichtenstein zeigte.«
    Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das Mädchen zitterte, und
ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie öffnete ihr Körbchen und überreichte ein
Stück schöner Leinwand und einige Bündel Flachs, so fein und zart wie Seide. Sie
versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie küsste die Hand der jungen Frau, und
eine Träne fiel herab auf ihren Ehering.
    »Ei, Bärbele«, schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern und
ängstlich; gnädige Fräulein - wollte sagen, gnädige Frau, habt Nachsicht, sie
kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut ,
heisst es im Sprüchwort: das Mädchen kann sonst so fröhlich sein wie eine
Schwalbe im Frühling -«
    »Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie, »wie schön deine Leinewand ist! Die
hast du wohl selbst gesponnen?«
    Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! - zu sprechen schien
ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. Der Herzog befreite sie von dieser
Verlegenheit, um sie noch in eine grössere zu ziehen. »Wahrhaftig, ein schönes
Kind hat Hanns der Spielmann«, rief er aus, und winkte ihr näher zu treten;
»hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das
rote Mieder und das kurze Röckchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst
du nicht, wir könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch
bei unseren Schönen in Stuttgart einführen?«
    Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lächeln; er beschaute
das errötende Mädchen mit seinen Äuglein vom Kopf bis zu den Füssen. »Man könnte
zum Grund angeben«, sagte er, »dass dadurch eine Elle in der Länge erspart würde;
so gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren das Mass und Gewicht hat kleiner
machen lassen, habt Ihr nach allen Regeln der Logika auch das Recht dem
Frauenzimmer die Röcklein zu verkürzen. Wäre aber damit nichts gewonnen, denn -
hi, hi, hi! schaut nur, was dort wegfiele, müssten dann die hiesigen Schönen oben
wieder ansetzen. Und wer weiss, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören
zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wisst schon, dass diese nicht gerne auf ihre
Beine sehen.«
    »Hast recht! Ambrosius«, lachte der Herzog; »es geht doch nichts über einen
gelehrten Herrn! Aber sag einmal, Kind, hast du auch schon einen Schatz? einen
Liebsten?«
    »Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde Frau, »wer wird so
ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Mädle, Herr Herzich!«
    Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören; er betrachtete
lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zügen des Mädchens
abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bändern ihrer Zöpfe,
sie sandte unwillkürlich einen Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von
Sturmfeder, und schlug dann errötend wieder die Augen nieder. Der Herzog, dem
dies alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus, in das die übrigen Männer
einstimmten. »Junge Frau!« sagte er zu Marien, »jetzt könnt Ihr billig die
Eifersucht Eures Herrn teilen, wenn Ihr gesehen hättet was ich sah, könntet Ihr
allerlei deuteln und vermuten.«
    Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen; sie fühlte,
wie wehe ihr der Spott der Männer tun müsse. Sie flüsterte der Frau Rosel zu,
sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dieses bemerkte Ulerichs scharfer
Blick und seine heitere Laune schrieb es der schnell erwachten Eifersucht zu.
Marie aber band ein schönes, aus Gold und roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen
ab, das sie an einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem
überraschten Mädchen. »Ich danke dir«, sagte sie ihr dazu; »grüsse deinen Vater
und besuche uns recht oft hier und in Lichtenstein! Wie wäre es, wenn du mir
dientest als Zofe? Du sollst es gut haben, und hast ja auch deine Muhme, Frau
Rosel, bei uns.«
    Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kämpfen, oft schien
ein freundliches Lächeln »ja« sagen zu wollen, aber ebensooft drängte ein
schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschluss zurück: »I dank schö; gnädige
Frau!« antwortete sie, indem sie Mariens schöne Hand küsste; »aber i muess daheim
bleibe; d'Mueter wird alt und braucht me, b'hüt Ich Gott der Herr, älle Heilige
walten über Ich, und die heilige Jungfrau sei Ich gnädig. Lebet gsund und froh
mit Euerem Herra, es ist a gueter, lieber Herr!« Noch einmal beugte sich Bärbele
herab auf Mariens Hand, und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der Base.
    »Hör einmal«, rief ihr der Herzog nach, »wenn deine Mutter einmal zugibt,
dass du einen Liebsten bekommst, so bring ihn mir; ich will dich ausstatten, du
hübsches Pfeiferskind!«
    Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der Herzog hob die Tafel
auf. Dies war das Zeichen, dass sich jetzt das Volk von den Galerien entfernen
müsse, die sogleich mit Polstern und Teppichen belegt, und zum Empfang der Damen
eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln
weggeräumt, Lanzen, Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu
Ritterspielen herbeigeschleppt, und in einem Augenblicke war diese grosse Halle,
die noch soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal
eingerichtet. Wie die Damen in unseren Tagen gerne lauschen, wenn die Männer
sich in gelehrte Diskussionen und politische Streitigkeiten einlassen, wie jede
wünscht den Geliebten oder Gemahl am scharfsinnigsten urteilen, am
schnellzüngigsten disputieren zu hören, so war es in den guten alten Zeiten den
Frauen Freude, selbst blutige Kämpfe ihrer Männer zu beobachten, und aus manchem
schönen Auge blitzte das Hochgefühl, einem Tapfern anzugehören, manche holde
Wange schmückte ein höheres Rot, nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern wenn
er sich zurückzuziehen schien, oder seine Hiebe nicht so kräftig waren wie die
seines Gegners.
    Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt, und Marie hatte
die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen überreichen zu können,
denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferste
Kämpfer war Herzog Ulerich von Württemberg, eine Zierde der Ritterschaft seiner
Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm, dass er an seinem eigenen Hochzeittag,
acht der stärksten Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf.
Nachdem die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den
Rittersaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortänze eingeräumt. Der
fröhliche Reigen ertönte bis in die Nacht; der Herzog schien alle Sorgen vor der
bangen Zukunft auf den Höcker seines Kanzlers geschoben zu haben, der wie die
böse Zeit in einem Fenster sass, und mit bitterem Lächeln einem Vergnügen
zuschaute, von welchem ihn seine eigene Missgestalt ausschloss.
    Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulerich die Krone des Festes, die
junge, schöne Frau Marie aufrufen, doch im ganzen Saal suchte er und Georg sie
vergebens auf, und die lächelnden Frauen gestanden, dass sechs der schönsten
Fräulein sie entführt, und in ihre neue Wohnung begleitet haben, um ihr dort,
wie es die Sitte wolle, die mysteriösen Dienste einer Zofe zu erzeigen.
    »Sic transit gloria mundi!« sagte der Herzog lächelnd; »und siehe, Georg, da
nahen sie schon mit den Fackeln, deine Gesellen und zwölf Junker, sie wollen dir
heimzünden Doch zuvor leere noch einen Becher mit Uns - Geh Mundschenk! bring
vom Besten.«
    Marx Stumpf von Schweinsberg und Dieterich von Kraft naheten sich mit
Fackeln, und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie schlossen sich
zwölf Junker, ebenfalls mit Fackeln an, um dem jungen Mann diese Ehre zu
erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundschenk goss
die Becher voll, und kredenzte sie seinem Herzog und Georg von Sturmfeder.
    Ulerich sah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte seine Hand und
sagte:
    »Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter der Erde lag,
hast du dich zu mir bekannt; als jene vierzig meine Burg übergaben und kein
Stückchen Württemberg mehr mein war, bist du mir aus dem Land gefolgt, hast mich
oft getröstet und auch auf diesen Tag verwiesen. Bleibe mein Freund, wer weiss
was die nächsten Tage bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie
schreie: Hoch! auf das Wohl meines Hauses, und doch war mir dein Trinkspruch
mehr wert, den du in der Höhle ausbrachtest, und den das Echo beantwortete. Ich
erwidere es jetzt und gebe es dir zurück: Sei glücklich mit deinem Weibe, möge
dein Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge es Württemberg nie an
Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu im Unglück wie du!«
    Der Herzog trank und eine Träne fiel in seinen Becher. Die Gäste stimmten
jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger ordneten sich, und seine Gesellen
führten Georg von Sturmfeder aus dem Schloss der Herzoge von Württemberg.
 
                                      VIII
 Auch aus entwölkter Höhe
 Kann der zündende Donner schlagen,
 Darum in deinen glücklichen Tagen
 Fürchte des Unglücks tückische Nähe.
                                                                        Schiller
Der Weg, den die berühmtesten Novellisten unserer Tage bei ihren Erzählungen aus
alter oder neuer Zeit einschlagen, ist ohne Wegsäule zu finden, und hat ein
unverrücktes, bestimmtes Ziel. Es ist die Reise des Helden zur Hochzeit. Mag
sein Weg sich noch so oft krümmen, wagt er es sogar Abstecher zu machen, und in
Wirtshäusern und Burgen ungebührlich lange zu verweilen, er eilt nachher um so
rascheren Schrittes seinem Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden
mit gehöriger Würde in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der Autor dem Leser
die Türe vor der Nase zuzuwerfen und das Buch zu schliessen. Auch wir hätten mit
dem herrlichen Reigen im Schloss zu Stuttgart schliessen, oder den Leser mit dem
Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinausbegleiten können, aber die höhere
Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse, das wir an einigen Personen dieser
Historie nehmen, nötigt uns den geneigten Leser aufzufordern, uns noch einige
wenige Schritte zu begleiten, und den Wendepunkt eines Schicksals zu betrachten,
das in seinem Anfang unglücklich, in seinem Fortgang günstiger, durch seine
eigene Notwendigkeit sich wieder in die Nacht des Elends verhüllen musste.
    Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist eine Geisterstimme,
die warnend durch die Weltgeschichte tönt, die von vielen vernommen, von den
meisten überhört, von wenigen befolgt wurde; zu allen Zeiten ging ein finsterer
Geist durch das Haus der Erde, man vernahm oft sein Rauschen, man suchte es
durch die Töne der Freude zu übertäuben. Ulerich von Württemberg hatte jene
Stimme in mancher Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager
durchwachte. Er glaubte das Geräusch vieler Gewappneter, und die dröhnenden
Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und näher um ihn sich
lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte, dass es nur die Nachtluft war,
die um die Türme seines Schlosses brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in
ihm zurück, dass sein Schicksal noch einmal sich wenden könnte. Jene Warnung des
alten Ritters von Lichtenstein tönte oft in seiner Seele wider, und vergeblich
strengte er sich an, die künstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu
wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt zum
wenigsten nicht genug überdacht schien. Denn seine alten Feinde rüsteten sich
mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land,
näher und näher an das Herz von Württemberg. Die Reichsstadt Esslingen bot für
diese Unternehmungen einen nur zu günstigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige
Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Lande, und war, sobald das Heer
des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze,
um Ausfälle nach Württemberg zu begünstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an
vielen Orten den Bund günstig auf, denn der Herzog hatte sie durch die neue Art,
wie er sich huldigen liess, ängstlich gemacht. Der Württemberger liebt von jeher
das Alte und Hergebrachte. Altes Recht, alte Ordnung, sind ihm goldene Worte,
wenn er auch oft nicht weiss, was sie bedeuten, und ob das Neue nicht besser ist.
Seine Ruhe, die er bei anderen Zufällen des Lebens zeigt, verlässt ihn, wenn man
von Neuerungen spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, lässt ihn das
Alte mit einer Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm sonst
fremd ist, und gänzlich ausser seinem Wesen, der ruhigen, biederen
Geschäftigkeit, liegt.
    Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er
einige Jahre zuvor seinen Räten folgte, und zur Verbesserung seiner Finanzen ein
neues Mass und Gewicht einführte. Der »Arme Konrad«, ein förmlicher Aufstand
armer Leute hatten ihn nachdenklich gemacht und den Tübinger Vertrag
eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine rührende Weise an ihm
gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und das Haupt des alten Fürstenstammes
verjagen wollte. Ihre Väter und Grossväter hatten unter den Herzogen und Grafen
von Württemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhasst, der diese verdrängen
wollte; wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen
Stattaltern oft genug bewiesen.
    Der alte angestammte Herzog, ein Württemberger, kam wieder ins Land; sie
zogen ihm freudig zu; sie glaubten jetzt werde es wieder hergehen wie »vor
alters«; sie hätten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Gülten aller
Art entrichtet und Fronen geleistet; sie hätten über Schwereres nicht gemurrt,
wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen wäre. So gut ward es ihnen aber
nicht; die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern
wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als
früher, kein Wunder wenn sie den Herzog als einen neuen Herren ansahen, und
murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulerich kein Zutrauen
mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er
bedeutend mehr von ihnen wollte als früher, sondern weil sie die neuen Formen
mit argwöhnischen Augen ansahen.
    Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht,
erfährt selten genau wie man über ihn denkt, und ob die Massregeln klug berechnet
waren, die ihm seine Räte an die Hand geben. Und dennoch entging Ulerichs hellem
Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, dass er im
schlimmen Falle sich nicht auf sie werde verlassen können, so wenig als auf die
Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral
verhalten hatte.42
    Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen. Er
beschwor die wildesten Töne der Freude herauf, und oft gelang es ihm sogar
selbst zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um seinem Volk
und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen und Mut
einzuflössen, einige Einfälle, welche die Bündischen von Esslingen aus in sein
Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. Er schlug sie zwar und verwüstete
ihr Gebiet, aber er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Siege in
seine Stellungen zurückging, dass das Kriegsglück ihn vielleicht verlassen
könnte, wenn der Bund einmal mit dem grossen Heere im Feld erscheinen werde.
    Und er erschien frühe genug für Ulerichs zweifelhaftes Geschick. Noch wusste
man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man
am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwölften
Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei Cannstatt hatte
beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart kamen, und von einem grossen bündischen
Heer erzählten, das sie zurückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner
Stuttgarts, dass eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, dass der
Herzog längst um diesen drohenden Einfall gewusst haben müsse, denn er liess an
diesem Tage die Ämter aufbieten, liess die Truppen sich versammeln, die auf das
Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses Tages eine
Musterung über zehntausend Mann.43
    Noch in der Nacht zog er mit einem grossen Teil der Mannschaft aus, um die
Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und Esslingen
genommen hatte, zu verstärken.
    In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von schönen Augen geweint,
denn Männer und Jünglinge, was die Waffen führen konnte, zog mit dem Herzog in
die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden Heeres übertönte die Klagen der
Mädchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der
Elemente. Mariens Schmerz war stumm, aber gross, als sie den Gatten unter die
Türe herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater
hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt, die
ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im
Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, überhörten sie das
Flüstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie
waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie
sein Auge immer trüber, seine Stirne finsterer, seine Mienen beinahe traurig
wurden. Er sah ihr süsses Glück, er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu
frühe aufzustören, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte
der entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des Landes
vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines
geliebten Weibes.
    Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit über
jedes irdische Verhängnis gegeben, die nur in einer reinen Seele und in der
mutigen Zuversicht auf einen höhern Beistand bestehen kann. Sie wusste, was Georg
der Ehre seines Namens, und seinem Verhältnis zum Herzog schuldig sei, darum
erstickte sie jeden lauten Jammer, und brachte ihrer schwächeren Natur nur jenes
Opfer schmerzlicher Tränen, die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren
preisgegeben sieht, unwillkürlich entströmen.
    
    »Siehe, ich kann nicht glauben, dass du auf immer von mir gehst«, sagte sie,
indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln zwang; »wir haben jetzt erst zu
leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, dass wir schon Aufhören sollen.
Drum kann ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiss ja zuversichtlich, dass du mir
wiederkehrst.«
    Georg küsste die schönen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll Trost
anblickten. Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Gefahr, der er
entgegengehe, nicht an die Möglichkeit, dass vielleicht schon das nächste
Morgenrot seine Leiche bescheinen werde; er dachte nur daran, wie gross für das
teure Wesen, das er in den Armen hielt, der Schmerz sein müsste, wenn er nicht
mehr zurückkehrte: wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der Erinnerung
an die wenigen Tage des Glückes, fortleben könnte. Er presste sie heftiger in die
Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken verscheuchen, seine Blicke
tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es
gelang ihm, wenigstens trug er ein schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht
mit sich hinweg.
    Die Ritter stiessen vor dem Tor gegen Cannstatt zu dem Herzog. Es war dunkle
Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne warfen einen matten
Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, dass der Herzog finster und in sich
gekehrt sei, denn seine Augen waren niedergeschlagen, seine Stirne kraus, und er
ritt stumm seinen Weg weiter, nachdem er sie flüchtig mit der Hand gegrüsst
hatte.
    Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes an sich.
Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden, der Wechsel der
Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gespräch, wohl auch zum Gesang. Weil
die Eindrücke von aussen stärker sind, denkt man weniger nach über das Ziel des
Marsches, über das Ungewisse des Krieges, über die Zukunft, die niemand dunkler
verhängt ist, als dem Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der
Nacht. Man hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse,
ihr Schnauben, das Klirren der Waffen; und die Seele, die durch das Auge keine
Bilder mehr empfängt, wird durch dieses eintönige Gemurmel ernster; Scherz und
Gelächter sind verstummt, das laute Gespräch sinkt zum Geflüster herab, und auch
dieses gilt nicht mehr gleichgültigen Gegenständen, sondern der Entscheidung,
welcher man entgegenzieht.
    So war auch der Zug in jener Nacht, ernst und von keinem Laut der Freude
unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein, und warf hie
und da ängstliche Blicke auf diesen, denn er hing wie von Kummer gebückt im
Sattel, und schien ernster als je zu sein. Er hätte beinahe ohne Leben
geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer aus seiner Brust
heraufgestiegen wäre, und seine glänzenden Augen nach den Wölkchen schauten, die
um die bleiche Sichel des Mondes zogen.
    »Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, Vater?« flüsterte Georg
nach einer Weile.
    »Zum Gefecht? zur Schlacht.«
    »Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, dass es uns jetzt schon
werde die Spitze bieten können? Es ist nicht möglich. Herzog Wilhelm müsste
Flügel haben, wenn er seine Bayern herabgeführt hätte, und Frondsberg ist in
seinen Entschlüssen bedächtig. Ich glaube nicht, dass sie viel über sechstausend
stark sind.«
    »Zwanzigtausend«, antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.
    »Bei Gott, das hab ich nicht gedacht«, entgegnete der junge Mann mit
Staunen. »Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben geübtes
Volk, und des Herzogs Augen sind schärfer als irgendeines im Bundesheere, selbst
als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, dass wir sie schlagen werden?«
    »Nein.«
    »Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein grosser Vorteil für uns liegt
schon darin, dass wir für das Land fechten, die Bündischen aber dagegen; das
macht unseren Truppen Mut; die Württemberger kämpfen für ihr Vaterland.«
    »Gerade darauf traue ich nicht«, sprach Lichtenstein; »ja wenn der Herzog
sich anders hätte huldigen lassen, so aber - hat er das Landvolk nicht für sich;
sie streiten, weil sie müssen und ich fürchte, sie halten nicht lange aus.«
    »Das wäre freilich schlimm«, erwiderte Georg; »doch die Schwaben sind ein
biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not verlassen! Wo
glaubt Ihr, dass wir dem Feind begegnen? wo werden wir uns stellen?«
    »Zwischen Esslingen und Cannstatt, bei Untertürkheim haben die Landsknechte
einige Schanzen aufgeworfen, und stehen dort zu drittalbtausend Mann; wir
werden uns noch in dieser Nacht an sie anschliessen.«
    Der Alte schwieg und sie ritten wieder eine geraume Zeit stille
nebeneinander hin. »Höre Georg!« hub er nach einer Weile an; »ich habe schon oft
dem Tod Aug in Auge gesehen, und bin alt genug mich nicht vor ihm zu fürchten;
es kann jedem etwas Menschliches begegnen - tröste dann mein liebes Kind,
Marie.«
    »Vater!« rief Georg, und reichte ihm die Hand hinüber, »denket nicht
solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit uns leben.«
    »Vielleicht«, entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, »vielleicht auch
nicht. Es wäre töricht von mir, dich aufzufordern, du sollst dich im Gefecht
schonen. Du würdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk an dein junges Weib,
und begib dich nicht blindlings und unüberlegt in Gefahr. Versprich mir dies.«
    »Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muss, werde ich nicht ablehnen;
leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr, Vater, könntet dies
geloben.«
    »Schon gut, lass das jetzt; wenn ich etwa morgen totgeschossen werden sollte,
so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt habe; Lichtenstein
geht auf dich über, du wirst damit belehnt werden. Mein Name stirbt hierzuland
mit mir, möge der deinige desto länger tönen.«
    Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; er wollte antworten,
als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihm
verlangte. Er drückte Mariens Vater die Hand und ritt dann schnell zu Ulerich
von Württemberg.
    »Guten Morgen, Sturmfeder!« sprach dieser, indem seine Stirne sich etwas
aufheiterte; »ich sag guten Morgen, denn die Hähne krähen dort unten in dem
Dorf. Was macht dein Weib? hat sie gejammert als du wegrittst?«
    »Sie hat geweint«, antwortete Georg; »aber sie hat nicht mit einem Wort
geklagt.«
    »Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus, Wir haben selten eine mutigere
Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wäre, dass ich recht in deine
Augen sehen könnte, ob du zum Kampf gestimmt bist und Lust hast, mit den
Bündlern anzubinden?«
    »Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp.
Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz vergessen,
was ich von Euch erlernte, dass man in Glück und Unglück den Mut nicht sinken
lassen dürfe?«
    »Hast recht; impavidum ferient ruinae; Wir haben es auch gar nicht anders
von Unserem getreuen Bannerträger erwartet. Heute trägt meine Fahne ein anderer,
denn dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du nimmst diese
hundertundsechzig Reiter, die hier zunächst ziehen, lässt dir von einem den Weg
zeigen, und reitest Trab gerade auf Untertürkheim zu. Es ist möglich, dass der
Weg nicht ganz frei ist, dass vielleicht die von Esslingen schon herabgezogen
sind, uns den Pass zu versperren; was willst du tun, wenn es sich so verhält?«
    »Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig Pferden
auf sie und hau mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu stark, so decke
ich den Weg bis Ihr mit dem Zug heran seid.«
    »Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust du so gut
auf sie wie auf mich bei Lichtenstein, so schlägst du dich durch sechshundert
Bündler durch. Die Leute, die ich dir gebe, sind gut. Es sind die Fleischer,
Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den anderen Städten. Ich kenne sie
aus manchem Kampf, sie sind wacker, und hauen einen Schädel bis aufs Brustbein
durch. Das Schwert in der Faust, reiten sie dir in die Hölle, wenn sie dir
einmal zugetan sind, und wen sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht
keinen Arzt mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.«
    »Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?«
    »Dort triffst du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter Georg von Hewen und
Schweinsberg. Die Losung is Ulericus für immer. Den beiden Herren sagst du, sie
sollen sich halten bis fünf Uhr, ehe der Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend
Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten. Gehab dich wohl, Georg.«
    Der junge Mann erwiderte den Gruss, indem er sich ehrerbietig neigte; er ritt
an der Spitze der tapfern Reiter, und trabte mit ihnen das Tal hinauf. Es waren
kräftige Gestalten, mit breiten Schultern und starken Armen, unter den
Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen und breite ehrliche Gesichter
freundlich an; er fühlte sich ehrenvoll ausgezeichnet eine solche Schar zu
führen. Bald ging jetzt der Weg bergan, man näherte sich dem Fuss des
Rotenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloss von Württemberg weit über das
schöne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt erhellt, und Georg
konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden, aber dennoch blickte er immer
wieder nach diesen Türmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo
Ulerich in der Höhle mit Wehmut von der Burg seiner Väter sprach, von welcher er
sonst auf ein schönes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut, und dies
alles sein genannt hatte. Er versank in Gedanken über das unglückliche Schicksal
dieses Fürsten, das ihm aufs neue den Besitz des schönen Landes streitig zu
machen schien; er dachte nach über die sonderbare Mischung seines Charakters,
wie hier wahrhafte Grösse oft durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht
sei.
    »Was Ihr dort unten unterscheiden könnet zwischen den beiden Bäumen«,
unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, »ist die Turmspitze von
Untertürkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und wenn wir Trab reiten,
können wir bald dort sein.«
    Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem Beispiel,
und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine doppelte Linie von
Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die Hellebarden
entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rötlichen Schimmer glühender
Lunden, die wie Scheinwürmchen durch die Nacht funkelten.
    »Halt, wer da?« rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. »Gebt die Losung!«
    »Ulericus für immer«, rief Georg von Sturmfeder. »Wer seid Ihr?«
    »Gut Freund!« rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus den Reihen der
Landsknechte heraus, und auf den jungen Mann zuritt. »Guten Morgen, Georg; Ihr
habt lange auf Euch warten lassen, schon die ganze Nacht sind wir auf den
Beinen, und harren sehnlich auf Verstärkung, denn dort drüben im Wald sieht es
nicht geheuer aus, und wenn Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir
schon längst übermannt.«
    »Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran«, erwiderte Sturmfeder.
»Längstens in zwei Stunden muss er da sein.«
    »Sechstausend, sagst du? bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug; wir sind zu
drittalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend; weisst du, dass sie über
zwanzigtausend stark sind, die Bündischen? Wie viel Geschütz bringt er mit?«
    »Ich weiss nicht; es wurde erst nachgeführt als wir ausritten.«
    »Komm, lass die Reiter absitzen und ruhen«, sagte Marx Stumpf; »sie werden
heute Arbeit genug bekommen.«
    Die Reiten sassen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lösten ihre
Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhöhen und am Neckar auf.
Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte sich in seinen Mantel
gehüllt, nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der Nacht, nur
durch den eintönigen Ruf der Wachen unterbrochen, senkte ihn bald in einen
Schlummer, der seine Seele weit hinweg über Krieg und Schlachten, in die Arme
seines Weibes entführte.
 
                                       IX
 In schwarzen Pulverdämpfen
 Verbirgt sich Mann und Ross;
 Ihr schlagt euch immer kecker
 Bergunter alle zumal;
 Jetzt sprengt ihr durch den Necker,
 Jetzt fechtet ihr im Tal.
                                                                       G. Schwab
Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die Waden
riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam, die Truppen des
Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann setzte den Helm auf,
liess sich den Brustarnisch wieder anlegen und stieg zu Pferd, den Herzog an der
Spitze seiner Mannschaft zu empfangen. Aus Ulerichs Zügen war zwar nicht der
Ernst, wohl aber alle Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte von einem
kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er
war ganz in Stahl gekleidet, und trug über seinem schweren Eisenkleid einen
grünen Mantel mit Gold verbrämt. Die Farben seines Hauses wehten in seinem
grossen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts von den übrigen
Rittern und Edeln, die ebenfalls in blankes Eisen »bis an die Zähne« gekleidet,
den Herzog in einem grossen Kreis umgaben. Er begrüsste freundlich Hewen,
Schweinsberg und Georg von Sturmfeder, und liess sich von ihnen über die Stellung
des Feindes berichten.44
    Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saum des Waldes gegen
Esslingen hin, sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog beschloss
den Hügel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu verlassen, und sich
in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber, so
berichteten Überläufer, zählte dreitausend Pferde. Im Tal hatte er auf einer
Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, und so war er wenigstens auf den
Flanken vor einem Reiterangriff sicher.
    Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im Tal, weil
man vom Hügel zu nahe beschossen werden könne; doch Ulerich folgte seinem Sinn
und liess das Heer hinabsteigen. Er stellte zunächst vor Türkheim die
Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg von Sturmfeder wurde
beordert, in seiner Nähe mit den Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu
halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache bilden; zu diesen berittenen
Bürgern gesellten sich noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um
bei einem Reiterangriff den Stoss zu verstärken. In jenen Tagen war ein Treffen
oft in viele kleine Zweikämpfe zerstreut, die Ritter, die einem Heere folgten,
fochten selten in geschlossenen Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke
einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und Lanze
bekämpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen stand, und den
Herzog selbst gelüstete es, seine ungeheure Kraft, seine weitberühmte Fertigkeit
in einem solchen Zweikampf zu erproben, und nur die inständigen Bitten der
Ritter hielten ihn ab, diese romantische Idee auszuführen. Neben dem Herzog
hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkröte, die zu Pferd sitzt,
anzusehen. Ein Helm mit grossen Federn sass auf einem kleinen Körper, der auf dem
Rücken mit einem gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte die
Kniee weit heraufgezogen, und hielt sich fest am Sattelknopf. Das
herabgeschlagene Visier verhinderte Georg zu erkennen, wer dieser lächerliche
Kämpfer sei; er ritt daher näher an den Herzog heran und sagte:
    »Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus mächtigen Kämpen
zum Begleiter ausersehen. Sehet nur die dürren Beine, die zitternden Arme, den
mächtigen Helm zwischen den kleinen Schultern - wer ist denn dieser Riese?«
    »Kennst du den Höcker so schlecht?« fragte der Herzog lachend. »Sieh nur, er
hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine grosse Nussschale anzusehen,
um seinen teuren Rücken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht käme. Es ist mein
getreuer Kanzler, Ambrosius Volland!«
    »Bei der heiligen Jungfrau! dem habe ich bitter unrecht getan«, entgegnete
Georg; »ich dachte er werde nie ein Schwert ziehen und ein Ross besteigen, und da
sitzt er auf einem Tier so hoch wie ein Elefant, und trägt ein Schwert so gross
als er selbst ist. Diesen kriegerischen Geist hätte ich ihm nimmer zugetraut.«
    »Meinst du, er reite aus eigenem Entschluss zu Felde? Nein ich habe ihn mit
Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht frommte, und
ich fürchte er hat mich mit böslicher Absicht aufs Eis geführt; drum mag er auch
die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt hat. Er hat geweint, wie ich ihn
dazu zwang; er sprach viel vom Zipperlein und von seiner Natur, die nicht
kriegerisch sei; aber ich liess ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd
heben, er reitet den feurigsten Renner aus meinem Stall!«
    Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Höcker das Visier auf,
und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig stehende Lächeln war
verschwunden, seine stechenden Äuglein waren gross und starr geworden, und
drehten sich langsam und schüchtern nach der Seite; der Angstschweiss stand ihm
auf der Stirne und seine Stimme war zum zitternden Flüstern geworden: »Um Gottes
Barmherzigkeit willen, wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund
und Gönner, leget ein gutes Wort ein, beim gestrengen Herrn, dass er mich aus
diesem Fastnachtsspiel entlässt. Es ist des allerhöchsten Scherzes jetzt genug.
Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm drückt
mich aufs Hirn, dass meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine Kniee sind vom
Zipperlein gekrümmt; bitte, bitte! leget ein gutes Wort ein, für Euren demütigen
Knecht, Ambrosius Volland; will's gewisslich vergelten.«
    Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen feigen Sünder. »Herr
Herzog«, sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rötete; »vergönnt ihm, dass
er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter gelüftet und die Helme fester
in die Stirne gerückt, das Volk schüttelt die Speere und erwartet mutig das
Zeichen zum Angriff, warum soll ein Feigling in den Reihen von Männern
streiten?«
    »Er bleibt, sag ich«, entgegnete der Herzog mit fester Stimme »bei dem
ersten Schritt rückwärts hau ich ihn selbst vom Gaul herunter. Der Teufel sass
auf deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als du Uns geraten, Unser Volk zu
verachten und das Alte umzustossen. Heute, wenn die Kugeln sausen und die
Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein Rat Uns frommte.«
    Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten, und seine Mienen
verzerrten sich greulich. »Ich habe Euch nur geraten; warum habt Ihr es getan?«
sagte er, »Ihr seid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch huldigen lassen; was kann
denn ich dafür?«
    Der Herzog riss sein Pferd so schnell um, dass der Kanzler bis auf die Mähnen
seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich. »Bei Unserer
fürstlichen Ehre«, rief er mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten,
»Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du hast Unsern ersten Zorn benützt, du
hast dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen gewusst; hätten Wir dir nicht
gefolgt, du Schlange, so stünden heute zwanzigtausend Württemberger hier, und
ihre Herzen wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. Oh, mein Württemberg! mein
Württemberg! dass ich deinem Rat gefolgt wäre, alter Freund; ja, es heisst was,
von seinem Volk geliebt zu sein!«
    »Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht«, sagte der alte Herr von
Lichtenstein, »noch ist es Zeit, das Versäumte einzuholen. Noch stehen
sechstausend Württemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch siegen,
wenn Ihr mit Vertrauen sie in den Feind führet. O Herr! hier sind lauter
Freunde, vergebet Euren Feinden, entlasst den Kanzler, der nicht fechten kann!«
    »Nein! her zu mir, Schildkröte! an meine Seite her, Hund von einem
Schreiber! wie er zu Rosse sitzt, als hätte ihn unser Herrgott hinaufgeschneit,
den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in deiner Kanzlei, und ihnen Gesetze
gegeben mit deiner Schwanenfeder, jetzt sollst du sehen wie sie streiten; jetzt
sollst du sehen wie Württemberg siegt oder - untergeht. Ha! seht ihr sie dort
auf dem Hügel? seht ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? seht ihr das Banner von
Bayern? wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von tausend
Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbüschen spielt. - Guten Tag ihr Herren
vom Schwabenbund! jetzt geht mir das Herz auf; das ist ein Anblick für einen
Württemberg.«
    »Schaut! sie richten schon die Geschütze«, unterbrach ihn Lichtenstein;
»zurück von diesem Platz, Herr! hier ist Euer Leben in augenscheinlicher Gefahr;
zurück, zurück, wir halten hier; schickt uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr
sicher seid.«
    Der Herzog sah ihn gross an: »Wo hast du gehört«, sagte er, »dass ein
Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen liess? meine Ahnen
kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten wie sie, furchtlos
und treu! Sieh wie der Berg sich dunkler und dunkler füllt von ihren Scharen.
Siehst du jene weissen Wolken am Berg, Schildkröte? hörst du sie krachen? das ist
der Donner der Geschütze, der in unsere Reihen schlägt; jetzt wenn du ein gutes
Gewissen hast, wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben gibt dir keiner
einen Pfennig.«
    »Lasset uns beten«, sagte Marx von Schweinsberg, »und dann drauf in Gottes
Namen.«
    Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter folgten seinem
Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den alten
Tagen. Der Donner der feindlichen Geschütze tönte schauerlich in diese tiefe
Stille, in welcher man jeden Atemzug, jedes leise Flüstern der Betenden hörte.
Auch der Kanzler faltete die Hände, aber seine Augen richteten sich nicht
gläubig auf zum Himmel, sie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben
seines Körpers, sooft Blitz und Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr,
zeigte, dass seine Seele nicht zu dem sich aufzuschwingen vermöge, der aus den
Strahlen seiner Morgensonne über Freunde und Feinde herabblickte.
    Ulerich von Württemberg hatte gebetet, und zog sein Schwert aus der Scheide;
die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick blitzten tausend
Schwerter um ihn her. »Die Landsknechte sind schon im Gefecht«, sagte er, indem
sein Adlerauge schnell das Tal überschaute; »Georg von Hewen! Ihr rückt ihnen
mit tausend zu Fuss nach. Schweinsberg lehne sich mit achtundert an den Wald,
und warte bis auf weiteres. Reinhardt von Gemmingen! wollet mit den Eurigen
geradeaus ziehen, und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar
einnehmen. Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reitern; doch bist du
jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, ihr Herren; sollten wir
uns hier unten nicht wiedersehen, so grüssen wir uns desto freudiger oben.« Er
grüsste sie, indem er sein grosses Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten
den Gruss und zogen mit ihren Scharen dem Feinde zu, und ein tausendstimmiges
»Ulerich für immer!« ertönte aus ihren Reihen.
    Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen früher besetzt
gehalten hatten, angekommen war, begrüsste seinen Feind aus vielen Feldschlangen
und Kartaunen; dann zogen sie sich allmählich herab ins Tal; sie schienen durch
ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrücken zu wollen. In dem
Augenblick, als die letzten Glieder den Hügel verlassen wollten, wandte sich der
Herzog zu Georg von Sturmfeder. »Siehst du ihre Feldstücke auf dem Hügel?«
fragte er.
    »Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.«
    »Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen können, sei es
unmöglich sein Geschütz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein Weg links ein,
und führt in ein Feld. Das Feld stösst an jenen Hügel. Kannst du mit deinen
Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen, so bist du beinahe schon im
Rücken der Bündischen. Dort lässt du die Pferde verschnauben, legst dann an, und
im Galopp den Hügel hinauf, die Geschütze müssen unser sein!«
    Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand. »Lebe
wohl, lieber Junge!« sagte er; »es ist hart von Uns einen jungen Ehemann auf so
gefährliche Reise zu schicken, aber Wir wussten keinen Rascheren und Besseren als
dich.«
    Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese Worte hörte, und seine
Augen blinkten mutig. »Ich danke Euch, Herr, für diesen neuen Beweis Eurer
Gnade«, rief er, »Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr mir die schönste Burg
geschenkt hättet. - Lebet wohl, Vater, und grüsst mein Weibchen.«
    »So ist's nicht gemeint!« entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein; »ich
reite mit dir unter deiner Führung -«
    »Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund«, bat der Herzog, »soll mir denn
der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte ich so übel fahren wie mit seinen
anderen Ratschlüssen. Bleibet mir zur Seite; machet den Abschied kurz, Alter!
Euer Sohn muss weiter.«
    Der Alte drückte Georgs Hand; lächelnd und mit freudigem Mute erwiderte
dieser den Abschiedsgruss, schwenkte mit seinen Reitern ab, und »Ulerich für
immer!« riefen die Stuttgarter Bürger zu Pferd, welche er in dieser
entscheidenden Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als er an dem
Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Württemberger hatten eine gute
Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und ihre Flügel und das
Zentrum waren stark genug, um auch einen mächtigen Stoss von Reiterei
auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen, dass wenn sie sich aus dieser
Stellung herauslocken lassen, müssen sie alle diese Vorteile verlieren, weil sie
dann entweder zwischen dem Wald und dem linken Flügel einen bedeutenden
Zwischenraum lassen, oder um diesen auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit
ausdehnen müssten, dass sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter
durchbrochen werden könnten. Ein grosser Nachteil für die Württemberger war auch
ihre geringe Anzahl, denn der Feind zählte zwei Dritteile mehr. Er konnte zwar
in dem engen Tal seine Streitkräfte nicht entwickeln, und nur wenige Mannschaft
auf einmal ins Treffen führen, doch war dies immer genug, um die Herzoglichen
unausgesetzt zu beschäftigen, der Feind behielt dadurch immer frische Leute, und
es war zu befürchten, dass die sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so
tapfer standhalten sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen.
    Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten still und
vorsichtig weiter, denn Georg wusste wohl, wie schwierig es für einen Reiterzug
sei, im Wald von Fussvolk angegriffen zu werden. Doch ungefährdet kamen sie bis
auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald
hin wütete die Schlacht. Das Geschrei der Angreifenden, das Schiessen aus
Donnerbüchsen und Feldstücken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich
herüber.
    Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen in die
Reihen der Württemberger spielte; dieser Hügel erhob sich von der Seite des
Wäldchens allmählich, und Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs, der
diese Seite sogleich erspäht hatte, denn von jeder andern Seite wäre, wenigstens
für Reiter, der Angriff unmöglich gewesen. Das Geschütz wurde, soviel man von
unten sehen konnte, nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher
die Pferde ein wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar, und brach im
Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem
Gipfel des Hügels angekommen, und Georg rief den bündischen Soldaten zu, sich zu
ergeben.
    Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart
ersparten ihnen die Mühe, denn mit gewaltigen Streichen hieben sie Helme und
Köpfe durch, dass von der Bedeckung bald wenige mehr übrig waren. Georg warf
einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog zu, er hörte das
Freudengeschrei der Württemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah
wie sie frischer vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem Hügel
waren jetzt zum Schweigen gebracht.
    Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch, dass jetzt der
zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation der Rückzug gekommen sei;
denn auch die Bündischen hatten bemerkt, wie ihr Geschütz plötzlich verstummt
sei, und ihre Obersten hatten alsobald eine Reiterschar gegen den Hügel
aufbrechen lassen. Es war keine Zeit mehr, die schweren, erbeuteten Feldstücke
hinwegzuführen; darum befahl Georg mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu
verstopfen, und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen
Blick auf den Rückweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen,
das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei angegriffen,
so war der Rückweg durch den Wald möglich, weil dann der Feind dieselben
Schwierigkeiten zu überwinden hatte, wie er. Aber seinem scharfen Auge entging
nicht, dass ein grosser Haufe bündischen Fussvolkes in den Wald ziehe, um ihm den
Rückzug abzuschneiden, und so sah er sich von dem Walde ausgeschlossen. Das
grosse Heer des Bundes zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch
zwanzigtausend durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es blieb nur ein Weg,
und auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des
feindlichen Heeres floss der Neckar. Am anderen Ufer war kein Mann von bündischer
Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es möglich sich zum Herzog zu
schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes wohl fünfhundert stark am Fuss des
Hügels angelangt, er glaubte an ihrer Spitze den Truchsess von Waldburg zu
erblicken, jedem andern, selbst dem Tod wollte er sich lieber ergeben als
diesem.
    Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der steilern Seite des Hügels
hin, die zum Neckar führte. Sie stutzten; es war zu erwarten, dass unter zehn
immer acht stürzen würden, so jähe war diese Seite, und unten stand zwischen dem
Hügel und dem Fluss ein Haufen Fussvolk, das sie zu erwarten schien. Aber ihr
junger, ritterlicher Führer schlug das Visier auf, und zeigte ihnen sein schönes
Antlitz, aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja
noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen, durften sie
an Weib und Kinder denken, da er diese Gedanken weit hinter sich geworfen hatte?
    »Drauf, wir wollen sie schlachten«, riefen die Fleischer, »drauf, wir wollen
sie hämmern«, riefen die Schmiede, »immer drauf, wir wollen sie lederweich
klopfen«, riefen ihnen die Sattler nach, »drauf, mit Gott, Ulerich für immer!«
rief der hochherzige Jüngling, drückte seinem Ross die Sporen ein, und flog ihnen
voran den steilen Hügel hinab. Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht,
als sie den Hügel heraufkamen, die verwegene Schar gefangenzunehmen, und sie
schon unten, mitten unter dem Fussvolk erblickten. Wohl hatte mancher den kühnen
Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Ross gestürzt und in Feindeshand
gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf das Fussvolk einhauen, und
der Helmbusch ihres Anführers wehte hoch und mitten im Gedräng. Jetzt waren die
Reihen des Fussvolkes gebrochen, jetzt drängten sich die Reiter nach dem Neckar -
jetzt - setzte ihr Führer an, und war der erste im Fluss. Sein Pferd war stark,
und doch vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die
Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen, es sank, und Georg von
Sturmfeder rief den Männern zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog
zu schlagen und ihm seinen letzten Gruss zu bringen. Aber in demselben Augenblick
hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den Fluss geworfen; der eine
fasste den jungen Ritter am Arm, der andere ergriff die Zügel seines Pferdes, und
so brachten sie ihn glücklich ans Land heraus.
    Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine hatte
Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Fluss von ihnen getrennt,
setzte die kühne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es war unweit seiner Stellung
eine Furt, wo sie ohne Gefahr übersetzen konnten, und mit Jubel und
Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen.
    Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen ebenso schnellen
als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen gebracht worden, aber das
Verhängnis Ulerichs von Württemberg wollte, dass ihn diese kühne Waffentat zu
nichts mehr nützen sollte; die Kräfte seiner Völker waren durch die immer
erneuerten Angriffe, des an Zahl weit überlegenen Feindes endlich völlig
erschöpft worden; die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen
kriegerischen Feuer aus, aber ihre Anführer hatten sich schon genötigt gesehen,
sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren;
dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das Landvolk, das man
durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte machen können, füllte nur
schlecht diese Lücken aus. In diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, dass
der Herzog von Bayern Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen habe, dass
ein neues feindliches Heer in seinem Rücken am Fluss heraufziehe, und kaum noch
eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, dass er an diesem Tage sein Reich
zum zweitenmal verloren habe, dass ihm nichts mehr übrigbleibe, als Flucht oder
Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm,
sich in sein Stammschloss Württemberg zu werfen, und sich dort zu halten, bis er
Gelegenheit fände heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die
von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, wo der
Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein Herzogtum kämpfte.
Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf, denn auf den Türmen und Mauern
dieser Burg erschienen rote, glänzende Fähnlein, die im Morgenwind spielten: die
Ritter blickten schärfer hin, sie sahen wie die Fähnlein wuchsen und grösser
wurden, und ein schwärzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg,
zeigte ihnen, dass es die Flamme sei, welche ihre glühende Paniere siegend auf
den Zinnen aufgesteckt hatte. Württemberg brannte an allen Ecken, und sein
unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung diesem
Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende Burg. Die Bündischen
begrüssten diese Flammen mit einem Freudengeschrei, den Württembergern entsank
der Mut, es war ihnen, als sei dies ein Zeichen, dass das Glück ihres Herzogs ein
Ende habe.
    Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden Heeres vernehmlicher,
schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach Ulerich: »Wer es noch redlich
mit Uns meint, folge nach, Wir wollen Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder
zugrund gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite
mutig mit uns in den Feind!« Georg ergriff das Panier von Württemberg, der
Herzog stellte sich neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie,
und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine
Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort müsse man durchkommen oder alles sei
verloren. Noch fehlte es an einem Anführer, und Georg wollte sich an die Spitze
stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des
Herzogs nicht zu verlassen, und stellte sich vor die Reiter; noch einmal wandte
er die ehrwürdigen Züge dem Herzog und seinem Sohne zu, dann schloss er das
Visier und rief: »Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!«
    Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark, und bewegte sich in Form
einer Keile im Trab vorwärts. Der Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem
Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben, und er
hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen Tier
herabkommen sollte. Doch der edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den
Reitern nachgeschaut; solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und
regungslos, jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier
von Württemberg hoch in den Lüften wehen, und die tapfere Reiterschar im Galopp,
auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben;
mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt über die Ebene hin, den
Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt sich krampfhaft am
Sattelknopf, er wollte schreien, aber die Blitzesschnelle, womit sein Ross die
Luft teilte, unterdrückte seine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug
eingeholt, so schnell sie ihre Rosse auslaufen liessen, er überholte sie, und so
hatte es der Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der Reiter gebracht. Der
Feind stutzte über die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen
als einem Krieger glich, noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der
fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger brachen, trotz des
entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelächter aus, und auch dieses
mochte beitragen, die tapfern Truppen von Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch
zehn andern Reichsstädten, welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren;
sie zerstiebten vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze
Schar war im Rücken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe
noch die bündische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, hatte
der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er gewann einen
grossen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte die berittene Schar der
Bürger erst vor den Toren von Stuttgart, und es fand sich unter ihnen weder der
Herzog, noch einer seiner wichtigeren Anhänger, ausser dem Kanzler Ambrosius
Volland, den man halbtot vom Pferde hob. Die bündischen Kriegsleute behandelten
ihn, nachdem man ihm die gewölbte Rüstung vom Leib geschält hatte, sehr übel,
denn nur seiner fürchterlichen, alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit,
schrieben sie es zu, dass ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend
Goldgulden entgangen war. So geschah es, dass dieser tapfere Kanzler, nicht wie
sein Herzog in der Schlacht, sondern nach der Schlacht geschlagen wurde.
 
                                       X
 Wohl wieget eines viele Taten auf -
 Sie achten drauf -
 Das ist um deines Vaterlandes Not
 Der Heldentod.
 Sieh hin, die Feinde fliehen, blick hinan,
 Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn.
                                                                       L. Uhland
Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tag folgte, brachten Herzog Ulerich und
seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch Felsen und Gesträuche
einen sicheren Versteck gewährte, und noch heute bei dem Landvolk die
»Ulerichshöhle« genannt wird. Es war der Pfeifer von Hardt, der ihnen auf ihrer
Flucht als ein Retter in der Not erschienen war, und sie in diese Bucht führte,
die nur den Bauern und Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte
beschlossen, hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach
der Schweiz fortzusetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht günstiger gewesen, denn
die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig
Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass er sie täuschen und ungehindert entkommen
werde; aber die Pferde waren von dem heissen Schlachttag ermüdet, und es war
unmöglich, den Herzog und seine notwendige Begleitung von neuem beritten zu
machen, ohne die Nachforschung des Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.
    Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert. Der Herzog war
längst dem Schlummer in die Arme gesunken, und vergass vielleicht in seinen
Träumen, dass er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenstein
schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine mächtigen Arme auf die
Kniee gestützt, sein Gesicht in die Hände verborgen, und man war ungewiss, ob er
schlafe oder in Kummer versunken, über das Schicksal des Herzogs nachdachte, das
sich mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder besiegte
die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über ihn lagern wollte; er war
der jüngste unter allen, und hatte freiwillig in dieser Nacht die Wache
übernommen. Neben ihm sass Hanns, der Pfeifer von Hardt; er sah unverwandt ins
Feuer, und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen
melancholische Weisen er mit leiser unterdrückter Stimme vor sich hin sang. Wenn
das Feuer heller aufflackerte, schaute er mit einem trüben Blick nach dem
Herzog, und wenn er sah, dass jener noch immer schlafe, versank er wieder in den
flüsternden, traurigen Gesang.
    »Du singst eine traurige Weise, Hanns!« unterbrach ihn Georg, den die
melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich anregten; »es tönt wie Totengesang
und Sterblieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hören.«
    »Wir können alle Tage sterben«, sagte der Spielmann, indem er düster in die
Flamme blickte; »drum sing ich gerne ein solches Lied, es ist mir, als könnte
ich mit solchen Gedanken würdiger sterben.«
    »Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken Hanns? Du warst doch sonst
ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit, und deine Ziter tönte auf mancher
Kirchweih. Da hast du gewiss keine Totenlieder gesungen.«
    »Meine Freude ist aus«, erwiderte er und wies auf den Herzog; »all meine
Mühe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn und ich - ich bin
sein Schatten; auch mit mir ist's aus; hätte ich nicht Frau und Kind, ich möchte
heute nacht noch sterben.«
    »Wohl warst du immer sein getreuer Schatten«, sagte der junge Mann gerührt,
»und oft habe ich deine Treue bewundert; höre Hanns! wir sehen uns vielleicht
lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen, erzähle mir was dich so
ausschliesslich und enge an den Herzog knüpft; wenn es etwas ist, das du erzählen
kannst.«
    Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht ein unruhiges
Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewiss ob es die Flamme oder eine
innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen Züge mit wechselnder Röte
übergoss. »Das hat seine eigene Bewandtnis«, sagte er endlich, »und ich spreche
nicht gerne davon. Doch Ihr habt recht, Herr, auch mir ist es als werden wir uns
lange nicht mehr sehen, so will ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem
Armen Konrad gehört?«
    »O ja«, erwiderte Georg, »das Gerücht davon kam noch weiter als bis zu uns
nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? wollte man nicht sogar dem
Herzog ans Leben?«
    »Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses Ding. Es mögen nun 7
Jahre sein. Da gab es unter uns Bauern viele Männer, die mit der Herrschaft
unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren ging das Geld aus,
die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch sollten wir zahlen ohne Ende,
denn der Herzog brauchte gar viel Geld für seinen Hof, wo es alle Tage zuging
wie im Paradies.«
    »Gaben denn eure Landstände nach, wenn der Herr so viel Geld verlangte?«
fragte Georg.
    »Sie wagten eben auch nicht immer nein zu sagen, des Herzogs Beutel hatte
aber gar ein grosses Loch, das wir Bauern mit unserem Schweiss nicht zuleimen
konnten. Da gab es nun viele die liessen die Arbeit liegen, weil das Korn das sie
pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der Wein den sie kelterten, nicht für
sie in die Fässer floss. Diese, als sie dachten, dass man ihnen nichts mehr nehmen
könne als das arme Leben, lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu
Nirgendsheim, sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und von
ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und diese
Gesellschaft war der Arme Konrad.«
    Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg.
    »Von dir wolltest du ja erzählen, Hanns!« sagte Georg, »von dir und dem
Herzog.« -
    »Das hätte ich beinahe vergessen«, antwortete dieser. - »Nun«, fuhr er fort,
»es kam endlich dahin, dass man Mass und Gewicht geringer machte, und dem Herzog
gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz bitterer Ernst. Es mochte
mancher nicht ertragen, dass ringsumher volles Mass und Gewicht, und nur bei uns
kein Recht sei. Im Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und
machte die Wasserprobe.«
    »Was ist das«, fragte der junge Mann.
    »Ha!« lachte der Bauer, »das ist eine leichte Probe. Man trug den Pfundstein
mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: Schwimmt's oben, hat der Herzog
recht; sinkt's unter, hat der Bauer recht.
    Der Stein sank unter und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im Remstal und
im Neckartal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die Alb standen die Bauern
auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt und gesprochen, aber es
half doch nichts. Die Bauern gingen nicht auseinander.«
    »Aber du, von dir sprichst du ja gar nicht?«
    »Dass ich's kurz sage, ich war einer der Ärgsten«, antwortete Hanns, »ich war
kühn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel
unmenschlich abgestraft, da trat ich in den Armen Konrad, und bald war ich so
arg als der Gaispeter und der Bregenzer. Der Herzog aber, als er sah, dass der
Aufruhr gefährlich werden könne, ritt selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur
Huldigung zusammenberufen, wir erschienen zu vielen Hunderten - aber bewaffnet.
Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an. Da stand der
Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach: Wer es mit dem
Herzog Ulerich von Württemberg hält, trete auf seine Seite; der Gaispeter aber
trat auf einen hohen Stein und rief: Wer es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg
hält, trete hieher. Siehe, da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern.
Wir andern hielten zu dem Bettler.«
    »Oh, schändlicher Aufruhr«, rief Georg vom Gefühl des Unrechts ergriffen,
»schändlich vor allen die, welche es so weit kommen liessen! Da war gewiss
Ambrosius Volland der Kanzler, an vielem schuld?«
    »Ihr könnet recht haben«, erwiderte der Spielmann; »doch höret weiter; der
Herzog als er sah, dass seine Sache verloren sei, schwang sich auf sein Ross, wir
aber drängten uns um ihn her, doch noch wagte es keiner, den Fürsten anzutasten,
denn er sah gar zu gebietend aus seinen grossen Augen auf uns herab. Was wollt
ihr, Lumpen! schrie er und gab seinem Hengst die Sporn, dass er sich hoch
aufbäumte und drei Männer niederriss. Da erwachte unser Grimm, sie fielen seinem
Ross in die Zügel, sie stachen nach ihm mit Spiessen, und ich, ich vergass mich so,
dass ich ihn am Mantel packte und rief: Schiesst den Schelmen tot.«
    »Das warst du, Hanns?« rief Georg, und sah ihn mit scheuen Blicken an.
    »Das war ich,« sagte dieser langsam und ernst; »aber es ward mir dafür was
mir gebührte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein Heer; wir konnten
nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad und Ungnad. Es wurden zwölf
Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt und dort gerichtet, ich war auch
unter diesen. Aber als ich so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod
überdachte, da graute mir vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so elenden
Gesellen wie die eilf anderen waren, gerichtet zu werden.«
    »Und wie wurdest du gerettet?« fragte Georg teilnehmend.
    »Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwölf wurden auf den
Markt geführt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden. Der Herzog sass vor
dem Rataus und liess uns noch einmal vor sich führen. Jene eilfe stürzten
nieder, dass ihre Ketten fürchterlich rasselten, und schrieen mit jammernder
Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und betrachtete dann mich. Warum bittest du
nicht auch? fragte er. Herr, antwortete ich, ich weiss was ich verdient habe,
Gott sei meiner Seele gnädig. Noch einmal sah er auf uns, dann aber winkte er
dem Scharfrichter. Sie wurden nach dem Alter gestellt, ich, als der jüngste, war
der letzte. Ich weiss wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie
vergesse ich den greulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten -«
    »Um Gottes willen hör auf«, bat Georg, »oder übergehe das Grässliche!«
    »Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spiessen, da rief der Herzog: Zehn
sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Würfel her, und lasst die drei dort
würfeln! Man brachte Würfel, der Herzog bot sie mir zuerst; ich aber sagte: Ich
habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr darüber! Da sprach der Herzog:
Nun so würfle ich für dich. Er bot den zwei andern die Würfel hin. Zitternd
schüttelten sie in den kalten Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen;
der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Würfel und
schüttelte sie. Er fasste mich scharf ins Auge, ich weiss, dass ich nicht gezittert
habe. Er warf - und deckte schnell die Hand darauf. Bitte um Gnade , sagte er,
noch ist es Zeit. Ich bitte, dass Ihr mir verzeihen möget, was ich Euch Leids
getan , antwortete ich, um Gnade aber bitt ich nicht, ich habe sie nicht
verdient und will sterben. Da deckte er die Hand auf, und siehe er hatte
achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zumut, es kam mir vor als habe er
gerichtet an Gottes Statt. Ich stürzte auf meine Kniee nieder und gelobte fortan
in seinem Dienst zu leben und zu sterben. Der zehnte ward geköpft, wir beide
waren frei.« -
    Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzählung des Pfeifers
von Hardt zugehört; aber als er schloss, als sich das sonst so kühn und listig
blickende Auge mit Tränen füllte, da konnte er sich nicht entalten seine Hand
zu fassen, sie fest und herzlich zu drücken. »Es ist wahr«, sagte der junge
Mann, »du hast Schweres an deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch
schrecklich gebüsst, denn du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zücken
des Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte Menschen
hinrichten, und sich den Tod immer näher kommen zu sehen! Und hast du nicht
durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller Art den Fürsten
versöhnt, an den du deine Hand legtest? Wie oft hast du ihm Freiheit, vielleicht
das Leben gerettet; wahrlich, deine Schuld ist reichlich abgetragen.«
    Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen, wieder mit
düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er hätte ganz teilnahmslos geschienen, wenn
nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trübes Lächeln auf seinen Zügen
erschienen wäre. »Meint Ihr«, sagte er, »ich hätte gebüsst und meine Schuld
abgetragen? Nein, solche Schulden tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes
Leben muss für den aufgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in
den Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen wo man sich
verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein tut's nicht.
Ich weiss, ich werde noch einmal für ihn sterben müssen - und dann, Herr, nehmt
Euch meines Weibes und meiner Tochter an.«
    Eine Träne fiel in seinen Bart, doch als schäme er sich so weich zu sein,
verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: »Doch dazu bin ich noch gut
genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk, darf ich für ihn sterben, o
könnte ich durch meinen Tod seine Huldigung abändern, und ihm das Land wieder
verschaffen, noch in dieser Stunde wollte ich sterben!«
    Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten Blicken
um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht versetzt, und
sehe jetzt erst diese Felsen und Bäume, das spärliche Feuer und die von den
Flammen beschienenen Männer, seine Begleiter; er bedeckte seine Augen mit der
Hand, doch er sah wieder auf als prüfe er, ob diese Erscheinungen bleiben; - sie
blieben, und schmerzlich sah er bald den einen, bald den andern an. »Ich habe
heute ein Land verloren«, sprach er, »es hat mich nicht so geschmerzt als dieses
Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schöner besessen.«
    »Seid nicht ungerecht, Herr«, sagte Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er
sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete; »seid nicht ungerecht gegen
diese Wohltat der Natur. Wie unglücklich wäret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer,
der Eure Kräfte für das schwere Unglück stärken soll, Euren Verlust noch
fühltet, auch da noch so düster darüber gebrütet hättet. Ihr seid finster und
verschlossen eingeschlummert, jetzt sind Eure Züge freundlicher und milder,
verdanken wir dies nicht auch Eurem Traum?«
    »So hätte ich mögen nie erwachen; oh, dass ich Jahrhunderte fortgeträumt
hätte, und dann erwacht wäre; es war so schön, so tröstlich was ich träumte!«
    Er stützte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der alte
Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden erweckt worden; er
kannte Ulerich und wusste, dass man ihn nicht über seinen schmerzlichen Verlust
brüten lassen dürfe; er rückte ihm daher näher und sprach:
    »Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt habt? vielleicht
liegt auch für uns ein Trost darin, denn wisset, ich glaube an Träume, wenn sie
in einer wichtigen, verhängnisvollen Stunde in unsere Seele einziehen, und ich
glaube sie kommen von oben, um uns zu trösten.«
    Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die Worte des Ritters
nachzusinnen; dann fing er an zu erzählen: »Mein Schwager, Wilhelm von Bayern,
hat mir heute zur Probe seiner Freundschaft die Burg meiner Ahnen
niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten die Württemberger und das
Land, das wir besitzen, trägt von diesem Schloss den Namen. Es scheint als habe
er damit uns eine Todesfackel anzünden, und mit diesen Flammen unser Wappen und
Gedächtnis, und selbst den Namen Württemberg vertilgen wollen. Und fast könnte
er recht haben; denn mein einziges Söhnlein, Christoph, ist in fernen Landen,
mein Bruder Georg, hat noch keine Kinder, und ich - - bin geschlagen, verjagt,
sie haben wiederum mein Land besetzt, und wo ist Hoffnung, dass ich es wieder
einmal erlange?! - - Wie ich nun so ganz verlassen und elend hier am Feuer sass,
wie ich nachdachte über mein kurzes Glück, und wie ich vielleicht mein Unglück
selbst verschuldet habe; wie ich bedachte auf welch schwachen Stützen meine
Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Württemberg auslöschen könne, gleich
den letzten Funken in der Asche meiner Stammburg, da übermannte mich der Jammer,
und bitterer als je fühlte ich die Schläge meines Schicksals. Unter diesen
Gedanken entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer
auf den Höhen des Rotenberges, und um die rauchenden Trümmer von Württemberg
schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traume dort.«
    Ulerich hielt inne; es war als fülle ein Bild seine Seele, das zu schön, zu
gross sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein milder Friede lag auf
den Zügen des unglücklichsten Fürsten, und ein wunderbarer Glanz drang aus
seinen aufwärts gerichteten Augen. Die Männer umher blickten ihn staunend an;
sie hingen an seinen Lippen und lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges
zu verkünden schien.
    »Höret weiter«, fuhr er fort; »ich sah herab auf das schöne Neckartal. Der
Fluss zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin, aber das Tal und die Berge
schienen mir lieblicher, glänzender, die Wälder auf den Höhen waren
verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu Berg zog sich ein
grosser Garten voll grüner Reben, und im Tal sah man Obstbäume und schöne
blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand entzückt und schaute und schaute immer
wieder hin, denn die Sonne erschien freundlicher, der Himmel blauer und reiner,
das Grün der Reben und Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes
Auge erhob und hinüberschaute über den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hügel
am Fluss ein freundliches Schloss, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; es
lag so friedlich da, dass sein Anblick meiner Seele wohltat, denn keine Gräben
und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen, kein Fallgatter, keine Zugbrücke
erinnerte an den Zwist der Völker, und an das unsichere, wechselnde Geschick der
Sterblichen.
    Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales und jenes
unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern meiner Burg
verschwunden; doch hier wenigstens log mir der Traum nicht, denn ich sah ja
gestern die Zinnen stürzen und den Wartturm sinken, von welchem sonst mein
Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg war mehr zu sehen, aber
ein Tempel stand dort mit Säulen und Kuppel, wie man sie in Rom und Griechenland
findet. Ich dachte nach, wie dies alles auf einmal so habe kommen können, da
gewahrte ich Männer in fremder Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf
das Land hinabschauten.
    Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit auf sich; er
hatte einen schönen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu seinen Füssen, und die
Berge umher, und den Fluss und die Städte und Dörfer in der Nähe und Ferne,
zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Züge meines Bruders Georg45, und
es war mir als müsse er zum Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein;
er stieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Männer folgten
ihm in ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer
jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? Das war der König ,
sagte er, und stieg den Berg hinab.«
    Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er ihre
Meinung hören; sie schwiegen lange, endlich nahm der Ritter von Lichtenstein das
Wort und sprach: »Ich bin fünfundsechzig Jahre alt, und habe vieles gesehen und
gehört auf Erden, und manches, worüber der menschliche Geist erstaunte, und wo
ein frommer Sinn den Finger der Gotteit sah. Glaubet mir, auch die Träume
kommen von Gott, denn nichts geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten
Zeiten Seher und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unseren Tagen der
Herr seiner Heiligen einen herabsenden, dass er einem Unglücklichen im Traume die
dunkeln Pforten der Zukunft öffnen, und ihn einen Blick in künftige, schönere
Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der Feind
verbrannt, Ihr habt an einem Tage ein Herzogtum verloren, aber dennoch wird Euer
Name nicht verlöschen, und Euer Gedächtnis wird nicht verloren sein in
Württemberg.«
    »Ein König -« sprach der Herzog sinnend, »ist es nicht vermessen, jetzt wo
ich hinaus muss ins Elend, jetzt an einen König meines Stammes zu denken? Kann
nicht auch die Hölle solche Träume vorspiegeln um uns nachher desto bitterer zu
täuschen?«
    »Was zweifelt Ihr an der Zukunft?« sagte Schweinsberg lächelnd. »Hätte einer
Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg hausten, hätte einer wissen
können, dass seine Enkel Herzoge sein, dass das weite, schöne Land ihren Namen
Württemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den Wink des Schicksals hin,
dass Euer Name in ferner, ferner Zeit auf diesem Lande bleiben, dass die spätern
Fürsten Württembergs die Züge Eures Stammes tragen werden.«
    »Wohlan, so will ich hoffen«, erwiderte Ulerich von Württemberg; »will
hoffen, dass Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt Unsere Lose seien.
Mögen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir; möge man auch von ihnen
sagen, sie sind - furchtlos!«
    »Und treu!« sprach der Bauer mit Nachdruck, und stand auf. »Doch es ist
Zeit, Herr Herzog, dass Ihr aufbrechet. Das Morgenrot ist nicht mehr fern, und
über den Neckar wenigstens müssen wir kommen, solange es noch dunkel ist.«
    Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden herbeigeführt, sie
sassen auf, und der Pfeifer ging voran den Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die
Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit grosser Gefahr verbunden, denn der Bund
suchte seiner mit aller Mühe habhaft zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo
er sicher seinen Feinden entgehen könnte, war der Herzog genötigt, noch einmal
über den Neckar zu gehen. Dieser Übergang war nicht ohne Gefahr; ein starker
Gewitterregen hatte den Fluss angeschwellt, so dass es nicht möglich schien, ihn
mit den Pferden zu durchschwimmen; die Brücken aber waren zum grössten Teil von
dem Bunde besetzt worden; doch auch hier wusste Hanns guten Rat, denn er hatte
durch treue Leute ausgespäht, dass die Brücke von Köngen noch frei sei; man hatte
sich wohl nicht die Mühe genommen, sie zu besetzen, weil sie Esslingen und dem
feindlichen Lager allzu nahe war, als dass man hätte glauben können, der Herzog
werde dort vorüberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner grossen Gefahr, die
meiste Sicherheit zu gewähren; ihn wählte Ulerich, und so zogen sie stille und
vorsichtig dem Neckar zu.
    Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, säumte schon das Morgenrot den
Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schärfer zu, und bald sahen sie den
Neckar schimmern, und die hochgewölbte Brücke lag nicht ferne mehr von ihnen. In
diesem Augenblick sah sich Georg um, und gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter,
die von der Seite her, hinter ihnen, zogen; er machte seine Begleiter darauf
aufmerksam; sie sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl
fünfundzwanzig Pferde betragen mochte. Es schien bündische Reiterei zu sein,
denn des Herzogs Völker waren gesprengt, und zogen nicht mehr in so geordneten
Scharen wie diese.
    Noch zogen jene ruhig ihren Weg, und schienen die kleine Gesellschaft nicht
zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brücke zu gewinnen, wo sich drei
Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen und befragt würde. Der Pfeifer lief
voran so schnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem
Trab, und je weiter sie sich von den Bündischen entfernten, desto leichter wurde
ihnen ums Herz, denn alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die
Freiheit Ulerichs.
    Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben
Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wölbung angekommen waren,
sprangen zwölf Männer mit Spiessen, Schwertern und Büchsen bewaffnet, hinter der
Brücke hervor und besetzten den Ausgang; der Herzog sah, dass er entdeckt war,
und winkte seinen Begleitern rückwärts; Lichtenstein und Schweinsberg, die
letzten, wandten ihre Rosse, aber schon war es zu spät, denn die bündischen
Reiter, die ihnen im Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt,
und den Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.
    Noch war es zu dunkel, als dass man den Feind genau hätte unterscheiden
können, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten. »Ergebt Euch,
Herzog von Württemberg«, rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt
schien; »Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur Flucht!«
    »Wer bist du, dass Württemberg sich dir ergeben soll?« antwortete Ulerich mit
grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog; »du sitzt ja nicht einmal zu Ross;
bist du ein Ritter?«
    »Ich bin der Doktor Calmus«, entgegnete jener, »und bin bereit, die vielen
Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein Ritter bin ich, denn
Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht; aber ich will Euch dafür zum
Ritter ohne Ross machen. Abgestiegen, sag ich, im Namen des durchlauchtigsten
Bundes.«
    »Gib Raum, Hanns«, flüsterte der Herzog mit unterdrückter Stimme dem
Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand, »geh,
tritt auf die Seite; ihr Freunde schliesst euch an, wir wollen plötzlich auf sie
einfallen, vielleicht gelingt es durchzubrechen!« Doch nur Georg vernahm diesen
Befehl des Herzogs, denn die andern Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter
ihnen den Eingang besetzt, und waren schon mit den bündischen Reitern im
Gefecht, die umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen, und zu dem Herzog
durchzudringen versuchten. Georg schloss sich an Ulerich an, und wollte mit ihm
auf den Doktor und die Knechte einsprengen, aber diesem war das Flüstern des
Herzogs nicht entgangen. »Drauf ihr Männer, der im grünen Mantel ist's; lebendig
oder tot!« rief er, drang mit seinen Knechten vor und griff zuerst an. Sein
langer Arm führte einen fünf Ellen langen Spiess; er zückte ihn nach Ulerich, und
es wäre vielleicht um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht
gleich bemerkte, doch Hanns kam ihm zuvor, und indem der berühmte Doktor
Kahlmäuser nach der Brust seines Herrn stiess, war ihm die Axt des Pfeifers tief
in die Stirne gedrungen; er fiel, so lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte
zurück. Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn
seine Axt schwirrte immer noch in den Lüften, er bewegte sie wie eine Feder hin
und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zurück. Diesen Augenblick benützte
Georg, riss dem Herzog den grünen Mantel ab, hing ihn sich selbst um, und
flüsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen, und sich über die Brüstung der Brücke
hinabzustürzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden Wellen des
Neckars und hinauf zum Himmel; es schien keine andere Rettung möglich, und er
wollte lieber auf Leben und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die
Hände fallen; doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment
darbot, zog ihn noch einmal zurück.
    Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor; der Pfeifer
stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit der Axt
ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine kühnen Züge trugen den Ausdruck
von freudiger Begeisterung, und das Lächeln, das um seinen Mund zog, war nicht
das der Verzweiflung, nein, seine mutige Seele erbebte nicht vor dem nahenden
Tod, er blickte ihm mit stolzer Freude entgegen, als sei er der Kampfpreis, um
den er so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er
mit seiner starken Rechten zu Boden, da stiess ihm einer der Knechte von der
Seite her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod ein
Schild für den unglücklichen Fürsten war, dem nie ein treueres Herz geschlagen
hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende Auge auf seinen
Herrn: »Herr Herzog, wir sind quitt!« rief er freudig aus, und senkte sein Haupt
zum Sterben.
    An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei näher
zudrangen - da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte; seine Klinge
schwirrte in der Luft, und sooft sie niederfiel, zuckte einer der Feinde am
Boden. Es war der letzte Schild Herzog Ulerichs von Württemberg; sank dieser
noch, so war Gefangenschaft oder Tod unvermeidlich. Drum wandte er sich zum
letzten Mittel; er warf noch einen tränenschweren Blick auf die Leiche jenes
Mannes, der seine Treue mit dem Tod besiegelt hatte; dann riss er sein mächtiges
Streitross zur Seite, spornte es, dass es sich hoch aufbäumte, wandte es mit einem
starken Druck rechts, und - in einem majestätischen Sprung, setzte es über die
Brüstung der Brücke, und trug seinen fürstlichen Reiter hinab in die Wogen des
Neckars.
    Georg hielt inne zu fechten; er sah dem Herzog nach; Ross und Reiter waren
niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte mit den Wirbeln, schwamm,
arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es mit dem Herzog den
Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte
wollten hinabspringen ans Ufer, um sich des kühnen Ritters zu bemächtigen, doch
einer, der Georg am nächsten war, rief ihnen zu: »Lasst ihn schwimmen, an dem ist
nichts gelegen, das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den lasst
uns fassen.« Georg blickte dankbar auf zum Himmel; er liess sein Schwert sinken
und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn, und liessen es
willig geschehen, dass er abstieg und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen
so schrecklich erschienen war. Georg fasste die Hand, welche noch immer die
blutige Axt festielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue Herz noch schlage,
aber der tödliche Stoss der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das
einst so kühn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch
in den trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete; seine Züge
waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lächeln, das den
letzten Gruss, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs Tränen fielen
auf ihn herab; er drückte noch einmal die Hand des Pfeifers, schloss ihm die
Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.
 
                                       XI
 O schöner Tag, wann endlich der Soldat
 Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit -
 Oh! glücklich wem dann auch sich eine Tür,
 Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen.
                                                                        Schiller
Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich der Trupp der bündischen
Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt sich
laut zu unterreden, aber ihre Mienen verkündeten grossen Triumph, und Georgs
scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flüsternd den Gewinn berechneten, den sie
aus dem Herzog im grünen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte
seine Brust, er glaubte hoffen zu dürfen, dass der unglückliche Fürst durch seine
kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke an Marie
trübte auf Augenblicke seine Freude. Wie gross musste ihr Kummer schon gewesen
sein, als sie die Nachricht von dem Ausgang der Schlacht bekam; er hatte ihr
zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, dass er unverletzt aus dem Streit
gegangen sei; aber wusste er nicht, dass die traurige Entscheidung von
Württembergs Schicksal ihre Seele tief betrüben, dass ihre Blicke ängstlich dem
Geliebten auf den Gefahren der Flucht folgen werden, dass ihre Sehnsucht zu jeder
Stunde seinen Namen nenne und ihn zurückrufe?
    Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen zu
werden, wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand, bekannt als
eifriger Freund des Herzogs - musste er nicht fürchten, einer langen
Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegenzugehen? Die Ankunft an dem
äusseren Posten des Lagers unterbrach diese düsteren Gedanken. Die Knechte
schickten einen aus ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu
benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies
eine peinliche Viertelstunde für Georg; er wünschte wo möglich mit Frondsberg
zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen, dass dieser edle Freund seines
Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen erhalten haben möchte, dass er ihn zum
wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg-Truchsess und so mancher andere,
der ihm früher nicht günstig war.
    Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als möglich und ohne
Aufsehen in das grosse Zelt geführt werden, wo die Obersten gewöhnlich Kriegsrat
hielten. Man schlug zu diesem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten
Georg, seinen Helm zu schliessen, dass man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat
geführt würde. Gerne befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen
Falle nichts unerträglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher
Menschen aussetzen zu müssen. Sie gelangten endlich an das grosse Zelt. Diener
aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben und Binden, mit
welchen sie geschmückt waren, liessen auf eine zahlreiche Versammlung edler
Herren und Ritter im Innern des Zeltes schliessen.
    Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, dass einige Knechte einen
Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drängten sich nahe herbei, als Georg
sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen Blicke schienen durch die
Öffnungen des Visieres dringen zu wollen, um die Züge des Gefangenen zu schauen.
Ein Edelknabe suchte Raum zu machen, und er musste seine Zuflucht zu dem »Namen
der Bundesobersten« nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen, und dem
gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener
Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glühten vor Freude, und
glaubten nicht anders als jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen zu können,
die auf die Person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren.
    Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen Schrittes
ein, und überschaute die Männer, die über sein Schicksal entscheiden sollten. Es
waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so fragend und durchdringend anschauten.
Noch waren die düsteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchsess von
Waldburg seinem Gedächtnis nicht entfallen, und der spöttische, beinahe
höhnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes.
Sickingen, Alban von Closen, Hutten - sie alle sassen wie damals vor ihm, als er
dem Bund auf ewig Lebewohl sagte, aber wie vieles hatte sich verändert. Und eine
Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene ehrwürdigen Züge
fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben hatten. Es war nicht Hohn,
nicht Schadenfreude, was man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah
den Nahenden mit jenem Ausdruck von würdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein
edler Mann den tapferen, aber besiegten Feind begrüsst.
    Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der Truchsess von Waldburg an:
»So hat doch endlich der Schwäbische Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog
von Württemberg vor sich zu sehen, freilich war die Einladung zu uns nicht allzu
höflich, doch -«
    »Ihr irrt Euch!« rief Georg von Sturmfeder, und schlug das Visier seines
Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so bebten die
Bundesräte vor dem Anblick der schönen Züge des jungen Ritters. »Ha! Verräter!
ehrlose Buben! ihr Hunde!« rief Truchsess den drei Knechten zu; »was bringt ihr
uns diesen Laffen, dessen Anblick meine Galle aufregt, statt des Herzogs?
Geschwind, wo ist er? sprecht!«
    Die Knechte erbleichten. »Ist's nicht dieser?« fragten sie ängstlich. »Er
hat doch den grünen Mantel an.«
    Der Truchsess zitterte vor Wut und seine Augen sprühten Verderben; er wollte
auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon sie zu erwürgen, aber die Ritter
hielten ihn zurück, und Hutten, zornbleich, aber gefasster als jener, fragte: »Wo
ist der Doktor Calmus, lasst ihn hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er
hat den Zug übernommen.«
    »Ach Herr«, sagte einer der Knechte, »der legt Euch keine Rechenschaft mehr
ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei Köngen!«
    »Erschlagen?« rief Sickingen, »und der Herzog ist entkommen? erzählte ihr
Schurken.«
    »Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brücke in Hinterhalt. Es
war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von vier Rossen hörten, die sich
der Brücke näherten, zugleich vernahmen wir das Zeichen, das uns die Reiter über
dem Fluss geben sollten, wenn die Herzoglichen aus dem Wald kämen. Jetzt ist's
Zeit, sagte der Kahlmäuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang
der Brücke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier
Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und fochten mit
unseren Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten sich an uns. Doch wir
streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der Doktor rief ihnen zu, sich zu
ergeben. Da drangen sie wütend auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im grünen
Mantel sei der Rechte; und wir hätten ihn bald gehabt, aber der Bauer wenn es
nicht der Teufel selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder.
Jetzt stach ihm einer die Hellebarde in den Leib, dass er fiel und dann ging es
auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen Mantel, wie uns der
Kahlmäuser geheissen, der andere aber stürzte sich mit seinem Ross über die Brücke
hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber liessen ihn ziehen, weil wir den
Grünen hatten, und brachten diesen hieher.«
    »Das war Ulerich und kein anderer«, rief Alban von Closen »ha! über die
Brücke hinab in den Neckar! das tut ihm keiner nach.«
    »Man muss ihm nachjagen«, fuhr der Truchsess auf; »die ganze Reiterei muss
aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus -«
    »O Herr«, entgegnete einer der Knechte. »Da kommt Ihr zu spät; es ist drei
Stunden jetzt, dass wir von der Brücke abzogen, der hat einen guten Vorsprung,
und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!«
    »Kerl! willst du mich noch höhnen? ihr habt ihn entkommen lassen, an euch
halte ich mich, man rufe die Wache; ich lass euch aufhängen.«
    »Mässigt Euch«, sagte Frondsberg, »die armen Bursche trifft der Fehler nicht;
sie hätten sich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog gesetzt war. Der
Doktor hat gefehlt und Ihr hört, dass er es mit dem Leben zahlte.«
    »Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?« wandte sich Waldburg zu Georg,
der stille dieser Szene zugesehen hatte; »müsst Ihr mir überall in den Weg
laufen, mit Eurem Milchgesicht? Überall hat Euch der Teufel, wo man Euch nicht
braucht. Es ist nicht das erste Mal, dass Ihr meine Pläne durchkreuzet -«
    »Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchsess«, antwortete Georg, »der bei
Neuffen den Herzog meuchlings überfallen lassen wollte, so bin ich Euch leider
in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben mich niedergeworfen.«
    Die Ritter erstaunten über diese Rede, und sahen den Truchsess fragend an. Er
errötete, man wusste nicht aus Zorn oder Beschämung, und entgegnete: »Was
schwatzt Ihr da von Neuffen; ich weiss von nichts; doch wenn man Euch dort
niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret nimmer aufgestanden, um mir heute
vor Augen zu kommen. Doch es ist auch so gut, Ihr habt Euch als einen
erbitterten Feind des Bundes bewiesen, habt heimlich und offen für den
geächteten Herzog gehandelt, teilt also seine Schuld gegen den Bund und das
ganze Reich, seid überdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden -
Euch trifft die Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des
Schwaben- und Frankenlandes.«
    »Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung«, erwiderte Georg mit mutigem
Ton; »Ihr wisset wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde losgesagt habe; Ihr
habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwören lassen; so wahr Gott über mir ist,
ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschafe
zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine
Gefangennehmung mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich euch, edle
Herren, welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich
nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft, und erbiete
mich Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr könnet ihr nicht von mir
verlangen.«
    »Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem
übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt sollt
Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, Euer
Schwiegervater, sich aufhält, und welchen Weg der Herzog genommen hat.«
    »Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euren Reitern gefangengenommen,
welchen Weg der Herzog nahm, weiss ich nicht, und kann es mit meinem Wort
bekräftigen.«
    »Ritterliche Haft?« rief der Truchsess bitter lachend. »Da irrt Ihr Euch
gewaltig; zeigt vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt! Nein, solches
Gelichter wird bei uns ins tiefste Verlies geworfen, und mit Euch will ich den
Anfang machen.«
    »Ich denke dies ist unnötig«, fiel ihm Frondsberg ins Wort; »ich weiss, dass
Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; überdies hat er einem
bündischen Edlen das Leben gerettet, Ihr werdet Euch wohl an die Aussage des
Dieterich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters wurde er von einem
schmählichen Tod befreit, und sogar in Freiheit gesetzt. Er kann dieselbe
Behandlung von uns verlangen.«
    »Ich weiss, dass Ihr ihm immer das Wort geredet; dass er Euer Schosskind war,
aber diesmal hilft es ihm nicht, er muss nach Esslingen in den Turm, und jetzt den
Augenblick -«
    »Ich leiste Bürgschaft für ihn«, rief Frondsberg, »und habe hier so gut
mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen über den Gefangenen, man führe ihn
einstweilen in mein Zelt.«
    Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen Züge des Mannes, der
ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. Der Truchsess aber winkte
mürrisch den Knechten, dem Befehl des Oberfeldhauptmanns zu folgen; und Georg
folgte ihnen durch die Strassen des Lagers nach Frondsbergs Zelt.
    Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu
danken hatte. Er wollte ihm danken, er wusste nicht wie er ihm seine Ehrfurcht
bezeugen sollte; doch Frondsberg sah ihn lächelnd an und zog ihn in seine Arme.
»Keinen Dank, keine Entschuldigung!« sprach er, »sah ich doch alles dies voraus,
als ich in Ulm von dir Abschied nahm, doch du wolltest es nicht glauben,
wolltest dich vergraben in die Burg deiner Väter. Ich kann dich nicht schelten;
glaube mir, das Feldlager und die Stürme so vieler Kriege haben mein Herz nicht
so verhärtet, dass ich vergessen könnte wie mächtig die Liebe zieht!«
    »Mein Freund, mein Vater!« rief Georg, indem er freudig errötete.
    »Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; drum war ich oft
stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen Reihen standest; dein Name wurde
so jung du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue und Mut ehrt ein Mann, auch
an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den meisten von uns erwünscht, dass der
Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen; der Truchsess hätte vielleicht
einen übereilten Streich gemacht, den wir alle zu büssen gehabt hätten.«
    »Und was wird mein Schicksal sein?« fragte Georg. »Werde ich lange in Haft
gehalten werden? wo ist der Ritter von Lichtenstein? O mein Weib! darf sie mich
nicht besuchen?«
    Frondsberg lächelte geheimnisvoll. »Das wird schwer halten«, sagte er, »du
wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste geführt, und einem Wächter
übergeben werden, der dich streng bewachen und nicht so bald entlassen wird!
Doch sei nicht ängstlich, der Ritter von Lichtenstein wird mit dir dortin
abgeführt werden, und ihr beide müsst auf ein Jahr Urfehde schwören.«
    Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen, die in das Zelt
stürmten; es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dieterich von Kraft, die
den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte führten.
    »Hab ich dich wieder, wackerer Junge«, rief Breitenstein, indem er Georgs
Hand drückte. »Du machst mir schöne Streiche; dein alter Oheim hat dich mir auf
die Seele gebunden, ich solle einen tüchtigen Kämpen aus dir ziehen, der dem
Bunde Ehre mache, und nun laufst du zu dem Feind, und haust und stichst auf uns,
und hättest gestern beinahe die Schlacht gewonnen, durch dein tollkühnes
Stückchen auf unsere Geschütze.«
    »Jeder nach seiner Art«, entgegnete Frondsberg, »er hat uns aber auch in
Feindes Reihen Ehre gemacht.«
    Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. »Er ist in Sicherheit«,
flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten von Freude, zu der Rettung des
unglücklichen Fürsten beigetragen zu haben. Da fielen die Blicke des alten
Ritters auf den grünen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern hing; er
erstaunte, er sah ihn näher an. »Ha! jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so
kommen konnte«, sprach er bewegt, und eine Träne der Freude hing in seinen
grauen Wimpern; »sie nahmen dich für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn dich
der Mut nur einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr getan als wir alle,
du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heissen; komm an mein Herz, du
würdiger Sohn.«
    »Und Marx Stumpf von Schweinsberg?« fragte Georg; »auch er gefangen?«
    »Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen Hieben zu widerstehen;
meine alten Knochen sind mürbe, an mir liegt nichts mehr, aber er ist dem Herzog
nachgezogen, und wird ihm eine bessere Hülfe sein als fünzig Reiter. Doch den
Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er entkommen aus dem Streit?«
    »Als ein Held«, erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung
bewegt; »er liegt erstochen an der Brücke.«
    »Tot?« rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte; »die treue Seele! doch
wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und ist gestorben, treu wie es Männern
ziemt!«
    Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. »Ihr scheint mir so
niedergeschlagen«, sagte er; »seid mutig und getrost, alter Herr! das
Kriegsglück ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch wieder zu seinem Lande
kommen, wer weiss ob es nicht besser ist, dass wir ihn noch auf einige Zeit in die
Fremde schickten. Leget Helm und Panzer ab; das Gefecht zum Frühstück wird Euch
die Lust zum Mittagessen nicht verdorben haben. Setzet Euch zu uns. Ich erwarte
gegen Mittag den Wächter, unter dessen Obhut Ihr auf eine Burg gebracht werden
sollet. Bis dahin lasset uns noch zusammen fröhlich sein!«
    »Das ist ein Vorschlag der sich hören lässt«, rief Breitenstein. »Zu Tisch
ihr Herren; wahrlich Georg, mit dir habe ich nicht mehr gespeist, seit dem Imbiss
im Ulmer Rataussaal. Komm, wir wollen redlich nachholen was wir versäumten.«
    Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten seinem
Beispiel; die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den Ritter von
Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, dass sie in misslichen Verhältnissen, im
feindlichen Lager seien, dass sie vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn
sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefangenschaft
entgegengehen. Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam
er zurück und sprach mit ernster Miene: »So gerne ich noch länger eure
Gesellschaft genossen hätte, liebe Freunde, so tut es jetzt not aufzubrechen.
Der Wächter ist da, dem ich euch übergeben muss, und ihr müsst euch sputen, wollet
ihr heute noch die Feste erreichen.«
    »Ist er ein Ritter, dieser Wächter?« fragte Lichtenstein, indem sich seine
Stirne in finstere Falten zog; »ich hoffe man wird auf unseren Stand Rücksicht
genommen haben, und uns ein anständiges Geleite geben?«
    »Ein Ritter ist er nicht«, antwortete Frondsberg lächelnd, »doch ist er ein
anständiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon überzeugen.« Er lüftete bei
diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen die holden Züge Mariens;
mit dem Weinen der Freude stürzte sie an die Brust ihres Gatten, und der alte
Vater stand stumm von Überraschung und Rührung, küsste sein Kind auf die schöne
Stirne, und drückte die Hand des biedern Frondsberg.
    »Das ist euer Wächter«, sprach dieser, »und der Lichtenstein die Feste wo
sie euch gefangenhalten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie wird den jungen
Herrn nicht zu strenge halten, und der alte wird sich nicht über sie beklagen
können; doch rate ich Euch, Töchterchen, habet ein wachsames Auge auf die
Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der Burg, gestattet nicht, dass sie
wieder Verbindungen mit gewissen Leuten anknüpfen, Ihr haftet mit Eurem Kopf
dafür!«
    »Aber lieber Herr«, entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger an
sich drückte und lächelnd zu dem strengen Herrn aufblickte; »bedenket, er ist ja
mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?«
    »Eben deswegen hütet Euch, dass Ihr dieses Haupt nicht wieder verlieret;
bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, dass er Euch nicht entlaufe, er
ändert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!«
    »Ich trug nur eine Farbe, mein väterlicher Freund!« entgegnete der junge
Mann, indem er in die Augen seiner schönen Frau und auf die Feldbinde niedersah,
die seine Brust umzog; »nur eine, und dieser blieb ich treu -«
    »Wohlan! so halte ferner nur zu ihr,« sagte Frondsberg, und reichte ihm die
Hand zum Abschied. »Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt; bringt Eure
Gefangenen sicher auf die Feste, schöne Frau, und gedenket huldreich des alten
Frondsberg.«
    Marie schied von diesem Edeln mit Tränen in den Augen, auch die Männer
nahmen bewegt seine Hand, denn sie wussten wohl, dass ohne seine Hülfe ihr
Geschick sich nicht so freundlich gewendet hätte. Noch lange sah ihnen Georg von
Frondsberg nach, bis sie an der äussersten Zeltgasse um die Ecke bogen. »Er ist
in guten Händen«, sagte er dann, indem er sich zu Breitenstein wandte,
»wahrlich, der Segen seines Vaters ruht auf ihm. Ein gutes schönes Weib und ein
Erbe, wie wenige sind im Schwabenland.«
    »Ja, ja!« erwiderte Hans von Breitenstein, »seiner Klugheit und Vorsicht hat
er es nicht zu danken; doch wer das Glück hat führt die Braut heim; ich bin
fünfzig alt geworden, und gehe noch auf Freiersfüssen; Ihr auch, Herr Dieterich
von Kraft, nicht wahr?«
    »Mitnichten und im Gegenteil«, sagte dieser wie aus einem Traum erwachend;
»wenn man ein solches Paar sieht, weiss man was man zu tun hat. In dieser Stunde
noch setze ich mich in meine Sänfte, reise nach Ulm und führe meine Base heim;
lebt wohl ihr Herren!«
Als der Schwäbische Bund Württemberg wiedererobert hatte, richtete er seine
Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im Sommer 1519. Die
Anhänger des vertriebenen Herzogs mussten Urfehde schwören und wurden auf ihre
Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und seine Lieben, die dieses Schicksal
mit betraf, lebten zurückgezogen auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten
ging in ihrem stillen häuslichen Glück ein neues Leben auf.
    Noch oft wenn sie am Fenster des Schlosses standen, und hinabschauten auf
Württembergs schöne Fluren, gedachten sie des unglücklichen Fürsten, der einst
hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte; und dann dachten sie nach über
die Verkettung seiner Schicksale, und wie durch eine sonderbare Fügung auch ihr
eigenes Geschick mit dem seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch
gestanden, dass ihr Glück vielleicht nicht so frühe, nicht so schön aufgeblüht
wäre ohne diese Verknüpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken
getrübt, dass der Stifter ihres Glückes noch immer ferne von seinem Lande, im
Elend der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog,
Württemberg wieder zu erobern. Doch als er geläutert durch Unglück als ein
weiser Fürst zurückkehrte, als er die alten Rechte ehrte und die Herzen seiner
Bürger für sich gewann, als er jene heiligen Lehren, die er in fernem Lande
gehört, die so oft sein Trost in einem langen Unglück geworden waren, seinem
Volke predigen liess, und einen geläuterteren Glauben mit den Grundgesetzen
seines Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger einer gütigen
Gotteit in den Schicksalen Ulerichs von Württemberg, und sie segneten den, der
dem Auge des Sterblichen die Zukunft verhüllt, und auch hier wie immer durch
Nacht zum Lichte führte.
    Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land, ging mit dem alten Ritter
zu Grabe; doch erlebte er noch in hohem Alter die Freude, seine blühenden Enkel
waffenfähig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht über die Erde hin; das
Neue verdrängt das Alte, und nach dem kurzen Zeitraum von fünfzig oder hundert
Jahren sind biedere Männer, treue Herzen vergessen; ihr Gedächtnis übertönt der
rauschende Strom der Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf, aus
diesen Fluten des Lete, und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den
Wellen. Doch wohl dem, dessen Taten jene stille Grösse in sich tragen, die den
Lohn in sich selbst findet, und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprüche auf
die Nachwelt entsteht, ins Leben tritt- verschwindet. So ist auch der Name des
Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklänge von seinem Wirken
wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die Ulerichshöhle zeigen und von dem
Mann sprechen, der seinen unglücklichen Herzog hier verbarg; so sind selbst jene
romantischen Züge aus Ulerichs Leben zur Fabel geworden, der Geschichtschreiber
verschmäht sie als unwesentliche Aussendinge, und sie erscheinen uns nur, wenn
man auf den Höhen von Lichtenstein von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor
das Schloss kam, und wenn man uns auf der Brücke von Köngen die Stelle zeigt, wo
jener »Unerschrockene« den Sprung auf Leben und Tod in die Tiefe wagte.
    Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse Schatten, die eine
grosse Gestalt vom Berge in die Nebel des Tales wirft, und der kältere Beobachter
lächelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene Farben verleihen will, die ihr
unsicheres Grau zu einem Bild des Lebens umwandeln. Auch Lichtensteins alte
Feste ist längst zerfallen, und auf den Grundmauern der Burg erhebt sich ein
freundliches Jägerhaus, fast so luftig und leicht wie jene spanischen Schlösser,
die man in unseren Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch immer
breiten sich Württembergs Gefilde so reich und blühend wie damals vor dem
entzückten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinabsah, und der
unglücklichste seiner Herzoge den letzten Scheideblick von Lichtensteins
Fenstern auf sein Land warf. Noch prangen jene unterirdischen Gemächer, die den
Geächteten aufnahmen, in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden
Wasser, die sich in eine geheimnisvolle Tiefe stürzen, scheinen längst
verklungene Sagen noch einmal wiedererzählen zu wollen.
    Es ist eine schöne Sitte, dass die Bewohner dieses Landes auch aus
entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes sich aufmachen, um
Lichtenstein und die Höhle zu besuchen. Viele hundert schöne Schwabenkinder und
holde Frauen, begleitet von Jünglingen und Männern ziehen herauf in diese Berge;
sie steigen nieder in den Schoss der Erde, der an seinen kristallenen Wänden den
Schein der Lichter tausendfach wiedergibt, sie füllen die Höhle mit Gesang, und
lauschen auf ihr Echo, welches die murmelnden Bäche der Tiefe melodisch
begleiten, sie bewundern die Werke der Natur, die sich auch ohne das milde Licht
der Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder, so herrlich zeigt. Dann steigen
sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen noch schöner bedünken als zuvor;
ihr Weg führt immer aufwärts zu den Höhen von Lichtenstein, und wenn dort die
Männer im Kreise schöner Frauen, die Becher in der Hand, auf die weiten Fluren
hinabschauen, wie sie bestrahlt von einer milden Sonne im lieblichsten Schmelz
der Farben sich ausbreiten, dann preisen sie diese lichten Höhen, dann preisen
sie ihr gesegnetes Vaterland.
    Dann kehrt, wie in den alten Tagen, Gesang und Jubel, und der fröhliche
Klang der Pokale auf den Lichtenstein zurück, und weckt das Echo seiner Felsen,
und weckt mit ihm die Geister dieser Burg, dass sie die fröhlichen Gäste
umschweben, und mit ihnen hinabschauen auf das alte Württemberg. Ob auch das
holde Fräulein vom Lichtenstein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen
heraufschwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Frühlings seinem Grab
entsteigt, und wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht nach der Burg, das
Fest mit Gesang und Spiel zu schmücken -? Wir wissen es nicht; doch wenn wir im
Abendscheine auf den Felsen gelagert, die Landschaft überschauten, wenn wir von
den alten guten Zeiten und ihren Sagen sprachen, wenn sich die Sonne allmählich
senkte, und nur das Schlösschen noch selig und freundlich in seiner Einsamkeit,
von den letzten Strahlen mit einem rötlichen Schein umgossen, auf seinem Felsen
ruhte - da glaubten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der Bäume, im
Säuseln der Blätter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war uns, als flüstern sie
uns ihre Grüsse zu, als erzählen sie uns alte Sagen von ihrem Leben und Treiben.
Manches haben wir an solchen Abenden erfahren, manches Bild stieg in uns auf,
und schien sich vor unseren Blicken zu verwirklichen, und die es uns woben und
malten, die uns ihre romantischen Sagen zuflüsterten, wir glauben es waren - die
»Geister von Lichtenstein.«
 
                                    Fussnoten
1 Ulrich von Württemberg, geb. 1487, wurde 1498 in seinem eilften Jahre als
Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, welche in seinem sechszehnten Jahr
aufgehoben wurde und Ulerich von 1503 an allein regierte. Er starb im Jahr 1550.
2 Es ist hier Eberhard im Bart gemeint, der, geb. 1445, gest. 1496, sehr weise
regierte. Er war der erste Herzog von Württemberg. Christoph, geb. 1515, gest.
1568, ein Fürst, dessen Andenken nicht nur in Württemberg, sondern in ganz
Teutschland gesegnet wird. Er ist der Stifter der württembergischen
Konstitution.
3 Christ. Tubingii Chron. Blabur ad annum 1516: Maximilianus Caesar ex
suggestione Ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici aliorumque non multum
Udalrico deinceps favere cepit.
4 Das Nähere über diese Einnahme ist in der trefflichen Geschichte Württembergs
von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte der Herzoge von Württemberg. II 5,
hauptsächlich aber bei Pedius Tetinger in comment. de reb. Würtemb. sub Ulrico
Lib. I. in fine und ap. Schradii script. rerum germ. Tom. II. pag. 885 zu lesen.
5 Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein Bündnis errichtet auf
zweihundert Reiter und sechshundert zu Fuss, ebenso mit Markgraf Ernst von Baden,
aber sie entschuldigen sich beide, dass sie selbst mit einem Einfall bedroht
seien.
6 Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berühmtesten Feldherren
seiner Zeit, der in Teutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden sich mit
Ruhm bedeckte. Er ist derselbe, der 1521 zu Luter, der auf den Reichstag zu
Worms geladen war, jene denkwürdigen Worte sagte: »Munchlein, Munchlein, du
gehst jetzt einen gefährlichen Gang usw.«
7 So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8.
8 Ulerich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 in Ufnau am Zürchersee. Er ist
berühmt durch eine grosse Anzahl Schriften und als kühner Beförderer der
Reformation. Er griff Ulerich von Württemberg in Gedichten, Briefen und Reden
an, die der gelehrte Nicolaus Barbatus zu Marburg in sehr geläufigem Latein mit
triftigen Gründen widerlegt. Vergl. Schradius II. 385. Bekannt ist sein
Wahlspruch: »Jacta alea esto.«
9 Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenosse des letzteren; er wird in
diesem Krieg von Sattler als österreichischer Rat aufgeführt.
10 Götz von Berlichingen erzählt in seinem Leben (Ausgabe von Franck von
Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläuftig wie es sich zugetragen, dass er zum
Herzog Ulerich gehalten habe. Seite 142 fährt er fort: »Da zog der Herzog vor
Reutlingen und gewann es auch, darum sich auch Ihre fürstliche Gnaden und mein
Unglück anheben tat, dass Ihre fürstliche Gnaden verjagt worden, und ich darob zu
scheitern ging.« Denn der Schwäbische Bund nahm nicht Rücksicht darauf, dass Götz
kurz vorher dem Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in
Möckmühl und nahm ihn gefangen.
11 Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem Lande
behülflich gewesen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren Gütern genommen.
12 Siehe C. Pfaffs Geschichte. I. 278.
13 Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Götz von Berlichingen
sprach, und die dieser in seiner Geschichte, Seite 83, anführt.
14 Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des Herzogs in ihren
Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Teil der Herzoge erhellt.
Nachher riefen sie ihre Leute ganz zurück, und zwar auf die Vorstellungen des
Schwäbisschen Bundes.
15 Ein gedrucktes Schreiben »des Bundes zu Schwaben an gemeine Landschaft zu
Württemberg« dieses Inhaltes vom 24. Mart. 1519 findet sich in der Beilage Nr.
12 bei Sattler.
16 Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste sogleich nach Kirchheim um sie
aufzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre unter Bedrohung des Verlustes
ihrer Güter und der Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen. Sattler II. §. 6.
Tetinger pag. 66. Interim cum Helvetiorum primoribus agunt foederati, missis in
urbes eorum legatis, ne Ducis Huldrichi negotio belloque se nunc immisceant suos
abscedere jubeant.
17 Sattler §. 6. Ausführlich führt diese Rede an: Tetinger comment. de reb.
Würtemb. p. 66.
18 Diese Ergebenheit und Treue der Württemberger beschreibt am angeführten Ort
Tetinger. Als einen sehr wichtigen Grund gegen die Angriffe Huttens führt sie
auch Nicolaus Barbatus in seiner zu Marburg gehaltenen Rede auf. Vergl.
Schradius II. 386. Wir machen auf diesen Umstand besonders aufmerksam, weil man
gewöhnlich annimmt, es sei den Württembergern recht gewesen, dass man Ulerich
verjagte; Tetingers Worte sind: »Als dies die Württemberger hörten, beklagten
sie ihr Schicksal heftig, das ihnen nicht vergönne zu fechten. - Magno fremitu
fortunam suam questi.« - Noch merkwürdiger sind die Worte Nicolai Barbati; er
sucht die Beschuldigungen Ulerichs von Hutten zu widerlegen: »Welcher Tyrann war
den Seinigen wert? Ulerich lieben die Seinigen. Welcher Tyrann wird, wenn er
verjagt ist, von seinen Untergebenen zurückgewünscht? Mit Bitten und Gebet
wünschen sich seine Untergebenen den Herzog zurück und bitten die Götter, sie
möchten ihnen den Herrn zurückgeben usw.«
19 Ulerich beklagt sich mehreremal über die Nachstellungen seiner Feinde. Im
Jahr I534 soll ein für ihn von Dieterich Spät gedungener Meuchelmörder gefangen
worden sein. Sattler, Gesch. d. Herzoge, 3, Seite 47. Im Jahr I536 wurde im Amt
Dornstätten ein Zigeuner verhaftet, welcher aussagte, von Herzog Wilhelm in
Bayern für Ermordung des Herzogs drei Gulden bekommen zu haben. C. Pfaff,
Geschichte I. 288. Ein Beweis, dass solche Versuche vorkamen.
20 Diese Sage erzählt G. Schwab, der treue, freundliche Wegweiser über die
Schwäbische Alb. Er hat sie in einer Romanze: »Der Bau des Reissensteins« der
Nachwelt aufbehalten.
21 Ausführlicher beschreibt diese Operationen des Bundes Sattler in seiner
Gesch. d. Herz. v. W. II. §. 6 usw. Man vergleiche hierüber auch die Geschichte
des Herrn von Frondsberg. 2. Buch und Friedrich Stumphardt von Cannstatt,
Chronik der gewaltsamen Verjagung des Herzogs Ulerich. 1534. und Spener, Histor.
Germ. univers. L. III. C. 4. 23.
22 Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl. z.B. Sattler II. §.
7.
23 Lebensbeschreibung Götzens von Berlichingen. (von ihm selbst geschrieben),
edit. Pistorius. Nürnberg. 1731.
24 Sattler II. §. 9. Hierüber ist vorzüglich zu vergleichen Fried. Stumphardt,
Chron. §. III. Die Geschichte der Herren v. Frondsberg. Frankfurt a. M. 2. Buch,
und Tetinger, Commentarius de Würt. reb. gest. Lib. II.
25 Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg das Barett vom Kopf
geschossen. So erzählen Sattler, Stumphardt, Tetinger u.a.
26 Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der Belagerung von
Tübingen: man hiess sie Stratioten; ihr Hauptmann war Georg Samaras aus Corona in
Albanien. Er ist in der Stiftskirche in Tübingen begraben. Ausführlich
beschreibt sie Tetinger, Comment. de Würt. gest. 931. Crusius nennt sie
vorzüglich berühmt im Lanzenschwingen. kontario poroysin
27 Man vergleiche über diesen Volkswitz des Freiherrn von Aretin Beiträge zur
Geschichte und Literatur 1805. 5. Stück, Seite 438.
28 In der Chronik des Georg Stumphardt über die gewaltsame Verjagung des Herzogs
Ulerich, findet sich als eigener Artikel ein: »gereimter Spruch also lautend«,
wo in einer grossen Menge Knittelversen das Unglück des Herzogs und des Landes
beschrieben ist. Aus diesem Gedicht sind jene Verse im Text entlehnt.
29 Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber drei Eulen
hat, sind das alte Wappen von Württemberg.
30 Diese merkwürdige Höhle haben wir nach der Natur zu zeichnen versucht. Es
bleibt noch übrig hier einige Notizen über ihre inneren Verhältnisse zu geben.
Die Vorhöhle beträgt etwas über 150 Fuss im Umfange, von hier aus laufen zwei
Gänge nach verschiedenen Richtungen, die aber nach einer Länge von beinahe 200
Fuss, wieder zusammentreffen. Auf diesen Wegen trifft man zwei Felsensäle, den
einen von 100, den andern von 82 Fuss Länge. Wo diese Gänge sich vereinigen,
bilden sie wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in der
Höhe, liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche wir den Leser zu
dem vertriebenen Mann geführt haben. Die weiteste Entfernung vom Eingang der
Höhle bis zu ihrem Ende, beträgt 577 Fuss. Man vergleiche hierüber die so
interessante als getreue Beschreibung der Schwäb. Alb von G. Schwab. (Metzler.
Buchhdlg. 1823)
31 Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlösschen Lichtenstein, wie wir es
hier nacherzählen. Er sah es zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts, also etwa
siebzig Jahre nach dem Jahr 1519. Dort findet sich auch die hieher gehörige
Stelle: »Im oberen Stockwerk ist ein überaus schöner Saal, ringsum mit Fenstern,
aus welchen man bis an den Asperg sehen kann: darin hat der vertriebene Fürst
Ulerich, v. Württemberg öfter gewohnt, der des Nachts vor das Schloss kam und nur
sagte: Der Mann ist da! so wurde er eingelassen.« Wo aber wohnte er den Tag
über? wo hielt sich der Vertriebene auf? Die Frage lag sehr nahe. Jetzt ist in
die Ruinen des alten Schlosses ein Jägerhaus erbaut, das noch immer den Namen
des »Lichtensteiner Schlössleins« trägt, und am fröhlichen Pfingstfest einer
lebensfrohen Menge zum Tummelplatz dient.
32 Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit
einem beweglichen Schreiben, das Schloss nicht zu übergeben sondern, wo sie
solches auch tun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu
kommen; weil er in selbigem zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn
verhänge. Sattler, Gesch. der Herz. v. Würtemb. II. 15.
33 Diesen merkwürdigen Hund beschreibt Tetinger als einen Liebling Ulerichs
ausführlich. A. a. O. S. 1, 58.
34 »Hie gut Württemberg alleweg.« Findet sich oft als Wahlspruch dieser Partei.
Vergl. Pfaffs Geschichte Württembergs I. S. 306, in d. Anmerkung.
35 Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber drei Eulen
hat, sind das alte Wappen von Württemberg.
36 »Der Tüfell gsegen in allen«, sind die Worte des Chronisten Stumphardt, die
ihm unwillkürlich entschlüpfen, indem er die Unterhandlung der Ritter »beim
kielen Wein« beschreibt.
37 Herzog Ulerich beklagt sich wiederholt, namentlich in diesem Zeitpunkt, dass
seine Gegner so viele Lügen gegen ihn ausstreuen. Er verteidigt sich darüber,
besonders in seinen Briefen an die schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten
seine Feinde im Jahr 1519 aus, er habe einen Edelknaben, Wilhelm von Janowiz
entzweigehauen. Doch Janowiz lebte noch im Jahr 1562, und war Anno 1550
Kommandant der Feste Asperg. Aber jene Lüge machte damals grosses Aufsehen, daher
kam es, dass ein Schweizer, dem man diesen Mann zeigte und sagte, was die Feinde
des Herzogs von ihm ausgestreut haben, antwortete: »Er muss nochten ein guter
Barbier gsyn syn, der den Knaben so suber gehailt hat.« (Sattler II. §. 24.)
38 Sattler erzählt dies folgendermassen: Der Schwäbische Bund hatte einen grossen
Teil seiner Kriegsknechte abgedankt, diese wurden darüber schwürig, sie
rottierten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten ihre
Hauptleute und machten unter sich nach damaligem Gebrauch eine Regimentsordnung,
es ist sehr wahrscheinlich, dass der Herzog diese Leute an sich gezogen.
Geschichte der Herzoge v. Würt. II. S. 16. Landsknechte schreiben wir, nicht
Lanzknechte wie man in neuerer Zeit getan, und berufen uns auf die »Historia der
Herren von Frondsberg« etc.
39 Dieses Lied führte auch Lessing in der Sammlung auf, die den Namen trägt:
»Altdeutscher Witz und Verstand.«
40 Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer einen Bundestag in
Nördlingen. Auch die Herzogin Sabina und der Herzog von Bayern fanden sich dort
ein, um hauptsächlich über Württemberg zu entscheiden. Sattler II. §. 15.
41 Die Regentschaft musste zu jener Zeit viel seltsamer, leichtfertiger und böser
Reden hören. Der Keller in Göppingen berichtete einmal, man habe auf der Strasse
zwischen Grunbach und Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite
ein Hirschgeweih mit der Unterschrift: »Hie gut Württemberg alleweg«, auf der
andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: »Vive Dux Ulrice« zu sehen waren.
Vergleiche Pfaffs Gesch. v. W. I. 306.
42 Über dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen Sattler II. §.
19.
43 »Der Herzog zog sich mit ungefähr 6000 Landvolk nach Stuttgart, und die
angeworbenen Knechte legte er nach Cannstatt.« Sattler II. § 21. »Der Herzog,
als er erfuhr, dass der Feind so nahe sei, rief die Seinigen schnell aus Städten
und Dörfern herbei, die auch sogleich erschienen.« Tetingeri Commentarius etc.
lib. III.
44 Wir benützen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptsächlich: Joh. Betzii
hist. Ulrici Ducis Würt. und Tetinger, der besonders bei dem Angriff der
Reiterei auf den mit Geschütz besetzten Hügel sehr ins einzelne geht.
45 Graf Georg von Württemberg und Mömpelgard, der Bruder Ulerichs, ist der
Stammvater des jetzigen Regentenhauses von Württemberg. Sein Sohn war Friedrich,
VI. reg. Herzog, der das Herzogtum erhielt, weil Ludwig, Christophs Sohn, ohne
männliche Deszendenz starb.
A1 Wir setzen für Leser, welche dieses Idiom nicht verstehen, hier eine getreue
Übersetzung bei: »Was fällt dir aber um Gottes willen ein, dass du am Werktag den
neuen roten Roch zum Spinnen anziehst? Auch das neue Mieder hat sie an und eine
silberne Kette. Und einen frischen Schurz und frische Strümpfe ungefragt aus dem
Kasten reissen! wer wird solchen Hochmut treiben? Dummes Kind, weisst du nicht dass
wir arme Leute sind, dass du die Tochter eines unglücklichen Mannes bist?«
A2 »Lasset Euch doch berichten! was schadet es denn diesem Rock, wenn ich ihn
einmal an einem christlichen Werktag anhabe; an der silbernen Kette wird auch
nichts verdorben, und den Schurz kann man wieder waschen!«
A3 »So? als hätte man nicht genug zu waschen? Sag mir nur, was ist denn in dich
gefahren, dass du dich so aufputzt und schön machst?«
A4 »Ach! wisst Ihr denn nicht, dass heute der achte Tag ist? hat nicht der Vater
gesagt, der Junker werde am heutigen Morgen erwachen, wenn sein Trank gute
Wirkung hat, da dachte ich nun -«
A5 »Ist's um diese Zeit? wahrlich du hast recht! wenn er erwacht und sieht alles
so ohne Ordnung! es wäre nicht gut und könnte beim Vater Verdruss geben. Ich sehe
aus wie ein Drache. Gehe, bringe mir mein schwarzes Wams, mein rotes Mieder und
einen frischen Schurz.«
A6 »Aber Mutter, Ihr werdet Euch doch nicht hier ankleiden wollen? wenn der
Junker gerade jetzt erwachte! geht hinauf, kleidet Euch oben an; ich bleibe bei
ihm.«
A7 »Du hast nicht unrecht.«
A8 »Seid Ihr wieder ganz bei Euch? Ach Herr Jesus! wer hätte das gedacht! Ihr
schauet doch auch wieder vernünftig aus den Augen, und nicht so verwirre, dass
man Bange bekam!«
A9 »Wie schwatzet Ihr doch! Ein paar Stunden? heute nacht wird es neun Tage, dass
man Euch gebracht hat.«
A10 »Ihr müsst nicht weinen! Euer Gnaden sind ja jetzt wieder gesund und können
jetzt wieder weiterreiten.«
A11 »Gefangen? nein gefangen seid Ihr nicht, zwar es hätte ein paarmal sein
können, wie die vom Schwäbisschen Bund vorbeigezogen sind doch wir haben Euch
immer gut versteckt, der Vater hat gesagt, wir sollen den Junker keinen Menschen
sehen lassen.«
A12 »Er hört es nicht gerne; freilich ist er seinem Gewerbe nach ein Spielmann,
aber er hört es am gernsten wenn man Hans zu ihm sagt.«
A13 »Schon seit zwei Tagen sollte er hier sein, wenn ihm nur nichts geschehen
ist; die Leut sagen, die bündischen Reiter passen ihm auf.«
A14 »Es ist ein Herr wie ein Prinz, welch ein Wams er anhat, die Herren in
Stuttgart können es Nicht schöner haben, was tut er nur mit dem Fleckchen, das
er in der Hand hat? er sieht es ja beinahe auseinander. Vielleicht kam ein wenig
Blut dortin, und er ist darüber erzürnt.«
A15 »Nein, das ist es Nicht! aber wisst Ihr was ich denke? er macht so feurige
Augen darauf hin, es ist gewiss etwas von seinem Mädchen.«
A16 »Was weisst du von einem Schatz; ein Kind wie du soll nichts dergleichen
denken. Gehe jetzt weg vom Fenster, reiche mir das Töpfchen dort. Der Herr wird
vornehm zu essen gewohnt sein, ich muss ihm ein wenig viel Schmalz in den Brei
tun.«
A17 »Seid Ihr denn fröhlich? ich meinte doch es sei vorhin etwas aus Euren Augen
gerollt, was jene Binde genetzt hat. Das habt Ihr gewiss von Eurem Liebchen, und
jetzt tut es Euch weh, dass Ihr nicht bei ihr seid?«
A18 »Ach ich mag es dem gnädigen Fräulein wohl gönnen, dass sie einmal wieder
eine Freude hat. Man sagte mir, sie habe gejammert, wie Ihr so krank gewesen.«
A19 »Der Vater hat kein Wörtchen zu mir gesagt, und ich wüsste auch nicht, dass es
ein Fräulein von Lichtenstein gibt, wenn nicht meine Muhme ihre Amme wäre. Ihr
müsst es mir nicht übelnehmen, dass ich ein wenig horchte; sehet die Sache ging
so:«
A20 »Allein könnt Ihr den Weg nicht finden. Ihr seid kein Württemberger, man
merkt es an der Sprache, Ihr könnet leicht verirren, doch ich, laufe meinem
Vater entgegen und bewirke, dass er schneller kommt.«
A21 »Und wäre es so Nacht, dass man den Weg mit den Händen greifen müsste, ich
laufe bis Lichtenstein, ich wollte es gerne tun. Ihr kommet dann bälder zu -«
A22 »Es wird ja schon in einer Stunde Nacht!«
A23 »Ich wohl, aber Euch ist es gewiss nicht gesund, da Ihr kaum genesen seid, in
einer kühlen Nacht den Weg von sechs Stunden zu machen.«
A24 »Lasset es doch! es schickt sich nicht, dass wir zusammen in der Nacht
fortgehen; die Leute in Hardt sind wunderlich, man könnt mir manches nachsagen,
wenn ich -«
A25 »Hier muss ich Scheiden; so gerne ich noch weiter mitginge. Die Mutter will
es so. Dort in dem Dorf am Berge habe ich eine Muhme. Bei ihr bleibe ich heute
nacht. Behüt Euch Gott. Grüsst mir den Vater und jenes Fräulein, das Ihr liebt!«
 
    